Tagebücher

XIII

 

1. Januar – 27. April 1915

 

S. 1776 – 1967.

 

 

(Kriegstagebuch)

 

 

 

München, Freitag, d. 1. Januar 1915.

Zeitwende! Das Wort führt jetzt jeder Esel im Munde, dem die Zeit noch niemals etwas gewendet hat. Das Schicksalsjahr 1915! Voll Stolz und Selbstgefühl wird dieser 1. Januar begrüßt. Daß er bestimmt ist, eine Epoche fortzusetzen, die die Vernichtung von millionen Schicksalen bedeutet, fällt den Hanswürsten nicht ein.

Wird sich mir die Zeit endlich wenden? Wird mir 1915 ein Schicksalsjahr im guten Sinne sein? Gestern schrieb ich einen langen Brief an Jenny, Glückwünsche zu Neujahr und zum 23. Geburtstag. Sie muß daraus sehen, wie innig mein Schicksal an ihrem Leben hängt, wie es auf sie hofft, nach ihr sich sehnt. Ich schickte ihr die Gedichte gebunden mit dieser Widmung:

Meine ganze Seele ist in Dir.

Deine ganze Seele soll es wissen:

Müßt ich einmal Deine Seele missen,

wäre meine Seele fern von mir.

Sie wird es empfinden, wie wahr diese Verse sind. Ich weiß es täglich tiefer. Wenn ich noch zu beten verstände: ohne ihren Namen würde keine Bitte und kein Dank zu Gott steigen. Sie liebe ich, ihr verschreibe ich mich und mein Leben.

Eben ging Zenzl von mir. Mein Mund ist noch feucht von ihren Küssen, und doch: so wahr ich die Frau lieb habe, so wahr gehöre ich doch nur Jenny, um die ich schon zuviel gelitten und gesehnt habe, um je von dieser Liebe loszukommen.

Friedel ist mir ein Traum geworden, ein süßer, zärtlicher Traum, den ich all mein Lebtag fortträumen werde. Ihren persönlichen Verlust habe ich überwunden. An Uli, Lotte, Ella – an all die andern lieben Frauen denke ich wie an Episoden zurück. Mariechen sah ich heute wieder. Sie kam nach langer Nachtfahrt mit ihrem reizenden 3jährigen Söhnchen von Breslau und war im Café Stefanie. Ich fühlte große Fremdheit zwischen uns und sprach freundlich und ohne jegliche Erregung mit ihr. Sie war wirklich nur Episode. An Zaza denke ich oft und herzlich. Ein Sonnenstrahl, der sich zufällig gespiegelt, einmal in mein nach Norden gelegenes Zimmer stahl, mich küßte und verschwand. Und Johannes? Heut kam – nach einem halben Jahr entsetzlicher Verwirrung, eine Karte von ihm. Aus Ronco. Auch er ist mir fremd geworden. Ich muß Umwege machen in meinem Herzen, um wieder zu ihm zu finden. Ob unsre Freundschaft sich je wiederfinden wird auf einem Boden ruhigen Einverständnisses, geistigen Austausches und fern vom mißtönigen Klingen des Geldes? Ich weiß es nicht.

1915! All mein Wunsch für das Jahr geht auf Frieden. Der Krieg zehrt an meinen Nerven wie an denen der Welt. Er darf nicht länger sein.

Die Sylvester-Feier war bei Rummels. Ich kam durch ein Mißverständnis, eine Stunde zu früh. Dadurch gab sich die Gelegenheit zu einem guten Gespräch mit Gustl Waldau allein. Ich habe ihn nie so ernst sprechen gehört. Mir dürfe er ja die wahre Meinung sagen, die er als Offizier eigentlich nicht haben dürfe. Er sei kein Held. Er möchte nicht wieder hinaus, in Gefahr und Entsetzen. Jacobis Ansicht, der die Pflicht fühlte, auch ferner mit seinen Leuten alles Ungemach zu teilen, habe er nicht. Er wolle, wenn es ohne Schaden an Reputation gehe, bitten, im Garnisondienst Verwendung zu finden. Ich riet ihm dringend mit allen Gründen des Herzens und des Hirns dazu. – Heut sagte mir Rößler, daß die Intendanz Schritte plane, von denen Gustl selbst nichts weiß, und die auf seine völlige Freilassung abzielen. Hoffentlich gelingt’s.

Halbes waren da, Dr. Heinz mit Frau (Gustls Schwester) Mie’s Kinder, Ziersch und die Wimplinger und Lajoš Hartwig, der homosexuelle Ungar. Als die Mitternacht da war, gab’s Umarmungen und Zurufe. Ich küßte mich mit der Wimplinger, mit Gustl und Mie. – Wein, Sekt, Bier, Punsch taten ihr Teil, den Drang der Dinge zu vergessen. Auf dem Heimweg vollführte ich Wettläufe mit Anneliese Halbe und kam bei dämmerndem Morgen nach Hause.

1915! Mag es ein Jahr des Friedens werden und ein Jahr der Arbeit!

 

München, Sonnabend, d. 2. Januar 1915.

Gustl Waldau nannte mir einige Zahlen, die er als Offizier authentisch erfahren konnte. Danach hat Deutschland bis jetzt 122 000 Mann allein an Toten verloren. Die Zahl der Verwundeten beträgt zwischen 8 und 900.000 Mann. Rechnet man die Gefangenen hinzu, so ist also die erste Million aus den Kampfreihen ausgeschiedener deutscher Soldaten längst überschritten. Nimmt man ferner an, daß von den Verwundeten vielleicht ein Drittel fürs Leben zum Krüppel geschossen ist, so fehlt nicht viel an einer halben Million vernichteter Existenzen. Der Krieg 1870/71 dauerte nahezu 1 Jahr. Damals gab es im Ganzen bei den Deutschen 42.000 Tote, während wir jetzt, nach 5 Monaten, schon die dreifache Zahl haben. Nahezu ebensoviel werden die Franzosen haben, erheblich mehr, ja das Vielfache (allein in den masurischen Seeen sollen ja 150.000 Mann verkommen sein) die Russen. Kommen hinzu die Österreicher, Ungarn, Engländer, Belgier, Serben, Montenegriner, Türken, Japaner, die unter deutscher, französischer oder englischer Fahne kämpfenden Eingebornen in Afrika bzw. Asiaten und Afrikaner in Europa, die Buren, Aegypter, Kanadier und Australier, ferner die aufständischen Muhammedaner in Marokko, Tunis, Persien, Indien etc., – so wird man die Zahl der jetzt schon Getöteten gewiß auf mindestens eine Million Mann annehmen können. Die Zahl der getöteten Nichtkämpfer, der Greise, Frauen und Kinder in beschossenen Festungen und Hafenstädten und aus der Luft bombardierten Orten wird sich wohl nie genau bestimmen lassen.

Eine weitere Mitteilung, die ich von Gustl habe, gibt der in Deutschland immer weiter um sich greifenden Wut gegen Österreich neue Nahrung. Danach ist in der Schlacht bei Lowicz die Gefangennahme von 300.000 Russen, die wahrscheinlich die Entscheidung der ganzen polnischen Kämpfe gebracht hätte, durch das Zuspätkommen der Österreicher um einen halben Tag vereitelt worden, da die Russen dadurch Zeit gewannen, noch abzumarschieren.

Ein längerer Brief Landauers, als Antwort auf meinen Neujahrsbrief, gibt mir zu denken. Er gibt mir leider wenig Hoffnung auf die Anstellung als Dramaturg bei der Berliner Volksbühne. Natürlich sei Sinsheimers Verlangen, ich dürfe mich dann nicht anarchistisch betätigen, Unsinn. Aber erstens müsse man rechnen und bekomme leicht Literaten, die froh sind, wenn sie nur volontieren dürfen, zweitens aber zweifle er (Landauer) selbst, ob er, falls die Frage überhaupt gestellt würde, für mich stimmen würde. „Du bist in Deinem Urteil über literarische und besonders theatralische Dinge der Beeinflussung der Freundschaft und gradezu der Clique durchaus nicht unzugänglich, läßt es an harter Sachlichkeit, seit Du in München bist, oft fehlen ... Ich weiß, daß dieser Zug mit sehr Sympathischem in Deinem Wesen, vor allem mit Dankbarkeit eines Vereinsamten zusammenhängt, und will Dich wahrhaftig nicht kränken; aber in der „Volksbühne“ brauchen wir hartes Holz.“ Das ist bitter. Abgesehn von der zerstörten Hoffnung, endlich doch Boden unter die Füße zu kriegen und ein Haus für Jennys Kinder schaffen zu können – diese klare Anzweiflung meiner Unabhängigkeit. Ob Landauer recht hat? Manchmal gewiß. Es will mir scheinen, als ob manchmal im gütigen Suchen nach guten Eigenschaften in einem schlechten Werk und im Verschweigen seiner Schwächen eine höhere Gerechtigkeit sei als in der unbedingt von allem Persönlichen absehenden Objektivität des Urteils, die Landauers Art ist. Das harte Verurteilen kann furchtbar weh tun und im Gefühl des Betroffenen dauernde Wunden hinterlassen, und selbst Werte seiner Persönlichkeit herabmindern. Abgesehn davon, daß in künstlerischen Dingen reine Objektivität ja garnicht existiert, und daß es sicher ebenso wichtig ist, das Gute im Schwachen zu erkennen als um der Schwächen willen alles Gute mit zu verdammen.

L. sagt mir dann einiges Nette über mein Gedichtbuch, das ihm – im vollem Gegensatz zu Johannes Nohl – Freude gemacht hat. „Schönes, starkes Altes und Neues, und gute Anordnung.“

Meine Erklärung an die Kain-Leser hat ihm nicht gefallen, und ich muß schon selbst gestehn, daß ich recht wünschte, den letzten nachträglich angefügten Absatz darin nicht geschrieben zu haben. Landauer sagt mit Recht: „Ich kann es nicht gutheißen, daß von fremden Horden z. B. geredet wird, solange nicht die Möglichkeit besteht, alle Armeen, die in Feindesland hausen, so zu bezeichnen.“ Natürlich war ich, als ich den Satz schrieb, durchaus geneigt, auch die ins Ausland eindringenden Deutschen als „fremde Horde“ anzusehn. Aber ich hätte das Mißverständliche des Ausdrucks erkennen sollen und mir viel Ärger ersparen können. Landauers Meinung, daß ich etwa „vorübergehend vom Wedekindkreis oder dergleichen angesteckt“ gewesen sein könnte, ist natürlich Unsinn. Ich werde, sobald der Kain wiedererscheint, eine klare Definition geben müssen.

Eine Karte von Grethe. Papa geht es nach einigen Wochen Schlechtbefindens wieder „ganz nett“. Wie dagegen ich weiterleben soll, ist mir durchaus Geheimnis. Die Pensionsrechnung beträgt diesmal schon 280 Mark.

 

München, Sonntag, d. 3. Januar 1915.

Jenny hat heute den 23ten Geburtstag. Wie ich wünschte, ihr meine Wünsche mündlich sagen zu können! Wie ich den ganzen Tag an sie denke, mich nach ihr sehne! Heut früh war ich ordentlich froh, daß Zenzl nicht kam. Sie zu küssen, was ich bei Gott gern tue, wäre mir heute ein bischen wie Betrug gegen Jenny vorgekommen. Ich habe dem Mädel einen Geburtstagsbrief geschrieben, der sie wohl erfreuen wird und von dem ich noch mehr hoffe: daß sie bei seiner Lektüre etwas von der Liebe zu mir empfindet, aus der ich ihn an sie geschrieben habe. Fast 1½ Jahre haben wir uns nicht gesehn, und mein Gefühl ist seit jenen himmlischen Tagen und Nächten in Berlin nicht stiller geworden. Wäre es nicht Sünde wider den heiligen Geist der Liebe, wenn diese ewige materielle Misere unsere Vereinigung dauernd verhindern sollte? Ich muß doch noch jung sein, da ich noch immer so hoffen und vertrauen kann.

Streit ist auf Urlaub in München. Er richtet seit Kriegsanfang in Ulm Rekruten ab. Wir waren abends und nachts (in den Torggelhaus-Katakomben) zusammen. Er hat, wie alle Soldaten jetzt, einen tiefen Abscheu gegen den Krieg. Auf dem Heimweg sprachen wir viel über Jacobi, dessen Ende auch ihm furchtbar nahe geht. Er erzählte, daß Wenter, der bisher in Meran Garnisondienst tat, jetzt ganz frei geworden sei, und wir erinnerten uns dabei jener Kriegsdebatte am Krokodil-Stammtisch im letzten Frühjahr, wo Jacobi mir so leidenschaftlich beisprang, als ich, am stärksten grade mit Wenter, aneinandergeraten war. Es fiel das töricht-freche Wort vom „frisch-fröhlichen Kriege“, das Jacobi derartig in Harnisch brachte, wie ich ihn nie gesehn habe. Und nun? der mit ganzer Seele dem Frieden Zugewandte ist tot, im Schützengraben von einer Kugel hingestreckt, – der andre aber darf ungefährdet spazieren gehn, und weiterhin den Segen des Krieges preisen. Das scheint überhaupt Regel zu sein (v. Maaßen!), daß die Blutrünstigsten und Kriegssüchtigsten außer Schußweite bleiben, die denkenden ernsten Friedensfreunde aber ihr Blut für das Ideal der andern verspritzen müssen. – Die Gespräche über Jacobi machten mir den innerlich schönsten Menschen, den ich kannte, wieder furchtbar lebendig.

Der Humorist des Generalquartiers ist wieder tätig. „Die Franzosen beschossen in letzter Zeit systematisch die Orte hinter unsrer Front“, heißt es gestern im amtlichen Tagesbericht; „im Unterkunftsraum einer unsrer Divisionen gelang es ihnen, 50 Einwohner zu töten.“ Die Deutschen scheinen also Orte, wo sie feindliche Mannschaften untergebracht wissen, prinzipiell nicht zu beschießen. Sie begnügen sich damit, die Einwohner offener Städte von Zeppelinen aus ohne militärischen Grund „als Antwort“ umzubringen und in bewährter kerniger deutscher Art den Gegner vor aller Welt zu verspotten.

Unsere Stammtisch-Helden wissen wieder gewaltige Dinge anzukündigen. Geschütze, die 2 Zentner schwere Geschosse werfen (Minen-Werfer?) werden schon angewandt, ebenso Kanonen, die vergiftete Gase und offene Flammen in die feindlichen Gräben schleudern, damit alles im Umkreis vernichtend. Ferner redet man von Minen, die aus Luftschiffen magnetisch gelenkt werden und die ganze englische Flotte kaput machen sollen. Daß noch – und speziell auf maritimem Gebiet – eine unerhörte Überraschung in Aussicht stehn soll, die das Staunen der ganzen Welt bewirken wird, hört man seit Ausbruch des Kriegs ununterbrochen und in allerletzter Zeit wieder von allen Seiten.

Wilhelm II und Poincaré wetteifern im Reden, die das Ausharren bis zum endgiltigen Triumph verkünden. Bis jetzt sieht es nirgends danach aus, und es ist zu hoffen, daß die Kriegsüberdrüssigkeit der Völker und Heere doch eines Tages stärker sein wird als das Geschwätz der besoldeten Pagoden. Sie werden den „faulen Frieden“, vor dem ihnen in wohlverstandenem Selbsterhaltungstrieb so sehr graut, eines Tages doch schließen, und das wird für alle beteiligten Völker immer noch am heilsamsten sein, das Bewußtsein, daß es nach diesem schauerlichen Kriege nur Besiegte gibt.

 

München, Montag, d. 4. Januar 1915

Charlotte schreibt mir vom 2. Januar, daß es Papa wieder „sehr wenig gut“ gehe. Seit dem Sylvester-Abend, an dem ihm plötzlich schlecht geworden sei, liege er zu Bett. Zwar habe er sich inzwischen von dem Unwohlsein einigermaßen erholt. Doch sei eine große Schwäche übrig geblieben, „die uns große Sorgen macht.“ – Natürlich sind meine Gedanken wieder völlig absorbiert von den Möglichkeiten, die aus diesem Bericht bei dem hohen Alter des Patienten erwachsen, und diesmal umsomehr, als ich heut nacht um 4 Uhr plötzlich aufwachte und ganz stark des Empfinden hatte, als stehe es mit dem Vater an einem bösen Punkt, obwohl doch die letzte Nachricht über ihn sehr beruhigend klang, also kein äußerer Anlaß zu Alarm-Empfindungen gegeben war. – Ich kontrolliere mich nun heute schon den ganzen Tag auf meine Gefühle und finde, daß ich ohne die geringste Frivolität des Herzens den Tod des alten Mannes ehrlich herbeiwünsche. Das ändert nichts an der Sympathie, ja Liebe, die aus freundlichen Erinnerungen oder auch aus der Verwandtschaft des Bluts herrühren mag, aber mit Dankbarkeit garnichts zu tun hat. Mein Vater hat mich seinerzeit, als ich keine Ahnung von den Konsequenzen solchen Tuns hatte, zu einer Verzichtleistung zu seinen Gunsten veranlaßt, die mich völlig in seine Hand gab, und er hat die ihm dergestalt zugefallene Macht in einer Weise geltend gemacht, die mich alle Lebensfreude, alle Jugend und sehr sehr viel Glück und Wohlergehn gekostet hat. Der Verzicht dauert bis zu seinem Tode. Er hatte es in der Hand, den im Testament meines Großvaters gewollten Zustand durch Aufhebung meines Verzichts wieder herzustellen, oder auch nur mich halbwegs dem von ihm aus meinem Erbteil genutzten Vorteil gewiß vor materiellen Ungelegenheiten so blamabler Natur, wie sie mich seit 15 Jahren plagen, zu sichern. Dann würde ich wie meine Geschwister, die dank ihrer bürgerlich geglückteren Beschaffenheit an den Folgen des auch von ihnen geleisteten Verzichts weniger leiden müssen, die Gesundung des Vaters inbrünstig herbeiwünschen. So aber kann ich es nicht. Stirbt er, so ist mein Weg frei, den er mir geflissentlich versperrt hält. Dann bin ich die Gläubiger los, die Abhängigkeiten aller Art, kann arbeiten was ich will – und kann Jenny zu mir nehmen und hoffentlich mit ihr Kinder haben, die ich wahrhaftig nicht in die üble Gewissenslage bringen wollte, sehnsüchtig auf meinen Tod zu lauern. Denn so bewußt ich die Hoffnung hege, so klar bin ich mir doch darüber, daß es sehr häßlich ist, sie hegen zu müssen.

Lucie v. Jacobi, die mich wieder mal besuchte, hat ein neues Dienstmädchen, das bisher in Frankreich in Stellung war und bei Kriegsbeginn in ein Schloß bei Marseille gefangen gesetzt wurde. Sie hat dort Schreckliches erlebt und mitangesehn. Die armen Frauen und Kinder mußten, wenn ihre Erzählung frei sein sollten von hysterischen Übertreibungen, 4 Wochen auf einer dünnen Strohschicht schlafen, die nie erneuert wurde, sodaß ihre Unterlage allmählich nur noch stinkender Unrat war. Auf Beschwerden erhielten sie zur Antwort, sie sollten sich bei ihrem Kaiser bedanken. Sie konnten sich das Ungeziefer mit den Händen nur so aus dem Gesicht wischen. Schließlich, als die Austauschverhandlungen beendet waren, mußten sie sich in langem Fußmarsch zur nächsten Bahn schleppen. Eine Frau gebar unterwegs Zwillinge. Sie wurde gezwungen, die Säuglinge einfach am Wege liegen zu lassen und weiterzumarschieren. Die unglückliche Person sei dann bald darauf gestorben.(?) Für die Kinder im Gefangenenlager selbst hatten die Frauen, da noch kein Hemdchen für die armen Geschöpfchen da war, aus Kartoffel- und Salzsäcken Wäsche geschneidert. – Ferner seien dort auch Neger (wahrscheinlich wohl Kaffern, also „Deutsche“) untergebracht gewesen, die massenhaft an Cholera gestorben seien. Kurzum: Entsetzliches.

Selbst wenn vieles von solchen Erzählungen subtrahiert wird, bleibt gewiß noch genug des Grauenhaften übrig. Ich glaube, daß in diesem Punkt wenigstens, wo es sich um die Malträtierung von Frauen und Kindern handelt, in Deutschland weniger gesündigt worden ist als in Frankreich. Das Temperament der Franzosen war der Infizierung durch den europäischen Massenirrsinn in seiner widerlichsten Form noch mehr zugänglich als das deutsche. Das mag immerhin als eine Art Entschuldigung für die an den Grausamkeiten beteiligten Personen gelten, während es in Deutschland wesentlich die Vergeltungssucht war, Menschen dafür zu bestrafen, daß sie hier gearbeitet, gelebt und Steuern bezahlt haben. Natürlich ist jeder Vorwurf gegen Einzelne Dummheit. Schuld an allem Scheußlichen ist der Krieg selbst. Solange diese unter den Völkern geheiligte Greuelhäufung überhaupt möglich ist, soll man sich über einzelne Greuel, die er nebenher veranlaßt, nicht empören.

Die Nachrichten von den Kampfstätten lauten wie immer: Überall siegen alle.

 

München, Dienstag, d. 5. Januar 1915

Papas Erkrankung glich, wie mir Hans schreibt, zuerst einem leichten Schlaganfall. Da jedoch die Symptome sehr schnell zurückgingen, glaubt Julius jetzt nicht mehr daran. Es wird sich also wohl um einen ebensolchen Herzschwächeanfall handeln, wie er in den letzten Jahren schon öfter aufgetreten ist. Trotzdem habe ich diesmal mehr denn je das Gefühl, als ob diese Erkrankung der Anfang vom Ende wäre.

Was den Krieg anlangt, so sehn die letzten Nachrichten für die deutschen Waffen eher schlecht als gut aus. Vor drei Tagen wurde ein französischer amtlicher Bericht, wonach die Verbündeten beim Dorfe Steinbach Fortschritte machten, im deutschen Heeresbericht heftig bestritten, in jenem Tone geringschätziger Uns kann Keener-Ironie, die neuerdings da oben so beliebt wird. Gestern jedoch wurde nun amtlich festgestellt, daß die Franzosen den Ort Steinbach nun doch erobert haben. Zugleich bereitet die Berliner Presse schonend auf einen neuen Vorstoß nach dem Elsaß vor. Das Siegerlächeln steht also vorläufig den Deutschen noch ebensowenig zu Gesicht wie den Franzosen oder Engländern. Die letzteren haben jetzt Scherereien wegen ihrer Chikanen gegen den neutralen Handel. Die U. St. A. haben im Namen der Neutralen einen scharfen Protest losgelassen, der vermutlich zu einigem Entgegenkommen von englischer Seite, aber sicher zu keiner entscheidenden Änderung der Dinge führen wird.

Die Kämpfe um Warschau scheinen nahe bevorzustehn. Daß aber die Russen noch absolut nicht schwach geworden sind, beweist, daß sie den Österreichern eine Schlappe nach der andern beibringen. Liest man die österreichischen Siegesmeldungen einigermaßen aufmerksam durch, so schält sich einem die Beobachtung heraus, daß unsre heldenmütigen Verbündeten die Karpathenkämme nicht mehr halten können, daß die Hauptkämpfe, soweit sie sie allein auszufechten haben, tief in Ungarn stattfinden, und daß allmählich außer Galizien die ganze Bukowina von den Russen erobert ist. Alle Hoffnung setzt man in Wien und Budapest darauf, daß die Hindenburgischen Erfolge in Polen allmählich auch in Galizien und Ungarn entlasten müssen. – Der neuste populäre Witz ist die Verdrehung des „O du mein Österreich“ in „O mei, du Österreich!“

Aus der Kriegskasse des Schutzverbands habe ich mal wieder 30 Mk erhalten. Vielleicht kann ich bald alles zurückzahlen. – Vorläufig strebe ich an, als Delegierter zur Generalversammlung nach Berlin (ich glaube, am 18ten) geschickt zu werden. Ich würde dadurch für eine Woche aus materieller Not sein, die Rechnung in der Pension zum 1. Februar herabdrücken, und – endlich Jenny wiedersehn, wonach mein Herz glühend verlangt.

Anton v. Werner ist gestorben, der Stiefelschaftmaler von 70/71. Feldgrau wird ihm vielleicht weniger gelegen haben. Wem wird Wilhelm II nun aber seine Heldentaten für die Ruhmeshalle anvertrauen?

 

München, Mittwoch, d. 6. Januar 1915

Jaffé hat vor einigen Tagen in der Polytechnischen Gesellschaft einen bemerkenswerten Vortrag gehalten, der viel diskutiert wird, zumal er in Gegenwart des Königs bei einer zur Vorfeier dessen 70ten Geburtstags (morgen) veranstalteten Sitzung stattfand. Das Thema hieß „Volkswirtschaft und Krieg“ und Jaffé hat da sehr radikale Ansichten über die wirtschaftliche Neugestaltung nach dem Kriege geäußert, die, nach den Zeitungsberichten, auf einen recht durchgreifenden Staatssozialismus hinausliefen. Er will die freie Konkurrenz, das „freie Spiel der Kräfte“, auf den unser ganzes kapitalistisches System gegründet ist, durch eine durchgreifende Einflußnahme des Staats auf Warenbeschaffung und Preisregulierung beeinflussen, vor allem von Staatswegen Rohprodukte en masse aufkaufen und veräußern lassen. Natürlich fand Jaffé großen Widerspruch und der Unterstaatssekretär sowie der Präsident der Münchner Handelskammer traten ihm entgegen. Von den Zeitungen zieht nur die „Münchn. Ztg.“ über ihn los, in deren Redaktion ein Mann sitzt, der mich mit seiner nationalökonomischen Weisheit oft belustigt. Er hat offenbar mal zwei Semester Adolf Wagner gehört und wälzt die dabei erlangte Wissenschaft nun mindestens drei mal in der Woche vor dem erstaunten Leserkreis des Markthändlerblättchens breit. – Ich bin ja mit Jaffés sehr marxähnlichen Idealen auch nicht einverstanden, aber sein Schneid, jetzt derart heroische revolutionäre Umwälzungen zu propagieren, gefällt mir schon.

Eine lange Reihe protokollierter Aussagen von Frauen, die in französischer Gefangenschaft waren, wurden veröffentlicht. Sie alle ergeben das gleiche trübe Bild, das L. v. Jacobis Mädchen ebenfalls entrollt. Furchtbare Grausamkeiten. Hoffentlich bleiben uns nach dem Kriege Entlarvungen ähnlicher Schweinereien, aber von Deutschen gegen ausländische Frauen und Kinder begangen, erspart.

Papa geht es, nach einer heut eingetroffenen, vom 4. I. datierten, Karte von Charlotte, etwas besser. Danach bestand Aussicht, daß er gestern schon wieder etwas aufstehn konnte. Die Widerstandskraft seiner Natur ist erstaunlich.

 

München, Donnerstag, d. 7. Januar 1915.

Blauweiße Fahnen werden von Regen und Sturm zerrissen – aus Begeisterung, weil der alte Tepp, den der Volksmund so schön „König Leberkäs“ nennt, 70 Jahre alt wird. Das ganze Münchner Militär ist vormittags schon in Parade aufmarschiert, – wohl immer noch 30–40.000 Mann. Einen besonders wirkungsvollen Zug sah ich die Straße entlangmarschieren: vielleicht 50 Soldaten, mit verbundenen Armen oder Köpfen, mühselig humpelnd oder schon wieder imstande, halbwegs grade zu gehn. Den Schluß des Aufmarschs bildete ein Grenadier, dem rechterhand der Ärmel verwaist in der Tasche steckte: alles zu Ehren des frommen Greisen, der den Namen für die Ruchlosigkeit des Massenmords hergibt.

Zenzl erzählte mir heute früh von ihrem Kaminfeger. Der ist verwundet zurückgekehrt und völlig verwirrt von dem Erlebten. Er ritt allein mit einem Kameraden, als ein französischer Infanterist mit gefälltem Bajonett in ihren Weg kam. Der Kamerad kam dem Mann zuvor und stach ihm den Säbel durch den Hals, daß er aus dem Hinterkopf wieder herausstieß. Der arme Schornsteinfeger war dadurch derartig benommen und entsetzt, daß er froh war, von einem Streifschuß getroffen zu werden. Er selbst war allenfalls im Stande aus der Entfernung zu schießen, nicht aber einen Menschen totzustechen, und wisse auf die Frage: Warum das alles? keine Antwort. Jawohl: Warum? Weil viele dran verdienen.

Die „Tägliche Rundschau“ will wissen, daß Frankreich vor 5 Wochen bereit war, einen Separatfrieden zu schließen, was aber an Deutschland gescheitert sei. Natürlich: wir müssen ja „durchhalten“. Ferner sollen mit der belgischen Regierung Friedensverhandlungen geführt worden sein, der von Deutschland sehr günstige Bedingungen gemacht worden seien (Natürlich: man möcht halt gern anfangen, den Krieg ernstlich gegen den ursprünglichen „Feind“ zu tragen, statt sich immer weiter mit der Unterjochung eines ganz unbeteiligten Landes abzuplagen). Die Verhandlungen seien durch das Zwischentreten Englands gescheitert. Ob immerhin die Übereinkunft des Dreiverbands, nur gemeinsam Frieden zu schließen, eingehalten werden wird, ist sehr zweifelhaft. In Rußland scheint das Friedensbedürfnis sehr lebhaft zu sein, und die russische Zensur (anders als die deutsche) denkt nicht daran, derartige Preßstimmen zu unterdrücken. Auch Halbe glaubt bestimmt an einen Sonderfrieden mit Rußland, dessen Befreiung wir, ein „freies Volk“, ja angeblich erkämpfen. Ich selbst glaube ebenfalls daran, aber erst nach dem Falle Warschaus, der wohl noch etliche Wochen Kampf und einige Hektoliter Blut kosten wird. – Wie wenig Stimmung für den Krieg allgemein noch vorhanden ist, bewies mir heut wieder eine Aeußerung meiner Wirtin, die ich nach Kaderschafkas Berichten fragte. Sie meinte nur: „Ach Gott, wenn es nur erst vorbei wäre. Der ganze Patriotismus ist mir schon verflogen.“ So klingt’s jetzt überall.

Inzwischen raufen sich die Parteien im Westen immer noch um die gleichen Schützengräben wie vor 4 Monaten, im Osten arbeiten sich die Soldaten unter Hungern und Kämpfen schrittweise durch den polnischen Dreck in das Vorgelände Warschaus, während die Russen den Österreichern wieder mal die Karpathenpässe wegnehmen und Tag für Tag in der Bukowina näher an die ungarisch-rumänische Grenze gelangen. Vielleicht werden die Russen an dem Tage, wo in Warschau die deutsche Fahne aufsteigt, in Pest die russische hissen.

Von Lübeck nichts Neues.

 

München, Freitag, d. 8. Januar 1915

Heut abend soll ich endlich wieder einmal erproben, ob meine Männlichkeit noch intakt ist. Da Asta mich jüngst im Stich ließ, war der vergebliche Versuch bei Zenzl die letzte Gelegenheit und der Coitus mit jener häßlichen Paula Koch der letzte vollzogene Akt. Seitdem bin ich in konstanter Furcht, daß sich derartige Blamagen wie bei Frieda Wiegand und bei Zenzl wiederholen könnten. Vielleicht hilft die Einbildung, daß ich ein mechanisches Mittel angewandt habe, wie das Versagen doch offenbar auch nur auf Nervenstreik, also irgendwie Einbildung, beruht. Nun, es wird sich zeigen, da ich heut abend mit Zenzl ins Kino und Abendbrot essen und alsdann heimgehn will. Sie freut sich auch drauf.

Mit den Finanzen sieht es trübe aus. 100 Mk habe ich für die Rechnung angezahlt, sodaß ich nun mit 187 Mk im Rückstand bin. Blieben mir 50 Mk + 30 vom Schutzverband. Von diesen 80 Mk habe ich Zenzl bisher etwa 12 gegeben, dem Zigarrenmädel 4 Mk bezahlt, Herrn Hienl gepumpte 4 Mk zurückgegeben, 3 Mk Trinkgeld fürs Mädel, 6–8 Mk nebenher verausgabt, etwa 3 Mk für die Kegelbahn, sodaß ich für den ganzen Monat grade noch 40 Mk habe. Auf Verdienst kann ich nicht rechnen und auf entscheidende Ereignisse – etwa in Lübeck – mag ich erst recht nicht bauen. Angesichts der fortwährenden Notwendigkeit, Zenzls Haushalt vor dem Schwersten zu bewahren, also wieder recht jammervolle Aussichten und keinerlei Abhilfe.

Inzwischen fördert der Krieg täglich neue Widerwärtigkeiten zutage. Es war viel, und überall sympathisch, davon geredet worden, daß der Verkehr zwischen den Schützengräben sehr rege sei, und es hatte etwas Versöhnliches zu wissen, daß Deutsche und Franzosen über dem entsetzlichen Geschäft des gegenseitigen Hinmordens das menschliche Fühlen gegeneinander doch nicht verlernten. Jetzt ist ein deutscher Armeebefehl ausgegeben worden, der das Fraternisieren und jede Annäherung an den „Feind“ verbietet und als „Landesverrat“ unter Strafe stellt. Damit um Gotteswillen kein Menschenbewußtsein zwischen die Flintenläufe gerät.

Die Franzosen fahren indessen fort, ihre Feindschaft gegen entwaffnete Gefangene auszutoben. Schon wieder haben sie gefangene deutsche Offiziere wegen Plünderns (auf das letzten Endes natürlich alles „Requirieren“ hinausläuft) und unglaublicherweise wegen Zerstörens von Hindernissen, also regulären kriegerischen Operationen, zu je 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Damit glauben diese bourgeoisen Richter Patriotismus zu bekunden! Es ist scheußlich!

Jaffé hat mir seinen Vortrag in dem nach dem Manuskript besorgten sehr ausführlichen Bericht der Münchn. N. Nachr. gesandt, da er hoffte, ich werde seine Übernahme ins Berliner Tageblatt bewirken können. Ich hatte ihm nämlich erzählt, daß ich Friedenthal drauf gestoßen hätte (der inzwischen auch schon einen Hinweis im B. T. gebracht hat). Jaffé meint in dem Brief, den er mir dazu schreibt, es wäre doch immerhin etwas, wenn man bei solcher Gelegenheit und im Beisein des Königs einen Vortrag hält, „der in diesen Worten den Staatssozialismus nicht nur fordert, sondern die Notwendigkeit nachweist.“ – Ich möchte die Sache „aber gleich“ besorgen; „es hängt auch für Ihre Ansichten sehr viel daran!“ – Das stimmt nicht ganz, aber Verwandschaft ist schon da. Mich amüsiert blos, wie eifrig auch der berühmte Professor meine Dienste zu erbitten weiß, wo er Nutzen wittert. Mein nächster Anpumpungsversuch bei ihm wird trotzdem wieder vergeblich sein. – Der Vortrag, den ich nun in aller Ausführlichkeit nachgelesen habe, ist recht bedeutend. Ich will ihn Jenny schicken.

 

München, Sonnabend, d. 9. Januar 1915

Der Geschlechtsapparat funktioniert wieder. Danke ich es nun der wiedererwachten Nervenkraft oder der durch spanischen Wein gehobenen Stimmung: Zenzl konnte mit mir zufrieden sein, und mein Drang war so stark, daß ich noch am hellen Morgen mich zweimal von überschüssiger Kraft befreite. – Zenzl hatte mich im Stefanie abgeholt. Wir waren dann in ein Lichtspieltheater und von dort in die Spanische Weinstube am Rindermarkt gegangen, wo wir zu Abend aßen. Vom Odeonkaffee gingen wir endlich heim, und ich war glücklich, ihren schönen nackten begehrlichen Leib wieder kräftig in meinen Gliedern halten zu dürfen.

So fühle ich mich denn heute allgemein besser als seit langem, wiewohl mir der Umstand, daß der Abend gestern 10 Mark gekostet hat, angesichts des spärlichen Restbestandes Sorgen macht. Aber vielleicht treten ja nun doch bald Wendungen ein, die das Ärgste für alle Zukunft ausschließen. Nachrichten habe ich freilich seit vorgestern nicht mehr.

Der Krieg bietet keine Neuigkeiten. Die westlichen und östlichen deutschen Heerführer beschweren sich übereinstimmend über das Wetter, das ihnen das Geschäft stört. Im übrigen attestieren sich sämtliche Beteiligte Erfolge. Wirkliche hat in den letzten Tagen nur Rußland zu verzeichnen, das in der Bukowina täglich weiter vordringt, und im Kaukasus in der Vorgegend von Kars die Türken geschlagen hat. Aus den Siegesnachrichten unsrer Halbmond-Verbündeten ist das zwar nicht erkenntlich, aus den Mitteilungen der deutschen Presse auch nicht, da aber die Lektüre ausländischer Blätter erlaubt ist, erfährt man’s eben doch.

Eine kleine Betrachtung zu dem Streit, wer Friedenssehnsüchte verraten haben soll. Im Anfang rühmten sich alle Länder laut und inbrünstig ihrer Friedlichkeit. Keiner wollte den Krieg begonnen haben, jeder vom andern ruchlos überfallen sein. Jetzt aber ist jeder tief beleidigt, dem die Bereitschaft, Frieden zu schließen, zugemutet wird. Die erst jegliche Eroberungsabsicht mit dem Brustton der Unschuld bestritten, weigern sich jetzt mit entrüsteter Vehemenz vom Kampf abzulassen, ehe der Feind nicht vernichtet am Boden liegt und die Friedensbedingungen nach Diktat annehmen muß. Frankreich, Deutschland und Rußland wetteiferten ehedem an Friedfertigkeit, wetteifern jetzt an Bezwingermut. Man braucht indes nicht im neutralen Ausland zu wohnen, um die gleichen Brüder mit gleichen Kappen bedeckt zu sehn. Lügen und Phrasen – früher wie jetzt, und keiner taugt mehr als der andre.

Herr W. Fred telefonierte mich an. Er wolle mich um eine Auskunft bitten und erwarte mich im Café Lutz. Wird mich wohl in den üblen Klatsch des Schutzverbands hineinziehn wollen: Fred – Halbe – Friedenthal – Lux – Albu. Ich habe schlechtes Gewissen, ob ich nicht etwa schon zuviel gesprochen habe, und mich über wer weiß was für eine fredgegnerische Aeußerung, die ihm hinterbracht ist, ausweisen soll. Ich habe aber nicht die Absicht, mich in der ekelhaften Geschichte von irgendwem zur Partei oder gar zum Angeklagten machen zu lassen. Also entschlossen auf ins Café Lutz!

 

München, Sonntag, d. 10. Januar 1915

Zenzl sitzt hinter mir und liest den „Erdgeist“. Sie hat bei mir gegessen. – Die Begegnung mit Fred verlief undramatisch. Er fühlt sich in manchen Dingen zurückgesetzt und hatte offenbar nur die Absicht, eine Aussprache zu haben. Daß er mich in keiner Weise zur Partei machen könnte, ließ ich ihn deutlich wissen. Morgen ist nun wieder Sitzung, und da wird es sich entscheiden, ob ich zum 27ten nach Berlin zur Delegiertenversammlung entsandt werde, oder ob es wieder auf unabsehbare Zeit verschoben werden soll, bis ich Jenny wiedersehn darf. Interessanter als alles Persönliche und Schutzverbändlerische war mir die Mitteilung Freds, daß eine von ihm geschriebene, im Verlag Müller schon gedruckt vorliegende Broschüre „Krieg und Presse“ verboten wurde, in der er gegen das jämmerliche Verhalten der Presse und die Dürftigkeit ihrer Gesinnung losgezogen sein will. Beim Kriegsministerium wurde Fred gesagt, daß man dort garnichts gegen die Schrift gehabt hätte, ja, daß die Veröffentlichung sogar angenehm gewesen wäre. Das Auswärtige Amt habe hingegen Anweisung gegeben, daß die Druckschrift zu verbieten und ihre Verbreitung mit allem Nachdruck zu verhindern sei. Man hat also erkannt, welch wertvolles Instrument die zensurierte, um jede Gesinnung kastrierte Journaille für die Stimmungsmache im Publikum ist. Kommt jemand daher, der die abgründige Verlogenheit, die stinkende Lumperei der Schmockbande auch nur andeutungsweise bei Namen nennt, dann setzt der gesetzlose Zustand der Militärdiktatur ein und erinnert die wenigen, die davon erfahren und bei kritischem Verstande geblieben sind, daran, wie unsagbar unwürdig unser ganzes privates und allgemeines Leben tyrannisiert wird. – Als Halbe von dem Verbot hörte, strahlte er übers ganze Gesicht. Sein Haß gegen Fred ist so groß, daß er die Schäbigkeit des an ihm geübten Verfahrens, die doch jeden von uns täglich auch treffen kann, garnicht empfindet und nur Freude spürt über den Schaden, den sein Gegner hat.

Im übrigen verlief der Katakomben-Abend sehr nett: Nach Abzug der Damen Luise und Anne-Liese Halbe, Mie v. Hagen und Marie Wimplinger zogen wir Männer: Halbe, v. Maaßen, Gustl Waldau, August Weigert, Ziersch und ich in die Keller-Kegelbahn hinab, wo uns August Weigert, der ewig enthusiasmierte liebe Schafskopf durch höchst ehrlich vorgetragene ungeheuerliche Kriegsabenteuer, die man ihm aufgebunden hat, weidlich amüsierte. – Gustl hingegen brachte eine sehr merkwürdige Mitteilung, die er von glaubwürdiger Seite – er nannte den alten Heilmann – erfahren hat: Danach werden in der nächsten Woche Italien und Rumänien in den Krieg eingreifen – und zwar auf der Seite Deutschland-Österreichs. Die Mission des Fürsten Bülow habe darin bestanden, daß er in Rom diesen Entschluß bewirkt habe gegen das Versprechen, das Trientino solle von Österreich an Italien abgetreten werden. Rumänien hingegen solle einen Teil der Bukowina erhalten. Ein sehr energisches Dementi der „Stampa“ gegen die Behauptung des „Temps“, die Mission Bülows sei gescheitert, scheint dergleichen Dinge zu bestätigen. Die „Stampa“ behauptet, der österreichische Botschafter sei von Rom nach Wien gereist, um bei seiner Regierung sehr entscheidende Maßregeln durchzusetzen. Bedenkt man, daß Deutschland bisher für Österreich alle Kastanien aus dem Feuer geholt hat, daß Österreich von den Serben besiegt ist, und halb Galizien sowie die ganze Bukowina zurzeit in russischen Händen ist, so scheint es wohl glaubhaft, daß die deutsche Diplomatie bei der österreichischen eine sehr harte Sprache führt und sehr weitgehende Zugeständnisse und Gebietsabtretungen verlangt, um die gegenwärtige Aktionsfähigkeit zu steigern. Bleibt es wahr, daß Italien eingreift (ich glaube freilich kaum daran. Wahrscheinlich wird der verlangte Preis schon für die dauernde Verpflichtung zu loyaler Neutralität bezahlt werden müssen), dann ist zwar der endgültige Sieg Deutschlands über Frankreich sehr wahrscheinlich, aber es ist eine wesentliche Abkürzung des ganzen Irrsinns zu erwarten, und die reaktionäre Begeisterung bei uns doch vielleicht durch die Betrachtung gemindert, daß es ohne das vielbeschimpfte Italien eben doch nicht ging.

Die Scheußlichkeit der Kriegsführung selbst wird immer ärger. Jene fließendes Feuer speiende Geschütze, von denen letzthin oft die Rede war, existieren wirklich. Vorerst haben nur die Deutschen dies entsetzliche Gerät, das sogenanntes „Griechisches Feuer“ wirft, das sind unlöschbare Flammen, die unter allen Umständen zuende brennen und selbst im luftleeren Raum nicht ersticken. – Was es mit dem furchtbaren Minenkrieg auf sich hat, den dieser Krieg uns die Zivilisation Europas wieder lebendig gemacht hat, erhellt aus diesem Satz des gestrigen Tagesberichts der deutschen Obersten Heeresleitung: „Ein vorgeschobener, von uns nicht besetzter Graben bei Flirey, wurde in dem Augenblick gesprengt, in dem die Franzosen von ihm Besitz genommen hatten. Die ganze französische Besatzung wurde vernichtet.“ Mir lief’s kalt über den Rücken, als ich das las. Wie mag man da noch von Tapferkeit reden, wo einfache Mechanik die ganze schauderhafte Mordarbeit verrichtet und man deren Wirkung im amtlichen Bericht noch rühmend hervorhebt!

 

München, Montag d. 11. Januar 1915.

Ulrich Rauscher ist in München, wodurch sich eine leichte Aufweichung von Damen und Herrn in Alkohol von selbst versteht. Ich komme also eben – frühnachmittag – aus dem Franziskaner, wo ich (auf Rauschers Kosten) zu Mittag aß. Er will als I. Vorsitzender des Schutzverbands an der Sitzung unsrer Ortsgruppe teilnehmen. Dafür, mich als Delegierten zu wählen, scheint leider wenig Neigung zu bestehn. Warum nicht? Der liebe Gott tut mir keine Gefälligkeiten.

Die Einladung zu der Sitzung habe ich noch nicht bekommen, und ich denke ernstlich daran, mich beschwerdeführend an die Post-Überwachungsstelle zu wenden. Von Jenny habe ich noch keine Antwort auf meinen Geburtstagsbrief, der so herzlich war, daß ich mir – trotz ihrer Bummelei – ein Verabsäumen des Schreibens von ihr doch nicht vorstellen kann. Von Lübeck keinerlei Nachricht, – und ich frage mich, was geschehn soll, wenn etwa wieder ein wichtiges Telegramm erst nach 5 Tagen in meine Hände gelangt. Man scheint mich bei der Militärbehörde einfach schikanieren zu wollen. Vielleicht wird also doch eine Beschwerde nützen.

Der Krieg stockt überall infolge des schauderhaften Wetters. Dagegen scheint die Waldausche Prophezeiung vom Eingreifen der Italiener und Rumänen auf Seiten des Zweibunds doch recht schwach fundiert zu sein. Feuchtwanger hat einen Brief des römischen Korrespondenten des Berliner Tageblatts, Hans Barth, gelesen, der sein zwangsweises Eintreffen in München als wahrscheinlich bevorstehend anmeldet, und Dr. Geheeb, der – übrigens mit Adolf Paul – ebenfalls im Franziskaner war, wollte wissen, daß das Eingreifen Italiens auf gegnerischer Seite unmittelbar bevorstehe. Griechenland, Rumänien, Bulgarien, Portugal, Persien schwanken noch völlig. Ein sonderbarer Krieg, in dem die meisten künftigen Teilnehmer sich noch immer den Feind auswählen, der zu hassen und zu vernichten ist.

Wieder ist ein Bekannter gefallen: Oskar Dolch, der Kunsthistoriker und Bibliophile. Wir waren kurz vor seinem Ausrücken als Unteroffizier des 2. bayer. Infanterie-Regiments (desselben, dem Jacobi angehörte) oft zusammen. Er hatte, trotz seiner feldgrauen Uniform, in den ersten Mobilmachungstagen infolge seines schwarzen Knebelbartes unter dem Mißtrauen der verfolgungswahnsinnigen Menge zu leiden, wovon er mir anschaulich erzählte. Übrigens war er mein Nebenbuhler bei der schönen Rina Priller, dem wundervollen Modell Albert v. Kellers, der ich eine unvergeßliche Nacht danke. Dolch verehrte das Mädchen allem Anschein nach sehr. Sonst hatten wir wenig Beziehungen zu einander. Aber er war ein netter Mensch und sein Tod betrübt mich aufrichtig, zumal ihn keinerlei Begeisterung sondern nur bittere Pflicht mitgehn hieß.

 

München, Mittwoch, d. 13. Januar 1915.

Ich komme zur Delegiertenversammlung nicht nach Berlin. Martens, der zum 1. Vorsitzenden der Ortsgruppe gewählt wurde, soll gleichzeitig unser Delegierter sein. – So muß ich auf andre Möglichkeiten warten, Jenny wiederzusehn ... Im übrigen verlief die Schutzverbandssitzung einigermaßen ruhig, da Wahl die Aufgeregten geschickt abfertigte. Höchst erheiternd war Rauscher, der in offizieller Eigenschaft als I. Vorsitzender des Gesamtverbands der Sitzung beiwohnte, aber total besoffen war. Er sprach lallend und störte zum Schluß gradezu die Verhandlungen, aber in der liebenswürdigen Form seiner Bezechtheit, die denn keiner übel nimmt. – Gestern waren wir wieder zusammen: mittags im Franziskaner, abends im Matthäser, wo eine größere Gesellschaft beisammen war, deren Reste sich nach Rauschers Abreise noch bei Gusmaroli versammelten.

Vorgestern suchte mich im Stefanie Frau Steinicke auf, und gestern hatte ich mit ihr in ihrer Buchhandlung eine Unterredung. Ich soll im neuen Kunstsaal Steinicke einen Vortrag halten, und habe mich zu dem Thema entschlossen: Die zeitgemäßen Aufgaben des Theaters. Ich freue mich sehr, daß die Frau an mich gedacht hat. So kann ich doch endlich auch wieder öffentlich hervortreten. Die Einnahmen stellt sie ganz mir zur Verfügung. Ich habe aber gebeten, sie zur Hälfte mit dem Schutzverband deutscher Schriftsteller teilen zu dürfen. Der Tag steht noch nicht fest.

Die Kriegsereignisse bleiben sich täglich gleich, letzthin ein wenig durch Fliegertätigkeit vermehrt, bei der in Frankreich und Belgien hier und dort ein paar Frauen und Kinder getötet wurden. Die französische Regierung hat eine „Greuel-Kommission“ walten lassen und hausiert jetzt mit unerhörten Scheußlichkeiten der Deutschen bei den neutralen Staaten. Die deutsche Regierung antwortet, indem sie alles bestreitet und den Spieß umdreht. Es scheint sicher, daß die Deutschen den Franzosen mehr und ärgeres vorwerfen können, aber auf die Idee, daß alle Greuel im Kriege selbst nicht aber in der Gemeinheit eines Volks begründet sind, kommt man hier auch nicht. Durch die Blätter war die Mitteilung gegangen, daß im Berner Friedenspalast Verhandlungen zwischen Vertretern der kriegführenden Staaten stattgefunden hätten, um über eine Einigung zu beraten. Es hieß, von den Verbündeten sei als conditio sine qua non gefordert worden, in Belgien sei der status quo ante wieder herzustellen. Darauf hätten die Deutschen und Österreicher die Verhandlungen abgebrochen. Ich war schon sehr geneigt, mich zu freuen, daß überhaupt endlich von Frieden geredet wurde, werde aber durch eine offiziöse Auslassung belehrt, von deutscher Seite sei niemand im Auftrage der Regierung dabei gewesen, und man werde das Schwert erst wieder in die Scheide stecken, wenn „ganze Arbeit“ getan sei. Und wenn die ganze Arbeit in der eignen Vernichtung besteht? – Das ist egal. Ebenso, ob das Hinmorden der deutschen Jugend noch jahrelang im gleichen Tempo weitergeht. Rößler prophezeite heute feierlich: „Es wird ein großes Arschbluten in Europa sein!“

Bei dieser Gelegenheit auch gleich eine reizende Bosheit Meyrinks gegen das österreichische Heer: Es hat die Aufgabe, die Russen solange aufzuhalten, bis Militär kommt!

 

München, Donnerstag, d. 14. Januar 1915

Gestern schrieb ich an den Überwachungsoffizier beim Briefpostamt einen Beschwerdebrief, weil ich dank der Sonderzensur, der meine Briefe unterliegen, meine Post immer später bekomme und mir dadurch tatsächlich Schaden erwachse. Zufällig oder schon als Antwort darauf bekam ich heut früh einen ganzen Stoß Post, und darunter allerhand recht Wichtiges. Aus Lübeck zwei Karten. Beide Schwestern teilen mir unterm 7. Januar mit, daß es Papa immer noch nicht besser geht. Er liegt im Bett, steht täglich mittags ein wenig auf und ist sehr schwach, wenn auch in ganz guter Stimmung.

Jenny hat mir am 8ten Januar auf einem Kartenbrief geantwortet. „Lieber, lieber Erich.“ Sie will mir einen sehr langen Brief schreiben und bittet mich, vorläufig nicht nach Berlin zu kommen. Sie möchte vor ihren Eltern jetzt keine Heimlichkeiten haben, sie ebensowenig mit den alten Geschichten aufregen und fürchte, daß eine Begegnung jetzt nur zu Aufregungen und Mißverständnissen Anlaß gäbe. Sie wird mir das noch näher erklären. Aber sie kündigt als bestimmt ihren Besuch in München für den April an. „Das steht jetzt definitiv fest.“ Es wäre zu schön, als daß ich’s glauben könnte.

Ferner schickte mir Wenter seine Doktordissertation: „Die Paradoxie als Stilelement im Drama Hebbels“. (Tübingen 1914 Druck v. H. Laupp jr). Ob und wann ich es lesen werde, ist mir noch ungewiß.

Ferner kam heut früh Emmy zu mir, die gestern von Stadelheim entlassen ist. Eine Weile war sie mit Zenzl zusammen da. Als die gegangen war, nahm ich Emmy ins Bett. Sie aß bei mir Mittag und nach Tisch gab’s auf dem Divan eine zweite Wiedersehnsfeier.

Meyrink hatte mir vor einigen Wochen eine große Naturkatastrophe prophezeit. Er behauptete, die Hochspannung der menschlichen Seelenkräfte könne auf die Natur nicht ohne Einfluß bleiben. Er glaube deswegen an eine Entladung kosmischer Kräfte etwa in Gestalt eines Erdbebens, die den Krieg entscheidend beeinflussen müsse. Seine Idee war, da sich der tiefste Haß gegen England richte, daß wohl dort die Eruption erfolgen werde. Nun hat sich gestern über ganz Süditalien ein ungeheures Erdbeben ergossen, daß furchtbare Wirkungen ausgeübt hat. In Rom ist viel zerstört, anderswo sind massenhaft Menschen getötet; so sind in Avezzano, einem Ort von 11 000 Einwohnern nur 800 am Leben geblieben. Freilich ist einem ja in dieser Zeit die Empfindung für den gleichzeitigen Tod von Zehntausenden völlig abhanden gekommen. – Meyrink wird diese Katastrophe sicher in seiner Weise auslegen, und der Einfluß auf den Krieg ist in der Tat sehr möglich: in dem Sinne nämlich, daß Italien von einer eventuellen Absicht, einzugreifen wegen des nationalen Unglücks zurückstände. Der Widerstand der Massen wäre zu stark. Daß Italien zugunsten des Zweibunds mitmachen könnte, hat insofern wieder neue Unterlagen gefunden, als heute zuverlässig gemeldet wird, Italien habe Frankreich und England im Falle einer Bedrohung der Dardanellen gedroht, aus der Neutralität herauszutreten. Der überraschende Rücktritt des österreichischen Ministerpräsidenten Berchthold läßt ebenfalls die Deutung zu, daß er dem Bülowschen Plan auf Abtretung des Trentino widerstrebt haben könnte, und ein Deutschland genehmerer Herr, der Ungar Burian an seine Stelle gesetzt wurde.

Halbe wollte gestern mit Sicherheit wissen, daß mit Rußland Friedensverhandlungen im Gange sind. Das würde bedeuten, daß Hindenburg den Oberbefehl im Westen bekäme und Frankreich furchtbar zusammenschlagen würde. Es wäre also gräßlich. Aber sehr glaubhaft. Wahrscheinlich würde dann Deutschland im Osten nur ein paar strategische Orte kriegen, Österreich verlöre ein weniges von Galizien und der Bukowina, Serbien garnichts (was noch das Erfreulichste bei diesem Handel wäre) und die Türkei würde durch ein Stückchen im Kaukasus entschädigt, und könnte sich dann (was auch nicht schade wäre) mit allen Kräften gegen England in Ägypten wenden. Meine leise Hoffnung bei dem allen bliebe, daß mindestens Frankreich und Belgien in Erkenntnis ihrer Unterlegenheit gleichfalls Schluß des Mordens machten und alle Teile verhältnismäßig billig davonkämen. Ob England allein den Krieg fortsetzte, ist dann natürlich zweifelhaft.

Vor der Kegelbahn war ich gestern zum Abendbrot bei Dr. Karl Schmid, dessen reizende Frau und 2 Kinder ich kennen lernte. Ich führte ihn dann auf der Kegelbahn ein. Dort war Herr v. Aretin wieder erschienen, der militärisch ausgebildet, aber vorerst wieder entlassen ist. Er brachte die betrübende Mitteilung, daß Herr Walter Reichardt, ein Kutscher-Schüler, der im Frühjahr und Sommer öfter auf unsre Kegelbahn gekommen war, am 5. November bei Arras gefallen ist. – Übrigens brachte mir die Post heute früh noch einen Gruß von Kutscher aus dem Felde. Er möchte Pebeco geschickt haben, und ich habe Frl. v. Bismarck auf einer Postkarte aufgefordert, diese Sendung mit mir gemeinsam zu besorgen. Daß ich selbst um des Geldmangels wegen mich darin zurückhalten müsse, habe ich ihr verschwiegen.

 

München, Freitag, d. 15. Januar 1915.

Die arme Zenzl hat heute früh so viel und schmerzlich an meiner Schulter geweint, daß ich noch ganz zerschlagen davon bin. Und hat auch Grund genug. Es geht ihr und dem Manne unglaublich schlecht. Gäbe ich nicht jeden Tag ein paar armselige Groschen her, wäre kein Stück Brot im Hause. Die Stadt München hat zwar eine große Notstandsaktion für Künstler unternommen und stellt etwa ¼ Million Mark zum Verteilen bereit, aber Engler wird anscheinend übergangen, obwohl er ein ganz zweifellos sehr befähigter Bildhauer ist. Nur eben bei den Maßgebenden persönlich nicht sehr beliebt. Nun kommt hinzu, daß die Leute eine böse Nachbarin haben, die den ganzen Tag durchs Haus schimpft und ihnen das Wohnen in ihren dürftigen Gemächern zur Hölle macht. Diese Hexe hat nun obendrein Anzeige erstattet, weil die beiden Leute in Konkubinat leben. Das tun sie zwar seit über 10 Jahren und haben einen 10jährigen Sohn miteinander, ohne daß die sittliche Weltordnung darüber ins Krachen geraten wäre. Aber wir erfreuen uns hier mehrfacher bayerischer Reservatrechte, und eins davon ist die Strafbarkeit des Konkubinats. Die Eheschließung ist aber zugleich ein hier besonders teures Vergnügen und kostet etwa 150 Mark, da man für bares Geld erst Bürgerrecht und alles mögliche erwerben muß. Englers, die garnichts gegen das Heiraten hätten, werden also, da sie unbemittelt sind, von dem gleichen Staat daran gehindert, der sie wegen dieser Unterlassung in Strafe nimmt. Sie sollen binnen 3 Tagen je 5 Mark Strafe zahlen, an deren Stelle, falls sie nicht da sind 2 Tage in Stadelheim treten. Vorläufig ist wenig Hoffnung das Geld zu beschaffen. Ich habe mich aber jetzt bei Jaffé angemeldet, und will doch sehn, ob ich wirklich die Frau, die ich gern habe, wegen lumpiger 10 Mark ins Gefängnis gehn lassen muß. All diese Dinge regten die arme Frau nun heut früh sehr auf und dazu noch ein Umstand, der an und für sich sehr lustig ist, aber auf den ohnehin schwer belasteten Gemütszustand Zenzls natürlich noch deprimierender wirkte. In der Frühe erschienen nämlich heute in ihrer Wohnung zwei Polizeibeamte, die sich einen aus dem Fenster gehängten Sack mit Krautköpfen ansahen, da ein Baron in der Nachbarschaft (ein Herr v. d. Tann in der Ainmillerstrasse) den Verdacht denunziert hätte, daß Bomben drin seien, weil man nämlich Bomben gewöhnlich in große Säcke verstaut und sie darin zum Fenster hinaushängt. Zenzls haltloses Weinen, das ich in dem Maße noch garnicht bei ihr erlebt habe, dazu meine eignen Sorgen und ein unglückseliger Ofen, der die Bude, statt sie zu wärmen, mit giftigen Dünsten anfüllt, haben mir die Laune für heute gründlich verdorben. Ich bin jetzt auf Jaffé sehr neugierig. Am Telefon verbarg er die Unwillkommenheit meines Besuchs, dessen Zweck er wohl wittern mag, nur sehr wenig. Ich bin entschlossen, Energie aufzuwenden.

Vom westlichen Kriegsschauplatz werden in den letzten Tagen erhebliche deutsche Erfolge gemeldet, deren Bedeutung sich natürlich garnicht übersehn läßt. Ob die Einnahme einiger Höhen bei Soissons und Vregny, die der polemische Generalquartierstilist „eine glänzende Waffentat unsrer Truppen unter den Augen ihres Allerhöchsten Kriegsherren“ preist, die ewige Aisne-Schlacht nun wirklich einer Entscheidung näherführt oder blos die Kampffront von der Schweizer Grenze zur Nordsee irgendwo um ein paar Kilometer einbuchtet, wird die Zukunft lehren. Der Major v. Hoffmann erzählte gestern, wie sich ihm gegenüber ein Offizier, der aus jener Gegend kam, geäußert hat: das sei überhaupt kein Krieg mehr, das sei nur noch ein entsetzliches Massenmorden. Ein Offizier! Wann werden die Mannschaften aufwachen?

Die Gerüchte von einem Separatfrieden mit Rußland erhalten und vermehren sich, obwohl die Behauptung, Witte sei in Berlin, offiziös scharf dementiert wurde. Nonnenbruch behauptet, unabhängig von allen Zeitungsnotizen und vorher schon von einer Verwandten aus Posen die Nachricht gehabt zu haben, daß dort ein Salonwagen durchgekommen sei, in dem Graf Witte mit der „Fahrtrichtung Berlin“ gesessen habe. Sowas wird ernsthaft erzählt, ernsthaft angehört. Heut behaupten die Zeitungen, daß der russische Botschafter in Bukarest nach Rom gefahren sei und dort mit dem Fürsten Bülow konferiere, und die italienischen Blätter meinen, daß der Rücktritt Berchtolds einen nahe bevorstehenden Frieden mit Rußland bedeute. Die deutsche Sozialdemokratie wird dann eine nette Verlegenheit haben, wenn ihr Prinzipienverrat nicht mehr mit dem „Kampf gegen den Zarismus“ beschönigt werden kann. Daran, daß sie zum Krieg gegen den europäischen Westen die Gefolgschaft kündigen werden, glaubt natürlich kein Mensch, ich am allerwenigsten.

Gestern abend ging ich von der Torggelstube aus mit Gumppenberg fort, der mir spontan seinen Widerwillen gegen Friedenthal mitteilte. Er müsse seine ganze „Geduld anwärmen“, um am selben Tisch mit ihm sitzen zu können. Mir geht’s genau so. Bernhard v. Jacobi hat mir dieselben Empfindungen oft ausgesprochen. Aber Wedekind, Halbe etc. poussieren ihn in der Furcht oder der Hoffnung, daß sein Einfluß beim „Berliner Tageblatt“ ihr literarisches Schicksal sei.

 

München, Sonnabend, d. 16. Januar 1915.

An der Aisne ist von den Deutschen in der Tat ein Sieg erfochten. Der amtliche Bericht verkündet: „4000 bis 5000 tote Franzosen wurden auf dem Kampffelde gefunden.“ Er zählt (nach österreichischem Vorbilde) schon wieder die Gefangenen, Geschütze, Maschinengewehre etc. zusammen, die in der Gegend von Soissons erbeutet wurden, was er nun schon 4 Tage lang fortsetzt. Dann zieht er, um die Bedeutung des Sieges nur ja recht sinnfällig zu machen, die Schlacht von Gravelotte vom 18. August 1870 zum Vergleich heran, mit der sich die neue Niederlage der Franzosen an Bedeutung zwar nicht messen könne, die ihnen aber beträchtlich mehr Verluste gekostet habe. Damals verloren die Franzosen über 13 000 Mann. Es muß also jetzt ein fürchterliches Gemetzel gewesen sein. Der Erfolg ist, daß das nördliche Ufer der Aisne ganz in deutschem Besitz ist. Ob das irgendwie entscheidend für eine Verkürzung des Krieges sein wird, ist wohl sehr zweifelhaft. – In Rußland nichts Neues.

Bei Jaffé mußte ich wegen der 10 Mk für Zenzl scheußlich leiden. Ich mußte erst sehr kräftige Töne (Hartherzigkeit, während Millionen in den Schützengräben sterben etc.) anschlagen, bis er den kleinen Betrag herausrückte, den ich aber heut abend erst in der Torggelstube wieder durch eine kleine Sammlung komplettieren muß, da ich Zenzl selbst um 3 Mk anpumpen mußte.

Die Sendung an Kutscher geht heute ab. Gertraude v. Bismarck suchte mich mittags im Café auf, und wir gingen dann zusammen einkaufen: Pebeco, Chokolade, Closetpapier, Seife und Byrolin, wozu ich blos 1 Mk beisteuern muß, die sie vorläufig ausgelegt hat. Als Absender schrieb sie auf die Adresse: Bismarck-Mühsam, München, was jedenfalls eine recht originelle Zusammenstellung ist. Wie ich durch Jaffé erfuhr, ist die Bismarck eine Urenkelin des Nationalökonomen Frh. v. Thünen (Isolier-Staat).

Von Lübeck aus ist mir wieder seit 8 Tagen nicht geschrieben worden.

 

München, Sonntag, d. 17. Januar 1915

Mein Brief an den Oberleutnant bei der Überwachungspost hat anscheinend schon gewirkt. Eine Karte von Grethe, die in Lübeck am 15ten aufgegeben ist, kam heute schon an. Sie enthält die kurze Mitteilung, daß es Papa bedeutend besser geht. Er steht zu Tisch auf und ist viel kräftiger. Es scheint also, als ob er mit seinem kranken Herzen und seinen robusten Gesinnungen sich und mich weitere schreckliche Jahre quälen wollte.

Die Kriegstelegramme lauten nach dem Erfolg bei Soissons wieder nichtssagend, – falls nicht die völlige Einstellung aller Nachrichten vom Osten (täglich: die Lage ist unverändert. Ungünstige Witterung etc.) sehr vielsagend ist. Die Meinung, daß sich mit Rußland ein Separatfrieden vorbereite, wahrscheinlich auf der Grundlage, daß der status quo ante wiederhergestellt wird und höchstens die Türkei im Kaukasus eine kleine Entschädigung kriegt, verbreitet sich täglich mehr. Halbe, der stets überraschend schnell die Dinge in seine historische Betrachtungsweise einzugliedern weiß, ist völlig mit der Idee dieses Friedens einverstanden und spricht offen die Hoffnung aus, daß er zustandekomme. Gertraude Bismarck machte mich zur Bestätigung solcher Vorbereitungen auf noch ein Symptom aufmerksam: Wilhelm II, der bisher immer vom völligen Sieg der deutschen Waffen zu schnarren wußte, beschränke sich neuerdings darauf, blos von einem ehrenvollen Frieden zu säuseln. Man wird bescheidener.

Eine Scheußlichkeit. Überall, selbst bei sonst durchaus anständigen Menschen, hört man bei uns die lebhafteste Befriedigung äußern über die entsetzliche Erdbeben-Katastrophe in Italien. Dabei sind über 26000 Personen getötet worden, natürlich zumeist Frauen und Kinder. Aber in Deutschland darf jeder Mensch ungeniert überall aussprechen, daß ihn die Nachricht von dem Erdbeben aufrichtig erfreut habe. C. G. posiert ja mit dergleichen Rohheiten und nimmt seine eignen Tiraden nicht sehr ernst. Schmitz ist einigermaßen beschränkt, da wundert mich es auch nicht. Aber selbst Dr. Schmid, ein sehr vorurteilsfreier und verhältnismäßig kritischer Mensch, bewies Freude über das Unglück. – Nun werden sich natürlich die schlichten, graden, wahrhaftigen Deutschen und die pfaffenfeindlichen Franzosen in der Bearbeitung der italienischen Pfaffen den Rang ablaufen, die dem armen Volk beweisen müssen, daß die Katastrophe die Strafe Gottes entweder dafür sei, daß die Regierung dem Dreibund gegenüber untreu war, oder dafür, daß sie sich noch immer nicht zum Eingreifen zugunsten Frankreichs-Englands entschließen konnte. – Wie mir Zenzl erzählte, wird in Oberbayern dem Landvolk von den Kanzeln herunter verkündet, daß der Krieg Gottes Strafe sei für das lästerliche Leben der Großstädter.

Heute geh ich zu Lucie v. Jacobi. Hoffentlich treffe ich dort ihre liebliche blonde schöne Schwägerin.

 

München, Montag, d. 18. Januar 1915

„Wally Neuburger“ ruht seit langem völlig. Ich stecke noch mitten im I. Akt. Aber ich will die Arbeit heute wieder aufnehmen, falls mich nicht Emmy daran hindern sollte. Sie ist um 3 Uhr angemeldet. Ich erwarte sie aber kaum, da sie Besuchsversprechungen noch nie innegehalten hat.

Der Generalquartiermeister (sein Name wird jetzt bekannt: Wild v. Hohenborn) veröffentlicht im Anschluß an den Teilerfolg bei Soissons täglich neue lange Kommentare. Bei Beginn des Kriegs, als noch ganze Siege erfochten und Festungen erobert wurden, gab es das nicht. Jetzt zählt er die Verluste der Franzosen seit der von Joffre angeordneten und von den Deutschen veröffentlichten Offensive zusammen. Er berechnet sie auf mindestens 150.000 Mann, wovon 26 000 tot sind. Die deutschen Verluste betragen noch nicht ein Viertel davon. Man fragt sich immer wieder: wozu die unerhörten Blutströme? Und wielange wird das alles noch dauern? Die Schwester des englischen Ministers Asquith soll gesagt haben: Im Mai fängt der Krieg an!

Papas Gesundheitszustand scheint sich tatsächlich wieder zu erholen. Grethes Meldung vom 15ten, daß es ihm bedeutend besser gehe, folgte heute eine Karte von Charlotte, die schon am 11ten abgesandt wurde und eine kleine Besserung anzeigt, als die Folge von Pillen, die Julius und Hans gemeinsam verordnet hätten. Vermutlich Digitalis.

 

München, Dienstag, d. 19. Januar 1915.

Ich bin müde und komme mir gealtert vor. Von Jenny ist der versprochene lange Brief gekommen, und er enthält, was unausgesprochen schon ein Jahr lang alle ihre Briefe enthalten haben: die Absage. Aber nein doch: nicht die Absage. Er enthält Erklärungen, Erwägungen, Untersuchungen und das Resultat, daß sich ihre Gefühle gewandelt haben, und daß sie nach wie vor meine Freundin sein will. Kurzum: Schluß. Aus. Erledigt. – Und ich sitze da: ein paar Jahre älter als gestern und muß nun sehn, mich auch damit abzufinden, wie mit allem andern. – Von Lübeck kommen immer neue Nachrichten, die immer ein paar Tage älter sind als die frühere. Vorgestern eine vom 15ten, gestern eine vom 11ten, heute eine vom 9ten Januar, und da jede später eingelaufene pessimistischer klingt als die frühere, die früheren aber immer die späteren sind, kann ich ermessen, daß von außen her noch lange keine Errettung aus meinen Nöten kommen wird. Und aus mir selbst habe ich keine andern Kräfte, mich von neuem um Jenny zu bemühen, als meine Liebe, meine Treue, meinen Fleiß und meine Sehnsucht, alles Dinge, von denen ich sie und ihre Kinder nicht sättigen kann. „Deine Freundin Jenny“ unterzeichnet sie sich. Ich sollte mich auslachen, aber ich habe geweint. Mein Leben mit seiner Glücksjagd ist eine Farce. Von andern Farcen morgen. Heut habe ich damit zu tun, die Blamage meines Herzens abzuschminken.

 

München, Mittwoch, d. 20. Januar 1915.

Es ist mein Schicksal, daß die Hoffnungen meiner Träume und meiner Arbeit nicht erfüllt werden. Was von meinen Plänen der Förderung von außen bedarf, scheitert, und ich bin verurteilt, alles Streben auf das Werk meines Geistes zu konzentrieren. Selbst dabei habe ich mich gewöhnt, auf Anerkennung und Erfolg zu verzichten, meine Motive und mein Wollen gefälscht zu sehn und selbst die Wirkung meines Tuns zu vertagen, bis ich sie selbst nicht mehr kontrollieren kann. Ich habs zu oft erlebt, und so kann mir die Enttäuschung mit Jenny eigentlich nichts mehr anhaben und mich sogar insofern trösten, als sie mir zeigt, daß ich nach allen Erfahrungen doch immer noch Illusionist genug geblieben bin, um an Enttäuschungen Schmerz zu empfinden. – Wäre nur nicht die Rückwirkung all dieser Erlebnisse auf mein Schaffen so groß! Wüßte ich mir einen wirklichen Erfolg – wie herrlich hätte er sich in neue Arbeit umgesetzt. Aber jedes Tun mit einem Trotzdem! einleiten zu müssen, das ist lähmender als alle Not und alles Gebrechen.

Also von den Farcen dieser Tage. Vorgestern abend war im Kunstsaal Steinicke ein Vortrag von Dr. Wyneken angesetzt über „die Kunst Karl Spittelers“. Ich ging hin, um die Akustik des Saals zu studieren, da ich am nächsten Montag über „Die zeitgemäßen Aufgaben des Theaters“ reden sollte. Ich begrüßte etliche beieinander stehende und sitzende Bekannte: Dr. Rosenthal, Fritz und Erich Erler, Erich Wilke, Spiegel etc., und als ich mich zu ihnen setzte, fiel mir, speziell bei Rosenthal, eine etwas betretene Kühle auf. Wyneken erschien. Bevor er aber zu sprechen anfing, nahm Fritz Erler das Wort und protestierte gegen den Vortrag, da Spitteler die Deutschen als Mörder beschimpft habe. Spitteler hat nämlich in Zürich einen Vortrag gehalten, in dem er gegen die franzosenfreundliche Haltung der Genfer und Lausanner Presse sprach. Dabei fielen auch einige Vorwürfe nach der deutschen Seite hin ab. Nämlich: es genüge, daß man die Belgier vergewaltige. Daß man sie außerdem noch lästere, sei zu viel. Eine Auffassung, die meiner eignen sehr entspricht. Dann wies er die Vorwürfe der Deutschen gegen die Franzosen und Engländer wegen der Verwendung der farbigen Hilfstruppen zurück. Wenn ein Mörder ins Haus dringe, bedenke man auch nicht lange, ob es vornehm sei, den Haushund herbeizurufen. Daß hier das Tertium comparationis nicht beim Angreifer, sondern bei der Abwehr gesucht werden muß und daß hier nicht die Deutschen sondern die Neger geschmacklos beleidigt werden, wird in der deutschen Presse, seit die Aeußerung gefallen ist, böswillig mißverstanden und behauptet, Spitteler habe die Deutschen Mörder genannt. Ein Dr. Mayer – natürlich Oberlehrer – verlangte die Verlesung der betreffenden Stelle, unterstützt von den Erlers und besonders von Rosenthal, der im friedlichen Leben garnicht liberal und tolerant genug sein kann. Doch blieben die Herren erfreulicherweise ziemlich allein mit ihrem Protest, und recht bedeutsam empfand ich es, daß die anwesenden Soldaten ihnen aktiv entgegentraten. Einer nannte sie Chauvinisten, die nur für sich selbst Reklame machen wollten. Sie verließen, etwa 10 Mann stark, den Saal und der Vortrag wurde nicht mehr gestört. – Heute legt nun Ludwig Thoma in den Zeitungen los, natürlich auch auf Seiten der Stänkerer. Wyneken habe seinen Vortrag nur gehalten, um von sich reden zu machen, und der „spuckende Greis“ Spitteler habe aus dem gleichen Grund geschwätzt. Warum Thoma sich in den Handel öffentlich einmischt, läßt er offen. Sicher ist nur, daß der aggressivste Spötter gegen alles Offizielle heute der hurrafröhlichste Standartenträger alles Offiziellen ist, und daß er, wo er nur je öffentlich Partei nimmt, das an der verkehrten Stelle tut.

Der Vortrag Wynekens war unbedeutend. Auch ist seine Stellung zu Spitteler nicht haltbar. Er will aus Spitteler, neben George, „den“ Dichter machen. Was ich gegen Spitteler einzuwenden habe, ist grade, daß er so wenig Dichter ist. Ein höchstens bedeutender Denker (was mir auch noch zweifelhaft ist), der seine Gedanken in rhytmisierende Prosa einwickelt, die journalistisch anmutet. Ein Vergleich zwischen Nietzsches Zarathustra und Spittelers „Prometheus und Epimetheus“, den Wyneken sogar zu Ungunsten Nietzsches anstellt, ist lächerlich. Immerhin darf man den 70jährigen verdienten Mann nicht ankläffen, wie Thoma es tut, zumal Wynekens Begründung, warum er grade jetzt über Spitteler reden wollte, sehr stichhaltig ist: damit man bei Erwähnung des Namens nicht blos an den Satz mit den deutschen Mördern denkt, sondern an das Werk, das jedenfalls vielen viel wert ist. Jedes mutige Bekenntnis ist jetzt wertvoll.

Gestern war ein dies ater. Nach dem Jenny-Brief abends noch eine deprimierende Episode. Ich wollte mit Zenzl in die Kammerspiele, um Rehses „Triumph der Liebe“ zu sehn. Freibillet: ja, aber ich sollte 90 Pf Steuern bezahlen, und die hatte ich nicht. Ging also mit Zenzl unverrichteter Dinge heim, sehr bedeppt. Man wird viel dummes Geschwätz aus der Sache machen, und mich bedauern. Ekelhaft. – Abends pumpte ich im Torggelhaus Dr. Schmid um 5 Mark an.

Der Krach bei Wynekens Vortrag hat für mich peinliche Folgen. Frau Steinicke teilte mir heute mit, daß mein Vortrag sich deswegen um 8 Tage verschieben müsse, weil nach dieser Geschichte nicht gleich der Revoluzzer an die Rampe soll. Ich hatte aber mit der Einnahme gerechnet, und muß nun wohl Vorschuß nehmen.

Neue Kriegsentscheidungen sind nicht gefallen. Doch sieht das Verhalten Rumäniens von Tag zu Tag fragwürdiger aus. Dagegen wird der Separatfrieden mit Rußland von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Die Provinzblätter machen schon – offensichtlich auf Wink von oben – Stimmung für dergleichen Dinge.

 

München, Donnerstag, d. 21. Januar 1915.

Die Nerven rebellieren schauderhaft. Ich habe sie nicht einmal mehr vor andern in der Gewalt. Auf der Kegelbahn machte ich dem armen Wilm, der mich im Vorbeigehn scherzhaft gekitzelt hatte, eine richtige Szene und hatte einen Wutanfall, der mich noch den ganzen Abend durch in Aufregung hielt. – Heut früh blieb Zenzl fort, was meine Nervosität noch steigerte – und dann der ewige Geldkummer, der einen unausgesetzt in beschämende und ängstigende Situationen bringt. Die Aussicht auf Wandel scheint aber wieder ganz vorbei.

Vorgestern nacht haben Zeppeline befestigte Orte der englischen Ostküste „erfolgreich mit Bomben beworfen“, und sind unversehrt davongekommen. Offenbar sind viele friedliche Bürger, auch Frauen und Kinder dabei umgekommen. Aber der Jubel ist groß. Man wird sich diese Glücksstimmungen merken müssen, für den Fall, daß mal wieder ein Repräsentant der kriegerischen Menschheit von einem Anarchisten hingerichtet wird. Denn dann wird wieder alle Welt vor Erbarmen nicht wissen, wohin. Das ist ebenso sicher wie die Begeisterung der Deutschen, wenn übers Jahr nach Friedenschluß der Zar oder der Engländer zu Besuch nach Berlin kommt. Mir würde das denn doch bedenklicher vorkommen, wie Halbes oft geäußerte, und wohl ein wenig von Konkurrenzdrang bewegten Befürchtungen, man möchte dereinst die Maeterlinck, Verhaeren etc, die Ausländer, die jetzt in hysterischen Krämpfen den deutschen Barbarismus bezetern, wieder auf deutschen Bühnen treffen. Die Blamage unsrer 93 (zu denen auch Halbe gehört) ist nicht geringer als die der Vaterlandsretter in Frankreich, England und Belgien. Aber ihr Werk wird durch törichte Aeußerungen chauvinistischer Art nicht besser und nicht geringer, als es auch vor dem Kriege war.

 

München, Freitag, d. 22. Januar 1915

Bei Alfred (dem weichen) Mayer, der mich überraschenderweise anrief und zum Kaffee einlud, traf ich Frau Brünar (die ich erst kennen lernte) an und das Ehepaar Fuhrmann. Die Brünar, deren Probeauftreten im Hoftheater zu dem Krach zwischen Thoma und Steinrück führte (wobei der weiche Mayer der Prügeljunge war) ist eine sympathische Wienerin mit charaktervollen Zügen. Sie ging bald. Fuhrmann und Mayer ergingen sich in Patriotismus, und ich hörte mal wieder die Schuldlosigkeit Deutschlands preisen, das von dem perfiden Albion zur Abwehr gezwungen wurde. Fuhrmann redete ohne hinlängliche Sachkenntnis wissenschaftlich, Mayer mehr nachplappernd gefühlsmäßig. Amüsant war mir der Vorwurf der Verknöcherung, der gegen meine Friedensideale erhoben wurde. Das ist ganz echt: wer umwälzen, erneuern, Schönes für Schlechtes setzen, streitbar kämpfen will, ist verknöchert. Fließendes Leben ist demnach grad in denen, die zufrieden sind mit dem, was ist, deren Logik grade zur Begründung des Beobachteten ausreicht.

Abends sah ich im Residenztheater den „Marquis von Keith“, zum ersten Mal ohne Wedekind. Steinrück hatte die Regie und spielte die Titelrolle. Die Aufführung war höchst interessant, ohne vorbildlich gut zu sein. Anordnung, Bühnenbilder, Inszenierung, kurz, alles was zur Regie gehört, freilich vortrefflich: Steinrück aber erkannte ich zum ersten Mal als Defekt-Schauspieler. Er brachte die Aperçues mühsam und stockend heraus und bemühte sich (ähnlich wie Carl Götz es tut), aus dieser Not des Schlechtgelernthabens und der Zungenungeläufigkeit eine Tugend zu machen. Im übrigen war er – ungeachtet brillanter Einzelheiten, besonders im letzten Akt – zu sehr darauf erpicht, Wedekind zu kopieren. Und der ist eben doch einzig. Hätte Steinrück keine persönliche Bekanntschaft mit Wedekind, so wäre er besser gewesen, und hätte ich nicht xmal Wedekind in der Rolle gesehen, so hätte ich Steinrück erheblich besser gefunden. Gut gefiel mir Frau v. Hagen als Gräfin Werdenfels. Sie betonte sehr glücklich die Perusastrasse und gab sich in der für die Figur einzig denkbar gehaltenen Uneleganz, die die Vallière seinerzeit nicht treffen konnte und die Steckelberg, die die Rolle mondän spielen wollte, faute de mieux traf. Der Scholz des Herrn Alten war klug durchdacht, aber inkonsequent durchgeführt. Er wirkte im letzten Akt, als er schon entschlossen ist, in die Heilanstalt zu gehn, viel gesetzter, als im vierten, wo er bei der Werdenfels den Verrückten stark herausstreicht. Diese Note hätte nach der entgegengesetzten Richtung fortgesetzt werden müssen. Vorzüglich war die Ritscher, die beste Molly, die ich noch gesehn habe: hysterisch, nervös, sich und die andern quälend, ohne primitiv zu sein. Alle übrigen Rollen waren leidlich besetzt, keine überragend, aber keine einzige schlecht. – Und das Stück! Ich lebte auf, so gutes echtes Theater bei soviel schönster Dramatik zu sehn. Braungart schrieb, und ich hörte das auch von andern, das Stück verliere durch die gute durchgearbeitete Regie. Diese Leute haben mit Wedekind nie gelebt. Sie goutieren die übertriebene Primitivität in der gewohnten Stolbergschen Regie, weil ihnen das Bizarr-Großartige, zu dem sie keine Fühlung haben, erst dann genießbar wird, wenn die Veranstalter durch saloppe Behandlung selbst davon abrücken. Sie können und wollen sich nicht damit abfinden, daß eine Wedekind-Aufführung keine Gesellschafts-Sensation, sondern ein künstlerisches Ereignis ist, und nun, wo sie sich einmal unbeeinflußt von absonderlich primitiver Aufmachung dazu stellen sollen, nennen sie, die Rückständigen, denen Wedekind heute noch viel zu „modern“ ist, sein Werk „verstaubt“ (sic!). Und kommen sich vor wie die Revolutionäre.

Hans Pagay, der alte brave – und manchmal so ganz außerordentliche – Greisendarsteller Max Reinhardts ist, 72 Jahre alt, gestorben. Ich liebte ihn als Schauspieler und hatte den prächtigen Menschen recht gern. Aber Todesfälle alter Leute lassen einen in dieser Zeit, wo die Jungen in Schwaden umgemäht werden, nicht in Aufregung kommen. Man registriert sie nur.

 

München, Sonntag, d. 24. Januar 1915.

Vorgestern lernte ich ein sehr interessantes Archiv kennen, zu dessen Besichtigung mich Herr Otto Keller (den ich vom S. D. S. her kenne) schon öfter eingeladen hatte. Eine wohlangeordnete ungeheuer umfangreiche Sammlung von Zeitungsausschnitten über Angelegenheiten der Musik und des Theaters, die Keller seit 38 Jahren betreibt. Sie ist inzwischen mit andern dergleichen Unternehmungen (Die heimgegangene „Brücke“) vereinigt worden und enthält jetzt Ausschnitte bis ins 18te Jahrhundert zurück. Herr Keller beklagte sich sehr, daß seine Arbeit keine Aufmerksamkeit finde. Ich sei von allen zahlreichen Münchner Schriftstellern, die er zum Anschaun aufgefordert habe, der erste, der gekommen sei. Ich denke daran, über das äußerst wertvolle Archiv eventuell mal etwas zu schreiben. Jedenfalls will ich Bekannte hinschicken.

Bei der Marquis v. Keith-Aufführung hatte ich Mirl Seidel getroffen, die mir den Besuch einer Freundin zum Vorsprechen angekündigt hatte. Gestern waren die Damen also bei mir. Die Freundin, die schon in Bern und Kiel in Engagement war, heißt Lily Donecker. Nicht sonderlich hübsch, ganz angenehm im Umgang. Ich setzte beiden auseinander, für was für einen horrenden Unfug ich das Vorsprechen insgesamt halte, daß ich aber doch nicht drauf verzichten kann, wenn ich bei einem Theaterdirektor ein Wort einlegen soll. Man muß so einem Mann ehrlich sagen können: Sie hat mir vorgesprochen. So ließ ich’s mit einer knappen Szene aus Baumeisters Solneß bewenden, und will versuchen, ob ich Steinrück oder Ziegel für das Mädel interessieren kann. Ich muß sowieso mit beiden sprechen wegen Materials zu meinem Vortrag.

Der Krieg geht in eintöniger Schrecklichkeit weiter. Die Türken sind wiederum geschlagen worden und sollen sich, nach russischen Berichten, die unwidersprochen sind, fluchtartig auf Erzurum zurückziehen. Über die Niederlage bei Sarykamisch ist bis heute bei uns kein Wort veröffentlicht worden. Wir erfahren, sofern wir keine schweizerischen Blätter lesen, nur türkische Lügensiege. Auch in Mesopotamien scheint es den Osmanen schlecht zu gehn. – Der Luftangriff auf England ist Gegenstand heftiger Erörterungen. Der Major Hoffmann regte sich sehr darüber auf. Es sei unerhört, daß man aus dieser Sache eine Heldentat mache, daß die Leute bei Regen und Nebel über die Städte fahren und, ohne zu erkennen, was sie angreifen, wo sie Laternen sehn, Bomben abwerfen. Ich mache diese Entrüstung nicht mit. Entweder garkein Krieg oder jede Sauerei! – Die Empörung bei mir über den Neutralitätsbruch der Vereinigten Staaten, von wo aus massenhaft Kriegsmaterial an den Dreiverband geliefert wird, finde ich töricht. Die Amerikaner würden das Geschäft genau so gern mit Deutschland machen. Die „Dacia“-Affaire, der Ankauf eines bremischen Dampfers für amerikanische Rechnung, der in Frankreich und England als Neutralitätsbruch bezetert wird, beweist ja die Unvoreingenommenheit Amerikas beim Geschäftemachen. Lieferten die guten Leute uns Kanonen, fänds jedermann in der Ordnung.

Über den Verlauf des 22. Januars in Rußland, des 10jährigen Gedenktages der schrecklichen Petersburger Gapon-Demonstration, sind noch keine Nachrichten da. Ob alles ganz ruhig abgegangen ist? In Helsingfors wurde auf das Palais des Generalgouvernements ein Bombenattentat unternommen. Wahrscheinlich werden noch andre Nachrichten kommen. Aber mich ärgert die Freude unsrer Deutschpatrioten über russische Revolutionsäußerungen. Denn als Begrüßungskundgebungen für deutsche Siege sind die Kämpfe der Russen um freieren Atem im eignen Lande gewiß nicht gemeint. Sowenig wie die Aufstände in Indien und Ägypten, die trotz allen Fanfaren immer noch auf sich warten lassen.

 

München, Montag, d. 25. Januar 1915

In der Nordsee hat eine große Seeschlacht stattgefunden, bei der, wie bisher bekannt wurde, ein englischer Schlachtkreuzer und ein deutscher Panzerkreuzer zugrunde gingen. Also schreit man in Deutschland, und wahrscheinlich ebenso in England: Wir haben gesiegt! Bemannt war das gesunkene Kriegsschiff „Blücher“ mit 880 Mann. Wieviele davon im winterlichen Meer untergegangen sind, wird man wohl noch erfahren. Wenn’s weniger sind als die Toten des Feindes, wird alle deutsche Welt hochbeglückt sein.

Gestern suchte mich Heinrich Mann im Café auf. Er ist sehr deprimiert vom Kriege, dabei – ohne es zu verbergen – mit seinen Sympathien völlig auf der Seite der Gegenpartei und beklagt hauptsächlich, daß wir Geistigen jetzt ganz und gar von Ereignissen abhängen, auf deren Verlauf wir keinen Einfluß haben. Wir fuhren dann zusammen zu ihm, und in der Tram sprach mich ein etwas angesäuselter Soldat an, der sehr unglücklich war und höchst revoluzzische Ansichten äußerte. „Sackerment! Sackerment!“ sagte er ein über das andre Mal. Er verwünsche die ganze Welt. Dächten viele wie er, dann gäbe es die ganze Sach’ nicht. Man hat ihn von Weib und Kind fort aus Österreich geholt und eingekleidet. Ich warnte ihn, zu reden, da man überall bespitzelt wird. „Ja[”], meinte er. „Sagen derf ma aa nixen.“ Der arme Kerl kam mir vor wie Einer, der zum Tode verurteilt ist und keine Ahnung hat, warum. Aber diese Stimmung greift um sich. Vielleicht wird eher als Menschen- oder Munitionsmangel der Mangel an Begeisterung zum Ende des mörderischen Unfugs zwingen.

Belgrad ist, wie es jetzt überall heißt, durch Verrat gefallen. Es sollen 20.000 Tschechen und sonstige Slawen mit Kriegsmaterial und Fahnen in corpore zu den Serben übergelaufen sein. Auch in Galizien und der Bukowina soll Verrat an der Regel sein. Schönes Zeugnis für Österreich!

Meine Erklärung an die Kain-Leser ärgert mich ihres letzten nachträglich angehängten Satzes wegen täglich mehr. Die „fremden Horden“ kann ich mir allenfalls verzeihen, weil ich mich garnicht scheue, auch die in Belgien hausenden Deutschen so zu nennen, aber wie komme ich zu dem Wunsch, daß grade unsre Länder vom Kriege verschont bleiben sollen? Dieser Egoismus ist ekelhaft und unverzeihlich. Nein – es ist nicht im geringsten schlimmer, daß Eydtkuhnen mit Jennys Habe als daß irgend ein serbischer Flecken zerstört ist. Und wenn München eines Tages in Brand und Schutt liegt, so hat das nicht einen Fetzen mehr zu bedeuten als das Unglück Löwens. Es ist nicht wahr, daß unsre Frauen und Kinder, unsre Städte und Felder mehr wert wären als die der Galizier, Kaukasier, Polen, Bosnier, Siebenbürger, Wallonen, Franzosen, Elsässer, Ägypter, Marokkaner, Buren oder Zulukaffern. – Ich schäme mich meiner selbstischen Wallung und will sie öffentlich widerrufen, sobald es geht.

Die Gräfin Reventlow traf ich in den letzten Tagen mehrfach. Sie hofft, von dem beim Tessiner Bankkrach verlorenen Geld 40 Prozent doch noch zu retten. Dann will sie mir ein paar hundert Mark pumpen, sodaß also die „Rasenbank am Elterngrab“, wie wir diese Versicherung auf Gegenseitigkeit getauft haben, doch noch funktionieren könnte, – falls nicht vorher meine eigene Rettung dämmern sollte. Den Verlauf des letzten Jahres resumierte die Gräfin mit der resignierten Alliteration: Krach – Krieg – Krankheit.

Engler hat vom Hilfsausschuß für Künstler der Stadt München tatsächlich den lakonischen Bescheid bekommen, daß er bei der Verteilung des Geldes nicht berücksichtigt werden könne. Zenzl ist sehr unglücklich. Sie wird recht haben mit der Meinung: Die Butter aufs Brot wird allenfalls geliefert. Wer aber auch kein Brot hat, dem kann nicht geholfen werden.

 

München, Dienstag, d. 28. Januar 1915.

Vorgestern wurde in der Au vor dem Vergleichs-Mayer der Prozeß Fred ctr. Halbe verhandelt. Halbe wurde, weil er vor 2 Menschen Freds Weigerung, über seiner Wohnung ein Lazarett einrichten zu lassen, als unsozial bezeichnet hatte, oder vielmehr, weil einer von den beiden Zuhörern, der dreckige Reporter Friedenthal, die Aeußerung Fred hinterbracht hatte, zu 50 Mk Geldstrafe verurteilt. Ich denke natürlich anders über die Sache als Halbe, finde es gutes Recht für jeden, seine Gründe genau abzuwägen und evtl. egoistisch zu entscheiden, bin aber empört darüber, daß es nicht mal mehr das Recht geben soll, die Handlung eines andern im vertrauten Kreise abfällig zu kritisieren. Ich hätte, wäre ich Richter gewesen, Halbe freigesprochen und die Kosten auf den klebrigen Zwischenträger überbürdet. Von 9 Uhr früh bis ½ 7 Uhr abends – mit 3stündiger Mittagspause – dauerte die Verhandlung, und ich fragte mich nur immer wieder, ob denn erwachsene Menschen wirklich nichts besseres zu tun wissen, als ihre privaten Antipathien vor unbeteiligten Dritten auszubreiten. Mayer dankte mir nach dem Prozeß für meinen Schrumpf-Artikel in der Mainummer des Kain, worin ich ihn freundlich gestreichelt habe. Über die Verurteilung Halbes meinte er, da Halbe sich furchtbar aufgeregt hatte: „Dees Urteil is mir aber hakl ’worn“. Ich kam um die Vernehmung als Zeuge mit knapper Not herum. Mein Name wurde diverse Male genannt. Falls es zur Berufung kommt, werde ich wohl noch dran glauben müssen, um über ein Gespräch über den Müller-Verlag Bescheid zu geben, wegen dessen Fred Halbe zu unrecht der Indiskretion bezichtigt. – Niedlich war Halbes Berufung auf die Freundschaft mit mir, um zu erhärten, daß er kein Hurrapatriot sei. „Ich verkehre z. B. mit Herrn Mühsam, dessen gegenteilige Auffassungen doch gerichtsbekannt sind.“

Gestern vormittag machte ich Besuch beim Kriegsministerium, wo man mich über den am Montag zu haltenden Vortrag bei Steinicke ausfragen wollte. Ein Major verhandelte mit mir, und ich war erstaunt und erfreut über dessen liberale Art. Er ging auf meinen Vortrag kaum ein, sagte, er wolle mir durchaus keine Einschränkungen aufzwingen, ich solle ruhig sagen, was ich wolle, nur vermeiden, daß etwa Skandal entstehe, andernfalls müsse der Saal Steinicke geschlossen werden. Er machte mir Komplimente über die Unbeeinflussbarkeit meiner Gesinnung, er selbst verfolge und schätze mein literarisches Schaffen durchaus. Dann ging er auf Tagesfragen ein, besonders auf die klerikale Hetze gegen den Intendanten v. Franckenstein wegen der Aufführung des „Marquis v. Keith“, wobei er persönlich für Wedekind Partei nahm. Nur weiß man ja nie, wie weit so ein Mann sein Amt von seiner Person zu trennen vermag. Auch über die Presse machte er geringschätzige Bemerkungen, die er nur dadurch abschwächte, daß er die Pariser und englische Presse noch tiefer bewertete. Über den Kain befragt, sagte ich: „Ich kann keine Zeitschrift führen, die einer militärischen Zensur gewachsen wäre“, worauf der Major etwas ironisch erwiderte: „Ich achte das sehr. Andre Herren haben ja ihre Ansichten entsprechend einzurichten gewußt.“ Ob Thoma und Herzog die Ohren geklungen haben?

Mittags hatte mich Steinrück ins Torggelhaus eingeladen. Er will mir das Repertoire des Hoftheaters aus dieser Kriegszeit beschaffen. Von Malyoth (den ich eben deshalb telefonierte), soll ich das von 1870/71 kriegen. Auch Ziegel will ich um seins bitten, und mit diesem Material bewaffnet über Stollberg schimpfen, der den ödesten alten Schund heraussucht, um „zeitgemäß“ zu sein. Ich sprach mit Steinrück über Mirl Seidel, die seine Schülerin ist, und die er sehr pries, ferner auch über Frl. Donecker. Er will sie an Stollberg empfehlen. Inzwischen soll ich freilich schon wieder eine andre Schauspielerin protegieren, ein Frl. Gerd Maurer, die mir Jaffé gestern ins Café Stefanie führte.

 

München, Freitag, d. 29. Januar 1915.

Die Unterbrechung in der Eintragung erfolgte durch Albert Reitze, der mir in seiner schlichten Gradheit stets ein lieber Gast ist. So will ich die Charakteristik des Frl. Maurer zurückstellen, bis ich sie besser kenne. Denn eben rief sie mich an, um mir für morgen ihren Besuch „zum Vorsprechen“ in Aussicht zu stellen.

Reitze berichtete von Zürich, wo man aus dem Elsaß Kanonendonner hört, und wo sich durch das Moratorium und große wirtschaftliche Schwierigkeiten der Krieg weitaus be-

– diese verfluchten Bühnen-Protégées! Jetzt mußte ich schon wieder die Treppe runter wegen Frl. Donecker! – ...merkbarer macht, als bei uns. Dann entlastete er sein Herz wegen seiner jetzt 18jährigen Tochter Berti, die er besonders liebt. Sie schwankt zwischen zwei Liebhabern, von denen der zweite sich mit allerlei Intriguen in die Gunst des Mädels gesetzt hat. Alberts Auffassungen von den Dingen sind prachtvoll frei, menschlich und gut. Ein unglaublich ebenmäßiger Mensch in seinem Fühlen, Denken und Tun. Ich bin auf die Freundschaft dieses Drechslers und Schmugglers stolz.

Zenzl schüttet mir jeden Morgen ihre Bedrängnis aus. Man hundsvottet den armen Engler niederträchtig. Aber an seiner Frau gehts aus. Der Bildhauer Faßnacht, der die Leute schon früher jahrehindurch gepeinigt hat, scheint auch jetzt wieder die Finger im schmutzigen Spiel zu haben. Ich riet zum Prozessieren.

Heut war ich bei Malyoth im Büro des Hoftheaters und nahm Einblick in die Theaterzettel-Sammlung von 1870/71. Für den Vortrag werde ich das Material gut brauchen können. Die Plakate sind gedruckt und werden morgen angeklebt.

Der Krieg bietet in seinem mörderischen Verlauf wenig Abwechslung. Die Russen scheinen in Ostpreußen (nordöstlich Gumbinnen) wieder einige Aktivität zu entfalten, während in Nordfrankreich die Deutschen eine neue Offensive auszuüben beginnen. Nachdem der Chef des Generalstabs, Herr v. Falkenhayn (Zaberner Angedenkens) kürzlich einem amerikanischen Interviewer die abenteuerliche Behauptung diktiert hat, die Deutschen hätten niemals beabsichtigt, nach Calais durchzudringen, will man jetzt offenbar die gegnerische Front in der Gegend nördlich von Paris forcieren. Der gestrige Bericht verzeichnet als Erfolg dieser Bestrebungen auf deutscher Seite „1500 tote Franzosen“, auf französischer „1000 deutsche Leichname“. Die Tränen, die diesen armen 2500 Menschen nachfließen, zählt niemand. Der Streit darüber, wer die Seeschlacht bei Helgoland gewonnen hat, geht weiter. Sicher ist, daß gegen 600 deutsche Seesoldaten dabei umgekommen sind.

Das interessanteste Ereignis der letzten Zeit ist die Katastrophen-Maßnahme der deutschen Regierung, die sämtliche Getreide- und Mehlvorräte des Reichs in Monopol-Regie genommen hat ... Darauf bezogen sich also die geheimnisvollen Andeutungen unpopulärer Absichten. Ich leugne nicht, daß ich hierbei mit meinem Gefühl konservativ engagiert bin. Gelingt es, das von Außenzufuhr abgeschnittene Deutschland ganz auf den Konsum der eignen Produktion zu stellen, so haben die Freihändler Brentanoscher Observanz ein für allemal Fiasko gemacht, und der Sozialistische Bund hat ein hervorragendes Beweismittel für seine Tendenzen gewonnen.

Berndl ist wieder im Lande. Gottseidank ist seine Frau mit hier, und die beiden wohnen nicht nebenan, sondern – auf meinen ausdrücklichen Wink – eine Treppe höher. Allzu dicke Freundschaft werde ich diesmal nicht aufkommen lassen.

 

München, Samstag, d. 30. Januar 1915.

Der Tag begann wieder mit rechten Aufregungen. Zenzl klagte furchtbar über das Unrecht, das ihrem Mann zugefügt wird. In der Tat stehn die Leute dem vollkommenen Ruin gegenüber, und die täglichen 50 Pfennige bis 1 Mark, die ich sauer genug zusammenschnorren muß, fruchten nicht viel. Andre aber helfen nicht. Als ich Rößler z. B. erzählte, daß meine Freundin Hunger leide und bei der gegenwärtigen teuflischen Kälte im ungeheizten Zimmer wohnen müsse, lenkte er schnell auf ein andres Gesprächsthema über. Es ist ja so unbequem, an andrer Leute Unglück gemahnt zu werden. Höchstens an die Abschießereien in den Schützenständen erinnert man sich mit lebhaftem Abscheu. Da kann man eben nicht helfen. Wo man’s aber könnte, sofern man sich ein weniges von seinen Annehmlichkeiten abgehn ließe, da will man nicht behelligt werden. – Ich kann Zenzl in ihrem Argwohn verstehn, den sie allmählich gegen alle Menschen, selbst gegen mich, gefaßt hat. Aber mich regte ihr Vorwurf, daß ihr Unglück mich kalt lasse, doch sehr auf, und so ging sie verstimmt fort.

Emmy hat, wenn sie die Wahrheit sagt, schon wieder eine törichte Diebstahlssache auf dem Kerbholz. Ich denke dran, wenn es brenzlich wird, Schrenck-Notzing zu einem Zeugnis über ihren Gemütszustand zu veranlassen. – Und nun hatte ich gestern auch noch ein langes Gespräch mit Frau Margot Jung, der es ganz schlecht geht. Bei der Gelegenheit vertraute sie mir den Hauptgrund ihres Elends an: sie ist seit 7 Jahren syphilitisch. Das sei auch die Ursache gewesen, weshalb sie sich seinerzeit nicht mit mir in intimen Verkehr eingelassen habe, obwohl sie mich gern gehabt hätte. Ob das wahr ist? Ich empfahl sie an den Frauenarzt Dr. Brunner und hoffe, daß der sie in seine Klinik aufnimmt. Dann hat sie wenigstens ein Dach über dem Kopf, hat zu essen und ärztliche Behandlung. Ich fürchte nur, das arme Mariechen wird lieber alle möglichen Hochstapeleien treiben, als sich ernstlich zu nützen.

Gestern abend sah ich mir nun Bernhart Rehses „Triumph der Liebe“ an, „die Komödie eines Lustspiels“. Ein geschicktes Theaterstück, mit Verkleidungspointen, die stark an Molnárs „Leibgardist“ erinnern. Die Aufführung in den Kammerspielen, mit August Weigert und Annie Reiter in den tragenden Rollen, war weder rühmens- noch tadelnswert. Provinz – wie fast alles in München.

Auf dem Kriegstheater vollzieht sich das übliche Morden, bei dem jeder der Blutigere sein will. Die Russen sollen im Begriff sein, Galizien zu räumen. Doch waren derartige Prophezeiungen – besonders von österreichischer Seite – noch selten zuverlässig. Vorerst haben die Russen bei Libau ein deutsches Parseval-Luftschiff in die See geschossen. – Von Frieden wird zurzeit nirgends mehr geredet. Ob das Elend wirklich Jahre hindurch währen soll?

 

München, Sonntag, d. 31. Januar 1915.

Gerd Maurer ist eine sehr sympathische junge (21 Jahre) und recht hübsche Person mit wahrhaft erstaunlicher Ähnlichkeit mit Gertrud Eysoldt, und mir deshalb im innersten Herzen angenehm. Sie sprach mir eine Szene aus Hauptmanns „Elga“ vor, und ich konnte selbstverständlich daraus auf ihr bühnenmäßiges Können garkeine Schlüsse ziehn (die Theaterdirektoren, die behaupten, aus dem Vorsprechen Talent oder Nichtskönnen ermessen zu können, lügen), wohl aber beobachten, daß sie mit dem Verstand gelesen und gelernt hat. Ihre Sprache ist weich und angenehm, ähnlich einschmeichelnd wie das der Eysoldt, doch nicht so tönend klar, weil es nicht ganz frei ist von dem gnietschigen Ziehn des Heidelberger Dialekts. Wir sprachen von Krieg und Kunst. Ein kluges Mädchen. Erotische Versuche unterließ ich, da sie mir aussichtslos schienen. Vielleicht später.

In der Torggelstube wars wieder recht ausgedehnt. Wir blieben bis 5 Uhr früh im „Schützengraben“: Halbe, v. Maaßen, Gustl Waldau, Weigert, Friedenthal der Unvermeidliche, Schmitz, Dr. Schmidt und Wilm und die Damen Mela Schwarz, Mie v. Hagen und Else Sarto. Dr. Schmidt bezahlte viel Sekt, ich poussierte die Mie und es war fröhlicher als es vielleicht jetzt passend wäre. Doch kann ja kein Mensch ewig Trübsal blasen.

Morgens mußte ich vor 11 Uhr aufstehn, da in den Kammerspielen eine Kleistfeier stattfand, bei der Julius Bab die Rede hielt. Sehr gut, klug, geschickt und beredt. Wirklich gehaltvoll und die Persönlichkeit Kleists im ganzen und von der Zeit aus gesehn belebend und durchschauend. Nachher Vorträge von und über Kleist (Gedichte) an denen sich Ziegel, Frl. Andor und Kalser (der am besten) beteiligten. Ich ging nachts mit Bab ein Stück Wegs. Ein gescheiter Kerl. Unsre Bekanntschaft stammt noch aus der Zeit des „Armen Teufels“ in Friedrichshagen.

Nach Tisch wollte ich schlafen. Leider weckte mich der Nerventrampel Berndl, der seine Lästigkeit nicht empfand, und solange im Zimmer spazieren saß, bis meine Erholung endgiltig beim Teufel war. Jetzt muß ich auch noch zu ihm hinaufgehn, um die Frau zu begrüßen.

 

München, Dienstag, d. 2. Februar 1915

Den Theater-Vortrag habe ich gottlob hinter mir. Ich hatte schweres Lampenfieber, wie ich es sonst garnicht kenne und glaubte bestimmt, ich würde mich fürchterlich blamieren. Besonders schön sprach ich auch nicht. Es waren nur gegen 40 Leute erschienen, und so starrten mich die giftgrünen Stuhlsitze höhnisch an, auf denen Leute hätten sitzen sollen, die mir Geld eingebracht hätten. Außerdem fühlte ich mich Satz für Satz beengt durch die Unfreiheit der Zeit. Mit jedem schärferen Wort fürchtete ich den „Burgfrieden“ gefährden und der Frau Steinicke Scherereien bereiten zu können. Immerhin sprach ich doch manches aus, was bisher niemand gesagt hat, griff die zunehmende Verkitschung des Geschmacks und besonders die aktuellen Lustspielfabrikanten („Gloria, Victoria! Immer feste druff!“) heftig an und fand reichen Beifall, der sich auch in dem bisher einzigen Referat von Braungart in der „M. Z.“ (ich leg’s bei) ausdrückt. Als zeitgemäße Aufgaben des Theaters verlangte ich die gleichen, die das Theater auch sonst zu erfüllen hat, nämlich: das Nichtwirkliche zu verwirklichen, nicht aber das Wirkliche zu veralbern und zu verflachen.

Nachher in der Torggelstube größerer Kreis, in den ich den Bühnenarchitekten van Oosen (oder so ähnlich) mit seiner reizenden ungarischen Freundin (mit Vornamen: Mao) einführte, auf die ich es neuerdings absehe.

Die Abrechnung ergab heute früh bei Frau Steinicke ein Defizit, sodaß ich also dem Schutzverband nichts abliefern kann. Ich selbst hatte schon 10 Mk Vorschuß weg und erhielt noch 5 Mk Vorschuß von einer Provision, die ich erhalten soll, wenn ich gute Namen zu Vorträgen in dem Saal gewinne. Ich hab’s auf Halbe und Peter Scher abgesehn. Ekelhaft genug ist es mir ja, als Agent eines Saalbesitzers durch die Stadt zu laufen (natürlich wird das Geschäft ganz geheim getrieben), ich habe mich aber dazu entschlossen, weil es gewiß nichts Gewissenrühriges ist, Leute zu einem Vortrag zu keilen, an dem sie sogar Geld verdienen können. Ein Tribut an den Krieg.

Der geht selbst seinen ekelhaften Weg weiter. Jetzt werden täglich englische Handelsschiffe von deutschen Unterseebooten versenkt, die bis jetzt noch stets der Besatzung Gelegenheit geben konnten, sich zu retten. Die Zeitungen hetzen aber schon dazu, Mann und Maus versaufen zu lassen, wie man seinerzeit (in der Augsburger Abendztg.) den Rat gab, die wehrlosen gefangenen Engländer hinzurichten. Bin neugierig ob die Ermordung aller englischen Stewardessen nicht doch eines Tages Ereignis wird. – Auf den Schlachtfeldern ist, wie es scheint, Ruhe vor Stürmen.

 

München, Donnerstag, d. 4. Februar 1915

Ich habe einen langen Brief an Jenny geschrieben, der mich erleichtert hat. Ich mag die Hoffnung auf das Mädel noch nicht aufgeben, wenn ich sie auch vorläufig zurückstellen muß. Nach den letzten Nachrichten aus Lübeck geht es „entschieden besser“. Mir wird es demnach auf absehbare Zeit entschieden nicht besser gehn, wiewohl ich für diesen Monat auf günstigen Verlauf hoffen darf. Gestern war ich bei Kurt Martens, dem neuen I. Vorsitzenden des Schutzverbands. Ich erhielt die nun schon üblich gewordenen 30 Mk. Gleichzeitig teilte mir Martens aber mit, daß er eine einmalige Unterstützung von 150 Mk beim Vorstand beantragt habe. Kriege ich die, dann kann ich die notwendige Anschaffung eines neuen Anzugs bewerkstelligen und brauche mich nicht wieder von Tag zu Tag ums Abendbrot zu ängstigen.

Der Krieg nimmt immer abenteuerlichere Formen an. Die Russen wollen die Insassen eines herabgeschossenen Parseval-Ballons, die über Libau Bomben abgeworfen haben, als Verbrecher hinrichten. Die Franzosen haben 2 deutsche Kaufleute in Marokko, die sie bei Kriegsbeginn verhaftet hatten, wegen angeblicher Spionage erschossen. Bei uns schreit alles nach Vergeltung und Rache. An den hingerichteten englischen Gefangenen, der in der Wut einmal die Faust geballt hatte, erinnert man sich nicht mehr.

Inzwischen haben die Angriffe deutscher Unterseeboote auf englische Handelsdampfer im irischen Meer seltsame Konsequenzen gezeitigt. Man veröffentlicht heute einen Geheimerlaß Churchills, wonach alle englischen Handelsschiffe unter neutraler Flagge fahren sollen. Offenbar darauf ist die gestrige Bekanntmachung der deutschen Admiralität zurückzuführen, die die Absicht kundgibt, bevorstehende Truppen- und Kriegsmaterialtransporte von England nach Frankreich mit allen Mitteln zu verhindern und deshalb den Schiffsverkehr an der West- und Nordküste Frankreichs gewissermaßen aufhebt. Handeltreibenden Schiffen neutraler Länder wird empfohlen, um „Verwechslungen“ auszuschließen, um Schottland herumzufahren. Wie unsagbar unelegant doch dieser Krieg geführt wird!

 

München, Freitag, d. 5. Februar 1915.

Nachzutragen: Ein Theaterabend am Dienstag. „Hanneles Himmelfahrt“ in den Kammerspielen Mit Lia Rosen als Hannele. Die Zwergin spielt die Kinderrolle glänzend. Ihr volles Organ und die große Beweglichkeit ihres Temperaments machten diese eine Leistung zum Genuß, soweit der überhaupt aufkommen konnte. Dieses Stück, das durch Konvention zu einer hervorragenden Schöpfung gemacht worden ist, ist mir vollkommen unerträglich. Eine breitgereckte zuckerige Schmalzware, die durch die naturalistischen Kümmeleinstreuungen nicht schmackhafter wird. Kalsers Gottwald war erträglich, sonst war – außer der Rosen – nichts Bemerkenswertes bei der Aufführung. Es folgte ein Einakter von Wied „Eine Abrechnung“, in dem nur Greise vorkommen und der (nur) dadurch lustig ist.

Gestern früh war Herr Becher bei mir mit der Nachricht, daß Emmy und Margot Jung verhaftet seien. Ich telefonierte eben den Freiherrn v. Schrenck-Notzing an, um für Emmy ein ärztliches Attest über ihre kleptomanische Veranlagung zu bewirken. Ferner will ich wieder den Dr. Kahn in Bewegung setzen.

Gestern war ich nun bei Herrn van Osen (mit einem O), und sah mir sein Bühnenmodell an, dessen Trick in der mechanischen Erhöh- und Vertiefbarkeit der einzelnen Bühnenteile besteht. Er benutzt überhaupt keine Kulissen und vermeidet durch sein System auch den umständlichen Etagenaufbau. Ferner zeigte er mir seine Entwürfe für den „Parsifal“. Ein geschmackbegabter Künstler. Wir blieben dann zusammen, und ich freundete mich mit seiner Freundin Mao (recte: Mia) Mandu an, die sich als sehr temperamentvolles lustiges Mädel erwies. In der „Akropolis“, dem griechischen Weinlokal in der Barerstrasse kratzte und kniff sie mich derartig, daß ich die Wundenmale wohl noch viele Tage herumtragen müssen werde. Donnerstag geht ihr Freund zum zweiten Mal in den Krieg (er ist österreichischer Marineoffizier und war verwundet). Vielleicht entwickelt sich dann etwas zwischen mir und der schönen Ungarin.

Die deutsche Admiralität hat eine neue sehr weitreichende Maßnahme gegen England angekündigt, die auf die Absicht schließen läßt, eine Entscheidung zwischen den Flotten zu provozieren. Sie erklärt alle englischen Gewässer, einschließlich des Ärmelkanals als Kriegsgebiet und warnt vom 18ten Februar an vor jeglicher Schifffahrt dort. Berndl ist sehr empört darüber. Ich kann mich zu keiner Entrüstung mehr aufschwingen, zumal England ähnliche Maßnahmen in der Nordsee längst ergriffen hat. Es handelt sich nur um eine neue Entsetzlichkeit in diesem entsetzlichsten aller Kriege.

Ich komme in der letzten Zeit dem alten Problem, warum die Deutschen in der ganzen Welt so maßlos unbeliebt sind, näher. Ich glaube, es hängt mit dem Beamtencharakter der Deutschen zusammen, mit dieser übertriebenen Richtigkeit, Deutlichkeit, Gründlichkeit in allen Dingen, die jede frische Sorglosigkeit ausschließt und mit dem wahrhaft widerlichen Unfehlbarkeitsdünkel des deutschen Wesens, an dem bekanntlich die Welt genesen soll, zusammenhängt. Wir halten’s hier mit der Wissenschaftlichkeit, die alles kennt, alles weiß, alles durchschaut, und was sie etwa nicht kennt, weiß und durchschaut, wie die übersinnlichen Dinge, einfach leugnet. Dadurch hat der typische Deutsche etwas Unpersönliches, Langweilig-Sachliches, ewig Korrektes. Er funktioniert statt zu leben, und darauf beruht ja auch seine hervorragende Militärtüchtigkeit. Denn der Militarismus mechanisiert die Menschen, macht sie zu Automaten und kann sich für seinen Drill kein geeigneteres Material wünschen als das deutsche. Die leichtere Sinnesart aller andern Völker fühlt sich naturgemäß beeinträchtigt durch das Wirken jener absolut stimmenden Sicherheit und haßt infolgedessen die Träger der ihr Seelisches vergewaltigenden deutschen Korrektheit. Mit dieser Deutung stimmen alle Vorwürfe des Auslands gegen uns überein, ebenso wie der Eindruck in Deutschland, als ob all der ausländische Haß auf Neid beruhe.

Die deutsche Sozialdemokratie scheint vor den größten Krisen zu stehn. Die Vorstände fassen Beschlüsse gegen Liebknecht und Ledebour, der (offenbar mit großem Krach) aus dem Fraktionsvorstand ausgetreten ist. Zugleich aber finde ich folgende Notiz im Blatt: „Am Schlusse der gestrigen Sitzung des badischen Landtages brachte in der Zweiten Kammer der Vizepräsident Geis, ein Sozialdemokrat, ein Hoch auf das Großherzogpaar und das deutsche Vaterland aus ...“ Antimonarchisten, Republikaner. Jahrzehntelang haben sie geschrieen, daß wir in Deutschland noch jede Freiheit erkämpfen müßten. Jetzt aber bewilligen sie alle Kriegshilfe für die Erhaltung der deutschen Freiheit, die also plötzlich von ihnen entdeckt sein muß und brüllen Hurrah für die Fürsten, denen sie bisher stets stramm die Zivilliste verweigert haben. Charaktere! – Kürzlich fand ich eine Zusammenstellung von Lieder-Anfängen, die die Gegner verhöhnen sollten. Z. B.: Strömt herbei, ihr Völkerscharen: die farbigen Hilfstruppen der Franzosen und Engländer. Die Reihe schloß: Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren? – Wir deutsche Barbaren!

Wahrlich, wir sind zur Herrlichkeit geboren. Wir brauchen uns ja nur unsre unvergleichlichen 4 Millionen Revolutionäre anzusehn!

 

München, Sonntag, d. 7. Februar 1915

Der Kunstsaal Steinicke sah am Freitag als erste Veranstaltung nach meinem verunglückten Vortrag ein überfülltes Haus. Thomas Mann las seine in der Novembernummer der Neuen Rundschau erschienenen „Gedanken im Kriege“, Kurt Martens 2 Kriegsnovelletten. Martens’ Erzählungen sind Durchschnittsware, unaufregend in Form und Inhalt. Thomas Mann war wegen seiner Arbeit, die auf Deutschland alle Tugenden, auf das Ausland – in der unhöflichsten Weise – alle Laster häuft, schon früher Gegenstand von Angriffen gewesen. Besonders hatte ihn im letzten „Forum“ Herr Wilh. Herzog, der ja selbst seine „Ansichten entsprechend eingerichtet“ hat, in einer Tonart angegriffen, die ich mir trotz meines konsequenteren Radikalismus gegen einen Thomas Mann nicht gestattet hätte. Mann leitete die Vorlesung der Gedanken mit der Verlesung einer Ansprache ein, und die war mir bemerkenswert, weil er sich darin in dezidiertester Form zum Evangelium der reinsten Aesthetik bekannte. Er erklärte nämlich, die Arbeit sei kurz nach Kriegsbeginn geschrieben worden und sollte nichts andres enthalten als seine, Th. Manns „Gedanken im Kriege“. Vielleicht würde er jetzt andre Gedanken zu vermerken haben, aber er halte diese aufrecht, weil die Form, in die er sie gebracht habe, feststehe. Für die Form also stehe er ein und deshalb für die ganze Arbeit. Das war also aus seinem eignen Munde die Bestätigung der Auffassung die ich von seiner Kunst im Gegensatz zu der seines Bruders Heinrich immer gehabt habe. Für Heinrich Mann ist die Form Voraussetzung, für Thomas Zweck.

Wir waren später in der 4Jahreszeitenbar zusammen, wo mir Martens die angenehme Mitteilung machte, das mir vom Schutzverband das Darlehn von 150 Mark bewilligt sei. Inzwischen habe ich den Scheck darüber schon erhalten. – Außer den beiden Vortragenden waren bei der Gesellschaft Herr Reisinger, ein Hamburger Herr mit Dame, Frau de Vargas (Catherina Godwin) und selbstverständlich, gespreizt und manierenfremd wie immer, der unglückselige Friedenthal, sowie das Ehepaar Albu. Die Godwin, die sich bei Herrn Cotthaus zur Charakterologin ausbilden läßt, sagte dem Schmock aus seiner Confektionärsvisage allerlei niedliche Bosheiten, die der natürlich als Schmeicheleien verstand. Mir meinte sie aus der Ohrbildung besondere musikalische Begabung nachrühmen zu können, wovon ich freilich nichts weiß. Solche Wahrsagereien sind immer zweifelhaft. Im vorigen Jahr ging ich einmal zu der Frau Aroldt in die Clenzestrasse, die als Horoskopstellerin sehr gerühmt wird. Die Frau ist von ihrer Kunst selbst tief überzeugt, aber was sie mir sagte, war alles so endlos fern vom wirklichen Geschehn, daß ich als noch größerer Skeptiker fortging, als ich schon vorher gewesen war. Und gestern lieferte ich an Meßthaler ein Buch zurück über den Weltkrieg im Lichte der Prophetie, das viel sehr Interessantes enthält, den problematischen Wert aller Visionen, Ahnungen, Horoskoperei, Wahrträume etc. aber nur bekräftigen kann. Das liegt am Verfasser selbst, der alles für Deutschland Ungünstige in den Prophezeiungen sehr einleuchtend als unzuverlässig erweist, während er merkwürdigerweise an die absolute Gültigkeit aller deutschfreundlichen Wahrgesichte nicht tippen läßt. Was hat aber die ganze Prophetie noch für einen Wert, wenn ihre Glaubhaftigkeit nach Wunsch verstärkt und abgeschwächt werden kann? Übrigens bin ich himmelweit entfernt davon, alle derartigen Dinge wie Horoskope oder Zweite Gesichte unbesehn als abergläubischen Hokuspokus anzusehn.

Zugleich mit dem Scheck von Martens kam gestern eine Postanweisung über 160 Mark von Frau Oberbürgermeister Köhler in Greiz, der Mutter unsres Bernhardt Köhler. Ich soll dafür irgendetwas besorgen, was aus ihren Begleitworten nicht erkennbar ist. Ich habe das Geld, um nicht in Versuchungen zu geraten, Rößler in Verwahrung gegeben.

Freude machte mir ein Brief von Anita Mühlbauer, der Blondine, die mir vor einigen Monaten auf den ersten Blick so außerordentlich gefiel, mich dann aber nicht mehr interessierte. Kürzlich sprach sie mich auf meine Gedichte hin an, die ihr jemand geliehen hatte, und ich bat sie zu mir. Bei ihrem Besuch gab ich ihr dann die Freivermählten mit, und nun ist ihr das Buch eine Art Offenbarung gewesen. Sie will mich noch einmal sprechen, aber nur sprechen und bittet mich in fast kindlicher Art, ihr nichts zu tun, da sie einen andern Mann liebe (Karl Otten). Den Brief soll ich ihr zurücksenden. Geschieht heute.

Die Verhaftung von Emmy und Mariechen soll mit politischen Dingen zusammenhängen. Angeblich hätten sie Militärpflichtigen zur Flucht verholfen. Ich glaubs noch nicht, werde mich aber, um nicht wieder als Belastungsgrund zu gelten, zurückhalten.

Auf den Schlachtfeldern nichts Neues. Im Vordergrund aller Dinge steht die deutsche Erklärung über den Seekrieg gegen England, die eine ungeheure Verschärfung der Lage bedeutet und im neutralen Ausland (Italien und Amerika) große Erbitterung hervorruft. Möglicherweise wird das internationale Chaos dadurch noch toller werden.

Das Schwein Dr. Otto Helmut Hopfen setzt seine widerliche nationalistische Hetze in der Provinzpresse fort. In der Münchn. Ztg. steht heute wieder eine seiner infamen Auslassungen. Darin behauptet er, das deutsche Volk verlange „fast drohend“ das Festhalten der besetzten Gebiete, womit er nur Frankreich und Belgien meint. Den Russen dagegen scheint er Polen wieder ausliefern zu wollen. Wer weiß, ob nicht Heinrich Mann doch eines Tages recht behalten wird mit der Mutmaßung, daß schließlich Rußland sich mit den übrigen Kaiserreichen des Ostens (Österreich, Deutschland und der Türkei) vereinigen wird, um das westliche Europa endgültig in Scherben zu schlagen. Vom „Kampf gegen den Zarismus“ spricht hierzulande schon lange niemand mehr.

Heut bin ich bei Frl. v. Bismarck zum Tee eingeladen.

 

München, Dienstag, d. 9. Februar 1915

Wegen Emmy war ich bei Dr. Frh. v. Schrenck-Notzing, um eine Art psychiatrisches Gutachten für das arme Mädel herauszukriegen. Der Baron, sonst ein ganz sympathischer Mensch, scheint aber ein vorsichtiger Herr zu sein. Offenbar fürchtete er wegen seiner besonderen Beziehungen zu Emmy Unannehmlichkeiten. Kurz, er vertröstete auf den Gerichtsarzt und gibt wenig Hoffnung auf § 51.

Nach Martens’ Vortrag am Freitag voriger Woche redete mich auf der Straße eine Dame an, eine polnische Revolutionärin, mit der ich zu gestern ein Rendez-vous vereinbarte. Ich war also dort und unterhielt mich 1½ Stunden auf das angeregteste mit der häßlichen grundgescheiten lebhaften Jüdin. Sie hofft jetzt alles für die Befreiung des russischen Polens, klagt aber sehr über die Streitereien unter den Warschauer Revolutionären selbst. Die Nationalpolen wollen den Juden nicht die Gleichberechtigung einräumen, während die Juden auf ihre überlegene Intelligenz, Energie und Organisationsbefähigung pochen ... Interessante Dinge erzählte mir die Frau aus den Tagen des Kriegsbeginns, wo sie einmal über das andre verhaftet und schließlich abtransportiert wurde. Sie war entzückt von der Einsicht der mit ihr internierten polnischen Arbeiter, Analphabeten, die ihre revolutionären Vorträge ganz spontan auffaßten. – Demnächst soll ich bei der Dame mit Przybyszewsky zusammen eingeladen werden.

Während meiner Abwesenheit war gestern Frau Minni Kornfeld hier. Ich fand einen Zettel von ihr vor, daß ich sie in Leutstetten besuchen möge. Es scheint, als ob sie von ihrem Gatten fort sei. Sonntag will ich hinausfahren.

Gestern abend Krokodil (seit Juli war ich zum ersten Mal wieder dort), nur mit Henckell und Attenhofer. Wir waren einig in dem tiefen Abscheu gegen den Krieg. Besonders Attenhofer sagte Wertvolles gegen die maßlose Verlogenheit in allen Lagern, zumal bei der Kirche.

Heute kam nun von Köhler ein Feldpostbrief vom 1. Febr., datiert aus dem „Schützengraben vor der Mühle von F.“. Er teilt mit, wohin ich das neulich von seiner Mutter übersandte Geld schicken soll und philosophiert dann – nach einigen knappen Berichtsbemerkungen über sein Ergehn – vom Kriegführen überhaupt, und sucht meine Behauptung zu widerlegen, „dieser Krieg beweise, daß der Krieg eine Unmöglichkeit ist“. – „Ich lehne es ... durchaus ab, eine Sache nach ihrem Nutzen oder Schaden, nach den Opfern, die sie fordert, und nach dem Glück, das sie bringt, zu beurteilen. Ich glaube nicht an die Rechtfertigung einer Sache aus ihren Ursachen oder Folgen – das wäre Politik und von dieser ist hier nicht die Rede –, aber ebensowenig an eine Verdammung, nur aus den Begleiterscheinungen. Und Blut, Jammer, Elend sind ebenso nur Begleiterscheinungen, wie Erhebung, Stolz und Sieg. Um es ganz schnell zuzuspitzen: Für mich ist nur die Frage abzuwägen: Ist der Krieg, die klarste und ethisch einwandfreieste Erledigung weltgeschichtlicher Gegensätze, nicht nur jetzt und aus Gründen der geschichtlichen Entwicklung sondern auch auf alle Dauer die einzig mögliche, reinste und eindeutigste Form der Entspannung?“ – Das ist ganz echt Köhler. Ich werde ihm in der Antwort zu explizieren haben, daß der Krieg weder jetzt noch auf die Dauer eine klare und noch dazu ethisch einwandfreie Erledigung weltgeschichtlicher Gegensätze bedeutet. Ja, der gegenwärtige Krieg beweist sogar, daß die Gegensätze, die im Kriege erledigt werden sollen, garnicht weltgeschichtlich gegeben, sondern ad hoc konstruiert sein können: Japans Eingreifen, das Schwanken Rumäniens und Bulgariens, Italiens und Persiens, nach welcher Seite sie eines Tages vielleicht den weltgeschichtlichen Gegensatz entdecken wollen, widerlegen Köhlers Ansicht. Nur als Moralist kommt man den Dingen der Welt nahe, nicht als Begriffsnarr.

Vorgestern abend – ich war mit den Damen Bismarck und Kopp zusammengewesen und hatte dann noch einen Spaziergang gemacht – regten mich die niedrig hängenden, unheimlich leuchtenden Sterne zu einem Gedicht an, dem ersten seit dem 22. November.

Die Sterne hängen tiefer denn je

und starren zur Erde in angstvoller Glut.

Sie spiegeln der Menschheit klagendes Weh.

In ihrem Widerschein flackert Blut.

Oh, schaut nicht wieder auf unsre Schmach,

so ihr von göttlichem Lichte seid.

Des Menschengestirnes Glanz zerbrach,

und unser Göttliches wimmert in Leid.

Krieg heult in die Welt. Die Erde brennt.

Haß, Mord, Verwüstung, Jammergeschnauf.

Oh, Scham vor den Sternen am Firmament!

Käm doch der Tag bald in Nebeln herauf!

 

München, Donnerstag, d. 11. Februar 1915.

Ich erwarte Zenzl zu Einkäufen und späteren Liebesdingen. Daher nur kurz und ohne Vermerkungen persönlicher Art.

Die Russen sind wieder in Ostpreußen eingedrungen und sollen westlich Pillkallen stehn. Der amtliche deutsche Bericht meldet, daß die „Kampfhandlungen“ dort einen „normalen Verlauf“ nehmen, meldet also garnichts. – Allem Anschein nach bereitet sich in Polen auf ungeheurer Kampffront eine Riesenschlacht vor, von der vielleicht alles abhängt.

Die Parlamente traten an verschiedenen Orten wieder zusammen: der preußische Landtag und die russische Duma zuletzt. Die Tonart lautet überall gleich. Jeder siegt, keiner wird Frieden machen, ehe der Gegner nicht für alle Dauer bezwungen ist. Demnach scheint sich die entsetzliche Mörderei noch unabmessbar ausdehnen zu wollen, und das Ende vom Lied wird sein, daß es nur Besiegte geben wird und nur einen Bezwungenen: Belgien.

 

München, Sonnabend, d. 13. Februar 1915

Eben verläßt mich ein Mädel, Elly Hirth mit Namen, 19jährig, Modell, das seit einigen Wochen im Stefanie verkehrte, wo ich sie kürzlich ansprach und einlud, gelegentlich mal zu mir zu kommen. Ich dachte garnicht mehr an das Geschöpfchen, als es heut mittag plötzlich erschien und auch sogleich bereit war, mit mir ins Bett zu gehn. Sehr ulkig ist die Kleine, maßlos zärtlich und augenscheinlich verliebt in mich. Hübsch ist sie ganz und garnicht, wenn auch nicht ausgesprochen häßlich. Der Akt hat den einzigen Reiz ausgesprochener Sinnlichkeit, formal ist er ohne jegliche Schönheiten. Ich muß mal ein Bild von Toulouse-Lautrec gesehn haben (vielleicht auch von Ed. Munch), wo ein ganz ähnliches Modell benutzt ist: ein wenig karrikaturistisch, klein, ungraziös, mit ausgeprägt weiblichen Formen: ziemlich dicke Beine, breite Hüften mit ausladendem Gesäß, bei gut entwickelten, aber durchaus appetitlichen Brüsten. Der Kopf paßt großartig zum Körper, und das Gesicht, das immer vergnügt aussieht, mit verkniffenen lustigen Aeugelchen und einem gesunden Mund mit sichtbaren weißen Zähnen, hat mich auch zu der Einladung veranlaßt. Ein mordsgeiler Balg, der mich alten Impotent in einer Viertelstunde zu zweimaliger Aktion brachte. Für gelegentliche Gelüste sehr verwendbar.

Dienstag also war Zenzl so gut, mir bei Einkäufen zu helfen: Ich erstand bei Marx in der Kaufingerstraße einen guten Anzug für nur 37 Mark, bei der Firma Mercedes Schnürstiefel für 14 Mark 50. Beides war schon bitter nötig. Wir gingen dann heim zu mir und hatten einander sehr lieb. Aßen später in der Akropolis, und ich ging dann allein ins Torggelhaus. – Gestern mittag war ich bei Annie Rosar zu Tisch. Auch Weigert war dort. Abends im Torggelhaus Annie Balder, Weigert und das Ehepaar Feuchtwanger, bei dem wir – in der Prinzregentenstrasse – noch bis spät in die Nacht Schnaps tranken ...

Deutschland ist wieder mal beflaggt, weil die Russen in einer neuen Schlacht aus Ostpreußen hinausgeworfen sind. 26 000 Gefangene und viel Material. Bedenkt man, wie es am Anfang des Krieges hieß, Rußland könne überhaupt nur 1 Million Soldaten kleiden und bewaffnen, wie man dann nach Tannenberg und Insterburg meinte, jetzt sei der endgültige Sieg errungen, und wie jetzt wieder bei den masurischen Seen, also nach 6½ Monaten auf den gleichen Schlachtfeldern wie am Anfang Siege erfochten werden müssen, dann sollte man wohl von dem Optimismus, der keine Zweifel kennt, ein wenig zurückkommen. Ich könnte mich nur noch über Siege freuen, wenn sie mir das Ende des Kriegs in greifbare Nähe rücken könnten. Davon ist aber nirgends die Rede. Aushalten – Durchhalten – Festhalten – das ist aller Weisheit letzter Schluß, und darüber geht aller Verstand, alles Wissen, alle Kultur in die Brüche. Wie Herr v. Ostini kürzlich schrieb: Einer, der schießen kann, ist mehr wert, als alle Dichter und Künstler zusammengenommen! Eine jammervolle Gesellschaft, diese dichterlierenden deutschen Meinungsmacher!

 

München, Montag, d. 15. Februar 1915

Samstag abend feierten wir den Abschied des Herrn v. Osen in der Max-Emanuel-Brauerei, dann in der Akropolis und schließlich in v. O’s Atelier. Dort wurde aber der Gastgeber derartig magenkrank, daß ich bald aufbrach. Entweder hatte ihn der Alkohol vergiftet oder ihm war mieß von der Aussicht, zum zweiten Mal in den Krieg zu müssen. Verdenken konnte ich ihm diese Empfindung nicht. Gestern besuchte ich nun also Frau Minnie Ephra-Kornfeld in Leutstetten. Hatte ich leise gewähnt, es würde ein freundliches Tête-à-tête erwachsen, so hatte ich mich getäuscht. Sie holte mich nämlich schon am Bahnhof Mühltal nicht alleine ab, sondern begleitet von meinem alten Bekannten John Jack Vrieslander, und es stellte sich bald heraus, daß die beiden seit geraumer Zeit fest zusammenleben und sogar schon ein Kind miteinander haben, das nun 2½ Monate alt ist. Der erste Gatte Kornfeld macht große Scheidungs-Schwierigkeiten und steht im Felde. Er soll sich schlecht benommen haben. – Woher mögen die beiden Leute sich wieder kennen? Aber seltsam: durch „Einheirat“ wird der Bekanntenkreis fast nie vergrößert. Entstehn irgendwo neue erotische Beziehungen, so kennt man fast immer vorher schon beide Teile. – Die herrliche freie Winterlandschaft und die gute Landluft taten mir wohl.

Die internationale Lage wird täglich komplizierter. Nordamerika protestiert gegen die Unterseeboot-Aktion der Deutschen in den englischen Gewässern, durch die neutrale Schiffe infolge des Geheimerlasses der englischen Regierung, englische Schiffen sollen unter neutraler Flagge fahren, schwer bedroht sind. In England wird die amerikanische Protestnote gradezu als Ultimatum aufgefaßt. Zugleich richtete Japan an China eine Anzahl Forderungen, die China vollständig unter japanische Hoheit stellen würden. Japan treibt da eine kühne Raubpolitik, zu der die Gelegenheit äußerst günstig scheint. England, Frankreich, Rußland, die das Vorgehn Japans im eignen Interesse verhindern müßten, können jetzt gegen ihren Verbündeten nichts unternehmen. Mit Deutschland ist Japan ohnehin im Krieg, der eigentlich durch die Eroberung Tsingtaus schon beendet ist, da Deutschland garkeine Möglichkeit hat, Japan zu schädigen, und Amerika, wo außerdem die Sympathie des Volks auf englischer Seite ist, wird sich hüten, jetzt gegen Japan Krieg zu führen, wo es zugleich den Dreiverband zu Feinden hätte. Sollte sich China also nicht aus eigner Kraft wehren, so kann Japan jetzt ungestört die großartigste Weltmachtpolitik entwickeln, die bisher gesehn wurde. Die Völker Europas mehren ihre heiligsten Güter ohnehin blos noch durch Mord gegeneinander.

Einen schweren moralischen Schlag erhält die englische Regierung durch einen Brief des Irenführers Roger Casement an Edward Grey, worin die englische Regierung beschuldigt wird, versucht zu haben, Casement in Christiana von seinem norwegischen Diener gegen schwere Entlohnung umbringen zu lassen. Die Formen, in denen sich dieser Krieg überall abspielt, sind unerhört teuflisch.

Auf Konterbande-Wegen erhielt ich heute eine neue Züricher Zeitung „Der Revoluzzer“, als deren ständige Mitarbeiter Brupbacher, Tobler und Frau Itschner etc. angegeben werden. Die erste Nummer enthält eine freche Anpöbelung gegen mich wegen der Sistierung des „Kain“. Ich hätte gefunden, jetzt sei keine Zeit, für die Menschlichkeit zu wirken und ich hätte „für den Krieg“ meine Zeitschrift für Menschlichkeit eingestellt. Ich habe soeben eine saugrobe Entgegnung verfaßt und bin gespannt, ob die Scheißbande sie bringen wird.

 

München, Dienstag, d. 16. Februar 1915

Faschingsdienstag! Oh Welt, wie hast du dich verändert! Immerhin läßt sich der Ausfall des Karnevals verschmerzen, wäre nur nicht der Grund so traurig!

Die Angelegenheit Emmy – Mariechen beginnt geheimnisvoll zu werden. Ich hatte Ferdinand Kahn veranlaßt, sich um die beiden Weiber zu kümmern und war gestern wieder in seiner Kanzlei, um Näheres zu erfahren. Was ich erfuhr, ist merkwürdig genug. Die ganze Verhaftungs-Geschichte stimmt nicht. In Neudeck und in Stadelheim hat niemand eine Ahnung und kein Akt ist vorhanden. Scheinbar hat also wieder der krankhaft verlogene Herr Becher die ganzen Greuelgeschichten aus dem Finger gesogen und mich ganz umsonst umeinanderspringen lassen. Auffällig bleibt nur, daß die Beiden seit dem Tage, als Becher mir die Erzählung brachte, verschwunden sind. Ich will mal bei Hardy anfragen. Vielleicht ist Emmy in Berlin.

Der Rechtsanwalt Kahn ist eine sehr vielseitige Persönlichkeit. Außer seiner Jurisprudenz betreibt er auch die Dichtkunst und schreibt massenhaft leicht singbare Kuplets und Operettentexte. Außerdem ist er Redakteur bei den Meggendorfer Blättern und begründet jetzt eine Herren-Modezeitschrift, deren Titel noch nicht feststeht. Der Verlag wollte das Blatt „Die Rundschau des Herrn“ nennen, und wäre dann wohl sehr erstaunt gewesen, wenn lauter Pastoren es abonniert hätten. Originell genug wird die Schneiderzeitung jedenfalls werden, da Kahn mich zu einem Artikel für die Eröffnungsnummer gekeilt hat, – und ich hab zugesagt. 40 Mark sind viel Geld, und Gesinnungen zu verraten brauche ich ja nicht. Ich habe das Thema gewählt „Die persönliche Tracht“, – werde also meinen eignen Modus, überall zu erscheinen, wie es mir paßt verteidigen. Mal was andres.

Mein Geld wird wieder sichtlich weniger. Zenzl kostet mich sehr viel, da leider alle ihre Hilfsaussichten noch ganz vage sind. Von denen, die zu helfen berufen wären, den Verwaltern der Hilfskassen, den Hilfsausschüssen und Künstlerunterstützungsvereinen kümmert sich keiner um die Leute, obwohl sie den Fall genau kennen. Doch scheinen böse Konkurrenz-Intriguen im Spiele zu sein. Und Stieler und Nonnenbruch, die ich persönlich mehrfach zu interessieren versuchte, machen sich ebenfalls nichts wissen. Es ist im Wesen des Philisters begründet, daß man seine ehrlichste Gutmütigkeit nicht ein paar Stunden lang konservieren kann. Das Mitleid hält an, solange die eignen Augen oder Ohren von der Not berührt werden. Sobald man wieder allein ist, geht die Bequemlichkeit allem voran, und die da Hunger leiden, mögen krepieren.

Ein Kartenbrief von Jenny stellt einen langen Brief in Aussicht. Was wird sie mir Tröstliches schreiben wollen? Mit dem Verstand zureden, daß ich auf ihre Liebe verzichten soll. Sie kann nicht wissen, wie tief sie mir im Herzen sitzt. Einen Verzicht verlangen ist leichter als ihn zu leisten. Und das wird mir bei Jenny sowenig gelingen wie es mir bei Frieda gelungen ist. Könnte ich das Mädel nur einmal hier haben, sprechen, aushorchen – vielleicht würde noch alles gut. – Ärgerlich ist, daß sie mein Gedichtbuch, das ich ihr zum Geburtstag sandte, nicht bekommen hat. Ich werde bei der Post recherchieren lassen.

2 Tote. Georg Busse-Palma ist im Sanatorium gestorben. 38 Jahre alt. Vor einigen Monaten hat man ihn weggebracht, und da hörte ich schon, daß er unheilbar geisteskrank sei. Wir kannten uns in Friedrichshagen und Berlin. Seine schwermütige Lyrik, die fast immer vom Sterben sprach, war manchmal tief und schön. Jedenfalls war er von den Brüdern der ungleich wertvollere. Aber Carl Busse, der freche arrogante Nichtskönner und Herunterreißer guter Werte wird lange leben. Der Tod holt meistens die Verkehrten.

In Frankreich gefallen ist Adolf Petranz, einer der originellsten Menschen, die ich kannte, Redakteur der Täglichen Rundschau. Eine Kreuzung von Konservativem und Anarchisten, Korpsstudenten und Künstler-Zigeuner, päderastischem Saufbold und korrektem Bürger, Antisemiten und Allerweltsfreund. Unsre letzte Begegnung war auf dem Jenaer Parteitag 1913, wo ich ihm den Bericht über die Vormittagssitzungen gab, da er stets bis 11 oder 12 schlief. Wir haben uns trotz unsrer grundsätzlichen Gegnerschaft und mancher heftigster Kontroversen immer kameradschaftlich gut vertragen. Ich werde den ulkigen Kerl nicht vergessen.

Eine Zeitungsnotiz: „Aus Petersburg wird gemeldet: Der Sozialdemokrat Mankow werde von der Partei ausgeschlossen, weil er für den Krieg stimmte.“ Das ist in Rußland. In Deutschland tat Karl Liebknecht das Umgekehrte und ihm droht dafür dieselbe Strafe. Am Ende ist Rußland doch das freiere Land?

 

München, Mittwoch, d. 17. Februar 1915

Großer Sieg in Masuren nach 9tägiger „Winterschlacht“. Außer sehr starken „blutigen Verlusten“ „sicher weit über 50.000 Gefangene, mehr als 40 Geschütze, 60 Maschinengewehre und unübersehbares Kriegsmaterial“. Damit sind die Russen, die, wie es im Bericht der Obersten Heeresleitung heißt, „in nahezu völliger Einkreisung vernichtend geschlagen“ sind, wie es scheint, endgiltig aus Ostpreußen vertrieben. Am erfreulichsten bei derartigen Siegesmeldungen ist mir immer die große Zahl der Gefangenen. Die schießen nicht mehr und sind selbst in Sicherheit. Was geht mich alles andre an!

Die Polin rief mich gestern wieder an und bat mich zu sich. Sie will in die Schweiz abreisen und fragte mich, ob ich Aufträge mitzugeben habe. Ich bat sie, die „Revoluzzer“-Bande in meinem Namen zu beschimpfen und im übrigen dem Plan eines „Weltbundes gegen den Krieg“ in Zürich oder Genf vorzuarbeiten, ferner sich umzutun, ob eine Schweizerische Zeitung von mir den Artikel „Im Geiste Tolstojs“ haben möchte.

Im Torggelhaus und auf dem Heimweg von dort scharfer Disput mit Gumppenberg, der Ganghofers Schimpferei auf die Franzosen („Sauvolk“) guthieß und bekräftigte. Ich war erstaunt, auch bei dem die entwickeltste Neigung anzutreffen, alles Deutsche herrlich, alles Ausländische verächtlich zu finden.

Die Schweizer Presse stellt fest, daß ein Flugzeug, das die Schweizer Grenze überflogen hatte und beschossen wurde, deutschen Ursprungs war. Es soll Protest erhoben und Entschuldigungen verlangt werden. Als seinerzeit französische und englische Flieger den Kurs über Schweizer Gebiet nahmen, war das Gezeter bei uns über den frechen Neutralitätsbruch ungeheuer. Jetzt schweigen alle Flöten. Es ist überall das gleiche: was man selbst tut, ist edel, würdig, schön, patriotisch, loyal, erhaben. Tut der Gegner dasselbe, so handelt er schäbig, gemein, völkerrechtswidrig und in jeder Weise verbrecherisch. Morgen beginnt die angekündigte große Unterseeboots-Aktion gegen die englische Handelsflotte. Da wird der Tanz erst losgehn.

Eine Karte von Kutscher aus dem Felde, in der er für die Liebesgaben-Sendung (Mit G. v. Bismarck) dankt. Er ist in einer neuen Stellung „an einem der schlimmsten Teile der Westfront im Hexenkessel und müssen täglich an die 1000 Granaten über uns ergehn lassen“. Der arme Kerl ist seit den ersten Kriegstagen dabei und immer in Aktion. Hoffentlich geht’s weiter gut mit ihm, daß er noch Freude an dem neugespendeten Professortitel erlebt.

Wedekind, den ich seit seiner Erkrankung nicht sah, schreibt mir einen Brief. Er entschuldigt sich, weil er neulich, als M. Harden hier war, mich nicht von dem Zusammensein verständigen konnte, dankt für meine Anteilnahme bei seiner Krankheit und hofft auf ein baldiges Zusammensein. Ich hätte Harden natürlich gern gesprochen und über vieles befragt.

Gestern abend war ich mit Zenzl in den Kammerspielen. Wir sahen Strindbergs „Scheiterhaufen“. Zenzl in ihrer Verbitterung gegen alle Welt zog die Nutzanwendung gleich auf ihre Nachbarschaft. Die Leute seien wirklich so gemein. Ob sie von der gewaltigen Spannkraft der dichterischen Handlung, der Leidenschaftlichkeit des Geschehns, der ungeheuren Kunst der Gestaltung, die den toten Gatten und Vater als Ankläger und Rächer mitwirken läßt, viel gespürt hat, glaube ich kaum. Die Prasch-Grevenberg als Mutter war unbefriedigend. Ihr fehlte durchaus die Dämonie dieses Weibes. Weigert spielte den brutalen Schwiegersohn recht wacker. Gut war Frl. Birkowsky als Gerda und vortrefflich Kalser als Sohn. Die Rolle schwerblütiger leidvoller junger Menschen liegt ihm schon immer am besten. Die Inszenierung war ganz brav, besonders hatte das Zimmer durchaus den düstern unheimlichen Ton, der nötig war.

Vorhin hatte ich den Besuch eines jungen Mädchens, das mir einen Brief von Mariechen brachte, der mich zunächst 2 Mark Tribut an die Überbringerin (Wally) kostete. Was los ist, ist mir nicht ganz klar geworden. Sicher ist, daß sich die beiden im Gefangenen-Krankenhaus kennen gelernt haben, wo „Wally“ wegen einer Gonorrhöe interniert ist und heute Ausgang hat. Mariechen behauptet, sie sei als Pfand für ihren Ehemann verhaftet, der sich wohl vor der Gestellung gedrückt hat. Das ist natürlich Quatsch. Wahrscheinlich hat das arme Luder gestreunt, man hat sie verhaftet, untersucht, lueskrank befunden und ins Spital gesperrt. Jedenfalls werde ich gleich Kahn auf die Sache hetzen. – Und was mag mit Emmy sein?

 

München, Donnerstag, d. 18. Februar 1915.

Ein entscheidungsschwerer Tag. Heute beginnt der maritime Aushungerungskampf gegen England, dessen Verlauf und Konsequenzen garnicht abzuschätzen sind, und heute entschließt sich das italienische Parlament für Krieg oder Frieden. Was den Unterseebootkrieg anlangt, den Deutschland vor 14 Tagen als heute beginnend angekündigt hat, um die englische Handelsflotte zu vernichten, so kann ich angesichts der englischen Kriegführung, die von Anfang an darauf aus ist, das deutsche Volk auszuhungern, diesem Plan der deutschen Regierung keinen Extra-Abscheu abgewinnen. Diese Form der Kriegführung verhäßlicht nur das Gesamtbild des Krieges. Es werden noch mehr Unbeteiligte ums Leben kommen als vorher schon, und vermutlich werden Konflikte, mit annoch neutralen Staaten, deren Angehörige in den englischen Gewässern zu Schaden kommen werden, nicht ausbleiben. Die Note aber, die die deutsche Regierung der amerikanischen auf deren Protest übersandt hat, ist vom Standpunkte staatstreuer Logik aus wohl unangreifbar. Wenn aber unsre Hyperpatrioten (Marke Schmitz) wähnen, jetzt werde der Krieg entschieden sein, so täuschen sie sich wohl erheblich. Die Wirksamkeit der U-Boote scheint stark von Zufälligkeiten abzuhängen. Ich schließe das daraus, daß seit Monaten immer wieder die Beschießung der flandrischen Küste durch englische Kriegsschiffe gemeldet wird, ohne daß bisher unsre unfehlbaren Tauchboote eines davon torpediert hätten. Wenn England Gefahr droht, so weitaus eher von der eignen Arbeiterschaft, die – sehr anders als die deutsche – nicht bescheiden vor einer abenteuernden Regierung kuscht, sondern im Bewußtsein, daß kapitalistische Kriege nicht für proletarische Interessen geführt werden, in sozialistischer Einsicht verharrt und von den eignen Forderungen nichts abläßt. Schon werden hier und da Lohnstreike gemeldet – bei den Dockarbeitern zum Beispiel – und eine Protestversammlung gegen die Teuerung in Manchester soll im Falle, daß die Regierung keine durchgreifenden Maßregeln träfe, für Sonntag den Generalstreik beschlossen haben. Wollte man derlei Manifestationen freilich bei uns versuchen, so wüßte die Regierung sicherlich sehr schnell für die zahlreichen den russischen Heeren abgenommenen Maschinengewehre sinngemäße Verwendung. Mit Erstaunen liest man auch täglich wieder kritische Aeußerungen englischer, französischer und selbst russischer Blätter gegen die eignen Heerführer und pessimistische Betrachtungen über die Aussichten des Kriegs. Wer etwa in Deutschland zwischen den Rosenblättern der fröhlichen Begeisterung einen Wurm aufspießt, dem wird sein Rosenblatt umgehend konfisziert. Denn wir kämpfen ja für die Freiheit und fürchten nur Gott und sonst absolut nichts und niemanden auf der Welt.

Wie die italienische Kammersitzung verlaufen wird, ist ebenfalls noch ganz unsicher. Vor einigen Tagen war der Innsbrucker Theaterdirektor Thurner in der Torggelstube. Er behauptete, mit eignen Augen gesehn zu haben, wie die Italiener in den Tiroler Grenzbezirken Tag und Nacht Befestigungsarbeiten verrichten, Schützengräben aufwerfen und Geschütze in Stellung bringen. Dasselbe geschehe auf der österreichischen Seite. Wenter, gestern von Meran zurückgekehrt, berichtet das Gleiche. Trotzdem bezweifle ich – besonders angesichts der letzten großen Hindenburgischen Siege – daß der südliche Dreibundesgenosse den Krieg wagen wird. Die Stimmung der breiten Volksmassen muß wohl ganz dagegen sein, was auch die korrupte Finanzpresse behaupten mag. Immerhin kann der heutige oder morgige Tag auch von dort her einschneidende Überraschungen bringen.

Höchst verworren stellen sich die Vorgänge in Ostasien dar. Japans Protektorats-Ansinnen an China bestätigt sich, und schon mobilisiert Japan. China soll die Intervention Nord-Amerikas nachgesucht haben: ob das Ersuchen Erfolg haben wird, ist schwerlich glaubhaft. Halbe, der in letzter Zeit freilich oft daneben geraten hat, meint, es bereite sich ein Umschwung in der Richtung vor, daß Japan plötzlich an die Seite Deutschlands treten werde. Ich glaube im Gegenteil eher, daß deutscher Einfluß in China die Japaner reizende Machenschaften provoziert hat, die Japan zu dem Schritt treiben, der dem Ultimatum Österreichs an Serbien verzweifelt ähnlich sieht, auch mit dem gleichen Zweck: die kriegerische Auseinandersetzung à tout prix herbeizuführen. Welche Art Machenschaften das gewesen sein mögen, weiß ich zwar garnicht. Aber es wäre doch sonderbar, wenn der Ankauf chinesischer einflußreicher Blätter von deutschem Kapital, der mich im Oktober schon zu einer Wette mit Muhr veranlaßte, daß die Chinesen in den Krieg eingreifen würden, in garkeinem Zusammenhange stände mit dem plötzlich ausgebrochenen verhängnisvollen Konflikt im fernen Orient. China soll erledigt werden, ehe es Bundesgenosse Deutschlands [mehrere Wörter unleserlich]. Wie stark Deutschland an dem Konflikt interessiert wäre, der Rußland noch einen Gegner von Osten her bescherte und womöglich auch Amerika nolens volens auf unserer Seite in den Handel ziehn könnte, liegt auf der Hand. Aber man muß alles abwarten. Vorerst ist das Ganze Spekulation und Kannegießerei.

Mein Persönliches mag heute schweigen, da ich abends in der Literarischen Abteilung der Freien Studentenschaft lesen soll und das Programm erst zusammenstellen muß. Thema für morgen: Zenzl und meine Nerven.

 

München, Montag, d. 22. Februar 1915.

Eine ganze Serie von Zwischenereignissen hielt mich die letzten Tage auf den Beinen und von Tagebucheintragungen fern. Das Thema Zenzl und meine Nerven mag also für später einmal vorgesehn bleiben. An Gegenständlichkeit wird es, fürchte ich, nicht viel einbüßen. Also: Freitag war Langheinrich die Ursache der Unterbrechung. Er kam vormittags her und lud mich zum Essen ein (Parkhotel). Ich soll ihm eine die Aussage verweigernde Zeugin für seinen Ehescheidungsprozeß besorgen. Ich denke an Asta, Elly oder Marietta, die ich aber alle in diesen Tagen zufällig nicht sah. Nachmittags kam Hardy überraschend aus Berlin, und ich mietete ihn im Nebenzimmer ein. Der war bis gestern meine fast ständige Gesellschaft.

Er war Emmys wegen da, und es hat sich nun herausgestellt, daß das arme Mädel allerdings verhaftet ist, aber nicht von einem eignen Strafverfahren bedroht ist. Sie ist im Polizeigefängnis Ettstrasse in „militärischer Schutzhaft“, offenbar zur Verhütung von „Kollusionsgefahr“. Kahn hat sich der Sache gut angenommen, und Hardy erreichte Gespräche mit Emmy in Gegenwart eines Polizeiassessors, der Streber heißt und sich höchst widerlich benehmen soll. Zufällig begegnete Hardy dort auch Mariechen, womit die Ursache der Verhaftung jedenfalls einigermaßen geklärt scheint. Ich will mich intensiv um die Sache kümmern, und da der Polizeiassessor brüsk und höhnisch erklärt hat, daß er sich einen um die Frauen besorgten Anwalt nicht gefallen lassen werde, heute mich mit Adolf Müller in Verbindung setzen. Unsre wackeren Sozialdemokraten haben ja nun mal heutzutage den engsten Verkehr mit den Kriegsgewalten.

Im übrigen war mir der Besuch Hardys sehr anregend. Er ist ungeheuer erregt über die Kriegsinfamien. Doch geriet ich mehrfach scharf aneinander mit ihm, da er, ähnlich wie Heinrich Mann, seine Wut in Parteinahme für Frankreich entgleisen läßt. Der Aktions-Pfempfert soll heftig gegen mich wühlen, – alles noch wegen der Erklärung an die Kain-Leser, oder vielmehr wegen der Fälschung dieser Erklärung durch die Presse. Ich las Hardy lange Strecken aus diesen Tagebüchern vor, und wir kontrollierten, wie sehr ich mich [...?] anfangs von der allgemeinen Suggestion mitziehn ließ. Wie er zugab, bin ich ja stets kritisch geblieben, und sicher gerecht gegen die „Feinde“. Aber es ist mir lieber, daß ich mich ehrlich kontrolliert habe und mir das Neinsagen zu allem, was ich um mich sah, nicht garso leicht gemacht habe wie der Esel Pfempfert, der nur in seinem verworrenen Überzeugungskasten nachzusehn brauchte und sofort klar war, daß alle andern Schweinehunde und nur er der wahrhafte Edle sei. System-Idioten.

Man hat sich in Berlin eine „Verlustliste“ derer angelegt, die angeblich in dieser Zeit den revolutionären Geist an die nationalistische Presse verraten haben: Eulenberg, Hauptmann, Thoma, Klabund etc. Hardy wollte auch Wedekind dazu rechnen wegen seiner Rede in den Kammerspielen, Deutschland sei das Land der Freiheit. Ich verteidigte Wedekind, der sich über seinen à tout prix-Opportunismus – [Einschub unleserlich] – wohl selbst im Stillen am meisten lustig macht, und in den Gesprächen seinen patriotischen Standpunkt so grotesk motiviert, daß die Persiflage ohne weiteres deutlich wird.

Eine echt Hardysche Aeußerung. Ich hatte mit Gertraude v. Bismarck im Caféhause gesessen. Nachher ging ich mit Hardy fort. Als er ihren Namen hörte, fragte er: „Ist die Dame vielleicht eine Nichte des verstorbenen Diplomaten?“

Ein Eilbrief aus Wien kam an – offenbar von Albert dirigiert –, aus dem ich entnehme, daß Herr Johannes V. Venner, Redakteur der „Ähre“ in Zürich mich dort als Zeugen in einem Prozeß gegen Leonor Goldschmied braucht. Wahrscheinlich soll ich das Schwein als Spitzel entlarven helfen. Ich habe an Venner geschrieben, daß ich gegen Erstattung der Auslagen bereit sei. In Wahrheit wäre mir die Reise höchst erwünscht. Einmal neutrale Luft atmen! Einmal heraus aus der Stickluft der nationalen Redensart. Und zugleich würde ich mir vielleicht geschäftlich nützen können, Fühlung gewinnen mit Redaktionen, vielleicht auch einen Verlag ermitteln für das geplante Kriegsbuch. – Und möglicherweise ein Rendez-vous mit Friedel! Das wäre herrlich!

Die Kriegslage ist ohne neue Sensationen. Ostpreußen ist von Russen „gesäubert“. Soll ich mich nun darüber freuen, daß die Trümmerhaufen von Eydtkuhnen jetzt von deutschen Soldaten bevölkert werden statt von russischen? – Und daß nun östlich der Grenze ein neues Trümmerfeld geschaffen wird? – Es wird einem gänzlich schnuppe mit der Zeit. – Der Seekrieg gegen England soll einen Truppentransport von 2000 Soldaten zum Opfer gefordert haben. Großer Jubel über den Tod so vieler armer Teufel. Die Leute rechnen alle: 1 x 2000. Meine Rechnung: 2000 x 1 verstehn sie nicht. Wie furchtbar verlogen allenthalben Stimmung gemacht wird, dafür noch ein Beispiel. Die Engländer schreien wegen der Abschneidung ihres Landes von Nahrungszufuhr: Piraterie. Die Deutschen halten ihnen entgegen: Ihr habt die Nordsee blockiert und die Zufuhr für unsre Zivilbevölkerung zuerst unterbunden. Also seid ihr die Piraten! – An die Tätigkeit der „Emden“ und „Karlsruhe“ wird dabei natürlich nicht gedacht, die doch aber beweist, daß man in Deutschland, genau wie in England, von vornherein entschlossen war, das Land auszuhungern, sofern man es nur konnte. Mit dem Vorwurf der Piraterie haben beide ganz gleicherweise recht. Es ist keiner besser und keiner schlechter als der andre.

Hardy erzählte mir von dem Grund, weshalb der erste Generalquartiermeister, der populäre General v. Stein von dem Posten abtrat. Er wollte die Lügerei über die Marneschlacht nicht mitmachen. Ein Vergleich mit den Wolff-Depeschen, die ich sammle, bestätigt das überraschend. Die letzte von Stein unterzeichnete offizielle Kundmachung vom 10. September enthält zum ersten Mal auf deutscher Seite die Meldung von „überlegenen Kräften“ und vom „zurückgenommenen Flügel“, die wir inzwischen durch Erfahrungen zu beurteilen gelernt haben. In die Form einer Siegesnachricht war auch dieser Bericht gekleidet, enthält sogar das Wort „Siegesbeute“. Die nächste Meldung, die an diese Dinge anschloß, ist erst vom 13. September datiert und nicht mehr von Stein unterzeichnet. Darin hieß es, daß die Operationen, „über die Einzelheiten noch nicht veröffentlicht werden können“, zu einer neuen Schlacht geführt haben, „die günstig steht“. Die Einzelheiten sind heute noch nicht veröffentlicht – wir kennen sie ohnehin – und die „neue Schlacht“, an der Aisne nämlich, steht heute noch – ½ Jahr später – jeden Tag von neuem „günstig“. Über die Marneschlacht aber hieß es in demselben amtlichen Bericht vom 13. September noch: „Die vom Feinde mit allen Mitteln verbreiteten, für uns ungünstigen Nachrichten sind falsch“. Das war die erste faustdicke Lüge in den deutschen offiziellen Mitteilungen, die also ihre hochgerühmte unbeeinflußbare Wahrheitsliebe genau solange zu betätigen wußten, wie Günstiges zu melden war.

Wie im „Lande der Freiheit“ die Zeitungen wohl dereinst zur Kritik zurückfinden werden? Vorerst ist, wer uns nicht täglich siegen läßt, ein Schuft.

 

München, Mittwoch, d. 24. Februar 1915.

Zum Unglück ist Adolf Müller für 10 Tage verreist. Ich sprach also mit Paul Kampffmeyer, der, was zur Zeit möglich ist, veranlassen will. Die Art, wie man tyrannisiert wird, ist schon mehr als ekelhaft. Auskünfte über die geknebelten Frauen werden nicht gegeben, denen selbst nicht gestattet und Anwälte zu ihrem Schutz nicht zugelassen. Sie sind der gröbsten Willkür hilflos preisgegeben.

Noch ein Symptom der „großen Zeit“. Die Presse, voran die eroberungswütige zetert danach, daß die Zensur Erörterungen über die Friedensbedingungen freigibt. Aber das darf natürlich nicht sein, daß sich die Zeitungen darum katzbalgen, ob Belgien, Nordfrankreich, Polen, Marokko, sämtliche englische Kolonien als Friedenspreis bezahlt werden sollen, oder ob man sich mit etwas kleinerer Beute und etlichen Zehnmilliarden begnügen soll. Da würde ja die deutsche Einigkeit in Gefahr geraten. Also hat kürzlich die Norddeutsche Allgemeine Zeitung – recte Herr v. Bethmann Hollweg – das Maul aufgetan und in einem Artikel „Das Kriegsziel“ erklärt, daß erst mal die deutschen Waffen ihre Arbeit vollenden müssen. „Dann sei dem freien Volk die Rede frei.“ Ja, es ist rührend, wie frei wir sind.

Aber die Kritik, und zwar die opponierende Kritik, greift doch erfreulich um sich unter der Oberfläche. Kürzlich las ich in der literarischen Abteilung der Freien Studentenschaft Gedichte vor. Im Gespräch mit den jungen Leuten merkte ich, daß sie allesamt höchst mißmutig den öffentlichen Dingen gegenüberstehn. Ja, sie hatten sogar schon freie Diskussionsabende eingerichtet, wobei recht selbständige und keineswegs patriotisch-begeisterte Dinge ausgesprochen wurden. Natürlich wurden diese Abende Opfer einer Denunziation und der Rektor hob sie auf einen Wink des Generalkommandos auf. Jedenfalls habe ich wieder Hoffnungen für nachher geschöpft. Der Kain wird doch wohl hie und da noch günstigen Boden finden.

Und er wird zu tun haben. Es werden sich ihm Stimmungen entgegenstellen, die vorher doch unbekannt waren. Montag brachte Henckell zum Krokodil einen Brief von Kutscher mit, dem eine Photographie beilag. Kutscher mit einigen Kameraden im Offiziers-Unterstand. Er ist überhaupt nicht zum Wiedererkennen. Mit seinem Vollbart sieht er aus wie ein x-beliebiger Landwehr-Offizier. Noch schlimmer: denn die Physiognomie scheint völlig desindividualisiert, absolut gleichgültig-unpersönlich. Und dieser Eindruck wird durch den Brief bestätigt und gesteigert. Er sei wieder in einer sehr üblen Ecke eingenistet, doch das mache nichts – kommen einige Phrasen deutscher Entschlossenheit und dann dieser scheußliche Vers:

„Und so schwören wir dem Kaiser

– tief das Haupt vor Gott geneigt – ,

treu zu sein, bis daß die Erde

deutscher Kraft das Knie gebeugt.“

Nach dem ganzen Tenor des Briefs kann von gewollter Ironie nicht die Rede sein. Aber das ist doch furchtbar! Abgesehn von der miserablen Form und dem falschen Bild (wie soll wohl die Erde das Knie beugen können?) – diese peinliche Gesinnung! Bisher war Kutscher stets religiös indifferent, den Eindruck hatte jeder von ihm. Jetzt neigt er vor Gott tief sein Haupt, freilich blos, wenn er zugleich dem Kaiser schwört, treu zu sein. Und dann der verfluchte Größenwahn, daß alle Welt vor Deutschland aufs Knie müsse. Man braucht sich blos die Spießerhorde anzuschaun, die überall die Bierkeller vollsitzt, um die gänzliche Verworfenheit dieses Wunsches einzusehn. Aber wenn solche Ideen schon in den Köpfen der Geistigkeit und in Briefen an unsereinen zum Ausdruck kommen, – wie wird’s da erst beim Durchschnitt und bei den Minderentwickelten aussehn!

Inzwischen ist das Gesamtergebnis der „Winterschlacht“ in Masuren festgestellt worden. Danach ist die ganze 10te russische Armee vernichtet, über 100.000 Gefangene gemacht, 300 Geschütze und unzähliges Kriegsmaterial genommen worden. In den Ruinen Ostpreußens aber lagern keine Russen mehr, sondern nur noch Deutsche. Im Kriege gegen England ist neuerdings ein Transportdampfer versenkt worden. Die Zahl der Opfer wird noch nicht mitgeteilt. Zwischen Japan und China spitzen sich die Dinge täglich mehr zu. Amerikas Verhalten ist ganz ungewiß. Manche meinen, es werde gegen Japan zu Felde ziehn. Andre, es warte auf den ersten Mißgriff der deutschen Tauchboote, und werde, sobald von ihnen eins ein amerikanisches Schiff torpilliert, sich England anschließen. Ich glaube keins von beidem. Dagegen scheint mir die heute gemeldete Mitteilung nicht ganz unwahrscheinlich, daß der Dreiverband mit der Türkei einen Sonderfrieden schließen möchte. Heute könnten die überall geschlagenen Türken jedenfalls noch günstige Bedingungen haben. Aber Berlin und Wien werden wohl fest mit den Daumen drücken. Zunächst kann man auch noch nicht erkennen, ob die jüngste Beschießung der Dardanellen durch englische und französische Kriegsschiffe Erfolg gehabt hat, wie die Angreifer ebenso natürlich behaupten, wie die Angegriffenen es bestreiten.

 

München, Donnerstag, d. 25. Februar 1915

Am letzten Krokodil-Abend schloß ich mit Henckell eine Wette ab, in der ich behaupte, daß die Sozialdemokratie sich spätestens gleich nach dem Kriege spalten werde, dergestalt, daß 3 Monate nach dem ersten Parteitage nach dem Krieg die Richtung Liebknecht in Stärke von mindestens 7500 Genossen ausgeschieden sein werde. Henckell bestreitet das. Eine Flasche Escherndorfer Berg ist der Preis des Gewinns. Als ich die Wette abschloß, wußte ich noch nicht, wie schnell die Wahrscheinlichkeit sich meiner Ansicht nähern werde. Vor einigen Tagen hielt Wolfgang Heine in Stuttgart eine Rede, in der er die sozialdemokratische Partei für jetzt und später gradezu als Leibgarde der Regierung empfahl, ja er rief auf zum Vertrauen zu Wilhelm II. Der „Vorwärts“, der eine nach Möglichkeit charaktervolle Haltung zu wahren sucht, fertigt Heine jetzt recht ironisch ab, und findet, daß „nicht früh genug die Aufmerksamkeit der Masse der Parteigenossen und Gewerkschaftsmitglieder auf diese Ziele der Umwandlung der Sozialdemokratie in eine nationalsoziale Reformpartei gerichtet werden kann“. Das ist deutlich genug. Die Haltung des „Vorwärts“ wird neuerdings anscheinend durch Herrn Hilferding bestimmt, den ich bei meinem letzten Berliner Aufenthalt durch Rauscher und Wendel kennen lernte. Er soll, wie mir Hardy erzählte, in konstantem Konflikt fast mit der ganzen Partei sein, konnte aber den „Vorwärts“ bis jetzt doch ziemlich nach seinem revolutionären Willen leiten. Zur Zeit steht er in einem Kampf mit dem Radikalen Lensch, dem langjährigen Leiter der „Leipziger Volkszeitung“, der in den Katastrophen-Maßnahmen der Regierung, besonders in der gleichmäßigen Brotverteilung in Preußen einen Triumph des Sozialismus erblickt. Der Vorwärts hält ihm nicht mit Unrecht entgegen, daß die Sozialisierung der Produktion Vorbedingung zu allem Sozialismus ist, wobei er freilich die – wenn auch an Zeitgeschehnisse geknüpfte – „Sozialisierung“ des Konsums (mag sie noch so sehr im [...]den Interesse liegen) nicht ganz als nichtig einschätzen sollte. Es ist jedenfalls anständig, den Leuten entgegenzutreten, die ihren plötzlich erwachten Begeisterungen mit prinzipientreuen Argumenten beispringen möchten.

Gestern bat mich die Polin wieder zu sich. Sie wollte Ratschläge zur Begründung einer Zeitschrift oder Ausgabe von Flugblättern zugunsten der Autonomie Polens. Ich lehnte meine Mitwirkung schroff ab, da die Dame meint, ihr Unternehmen mit Hilfe loyaler Professoren ins Werk setzen zu können. Ich erklärte ihr, daß ich den Kain deshalb habe eingehn lassen, weil ich keine opportunistischen Konzessionen habe machen wollen und können. Wenn man mich mit zuverlässigen Kräften zu konspirativen Dingen rufen würde, könne man auf mich rechnen. Da dazu aber weder Stimmung noch Leute genügend vorhanden seien, ziehe ich es vor, vorläufig zu schweigen. Im übrigen stelle ich mich überhaupt auf andern Boden als die Polen, die zufrieden sind, wenn man ihnen einen habsburgischen Erzherzog als König gibt und auf die preußischen Gebiete ganz verzichten wollen. Ich kann diese Genügsamkeit nicht mehr mit revolutionären Tendenzen in Einklang bringen. Eine polnische „Freiheits“-Bewegung mit denselben Preußen als Rettern, die ihre Toleranz im Expropriationsgesetz niedergelegt haben, damit möge man mich verschonen. Die Frau war etwas betreten.

Auf der Kegelbahn mit Halbe Erörterungen desselben Themas: was aus Polen werden solle. Die Stimmung unsrer Patrioten geht durchaus auf Annektion aus, ebenso wie gegenüber Belgien, das einem doch gradezu in den Schoß gefallen sei. Halbe präzisierte die Fragen – ohne sich klar zu entscheiden – dahin, ob man Deutschland weiterhin Nationalstaat sein lassen soll, oder es zu einem Imperium ausgestalten. Der Kaiser und die Sozialdemokraten wollen das erstere, das „Volk“ (repräsentiert in gesinnungslosen Zeitungen vom Schlage der Münchn. Neuesten Nachrichten und der Münchn. Ztg) das letztere. – Es gilt, die Menschen zu suchen, die mit alledem nichts zu schaffen haben wollen und den Frieden unter den Völkern anstreben, um sie vom Imperialismus und vom Staatswahn zu befreien. Wo finde ich diese Menschen?

 

München, Freitag, d. 26. Februar 1915

Mein Geld ist wieder alle. Unglücklicherweise pumpte mich Hardy um 8 Mk an, da er sonst nicht abreisen konnte. Sein Versprechen, das Geld sofort zurückzusenden, hat er nicht erfüllt. Zenzl war mir diesen Monat besonders teuer, und so hat die Unterstützung durch den Schutzverband nicht weit gereicht. Bekäme ich nur erst die 40 Mark von der „Rundschau des Herrn“. (Das Blatt heißt wirklich so). Nachher will ich Kahn deswegen anrufen. Es wäre doch zu ekelhaft, schon wieder von Tag zu Tag 50 Pfennig bis 1 Mark zu pumpen.

Ich muß schließen und aus dem Hause flüchten, weil unter mir gehämmert wird. Es wird von Tag zu Tag unruhiger im Hause, und meine Nerven reagieren von Tag zu Tag empfindlicher auf jede Störung. C’est la guerre.

 

München, Sonnabend, d. 27. Februar 1915.

Die wichtigsten Dinge des Krieges spielen sich zur Zeit in den Dardanellen ab. Täglich werden neue Angriffe sehr starker französischer und englischer Flottenteile gemeldet, die die asiatischen und europäischen Forts beschießen. Aus den letzten Berichten darf man schließen, daß die Verstummung der Forts tatsächlich erzielt werden wird, wenn sie nicht schon erzielt ist. Wenn es auch wahr sein sollte, daß die türkischen Kanonen einzelne der Panzerschiffe beschädigt haben, so können sie doch sicher nicht gegen die große Zahl der täglich erscheinenden Angriffsschiffe aufkommen. Von einem Eingreifen österreichischer Flottenkräfte hat man indessen bisher nichts vernommen. Der Plan geht auf die Eroberung Konstantinopels aus, das allem Anschein nach zugleich durch die Russen von der Landseite her bedrängt werden soll. Nach den bisherigen Mißerfolgen der Türken zweifle ich kaum am schließlichen Gelingen des Plans, dessen Konsequenzen natürlich noch nicht entfernt zu berechnen sind.

Im Schauspielhaus gab’s gestern Premiere. „Benignens Erlebnis“ vom Grafen Keyserling war neu einstudiert. Else Sarto hatte als Benigne auf Engagement zu gastieren. Ist das ein feines stilles schönes Stück! Leider wurde es in Grund und Boden gespielt, wie das ja bei Stollberg üblich ist. Else Sarto war ganz gut, nur sehr befangen und unsicher. Dabei hatte sie sehr gegen die Mitspieler zu kämpfen. Der unglückselige Randolf sollte den jungen im Barrikadenkampf verwundeten Studenten geben, einen einfachen, graden, aber in echter Überzeugung aufs Ideale gerichteten jungen Menschen. Er machte einen klobigen Fabrikarbeiter. Peppler gab dem vornehmen Wiener alten Regimes einen Stich ins Karrikaturistische. Dabei wurde alles zu deutlich und laut, und grade das tötet ein Stück von der dezenten Abgeschiedenheit dieses Keyserlingschen. – Und dann kam ein neuer Einakter von Eulenberg: „Der Morgen nach Kunersdorf“. Eulenberg fing als Dichter an, schrieb außerordentliche Schönheiten („Alles um Geld“). Und nun ist er so tief gesunken. Ein lärmendes polterndes auf Aktualitäten abgestimmtes patriotisches Hurrahstück, in dem sich „Friedrich der Große“, schon entschlossen, seine Königswürde abzutun, von seinen Majoren wie ein schmollender Tenor umstimmen läßt. Ein widerliches Elaborat, dabei technisch auf der Höhe einer Gelegenheitsdichtung des Kompagnie-Sergeanten zu Kaisers Geburtstag. – Wie muß bei diesem aufgetragenen Schmarrn, das sich „ein vaterländisches Stückchen“ schimpft, dem armen Offizier zu Mut gewesen sein, dem das rechte Bein bis zur Hüfte abgenommen ist, der seine Krücken an die Wand stellte, und dann auf dem linken Fuß zum Platz vor mir hüpfte?

In die Torggelstube kam nachher völlig überraschend Kutscher, der einen 12tägigen Urlaub bekommen hat. Auch er ist ernst geworden und sehnt inbrünstig den Frieden herbei. „Mein Bedürfnis nach Heldentum ist ausreichend gestillt“, erklärte er, der früher einer unsrer Kriegerischsten war. Er erzählt entsetzliche Dinge. Besonders furchtbar war mir die Schilderung, wie sie oft lange Tage ihre Leichen nicht eingraben können. Dann sehen sie liebe Kameraden, junge Leute, die vielleicht ganz kurz vor Beginn des Kriegs geheiratet haben, von ihren Stellungen aus täglich schwärzer werden. Weil es den Franzosen mit ihren Leuten manchmal ebenso geht, beschimpfte Herr Dr. Ludwig Ganghofer sie als „Sauvolk“. Man wird sich das merken müssen.

Noch ein Wiedersehn. In der Maximilianstrasse rief mich nachts Wilhelm Bölsche an, der heute abend hier einen Vortrag halten will. Ich habe ihn wohl 10 Jahre nicht mehr gesehn. Er ist völlig weiß geworden.

Für das Verhalten der Sozialdemokratie der verschiedenen Länder ist zu bemerken: Die Kriegsforderungen wurden bewilligt: in Deutschland und Frankreich. In England gingen die Stimmen auseinander. Abgelehnt: in der russischen Duma und der serbischen Skuptschina. Die österreichischen Genossen wurden nicht gefragt, nicht weil man vor ihrer Abstimmung Angst hatte, sondern vor der der slawischen Nationalitäten. – Der nächste Kongreß der „Internationale“ kann heiter aussehn.

 

München, Sonntag, d. 28. Februar 1915.

Kürzlich stellte mir im Theater Herr René Prévôt, derzeit politischer Redakteur der Münchn. Neuesten Nachrichten, seine neue Frau vor. Bald darauf traf ich die Dame im Café Stefanie, und sie lud mich zu gestern nachmittag zum Tee ein. Ich ging hin, um einmal die Ansichten eines deutschnational gewordenen Elsässers zu hören. Ich war recht enttäuscht. Denn was Prévôt vorzubringen wußte, war nichts als hergebrachte Phrase. Der Mann bildet sich allen Ernstes ein, daß es sich in diesem Kriege um die nicht blos nationale sondern auch kulturelle Existenz Deutschlands handle, behauptet trotz aller Hinweise auf die Weimarer Zeit, daß das Ende der Reichseinheit der Zusammenbruch aller Geistigkeit in Deutschland wäre, daß ferner Deutschland gezwungen wäre, mindestens 20 Millionen seiner Einwohner abwandern zu lassen, weil es sie nicht mehr ernähren könnte, und daß schließlich und endlich der verlorene Krieg die Etablierung einer Kosaken- und Franzosenherrschaft im ganzen Reich mit Sprachen- und Sittenausmerzung (nach Muster der nordschleswigschen, elsaß-lothringischen und polnischen Kolonisierungsarbeit Preußens vermutlich) mit sich führen müsse. Natürlich war unsre Polemik viel geräuschvoller als wechselseitig überzeugend, und ich verließ den hirnbrandigen Renegaten mit dem Gefühl der Verwunderung darüber, daß soviel Torheit und Narretei in einem Hirn wohnen kann, das einem oft als gescheiten und wohl immer als anständigen Menschen erwiesenen Inhaber gehört.

Im Torggelhaus berichtete Gustl Waldau bemerkenswerte Dinge, die, da sie mit Andeutungen Kutschers sehr übereinstimmen, viel Wahrscheinliches haben. Demnach sind die Deutschen neuerdings im Westen ziemlich übel dran. Es fehlt dort an schwerem Geschütz, da alles zu Hindenburg abgeschoben werden mußte, während umgekehrt Franzosen und Engländer seit den amerikanischen Waffenlieferungen überreichlich mit allem versehn sind. B. v. Jacobi hatte schon davon erzählt, daß die Franzosen gegenüber den Deutschen im Nachteil seien, da sie die besseren Artilleristen seien, aber schlechtes Material hätten. In der Tat sollen früher 60–70 % der Schüsse „Blindgänger“ gewesen sein. Das ist jetzt ganz anders geworden. Jeder Schuß krepiere und sitze, und die deutschen Schützengräben werden systematisch zusammengeschossen, ohne sich revanchieren zu können. Kutscher hatte mir schon erzählt, daß an einem weiteren [ein weiteres] Vordringen der Deutschen nicht zu denken sei, da die Franzosen eine lange Parallelkette von Befestigungen bis Paris aufgeführt hätten, die niemals zu bezwingen sei, während er die Frage, ob die Deutschen zurückzuwerfen wären, nicht so schroff verneinte. Halbe, der am Ende alles für Deutschland ungünstig Klingende von sich abzuweisen versteht, wandte gleich ein, daß der japanisch-chinesische Konflikt nun von selbst die amerikanischen Waffenlieferungen verhindern werde. Nachher aber hörte ich, während ich auf dem Lokus saß, als unfreiwilliger Zeuge ein auf dem Pissoir geführtes Gespräch zwischen ihm und Waldau, dem Halbe vorwarf, er mache flau: „Mühsam läuft schon wieder rum – –!“. Als ob ich strahlte, wenn die Deutschen Verluste hätten! Es ist niemandem begreiflich zu machen, daß ich jeden deutschen Toten betraure, obwohl ich mich über französische, englische, belgische, serbische, russische, montenegrinische oder japanische Tote nicht freuen kann.

In Rußland ist schon wieder eine neue Schlacht im Gange, bei Grodno, wo die Russen trotz aller ungeheuren Niederlagen schon wieder frische Truppen zum Angriff vorgeschickt haben. Die russischen Hilfsmittel an Menschen, Munition und jeglichem Material müssen völlig unerschöpflich sein.

Der Verlag Albert Langen sandte mir auf mein Ersuchen den bisher erschienen I. Band von Eberhard Buchner: „Kriegsdokumente. Der Weltkrieg 1914 in der Darstellung der zeitgenössischen Presse“. In diese Dokumentensammlung hat auch meine Erklärung an die Kain-Leser Aufnahme gefunden, und zwar natürlich in der gefälschten Fassung der München-Augsburger-Abendzeitung. Ich werde Herrn Buchner um eine Berichtigung im zweiten Band ersuchen, und – falls ich nach Zürich reisen sollte, – „die Ähre“ des Herrn Venner um den Abdruck einer Erklärung bitten. Ich will nicht länger auf den verfluchten Satz mit den fremden Horden festgelegt sein ...

Ich erwarte jetzt Zenzl.

 

München, Montag, d. 1. März 1915

Die Bude stinkt schon wieder. Ich habe an Frau Kaderschafka ein Ultimatum gerichtet, mit dem Erfolg, daß auf jeden Fall der Ofen umgesetzt werden soll, und daß meine Pension auf 80 Mk monatlich heruntergesetzt ist. Da meine heutige Rechnung bereits die Höhe von 350 Mark erreicht, war es höchst notwendig, dem weiteren Anschwellen einen Damm vorzubauen.

Gestern verlebte ich einen reizenden Nachmittag und Abend mit Maaßen und Schmidt (mit dem ich Brüderschaft trank). Wir waren erst bei Maaßen zum Kaffee in seinem einzig lieben Bibliothekszimmer und ergötzten uns an seiner Sammlung erotischer Bilder und Schriften. Nachher in der Max-Emanuel-Brauerei, wo wir (Maaßen und ich) unsern 28 gemeinsamen Sonetten zwei weitere hinzudichteten (Penelope und Susanne). Vom Kriege war fast garnicht die Rede, und wenn das Gespräch doch dahin abirrte, war Maaßen vernünftiger als sonst. Er hat jetzt eine neue Freundin, eine entzückende Schauspielerin, Frl. Peters, die mir kürzlich schon ihre Meinung dahin aussprach, daß seine blutrünstige Vaterländerei nicht ganz echt sei. Sie gab mir in der Ansicht recht, daß er sich selbst persifliere. Gestern waren wir wieder ganz so befreundet wie vor dem Kriege. Jacobi wollte sich über unsern Freundschaftsbund immer kaput lachen. Aber ich fühlte wieder, wie tief er trotz aller Gegensätzlichkeit sämtlicher Anschauungen begründet ist. Dieser adlige konservative preußische Offizierssohn und Hurrahpatriot ist mir einer der nächsten Menschen und wird es bleiben.

Die täglich schwankenden Meldungen in den Kriegsberichten lassen nirgends ein klares Bild erkennen. Die Russen haben Prasznycz, dessen Erstürmung vor einigen Tagen triumphierend gemeldet wurde, wieder genommen und scheinen sich in Galizien und der Bukowina trotz allen österreichischen Siegesnachrichten weiterhin zu behaupten. Im Westen werden täglich von beiden Seiten Schützengräben genommen und verloren, und das Ganze bleibt unverändert. Heute berichten die Franzosen zum ersten Mal von der neuen Waffe der Deutschen, die durch das Spritzen mit einer brennenden Flüssigkeit die Besatzungsmannschaft eines Grabens schwer verbrannt habe. Offenbar das „griechische Feuer“, von dem seit Monaten hier erzählt wird. Die Kriegführung wird immer grauenhafter. – Der Konflikt zwischen Japan und China wird immer verwickelter und unübersichtlicher. Jedenfalls scheint Amerikas Haltung gegen Deutschland dadurch in freundschaftlicherem Sinne beeinflußt zu werden. (Das Weibsbild unter mir verübt auf ihrem vermaledeiten Flügel unerträgliche Greueltaten). Die Wirkungen des Unterseebootkriegs gegen England lassen sich ebenfalls noch nicht erkennen und noch viel weniger, wie lange das unerhörte Weltbluten noch dauern soll. Kutscher prophezeit: noch 6 Monate, Gustl: bis in den nächsten Winter. Es kann aber auch noch jahrelang so fortgehn. Bis zur Erschöpfung der Länder hats noch gute Wege. Vielleicht bringt die Einnahme der Dardanellen, die wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, eine schnelle Entscheidung, da die Balkanstaaten und Italien dadurch leicht zur Aufgabe der Neutralität veranlaßt werden könnten. Nur Schluß mit den fürchterlichen Frevel – für welchen Preis, dünkt mich ganz belanglos.

 

München, Dienstag, d. 2. März 1915.

Ich bin umgezogen – ins Zimmer, das von der andern Seite zu meinem Schlafzimmer führt. Es ging nicht mehr mit dem Ofen. Das neue Gemach ist kleiner, ein wenig dürftiger als das vorige – und mit dem häßlichen Ausblick auf Höfe, kahle Mauern, Küchenfenster und Dächer, wogegen ich bisher die stolze Kunstakademie, die breite schöne Akademiestrasse und nach rechts hinüber das Siegestor und die Leopoldstrasse sah. Und trotzdem bin ich glücklich, hier zu wohnen. Denn hier habe ich, was ich in den letzten Jahren so sehr schmerzlich vermißt habe: Sonne. Bisher ging mein Fenster nach Norden, jetzt nach Süden. Ich habe vorhin gradezu in Sonnenschein gebadet. – Aber ob ich nicht doch endlich bald ganz frei sein werde von Mietsbuden mit fremdem unpersönlichen Mobiliar und abhängig von fremden nur geschäftlich interessierten Menschen?

Vielleicht nach dem Krieg. Aber wann wird das sein?

Die englisch-französische Flotte ist tatsächlich, nach Zerstörung der äußeren Dardanellen-Forts und Entfernung der Minensperre 4 englische Meilen tief in die Meerenge eingefahren, und hat (was – natürlich – von türkischer Seite noch bestritten wird), Truppen gelandet. Damit ist für Konstantinopel schwere Gefahr geschaffen. Angeblich ist zwischen Rußland und Frankreich-England ein Vertrag zustande gekommen, wonach Konstantinopel russisch würde. Wie sich die Balkanstaaten zu der neuen Wendung der Dinge verhalten werden, ist bis jetzt schwer zu beurteilen. Griechenland mindestens scheint wieder starke Neigung zu bekommen, dem Dreiverband beizutreten. In Italien wird der Krieg – gegen die Zentralmächte – kaum mehr lange zurückzuhalten sein, wenn nicht Österreich doch noch mit dem Trentino herausrückt, was man in Deutschland gern möchte, wozu aber die Habsgierer schwer zu haben sein werden. Eins ist sicher: Unsre Verbündeten haben bis jetzt mehr verpatzt als geholfen. Wenn die Zeitungen eines Tages das Maul wieder nach Belieben aufreißen dürfen, wird’s plötzlich ein wildes Gezeter geben gegen die annoch geliebten Schulter an Schulter-Freunde.

Gestern abend: Krokodil. Henckell, Kutscher, Wedekind, Halbe und ich sah Wedekind seit seiner Krankheit zum ersten Mal wieder. Er hat furchtbar gealtert, sieht sehr eingefallen und schwach aus. Auch seinen Geist konnte er offensichtlich nur mit Anstrengung im rechten Tempo halten.

Kutscher wiederholte die Schrecklichkeiten von neulich und führte sie noch weiter aus. Zum Latrinenbau sei in der neuen Stellung (bei Perthes) keine Zeit, man helfe sich, wie man kann. Hinter den Gräben sehe es wüst aus: Exkremente, Urinpfützen, Blutlachen, dazwischen Fleischteile, ganze Hände etc. Gradezu Entsetzliches. Interessant ist zu hören, wie mitunter ein gleicher Schützengraben zugleich von Deutschen und Franzosen besetzt ist. Die Feinde liegen, nur durch Sandsäcke geschieden, 4–5 Meter voneinander. Heut abend soll ich mit ihm und seinen Studenten im Union-Hotel beisammen sein. Kutscher will aus seinem Tagebuch vorlesen.

Heimweg mit Halbe. Sehr ergiebiges Gespräch. Beiderseitige Beichten. Ich bekannte mich als Moralisten und Idealisten, Halbe als grundsätzlichen Feind dieser Dinge. Er will von seinen historischen Betrachtungen aus alles verstehn. Schon als 8jähriger Junge habe er die ganze Schlossersche Weltgeschichte zweimal durchgelesen gehabt. – Mit der Historie allein ist nicht viel getan. Wer ohne ethisches Vorurteil die Dinge der Menschheit recht beurteilen will, müßte zugleich Nationalökonom, Geograph und noch vieles andre sein. Ich verwies Halbe auf mein „Idealistisches Manifest“ (Kain IV, 1). Darin habe ich die Erkenntnis des Herzens als einzige Richtschnur des menschlichen Tuns proklamiert.

Es entstand ein neues Gedicht: Ein Wiegenlied einer Mutter, deren Gatte im Kriege gefallen ist an ihren Sohn. Ich will es der „Ähre“ schicken.

 

München, Mittwoch, d. 3. März 1915.

Emmy und Mariechen sind frei. Ich traf sie mittags im Café. Sie waren grade aus dem Polizeigefängnis entlassen, wo sie einen vollen Monat hatten zubringen müssen. Beide – besonders Emmy – sehn miserabel aus. Sie haben unzulängliche Beköstigung gehabt und sind, obwohl sie ohne jeglichen stichhaltigen Grund eingesperrt waren, von dem ihnen übergeordneten Polizeiassessor (der bezeichnend genug Dr. Streber heißt) höhnisch und verächtlich behandelt worden. Dieser Mensch hat Emmy u. a. immer wieder sehr ergiebig nach mir ausgefragt. Als ob er nicht wüßte, wo ich zu finden bin und mich selbst aushorchen könnte! – Die Beiden wurden am 2. Februar festgenommen. Mariechen wollte sich einen Auslandspass besorgen, und Emmy hatte sie freundschaftlich begleitet. Man behielt beide Frauen gleich da, und zwar weil der Ehemann Jung, der ursprünglich Kriegsfreiwilliger war, einen Urlaub nach Wien überschritten hatte. Jetzt soll man ihn festgenommen haben. – Da mir nicht sicher ist, daß man die armen Geschöpfe jetzt in Ruhe lassen wird, will ich in einigen Tagen mit Emmy doch noch zu A. Müller hinaufgehn. Der Rechtsvorwand der Verhaftung – Beihilfe zur Desertion? – müßte doch geklärt werden. Aber wo ist jetzt irgendetwas von Rechtssicherheit? (ich hatte heute früh grade am Telefon erfahren, daß er übermorgen zurückkommt). Emmy fürchtet auch wieder neue Unzuträglichkeiten krimineller Natur.

Sehr leid tat mir, was Emmy von Maxi erzählte. Die ist – angeblich auf Denunziation Mariettas (dem werde ich noch nachgehn) – vor einem guten halben Jahr verhaftet worden und wegen „Gewerbsunzucht“ zu ½ Jahr Arbeitshaus und einigen Wochen Gefängnis verurteilt gewesen. Jetzt sei sie frei, habe aber einen Stadtverweis. Sie soll einen Freund Mariettas gonorrhöisch angesteckt haben. Ich kann mir das kaum denken, da das nette Wesen noch im Sommer (etwa im Juni) bei mir geschlafen hat, ohne daß Folgen spürbar gewesen wären.

Wie den Mädels nun finanziell geholfen werden kann, weiß ich nicht. Ich bin in diesem Monat ohnehin trübe genug gestellt, da ich auf den Schutzverband schwerlich rechnen kann und Zenzl, deren Mann vom Hilfsausschuß statt der versprochenen 250 Mk nur 100 Mk bekommen hat, mich sicher sehr in Anspruch nehmen wird. Wenn ich die ersten Schulden gezahlt haben werde, bleiben mir nur etwa 30 Mk übrig von morgen ab. Das reicht nur für 10–12 Tage, und ich weiß nicht weiter. Vielleicht kommt ja von der Modezeitschrift Geld. Aber wer dürfte mit Summen rechnen, die nur in Aussicht stehn?

Hardy schreibt eine Karte. – Ich hatte ihm die Nr 1 der IV. Jahrg. Kain mitgegeben, da ich wünschte, er solle noch einmal mein Idealistisches Manifest lesen, das ich für die beste Rechtfertigung meines Wirkens halte, die mir bislang gelungen ist. Er schreibt jetzt darüber: „Das ‚idealistische Manifest’ im ‚Kain’ vom April vorigen Jahres ist wirklich sehr gut, in seiner Art klassisch, d. h. von gelungener Fügung und haltbarer Wirksamkeit.“ – Würden die Dinge, die man mit seinem Blut schreibt, wenigstens gelesen werden!

 

München, Sonnabend, d. 6. März 1915.

Ein schauderhafter Katarrh vergällte die letzten Tage. Noch ist er nicht behoben, immerhin aber schon erheblich gebessert. Kurz zu rekapitulieren:

Mittwoch auf der Kegelbahn erneut heftiger Zusammenstoß mit Halbe. Ich hatte mir herausgenommen, beiläufig zu sagen, daß ich die Munitionslieferung der Vereinigten Staaten an England nicht für das ärgste Unrecht in diesem Kriege zu halten vermöchte. Denn einmal ist Amerika nicht durch völkerrechtliche Verträge formell verhindert, Konterbande auszuführen, außerdem würden die Fabriken doch ebensogern für Deutschland Waffen liefern, wenn es nur ginge, und schließlich habe im vorigen Jahr auch Deutschland im Kriege gegen die U-St. Mexiko mit Kriegsmaterial versorgt. Halbe nahm das zum Anlaß, mir vorzuwerfen, daß ich alles gutheiße, was die Gegner tun und alles verurteile was von den Deutschen geschieht. Auch ich wurde sehr heftig und erklärte alles, was in diesem Kriege von irgend einer Seite bisher geschehn sei, und was noch geschehn werde, für unermeßliche fürchterliche Schweinerei. Dabei sei keiner besser als der andre, und wenn stets alles Deutsche gepriesen, alles Antideutsche prinzipiell verunglimpft werde, so mache ich bei der Parteilichkeit nicht mit. – Es ist fast, als ob aus jedem Menschen ein freiwilliger Polizist geworden wäre, stets auf der Lauer, den andern auf unerwünschte Empfindungen festzulegen. Ich will sehn, ob ich ohne es auffällig zu machen, den Umgang mit Halbe etwas einschränken kann.

Bruno Frank ist in München. Er war als Freiwilliger eingetreten, erst im Westen als Dolmetscher, dann im Osten als Meldereiter tätig, ist zum Unteroffizier befördert und hat das Eiserne Kreuz. Wegen Überanstrengung von Lunge und Herz ist er – voraussichtlich für immer – frei geworden. Ich war vorgestern und gestern abend mit ihm zusammen. Ein feiner Kerl, aber von der Rechtmäßigkeit des Krieges und der deutschen Sache durchdrungen. Trotzdem sehr bereit, meine entgegengesetzten Ansichten ruhig, sachlich und klug zu diskutieren. Ein guter Ausdruck von ihm. Ich erklärte ihm meine Auffassung über die Gründe der deutschen Unbeliebtheit. Als ich nach dem Ausdruck suchte für das, was den Deutschen in ihrer Zuverlässigkeit und Sicherheit fehlt, half er aus: „Seelischer Komfort“. Das ist es in der Tat.

Gestern war nun auch überraschend Hans Bötticher auf Urlaub da, der heut schon wieder abreisen muß. Er ist Bootsmannsmaat auf einem Minenleger und in Wilhelmshaven stationiert. Einen Feind hat er noch nicht zu sehn bekommen, obwohl er seit den ersten Augusttagen dabei ist. Aber mit giftigem Groll ist er überfüttert. Ein finsterer Haß gegen alles, was dort geschieht, über die Roheit der Menschen, die Eigennützigkeit, Ungerechtigkeit und all den Jammer ist über ihn gekommen, und er hatte Ausbrüche fast verzweifelter Art. Einer, aus dem der Krieg einen Rebellen gemacht hat.

Wir hatten abends Bötticher zu Ehren in der Klause einen Ausnahmsabend des „Vereins süddeutscher Bühnenkünstler“, den ersten seit Kriegsausbruch: Maaßen, Hörschelmann, Foitzick, Unold, Frank a. G., Flörke, Bötticher und ich. Es war recht nett (alle Politik wurde vermieden). Fortsetzung bei Unold bis 5 Uhr früh. Ich begleitete Foitzick noch unter theoretischen Auseinandersetzungen über anarchistische Dinge, vor seine Haustür.

Neue Kriegstaten von Wichtigkeit sind nicht geschehn. Aber durch die Dardanellen-Beschießung ist die politische Situation äußerst zugespitzt. Man kann täglich des Eingreifens Italiens gegenwärtig sein. Denn es stellt sich heraus (was mir auch schon bei der Lektüre der Buchnerschen „Kriegsdokumente“ aufstieß), daß Österreich mit seiner Kriegserklärung an Serbien gegen das seit 36 Jahren geheim gehaltene Dreibundabkommen mit Italien verstieß, und somit der Bundesgenosse formal nicht mehr an etwelche Verpflichtungen gebunden ist. Die deutsche Presse bearbeitet nun mit Hochdruck Österreich, das Trentino preiszugeben. Ob die gewissenloseste aller Regierungen es tun wird? – Auch Griechenland scheint im Begriff, aus der Neutralität herauszugehn. Rumänien wird dann wohl auch nicht mehr lange zögern, und auf Bulgarien sich zu verlassen, dazu gehört schon der à tout prix-Optimismus, über den Halbe verfügt. – Die Angelegenheit Japan-China steht auf Spitz und Knopf. Jedenfalls scheint in ganz kurzer Zeit der Vorhang über einem neuen Abschnitt des Weltkriegs hochgehn zu wollen. Wie lange noch?

Von Jenny ein Brief, der leider recht kühl klingt und wieder ein langes Schreiben nur in Aussicht stellt. Woran bin ich nur mit dem Mädel?

 

München, Sonntag, d. 7. März 1915.

Der Katarrh hat sich zu einer formvollendeten Influenza ausgewachsen. Schnupfen, Husten, Kopf-, Halsweh und Fieber. Aus der Verabredung mit Zenzl, die ich erwarte, wird wohl nichts werden können.

Der üble Zustand bewog mich auch gestern abend, schon frühzeitig – um 10 Uhr aus der Torggelstube aufzubrechen. Rößler mit dem Consul fuhren mich heim. Ich hätte aber auch bei gesunderer Verfassung nicht bleiben können. Fritz Basil, Leutnant, war da und bramarbasierte so schauderhaftes patriotisches Zeug zusammen, daß sich mir der Magen umdrehen wollte. Die Damen – Annie Balder, Else Sarto und der Consul – machten ihm gerührte Komplimente, weil er mit seinen 52 Jahren noch als Freiwilliger ausmarschiert war. Er lehnte die Schmeicheleien mit jener anspruchsvollen Bescheidenheit ab, die mit sich selbst so maßlos zufrieden ist. Er habe nur getan, was jeder deutsche Mann tun mußte und dergleichen. Dann erzählte er, wie er – bei einer Erkundung – das Eiserne Kreuz erwarb und kam dann zum Politisieren. Natürlich sind die Italiener nicht nur Schufte, sondern zugleich die größten Esel, daß sie gegen uns kämpfen wollen. Aber sie sollen uns nur kommen! Wir werden es überhaupt der Welt schon zeigen. Die Belgier müßten einfach aus dem Lande gejagt werden. Den Platz brauchten jetzt wir für unsre Kolonisten! – – Das sind alles gute anständige Menschen, die jetzt mit voller Überzeugung fordern, man müsse ein ganzes Volk von seiner Scholle verjagen, um das eigne Geschäft zu vergrößern. Ihnen das Fürchterliche ihrer Gesinnung auseinanderzusetzen, hätte garkeinen Zweck. Sie würden es sowenig fassen, wie ich ihre Gemütsbeschaffenheit fassen kann.

Auf dem Bluttheater ist nichts Entscheidendes vorgefallen. Es heißt, Venizelos, der Crispi Griechenlands, habe demissioniert, weil der hellenische König nicht wolle wie er. Wer von beiden den Krieg will, ist nicht erkenntlich. Vielleicht Willys Schwager, der sich wegen seiner Hohenzollern-Ehe rächen will?!

 

München, Montag, d. 8. März 1915

Eben habe ich einen langen Brief an Jenny geschrieben, und der hat mir wohlgetan. Ihr kann ich immer noch mein Herz in allen quälenden Dingen am freiesten ausschütten. Diesmal habe ich ihr auseinandergesetzt, wie ich mich verhalten müßte, falls etwa die Ausgemusterten noch einmal zur Gestellung müßten, und ich tauglich befunden würde. Das ist keineswegs ausgeschlossen, da der ungediente Landsturm schon ausgehoben ist und jeden Tag einberufen werden kann. In Frankreich hat man längst eine Nachmusterung auch der Ausgeschiedenen vorgenommen. Ich würde – das habe ich mir sorgfältig überlegt, den Gehorsam höchstens solange leisten, wie man von mir keinen Mord forderte. Den würde ich verweigern müssen, sei es auch auf Kosten des Lebens. Nicht daß ich soweit mit Tolstoj mitginge, daß ich grundsätzlich niemals die Waffe gegen einen Menschen erhöbe, aber ich müßte dazu von persönlicher Feindschaft geleitet sein. Im Interesse deutscher Börseaner und Industrieller französische Arbeiter abschießen – nein! Hoffentlich bleibt mir die Praxis dieser Überlegung erspart!

Bei der Aushebung des Landsturms haben sich groteske Szenen abgespielt. So mußte Thomas Mann sich stellen. Er stand nackt vor dem Offizier, der ihn fragte, was er sei. Auf die Antwort „Schriftsteller“, folgte die weitere Frage: „So, was haben Sie denn geschrieben?“ – Man muß sich das nur vergegenwärtigen, um die ganze Würdelosigkeit dieser Zeit zu begreifen. Ein Mann vom Range Thomas Manns, muß splitternackt vor irgendeinem Leutnant stehn und auf dessen ungebildete Näselei über sein Lebenswerk Auskunft geben!

Wenn – was in absehbarer Zeit der Fall sein wird – diese ungedienten Landsturmleute der zivilen Bevölkerung entnommen sein werden, wird man gespannt sein dürfen, in welcher Weise die Produktion im Land aufrecht erhalten werden soll. Eines Tages werden es wohl auch noch unsre patriotischen Enthusiasten schmerzlich empfinden lernen, daß Krieg ist.

Griechenland soll sich also vorläufig zu weiterer Neutralität entschlossen haben. Venizelos wollte den Krieg, wurde aber von der Kabinettsmehrheit, zu der der König gehörte, überstimmt. Italiens Pläne sind noch dunkel. Dagegen soll sich zwischen Japan und Amerika Chinas wegen etwas zuspitzen. Man glaubt gern, was man wünscht. Ich bezweifle sehr, daß die Vereinigten Staaten sich in das Abenteuer begeben werden. Die Angriffe der Verbündeten gegen die Dardanellen werden mit großer Energie und Ausdauer weiter gefördert. Die Türken berichten stereotyp, daß die Forts und Batterien „ohne jeden Erfolg“ beschossen worden seien. Wenn Konstantinopel demnächst fällt, wird man das in der Türkei und bei uns (Halbe, Schmitz etc.) als völlig bedeutungslos vermerken und womöglich noch beweisen, daß das die denkbar erfreulichste Wendung für die deutschen Aussichten bedeute.

Wie ich heute von Rößler erfuhr, ist der Maler Bichl gestorben, ein netter junger Mensch, der vor etwa einem Jahr plötzlich geisteskrank wurde. Somit ist der Tod wohl ein Segen für ihn. Er war ein begabter Plakatzeichner und einer der besten Billardspieler, die ich kannte. – Noch ein Wort von Rößler (von mir in Fassung gebracht): „Es gibt einen Gott, aber er ist ein Arschloch.“

Aus der Verabredung mit Zenzl wurde gestern doch etwas. Und meiner Influenza hat das merklich wohlgetan.

 

München, Dienstag, d. 9. März 1915.

Der finanziellen Gestaltung dieses Monats sehe ich mit rechter Besorgnis entgegen. Da ich Zenzl von dem Monatsgeld 10 Mk abgab, mußte ich bald ganz festsitzen. Heut früh kam nun überraschend A. R., der mir einen österreichischen 10 Kronenschein lieh (ich muß ihn noch wechseln). Davon soll Z. wieder 3 Mk erhalten. Die Herrenmodezeitschrift hat sich immer noch nicht gerührt, und weiteres habe ich nicht zu erwarten, da der Schutzverband, wie mir Martens gestern erklärte, nach den 150 Mk im vorigen Monat für mich nicht länger in Frage kommen kann.

Ich traf Martens im Krokodil. Außer uns: Wedekind, Kutscher, Henckell, Wilm, Behrend. Natürlich nur Kriegsgespräche. Kutschers Gedrücktheit ist einer argen Gereiztheit gewichen, die sich besonders gegen die Engländer Luft macht. Meine Hoffnung, der Krieg werde ohne Gebietsräubereien enden, sodaß nirgends ein Revanchewunsch übrig bleibt, teilt er garnicht. „Unser Blut“ muß immer als Beweis heran, daß es ohne Lohn nicht abgehn dürfe. Als ob die andern nicht auch ihr Blut hergäben, und als ob die Leute, die bluten müssen, am Gewinn partizipierten! – Wedekind, der übrigens noch recht krank scheint, begründet seine Hoffnung, man werde Belgien deutsch machen, mit allerlei Verschrobenheiten. Er erhofft sich sonderbarerweise davon allgemein größere Freiheitlichkeit in Deutschland. Närrische Idee!

Bruno Frank erzählte kürzlich folgende charakteristische Geschichte vom Forum-Herzog. Der hatte ihm – etwa 2 Monate vor dem Krieg – telegrafiert, er möge ihm einen Artikel schreiben, und Frank hatte darauf geantwortet, er werde demnächst einen Artikel in entschieden pazifistischem Sinne an Herzog schicken. Tat er auch, und der Artikel erschien. Im Oktober kam dann das Forum heraus mit Herzogs „Triumph des Krieges“ und einem schmalzigen Nachruf auf den Abgeordneten Dr. Ludwig Frank. Welche ironische Tragik, meinte Herzog, liege doch darin, daß der im Kriege gefallene Sozialdemokrat ihm, Herzog, noch im letzten Telegramm das Anerbieten eines Artikels im entschieden pazifistischen Sinne gemacht hätte. Folgt im Wortlaut das Telegramm von Bruno Frank mit der Unterschrift „Frank“. – Das Ganze paßt durchaus in das Charakterbild des Schmocks mit der doppelten Moral, der zugleich mit sehr hohen Empfehlungen sich in Belgien von den Offizieren auf den Schlachtfeldern herumführen läßt und Artikel schreibt, die dem Kriegsministerium gegenüber von Loyalität triefen, vor unsereinem aber als Ausflüsse sarkastischer Erbitterung erklärt werden. Scheißkerl!

Von Grethe erhielt ich heute ein Paket mit Lübecker Heringen (die heute für mich und Zenzl ein Abendbrot abgeben sollen). Der beigelegte Brief berichtet von Papas Befinden, daß das Herz wieder einigermaßen regelmäßig funktioniere, aber die durch die Schwäche gebotene Untätigkeit den alten Mann tief deprimiere. Besonders mache ihm auch meine Zukunft schwere Stunden. Hätte er mir etwas leichtherziger über die Vergangenheit hinweggeholfen, so könnte er sich diese Sorgen ersparen. – Bedauerlicherweise berichtet Grethe, daß es der Tante in Weidmannslust, die schon seit einem Jahr kränkelt, schlecht gehe. Sie scheint leider Todeskandidatin zu sein. Die Weidmannsluster haben mir seit meiner Mutter Tod gewissermaßen das Vaterhaus ersetzt. Es müßte mir wohl sehr nahe gehn, wenn dort Trauer einzöge.

 

München, Mittwoch, d. 10. März 1915

Ich lese täglich 4 Zeitungen: Das „Berliner Tageblatt“, aus dem ich mich über Theater- und Kunstdinge informiere und unter „Familienanzeigen“ nach bekannten Namen fahnde, die „Neue Züricher Zeitung“, die mich über den jeweiligen Stand der Kriegsereignisse mit einiger Objektivität auf dem Laufenden hält, neuerdings noch den „Vorwärts“, in dem ich die täglich sichtbarer werdende Krisis in der sozialdemokratischen Partei verfolge (das Blatt bestrebt sich eine leidlich charaktervolle Haltung zu wahren) und am ausführlichsten die „Münchener Zeitung“, weil sie alles wissensnötige Tatsächliche enthält, und gleichzeitig den Typus der Zeitung darstellt, wie sie sich der kriegerische Nationalist hierzulande wünscht, und wie sie sicher auch im kämpfenden Ausland beschaffen ist: verlogen, hetzerisch, ruhmredig und unter der Maske der unwandelbaren Überzeugungstreue durchaus gesinnungslos. Daß ich die „Münchener Ztg.“ den „Münchn. Neuesten Nachrichten“ vorziehe, hat seinen Grund nur darin, daß dies größere Organ zweimal täglich erscheint, und jeden Tag mehr als einmal dergleichen Lektüre zu fressen, das wäre mir zuviel.

Kein Tag vergeht in dem Mistblatt (wie in fast jedem andern) ohne die geschmacklosesten Unehrlichkeiten. Ich will aus der heutigen Ausgabe einen Satz des Leitartikels als Beleg zitieren: Es handelt sich um die Dardanellenbefestigung, die als „Theaterdonner vor den Dardanellen“ bezeichnet wird. Die augenblicklichen Regierungsleiter in London und Paris werden dann „diese Verbrecher in der Staatsmannsmaske“ genannt, die den Angriff auf die Dardanellen nur unternommen haben, um einen neuen Balkankrieg heraufzubeschwören und dadurch sich in ihren Stellungen und ihrem Ansehn zu retten. „So handeln nicht mehr Leute“, schließt der Artikel, „die dem eignen Vaterland nützen wollen, so handeln Narren oder Gauner, die da sagen: Nach uns die Sintflut. Aber es ist alles anders gekommen.“ – Also, die Türkei steht im Kriege gegen den Dreiverband. Macht der jetzt den Versuch, die Einfahrt ins feindliche Gebiet zu erzwingen, so ist das Narrheit und Gaunerei. Versuchen Franzosen und Engländer die Griechen zum gleichen Kampf zu bewegen, so sind sie Verbrecher. Die Schmöcke müssen ihre Leser wohl kennen, daß sie nicht fürchten, es könnte jemand fragen: Was war es denn eigentlich, daß die Zentralmächte die Türkei mitsamt dem Anhang der grünen Fahne in ihr Fahrwasser lotsten? Und warum ist es unterschieden, wenn die Deutschen auf Paris und wenn die Engländer auf Konstantinopel marschieren?

Ob nun wirklich „alles anders gekommen“ ist, steht noch dahin. Plötzlich wird von türkischer Seite und von den deutschen Journalisten im türkischen Lager behauptet, sämtliche Angriffe der Verbündeten gegen die Dardanellen seien bisher absolut ergebnislos gewesen, die Reutermeldungen darüber seien samt und sonders erlogen. Ich bin im vorhinein stets geneigt, keinem zu glauben. Aber diese verspätete Ableugnung der erlittenen Schäden kommt mir noch weniger wahrscheinlich vor, als die Siegesmeldungen der „Feinde“. Die Türken haben sich in diesem Kriege bis jetzt als die ungeniertesten Lügner erwiesen.

Im übrigen siegen sämtliche Heere auf sämtlichen Kriegsschauplätzen täglich weiter. Und der Frieden scheint entfernter zu sein denn je.

 

München, Donnerstag, d. 11. März 1915.

Wilm brachte gestern das Gerücht auf die Kegelbahn, daß die Ausgemusterten schon gleich nach dem 15ten März zur Nachmusterung aufgerufen würden. Stimmt das, dann kann ich mich also auf sehr tragische Verwicklungen gefaßt machen. Als ich jüngst im Krokodil über die Eventualität sprach, das Morden auf Befehl verweigern zu müssen, wurde die Ansicht laut, daß das niemand erfahren würde. Einer, der vor dem Feinde den Gehorsam versagt, werde einfach erschossen und figuriert dann unter den „fürs Vaterland“ und „auf dem Felde der Ehre“ Gefallenen. Ich würde also wohl im Falle des Entweder-Oder schon vorher meine Ablehnung erklären müssen, in der Hoffnung freigelassen zu werden, da die Ausübung des Gewissenzwangs für das Wohl der Kriegssache doch ohne Nutzen wäre, oder aber mit der Aussicht auf langjähriges Zuchthaus.

In der Champagne ist die furchtbare Aktion der Franzosen, die 3 Wochen gedauert hat, zu einem für die Deutschen siegreichen Abschluß gebracht werden. Das heißt, der Durchbruchsversuch ist an dieser Stelle gescheitert. Die Oberste Heeresleitung, die im Westen mangels großer Unternehmungen bei kleineren sehr dick aufträgt, nennt die Kämpfe dort „die Winterschlacht in der Champagne“ und behauptet, obwohl ihr Erfolg nur in der defensiven Abwehr und Innehaltung der alten Position besteht, daß dies „Ruhmesblatt“ „sich demjenigen, das fast zu derselben Zeit in Masuren erkämpft wurde, gleichwertig anreiht“. Wie würde man da erst die immer noch verschwiegene Marneschlacht bewerten, wenn sie für die Deutschen glücklich verlaufen wäre! – Übrigens muß es in der Ecke, wo ja Kutscher die ganzen Wochen aushalten mußte, schrecklich zugegangen sein. Es heißt im amtlichen Bericht, daß die Franzosen oft mehr als 100 000 Schüsse aus ihren Geschützen während 24 Stunden auf 8 Kilometer Front verfeuerten. Ob die angegebenen Verlustzahlen (15000 Deutsche und 45000 Franzosen) richtig sind, ist wohl zweifelhaft. – Kutscher erzählte, daß die französischen Gefangenen erklärten, eine solche artilleristische Tätigkeit, wie sie die Deutschen ertrügen, müßte, von ihnen ausgeübt, den Krieg sehr schnell entscheiden, da die Franzosen solchen entsetzlichen Attacken nicht gewachsen wären. Als Kutscher weiter sagte, in Deutschland fehle es an genügend Kanonen und Munition, wurde Halbe sehr nervös und erklärte selbst Kutscher als Flaumacher. Nicht mal das können unsre Patrioten vertragen. Was ungünstig für Deutschland klingt, ist eben nicht wahr, und Halbe bewies Kutscher, daß das, was der mit eignen Augen, Ohren, Nerven erlebt hat, eben nicht wahr ist. Kutscher lächelte und schwieg.

Ebenso erklärt Halbe, daß der Angriff der Franzosen und Engländer auf die Dardanellen völlig gescheitert und erledigt sei. Es sei ein bloßer Bluff gewesen, um die Balkan-Neutralen zur Aktion zu bringen. Was werden diese Leute sagen, wenn nun doch plötzlich die Einfahrt gelingt und Konstantinopel besetzt wird? Oh, sie werden auch das als höchst glückliche Fügung preisen und beweisen, daß es so in der Absicht der Deutschen und ihrer Bundesgenossen lag und nicht anders.

Die Humanité schreibt zur Stuttgarter Rede Wolfgang Heines (der sich im preußischen Abgeordnetenhaus einer Anbiederungsrede Hänischs an die Regierung und die bürgerlichen Parteien würdig anschloß): „Der deutsche Sozialismus hat nichts mehr mit dem internationalen Sozialismus gemein. Die Auffassung, die Heine vertrat, macht aus dem Proletariat Deutschlands eine für immer von der Regierung abhängige Klasse und eine ewige Drohung für die Arbeiterklassen aller Nachbarländer ...“ Sehr richtig!

 

München, Freitag, d. 12. März 1915.

Im Torggelhaus sprach ich Wedekind, der mit Frau Tilly (entzückend wie nur je) aus dem Theater kam. Das Gespräch ging um die Aussichten von Kunst und Kultur nach dem Kriege. Wedekind äußerte sehr Kluges: Die Kultur habe bei Ausbruch des Krieges „am Abschluß eines Anlaufs“ gestanden, für den es besonders charakteristisch gewesen sei, daß er mit Nacktaufführungen geendet habe. Das 19. Jahrhundert sei das kulturell fruchtbarste der neueren Geschichte gewesen, die Reaktion habe schon das Gewaltmittel dieses alles zerstörenden Krieges gebraucht, um die weitere Entwicklung zu hemmen. Die Neubelebung des kulturellen Geistes sieht W. sehr pessimistisch an, wie er denn mit mir auch in der Auffassung übereinstimmt, daß dieser Krieg nichts bietet, was mit seiner Grauenhaftigkeit aussöhnen könnte. Im Berl. Tagebl. fand ich vor einigen Tagen das Wort von „voraugustlichen“ Stimmungen, natürlich von einem nachaugustlich Gestimmten. Das zeigt, wo die neue Ära anschließen will: Etwa beim Stande von 1853. Ich empfahl „Mießmachen“ bei jeder Gelegenheit, um bei nicht völlig verbohrten Menschen Opposition lebendig zu erhalten. Nur kann man öffentlich nicht viel Opposition machen. Nur die Reaktion darf stänkern, in der Politik, in der Kunst und in allen Dingen. Die andern stören den „Burgfrieden“. Um die Fiktion aufrechtzuerhalten, daß Deutschland von Rußland, England, Frankreich und womöglich auch Belgien ruchlos überfallen wurde, durfte man anfangs nur von dem „uns aufgezwungenen“ Kriege sprechen. Ich will in Privatgesprächen das Wort einführen „der uns aufgezwungene Burgfriede“, um den schäbigen Zwang zu kennzeichnen, unter dem wir das Maul halten müssen.

Mein Geld ist ganz alle. Nicht mal Briefmarken habe ich mehr. Und die verfluchte „Rundschau des Herrn“ rührt sich nicht, obwohl Kahn mehrfach gemahnt hat. Dabei ist Zenzl in direkter Not, und heut kam ein schon am 7. März geschriebener Brief (die Überwachungsstelle arbeitet wieder sehr langsam) an, in dem die kleine Asta mich um Geldhilfe angeht. Der armen Kleinen scheint es wirklich schlecht zu gehn.

Zugleich ein Brief von Bruno Frank. W. Herzogs Fälschung des Telegramms sei auf einen ungewollten Irrtum zurückzuführen. H. sei, von Frank zur Rede gestellt, derartig erschrocken gewesen, daß an seiner bona fides nicht gezweifelt werden könne. – Merkwürdig bleibt ein derartiger Irrtum gleichwohl, zumal, wenn er Herzog passiert. Ich will aber die Geschichte nicht weiter verbreiten.

Der Züricher „Revoluzzer“ entschuldigt sich loyal wegen seiner Attacke gegen mich in Nr. 1, und will meinen Brief in Nr. 3 abdrucken. Hoffentlich ist die unangenehme Geschichte damit erledigt. Ich bin neugierig, wieviel Ärgerlichkeiten ich noch von jenem vermaledeiten „Fremden Horden“-Satz auszubaden haben werde.

 

München, Sonnabend, d. 13. März 1915.

Die gute Zenzl macht mir das Leben recht sauer. Ich muß sie doch wohl sehr gern haben, daß ich die Beziehung nicht abbreche. Dabei verbietet ihr Gesundheitszustand den sexuellen Umgang oft wochenlang, und ihre gänzliche Armut hält mich unausgesetzt in Atem, um ihr auch nur das Dringlichste zum täglichen Leben zu garantieren. Das gelingt nicht immer, und in diesen Tagen jetzt muß ich, da ich selbst vollkommen festsitze, fast ganz versagen. Heut kam sie mir nun mit dem bedenklichen Vorschlag, ich solle Mary Irber anpumpen. Daß mir das – abgesehn von der Gefahr, eine Ablehnung zu erfahren, ganz unmöglich ist, konnte ich ihr nicht begreiflich machen. Ich habe das Mädel stets gewissermaßen literarisch verehrt, ihre Leichtigkeit, Unbedenklichkeit, verfeinerte Hurenhaftigkeit bewundert, und habe sie aus reiner Freude an der Sache an zahlungsfähige Leute verkuppelt. Verlange ich jetzt Geld von ihr, so stehe ich – wenn auch nicht vor ihr – so doch vor mir selbst wie Einer da, der seine Dienste nachträglich bezahlt haben will. Zenzl aber wurde spitzig und meinte, grade für sie möge sich eben niemand in Ungelegenheit bringen. Als ich ihr die Ungerechtigkeit des Vorwurfs vorhielt, drehte sie – wie immer in solchen Fällen – den Spieß um und war schwer beleidigt. Natürlich mußte ich noch abbitten, und es gab Tränen, Auseinandersetzungen und schließlich regulierende Küsse.

Zenzl ist das egozentrischste Wesen, das man sich denken kann – trotz aller sorglichen Gutmütigkeit. Ihre Not erfüllt sie so vollständig, daß die Vorstellung, irgendein Mensch könne Gedanken haben, die davon entfernt sind, einfach keinen Platz bei ihr findet. Daß ich mich, um ihr zu helfen, fortgesetzt in Schwierigkeiten befinde, und daß ich ihr mehr gebe als ich für den eignen Bedarf übrig habe, merkt sie garnicht, und sagte ich’s ihr, wäre sie zu stolz, um wiederzukommen. Es würde nur eine tiefe Feindseligkeit bei ihr gegen mich platzgreifen. Und so hält sie mich denn für einen hartherzigen Egoisten. Das Schlimmste ist aber, daß sie in ihre egozentrischen Empfindungen das Ergehn und die Not ihres Gatten völlig mit einschließt. Sie hält mich und alle Welt für eo ipso verpflichtet, grad diesen Künstler unter allen Umständen vor Not zu beschützen. Sie pumpt tagaus tagein für den Mann, von dem sie selbst nichts verlangt als Künstlerschaft. Soviel Einsicht, daß auch ich meiner Künstlerschaft einiges schulde, hat sie nicht, und ebensowenig soviel Gefühl, daß es einem Manne unmöglich angenehm sein kann, fortgesetzt zwischen den Zärtlichkeiten den andern Mann preisen zu hören. Meine Nerven leiden also schrecklich unter der Frau, und es wäre vielleicht auch für mich gut, wenn aus dem Projekt, nach dem Herr E.[Engler] einen Ruf an die Düsseldorfer Kunstakademie bekommen soll, etwas würde. Trotzdem würde ich Zenzl sehr vermissen. Sie sorgt für Intaktheit meiner Kleidung und Wäsche, besorgt mir, was ich mag, ist lieb und zärtlich zu mir – und hat eben doch einen Charme im ganzen Wesen und dabei eine so blühende Schönheit des Leibes, daß ich mich schwer von ihr trennen könnte, und es gewiß nicht im Unguten täte. Wäre Geld da, wieviel reiner und schöner wäre auch diese Liebe!

Mit dem Dalles bin ich allmählich bei einem Punkt angelangt, von dem ich kein Weiter mehr sehe. Kahn erklärt, er habe schon mehrfach grobe Briefe an den Verlag der Herrenzeitschrift geschrieben. Aber was nützt das, wenn die Leute eben nichts schicken? Der Schutzverband hilft mir nicht mehr, an Mitarbeiterschaft bei Zeitschriften ist überhaupt nicht zu denken. Wenn man die „Jugend“ ansieht, so erschrickt man über den Tiefstand der Gesinnung und des künstlerischen Niveaus. Das Wort Kitsch sagt viel zu wenig für die patriotischen Leistungen der Herren Dietz, Erler und Genossen. Der Simplicissimus hält wenigstens in künstlerischer Hinsicht einige Höhe. Aber was nicht auf den Ton gestimmt ist „Gott strafe England“, wird nicht berücksichtigt. Der „Vorwärts“ schrieb neulich nebenbei: „Das ehemalige Witzblatt Simplicissimus“. Wahrlich, wir leben in einer großen Zeit, – und ein Blick in die Zukunft sieht ins Graue und trostlos Trübe.

 

München, Montag, d. 15. März 1915.

Beim Durchstöbern und Aufräumen fand ich mehreres, was ich dem Archiv dieses Tagebuchs beilegen will: den Text des „Hetzgesanges gegen England“ von Ernst Lissauer, diese widerliche journalistisch-unehrliche, rein auf geschickte Mache basierte Bardenhymne, deren Vortrag bei keiner patriotischen Feier fehlt, und die auf Kosten der Armee massenhaft in allen Schützengräben verteilt worden ist.

Ferner der rührende Brief des unglücklichen Berliner Genossen Max Wolff aus dem russischen Gefängnis, der unmittelbar vor Kriegsausbruch in meine Hände kam, (er ist datiert vom 7/20. Juli 1914); und den ich leider daher nicht mehr beantworten konnte. Ich las das Schreiben heute noch einmal durch. Welche saubere anständige Gesinnung daraus spricht! Vielleicht verhilft der Friedensschluß dem armen Freunde eher zur Freiheit, als die russische Justiz sie ihm sonst geschenkt hätte. Ich will, sobald die Friedensbedingungen öffentlich erörtert werden können – wahrscheinlich im „Vorwärts“ – die Forderung aufstellen, daß alle Deutsche, die aus politischen Gründen in russischen Gefängnissen oder in Sibirien festgehalten werden, freigelassen werden müssen. Besser: alle politischen Gefangenen in allen Ländern.

Die Frage über die Erörterung des „Kriegsziels“ war Samstag nacht im „Schützengraben“ der Torggelstube Ursache heftigster Auseinandersetzungen. Kurt Aram, der gestern einen Vortrag hielt, war da und beschimpfte kräftig die deutsche Diplomatie, die sich mit einem moralischen Erfolg begnügen wolle. Er bot Wetten an, daß nicht nur kein Land okkupiert würde, sondern Deutschland sogar nicht einmal eine Kriegsentschädigung erhalten werde. Die deutschen Diplomaten Bethmann, Jagow, Pourtalès etc. seien Idioten, sie seien im Gegensatz zur ausländischen Diplomatie nicht im geringsten über die Mittel der Feinde orientiert gewesen, etc. Halbe kann nun aber eine Beschimpfung deutscher Einrichtungen oder maßgebender Persönlichkeiten auch dann nicht vertragen, wenn er wohl im Grunde seines Herzens mit dem andern einverstanden ist, und so gab es zwischen ihm und Aram so scharfe Kontroversen, daß jeden Moment richtiger Krach auszubrechen drohte. Auch Maaßen mischte sich ein, und erst reichlicher Alkohol besänftigte die Gemüter. Ich vertrat, übrigens unterstützt von Halbe, die These, daß die Diplomatie weder hier noch anderwärts etwas tauge, weil die Art ihrer geheimbündlerischen Tätigkeit notwendig zu Torheiten führen müsse. Alles diplomatische Versagen sei also auf das Geschäft der Diplomatie selbst zurückzuführen.

Mein Einwand freilich, daß es doch wohl nicht soweit sei und wohl kaum je dahin kommen werde, daß Deutschland einfach Friedensbedingungen stellen kann, fand keine Gegenliebe. Dann müssen wir eben allesamt noch ran, hieß es und bis zum letzten Blutstropfen in bekannter Tonart. – Die Leute wollen nicht sehn. Erst in den letzten Tagen haben die Engländer bei Neuve-Chapelle große Erfolge erzielt, die sogar im Bericht der deutschen Obersten Heeresleitung verblümt zugegeben werden („nach anfänglichen Erfolgen – “), und auch im Osten hat sich gezeigt, daß die Russen unmittelbar nach der furchtbaren Niederlage in Masuren imstande waren, eine große Gegenoffensive in Polen zu unternehmen, deren Ausgang noch lange nicht entschieden ist. Italien ist durchaus noch nicht zur Ruhe gebracht – Österreich will offenbar Trient nicht hergeben – und ebensowenig kann man heute schon von einem Scheitern der Dardanellen-Aktion sprechen. Woraufhin also unsre Patrioten den Frieden „diktieren“ wollen, ist nicht erkennbar. Auch wenn noch ein paar Hunderttausend Mann gefallen sind, wird weder westlich noch östlich der Widerstand gebrochen sein.

Inzwischen werden über die Mittel der Kriegführung tagtäglich widerlichere Einzelheiten bekannt. Die Franzosen werfen den Deutschen vor, daß sie flüssiges unlöschbares Feuer in die feindlichen Schützengräben spritzen, die Deutschen den Franzosen, daß sie mit Handgranaten arbeiten, die die Luft verpesten und vergiften, und daß sie mit Infanteriegeschossen schießen, die beim Aufschlagen Flammen erzeugen. Inzwischen sinken täglich englische Handelsschiffe, wobei friedliche Menschen umkommen, aus den Lüften fliegen Bomben in die Städte und töten Weiber, Greise und Kinder und Haß, Verbitterung, Verleumdung wirft immer trübere Fluten auf.

Nach einer italienischen Meldung in der „N. Züricher Zeitung“ ist die deutsche Regierung Italien gegenüber schwer kompromittiert. Eine Berliner Firma sandte Bier in Fässern nach Tripolis. Durch einen Zufall kam man beim Umladen in Venedig darauf, daß die Fässer mit doppeltem Boden versehn waren und in Frankreich erbeutete Gewehre mit Munition enthielten. Es ist klar, daß diese Waffen nur von der Regierung selbst geliefert sein können und erst recht, daß sie den Eingebornen in Tripolis in ihren Aufständen gegen Italien helfen sollten. Das kann nun nette Weiterungen geben. In deutschen Blättern fand ich nichts über die Geschichte.

Gestern habe ich eine Zusammenstellung meiner Einnahmen im Jahre 1914 gemacht. Sie sind sehr betrübend: im ganzen verdiente ich durch Berufsarbeit 1006 Mark 87 Pfennige. Davon entfallen nur 64 Mark 75 in die Zeit seit Kriegsausbruch. Freilich enthält die Summe vorher das Honorar (500 Mk), das ich von Cassirer für das Gedichtbuch erhielt. Zu diesen Einnahmen kommen noch 52 Mark 30 an Spielgewinn (Poker).

Dieses Jahr hat nun ganz traurig eingesetzt, und die gegenwärtigen Tage stellen gradezu einen Comble dar. Die Schulden wachsen, die Verlegenheit ist hoffnungslos, deprimierende und kompromittierende Situationen häufen sich, und die Dreckbande von der Modezeitung läßt nichts von sich hören. „Gertrud! Gertrud! Wenn Leiden nahn, dann nahn sie in Geschwadern!“

 

München, Dienstag, d. 16. März 1915.

Wenn im feindlichen Auslande für diese oder jene Produkte Höchstpreise angesetzt werden, wenn Maßnahmen irgendwelcher Art ergriffen werden, um Mangel an dringlichen Bedarfsmitteln rechtzeitig zu verhindern, dann berichten unsre Zeitungen das unter der Überschrift „Rußland in Not“, „Frankreich vor dem Zusammenbruch“, „die wirtschaftliche Krise in England“ etc. Bei uns dagegen wird alles als unerschöpflich hingestellt und um die höchst fühlbaren und fast panikartigen Maßregeln der Regierung zur Sicherung der Volksernährung mit heller Begeisterung herumgeredet. Unser organisatorisches Talent hat wieder mal alle Schwierigkeiten beseitigt! Die Aushungerung Deutschlands ist ein für allemale gescheitert! Dabei werden von Tag zu Tag die Klagen lauter über die zunehmende und kaum mehr erträgliche Teuerung. Zenzl erklärte mir heute, daß sie für einen Krautkopf, der sonst 10 bis höchstens 15 Pfennige kostete, jetzt ½ Mark zahlen muß. Zwiebeln, Salz, kurzum alles Unentbehrliche ist kolossal im Preise gestiegen. Über Mehl und Brot ist das Staatsmonopol verhängt und die Kartoffelvorräte werden in kürzester Zeit ebenfalls von Staatswegen verwaltet werden. Bei alledem wird das Geld überall knapper, das garkein richtiges Geld mehr ist, sodaß wir, wie mir scheint, durchaus nicht mehr weit von einem wirklichen katastrophalen Notstand entfernt stehn. Vielleicht wäre es in gewisser Hinsicht gut, wenn die Krisis bis zur Hungersnot anwüchse. Das wäre wohl Gewähr, daß der psychische Zwang zur Beendigung des großen Mordens führte, ehe eine der Parteien physisch unterlegen wäre. Aber der deutsche Arbeiter schweigt.

Ich bin, nachdem ich die letzten Tage von Muhr, Maaßen, Strauß noch je 1 oder 2 Mark pumpen konnte, am Rande meiner Mittel. Rößler verweigerte mir heute die Mark, um die ich ihn bat. Bei der Zigarren-Margot bin ich 7 Mk schuldig, Briefmarken habe ich garnicht mehr und Kahn teilte mir mit, daß die Saubande von der „Rundschau des Herrn“ noch Änderungen an dem Artikel wünsche und sich mit mir persönlich in Verbindung setzen wolle. Das heißt nichts andres, als daß sie die Honorierung hinauszögern wollen. Wohin soll das alles noch führen?

 

München, Mittwoch, d. 17. März 1915.

Gestern mußte ich aufs Abendbrot verzichten, eine in früheren Jahren selbstverständliche Übung, die mir aber in meinem Alter, wo sich doch immerhin ein gewisses Bequemlichkeitsbedürfnis bemerkbar macht, auf die Dauer doch recht empfindlich ankäme. Für heut ist wieder gesorgt. Denn ich habe das drittletzte Exemplar meiner „Wüste“ verkauft. Die Berliner Buchhandlung Friedländer u. Sohn hatte mich vor einigen Tagen angefragt, wo das Buch noch zu haben sei, da es bei ihr bestellt wäre. Ich teilte darauf (gemäß der Bekanntmachung im „Kain“) mit, daß ich selbst noch ein paar Exemplare des völlig vergriffenen Bändchens besitze, wovon ich der Firma eins für 7 Mk 50 Pf zur Verfügung stelle mit der Bitte, es grundsätzlich nicht unter 10 Mk zu verkaufen. Heut erhielt ich nun das Geld und kaufte zuallernächst Briefmarken. Heut abend treffe ich Kahn. Vielleicht finden wir Mittel, die Berliner Bande doch endlich zur Zahlung zu veranlassen. Andernfalls müßte ich die 40 Mk dem Schutzverband zedieren und mir die Summe von Martens vorstrecken lassen.

Der Schutzverband hatte gestern eine außerordentliche Mitgliederversammlung, die recht gut verlief. Die Hilfsaktionen für die durch den Krieg bedrängten Kollegen schreiten erfreulich vorwärts. Ich beteiligte mich verhältnismäßig wenig an den Debatten. Nachher bei Neichel, wo ich von Ziersch’s Wein mittrank und bei erheblicher Magenverödung einige Qualen litt, da andre am Tisch Caviar aßen und ich mir nichts anmerken lassen wollte.

Heut nachmittag kommt wahrscheinlich die Freundin der Frau Prévôt zu mir, eine Wiener Jüdin, Frl. Elbogen, nicht grade schön, aber sympathisch und klug. – Ich spähe nach einer Gelegenheit, die Bekanntschaft einer täglich im Stefanie erscheinenden blonden Dame zu machen, die mich in erstaunlichem Maße an Friedel erinnert und daher unsinnig interessiert. Die gleiche Figur, ganz ähnlicher Gang, sehr verwandter Gesichtsschnitt, besonders im Profil. Nur der Mund ist viel weniger fein und edel als Friedels, deren Küsse in süßer Erinnerung noch meine Todesstunde verschönen werden.

 

München, Freitag, d. 19. März 1915.

Mittagspause im Prozeß Fred ctr. Halbe, zweite Instanz. Wahrscheinlich wird, da der Vorsitzende eine starke und fast animose Voreingenommenheit gegen Halbe zur Schau trägt, Mayers Verurteilung Halbes zu 50 Mk bestätigt werden. Ich hatte auch heut wieder den Eindruck, als ob die ganze Hineinzerrung persönlicher Reibereien in öffentliche Beteiligung höchst überflüssig wäre. Was ich von der Sache und ihrem Recht halte, habe ich Halbe selbst mehrfach deutlich gesagt. Ich bin durchaus nicht seiner Meinung, daß Freds Verweigerung einer Lazaretteinrichtung neben seiner Wohnung eine unsoziale Handlung sei, finde es aber haarsträubend, daß die gegenteilige Meinung im privaten Kreise nicht mit aller Schärfe ausgesprochen werden darf. Mit solchen Verurteilungen hört alle Kritik überhaupt auf. Friedenthal in der wenig beneidenswerten Rolle des Zuträgers machte einen wahrhaft kümmerlichen Eindruck in seiner gespreizten Selbstgefälligkeit.

Die beiden letzten Tage waren durch Begegnungen mit Frauen bezeichnet. Vorgestern war also Frl. Fifi Elbogen bei mir, Malerin, 32 Jahre, ziemlich jüdischen Typs, klug und sympathisch im Wesen. Sie braucht einen Freund, einen Beichtvater und hoffte ihn in mir zu finden. Sie hat einen Geliebten gehabt, 4 Jahre durch – den Einzigen im Leben – und seit 2 Monaten ist das auseinander, was das arme Geschöpf der Verzweiflung nahe gebracht hat. Ich leitete durch Küsse – in denen sie Begabung zeigte – zu der Voraussetzung über, unter der ich ihr Vertrauensmann sein kann. Gestern war ich bei ihr, ohne auf diesem Wege weiterzugehn. Ich habe ihr aber über meine Ansicht, daß Freundschaft zwischen Mann und Weib, sofern erotische Möglichkeiten zwischen ihnen da sind, nur auf erotischer Basis sein kann, keinen Hehl gemacht. Alles weitere muß sich nun finden.

Vorgestern abend rief mich überraschend Frl. Rosi Lachmann an: Roja! Wir verabredeten uns zu gestern vormittag und machten am ersten warmen Vorfrühlingstag einen prächtigen Spaziergang durch Englischen Garten und Herzogspark. Sie hat sich in der ganzen Zeit geschämt, weil sie mir Geld schuldet, was ich ihr gründlich ausgeredet habe. So natürlich und unverkünstelt wie gestern sah ich sie noch nie. Ich freute mich recht darüber, und abends aßen wir bei mir Abendbrot. Sie will jetzt wieder öfter kommen.

Heut früh eine neue Aufregung mit Zenzl. Die Ärmste leidet wieder furchtbar unter Blutungen, und muß sich vielleicht einer schweren Operation unterziehn. Daher ihre mißtrauische Nervosität in den wirklich sehr scheußlichen Geldangelegenheiten. Ich wollte die Mark, die ich besaß, mit ihr teilen, und bat sie, als wir das Haus verlassen hatten, in ein Zigarettengeschäft zu kommen. Sie verzichtete, und ich sah dem verweinten Gesicht an, daß sie mir nicht glaubte, daß ich nicht mehr hatte. So mußte ich ihr das ganze Geldstück, das sie nun nicht annehmen wollte, in die Tasche zwingen und bin selbst wieder absolut fertig. Wie die beiden letzten Märzwochen überstanden werden sollen, weiß Gott!

Vom Kriege will ich morgen „abreagieren“.

 

München, Sonnabend, d. 20. März 1915.

Eigentlich ist garnichts über den Krieg zu vermerken: Mord und Brand und Hinterlist und Infamie und Verleumdung und Haß überall – und keiner ist besser als der andre. So ist’s von anfang an und so wird’s bis zu Ende bleiben. Das Ende aber scheint immer noch in weiter Ferne zu liegen. Ein Statistiker hat die Gesamtkosten des Krieges bis zum 1. Juli, also für 11 Monate, auf 183 Milliarden Mark berechnet. Das ist natürlich dummes Zeug, – nicht weil die Summe übertrieben wäre, sondern weil eine Zahl etwas ganz Nichtssagendes ist, weil kein menschliches Begriffsvermögen imstande ist, eine Million Mark mit 183 000 zu multiplizieren und sich dabei einen realen Wert vorzustellen. Man weiß nur, daß das was hier zerstört wird unermeßlich ist, unüberschaubar, unfaßlich, und daß die Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges ein lächerlicher Bruchteil sind, gemessen an den Schrecken, Brutalitäten und Irrsinnigkeiten der gegenwärtigen „großen Zeit“. – Die Einzelereignisse verlieren dabei ganz an Interesse. Ob die Engländer bei Neuve-Chapelle, die Deutschen bei St. Eloi Erfolge hatten – wie egal ist das! Die Russen dringen wieder nach Ostpreußen ein, diesmal ganz nördlich und haben Memel besetzt. Wen geht das etwas an? Wichtig und in Wahrheit erschütternd wirkt bei alledem nur das Nebenher. Die russische „Reichswehr“ hat den Vorstoß unternommen. Eine amtliche deutsche Darstellung nennt sie einen Haufen von Mordbrennern, der plündert und Dörfer und Güter in Brand steckt. Gleichzeitig wird bekannt gemacht, daß als Gegenmaßregeln für jedes deutsche verbrannte Dorf oder Gut drei russische Dörfer oder Güter niedergebrannt werden, und daß für jeden Brandschaden in Memel selbst in Suwalki oder andern von den Deutschen besetzten Gouvernementstädten Regierungsgebäude zerstört werden sollen. Das zum ethischen Prinzip erhobene System, für die Schandtaten roher Kriegshorden friedliche unschuldige Menschen, Greise, Weiber und Kinder auf dem Vergeltungswege zu bestrafen. In Schlettstadt haben französische Flieger bei einem Bombenattentat auf eine Kaserne statt deren eine Mädchenschule getroffen und ein Dutzend Kinder getötet und schwer verletzt. Die Deutschen haben dafür in Calais 7 Bahnbeamte durch eine Bombe getötet. Täglich sinken im Kanal englische Handelsschiffe durch Unterseeboote. Gehn dabei am Kriege ganz unbeteiligte Menschen zugrunde, so ist die Freude darüber bei uns ebensogroß wie in England der Jubel über Berichte, daß bei uns Hungersnot droht und demnächst die Säuglinge an Entkräftung sterben werden. Die Presse in allen Ländern schürt diese Empfindungen des Hasses, der Entmenschlichung und der erbärmlichen Schadenfreude durch unerhörte Verhetzung und Verleumdung, und macht die Beschimpfungen gegen die „Feinde“ noch widerlicher durch dick aufgetragene ekelerregende Ruhmredigkeit für die eigne Nation und deren herrliche Führer.

Frieds „Friedenswarte“, die in den letzten Monaten durch die Wiener Zensur arg beeinträchtigt war, gibt jetzt in Zürich unter dem Titel „Blätter für zwischenstaatliche Organisation“ „Ergänzungshefte“ heraus, die das enthalten, was in den für ihre Freiheit kämpfenden Zentralstaaten zu mündig klingen könnte. Das erste dieser Hefte (Druck u. Verlag: Institut Orell Füssli, Zürich) erhielt ich gestern. Es enthält u. a. die Fortsetzung von Frieds Kriegstagebuch, in dem eine anständige Gesinnung in kümmerlichem Deutsch vorgetragen wird. Herzliche Worte über B. v. Jacobi (Lucie ist Frieds Nichte), viel Gemeinplätze, viel Gleichgültiges und Selbstverständliches, eine schreckliche Beschränktheit in dem Aberglauben, die Regierungen könnten pazifistisch gemacht werden, völliges Ignorieren der antimilitaristischen Bestrebungen, die die Kriege von den Völkern aus verhindern wollen, – aber ehrlicher Kriegshaß, heftiger Abscheu und offne Augen gegen die Greuelhaftigkeit des Kriegs, lauteres Bemühen, gegen alle gerecht zu bleiben und richtiges Urteil über die widerliche Tätigkeit der Presse. Ich überlege, ob ich nicht Fried mein Pater peccavi wegen des Schlußsatzes der Erklärung an die Kain-Leser übergeben soll.

Eine Einzelheit aus dem Kriegsverlauf der letzten Zeit sei noch nachgetragen. Im Sudan, angeblich bei Faschoda, hat nach deutschen Zeitungsmeldungen ein Gefecht stattgefunden, bei dem 40.000 mohammedanische Derwische 8000 Engländern gegenüberstanden. Von denen gingen 6000 Mohammedaner zu den Derwischen über. Die übrigen 2000 wurden niedergemacht oder gefangen genommen. Den Gefangenen aber wurde der Pardon verweigert. Sie wurden allesamt geköpft, der Kopf ihres Führers aber wurde als Trophäe des „Heiligen Krieges“ einem noch unschlüssigen benachbarten Stamm übersandt. Der ruhmreiche Sieg der Derwische wird in deutschen Blättern sehr gefeiert, ihr Verfahren mit den Gefangenen wird ohne Tadel registriert und in den gleichen Nummern der Blätter werden Franzosen und Engländer ordinär beschimpft, weil sie Indier, Gurkhas und allerlei afrikanische Stämme in ihren Reihen kämpfen lassen. Daß die ihre Gefangenen köpfen, hat man freilich bisher nicht vernommen. Es wäre ein gefundenes Fressen für Alldeutschlands Schmöcke.

Kutscher ist gestern an die Front zurückgereist. Sehr, sehr ungern und mit recht pessimistischen Gedanken. Ihn hat der Krieg zu einem müden Mann gemacht. Hoffentlich kommt er gesund zurück und findet Gelegenheit, sich seines jungen Professorentitels zu freuen. Die Nachricht von der Beförderung erhielt er – er erzählte es mir in bitterem Ton – am furchtbarsten Tage seines Lebens im Felde. „Wenn ich falle, klingt es hübscher, wenn in der Zeitung steht: der Professor an der Münchener Universität – –“. Sein Kriegstagebuch erscheint in kurzer Zeit bei Beck.

Das Urteil gegen Halbe wurde bestätigt. Fred triumphiert.

Der Deutsche Bund für Mutterschutz (Dr. Helene Stöcker) sendet mir eine Note für den Kain, daß in Norwegen die unehelichen Kinder den ehelichen gleichgestellt worden sind. Sie erhalten Erbrecht und Vatersnamen. Schade, daß ich darüber nicht schreiben kann. Ich hätte gern meine Stellung zu diesem Problem mit der grundsätzlichen Forderung des Mutterrechts (– nicht nur -Schutzes) einmal auseinandergesetzt. Überhaupt vermisse ich den „Kain“ oft und schmerzlich.

 

München, Montag, d. 22. März 1915.

Eine längere Unterhaltung mit Heinrich Mann, der über den Krieg wie ich verzweifelt und von all seinem Drum und Dran tief angeekelt ist. Daß ihn dabei seine romanische Blutsverwandtschaft gegen alles Deutsche ungerecht werden läßt, begreife ich nur zu gut, da wir eben hier an der Quelle der deutschen Widerlichkeiten sitzen. Mir ist es zu sicher, daß es in Frankreich, England, Rußland und den deutschfeindlichen Ländern überall genau so verlogen und gehässig hergeht wie hier.

Zur Zeit erfüllt wieder ungeheurer Stolz das Land, da die neue Kriegsanleihe ein Resultat von 9 Milliarden Mark ergeben hat, (von 6 Milliarden, die zuerst mitgeteilt wurden, nach dem Muster der Hindenburgschen Gefangenen-Meldungen allmählich anschwellend). Natürlich ist es lauterer Patriotismus, der die Zeichner zur Bereitstellung ihrer Kapitalien vermocht hat. Wollte jemand auch nur andeuten, daß das Resultat durch geschickte Bearbeitung der spekulativen Instinkte der Bevölkerung erzielt wurde, so wäre der ein elender Hochverräter, eine Bezeichnung, mit der die Deutschtümler im Lande jetzt sehr freigebig umspringen. – Ob das ganze Darlehnsgeschäft nationalökonomisch solide ist, d. h. ob die gezeichneten Werte in der Tat als Deckung der dafür auszugebenden Reichszahlmittel anzusehn sind, ist mir übrigens sehr zweifelhaft. Ich konnte mich bisher nicht vergewissern, ob wahr ist, was H. Mann behauptet: daß nämlich die für das erste Kriegsreichsdarlehn ausgegebenen staatlichen Sicherheitspapiere jetzt wieder als Leihkapital vom selben Reich angenommen wurden. Dann wäre die Dühringsche Rechnung in der Tat glänzend gerechtfertigt, der das „Wischgeld“ bezichtigt, aus Nichts Etwas zu machen. Dies Etwas aber wäre imstande, ad infinitum aus sich selbst heraus neue Werte zu hecken. Das Verfahren bedeutet nichts andres, als Quittungen für bereits bezahltes Geld als zinskräftiges Kapital in den Handel zu bringen. Ich werde mir die Sache nochmal von Jaffé auseinandersetzen lassen, der angeblich allerdings – nach Belgien – verreist ist.

Gott, der Licht und Schatten gleichermaßen austeilt, hat es so eingerichtet, daß am gleichen Tage, an dem „der Sieg der Daheimgebliebenen“ in Deutschland zu feiern war, hier in München die Verordnung in Kraft trat, die den Bewohnern den bereits eingetretenen Brotmangel so recht fühlbar macht. Die Bäckereien dürfen kein Brot mehr freihändig verkaufen. Es sind „Brotkarten“ ausgegeben worden, nach denen nun der Konsum des notwendigsten Volksnahrungsmittels sorgfältig von Staatswegen kontrolliert wird. Am Sonnabend mußten die Bäckereien von der Polizei gesperrt werden, weil die Bevölkerung in ihrer Angst, nicht mehr zum genügenden Quantum Brot zu kommen, gradezu einen Sturm auf die Backwarenläden unternahm: eine hübsche Illustration zu der gleichzeitig bewiesenen „Opferentschlossenheit“, die sich in der Zeichnung des Kriegskredits dartut. In Pensionen und Restaurants ist der Brotverbrauch auf ein Drittel des bisherigen Bedarfs zurückgeschraubt worden, sodaß ich heut früh schon statt der gewohnten 2 Semmeln nur eine kriegen konnte und mich mittags mit Zenzl zusammen mit einer Schnitte Schwarzbrot begnügen mußte. Allenthalben hört man über die Einschränkung des Brotkonsums klagen, der natürlich für arme, kinderreiche Familien – zumal bei der überall empfindlich einsetzenden Teuerung am härtesten fühlbar ist. Es scheint mir sicher, daß trotz aller Beschönigungen und Beschwichtigungen in wenigen Monaten schon sich die Teuerung zur Hungersnot ausgewachsen haben wird. Auch Roggen- und Kartoffelvorräte sind nicht unerschöpflich, und als „isolierter Staat“ ist das kapitalistische Deutschland eben nicht gedacht.

In den Dardanellen hat es eine große Schlacht gegeben, die für die Verbündeten entschieden unglücklich ausgegangen ist. 2 französische und 2 englische Panzerkreuzer sind gesunken, etliche andre schwer beschädigt. Wie die Verluste der Türken an Batterien und Festungswerken beschaffen sind, läßt sich bei deren verlogenem Mitteilungssystem nicht annähernd übersehn. Sicher ist jetzt aber soviel, daß die Alliierten bewiesen haben, daß sie die Forcierung der Dardanellen, wie es hier jauchzend verkündet wurde, nicht als Bluff zur Betörung der Neutralen gemeint haben, sondern sie offenbar zu Ende zu führen trachten werden. Daß die Einnahme Konstantinopels nicht auf einen Hieb und nur mit sehr großen Verlusten zu erzielen sein wird, haben sie von Anfang an selbst gesagt. Und die armen Teufel von Soldaten und Matrosen, die dafür bluten und Wasser schlucken müssen, werden ja nicht gefragt. Ich glaube heute noch an die Durchführung des Unternehmens.

Inzwischen ist das Verhältnis zwischen China und Japan unerträglich zugespitzt, und wenn die Zeitungsnachrichten wahr sind, so hat Amerika zum Schutz Chinas 13 Kriegsschiffe nach Shanghai geschickt. Am 25ten März soll China sich über die japanischen Erpressungen äußern. Ich zweifle noch sehr an einem Eingreifen Amerikas.

„Um die Antwort auf die Untaten französischer Flieger in der offenen elsässischen Stadt Schlettstadt eindringlicher zu gestalten, wurden heute Nacht auf die Festung Paris und den Eisenbahnknotenpunkt Compiegne durch Luftschiffe einige schwerere Bomben abgeworfen.“ Zu lesen im gestrigen amtlichen Bericht der Obersten Heeresleitung. Wieviel Kinder und Frauen dabei hingemacht worden sind, um die armen kleinen Mädchen in Schlettstadt mit ihrer Lehrerin zu rächen, ist nicht bekannt geworden. Aber im Reichstag hat Ledebour gegen die Vergeltungspraxis der Armeeleitung protestiert, Liebknecht hat sie in einem Zwischenruf als „Barbarei“ bezeichnet, und Alldeutschland zittert nun vor Zorn gegen diese Hochverräter. Wir alle sind Schwerverbrecher, die wir nicht einsehn können, daß, nachdem besoffene russische Reichswehrhaufen ostpreußische Dörfer niedergebrannt haben, nüchterne deutsche Soldaten dreimal soviel polnische und littauische Familien dafür obdachlos machen müßten. Als ob die armen Menschen, die dadurch ruiniert werden, die Scheußlichkeiten der Reichswehrleute verschuldet hätten oder für die Zukunft verhindern könnten. Es scheint alles nur zu sein, um den deutschen Namen in der Welt beliebter zu machen, den Namen, der durch die Ortsnamen Köpenick und Zabern charakterisiert wird.

Das Verhalten der Sozialdemokraten wird dabei immer interessanter. In Württemberg ist die Spaltung kaum mehr aufzuhalten. Es bilden sich Nebenregierungen und der Parteivorstand hat alle Hände voll zu tun, um nach außen hin den Schein zu wahren, als handle es sich um gleichgültige Zänkereien. Im Reichstag hat bei Ledebours Rede auf den Zwischenruf von rechts „Er hat kein Recht, im Namen des deutschen Volks zu sprechen“ Wolfgang Heine hinzugefügt „Er spricht auch nicht im Namen der Fraktion“ und Scheidemann mußte dann noch ausdrücklich, da die Partei dazu von allen bürgerlichen Parteien aufgefordert war, offiziell erklären, daß Ledebours Kritik an der Heeresleitung auf seine eigne Verantwortung falle. Bei der Abstimmung ist wieder Liebknecht sitzen geblieben, mit ihm diesmal auch Rühle. Sehr bemerkenswert ist aber, daß 30 Abgeordnete, darunter auch der Parteivorsitzende Haase, „absichtlich“ bei der Abstimmung den Saal verlassen haben. Das zeigt angesichts der anschmeißerisch patriotischen Haltung Haenischs, Heines und Scheidemanns deutlich, wie tief der Riß schon geht. Die Leute werden sich eines Tages wohl sehr wundern, wenn die Partei der „Quertreiber“, die ja seit mehreren Jahren schon nicht mehr die Revisionisten sind, plötzlich doch eine starke Minorität, wenn nicht gar mit dem Rest der Partei gleich zahlreich sein wird. Eduard Bernstein, der Gründer des revisionistischen Flügels der Partei, scheint an der eignen Brut keine Freude mehr zu haben. Er hat schon mehrfach während dieses Kriegs recht radikale Ansichten geäußert und wird jetzt auch unter den 30 Demonstranten genannt. Für uns Anarchisten kann diese Entwicklung der Dinge nur nützlich sein.

 

München, Dienstag, d. 23. März 1915.

Przemysl ist gefallen – nach 4½monatiger Aushungerung und nachdem es im Oktober schon einmal von der ersten Belagerung durch Entsetzung befreit war. Diese Wendung kann für den Verlauf der Kämpfe in Galizien und Ungarn entscheidend sein, da gegenwärtig in den Karpathen eine ungeheure Schlacht geht, und die Russen jetzt die freigewordene Belagerungsarmee einsetzen können. Natürlich wird bei uns und in Österreich heftig beschwichtigt: der Fall der Festung sei für den Verlauf der Dinge „im Großen“ ohne Bedeutung. – Als ich gestern abend die eben affichierte Nachricht in die Torggelstube brachte, fiel mir auf, wie weit ich mich schon in meinem Gefühl von der allgemeinen Stimmung entfernt habe. Die Mädchen Anny Balder, Else Sarto und Rößlers Consul (der mir durch den aufgetragenen und apodiktischen Patriotismus in letzter Zeit sehr auf die Nerven fällt) waren ganz betroffen, Rößler selbst geknickt als ob er nie wieder Tantiemen einstreichen dürfte, und selbst Feuchtwanger verfiel in rechte Bedenklichkeit. Mich sah man – selbst dort – ob meiner Gleichgültigkeit mißtrauisch an. Nun habe ich grade in den letzten Tagen wieder gelesen, was ich in den ersten Kriegswochen ins Tagebuch schrieb, und ich war bei einzelnen Stellen ganz betroffen. Damals brachte ich über deutsche Siege gradezu Freude auf, – wohl in dem Gefühl, daß dadurch der Krieg abgekürzt würde, wenn nicht angesteckt von der Massenhysterie, die den Schutz der deutschen Grenzen als Verhütung des allerschlimmsten Unheils ansah. Heute weiß ich, daß der Schauplatz der Greuel ganz gleichgültig ist für seine Beurteilung, weiß auch, daß keine Armee besser, mitleidsvoller und menschlicher ist als die andre, keine auch grausamer, verbrecherischer und roher. Es scheint mir sicher und auch selbstverständlich, daß die belgische Greuel-Kommission schreckliche Dinge, die von Deutschen verübt wurden, festgestellt hat, und grade jetzt, wo die Deutschen in West und Ost „Vergeltung“ gegen Schandtaten plakatieren, lassen auch die Russen kommissarisch feststellen, wie die Hindenburgschen Scharen in Polen und Littauen hausen. Schon zeigt sich, daß die Franzosen gegen die Vergeltungsaktionen in Calais, Paris und Compiègne im Badischen Wiedervergeltung üben, auf die die deutschen Repressalien natürlich nicht ausbleiben werden und so abwechselnd weiter mit wachsender Scheußlichkeit. Ebenso werden die Russen nicht zögern, den Vergeltungsakten der Deutschen Strafmaßnahmen folgen zu lassen, die wiederum von unsrer Seite gerächt werden müssen. Die Kriegführung nimmt demnach mehr und mehr die Formen eines Wettkampfs in Grausamkeiten gegen Zivilisten an, wobei jeder den andern Barbaren heißt.

Zu den Neuerscheinungen dieses Krieges gehört auch das Wettausschreien von Siegesbotschaften. Jeder Mißerfolg wird verschwiegen oder, wenn das nicht geht, zur völligen Bedeutungslosigkeit verkleinert. Aus einem Nichts aber werden gewaltige Siege gemacht. Höchst charakteristisch trat das bei den Siegesbotschaften über die „Winterschlacht in der Champagne“ hervor. Die Deutschen hatten die langdauernden Stellungskämpfe dort, als sie abzuflauen schienen, als mißglückten Durchbruchsversuch der Franzosen langatmig hingestellt, was dadurch in besondere Beleuchtung gerät, daß die Siegesmeldung grade mit dem Wiederzusammentreten des Reichstags zusammentraf. Man hatte sogar behauptet, dieser Sieg reihe sich ebenbürtig dem Hindenburgischen in Masuren an. Gleich darauf kamen die Franzosen mit einem ausführlichen Bulletin zum Vorschein, in der die Charakterisierung ihrer Offensive in der Champagne als Durchbruchsversuch energisch bestritten wurde, und festgestellt wurde, daß die Franzosen bei diesem deutschen Sieg ziemlich viel Terrain gewonnen haben. Wem soll man da noch glauben? Ich habe mich entschlossen, alle Nachrichten mit gleicher Skepsis und mit gleicher Wurschtigkeit aufzunehmen, und was mich beim Fall von Przemysl allein bewegt, ist allenfalls die Genugtuung darüber, daß die armen Einwohner der Stadt nun wieder zu essen bekommen werden.

Aus Memel sind die Russen wieder hinausgeschmissen worden (Straßenkämpfe). Sonst siegen alle überall weiter.

Persönliches: Meine Geldnot ist dadurch, daß ich mir vom Schutzverband die 40 Mk, die mir die „Rundschau des Herrn“ zu zahlen hat, vorstrecken ließ, etwas gemildert. Leider mußte ich gleich soviel davon zahlen, daß ich nur noch etwa 15 Mk habe. Gestern sprach ich mit dem Puma, das ich letzthin häufiger treffe. Unsre vertrauensvolle Freundschaft besteht gottseidank ungemindert weiter. Ich fragte sie – eigentlich scherzhaft – ob sie nicht eine Dame mit Geld für mich wüßte. Sie will mich nun mit Frau Hausenstein zusammen einladen, die gegenwärtig recht mannsbedürftig sei, da ihr ein Geschpusi in die Brüche gegangen sei. Die Dame würde mir rein äußerlich ganz gut behagen. Ich bin gespannt, ob aus der Kuppelei was wird. Jetzt erwarte ich Fifi Elbogen.

Der Verein für Kindervolksküchen, Berlin, sendet mir seinen Almanach, in dem ich mit einem Beitrag „Die Seele des Kindes“ vertreten bin. Was ich da geschrieben habe, ist besser als ich wußte. – Die Herren Hugo Kersten und Emil Szyta (der verlauste Schlawiner) geben in Zürich eine neue Zeitschrift heraus, „Der Mistral“, deren erste Nummer ich heute empfing. Ein elender Bockmist.

 

München, Mittwoch, d. 24. März 1915.

Der sechzehnte Todestag meiner Mutter. Wohl jedem, der diese Zeit nicht mit zu erleben braucht. Sie hätte Verständnis gehabt für meine Gefühle, wie auch sie, wenn sie lebte, dafür gesorgt hätte, daß kein Enkel ihres Vaters in ohnmächtigem Kampf gegen die praktischen Erfordernisse des Lebens seine besten Jahre verschleudern müßte.

Nur einige Betrachtungen und Tatsachen. Franz Zavřel ist, 35 Jahre alt, in Davos an einer Lungenentzündung gestorben. Besonders nah haben wir einander ja nie gestanden, aber sein Ende tut mir doch recht leid. So mitten heraus aus einer vom Ehrgeiz gezeichneten fast noch ganz zukünftigen Laufbahn! Aber doch wenigstens als Folge der persönlichen Konstitution, nicht, wie bei Bernhard v. Jacobi, von fremder Gewalt roh aus der Bahn geworfen. Durch seinen Landsmann Victor Hadwiger kannte ich Zavřel seit etwa 10 Jahren. Auch der ist längst tot. Vor 1½ Jahren etwa verkrachte ich mich mit Siegfried Jacobsohn wegen Zavřel, weil der unbesehn verlangte, ich solle Zavřels Regisseurtätigkeit verreißen. Nun ist der Zauberer und Okkultist gestorben und wird in seltene Erinnerung untertauchen, ohne noch recht etwas getan zu haben, was der Erinnerung wert wäre. Schade.

Beim letzten Besuch der Zeppeline in Paris warfen – was deutsche Zeitungen rühmend erzählen – die Insassen außer den Bomben Zettel herunter mit den Worten: „Pariser, das sind eure Ostereier!“ – Es wird angesichts solcher Dinge sehr schwierig sein, dem Vorwurf, daß die Deutschen als Barbaren Krieg führen, wirksam zu begegnen. Roheiten aller Art, Hinmorden Unbeteiligter, Kinder, Frauen und Nichtkämpfer kommen bei allen vor. Die Verhöhnung der Gegner, während man zugleich deren Zivilbevölkerung mit Dynamit angreift, ist den Deutschen allein vorbehalten. Die amtliche französische Havas-Telegraph berichtet, daß die Deutschen aus Rache für ein verlorenes Gefecht bei la Boissée in Albert ein Spital, von dem die Genfer Flagge wehte, mit Artillerie beschossen haben. Ein Flieger habe dabei die Richtung für die Geschosse gelenkt, und der Erfolg sei gewesen, daß etliche Greise getötet wurden und die Oberin des Hauses schwer verletzt sei. – Ich glaube nicht an die Absicht der Beschießung des Spitals, aber an die Tatsache, die natürlich Repressalien bewirken wird, von denen dann wir hier offiziell als Angriffstaten Kenntnis bekommen. So wird auf beiden Seiten ganz sinnlos immer von neuem die Wut geschürt und die Brutalität überboten.

Auf der Kegelbahn wird heute wieder der patriotische Wettstreit zwischen denen ausgefochten werden, die prinzipiell nur Erfolge bei den Deutschen und deren Verbündeten zugeben, und denen, die sich an jedem österreichischen Mißerfolg freuen, um die eigne Unvergleichlichkeit umso höher preisen zu können. Die ersteren werden den Fall Przemysls als ganz belanglos für die sonstigen Operationen hinstellen und sich in Lobsprüchen über die heldenhafte Verteidigung des Herrn Kusmanek ergehn, die andern werden alle Flüche auf Habsburgs Haupt schleudern, weil die Festung trotz aller großen Beteuerungen, daß sie sich mindestens ein Jahr halten könne, nur für 4 Monate mit Proviant versehn war. Die patriotischen Pessimisten aber – Weigert und Rößler repräsentieren diesen Typus – sehn nun den Weg nach Wien offen und alles verloren. Ich, der ich mit rein objektivem Interesse den Verlauf der Dinge betrachte und alles Menschliche über alles Politische stelle, werde von ihnen allen mit rechtem Verdruß angehört.

Wie leicht das Publikum sich suggerieren läßt: Die Zeitungen berichten täglich Tatsachen aus dem feindlichen Ausland, aus denen hervorgehn soll, wie nahe man anderswo schon am Verhungern ist. Gleichzeitig wird in hohen Tönen die großartige Versorgung Deutschlands mit allem Nötigen gepriesen. Das Volk hört das und glaubt’s, obwohl es nicht genügend Brot bekommt und für die übrigen wichtigen Nahrungsmittel unerhört teuer bezahlen muß. So wird jetzt für Mehl (das ebenfalls nur für jeden in abgewogenen Mengen bewilligt wird) mehr als das Anderthalbfache des normalen Preises bezahlt. Früher kostete ein Pfund 25 Pf, jetzt ¾ Pfund 30 Pf. – Aber: Deutschland kann nicht hungrig werden!

Mit Frl. E. blieb’s auch gestern bei Küssen.

Der Geldmangel wurde heute durch einen 10 Mk-Pump bei Jagerspacher aufgebessert. Vielleicht kann ich auch Herrn Greeven erleichtern, den rheinländischen Schwätzer, der heute früh bei mir angesetzt kam, und mit dem ich heute nachmittag einen Spaziergang machen soll. Das Wetter ist herrlich, warm, klar und sommerlich. Möge der Frühling die Menschheit zur Besinnung bringen!

 

München, Donnerstag, d. 25. März 1915.

Der Besuch des Herrn Erich August Greeven kann unter Umständen von sehr nützlichen Konsequenzen sein. Ich trug ihm – beim Glase Bier am Kleinhesseloher See – meine wirtschaftliche Misere vor und fragte nach einer Möglichkeit, die künftigen Aussichten jetzt schon lukrativ zu machen. Auf meinen Plan, evtl. jemanden zur Hergabe einer monatlichen Rente von etwa 100 Mk zu bewegen, die unter der Spitzmarke Redakteurgehalt für den Kain gehn könnte, meinte er, eine Freundin, rheinische Geheime Justizratstochter, die er „Käthe“ nennt, und die großes eignes Vermögen habe, interessieren zu können. Ich mußte ein neues Drama Greevens mitnehmen „Casanova“. 3 Szenen, die ich heute las (garnicht übel). Und heut mittag war nun der Mann schon wieder hier und berichtete, daß er an „Käthe“ bereits geschrieben habe. Große Hoffnungen pflege ich auf dergleichen Aussichten ja nicht zu setzen. Aber möglich wär’s ja doch, daß einmal etwas Wirkliches zum Vorschein käme.

Ich will versuchen, mich wieder einmal ein wenig mit Wally Neuburger zu befassen. Seit jenem Brief von Jenny war ich ganz vor den Kopf geschlagen, und konnte nichts arbeiten, was starke Konzentration verlangt. – Nun schreibt Jenny schon wieder sehr lange nicht. Sie weiß nicht, welches Unrecht sie damit begeht.

 

München, Freitag, d. 26 März 1915.

Roja ist angemeldet. Es wird also wenig Zeit zur Eintragung bleiben und vermutlich garkeine zur gestern wieder (ziemlich lohnend) aufgenommenen Arbeit.

Also was mir einfällt. – Das Schwein Friedenthal brachte vorgestern auf die Kegelbahn die Mitteilung, die Verständigung zwischen Österreich und Italien sei definitiv erzielt. Im Generalquartier wisse man es seit 3 Tagen und Wilhelm Schmidtbonn, der dort als Correspondent des B. T. gewesen war, habe die Nachricht mitgebracht. Das Trentino werde also italienisch werden und die Grenze erst bei Franzensfeste sein, sodaß also der ganze Gardasee, ferner auch Bozen und Meran, und jedenfalls ein gut Teil Deutsch-Tirols abgegeben würde. Mir scheint diese Meldung mehr als zweifelhaft. Aber die Kannegießerei wurde noch viel ergiebiger. Halbe wollte wissen, daß Italien für diese Abtretungen nicht blos wohlwollende Neutralität zusichere, sondern aktiv zugunsten Deutschland-Österreichs eingreifen wolle. Und woher kam ihm seine Wissenschaft? Von einer Cousine des verstorbenen Reichsrats Grafen Törring! – Die muß es ja wissen! Soweit sind wir schon, daß Max Halbe, einer der klügsten Leute, irgendeine Dame der Gesellschaft als kompetente Nachrichtenquelle anerkennt, blos weil sie Dinge erzählt, die er wahr wünscht. Wie dieser Krieg die Leute borniert, ist gradezu abenteuerlich!

Heinrich Mann suchte mich gestern wieder im Café auf. Er sei so von Haß erfüllt, sagte er, daß er manchmal meint, platzen zu müssen. Er verfällt dabei aber in den entgegengesetzten Fehler wie unsre Patrioten, indem er alles für wahr hält, was der Matin zuungunsten Deutschlands berichtet, alles für erlogen, was in deutschen Blättern steht. Meiner Behauptung, daß alle gleicherweise lügen, stimmt er nur widerwillig zu. Der Inbegriff aller Schmach und alles Unglücks ist für ihn der Begriff „Potsdam“. Fruchtbar und menschlich befriedigend sind die Unterhaltungen mit ihm immer. – Lächerlicherweise hat man ihn bei der Stellung als „Infanterie II“ tauglich befunden. Es kann also gut sein, daß er eines Tages eingerufen wird und buddeln muß. Sein Bruder Thomas, der Patriot, ein körperlich viel widerstandsfähigerer Mensch zweifellos ist hingegen freigekommen. – Wie ich aus Lübeck höre, ist mein Schwager Landau in aller nächster Zeit zum Einrücken fällig. Am Montag rücken in München eine Reihe Bekannter, ungedienter Landsturm, ein: Drach, Erkens etc.

Von Köhler erhielt ich heute wieder einen Feldpostbrief, in dem er sehr pedantisch meinen letzten Brief zu widerlegen sucht. Mein Standpunkt sei weniger moralisch als sympathetisch, und dann kommt dieser sonderbare Satz: „Wie Sie bei Ihrer entschiedenen Ablehnung des Sozialen die unbedingt soziale Eigenschaft des Moralischen in Anspruch nehmen können, ist mir unbegreiflich. Sie müssen Amoralist sein, wie Sie asozial sind.“ So versteht ein sonst hochgebildeter Mensch den Individualismus, der auch im kommunistischen Anarchismus steckt!

 

München, Sonntag, d. 28. März 1915.

Nicht Roja, sondern Zenzl unterbrach mich vorgestern bei der Polemik mit Köhlers Brief (den ich nun ad acta dieses Heftes lege), und ich ging dann zu Fifi, – und habe nun ein neues Geschpusi. Leider erwies ich mich wieder als nicht potent, sodaß ich seitdem in großer Sorge um meine Manneskraft bin. Vielleicht war es nur die Reaktion auf die große Anstrengung, die mich in diesem Falle die Verführung selbst gekostet hatte, aber ich habe sehr die Befürchtung, daß es endgiltig vorbei ist mit den Jugendfreuden, die ich doch eigentlich garnicht im vollen Maße genossen habe. Ich half mir bei Fifi mit allerlei Aushilfsmitteln, was aber wohl ihre Enttäuschung sowenig wettgemacht haben wird wie meine. Heut abend soll ich bei ihr essen und dann wohl übernachten. Ich zittere, wie ich die Prüfung bestehn werde. Das Mädchen liebt mich. Ich hatte ihr meine Gedichte gegeben, und sie gestand mir von selbst, daß sie auf „die Eine, die es angeht“ sehr eifersüchtig gewesen sei. Meinen Versuchen, daraus die Konsequenzen zu ziehn, setzte sie dann aber den heftigsten Widerstand entgegen, den ich erst nach sehr langen Bemühungen brechen konnte. Ihr Akt ist weitaus anziehender, als sich vorher vermuten ließ. Weißes, weiches Fleisch und recht gut gebildete, ziemlich volle Brüste. Bei meinem Versagen konnte ich die Fähigkeiten ihrer Zärtlichkeit noch nicht völlig feststellen. Vielleicht gelingt das heute. Daß die Beziehung ganz vom Geistig-Seelischen aus geworden ist, und zwar eigentlich von ihr ausgehend, verbürgt mir Bestand und guten Verlauf des Verhältnisses. Pekuniär dürfte mich Fifi kaum irgendwie in Anspruch nehmen, sodaß ich der guten Zenzl nichts zu entziehn brauche. Der habe ich schon gebeichtet und sie war sehr nett. Bei ihren dauernden Störungen scheint es ihr ganz recht zu sein, mich anderweitig versorgt zu wissen. Zenzl gab mir heute einige Zahlen, über die Teuerung, die in der Presse geflissentlich unerwähnt bleibt. In diesem angeblich wirtschaftlich völlig gesicherten Lande kostet

gegen

 

früher

 

 

jetzt

 

das

Pfund

Brot

18

Pf

 

22

Pf

''

''

Reis

36

''

 

80

''

''

''

Polenta

24–25

Pf

 

54

''

''

''

Mehl

24

''

 

30

''

''

''

Zucker

27

''

 

30

''

''

''

Kartoffel

5

''

 

11

''

''

''

Kraut

10

''

 

20

''

''

''

Schweinefleisch

80

''

 

1 Mk –

 

''

''

Linsen

30

''

 

80

Pf

 

Eine

Kerze

5, 8 oder 10

Pf

 

9, 12 oder 16

Pf

 

1

Weißkrautkopf

15

Pf

 

50

Pf

 

1

Ei

6

Pf

 

10

Pf

Gries und ähnliche Waren gibts nur noch in Packungen, die ungeheuer teuer sind, da der Vorrat auf die Neige geht. Streichhölzer, kurz alle dringlichsten Dinge sind ganz bedeutend im Preise gestiegen. – Aber „Deutschland ist nicht auszuhungern“ sagen die, denen die Steigung des Tagesetats um das Doppelte nichts ausmacht. – Die Regierung weiß sehr wohl, warum sie die Zeitungserörterungen über das „Kriegsziel“ nicht zuläßt: weil sie noch nicht einzugestehn wagt, daß Deutschland keineswegs die Bedingungen des Friedens beliebig stellen kann. Die „Faustpfänder“ Belgien, Polen, Nordfrankreich mögen sehr schön sein. Wenn sich Deutschland nicht rechtzeitig entschließt, Frieden zu machen, bei dem alle berücksichtigt werden, dann wird der Krieg eben fortgesetzt, bis uns der Atem ausgeht, oder, wie Heinrich Mann sich ausdrückt, bis das Schmieröl fehlt. Tatsächlich ist Deutschland von der Zufuhr abgeschnitten, während der Unterseebootkrieg für England nicht mehr als eine chikanöse Kleinigkeit bedeutet, da von 100 von und nach England gehenden Schiffen höchstens zwei von einem Torpedo erreicht werden. Kommen dann noch Streiche hinzu, die die neutrale Schiffahrt gefährden, wie jetzt die Torpedierung des ohne Konterbande fahrenden holländischen Dampfers „Medea“, dann verliert die deutsche Kriegführung auch bei den Unbeteiligten noch den Rest des moralischen Ansehns.

Auf den Kriegsschauplätzen geht auch nicht alles nach Wunsch unsrer Falkenhayner. In Przemysl wurden über 100 000 Mann gefangen, und der Weg nach Krakau und weiterhin die Bedrohung Breslaus scheint frei zu sein. In den Karpathen ist eine kolossale Schlacht seit langen Tagen im Gange, von der beide Teile täglich für sich günstige Meldungen ausgeben. Denkt man an Lemberg, so weiß man, was derlei Vorschußsiege der Österreicher zu bedeuten haben. Muhr brachte von Wien die Nachricht mit, daß Serajewo längst in serbischem Besitz sei, und von einem Vorwärtsrücken der Hindenburg-Armee gegen Warschau hört man schon sehr lange nichts mehr. Im Westen sind seit einiger Zeit nur französisch-englische Erfolge bekannt geworden: Champagne, Neuve-Chapelle und gestern die knappe Meldung, daß die Franzosen den Hartmannsweilerkopf in Besitz genommen haben. Da seit Tagen die Kämpfe um diesen Punkt im Vordergrund auch der deutschen Berichte standen, muß man annehmen, daß es sich um eine strategisch wichtige Entscheidung handelt. Das hindert aber alles nicht, daß „wir“ Belgien behalten, Frankreich erheblich beschneiden und womöglich auch Dünkirchen und Calais, die wir noch nicht mal als „Faustpfand“ haben, zur Genesung am deutschen Wesen ausgeliefert verlangen. – Wäre nicht Aussicht auf baldige wirkliche Hungersnot in Deutschland, dann könnte man wirklich fürchten, daß dieser schauderhafte Massenmord erst am Beginn stehe.

Aus Lübeck eine Karte vom 21. März. „Papas Befinden läßt noch sehr zu wünschen übrig. Er ist recht schwach und ist schon lange nicht ausgegangen.“

 

München, Montag, d. 29. März 1915.

In der vorigen Woche gab es ein paar wahrhaft sonnenwarme herrliche Tage. Jetzt schneit es wieder, alles ist weiß, und die Luft ist kalt und naß: in der Osterwoche, und obwohl wir keine „grüne Weihnachten“ hatten. Es scheint doch, als ob das Treiben der irrsinnig gewordenen Menschheit nicht ohne Einfluß wäre auf die Ereignisse der atmosphärischen Welt. Unter solchen Betrachtungen kam ich heute früh um ½ 8 Uhr nach Hause aus dem Atelier und den Armen von Fifi. Zu einem richtigen Coitus konnte es, obwohl wir die ganze Nacht miteinander nackt auf ihrem Lager lagen, nicht kommen, obwohl ich zeitweilig schon in der dazu fähigen Verfassung war. Offenbar war der Eingang zu eng, – jedenfalls blieben alle Bemühungen fruchtlos. Unter solchen Umständen glaube ich nicht an sehr dauerhaften Bestand dieses Verhältnisses. Ich brauche Frauen mit genügend zärtlichem Willen, um auch physische Schwierigkeiten in der Liebe auszugleichen und zu überwinden ... Aber wieviele Ehen, die ohne vorhergehende geschlechtliche Vereinigung geschlossen werden, mögen wohl wegen dergleichen Unebenheiten unglücklich ausfallen! Die bürgerliche und kirchliche Forderung der Jungfräulichkeit des Mädchens bis zum Traualtar ist unsozial und absurd.

Ein neues Gespräch mit Heinrich Mann. Er stellt Betrachtungen darüber an, wie in den letztvergangenen Jahrzehnten der große Friedens- und Kulturwille in Frankreich in Zola, in Rußland in Tolstoj verkörpert war, während in Deutschland alle Energie und Erfindung auf Kriegsrüstung und militärischen Drill gerichtet war. Er meint, nach dem Kriege müsse eine Sprache geführt werden, wie sie in Deutschland früher überhaupt nicht gehört worden sei. – Ich will mir Mühe geben!

Zenzl bringt fast täglich neues Material zur Charakterisierung der „großen Zeit“. Ihr Bruder lebt seit Jahren mit einer Frau zusammen, von der er ein Kind hat. Als der Krieg ausbrach, war das zweite im ersten Werden. Zur Nottrauung war keine Zeit mehr, da der Mann am dritten Mobilmachungstage hinausmußte und die Frau nicht alle Papiere bei der Hand hatte. Der Mann hatte als Maurer sein gutes Einkommen, das er stets pünktlich zuhause ablieferte. Nun ist er durch einen Schuß in den rechten Arm dauernd zum Krüppel geworden. Man will ihm eine Pension von ganzen 16 Mk monatlich bewilligen. Er liegt in Würzburg im Lazarett. Hierher darf er nur ausnahmsweise, und die Reise kostet jedesmal 7 Mk. Die Entbindung der Frau steht in etwa einer Woche bevor. Werden die Leute vorher getraut, so erhält sie von einer Stiftung monatlich 50 Mk, andernfalls nichts. Ihr Vater hatte 100 Mk zur Trauung gesandt, dieses Geld wurde auf der Post unterschlagen, sodaß der Mann als er zum Zweck der Eheschließung hier war, wieder abreisen mußte. Die arme junge Frau ist bis vorgestern in die Fabrik arbeiten gegangen. Jetzt erlaubt ihr Zustand das nicht mehr. Zenzl, die selbst von heute auf morgen nicht vorwärts weiß, rennt jetzt für sie herum, um das nötigste für die Leute zu schaffen. Dabei peinigt die Hauswirtin die Schwangere fürchterlich wegen rückständiger Miete. Dafür daß der Mann jetzt ein „Krippi“ sei, könne sie nichts. Ich habe heute einen Brief an Lydia Gustava Heymann (die Freundin Gertrud Eysoldts) geschrieben. Vielleicht weiß die Rat. Das ist nur ein Fall unter Zehntausenden. Aber der Krieg veredelt die Menschen, und er wird mit Gott und der Sozialdemokratie geführt für „die Freiheit des Vaterlands“.

 

München, Donnerstag, d. 1. April 1915

Bismarcks 100ter Geburtstag. – Hätt ich doch meinen Kain!

Es wird wohl auch heute mit den Notizen nicht viel werden. Mirl Seidel steht in Aussicht, außerdem ist Erich Ebstein aus Leipzig da und wohnt über mir.

Einiges bleibt nachzutragen. Vom Kriege selbst wenig. Die Karpathenschlacht, von der wieder einmal die Gesamtentscheidung abhängen soll, ist immer noch im Gange. Bis jetzt ist es den Russen anscheinend nicht geglückt, den Einfall in Ungarn definitiv zu erzwingen. Die Dardanellen-Aktion war in den letzten Tagen wieder aufgenommen worden. Jetzt heißt es, sie sei wegen Schwierigkeiten in der Verpflegung der Landungstruppen auf einen Monat verschoben worden. Näheres bleibt abzuwarten. – Das italienisch-österreichische Abkommen wegen des Trentino soll endgiltig perfekt sein. Es heißt sogar, in Trient residieren schon italienische Behörden.

Montag: Im Krokodil, wo ich mit Henckell allein war, schüttete uns eine ältere Kellnerin das Herz aus. Die Teuerung werde unerträglich, die Kriegsmüdigkeit allgemein. Die Begeisterung bei den Soldaten und bei den Daheimgebliebenen sei verflogen. Die Stimmung bei allen, die sie spreche, sei ganz deprimiert. – Vox populi.

Dienstag. In der Frühe erschien Dr. Ebstein, dem ich nun viel Zeit widme. Reizender Frühschoppen im Bunten Vogel. Die 3 Schwestern König (Hedi, Trude und Liese) versorgten uns mit Essen, Wermuth und Küssen. Nachmittag bei Maaßen (dessen Freundin Magda Peters). Dann Stadtbummel, Abendessen mit Salvatorbier, endlich in größerem Kreise Zecherei bei Farina: Maaßen, E. Ebstein, Schmitz, Ziersch, Weigert, Magda P., Jaques). Gesang, ausartend in Deutschland, Deutschland über alles. Ich blieb sitzen, sollte zur Teilnahme gezwungen werden, floh an den Nebentisch. Große Empörung gegen mich bei allgemeiner Besoffenheit. Maaßen schmiß mich mit einem Trinkglas, wobei mein Kneifer in Trümmer ging (fürs Auge sehr gefährlich). Ich wollte fortgehn, wurde dann aber von allen gehalten. Maaßen war dann sehr nett. Allgemeine Aussöhnung. Fortsetzung der Sauferei in Maaßens Wohnung – bis 4 Uhr.

Gestern Mittwoch: Auf der Kegelbahn heftiger Disput mit Halbe, der die Tatsache irgendwelcher Teuerung einfach bestreitet. Was den Leuten nicht paßt, wird abgeleugnet, – bis es eines Tages Hungerkrawalle gibt (in Hamburg sollen schon Zusammenstöße mit der Polizei gewesen sein). – Ledebour wurde als Schurke bezeichnet, worauf ich sofort bemerkte, dann sei ich auch ein Schurke, da ich in der Wiedervergeltungsfrage ganz einer Meinung mit ihm sei. Schließlich beiderseitiges Einlenken – wie immer.

Mit Zenzl große Last. Ihr geht alles schief. Es ist furchtbares Elend im Hause und niemand hilft. Mein bischen Sorge für sie reicht nicht weit, und mein eigner Dalles ist sehr groß. Dabei rauben mir ihre täglichen Tränenausbrüche allen Nervenhalt.

Vor dem neuen Monat graut mir entsetzlich. Denn, wie mir scheint, sind jetzt wirklich alle Weiden abgegrast.

 

München, Freitag, d. 2. April 1915

Durch Ebstein kam ich dazu, eine Bekanntschaft wieder aufzufrischen: mit Hans Pfitzner. Er erinnerte mich an unser erstes Zusammensein vor 3 oder 4 Jahren in der Torggelstube, mit Eulenberg, Wedekind, Winterstein und Kahane. Wir aßen miteinander (auch Maaßen dabei) im Pschorrbräu und feierten dann zu Ebsteins Ehre wieder einen Abend des „Vereins Süddeutscher Bühnenkünstler“. Dabei war es immerhin amüsant, daß beim Hergröhlen unsrer vulgären Lieder der berühmte Musiker auf dem verstimmten Klavier der Petersklause die Begleitung spielte. Nach Schluß der Lokale natürlich noch Vereinigung in Maaßens prachtvoller Bibliotheksstube. Ich wettete mit Pfitzner um eine Flasche Wein, daß bis Juni der Krieg (wenigstens gegen Frankreich und Rußland) zuende gehe. Es war eigentlich eine Alkohol-Eingebung von mir, das zu behaupten. Aber die neuerdings immer wiederholten Behauptungen, daß Wilson sich um eine Vermittlung bemühe, vereint mit der Erwägung, daß in Rußland Munitionsmangel, in Deutschland Nahrungsmangel und in Frankreich Menschenmangel die Fortdauer der Scheußlichkeit ins Ungemessene von selbst verhindern müssen, ermutigte mich zu der Prophezeiung, die die Grenze hinter drei Monate setzt. Daß ich die Wette gewönne!

Heut habe ich angefangen, Zenzl „Klein Zaches“ vorzulesen aus dem einen (vierten) Hoffmann-Band der großen Maaßenschen Ausgabe, den er mir dediziert hat. Ich muntere mit dieser Lektüre die arme Frau auf, und bringe mich selbst in Laune und zeitweilige reine Freudigkeit. – Meine Gedanken sind viel mit Jenny beschäftigt, die beharrlich schweigt. Ob sie sich zu meinem Geburtstag endlich melden wird? Wüßte ich nur sicher, ob ihr Verhalten Absicht ist oder nur rücksichtslose Bummelei! Sie versteht sich garnicht auf die Liebe aus der Ferne.

 

München, Montag, d. 5. April 1915.

E. E. ist abgereist. Sein Besuch war willkommene Abwechslung. Viel geistige Bewegung, viel Alkohol, viel Lustigkeit. – Man braucht es jetzt auch mal.

Der letzte Tag dieses Lebensjahrs ist Ostermontag, Regen und noch keine rechte Frühjahrswärme. Dagegen schon jetzt die ersten Geldsorgen, da ich 10 Mk, die mir Köhler seinerzeit über die für ihn zu zahlende Summe hatte schicken lassen, jetzt für seine neuen Zahlungen ergänzen mußte. Für Zenzl gab ich gestern über 10 Mk aus, und habe von allem nur noch 25,– ohne irgendwelche Aussichten. Höchstens daß mein Vater mir wieder 10 Mk zum Geburtstag schickt. Dem geht es nicht gut. Onkel Leopold war jüngst in Lübeck und berichtet: „Deinem Papa geht es nicht besonders. Er ist sehr schwach und macht mir Sorge. Nur sein Geist ist unverändert, der Körper will nicht mehr.“ ...

Gestern Zenzl, wobei sie – zum ersten Mal in den 1½ Jahren unsrer Beziehung – der verführende Teil war. Heut abend will sie wieder kommen und mir liebreich ins 38te Lebensjahr hinüberhelfen. – Ihre letzte Störung kam übrigens, wie sie mir beichtete, von einem Abortus, deren Vater wohl ich gewesen sein werde.

Heut nachmittag will ich mal nach Fifi sehn, um die ich mich fast eine Woche nicht mehr gekümmert habe.

Die Kriegslage ist unverändert widerlich. Die Karpathenschlacht scheint für die Österreicher schief zu gehn. In ihrem letzten Tagesbericht ist schon wieder die ominöse Wendung vom „Zurücknehmen“ von Truppen zu finden.

 

München, Dienstag, d. 6. April 1915.

37 Jahre alt! Und genauso weit (im Sinne der bürgerlichen Einordnung in die Menschheit) wie vor 15 Jahren, als ich das Handwerk anfing. Und im eignen Sinn? Wenig, verflucht wenig Leistung und garkeine Anerkennung! Ob ich übers Jahr Besseres werde vermerken können?

Das Jahr schloß ganz nett ab. Nachmittags war ich bei Fifi, die sich erstaunlicherweise nach aller Façon in mich verliebt hat. Nachher kam Zenzl zu mir, mit der ich dann im neuen Lokal des „Bunten Vogels“ Abend essen ging. Um Mitternacht empfing ich auf der Straße von ihr die ersten Geburtstagsküsse.

Heut früh kam sie dann mit Blumen, und dann mit Tränen, die dem Elend ihres Bruders galten. Ich besuchte am Vormittag Gertrud Eysoldts Freundin Lida Gustava Heymann, die Vorsitzende des Vereins für Frauenstimmrecht, und trug ihr den Fall vor. Mit einem Brief an ein Fräulein Nacken, den Zenzl selbst übermitteln soll, wurde ich entlassen. Vielleicht ist den armen Leuten zu helfen.

Jetzt erwarte ich Fifi, sodaß ich doch wohl zu einer richtigen Geburtstagsfeier kommen werde. Briefe oder die gewöhnte Lübecker Kiste habe ich bisher nicht gekriegt, weil ja der Überwachungsoffizier bei der militärischen Briefkontrolle die Glückwünsche der Meinen an mich erst studieren muß. Der Kerl weiß vielleicht jetzt schon, ob Jenny an den Tag gedacht hat.

Mein eigner Glückwunsch beschränkt sich auf ein Wort: Frieden!

 

München, Mittwoch, d. 7. April 1915

Der Geburtstag endete im Bett mit Fifi, die mich erst heute früh verließ. Mit Hilfe von Vaseline überwand ich alle Schwierigkeiten und konnte mir in wiederholter Tätigkeit bestätigen, daß ich an meinen männlichen Fähigkeiten noch nicht zu verzweifeln brauche. Im Café traf ich nachher Ruth, die mich demnächst besuchen will, und ebenfalls nach langer Pause rief mich mittags Asta an, die ich zu morgen abend bestellt habe. Da Zenzl gottlob wieder imstande und Fifi sehr verliebt ist, brauche ich also nicht zu verzagen und kann mich über meine 37 Jahre mit dem Ausspruch trösten, den die schon 43jährige Gräfin bei unsrer letzten Begegnung tat: „Ich fühle mich nicht alt, solange ich noch nicht aus den Gschpusi-Jahren heraus bin.“

Heut früh hatte ich interessanten Besuch. Ein österreichischer Genosse kam, ein aus Przemysl gebürtiger Schneider, ein blonder lebhafter sehr intelligenter und rebellischer Mensch (Jude). Er erzählte von der verzweifelten Stimmung in Österreich, von den Chikanen gegen alle Revolutionäre (Grossmann, Kočmata, ihn selbst hat man monatelang eingesperrt.) Ganz infam sei das Heeresdienstleistungsgesetz, nach dem jeder Österreicher gezwungen werden könne, seine Arbeit in den Dienst der Armee zu stellen – natürlich unter Hungerlöhnen. Die Not sei in ganz Österreich schon sehr groß. (Fifi erzählte mir aus einem Brief, daß infolge des allgemein verwandten Maismehls in Wien alle Leute mit verdorbenem Magen herumliefen). Dabei Seuchen: Cholera und vor allem Flecktyphus. – Der Mann ist froh, Österreich im Rücken zu haben. Schimpft auf die Sozialdemokraten, rühmt Czechen und Ruthenen, die massenhaft den Gehorsam verweigert hätten und war sichtlich unendlich froh, einmal mit einem fühlenden Zuhörer reden zu können.

Von der Mörderei nichts Wichtiges. Die Karpathenschlacht bisher unentschieden, im Westen kleiner Terrainverlust bei Drie Grache[Drie Grachten] (die absolute Unbesieglichkeit der Deutschen ist eine Fiktion der Vergangenheit), und Untergang eines Unterseeboots, das von einer „Unternehmung“ nicht zurückgekehrt ist. Zu solchen Unternehmungen gehört neuerdings auch das Versenken von Passagierdampfern. Kürzlich wurde ein Schiff, das nur Passagiere an Bord hatte, von einem U-Boot torpediert, wobei weit über 100 dem Kriege ganz ferne Personen zugrunde gingen. Dem verruchten Spielzeug der bombenwerfenden Flieger fallen hüben und drüben täglich friedliche Zivilisten zum Opfer. Im Namen Christi und des Heiligen Geistes.

 

München, Sonnabend, d. 10. April 1915.

Dieser Monat wird voraussichtlich pekuniär übel verlaufen. Ich habe noch 10 Mk, da mir zum Geburtstag Papa 10 Mk und Julius 3 Mk schickte (Landauer Zigarren und Tabak). Hans und Minna versprachen eine Wurst und 10 Mk, die ich noch nicht erhalten habe. (Übrigens erhielt ich von Fifi Zigarren und eine Bernsteinspitze). Also 20 Mk vom 10.–30. April, das ist noch nicht soviel, daß ich auch nur Zenzl das Nötigste geben kann. Eine schwache Hoffnung habe ich nur auf 28 Mk, die mir der Verlag Hesse u. Becker für 3 für eine Anthologie von mir angenommene Gedichte zahlen soll. Der Verlag macht jetzt Schwierigkeiten und behauptet, er brauche erst nach Erscheinen zu zahlen – d. h. nach dem Kriege. Ich will noch mal schreiben und evtl. die Forderung wieder dem Schutzverband zedieren. Am 20ten habe ich Termin in der Parteitagsangelegenheit gegen das Neue Wiener Journal, das der Schutzverband für mich auf 280 Mk verklagt hat. Vermutlich wird ein Vergleich herauskommen mit 150 Mk, von denen ich mindestens 20 dem Schutzverband gleich werde abgeben müssen. Aber immerhin: wenn wenigstens mal wieder ein blauer Lappen sichtbar würde!

Papa geht es schlechter, als ich wußte. Nach Grethes Geburtstagsbrief ist er seit 5 Monaten nicht mehr aus dem Hause gekommen und hat geschwollene Füße, was gewiß ein recht trübes Anzeichen ist. Der Gedanke an seinen Tod beschäftigt mich daher wieder sehr intensiv. Aber ich verschließe mich nicht der Befürchtung, daß die Erbschaft vielleicht eine große Enttäuschung werden kann, zumal während des Krieges vermutlich garkeine großen Barbestände da sein werden, und sehr große Summen sofort an meine Gläubiger weitergeleitet werden müssen: die Berner, die Komet-Geschichte usw.

Wie sich im Falle meines Reichwerdens mein Verhältnis zu Jenny gestalten wird, ist garnicht zu prophezeien. Ihr letzter Brief war vom 3. März datiert, und zum Geburtstag hat sie sich nicht gemeldet, was mich bitter enttäuscht. Natürlich hat sie den Tag nur vergessen: aber grade! ... Ich liebe das Mädchen sehr. Jeden Tag weiß ich es von neuem. Aber manchmal fürchte ich, daß diese Liebe nicht in meinem Nutzen liegen möchte, daß sie – bei allen guten Werten, die sie hat – in Dingen des Gefühls oberflächlich und, falls ich sie wiedererobern sollte, ohne rechte Gemeinschaft mit mir bleiben könnte. Trotz allem: versuchen will ich es, sie zurückzugewinnen, sobald ich ihr und ihren Kindern ein Dach über den Kopf bauen kann.

Ohne meine Sehnsucht nach Jenny – und bei Gott! auch nach Friedel (die sich auch nicht gemeldet hat) – zu berühren, gewinnt meine Zuneigung zu Zenzl täglich Boden in meinem Herzen. Wir kennen uns nun 1½ Jahre, und oft ertappe ich mich der schönen, köstlich natürlichen Frau gegenüber auf einer ganz jungenhaften erfrischenden Verliebtheit. Wäre sie nicht an ihren „Luki“ so fest gebunden, – ich täte die Erinnerung an Jenny in einen besonders geschmückten Schrein meines Herzens und nähme Zenzl einfach zu mir. Wenn ihre eignen Nerven ruhig und nicht von den perfidesten Nahrungssorgen zerquält sind – und dafür wollte ich wohl sorgen – ist sie für meine Nerven Sonne und Bad. Wer weiß, ob ich sie nicht vielleicht doch noch mal heirate, die Bäuerin aus der Holledau – zum Entsetzen meiner An- und Stammverwandtschaft.

Trotz dieser wachsenden und ganz beglückend erwiderten Zärtlichkeit zu Zenzl nehmen mich die Gelegenheits-Gschpusi letzthin kolossal in Anspruch, und eins davon – Fifi – scheint sich zu einer neuen „seriösen Dauersache“ auswachsen zu wollen. Das Mädel ist sehr verliebt in mich, und da ihr vor 2 Monaten ihr erstes 4 Jahre währendes Verhältnis (sie ist schon 32 Jahre alt) in die Brüche ging, hängt sie nun mit allen Fasern an mir, der ihre Schmerzen wegküßt. Fifi ist durchaus nicht schön von Statur und Angesicht. Aber ein liebes Kind. Ich sagte neulich zu ihr: „Du siehst lange nicht so hübsch aus wie du bist.“ Im Gesicht stört eine behaarte Warze gleich über dem rechten Mundwinkel, die ich beim Küssen ängstlich zu meiden suche. An ihrem Akt ist nur die Büste gut, rund und ziemlich fest. Die Haut ist sehr weiß, was ich liebe. Aber sie hat ein wenig Bauch und die Beine sind nicht lang und nicht grade genug. Der Körpergeruch ist ganz indifferent wie so oft bei gebildeten Frauen. Es ist mehr gerührte Sympathie als Liebe, was mich zu ihr zieht: ihre vertrauensvolle Verliebtheit und die ruhige Anständigkeit ihres Charakters. – Vorgestern nachmittag war ich bei ihr, ohne die Absicht zu sexueller Betätigung. Aber dann kam es doch so, daß wir uns auszogen, obwohl ich zum Abend Asta erwartete. Die kam auch, und da sie mit schöner Direktheit begehrte, ins Bett zu gehn, mußte ich auch ihr den Mann stellen: An einem Tage zwei Frauen – das hatte ich seit meiner Apothekerzeit kaum mehr geleistet. – Die Befürchtungen wegen der Potenz sind jedenfalls wohl als grundlos erwiesen. Heute nachmittag kommt nun Ruth zu mir. Ob ich da wieder heran muß? Jedenfalls muß ich es morgen. Dann hat mir Zenzl ein Piacere versprochen.

Wichtige Kriegsereignisse liegen nicht vor. Franzosen und Deutsche melden täglich enorme Erfolge, die sich gegenseitig aufheben. Wer von beiden lügt, kann niemand entscheiden. Vermutlich beide. Ebenso steht es in den Karpathen, wo es entsetzlich hergehn muß. Die Deutschen und Österreicher, die dort kämpfen, geben sich alle auf. Täglich fallen Tausende. Bei den Russen, die garkeine Schonung von Menschenleben kennen sollen, dürfte es noch ärger sein. Gegen England wird der Krieg besonders ekelhaft geführt. Die „Fallaba“-Geschichte muß im Ausland ungeheuren Haß gegen Deutschland heraufbeschworen haben. Heinrich Mann, der täglich französische Blätter liest, erzählte mir vorgestern, die Matrosen des Unterseebootes hätten lachend zugesehn, wie der Passagierdampfer sank und die armen Menschen, eine Menge Frauen und Kinder dabei, untergingen. „Wir sind doch keine sittlich verkommenen Menschen!“ meinte Mann. „Es muß wohl an der Erziehung liegen, daß wir zu solchen Scheußlichkeiten am ehesten fähig sind.“ – Auf eine Anfrage der deutschen Regierung hat die englische der amerikanischen geantwortet, die Unterseeboots-Mannschaften und Offiziere, die gefangen werden, werden im Marinegefängnis interniert, da man sie nicht mit den übrigen Gefangenen zusammenlassen will. Das wird nun wieder Repressalien provozieren – die wiederum Gegenmaßnahmen und so fort. – Über die Selbstverständlichkeit, daß englische Handelsdampfer jetzt bewaffnet werden sollen, da unsre U-Boote sie ohne Vorwarnung einfach angreifen, entrüstet man sich hierzulande über die Maßen, glaubt aber immer noch, England werde infolge Hungers nachgeben müssen. Wie unwirksam und nur chikanös jedoch der Unterseekrieg ist, beweisen die Zahlen, die die englische Admiralität ausgibt. Danach wurden in der verflossenen Woche 5 englische Handelsschiffe von insgesamt 7904 Tonnen und fünf kleine Schiffe von insgesamt 914 Tonnen durch deutsche Unterseeboote in den Grund gebohrt. Dagegen sind in derselben (noch dazu Oster-)Woche in den Häfen Großbritanniens 1234 Dampfer ein- und ausgelaufen. – Das ist das ungeheure Ergebnis des gewaltigen Kampfes der deutschen Flotte gegen handeltreibende Fahrzeuge, gegen Heizer, Stewardessen und kampfunfähige Passagiere!

 

München, Montag, d. 12. April 1915.

Ruths Besuch dauerte nur kurz. Die Unterhaltung beschränkte sich auf Küsse, denn sie machte mir ein Geständnis, das mich einigermaßen verschreckte. Sie ist – das hat sie mir seinerzeit gleich anvertraut – von ihrem Gatten gonorrhöisch infiziert worden. Die Sache war, als sie bei mir schlief, längst ausgeheilt. So schien es wenigstens. Vor einiger Zeit ist der Tripper nun plötzlich wieder florid geworden. Ich, der einzige Mann, mit dem sie inzwischen zu tun gehabt hat, war also der Reiter über den Bodensee – und mich überläuft es, wenn ich denke, daß ich wer weiß wie leicht die arme Zenzl hätte anstecken können. – Die war gestern bei mir, – und es geschah wieder, was seit ihrer Gesundung mehr als je vorher ihre Zärtlichkeit verlangt.

Endlich ist von Jenny eine Karte da, am 9ten in Berlin aufgegeben. Sie bezieht sich auf einen Brief, den ich noch nicht erhielt, und der wohl einen nachträglichen Geburtstagsgruß enthält. Sie war krank (Influenza), und ist somit für alles entschuldigt. Könnte ich sie nur endlich wiedersehn!

Von Hans und Minna kam ein Paket: Wurst und Chokolade (koscher!), Obst und 10 Mk bar. Für die nächsten Tage also wieder über Wasser.

Ein Brief von Greeven mit Zitaten aus alten Heften der „Neuen Rundschau“ über die Drangsalierungen Serbiens durch Österreich. Material für mein Buch „Die große Zeit“. Seine „Käte“ funktioniert leider nicht. Er will nun eine „olle Witwe“ bemühn, gibt aber auch da wenig Hoffnung.

Wie der Krieg steht, weiß kein Mensch. Die Berichte der Deutschen und der Franzosen über die Kämpfe zwischen Maaß und Mosel widersprechen sich in jedem Satz, ebenso die der Russen und Österreicher über die Karpathenschlacht.

Die nächsten Tage werde ich wohl wenig ins Tagebuch schreiben. Briefe sind zu erledigen, ferner will ich für die „Ähre“ einen Artikel schreiben gegen die Fremdwörterjagd – und endlich mal den 1. Akt der Wally zuende bringen.

Ließen mich nur die Frauen ein wenig zu mir selbst kommen. Jetzt erwarte ich Fifi – und morgen kommt wieder Zenzl.

 

München, Mittwoch, d. 14. April 1915.

Eben habe ich an Jenny geschrieben: die Antwort auf einen lieben langen Brief, in dem sie erstaunlicherweise völlig patriotische Konfessionen ablegt. Könnte ich das Mädel doch sprechen! Ich wollte wohl Brücken bauen zwischen uns!

Meine Kasse ist wieder aufgebessert. Der Verlag Hesse u. Becker, der vor einem Jahr für eine Anthologie 3 Gedichte von mir erwarb, hatte auf eine im Oktober an ihn gerichtete Anfrage wegen des Honorars nicht geantwortet. Nun ließ ich durch den Syndikus des Schutzverbandes mahnen, und der bekam eine ziemlich gekränkte Antwort: da ich die Gedichte unter den Bedingungen des Kartells lyrischer Autoren hergegeben habe, sei das Honorar (112 Zeilen zu je 25 Pf) erst nach Erscheinen des Buches fällig. Ich klärte die Leute jetzt auf, daß ich durch die Kriegslage in Mitleidenschaft gezogen sei, und deshalb ausnahmsweise die Zahlung gleich erbäte. Darauf bekam ich nun heute die doppelte Summe, also 56 Mark, gesandt. Sehr nobel.

Gestern war ich mit Zenzl in den Kammerspielen, die einen Strindberg-Zyklus veranstalten. Eine sehr anständige Tat in diesen Zeitläuften. Es gab „Gläubiger“ und „Mit dem Feuer spielen“. Die „Gläubiger“-Aufführung mit Marx, Kalser und der Unda war vorzüglich, besonders die Unda, jetzt wohl die tüchtigste Schauspielerin in München, ganz ausgezeichnet. Leider hatte Erkens den Raum falsch ausgestattet: statt eines Hotelzimmers ein Schwabinger Atelier. – Das zweite Stück wurde leider kaput gespielt. „Mit dem Feuer spielen“ ist das beste Konversationsstück, das ich kenne (Bruno Frank setzte, als ich das gestern aussprach, witzig hinzu: „außer Torquato Tasso“), eine Gesellschaftskomödie mit tragischen Hintergründen und echt Strindbergschen Verworrenheiten im Seelischen. Die Horwitz gab keinen echten Ton von sich. Gut war nur Weigert, leidlich Ziegel und die Bierkowsky, die übrigen karrikierten so dumm, daß aus dem schönen Stück eine seichte Posse wurde ... Zenzl saß neben mir mit großen blanken Augen, atmenden Nüstern und fieberndem Gesicht. Ich mußte sie oft anschaun und hatte sie lieb. – Später Torggelstube mit Feuchtwangers, Frank, Friedenthal, Ziersch und der Wimplinger. Beim Nachhausewege drückte ich mich ungesellschaftlich, um der Begleitung Friedenthals enthoben zu sein.

Vom Krieg: Die Karpathenschlacht scheint, wenn man den Österreichern glauben darf, zur Ruhe zu kommen, da der russische Angriff zum Stehn gebracht sein soll. Sonst lügt sich’s auf allen Schauplätzen unverändert weiter.

Dienstag: Fifi.

 

München, Freitag, d. 16. April 1915.

Die Zeitungen fangen an, den Frieden als diskutable Angelegenheit zu behandeln. Das geschieht zunächst in der Form von Erörterungen, wer der „Hauptfeind“ sei, und dabei wird die „Gott strafe England“-Albernheit schon ein wenig zurückgedrängt. Das sind alles noch ziemlich vage Symptome einer aufdämmernden Vernunft, aber doch als Erfreulichkeiten zu notieren. Besonders bemerkenswert finde ich, daß der ehemalige deutsche Botschafter in Rom, Herr v. Monts, im Berl. Tagebl. äußern kann, England habe sein Kriegsziel ziemlich erreicht, da es Deutschland für Jahre hinaus vom Konkurrenzmarkt verdrängt habe (und, hätte er hinzufügen können, den ganzen deutschen Kolonialbesitz gesprengt hat) ... Der Frühling ist seit heute da, nachdem Regen und Kälte bisher alle Sonne fernhielt. Dieser himmlische Umschwung mag mich vielleicht heute besonders geneigt stimmen, auf Frieden zu hoffen.

Auf den Kriegsfeldern nichts Neues. (Der Mord fängt an, langweilig zu werden wie ein Fabrikmechanismus). – Ein neues Opfer aus dem Bekanntenkreis: Dr. Carl Lehmann, der sozialdemokratische Arzt – wir waren zuletzt zusammen, als Bruno Wille hier war –, ist in Nordfrankreich an einer im Dienst erhaltenen Blutvergiftung gestorben. Ein hochanständiger kluger und unbürgerlich-freier Mensch.

Jetzt erwarte ich Fifi, die gottseidank die nächsten Tage außer Betrieb ist. – Gestern Zenzl (sehr sehr süß), die auch heut abend wieder in Aussicht steht. Es ist, als sei unsre Liebe plötzlich ganz neu erstanden.

 

München, Sonnabend, d. 17. April 1915

Das vorsichtige Gerede über die Aussichten auf Frieden wird in der Presse fortgesetzt. Frankreich entsendet einen neuen Gesandten zum Vatikan. Ziemlich gleichzeitig reist der Belgier Albert nach Rom, und man erfährt, daß der Papst dem Präsidenten Wilson eine gemeinsame Friedensvermittlung vorgeschlagen habe. – Ich habe zu sehr den Wunsch, daß endlich ein Ende des Jammers und Schreckens sei, als daß mich diese Symptome nicht erregen sollten. Freilich erfährt ja das Volk hier und woanders nie, was über sein Schicksal von Leuten verfügt wird, die ohne sein Zutun solche Macht haben. Die Diplomaten haben den Krieg verursacht, der in jedes Haus Europas Grauen und Not getragen hat – und die Völker waren begeistert. Die Diplomaten werden die Völker eines Tags mit dem Frieden überraschen (der Friede wird „ausbrechen“, meint Max Halbe) – und vielleicht werden die Völker dann sich die Augen wischen und plötzlich erkennen, wie infam mit ihnen Schindluder getrieben wurde.

Kriegsereignisse: die Türken sind mal wieder geschlagen worden, diesmal von den Engländern in Mesopotamien. Deutsche Luftschiffer töteten an der englischen Küste Kinder und Unbeteiligte, französische und englische Flieger in deutschen und belgischen Städten. Aufs deutsche Generalquartier wurden Bomben abgeworfen. Ob sie jemanden erwischt haben von denen, die gemeint waren, wird man wohl erst allmählich authentisch herauskriegen. – Die Presse behauptet, daß Spanien kriegerisch zu werden anfange. Es wolle Tanger besetzen und sich womöglich von der englischen Schildwache in Gibraltar befreien. Italien soll das treibende Element bei diesen Tendenzen sein. Vorläufig glaube ich kein Wort von dem allen.

Interessanter ist das Verhalten Japans in Ostasien. Es scheint China ganz untergekriegt zu haben. Jedenfalls sind die Aussichten auf einen chinesisch-japanischen Krieg sehr beträchtlich gesunken. Nun kommt aber heute – über die im allgemeinen zuverlässige Frankfurter Ztg. – die erstaunliche Meldung, Japan habe in Kalifornien Truppen gelandet und Kriegsschiffe dorthin zusammengezogen. Japaner in Amerika! Das könnte das Signal sein zu einer ganz neuen politischen Zeitepoche. Denn es ist sicher, daß Amerika zur Zeit außerstande ist, sich der Japaner zu erwehren. Diese Gelben treiben Politik im Bismarckischen Geiste – ungemein überlegt, gerissen und ohne moralische Hemmungen. Aber das Ganze ist doch wenig glaubhaft.

Mein persönliches Leben ist ohne Sensationen abwechslungsvoll. Das Verhältnis mit Fifi fängt an mich zu bedrücken. Ich liebe sie nicht hinreichend, wie ich täglich deutlicher sehe. Dabei ist sie maßlos verliebt und klammert sich umso fester an mich, als ich im rechten Augenblick kam, um ihr Trost und Erlösung in einer furchtbaren Liebesenttäuschung zu sein. So kann ich also nicht brutal von ihr los und sehe böse Nervenkonflikte voraus. Schon gestern bei einem Spaziergang im Englischen Garten wurde ich ziemlich gereizt wegen einiger Aeußerungen von ihr, die ich ebenso gut ganz ruhig und sachlich hätte erwidern können. – – Dabei wächst in der Beziehung zu Zenzl täglich die gegenseitige Attraktion. Ich hatte sie zur Hedi König zum Abendbrot eingeladen, und ich stellte fest, daß ich mordsverliebt bin in die Frau. Der „Einfühler“ Ludwig Aub erschien und betätigte seine Charakterologie an uns. Mir tastete er den ganzen Schädel ab, konstatierte Sensitivität, gebremst von logischem Verstand und kühle Kritik, gebändigt durch Gefühlswärme und lyrische[r] Inbrunst. Riet richtig auf Abstammung von herzensweicher Mutter und nüchtern-hartem Vater und bestellte mich zur Beurteilung von Schrift, Handfläche und allem übrigen zur übernächsten Woche. Zenzl soll mitkommen, von der er ebenfalls gute Dinge sagte: „Inversio masculina in corpore feminae“. Ich freute mich, daß er als ersten Eindruck die Gradlinigkeit ihres Wesens betonte. Übrigens fand er, daß wir vortrefflich zusammenpaßten und auf seine Vermutung, daß wir wohl recht glücklich wären, wollte Zenzl sich halbtot lachen. Damit war es so spät geworden, daß wir unsre Absicht, noch miteinander zu Bett zu gehn, nicht ausführen konnten, mit Rücksicht auf den Ehemann, der nicht überflüssigerweise Verdacht schöpfen soll. Da wir aber beide das zwingende Bedürfnis fühlten, noch zärtlich zu sein, kam sie doch noch für ein paar Minuten mit zu mir. Heut hat sie zu tun, sodaß ich diesen Tag wohl leider ungeküßt vorübergehn lassen muß. Morgen wird aber – das steht fest – alles nachgeholt.

Eine reizende Überraschung fanden wir vor, als wir gestern nacht in mein Zimmer traten: ein Paket von Zechbauer, enthaltend ein Gedichtbuch von Ina Seidel und eine Kiste mit 25 exquisiten Zigarren, nebst einem Brief von Anni Seidel, die mir die Spende als Ostergruß zugehn ließ. Die Dichterin ist ihre Schwester, und nach den Proben, die ich bis jetzt las, enthält das Buch weit besseres, als man gemeinhin von Lyrik übenden Frauen gewöhnt ist. Mit Lektüre bin ich jetzt reichlich versehn. Nachdem ich Buchners Kriegsdokumente durchgelesen und in diesen Tagen mal wieder Herrn Dames köstliche „Aufzeichnungen“ von der Gräfin mit sehr viel Vergnügen repetiert habe, kaufte ich gestern Kants „Zum ewigen Frieden“ (bei Reklam) und Fifi brachte mir 3 Novellen von Strindberg, von denen ich die erste „Der Sündenbock“ heute früh las. Wären diese unerhört genialen Werke nur in besseres Deutsch übertragen, als Emil Scherings „Eindeutschungen“ zuwege brachten. – Meine eignen Arbeiten ruhn mal wieder völlig.

 

Auf der Reise München – Berlin – Lübeck.

Sonntag, d. 18. April 1915 (nachts)

Telegramm von Grethe: Papa schwer erkrankt. Komme sofort ...“ Werde ich ihn lebend wiedersehn?

 

Lübeck, Montag, d. 19. April 1915

(nachts beim Schlafengehn)

Der Vater lebt. Ich habe ihn noch nicht gesehn, soll erst morgen vorgeführt werden. Mir graut etwas davor, den schwerkranken alten Mann leiden sehn zu sollen. – Über die beiden letzten, sehr ereignisvollen Tage hoffe ich morgen ausführliches einzutragen die Zeit zu finden. Ich wohne vorläufig bei Grethe in der Königstrasse.

 

Lübeck, Dienstag, d. 20. April 1915.

Es ist niemand zuhause. Vielleicht kann ich ungestört rekapitulieren.

Zenzl hatte Sonntag bei mir gegessen. Dann las ich ihr vor, und endlich ergab sich aus spontanen Zärtlichkeiten wieder deren Tiefste. Sie lag mir noch in den Armen, als ich Tränen bemerkte, und auf meine Frage warum, sagte sie an meinem Mund: „Weil ich dich so lieb habe.“ – Nachher brachte ich sie vorsichtig zum Sprechen, und nun kam die Generalbeichte, von der ich sehr überrascht wurde. Sie liebt ihren Mann garnicht mehr, hält nur noch aus Pflichtgefühl zu ihm und bei ihm aus. Er sei nur nach außen hin der freie Mensch, entre deux aber, in der Ehe, ein gewöhnlicher engherziger moralischer Philister, der sie nur aus Egoismus halte, kurzum: Eheüberdruß in optima forma. – Mir stieg siedend der Wunsch auf, Zenzl zu erlösen, sie ganz zu mir zu nehmen, und ich sprach vorsichtig von solcher Möglichkeit. Ich könne kündigen in der Pension. Wir beide könnten gut mit 150 Mark auskommen, oder aber: später, wenn ich Besitzer von Mitteln sei, und – falls sich die Sache mit Jenny endgiltig zerschlage ... Sie wehrte alledem ab, aber so, daß ich ihr glühendes Verlangen nach dieser Wendung spürte. „Wozu wieder schöne Hoffnungen aufrichten“? – Wir waren sehr ernst. – Plötzlich erschien der ungarische Schneider-Genosse K. (der Przemysler). So blieb ich über jede gewöhnte Zeit zuhause, und gegen 7 Uhr kam das Telegramm: „Papa schwer erkrankt. Komme sofort. Geld folgt telegrafisch. Margarethe.“ Ich war völlig erstarrt zuerst und fühlte mich blaß werden. K. wurde verabschiedet. Zenzl half mir bei allen Reisevorbereitungen, und da das angekündigte Geld nicht kam, pumpte ich Max Halbe um 50 Mk an, die ich mir um 9 Uhr bei ihm abholte. Mit einem sehr zärtlichen Kuß verließ mich Zenzl erst am Bahnhof. Die Nachtreise (2. Kl) in Gesellschaft einer Dame, geborene Russin, mit Deutschem verheiratet, die nach Stockholm fuhr, um ihre Kinder in Empfang zu nehmen, die seit Kriegsbeginn in Rußland und von ihr getrennt waren. Über Thüringen ging die Sonne herrlich auf, und um ½ 9 gestern früh telefonierte ich vom Anhalter Bahnhof die Waidmannsluster an. Onkel war zu meinem Erstaunen nicht in Lübeck, sondern zuhause. Wir trafen uns in seinem Büro, wo wir ein sehr wichtiges Gespräch über die künftigen Dinge führten. Er gab mir das Testament meiner Eltern zu lesen. Zu meinen Ungunsten ist keine Verfügung darin. Er erzählte zugleich kleine Eigenheiten von meinem sterbenden Vater. Nur eine davon, die ich reizend finde von dem alten Herrn. Er hat vor einigen Monaten die Lebensbäume vom Grabe der Mutter entfernen lassen, damit, wenn er im Winter sterbe, sich die Leute, die das in der Eile tun müssen, nicht überanstrengen. – Ferner aber hat er dem Rabbiner einen groben Brief geschrieben, weil der kürzlich eine arme Frau neben den Gräbern der reicheren, in dem abgegrenzten Raume des Friedhofs, wo die umgitterten Gräber stehn, und wo auch der Grabstein unsrer Eltern steht, beerdigen ließ. Er werde, wenn sich das wiederhole, die Mutter ausgraben lassen und sie und sich im Allgemeinen Gottesacker bestatten lassen. Das ist sein ganzer Charakter: Ordnung muß sein. Das ist der Begräbnisplatz derer, die dafür teuer bezahlt haben. Da darf kein andrer hinein. Pedantisch aber auch in der Güte und Vorsorglichkeit.

Ich fuhr mittags weiter nach Lübeck. Der Zug voll von Matrosen. Ich sah Ruhleben liegen, wo gefangene englische Zivilisten spazieren gingen. Vor Hagenow arbeiteten auf dem Felde unter Aufsicht stramm aufgepflanzter deutscher Soldaten, russische Gefangene in grauen dürftigen Uniformen. Um ¾ 5 war ich in Lübeck, empfangen von Charlotte, Grethe und den 3 Joël-Jungs.

Papa aber (den ich noch immer nicht besuchen darf, weil man die Aufregung befürchtet) geht es schlecht, ohne daß bestimmte Auspizien gegeben werden können. Wie mir Julius sagte, kann das Ende in Stunden eintreten, aber auch noch Monate dauern. Er ist geistig völlig gesund, und kennt den Zustand genau. Er wünscht sich den Tod und spricht fortwährend davon. Der Zustand, am gleichen Ort zu sein – gestern und heute war ich auch in seinem Hause – ohne ihn sehn und sprechen zu dürfen, ist für mich sehr quälend. Dabei fühle ich mich, bei aller Liebe und Güte, die mir die Geschwister zeigen, fremd. Nur die Kinder trösten mich. Heut lernte ich bei Landaus auch meine kleine 9 Monate alte Nichte kennen: Rahel Eva, und spielte mit ihren beiden Brüdern lange im Garten.

Wüßte ich nur erst, wie sich nun alles gestalten wird. Mich hier wochenlang einzunisten, wäre mir schrecklich, auch Zenzls wegen, die dringend meinen Beistand braucht. – Und wie wird die Unterredung mit Jenny ausgehn, die nun sicher nahe bevorsteht? Sollte sie mich endgiltig verabschieden oder weiterhin unbestimmt vertrösten, so bin ich entschlossen, meine nächste Zukunft Zenzl anzuvertrauen.

 

Lübeck, Mittwoch, d. 21. April 1915

Ich schreibe in meinem Schlafgemach, im Giebel des alten Hauses der Königstrasse. Trete ich hinaus, so bin ich auf dem Speicher, wo es muffig und nach Mäusedreck riecht und allerlei Gerümpel sich türmt.

Papa habe ich immer noch nicht zu sehn bekommen, und es ist ganz fraglich, wann dieser Zustand mal geändert wird, – und was dann wird. Es geht ihm wieder etwas besser, doch ist er selbst ganz überzeugt, daß jeder Tag, den er noch erlebt, sein letzter war, und er wünscht sich den Tod. Ich glaube, daß jeder von uns allen nun seinen Wunsch teilt und keiner hofft, daß die Qualen unabsehbar sich fortsetzen sollen.

Gestern abend war ich mit Anthes im Caféhause zusammen. Gute Unterhaltung. Wir waren beide froh, jemanden aus der eignen Welt zu sehn, und wollen nun häufiger beisammen sein.

Heut vormittag: Moisling. Ich stand mit sehr bewegten und ungeklärten Gefühlen am Grabe der Mutter. Vergangenes und Künftiges floß sonderbar ineinander.

In der Trambahn plattdeutsche Unterhaltung mit dem Schaffner. Ich freute mich, daß es noch fließend ging. Münchnerisch werde ich nie lernen, sowenig wie ich das Plattdeutsch verlernen kann.

Eben traf ich vor dem Katharineum Professor Stoffregen, meinen alten Mathematiklehrer. Etwas gezwungene Unterhaltung. Er forderte mich auf, einzutreten in die Anstalt, aus der man mich vor nahezu 20 Jahren hinausgeschmissen hat. Ich verzichtete aber dankend. Mir ist in Lübeck ein wenig traumhaft zu Mute.

 

Lübeck, Dienstag, d. 27. April 1915.

Morgen früh will ich abreisen. Da ich den sterbenden Vater nicht sehn und sprechen darf, habe ich hier nichts zu suchen. Ich fühle mich ihm mehr verbunden als je, und wenn mein Wunsch, er möchte sterben, jetzt heftiger als früher spürbar ist, so aus dem einzigen Gefühl des Erbarmens mit seinem Leiden heraus. Bei vollem kritischen Bewußtsein jede Phase der Krankheit selbst erkennen, ohne Hoffnung auf Besserung, ohne auch nur den Wunsch auf eine Besserung, den gänzlichen Kräfteverfall des Körpers im Geiste kontrolieren und nur von der Hoffnung auf Erlösung getröstet – das muß ganz entsetzlich sein. Julius sagte mir heute, daß dieser Zustand noch wochenlang dauern kann, und daß von einer Möglichkeit der Besserung garkeine Rede mehr sein könne. Die Krankheit ist nun schon an die Lunge gegangen. Aber vermutlich steht neben der Herzkrankheit (Herzmuskelentartung) eine Lungenentzündung bevor, die dann wohl das Ende wirklich bedeuten wird. Meine Anwesenheit mußte ihm verheimlicht werden, weil er in ihr das Signal des Aufgegebenseins erkennen würde, und weil er jedenfalls Abschiedsreden an mich halten würde, die ihn furchtbar erregen müßten.

Ich fahre nun also erst nach Waidmannslust, und will sehn, am 4. Mai in München den Termin gegen das N. W. J. innezuhalten, der vorige Woche angesetzt war und wegen meiner plötzlichen Abreise vertagt werden mußte. In Berlin hoffe ich Jenny zu sprechen. Ich habe sie sehr eindringlich um ein Rendez-vous gebeten und fürchte nur, daß sie etwa nicht zur Post gegangen sein könnte, also meine letzten Briefe und Karten nicht erhalten hat. Ich will jetzt endlich klar sehn, wie wir zueinander stehn, um evtl. sofort nach Papas Tode Entscheidungen treffen zu können. Sollte die Verbindung mit Jenny nicht oder vorläufig nicht zustande kommen, so werde ich wohl mit Zenzl zusammenziehn, in der Weise, daß ich sie als meine Haushälterin engagiere. Die süße gute Frau schreibt mir köstliche Briefe, an denen ich erst sehe, wie sehr sie mich liebt. Sehr unorthografisch, aber sehr lustig und sehr lieb. „Ich habe so Sehnsucht nach Dir, heißt es im letzten, wenn Du da wärst, mein Teurer, ich würde Dich lieb haben meine Haare täte ich frisch waschen und mich baden und dann zu Dir legen ...“ und zum Schluß: ... „und probiere Deine nicht angenehme Lage Dir damit zu verschönern daß Du ans Meer gehst und Dich von dem Lachen und Weinen des Meeres überzeugst wie es in meinem Herzen aussehn würde wenn ich Dir ein Kindlein schenken könnte.“ Eine wahrhaftige Dichterin ist meine Zenzl geworden. Von ihr wünschte ich mir wohl ein Kind.

Die Kriegsgeschehnisse sind mir ein wenig außer Sicht geraten, da es in ganz Lübeck keine Schweizerische Zeitung zu geben scheint. So muß man also die einseitige deutsche Berichterstattung einmal gelten lassen. Danach ist bei Ypern ein größerer Sieg gelungen – und zwar mit Stinkbomben. Die wurden zuerst nur von den Alliierten angewandt, da entrüstete man sich in Deutschland, jetzt entrüstet man sich in aller Welt über Deutschland. Ich kann mich der Ansicht nicht verschließen, daß das Ausräuchern der Schützengräben mit Chlordämpfen nicht ärger ist als das Töten der Insassen mit Patronen und Granaten. Daß sich dieser Krieg in keinen ritterlichen Formen abspielt, weiß man ja schon.

Eine halbamtliche Auslassung der Regierung tritt in der Nordd. Allgem. Ztg. den Gerüchten gegenüber, als sei ein Sonderfriede mit England geplant. Man werde den Krieg bis zur völligen Niederkämpfung aller Gegner weiterführen, und bei der für Deutschland günstigen Kriegslage beständen hierorts keinerlei Friedenswünsche. Man will also noch ein paar Hunderttausend Menschen töten – sofern nicht die ganze Übung ein ballon d’essay ist, um auf einen Sonderfrieden mit Rußland vorzubereiten. – Auf dem russischen Kriegsschauplatz ist „die Lage“ andauernd „unverändert“. Aber man redet von ungeheuren Truppenschüben nach dem Osten und alle Welt will wissen, daß ein neuer großer Hindenburgschlag nahe bevorstehe. Wäre nur endlich mal Schluß mit all dem Scheußlichen! Alle besseren Menschen haben schon übergenug von der großen Zeit.

 

 

Beilagen

I.

Brief von Max Wolff aus dem russ. Gefängnis vom Juli 1914

II.

2. Brief von Levetzow vom September 1914 mit Abschriften seiner Erklärungen.

III.

Lissauers „Haßgesang gegen England.

IV.

Jahresbilanz meiner Einnahmen von 1914

V.

Einlasskarte zu meinem Vortrag im Kunstsaal Steinicke.

VI.

Kritik

der

Münchn. Zeitg. darüber (von Braungart)

''

''

Münchn. Neuest. Nachr. (von Elchinger)

VII.

VIII.

Brief von Greeven vom 30. März 15

IX.

Telegramm aus Lübeck vom 18. April 15.

 

 

 

 

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