Tagebücher

I.

 

22. August – 5. Oktober 1910

 

S. 1 – 96.

 

 

 

Château d’Oex.

la Soldanelle 22. August 1910.

Montag.

Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen. Es soll mein Tagebuch sein. Ich glaube kaum, daß ich es in der Art führen werde, wie damals im Gefängnis. Dazu giebt’s hier bei aller Beschäftigungslosigkeit und bei aller Langeweile zuviel zu tun; dazu habe ich auch hier bei aller Zeitbindung und bei aller Willensbeschränkung noch immer zuviel Freiheit. Ich werde schwerlich jeden Tag zu Eintragungen kommen – und jedenfalls kaum je zu ausführlichen. So werde ich mich also einrichten müssen.

Daß ich hier bin, ist merkwürdig genug. Eine Sanatoriumskur hielt ich schon während des Prozesses (22.–25. Juni) und vorher für nötig. Im Juli mußte ich noch erst für die zweite Monatshälfte nach Frankfurt ans Cabaret (Mary Irber: Rotschilds Maitresse); nach 8 Tagen mit Krach fort. Dann Berlin, wo ich sämtliche Geschwister traf. Unterzeichnung eines ärgerlichen Familienkontraktes in der großväterlichen Erbschaftsangelegenheit (Ich sage zu allem „Ja“, bis sich eines Tages die Achse dreht.) Papa, der im April einen schweren Herzschwächeanfall hatte und zur Rekonvaleszenz nach Kudowa geschickt war, kam über Berlin zurück. Mehrere Tage dort mit ihm zusammen. Für beide Teile gleich qualvoll. Immer wieder die gleiche Taktik: wir vermeiden Anstößiges, wir vermeiden, mit einander allein zu sein, wir gehn vorsichtig umeinander herum. Er sucht manchmal Gelegenheit zu spitzen Anzüglichkeiten. Ich halte das Maul.

Nach seiner Abreise untersuchten mich Hans und Julius, stellten Herzerweiterung fest und angehende Arterienverkalkung. Sanatorium: dringendes Erfordernis. Ich wollte statt dessen nach Aeschi zu Johannes. Nein: Geld giebts nur für reguläres Sanatorium. Nach langen Schwierigkeiten setze ich durch, daß ich in die Schweiz kann, suche Château d’Oex aus dem Bäderalmanach heraus. Meine Geschwister haben ganze 300 Mk bewilligt (mit was für Opfergeschrei!) Reise u.s.w. – alles auf eigne Kosten. Leider habe ich mich in der Wahl des Ortes, wo ich seit Freitag abend bin, anscheinend geirrt. Erstens ist er noch so weit von Aeschi, daß an häufiges Beisammensein mit dem Freund nicht zu denken ist, dann sind die übrigen Kurgäste (fast lauter französisch sprechende Damen) ganz unzugänglich und ich fortgesetzt allein und schließlich langweilt mich auch die Landschaft. Hohe Berge, Triften, Matten – Ansichtskartenschönheit. Und kein bischen Wasser! – Ich glaube nicht, daß ich länger als eine Woche hier bleiben werde.

Auf der Herreise besuchte ich Johannes in Aeschi, traf ihn riesig wohl an, kaum verändert gegen früher, aber gesünder und weniger romantisch überspannt. Iza (seine Frau! – daß ich nicht lache!) ist verreist. Er liebt sie wirklich und ich freue mich sehr, daß diese furchtbare Not von ihm genommen scheint. Eben schickte ich ihm das Reisegeld hierher. Käme er doch rasch!

Ich komme mir sehr einsam vor – und nicht nur die örtliche Abgeschiedenheit tut das. Frieda ist von Frick schwanger. Lotte ist mit Strich auf Reisen und ich weiß nicht wo. Uli haust wieder in München und schreibt in jedem Brief um Geld. Spela verließ ich in Berlin sterbenskrank, Schenniß kümmert sich um sie, aber ich glaube, da ist nichts mehr zu hoffen. Landauer will durchaus einen „Sozialist“-Artikel noch in diesen Tagen von mir. Ich darf aber nicht viel schreiben und mich nicht anstrengen.

Johannes gab mir 3 Bände der Tagebücher Varnhagens von Ense mit, die ich gierig lese. Damals lohnte es noch Tagebücher zu schreiben! Trotz der Armseligkeit der vormärzlichen Politiker – welche bewegte Zeit! Welche Beziehung zwischen Geistigkeit und Öffentlichkeit! Welche Teilnahme der großen Geister (Varnhagen, Humboldt, Tieck, Bettina v. Arnim usw.) an den Geschehnissen des Tages! – Und heute? Unsre Zeit ist bei Gott nicht minder armselig, unsre Regierungen nicht minder jämmerlich, unsre Politik nicht minder chikanös, knechtschaffen und vormärzlich. Nur eins unterscheidet unsre Tage von Varnhagens: heut ist auch das Volk interesselos, und die Geistigkeit nimmt schon garnicht teil an allem was vorgeht! – Ich werde in dies Tagebuch nicht viel Zeitprophetisches zu vermerken haben.

 

Château d’Oex, Dienstag 23. August 1910.

Gestern machte ich bei Tische die Bekanntschaft der Geschwister des behandelnden Arztes. Die Schwester, lebhaft, hübsch, klug, brünett stellte mir ihren Bruder vor, einen Maler, der oberhalb des Sanatoriums ein Atelier aufgeschlagen hat. Ich soll mir seine Bilder dieser Tage ansehn. Dann war noch ein Herr v. Stein dabei, und ich spazierte nach dem Abendbrot mit den beiden Herren im Garten. Der junge Maler ist mit Hodler bekannt, der gegenwärtig in Interlaken eine Ausstellung eingerichtet haben soll, an der Liebermann, Rodin und Trübner beteiligt sind und wo auch Bilder dieses jungen Mannes – sein Name ist Delachaux – hängen. Ich beglückwünschte ihn zu der Gesellschaft, in der er sich befindet.

Während des Essens war allgemeiner Aufstand, da plötzlich Alpenglühen sichtbar wurde. Ich war recht enttäuscht davon. Die Bergspitzen waren hell erleuchtet, was ohne Eindruck auf mich blieb. Wahrscheinlich hätte dasselbe Phänomen viel stärker gewirkt, wenn die Gipfel beschneit gewesen wären. Es ist seltsam, daß ich zu den Bergen bei all ihren einzelnen Reizen keine wärmere Fühlung gewinnen kann. Sie verbauen mir den Ausblick. Ich finde sie patzig und frech und sehne mich nach Meer oder Heide.

Varnhagens Tagebücher halten mich in großer Spannung. Ich erlebte alle Erregungen des Jahres 1844 mit. Gewiß: die Zeit war kläglich genug. Und doch – wie beneide ich die Menschen, die in ihr lebten. Denn inmitten aller Kläglichkeit war doch die große und allgemeine revolutionäre Sehnsucht, das Wissen um ein nahe bevorstehendes Ereignis, vor allem die Teilnahme aller an allem Geschehen und an allen neuen Ideen. Und heute? Die gleiche Kläglichkeit und Jämmerlichkeit – nur ohne jeden Pfad, der hinausführt. Gleichgültigster Stumpfsinn in allen Schichten des Volkes. Und was das Schlimmste ist, alles was neu ist und zukunftsträchtig, wird vertuscht, unterdrückt, totgeschwiegen oder zur Unkenntlichkeit gefälscht. Das ist der Triumph der Pressfreiheit, die damals erkämpft wurde, daß die Presse selbst über alles, was geistiger Wert heißt, eine Zensur übt, die viel ärger ist als die schlimmste Polizeizensur. Über mein Bestreben, dem fünften Stand sozialistische Ahnung einzuflößen, das doch durch den Geheimbundprozeß wahrlich den stärksten Anspruch auf Öffentlichkeit erhielt, ist kein Mensch orientiert worden. Die gesamte Presse – ausnahmslos! – hat es vorgezogen, die Prozeßberichte so zu fälschen und zu entstellen, daß ich lächerlich dastehe, ohne meine Absicht auch nur irgendwo wiedergegeben zu sehn. Der „Sozialist“, das bestgeschriebene und bestgeleitete Blatt, das zur Zeit in Deutschland erscheint, wird nie und nirgends erwähnt. Alles trottet im alten Stumpfsinn weiter. Und die Sozialdemokratie hütet ihre Lämmer am bravsten, auf daß sie nicht etwa auf die Idee kommen mögen, es gäbe außer dem allgemeinen Wahlrecht in Preußen noch Dinge, die eines Kampfes wert sind.

Ich werde wahrscheinlich aus Varnhagens Tagebüchern einiges für den „Sozialist“ exzerpieren.

 

Château d’Oex, Mittwoch 24. August 1910.

Nachdem in den ersten beiden Tagen meines Hierseins die unheimlichste Hitze geherrscht und es die beiden folgenden Tage hindurch stark geregnet hatte, ist heute das denkbar herrlichste Wetter: sonnig und kühl. Die dünne Höhenluft ist deutlich fühlbar.

Eben war ich unten im Dorf und bestellte mir am Bahnhofskiosk das „Berliner Tageblatt“, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß der Berner „Bund“ überhaupt nichts, der Pariser „Matin“ fast ausschließlich Aeroplan-Sportberichte und die „Gazette de Lausanne“ telegrafische Hofberichte aus aller Herren Ländern bringt. Schließlich möchte ich bei der bodenlosen Abwechslungslosigkeit hier oben doch wenigstens ungefähr wissen, was die Menschen in Deutschland bewegt.

In der Tat habe ich außer dem Varnhagenschen Buch garkeine Unterhaltung hier. Ich erinnere mich aus meinem früheren Leben an keine Zeit, wo ich sowenig zu sprechen Gelegenheit hatte wie hier. Selbst im Gefängnis wars doch Giessmann, mit dem ich ein paar Worte wechseln konnte. Hier sind nur die Geschwister des Doktors, die ich auch nur zu den Mahlzeiten sehe, und gestern blieben sie zum Abendbrot aus, sodaß ich buchstäblich vom Mittag bis zum Schlafengehn kein Wort über die üblichen: Bon soir, Monsieur; bon soir Madame; bon soir Mademoiselle; pardon oder excusez oder s’il vous plaît hinaus geredet habe. Dagegen schrieb ich gestern zwei Briefe, die mir am Herzen lagen. Einen an Frieda, zu der ich von meiner Liebe sprach, und einen an Lotte, die ich bat, mir endlich mitzuteilen, wo sie steckt. Frieda habe ich zugleich erinnert, sie solle Lilly meiner Liebe versichern. Die Frauen, schrieb ich, die ich liebe, sollen es wenigstens wissen. Das ist dann so eine Art Ersatz für Gegenliebe.

Von Johannes ist noch garkeine Nachricht da, was mich beunruhigt und erstaunen macht. Aber ich denke, er wird heut oder morgen plötzlich selber da sein. Das wäre ein rechtes Fest für mich, in wie arge Geldnöte mich sein Besuch auch brächte.

Ich imponiere mir selbst wegen der Energie, mit der ich den völligen Verzicht auf Kaffee und Zigarren trage. Ich hätte nicht geglaubt, daß ich diese Tonica so ohne Folgen entbehren könnte. Wäre ich nur auch in andrer Hinsicht so energisch! Aber da hapert’s sehr, und ich fürchte, das wird sich noch schwer rächen.

 

Château-d’Oex, Donnerstag 25. August 1910.

Gestern kam ein Brief von Hardekopf, zu meiner Überraschung nicht mehr aus Paris, sondern aus München, von Charlottenburg hierher nachgeschickt. Er teilt mir mit, daß Emmy in Paris schwer erkrankt war und man ihm dort geraten habe, schleunigst mit ihr nach Deutschland zu reisen. Nun liegt sie im Schwabinger Krankenhaus, wo man Typhus festgestellt hat. Das arme Kind! Ich habe ihr sofort geschrieben, auch ihm und um ständige Orientierung gebeten. Kürzlich schickte mir Emmy Zeichnungen, die sie in Paris gemacht hat, eine Selbstkarrikatur, die ganz merkwürdig charakteristisch war und eine der Sarah Bernhard – so talentiert und gut, wie ich dem kleinen Wurm niemals zugetraut hätte. Hardy fragt, ob ich ihm bei den Kosten, die Emmys Krankheit verursacht, mit Geld aushelfen könnte. Hätte der eine Ahnung von meiner Situation! Ich habe die heilloseste Angst vor dem Tage, wo mir hier die Rechnung präsentiert werden wird. Von den 100 Mark, die ich ausschließlich zur Kur bekam (200 habe ich noch zu kriegen), besitze ich noch ganze 75 Franken, nachdem ich Johannes 10 in Aeschi schenkte und 10 zur Reise schickte – ich erwarte ihn noch immer – und 12 Mk (macht über 15 Fr.) an Uli sandte.

Gestern nachmittag war ich mit Herrn v. Stein, dem Bruder der Frau des Arztes, bei dem Maler Theodor Delachaux, der sich oberhalb des Sanatoriums „la Soldanelle“ ein sehr hübsches Atelierhäuschen gebaut hat. Ein ganz entschieden begabter Mensch. Hauptsächlich Landschafter, der über sehr scharfen Farbensinn und gute Linienführung verfügt. Seine Bilder erinnern mich ein wenig an Paul Baum, sind aber weniger maniriert. Übrigens hat er in Italien ausgezeichnete Copien gemacht. Ich lernte dadurch einen Tintoretto kennen, der mir neu ist und dessen Original in Venedig ist. Die heilige Margareta auf einem Drachen sitzend, um sie herum, ganz zwanglos gruppiert, zwei andre Heilige. Eine prachtvolle, sehr kühne Komposition. Herr Delachaux besitzt außerdem eine Menge sehr interessanter Landschafts- und Landwirtschaftssilhouetten, die ein Berner Bürger in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ganz naiv und doch sehr kunstvoll aus Papier ausgeschnitten und aufgeklebt hat. Jeder derartige Bogen, auf dem Menschen, Häuser, Berge, Triften, Viehherden und alles mögliche dargestellt sind, besteht aus einem zusammenhängenden Stück, das links und rechts symmetrisch korrespondiert. Es sind ganz prächtige Arbeiten darunter.

Johannes Nohl schickte mir – endlich! – den Prospekt des Sanatoriums in Heustrich. Ich wäre sehr geneigt, dorthin zu gehn, um in seiner Nähe zu sein, zumal es hier auf die Dauer wirklich unerträglich langweilig wird. Aber es wird arge Auseinandersetzungen mit dem teuren Bruder geben, und ich bin all dieser Differenzen so müde. Soll ich mir wirklich noch einmal in pedantischen Briefen sagen lassen, daß das Opfer, das mir meine Geschwister schon wieder bringen – eben erst haben sie die Prozeßkosten bezahlt! – kaum von ihnen getragen werden kann? Daß sie all das Geld nur auslegen und nicht versäumen werden, es mir auf Heller und Pfennig von meiner Erbschaft abzuziehn, davon spricht man jetzt natürlich nicht. So bin ich immer wieder der Begönnerte, ders doch eigentlich so garnicht wert ist. Hätte nur Johannes vorher etwas von diesen Heustrich-Bädern geschrieben! Da hätte sich die Sache so leicht einrichten lassen, wo jetzt für mich kaum erschwingbare Kosten und allerlei ekelhafte Hinderlichkeiten entstehn. Wann er herkommen wird mich zu besuchen, läßt er in seiner Postkarte noch offen.

Von Landauer kam heute früh – auch noch über Charlottenburg – eine Karte aus Krumbach, in der er noch einmal um einen Beitrag für die nächste Nummer des „Sozialist“ bittet. Ich werde doch heut oder morgen den versprochenen Artikel über „Frauenrecht“ schreiben. Landauer hat von Bern aus Mitteilung erhalten – offenbar von Margarete Faas –, daß ich dort erwartet werde, und teilt mir nun die Adresse eines jungen Freundes dort mit, eines gewissen Ludwig Berndl, den er recht liebgewonnen habe und der ihn bat, einen Verkehr mit mir zu vermitteln. Ich werde ihm schreiben.

 

Château-d’Oex, Freitag d. 26. August 1910.

Der Doktor hat mich gestern von neuem untersucht und gewogen. Es ergab sich, daß ich in den 6 Tagen meines Aufenthaltes hier 2 Kilo zugenommen habe (ich wiege jetzt 59,4 Ko). Die Harnuntersuchung hatte ein günstiges Resultat: weder Eiweiß noch Zucker. Die Nieren sind also gesund. Alles in allem fühle ich mich schon viel kräftiger und besser als bei meiner Ankunft. Ich habe nach Rücksprache mit dem Arzt vorläufig beschlossen, bis zum 5. September hierzubleiben. Dann gehe ich für 8–14 Tage zu Johannes nach Aeschi zur Nachkur, – dann nach München. Ich habe große Furcht, daß dort der alte Dalles wieder einsetzen wird und denke daran, in diesen Tagen an Roda Roda zu schreiben, ob er nicht etwa etwas zur Einrenkung meiner Beziehungen zur „Jugend“ tun will. Dort ist Uli, der geholfen sein will. Sehr möglich, daß Hardy mir Emmy übergibt. Lotte will mal durch kleine Geschenke erfreut sein, und das Peterle möchte ich doch auch nicht ganz vernachlässigen müssen, zumal er nun auch noch ein Schwesterchen kriegen wird. Dabei ist Cilla noch in München, ich soll mich um die Wiederbelebung der Gruppe „Tat“ kümmern, muß monatlich die 40 Mk an Johannes schicken und will doch auch selbst leben und jeden Abend das Geld für die Torggelstube übrig haben.

Gestern erhielt ich eine Reihe von Briefen. Landauer gab mir in einem ausführlichen Brief Ratschläge für mein Verhalten. Er sieht meine Hypochondrie, die aus dem letzten Brief an ihn sprach, für unbegründet an. Freilich war die taube Stimmung der ersten Tage wohl hauptsächlich eine Folge der plötzlichen Zigarren-Enthaltsamkeit. Dann wiederholt er den Wunsch des Herrn Berndl in Bern, mich kennen zu lernen. Es sei ein junger Philosoph, der sich direkt an ihn – Landauer – gewandt habe, weil er sich mit Margret überworfen hat. Merkwürdig, daß die Frau mit keinem auf die Dauer auskommt!

Ein andrer Brief kam von einem Luzerner Genossen, einem Schneider Losch, der mir von der guten Tätigkeit der Gruppe „Aufbau“ in Luzern berichtet und mich anfragt, ob ich nicht in Luzern einen Vortrag halten möchte und was ich an Honorar verlange. Ich habe ihm schon geantwortet, daß ich prinzipiell gern bereit sei, auf der Rückreise nach Deutschland in Luzern zu sprechen und zwar schlug ich das Thema vor: Der Münchner Geheimbundprozeß. Auf Honorar verzichte ich, will mir aber für die notwendigen Mehrkosten doch 10 Franken ersetzen lassen.

Der Kamerad macht mir Komplimente wegen meines „Freidenker“-Artikels im „Sozialist“. Außerdem regt er mich an, ich möchte ein satirisches Gedicht machen über einen lustigen Vorgang, der in Luzern viel Spott verursacht. Die Polizei dort hatte sich einen teuren Polizeihund zugelegt, ihn schön dressiert. Das Vieh fühlte sich aber in seiner amtlichen Stellung nicht wohl und kniff aus. Jetzt hat die Behörde eine Prämie für seine Wiederbeschaffung ausgesetzt. Die Geschichte kam mir doch nicht wichtig genug vor, um meine Muse deswegen zu bemühen.

Zwei weitere Briefe aus München sind weniger erheiternd. Das Konzertbureau Guttmann, das für den Herbst eine Vortragstournee durch Deutschland für mich arrangieren wollte, teilte mir mit, daß es ihm vorläufig nicht gelungen sei, die Sache zu machen – werde sich aber weiterhin anstrengen und mir Bescheid geben. Ich begrabe diese Hoffnung. Zugleich schreibt mir der Rechtsanwalt Dr. Böhm, dem ich die Klage gegen den Kgl. Operninspizienten in München, Reichmann, übergeben hatte, weil er von den 120 Mk, die ich für 3 Chansons kriegen sollte, nach langem Würgen und Zögern erst 50 herausgerückt hatte, daß mein Schuldner mit noch viel mehr Verpflichtungen nach Ostende verschwunden sei. Dabei mahnt mich der Anwalt gleich um 20 Mk, die er mir persönlich gepumpt hatte und mir von den einzutreibenden 70 Mk abziehen wollte. Ich werde ihm nun noch einmal schreiben und ihn anfragen, ob man nicht der kleinen Tochter Reichmanns, wenn sie die Chansons öffentlich in Deutschland singe, die 70 Mk von der Gage pfänden kann. (Da das Mädel mit 1000 Mk monatlich in Hamburg Kontrakt hat – Reichmann hat’s mir seinerzeit selbst gezeigt – wird’s ihr ja nicht so schmerzlich sein). Andernfalls möchte ich das Singen der Lieder bis zur Bezahlung einfach verbieten, und zwar deswegen, weil ich wenigstens eins davon noch anderweitig gut verwenden kann. Ich erhielt anfangs Juli in München von einer Baronin v. Ruttenberg den Auftrag, ihr für 500 Mk 5 Chansons zu machen. Soviel Geld habe ich mein Lebtag noch nicht gehabt. Aber die Sache macht mir große Kopfschmerzen. Denn 2 habe ich erst fertig und die Zeit drängt. Könnt ich jetzt eins der kleinen Reichmann wieder abnehmen, so wäre das immerhin schon eine erhebliche Erleichterung.

Aber es ist doch toll, wie mir alles schief geht. Guttmann hatte mir in der Vertragssache soviel Hoffnungen gemacht, und in der Reichmannangelegenheit habe ich nun statt Geld neue Schulden. Von Ehbork, der mir in 2–3 Tagen Antwort geben wollte, wie er sich wegen der Herausgabe meiner „11 Moritaten“ mit Zeichnungen von H. Zille entschließen könnte, ist jetzt, über eine Woche nach dieser Zusage, noch kein Bescheid da. Es wird wohl auch nichts werden. Die verschiedenen Bühnen, die meine „Freivermählten“ angeblich lasen, schweigen trotz aller Mahnungen anhaltend. Kurz, ich kann anfassen was ich will – nichts will mir glücken! Es ist, als ob an meiner Hand von Natur aus Pech klebte. Ich muß gradezu mit dem linken Fuß zuerst aus dem Mutterleibe gestiegen sein. Denn am Ende habe ich doch alles: Talent, Fleiß, Intelligenz und bin ein leidlich netter Mensch. Aber trotzdem! – Und ebenso mit den Frauen! Jede hat mich gern, aber keine liebt mich! – Wenn ich an den lieben Gott glaubte, – wie müßte ich ihn hassen!

 

Château d’Oex, Sonntag 28. August 1910.

Vorgestern beim Mittagessen wurde mir ein Telegramm gebracht, in dem sich Johannes Nohl anmeldete. Ich holte ihn um ½ 5 Uhr von der Bahn und bis gestern nachmittag war er hier. Wir hatten unendlich viel miteinander zu sprechen. Über Litteratur, Philosophie, Religion und besonders Persönliches. Auch der Prozeß wurde noch einmal durchgesprochen und die unangenehme Situation, in der sich der Freund befindet, da der Steckbrief gegen ihn noch nicht aufgehoben ist und zu befürchten steht, daß, wenn auch die Geheimbundsache endgiltig aus der Welt ist, doch gleich ein neues Verfahren nach § 175 gegen ihn in Gang gesetzt wird. Es scheinen da einige von den Prozeßzeugen belastende Aussagen gegen ihn getan zu haben. Ich werde ihm heute einen Brief an den Staatsanwalt aufsetzen, damit er erfährt, ob und wieweit er noch gefährdet ist. Während unseres Gespräches über Landauer merkte ich, daß die Stellung dieses Freundes in meinem Innern nicht mehr die ist, die sie fast 10 lang Jahre lang war. Ich habe Landauer stets als Mentor und väterlichen Freund verehrt. Sein „Tarnowska“-Artikel im „Sozialist“, der mit großer Engherzigkeit die sexuelle „Zuchtlosigkeit“ bekämpfte, und der sich zum Teil gegen Johannes wandte (Landauer scheint die tatsächlichen Vorgänge, die ihm durch Carosche Indiskretionen aus den Gerichtsakten bekannt geworden sind, öffentlich kritisiert zu haben), dieser Artikel, in dem ich auch mich selbst verletzt fühlte, gab dem Verhältnis zu ihm den ersten Stoß. Nach dem Prozeß gingen wir mit Lotte und Strich zusammen von Kochel aus zum Herzogstand hinauf. Dabei bemerkte ich, wie unfrei Landauer der ironischen und freien Art Lottes gegenüber sich benahm. Während er den Berg hinaufstieg, all in seiner unheimlichen Länge, vornübergebeugt, sich auf den Bergstock stützend und den Rucksack auf dem Rücken, entfuhr mir, Lotte gegenüber, die erste unehrerbietige Bemerkung über ihn: ich machte sie auf das „Bergkamel“ aufmerksam. Darin lag gewiß nichts Verächtliches, aber ich hätte doch früher nie so respektlos über ihn geredet trotz der unglaublichen Treffsicherheit des Vergleichs, den ich im Hinblick auf sein groteskes Aussehen zog. Lotte spricht seitdem von Landauer blos noch als Bergkamel. Auch ärgerte mich damals vorher Landauers schulmeisterliches Benehmen gegen Margarete Faas, die er vor soundsoviel Menschen, die er eben erst kennen lernte, ganz pedantisch über die Tonart zurechtwies, in der sie mit ihm zu reden habe. Aber erst gestern in der Unterhaltung mit Hans, der weidlich über Landauers Indiskretionen in dem Tarnowska-Artikel schimpfte, kam mir die Veränderung meiner Gefühle zu ihm klar zu Bewußtsein.

Ich las Johannes auch meine „Freivermählten“ vor und hatte die große Freude, daß er sie rückhaltlos anerkannte. Er machte den gleichen Einwand, den Friedel machte, als ich ihr vor 6 Wochen in München das Stück vorlas, daß nämlich der Selbstmord Racks zu plötzlich kommt und nicht genügend motiviert ist. Ich habe das Friedel schon in dem Brief zugegeben, den ich ihr von hier aus geschrieben habe, und ich werde das dadurch ändern, daß ich Alma ihre Abweisung seines Antrags näher begründen lassen werde, so daß es klar wird, daß dies Neinsagen nicht aus einer Laune heraus geschieht, sondern in klarer Überlegung. Dadurch wird auch die Wirkung ihres Aufschreis: „Du, mein Geliebter!“, während sie über Racks Leiche stürzt, verstärkt. – Ferner las ich Hans die erste Hälfte des Gefängnistagebuchs vor. Ich sehe ein, daß das zum Besten gehört, was ich je geschrieben habe.

Das Wiedersehen war sehr erfreulich. Wir haben gute Stunden miteinander verlebt, und das Beisammensein in Aeschi, hoffe ich, wird recht befriedigend sein. Hoffentlich stellen sich von Lübeck und Berlin her keine zu großen Schwierigkeiten dem Plan in den Weg, hier schon am 5ten September abzureisen.

Den Varnhagen habe ich nun – soweit ich ihn hier habe – ausgelesen und bin schon seit vorgestern beim Exzerpieren. (Landauer schrieb mir, daß er Exzerpte im „Sozialist“ bringen möchte). Im dritten Band fand ich eine Stelle, bei der ich sehr frappiert war. Varnhagen berichtet dort über ein Buch „Berlin“, das eben (1846) erschienen sei. Er selbst komme darin schlecht weg. Man nenne ihn darin einen „Leisetreter“. „Tut nichts!“ fügt er dem hinzu. Aber merkwürdig! Im Augenblick stand der Mann in total anderm Licht vor mir, als ich ihn bisher gesehn hatte. Er war wirklich ein Leisetreter. Diese scharfe Kritik, die er im stillen Kämmerlein in sein Tagebuch zu schreiben wußte und dabei immer die Ausflüchte und Entschuldigungen vor sich selbst, daß er nicht selbst eingriff, nichts aber auch garnichts tat, was die Zustände der Regierung hätte bessern oder den Ausbruch der Revolution hätte beschleunigen können! Ich sprach auch mit Johannes darüber, der Varnhagen sehr hübsch mit Dr. Arthur Ludwig verglich. Überall Beziehungen zu berühmten Leuten, überall heraushorchen wollen, überall Vertrauter sein und immer – ganz unselbständig, ganz getrieben von den Einflüssen der umgebenden Intelligenz fürs „Höhere“ schwärmen. Nur war eben Varnhagen, abgesehn davon, daß er in der bedeutenderen Zeit und in der bedeutenderen Umgebung lebte, auch persönlich unendlich bedeutender, als der gute Doktor Ludwig mit dem Vogelgesicht, der ziegenhaften Neugier und dem Moralklos im Hals. Aber doch: der Vergleich ist zwingend.

Hans brachte mir zwei Bücher als neue Lektüre mit: Hermann Hesses Roman „Unterm Rad“ und einen Band der Schriften von Ludwig Tieck. Hesses Roman habe ich schon durchgelesen: Die Tragödie eines Kindes, eines begabten Knaben, der durch unsinnige Erziehung durch Vater und Lehrer zu Tode gemartert wird. Das Buch enthält manches Schöne. Aber ich liebe diesen Hermann Hesse nicht. Schon sein Stil ist mir unerträglich. Er sucht Kühnheiten. Er schleimt. Er salbadert. Und ganz grauenhaft ist es mir, daß er mitten in der Erzählung anfängt, seine persönliche Meinung über die Probleme, die da angeschnitten werden, kundzutun. Wie häßlich! Wie unkünstlerisch! – Dabei hat seine Prosa überall diesen verdächtigen Erdgeruch vielmehr Erdparfüm der Heimatkünstler. – Ich erinnere mich mit wahrem Wohlbehagen einer Szene mit Hardekopf. Ich hatte ihn mit einer Äußerung geärgert. Er wies mich heftigst zurück und wünschte seiner ärgerlichen Rede noch ein Ausrufungszeichen in Gestalt eines Schimpfworts anzuhängen. Ich erwartete schon ein „Idiot“, „Rindvieh“, „Schweinehund“ oder ähnliches. Hardy wurde aber noch viel gröber. Er würgte nämlich erst in voller Wut, und stieß dann hervor: „Du – du – du – Heimatkünstler!“ – was ich mir dann aber doch verbat.

Heut erhielt ich einen Dankbrief von dem guten Hardy für meine Trostbriefe an ihn und Emmy. Emmy steht noch vor der Krisis und denkt viel an den Tod. Das arme gute Kind! Ich habe sie so gern in ihrer naiven Hurenhaftigkeit, die von nichts weiß als lieben und lieben lassen. Interessant ist, was Hardy mir über Uli schreibt: „Ihre einzige Frage, als ich berichtet hatte: ‚Wird sie sterben?’ Das ist vielleicht sehr Uli; aber diese canailleske Geistesrichtung (in deren Tiefen ja das Reinste sich bergen mag) nützt mir momentan verdammt wenig.“ – Rührend ist, daß mir Hardy zu meiner Beruhigung mitteilt, er habe um jeder Ansteckungsgefahr vorzubeugen seine Hände vor dem Briefschreiben mit Lysol desinfiziert. „It’s better for you“. – Der liebe Junge!

Einen Brief, den ich an Lotte schrieb und nach Kochel adressierte, erhielt ich zurück. Auch Hardy schreibt, er wisse ihre Adresse nicht. Ich werde bei ihrer Mutter anfragen.

Dagegen bekam ich heute früh einen Brief von Ehbork, in dem er die Herausgabe der 11 Moritaten mit Zille natürlich ablehnt. Die Begründung ist märchenhaft schön. Nach etlichen Schmeicheleien heißt es: „Stofflich scheinen uns die Moritaten doch allzu wenig in unsere Verlagsrichtung zu passen und wir würden nicht recht wissen, wie wir sie rubrizieren sollten.“ – Um mich abzulehnen, finden sich wahrhaftig die ausgefallensten Gründe! Nun werde ich noch einmal hilfesuchend an Frowein schreiben. Aber ich glaube, ich kann die Hoffnung, das Buch gedruckt zu sehn, in das Massengrab meiner übrigen Pläne werfen.

Der Wunsch der Frau Dr. Delachaux, meine Gedichte kennen zu lernen (ich brachte sie ihr gestern abend) regte mich an, mir heute selbst noch einmal fast den ganzen „Krater“ durchzulesen. Ich glaube nicht größenwahnsinnig zu sein, wenn ich behaupte, daß es nicht viel Gedichtbücher gibt, in denen schönere Verse, und auch nur wenige, in denen mehr schöne Verse stehn. Es ist ein wahrer Skandal, daß ich nicht viel mehr anerkannt werde. – Hier habe ich noch nicht ein einziges lyrisches Gedicht gemacht. Ich glaube, daß das an der plötzlichen und völligen Zigarrenentwöhnung liegt.

 

Château-d’Oex, Montag d. 29. August 1910.

Die Rechnung bis gestern betrug inclusive Hans’ Pension und inclus. Trinkgeld 100 Franken 95 cmes. Allerdings wird die Arztrechnung extra kommen, und da mache ich mich auf allerlei gefaßt. – Daß ich die Rechnung an Onkel L. einschicken soll, ist mir sehr lästig. Man wird jeden Pfennig nachrechnen, die Geschichte so billig finden, daß man nicht begreifen wird, wieso ich nicht noch mindestens eine Woche länger für dasselbe Geld bleiben kann, dabei die 10 Franken für den Besuch übelnehmen und mir in alle weiteren Pläne dreinreden. Herrgott, wie ich mich nach der Zeit sehne, wo ich ohne Bevormundung eignes Geld zum Ausgeben haben werde! Wenn ich’s nur erlebe!

Dies gänzlich Aufmichselbst angewiesen sein hier – gestern habe ich wohl den ganzen Tag kaum 20 Worte gesprochen – treibt mich zu reichlicher Lektüre. Ich las vor einigen Tagen noch einmal Wedekinds neue Tragödie „In allen Wassern gewaschen“. Das ist eine sehr seltsame Arbeit, die mir persönlich überaus wertvoll ist. Immer wieder bei Wedekind das Problem der Weiber, immer wieder der Versuch, die letzten Tiefen des Sexuellen in der Frauenpsyche auszuforschen. Die Effi in diesem Stück hat viel vom Erdgeist, ist aber als Persönlichkeit – nicht als Kunstschöpfung – differenzierter als die Lulu. Und dann wieder die Totentanz-Idee, die Hure, die sich opfert. Im Totentanz erschießt sich Casti Piani, weil die Erkenntnis des masochistischen Grundcharakters der Frau ihn überwältigt, der amerikanische Dollarfürst bei Effies Tod dagegen genießt das Selbstopfer der Weiber als ihren höchsten Schönheitsausdruck. – Johannes findet merkwürdigerweise garkeine rechte Stellung zu Wedekind. Er findet – was absurd ist – meine „Freivermählten“ künstlerisch stärker als „In allen Wassern gewaschen“. Ich bin aber in dem Stück nicht einmal radikaler als Wedekind. Denn ich predige, allerdings höchst radikale Tendenzen, – Wedekind aber erschließt unerhörte neu entdeckte Einsichten in das Wesen der Menschheit. Schade, daß wir darin nicht einig sind, Hans und ich. Auch Heinrich Mann erkennt er mir nicht genügend an. Er will mir Lenz’ Schriften besorgen, die ich noch nicht kenne. Es soll mich wundern, ob ich wirklich, wie er meint, daraus erkennen werde, daß Wedekind nur ein geringerer Abklatsch von Lenz ist.

Der Maler Theodor Delachaux lieh mir die Briefe van Goghs, die ich gestern las. Ich habe nie den Eindruck eines so optischen Menschen gehabt. Er ist völlig erfüllt von seiner Kunst, sieht in jeder Landschaft, in jedem Menschen, in jedem Bilde, in allem, was das Auge auffängt, nur Farben, Farben, Farben. Selbst literarische Eindrücke, die er empfängt, setzt er sich in Bildliches um und in jedem Wort, das er als Lebensansicht von sich giebt, ist er immer Maler. Eine durchaus geniale Einseitigkeit, die aber mit der größten Sicherheit in Wahnsinn auslaufen mußte.

Heute schickte ich die Varnhagen-Auszüge an Landauer ab. Ich habe gestern den größten Teil des Tages mit Exzerpieren zugebracht, und einen famosen Extrakt der vormärzlichen Zeit 1836–1846 aus den 3 Bänden herausdestilliert.

 

Château d’Oex, Dienstag, d. 30. August 1910.

Die Tage gehn langsam und langweilig herum. Ich freue mich auf den Tag der Abreise. Unter den Gästen von la Soldanelle ist niemand, mit dem ich mich anfreunden möchte. Meine französischen Fertigkeiten reichen nicht weit genug, um mich an den in rasender Schnelligkeit geführten Gesprächen beteiligen zu können, und es scheint auch niemand Wert darauf zu legen, mir gesellschaftlich näher zu treten. Unter den Frauen ist nur eine, die mir gefallen könnte, eine etwa 32jährige elegante französische Schweizerin, die ein hübsches geiles Lachen hat. Die übrigen sind teils langweilig, teils mordshäßlich. In diesem französischem Kreis ist nur ein Herr, ein widerwärtiger Kerl, unmanierlich, unhöflich, laut und von abstoßendem Äußeren. Aber er ist höchstens 30 Jahre alt, und den Weibern gefällt er anscheinend. – Ich werde von diesen Leuten schon deswegen etwas scheel und ironisch angesehn, weil mein rechter Stiefel in einer Weise knarrt, die mich selbst zur Verzweiflung treibt. Leider habe ich nur das eine Paar, kann mir jetzt auch kein neues kaufen und weiß absolut kein Mittel gegen diese infame Eigenschaft.

Gestern vormittag machte ich einen Spaziergang, der mich über eine Matte an einen Bergabhang führte, zu dessen Fuß ein wunderschöner Fluß strömte, die Saane. Das mattsilberne Grau des Wassers ist ganz herrlich – und ich war selig, endlich ein wenig Wasser zu sehn. Dorthin werden mich jetzt meine Spaziergänge immer führen. Steigt man zum Fluß hinunter, so hat man um sich eine Landschaft, die an Thüringen erinnert, nur wilder und stärker. Ich ging über eine wild schwankende Hängebrücke ans andre Ufer, und dichtete dort – keine romantischen Verse, sondern ein Chanson für Frau v. Ruttersheim, einen komisch-sentimentalen Mist, der jedenfalls einschlagen wird. Gleichzeitig lyrisch und humorig mit dem schönen Refrain:

„Wo das Bächlein rauscht,

wo die Schatten ziehn,

wo man Küsse tauscht

und die Sorgen fliehn.“

Wenn das nicht schön ist! Außerdem werde ich der Dame mein Baccarat-Gedicht geben – mag sie es rezitieren, so habe ich schon 4/5 meines Auftrags erledigt. Auch habe ich ihr schon geschrieben, daß ich schon alle 5 Gedichte fertig hätte und ihr gleichzeitig noch einmal die Bedingungen wiederholt, damit keine Differenzen entstehn. Wenn ich nur hoffen könnte, daß ich dieses Mal wirklich zu meinem Geld komme! Es wäre wundervoll! 500 Mk! – Ich würde mir davon in München eine Wohnung einrichten. Meine höchste Sehnsucht wäre erfüllt. Nur berechtigen mich leider die trüben Erfahrungen meiner bisherigen 32 Jahre nicht, die Angelegenheit zu optimistisch anzusehn. Wer weiß, aus welchen Gründen ich dieses Mal enttäuscht werde.

Ich habe begonnen, in Ludwig Tieck zu lesen. Ein Essay als Einleitung zu Kleists Werken und eines über den spanischen Dichter Vicente Espinel. Dieser Tieck war ein Oberlehrer. Gewiß sagt er manches Gute über Heinrich v. Kleist, ich hätte aber grade diesen Dichter gern mit größerem Enthusiasmus behandelt gesehn. Espinel kenne ich nicht, und ich kann nicht sagen, daß ich durch Tieck besonders neugierig auf ihn geworden wäre. Interessant waren mir in diesem Essay nur die Bemerkungen über den Gil Blas, den ich übrigens auch nicht kenne, und der sich nach Tieck als eine anspruchslose Anekdotensammlung aus dem Spanischen zu charakterisieren scheint. – Ich habe noch eine ganze Reihe von Aufsätzen in diesem zweiten Bande der kritischen Schriften Tiecks, den mir Hans mitbrachte, vor mir. Gespannt bin ich nur auf einen davon: Über Goethe und seine Zeit, als Einleitung zu Lenz’ Schriften.

Im „Matin“ (das „Berliner Tageblatt“ ist bei der Zeitungsfrau am Bahnhof immer noch nicht eingetroffen) las ich von einer neuen Rede Wilhelms II über sein Gottesgnadentum, die er in Königsberg gehalten hat. Im November 1908 versprach er fortan nicht mehr Reden sondern das Maul zu halten, es ist ihm aber doch auf die Dauer zu schwer gefallen. Nun ist er gleich wieder ganz üppig geworden. Wenn er übrigens in der Rede sagt, er sei das Instrument des Herrn, und weder Parlamenten noch Volksbeschlüssen, sondern nur dem lieben Gott verantwortlich, so hat er von seinem Standpunkt aus völlig Recht. Sein Titel ist: „Von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen u.s.w.“ Wer solchen Titel führt, müßte von seinem Beruf eine verdammt schlechte Meinung haben, wenn er sich nicht über das konstitutionelle Gesindel, das tagaus tagein auf dem Arsch um ihn herumrutscht, tausendmal überlegen fühlte. Was die liberalen Blätter zirpen (der „Matin“ bringt große Auszüge aus sehr vielen Blättern), der Standpunkt des Kaisers sei unhistorisch, er sei ein konstitutioneller Fürst etc. ist alles Unsinn. Eine konstitutionelle Monarchie ist eine contradictio in adjecto. Daß das letzte Jahrhundert diese Einrichtung geschaffen hat, beweist nur wieder den unlogischen feigen Geist unserer Zeiten, der jede radikale Konsequenz fürchtet. Daß Wilhelm selbst noch die alte historische Idee von seinem Gewerbe hat, spricht für ihn. Mir ist der Mann aus andren Gründen unsympathisch, grade deshalb, weil in seiner Natur so garnichts Majestätisches ist. Er ist ein nationalliberaler Schwätzer im Grunde seiner Seele, ein geschmackloser Banause und ein beschränkter Wichtigtuer. In seinem Munde wird die Gottesgnadenfanfare einfach komisch. – Die deutschen Zeitungen haben nun wieder mal für eine Weile Gelegenheit, oppositionellen Mut zu markieren. Spuckt Wilhelm aber deswegen vor ihnen aus, so prügeln sie sich um die Ehre, seinen Speichel auflecken zu dürfen.

 

Château-d’Oex, Mittwoch 31. August 1910.

Über meinen Plan, die im „Krater“ enthaltenen „schlichten Gesänge“ mit den inzwischen entstandenen Bänkelromanzen von Zille illustriert als „11 Moritaten“ erscheinen zu lassen, ist jetzt, wie es scheint, endgiltig der Sargdeckel zugeschnappt. Zille schreibt mir nämlich, was ich schon wußte, daß Ehbork, in Firma „Concordia Deutsche Verlagsanstalt“ „abgewinkt“ habe. Aber er fügt hinzu, daß er jetzt so eilige Arbeiten vorhabe, daß er sich, selbst wenn ich noch einen andren Verlag bereit finden sollte, nicht mit unserer Sache befassen kann. Heut kriegte ich denn auch die teuer abgetippten Manuskripte von ihm wieder. Als Trost schickte er mir seine traurige Mitteilung auf einer prächtigen und für mich extra signierten Zille-Postkarte.

Uli jammert nach Geld. Es geht ihr sehr schlecht, und sie hat alle Hoffnungen darauf gesetzt, daß ich ihr zum 1. September etwas schicken werde. Als ob ich ein Hexenmeister wäre! Ich weiß selbst nicht ein und nicht aus, und mir graut, wenn ich an den nächsten Monat, die Rückreise nach München und alles folgende denke. Der Teufel hole den Dalles!

 

Château-d’Oex, Donnerstag d. 1. September 1910.

Das Wetter ist trübe und regnerisch. Gestern goß es fast den ganzen Tag. Auf den Bergen liegen langweilige Wolkenkissen schwerfällig hingeräkelt. Der Boden starrt von Dreck. Es sieht nach Schneefall aus. Das hat mich nicht gehindert, heut schon in früher Stunde (gegen 9 Uhr) ins Dorf hinunterzusetzen, um einen Brief bei der Post abzugeben: Recommandé et exprès. 95 Centimes habe ich Porti bezahlen müssen. Der Brief enthält meine Arbeit für Frau v. Ruttersheim. Gestern abend kam nämlich auf meine Mitteilung hin, daß ich ihren Auftrag ausgeführt hätte, ein Telegramm, ich möchte ihr die Chansons „ehestens“ schicken. Ich schrieb also noch gestern in später Abendstunde nieder, was ich hatte, dazu ein Liedchen, das ursprünglich für die kleine Reichmann bestimmt war, aber von deren Vater wie auch von Mary Irber, der ichs in Frankfurt anbot, abgelehnt wurde, und das in den rührenden Refrain gipfelt: „Was machst du da – im Bett – im Bett – im Bett?!“ Ich fand aber diesen Beitrag doch zu armselig und schrieb heut früh als Sechstes auch noch ein ernstes Gedicht aus dem „Krater“ ab: „Auf den Knien bin ich hierhergekrochen – –.“ Zu alledem einen freundlichen und wie ich glaube geschickten Brief – und nun kann ich auf Geld hoffen. Es ist seltsam, daß ich, seit gestern das Telegramm kam, ganz zuversichtlich bin, daß ich diesmal wirklich zu meinem Geld kommen werde. Ich habe die Nacht, wie schon lange nicht, ausgezeichnet und sündenlos geschlafen, hatte heute morgen brillantesten Stuhlgang – bei meiner Genesungskur etwas überaus Wichtiges – und fühle mich gegenwärtig von den Kopfschmerzen, die mich in den letzten Tagen schauderhaft geplagt haben, so gut wie ganz frei. Vielleicht kommen die 500 Mk doch! Und ich sollte mich, um mein Geldglück zu machen, ganz „auf die leichte Muse legen“.

Von Johannes kam eine Postkarte, auf der er mir den Inhalt der Jean-Paul-Ausgabe, die er vorbereitet, mitteilt. Ich soll ihm einen Brief an den Verleger Eugen Diederichs aufsetzen. Auch schreibt er mir, daß er mit dem Briefentwurf, den ich ihm für den Münchener Staatsanwalt machte (Antrag auf Aufhebung des Steckbriefs wegen Geheimbündelei, Anfrage ob andre Dinge gegen ihn vorliegen), einverstanden sei, und daß er ihn wortgetreu abschreiben werde. Zugleich schickte er mir die Odyssee, deutsch von seinem alten Lehrer Hans Georg Meyer, Professor am Berliner Grauen Kloster. Ich freue mich auf die Lektüre, da ich die Übersetzung als weit besser als die Vossische rühmen hörte.

Der Galizier Arnold Gahlberg, der früher mal die polnische „Utopia“ in einer Nummer herausgab mit 2 Beiträgen von mir und einem von Landauer, wendet sich an mich um Rat für seinen Wiener Freund Hugo Sonnenschein. Dieser arme Jüngling will sein Talent an einem Cabaret fruktifizieren. Was soll ich da raten? Der junge Mann sandte mir vor einiger Zeit ein Buch mit einem so umständlichen und verschrobenen Titel, daß ich ihn unmöglich behalten konnte. Das Buch enthielt ganz wirre wilde und dumme Jugendlichkeiten (der Reim „Christus“ – „bist du’s?“ ist mir in heiterem Gedächtnis), aber ich fand auch andre Gedichte, die wirkliches Temperament, und darüber hinaus auch Ansätze zu starkem Gestaltungstalent zeigten – 2 weitere Bücher des Sonnenschein sind mir in Aussicht gestellt, und ich werde sie mit Neugier lesen.

In Tiecks kritischen Schriften habe ich die letzten Tage viel gelesen. Das war wirklich ein kritischer Athlet. So sorgfältig, wie der an seine Probleme herantritt, wie er sie dreht, wendet, befühlt, beklopft und in- und auswendig abtastet, besorgt es heutzutage kein Mensch mehr. Was für ein Stümper ist doch Julius Bab, der bei all seiner pedantischen Umständlichkeit niemals zu einem deutlichen und präzisen Urteil kommt. Da lobe ich mir schon viel eher S. Lublinski; der ist wenigsten ein paradoxer Pedant, durch dessen vernörgelte Einseitigkeiten man nur immer allzu vernehmlich sein rhachitisches Organ und seinen ostpreußischen Dialekt hindurchhört. Tieck geht überall und ganz historisch und gründlich zu Werke. Ich habe nicht die richtigen Organe für diese ganze Sorte von Kritik. Deshalb mag ich wohl über manche große Feinheit in den Schriften flüchtig hinweggelesen haben. Vieles hat mich wohl interessiert, der Essay über das Volkslied – der über Goethe und seine Zeit war mir in seiner „neckischen“ Einkleidung nicht sympathisch: oh Gott, diese Romantiker mit dem Schulbakel! – und besonders der über die Schauspielerei vor 100 Jahren. Ich fühle immer mehr das Zeug zu einem guten Theaterbeurteiler in mir. Hätte ich Gelegenheit, Bühnenkritiken zu schreiben, so würde ich – was mir auch bei Tieck erfreulich auffiel – nicht, wie es heutzutage allgemein geschieht – blindlings nach dem Literaturwert eines Stückes fragen, sondern das Bedürfnis nach leichter Theaterware, Schwänken, Burlesken, Possen etc. ohne weiteres gutheißen und bei den Stücken, die ohne literarische Prätension auftreten, einfach die Gefälligkeit der Aufmachung prüfen und die Wirkung auf das Publikum abschätzen und zu begründen suchen. Ferner wäre auch bei Aufführungen von ernsten Stücken nicht blos der dramatische Wert, sondern vor allem die theatralische Wirksamkeit zu begutachten, die Schiller auf die höchste Stufe hob, und die auch Sudermanns Dramen eine höhere Wirkung verdienen lassen, als sie allgemein – d. h. bei den Zünftlern – erfahren. Es ist jammerschade, daß mich so leicht kein Blatt regelmäßig ins Theater wird schicken wollen.

 

Château-d’Oex, Freitag 2. September 1910.

Meines Vaters zweiundsiebzigster Geburtstag. Das Datum weckt in mir Gefühle, die fernab sind von kindlicher Freude und fröhlicher Mitfeier. Bei allen guten Gefühlen, die ich mir noch für meinen Vater erhalten habe, bei allem Respekt vor vielen Zügen seines Charakters, bei aller Sympathie, die wohl im Blut liegt, bei allem Mitleid an den mancherlei Nöten die er trägt, an denen selbst, zu denen ich Ursache bin – das Gefühl der Dankbarkeit, das doch im Empfinden des Kindes gegen die Eltern als das natürlichste gilt, ist mir völlig verloren gegangen. Wenn ich mich frage, wofür soll ich ihm danken? so fällt mir in der Tat nichts weiter ein außer der Tatsache, daß er mich gezeugt hat, und die Gedanken, die sich hieran anschließen, sind so bitter, daß sie mir Franz Mohrsche Betrachtungen nahelegen. Wahrhaftig! Daß er mich ernährt hat, erhebt ihn, der es ohne Not konnte, nicht über andre Menschen, nicht über arme Tagelöhner, die viele Kinder vor Hunger schützen und liebend betreuen. Daß er mir einige Schulbildung ermöglichte, solange bis ich selbst mich voll Ekel aus der Schule davonmachte, das ist kein Grund zu Dankgesängen. Tat er es doch gewiß nicht, um mich zu dem zu machen, was ich werden wollte und mußte, zu dem, was ich ward. Für seine Erziehung? Es steigt etwas wie Haß in mir auf, wenn ich daran zurückdenke, wenn ich mir die unsagbaren Prügel vergegenwärtige, mit denen alles, was an natürlicher Regung in mir war, herausgeprügelt werden sollte. Man kannte meine Neigung, Bücher zu lesen. Nie erhielt ich welche geschenkt, und als man dahinter kam, daß ich nachts heimlich aufstand, an den Bücherschrank der Eltern ging und mir die Werke Kleists, Goethes, Wielands, Jean Pauls herausholte, da verschloß man den Schrank und nahm mir die einzige Möglichkeit, meine tiefe Sehnsucht zu befriedigen. Geld bekam ich nie in die Hand. Als ich es mir dadurch erschwindelte, daß ich vorgab, hier und da Schreibhefte, Bleistifte u.s.w. zu gebrauchen, da wurde ich in der grauenhaftesten Weise geschlagen. Ich denke mit wahrem Grauen an die Tage, wo ich herumschlich, angstvoll auf die versprochenen Keile zu warten. Denn mir war für ein so schreckliches Verbrechen, daß ich 20–30 Pfennige „unterschlagen“ hatte (denn mein Vater drückte sich in solchen Fällen gern möglichst juristisch aus), eine dreifache Auflage von Prügeln zudiktiert worden, d. h., ich hatte an drei Tagen hintereinander mich zum Empfang der Strafe zu melden. Etwas Haarsträubenderes an viehischer Grausamkeit ist wohl nie ausgesonnen worden, und ich war wohl 12–13 Jahre alt, voll kindlicher erwachender Sehnsucht und tiefer empfindend als andre Jungen. In der Schule war ich faul wie die Sünde. Nie kam jemand auf den Gedanken, daß ich, dessen Gewecktheit und leichte Auffassung jeder bemerken mußte, falsch angefaßt wurde. Hätte ich verständnisvolle Lehrer – womöglich Privatlehrer – gehabt, ich hätte gern mit Hingebung gelernt. So wurde ich nur immer gehauen und gestraft, gestraft auch seelisch damit, daß ich nie teilnehmen durfte an Ausfahrten oder andren Vergnügungen der Geschwister, gestraft durch geringschätzige Behandlung und wahrhaft raffinierte Mittel, ein kindliches Gemüt zu kränken. Und dabei stets der Stolz des Vaters auf seine Erziehungsmethode, der Stolz dieses Mannes, der nicht erkennen konnte, daß seine Kinder nicht alle gleich geartet waren, daß drei so waren, wie er sie haben wollte, brav, fleißig, gehorsam, und nur ich aus der Art schlug. Alles immer in der besten Absicht, in wahrhaft gutem Bestreben für mich. Und ich ging hinaus und hielt mich schadlos für alles durch ausgelassene Streiche, durch alle möglichen Erfindungen des Unfugs, und immer wieder gab’s Strafen und Tadel, und das Lernen wurde mir zum Ekel und das Leben so früh schon zum Überdruß. Und immer wußte ich doch dabei, wer ich war. Stets fühlte ich den Erlesenen in mir, den, dem unter allen Großes vorbehalten war. Einmal – da mag ich wohl an 15 Jahre gewesen sein, vertraute ich – nur in Andeutungen – meiner Mutter, wie ehrgeizig ich sei, und mir schien damals, als verstände sie mich und glaubte mir. Aber sie war eine schwache Frau und der Vater führte unbedingtes Regiment im Hause und war ihr selbst absolute Autorität. So ließ sie es geschehen, daß er mich mit seiner fürchterlichen Erziehungsmethode nach Schema F mißhandelte. Als ich Quartaner war, sollte ich Musikunterricht haben. Das Instrument durfte ich selbst wählen und wählte das Cello. Ein viertel Jahr hatte ich Stunden, dann aber brachte ich ein schlechtes Zeugnis heim, und es hieß, die Musik halte mich von den Schularbeiten zurück. So wurden die Celli-Stunden eingestellt, und ich kann bis zum heutigen Tage kein Instrument spielen. So strafte mich mein Vater für ein schlechtes Zeugnis fürs ganze Leben. Dann machte ich den dummen Streich, der meine Relegation aus der Untersekunda zur Folge hatte. Herrgott, waren das Tage zu Hause! Wie ein Verfehmter wurde ich angesehn. Und als ich dann einmal in den Ferien zuhause war, und kam von einem Lachswehrkonzert erst um ¼ nach 10 zurück, da machte mir mein Vater selbst die Korridortür auf und empfing mich – den 18jährigen Menschen, weil ich eine viertel Stunde zu lange ausgeblieben war, mit einer schallenden Ohrfeige! Die brennt mir heute noch im Gesicht, wenn ich dran denke. Ach, und später! Ich wollte Schriftsteller werden, beichtete ich meiner Mutter, als ich glaubte, ich würde es in der Apothekerlehre nicht mehr aushalten. Tränen, Begütigungen, Aufregungen. Schließlich hieß es: gut, mach dein Gehilfenexamen, dann darfst du Schriftsteller werden. Die Mutter starb. Um den Vater in seinem Gram nicht zu kränken, gab ich meiner Schwester Margarete das heilige Versprechen, bis zum Examen würde ich mich von aller Literatur und allen Interessen, die mich bewegten fernhalten, bis zum Gehilfenexamen. Ich hielt das Versprechen. Was es mich gekostet hat, kann kein Mensch ermessen. Ich machte auch das Examen. ¾ Jahre darauf tat ich, was ich tun wollte und mußte. Ich ging nach Berlin als Gehilfe und sprang von dort heraus – in die Neue Gemeinschaft. Jetzt war ich Schriftsteller. Mein Vater in Verzweiflung. Er wollte mich aushungern. Gottseidank war ich stärker. Bis jetzt – 10 Jahre lang – bin ich Sieger geblieben in dem Kampf. 100 Mark giebt er mir monatlich. Giebt er mir? Ach, nachdem er mir das 5–6fache genommen hat! Als ich mündig wurde, ließ er mich den Verzicht auf die Zinsen des großväterlichen Erbes unterschreiben, weil es unrecht sei, daß dem Vater diese Erbschaft zugunsten seiner Kinder entzogen sei. Konnte ich, als ich das unterschrieb, ahnen, in welche Not ich dadurch kommen würde? Gewiß, mich trifft an vielem selbst die Schuld. Wäre ich wie andre Leute ohne Sentiment für den Vater, ich hätte längst prozessiert, wäre längst zu meinem Erbteil gekommen. Müßte ich mich später auch aus dem väterlichen Reichtum mit dem Pflichtteil begnügen – das wird immer noch mehr sein, als alle meine Freunde haben – meine besten Jugendjahre wären mir nicht verkümmert und versauert worden. Nun sitze ich da, mit 32 Jahren, immer noch von heute auf morgen in Angst, wovon leben? Immer noch ohne eigne Wohnung, ohne Aussicht, daß es bald besser wird. Soll ich dem Vater den Tod wünschen? Ich weiß nicht. Ich habe keine Sentimentalitäten, die mich daran hinderten. Am Ende bin ich jung und habe zwar nicht mehr das Leben (das ist verpfuscht), hoffentlich aber doch noch wertvolle Strecken des Lebens vor mir – und viele Arbeiten, zu denen ich Muße und Freiheit von Not und Entbehrung brauche. Er aber hat alles hinter sich. Schon hat sich das Alter bei ihm mit einer gefährlichen Herzschwäche gemeldet. Davon ist er wieder gesund geworden. Was ich ihm heute wünsche, ist ein heiterer Beschluß des Lebens, aber kein langes Verweilen mehr. Einmal aber vor dem Ende möge er noch in einem klaren Moment einsehn, wieviel Vorwurf und Strafe, die er mich hat kosten lassen, ihm für seine Erziehungsmethode gebührt.

 

Château d’Oex, Sonnabend, d. 3. September.

In diesen letzen Tagen hier – übermorgen hoffe ich abzufahren – ist mir doch noch ein Mensch begegnet, von dem ich mehr Erinnerung mitnehmen werde als die flüchtige Bekanntschaft. Es ist das die Gattin des Arztes dieser Anstalt, des Dr. Delachaux. Diese Frau fiel mir schon am Abend meiner Ankunft auf. Sie hat ein feines stilles kluges Gesicht, das etwas an Hedwig Lachmann erinnert, auch die frühgrauen Haare hat sie mit ihr gemeinsam. Als neulich Johannes hier gewesen war, fragte mich die Dame viel nach ihm, da er ihr so sehr aufgefallen sei. Ich erzählte ihr, er sei ein Dichter, und als sie mehr wissen wollte, sprach ich von einem Roman, den er schreibe und log von Gedichten, die sehr schön seien (ich habe diese Gedichte in all den sieben Jahren unserer Freundschaft immer noch nicht kennen gelernt). Dann lieh sie meinen „Krater“ aus, und gestern abend nach dem Essen suchte sie daraufhin ein Gespräch mit mir. Es gefiel mir so gut, daß sie garnicht anfing, mir Schmeicheleien zu sagen. Was sie äußerte war echt und klar. Zunächst konstatierte sie, daß sie noch nie Gedichte gelesen habe, die so präzise im Ausdruck seien, und deshalb sich gleich auch in der Stimmung mitteilten. Dann kam sie vorsichtig auf das Inhaltliche, Gefühlsmäßige der Gedichte. Ob diese Traurigkeit, die über den Versen läge, mein Wesen ganz erfülle. Ich wich aus, indem ich meinte, vielleicht erwecken nur grade die traurigen Stimmungen das Bedürfnis in mir, sich in Poesie umzusetzen. Dann fragte ich sie, ob sie nicht von den zynischen Satiren abgestoßen worden sei. Sie erwiderte, sie habe sich daran gewöhnt, allem Menschlichen mit Verständnis und Achtung zu begegnen. Sie brachte die Unterhaltung weiterhin auf das Christentum und war sehr mit mir einverstanden, als ich – erst ganz behutsam, dann sehr derb – das Christentum von der Kirche unterschied und mich zu einem starken, rebellischen Tolstojanismus bekannte. Zum Abschied gab sie mir mit einem süßen melancholischen Lächeln und mit verlittenen wunderschönen ernsten und begehrlichen Augen die weiche zarte nervöse Hand. Ich bin ganz erfüllt von dieser Frau und habe ihr ein paar leise Verse gedichtet, die sie niemals zu sehn bekommen wird.

Heute früh hatte ich den Besuch ihres Ehegatten in meinem Zimmer. Ein sehr sympathischer und vertrauenerweckender Arzt. Sein Aeußeres sieht Johannes Schlaf sehr ähnlich, seine Art zu sprechen und sich zu bewegen Dr. Tobler. Er meint, daß die Arterienverhärtung kaum mehr als eine Kaffee- und Nikotinvergiftung sei, daß viel wichtiger die Herzstörung sei, die er aber auch nur auf nervöse Erscheinungen zurückführt. Ich werde heute noch von ihm gewogen und wohl auch sonst untersucht werden.

Die Post brachte die Antwort von Lottes Mutter, der alten „Pumerin“, ihre letzte Nachricht habe sie am 10. August aus Mailand erhalten. Vielleicht sei das Puma doch noch zu erreichen. Ich sandte sogleich eine Karte nach Mailand. Ferner schrieb mir Emmy eine rührende zittrige Karte aus dem Krankenhaus und Landauer macht mir Komplimente wegen der Varnhagen-Exzerpten, die ganz in seinem Sinne seien, und die ich fortsetzen möge. Ob ich die ganzen noch fehlenden 15 Bände exzerpieren werde, ist mir allerdings noch fraglich.

Was habe ich in den letzten beiden Tagen alles gelesen! Zunächst die ganze Odyssee in der Meyerschen Übersetzung, die ganz prachtvoll ist. Ich habe das Buch mit der Wollust eines Knaben gelesen, der Indianergeschichten verschlingt – und dabei nie über einen schlechten Vers, nie über eine sprachliche Härte zu stolpern! Manche Stellen scheinen leider aus Gründen der Fürsorglichkeit in Sexualibus fortgelassen zu sein. Johannes schickte mir die Schulausgabe. Dann las ich die Ostwaldsche Sammlung „Erotische Volkslieder aus Deutschland“ (Verlag Frowein). Es steht sehr viel Wertvolles, Volkstümliches und poëtisch Kräftiges darin. Doch tut Oswald etwas zu viel, indem er gereimte Zoten, die garnicht mit Volkslied zu tun haben, aufnimmt, wie die Witzchen, die wir als Tertianer kannten: Ich möcht gleich Vögeln – ich möcht gleich Vögeln – ich möcht gleich Vögeln in die Lüfte ziehn“ u.s.w. Ich meine, wenn in irgendeinem gereimten Schmarren das „Vögeln“ oder „Votze“ vorkommt, so braucht’s doch deshalb noch kein Volkslied zu sein. Schließlich las ich noch in meiner Verzweiflung die fehlenden Schlußaufsätze in Tiecks 2tem Bande der Kritischen Schriften. Sie waren mir gleichgültig, wennschon ich hier und da einen Gedanken wert fand, ihn am Rande anzustreichen. – Jetzt ist mein literarischer Vorrat hier soweit erschöpft, daß ich nun wohl wohl oder übel an Julius Harts „Revolution der Ästhetik“ heranmuß, die mir Ehbork in Berlin zur Rezension mitgab. Also in Gottes Namen!

 

Château-d’Oex, Sonntag, d. 4. September 1910.

Nein, ein Buch von Julius Hart zu lesen, ist mir nicht mehr recht möglich. Ich werde kaum je erfahren, wie er sich die „Revolution der Aesthetik“ denkt. Dieses Gewoge von emphatischen Tönen und seniler Geschwätzigkeit werde ich nicht ein dickes Buch hindurch über mich zusammenprallen lassen. Dieser unglückliche Julius Hart ist nicht imstande, einen einzigen Ausdruck präzise hinzusetzen. Jedes Wort wird in einem Synonym wiederholt. Das ist auf die Dauer unerträglich. Er sagt nicht etwa: diese Tatsache ist wirklich so; er sagt: „diese Tatsache und dieser Umstand ist wirklich und effektiv so.“ So geht es Satz für Satz – und die einzelnen Sätze werden auch noch extra wiederholt, denn er fügt noch hinzu: „und es ist durchaus nicht zu bezweifeln und daran zu rühren, daß sie sich wahrhaftig und einwandfrei so verhält und zuträgt“. Man möchte ausrufen: „Julius Hart und Bitter!“

Wie habe ich diesen Julius Hart einmal verehrt! Wie schienen er und die um ihn waren, mir die höchsten Leuchten der Menschheit! – Ich habe aber seine Philosophie allmählich doch als bloßes Phrasengeklingel kennen gelernt, und den Menschen, der in der „Neuen Gemeinschaft“ die größte Tat zu realisieren versprach, als einen armen Schwächling, der sich an den eignen Tönen besäuft. Was ist mir überhaupt übrig geblieben von den Menschen, die ich vor nun fast 10 Jahren in der „Neuen Gemeinschaft“ traf? Peter Hille ist schon 6 Jahre tot. Heinrich Hart, der mir immer unendlich lieber war als Julius, ist mehrere Jahre tot. Landauer ist der einzige – und der wird mir – trotz manchem! – sicher bleiben als Freund und Kamerad. Ich kann doch an diese Zeit der Neuen Gemeinschaft nicht ohne eine gewisse Rührung zurückdenken. Und doch, wie arg ist es mir da ergangen! Das war der erste große zügellose Enthusiasmus, dem ich mich hingab, und die erste tiefe schmerzliche bitterste Enttäuschung. Wie ich mich hingab! Wie ich das wenige Geld, das ich hier und da zusammenscharrte, der „Sache“ zutrug! Wie ich arbeitete im Dienste der Idee! – Und dann kamen die Verläumdungen. Ich suchte doch nur Anschluß an Namen! Ich wolle die Freunde ausnutzen und was noch alles. Und als ich drauf drang, daß der Brief, der an Heinrich Hart gegangen war, vorgelesen würde, wie da alle, die unterschrieben hatten, feige beiseite traten, und wie Julius Hart mir, der ich fluchte und weinte, erklärte, meine Aufregung sei ja eigentlich ein Beweis, daß mein Gewissen nicht rein sei! Pfui Teufel! Damals hat man etwas sehr Wertvolles in mir zerbrochen. Die Ungerechtigkeiten, die ich später – viel später erst, denn ich zwang mich noch etliche Monate zu der gleichen Aufopferung wie ehedem – gegen manche beging, vor allem gegen Heinrich Hart, der sie am wenigsten verdiente, die waren eine gesunde Reaktion gegen die Abscheulichkeit, die mir damals – ich war 23 Jahre alt – zugefügt wurde.

Durch diese Geschichten mag meine Antipathie gegen die Bücher, die Julius Hart schreibt, mitbestimmt sein. Jedenfalls habe ich die „Revolution der Ästhetik“ beiseite gelegt, und werde heut und morgen noch sehn, ohne Lektüre auszukommen. Gestern ging’s schon ganz gut. Ich fand in alten Heften der „Gartenlaube“ Schachpartien notiert, die ich nachspielte. Es waren sehr interessante Kombinationen darin und ich freute mich über die Abwechslung. Außerdem ist seit vorgestern ein junger Mensch von vielleicht 15 Jahren hier, der zwar nicht sehr sympathisch ist, aber deutsch spricht – er ist französischer Schweizer, besucht aber ein Institut in Deutschland und mit dem spielte ich Schach, wobei ich trotz Damenvorgabe gewann, Dame und Mühle. Der muß heut auch wieder herhalten.

Johannes stellte mir in einer Postkarte für Aeschi Damenbekanntschaften in Aussicht. Eine Schwester seiner Freundin, der er schönen Körperwuchs nachrühmt, sei bei ihm und eine 45jährige Französin, voll Esprit und Tiefe, die er „sehr sehr“ lieb habe. Ich denke schaudernd an Mirka, deren Asche in eine Blechkanne eingelötet Hans auf seinem Tisch stehn hat. Diese Asche und ein Koffer, das ist alles was er von ihr geerbt hat, und der gute Junge hat immer noch zärtliche Erinnerungen für die arme Greisin.

Der Arzt konstatierte bei mir eine Gewichtszunahme von weiteren 600 Gramm, sodaß ich jetzt grade 60 Kilo wiege, und stellte fernerhin fest, daß der Blutdruck sich von 9 auf 10 centimeter erhöht hat. Da er noch auf 12 Ctmter kommen soll, soll ich mich noch wenigstens 3 Monate lang des Rauchens und Kaffeetrinkens völlig enthalten. Ich bin neugierig wie lange ich es durchführen werde. Jedenfalls glaube ich, daß mir der Aufenthalt in Aeschi als Übergang die Sache erleichtern wird, Gottseidank – morgen reise ich! Das Geld ist gekommen, und ich stelle die Mischboche vor das fait accompli.

 

Château-d’Oex, Montag, d. 5. September 1910.

Tröstlich sieht das Wetter grade nicht aus. Vielleicht klärt es sich bis zum Nachmittag soweit auf, daß ich nicht grade im Nassen abfahren muß. Eine Verhinderung der Abreise ist nun kaum mehr zu befürchten, da alles mit Onkel L. brieflich ins Reine gebracht ist – wenigstens von mir aus. Er hatte keine Zeit mehr, noch in einem hierher adressierten Brief zu meinen Reiseplänen Stellung zu nehmen. Hoffentlich habe ich mir die Hilfsaktion, die er weiterhin bei meinen Geschwistern für mich betreiben wollte, nicht mit meiner Eigenmächtigkeit verschüttet. Aber wenn schon! Ehe ich mich völlig versklave, will ich schon lieber noch ein paar Monate oder Jahre länger darben. Zudem hoffe ich ja auf Frau v. Ruttersheim!

Ich bin schon recht froh auf das Beisammensein mit Johannes. So werde ich doch gute Gespräche führen können. Auch will ich in Aeschi wieder anfangen, Zeitungen zu lesen. Der Zeitungsfrau am Bahnhof hier ist es nicht gelungen, für mich das „Berliner Tageblatt“ zu erhalten, so war ich auf lauter ausländische Blätter hier angewiesen. Der „Bund“ enthält absolut nichts – es ist jedesmal nach der Lektüre eine große Leere in mir und ich frage mich dann vergeblich, was denn nun auf den 4 oder 8 Druckseiten gestanden hat, die ich eben gelesen habe. Die wenigen Kenntnisse, die ich mir über die Geschehnisse in der Welt täglich zugeführt habe, entnahm ich dem Pariser „Matin“, der aber so überhäuft ist mit Pariser Klatsch, daß man sich die paar Nachrichten, die einen irgendwie angehn könnten, wie die Rosinen aus dem Napfkuchen pellen muß.

Den Sozialisten-Congreß in Kopenhagen verfolgte ich in diesen Tagen in den spärlichen Auslassungen des „Matin“ mit großem Interesse. Es ist doch schmachvoll, wie diese deutschen Sozialdemokraten ihren Beruf als Volksführer auffassen, mit was für Mätzchen und Kniffen sie sich um die selbstverständlichsten Pflichten herumdrücken. Von den Engländern (das ist sehr bedeutsam, denn die spielen noch garnicht lange mit!) war der Antrag gestellt worden, jeder drohenden Kriegserklärung sei von den Arbeitern der betreffenden Länder mit dem Generalstreik zu begegnen. Da es in den auch von den Deutschen Sozis akzeptierten Beschlüssen heißt, Kriege seien mit allen Mitteln zu verhindern, wäre es ganz selbstverständlich, daß das wirksame Mittel des Generalstreiks in solchem Falle angewandt würde. Der Antrag wurde von den Franzosen nachdrücklich unterstützt. Er fiel aber, geworfen von den „Dreibund“-Mächten: Deutschland, Oesterreich und Italien. Die Italiener haben leicht reden. Was in Italien Turati und den Marxisten folgt, dies Bäckerdutzend Kolonialwarenhändler und Büroschreiber hat so wenig Macht, daß sein Kopenhagener Votum von denen, die evtl. einen Generalstreik machen können, doch nur verhöhnt wird. Aber Deutschland und Oesterreich! Die Herren Ledebour und Renner haben beweglich gestöhnt, daß ein solcher Beschluß höchst bittere Repressalien der Regierung gegen die Sozialdemokratie hervorrufen würde. Soweit ist es nun also glücklich gekommen, daß die „revolutionäre“ deutsche Arbeiterschaft selbst bei ihrer Abstimmung über die Dinge, die die internationale Sache des sogenannten Proletariats betreffen, nach dem Eindruck schielt, der „oben“ – in der Wilhelmstraße – erweckt wird. Es ist eine wahre Affenschande! – Aber die Ablehnung energischer Maßregeln gegen androhende Kriege muß eine Wirkung ausüben, für die jeder, der an dieser Ablehnung mitgewirkt hat, geköpft zu werden verdient. Das Votum der Deutschen Sozialdemokraten kann bei der Regierung garnicht anders verstanden werden als: „Wenn ihr Krieg führen wollt – auf uns, auf die deutsche Arbeiterschaft könnt ihr euch verlassen!“ – Die Zustimmung zu dem englischen Antrag wäre allein ein unendlich kräftiges Palliativmittel gegen den Krieg gewesen. Die Ablehnung und ihre Begründung muß alles imperialistische und kapitalistische Kriegsgelüste ermutigen und bestärken. – Die Preise der Nahrungsmittel in Deutschland stehn unglaublich hoch, die neuen Steuern sind, bis sie sich mit dem Geldkurs einigermaßen ausgeglichen haben werden, ein schandbarer Druck auf die Leistungskraft des Volkes (alles für Heer und Flotte!) und in diesem Jahre ist die Ernte allenthalben so schlecht ausgefallen, daß eine schreckliche Teuerung selbst in den allerwichtigsten Produkten wie Kartoffeln und Gemüse zu erwarten ist. Jetzt hätte ein radikaler Beschluß ihrer Mandatare sicher viel Verständnis und Zustimmung bei den Arbeitern gefunden. Aber man will sich vor den Wahlen der „Mitläufer“ versichern, man ist diplomatisch um des Ehrgeizes willen, im Reichstag das Maul aufreißen zu dürfen. Pfui Deibel!

Jetzt geh ich ans Packen.

 

Aeschi, Mittwoch, d. 7. September 1910.

Johannes holte mich an der Bahn in Spiez ab, und dann fuhren wir abends von ½ 8 bis um 9 Uhr auf gräßlichen Umwegen durch stockfinstere Nacht auf durchweichten Berg- und Waldwegen im klapprigen Postwagen nach Aeschi. Ich habe hier ein nettes kleines Zimmer in der Pension Baumgarten, gegenüber dem des Freundes. Cecha, Izas Schwester, von dieser aus Besorgnis für ihren Geliebten hierher gesandt, ist ein hübsches, schlankes, blondes blauäugiges polnisches Judenmädel, ein wenig unfrei in ihrem Gehaben, sehr musikalisch – und natürlich schon über beide Ohren in Johannes verliebt. Im übrigen hat die Pension, nachdem gestern eine Familie abgereist ist, nur noch ganz wenige Gäste: außer uns nehmen an den Mahlzeiten nur noch ein 78jähriger vornehmer Elsässer mit Tochter und Nichte teil, liebenswürdige Menschen, versehn mit jener humanitären Verbindlichkeit und oberflächlichen Bildung, die ihre Gesellschaft möglich und erträglich macht. Ein alter blödsinniger Bäckermeister muß allein essen, im „Salon“, in dem wir (Hans und ich) nach dem Essen Domino spielen. Der arme Mann bewegt sich schwerfällig und grotesk, der Rest seines Verstandes scheint nur noch zum Beten auszureichen, zu welcher Beschäftigung er sich einige Male in der Viertelstunde am Tischrande aufs Knie herniedergleiten läßt.

Gestern besuchten wir, Johannes, Cecha und ich, in Bad Heustrich die schon angekündigte Französin, Madame Arnaud, Inhaberin einer großen Buchhandlung in Paris, Avenue de l’Opéra. Johannes schilderte sie mir bei seinem Besuch in Château-d’Oex als 35jährig, dann schrieb er, sie sei schon 45, und als ich sie sah, taxierte ich sie sofort auf 55 Jahre. Immerhin: die Dame ist noch recht interessant, lebhaft, erotisch, unterhaltsam und in vieler Hinsicht anziehend. Wir betrachteten uns mit jener Neugier, die beiderseits darauf aus ist, Sensationelles zu erleben. Einige Minuten, die Hans und Cecha uns allein ließen, genügten denn auch dazu, daß ich feststellen konnte, wie temperamentvoll die Dame noch küssen kann. Heut waren wir wieder bei ihr.

Mit Margarethe Faas telefonierte ich heut früh. Sie will in den nächsten Tagen von Bern heraufkommen. Herrn Berndl habe ich geschrieben, daß er mich besuchen möchte.

Heut früh, als ich noch im Bette lag, kam Johannes zu mir. Wir wurden sehr innig miteinander, und es scheint, daß auch die letzten Schatten, die seit jenen traurigen Tagen im Anfang des vorigen Jahres zwischen uns lagen, nun gewichen sind. Nachher bei einem Spaziergang sprachen wir uns über manches aus. Er warf mir vor, durch meinen Skeptizismus, den ich stets seiner Zurechtfindung in eine gesunde Sexualität entgegengestellt habe, hätte ich ihm dieses Glück, das er bei Iza gefunden hat, sehr hintangehalten. Ich weiß nicht, ob er recht hat recht darin. Das aber weiß ich, daß ich darüber recht glücklich bin, daß es ihm gelungen ist, in der Liebe zu einer Frau Befriedigung zu finden. Ich hoffe, ihm das noch einmal durch äußerliche Zeichen beweisen zu können.

Die Landschaft hier ist recht schön und gefällt mir weitaus besser als die in Bergen eingesperrte Trift von Château-d’Oex. Man hat doch Ausblick, und wenn das Wetter so bleibt, wie es heute war, nachdem es gestern und vorgestern unaufhörlich geregnet hatte, so hoffe ich noch manchen schönen Spaziergang hier zu machen.

Meine Lektüre ist wieder Varnhagen (Hans erzählte mir, daß ihn Gottfried Keller stets den „Harnwagen“ nannte). Johannes hat mir vier weitere Bände seiner Tagebücher besorgt, und ich streiche weiterhin an, was sich für Exzerpten zum Abdruck im „Sozialist“ eignet.

 

Aeschi, Freitag d. 9. September 1910.

Ein sehr unerquicklicher Brief meines Schwagers Julius verdarb mir gestern abend die gute Laune. Aus meinen Geburtstagsbrief an Papa hatte man ersehn, daß ich die Absicht hatte, Château-d’Oex vor den 4 Wochen, die mir zur Sanatoriumskur bestimmt waren, zu verlassen. Große Aufregung deshalb. Richtig ist ja, daß Julius damals der Meinung war, es müsse etwas für meine Gesundheit geschehen auch nach Beendigung der Kur, und ich hatte gesagt, dazu bedürfe es für mich einer eignen Wohnung und eines halbwegs auskömmlichen Monatswechsels. In Berlin wurde denn auch zwischen Hans, Leo, Julius und Onkel Leopold erörtert, wie man diese Notwendigkeiten herbeischaffen könnte. Nach den Abschiedsreden meines Bruders Hans, der mir vorrechnete, daß die 300 Mk, die meine 3 Geschwister für das Sanatorium zusammenschössen, schon ein so großes Opfer seien, daß kein Pfennig darüber hinaus – etwa für die Reise – bewilligt werden könnte, nahm ich natürlich an, daß nun die weiteren Dinge, die ja in die Tausende gegangen wären, begraben seien. Jetzt heißt es in dem Brief plötzlich, daß man aus einer etwaigen Eigenmächtigkeit, in der ich Château-d’Oex verließe, meine Unfähigkeit erkennen müßte, hygienisch und zum eignen Nutzen zu handeln, und die Absicht, mir zu helfen, aufgeben würde. Ich habe sogleich einen sehr geschickten Brief geschrieben, in dem ich auseinandersetzte, daß es vornehmlich Sparsamkeitsgründe gewesen seien, die mich veranlaßt hätten, hierher zu gehn, und daß ich hier infolge verminderter Kostspieligkeit die Kur ebenso energisch aber eine Woche länger als dort durchführen könne. Entweder das nützt oder es nützt nicht. Jedenfalls werde ich den Leuten nicht in den Hintern kriechen. Wenn sie nicht selbst das Gefühl haben, daß man jemand entweder hilft oder im Stiche läßt, aber einen erwachsenen Menschen nicht mit Bedingungen und Wenns und Abers zu kommen hat, so sollen sie mich – –. Beunruhigt bin ich durch den Brief insofern, als die Besorgnis daraus spricht, daß ich – wenn nicht meine Lebenshaltung gegen früher sich sehr ändern sollte – nicht mehr lange machen werde. Es ist mir ein ganz fürchterlicher Gedanke, ich könnte zu Lebzeiten meines Vaters sterben, und müßte Johannes in Not und Elend zurücklassen, ohne die geringste Möglichkeit, ihm jemals das Leben zu erleichtern. Und dann: sterben müssen, ohne jemals imstande gewesen zu sein, mir selbst die kleinste Laune zu erfüllen, ohne je erfahren zu haben, was es heißt, verfügen zu können! Es wäre grauenhaft, ganz grauenhaft – aber es würde verflucht gut zu mir passen!

Ich habe den 4ten Band Varnhagen ganz und den 5ten zur Hälfte gelesen. Die Märztage von 1848. Dieser Konservative von damals hat revolutionärer empfunden als heut irgendein Sozialdemokrat. Übrigens freue ich mich, wie mir durch diese Aufzeichnungen meine Antipathie gegen Wilhelm I, die ich von jeher empfunden habe, bestätigt wird. Ein widerlicher Hallunke!

Den Artikel „Frauenrecht“ habe ich endlich geschrieben. Heute schicke ich ihn ab. Landauer wird sich schwerlich drüber freuen.

 

Aeschi, Sonntag, d. 11. September 1910.

Die Jahreszeit wird immer herbstlicher. Die Gäste der Pension „Baumgarten“ sind fast alle abgereist – zuletzt ein alter 78jähriger Herr Frey aus Mühlhausen mit Tochter und Nichte. Mit der Tochter, einer etwa 44jährigen lebhaften und angenehmen Dame waren wir die letzten Abende regelmäßig beisammen gewesen. Es wurde vorgelesen: aus Homers Ilias (Meyersche Übersetzung); aus des Knaben Wunderhorn; aus meinem „Krater“ und aus Heinrich Manns „Kleiner Stadt“. Auch las ich in Gegenwart der Dame die zweite Hälfte meines Gefängnistagebuchs vor. Die arme Person ist ein Opfer ihres Vaters, der selbst ein liebenswürdiger und interessanter alter Herr ist. Aber seine Tochter muß ewig um ihn sein, darf keine eigne Meinung haben, seiner, die konservativ, religiös bis zur Bibeltollheit, ganz und gar intolerant ist, nie widersprechen. Offenbar hat sie um seinetwillen nicht heiraten können. Sie schwärmt von Rudolf Steiner – der seit etlichen Jahren Anführer der Theosophen ist (ich halte ihn für eine Wetterfahne), sie darf aber natürlich keine Freundschaft mit ihm haben – und sie fügt sich. Ich merkte ihr es an, wie sie von den Stellen meines Tagebuchs ergriffen ward, die über meine Stellung zu meinem Vater handeln, und wie sie mich beneidet, daß ich eigne Wege zu gehn wage. Sie kann nicht ahnen, wie ich noch immer zu leiden habe. Wäre ich fromm und brav, ich wäre gewiß nicht in der furchtbaren äußeren Lage, die mich vorzeitig zugrunde richtet. Ich brauchte nicht davor zu zittern, daß ich wahrscheinlich sterben muß, ehe ich in der Lage war recht zu leben. Gestern abend habe ich vor Johannes geweint, als mir die Trostlosigkeit meiner Situation klar wurde. Ich soll regelmäßig und gut leben – das sagt jeder Arzt –, will ich mein Leben erhalten. Jetzt habe ich noch 100 Franken – davon soll ich hier meine Rechnung bezahlen, die Reise nach München und dort bis zum 1. Oktober auskommen, – und gut und regelmäßig leben! Daß meine Familie etwas Anständiges und Wirksames für mich tun wird und in einer Form, die mir die Annahme möglich macht, glaube ich nicht. Erst wenn es wirklich zu spät ist, werden sie aufhören sparsam zu sein. Es ist widerlich, aber es ist Tatsache: die einzige Möglichkeit, daß ich leben könnte, wäre, wenn mein Vater stürbe. Dann könnte ich die Notwendigkeiten erfüllen, eine eigne Wohnung haben, die es mir ermöglichte, abends zuhause zu sein, gut und regelmäßig essen, mich anständig und warm kleiden, stets die Luft atmen, die ich brauche – und dabei noch die Freunde in den Stand setzen, daß ich ihre Freundschaft verdienen würde. Garnicht davon zu reden, daß ich für meine Arbeiten selbst etwas tun könnte, während ich so sicher auch nach meinem Tode noch von der deutschen Presse an die Wand gedrückt werde. Ich sehe schon meine Nekrologe: tausend „Bohême“-Anekdoten, Anarchist in Anführungsstrichen und „im übrigen nicht talentlos“.

Im „Berliner Tageblatt“, das ich jetzt von Thun aus täglich bekomme, fand ich in einem Artikel über Presse und Regierung ein sehr interessantes Bekenntnis. Der Ausspruch des Kaisers: „Wer sich mir entgegenstellt, den zerschmettere ich!“ gelte für die Presse. Sie spreche das zwar nicht aus, aber sie handle danach. Das ist doch hübsch, und daß es wahr ist, habe ich am eignen Leibe hinlänglich zu fühlen bekommen. Nur meint das Tageblatt seine Konfession natürlich nicht in bezug auf solche Leute, die der Presse Kriecherei, Gesinnungslosigkeit und jede verleumderische Erbärmlichkeit vorwirft wie ich das tue, sondern als Kampfruf gegen solche, die sich ihrer sogenannten Meinungsfreiheit in den Weg stellen. Aber da haben sie garnicht die Macht zu zerschmettern, die Hanswürste! – Sonst steht nicht viel drin, was mich angeht. Nur eine Nachricht, die mich irgendwie ergreift: Kainz liegt im Sterben.

 

Aeschi, Montag d. 12. September 1910.

Eben kam eine Karte von Lotte und Strich. Endlich! Sie sind in Florenz und werden nicht, wie sie ursprünglich beabsichtigt hatten, nach Paris kommen. Lotte schreibt: „Strich und ich lieben uns noch sehr. Etsch!“ – Das süße Puma! Sie soll genießen, solange sie kann. Ihre Altersversorgung werde wohl eines Tages ich werden. Alle meine Ideale und Theorien von Weib und Freiheit sind in ihr lebendig. Und bei aller Vitalität und Unbedenklichkeit diese eminente Künstlerin, dieser schneidende Verstand und Witz, dieses starke Kulturgefühl, dabei dies stille Leid und die herrliche Schönheit des Leibes! Wundervollere Tugenden sind wohl kaum je in einer Frau vereinigt gewesen. – Ob ich sie mehr liebe oder Frieda? Ich weiß es nicht. Soviel weiß ich: Glücklicher würde ich mit Frieda sein, deren kluges ruhiges Wesen in Verbindung mit ihrer schönen Mütterlichkeit jeden Frieden gewährleistet, grade mit einem Manne wie ich einer bin, der jede sexuelle Laune gelten läßt und keine törichten Eifersüchteleien kennt. Aber ich sagte neulich zu Johannes: Im Zusammenleben mit Frieda würde ich mich unendlich nach Lotte sehnen. Wäre ich ständig mit Lotte zusammen, würde ich Frieda vielleicht nie vermissen. Er meinte wohl mit Recht, daß Lotte in ihrer wilden Lebendigkeit jedenfalls den ganzen Menschen, vor allem auch mit seinen Qualen und Leiden in Anspruch nähme und zu andern Sehnsüchten garkeine Zeit lassen würde ... Uli käme, das ist mir seit Zürich klar, für ein dauerndes Beieinandersein garnicht in Frage. So schön sie ist mit ihren Bizarrerien, mit ihrer von Leiden vergeistigten Sinnlichkeit, der Schmerz, den sie aus jedem Erlebnis für sich zieht, teilt sich ihrer Umgebung, sofern sie nur fähig ist zu leiden, in grauenvoller Weise mit. Ich werde Uli immer lieben, aber diese Liebe muß etwas Fernes, Religiöses – und in der Steigerung zur Leidenschaft ganz Seltenes bleiben.

Der Kamerad Losch in Luzern hat mir nun geschrieben, daß man mich dort zum Vortrag erwartet, und zwar schlägt man mir das Thema vor: „Moderne Kulturforderungen“. Mir soll’s recht sein, obgleich es eigentlich sinnlos ist, Kulturforderungen als „modern“ zu spezialisieren. Aber das wäre grade schon ein Thema für mich, die Ewigkeit aller Kulturforderungen auseinanderzusetzen und als „modern“ nur die Dringlichkeit darzulegen, überhaupt auf den Weg zu etwelcher Kultur zu gelangen. Jedenfalls freut mich, über etwas Allgemeines reden zu können, das erspart mir die Notwendigkeit einer umständlichen Vorbereitung und läßt mich, wenn ich am 20ten gut gelaunt bin, vielleicht in der freien Rede gute Gemeinplätze finden. Denn schließlich und endlich kommt es bei jeder freiheitlichen Agitation durch das Wort auf einleuchtende Definitionen der Freiheitsbegriffe an. Ich freue mich auf den Abend.

 

Aeschi, Dienstag, d. 13. September 1910.

Papa dankt auf einer Postkarte für meine Geburtstagsgratulation. Unveränderte, klare, lebendige Schriftzüge, aufsteigende Linien. Für einen 72jährigen Mann, der eben eine schwere Krankheit überstanden hat, alles Mögliche.

Zugleich kam ein Brief von Landauer. Er will meinen „Frauenrecht“-Artikel in der nächsten „Sozialist“-Nummer bringen, obgleich er ihm recht unbequem zu sein scheint. Einen Satz, in dem er eine Verdrehung wittert, will er ändern. Mir recht. In der übernächsten Nummer will er antworten. Das ist mir auch recht. Denn mir liegt am Ende nicht daran, in einer so diffizilen Frage, die ja doch nur vom Temperament aus zu entscheiden ist, vor den Lesern recht zu behalten, sondern nur daran, daß die Leser, besonders die weniger Urteilsfähigen wissen, daß Landauers Ansicht von der Heiligkeit der Ehe, der Familie und der Vaterschaft nicht etwa ein Postulat des Sozialistischen Bundes ist, und daß seine Meinung innerhalb des Bundes mit Gründen bestritten wird. Ein nettes Familienbild lag dem Brief bei, von dem mir Margarete schon neulich durchs Telefon erzählt hatte: Landauer, ein wenig wie ein Wanderprediger, den Hut in der Hand, den Havelock über dem Arm, im Kreise der Seinen.

Gestern früh las ich Johannes ein paar Kapitel aus Mundts Literaturgeschichte (1848) vor. Über Rahel, Bettina und Varnhagen. Mit jenen Frauen ist doch wohl keine meiner Freundinnen zu vergleichen. Lotte mißt sich vielleicht mit ihnen an Geist und Witz – aber das Interesse an den öffentlichen Dingen und das starke Bedürfnis zu schriftlichem, brieflichem Ausdruck der Gefühle und Erlebnisse fehlt bei ihr. Heut wieder eine lustige Postkarte aus Florenz.

In Varnhagens Tagebüchern lese ich eifrig weiter, und stehe jetzt in der Mitte des Jahres 1849. Die Gegenrevolution – kurz vor ihrer Etablierung als fester Zustand. Ich muß doch manches revozieren, was mich gegen Varnhagen einnahm. Unsympathisch ist mir zwar die gänzliche Passivität seit seiner Kaltstellung im Jahre 1815. Was sind die anonymen und sicher zahmen Artikel, die er im Interesse der Freiheit publizierte? – Was ist der Radikalismus in den Tagebuchblättern, die im Schubfach blieben? – Und doch ist dieser Radikalismus etwas, was ihn verehrungswürdig macht: er ist ehrlich. Der Zorn, die Begeisterung, die Kritik, das Schimpfen – alles ist echt, und der Stil, in dem V. seine Gefühle von der Seele schreibt, ist erstaunlich gut. Dabei hat er einen ungeheuer klaren und weitsichtigen Überblick über die Geschehnisse und schreckt nicht vor äußerst rabiaten Erkenntnissen und Konsequenzen zurück. Alles in allem doch kein Doktor Ludwig! – Mit dem Exzerpieren aus den Jahren 1848 und 49 wird es schwierig werden. Die Ereignisse häufen sich in einer Weise, daß ich in arger Verlegenheit bin, wie ich daraus – aus 3 starken Bänden – einen oder zwei Artikel herausschreiben soll.

Heut früh las mir Johannes aus einer Jean Paul-Biographie seines Neffen Spatzli Briefe an Otto vor, darunter den über die erste Begegnung mit Goethe. Dann einen Auszug aus dem prachtvollen Brief Charlottes von Kalb an Jean Paul über die Liebesfreiheit der Frauen. Sehr wertvoll und schön.

Seit drei Tagen bin ich wieder ohne Zeitung und weiß nicht was geschieht. Hoffentlich kommt das bestellte und für den ganzen Monat bezahlte „Berliner Tageblatt“ heute endlich an.

 

Aeschi, Donnerstag, d. 15. September 1910.

Ein plötzlicher Entschluß am Dienstag führte uns nachmittags nach Bern. Johannes, Cecha und mich – und Madame Arnaud schloß sich uns am Bahnhof Heustrich an.

Zunächst ging’s zu Margarete Faas, wo ich Curt v. Sinnern kennen lernte, einen sympathischen jungen hübschen Menschen. In der Zeit, wo Margret im Frühjahr des vorigen Jahres bei mir in München war, führte sie uns brieflich zusammen. Er ging bald. Margret war wie immer ungeheuer beschäftigt – mit den Kindern, mit den entsetzlichen Eltern, mit tausend Obliegenheiten. Unsere Stimmung war, solange wir dort waren, ein wenig gedrückt. Es herrscht eine Stimmung am Pflugweg 5 wie im Hause Alving. – Im Hotel zum Bären aßen wir auf Kosten von Madame Arnaud und holten dann aus dem Rathause, wo Rudolf Steiner einen Vortrag über „das Wesen des menschlichen Schicksals“ hielt, Berndl und Lewin ab. Bis der Vortrag zu Ende war, mußten wir vor der Saaltür antichambrieren, und ich hörte dumpf von außen die hohle dröhnende Stimme des hohlen dröhnenden Steiners, den ich seit 5–6 Jahren nicht mehr gesehn habe. Aber ich sah ihn förmlich vor mir stehn, wie ich ihn im Jahre 1901 zuerst bei den „Kommenden“ gesehn hatte: mit von unten ausholenden unendlich langen Gesten seine leeren Worte über die Menge schwenkend. Ich wollte ihn noch abwarten und ihm guten Abend wünschen – aber, nachdem die Herren Berndl und seine Freunde herausgekommen waren, dauerte es mir zu lange und so wichtig war es mir nicht. Ich hörte dann von allen, die beim Vortrage waren, daß er ganz inhaltsleer und dürftig gewesen sei und das Geschmuse von der Gnosis nur auf hysterische Seelenweibchen Eindruck machen konnte. Ich habe in der Tat Steiner von jeher im Verdacht, daß er das theosophische Fähnlein nach dem Winde gehängt hat, daß er nämlich mit diesem Köder reiche und geile Weiber in seine Netze fischt. – Madame Arnaud wurde verabschiedet, wir andern gingen in ein Café, wo ich mich bald mit Herrn Berndl zu einer Partie Billard emanzipierte. Als wir aufgebrochen waren, ging Johannes noch mit Lewin und einem jungen blonden Dichter namens Siegfried Lang ins Bahnhofsrestaurant. Cecha und ich gingen mit Margret heim. Ich wurde von Margret in ein kolossales Bett gelegt, und sie saß lange bei mir, klagte mir ihr Leid – das sehr groß ist – und erzählte mir ihre Hoffnung. Der Tolstoj-Übersetzer und Anarchist Czarwan hat seine Frau verloren, die sich nach furchtbaren Jahren ehelicher Qual und geistiger Verwirrtheit vergiftet hat. Czarwan lebt in Ungarn und hat nun, nach der Befreiung von der Frau, die ihm das Leben schrecklich verbittert zu haben scheint, brieflich seine Liebe zu Margret entdeckt und gestanden. Sie wird zu ihm fahren – vorerst für einen Monat, ich hoffe aber, daß sie gleich bei ihm bleiben wird, damit sie endlich ganz von ihrem Höllenleben los kommt. Sie schläft nur jede zweite Nacht, da sie abwechselnd mit einer Wärterin bei ihrer gelähmten Mutter, die eine wahre Teufelin an Rücksichtslosigkeit und Befehlswut von jeher gewesen ist, wachen muß. All das erzählte mir das arme Weib und ich versprach ihr, falls sie gleich dort bleiben wolle, würde ich ihr die Kinder hinbringen. Als sie endlich gegangen war um zu Bett zu gehn, und ich einschlafen wollte, kam sie gleich zurück, da ihr Vater die Tür verriegelt hatte, und ich mußte ihr im Bett den Platz neben mir gestatten, wo sie nun schlief. Wir verhielten uns – außer vielen freundschaftlichen Küssen – brav und keusch, da sie vorläufig dem Manne, der ihr noch nicht einmal die Hand geküßt hat, treu bleiben will. Wenn sie nur keine Enttäuschung erlebt. Aber ich habe Czarwan einmal in Ascona kennen gelernt und habe ihn als stillen feinen klugen guten Mann in Erinnerung. Hoffentlich wird sie endlich zum Frieden kommen! – Morgens erschien Lewin im Zimmer (Margret zog sich schnell die Decke über den Kopf und blieb unbemerkt), der mir Rosen brachte und erzählte, er habe mit Johannes die ganze Nacht am Bahnhof gesessen, um 9 Uhr (es war 8) solle er wieder dort sein, Johannes wolle dann ins Museum. Wir standen auf, tranken Kaffee – ich natürlich Chokolade! – und gegen ¾ 10 war ich endlich mit Cecha und Lewin am Bahnhof, wo wir Johannes im Vestibül stehend trafen, während ihm ein Dienstmann mit 2 Bürsten Stiefel und Anzug putzte. Er war inzwischen schon im Museum gewesen, ging aber mit uns noch einmal dorthin zurück. Eine Anzahl Hodlers machten großen Eindruck auf mich – besonders die „Nacht“, die ich vor einigen Jahren schon in Berlin in der Sezession gesehn hatte, dann vor allem der Tell, in dem eine unglaubliche Kraft der Bewegung ausgedrückt ist und der Zug weißgekleideter Männer – ein wundervolles Bild voll Stärke und Schwermut. Einige Gemälde von Stauffer-Bern sind herrlich: der gekreuzigte Jüngling und die Leiche eines nackten Mannes, ganz groß gesehn und gegeben. Das Museum ist sehr eigenartig anzuschauen. Das muß eine ganz verrückte Jury sein, die da erwirbt. Mitten unter den herrlichsten Dingen hängt der infamste und groteskeste Kitsch; mitten unter den ödesten Schmierereien plötzlich etwas ganz Außerordentliches. Ich ging doch recht unbefriedigt hinaus. Mich ärgert solche Kulturlosigkeit. Die letzte Gemäldegalerie, die ich sah, war im Juli das Städelsche Museum in Frankfurt. Da ging doch ein Geist hindurch – ein einheitlicher und guter Geschmack!

Johannes war uns schon aus dem Museum durchgebrannt; ich dachte mir gleich daß er zu müde sein mußte, um noch länger dabeizubleiben. Cecha ging dann auch und ich blieb bis zum Mittag mit Lewin allein. Ich habe diesen Lewin nie recht gemocht, obwohl ich ihm das stärkste Ereignis meines Lebens danke, die Bekanntschaft mit Johannes Nohl. Aber gestern rührte er mich ein wenig durch seine Betulichkeit und durch den deutlichen Wunsch ein sympathisches Bild zu gewähren. – Johannes schlief, wie die telefonische Anfrage ergab, inzwischen bei Margret, und wir aßen im Berner Ratskeller zu dreien, Lewin, Cecha, die dort hinkam und ich. Danach ging ich mit Lewin, zu Berndl in die Wohnung, wo noch 2 Russen waren. Berndl macht einen recht gescheiten und sympathischen Eindruck. Der hervorstechende Zug seines Wesens ist Ironie. Er soll aus Proletarierkreisen stammen und selbst Hirtenjunge gewesen sein. Ich kanns nicht nachprüfen. Wir sprachen über Landauer, den Sozialistischen Bund, Heinrich Mann – schließlich über Goethe. Er meinte, es wäre nötig, einmal den ganzen Goethe einzustampfen, damit er über dem Geschwätz, das von ihm gemacht wird, in der Tat wieder lebendig werde. Das erinnert mich an ein Gespräch mit Heinrich Mann über Goethe. Er sagte: „Ich wünsche den Deutschen nur ein einziges Gesetz: daß man den Namen Goethe während 20 Jahren nicht aussprechen dürfe.“ Als ich ihn später an dies Wort erinnerte, meinte er: „Ich hätte besser sagen sollen: während 50 Jahren.“ Ganz sicher scheint auch mir, daß die ungeheure Einschätzung, die Goethe grade heutigen Tages erfährt, wesentlich in Goethes unsozialem Wesen begründet ist. Alle „Aestheten“, alle Lycks und Caféhäusler noch minderen Kalibers berufen sich mit großer Pose auf Goethe. Wir sollten wirklich – das gebe ich Heinrich Mann hundertmal recht – Schiller kultivieren, mag er künstlerisch noch so tief unter Goethe rangieren. Es ist doch Blut vom Blut des Volkes, das durch seine Werke fließt. – Berndl erzählte mir unter andrem, er habe von den Deutschen in Florenz gehört, ich sei dort seinerzeit, blos um originell zu scheinen, in Unterhosen durch die Straßen gelaufen. Ich klärte ihm die Geschichte auf. Ich glaube, ich werde die Italien-Reise, die ich mit Johannes machte, doch mal besonders beschreiben müssen, damit nicht dumme Märchen entstehn, und damit mir nicht Dinge, die in der höchsten Not ihre Ursache hatten, als Renommistereien in die Nachwelt dringen. Nachmittags fuhren wir nach Spiez zurück – das letzte Stück per Dampfer auf dem Thunersee, und abends stiegen wir in strömendem Regen den Pfad nach Aeschi hinan. Diese Berner Reise war eine hübsche Abwechslung. Ich bin stolz, meiner Alkohol- Kaffee- und Nikotin-Askese treu geblieben zu sein. Außerdem brachte diese Reise einen Schutzvertrag zwischen Margret und mir. Wessen Vater zuerst stirbt, zahlt dem andren 1000 Mark zinslos bis zum Tode des andern Vaters.

 

Aeschi, Freitag d. 16. September 1910

Madame Arnaud ist abgereist. Johannes begleitete sie an die Bahn in Spiez. Sie hat ihm einen Monatswechsel von 50 Franken versprochen. Ob sie’s halten wird? Ich bin sehr im Zweifel. Aber es wäre ein großer Segen. Zum Abschied hat sie ihm 20 Franken geschenkt, und er hat mir ein Paar sehr schöne Filzschuhe für den Hausgebrauch gekauft. Seit meiner Apothekerzeit habe ich keine Hausschuhe mehr besessen und bin sehr glücklich über das Geschenk und über die liebe Gesinnung des Freundes.

Von Frau von Ruttersheim kam ein Brief an. Sie will zwei der Chansons haben, die übrigen weist sie mit höflichen Gründen zurück. Ich habe sie darauf gleich angefragt, ob sie nun ein weiteres verlangt, oder sich mit den beiden Angenommenen begnügen will. In diesem Falle würde ich 150 MK von meiner Forderung ablassen, sodaß meine Rechnung „nur noch“ 350 Mk betrüge. Ich bin über die Maßen neugierig, ob ich dieses Mal Geld sehn werde. Es wäre herrlich, denn mein Barbestand ist so zusammengeschmolzen, daß ich hier mit erheblichen Schulden werde abreisen müssen, falls nicht noch in den nächsten 2 Tagen Hilfe kommt. – Onkel Leopold habe ich in einem längeren Brief meine Situation auseinandergesetzt, und ihn dringend gebeten, irgendwie Abhilfe zu schaffen. Ich glaube, es wird etwas kommen.

Das „Berliner Tageblatt“ ist wieder da – ich fand bei der Rückkehr von Bern einen Riesenstoß Zeitungen vor, die mir vom 1. September ab nachgeliefert ist. Ich fand nichts Beträchtliches. Kainz lebt noch, er hat Darmkrebs. Es widert mich an, wie die Blätter täglich voll sind von seinem traurigen Zustand, von dem er selbst nichts weiß. Der „Weltspiegel“ hat schon eine Kainz-Nummer veranstaltet, offenbar in der sicheren Erwartung, daß er bis zum Erscheinen wohl gestorben sein würde. Ekelhaft!

Zeppelins Luftschiff No. 6 ist in der Halle verbrannt. Unter 7 Ballons der fünfte, der zerstört ist: Aber die guten Deutschen sind so Zeppelin-begeistert wie nur je. Die Apparate der Herren Gross und Parseval funktionieren tadellos, aber das Volk schert sich darum nicht. Die werden ignoriert. Ein sonderbares Volk, das sich immer an der verkehrten Stelle begeistert. Als No. 4 bei Echterdingen ruiniert war, und man in ganz Deutschland Riesensammlungen für Zeppelin machte, geriet ich bei der Überfahrt über den Bodensee – auf der Reise von Ascona nach Deutschland – einer Sammlergesellschaft in die Finger, die mit einem Teller Beiträge für eine Zeppelin-Spende schnorrte. Jeder gab etwas. Ich lehnte ab mit der Begründung, ich gäbe für militärische Zwecke kein Geld aus. Ich sehe noch die verächtlichen Mienen mit denen ich betrachtet wurde. Die Millionen, die damals zusammenkamen – und natürlich nur, weil es einer neuen Waffe fürs „Vaterland“ galt – sind inzwischen längst explodiert, verbrannt, zerschlagen und davongeflogen. Ich denke auch noch mit Empörung daran, wie Singer namens der Sozialdemokraten im Reichstag erklärte, die Fraktion werde für die Luftschiffausgaben im Militäretat stimmen, weil es sich um eine kulturelle Tat handle. Die Neuerung, im Kriegsfalle eine Waffe zu stellen, die zu grauenvollsten Mordkatastrophen von oben herab dient, eine kulturelle Tat! – Die Herrschaften haben ja auch jetzt in Kopenhagen wieder gezeigt, was sie unter „Antimilitarismus“ verstehn.

Im Übrigen ist die Zeitung voll von langweiligen und gleichgültigen Polemiken. Die einzige politische Forderung, die gegenwärtig die Opposition in Deutschland beherrscht, ist die eines freien Wahlrechts in Preußen. Darum Zeter und Mordio! Eine einzige der Forderungen von 1848 wird jetzt – nach 62 Jahren – herausgebuddelt und als Erfüllung aller Freiheit ausposaunt. Es ist kläglich. Und was wohl der deutsche Reichstag mit seinem gepriesenen allgemeinen Wahlrecht je besseres zuwege gebracht hat als der Dreiklassen-Landtag? Ich stehe bei Varnhagen Ende 1849. Das war ein Unterschied gegen heute! Die Reaktion ist genau dieselbe geblieben. Aber damals war allgemein die Empörung über sie, der heiße Drang, sie revolutionär zu besiegen – das glühende Verlangen nach wirklichen Rechten, nach wirklichen Freiheiten. Heute: dürftige Polemiken nach rechts; sittliche Entrüstung, Verlogenheit, Totschweigen und Fälschung gegenüber allem revolutionären Vorwärtsdrängen. Das ist Opposition! – Ein Zeichen der Zeit: Der Juristenkongreß hat sich in diesen Tagen in Danzig für Beibehaltung der Todesstrafe ausgesprochen. Zur Demonstration sollte sie an jedem, der zu diesem Beschluß mitgewirkt hat, vollzogen werden.

 

Aeschi, Sonnabend, d. 17. September 1910.

Gestern führte mich Johannes zu einem Wunderdoktor, einem Bauern, namens Fister. Ein eigentümliches, gutmütiges schlaues Gesicht. Langsame bestimmte Schweizer Dialektsprache. Ich mußte Patient spielen. Aber der Mann war Psychologe genug, bei mir nicht Besprechungen oder Betereien zu versuchen, womit er sonst arbeitet. Auch ein Amulett blieb mir erspart. Er fragte mich, wie ein Arzt fragt, fühlte den Puls, konstatierte ganz richtig Blutstockung und verordnete etliche Kräuter, nicht nach Gewicht sondern nach „Rappen“. Ganz gescheite Sachen zur Blutreinigung, die ich mit Rotwein ansetzen und esslöffelweise nehmen soll. Daneben empfahl er Chinaeisenwein und kalte Waschungen des ganzen Körpers täglich zwei Stunden vor dem Aufstehn. Das letzte, das nichts kostet, habe ich heut versuchsweise angefangen. Es war ein überaus molliges Gefühl, als ich nach der Abwaschung noch einmal ins Bett kroch. – Johannes schwört auf den Kerl. Mir macht es Spaß, und ich bin weit entfernt, ihn einen Charlatan zu heißen. Er glaubt durchaus an sich selbst, und ich habe keinen Zweifel, daß es Menschen giebt, die von Natur aus zur Erkennung und Heilung von Krankheiten begabt sind und daß dieser Bauer ein solcher Mensch ist. Auch werden mir die wissenschaftlichen Rationalisten von der Sorte meines Bruders im Leben nicht weismachen, daß alle seelische Einwirkung – die noch garnicht immer Suggestion zu sein braucht – Humbug und Hokuspokus sei. So weit sind wir noch nicht in der Erkenntnis der Dinge, um irgend etwas Frommes als falsch und schwindelhaft erledigen zu dürfen. – In Bern erfuhren wir, daß sich Ernst von May zur Heilsarmee bekehrt habe. Einer der feinsten und differenziertesten Menschen, die ich kannte, und Johannes hat ihn einmal sehr geliebt. Ich bringe es nicht über mich, ihn zu verspotten oder auch nur zu bedauern. Ich verstehe vieles, was religiöse Sehnsucht vermag, wenn ich auch die erwählte Form ihrer Erfüllung recht dürftig und primitiv finde. Im Februar suchte mich May noch in Zürich im Cabaret auf. Damals sprachen wir stundenlang recht gut miteinander. Er deutete merkwürdige Dinge an, u. a. erzählte er, daß er heiraten wolle und daß er jetzt ganz anders zur Welt stehe als früher. Also an die Heilsarmee hat er schon damals gedacht! – Mit dem ehemaligen Anarchisten, jetzigen Wanderprediger Binde ist’s ja ähnlich gegangen; und mit Fanny Imle. Ich fühle mich nicht berechtigt, diese Menschen zu mißachten und zu verurteilen. – Auch an Hedwig Wangel denke ich.

Abends las ich Johannes aus Gutzkows Schriften vor (1842). „Ein Besuch bei Bettina“. Sehr lebendig. Ferner ein Nachruf auf „Rosa Maria Assing“, die Schwester Varnhagens. Das Bild dieser Frau war mir neu, doch fesselte es mich nicht sonderlich, zumal Gutzkow in ihrer Lobpreisung schrecklich weinerlich und predigerhaft wird. Sehr schön war hingegen ein von ihm veröffentlichtes Bruchstück aus einer Novelle Georg Büchners: „Lenz“. Ich hatte mich mit Lenz nie befaßt, doch ist er mir durch das was ich kürzlich schon bei Tieck über ihn las und nun besonders durch diese Büchnersche Novelle sehr nahe gebracht. Ein wundervolles Eindringen in die wirre kranke Psyche eines armen Dichters. Für Büchner ebenso lobenswert wie für sein Objekt Lenz. Ich werde mich bald eingehender mit den Werken von Lenz befassen. Er scheint nach allem in die Reihe der Dichter zu gehören, die mich bei meinem Temperament und meiner Gefühlsrichtung ganz besonders angehn.

Heut früh kam ein Brief von Frieda. Sie ist am neunten September von einem Mädchen entbunden worden. Ich werde wohl noch einige Tage vorübergehn lassen müssen, um zu diesem Ereignis rechte Stellung zu gewinnen. Der Brief ist lieb und freundschaftlich gegen mich, klingt aber etwas müde. Wäre ich nur erst in München und dürfte dieser herrlichen Frau die Hände küssen! Bei aller Bitterkeit, die ich Frick gegenüber spüre – so ganz frei von aller Eifersucht bin ich vielleicht doch noch nicht –, ich freue mich sehr darüber, daß Friedels Wunsch erfüllt ist. Wie dankbar bin ich dieser Einzigen, die mich je gelehrt hat, was es bedeutet, geliebt zu sein.

 

Aeschi, Sonntag d. 18. September 1910.

Ein sehr lohnender Ausflug mit Johannes und Cecha zeigte mir die Landschaft der Umgegend über Frutigen hinaus. Dorthin ging’s von Mühlenen aus mit der Bahn. Dann zu Wagen zum Blausee. Es ist eine Unverschämtheit, daß dieses wundervolle Naturphänomen in Privatbesitz und erst nach Zahlung von einem Franken zugänglich ist. Es mag bei der sehr armen Bevölkerung dieser Gegend der Schweiz viele geben, denen der schönste Anblick, den die Natur in ihrer nächsten Nähe bietet, zeitlebens versagt bleibt. Die „freie Schweiz!“ – Der See ist herrlich. Von tiefblauer wunderbarer reiner Farbe, das klarste Quellwasser, das sich denken läßt. Man sieht, obwohl der See bis 25 meter tief ist, mit der größten Klarheit bis auf den Grund, jeden kleinsten Stein erkennt man auf dem glatten Seeboden, der stellenweise von mächtigen schon versteinten Bäumen bedeckt wird, von riesigen Steinen und gewebehaft schwammigen Algen. Ob die dunkelblaue Farbe des Wassers eine Spiegelung oder die Art des Grundgesteins zur Ursache hat, kann ich nicht entscheiden. Jedenfalls gehört dieser See, der inmitten des schönsten Bergwaldes liegt, zu den kostbarsten Naturschönheiten, die ich bisher sah.

Auf der Rückfahrt stellte uns Johannes einen ganz seltsamen Kerl vor, einen alten Kutscher aus Frutigen, der aus einer 30jährigen Schindmähre, die er einen entsprechenden Mietswagen nach dem Blausee ziehen läßt, ein kärgliches Einkommen herausschlägt. Der Mann – er heißt Ogi – treibt schwarze Magie, und erzählte, wie er nur durch seinen Willen und unterstützt von den Lehren alter Wunderbücher, schon drei Leute, die ihm Unrecht zugefügt hatten, ums Leben gebracht habe. Er schneidet dazu das Bild dessen, den er strafen will aus Papier aus, ritzt in einen jungen Birkenstamm eine Öffnung, klemmt das Bild hinein, und schlägt einen Nagel durch das Herz des Bildes. – Seine Frau, behauptet Ogi, habe die Hand eines Mannes, der sie während der Schwangerschaft schlug, während der Wehen verflucht, und sie sei abgedorrt und noch heute nicht zu gebrauchen. Als Mittel, Feinde unschädlich zu machen, gab er ferner dies an: Man hülle einen Maulwurf in einen Kittel und schlage mit einem Birkenzweig darauf, bis das Tier tot ist. Der Mensch, an den man bei dieser Prozedur denkt, wird sterben. Der Mann glaubt fest an alle diese Dinge. Ein hübscher Volksglaube, den wir von ihm erfahren, ist der, daß abgetriebene Kinder im jenseitigen Leben von den Eltern die auf Erden versagte Sorge begehren.

Beim Nachhausekommen fand ich einen Brief von Onkel Leopold vor. Er schickt mir 100 Franken. Außerdem glaubt er von meinen Geschwistern monatlich 75 Mark herausholen zu können, falls ich mich verpflichte, in München in einer Pension Wohnung zu nehmen, wo völlig für mich gesorgt wird. Ich bin die Verpflichtung eingegangen, obwohl mir die ständige Bevormundung, die ich erfahre, mehr als ekelhaft ist.

 

Luzern, Dienstag, d. 20. September 1910

spät abends.

Dies schreibe ich vor dem Schlafengehn in der Wohnung eines Kameraden, eines russischen Juden, ich glaube, er heißt Peyer. Zuerst will ich aber nachtragen.

In Aeschi hatte das Regenwetter endlich aufgehört und ein paar wundervolle Tage zeigten mir zum ersten Mal den wundervollen Blick über die Alpen, weit hinaus die Schneegipfel des Mönchs und der Jungfrau und die prachtvollen Schneeberge der Blümlisalp. So machten wir uns Sonntag wieder auf den Weg und kamen auf etwas abenteuerlichen Wegen, die mich an Ascona-Touren auf die Berge, von denen es keinen Entrinnen mehr zu geben schien, erinnerten, über verbotene Brücken nach Wimmis, einem hübschen Dorf am Fuß eines Berges. Etwa eine halbe Stunde marschierten wir dorthin eine Chaussee entlang, die wohl die schönste Landstrasse ist, die ich noch sah. Ein sehr gepflegter Weg, links und rechts von prächtigen Bäumen bestanden, links und rechts weiter Blick über saftige Matten und Wiesen und weit genug entfernt, um als willkommene Umrahmung zu wirken, links und rechts schöne, formedle Berge, hinter denen weit hinaus im Sonnenglanz die fernen Schneegipfel leuchteten. Zurück ging es im Mietswagen. – Ich las den siebten Band Varnhagens weiter und exzerpierte aus dem vierten.

Gestern, kurz bevor ich die Pension Baumgarten verließ, kam Cechas Schatz an, ein gewisser Hennek Hirschenberg aus Lodz, der mit ihr über Südfrankreich, wo er alte Kloster zeichnen will, nach Paris fahren will. Ein feiner, kluger, differenzierter, witziger Jude, gut aussehend, trotz der sehr kurzen Dauer des Zusammenseins wert vermerkt zu werden.

Nachmittags fuhr ich mit Johannes nach Bern. Er ging zu Lang, ich – nach kurzem Aufenthalt bei Margrit Faas mit einem ihrer Freunde, den ich dort kennen lernte, zum Café du Théatre. Dieser junge Mann heißt Emil Fey, ist Wiener und interessiert mich wegen seiner bibliographischen Neigungen. Er hat alte Übersetzungen von Proudhon ausgegraben, und sich eine recht wertvolle kleine anarchistische Bibliothek zugelegt. Ob sonst noch Werte in dem 22jährigen Jüngling stecken, bleibt abzuwarten. – Später spielte ich mit Berndl Billard, ging dann mit ihm spazieren, wobei wir viel über Landauer diskutierten. Er scheint mir reichlich oberflächlich. Entsetzt war ich über sein Bekenntnis zu Landauers Tarnowska-Artikel. Ganz primitiver beschränkter Spießerstandpunkt in Sexualdingen. Landauer würde wohl erschrecken, wenn er hörte, wie eng man sein Bekenntnis deutet. – Abends im Café mit Johannes, Berndl, Fey und Siegfried Lang. Mit diesem sprach ich lange über seine verlegerischen Pläne. Ein feiner, blonder, junger, hübscher Homosexueller, mit dem Johannes sich enger anzufreunden scheint. Ich würde es sehr wünschen, daß er oben in Aeschi häufiger Besuch erhielte, und die beiden scheinen von einander recht enchantiert. – Nachts (ohne Fey) wir andren noch lange im Bahnhof-Restaurant, wo ich ausführlich unsere beiden Italien-Reisen erzählte. Sie waren doch sehr abenteuerlich!

Ich schlief wieder in dem Riesenbett bei Margrit, dieses Mal ganz allein. Margrit traf ich laut Verabredung erst gegen 10 Uhr – natürlich mit Fey – am Bahnhof. Dann zogen wir drei zu einer Dame, von der mir M. schon bei meinem letzten Aufenthalt in Bern erzählt hatte: Alix. Ich hatte nämlich Margrit von der Idee gesprochen, sie solle die „Freivermählten“ ins Französische übersetzen, vielleicht werde das Stück in Paris eher reüssieren als in Deutschland. Sie hatte ja gesagt und gemeint, aber vor allem müsse Alix helfen, und dann mit solcher Wärme von ihr gesprochen, sie so schön geschildert, daß ich darauf bestand, die Dame kennen zu lernen. So gingen wir also zu dreien hin, ich mit dem Manuskript unter dem Arm, bei rieselndem Regen, einen langweiligen, schmutzigen Bergweg hinan. – Ich habe den Besuch nicht zu bereuen. Alix – genauer Alix Billain – ist ein wundervolles Weib, schon 33 Jahre, was man ihr nicht ansieht (und wenn schon: Frieda ist 34), lebhaft, entzückend anzusehn, klug, temperamentvoll – kurz: ich war vom ersten Blick begeistert. Sie ist halb Französin, halb Engländerin, in Deutschland aufgewachsen, führt ein Abenteurerleben und gefällt mir über die Maßen gut. Ich las das Stück vor, das sehr gefiel. Alix wird es, da sie nächste Woche nach Paris fährt, allein übersetzen. Ich versprach ihr die Hälfte aller Einnahmen. Ich habe die größte Neigung, ihretwegen nach Paris zu gehn, obwohl sie mir gesagt hat, daß sie unheilbar monogam veranlagt sei, und dort sicher einen Geliebten hat. Mein letztes Wort zu ihr war: „Wir werden in Verbindung bleiben“.

Nachmittags war ich mit Johannes und Lang beisammen in einer Theestube, dann begleiteten sie mich – mit Margret, die wir noch abholten, zum Bahnhof, wo auch Berndl war. Um 8 Uhr 15 traf ich in Luzern ein, vom Kameraden Schneider Losch und Frau und noch einem Kameraden empfangen, die mich sogleich zur Walhalla führten, einem alkoholfreien Restaurant, gut besetzt (60–70 Personen. Mehr hatten kaum Platz), und dann redete ich los, eine Stunde über „moderne Kulturforderungen“. Es ging ganz gut, obwohl ich bei der Einleitung, Kritik der bestehenden Gesellschaft, solange blieb, daß mir für die Kritik der sozialdemokratischen Partei noch eben genug Zeit blieb, die Erörterungen über das Positive des „Soz. Bundes“ aber sehr zu kurz kamen. Natürlich lebhafter Beifall. In der Diskussion tat sich zuerst ein Sachse hervor, der aus seinen Familienleben rührend erzählte um darzutun, daß die Ehe eine schöne Sache und die Welt kein Kaninchenstall sei, und der dann in predigerhafter Süßlichkeit (scheußlich! immer fürchterlich sächselnd!) gegen den „Anarchisten“ Alkohol wetterte. Losch erzählte, daß der „Demokrat“ (sozialdemokratisch) das Inserat für den Vortrag verweigert habe. An mein recht lebhaftes Schlußwort knüpfte sich eine weitere Diskussion, bei der sich herausstellte, daß sämtliche Genossen der Luzerner Gruppe „Aufbau“ zugleich Mitglieder des sozialdemokratischen Arbeitervereins sind. Es blieb mir nichts übrig, als die Genossen darin gründlich zu desavouieren. Kleiner Krach mit einem Sozialdemokraten, aber ziemlich friedlicher Ausgang der Versammlung. Die Kameraden zeigten sich nachher sehr nett, begleiteten mich in großer Menge – etwa 10 – bis zum Hause des Genossen, der mich nun beherbergt, und dessen nette Frau mir das Sofa der guten Stube bezogen hat. Eine reizende Schwägerin begrüßte mich ebenfalls. – Morgen soll es nach München weitergehn.

 

Luzern, Mittwoch d. 21. September 1910

Noch immer in Luzern. Ich sitze in einer Conditorei gegenüber dem Vierwaldstädter See, dessen Wasser durch ineinander verwachsene Baumwipfel schmutziggelb hindurchschimmert. Die Wolken sind gelbgrau und hängen dicht und niedrig um die Berge. Der Pilatus sieht nass und gehässig aus. Es regnet. Gleichwohl bin ich ganz lustig. Die Versammlung gestern war doch spaßig. Ich schimpfte wieder mal wie ein Rohrsperling und bewies mir, daß ich noch immer einiges Temperament habe, obgleich ich immer dicker werde. Eine Wägung auf der Berner Bahnhofs-Automaten-Wage ergab eine Zunahme von weiteren 2 Kilo, sodaß ich nun 62 Kilo wiege, somit schwerer bin als je vorher.

Heute früh mußte ich mich bei der Frau des Genossen Eiben – so heißt der gute Russe, der mir Quartier gab, zu heißer Milch zwingen, dann begleitete mich die Schwägerin zu Losch, in dessen Küche ich vegetarisch zu Mittag aß. Liebe Leute. Jacob Losch gehört zu der gewissen Sorte Anarchisten, die erstaunlich viel mit Nutzen gelesen haben. Er fördert Kenntnisse zutage, vor denen ich beschämt schweigen muß, nennt Namen aus allen Bezirken des Wissens – aber immer mit jener ungebildeten Geschwätzigkeit, die das Zuhören bald zur Qual macht. Einer, dem man anmerkt, daß er sich zu Höherem geboren fühlt, und der sich dies „Höhere“ doch recht primitiv vorstellt. Er redet ungeheuer viel, redet sogar recht gescheit, aber es ist doch immer, als ob man in einem Kahn sitzt, der Ruderer langt mächtig aus den Strom hinaufzutreiben, aber alle paar Meter fühlt man das Kiel am Grund schrammen. Aber schön ist der Idealismus des Mannes, er lebt in anarchistischen, sozialistischen, menschheitssolidarischen Gedanken, hat den früheren „Sozialist“ gierig gelesen und gesammelt, studiert wahllos was ihm in die Finger fällt, sagt als drittes Wort „nämlich“, stürzt aus jubelnder Lebens- und Freiheitsbejahung unversehens in melancholische Betrachtungen über die Hoffnungslosigkeit aller Bemühungen, verteidigt gleichzeitig Radikalismus und Toleranz und hat seine netten Töchterchen Liberta und Brünhilde genannt. Wie oft sich dieser Typus doch unter den Anarchisten wiederholt. Bis tief in den Nachmittag hinein übergoß er mich mit seinen Ansichten, Erzählungen aus der anarchistischen Bewegung in Luzern, Berichten über die sozialdemokratischen Niederträchtigkeiten, die soweit gehn, daß die Sozi unbequeme Ausländer ausweisen lassen, über Episoden seines bewegten anarchistischen Lebens und Personalien. Endlich – gegen ½ 5 Uhr wurde ich ihn in der inneren Stadt los, mußte aber das Versprechen geben, heut abend wieder bei ihm zu sein, und im engeren Genossenkreise Gedichte von mir zu lesen. – Ich bummelte erst durch den Regen, ging dann in einen Kientopp, sah mir drei oder vier kitschige Aufnahmen an, teils „dramatisch“, teils „hochkomisch“, was mir das Bad der anarchistischen Übergießung einigermaßen abtrocknete – und werde nun ein Lokal suchen, wo ich vor der neuerlichen Genossenzusammenkunft ein tüchtiges Stück Fleisch zu mir nehmen kann. – Ich freue mich doch der guten Gesinnung dieser Menschen. Es giebt Material, mit dem sich etwas anfangen läßt! Mir tut es wohl, endlich wieder einmal wirkliche „Genossen“ um mich zu sehn. Das giebt so stark das Gefühl des persönlichen Wirkens. Ich will dafür gern einen Tag später in München ankommen.

 

München, Donnerstag d. 22. September 1910.

Ich wohne in der Pension, in der ich mit Olden vor einigen Monaten den „Haifischtee“ verfaßte, Akademiestr. 9. Olden bewohnt das Zimmer neben dem, in dem ich dies schreibe, und das man mir für heute provisorisch gegeben hat. Morgen kriege ich ein besseres. Ganze Pension 130 Mk. Teuer genug. Gottseidank zieht Olden in diesen Tagen aus. Es ist nicht angenehm, Bekannte, die einem nicht recht nahe stehn, so auf dem Halse wohnen zu haben.

Ich werde chronologisch da fortfahren, wo ich gestern innehielt. Von der Conditorei aus, wo ich die gestrige Notiz in dies Heft schrieb, ging ich Abendbrot essen, und geriet in ein Lokal, in dem jener blöde Rechenkünstler saß, der einmal in die Torggelstube kam, mir scheint er heißt Dr. Brückli, ein Kerl, der sieben fünfstellige Zahlen nach einmaligem Hören vor und rückwärts und in jeder Reihenfolge auswendig nennt, addiert, multipliziert und ähnliche mnemotechnische Scherze treibt. Er zeigt gegenwärtig in Luzern seine Künste. Ein gräßlicher Esel, dessen Gesamtintelligenz bei der Hypertrophie der einen Gehirnsphäre, in der die Mathematik lagert, natürlich völlig minderwertig ist. Ich war froh, als ich das kulturwidrige Monstrum los war, und ging zu Losch, wo sich etwa 10 Kameraden versammelten. Losch war von seinem Schneidertisch, von dem aus er mir am Tage mit überkreuzten Beinen seine Vielseitigkeit dargetan hatte, heruntergekommen und schimpfte nun, auf dem Fußboden stehend, auf alle „Oxodoxen“. Ich mußte an Judenpauls „tabula rabbula“ denken. Aber bei aller Einbildung und Torheit – ich habe diese Art Menschen doch recht gern. Auch Jacob Losch ist ein Prachtkerl, mit soviel Anständigkeit des Empfindens, soviel Gerechtigkeit und Menschenliebe, wie man sie wirklich nur bei Anarchisten findet.

Ich sollte aus meinen Versen vortragen, und außer mir gab auch Frau Losch einige Rezitationen zum besten. Es war rührend, wie die einfache Frau, mit ihrem breiten oberbayerischen Dialekt, die Hände verlegen an der Schürze drehend, ohne eine Spur von Talent Mackays „Unschuldig verurteilt“ sprach, diesen temperamentvollen, aber doch künstlerisch schwachen Monolog eines, der von der Gesellschaft zum Verbrecher gemacht wurde; – sie geriet sichtlich in Erschütterung bei ihrem Vortrag und mich ergriff das Gedicht bei diesem ganz kümmerlichen Hersagen mehr, als hätte es Kainz gesprochen. Bierbaums „weißer Maulwurf“ folgte. Daran, daß dieser Vortrag einfach komisch auf mich wirkte, erkannte ich wieder, ein wieviel stärkerer Dichter Mackay ist, auch dann noch, wenn sich Bierbaum einmal zum Sozialsatiriker erhebt. Ich mußte eine ganze Menge Gedichte zum Besten geben. Zum Schluß gab es noch eine ausgiebige Diskussion, in der ich den Genossen noch einmal klar zu machen suchte, daß es eine Unmöglichkeit sei, gleichzeitig dem sozialistischen Bunde und einem Arbeiterverein anzugehören, dessen Beiträge der sozialdemokratischen Partei zugute kämen. Auch bekämpfte ich die leider auch von Landauer geförderten Pläne mancher Genossen, jetzt schon mit einer Siedlung zu beginnen. Nur keine Konzessionen! Lieber nichts – als Kompromisse! – Gegen 11 Uhr brachten mich alle in die Stadt hinunter und ich schlief im Hotel „Einhorn“ für 2 Franken recht gut.

Heut früh dampfte ich von Luzern ab – nachdem ich in aller Frühe einen lustigen Stammbuchvers gemacht hatte. Von Landschaft war wenig zu sehn. Der Himmel überall trübe, tief bewölkt und neblig. Dabei plumpe unschöne, zusammenhanglose Berge – ich weiß nicht was die Menschen daran so berauschend schön finden können. Sie versperren mir den Ausblick und beleidigen mein Bedürfnis nach harmonischen Gebilden. Weiter nichts.

Ein Trost auf der Reise war die Fahrt über den – leider auch schwer verhängten – Bodensee, der in seiner Weite und Mächtigkeit meine ganze Liebe hat. Dort sind die Bergzüge am Platze. Sie schließen aneinander an und stehen nicht unverschämt direkt vor der Nase.

Uli, die ich telegrafisch verständigt hatte, begrüßte mich zärtlich am Bahnhof. Sie sieht angegriffen aus. Ich war mit ihr im Café Wittelsbacher Passage und aß mit ihr in der Neuen Börse Abendbrot. 5 Mk schenkte ich ihr in bar. Dann mietete ich mich hier ein. Nun ist es bald Mitternacht. Ich will schlafen gehn. – Einige Bemerkungen, die ich gern noch über die letzten Zeitungsneuigkeiten gemacht hätte, muß ich bis morgen aufschieben. Vor allem über den Verlauf des sozialdemokratischen Parteitags in Magdeburg. – Daß Josef Kainz in Wien gestorben ist, sei nur registriert.

 

München, Freitag d. 23. September 1910.

In Magdeburg gehn arge Dinge vor. – So langweilig und abgedroschen der Streit zwischen „Radikalen“ und „Revisionisten“ innerhalb der sozialdemokratischen Partei Deutschlands an sich ist, und so gleichgiltig zumal der aktuelle Streitfall ist – die Bewilligung des Staatsbudgets in Baden durch die Genossen, die Annahme des scharfen Antrags Zubeil – bei einer Wiederholung solcher Disziplinwidrigkeit seien die Schuldigen aus der Partei auszuschließen – ist insofern eine recht interessante Überraschung, als dadurch zum ersten Mal das Prinzip unter heftigem Bellen beileibe nicht zu beißen, durchbrochen ist, denn die Giftzähne der „radikalen“ Majorität sind nun tatsächlich in die Hosen der Revisionisten eingeschlagen – ein Schritt weiter, und der Biß geht ins Bein. Ich verfolge die Sache mit vielleicht mehr Eifer als sie wert ist. Was gehts mich schließlich an, ob aus der einen liberal-demokratischen Partei zwei werden, die sich nur dadurch unterscheiden, daß die eine nüchterne kalte geschäftstüchtige Realpolitik, und die andre eine etwas demonstrativere Negation, eine in revolutionäres Getue eingewickelte geschäftskluge Realpolitik treibt? Mir persönlich sind übrigens trotz ihrer brutalen Majorisierungstaktik die sogenannten „Radikalen“ der Partei lieber. Sie haben wenigstens noch irgendwo soviel Scham, daß sie sich revolutionär stellen, und am Ende auch soviel unpraktischen Fanatismus, daß sie es über kurz oder lang zur Spaltung der Partei treiben werden. Vorläufig hat man ja die Entscheidung auf 2 Jahre verschoben – falls nicht heute schon die Blätter von einer würdigen Entscheidung der vergewaltigen Minderheit berichten sollten –: die Wahlen im nächsten Jahr sollen noch einmal die ganze Partei in geschlossener Einmütigkeit vortäuschen, in dem Schwindel werden die feindlichen Brüder wohl wieder einig sein. – Bebel hat übrigens brillant gesprochen. Demagogisch und versöhnlich, es wird dem alten Herrn recht peinlich sein, daß seine buldoggigen Ultras, die Rindviecher Zubeil und Stadthagen seine diplomatische Einfädelung der Sache so plump zerrissen haben. Auch Frank bemühte sich in den morschen Hosenträger noch einmal eine Sicherheitsnadel zu stecken, aber es scheint, daß das schöne Kleidungsstück, das trotz allem bisher die beiden Beine der Partei oben in einer Hülle zusammenhielt, nun doch rutschen soll. Hardekopf schreibt hübsche Berichte für die Münchner Neuesten Nachrichten. Ich ärgere mich nur über seine begeisterte Parteinahme für die Süddeutschen – er sollte das infame Gelichter, das in der „Münchener Post“ so lieblich repräsentiert wird doch kennen. Auch hätte er nicht nötig, den Liberalen gute Ratschläge auf ihren Parteitagsweg zu geben. – Gefreut habe ich mich sehr über einige Aeußerungen Bebels: „Es giebt eine Menge Nationalliberale unter den Genossen“. Ich erinnere mich, daß ich in einer Versammlung einmal fast gelyncht wurde, als ich von der „nationalliberalen Sozialdemokratie“ sprach. „Die sogenannten sozialistischen Monatshefte“. „Seht euren Führern auf die Finger“ etc.

Hier will ich eine kleine Episode festhalten. Als ich im Juli auf dem Wege von hier nach Frankfurt Landauer in Karlsruhe besucht hatte, traf ich, im Begriff dort abzureisen, auf dem Karlsruher Bahnhof Dr. Frank, der direkt vom Landtag kam und nach Mannheim in die Ferien ging. Die Budgetbewilligung hatte 2–3 Tage vorher stattgefunden. Wir begrüßten uns und er meinte im Hinblick auf meinen Prozeß: „Na, Ihnen hat man ja gründlich zugesetzt.“ „Ja, sagte ich, Ihnen steht’s noch bevor.“

 

München, Sonnabend, d. 24. September 1910.

Heut erhielt ich die neue Nummer des „Sozialist“, die meinen „Frauenrecht“-Artikel enthält. Er ist doch auch im Stil besser, als ich befürchtet hatte. Auch mit dem Abdruck der Varnhagen-Exzerpte ist in dieser Nummer begonnen. Ich will noch heute den Rest der Auszüge (bis März 1848) mit einem Nachwort versehn und nebst einem kurzen Bericht über die Luzerner Versammlung an Landauer abschicken. – Dann stehn mir gleich weitere Arbeiten bevor. Frau v. Ruttersheim will doch noch ein drittes Chanson haben und giebt mir selbst das Thema an, das sie behandelt wissen möchte. Albern, aber sicher geeignet für die Wirkung, die beim Wiener Cabaret-Publikum damit erzielt werden soll. Die 150 Mark, die ich, wenigstens nominell, dafür kriegen soll, werden mich schon zu dem nötigen Tiefstand des Geistes und Gemütes bringen, um den Schmarrn herzustellen. Schweinerei, was der Dalles geistigen Menschen für Prostitution aufzwingt! Und dabei bilde ich mir noch was drauf ein, von diesem Hurentume verhältnismäßig sehr wenig erfaßt zu sein. – Aber meine gute ehrliche Arbeit will man nicht. Drei Bücher harren des Drucks; für mein Stück finden sich aber keine Verleger und keine Bühnen, für meine Moritaten, selbst wenn Zille sie illustriert, keine Abnehmer, und somit für die vielen schönen Pläne, die ich habe, bei mir selbst keine Courage. Laufe ich an den Buchhandlungen vorbei, dann suche ich jedesmal ganz unwillkürlich unter all dem Mist der in den Fenstern liegt, nach meinem Namen, obwohl ich doch weiß, daß ich ja seit mehr als 1½ Jahren nichts mehr publiziert habe – und dann packt mich Wut und Bitterkeit. – Gestern war ich zum ersten Mal wieder in der Torggelstube. Der – selbst in meinem Zimmer – unvermeidliche Balder Olden und Gumppenberg waren da. Kein Wedekind, keine Reinhardiner. Ich notzüchtigte aber Gumppenberg, mich zur Mitarbeit an seinem „Licht und Schatten“ aufzufordern, das sehr gut zahlt. Ich bin auf die Ausreden neugierig, mit denen er meine Einsendungen ablehnen wird. Und nun geht auch die regelmäßige Mitarbeiterschaft für den „Bär“ los, der am 1. Oktober erscheinen soll. Außerdem liegt hier ein Stoß Seiten aus dem Hesperus, aus dem ich für Johannes’ Jean Paul-Ausgabe „Emanuels letzten Traum“ durch Striche und Anordnungen dem modernen Publikum mundgerecht machen soll. Endlich wieder Arbeit! Hätt ich nur erst das mir zugedachte Zimmer in der Pension! Wenn ich eingewöhnt bin und alles an Ort und Stelle liegt, dann gehe ich auch wieder an ein neues Drama. Im Schubfach ist noch Platz.

 

München, Sonntag, d. 25. September 1910.

Nachzutragen wäre noch, daß ich vorgestern abend in der Torggelstube den Prager Dichter Hugo Salus flüchtig kennen lernte. Er kam mit ein paar Damen hinein, begrüßte Gumppenberg, ließ sich von Olden versichern, daß sie einander ebenfalls schon kannten, was er sich sehr höflich zu bestätigen bemühte und stellte sich mir vor, indem er behauptete, wir hätten uns auch schon mal getroffen. Ich erinnerte mich nicht, erst nachher kam mir vor, als hätte ich den Kopf seinerzeit bei den „Kommenden“ gesehn. Diese Begegnung ist ja eigentlich kein so bedeutsames Ereignis, daß ich darauf nachträglich hätte zurückzukommen brauchen. Mir scheint aber, daß dies Tagebuch doch wohl verfehlt wäre, wenn ich nicht die prominenten Leute, die zum ersten Mal in meinen Gesichtskreis treten, erwähnen sollte. Schließlich denke ich doch, daß diese Blätter einmal von irgendwem gelesen werden könnten, und diesem künftigen Irgendwem gegenüber fühle ich eine Art Verpflichtung, die Gelegenheiten, über Personen des heutigen Tages etwas zu sagen, zu benutzen, wie sie kommen. Salus machte trotz seines unzulänglichen Eklektikertalents als Lyriker und trotz seines etwas Klingebielschen Aussehens, – die Haare bammeln ihm um den Kopf, als ob sie da zum Trocknen aufgehängt wären – einen sehr sympathischen Eindruck. Er hat eine liebenswürdige Art des Benehmens und einen angenehmen herzlichen Händedruck. Seine schlechten Verse in der „Zukunft“ und der „Jugend“ werde ich künftig mit etwas mehr Wohlwollen lesen als bisher.

Gestern geschah wenig Bedeutendes. Ich sprach telefonisch mit Frieda, die ich heute besuchen soll. Vor mir liegt schon ein Packet mit Spielzeug. Ich freute mich doch sehr ihr liebes weiches, etwas singendes und fragendes „Halloh“! am Telefon zu hören, und ich bin sehr neugierig auf ihr und Fricks Töchterchen. – Nachmittags ging ich einmal über die Oktoberwiese, die heuer zum 100sten Mal und deshalb sehr festlich gefeiert wird. Ich sah einen Luftballon aufsteigen und viele tausend vergnügte Menschen umeinander drängen. Morgen will ich mit Uli hinaus, – das wird mehr Spaß machen und Miterleben statt Beobachten bewirken. Ich ging von dem Jahrmarktsrummel aus zu Uli, die etwas fieberkrank im Bett lag. Sie haust jetzt mit 2 Männern zusammen, dem Maler Seewald und dem Bruder des Hochstaplers und ehemaligen Kulturgründers Schiemann, die ihr beide anscheinend sehr ergeben sind und die sie zu eifersuchtsloser Rivalencourtoisie ausgezeichnet erzogen zu haben scheint. Ich spielte Chemin de fer mit ihr, wobei ich 5 Mark verlor, die ich am 1ten zahlen muß. Abends traf ich auf dem Wege zur Torggelstube Morax mit Cilla Stamm, die in der Zeit meiner Abwesenheit mit einander ein Verhältnis eingegangen sind. Recht so. Ob sich Morax’ bisherige Geliebte, die arme liebe dumme Ida mit ihrer abgründigen Häßlichkeit würdig damit abfindet, habe ich noch nicht heraus. Cilla jammerte – etwas zu viel – über ihre Geldlosigkeit. Schließlich versprach ich ihr, am 1. Oktober die 9 Mark zu zahlen, die die Verpflegung ihres Kindes in Zürich monatlich kostet, schenkte ihr auch gleich 2 Mark, damit sie nur erst ruhig sei. Auch will ich ihr eine Empfehlung an den Grafen DuMoulin schreiben. In der Torggelstube traf ich wieder die Herren Olden und v. Gumppenberg, außerdem das Riesenrindvieh Maximilian Burg. Jeder ritt sein Steckenpferd. Burg renommierte von Brasilianischen Aussichten, die ihm viele Millionen eintragen sollen, Gumppenberg versprach dem Agenten goldene Berge, der seine stiefmütterlich behandelten Stücke an tüchtige Bühnen lanzierte, ich setzte meinen alten Plan einer Autoren-Verlags-Genossenschaft auseinander und Olden übte sehr dilettantisch Ewerssche Hundeschnäuzigkeit, indem er dem Kinderschänder und Mädchenschulrektor Bock in Berlin Worte freudiger Anerkennung widmete. Arschloch! – Ich sehe die Notwendigkeit kommen, mich mit ihm zu verkrachen. In Freundschaft ist die Nachbarschaft in der gleichen Pension auf die Dauer unerträglich. – Spät kam Wedekind, der sich nach kurzer Begrüßung an einen andren Tisch setzte, wo Max Halbe mit großem Anhang – viel Damen – seine Sonnabendbowle trank. Die Herren sind zur Zeit grade friedlich. Wedekind bedankte sich sehr bei mir für meinen „Schaubühnen“-Artikel „Wedekind als Schauspieler“ und fragte mich, ob ich seinen Brief erhalten habe. Leider nicht. Ich werde heute gleich an Jacobsohn schreiben, denn ich bin sehr neugierig, was mir Wedekind darauf zu sagen hat. Er hat den Brief nämlich an die Redaktion der „Schaub.“ adressiert.

Der Sozialdemokratische Parteitag dürfte gestern geschlossen sein. Die feindlichen Brüder haben friedlich miteinander weiter getagt und sich gegenseitig jede Bereitschaft zur Einträchtigkeit versichert. Alberne Farce! Mehr Charakter haben die „Radikalen“ gezeigt, mögen die „Revisionisten“ sachlich hundertmal recht haben. Natürlich ist alle Welt sonst auf seiten der Revisionisten, aber ich habe verdammt Verdacht, daß sie das ihren weltmännlichen Formen verdanken. Mir ist natürlich Frank persönlich auch lieber als etwa Zubeil oder Stadthagen (wenn ich nur noch dran denke, wie der mir damals die Niederlage des Crimmitschauer Streiks mitteilte!), aber diese Köter wollen ja garnicht als Persönlichkeiten eingeschätzt werden, sondern als Instrumente der Parteiprinzipien, und da sind sie einfach die logischeren. – Das wichtigste, was dieser Parteitag zutage gefördert hat, war die Verlesung eines Geheimerlasses des Generals Frh. v. Bissing, der Anweisungen giebt, was im Falle eines Aufruhrs zu geschehen hat. Ein sehr wichtiges Schriftstück, das beweist, wie sehr – ganz dummerweise leider – die Behörden mit der Möglichkeit einer Volkserhebung rechnen, mit wie niederträchtigen Mitteln – Artillerie, Sprengstoffen, Brutalisierungen jeder Art – man jeder Revolution entgegenzutreten entschlossen ist, wie Menschenblut für diese Art Menschen nur der Bestandteil einer staatsmännischen Rechenaufgabe ist, und wie selbstverständlich überall der Zustand empfunden ist, daß das Volk, das Militär, wir alle, alle, alle uns dem zu fügen haben, was jene Erlesenen über uns verfügen. Sollte die Welt einmal wieder Zustände erhalten, wie sie vor tausenden von Jahren schon manchmal da waren, kulturelle, anständige, menschliche Zustände – ich denke ans klassische Griechentum, an Moses’ Zeit etc. – dann mögen die Geschichtslehrer ihren Zöglingen erzählen, daß die Leute des 20ten Jahrhunderts ihre vorgeschrittene Säkulumszahl als Symbol einer vorgeschrittenen Kultur auffaßten. – Ich fürchte fast, die einzige herrliche Entdeckung unserer Zeit – Ehrlichs Syphilisheilmittel – ist ein Anachronismus. Die damit kurierten werden herumlaufen, ohne zu ahnen, daß sie in Empfindung, Geist und Einsicht immer noch ärger verseucht bleiben, als sie es an Mark und Nieren je waren.

 

München, Montag, d. 26. September 1910.

Ich benutze eine Erholungspause zu dieser Eintragung. Cilla Stamm kam schon früh zu mir und ihre jammervolle Selbstbemitleidung hat mich ganz konfus gemacht ... Das schrieb ich um ½ 12 Uhr. Jetzt ist es ¾ 2, und ich kann fortfahren. Denn das unglückselige Geschöpf kam gleich wieder. Ich hatte sie mit einem Empfehlungsbrief zu Dr. Ludwig geschickt, und den traf sie nicht zuhause. Auch einen Brief an den Grafen DuMoulin habe ich verfaßt, vielleicht hilft der ihr. Augenblicklich ist sie bei Olden im Zimmer. Mag der zusehn, ob er sie beschäftigen kann. Herrgott, es ist entsetzlich. Man hat alle Sympathie für so ein Mädel, sie ist hübsch, freundlich, gescheit, teilt meine anarchistischen Ansichten, – und doch: wie soll ich ihr und ihrem Kind helfen, da sie weder Sprachen noch stenografieren noch buchführen oder sonst etwas Praktisches kann? und als Kellnerin, Kinderfräulein oder ähnliches nicht gehn will? Daß ich doch immer wieder in solchen Fällen der bin, dessen Hilfe gesucht wird!

Gestern war ich nun draußen bei Frieda. Eine Blume konnte ich ihr nicht mitbringen, weil die höfische Auffahrt, in die ich grade hineingeriet – zur Feier des Oktoberfest-Sonntags – mir eine Viertelstunde lang den Zugang zum Bahnhof verbaute, sodaß ich keine Zeit mehr fand, mehr als das Billet zu besorgen. Peter begrüßte mich. Der Junge wird mir immer lieber, und es sind wahrhaft väterliche Gefühle, die ich für ihn habe. Lächerlich, von Vaterliebe zu reden, die durch die Tatsache des Zeugungsvorgangs entstehn könnte. Liebe ich eine Frau, so empfinde ich zu deren Kindern als Vater. Als ich Frieda kennen lernte, stand sie nahe vor der Entbindung. Als Peter noch ganz ganz klein war, trat ich mit ihr in die engste Liebesgemeinschaft, und das – besonders ihre damalige Liebe zu mir – bestimmte mein Verhältnis zum Peter, wie es immer bleiben wird. – Ich spielte eine ganze Weile mit dem süßen Bengel, dann kam Frieda ins Zimmer, ihr Baby auf dem Arm. Sie sieht entzückend aus, stark, gesund, glücklich wie damals, und wie seither niemals. Das kleine Geschöpfchen hat lange dunkle borstige Haare, einen dunkelroten Teint und sieht aus wie eine kleine Mestizin. Sehr komisch, aber keineswegs schön. Es heißt Eva Verena. Frieda hätte es gern Frigga genannt, wollte aber ihren teuren Schwiegereltern diesen Tort doch nicht antun. Wie die sich verhalten werden, bleibt wohl noch abzuwarten. Soviel weiß ich jetzt schon: Mein Verhältnis zu Frieda bleibt durch das Ereignis ganz unberührt. Ich liebe diese Frau und werde sie lieben, mag sie Kinder haben, soviel und von wem sie immer mag. Ob sie mich noch einmal wird lieben können, das freilich kommt mir mehr und mehr zweifelhaft vor. Sie hat sich, wie es scheint, bei Frick zur konsequenten Monogamistin entwickelt. Monogamie aber ist ein Synonym für schwere Verliebtheit.

Abends machte ich das bestellte Chanson für Frau v. Ruttersheim und schickte es per Eilpost nach Wien. Sie ist mir jetzt also 500 Mk schuldig, die laut unserer Abmachung bis zum 1. Oktober zu zahlen sind. Heut haben wir den 26. September! – ?!?!?! –

 

München, Dienstag, d. 27. September 1910.

Ich bin tief empört, und diese Gemütsstimmung danke ich natürlich wieder der lieben Familie. Da bringt mir das Mädel einen Brief meines teuren Bruders ans Bett, in dem er mir nun die gnädige Bereitschaft der Geschwister kundgiebt, mir monatlich je 25 Mk Zuschuß zu gewähren. Schön. Sehr schön! – Aber, – da man ja nie wissen kann, und damit das Geld auch ausschließlich für mich verwendet wird, und weil es ja so sehr wichtig ist und auf daß ich das geschwisterliche Opfer nun auch ganz würdige und anerkenne, soll der Monatswechsel nicht an mich, sondern direkt an die Pensionsmama geschickt werden: natürlich nur die 130 Mk, die die Pension kostet, die andern 45 Mk an mich direkt. Diese neueste geschwisterliche Liebesleistung übertrifft doch wieder alles Dagewesene. Ich muß mich also, um das Almosen zu verdienen, sogar mit dem 100 Markwechsel, den ich bisher bedingungslos bekam, unter Kuratel begeben. Aber natürlich – Onkel Leopold schrieb gleichzeitig eine Postkarte – ganz ausschließlich „zu meinem Besten“. Natürlich! Das ist ja grade das Abscheuliche, daß alles, was „zu meinem Besten“ an mir geschieht, so ekelhaft entwertet wird, daß mir niemals die Möglichkeit zu einer dankbaren Stimmung gegen meine Wohltäter gegeben wird. Ich werde noch einen Vermittlungsvorschlag machen – das Einsenden der Pensionsquittung anbieten –, aber schlimmstenfalls muß ich natürlich auch diesen Trank schlucken. Ich muß bei Gott das Alter meines Vaters teuer bezahlen.

Gestern war ich mit Uli auf der Oktoberwiese. Ein kolossaler Betrieb. Es mögen wohl an hunderttausend Menschen da draußen gewesen sein. Ich bin gern, wo sich die Menge drängt. Der häßliche Einzelne wird dann so unpersönlich und hilft zur Schönheit einer gewaltigen Ganzheit. – In ein paar Buden sahen wir menschliche Monstrositäten. Einen jungen Menschen von 2,30 metern Länge, der zwei winzige Zwergmenschen vorführte, die doch recht widerlich wirkten, besonders als sie mit unmöglichen Organen Couplets über ihre eigne Mißwachsenheit vortrugen. In einer andern Bude zeigte man einen Kerl, „halb Mensch, halb Kamel“. Dies galt indessen nicht für seine Intellektualität, sonst hätte man kaum gewagt, ihn als Außergewöhnlichkeit zu demonstrieren, sondern für seinen Körperbau. Er hatte nämlich Beine und Füße, die von einer gelbbraunen Hornmasse überwachsen waren, ganz von der Farbe von Kamelbeinen. Sonst waren die Beine recht gut gebaut, und auch von einem Huf war keine Rede. Interessiert hätte mich, wie weit dieser Überzug reichte, besonders, ob die Genitalien normal waren. Aber bis etwas über die Knie reichte keusch ein Hemd. – In derselben Bude sehn wir dann einen „Automatenmenschen“, das war ein puppenhaft angestrichenes schandhäßliches Wesen, das breitbeinig, unbeweglich und mit verglasten Augen dastand, auf die Faxen des Conferenziers hin groteske Bewegungen mit Armen und Oberkörper vollführte, genau wie aufgezogen, marschierte wie die Blechfigürchen, die man laufen lassen kann, kurz: man war durchaus im Zweifel, ob es ein Mensch oder ein Automat war, und der starre Ausdruck der Augen, der auch, als ein Stab bis dicht davor und darüber hin und her bewegt wurde, unbewegt blieb, benahm fast jeden Zweifel, daß es sich um eine Maschine handelte. Nach einigen belebenden Fisimatenten des Dompteurs jedoch bekam das Instrument plötzlich Bewegung, klappte die Augen auf und zu, verbeugte sich und erklärte höchstselbst, daß er jetzt Ansichtskarten verkaufen werde, was er auch tat. Dann stellte er sich wieder breitbeinig hin, klappte die Augen zu einer blöden Starrheit hoch und war wieder Puppe. Die abgegebene Erklärung, dieses Monstrum sei der einzige Mensch, der fähig sei, sich aus eignem Willen selbst zu hypnotisieren, ist natürlich Unsinn. Die Kunst des Mannes besteht darin, daß er die Augenmuskeln beherrscht, um jedes Zwinkern abstellen zu können, ferner daß er die Glieder steif und automatisch zu bewegen vermag. Zudem ist er so vortrefflich ekelhaft geschminkt, daß die Illusion einer Wachsnachbildung völlig erreicht wird. Was für Existenzen! – Ich fragte mich nachher, was wohl einst aus solchen Menschen wird, die durch körperliche Verbildungen zu Ungeheuern wurden, wenn die Jagd nach dem Brot kein Erfordernis einer schuftigen Gesellschaftsordnung sein wird. Ob sie auf ihre Mißratenheit so eitel sein werden, daß sie sich doch zur Schau stellen werden? Und ob die Menge auch dann noch gierig hinterherlaufen wird, wo solche Monstra zu sehn sind? Wer kann das entscheiden? Ich muß mich schütteln, wenn ich dergleichen gesehn habe, um den eklen Eindruck loszuwerden. Die Vielen schütteln sich auch, aber sie empfinden ein Grauen, das einer Art Wollust verdammt ähnlich ist.

Abends suchte ich die Torggelstube auf. Als ich an den Stammtisch trat, wo ich Gumppenberg mit etlichen fremd aussehenden Herren sitzen sah, wurde ich plötzlich von einem Tisch hinter mir angerufen und sah dort zu meiner großen Freude Alexander Moissi sitzen. Ich begleitete ihn, da er eben im Fortgehen war, bis vor seine Wohnung. Am Donnerstag will er mir für die Wiederholung der von Reinhardt inszenierten Aufführung des „Oedipus“ von Sophokles in der Musikfesthalle der Ausstellung ein Billet reservieren lassen. Ich freue mich sehr darauf.

Gelesen habe ich, seit ich hier bin, nicht viel. Ich holte mir aus Oldens Zimmer eins seiner Rezensionsbücher, und zwar ein neues Novellenbuch von Johannes Schlaf. „Der alte Herr Weismann“ (Verlag Hans Bondy). Alle Freundschaft, die ich für Schlaf persönlich empfinde, alle Anerkennung seiner großen dichterischen Qualitäten vermögen nicht den Eindruck zu verhindern, daß er im argen Niedergang ist. Seine philosophischen und wissenschaftlichen Schriften kenne ich nicht – aber sie sollen garnicht ernst zu nehmen sein. In seinen letzen Romanen finden sich neben unendlichen Feinheiten und psychologischen Meisterleistungen ödeste Längen und Salbadereien, und auch diese Novellen, in denen er zu seinem früher stärksten Können zurückkehrt, zur Idylle, enttäuschten mich. Dieser Hang zum Idyllischen ist bei Schlaf an sich so sehr sympathisch, und wenn ich an seine lyrischen Erstlingsnovellen „Frühling“ und die „Kuhmagd“ zurückdenke, so muß ich ihn unter unsere feinsten Dichter zählen. Aber jetzt versagt er, und das liegt an seinem sprachlichen Unvermögen. Er ist nicht mehr imstande, jenen Detailfinessen, die in früheren Büchern so unglaublich heimlich wirkten, den notwendigen Ausdruck zu geben. Statt dessen finden sich geschmacklose Häufungen nichtssagender Partikelchen: „So war denn nun wohl nachgrade also –“ dies Beispiel ist kaum übertrieben. – Ich habe das Buch trotz vieler noch sehr schöner Einzelheiten, im Ganzen mit einigem Schmerz gelesen. Das ist nicht mehr der alte Johannes Schlaf. Natürlich habe ich Olden, der mich nach der Meinung fragte, ein günstigeres Urteil zu suggerieren versucht. Ich will nicht dazu beitragen, daß so ein Schmock etwa mit schadenfreudigem Grinsen dem Leserpublikum der „Münchner Neuesten Nachrichten“ oder eines ähnlichen Meinungsschlauches die heitere Geschichte eines gesunkenen Dichters vorsetzen soll. Ich ziehe meinen Hut immer noch tief vor dem Dichter, dessen älteren Werken ich wundervolle Stunden danke.

 

München, Mittwoch, d. 28. September 1910.

Ein ganzer Stoß Postsachen liegt neben mir. Endlich eine Postkarte von Johannes! Er ist nun ganz allein im Hotel Baumgarten. Cecha mit ihrem Schatz ist abgereist, ebenso die unsympathische Russin, die neben mir bei Tische saß. Seine Worte klingen lieb und befreit. – Ferner ein Brief Landauers. Er dankt mir voll Anerkennung für meine Behandlung der Varnhagenschen Tagebücher, erklärt sich mit meinem Vorgehen in Luzern einverstanden, und kündigt für die nächste Nummer des „Sozialist“ einen langen Artikel als Antwort auf meinen über das Frauenrecht an. Er scheint sehr versöhnlich geschrieben zu haben, denn er spricht die Hoffnung aus, daß wir uns in diesem einen trennenden Punkt endlich verständigen würden.

„Bleiben wir aber uneins, so zeigt das, was wir ohnedies wissen: daß unsre Ausgangspunkte, unsre Naturen verschieden genug sind, daß aber trotzdem uns Ziel und Weg gemeinsam ist.“ – Seine Frage nach der Münchner Gruppe ist mir etwas peinlich. Da hat Morax in meiner Abwesenheit viel verbummelt, was sich wahrscheinlich nicht mehr reparieren läßt. Und ich bin ganz Landauers Ansicht, daß grade in München das Zustandekommen von etwas Rechtem Ehrensache wäre. Schlafen lassen werde ich die Sache jedenfalls nicht. Landauers Brief ist mir sehr lieb, er bringt mich ihm innerlich doch wieder viel näher. Hoffentlich stellt er auch in dem Entgegnungsartikel seine autoritäre Art recht in den Hintergrund. –

Aus Lübeck eine Karte von Grethe und Julius, aus der ich ersehe, daß Papa wieder recht wohl ist und seinen Tätigkeiten fleißig folgt. Ferner als Drucksache zwei Exemplare der Beilage zum „General-Anzeiger“, „von Lübecks Türmen“, die viele Ansichten aus Parchim enthalten. Eine nette Erinnerung an meine Obersekunda-Zeit. Diese Aufmerksamkeit meiner Schwester freut mich doch sehr. Grethe war mir von jeher die liebste von meinen Geschwistern. Sie hat irgendetwas Unphiliströses, was ihr bessere und anständigere Gefühle giebt als Hans und Charlotte haben, die von Papa eine entsetzliche Engherzigkeit geerbt haben. – Schließlich ist auch noch ein umfänglicher Brief von Siegfried Jacobsohn da. Ich soll mein Gedicht für das neue Montagsblatt, das nicht „der Bär“ sondern „Deutsche Montagszeitung“ heißt, noch heute express abschicken. Vorläufig habe ich noch keine Ahnung, worüber es handeln wird. Dann will Jacobsohn meine Unterschrift für eine Protesterklärung gegen die Berliner Polizei, die die freien Volksbühnen durch Lustbarkeitssteuern und Zensurschindereien kaput chikanieren möchte. Selbstverständlich unterschreibe ich den Protest, zumal er in der Form recht energisch und würdig gehalten ist. – Diesem Brief lag nun auch der angekündigte von Wedekind bei, ohne Kuvert, da er auf dem Verlag „aus Versehen“ geöffnet wurde. Wedekind dankt mir darin für den „Schaubühnen“-Artikel, von dem er glaubt, daß er großen Nutzen haben werde, „da die Schaubühne ja wol in erster Linie von Literaten gelesen wird“. Sachlich meint er – und darin stimmen wir ganz überein – „Je selbständiger der Schauspieler um so werthvoller ist er. Nur dürfte er dem Autor nichts schuldig bleiben. Wenn er erfüllt hat, was die Rolle als notwendig fordert, dann mag er darüber hinausgestalten, soviel er kann. Aber wenn er das für die Rolle absolut notwendige nicht aufbringt, dann ist er meiner Ansicht nach im Unrecht.“ – Schon recht. Wenn aber Wedekind etwa findet, daß Gertrud Eysoldt das für die Lulu absolut notwendige weniger aufbringt als Tilly Wedekind, so ist er im Unrecht. Mag Tilly tausendmal mehr die Auffassung betonen, die Wedekind für die richtige hält, – die strömende Genialität der Eysoldt ist garnicht fähig, einer Rolle etwas schuldig zu bleiben. Und da – weiß ich nicht, ob Wedekind mit mir mitgeht. Der Brief ist mir jedenfalls als documentum humanum viel wert.

 

München, Donnerstag, d. 29. September 1910.

Es ist etwas Erfreuliches aus der Zeitgeschichte zu vermerken. In Berlin haben große Zusammenrottungen von Arbeitern und Frauen stattgefunden, die mit den Streikbrechern bei einem Moabiter Kohlenarbeiterausstand Händel gesucht haben. Es ist zu Schießereien gekommen, die Menge hat das große Polizeiaufgebot angegriffen. – Eben fährt, wie zur Illustration der freudigen Gefühle, die mich angesichts der Volksenergie beseelen, unter großem Gepränge, an der Spitze laut blasend eine berittene Musikkapelle, eine Batterie Artillerie unter meinem Fenster vorbei, ein endloser Zug von Kanonen und Pferden, deren Rasseln und Trappeln meinen Schreibtisch erschüttert. Das Volk bleibt gaffend stehn. Es scheint sich wenig Gedanken darüber zu machen, mit wessen Geld, zu wessen Schaden und auf wessen Knochen diese Mordinstrumente entladen werden könnten. Gottseidank, der ekle Zug ist vorbei ... Also in Berlin hat es richtige Straßenrevolten gegeben, eine Kirche wurde von der Menge gestürmt, es wurde aus den Fenstern geschossen, Frauen haben in ihre Häuser eindringende Polizisten – die unter persönlichem Kommando des bemerkenswerten Polizeipräsidenten v. Jagow („ich warne Neugierige“) stehn – angegriffen, eine warf solchem Burschen eine brennende Petroleumlampe an den Kopf, – kurzum: einmal ein deutlicher Beweis, daß sich auch deutsche Proletarier nicht mehr alles bieten lassen. Grauenhaft ist der Gedanke an die Strafprozesse, die den Exzessen folgen werden. Es wird viele Jahre Zuchthaus geben, und natürlich macht die „liberale“ Lumpenpresse vom Schlage der Münchner Neuesten Nachrichten schon jetzt scharf. Aber trotzdem: man kann von solchen Vorfällen ermutigt werden, wieder Vertrauen fassen zu den guten freiheitlichen Instinkten des Volks. Besonders beglückend ist die Lehre, die sich aus der Tatsache ergiebt, daß die Arbeiter so hoch über ihre Führer hinausgewachsen sind, daß sie es wagen, ihren jämmerlichen sozialdemokratischen Leithammeln diese Unannehmlichkeit zu bereiten. Wieder bestätigt sich mir, was ich immer wußte: daß die Berliner Arbeiterschaft die beste, männlichste, selbständigste und freiheitlichste in Deutschland ist. Es soll mich wundern, ob nun Ruhe herrscht in Moabit, oder ob die würdige Staatsregierung unter Bethmann-Hollweg Militär nach Bissingschem Rezept ausrücken lassen wird. Das würde viel Blut kosten, aber fruchtbare Saat sein für künftige Rache.

Gestern besuchte mich Hardekopf, der von Magdeburg zurück ist. Wir waren auch abends noch beisammen und hatten uns manches zu sagen. Es sieht schlecht aus, die Krankheit Emmys nimmt ihn auch bös her. Wir waren beide außerdem von Geldmangel gedrückt. Momentan besitze ich noch 30 Pfennige und weiß vorläufig garnicht, wie ich’s heute machen soll, daß ich in den Ausstellungspark hineinkomme, um die Aufführung des „König Ödipus“ zu sehn. Diese Not ist zu widerlich; ich kenne sie jetzt seit 10 Jahren fast, aber niemals werde ich mich daran gewöhnen.

 

München, Freitag, d. 30. September 1910.

Den schauderhaften Sommermonaten mit ihren unaufhörlichen Regengüssen, niedrigen Temperaturen, Stürmen und Dunkelheiten, folgt jetzt endlich – seit etwa einer Woche – ein prachtvoller Vorherbst. Ich ging gestern vormittag im Englischen Garten spazieren (und werde diese Promenade täglich wiederholen, solange das Wetter einlädt). Klarer warmer Himmel, lichte Sonne, und die Bäume, schon ein wenig angeherbstelt, in allen Farben frohgrüner Lebendigkeit und gelben und roten Alterns des Laubes getönt. Diese Stunde der Versenkung war eine köstliche Erfrischung.

Abends sah ich die Festaufführung des „Königs Ödipus“. Ich pumpte den Maler und Meggendorfredakteur Färber, der seine Roda Roda-Copie schon bis zur roten Weste treibt, um 2 Mk an. So war ich gesichert. Vor Beginn der Aufführung mußte ich mich an einen Tisch mir fremder Damen setzen, wohin mich ein Herr Rothenfelder lockte, indem er selbst sich erst vorstellte. Eine Frau d’Albert hatte den Wunsch geäußert, mich kennen zu lernen – ich hatte sie, wie sie mir ins Gedächtnis rief, schon einmal gesehn, als ich mit Lotte und Strich in der Loge des Schauspielhauses bei einer Wedekind-Aufführung saß und sie einen Platz in der gleichen Loge hatte. Eine nette herzliche Dame, die mich in ihre Villa nach Starnberg lud. Kaum saß ich, so überreichte mir der Herr Rothenfelder auch schon ein Gedichtbuch von sich und 5 Minuten drauf wußte ich, daß er unendliches erlebt habe – nämlich homosexuell sei und deswegen Familienunzuträglichkeiten habe. Ein großer Schwätzer. Die Gedichte stehn mir noch bevor. – Die „Ödipus“-Aufführung war einzig großartig. Die Riesenfesthalle, deren Zuschauerplätze sich amphitheatralisch aufbauen – es mögen gut 3000 Personen Platz finden, war völlig besetzt. Das Drama spielte sich auf den Stufen zum Palast des Königs ab. Die Bühnenbegrenzung waren vier mächtige ionische Säulen, flankiert von Kübeln mit freien Opferflammen. Die Volksmenge – Reinhardt hatte hunderte Mitwirkende zusammengebracht – strömte aus allen Türen in die Festhalle, ergoß sich in die Gänge vor den Stufen und agierte unglaublich wirksam zwischen den Tribünen des Publikums. Dadurch wurde das bildhafte Mitwirken der Zuschauer erreicht und der Gesamteindruck gewaltig erhöht. Wegener als Ödipus war mächtig und von stämmiger Kraft. Die breite starkknochige Figur, das knorrige Gesicht, die starken Armbewegungen, die dröhnende und dabei so überlegt temperierte Stimme mit dem etwas zischenden S-Laut – das war ein majestätischer großer Eindruck. Wegener war in dem von Ernst Stern entworfenen Kostüm das richtige Gefäß der ungeheuren sophokleischen Tragik. Tilla Durieux, die geniale Partnerin Paul Wegeners in vielen Dramen, war für die Rolle der Jokaste vielleicht zu jung. Ich hätte da lieber die Sandrock mit ihrem einseitigen Medea-Talent gesehn. Hier hätte es hingepaßt. Winterfeld als Kreon war stark, ohne genial zu sein. Er trat – und das war recht so – neben Wegener ganz zurück. Sehr zu loben ist Kühne, im Privatleben ein Gemisch von Schmierenkomödianten und Jesuitenkaplan, auf der Bühne in den Rollen, zu denen es gehört, eine sehr schätzbare Kraft. Er gab den Wortführer des Volks mit sehr schönem Pathos und sehr wirksamen Gesten. Moissi spielte den greisen Seher Theiresias, eine herrliche Leistung. Dieses unsagbare weiche biegsame, einschmeichelnde und in der Leidenschaft doch so gewaltige Organ! Dieser Ausdruck der Worte, der Gesten, des ganzen Wesens! Im Gegenspiel gegen Wegeners knorrige Kraftfigur bot sich eine unvergeßliche namenlos schöne und große Szene. Max Reinhardts Regieleistung war das Genialste, was ihm bisher überhaupt gelungen ist. Was dieser Mann dem Theater unserer Zeit bedeutet, wird eine künftige Zeit einzusehn und zu benutzen haben. – Hier in München kam ihm natürlich der vortreffliche Raum der Musikfesthalle sehr zugute. Für Berlin ist er in einigem Dilemma. Wegener möchte die Aufführung dort im Zirkus vornehmen. Ich schlug vor, lieber die Ausstellungshalle des Zoologischen Gartens zu benutzen. Dieser Vorschlag soll Reinhardt von einigen, die ich sprach, unterbreitet werden. Nach Schluß der Vorstellung traf ich am Ausstellungsparktor laut Verabredung Wegener und Käte Richter und wir fuhren mit Winterstein und mit der schönen rumänischen Elisabeth Weihrauch ins Hoftheaterrestaurant, wo sich an unserem Tisch noch Bernhard v. Jacoby mit Frau, Diegelmann, ferner ein Schulfreund Wegeners, Arzt in Karlsbad, und schließlich Frank Wedekind einfanden. Ich aß zum Abendbrot einen Rettich, weil mein Geld zu Größerem nicht reichte. – Es ist seltsam. Es hätte mich eine Andeutung gekostet, und ich hätte von Winterstein, Wegener und Jacoby ohne weiteres ein Goldstück haben können. Ich mochte nicht. Diese Leichtigkeit, von der ich soviel Jahre gelebt habe, habe ich ganz eingebüßt. Endlich zogen wir alle – außer Diegelmann und dem Arzt – in die Torggelstube, wo wir Steinrück, Gumppenberg und Olden trafen. Es war sehr nett. Gumppenberg bestritt die Berechtigung, heutzutage überhaupt noch Sophokles zu spielen. Wir hätten für diese Art Tragik keinen Sinn mehr. Ich erwiderte mit einem Hinweis auf Ibsens „Gespenster“, und nun entstand eine lebhafte Debatte zwischen Gumppenberg einerseits, Wedekind und mir andrerseits über die Idee der Gespenster. Gumppenberg behauptet allen Ernstes, die ganze Oswaldtragödie sei nur Beiwerk zu dem dramatischen Problem: Frau Alving – Pastor Manders, während ich, von Wedekind lebhaft unterstützt als Kern der Sache das Thema: „Die Sünden der Väter –“ behauptete, dabei natürlich aber die Frau Alving als Trägerin der dramatischen Tragik zugab. Wedekind sagte sehr hübsche Malicen gegen seinen alten Freund und Feind Gumppenberg. – Winterstein erzählte eine hübsche Geschichte aus der Vorbereitung der Ödipus-Aufführung. Ein Herr Kühler oder Dr. Kühler (glaub’ ich), Mitglied des Münchner Ausstellungskomitees, hatte sich heftig gegen die Hergabe der Musikfesthalle gewendet und gefragt, wer denn dieser Sophokles eigentlich sei, ein Moderner oder was sonst? Man klärte ihn darüber auf, daß Sophokles schon vor einigen tausend Jahren gelebt und das Stück geschrieben habe. „Na sehn Sie, meinte der kluge Herr, da wäre in der langen Zeit gewiß schon jemand andrer drauf verfallen, wenn mit dem Geschäfte zu machen wären.“ – Wegener war sehr lustig, er ermahnte mich wiederholt aufs Ernstlichste, auch so schöne Stücke zu schreiben, bei denen man so viel schreien kann. Ich sagte aber, auf so komplizierte Verwandtschaftsverhältnisse, wie sie in der Familie Ödipus obwalten, käme ich nicht so leicht. – Vielleicht spielt mein lieber Wegener doch noch einmal eine Rolle von mir! – Als ich mit Olden heimfuhr – Steinrück brachte uns mit einer Droschke bis zur Ecke der Akademiestrasse – erzählte er mir, daß er mein Zimmernachbar geworden sei, und gleich mir von dieser Nacht ab im dritten Stock wohne. Ich erklärte ihm darauf unverhüllt, daß das für mich ein Grund sein würde, ganz aus der Pension herauszuziehen. Heut früh teilte ich dies gleich der Wirtin mit, die mich nun von morgen ab in die erste Etage quartieren wird. Das ist umso erfreulicher, als ich gleich nachher mit dem Stubenmädel, einer reizenden Brünetten, ein Techtelmechtel anfing und auf meine Frage erfuhr, daß sie gleichfalls im ersten Stock wohne. Ich bin erotisch schrecklich ausgehungert. Es wäre ein Glück für mich, wenn darin endlich Regelmäßigkeit und Befriedigung einträte. Ich habe seit undenklichen Zeiten nicht mehr so viel und so gern geküßt wie heute.

 

München, Sonnabend, d. 1. Oktober 1910.

Der Monat fängt mit Geldsorgen an. Onkel L. schickte trotz meiner Bitte, wenigstens 50 Mk aus meinen eignen hinzulegen, nur im ganzen 100 Mk. – 44 sind schon davon an Johannes abgeschickt. Die Rechnung hier beträgt mit Trinkgeld 46 Mk. Was bleibt da als Taschengeld für Oktober, zumal ich 5 Mk unbedingt an Frieda zurückgeben muß, die ich gestern im Café Wittelsbacher Passage traf und anpumpte? Mit Frau v. Ruttersheim war ausgemacht, daß sie die Chansons vor dem 1. Oktober zu zahlen habe. Also den Vertrag hat sie schon gebrochen; ob sie nun noch nachträglich anständig sein wird? Ob ich die 500 Mk oder etwas davon zu sehn bekommen werde? Alle meine Erfahrungen sagen nein. Ich bin es zu sehr gewöhnt, daß ich alle Übereinkünfte halte, an mir niemals eine gehalten wird. Immerhin: die Frau ist sehr schön! Mag das als Trost dienen. – Das Berliner Montagsblatt, dem ich vor einigen Tagen ein recht nettes Einführungsgedicht schickte, habe ich sehr gebeten, dahin zu wirken, daß ich die 50 Mk monatlich – ach, es ist so infam wenig – praenumerando bekomme. Dann könnte ich zum 1. Oktober auf 30 Mk hoffen (20 erhielt ich in Berlin schon Vorschuß) und zum 1. November auf 50 Mk. Andernfalls erhalte ich jetzt nichts und in einem Monat 30 Mk. – Natürlich wird dieser andre Fall eintreten. – Die Redaktion von „Licht und Schatten“ schickte mir meine fünf erlesen guten lyrischen Gedichte mit einem geschäftsmäßigen Wisch als „ungeeignet“ zurück. Natürlich! Bessere Beiträge bekommt Gumppenberg von keinem seiner Mitarbeiter! Aber er hat politische Gründe, mich zu boykottieren. Er hat dazumal, als mich die „Jugend“ auf das leere Gerücht hin, ich sei homosexuell, aufs Pflaster setzte, und als Wedekind in großer Anständigkeit Sinzheimer darüber seine Meinung derart klar machte, daß der seitdem nicht mehr in die Torggelstube kommen kann, damals – während ich hilflos im Gefängnis saß – hat Herr Hanns von Gumppenberg für Sinzheimer gegen mich Partei genommen und gefunden, daß so ein Mensch nicht in einem literarischen Blatt arbeiten dürfe. Er ist also konsequent. Wir kennen uns, sitzen wir auch allabendlich noch so friedlich bei einander am Weintisch. Aber wartet nur, ihr Herren Sinzheimer und Gumppenberg. Die Rache behalte ich mir vor! Wenn ich nicht mehr abhängig und gedrückt in euren Kreisen sitze, dann werdet ihr eigenartige Dinge von mir erleben! Alle die, die es mich heute büßen lassen, daß ich – denn darauf läuft alles hinaus – mich vermesse eine Gesinnung zu haben, alle die sollen es bereuen! Wartet, ihr Hunde! Ich werde noch einmal zeigen, daß ich einer vom Alten Testament bin.

Meine Absicht, Käte Richter gestern abend in den Zug nach Wien zu setzen, mißlang leider, da der Zug ohne sie abfuhr. Ob sie schon fort war oder noch in München ist, weiß ich nicht. Ich hätte sie gern noch gesehn. Am Bahnhof traf ich Margarete Beutler und Freksa. Sie war übermüdet und so kam kein rechtes Gespräch auf. Ich habe für diese Frau, die ich vor 9 Jahren glühend liebte, doch immer noch eine Schwäche, so breit sie seitdem auch geworden ist.

Schrecklich ist, daß ich jeden Vormittag den Besuch Cillas habe. Sie geht mir furchtbar auf die Nerven. Ich lege ihr das Fortgehen näher als höflich ist – aber sie sitzt da – auch jetzt wieder ... So. Sie ist weg. Ich habe ihr gesagt, dies sei die Zeit, wo ich arbeiten müßte (Du lieber Himmel: „Arbeiten!“) Sie möge nachmittags kommen. Ich werde mich also in der nächsten Zeit hüten müssen, nachmittags zuhause zu sein.

Ich las dieser Tage die in den Verlag des „Sozialistischen Bundes“ übergangene Broschüre des Dr. Hermann Wetzel „Die Verweigerung des Heerdienstes und die Verurteilung des Krieges und der Wehrpflicht in der Geschichte der Menschheit“. Eine überaus wertvolle erfreuliche Schrift, die in großen Zügen brevierhaft den Gedanken des Weltfriedens und der Gewaltlosigkeit als Erkenntnis der Großen aller Zeiten nachweist. Die Broschüre würde nach meiner Überzeugung, agitatorisch geschickt verwendet, die beste Wirkung tun. Mir war wichtig, den Philosophen Karl Christian Friedrich Krause aus der Arbeit kennen zu lernen, der mir bisher ganz unbekannt war. Die Zusammenstellung von Aeußerungen gegen den Krieg ist geschickt und äußerst aufpeitschend. Doch garnicht erschöpfend. Jean Paul, Carlyle, Scheerbart hätten zitiert werden sollen. Aber Wetzel scheint wesentlich Tolstojaner zu sein und selbst die Gewalt auch als revolutionäres Mittel der Notwehr abzulehnen. Inzwischen hat ja Tolstoj selbst in seinem Manifest „Gegen den Krieg“ deutlich zwischen kriegerischer und revolutionärer Gewalt unterschieden.

Ferner las ich eine Novelle von Gorkij „Kain und Artem“, in einem Reklamband „Die alte Isergil und andre Erzählungen“, den ich schon in Château-d’Oex fast durchgelesen hatte. Sehr fein – gewiß! Aber immer etwas gewollt psychologisch – jeder Vergleich Gorkijs mit Dostojewsky und schon mit Tschechow ist frivol. Landauer schickte mir die 1. Oktobernummer des Sozialist mit einem langen Artikel „Von der Ehe“ als Polemik gegen meinen „Frauenrecht“. „Erich Mühsam in treuer Freundschaft“ steht am Rande. Sehr versöhnlich und recht schön. Um im Einzelnen urteilen zu können, muß ich ihn schon noch ein paarmal lesen. – Die nächste Nummer erscheint als Gedächtnisnummer zum Jahrestag der Erschießung Ferrers. Ich soll ein Erinnerungsgedicht dazu schreiben.

 

München, Sonntag, d. 2. Oktober 1910.

Jetzt habe ich glücklich das Zimmer in dieser Pension, in dem ich bleiben werde, und für die nächsten Tage steht mir die peinliche Aufgabe bevor, meine unzähligen Köfferchen und Kartons auszupacken. Denn ich will mich hier einrichten, als ob ich jahrelang wohnen bleiben sollte. Ist erst alles in Ordnung, dann hoffe ich, wird auch wieder rechte Arbeit in Gang kommen.

Landauers Artikel im neuen „Sozialist“ befriedigt mich sehr, wenn ich ihn auch nicht überall unterschreiben möchte. Er konzediert meinen Absichten über die Freiheit in Sexualdingen mehr als ich je erwartet hätte und schränkt die maßlosen Schimpfereien des „Tarnowska“-Artikels sehr ein. Seine Verteidigung der Ehe präzisiert er dahin, daß unter Ehe auch Vielehe oder Gemeindeehe verstanden werden könne. Ferner giebt er die Einwirkung der Geschlechtlichkeit auf alles seelische Erleben zu, mithin auch in den Freundschaften von Mann zu Mann, von Frau zu Frau. Was er aber noch gegen meine Auffassungen aufrecht hält, faßt er in die versöhnlichste Form, z.B. in die Frage, ob wir denn die Freiheit der „verantwortungslosen Lust“ überhaupt vertragen würden. Kurzum, ein sehr lieber, verständiger Artikel, in dem fast etwas wie Reue über den früheren durchklingt. Ich bin sehr froh, keinen Groll mehr gegen diesen Freund tragen zu brauchen. – Sehr gute Worte findet Landauer in der gleichen Nummer zu den Moabiter Streikunruhen, die noch immer nicht ganz beendet zu sein scheinen. Das haarsträubende, stupide und viehische Verhalten der Polizei wird in ruhigen Worten kritisiert und der Verdacht angedeutet, daß die ganze merkwürdige Sache von Dratziehern bewirkt worden ist, die nach einer Wahlperiode zur Besänftigung des durch Steuern, Teuerung und die Verfahrenheit der öffentlichen Dinge aufgebrachten Bürgertums suchen. Sehr wahrscheinlich! – Dumm und teilweise sogar infam ist das Verhalten der sozialdemokratischen Presse den Vorgängen gegenüber. So treffend der „Vorwärts“ manches vorbringt, was sich gegen das brutale Losschlagen mit Säbeln auf Greise, Frauen und Kinder richtet, so falsch ist es, wenn er die Ursprünge dieser Krawalle dem „Mob“ und „Janhagel“ zuweist. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß grade die Arbeiter in sehr berechtigter Wut gegen die Streikbrecher, die unter dem Waffenschutz der hohen Polizei ihr jämmerliches Geschäft verrichten, vielleicht unter Drohungen protestiert haben. Dann ist die Poizetka mit Brownings und Plempe dazwischengefahren und hat eine wahre Revolte hergestellt. Es heißt, ernste Vorgänge entwürdigen, wenn man sie um zweifelhafter taktischer Vorteile willen unernst hinstellt. Der „Vorwärts“ (von dem Münchner sozialdemokratischen Revolverblatt rede ich nicht) stände würdiger da, hätte er von vornherein jeden Angriff auf die Arbeiterverräter und die bezahlten Verbrecher im Schutzmannshelm gutgeheißen. Hätte ich nur den Varnhagen noch hier. Ich möchte so gern die Urteile dieses Konservativen über die Berliner Schutzmannschaft zitieren, die er gleich bei deren Entstehen fällte.

Frieda hatte mir vorgestern erzählt, daß der Baron Rechenberg in Ascona in argem Dilemma sei. Er fürchtet bald zu sterben und möchte keinesfalls seine schofle Familie als seine Erben wissen. Deshalb sucht er nach einer irgendmöglichen Frau. Ich sagte sofort: die Gräfin! – Gestern war die Gräfin nun bei mir, um adiö zu sagen (sie ist leider dauernd nach Berlin gezogen). Ich setzte ihr die Sache auseinander, und das Ergebnis war, daß ich noch gestern nachmittag einen Brief an Rechenberg abschickte, in dem ich ihm mitteilte, daß ich ihm eventuell helfen könne. Natürlich nannte ich ihm keinen Namen. Bedingung wäre, daß sie keine Geschlechtsgemeinschaft mit ihm zu haben brauchte und ihre volle Freiheit hätte. Es kommt nun nur darauf an, was er ihr für Garantien bieten kann. Möglicherweise könnte er den kleinen Rolf adoptieren, so wäre ihm auch der Wunsch nach einem Kinde erfüllt. Ich wäre sehr glücklich, wenn die Geschichte gelänge. Dem braven tauben versoffenen Kerl wäre sein Lieblingswunsch erfüllt und er könnte ruhigen Gemüts eingehn, und die liebe feine tapfere Gräfin käme endlich aus den schrecklichen Geldsorgen und Abhängigkeiten heraus. Freilich: der jüdische Anarchist als Ehehelfer zwischen Grafen und Baronen hat etwas sehr Komisches. Das soll mich indessen nicht hindern, was Gutes zu stiften. Schade, jammerschade, daß die Gräfin von München fort ist. Sie wird mir oft fehlen.

 

München, Montag, d. 3. Oktober 1910.

Sollen diese Tagesaufzeichnungen für mich selbst als Erinnerungsstützen Wert haben, so müssen sie ehrlich sein, die notierten Ereignisse niemals fälschen und für mein gegenwärtiges Erleben wichtige Vorgänge nicht verschweigen. Die Rücksicht darauf, daß die Notizen einmal publiziert werden könnten, darf nichts entscheiden. Steht schon manches in diesem Heft, was die Veröffentlichung in den nächsten Jahrzehnten sowieso ausschließt, so werde ich mich auch nicht abschrecken lassen, Sachen einzutragen, die die Drucklegung zu meinen Lebzeiten – und vielleicht noch lange darüber hinaus – überhaupt verbieten. Ob sich in 80 oder 100 Jahren mal jemand findet, der meine Tagebücher der öffentlichen Mitteilung für wert halten und herausgeben wird, kann ich nicht wissen. Niemand, der aus dem Tagesgeschehen und -Erleben heraus Notizen schreibt, kann deren Kulturdauer ermessen. Über den Wert von Tagebüchern entscheidet nicht das Talent des Verfassers – denn die Zusammenhanglosigkeit der Bemerkungen hindert doch die Entstehung eines literarischen Meisterwerks –, sondern der Rhytmus der allgemeinen und persönlichen Ereignisse, die registriert werden. Also ich will ehrlich sein, soweit ich es vor mir selbst nur kann, und ich will auch nicht vor einer Entblößung meiner Geschlechtlichkeit haltmachen. – Mit dem Stubenmädel hier habe ich seit heute nacht ein richtiges Verhältnis. Bisher hatten wir uns nur geküßt. Gestern hatte sie Ausgang und ich führte sie auf die Oktoberwiese, die heute geschlossen wurde, und nachts kam sie zu mir ins Zimmer. Es stellte sich die überraschende und merkwürdige Tatsache heraus, daß das zwanzigjährige Mädchen noch unberührt war, und so habe ich zum ersten Mal in meinen Leben eine Deflorierung vorgenommen. Und nicht minder merkwürdig ist, daß das gute Kind rasend in mich verliebt ist, ja, sich, wie sie mir beichtete, auf den ersten Blick in mich verliebt hat. Bei mir – ich glaube darin sicher zu sein – ist von Verliebtheit garnicht die Spur vorhanden. Das Mädelchen rührt mich mit ihrer wilden Zärtlichkeit – ich bin darin so wenig verwöhnt. Es rührt mich umso mehr, als ich doch wirklich bei Frauen dieser Art sonst ganz abfalle, und mir immer eingebildet habe, es gehöre schon eine ungeheure Differenziertheit dazu, wenn eine Frau zu mir in zärtlichen Empfindungen aufglühen kann. Die Kleine ist niedlich, aber keineswegs schön. Sie küßt prachtvoll und drückt sich alle Augenblicke zu mir ins Zimmer, um es tun zu können. Für mich hat dies Verhältnis den Reiz der Neuheit – und noch manchen andern Reiz. Nur daß sie Frieda heißt, ist greulich. Dieser Name hat in meinem Leben eine zu köstliche Bedeutung, als daß ich ihn für ein neues Erlebnis anwenden könnte. Ich werde für die Kleine schon einen Namen erfinden müssen. – Aber froh bin ich, daß ich endlich einmal – und doch hoffentlich für längere Wochen – sexuell versorgt bin.

Durch die Expedition des „Sozialist“ erhielt ich einen Brief von Felix Hartenheim zugesandt, der nach meiner Adresse fragt, um mir eine „erfreuliche Nachricht“ geben zu können. Was mag er wollen? Wer könnte mir Erfreuliches zu melden haben? Sollte das mit einer Beleihung der Erbschaft zusammenhängen? Und wieso grade Hartenheim? Ich war nie mit ihm befreundet, und habe ihn seit mindestens zwei Jahren nicht gesehn. Sonderbar!

 

München, Mittwoch, d. 5. Oktober 1910.

Es passiert wenig. Mit den paar schönen warmen Tagen ist’s wieder vorbei. Die Katarrhzeit beginnt. – An Frau v. Ruttersheim habe ich den ersten noch sehr höflichen Mahnbrief geschrieben. Rößler meint, daß sie zahlen wird. Ich habe sehr große Zweifel. Immerhin: ich denke viel an ihre herrlichen flammendroten Haare, obwohl ich sie doch nur einmal sah. – Mit Hardy war ich viel zusammen. Gestern las ich ihm einige Artikel von mir aus dem „Sozialist“, auch den Landauerschen „von der Ehe“ vor. Er gab mir zu, daß so leicht kein andres Blatt eine so ausgezeichnete Polemik enthalten könnte. Er will Abonnent werden. Dann schimpften wir gemeinsam auf die Niederträchtigkeit, daß ich bei meiner Begabung als Dichter und Essayist nicht die Möglichkeit habe, etwas an einer Stelle zu publizieren, wo es gelesen würde. Ich müßte mir schon gradezu einen andern Namen beilegen, aber das tue ich nicht. Ich werde die Bande schon zwingen, mich zu lesen und meinen Namen anzuerkennen, obwohl er eine Überzeugung bezeichnet. Hadwiger sagte mir einmal vor Jahren schon: „Ein anständiger Mensch hat keine Gesinnung“. – Ich hielt das damals für einen Witz. Heut weiß ich, daß er in Deutschland allgemeine Geltung hat und daß man den, der unanständig genug ist, doch eine zu haben, mit dem Hungertode bestraft. – Das Gedicht zu Ferrers Gedächtnis habe ich gemacht, und werd’s heute abschicken. Ich fürchte, es ist ein wenig deklamatorisch ausgefallen. Auch für das Montagsblatt muß ich heute was machen. Ich werde mir den unsagbar lächerlichen Parteitag der nationalliberalen Schlappschwänze vornehmen. – Wie die Blätter berichten, hat sich Kamerad Imhof in Offenbach erschossen. Angeblich wegen eines Strafverfahrens, das man wegen Hehlerei gegen ihn anhängig gemacht hat. An den Grund glaube ich nicht. Ich werde wohl bald näheres erfahren.

 

 

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