Tagebücher

XI.

 

29. Oktober 1912 – 30. September 1914

 

S. 1444 – 1587

 

 

Vom 3. August 1914 – (S. 9) Kriegstagebuch.

 

 

 

München, Dienstag, d. 29. Oktober 1912.

Gestern kam ich von Berlin zurück, wo ich mal wieder 8 Tage lang die Heirat mit Jenny zu fördern hoffte. Frau Brünn war dort und mein Bruder Hans bestellte mich telegraphisch zum Rendezvous mit ihr. Eine sehr lebenskluge jüdische Kleinbürgerin, mit der ich allein und bei Onkel Leopold verhandelte. Über alle Details habe ich Jenny in meinen Briefen Bericht erstattet, die als Ersatz des Tagebuchs gelten können. Als ich die Frau am Mittwoch früh in den Zug setzte, blieb ich mit dem Gefühl zurück, daß diese Begegnung unsre Eheschließung nicht gefördert habe. Die Frau ist schwer enttäuscht von mir und hält mich für die ärgste Messalliance für Jenny. Onkel Leopold und ich hatten gemeinsam vergeblich versucht, die Frau zur Nennung der Summe zu veranlassen, die man uns als Mitgift geben würde, da daraufhin Papa bearbeitet werden sollte, entsprechend zuzugeben. Onkel meinte nachher, er habe die Empfindung, daß Brünns außer der Einrichtung und Aussteuer garnichts geben würden, und ich hatte den Eindruck, man rechne dort nur mit einem Schwiegersohn, dem man Geld ins Geschäft stecken könne, um womöglich dabei selbst noch ein Geschäft zu machen. Das alles scheint sich jetzt zu bestätigen. Denn Jenny schreibt in dem Brief, der heute ankam, es sei völlig ausgeschlossen, daß ihre Eltern jemals einer Heirat mit mir zustimmten, und nun beginnt damit eine neue Epoche in unsrer Liebe: der Konflikt mit den Eltern. Jenny ist entschlossen, zu mir zu kommen, und ich habe ihr eben meinen Entschluß mitgeteilt, sie mit oder ohne Geld, mit oder ohne Heirat zu mir zu nehmen. Ich bin schon fast bereit, die Weigerung der Eltern als einen Glücksfall zu betrachten, zumal ich bei Jenny die prachtvolle Entschlossenheit erkenne, um ihrer Liebe willen auf Elternhaus, Wohlstand und jegliche Bürgerlichkeit zu verzichten. Die widerwärtige Konzession der religiösen Trauung wird uns nun sicher erspart bleiben, auf die – eventuell spätere – standesamtliche Verbindung werde ich allerdings um der Kinder willen, auf die ich hoffe, dringen, denen sonst die Beteiligung an den Häuserzinsen entginge. Ich habe bei dieser Gelegenheit in Waidmannslust genau erfahren, was die Häuser wert sind und wie groß mein Anteil ist. Demnach habe ich die Dinge allerdings weit überschätzt gehabt. Es sind nicht elf, sondern nur 9 Häuser, die einen Gesamtwert von 1017000 Mk haben, und mit etwa 500000 Mk belastet sind. Demnach kommt für mich als dem Inhaber eines Achtels ein Besitzwert von etwa 70000 Mk heraus, die selbst mit 6 % verzinst kaum ausreichen würden, allein eine Familie zu ernähren. Ich nehme aber an, daß die Erbschaft aus Papas Vermögen erheblich größer sein wird. Und Papa ist wieder krank. Er hat Herzschwäche-Anfälle, die mit Atemnot und schrecklicher Todesangst in die Erscheinung treten. Jetzt wünsche ich ihm selbst die Erlösung schon so aufrichtig wie ich sie mir wünsche. Vielleicht wird es dann garnicht erst nötig sein, Jenny Entbehrungen und großen Opfern auszusetzen.

In Berlin ist alles beim Alten. Man traf ebenso viel Münchner dort, wie hier in der Regel Berliner. Einen Abend war ich mit Max Halbe, Weigert, Schaumberger und Aram zusammen, der seine junge amerikanische Frau bei sich hatte. Ferner sprach ich Behmer, Schmied (der wieder furchtbar säuft), Hubert, Melnik, den Wiener Fränkel[?], Schickele, Hollaender, den Schauspieler Kühne, Brann und noch viele. Im Theater war ich einmal: „Magdalena“ von Thoma bei Barnowsky. Eine wirklich starke ehrliche gekonnte Volkstragödie. In der – im ganzen einwandfreien – Darstellung zeichneten sich besonders Ilka Grüning und Centa Bré aus. Ich bin auf die Münchner Aufführung im Residenztheater gespannt.

 

München, Donnerstag, d. 21. November 1912.

Nach langer Pause gibt es mal wieder ein kurzes Résumée. Es gibt genug Dinge, die mir wichtig genug scheinen, um hier für all meine Zukunft vermerkt zu stehn. In der Angelegenheit mit Jenny ist eine Wandlung immer noch nicht eingetreten. Das gute Mädchen leidet zu Hause arges Leid. Sie ist entschlossen, spätestens mit dem Eintreten ihrer Mündigkeit (am 6. Januar) das Elternhaus zu verlassen und zu mir zu kommen. Ich warne sie redlich, das zu tun, wenn nicht für unsren Unterhalt irgendwie gesorgt wird. Mir geht es materiell grade schlecht genug – ganz besonders wieder in der letzten Zeit – und ich wüßte nicht, wie es werden sollte, wenn wir nun zu zweien von dem bischen leben sollten. Gestern kam ein Brief, in dem Jenny die Hoffnung aussprach, ihre Eltern dazu bewegen zu können, daß sie schon im Dezember einer stillen Trauung in Berlin beiwohnen werden, um den Skandal zu vermeiden, der durch Jennys Fortgehn im Januar entstehn würde. Ich weiß garnicht was ich von alledem halten soll. Mir scheint nur, daß ich in dieser Sache ebensowenig Glück habe wie in allem andern. Hätte ich nicht an die Eydtkuhner Eltern geschrieben und wir hätten garnicht ans Heiraten gedacht, dann wäre sie längst wieder hier, kein Mensch wüßte von unsrer Beziehung und wir wären glücklich.

Nun zu Einzelheiten. – Im Jahre 1904 reiste ich von Zürich ab und hinterließ meine Habseligkeiten, in 2 Reisekörben verstaut, bei dem Spediteur Kuoni. Da waren eine Unmenge Briefe und mir persönlich werte Erinnerungen dabei und in meiner Einbildung waren es der Schätze noch viel mehr und schönere als in Wirklichkeit. Ich träumte all die Jahre davon, die Körbe wiederzukriegen. Aber die Lagerkosten wurden immer größer. Durch die Bekanntschaft mit dem Buchhändler Horst Stobbe bekam die Sache eine neue Wendung. Ich erzählte ihm von Hille-Briefen und -Manuskripten, von Schlafs, Harts, Scheerbarts etc. etc. und beredete ihn, die Körbe kommen zu lassen. In Gegenwart der Herren von Maaßen und v. Hörschelmann fand die Eröffnung statt. Aus einem Korb kamen unglaubliche Dinge zum Vorschein: total zerfetzte und zerfressene Kleidungsstücke, dreckig und grauenerregend. Aus dem andern manche Dinge, die mich sehr freuten: vor allem mein altes Photographiealbum, ferner alte Briefe, Manuskripte von mir. Aber die Dinge, die ich sonst noch erhoffte, fehlten zum großen Teil. So war kaum ein einziges Buch dabei, was mir Stobbe gegenüber recht fatal war, da ich ihm von allen möglichen Widmungsbüchern erzählt hatte. Daß er die Briefe von Liliencron, Hille, etc. etc. alle behalten hat, tat mir sehr weh, ich konnts aber nicht ändern. Aus lauter Menschenliebe hat er ja die 80 Mark für die Geschichte nicht bezahlt. Die alten Klamotten habe ich vernichten lassen, vielleicht hat Stobbe sie noch an einen Trödler verkauft. Den großen Korb mit vielerlei Briefen und allen möglichen Erinnerungen habe ich noch unsortiert in meinem Zimmer stehn.

Im Theater war ich während der Zeit seit der letzten Eintragung nur ein einziges Mal, und zwar vor ein paar Tagen in Bahrs „Prinzip“ das im Lustspielhaus (neuerdings vielmehr „Münchner Kammerspiele“) gegeben wurde. Das Ding ist nicht sehr belangvoll. Doch war die Aufführung teilweise sehr gut, und Lili Breda als sächsische Köchin so brillant, und so entzückend anzusehn, daß der Abend zum Erlebnis wurde. Nachher war ich mit Hermann Bahr, Wedekind und Frau, Robert und der Roland in der Jahreszeiten-Bar beisammen. Am nächsten Tag hielt Bahr einen Vortrag im Bayerischen Hof über Schauspielkunst, in dem er in brillanter Rede nicht sehr tiefe Dinge sehr geschmackvoll aussprach. Nachher wieder mit ihm zusammen in der Torggelstube.

Bald hätte ich meinen eignen Ehrenabend vergessen. Am Montag, d. 11. November, hatte ich im Gobelinsaal der Vier Jahreszeiten den I. Intimen Abend des Neuen Vereins zu bestreiten. Ich las Gedichte aus „Wüste“, „Krater“ und dem Manuskript und hatte großen Beifall bei dem außerordentlich zahlreichen Publikum, das zum großen Teil nicht mal Platz zum Sitzen fand. Ich hatte die große Freude, am nächsten Tage in der „Münchner Zeitung“ eine außerordentlich anerkennende Kritik des Herrn Richard Braungart zu lesen, der auch den 1. Akt der „Freivermählten“, den ich vorgelesen hatte, so lobte, daß ich nun wirklich hoffe, der Neue Verein wird das Stück doch spielen. Kutscher meinte nachher, meine Gedichte seien gradezu Offenbarungen gewesen. – Außer der Münchner Zeitung hat aber kein einziges Blatt es der Mühe für wert gehalten, von meinem Vortrag Notiz zu nehmen. Eine offizielle Veranstaltung des Neuen Vereins wird in den Münchner Neuesten Nachrichten einfach totgeschwiegen, weil man mich nicht mal als Lyriker leben lassen will. Ich will das hier vermerken, um das Pressgesindel unsrer Tage der dauernden Verachtung späterer Menschen preiszugeben. – Lulu Strauß setzte bei Rosenthal und Kaufmann durch, daß mir – ganz ausnahmsweise – ein Ehrenhonorar von 50 Mk ausgezahlt und der Jahresbeitrag für den Verein in diesem Jahr erlassen werden.

Im übrigen bin ich in großer Sorge. Steinebach teilte mir mit, daß das Defizit des „Kain“ bereits die Summe von 2500 Mk überschritten habe, und daß er endlich Geld sehn wolle. Er möchte 1000 Mk haben, die er mit 5 % für das Jahr verzinsen will. Ich habe ihn an Jaffé schreiben lassen, fürchte aber natürlich, daß der nichts hergeben wird. Sich an Rößler zu wenden, scheint mir erst recht aussichtslos. Der war nur anständig, solange er arm war. Außerdem lebt er jetzt in Berlin und auf Briefe reagiert er garnicht. – Nun setzte ich mich dieser Tage mit dem jungen Verleger Bachmaier in Verbindung, um ihn zur Herausgabe der „Freivermählten“ zu bewegen. Er erklärte, vor Frühjahr an derartige Publikationen nicht denken zu können. Im Laufe des Gesprächs fragte ich ihn, ob er nicht vielleicht den „Kain“ in Verlag übernehmen wolle, und zu meiner Überraschung schien er dazu sehr geneigt zu sein. Wir verabredeten uns zu gestern, wo wir zusammen zu Steinebach wollten, um die Bücher einzusehn etc. Ich war rechtzeitig im Café Bauer, wo wir uns treffen sollten. Statt Bachmaiers war sein Freund Becher da, der mir erzählte, Bachmaier sei morgens schon allein bei Steinebach gewesen und erwarte mich jetzt bei sich. Wir gingen hin. In zweistündiger Unterhaltung wurden alle geschäftlichen Schwierigkeiten hin und her ventiliert. Herr Bachmaier konnte sich vor allem mit dem einen Gedanken nicht befreunden, daß er gleichzeitig mein Gläubiger und mein Angestellter sein sollte. Endlich und schließlich, als wir nun einen gemeinsamen Besuch beim Anwalt und bei Steinebach verabredet hatten, kam der Herr auf die Tendenz des „Kain“ zu sprechen und stellte das unerhörte Ansinnen an mich, ich müsse da eine Wandlung und Mäßigung eintreten lassen. Ich war außer mir. Als ich erklärte, die Leute kauften doch das Blatt grade um meine Ansichten kennen zu lernen, meinte Herr Becher ganz ungeniert, das glaube er nicht, man kaufe den „Kain“ nur der Kuriosität wegen. Ich brach das Gespräch ab und ging sehr aufgeregt fort. Nun bin ich wieder so weit als wie zuvor und weiß nirgends ein und aus. Ein Brief, in dem ich Ludwig Thoma mein Leid klagte und ihn bat, mich beim Verlage Albert Langen als Lektor neben Holm anzubringen, blieb überhaupt ohne Antwort. Ich sehe nach keiner Seite mehr einen Ausweg. Ich habe garkeine Möglichkeit mehr, Geld zu verdienen. Der „Simplizissimus“ hat mir wohl immer wieder ein Gedicht abgenommen, aber gebracht noch kein einziges. Mein Name ist mir auch dort im Wege. Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll.

Die Erotik ist ebenfalls nicht mehr sehr produktiv. Ich war zweimal des Nachts verabredet in der letzten Zeit: einmal mit Frieda Gutwillig, einmal mit Eny Crussie, einer ehemaligen Collegin vom Intimen Theater, die mir später sehr liebe Bekenntnisbriefe schrieb, da sie Kain-Abonnentin ist. Beide Damen versetzten mich. Bei der Gutwillig war es mir ziemlich einerlei. Sie kommt gelegentlich mal zu mir und läßt sich abküssen. Bei Eny Crussie tat es mir weh. Montag klingelte sie mich an, sie sei eben in München angekommen und möchte mich sehn. Ich lud sie zum Kaffee ein, und als sie kam, begrüßten wir uns sofort mit einem Kuß, obwohl unser Verkehr früher absolut konventionell war. Der starke erotische Charakter, den unser Zusammensein dann annahm, führte nicht zum Ziel, da Eny fort mußte, um ihr Kind nicht zu verfehlen. Doch verabredeten wir uns zum nächsten Abend, wo sie versprach, bei mir zu schlafen. Sie kam nicht. Erst heute kam ein Brief von ihr, und nun soll ich sie heut abend im Café treffen, wohin sie aber ihr Kind mitbringen wird. Ich bin neugierig, wie sich diese Beziehung weiter entwickeln wird.

Mit Dr. Wahl, dem Korrespondenten der „Frankfurter Zeitung“ sprach ich vorgestern und klagte, daß kein Mensch etwas von mir drucken wolle. Eben rief er mich an. Er habe mit Dr. Coßmann von den „Süddeutschen Monatsheften“ gesprochen, der sich bereit erklärt habe, von mir Beiträge zu bringen, sogar Lyrik. Ich werde ihm gleich einiges schicken. – Jedenfalls nett von Wahl.

 

 

[Vom 22. November 1912 bis zum 2. August 1914 hat Erich Mühsam kein Tagebuch geführt.]

 

 

 

 

München, Montag/Dienstag, d. 3/4. August 1914.

Es ist 1 Uhr nachts. Der Himmel ist klar und voll Sternen, aber über die Akademie ragt der Rand einer weißen, in dicken Schichten gehäuften Wolke, in der es unaufhörlich blitzt. Unheimlich grelle, lang sichtbare, in horizontaler Linie laufende Blitze.

Und es ist Krieg. Alles Fürchterliche ist entfesselt. Seit einer Woche ist die Welt verwandelt. Seit 3 Tagen rasen die Götter. Wie furchtbar sind diese Zeiten! Wie schrecklich nah ist uns allen der Tod!

Immer und immer hat mich der Gedanke an Krieg beschäftigt. Ich versuchte, mir ihn auszumalen mit seinen Schrecken, ich schrieb gegen ihn, weil ich seine Entsetzlichkeit zu fassen wähnte.

Jetzt ist er da. Ich sehe starke schöne Menschen einzeln und in Trupps in Kriegsbereitschaft die Straßen durchziehn. Ich drücke Dutzenden täglich zum Abschied die Hand, ich weiß nahe Freunde und Bekannte auf der Reise ins Feld oder bereit auszuziehn – Körting, Kutscher, Bötticher, v. Jacobi, beide Söhne von Max Halbe und viele mehr –, weiß daß viele nicht zurückkehren werden, lese Depeschen und Nachrichten, die – jetzt schon, ehe noch die Katastrophe eingesetzt hat, – einem das Herz aufschreien machen, ich sehe alles schaudervoll nahe und viel schlimmer noch in der Realität, als die theoretisierende Phantasie es ausdachte. Und – ich, der Anarchist, der Antimilitarist, der Feind der nationalen Phrase, der Antipatriot und hassende Kritiker der Rüstungsfurie, ich ertappe mich irgendwie ergriffen von dem allgemeinen Taumel, entfacht von zorniger Leidenschaft, wenn auch nicht gegen etwelche „Feinde“, aber erfüllt von dem glühend heißen Wunsch, daß „wir“ uns vor ihnen retten! Nur: wer sind sie – wer ist „wir“? –

Aber der Gedanke ist doch grauenhaft, daß die Russen ins Land kommen könnten. Barbaren? Immerhin Menschen andrer Art, ohne Achtung vor unsrer Welt, ohne Rücksicht auf unsre Gefühle mordend und sengend, Frauen und Kinder mißhandelnd und mit unsern Kulturgütern Kosakenspäße treibend. Und wie furchtbar ist es zu lesen, daß heut ein französischer Arzt mit zwei Offizieren in Metz versucht hat, einen Brunnen mit Cholerabazillen zu vergiften!* Vorgestern haben die Hände eines Chauvinisten Jaurès gemordet, den Mann, der den Frieden wollte, der eigentlich verkörperte, was wir als die überlegene französische Kultur verehren. Und nun fahren französische Flieger über das Land und werfen Bomben. Da verlassen einen die Theorien, man wird einer von allen, mit den Instinkten aller, aber mit erhöhtem Leid, weil die Kritik neben dem Gefühl wirksam bleibt, und weil alle Parteinahme den Opfern, nicht den Machern gilt.

Die Massen sind durch die Aufregung dieser Tage in wahre Hysterie geraten. Überall werden Spione gewittert. Dann rennen die Menschen in Haufen zusammen, mißhandeln die Unglücklichen und übergeben sie der Polizei. Manchmal sollen ja wirklich schon russische Bombenwerfer abgefaßt sein – Rosenthal erzählte eben im Torggelhaus, daß heut am Bahnhof 28 als Frauen oder Pfaffen verkleidete Russen verhaftet worden seien, – aber meistens müssen Unschuldige dran glauben. Gestern rettete ich die übermäßig geschminkte Frau Dr. Douglas-Andree aus der Situation. Sie wurde für einen verkleideten Mann gehalten. Ich kam hinzu, legitimierte sie und ging mit ihr und dem armen Addi, der bei ihr war, ihrem 15jährigen Sohn, zum nächsten Auto, gefolgt von johlenden, schimpfenden, maßlos erregten Menschenmengen. Kaum saß sie im Wagen und wollte abfahren, da stellten sich die Leute in den Weg, und obwohl ich und die Kellner des Stefanie erklärten, die Frau zu kennen, wurden zwei Soldaten requiriert, die sie im Auto zur Kaserne begleiteten. – Heut früh sah ich ein etwas ausländisch aussehendes Paar von erregtem Volk gehetzt durch die Straßen eilen. Was draus wurde, weiß ich nicht. Und nachmittags in der Sendlingerstraße brachten wieder Hunderte ein Mädchen zum Schutzmann, von dem behauptet wurde, es sei ein verkleideter Mann.

Wilde Gerüchte laufen um, unkontrollierbar, da die Behörden über fast alles Schweigen bewahren. Danach sollen gestern und heute hier eine ganze Menge Serben und Russen standrechtlich erschossen sein. Sie sollen die Hauptpost, den Bahnhof, den Pulverturm bei Freymann haben in die Luft sprengen wollen. Heut früh wurde ausgesprengt, das Leitungswasser sei vergiftet. Offiziere riefen es warnend aus – ich selbst war Zeuge davon –, die Häuser wurden einzeln benachrichtigt. Es stellte sich als leeres Gerede heraus. Man hört – ganz heimlich – von massenhaften Soldatenselbstmorden etc.

Aber doch ist die Einmütigkeit des Gefühls, eine gerechte Sache zu führen, bei aller Verblendung ergreifend. Man ist sehr ernst, aber doch sichtlich gehoben. Wäre blos nicht schon überall eine üble Gesinnungsriecherei bemerkbar! Vorgestern nacht traf ich Köhler, v. Maaßen und Bötticher im großen Raum der Torggelstube. Mein Erscheinen bewirkte das Mißtrauen umsitzender nationaler Studenten, die uns belauschten und, obwohl kein Wort, das Gefühle hätte verletzen können, fiel, denunzierten. Es gab böse Auseinandersetzungen. Maaßen teilte Ohrfeigen aus. Schließlich wurde Bötticher – am Tage vor seiner Abfahrt zur Marine! – abgeführt (freilich noch auf der Straße freigelassen) und ich beschimpft und bedroht. Ohne ein politisches Wort gesprochen zu haben!

Heut habe ich eine Erklärung an die Leser des Kain herausgegeben, in der ich begründe, daß ich das Blatt während der Kriegsdauer eingehen lasse. Ferner habe ich mich beim Schwabinger Krankenhaus als Hilfsarbeiter in der Registratur gemeldet. Wo alles schwankt, ich vielleicht morgen nicht weiß, wovon leben, will ich nicht müßig sein. Bekomme ich keine oder eine ablehnende Antwort, dann gehe ich morgen zum Magistrat und frage nach Beschäftigung im humanitären Zivildienst: bei Kranken, Irren oder der Feuerwehr. Vielleicht kann mir da auch meine alte Apothekererfahrung nützlich werden.

Um Jenny bin ich sehr besorgt. Die letzte Nachricht erhielt ich am 29. Juli noch aus Eydtkuhnen, das inzwischen von den Russen besetzt ist. Ein Brieftelegramm, in dem sie mich bat, ich solle ihr postlagernd nach Königsberg schreiben. Das tat ich sofort, las aber inzwischen, daß die Bestellung postlagernder Briefe jetzt entweder aufgehoben oder sehr erschwert ist. Nun weiß ich nicht einmal, wo die Geliebte ist und ängstige mich sehr. Ließe mich die allgemeine Spannung zur Besinnung über die Privatangelegenheiten kommen, ich glaube, ich stürbe vor Unruhe.

Auch von Lübeck höre ich nichts. Der Landsturm ist aufgerufen, und ich fürchte, daß meine beiden Schwäger und vielleicht auch mein Bruder ins Feld müssen. Das wäre für unsern alten Vater sehr arg – und Charlotte ist grade von ihrem dritten Kind entbunden. Aber was sagt das gegen das Los der armen Lucie v. Jacobi, die vor einem halben Jahr ihr einziges Kind verlor und nun den Mann in den Krieg ziehn sieht!

Morgen dürfte der Krieg mit Frankreich offiziell beginnen. Es sind Telegramme angeschlagen, daß der Gesandte in Paris aufgefordert sei, seine Pässe zu verlangen weil die Franzosen völkerrechtswidrig die Grenzen überschritten haben. Libau soll von einem kleinen Kreuzer beschossen sein, der Kriegshafen soll brennen. Das wäre wohl ein Erfolg der Deutschen. Wie das Einmarschieren der Russen in Eydtkuhnen und das der Deutschen in Czenstochau zu bewerten ist, läßt sich noch garnicht übersehn. Es wird erst mal zu allem Hurra gebrüllt.

Rosenthal wollte wissen, daß der Louvre in Paris brenne. Ich glaubs nicht. Aber wie scheußlich schon, daß das möglich werden kann!

 

* Tatarenmeldung. Dementiert.

 

München, Dienstag/Mittwoch, d. 4/5 August 1914

Es ist wieder spät nach Mitternacht. Aber heut regnet es und ist trübe und trostlos. Und alles Unglück scheint ausgegossen über dies arme Land und seine ärmeren Menschen.

Eine entsetzliche Botschaft steht auf den Anschlagtafeln: Kurz nach 7 Uhr (also vor noch nicht 6 Stunden) erschien in Berlin der englische Botschafter im Auswärtigen Amt, um Deutschland den Krieg zu erklären.

Krieg mit England! Da mit Rußland und Frankreich die Kämpfe schon begonnen haben. Aus der Ferne durchs offene Fenster, von der Ludwigstrasse her, tönen lärmende Jubelrufe und Hurrahgeschrei – jetzt auch Gesang herüber. Der Zug nähert sich und wird gleich dicht bei mir am Siegestor sein. – Nein, sie kamen von der Türkenstrasse und eben zogen sie – vielleicht 300 Mann – unter unserm Fenster vorbei, die Akademiestrasse entlang. Singen können vor solchen Nachrichten! Arme Menschen! Vielleicht sind viele unter ihnen, die selbst mit müssen in den Krieg, die garnicht oder als Krüppel wiederkehren.

Krieg mit England! Der ist der Schlimmste! Wie das ertragen werden kann, – ich habe graue Zweifel. Heut sind im Reichstag die Kriegskredite sämtlich bewilligt worden. Die Sozialdemokraten haben für alle Forderungen gestimmt und auf Kaiser und Vaterland mit Hurrah! gebrüllt. Was sollten sie auch tun? Sie haben die Suppe einbrocken helfen. Nun stehen sie dem fait accompli gegenüber. – Aber was jetzt werden soll? Krieg! Tod! Nacht über die Welt! Es ist schaurig, es ist unausdenkbar.

Ich bin maßlos traurig. Ich zwinge mich zu Friedenshoffnungen. Aber die Zweifel sind stärker. Ich kann nicht glauben, daß mit den Mächten von England, Frankreich und Rußland jetzt noch von Frieden zu sprechen ist. – Und nun ging ich auch noch mit dem Ekel Friedenthal nach Hause, dem schmockigen Korrespondenten des Berliner Tageblatts mit dem Kommisgesicht und der geleckten Sprache des Schaufensterdekorateurs. Er trug seine Verzweiflung über die Wendung der Dinge mit öligem Akzent auf der Zunge, weil er woanders nichts hat, was Trauer oder Empfindung einschließen könnte. Der machte mir durch die Nutzanwendungen der Katastrophe noch mießer als mir ohnehin ist.

Zweimal entlud sich heute meine Gepreßtheit in Tränenausbrüchen. Die erleichtern in den Stunden das Alleinseins. Die tun wohl, wenn das Herz platzen will. Und niemand mehr, der mich versteht, den ich verstehe. Aber hätte ich nur erst Nachricht, ob ich im allgemeinen Dienst Arbeit finden kann. Das Schwabinger Krankenhaus verwies mich an den Magistrat, und an den habe ich mich heute gewandt. Vielleicht weiß ich morgen abend schon, wohin ich geworfen werde. Dies Herumsitzen zuhause und in den Cafés habe ich satt. Dabei gehe ich kaput. – Überhaupt das Warten auf Nachrichten. Wo Jenny ist, weiß ich nicht, von Lübeck kein Wort, – die Post scheint fast garnicht mehr zu funktionieren. Es ist gräßlich.

Was mit Johannes Nohl vorgeht, ist mir ganz schleierhaft. Alle Deutsche sind aus Frankreich ausgewiesen. Ob er sich zum Militär gestellt hat und wo? – ich weiß es nicht. Vielleicht ist er auch nach Belgien desertiert. Und in Belgien ist deutsches Militär eingezogen. Der Reichskanzler hat es heute im Reichstag mitgeteilt, – daher die englische Kriegserklärung. Völkerrechtsbruch überall: Rußlands und Frankreichs Eindringen in deutsches Gebiet ohne Kriegserklärung, und Deutschlands Neutralitätsbruch in Belgien und Luxemburg. Nirgends ehrlicher Kampf, überall Spionage und Heimtücke. Furchtbar!

Heut passierte ein heiterer Zwischenfall. Ich saß mit Nonnenbruch im Stefanie. Plötzlich liefen die Leute zusammen und starrten gen Himmel. Wir hinaus – ein Flieger. In ganz engen Kurven überflog er in großer Höhe etwa die Türkenkaserne. Das Publikum war in großer Aufregung. Ist es ein deutscher oder ein französischer Aeroplan?, fragte man sich. Vielleicht konnte jeden Moment eine Bombe niederfallen. Vielleicht 10 Minuten währte die Spannung, und immer im gleichen Kreis umflog der Apparat seinen Platz. Plötzlich löste sich die Aufregung in mächtigem Gelächter auf. Die Flügel des Apparats bogen sich nach beiden Seiten nieder, der Aeroplan flog mit großer Eile schräg aufrecht davon und verschwand sogleich im Aether. Es war ein mächtiger Vogel gewesen, – vielleicht der Unglücksvogel, vor dem das Volk sich ängstigt. – Schon ist auch für den 23. August ein Komet angesagt. Und man kann abergläubisch werden in diesen Zeiten.

 

München, Donnerstag, d. 6. August 1914

Das ganze Leben ist ausgewechselt. Man weiß nicht mehr, wozu man da ist. Für keinen Menschen gibt es eine andre Frage, ein andres Thema als Kalkulationen, wie wir am leichtesten und sichersten möglichst viele russische, französische und englische Menschen töten können. Und es geht nicht, sich diesen Dingen zu entziehn. Sie drängen sich auf Schritt und Tritt auf, nehmen jeden in Bann und mahnen daran, daß in Rußland, England und Frankreich jeder Mensch sinnt, wie möglichst viele Deutsche umzubringen sind. Man wird von der Massenhysterie selbst schon ergriffen. Die Gewöhnung an das Thema nimmt dem Entsetzlichen den Schrecken. Erst eine gelegentliche Ablenkung weckt wieder die Erinnerung an Menschlichkeiten.

Gestern wurde ich einmal abgelenkt, – aber nicht zum Guten. Emmy sitzt wegen eines Diebstahls, begangen in Hannover an einem nächtlichen Besucher, in Untersuchungshaft am Neudeck. Becher und ich haben ihr den Dr. Kahn als Anwalt bestellt. Aber in der Kriegsaufregung denkt der wahrscheinlich sowenig wie ein andrer an seine Klienten. Nun war ich gestern bei ihr – in der Gitterzelle, wo ich vor Jahren Johannes Nohl besuchte, sprach ich sie. Ich hinter einer, sie hinter der andern Gitterwand, und dazwischen die Wärterin, – übrigens eine gutmütige nette Frau. Die arme Emmy weinte entsetzlich, klammerte sich mit den Fingern in die Vergitterung und war unermeßlich unglücklich. Ich mußte ihr versprechen, an ihre Mutter zu depeschieren und alles zu versuchen, um sie freizukriegen. Nach etwa 10 Minuten war das Gespräch zuende. Ich blieb allein in der Zelle, und ehe ich hinausging, ließ ich den aufschießenden Tränen freien Lauf. Wie gräßlich sind die Einrichtungen doch, um deren Erhaltung nun hunderttausende kräftige schöne junge frohe Menschen ihr Leben lassen!

Heut traf ich Rudolf Levy, den ich vor 7 Jahren in Paris kannte. Er kam von Marseille, wo man die Deutschen ausgewiesen hat, unter Verlust aller seiner Effekten und Bilder hierher und will sich nun, um existieren zu können, als Dolmetscher freiwillig melden. Köhler und Maaßen stellen sich ebenfalls freiwillig. Wofür? Wie unsinnig!

Am schlimmsten ist es für die Ausländer, die hier von der Katastrophe überrascht wurden. Gestern sprach ich im Hofgarten die Schauspielerin Faber vom Künstlertheater (recte Wickelsworth aus England). Sie war ganz ratlos, da sie Anrempelungen befürchtet und doch jetzt nicht nach Hause kann. Dr. Maaß will heut mit ihr zum amerikanischen Konsul gehn, um ihn um Rat zu bitten. – Ganz schlimm ist Henry Bing dran, der, wie er mir heut erzählte, als Franzose schon zweimal fast gelyncht worden wäre. Er verramscht jetzt, um leben zu können, seine Bilder um 20 Mark. „Jugend“ und „Simplicissimus“ benehmen sich erdenklich schlecht gegen ihn. Da lebt er nun seit 10 Jahren hier, fühlt und denkt und spricht deutsch, arbeitet ständig an diesen Blättern mit, und jetzt, da er hilflos und bedrängt da steht, lassen sie ihn im Stich. Der Simpl., dies reiche Blatt, hat ihm ganze 50 Mk gegeben, die „Jugend“ garnichts. Seiner Not gegenüber zuckt man die Achseln. Es ist schändlich.

Die Post scheint ihren Betrieb ganz eingestellt zu haben. Ich höre und weiß nichts und mache mir um Jenny schwere Sorgen. Dabei sind diese Tage grade solche besonders herzlichen Gedenkens. Vor genau einem Jahre waren wir zuletzt zusammen, in Berlin bei Mutter Stern am Gendarmenmarkt. Das waren Tage – und Nächte! – – Ach Jenny, wann werden wir das wieder miteinander erleben? Ich bin sehr traurig und will jetzt mal nach der lieben Frau sehn, die mir seit ¾ Jahren nun die Geliebte ersetzt – nach Zenzl Engler, die sich auch seit 4, 5 Tagen nicht mehr gezeigt hat, und deren Mann vielleicht auch schon fort ist, um im Kriege Sanitätsdienste zu tun.

Wie mir das Zimmermädel heut erzählte, denkt Frau Kaderschafka daran – der Mann ist ebenfalls eingerückt – eventuell die Pension aufzulösen, in der ich nun 4 Jahre hause. Möglich, daß ich mich dann mit Zenzl zusammen irgendwo einniste. – Vom Magistrat noch keine Antwort, und das Geld geht sehr auf die Neige. Eine Existenz muß ich schaffen, ohne dem Krieg zu helfen!

 

München, Nacht zum Sonnabend, d. 8. August 1914

Lüttich ist von den Deutschen im Sturm erobert worden. Es heißt, es seien 600 deutsche Pioniere dabei umgekommen. Scheußlich. Und dabei soll man sich vielleicht gar noch freuen, daß die Befürchtungen unbegründet waren, die ein Telegramm hervorrief, das mittags angeschlagen war und ebenfalls vom offiziösen Wolf-Büro ausgegeben war. Danach hätten deutsche Soldaten einen kühnen Handstreich gegen Lüttich unternommen, der aber mißglückt wäre. Es hieß dann, im Ausland werde man eine große Niederlage der Deutschen daraus machen, aber mit Unrecht, da die Unternehmung für den Verlauf des Krieges ganz belanglos gewesen sei. Natürlich kombinierte jeder, daß sich die Deutschen eine große Schlappe geholt hätten, was nun bemäntelt werden solle. „Gottlob“ ist es anders, und es war ganz nützlich, daß die gute Botschaft gleich hinterherkam, da die moralische Wirkung einer Niederlage sicher die wäre, daß die Leute noch irrsinniger würden. Soweit bin ich nun glücklich, daß mich Siegestelegramme beruhigen, während mich doch nie die Kritik verläßt, ein welcher Wahnsinn der Krieg ist, und das Wissen, daß tatsächlich die Unfähigkeit der deutschen Diplomatie ihn heraufbeschworen hat. Wenigstens gab Deutschland den tieferen Grund für das fürchterliche Völkermorden, während Österreichs egoistisch-arrogante Rücksichtslosigkeit den äußeren Anlaß schuf.

Die Redensart vom „bewaffneten Frieden“, das alte „si vis pacem para bellum“ hat furchtbar Bankrott gemacht. Deutschlands Rüsterei, der unstillbare Ehrgeiz, die europäische Militärhegemonie zu sein, hat das Unglück verschuldet. Frankreich und Rußland mußten konstant im gleichen Tempo mitrüsten, und England, das nach zahllosen Versuchen, eine allmähliche Abrüstung herbeizuführen, sich endlich mit dem Übereinkommen zufrieden geben mußte, nach dem das Flottenverhältnis zwischen ihm und Deutschland auf 10 : 6 festgelegt wurde, erfuhr, daß Deutschland die dadurch geschaffene Beschränkung durch noch weiter gesteigerte Verstärkungen der Landarmee zu kompensieren suchte. Frankreich mußte nach der letzten Milliarden-Vermehrung der Heeresausgaben in Deutschland zu dem furchtbaren Entschluß kommen, die dreijährige Dienstzeit wiedereinzuführen und die älteren Jahrgänge bei den Waffen zu behalten, Rußland mußte an die stärkere Befestigung und Besetzung der Westgrenze gehn. Die wirtschaftlichen Krisen, die seit 10 Jahren in Deutschland schon unerträglich wurden, die wahnwitzige Steuerbelastung des Volks mit all ihren Folgen, Arbeitslosigkeit und Geburtenrückgang, wurden in dem numerisch schwächeren Frankreich bei der Verminderung der notwendigen Arbeitskräfte durch Entziehung zum Heeresdienst noch drückender empfunden, und endlich mußte aus all dem die Wirkung kommen, daß die drei Mächte mit vereinten Kräften es unternehmen, den furchtbaren Zwang, alle Volkskraft in die Waffenrüstung zu stecken, in gemeinsamer Unterdrückung Deutschlands zu brechen. Nun ist also aus dem angeblichen Rachezug Österreichs gegen Serbien wegen der Ermordung des Thronfolgers, in Wahrheit ist es natürlich ein Unterdrückungskrieg gegen die großserbischen Bestrebungen, den die Nachbarmonarchie seit Jahren planmäßig vorbereitet hat – dieser Este starb ihr sehr gelegen –, ein beispielloser Weltkrieg geworden. In knapp 14 Tagen sind die mitteleuropäischen Länder gezwungen worden, sich zugleich gegen Serbien, Rußland, Frankreich, Belgien, und England zu wehren, und die armen Soldaten, d. h. das arme Volk muß die Suppe ausessen, die die Diplomaten ihnen eingebrockt haben. Ich aber, der Antimilitarist, muß alle meine Hoffnung dahin wenden, daß das Militär in Deutschland besser sei als die deutsche Staatskunst*, sowenig ich den andern wünsche, was ich für die Unsern fürchte.

Immer noch kein Brief von Lübeck oder von Jenny und auch keine Antwort vom Magistrat. Wie entsetzlich sind doch diese Zeiten für jeden Einzelnen!

 

* Warum eigentlich? Dies ist doch schon Kriegspsychose! – (12. November)

 

München, Sonntag, d. 9. August 1914

Eine Postkarte von Hardy, die gestern ankam und am 5. August in Berlin aufgegeben war, zeigt, daß der Postverkehr, wenn auch langsam, doch funktioniert. Umso bewegter warte ich auf Nachrichten, besonders von Jenny. Den letzten Brief schickte ich ihr offen nach Königsberg, postlagernd, mit dem Vermerk, daß er, falls er nach drei Tagen nicht abgeholt wäre, an mich zurückzuleiten sei. Kriege ich ihn wieder, dann schicke ich an ihre Freundin, die Tochter des Sozialdemokraten Haase in Berlin. Vielleicht weiß die etwas.

In der Zeitung stand heute, daß der Magistrat keine Leute mehr einstellt, da alle Posten besetzt seien. Nun will ich mich an die Geschäftsstelle des Vereins Münchner Apotheker um einen Gehilfenposten wenden. Man will doch schließlich existieren, und mit Literatur ist zur Zeit kein Geschäft zu machen. Die „Jugend“, mit der ich seit etwa 1 Jahr wieder Verbindung habe, schickte mir einen Stoß Einsendungen zurück, offenbar wollen die Hosenscheißer meinen Namen jetzt doch wieder nicht drucken. – Der Gedanke, wieder Apothekendienst tun zu sollen, amüsiert mich eigentlich. Nach 13½jähriger Unterbrechung! Damals stopfte ich in der Stunde höchster Not, und als mir eine gute Vertretung angeboten war, sämtliche Papiere in den Ofen und verbrannte sie, um die Brücken endgiltig hinter mir abzubrechen. Jetzt, wo ich als anerkannter Schriftsteller und bekannte Persönlichkeit provisorisch wieder den Pillenmörser zur Hand nehmen will, weiß ich, daß ich mir nichts mehr damit vergebe. Ich kann mir und andern nützen – das ist entscheidend.

Die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen laufen spärlich ein. Vorerst nur „günstige“, aber wer weiß, ob nichts verschwiegen wird? Die Mobilisation bei uns vollzieht sich fabelhaft. Täglich rücken Tausende aus, tausende in die Kasernen neu ein. Morgen verläßt uns nun Bernhard v. Jacobi. Wir sahen uns gestern noch in der Torggelstube, wo die Ehepaare Halbe und Jacobi saßen, als ich mit C. G. v. Maaßen kam. Jacobi schon in Offiziersuniform, sah „prächtig“ aus, – der schöne liebe Mensch. Ich habe ihn sehr gern, als er Abschied nahm, war mir sehr schwer ums Herz, und Halbe konnte die Tränen kaum halten. Fabelhaft benimmt sich die arme Lucie. Sie lacht und tut, als ob sie ganz überlegen wäre, – und dabei droht ihr das Herz zu brechen. – Maaßen und ich gingen als um 12 Uhr die Lokale geschlossen wurden – diese Polizeibestimmung ist wieder vollendet blödsinnig – noch mit zu Halbe, wo wir bis 4 Uhr früh mit vortrefflichem Wein traktiert wurden. Maaßen, der sich beim Leib-Infanterieregiment gestellt hat und felddienstfähig befunden ist, schwelgt in patriotischen Hochgefühlen. Hoffentlich töten sie mir meine Freunde nicht!

 

München, Nacht zum Dienstag, d. 11. August 1914

Fürchterlich ist dieser Krieg. Das ist jetzt, am Anfang, schon schrecklich fühlbar. Eitel Freude herrscht bei allen Bekannten – das sind doch geistige Menschen –, weil nun bekannt wird, daß bei der Einnahme von Lüttich etliche von einem Zeppelin in die Stadt geschleuderte Bomben verheerende Wirkung getan haben. – Die Belgier scheinen außer Rand und Band zu sein gegen alles Deutsche. Die Brüder Muhr kamen heut von Ostende zurück. Ihnen selbst als Österreichern ist nichts geschehen. Aber sie erzählen, daß man in Antwerpen Deutsche massenhaft getötet und zu Tode gemartert habe. Frauen und Kinder sollen – auch in Frankreich – brutal mißhandelt worden sein. Alma Lind berichtet, sie sei auf der Fahrt von Sylt mit Opfern der belgischen Wut zusammen gereist, darunter war ein Herr, dem der Mund nach beiden Seiten auseinandergerissen worden sei. – Bei uns ist jeder Autofahrer als Spion verdächtig. So hat man, was offiziell zugegeben wird, schon deutsche Offiziere in ihren Autos erschossen. Das Menschenleben ist garnichts mehr wert. Man spricht, daß bei Lüttich 2400 Deutsche gefallen seien. „Nur“ heißt es dabei. Heut bringen die Blätter eine Notiz, wonach gestern in München ein 12jähriger Junge, der auf ein Wärterhäuschen geklettert war, um die Verladung von Soldaten mitanzusehn, von einem Wächter heruntergeschossen und schwer verwundet wurde. Diese Notiz wird mit keiner kritischen Bemerkung versehn. Es ist ganz selbstverständlich. Selbst das Leben naher Bekannter hat allen Wert verloren. Vor 14 Tagen hat Paul Wegener von Ulm aus eine Fahrt auf einem Paddelboot mit seiner Geliebten unternommen, donauabwärts. Die letzte Nachricht kam von Wien, daß man ihm Geld nach Budapest schicken solle. Seitdem fehlt von den Beiden jede Spur. Man nimmt an, daß sie erschossen oder ertrunken sind. Keine Seele weint deswegen. Wegener! Dieser feine liebe Mensch, dieser ausgezeichnete Schauspieler! Grauenhaft. – In diesen Tagen erwartet man eine Riesenschlacht in Frankreich. Tausende werden dabei zugrunde gehn, – vielleicht viele Freunde und Bekannte darunter. Trotzdem ist alle törichte Erwartung darauf gerichtet: Ginge es doch erst ordentlich los! (Umso eher wird’s aufhören?)

Aber eines muß zugegeben werden. Die Zuversicht der Deutschen, ihre gläubige starke Anteilnahme ist erschütternd, aber großartig. Es ist jetzt eine seelische Einheit vorhanden, die ich einmal für große Kulturdinge erhoffe.

Was wird nur nach dem Kriege kommen? Ich fürchte sehr Böses. Ein schändlicher Materialismus wird um sich greifen und eine wüste Reaktion herbeiführen. Es ist Irrsinn, daß Leute wie Dehmel sich freiwillig gemeldet haben. Grade diese Männer werden dann nötig sein, um den Geist zu verteidigen. Ich fürchte auch, daß eine einschneidende Spaltung der Geistigkeit eintreten wird. Der George-Kreis soll von wildem Patriotismus ergriffen sein. – Das fehlt uns grade noch, daß unsresgleichen sich offen der Gegenpartei zuwenden! Ich sehe eine trübe Epoche voraus.

Meine persönliche Situation ist nicht gut. Von Jenny immer noch kein Wort. Ich bin tief unglücklich deswegen. Von Lübeck heut auf meine Bitte ein Telegramm: „Wir sind alle vollkommen gesund“. Das beruhigt mich ja einigermaßen, aber ich weiß doch noch nicht, ob nicht Hans, Leo oder Julius vielleicht doch mit einrücken müssen. Heut war ich bei der Geschäftsstelle des Vereins der Apotheker Münchens. Hier sind alle Stellen besetzt, deshalb habe ich mich nun an einen Herrn direkt gewandt. Wird da auch nichts, werde ich mich wohl entschließen müssen, nach auswärts zu gehn, um Apothekerdienste zu leisten. Mein Geld ist fast ganz zu Ende, zu verdienen oder zu pumpen ist kein Pfennig, und mein Vater, dem ich meine Situation auseinandersetzte, um ihm eine Geldsendung nahe zu legen, rührt sich nicht. Seine Liebe hat noch immer beim Portemonnaie aufgehört. Würde ihm einmal mitgeteilt werden, ich sei Hungers gestorben, er würde nicht sich sondern mir Vorwürfe machen.

 

München, Nacht zum Donnerstag d. 13. August 14.

Die Nachrichten von deutschen Erfolgen häufen sich. Lüttich, Mühlhausen, Lagarde: das klingt allen sehr vertrauenerweckend. Für den 15ten ist eine große Schlacht prophezeit, vermutlich in der Gegend von Namur. Wer am meisten Menschen mordet, gewinnt. Die Menschenfreunde à tout prix hoffen wie jedermann, daß unsre Landsleute die meisten Menschen töten werden. Denn sonst würde das Elend grenzenlos: Alle Kultur, alle Gesittung, die Deutschland sich seit dem dreißigjährigen Kriege erarbeitet hat, stehe auf dem Spiel. Nicht zu reden von der materiellen Pleite. (Freilich: die andern?)

Bei mir ist die Pleite schon da, und ich sehe noch kein Ende ab. Von meinem Vater kam ein Brief (der eine geschlagene Woche unterwegs war). Natürlich denkt er nicht daran, mir aus der Misere zu helfen. Seine Papiere seien kolossal gefallen. Wenn er sie jetzt verkaufte, verlöre er 33⅓ %. Zum Teil habe er sie, um Charlottes Mitgift flüssig zu machen, bei der Reichsbank lombardiert, und der müsse er 8 % zahlen, die sogar bald auf 10 % steigen dürften. Die Berliner Häuser (das Eigentum seiner Kinder!) brächten ihm auch nichts, da viele Wohnungen unvermietet sind und wahrscheinlich die vorhandenen Mieter den Zins schuldig bleiben. Aber er stellt mir gütigst anheim, zu ihm zu kommen, wo ich wohnen und leben kann (und Vorwürfe hören). Ich habe ihm geantwortet, daß, wenn ich das Reisegeld nach Lübeck hätte, ich schon nicht mehr dorthin zu reisen brauchte. Er möge mir die Beglaubigung über mein Gehilfenexamen von der Medizinalbehörde besorgen und herschicken. Ich war heut nämlich bei einem Apotheker in der Metzstraße im äußersten Osten Münchens, der die Vermittlung von Hilfskräften an Apotheken übernommen hat. Er vertröstete mich auf die Einberufung des ersten Landsturmaufgebots (das gediente II. Aufgebot ist schon fort) und merkte mich vor. Der Herr X. hat noch nicht geantwortet. Ob ich dort annehme, hängt auch davon ab, ob ich bares Geld bekomme. Sonst kann ichs nicht machen. Auch will ich keinen Kriegsdienst leisten. Schrecklich sind die Folgen des Krieges ja für jeden. Mir enthüllt die Gelegenheit mal wieder mein ganzes Pech. Eben bin ich mit zwei Büchern herausgekommen, die nun natürlich kein Mensch kauft. Bei den „Freivermählten“ ist das ja zu verschmerzen, aber meine Gedichte, die Cassirer grade in wirklich anständiger Aufmachung hat erscheinen lassen! Meine gesammelten Gedichte! Der Niederschlag meines besten Lebenswerks, von dem ich soviel erhofft hatte! Wenigstens die äußere Anerkennung! Wenigstens die Bestätigung, daß ich in die vordere Reihe der gegenwärtigen Dichter gehöre! Und nun kommt, ehe sich noch ein Mensch um das Buch gekümmert hat, dieser schauerliche Krieg, und niemand wird das Buch lesen, niemand es erwähnen, niemand es empfehlen, niemand deswegen von mir reden! Gott meint es wohl redlich schlecht mit mir.

Heut war ein trauriger Tag. Jacobi ist endgiltig abgereist. Seine Frau hatte mich noch in der Frühe antelefoniert, ich möchte mittags zu Schlicker ins Tal kommen. Ich traf in der Kneipe Ziegel und Frau, Alfred Mayer und Jacobis. Wir blieben dann eine Weile zusammen. Um ½ 5 sollte der Zug abgehn. Um 4 waren wir alle dort, um beim Vorbeimarsch des Regiments Abschied zu nehmen. Er war schon vorüber, und nun mußten wir uns zum Bahnsteig selbst durchkämpfen – durch drei bayonettstarrende Schranken hindurch. Man verlangte von jedem Legitimation, war aber mit meinem Passe-partout zur Glaspalast-Ausstellung schon zufrieden. Der Abschied war tief schmerzlich. Ein Gewoge von Offizieren und Mannschaften. Ein langer Zug lebenslustiger Leute, die fortgeschafft wurden, um vor französische Kanonen gestellt zu werden. Die beiden Jacobis bewahrten bis zuletzt vorzügliche Haltung. Keins wollte dem andern zeigen, wie bitter der Abschied war. Als der Zug aus der Halle fuhr, riefen die Soldaten Hoch! und schwenkten die Mützen. Die andern grüßten zurück. Zurufe blieben mir in der Kehle stecken. Als der letzte Wagen vorbei war, mußte ich mich von der Gesellschaft ein paar Minuten isolieren. Die Tränen waren nicht aufzuhalten. Ich heulte.

Von Jenny kein Wort. Ich schrieb ihr heut nach Eydtkuhnen. Vielleicht bekommt sie die Karte an die richtige Adresse nachgesandt. Ich denke daran, mal an ihre Freundin, die Tochter des Abgeordneten Haase zu schreiben.

Noch eine erfreuliche Richtigstellung. Wegener ist nicht tot. Er hat sich dem „Berliner Tageblatt“ von Pest aus gemeldet.

 

München, Sonnabend, d. 15. August 1914.

Von den verschiedenen Kriegsschauplätzen fehlen in den letzten Tagen völlig nennenswerte Nachrichten. Alles ist in nervöser Spannung, da angenommen werden kann, daß eine große, vielleicht die Entscheidungs-Schlacht in Frankreich im Gange ist. Der Kampf bei Mühlhausen schon scheint den Charakter einer bedeutenden Schlacht gehabt zu haben. Die nachträglichen Berichte lassen erst erkennen, daß offenbar sehr große Truppenmassen beteiligt waren.

Inzwischen lähmt die Tatsache des Krieges in schrecklicher Weise das Bewußtsein von Gut und Böse. Ich fühle mich in meinen besten und reinsten Gefühlen und Gedanken ad absurdum geführt und vors Maul geschlagen. Meine Produktion ist ganz schlafen gegangen. Nur ein paar kurze Verse sind gestern entstanden, als ich dem reizenden Frl. Gertraude v. Bismarck eine Widmung in die „Freivermählten“ schreiben wollte. Das Mädel ist vorgestern in ihre Heimat (Lissa) abgereist, um dort fürs Rote Kreuz zu arbeiten. Ich traf sie vorher und versprach ihr das Buch zu schicken. So danke ich ihr also diesen Spruch

An die Helfer und Helferinnen vom Roten Kreuz.

Ob Freund, ob Feind – die Unterschiede schwinden,

wo Schmerzen klagen in den Lazaretten.

Feindschaft und Haß verstummt vor Krankenbetten.

Nach Euren Händen rufen alle Wunden.

Mit gleichen Leinen sollt Ihr sie verbinden

In Euren Herzen, die sich Gott verbunden,*

wird der verstörte Weltgeist Frieden finden.

Große Freude machte mir, daß Frl. v. Bismarck, die mir wegen der Erklärung, mit der ich die Sistierung des „Kain“ begründet habe, Komplimente machte, das Verhalten des „Simplicissimus“, der sich in seinen Kriegsflugblättern in Patriotismus überschlägt, als Charakterlosigkeit kennzeichnete. Das ist doch eine schöne Vorurteilsfreiheit, die man bei feudal erzogenen Menschen am wenigsten erwarten sollte. Der Simpl. treibts aber auch arg. Am Titelkopf das Eiserne Kreuz mit dem W. desselben Wilhelms, den das Blatt in allen Jahren seines Bestehens verhöhnt hat. Und immer der haltloseste Hurrapatriotismus, in dem sich Ludwig Thoma, der große Spötter, am lautesten jetzt hervortut. Diese Stimmung macht sich in allen Blättern breit, eine bramarbasierende Deutschtümelei, die protzig mit der deutschen Schlichtheit renommiert. Blätter vom Schlage der „Münchner Zeitung“ wären ohne weiteres fähig, derartige Furchtbarkeiten, wie sie in Belgien gegen Deutsche verübt wurden, gutzuheißen, wenn sie, von den Behörden ungehindert, hier gegen Fremde versucht würden. Auf die Idee, daß in Belgien ein Massenwahnsinn ausgebrochen ist, kommt hier niemand. Denn es will keiner glauben, daß die Leute, die dort so entsetzlich bestialisch gehaust haben, sicher gewöhnlich gute Menschen sind, denen gar nichts ferner liegt, als Wöchnerinnen zu töten und Säuglinge aus den Fenstern zu schleudern. Das sind die berühmten veredelnden Wirkungen des Krieges!

Mein Geld ist ganz am Ende. Gestern half mir Lotte Pritzel noch mal mit 2 Mk auf die Beine. Was weiter wird, übersehe ich noch nicht. Aber ich habe wenigstens mein Mittagessen in der Pension. Bei vielen Künstlern und Schriftstellern ist ein Elend eingekehrt, das aller Beschreibung spottet, und, da keine Hand sich helfend öffnet, die Not der Arbeitslosen in Friedenszeit weit in den Schatten stellt. Eben war Jodocus Schmitz bei mir, der als Schwiegersohn des reichen Herrn v. Garvens in Hannover nie Not zu kosten bekommen hat und mit seiner Frau ein großes Haus führte. Im vorigen Jahr starb der Schwiegervater und Schmitz wurde mehrfacher Millionär. Die Herrlichkeit dauerte aber nicht lange. Seine Frau fand Briefkonzepte an eine andre, in denen sie selbst sehr schlecht weg kam und ließ sich scheiden. Nun sitzt der arme Schmitz völlig trocken, ißt in der Volksspeisehalle und ist glücklich, wenn ich ihm 50 Pfennige gebe. Ganz schlimm scheint der italienische Bildhauer Güttner dran zu sein, der mit seiner Familie ohne Pfennig dasitzt. Der Simpl., für den er den Heineschen Bulldogg zu modellieren hatte, hat den Auftrag jetzt angesichts des Kriegs zurückgezogen. Viele andre hungern buchstäblich, und kein Mensch kümmert sich drum. Alle denken nur an die Soldaten, und deren zurückbleibende Frauen und Kinder, die das Gehirn des Volkes sind, mögen verrecken.

C. G. v. Maaßen erschien gestern früh bei mir. Man hat ihn nach zweitägigem Kasernendienst seiner Augen und seines Leistenbruchs wegen wieder entlassen. Nun ist er ganz erfüllt von seinen Erlebnissen als Kriegsfreiwilliger, die er sehr anschaulich und mit seinem prächtigen Humor amüsant erzählt.

Halbe erzählte eine bezeichnende Geschichte. Er wurde auf die Redaktion der Neuesten Nachrichten gebeten. Dort empfing ihn der Chefredakteur Mohr: Dr. Hirth wolle ihn sprechen, um von ihm Beiträge zu erbitten. Mohr bereitete Halbe vor: „Schmalz brauchen wir jetzt, Herr Doktor, viel Schmalz!“ Als Halbe zu Hirth kam, stellte sich heraus, daß er gar nicht gemeint war, und daß man von Heigel das „Schmalz“ erwartete, das als öffentliche Meinung nun in der Tat mehr als reichlich verschmiert wird.

Von Jenny kein Lebenszeichen.

 

* Diese Fassung ist besser: In Herzen, allem Menschentum verbunden,

 

München, Dienstag, d. 18. August 1914.

Die Kriegsstimmung mit ihren ängstigenden Erscheinungen wird täglich schrecklicher fühlbar. Die Stadt ist entvölkert – an hunderttausend Soldaten mögen schon heraus sein, dazu fast alle Fremden –, die Zurückgebliebenen sind von Geldmangel gedrückt, die Verkehrsmittel sind eingeschränkt, seit gestern ist der ganze Automobildroschkenverkehr auf militärischen Befehl aufgehoben, – und tot und dumpf weht uns die naßkalte Luft an. Am quälendsten aber empfindet jeder das Fehlen aller bedeutsamen Kriegsnachrichten und das Zurückhalten der Verlustlisten. Man weiß, daß das Leibregiment Hunderte verloren hat, aber offiziell kommt keine Bestätigung. Jeder hat außerdem die Empfindung, als ob Mißerfolge verschwiegen werden, eine Empfindung, die schon durch die Schlacht bei Mühlhausen Nahrung erhält. Man erfuhr, daß 60 000 Franzosen aus Deutschland hinausgeworfen wurden. Dazu mußten sie aber erst hineinkommen, was man nicht erfahren hatte. 60 000 Mann – und 43 Kilometer von der Grenze! – In diesen Tagen, das weiß jeder, muß eine entscheidende Schlacht gegen die Franzosen geschlagen werden, falls sie nicht schon geschlagen ist. Und jeder ahnt, daß, falls sie etwa verloren gegangen ist, das vor dem Volk verheimlicht wird. Die Zeitungen decken täglich faustdicke Lügen der Franzosen, Russen, Engländer und Belgier auf. Natürlich wird auch bei uns gelogen. Aber die Leute sind so naiv, nichts dabei zu finden, wenn es heißt, die Deutschen hätten es gütig gestattet, daß auf dem Lütticher Stadthaus die belgische Fahne hängen bleiben durfte. Ich schließe daraus, daß die Einnahme doch wohl noch nicht so perfekt ist wie sie dargestellt wird, und wenn jetzt – fast eine Woche hinterher – publiziert wird, daß die Deutschen wiederholt an Belgien herangetreten sind, um mit ihnen zu akkordieren, so beweist das auch kein sonderlich sicheres Überlegenheitsbewußtsein, mindestens kein reines Gewissen.

Seltsam und unwirklich scheint einem manches, was man jetzt sieht, hört und erlebt. Gestern traf ich Lion Feuchtwanger, der in Tunis war, dort vor Ausbruch des Krieges verhaftet wurde, aus der Gefangenschaft auf ein italienisches Schiff entkam und unter vielen Strapazen und nach Verlust all seiner Manuskripte und seines Geldes hier eingetroffen ist. Einen Mitflüchtling holten die Franzosen von dem italienischen Schiff herunter, und erschossen ihn vor Feuchtwangers Augen, der sich bei der Durchsuchung unter Seilen versteckt hatte. –

Heut früh erhielt ich eine Zustellung vom Polizeipräsidenten, wonach alle Artikel über das Heer oder den Krieg vor Druck dem Kriegsministerium vorzulegen sind. Ich bin froh, daß ich den „Kain“ sistiert habe. Wer weiß, was man mir sonst für Scherereien machen würde, und wie lange ich frei herumliefe.

Der Geldmangel ist allenthalben groß. Ich war ganz pleite, als heute die Post einen eingeschriebenen Brief brachte, der aufgebrochen gewesen und mit dem Vermerk „Militärischerseits freigegeben. Überwachungsoffizier“ wieder zugeklebt war. Er enthielt keinen Brief, keine Mitteilung, keinen Absendervermerk, sondern nur einen Zehn- und einen Fünfmarkschein. Die Adresse zeigte eine mir unbekannte Frauenhandschrift. Nach langem Hin und Herdenken, wer die Spenderin sein könnte, kam ich darauf, im Adreßbuch nachzusehn, wo das Aufgabepostamt 27 liegt und fand: Ismaningerstrasse. Nun weiß ich, wer so gütig an mich gedacht hat: Lucie v. Jacobi. Sonst wohnt keiner meiner Bekannten in der Nähe, – und bei der Frau ist es mir ganz plausibel. Ich werde mich aber nicht bedanken, weil es sie mehr freuen wird zu glauben, daß ich den Absender nicht errate.

Emmy ist seit Samstag abend frei. Morgens hatte ich noch einen langen Brief an das Landgericht in Hannover geschrieben, um gegen die Haft zu protestieren. Vorgestern früh kam sie zu mir und geizte nicht mit großen Gunstbezeigungen. Im übrigen ist mein erotisches Leben jetzt nicht sehr lebhaft. Zenzl krankt an einem Frauenleiden. Ihre Freundin Leni, die Braut eines Polizeiassessors, hat sich, nach einer Intimität, nicht wieder allein bei mir sehn lassen. Ruth Clément-Bültzing ist, um den Verfolgungen und Haussuchungen der Polizei zu entgehn, da sie Russin ist, als Kinderfräulein zu Frau Steinrück an den Ammersee gegangen. Die kleinen Mädel Maxi, Mizzi, Marietta und wie sie alle heißen, machen ja einen stark verwitweten Eindruck und drängen sich eifrig um uns paar zurückgebliebene Junggesellen, – aber sie reizen mich wenig. So beschränke ich mich auf die gelegentlichen Entladungen, die der Körper verlangt, ohne sonderliche Auslese unter den Objekten zu treffen. Wäre Zenzl gesund – und nicht zu sehr von ihrem Mann okkupiert, wäre mir in dieser Hinsicht wohler.

Eine kleine Verdienstmöglichkeit hat sich mir vielleicht aufgetan. Köhler hat bisher Theater- und Kunstberichte für die Berner Zeitung geschrieben. Jetzt hat er, da er sich freiwillig beim Leibregiment gestellt hat, für die Zwischenzeit mich als seinen Nachfolger empfohlen. Heut fliegt der erste Versuchsballon auf: ein kurzes Plauderreferat über „Minna von Barnhelm“, die ich mir gestern in den Kammerspielen daraufhin ansah. Eine schauerliche Aufführung. Ich werde aber angesichts des guten Zwecks – der Reinertrag geht ans Rote Kreuz – Milde walten lassen.

Jenny schweigt weiter und bringt mich damit zeitweise zur Verzweiflung. Gestern schickte ich den Brief an Gertrud Haase ab, der aber auch so schnell keine Antwort zeitigen wird, da die Münchener Post auf meine Anfrage die Adresse des Parteivorsitzenden Haase nicht wußte und mir riet, per Adresse H. Müller, Tempelhof zu schreiben. Der hat den Brief in 4 Tagen, Frl. Haase vielleicht in weiteren 2 Tagen falls sie in Berlin ist, und ich habe dann Antwort nach 5 Tagen frühestens, sodaß ich froh sein muß, wenn ich überhaupt noch in diesem Monat Bescheid erhalte. Inzwischen weiß ich nichts, als daß Jenny vielleicht noch in Eydtkuhnen ist, daß dort inzwischen russisches Militär war, daß die Kosaken täglich in Ostpreußen einreiten und dort morden, sengen und plündern. Ich hoffe ja immer noch, das Ausbleiben von Post mit den schlechten Verbindungen oder mit Jennys bewährter Rücksichtslosigkeit und Schreibfaulheit erklären zu können. Aber manchmal schnürt mir die Angst den Atem zusammen.

 

München, Donnerstag, d. 20. August 1914

Japan hat ein Ultimatum an Deutschland gerichtet, in dem es die Auslieferung von Kiautschau und die Räumung der asiatischen Gewässer von deutschen Schiffen bis zum 23. August verlangt. Das bedeutet Krieg zugleich in Ostasien. Die Leute sind furchtbar empört über diese Freibeuterei. Daß alle Politik ein dreckiges Geschäft ist, wollen die Leute nicht einsehn, und daß kein Unterschied wäre, wenn, was alle erhofft hatten, Japan jetzt wegen der mandschurischen Angelegenheiten Rußland in den Rücken gefallen wäre, gibt erst recht keiner zu. – Jedenfalls ist die Sache für alle schlimm, und man kann nur hoffen, daß die Scheußlichkeit und all das Furchtbare bald zu Ende sein wird. – Sonst nicht viel Neues. Alle Augenblicke heißts: Das deutsche Gebiet ist frei von Feinden – und jeden Tag wieder wird berichtet, daß im Osten und im Westen der Feind aus Deutschland hinausgeworfen wurde, so gestern bei Schlettstadt im Elsaß, vorgestern in Stallupönen (10 km. von Eydtkuhnen!). Ferner war bei Namur ein siegreiches Gefecht, das auf eine bevorstehende große Aktion dort herum hindeutet. Jedenfalls scheint die amtlich bestätigte Schlappe bei Schirmeck wirklich ohne wesentliche Bedeutung gewesen zu sein.

Der Papst ist heute nacht gestorben. Er muß sichs gefallen lassen, daß die Presse dies Ereignis nebenher auf der dritten und vierten Seite behandelt. Rößler meinte neulich schon: „Nur jetzt nicht sterben! Man hätte garkeine Presse!“ – Den schwarzen Politikern wird mit dem Tode Pius’ X. ein Stein vom Herzen fallen. Er hat ihnen ihre schäbige Realpolitik nicht leicht gemacht, der fromme Dickschädel.

Am Ekelhaftesten in dieser Zeit ist die Verlogenheit der Zeitungen. Das Niveau der deutschen Presse war ja bei Gott nie sehr hoch. Aber gegenwärtig halten die Schmalz-Schmöcke einen Tiefstand, der seinesgleichen sucht. Daß ein paar hysterische und unbefriedigte, wahrscheinlich bloß vom Krieg angewiderte Frauen gefangene Franzosen mit Wein und Chokolade bewirtet haben und gern zu ihnen in die Lazarette wollten, ist ihnen neuerdings Anlaß zu empörten Stilübungen. „Die Ehre der deutschen Frau“ soll gewahrt werden, und dazu proklamieren die Soldschreiber jene „Schlichtheit“, die man gemeinhin Geschmacklosigkeit nennt, und die sich in Flanellröcken zu manifestieren pflegt.

Ich habe gestern ein Gedicht gemacht, in dem ich diese Schmockerei in E. M. Arndtsche Verse gebracht habe. Da man mich lynchen würde, wenn ich damit öffentlich zum Vorschein käme, will ich die Verse vorläufig hier hersetzen. Vielleicht finde ich mal ein Mädel, daß das Zeug als Eigengewächs einer Redaktion andreht. Bei der Gesellschaft ists schon möglich, daß sie es für ernst nähme, schön fände und druckte:

Den deutschen Frauen und Jungfrauen.

Sei schlicht und meide welschen Tand, du hehre deutsche Frau.

In Züchten trage dein Gewand im deutschen Heimatgau.

Der Franzen Art ist Zier und Pracht.

Demütig Herz ist deutsche Tracht.

Sei keusch und sittsam, deutsche Maid.

Fromm halte dein Gemüt.

Nur in der Tugend reinem Kleid die deutsche Sitte blüht.

Ob Welschlands Dirne eitel girrt,

du schreite sanft und unbeirrt.

Oh deutsche Jungfrau, deutsches Weib! Seid unser Glück und Hort.

Laßt ab von lockerem Zeitvertreib. Legt Schmuck und Zierrat fort!

Seid schlicht und meidet welschen Tand.

So wills das deutsche Vaterland!

Ich glaube, es wird bei der Stimmung, die jetzt gegen jeden persönlichen Geschmack, gegen Anmut und Eigenart gemacht wird, nicht mehr lange dauern, bis man in allen öffentlichen Lokalen Zigaretten rauchende Damen insultiert. In Berlin hat der Polizeipräsident v. Jagow schon sehr scharfe Erlasse gegen die Prostituierten und gegen solche Frauen herausgegeben, „die sich wie Prostituierte aufführen“. Hier schreien die Blätter bereits nach Beispielnehmen. Als ob es den armen Huren jetzt, wo alle potenten Männer weg sind, nicht schon grade schlecht genug ginge! Vor einigen Tagen schickte mir ein Mädelchen im Stefanie (keine Berufshure) durch den Pikkolo einen Zettel, ich möchte ihr 65 Pf. geben, damit sie ihre Zeche zahlen könnte. Sie werde dann auch gern am nächsten Tage zu mir kommen. Ich hatte das Geld nicht, wäre aber auf das Angebot des armen Luders auch sonst nicht eingegangen, so gern ich ihr natürlich geholfen hätte.

Ich denke eifrig nach, auf welche Weise ich Geld verdienen könnte. Meine Dienstangebote in Apotheken und bei Herrn X haben bisher nichts gefruchtet. Von diesem, dem ich mich als Apothekergehilfe antrug, kam mein Brief zurück mit der Bemerkung: „Gegenwärtig kein Bedarf“. Tags drauf lamentierte man in den Zeitungen über Mangel an Kräften. Wer nur irgendwie zur Hilfeleistung in Frage komme, werde sofort eingestellt. Man hat also offenbar speziell mich nicht gewollt, weil der Anarchist den Kranken jedenfalls Gift in die Suppe täte! Dazu plagt man sich über drei Jahre, den Leuten Menschlichkeit zu predigen, damit sie einen selbst – und grade wegen dieser Mühe – für einen Verbrecher halten. Mein Trost ist, daß es Tolstoj jedenfalls ebenso ergangen wäre, und Jesus Christus erst recht.

Um Jenny habe ich große Angst. Heut kam ein am 4. August von mir nach Königsberg, postlagernd, gesandter Brief zurück. Ich hatte ihn offen geschickt und darauf geschrieben, er solle, falls nicht abgeholt, nach 3 Tagen zurückgehn. Er trägt jetzt den Stempel: Königsberg, nicht eingefordert. – Ich habe, um festzustellen, ob nicht vielleicht die militärische Kontrollstation, der jetzt meine ganze Korrespondenz zur Vorlektüre zugeht, etwas zurückgehalten hat, an den Überwachungsoffizier geschrieben und um Auskunft gebeten, ob von Jenny Briefe für mich dasind. Bestärkt wurde ich in dem Verdacht dadurch, daß Emmy, die diesen Moment hierwar, erzählte, Hardekopf habe ihr geschrieben und sich dabei auf einen langen Brief bezogen, den er an mich geschickt hätte. Ich habe aber keinen bekommen, offenbar, weil er Mitteilungen über Hardys letzte Tage in Paris enthielt. Zwei sehr traurige Botschaften brachte Emmy gleichzeitig: Danach ist Kurt Tarrasch in Berlin gestorben, der hübsche junge liebe Mensch, und Dr. Weill, der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete von Metz, der mir im vorigen Jahr bei sich Quartier gab, sei wahnsinnig geworden. Er habe bei der Ermordung Jaurès’ in dessen Gesellschaft gesessen, das habe ihn so mitgenommen. Die Bestätigung beider Nachrichten muß ja abgewartet werden, aber ich fürchte sehr, daß sie nicht ausbleiben wird.

 

München, Freitag, d. 21. August 1914.

Die Sonne ist verfinstert. Durch ein geschwärztes Glas sieht man eine tiefschwarze Kugel, deren unterer Sichelrand hellleuchtend zwischen weißen Wolken steht. Die besonnten Straßen haben einen dumpfen Ton angenommen. Weltuntergangsstimmung. Krieg, Tod und Schrecken.

Um Jenny ängstige ich mich entsetzlich. Heut teilen die Zeitungen mit, daß Eydtkuhnen von den Russen angesteckt sei. Ihre Habe und die ihrer Eltern dürfte also verloren sein. Armes, süßes Mädchen. Wenn sie nur lebt! Und wenn ich nur wüßte, wie ich von ihr erfahre! Diese Ungewißheit ist furchtbar. Daß ich sie hierherrufen könnte! Ich wollte sie schon nicht hungern lassen.

Und nun kommt zu dieser Sorge noch eine neue. Heute früh war polizeiliche Haussuchung bei mir. Man fahndete nach einem irredentistischen Flugblatt, das von Flesch verfaßt und verbreitet sein soll. Ich kenne das Ding garnicht und konnte also den Beamten ruhig alle Schubfächer öffnen. Offenbar hat Flesch mich nicht eingeweiht, weil er meine Uninteressiertheit daran, ob Triest österreichisch oder italienisch ist, erraten konnte. Flesch ist in Italien. Furchtbar aber ist, was der Kommissär andeutete: daß Lotte Pritzel, Strich, Teutsch etc. in die Angelegenheit verwickelt seien. Das sind lauter Leute, die natürlich himmelweit entfernt sind, „hochverräterische“ Ideen zu haben, denen ich aber allen ohne weiteres zutraue, aus Gefälligkeit ahnungslos alles mögliche aufzubewahren, was man ihnen gibt. Leider muß ich nach den Aeußerungen des Kommissärs annehmen, daß einige Freunde verhaftet sind. Lotte? Das wäre ja grauenhaft, wenn man das arme ahnungslose Mädel unter dem Kriegsrecht wegen Hochverrats anklagen wollte. Wenn man nur etwas für sie tun könnte! Es ist schauderhaft.

Mein vitaler Egoismus, der sich noch immer, wenn großes Leid zu ertragen war, behauptet hat, setzt sich auch jetzt wieder durch. Ich suche Geselligkeit auf, wo ich kann und vergesse dann soweit alles Böse, daß ich Witze machen und lachen kann, als gäbe es in der Welt kein Elend. Bruno Wille ist gegenwärtig in München. Ich war schon zweimal jetzt mit ihm und seinem Lieschen zusammen. Gestern waren wir im Franziskaner, mit Henkell, Halbe, Paul Kampffmeyer und Frau und Ida Lux, die ich auch seit den Tagen der „Kommenden“ nicht gesehn hatte. Heute treffen wir alle uns im Ratskeller. Ich habe auch Wedekind telefonisch bestellt.

Die deutschen Truppen sind in Brüssel eingezogen. Sonst nichts Wesentliches von den Operationsfeldern.

Eben war ein Mädel bei mir, eine Näherin namens Anna Obstpichler, die mit Emmy zusammen eingesperrt war und nun aus der Untersuchungshaft entlassen ist. Ein 21jähriges Ding mit großen braunen Augen. Sie fragte nach Emmys Adresse. Das Geschöpfchen sah so nett aus, daß ich sie gleich auf den Divan legte. Ich bin schon ein rechter Strolch.

 

München, Sonnabend, d, 22. August 1914

Gestern nachmittag kam die Nachricht von einem großen Sieg der deutschen Truppen bei Dieuze, zwischen Metz und den Vogesen. Acht französische Armeekorps wurden geschlagen, 10000 Gefangene und mindestens 50 Geschütze mitgenommen. Die ganze Stadt ist beflaggt, zumal der Kronprinz von Bayern die „Führung“ der riesigen deutschen Armee hatte. Er wird wohl auf seinem dekorativen Feldherrnhügel nicht viel zu führen gehabt haben. Die Freude an dem Sieg konnte mich nicht anstecken, weil die entsetzliche Massenmörderei, die so einen Sieg bedingt, mir bei allem Jauchzen des Volkes nicht aus dem Bewußtsein kommt. Mehr bewegen mich die trüben Dinge, die mein privates Sein berühren und mich im Tiefsten erschüttern.

Lotte ist in der Tat seit drei Tagen verhaftet. Ebenso Teutsch und der Drucker Etzold. Bei der gegenwärtigen Situation ist der Ernst dieses Vorgangs garnicht bitter genug zu veranschlagen. Zwar gebe ich nichts auf die dämliche Aeußerung eines der Beamten, die gestern bei mir haussuchten, der meinte, er gäbe für den Kopf der betreffenden Personen nicht soviel (mit entsprechender Geste), – aber niemand kann wissen, ob Lottes Inhaftierung nicht sehr lange dauern wird und ob ihr das Kriegsgericht glauben wird, daß sie von Politik und Hochverrat soviel weiß wie der Staatsanwalt vom Wachspuppenmodellieren, und daß der Irredentist für sie allenfalls ein verrückter Zahnarzt sein mag, wenn sie eine Erklärung geben soll. Fritz Strich (Walter ist in Berlin und selbst wie es scheint verdächtigt) und Kalser betreiben wie sie mir im Hofgarten bestätigten, lebhaft Lottes Interesse. Vorläufig ist aber noch garkeine Möglichkeit, mit ihr in Verbindung zu treten. Für den Prozeß fürchte ich schon etwaige Fragen an die Zeugen, ob sie geschlechtlichen Verkehr mit Lotte hatten. Kaum einer wird reinen Herzens auf nein schwören können, und wenn wir alle die Aussage verweigern, dann ist es sicher aus mit Strichs Liebe, und das arme Mädel kann sehn wo es bleibt. – Über Siegfried Flesch bin ich tief empört. Es ist eine Gewissenlosigkeit sonder gleichen, indifferente Personen in seine konspirativen Abenteuer hineinzuziehn. Ich stehe seit 13 Jahren in der gefährlichsten Bewegung, die es gibt und bin wahrhaftig jederzeit bereit, für meine Überzeugung einzustehn – wenn es sein muß, mit dem Leben. Aber das kann ich mir billig bezeugen, daß ich niemals andre Menschen, leichtsinnig in Gefahr gebracht habe (Sonst sähe dies Tagebuch auch noch andre Eintragungen). Gegenseitige Hilfe im Kampf soll man von denen verlangen, die gleicher Gesinnung sind, nicht von Leuten, denen man mit ganz andern Fäden freundschaftlich verbunden ist.

Die Jenny-Angelegenheit wird von Tag zu Tag aufregender. Gestern abend traf ich im Ratskeller, wo ich mit Wille, Wedekind u. s. w. zusammen war, zufällig den Dr. Karl Landauer. Er hat von ihr am gleichen Tage wie ich ein Telegramm bekommen, seitdem nichts. Jedoch schien er garnicht in Besorgnis zu sein und vermutete, Jenny wäre längst in Berlin. Er versprach dann, an Gustav Landauer zu depeschieren. Als ich heimkam, fand ich zwei Nachrichten vor: ein Telegramm von Gertrud Haase aus Berlin, dieses Inhalts: „Nach Jenny in Königsberg angefragt. Gebe baldigst Antwort.“ Daraus ergibt sich fraglos, daß sie nicht in Berlin ist. Ferner einen Brief von der Militärischen Überwachungsstelle beim Bahnpostamt I. Der betr. Offizier, ein Oberstleutnant Sixt, schreibt mir eigenhändig folgendes: „Ihre Anfrage v. 20. beantworte ich wie folgt: Für Briefe nach Eydtkuhnen ist die hiesige Überwachungsstelle nicht einschlägig. Dahin gerichtete Briefe befördern wir glatt weiter bis z. betr. Grenz-Überw. Stelle, die nicht genannt werden darf. Von den an Sie gerichteten Briefschaften wurde bei meiner Überw. St. noch kein einziges Stück zurückgehalten. Das Ausbleiben von Nachrichten Ihrer Braut ist auf deren Zurückhaltung an andrer Poststelle zurückzuführen.“ – Oder doch wohl auch darauf, daß keine abgesandt werden konnten, weil Jenny gefangen oder tot ist! Scheußlich zu denken, das süße Geschöpf wäre in Kosakenhände gefallen! Die Ungewißheit über ihr Schicksal ist entsetzlich. Lieber wissen, daß sie ermordet ist als es nur vermuten. Aber noch glaub ichs ja nicht. Noch denke ich immer, daß plötzlich doch gute Botschaft kommt. Vielleicht hat der Oberstleutnant wirklich recht, und irgendwo sitzt ein andrer Offizier, liest die mir gesandten Grüße und gibt sie nicht weiter, weil die Fürchterlichkeiten, die sich an Deutschlands Ostgrenzen vollziehen, darin Gesicht bekommen könnten.

Die traurigen Nachrichten über Tarrasch und Weill sind leider wahr. Wo man hinhört: Gefallen, ermordet, gestorben, verschollen, verhaftet, wahnsinnig. Das ist die große erhebende veredelnde Kriegszeit.

Bei all meiner Traurigkeit will ich doch noch ein nettes Wort von Max Halbe hier notieren, das wert ist nicht verloren zu gehn. Wir kamen zusammen mit den übrigen aus dem Ratskeller und gingen schließlich zu Dritt – Halbe, Kampffmeyer und ich – die Ludwigstrasse hinunter. Das Gespräch kam irgendwie auf Überzeugungstreue und dabei auf meine besondere. Da meinte Halbe: „Unser Mühsam hält die Fahne hoch, auf die ich zwar nicht schwöre, die ich aber gern in seinen Händen sehe.“

 

München, Sonntag, d. 23. August 1914.

Nachmittag. Um 4 Uhr erwarte ich Zenzl. Es wird wohl eine Art Abschiedsliebesfest werden, da sie in diesen Tagen zu ihrer „Basl“ in die Holledau hinaus will, um sich zu erholen bei Landarbeiten.

Bis sie kommt, mag hier die Freude ausströmen, die mich erfüllt. Jenny lebt und ist gesund. Gertrud Haase telegrafierte es mir, und als ich nachts um 4 Uhr heimkam, fand ich die Botschaft „Jenny gesund Königsberg. Erste Fließstrasse 19. Gertrud Haase.“ Ich habe vor Freude oder wegen der plötzlichen Entladung der übermäßig gespannten Nerven laut geweint. Nun ist mir so frei und wohl wie seit langem nicht und ich habe an Jenny einen langen Brief geschickt, ohne Vorwurf, nur voll Glück, daß sie lebt und nicht ermordet oder gar verschleppt ist. Ich glaube, sie muß fühlen, daß wir zusammengehören. Es wäre schrecklich, wenn sie mir jetzt noch den Abschied gäbe.

Nun heißt es, mit aller Energie an Lottes Befreiung zu arbeiten. Ich besprach die Sache gestern abend mit Kampffmeyer. Er gab mir Anregungen, und evtl. werde ich – jedenfalls aber erst nach Rücksprache mit Fritz Strich und Kalser in diesen Tagen bei der Redaktion der „Münchn. Post“ vorsprechen und beraten, ob und welche Veröffentlichungen sich empfehlen. Geholfen muß werden – und das schleunigst. Darüber kann es keine Differenzen geben.

Also unsre Sitzung zog sich gestern bis sehr spät in die Nacht hin. Das Schauspielhaus hatte wieder eröffnet und zwar mit Halbes „Freiheit“, von der ich schon zwei Premieren, hier und in Berlin, im letzten Jahr erlebt habe. Jetzt hat das „Schauspiel von 1812“ Aussicht auf eine gesegnete Renaissance, da es in manchem die gegenwärtigen Stimmungen sehr gut trifft. Halbe hat einen ganz wirksamen Prolog gedichtet, der die Beziehung zwischen damals und jetzt deutlich macht. Er trug ihn selbst vor, und zwar sehr gut und eindrucksvoll, ohne schlechte Pathetik, aber vortrefflich nuanciert. Ich ging nach dem Prolog fort. Bei aller Liebe für Max Halbe – dies Stück dreimal anzusehn, das ginge über meine Fähigkeiten, noch mehr aber über die Fähigkeiten des Stücks. Übrigens gestand mir Halbe abends, daß ein Passus des Prologs im Hinblick auf mich entstanden sei, da er seit 3 Wochen bei mir eine innere Krise beobachte, die keiner durch die derzeitigen Geschichtsereignisse bewirkten Wandlung gleiche. Er kann wohl rechthaben, aber ich muß mich noch scharf beobachten, ob ich alle neuen Einsichten ohne Schaden meinem Weltbild eingliedern kann. Das habe ich mir vorgenommen: Um des Buchstabens willen soll keine innere Wahrheit in mir zu kurz kommen. Ich will mich aber gegen Suggestionen mit Mut panzern.

Die Kneiperei fand im Torggelhause statt, und zwar von 12 Uhr ab unten in der Kegelbahn, da die verbotswütige Polizei um Mitternacht alle Lokale sperrt. Halbe, Wille, Kampffmeyer, Schmitz, Basil (in Unteroffiziersdress), Consul Sax, Manning und weitere nebst Damen, unter denen mich eine Frau v. Ende interessierte, Mutter dreier Kinder von 12 – 16 Jahren und Tochter der amerikanischen Kameradin A. v. Ende. Die jugendliche Frau machte mich stolz, indem sie berichtete, ihre Mutter in New-York bewahre mein Portrait. Ich werde sie in diesen Tage besuchen und mir über die Mutter näheres erzählen lassen. Eine Freundin Emma Goldmanns! – Um 4 Uhr war ich zuhause, und fand das Telegramm von Gertrud Haase, die ich nicht kenne aber jetzt wie eine Schwester liebe, da sie mich so tief beglückt hat.

Vom Kriegsfeld lauter schwülstige Nachrichten. Die Schlacht bei Metz muß immerhin ungeheure Dimensionen gehabt haben. Man redet von 12 französischen Armeekorps und 40.000 Gefangenen. Das Pressebüro des großen Generalstabs selbst arbeitet mit seinen spärlichen, sachlich klingenden, nur manchmal etwas im Schmockstil salbadernden Meldungen, die von denen Österreichs vorteilhaft abstechen, äußerst geschickt, in dem es jede gute Meldung allmählich anwachsen läßt. Über weitere Operationen gehn viele noch unkontrollierbare Gerüchte. So soll der Rhein-Rhône-Kanal abgeleitet werden, um Belfort zu unterströmen. Andre behaupten, die Belforter Fortifikationen werden unterminiert. Aber alle sind jetzt sehr siegessicher. Manche erzählen von einer Wahrsagerin, die alle Ereignisse vorausgewußt habe, und nun für den 2. November eine für Deutschland verhängnisvolle Katastrophe prophezeie. Abergläubische und Skeptiker mögen darüber rechten. Ich habe keine Lust, die ohnehin genügend strapazierten Nerven mit lächerlichen Zukunftsängsten zu peinigen. Aber eins fühle ich deutlich in mir: den Rythmus, der alle bewegt, der gewiß keine Bejahung des Krieges ist, aber eine Entzündung ungekannter Liebe zur leidenden Kreatur, schicksalhaftes Mitschwingen, Ergriffenheit von den[dem] Erlebnis, das alle bewegt. Und das ist mir sehr merkwürdig, und macht mich argwöhnisch gegen mich selbst.

 

München, Montag, d. 24. August 1914.

Zenzls Besuch verlief gestern etwas melancholisch. Von den fünf Brüdern, die sie im Felde hat, ist einer gefallen, ein Schäffler, der eine schwangere Frau und drei unversorgte Kinderchen hinterläßt. Zenzl muß nun die Witwe trösten. Morgen will sie nun aufs Land fahren und mir heut abend noch ihren Leib zum Abschied geben. Ich werde sie doch sehr vermissen, die schöne zärtliche Frau mit der derben bayerischen Mundart, den praktischen Händen und Augen und dem herrlichen Haar und Wuchs.

Die Nachwirkung der Ängste um Jenny beginne ich jetzt stark zu spüren. Eine übermäßige nervöse Reizbarkeit, Drang zu alkoholischen und sexuellen Exzessen und was in dieser Richtung liegt. Gottseidank habe ich in diesen Tagen wenigstens keine Sorge um die nötigsten Groschen, da mir vorgestern, als grade die anonymen 15 Mk von Frau v. Jacobi alle waren, Margarete Beutler mit einem 20 Markschein beisprang, mit dem ich bis zur Geldsendung von Onkel L. haushalten will.

In der Lotte-Affaire nichts neues. Ich traf abends bei Heck, wo ich mit Maaßen und Jodocus Schmitz soupierte, Strich und Kalser, beide angegriffen und sehr bleich. Sie haben Justizrat Bernstein mit der Sache beauftragt. Lotte sitzt in Neudeck, empfängt noch keine Besuche und hat offenbar noch garkeine Vergünstigungen. Ich riet den beiden, die ganz hilflos sind, was sie zunächst tun sollen: Geld deponieren, Selbstbeköstigung beantragen, menschlich mit dem Ermittlungsrichter sprechen und sich womöglich des Interesses des Oberlandesgerichtsrats Mayer (des Vergleichs-Mayers) versichern. Hoffentlich wird das arme Geschöpf bald aus der unwürdigen Situation befreit sein.

Vom westlichen Kriegsfeld sind wieder viele Nachrichten da, vom östlichen Ende keine. Den Franzosen scheint es überall recht arg zu gehn. Heut wird auch die Niederlage einer auf französischem Boden gelandeten englischen Kavalleriedivision gemeldet. Mit Japan sind die Beziehungen abgebrochen. Die Türkei macht Anstalten, zugunsten der Zentralmächte einzugreifen. Der Verkauf der beiden deutschen Mittelmeer-Kriegsschiffe an die Türkei war ein politisches Manöver Deutschlands. Jetzt kommen sie allem Anschein nach in Tätigkeit. In Amerika soll Kriegsstimmung gegen Japan herrschen. Greifen die U.-St. ein, dann ist der Mordbrand um die Erde herum geschlossen. Eine erfreuliche Beobachtung mache ich unter allen Bekannten: Die „Erbfeind“-Stimmung gegen Frankreich ist nirgends vorhanden. Überall hat man Bedauern mit dem armen Lande, in dem offenbar außer den professionellen Kriegstreibern niemand den Krieg wollte, und das nun die Kosten des ganzen Abenteuers zu tragen hat. Selbst Halbe, der Nationalist, nannte das Schicksal – freilich etwas anmaßend – „bejammernswert“.

Ich plane neue Arbeit. Seit Jahren gehe ich mit der Idee um, ein Trauerspiel zu schreiben „Wally Neuburger“, die Geschichte einer Hure, die solange sie Hure ist, im Herzen rein bleibt, sich dann ganz nur an Einen verkauft, in der Ehe mit ihm verbürgert, eifersüchtig, kleinlich und anmutlos wird, mit der steigenden äußerlichen Sicherheit innerlich verkommt und endlich, halb gedrängt von ihrem ehemaligen Zuhälter, der das sittliche Gewissen in ihrem Leben ist, halb freiwillig ins Wasser geht. Vielleicht finde ich jetzt, wo der „Kain“ ruht, die Konzentration, an die Ausarbeitung zu gehn. Heut freilich ist mir garnicht sehr nach Dichten zumute. Der Abend gestern mit Schmitz und Maaßen verlief noch sehr animiert bei viel Bier und Wein, auf das später noch in Maaßens Wohnung überreichlich Schnaps gegossen wurde. Nun habe ich abscheuliches Sodbrennen.

Von Schustermann kamen eine Anzahl ärgerlicher Zeitungsausschnitte, die sich mit meiner Erklärung an die Kain-Leser beschäftigen. Sie drucken den verstümmelten Abdruck aus der Augsburger Abendzeitung nach, in dem der wichtigste Abschnitt, in dem ich ehrlich sage, ich würde, wollte ich meine Meinung sagen, meine persönliche Sicherheit gefährden, ausgelassen ist, um durch den letzten Abschnitt mich als Patrioten hinstellen zu können, da ich den allerdings mißverständlichen Wunsch ausspreche, „daß es gelingen werde, die fremden Horden von unsern Brüdern und Frauen, von unsern Städten und Äckern fernzuhalten”.* Natürlich bin ich auch in diesem Zusammenhange überall der „Edelanarchist“, der die Caféhäuser unsicher macht. Nur eine Lübecker Zeitung läßt diesen Relativsatz aus, weist auf meinen „aufsehenerregenden Kampf gegen die Münchner Zensur“ hin und renommiert mit mir als geborenem Lübecker. Gönnen wir den Schafsköpfen das Vergnügen. – Aber der dumme Schlußsatz macht mir zu schaffen. Ich fügte ihn in der Angst um Jenny und beeinflußt von den Warnungen Jacobis und Weisgerbers nachträglich ein. Es war eine große Eselei.

 

* Ich habe gleich, als die Fälschung erschien, Neudrucke ohne den Satz drucken und den Rest der ersten Auflage vernichten lassen.

 

München, Dienstag, d. 25. August 1914.

Zenzl ist fort – in ihrer Heimat. Der Abschied war sehr sehr zärtlich. Es geht mir ernstlich nahe, die prächtige Frau vielleicht monatelang missen zu sollen, zumal mir für die engste Vertrautheit des Körpers und der Seele unter allen Mädeln keine einzige ganz recht ist. Vielleicht verhilft der Zufall mir wieder zu einem netten Gschpusi. – Eine sonderbare Tatsache berichtete Zenzl mir. Die Leni hat seit kurzen ein Verhältnis mit dem Polizeiassessor Schubier, der ihr – wie Leni mir bei unserm einzigen Schäferstündchen anvertraute, die Ehe versprochen hat (wozu er sich scheiden lassen wolle). Nach Zenzls Erzählungen scheint er sich für sie noch mehr zu interessieren. Er hat ihr mit Geld ausgeholfen, ihrem Mann einen Auftrag für sein Studentenkorps in Würzberg versprochen, kurz sich sehr für die Leute interessiert gezeigt. Zenzls Freundschaft mit mir soll er mit tolerant ergebener Indignation ertragen haben. In den letzen Tagen habe sich sein Benehmen geändert, was Zenzl zuerst auf die Flesch-Affaire zurückführte, da der Triester Bildhauer Güttner in der Sache mitverdächtigt war, der täglicher Gast bei Englers ist. Bei Zenzls letztem Besuch bei dem Polizeiassessor, der übrigens sehr reich ist, hat er ihr – zwar halb spaßhaft, aber doch so, daß Zenzl empört auffuhr – den Vorschlag gemacht, sie solle doch, wenn sie kein Geld habe, ein wenig für die Polizei in ihren Kreisen spitzeln. Nun ist Zenzl auf die Idee gekommen, die Dreckseele habe den Verkehr in ihrem Hause überhaupt blos aufrecht gehalten, um selbst etwas zu erfahren, was der Polizei interessant sein könnte. Das ist sehr möglich. Wer sich nicht zu schäbig vorkommt, wenn er überhaupt – ohne von Nahrungsnot getrieben zu sein – in Polizeidienste geht, dem kann man auch Spionencharakter seinen Freunden gegenüber zutrauen. Ich habe Zenzl vom ersten Moment an davor gewarnt, sich mit Polizisten abzugeben. Das Gewerbe ist verächtlich von Natur aus. Denn es setzt bei jedem Menschen Ehrlosigkeit, Verräterei und Schmutzigkeit voraus.

Heut erhielt ich eine am 16ten in Lübeck abgesandte Karte von meinem Vater, den ich gebeten hatte, mir die Bescheinigung meines Apothekergehilfenexamens zu beschaffen. Er findet, es sei ein Wagnis, mich nach so langem Zeitraum für dieses Fach qualifiziert zu halten. Gern tu ichs ja auch nicht. Aber man will sich doch auf den Beinen halten. Ferner versteht der Alte nicht, daß ich nicht mit meinem Monatswechsel auskomme. Das wird er wohl auch nicht begreifen lernen, daß das Leben heute mehr kostet als vor 50 Jahren. Aber er hat Onkel Leopold gebeten, mir nach wie vor unverkürzt zu schicken, was ich sonst kriege. Also hat der gute Mann gedacht, jetzt, wo ich garnichts verdienen kann, hätte ich auch darauf gefaßt sein sollen, selbst die lausige Postanweisung nicht zu kriegen, die mir für meinen Verzicht auf die großväterliche Erbschaft nach harten Kämpfen gnädig bewilligt worden ist. Rührend.

Vom östlichen Kriegsschauplatz kommen schlechte Nachrichten. Die Russen sind bis Insterburg vorgedrungen und haben, dem Wortlaut des Berichts nach anscheinend starke Siege gegen die Deutschen erfochten. Man hofft jetzt auf den Entscheidungskampf, der unmittelbar bevorstehe. Inzwischen scheint die ganze Ostmark im Regierungsbezirk Gumbinnen völlig verwüstet zu sein. Das Telegramm, ein Deposée des Generalquartiermeisters v. Stein, sieht wie eine böse Schamade aus. Daß die Leute das in der Mehrzahl garnicht merken, ist traurig. Sie können böse Enttäuschungen erleben, wenn etwa die Entscheidung dort drüben ungünstig ausgeht. Auch für Jenny zittere ich noch. Wer weiß, wie bald Königsberg belagert werden kann. – Im Westen dringt man weiterhin vor. Eben besagt ein neues Telegramm, daß Namur so gut wie erobert sei. In England sollen Arbeiterrevolten bevorstehen. Doch daran glaube ich noch nicht recht, sowenig wie hier. Von Landauer kam ein kurzer Gruß, der mich zu einem Brief an ihn veranlassen wird. Ich spüre das Bedürfnis mich in den gegenwärtigen innerlichen Erlebnissen mit dem alten Freund auszusprechen. Vielleicht weiß er auch etwas von Johannes Nohls Verbleib. Mir geht – trotz allem – auch sein Schicksal noch immer recht nahe.

 

München, Mittwoch, d. 26. August 1914

Vom ostpreußischen Kriegsgebiet nichts neues. Die Entscheidung war in Steins Communiqué als unmittelbar bevorstehend bezeichnet worden. Sie ist also noch nicht – wenigstens nicht im günstigen Sinne – gefallen, und die Nervosität hält an. Insterburg liegt an 60 km von der Grenze und in der Mitte zwischen Eydtkuhnen und Königsberg. Dorthin scheinen die Russen also auf dem Anmarsch zu sein. Zu denken, daß die Stadt – Jenny darin – einer Belagerung und Beschießung ausgesetzt sein kann, ist gräßlich. – Die Österreicher melden einen großen Sieg über die Russen bei Kraßnick-Lublin. Hoffentlich ist die Botschaft nicht übertrieben.

Mir bietet sich vielleicht eine Verdienstmöglichkeit. Der frühere Direktor des Züricher Cabarets „Grauer Esel“, jetzt hier Besitzer eines Lokals in der Göthestrasse „Grüner Heinrich“ will ein „Kriegskabaret“ machen und mich hinter den Kulissen als künstlerischen Leiter haben. Ich weiß noch nicht, ob das gehn wird, ohne daß ich meinem sozialen und kriegsfeindlichen Gewissen etwas vergebe. Aber der Mann ist Schweizer und wenn sich meine Tätigkeit auf Empfehlung von Künstlern und Prüfung des vorzutragenden neutralen Materials beschränkt, dann sehe ich keinen Grund, die Gelegenheit Geld zu verdienen auszuschlagen.

Gestern wurden die ersten erbeuteten französischen Geschütze nach München gebracht, 11 Stück, von denen 10 auf dem Odeonsplatz vor der Feldherrenhalle aufgestellt wurden. Ich stand im Gedränge der Menschen und sah einiges von der Zeremonie: Reiter und Fußvolk, Eichengewinde und Bajonette. Von den grauen Geschützen konnte ich nur hier und da einen Protzkasten oder ein Rad erspähen. Nachher waren die Trophäen umlagert von Menschen, die draufsaßen, dran herumkrochen und alles genau visitierten. Noch nachts um 1 Uhr, als ich mit Dr. Rosenthal und Friedenthal von der Torggelstube aus dort vorbeikam, waren hunderte um die Kanonen versammelt, und einer war immer sachverständiger als der andre. Wie denn auch jeder seinen eignen Kriegsplan hat und nach jeder Depesche genau recht behält.

Jenny hat sich noch immer nicht direkt bei mir gemeldet. Und von der armen Lotte habe ich nichts Veränderndes mehr erfahren.

 

München, Donnerstag, d. 27. August 1914

Sehr lohnende Unterhaltung mit Heinrich Mann, der den Krieg ungemein pessimistisch beurteilt. Seine Idee, man wende sich absichtlich nur gegen Westen und lasse die Russen getrost in Ostpreußen einbrechen, ist natürlich unsinnig. Richtig ist nur soviel, daß die feindliche Übermacht zu stark ist, und daß man nun zuerst mit aller Wucht gegen die Seite marschiert, von der man die stärkere – nicht „sittliche“, sondern Überlegenheitsgefahr – fürchtet. Manns Ansicht, daß die deutsche Regierung dem russischen Zarismus nicht gern wehtäte, ist nur bedingt richtig, etwa so wie der Standpunkt Wedekinds, den er mir gegenüber verschiedene Male in den letzten Tagen vertrat, indem er in seiner bekannten Weise ethische Momente überall ganz leugnet und alles auf eine rein geschäftliche nüchterne Formel bringt. Beider Kritik ist aber immerhin noch viel schöner, anständiger und richtiger als die der À tout prix-Patrioten à la Maaßen, Jodocus Schmitz etc. Ich bekam gestern im Stefanie einen richtigen Wutanfall, als diese Leute sich tief darüber empörten, daß England erklärt, den deutschen Patentschutz nicht mehr anzuerkennen. Das gilt als wichtig, während täglich in allen Heeren tausende niedergeknallt werden, wo kein Land sich ums Völkerrecht schert, wo Kinder und Frauen mißhandelt, auf marschierende Soldaten aus dem Hinterhalt geschossen wird, wo aus Zeppelinen Bomben unter die Menschen platzen, wo Belgien und Ostpreußen zerstampft und zermantscht werden, wo Häfen und Städte, Wälle und Mauern mit grauenhaften zentnerschweren Granaten zerstört werden – da schimpft man über Englands „Krämergeist“, weil es deutsche Kapitalwerte zu schädigen sucht! Ich sagte den empörten Leuten, entweder man erkenne den Krieg an, dann soll man nicht Einzelnes als „Gemeinheit“ herausgreifen (wenn es nämlich der „Feind“ tut), oder man verabscheue den Krieg insgesamt, dann komme man dazu, alles, was zum Kriege taugt, als Gemeinheit zu bewerten, auch das, was die Deutschen machen, die in Algier ungeschützte Häfen beschossen haben, neutrales belgisches Gebiet beschritten und weil die Belgier, eingeschüchtert zugleich von England und Frankreich, sich zur Wehr setzten, dort ein entsetzliches Strafgericht hielten. Man beruft sich darauf, daß der in Frankreich und Belgien – übrigens auch im „deutschen“ Elsaß-Lothringen ausgebrochene Franktireurkrieg grausame Gegenmaßregeln notwendig mache. Das ist ganz töricht. Ich werfe es den Deutschen zwar nicht besonders vor, daß sie Leute, die sie aus dem Hinterhalt umbringen, beseitigen. Aber von verbrecherischen Instinkten getriebene Mörder sind die Franktireurs auch nicht. Sie sind geleitet von der naiven Wut der Bauern, denen fremde Horden das Eigentum zertrampelten und gleichzeitig von dem gleichen nationalen Furor, der auch die deutschen Soldaten begeistert und verrückt macht. Die bestialischen Scheußlichkeiten, die an Verwundeten verübt wurden, gehören in ein besonderes Kapitel. Das sind Wahnsinnserscheinungen, Symptome einer Verrohung, die ihre Ursache doch auch wieder im Kriege hat.

Inzwischen hört man von der angekündigten Entscheidung in Ostpreußen immer noch nichts. Aber in Berlin treffen massenhaft ostpreußische Flüchtlinge ein, und schon hat die Regierung den Greisen und Hilfslosen in Königsberg empfohlen, die Stadt zu räumen, da man doch wohl schon mit einer Belagerung rechnet. – Und Jenny ist in dieser Stadt. – Sehr ärgerlich las ich heut im Berliner Tageblatt, daß Dr. Landauer sie unter den Vermißten suchen läßt. Als ich ihn damals fragte, ob er etwas von Jenny wisse, schien er fern von jeder Unruhe. Ich erst habe ihn in Angst gesetzt. Ich habe dann das geeignete getan, um ihren Aufenthalt zu ermitteln, und ich habe Landauer sofort, als ich Näheres wußte, telefonisch Nachricht gegeben. Ich empfinde sein eigenmächtiges Vorgehn, die Öffentlichkeit zu allarmieren als grobe Taktlosigkeit gegen mich, und als dumme Wichtigtuerei.

Wilhelm Herzog, der als vermißt gesucht wurde, ist nach vielen Irrfahrten und Abenteuern mit Erna Fuchs (Morena) über Spanien wieder eingetroffen. Er vertraute mir an, daß er wegen eines Forum-Artikels „Patrioten gegen Patrioten“, der sich mit dem Attentat in Serajewo im gleichen Sinn beschäftigte, wie ich es im Kain getan habe, unter Anklage gestellt sei. Ihm scheinen die Hosen beträchtlich mit Grundeis zu gehn. Es wird ihm schwerlich etwas passieren.

Allerlei Promenade-Unterhaltungen: Der Kaiser hat den lieben Gott dekoriert. Er sandte seiner Schwiegertochter ein Telegramm, er habe sich über Wilhelms (des Kronprinzen) Sieg sehr gefreut. Gott habe ihn glücklich geführt. „Ihm sei Ehre und Dank. Ich habe ihm das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse verliehen.“

Aus dem vierten Stock der Türkenkaserne hat sich ein Soldat herabgestürzt. Man fand einen Zettel bei ihm: „Mich selber kann ich töten, – andre nicht“. Die Tat des braven Menschen wird auf seine Kameraden schwerlich ohne Eindruck bleiben. Es ist ein herrliches Beispiel.

Eben sind neue Telegramme geklebt worden. Der 13jährige Erbprinz Luitpold ist heute gestorben. Ein bildschöner Junge. Aber wohl aus lebensunfähigem Geschlecht. Die Mutter ist vor zwei Jahren gestorben. Die Leute redeten damals lächerliches Zeug gegen den jetzigen Kronprinzen Rupprecht, dem sie die Schuld gaben, ihr jüngstes Kind war kurz vorher draufgegangen. Wer weiß, was da im Blute nicht richtig ist? Vielleicht liegts auch im väterlichen Zustand. Die Degeneration der Dynastien ist kein leerer Wahn, und der Weg der Wittelsbacher wird in den letzten Dezennien bezeichnet von den Namen Ludwig II und Otto I.

 

München, Freitag d. 28. August 1914

Der Generalquartiermeister v. Stein gibt wieder einen langen Bericht aus über die Erfolge im Westen. Danach klappt dort alles vorzüglich, und der Krieg gegen Frankreich und Belgien wird vielleicht bald zuende sein. Schrecklich ist, daß die Universitätsstadt Löwen mit ungeheuren Kunstschätzen und Bücherreichtümern völlig zerstört sein soll, weil sich die Bürgerschaft an den Kämpfen gegen die Deutschen beteiligt habe. – Je mehr und ausführlichere Nachrichten von der westlichen Seite kommen, umso beängstigender scheint mir die beharrliche Schweigsamkeit über die Vorgänge in Ost- und Westpreußen. Was von dort bekannt wird, ist schlimm. Bei Elbing wird die Gegend unter Wasser gesetzt, indem Dämme und Deiche durchstochen werden. Und das geängstigte Volk jener Gegenden wird aufgefordert zu flüchten oder sich auf den „eisernen Gürtel“ zu verlassen, den die Feinde nicht durchbrechen könnten. Unsre Begeisterten aber finden alle die offensichtlichen Erfolge der Russen völlig in der Ordnung und im deutschen Kriegsplan vorgesehn. Gibt es eines Tages die Nachricht, daß die deutsche Armee völlig geschlagen oder Königsberg von den Russen erobert ist, dann wirds auch noch heißen: „Aber natürlich, so ist es völlig im Plan unsres Generalstabs von vornherein gelegen gewesen.“ Ich kann mir nicht helfen: Ich sehe die Dinge in Ostpreußen ungemein pessimistisch an und glaube, daß sich die Heeresleitung allzusehr auf Österreich verlassen hat. Hoffentlich irre ich mich. Sonst kann sich der Krieg ins Grenzenlose ausdehnen. Der Sieg der Russen wäre der Sieg des Zarismus und der wüstesten Reaktion auch bei uns.

Mit Heinrich Mann und seinem Unglück von Eheweib war ich auch gestern wieder im Hofgarten zusammen, ehe sie nach Schliersee zurückfuhren. Er berichtete über sein Gespräch mit dem Rechtsanwalt Dr. Brantl, der die Kriege für notwendig hält, damit die Menschheit dezimiert werde. „Wenn man aber näher darauf eingeht, erzählte Mann, meint er unter Menschheit die Münchner Rechtsanwälte.“ Die Theorie von der Übervölkerung der Erde, der die Kriege begegnen sollen, mag wohl bei vielen aus der Abneigung gegen die Konkurrenz entspringen. Ich glaube, ich habe im „Kain“ schon einmal denen, die mit diesem Blödsinn hausieren gehn, geraten, sich doch selbst umzubringen, um ihrerseits an der Entvölkerung mitzuwirken, statt immer nur die andern Leute als überzählig anzusehn.

Ferner berichtete Heinrich Mann von einem Besuch bei seinem Bruder Thomas. Er zitierte etwas spöttisch dessen Bewunderung für die allen gemeinsame Begeisterung: „Er genießt das, wie alles, ästhetisch“, erklärte der Bruder, und mir wurde dabei der tiefste Gegensatz zwischen beiden lebendig. Thomas Mann kommt vom Aesthetischen aus zu seinen Stoffen und verarbeitet sie aesthetisch und mit dem bewußten Bestreben, der Wahrheit des Lebens möglichst nahe zu kommen. Daher wirken seine Romane und Novellen wie exakte Ausschnitte aus der Wirklichkeit, gesehn durch ein abgeklärtes, stilisierendes Temperament. Heinrich Mann kommt von starker Ergriffenheit aus zu seinem Thema, dem er in Aufbau und Ausdruck die raffinierteste Präzision sucht. Daher wirken seine Arbeiten auf das verwandte künstlerische, Thomas‘ auf das verfeinerte bürgerliche Temperament stärker, und daher gilt mir persönlich Heinrich so viel bedeutender und wertvoller als sein Bruder.

Von Jenny höre ich immer noch nichts und fange schon an, mich mit dem Gedanken zu quälen, ob sie überhaupt noch in Königsberg ist. Käme sie doch, wie ich sie vor Ausbruch des Krieges schon inständig bat, hierher!

Der Waldvogel-Plan ist noch nicht weiter verwirklicht worden. Dagegen hat mich die Ritscher in eine Liste eingezeichnet als freiwilligen Helfer bei einem österreichischen Privatlazarett in München, wo sie einen Pflegerinnenkurs durchmacht, und wo ich meine pharmazeutischen Kenntnisse verwerten möchte. Ich habe aber allmählich starke Zweifel, ob irgendwer meine Dienste annehmen will, auch Bedenken moralischer Natur, und werde mich doch auf „Wally Neuburger“ einzustellen versuchen.

Der Wortlaut des Zettels, der bei dem Selbstmörder der Prinz Arnulf-Kaserne gefunden wurde, soll lauten: „Ich kann sterben, aber nicht morden.“

 

München, Sonnabend, d. 29. August 1914

Endlich eine präzise Nachricht aus Ostpreußen. Zwischen Gilgenberg und Ortel[s]burg (offenbar in der Gegend von Insterburg) haben die Deutschen die über 5 Armeekorps starke russische Armee geschlagen und verfolgen sie über die Grenze. Gleichzeitig kommt die Nachricht, daß die Österreicher von Galizien an der Weichsel vorrücken und in einer großen Schlacht stehen, und daß Frankreichs stärkstes Sperrfort Manonviller von den Deutschen genommen ist. Ferner soll Odessa und der Kaukasus in voller siegreicher Revolution stehn! Diese letzte Nachricht bewegt mich natürlich besonders stark. Aber auch der andern kann man sich freuen, sofern sie eine schnellere Beendigung des Schreckens erhoffen lassen, und die Räumung Ostpreußens nimmt mir natürlich Jennys wegen den größten Stein von der Seele. – Müßte man nur nicht an all das Blut denken!

Inzwischen ist aber aus Belgien eine wahrhaft grauenhafte Meldung gekommen. Die alte Universitätsstadt Löwen hat mit ihrer Bürgerschaft einen organisierten Ausfall auf die dort einquartierten Deutschen gemacht. Es ist zu fürchterlichen Straßenkämpfen gekommen und die herrliche Universitätsstadt, eine um ihrer Kunstschätze und architektonischen Schönheit berühmte Hansastadt ist zur Strafe von den Deutschen völlig zerstört worden: dem Erdboden gleich gemacht, wie es in deutschem Zeitungsstil heißt. Damit hat sich Deutschland ein Schandmal errichtet, das ihm alle Zeiten und Länder empört gedenken werden. Es ist so entsetzlich, daß man sichs nicht ausdenken mag. Wieviel scheußlicher ist der Krieg, als wir Friedensapostel ihn der Menschheit in unsrer philiströsen Phantasie auszumalen versuchten: Schon redet man allenthalben von der Annexion Belgiens, und die Zeitungen stellen Statistiken auf, wievielen Belgiern man ihre französische Muttersprache wird abgewöhnen müssen. Man hat also garnichts gelernt und will den preußischen Assessorismus weiterhin deutsche Kultur verbreiten lassen. Nachdem grad eben erst in Elsaß und Lothringen bewiesen ist, was man damit erreicht: daß nach 43 Jahren preußisch-deutscher Pädagogik die Leute die Franzosen wie Erlöser begrüßen und aus Gebüschen und Bodenluken auf die durchmarschierenden deutschen „Landsleute“ schießen. An der deutschen Diplomatie ist Hopfen und Malz verloren. Das wird sich bei Beginn der Friedensgreuel wieder lebhaft erweisen. Wedekind meint zwar, es wäre gut, wenn sich die deutsche Nationalisierungswut auf Belgien konzentrierte, man würde dann uns Geistige vielleicht weniger belästigen. Er vergißt aber, daß es noch viele Assessoren gibt, die alle an deutschem Wesen die Welt genesen lassen möchten.

Lotte Pritzel soll frei sein. Als ich gestern abend in die Torggelstube kam, wurde mir berichtet, daß sie kurz vorher hineingeschaut habe. Ich gehe jetzt, sie im Hofgarten suchen.

 

München, Sonntag, d. 30. August 1914

Ein Tag ohne Telegramme. Die Österreicher stehn gegen die Russen in einer Riesenschlacht am Dnjestr, mit einer Schlachtlinie von 400 km und 1¼ Millionen Beteiligter, und bei uns ist die Renommisterei – der bis zum Erbrechen gepflegte Ausdruck der deutschen Bescheidenheit – ein wenig gedämpft, seit gestern bekannt wurde, daß bei einem Nordsee-Gefecht gegen englische Panzerkreuzer 4 deutsche Schiffe verloren gingen. Mit England wirds wohl überhaupt nicht ganz einfach zuende gehn, wenn auch die Kontinentalarmee geschlagen wurde. Ich glaube immer noch, daß – wie auch der Krieg ausgeht – England irgendwie ein Geschäft dabei machen wird, – es sei denn, daß in Indien und Ägypten der Aufstand losbricht, was gewiß herrlich wäre, nicht blos von deutschpatriotischen Gesichtspunkten aus. Es wäre der Auftakt für Europa.

Meine von der Kriegslust aller Nebenmenschen wenig angesteckte Stimmung ist jetzt zu völliger Verzweiflung über die Furchtbarkeit der Geschehnisse geworden. Ich sehe deutlicher noch als vor der Katastrophe, wie unmöglich ein Krieg ist. Leute, die sonst Kultur und Gewissen haben, sind jetzt schon völlig von den Brutalitäten gefangen genommen, die sich bei allen kämpfenden Völkern zeigen. Eine im Vorstand der Roten Kreuz Organisation Münchens tätige Dame der tonangebenden bürgerlichen Gesellschaft soll bei einer Sitzung des Roten Kreuzes – also vor Leuten, die allesamt aus menschlicher Mitnot in den Kreis getreten sind – angeregt haben, die gefangenen Franzosen und Belgier aus Rache wegen der Franktireur-Scheußlichkeiten zu massakrieren. Man hat das verfluchte Scheusal nicht von seinem Platz gezerrt. – Die Blätter propagieren, man solle gefangene Engländer mit gefangenen Zuaven und Russen zusammensperren, „damit sich die Verbündeten näher kennen lernen“. Nonnenbruch, Schmitz, Maaßen sind überglücklich über diese Idee, finden, es wäre ein ausgezeichneter Witz und verachteten mich sehr, als ich voll Empörung jede Vergeltungspolitik an entwaffneten Gefangenen als infame Rohheit bezeichnete. Aber was die Deutschen tun oder auch nur planen, ist alles unendlich edel, schlicht, großartig und kulturfördernd, was von Serben, Russen, Franzosen, Belgiern, Engländern oder Japanern geschieht, ist alles über die Maßen verbrecherisch, kulturlos, infam, klein und stupide. Die Zerstörung von Löwen war eben notwendig, um gegen die Schweinehunde von schießenden Zivilisten ein Exempel zu statuieren. Ich möchte wissen, ob die Bürger einer deutschen Stadt, wenn sie gegen okkupierende Franzosen oder Russen mit Einsetzung des Lebens zur verzweifelten Straßenschlacht ausholten, ebenfalls Meuchelmörder und feige Verbrecher hießen. Und ich möchte ferner wissen, ob die Franzosen, wenn ein paarhundert Münchener den Bürgerkampf gegen sie aufnähmen, wirklich auch die ganze Stadt „rasierten“, ohne die alten Architekturen und die Kunstsammlungen zu schonen. Eben war ich bei meinem Vetter Walter Mühsam zu Tisch. Der Besuch trug zwar eine Kiste Zigarren ein, aber die gleichen kritiklosen Radamontaden, die man überall hört, und gegen die man mit seinem bischen beobachtenden Verstand völlig machtlos ist.

Lotte Pritzel ist Gottseidank wirklich frei. Ich sprach den Maler Teutsch, der in der gleichen Droschke mit ihr Neudeck verließ. Dagegen erzählte mir die arme Ruth Clément, was sie für schauderhafte Schikanen erlebt hat, weil man sie – mit Recht oder Unrecht, ist nicht ganz sicher (ich will nichts wissen) – für eine Russin hält. Angenommen, sie wärs wirklich: wie sich die kluge Behörde wohl die „Spionage“ vorstellt, die das junge harmlose Geschöpf ausüben sollte? – Sie weinte sich hilflos aus in meinen Armen, und blieb dann über Nacht bei mir. So wäre also auch diese, freilich nicht sehr hartnäckig verteidigte Festung genommen. – Zenzl läßt seltsamerweise garnichts von sich hören. Auch Jenny bricht ihr Schweigen durchaus nicht.

 

München, Montag, d. 31. August 1914

Ich bin sehr tief unglücklich. Heut vormittag telefonierte mir Dr. Landauer, er habe von Jenny eine Postkarte bekommen: sie ist in Charlottenburg, Spreestrasse 4 mit ihren Eltern. Also sie hat Gelegenheit zu schreiben, schreibt aber nicht an mich. Sie schreibt nach München, aber an jemand anders. Sie weiß mich leiden, aber sie kümmert sich nicht darum. Ich habe große Angst, daß es aus sein wird zwischen uns. Schon seit Monaten klingen ihre Briefe kühl, manchmal gradezu abweisend, und nur zuletzt, als ich ihr das Gedichtbuch gesandt hatte, kam wieder mal ein herzlicher Brief. Noch hoffe ich ja, daß auch an mich etwas unterwegs ist, was durch den Umweg über die militärische Überwachungsstelle noch nicht bei mir angelangt ist. Aber täusche ich mich, dann geht morgen ein Entweder-Oder-Brief an sie ab. Ich muß wissen, ob mein Herzschlag in ihrem noch einen Akkord trifft. Sonst muß ich auch diesen Traum einsargen, den schönsten meines Lebens, in die große Kiste, wo meine von Geldnot zerstörten Hoffnungen ruhn, und bitter anklagen den Vater, der all mein Unglück verschuldet.

Ich will mir inzwischen Mühe geben, Ruhe zu halten in meinen Nerven. Die Erregung an der allgemeinen Not erleichtert das. Gestern lernte ich im Hofgarten durch Frau v. Hagen einen bei der Auskunftstelle des Kriegsministeriums beschäftigten Hauptmann kennen. Der Mann gab sich den Anschein viel zu wissen, was er zu verheimlichen habe: Nicht umsonst höre man nichts von der deutschen Luftflotte, und nicht umsonst haben die Deutschen zugelassen, daß das englische Heer auf dem Kontinent landen durfte. Diese beiden Momente mögen wir kombinieren und uns die Unbekannte, x, hinzudenken. Das soll also wohl heißen, daß die Zeppeline nach England fahren und dort ihr Zerstörungswerk beginnen sollen, während das Landheer zum guten Teil nicht auf der Insel ist. Ferner entwickelte der höchst begeisterte Offizier Okkupationspläne, die mir ein wenig grotesk erschienen. Danach werde nicht nur ganz Belgien deutsch werden, sondern zugleich der Küstenstrich von Dünkirchen bis Calais. Ich mußte in mich hineinlachen bei dieser abenteuerlichen Idee. Aber heut las ich die neue „Zukunft“ und da stellt auch Harden die bedenkliche Forderung auf, daß Antwerpen, Calais und sogar Toulon deutsch werden müsse. Vor Jahren war ich in Berlin mit Paul Cassirer in einer Harden-Versammlung, wobei er schon warnte, die Franzosen sollten bedenken, daß eventuell Toulon ein deutsches Gibraltar werden könnte. Damals amüsierten wir uns köstlich über diese wilde Eroberungsromantik, aber heut kommt solcher Plan keinem mehr komisch vor. Man diskutiert ganz ernsthaft noch viel kühnere Phantastereien.

Wenn man Maaßen hört, müßte überhaupt jetzt ganz England, Frankreich und Rußland deutsch werden (Belgien selbstverständlich). Aber er ist ein so lieber Kerl und bringt seine blutrünstigen Fanfaren mit so kostbarem Humor und soviel Selbstironie vor, daß man ihn trotz allem gern haben muß. Gestern abend waren wir mit Jod. Schmitz und Pfenninger im Domhof. Schmitz und Maaßen kämpften gegen mich an, weil ich den Krieg von allem übrigen Scheußlichen abgesehn als das Ende aller seit 50 Jahren in Deutschland bestehenden Kultur ansah. Wedekind, behauptete ich, wird Walter Bloem und ähnlichem Kaliber das Feld räumen müssen. Und was war die Antwort? Kritische Nörgeleien gegen Wedekind, also sofort die Bestätigung. Schmitz wurde mordsausfallend gegen mich, aber schließlich vertrugen wir uns. Auf dem Nachhausewege, während wir noch laut stritten, hielt mich ein Passant an, machte mir Komplimente wegen meiner Wahrhaftigkeit und warnte mich, jetzt meine Ansichten zu laut zu sagen. Nachher fühlte ich das Bedürfnis noch mit Maaßen allein zu sein, und freute mich, wie der dann trotz seiner patriotischen Hochspannung auf mich einging. Ich erklärte ihm, wie er meine Depression begreifen müsse: alle meine sozialen und sittlichen Ziele nehmen ihren Ausgang im Weltfrieden. Was gegenwärtig geschieht, erschüttert die Grundlagen meiner Welt. Hier wird einmal wahr, was Köhler gestern nachmittag von Hegel zitierte: Wenn Theorie und Praxis nicht übereinstimmen, – umso schlimmer für die Praxis. – Maaßen ging auf das alles ein, sprach sogar seine Überzeugung dahin aus, daß er an die einstige Verwirklichung meiner Ideen glaube und sah auch ein, daß er seine Begeisterung schwerlich von mir verlangen könne. So trennten wir uns wieder als gute Freunde.

Mir ist der Besuch einer blonden Dame angekündigt, die mich schon zweimal gesucht habe. Vermutlich Emmy, die mal wieder einen Reservemann brauchen wird. Ich glaube nicht, daß ich ihr den Gefallen heute tun kann.

 

München, Dienstag, d. 1. September 1914

Endlich habe ich ein direktes Lebenszeichen von Jenny: eine Postkarte aus Berlin, Poststempel Charlottenburg 25. VIII. – Die Adresse gibt sie nicht an, bezieht sich aber auf einen früheren Kartenbrief, der bis heute nicht in meine Händen gelangt ist. Wer weiß, wieviel Sendungen an mich schon verloren gegangen sind! Aber meine Stimmung ist sehr gehoben, zumal der Ton der Karte sehr lieb und herzlich ist und der Inhalt in den Wunsch ausklingt, mich bald in München besuchen zu können. Denn nach der Heimreise der Eltern will sie in Berlin bleiben und einen Posten suchen, der ihr den Lebensunterhalt gibt. Ich habe bei meinem letzten Aufenthalt in Berlin – im April, als ich wegen der Verhandlungen mit Cassirer dort war – schon vorgearbeitet und den Bruder Rößlers, einen Direktor der Nationalbank, für Jenny interessiert. Vorher kann sie leider nicht dran denken, herzukommen, will auch nicht, daß ich sie in Berlin aufsuche. Wer weiß allerdings, ob das Schicksal das nicht doch so fügen wird. Ein Brief von Charlotte nämlich berichtet, daß Papa infolge der Kriegsaufregung wieder sehr schwach sei, und sich zwar auf dem Wege der Besserung befinde, aber doch eben herzkrank und akut behelligt ist, – und morgen wird der Mann 76 Jahre alt. Da weiß niemand zu sagen, was nahe Tage bringen können.

Neue Telegramme sind wenig da. Der Sieg bei Ortelsburg hat sich als viel bedeutsamer herausgestellt, als vorher angenommen wurde. Erst hieß es 30 000 Gefangene, dann 60.000 und jetzt gar 70.000. Die Folge des Sieges ist auch der Rückzug der Russen aus dem nördlichen Ostpreußen (Ortelsburg liegt nämlich nicht in der Gegend von Insterburg sondern an der ostpreußischen Südgrenze bei Soldau – Neidenburg.) – Hingegen ist die Riesenschlacht in Galizien noch im vollen Gange. Eine volle Woche dauert der Kampf schon. Wenn es für die Österreicher schlecht ausgeht, sind die Folgen unabsehbar. Ein weiterer Vorstoß der Russen ins Posensche ist noch zu erwarten, und zwar vielleicht mit ihrer ganzen Hauptmacht, die 2½ Millionen Mann stark sein soll. Man hofft wohl, daß bis dahin der Friede mit Frankreich perfekt ist, damit die deutsche Streitkraft, die im Westen gebunden ist, noch gegen Osten wirksam gemacht werden kann. Herzog, der gestern von Berlin zurückkam, brachte seltsame Erzählungen von dort mit. Man behauptet, Deutschland wolle Frankreich in diesen Tagen schon Frieden anbieten unter sehr „billigen“ Bedingungen: danach solle Frankreichs Territorialbesitz ungeschmählert bleiben, abgesehn von Französisch Kongo. Aber eine sehr hohe Kriegskontribution solle verlangt werden. Um das zu erreichen, sollen sozialdemokratische Angeordnete als Parlamentäre auserwählt werden, um mit dem großenteils sozialistisch zusammengesetzten neugebildeten französischen Ministerium (selbst Guesdes gehört dazu!) zu verhandeln. Die Heeresverwaltung freilich soll sehr gegen den Plan sein, weil sie Belfort auf jeden Fall haben wolle. Die Geschichte sieht mir doch recht zweifelhaft aus. – Ferner erzählte Herzog von einer Information an die Presse in einem  Kommissionssaal des Reichstagsgebäudes, der er beigewohnt hat. Ein Marineoffizier instruierte die Leute ganz sachlich über die Vorgänge und wie sie zu beurteilen seien. Dabei warnt er vor patriotischen Übertreibungen. Kurzum, der Mann soll einen viel ruhigeren Eindruck gemacht haben als alle Schmöcke, die nachher seine Aufklärungen in Begeisterung umsetzen. Gelogen wird natürlich doch.

Für die ekelhafte Art, wie hier öffentliche Meinung gemacht wird, ein Beispiel. Gestern früh brachten die Münchn. Neuesten Nachr. empört die Meldung, daß in England gefangene Deutsche öffentlich zur Schau gestellt wurden. In der Abendausgabe desselben Blattes stand dann ein Bericht über die Gefangenen im Lechfeld, die für 20 Pf. Eintrittsgeld (selbstredend zugunsten des Roten Kreuzes) jedermann gezeigt werden. Ganz als ob von einer Menagerie die Rede wäre, klingt der anmaßliche und widerlich zynische Bericht über Unterkunft und Verhalten der unglücklichen Menschen, die dort untergebracht sind. Für den Geschmack der Schreibburschen mag dieser Satz zeugen: „Für einen Deutschen ist es fast eine Wonne, zu sehn, wie der vornehme Franzose in tadellosem Anzug (die bei Ausbruch des Krieges zufällig in Deutschland anwesenden Franzosen, die gefangen genommen wurden, sind gemeint) Kameradschaft mit einem Lumpen von der Straße schließen und mit ihm aus einem Napf Dinge essen muß, die nicht grade Delikatessen sind.“ In dem Stil ist der ganze Bericht gehalten. Und diese Saukerle von Soldschreibern wagen, andern Nationen Mangel an Zartgefühl vorzuwerfen! Ich schneide mir den Artikel aus und hebe ihn in diesem Heft auf, bis der Kain wieder erscheinen kann. Dann lege ich los!

Große Freude hatte ich heute über eine Feldpostkarte von B. v. Jacobi vom 23. August. Er war schon in drei Gefechten, „darunter stundenlang im Schrapnellfeuer, was nicht so gemütlich ist wie ein Abend in der Torggelstube.“ Meine innigsten Gedanken sind mit dem lieben Menschen. – Der erste Tote unter meinen Bekannten, die im Felde stehn, ist Artur Hörhammer. Sehr enge Beziehungen habe ich zwar nie zu ihm gehabt. Aber als ich seinen Namen heut unter den Nachrufen der Zeitungen las, gings mir doch nahe. Große Angst habe ich vor der Ausgabe der ersten Gesamtverlustliste Münchner Regimenter. Das wird noch viel Tränen in der Stadt geben.

 

München, Mittwoch, d. 2. September 1914.

Sedantag. Die Häuser sind beflaggt. Jeder nach Wunsch beschaffene Mitmensch hofft inbrünstig auf eine heut eintreffende dem Jubiläum ebenbürtige Botschaft. Bisher freilich sind nur ein paar Telegramme der Österreicher da, deren geschwätzige Tonart von Anfang an in unangenehmem Gegensatz zu der klaren übersichtlichen knappen Sprache der offiziellen deutschen Kundgebungen steht. Heut attestieren sich die Wiener Generalstäbler die „geniale Führung“. Die ungeheure Schlacht im Lemberger Gebiet dauert weiterhin an. Hoffen wir, daß die bisherigen Berichte, wonach am Siege der Österreicher nicht mehr zu zweifeln sei, wahr sind. Denn sonst ist in der nächsten Woche Schlesien eine russische Provinz. Die Belagerung von Paris dürfte unmittelbar bevorstehen. Falls nicht noch Rückschläge kommen, ist zu erwarten, daß mindestens der Krieg gegen Frankreich nicht sehr lange dauern wird. Über den Seekrieg mit England läßt sich noch garnicht urteilen, auch schwerlich darüber, ob die völlige Aufreibung der zweiten russischen Armee in Ostpreußen mehr als moralischen Wert im Ostkriege hat. Da wird es wohl auf die Schlacht in Galizien ankommen. Sehr gefährlich scheint mir das hier als Gegner bespöttelte Japan. In Frankreich werden Vorschläge laut, mehrere hunderttausend Japaner, sei es zu Schiff, sei es auf der sibirischen Bahn nach Europa zu verfrachten. Und ich fürchte, mit diesem ehrgeizigen, behenden Volk, das keine Todesfurcht kennt und ganz nach deutschem Vorbild gedrillt ist, wird der Kampf unsagbar schwierig und blutig sein, und dadurch der Krieg an Erbitterung und Dauer zunehmen.

Wie ich die Dinge auch betrachte – und wenn mich der Selbsterhaltungstrieb und die Hoffnung auf raschen Frieden auch in gewisser Weise an deutschen Erfolgen interessiert sein lassen; jede Einzelheit, die aus dem Verlauf des Krieges bekannt wird, erfüllt mich mit grauem Entsetzen. Zu denken, daß kultivierte Europäer aller Nationen, die von Hause aus absolut nichts gegen einander haben, systematisch auf einander schießen und im Hinmorden möglichst vieler Menschen, die liebende Gatten, Söhne, Brüder, Väter sind, die Werte schaffen können und sich dazu allein berufen fühlen, eine rühmliche Tat erkennen, daß der Gebrauch feststehender Messer, das Schädelzertrümmern mit dem Gewehrkolben, das maschinelle Niederlegen langer Menschenreihen Heldentum heißt, – und daß selbst die, die zuhause geblieben sind und also nicht in dem Blutrausch der Soldaten befangen sind, sich an all den schauderhaften Verbrechen zu freuen haben – ja: wohin ist denn all unser Wissen vom Menschenwert, all unsre „Bildung“, „Kultur“, „Tradition“ verschwunden? Und dabei die grenzenlose Verhetzung der Völker gegeneinander! Liest man die Zeitungen, hört man die Leute, dann schaudert’s einen. Die mich in Paris seinerzeit bewirteten, waren also Hallunken, Strolche, Mörder, Gauner, Fallensteller, Betrüger, Feiglinge, erbärmliche Wichte; jeder Russe ist ein bestechlicher Strauchdieb, jeder Serbe ein gedungener Meuchelmörder, jeder Belgier ein hinterlistiger Rohling, jeder Engländer ein gewissenloser Wucherer. Und wie stehen wir Deutsche vor unsern „Feinden“ da? Als Barbaren, Wilddiebe, brutale Bestien, raubgierige Friedensstörer. Aber die eignen Leute und die der Verbündeten sind überall die wandelnden Tugenden selbst: Edelmut und Selbstlosigkeit, heldischer Sinn und Menschengüte. Der Pariser Akademiegelehrte hat in jedem montenegrinischen Strauchdieb, der Münchener Künstler in jedem galizischen Rosstäuscher den von gleichen Idealen beseelten Bruder inbrünstig zu lieben. Was an geistigen Werten und erst recht an Gesinnungssolidarität bisher in der internationalen Welt war, ist ausgelöscht. Wir haben nur noch den Mord zu verehren.

Dabei wächst das Elend. Die blonde Dame, deren Ankunft ich vorgestern erwartete, war Frieda Wiegand, die nach 2½jähriger Abwesenheit wieder in München eingetroffen ist, und der es nun miserabel schlecht geht mit ihrem Töchterchen. Ihr Freund, der ihr hier eine Wohnung eingerichtet hat, ist im Kriege. Der „Wohlfahrtsausschuß“ – an großen Worten fehlt es jetzt nirgends – gibt ihr nichts, solange noch Möbel zum Verkaufen da sind. Ich gab dem armen Mädel von meinem Wenigen 1 Mark. Dr. Maaß sagte mir aber, ich könne sie zu ihm schicken, sie werde dann Nahrungsmittel bekommen. Auch die arme Ruth werde ich hinschicken. Mir selbst geht es auch nicht gut. Ich besitze nur noch 70 Pfennige, und Onkel Leopold, den ich dringend bat, rechtzeitig zu schicken, läßt bis jetzt nichts von sich hören. Gottseidank bin ich heut abend bei Lucy v. Jacobi zum Abendbrot eingeladen. Was aber überhaupt werden soll (der Wirtin muß ich wieder weit über 80 Mk von der Rechnung schuldig bleiben), das ist noch garnicht abzusehn. Dabei fühle ich mich gesundheitlich nicht gut. Ich habe den August hindurch zuwenig gelacht. Und die endlich gelöste Angst um meine Jenny wirkt jetzt schwer nach. – Dürfte ich doch meines Vaters Geburtstag mit freundlicheren Gefühlen begehn!

 

München, Donnerstag, d. 3. September 1914

Zwischen Reims und Verdun sind 10 französische Armeekorps geschlagen worden. Die Schlacht in Galizien soll sich ihrem Ende nähern. Wenigstens attestieren sich die Österreicher einen großen Sieg zwischen Zamosc und Tyszowcze. Die Russen sind auf dem Rückzug über den Bug. Ein andrer Teil der Österreicher greift Lublin an und hat „ununterbrochen Erfolge zu verzeichnen“. Dann heißt es aber weiter: „In Ostgalizien ist Lemberg noch in unserm Besitz. Gleichwohl ist dort die Lage gegenüber dem starken und überlegenen russischen Vorstoß sehr schwierig.” Das klingt böse. „Noch“ in unserm Besitz! Also heut vielleicht schon nicht mehr. Die Situation muß äußerst kritisch sein, sonst sähe der Satz anders aus. Die Zeitungen gehn auf diesen Schlußsatz garnicht ein und feiern das übrige schon jetzt als gewaltigen Erfolg. Zu dumm! – Aber hoffen muß man ja, daß doch die russische Invasion in Galizien nicht garso arg ausfallen wird, da der Auffenbergsche Sieg beim Bug ja offenbar den eigentlichen Plan der Russen durchkreuzt hat. Frankreich scheint nach dem letzten Sieg ganz herunter zu sein. Man spricht von Gärungen unter den Sozialisten, weil das großenteils sozialistische ad hoc-Ministerium die Bevölkerung zum Franctireurkrieg auffordert. Auf den Zaren wurde ein Revolverattentat unternommen – leider erfolglos. Wenn ich wüßte, daß ich den Hallunken persönlich unter die Finger bekomme, würde ich mich als Kriegsfreiwilliger melden. Um andre wärs freilich auch nicht schade.

Ein paar Begegnungen. Vorgestern war Lotte bei mir, noch stark angegriffen von der Haft, aber wieder ganz lustig. Ich bin ihr natürlich als Belastungsgrund vorgehalten worden. Flesch hat unglaublich gewissenlos an ihr gehandelt. Sie erzählte mir, wie leichtsinnige Briefe er ihr geschrieben hat, die sie erst durch den Untersuchungsrichter kennen lernte. Das Schlimmste dabei ist, daß diese Briefe für sie schwer kompromittierend klingen, ohne es zu sein. Sie sind ihr erst durch die Verhaftung und die Vernehmung überhaupt verständlich geworden.

Nachmittags saß ich im Hofgarten lange mit Ludwig Thoma, der sehr kriegerisch gestimmt ist. Er will als freiwilliger Sanitäter mitgehn. Amüsiert war ich, als er mir erzählte, wie der Simplizissimus sich jetzt geschäftlich verhält. Die Mitarbeiter kriegen alle nur die Hälfte der üblichen Honorare. Er aber und die andern Redakteure haben auf ihr Gehalt ganz verzichtet. Zu wessen Gunsten, wollte ich ihn nicht fragen, da er selbst Mitinhaber der Verlagsgesellschaft ist. Er nimmts aus der Rechten und steckts in die linke Tasche.

Abendbrot bei Lucy v. Jacobi, wo ich Alfr. Mayer, Mie v. Hagen, Fred und Ilona Ritscher traf. Die Frau ist bewundernswert tapfer. Sie las uns einen Brief von Bernhard vor, der auf uns alle tiefen Eindruck machte. Mie weinte dabei, während Lucy heitere Bemerkungen machte, um die andre, die sich natürlich auch um ihren Gustl grämt, der als Hauptmann dabei ist, zu trösten. In Jacobis Brief stehn Dinge, die mir überraschend sind, besonders die Stellen, in denen er über seine Leute klagt, lauter Familienväter, ältere Leute, „sie haben ihr armseliges Leben sehr lieb“. J. der schon so Soldat zu sein scheint, daß er die Arbeiter garnicht begreift, meint, in kritischer Gefahr werden sie ihn glatt im Stich lassen. Er war schon in 4 Schlachten binnen 14 Tagen, hat in dieser Zeit 4 mal im Bett geschlafen, meist im Freien, wo es schon elend kühl sei nachts. Er hofft, nur noch einmal zurückkommen zu dürfen, wenn auch verstümmelt, wenn auch sterbend. Todesgedanken scheinen ihn sehr zu beschäftigen, wenn er sie natürlich auch verschweigt. Haben die Familienväter denn unrecht? Ich begleitete Mie heim und ging in die Torggelsstube, wo ich große Gesellschaft vorfand: Halbe, Wedekind (mit dem unvermeidlichen Joachim Friedenthal), v. Gumppenberg, v. Maaßen, Schmitz, Rößler und Wilhelm Hegeler, den ich seit den Tagen der Neuen Gemeinschaft nicht mehr gesehn hatte. Es ging hin und her über den Krieg, und ich geriet mit Halbe in einen heftigen Disput, der zeitweilig beiderseits scharfe Formen annahm. Wir gingen dann aber friedlich zusammen fort, und zwar zu Maaßen, wo Halbe, Schmitz, Hegeler, ich und natürlich auch Froachim Jiedenthal noch ein paar Flaschen exquisiten Burgunderweins tranken. Halbe warf mir in dieser Zeit allgemeiner fanatisierter Begeisterung Mießmacherei vor, und bedauerte mich, daß ich von der großen Woge der Leidenschaft nicht mit erfaßt sei. Ich bedeutete ihm, daß mich heute wie immer die gleiche Leidenschaftswoge trage, die freilich heute wie immer gegen den Strom treibe. Wedekind hatte in der Torggelstube nur einmal in meinen Streit mit Halbe eingegriffen. Er sagte: „Vergessen wir doch nicht, daß die Mühsams in Frankreich unsre Hoffnung sind.“

In später Nacht machte ich dann noch mit Hegeler einen kleinen Spaziergang und empfing den Eindruck eines freien klugen objektiven Menschen.

Eine Unannehmlichkeit ist noch zu buchen: Filzläuse, die ich seltsamerweise von Ruth zu haben scheine. Der Scherz kostet mich 3 Mk Arzt, etliches an Salbe, Essig und Bädern. Höchst unerfreulich und ekelhaft.

 

München, Freitag, d. 4. September 1914

Die schrecklichen Ereignisse werden, wenn man täglich neue Einzelheiten hört, immer schrecklicher. Sie verlieren aber dadurch von ihrem Schrecken, daß man aufhört über Schreckliches nachzudenken und Schreckliches schrecklich zu finden. Auch das gigantisch Ausnahmehafte der Vorgänge zerrinnt in der Gewöhnung an das Ungewohnte. Daß wahrscheinlich in einigen Tagen der Kaiser an der Spitze deutscher Armeen in Paris einziehn wird, wird wie ein imponierender Film bewundert werden, und die Ungeheuerlichkeit des internationalen Massenmordens findet bei den übriggebliebenen Mitleidigen kein tieferes Bedauern als etwa eine Grubenexplosion oder ein Schiffsuntergang. Bei der Titanic-Katastrophe war das allgemeine Erbarmen viel größer als heute, wo täglich das Vielfache an Menschenleben jämmerlich zugrunde geht. Aber jetzt müssen wir begeistert sein und glückselig, diese große Zeit mitzuerleben. Was Halbe mir vorhielt, daß ich mießmache, daß ich nämlich nicht ohne weiteres alles schön finde, was die Deutschen, nicht alles infam, was die andern tun, und daß ich Erfolge immer erst dann anerkenne, wenn sie da sind und mir gelegentlich gestatte, die Möglichkeit eines Mißglückens und nicht mal bedauernd in betracht zu ziehn, war immer noch der Ausdruck eines differenzierten Menschen. Maaßen dagegen bringt es fertig sich auf eine Primitivität patriotischer Begeisterung einzustellen, die immer von neuem überrascht. Wir trafen uns in der Torggelstube (Gesellschaft außer uns beiden: Annie Rosar und Wedekind). Maaßen legte haltlos los. Er entwickelte einen Kriegsplan von kindlicher Glorie. Dabei verfocht er die Berechtigung der grausamsten Kriegsformen. Daß in Belgien von deutschen Soldaten in der Wut Kinder und Frauen mit dem Kolben niedergestoßen wurden, findet er völlig in der Ordnung. Annektieren möchte er die ganze Welt für Deutschland eigentlich blos für Preußen. Bayern erkennt er nur etwas gezwungen an, Österreich fast garnicht, und die nichtgermanischen Verbündeten verachtet er. Übrigens blüht ähnlicher Partikularismus auch sonst. Die „Münchner Zeitung“ berichtete von einer siegreichen Schlacht der Bayern. Nur ein Punkt sei in der Heeresfront schwach gewesen. Dort stand, heißt es denn wie zufällig, ein norddeutsches Regiment. Norddeutsches ist aber gesperrt gedruckt. Wedekind sagte, als Maaßen einmal hinausgegangen war, zu mir: „Ich kann nichts sagen. Er ist Ihr Freund.“ – Ich konnte Wedekind nicht mehr auseinandersetzen, was mir selbst jetzt in Maaßens radamontierenden Ekstasen[?] gefällt, – eben die Primitivität, das völlig Unverdorbene kindlich Rücksichtslose seiner Gedankengänge. – Wir brachten die Rosar noch zusammen heim und gingen, nachdem wir bei ihr noch einige Schnäpse getrunken hatten, zusammen durch den im Mondglanz halbhellen Englischen Garten nachhause. Auf dem Wege erklärte mir Maaßen seinen Kriegsplan gegen England. Er will drüben ein großes Heer landen und gewaltige Schläge gegen das Land führen, dem sein tiefster Zorn gilt. Ich setzte ihm dagegen auseinander, wie ich mir den Verlauf des Krieges gegen England denke, – eigentlich garnicht. D. h. ich glaube nicht, daß England seine Flotte zum großen Seekampf stellt, noch daß eine Armee auf der Insel landen kann. England führt den Kampf wirtschaftlich. Es hat schon jetzt die deutschen Patentrechte aufgehoben, kapert jedes deutsche Handelsschiff, auch das kleinste, dessen es habhaft werden kann, hat ein Verbot erlassen, an deutsche Gläubiger Schulden zu zahlen, bearbeitet die neutralen Mächte, die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln einzustellen und wird versuchen, die deutschen Häfen zu blockieren. Der Plan ist daher offenbar der, Deutschland derartig ökonomisch zu schwächen, daß es einen Frieden anbieten muß, bei dem England entscheidend mitzureden hat. – Ich glaube trotz der Ketzerei dieser Ansicht nicht an die Möglichkeit einer Besiegung Englands. Ich glaube immer noch, daß England vielleicht als einziger von Deutschlands Gegnern bei diesem Kriege ein Geschäft machen wird und Deutschland auch im Fall des Sieges, keins.

Über den Kampf um Lemberg immer noch nichts Gewisses. Aber der österreichische Generalstab bereitet auf die Kapitulation vor: Die Einnahme Lembergs durch die Russen sei im Kriegsplan vorgesehn! Der Sieg Hindenburgs in Ostpreußen ist schon wieder gewachsen: 90.000 gefangene Russen. Stimmt es, so ist’s eine fabelhafte Leistung. 2 deutsche Armeekorps haben 5½ russische umzingelt und derartig geschlagen – in offener Feldschlacht. – Der Sieg Auffenbergs in Galizien scheint ebenfalls recht bedeutend zu sein. Aber es ist amüsant, daß ich den General persönlich gut kenne. Er ist derselbe Auffenberg, der oft ins Stefanie an den Schachtisch kam. Das hat keiner von uns dort gedacht, daß hinter diesem unscheinbaren Mann ein „großer Heerführer“ steckt! Eine wirkliche Überraschung.

Von Jenny hoffe ich bald Antwort auf meinen Brief. Zenzls Schweigen ärgert mich sehr. Auch bei ihr scheint sich die Liebe im Quadrat der Entfernungen zu vermindern.

 

München, Sonnabend, d. 5. September 1914

An Zenzl hab ich unrecht getan. Gestern sandte mir die K. Bahnpost, also offenbar die Kontrollstelle, express eine Anzahl Posteinläufe, darunter einen am 30. August aufgegebenen Brief von Zenzl aus ihrer Heimat Haslach, eine Karte von Grethe, die am 25ten in Lübeck aufgegeben war, eine von Dr. Ebstein aus Leipzig vom 29ten und unglaublicherweise ein von Hardy am 31. August abgesandtes Telegramm, ich solle Emmy sagen, daß sie mit dem nächsten Zug zu ihm fahren solle. Um das zu studieren, brauchen die Herrschaften 5 Tage. Da kann wer weiß was geschehn, was zu erfahren für mich lebenswichtig ist, aber das Bahnpostamt befördert an mich gerichtete Telegramme erst nach 5 Tagen. Beschwerde wäre natürlich unsinnig, ich wüßte garnicht, bei wem. – Heut kam, offenbar auf direktem Wege, von Papa ein eingeschriebener Brief mit meinem Apothekergehilfenattest. Dabei aber wieder ein Brief, daß ich nur staunen kann. Der Alte glaubt, ich bekomme nur die 100 Mark, die er mir aus meinen Vermögenszinsen gütig gewährt. Von den 50 Mk, die mir auf Kosten der Geschwister (leihweise) außerdem zugehn, weiß er nichts. Nun rechnet er mir folgendes vor: „Mit 100 Mk monatlich kann ein einzelner Mensch sehr gut auskommen. Ein Unterbeamter mit Familie hat kein größeres Einkommen und lebt ohne Schulden zu machen. Selbst in einer sonst teuren Stadt bekommt man eine gute Pension (Wohnung und Kost) für 75 Mk. Dann würden Dir immer noch 300 Mk bleiben für Bekleidung und andre Bedürfnisse etc. etc.“ Hat es Sinn, sich mit dem Alten auseinanderzusetzen? Ich zahle hier für Wohnung, Frühstück und Mittag allein 110 Mk. Denn schließlich brauche ich, sofern ich nicht ganz auf Arbeiten verzichten will, Raum. Mir bleiben also für Abendbrot, Wäsche, Kleidung, Zigarren etc. etc. etc. 40 Mk im Monat, womit ich selbstredend nicht entfernt auskomme, zumal ich jetzt schon fast 90 Mk in Rückstand bin in der Pension. – Der erste Teil des Briefes klingt herzlicher, ist aber meinem Wesen und den Dingen der Welt ebenso fremd. Nach praktischen Ratschlägen – ich solle nicht versuchen, mich gleich als Apothekergehilfe zu verdingen, sondern sehn, ein paar Monate gratis als Volontär zu arbeiten (das fehlte!) kommen die alten Vorwürfe und Klagen: „Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie es mit Dir, nach Deinem eigenen Wollen gekommen ist. Ich danke aber Gott, daß ich mir keinen Vorwurf machen kann. Seit 14 Jahren ermahnte, beschwor ich Dich, Deinen falschen Kurs zu verlassen. Ein beharrlicher Widerstand Deinerseits, vielleicht auch ein mitleidiges Lächeln über meine Rückständigkeit und veraltete Weltanschauung.“ Dann bricht er ab, „da mich gestern die Müdigkeit überfiel“. – Dann gehts weiter in der alten Hoffnung, ich werde nun doch noch umsatteln und wieder Apotheker werden. „Bist Du alsdann in der Lage Dir Deinen Unterhalt durch reelle, nicht phantastische, Arbeit zu verdienen, so wirst Du, meiner vollen Überzeugung nach, in Eydtkuhnen keinem Widerstande begegnen.“ – Dann wieder die Vergleiche mit den Verwandten und Bekannten, die alle in meinem Alter „längst in gesicherter Position und Haupt einer glücklichen Familie“ sind ... „Vielleicht ist das jetzt in Deine Hände gelangende Zeugnis ein glücklicher Wendepunkt in Deinem von Dir gewollten verfehlten Leben. Ich sehne mich danach, eine zweite Schwiegertochter mein nennen zu können. Vielleicht ist, während ich dies mit zitterndem Herzen schreibe, ein „guter Freund“ wieder tätig, Dir neue Phantasien in den Kopf zu setzen. Dir gilt ja jeder mehr, was[als] Vater und Geschwister.“ Der arme Mann tut mir schrecklich leid. Er fühlt sich absolut in seinem Recht. In mich hineinsehn, kann er nicht. Leistungen, die kein Geld einbringen, erkennt er nicht an. Wie soll ich mich mit ihm verständigen? Ich bin – leider – gezwungen, mit allen Fasern meines Herzens seinen Tod zu ersehnen, weil sein Leben mir Stagnation und Vorwurf, Hemmung und Gefahr ist. Wie soll ich ihm nun antworten? Jedenfalls darf ich in dem Brief, den ich ihm gleich schreiben will, keinen Zweifel darüber lassen, daß seine Hoffnungen Illusionen sind, und daß ich mich immer noch auf dem rechten Wege weiß, wenn ich meine Feder mein Handwerkszeug sein lasse. 14 Jahre lang solche Auseinandersetzungen! Es ist fürchterlich.

Heut bin ich nicht mehr in der Laune, zum Verlauf des Krieges lange Randbemerkungen zu machen. Reims ist ohne Schwertstreich besetzt worden, das ist das Wichtigste. Und die Belagerung von Paris scheint zu beginnen. Welches Elend!

 

München, Montag, d. 7. September 1914

Der alte Satz: omne animal post coitum triste trifft auf mich nicht zu. Den Kampf mit meinen Störenfrieden im Lustwäldchen habe ich soweit siegreich überstanden, daß ich heute früh schon mit Frl. Anna Obstbichler eine angeregte Morgenunterhaltung pflegen konnte. Nun fühle ich mich gut gelaunt trotz aller Nöte, Ängste, Ärgernisse und Reibereien, und nehme dies Buch wieder vor, um die gestern versäumte Eintragung nachzuholen.

Der Fall von Maubeuge und Nancy steht bevor. Die französische Regierung ist nach Bordeaux gezogen und Paris bereitet die Schrecknisse der Belagerung vor. Soweit ist es im Westen. – Im Osten ist Lemberg von den Österreichern geräumt und von den Russen besetzt worden. Daß das offenbar ein schwerer Verlust ist, wird natürlich nirgends zugegeben. Die Räumung sei aus strategischen Erwägungen erfolgt, heißt es jetzt und ohne Bedeutung für den Fortgang des Kampfs (darum hat man fast 14 Tage um die Stadt gekämpft). Rußland soll nun 230.000, nach andrer Lesart 80.000 Mann in England gelandet haben, die nach Nordfrankreich verladen werden sollen, um dort in den Kampf einzugreifen. Man scheint die Russen erheblich unterschätzt zu haben. Auch Major Hoffmann meint das, der eben wieder in Wien war und den Eindruck der leitenden Militärkreise dort schilderte. Umgekehrt gehen riesige Truppentransport jetzt in Deutschland von Westen nach Osten. Die Münchn. Ztg. wurde vorgestern konfisziert, weil sie über diese Bewegungen eine Mitteilung gebracht hatte. – Die Türkei steht unmittelbar davor, einzugreifen. England aber betreibt sein Interesse ganz systemathisch und so unblutig wie möglich – was hierorts Krämerhaftigkeit heißt. Der Vertragsschluß zwischen England, Frankreich und Rußland, wonach kein Land einzeln Frieden schließen darf, gehört ganz in die Linie der englischen Politik, wie sie mir erscheint: den Krieg hinhalten, inzwischen Deutschlands wirtschaftliche Potenz schwächen und dann beim Friedensschluß das ausschlaggebende Wort sprechen. Ob es Deutschland gelingen wird diesen Plan durch energische Offensivtätigkeit gegen England zu durchkreuzen, halte ich für sehr zweifelhaft, und nicht mal für unbedingt wünschenswert.

Gegenstand vieler Unterhaltungen waren in diesen Tagen auch die Sozialdemokraten der verschiedenen Länder. Selbst der brave gütige alte Professor v. Stieler wurde ganz grimmig gegen mich, als ich meinte, die deutschen Sozialdemokraten hätten sich mit ihrer Haltung das Grab gegraben. Freilich konnte ich ihm das nicht so plausibel machen, wie ich es sehe: daß sie nämlich in allen Jahren vorher schon die inkonsequenteste Politik getrieben haben, die sie fortgesetzt zwischen ihren Werbereden und ihren Taten in Konflikt brachte, daß sie den Militäretat stets verweigerten, dann aber die Milliarden-Vermögenssteuer für Militärzwecke bewilligten und endlich dem Kriegskredit zustimmten. Ich behaupte, der Krieg wäre, in seinem jetzigen Umfang wenigstens, vermieden worden, wenn ebenso wie in Frankreich auch in Deutschland der Wille zum Frieden als unbedingtes Erfordernis der Volkswohlfahrt bei den Arbeiterpolitikern bestanden hätte. Aber bei allen internationalen Sozialistenkongressen ist der Antrag der Franzosen, Engländer und Schweden an den Deutschen gescheitert, drohender Kriegsgefahr durch gleichzeitige Proklamierung des Generalstreiks in den beteiligten Ländern zu begegnen. Die Furcht vor solcher Entschlossenheit hätte in Paris, London und Berlin genügt, um die den Krieg einleitenden Handlungen – in diesem Falle das Ultimatum Österreichs an Serbien – zu verhindern. Die Antwort auf diese Behauptung lautete stets „Lächerlich! Im Gegenteil, die deutschen Arbeiter hätten selbst den Krieg erzwungen. Man sieht ja, mit welcher Begeisterung sie dabei sind und von Anfang an mitgetan haben.“ Ja, seit der Krieg im Gange ist. Seitdem wird ihnen jeder Widerstand als Irrsinn hingestellt. Vorher war die Stimmung aber sehr anders. Noch in den letzten Julitagen fanden überall in Deutschland protestierende Massenversammlungen statt, die sehr energisch gegen den Krieg Stellung nahmen und in Berlin, Stuttgart etc. zu Straßendemonstrationen führten. Mit so gestimmten Arbeitern war ohne Schwierigkeit auch der Generalstreik zu machen, hätten die Führer gewollt. – Jetzt aber schreiben dieselben Leute, die damals alles Unheil vom Kriege weissagten, auch im Falle des Sieges, begeisterte Hymnen auf die „große Zeit“. Arg soll es den deutschen Delegierten gegangen sein, die mit den italienischen Sozialisten – offenbar als Sprachrohr der deutschen Regierung – verhandeln sollten, um sie zu dreibundfreundlicher Haltung zu bewegen. Die Herren Haase, Ledebour und Südekum kamen nach Rom und erhielten von ihren Genossen den Bescheid, die deutsche Sozialdemokratie habe mit der Berliner und Wiener Regierung gemeinsame Sache gemacht und also das Recht verwirkt, als internationale Genossen behandelt zu werden. Freilich haben die Signori Turati und Konsorten, die beim Tripoliskrieg begeistert bewilligten, was die italienische Regierung wollte, wenig Anlaß, sich aufs hohe Roß zu setzen. Aber Recht geschah es den rötlichen Deutschen doch.

In Frankreich sollen zwischen den Guesdisten und den Syndikalisten auch Streitigkeiten ausgebrochen sein, da Guesdes, Sembat und ihre Leute zum allgemeinen Volkskrieg auffordern, während die antiparlamentarischen Syndikalisten – wahrscheinlich mit Griffelhues an der Spitze – sich dem heftig widersetzen. Es wäre ja nicht wie 1871 Freiheitskampf, wenn sich die Zivilbevölkerung im ganzen Lande am Kriege beteiligte, so verständlich es auch wäre. Das Schicksal Löwens würde das Schicksal Frankreichs werden. Könnte man doch hin und warnen! Der alte Dickkopf Guesdes ist im Begriff, furchtbares Unglück anzurichten. Und Jaurès, der ruhigste klügste Mann des Landes, ist tot. Und zu denken, wie fürchterlich solcher Volksaufstand unter den deutschen Herren mißverstanden würde! Aber wie darf man denn nörgeln: Das ist alles der herrliche große frische fröhliche Krieg!

 

München, Dienstag, d. 8. September 1914

Bernhard v. Jacobi ist verwundet. Er liegt mit einer Schußwunde im Fuß in Tübingen, wohin die Frau gestern gereist ist. Es scheint also keine allzu gefährliche Blessur zu sein, und der Invalide wird wohl in einigen Tagen in München eintreffen. Ich wünsche ihm eine ungefährliche Verletzung, die so lange zu schaffen macht, wie der Krieg dauert, so daß er nicht noch einmal hinaus muß. – Dr. Ludwig Frank, der sozialdemokratische Abgeordnete, ist, wie die Zeitungen heute melden, durch einen Kopfschuß getötet worden. Er war den ersten Tag im Gefecht und als Freiwilliger in die Armee eingetreten. Ich sprach ihn zuletzt in Berlin im April, als ich die Abgg. Weill und Wendel im Reichstag aufsuchte. Ein kluger Kopf, aber mehr Advokat als Volksmann. Die Ähnlichkeit mit Lassalle war so äußerlich, auch im Geistigen, wie die Todesarten der beiden Männer: Lassalle stirbt im Duell Mann gegen Mann, – Frank im Schützengraben, eine Nummer unter Tausenden.

Viel Neues gibts nichts. Lemberg scheint ein verlorener Posten zu sein. Die Behauptung, die Räumung sei ein taktisches Manöver und aus humanitären Gründen erfolgt, glaubt kein gescheiter Mensch. Aus humanitären Gründen läßt man die Russen nicht nach 12tägigem Kampf in eine Stadt einrücken. In Frankreich scheint es weiterhin günstig zu gehn. Umgekehrt wärs besser.

Heut habe ich auf Wunsch meines Vaters eine Annonce an die Pharmazeutische Zeitung losgelassen, die er mir aufgesetzt hat und in der ich einen Gehilfenposten suche. Ich habe sie zurechtredigiert und Papa wird wohl wenig erbaut sein, wenn er zwischen seinem Text die Worte „für die Dauer des Krieges“ findet.

Von Jim kam ein reizender Brief. Sie rühmt außerordentlich die Güte der Berliner, die sie gegen die flüchtigen Ostpreußen betätigen. „Die Selbstlosigkeit, die man jetzt hier in Berlin auf Schritt und Tritt findet, hätte als notwendig zu fordern sich selbst der ärgste Utopist gescheut. Ergo: Der Sieg der sozialen Idee, der Gemeinschaft, selbst oder grade wegen der Kriegsstürme.“ – Ich bin ganz glücklich über den Brief – und so verliebt in das Mädel, immer noch so maßlos verliebt – –

 

München, Mittwoch, d. 9. September 1914.

Maubeuge ist gefallen, 40.000 Gefangene, 400 Kanonen erbeutet. Das ist ein großer Erfolg, da die nördliche Festungslinie in deutschen Händen ist. Ist aber eine Abkürzung des Krieges durch diesen Sieg zu erwarten? Die Lemberger Schlacht – Jenny hofft in ihrem Brief dort auf „ein zweites Tannenberg“ – steht noch aus. Hoffentlich verhindert sie das Vorrücken der Russen auf Wien. Wenn es wahr ist, daß preußische Truppen auf dem Anmarsch nach Galizien sind, kann man wohl auf guten Ausgang rechnen. „Auf guten Ausgang!“ – Soweit bin ich nun mit meinem Antipatriotismus. Aber ich sehe schon vieles anders durch diesen Krieg. Eins ist gewiß, mit Schimpfen ist nichts getan. Die Kritik des nationalen Militarismus, auf die sich die wenigen sehend Gebliebenen beschränken, ist unwichtig und muß zurücktreten hinter die Propaganda des internationalen Antimilitarismus. Ich werde alle Arbeit viel mehr als früher auf einen grundsätzlichen Kampf richten müssen, der die Möglichkeit frei läßt, Einzelheiten in der Tätigkeit des Gegners gerecht zu bleiben. Ich muß es offen und frei zugeben dürfen, daß der General v. Hindenburg durch den Tannenberger Sieg eine große Leistung vollbracht hat, da er das Eindringen der Russen in Westpreußen, die Belagerung von Königsberg und vielleicht gar den Vormarsch auf Berlin verhindert hat. Ob seine Strategie oder die Entfesselung der Kriegsfurie selbst Verdienst oder Schuld hat, daß die riesig überlegene feindliche Armee umzingelt und entsetzlich zusammengeschlagen wurde, das Furchtbare des Krieges ist die Unvermeidlichkeit solcher Gemetzel. Die müssen wir abschaffen, die Konsequenzen, die Notwendigkeiten, solange sie da sind, in Kauf nehmen und Erfolge nennen und anerkennen, daß Mißerfolge auf der östlichen Kriegsfront die Rückkehr des Friedens endlos verzögern müßten.

Wieder hat der Krieg einen Bekannten zum Opfer gefordert. Der Hauptmann Storch, ein Freund Hienels, der ihn mit an den Stefanietisch brachte, ist gefallen. Er soll ein ausgezeichneter Musiker gewesen sein. Am Tage vor seinem Ausmarsch war er noch, schon feldmarschmäßig adjustiert, in unsrer Gesellschaft. Ferner ist der Inhaber des Hans Sachsverlages Baumann gefallen. Ich werde ihn wohl gekannt haben, weiß mir aber sein Aussehen nicht zu rekonstruieren.

Gestern abend beriet die Münchner Ortsgruppe des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller die Maßnahmen zur Linderung der Not unter den Kollegen. Der Neue Verein hat neulich sein Vermögen in Höhe von 1500 Mark zu zwei Dritteln notleidenden Schriftstellern, zu einem Drittel bildenden Künstlern ausgesetzt. Der S. D. S. hingegen hat kein Geld und so gab es eine nicht sehr fruchtbare Auseinandersetzung. Ich regte an, die Zeitungen zu veranlassen, wieder Buchrezensionen zu bringen, was den Rezensenten ebenso wie den Autoren der betr. Bücher zugute käme. Überhaupt ist das Publikum anzuhalten, jetzt nicht zu sparen, sondern im Gegenteil Geld auszugeben, um der Stagnation des Verkehrs entgegenzuwirken und die Zirkulation zu fördern. Überdies wird die Kaufkraft des Geldes bald sinken. Darüber will ich in diesen Tagen schreiben, ebenso einige Erinnerungen an Frank. Auch ich habs dringend nötig, wieder irgendwo Geld herzukriegen. Seit Ausbruch des Krieges hat mir noch keine Zeitung oder Zeitschrift einen einzigen Beitrag abgenommen.

 

München, Donnerstag, d. 10 September 1914

Der herrlichste Sommer, den ich je erlebt habe, wochenlang heiteres, wolkenloses Wetter, und dabei kühle angenehme Luft, scheint zuende zu gehn. Es sieht nach Regen aus, und diesmal traue ich dem Metereologischen Amt nicht recht, das die Prognose ausgibt: Heiteres Herbstwetter. – Was haben wir von dieser Pracht gehabt? Gewiß, für die Soldaten im Felde und auf den Übungsplätzen wird das schöne Wetter vieles erleichtert haben, aber sind sie und wir andern je zum rechten Genuß der Natur gekommen in dieser traurigen Zeit? Überall trifft man verwundete Soldaten, hinkend, den Arm in der Binde, Hals oder Kopf verpackt. Überall begegnen einem Frauen und Mädchen in tiefem Schwarz, überall klagen die Leute über gefallene Verwandte, Freunde, Bekannte. Und es ist eigentlich doch alles noch am Anfang. Gegenwärtig sind wieder zwei große Schlachten im Gange. Gestern abend kamen Extrablätter heraus: „Im Raume von Lemberg hat eine neue Schlacht begonnen.“ Ekelhaft, aber der furchtbare Druck auf allen Seelen wird nun wohl rasch beseitigt sein. Denn man würde kaum die öffentliche Mitteilung vom Beginn der Schlacht bringen, wenn nicht die Aussichten auf österreichischer Seite sehr gut wären. – Gleichzeitig wird südöstlich von Paris, und zwar anscheinend in großer Nähe der Stadt, in einer gewaltigen Schlacht gekämpft. Berichte darüber sind bisher nur von England aus über neutrale Länder hierhergelangt. Danach scheint es ursprünglich für die Verbündeten günstig gegangen zu sein, während die Deutschen sich erst allmählich durchsetzten. Es müßte, wenn diese Schlacht verloren ginge, vielleicht auf eine längere Dauer des Krieges gerechnet werden. Wie sich aus dem Vertrag zwischen England, Rußland und Frankreich ergibt, wonach nur gemeinsam mit Deutschland Friede geschlossen werden darf, sehn die Verbündeten ihr ganzes Heil in möglichst langer Ausdehnung des Kriegs. Sehr möglich, daß sie da richtig rechnen. Denn allenthalben hört man von ungeheuerer Anstrengung der Deutschen in Märschen und Kämpfen. Erst gestern las Nonnenbruch einen Brief seines Sohnes vor, der die gänzliche Erschöpfung der Truppen beschreibt. Andrerseits hat ja Deutschland noch eine große Menge Reserven. Immer noch werden tausende von dienstfähigen Freiwilligen zurückgewiesen und die Aushebung des laufenden Jahrgangs – 600 000 Mann – steht noch bevor. Aber die werden wohl alle noch nötig werden. Denn England und Frankreich bekommen jetzt im Westen von Russen Hilfe, die von Archangelsk aus ums Nordkap kamen, eine Armee hinüberbugsiert haben, – und der furchtbare Winterfeldzug in Rußland wird allem Anschein nach auch nicht ausbleiben. Es ist ja nicht abzusehn, wieviel Blut und Elend noch nötig sein wird, ehe wir wieder aussprechen dürfen, wie sinnlos und entsetzlich Kriege sind.

 

München, Freitag, d. 11. September 1914

Gestern spät abends setzte ein ganz dünner leichter Regen ein. Heut ists wieder himmlisches Wetter, und der Spaziergang im englischen Garten, von dem ich eben heim komme hat mir wahrhaft wohlgetan. Mildes Herbsteln bei immer noch erheblicher Wärme. Und morgens hatte ich schon gearbeitet. Die Hilfsaktion des Schutzverbands ist in Gang gesetzt worden, und nun sind zunächst an Ministerien, Behörden, Großbetriebe, Millionäre und verwandte Unternehmungen, wie Verleger, Theater, Buchhändler etc. Briefe abzufassen und Listen dieser Leute zusammenzustellen. Ich habe mich für solche Arbeiten zur Verfügung gestellt und gestern zuerst in Freds Wohnung mit einem Kollegen Schweiger zusammen angefangen. Heut früh saßen wir nun wieder von 9 Uhr ab im Café Marie-Theresia über dem Adreßbuch, um Listen herzustellen. Morgen geht die Arbeit weiter. So hat man doch nicht mehr so ganz das Gefühl der Nichtsnutzigkeit.

Vom Kriegsschauplatz sind inzwischen ein paar wesentliche Mitteilungen eingelaufen. Hindenburg hat in Ostpreußen einen neuen Sieg errungen, sich dadurch die Möglichkeit geschaffen, die Russen im Rücken anzugreifen und treibt sie nun über die Grenze zurück. Im Westen ist von der Armee des deutschen Kronprinzen eine befestigte Stellung bei Verdun genommen worden, und die Beschießung Verduns mit schwerer Artillerie hat begonnen. Bei Lemberg haben die Österreicher einen Offensivstoß unternommen, über dessen Ergebnis erst nach der Entscheidung berichtet werden soll. – Sehr wichtig ist indessen die Nachricht von einem Ultimatum Englands an die Türkei. Danach haben die Türken in Konstantinopel eine englische Funkspruchstation, die auf Verlangen nicht fortgenommen wurde, gewaltsam entfernt, und England fordert nun bei Androhung des Abbruchs der Beziehungen die Wiederherstellung. Damit scheint der Termin, der den Zentralmächten den ersten Bundesgenossen zuführt, gekommen zu sein. Das wird für England schwere Folgen haben, da der Aufstand Aegyptens, von wo schon jetzt heftige Gärungen gemeldet wurden, damit jedenfalls akut werden wird, und niemand kann wissen, ob nicht dann auch Indien sich erheben und vielleicht zugleich Persien, Afghanistan und das übrige Zentralasien eingreifen wird. Bedenkt man, daß in Südafrika, in den australischen Südseeinseln und in Ostasien schon gekämpft wird, so scheint der Gedanke an eine Ausdehnung des Brandes auf den ganzen bewohnten Erdball heute schon garnicht mehr absurd. Aber dann wird auch unsern Kriegsmachern übel werden.

Durch Herrn Schweiger erhielt ich leihweise eine Nummer der Neuen Züricher Zeitung vom 4. September, die eine Antwort Romain Rollands auf den offenen Brief Gerhart Hauptmanns enthält, der kürzlich durch die ganze Presse ging, und in dem Hauptmann Deutschlands Sache als die der Freiheit und des menschlichen Fortschritts pries. Rollands Brief enthält außerordentlich Wesentliches für die Beurteilung der Stimmung des nicht von der Phrase ergriffenen Frankreichs. Er verwahrt sich zunächst dagegen, die Deutschen für Barbaren zu halten. „Wenn ich auch heute Grund habe, durch Ihr Deutschland zu leiden, die deutsche Politik und ihre Mittel zu verurteilen, mache ich trotzdem nicht das Volk verantwortlich, das sich unterwirft und sich blindlings zu ihrem Werkzeug macht. Ich betrachte nicht, wie Sie, den Krieg als unvermeidliches Verhängnis. Ein Franzose glaubt nicht an das Schicksal. Der Fatalismus ist die Entschuldigung der willenlosen Seelen. Der Krieg ist die Frucht der Schwäche der Völker und ihrer Dummheit.“ ... „Ich habe nicht einmal die Stimme erhoben, als ich Eure Armeen die Neutralität des edlen Belgien verletzen sah. Die Übeltat gegen die Ehre, welche in jedem graden Gewissen Verachtung auslöst, liegt allzusehr in der politischen Tradition Eurer preußischen Könige ...“ „Aber die Wut, mit welcher ihr diese hochherzige Nation behandelt, deren einziges Verbrechen darin besteht, bis zur Verzweiflung ihre Unabhängigkeit und die Gerechtigkeit zu verteidigen, wie ihr Deutschen es anno 1813 selbst tatet, das ist zu viel. Die Empörung der Welt erhebt sich. Spart diese Gewaltsamkeit für uns Franzosen auf, Eure wirklichen Feinde!“ ... „... ihr führt Krieg gegen die Toten, gegen den Ruhm der Jahrhunderte. Ihr bombardiert Malines, ihr legt Feuerbrand an Rubens, Löwen ist auch nur noch ein Aschenhaufen, Löwen ... die heilige Stadt! Wer seid ihr denn? Mit welchem Namen soll man Euch denn jetzt nennen, Hauptmann, da ihr den Titel Barbaren zurückweist? Seid ihr die Urenkel Goethes oder Attilas?“ ... „im Namen der Ehre Ihrer germanischen Rasse selbst, Gerhart Hauptmann, beschwöre ich Sie, fordere ich Sie auf, Sie und die geistige Elite Deutschlands, wo ich so viele Freunde besitze, mit der äußersten Energie gegen dieses Verbrechen zu protestieren, das auf das deutsche Volk zurückfällt. Wenn Sie es nicht tun, beweisen Sie von zwei Dingen eins: entweder daß Sie es gutheißen (und dann möge die Meinung der Welt Euch zermalmen!) oder daß Sie nicht vermögen, Ihre Stimme zu erheben gegen die Hunnen, die Euch kommandieren. Mit welchem Recht können Sie aber dann noch behaupten, wie Sie es geschrieben haben, daß ihr für die Sache der Freiheit und des menschlichen Fortschritts kämpft? Ihr liefert der Welt den Beweis, daß ihr unfähig seid, die Freiheit der Welt und selbst die Eure zu verteidigen, und daß die deutsche Elite an den schlimmsten Despotismus gekettet ist, an denjenigen, der Meisterwerke zertrümmert und den menschlichen Geist tötet. Ich erwarte von Ihnen eine Antwort, die eine Tat ist. Die europäische Meinung erwartet sie wie ich. Bedenken Sie: in einer solchen Stunde ist auch das Schweigen eine Tat.“

Was der einseitig informierte Franzose da schreibt, enthält trotz allem so viel Wahres, daß es natürlich in deutschen Blättern keine Aufnahme gefunden hat. Und damit ist schon wieder die Wahrheit des Satzes bewiesen, daß keiner die „Stimme erheben kann, gegen die Hunnen, die uns kommandieren“. Daß Rolland freilich das Hausen der Deutschen in Belgien derartig übelnimmt, ist Dummheit. Zwar ist der Franktireurkrieg dort Notwehr, aber Notwehr ist es auch, wenn die Deutschen gegen den Franktireurkrieg und gegen die Marterungen verwundeter Gefangener sengen und zerstören. Zudem hat sich herausgestellt, daß von Löwen nur ein kleinerer Teil – allerdings dabei die Bibliothek – zerstört ist, und daß fast alle Kunstschätze von den Deutschen selbst gerettet wurden. Aber alle Bestialität im Kriege ist nicht aufs Konto einzelner Kriegsparteien zu setzen, sondern auf das des Krieges selbst. Es gibt kein Volk, und kann keins geben, das zivilisiert genug wäre, um zivilisiert Kriege zu führen. Denn der Krieg selbst ist etwas unzivilisiertes, er verroht und vernichtet Kultur, Fortschritt, Freiheit und alles Gute, wo etwa derartiges einmal gewesen sein mag.

 

München, Sonnabend, den 12. September 1914.

Die Türkei wird dem Dreiverband sehr unbequem. Auf den Vorschlag, sie dürfe die Kapitulationsverträge (die die unter türkischer Herrschaft lebenden Christen unter Sonderrecht stellen) aufheben, falls sie dafür Neutralität zusichere, hat sie geantwortet, daß ihre Neutralität nicht käuflich sei und hat die Verträge aus eigner Machtvollkommenheit aufgehoben. Sie scheint also den Krieg zu wollen, um die Machteinbuße, die sie im großen Balkankriege 1912 erlitt, wieder wettzumachen. Ob der Sultan den „heiligen Krieg“ proklamieren wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls kann man gespannt sein, wie die türkische Regierung nun beweisen wird, daß sie einen ihr aufgezwungenen Krieg führt, was bis jetzt noch jedes der kriegsführenden Länder behauptet. – Was übrigens bei dieser Gelegenheit intra muros et extra gelogen und renommiert wird, geht auf keine Kuhhaut. Deutschland entstellt die Vorgänge vor dem Kriege, Frankreich und Rußland die während des Kriegs (was Deutschland nicht nötig zu haben meint), Österreich anscheinend beides – und England lügt, wo es jeweils grade praktisch ist. Reizend muß es auch sein, die Feldprediger anzuhören, die in Jesu Christi Namen die Mordmaschinen segnen müssen: „Liebet eure Feinde und bringt möglichst viele von ihnen um!“ – so ungefähr wirds wohl lauten. Überall hört man die Wirkungen der Maschinengewehre, Kanonen, Granaten etc. ernsthaft und sehr befriedigt erläutern. Diese Granaten streuen gradeaus, jene sternförmig, andre wieder nach beiden Seiten oder von hinten zurück. Zu solchen Dingen hat der menschliche Geist sich anstrengen müssen, zu nichts als Mordzwecken hat das Genie der Technik seine glorreiche Tätigkeit entfaltet. Wen das nicht freut, ist ein Landesverräter.

Von Lemberg und Paris nichts Neues. Auf beiden Seiten toben immer noch fürchterliche Schlachten, und wenn man es wagt, am Ausgang eine Sekunde zu zweifeln, dann hat man den Namen eines Deutschen verwirkt. Eine Verrohung und Beschränktheit äußert sich überall ganz ungeniert, daß einen helles Entsetzen packt. Schon hat Karl Hans Strobl die deutschen Kritiker ermahnt, keine ausländische Literatur mehr zu beachten, schon predigt das Rindviech Dillmann, man solle französische Musik boykottieren, und Nonnenbruch fand das, als ich gestern drüber herzog, ganz in Ordnung: Wir müssen uns endlich auf uns selber konzentrieren. Mit andern Worten: Nieder mit Manet, Renoir, van Gogh, Rodin, Ssomoff, – kauft Nonnenbruchs geile Kitschnymphen! Wie sagt Meßthaler jeden Abend 90mal? Der Krieg ist zum Kotzen!

 

München, Sonntag, d. 13. September 1914.

Es ist wirklich aus mit der Sommerherrlichkeit. Heut nacht, als ich nach 4 Uhr heimkam (Sonnabends abends läßt die Mizzi die Stammgäste der Torggelstube unten in die Kegelbahn ein, während sonst die Polizei, die ja auch in Kriegszeiten was zu verbieten haben muß, strenge drauf hält, daß alle Lokale um 12 Uhr geschlossen werden), – also heute nacht regnete es Strippen, diesen unaufhörlichen, platschnassen, auf Wochen eingerichteten Pladderregen, den es nur in München gibt. Und heute ist es kalt, windig, regnerisch, kurzum: Übergang zum Herbst, der dann selbst hoffentlich wieder so schön werden wird wie jedes Jahr, und wie es ihn auch nur in München gibt. Es ging sehr angeregt zu im Keller des alten Platzlhauses. Ein sehr ergiebiges Gespräch mit Wilhelm Hegeler über deutsche, französische und russische Romanliteratur: Heinrich und Thomas Mann, Zola, Balzac, Flaubert, Dostojewski und Tolstoj, und ein ebenso wertvolles Gespräch mit Halbe über den prinzipiellen Wert des Krieges, den er emphatisch bejahte, ich heftig verneinte. Endlich mal eine Unterhaltung in den Grenzen sachlicher Diskussion und zurückgeführt auf den Punkt, wo Weltanschauungen aufstehn und subjektives Gefühl objektive Gründe abschneidet. Köhler, die wandelnde Wage der Gerechtigkeit, half mit logischen Griffen und kritischer Weisheit dem Gespräch immer wieder in die Bahnen des gediegenen Wortkampfs. – Basil erschien in später Nacht, angetan mit der Uniform eines Offizier-Stellvertreters, um Abschied zu nehmen. Heute soll er mit seinen 52 Jahren hinausmarschieren.

Die Kämpfe vor Paris und Lemberg sind immer noch unentschieden. Die Franzosen scheinen ihr ganzes moralisches und physisches Gewicht in diese eine Riesenschlacht zu werfen, die nun schon 5 Tage andauert, und von der vor 3 Tagen nur einmal eine nicht besonders günstige Mitteilung ausgegeben wurde.* Über Lemberg erscheinen täglich Mitteilungen, die immer sehr rosig gehalten sind, wie denn die österreichischen Berichte überhaupt die Eigentümlichkeit haben, von weitem nach rosiger Schminke zu riechen. Gestern aber kam die ziemlich gleichgültig geäußerte Meldung dazwischen, daß die Serben in das kroatische Komitat Syrmien einbrachen, „wo aber Abwehr eingeleitet ist“. Das liegt zwar nicht in der Nähe der polnischen Schlachtfelder, aber doch schon recht weit in Ungarn drin, und so scheint die Monarchie doch auch gegen diesen ursprünglich wie ein belfernder Mops bespöttelten Gegner, der seit 1912 zwei große siegreiche Kriege bestanden hat, recht tüchtig zu tun zu haben. Der Ausgang der beiden Schlachten im Osten und Westen soll, heißt es, die endgültige Entscheidung des ganzen Krieges bedeuten – sofern natürlich beide für die Zentralmächte günstig ausgehn, was ja aber beiderseits noch recht zweifelhaft erscheint. Die Taktik der Franzosen scheint neuerdings die zu sein, die deutschen Armeen durch Hinhalten und Hin- und Hertreiben zu schwächen. So geht es besonders den Armeen, die immer noch in französisch Lothringen umeinanderziehn und zu wirksamen Schlägen so wenig kommen wie zum Vorrücken als Ersatz der Truppen bei Paris, die schon höllisch erschöpft sein sollen. Das Umschlagen des Wetters wird ihrer Widerstandsfähigkeit auch nicht grade förderlich sein. Es sollen 18stündige Gewaltmärsche an der Tagesordnung sein. Zu denken, dann noch bei strömendem Regen im Freien schlafen zu sollen – stimmt nicht ermutigend. Aus solchen Erwägungen erklärt es sich wohl, daß Deutschland Belgien einen Waffenstillstandsvorschlag durch Amerikas Vermittlung gemacht haben soll. Man will die Truppen dort freikriegen. Das würde dann wohl die wohltätige Folge haben, daß man Belgien nicht verschlucken und nicht wesentlich schwächen wird. Der Kindskopf Maaßen ist schon ganz niedergeschlagen bei dem Gedanken, Belgien könnte zu billig davonkommen. – Ich hoffe, daß es die Einleitung zum Frieden wird.

Wirklich gut geht alles in Ostpreußen. Dieser Hindenburg scheint ein wirklich bedeutender Stratege zu sein, und das hat ihn zur populärsten Persönlichkeit in Deutschland gemacht. Nach dem Riesensieg bei Tannenberg (92 000 Gefangene) schlug er vor einigen Tagen wiederum die Russen, besiegte darauf bei Lyck ein weiteres (finnisches) Armeekorps, das zur Hilfe kommen wollte, und heut ist schon wieder die Nachricht von einem großen Sieg da, der 10.000 unverwundete Gefangene brachte und anscheinend die völlige Verdrängung der Russen aus Ostpreußen bedeutet, da es heißt, daß Hindenburg die Verfolgung über die Grenze hinaus fortsetzt. Damit scheint der Kriegsschauplatz in der Tat jetzt überall außerhalb des Deutschen Reichs zu liegen, – solange keine Rückschläge kommen! Es ist alles noch am Anfang.

 

* Das war die Marneschlacht, – man log uns an wie die andern.

 

München, Montag, d. 14. September 1914

Der Rückschlag ist schon da. Bei Lemberg scheinen die Österreicher eine schwere Schlappe erlitten zu haben. Das Telegramm verklausuliert diese Tatsache natürlich, aber schon die Kommentare der Zeitungen können kaum mehr umhin, den Mißerfolg einen Mißerfolg zu nennen. Zuerst, heißt es in der offiziellen Darstellung, sei es gelungen, den Feind nach fünftägigen Kämpfen zurückzudrängen, wobei 10 000 Gefangene gemacht wurden. Da hingegen der Nordflügel bei Nawaruska schwer bedroht war, konnte der Erfolg „nicht voll ausgenutzt werden“. „Angesichts der sehr bedeutenden Überlegenheit des Feindes war es geboten, unsre schon seit 3 Wochen fast ununterbrochen heldenmütig kämpfenden Armeen in einem guten Abschnitt zu versammeln und für weitere Operationen bereit zu stellen.“ In einem guten Abschnitt! Der Fachmann staunt und der Laie wundert sich. Die endlosen Kommentare der Blätter lassen natürlich die offensichtliche Niederlage in ihrer Watteverpackung, aber es läuft ihnen doch unter, daß sie „diesen Ausgang“ – das Wort unglücklichen lassen sie aus – einzig mit der numerischen Überlegenheit der Russen erklären. Nun ja, es soll ja in Kriegen so zugehn, daß der Stärkere siegt: wenn die größere Stärke auf der bedeutenderen Quantität beruht, ist’s, wie mir scheint, nicht anders. Übrigens habe ich auch, seit gestern abend dies Telegramm angeschlagen war, noch niemanden getroffen, der die Sache nicht ebenfalls sehr trübe beurteilt.

Nur über die Taten der Deutschen dürfen Zweifel nicht geäußert werden. Jodocus Schmitz war persönlich tief beleidigt, als ich einige Besorgnis wegen des Ausgangs der Schlacht bei Paris äußerte. Nun gibt es heute – am sechsten Tage des Kampfs – diesen amtlichen Bericht: „Auf dem westlichen Kriegsschauplatz (also vermutlich bei Paris. Gemeint kann aber auch Lothringen sein) haben die Operationen, über die Einzelheiten noch nicht veröffentlicht werden können (wahrscheinlich also Heranrücken frischer Kräfte), zu einer neuen Schlacht geführt, die günstig steht. Die vom Feinde mit allen Mitteln verbreiteten und für uns ungünstigen Nachrichten sind falsch.“ Über das, was im Laufe dieser 5 Tage geschehn ist, kein weiteres Wort, und man darf wohl vermuten, daß mindestens ein Stillstand des Angriffs stattgefunden hat, der der andern Partei Anlaß zur Verbreitung „ungünstiger Nachrichten“ gab. Immerhin läßt der Relativsatz, daß die nun eingeleitete Schlacht günstig steht, darauf schließen, daß der deutsche Oberbefehl nach den Erfahrungen der letzten Wochen jetzt dazu neigt, vorzeitig bessere Stimmung zu machen, als die Vorgänge rechtfertigen. – Aber wenn wirklich Gutes zu melden ist, klingen doch die Berichte in ihrer Knappheit ganz anders: „In Ostpreußen ist die Lage hervorragend gut. Die russische Armee flieht in voller Auflösung. Bisher hat sie mindestens 150 Geschütze und 20 000 bis 30 000 unverwundete Gefangene verloren.“ Da weiß man, woran man ist.

Gestern abend in der Torggelstube konnte man der bedrängten Seele wieder mal etwas Luft machen. Lion Feuchtwanger und seine Frau, die aussieht wie eine Phönizierin und redet wie eine Giesingerin, Hanns v. Gumppenberg und ich waren in der keineswegs optimistischen Beurteilung der Lage völlig einig, ebenso in der äußerst pessimistischen Beurteilung des Kulturstandes, der dem Kriege folgen wird und in der grundsätzlichen Abscheu gegen den Krieg überhaupt. Albu und Frau zogen süßsaure Mienen. Sie gehören zu denen, die je nachdem sich die Gesellschaft zusammensetzt, begeistert oder geknickt sind. Charaktere lernt man jetzt überhaupt kennen.

 

München, Dienstag, d. 15. September 1914

 Ein eben (mittags) angeschlagenes Telegramm meldet einen völligen Sieg über die Franzosen im Oberelsaß: 3000 Gefangene, viel Kriegsmaterial erbeutet. Sonderbar. Bisher hieß es immer, die deutsche Grenze sei frei auf dieser Seite. Man scheint also bei uns ungünstige Nachrichten auch so lange zu verschweigen, bis günstige sie ablösen können. Das stärkt nicht eben das Vertrauen in die offizielle Berichterstattung, die auch wissen dürfte, warum sie diese neue Siegesnachricht nicht selbst ausgibt, sondern einer über Zürich geleiteten Privatmeldung überläßt.

Nonnenbruchs Sohn (Stabsarzt) ist ruhrkrank vom westlichen Kriegsschauplatz heimgekehrt. Er soll schreckliche Dinge erzählen. Bei Nancy (dessen Beschießung vor langer Zeit offiziell mitgeteilt wurde, von dessen Eroberung aber bisher nichts verlautet) sollen die Franzosen sehr wirksam den deutschen Vormarsch verhindern. Die Flieger sorgen für Aufklärung über die Truppenbewegungen der Deutschen und dann kommt von unbekannter Seite ein Kartätschen- und Granatenhagel, der ganz verheerend wirkt. Überhaupt scheint es mir verdächtig, daß von der Lothringer Armee garkeine Nachrichten ausgegeben werden. Vergleicht man das mit der durch das neue Telegramm offenkundig gewordenen Tatsache, daß die Franzosen schon wieder – also wohl zum vierten Male – in die Mühlhauser Gegend eingedrungen waren, dann kann man wohl nachdenklich gestimmt werden.

Solche Betrachtungen muß ich fast gänzlich für mich behalten. In Gesellschaft der paar Leute, die noch wagen, untereinander Mißstimmungen oder Besorgnissen Ausdruck zu geben, kommt man sich wie in einem konspirativen Konventikel vor. Aber dies Tagebuch ist ja verschwiegen und wird es wohl, solange ich lebe, bleiben.

 

München, Mittwoch, d. 16. September 1914.

Jacobi ist in München angelangt, ich war nachmittags zum Thee dort. Er geht am Stock, doch macht ihm die Verwundung, ein Streifschuß durch das Fleisch der linken Ferse, keine sehr argen Beschwerden mehr. Aber psychisch hat er böse[s] durchzumachen. Der Eindruck von Blut, Brand, Verwesung, Anstrengung, Kampf wirkt jetzt nach. Er erzählt gräßliche Dinge. Sein Regiment hat entsetzlich gelitten. Am Tage, wo Jacobi die Verwundung erlitt (auch sein Tornister wurde durchgeschossen), hatte es der Brigadegeneral ohne Bedeckung allein in den Kampf geschickt. Dieser Fehler rächte sich furchtbar. Das Regiment wurde nahezu aufgerieben. An diesem Tage fiel auch der Hauptmann Storch. Ein Zufall war, daß Jacobi, der sich mit seiner Wunde mühselig zum Notverbandsplatz schleppte, dort Fritz Behn traf, der als freiwilliger Automobilfahrer im Kriege ist (wie Freksa), und der ihn und einige andre Verwundete dann mit seinem Auto ins nächste Lazarett fuhr. – Was Jacobi von der Haltung seiner „bayerischen Löwen” erzählt, ist wenig imponierend. Aber ich nehm’s wahrhaftig niemandem übel, wenn er für sein Leben fürchtet. – Überrascht war ich, daß auch der Skeptiker und eifrige Kriegsfeind v. Jacobi den Wunsch äußerte, bald wieder an die Front zu kommen. Aber ich verstand ihn, als er das nicht mit wildem Mordeifer erklärte, sondern mit der Teilnahme an seinem Regiment, an seinem Zug, der ihn brauche. Ich begreife es, wenn jemand mit den Leuten, mit denen er in entsetzlichen Wochen entsetzliches Erleben geteilt hat, weiterleiden und weiterkämpfen will, und an dem Gefühl krankt, daß er zuhause in Sicherheit ruht, während die Kameraden bluten und entbehren müssen.

Abends in der Torggelstube die üblichen Gespräche. Manheimer war da, den ich um 10 Mk anzupumpen versuchte. Der Schundian gab 5 her. Heimweg mit Steinrück. Unterwegs schloß Graumann sich an. Ich hatte gegen beide die These von der Notwendigkeit von Kriegen zu bestreiten, der wieder mal ein Naturereignis wie ein Erdbeben oder eine Sternschnuppe war. Übrigens sah ich Steinrück nie so erregt. Er sprang gradezu umher auf der Straße und plädierte mit rotem Kopf und wilden Gesten für seine Auffassung, die immerhin frei war von der moralischen Entrüstung gegen Grey und Genossen, der man überall begegnet und der Graumann Stimme gab.

Der Aufstand in Indien scheint zu beginnen. England soll Japan dort um Hilfe angerufen haben und sie gegen teure Bedingungen: freie Einwanderung in die britischen Besitzungen im Stillen Ozean und 200 Millionen Dollars erhalten haben. Griechenland scheint zugunsten des Dreiverbands eingreifen zu wollen. Damit wäre dann wohl der dritte große Balkankrieg endgiltig entfesselt. In Aegypten muß es schon sehr bedenklich aussehn.

Die Kunde von Kriegsausbrüchen hat alles Schreckliche längst verloren. Man nimmt sie hin wie sonst die Nachricht, daß irgendwo ein pensionierter Minister gestorben sei.

Wie mir aus mehrfachen Fragen und Andeutungen hervorgeht, spricht man in München davon, daß ich ein Buch über den gegenwärtigen Krieg vorbereite, das gleich nachher erscheinen soll. Ich dementiere das Gerücht nicht. Vielleicht wäre es wirklich nicht das Dümmste, wenn ich diese Aufzeichnungen als Unterlage zu einem größeren Werk fruktifizierte. Zum Dichten raffe ich mich ja doch nicht auf.

 

München, Donnerstag, d. 17. September 1914

Wieder ein Bekannter im Höllenkessel des Krieges dahin: Hans Leyboldt. Henschke-Klabund brachte die Nachricht auf die Kegelbahn, die gestern zum ersten Mal wieder in Betrieb war. Leyboldt war bei Lüttich und Namur dabeigewesen, dann von belgischen Franctireurs verwundet und nachhause (Hamburg) geschafft. Erst heilte die Wunde gut, er fuhr nach Berlin, verkehrte wieder im Café des Westens, bis plötzlich Starrkrampf eintrat und nach kurzer Zeit der Tod. – Ein junger unreifer Mensch voll Ehrgeiz und gutem Willen. Seine Gründungen („Die Revolution“) und literarischen Experimente waren naiv und unernst. Ich riet ihm oft, die Schriftstellerei aufzugeben und verspottete den Revolutionarismus, der mich zwar rückständig schalt, sich selbst aber mit wilden Attacken gegen Roda Roda genugtat. Die letzte öffentliche Tat des Toten war ein Artikel, auf den der „Vorwärts“ hereinfiel, und der für Bordelle in München plädierte, da hier jede Frau und höhere Tochter zu haben sei. Der Vorwärts mußte sich damals von der Münchner Post gehörig die Leviten lesen lassen, die Entrüstung in ganz München war sehr groß und Leyboldt erlebte sogar, daß man sein Zeug im Landtag beschimpfte, worob er sehr stolz war. Nun ist der hübsche Mensch tot, und seinen Eltern damit die Freude versagt, ihn zu einem braven bürgerlichen Beruf einschwenken zu sehn, zu dem er sicher gefunden hätte. Diese Art läuft sich in freien Berufen und in freien Umgangsformen die Hörner ab und ist dann froh, noch Anschluß bei korrekten Familien mit heirats- und mitgiftsfähigen Töchtern zu finden. Ich will versuchen, Catharina de Kaim, die mit ihm ein Verhältnis hatte, seinen Untergang mitzuteilen und die Karte zunächst an ihre Adresse in Holland richten.

Noch ein Todesfall ist zu vermerken. Zu meinem schmerzlichen Erstaunen las ich heut in der Zeitung, daß Victor Arnold in einem Sanatorium am Herzschlag gestorben ist: ein prächtiger, höchst witziger und gescheiter Kerl, und der beste Polonius, den die Bühne gesehn hat. Reinhardts Theater erleidet einen großen Verlust mit diesem genialischen Menschenbildner. Aber der arme Arnold hat sich die Zeit seines Sterbens sehr unglücklich ausgesucht. Nur, wenn das Schlachtfeld sein Totenbett gewesen wäre, hätte er auf begeisterte Nachrufe Anspruch gehabt. So werden nicht viel Hähne nach ihm krähen. Aber später wird man ihn oft vermissen.

Vom Kriege nicht viel neues. Im Westen ist eine Riesenschlacht – immer noch oder schon wieder? – im Gange, über deren Verlauf der amtliche Bericht, der doch sonst so schweigsam ist, merkwürdigerweise täglich günstige, aber ziemlich wenig sagende Bulletins ausgibt. Wahrscheinlich geschieht das, um den angeblichen Lügenmeldungen der Franzosen in der neutralen Presse entgegenzuwirken, speziell in Italien, wo die täglich sich wiederholenden Neutralitätsversicherungen allmählich sehr befürchten lassen, daß die Neutralität dieser Bundesgenossen nicht mehr sehr lange Beine haben könnte. – Bei Lemberg ist alles still, und es bleibt nun abzuwarten, wann wir von der nächsten Niederlage der heldenmütigen Brüder (das Wort „heldenmütig“ fehlt in keinem amtlichen österreichischen Bericht, sowenig wie das Wort „unvergleichlich“ in einem französischen) die Siegesbotschaft bekommen werden.

Meine Beteiligung am Kriege scheint vorläufig abgeschlossen zu sein, nachdem ich gestern mit Herrn Schweiger die Arbeit für den Schutzverband beendet habe. 300 Adressen für die 6 verschiedenen von uns verfaßten Schnorrbriefe haben wir ausgezogen und ausgeschrieben, und nun bleibt die Wirkung abzuwarten. An Ministerien, Behörden, Großbetriebe, reiche Leute und begüterte Schriftsteller haben wir geschrieben und die Liste der reichen Leute gestern bei Caspari dem Einladungsregister für die Herzogschen Forum-Abende entnommen. So haben diese Herzogschen Reklameveranstaltungen doch nachträglich noch einen wirklichen Nutzen.

Mein Geld geht wieder ganz zur Neige trotz äußerster Sparsamkeit und trotz des großen Entgegenkommens der Torggelstube, wo ich ein gutes Abendbrot, das sonst 1,20 Mk kostet, für 70 Pfennige kriege. Ich muß jetzt die beabsichtigten Artikel unbedingt schreiben und unterzubringen suchen. Denn es müssen unbedingt neue Mittel heran. Zenzl kommt wahrscheinlich in diesen Tagen zurück, die immer kleine Wünsche hat, und außerdem hat sich gestern eine reizende kleine Episode eingeleitet, der ich auch nicht mit ganz leeren Händen gegenüberstehn möchte. Mittags sprach mich auf der Straße ein sehr junges Mädchen an, das ich nicht erkannte, bis es sich als die Verkäuferin eines Zigarettengeschäfts in der Theresienstrasse vorstellte, wo ich vor einem Jahre öfter um dieses Mädels willen einkaufte. Sie ist jetzt heraus aus dem Laden und verhielt sich der Einladung gegenüber, sie möchte mich doch besuchen, ganz geneigt. Ich merkte ihr sogar plötzlich an, wie sie sinnlich erregt wurde, und nahm ihr das Versprechen ab, noch gestern nachmittag zu mir zu kommen. Nun hatte sie mich früher, wenn ich ihr Liebenswürdigkeiten sagte oder Chokolade brachte, stets energisch abgewiesen und ich war deshalb gespannt, ob sie kommen werde. Sie kam – nur für eine halbe Stunde, da sie zu intimsten Vertraulichkeiten grade ungeeignet war. Heut hofft sie, das überstanden zu haben, und abends um 8 Uhr will sie bei mir sein. Ich freue mich kindisch darauf, denn soviel hat sie schon gezeigt; daß sie entzückend küßt und einen 17jährigen Busen von ganz köstlicher straffer Schwellung hat. Asta Schmidt heißt das kleine, fast noch halbwüchsige Mädel, das behauptet, seit einem Jahre keusch gelebt zu haben und mir auf die Frage, warum sie mich denn plötzlich, da sie mich früher nie gewollt habe, selber anspreche, die naive ehrliche Antwort gab: „Die Männer sind jetzt so dünn gesät.“ Also reguläre Kriegsbeute. Aber süß, – ganz süß.

 

München, Freitag, d. 18. September 1914

Die kleine Asta gehört zu meinen glücklichsten Eroberungen. Ihr Leib ist kindlich-zierlich mit gut entwickelten aber doch zarten Brüsten. Schöne Arme und Beine, kleine Hände und Füße, trotzdem kräftig alles und von getönter Färbung. Sehr angenehm ist der Geruch des Körpers, wie von einem stark entwickelten Kind, aber durchaus nicht milchig-weich. Daher wirkt ihre anschmiegsame Zärtlichkeit auch noch post actum wohltätig auf die Nerven. Ihr naives Geplapper ist recht spaßig. Asta stammt aus Hof, ist Vollwaise, 17 Jahre alt, hat allerhand gelernt: Schneiderei und Geschäftsführung, spricht Münchnerisch und kopiert sehr nett sächsisch und schwäbisch und hat nur den einen großen Fehler, daß sie ohne Stellung und ohne Mittel ist und nun mich bedrängt, ich solle ihr einen Verdienst schaffen. Vielleicht kann sie der Strobinfritze Bachmann in seinem Hutladen brauchen. Sonntag abend kommt sie wieder.

Das heutige Bulletin des Generalquartiers läßt eine günstige Entscheidung vor Paris als nahe bevorstehend ankündigen. Im Osten schweigen dagegen alle Flöten. Eine amüsante Nachricht: Professor Quidde aus München ist nach Holland gereist und will eine ständige Verbindung zwischen den „internationalen“ Pazifisten schaffen. Er hat sich schon für eine Rotterdamer Zeitung interviewen lassen und ausgesprochen, daß die Herren Pazifisten durchaus noch nicht den Mut verloren haben und eine Einwirkung auf den schnellen und milden Friedensschluß nehmen wollen. Ich kenne doch den eingebildeten alten Laffen Quidde. Er will sein Röllchen spielen und den Nobelpreis kriegen. Aber Selbstvertrauen haben die Herren Friedlichen, Fried, Umfried – und wie die Friedriche alle heißen. Angesichts des scheußlichsten aller Kriege der Weltgeschichte, der zum ersten Mal kein Kabinettkrieg sondern ein ausgesprochener Diplomatenkrieg ist, meinen sie immer noch durch betuliche Geschwätzigkeit bei den Diplomaten alle Dinge ins Gleiche stellen zu können. Vor vielleicht anderthalb Jahren nannte ich mal in einer Versammlung die Diplomaten „professionelle Händelsucher“. Quidde wies das damals zurück. Gelernt hat er also auch von der Erfahrung nichts. Deutschlands geistige Elite! Aber noch Gold gegen die Patrioten.

Wie jetzt bekannt wird, ist Victor Arnold ein Opfer des Kriegs geworden. Der Ausbruch der Katastrophe wirkte so niederschlagend auf ihn, daß er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Er glaubte, materiell und künstlerisch verhungern zu müssen. Felix Hollaender veröffentlicht im Berliner Tageblatt einen Nachruf, aus dem hervorgeht, daß Arnold im Dresdner Sanatorium Selbstmord begangen hat.

Heute las ich ein Buch zu Ende, das mir Herr Max Kaufmann geliehen hat: Lucrezia Borgia von Ferdinand Gregorovius. Das ist eine ganz vortreffliche Leistung eines typischen deutschen Gelehrten. Mit pedantischer Genauigkeit wird jede Einzelheit des historischen Materials belegt, und dennoch liest sich das rein wissenschaftliche Buch dank der Absonderlichkeit des geschilderten Lebens, dessen dramatischer Verlauf durch den exquisiten sachlichen Forscherstil des Verfassers das stärkste Relief erhält, wie ein höchst spannender Roman. Übrigens geht Gregorovius trotz aller Gelehrsamkeit durchaus subjektiv als Moralist und Advokat an seine Aufgabe. Es handelt sich ihm um eine moralische Reinwaschung Lucrezias von der Inzest-Schuld, die Zeitgenossen und Nachwelt ihr aufluden. Bei dem Bestreben, Lucrezias Bild in möglichst vorteilhaftes Licht rücken, wird er aber ungerecht gegen Alexander VI., den klein und schwächlich zu nennen er sich einmal versteigt, gegen Cesar Borgia, in dem er fast nur den Hallunken und gar nirgends den amoralischen Helden gelten läßt, der doch schließlich einem Machiavell höchstes Vorbild seines Fürsten war, und endlich selbst gegen Lucrezia selbst, aus der der deutsche Professor denn doch wohl zu sehr das Unglücksopfer der Zeitumstände macht. Man wird, glaube ich, ruhig annehmen dürfen, daß auch sie von der schönen Unbefangenheit der Borgia genügend abbekommen hat, und wenn Gregorovius immer und immer wieder die Möglichkeit, daß Lucrezia mit ihren Brüdern in Rom geschlechtlichen Umgang hätte haben sollen, mit dem psychologischen Moment ihrer Seelenruhe zu entkräften sucht, so vergißt er die Wahrscheinlichkeit, daß diese Papsttochter ihrer ganzen in der Zeit und im Persönlichen begründeten Veranlagung nach in dem, was Gregorovius entsetzlicher als alle Morde zu sein scheint, keineswegs etwas so arg Schändliches erblickt hat. Aber ich freue mich, diese romantische Frauenfigur in so liebenswürdiger Beleuchtung kennen gelernt zu haben und freue mich erst recht, endlich aus dem ganzen Buch einen Einblick in eine wesentliche Epoche der Renaissance erhalten zu haben, der mir in jedem Hinblick wertvoller war als die Aufputzunternehmungen der Herren Mereschkowski und Graf Gobineau.

 

München, Sonnabend, d. 19. September 1914

Der Geldmangel ist wieder für einige Tage abgestellt, da es mir gestern abend durch Vermittlung von Lulu Strauß gelang, den Bachmann-Strobinsky um 20 Mk zu erleichtern. Leider mußte ich der Mizzi davon gleich gegen 4 Mk Schulden zahlen, ebensoviel bin ich der Margot Bartels für Zigarren schuldig, und so wirds doch wieder nur 4 – 5 Tage reichen, wenn ich nicht sehr sparsam bin und der Damenflor mir nicht garzu schnell von dem Überfluß weghilft.

In der Liebe erlebe ich jetzt allerdings gradezu ein embarras de richesse. Gestern abend fand ich einen Brief von Zenzl, die ihre Ankunft für Freitag (gestern) ankündigt und mir ihren Besuch für heute früh ansagte. Sie kam aber nicht. Statt dessen erschien ein neues Mädchen, vielleicht auch angelockt von der Empfindung, daß die Männer jetzt „dünn gesät“ sind. Sie heißt Hedwig Putz. Ich kenne sie seit 7 – 8 Jahren, ohne freilich je ihren Namen gewußt zu haben. Vor zwei Jahren traf ich sie im Fasching wieder. Ich suchte eben die betreffende Eintragung heraus. Am 11. Februar 1912 schrieb ich ins Tagebuch über eine Karnevalsnacht im Café Luitpold: „Innen küßte ich eine nette Dame wiederholt, die ich, glaube ich, aus dem Café des Westens kenne. Ich weiß aber nicht, wer sie ist.“ – Nun weiß ichs also. Vor etwa 14 Tagen sprach sie mich einmal auf der Straße an, und ich lud sie zu mir ein. Sie hat mich inzwischen zweimal vergebens gesucht. Heut endlich fand sie mich, noch im Bett liegend, vor. Ich holte ihr gleich die Brüste heraus, konnte aber, da sie die „G’schicht“ hat, keine nähere Bekanntschaft machen. Sie war sehr zärtlich, und ich habe sie zu Dienstag nachmittag bestellt, wo das eigentliche Verhältnis beginnen soll. Hübsch ist Hedwig Putz nicht, ein wenig Mopsgesicht, aber nette gute Augen und einen vorzüglich gewachsenen kräftigen Körper. Sie ist mit ihren 28 Jahren ein ausgezeichnetes Gegenstück zu Asta Schmidt, deren tiefe blaugraue Augen noch ganz neugierig schauen und deren schmaler roter Kindermund noch wie zur Übung küßt. Mit mir hatte Asta, wie sie mir gestand, erst zum vierten Mal in ihrem Leben Verkehr, trotzdem bin ich schon ihr dritter Mann. Hedwig dagegen ist sehr erfahren und liebt mich offenbar nicht blos, weil ich Hosen trage, sondern in Erwartung konkurrenzfähiger Leistungskraft. Sie ist durch die Münchner und Berliner Bohème leider etwas verdorben und redet arg literarisch daher. Ich werd’s ihr abzugewöhnen suchen. – Nun werde ich eine sexuelle Ökonomie einrichten müssen, um allen Anforderungen gerecht werden zu können. Zenzl darf nicht zu kurz kommen. Mit Frieda Wiegand bin ich verabredet, Maxi, Marietta, Leni u. s. w. müssen gelegentlich versorgt werden. Anna Obstbichler kann sich wieder zeigen (Emmy ist in Berlin). Mucki Bergé hat mir schon lange ihren Besuch versprochen, und jeden Tag können neue Bekanntschaften entstehn oder alte erneuert werden müssen. Schade, daß ich mich in keine meiner Freundinnen verlieben kann, nicht mal in Zenzl, die immerhin wohltätig beruhigend auf meine Nerven wirkt, und die mir nicht überdrüssig wird. Aber wenn ich denke, Jenny könnte bei mir sein – wo blieben alle die kleinen Mädchen und Abenteuerchen! Wie wollte ich glücklich sein!

Kriegsnachrichten sind heute so gut wie nicht gekommen. Umso besser. An solchen Tagen schlägt die üble deutsche Begeisterung nicht garso hohe Wogen.

 

München, Sonntag, d. 20. September 1914.

„Was bedeuten gewonnene Schlachten? Sieg und Niederlage sind Begriffe. Wie kann ein Volk siegen, das in der ganzen Welt gehaßt wird?“ Das sind Worte, die mir gestern abend Heinrich Mann sagte. Wedekind saß am Tisch und Halbe, B. v. Jacobi und Frau, v. Maaßen, Schmitz, Steinrück, Herzog, Dr. Goldschmidt und Friedenthal. Mann sagte seine sehr herben Dinge nur zu mir. Es hätte sich auch trotz des neutralen Raumes (die Kegelbahn unter der Torggelstube) wenig empfohlen, sie laut zu sagen. Denn Halbe ging schon hoch, als ich an Jacobi die harmlose Frage richtete, ob man im Felde ebenso talentiert Kriegspläne entwerfe, wie Maaßen es grade tat. Vorher hatten wir oben gesessen, und zufällig war ein Engländer und eine Französin mit am Tisch, der zum Glück nicht der gleiche war wie der, an dem Halbe und sein patriotischer Anhang saß. Herr Fundaklian, ein Engländer, der zu seinem Glück jetzt aus seinen Papieren festgestellt hat, daß er der Staatsangehörigkeit nach Türke ist, und Frau Schülein, die bitter besorgt ist um die ihren, da ihr Vater, ihre beiden Brüder und auch viele ihrer Verwandten auf französischer Seite Kriegsdienst tun. Fundaklian – ich kenne ihn vom Krokodil her – will in den nächsten Tagen nach England fahren und versprach mir, von dort zu schreiben. Ich bin zwar mit meiner Meinung, so wie die Leute jetzt gestimmt sind, ein Landesverräter, aber mir erweist sich wieder, daß England doch das freieste Land der Welt ist. Dort hat man trotz des Kriegs die Preßfreiheit nicht aufgehoben, und die stupide deutsche Saupresse druckt Tag für Tag englische Zeitungsäußerungen ab, die mit der Greyschen Politik stramm ins Gericht gehn. Man nennt das die wiedererwachende Vernunft. Hierzulande wird die Vernunft, wo sie nicht von Anfang an in Tobsucht verfallen war, mit Militärgewalt und Zivilspitzelei niedergehalten. Auch über die Behandlung der deutschen Gefangenen berichtet man, als ob alles ganz selbstverständlich sei, daß sie Billard spielen, Löhnung (nach dem Rang abgestuft) erhalten, einzeln in die nächste Stadt gehn und Einkäufe nach Belieben machen dürfen etc. Hier schlägt man die Namen derer, die Gefangenen Zigaretten schenken, wegen „unwürdigen Benehmens“ öffentlich an, hält die Gefangenen hinter Stacheldraht und läßt sie für 20 Pf. Entree besichtigen, und voll Empörung fand ich im letzen Heft der „Zeit im Bild“ eine Photographie, auf der belgische Gefangene für deutsche Soldaten Schützengräben aufwerfen müssen. Das ist die simpelste und selbstverständlichste Bedingung des Völkerrechts, daß Gefangene nicht im militärischen Dienst für den Feind verwendet werden dürfen. Die Deutschen, die sich nicht laut genug als die Hüter des Völkerrechts brüsten können, stellen sich mit dieser perfiden Gemeinheit, wehrlose Menschen zu zwingen, die Gräben herzurichten, aus denen ihre eignen Brüder erschossen werden sollen, absolut auf eine noch niedrige[re] Stufe als die Gegner, die mit den infamen, sinnlos Qualen verursachenden Dum-Dum-Geschossen arbeiten – wenn’s wahr ist!

Im Café sprach mich gestern ein Unteroffizier an, der sich als Meierhof vorstellte und mich durch Fragen nach Gregor Eisenstadt etc. erinnerte, daß er in die Berliner Siebente-Himmel-Zeit gehört. Er ist verwundet worden und heilt hier aus. Er erzählte, wie er mit eigner Hand sein Bajonett zwei Franzosen töten ließ. Im Augenblick sei es ihm ganz selbstverständlich gewesen, aber nachher schauderhaft.

Jacobi zeigte eine Karte seines Hauptmanns aus dem Felde, der ihm ankündigt, er werde ebenso wie der Hauptmann selbst, das eiserne Kreuz bekommen. Jacobi ist sehr glücklich darüber, und ich ließ ihn glauben, daß ich mich wirklich mit ihm freute. Ein Anhängsel an den Rock, zum Zeichen, daß man sich im Blutvergießen hervorgetan hat. Allerdings sehe ich ein, daß der Soldat im Kriege morden muß, da man ihn morden will: es ist Notwehr, – aber daß man sich der Suggestion kaum entziehen kann, die in der Verleihung des Eisernen Kreuzes liegt, müßte doch irgendwo tiefer begründet sein; aber es ist wohl nur Freude an des andern Freude.

Jetzt erwarte ich Zenzl, die sich bis 4 Uhr angemeldet hat. Ich sprach sie gestern schon flüchtig im Caféhaus. Nun soll aber abends Asta kommen, und ich bin etwas in Sorge, wie ich mich aus der Verpflichtung ziehe, beide zu erfreuen. Die Liebe wächst mir etwas über den Kopf. Dabei muß ich noch für soundsoviele Damen Umschau halten, um ihnen eine Existenz zu verschaffen. Für Asta will ich einen Brief an Isidor Bach schreiben, der sie vielleicht zum Militärmäntel-Nähen brauchen kann. Friedl Wiegand hat Aussicht an ein Cabaret zu kommen und ich habe mich an Thoma gewandt mit der Bitte, ihr eine Laute und Liedertexte zu verschaffen. Zenzl wird wohl auch wieder etwas verdienen wollen. Vielleicht gibt ihr Else Jaffé wieder zu tun, von der ich ihr schon mal Schneideraufträge verschafft habe. Und was mit Hedwig Putz wird, weiß ich auch noch nicht. Sie möchte Modell stehn. Leider ist Thoma verreist – mit einer Liebesgabenlieferung per Auto am Kriegsschauplatz. Aber Peter Scher versprach mir heute, sich wegen der Laute und der Texte umzutun. Bei der Gelegenheit erzählte er mir einen hübschen Witz von Th. Th. Heine. Der fragte Thoma bei der Abfahrt, ob er denn durchaus mit müsse. Er nehme doch den Zigarren soviel Platz weg!

 

München, Montag, d. 21. September 1914.

Die Schlacht an der Marne, deren Hauptzentrum bei Reims und an der Aisne zu liegen scheint, dauert nun schon eine volle Woche und es ist noch kein Ende abzusehn. Das Generalquartier gibt täglich Bulletins drüber aus, die sehr günstig klingen. Aber das taten die Österreicher auch, als es um Lemberg ging, – und der Generalquartiermeister Stein hat ein Kommando bekommen, die Zuverlässigkeit seines anonymen Nachfolgers ist noch nicht erprobt. In dieser Schlacht, deren Kanonenlärm man in Paris hören soll, geht es um die Entscheidung im Westen. Prophezeien wäre jetzt von übel. Das kann man den Zeitungen überlassen, die an Geschmacklosigkeit den auswärtigen Blättern, die sie täglich geräuschvoll und hohnlachend exzerpieren, den Rang streitig machen. Ein dummes albernes gehaltloses kindisches Gekeife. Und ebenso scheinen die herumreisenden Politiker zu reden. Eben las ich in der Münchner Zeitung ein Referat über einen Vortrag des M. d. R. Pachnicke über „Deutschland im Weltkrieg“, in dem sich folgender Satz findet: „Über Serbien und Montenegro ist kein Wort zu verlieren. Das ist Entartung.“ Ich bin boshaft genug zu glauben, daß der liberale Esel wirklich nichts andres über diese Gegner gesagt hat. Denn die Einsicht der deutschen Politiker reicht nicht weiter. Daß Serbien, dessen großserbische Pläne zu unterdrücken der ganze Schandkrieg den Ausgang nahm, nichts andres will als was Italien 1859 und Deutschland 1870 gewollt hat, das geht in die Affenschädel nicht hinein. Über Shaw schimpfen die Gazetten Stein und Bein. Zwar hat der die Politik seines eignen England ohne jede Gêne abfällig genug kritisiert. Aber er hat nachher sich unglaublicherweise herausgenommen, ein paar boshafte Bemerkungen gegen den deutschen Militarismus zu sagen. Das muß dem Engländer energisch verwehrt werden, und seine Stücke dürfen nicht mehr auf der deutschen Bühne erscheinen. Wie lange ist die Zabern-Geschichte her? ¾ Jahre etwa. Damals sagten die brävsten Bürger in ganz Deutschland noch ganz andre Dinge über den deutschen Militarismus. Aber es merkt kein Mensch, daß er seit 7 Wochen das vollkommenste Mimikry vollzogen hat. „Ich kenne keine Parteien mehr!“ hat der Kaiser am 1. August gesagt. Ich war schon vorher so weit, nur noch deutsche Philister zu kennen.

Die Damenbesuche gestern verliefen nicht nur ohne Überlastung für mich, sondern ich kam überhaupt nicht zum Handeln. Das kam daher, daß Zenzl nicht allein sondern in Gesellschaft der Leni erschien, und daß Asta absolut keinen Koitus wollte. Mit Zenzl hatte ich übrigens einen gelinden Krach. Sie schimpfte derartig auf die Holledauer Hopfenzupfer, das Gesindel, die Bazi, auf die man schießen und die man einsperren müßte, daß ich grob wurde. Sie habe jetzt umgelernt, das Pack sei nicht wert, daß man seinetwegen gegen die Gesellschaft ankämpfe, sie werde künftighin keinem Handwerksburschen mehr etwas geben. Sie sei auch arm, aber deswegen nicht gemein etc. – Ich ärgerte mich sehr über das törichte Gerede, versuchte ihr begreiflich zu machen, daß diese Leute Opfer seien, keine Jugend gehabt haben etc., und infolgedessen undankbar und gemein sind, daß sie grade ein Beweis seien für die Notwendigkeit, die Gesellschaftsbasis zu ändern, und schließlich, da Zenzl immer dümmeres und egoistischeres Zeug redete, schlug ich auf den Tisch, erklärte, sie solle mit ihren Ansichten Pfarrkathl werden, dann werde sie Verständnis dafür finden, kurzum es gab Tränen, Einlenken, Versöhnung, Küsse und was dazu gehört, und nun ist alles wieder in Ordnung. – Reizend war Asta. Sie küßte mich eine Stunde lang himmlisch, legte sich auch mit mir auf den Divan und ließ sich alles gefallen, was mein Finger mochte. Aber meine Versuche, mit der schweren Waffe in Aktion zu treten, scheiterten an ihrer Bitte, es zu lassen. Donnerstag kommt sie wieder und dann hat sie mir wieder alles zugesagt. Ich habe ihr einen Brief an Isidor Bach geschrieben, in der Hoffnung, daß sie dort Verdienst als Näherin finde. – Heut nachmittag will ich zu Friedl Wiegand gehn. Morgen erwarte ich Hedwig Putz.

Ich fühle seit heute früh Beschwerden, ein leichtes Stechen, vom Nabel zu linken Rücken-Hüftpartie. Ich hoffe, daß es sich nur um eine Erkältungserscheinung handelt. Da Hauschild nicht da ist, möchte ich ungern einen Arzt aufsuchen müssen.

 

München, Dienstag, d. 22. September 1914

Die gestern erwähnten Erscheinungen haben in ihrer Begleitung eine weitere gezeigt, über die ich entsetzt bin. Ich war bei Friedl Wiegand impotent. Seit etwa 2½ Jahren war ich zum ersten Mal wieder mit ihr zusammen, und jedesmal wenn ich den Penis einführen wollte, sank die Erektion kraftlos in sich zusammen. Erst ein einziges Mal habe ich etwas ähnliches erlebt, als damals Kätchen Brauer bei mir wohnte, aber damals waren die seelischen Widerstände zu groß, da ging mir die Frau derartig auf die Nerven, daß es einfach nicht ging. Sonst habe ich noch stets meinen Mann gestanden. Aber jetzt: Friedl war wirklich niedlich, ihre weiße weiche Schlankheit hat mir immer gut gefallen und wohlgetan, und sie strich mir zärtlich mit ihrem wohligen Schenkel den Leib entlang. Trotzdem ein völliges Versagen! Das fehlte mir: impotent! Nein, dann, glaube ich, mache ich Schluß. Vorläufig glaube ich, daß meine gestrigen Stiche auf versetzte Winde zurückzuführen sind – denn ich konnte auch nicht abführen –, und daß nach einer gehörigen Darmentleerung auch der Geschlechtsapparat wieder gut funktionieren wird. Aber bis jetzt habe ich noch keinen Stuhlgang gehabt, und in einer Stunde soll Hedwig Putz kommen. Es wäre doch schändlich, wenn ich bei der gleich das erste Mal schuldig bleiben müßte. Friedl Wiegand weiß wenigstens von früher her, daß ich ein brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft habe. Sie will Ende der Woche mal abends kommen.

Vom Kriegsschauplatz wieder ein kurzer Bericht mit geschwätzigen Gleichgültigkeiten. Seit Stein aus dem Generalquartier fort ist, kann man die Telegramme nicht mehr mit soviel Vertrauen lesen wir früher. Bei Toul, heißt es z. B. heute, wurde im Biwak liegendes französisches Militär von Artilleriefeuer überrascht. Na schön, das ist doch wohl nichts Welterschütterndes in einem Kriege, und daß mans für richtig hält mitzuteilen, läßt allerlei Schlüsse zu. Wer weiß, was für französische Vorteile den täglich gemeldeten Teilerfolgen der Deutschen gegenüberstehn. Denn soviel ist sicher: die Lügen der Gegner werden durch die Verschweigungen der Deutschen wettgemacht. Es scheint sicher, daß Luneville von den Franzosen zurückerobert ist. Ganz gewiß ist, daß Reims, dessen Einnahme durch die Deutschen triumphierend gemeldet wurde, jetzt im Besitz der Franzosen ist. Denn darum geht die Hauptschlacht, und schon schreit die ganze „Kulturwelt“ entsetzt auf, weil die Reimser Kathedrale in Gefahr sei, von den deutschen Kanonen vernichtet zu werden. Die Gesellschaft ist zu blöd. Wünscht man Kulturdenkmäler zu schützen, dann darf man keine Kriege führen. Außerdem scheint es mir weniger wichtig, ob selbst die köstlichsten Kunstschätze kaput gehn, als daß man Millionen Menschen mit langen Messern, Schießgewehren und Massenmordmaschinen gegeneinanderhetzt, weil sich die Hornochsen von Diplomaten in andrer Weise nicht verständigen konnten.

 

München, Mittwoch, d. 23. September 1914

Meine Befürchtungen waren gottlob grundlos. Ich erwies mich in der Umarmung mit Hedwig Putz so leistungsfähig wie nur je. Sie hat einen wirklich schönen Akt – für einen Plastiker jedenfalls noch anziehender als für einen Maler. Sehr gut geformt ist vor allem die Partie um Bauch und Hüften und die Oberschenkel. Die Beine grade und säulenförmig, Busen, Rücken und der ganze Rumpf kräftig, die Haut allerdings nicht recht weich, aber das Mädel ist mit Herzlichkeit bei der Sache. Im ganzen eine angenehme Acquisition. Jetzt will Friedl W. kommen, um die Texte von Thoma und Scher in Empfang zu nehmen. Die Musik dazu sowie womöglich auch eine Klampfe will Peter Scher ihr verschaffen. Heut bin ich entschlossen, das gute Mädchen nicht ins Bett zu nehmen. Einen Tag will ich erst pausieren – und morgen abend kommt Asta wieder, die mir von den gegenwärtigen Favoritinnen die liebste ist. – Zenzl scheint mich auf schmale Kost setzen zu wollen. Ich halte mir jeden Vormittag für sie frei, aber sie hat sich seit ihrer Rückkehr noch nicht allein bei mir sehn lassen.

Aus London kommt die Meldung, daß die Deutschen 3 englische Panzerkreuzer in den Grund geschossen haben. Von der Riesenschlacht bei Reims heute nichts Neues. Die Zeitungen rechnen aus, daß diese Schlacht jetzt 21 Tage gehn soll. Das ist verkehrt. Am 13ten September hieß es offiziell, es sei eine neue Schlacht im Gange, und zwar nach dem angeblich strategischen Rückzug des deutschen rechten Flügels in der großen Pariser Schlacht. Offenbar hat es sich damals um eine, wenn auch geordnete, Niederlage gehandelt. In Paris wurden direkt Extrazüge für das Publikum zum Schlachtfeld ausgerüstet, von wo die Leute deutsche Tornister, Waffen und Trophäen aller Art als Andenken mitnahmen. Wer soll denn auch glauben, daß Reims von den Deutschen gutwillig geräumt sein kann, wo sie jetzt derartig verbissen um die Rückeroberung der starken Festung kämpfen. Mich interessiert an Siegen oder Niederlagen nur, ob sie den Krieg in die Länge ziehn oder abkürzen, was hüben und drüben weitere schreckliche Opfer an Menschen und Gütern fordert. Aber: woran soll man sich halten?

Das Ehepaar Feuchtwanger machte mich gestern darauf aufmerksam, daß jüdisches Neujahr sei. Ich muß also gleich an den Alten und die Geschwister schreiben und will die Gelegenheit benutzen, um an Jenny wieder einen ausführlichen Brief loszulassen.

Heut wird in den Zeitungen in einem Bericht über eine Reise nach Ostpreußen mitgeteilt, daß Eydtkuhnen überhaupt nicht mehr bestehe. Der arme Jim hat also alle Erinnerungen, auch alle meine Briefe und Liebeszeichen eingebüßt. Dürfte ich doch endlich ihr ein neues Haus bauen, eine neue gute Heimat schaffen!

 

München, Freitag, d. 25. September 1914.

Zeitungen, Gesellschaften, Behörden, Publikum zanken sich noch immer um die Reimser Kathedrale, wobei Freund und Feind gleichmäßig gehässig und dumm gegeneinander arbeiten. Die Franzosen haben ihre Kanonen direkt unter die alte Kirche postiert – welche Gemeinheit! Als ob man nicht zum Stützpunkt der Kanonen den Platz aussuchen sollte, der strategisch der beste ist! – Die Deutschen haben die Stadt beschossen, ohne das herrliche Bauwerk zu schonen – welche perfide Niedertracht! Als ob man nicht im Kriege dahin schießen sollte, von wo man angegriffen wird! Die ungeheuren Menschenverluste nebst allem Jammer der Witwen und Waisen und derer, die ihren Ernährer verlieren, zählt man nicht. Aber die architektonischen Denkmäler, die man nie gesehn hat und die einem bis dato völlig pipe waren, beweint man. Krieg führen und Kultur treiben – das heißt doch: Affen auf die Lateinschule schicken.

Die letzte bedeutsame Nachricht vom Kriege ist noch die Zerstörung der 3 englischen Panzerkreuzer, die eine wirkliche Bravourleistung darstellt, da ein einziges deutsches Unterseeboot das Vernichtungswerk zustande brachte. – Die große Schlacht geht ohne Entscheidung weiter. Wenn es heute im Bericht des Generalquartiers heißt: „Einzelne Teilkämpfe waren den deutschen Waffen günstig“, dann erhebt sich doch die Frage: und die andern Teilkämpfe? ... Soviel scheint gewiß, daß aus der Feldschlacht allmählich ein wütender Kampf um befestigte Stellungen geworden ist, und daß kein Mensch prophezeien kann, wie dieses Ringen ausgeht. Ginge es nur endlich überhaupt aus!

In der Torggelstube traf ich gestern die Herren Wedekind, Albu und Friedenthal, die eben von einem Vortrag des Jenenser Professors Eucken über „Unsre gerechte Sache“ kamen (ich kam selbst grade aus den Bett, in dem Asta mir süße Gesellschaft geleistet hatte). Auch Steinrück saß am Tisch. Von ihm erfuhren wir, daß Victor Arnold sich erhängt hatte. Wedekind meinte: „Aber er hatte doch einen so kurzen Hals!“ Ferner erzählte Steinrück ein paar entzückende Anekdoten von dem witzigen Arnold. – Von der Euckenschen Rede waren die Herren nicht sehr begeistert. Leitartikel-Gemeinplätze hieß es. Was soll auch bei einem Vortrag herauskommen, der keinen andern Zweck hat, als in den Hörern die vorhandenen Stimmungen zu bestätigen! Auch Willamowitz-Möllendorf und Roethe halten in Berlin derartige Reden an die deutsche Nation und kommen sich wie moderne Fichtes vor. Käme aber heute wirklich Einer, und trüge Fichteschen Geist, Fichtesche Kritik, Fichtesche Wahrhaftigkeit ins Volk – gelyncht würde er nur deshalb nicht, weil ihm die Militärdiktatur rechtzeitig vorher das Maul verbunden hätte. Dem Abgeordneten Liebknecht, der in Stuttgart nur gegen die Annexionshetze reden wollte, also gegen die lächerliche Begehrlichkeit patriotisch entbrannter Schwätzer, die Deutschlands Grenzen garnicht weit genug ziehn können, wurde der Vertrag prompt verboten. In England aber predigen jetzt noch ehemalige Minister öffentlich gegen den Krieg!

Asta ist leider bei Bach nicht untergekommen. Ich habe sie nun heute als Modell zu Nonnenbruch geschickt, der sie hoffentlich wird brauchen können. Sonst weiß ich nicht, wie ich ihr aus der Klemme helfen soll. Ganz arg geht es der armen Ruth. Sie winkte mich gestern aus dem Café heraus. Ehe sie noch sprechen konnte, brach sie in Tränen aus, und in einem Hausflur der Theresienstrasse gestand sie dann, daß sie seit drei Tagen nichts mehr gegessen habe und am Zusammenbrechen sei. Ich gab ihr schleunigst 1 Mark, damit sie den ersten Hunger stillen könne und forderte sie auf, zu mir zu kommen, sobald sie nichts habe. Wüßte ich mir nur selber zu helfen! Ich lebe immer noch von den Bachmannschen 20 Mark, aber es ist nur noch ein kleiner Rest da. Jetzt erwarte ich Käte Stephanie, die hübsche Blondine, der es ebenfalls ganz schlecht zu gehn scheint. Ich werde ihr einen Brief an Dr. Maaß geben, damit sie – ebenso wie Frieda Wiegand – von dem Lebensmittel bekomme.

Von Frau Lene Körting bekam ich eine nette Postkarte aus Hannover. Ihr Mann ist Offiziersstellvertreter bei den Königsulanen, aber noch nicht bei der Front. Sie will von mir genaue Nachrichten über die Münchner Freunde. Soll sie haben.

 

München, Sonnabend, d. 26. September 1914.

„Als erstes der Sperrforts südlich Verdun ist Camp des Romains bei St. Mihiel gefallen ... unsre Truppen haben dort die Maas überschritten.“ (Aus dem amtlichen Bulletin). Damit scheint die große Schlacht der für die Deutschen günstigen Entscheidung bedeutend näher gerückt zu sein. Denn durch die Überschreitung der Maas durch die Deutschen bekommt die französische Kampffront einen Genickstoß, dem sie kaum widerstehen dürfte. Nur schnell soll alles gehn, daß nicht noch garzu viele dran glauben müssen. – Sonst nichts Besonderes.

Ein ausführlicher Brief Jennys macht mir große Freude. Sie findet eine klare Stellung zu den Geschehnissen, auf die ich sorgsam werde zu antworten haben. Besonders ihr Zukunftsprogramm scheint mir sehr wichtig. Da sich die Gesellschaft im Gegensatz zu der ungeheuren Realität des Staats als völlig desorganisiert und bankrott erwiesen hat, will sie den Zusammenschluß aller derjenigen betreiben, „die sich zur ›Gesellschaft‹ im Gegensatz zum Staate rechnen. Und zwar ein Zusammenschluß nicht zum Zwecke irgendeiner Kritik oder Mitarbeit am Staate sondern zum Zweck realer Arbeiten“. – Diese anarchistischen Gedanken werden sich wohl nur in der vom Sozialistischen Bund geförderten Weise verwirklichen lassen. Ich wollte, wir könnten uns endlich persönlich aussprechen. Aus unserer Ehe, unserem Bunde könnte sich eine Gemeinschaft ergeben, aus der für alle Gutes erwachsen sollte. – Der wirklich bedeutende Brief, der auch viel Angreifbares enthält, hat mich in einen merkwürdigen Zustand der Erregung versetzt, bei dem die Aufwühlung von Ideen ebenso beteiligt ist wie die heiß spürbare Liebe zu dem herrlichen Mädchen.

 

München, Sonntag, d. 27. September 1914

Der Eintritt von Hedwig P. unterbrach mich gestern. Sie war lange da, ohne daß ich Neigung verspürte, von der Situation Gebrauch zu machen. Vielleicht war der Gedanke an Jenny zu stark in mir, um gleichgültige Intimitäten zu erleben. – Ich hatte noch von verschiedenem Notiz nehmen wollen, was nur kurz registriert sei: Eine Begegnung mit Vetter Walter, die eine Kiste (leider kleinkalibriger) Zigarren und 10 Mk eintrug. Ein törichter Schwätzer, der unausgesetzt die eigene moralische Tugendhaftigkeit preist. – Ferner eine lustige Torggelstubengesellschaft mit Feuchtwanger und Frau, dem Musiker Hartmann, der wie eine E. Th. Hoffmannsche Figur wirkt in Aussehn und Gebaren und mit seinem trocknen an Valentin erinnernden Humor äußerst nett war und 2 jungen Damen, von denen eine, Frl. Anita Paul (auch die Adresse sei für alle Fälle notiert: Sternstrasse 26) überraschend schön gewachsen ist. Im Pensionszimmer der Feuchtwangers bei Wein und Wermuth endete der Abend um 3 Uhr. – Ferner ein heftiger Angriff gegen Wilhelm Herzog in der „Münchner Zeitung“. Der hat in der letzten Nummer des Forum einen antipatriotischen Artikel losgelassen, der sich vor dem Kriegsausbruch mit dem Attentat in Serajewo befaßte. Morgen hingegen will er einen seiner „Forum-Abende“ veranstalten, bei dem Steinrück, Ulrich Rauscher und Mie von Hagen mitwirken sollen. Man wirft ihm also eine Wie’s trefft-Politik vor und beschimpft ihn in einer Tonart, die in München höchst ungewöhnlich ist. Natürlich hat die M. Z. in der Sache nicht ganz unrecht. Herzog ist ein Geschäftsmann, der den Mantel nach dem Winde trägt, – außerdem ein Intrigant. Die Ankündigung des Abends, dessen patriotischer Charakter übrigens aus dem Programm nicht ohne weiteres zu schließen ist, hat mich auch unangenehm berührt. Unsereiner hält sich jetzt öffentlich wirklich besser zurück. Aber wenn ich mir vorstelle, daß ausgerechnet die Münchner Zeitung jemandem Gesinnungslosigkeit vorwirft, muß ich doch lachen. Diese Horde hat noch immer in die Trompete geblasen, die ihr der jeweilige St. Utilitarius vors Maul gehalten hat: Ob aus dem Forum-Abend, zu dem ich schon eine Karte erhielt, jetzt überhaupt noch etwas wird, steht dahin. Die charakterfeste Presse soll insgesamt beschlossen haben, Herzog fortan totzuschweigen. Es wird also für mich nichts andres übrigbleiben als den übeln Kerl, der mir nie geholfen hat, wenn ich öffentliche Stimmen brauchte, wieder mal, wie damals in der März-Geschichte aus dem Dreck ziehn zu helfen. Ich habe die Wirkungen des Totschweigesystems zu intensiv an mir erfahren, um die Gemeinheit an einem andern tatlos vollstrecken zu lassen.

Etwas Angenehmeres kann ich insofern berichten, als ich von Friedenthal die Nachricht erhielt, das Berliner Tageblatt habe meinen Artikel über Ludwig Frank acceptiert, allerdings unter dem Vorbehalt, eigenmächtig Kürzungen und Abänderungen vorzunehmen. Ich habe nun an Block eine Karte geschrieben, mich damit einverstanden erklärt und die Erwartung hinzugefügt, daß man bei den Abänderungen aus mir keinen andern werde machen wollen, als der ich bin. Ferner bat ich um beschleunigte Honorierung.

Gestern geschah nichts Besonderes. Abends wieder Torggelstube mit Fortsetzung in der Kegelbahn. Halbe, Köhler, Maaßen, Friedenthal, v. Jacobi und Frau, Mie v. Hagen und Hermine Bosetti, mit der ich mich recht anfreundete. Da sie 2 Notenhefte und Handschuhe dort vergaß, nahm ich die Sachen an mich und telefonierte ihr deswegen heute in der Hoffnung, sie werde mich zu sich einladen. Ich blitzte aber ab. Denn sie bat mich, die Dinge beim Portier des Hoftheaters für sie abzugeben. So hab ichs also nicht zum Liebhaber der großen Sängerin gebracht, sondern nur zu ihrem Dienstmann.

In Frankreich hat die Schlacht durch das Durchbrechen der Fortsperre durch die Deutschen offenbar eine entscheidende Wendung erhalten, die auf dem andern Flügel aber kompensiert zu werden scheint. Denn heut meldet der Telegraf, daß die Franzosen durch Heranziehung neuer Kräfte einen groß angelegten Vorstoß gegen die rechte Flanke der deutschen Front eingeleitet haben. Damit wird wohl die Situation für die Deutschen doch wieder weniger günstig sein als vorher. Es kann ihnen da leicht so gehn wie den Bulgaren im vorigen Jahr an der Tschadaldschalinie, wo sie den starken Gürtel des türkischen Heeres nicht zu durchbrechen vermochten, den unentschiedenen Kampf aufgeben mußten und infolgedessen den Krieg verloren. – Schlimm scheint es den Österreichern zu gehn trotz aller Beschönigungsversuche. Es wird bestätigt, daß Przemysl bereits beschossen wird. Das bedeutet, sobald die Festung fällt, den direkten Vormarsch der Russen auf Budapest. – Lulu Strauß wollte gestern wissen, daß sich für den Fall einer Niederlage Österreichs ein Bündnis Deutschland-Rußland vorbereite, zu dem Zweck, die Donau-Monarchie aufzuteilen. Das klingt sehr verwegen und ist schon deshalb nicht glaublich, weil es schwerlich denkbar wäre, einen derartigen Plan in Deutschland populär zu machen. Es würde auch kein Armer davon reich werden.

Die Engländer sollen mit einer starken Flotte in die Ostsee eindringen oder schon eingedrungen sein. Das macht mich Lübecks wegen recht besorgt.

 

München, Dienstag, d. 29. September 1914

Die Kriegslage scheint in den letzten Tagen unverändert zu sein. Der Umgehungsversuch der Franzosen, den der letzte offizielle Bericht von der riesigen Aisne-Schlacht meldete, soll nach – inoffiziellen – Nachrichten mißglückt sein. Die Meldung vom Eindringen englischer Schiffe in die Ostsee wird ebenfalls inoffiziell dementiert.

Auch mein privates Leben ist ohne sonderliche Erregungen jetzt, wenn nicht das Entsetzen über den Krieg mich alle Augenblicke mal völlig durchschüttelte. Der erotische Drang ist infolge der unausgesetzten nervösen Spannung außerordentlich aktiv, wenngleich die letzten Tage ziemlich ruhig verliefen. Gestern vormittag trafen Zenzl und Asta in meinen Schlafzimmer zusammen. Die Begegnung, bei der beide Gleichgiltigkeit markierten, war für mich sehr lustig, wenngleich ich infolge des Zufalls mich mit den Küssen Zenzls, die früher gekommen war und später ging, begnügen mußte. Sie will Donnerstag oder Freitag früh wiederkommen und in jeder Weise mit mir Wiedersehn feiern. Heut früh kam Asta wieder. Ihre haltlose Zärtlichkeit führte für uns beide ohne Koitus zum befriedigenden Resultat. Heut abend steht sie noch einmal in Aussicht. Das Mädel ist in mich alten Gourmet ehrlich verliebt. Ich muß sie möglichst bald zu verkuppeln suchen, da ich bei aller Freude an ihrer körperlichen Lieblichkeit Gefühle seelischer Gemeinschaft natürlich nie für sie aufbrächte. Umgekehrt geht es mir mit Hedwig, die ich morgen erwarten soll und der ich, wenn’s ohne ihr wehzutun geht, den Abschied geben möchte. Ich kann mich ohne Anstrengung stundenlang mit ihr unterhalten – neulich erzählte sie mir ganz Ergreifendes von ihrer Kindheit als Bastard – aber ihr Kuß schmeckt mir nicht mehr. Physisch und psychisch habe ich von denen, die hier sind, immer noch am meisten von Zenzl. Allenfalls kommt noch Frieda Wiegand in Betracht. In neuer Aussicht steht Mizzi Wendorf, eine ehemalige Kunstreiterin, die ganz reizvoll ist. Als ich sie gestern aufforderte, mich mal zu besuchen, vertröstete sie mich nach dem 1. Oktober. Sie habe Magenkrampf erklärte sie sehr sachlich und in einigen Tagen beginne ihr Unwohlsein. Künste der Verführung werden also bei ihr nicht vonnöten sein.

Gestern war Rauscher hier. Wir aßen zusammen im Franziskaner Mittag, tranken dann mit Fred und einem Ehepaar Ernst (die Frau entzückend) bei Böttner Kaffee und Abends war dann die Forum-Veranstaltung in den Jahreszeiten, die, wie ich vorausgesehn hatte, ganz unsensationell verlief. Steinrück las gut, die Hagen schlecht unterschiedliche patriotische Gedichte. Rauscher sagte in dem Vortrag „die Kriegsarbeit der Zuhausgebliebenen“ Gemeinplätze, die aber gesagt werden müssen, da es dem schmockvergifteten Publikum wie unerhörter Revolutionarismus vorkommt, wenn jemand davor warnt, die Japaner als gelbe Stinkaffen zu beschimpfen. – Nachher Torggelstube mit Frau Wahl, den Ehepaaren Eisner und Ernst und (natürlich) Friedenthal, den Rauscher köstlich verulkte. Als ich heimkam, fand ich einen sehr seltsamen Brief vor: von Karl v. Levetzow, der mir neulich schon per Karte angekündigt hatte, daß er mich etwas anfragen wolle. Er schreibt aus Nervi in Italien und seine Frage geht dahin, ob ich ihm schweizer Verleger oder anarchistische Zeitungen nennen kann, wo er eine Broschüre bzw. Artikel seiner Färbung veröffentlichen kann. Er kommt dann auf den Krieg zu sprechen, teilt mir mit, daß er sich dem Kriegs- und Marineminister Frankreichs zur Verfügung gestellt habe, ohne noch Bescheid zu haben und schreibt dann: „Da Ihre deutschen Zeitungen nicht die Wahrheit sagen dürfen und sie auch nicht erfahren, so will ich Ihnen sagen, daß die Sache Deutschlands und Österreichs ganz miserabel steht und miserabel bleiben wird, selbst wenn partielle Erfolge kommen sollten. Der Krieg endet nur mit der vollständigen Niederwerfung des preußischen Zarismus und Militarismus und mit der Zersplitterung der habsburgischen Monarchie.“ „Wenn das deutsche Proletariat schon jetzt Kaiser und Könige hinauswürfe und die deutschen Nationen als föderative Republiken dastünden, würde der Friede rascher zu erzielen sein ...“ „Das Schlagwort, mit dem Preußen auch die Sozialisten und Anarchisten ködert, nämlich „Russischer Zarismus“ ist ein Wauwau für Kinder! Die russische Gefahr hat nie bestanden – aber die preußische Raubritter-Gefahr lebt heute noch, und die muß jetzt niedergeworfen werden. Denn jetzt ist der gute Moment.“ – Ich will den Brief sorgfältig beantworten und hoffe, Levetzow zu andrer Meinung zu bringen. Daß er sich der Republik freiwillig gestellt hat, ärgert mich. Diese Bourgeois-Republik ist nicht das Ideal. Zeit zum Niederwerfen des preußischen Zarismus wird es sein, wenn einmal aus der eigenen Fäulnis der revolutionäre Wille des Volks erwacht ist, nicht, wenn es streberischen Diplomaten des Auslands einfällt, über die deutschen Diplomatentrottel zu triumphieren. Momentan brennt’s bei uns im Haus. Da heißt’s löschen, auch wenn uns die Fassade mißfällt. – Gegen den Krieg – nicht für eine Partei! Interessant ist’s, wie stark Levetzow überzeugt ist, die absolute Wahrheit zu wissen, daß es für Deutschland schlecht steht. Um die Tatsache, daß die Kriegsschauplätze in Frankreich, Belgien und Rußland liegen, kommt er doch nicht herum. Daß wir hier nicht jede Wahrheit erfahren, ist ja klar, und daß Rußland in Ungarn Erfolg hat, erst recht. Aber wer die Ruhe des deutschen Volkes, die wirtschaftliche Vorsicht, die Großartigkeit der Mobilisierung, die ungeheure Organisation des ganzen Betriebes auch in der Ausnahmezeit mit klaren Augen sieht, kann nicht an die Niederlegung dieses Gebäudes durch äußeren Zwang glauben. – Sehr originell ist, daß der Levetzowsche Brief die Überwachungsstelle passiert hat, dort geöffnet ist und mit dem Vermerk „Militärischerseits freigegeben“ an mich weiterbefördert wurde. Sehr sorgfältig scheint Herr Oberleutnant Sixt meine Korrespondenz nicht mehr zu lesen. Er hätte doch wohl Bedenken gehabt, ihn sonst zu expedieren. Jetzt gehe ich zu Fred. Er hat mit selbst sehr nahe gelegt, den Ertrag der von mir und Schweiger geleisteten Arbeit für den Schutzverband, der über 1000 Mark bar beträgt, auch für mich in Anspruch zu nehmen. Ich will das in Form eines Darlehns tun, denn mein letzter Taler ist wieder mal angerissen.

 

München, Mittwoch, d. 30. September 1914.

Die ungeheure Aisne-Schlacht, die nun seit 17 Tagen im Gange ist, scheint noch weit von der Entscheidung zu sein. Das Wolff-Bulletin spricht von „bisher noch unentschiedenen Kämpfen“ auf dem rechten Heeresflügel. Also scheint die Umgehung durch die Franzosen doch nicht so ganz einfach als mißlungen bezeichnet werden zu dürfen. Die wichtigste Neumeldung ist die, die eine Vereinigung der deutschen und österreichischen Truppen in Südpolen bevorstehend erscheinen läßt. Den Österreichern scheint es in Galizien trotz aller optimistischen Nachrichten sehr schlimm zu gehn. Wenn Hindenburg dort einrückt, wird die Situation vielleicht ein andres Bild erhalten. – Ferner wird die Belagerung und Beschießung von Antwerpen angekündigt.

Mein privates Leben ist nicht eben sehr abwechslungsreich. Dem Dallas ist wieder mal gesteuert, da mir Fred aus der Kriegskasse des S. D. S. 30 Mk „unverzinslich und unbefristet“ lieh und weitere Darlehn in gleicher Höhe für jeden Monat in Aussicht stellte. Ich hoffe sehr, von dem Anerbieten keinen Gebrauch machen zu müssen.

Der Sexualbetrieb ist äußerst lebhaft. Asta war gestern mittag da und kam gestern abend zu mir ins Bett. Hedwig steht jetzt in Aussicht (ich will versuchen, ihr auszukommen), Zenzl will morgen oder übermorgen kommen, und zu Sonnabend habe ich wieder Asta bestellt. Ferner muß ich baldmöglichst die Scharte bei Friedl Wigand auswetzen und rechne auch stark mit einem plötzlichen Besuch Ruths. Daneben muß ich mich natürlich immer noch für Zufälligkeiten und neue Bekanntschaften bereit halten.

Gestern nachmittag traf ich im Stefanie Meyrink, der wieder die große Walze eingelegt hatte. Ich kenne außer ihm niemanden, der so hemmungslos das Gegenteil von allem ausspricht, was aller Welt selbstverständlich ist. Besonders sieht er die Kunst aus den originellsten Perspektiven und schimpft mörderlich auf die Renaissance, auf die Kultur der alten Griechen und alle andern Heiligtümer der Übrigen. Gestern mußte die Kathedrale von Reims herhalten. Er könne sich vorstellen, daß ein Ingenieur von Krupp extra Mörser konstruiert habe, mit denen der Bau sicher zu treffen sei. Er selbst würde ihn, wenn er noch nie eine Kanone gesehn hätte, instinktiv treffen. Eine riesige Laubsägearbeit und Rosettenfenster! Da könne er ja auch sein Arschloch ziselieren lassen! – In der gleichen Tonart über Rubens-Bilder. Aber alles sagt er tief überzeugt. Ich habe furchtbar gelacht.

Ferner machte er Andeutungen über Franz Josef von Habsburg. Sein Sohn sei zufällig erschlagen worden, als er grade mit dem Plan umging sich zum König von Ungarn machen zu lassen. Franz Ferdinand habe vor Sarajewo ähnliche Pläne verfolgt. Einmal habe der Kaiser ein Dutzend Generäle eingeladen, die verdächtig waren, die Losreißung Ungarns zu betreiben. Er selbst sei plötzlich verhindert gewesen, an dem Essen teilzunehmen. Die Gäste aber seien alle an Vergiftungserscheinungen gestorben. – Was an all diesen Dingen dran ist, die ohne weiteres auch bloße Meyrinksche Phantastereien sein können, wird wohl nie mit Sicherheit konstatiert werden können. – Jetzt will ich endlich an Jenny schreiben.

 

Beilagen:

I. Artikel: „Bei den gefangenen Franzosen auf dem Lechfeld” (M. N. N. Vorabendbl. von Dienstag d. 1. Sept.)

 

II. Brief von C. v. Levetzow aus Nervi vom 18. Sept. vgl. S. 141 (Eintrag vom 29. Sept.)

 

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