Tagebücher

XII.

 

1. Oktober – 31. Dezember 1914

 

S. 1588 – 1775

 

 

(Kriegstagebuch)

 

 

 

München, Donnerstag, d. 1. Oktober 1914.

Der Levetzowsche Brief beschäftigt mich nachhaltig. Die Annahme, daß er ungelesen von der Überwachungsstelle an mich weitergeleitet sei, ist nicht zu halten. Der Überwachungsoffizier hat – zum ersten Mal – auf den Verschlußzettel seinen vollen Namen gesetzt, und zwar ist es der Chef selbst, derselbe Oberstleutnant Sixt, mit dem ich vor einigen Wochen Jennys wegen korrespondierte. Offenbar haben also untergeordnete Stellen zweifelnd beim Chef angefragt, und der hat die Beförderung verfügt. Das ist ein Maß von Toleranz bei der Militärbehörde, das mich in Erstaunen setzt. Entweder hält man nur Mitteilungen strategischer Natur zurück oder man wollte im besonderen Falle zeigen, daß man derlei Ergüsse nicht wichtig nimmt. Vielleicht soll es eine Versuchung sein, da mein Antwortbrief an Levetzow ja auch über die Überwachungsstelle zur Weiterbeförderung geht, sodaß die, die seine Meinung erfahren haben, auch meine kennen lernen. Auf diesem Umweg kann aber ich vielleicht Menschen, die auf ganz fremdem Boden stehn etwas von meiner Gesinnung mitteilen, die ihnen sonst ewig eine verbrecherische Verrücktheit schiene.

Die Operationen im Felde sollen wie immer alle günstig stehn. Bemerkenswert ist vor allen Dingen die Gärung in Persien gegen Rußland, die schon zu Gewalt geführt haben soll. Auch die Türkei und Aegypten scheinen kurz vor dem Eingreifen zu stehn.

Hedwig Putz versetzte mich gestern, was mir angenehm war. Zenzl war heut früh bei mir, durch Periode verhindert. Sonntag will sie wiederkommen. Inzwischen kann ich bis Samstag (Asta) eine kleine Kräftigungspause eintreten lassen und mich dem Anblick der in die Akademie eingezogenen „Leiber“-Kompagnie hingeben, die ich eben (etwa 200 Mann stark) vor meinem Fenster antreten und abmarschieren sah. Das Zimmermädel Balbina, eine etwas spinnerte Virgo, ist ganz außer sich vor Glück über das Soldaten-Vis à vis, das mich einigermaßen anwidert. Lauter Arbeiter als Exerzierpuppen.

Ich will den nach langer naßkalter Ungemütlichkeit ersten herrlich schönen sonnig-kühlen Herbsttag benutzen, um endlich wieder mal den Hofgarten zu besuchen.

 

München, Sonnabend, d. 3. Oktober 1914.

Meine Antwort an Levetzow ist gestern abgegangen, sehr ausführlich und bestimmt. Da ich einen Zeugen für den Brief und vor allem einen Ratgeber dafür haben wollte, ob ich ihn ohne an Levetzow ein Unrecht zu begehn, da die Zensur ihn doch liest, abschicken könne, bat ich telefonisch Jacobi um ein Rendezvous und verabredete es um 6 Uhr im Café Orlando di Lasso. Dort traf ich Wedekind, natürlich mit Friedenthal. Gespräche über den Krieg. Wir kamen auf den Unterschied der Lebenseinschätzung zwischen Deutschen und Engländern, wozu die Zerstörung der drei englischen Panzerkreuzer durch das eine deutsche Unterseeboot U9 Anlaß gab. Wedekind fand die Todbereitschaft der Deutschen wertvoller als die von den Engländern beobachtete Sparsamkeit mit Menschenleben. Dabei sagte er folgendes, was ich hier festhalten will, weil es für seine Ausdrucksweise besonders charakteristisch ist: „Gott ist stärker als das Einmaleins, – solange er nicht damit in Widerspruch gerät.“ – Nachdem die beiden gegangen waren, kamen Bernhardt und Lucie v. Jacobi. Sie fanden meinen Brief gut und rieten dazu, ihn den Sixt weiterbefördern zu lassen, um mir Nackenschläge zu ersparen. Zuhause fand ich dann aber einen neuen Levetzowschen Brief, enthaltend die Erklärung an den Präsidenten der Republik Frankreich, er – jadis poète allemand – wolle nun als Protest contre les mensonges impériaux et les crimes de lèse civilisation de Louvain, Senlis et Reims, diese Sprache verläugnen; forme voeux, daß la France civilisatrice bald die einzig würdige Revanche nehmen werde, en apportant les bienfaits de la République à un peuple d’esclaves irresponsables plié sous la joug de tyrans barbares et sanguinaires.“ Ferner ein mit Schreibmaschine vervielfältigter Brief, in der[dem] er die Absicht kundgibt, den Herren Gerhart Hauptmann und Wilh. Ostwald auf ihre Kundgebungen zu antworten. Wie er das tun will, erhellt dann aus dem Weiteren, das ebenso inhaltlos phrasenhaft und antideutsch-chauvinistisch gehalten ist wie der Brief an Poincaré. Er will also alle „qui, sous le régime actuel n’ont pas encore perdu toute dignité, auffordern, sich loszumachen, de gré ou de force, von ihren Unterdrückern und in die Zahl der zivilisierten Nationen einzutreten, indem sie die Republik oder die Republiken in Deutschland aufrichten u. s. w.“ Von mir will er wissen, wo er den erwähnten offenen Brief in deutscher Sprache veröffentlichen kann. Ich werde ihm in aller Deutlichkeit antworten und keinen Zweifel darüber lassen, daß ich seine Auslassungen in keiner Weise ernst nehmen kann. Seine Ansicht, es sei „höchste Zeit“ zur Bildung der „Föderation der Deutschen Republiken“ ist saudumm und ganz unglaublich, wie kritiklos er die Verhetzungen der Boulevardpresse wegen Löwen und Reims in eigne Regie übernimmt. Fred scheint in seiner Beurteilung Levetzows recht zu haben, als er mir neulich sagte, das sei ein Homosexualer von dem bei den Hirschfeldleuten offiziell abgestrittenen Typus, der der Beeinflussung durch minderwertige Geister willig zugänglich ist.* Auch Jacobi, den ich heute im Stefanie sprach, war ganz ratlos über Levetzows Verblendung. – Übrigens ist Jacobi dekoriert worden: er hat das Bayerische silberne Militärverdienstkreuz mit Krone und Schwertern II. Kl. bekommen, das er heute schon vor den Waffenrock gesteckt hatte. Seine Wunde verheilt gut. Er lernt jetzt reiten, geht in diesen Tagen hier zu militärischen Übungen mit, um sich wieder zu trainieren und hofft, Ende nächster Woche wieder hinauszudürfen. Seine Frau hofft das Gegenteil. Ich eigentlich auch. Ich habe den Menschen sehr gern. Aber sein Ordensglück verblüfft und enttäuscht mich.

Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz sind spärlich. Überall werden deutsche Teilerfolge gemeldet, und nirgends weiß man, ob und was für Teilerfolge die andern hatten. Von der nun 3 Wochen tobenden Schlacht an der Aisne ist immer noch kein Ende abzusehn. Aber Blut fließt dort – Blut – –

Gestern: Asta.

 

* Das trifft freilich auf die Patrioten aller Gattungen zu.

 

München, Sonntag, d. 4. Oktober 1914.

Ich habe einen Brummschädel und der Magen rumort: Kurzum einen schweren Kater. Erst nach 5 Uhr kam ich heim, nachdem ich erst bei Michel, nachher in den Katakomben der Torggelstube allzu reichlich Wein in mich gegossen hatte.

Bei Michel war Wahl (den ich, wie mir eine neue Durchsicht der Tagebücher zeigt, hier jahrelang als Vahlen bezeichnet hatte). Er kam vom östlichen Kriegsschauplatz zurück, wohin ihn die Frankfurter Zeitung entsandt hatte. In der Gesellschaft waren noch Geheeb und Frau, Peter Scher, Karl Arnold, Wahls hübsche Hedi, Paul Kampffmeyer und mein alter Feind Adolf Müller, der Chefredakteur der Münchner Post, dessen Bekanntschaft ich bis gestern stets vermieden hatte. Ein gescheiter Kerl, Ironiker, mir aber – wohl wegen der persönlichen ekligen Erfahrungen – nicht angenehm. Wahl, der in Breslau gesessen hatte und bis Krakau auf seinen Spritztouren kam, berichtete wenig Tröstliches vom österreichischen Feldzug. Deutschland hat dort schon mit Gewehren aushelfen müssen, bei aller Tüchtigkeit der Soldaten sei nichts recht in Ordnung, Verwirrung, schlechte Vorbereitung, hilflose Leitung. Die Lemberger Schlacht – das bestätigte auch Wahl – sei durch wüste Verrätereien der Ruthenen etc. verloren worden. Der Major wollte neulich wissen, daß der Bruder des Obersten Redl, dessen verwegene Spionage im vorigen Jahr so hell in die korrupten Verhältnisse Österreichs hineinleuchtete, tolle Verrätereien begangen habe. Das Geschäft scheint also erblich zu sein. Der russische Krieg wird von allen sehr pessimistisch beurteilt, obwohl Hindenburg jetzt in Krakau ist, nachdem er kürzlich mit Auffenberg und Dankl in Breslau konferiert hatte. Dabei mußte anstelle des verratenen früheren ein ganz neuer Kriegsplan ausgearbeitet werden.

In der Torggelstube wurde der Beginn von Max Halbes 49tem Geburtstag gefeiert. Wedekind, Maaßen, Schmitz, Hegeler, Friedenthal, Ziersch. Es wurde sehr reichlich miserabler deutscher Sekt getrunken, den zumeist Halbe spendete. Ich freute mich aber, zwei Flaschen von mir aus kredenzen zu dürfen, da zwei Wetten, deren Gewinner ich war, und durch die mir Maaßen und Ziersch je eine Flasche Sekt schuldeten, ausgetragen wurden. Ich konnte also auf fremde Kosten nobel sein und kam schwer bezecht heim.

Zuhause fand ich einen Brief von Jenny, zu dessen Genuß ich erst heute kam. Wunderschön ernst und reif ist das Mädchen geworden. Ihre Briefe bewegen mich ganz tief, obwohl sie absolut unzärtlich und ganz theoretisch-abstrakten Inhalts sind. Aber zwischendurch plötzlich eine unendlich liebe Kindlichkeit, so der Wunsch, bald mal mit mir nach Wien reisen zu können. Sie muß mich schon noch lieb haben. Könnte ich ihr zeigen, wie süß sie mir ist!

 

München, Montag, d. 5. Oktober 1914.

Der deutsche amtliche Bericht über die Aisne- und Argonnenschlacht behauptet, der Kampf gehe „erfolgreich vorwärts“, der französische konstatiert, daß der Eindruck „im allgemeinen günstig“ ist. Man hat also die Auswahl, ob man Optimist oder Pessimist sein möchte. – In Antwerpen scheint allerdings die Übergabe unmittelbar bevorzustehn, da täglich der Fall weiterer Forts bekanntgegeben wird. Die Dreiverbandmächte sollen an die Türkei ein Ultimatum wegen der Sperrung der Dardanellen gerichtet haben. Damit wäre dann wohl das Eingreifen dieses armen Landes sicher geworden, das 1911 gegen Italien kämpfen mußte (unmittelbar nach der Revolution), 1912 vom Balkanbund geschlagen wurde und 1913 auch in den zweiten Balkankrieg einbezogen wurde. – Zugleich gärt es in Palaestina, Aegypten, Persien, Afghanistan, Indien – und es ist garnicht abzusehn, welchen Umfang dieser fürchterliche Krieg noch annehmen wird. Ich fürchte aber eins für den Fall, daß es wirklich zum „Heiligen Krieg“ des gesamten Islams kommen sollte: daß sich der nämlich gegen das gesamte Christentum wenden wird; – aber dann fällt für Deutschland jeder Anlaß fort, den Engländern die Bundesgenossenschaft mit Japan vorzuwerfen.

In Rußland (Augustów) war eine neue siegreiche Schlacht. Aber der russische Winterfeldzug wird entsetzlich werden! – In dieser Woche rücken wieder eine Unmenge Soldaten ins Feld. Ich mußte heute schon Tröster spielen, da das arme Stubenmädel ihren Schatz dabei hat und nun den ganzen Tag heulend herumläuft.

Gustl Waldau hat das Eiserne Kreuz bekommen, ebenso, wie mir gestern einer seiner Studenten, der ebenfalls hinausgeht, erzählte, Kutscher. Der junge Graf Keyserling, der obwohl Balte, sich freiwillig hier gestellt hat und morgen hinausmuß, nahm gestern von mir Abschied. Ebenso Götz, der zum Landsturm gehört. Sie sind alle ahnungslos naiv.

 

München, Dienstag, d. 6. Oktober 1914.

Mir geht es gesundheitlich nicht sonderlich gut. Eine schwere körperliche Erschlaffung macht sich bemerkbar, die mich morgens nicht aus dem Bett kommen läßt und, was viel verdächtiger ist, mich abends längst vor der Zeit, in der ich in normalen Zeiten Schlafbedürfnis fühle, müde werden läßt. Gestern fühlte ich, obwohl ich erst um ½ 12 Uhr aufgestanden war, schon vor 11 Uhr abends den völligen Zusammenbruch, den ich nur mit großem Energieaufwand bezwang. Ob das mit dem Herzen zu tun hat oder mit den Nerven, weiß ich nicht recht. Ich hoffe, daß es nichts andres bedeutet als die Reaktion des Körpers auf die Überanstrengung der Nerven durch die Kriegsaufregung. Sehr bitter empfinde ich aber das mir bisher ganz unbekannte unsichere Gefühl, als ob meine sexuelle Potenz versagen müßte. Seit Freitag hatte ich keine Gelegenheit mehr, sie zu erproben, da Zenzl leider wieder an ihren unaufhörlichen Blutungen leidet und Asta heute früh grade wieder kam, als Zenzl bei mir vorm Bett saß. Jetzt soll Frieda Wigand kommen. Ich habe sie bestellt, um evtl. mit ihr zu Wahl zu gehn, wo sie leihweise eine Klampfe kriegen soll. Und grade bei ihr möchte ich mich nicht gern schon wieder blamieren müssen. Zu allem übrigen fühle ich Zahnbeschwerden. Ich werde heute oder morgen zu dem Elsässer Zahnarzt Beiger gehn, einem Freund Schickeles. Mein ehemaliger Zahnarzt Andreas hat sich leider erschossen – einen bessern findst du nicht –, und der Linder, bei dem ich inzwischen war, wird wohl im Kriege sein.

Die Telegramme besagen nichts Neues. Der Ausgang der Aisne-Schlacht ist unprophezeibar.

 

München, Mittwoch, d. 7. Oktober 1914.

Friedl Wigand unterbrach gestern die Eintragung. Was ich über die Kriegslage bemerken wollte, stimmt auch heute. Die xmal wiederhol[t]en Versuche der Franzosen, den rechten deutschen Flügel zu umfassen, scheinen doch nicht so erfolglos zu sein, wie unsre Presse glauben machen möchte. Jedenfalls haben sie, wie der heutige offizielle Bericht sagt, zu einer Verlängerung der Schlachtlinie nach Norden geführt, was doch wohl einer Zurückdrängung der Deutschen gleichkommen dürfte. Antwerpen hält sich noch. Von Verdun, Toul etc. hört man schon geraume Zeit nichts mehr. Dagegen scheint die Lage in Galizien sich zu bessern, seit die deutschen und österreichischen Truppen sich dort zusammengefunden haben. Amüsant ist der Vergleich zwischen den beiden offiziellen Mitteilungen über einen siegreichen Kampf dort: Der österreichische Bericht spricht pathetisch davon, daß die Verbündeten „Schulter an Schulter“ die Russen geworfen hätten, der deutsche meldet nur die Beteiligung der Deutschen. Ob sich da Eifersüchteleien vorbereiten? – In Tsingtau wurde ein Angriff der verbündeten Engländer und Japaner zurückgeschlagen, die 2500 Mann verloren haben sollen. Zu halten ist Kiautschau gegen die kolossale Übermacht auf die Dauer ja doch nicht, zumal die Festung ja bald genug die Munition verschossen haben muß. Ich finde es gradezu sträflich, daß man sie trotzdem verteidigt und die Menschen hinopfert blos um der heroischen Geste willen. Äußern darf man diese Ansicht freilich fast nirgends.

Persönliche Kleinigkeiten: Friedl kam, ich telefonierte Wahl an und machte mit ihm aus, daß ich heute mit dem Mädel hinkommen soll, um die Guitarre zu holen. Jetzt erwarte ich sie, und nachher wollen wir wieder her und nachholen, was ich neulich nicht leisten konnte. Gestern blieb es bei kleinkalibrigen Zärtlichkeiten. – Wir gingen miteinander zur Stadt, und ich zu Beiger, bei dem ich Bing vorfand. Eine Plombe mußte ersetzt werden, und der Zahnarzt lud uns dann zum Kaffee bei sich ein. Inzwischen kam Frau Hedi Wahl und Frl. Brandenburg aus Barmen, eine Schwester von Hans Brandenburg und Lannatsch Schickele, die allem Anschein nach das Verhältnis Beigers ist. Bing schüttete mir sein französisches, Beiger sein elsässisches Herz aus, und beide waren froh, einmal munter von der Leber herunter reden zu dürfen. – Nachher wie täglich Stefanie-Schachtisch. Abends Torggelstube: Erst Rößler und Bachmann (Strobinski), nachher Steinrück, Feuchtwanger und Frau, Friedenthal, Maaßen, Schmitz. Gespräche endlich einmal mehr literarischen als politischen Charakters. Maaßen lehnte Strindberg für sich ab mit der einfachen Begründung, was er von ihm kenne, lasse ihn kalt und errege ihm nicht den Wunsch, sich intensiver mit ihm zu beschäftigen. „Ich lasse mir meine Wege nicht von der Tagesmode vorschreiben, sondern kümmere mich um das, was ich in den Anlagen antreffe, wo ich spazieren gehe.“ Das ist ganz echt Maaßen, und deshalb gefällt er mir so gut, auch wo ich, wie hier und in den Kriegsdingen entgegengesetzter Ansicht bin. Aber Friedenthal (dessen Minderwertigkeit sich neben allem andern auch daraus schon ergibt, daß er en-setzlich, En-fernung sagt) ereiferte sich sehr, und ich amüsierte mich köstlich, wie der unbeeinflußbare, in riesigem Wissen geschulte ein wenig literarphilologische und einseitige Geist Maaßens vom Konjunkturgeist des Berliner Tageblatts widerlegt werden sollte. Steinrück brachte mich im Auto bis zum Siegestor.

Mein Gedichtbuch hat eine Kritik gekriegt, seit Ausbruch des Krieges die erste, im ganzen die dritte. Zuerst schrieb Erich Baron in der sozialdemokratischen Brandenburger Zeitung darüber, dann brachte die Königsberger Hartungsche Zeitung ein paar Zeilen, und jetzt also der Berner Bund, in dem ein Herr Walter Reitz das Buch ablehnt. Wem diese Gedichte gefallen, der „muß wohl, wie der Dichter, innerlich völlig zerrissen sein, voller Hohn und Gift auf diese Welt und voller brutaler Lüsternheit.“ Daß ich aber für Herrn Walter Reitz ein „keineswegs talentloser Dichter“ bin, ist doch hübsch von ihm. Über eines habe ich mich in allen drei Besprechungen geärgert: daß noch keiner meiner Kritiker den sozialen Gehalt des Buches herausgemerkt hat. – Was wird überhaupt aus dem Werk werden? Ich möchte weinen, wenn ichs bedenke!

Die Mädchen kosten mich viel von meinem wenigen Geld. 150 Mk kriege ich monatlich nur, 30 gab mir Fred und das B. T. läßt sich bis jetzt trotz meiner Bitte, den Frank-Artikel beschleunigt zu bezahlen, nichts merken. Da ich der Wirtin 100 Mk von der Rechnung schuldig bleibe, habe ich immerhin noch einige dreißig, und ich lebe kolossal sparsam. Aber Zenzl bekam 1,50 Mk, Käte Stefanie 1 Mk, Ruth 2 Mk, Asta 1 Mk – und so geht’s unausgesetzt weiter, in zwei Tagen über 5 Mark!

Jetzt erwarte ich Friedl W. – die sich schon verspätet. Will sie mich mit meiner „brutalen Lüsternheit“ versetzen? – In diesen Tagen gehn ungeheure Truppenschübe ab. Das Mädel Balbina, mit dem ich übrigens keinerlei Beziehungen hatte, ist vor Gram über den Ausmarsch ihres Liebsten hier nächtlicherweise durchgebrannt. Mir sagte sie, sie wolle ins Kloster gehn. Keyserling, Stahl-Nachbaur und Florette sind dabei mit hinausgezogen.

Eben telefonierte mich Friedl an. Es hat heute nacht bei ihr gebrannt, nun ist sie in großer Aufregung, erwartet den Installateur und kann nicht kommen. Ich gehe jetzt – ebenfalls nach telefonischer Verständigung – allein zu Wahls und das Piacere ist auf morgen verlegt. Ich freue mich drauf, aber hoffentlich versagt mein Apparat nicht wieder.

 

München, Donnerstag, d. 8. Oktober 1914.

Heut vor einem Jahr lernte ich Zenzl kennen. Zwar hatte sie mich schon im Winter 1912 einmal angesprochen – bei der Versammlung, die ich aus Anlaß des Falles Villany in der Schwabinger Brauerei abhielt. Sie hatte damals ein Anliegen: ich solle doch auch den Fall Semerau erwähnen. Seitdem grüßte ich sie, und als ich sie eines Abends in der Torggelstube mit einem älteren Herren an einem gegenüberliegenden Tisch sitzen saß, sie entzückend fand und merkte, daß sie auf mein Poussieren aus der Ferne freundlichst reagierte, beschloß ich, sie bei irgend passender Gelegenheit anzusprechen. Diese Gelegenheit ergab sich eben am 8. Oktober 1913. Ich kam am Café Glasl (früher Bauer) vorbei und sah sie durchs Fenster innen allein sitzen. Mit kurzem Entschluß trat ich ein, setzte mich zu ihr und meinte nach wenigen Minuten, es sei doch ebenso gescheit, wir tränken den Kaffee bei mir zuhause. Sie ließ sich garnicht lange bitten, und kaum saß sie hier oben im Zimmer, da küßte ich sie auch schon und half ihr beim Ausziehn. – Das ist denn nun also das dauerhafteste feste Gschpusi, das ich je gehabt habe. Heut früh war sie bei mir, leider mußten wir uns mit vielen sehr glühenden Küssen genug sein lassen, da die verfluchte Frauenkrankheit wieder mal bei ihr akut ist. Auch Asta ist zur Zeit gebrauchsunfähig und Frieda Wigand ging eben fort, ohne meine Hoffnung befriedigt zu haben. Sie hat sich bei der kleinen Brandkatastrophe in ihrer Wohnung (Versagen des elektr. Lichts durch Kurzschluß) die Hand verletzt und war nun mit ihrem Töchterchen bei mir auf dem Wege zum Arzt. – Ich konnte ihr außer den Küssen, derentwegen sie wohl kam, auch die ersehnte Klampfe geben, die ich gestern von Wahls geholt hatte. – Dort war es sehr nett. Herr und Frau Ernst waren außer mir dort und ich karessierte nach Noten mit der wirklich ungewöhnlich anmutigen Frau Ernst, der ich sogar Stirn und Augen küssen durfte. Abends führte ich dann auch aus Dankbarkeit ihren Gatten auf der Halbeschen Kegelbahn ein, wo nachträglich Halbes Geburtstag bei von ihm gespendeten Freibier gefeiert wurde, und ich kam mit 3½ Maß von dem guten Getränk im Leibe um 3 Uhr heim.

Die Schlacht in Frankreich geht ohne Entscheidung weiter. In Rußland sollen deutsche Siege erfochten sein. Doch berichten die Russen, wie ich in der Neuen Züricher Zeitung las, von einer völligen Niederlage der Deutschen bei Augustowo, wo die Deutschen behaupten, gesiegt zu haben. Niemand kennt sich aus ... Ferner geht es nach dem Schweizer Blatt den Österreichern auch im Kampf gegen die Serben sehr schlecht. Unsere werten Verbündeten seien schon völlig entmutigt. Ich vertrete jetzt zum allgemeinen Ärger meiner Bekannten die Ansicht, daß der ganze Krieg ausgehn werde wie das Horneberger Schießen. Deutschland wird Frankreich, Rußland Österreich besiegen – und das Ende vom Lied wird, da der Krieg gegen England garnicht zu Ende geführt werden wird, das sein, daß in einem faulen Frieden keiner auf seine Rechnung kommen wird. Halbe scheint übrigens ähnliches zu empfinden. Er sprach gestern die Meinung aus, daß dieser Krieg eine lange Periode von Kriegen eröffne. Das kann tröstlich werden. – Ferner wollte Halbe genaueres von einem neuen Geschütz wissen, das diese Woche „ausgegeben“ werden soll: 62 cm Kaliber mit 40,8 Kilometer Tragweite. Die Kanone selbst soll 26 Meter lang sein, das Geschoß, das Panzerplatten von 1½ Metern durchschlage, soll 900 kg wiegen. Diese unglaublichen Maschinen sollen eigens für die Beschießung der englischen Küste von der französischen aus konstruiert sein. Obs wahr ist? – Armer Menschengeist, dessen höchste Anspannung solche Instrumente ersinnt! Aber die Halbes sind stolz drauf, und die Serie ausvon Kriegen, die sie prophezeien, steigert ihr Wertgefühl als Zeitgenossen solchen Geschehens

 

München, Freitag, d. 10. Oktober 1914.

Seit dem Falle von Maubeuge – das mag wohl 4 – 5 Wochen her sein, haben zum ersten Mal wieder die öffentlichen und privaten Gebäude die Fahnen herausgesteckt. Antwerpen ist nach nur 12tägigen Bemühungen von den Deutschen genommen worden. Eine der stärksten Festungen der Welt! Es ist fabelhaft, mit welcher Präzision die Riesenmaschinen die scheußliche Arbeit der Zerstörung verrichten. Die arme Stadt Antwerpen muß, da sie seit vorgestern beschossen wurde, furchtbar zugerichtet sein. Außerdem wird sie kolossal zu zahlen haben, zumal gestern auf Anordnung der Engländer im Antwerpener Hafen 32 deutsche Handelsschiffe in die Luft gesprengt worden sind: angeblich, weil die Holländer den Abtransport von Flüchtlingen nach England auf diesen Schiffen nicht erlauben wollten. Demnach wäre also die Schelde, die nördlich von Antwerpen durch holländisches Gebiet fließt, neutrales Gewässer, und dann verstehe ich nicht, wie heute die Blätter den eingenommenen Hafen als wertvollsten Flottenstützpunkt preisen können. Oder soll auch die holländische Neutralität von den Deutschen gebrochen werden?

Im Osten scheint es besser zu gehn, seit – nach den Berichten der N. Züricher Zeitung – das deutsche Generalkommando sehr gegen das Empfinden des alten Franz Josef den Oberbefehl auch über die österreichischen Truppen übernommen hat. Nach den heutigen Meldungen soll schon das Przemysl belagernde Heer der Russen zurückweichen. – Doch sind alle Meldungen aus Österreich mit äußerster Vorsicht aufzunehmen.

Von Bernhard v. Jacobi nahm ich vorgestern zum zweiten Male Abschied. Ihn hält’s nicht länger, und jetzt wird er wohl wieder unterwegs an die Front sein – und niemand weiß, ob der feine liebe Mensch wiederkommt. Von allen, die von meinen Bekannten im Kriege sind, hat mein Herz sich ihn für alle Sorge und für die beste Hoffnung auf gute Heimkehr, ausgesucht.

Gestern Gespräche mit Kurt Martens, der mich anregen wollte, den Kain wieder erscheinen zu lassen, um in verdeckt-ironischer Form die Lügereien und Beschönigungen auf deutscher Seite zu bekämpfen. Angesichts der Presse-Zensur ein völlig aussichtsloses Beginnen. – Morax, der mit Kunststücken vom Militär freigekommen ist, nachdem er schon wochenlang in Nürnberg gedrillt wurde, fand sich hier wieder ein. – Abends hatte der Schutzverband Sitzung: Neuwahlen, da Halbe, Brantl und Hirschfeld vom Vorstand zurückgetreten sind. Froachim Jiedenthal teilte vor der Versammlung privat mit, daß er, falls die Wahl zum Beisitzer auf ihn fallen sollte, bereit sei, anzunehmen. Diese Selbstkandidatur wurde dadurch belohnt, daß wir ihn zum Schriftführer wählten: so kann er wenigstens Protokolle fabrizieren für seine anschmeißerische Dicktuerei. Ich wurde – mit Dr. Benario und Reinhold Ortmann – in die Rechtsschutzkommission gewählt. Da werden vielleicht recht interessante Fälle zu verarbeiten sein.

Nachher wollte ich mit Maaßen ins Torggelhaus gehn. Wir trafen unterwegs das Ehepaar Feuchtwanger, das uns in die Schoppenstube Eckel verschleppte. Dort hatte Maaßen, der etwas laut Norddeutschland gegen Süddeutschland ausspielte und Goethe sozusagen für Preußen in Anspruch nahm, ein Rencontre mit einem bayerischen Landsturm-Offizier, das aber friedlich ausging. Während wir auf dem Heimweg waren, wurden die Telegramme angeschlagen, die den Fall Antwerpens mitteilten. Maaßen machte in seiner patriotischen Freude etliche Damenbekanntschaften, und ich verlor ihn schließlich in der Ludwigstrasse, wo er wieder einem Mädel nachstieg, in dessen Leib sich sein preußischer Überschwang wohl später ergossen haben wird.

 

München, Sonntag, d. 11. Oktober 1914.

Der König von Rumänien ist gestern verstorben. Ob da niemand nachgeholfen hat? Der Mann war als Deutscher der Anker der rumänischen Neutralität und daher den Russen, die ja nie sentimental waren in der Auswahl ihrer Mittel, sehr im Wege. Andererseits galt der alte 75jährige Carol längst als krank, sodaß die Hypothese, er sei ermordet worden, immerhin nur schwach gestützt ist. – Die Antwerpener Besatzung, Engländer und Belgier, seien, hieß es gestern, abgeschnitten, viele Gefangene gemacht etc. Heute gibt das Hauptquartier einen Bericht aus, der anders lautet, nämlich dahin, daß sie nach Ostende durchbrechen wollen und nun deswegen eine Schlacht bei St. Nicolas im Gange sei. – Eine weitere, noch unbestätigte Meldung behauptet, die U.-St. hätten ihre ganze Stille Ozean-Flotte zu den Philippinen geschickt, offenbar um gegen das Vorgehn der Japaner in der Südsee zu demonstrieren. Ich bezweifle das Eingreifen der Vereinigten Staaten, wie ich überhaupt allmählich dazu neige, an eine weitere Ausdehnung des Kriegs nicht mehr recht zu glauben. Die Türkei wird möglicherweise von Deutschland selbst gebremst werden, damit Griechenland und Rumänien und womöglich Italien keinen Vorwand zum Anschluß an den Dreiverband findet und auch wohl aus allgemeiner Besorgnis vor dem heiligen Krieg des Islams gegen die gesamte Christenheit, unter dem die Deutschen nicht zuletzt zu leiden hätten. Portugal und die übrigen kriegslustigen Länder werden wohl durch die deutschen Erfolge ein wenig in ihrem Heldenmut gedämpft sein.

Sonst nichts Bedeutsames. Die Provinz Ostpreußen soll nach einer offiziellen Kundmachung sogut wie garnicht mehr gefährdet sein, und von der Aisne-Schlacht hat man seit 2 Tagen überhaupt nichts mehr vernommen. Wie weit die Eroberung Antwerpens beziehungsweise der gegenwärtige Kampf mit der Besatzung Einfluß auf den Ausgang des Kampfs haben werden, läßt sich noch nicht ermessen. In Russisch-Polen bereitet sich eine neue Riesenschlacht vor, die nun wohl unter deutschem Oberbefehl ausgefochten werden wird (vermutlich unter Hindenburg). Man redet von 4 Millionen Menschen, die dabei aufeinander losgelassen werden sollen. Die österreichisch-ungarischen Truppen sollen zwischen die deutschen eingereiht werden. Gestern, heißt es, seien 1 Million frischer deutscher Soldaten ins Feld gezogen. Kanonenfutter.

Zu meinem Privatleben. Der Dalles rückt wieder nahe. Ich habe gestern an den Simpl 2 Witze geschickt und den Verlag Hesse und Becker um das Honorar für einige Gedichte gebeten, die in einer von Zoozmann herauszugebenden Anthologie enthalten sein werden, und deren Korrekturen ich schon vor einem Monat bekam. Das Berliner Tageblatt läßt sich trotz meiner ausdrücklichen Bitte um beschleunigte Honorierung nichts merken. Ich möchte auch gern, daß der Beitrag wirklich erschiene, damit die Angstmeier in andern Redaktionen sähen, daß mein Name gedruckt werden kann, ohne daß deshalb Deutschland den Krieg zu verlieren brauchte.

Brantl schickt mir die Aktenstücke zur Einsicht, die meinen Prozeß gegen das Neue Wiener Journal betreffen. Die Geschichte zieht sich jetzt über ein Jahr hin. Ich hatte damals eine Woche lang dem Jenaer Parteitag beigewohnt und täglich an das Blatt einen Eilbrief mit Bericht geschickt. Am 6ten Tage telegrafierten die Herrschaften, daß ich ihren Auftrag mißverstanden hätte und verweigerten die Zahlung. Bis ich dann den Schutzverband dazu brachte, meine Sache zu führen, vergingen lange Wochen. Und jetzt steht die Sache im Stadium der Erörterungen und juristischen Spintisierereien darüber, ob der Prozeß überhaupt in München geführt werden kann. Dazu wird nun monatelang hin und her die Frage erörtert, ob die österreichische Zeitung, da sie in München Abonnenten hat, hier Vermögen hat, oder ob die hierher gelieferten Zeitungen inzwischen ins Eigentum der Post übergehn. Das ist für die Advokaten ein „interessanter Fall“, ich hingegen kann darüber auf mein sauer erarbeitetes Geld noch ein paar Monate länger warten – wenn ich’s nachher überhaupt kriege.

Zum Kapitel: Friedensgreuel. Ludwig Thoma hat einen wütenden Artikel gegen Hodler losgelassen, der den törichten Aufruf gegen die deutschen Barbaren mitunterzeichnet hat. Selbstverständlich ist nun die Kunst Hodlers von jeher nichts wert gewesen. „Öd und herzlos“ nennt Thoma die Kunst des Mannes, der zum ersten Mal Ekstasen in die Moderne getragen hat. Das herrliche Fresko in der Universität Jena, der Auszug der Studenten zum Freiheitskrieg 1813, also ausgerechnet ein patriotisches Motiv, wird speziell beschimpft. Halbe war gradezu entzückt von dem Artikel. Jodocus Schmitz mußte zwar als Maler zugeben, daß der Kunst Hodlers Unrecht geschehe, billigte aber durchaus die Tendenz des Thomaschen Artikels. Dem Kitsch werden alle Tore aufgerissen. Dabei muß man wissen, wie meistens Aufrufsunterzeichnungen zustande kommen. Thomas Mann, Wedekind etc. unterschreiben alles, was man ihnen vorlegt, wenn sie sonst respektable Namen drunter sehn, und ich habe im Kain schon einmal diverse Herren, darunter auch Ludwig Thoma grade deswegen angegriffen, weil sie ohne das nötige Maß von Verantwortlichkeit eine öffentliche Kundgebung unterzeichnet hatten. Es handelte sich damals um eine Aktion zugunsten Leonor Goldschmieds (Kain II, 2. S. 29f. „Der rührige Zensor“). – Ich bin überzeugt, daß die Herren Hodler, Dalcroze und viele genau so willenlos ihren Namen hergegeben haben, wie damals Thoma es tat, was er mir nachher persönlich bestätigte.

Emmy ist wieder von Berlin zurück. Ich traf sie im Stefanie. Sie bestellte mir Grüße von Hardy. Auch Lotte traf ich, und zwar im Theater.

In den Kammerspielen gab es nämlich 3 Einakter von Klabund (Alfred Henschke), der die aktuelle Stimmung lukrativ auszunutzen versucht. Unter dem Titel „Kleines Kaliber“ faßt er die drei Stücke zusammen, deren erstes „Rußland marschiert“, ein dritter Aufguß von Gorkys Nachtasyl, ohne Handlung eine gewisse Stimmung festhält. Das zweite „Der feiste Kapaun“ ist ein Schwank übelster Niveaulosigkeit, in dem er die Franzosen in einer höchst geringschätzigen und dabei humorlos albernen Weise lächerlich macht. Lauter abgebrauchte Possenklischees. Im dritten „Tom Atkins“ verfährt er ähnlich mit den Engländern, wenn auch nicht ganz so schlimm. Der dünne Beifall zeigte, daß selbst dies großenteils aus Soldaten bestehende Publikum keinen Geschmack daran hat, die Kriegsgegner derartig besudelt zu sehn. Schade um den kleinen Klabund. Er ist der begabteste von den jungen Lyrikern, dabei, wie die meisten Schwindsüchtigen, von einer ungeheuren Produktivität. Sobald ich ihn treffe, werde ich ihn ernstlich zur Rede stellen und ihn dringend mahnen, sein schönes Talent nicht um eines Tageseffekts willen, der noch dazu wie sich gezeigt hat, ausbleiben kann, geistlos zu verschleudern. Er soll lieber die deutschen Hurraschreier vornehmen.

 

München, Dienstag, d. 13. Oktober 1914

Die Kriegslage ist in den letzten 2 Tagen unverändert geblieben. Der von Antwerpen entkommenen Garnison ist es anscheinend geglückt, sofern sie nicht nach Holland abgedrängt wurde (man redet da von 40.000 Mann) nach Ostende durchzukommen. Denn über den Verlauf des vorgestern offiziell mitgeteilten Kampfes mit dem – immer noch über 100.000 Mann starken – Heer, durch den es abgeschnitten werden sollte, ist nichts mehr bekannt geworden. – Ein russischer Panzerkreuzer ist von einem deutschen Torpedoboot in den Grund gebohrt worden und mit der ganzen Mannschaft untergegangen: 560 Mann – alle Welt ist beglückt.

Friedensgreuel: Quidde ist Gegenstand öffentlicher Beschimpfungen geworden, weil er sich in den Haag begeben hat und dort mit ähnlich Gesinnten des Auslands vom Frieden redet. Außerdem hat er gebeten, den deutschfreundlichen ehemaligen englischen Minister Haldane nicht allzu eifrig anzugreifen. Nun ist er ein taktloser Verräter. Denn wir wollen nichts von Frieden hören, und wir wollen uns unsres Hasses freuen und wünschen nicht in der Seligkeit unsrer patriotischen Besoffenheit ernüchtert zu werden. Der Rechtsanwalt Goldschmidt II, unser neuer Kassenwart beim Neuen Verein, mit dem ich jüngst ein ganz interessantes Gespräch über Anarchismus hatte, stößt gegen Quidde ins Horn: die liberalen Parteien sollen ihn rausschmeißen, denn er schände den deutschen Namen, kurzum: Zeter und Mordio! – Man muß sich wirklich fragen, wer dümmer und alberner ist, diese kriegerischen Großmäuler, die mit Existenzmitteln für alle Fährlichkeiten wohlversorgt zu Hause sitzen und das heroische Bluthandwerk der ins Feld Gezogenen, die unter namenlosen Strapazen, fürchterlichen Herzenstorturen und schrecklichen Eindrücken, den Geruch sterbender und verwesender Mitmenschen in der Nase morden und gemordet werden, als eigne Heldenhaftigkeiten preisen – oder der harmlose Esel Quidde, der, Sklave eines ad absurdum geführten Systems der internationalen Diplomatenverständigung jetzt vom Haager Friedenspalast herab in das brennende Europa spuckt und meint, dann werde das Feuer ausgehn.

Emmy erzählte, daß Hardekopf in einer dem Selbstmord nahen Verzweiflung über den Krieg sei. Ferner rede man davon, daß Leyboldt nicht an einer Blutvergiftung infolge der Entzündung einer im Franktireurkrieg empfangenen Wunde gestorben sei, sondern aus Schauder, noch einmal hinaus zu sollen, selbst ein Ende gemacht habe. Er hätte gräßliches berichtet, so, daß er mit eignen Augen gesehn habe, wie ein deutscher Soldat ein 14jähriges Mädchen aufs Bajonett gespießt habe. Ich halte solche sadistischen Exesse im Kriege für sehr möglich. Engel sind auch die Deutschen nicht, und die verrohenden Wirkungen des Krieges treiben gewiß aus jedem Menschen die bösesten Triebe ans Licht.

Mein sexuelles Leben ist inmitten eines langdauernden Waffenstillstands. Asta und Hedwig erscheinen nicht mehr. Zenzl, die heut früh wieder sehr verliebt war, ist nicht intakt, und Emmy will erst morgen kommen, um mir mit ihren liebenswerten Künsten Grüß Gott zu wünschen. – Meine Sehnsucht ist Jenny wieder mehr als je.

 

München, Mittwoch, d. 14. Oktober 1914

Ich las in diesen Tagen das neueste Heft der „Friedenswarte“, worin A. H. Fried seinem bedrängten Herzen über den Krieg in einem für Fortsetzungen angelegten Kriegstagebuch Luft macht. Seine aus Selbstgefälligkeit und Weinerlichkeit zusammengesetzte eines persönlichen Stils und erfinderischen Ausdrucks ganz bare Schreibweise gefällt mir nicht, noch weniger sein pazifistischer Wahn, zwischenstaatliche Vermittlungen seien imstande, Kriege zu verhindern.

Ich schrieb im letzten „Kain“-Heft in meinem Nachruf auf die Suttner: „... daß Staaten feindliche Abgrenzungen der Länder gegeneinander bedeuten.“ Da mögen freundschaftliche Bemühungen manchmal fruchten können, um einen Krieg aufzuschieben, meinetwegen selbst in einem Konflikt eine friedliche Lösung zu finden, niemals aber um Kriege dauernd abzuschaffen. Das kann nur Aufgabe derer sein, die als Soldaten selbst Kriege führen sollen und es kann erst erreicht werden, wenn die kapitalistischen Staaten durch sozialistische Föderativgemeinschaften ersetzt sind. Trotzdem finde ich in Frieds Aufzeichnungen manchen gesunden Gedanken und im ganzen einen guten Idealismus. Mir ist jetzt der Gedanke aufgestiegen, sämtliche auf den Frieden gerichteten Bestrebungen zu einer dauernden Beziehung zueinander zu bringen, also zwischen Pazifisten, Antimilitaristen, Urchristreligiösen etc, kurz zwischen allen, die den Krieg aus ethischen Gründen verwerfen, eine ständige Vermittlungsstelle zu schaffen, um im Friedschen Jargon zu reden: eine zwischenstaatliche Organisation im eignen Lande. Wann und wie ich diesen Gedanken in Tat umsetze, weiß ich noch nicht. Jedenfalls werde ich so verfahren, daß das Ganze meiner Initiative vorbehalten bleibt. Sonst greifen die andern die Idee auf, schmeißen aber zu allem Anfang die revolutionären Antimilitaristen heraus. Angenehm wird es ja nicht sein, eventuell mit Leuten wie Quidde und mit schmalzigen Pfaffen oder gar Staatsministern in einer Kommission arbeiten zu müssen, – aber wenn sich diese Leute darauf einlassen sollten, so werde ich gerecht zu bedenken haben, daß sie ja ebenso große Hemmungen zu überwinden haben werden wie ich und meine Gesinnungsgenossen. Vermutlich werde ich zu allererst die Sache mit Jenny überlegen. Vielleicht kann sie mit Haase reden, um die zugänglichen Sozialdemokraten zu gewinnen, ich setze mich darauf mit Fried auseinander, der dann alles übrige zu organisieren hätte. Es wäre ein großes Ding, bei dem – wenigstens für mich – persönlich gewiß kein Ruhm oder Geld zu holen ist, das aber, geschickt und anständig angefaßt, vielleicht nach Abschluß des Friedens gegen die zurückbleibende Haß- und Kriegsstimmung ein starkes Gegengewicht bilden und möglicherweise auch mal zur Ausgestaltung einer unüberwindlichen Friedensföderation führen kann, die im Ausland Nachahmung erfährt. Denn es ist meine Ansicht, daß, ehe sich die Schwätzer der verschiedenen Länder zu internationalem Gequassel über Dinge zusammensetzen, auf die sie doch keinen Einfluß haben, erst mal innerhalb der eignen Grenzen gegen die verrückte und viehische Rüstungs- und Kriegsbesessenheit losgegangen werden muß.

Von Galizien liegen günstige Nachrichten vor, vom Westen fehlen Mitteilungen, die eine deutliche Übersicht ermöglichen. Die Kolossalschlacht an der Aisne, die gestern vor einem Monat begann, rast weiter, mordet immer neue Tausende, entfesselt immer mehr Ströme von Blut und Tränen, und läßt noch immer keine Entscheidung voraussehn. – Die belgische Regierung ist nach Bordeaux übergesiedelt. Auch dies arme besiegte Land scheint von seinen Gänglern noch immer tiefer ins Unglück hinuntergeleitet werden zu sollen. Wo ist die Zeit der Pariser Commune? Wo wird sich endlich die Faust der Empörung heben?

 

München, Donnerstag, d. 15. Oktober 1914

Gestern habe ich ein Heft angelegt, in dessen erste Seite ich geschrieben habe: Wally Neuburger, Trauerspiel von Erich Mühsam. Angelegt am 14. Oktober 1914. Heute denke ich, werde ich mit dem Entwurf des Szenariums beginnen, und falls der Krieg es meinen Nerven irgendwie erlaubt, dann soll endlich dieses Werk entstehn, das seit über 2 Jahren in meinem Kopf nach Form sucht. – Eklig ist, daß ich wieder fast garkein Geld mehr habe. Das verdammte Berliner Tageblatt meldet sich auf alle Mahnungen nicht, obwohl ich schon bat, mir das Honorar unter Abzug der Postspesen telegrafisch zu schicken. Hesse und Becker verhält sich ebenso wie der Simpl. stocktaub auf meine Anzapfung, und welche Privatquelle ich noch anbohren kann, weiß ich nicht.

Die Morderei geht in Ost und West weiter mit anscheinend für die Deutschen überall günstigem Erfolg. Amüsant ist, wie sich die Deutschen überall in Feindesland der revolutionären Elemente bedienen und sie aufhetzen zu dem, was sie im eignen Lande stets als Verräterei bezeichnet haben. In Russisch-Polen ist von der deutschen und österreichisch-ungarischen Armeeleitung ein Aufruf „Zu die Jiden in Paulen“ in jiddischer Sprache verbreitet worden, den die Zeitungen abdrucken. Die Sprache klingt sehr lustig, ist aber im höchsten Maße aufreizend. Sehr wirksam abgefaßt. Ich denke mir, daß Schalom Asch ihn verfaßt haben wird. In Südafrika führt der Burenkommandant Maritz einen äußerst scharfen Kampf gegen die Engländer und wird dabei von Deutschland bewaffnet und angeeifert. Im Interesse der Rebellen hier und da freut mich jede Unterstützung, die sie erfahren. Aber ob Wedekind recht hat, wenn er meint, das Sichstützen der Deutschen auf die revolutionären Elemente des Auslands werde auch hier Verständnis und Entgegenkommen gegen freiheitliche Bestrebungen bewirken oder gar revolutionäre Stimmungen fördern, ist mir doch mehr als zweifelhaft, vorläufig wenigstens rührt sich dergleichen garnicht.

Dr. Brantl hat mir in mehreren Briefen Kenntnis gegeben von den Gründen, die zu seinem Rücktritt als Syndikus der Münchener Ortsgruppe des S. D. S. geführt haben. Man hat ihn in einem rein sachlichen Konflikt höchst schroff behandelt und Fred hat da offenbar unrecht getan. Halbe hat einen maßlosen persönlichen Widerwillen gegen Fred. Wir sprachen vor einigen Tagen über ihn und Halbe erklärte gradezu, Fred sei für ihn die Inkarnation des Bösen. Da überschätzt er ihn gewaltig. Fred ist gewiß ein ungütiger Mensch, das erklärt sich aber einfach aus maßloser Selbstüberschätzung und der Pose überlegener Blasiertheit.

Morax berichtet, daß Flierl wieder in Fürth sei. Dort schreibe er für Skandaltagesblätter patriotische Artikel und bekämpfe den Anarchismus. – Wieder Einer!

 

München, Freitag, d. 16. Oktober 1914.

Die erste oberflächliche Übersicht über den Bau der Wally Neuburger ist da. Heute pausiere ich und morgen will ich versuchen, in einem vorläufigen Szenarium das Gerüst herzurichten. Im Laufe der nächsten Woche hoffe ich dann mit der Niederschrift des ersten Aktes beginnen zu können (falls ich nicht etwa den letzten, fünften, zuerst schreibe, da er mir am deutlichsten gegenwärtig ist). Heut fühle ich mich zur Arbeit zu zerschlagen, sei es, daß mich das hitzige Wiedersehn mit Asta, die gestern abend wieder mal nach fast 14tägiger Pause mein Lager teilte, zu stark hergenommen hat, sei es, daß der Föhn der letzten Tage, der vielleicht die letzten guten Tage dieses Herbstes brachte, erschöpfend nachwirkt oder daß eine böse Erkältung im Anzug ist: jedenfalls fühle ich mich zerschlagen wie nach einem Ringkampf.

Von Artur Kutscher kam heute eine nette Karte vom 8. Oktober, geschrieben im „Schützengraben vor Reims“. Er hat die Schlachten bei Namur und St. Quentin und viele kleinere mitgemacht, vor drei Wochen das Eiserne Kreuz erhalten, und ihm geht es nach 26 Gefechtstagen noch gut. „Gestern schlugen um uns wohl 200 Granaten ein.“ Da er „ganz ausführlich Tagebuch geschrieben“ hat, (wobei er hoffentlich nicht allzu gefühlvoll in Patriotismus arbeitet), wird wohl ein guter Überblick über seine Erlebnisse später möglich werden. Man muß die Fundamente kennen, weniger um wie Frank für Gott, König und Vaterland zu sterben, als um zu wissen, wo das System am angreifbarsten ist.

Mein Frank-Artikel wird, wie Block mir schrieb, erscheinen. Ich muß mich aber mit dem Honorar noch 8 – 10 Tage gedulden, was die Millionenfirma Mosse ganz einfach zu finden scheint. Gestern schnorrte ich in der Torggelstube in drei Einzelaktionen 7,50 Mk zusammen, von denen aber gestern schon 2 Mk für Abendbrot und Billard, heute 1 Mk an Zenzl wegging (die leider immer noch krank ist). Die Billardpartie im Orlando spielte ich mit Herrn Ernst, der mich dann nach Mitternacht noch nachhause begleitete. Dabei erfuhr ich, daß seine reizende Frau die Tochter des Violinisten Zajič ist, des einzigen Künstlers, dessen ich mich aus dem Elternhause erinnere. Eine entfernte Verwandte, Margarete Baginsky, seine Schülerin, gab einmal in Lübeck ein Konzert, und ihr berühmter Lehrer war mit ihr gereist und spielte uns zu Hause etwas auf seiner alten herrlichen Geige vor. Die Erinnerung ist mir unverlöschlich, nicht an die musikalische Leistung, sondern daran, daß in dem absolut amusischen Hause der St. Lorenz-Apotheke einmal die Kunst zu Ausdruck und Verehrung kam. – Daß mehr als 20 Jahre später die Tochter des Meisters zufällig in den Bereich meiner erotischen Wünsche treten würde – wer hätte das gedacht?

Reims steht wieder im Mittelpunkt der Aisne-Schlacht. Die deutsche Heeresleitung hat ein Communiqué erlassen, wonach die Franzosen zwei schwere Batterien unter dem Dom postiert und einen Scheinwerfer auf einen Turm der Kathedrale angebracht haben, so daß die Deutschen gezwungen sind, den „ehrwürdigen Bau“ schonungslos zu beschießen, dessen Schicksal damit wohl besiegelt sein wird. Natürlich keifen jetzt deutsche Zeitungen und deutsche Nationalisten wieder fürchterlich über die Gemeinheit der Franzosen und ebenso werden französische Ochsen über die Barbarei der Deutschen keifen. Der Kummer eines Dutzends Kunsthistoriker wird nun zum Weltunglück erhoben, der Krieg, der dies Unglück mit sich bringt, wird aber weiterhin als notwendig und kulturbringend gepriesen werden und der Jammer von Millionen Familien, das Blut hunderttausender Soldaten, die doch alle ihr Privatschicksal haben, all der mit dem Unermeßlichen multiplizierte Greuel des Mordes, der Krankheit, dauernder Verstümmelung und Verkrüppelung, Verelendung und Versumpfung gilt um nichts mehr wie Blätter des vaterländischen Ruhms und der nationalen Größe.

China soll gegen Japan erbost sein, und Nordamerika mit China ein Militärabkommen geschlossen haben. In Bukarest wurde ein Attentat auf die englischen Brüder Buxton verübt, die dort zum Anschluß an den Dreiverband zu machen suchten. Beide sind verwundet, der Täter ist ein Türke. Belgien ist bis auf ganz kleine Bezirke völlig in den Händen der Deutschen. In Polen stehn die verbündeten Deutschen und Österreicher nahe vor Warschau.

Der Prozeß gegen die Mörder des Erzherzogs Franz Ferdinand hat vor einigen Tagen begonnen. Die Angeklagten benehmen sich sehr charaktervoll. Die Behauptung solcher Leute, die Geldgier hinter der Tat witterten, ist als lächerlich erwiesen. Diese Gabrinovic, Princip etc. sind als serbische Nationalisten in ihrer Art gradeso gute Idealisten wie der Türke in Bukarest, der die Buxtons schoß und wie jeder Soldaten-Freiwillige, der für seine Überzeugung zu sterben weiß.

Jetzt erwarte ich den Besuch von Annie Mirl Seidel, der blonden Schönheit, die ich im Fasching bei Halbe kennenlernte und die jede Annäherung zärtlicher Natur mit herrischer Entschlossenheit zu verhindern weiß. Sie wird Rat wollen in ihren Bühnenangelegenheiten, ich bin aber schon froh, sicher zu wissen, daß ich finanziell von ihr nicht in Anspruch genommen werde.

 

München, Sonnabend, d. 17. Oktober 1914

Nur einige kurze Bemerkungen, da ich in einer halben Stunde mit Frau de Vardasz (Catherina Godwin), für die ich mich neuerdings zu interessieren anfange, verabredet bin.

Zunächst: ich habe wieder Geld. Gestern brachte, während Annie Mirl da war (wir sprachen über ihre Jungfräulichkeit und deren Aussichten: ohne leider eine Änderung des Zustands in nähere Aussicht zu bringen), der Geldbriefträger zugleich eine Postanweisung von 10 Mark vom Simplizissimus für ein Lieber Simpl. (die erste Berufseinnahme seit Kriegsausbruch) und einen dicken Brief von Lene Körting, dem eine Schreibmaschinenkopie eines langen Briefs Körtings an sie und zu meinem freudigen Erstaunen ein Scheck über 100 Mark auf die Darmstädter Bank beilag – „Nehmen Sie das Geld und füttern Sie damit ein bischen die kleinen Mädchen“, die sie später noch einmal „die Zwischenschicht anständig-unanständiger Mädchen“ nennt, die sie so gern hat, und für die sie wenn sie in München wäre „so gern ein kleines Traindepot gemacht“ hätte. – Liebe schöne Frau!

Die Deutschen haben Ostende und Brügge, die Zernierung Warschaus und die Beschießung Belforts steht bevor, und an der Weichsel beginnt in riesiger Ausdehnung eine gewaltige Schlacht. – Ein englischer Kreuzer ist schon wieder von einem Unterseeboot versenkt worden, wie es denn scheint, als ob der ganze Seekrieg sich auf einen Kampf von Kreuzern gegen Kauffahrteischiffe und von Unterseebooten gegen Kreuzer beschränken wollte.

Heinz Eckenroth, der Herausgeber der kurzlebigen Theaterzeitschrift „Phoebus“, ein Kegelgenosse und Kutscherseminarist, ist wegen Päderastie zu 5 Monaten verurteilt worden. Der arme Teufel! – Mehr noch regt mich die Mitteilung auf, daß Henry Bing verhaftet ist. Niemand weiß, warum, niemand, wohin er gebracht ist. Noch vor wenigen Tagen sagte er mir, er werde hier von den Behörden sehr rücksichtsvoll behandelt, offenbar um einen Kronzeugen dafür zu schaffen, daß die Franzosen hier während des Krieges nicht zu klagen gehabt hätten. – Scheußlichkeiten!

 

München, Sonntag, d. 18. Oktober 1914.

Wir wenigen, die wir nicht von dem allgemeinen Taumel schwindlig geworden sind, denen die „große Sache“ immer noch ein Gegenstand sehr skeptischer Anzweiflung ist, und die bei jedem Bericht über Schlachten, Siege und Seeerfolge daran denken, daß 1000 Tote 1000 Einzelschicksale bedeuten, haben jetzt einen schweren Stand. Man ist wahrhaft froh, wenn man irgendwo unter Larven eine fühlende Brust spürt, und so stellen sich wohl hier und da Verständigungen her, wo sonst mehr als eine Gemeinschaft möglich schien. Vorhin traf ich Richard Elchinger auf der Straße, der – offenbar glücklich, einmal etwas von seinen Empfindungen äußern zu dürfen, gleich anfing ironisch die herrlichen Taten der Deutschen zu preisen, die irgendwo ein Schiff mit 700 Mann elegant in die Tiefe befördern. Ich erinnerte ihn an die Scheußlichkeit von Tannenberg. Da hatte Hindenburg reguläre Straßen angelegt, die schnurstracks in die masurischen Sümpfe führen, und es gelang ihm wirklich, 40–50000 Russen da entlang zu jagen, die schauderhaft in den Seen und Sümpfen umkamen. Man erzählt, daß viele deutsche Soldaten bei den entsetzlichen Schreien der Ertrinkenden wahnsinnig geworden seien. Aber welcher Jubel erhob sich in den deutschen Zeitungen, wie wurden die armen Kerle, die doch genau wie jeder Deutsche an ihrem Leben hängen, die alle irgendwo in der Welt eine Aufgabe kannten, denen allen irgendwo in der Heimat eine Mutter, eine Frau, Braut, Schwester oder ein Freund und Bruder Tränen und Gebete mitgaben in den Krieg, – wie wurden sie noch im Tode verspottet, – weil sie Russen waren! Irgendwer meinte, in den Gegenden würden in diesem Jahre die Krebse gut geraten, und Maaßen fügte dem hinzu, man sollte nur auch gleich eine Aal-Zucht dort anlegen. Man rühmt, wie Hindenburg dort jahrelang Vorstudien machte! Man hätte ihm eine Kaserne zur Verfügung gestellt, und so kannte er jeden Steg, jede Vertiefung, wußte, wo die meisten Menschen sterben müßten, und wird drum – und noch dazu mit Recht – gepriesen und bewundert. Denn er ist der „Retter des Landes“ geworden, er hat Ostpreußen „befreit“, er hat ein strategisches Meisterstück vollbracht. – Also[?], der Krieg ist etwas Herrliches und Beglückendes!

Die „große Sache!“ – In Kutschers Karte ist davon die Rede, in Lene Körtings Brief, in jedem Gespräch und in allen Zeitungen ein Dutzend mal. Was ist denn das blos für eine große Sache? Das herrliche geeinte deutsche Vaterland! Wenn schon. Es geht um unsre Existenz, hört man überall mit Emphase behaupten. Ist ja Unsinn! Ich glaube schwerlich, daß es den siegenden Gegnern beikommen würde, mit Deutschland zu verfahren, wie man seinerzeit mit Polen verfahren ist. Mindestens aber wird Frankreich schwerlich in Deutschland eine Politik treiben, wie Preußen sie in Polen getrieben hat. Wir kritischen Leute sind jetzt wahrlich übel dran: den deutschen Sieg, wie er überall verkündet wird, als Niederzwingung aller andern Länder zum Zweck der unbestrittenen deutschen Hegemonie in Europa können wir unmöglich wünschen, weil er eine entsetzliche geistige Reaktion mit sich bringen wird, eine tiefe Verwahrlosung der Kultur, die zum Anhängsel patriotischer Selbstgefälligkeit gemacht würde. Davon gibt es schon heute trübe Vorzeichen. – Andrerseits wäre eine Niederlage Deutschlands mit der Furchtbarkeit feindlicher Invasionen in das eigne Land verbunden, und das können wir auch nicht wünschen. Dagegen, daß hier Franzosen und Kosaken einrückten und hier hausten, wie die Franzosen seinerzeit in der Pfalz gehaust haben, bäumt sich alles Landsmannsempfinden auf, das mir kein Mensch glaubt, weil es so gegensätzlich ist dem patriotischen Empfinden der andern. Heimatgefühl ist eingeborene Eigenschaft, die sich auf Tradition, Sprache, Landschaft, Gebräuche gründet. Patriotismus ist Anerkennung nationaler Einrichtungen, mit diesen Einrichtungen wandelbar, aber tief unduldsam gegen jede Bestrebung, die das Grundsätzliche der geltenden Einrichtungen bekämpft. Aber Landsmannschaft ist überall gleich wertvoll.

Gestern gabs in den Katakomben der Torggelstube wieder wilde Auseinandersetzungen über solche Dinge. Thema: Hodler und Haeckel. Der alte Haeckel hat einen Brief an Hodler losgelassen, in dem er mitteilt, er betreibe bei der Universität in Jena die Verauktionierung des Hodlerschen Bildes „Auszug der Jenaer Studenten 1813“, das prachtvolle Fresko, eines der stärksten Werke moderner Malerei. In dem Brief an „Monsieur Hodler“ wird der Standpunkt vertreten, er, der Künstler habe viel Geld für das Werk bekommen (es ist direkt vom „Einkaufspreis“ die Rede), und nun beschimpfe er die Deutschen als Barbaren. Nach langen unfruchtbaren Redereien über Hodlers Talent, gelang es, das Gespräch auf das Prinzipielle zu leiten, wie Haeckels Vorgehn zu beurteilen sei, falls Hodler unbestreitbar die Bedeutung Rembrandts habe. Ich konnte Halbe grundsätzlich nicht widersprechen, als er erklärte, er sehe ein gewaltiges Pathos darin, wenn man sich zum Zeichen des Zorns seines wertvollsten Besitzes entäußere, um nicht an dessen Herkunft erinnert zu werden. Friedenthal wünschte Pathos mit Geschmack vereint zu sehn (Standpunkt des Berliner Tageblatts), und nun waren wir alle, Halbe, Maaßen, Schmitz und ich einig, daß Geschmack und Pathos miteinander nichts zu schaffen haben. Geschmackvolle Begeisterung gibt es nicht. Aber wenn Schmitz Halbe grundsätzlich widersprach, Kunst bleibe sich im Wert gleich, wie auch der Künstler sich benehme, so widersprach ich im besondren Fall: Häckels Brief sei banausisch, ohne große Gesichtspunkte, zornig mit Geldkalkulationen, antihodlerisch, weil das jetzt Trumpf sei. Maaßen bewegte sich in den gewollt primitiven Gedankengängen, auf die er seinen etwas seiner Natur ungemäßen, dafür aber umso begeisterteren Patriotismus stützt. Die Debatte verlief sehr stürmisch.

Maaßen und Hanns Floerke sammeln jetzt „Dokumente des Hasses“ gegen Deutschland und Kundgebungen Deutscher über das Ausland. Ich meinte, dann müsse man wohl gerechterweise auch Dokumente des Wohlwollens zusammenstellen. Da kam ich aber schön an bei Halbe und Maaßen. Dazu sei wohl jetzt durchaus nicht die Zeit. Also Haß, Verhetzung, Unversöhnlichkeit à tout prix!

Von den Kampffeldern nichts Neues. – Bing ist als Kriegsgefangener nach Traunstein gebracht, weil die Franzosen ihre Landsturmreserven einberufen und Ausgemusterte von neuem zur Stellung holen. Karl Peters veröffentlicht eine wilde Anklage gegen England, das die Deutschen schweinemäßig behandle und jetzt massen[haft?] mit Frauen und Kindern in Gefangenenlagern durch systematische Brutalitäten zugrunde richte. Ob das wahr ist? Annie Seidel ist deswegen um ihren Bruder besorgt, den Romancier Willy Seidel, der auf Samoa offenbar gefangen sitzt.

Asta war vorhin bei mir. Es blieb bei Fingeretuden.

 

München, Montag, 19. Oktober 1914.

4 deutsche Torpedoboote sind an der holländischen Küste von englischen Schiffen versenkt worden. Wahrscheinlich viele Tote. – Das ist eine Hiobspost. Vielleicht nicht minder bedenklich die, daß Portugal unmittelbar vor der Mobilisierung zu stehn scheint. Das bedeutet dann für die Franzosen und Engländer eine Stärkung durch eine frische und völlig ausgebildete Armee. – Im Schwarzen Meer sollen türkische und russische Kriegsschiffe aneinandergeraten sein, es ist sogar von einer großen Seeschlacht dort die Rede. Das wäre dann also wirklich das Eingreifen der Türkei in den Krieg. Man wird die Bestätigung der Nachricht aber abwarten müssen, ebenso, ob die Türken wirklich, wie behauptet wird, einen Angriff auf den Suezkanal unternehmen werden. – Die ungeheure Schlacht an der Aisne scheint ohne Entscheidung zuende zu gehn oder schon zuende zu sein. Wie die Verhältnisse dort liegen, ob die Franzosen die Schlachtfront, wie vor 5 Wochen die Deutschen, zurücklegen, oder ob es der Antwerpener Besatzung gelungen ist, den Anschluß an den linken Flügel der französischen Schlachtfront zu erreichen, läßt sich garnicht übersehn. – Vielleicht, wahrscheinlich sogar ist eine große Schlacht zwischen Engländern und Belgiern einerseits und von Antwerpen kommenden deutschen Truppen andrerseits in der Gegend von Ypern im Gange, deren Entscheidung für den Unterliegenden verhängnisvoll werden wird. – Mit der Landung deutscher Heere in England, von der jetzt allgemein gefaselt wird, hat es wohl noch gute Wege: Ich glaube überhaupt nicht dran, sowenig ich an eine Entscheidungsschlacht zwischen Kriegsschiffen glaube. Könnte man nur erst ein Ende des ganzen Jammers endlich voraussehn!

Mein Privatleben bietet nicht viel Abwechslung. Zenzl ist noch immer nicht zur Liebe geeignet, kommt aber häufig – so auch heute früh wieder – und bringt durch viel gute Zärtlichkeit ihre Reize ins Bewußtsein. Meine robusten Bedürfnisse befriedige ich seit Wochen nur noch bei Asta, die ich für morgen nacht wieder bestellt habe. Ich sehne mich aber schon wieder nach Abwechslung.

Meine Arbeit soll jetzt in energischen Angriff genommen werden. Das Szenarium ist nicht so einfach, wie es schien. Es muß jetzt aber werden. Auf meine „Wally Neuburger“ will ich für die nächste Zeit mein ganzes geistiges Leben bauen.

 

München, Dienstag, d. 20. Oktober 1914.

Jetzt ists wieder ein englisches Unterseeboot und ein japanischer Kreuzer, die dran glauben mußten, und die Trauer von gestern ist vergessen und eitel Freude an ihre Stelle getreten. – Im übrigen ist alles wie vorher. Die Schlacht an der Aisne scheint tatsächlich mit einer Remise geendet zu haben, wenn man den französischen Stimmen trauen darf. Das deutsche Hauptquartier gibt tägliche Bulletins über Einzelkämpfe aus, denen man Allgemeines nicht entnehmen kann.

Als ich gestern hier meine Eintragung beendet hatte und grade mit dem Szenariums-Entwurf anfangen wollte, kam Maaßen, um mich zur Auer Dult abzuholen. Zu ½ 5 Uhr hatte mich Frau v. Jacobi zum Tee eingeladen, und so fing ich das Arbeiten garnicht erst an. Ich kaufte draußen für je 20 Pf Jean Pauls „Dr. Katzenbergers Bad-Reise“, die ich noch nicht kenne, bei Reklam, aber hübsch gebunden. Ferner Ibsens „Catilina“ bei Langen 1896, ebenfalls gebunden, und eine Broschüre aus dem Jahre 1878 „Die heutige Sozialdemokratie und der Staat“ von Oskar Wolff (bei Puttkammer und Mühlbrecht). Diese Schrift habe ich schon durchgelesen. Sie behandelt in sehr gegnerischem Sinne die Sozialdemokratie, um Stimmung für das Sozialistengesetz zu machen, das damals grade die Wahlen bestimmte: unmittelbar nach den Attentaten von Hödel und Nobiling. Das war damals schon ein Unglücksjahr: Im Mai und Juni die beiden Mordversuche, nachdem im April meine Geburt stattgefunden hatte. Man bekommt aus der Hetzbroschüre ein sehr klares Bild der Partei zu der Zeit, wo Johann Most noch ihr unbestrittener Führer war. Viel Unklarheit war damals unter den Leuten, aber auch noch viel schöner Idealismus und vor allem der prachtvolle starke Glaube an Revolution und Sozialismus. Allerdings: in den Mitteln, Stimmen zu fangen, scheinen die Genossen damals ebenso wenig zimperlich gewesen zu sein wie später. Aber wie kläglich hat die Bande sich gewandelt: Nach 36 Jahren ziehn sie mit Gott für König und Vaterland in den Krieg, und kein Mensch weiß mehr, daß sie überhaupt je etwas andres erstrebt haben, als Einfluß und Pfründe innerhalb der geltenden Staatsverfassungen. – Sehr interessant waren mir in der Broschüre auch die sehr gehässigen aber sicher nicht ganz falschen Mitteilungen über Charakterzüge Lassalles.

Von der Dult aus zu Lucie v. Jacobi, wo ich außer ihrem Bruder, dem Schauspieler Geldern (ein unangenehmer Poseur) das Puma antraf. Jacobi hat seiner Frau geschrieben, und zwar auf dem Wege über Aachen – Lüttich – Brüssel wahrscheinlich an die Küste, wo er wohl schon entweder bei der Schlacht von Ypern oder beim Angriff auf Dünkirchen dabei sein wird. Ich setzte auf den Wunsch der Frau einen Brief auf, wie ich ihn auch noch nie geschrieben habe: an den König von Bayern, nämlich eine Beschwerde der Gattinnen der im Kriege stehenden Hofschauspieler, deren militärische Tätigkeit vom Intendanten als „außerordentlicher Urlaub“ angesehn wird, weshalb ihnen die Gage auf die Hälfte verkürzt ist. Die andern, die in Sicherheit hier geblieben sind und natürlich meistens spazieren gehn, wenn sie nicht heldische Verse rezitieren, kriegen das ganze Gehalt. Mein Brief ist sehr energisch ausgefallen. – Auf dem Heimweg durch den englischen Garten gute und zum Teil recht verfängliche Gespräche mit Lotte.

Abends kam Köhlers Freundin ins Stefanie und bat Maaßen, mich und Schmitz nach dem Abendbrot noch hinzukommen, da Köhler in diesen Tagen ausrücke. Das wurde dann ein sehr wertvolles Beisammensein. Aber seltsam: Jeder von uns, Köhler gewiß am meisten, hatte das Gefühl, daß es ein Abschied auf Nichtmehrwiedersehn war, was natürlich in sehr angeregten Gesprächen über hunderterlei Dinge kaschiert wurde. Mich instruierte Köhler aber aufs Genaueste über seine Wünsche, falls er fallen sollte. Er hat alles für den Fall hergerichtet und mich zu seinem Testamentsvollstrecker eingesetzt. – Mir war fast, als wünsche er draußen zu sterben. Ich hoffe aber, den klugen feinen analytischen Charakter nicht aus meinem Freundeskreis zu verlieren.

Manchmal denke ich, selbst ein Opfer des Kriegs zu werden. Das fortwährende Leiden unter den Unsäglichkeiten greift mich furchtbar an, und oft spüre ich mein Herz, als ob es plötzlich stillstehn wollte. (Vieles kann ich hier nicht aufschreiben).

 

München, Mittwoch, d. 21. Oktober 1914.

Italien soll Albanien besetzt haben. Das wäre, wenn sichs bestätigt, zweifellos der Anfang vom Ende seiner Neutralität. Im Juli schon – ich habe das im letzterschienenen Heft des Kain ohne noch eine Ahnung von dem 14 Tage später ausbrechenden Weltkrieg geschrieben – mobilisierte Italien, angeblich gegen Griechenland. – In der vorigen Woche las ich in der Züricher Zeitung, daß manche italienische Politiker dazu raten, Albanien und von dort aus Dalmatien zu besetzen, unter dem Vorwand, daß Österreich dort nicht imstande sei, den Italienern jener Gegend wirksamen Schutz zu bieten, und so eine Geste zu finden, die den wenig schönen Bruch des Bündnisses entschuldigen könnte. Vor einigen Tagen ist nun der Leiter der bisherigen auswärtigen Politik Italiens, Di San Giuliano, gestorben, und nun mögen wohl draufgängerische Kräfte die Oberhand gewonnen haben. Unsere Schreibtisch- und Schachbrett-Patrioten lassen sich natürlich durch die Aussicht auf einen neuen Feind mit ¾ Millionen gut equipierten, völlig ausgebildeten, und großenteils im libyschen Krieg erprobten Soldaten nicht im mindesten schrecken. Uns kann keener! Diese Stimmung geht durch alle Kreise. Gestern sprach ich mit Heinrich Mann darüber, der von dieser Überhebung und von der unernsten Auffassung des Krieges überhaupt ebenso angeekelt ist wie ich. Er sieht aber die kulturellen Folgen des Abenteuers noch düsterer an als ich. Mit gleichem Widerwillen beurteilten wir beide den offenen Brief, den Richard Dehmel vor seinem Einrücken in die Front an seine Kinder gerichtet hat. Ihm war es darin vorbehalten, den allgemeinen schwachsinnigen Haß gegen die Engländer auch noch auf deren größte Geister zu beziehn: Shakespeare und Byron seien Zyniker gewesen. Dann nimmt er sich jedes Feindesland einzeln vor und vermöbelt es in je fünf Zeilen so, daß kein kleinster Wert mehr übrig bleibt. Nur wir Deutsche! Nein, was sind wir für ein herrliches und unvergleichliches Volk! Es kotzt einen nachgrade an, das jeden Tag ein Dutzendmal zu lesen. Eine solche scham- und rückhaltlose Selbstbeweihräucherung war überhaupt noch nicht da. Was unsre Schmöcke – man muß sich die triefenden Dreckfinger bloß dabei vorstellen! – im Lobe der deutschen Bescheidenheit, Tapferkeit, Biederkeit, Gottvertrauen, Schlichtheit, Gradheit und was für Tugenden noch bieten, stellt alle französische eitle Bespiegelung, die wir von jeher zu verspotten gelernt haben, weit in den Schatten. Dazu kommt noch ein blutrünstiges Hunnentum der Amateurpolitiker, das garzu geeignet ist, den Ruf der Deutschen als Barbaren und Vandalen im Ausland zu befestigen. Neuerdings hat sich Herr Dr. Heinrich Vierordt ein Gedicht geleistet, das nun umstritten wird. Es heißt „Deutschland, hasse!“. Ich kenne es noch nicht, aber die paar Zeilen, die Professor Foerster in seinem Abwehrartikel zitiert, sagen genug:

„Nimm keinen gefangen, mach jeden stumm!

Schaff zur Wüste den Gürtel der Länder rundum!“

Herr Dr. Eugen Kilian dagegen, Regisseur des Hoftheaters, tritt in der Münchner Zeitung begeistert für den „nationalen Dichter, auf den Deutschland mit Stolz blicken kann“, ein. Die M. Ztg. verspricht, baldmöglichst das gemütvolle Opus im Gesamtwortlaut zu drucken. Es steht uns also ein besonderer Genuß bevor.

Im Raume von Ypern ist eine sehr große, vielleicht die Entscheidungsschlacht des ganzen westlichen Krieges, im Gange. Im Osten, erklärt das Hauptquartier, sei nichts Wesentliches vorgefallen. Der österreichische amtliche Bericht, gez. v. Höfer, entäußert sich dagegen in übersprudelnder Geschwätzigkeit tagtäglich langer Siegesberichte, nach denen die Karpathen immer wieder von Russen völlig „gesäubert“ sind. Wie oft sich diese Säuberung noch in den amtlichen Berichten – „amtlich wird verlautbart“ – wiederholen wird, ist noch nicht abzusehn. – Bei Przemysl sollen die Russen tatsächlich 70.000 Mann verloren haben. Wie wenig Wert man in Deutschland darauf legt, den österreichischen Lügen Glaubwürdigkeit zu geben, geht aus der Art der Übermittlung hervor. Da heißt es immer: „W. T. B. (nicht amtlich)“ und darunter: „Wien. (amtlich)“.

Gestern abend: Asta. – Zenzl war heut früh wieder da, immer noch verhindert. Eine Ansichtskarte aus Mittenwald kündigt Hedwig Putz’ Wiedererscheinen an. Ich glaubte längst, sie habe einen andern, oder wolle nicht mehr, was mir garnicht sehr fatal gewesen wäre. Jetzt war sie nur verreist. Nun muß ich mich auch wieder mal um Frieda Wigand kümmern. Mary Irber wünscht meinen Besuch zum Tee und Emmy steht sozusagen stündlich in Aussicht. Es soll keine zu kurz kommen, – aber mein Herz ist anderswo.

 

München, Donnerstag, d. 22. Oktober 1914

Ich bin erstaunlicherweise seit heute Münchner Magistrats-Aushilfsbeamter und muß im Rathaus Adressen schreiben für die bevorstehende Gemeindewahl. Heut früh um 9 bekam ich die Aufforderung, mich heut früh um 8 dort zu melden. Ich tat es um 11 Uhr mit der Behauptung, den Brief um 10 bekommen zu haben. Eigentlich hatte ich mich ja nur für Arbeiten im humanitären Kommunaldienst zur Verfügung gestellt, aber da sich die Gelegenheit bot, wollte ich die paar Mark (bis jetzt weiß ich nicht, wieviel die Arbeit einbringt) mitnehmen und auch Einblick nehmen in das Getriebe. Der Saal saß krachvoll schreibenden Menschen, lauter gutgekleideten Leuten, von denen mehrere mich grüßten. Ich wurde von den Herren, die Plätze und Arbeit anwiesen, sehr respektvoll behandelt und bekam dann einen Karton mit Einwohner-Personalienkarten und einen Stoß gelber Karten, auf die ich die Adressen derer zu schreiben hatte, die als „Bürger“ bezeichnet sind mit Stand und Geburtstag. Besonders aufzupassen habe ich, ob jemand Armenunterstützung oder „Ehrverlust“ hat, bis jetzt bin ich aber noch auf keinen gestoßen. Eine Stunde habe ich bis jetzt geschafft, 4 Stunden stehn mir heut noch bevor, denn die Arbeitsstunden sind von 8 – 12 und von 3 – 7 Uhr. Ob ich länger als bis morgen mittag dabeibleiben werde, glaube ich schwerlich. Diese Beschäftigung ist denn doch zu stumpfsinnig, strengt dabei die Augen sehr an und wird wahrscheinlich nicht mal anständig bezahlt. Auch käme ich ja überhaupt zu keiner andern Tätigkeit, und „Wally Neuburger“ soll endlich vorwärtsgehn. Den ersten Szenariums-Entwurf habe ich fertig. Den lasse ich erst ein paar Tage kaltstehn und werde ihn dann wohl noch einmal gründlich durchkneten, ehe ich an die Ausarbeitung des Ganzen gehe.

Gestern abend auf der Kegelbahn erschien Köhler zum letzten Mal, da der Ausmarsch erst heute erfolgen sollte. Er übergab mir ein Kuvert, sorgfältig versiegelt, und mit der Aufschrift: „Erich Mühsam! Nach meinem Tod zu öffnen!!“ – Gebe Gott, daß ich seinen Inhalt nie erfahren werde.

Auf den Kriegsschauplätzen keine Entscheidungen. Die Russen sind von den Österreichern bei Przemysl in der Tat furchtbar geschlagen worden. Den Oberbefehl über die Russen hatte dabei derselbe Bulgare Dimitriew, der vor 2 Jahren durch die Schlacht bei Kirkilisse[Kirk Kilisse] den Sieg des Balkanbundes über die Türkei entschied. Die armen russischen Soldaten sollen mit Peitschenhieben und Maschinengewehrfeuer in den Kampf getrieben worden sein. Daher die ungeheuren Verluste: 70.000 Mann.

Die Aisne-Schlacht ist doch nicht abgebrochen, nur haben sich die Kämpfe wie es scheint völlig auf den äußersten rechten Flügel um Lille herum konzentriert. Die eigentliche Entscheidung wird, wie es heißt, durch die Schlacht bei Ypern erzwungen werden. Ganz übersichtlich finde ich die Berichte über diese Vorgänge nicht mehr.

Heut druckt die Münchn. Ztg. nun das Gedicht Vierordts in extenso ab. Eine hanebüchene Geschmacklosigkeit, viehisch roh, dabei von literarischen Gesichtspunkten aus kommishaft dilettantisch. Ich lege den Mist als Dokument der Zeit diesem Heft bei. Mit Jodocus Schmitz geriet ich gestern wegen solcher und ähnlicher Kundgebungen hart aneinander. Er nennt uns Schleimscheißer, die wir in dieser Zeit Wert darauf legen, dem Vorwurf des Barbarismus keine Nahrung durch kulturloses Gebrüll und rohe Gesinnung zu geben. Charakteristisch fand ich, daß er bei seiner Kraftdeutschtümelei fürchterlich schrie, wie Stimmbandstrapazierung in der „großen Zeit“ offenbar allgemein als Argument sehr in Aufnahme kommt. Selbst Rößler schrie mich neulich in der Torggelstube derartig an, daß das ganze Lokal aufschreckte. Das war, als ich Princip und Gabrinovic als nationalistische Idealisten verteidigte, während Rößler die primitive Ansicht vertrat, es seien von Rußland zu dem Mord bestochene Schurken. Daß hinter solchen Verschwörerbewegungen wohl das Geld russischer Drahtzieher stecken kann, die Leute aber, die nachher die Tat ausführen, in ihrer Art völlig überzeugte Märtyrer und anständige Menschen sind, geht ihm nicht ein. Das ist ja grade der Zweck des aufgewandten Geldes, aus einer politischen Idee durch intensive Agitation eine ideale Forderung zu machen.

Ich beobachte mit wachsendem Entsetzen, wie durch die absonderlichen Ereignisse die intelligentesten Gehirne verblöden.* Nach dem Kriege wird alle Kultur Europas im Sumpfe sein, wo er am tiefsten ist.

 

* Etwas aus den Fugen sind wir alle schon, – ich entsetze mich oft über mich selber.

 

München, Freitag, d. 23. Oktober 1914.

Meine gestern ruhmreich begonnene Laufbahn als Münchner Gemeindebeamter nahm noch am selben Nachmittag ein ruhmloses Ende. Die tödliche Öde der Beschäftigung wurde nur einmal dadurch unterbrochen, daß ich mit 3 jungen Mädchen zugleich, die wie ich verspätet eingetroffen waren, durch Handschlag an Eidesstatt auf Diskretion darüber verpflichtet wurde, ob etwa der Lohnkutscher Bamsel oder der Taglöhner Pals (ich bearbeitete die Buchstaben Ba, zu denen, da hierorts die Einteilung nach dem „Lautalphabet“ geschieht, auch die Buchstaben Pa gehören) nicht einmal Armenunterstützung bekommen haben, oder ob der Taglöhner Bartel Josef vielleicht zu Ehrverlust verurteilt worden ist. – Um ½ 6 Uhr gings nicht länger. Ich erklärte, daß meine Augen die Arbeit nicht aushalten und verschwand. Morgen soll ich mir das Geld für einen halben Tag Arbeit holen. 2 Mk wird’s wohl bringen.

An der Nordsee und bei Warschau stehn die Kämpfe auf dem alten Fleck. Niemand weiß, wie die Dinge ausgehn werden. – Aber durch die Besetzung Valonas durch die Italiener und die Einberufung der gesamten italienischen Landwehr bekommt die Kriegslage wieder ein neues Gesicht. Die Züricher Neue Zeitung stellte kürzlich die Hypothese auf, Italien könnte als Vorwand für den Bruch der Neutralität den Schutz der in Dalmatien lebenden Italiener vorschieben und Dalmatien besetzen. Nun bleibt abzuwarten, ob es sich in Albanien dazu den geeigneten Ausfallort aussucht oder ob es etwa im Einverständnis mit Wien vorgeht und auf Seite des Zweierbunds in die Dinge eingreift. Geschickte Diplomaten hat Italien immer gehabt und seine Haltung in dieser Zeit ist gradezu ein Vorwurf für einen Satiriker. Seit 35 Jahren mit dem einzigen wirklichen Feind, den es hat, verbündet, im Moment, wo das Bündnis zur Pflicht wird, erklärt man die Neutralität Italiens und mobilisiert jetzt, ohne daß eine der beiden Kriegsgruppen weiß, ob das Hilfe oder Verderben bedeutet. Geht Italien mit seinem starken Landheer und einer großen Flotte gegen die Zentralmächte los, dann kann sich noch alles wieder wenden (was man beileibe niemandem sagen darf. Derartige Aeußerungen werden neuerdings, falls sie angezeigt werden, regelmäßig wegen „groben Unfugs“ mit der Höchststrafe von 6 Wochen Haft geahndet).

In der Torggelstube war ich abends mit Halbe und Paul Wiegler zusammen, den ich vor Jahren bei Harden kennen lernte, und der jetzt Redakteur der B. Z. am Mittag ist. Ein sehr gescheiter Mensch. Man fand, daß ich mit meiner gegen den Krieg ablehnenden Haltung wohl ganz allein stehe. Könnten die Leutchen einmal hören, wie ich mit Morax und Heinrich Mann über die Dinge rede, und wie sämtliche Mädchen die Dinge beurteilen! Halbe meinte, ich könnte froh sein, bei ihm und den übrigen Freunden immer noch einen Kreis zu haben, wo ich von der Leber weg sprechen könnte. Daß ich mich stets sehr zurückgehalten habe, wollte er mir nicht glauben. Und würde ich ihm sagen, daß er bei leise zweifelnden Andeutungen stets wie ein Berserker hochgeht – worin Schmitz freilich noch rabiater ist – würde er mich für närrisch halten. Jedes Gespräch über den Krieg – und andere Gespräche führt man nicht – ist ein Eiertanz. Ich freue mich auf Hardy. Mit dem wird sich wohl reden lassen.

Ich beginne, mir wegen Johannes Nohl einige Sorgen zu machen. Seit einiger Zeit haben die Kriegsgefangenen in Frankreich Gelegenheit, nach Deutschland zu schreiben. Kommt nicht bald ein Lebenszeichen, dann werde ich doch wohl Schritte tun, um mindestens etwas über seinen Verbleib zu erfahren. H. v. Weber will, wie ich hörte, eine Auskunftsstelle über Vermißte einrichten. Dem will ich den Fall anvertrauen.

 

München, Samstag, d. 24. Oktober 1914

Mk 1,75 – das ist der Ertrag meiner Arbeit als städtischer Aushilfsbeamter. Also für 3,50 Mk müssen die armen Teufel und Teufelinnen diesen entsetzlichen Stumpfsinn täglich 8 geschlagene Stunden treiben und verkommen nicht dabei. Und wieviel Menschen gibt es in aller Welt, deren Lebensbeschäftigung jahraus und jahrein solche verblödende Tätigkeit ist! Der Bürger, dessen Arbeit ja im wesentlichen selten sinnvoller sein mag, findet das ganz natürlich, und unsereiner muß zugeben, daß die Indolenz der Meisten nicht den Personen, sondern dem System zur Last fällt. Diese Erkenntnis ist mein wertvollster Ertrag des Intermezzos.

Von dem Geld erhielt Zenzl 1 Mark in bar, für eine Mark kaufte ich ihr außerdem bei Thallmayr Lebensmittel. Frau Körting würde sich freuen, sähe sie, ein wie hoher Prozentsatz wirklich der Verfütterung meiner Freundinnen zugute kommt. Morgen oder übermorgen wird wohl der dritte 20Mk-Schein gewechselt werden müssen, und ich kann mir bestätigen, daß ich gewiß die kleinere Hälfte zu eignen Gunsten anwende. Gestern und heut habe ich mir allerdings für 3 Mk 50 Pf Bücher gekauft: nämlich heute in zwei 50 Pf-Bändchen die amtlichen Kriegs-Depeschen des W. T. B. bis zum 1. Oktober, die nun monatlich bei Boll & Pickardt, Berlin, erscheinen und gestern auf der Dult, zu der mich wieder C. G. v. Maaßen abholte, folgende: 7 Heftchen der 1900 begründeten Münchner Zeitschrift „Sturm“, ein freiheitlich posierendes, gegen Gutes und Schlimmes töricht krakehlendes, zeitweise von Robert Heymann ediertes (das charakterisiert hinlänglich) kurzlebiges Blättchen, für zusammen 25 Pf. Ferner Freiligraths Gedichte, 6. Auflage bei Cotta 1843, gebunden mit gutem Portrait für 75 Pf und die heilige Schrift, die ich längst besitzen wollte, beide Testamente in Leder gebunden, mit Goldschnitt, für nur 1 Mark 50 Pf mit Luthers Portrait. Elise Merz steht als frühere Besitzerin drin. Der Antiquar erzählte, er habe das Buch erst am Vormittag für Mk 1,20 gekauft. Wie muß das arme Mädel, dem das Buch gehört hat, dran sein, daß sie schon ihre Bibel verschleudern muß! 1878 gedruckt – meine Jahreszahl. Vielleicht ist das ein gutes Omen.

Von Levetzow kam heut ein neuer Brief. Er ist durch meinen überzeugt worden und wünscht nun sine ira et studio gegen irgend eine Partei nur bald Frieden, und daß „wieder Güte in die Welt komme“. Naiv ist seine Meinung, daß der Krieg nicht ausgebrochen wäre, wenn die Kaiserkrone nicht bei Hohenzollern, sondern bei Wittelsbach wäre. Daß die ausländische Presse den Kaiser allein für den Krieg und für die bestialischen Gemeinheiten Einzelner verantwortlich macht, ist doch zu albern. So groß ist die Macht der Monarchen längst nicht mehr, daß sie de facto Krieg oder Frieden bestimmen könnten. Mir stellt sich das gegenwärtige Ereignis jetzt so dar, daß es sich um zwei große Interessenkomplexe handelt: es ist ein Machtkrieg zwischen Österreich und Rußland um die Vorherrschaft am Balkan und ein Börsenkrieg zwischen England und Deutschland um die Vormacht auf ökonomischem Gebiet. Frankreich und Belgien sind bei dem ganzen Geraufe die Prügelknaben. Ihnen wäre Deutschland als Beherrscher des europäischen Marktes verderblich.

Neue Wesentlichkeiten sind inzwischen nicht eingetreten. Die Schlacht am Yser- und Ypreskanal ist fürchterlich und vorläufig ohne Entscheidung. Englische Kriegsschiffe beschießen Ostende. Bei Toul finden Kämpfe statt. Über die Haltung Italiens fehlen auffälligerweise heute in den Blättern alle Bemerkungen. Augenscheinlich auf höhere Weisung. Die „Münchner Zeitung“ bringt in seiner Wochenchronik, die bis gestern reicht, nicht einmal mehr die gestern ausgiebig kommentierte Tatsache von der Besetzung Valonas, die doch weiß Gott von nicht geringer Bedeutung ist. – Portugal, heißt es plötzlich, werde nun doch neutral bleiben. Rußland soll an Bulgarien ein Ultimatum gestellt haben, das die Aufgabe der Neutralität zum Ziel hat, und die Türkei fuchtelt immer noch aufs Heftigste mit dem Degen, ohne sich zur Tat zu entschließen. Alle Dinge – das wird täglich klarer – sind noch immer viel näher am Anfang als am Ende.

Gestern abend hatte ich schon wieder Asta im Bett. Mit Zenzl, mit der ich eben bei herrlichem Herbstwetter im Hofgarten Kaffee trank, soll morgen endlich der Waffenstillstand beendet werden, – falls nicht wieder vaginöse Störungen eintreten, Montag soll ein neues Mädchen zu mir kommen, Bärbel Berthold, die ich gestern im Stefanie ansprach, und zu Dienstag abend habe ich wieder Asta bestellt. Da außerdem Hedwig und Emmy ihre Besuche in Aussicht gestellt haben, und ich mich doch auch mal wieder um Friedel Wigand, Ruth und Maxi kümmern muß, weiß ich bald wirklich nicht mehr, wie ichs schaffen soll.

 

München, Sonntag, d. 25. Oktober 1914.

Die Deutschen haben den Yserkanal überschritten, und damit scheint die Schlacht in Flandern der Entscheidung zu ihren Gunsten wesentlich näher gerückt zu sein. Alle andern Nachrichten sind ohne Belang, höchstens erwähnenswert ein österreichischer Siegesbericht des Herren Potiorek, des Führers der gegen Serbien mobilen Armee, aus dem man erfährt, daß die Serben und Montenegriner schon wieder seit längerer Zeit mit starken Kräften in Bosnien stehn. Jetzt sollen sie von den „unvergleichlich bravourös“ kämpfenden Habsburgischen geschlagen sein. Der nächste Sieg der Österreicher wird nun vielleicht nach der Besitznahme Serajewos durch die Serben gemeldet werden.

Der Fall Italien ist noch keineswegs klar. Über die Besetzung Valonas heute wieder kein Wort in der Zeitung. Dagegen – anscheinend ganz unabhängig davon – eine Mitteilung des „Jeune Turc“ in Konstantinopel, die die verschleierte Annexion von Epirus durch Griechenland meldet. „Eine Intervention der Türkei sei in jeder Beziehung gerechtfertigt, da die Inseln des Archipels Griechenland gegen Preisgabe der Ansprüche auf Südalbanien überlassen seien.“ Von wem überlassen, sagt der Bericht nicht: natürlich von Italien. Nun erhebt sich die Frage, ob die Besetzung Valonas nur nach Verständigung mit Griechenland, also des Dreiverbands erfolgt ist, oder auch nach Verständigung mit Österreich. – Ich habe das Gefühl, daß wir bald den Krieg in größerer Nähe kennen lernen werden. Unsre „bravourösen“ Verbündeten werden schon nicht mit Serbien und Montenegro fertig: wer weiß, wie schnell die Italiener in Tirol sein werden! – Und von da nach München ist’s ja nicht weit.

Der Haß der Völker gegeneinander wird immer wüster. Jetzt werden die viehischen Barbareien der Belgier gegen die Deutschen bei Beginn des Krieges amtlich „festgestellt“, und nun tobt alles nach Vergeltung. Gestern – nach einem (durch Friedenthals Ekelhaftigkeit getrübten) netten Abend in den Torggelhaus-Katakomben um ½ 4 Uhr Heimweg mit Halbe, Maaßen und besagtem Schmock. Plötzlich donnerte Halbe gegen mich los wegen des Falles eines 80jährigen Journalisten, der in Brüssel geschlagen und durch Mißhandlungen wahnsinnig gemacht worden ist. Halbe kochte vor Wut: er müsse jetzt Vierordt einfach recht geben, da gebe es nur Rache. Ich mochte nicht antworten. Aufgerührtem Haß begegnet man nicht mit Gründen. Und wenn ich Halbe sagen wollte, das belgische Volk sei eben durch den überraschenden Überfall im eignen Land einer Massentobsucht verfallen gewesen, wie sie sich in bescheidneren Formen ja auch bei uns zeigte; dann wäre ich der Freund aller unsrer Feinde und der Verräter alles Deutschtums. Als ich Maaßen nachher allein meine Meinung klarmachen wollte, meinte er nur ganz traurig: „Das verstehst du nicht.“ – Es sind aber immer dieselben Leute, die unentwegt die veredelnde Wirkung des Kriegs behaupten. – Schändlich gradezu ist es, wie jetzt jeder dreckige Preßbandit mit Kleists ewig zitiertem Wort: „Schlagt sie tot. Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht!“ Geschäfte machen geht. Vorgestern haben es sich die Münchner Neuesten Nachrichten geleistet, unter Berufung auf das Zitat, das natürlich nichts als eine Ermunterung in der Schlacht ist, die Hinrichtung der gefangenen Franzosen, Engländer und Russen zu propagieren. – Die Blutrünstigen hinterm Schreibtisch – das ist wohl die widerwärtigste durch den Krieg sichtbar gewordene Kulturerscheinung!

Ich hatte die Eintragung unterbrochen, da Zenzl hier war. Ihr Leiden erlaubte noch immer keinen Beischlaf, nach dem mich ihre fanatischen Küsse jedesmal toller machen. Aber gestern sah ich eine Frau, die mich ganz aus dem Häuschen brachte. Sie saß im Stefanie und las, so daß ich nur die hellblonden Haare und den Hut sah. Erst als sie draußen am Eckfenster, an dem ich saß, vorbeiging, konnte ich sie erkennen, als sie mit tiefblauen begehrlichen Augen mich anschaute. Der Mund war etwas geöffnet, und ich bemerkte einen etwas brutalen Zug und spitze weiße geile Nagezähne: Leider ging sie so rasch vorüber, daß eine Verfolgung aussichtslos war. Aber ich hoffe inständig, daß sie wiederkommen wird. – Die will und muß ich haben!

 

München, Montag, d. 26. Oktober 1914

Die Blondine habe ich schon gestern kennen gelernt: Ich traf sie mit Morax sitzend im Caféhause an und setzte mich gleich dazu. Der erste Eindruck ist mir nicht bestätigt. Ein anscheinend harmloses Geschöpf ohne allzugroße Schönheiten. Der Ausdruck eine Kreuzung etwa von Mariechen (Margot Jung) und Emmy. Figur: groß und scheinbar etwas knochig. Graublaue ziemlich feuerlose Augen, aber ein gut geschnittener Mund. Im ganzen: kein Grund, sich ein Bein auszureißen, und wenn ich mich noch um sie bemühen werde, so soll es aus Pietät für den ersten Eindruck geschehn. Sie heißt Mühlbauer, Vornamen gab sie nicht an. – Heut früh war Zenzl da und versprach als ganz sicher, am Mittwoch die Ehe mit mir wiederherzustellen. Jetzt erwarte ich Frl. Bärbel Berthold und bin recht gespannt, ob sie kommen wird und in welchen Formen dieser erste Besuch verlaufen wird.

Vom Kriege ist nichts Bedeutsames zu bemerken, höchstens, daß Rößler mir gestern abend erzählte, die Frankfurter Zeitung melde nach etlichen Holländer Blättern, daß die Deutschen Ostende wieder geräumt hätten. Vorgestern erklärte das Hauptquartier in seinem Tagesbericht, die Engländer hätten Ostende von Kriegsschiffen aus „in völlig zweckloser Weise“ beschossen. Bestätigt sich die Nachricht von der Räumung der Stadt, die offiziell bis jetzt verschwiegen wird und von der die Münchener Sauorgane ebenfalls nichts zu wissen scheinen, dann wäre jawohl die Beschießung doch nicht so ganz sinnlos gewesen.

In Spanien soll Porfirio Diaz gestorben sein, der ehemalige Präsident von Mexiko und Vater der schändlichen Landgesetze, die dort die Revolution verursachten. Auf meine Frage, die ich kürzlich an verschiedne Bekannte richtete, ob eigentlich der Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko noch im Gange sei, wußte keiner eine Antwort. Der Krieg brach im Frühjahr aus und ist, seit wir den Schrecken bei uns selber haben, in Europa völlig in Vergessenheit geraten. Von Friedensschluß oder von der Unterwerfung der Mexikaner ist seitdem so wenig die Rede in den Zeitungen gewesen, wie von den Kämpfen zwischen den regulären und den aufständischen Truppen dort oder vom weiteren Verlauf des Kriegs. Ich will das feststellen, um eine Illustration zu dieser merkwürdigen Zeit zu geben, die mir – unter zwei Augen sei’s eingestanden – so garnicht groß vorkommt.

Gustav Wied ist gestorben. Ich habe nie eine Verwandtschaft mit ihm gefühlt.

 

Nachts.

Ich kann nicht schlafen gehn, ehe ich nicht hier die tiefe Traurigkeit ausgeströmt habe, die mich erfüllt. Bernhard v. Jacobi ist tot. Mein Jacobi! – Der liebste, gütigste, beste Mensch, der herzliche Freund, der prächtige, starke, schöne und saubere Geist! Eben habe ich seiner armen Frau ein paar Zeilen geschrieben. Vielleicht spürt sie darin die Echtheit meiner Trauer. – Unsereiner lebt, spielt, trinkt, läßt es sich wohl sein – und Bernhard v. Jacobi fällt in der Schlacht: – Oh, wie namenlos ich diesen elenden Krieg hasse! Wie ich ihn hasse! – Leb wohl, guter Freund! Vielleicht weiß die Seele der Toten wirklich von der der Lebenden. Dann mußt du fühlen, wie wahr ich dich betrauere. – Lebewohl!

 

München, Dienstag, d. 27. Oktober 1914.

Jacobis Tod erschüttert mich furchtbar, und überall begegnet er tiefer Teilnahme. Auch die Zeitungen bringen lange ehrende Nachrufe. Ich erfuhr das Entsetzliche durch das Ehepaar Ziegel-Horwitz, das mir die Nachricht zum Café Stefanie brachte. – Einzelheiten weiß ich bis jetzt wenig. Nur soviel, daß J. in Nordfrankreich einen Beckenschuß erhielt und tags drauf im Lazarett an Herzschwäche gestorben ist. Heut heißt es weiter, er sei erst 24 Stunden nach der Verwundung aufgefunden worden. Wie entsetzlich muß der arme Mensch noch gelitten haben vor seinem Ende! Was für Gedanken und Gefühle müssen einen ganzen Tag lang das nervöse Hirn durchzogen haben! Es ist alles garnicht auszudenken. Und die unglückselige Frau! Im Februar starb, 6jährig, der kleine Junge, und nun verliert sie den besten Mann, der ihr Abgott war. Was ich selbst verliere an diesem Freund, kann ich noch kaum ermessen. Sein Tod kommt mir noch ganz unwirklich vor. Aber soviel weiß ich, daß mir nicht leicht ein lieberer Mensch sterben konnte, und daß mir noch – wenn ich von meiner Mutter absehe – kein lieberer gestorben ist. So schwer wie Jacobis habe ich weder Peter Hilles noch Curt Siegfrieds Tod empfunden. – Und dazu noch ein solches Ende! Für einen Menschen, der den Krieg gehaßt hat wie ich ihn hasse, und den nur Pflichtbewußtsein trieb, sein ganzes Selbst in den Dienst der gestellten Aufgabe zu geben. Als er zum zweiten Mal hinausging, wußte er was ihm bevorstand. Es sind kaum mehr als 14 Tage her, daß wir Abschied voneinander nahmen. Er war mit seiner Frau und seiner alten Mutter in der Torggelstube, und als wir uns nachher die Hände reichten und ich ihm sagte: „Kommen Sie mit heilen Knochen wieder!“ – da lag ein so weher Ausdruck in seinen Augen und ein so weher Ton in dem „Hoffentlich!“, das er zur Antwort gab, daß ich merkte, mit wie wenig Hoffnung er uns verließ.

Vorhin telefonierte mich Stücklen an, im Auftrage von Frau Roda Roda: ob ich etwas davon wisse, daß Weisgerber gefallen sein soll. Sie habe es von Fuhrmann, und dieser von Pasetti. Ich habe nun Pasetti und dann den Professor Bleeker anzurufen versucht, ohne Anschluß zu erreichen. Vorläufig hoffe ich noch, daß es sich um wilde Gerüchte handelt. Morgen werden es 14 Tage her sein, daß Weisgerber sich auf der Kegelbahn von uns verabschiedete. Er sollte aber erst aufs Lechfeld, und ich kann mir kaum denken, daß er von dort schon so rasch an die Front gemußt hätte. Aber wer weiß heutzutage noch, ob dieser oder jener noch lebt. Es ist eine fürchterliche Zeit.

Heut abend aber werde ich einen Vortrag von Hermann Bahr anhören, der den Titel „Kriegssegen“ führt. Es geht zugunsten des Schutzverbandes der Schriftsteller, deshalb habe ich ein Billet gekauft. Jedenfalls bin ich gespannt, wie unser Allerwelts-Anarchist aus dem Kriege den Segen herausdestillieren wird. Noch habe ich leise Hoffnung, daß der Titel ironisch gemeint ist, wenn das auch wider die Konjunktur wäre.

 

München, Mittwoch, d. 28. Oktober 1914.

Über Jacobis Ende habe ich genaues immer noch nicht erfahren. Gestorben ist er am 25ten in einem Kriegslazarett in der Nähe von Douai. Die arme Frau soll völlig aufgelöst sein vor Schmerz und in einem Zustand, daß man sie keinen Augenblick allein läßt, damit sie nicht Hand an sich legt. Heut will sie nach Berlin fahren, Ilona Ritscher wird sie begleiten. Vermutlich wird sie die Leiche dorthin überführen lassen. – Ich habe mir vorhin Bernhards Bild gekauft: auf einer Ansichtskarte als Don Carlos, da es ihn leider unkostümiert nicht gab. Ich habe ihn in dieser Rolle nicht gesehn, wählte aber dies Bild, weil er darauf ohne Perrücke, und mit ziemlich unverändertem Gesichtsausdruck steht. Ich werde aber versuchen, mir noch ein gutes unmaskiertes Portrait zu verschaffen, da mir Jacobi ja doch als Mensch viel näher war als als Mime, obwohl er natürlich unter den Münchner Schauspielern durchaus in der ersten Reihe figurierte. Er hatte als Darsteller zwei Tugenden, die garnicht hoch genug geschätzt werden können: Kopf und Herz. Er kam jeder seiner Rollen mit der schärfsten intellektuellen Durchdringung bei, und wo sie ihm besonders lag, zugleich mit der schönsten Einfühlung. Es fehlte ihm zum großen Künstler nur eins: der Impetus des Talents, die instinktmäßige Beherrschung der Glieder und der Stimme, die Selbstverständlichkeit. Es war somit vielleicht das Gegenteil eines Schauspielers, und doch bei der Klugheit, der Innerlichkeit und dem Takt seines Wesens eine Zierde jedes Theaters und unter dem Personal der Münchner Hofbühnen gradezu eine Erholung und eine Freude. – Nun ist sein brennender Ehrgeiz zerschossen und der kluge Mund mit den dünnen feinen Lippen ewig geschlossen. In mein Leben reißt dieser Tod eine Lücke, tiefer, als ich gedacht hätte. Ich habe den Menschen sehr sehr gern gehabt und weiß mich bereichert, da er mein Freund war.

Das Gerücht über Weisgerber stellt sich gottlob als Geschwätz heraus. Stücklen hatte es von Roda Rodas, die von Annie Rosar, die von Fuhrmann, der von Pasetti, und den erwarte ich eben zur Aufklärung der Sache. Heut morgen, als er deswegen schon mal kam, waren grade Zenzl und Asta bei mir, und ich lag noch zu Bett, konnte ihn also nicht empfangen. Jedenfalls wußten gestern Weisgerbers Freunde von der Neuen Sezession, Edwin Scharf und Köster nichts von der Sache, und wie mir Köster erklärte, glauben die Nächsten nicht einmal, daß er überhaupt schon an der Front sei.

Über Bahrs Vortrag war ich ziemlich ärgerlich. Er sieht den Segen des Kriegs wieder in der Einigkeit Deutschlands, rühmt den „disziplinierten Enthusiasmus“ der Deutschen, zitiert viel Goethe und Bismarck über das Erbübel der Deutschen, ihre Parteizersplitterung und hofft endlich, daß ein jeder nach dem Kriege sagen könne: Ich kenne keine Parteien mehr! Als ich ihn später in der Vier Jahreszeiten-Bar fragte, auf welche Einheit der Überzeugung er denn die Deutschen verpflichten wolle, erklärte er lachend: Ja, da wird wohl jeder seine eigne durchsetzen wollen, woraus, wie er mir zugab, dann wieder der Parteizank erwachsen muß. – Wir hatten dann noch in größerem Kreise eine sehr gute Unterhaltung mit Bahr über Zionismus, Judentum, Rassenressentiments und Nationalismus, an der sich Wedekind in sehr kluger, Friedenthal in aufdringlich-geschmackloser Weise beteiligten. – Während Bahr einmal nicht am Tisch war, kam ich mit Wedekind noch einmal auf den „disziplinierten Enthusiasmus“ der Deutschen zu sprechen. Wedekind warf dazwischen: „Ja, Chaos im Parademarsch.“

Der Krieg hat in den Tagen, seit ich nichts über ihn vermerkte, keine nennenswerten Ereignisse gezeitigt. Höchstens, daß der deutsche Chef des Generalstabs v. Moltke an Leber- und Gallensteinbeschwerden erkrankt sein soll. Wie ich jetzt hörte, soll es schon seit 3 Wochen festgestanden haben, daß er erkranken werde. An seiner Stelle hat der Kriegsminister v. Falkenhayn das Oberkommando übernommen. Heut sind einige für Deutschland ungünstig erscheinende Meldungen zu verzeichnen. Ein englisches Blatt gibt ein belgisches amtliches Communiqué bekannt, nach dem die Sache zuletzt für die Belgier, die Verstärkungen erhielten, besser stehe. Das wäre belanglos, wenn die Nachricht nicht vom Wolf-Büro verbreitet würde. Das bedeutet meiner Meinung nach eine Schamade. – Ferner wird von deutscher Seite amtlich bekannt gemacht, daß die Russen nördlich Iwangorod mit frischen Kräften offensiv die Weichsel überschritten haben. Da handelt es sich zweifellos um eine deutsche Niederlage, die auch von den deutschen Zeitungen nur schwach bemäntelt wird. Ich werde abwarten, was die Züricher Zeitung schreibt, die ohne moralische Einstellung und ohne Parteinahme die Kriegsvorgänge regelmäßig sachkundig bespricht.

Meine Wally ruht schon wieder seit geraumer Zeit. Aber ich werde sie gewiß nicht wieder einschlafen lassen.

 

München, Freitag, d. 30. Oktober 1914

Es ist viel geschehn seit der letzten Eintragung. Vorgestern meldete das Oberkommando vom östlichen Kriegsschauplatz „Tatsachen“, die auf eine sehr schwere Niederlage der Deutschen schließen lassen, folgendermaßen: „In Polen mußten die deutschen und österreichischen Truppen den neuen russischen Kräften, die von Iwangorod-Warschau und von Nowogeorgiewsk vorgingen, ausweichen, nachdem sie bis dahin in mehrtägigen Kämpfen die russischen Angriffe erfolgreich abgewiesen hatten. Die Russen folgten zunächst nicht. Die Loslösung vom Feinde geschah ohne Schwierigkeiten. Unsre Truppen werden sich der Lage entsprechend neu gruppieren.“ Die Sprache ist deutlich genug, und daß sie nicht einmal mißverstanden werden soll, ergibt sich aus der ausdrücklichen Gegenüberstellung zu den bis dahin erfolgreichen Abwehrbemühungen. Nach Meinung des Majors Hoffmann heißt das „Ausweichen“, daß die Russen das Zentrum der deutsch-österreichischen Schlachtlinie durchbrochen haben. Natürlich gibt man bei uns weder in Privatgesprächen noch in der Presse das Unglück zu. Es gibt wirklich Leute, die allen Ernstes den Rückzug der Deutschen wieder als eine strategische Finesse preisen und sich wer weiß was darauf zugute halten, daß die Russen jetzt die Weichsel im Rücken haben, also selbstverständlich von Hindenburg wie in die masurischen Seen hineingedrängt werden müssen. Daß die Deutschen bis jetzt alles versucht haben, um ihrerseits aufs andre Weichselufer zu kommen, also selbst den Fluß in den Rücken zu kriegen, übersieht man dabei. Andre finden die Idee, daß die Russen das Zentrum durchbrochen haben, insofern herrlich, als sie ja jetzt von den beiden Flügeln zwischen die Schere genommen werden können. Es ist schon märchenhaft, wie dumm sich die Leute selbst belügen, bloß, um nicht daran glauben zu müssen, daß auch Hindenburg einmal geschlagen werden kann, was doch auch Friedrich II und Napoleon passiert ist.

Im Westen haben hingegen die Deutschen die Offensive wieder aufgenommen, und wie es scheint, mit Erfolg. Bei Verdun sind die französischen Hauptstellungen erobert worden, so daß der Fall der Festung wohl bald erwartet werden kann, und nach heutigen Berichten scheint Dixmuiden erstürmt zu sein, was der entsetzlichen Schlacht in Flandern den baldigen Ausgang zum deutschen Vorteil verspricht.

Noch wichtiger ist vielleicht die Meldung, daß die Türkei den Krieg gegen Rußland tatsächlich begonnen hat, indem türkische Kreuzer zwei Städte in der Krim angegriffen haben.

Unsre Amateur-Strategen an den Stammtischen interessiert aber viel mehr als dies alles der Umstand, daß ein Zeppelin über Paris Bomben geworfen und unschuldige Menschen ermordet hat, und daß der Kreuzer „Emden“, der sich durch das Versenken zahlloser feindlicher Handelsschiffe im Großen Ozean ungeheuer populär gemacht hat, jetzt einen russischen Kreuzer und ein französisches Kanonenboot in den Grund geschossen hat. Es scheint ein besonderes Charakteristikum des Spießbürgers zu sein, daß er in großen Geschehnissen nur das Episodische wichtig nimmt. Das Gesamtergebnis des Kriegs, der völlige Sieg der Deutschen, die absolute Niederlage aller andern und für alle Ewigkeit Deutschland in der Welt voran ist ihm so selbstverständlich, daß er alle ungeheure Not und Arbeit des Kriegs, die entsetzlichen Verluste, das Elend und Grauen und die übrigen namenlosen Schwierigkeiten mit ihren Wechselfällen an Glück und Unglück ganz übersieht. – Wer aber davon spricht, ist ein Mießmacher.

Wie schändlich ungerecht man hier die gewiß oft wahren, gewiß ebensooft erfundenen Grausamkeiten gegen Deutsche beurteilt, jede deutsche Tat aber schön findet, dafür gab mir vorgestern Ziersch ein Beispiel. Er erzählte folgende Anekdote, die ihm und außer mir, wie mir schien, allen seinen Zuhörern sehr viel Spaß machte: Zwei deutsche Soldaten hatten zwei französische Gefangene zu eskortieren. Sie kamen aber ohne die Franzosen bei ihrem Hauptmann an. Auf dessen Frage gab einer die Antwort: „Oh, die sind unterwegs gestorben!“ – „Gestorben? Wie denn das?“ – „Der Schlag hat sie getroffen.“ Der Hauptmann verstand die Leute: sie hatten die Gefangenen umgebracht. – – Herr Bachmann, ein älterer Norddeutscher, der neuerdings öfter an den Schachtisch kommt, brachte folgende Geschichte mit, über die er sich totlachen wollte. Bei einem Nahkampf geht ein Bayer mit dem Bajonett auf einen Franzosen los. Der schmeißt das Gewehr weg, hebt die Hände hoch und schreit: „Pardon!“ – Aber der Bayer läßt sich nicht aufhalten: „Is scho’ z’ spat!“ sagt er und rennt dem andern die Waffe in den Leib. – – Diese Erzählungen mögen wahr oder erfunden sein, ja, sie mögen für den Soldaten, der in ständiger Gefahr lebt, mit dem Blutgeruch in der Nase und dem Haß im Herzen ringsum wochenlang nichts als Schrecken sieht, ganz verzeihlich sein. Aber daß unsre Landsleute, die sich aus Zeitungsklatsch einen billigen Blutrausch antrinken, sich daran amüsieren, ist doch ganz kläglich und nimmt ihnen jedes Recht, sich über Grausamkeiten der Gegenseite, was sie ausgiebig tun, ritterlich zu entrüsten. Wer aber auf diese Diskrepanz hinweist, ist ein Verräter.

Aus meinem Privatleben: Eben war ich beim Hautarzt Dr. Kleintjes, da mich seit längerer Zeit juckende Hautausschläge plagen. Er konstatierte Urticaria (Nesselsucht) und verordnete ein Abführmittel und Bäder. Meine Befürchtung, ich könnte mit der Geschichte Frauen infizieren, zerstreute er gottseidank.

Mit Friedenthal habe ich mal wieder – ich glaube die vierte – Differenz. Aber die Hoffnung, das Ekel dadurch endgiltig loszuwerden, wage ich nicht zu hegen. Wedekind, Halbe und noch andre werden schon in ihrer Sorge, sie könnten die in den Dreckskerl inkarnierte siebente Großmacht mißlaunig stimmen, die Versöhnung wieder mal herbeiführen. Er nimmt mir eine „Lieber Simplicissimus“-Geschichte schwer übel, worin ich ihn (wahrhaftig viel zu sanft) „Herr F., ein fixer Mensch in vielen Lebenslagen“ nenne, und worin seine französischen Sprachkenntnisse schlecht wegkommen. – Soviel weiß ich, daß ich meinerseits keinen Finger zur Einrenkung der Beziehungen biete.

Gestern abend amüsante Gespräche mit Gumppenberg (den ich jetzt sehr anders beurteile als früher. Er ist in gewissem Sinne eine tragische Figur. Ein durch Unbeweglichkeit des Geistes um die Wirkung gebrachter bedeutender Mensch, der nun ungerecht und mürrisch aber doch noch Phantast genug ist, um Sympathie zu erwecken). Er arbeitet jetzt an der Lösung des Ferma’schen Problems, für die nach der Wolfskehlschen Stiftung 100.000 Mk ausgesetzt sind. Ich erzählte ihm bei der Gelegenheit von meiner Idee zu einer Novellette: wie einer die Lösung findet, die aber zugleich beweist, daß der Fermasche Satz überhaupt falsch ist, wodurch ein mathematisch-juristisches Dilemma von höchster Komik entsteht. – Ferner über Mathematik und exakte Wissenschaft überhaupt. Ich stellte die These auf, daß alle Mathematik ein frecher Betrug sei. Denn der erste Grundsatz, daß jedes Ding mit sich selbst identisch sei, sei nicht erwiesen, aber durch das Phaenomen des Spiegels widerlegt. Seinen Einwand, das Spiegelbild habe keine Realität begegnete ich mit der Feststellung, daß der gespiegelte Sonnenstrahl Wärme gebe. – Alle solche Auseinandersetzungen führen natürlich zu garnichts, und haben nur den Wert der Unterhaltung. Gleichwohl sind mir meine Anzweiflungen der sichersten Erkenntnisse im Grunde ernst. Nur der Mut zur allerletzten Skepsis kann den Mut zu allerkühnsten Hoffnungen begründen.

Bernhard v. Jacobi hat im Tod ein sehr junges Leben nach sich gezogen. Er erzählte mir schon früher von einem unendlich rührenden ganz jungen Mädchen, das ihn mit Vergötterungsbriefen überschütte, und Frau Lucie erzählte mir, als Bernhard zum ersten Mal im Feld war, daß dies Mädchen in ihrer blinden Liebe selbst zu ihr ins Haus gekommen sei. Nun hat man die Kleine (sie heißt Frieda Strauß) tot aus dem Wasser gezogen. Sie hatte vorher ihr Tagebuch an Frau v. Jacobi geschickt. Es schloß mit den Worten: „Bernhard v. Jacobi ist gefallen. Ich folge ihm.“

 

München, Sonnabend, d. 31. Oktober 1914.

Mein Eindruck, daß es sich bei der Niederlage vor Warschau um ein katastrophales Ereignis handelt, wird von dem militärischen Mitarbeiter der N. Züricher Zeitung bestätigt. Der meint, daß damit der beabsichtigte Herbstfeldzug in Polen mißglückt ist und daß der Mißerfolg sich auch auf dem galizischen Schlachtfeld fühlbar machen werde. Die Presse aber hier und in Österreich redet genauso dumm und verlogen um das Malheur herum, wie sie es den Franzosen und Engländern immer zum Vorwurf macht. – Im Westen ist immer noch kein Ende des scheußlichen Mordens. Es muß ganz entsetzlich sein, was da bei Dixmuiden, Nieuport und Ypern vorgeht. Täglich werden neue Erfolge gemeldet, aber das geht schon seit Beginn der ganzen Schlacht, von der dies Separatgemetzel ja nur ein Teil ist, also seit dem 13. September. Man wird stillschweigend abwarten müssen, wann endlich die Entscheidung und zu wessen Gunsten fallen wird. – Das Eingreifen der Türkei in den Krieg schafft fraglos den Beginn einer neuen Epoche der ganzen Ereignisse. Allem Anschein nach wird es sich nicht auf einen russisch-türkischen Krieg beschränken, sondern auf russischer Seite werden Frankreich, England und Serbien gegen die Türkei Front nehmen, und den Türken werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach die asiatischen Mohammedaner und vielleicht auch (zumindest gegen Serbien) Bulgarien anschließen. Wie Rumänien und Griechenland sich verhalten werden, steht noch dahin. Rußland soll ein Ultimatum an alle noch unbeteiligten Balkanländer planen mit dem Ziel, sie zur aktiven Beteiligung zu zwingen. Portugal wird, wie es heißt, in diesen Tagen schon eingreifen, und wenn es wahr ist, daß England auch Holland aus der Neutralität drängen will, dann ist noch auf eine unabsehbare Ausdehnung des schändlichen Mordspiels zu rechnen. – Der kleine Hörschelmann, der als Russe selbst nicht außerhalb persönlicher Beteiligung steht, hat seinen Aestheticismus angesichts der furchtbaren Dinge noch so wenig abgelegt, daß er mir gestern erklärte, er finde alle Ereignisse jetzt so kolossal interessant, daß er deshalb nicht darunter leiden könne. Keine beneidenswerte Geistesbeschaffenheit. Den Kopf, der die Vorgänge interessant findet, hat unsereiner auch, – blos daneben noch ein wenig Herz, Galle und Tränen.

In dem Schweizer Blatt fand ich ein Zitat aus „Danzers Armeeblatt“, einer ausschließlich von österreichischen Offizieren besorgten Zeitschrift, an dem ich meine Freude hatte. Da wird ganz energisch gegen die ekelhafte Manier der Presse protestiert, die ihren patriotischen Mut kundtut, indem sie die Gegner beschimpft, verhöhnt und verleumdet. Serben, Belgier und Russen werden lebhaft in Schutz genommen und es den Schmöcken derb gesagt, wie wenig sie mit ihren Verunglimpfungen denen einen Gefallen tun, die persönlich im Kampf stehn gegen die Beschimpften. Aber nützen wird der Protest nichts, und wenn ich etwa sage, daß ich in dem fanatischen Widerstand der Belgier gegen die deutsche Invasion einen bewunderungswürdigen Heroismus erkenne, dann werde ich bemitleidet und verachtet. Ob sich wohl in beruhigten Zeitläuften dieser oder jener seiner heutigen Haltung und Gesinnung ein wenig schämen wird?

In der Münchner Zeitung veröffentlicht heute Herbert Eulenberg einen Nachruf auf Jacobi. Die beiden haben sich bei J.’s zweitem Feldzug in Brüssel getroffen. – Der Artikel sagt nichts Besonderes. Aber es berührt mich unangenehm, daß Eulenberg vom Schauspieler Jacobi nur als Darsteller Eulenbergischer Stücke spricht und selbst zwei Zitate aus den eignen Werken in dem Nekrolog unterbringt. – Ich habe Block eine Betrachtung über Jacobi für den „Zeitgeist“ angeboten, nicht ohne wiederholt energisch wegen meines Frank-Artikels und seiner Honorierung zu mahnen.

Heute leide ich heftig unter der Behandlung meiner Nesselsucht. Ich habe gestern ein harmloses Abführmittel eingenommen, das verheerende Wirkung tut. Heute nahm ich außerdem ein Kleiebad und puderte die Wimmerl. Man will sich ja schließlich nicht unausgesetzt kratzen müssen und auch vor den Weibern appetitlich sein.

Gestern: Asta.

 

München, Sonntag, d. 1. November 1914

Allerseelen. Die Heiligen, die die Gebete für die Verstorbenen anhören müssen, haben heuer zu tun. Die ganze Erde heult von Totschlag und Verbrechen. Die letzte Woche scheint besonders reich an Blut gewesen zu sein. Die Schlacht bei Nieuport-Dixmuiden-Ypern-Lille soll nach allen Berichten das fürchterlichste Gemetzel sein, das die Weltgeschichte kennt. Nach dem gestrigen offiziellen Bericht haben die Deutschen dort entscheidende Vorteile erkämpft, so daß der Ausgang nun doch nahe bevorstehn soll. Im Nordosten ist bei Suwalki eine große Schlacht im Gange, deren Ausgang noch ungewiß ist. Dem von Polen zurückweichenden Heer folgen jetzt die Russen, so daß ein Einbruch in Posen oder Schlesien nicht unwahrscheinlich ist. – Die Türken legen gleich fest los: sie haben Sebastopol in Brand geschossen und vor Odessa Schiffe versenkt. Bulgarien mobilisiert – wahrscheinlich auch gegen Rußland, aber niemand weiß es genau. Griechenland wird sich wohl dem Dreiverband anschließen, Rumäniens Haltung ist noch ganz zweideutig. Noch mehr Italiens Entschließungen, das vielleicht die Gefährdung Tripolitaniens zum Vorwand nehmen wird, die Neutralität gegen den Zweibund zu brechen, vielleicht auch es jetzt nützlicher finden wird, gegen Frankreich Front zu machen. Aber daran glaube ich nicht.

Halbe ist überglücklich wegen des Eingreifens der Türkei. Er sieht darin die entscheidende Wendung, berechnet schon, von wo überall der ganze Islam in russisches und englisches Gebiet einfallen wird und stellt sehr weitreichende historische Zukunftshoroskope auf, die für Deutschland märchenhafte Auspizien eröffnen. – Er spricht sehr interessant über dergleichen Dinge und greift weit in die Vergangenheit zurück, um die Historie der Gegenwart aus der früheren höchst glorreich zu entwickeln. Dabei fange ich aber an, für seinen Verstand zu fürchten. Sein gradezu hysterisches Reagieren auf jedes Wort, das sich auch nur bemüht, den Gegnern irgendwie gerecht zu werden, wirkt nachgrade beängstigend. Als ich ihm sagte, die Zürcher Zeitung halte das „Ausweichen“ in Polen für ein Scheitern des Hindenburgischen Feldzugsplans in Polen, wurde er blaß vor Wut und mußte sich krampfhaft beherrschen, um nicht ausfällig gegen mich zu werden. Er belauert einen gradezu, ob nicht etwa ein unfreundliches Wort über den Krieg und die deutschen Aussichten fällt. Und so gibts jetzt viele. Ich behandle Halbe wie ein rohes Ei. Er ist ein so lieber Kerl, und so will ich nicht schuld sein, wenn seine Überreiztheit noch überkippt. – Im übrigen waren die Gespräche, an denen Wedekind, Schmitz, v. Maaßen und zuerst ein Etappenmajor Baron Branka, teilnahmen recht anregend.

Über Bernhard v. Jacobis Tod werden jetzt Einzelheiten bekannt. Er hat den Schuß (ins Becken) zuerst garnicht schlimm empfunden, und mit der Verletzung noch 4 Stunden lang an der Schlacht teilgenommen. Nachher sollte er im Automobil zum Zug gebracht werden. Der Arzt ordnete aber Ruhe an und ließ ihn ins nächste Lazarett überführen. Dort ist er noch vor der Operation eingeschlafen und offenbar infolge des Blutverlustes und der übergroßen Anstrengung trat Herzschwäche ein, und er erwachte nicht mehr. Es ist etwas Versöhnendes, daß der liebe Mensch ohne Todesangst und ohne arge Qualen hinübergegangen ist. Aber: heut ist er genau eine Woche tot – und mich schmerzt der Verlust noch wie am ersten Tag. Vorhin rief ich Wahl an, um anzuregen, daß wir ihm vom Neuen Verein aus, wo wir gemeinsam im literarischen Beirat gearbeitet haben, eine Trauerfeier veranstalten. Thomas Mann, denke ich mir, sollte die Rede halten, Steinrück und Bender, die Hagen, die Bosetti und die Almo sollten mitwirken. Alle haben ihn geliebt. Keiner wird nein sagen. Wahl ist dagegen. Er hat mich heut zum Abendbrot eingeladen. Dann werden wir weiter über den Fall reden. Ich fühle es wie Schuld gegen den Toten, alle zusammenzurufen, die ihn betrauern. Und es sind ihrer sehr sehr viele – und nicht die Schlechtesten.

 

München, Dienstag, d. 3. November 1914

Die Österreicher melden täglich Erfolge. Ebenso die Russen, die Franzosen, die Engländer, die Serben, die Japaner und die Deutschen. Nun kommt auch noch die Türkei dazu, die als besondere Note den lieben Gott in ihre täglichen Berichte hineinzieht. Am schlechtesten stilisiert, dabei am ruhmredigsten von allen sind die österreichischen Auslassungen. Sie melden fortgesetzt größere Gefangenenziffern, bis man schließlich merkt, daß sie schon gemeldete zu den neuen Zahlen hinzuaddieren. Gestern sollten wir glauben, daß „unsere Vorrückungen weitere Fortschritte“ gemacht hätten. Zwischen Russen und Türken ist inzwischen auch der Landkrieg im Gange und die Beziehungen zwischen der Türkei einerseits und England und Frankreich andrerseits scheinen ebenfalls schon abgebrochen zu sein. Japan wird sich voraussichtlich dem Dreiverband auch hier anschließen. Serbien hat es schon getan. Wie die Schlacht bei Ypern steht, läßt sich garnicht übersehn, da die offiziellen Berichte der Deutschen in den letzten Tagen denen der Franzosen in wichtigen Einzelheiten diametral widersprachen. Lügen werden vermutlich alle beide so wenig wie die Wahrheit sagen. Es ist wohl ein stündlich wechselndes Ringen, das völlig unentschieden weitergeht.

Inzwischen fährt die Geistigkeit Europas fort, sich zu blamieren. Die Deutschen haben eine Erklärung losgelassen, die von Dutzenden der allerersten Namen der Literatur, Kunst, Forschung etc. unterzeichnet ist, und in der sechsmal mit kategorischem „Es ist nicht wahr, daß – –“ den deutschfeindlichen Behauptungen des Auslands entgegengetreten wird. Aufgrund welcher Beweise die Herren die absolute Unwahrheit aller behaupteten Einzelheiten über Barbareien Deutscher behaupten können, verraten sie nicht. Die Franzosen streichen zum Zeichen der Empörung alle deutschen Mitglieder von den Ehrenlisten ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Akademien und Einrichtungen. Die geistigen Führer Englands aber lassen sich ebenfalls korporativ vernehmen und bekräftigen durch ihre Unterschriften, daß die Deutschen die Zerstörung von Kunstdenkmälern „absichtlich“ betreiben. Auf die Idee kommt kein Elitemensch der europäischen Kulturnationen, daß der Krieg überall gleichmäßig verroht und also Einzelfälle von barbarischen Grausamkeiten bei allen Beteiligten selbstverständlich macht, und daß Kunstbauten nicht geschont werden können, wo es sich um Kriegführung also um Eroberung mit dem Mittel der Beschießung handelt. Statt gegen den Krieg zu protestieren, protestieren die Leuchten des Zeitalters gegen die andre Partei, verschärfen damit unnötigerweise den wechselseitigen Haß noch mehr und sorgen also selbst für vermehrte Grausamkeit und übertriebene Vernichtungsarbeit. Unsereiner aber darf seine Tinte nur ins private Tagebuch spritzen. Sonst ginge es ihm schlecht.

Einen prächtigen kleinen unfreiwilligen Witz leistet sich ein heut veröffentlichter Armeebefehl König Ludwigs. Der hat sich in den letzten Tagen wieder mehrfach mit dem Kaiser bekomplimentiert und betelegrafiert. Man hat sich gegenseitig das Eiserne Kreuz verliehen. Unser „Kinni“ bedankt sich also für die Auszeichnung und gibt gleichzeitig „Meiner Armee bekannt, daß sie von heute ab Seine Majestät den Deutschen Kaiser, König von Preußen, den obersten Bundesfeldherrn des Deutschen Heeres im Kriege, auch als Großkreuz Meines Militär-Max-Joseph-Ordens in ihren Reihen zu zählen die hohe Ehre hat.“ – Wann werden wir die hohe Ehre haben, Wilhelm II. als Großkreuz des ganzen Landes öffentlich anerkennen zu dürfen?

Meine Muse hat, verzagt durch die Bangigkeit und Häßlichkeit des Kriegs ihre Tätigkeit fast ganz eingestellt. Ein schlechtes Gedicht an die Helfer und Helferinnen vom Roten Kreuz und ein Ulkgedicht an die deutschen Frauen und Jungfrauen (das durch Annie Seidel unter dem Pseudonym Modeste von Hasbach ans „Daheim“ geschickt ist) waren bis jetzt die einzigen Produkte meiner Verskunst. Jetzt hat Bernhard v. Jacobis Tod Anlaß zu einem neuen – vielleicht etwas besseren – Gedicht gegeben. Ich hab’s der „Jugend“ geschickt. Das verdammte „Berliner Tageblatt“ läßt sich weiterhin nichts merken und wird mich noch zwingen, den Schutzverband aufzubieten.

Auch finanziell sehe ich wieder trübe Dinge bevor. Meine Rechnung beträgt 228 Mk und einiges. Wenn ich, wie im letzten Monat, wieder 100 Mk schuldig bleibe, so bleiben mir, wenn ich Trinkgeld und etliche Kleinigkeiten abziehe, etwa 10 Mk von dem Monatswechsel übrig. 30 Mk werde ich wohl wieder von Fred bekommen können und 15 Mk sind noch von dem Geld von Frau Körting da, das mich über den Oktober glatt hinüberbrachte. Also kaum 50 Mark – und denke ich daran, daß Zenzl täglich kommt, und zahllose andre Leute mich fortgesetzt in Anspruch nehmen, dann weiß ich wirklich garnicht mehr weiter. – Ich bin wirklich recht geängstigt, möchte doch aber nicht ganz auf den Umgang mit Frauen verzichten, am wenigsten mit Zenzl, deren bäuerliche Natürlichkeit und derbe Anmut, verbunden mit ihrer entschlossenen Liebe zu mir, mir unendlich wohl tut. Wären nur erst bald ihre körperlichen Störungen behoben! Sie leidet schrecklich drunter, und mir sind die Surrogate ebenfalls nachgrade recht über. Asta hat mich gestern versetzt. Vielleicht kann ich die jetzt ohne Brutalität in Pension schicken.

 

München, Donnerstag, d. 5. November 1914.

Meine Finanzlage macht mir andauernd zu schaffen. Die Monatsrechnung ist immer hoch. Ich habe heut 110 Mark davon bezahlt, und bin nun glücklich fast 120 Mk bei den Wirtsleuten schuldig. Zenzl kostet mich sehr viel. Ihr geht es recht schlecht, und so muß ich sie oft beköstigen, ihr täglich Geld geben und sie auch hin und wieder mit Heizmaterial versorgen. Aber ich kann die Frau, die ich ehrlich gern habe, doch nicht im Elend lassen. – Morax rennt bleich und ausgehungert herum. Der „Wohlfahrtsausschuß“ (hochklingende Namen hat man hier massenhaft bei der Hand) verweigert ihm Hilfe, weil er kein rechtsrheinischer Bayer sondern Pfälzer ist. Die läßt man in München verrecken, wenn sie sich nicht selbst zu helfen wissen. Natürlich pumpt der arme Kerl mich an. Aber wie ich’s auf die Dauer machen soll, weiß ich ehrlich nicht mehr, zumal ich anscheinend garnichts verdienen kann. Das Berliner Tageblatt meldet sich immer noch nicht, und die „Jugend“ hat mir heute mein Gedicht auf Jacobi zurückgeschickt. Man will offenbar meinen Namen jetzt um keinen Preis drucken lassen. Scheißbande!

Über Jacobis Tod habe ich jetzt durch Goldschmidt authentische Einzelheiten erfahren, die der zugleich verwundete, mit Jacobi hierher beförderte, mit ihm wieder ins Feld gerückte und jetzt, an B. v. J.’s Todestag wieder verwundete Major seines Bataillons mitgebracht hat. Danach sind die beiden am Donnerstag (also heut vor 14 Tagen) in der Schlachtfront wieder eingetroffen. Bernhard, bei seiner Aktivität, gleich wieder vornan im Angriff, nahm mit seinem Zuge sofort 30 meter Terrain. Am nächsten Tage erhielt er angesichts der ganzen Mannschaft das Eiserne Kreuz (er hatte es sich so sehr gewünscht. Schön, daß er die Freude noch erlebt hat!). Im Schützengraben wurde diese Auszeichnung fröhlich gefeiert. Am Sonnabend nachmittag erhielt er den Schuß, von der Hüfte herein ins Becken. Er blieb, da starkes Feuer im Gange war, im Schützengraben liegen. Abends wollte ihn der Major dann im Auto ins Lazarett von Douai bringen. (Eine halbe Stunde Autofahrt). Der Arzt verbot das aber, da die Verletzung den Transport in liegender Stellung notwendig machte. So kam er denn des Nachts im Lazarett an, war am Sonntag noch ganz guter Laune und ohne Ahnung von seinem nahen Ende. Infolge der ungeheuren Anstrengungen der dreitägigen Schlacht, zumal er offenbar nach der ersten Verwundung zu früh wieder hinausgegangen war, ferner wohl auch infolge der freudigen Aufregung wegen des Eisernen Kreuzes und infolge der Schmerzen und des Blutverlustes trat nachmittags Herzschwäche ein, und um 5 Uhr schlief unser lieber Freund sanft hinüber. Er liegt bei Douai in einem wohl bezeichneten Einzelgrab. Für die Frau hat er ausreichend durch Lebensversicherung und jede nur erdenkliche Vorsorge gedacht, sodaß sie vor Not geschützt ist. Die Arme ist zur Zeit bei Bernhards Mutter in Berlin. – Mein Schmerz wandelt sich langsam in Wut.

Auf den Schlachtfeldern ist alles noch wie es war. Sämtliche Beteiligte melden Erfolge und kein Mensch kennt sich aus. Wie lange die schändliche Infamie noch dauern wird ist nicht entfernt zu ermessen. Es scheint jetzt, als ob Deutschland zunächst auch China mobil machen wolle und als ob der deutsche Einfluß in Peking schon vollkommen dominiert. So sind dort alle Zeitungen in deutschen Besitz übergegangen. Dagegen sieht es jetzt so aus, als ob Italien sich wirklich zur Neutralität entschlossen habe gegen die Zyrenaika betreffende Zusagen der Pforte. Bulgarien und Rumänien werden wohl auch vorläufig passiv bleiben. Griechenland und Portugal dürften dagegen über kurz oder lang in die Blutsauce mit hineingezogen werden.

Vorgestern ging ich ins Kino, da ich angekündigt las: Die Verheerungen im Grenzort Eydtkuhnen. Ich konnte meinem Jim schon mitteilen, daß die Trümmer ihrer Vaterstadt etwas weniger wüst aussehn wie manche französische Ortschaften, die gezeigt wurden. Vielleicht rettet der Liebling doch noch etliches von seinen Andenken. – Im Lichttheater rief mich durch den ganzen Raum brüllend Rößler an, der in Begleitung von Annie Balder und Else Sarto dort war und uns dann alle zu einem guten Souper in den Ratskeller einlud. Die Sarto kenne ich noch von Wien her. Sie ist allerliebst.

 

München, Freitag, d. 6. November 1914

Je länger sich die Entscheidung über Sieg oder Niederlage hinauszieht, umso ekelhafter werden die Chikanen, mit denen die beteiligten Staaten die unbeteiligten Angehörigen der feindlichen Länder bedenken, die das Unglück hatten, ihnen in die Hände zu fallen. In England hat man seit einiger Zeit alle Deutschen in einem bestimmten Alter, vor allem alle dort befindlichen wehrpflichtigen Deutschen in Konzentrationslagern interniert. Man hat sich darüber bei uns ungemein entrüstet und ist in wilden Ausbrüchen über das „perfide Albion“ hergezogen. Ähnliche Dinge, von Deutschen verübt – so die Verhaftung Henry Bings, der in Traunstein sitzt –, findet man natürlich völlig in der Ordnung. Um Englands Handlungsweise noch scheußlicher hinzustellen, als sie in Wirklichkeit ist, hat man grausame Geschichten erfunden, wie entsetzlich die deutschen Gefangenen in jenen Lagern kujoniert werden. Nun will es der Zufall, daß heute gleichzeitig authentische Erklärungen der deutschen Gefangenen in England veröffentlicht werden, wonach sie verhältnismäßig gut und rücksichtsvoll behandelt werden, und der militärische Vergeltungsbefehl herauskommt, nach dem heute sämtliche englische Männer zwischen 17 und 55 Jahren verhaftet und in das Gefangenenlager von Ruhleben überführt werden sollen. Natürlich wird die Folge davon nicht die Freistellung der Deutschen in England sein, sondern eine Verschärfung der an den Gefangenen betätigten Maßregeln in beiden Ländern. So werden die Formen der Kriegführung täglich ekelhafter und unkultivierter.

A propos Bing. Wahl erzählte mir jüngst, daß eine Aktion zu seinen Gunsten unternommen sei und daß er (Wahl) mit Empfehlungen von Hirth und Thoma beim Generalkommando war. Der Hauptmann, der diese Dinge bearbeitet heißt Roth und ist identisch mit dem Münchener Polizeiassessor und Zensor Dr. Roth (daher auch die völlig blödsinnige, weil die Zirkulation hemmende Bestimmung das 12 Uhr Nachtschlusses aller Lokale). Roth erklärte also Wahl, der Umstand, daß Bing Mitarbeiter am Simplicissimus sei, wäre zwar kein Anlaß gewesen, ihn festzusetzen, aber er sei erst recht kein Anlaß, ihn freizulassen. Die neue patriotische Haltung des Simpl. sei ja sehr zu loben, aber man habe bei der Militärbehörde über die Motive der plötzlichen Schwenkung eigne Ansichten, und sehe doch, wie Äußerungen des früheren Simpl. jetzt in Frankreich zur Stimmungsmache gegen Deutschland ausgenutzt werden. Ich muß gestehn, ich gönne der Simpl.-Bagage, die vor Begeisterung nicht mehr ein und ausweiß, die Abfuhr, so leid mir Bing auch tun mag. Also nicht mal die Körperschaft, in deren Arsch hinein die Kriechwendung des Blatts vollzogen wurde, findet Freude an der Bekehrung.

Von den Kriegsschauplätzen nichts Neues. Nur, daß deutsche Schiffe schon im Kanal waren und anscheinend Minen legten, und daß Tsingtau vor dem Fall zu stehn scheint. Daß sich dort das österreichische Kriegsschiff „Kaiserin Elisabeth“ selbst in die Luft gesprengt hat, steht jedenfalls im Widerspruch zu der vorgestern von chinesischen Quellen ausgehenden Meldung, alle Angriffe der Japaner seien auf absehbare Zeit zurückgewiesen worden. Die Dinge in Aegypten und in Transvaal dürften noch in der Entwicklung sein. Ebenso bleibt die Tragweite der heutigen Nachricht, daß Afghanistan gegen Indien vorgehe, noch abzuwarten.

Von Fred bekam ich gestern 30 Mk. Ich übergab ihm zugleich den Auftrag, das Honorar für den Frankartikel vom B. T. einzutreiben. – Charlotte schreibt mir aus Lübeck. Papa geht es leidlich. Sein Herz habe aber durch die Kriegsaufregung Schaden genommen. Er lasse mich anfragen, ob er ein paar goldne Manschettenknöpfe und eine Schlipsnadel, die er von meiner Barmitzwo her verwahrt, für mich verkaufen soll. Natürlich soll er, da er die lumpigen 50 – 60 Mk aus eignem ja doch nicht für mich hergibt. Hardy schreibt aus Bad Blankenburg (Thüringen), er werde vielleicht in wenigen Tagen herkommen. Sollte mich freuen. – Von Jenny kam eine liebe Postkarte, die allerdings nichts weiter enthält als die Ankündigung eines Briefs. Bin gespannt, wie lange der auf sich warten lassen wird. – Ferner ein gedruckter Dank für die Teilnamsäußerung zum Tode Jacobis.

Heute früh endlich wieder Zenzl. Sie war sehr lieb.

 

München, Sonnabend, d. 7. November 1914.

Alle Welt spricht von den letzten deutschen Erfolgen zur See. Es ist in der Tat imponierend, daß sich die Kriegsschiffe schon bis dicht an die englische Küste trauen und bei Yarmouth sogar schon englischen Boden beschossen haben. Ebenso ist der moralische Eindruck der Seeschlacht bei Chile groß, da die Überlegenheit der englischen Flotte über die deutsche durch solche Ereignisse stark in Zweifel gerät. Aber – cui bono?

In Flandern geht der Kampf wie bisher weiter mit offenbar wechselndem Erfolg. Ob die Deutschen den von den Belgiern durch die künstliche Überschwemmung bei Nieuport erzwungenen Rückzug schon irgendwie wirksam wettmachen konnten, ist trotz der täglichen Zeitungsbrüllerei: Es steht gut! Die Entscheidung naht! etc. sehr zweifelhaft. Von der russischen Front sind amtliche deutsche Nachrichten in den letzten Tagen überhaupt nicht ausgegeben worden. Da die Russen ihrerseits Erfolge melden, wird man ihnen glauben müssen. Allem Anschein nach beabsichtigen sie mit riesigen Kräften einen neuen Einfall in Ostpreußen. Die Österreicher hören indessen nicht auf, tägliche Siegesberichte auszugeben. Aber „Wenn den Russen – so wurde gestern amtlich „verlautbart“ – an einzelnen Stellen trotz der örtlich günstigen Situation gewonnener Boden vorübergehend wieder überlassen wird, so ist dies in der Gesamtlage begründet.“ Das ist allerdings recht wahrscheinlich, daß man nicht ohne tiefere Begründung gewonnenen Boden dem Feinde wieder auslieferte. Unsre Optimisten sind aber überzeugt und beruhigt.

Inzwischen ist gestern die Gefangennahme der angeblich „wehrfähigen“ Engländer im ganzen Reich tatsächlich erfolgt. Unter andern ist auch der 52jährige, am Stock lahmende Kunstmaler, Professor Tooby festgesetzt worden, und, wie Zenzl heut früh berichtete, auch der Nationalökonom Professor Bonn. Man hört allgemeine fröhliche Zustimmung zu dieser Maßregel, die sich als ganz ordinäre Rache an Unschuldigen charakterisiert. Bei der Gelegenheit gibt übrigens die Regierung in der Nordd. Allgem. Ztg. selbst bekannt, daß „mutwillige Grausamkeiten gegen Deutsche den Engländern im allgemeinen nicht nachzuweisen“ waren. Dabei muß ich doch an die ersten Tage der Mobilisierung denken und an die Wahnsinnstaten der deutschen Bevölkerung gegen Serben und slawisch aussehende Straßenpassanten. – Interessant ist auch, daß die bayerische Staatsregierung bei Gelegenheit eines Erlasses gegen geschmacklose Kriegspostkarten auch die Witzblätter ermahnte „alle literarischen und künstlerischen Erzeugnisse auf einer Stufe zu erhalten, die eines Volkes allein würdig ist, dessen Söhne in blutigem furchtbaren Ringen mit tapferen, gewandten und opferwilligen Feinden um Haus und Herd, um den Bestand und die Größe des Vaterlands kämpfen. Ein Volk, das Sieger sein will, darf in seiner Presse keine haltlosen Verhöhnungen des Feindes, kein gewissenloses Zerrbild, keinen gemeinen „Witz“ dulden, der letzten Endes nur unsre eigne Macht und Kultur herabsetzt.“ Das drucken ganz ehrpusselig dieselben Zeitungen ab, die in der gleichen Nummer wie in allen andern die ekelhaftesten und verlogensten Verunglimpfungen der „Feinde“ produzieren. – In einer Papierhandlung sah ich heute ausgestellt: „Die Lügen unsrer Gegner. Das zweckmäßigste Abortpapier.“

Der Kriegsfreiwillige Richard Dehmel macht wieder mal von sich reden. Er glaubte es seinem berühmten Namen schuldig zu sein, sich im Schützengraben vor aller Öffentlichkeit zu betätigen. So schrieb er mit einem Offizier zusammen einen französischen Brief, in dem er die französischen Soldaten auffordert, waffenlos zu den Deutschen herüberzukommen und sich zu ergeben, also etwas zu tun, was, wenn es ein Deutscher täte, von Richard Dehmel als Landesverrat betrachtet würde, und worin er den Feinden mitteilt, daß sie nicht genug zu essen bekämen. Den Brief, in dem er sich als „deutscher Dichter“ bezeichnete, heftete er an einen Baum an, fand aber vorher noch Zeit, eine Abschrift davon zu machen – für die „Frankfurter Zeitung“. Die brachte ihn denn auch, zugleich mit der in falschem Deutsch geschriebenen Antwort eines Franzosen, die den Vorschlag zurückweist und Dehmels neue Replik auf solchen „gallischen Hochmut“. Ob wohl Richard Dehmel je in seinem Leben schon mal etwas getan hat, was ein geschmackbegabter Mensch angenehm empfunden hätte? Außer einigen gelungenen lyrischen Gedichten wüßte ich nicht, was er Erfreuliches von sich gegeben hätte.

Ich bin in einer bösen Stimmung. Margrit Faas schreibt mir, sie müsse dringend sofort 600 Mark haben, um dem Wucherer die nötigen Zinsen zahlen zu können für das Geld, das ich 1911 in Bern durch sie erhielt, und das nun seit einiger Zeit fällig ist. Ich habe die größte Angst, man wird ihr das Häuschen, ihren einzigen Besitz fortnehmen – um meinetwegen, und weiß absolut nicht, wie ich’s verhindern soll. Ich will ihr zunächst einen erheblich erhöhten Zinssatz vorschlagen. Vielleicht läßt sich der Halsabschneider dann darauf ein, das Geld länger zu stunden. Es wäre entsetzlich, wenn die arme Frau wegen einer mir erwiesenen Güte um ihr Hab und Gut käme. Noch hoffe ich, es abwenden zu können.

Zu meinem Erstaunen las ich eben in der Zeitung angezeigt, daß Bernhard v. Jacobi am Montag vormittag im Schwabinger Friedhof eingeäschert wird. Ich hatte keine Ahnung davon, daß die Leiche jetzt schon überführt wird. So steht uns noch eine rechte Aufregung bevor. Aber ich freue mich, daß ihm der Wunsch, verbrannt zu werden, erfüllt werden kann. Bei der Bestattung seines Söhnchens – im Februar – sagte er mir, wie schrecklich ihm der Gedanke sei, zu verwesen. Daß er selbst der Nächste sein werde, dem ich zur Verbrennung das Geleit geben würde – wie fern war uns beiden damals dieser Gedanke! Armer, armer Freund!

 

München, Sonntag, d. 8. November 1914

Tsingtau ist gefallen. Der Widerstand, der vielen jungen kühnen Deutschen das Leben gekostet hat, war also nutzlos, da das Eingreifen Chinas nun doch nicht zu rechten Zeit bewirkt werden konnte. Ob China die Neutralität noch lange aufrecht halten kann, ist sehr zweifelhaft. Rußland und Japan scheinen durch mancherlei Pressionen eine Entscheidung darüber herbeiführen zu wollen – müssen sich also wohl recht stark fühlen. An ein Eingreifen der Vereinigten Staaten (gegen Japan) glaube ich noch nicht. Aber möglich ist in diesem Krieg alles. Man hofft bei uns gleichzeitig auf das Losschlagen Persiens und Afghanistans und auf die Erhebung der Kaukasier gegen Rußland und der Inder und Ägypter gegen England. Alles das bleibt abzuwarten.

Wie die Dinge gegenwärtig stehn, ist alles in der Schwebe. Bei Ypern, das den Schlüssel des westlichen Schlachtfeldes bildet, wollen die Deutschen entschiedene Vorteile haben. Sie berichten auch von Teilerfolgen in den Argonnen und bei Verdun, geben aber den Verlust von zwei Ortschaften in Flandern zu. (Die Zeitungen machen schon daraus: sie hätten günstigere Positionen bezogen). Die Franzosen melden ebenfalls überall Fortschritte, sodaß sich niemand auskennt. Bezeichnend für die Methode der deutschen Kriegskommentare ist folgende Beschönigung des Rückzugs aus dem Überschwemmungsgebiet Nieuport–Dixmuiden, die sich der Major Morath im „Berl. Tageblatt“ leistet: Die Wasserfluten behindern die Verbündeten im Angriff gegen die Deutschen und ermöglichen es denen, die dort freigewordenen Truppen woanders umso wirksamer heranzuziehn. Als ob die Verbündeten in Flandern die Offensive hätten, und als ob sie nicht ebenfalls ihre Verteidigungstruppen dort oben freikriegten! Aber es muß alles zu unserm Vorteil ausgelegt werden, sonst freut sich der Leser nicht genug.

Wie weit der Rückzug im Osten reicht, erhellt aus der neuesten Siegesmeldung von dort, nach der drei russische Kavalleriedivisionen, die schon die Warthe überschritten hatten, über den Fluß zurückgeschlagen worden sind. Von der Weichsel bis zur Warthe – das ist ein weiter Weg. Wird das ostdeutsche Land wieder Kriegsschauplatz, dann kann auch Pommern noch dran glauben müssen.

Ich las die neueste „Friedens-Warte“, in der Fried fortfährt, sein Kriegstagebuch zu veröffentlichen. Sein Zeitungsdeutsch ist unausstehlich, seine Gedanken abgedroschen und so unproduktiv wie der ganze Pazifismus der „zwischenstaatlichen Organisation“. Aber hier und da hat er gute Einfälle. Besonders gefiel mir folgende Betrachtung, mit der er der Weisheit begegnet, daß wir den Krieg jetzt führen müssen, da in zwei Jahren Frankreich und Rußland mit den Rüstungen fertig geworden wären: „Der Grundsatz „si vis pacem, para bellum“ wird durch nichts besser widerlegt, als durch die Präventivkriegstheorie. Um den Frieden zu erhalten, mußt du gut gerüstet sein. Wenn du aber sehr gut gerüstet bist, besser als dein Gegner, dann führe einen Krieg, damit du ihn nicht später führen mußt, wenn dein Gegner besser gerüstet sein wird als du. Kurz: Wenn du den Frieden willst, rüste den Krieg; wenn du den Krieg gerüstet hast, dann führe ihn. Also: Wenn du den Frieden willst, dann führe den Krieg!“

Gestern suchte mich der Rechtsanwalt Albert Goldschmidt in der Torggelstube auf, um mir zu sagen, daß mein Vorschlag, eine Gedenkfeier für Jacobi zu veranstalten, nun in seinem eignen Beisein in Erfüllung gehn soll. Bernhard ist also nicht bei Douai begraben gewesen. Goldschmidt bekam Freitag von der Bahnverwaltung die merkwürdige und für ihn völlig überraschende Mitteilung, daß für seine Adresse eine Leiche angekommen sei. Zugleich erhielt er von der Militärverwaltung die quittierte Rechnung über einen von einer französischen Firma gelieferten Zinnsarg, in den die Leiche eingelötet ist. Sonach hat Bernhard jedenfalls selbst schriftlich genaue Verfügungen getroffen, wie mit seiner Leiche zu verfahren sei. Das Gespräch drehte sich dann ausschließlich um den Freund, auch noch nachher, als ich Bettina Seipp zu ihrer Haustür begleitete, die mir von der Verzweiflung der armen Lucie am Tage der furchtbaren Botschaft erzählte. Wie ich höre, sollen morgen bei der Totenfeier der Intendant v. Franckenstein, der Hofschauspieler Schröder und Max Halbe sprechen. Die Frau bleibt zunächst in Berlin bei ihrer Schwiegermutter.

Wieder ist ein Bekannter gefallen. Der Schauspieler Alexander Rottmann ist 45 Jahre alt als Offizier der österreichischen Armee in Serbien getötet worden. Er hat sich freiwillig gestellt. So mußte er wissen, was ihn treffen könnte. Ich hatte zu ihm keine sonderlich innigen Beziehungen. Im Juli war er noch hier und spielte in den Kammerspielen den Fürsten in Wedekinds „Liebestrank“ – eine brillante Leistung. Sonst war er kein allzu bedeutender Künstler. Man gab ihm gern komische Rollen, und boshafte Kollegen erzählten, der Regisseur riet ihm dann immer, er müsse seine Aufgabe ganz ernst behandeln, dann sei Rottmann stets am komischsten gewesen. Im Privatleben nannte man ihn den „Gelben Cohn“. Seine wertvollste Fähigkeit war eine brillante Kopie Basils, dessen charakterlose Beipflichtung zu allen Meinungen seines Gegenübers er kolossal amüsant traf. Im übrigen zechte er unausgesetzt und renommierte mit geilen Erlebnissen. Zeigte man ihm irgendeine fremde Dame mit der Frage, ob er sie kenne, dann kam zuverlässig die sonore Versicherung: „Hab ich doch gepudert!“ – Mit Zurückhaltung genossen, konnte er für kurze Stunden ganz erheiternd sei.

Hermann Bahr erläßt einen Hilferuf für Adele Sandrock, der es sehr schlecht gehe. Er fordert das Burgtheater in Wien auf, die große Künstlerin wieder zu engagieren. Die arme Frau, vielleicht die größte lebende Heroine, aber im persönlichen Verkehr die vollendete komische Alte, von der man dutzende Anekdoten erzählt (wie sie z. B. mir einmal versicherte, alle Wiener Dichter seien in ihrem Salon geboren worden!), tut mir sehr leid. Aber Bahr ist doch ein grundanständiger Kerl.

Heute habe ich zwei Erfreulichkeiten erlebt. Seit längerer Zeit beobachte ich im Café Stefanie zwei junge Damen, von denen die eine die Schwester der verrückten Lola Zimmermann ist (um deren Entjungferung ich mich seinerzeit eine Stunde lang vergeblich bemühte, obwohl wir nackt zusammen im Bett lagen), die andre mich aber viel mehr interessierte, da sie mich im ganzen Habitus sehr an das Puma gemahnt. Die sprach mich also heut mittag direkt an, angeblich, um von mir die Adresse von Leonhard Frank zu erfahren, in Wahrheit wohl, um Bekanntschaft zu machen. Sie heißt Rosa Josepha Lachmann und wird mich morgen nachmittag besuchen. Illusionen gebe ich mich nicht hin. Ich glaube schwerlich, daß das Mädchen (das prachtvolle große stahlblaue Augen hat) zu Intimitäten geneigt sein wird. Aber seltsam: daß ich sie nicht ansprach, lag diesmal wirklich nur an einer gewissen Schüchternheit. Ich fürchtete, abzustinken. Vielleicht wächst sich da doch noch ein Erlebnis aus.

Als ich dann zu Tisch nachhause kam, fand ich eine Kiste Zigarren vor, gute Zigarren von der Firma Zechbauer „im Auftrage des Herrn Hienl-Merré“. Der hatte mir gestern eine kleine Kriegsnovelle gesandt mit der Bitte, sie schonungslos zu kritisieren. Das habe ich abends im Stefanie redlich besorgt, ganz offen und recht empfindlich. Aber er nahm – eine seltsame Ausnahme! – meine Einwendungen sehr willig entgegen und hat sich nun mit den 50 Glimmstengeln, die mir äußerst gelegen kommen, erkenntlich gezeigt. Mit dem vortrefflichen Kraut im Munde fühle ich so etwas wie Frieden im Kriege.

 

München, Montag, d. 9. November 1914.

Nun habe ich dem toten Freund die letzte Huldigung erzeigt, – und sitze, 3 Stunden später – da, die Lippen noch feucht von Zenzls Küssen, die eben fortging, und erwarte die neue Bekannte mit der Ungeduld, die ein neues Erlebnis vorbereitet.

Wie seltsam beweglich ist doch die Seele! Kaum je war ich so erfüllt von Schmerz, Ergriffenheit und tiefer Teilnahme wie bei Jacobis Leichenfeier, – und schon fühle ich, wie das Leben stärker ist als der Tod und möchte wieder genießen, froh sein, jung sein, den Eindruck des Sterbens und Vergehens versinken lassen in Freude und Küssen.

Es war eine merkwürdige Versammlung.

 

München, Dienstag, d. 10. November 1914

Rosa Josepha Lachmann kam herein, als ich gestern eben anfangen wollte, die Trauerfeier zu schildern, und so behielt wieder das Leben und die Hoffnung recht über den Tod und die Verzweiflung. Es ist ein nettes kluges und vielleicht schönes Mädchen, eine Jüdin vom Typ Lotte Pritzels, mit der überhaupt viel Ähnlichkeit besteht. Nur ist die neue Freundin kräftiger gewachsen, von derberem Gesichtsschnitt und wahrscheinlich weniger witzig als das Puma. Beide gemeinsam haben die starke kritische Intelligenz und offenbar eine große Freimütigkeit den Dingen des Lebens gegenüber. Der Besuch dauerte kaum eine Stunde, dann begleitete ich den Gast zum Pünterplatz. Erotische Annäherungen wagte ich nicht, küßte aber die gut geformte kräftige Hand mehrfach sehr eindringlich, was neugierig und augenscheinlich gern geduldet wurde. Ich glaube bestimmt, daß sich hier eine wertvolle Freundschaft entwickeln wird. Schon der nächste Besuch wird hoffentlich zu größerer Vertrautheit führen.

Ich will nun auf eine ausführliche Rekapitulation der Bestattung Bernhard v. Jacobis verzichten. Es wurde viel geweint – auch ich schämte mich der Tränen nicht, die dem Freunde galten. Es wurden unterschiedliche Reden gehalten, eine schwunglose, kalte, unbeteiligte des Generalintendanten v. Franckenstein, eine widerlich-pathetische, unecht-hingeschmalzte des Oberregisseurs Dr. Kilian, eine sehr warme schöne eindringliche und wahrhaftige von Max Halbe, und zwei mir seltsam-fremde, aber im menschlichen Eindruck ganz sympathische von Bernhards Major und seinem Oberleutnant, die beide mit verbundenem Arm und behangen mit dem Eisernen Kreuz vor den Sarg traten. Soldaten bedienten die Feier, Soldaten, Künstler und Freunde umstanden den Toten. Im langen Zuge gings zum Krematorium. 3 Gewehrsalven krachten, und Bernhard v. Jacobi, der beste unsrer Schar, ist ein Häufchen Asche. Ich aber frage mich vergeblich: Wie kommt dieser wundervolle liebe gute, in jeder Faser reinliche Mensch dazu, wie kommt er dazu, der Kulturmensch, der Geistige, Friedfertige, dem Kriege zeitlebens tief Abgeneigte, auf solche entsetzliche Art zugrunde zu gehn? In meinem Kampf gegen den Krieg, der – ist das Entsetzen des gegenwärtigen erst einmal überstanden – viel hitziger noch als vordem mein Lebensinhalt sein soll, wird der Name und das Schicksal Jacobis mir Ansporn und Richtung sein. Vielleicht gelingt es mir, ihm der im Kriege starb, den Säbel in der Faust, todsäend und todempfangend, ein Denkmal aufzustellen in einem Werk, das in der Welt den Frieden siegen läßt!

Vorerst sind wir unermeßlich weit vom Frieden entfernt. In Frankreich wird an mehreren Stellen gekämpft. An der deutschen Grenze steht alles noch wie am Anfang, – und in Flandern rücken die Deutschen seit Wochen gegen Ypern vor und kommen, wie es scheint, nicht weiter. Über die Vorgänge im Osten ist garkein klares Bild zu erlangen. Die Russen sind schon wieder diesseits der ostpreußischen Grenze geschlagen worden. Wo sich in Polen die neue Schlacht abspielen soll, ist noch garnicht zu wissen – vielleicht tief in der Provinz Posen. Die Österreicher melden Erfolge über Erfolge in Galizien, trotzdem erfährt man, daß Przemysl von neuem belagert werden soll. (Von Lemberg redet man schon lange nicht mehr). In Serbien steht der Feldzeugmeister Potiorek in hoffentlich siegreicherem Kampfe mit den Balkanslawen als mit der deutschen Sprache, die ihm in jedem Bulletin zäheren Widerstand entgegengesetzt: Die Türken melden Siege über die Russen, deren Bestätigung man zweifelnd abwarten muß. Außerdem haben sie einen Vorstoß nach Aegypten unternommen. China soll ein Ultimatum an Japan in den nächsten Tagen schon absenden wollen. Der Transvaal steht in völliger Erhebung gegen England. Die Engländer haben Zypern okkupiert. Italien, Griechenland, Rumänien, Bulgarien, Portugal, Persien – und selbst die Unidet-States[USA] können täglich Partei nehmen. Dabei kujonieren die beteiligten Länder den „friedlichen“ Handel und erst recht die „feindlichen“ Gefangenen (heut bringt die Frankf. Ztg. einen entsetzlichen Anklagebrief eines in England gefangenen deutschen Soldaten). Kurzum: Das edle Antlitz der Erde ist zu einer scheußlichen Grimasse verzerrt, und wir werden unentwegt aufgefordert, uns der großen Zeit zu freuen und das „Heilsjahr 1914“ zu preisen. Dabei beschuldigen sich die Regierungen unausgesetzt gegenseitig massenhafter Völkerrechtsbrüche, keiner will mit den Feindseligkeiten angefangen haben, und inzwischen wird gemordet, gesengt und zerstört, daß es den Weltgeist schaudern muß, und jeder schwört, damit nicht eher aufhören zu wollen, bis der Gegner nicht vollständig vernichtet ist. Dies alles zusammen heißt man dann einen frischen fröhlichen Krieg!

 

München, Mittwoch, d. 11. November 1914.

Ob ich heute lange Zeit zum Eintragen haben werde, ist zweifelhaft. Jeden Augenblick kann Zenzl mit einem von dem verstorbenen Hans Leyboldt geschwängerten Mädel und deren Mutter eintreten, die meinen Rat in der schwierigen Situation wollen.

Gestern nachmittag war ich zum Kaffee bei Heinrich Mann. Das war wieder mal ein wahres Labsal. Endlich mal ein Mensch, der den Krieg ohne Befangenheit beurteilt und also tötlich haßt. Lange Gespräche über Jacobi, der durch seine Tollkühnheit beim Angriff auf einen feindlichen Schützengraben trotz der Warnung seiner Vorgesetzten den tötlichen Schuß gradezu provoziert haben soll. Mann meinte, es sei bei diesem keuschen Menschen wohl plötzlich erwachte Abenteuersucht gewesen, ich dagegen, daß sein temperamentvolles Pflichtgefühl eben auch da restlose Erfüllung suchte, wo es in eine ihm eigentlich wesensfremde Sache gespannt war. – Wir amüsierten uns dann über die Presse und stellten fest, daß in Frankreich und Deutschland vom Feinde immer wortwörtlich das gleiche zusammengelogen wird, was im Einzelfalle natürlich hier wie dort einmal wahr sein kann. Über die Schlacht am Yser-Ypres-Kanal meinte Mann: „Was muß das für ein unheimlich langer Kanal sein, wo die Deutschen wochen- und monatelang täglich Fortschritte machen können!“ – Dann zeigte er mir das neueste „Forum“, wo Herzog nun völlig umfällt und in einem Artikel: „Die Losung heißt – durch!“ ganz und gar in das geschwätzige deutschpatriotische Gesabbere verfällt wie die gesamte Presse. Mann hat ihm einen entschieden ablehnenden Brief geschrieben und wir waren einig in der angewiderten Verurteilung des charakterlosen Lümmels.

Auf den Kriegsschauplätzen ist alles unverändert. Sämtliche Beteiligte melden nach wie vor täglich gute Erfolge. – China mobilisiert. Sobald der Krieg gegen Japan in Peking erklärt wird, habe ich eine Wette gegen Dr. Muhr gewonnen und erhalte eine Flasche Pommery. Lieber wäre mirs, ich müßte sie zahlen, wenn nämlich der ganze Massenmord vorher durch irgendein Wunder vom Himmel abgebrochen wird. Mangel an Beteiligung wird freilich keinen Vorwand zum Schluß der Vorstellung abgeben können.

Alexander Rottmann hat ans Berliner Tageblatt ein Telegramm gerichtet, worin er die erfreuliche Mitteilung macht, daß er lebt und gefangene Serben nach Ungarn transportiert. So ist also dieser wackere Kämpe und Mime der dankbaren Mitwelt bis auf weiteres erhalten geblieben, und er wird weiterhin sich schminken und die Weiber „pudern“.

 

München, Donnerstag, d. 12. November 1914

Ich muß mich wieder kurz fassen, da der zweite Besuch des Frl. Lachmann in Aussicht steht. Sie ließ mich gestern nachmittag vom Billardsaal des Stefanie hinunterrufen, stellte mir eine Freundin, Frl. Lindemann (wenn ich nicht irre) vor und gefiel mir vortrefflich. Aber ich soll ihr bei einer Finanzoperation behilflich sein, wobei ich an Jaffé denke. Darüber will sie nun heute mit mir reden.

Der Besuch Zenzls mit den beiden Damen Morstadt war ganz pikant. Das junge Ding, das von Leyboldt geschwängert ist, ist hübsch, lebhaft, nett, 19 Jahre alt und erwartet die Niederkunft in etwa einem Monat. Ihre Mutter erzählte mir gleich allerlei üble Dinge von ihrem Gatten, von dem sie getrennt lebt und vor dem sie große Angst hat. Dem Pech der Tochter steht die Frau mit großer Toleranz gegenüber. Ich habe nun heute an Leyboldts Vater, der in Hamburg Gasdirektor ist, geschrieben. Eine heikle Aufgabe. Aber ich glaube meinen Brief, in dem ich ihn bat, die Entbindung zu zahlen und die Kosten für das Kind zu tragen, so rücksichtsvoll abgefaßt zu haben, daß alles Verletzende vermieden ist. Vielleicht werden die Eltern ja so einsichtig sein, die Tatsache, daß sie statt eines Sohnes ein Enkelkind haben werden, als glückliche Fügung anzusehn.

Der Krieg scheint im Westen für die Deutschen eine günstige Wendung genommen zu haben. Dixmuiden ist erstürmt, und der gestrige amtliche Bericht machte zum ersten Mal seit langem den Eindruck, als ob wirklich Vorteile gewonnen wären. Dagegen scheinen die Dinge im Osten ganz mau zu sein. Die Russen folgen den aus Warschau geflüchteten Deutschen bis über die Warthe. In Galizien stehn sie schon wieder nahe der ungarischen Grenze und Przemysl ist zum zweiten Mal zerniert. Maaßen war vor einigen Tagen in Berlin, wo er seinen auf der Durchreise von Flandern nach Polen befindlichen Bruder traf. Er brachte allerlei interessante Mitteilungen mit. So, daß die Warschauer Schlacht durch das Zuspätkommen der Österreicher verloren wurde und daß Krotoschin und die umliegenden Orte in Posen von der Bevölkerung geräumt werden mußten. Wir werden wohl also erleben, wie die Provinz Posen – und vielleicht auch Schlesien – das Schicksal Ostpreußens teilen wird.

Der Kreuzer „Emden“, der Schrecken der Handelsschiffahrt im Indischen Ozean ist von einem australischen Kriegsschiff angegriffen und vernichtet worden. Von 360 Mann 200 tot, 30 verwundet. Deutschland trauert, England jubelt. – Die Wut gegen die Engländer nimmt immer hysterischere Formen an. Im Hamburger Fremdenblatt las ich aus meiner Vaterstadt, daß der Lübecker Kriegerbund beschlossen hat, die gefangenen Russen, Franzosen und Belgier, wenn sie sterben, mit militärischen Ehren zu bestatten. Diese Ehren auch den Engländern zuteil werden zu lassen, wurde einstimmig verweigert. Ziersch ließ gestern auf der Kegelbahn einen Feldpostbrief kursieren, worin ein Offizier behauptet, die Engländer geben und erhalten keinen Pardon. Er erzählt, es sei ein deutsches Lazarett von Engländern erobert worden. Die Verwundeten darin seien getötet worden, die 18 Krankenschwestern aber viehisch geschändet, die Brüste seien ihnen abgesäbelt und die Geschlechtsteile herausgeschnitten worden etc. Und so etwas glaubt man kritiklos. Die Leute bemerken nicht einmal, daß es wortwörtlich dieselben abgeschmackten Verleumdungen sind, die das Ausland gegen die Deutschen losläßt und über die man sich hier so fürchterlich entrüstet. Selbst Verhaeren hat in einem Gedicht solche Bestialitäten, wie er sie den Deutschen zutraut

 

München, Freitag, d. 13. November 1914

Was Verhaeren getan hat, wurde durch Rose (nicht Rosa) Josephas Eintritt der Verewigung entzogen. Es ist seit gestern klar, daß die Freundschaft mit diesem Mädchen im Instrument meiner Seele einen Ton berührt, der lange nicht mehr zu hören war. Wie sie zu mir steht, kann ich noch nicht wissen. Ich glaube aber, daß sie starke vertrauende Sympathie zu mir fühlt. Ich habe ihre Hände und Haare so innig geküßt, und sie hat mir Kopf und Wangen so gütig gestreichelt, daß ich in heißem Herzen ahne, dies Einverständnis geht über den Tag hinaus. – Vorerst muß ich meine Freundschaft hilfsbereit betätigen. Rosi, die alles kann: sie ist Orthopädin, Operationsschwester, Stenographin, Sekretärin, Lehrerin, Klavierspielerin und noch vieles – will Arbeit, um leben zu können. So war ich mit ihr bei Jaffé. Der gab ihr eine Empfehlung an eine Frau Bruckmann, und daraus wird sich nun wohl eine Einnahmequelle erschließen. 200 Mark, die sie gleich braucht, hätte ich ihr beinahe verschaffen können. Muhr hatte mir von einem steinreichen aber unter Kuratel stehenden Wiener Herrn, Dr. Cohn, erzählt, der sich v. Hohenau nennt, und schlechte Novellen kauft, um sie unter seinem Namen zu veröffentlichen. Solchen Dreck zu schreiben hätte mir direkt Spaß gemacht. Gestern in der Torggelstube nun, wo auch Jaffé war, erzählte Muhr, der Mann sei in München, ich solle ihn heute aufsuchen. Er sei vorbereitet und werde gewiß ein paar hundert Mark geben. Nachher kam aber Herr Kaufmann, der mit Hohenau in der gleichen Pension wohnt und erzählte, der Mann sei grade abgereist. Also mal wieder eine verfehlte Hoffnung. Vielleicht aber rückt Jaffé das Geld heraus, das er in 4 Monatsraten zurückkriegen soll. Da ich ihm sagte, daß ich das Geld für Rosi hergeben wollte, wird er sich vielleicht – wenn sie ihn richtig anpackt – gedrängt fühlen. Ich hatte inzwischen auf ihren Anruf abends auch ihr einen Besuch gemacht (bei dem ich ihr die Backe küssen durfte – Mund und Augen, erklärte sie, gebe sie nicht her) – und heute werde ich ihr nun ausrichten, daß Jaffé persönlich zu Frau Bruckmann hingehn will und sie sich morgen von ihm Bescheid holen soll.

Ich habe Zenzl heute ganz offen erklärt, daß ich in Gefahr sei, mich zu verlieben. Sie war ganz einverstanden, wünschte es fast und hofft, dann würden wir besser noch befreundet sein können als zuvor. Möglich. Verlieren will ich die Frau nicht.

Rosi gab mir zu meiner Überraschung gestern ihr Tagebuch mit, aus dem ich sie näher kennen lernen soll. Das ist ein seltsames Bekenntnis. Sehr ehrlich, sehr fein und verlitten. Sie hat eine Liebe hinter sich, an der sie wohl noch bitter trägt. All ihre Erlebnisse sind ganz nach Laune aphoristisch und metaphorisch dichterisch verarbeitet. Sie ist mir noch lieber geworden durch die Lektüre.

Seltsam, daß grade heut, wo ich von der neuen Begegnung so sehr erfüllt bin, ein langer guter lieber Brief von Jenny kam. Sie gibt mir auf 13 Seiten Lehren, wie ich in meinem Leben und in meinem Werk („Wally Neuburger“) die Qualen des Krieges unterkriegen soll. Furchtbar gütig gemeint, aber ein wenig pedantisch. Vielleicht bin ich auch nicht ganz gerecht gegen den Brief. Sehr froh bin ich darüber, daß ich aus dem Schreiben, in dem sie Zärtlichkeiten wieder fast ängstlich vermeidet, doch erkenne, wie stark sie an meinem Schicksal im Herzen teilnimmt. Aber daß sie meine Bitte, mir für die Arbeit ihren Segen zu geben, so mißverstehn konnte und lauter gute Ratschläge gibt, tut mir doch weh. Es wäre Zeit, daß wir uns mal wieder sähen, sprächen, küßten. Sonst sehe ich diese Zukunft, die mir durch mehr als zwei Jahre Halt und Vertrauen war, bald Vergangenheit werden.

Eine seltsame und mir selbst befremdliche Definition fiel mir ein: Idealismus = Verliebtsein in Abstraktionen.

 

München, Sonnabend, d. 14. November 1914.

Rosi – so nennt sie sich in ihrem Skizzen-Tagebuch selbst – beherrscht meine Gedanken und Gefühle. Wie tief diese neue Bewegtheit geht, kann ich noch nicht wissen. Wie nah oder fern sie von meiner Liebe zu Jenny steht, erst recht nicht. Möglich, daß ich einmal durch Rosi von Jenny abgedrängt werde, möglich auch, daß Rosi mir eines Tages Zuflucht sein wird, wenn Jenny – was mir sehr möglich scheint – einmal von mir abrückt. Wahrscheinlich, daß Rosi Episode bleiben wird, da ich kaum glaube, daß ich ihr – selbst, wenn wir uns ganz nahe kommen sollten – mehr als Episode bedeuten werde. Vorerst braucht sie meine Hilfe. Ich soll ihr 200 Mark verschaffen bis zum 1. Dezember. Ob das möglich sein wird, ist mir ganz ungewiß. Jedenfalls will ich versuchen, mit dem Cohenau mich zunächst in schriftliche Verbindung zu setzen. – Gestern war ich in der Pension Haack, wo das Mädchen wohnt, und besuchte sie zugleich mit Frl. Lindemann in der letzteren Zimmer. Heut mittag waren wir im Stefanie beisammen und gehn abends ins Kino, wohin Halbe uns zu seiner „Tat des Dietrich Stobäus“ einlud.

Halbe ist ein seltsamer Mensch. Ich riet ihm, seine Gedächtnisrede am Sarge Jacobis den Süddeutschen Monatsheften zu geben. Vorgestern rief er mich nun deswegen an und bat mich, ich möge bei Coßmann sondieren, ob die Arbeit erwünscht sei. Ich habe das nun also in Zug gebracht. Als ob Halbe auf meine Protektion angewiesen wäre! – Eben habe ich eine Karte mit dem Portrait Bernhard v. Jacobis zusammen mit seiner Feldpostkarte an mich zum Einrahmen gegeben. Ich will das Bild des Freundes in meinem Zimmer haben.

Der Krieg sieht im Westen für Deutschland täglich günstiger aus. Im Osten dagegen höchst gefährlich. Bei Eydtkuhnen und südlich davon ist, wie amtlich mitgeteilt wurde eine neue Schlacht im Gange. Demnach sind die Russen wieder genau so weit vorgedrungen, wie sie schon in den ersten Augusttagen waren. Die Österreicher haben indessen ihre Stellungen in Galizien den Russen wieder „vorübergehend freiwillig“ geräumt. Alles lacht über diese Wendung. Ich habe die Frage aufgeworfen: Woran erkennt man ob es sich bei einem Rückzug um eine Flucht oder um ein strategisches Manöver handelt? Antwort: An dem, der es ausführt: Daß die Deutschen an der Marne, die Österreicher bei Lemberg und beide zusammen bei Jaroslaw mordsmäßig geschlagen wurden, darf bis zum heutigen Tage niemand sagen. Es waren lauter „strategische Rückzüge“ – In diesen Dingen sind die Arbeiter ebenso vernagelt wie alle.

Gestern erschien nach langer Pause mal wieder Albert Reitze auf der Bildfläche. Er erzählte, daß Krapotkin ganz in der Art der französischen Patrioteska gegen die „deutschen Hunnen“ wettere und Domela-Niewenhuis in einem Manifest gegen ihn Stellung genommen habe. Krapotkins Kundgebung sei dadurch veranlaßt worden, daß Pariser Anarchisten in der ersten Zeit des Kriegs, als ganz Frankreich mit Siegeslügen überschüttet wurde, gegen die Verwüstung Deutschlands protestierten und sich mit ihrem Protest auch an Krapotkin wendeten. Sie wurden durch ihn erst über den wahren Sachverhalt aufgeklärt. Ich schämte mich, als ich’s hörte. Wollte ich eine Kundgebung gegen die Verwüstung Belgiens und Nordfrankreich veranlassen – was würde mir geschehn? Ich glaube, ich würde auf der Straße niedergeschlagen werden. – Die Schweizer Genossen sollen über Landauer und mich erbost sein. Ich zeigte Reitze meine Erklärung an die Kain-Leser, die verstümmelt und um ihren Sinn gebracht durch die Presse gegangen ist, und er gab mir recht, daß ich das jedem Anarchisten gegenüber vertreten kann.

Die Türken melden große Erfolge gegen Rußland. Aber sie haben auf dem Wege von Konstantinopel nach Trapezunt im Schwarzen Meer drei Transportschiffe mit sehr viel Mannschaften und Kriegsmaterial verloren. Der Sultan hat alle Muselmanen zum Heiligen Krieg aufgerufen. Mit welchem Erfolg, ist noch nicht zu erkennen. Wenn aber wahr ist, was die deutschen Blätter mit großer Befriedigung kundtun, daß die Türkei erklärt hat, alle beim Dreiverband und deren Verbündeten kämpfenden Mohammedaner nicht als Krieger, sondern als Mörder behandeln zu wollen, dann steht fest, auf welcher Seite die größte Schändlichkeit der Kriegführung zu suchen ist – und wir dürfen nicht mehr allzu stolz auf diesen Bundesgenossen sein. – Wann der Krieg aufhören wird kann noch kein Mensch absehn. Nur soviel wird man schon prophezeien dürfen, daß die Kosten von allen getragen werden müssen. Denn auch der Sieger wird von seinen Taten keine Freude haben, höchstens ein paar Geschäftemacher.

 

München, Montag, d. 16. November 1914

Jetzt habe ich die Ausführung der Wally Neuburger in Angriff genommen – gestern nachmittag, und, wills Gott, so werde ich fortab täglich daran arbeiten, und es wird was Anständiges dabei entstehn. Trotz allem!

Das Tagebuch werde ich also wieder ein wenig in die zweite Reihe ordnen, und die Dinge des persönlichen und öffentlichen Geschehens summarischer als bisher abhandeln.

Der Krieg sieht aus wie vorher: Seit der Erstürmung von Dixmuiden hat sich im Westen nichts geändert. Im Osten dagegen drängen die Russen immer weiter vor, und an der Grenze scheint sich ein Entscheidungskampf vorzubereiten. Der Heilige Krieg ist erklärt, und angeblich rückt Afghanistan bereits gegen Indien vor. Mich ekelt das alles an.

Mein persönliches Erleben ist von Rosi und von Geldmangel beherrscht. Das Berliner Tageblatt hat noch immer nicht gezahlt. Fred hat die Sache in die Hand genommen und energisch mit Block, Wolf und dem Verlag korrespondiert. Block hat ihm geschrieben, ich sei zwar sachlich im Recht, aber persönlich im Unrecht. Mein Vorgehn könne nur bewirken, daß man künftighin nur mit Leuten arbeiten werde, von denen man keinen Ärger und keine Umstände zu gewärtigen habe. Das ist dieselbe Horde, die sich vor der Öffentlichkeit nie sozial genug gebärden kann. Mit unsereinem aber meint sie nach Belieben Schindluder treiben zu können. Freds Annahme, das Honorar sei an mich unterwegs, scheint dabei immer noch verfrüht zu sein. Bin neugierig, wie weit es die Millionenfirma Mosse noch treiben wird, bis sie gegen einen armen Menschen ihre Pflicht erfüllt.

Rosi sah ich gestern nur flüchtig, heute noch garnicht. Vielleicht ruft sie noch an. – Sonst nichts Bemerkenswertes. Nur ein Malheurchen, das Ende eines erträglichen Zustandes: Halbe hat den Burgfrieden zwischen mir und Friedenthal, dem jungen Mann eben jenes Rudolf Mosse, wieder hergestellt. Der Schmock muß also wieder begrüßt werden – bis zum nächsten Krach.

 

München, Dienstag, d. 17. November 1914

Ein neuer großer Sieg Hindenburgs über die Russen, die gleichzeitig bei Plock und entscheidend bei Wloclawec geschlagen wurden. Vorläufig meldet die Heeresleitung 28000 Gefangene und 80 Maschinengewehre nebst vielen Geschützen als Beute. Demnach haben die Optimisten doch recht behalten, die den Rückzug aus Polen als das Aufsuchen eines den Deutschen genehmeren Terrains auslegten. Ob der Sieg als endgültige Sicherung Posens, Ostpreußens und Schlesiens gegen russische Einbrüche aufzufassen ist, wird sich heute noch nicht entscheiden lassen. Ich freue mich über jeden deutschen Erfolg im Osten, weil ich das Vordringen des Zarismus nach Westen als Stärkung des russischen Absolutismus und also Schwächung der revolutionären Kräfte Rußlands betrachte. Die Siege in Frankreich und Belgien und die gegen die Engländer sehe ich mit nur einem heiteren Auge an, das die Möglichkeit zugibt, jeder deutsche Erfolg könnte die Schrecken der Kämpfe abkürzen. Das andre ist naß. Denn den Verlust Elsaß-Lothringens würde ich nicht für ein Unglück halten, wohl aber – und zwar für den Verlierer wie für den Empfänger – die Annektion Belgiens. – Der Heilige Krieg scheint rapid um sich zu greifen. Überall, wo Mohammedaner sind, wird von Gärung und Aufstand berichtet. Die Türken haben bis jetzt gegen die Russen Erfolge, dagegen haben ihnen die Engländer in Sinai eine Niederlage beigebracht.

Der Winter hat eingesetzt. Den ganzen Tag fällt Schnee und auf den Straßen liegt unermeßlicher Dreck. Wie entsetzlich, bei solchem Wetter in den Schützengräben liegen zu müssen! Eben war Zenzl da. Sie brachte meine Wintergarderobe in Ordnung. Rosi suchte mich mittags im Stefanie auf. Sie habe mich auch gestern dort gesucht, und morgen will sie zu mir kommen. Wenn diese Freundschaft eines Tages leidenschaftliche Formen annehmen sollte, – ich glaube, von der Frau käme ich nicht wieder los!

Heut hat Dr. Hauschildt seinen 50ten Geburtstag. Ich brachte ihm mein Gedichtbuch als Dank für seine guten Bemühungen um mein Wohlergehn, für die er nie einen Pfennig liquidiert hat. Salve!

 

München, Mittwoch, d. 18. November 1914.

Um 3 Uhr will Rosi hier sein (jetzt ist es ¼ nach 2). Ihre ein wenig posierende Art läßt garnicht voraussehn, wie sich unsre Beziehung gestalten wird. Heut erhielt ich einen Brief von ihr, der 4 Tage unterwegs war, und der mich seltsam, und eigentlich nicht sonderlich angenehm, berührt. Sie warnt mich in sonderbar bildhafter Sprache vor sich: „Denken Sie, daß ich ein Zerrspiegel bin, ausgelaugt durch die Strömungen dieser Wochen. Seien Sie verliebt, aber lieben Sie mich nicht, Sie würden erfrieren.“ Das ist alles so preziös-literarisch und könnte mich abschrecken, sähe ich nicht immer das liebe lustige Gesicht und hörte nicht die melodiöse Stimme und fühlte nicht das anständige Herz und das ernste Leiden der Seele. – Vorhin kam ich Zeitung lesend die Straße entlang. Als ich aufsah, kommt sie lachend von der andern Seite und reißt den breiten Hut bubenhaft-lustig vom Kopf, daß die kurzen brauen Haare durcheinanderschütteln. Sie ging mit einer mir fremden Dame. Dann ging ich grüßend vorbei. – Ich wäre sehr glücklich, wenn sich eine gegenseitige Liebe zwischen uns herausbildete. Ich wollte den Spiegel wohl blank putzen mit meinen Küssen, daß er keine Zerrbilder mehr reflektierte, sondern die besten und gütigsten Konturen der Welt zeigte.

Gestern nachmittag kam die Gräfin ins Stefanie – mit Rolf. Sie hat eine schwere Krankheit überstanden, sah aber frisch, jung und bildhübsch aus. Wie diese Vierzigerin sich hält, ist fabelhaft. Ich glaube nicht, daß ein einziger Mann sie verschmähen würde. Rolf ist ein erwachsener Mensch geworden. 17 Jahre alt, lebhaft, sicher ganz gescheit, von sehr aristokratischem Aussehn. Er will sich als Kriegsfreiwilliger melden. Seine Mutter ist entsetzt, nennt das eine Indianergeschichte, die er erleben will. Ich war angenehm enttäuscht von dem Jungen, den mir Friedel recht garstig geschildert hatte. (Der Kriegsenthusiasmus wird ihm schon noch vergehn).

Abends war ich mit Rauscher beisammen im Franziskaner (mit Geheeb und Frau, Wahl und Frau, Beiger, Kloppholz und Scher). Heut zum Frühschoppen ebenfalls (Thoma, Marietta, Nadler, Ziersch, die Wimplinger, Wahl). Gustl Waldau kam hin. Er hat wegen Skorbut einen Kriegsurlaub. Sieht frisch aus, ist aber ernster geworden. Ein lieber Kerl.

Über den Krieg wissen die Blätter heut wenig Neues.

 

München, Donnerstag, d. 19. November 1914

Sie wünschte, daß ich ihr einen individuellen Namen gebe, und so nenne ich sie von gestern ab Roja. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird diesem Namen Roja in der galanten Historie meines Lebens doch noch ein erlesener Platz vorbehalten sein, – es sei denn, daß vorzeitige räumliche Trennung den Vormarsch der Herzen und der Sinne noch zum Stehn brächte. Diese Burg ist nicht uneinnehmbar, so weit entfernt ich auch noch von ihrem Besitz sein mag. Aber sie ist weder im Sturm noch durch listige Verführung zu erobern. Ihre Wege müssen langsam gangbar gemacht werden. Ein vielleicht langer Belagerungskrieg ist nötig – und plötzlich werden sich eines Tags die Zugbrücken senken, und der Sieger wird jubelnd empfangen werden in einem Reich von Glückseligkeiten ... Wenn nicht die räumliche Trennung eintritt. Roja hat sich nach der Türkei als Pflegerin gemeldet. Jaffé bemüht sich, sie in Heidelberg an einem Lazarett anzubringen, – und ich glaube selbst, daß (vielleicht außer mir) keine Attraktionen für sie in München sind. Daß ich sie gern habe, freut sie – sie hat mir das gestern klar heraus gesagt. Sie hat sich auch gegen meine Zärtlichkeiten nur sehr wenig gesträubt und mich mehrfach sehr lieb gestreichelt. Aber sie ist nicht zum Kuß zu bewegen und verweigert mir beharrlich den Mund. Vielleicht, kündigte sie an, werde sie eines Tages von selber kommen und sagen: Me voilà!  –. Ich werde mich also in Geduld fassen. Denn zum Unglücklichlieben bin ich doch wohl schon zu alt.

Eugen Dühring läßt mir neuerdings manchmal Sonderdrucke seiner Zeitschrift „Personalist und Emanzipator“ zugehn. Jetzt erhielt ich die Oktober-Nummer (Nr. 338). Sie enthält einen Aufsatz von ihm „Verkehrszerrüttung“, der in seinem etwas belfernden Stil aber mit der ganzen phänomenalen Schärfe dieses gigantischen Geistes die Wirkungen des Kriegs auf den Verkehr (im handelstechnischen wie volksethischen Sinne) behandelt. Er erhofft von den Ereignissen – insbesondere von einem Aufstand in Indien – besonders den Genickstoß gegen England. „Soll es in der Welt und im Laufe der brennenden Geschichte noch einen Schatten der Gerechtigkeit geben, dann muß das Britenreich nicht blos in Stücke gehn, sondern in Atome zerstieben!“ Kräftige Spitzigkeiten richtet er auch gegen Deutschland und gegen das schwindelhafte Verfahren mit den „Darlehns-Kassenscheinen“, („Wischgeld“ – nennt er es). „Die mysteriösen Wertbeziehungen, die auf diese Weise für Menschen und zwischen Waren entstehn sollen, nehmen sich aus, als wenn man dekretiert hätte, daß von nun an nicht etwa Eins gleich Zwei, sondern Null gleich Eins, also Nichts gleich Etwas zu gelten habe! – Es ist prächtig, wie kämpferisch und kritikklar sich der blinde fast 82jährige Eiferer von Nowawes bis zum heutigen Tage erhalten hat.

Der Krieg (Dühring sagt: „Das Gegenteil von Verkehr ist die feindliche Begegnung“) ist ohne neue Ereignisse von Belang. Nur hat England wieder 1 Million neu auszuhebende Truppen und 10 Milliarden Mark bewilligt. Von der Insel droht größere Gefahr, als unsere Schachtisch- und Kegelbahn-Kannegießer je einzusehn vermögen. Denn bei den nüchternen Engländern setzt jetzt erst Leidenschaft ein – und die ist mehr als gefährlich. – Serbien soll am Ende seiner Widerstandskraft sein. Gäb’s nur erst an einer Stelle Frieden! Dann stellt sich vielleicht bald überall das Bedürfnis ein, Schluß zu machen mit der Sauerei. Wer siegt, ist ganz einerlei für die Menschheit.

 

München, Freitag, d. 20. November 1914

Roja will mich antelefonieren, und dann wollen wir zusammen zum Puma gehn. Gestern sah ich sie garnicht, da sie unsre Verabredung telefonisch aufhob. Aber sie sprach ihr Bedauern über die Verhinderung so herzlich aus, daß ich mich sehr freuen konnte. – Unter früher eingelaufenen Büchern fand ich gestern zufällig eins mit dem Titel: „Itremati: Eine Harlekinade in 3 Akten“ von Lamoral Farussi. (Verlag Eduard Kosmack, Wien) (ohne Jahreszahl). Dieser Farussi (recte Seyerlen) war Rojas große Liebe. Sie hat lange Zeit mit ihm gelebt. So las ich also das Buch – und bin sehr enttäuscht. Eine prätentiöse Nichtigkeit ohne Bildkraft, ohne Erfindung, ohne Gestaltung. Eine ästhetische Abendunterhaltung mit Abschweifungen in die letzten Dinge des Cafés des Westens. Eine aufgeblasene Null muß der Herr Farussi sein – und aus seinem Einfluß erklärt sich mir nun manches, was mir bei Roja mißfällt: vor allem die literarische Geschwollenheit, die ihr oft im Gespräch unterläuft, das Sich-selbst-Interessant-Vorkommen und die nicht immer ganz echte Launenhaftigkeit. Das alles aber sind aufgesetzte Kappen über einer großen, sehr schönen und tiefanständigen Natürlichkeit, und ich glaube fest, daß es mir schnell gelingen wird, das Mädchen vor sich selbst und vor andern ganz so rein wiederherzustellen, wie sie ist und wie sie wohl tiefinnerst sein möchte. Gäbe sie mir nur Gelegenheit zu der Rekonstruktion!

Papa schickt mir ein Paket, enthaltend meine Barmitzwoh-Wertsachen, nämlich goldne Manschettenknöpfe, (Kaiser-Friedrich-10 Markstücke mit angelötetem Blechverschluß), die ich von Onkel Hermann und Tante Jeannette hatte, eine goldne Kitschschlipsnadel, mit sehr kleinen Edelsteinchen garniert, (von Onkel Henry) und zwei alte österreichische Silbermünzen, etwa 10 Kronen im ursprünglichen Wert, von Onkel Weiß. – Ferner von Papa selbst eine Kiste Zigarren und eine Wurst, von den Geschwistern ein Kistchen Zigarillos, ein Paar wollene Handschuhe, eine Tüte Pfefferkuchen, eine Tafel Chokolade und eine Zigarrenschere. Ferner noch 5 Mk, die der Alte noch aus meinem Besitz aufbewahrte. Aus den Wertsachen hoffe ich immerhin 30 – 40 Mk herauszuschlagen, sodaß dieser Monat wohl wieder als glücklich entkümmert anzusehn sein wird, zumal, was ich wohl einzutragen vergaß, inzwischen 50 Mark vom Berl. Tgbl. eintrafen, die noch fast intakt sind. Die Wurst und einen Teil der Pfefferkuchen erhielt Zenzl. Die übrigen Fressalien will ich zwischen Lotte und Roja aufteilen.

In der Torggelstube gings gestern wieder interessanter zu als gewöhnlich. Hans Olden war von Wiesbaden herübergekommen. Außerdem Gumppenberg, Meßthaler und Harry Kahn. Ich geriet hart mit Gumppenberg aneinander, der die ganze französische Nation irrsinnig geworden findet (die deutsche natürlich nicht), auch nicht zugeben wollte, daß das Ultimatum Österreichs an Serbien gleichbedeutend war mit der Kriegserklärung Deutschlands an Europa. Später kamen wir uns näher, als er von den vielen wertvollen Menschen sprach, die begeistert freiwillig in den Tod gehn, obwohl sie doch lebend viel Wichtigeres für die Allgemeinheit geben könnten als das Stück Fleisch. Ich widersprach vom Standpunkt des Revolutionärs aus, der ebenfalls bereit sei, sein Leben für die Idee herzugeben, worauf Gumppenberg den Einwand brachte, daß dessen Tod bemerkt würde, während der Kulturmensch im Kriege genau soviel gelte wie der Bauernknecht, der zum ersten und einzigen Mal im Leben eine Idee in sich fühlt. – Als ich allein über den Gegenstand weitersann, mußte ich zugeben, daß der Revolutionär der ethisch Höhergestellte ist, da er für die eigne Idee stirbt, in einem Kampf, den er selbst hervorrief, während der Soldat den Krieg, dem er sich willig opfert, ganz gewiß nicht selbst herbeigeführt hat.

Neue Entscheidungen sind nirgends gefallen. Wie lange nur noch die Schlacht in Flandern und in den Argonnen dauern soll? Seit Monaten werden uns täglich Kämpfe und Fortschritte gemeldet – gleichmäßig auf beiden Seiten. Es scheint, als sollte der Krieg gegen Frankreich an der völligen Erschöpfung der ganz gleichwertigen Gegner langsam zerbrechen.

 

München, Sonnabend, d. 21. November 1914.

Weiber! Ich bin immer der, der die Frauen gegen die anmaßliche Einschätzung der Männer in Schutz nimmt. Ich bestreite ihren „psychologischen Schwachsinn“, ihre Unfähigkeit zur Logik, kurzum alles, was unter der Bezeichnung „Minderwertigkeit“ den Männer als Anlaß herhalten muß, um den Herrn über sie zu spielen. Eine einzige Eigenschaft aber scheint wirklich Allgemeingut sämtlicher Frauen zu sein, die sie – und zwar moralisch – unter den Mann stellt. Das ist die Unpünktlichkeit. Ich wenigstens erinnere mich aus meiner sehr großen Praxis noch keiner einzigen Freundin, die in der Innehaltung von Verabredungen absolut zuverlässig gewesen wäre. Das ist für mich bei meiner fast übertriebenen Genauigkeit darin doppelt lästig. Aber meine Hoffnung, ein Mal im Leben eine pünktliche Frau kennen zu lernen, werde ich wohl aufgeben müssen. Unpünktlichkeit ist eine moralische Untugend. Frauen und Mädchen können, wenn sie irgendwo geschäftlich verpflichtet sind, die Zuverlässigkeit einer Normaluhr haben. Den Liebsten aber lassen sie wegen irgendeiner Laune oder weil ihnen „was dazwischen kommt“, mit der größten Seelenkälte stundenlang über die verabredete Zeit warten oder versetzen ihn auch ganz. Sie haben also nur einen geschäftlichen Antrieb zur Innehaltung ihrer Verpflichtungen, keinen moralischen. Somit ist Unpünktlichkeit in der Tat ein Zeichen des Mangels an moralischem Gewissen.

Um ¾ 5 Uhr sollte ich gestern Roja treffen, an der Ecke Friedrich- und Herzogstraße. Von da wollten wir zusammen zu Lotte Pritzel gehn, die uns um 5 Uhr bestellt hatte. Ich war mit meinen aus Lübeck eingetroffenen Wertsachen in der Stadt herumgelaufen, hatte für die Manschettenknöpfe 19 Mk 50 erhalten und dann vergeblich versucht, die Nadel und die österreichischen Münzen zu mehr als dem Metallwert abzusetzen, um plötzlich auf die Zeit aufmerksam zu werden und in Eilschritten die Friedrichstrasse hinunterzujagen, an deren Ende ich ein paar Minuten vor ¾ 5 ankam. Dort konstatierte ich zunächst, daß die von Roja bestimmte Ecke überhaupt nicht existiert, da die Friedrichstrasse in die Kaiserstrasse mündet und von der Herzogstrasse an der Ursula-Kirche entlang durch die ganze Länge der Victoriastrasse getrennt ist. Ich patrouillierte also jetzt eifrig am Kaiserplatz entlang, immer von der Friedrich- zur Herzogstrasse bis zum Pünterplatz, wo sie Besuch machen wollte. Es war bös kalt, denn der Winter ist kräftig übers Land gekommen. Roja erschien nicht. Nach mehr als einer halben Stunde ging ich endlich allein zum Puma hinauf, das ich doch nicht garzulange warten lassen wollte. Aber siehe da: mein Puma war nicht zuhause und ich sah mich zugleich von zwei Weibern versetzt. Immer in der Angst, ich könnte Roja vielleicht bei der Unsicherheit des Rendez-vous-Platzes blos verfehlt haben, begab ich mich gegen ½ 6 endlich auf den Heimweg – total durchgefroren und erfuhr, daß inzwischen eine Dame telefoniert hatte, was mich immerhin beruhigte.

Abends wurde ich dann für meine Enttäuschung ein wenig belohnt. In der Torggelstube erschien überraschend (mit dem Dr. Ritscher) Gertraude v. Bismarck; sehr lieb und hübsch. Trotz der guten Unterhaltung drängte ich vor 12 Uhr zum Aufbruch, da mich eine unbestimmte Ahnung ins Café Stefanie zog. Kurz vor Torschluß langte ich dort an – und richtig: in großer Gesellschaft saß Roja da, kam auf mich zu und entschuldigte sich so lieb und herzlich – ob ich ihr es je im Leben verzeihen könnte?! –, daß ich mit ihr, mit mir und mit aller Welt tief ausgesöhnt schlafen ging. Nächste Verabredung erst morgen Mittag. Hoffentlich kommt sie diesmal.

Die Kriegslage ist unverändert. Aber die „Münchner Zeitung“ bringt heut einen auffälligen Leitartikel, in dem mit dem Beschimpfen Italiens eingesetzt und entschieden darauf vorbereitet wird, daß dieser „Verbündete“ die längste Zeit neutral war. Ein solches schundiges Mistblatt, das an Gesinnungslosigkeit und Dummheit die M. N. N. nahezu erreicht, druckt einen derartigen Artikel natürlich nicht ohne Wink von oben. Es scheint also, als ob die Peripherie des Krieges in der nächsten Zeit wieder um einige Grade verbreitert werden sollte. – Den Brief eines Offiziers, den das Blatt dem Berliner Lokal-Anzeiger abdruckt, lege ich als Dokument der Zeit diesem Heft bei. Darin wird geschildert, wie bayerische Soldaten gefangenen Engländern die deutsche Sprache andressieren. Man zeigt ihnen das Bild des Kaisers und die wehrlosen Menschen müssen – soll nicht das Bajonett in Aktion treten – dreimal Hurrah brüllen. Diese Brutalität scheint mir schlimmer als das Augenausstechen und Kastrieren, über das soviel geschrieben wurde. Denn solche Greuel, falls sie wahr sind, werden in der Leidenschaft verübt, von einzelnen, hysterisch gewordnen Verzweifelten. Hier aber ist kalte Überlegung bei der Tortur am Werk. Und ärger als das viehische Verfahren der bayerischen Soldaten dünkt mich die feixende Freude des berichtenden Offiziers und die niedrige Gesinnung der Zeitungen, die solche Niedertracht als Ruhmestat verbreiten.

Wie mir die Gräfin kürzlich berichtete, befindet sich Johannes Nohl in Ascona. Ob er sich beim deutschen Konsulat gestellt hat (als Ersatzreservist) oder Deserteur geworden ist, wußte sie nicht. Wahrscheinlich hat er wenigstens versucht, den gesetzlichen Ansprüchen zu genügen, damit er sich nicht für alle Zeit die deutsche Grenze versperrt hat. Jedenfalls bin ich froh, ihn in Sicherheit zu wissen.

 

München, Sonntag, d. 22. November 1914.

Vorhin brachen mir urplötzlich die Tränen aus. Den äußeren Anlaß gab der Zeitungsbericht, daß das Weihnachtsschiff der amerikanischen Kinder, beladen mit Spielzeug für die Kinder der Soldaten abgegangen sei und nun in allen am Kriege beteiligten Ländern Häfen anlaufen und Gaben abladen soll. Warum ich deswegen weinen mußte, weiß ich nicht recht. Vielleicht war mir mit einem Male die Idee deutlich geworden, wie innig doch alle Welt miteinander verbunden ist und wie entsetzlich das schreckliche Gemetzel die schönsten Zusammenhänge zerreißt. Vielleicht war es auch nur eine sentimentale Anwandlung, die ich brauchte, um wieder einmal die latente Verzweiflung über die ungeheuerlichen Ereignisse abzureagieren. Denn ich bin schwer überreizt. Ich merke das an hundert Dingen, nicht zuletzt an der Energielosigkeit zur Arbeit, und am meisten an dem erhitzten Gefühl für Roja, durch das ich mir Jenny nicht verdrängen lassen möchte, – und das mich doch (ich fühle es) bald vor schwere Konflikte stellen wird. Ich habe die Empfindung, daß auch sie mich, vielleicht noch uneingestanden, liebt. Aber ich habe Furcht vor der Entwicklung dieser Liebe, so leidenschaftlich ich mich nach ihrem Aufflammen sehne. Soviel steht fest: Roja hat alle Voraussetzungen, um mir so stark Erlebnis zu werden, wie es bisher nur Frieda und Jenny mir geworden ist, und wie vielleicht Ella es hätte werden können. – Wenn mir jetzt Jenny den Abschied gäbe, – ich wäre wohl tief unglücklich. Aber ein Gefühl der Erlösung wäre auch dabei. Denn ich fange an, schlechtes Gewissen zu bekommen.

 

München, Dienstag, d. 24. November 1914

Ich sitze in einem fremden Zimmer und warte auf Rojas telefonischen Anruf. In meiner Bude ist Qualm und Kälte, und der Hafner soll heute den Ofen reparieren. Der Winter, der hundekalt werden dürfte, hat schon vor mehreren Tagen kräftig eingesetzt – also ungewöhnlich früh. Heut ist’s dafür etwas wärmer, aber entsetzlich dreckig. Man muß sich dabei immer vergegenwärtigen, wie scheußlich es die armen Kerls im Felde haben. Auch Köhler ist dabei. Er schrieb mir aus dem Dreck, der vor Frost krache, eine nette Postkarte. Aber er ging ja freiwillig.

Meine Hoffnungen auf Roja werde ich stark dämpfen müssen. Sie erzählte mir gestern viel aus ihrem Leben. Eine tragische Frühgeburts-Geschichte hat sie sehr entmutigt. Ihr Blut verlange jetzt keinen Mann, und die Hoffnung auf ein Kind, die sie lange Jahre ganz ausfüllte, hat sie ganz aufgegeben. Es wird wieder der Fall werden, wo ich uneigennütziger Freund sein muß, Beichtvater, Tröster und Helfer in der Not. Ich pumpte Roja gestern 30 Mark, die ich wiederkriegen soll. Es wäre mir schon lieb. – Daß sie mir ihre Besuche schon mit der vorsorglichen Bitte ankündigt: „Aber nicht küssen!“ stimmt mich wenig optimistisch. Ich werde alles ohne Beschleunigung und ohne Widerstand an mich herankommen lassen.

Gestern abend sollte ich Käte Stefanie und Direktor Meßthaler miteinander bekannt machen, da beide ein Verhältnis suchen, und ich dem hübschen Mädel gern zu einer auskömmlichen Lebenshaltung verholfen hätte. Das dumme Luder versetzte mich, und ich mußte ohne sie zum Rendez-vous bei Gusmaroli gehn, bekam aber auf diese Weise gratis Abendbrot. Nachher im Torggelhaus erzählte Gumppenberg, er habe das Fermasche Problem gelöst, hatte aber 1000 Bedenken, sich nun damit um den Wolfskehlschen Preis zu bewerben, die Zunft-Mathematiker seien doch zu dumm, um seine Gedankengänge zu begreifen. Der typische Fall von Forschungs-Dilettantismus.

Das Kriegsbild ist ganz unklar. Im Westen ist alles beim Alten. Weder in Flandern noch in Nordfrankreich, weder in den Argonnen noch anderswo ist für eine der Parteien ein Vorteil ersichtlich. Im Osten scheint trotz Hindenburgs Sieg bei Wloclawek-Kutno die Schwierigkeit für die Deutschen wieder sehr groß zu sein. Die Russen sind in Ostpreußen, und niemand kann wissen, ob dort ein zweites Tannenberg gelingen wird. Die neue Schlacht in Polen steht offenbar schlecht. Denn gestern kündigte der Bericht der Obersten Heeresleitung an, daß dort von Warschau aus russische Verstärkungen heranrücken, durch die die Entscheidung hinausgeschoben werde. Ganz böse aber muß es den Österreichern gehn, die in ihrem heutigen Siegesbericht den scheinbar ganz harmlosen Satz einfließen lassen: „Die Kriegslage brachte es mit sich, daß wir einzelne Karpathenpässe dem Feind vorübergehend überließen.“ Dies „Vorübergehend“ ist wieder mal reizend. Die Blätter beeilen sich, die Mitteilung als völlig bedeutungslos hinzustellen. Vermutlich soll das Publikum eines Tages mit der Wahrnehmung überrascht werden, daß die Karpathenpässe der Zugang nach Pest und Wien sind. Die Türken melden überall Siege, die mit Vorsicht aufzunehmen sind. Wahr scheint hingegen zu sein, daß sie den Suez-Kanal besetzt und gesperrt haben, was für England eine böse Geschichte wäre. – Die fürchterlichen Einzelheiten, die man fortwährend berichtet bekommt, sind kaum mehr zu ertragen. Blut – Blut – Blut. Die ganze Erde ist eine Schlachthalle geworden.

 

München, Mittwoch, d. 25. November 1914

Heut will ich, sofern nicht Roja meine tiefste Beteiligung für sich fordert, den zweiten Auftritt der Wally Neuburger schreiben oder doch beginnen. Die inneren Widerstände gegen jegliche Arbeit sind unermeßlich groß. Aber vor einigen Tagen ist doch wieder mal ein ganz lyrisches Gedicht entstanden: eigentlich das erste seit dem Erscheinen des Versbandes. („Ist’s nicht, als wäre ich längst vorbei am Ziel, das meine Augen maßen?“ etc). – Roja durfte ich gestern nur auf einen Gang begleiten. Sie erfüllt mich sehr.

Der Krieg scheint mir an einem entscheidenden Punkt angelangt. Ich habe das Gefühl, als ob im Westen bald etwas geschehn müsse, was entweder den Rückzug der Deutschen aus Flandern oder ihren Vormarsch gegen Calais entscheidet, und daß die neue Schlacht in Polen für einen der Beteiligten katastrophal ausgehn werde. Die letzten amtlichen Berichte lassen beide Möglichkeiten gleich denkbar scheinen.

Herr Kies zeigte mir vorhin einen Brief von Max Rosenthal, der in Prenzlau als Musketier eingezogen ist. Was mich besonders darin freute, war das starke dankbare Bekenntnis zu mir. Ich hätte ihn vor sich selbst frei und unbefangen gemacht. Mein Portrait stehe auf seinem Schreibtisch. – Es ist schön zu wissen, daß man von seinem Besten an junge Menschen abgeben konnte.

 

München, Donnerstag, d. 26. November 1914

Alle Symptome deuten auf Verliebtheit, und da Roja sich gestern weder gezeigt noch gemeldet hat und auch heute noch kein Zeichen von sich gab, auf unglückliche. Ich bin fortgesetzt im Zustand ungeduldigen Wartens, Aufhorchens, Ausschauens, und sehne mich nach ihrem guten Blick, ihrer energischen Haltung, ihrem starken Händedruck wie nach einem Bad bei hitzigem Marsch. Ich bin aber entschlossen, mir, falls sie Schindluder mit mir treiben sollte, einen Ruck zu geben und tragischen Verwicklungen im vorhinein die Voraussetzungen zu nehmen.

In Polen scheint die für Deutschland und Österreich günstige Entscheidung gefallen zu sein oder unmittelbar bevorzustehn. Gestern meldete das deutsche Hauptquartier, die Gegenoffensive der Russen aus der Richtung Warschau sei gescheitert, und das österreichische, daß die „gewaltige Schlacht“ fortdaure und die Österreicher bis jetzt 29000 Russen gefangen und 49 Maschinengewehre erbeutet hätten. Sehe ich einmal davon ab, daß dergleichen Erfolge mit unsäglichem Mord und Jammer verbunden sind, so freut es mich doch, daß die Russen geschlagen wurden. Ein verlorener Krieg der Russen bedeutet zweifellos die Wiederaufnahme der Revolution, die auch 1905 unmittelbar an den unglücklichen japanischen Krieg anschloß. Hoch erfreulich fände ich auch – aus Gründen der Menschlichkeit sowohl wie aus solchen weltwirtschaftlicher Hoffnungen – die Niederlage Englands, sofern sie den Verlust Ägyptens und Indiens mit sich brächte. Die Wegnahme deutscher Kolonien durch England und Japan scheint mir dagegen keine Stärkung des Kolonialsystems überhaupt, weil der Kampf modernstaatlicher Mächte gegeneinander den Eingebornen überall den Mut zur Selbstbefreiung stärken wird. Hoffentlich gelingt es durch den Heiligen Krieg auch den Marokkanern, sich von den Franzosen und Spaniern zu befreien, – und hoffentlich gelingt es den Deutschen nicht, den Krieg gegen Frankreich bis zu dem Ende zu führen, das unsern Expansionsromantikern die willkürliche Festsetzung der Friedensbedingungen gestattete. Wenn Deutschland Marokko und den Kongo nimmt, so ist der Kolonialwahn nicht geschwächt, sondern nur unter andre Flagge gestellt. – Wenn aber Deutschland Belgien und womöglich bis zur Maaßgrenze Ost-Frankreich annektiert, dann sehe ich für Kultur und öffentliches Leben die schauderhaftesten Folgen für uns alle voraus. Österreich-Ungarn mag immerhin Serbien und Montenegro einstecken. Dann hätte die widerliche Raubmonarchie wohl endlich den Dynamitpfropfen im Hintern, der das Schandgebilde eines Tags auseinandersprengte.

Von Ziersch erhielt ich gestern 10 Mark, die er lieber mir als dem Schutzverband geben wollte. Da mir Fred die 30 Mk von diesem und vorigen Monat für die Zukunft nicht mehr in Aussicht stellen konnte, ist mir das Geld wertvolle Hilfe. Dennoch weiß ich nicht, wie der Weihnachtsmonat in diesem Jahr sich anlassen wird. Es geht, fürchte ich, den trübsten Zeiten erst noch entgegen.

 

München, Freitag, d. 27. November 1914

Ich bin erfüllt von einem Aufsatz von Romain Rolland im Heft 1 des VIII. Jahrganges der Züricher Zeitschrift „Wissen und Leben“ vom 15. Oktober „Über dem Ringen“, den mir Herr Kies lieh. Rolland hat seinerzeit in einem offenen Briefwechsel mit Gerhart Hauptmann in das gleiche Horn gestoßen wie alle andern: Richepin, Verhaeren, Maeterlink etc., die Deutschen Barbaren und Hunnen genannt und wohl redlicher und ruhiger als die andern, doch aber voreingenommen und befangen einseitig Partei genommen. Jetzt dementiert er sich selbst, wirft sich öffentlich vor, so schwach gewesen zu sein, wie alle andern. Der Artikel enthält wunderschöne Stellen, die jeder Geistige in jedem Lande unterzeichnen kann. Über die Haltung der Christen und der Sozialisten, über die Verhetzung der Völker, über den wahren Feind der Kulturen, den jede Nation in sich selbst hat, über all das, was unsereiner – ein Prediger in der Wüste – unter den Wenigen vertritt, die wenigstens noch manchmal angeärgert zwar, zuhören können, und über den Frieden, der auch Versöhnung heißen soll. – Die erste derartige Stimme ist die eines Franzosen. Auch er muß sich eines Schweizer Blattes bedienen, um seinen Schmerz ausströmen zu können (der Artikel erschien zuerst im „Journal de Genève“). Auch er muß am Schluß bekennen: „Übrigens rede ich ja nicht, um sie zu überzeugen. Ich rede, um mein Gewissen zu entlasten ... Und ich weiß, damit entlade ich das von tausend andern in allen Landen, welche nicht reden können oder nicht zu reden wagen.“ Ich habe mir vorgenommen, das Wagnis zu reden auch auf mich zu nehmen. Ich will noch heute an „Wissen und Leben“ schreiben und anfragen, ob man von mir einen ähnlichen Artikel will, den ich vielleicht „Im Geiste Tolstojs“ nennen werde. Darin will ich namens deutscher Mitbefangner die Hand ergreifen, die aus Frankreich herlangt, und der Geist des großen Russen soll es sein, der die verbindende Geste erleichtern mag. Und aufrufen will ich zur Versöhnung und zur Gemeinschaft und Stimmung machen gegen diesen und jeden Krieg und einleiten die große Bewegung gegen den Krieg, an der sich alle Nationen beteiligen sollen in den Vertretern, die berufen sind: In den Künstlern und Geistigen, in den Anarchisten und Sozialisten, in den Pazifisten und vor allem den Frauen. Vielleicht gelingt es mir, ein weniges beizutragen zu dem heiligen Ziel einer neuen Kulturgemeinschaft der Menschen, die sich den Namen wieder verdienen wollen. Wir müssen eine neue Arbeiter- und Menscheninternationale schaffen.

Der Kampf in Frankreich und Flandern steht auf dem gleichen Fleck. Es scheint, als stoßen dort die beiden Gegner den letzten Atem aus, ohne daß einer dem andern wiche. So furchtbar das ist – großartig ist es auch. Man fragt sich immer wieder: Muß es wirklich sein, daß erst einer von beiden gedemütigt wird, ehe sich die Hände in Frieden finden? Es scheint, es muß sein. Der tierische Haß gegen die Engländer läßt es wohl nicht zu, daß die Völker sich näherkommen. Dieser Haß wird hier künstlich überall geschürt, und die Zeitungen bemühen sich krampfhaft, ihn zugleich für Englands Verbündete, die Franzosen, erhalten zu wissen. In Polen hat Hindenburgs Strategie bei Lovicz-Lodz unter Mackensen einen neuen großen Sieg eingeleitet. Schon gestern wurden „außer vielen Toten“ 40.000 unverwundete Gefangene, 100 Geschütze, 156 Maschinengewehre und ebensoviel Munitionswagen als Beute gemeldet. Freilich ist noch keine Entscheidung gefallen, und es wird wieder der Nachschub starker russischer Kräfte gemeldet. – In Galizien steht es für die Russen anscheinend noch immer vorteilhaft. Ob der Entsatz Przemysls zum zweiten Mal gelingen wird, ist zweifelhaft, und die Besetzung der Karpathenpässe, die gleichbedeutend ist mit der Okkupation ungarischer Komitate ist sicher keine solche Kleinigkeit, wie das offizielle Österreich glauben machen möchte. Über Lage und Aussichten des türkischen Kriegs läßt sich nach den widersprechenden Berichten noch garkein Urteil fällen. Sicher ist, daß die Türken das Ostufer des Suezkanals besetzt halten. – Portugal macht mobil und wird wohl in wenigen Tagen als achter Bundesgenosse des großen Verbands in die Ereignisse eingreifen. England hat wieder ein großes Linienschiff verloren „Bulwark“, das in der Themse, angeblich durch einen unglücklichen Zufall, explodierte und mit der ganzen Mannschaft versank. Vor einigen Tagen erst wurde der Verlust des Überdreadnought „Audacious“ mitgeteilt. – Der Seekrieg sieht ganz anders aus, als ihn sich jedermann vorgestellt hatte.

Mit Roja war ich gestern in der Torggelstube, wo sich prompt Dr. Muhr in sie verliebte. Wir waren dann noch mit Herrn Kaufmann bis ½ 3 Uhr nachts bei Muhr. Ich habe das Mädchen ehrlich lieb.

Wieder ein Opfer des Kriegs. Wie mir Rößler eben erzählte, (im Blatt fand ich’s noch nicht) ist Alfred Walter Heymel, aus Frankreich zurückgekehrt, an den Folgen in Berlin gestorben. Er war kein großer Dichter, aber ein Anreger und Helfer. Bierbaum und Blei haben das erfahren. Die „Insel“ war sein Werk und noch manches. Nicht viele Millionäre hat es gegeben, die so anständig mit ihrem Geld umgingen. Ich lernte ihn vor 2 oder 3 Jahren im Fasching kennen, als wir in der Gesellschaft von Fritz Behn beim Donisl allerlei Unfug trieben. Mir ist seitdem eine gute Erinnerung an den Mann geblieben, dessen Abenteurerleben eigentlich recht in seinem Stil geendet hat. – Sein Tod wird vielen sehr leid tun.

 

München, Sonnabend, d. 28. November 1914

Höchst interessant ist mir in der gestern schon zitierten Nummer von „Wissen und Leben“ ein weiterer Aufsatz des Herausgebers, Prof. E. Bovet, in dem er Auszüge aus dem Englischen Weißbuch über die Vorgänge unmittelbar vor und bei Ausbruch des Kriegs bringt. Daraus geht mit schlagender Sicherheit hervor, daß es sich in der Tat um einen eklatanten Neutralitätsbruch von deutscher Seite – und nur von dieser Seite – gegen Belgien handelt. Ich habe schon lange, als die deutsche Regierung Dokumente veröffentlichte, die den beabsichtigten Bruch der Neutralität Belgiens durch England beweisen sollten, Bekannten gegenüber gesagt, daß mir diese Schriftstücke nicht sehr viel sagen. Darin ist stets nur konditionell die Rede von einer Hilfeleistung für den Fall, daß Deutschland die belgischen Grenzen überschritte. Gegen diese Eventualität hat sich Belgien durch besondre Abmachungen schützen wollen, und es ist wohl sicher, daß die deutsche Absicht, von Belgien her Frankreich anzugreifen – die selbst ich längst vor dem Kriege kannte – erst recht den von tüchtigen Spionen bedienten ausländischen Mächten bekannt war. Nun geht aus den offiziellen englischen Publikationen mit einwandfreier Bestimmtheit hervor, daß sich Frankreich noch am 31. Juli England gegenüber absolut eindeutig und bindend verpflichtet hat, die belgische Neutralität zu respektieren, sofern sie nicht von einer andern Macht verletzt würde. Und was noch wichtiger ist: Deutschland hat auf wörtlich die gleiche Frage, die England an die französische Regierung stellte, garkeine Antwort gegeben. Am 3. August aber, als also Luxemburg schon von den Deutschen besetzt war, depeschierte der britische Gesandte in Brüssel, F. Villiers, an Gray:

„Die französische Regierung hat durch ihren Militärattaché, der belgischen Regierung die Unterstützung von 5 Armeekorps angeboten. Die Antwort lautete: „Wir sind der französ. Regierung für ihr Anerbieten einer evtl. Hilfe sehr dankbar. In den jetzigen Verhältnissen denken wir nicht daran, an die Garantie der Mächte zu appellieren. Die belgische Regierung wird später einen Beschluß fassen über die Haltung, die ihr notwendig scheint.“

In der Nacht vom 3ten zum 4. August aber drangen die deutschen Truppen schon über die belgische Grenze. Es ist klar, daß dieser Neutralitätsbruch das betroffene Land völlig überraschte. Alle jetzt in Deutschland versuchten Bemäntelungen ändern nichts an dem Rechtsbruch, den ja Bethmann-Hollweg am 4. August im Reichstag auch offen zugab (wofür man ihn sehr schilt). In einem Schriftstück des deutschen Staatssekretärs des Auswärtigen an den Botschafter Lichnowsky (vom 4. August) gibt dann die deutsche Regierung der englischen „die ausdrückliche Versicherung, daß Deutschland, sogar wenn es Belgien mit den Waffen bekämpfen sollte, unter keinem Vorwand belgischen Boden annektieren wird ... Es ist klar, daß wir vom belgischen Boden nichts mit Vorteil annektieren könnten, ohne uns zugleich auf Hollands Kosten zu vergrößern ...“ – Heute ist fast ganz Belgien von Deutschland annektiert – und mehr als wahrscheinlich ist, daß mindestens Teile Belgiens es auch nach dem Kriege bleiben sollen. Mir beweist sich durch die neuen Kenntnisse zuverlässig, daß das deutsche Volk von seiner Regierung ebenso unredlich orientiert wurde und wird wie alle andern Völker von ihren Strippenziehern. Bovet aber macht folgende nummerierten Feststellungen, gegen die sich schlechterdings nichts einwenden lassen wird:

„1.

Die englisch-französische Offensive durch Belgien ist eine bloße Behauptung.

2.

Sogar die Defensive war so wenig vorbereitet, daß sie scheiterte.

3.

Am 31. Juli hat sich Frankreich zur Achtung der belgischen Neutralität verpflichtet.

4.

Am 3. August hat die belgische Regierung das französische Anerbieten von 5 Armeekorps abgeschlagen.

5.

Auf die englische Anfrage des 31. Juli hat die deutsche Regierung weder ja noch nein geantwortet.

6.

Der supponierten französischen Offensive durch Belgien steht gegenüber die Tatsache der deutschen Invasion.

7.

Am 4. August hat der deutsche Staatssekretär feierlich erklärt, daß unter keinem Vorwande belgischer Boden annektiert werde, da eine solche Annektion nicht ohne Schaden von Holland geschehn könne.“

Ich beschränke mich vorläufig auf diese Auszüge in mein Tagebuch. Es gibt nur sehr wenige Leute, denen man auch nur die solidesten Fakten vorhalten kann, ohne gegen einen Panzer von voreingenommener Wut anzurennen. Den Artikel „Im Geiste Tolstojs“ habe ich gestern dem „Wissen und Leben“ vorgeschlagen.

Im Westen steht weiterhin absolut alles am alten Fleck. Im Osten ist die Situation nicht zu erkennen. Es sieht aus, als ob trotz aller Teilerfolge und Trophäen wenigstens Österreich übel dran wäre. Die Kämpfe in Galizien und den Karpathen dauern an. Przemysl scheint furchtbar bedroht, auch Krakau nicht mehr sicher zu sein, und Czernowitz ist, wie heute von Österreich ohne Beschönigung zugegeben wird, den Russen wieder überlassen worden. Vielleicht ist ja aber inzwischen der Erfolg von vorgestern ausgenutzt und eine Entscheidung in Polen herbeigeführt worden.

Was mein Privatleben anlangt, so ist mir die Beziehung zu Roja immer noch reichlich problematisch. Gestern sah ich sie nur flüchtig. Ob sie heute zu mir kommen wird? Ich will mich mal unterbrechen und sie gleich anrufen. – – Sie ist nicht zuhause, und ich fühle schon wieder ein tiefes Unbehagen. Nächste Woche will ihr Freund Mario Spiero, mein alter, nicht sehr geschätzter Bekannter, herkommen, der (Rojas wegen?) seine Gattin, Lizzy Kautz, verlassen hat. Ob ich mich auf Rivalitätsgeschichten einlassen werde, ist mir sehr zweifelhaft. Jedenfalls ist mir dieser Gedanke an die neue Situation nicht angenehm. – Ich werde mich wohl wieder mehr auf Zenzl konzentrieren, die nur leider konstant mit Frauenleiden zu tun hat, und mir wieder mal einiges aus dem Café Stefanie aussuchen. Ein paar Mädels dort, die ich noch nicht kenne, habe ich längst auf dem Kieker.

Heut früh war Zenzl mit den Damen Morstadt wieder bei mir. Papa Leyboldt in Hamburg hat sich noch nicht gemeldet. Ich werde ihm heute noch einmal etwas energischer schreiben. Nun hat aber die Mutter Morstadt selbst eine Tragödie, in der mein Rat hersoll. Sie hat vor drei Jahren ein Kind von einem Münchner Anwalt geboren, von dem ihr Ehemann, von dem sie seit vielen Jahren getrennt lebt, nichts weiß. Der natürliche Vater weigert sich plötzlich, weiter zu alimentieren, und da das Würmchen törichterweise als ehelich geboren gemeldet ist, ist die arme Frau in großen Ängsten. Ich werde Rosenthal den Fall zur Erledigung geben.

Gestern war ich bei einer Kutscher-Kneipe, die rührenderweise von den treuen Studenten, obwohl Kutscher im Felde steht, fortgesetzt wird. Ich las den jungen Leuten unter Beifall mein Essay „Volksfestspiele“ aus dem Kain-Kalender von 1912 vor. Meine Erholung und mein Trost war die kleine reizende Bismarck, die mir mit entzückender Schamhaftigkeit längst bekannte harmlose Zoten zuflüsterte. Leider liebt sie keine Bärte.

 

München, Sonntag, d. 29. November 1914.

Heute ist der 29. November, an dem nach einer Prophezeiung, an die alle Welt glaubt, sich ein entscheidendes Ereignis vollziehen soll. So wenig ich selbst von derartigen abergläubischen Vorstellungen ergriffen werde, so stehe ich doch den Äußerungen solcher Stimmungen viel ruhiger und gerechter gegenüber als die tapferen Rationalisten, die wer weiß wie robust auf alles übersinnliche Getue schimpfen und dabei wahrscheinlich selbst selten ganz frei sind von Gruselempfindungen. Das gemeinsame Sicheinstellen auf eine bange Ahnung oder eine gespenstische Hellseherei hat in dieser Zeit des naturwissenschaftlichen Unfehlbarheitsspleens immerhin den Vorzug, ein wenig mystischen Romantizismus in die Geister einzulassen. Manchem mag durch das künstliche Großziehn eines geheimen Grauens das durch alles Blut und Unglück gezüchtete Grauen ein wenig erträglicher werden.

Die Kriegslage bietet nach den letzten Berichten nichts Neues. Alles Erwarten ist nach wie vor auf das polnische Schlachtfeld gerichtet, während sich im Westen das Massenmorden programmmäßig weiter entwickelt, ohne zu Erfolgen zu führen. Im deutschen wie französischen Generalitätsbericht heißt es täglich stereotyp: Die Lage ist im allgemeinen unverändert.

Ich hatte gestern mit Halbe in den Torggelhaus-Katakomben eine sehr scharfe Auseinandersetzung, deren Zeugen nur Gustl Waldau (behangen mit dem Eisernen Kreuz) und der unabänderliche Schmock waren. Ich erzählte von Rollands Artikel, was mir sogleich leid tat, da Halbe sehr erregt das Einlenken Rollands als den Versuch erklärte, sich bei den Deutschen wieder einzuschmeicheln. Im weiteren Verlauf des Zusammenstoßes brach bei mir plötzlich die Erregung durch und ich stieß meinen ganzen Haß, die ganze Verzweiflung über den Krieg und das unerhörte Vernichten von Schicksalen aus. Der Ausbruch machte offenbar auf alle starken Eindruck, der dann durch Friedenthals sanft hingewälzte Kommentare paralysiert wurde. Halbe, der sich ganz heiser geschrieen hatte, und ich sagten uns nachher viele Schmeicheleien. Wir hatten beide die gute Empfindung, daß zwei wahrhaft ehrliche Geister gegeneinandergeprallt waren.

Roja sagte mir vorhin im Café flüchtig guten Tag. Morgen will sie in die Ansbacherstraße ziehn und mich Dienstag besuchen. Ob sie kommen wird?

Ferner will ich ein wohltuendes Gespräch mit Heinrich Mann erwähnen. Eine verwandte Seele. Die Patrioten würden sagen: Auch so ein Mießmacher! Er erzählte, daß nach englischen Zusammenzählungen die deutschen Verlustlisten die erste Million Namen abgeschlossen hätten. Da der Krieg ja angeblich erst anfängt, haben wir demnach noch tröstliche Zahlen zu erwarten.

 

München, Montag, d. 30. November 1914.

Ich gerate nach und nach in eine ziemlich trostlose Gemütsverfassung, die durch das Kriegsentsetzen wohl gefördert und verstärkt wird, aber nicht von ihm allein hervorgerufen ist. Mir kam es gestern plötzlich zum klaren Bewußtsein, daß ich unendlich vereinsamt bin. Mit meinen Empfindungen zu den gegenwärtigen schlimmen Zeiterscheinungen stehe ich absolut allein unter denen, die ich kenne. Wohl kann ich mit Einzelnen, besonders Mann, darüber reden. Aber es kommt dann eine unfruchtbare Lästerei heraus, weil alle von verschiedenen Instinkten aus in die Dinge schauen. Heinrich Mann leidet weniger unter den Schrecknissen als solchen. Er ist Partei: und zwar auf der französischen und belgischen Seite. Bei Meßthaler verläßt mich das Gefühl nicht, daß aller Widerspruch bei ihm vom kritischen Verstand aber nicht vom klagenden Herzen ausgeht. Und die Frauen, die natürlich ganz von innen her unter all dem Schmerzlichen leiden, kommen doch alle nicht zum Haß gegen die Einrichtung des Kriegs, sondern nehmen deutsche Partei und hassen die „Feinde“. Die Arbeiter, mit denen ich in Berührung komme, sind entweder hurrapatriotisch oder verängstigt. Ich weiß mich in meiner Herzenshaltung seltsamerweise am besten von dem Manne verstanden, deren eigne nicht geringer bewegt aber grundsätzlich adversär gerichtet ist: von Max Halbe. Aber mit dem führt die Verständigung über wütendes gegenseitiges Anschreien. – So hab ich niemanden, mit dem ich von der Seele aus reden kann.

Und das gilt nicht blos für den Krieg. Warum geht meine Arbeit so langsam vorwärts wie die deutschen Kämpfe im Argonnerwald? Weil ich sie in ihrem Entstehn niemandem vertrauen kann. Zenzl würde mir wohl zuhören und alles sehr bewundern. Aber was tue ich damit, da doch kein produktives Wort des Ansporns von ihr zu erwarten ist. Einen Freund, wie Johannes Nohl oder Hardekopf, habe ich nicht hier. Meine Sehnsucht steht mehr als je bei Jenny, bei der Klugheit und Lust am Küssen einander gut die Waage halten. Aber sie ist fort, und ich fürchte täglich mehr, daß die Traurigkeit der Verhältnisse, an denen der 76jährige Tyrann in Lübeck weder lebend noch sterbend etwas zu wandeln unternimmt, uns ganz auseinanderbringen wird. Viel und tief verlangend denke ich auch an Friedel, die ich verloren habe, obwohl sie durch jede kleinste Eigenschaft ihres Leibes und ihrer Seele zu meinem Weibe geschaffen ist. – Und nun hatte ich auf Roja gehofft. Sie schien mir vom Himmel hergesandt, um wieder Zutrauen und Ansprache und irgendwas von Gemeinschaft in mir zu wecken. Es scheint ein Irrtum gewesen zu sein. Ich fühle deutlich, in ihren Tiefen liegen große Schätze, die zu heben mehr als lohnend wäre. Aber sie sind furchtbar verschüttet. Es ist kaum möglich, in einem Gespräch mal zu ihr selbst zu kommen, weil immer Gereimtheit und Redensarten den Weg verlegen. Gestern abend rief sie mich im Torggelhaus an, ob sie hinkommen solle und wer da sei. Als ich ihr sagte, ich sei allein, mochte sie schon nicht mehr, was mich bitter verletzte. Sie kam dann doch und redete in der gemachten Weise von sich, die von allem nur ein verzerrtes Schattenbild zeigt. Sie könnte auffallen durch den natürlichen Rhythmus ihres Wesens. Aber sie fällt auf durch Auffallenwollen. Man merkt ihren Rhythmus nicht, weil sie das Wort Rhythmus fortwährend im Munde führt. Sie verliert an Interesse, weil sie kontinuierlich auf Interesse Anspruch macht. Sie will durchaus scheinen, was sie in sich selbst vermutet und scheint dadurch weniger als sie ist. Ich liebe das Mädchen – es hätte garkeinen Zweck mehr, das nicht einzugestehn. Sie weiß es auch, und sie freut sich drüber. Aber mich drückt es, mir fortwährend gestehn zu müssen, daß ich sie liebe trotz dieser und jener und fast aller Eigenschaften, und erst künstlich draufkommen muß, für welche Eigenschaften ich sie denn eigentlich liebe. Denn ich liebe sie nicht für die Eigenschaften, die sie zeigt, sondern für die, die sie verbirgt, obwohl sie sich mit wahrhaft peinlichem Eifer bemüht, sie zu zeigen. Ihre früheren Freunde scheinen sie in all ihren Posen und Frisiertheiten gekräftigt zu haben. Damit haben sie schlimm gesündigt. Nun hat sie aus ihren stärksten Erlebnissen Programme gebaut, hat ihre Erschütterungen stilisiert, und wenn sie weint, fürchte ich, läßt sie jede Träne ins richtige Kästchen ihrer seelischen Kontrollkommode tröpfeln. Ich mache sie wo ich kann, auf ihre Untugenden aufmerksam. Das wird mich auf die Dauer natürlich ihre Freundschaft kosten. Aber ich werde ihr nützen dadurch. Vielleicht bringe ich sie damit auch einmal zu einer ernsten und unstilisierten Einkehr, von der aus sie zum Besten ihres Selbst, zu dem, wofür ich sie liebe, zurückfindet. Ich träume davon, daß sie sich einmal in meinen Armen von Herzen ausweinen mag.

Der Krieg hat im Osten und Westen nichts Neues gezeitigt. Der kritische 29. November scheint ohne die erwartete Katastrophe vorübergegangen zu sein, wenn man nicht etwa in dem Umstand ein entscheidendes Unglück erkennen will, daß der Kaiser sich in Hindenburgs Hauptquartier eingefunden hat.

 

München, Mittwoch, d. 2. Dezember 1914.

Auf den östlichen Kriegsschauplätzen begeben sich offensichtlich entscheidende Dinge, deren Verlauf noch nicht zu übersehn ist. Die Russen hatten einen bedeutenden Vorteil in Polen gemeldet, und jetzt meldet das deutsche Hauptquartier eine „glänzende Waffentat“, die im Durchschlagen durch eine schon abgeschlossene Umzingelung bestand, wobei 12000 Gefangene gemacht wurden. – Da die Zeitungen stets verkünden, daß die Chancen der Deutschen überall allein aussichtsreich sind und alle Militärsachverständige ohne Ausnahme immer erst nachträglich von überwundenen mißlichen Situationen erzählen, ist es dem unbefangenen Laien ganz unmöglich, zuverlässige Schlüsse aus den amtlichen Kundmachungen zu ziehn. Man muß sich mehr oder weniger auf instinktmäßiges Raten und logisches Kombinieren verlassen. Danach scheint mir jetzt, als ob in Polen ein Hindenburgischer Entscheidungssieg bevorstände, aber die Österreicher in Galizien und der Bukowina nachhaltig im Nachteil sind. Die Meldungen der Türken einerseits, der Engländer und Russen andrerseits sind derartig widersprechend, daß sich niemand auskennt. Ebenso verhält es sich mit den Aufständen im Transvaal und in Marokko. – Portugal, das scheint jetzt fest zu stehn, greift nun in den Verlauf der Begebenheiten ein. Es soll zunächst schon 12,000 Mann nach Aegypten abgesandt haben. Morgen oder übermorgen wird also wohl die 22. – 24te Kriegserklärung zu erwarten sein, und das Heilsjahr 1914 wird noch zum Schluß das Blut mindestens einer weiteren Nation zum Opfer fordern.

Ich las (von Muhr entliehen) Thomas Manns „Tod in Venedig“ (Novelle. Bei S. Fischer 1913). Bei aller Schönheit der Sprache und des Entwurfs ist in beidem doch soviel Konstruktion und Künstelei, daß ich nicht zu reinem Genuß kam. Es entfaltet sich bei Th. Mann mehr und mehr eine aesthetische Geschrobenheit, und die Ausflüge ins Literarisch-Metaphysische grad dieses Buchs waren mir peinlich. Der Vergleich mit seinem Bruder Heinrich Mann trat stark zu dessen Gunsten zutage. Im „Professor Unrat“ schneidet Heinrich Mann stofflich ein verwandtes Thema an: Der korrekte Mensch, der durch ein erotisches Erlebnis aus dem Gleise gerät. Welche Sichtbarkeit, Überlegenheit, Ironie, Kraft, Gestaltung, – und bei Thomas dagegen eine ewige Abwägung des Worts, ein Herumfeilen und -kneten, eine Absichtlichkeit, die sich nie vergessen macht. Man riecht den Schweiß des Autors. Man sieht das Studierzimmer. Bei Heinrich dagegen weiß man nur vom Kunstwerk und seinen Gestalten und Begebenheiten, und sieht das Werk durch das Temperament und die gemeisterte Sprache des Dichters. Trotzdem: nächst Heinrich Mann ist Thomas Mann – auch im „Tod in Venedig“ – der stärkste deutsche Prosadichter.

Roja ist im festen Besitz meiner Nerven. Gestern rief sie mittags an und kam her. Ich kam auf den verruchten Gedanken, ihr meine Tagebuchaufzeichnungen über sie vorzulesen, die sichtbar starken Eindruck auf sie machten. Ja, sie war in aller Deutlichkeit bestrebt, sich sogleich durch die Tat zu bessern und gab sich natürlich und über alles Maß lieb und sympathisch. Ob sie mich je küssen und lieben wird? Ich weiß es nicht. Meine Zärtlichkeiten tun ihr augenscheinlich wohl. Sie lag lange Zeit auf dem Sofa, den Kopf an meiner Brust, und ich küßte ihre Haare und tastete ihren Körper ab. Nachher soll ich sie abholen (jetzt: Ansbacherstraße) und mit ihr ins Kino gehn.

Eine neue Bekanntschaft brachte Annie Balder gestern abend ins Torggelhaus mit. Eine Kollegin von den Kammerspielen: Mela Schwarz, eine Wiener Jüdin, recht hübsch, aber wenig mein Fall. Die „Salzgrisette“ nennt Rößler sie. Wir waren später – Annie B., die Salzgrisette, Meßthaler und ich bei Muhr. Mich zogs zu der blonden Balder, mit der aber Meßthaler wohl erfolgreich war oder sein wird.

Meine Pensionsrechnung hat die Höhe von 250 Mk erreicht. Höchstens 100 werde ich davon zahlen. Wie die Dinge weitergehn werden, ist mir völlig nebelhaft. Ich sehe einen sehr übeln Monat vor mir. – Das „Berliner Tageblatt“ bringt jetzt tatsächlich die „Begegnungen mit Ludwig Franck“. Block hat recht kindische Änderungen und Streichungen vorgenommen, mit denen er dem Artikel sämtliche Giftzähne ausgebrochen hat. Daß mein Name an der sichtbaren Stelle jetzt überhaupt gedruckt ist, kann immerhin vorteilhaft sein. Sähe ich nur nicht so zahm aus dabei!

 

München, Donnerstag, d. 3. Dezember 1914

Belgrad ist im Besitz der Österreicher, und so ist Hoffnung, daß in der Ecke, wo der Kriegslärm anfing, zuerst und zwar bald Friede sein wird. Sonst ist’s überall unverändert. Die Österreicher in Galizien und den Karpathen in Bedrängnis, die Deutschen in Polen in zuversichtlicher Position, in Frankreich alles beim Alten: Entscheidungslose Blutströme. Im Reichstag ist mit vielen Radamontaden eine neue 5 Milliarden-Forderung glatt und von allen Parteien bewilligt worden. Nur Karl Liebknecht ist bei der Abstimmung sitzen geblieben, wofür er von aller Welt beschimpft wird. Die Partei aber wird ihm wegen Disziplinwidrigkeit einen Ketzerprozeß machen. Ich freue mich über den Mut dieses Einzelnen. Ganz ohne Eindruck wird die Demonstration nicht sein, mancher wird nachdenken.

Mit Roja war ich gestern im Kientop. Sie war natürlich und ich umso mehr verliebt. Aber sie scheint[zeigt] durchaus keine Neigung zu engerer Beziehung. Dann nicht! – Der Berliner Verein für Kinder-Volksküchen und Volks-Kinderhorte lädt mich zu einem Beitrag ein für einen Almanach, der als Tombola-Gewinn für die vom Verein veranstaltete Ausstellung „Die Kinderfürsorge“ gedacht ist. Ich habe gern einen aphoristischen Beitrag geschrieben: „Die Seele des Kindes“, der weil er mir von Herzen kam, glaube ich, gut gelungen ist. Die beigelegten Ehrenkarten für die Ausstellung will ich an Jenny schicken.

 

München, Freitag, d. 4. Dezember 1914.

„Gott strafe England!“ – „Er strafe es!“ Das ist der neueste Gruß und Gegengruß der Deutschen, bei denen die Furcht vor der Lächerlichkeit ebenso unbekannt ist wie die vor dem Feind, mit dem man nicht in Berührung kommt. – Über die Kriegsereignisse sagt der offizielle Draht der letzten Tage nichts. Auf Umwegen erfährt man, daß Krakau von den Russen unmittelbar bedroht ist. Dagegen scheint die Lage in Nordpolen für die Russen übel zu stehn, was auch aus der Tatsache erhellt, daß der General Rennenkampf abgesetzt ist.

Gegen Liebknechts Haltung im Reichstag erläßt der Parteivorstand eine Erklärung, in der sie seinen Disziplinbruch „aufs tiefste“ bedauert. Es heißt, Liebknecht werde sein Mandat niederlegen. Ich werde ihm schreiben.

Roja pumpte mich gestern per Telefon um 10 Mark an. Ich schickte sie ihr brieflich zu und erwarte jetzt ihre telefonische Empfangsbestätigung. Ich hoffe sehr, das Geld wiederzukriegen, da ich mit wenig Geld den Monat antrete. Gottseidank hat sich Frau Kaderschafka damit einverstanden erklärt, daß ich monatlich nur 100 Mk abzahle. Sie will die Schuld, die jetzt schon auf 150 Mk angewachsen ist, geduldig weiter steigen lassen. Und was soll ich mir jetzt schon den Kopf zerbrechen über die Geldsorgen nach Ablauf des Kriegs? – Ich habe andre Sorgen. Nicht die kleinste davon ist die um meine Nerven. Ich spüre seit einiger Zeit beim Gehen eine schmerzhafte Schwäche im linken Fuß. Wahrscheinlich eine Rückenmarks-Neurasthenie; verbunden mit einer fast hysterischen Angst vor Impotenz. Hoffentlich ist Zenzl bald wieder imstand, mir die Überzeugung vom Gegenteil zu verschaffen. Ich lebe – abgesehn von Einsamkeits-Exzessen – keuscher denn je.

 

München, Sonnabend, d. 5. Dezember 1914

An Liebknecht habe ich geschrieben und ihm meine Glückwünsche zu seinem tapferen Verhalten übermittelt und zugleich den Plan zur Gründung eines „Internationalen Kulturbundes gegen den Krieg“ entworfen. – Von „Wissen und Leben“ habe ich auf das Angebot eines Essays „Im Geiste Tolstojs“ noch keine Antwort. Ich rechne damit, daß entweder mein Brief an die Redaktion oder deren Antwort an mich von der militärischen Überwachungsstelle zurückgehalten sein kann. Wenn die Heeresgewaltigen meinen, mit solchen Mitteln meinen Entschluß gegen den Krieg und die Völkerfeindschaft zu wirken, abstellen zu können, irren sie sich. Ich warte noch ein paar Tage. Dann geht’s auch ohne besondre Bestellung an die Arbeit.

Kaufmann kündigte mir gestern an, daß der Wiener Millionär Cohenau gegen den 15ten wieder in München sein werde. Er meint, ich werde ihm leicht ein paar hundert Mark entlocken können. Es ist schlimm, zu solchen Dingen Leute wie diesen Kaufmann brauchen zu müssen. Er ist strohdumm, taktlos, aufdringlich und grenzenlos geschwätzig. Wir – Meßthaler, die Salzgrisette und ich – mußten, weil wir seine Gesellschaft nicht mehr ertrugen, gestern aus der Torggelstube in den Ratskeller flüchten. Ich beabsichtige, den Mann auf jeden Fall abzuschaffen. Schließlich sind die Abendstunden ein Stück Leben. Warum soll man sich das verekeln lassen?

Roja war gestern flüchtig hier. Heut telefonierte sie nur. Sie arbeitet jetzt bei Jaffé. Hoffentlich faßt sie ihn bei seinen Schwächen und nimmt ihn hoch.

 

München, Sonntag, d. 6. Dezember 1914.

Ich warte auf Rojas Anruf. Falls sie mir den Nachmittag nicht widmen will, gehe ich heute an den schwierigen ersten Dialog zwischen Weilmann und Petersen im 1. Akt der Wally, in dem die beiden wichtigsten Männercharaktere des Stücks ganz deutlich werden müssen.

Vom Kriege nichts Belangvolles. Im Westen werden Vorbereitungen zu einer Entscheidung angekündigt. Ich glaube nicht mehr daran. Seit der Marneschlacht bzw. dem Fall von Antwerpen ist dort alles im wesentlichen unverändert. Es scheint, als ob die riesige Linie vom Sundgau bis zur Nordseeküste bis zur beiderseitigen Erschöpfung gehalten werden soll. Von den kühnen Plänen: Dünkirchen, Calais und Dover = London ist es erheblich stiller geworden. – Im Osten wird fortgesetzt furchtbar gekämpft. Dabei scheint es in Ostpreußen und Polen für Deutschland günstig zu stehn. Dagegen werden – wenn ich recht kombiniere – die Österreicher bedenklich bedrängt. Als ich Meyrink davon sprach, daß die Russen schon 15 km vor Krakau sein sollen, meinte er: „Wenn Sie Krakau kennen würden, blieben Sie auch 15 Kilometer davor stehn.“

Hermann Sinsheimer ist hier (auf Urlaub. Er ist Kriegsgerichtssekretär in Landau.) Er meint, bald frei zu kommen und dann seine Stellung bei der Berliner Neuen Freien Volksbühne antreten zu können. Vielleicht gelinge es ihm, mich dort als Redner und Dramaturgen anzubringen. Ich müsse dann aber von jeder Agitationstätigkeit absehn. Ich kann mir nicht denken, daß Gesinnungs-Verleugnung Bedingung zu einem solchen Posten sein sollte, und werde Landauer darüber anfragen. An und für sich wäre mir eine derartige Stellung sehr sympathisch. Und mit Jenny zusammen zu sein!

 

München, Montag, d. 7. Dezember 1914

Roja hat sich gestern weder noch bis jetzt heute gemeldet. Ich bezweifle, daß unter solchen Umständen noch lange irgendwelche Wechselbeziehungen zwischen uns bestehn werden. Da Jaffé sie jetzt als Sekretärin bei sich beschäftigt, wird sie meine Geldhilfen jawohl auch nicht mehr brauchen. – Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan – –

Jenny schreibt wieder mal seit Wochen kein Wort. Ich finde mich mit dem Gedanken allmählich ab, daß sie keine Lust mehr an unsrer verfahrenen Verlobung hat. Wer weiß, ob nicht plötzlich eine Nachricht kommt, die ihre offizielle Verlobung mit irgend einem vermögenden Judenjüngling anzeigt.

Von Zenzl habe ich garnichts mehr. Sie kommt fast täglich morgens, ist zärtlich und gut zu mir, aber hat stets Gründe, sexuelle Dinge zu verhindern. Ein nettes Mädchen mit brünettem Tituskopf, die ich gestern abend im Stefanie ansprach, ließ mich liebenswürdig aber resolut abfahren. Asta, Hedwig, Maxi, Emmy, Frieda Wiegand etc. sehe ich überhaupt nicht mehr. So bin ich erotisch wieder mal ganz hungrig und unbefriedigt, was auf den allgemeinen Nervenzustand keineswegs stärkend einwirkt. Dabei ein Dalles, aus dem ich noch garkeinen Ausweg sehe. Und der Vater, dem ich das alles zu danken habe, übersteht mit seinem kranken Herzen den Krieg ebenso robust, wie er alles überstanden hat, was seine Herzkrankheit angeblich hervorgerufen hat und was er mir aufs Konto schreibt.

Die Deutsche Oberste Heeresleitung meldet, daß bei Bethune ein Ort „planmäßig geräumt“ wurde, weil die konstante Beschießung durch französische Artillerie „unnötige Opfer“ gefordert hätte. Sonst ist man doch nicht so auf Schonung von Menschenleben bedacht! Der Nachsatz: „Der Feind konnte bisher nicht folgen“, zeigt, was es mit der „planmäßigen“ Räumung auf sich hat. Ich habe mit Sinsheimer einige zeitgemäße Übersetzungen aus dem Lateinischen gemacht, nach dem Muster: „Ne bis in idem – Tannenberg“. Das beste, was mir gelang, war wohl: „Sapienti sat – der strategische Rückzug.“

In Polen gehn die Deutschen vor, wie es scheint. Lodz ist von den Deutschen erobert und die Russen sind dort im Rückzug. Welche Erfolge die Russen inzwischen in Galizien, bei Krakau und in den Karpathen haben, erfährt man nur ganz allmählich aus den österreichischen Siegesnachrichten ... Die Türken lügen ganz direkt. Ihre Nachricht, daß sie den Suezkanal besetzt haben, hat sich als Lüge herausgestellt. Ob ihre Siege im Kaukasus mehr Wahrheit haben, ist füglich zu bezweifeln.

Einzelheiten, die man von allen Seiten hört, sind so entsetzlich, daß man sich bemüht, sie möglichst rasch zu vergessen, um nicht verrückt zu werden. – Wenn nur endlich die große Zeit vorüber wäre!

 

München, Dienstag, d. 8. Dezember 1914

Ein etwas aufregender Besuch von Roja hat mir die ohnehin arg strapazierten Nerven noch mehr gezerrt. Sie war wieder recht gespreizt und unecht, und ich hielt mit meiner Kritik keineswegs zurück. Sie reizte mich derartig, daß ich ihr beim überstürzten Abschied recht kühl adjöh sagte, brachte es aber zum Schluß noch zuwege, daß sie als Beleidigte fortlief. – Ich habe sie trotz alledem unglaublich gern, und werde natürlich charakterlos sein und ihr hinterherlaufen.

Die Schlacht bei Lodz dürfte ein sehr wesentlicher Schritt zur Entscheidung gegen die Russen sein. Heute werden wohl Zahlen über die Verluste der Russen erscheinen, die sich nach Hindenburgischer Gewohnheit einige Tagen hindurch ständig steigern werden. – Wahrscheinlich wird der Sieg wieder günstige Rückwirkungen auf die Bedrängnis der Österreicher in Galizien und den Karpathen nach sich ziehn.

Vom Westen bringt die Heeresleitung so wenig Nachrichten, daß wohl auf eine für die Deutschen nicht sonderlich günstige Situation geschlossen werden kann. – Die Türken siegen täglich weiter. Der Vergleich zwischen ihren und den korrespondierenden russischen Meldungen führt täglich zu neuer Erheiterung.

Gestern abend kam in die Torggelstube Gussy Holl, die ich lange nicht gesehn hatte. Sie ist blendend schön und zotete graziös und unterhaltsam. – Ich muß nach neuen Frauen Umschau halten.

 

München, Mittwoch, d. 9. Dezember 1914

Mein Gesundheitszustand ist wahrhaft elend. Zu allen Schmerzen und Ängsten tritt heute noch eine schwere Magenverstimmung, die Kopf und alle Eingeweide in Mitleidenschaft zieht. Und dabei das verfluchte Fußleiden, das garnicht besser werden will. Ich zweifle noch, ob es eine Rückenmarks-Neurasthenie oder eine Sehnenzerrung ist, glaube aber mehr an ersteres, weil ich manchmal zugleich auch im linken Arm ein kribbelndes Schwächegefühl empfinde. Der Fuß fühlt sich beim Gehn oft an, als ob er mittendurchbrechen wollte. Zeitweilig lahme ich wie ein Greis. – Heut wollt ich nun Hauschildt befragen, erfuhr aber leider, daß er zurzeit nicht ordiniert. Ich will versuchen, ihn privatim doch zu bewegen, mich mal zu untersuchen.

Gestern abend war Schutzverbandsversammlung und mal wieder eine Vorstandskrise zu erledigen, da Fred, Lux, Albu und die Gräfin Baudissin ihre Ämter niedergelegt haben. Es handelt sich, soviel ich weiß, um einen albern privaten Stank, der schon zu drei Privatklagen geführt hat: Fred ctr. Halbe, Friedenthal ctr. Fred und Albu ctr. Lux. – Ich vertrat die Ansicht, daß uns die Privataffairen der Herren nichts angingen und verfocht den Antrag, die Begründung des Rücktritts der Herren von der Tagesordnung abzusetzen. Natürlich habe ich nun Fred zum Feind. Meinetwegen.

Heut ging ich im Vorbeigehn zu Emmy hinauf und erfuhr von Frau Köhler (meiner alten Wirtin, mit der ich mal ein Techtelmechtel hatte), daß heute die Prozeßverhandlung in ihrer Diebstahlsaffaire war und sie zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt wurde. Das ist ja verhältnismäßig billig, aber das arme Geschöpf soll doch sehr unglücklich sein.

Im Kriege wenig Neues. Im Westen scheint es völlig zum Stillstand gekommen zu sein. Die täglichen Ankündigungen: Die deutsche Offensive – Ein gewaltiger Vorstoß der Deutschen steht unmittelbar bevor etc. locken keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor. – Auch Thomas Mann, mit dem ich gestern bei jener Zusammenkunft sprach, ist nicht mehr so optimistisch wie früher, wenn er auch nicht den tiefen Abscheu seines Bruders mitempfindet.

Meine Kasse ist am Rande der Erschöpfung und noch ohne Hoffnung auf frische Verproviantierung.

 

München, Donnerstag, d. 10. Dezemb. 1914.

Auf der Kegelbahn gab es Punsch, und die Folge ist ein leichter Katzenjammer, der mich aber bei seinem milden Charakter einer fast wohligen Benommenheit manche andre Dinge vergessen macht. – Zugleich habe ich ein wenig Premierenfieber. Ich habe nämlich gestern ein häßliches Stefaniemädel in einer verrückten Laune angesprochen und gleich für heute nachmittag bestellt. Möglich, daß es sich um eine verkappte Hure handelt. Ich werde ihr zunächst mitteilen, daß ich kein Entree bezahle – und dann weitersehn. Ihre Figur scheint gut zu sein, groß und schlank. Bin gespannt, ob ich bei der (übrigens pikanten) Häßlichkeit ihres Kopfes und bei den neurasthenischen Hemmungen, die sich neuerdings öfter einstellen, überhaupt in den erforderlichen Zustand gerate.

Die Kriegslage ist unverändert. Jedenfalls zeigt sich eins: Die ursprüngliche Idee, daß zuerst Frankreich „umgelegt“ werden würde, um dann mit ganzer Gewalt Rußland angreifen zu können, ist völlig gescheitert. Ludwig v. Maaßen, der Bruder von C. G., hatte mir diesen Plan schon vor einem Jahr hier auseinandergesetzt. Er – der kleine Husarenleutnant aus Diedenhofen – war damals sogar auch darüber orientiert, daß der Durchmarsch nach Frankreich via Belgien geschehn würde. Daß das kleine Belgien stark genug sein würde, um durch seinen Widerstand in der Tat Frankreich zu retten, wußte er freilich nicht. Die Dinge stehn jetzt umgekehrt, als alle sie sich ursprünglich gedacht hatten. In Rußland ist der Grenzschutzkrieg zum Offensivkrieg geworden, offenbar in dem Wunsch, es möglichst bald soweit zu schwächen, daß ohne weitere Gefährdung von Osten der schier unüberwindlich starke westliche Gegner mit verdoppelter Kraft angegriffen werden kann. Mein Wunsch und schon ein wenig mein Vertrauen ist freilich, daß mindestens mit Frankreich und Belgien vor einer endgiltigen Entscheidung ein anständiger Friede zustande kommen wird. England wird wohl erst recht bereit sein, vor dem gänzlichen Zerfall des Imperiums einzulenken. Wie man allerdings den Heiligen Krieg zurückblasen will, das ist ganz rätselhaft. Unsre Diplomaten werden sich wohl eines guten Tages schon verdrießlich an Goethes Worte erinnern: „Die ich rief die Geister –“

Albu versprach mir 10 Mk zu pumpen, die mir wieder einige Tage weiterhelfen werden. „Wissen und Leben“ hat mir auf meinen Vorschlag, einen friedfertigen Artikel zu schreiben, ablehnend geantwortet. Wie der Monat zuende gehn wird, ist mir völlig unklar.

Von S. Fischer kam (auf meinen Wunsch) das große Werk von Rojas Freund Seyerlen–Farussi: „Die schmerzliche Scham. Geschichte eines Knaben um das Jahr 1900“ (1913). Roja telefonierte heute wieder an. Morgen gehe ich mit ihr ins Deutsche Theater. Die Versöhnung ist also perfekt.

 

München, Freitag, d. 11. Dezember 1914

Das Mädchen heißt Paula Koch. Sie ist verblüffend häßlich (ohne ganz reizlos zu sein). Der Körper, dürr und biegsam wie der der Sarah Bernhard, strömte angenehme Geilheit aus. Trotzdem war mir post coitum ihre Zärtlichkeit zuwider. Einmal – aber keine Wiederholung! Man sollte derartige Experimente unterlassen.

Abends in der Torggelstube mit Meßthaler, Muhr, Gussy Holl und der Salzgrisette. Die Holl ist eines der amüsantesten Geschöpfe, die mir noch begegnet sind. Höchst witzig, ein großartiges karikaturistisches Kopiertalent (die Roland, Mary Irber etc.). Heut abend sehe ich sie mir im Deutschen Theater an, und zwar nicht mit Roja, die abtelefonierte (weil Mario Spiero heut abend ankommt), sondern mit dem Puma, der ich ein Geschäft vermittelt habe. Die Holl hat nämlich eine Puppe bei ihr bestellt, die portraitähnlich nach Gussy H. gemacht werden und 250 Mk kosten soll.

Heut früh telefonierte mich Herr Berndl aus dem Bett. Ich war bis jetzt mit ihm zusammen. Er ist ein furchtbar abstrakter Mensch mit vielfachen Hemmungen. Er warf mir schwer vor, daß ich in der Erklärung, die die Sistierung des Kain begründete, von „fremden Horden“ sprach. Mir tut das längst leid, weil es den Schmöcken Anlaß gab, mich durch die Weglassung der Hauptsache als „bekehrten Friedensapostel“ zu verdächtigen. Natürlich habe ich den Satz Berndl gegenüber nachdrücklich verteidigt. Sehr schmerzten mich seine Mitteilungen über Peter Krapotkin. Der ist in Rußland, und kämpft dort im Dienst der Regierung im Glauben, jetzt breche die Freiheit über die Völker herein. Auch er soll, wie mir Reitze schon erzählte, die Vernichtung der deutschen „Barbaren“ proklamieren. Greisenwahn oder Abfall von Recht und Ideal?

Drei deutsche Kriegsschiffe sind bei den Falklands-Inseln in einer Seeschlacht verloren gegangen. Viele, viele Tote. Meine Landsleute betrauern aber die Kähne heißer und trösten sich schnell über den Mißerfolg. – Französische Flieger haben Freiburg bombardiert, worüber große Entrüstung herrscht, weil die betroffene offene Stadt nicht im Operationsgebiet liegt. Wo man mit Fliegerbomben spielende Kinder und Viktualienhändlerinnen tötet, scheint mir unwesentlich. Der Burenaufstand scheint leider unterdrückt zu sein. Die Türken melden fortgesetzt Siege. Es scheint aber sicher, daß sie mindestens in Mesopotamien die Besiegten sind. Ihre vor Wochen verbreitete Behauptung, daß sie am Suezkanal stehn, wird täglich fragwürdiger. Demnach werden auch ihre Meldungen vom Vorrücken gegen Batumi mit Vorsicht aufzunehmen sein. – Aufs Lügen und Verschleiern verstehn sich alle Kriegsführenden meisterhaft.

 

München, Sonnabend, d. 12. Dezember 1914.

Herr Berndl kostet mich viel Zeit und läßt mich mit seinen Anliegen in Verlegerkonflikten kaum zu mir selbst kommen. Morgen wird er wohl wieder abreisen. – – Der Besuch im Deutschen Theater war wenig erfreulich. Alle Artisten machten in üblem Patriotismus. Selbst dressierte Hunde mußten Bilder von aktuellen Helden auf Kommando vorführen, ebenso die Flaggen der befreundeten Länder. Am scheußlichsten war ein sogenannter Komiker, der in der geschmacklosesten und würdelosesten Weise die Gegner verhöhnte und beschimpfte. Gussy Holl ist eine brillante Variété-Künstlerin. Auch sie mußte der erhitzten Gegenwartsstimmung Rechnung tragen, wirkte aber durch die groteske hagere Erscheinung und die ausgeprägte Komik ihres Vortrags reizend. – Ich brachte Lotte dann zu ihrer Gesellschaft und fand, als ich allein in der Torggelstube ankam, dort Gussy Holl vor, mit der ich lange allein in guten Gesprächen blieb. Sie hat sehr viel Witz und Grazie.

Liebknecht schickt mir seine Erklärung an den Reichstagspräsidenten, in der er seine Ablehnung der Kriegskredite motiviert. Charakter hat der Mann. Ich lege das Dokument diesem Heft bei.

Ich las eine Broschüre „Der Weltkrieg 1914/15 im Lichte der Prophezeiung“ (Englands Schicksal. Rußland und die Romanow. Die Birkenbaumschlacht), die im Orania-Verlag, Oranienburg anonym erschienen ist. Die Schrift ist besser stilisiert, als man es bei derartigen ausgefallenen Dingen gewöhnt ist. Der Verfasser (Kemmerich?) schmiert den Deutschen garzuviel Honig ins Maul, beschimpft wie irgendein Redakteur die Engländer und entwertet mit dieser Parteinahme die ganze Arbeit. Was die Prophezeiungen selbst anlangt, so sagt mir niemand etwas Neues, der die Sehergabe einzelner Menschen für möglich hält. Es gibt erstaunlichere Dinge in der Welt, die nur deshalb als selbstverständlich angesehn werden, weil die Wissenschaft sie mit ihren Systemen in Beschlag genommen hat. Wenn sich die Prophetie-Propagandisten blos enthalten könnten, den Prophezeiungen mit ihren gewaltsamen Exegesen beikommen zu wollen! Damit machen sie sich gewiß keine Gläubigen.

Der Krieg hat seit dem Untergang der auf 4 gestiegenen besiegten deutschen Kreuzer keine Neuigkeiten hervorgebracht. – Die „Münchner Zeitung“ berichtet, daß Frank Wedekind erkrankt sei. Ich werde anfragen, was los ist.

 

München, Montag, d. 14. Dezember 1914

Herr Berndl nimmt meine Zeit etwas zu sehr in Anspruch. Zum Unglück wohnt er hier in der Pension und zwar direkt nebenan, so daß ich mich kontrolliert und geniert fühle. Er ißt täglich mit mir in meinem Zimmer Mittag und sekiert mich mit tausend Fragen in seinen Geschäftsangelegenheiten. Ich habe ihn an Brantl verwiesen, mit dem er nun auch schon in Verbindung ist. Obgleich ich eigentlich nichts gegen B. habe und er mir in mancher Hinsicht wertvoll und interessant ist, wünschte ich doch, er reiste bald ab. Meine Nerven sind jetzt auf Besuche letzthin gleichgiltiger Menschen nicht eingestellt.

Berndls Stellung zum Krieg ist meiner ähnlich. Nur führt ihn die Konsequenz seines Tolstoj-Standpunktes zu rein akademischen Folgerungen, die ihn die praktische Realität der Ereignisse übersehn läßt. Die Forderung, jetzt sollten alle beteiligten Soldaten die Waffen niederlegen, ist sehr schön. Aber sie tun’s halt nicht. – Berndl faßt anscheinend den Verdacht, daß ich mit meiner Liebe trotz allem bei den Deutschen bin. Daß er selbst ganz russophil empfindet, scheint er selbst nicht zu merken. – Er erzählt aus dem Kriege Anekdoten, wie es jeder jetzt tut, aber insofern merkwürdig, als sie einem andern Anschnitt entnommen sind als die gewöhnlich vorgetragenen. So berichtet er von einer serbischen Abteilung, deren Offizier zum Schießen kommandierte. In diesem Moment sank die ganze Mannschaft in die Knie und betete. Der Offizier aber rannte, überwältigt von dem Eindruck davon, und irrte tagelang alleine umher, bis ihn die Ungarn gefangen nahmen.

Hindenburg meldet täglich neue Tausende von Gefangenen. Vorgestern erschien ein äußerst redseliges Bulletin des großen Generalstabs über die Lodzer Schlacht, die den Herren offenbar nicht genügend gewürdigt scheint. „Noch nie in den gesamten Kämpfen des Ostheeres“ heißt es da preisend, „nicht einmal bei Tannenberg, sind unsre Truppen über so viele russische Leichen hinweggeschritten, wie bei den Kämpfen um Lodz-Lowicz ...“ Vorher schon: „Die verlassenen russischen Schützengräben waren mit Toten buchstäblich angefüllt.“ Nachher wird gerühmt, wie wenig Verluste an Toten die Deutschen im Gegensatz dazu hatten. Bei dem bekannten Durchbruch des 25. Reservekorps fielen „nur“ 120 Mann, „gewiß eine auffallend niedrige Zahl für die Verhältnisse“. Derartige Suggestiv-Berichte hat es früher in den offiziellen deutschen Mitteilungen nicht gegeben. Stein war ein Schmock, aber kein Demagoge.

Gestern meldete Hindenburg weitere 11 000 Gefangene. Die Österreicher wollen in Westgalizien eine große Schlacht bei Limanowa gewonnen haben, wodurch angeblich die Befreiung des Landes und der Karpathen angebahnt wäre. Im weiteren Wortlaut des Berichts klingt es dann freilich weniger erhebend, daß „in den abseits von dem Schauplatz der großen Ereignisse gelegenen Waldkarpathen“ der Gegner „südlich des Gebirgskammes nirgends wesentlich Raum zu gewinnen“ vermochte. „Wesentlich“ klingt sehr verdächtig. – In Serbien haben unsre werten Verbündeten nach der Einnahme Belgrads anscheinend wieder Keile gekriegt. Die Montenegriner bedrohen Bosnien und Österreich dementiert ausländische Berichte über eine große Niederlage, indem sie sie mit der Notwendigkeit „umzugruppieren“ und „den rechten Flügel zurückzunehmen“ bestätigt. Das große Österreich-Ungarn muß sich allem Anschein nach mit den kleinen Balkanländern noch sehr schwer tun, ehe es sie „umlegen“ kann.

In Frankreich ist bei vermehrter Schießerei im Sundgau, in den Argonnen und bei Ypern alles so wenig verändert wie seit Monaten. Von den Argonnen werden deutsche Minensprengungen gemeldet, bei denen die Franzosen viele Gefallene und Verschüttete hatten. Bomben aus den Lüften und Explosionen vom Erdboden herauf – wahrlich ein frischfröhlicher Krieg!

Die Türken werden am Persischen Golf immer weiter zurückgedrängt. Die Engländer marschieren auf Bagdad. Das erfährt man aber nur, wenn man ausländische Blätter liest. Hier werden nur türkische Siege gemeldet: über die Russen, Engländer und überall. Lauter Lügen. Wahr ist nur, daß die Türkei konstant neue Zwischenfälle mit Italien provoziert und es vielleicht doch noch zu einem neuen libyschen Krieg treiben wird. Was das für die Gesamtlage der Dinge bedeuten müßte, ist leicht zu erkennen: eine Stärkung des Dreiverbands, gegen die der gesamte „Heilige Krieg“ ein Dreck wäre.

Auf den griechischen Ministerpräsidenten Venizelos wurde, als er einige englische Offiziere bei sich empfing, durchs Fenster ein Revolverattentat verübt, bei dem zwei Engländer verwundet wurden. Denkt man an den Anschlag auf die Brüder Buxton in Konstantinopel, so wird man zugeben müssen, daß die Zentralmächte mit der Entrüstung über Serajewo bald keine Geschäfte mehr werden machen können.

Privates: Am Freitag war ich im Deutschen Theater (mit Lotte). Sonnabend konnte ich mich wahrhaft erholen von dem Variété-Mist, da mir Magda Almo ihr Billet für das Hoftheater überlassen hatte. Es gab „Hoffmanns Erzählungen“, seit sehr langer Zeit die erste Oper, die ich sah. Ich halte nicht viel von Opern. Daß man den gesungenen Text nicht Wort für Wort versteht, ist für mich ein unüberwindliches Hindernis gegen den künstlerischen Genuß. Gleichwohl war ich entzückt. Die Offenbachsche Musik stimmt wahrhaft froh, und die Ivogün als Olympia war einzig prachtvoll. Auch die Alma (als Antonia) gefiel mir vorzüglich. Doch verstehe ich ja nicht viel von Gesang. – In der Torggelstube fand ich nachher einen vollbesetzten Tisch, an dem kolossal gezotet wurde. Später erschien Herr Geldern mit einer zwerghaft kleinen Dame, in der ich sofort Lia Rosen erkannte, die ich erst kennen lernte. Ich setzte mich mit den beiden abseits. Geldern erzählte, daß seine Schwester (Lucie v. Jacobi) wieder in München sei und bat mich in ihrem Namen, sie zu besuchen. Ich will den schweren Gang baldmöglichst tun. Ich begleitete Lia Rosen heim. Ein differenziertes zartes benervtes Geschöpf. Ich will morgen in den Kammerspielen ihren Bibelvortrag hören.

Wedekind hat, wie mir Frau Tilly am Telefon sagte, eine Blinddarmreizung. Die Sache sei aber nicht so gefährlich wie sie in der Presse aussehe.

Mit Roja will ich Schluß machen. Ich traf sie gestern nacht im Stefanie. Bei ihr ein Spanier und Mario Spiero. Dieser greise Jüngling ist immer noch so Etepetete wie früher: müde, erkünstelt-leise, allesverstehend und momentan mit Deutschland sympathisierend. Was habe ich mit dem Affentheater zu schaffen? Fühlt Roja sich in der geleckten Gesellschaft aesthetisierender Hohlschädel wohl, gut! Ich habe schon Bittereres überstanden als den Verlust einer unglücklichen Gelegenheitsliebe.

Von Marietta höre ich, daß Fritz Klein gefallen sei. Ein Zeuge der wildesten Nohl-Zeit. Ein ordinärer Nerventrampel, aber irgendwo ein anständiger Charakter. Spiero erzählte, daß Adolf Suppes als Freiwilliger in den Krieg gezogen und nun verwundet zurück sei. Diese Zeit ist wirklich wunderlich: die aus schwindsüchtigen Weltflüchtlingen patriotische Kampfhelden macht. Aber nach jeder derartigen Nachricht fühle ich meine Vereinsamung stärker – und leider tut Jenny nichts, um mich ihrer Teilnahme noch sicher sein zu lassen –

 

München, Mittwoch, d. 16. Dezember 1914

Durch Herrn Berndl wurde ich auch gestern am Tagebuch und an manchem andern verhindert. Er ißt bei mir Mittag. Dann folgen Gespräche, die mich selbst anziehn. So gab er mir gestern Einblick in das Tagebuch des jungen Tolstoj, das bei Müller herausgehn wird: mir war das Kennenlernen dieser Periode (1850–51) Tolstojs überaus wertvoll. Der 22jährige ist schon vielfach der gleiche, den wir als Leo Tolstoj kennen: er gibt sich sich tägliche Verhaltungsregeln, kontroliert sich daraufhin, plagt sich mit Selbstvorwürfen. Dazwischen aber ganz naive Lebenslust: Erotiker und Spieler. Entzückend ist, wie er sich unter den Regeln für sein Wohlverhalten Regeln aufstellt für die sichersten Chancen beim Kartenspiel. Das Tagebuch Tolstojs, das bis in sein hohes Alter reicht, wird ein sehr wertvolles Dokument zur kulturellen und seelischen Geschichte des Zeitalters bilden. – Ich erhielt von Berndl das von ihm 1913 bei Georg Müller herausgegebene Werk: „L. N. Tolstojs Briefwechsel mit der Gräfin A. A. Tolstoj 1857–1903.“

Trotz der geistigen Verbindung, die zwischen uns besteht, ist mir Berndls Anwesenheit täglich lästiger, und sein Entschluß, noch 3 – 4 Tage hierzubleiben, ängstigt mich gradezu, zumal er direkt nebenan wohnt und ich mich dadurch beeinträchtigt fühle. Zenzl kommt jeden Vormittag. Scheußlich zu denken, daß er unsre Zärtlichkeiten durch die dünne Wand hören könnte. – Beim Essen ist er geräuschvoll. Man hört ihn die Suppe schlürfen und seine Bissen kauen, zudem redet er mit vollem Munde, lauter Dinge, die meine Nerven unerträglich strapazieren. Das Gefühl dafür, wann ich allein sein möchte, ist ihm fremd. (Daß ich jetzt zu tun habe, sagte ich ihm schließlich). Dabei liegt er mir fortgesetzt in den Ohren mit seinen Geschäftsangelegenheiten, und ich muß ununterbrochen Ratschläge erteilen, seine Verträge durchsehn und mich über seine ewige Nachlässigkeit und Wankelmütigkeit ärgern. Das alles ist mir grade jetzt umso fühlbarer, als ich bei der Nervosität meines ganzen Erlebens in dieser Zeit nur einen Menschen mit erotischer Attraktion ständig in meiner Nähe leiden könnte. B. aber hat etwas gradezu für mich Abschreckendes in seiner Körperlichkeit.

Das große Kriegsereignis dieser Tage ist eine schwere Niederlage der Österreicher in Serbien in einer Schlacht bei Valjewo. Es war schon gleich nach der Einnahme von Belgrad verdächtig die Rede von einer notwendig gewordenen „Umgruppierung“ der Kräfte. Dann hieß es vorgestern schon verdächtig, „die Zurücknahme des rechten Flügels“ werde im Ausland als großer Sieg der Serben ausgerufen, was „maßlos übertrieben“ sei. Gestern früh kam das Zugeständnis, daß man südlich Valjewo auf stark überlegenen Gegner gestoßen sei. Deshalb mußte die Offensive „nicht allein aufgegeben werden, sondern veranlaßte auch eine weiter reichende rückwärtige Bewegung unsrer seit vielen Wochen hartnäckig und glänzend, aber verlustreich kämpfenden Kräfte. Diesem steht die Gewinnung Belgrads gegenüber ...“ Der Trost dauerte nicht lange. Denn schon gestern mittag kam die Fortsetzung: „Die durch die notwendig gewordene Zurücknahme des eigenen rechten Flügels geschaffene operative Lage ließ es ratsam erscheinen, auch Belgrad zunächst aufzugeben. Die Stadt wurde kampflos geräumt ...“ Folgt noch ein Schnörkel, nach dem die Truppen zwar durch Kämpfe und Strapazen gelitten haben, aber „vom besten Geiste beseelt“ seien. Heute ist nun auch schon die Nachricht da, daß die Serben Belgrad wieder besetzt haben. Ausländische Berichte über die Schlacht sind noch nicht hier (die inländischen suchen natürlich die katastrophale Bedeutung des Ereignisses abzuschwächen). Aber man redet schon von ungeheuren österreichischen Verlusten an Toten, Gefangenen und Kriegsmaterial. Um ein Pflästerchen aufzulegen, verbreitete der österr.-ungar. Generalstab noch gestern abend die Meldung von einem großen Sieg in Westgalizien, durch den auch die Front der Russen in Südpolen ins Wanken geraten sei. Man muß österreichische Siegsfanfaren stets cum grano salis auffassen, diese besonders, weil die Absicht, den serbischen Schmerz zu lindern, zu klar ist, und da die angegebene Zahl von 31.000 russischen Gefangenen dem schärferen Auge mal wieder als die Summe einer zurückgreifenden Addition erkenntlich ist. – Alles schimpft hier laut über Österreichs Versagen. Ich persönlich fühle stärker das Gefühl der Bewunderung für die kleinen Balkanländer Serbien und Montenegro, die seit 3 Jahren zum dritten Mal in gewaltigem Kriege stehn und so tüchtig sind, daß sie selbst einer europäischen Großmacht eine solche Niederlage zufügen können, daß die nun ganz neu anfangen muß, will sie wirklich siegreich werden. Für Serbien allein trifft zu, was alle beteiligten Länder für sich behaupten: daß es um die Existenz, um die Selbständigkeit (die man die „Ehre“ nennt) des Landes geht. Daher hat es alle moralischen Chancen vor Österreich voraus, darum hat es auch heute noch Aussichten auf Sieg und ruhmvollen Ausgang des Kampfs.

Ob der Sieg der Serben und Montenegriner auf die Operationen der Deutschen in Rußland zurückwirken, bleibt abzuwarten. Die Wahrscheinlichkeit, daß die polnisch-galizische Front zugunsten der Donau-Drina-Linie um einige Armeekorps wird geschwächt werden müssen, besteht immerhin. Und vielleicht hängt damit auch der gestrige Bericht zusammen, daß die Deutschen sich in Ostpreußen über Mlawa vor überlegenem Feind in die alte Stellung zurückziehen mußten, und daß die Maßnahmen in Russisch-Polen, die bisher täglich in ständigem Fortschritt bezeichnet wurden, durch die ungünstige Witterung beeinflußt seien. Große Freude wird Hindenburg an seinen Bundesgenossen wohl nicht haben. Die in allen Zeitungen verbreitete Erzählung, wonach ein junger Soldat, namens Fincke, einen österreichischen General, der mit seinem Auto in russische Gefangenschaft geraten war, befreite, dadurch den deutsch-österreichischen gesamten Kriegsplan den Händen der Feinde entriß, und vom Kaiser dafür zum Leutnant befördert wurde, läßt auf übermäßige Vertrauenswürdigkeit der verbündeten Generäle eben nicht schließen. Wenn Herr Fincke nicht gekommen wäre – was wäre geschehn? Übrigens ein niedliches Beispiel dafür, auf was für Zufällen der Ausgang von Kriegen basiert, welchen nichtigen Umständen also wir 70 Millionen Deutsche unser angebliches Schicksal anvertrauen müssen.

Rußland verliert täglich Tausende an Gefangenen. Wenn alle gemeldeten Zahlen stimmen, dann fragt man sich, ob denn der Vorrat an Menschen und Munition nicht doch bald erschöpft sein müsse ... Von Frankreich sind keine belangreichen Neuigkeiten eingetroffen.

Aus dem persönlichen Erleben: Vorgestern abend Schutzverband-Versammlung. Aufrühren unendlichen persönlichen Drecks zwischen Fred–Halbe, Friedenthal–Fred und Albu–Lux, aufgerührt durch Friedenthalsche Zwischenträgereien und Fredsche Anmaßlichkeiten. Albu ist interimistischer Vorstand. Ich erhalte von ihm aus der Unterstützungskasse 30 Mark. Hoffentlich recht schnell – es ist höchste Not.

Gestern abend: Kammerspiele: Weihnachtsfeier. Sehr erbaulich. Selbst Zenzl machte sich drüber lustig. Schmalziger Gesang. Dann Lia Rosen: Bibelvorträge. Sie hat ein prachtvolles Organ, verfehlte aber den echten Ton bei der Simson-Legende, während sie den 90ten Psalm für mein Empfinden sehr gut las, und auch recht schön die Verkündigung aus dem Lucas-Evangelium. Nachher ein „Deutsches Weihnachtsspiel“ von Otto Falckenberg, der den Scharfrichter noch sehr im Leibe hat. Eine Naivität, ohne hinlänglich naiv zu sein, eine humorige Sentimentalität, mit zuwenig Humor und zuviel Schleim.

Nachher in der Torggelstube hätte ich mich fast gesund gelacht. Gussy Holl verfrozzelte Herrn Max Kaufmann, dessen Idiotie gigantisch ist. Ich mußte mich besoffen stellen, um meine Heiterkeit zu motivieren. Nachher lud uns Kaufmann zu sich ein. Er hat eine schöne wertvolle Sammlung von Napoleon-Medaillen. Die Holl reist heute ab.

Ein Brief aus Waidmannslust. Tante schreibt u.a.: „Dem Papa geht es nicht nach Wunsch, er fühlt sich wieder einmal recht schwach.“ Ob sich die große Wendung endlich einleitet?

 

München, Freitag, d. 18. Dezember 1914.

Die Russen sind in Polen auf der ganzen Front geschlagen worden. Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, ist das der größte Sieg dieses ganzen Krieges, zugleich die Entscheidung in der größten Schlacht der Weltgeschichte und hoffentlich der Anfang vom Ende des schändlichen Mordspiels. Die Wirkung auf die Westfront, wo alles unverändert ist und Deutsche und Franzosen täglich gleichgiltige Fortschritte melden, wird sich sehr bald zeigen. Ich flehe, daß sie die eines erhöhten Friedensbedürfnisses sei. Schlimm wäre ein Separatfrieden mit Rußland, der nur zur Folge hätte, daß dort die Revolution als Wirkung der Niederlage noch verhindert würde, und daß der ganze Koloß der deutschen Wehrmacht sich vernichtend über Frankreich würfe. Meinem und der meisten Menschen Empfinden wäre viel mehr entsprochen durch einen Separatfrieden mit Frankreich und Belgien. Man liest täglich rührende Geschichten über den gradezu freundschaftlichen Verkehr zwischen den deutschen und französischen Schützengräben, die sich gegenseitig Zeitungen übersenden, warmen Kaffee und Nahrungsmittel überlassen, ja – die Hände schütteln, bis wieder das Kommando zum Schießen gegeben wird. Die Sinnlosigkeit der gegenseitigen Abschießerei muß ja den Menschen, die als Kameraden gegeneinander empfinden gelernt haben, nachgrade zum Bewußtsein kommen.

Große Freude herrscht zurzeit außer über den großen Sieg in Polen noch über einen sehr kühnen Angriff der deutschen Hochseeflotte auf die englische Küste, wobei in Scarborough und Hartlepool großer Schaden angerichtet wurde. Bei aller Bewunderung für den Mut der Seeleute – meine stärkere Empfindung ist die des Abscheus. Natürlich sind wieder eine ganze Menge Unbeteiligter getötet worden, Gebäude zerstört, Unheil und Verzweiflung über Menschen gebracht, denen garnichts ferner liegt als Kriegslust und politische Freibeuterei.

Die Niederlage der Österreicher in Serbien dämpft ein wenig die allgemeine Beglücktheit. Sie ist noch beträchtlicher, als sie schon anfangs schien. Das geht daraus hervor, daß die serbische Regierung und ihr König Peter, die im Anfang des Kriegs nach Nisch flüchteten, triumphierend wieder in Belgrad eingezogen sind. Die Sache ist für die Österreicher blamabel und schimpflich zugleich. Nicht wegen der Niederlage, sondern wegen der Umstände. Vor wenigen Tagen erst die Einnahme Belgrads, das von Herrn Liborius Frank dem Burgtrottel zum 66. Regierungsjubiläum alleruntertänigst „zu Füßen gelegt“ wurde. Der Termin mußte à tout prix eingehalten werden, auf 10 – 20000 Mann konnte es da natürlich nicht ankommen. Und nach 14 Tagen sind die „bravourösen“ Eroberer schon wieder draußen. Die ganze Farce (Friedenthal spricht aus: Farze!) des Monarchismus und Byzantinismus wird illuminiert. – Was in den Karpathen vorgeht, ist absolut unerforschlich. Daß Ungarn von den Russen „gesäubert“ sei, ist jedenfalls ausgeschlossen, da Österreich täglich tiefer im Lande Siege erficht.

Mein Privatleben hat eine neue sehr schwere Niederlage zu verzeichnen. Zenzl kam gestern früh nach langer Pause wieder zu mir ins Bett. Ihre himmlisch schöne Nacktheit war von jeher ein unfehlbares Stimulans für meine Sinne. Gestern versagte ich auch bei ihr. Ich bin verzweifelt und will – zumal die Schwäche im linken Fuß nicht nachläßt und mich beim Gehen oft empfindlich schmerzt, baldmöglichst zum Arzt gehn. – So wird es wohl kommen: daß mein Vater eines Tags stirbt und mir die Erbschaft – oder vielmehr mein Eigentum – dann zufällt, wenn mein Leib mürbe und meine Jugend und Zukunft unrettbar dahin ist.

Nun habe ich auch Lucie v. Jacobi wiedergesehn. Der Besuch bei ihr war recht schmerzlich. Wir sprachen über allerlei Fernliegendes, bis schließlich doch irgend ein Stichwort fiel und Tränen flossen. – Sie ist eine tapfere Frau, die ihr Leid mit Anstand trägt.

Berndl scheint endlich Anstalten zu treffen, abzureisen. Zeit wärs.

Meine Kasse ist durch 30 Mk aus der Kriegskasse des S. D. S. wieder mal aufgefrischt, nachdem ich schon völlig pleite war. Kommt nun noch der Wiener Jud – mit seinem literarischen Spleen, dann wäre wieder mal das Dickste überstanden.

 

München, Sonnabend, d. 19. Dezember 1914.

Ich habe in diesen Tagen zwei Sorten unsrer Patrioten unterscheiden gelernt. Bei Gelegenheit des österreichischen Debacles in Serbien zeigte sich deutlich ihre verschiedene Färbung. Die einen (repräsentiert etwa in Jodocus Schmitz) finden alles herrlich, unvergleichlich, in jedem Plan vorher beschlossen, was von Deutschland und seinen Verbündeten ausgeht, dagegen alles jämmerlich und gemein, feige und blamabel, was irgend einem Feinde widerfährt. Die sagen (und zum Teil werden sie im besonderen Fall recht haben), für die große Aktion in Polen-Galizien mußten sämtliche Kräfte zusammengeholt werden und für den großen Zweck mußte die Nebensache Serbien eben vorübergehend preisgegeben werden. Von einer Niederlage könne also garnicht die Rede sein. – Die andern (vom Schlage Maaßens) schmettern: Deutschland in der Welt voraus und Preußen in Deutschland voran! Denen ist irgendwelche Bundesgenossenschaft ein Dorn im Auge, weil sie den größeren Ruhm des engeren Vaterlands schmälern könnte. Die freuen sich gradezu, wenn die Österreicher Mißerfolge haben. So hört man von ihnen: Da sieht man wieder mal, was für eine klägliche Gesellschaft die Österreicher sind, die sich an unserm Feuer wärmen. Sie sind uns überhaupt nur in einem Punkt voraus: sie haben den bessern Bundesgenossen, und wo sie (wie in Serbien) ohne ihn auskommen müssen, da versagen sie vollständig. Wahr scheint mir, daß die „Umgruppierung“ in der Tat zum guten Teil im Abschub kräftiger Abteilungen nach Polen-Galizien bestand, daß man aber nicht darauf gefaßt war, dadurch in ernste Schwierigkeiten zu kommen. Als dann die Serben und Montenegriner mit großen Verstärkungen anrückten, gabs Hiebe, die einen vernichtenden Charakter annahmen. Jedenfalls ist die Räumung Belgrads nach 10tägigem Besitz und nachdem man die Einnahme mit solchem Riesenapparat ausgetrommelt hatte, eine böse moralische Niederlage. – Jetzt wird eine neue Offensive gegen Serbien angemeldet.

Hindenburgs polnischer Sieg ist offenbar von großer Tragweite. Doch liegen bisher über die Ergebnisse noch keine offiziellen Mitteilungen vor. Es heißt kurz: In Polen folgen wir weiter dem weichenden Feind.

Von der französischen Front wird wieder eine neue Verschärfung der Kämpfe bei Nieuport gemeldet. Bei Somme haben die Deutschen 1200 Gefangene gemacht. Außerdem verloren die Franzosen „mindestens 1800 Tote“. Diese entsetzliche Zahl von vernichteten Menschenschicksalen macht garkeinen Eindruck, würde ihn auch nicht machen, wenn es sich um Deutsche handelte. Die Leute haben sich völlig daran gewöhnt, die Soldaten nicht nach Individuen, sondern nach Kolonnen zu zählen.

Es heißt, die Presse sei militärischerseits davon verständigt worden, daß demnächst eine politische Entscheidung getroffen werden soll, die bei der Bevölkerung Mißstimmung hervorrufen werde. Die Zeitungen möchten dann die Regierung verteidigen. Worum es sich handelt, weiß niemand. Ich fürchte, um einen Separatfrieden mit Rußland, der natürlich die Unterbindung aller keimenden Umbrüche dort und die völlige Vernichtung Frankreichs zur Folge hätte. Möglich wärs auch, daß ein Plan zuungunsten Österreichs besteht. Doch glaube ich nicht an die Straußsche oder eine ähnliche Lösung, sowenig ich an und für sich gegen ein Aufhören der verrotteten Doppelmonarchie einzuwenden hätte.

Privates: Berndl reist heute ab. Würde nicht im Hause wie besessen gehämmert, da das Cabaret Serenissimus in ein Caféhaus umgewandelt wird, stände also der Wiederaufnahme der Arbeit an Wally Neuburger nichts im Wege. – Das Versagen meiner Geschlechtsnerven regt mich furchtbar auf, zumal meine sinnlichen Begierden fast fortgesetzt rege sind. Aber wie kann ich denn noch ein Mädchen einladen, wenn ich nicht sicher bin, ob ich auch meinen Mann stellen kann? Wenn ich denke, Jenny könnte doch eines Tages kommen und fände mich wrack – ich glaube, ich würde mich vor Gram und Scham umbringen. – Vorläufig denk ich noch, es sind nervöse Hemmungen, und heut abend werde ich vielleicht schon Gelegenheit haben, mich bei Zenzl zu rehabilitieren oder vor mir selbst zu verzweifeln.

 

München, Sonntag, d. 20. Dezember 1914.

Die Nervosität wegen der Nervositäts-Erscheinungen veranlaßte mich gestern, da Hauschildt zur Zeit nicht ordiniert und ich ihn trotz etlicher Versuche telefonisch nicht erreichen konnte, zu Dr. Ludwig zu gehn. Der ist zwar ein Esel (obendrein eine Ziege), aber immerhin Nervenspezialist. Da er mich beklopfte und behorchte, hatte und habe ich auch tatsächlich die Empfindung, als wäre mir schon geholfen. Denn er stellte fest, daß von Tabes nicht die Rede sein kann, daß ich auch keine Herzerweiterung habe und meinte, daß die Impotenz auf eine blose Überanstrengung der Geschlechtsorgane zurückzuführen sei. Ich soll 14 Tage völlig abstinent leben. Ob mir das gelingen wird? Jedenfalls will ichs versuchen. – L. verordnete mir eine Kur, mit der ich heut früh schon begonnen habe. Ich soll jeden Morgen vor dem Waschen bei nacktem Leibe Arme, Beine, Brust und Bauch und Rücken mit den Händen rythmisch bestreichen, und das sechsmal hintereinander tun. Nach dem Waschen und Abtrocknen soll ich die Prozedur noch dreimal wiederholen. Das bewirke gleichzeitig Massage, Gymnastik und Nervenstärkung. – Anstrengend ist die Geschichte ja, aber ich fühle, daß sie gut ist und bin jetzt zwar etwas angestrengt aber doch gekräftigt und glaube, daß, falls heute etwa Zenzl kommen würde, eine Blamage ausgeschlossen wäre.

Heut nachmittag steht Roja in gewisser Aussicht. Vor einigen Tagen wenigstens hat sie sich zu Sonntag angemeldet. Da sie inzwischen aber nicht mehr telefoniert hat, rechne ich bei ihrer Unzuverlässigkeit nicht auf den Besuch.

Berndl ist wirklich fort. Ich fühle mich sehr befreit. Ich habe in der Pension Anordnung gegeben, daß Bekannte von mir – es seien denn einzelne Damen – nie wieder als meine Nachbarn einquartiert werden dürfen.

Vom Kriege liegen neue Ereignisse nicht vor.

 

München, Montag, d. 21. Dezember 1914.

Der letzte Tagesbericht von den Westkämpfen enthält den gemütvollen Satz: „Rund 600 tote Engländer liegen vor unsrer Front“. Daß nicht die ganze Welt aufschreit vor Entsetzen, ist nur mit der völligen Phantasielosigkeit der Menschen zu erklären, die erst die Zeitungen fragen, ob man sich über ein Ereignis zu freuen oder zu grämen hat. 600 tote Engländer – als ob es sich um Heringe handelte! ... Ärgerlich ist auch die Meldung, daß die Deutschen einen Schützengraben von 60 meter Länge verloren haben. „Verluste bei uns ganz gering.“ Wahrscheinlich also ein paar Dutzend „tote Deutsche“. Wenn ein Boot umkippt und 5 Personen dabei ertrinken, ist großes Lamento, erst recht wenn ein Bankier erstochen wird, aber die Vorstellung, daß junge Leute, die Leben und Liebe haben, um diplomatischer Händel willen zu Dutzenden sterben, schreckt zu großen Zeiten niemanden. – Und dann: warum berichtet man vom Verlust eines sehr kleinen Schützengrabens? – Weil man sich aufs Fälschen genau so gut versteht und ebensowenig Skrupel hat wie die andern, die – übrigens schon lange nicht mehr – tatsächliche Unwahrheiten verbreiten. Man meldet den Verlust eines kleinen Schützengrabens, um einerseits die ehrliche Haut zu markieren, die von keinem Beschönigen und Verschweigen weiß, und um andrerseits zu beschönigen und zu verschweigen, daß im Laufe des Kriegs schon x große Schützengräben an die Franzosen verloren gegangen sind. Die Deutschen haben aber so wenig Kritik, daß sie nicht darauf kommen das Verlangen zu stellen, es sollen entweder alle oder garkeine Details berichtet werden.

In Polen haben die Russen versucht, sich in vorbereiteten Stellungen am Rawka und am Nida festzusetzen. Sie wurden überall angegriffen. Das läßt darauf schließen, daß ihr Rückzug in Ordnung gelang und daß eine neue heftige Schlacht den Sieg erst vervollständigen muß, soll er nicht umsonst gewesen sein.

Heut steht im Blatt, daß Dr. Weill – und zwar schon am 5ten August – sich freiwillig bei der französischen Armee gestellt habe. Die Nachricht, er sei bei Jaurès Ermordung in einen Nervenzustand geraten, der seine Überführung in eine Heilanstalt nötig machte, trat seinerzeit zugleich mit dem Gerücht auf, das nun also bestätigt wird. Er soll seinen Entschluß damit begründet haben, daß er es für Pflicht eines elsässischen Sozialdemokraten halte, für Frankreich zu kämpfen. Sähe ihm ganz ähnlich. Ich hab’s ihm selbst gesagt, als ich im vorigen Jahr sein Logiergast in der Regensburger Straße war, daß er im Grunde ein französischer Nationalist sei. Immerhin hat er mehr Charakter als sein Parteifreund Wendel, der vor einem halben Jahr im Reichstag schrie: „Vive la France!“ und nun als Freiwilliger im deutschen Heer gegen Frankreich ankämpft. Die Internationale in der deutschen Partei! – Hoffentlich nehmen sie den guten George Weill wenigstens nicht gefangen. Da würde man ihn wohl an die Wand stellen und seine reizende kleine Riri würde sehr weinen. Die Entrüsteten bei uns sind ebenso lächerlich wie er selbst.

Privates: Gestern nachmittag kam Roja doch pünktlich an und machte mich von neuem ziemlich verliebt. Doch verlief der Besuch ohne jegliche Sensationen. Abends Einweihung des „Kunstsaales Steinicke“ in der Adalbertstraße, in dem wir endlich mal eine hübsche (für Zwecke des Neuen Vereins sehr brauchbare) Kleinbühne in München bekommen haben. Weigand hielt eine Eröffnungsansprache, sehr klug und fein, aber schlecht memoriert. Die Tochter Gertrud unseres Schachgenossen Professor Schuster-Woldan, gefiel mir mit ihren Violinvorträgen ausgezeichnet. Ebenso die Kammersängerin Ella Tordeck mit Gesangsvorträgen und besonders Herr Galton[?] mit Chopinschen Etuden am Flügel. Ich verstehe von Musik nichts, aber ich hatte die Empfindung von sehr Schönem und Beruhigendem. Lützenkirchen mit schmalzigen vaterländischen Deklamationen mußte in Kauf genommen werden. Er gab wenigstens dem neuen Saal Gelegenheit, seine vortreffliche Akustik auch für das gesprochene, wenn auch geschmalzte, Wort zu erweisen.

Ich traf dort Dr. Ludwig, der mich zu morgen noch einmal in die Sprechstunde bestellte. Er wolle noch elektrisieren. – Meine Fußschwäche, die noch anhält und beim Gehn Schmerzen und Hinken verursacht, führte Ludwig übrigens neulich auf Plattfuß-Veranlagung zurück. Das wäre aber doch sonderbar, wenn ich in 36½ Jahren von einer derartigen Veranlagung nie etwas gemerkt haben sollte.

Die Impotenz hoffe ich los zu sein. Ich habe zwar Ludwigs Vorschrift bis jetzt befolgt – und will versuchen, den ganzen Rest des Jahres keusch zu bleiben –, aber während Zenzl mich heut früh küßte, spürte ich erhebliche Dränge, die mich gewiß nicht bei der Aktion im Stich gelassen hätten. Und ein gestern hier eingetretenes neues Dienstmädchen, das ich trotz seiner vorgeschrittenen Jahre auf Kußlichkeit erprobte, bewirkte die gleiche Demonstration. Ich glaube daher, daß frühzeitige Senilität bislang für mich kein Selbstmordmotiv wäre.

 

München, Mittwoch, d. 23. Dezember 1914.

Wenn der Krieg etwas Versöhnliches in sich bringt, so ist es die menschliche Annäherung der „Feinde“ untereinander. Wenigstens zwischen Deutschen und Franzosen, soweit sie nicht hinter Redaktionspulten für Blutrünstigkeit besoldet werden, sondern mit den Waffen in der Hand gegeneinander kämpfen müssen, macht sich nach allen Berichten der unmittelbaren Zeugen, eine tiefe menschliche Kameradschaft geltend. Man hört von gegenseitigen Unterstützungen mit Lebensmitteln, von reger Korrespondenz zwischen den Schützengräben, ja von mündlichem Gedankenaustausch und Händeschütteln. Es soll vorkommen, daß nach einer Pause der Verständigung, wenn wieder der Befehl zum Schießen laut wird, auf beiden Seiten die Soldaten weinen, so lieb haben sie den Gegner. So wäre es denkbar, daß in den Soldaten selbst hüben und drüben Kriegsfeinde entstehn, die später der stärkste Friedensschutz sein werden und sogar die Beendigung des Furchtbaren – ein herzlicher Wunsch! – herbeiführen könnten. Zenzl erzählt, was ihr verwundeter Bruder berichtet: ihm und jedem empfindsamen Deutschen sei es nicht so schrecklich, dem Feuer ausgesetzt zu sein, wie requirieren zu müssen. Die Kinder bitten mit erhobenen Händen, man möge ihnen das letzte Stück Vieh, die letzte arme Habe lassen – und nicht einmal vor Kindertränen barmherzig sein dürfen – das muß wohl das Ärgste sein, was von Menschen verlangt werden kann.

In schroffem Gegensatz zu dem Einverständnis, das der Krieg zwischen deutschen und französischen Kämpfern bewirkt hat, steht der furchtbare Haß gegen die Engländer. Es scheint wirklich wahr zu sein, daß englische Soldaten mit ihren Offizieren über die Schlachtfelder gehn und die verwundeten Deutschen einfach abstechen. Ebenso daß es öfter vorgekommen ist, daß aus englischen Schützengräben die Kapitulationsfahne geschwenkt wurde, und die Deutschen, die hinübergingen, um die sich ergebenden Leute gefangen zu nehmen, mit Maschinengewehren empfangen wurden. Das hat eine derartige Wut erregt, daß nach allen Berichten der Zurückgekehrten, Engländern kein Pardon mehr gegeben wird. Natürlich – aber das ist den Beteiligten wohl schwer begreiflich zu machen – liegt das nicht an der ursprünglichen Roheit der Engländer, sondern an der sittlichen Verwahrlosung der Berufsheere überhaupt, und insbesondere dieser, die bisher nur gegen farbige Völkerschaften zu Felde gezogen waren. Die Ethik aber, daß Neger und „Wilde“ aller Art, denen man europäische „Kultur“ zuführen will, ohne Menschlichkeiten gemordet werden dürfen, hat noch jedes kolonisierende europäische Land, die Deutschen nicht zuletzt (Hänge–Peters), jederzeit bestätigt.

In Frankreich und Belgien steht der Krieg immer noch am gleichen Fleck. Täglich werden große Kämpfe gemeldet, eroberte Schützengräben und Stellungen, Gefangennahmen, Angriffe und Erfolge – und zwar hüben und drüben. Seit der für Deutschland verlorenen Marne-Schlacht ist es im Stellungskrieg, der bis zur Erschöpfung beider Parteien durchgeführt werden zu sollen scheint, falls die Vernunft nicht doch noch durchdringt und ein anständiger Separatfriede zustande kommt. – In Polen haben die Russen trotz des großen Hindenburgschen Siegs doch wieder befestigte Stellungen einnehmen können, deren Durchbrechung von neuem ungeheure Kräfte und riesige Opfer kosten wird, – falls nicht neuerdings russische Verstärkungen die Ausnutzung des Erfolgs wieder illusorisch machen. – Was die Türkei und der Heilige Krieg ausrichten ist nicht zu erkennen, weil alle Siegesnachrichten unglaubwürdig sind. Vor langen Wochen schon hieß es, die Türken stehn am Suezkanal. Heute aber erfährt man, daß sie anfangen, dorthin vorzumarschieren.

Vor Italien hat man hier immer noch große Angst. Ich glaube nicht an sein Eingreifen, zumal jetzt nicht, wo England eben einen Gewaltstreich in Aegypten durchgeführt hat, indem es einen Sultan einsetzte und das Land unter englische Suzeränität stellte, was einer Annektion fast gleichkommt. Außerdem soll Frankreich beabsichtigen, Tunesien zu annektieren. Beide Aktionen könnten Italien höchstens veranlassen, im Interesse der Türkei einzugreifen (was natürlich nicht geschehn wird), aber gewiß nicht jetzt mit Frankreich und England gegen den eignen Vorteil zu kämpfen.

Der Fall Weill regt die Presse sehr auf. Die eignen Parteigenossen rücken heftig von ihm ab. Das Nürnberger Parteiorgan, dessen Redakteur er jahrelang war (ich lernte ihn dort auf der Redaktion kennen) nennt sein Verhalten „schuftig“. Ich finde es immer noch überzeugungstreuer als die Haltung der Leute, die am 27ten Juli Demonstrationen gegen den Krieg veranstalteten und am 4. August alle Kredite dafür bewilligten.

Von Verrat und Gesinnungsverleugnung sollte in diesen Zeiten überhaupt niemand reden. Der Simplicissimus ist nationalistisch geworden und die „Jugend“ gar christreligiös. Wie es eben die Stimmung der Leute grad mit sich bringt. Konjunktur-Ethiker, wie sie immer sind. – Ich hatte die Hoffnung dieser Tage auf den Simpl. gesetzt, dem ich ein Gedicht („Ist’s nicht, als wär ich längst vorbei –“) und drei Lb. Spl. sandte. Ich hatte noch angedeutet, daß mir das Honorar über Weihnachten weghelfen sollte. Aber heut bekam ich alles zurück. Von den Gedichten, die sie bringen, ist keines besser als meine Verse. Aber – um Gottes willen jetzt den Lesern nicht diesen Namen vorsetzen! Talente dürfen verrecken. Wert haben nur Leute, die zu Gott, König und Vaterland die rechte Gesinnung haben. – Beim revolutionären Simplicissimus!

Vorgestern pumpte ich von Muhr 10 Mk. Einiges davon gab ich gestern schon aus, da ich die blonde Schweizerin Lo Hauser (ihre Schwester küßte ich vor einigen Jahren ab) ins Kino und ins Café Modern einlud. Meine Zigarren sind alle und ich muß die neue Kiste wieder schuldig bleiben. Meine Hoffnung, anständige Weihnachtstrinkgelder in der Pension geben zu können, ist hin, da auch Herr v. Hohenau nicht gekommen ist. Zenzl erhielt 3 Mk, die sie gegenständlichen Geschenken vorzog, und mich setzt das Weihnachtsfest allen Anschein nach für den Rest des Monats recht bösen Ekelhaftigkeiten aus. – Die arme Emmy ist gestern im Gefängnis angetreten.

Gestern war ich wieder bei Ludwig. Er elektrisierte das Rückgrat. Aber den wahren Ursachen der Nervenstörungen ist mit Medikamenten oder chirurgischen Apparaten nicht beizukommen. Wenn Friede würde, wenn mein Vater stürbe, wenn Jenny mein Weib wäre – dann hätte die Seele Ruhe und Glück genug, um rechte gute Werke zu schaffen. Bis dahin aber muß ich gegen das Leben einen lähmenden und aufreibenen Defensivkrieg führen.

 

München, Donnerstag, d. 24. Dezember 1914

Auf der Kegelbahn ging’s hoch her. Weihnachtsfeier mit von Jaques gestiftetem Kalbsbraten, von Frau Halbe gespendetem Herings- und Kartoffelsalat, von Maaßen selbst gebratenem Roastbeef mit selbst gerührter Remouladen-Sauce (ganz hervorragend gut) und einer an Ort und Stelle bereiteten vortrefflichen Feuerzangen-Bowle. Wir aßen und tranken ungeheuer viel und es war sehr lustig. Nur ab und zu kam ein Gefühl der Scham über mich, dem Halbe dann in einer kleinen Ansprache Ausdruck gab, indem er an unsre Freunde im Felde erinnerte und auf das Bild unsres armen Jacobi, das an der Wand hing, hinwies. – Es ist wohl eine Notwehr des Herzens, daß man bei allem Leid doch immer wieder fröhlich sein kann. – Heut abend soll ich (zum vierten Mal nun) den Heiligen Abend bei Halbe en famille feiern.

Im Kriege geht’s nahezu ohne Veränderung schrecklich weiter. Im Osten in stetiger Erfolgssicherheit, im Westen offenbar mit unterschiedlichem Gelingen. Die neuen täglichen Meldungen von Kämpfen bei Nieuport, La Bassée, Lager von Châlons etc., in denen immer wieder von abgeschlagenen Angriffen, Gefangennahmen, Verlusten und Wiedereroberungen von Gräben etc. die Rede ist, machen in ihrer fahrigen Unübersichtlichkeit keinen stets glaubwürdigen Eindruck. An ein Durchdringen der Deutschen nach Dünkirchen und Calais glaube ich längst nicht mehr. Eher noch an eine Wiederholung der Marne-Schlacht weiter nördlich mit dem gleichen Erfolg einer weiteren Zurückdrängung des Stellungskriegs.

Der Feldzeugmeister Potiorek ist abgesetzt. „Aus Gesundheitsrücksichten“ natürlich. An seine Stellung ist ein Erzherzog Eugen berufen. Nun kann’s also in Serbien nimmer schief gehn. Gleichzeitig veröffentlicht die österreichische Heeresleitung einen gewundenen Bericht über die serbische Katastrophe, in dem Herr Potiorek ziemlich unverblümt die Schuld aufgehalst bekommt. „Wir sind zurückgegangen, aber nicht geschlagen“, dieser Satz, der noch in keinem Bericht einer unterlegenen Armee gefehlt hat, steht natürlich auch hier, zugleich aber das Eingeständnis empfindlicher Verluste an Menschen und Material, worüber die feindlichen Angaben als sehr übertrieben bezeichnet, eigne Angaben aber nicht gemacht werden. Alles in allem eine blamable und ziemlich hilflose Beschönigung.

Eine ungeheure Freude erlebte ich heut vormittag. Ich fand vor meinem Zimmer ein Paketchen. Es enthielt 10 Zigarren und einen Zettel von Uli mit Weihnachtsgrüßen. Wie ich mich über diese freundschaftliche Aufmerksamkeit freue, kann ich garnicht sagen. Wir waren seit einiger Zeit ganz auseinander. Seewald lud mich im letzten Fasching nicht mal mehr zu seinen Atelierfesten ein. Und nun diese Überraschung. Ich war eben dort und brachte mein Gedichtbuch hin. Leider traf ich Uli nicht an, die ich so gern für ihre Güte geküßt hätte. Mit Seewald blieb ich dann etwa eine Stunde zusammen.

Die arme Zenzl hat heuer nur 3 Mk von mir bekommen. Als sie heut früh an meinem Bett saß, ging mir es recht auf, wie lieb ich sie habe. Sie ist mir ein wenig das, was ich von meiner Geliebten am tiefsten ersehne: Ersatz der Mutter. Ich kann ihr wie keiner sonst den Kopf in den Schoß legen und mich ganz still und wunschlos streicheln lassen. Ihre gute Liebe tut mir unermeßlich wohl, und ihr danke ich in dieser schweren Zeit mehr als ich selbst oft empfinde. Vielleicht kann ich es ihr einmal danken.

 

München, Freitag, d. 25. Dezember 1914.

Friede auf Erden! – Über die fürchterliche Gotteslästerung dieses Weihnachten regt sich kein Mensch auf. Es wird ganz in der Ordnung gefunden, daß die Soldaten sich Christbäume in die Schützengräben stellen und gelegentlich wohl mal zwischen den geschmückten Ästen hindurch und und unter frommen Liedern Granaten auf andre Menschen werfen. Mit Gott, für König und Vaterland. „Mit Gott!“

Ich war bei Halbe eingeladen – das vierte Weihnachtsfest in diesem gastlichen Hause. Rummels waren da, die ganze Familie: Gustl Waldau, Mia und ihre beiden Kinder. Ich erhielt eine Kiste mit 25 vortrefflichen Zigarren.

Noch ein Geschenk. Roja ließ mir im Stefanie eine selbstgehäkelte Geldbörse übergeben. Ich bin ganz gerührt darüber und weiß noch garnicht, wie ich mich revanchieren soll. Ich will nachher mit dem miserablen Buch ihres einstigen Geliebten zu ihr gehn.

Heute nichts weiteres als mein eben entstandenes Opus, das den Neid des größten Anagrammatikers Franz Dülberg erregen wird, und das ich Else Sarto bei der nächsten Gelegenheit überreichen werde:

Gedenk des Ortes, Elsa, wo ich stand:

Ich starrte in den See ratlos hinein,

die Aster lose in der müden Hand.

O, Esels Art, so blind verliebt zu sein!

Das sind die Reste also meines Glücks.

Nun ist des Hoffnungsbaumes Ast so leer,

als roeste meine Seele schon im Styx,

und keines Tores Sela grüßt mich mehr.

Schon folgt zu Schiff nach Stresa Leo dir,

schon seh ich an der Esse Lotar warten.

Was bleibt, du meines Tales Rose, mir?

Ach, alte Rosse stampfen meinen Garten!

Wie ich aus ihrem Trosse Lea floh,

so lasse Rote ich und Blonde stehn,

und kämpf für dich. Einst kämpft’ Laertes so.

Auch als Oreste sollst du mich noch sehn.

So laester länger nicht die wilde Glut,

und sieh, wie Eros laste auf mir Armen.

Dein Lotse rase ich durch Sturm und Flut,

Dich, teure Else Sarto, zu umarmen!

 

München, Sonntag, d. 27. Dezember 1914

Angriffe abgewiesen – Erfolg – gefangen genommen – schwere Verluste beigebracht – Befestigungen entrissen – zurückgeschlagen – so geht’s täglich in allen Berichten. Die französischen lauten fast ebenso, nur eben mit andern Ortsangaben. Es ist also im Westen stets das gleiche Bild. Ein ewiges Hin und Her von Vorstößen und Zurückweichen. Im Osten ist die Armee der Verbündeten im schweren Kampf gegen die Russen, und der Erfolg muß abgewartet werden. Inzwischen werden an der deutschen wie an der englischen Küste Bomben geworfen, die Franzosen bombardieren einen Lazarettort und als Antwort werden von den Deutschen „einige in der Position de Nancy liegende Orte mit Bomben mittleren Kalibers belegt“. „Belegt“ ist schön gesagt, und man ahnt, daß das ein Casino-Ausdruck, also im amtlichen Bericht wohl ein Witz ist. Das wäre sehr gut denkbar. Denn an der Stelle, von der im Anfang des Kriegs der Generalquartiermeister Stein seine klare knappen Berichte ausgab, sitzt seit einiger Zeit ein anonymer Humorist, der es für seine Aufgabe hält, das deutsche Publikum nicht blos zu orientieren, sondern zugleich auch zu belustigen. Vor einigen Tagen wurde ein bei einem toten französischen Offizier gefundner Armeebefehl Joffres bekanntgegeben, der die Armee zu allgemeiner Offensive antreibt. Tags drauf kam dann der Witz. „Leider“ sehe man erst jetzt, daß im Schlußsatz angeordnet sei, daß der Appell streng vor der Presse geheimgehalten werden soll. – Heut aber schlägt der Humor des Generalquartiers schon gradezu Purzelbäume. Aus dem Großen Hauptquartier (also hochoffiziell) wird gemeldet: „In der französischen Presse tritt neuerdings wiederholt die Bemerkung auf, daß die von der deutschen Artillerie verschossene Munition nur eine geringe Wirkung habe und sehr viel Blindgänger aufweise. Die Tatsache ist bedingt richtig. Nur handelt es sich dabei nicht um deutsche, sondern um erbeutete französische und belgische Munition. Ihre Minderwertigkeit ist auch uns bekannt. Da es sich aber um ganz außerordentlich große Munitionsbestände handelt, die doch auf irgend eine Weise unbrauchbar gemacht werden mußten, so schien es immer noch am besten, sie ihren früheren Besitzern wieder zuzusenden.“ Ein gemütvoller Scherz, muß man sagen. Über die Tatsache, daß man trotz der Minderwertigkeit des Munitionsmaterials beim Gegner in 5 Monaten nicht mehr gegen ihn ausrichten konnte, wie schon nach 6 Wochen, bleibt die deutsche Heeresleitung die Auskunft schuldig. Die Verhöhnung des Feindes von Amtswegen blieb in diesem Kriege den Deutschen vorbehalten. Als fair hat sie noch nie gegolten.

Gustl Waldau (der in diesen Tagen Hauptmann wird) meinte gestern abend, man rechne auf eine Verwendbarkeit der Geschütze überall nur für 5 Monate, sodaß im Westkrieg der Materialverbrauch sich schon sehr fühlbar machen müsse. Das ist ja auch meine Hoffnung: daß die Erschöpfung auf beiden Seiten das Ende der Gräßlichkeit schneller herbeiführen werde, als Sieg oder Niederlage feststeht. Man spricht allgemein von einer interessanten Wette, die Gustl Waldau verbürgt: Kürzlich war Krupp in München, um bei Bernheimer die Teppicheinrichtung für ein neues Schloß zu bestellen. Dabei erklärte Herr Krupp v. Bohlen, der Krieg werde im März zu Ende sein. Bernheimer bestritt das und erklärte, er werde die Teppiche, falls Krupp recht behält, gratis liefern, während Krupp sich verpflichtete, im andern Falle den doppelten Preis dafür zu bezahlen. – Natürlich hofft jeder von den beiden Kapitalisten, die Wette zu verlieren, da Krupp am Kriege, Bernheimer an seinem Aufhören kolossal interessiert ist. – Zugleich kommt immer wieder das Gerede von einem Separatfrieden mit Rußland, an den Halbe ganz fest glaubt und ich absolut nicht, schon deshalb nicht, weil man doch die Türkei nicht einfach in der Patsche lassen kann, nachdem man sie erst zu dem Abenteuer gebracht hat.

Persönliches: Vorgestern abend traf ich Asta, nahm sie mit mir heim und hatte allerlei Freude an ihr, die sich freilich, da sie unwohl war, auf resultatlose Handgreiflichkeiten beschränkten. Morgen abend kommt sie wieder – Ich bin auf meine Leistungsfähigkeit mehr als neugierig. Die Abstinenz habe ich leider schon mehrfach selbsttätig durchbrochen, aber die hysterische Angst vor der Impotenz will mich garnicht mehr verlassen.

Gestern verabschiedete sich Walter von mir, in der Uniform eines österreichischen Artillerie-Leutnants. Er muß in diesen Tagen ins Feld. Meine Andeutungen, daß ich dringlich Geld brauche, verstand er natürlich nicht. In der Tat weiß ich mir garnicht mehr zu helfen. Das Jahr wird trübe enden.

 

München, Montag, d. 28. Dezember 1914.

Ein Brief von Jenny, und damit endlich wieder ein Grund, froher in die Welt zu schauen und den Geldmangel für Minuten zu vergessen, der täglich peinvoller wird. Sie ist gesund und fügt sich in die Lage. Mit meiner Beurteilung der Haltung Liebknechts ist sie nicht einverstanden, vielleicht, wenn ich ihr auseinandergesetzt haben werde, daß mir ein Aufhören des Kriegsmords jeden Preis an Geldwert und Landbesitz wert wäre, – ob es nun alle Länder gleichmäßig – oder Deutschland am wenigsten oder am meisten treffen würde. Sie hat durch Direktor Rößler einen Bankposten erhalten, den sie am 1. Januar antreten und vorläufig unbezahlt versorgen soll. Arbeit und Regelmäßigkeit wird dem armen Mädel wohltun. Sie möchte sich mit mir über alles Politische mündlich aussprechen. Wüßte ich nur, ob sie sich auch nach dem rein männlichen Teil meines Wesens sehnt. Darüber schweigt sie nachhaltig. Ich will an Landauer schreiben, ihn bitten, sich für mich um den Dramaturgenposten bei der Neuen freien Volksbühne zu bemühen. Erhalte ich den bei einigermaßen möglicher Besoldung, dann, wills Gott, wird endlich das Einverständnis aller möglich werden, falls Jennys Einverständnis noch vorhanden sein sollte.

Der Krieg geht in der gewohnten Weise weiter, nur daß zu befürchten ist, daß sich die Kämpfe im Osten an der Bzura, Nida und Rawka zum gleichen Stellungskrieg auswachsen werden wie die im Westen an der Yser und Yper ... Ein Gutes ist aber allmählich zu merken: das Publikum mag nicht mehr. Der Krieg fängt an, unpopulär zu werden. Man glaubte, es werde alles gehn wie 1870 – der berühmte „Siegeslauf der deutschen Waffen“. Und wenn man den Krieg angefangen hat, muß er so gehn, will man gutes Wetter beim Volk erhalten. Kriegsmüdigkeit, heimliche Empörung, wie sie sich allmählich in immer weiteren Kreisen geltend macht, wäre namenloser Segen. Denn sie wäre die Voraussetzung für den Kriegshaß, der nach Beendigung der Ereignisse den Frieden sichern muß. – Daß ich nicht rosiger sehe als berechtigt ist, beweist mir eine Äußerung Gustl Waldaus, der mir vorgestern – auf der Straße, vor Zeugen, und er in Offiziersuniform mit dem Eisernen Kreuz – die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Gelt, Erich, du brauchst jetzt auch nicht mehr soviel Angst zu haben, Deine Meinungen zu äußern, wie am Anfang?“ – Er selbst gibt ehrlich zu, daß er nur sehr ungern wieder ins Feld hinausgeht und zieht das solange es geht, hinaus. Er empörte sich kürzlich heftig über die Rubrik „Feldhumor“ in den Blättern und bestritt, – er, der lustigste, sonnigste Mensch der Welt –, daß Humor je im Schützengraben bemerkbar werde. Wenn er irgendwo lese „Humor im Schützengraben“ dann schmeiße er wütend das Blatt in die Ecke.

Gestern war ich bei Lucie v. Jacobi. Bei der armen Frau kann einem wirklich der Feldhumor vergehn. Sie ist sehr sehr unglücklich, aber recht gefaßt und geht tapfer gegen ihren Schmerz an. Ich traf dort Frau Albu mit Kindern (die mich mit den übrigen zu morgen Abend einlud), Magda Almo (sie ist reizend und ich begleitete sie später bis zum Hoftheater), die Glümer, und Lucies Bruder Victor Geldern mit seiner sehr sympathischen blonden jungen Frau.

Wedekind ist leider wirklich recht krank. Ich habe mehrfach Frau Tilly antelefoniert und dann immer ganz beunruhigenden Bescheid erhalten, höre aber jetzt, daß Hauschildt recht besorgt sein soll. Es hat sich ein Abszeß gebildet, der operiert werden müßte. Doch kann man Wedekinds Herzens wegen eine Operation nicht riskieren. Hoffentlich treten keine verhängnisvollen Wandlungen ein. Ich sorge mich mehr um Wedekind, als ich irgendwem zeige.

 

München, Dienstag, d. 29. Dezember 1914

Ein Besuch bei Heinrich Mann ist immer sehr ergiebig. Ich war gestern zum Nachmittagskaffee bei ihm, und da seine Frau sich nicht wohl befand, waren wir allein. Thema natürlich ausschließlich: der Krieg. Mann ist in seiner Ablehnung der Dinge weniger objektiv als ich. Er ist Partei und mit seinen Sympathien ganz auf französischer Seite. Freilich kommt er mit dieser Einstellung sehr oft zu genau den gleichen Schlüssen wie ich mit meiner gegen alle gerichteten Kriegsfeindschaft. Mann meinte: wenn Tolstoj lebte, wäre der Krieg nicht ausgebrochen. Ein solcher Friedenswille wie er in ihm lebte, hätte die Katastrophe verhindert. Über die Bundesgenossenschaft des Islams machte er sich weidlich lustig: Deutsche Protestanten, österreichische Katholiken und jungtürkische Atheisten proklamieren den Heiligen Krieg des Propheten! Über die Elsaß-Lothringer, die der französischen Regierung zugelaufen sind (Wetterle, Blumenthal, Weill) waren wir ganz einer Meinung, daß da von Verräterei garkeine Rede sein kann, wo die Tradition, die vor 44 Jahren geht, stärker fühlbar ist, als die Wohltat der preußischen Unterjochung seit 1871. Übrigens wollte Mann wissen, was ich auch von andrer Seite schon hörte (Alten soll es verbreiten), daß Levetzow nun doch ins französische Heer eingetreten sei. Es ist mir nur nicht klar, wie die Nachricht hergelangt sein soll, da die Zeitungen sie offenbar nicht gebracht haben. Mann rechnet wie ich auf die günstige Einwirkung der Kriegsmüdigkeit, die sich überall geltend macht. Daß die Zeitungen vom sicheren Pult aus Krieg und Haß predigen, wird dem kaum lange mehr Abbruch tun. Besonders ein gewisser Dr. Otto Helmuth Hopfen, ein Kerl, der noch nicht einmal sauberes Deutsch schreibt, versorgt die verantwortungslose Provinzpresse mit ekelhaften Hetzartikeln gegen Frankreich. Man muß sich diesen Burschen für nachher merken. Erst heut wieder finde ich in der „Münchn. Ztg“ eine Abhandlung von dem Gernegroß, in der er vor „jener Versöhnungspolitik gegen die hochmütigen Unversöhnlichen“ warnt, „auf die wir schon schmählich und oft genug hereingefallen sind“. Die Zensur, die in Deutschland viel rücksichtsloser arbeitet als in Frankreich und England, streicht alles erdenkliche harmlose Zeug, ja, verwarnt die Blätter und verbietet sie für Tage und länger, wenn sie sich gegenseitig beschimpfen und den „religiösen Frieden“ nicht respektieren. Aber solche elenden Versuche, das Volk mit Haß und Verleumdung gegen unsere westlichen Nachbarn zu vergiften, werden eher protegiert als verhindert. Es ist charakteristisch, daß die drei östlichen Kaiserreiche, Deutschland, Österreich und Rußland in der Handhabung der Zensur gleichen Schritt halten, und es wird sich fragen, ob sich nach dem Kriege die Kritik dagegen hervortrauen wird. – H. Mann hält überall das Philisterium für den gefährlichsten Förderer der Feindschaft, das in Frankreich durch die Boulevard-Presse, in Deutschland durch die Gelehrten (der famose Aufruf der 93 Elite-Deutschen!) repräsentiert wird. Ich glaube trotz allem an ein baldiges Ende. Jetzt kommen allmählich die Verstümmelten und Krüppel aus den Lazaretten. Erst vorhin sah ich einen blutjungen Soldaten sich an Krücken die Amalienstrasse hinunter mühen, dem der rechte Fuß hoch über den Knöchel amputiert war. Solcher Anblick hämmert das Entsetzen gegen den Krieg auch in abgehärtete Enthusiasmierte.

Die Kriegsereignisse stehn überall auf dem gleichen Fleck. Nur scheinen die Russen in den Karpathen wieder Erfolge zu haben. Recht so. Denn die Wut über die österreichische Bundesgenossenschaft mit ihren andauernden Mißerfolgen wird auf die Länge die Sehnsucht nach Frieden in Deutschland nur fördern können.

 

München, Mittwoch, d. 30. Dezember 1914.

Das eben erschienene letzte (11/12.) Heft des XVI. Jahrgangs der „Friedenswarte“ enthält einen hochbedeutsamen Artikel, bemerkenswert freilich mehr seines Verfassers als seines Gesamtinhalts wegen. Es ist eine Art Aufruf „An die Völker germanischen Blutes!“ von Frh. Marschall von Biberstein, „preußischem Landrat und Hauptmann d. Reserve des 1. Garde-Regiments z. Fuß, z. Zt. im Felde“. Der Aufsatz ist „Geschrieben im Schützengraben am 18. Oktober 1914“, sein Verfasser ist, wie die Redaktion leider in einer Fußnote mitteilen muß, am 11. November in Frankreich gefallen. Dieser preußische Landrat, seinem Namen und Art nach also ein typischer Vertreter der rückständigsten Adelskaste, hat durch den Krieg den Frieden lieben gelernt. Er schreibt – und veröffentlicht, was er schreibt, unter seinem vollen Namen und Titel und an einer Stelle, die auf seine Kreise unbedingt provokant wirken muß – u. a. folgendes: „Wer diesen Krieg in vorderster Linie mitkämpft, wer sich vergegenwärtigt all das Elend, all den unsagbaren Jammer, den ein moderner Krieg einesteils durch die entsetzlichen Geschoßwirkungen unsrer heutigen Waffen aller Art, andernteils indirekt durch den wirtschaftlichen Ruin von Hunderttausenden bei den so kompliziert ineinandergreifenden ökonomischen Beziehungen der Völker untereinander hervorruft, der wird sich zu der Überzeugung durchringen müssen, falls er sie nicht schon vorher gehabt: die Menschheit muß den Krieg überwinden lernen, es ist nicht wahr, daß der ewige Frieden ein Traum sei und noch dazu kein schöner, es muß, es wird eine Zeit kommen, die den Krieg nicht mehr kennt, und diese Zeit wird gegenüber der unsrigen einen gewaltigen Fortschritt bedeuten ...“ Marschall sieht das Heil in einem Zusammenschluß aller germanischen Völker Europas zur Abwehr jeder drohenden Gefahr. Das ist natürlich Unsinn (als ob es nie ein 1864–1866 gegeben hätte!), aber die Gesinnung seines Aufrufs ist prächtig. Welch ein Unglück, daß dieser Mann fallen mußte! Vielleicht wäre ein neuer Egidy in ihm erstanden.

Täglich lauter hört man jetzt schon Friedenswünsche äußern. Erst war ich gestern bei Hede Wahl. Ihre Schwester war dort und der Maler Schorling. Unser aller Stimmung war das Gegenteil von Kriegsbegeisterung. Die Schwester war in Darmstadt Lazarettpflegerin. Sie erzählt, daß die Verwundeten fast ausnahmslos kriegsfeindlich sind. – Nachher holte ich Frau Almo und mit ihr Lucie v. Jacobi mit Bruder und dessen Gattin ab. Wir waren bei Albus zum Abendbrot geladen (Gänseweißsauer!). Die Almo sang wunderschön aus „Bohème“, „Hoffmanns Erzählungen“ und „Tosca“. Nachher begleitete ich die junge Frau Geldern heim. Sie wohnt, während ihr mir recht peinlicher Mann jetzt bei Lucie v. Jacobi untergebracht ist, hinterm Isartorplatz bei der Clenzestrasse. Wir sprachen über den Krieg, und die überaus reizvolle sanfte blonde Frau stimmte allen meinen Worten ganz begeistert zu. Sie sei ganz und garnicht patriotisch, meinte sie, und – ganz vorsichtig – sie denke fast anarchistisch. Als ich ihr dann sagte, daß ich Anarchist sei und mich seit langen Jahren öffentlich so bekenne, war sie ganz glücklich. Sie dankte mir gradezu, weil ich all das, was sie empfinde und wisse, in Worte kleide. – Es tut mir fast leid, daß die schöne junge zarte Person mit dem affektierten Geldern verheiratet ist. Sie ist vor 4 Monaten von ihm Mutter geworden und liebt ihn augenscheinlich noch sehr. Es wäre eine Frau, mit der ich sehr gute Freundschaft haben könnte, da sie eine schöne gesunde Leiblichkeit und ein tiefberuhigendes herzliches klares Wesen hat.

Was ich gestern über die Zensur in Deutschland im Vergleich zu der in andern Ländern schrieb, ist auch heute wieder in diversen Zeitungsmeldungen bestätigt. Clemenceau wird zitiert, der der Regierung in Frankreich alle möglichen Vorhalte macht. Englische Pressestimmen, die mit der eignen Kriegsführung so wenig zufrieden sind wie mit der der Verbündeten, werden exzerpiert. Selbst in Rußland dürfen, wie Tag für Tag in deutsche Blätter übergeht, Stimmen der Kriegsmüdigkeit ans Licht. Bei uns dagegen – und wir kämpfen doch für die „Freiheit!“ – wird jedes Wort der Kritik am eignen oder österreichischen herrlichen Wesen streng unterdrückt. Gustave Hervé kämpft in seiner „Guerre sociale“ für menschliche Behandlung der gefangnen Deutschen. Er hat das – inzwischen aufgehobene – scheußliche Urteil gegen deutsche Sanitäter wütend angegriffen gehabt. Jetzt ist in Deutschland ein gefangener Engländer, der wegen renitenten Verhaltens – er hatte einen überwachenden Landsturmmann mit der Faust bedroht – zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, in zweiter Instanz zum Tode verurteilt worden. Sollte irgendein Blatt es wagen, dies niederträchtige Urteil mit einer Silbe zu kritisieren, so wäre die Zeitung erledigt. Wir haben brav anzuerkennen, daß 10 Jahre Gefängnis für einen Entwaffneten, dem sein Temperament wer weiß um was für eines berechtigten Ärgers willen durchgegangen war, viel zu wenig war, und daß nur der Tod dies furchtbare Verbrechen sühnen kann.

In habe in letzter Zeit häufig nachgedacht, wieviel Wahres wohl an der Behauptung der westlichen Länder, es gelte den preußischen Militarismus zu brechen und an der der Deutschen sein kann, wir bekämpfen den russischen Zarismus. Ich habe meine Ansicht neulich auch Heinrich Mann darüber gesagt. Beide Behauptungen sind gleich töricht und verlogen. Man treibt den Teufel nicht mit Beelzebub aus. Der noch so unerträgliche Militarismus eines Landes wird nicht durch Besseres ersetzt, wenn der konzentrierte Militarismus und Marinismus aller andern Länder darüber herfällt. Ebensowenig wird den Russen die Freiheit zwangsmäßig, durch Unterdrückung von außen her ins Land getragen. Sie werden sie sich schon selbst erkämpfen müssen, und wir haben bei uns alle Ursache, den eignen Unrat aufzuräumen, ehe wir im Ausland Großreinemachen feiern. Man wird unter der Hand auch gegen diesen frechen Schwindel Stimmung machen, unsre Oberen aber später mit ihren für den Feind erdichteten Freiheitshymnen selbst ansingen müssen.

Die Österreicher haben sich mal wieder in den Karpathen „strategisch“ zurückgezogen. Sonst ist sich bisher weiterhin alles gleich geblieben. Selbst verbissene Patrioten geben allmählich zu, daß die Partie überall auf remis steht.

 

München, Donnerstag, d. 31. Dezember 1914.

Der letzte Tag dieses fürchterlichen Jahres. Was aber vor uns liegt, ist grau und schrecklich. Es ist das Wissen von Trauer und Unglück, wie wir es nie früher für möglich hielten, und wie wir es jetzt gewöhnt sind, als müsse das alles so sein. Und unsre Hoffnungen, die früher über alles Erfahrene weit hinaustrugen, sind bescheiden geworden und bitten nur noch um ein Aufhören des Mords und der Vernichtung.

Furchtbar lebendig war mir grad in den letzten Tagen wieder der Schrecken des Kriegs. Meine Nerven sind herunter wie noch nie, und ich weiß nicht, was draus werden mag. Dabei die äußerste Geldnot. Heut gelang es mir mal wieder, Rößler um eine Mark anzupumpen. Aber wie lange reicht das? Und immer aussichtsloser werden die Hoffnungen auf Hilfe. Zenzl ist in einer wahrhaft entsetzlichen Lage. Am 21ten Januar wird sie aller Voraussicht nach mit ihrem Gatten aus der Wohnung exmittiert, – und ich habe für 4 Monate Miete (140 Mk) garantiert. Kürzlich war der Hauswirt schon mal bei mir – mit Menschfressermiene und höchst kriegerisch auf seinen Vorteil bedacht. Er wird mich also wohl erfolglos pfänden lassen – und dann kommt die Vorladung zum Offenbarungseid, den ich (der Häuser wegen) nicht leisten kann, und dann kommt die Mitteilung an die Familie und Krach, Ärger, Vorwürfe und womögliche Kürzungen der Einnahmen oder gar der väterlichen Erbschaft. – Ich habe Zenzl, um sie für einige Tage zu sichern, mit einem Brief zu Freksa geschickt, der vom Kriegsschauplatz nach Erwerbung des Eisernen Kreuzes krank zurückgekommen ist. Hoffentlich hilft er ihr. Im allgemeinen ist die Beobachtung vom Anfang der „großen Zeit“ an zu machen gewesen, daß das Erbarmen der Menschen mit Elend und Hunger nicht um ein Jota verstärkt wurde, und daß jeder Einzelne, wie nur immer, darauf bedacht war und ist, seine paar erwucherten Mark zusammenzuhalten und zu vermehren, mochten die Armen sich darüber 20mal das Genick brechen. Mir selbst fällt’s ja sehr schwer, wieder in meinem Alter mit 5 oder 10 Pfennigen in der Tasche herumzulaufen und unausgesetzt demütigenden Situationen ausgesetzt zu sein. Denke ich aber an die Millionen Hungernden und Frierenden, und an die tötenden und dem Mord ausgesetzten Menschen im Felde, die nichts als Unglück in Auge und Ohr tragen und uns hier im warmen Zimmer satt werden wissen, dann weiß ich, daß ich der Letzte bin, der klagen darf.

Wie lange der Irrsinn noch getrieben werden soll, weiß kein Mensch. Heut nehmen die Franzosen den Deutschen, morgen die Deutschen den Franzosen oder Engländern einen Schützengraben oder ein Gehöft fort, jedesmal kostet’s hunderte von Toten und fürs Leben ruinierte Menschen. Dabei ändert sich an der Grundlage nichts, aber hüben und drüben schreit alles: Durchhalten! – Wozu um des Himmels willen? Wenn „wir“ nun wirklich keine Kriegsentschädigung bekommen! Wenn wirklich Frankreich intakt und Belgien selbständig bleibt! Wenn wirklich Galizien russisch oder ein Stück Elsaß-Lothringens französisch würde! Und wenn selbst wirklich der „nationale Wohlstand“ derartig litte, daß auch jeder von uns sich noch mehr als vorher einschränken, noch weniger als vorher verdienen müßte! Das alles zu verhindern soll das Blut weiterer Hunderttausende von Europäern wert sein? Wenn ich’s mit dem Verzicht auf alles, was ich einmal erben soll, erreichen könnte, daß der Krieg nur einen Tag früher zu Ende wäre und das Leben nur eines einzigen singhalesischen Bogenschützen gerettet würde – bei Gott, ich besänne mich nicht. Es ist furchtbar, mit welcher Selbstverständlichkeit gute Mitmenschen den Fortgang des Kriegs für nötig halten, damit doch nicht etwa „wir“ den wirtschaftlichen Schaden von all dem Zerstörungswerk hätten!

Als neulich die Position de Nancy mit Bomben mittleren Kalibers „belegt“ und dabei „als Antwort“ unschuldige Frauen und Kinder getötet wurden, genügte es den Fliegern nicht, Zahn um Zahn Vergeltung zu üben. Ihre Bomben trugen in sinnigem Hinweis auf die gnadenbringenden Weihnachtstage, an denen das stattfand, die Aufschrift: „Fröhliche Weihnachten!“ – Bekanntlich gibt es in diesem Land keinen größeren Schimpf als den, den die Feinde von Kriegsbeginn an über unsre Grenzen riefen: die deutschen Barbaren!

Dies Heft geht mit dem Jahr zuende. Möge das neue Tagebuch eine bessere Zeit registrieren, gesehen durch ein gerechteres und reineres Herz.

 

Beilagen

 

I.

Dritter Levetzowscher Brief vom 14. Oktober 14

II.

Brief Rojas vom 14. November

vgl. S. 101 (Eintrag vom 18. November)

III.

Artikel der Mnch. Ztg. vom 21. November „Die Bayern u. die Engländer“

vgl. S. 109 (Eintrag vom 21. November)

IV.

Liebknechts Erklärung an den Reichstagspräsidenten

vgl. S. 145/6. (Eintrag vom 12. Dezember)

V.

Vierordts Gedicht „Deutschland, hasse!“ [gestrichen: Lissauers Haßgedicht gegen]

vgl. S. 41. (Eintrag vom 21. Oktober.)

 

 

 

 

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