Tagebücher

XIV

 

30. April – 20. August 1915

 

S. 1968 – 2159

 

 

(Kriegstagebuch)

 

 

 

Waidmannslust, Freitag, d. 30. April 1915

Im Durcheinander dieser Tage mußte ich die beglückende Nachricht von Tag zu Tag für mich behalten, und durfte die süßeste Hoffnung diesen verschwiegenen Büchern nicht anvertrauen: Zenzl ist schwanger. Ich werde, wenn nicht wieder teuflische Finger mit meiner Seele rohen Unfug treiben, Vater sein. Es wäre grade die richtige Zeit dazu: wir waren uns in der letzten Zeit aus vollen Herzen heraus ganz nahe gekommen. Zenzls Liebe zu mir wuchs von Tag zu Tag, und ihr Verhältnis zum Gatten klärte sich zum Bewußtsein, daß diese Beziehung zu Ende sei, und wie sie mir nun schreibt, ist kein Zweifel an meiner Vaterschaft, da sie seit einem ganzen Monat – seit der letzten Periode – nur mehr mit mir verkehrt habe. Darum waren ihre Briefe so unendlich zärtlich und werbend: weil sich in ihrem Leibe das vorbereitete, was unser Verständnis für alle Dauer und vielleicht für lange Generationen manifestieren soll. Wie ich mich auf das Kind freue! Mein Kind! – Und welche köstliche Kreuzung das geben wird: norddeutscher Jude und niederbayerischer Bauer in einem Individuum! Ob’s ein Junge wird? Fast möchte ich mir lieber ein Mädel wünschen, das sie einem nicht um elender Staatshändel willen im besten Alter der Arbeits- und Zeugungskraft abschießen.

Nun bekommt Peter Gross Konkurrenz. Den lieben Bengel halte ich ja immer noch so lieb wie einen Sohn. Ich sah ihn werden in den ersten Wochen – und es waren zugleich die ersten Wochen meines Lebens, da ich damals zum ersten Mal Liebe erfuhr, die ganze restlose Liebe eines Weibes: seiner himmlischen Mutter. Daß ich den Jungen nicht gezeugt habe, das macht nicht viel aus. Er ist mir doch und wird bleiben das sichtbare Zeichen meines tiefsten Liebeserlebnisses ... Aber nun soll ganz etwas andres kommen: das Zeugnis meines eignen Blutes, die große Prüfung, ob ich die Eigenschaften, die ich in mir gepflegt habe, ohne sie in mir zu befriedigender Rundung bringen zu können, schöner, vollendeter, beglückender in den Menschen verpflanzen konnte, der meiner Kraft das Leben danken soll. – Liebes Kind, das Du im Leibe einer lieben schönen Frau wirst, – ich will Dir ein guter Vater sein, und es soll Dir an nichts fehlen, was Liebe und Sorge, guter Wille und Eifer schaffen kann.

Und nun will ich in groben Umrissen weiter berichten von meinen Erlebnissen und meinem Ringen mit den Dingen um mich. – Ich kam also Mittwoch hier an, ohne den Vater gesehn zu haben, ohne daß er erfahren hätte, daß ich da war. Damit ist dokumentiert, daß ich dort nur zum Zwecke der Beerdigung verlangt werden soll ...

Hier bin ich ganz ausgefüllt von dem Verlangen, Jenny zu sehn und mit ihr die Zukunft zu beraten. Aber entweder war sie die ganze Zeit nicht beim Postamt, um nach Briefen zu fragen, oder sie ist im Besitz meiner zahlreichen Nachrichten und will sich nichts wissen machen. Jedenfalls waren bisher alle Versuche vergebens, die mich an die Universität und heute ans Postamt selbst und ins Café des Westens führten (wo ich Emmy antraf, sie macht einen völlig zerrütteten Eindruck und tut mir sehr leid). Heut nachmittag will ich nun Landauer aufsuchen. Der soll mir helfen, Jenny aufzutreiben, da ich doch nicht in die Wohnung der Eltern schreiben kann, ohne sie der Gefahr grosser Aufregungen auszusetzen.

3 Besuche machte ich gestern. Ich sprach Dr. Eyssler von den Lustigen Blättern, der meine Mitarbeit wünscht und dem ich den Vorschlag machte, in der Art von Auerbachs Kinderkalendern, die uns in der Kindheit soviel Freude machten, jährlich einen Almanach mit guten Mitarbeitern zu machen, den ich redigieren will. Eyssler scheint sehr geneigt dazu.

Ferner war ich beim „Vorwärts“ auf der Redaktion und sprach Ströbel. Ich trug ihm die Idee des „Weltbundes gegen den Krieg“ vor. Er war sehr einverstanden damit und sagte seine Mitwirkung zu.

Abends dann bei Schickele. Ich sah die gute liebe Lannatsch, seine Frau, und den Jungen Rainer Wolfgang nach 7 Jahren wieder und blieb über Nacht dort in Steglitz. Zufällig kam abends auch Hardy hin, und dann begann eine große Debatte über den Krieg. Beide stehn ganz auf dem Standpunkt Heinrich Manns, und ich selbst neige nach und nach auch ein wenig zu dem Wunsche, daß die Deutschen aus Belgien und Frankreich wieder herausgeschlagen werden möchten, da beim jetzigen Stadium der Dinge ein Ende erst in unabsehbarer Zeit erwartet werden kann, und eine „Niederkämpfung“ der westlichen Gegner Deutschlands in der Tat die Gefahr sehr groß macht, daß dadurch die ganze Welt nach deutschem Muster diszipliniert und militarisiert wird. – Übrigens hat Schickele beschlossen, in die Schweiz zu gehn, und dort eine öffentliche Tätigkeit in größerem Stil zu entfalten, in der gleichen Tendenz, die ich für meinen Vortrag in Zürich „Im Geiste Tolstojs“ im Auge habe. Daß das Ausland endlich erkenne, daß doch nicht das ganze deutsche Volk in den räuberischen Wahnsinn der Presse verfallen ist. Es ist hohe Zeit, daß derartiges geschieht. Denn die täglichen offiziellen Kommuniqués werden jeden Tag widerlicher. Der Herr v. Falkenhayn Zabernscher Observanz überschlägt sich geradezu in Verhöhnungen der „Feinde“. Die Presse aber feiert den „chlorreichen“ Sieg bei Ypern (ich las das wörtlich in einem Gedicht der „B.Z. am Mittag“) und beschimpft die englischen Minister, die wegen der Mißhandlung englischer Gefangener in Deutschland ruhige aber bestimmte Reden gehalten haben, als die bösesten Verbrecher.

Inzwischen hat Herr Pfempfert sich wieder mal gegen mich eine hundsföttische Lumperei geleistet. Obwohl er davon unterrichtet worden ist, daß ich von der Erklärung an die Kain-Leser den letzten Satz gestrichen habe, druckt er diesen Satz allein in der „Aktion“ ab, da es die Gerechtigkeit erfordere festzustellen, daß ich eine einwandfreie patriotische und nationalistische Gesinnung in der Art des „Simplicissimus“ von mir gegeben habe. Er wagt das im Gefühl der Sicherheit, daß ich mich jetzt nicht wehren kann. Ich will trotzdem eine Abwehr versuchen und den „Vorwärts“ um deren Aufnahme bitten.

Als wesentliches Kriegsereignis ist zu bemerken, daß das französisch-englische Landungskorps auf der Halbinsel Galipoli geschlagen sein soll, wenigstens das Zentrum und der linke Flügel. Daraus ergibt sich, daß es den Verbündeten tatsächlich gelungen ist, bei den Dardanellen zu landen, was man natürlich nicht erfahren hatte, und daß der rechte Flügel nicht geschlagen ist. Und das ist nur türkische Meldung. Vielleicht klingt morgen alles schon ganz anders. Wer bei uns die Wahrheit kennen will, muß sie doch erst mal mit den Lügen der Feinde vergleichen. Es könnten sonst Irrtümer unterlaufen.

 

Waidmannslust, Sonntag, d. 2. Mai 1915

Ich werde Jenny sehn. Eben hat sie angerufen. Um 4 Uhr treffen wir uns beim Café Monopol. – Was wird aus all den Wirrnissen werden?

 

München, Montag, d. 3. Mai 1915

Wieder zuhause. Die Reise hat mir zwei Belehrungen gebracht. Erstens: daß es wohlverstandener Familiensinn ist, wenn man einen Sohn, der seinen Vater seit mehr als 1½ Jahren nicht gesehn hat, wenn der im Sterben liegt, eilig herbeirufen darf, ohne ihm in mehr als einer Woche Gelegenheit zu geben, am Sterbelager des Vaters zu erscheinen, ohne den Vater von der Anwesenheit des Sohns zu benachrichtigen, ohne die Wiederabreise des Sohns in irgend versöhnlicher Form zu verhindern. Man will dem totgeweihten, unrettbar verlorenen Vater eine Aufregung ersparen, indem man es darauf ankommen läßt, seinen Wunsch, den Sohn noch einmal zu sehen, wenn die Sterbestunde kommt, unerfüllt zu lassen. Damit der ohnehin Aufgegebene nicht ein paar Stunden früher sterbe, will man ihn vielleicht in dem Schmerz sterben lassen, seinen Kindern nicht allen Lebewohl sagen zu können. In mich aber hat man einen Stachel gesenkt, der bei der rechten Würdigung der an mir betätigten Geschwisterliebe bitter beißt. Ich werd’s mir merken, wie man meine Stellung zum Vater bei denen wertet, die jede Rücksicht auf den Vater von mir stets rücksichtslos verlangt haben: daß ich grade noch gut genug bin, um zur Beerdigung zugelassen zu werden.

Die zweite Belehrung: Jennys Liebe zu mir ist tot. Der Anschluß ist verpaßt. Wir haben gestern Entlobung gefeiert. Sie war sehr nett und gradezu lieb zu mir, – aber Liebe war nicht mehr dabei. Meine Liebe zu ihr wird Bestand haben. Denn – das habe ich schmerzlich erfreut mir wieder bestätigen können – es gibt keine Liebe, deren sie nicht wert wäre. Ich verbarg alle Seelennot unter schlechten Witzen, erzählte ihr dann auch von Zenzl – eigentlich, um mir selbst den rettenden Hafen zu zeigen, – und sie begleitete mich abends zum Anhalter Bahnhof. Den „Entlobungskuß“, um den ich sie bat, verweigerte sie mir leider. So reiste ich mit einem bitter-trockenen Geschmack im Munde ab. Aber ich bin froh, daß die zahllosen Versuche, mich mit ihr in Verbindung zu setzen, endlich doch Erfolg hatten, daß sie selbst, nachdem sie von meiner Anwesenheit unterrichtet war, mit Mühe und viel Umständen die Begegnung herbeiführte, und daß ich ihre schönen klugen guten Augen sehn und ihre liebe Hand küssen durfte.

Nun wird also Zenzl mein nächstes Schicksal sein. Sie holte mich heut früh vom Bahnhof ab. Im Bett feierten wir Wiedersehn, und die leichte Schwellung ihres Leibes, die ich glücklich streicheln konnte, malte mir eine gute Zukunft in einem neuen Menschen, – in meinem Kinde!

Um noch des Krieges zu gedenken: Die Hausbesitzer haben geflaggt, kennen aber noch nicht die Ursache ihrer Begeisterung. Extrablätter melden, daß in Berlin „mit Genehmigung des Generalkommandos“ geflaggt sei. Es soll sich um einen großen Erfolg in Galizien handeln. Näheres sei aber noch nicht einmal den amtlichen Stellen bekannt. Die Leute sind aber sehr klug und faseln von 50 Kilometer Vorwärtsdringen, von vorläufig 12000, nach andrer Lesart 110 und 112.000 und selbst 150 000 Gefangenen. Man wird die betreffende „Amtliche Verlautbarung“ mit Haltung abwarten dürfen.

Von Köhler ist ein langer Brief da, in dem er die philosophischen Auseinandersetzungen gegen meine Stellung zum Kriege fortsetzt und in äußerst scharfsinniger Weise die Probleme bis zu ihren letztmöglichen Abstraktionen zuspitzt. Ich habe es bei meiner gefühlsmäßigen Methode zu polemisieren sehr schwer, seinen abgründigen Untersuchungen gleichermaßen logisch zu begegnen. Ein seltsamer Kauz, der Köhler. Der Weise, der neben dem Leben steht – sogar neben dem eignen.

 

München, Dienstag, d. 4. Mai 1915.

Jeder Mensch begegnet mir mit der gemütvollen Frage: „Nun, ist Ihr Vater tot?“ – und auf meine Antwort sehe ich Kondolenzgesichter und taktlose Enttäuschtheiten. Ziersch – ich war im Krokodil mit ihm, Henckell und Martens zusammen, erzählte, daß schon Wetten darüber abgeschlossen seien, ob ich nach Empfang der Erbschaft noch Anarchist bleiben werde. Wie primitiv müssen doch die Leute selbst organisiert sein, die andern die Primitivität zutrauen, die Weltanschauung nach jeweiligem Bedürfnis aus der pekuniären Situation abzuleiten.

In Galizien hat es also wirklich einen großen Sieg gegeben, indem – unter dem deutschen Generalobersten v. Mackensen – die russische Front zwischen der ungarischen Grenze und der Mündung des Dunajec in die Weichsel stellenweise „durchstoßen“ und überall „eingedrückt“ wurde. Da das Publikum, verbildet durch die gewöhnten Hindenburgischen Gefangenenaufzählungen, die Größe eines Sieges nach der Gefangenenzahl bemißt, ist es heute enttäuscht. Das Gerücht hatte gestern noch 240.000 Gefangene gemacht, die sich abends in allgemeiner Verständigung auf 130.000 reduzierten – Nonnenbruch, der alles zu wissen pflegt, hatte allerdings blos von „mindestens 50–60000“ gehört. Jetzt ist der offizielle Bericht da, der blos von 8000 Gefangenen weiß. Wenn sich die aber im Laufe der nächsten Zeit auf 10, 12, 20000 allmählich erhöhen sollten, dann wird die Begeisterung doch wieder Futter bekommen.

Im Westen wie im Osten gehn die Deutschen wieder sehr aggressiv vor. In Rußland ist ein Vormarsch auf Mitau unternommen, der als Ziel Riga zu haben scheint. Im Westen will man, wenn die Zeichen nicht trügen, nach dem Schwefeldampf-Siege bei Ypern, die Versuche, am Kanal Fuß zu fassen, wieder aufnehmen. Dabei zeigt sich, daß die vielfachen Redereien über unendlich weittragende Geschütze, die vor einigen Monaten von allen Kundigen weitergetragen wurden, doch etwas Wahres hatten. Denn seit einigen Tagen wird die Festung Dünkirchen vom Lande aus mit schwerer Artillerie beschossen. Da die deutsche Front an ihrem nächsten Punkt 37 Kilometer von Dünkirchen entfernt liegt, berechnet man, daß also in der Tat Kanonen (Kaliber 38 cm) existieren, die von Calais aus Dover beschießen können. Man konstatiert mit Genugtuung, daß der erste Schuß, der in die Stadt fiel, einem jungen Mädchen den Kopf abriß, und daß dort schon 250 Einwohner getötet seien.

Was bei den Dardanellen vorgeht, ist noch nicht genau zu erkennen. Sicher ist, daß Franzosen und Engländer auf der europäischen wie der asiatischen Seite der Dardanellen Truppen an 7 verschiedenen Stellen gelandet haben, was bis vor kurzem als unmöglich ausgetutet wurde: Der Versuch war ein „Bluff“ gewesen. Nun es geschehen ist, hat man es natürlich absichtlich zugelassen, um die Feinde umso wirksamer vernichten zu können. Nach dem großen Siege der Türken auf der Halbinsel Galipoli ist es nun von weiteren Vernichtungen ganz still geworden. Wenn Konstantinopel erst gewonnen sein wird, werden wir erfahren, daß das ein ganz unwichtiges Ereignis sei, völlig außerstande, den Ausgang des Krieges und auch nur den endgiltigen Sieg der Türken im mindesten zu beeinflussen.

Italien erpreßt weiterhin von beiden Kriegsparteien Kompensationen für sein Neutralbleiben, bzw. für sein Mitgehn. Jedenfalls zeigt sich, daß alle Kenntnisse der ganz Eingeweihten (Halbe etc), wonach die Abtretung Trients schon feststehe und dort sogar schon italienische Behörden wirkten, Quatscherei war. Im Gegenteil sieht die Haltung Italiens gegen Deutschland und Österreich in letzter Zeit sehr bedrohlich aus.

Martens wollte wissen, daß zwischen Deutschland und England tatsächlich Friedensverhandlungen geschwebt haben. Die öffentliche Ableugnung habe nur das Scheitern verkünden wollen. England habe Deutschland Madagaskar, den Kongo und andre Kolonien geben wollen, wenn Europa unangetastet bliebe und niemand Kriegsentschädigung zu zahlen brauche. Das Letztere sei von Deutschland abgelehnt worden, das Antwerpen und Geld gewollt habe. Also für Antwerpen und Geld dürfen noch ein paar Hunderttausend Väter, Söhne und Gatten sterben.

Der zweite Band Eberhard Buchners Kriegsdokumente ist erschienen und mir zugegangen. Im Vorwort bringt Buchner den von der Presse unterschlagenen Passus meiner Erklärung. Endlich einmal eine Rechtfertigung vor breiter Öffentlichkeit. Die Angabe, daß ich beim Weitererscheinen des Kain meine persönliche Sicherheit gefährden würde, wird wohl nicht viele Leute Pfempferts perfide Unterstellung glauben lassen, daß es mir um eine patriotische Kundgebung zu tun war. Immerhin wäre mir wohler, wenn ich vor 9 Monaten nicht um den Schutz der deutschen Frauen und Kinder besorgt gewesen wäre.

Von Lübeck habe ich noch keine Bulletins erhalten.

 

München, Mittwoch, d. 5. Mai 1915.

Ich machte gestern nachmittag Antrittsbesuch bei Fifi. Da sie neuerdings die Atelierwohnung mit einer Freundin teilt, konnten unsre Zärtlichkeiten nicht bis zur Bettlägerigkeit gesteigert werden. Morgen nachmittag will sie mich besuchen, um das Versäumte nachzuholen. Ich hielt mich inzwischen heute vormittag schon an Zenzl schadlos, deren Schwangerschaft die früheren fortgesetzten Störungen wohltätig hintanhält.

Die Durchbrechung der russischen Front in Westgalizien bewirkt, vereint mit starken deutschen Erfolgen in Flandern wieder einmal gesteigerten Patriotismus, der sich in wildem Phantasieren Luft macht. Trotz der amtlichen Berichte, die von deutscher Seite jetzt auf 21500, von österreichischer auf 30.000 russische Gefangene lauten, erhielt sich gestern den ganzen Tag das Gerede, man habe bereits 170.000 Russen. Es mußte extra ein Maueranschlag der Zeitungen erfolgen, der alle diese „privaten Meldungen aus Berlin“ zurückweist. – Die Tochter des Majors Hofmann, Frau Professor Münzer, brachte ferner ins Cafehaus die Nachricht, Ypern sei gefallen. In der Kaserne des Leibregiments sei die Depesche verlesen worden. Bis jetzt ist keine Bestätigung da, und ob die Heeresleitung mit einer solchen Botschaft bis zum amtlichen Tagesbericht warten sollte, ist doch kaum anzunehmen. — Könnte man nur annehmen, daß diese Erfolge auf allen Seiten den Abschluß des Krieges endlich herbeiführen werden, dann kann man ja schließlich die wiederkehrende Hochstimmung des Publikums seufzend in Kauf nehmen. Aber wer kann wissen, was unsre Falkenhayne und preußische Kronprinzen unter „Niederkämpfen“ des Feindes alles verstehen mögen. – Freilich klagte Maaßen gestern bitter, er wisse, daß der Kaiser und Bethmann das Ende des Ganzen unter Verzicht auf Eroberungen anstrebten. Jedenfalls ist noch alles ganz ungeklärt, – und die Gefahr des italienischen Eingreifens scheint trotz allem noch nicht beseitigt. Heute findet in Quarto die Einweihung eines Garibaldidenkmals statt, bei der Gabriele d’Annunzio die kriegerische Festrede halten soll. Der König und die Minister sollten dazu erscheinen, haben aber in letzter Stunde abgesagt, was verschieden gedeutet wird. Die einen erklären es als Symptom der Friedenswahrung, die andern als Zeichen der gespannten Situation, die es den Leuten nicht erlaube, Rom zu verlassen. Es schwirren Gerüchte, Österreich werde an Italien ein Ultimatum absenden, andre, Italien habe schon eins an Österreich losgelassen. Ich glaube an alles das nicht. Ich glaube, daß Italien nie eine andre Absicht hatte, als neutral zu bleiben, daß es aber wie ein Abruzzenräuber mit dem Revolver zwinkert, um sich diese Haltung so teuer wie möglich bezahlen zu lassen ... Der Dreibund besteht dabei unberührt weiter.

Wundervoll bewährt sich in der großen Zeit der uns aufgezwungene Burgfriede. Besonders die charaktervollen sozialdemokratischen Blätter können ein Lied davon singen. Täglich stellen die militärischen Machthaber einige unter Präventivzensur: in der letzten Zeit mehrere, weil sie einen gegen die Annexion Belgiens gerichteten Artikel von Lujo Brentano abgedruckt haben, in dem die Interessenpolitik gewisser Kapitalistenkreise gekennzeichnet war. Es heißt in den Schriftstücken des Generalkommandos, die die Zeitungen – und zwar par ordre di Muffti ohne Kritik und Kommentar – veröffentlichen, stets, daß die Maßnahmen der Zensur nicht irgendwie künstlich sein dürfen. Der Zensor wirkt also in Deutschland rabiater als in Rußland oder irgendwo, er sorgt aber gleichzeitig dafür, daß seine Wirksamkeit nicht aufdringlich bemerkbar wird, und neulich ist schon ein Blatt konfisziert und gestraft worden, weil es den durch einen Zensurstrich geschaffenen weißen Raum nicht anderweitig gefüllt hatte. Versammlungen am 1. Mai „wurden mit Rücksicht auf das Datum“ verboten. Anrempelungen nationalistischer Blätter gegen Sozialdemokraten etc. werden stets durchgelassen. Wilhelm kennt schon wieder Parteien.

Von Lübeck immer noch nichts. Vermutlich hält die „Überwachungsstelle“ wieder alles zurück, ich will deshalb die wichtigen Dinge unter Deckadresse an mich senden lassen. Zenzl übernimmt die Funktion gern.

 

München, Donnerstag, d. 6. Mai 1915.

Aus Lübeck kommt die höchst überraschende Nachricht, daß Papa sich wieder erholt. Grethe schreibt, daß er schon wieder aus dem Bett aufgestanden ist. Darüber herrscht nun bei meinen Geschwistern offensichtlich eine Freude, die ich schlechterdings nicht begreife. Jeder weiß, daß so ein Rückfall ins Gesunde höchstens einen Aufschub bedeuten kann. Jeder weiß, daß der alte Mann durchaus kein Verlangen nach dem Leben hat, das unter allen Umständen nur ein hinfälliges Weiterkriechen sein kann. Jeder fühlt sich durch Sorge und Angst fortgesetzt bedrückt. Ich kann mir dieses Hängen am Leben eines andern, der selbst nicht mehr dran hängt, nur aus einem konventionellen Pflichtgefühl erklären. Mein Wunsch geht dahin, daß der Vater noch eine kurze Zeit der Hoffnung erlebt, noch etwas Freude an der Sonne hat, und dann plötzlich und quallos von allen Nöten der Krankheit und des Alters befreit werde. Das wünsche ich um seiner selbst willen und um unser aller willen.

In den Krieg ist seit kurzem ein lebhafterer Zug gekommen. Im Westen und im Osten wird wieder gesiegt. Wahnwitziger Massenmord überall, und die Hoffnung auf ein Ende schwindet bei der wachsenden Wahrscheinlichkeit, daß Italien eingreifen wird. Die Interventionalisten haben dort anscheinend schon das ganze Publikum verrückt gemacht, und die Regierung wird sich schließlich an den formalen Vorwand halten, um die Verbündeten anzugreifen, daß Österreich Serbien unter zweifelloser Verletzung des Dreibundvertrages überfallen hat. Die Situation ist derartig zugespitzt, daß auch ich meiner Ansicht, daß die italienische Regierung mit der Daumenschraube unaufhörlicher Drohung neutral bleiben wolle, nicht mehr gewiß bin. – Zugleich wird der Konflikt Japan-China wieder akut, und wenn es wahr ist, daß gestern ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum an die chinesische Regierung gegangen ist, so kann in der nächsten Woche das Dutzend kriegführender Staaten leicht perfekt sein, wobei die annoch neutrale Haltung der Balkanländer Bulgarien, Rumänien und Griechenland durchaus nicht als endgiltig stabiliert betrachtet werden kann. Also reizende Aussichten auch weiterhin. Unfaßliche Greuel liegen hinter uns und bezeichnen alle Tage der Gegenwart, – unermeßliche Greuel stehn noch bevor. Große Zeit heißt die Schmach.

Der Verlag der Lustigen Blätter teilt mir mit, daß der Beitrag, den ich Eyssler brachte (eine Albernheit: „Schluckauf“ als Übersetzung von „Prosit“) für die L. Bl. nicht geeignet befunden sei. Man werde ihn aber in dem im gleichen Verlag erscheinenden „Brummer“ bringen. Das ist der Dreckkübel der Lustigen Blätter. So bin ich nun also zum Mitarbeiter des „Brummers“ avanziert. Wahrlich, ein schöner Erfolg meiner Dichterlaufbahn!

 

München, Freitag, d. 7. Mai 1915.

Eine höchst seltsame Eilpostkarte aus Lausanne setzt mich in Verwirrung. Darin teilt mir ein gewisser „Adolf Goldstein“, der mich „Lieber Erich“ tituliert und duzt, mit, daß er mir die reine Wahrheit schreiben wolle, nämlich, daß meine Vermutung „betr. Gesundheit der Babette“ richtig sei, daß keine Hoffnung mehr bestehe, und daß sie um meine Ankunft flehe. Man werde mir Auslagen ersetzen und mich in Bern in Empfang nehmen. –Das bedeutet natürlich, daß ich in Lausanne an einer dringlichen anarchistischen Besprechung teilnehmen oder dort einen Vortrag halten soll. (An ein Spitzelmanöver glaube ich in diesem Falle nicht). Nun bestellte mir gestern im Café Stefanie ein Abgesandter des Herrn Venner aus Zürich, daß dort der Prozeß gegen L. Goldschmied nahe bevorstehe. Ich will nun heute Julius anfragen, ob Papas Befinden sich derartig gebessert hat, daß eine Schweizer Reise möglich wäre. Dann ließe sich ja die Züricher und Lausanner Sache trefflich vereinigen. Aber wie die Dinge bei mir schon zu gehn pflegen: voraussichtlich werde ich von Lübeck die Antwort bekommen: nein!, aber der Vater wird noch monatelang wie bisher weiterkrebsen, und ich werde die einzige Gelegenheit, im Auslande die Sache freier Deutscher zu vertreten, versäumen müssen.

Der Sieg in Westgalizien scheint allem nach von außerordentlicher Bedeutung für die ganze Kriegslage im Osten zu sein, und wird sich vielleicht zu einer Befreiung Galiziens auswachsen. Die allgemeine Aufmerksamkeit ist von der Entscheidung Italiens über Krieg oder Frieden beansprucht. Auf der Auer Dult hat man zur Vorsicht erst mal ein paar Verkaufsbuden armer Italiener demoliert, wie man denn, im Falle Italien Ernst macht, den furor teutonicus auf Maroniverkäufer und alle die Italiener entladen wird, die das abscheuliche Verbrechen verübt haben, in Deutschland zu arbeiten und Steuern zu zahlen.

Die Beschwerde des Rechtsanwalts von Rosa Luxemburg gegen ihre Festnahme – sie wurde vor einigen Monaten, obwohl sie Strafaufschub hatte – plötzlich verhaftet, um ihr Jahr Gefängnis abzubrummen, das man ihr vor einem Jahr wegen einer militärunfreundlichen Rede aufgehalst hat, ist abgelehnt worden. Die kranke schwache tapfere Frau muß also weiter leiden. Zwecks Hebung der allgemeinen Volksbegeisterung. – – (Gestern Fifi!).

 

München, Sonnabend, d. 8. Mai 1915.

Italiens Verhalten sieht sehr bedrohlich aus. Zensur der Ferngespräche ist angeordnet und Anordnungen über Kriegsdienstleistungen werden getroffen. Zugleich reisen die deutschen Journalisten ab, der Vatikan rät den Geistlichen, ein gleiches zu tun, und man weiß, daß kolossale Truppentransporte an die italienisch-tiroler Grenze gehn. Welche Konsequenzen dieser neue Krieg haben wird, kann noch niemand wissen. Gute gewiß nicht. Womöglich geht nun alles von vorn los. Die „Immer feste druff!“ und „Uns kann keener!“-Stimmung greift wieder um sich, bestärkt zumal durch den Sieg in den Karpathen und die Bedrohung Yperns. Ich fürchte nur eine endlose Verlängerung des Schreckens. Außerdem werden wir wohl in München als der nächsten Großstadt des neuen Kriegsschauplatzes etwas mehr vom Krieg kennen lernen als bisher. Fliegerbesuche und Bombenabwürfe sind nicht mehr ausgeschlossen. Die moralische Empörung über Italiens Verrat an den Verbündeten ist sehr groß, und natürlich hat jeder schon immer gesagt, daß Gabriele d’Annunzio, der am wüstesten ins Feuer bläst, hochgradig überschätzt worden ist. Daß Politik jede Moral ausschließt, sieht man immer noch nicht ein, und daß die Vermehrung der gegnerischen Kräfte um die Armee und die Flotte Italiens alle Resultate des Weltkriegs wesentlich ändern kann, will man nicht erkennen. Ich fürchte einen Sonderfrieden mit Rußland, und hoffe – ohne viel Zutrauen zu dieser Hoffnung –, daß sich die veränderte Situation in Frankreich und Belgien zuungunsten Deutschlands entwickeln wird. Dann wäre der äußersten Gefahr der deutschen Hegemonie gesteuert. Meine größere Hoffnung ist freilich noch die, daß Italien neutral bleibt, und nicht weitere Hekatomben Opfer und weitere Länderverwüstungen herbeiführt.

Ich habe eilig an Julius geschrieben und werde von der Antwort, wie es Papa geht, meine Schweizer Reise abhängig machen. Als Vorwand habe ich eine Erkrankung meines angeblichen Sohnes Peter angegeben. Dieser Sohn – zu dessen Steckbrief ich seit Jahren die Personalien des lieben Peter Gross benutze (meine Liebe zu dem Jungen gibt mir auch die seelische Wahrhaftigkeit zu der grotesken Lüge) – dient mir der Familie gegenüber als Mittel zu allen möglichen Erklärungen. Auch ein späteres Bekanntwerden meiner Schulden (die ich gestern auf ca. 15.000 Mark berechnet habe) wird durch die Existenz eines Kindes plausibler. Nun lasse ich das imaginäre Geschöpf krank werden, und mit dem Tod meines Vaters sterben. Damit werde ich ein gewisses Schuldbewußtsein gegen Peterle los und, wenn Zenzl soweit ist, habe ich ja vor mir und allen ausreichend Ersatz in einem veritablen Sprößling ... Nach Lausanne habe ich wahrheitsgemäß berichtet, daß ich meine Entschließungen davon anhängig machen muß, ob der Zustand meines Vaters mir jetzt eine 8–14tägige Reise gestattet oder nicht.

Gestern war ich im Schauspielhause, wo Kayssler und die Fehdmer gastieren. Ich sah Molière-Kleists „Amphitryon“, und war wenig befriedigt. Das Stück war viel zu getragen aufgefaßt und kam um die derben Wirkungen. Kayssler war zu deklamatorisch als Jupiter, die Fehdmer als Alkmene, die ein geiles Weibchen sein müßte, viel zu naiv-ehrpusselig, was auch zu ihrem Alter und ihrer Figur in Widerspruch stand. Die von Stollberg gestellten Kräfte (außer Peppler als Sosias) ganz minderwertig, am scheußlichsten Hans Raabe als Merkur.

Erich Ebstein überraschte mich durch eine Sendung Zigarren – 50 Stück von angenehmstem Geschmack.

 

München, Montag, d. 10. Mai 1915.

Wenn es noch eine Steigerung des Entsetzlichen, eine Übergreuelung der Greuel geben kann, so ist wohl die Torpedierung und Versenkung des englischen Riesendampfers „Lusitania“ der Gipfel des Schreckens. Das Schiff, mit 1978 Personen an Bord, darunter zwei Drittel Passagiere, und von denen die gute Hälfte Frauen, Kinder und Säuglinge ist in der irischen See von einem deutschen U-Boot vernichtet worden. Freilich heißt es, das Schiff sei armiert gewesen (was die britische Admiralität bestreitet) und habe große Mengen Kriegsmunition an Bord gehabt, und freilich hat der deutsche Botschafter in Amerika unter dem Hohn der deutschfeindlichen Blätter die Passagiere gewarnt, die Kriegszone auf englischen Schiffen zu befahren. Es mag also sein, daß vom Standpunkt des Kriegsrechts aus der schauderhafte Mord unangreifbar ist. Gleichwohl – – mich ekelt’s hier noch nach Recht und Unrecht zu suchen, wo jedes menschliche Empfinden vor Grauen aufschreien muß. Was war das vor 3 Jahren für ein Jammer auf dem ganzen Erdball, als die „Titanic“ auf einen Eisberg lief. Heut sind wir weit entfernt vom Jammern. „Laute Freude“ konstatiert die „Münchner Zeitung“, weil der ingeniöse deutsche Technikergeist die Maschinen ersonnen hat, die jeden Eisberg weit übertrumpfen und deutscher Heldensinn diese Maschinen ohne falsche Scham sicher und wirkungsvoll zu gebrauchen weiß. Oh Scham vor den Sternen am Firmament!

In Ost und West siegt sich’s weiter, außer vor Mitau, wo Hindenburgs Truppen vor starken feindlichen Kräften „langsam ausgewichen“ sind. Die Tonart ist nicht neu (Prasznicz[Prasnysz], wo über 20.000 Gefangene hops gingen, wurde ebenso ausgedrückt). – Italien hat sich immer noch nicht endgiltig entschieden. Die Anzeichen deuten aber nicht mehr auf Frieden.

Sehr beunruhigt bin ich von den neuesten Meldungen über Wedekinds Ergehn. Während ich verreist war, mußte er sich zum zweiten Mal operieren lassen, und nun soll die Wunde schon wieder eitern. Langheinrich meinte nach einem Besuch, er gebe W. keine 4 Wochen mehr. Es scheint sich um ein Carzinom zu handeln. Eben telefonierte ich mit Tilly. Wahrscheinlich werde ich ihn besuchen. Es wäre schrecklich, wenn es den wegholte.

Mein Vater erholt sich allem Anscheine nach wieder. Eine Karte von Grethe berichtet, daß es ihm „verhältnismäßig gut“ gehe, und daß er wieder Pläne fasse für später, wenn er gesund sein wird. Ich darf also in die Schweiz abreisen. Nur muß ich stets erreichbar sein, weil die Gefahr immerhin nicht vorüber sei.

Samstag Fifi.

 

München, Dienstag, d. 11. Mai 1915.

Ich bin besorgt. Bedenkliche Anzeichen lassen befürchten, daß Zenzl das Kind nicht wird austragen können. Zu allen Sorgen, Nöten, Ängsten, Schmerzlichkeiten auch noch diese Enttäuschung, – bald wird es zu viel sein, was mir aufgepackt wird. Bald werde auch ich keine Lust mehr haben am Leben und auf den Tod eines alten Mannes zu warten, der auch keine Lust mehr dran hat, aber sich wohl noch so oft wieder erholen wird, bis ich von seiner Hinterlassenschaft auch die geringste Freude nicht mehr haben kann. Ich fühle, daß meine Nerven wieder in einen erbärmlichen Zustand geraten, und sehe in wenigen Tagen schon wieder ärgste Geldnot voraus – ohne Aussicht auf Besserung. Ich werde wohl noch mit 50 Jahren um Taler schnorren gehn müssen.

Liest man jetzt Presseäußerungen des Auslands, dann kann es einem wohl vor der Zukunft grauen. Die Lusitania-Geschichte scheint dem deutschen Ansehn in der ganzen Welt den Rest gegeben zu haben. Und natürlich schreibt man weder auswärts noch hier die Schuld dem Kriege zu, der aus guten Menschen Mörder und Verbrecher macht, sondern in Amerika, Holland, der Schweiz und erst recht den „feindlichen“ Ländern den salles boches, den deutschen Barbaren, bei uns aber dem perfiden Albion. Eine Verständigung ist unmöglich, weil man hierzulande alles formale Kriegsrecht, ohne sich selbst dran zu halten, als anständig annimmt, anderwärts den Baby-Mord unabhängig vom Haager Übereinkommen beurteilt ... Italien scheint immer noch unschlüssig, ebenso Rumänien. Den Krieg selbst aber werden wir uns wohl als Dauerinstitution allmählich angewöhnen müssen. Und jeder führt ihn im Namen der wahren Kultur, der höchsten Sittlichkeit und des einzig rechtverstandenen Christentums.

 

München, Mittwoch, d. 12. Mai 1915.

Unser Kind wird nicht zur Welt kommen. Zenzl gestand mir, daß keine Hoffnung dazu mehr besteht. Das arme Weib weinte sehr an meinem Halse, und ich selbst hatte Mühe, Haltung zu zeigen ... Vielleicht stehn große Veränderungen in meinem Leben nahe bevor. Das Zimmermädchen verriet, daß Frau Kaderschafka die Pension aufzulösen im Begriffe sei. Daraus würde sich für mich die Notwendigkeit ergeben, auszuziehn. Für den billigen Preis und bei so tolerantem Kredit wie hier finde ich keine andre Pension. Ich möchte deshalb gleich jetzt eine kleine Wirtschaft mit Zenzl beginnen. Sie ist einverstanden, zumal sie mit ihrem Mann neuerdings ernste Differenzen hat. Ob es möglich sein wird, bei der Geldknappheit uns einzurichten oder eine möblierte Wohnung zu mieten, oder wie wir uns sonst mit den Schwierigkeiten zurechtfinden werden, steht ganz dahin. Ich vertraue auf Zenzls praktischen Sinn. Ihr werde ich auch meine Gelder zur Verfügung stellen, wenn wir erst zusammen sind. Dann weiß ich, wird es keine Not geben im Hause. Quod Deus bene vertat!

Ich habe Wedekind in der Klinik (Josephinum) besucht. Erfreulicherweise scheinen mir Langheinrichs Befürchtungen unbegründet. Er sieht zwar sehr schlecht aus, wie ein hoher Sechziger. Aber das ist wohl nach der schweren Operation selbstverständlich. Jedenfalls hält er selbst das Schlimmste für überstanden und hält sich schon außerhalb des Bettes auf. Gesprächsstoff hauptsächlich der Krieg, zu dem Wedekind nicht anders steht als ich und meine wahren Freunde. Auch er sieht die größte Gefahr in der Militarisierung Europas durch den deutschen Sieg und sprach sehr hart über die entsetzlichen Franktireurbestrafungen in Belgien und den Unterseebootkrieg, besonders den Fall „Lusitania“. Einige Äußerungen, die mir haften blieben: „Es sollte mich nicht wundern, wenn der Krieg demnächst nur noch mit Giften und Chemikalien geführt werden wird.“ Und über den Nationalismus: „Der Nationalismus ist der Feind der Menschheit. Je mehr der Deutsche, der Franzose, der Engländer, der Russe gilt, umso weniger gilt der Mensch.“ Wedekind freute sich sichtlich über meinen Besuch. Ich soll wiederkommen.

Abends Strindbergs „Gespenstersonate“ in den Kammerspielen. Ich hatte einen ganz tiefen Eindruck. Was für ein Dichter war dieser Strindberg! Nur der Vergleich mit Shakespeare ist möglich. Sich so vom Wirklichen loslösen zu können. So völlig den Dualismus zwischen Leben und Fühlen aufzuheben zu wagen! Ihm ist gelungen, was die schwachen und öligen Romantiker hilflos erstrebt haben mögen: Zacharias Werner etc. Wie hätten Schlegel, Brentano, Arnim gejauchzt, wenn sie dieses Werk kennen gelernt hätten ... Die Aufführung war schwach, schon in der Anlage. Falkenberg (als Spielleiter) hätte die Betonung des Schaurigen durch lethargisches und verhaltenes Sprechen vermeiden sollen. Je nüchterner und härter Strindberg gespielt wird, umso tiefer werden seine Wirkungen. Kalser (der Student) war zu weich, aber eindringlich genug. Marx (der Alte) viel zu gewollt geheimnisvoll, ausgezeichnet die Unda als Mumie. Annemarie Seidel (meine Freundin Mirl) debutierte als Tochter des Obristen. Sie hat glänzende Mittel: prachtvolle Figur, schönes Aeußere, ein wunderbar klingendes Organ und viel natürliche Grazie; nur weiß sie mit alledem noch nichts Rechtes anzufangen. Aber sie hat Zukunft, und ich will mich ihrer Zukunft annehmen.

 

München, Donnerstag, d. 13. Mai 1915.

„Christi Himmelfahrt“. Die Menschen beten und sinnen auf Mord.

Italiens Entschließung ist wieder zweifelhaft geworden. Die Patrioten bei uns finden, daß es nur losschlagen soll. Die Hunderttausende, die außer den deutschen, österreichischen, belgischen, französischen, russischen, türkischen, englischen, serbischen, montenegrinischen, japanischen Opfern noch mehr bluten sollen, schrecken sie nicht. Ihre „Vaterlandsliebe“ beruhigt sie vollkommen – und unsereiner, der derartiges nicht hat, aber die Menschen liebt, ist erbärmlich oder doch bedauernswert.

 

München, Freitag, d. 14. Mai 1915.

Heute früh legte mir Zenzl neue erschütternde Beichten ab: über ihren Sohn, den sie mit 18 Jahren gebar, der jetzt – 12½jährig – bei seiner Großmutter in der Theresienstrasse wohnt, und den sie seit 7 Jahren nicht gesehn hat, weil es ihr zu schrecklich ist, ihn bei ihr fremden Leuten in schlechten Verhältnissen zu sehn. Über ihr Verhältnis zu Engler – und wie unglücklich sie in diesen 10 Jahren ist. Über ihre Krankheit – das ist das Schlimmste. Ihr Vater gab ihr auf dem Totenbett Maßregeln, daß sie ihre kleine Halbschwester nicht verlassen dürfe, drückte sie fest an sich und starb in diesem Augenblick. Seitdem leidet sie an einer Gebärmutterkrankheit, die, wie sie fürchtet – und wie ihr Gatte ihr gestern roh vorwarf – Gebärmutterkrebs zu sein scheint. Ich suchte es ihr auszureden, und ich hoffe wirklich, daß ihr Pessimismus nicht begründet ist. Außerdem versprach ich ihr, mich ihres Sohnes, sobald ich kann, anzunehmen. Vielleicht können wir ihn über kurz oder lang ganz zu uns nehmen. Die Pension bleibt in der alten Form bestehn. Trotzdem möchte ich sobald wie möglich mit Zenzl zusammenziehn und will versuchen, zum 1. Juli eine passende Wohnung zu finden. Zenzl selbst bemüht sich, mir von Bekannten – einem Kooperator Ammon und einer Lehrerin – Geld zu beschaffen. Die arme gute und seelisch starke Frau verdient Glück und Liebe.

Der Weltkrieg. In Italien hat das Ministerium Salandra-Sonnino die Demission eingereicht. Giolitti hat bewirkt, daß die Möglichkeit, die Neutralität zu wahren, wieder größer geworden ist, und das Parlament soll entscheiden. Es kann also alles noch etwa den Verlauf nehmen, wie in Athen nach Venizelos Sturz.

Die Schlacht in Westgalizien (bei Gorlice-Tarnow) hat zur völligen Deroute der russischen Karpathenfront geführt. Die ehedem gemeldeten 8000 Gefangenen haben sich auf über 140.000 erhöht, und möglicherweise wird in diesen Tagen Przemysl von den Deutschen und Österreichern wiedergenommen werden. Die Vorgänge in Kurland sind mit dem „Ausweichen“ bei Mitau und der Einnahme von Libau ziemlich undurchsichtig.

In Frankreich und Belgien wird wieder entsetzlich viel Blut vergossen. Die Chlorsiege bei Ypern scheinen wieder zum Stehn gekommen zu sein. Dagegen haben die Franzosen nördlich von Arras einen neuen Durchbruchsversuch begonnen, dabei den Deutschen bei Carency eine schwere Niederlage beigebracht, und 4000 Gefangene und viel Munition und Material gewonnen, was der deutsche Tagesbericht für seine Verhältnisse überraschend ehrlich zugibt.

Der furchtbare Zorn wegen der Versenkung der „Lusitania“ führt in England zu neuen Orgien der Deutschfeindlichkeit. Läden werden erstürmt, die Deutschen furchtbar bedrängt und neue Gegenmaßnahmen in Gestalt der Vergeltung an deutschen Gefangenen ersonnen. Man will also die Barbarei durch Barbarei bezwingen, – und unsre Eiserne Besen-Politiker kriegen dadurch erstrecht Oberwasser. Daß in Deutschland aber viele sind, die die Scheußlichkeit des U-Boot-Krieges ebenso beurteilen wie das ganze Ausland, erfährt dort Niemand, weil der Zustand des Militärdespotismus uns das Maul zuhält.

Es sieht unsäglich traurig aus in der Welt.

 

München, Sonnabend, d. 15. Mai 1915.

Ich nahm gestern abend als Gast der Münchner Friedensgesellschaft an einer geschlossenen Versammlung im Café Arkaden teil, die unter Vorsitz des Professors Quidde stattfand. Etwa 50 Teilnehmer, die allesamt überzeugte und durch die Tatsache des Völkermordens heftig bestärkte Kriegsgegner sind. Das schuf eine Atmosphäre solidarischer Stimmung und bewirkte wohl bei jedem ein gewisses Gefühl der Sicherung, mit seinen Empfindungen nicht allein zu stehn. Die Einleitung des Schweizers Quidde ließ allerdings befürchten, daß diesen Zusammenkünften ein etwas spießbürgerlicher Kränzchencharakter innewohnt. Doch versöhnte mich damit die liebenswürdige Tatsache, daß Cigaretten gereicht wurden, die den deutschen Friedensfreunden aus der Front der französischen Schützengräben zugegangen waren. Die Kaffeeklatsch-Stimmung verflog gänzlich, als Lyda Gustava Heymann das Wort zum Referat nahm über den Verlauf der internationalen Frauen-Zusammenkunft, die zur Propaganda des Friedens im April im Haag stattgefunden hat. Die Frauen – der Kongreß war von Deutschland, England, Amerika, Belgien, Italien, Österreich, Ungarn und den nordischen Ländern beschickt – haben da sehr wertvolle Verständigungsarbeit geleistet, und die ungemein sympathische, sehr zielklare und von starker Menschlichkeit erfüllte Freundin Gertrud Eysoldts ließ die Tagung mit ihren Schwierigkeiten und Differenzen, und dem vorzüglichen Willen der Teilnehmerinnen sehr lebendig werden. In der Diskussion nahm ich das Wort, um dem Gedanken meines „Weltbunds gegen den Krieg“ Ausdruck zu geben. Ich fand damit starken Beifall. Quidde antwortete freilich nachher in dem Sinne, daß er gewiß nichts gegen eine gemeinschaftliche Demonstration nach dem Kriege habe, falls sich alle Unterzeichner zunächst einmal mit den Forderungen der Friedensgesellschaft einig erklärten(!). Er ging dann auch auf den Antimilitarismus ein, und erklärte es als fernliegendes Ziel, daß einmal die Völker den Kriegsdienst verweigern würden. „Wenn es ein Einzelner tut, ist es Landesverrat, wenn es alle tun, ist es Kultur!“ Sehr schön. Aber er hat gezeigt, daß die bürgerlichen Pazifisten und wir nicht mit einander arbeiten können. Eine Verpflichtung zu Haager Konferenzarbeiten mit den Regierungen kann ein Antimilitarist und Anarchist selbstverständlich nicht in Frage ziehn. Ich werde nun Dienstag mit Frau Heymann über die Sache konferieren und hoffe sie — ohne den selbstgefälligen Herrn Quidde – zu gutem Ziele zu führen.

Fifi, die sich neuerdings in den Dienst der Frauenbewegung zugunsten der Gefangenenhilfe gestellt hat – war mit mir dort. Sie hat mir gestern ein Geständnis gemacht, das mich gleichzeitig rührt und beunruhigt. Sie glaubt, schwanger zu sein. Eben also hat mir Zenzl die Enttäuschung bereitet, daß das sehnlich gewünschte Kind uns nicht geboren werden wird, da soll ich Vater werden eines Geschöpfchens, nach dem meine Sehnsucht durchaus nicht verlangt. Ich sehe an meiner innerlichen Reaktion auf diese neue Wendung, wie starke Bande mich mit Zenzl verknüpfen, und wenn ich mich nicht über mich selbst täusche, wird sie die Frau werden, auf die ich alle Liebe und Treue meines künftigen Lebens konzentrieren werde. Aber verwunderlich ist es doch, wie feindlich mich mein Schicksal immer und immer wieder vom graden Wege meines Glücks in gestrüppige Seitenpfade zu reißen versucht.

 

½ 3 Uhr nachts.

Vorm Schlafengehn noch eine tiefbittere Anmerkung: Albert Weisgerber ist bei Fromelles, angeblich am 11. Mai, gefallen. Wieder ein Freund. Verfluchtes wahnsinniges Verbrechen Krieg!

 

München, Sonntag, d. 16. Mai 1915.

Ich erfuhr den Tod Weisgerbers gestern mittag in der Amalienstrasse, wo ich Rolf v. Hörschelmann traf. Er kam mir bleich und mit der verdächtigen Frage entgegen: „Weißt du schon?“ ... Abends im Torggelhause hatte man schon Kenntnis und überall tiefstes Bedauern. Nachts ging man noch zu Feuchtwangers, und in der Tierschstrasse schloß sich Lulu Strauß an. Der meinte, es handle sich um ein falsches Gerücht. Rieth habe es in der Odeonbar bestritten. Da aber als Quelle überall ein Brief Karl Arnolds genannt wird, der selbst an der Beerdigung teilgenommen zu haben behauptet, konnte niemand zweifeln. Jetzt bin ich wieder stutzig geworden, da die Münchner Zeitung keine Silbe über Weisgerber bringt. Es wäre so schön, wenn der schon zweimal Totgesagte zum dritten Male wieder auferstände, daß ich’s nicht zu glauben wage.

Weisgerber ging sehr ungern in den Krieg und hoffte lange, er werde als Rekruten-Abrichter Verwendung in der Garnison finden. Er ging also als Unteroffizier hinaus, wurde zum Offiziersstellvertreter, und wie Halbe wissen will, kürzlich zum Leutnant befördert. Nun soll dieser lustige, frische schöne Mensch und dieser befähigtste von allen jüngeren Malern mitten aus dem besten Schaffen, Streben und Hoffen herausgerissen sein und mit Gott für König und Vaterland in Frankreichs Erde liegen. Man kann nur noch in verzweifelter Wut aufschäumen gegen all das unerhörte Leid, das die begriffsbesessenen Vertreter einer verrückten Staatsraison über die Menschheit gebracht haben. Weisgerber – das ist nach Jacobi der weheste Verlust, den ich in diesem Krieg erleide.

Wie oft war ich bei ihm und seiner armen Frau Grethe in der Königinstrasse mit Ludwig Scharf beisammen. Welche liebenswürdige gastliche Häuslichkeit. Auf der Kegelbahn, im Krokodil, im Caféhaus, in der Torggelstube, bei den Faschingfesten, – niemand war fideler, launiger, einfallsreicher als Weisgerber. Wir holten ihn uns in die „Hermetische Gesellschaft“, in den Ulkverein süddeutscher Bühnenkünstler – überall brauchte man ihn, um des Lebens willen, das in ihm war und das so wohltat. Und dieses Leben ist zerstört! Diese wissende starke Künstlerhand schafft keine Werke mehr. Eine abgebrochene Säule steht das Lebenswerk da, prachtvolle Farbigkeit und Bewegtheit in den Bildern, feinste Portraits, Landschaften, biblische Bilder (Absalom, St. Sebastian, Kreuzigung): der Vertreter der Jungen, der rebellische Führer der modernen Künstler, den sie bei der Gründung der „Neuen Sezession“ an die Spitze stellten, und der kämpferisch und unbesorgt um philiströse Anfeindungen losging, – der muß als Leutnant mordende Menschen anführen und, selbst der Zielpunkt feindlicher Gewehre, als Opfer einer nebulosen und kulturfremden „großen Sache“ sterben. Eine kleine Hoffnung, das Gerücht von seinem Tod könnte falsch sein, besteht ja noch. Aber sie ist sehr sehr schwach.

Jetzt soll Zenzl kommen. Ich freue mich innig auf ihre lieben verliebten Küsse. Ich bin jetzt ganz fest zu ihr entschlossen. Wir sind zwei von Enttäuschungen und Fehlschlägen müde Menschen. Wir werden aneinander Halt und Stärke finden. Ich weiß es gewiß jetzt: wenn mir noch einmal eine glückliche Ruhe werden soll, – bei Zenzl wird sie entstehn und bei ihr geborgen sein.

 

München, Montag, d. 17. Mai 1915.

Weisgerbers Tod ist leider Tatsache. Die Zeitungen bringen ihm ehrende Nekrologe und trösten sich und die Leser mit dem Opfer „fürs Vaterland“. Eine reizende Einrichtung, deren Erhaltung die Ermordung ihrer besten Männer fordert, und die nicht einmal auf den Tod solcher Leute verzichtet, die mitten in der Entwicklung ihrer aufs Menschliche, Künstlerische, Kulturelle gerichteten Tätigkeit stehn. Es ist wichtiger, daß Antwerpen von preußischen Assessoren regiert wird, als daß Weisgerber lebt. Wer da aber von Wahnsinn redet, gilt selbst als wahnsinnig.

Bei alledem ist der Totentanz noch nicht am Ende, und vielleicht erst am Anfang. Italien wird eingreifen, – das scheint jetzt sicher. Der König Victor Emanuel, dem wohl der Thron unterm Hintern wackeln muß, hat die Demission des Kabinetts Salandra-Sonnino abgelehnt, und somit hat der Klüngel unverantwortlicher Schreier und Kriegstreiber die ihm genehme Regierung – und die Entscheidung. Drach, dem es gelungen ist, rechtzeitig krank zu werden, und der hofft, ganz für Garnisondienst aufgehoben zu werden, erzählte mir, daß gestern die mit ihm eingezogenen jungen Leute (vom ungedienten Landsturm) gestern an die italienische Grenze abgereist sind (Leibregiment). Die Leute, die das Gras wachsen hören, wissen schon, daß an der Grenze 42cm-Mörser stehn, die gleich nach der Kriegserklärung Verona zusammenschießen sollen. Wenn es nach dem Willen unsrer Falkenhayne und Tirpitze geht, dann werden wir auch noch die Zerstörung Pisas, Turins, Genuas und Florenz’ erleben. Was soll nur aus alledem werden? Wie klug war doch der italienische Pazifist, der sich gleich, als der Krieg im August begann, erschoß, um seine Schrecken nicht kennen zu lernen. Unsereinem blüht es dagegen womöglich, noch selbst zur Mithilfe herangezogen zu werden, um fürs Vaterland, mit andern Worten für das Ideal andrer Leute zu sterben, für ein Ideal, das die Drahtzieher selbst nur nähren, um ihre Kartoffeln daran zu rösten.

Die Regierung der Vereinigten Staaten hat eine Protestnote wegen der Versenkung der „Lusitania“ an die deutsche Regierung gerichtet. Die deutschen Blätter dürfen sie offenbar noch nicht abdrucken. Ich las sie aber in der „Neuen Züricher Zeitung“. Sie ist sehr energisch gehalten und bestreitet Deutschland entschieden das Recht, den Unterseebootkrieg in den bisher geübten Formen zu führen. Gleichzeitig verlangt sie Entschädigung. Es wird ausgeführt, daß das Völkerrecht die Torpedierung von Handelsschiffen ohne vorherige Warnung, und auf den bloßen Verdacht hin, sie führten Konterbande, ausdrücklich verbiete. Sehr deutlich wird dann der Verstoß gegen die Pflichten der Menschlichkeit und Gerechtigkeit gekennzeichnet. Natürlich wird die deutsche Regierung ihren Tirpitz decken, und man wird fortfahren, derartige Schandtaten zu begehn. Dabei kann ich aber persönlich doch nicht darüber hinweg, daß eine Schurkerei der Kriegführung sich stets aus der andern ergibt, daß das Suchen nach Schuld oder Nichtschuld höchst unfruchtbare Arbeit ist, und daß alle solche Entsetzlichkeiten eben doch einfach Konsequenzen des Krieges selbst sind. – Als Antwort auf die Torpillierung der „Lusitania“ hat nun die englische Regierung die neuerliche Verhaftung aller Deutschen angeordnet, deren sie habhaft werden kann, und in England und in Südafrika werden von den empörten Volksmassen Brandstiftungen und Plünderungen an allem erreichbaren deutschen Eigentum veranstaltet, – worüber man sich nun wieder bei uns ausgiebig entrüstet. Natürlich hat jeder Recht: Barbaren sind sie alle. Ruchlos überfallen sind auch alle: jedes Land von der eignen Regierung, deren schändlichste in diesem Kriege wie schon immer das treuverbündete Österreich besitzt.

Der „Schneider von Przemysl“, wie ihn Zenzl nennt, war wieder bei mir. Er ist glücklich, jemanden zu haben, dem er sein gefülltes Herz hinlegen kann. Nun rasselt bei mir alles heraus, was er in sich gespeichert hat. Er erzählte von seiner unendlich traurigen Jugend. Der alte Fall: Einer, der sich aus der Verzweiflung abgründigen Elends in die Illusionen des Ideals gerettet hat. Zenzl will ihn mit ihrer Freundin Fanny Schmidt bekanntmachen, einer Lehrerin, die ihm deutschen Unterricht geben soll und an der er vielleicht die Freundschaft mit einem Weibe finden wird, die ihm notzutun scheint.

Zenzl! – Je mehr ich meinen Entschluß, sie zu meiner Frau zu machen, überdenke, umso stärker festigt er sich mir. Ohne Vorurteile, ohne übertriebene Illusionen und ohne links oder rechts Unbeteiligte zu befragen werden wir zueinander flüchten. Zwei vom Leben Gebeutelte, die einander das Glück und die Sicherheit bringen wollen.

 

München, Dienstag, d. 18. Mai 1915.

Zugleich mit der Anzeige vom Tod Weisgerbers fand ich die noch eines Bekannten im Blatt: Dr. Fritz Tarrasch ist ebenfalls gefallen, der Sohn des Schachmeisters, den ich vor einigen Jahren kennen lernte (wenn ich mich recht entsinne bei Minni Kornfeld und ihrem Mann, der übrigens auch kürzlich gestorben ist. Nach der Todesanzeige zu schließen, durch Selbstmord, – wohl wegen der neuen Verbindung seiner Frau mit Vrieslaender. Tarrasch, dessen jüngerer Bruder Kurt vor etlichen Monaten in Berlin durch Unglücksfall (andre behaupten gleichfalls: durch Selbstmord) umkam, war ein feiner stiller Mensch, Literaturhistoriker und m. W. Bibliothekar zuletzt bei irgendeinem Schloßherrn. Außerdem der allererste Kain-Abonnent. Es tut mir, obwohl unsre Beziehung ganz oberflächlich war, recht leid um ihn, und ich glaube kaum, daß er lieber in Krieg und Tod gegangen ist wie Weisgerber und Jacobi.

Inzwischen bin ich durch meine persönlichen Erlebnisse selbst sehr in Unordnung geraten. Fifi ist wirklich schwanger von mir, und ich muß mich also auf diese eigentümliche Tatsache einstellen. Ich fühle mich so sehr im Unrecht gegen das arme Weib. In einer Laune verführte ich sie, machte sie verliebt und konnte ihr die Liebe doch sowenig vergelten. Mein Herz ist fest bei Zenzl. Aber Fifis Kind soll gewiß nicht darunter leiden. Ich will versuchen, ihm jeden Stein aus dem Lebensweg zu räumen. Gestern war Fifi bei mir. Ich zwang mich zur Zärtlichkeit, und vollzog den Akt unter Gewissensbissen, sehe aber keinen andern Ausweg aus dem Dilemma, als den, möglichst rasch auch die formelle Vereinigung mit Zenzl in gemeinsamer Wohnung herzustellen.

Nun kommt heute ein Brief von Jenny, aus dem ich garnicht recht klug werde. Der wahre Grund, weshalb sie die Verlobung gelöst hat, ist mir noch immer nicht klar. Nun bittet sie mich, ihn mir selbst aus ihrem Verhalten bei unserm Zusammensein zu deuten. Meine Vermutung, daß sie mich nicht mehr möge, sei ganz falsch. Sie möchte mir wohl in aller Aufrichtigkeit Aufschluß geben, aber – das würde ihr Frauentum berühren, und sie hoffe, daß ich selbst das erste Wort spreche. Was mag das nur sein? Sie wird mich doch nicht für krank halten oder für unfähig, Kinder zu zeugen? Ich bin ganz ratlos, wie ich mir das deuten soll. Sicher ist nur, daß ich keinen Versuch mehr machen werde, sie zurückzugewinnen. Jetzt bin ich zu Zenzl entschlossen, und, war ich auch in andre Frauen wilder verliebt als in sie, so ganz der Richtigkeit meiner Gefühle sicher war ich – außer bei Friedel – noch nie. Und jeder Kuß des prächtigen Weibes sagt mir, wie stark auch sie auf das Glück unsrer Vereinigung baut.

Im Kriege geht’s wieder wild her. Der mit Chlor und Schwefel errungene Sieg am Ypernkanal, der mit soviel Jubel gefeiert wurde, ist wieder hin. Man hat sich schon wieder auf die Ostseite des Kanals zurückkonzentriert. Natürlich hat Gewinn und Verlust der Stellung enorme Menschenleben gekostet. Bei Arras haben Franzosen und Engländer letzthin nachhaltige Erfolge, die für die Deutschen erst recht maßlos verlustreich sein sollen. So bleibt Hoffnung, daß eine Zurückdrängung größeren Stils in Nordfrankreich und Flandern doch noch erzielt wird, die allein eine Beendigung der gräßlichen Tragödie herbeiführen zu können scheint.

Italien ist im Begriff loszugehn. Die Interventionisten sind dort Herren der Straße, bauen in Rom schon Barrikaden, und der König, dem das republikanische Gespenst den Schweiß aus den Poren treibt, wird sich fügen müssen. Zugleich sind in Portugal wieder sehr lebhafte revolutionäre Dinge im Gange. Worum es sich handelt, ist den Blättern schwer zu entnehmen. Aber eins scheint sicher, daß Elemente die Hände im Spiel haben, die Größeres wollen, als einen Bourgeois-Präsidenten durch einen andern ersetzen, und niemand kann wissen, ob wir nicht in sehr kurzer Zeit von einer Lissaboner Commune werden sprechen dürfen.

Heut früh besuchte ich Lyda Gustava Heymann wegen der Weltbund-Idee. Die außergewöhnlich sympathische, tief menschlich fühlende Frau sagte viel Kluges und Schönes. Sie will mittun. Ich werde also die Erklärung der freien Internationale aufsetzen und ihr schicken. Vielleicht vermag ich es doch noch, in dieser Katastrophe zum Guten zu wirken.

 

München, Donnerstag, d. 20. Mai 1915.

Heute tritt das italienische Parlament zur entscheidenden Sitzung zusammen. Wie die Entscheidung ausfällt, ist kaum mehr zweifelhaft, und morgen oder übermorgen wird der neue Krieg schon im Gange sein. Wie verhängnisvoll man diesen Krieg hier beurteilt, geht hervor aus den außerordentlichen Zugeständnissen, die Österreich unter dem Druck Deutschlands an Italien gemacht hat, und die der Reichskanzler vorgestern dem Reichstag in 11 Punkten vortrug. Nahezu das ganze Programm der Irredenta wird bewilligt und Italiens Machtzuwachs wäre nach der Annahme des Anerbietens höchst beträchtlich. Gleichwohl ist keinerlei Neigung zum Frieden bei denen verspürbar, auf die es ankommt, und das Volk, auf das es nicht ankommt, und das nur sterben darf für das Ideal der andern, scheint völlig an die Wand gedrückt. Der Entschluß zum Kriege erscheint nahezu unbegreiflich, man müßte denn annehmen, daß er nicht von blos materiellen Erwägungen diktiert sein kann – da man nun, was man geschenkt erhalten soll, sich mit den Waffen erobern muß, auf die Gefahr einer Niederlage –, aber ob tatsächlich sentimentale Gründe in Italien stärker zu wirken vermögen als ruhmreiche? ... Nun ist natürlich alles möglich: die völlige Niederlage Deutschland-Österreichs sowohl, wie auch der Sieg auf der ganzen Linie. Für die Türkei dürfte das Eingreifen Italiens am bedeutungsvollsten werden. Die sehr starke Flotte, die sich der Dardanellen-Bedrängung anschließen wird, macht den Erfolg der Verbündeten dort viel aussichtsreicher. Aber die Vermehrung der im Kampf stehenden Heere um etwa 1½ Millionen frischer wohlausgebildeter Truppen kann auch den Territorialkrieg entscheidend beeinflussen, zumindest aber unübersehbar verlängern. Bei uns hebt man infolgedessen aus, was auszuheben ist. Zurückgestellte Landsturmleute erhalten schleunige Nachmusterungsbefehle, und schon kreisen wieder allerlei wilde Gerüchte, daß das Landsturmalter auf 50 Jahre hinaufgesetzt werden soll (in Österreich schon geschehn), daß die 18- und 19Jährigen vorzeitig herangeholt und die dauernd Untauglichen neu gemustert werden sollen. Da man dabei sogar schon von bestimmten Jahrgängen spricht (1886–78) so müßte, falls diese Behauptungen stimmen, auch ich mich binnen kurzem auf tragische Wendungen gefaßt machen. Ich beteilige mich unter keinen Umständen am Morden.

Am Einzelnen liegt wirklich nichts mehr. Vorgestern war ich am Krankenbett Wedekinds. Es geht ihm leider wieder schlechter. „Man schämt sich zu leben“, sagte er im Hinblick auf Weisgerber, und: „So bröckelt ein Stück Kultur nach dem andern ab“. Es ist wahr: Wir sind alle schon total abgehärtet gegen den namenlosen Jammer dieser grauenhaften Zeit. Seit die Tage wieder warm werden, scheint das Blutbad überall die unerhörtesten Dimensionen anzunehmen. Bei Arras und Ypern, in den Karpathen und in Kurland wird gemordet, gemordet, gemordet und Italiens Entschlüsse werden unter politischen Spekulationen und Betrachtungen abgewertet. Die Hunderttausende, deren Leben daran hängt, sind keinem der Rede wert.

Mich beschäftigt in hohem Maße der Gedanke an das zukünftige Leben mit Zenzl. Ich bin mir jetzt vollkommen sicher, daß mein Entschluß endgiltig und daß er sehr gut ist. Ich liebe sie von Herzen und sie mich nicht weniger. Seit 1½ Jahren kennen wir einander und sind also vor Enttäuschungen gefeit, und vor allem: wir stehn mit unsern Plänen ganz auf uns selber. Keine Familie hat dreinzureden und ängstliche Rechnungen werden uns nicht beeinflussen.

Ich freilich rechne eifrig. Mein Bargeld ist ganz zuende – freilich erwarte ich ein Honorar in Gestalt eines Darlehns vom Schutzverband für die Beteiligung an einem Operntext. Ich habe nämlich der „Schönen Galathee“ von Souper ein neues Kuplet eingelegt –. Zugleich habe ich mich an einen Stuttgarter Wucherer gewandt, den mir Bruno Frank empfahl und ein Darlehn von 4–500 Mark erbeten, und zugleich dem ehemaligen Oberkellner Artur aus dem Stefanie 100 Mk Provision versprochen, falls er mir ein Darlehn von 1000 Mark verschafft. Von Lübeck höre ich seit längerem garnichts mehr, weiß also nicht, ob ich weiterhin den Eintritt des Erbfalls als nahe bevorstehend ansehn darf.

Heut mittag aß Zenzl bei mir und Fini Morstadt. Deren Mutter hat völlig den Verstand verloren, und heut hat man sie in die psychiatrische Klinik gebracht. Religiöser Verfolgungswahn – und offenbar beginnende Gehirnerweichung. Schon vor einigen Tagen, als ich die arme Frau bei Zenzl traf, kam sie mir verwirrt vor. Fini weinte sehr in meinem Zimmer. Aber Zenzl konnte ihr in ihrer graden schönen Art Trost und Rat geben.

 

München, Pfingstsonntag, d. 23. Mai 1915.

Noch ist der italienische Krieg nicht erklärt worden. Aber die allgemeine Mobilmachung ist in Italien angeordnet, und die letzten Formalitäten werden wohl heut oder morgen erfolgen. Inzwischen sucht jeder dem Andern die Kriegserklärung zuzuschieben. Wäre das alles nicht so unendlich traurig, man käme aus dem Lachen nicht heraus über die Grotesksprünge der politischen Diplomatie. Anfangs dieses Monats hat Italien Österreich den Bündnisvertrag gekündigt. Jetzt hat Österreich eine Note überreicht, wonach es die Kündigung nicht annimmt. Das Schriftstück macht den Eindruck, als ob sich zwei Prokuristen oder Kompagnons ihre Geschäftskontrakte auslegen und einander schließlich vors Gewerbegericht verweisen. Einen instruktiven Artikel über die Sache brachte die „Neue Züricher Zeitung“, die auseinandersetzt, an welchen Eroberungen Italien gelegen sein müsse. Die außerordentlich große jährliche Abwanderung aus Italien lasse den Besitz afrikanischen und (der Türkei gehörigen) asiatischen Gebiets für die Besiedlung mehr wünschen als den der dichtbevölkerten Gebiete Tirols und Istriens, die Österreich anbot, und die man – noch wesentlich erweitert und um etliche Inseln vermehrt – durch den Krieg außerdem zu kriegen hofft. Die Idee, daß die richtige Bewirtschaftung des Landes der Abwanderung sehr leicht steuern, die Italiener also satt werden ließe, wird wohl bei Staatsregierungen und „liberalen“ Politikmachern ewig unfruchtbar bleiben. Über die ethischen Gründe des Krieges geht der Artikel vorsichtig hinweg, verweist aber auf den moralischen Eindruck der deutschen Kriegführung, die die Sympathien auch in den neutralen Ländern mehr und mehr zuungunsten Deutschlands verschoben haben, und die sich in den Worten kennzeichne: Belgien, Löwen, Lusitania. Besonders interessant war mir in der Schweizerischen Auslassung die Schlußbemerkung: Das einzig Erfreuliche bei der betrübenden Wendung sei die Aussicht, daß das Eingreifen Italiens das Ende des Kriegs beschleunigen werde. Zu dieser Ansicht neige auch ich im Gegensatz zu fast allen andern Leuten. Geht die Geschichte nach deutschem Wunsch, d.h., wird Italien am Siegen verhindert (daß irgend jemand besiegt, also niedergezwungen werden kann, wird wohl kein erwachsener Mensch mehr glauben), dann wird die Triple-Entente wohl die Hoffnung auf eigne Geschäfte aus dem Kriege aufgeben und Schluß machen. Erweist sich aber Italien als der Stärkere, dann wird Deutschland wohl oder übel die okkupierten Gebiete preisgeben und damit die akzeptable Grundlage zum Friedensschluß schaffen müssen. – Wir in München werden jetzt jedenfalls erheblich mehr vom Kriege kennen lernen als bisher. München wird Hauptetappe. Man redet von 150.000 Mann, die hier Quartier nehmen sollen. Ungeheure Lazarette werden geschaffen (die bisherigen für Neuverwendung geräumt), – und Fliegerbesuche mit Bombenabwürfen sind keineswegs ausgeschlossen. Die werden vielleicht den sträflichen Optimismus am ehesten dämpfen können. Von Begeisterung gegen Italien (als welche, wie Anfangs August deutlich wurde, Pöbelhaftigkeit gegen Fremde bedeutet) ist wenig zu spüren. Eine alberne Straßendemonstration vor dem italienischen Konsulat sah ich vor einigen Nächten zufällig mit an. Etwa 3–400 militärfreie Patrioten zogen gröhlend die Ludwigstrasse entlang. Vor dem Konsulat hielten ein paar Ladenschwengel Reden im Stile der Münchner Zeitung. Man schrie Hurrah und zog Deutschland, Deutschland und Es braust ein Ruf brüllend wieder ab, ohne auch nur einen Pfiff gegen Italien von sich gegeben zu haben.

Mein persönliches Leben konzentriert sich jetzt ganz auf den Wunsch, aus der Pension herauszukommen und mit Zenzl die ersehnte Ehe zu eröffnen. Unser ruhiges Verhältnis ist ganz plötzlich einer auf beiden Seiten begehrlich verliebten Wildheit gewichen, und da Zenzls Körper nach der Fehlgeburt wieder hergestellt ist, sind wir auch an allerzärtlichsten Aeußerungen unsrer Leidenschaft nicht mehr verhindert, mit denen wir Donnerstag den Anfang machten. Die Amputation von Fifi vollzieht sich nun allmählich, und zwar gottseidank von ihr ausgehend. Das arme Mädel erklärte mir, daß sie, sobald ich mit Zenzl zusammenwohne, die Beziehung zu mir ganz abbrechen werde, da sie nicht die Zweite sein könne. Es tut mir furchtbar leid um das liebe Geschöpf und ich fühle mich etwas schuldbedrückt ihr gegenüber, zumal sie wirklich der Mutterschaft entgegengeht. Trotzdem kann ich nicht anders als meinem Herzen folgen, das sich bei Zenzl allein geborgen weiß: Nun Jenny aus meiner Zukunft gestrichen ist, soll Zenzl fürs ganze Leben meine Sorge und meine Liebe haben.

 

München, Pfingstmontag, d. 24. Mai 1915.

Italien hat an Österreich, Deutschland an Italien den Krieg erklärt.* Somit ist auch diese Lumperei Tatsache, die man in deutschen Landen umso mehr als Lumperei ansieht, als nicht einmal bloße Gewinnsucht Italien in das Abenteuer des Treubruchs hineinzerrt. Daß die Wut ungeheuer groß ist, versteht sich. Denn die guten Leute sind immer noch so naiv, die Begriffe Treue und Biederkeit im Verkehr der Staatsregierungen als giltig anzunehmen. An die Haltung der Bayern während der Schlacht bei Leipzig erinnert man sich nicht mehr. Die gingen mitten im Kampf, als die Geschichte für Napoleon schief ging, zu seinen Feinden über. Es ist also nicht ganz wahr, daß Italiens Treulosigkeit ohne jedes Beispiel in der Geschichte wäre. Mich interessiert bei allem nur die Vermehrung des Mordbrandes und allenfalls die revolutionären Folgen in Italien.

Den Aufruf zur Beteiligung am Weltbund gegen den Krieg habe ich aufgesetzt. Ich hoffe, es wird Gutes daraus werden.

Vom Schutzverband erhielt ich 50 Mk, von denen noch 15 da sind, da ich Zenzl aushelfen und allerlei berichtigen mußte. Leider hat die Veranstaltung im Hoftheater (am Freitag) nicht den pekuniären Erfolg gehabt, der erhofft wurde. Die italienische Krisis und sehr gutes Wetter verdarben die geschäftlichen Bedingungen. Im Einzelnen waren die Darbietungen recht schön. Mir taten besonders die musikalischen wohl – die Egmont-Ouvertüre von Beethoven, von Bruno Walter dirigiert, das ausgezeichnete Krauß-Quartett und „die schöne Galathee“, ebenfalls unter Walters Leitung. Mein Couplet wurde leider durch ein schlechtes patriotisches ersetzt. Possart trug Buschgedichte vor, mit jener prätentiösen Prätentionslosigkeit, die mir so widerlich ist. Nicht einen echten Atemzug hat der Mann. Und dann gab’s eine Uraufführung von Ludwig Thoma „Christnacht 1914“. Ein beispielloser Dreck. Spielt im Schützengraben, und die bayerischen Löwen reden einander in Versen an. Ein rührseliges Kasernenstück ohne einen Funken Humor oder Geist. Während der Hauptmann, der Leutnant, der Unteroffizier und die Landwehrmänner um den Tannenbaum herum Stille Nacht singen, fällt der Vorhang. Thoma hat einmal Ganghofer-Parodien geschrieben. Er hat dabei in den Urgrund seines eignen Wesens hinabgegriffen.

Meine Kassenverhältnisse, und besonders das Problem, wie ich das Nötigste zusammenbringe, um mit Zenzl endlich ganz zusammenzukommen, machen mir viel Sorge. Von Lübeck bekomme ich garkeine Nachrichten mehr, sodaß ich annehme, der Vater ist wieder soweit hergestellt, daß eine Katastrophe in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist. Zu verdienen ist nichts, und nun will ich’s anders versuchen und unter die Erfinder gehn. Ich bin auf den Einfall gekommen, einen Apparat herstellen zu lassen, mit dem man appetitlich und zugleich praktisch Spargel essen kann. Es ist ja scheußlich mit anzusehn, wie alle Welt mit den Fingern in den Teller langt und den Spargel auslutscht. Ich will also Zelluloidzangen (etwa in Form von Austernschalen) konstruieren und schützen lassen. Wüßte ich nur erst, wer mir die Idee bezahlt! Ich erwarte Zenzl. Die muß den Plan realisieren helfen.

 

* Der Krieg zwischen Deutschland und Italien ist noch nicht erklärt. Nur die diplomatischen Beziehungen sind abgebrochen. (26. Mai)

 

München, Dienstag, d. 25. Mai 1915.

Der italienische Krieg hat de facto begonnen. Kleinere Gefechte an der Tiroler Grenze werden gemeldet und ein Angriff der österreichischen Flotte auf die Ostküste Italiens, bei dem u. a. auch gleich von Wasserflugzeugen aus Venedig bombardiert worden ist. Das eröffnet gleich wieder reizende Ausblicke auf den weiteren Verlauf dieses Kampfes für Freiheit und Kultur. Der Sieg des Irrsinns auf der ganzen Linie steht jedenfalls fest. Tausende von armen Teufeln mit Blumen am Rock, Gewehr und Helm ziehn wieder herum, sehr wider Willen bereit, mit Gott für König und Vaterland zu sterben. Daß sie eine Schandwut gegen Italien mit sich tragen, kann man ihnen dabei garnicht verdenken. Der Angriff geschieht ja wirklich ganz von Italiens Seite, und die Schlagworte: Gebrochene Bundestreue und In den Rücken fallen sind zu wirksam, um etwas Einleuchtendes dagegen ins Feld führen zu können. Wie den großen Massen der Italiener zu Mute ist, die – ohne von der Phrase der Existenzverteidigung besoffen zu sein, die bei uns zog, – das Abenteuer der Schreier mit ihren Leibern ausfechten sollen, überlegt hier natürlich keiner, aber man ist entschlossen, den ganzen furor teutonicus auf diese Opfer auszugießen. Ich fürchte schon, dieser Krieg wird noch grausamere Formen haben als wir sie schon gewöhnt sind. Das Haßgekeife der Zeitungen ist wieder in vollem Schwange. Das wichtigste Argument dabei ist der Vorwurf der Bestechung. Daß d’Annunzio aus derselben nationalistischen Blödheit heraus, die unsre Schmöcke beseelte, nur mit tausendfach größerer Verve und millionenfach heißerem Atem zum Krieg ruft, begreift die Gesellschaft nicht. Wie wenig gehaltvoll muß doch den Patrioten selbst die Vaterlandsgeste sein, da sie sie bei andern nur aus dem Empfinden erklären können, das ihnen in ihrer sonstigen Gedankensphäre Urtrieb ist: der Habgier im egoistischsten Sinne der persönlichen Geldhäufung.

Mein Privaterleben wird von zwei Dingen nachhaltig bewegt: den Geldsorgen mit den fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, zur Regelung des äußeren Lebens und zur Vereinigung mit Zenzl zu gelangen, – und dem Fall Fifi. Gestern waren die beiden Frauen zugleich bei mir, und die Unmöglichkeit, meine Beziehung zu Fifi aufrecht zu halten wurde mir im Vergleich mit der natürlichen, ungekünstelten und unverbildeten Zenzl furchtbar klar. Eine entgleiste höhere Tochter. Aber unglücklicherweise zum Teil durch mich entgleist. So muß sie selbst es wenigstens in ihrem bürgerlichen Denksystem ansehn. Von mir wird sie Mutter, also wird sie mich ihrem Leben verpflichtet halten, während ich selbst mich nur dem künftigen Kinde verpflichtet sehe. Ich mache mir nur den Vorwurf, daß ich zu spät das Wesen der armen Person erkannt habe. Sonst hätte ich mich unbedingt beim Geschlechtsverkehr vorsehn müssen. Ein Gespräch über die Lusitania-Affäre hat mir die Augen geöffnet. Meinem furchtbaren Entsetzen über die Ermordung sovieler völlig Unbeteiligter und besonders sovieler Kinder und Frauen hatte sie nur die Erwägung entgegenzustellen, daß es jetzt, wo soviele Männer fallen, vielleicht grade gut ist, wenn das durch den Tod von Frauen und Kindern ausgeglichen wird. Und gestern, als Zenzl von dem Verhalten des Herren Franz Langheinrich erzählte, des „Jugend“-Redakteurs, der ihr seit Jahren mit Liebeserklärungen nachstellt und in schlechten Gedichten seine sensible Seele jeden Sonnabend zur öffentlichen Schau stellt, als sie erzählte, wie der ihr die Bitte, ihr auch nur durch den Ankauf eines Polschen Gemäldes für die „Jugend“ zu helfen, und auf ihre Klage, daß sie nicht weiter zu leben wisse, mit vollem Geldbeutel die Antwort gab, jetzt komme es auf den Einzelnen nicht mehr an, – da fand Fifi das ganz in der Ordnung. „Er hat ja recht“, meinte sie, und ich sah, daß die uns trennende Welt, die zwischen Schwabing und der Wiener Josefstadt liegt, unüberbrückbar ist. Morgen will sie mich „sehr ernst“ sprechen. Ich werde also zu ihr gehn und hoffe, wie werden in Frieden und Verständigung, aber endgiltig auseinanderkommen. Und dann will ich’s mal wirklich mit der Treue versuchen.

In Berlin ist am Schlagfluß Walter Turszinsky gestorben. Der Mann hat mir mal durch eine Schmockerei, als ich im Gefängnis saß, sehr weh getan und geschadet. Ich grüßte ihn seitdem nicht mehr, und als er mit Rößlers Vermittlung versuchte, meine Versöhnung herbeizuführen, winkte ich ab. Nun er tot ist und seine betriebsame Erwerbsfeder ruht, sei auch dieser Groll vergessen. Requiescat in pace!

 

München, Mittwoch, d. 26. Mai 1915.

Besuch bei Wedekind, der wieder zu Bett lag. Meine Befürchtung, daß es sich um ein Krebsleiden handelt, da nach allen Beruhigungen der Krankheit immer wieder Eiterungen entstehn, setzt sich immer mehr fest. Der Patient sieht wie ein Gespenst aus und scheint selbst sehr pessimistisch gestimmt zu sein. Merkwürdig berührt mich die Ähnlichkeit mit seinem Bruder Donald, die durch die Schmalheit des Kopfs und den jetzt dichter gewachsenen Schnurrbart ganz auffällig ist. – Das Gespräch ging natürlich wieder um den Krieg, das Eingreifen Italiens und die Beschießung Venedigs. Wedekind vermutete, daß nun die Italiener demnächst wohl ihre Kanonen auf dem Markusplatz aufpflanzen werden, damit sich die Kriegsparteien gegenseitig der Barbarei beschuldigen können.

Harden bringt in der letzten „Zukunft“ wieder einen sehr instruktiven Artikel, überschrieben: „Kennst du das Land?“ Ohne Gehässigkeit, vom Standpunkt seiner konservativen Staatseinstellung begründet er die praktische Nützlichkeit der Haltung Italiens und zitiert eine Stelle, die er selbst 1909 geschrieben hat, und die den Dreibund damals schon als Farce bezeichnet und sein Versagen im Falle des Kriegs prophezeit. Mir fällt bei solchen klugen Auseinandersetzungen immer eine Sonderbarkeit auf: daß man nämlich von einem Lande ganz wie von einer Person spricht. Einem konservativen Kopf stellt sich ein Staat ganz und gar als eine willensbegabte Persönlichkeit dar, deren Gehirn die Diplomatie ist, die jenseits von Gut und Böse wirkt und die nach ein für allemal geographisch bestimmten und wirtschaftlich erkannten Interessen kombiniert und arbeitet. Grade bei Harden sehe ich, wie die Überlegungen bei den Staatsmännern vor sich gehn, und daß sie die Bedürfnisse des breiten Volks wohl in Rechnung stellen, sie aber nie als wichtigen Faktor bewerten. Der ist ihnen stets nur das Ein- und Ausfuhrproblem, der kapitalistische Markt und, eng damit verbunden, die Rücksicht auf die Regierungsform. Ich erkenne grade aus dem exakten Funktionieren der Staatspolitik, wie unmöglich es ist, Sozialismus zu schaffen, ohne den Staatszentralismus gleichzeitig zu beseitigen. Jeder Staat macht die Diplomatie, d. h. die geheime Verwaltung und damit die Entrechtung des Volks zur Bedingung und schafft aus sich selbst Verhältnisse wie die gegenwärtigen: daß 20 Idioten – oder auch Weise – in einem Geheimbund miteinander die Nützlichkeiten ihrer Länder beraten, und, wenn sie sich nicht verständigen können, die Völker, die garnicht übersehn können, um was es sich handelt, zu fürchterlichem Massenmord aufeinander hetzen.

Der österreichisch-italienische Krieg ist also im Gange. Die k. u. k. Flotte hat die Ostküste Italiens bombardiert. Über die Wirkung gehn die beiderseitigen Berichte natürlich jetzt schon weit auseinander. Sicher ist, daß im Hafen von Ancona 2 Dampfer von österreichischen Granaten in den Grund geschossen wurden, die Italiener behaupten aber, es seien deutsche Schiffe gewesen. In Tirol scheinen die Italiener als erste über die Grenze gegangen zu sein ... In Galizien hat der Zweibund nördlich von Przemysl einen neuen Sieg errungen. Man hat sich ja aber abgewöhnt, von Siegen auf irgendeine Wirkung zugunsten des Friedens zu schließen.

Zenzl sah ich in den letzten Tagen immer nur vorübergehend. Sie ist äußerst tätig im Interesse von Fini Morstadt. Nachdem deren Mutter ins Irrenhaus gebracht ist, ist der Vater – Bibliothekar bei Krupp in Essen – gekommen, um das Mädel zu holen. Er hat inzwischen von dem Familienzuwachs sowohl bei Fini als auch bei der eignen Ehefrau erfahren, und Zenzl muß in dem gänzlich verfahrenen Familienidyll vermitteln. Ich muß dabei Ratschläge erteilen.

Zu Fifi gehe ich heute und hoffe, unsre Beziehung endgiltig lösen zu können. Es wäre für mich ebenso wie für Zenzl höchste Zeit, in ordentliche Lebensverhältnisse zu kommen. Leider sehn die Kassenverhältnisse vorläufig garnicht danach aus, – und Lübeck schweigt beharrlich.

 

München, Freitag, d. 28. Mai 1915.

Die Trennung von Fifi vollzog sich peinlich und schmerzvoll. Es ist der erste Fall in meinem Leben, daß ich mit einer Frau ungut auseinandergekommen bin. Sinnlos, darüber zu spintisieren, an wem es liegt, sicher nur, daß die Operation, so weh sie auch tat, notwendig war. Ich war also vorgestern bei ihr, und brachte das Gespräch rasch auf den wesentlichen Punkt: da sie mir erklärt habe, von dem Tage ab, wo ich mit Zenzl vereinigt wäre, müßten wir uns scheiden, ergebe sich mir die Konsequenz, die erotischen Beziehungen sofort abzubrechen (ich hatte sie schon beim Gruß nicht geküßt), ich würde mich aber freuen, wenn wir Freunde blieben, und für das Kind würde ich einstehn. Ich merkte ihr an, daß sie mich irgendwie schuldig sieht, und bat sie um Offenheit, ohne deutliche Aeußerungen erzielen zu können, ärgerte mich aber, als sie im Tone verdeckter Ironie meinte, Zenzl passe wohl auch besser zu mir als sie. Das ging offensichtlich auf Zenzls einfache ländliche Art, die dem bourgeoisen Mädchen wohl als Mangel an Bildung erscheint. Auf meine direkte Frage wollte sie aber nur Zenzls größere Voraussetzungslosigkeit gemeint haben. Ich fühlte das Bedürfnis, die Aussprache ganz ehrlich und umfassend zu gestalten und ging deshalb auf die trennenden Punkte in unsern Naturen ein, die sich bei dem Lusitania-Gespräch im Englischen Garten so deutlich gezeigt hätten. Damals hatte mich ihre rechnerische Betrachtungsweise der Katastrophe furchtbar verstimmt, und meine Gereiztheit wurde gradezu feindselig, als Fifi bräutlich-neckisch aus meinem ablehnenden Verhalten den „ersten Streit“ registrierte. Damals wurde mir klar, daß hier kein dauerndes Verständnis sein könnte. Das sagte ich ihr nun jetzt nicht, sondern nur, daß ich, ohne ihren Standpunkt mit meinem in Wertvergleich bringen zu wollen, doch aus ihren Aeußerungen gesehn hätte, daß wir uns in so verschiedenen Ideensphären bewegen, daß über kurz oder lang doch unsre Beziehung zum Krach hätte führen müssen. Es sei deshalb wohl besser, uns freundlich-friedlich zu trennen. Die Wirkung war überraschend. Ich hatte, wahrhaftig ohne es zu wollen, das arme Kind tief beleidigt. Sie erklärte unter Tränen, daß nach dieser Aeußerung jede Verständigung zwischen uns aufhöre und stellte spontan die Frage, ob ich ihr das alles auch gesagt hätte, wenn sie mir nicht den Verkehr aufgekündigt hätte. Nun hatten wir aber beide zugleich vom andern die Empfindung, er wolle den Spieß umdrehn, und mein Versuch, ihr zu erklären, daß in meiner Aeußerung kein Urteil liege und daß sie sich doch aus der durch die Gesamtsituation geschaffenen Notwendigkeit ergebe, Fraktur miteinander zu reden, blieb fruchtlos. Sie ersuchte mich, sie allein zu lassen, und ich hatte – hinausgeschmissen – nur noch soviel Fassung, ihr ruhig und freundlich zu sagen, daß ich ihr, wenn sie mich brauche, stets zur Verfügung stehe. Ich küßte ihr die Hand und ging. Der Tag war mir gründlich verdorben. Und ich komme – besonders wenn ich an die Komplikation durch die Schwangerschaft und an die dadurch bewirkte leidvolle Gemütslage des Mädchens denke – nicht von dem Gefühl los, als wäre ich nicht schuldlos, so gut ich natürlich weiß, wieviel auf der andern Seite Eifersucht und bürgerliches Besitzbewußtsein gegen mich Ungerechtigkeiten häuft. – Als ich Zenzl das alles beichtete, und sie mit so unendlich gutem menschlichen Verstehn mir zuredete, war mir wieder freier, und tief bewußt, wie sehr das Herz dieser Frau mir Heimat ist.

Aeußerliche, von eignen Entschlüssen unabhängige Umstände führen nun plötzlich die Idee unsrer Vereinigung ganz nahe heran. Gestern hat mir Frau Kaderschafka mitgeteilt, daß sie vom 1. Juni ab keine Verköstigung mehr geben kann, und wir sind übereingekommen, daß ich noch den Juni durch hier wohnen bleibe, zum 1. Juli aber ausziehe. Ich hoffe von Herzen, es auf irgendeine Weise einrichten zu können, daß ich dann zugleich auch Zenzl ein Heim bei mir schaffen kann. Wie das Geld heran soll, weiß ich freilich noch garnicht, und sehe ängstlich auch dem nächsten Monat entgegen, wo die Sorge um das tägliche Mittagbrot drohend wieder aus der Tiefe wächst. Ich will den genialen Hochstapler Michalsky um Rat bitten und zugleich an Rößlers Bruder, den Berliner Bankdirektor, schreiben. Vielleicht gibts irgendwo einen Ausweg. Der Tod des Vaters ist wohl nicht in Rechnung zu stellen. Seit 3 Wochen geben mir die Schwestern keine Nachrichten mehr, was nicht blos eine Rücksichtslosigkeit sondern wohl zugleich ein Zeichen ist, daß die Katastrophe ebenso in nebelhafter Ferne liegt wie das Ende des Völkermordens.

Vielleicht deutet die Umgestaltung des englischen Kabinetts auf eine bevorstehende Friedenspolitik der britischen Regierung hin. Das liberale Ministerium hat doch konservative Elemente zugezogen, denen man deutschfreundliche Tendenzen nachsagt, und es ist nicht unmöglich, daß das neue Koalitionsministerium die Beendigung der Unerträglichkeit anstreben wird. Welchen Einfluß Italiens Eingreifen ausüben wird, muß man abwarten. Vorläufig widersprechen natürlich die österreichischen Siegesmeldungen den italienischen völlig. Nur in einem Punkt gibt es keine Zweifel: daß die Schauplätze der Kriegshandlungen sich vorerst ganz und gar auf österreichischem Boden befinden. Zwischen Deutschland und Italien ist der Krieg immer noch weder erklärt noch eröffnet. Die kolossalen Truppenabschübe nach Süden lassen jetzt keine Mißdeutungen über Deutschlands Absicht aufkommen. Vielleicht haben die Leute recht, die annehmen, die Kriegserklärung Deutschlands oder der Türkei an Italien werde das Aktivwerden Rumäniens nach sich ziehn. Deshalb wolle keiner der Erste sein.

Sonst steht die Lage weiterhin so: in Galizien rasches Zurückdrängen der Russen mit bevorstehender Wiedernahme Przemysl und vielleicht von Lemberg, in der Bukowina nach der Zurückdrängung der Österreicher an den Pruth Stillstand, im ganzen Westen und in Kurland Stellungskrieg, und bei den Dardanellen nicht Kontrollierbares auf dem Lande, fortwährende Attacken und Landungsversuche zur See und in den letzten Tagen mehrere Kriegsschiffsverluste der Engländer, da deutsche Unterseeboote in den Kampf eingetreten sind. In den Zeitungen und Kriegsdepeschen aller Beteiligter aber unausgesetzt Siegesgeschrei.

 

München, Sonnabend, d. 29. Mai 1915

Gestern abend war Zenzl bei mir. Sehr, sehr süße Stunden. Ich hatte mehr als je die Empfindung, daß dieses Bündnis fürs ganze Leben geschlossen ist, und wirklich wüßte ich diesmal nicht, welche Tücken diesen endgiltigen Entschluß, der keiner Einwilligung von dritten bedarf, zertrümmern könnten. Der ewige Dalles darf nicht wieder Hindernis sein. Zenzl ist gewöhnt, Entbehrungen zu tragen, und ich bereit, sie in mehr als gewöhntem Maße auf mich zu nehmen, was vielleicht nicht einmal nötig werden wird. Nur die erste Summe für den Anfang muß beschafft werden. Aber ich will alles erdenkliche dazu tun.

Leider ging ich später noch ins Torggelhaus, wo ich mich sehr ärgern mußte. Der Schmock Friedenthal wurde so ekelhaft und patzig, daß ich die Formen der Höflichkeit überschritt und dadurch einen sehr häßlichen Streit provozierte, bei dem die Wanze im Rinnsteinstil auf mich losschimpfte und mir Ohrfeigen androhte. Die übrigen nahmen keine Partei, da man auch in diesen Kreisen die Schuld nach dem Anfangen bemißt und eine Solidarität der Nerven nicht kennt. Jedenfalls hoffe ich, den üblen Zeilenschinder nun endgiltig los zu sein. Auf Halbe-Wedekindsche Versöhnungsaktionen, die nicht ausbleiben werden, denke ich sauer zu reagieren.

Im Reichstag hat Bethmann-Hollweg über den Fall Italien eine Rede gehalten, die auf deutsche Treu und Redlichkeit und welsche Tücke und Niedertracht abgestimmt war. Die Herren Volksvertreter haben zu allem Bravo geschrien und Beifall geklatscht. Bemerkenswert war in der Rede nur ein Ausspruch, der in der Presse als programmatisch für das „Kriegsziel“ beurteilt wird. Der Reichskanzler sagte „... umso mehr müssen wir aushalten, bis wir uns alle nur möglichen realen Garantien und Sicherheiten dafür geschaffen und erkämpft haben, daß keiner unsrer Feinde, nicht vereinzelt, nicht vereint, wieder einen Waffengang mit uns wagen wird. Je wilder uns der Sturm umtost, umso fester müssen wir unser eignes Haus bauen.“ Ob das wirklich heißen soll: Belgien wird behalten!? Es wäre doch zu dumm zu glauben, daß die Einverleibung eines Volkes, in dem man durch ganz neuartig entsetzliche Brutalitäten ewigen fürchterlichen Haß großgezogen hat, den Frieden und die Sicherheit festigen könnte. Wenn das aber doch gemeint war, dann steht das Verhalten des ehemaligen Staatssekretärs Dernburg, der in Amerika – in halboffizieller Eigenschaft – wiederholt öffentlich gegen die Annektion Belgiens gesprochen hat, in höchst auffälligem Gegensatz zu den Ansichten seiner Auftraggeber. Welche unwürdige Rolle wird doch bei alledem dem Volk zugemutet, das opfern, töten und sterben muß und artig warten, bis man ihm sagt, welchem Zweck das alles dient. Und wie kläglich steht das Parlament da, das die Möglichkeit hätte, zu reden, zu fragen, zu opponieren und zu verlangen – und nichts davon tut!

 

München, Sonntag, d. 30. Mai 1915

Wie die Leute, die bei der Völkermetzelei ihren Ruhm pflücken, ohne den eignen werten Leib in Gefahr zu bringen, den Lebenswert derer einschätzen, die ihnen mit ihrem Blut zum Ruhm verhelfen, geht aus einer neuen Aeußerung unsres bayerischen Kronprinzen Rupprecht hervor. Dieser siegbelaubte Armeeführer hat sich bisher dadurch ausgezeichnet, daß er die programmwidrige Schlacht bei Metz schlug und den Einkreisungsplan der Heeresleitung Moltkes dadurch vereitelte, und durch einen berüchtigt gewordenen Armeebefehl, der den Engländern „Hiebe von ganz besondrer Art“ versprach und den Wunsch durchblicken ließ, keine gefangenen Engländer zu machen. Jetzt hat dieser sympathische Fürst einem Reporter gegenüber sich über „verfrühte Friedensgerüchte“ ausgelassen und erklärt, „daß von einem Frieden erst dann gesprochen werden dürfe, wenn die Ergebnisse des Krieges derart sind, daß wir im Stande sind, diesen Frieden nach unsern Bedürfnissen und den Forderungen der Wohlfahrt des Vaterlandes zu gestalten. Staatsnotwendigkeiten verschiedener Art müssen hierbei ausschlaggebend sein, niemals aber irgendein Gefühl, oder auch nur eine Anwandlung von Kriegsmüdigkeit daheim im Lande, oder die Stimmung, daß der Opfer nun genug gefordert und gebracht seien. Rücksichten auf unsre Gegner können hierbei überhaupt niemals mitsprechen etc.“ Also ohne Rücksicht auf die Interessen, Opfer, Lebensnotwendigkeiten andrer Völker den preußisch-bayerischen Militarismus über der Welt etablieren, – und ohne Rücksicht auf die schon gebrachten furchtbaren Blutopfer weitere Leichenfelder häufen. Die Jacobi, Weisgerber, Hörhammer, die Stadler, Lichtenstein, Pfeil – alle die zahllosen Unbekannten, jedenfalls aber wertvolleren Menschen als der kronprinzliche Schmarotzer, die schon für seinen höheren Ruhm getötet sind, genügen dem Kerl nicht, – der Gedanke, es seien der Opfer genug gebracht worden, darf überhaupt nicht aufkommen. Rupprechts Gemüt ist von diesen Opfern nicht beschwert. Der wird eines Tags an der Spitze seiner Heldenschar durchs Siegestor einreiten, und München wird ihm zujubeln als dem Erretter des Vaterlandes. Er wird Bayerns König werden und auf neue kriegerische Ehrentafeln sinnen, – ohne Rücksicht auf Opfer oder Bedürfnisse der Menschen.

Gestern abend Zusammensein mit Beiger und Otto Flake, Elsässern, denen das Schlachten im Westen besonders nahe geht. Beiger, der selbst Soldat ist, erzählte von den Bayern scheußliche Dinge: Niedermachen von Gefangenen, besonders französischen Alpenjägern und Engländern, sei an der Tagesordnung. Furchtbar traurige Einzelheiten.

Ich las eine sehr schöne Broschüre, die mir der Verlag: Art. Institut Orell Füßli, Zürich, zusandte. „Über den Sinn des Krieges.“ Vortrag, gehalten vor der Züricher Freistudentenschaft von L. Ragaz, Professor an der Universität Zürich. Über die Ursachen der Katastrophe aus den wahnsinnigen Prinzipien der menschlichen Organisationen: Kapitalismus, Imperialismus, Mammonismus, Militarismus, Zentralisation, Geheimdiplomatie etc. mit Ausblicken auf die Zukunft, die er in moderierter Weise ähnlich ansieht wie ich: Stärkung der Welt durch Sozialismus, Individualismus und aufbauende Kultur. Ich hatte meine Freude an der Schrift, wiewohl ich nicht in allen Punkten mit Ragaz einig bin.

Aus meiner sonstigen Lektüre der letzten Zeit vermerke ich eine Novelle von Leonhard Frank in der Aprilnummer der „Weißen Blätter“: „Die Ursache“. Dieser Frank, der 1907 in der Frieda-Zeit die sonderbarste Rolle eines geistig Minderwertigen spielte, hat plötzlich eine ungeahnte Entwicklung durchgemacht. Als er von der Malerei absprang und anfing zu schreiben, lachte ich, fand auch das Erste, was ich von ihm las, bedeutungslos. Dann hatte er mit seinem Roman „Die Räuberbande“ einen Riesenerfolg und erhielt dafür den Fontanepreis, und, „die Ursache“, das erste längere Werk von ihm, das mir in die Hände fiel, machte mir sehr starken Eindruck. Eine von psychoanalytischen Ideen vielfältig befruchtete höchst scharfsinnige, dabei menschlich prachtvoll anständige Arbeit mit verblüffenden geistreichen Einfällen und produktiven Eigengedanken. Hut ab! – Ich traf Frank vor einem Monat in Berlin. Sobald ich ihm wieder begegne, will ich ihm freundschaftlich entgegentreten. Es ist schön, einmal sein Urteil über einen Menschen zum Guten revidieren zu müssen.

 

München, Montag, d. 31. Mai 1915.

Im Reichstag hat man vom Kriegsziel geredet. Ebert hat die Loyalitätserklärung vom 4. August wiederholt, und sich dann gegen Eroberungen gewandt. Westarp hat daraufhin gegen die Internationale geeifert und à la Rupprecht scharfgemacht, und der Nationalliberale Schiffer ist auf dem goldnen Mittelweg herumbalanziert und hat damit dem deutschen Nationalgemüt die eigensten Flötentöne vorgeblasen. Als er die Bethmann-Hollwegschen Garantieen und Sicherheiten in Form von Gebietserwerbungen verlangte, [als] welche natürlich durchaus keine Eroberungen seien, hat Liebknecht „Kapitalsinteresse!“ gerufen und sich damit heftige Schmähungen von der andern Seite, wie Gemeinheit! Narr! Verräter! zugezogen, vom Präsidenten aber den Ordnungsruf. Die Herren Heine, Hänisch und Konsorten werden vermutlich nicht verabsäumen, in den Sozialistischen (!) Monatsheften und anderswo dem peinlichen Parteigenossen auch noch aus dem eignen Lager klarzumachen, daß bei der Sicherung der deutschen Grenzen durch Angliederung neuer vlamischer, französischer, polnischer und russischer Gebiete von Kapitalsinteressen natürlich garnicht die Rede sein kann. Die „Münchner Zeitung“ freilich bringt heute einen Leitartikel (der wahrscheinlich aus einer Korrespondenz stammt und also zugleich in Dutzenden deutscher Intelligenz-Organe zu lesen sein wird), worin die Wahrnehmung von Kapitalsinteressen beim Friedensschluß sehr berechtigt gefunden wird, und der mit der Mahnung an die Sozialdemokratie schließt, doch endlich einzusehn, daß mit den Tendenzen zur Unterdrückung des Kapitalismus dem deutschen Volke gradezu das Rückgrat gebrochen werde. Hoffentlich wird das auf die Sozialdemokratie gebührenden Eindruck machen, und sie wird den Kampf gegen den Kapitalismus ebenso theoretisch und praktisch einstellen, wie sie den gegen Militarismus, Monarchismus und Imperialismus de facto längst eingestellt hat.

Von morgen ab beginnt für mich eine veränderte Lebensweise. Da ich in der Pension keine Mahlzeiten mehr bekomme, werde ich voraussichtlich das Mittagessen fortan bei Englers einnehmen. Ich hoffe, dadurch zugleich die weitere Entwicklung der Dinge und die Herbeiführung meiner Ehe mit Zenzl zu beschleunigen. Den Geldfragen stehe ich zur Zeit allerdings noch ganz ratlos gegenüber.

Von Lübeck höre ich seit Wochen keine Silbe mehr.

 

München, Dienstag, d. 1. Juni 1915.

Überraschenderweise erhielt ich gestern abend 100 Mark, sodaß die ärgsten Schwierigkeiten wieder behoben sind. Mein Krach mit Friedenthal am Freitag abend war eigentlich nur eine Fortsetzung gewesen eines Streits zwischen Meßthaler und Muhr, der zwischen den beiden Herren ebenfalls zum Bruch geführt hat. Da Meßthaler sich schon seit längerer Zeit allerlei Antipathien zugezogen hatte, die vornehmlich von Rößler wegen kränkender Aeußerungen über den Consul genährt wurden, hat man nun Schritte getan, Meßthaler vom Torggelstuben-Stammtisch auszuschließen. Deshalb haben nun Meßthaler und ich seit gestern einen neuen Stammtisch dort begründet. Der etwas unglücklich disponierte, altjüngferlich-neurasthenische Mensch hat sich nun letzthin überhaupt etwas enger an mich angeschlossen, da er offenbar unter seiner Vereinsamung sehr leidet und außerdem bei mir den gleichen Abscheu gegen den Krieg findet, der ihn erfüllt, und den er nicht überall äußern kann. Versuche, ihn anzupumpen, hatte ich nie gemacht, da er vorsorglich des öfteren als „Prinzip“ verkündet hatte, er pumpe kein Geld her. Nur hatte er früher einmal einen Anteilschein für den „Kain“ spontan übernommen und mit 100 Mk bezahlt. Als ich nun gestern von meinen Nöten sprach, erklärte er plötzlich, er möchte mir gern mit 100 Mk aushelfen, er wisse nur nicht, auf welche Manier, da er seinem Prinzip, nichts zu pumpen, nicht untreu werden wolle. Darauf drehte ich ihm noch einen Anteilschein an, und bekam wieder bare 100 Mark. Ein komischer Kerl, dieser Meßthaler. Er markiert geschickt den gemeinen Kerl und Haderlumpen. Ich habe ihn indes längst als gutmütigen Menschen durchschaut. Charakteristisch ist, daß er mich beschwor, nichts von der Transaktion weiterzusagen. – Nachher gingen wir noch in die „Akropolis“, und als das Gespräch auf Jacobi kam, fing doch der starke Mann richtig das Weinen an. – Sobald er aber wieder unter Leuten ist, mimt er den robusten Egoisten.

In diesen Tagen gehe ich mit Zenzl Wohnung suchen. Ich will zum 1. Juli jedenfalls gleich so wohnen, daß sie jeden Moment zu mir ziehn kann, ohne daß neue Veränderungen nötig werden. Meine Pensionswirtin fängt mit den üblichen Schikanen vor dem Abschied jetzt schon an. Heut früh wurde mir verkündet, daß es zum Frühstück keine Butter mehr gebe. Wie grenzenlos schäbig!

Vom Kriege nichts neues. Nur eine spaßige Betrachtung fiel mir ein: Was doch der Kaiser von Österreich für Pech hat mit seinen Verbündeten: 1866 Preußen und jetzt Italien! Die Moral im Kriege ist ein eignes Kapitel.

Gestern habe ich endlich Köhlers Brief ausführlich beantwortet: die Begründung, warum der Krieg unsittlich ist. Nicht wegen seiner Erscheinungsweise, Mord und Verwüstung, sonst müßte ich ja auch die Revolution sittlich negieren, sondern wegen Ursache und Zweck, daß nämlich der Zweck des Krieges die Erhaltung seiner Ursachen ist. Die Erscheinungsweise werde erst dadurch unsittlich, daß Töten und Vernichten nicht für das Ideal der Ausführenden sondern der Auftraggeber geübt wird, also unter Zwang. Bin gespannt, wie er dem begegnen wird.

Heut sprach ich auf der Straße Fifi. Sie trägt ihre Tragik in stummer Anklage spazieren. Sie tut mir leid. Aber helfen kann ich ihr nicht.

 

München, Sonntag, d. 6. Juni 1915.

Schickele ist seit Mittwoch in München, und infolgedessen war meine Zeit anders in Anspruch genommen als durch Muße zum Eintragen ins Tagebuch. – Inzwischen hat sich allerlei ereignet, Persönliches, Politisches und Atmosphärisches.

Um das letzte vorwegzunehmen: ein Erdbeben in der Nacht zum Mittwoch. Ich wachte seit 2 Uhr morgens, obwohl ich erst 2 Stunden geschlafen hatte, auf in einem Gefühl undefinierbarer Gereiztheit, wie etwa vor einem Gewitter, wo man auch den Grund seiner Nervosität nicht kennt. Eine Stunde lang versuchte ich ohne Erfolg wieder einzuschlafen. Endlich machte ich Licht und mischte die Patience-Karten, um der Spannung meiner Nerven durch eine langweilig mechanische Beschäftigung Herr zu werden. Die Uhr zeigte 3h 15. Während ich die Karten sehr uninteressiert auflegte, spürte ich plötzlich eine sehr heftige Erschütterung, als ob jemand das Bett von unten gefaßt hätte und vor- und rückwärts rüttelte. Ich sah nach der Uhr, und während ich mich über den Nachttisch beugte, erfolgte ein zweiter ganz gleichartiger Ruck. Ich wußte sofort, daß es sich um ein Erdbeben handelte, sprang aus dem Bett ans Fenster, und spürte, wie sich schon bald meine Nervosität löste. Die Entspannung war erfolgt, und ich konnte dann ausgezeichnet schlafen. Der Erdbebenstation der Sternwarte, die um Mitteilungen bat, habe ich meine Beobachtungen beschrieben. Es war das erste Erdbeben, das ich bei völlig wachen Sinnen miterlebt habe.

Persönliches. Meine am Dienstag hier fixierte Begegnung mit Fifi Elbogen hatte ein Nachspiel. Ich hatte ihr gesagt, daß ich mein Gewissen ihretwegen beschwert fühle, ohne recht zu wissen warum. Darauf kam nun ein Brief, in dem sie mir in ihrer Weise Aufklärung erteilt über die Regungen meines Gewissens. Ich lege das document humain – das häßlichste, das ich je empfing – zum dauernden Gedächtnis diesem Hefte bei. Ich hätte sie in der schwersten Lage, in die sie durch mich gekommen sei, leichtherzig im Stich gelassen und damit bewiesen, daß alles, was ich je von „seelischem Anstand“, Menschlichkeit etc. geredet und geschrieben habe, leere Worte seien. Kurzum: ich habe mich als ganz schäbiger Hund erwiesen. Daß ich nicht sie verlassen habe, sondern sie mir kündigte, falls ich das wahrmachen sollte, was ich ihr vom ersten Tage unsres Verhältnisses an als feststehend angekündigt hatte, ignoriert sie, behauptet aber, daß ich ihre Aeußerung (über die „Lusitania“) nachträglich als Vorwand gesucht hätte, um sie als meiner Menschlichkeit nicht ebenbürtig, abzuschieben. Ich habe ihr sehr ruhig geantwortet, richtig gestellt, was richtig zu stellen war, und ihr mitgeteilt, daß ich nach ihrem Versuch, mich in meinem gesamten Lebenswerk als Lügner hinzustellen, mein Gewissen ihr gegenüber nicht mehr belastet fühle, sondern nur noch dem werdenden Kinde gegenüber. Ich bäte sie aber, mir es zu ermöglichen, für das Kind nach besten Kräften zu sorgen ... Es ist das erste Mal, daß ich mit einer Frau im Unguten auseinanderkomme. Schade ... Gut ist nur, daß die Trennung so schnell erfolgte. Gedeihlich hätte sich die Beziehung für beide Teile gewiß nicht entwickeln können. Aber ob ich nun wirklich so ein Schweinehund bin, wie Fifi ihn von jetzt ab aus mir machen wird? Ich habe nicht die Empfindung, daß ich anders hätte handeln können, als ich tat, so bitter leid es mir ist, das arme Mädel in so schwere Situationen gebracht zu haben, denen sie in ihrer Bürgerlichkeit nicht gewachsen ist.

Mit Zenzl (die jeden Moment eintreten muß) find ich täglich tiefere Fühlung. Donnerstag fand ich zum ersten Mal in ihrer eignen Wohnung – da Engler und alle fortgegangen waren – Gelegenheit zur engsten Intimität. Die Loslösung aus ihrer Ehe wird vielleicht leichter möglich werden, als wir dachten. Engler hat mit Fini Morstadt ein Verhältnis begonnen. Außerdem bedrängt Herr Pol, der lahmende ehemalige Konditor, die arme Zenzl mit Liebesanträgen, sodaß sie lieber heut wie morgen zu mir flüchtete. Es fehlt nur immer noch das nötige Geld. Rößlers Bruder hat ablehnend geantwortet. Dagegen will Schickele in Berlin etwas für mich zu tun suchen.

Die Diskussionen mit Schickele waren sehr ergiebig. Er steht den politischen Dingen mit klaren Augen gegenüber, und beurteilt sie zwar einseitig (als elsässischer Demokrat), aber scharf und gestützt auf viel Wissen. Er erzählt viel Neues und sehr Schreckliches, besonders über die Behandlung der Elsässer, Polen und Dänen im Kriege. Man mordet diese Leute buchstäblich, indem man sie systematisch allen Schrecknissen preisgibt. Viele Einzelheiten. – Ganz scheußlich verfährt man mit Karl Liebknecht. Der ist in einem Pionierregiment. Man hat ihn aber in eine elsässische, sogenannte „Strafkompagnie“ gesteckt. Da muß er tags mit den Kameraden in weißen Hosen an Stellen schanzen, wohin man die Feldgrauen nur bei Nacht vorläßt ... Ferner: Drangsalierungen von Juden. Der Geist Zaberns strahlt über der ganzen Linie. Man muß die Einzelheiten noch prüfen.

Den Ausgang der Dinge sieht Schickele so an: Noch sehr lange Dauer des Kriegs, mindestens noch 1 Winterfeldzug. Dann Verhandlungen, bei denen Frankreich – nach Volksabstimmung – Elsaß-Lothringen bekommt, Deutschland ein Stück Polen. Das Eingreifen der 3 Balkanstaaten Rumänien, Bulgarien und Griechenland stehe fest ...

 

München, Mittwoch/Donnerstag, d. 8./9. Juni 1915

(Nachts ¾ 2 Uhr).

Ich hatte in diesen Tagen viel eintragen wollen: auf den Krieg bezügliches und Persönliches. Besonders ein Brief von Jenny hat mich bis gestern sehr beschäftigt, mir sehr viel Leid und Gedanken verursacht, worin sie mir klarlegt, was eigentlich das Trennende zwischen uns ist: ihr Schicksal, das durch mich geworden ist, meine Unfähigkeit, sie davor zu bewahren, daß sie in die schreckliche Öde ihrer Familie zurückmußte, und die letzten Jahre, die ihr zuviel an Jugend und Lebensglück geraubt haben.

Ich habe den Brief noch nicht beantwortet (auch den von Fifi nicht, in dem sie mitteilt, daß das Kind fehlgegangen ist, und daß sie mir keinen Groll mehr nachträgt), – da kam heut plötzlich aus Lübeck ein Eilbrief, der mit einem Schlage mein ganzes künftiges Leben in Frage stellt. Julius teilt mir in Papas Auftrag mit, daß ich mich nunmehr zu einem entscheidenden Wechsel in meiner Lebenshaltung zu entschließen habe, widrigenfalls ich enterbt werde. Der Vater habe erkannt, daß ich das Vermögen vergeuden würde (woran er das erkannt hat, wird nicht gesagt. Er hat mir bei Gott noch keine Möglichkeit verschafft, Geld zu verjuxen). Er habe in der Pharmazeutischen Zeitung nach einer Stelle annonciert, wo ich noch einmal als Apotheker angelernt werden solle – in einer kleinen norddeutschen Stadt (schon die Aeußerlichkeiten sind auf Demütigung angelegt), ferner soll ich eine Jüdin heiraten, die, falls ich alle Bedingungen erfülle, einmal das Vermögen mit Zins und Zinsenszins erhalten soll. Falls ich mich damit nicht sofort einverstanden erkläre und sofort die Stelle antrete, werde ich auf Pflichtteil gesetzt. Das habe er beschlossen, mit „Zustimmung meiner Kinder und Schwiegerkinder“. Ich schrieb sofort einen Eilbrief an Onkel Leopold, in dem ich die Vorschläge sehr scharf als indiskutabel zurückwies und sofort auch erklärte, alle Beziehungen zu den Geschwistern abbrechen zu wollen. Mittags übergab mir dann Zenzl noch einen zweiten Brief von Grethe, in dem ich mit allen Gründen des Gefühls zur Nachgiebigkeit ermahnt werde, um dem Vater das Sterben zu erleichtern. Die Aeußerung „mit Zustimmung etc.“ habe er eigenmächtig in das neue Testament gesetzt. Die Geschwister hätten alles aufgeboten, um ihn davon abzuhalten und mir wenigstens die Zinsen zu lassen. Das bewog mich, auch noch an Grethe zu schreiben, meine strikte Weigerung zu wiederholen, und die energische Forderung aufzustellen, Papa davon zu unterrichten, daß ich vor 6 Wochen in Lübeck war und ihn zu sehn und zu sprechen wünschte, da ich überzeugt sei, das persönliche Wiedersehn hätte derartige Beschlüsse verhindert.

Soweit wäre es nun also. Deshalb hat der alte Mann nicht sterben können, weil er sein Werk, mich an Entwicklung und Eigenleben zu hindern, noch nicht durch die letzte väterliche Gewalttat gekrönt hatte. Nun ist ihm auch noch diese Erleuchtung gekommen. Jetzt mag er in Frieden sterben!

Meine Zukunft aber ist bei Zenzl geborgen. Die fragt nicht nach Herkunft und Konfession. Die liebt mich und wird mich pflegen und behüten, und mir ein Leben ermöglichen in den Formen, die mein Charakter verlangt, ein Leben in Liebe und in der Arbeit, zu der ich berufen bin.

 

München, Donnerstag, d. 9. Juni 1915.

Das Ultimatum meiner teuren „Nächsten“ ist mir elend in die Glieder gefahren. Es ist mir so, als wäre ich mit jemandem harmlos spazieren gegangen, und der hätte mir urplötzlich mit einer Keule vor den Schädel geschlagen. Die Briefe, die ich an Onkel Leopold und an Grethe geschrieben hab, billige ich auch heute nach der durchschlafenen Nacht vollkommen. Es wäre ja noch der Ausweg möglich, Komödie zu spielen, wirklich noch einmal in die Apothekenlehre zu gehn und, wenn der Alte die Augen zugemacht hat, wieder abzuspringen. Aber erstens weiß ich nicht, ob nach den abgelegten Proben seiner Zähigkeit und seiner Herrschsucht nicht entweder sein Tod weitere Jahre auf sich warten läßt oder er Verfügungen trifft, nach denen ich fürs Leben verurteilt werde, falls ich nicht auf sein Geld verzichten will, zweitens dünkt es mich auch reinlicher, jetzt endlich Charakter zu zeigen und auf meinem eignen Wert und Lebenswillen zu bestehn. Ich habe viel zu oft Konzessionen gemacht und Rücksichten genommen. Der beste Teil meines bisherigen Lebens ist durch die Verzicht-Unterschrift, die ich vor 16 Jahren meinem Vater gab, verpfuscht worden. Jenny habe ich verloren, weil ich nicht den Mut zu meinem Radikalismus fand und sie ohne zu rechnen zu mir nahm, – was kann mir noch geschehn, wenn ich jetzt einmal stark bleibe? Die Brücken zwischen mir und meinen Geschwistern können wegschwimmen. Sie mögen. Ich habe gestern in meinem Brief nach Lübeck mit guter Absicht daran erinnert, daß Julius vor 10 Jahren an Brupbacher schrieb, ich leide an Größenideen. Mehr als ein gewisses Mitleid mit meiner Sehnsucht und meinem Ehrgeiz wird von dieser Seite doch nicht zu erzielen sein. Meine Heimat gründe ich bei Zenzl.

Vielleicht stehn bis zum Tode des Vaters noch sehr böse Tage bevor. Ich esse täglich jetzt bei Englers Mittag. Aber Zenzl muß da für 5 Personen kochen, und wenn mein Geld alle ist – was besonders bei der horrenden Teuerung im Lande – sehr bald der Fall sein wird, dann wird wohl eine Zeit eintreten, die mich an die bösesten Erlebnisse im Anfang meiner Schriftstellerlaufbahn erinnern wird. Und wer weiß, ob meine Geschwister die 50 Mk weiterzahlen, ja, ob der Alte nicht wieder „mit Aufbietung seiner letzten Kraft“ eine neue Verfügung treffen wird, nach der ich von jetzt ab auch die mir aus meinem an ihn abgetretenen Vermögen gnädig bewilligten monatlichen 100 Mk nicht mehr kriege? Was dann? Ich weiß es nicht.

Zum 1. Juli soll ich aus der Pension heraus. Zenzl hat mir heute versprochen, dann gleich zu mir zu ziehn. Vielleicht gehn wir nach Dachau, wo Beiger uns vielleicht eine eingerichtete Zweizimmerwohnung beschaffen kann. Ich habe Onkel Leopold vor einigen Tagen um 100 Mk ausnahmsweise gebeten. Außerdem will sich Schickele für mich um einen größeren Pump bemühn. Wenn aber aus alledem nichts wird, dann fürchte ich, wird auch mein ungebrochenes Vertrauen, daß diese ungeheure Schikane, die das Leben für mich bisher gewesen ist, einmal aufhören muß, den entscheidenden Stoß erhalten. Meinen Nerven wird ein wenig zu viel zugemutet: Erst die Tortur in Lübeck, im Hause des Vaters den sterbenden alten Mann nicht sehn zu dürfen, dann die Fifi-Geschichte, der Brief von Jenny, der mich mit dem trüben Gefühl belastet, als werde all mein Tun und Wollen von unsichtbaren Mächten zu schlechtem Ausgang geführt, und nun noch der Überfall der Familie mit der grotesken Forderung, mich völlig zu entwürdigen, wenn ich am Raube partizipieren soll. Es ist sehr sehr viel auf einmal, – und der Krieg wirkt nicht kompensierend auf meinen Gemütszustand ein. Das tut nur Zenzl, meine bayerische Löwin, meine Frau – die erste in Wahrheit! –, von der ich erst heute früh wieder Beweise unbegrenzter zärtlicher Leidenschaft empfing.

 

München, Freitag, d. 10. Juni 1915

Es ist ½ 12 Uhr abends. Ich bin nicht müde genug, um gleich schlafen gehn zu mögen. Ich würde entweder noch lange wach im Bett liegen oder morgen in aller Dämmerfrühe aufwachen, und gequält von den Vorstellungen, die aus all den gegen mein Leben getürmten Häßlichkeiten erwachsen, mich stundenlang schlaflos herumwälzen. Außerdem spüre ich ein Gewitter in den Gliedern, das seit vorgestern schon fällig ist, um die unnatürliche Hitze dieser Jahreszeit abzulösen.

Ich habe hier lange nichts mehr vom Kriege geschrieben, der mich immer noch heißer in Atem und Wut hält als alle privaten Widerwärtigkeiten. Nicht einmal der Wiedereinnahme von Przemysl habe ich hier Erwähnung getan, die schon fast 14 Tage zurückliegt und der die große Aktion folgte, die der endgültigen Verdrängung der Russen aus Galizien dienen soll, mit dem Ziel, zunächst Lemberg zurückzuerobern und rückwirkend auch die Bukowina zu „säubern“. Ob das gelingen wird, ist seit gestern fraglich geworden, da sich dem riesigen Vordrängen der Verbündeten plötzlich südlich von Lemberg neue Truppen entgegengestellt haben. Ebenso ist die merkwürdige Offensive Hindenburgs in Kurland überraschend gestoppt worden, sodaß im gestrigen Tagesbericht wieder einmal von einem „zurückgenommenen“ Flügel die Rede war. Ich glaube längst nicht mehr an die Möglichkeit, die Russen zu besiegen. Nach den anscheinend vernichtenden Schlägen von Tannenberg, Insterburg, Masuren etc. haben sie sich immer wieder mit neuen ungeheuren Truppenmassen zu stellen vermocht. Die Wirkung all dieser Siege war bisher immer nur die Zurückverlegung des nächsten Schlachtfeldes bis zur nächsten eignen „Zurücknahme“. Die Mitteilungen der Blätter über Ministerkrisen in Rußland und Friedensverlangen in einflußreichen Kreisen müssen mit sehr großer Vorsicht aufgenommen werden, zumal das Eingreifen des Balkans, das die Besiegung der Türkei und damit die Öffnung der Dardanellen zur sicheren Folge hätte, die russischen Chancen wieder kolossal steigern müßte.

Scheußlich geht es im Westen zu. Ein irrsinniges Blutvergießen, ein grauenvolles Hinmorden von täglich Tausenden mit minimalen Wirkungen, deren Mehrzahl neuerdings für die Franzosen günstig zu sein scheinen.

Der Krieg mit Italien ist immer noch im ersten Voranfang und wird seltsamerweise bis jetzt nur von Österreich ausgefochten. Ob Deutschland und die Türkei überhaupt reell in diesen Krieg noch einbezogen werden, ist zwar wahrscheinlich aber noch nicht unbedingt sicher. – Dagegen ist die Spannung zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland wegen der „Lusitania“-Gemeinheit viel schärfer geworden. Der Staatssekretär Bryan, den man bisher bei uns als wütenden Deutschenfeind wie einen schuftigen Kretin beschimpft hat, ist zurückgetreten, weil er eine mildere Tonart in der neuen Note an Deutschland wünschte als Wilson sie für gut hält und die einem Ultimatum gleichen soll. Deutschland behauptet, das Schiff sei armiert gewesen, also ein Kriegsschiff, was von England und Amerika, die es jawohl besser wissen müssen, bestritten wird, und wogegen ja schon grade der Umstand spricht, daß es Passagiere beförderte. Deutschlands Berufung darauf, daß die „Lusitania“ Munition beförderte, wird von den Vereinigten Staaten mit dem Hinweis aufs Völkerrecht abgewiesen, wonach neutrale Länder das Recht zur Munitionslieferung an kriegführende haben, der geschädigte Teil aber nur das Recht nach der Durchsuchung des Schiffs und nach Sicherung der Passagiere und Besatzung die Konterbande aufzubringen oder zu vernichten. Wenn Deutschland technisch nicht dazu imstande ist, will Amerika gleichwohl seine Bürger nicht der Gefahr der Unterseeboot-Angriffe aussetzen, was ganz selbstverständlich, hierzulande aber absolut nicht begreiflich zu machen ist. Mit Gründen der Menschlichkeit kommt man den Landsleuten in dieser Zeit der Massen-moral-insanity überhaupt nicht bei.

Die Frage, wann endlich mal Friede sein wird, wagt niemand mehr zu stellen. Die Aussicht dazu schwindet von einem Tag zum nächsten immer mehr, und die Fassungskraft, daß es einmal wieder Frieden, geordnetes Leben und – öffentliche Kritik geben kann, ist uns fast verloren gegangen.

 

München, Sonnabend, d. 11. Juni 1915.

Bevor ich fortgehe, nur eine kurze Notiz zu meiner Biographie: Ein Brief meines Schwagers Leo als Antwort auf meine schroffen Worte an die Geschwister enthält die Mitteilung, daß ich mich in Lübeck in einem Irrtum befand. Es war nicht an dem, daß der Gesundheitszustand meines Vaters es nicht gestattet hätte, mich zu empfangen oder von meiner Anwesenheit zu erfahren. Der alte Herr hat vielmehr erfahren, daß ich da war. Er weigerte sich aber, mich vorzulassen, was man mir mit Rücksicht auf meine Empfindungen verschwiegen hat ... Sein Leben zählt, wie mir Leo ebenfalls schreibt, nur noch nach Tagen, und nun soll ich ihm doch noch das Sterben erleichtern und den absurden Witz machen, wieder Apothekenlehrling zu werden. Ich habe eben einen sehr ernsten und klaren Brief an Leo geschrieben, nach dem ich vor dergleichen Zumutungen wohl Ruhe haben werde. – Daß mir einmal meine gütige Mutter erscheinen möchte, daß ich ihr mein Herz öffnete!

 

München, Montag, d. 14. Juni 1915

Abends ½ 12 Uhr.

Noch kein Telegramm da. Wenn ich nach Hause komme, öffne ich fiebernd die Tür, in der Erwartung, die Nachricht vom Tode des Vaters müsse da sein. Dabei habe ich mir aber seit Tagen in den Kopf gesetzt, der Todestag werde der 19te Juni sein. Warum? weiß ich nicht. Sicher ist jedenfalls, daß das Ende sehr nahe ist. Leo schrieb: sein Leben zählt nur noch nach Tagen, – Julius: dein sterbender Vater, und Grethe redet im letzten Brief von der völligen Hilflosigkeit des alten Mannes und läßt durchblicken, daß sie selbst den Tod für ihn als willkommene Erlösung herbeisehnt. Er selbst weiß, daß nichts mehr für ihn zu hoffen ist. Mich aber läßt er noch den letzten Wermutstropfen unsres Konfliktes austrinken, und jeder Schluck aus dem Becher schmeckt bitterer. Es ist ja kaum zu fassen, daß ein Vater, wenn er seinen Tod nahe weiß, den Sohn, der an sein Sterbebett von weither gereist kommt, nicht empfangen will, obwohl kein neues Moment eingetreten ist, das die Differenz erweitert hätte, obwohl seit 15 Jahren der Konfliktzustand besteht, dessen Reibungsflächen sich von Jahr zu Jahr mehr abgeschliffen haben. – Aber es hilft kein Spintisieren. Wäre der Vater vor 6 Wochen gestorben, dann wäre alles gut gewesen. Ich hätte nie erfahren, daß sein Herz voll Feindschaft gegen mich war, und ihm wäre der Entschluß zur letzten Grausamkeit gegen den Sohn erspart geblieben. Nun hat er sich den Gedanken an meine Zukunft als fixe Idee in den Kopf gesetzt und malträtiert das verbrauchte Gehirn in seinen letzten Anstrengungen dazu, die Strafe auszusinnen, mit der er meint, mich zermalmen zu können. Geld war der Inhalt seines Strebens und Eiferns, am Geldbeutel glaubt er mir daher den Atem abschnüren zu sollen.

Gestern erhielt ich noch einen Brief von Grethe, die sich – ebenso wie Leo – heftig dagegen wehrt, daß die Alternative – Entwürdigung oder Enterbung – mit Zustimmung der Geschwister ausgeheckt sei. Warum lügt der Vater? Vor vielleicht 2 Jahren hat er mich schon einmal in gleicher Weise angelogen. Damals war er auf den absurden Einfall gekommen, ich solle im Geschäft von Jennys Vater als Commis eintreten – Säcke abwiegen hatte er sich als meine Tätigkeit gedacht –, dann wäre die Basis für unsre Ehe geschaffen. Auch dabei erklärte er, die Geschwister seien der gleichen Meinung, und als ich die zur Rede stellte, war kein Wort davon wahr, hatten sie im Gegenteil ihm widersprochen. Commis bei einem Getreidemakler in Eydtkuhnen! Und jetzt Apothekerlehrling irgendwo in der Provinz! Von seinen „Angehörigen“ unverstanden geblieben ist schon mancher Mann des Geistes gewesen. Aber so groteske Formen hat die Fremdheit zwischen Herkunft und Lebensweg wohl noch bei keinem angenommen wie bei mir. Nun werde ich’s teuer bezahlen müssen. 50–60.000 Mark wird’s mich schon kosten, dieses Nichtgekanntsein vom Vater, das, wenn Zenzl recht hat, möglicherweise wirklich doch auf einem nicht erkannten Versagen seiner Überlegungskraft beruht.

Der Vater mag sich nun entscheiden, wie er mag – ich habe den Geschwistern und ihm selbst noch einmal ausführlich meine Weigerung motiviert –: ich werde das Künftige in Ruhe auf mich nehmen, und, meine Zenzl im Arm, das Leben, das, nun der quälendste Widerstand aufhört, erst in Wahrheit beginnen soll, in Arbeit und guter Liebe meinem Werke erschließen. Es ist schrecklich zu denken, aber es wäre verfluchte Lüge, es zu verschweigen, daß der Tod des Vaters für mich die Befreiung sein wird aus der beschämendsten Knechtung des Geistes und des Willens.

 

München, Dienstag, d. 15. Juni 1915.

Die Geschichte sieht sich mir immer grotesker an. So nah ich an alledem beteiligt bin, obwohl ich das eigentliche Opfer der tragischen Humoreske bin, kann ich mich doch ihrer unerhörten Komik nicht entziehn. Heute wurde mir aus Lübeck die „Pharmazeutische Zeitung“ vom 5. Juni gesandt (Jahrg. 60, Nr. 45) Sie enthält folgendes Inserat: „Welcher allein arbeitende Kollege in einem kleinen deutschsprachigen Orte wäre bereit, einen Apothekergehilfen, der bereits über ein Jahrzehnt den Beruf nicht mehr ausübt und ihm vollständig entfremdet ist, wieder in die praktische Tätigkeit einzuführen, so daß er eine Gehilfenstelle ohne Defektur bekleiden kann? Ein angemessenes Honorar für Verpflegung und Mühewaltung wird gern bewilligt. Über die Dauer seiner Ausbildungszeit werden wir uns leicht verständigen, da er sich gut einarbeiten soll; ebenso über die dem Kollegen zu gewährende Entschädigung. Angebote an den Vater des jungen Mannes, den Apotheker S. Mühsam in Lübeck.“ – Und der „junge Mann“ bin ich mit meinen 37 Jahren! Die Annonce aber – und da liegt der Vorwurf gegen die Geschwister – ist über meinen Kopf weg eingerückt worden. Mich wollte man vor das fait accompli stellen, mir jede Ausrede von vornherein abschneiden, und, wäre dem Alten nicht die Form des Ultimatums in den Sinn gekommen, so hätten meine Schwestern und Schwäger jedenfalls auch garnichts dabei gefunden, wenn der alte Herr mit einem „Kollegen“ in kleinerem deutschsprachigen Ort alles bindend abgeschlossen hätte, sogar die Zeit – ½ Jahr – 1 Jahr vielleicht – für die Unterweisungen vereinbart und mir dabei ein Taschengeld von täglich 50 Pfennigen freundlich bewilligt worden wäre. Abenteuerlich! –Nun ich nicht mitspiele, bin ich ein undankbarer Lump, werde enterbt und – wie hieß es in Julius’ Brief? – meinem „Schicksal überlassen“. Ich bin wirklich gespannt, was der sterbende Greis in seinen paar übrigen Lebensstunden noch alles aushecken wird, um mich meiner Weigerung halber zu hunzen! Daß es jetzt erst Frieden zwischen uns geben wird, wenn er tot ist, ist ganz sicher. Meine einzige Schuld dabei ist aber die, daß ich der Sohn eines verknöcherten, unduldsamen, völlig mammonistisch denkenden Bürgers bin, und daß ich nicht vor 15 Jahren schon die Brücken zwischen uns abbrach. Ich hätte nach dem Tode der Mutter gleich – oder wenigstens im Laufe der nächstspäteren Jahre um die Freigabe der Häuserzinsen und die Ungiltigerklärung meines Verzichts prozessieren sollen, den ich unter falschen Voraussetzungen, außerdem unter dem unmittelbaren Eindruck des Todes der Mutter und ohne Ahnung von der rigorosen Härte des Vaters unterschrieben hatte. Die Folge wäre gewesen, daß ich die ganzen Jahre hindurch anständig zu leben gehabt hätte, dadurch in jeder Hinsicht viel weiter wäre als heute, und schon damals auf Pflichtteil gesetzt worden wäre, was jetzt ja auch geschieht, nur daß jetzt der Vater seine letzten Tage darüber in Gram hinstirbt. Mit Rücksichtnehmen und Konzessionenmachen habe ich mir bisher das ganze Leben versaut. Jetzt hört das auf!

Sorge macht mir Zenzl, deren Gebärmutterkrankheit ihr viel zu schaffen macht. Heute früh kam sie zu mir ins Bett. Nachher hatte sie heftige Schmerzen. Sobald ich verfügen kann, werde ich sie in sorgfältige ärztliche Pflege geben und ihr eine Hilfskraft im Hausstand beigeben. Ich esse jetzt täglich bei Englers Mittag. Es ist mir scheußlich ansehn zu müssen, wie die Geliebte alle groben Arbeiten verrichten muß, was sie natürlich sehr anstrengt. Wenn’s nach Wunsch geht, ziehn wir zum 1. Juli zusammen.

Die Kriegstelegramme gleichen einander täglich. In Frankreich gehts weder vorwärts noch rückwärts. Aber bei den täglichen Eroberungen und Zurückeroberungen von Grabenstücken und Stellungen fallen unheimliche Opfer. In Kurland und Polen kennt sich niemand aus. Hindenburg, der die Operationen dort führt, scheint in Mißgunst geraten zu sein. Der Kaiser und Falkenhayn sollen ihm seinen Ruhm nicht gönnen – Schickele erzählte davon und ebenso Ludwig v. Maaßen, der auf Urlaub hier war, der Husarenoberleutnant –, und ich mache die eigenartige Beobachtung, daß bei der treuen deutschen Bevölkerung diese Stimmung ansteckt. In Galizien hat man ihm stillschweigend das Oberkommando abgenommen und läßt Mackensen siegen, wofür Falkenhayn ausgezeichnet wird. Dort drängt man die Russen allmählich wirklich aus dem Lande. Die Bukowina ist schon von den Russen geräumt, und die Einnahme von Lemberg scheint nahe bevorzustehn.

Die Zeitungen faseln von Zerwürfnissen zwischen Italien und Serbien wegen Albanien. Wahrscheinlich wünscht man in Österreich – sei es auch auf Kosten von Adria-Gebieten – einen Separatfrieden mit Serbien, und wir werden plötzlich überall das Heldenvolk preisen hören, das vor 10 Monaten eine Mistbande von Hammeldieben, Räubergesindel und Meuchelmördern war. Möglich wäre es schon, daß der Krieg da aufhörte, wo er angefangen hat. Wenn’s nach mir ginge: lieber heute als morgen!

 

München, Mittwoch, d. 16. Juni 1915.

Eben sende ich einen neuen Brief an Onkel Leopold ab, in dem ich ihn um ein persönliches Darlehn von 150–200 Mk bitte. Tatsächlich ist mein Geld am Ende, da davon 5 Personen leben (Engler, Pol, Finny Morstadt, Zenzl und ich). Dem ist auch ein dickerer Geldsack auf die Dauer nicht gewachsen. Was aber werden soll, wenn der Rest weg ist, ist nicht abzusehn. Da ich den Onkel noch nie persönlich angepumpt habe und ihn von der sentimentalen Seite anpackte, habe ich Hoffnung, daß er schickt. Ich habe ihm gleichzeitig den Fall in seiner ganzen Schönheit noch mal ausgebreitet, besonders auch auf die Infamie hingewiesen, daß man über meinen Kopf weg mein Schicksal in Lübeck bestimmt, und mich in Form eines Ultimatums auf Leben und Tod vor ein fait accompli stellt. Für das an mich gestellte Verlangen ist mir eine hübsche Parallele eingefallen: man könnte ja auch den ehemaligen Schneidergesellen Petri Kettenfeier Rosegger ansinnen, sich wieder der Herrenkonfektion zuzuwenden. Von Lübeck habe ich seit vorgestern keine Nachrichten mehr. Sollte man mir damit kommen, daß das zu erbende Vermögen „nur“ festgelegt wird, so habe ich Onkel L. schon angekündigt, daß ich dann von mir aus Pflichtteil verlangen werde. Lieber weniger haben, aber selbständig verfügen können.

Das Wetter ist herrlich schön. Nach Tagen übermäßiger Hitze jetzt kühle wolkenlose Klarheit. Aber kein Regen seit Wochen. Die Landleute jammern über den Verlust der Ernte, und die Presse, die sonst in empörter Aufklärung arbeitet, wenn es Gesundbeter zu bekämpfen gilt, registriert wohlgefällig die Bittgottesdienste, die den Herrgott zum Regnen veranlassen sollen. Überhaupt ist man jetzt sehr befreundet mit der Kirche. Schon propagieren die liberalsten Blätter die Wiedererrichtung des Kirchenstaats mit der Hauptstadt Rom. Gott strafe eben auch Italien! ... Meine Variation des schönen Grußes gegen England macht inzwischen Schule: Gott schütze Potsdam!

In Karlsruhe hat ein Flugzeuggeschwader zahlreiche Bomben abgeworfen und dabei 22 Personen getötet und 36 schwer verletzt. Ungeheure Entrüstung in ganz Deutschland, da Karlsruhe absolut unbefestigt ist und kein militärischer Schaden angerichtet werden konnte. Daß man sich bemüht hat, das großherzogliche Residenzschloß zu treffen, zeigt, was beabsichtigt war. Natürlich wird jetzt ein wüstes Vergeltungsmorden angehn, das voraussichtlich London treffen wird. Dort hat man kürzlich schon die Docks von Zeppelinen aus angegriffen. Jetzt wird es wohl gegen die City losgehn. Wieviel man mit dem „Lusitania“-Verbrechen schon im voraus „vergolten“ hat, wird ja nicht in Anrechnung gebracht. Jedenfalls sind die Bombenwerfereien auf friedliche Städte eine bemerkenswerte Niedertracht in der allgemeinen Niedertracht des Krieges, und darin hat, wie es scheint, niemand dem andern etwas vorzuwerfen.

Heute habe ich diese Annonce in die Münchner Neuesten Nachrichten aufgegeben: „Gesucht zum 1. Juli kleinere möblierte Wohnung (2–3 Zimmer) in oder bei München. Angebote mit Preisangabe an die Exped.“). Nun soll sich zeigen, ob sich die Stätte findet, wo Zenzl und ich unser Heim und unser Glück erleben.

 

München, Freitag, d. 18. Juni 1915.

Seit Sonntag ist von Lübeck keine Nachricht eingetroffen. Ich weiß nicht, ob ich mit der Wahrung meines Schicksalsrechts nun auch meine Geschwister derartig empört habe, daß sie die Beziehungen abbrechen wollen, ob man mir einfach nichts Neues mitzuteilen hat, oder ob der Oberstleutnant Sixt wieder so eifrig „überwacht“, daß die Entscheidungen über meine Zukunft meiner Kenntnis vorenthalten bleiben. Möglich auch, daß man den Vater jetzt wirklich sterben sieht und mir erst das komplette Faktum mitteilen will. – Nach meiner Vorhersage müßte das Ende morgen eintreten. Allerdings entfuhren mir gestern schon folgende Versen.

Alles Künftige liegt in Hoffen

und in Fürchten eingehüllt.

Seltner Ahnung nur wird offen,

wie das Leben sich erfüllt.

Ängstlich späh ich durch die Mauer,

ungeübt im Prophezein.

Morgen wird mich Tod und Trauer

aus der Faust des Zwangs befrein.

Das wäre also schon heute. Aber das Gedicht entstand erst spät am Abend, zwischen 11 und 12 Uhr, und in der Prophetie wird es wohl nicht so genau drauf ankommen. Wenn ich aber auch mit dem 19ten vorgegriffen hätte? Dann hätte ich mich als sehr untalentierter Seher erwiesen. Aber ich habe sehr fest das Gefühl, als müsse morgen die Wendung eintreten.

Einige kleinere Anmerkungen zum Kriege, die im Drange der persönlichen Begebenheiten nicht zu ihrem Recht kamen:

König Leberkäs, unser bayerischer Landesvater, hat im Kanalverein eine Rede gehalten und wie immer, wenn er das Maul aufmacht, auf Sand gebissen. Er hat das „Kriegsziel“, wie er sich’s vorstellt, verraten: die deutsche Rheinmündung! Nun ist’s heraus. In Berlin herrscht große Wut über die Indiskretion des alten Schwätzers, und die Zensur waltete sogleich ihres Amtes. Abgesehn von den Münchn. Neuesten Nachrichten, der man’s nicht früh genug verbieten konnte, hat die Rede nirgendwo gestanden. Denn wir leben in einer großen Zeit, und da darf das Volk nicht einmal erfahren, was sein König zu ihm spricht. – Noch eine solche Aeußerung von einem deutschen Bundesfürsten, – und der Krieg mit Holland ist ebenfalls da.

Im Berliner „Lokal-Anzeiger“, dem frömmsten und zahmsten Blatt der Welt, hat ein Artikel von E. Z. (Zimmermann?) gestanden, der sich sehr auffällig mit der jüngsten Note Wilsons an die deutsche Regierung beschäftigt. Darin wird dargelegt, daß Amerika mit den Munitionslieferungen an England die Neutralität nicht verletzt, und daß es Deutschland war, das bei den Haager Konferenzen den Antrag Englands und Amerikas, Munitionslieferungen Neutraler an Kriegführende zu verbieten, zu Fall brachte. Es wird einer versöhnlichen Politik gegen Amerika eindringlich das Wort geredet. Daß der Artikel ausgerechnet im Lokal-Anzeiger erschien (woanders wäre er selbstverständlich konfisziert worden) legt die Vermutung sehr nahe, daß er von der Regierung inspiriert ist. Professor Sieper, den ich eben im Hofgarten sprach, wollte das sogar genau wissen. Auch erzählte er, daß er an den privaten, aber von oben protegierten Verständigungsversuchen zwischen England und Deutschland, die jetzt höhnisch abgeleugnet werden, selbst beteiligt war. Der Manager der Aktion war Engelbert Schücking.

Bei der Fliegeraktion gegen Karlsruhe, bei der über 80 Menschen getötet oder verwundet wurden, wäre beinahe auch die Königin von Schweden zu Schaden gekommen, die grade zu Besuch bei Großherzogs in Baden ist. Es wäre vielleicht nicht das Schlechteste, wenn die Familien der Leute, in deren Namen alle Kriegssauerei vorbereitet und unternommen wird, und die sich so sicher wie nur möglich unterbringen, selber mal von den Erscheinungen der großen Zeit betroffen würden. Vielleicht käme man dann auch dort auf die Idee, daß es garnicht übel wäre, wenn mal wieder Friede würde.

Sieper erzählte mir von einem seiner Schüler, der sich vor dem ersten Sturmangriff, zu dem er kommandiert wurde, eine Kugel in den Kopf geschossen hat. Der Anstand und die Menschenwürde ist also doch noch nicht ganz ausgestorben.

 

München, Sonnabend, d. 19. Juni 1915.

Der kritische Tag ist da – Nachmittag ½ 4 Uhr –, aber Lübeck schweigt noch. Dagegen kam von Onkel L. eine Postanweisung mit 150 Mk, die ich in Anbetracht der Pensions-Pleite dringend erbeten hatte. Onkel schreibt außerdem eine Karte, in der er meint, er werde mich (hier fügt er nachträglich ein „leider“ ein) bald wiedersehn. Merkwürdig kommt mir die Warnung vor: „Sei haushälterisch, denn ob Du von Deinen Geschwistern, falls Papa die Augen zumacht, weiter den Zuschuß bekommst, weiß ich nicht, glaube es aber annehmen zu dürfen.“ Wie denn? Sollte ich mich derartig verrechnet haben in der Finanzkraft meines Vaters, daß die Erbschaft meines Pflichtteils, das wären ⅛ davon + ⅛ der großväterlichen Häuser mich immer noch auf die Unterstützung der Geschwister anweisen würde? Nun – ich habe jetzt – und auch früher schon immer – soviel Enttäuschungen erlebt, daß ich mich auch in eine gänzliche Fehlberechnung meiner Kalkulationen fügen würde. — Jedenfalls werde ich aber die Liebenswürdigkeit der Mischboche nicht in Anspruch nehmen. Beträgt mein Erbteil wirklich nur 40–50.000 Mk, von denen 12–15000 für Schuldenzahlungen abgingen, dann werde ich mich auf keine Rentnerwirtschaft einlassen, sondern in weiser Einteilung nach Anschaffung einer Einrichtung damit 6–7 Jahre haushalten, wozu Zenzl mir helfen wird. Ich brauche ja zu solider Arbeit nichts als ein Heim und die Ruhe, die mich zuhause hält. Lauter Dinge, die ich noch garnicht kenne. Dann schreibe ich die „Wally Neuburger“ zuende, richte mich auf systematische Tätigkeit ein, und werde binnen kurzem wohl imstande sein, ganz von eignem Vermögen zu leben, Zenzl und die Kinder zu unterhalten, die hoffentlich nicht ausbleiben werden.

Auf die Annonce in den M. N. N. sind nicht weniger als 37 Angebote eingelaufen, mit denen ich jetzt zu Zenzl will, um sie zu sichten. Es wird jawohl etwas Geeignetes für uns dabei sein. – Sollte ich in diesen Tagen zur Beerdigung nach Lübeck fahren müssen, so überlasse ich Zenzl die ganze Mühe des Wohnungssuchens und weiß, daß sie es recht machen wird.

Allmählich spüre ich bedenklich die Wirkung der letzten Aufregungen auf meine Nerven. Nur mit Aufwand meines ganzen Humors und aller Willenskraft verhüte ich den Zusammenbruch. Und die Strapazen, die noch bevorstehn, werden auch nicht gering sein. Aber dann – und zu wissen, daß dies dann endlich mal bald heißt, ist schon viel – dann werde ich Ruhe haben. Was soll ich es beschönigen? Mein rücksichtslosester und gefährlichster Feind ist mein Vater. Er kann sterben in dem Bewußtsein, mir ungeheuren Schaden zugefügt zu haben. Aber besiegt hat er mich nicht!

 

München, Montag, d. 21. Juni 1915.

Eben habe ich einen sehr wichtigen Schritt in mein künftiges Leben getan: mit Zenzl eine Wohnung gemietet: Volkartstr. 48II, bei einer Ingenieursfrau Fischer, einer netten jungen um ihr einziges Kind trauernden Person, deren Mann im Kriege ist. Wir werden zwei nette möblierte Zimmer haben, mit noch ziemlich neuen, in moderner Fabrikmanier zusammengezimmerten Möbeln, lackiert und bürgerlich, was man in Bayern Dreiquartel-Eleganz nennt. Das Ehebett aber ist sehr schön, wenigstens kam es mir angesichts seiner erfreulichen Bestimmung so vor (heut früh behalfen wir uns noch mit dem Divan meines Arbeitszimmers). Wir sollen blos 35 Mark zahlen, und später 45, dafür aber noch ein kleineres Zimmerchen dazu kriegen. Zenzl ist bei ihrem Bruder sowieso schon polizeilich angemeldet, so hatte unsre Vermieterin gegen das Konkubinat nichts einzuwenden. Wir gingen von dort aus zu Dr. Brunner, dem Frauenarzt, in dessen Behandlung Z. schon seit Jahren ist. Er beruhigte mich sehr, indem er erklärte, die Unregelmäßigkeit in Zenzls Periodizität sei ebenso wie ihre Herzbeschwerden auf Nervenstörungen zurückzuführen. Der Mann war sichtlich überrascht, Zenzl im Begriff zu sehn, sich mit mir zu verheiraten.

Meine Prophezeiung ist also nicht eingetroffen. Der Vater lebt noch, aber sein Zustand ist, wie mir Leo Landau schreibt „sehr ernst“. Er hat meinen Brief zur Kenntnis genommen, dagegen alles von neuem eingewendet, was darin widerlegt wird, und erklärt, falls ich eine Jüdin heirate, so werde ich ja doch immer noch zu meinem vollen Erbteil kommen können. Er hat mir also, nach Leos Auffassung „goldene Brücken“ gebaut. Schade, daß sie sich nicht in bar werden ausmünzen lassen, denn, soweit ich auch immer Konzessionen und Rücksichten geübt habe: meinen Beruf und meine Frau werde ich mir doch selber bestimmen. Und meine Frau wird heißen: Creszentia, geb. Elfinger, katholisch und Mutter eines 12jährigen illegitimen Knaben. Ihre weiteren Kinder werden, hoffe ich, Mühsam heißen. Denn Dr. Brunner hat mir heute versichert, daß die Möglichkeit, Kinder zu gebären, bei Zenzl unvermindert besteht.

Jenny hat mir einen lieben Brief geschrieben. Alle Trübungen zwischen uns sind behoben, und das liebe Kind erbietet sich, in der Erbschaftsangelegenheit bei meiner Familie zu intervenieren.

Der Krieg geht seinen blutstinkenden Gang weiter. In Frankreich wollen Joffre und Forsch[Foch] bei Arras den großen Durchbruch versuchen, was ihnen vorläufig mißglückt ist. Aber Opfer fallen hier – entsetzlich. In Galizien werden die Russen immer mehr zurückgehauen. Es hängen wieder Fahnen. Vermutlich bringt der heutige Tagesbericht, der vorhin angeschlagen wurde, die Nachricht vom Falle Lembergs. Der italienisch-österreichische Krieg ist noch immer nicht zur Entwicklung gekommen, und wie sich der Balkanbund verhalten wird, ob er überhaupt wieder zustandekommt, ist noch fraglich. Vielleicht wird Rumänien, Bulgarien und Griechenland angesichts der galizischen Katastrophe Rußlands neutral bleiben. Ich kann es mir aber nicht gut denken. Die Gelegenheit, jetzt über die Türkei herzufallen und die Folgen des ersten Balkankriegs von 1912 auszunutzen, ist doch zu günstig. Für die Beschleunigung des Ganzen wäre es wohl wünschenswert. Denn, sind einmal die Dardanellen gewonnen, dann werden sich die Zentralmächte wohl bald besinnen und unter Verzicht auf Belgien und „die Deutsche Rheinmündung“ Entgegenkommen beweisen. Wieviel an den gemeldeten revolutionären Unruhen in Moskau und andern russischen Städten Wahres ist, bzw. wieviel davon auf eine Beendigung des Kriegs abzielt, kann man vorläufig schwer beurteilen. Wichtiger nehme ich die von der amerikanischen Regierung protegierten Bestrebungen in den Vereinigten Staaten, die Vermittlung anzubieten. An einen neuen Winterfeldzug glaube ich jedenfalls – trotz Schickele – nicht mehr. Der Kriegsüberdruß bei allen Völkern kann ja nicht lange mehr ohne Wirkung bleiben. Wo werden die Arbeiter zuerst aufstehn? Darauf kommt es an. Dort wird der Sieger über die Weltschande sein.

 

München, Dienstag, d. 22. Juni 1915.

Lemberg ist noch nicht genommen, doch scheint der Fall unvermeidlich. Ob dann wirklich Rußlands Kraft derartig gebrochen sein wird, daß es Frieden machen muß, ist mir noch äußerst zweifelhaft, und wenn bei uns die Zeitungen französische pessimistische Pressestimmen abdrucken, wonach Deutschland durch die galizischen Siege 1 Million Mann für den Westen frei bekommt, so beweist das nur, daß den „Schwarzsehern“ in Frankreich das Maul nicht in dem Maße verbunden ist, wie uns. Wichtiger nehme ich eine Aeußerung des sozialdemokratischen Ministers Guèsdes, der erklärt hat, Frankreich wolle keine Eroberungen machen, aber einen „ehrenvollen Frieden“, und er glaube, daß in 3 Monaten der Krieg zuende sein werde. Der Antimilitarist a. D. Hervé greift ihn dafür an. Die Schwierigkeit, zu Ende zu kommen, liegt nach meiner Überzeugung ganz wesentlich bei Deutschland. Hier will man die Opfer an Blut und Gut durch Landerwerb bezahlt haben. Daß die andern solche Opfer ebenfalls gebracht haben, ja, daß es in allen ruhmredigen Berichten immer heißt, der Feind erlitt sehr schwere Verluste, unsre aber waren gering, und: seien wir froh, daß wir den Krieg in Feindesland führen! wird dabei nicht beachtet. Unendlich primitiv denkt die große Masse. Der lohnt das Hinmorden von Hunderttausenden oder Millionen – für dessen Begreifen ihr natürlich jede Phantasie fehlt – allein um der Freude willen, dereinst auf der Landkarte den Grenzbereich ein möglichst großes Stück nach auswärts verlegen zu können. Über den Wert oder Unwert des neu zu erlangenden Gebiets, in politischer, wirtschaftlicher oder militärischer Beziehung, gibt sie sich dabei garkeinen Gedanken hin. Die Idee, Elsaß-Lothringen könnte wieder zu Frankreich kommen oder auch nur selbständig werden, wird von allen Leuten zurückgewiesen, die diesen Landstrich ebensowenig je vermissen werden, wie sie sich vorher an seinem Besitz gefreut haben.

Von Lübeck nichts Neues. Heute früh Zenzl!

 

München, Mittwoch, d. 23. Juni 1915.

Ich leide sehr unter der Unmöglichkeit, mein Verlangen, für den Frieden zu wirken, in Tat umzusetzen. Frau Lyda G. Heymann hat mir auf die Einsendung meines Entwurfs einer Erklärung zum Weltbund gegen den Krieg unverständlicherweise überhaupt keine Antwort gegeben. Annette Kolb habe ich noch immer nicht erreichen können. Ich glaube, mit der wird zu arbeiten sein. Außerdem denke ich daran, Landauer und Hugo Haase für die Sache zu gewinnen. Zu denken, daß der Seiltänzer Wilhelm Herzog, der sich vom antimilitaristischen Antipatrioten vor dem Krieg seit dem Ausbruch der Katastrophe über den vom Ereignis Überzeugten, den Bernhardi-Propagator, den „Durchhaltens“-Enthusiasten und Schützengraben-Besucher (auf Protektion des Prinzen von Meiningen!) zum vorsichtigen Nörgler, Friedens- und Liebesdokumenten-Sammler und charakterfesten Kritiker entwickelt hat, – daß der als Standarte der Aufrechtgebliebenen intra muros et extra gefeiert wird, daß Romain Rolland, den Herzog freilich übersetzt und in Deutschland propagiert hat, Frankreich und die Schweiz mit Lobhymnen für den unentwegten freien Geist überschwemmt, und zu vergleichen, daß mir ein unüberlegter Satz (geschrieben am 2. August!) vor mir selbst und vor vielen die Berechtigung, frei mitzureden gekostet hat: ich komme nicht drüber hinweg! Ich bat Schickele, eine Erklärung von mir in den Weißen Blättern zuzulassen. Er hat garnicht darauf reagiert. Ich soll wohl die Schande des Gesinnungsverrats, wie sie der jeder Gesinnung ganz fremde Pfempfert über mich in die Welt posaunt, mein ganzes Leben mit mir tragen müssen. Wie fange ich’s nur an, etwas von dem von mir zu geben, was in mir ist und so furchtbar dringend nach Aeußerung verlangt? – Eben finde ich einen Brief von Landauer vor, der ebenfalls sehr deprimiert klingt. Er bittet mich, ein beigelegtes Rundschreiben zu verbreiten. Es lag dem Briefe aber nicht bei. Soll ich nun glauben, Landauer habe vergessen, es ins Kuvert zu stecken, oder der Überwachungs-Sixt habe es konfisziert? Ich will es mir sogleich an eine Deckadresse noch einmal ausbitten. Zugleich hofft L. auf mein baldiges Wiedereintreffen in Berlin (er hat Onkel Leopold gesprochen). Es gebe mancherlei Wichtiges zu besprechen, das vielleicht bald aktuell werden könnte. Ob er auf schnellen Frieden hofft? Oder – auf Aktionen noch während dieser fürchterlichen Zeit? Die Fahnen flattern schon wieder (Lemberg!), aber die Menschen hungern und trauern, und die Krüppel, die mit zerschossenen Gliedmaßen oder gar fehlenden alle Straßen und Plätze beleben, sind schon ein so gewöhnter Anblick geworden, daß sich kein Hund mehr danach umschaut.

Grethe schreibt, Papas Schwäche habe nicht weiter zugenommen, im Gegenteil mache sich ein geringes Zunehmen der Kraft bemerkbar, und er fasse von neuem Hoffnung. Mein Brief habe ihn angenehm berührt, ohne seine Entscheidung zu ändern. Wie er will! ... Mir träumte vor Jahren einmal, ich ließ den Vater ärztlich untersuchen. Eine ganze Ärztekommission unterzog sich der Aufgabe. Ich erwartete im Nebenzimmer das Resultat. Als die Kommission eintrat, verkündete mir ihr Wortführer, ein weißbärtiger Gelehrter: „Die genaue ärztliche Untersuchung Ihres Herrn Vaters hat ergeben, daß er der ewige Jude ist.“ – Ich fange an, an Wahrträume zu glauben.

 

München, Donnerstag, d. 24. Juni 1915.

Die Zurückeroberung Lembergs erregt eine Begeisterung wie noch kaum eine Schlacht vorher. Dadurch geraten die Berichte, nach denen sich die Österreicher bei Beginn des Kriegs immer weiter rückwärts siegten, in eine Beleuchtung, die damals noch garnicht erkannt wurde. Am 26 August meldete das Kriegsquartier amtlich: „Die 3tägige Schlacht bei Krasnik endete gestern mit einem völligen Sieg unsrer Truppen. Die Russen wurden auf der ganzen ... Front geworfen und haben fluchtartig den Rückzug gegen Lublin angetreten“. Am 30ten berichtet zum ersten Mal Höfer, Generalmajor, der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs, der immer noch die östereichisch-ungarischen amtlichen „Verlautbarungen“ publiziert, daß die Schlachten mit ungeminderter Heftigkeit fortdauern. Nach der Schlacht bei Krasnik hätten sich weitere „für unsre angriffsfreudigen Truppen siegreich verlaufende Kämpfe“ entwickelt. Am 2. September kam dann dieses interessante Communiqué: „Die einwöchige erbitterte Schlacht im Raume Zamosc-Tyszowcze führte gestern zum vollständigen Siege der Armee Auffenberg. Scharen von Gefangenen und bisher 160 Geschütze wurden erbeutet. Die Russen befinden sich im Rückzuge über den Bug. Auch bei der Armee Dankl, die nun Lublin angreift, sind ununterbrochen Erfolge zu verzeichnen. In Ostgalizien ist Lemberg noch immer in unserem Besitz (am 30. hieß es: „In Ost-Galizien behaupten sich unsre Truppen mit hervorragender Bravour und Zähigkeit.“ Am 29ten August war die Lage „günstig“ und das Wetter „warm und sonnig“. Auch sonst war nie vorher amtlich von Schwierigkeiten die Rede gewesen), gleichwohl ist dort die Lage gegenüber dem starken und überlegenen russischen Vorstoß sehr schwierig.“ Am 3. September folgt dann ein außerordentlich langes Exposé des Herrn von Hoefer. Es beginnt mit der Versicherung, daß die Schlachten, die sich auf dem russischen Kriegsschauplatz aus der österreichischen Offensive entwickelt hätten „eine Entscheidung des Feldzugs noch nicht gebracht“ haben. Dann wird der „Verlauf der Ereignisse in großen Zügen“ wiedergegeben. Die Schilderung reicht vom 25. August bis zum 1. September, stellt überall „endgiltige Siege“ fest und endet (soweit der Bericht vom galizischen Feldzug spricht), mit der Versicherung: „Der Feind ist in vollem Rückzuge, unsre Armee verfolgt ihn mit ganzer Kraft.“ Es folgt dann eine siegstrotzende Mitteilung über Vorgänge am Balkan. Von den Vorgängen bei Lemberg kein Wort, obwohl doch am Tage vorher das „noch (!) in unserm Besitz“ allerlei zu denken gab, und tags drauf die Stadt wirklich fiel. Aber schon am gleichen 3. September erschien ein neuer länglicher Bericht Hoefers, der sich mit den Dingen in Ostgalizien beschäftigt. Die überlegenen Angriffe der Russen vom 27. August ab werden beschrieben und es wird mehrfach von „Zurücknehmen“ und „weichen“ gesprochen. Dreimal kommt das Wort „überlegen“ vor, um nicht „unterlegen“ sagen zu müssen, und das Ende vom Liede wird mit der statistischen Berechnung umschrieben, daß man bisher gegen etwa 40 russische Infanterie und 11 Kavallerietruppen-Divisionen gekämpft und „zumindest die Hälfte“ davon unter großen Verlusten zurückgeworfen habe. Der damals noch im Lesen nicht geübte Europäer hat erst später erfahren, daß es bei derartigen Vorrechnungen stets auf die nicht vermerkte Hälfte ankommt. Erst am 7. September wurde die Eroberung von Lemberg durch die Russen „verlautbart“, – aber nicht doch die Eroberung! Vielmehr: „Am 3. September beschossen die Russen die in weitem Umkreis um die Stadt Lemberg errichteten Erdwerke. Unsre Truppen waren jedoch bereits abgezogen (wovon der am 3. September ausgegebene Bericht noch nicht das geringste zu melden wußte), um die offene Stadt vor einer Beschießung zu bewahren (jetzt hat man diese zarte Rücksicht nicht geübt. Die eignen Kanonen durften drauf schießen), und weil auch operative Rücksichten dafür sprachen, Lemberg dem Feinde ohne Kampf zu überlassen ... Die Armee Dankl ist von neuem in heftigstem Kampfe ...“ Nach einer nichtssagenden Meldung vom 7. September kommt dann am 9. die kurze Mitteilung: „Im Raume von Lemberg hat eine neue Schlacht begonnen.“ Am 10ten gewinnt „unser Angriff“ „allmählich an Raum“. Am 13ten war es dann in der Schlacht bei Lemberg unsern ... Streitkräften gelungen „den Feind nach 5tägigem harten Ringen zurückzudrängen, an 10000 Gefangene zu machen und zahlreiche Geschütze zu erbeuten“. Daß dieser Sieg hingegen eine große Niederlage war, wird im Nachsatz so formuliert: „Dieser Erfolg konnte jedoch nicht voll ausgenutzt werden, da ... von großer Übermacht bedroht ist und überdies neue russische Kräfte ... vordrangen.“ Und dann der berühmt gewordene Ausdruck: „Angesichts ... bedeutenden Überlegenheit ... war es geboten, unsre ... ununterbrochen heldenmütig kämpfenden Armeen in einem guten Abschnitt zu versammeln und für weitere Operationen bereitzustellen.“ In dem „guten Abschnitt“ haben sie dann immer weiter rückwärts bereitgestanden, bis nach ¾ Jahren die Karpathen gesäubert und ungeheure deutsche Truppenmassen unter unerhörten Menschenverlusten den Status wiederherstellten, der vor den großen österreichischen Siegen bestanden hatte.

Vielleicht nehme ich mir ein andres Mal wieder die Muße, mal einen großen Sieg auf seine Ursprünge zurückzuführen.

 

München, Freitag, d. 25. Juni 1915.

Die „Entscheidung“ des Kriegs, die unzählige Leute aus der Einnahme von Lemberg folgern, scheint noch, sofern sie den Waffenerfolgen zufallen soll, im weiten Felde zu liegen. Heute berichtet das amtliche Telegramm zwar reichliche Fortschritte der verfolgenden Armeen, zugleich aber die Tatsache, daß „Teile der Armee des Generals v. Linsingen“ vor überlegenen Angriffen der Russen weiter nach dem Südufer des Dnjestr „zurückgenommen“ wurden, den sie vor einigen Tagen überschritten hatten. Man erkennt daraus, wie töricht die schwätzen, die erzählen, die Russen treibe man jetzt überall blos noch wie die Hammelheerde zusammen. Ein sehr bemerkenswerter Satz findet sich denn auch in dem Trost- und Entschuldigungsgestotter der Russen, das den Verlust Lembergs verzuckern soll. Es wird nämlich darin die im Munde eines Kriegführenden sehr überraschende, für mich aber völlig überzeugende These aufgestellt, daß es auf die Verluste des Gegners ankomme, nicht aber darauf, ob er sie links oder rechts irgendeines Flusses erleide. Die letzten Kriegsschauplätze mögen für die schließlichen Friedensverhandlungen von einigem (in Deutschland riesig überschätzten) Wert sein, Sieg oder Niederlage wird jedenfalls nicht durch Vor- und Zurückrücken entschieden. Die neutralen Blätter meinen übereinstimmend, daß erst nach der Durchbrechung der russischen Front auch in Polen und der Eroberung Warschaus die strategische Position der Russen wirklich unhaltbar werde, und damit scheint es noch gute Wege zu haben. Bedeutungsvoll im höchsten Maße ist aber wohl die jetzt bestätigte Meldung, daß in der Schweiz eine Besprechung bestimmter Persönlichkeiten der verschiedenen kriegführenden Staaten bevorstehe, die auf Anregung des Präsidenten Wilson stattfinden soll. Die Regierungen versichern natürlich, daß sie nichts mit der Sache zu tun haben. Aber die Fühlhörner der offiziellen Organe sind wohl niemals ihren eignen Köpfen angewachsen. Daß schon lange Tastversuche gemacht werden, ist ganz sicher. Die deutsche Regierung bestritt vor wenigen Tagen energisch, daß je irgendeine feindliche Regierung mit irgendwelchen Vorschlägen an sie herangetreten sei. Demgegenüber stellt jetzt der „Vorwärts“ fest, daß ein hoher holländischer Beamter nach Rücksprache mit englischen Politikern bei der deutschen Regierung angeklopft habe, sich dort aber ein Refus geholt habe. Leider ist zu befürchten, daß es wieder so kommen wird, und wirklich erst die Besiegung der Zentralmächte oder wenigstens der Türkei gewünscht werden muß, damit den Leuten hierzulande endlich die Augen aufgehn ... Was es mit den behaupteten revolutionären Gärungen in Rußland auf sich hat, ist noch recht schwer zu erkennen. Ich glaube vorerst noch an nationalistisch-antisemitische Krawalle. Umsturzbestrebungen pflegen erst nach entschieden verlorenen Kriegen aufzutreten (1905!). Die Ministerkrisen beweisen garnichts.

Gestern hörte ich einen Vortrag von Dr. Otto Klages über das Thema „Zur Psychologie des Verbrechers“. Ich habe kaum je eine mir so unsympathische Schönrednerei gehört wie dieses glatte und oberflächliche Abstraktionsgekünstel. Der dem Georgeklüngel nicht allzuweit entkommene Aesthetologe erklärte gleich, dem Verbrecher nur „psychologisch“, nicht aber soziologisch, psychiatrisch oder kriminalistisch beikommen zu wollen. So schälte er aus willkürlichen Aufstellungen einen konstruierten Verbrecher-„Typus“ heraus, ohne zu empfinden, daß der Verbrecher (als Produkt eingeborener Eigenschaften) gerade dadurch ausgezeichnet ist, daß er kein Typus ist, wodurch seine gesellschaftliche Vereinsamung und mithin sein unsoziales Gabaren im Tiefsten motiviert wird. Daß, wie Klages erklärt, der Verbrecher unfähig sei, abstrakt zu denken und zu fühlen, daß er kein Pathos und folglich keine Liebe habe, ist einfach falsch. Klages kennt den Verbrecher nur aus Büchern und Konstruktions-Vorstellungen. Ich habe mit Verbrechern von Mensch zu Mensch verkehrt und weiß daher, daß sie Idealismen durchaus zugänglich sind. Wer freilich eine gesellschaftliche Spezies unter Ausschaltung der Soziologie ergründen will, der kann ebensogut Könige charakterologisch als die von Geburt mit majestätischen Gaben beglückten Repräsentanten der Menschheit feiern.

Vor einigen Tagen hörte ich einen andern Vortrag, den ein Mensch über einen Menschen hielt: Heinrich Mann über Emile Zola. Da sprach Verwandtschaft und Bewunderung, und dadurch strahlte das Feuer des Besprochenen durch den Sprecher auf den Hörer. Einleitend sagte Mann ein paar prächtige Worte über die Pflicht der Geistigen, das Band des Geistes zwischen den Ländern neu zu knüpfen. Ein paar gute Bemerkungen streiften dabei den Gedanken der inneren Verbindung zwischen den Geistigen und dem Volk, die Mann als Demokratie auffaßt. Was er sagte, ergriff und erhob mich. Es war schön, mutig und stark.

Heute Zenzl.

 

München, Sonnabend, d. 26. Juni 1915.

Verschiedenes ist nachzuholen: Seit gestern bin ich „bestallter“ Pfleger der Frau Bibliothekarsgattin Anna Morstadt in Eglfing „zur Vertretung im Ehescheidungsprozeß“ und ihrer außerehelichen Tochter Clementine „zur Vertretung im Prozeß wegen Anfechtung der Ehelichkeit“. Es wird jetzt also der Tanz losgehn mit dem Bibliotheksbeamten bei Krupp und dem Münchner Rechtsanwalt Pünter, die beide recht ungern zahlen mögen. Heute begleitete ich Finny Morstadt zum Rathaus, wo sie wegen ihres Kindes zur Berufsvormundschaft vorgeladen war. Da handelt es sich um die beiden Großväter, den Gasdirektor Leyboldt in Hamburg und besagten Kruppbeamten. Beide, höchst korrekte Bürger, die um alles in der Welt nicht irgendwo sichtbar anstoßen möchten, weigern sich, ihre Alimentationsverpflichtung anzuerkennen. Beide Herren wären freudig bereit, das arme unschuldige Wesen aus ihrem Blut ohne weiteres Hungers verenden zu lassen, und es wird wohl erst ein Prozeß nötig werden, um festzustellen, welchen der Großväter Papa Staat zum Zahlen wird zwingen können. Beiträge zur Psychologie des korrekten Beamten!

Vor Lemberg ist Werner Lotz gefallen. Ein lieber netter Junge, die Freude aller Homosexuellen mit seinem weichen verkitschten Beethoven-Kopf. Was er als Schauspieler wert war, wollte Reinhardt erst feststellen. Viel Gelegenheit zu großer Betätigung war ihm nicht geboten. Aber sein Ehrgeiz war ungeheuer, und unendlich rege Phantasie griff den unerhörten Erfolgen der Zukunft vor. Mit allen Koryphäen des Theaters wollte er in England und Amerika Tourneen geben, und auch mich engagierte er eines Tages mit märchenhafter Gage – ich glaube als Dramaturg. Ich war damals in den hübschen jungen Kerl ein bischen verliebt und begnügte mich vollkommen, als ich statt des Engagements wenigstens einen Kuß erhielt. Nun ist der arme Junge tot, – als Leutnant im Kampf gefallen. Man möchte lächeln, aber es ist doch wohl zum Weinen.

Morgen beginnt Zenzl, meine Sachen zu packen. Und am 1. Juli erfolgt der Umzug nach der Volkartstrasse und die „Neuorientierung“ meines äußeren Lebens. Zenzl sieht den werdenden Dingen recht aufgeregt entgegen. Aber sie soll sich in mir nicht getäuscht finden.

 

München, Sonntag, d. 27. Juni 1915.

Die Hunzereien wollen nicht aufhören. Jetzt – 4 Tage vor dem Umzug – schickt mir die Wirtin in der Volkartstrasse die angezahlten 5 Mk zurück. Sie habe sich nach eingeholten Erkundigungen entschlossen, auf unser Einmieten zu verzichten, da wir nicht verheiratet sind. Nun kann ich also, statt zu packen, wozu es höchste Zeit wäre, mit Zenzl weiter Wohnung suchen gehn. Soll denn niemals ruhige Sicherheit über uns kommen? Der Vater wird noch monatelang sterben, ohne sterben zu können, und jede ausgefallenste Störung wird ferner meinen Schritten zu Glück und Arbeit im Wege stehn.

Das Wort Friede nimmt allmählich auch in der Presse einen breiten Raum ein. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei erläßt eine ausführliche Kundgebung über seine bisherigen Bemühungen, den Krieg abzukürzen und die Verständigung zwischen den Völkern wieder herzustellen. Er fordert die deutsche Regierung auf, jetzt den ersten Schritt zur Beendigung des Kriegs zu tun, beklagt aber gleichzeitig die Haltung vornehmlich der französischen Sozialdemokraten, die jede Verständigungsaktion ablehnen und an Frieden erst nach völliger Niederwerfung Deutschlands denken wollen. Daß die Partei mit der gleichzeitigen Friedenspropaganda und Kriegskreditbewilligung zwischen zwei Stühlen sitzt, merkt sie nicht, ebenso immer noch nicht, daß ihre ganze parlamentarische Tätigkeit sie ewig zu Konzessionen zwingt und die Ernsthaftigkeit aller ihrer Versuche, gegen die gegenwärtigen Ereignisse zu wirken, diskreditiert. Natürlich hat die Zensur den „Vorwärts“ wegen des Aufrufs schon verboten, und die Norddeutsche Allgemeine Zeitung benutzt garnicht ungeschickt die Lamentationen über das Verhalten der Franzosen als Argument, die Politik des „Durchhaltens“ Deutschlands bis zum Kotbrechen weiterhin zu proklamieren. – Inzwischen eifert man in der Partei selbst unaufhörlich gegen die „Quertreiber“ in den eignen Reihen. Das „Hamburger Echo“, ein bisher radikales Blatt, erklärt sich ohne Umschweife für territoriale Veränderungen in Europa zugunsten Deutschlands, und der Parteivorsitzende Haase, der in Gemeinschaft mit Eduard Bernstein und Kautsky in der „Leipziger Volkszeitung“ eine grundsätzliche Änderung der sozialdemokratischen parlamentarischen und außerparlamentarischen Taktik verlangt hat, ist Gegenstand der aufgeregtesten Angriffe, die in einer gemeinsamen Erklärung der meisten Mitglieder des Partei- und Fraktionsvorstands ihren sichtbarsten Ausdruck gefunden haben.

Auf den Kriegsschauplätzen keine Veränderungen. Nur läßt der gestrige Tagesbericht der Österreicher darauf schließen, daß die Russen noch lange nicht aus Galizien hinausgeschmissen sein werden. Er sieht gradezu aus wie eine Vorbereitung zu Rückschlägen. Die Serben haben Durazzo besetzt und dort die Einverleibung Albaniens in ihr Königreich proklamiert. Die Montenegriner wollen in Skutari einziehn, was die groteske Flottendemonstration der damals vereinten jetzt gegeneinander im Kriege stehenden europäischen Großmachtflotten vor der montenegrinischen Küste vor 2 Jahren in heitere Erinnerung bringt. Wie sich diese Dinge noch gestalten werden, ist noch völlig unklar. An die in der deutschen Presse jubelnd angekündigten Zwistigkeiten zwischen den Verbündeten Serben und Italiener mit Einschluß der Griechen und Montenegriner glaube ich nicht. Viel eher immer noch an die Wiederbelebung des Balkanbunds, die Zerschlagung der Türkei und die dadurch für Deutschland sich ergebende Notwendigkeit, den „ehrenvollen“ Frieden zu suchen, ehe er ihm diktiert wird.

Landauer schreibt mir von neuem. Sehr herzlich. – Morgen soll ich mit Annette Kolb konferieren. Vielleicht kann ich doch noch zum Guten beitragen in diesem Chaos des Schlimmen und Bitteren.

 

München, Montag, d. 28. Juni 1915.

Die gute Zenzl hat heut eine neue Wohnung ausfindig gemacht, Görresstrasse 8, parterre. Heut abend soll ich den Kontrakt unterzeichnen. Die beiden Zimmer sind sehr klein, aber ganz niedlich. Leider recht teuer: 65 Mark im Monat, von denen die Hälfte praenumerando, die andre Hälfte am 15ten Juli zu zahlen ist. Da ich am Ersten hier noch 50 Mk erlegen muß, wozu 5 Mk Trinkgeld kommen, ferner die Umzugskosten für Zenzl und mich mit 20 Mk veranschlage und außerdem noch 32,50 Mk anzahlen muß, bleibt für das neue Leben gleich recht wenig Geld übrig, von dem auch noch etliche Mark für Geschirranschaffungen draufgehn wird, – und am 15ten wiederum Mietezahlung! Na, wenn nur erst alles soweit ist, daß diese Geldsorgen akut sind. Bis dahin werde ich schon wieder Rat schaffen.

In Wien findet eine Zusammenkunft des deutschen Reichskanzlers und des Staatssekretärs v. Jagow mit den österreichischen Regierungsleuten statt, die offiziell in auffälliger Form mitgeteilt wird. Gleichzeitig treffen dort auch die Finanz- und Handelskreise Deutschlands und Österreichs, durch ihre ersten Vertreter repräsentiert, zusammen. Ob das auf Friedensvorbereitungen deutet? Wohl eher auf Ernährungsschwierigkeiten.

Vorhin war ich bei Annette Kolb. Ich las ihr meinen Entwurf eines Manifestes zur Begründung des Weltbundes gegen den Krieg vor, ohne rechte Wirkung zu erzielen. Sie bemängelt den anarchistischen Grundton, den sie, da sie keine Anarchistin sei, nicht vertreten könne. Außerdem möchte sie zu allem erst zugezogen werden, wenn es spruchreif ist. Zum Organisieren habe sie weder Neigung noch Beruf. – Ich bin bei meiner Unfähigkeit, eine Sache wirksam in Schwung zu setzen, recht ratlos, was nun zu tun ist. Über L. G. Heymann bin ich sehr verwundert, daß sie mir nicht einmal geantwortet hat. Wer bin ich eigentlich, daß man so mit mir umgehn darf? ... Auch Schickele rührt sich nicht.

Hoffentlich komme ich bald nach Berlin. Der Mann, an dessen Seite ich gehöre, ist Gustav Landauer.

 

München, Dienstag, d. 29. Juni 1915.

Jetzt ist von allem das Ärgste gekommen: ein Brief von Margrit F., der mir in entsetzlicher Eindringlichkeit die Notwendigkeit klarmacht, das 1911 geliehene Geld mit Zinsen zurückzuzahlen. Margrit ist verhaftet, wegen ihrer Hilfsbereitschaft bei unglücklichen Frauen. Infolge der für mich gezahlten Bankzinsen mußte sie ihr Haus bis an den Rand belasten und fürchtet nun, falls im Herbst die Hypothekenzinsen nicht gezahlt werden können, werden ihre armen Kinder heimatlos werden. Um meinetwillen! Der Gedanke ist ganz furchtbar. Ich habe heute morgen vor Zenzl geweint, als mir die schrecklichen Folgen jenes Darlehns klar wurden. Der Tod des Vaters läßt sich natürlich nicht ohne weiteres in Rechnung stellen. Der hat sich noch immer wieder erholt und scheint schon wieder die Gefahr überstanden zu haben - oder scheint nicht sterben zu wollen, ehe er nicht mich und vielleicht noch soundsoviele aus meinen Anhang völlig ruiniert hat. Heut wäre ich bereit, dem, der meine Schulden auf sich nähme, dafür mein ganzes Erbteil zu verschreiben. Die Aussicht, die Frau, die für mich gebürgt hat, in äußerste Not und Verzweiflung bringen zu müssen, ist grauenhaft. Meine ganze Hoffnung setze ich jetzt auf Zenzl. Die ist klug und praktisch. Sie wird Rat schaffen.

Der Umzug wird am 3ten Juli stattfinden. Ich weiß nur noch garnicht, wie wir ihn bezahlen und den Monat hindurch leben sollen. Zum Geldverdienen besteht nicht die geringste Hoffnung. Zum Pumpen leider ebensowenig, und die lieben „Angehörigen“ werden schon gewiß nicht helfen. Der Vater aber wird noch lange sich und allen zur Last qualvoll atmen, und seine letzte Sorge werden Berechnungen sein, wie er mich über den Tod hinaus am Gängel halten kann.

Das Verbot des „Vorwärts“ wegen der Kundgebung des Parteivorstands erregt sehr böses Blut. Es muß verdammt faul um das Wohl dieses Staates bestellt sein, wenn man die Schmeichelei, es sei Sache des Starken, die Hand zum Frieden zu bieten, als gefahrvoll für die Sache des Kriegs auffaßt. Natürlich lag den Sozis garnichts daran, Einfluß auf die Regierungsaktionen zu nehmen, sondern daran, einen Ausgleich zwischen den feindlichen Tendenzen in den eignen Reihen zu suchen. Die bürgerliche Presse aber ist sehr einverstanden damit, daß 67 Jahre nach der Erkämpfung der Preßfreiheit in Deutschland das Machtwort eines militärischen Diktators ein Blatt wegen einer sehr bescheiden und loyal vorgetragenen Meinungsäußerung einfach unterdrückt. Ich beneide die Seiltänzer à la Herzog nicht um die Fortsetzung ihrer Kampagne. Ich warte lieber, bis ich wieder frei von der Leber reden kann. Aber dann gründlich! Inzwischen heißt es still registrieren, mit welchen Mitteln unsre Oberen die „Freiheit des Vaterlandes“ erkämpfen.

 

München, Mittwoch, d. 30. Juni 1915.

„Papas Zustand ist unverändert traurig“ beginnt Charlottes Postkarte, die ich eben vorfinde. „Es ist schrecklich, den Verfall seiner körperlichen Kräfte mitanzusehn. Geistig ist er ungebrochen ...“ Stürbe er doch nur! Sein Mütchen an mir hat er ausgiebig gekühlt. Freude am Dasein hat er gewiß nicht mehr. Qual und Gram ist sein Leben für alle, die um ihn sind. Und der unglücklichen Margrit und ihren Kindern wäre geholfen und von mir das Odium genommen, hilfreiche Freunde in der Stunde der Not im Stich gelassen zu haben. Nachher will ich an Hermann[Heinrich] Wagner schreiben, um festzustellen wie groß die gesamte Schuld schon geworden ist, welche Zinsen und bis wann nötigst zu beschaffen sind. Hoffentlich gelingt es mir, diese schreckliche Sorge zu beheben.

Einen sehr eigenartigen Brief habe ich gestern abgesandt (nachdem Zenzl mir ihr Liebesopfer gebracht hatte): an Ludwig Engler. Er wisse ja, daß wir beschlossen hätten, unser Leben fortan gemeinsam zu versuchen. Ich hoffte, daß zwischen Männern wie uns Auseinandersetzungen darüber unnötig seien und er meiner Ansicht sei, daß die Entscheidung in dergleichen Konflikten der Frau allein zustehe. Ich verzichtete deshalb auf jegliche Erklärung und beschränkte mich auf die Versicherung, daß es Zenzl bei mir gut haben soll. Da ich auch ihre Freiheit in keiner Weise beeinträchtigen würde, bäte ich ihn, uns seine Sympathie zu erhalten. – Ob er darauf antworten wird? – Nach allem, was mir Zenzl mitteilt, scheint ihm erst jetzt ein Licht aufzugehn, daß es ihr mit ihrem Entschluß ernst ist, und daß er ungeheures mit ihr verliert. Er hat die Frau nie richtig bewertet und nach ihrem Ausspruch durchaus als „unbezahlten Dienstboten“ behandelt. Daß sie zu mir geht, soll das gute Weib gewiß nie bereuen müssen. Am 3ten Juli also beginnt die neue Epoche. Glückauf!

Die Kriegslage ist so unklar wie immer. Die Russen werden zwar immer weiter aus Galizien verdrängt, und schon sind dort die Kampfplätze zum großen Teil nach Beßarabien und andern russischen Bezirken verlegt. Aber es handelt sich offenbar wirklich nur um eine Veränderung des Schauplatzes. Von Entscheidung ist garnicht die Rede. Was die Blätter über innere Wirren in Rußland faseln, ist natürlich zumeist tendenziöses Gerede. Wahr ist sicher nur, daß die Juden im ganzen Reich ein grauenhaftes Martyrium erleiden. Aber Revolution ist das nicht, eher ein Kompromiß zwischen Regierung und Volk, die Wut gegeneinander auf einen gemeinsam gehaßten Dritten abzuwälzen ... Die Zusammenkunft der Regierungsvertreter der Zentralmächte in Wien scheint einer Bearbeitung der österreichischen Diplomatie gegolten zu haben, Rumäniens und Bulgariens Neutralität mit Gebietsabtretungen (Siebenbürgen) und allerlei Konzessionen zu erkaufen. Die Erfahrung mit Italien hat die Herren wohl gewitzigt. Ob ihre Bemühungen Erfolg haben werden, ist natürlich sehr fraglich. Wie gern man bei uns das Vorteilhafteste glaubt, bewies mir heute wieder Peter Scher, der, völlig überzeugt, aus natürlich bester Quelle wußte, der ganze Balkanbund – und zwar mit Einschluß Serbiens und Montenegros! – sei gewonnen worden, um auf Seiten des Zweibundes dem Kriege beizutreten. Was sich Griechen, Serben, Bulgaren und Rumänen daraus für Vorteile versprechen, daß sie mit der Türkei plötzlich vereint marschieren sollten, ist nicht ersichtlich. Ich registriere die Phantasie auch nur als Zeichen dieser blödsinnigen Zeit.

Nun ist außer dem Vorwärts auch das Rundschreiben der radikalen sozialdemokratischen Vertrauenspersonen konfisziert worden, das zur Sammlung von Unterschriften letzthin in Umlauf gesetzt war. Es forderte die Aufkündigung des „Burgfriedens“ und die Wiederaufnahme des Klassenkampfs und Weiterverfolgung der sozialistischen Ziele. Es zeigt sich immer klarer, daß alle Arbeit wie unter dem Sozialistengesetz konspirativ unternommen werden muß. Aber es wäre höchste Zeit, daß die Konspirationen ins Leben träten!

 

München, Sonnabend, d. 3. Juli 1915

Görresstrasse 8. Ich bin sehr glücklich. Das neue Leben hat unter den erfreulichsten Auspizien begonnen. Zenzl und ich sind verbunden, und wir beide wissen, daß wir recht getan haben, und daß wir fürs Leben zusammenbleiben werden ... Der Umzug war recht romantisch. Die Kaderschafka machte mir den Abschied aus dem Hause, in dem ich fast 5 Jahre gehaust habe und doch viel Gutes und Liebes erlebt habe, erdenklich leicht. Für die eine Nacht, die ich noch in dem Zimmer blieb, in das es in der letzten Zeit fürchterlich hineinregnete, rechnete sie mir noch 2 Mk 20 auf. Zenzl und Finny packten die Klamotten zusammen: Bücher und Papiere, Papiere und Bücher in unglaublichen Mengen und das übrige Gelump, das unter einem Arm wegzutragen wäre. 2 Dienstleute packten die von Papieren zentnerschweren Körbe, Kisten und Koffer auf einen Handkarren. Die beiden Frauen nahmen ein paar Sachen in die Hand, etliches Geschirr und Bettwäsche, Handtücher und ähnliche Dinge waren von der Familie Morstadt entliehen, und so zogen wir mittags um 1 Uhr ins neue Heim. Nachmittags wurden für 15 Mk Besorgungen gemacht, an nötigstem Hausgerät und Nahrungsmitteln. Abends aßen wir zu Zweit Eier und Aufschnitt mit Butterbrot und Thee, und gingen früh zu Bett. Eine himmlisch süße Nacht, in der Zenzl erst alle ihre süßesten Reize entfaltete. Ich lernte sie von der ganz neuen Seite begehrlicher Aktivität kennen. Heute Frühstück im eignen Haushalt. Ich bin wirklich glücklich. Wenn erst alles ausgepackt und das Leben im regelmäßigen Gang sein wird, wird es uns erst ganz zum Bewußtsein kommen, wieviel wir gewonnen haben. Denn dann werde ich auch arbeiten. Heute fühle ich’s: dies ist der Wendepunkt in meinem Leben. Eignes Heim, eigne Wirtschaft, eine liebende und mehr als ich wußte geliebte Frau, – der Tod meines Vaters kann dies neue Leben nur noch erleichtern. Die entscheidenden Schritte zur grundsätzlichen Wandlung meines Daseins sind unabhängig davon getan, und der Inhalt des Daseins wird fortan bestimmt bleiben von der Gemeinschaft mit der schönen guten klugen unendlich lieben Frau, die mir ihr Leben anvertraut hat. Das ist meine Beruhigung und meine Genugtuung, daß die Peripetie meines Schicksals nicht vom Tode eines Menschen bestimmt wurde, sondern vom eignen Entschluß zu Leben und Glück.

 

München, Montag, d. 5. Juli 1915.

Mein Leben ist ganz verwandelt. Gestern bin ich um 9 Uhr schlafen gegangen. Heute saß ich schon um 8 Uhr neben Zenzl am Frühstückstisch. Meine bürgerlichen Sehnsüchte erfüllen sich, und das gefällt mir über die Maßen gut. Eine Angst ist bei allem noch dabei: Unser Geld geht ganz zur Neige, und wenn die 18 Mk, die ich noch habe, alle sind, dann gibt’s nichts zu essen. Außerdem müssen wir am 15ten 30 Mk als zweite Mietrate zahlen. Heut will ich alte Filmstücke, die beim Auspacken ans Licht kamen, an den Mann zu bringen suchen, aber große Hoffnungen mache ich mir garnicht. Kommen wir über diesen Monat hinüber – im nächsten wird schon alles viel leichter sein. Schickele schrieb mir. Er hat sich bis jetzt vergeblich bemüht, etwas für mich aufzutreiben, setzt aber die Versuche fort.

Jetzt ist Zenzl unterwegs, zum Mittag einzukaufen. Außerdem geht sie noch täglich in die Neureutherstrasse, um bei ihrem bisherigen Gatten nach dem Rechten zu sehn. Engler hat sich sehr nett mit allem abgefunden. Er hat erklärt, nun freue er sich auf den Tag, an dem er mir einen solchen Brief wird schreiben können, wie er von mir erhielt. Er hofft sehr, daß Zenzl zu ihm zurückkehren wird. Ich glaub’s aber nicht.

Vom Kriege nichts Neues. Doch scheint er täglich unpopulärer zu werden. Daß man in München den Bierverbrauch auf ein Drittel eingeschränkt hat – noch dazu unter Erhöhung des Verbrauchspreises – rüttelt hier sogar die stumpfsten Philister auf. Die heute noch im Herzen für „Durchhalten“ sind, werden wohl zumeist militärfreie Millionäre sein, die es großenteils durch Kriegslieferungen geworden sind.

 

München, Dienstag, d. 6. Juli 1915.

Ich habe ernstlich Angst vor der dicht bevorstehenden völligen Pleite, da sie sich dieses Mal in direkter Not äußern muß, und da die liebste besorgteste Frau mit mir dem Elend preisgegeben sein wird. – Heut vormittag fand ein Gerichtstermin statt gegen das Neue Wiener Journal. Dieser elende Prozeß läuft jetzt ganze 1¾ Jahre. Er steht für mich ganz gut, zumal, wie mir Brantl sagte, (ich war inzwischen hinausgeschickt) der Direktor Schaumberg ein mir recht günstiges Gutachten abgegeben hat. Aber der Gegenanwalt hat wiederum eine Vertagung bewirkt, und, da jetzt die Gerichtsferien beginnen, konnte der neue Termin erst zum 18ten September angesetzt werden. – Ich habe versucht, wegen zweier Filmstücke, die ich noch liegen habe, Verbindung mit einer Wiener Firma herzustellen. Ein Besuch gestern verlief ergebnislos, da die Dame dort verlangte, ich solle die Manuskripte dortlassen, was ich ablehnte. Von den Herren sei niemand anwesend. Heut habe ich hingeschrieben. Ferner geht heute ein Pumpbrief an Hermann Bahr fort, und Hardy, der seit einigen Tagen in München ist, und den ich gleich zu Besuch erwarte, hat mir 5 Mk zugesagt, die wenigstens einen Tag weiterhelfen werden. Außerdem hat Zenzl ein paar Fäden ausgestreckt. Einer davon weist auf einen gewaltigen Wucherer, der 5000 MK gegen eine Quittung über 6000 bei 8% Zinsen und 15% Abzug für Vermittlung hergeben will. Das bliebe wohl erst für den äußersten Fall, kann aber, um die Berner Angelegenheit ins Reine zu bringen, in Frage kommen, wie es denn scheint, als ob die Spanne Leben, die meinem Vater noch gegeben ist, mir noch seelisch, magentechnisch und finanziell recht teuer zu stehn kommen soll. Ich bin etwas unruhig wegen Zenzl, die ich, als ich vom Gericht heimkam, verstimmt antraf, ohne von ihr Aufschluß erhalten zu können. Jetzt ist sie vor einer Stunde aus dem Hause gegangen, um kleine Einkäufe zu machen, und noch nicht zurück. Wenn sie nicht etwa wieder in die Neureutherstrasse gegangen ist, wo sie aber schon morgens nach dem Rechten gesehn hat, weiß ich mir ihr langes Ausbleiben garnicht zu deuten. Aber ein wirklicher Grund zur Sorge wird wohl nicht dabei sein. Wir vertragen uns glänzend, ihr Essen schmeckt mir brillant, und daß meine Befürchtungen, ich könnte impotent werden, vorläufig gänzlich grundlos sind, beweise ich mir und ihr täglich und nächtlich öfter als wir meinen Jahren hätten zutrauen sollen.

 

München, Mittwoch, d. 7. Juli 1915.

Der Besuch Hardys, der auch der erste Gast in unserm jungen Hausstand war, tat mir unendlich wohl. Sein Zorn gegen alles, was jetzt von Deutschland ausgeht, ist ungeheuer. Er erzählt gradezu gräßliche Dinge, und hält es für sicher, daß Kaiser und Kanzler, sogar alle, die für Mäßigung und Anstand waren, von der Partei der skrupellosen Gewaltspolitiker vollkommen eingefangen sind. Man sei jetzt ganz entschlossen, Belgien – ohne seinen Bürgern auch nur annähernde Gleichberechtigung zu geben – und ein großes Stück Nordfrankreich zu annektieren, kurz und gut eine deutsche Schreckensherrschaft über ganz Europa zu etablieren. Georg Bernhardt habe ausgeplaudert, daß in diesen Tagen in Kopenhagen eine halboffizielle Konferenz zwischen Deutschen und Russen tage, die darauf aus sei, einen Separatfrieden mit Rußland vorzubereiten. Als Mittel zum Wortbruch gegen die Verbündeten solle Rußland vorgeschlagen werden, eine nicht akzeptable Geldanleihe bei Frankreich und England zu verlangen, und nach deren Ablehnung sich mit Deutschland und Österreich zu verständigen. Wird das Tatsache, dann wehe dem armen Frankreich, das man ja allgemein in Deutschland zu bedauern vorgibt aber entschlossen ist, vollständig zu vernichten – erbarmungslos! Nach solchen Gesprächen wird mir die Trostlosigkeit der Situation immer ganz besonders deutlich. Ich fürchte nach dem Kriege eine schändliche Reaktion und einen Haß gegen Deutschland in aller Welt, dessen Opfer natürlich wir Geistigen sein werden, und dessen Berechtigung leider nur allzu groß sein wird.

Eine reizende kleine Anekdote. Hardy selbst hat im Tiergarten folgendes Gespräch zwischen einem 3jährigen kleinen Mädchen und ihrem 70jährigen Großvater mitangehört. Die Kleine: „Dott stafe Endland!“ Der Großpapa (ihr den Kopf streichelnd): „Und füge noch hinzu, mein liebes Kind, auch Italien!“

Hardy pumpte uns 5 Mk. Somit sind wir für heute wieder gerettet. Was dann kommt, ist schleierhaft. Ich schrieb an Bahr um 200 Mk, an Schickele, dem ich zugleich eine Erklärung wegen jenes vermaledeiten „fremden Horden“-Satzes schrieb, um 100 Mark. Ob das fruchten wird? Zenzl ist unendlich rührend. Sie läßt sich von ihrer Sorge um unser tägliches Brot nicht das geringste anmerken. Ich weiß aber, daß sie im geheimen herumläuft, um ihrerseits etwas aufzutreiben. Das wird auch gestern der Grund für ihr langes Ausbleiben gewesen sein. Heut abend will ich auf der Kegelbahn mit Max Halbe sprechen. Vielleicht weiß der Rat. Es wäre ja zu fatal, wenn wir gleich das erstemal der Milchlieferantin und der Wäscherin nicht zahlen könnten.

 

München, Freitag, d. 9. Juli 1915.

Anzumerken ist ein etwa 2stündiges Gespräch mit Ludwig Thoma, das vorgestern im Hofgarten stattfand. Thoma ist Sanitätsmann, und war auf Urlaub aus Galizien hier. Es ist insofern von Interesse, mit ihm zu reden, als er der Vertreter des offiziellen Regierungspatriotismus ist. Etwas derartiges von kriegerischer Begeisterung, wie dieser Simplizissimus-Revoluzzer von sich gibt, hört man nicht alle Tage. Beim Namen Lusitania strahlte er. Der erste tote Russe, den er sah, hat garkeinen Eindruck auf ihn gemacht. Gut, daß der Kerl hin ist – war seine einzige Empfindung. Vom U-Bootkrieg ist er entzückt. Der Krieg wird aufhören, wenn alle Feinde unterliegen etc. – Ich wahrte meinen Standpunkt energisch, und muß zugeben, daß Thomas Phlegma davon unberührt blieb. Seine Ansichten stünden viel zu fest, als daß er nicht meine Überzeugungen ruhig anhören könnte, meinte er. Thoma ist gegen die Annexion Belgiens und gegen den Bombenkrieg aus der Luft, sonst billigt er alles, was die Regierung tut und mag. Ja, er fand sogar, daß wir nur auch nachher ruhig hinnehmen sollen, was diejenigen beschließen, die die Verantwortung tragen. Ich erinnerte an seine oppositionelle Vergangenheit, und erlebte, daß Ludwig Thoma etwa alles verleugnete, was er je geleistet hat. Er sehe jetzt ein, daß die von ihm betriebene Opposition großenteils Blödsinn war. Er ist jetzt also entschlossen, im vorhinein alles zu billigen, was die „Verantwortlichen“ unternehmen und durchaus darauf zu verzichten, sie verantwortlich zu machen. Lieb!

Die große Offensive in Galizien ist nun zum Stehen gekommen, ehe die völlige „Säuberung“ des Landes gelungen ist. Ob demnach Thomas Ankündigung, in 3, höchstens 4 Wochen werde Warschau, von rückwärts gefaßt, genommen werden, wahr werden wird, scheint also recht zweifelhaft. (Ich erinnere mich dabei vergnügt, wie vor etwa 4–5 Monaten Halbe mit Sicherheit anzukündigen wußte, Verdun, das man, hätte man es gewollt, längst haben könnte, werde in 14 Tagen fallen). Nach der zweiten Schlacht bei Krasnik haben die Oesterreicher jetzt wieder vor anrückenden russischen Verstärkungen ihre Truppen „zurücknehmen“ müssen, sind also offenbar geschlagen worden. Die Tätigkeit der Armee des Herrn v. Hindenburg in Kurland und Polen ist ganz rätselhaft. Ich vermute, die Schützengräben dort sind die Versenkung, in die man die Volkstümlichkeit des Vaterlandsbefreiers verschwinden lassen will. Schon hat man den galizischen Führer, Herrn v. Mackensen, ebenfalls zum Generalfeldmarschall avanzieren lassen, aber der hat nicht genügend mit Anekdoten für sich vorarbeiten lassen und wirkt allgemein zu höfisch und zu wenig frondeurhaft, als daß er Hindenburg leicht aus dem naiven Verehrungsbedürfnis des Volks wird drängen können.

Im Westen keine Veränderungen. Doch: eine deutsche Heldentat! Man hat Arras bei der Beschießung von Truppenansammlungen in Brand geraten lassen. „Die Kathedrale fiel der Feuersbrunst zum Opfer.“ Endlich ist es gelungen. Vor kurzem erst wurde mitgeteilt, daß man Beobachtungsposten von dort heruntergeschossen habe. Ich habe das damals gleich richtig als Vorbereitung zur gänzlichen Vernichtung des Bauwerks aufgefaßt.

In der Türkei geht nichts vor- noch rückwärts. Es wird alles davon abhängen, ob der Balkanbund eingreift oder nicht. Daß die Öffnung der Dardanellen jedenfalls im höchsten Interesse der Balkanländer, hauptsächlich Rumäniens läge, ist klar, da das Land nicht weiß, wohin mit dem Ernte-Überfluß. Durch die Siege der Zentralmächte über die Russen in Galizien scheinen nun also die Regierungen in Bukarest und Sofia doch ein Haar in der Suppe gefunden zu haben. An das Eingreifen der Balkanländer auf deutscher Seite glaube ich keinesfalls, wenn auch derartige Gerüchte massenhaft im Umlauf sind. Ganghofer (der gestern 60 Jahre alt wurde) hat in seinem letzten Schmalz-Erguß aus dem galizischen Frontbesuch über ein Gespräch mit dem Kaiser berichtet, in dem ihm Wilhelm zum Schluß eine Mitteilung machte, die er noch nicht verraten dürfe, die aber sehr bald bei Millionen Deutschen ungeheure Freude hervorrufen würde. Alle Welt behauptet: Aha, das ist das Eingreifen Rumäniens oder Bulgariens oder beider oder auch Griechenlands oder des ganzen Balkans inclusive Serbiens und Montenegro auf unsrer Seite! Ich glaube eher, daß es sich um die Stiftung eines neuen Ordens handeln wird.

Vor einigen Tagen ist in New-York auf Herrn Morgan ein Attentat verübt worden, ein Mann namens Holt (Deutscher?) hat ihn wegen einer Munitionslieferungen an England ohne ihn sehr erheblich zu verletzen, in den Leib geschossen. Holt hat im Gefängnis Selbstmord begangen. Schade wärs um den Milliardär ja gewiß nicht gewesen, aber ob die Genugtuung über den Mordversuch, der man hierzulande überall begegnet, dem Nutzen Deutschlands dient, möchte ich doch auch bezweifeln.

Zenzl ist leider garnicht gesund. Gebärmutter und Eierstock machen ihr fortwährend Schmerzen. Dabei sollen wir uns in den nächtlichen Freuden mäßigen und sündigen doch immer wieder, wozu das gemeinsame Lager garzusehr verführt. Großen Kopfschmerz macht mir nach wie vor unser Dalles. Vorgestern pumpte ich von Albu 10 Mk, gestern von Kahn 2 Mk. Was aber werden soll, wenn nun dringliche Rechnungen ins Haus kommen, und gar wenn wir am 15ten die zweite Hälfte der Monatsmiete zahlen sollen, weiß ich nicht, und ängstige mich sehr. Der Vermittler des großen Wuchergeschäfts war gestern bei uns. Ich proponierte folgendes: Der Halsabschneider soll 3500 Mk hergeben, davon soll der Vermittler, ein Herr Steinbucher, sofort 500 Mk für sich abziehn. Ich werde 4500 Mk quittieren und 7% Zinsen zahlen. So verliere ich zwar 2000 Mark, bin aber der Sorgen ledig und kann das Nötigste nach Bern schicken.

Morgen hat Ernst Joël „Barmitzwoh“. Ich sandte ihm Eckermanns Gespräche mit Goethe und schrieb als Widmung dieses Zitat daraus hinein: „Es liegt nicht in der Geburt und im Reichtum. Sondern es liegt darin, daß sie eben die Courage haben, das zu sein, wozu die Natur sie gemacht hat.“ Goethe über die Engländer. Das ist ein kleiner suffisanter Gruß an die Eltern des Jungen. Die Rechtfertigung meiner Lebensart verbunden mit einem Hieb gegen den gegenwärtig blühenden und von meinem Schwager Julius eifrig geförderten Engländerhaß ... Über das Sein oder Vergehn des Vaters habe ich lange keine neue Mitteilung mehr. Dies totkranke Herz wehrt sich bis zum Aeußersten.

 

München, Sonnabend, d. 10 Juli 1915

Die Geldkalamität ist vorläufig abgestellt. Ich habe unter teuflischen Seelenqualen den Stefanie-Cafétier, Herrn Oberdorfer, um 150 Mk angepumpt, und mich ehrenwörtlich und durch Schuldschein verpflichtet, das Geld bis zum 1. Oktober zurückzugeben. Wenn dann immer noch keine Aenderung in meinen äußeren Verhältnissen eingetreten ist, dann mag alles zum Satan fahren! Zunächst haben wir mal die rückständige Miete gezahlt und das Wichtigste für den Hausbedarf eingekauft ... Eine große Schwierigkeit ist noch da, die aber – das ist mein fester Entschluß – eine Trübung in meiner Beziehung zu Zenzl nicht bewirken soll. Ich hatte schon seit Tagen den Verdacht, daß der bisherige Gatte an unsern wenigen Existenzmitteln partizipiert. Gestern wagte ich eine andeutende Frage und erhielt als Antwort die Gegenfrage von Zenzl, ob es mir lieber wäre, wenn sie sich statt dessen teure Hüte und Kleider anschaffte. Natürlich habe ich auf jeden Einspruch verzichtet. Solange es angeht, möchte ich wahrhaftig nicht, daß Engler, der ein wertvoller Künstler ist, blos weil er den Anforderungen des Lebens noch viel hilfloser gegenübersteht als ich, außer der besten Frau auch noch seine Daseinsmöglichkeit verlieren soll. Ich werde also weiterhin Zenzl alles überlassen. Sie wird schon nichts Ungutes und garzu Unkluges tun.

Vom Kriege nicht viel Neues. Die deutsche Regierung hat wegen der Lusitania-Geschichte wieder mal eine Note an die amerikanische gerichtet, in der bei geringem Entgegenkommen gegen das amerikanische Verlangen, das Leben neutraler Zivilisten zu garantieren, so ziemlich alles beim alten gelassen wird. Ganz Deutschland – soweit es sich in Zeitungen äußern darf – ist glücklich darüber, daß die Regierung die Entschlossenheit bekundet, die ekelhafte Mörderei gegen reisende Frauen und Kinder und gegen Heizer und Stewardessen fortzusetzen.

Noch ein Zeichen der großen Zeit: Während des Kriegszustands ist auf dem Lande die Freizügigkeit aufgehoben. Die Dienstknechte auf dem Lande sind daher ihren Arbeitgebern gegenüber im Zustande der völligen Versklavung. Heute enthält die Münchner Zeitung den Bericht über drei Prozeßverhandlungen, in denen arme Teufel zu Gefängnis verurteilt wurden, weil sie eigenmächtig und ohne zureichenden Grund ihre Arbeitsstätten verlassen haben. Einer davon – dem schon in Friedenszeiten zugemutet wird, seinen Beruf als „Knecht“ anzugeben – mußte von früh 4 Uhr bis abends 10 Uhr arbeiten. Das war ihm zuviel, er ging fort. Kam aber, aufmerksam gemacht auf die Folgen der Eigenmächtigkeit zurück, wurde von dem Vieh von Gutsbesitzer angezeigt und muß jetzt 14 Tage Gefängnis absitzen. Ich sah kürzlich in einem Buchhandlungsschaukasten eine Schrift ausgestellt, die den Titel führt: „O du liebe schreckliche schöne große Zeit!“ ... Prosit!

 

München, Montag, d. 12. Juli 1915

Wir waren vorgestern abend mit Ludwig Aub zusammen. Das ist eine eigentümliche Erscheinung. Seine Fähigkeiten als Charakterologe sind über jeden Zweifel erhaben. Er sagt einem über Eigenschaften und Herkunft überraschend Zutreffendes. Ich habe ihm eine größere Anzahl Gedichtmanuskripte überlassen, da er mir auch von der graphologischen Seite beikommen will. Doch beruht seine Gabe sicherlich nicht auf intellektueller Basis. Vielmehr sagt er selbst, daß es sich um eine Art Einfühlung oder „Hellfühlung“ handelt, bei der er garnicht mehr als ein Ich empfindet, sondern ganz im Individuum des Andern aufgeht. Diese Entichung kann – so fasse ich die Sache auf – schon durch die Beschäftigung mit der Handschrift, der Gesichtsbildung etc. eintreten. Seine Urteile über Wesen und selbst private Angelegenheiten des Andern sind dadurch phänomenal. Aber das Ganze hat für mein Empfinden doch einen peinlichen Stich ins Monströse, wie ich denn auch in Mnemotechnikern kaum je etwas andres erblicken konnte als Abarten des Homo sapiens, kaum höher zu bewerten als Kautschukmenschen, der Mann mit den Kamelbeinen oder der, der Frösche und Glasscherben frißt.

Etwas andres ist es um individuelle Eigenschaften einer differenzierten Psyche, auf denen alles Kunstschaffen beruht, und wohl auch die Erscheinung der Wahrträume. Davon erzählte mir Zenzl sehr merkwürdige Fälle aus ihrem eignen Erleben. Sie hat mehrfach im Traume wahre Geschehnisse vor- oder miterlebt. Am eigentümlichsten davon ist mir dieses Beispiel gewesen: Als ich zuletzt in Lübeck war, hat sie im Traume meinen Vater gesehn in seinem Schlafzimmer, das sie – soweit ich mich an den Raum erinnere – korrekt beschrieb. Er lag in seinem Bett und zeigte den Ausdruck und die Gesten heftigster Ablehnung. Mich aber sah sie im Kreis meiner Geschwister, die verlegen und verlogen um mich herumsaßen.

Mein Vater hat schon wieder eine neue Unannehmlichkeit gegen mich ausgeheckt. Er hat mir durch Leo mitteilen lassen, er wünsche, daß ich sofort die Generalvollmacht zurückziehe, die ich vor 9 Jahren Onkel Leopold ausgestellt habe, um für mich in Sachen der Berliner Häuser zu verfügen. Begründet wird das damit, daß mein Vetter Artur in diesen Tagen 21 Jahre, und also mündig geworden ist, und nun im Familienrate Stimme erhalten hat. Auf diese Weise, meint der Alte, verfügt der Onkel nachher über die Majorität. Ich habe meine Interessen durch die Bevollmächtigung des Onkels noch immer in besten Händen gewußt, zumal ich selbst von den geschäftlichen Verhältnissen, die da zu behandeln sind, keine Ahnung habe. Ich sehe in der neuen Kundgebung des sterbenden alten Mannes nichts andres als die Absicht, in meine gute Beziehung zum Onkel einen Keil zu treiben. Ich habe deshalb Leos Brief im Original an den Onkel geschickt, ihm meinen Verdacht mitgeteilt, daß eine Parteibildung der Mühsams gegen die Cohns beabsichtigt wird und meine Absicht deutlich kundgegeben, unter keinen Umständen mich von dem Bruder meiner Mutter, dem Einzigen der Familie, der mir niemals seine Sympathien entzogen hat, entfremden zu lassen. Um dem Vater gegenüber nicht als prinzipiell widerspenstig dazustehn, habe ich Onkel vorgeschlagen, die Vollmacht tatsächlich jetzt aufzuheben, sie aber, sobald der Alte tot ist, wiederherzustellen. Wie wird wohl die nächste Schikane aussehn, die auf jenem Sterbebett ausgesonnen wird?

Über das Befinden des Vaters heißt es: „Leider sehr schlecht“, „leider unverändert“. Der Kranke kann sich nur noch während vorübergehender kleiner Besserungen selbständig im Bett aufrichten. Sein Geist sei klar wie immer (Daß seine geistige Klarheit immer mehr den Charakter der Verbohrtheit bis zu fixen Ideen annimmt, merkt seine Umgebung nicht). Die Stimmung äußerst gedrückt. Doch gedenke er meiner „in sorgender Liebe“. Man merkt’s.

Welche ungeheure Erleichterung mir der Tod des Vaters brächte, wird mir immer bewußter, je mehr ich einsehe, daß ich in dieser Zeit des Jammers absolut kein Geld beschaffen kann. Hermann Bahr hat mir einen ungemein lieben und schmeichelhaften Brief geschrieben, mir aber, da seine Frau jetzt nichts verdiene, er selbst von Vorschüssen lebe und 3 Familien zu erhalten habe, leider seine Hilfe versagen müsse. Von der Kientopfirma ist keine Nachricht gekommen. Sie verzichtet also auf meine Arbeiten. Von Schickele noch kein Bescheid. Ich will für die Weißen Blätter eine Novelle schreiben, als deren Unterlage Leben und Tod verwegener, aber von Idealen bewegter Verbrecher dienen soll (etwa meine Bestrebungen mit dem „fünften Stand“, verbunden mit den Taten der Bonnot und Garnier – oder so ähnlich.) Das ganze entsteht erst in meinem Hirn. Nachher will ich mich entschlossen und nachhaltig an die Wally Neuburger machen. Gestern sandte ich ein neues Gedicht („Die Schlacht am Birkenbaum“) ans Zeit-Echo in Berlin. Aber viel Hoffnung auf Geldverdienen habe ich garnicht, und die Summe von Oberdorfer, von der die Miete und allerlei Wichtiges schon gezahlt ist, und von der wohl außer uns noch Engler, Finny und vielleicht auch Pol ernährt werden, wird bald herum sein. Dabei ist am 28ten Zenzls Geburtstag, und wie schmerzlich wäre es, ihr nichts Hübsches schenken zu können: Aber die Teuerung hält an und steigt noch fortwährend. Fleisch, Obst und selbst die nötigsten Dinge wie Zucker, Zwiebeln etc. sind unerschwinglich teuer. Die Preistreibereien der Spekulanten, die alle Wohlfahrtsaufrufe unterzeichnen, die Not des Volks aber systematisch und künstlich zu ihrem Nutzen steigern, gehören zu den widerlichsten Erscheinungen dieser herrlichen Zeit.

Der Krieg: Bei Krasnik ist seit einer Reihe von Tagen eine neue sehr wilde Schlacht in Gange, von deren Ausgang wohl die Wiedergewinnung Galiziens für Oesterreich abhängt. Prophezeien wäre müßig. Die Russen haben für alle Fälle mit einem Manifest vorgearbeitet, in dem die Bevölkerung auf eine vorübergehende Räumung bedeutender Teile Rußlands präpariert wird. Man scheint also, wenn es jetzt schief geht, Warschau, Iwangorod und andre Orte freiwillig räumen zu wollen. Daraus zu schließen, daß Rußland sich verloren sieht, ist blödsinnig. Im Gegenteil zeigt sich, daß man soweit rückwärts, wie die strategische Lage es bedingt, eine neue geschlossene Front schaffen, also unter allen Umständen weiterkämpfen will. Wenn man sich erinnert, wie schon zweimal, in Ostpreußen und in Polen, die Deutschen weit vorwärts kamen und wieder weit zurückmußten, wird man gut tun, aus den gegenwärtigen Bewegungen keinerlei Schlüsse auf Endgiltiges zu ziehn ... Die Besetzung Durazzos durch die Serben und Skutaris durch die Montenegriner soll, so jubeln unsre Zeitungen, in Italien ungeheuer verschnupfen. Schon sieht man große Verwicklungen unter den verbündeten Feinden voraus. Lächerlich. Italien hat nicht einmal einen formalen Protest erlassen. Die Aufteilung Albaniens wird vermutlich zwischen dem Schwiegervater Nikita und seinen Schwiegersöhnen Peter und Victor-Emanuel längst in Ordnung sein. Dumm sind diese Gauner doch wahrhaftig nicht.

Nach Frieden sieht es leider immer noch nirgends aus. Nur ein Kriegsschauplatz ist jetzt ausgeschaltet: Deutsch-Südwestafrika. Dort hat sich die deutsche Truppe – 204 Offiziere und 3166 Mann – dem Burengeneral Botha ergeben. Das ist nach Tsingtau die zweite endgiltige Entscheidung in diesem Kriege. Sicher haben sich die Deutschen hier wie dort so kräftig gewehrt wie es nur möglich war – daß in militärischer Hinsicht Deutschland das tüchtigste Land ist, wer wollte das bestreiten? Nur soll man daraus nicht auf Werte an und für sich schließen! –. Aber ein Wahn wird durch diese Ereignisse hoffentlich nun doch einmal zerstört: daß deutsche Soldaten überhaupt unbesieglich seien! Mit Vorurteilen räumt dieser Krieg überhaupt gründlich auf. Und das ist sein Bestes.

 

München, Dienstag, d. 13. Juli 1915.

Am Beachtenswertesten im inneren Leben des politischen Deutschlands dünken mich immer noch und immer von neuem die Reibungen in der sozialdemokratischen Partei: Fraktion, Vorstand und ein großer Teil ihrer Presse legt alle Kunst darauf an, „die Einheit“ der Partei zu retten, d.h. einer Spaltung vorzubeugen, in der demokratische Auffassung Schwächung erkennt, da ihr numerische Stärke Stärke an sich gilt. Gleichzeitig reißen aber links und rechts die rabiateren Genossen derartig am Parteistrang, daß sein Zerreißen kaum mehr lange wird zu verhindern sein. In Württemberg ist die Spaltung tatsächlich da, nachdem sogar im Landtag von Parteiwegen öffentlich ausgesprochen wurde, daß Westmeyer nicht mehr zur Fraktion gehöre. Kolb hat eine Broschüre losgelassen, in der mit dürren Worten ausgesprochen wird, mit der Gruppe der „Quertreiber“ – so nennt man jetzt die Kriegsfeinde in der Partei – könne ein Zusammenarbeiten nicht mehr verlangt werden. Heine hat in den Sozialist. Monatsheften das Verhalten der Liebknecht-Leute fast ohne Umschreibung als landesverräterisch bezeichnet und die Lynchjustiz für sie angekündigt. Die andre Seite, die im „Vorwärts“ mannhafte Fürsprache hat, darf ihre grundsätzliche Ansicht immer nur andeuten, da die Militärdiktatur schwer auf ihren Federn lastet, und da die nationellen Opportunisten durchaus vor keiner Denunziation gegen ihre eignen Parteigenossen zurückschrecken. So bietet denn das ganze gegenwärtige Parteigetriebe ein Bild der gründlichsten Verworrenheit, wobei am Interessantesten ist, daß die Gegensätzlichkeiten durchaus nicht mehr nach den früheren Unterscheidungen zwischen den Revisionisten und Radikalen bestehn, sondern daß an der Spitze der Opposition neben Liebknecht der Parteivorsitzende Haase und die beiden Theoretiker stehn, der des konsequenten Marxismus Kautsky und sein Antipode, der Begründer und Wortführer des Revisionismus Eduard Bernstein, der jetzt die tapfersten und besten Dinge gegen den Krieg und seine Folgen in der Partei schreibt. Im Lager der haltlosen Opportunisten aber befinden sich bisher erzradikale Genossen, Lensch, der Leipziger Volkszähmungs-Revoluzzer und unter den Zeitungen das „Hamburger Echo“, das sonst eine Hauptstütze des Radikalismus in der Partei war, und jetzt gradezu Annexionspolitik treibt. Wer dereinst den gordischen Knoten durchschlagen wird, ist noch nicht zu erkennen. Daß aber die Partei nicht mehr lange als einheitliches Gebilde beisammen bleiben kann, scheint mir ganz sicher.

Das Geplärr unsrer ewig optimistischen Patrioten über die Bekehrung der Balkanstaaten zugunsten der Zentralmächte erfährt seine eigenartige Illustration durch eine Kundgebung der deutschen Reichsregierung, die der Presse einen Spalt ihrer sonst hermetisch verschlossenen diplomatischen Giftkammer geöffnet hat, um schon jetzt Stimmung gegen Rumänien machen zu können und es zu denunzieren, daß es uns ebenfalls nachher aus dem Hinterhalt ruchlos überfallen habe. Es wird also mitgeteilt, daß zwischen Rumänien einerseits und Deutschland und Österreich-Ungarn andrerseits ein Geheimvertrag besteht, wonach die Zentralmächte Rumänien seine nationale und wirtschaftlichen Existenz verbürgen, dies aber dafür verpflichtet ist, loyalerweise Waffendurchfuhr zu gewähren. Seit mehreren Wochen habe jedoch Rumänien unter Bruch dieses Vertrages ein Waffendurchfuhrverbot erlassen, was, falls es sich nicht zur Aufhebung dieses Verbots entschließe, Deutschland als feindliche Handlung auffassen werde. Gleichzeitig wird mitgeteilt, daß eine Zusammenkunft der Könige von Rumänien, Bulgarien und Griechenland in Athen bevorstehe, womit man nur gewartet habe, bis der König von Griechenland von seiner schweren Krankheit wieder hergestellt wäre. Dies alles wird rings im Kreise unsre nie zu Enttäuschenden in garkeiner Weise auf die Idee bringen, daß etwa doch der entscheidende Schlag gegen die Türkei geplant sein könnte. Oh nein: am deutschen Wesen wird nicht nur die Welt, sondern auch der Balkan genesen!

Mein persönliches Ergehn ist durch die junge und sehr glückliche Ehe vorteilhaft bestimmt. Leider hat Zenzl fortgesetzt mit ihrem Frauenleiden zu schaffen. Der Arzt hat ihr sechswöchige Sexualdiät verordnet. Aber bis jetzt haben wir noch Nacht für Nacht dagegen gesündigt. Da ihre eigne Begehrlichkeit immer wieder dazu drängt, hoffe ich, daß es ihr nichts schadet. Ich fühle Nerven und Gesundheit durch die neue Lebensart wesentlich gekräftigt, und auch die Lust zur Arbeit erstarkt und wird, denke ich, gute Früchte zeitigen.

 

München, Mittwoch, d. 14. Juli 1915.

Unter den Vorschlägen, die ich Schickele gemacht habe für meine Mitarbeit an den „Weißen Blättern“ (und deren Beantwortung ich von Tag zu Tag schmerzlicher erwarte), war auch der, mit dem „Simplicissimus“ rabiat abzurechnen. Das ehedem revolutionäre oder mindestens rebellische Blatt leistet sich von Nummer zu Nummer widerlichere und schamlosere chauvinistische Hetzereien. Vor einigen Wochen gab es ein Gedicht eines Herrn Reinhard Weer, das natürlich ein Gebet an den lieben Gott darstellte – die deutschen Libertiner sind mit der Konjunktur prompt auch fromm geworden –, und in dem folgendermaßen gebetet wurde:

„Willst gnädig dies verzeihn:

Pardon wird nicht gegeben!

Was deutsch, soll blühn und leben,

die andern solln vernichtet sein!“

Pardon wird nicht gegeben! Als im Anfang des Kriegs, während die Hysterie der Massen noch die abenteuerlichsten Blüten trieb, die „M.-Augsburger Abendzeitung“ die Hinrichtung der Gefangenen empfahl, war das sogar der Regierung zuviel und der blutrünstige Patriotismus der fauchenden Schmöcke bekam einen offiziösen Dämpfer. Jetzt darf der „Simplicissimus“ sans façon die Pardonverweigerung predigen und damit dem Vorwurf deutscher Barbarei an der Stelle, die sonst als die Pflanzstätte der deutschen Kultur gilt, die nahrhafteste Mahlzeit vorsetzen ... In der vergangenen Woche erschien dann ein schlechtes Bild von Wilh. Schulz, eine Art Friedensengel, der einen schmalzigen Monolog hält, des Inhalts etwa, daß die Soldaten nicht nur tapfer im Kämpfen waren, sondern vor allem auch stark im Glauben (ich werde mir den Wortlaut noch notieren), und gestern endlich, in der neuesten Nummer, gab es wieder eine Zeichnung des Herren Schulz, Karl Liebknecht darstellend, wie er dem russischen Generalissimus Nikolaj Nikolajewitsch auf die Schulter klopft – ganz verlassen sei er nicht. Rußlands treuester Bundesgenosse sei seine (Liebknechts) Immunität. Also eine blanke Denunziation Liebknechts an das – gutenteils durch den Simplicissimus – um jedes Urteil gebrachte Volk –, daß dieser Mann seinen Kampf gegen den Krieg und gegen die deutsche Kriegführung zum Nutzen des russischen Zarismus führe. – Hoffentlich kommt bald Schickeles Auftrag auf die Glosse. Es muß ausgesprochen werden, daß Menschen, die auf sich halten, mit diesem charakterlosen Hetzblatt keine Gemeinschaft mehr haben dürfen, und dem Simpl., der, nach dem Wort, das mir jener Major im Kriegsministerium sagte, „seine Ansichten entsprechend eingerichtet“ hat, muß der Rückweg zu seinen Traditionen für Zeit und Dauer abgeschnitten werden.

Ein Beispiel, wie rasch heutzutage Urteile gewandelt werden und welche Leichtgläubigkeit die Presse beim Publikum voraussetzt, ohne irgendwelchem Widerspruch zu begegnen. Vor etwa einem Monat – nach meiner Schätzung war es Ende Mai oder Anfang Juni – trat der amerikanische Staatssekretär Bryan von seinem Posten zurück. Der Mann war bis dahin in den rüdesten Tonarten als Dummkopf, Deutschenfeind und Haderlump beschimpft worden (eben sehe ich, daß ich hier am 10. Juni über seinen Rücktritt mich ausließ), weil er angeblich die Ausfuhr von Munition aus Amerika nicht verbieten lassen wollte. Seither hingegen wird er mit jedem Honig umschmiert, weil sich herausstellt, daß grade er die friedlichste Politik Deutschland gegenüber anstrebt. Er reist jetzt herum und hält Vorträge, in denen er für das Ausfuhrverbot Stimmung macht, natürlich wohl weniger aus innerer Bekehrtheit als aus dem Bestreben, sich ein politisches Programm zu schaffen, das ihm bei der nächsten Präsidentenwahl Wilson gegenüber nützen kann. Er ist also jetzt bei uns ein geistvoller Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. – Nun fand ich dieser Tage eine alte Zeitung vom 1. Juli und darin eine Meldung vom 30. Juni, wonach Bryan seit seinem Rücktritt bereits in 98 Städten Vorträge gegen die Munitionsausfuhr gehalten habe. Man muß sagen: eine stattliche Leistung, in 20–25 Tagen 98 Städte zu bereisen und in jeder einen Vortrag zu halten! Das deutsche Zeitungspublikum aber schluckt solche Nachrichten mit wahrem Behagen und ohne das mindeste Unwahrscheinliche darin zu finden. (Es waren die „Münchn. Neuest. Nachr. vom 1. Juli, Morgenausgabe).

Um Zenzl habe ich rechte Sorge. Heute früh im Bett gestand sie mir unter Tränen, daß sie sich noch garnicht recht heimisch fühle, ließ aber alle meine bittenden Fragen ohne Antwort und führte gleich nachher aus eignem Antrieb den Geschlechtsakt herbei ... Für mich ist die Ehe ein wahrer Jungborn. Meine Arbeit geht vorwärts. Von der neuen Erzählung habe ich an zwei Nachmittagen das erste Kapitel geschrieben. Abends lese ich Zenzl den „Hyperion“ vor, und freue mich, mit welch warmem Verständnis sie Hölderlins herrlichen Hymnus aufnimmt und bewundert. Ihr Aeußeres, diese köstliche Mischung von Dürer und Defregger, entspricht ganz ihrem Wesen: bäuerliche derbe Natürlichkeit bei subtilster Differenziertheit und Innerlichkeit. Vielleicht gelingt es mir doch mit der Zeit, ihr in meinem Vertrauen und in meiner Liebe die Sicherheit einer Heimat zu schaffen.

 

München, Donnerstag, d. 15. Juli 1915.

Es muß verhexte Tage geben, Tage, an denen einem jede Erscheinung des Lebens in Gestalt einer Schikane entgegentritt. Heut ist so ein Tag der Nadelstiche, wie sie Strindberg so namenlos gequält haben, für mich. Gestern hatte ich mit Anthes, der auf Urlaub hier ist, und Maaßen gekneipt. Das hatte sich in Maaßens Wohnung bis früh 3 Uhr ausgedehnt, und so stand ich schon unausgeschlafen und etwas verjammert auf. Zenzl hatte eine Verabredung und ließ mich schon um 9 Uhr allein, übergab mir aber noch eine gelbe Karte, auf die hin ich bei der Post einen Einschreibbrief erhalten sollte. Ich spitzte mich auf Geld von Schickele. Es war aber meine Vollmacht an Onkel Leopold mit einem Brief, der seine Verärgerung in der Sache deutlich verrät und mir die große Unannehmlichkeit zumutet, diesen Brief an meine Geschwister weiterzusenden, was zweifellos zu großen Unannehmlichkeiten führen wird. Alsdann vermißte ich 50 Pfennige, die ich gestern bestimmt noch in der Tasche hatte. Ich habe sie bis jetzt nicht wiedergefunden, kaufte nachher 10 Zigaretten für Zenzl, und während des Einkaufs fiel mir ein, daß sie gestern erst 50 bekommen hat. Um nach den 50 Pfennigen zu suchen, holte ich meine elektrische Taschenlampe vor, für die ich mir erst vorgestern um 80 Pfennige eine neue Batterie geleistet hatte. Sie funktionierte nicht. Zum Essen, das mir außer dem Hause ohnehin nicht mehr schmecken will, ging ich, um Gesellschaft zu finden, in die Torggelstube, wo ich aber allein blieb und für ein keineswegs hervorragendes Menu 1,90 Mk zahlen mußte. Im Hofgarten ärgerte ich mich über Ziersch, der wieder nichts als Krieg zu reden wußte – die übliche sieghafte Alleswisserei – und über die Flegelhaftigkeiten des Herrn Harry Kahn, sowie darüber, daß ein so ausgezeichneter Künstler wie Pallenberg, der mit am Tisch saß, so unsäglich dumm und klein sein kann. Nachher ging ich in das Elektromotorengeschäft, um eine funktionierende Batterie gegen die unbrauchbare zu fordern. Der Mann lehnte den Gratisersatz ab, wollte nur 20 Pf Ermäßigung geben und behauptete, die Lampe sei ausgebrannt, müsse also 6–7 Stunden gebrannt haben, während sie in Wahrheit keine 5 Minuten im Betrieb war. Sehr müde ging ich – ohne Batterie – heim, um mich hinzulegen. Da funktionierte der Schlüssel zur Wohnung nicht, obwohl gleich nach unserm Einzug erst das Schloß repariert war. Nachdem ich 20 Minuten hilflos umhergeirrt war und das Café Elite, wo ich einkehren wollte, verschlossen gefunden hatte, holte ich den Schlosser, sodaß ich nun endlich am Schreibtisch sitze und „abreagieren“ kann. Ich bin völlig zerschlagen von allem Mißgeschick und fühle mich kreuzunglücklich und höchst besorgt, daß mir – da es erst ¾ 5 ist, heute noch alles Mögliche Peinliche passieren könnte. Die Absicht zu arbeiten, habe ich angesichts der zerstörten Laune aufgegeben ...

Eben wollte ich schreiben: Hoffentlich kommt Zenzl bald, um mir etwas heiterere Stimmung anzuküssen, da erscheint der Nerventrampel Finny und verhindert auch das Weiterschreiben ins Tagebuch. Also Schluß bis morgen!

 

München, Sonnabend, d. 17. Juli 1915.

Die Privatstrategen an den Kneiptischen und den Kegelbahnen prophezeien seit geraumer Zeit große Dinge. Die Einen sagen, eine neue gewaltige Hindenburgiade stehe bevor, die Andern, der Stillstand der galizischen Siege erkläre sich aus artilleristischen Abtransporten nach dem Westen, wo jetzt endlich die große deutsche Durchbruchsaktion vor sich gehn soll. Seltsamerweise scheinen die letzten Tagesberichte Beiden recht geben zu wollen. In den Argonnen hat eine deutsche Offensive begonnen und man hat in 14 Tagen dort etwa 7000 Gefangene gemacht. Wahrscheinlich will man die Zernierung Verduns erzwingen, was aber, da die benannten Fortschritte sich zwischen 1–3 Kilometer bewegen, wohl noch gute Wege haben wird. Jedenfalls wirken die neuesten Berichte aus dem Westen für den, der eine Entscheidung zu deutschen Gunsten für ein Weltunglück hält, beängstigend.

Im Osten hat Hindenburg in der Tat neue Dinge unternommen und dabei Prasznicz[Prasnysz], das seinerzeit Mittelpunkt einer empfindlichen deutschen Schlappe war, wiedergenommen und seine Truppen die Windau in östlicher Richtung überschreiten lassen. Es sieht also aus, als ob die polnischen Zentralfestungen von Norden und Süden her zugleich zwischen die Zange genommen werden sollten. Daß die Dinge, die sich demnach überall verbreiten, in absehbarer Zeit zum Ende dieses scheußlichen Krieges führen werden, ist natürlich Unsinn.

Was sich zur Zeit am Balkan zuträgt, ist schwer zu beurteilen. Die kriegerische Tätigkeit hat trotz aller abscheulichen Massenmörderei sowohl im Kaukasus wie an den Dardanellen den Charakter der Stagnation, was sich wohl auch solange nicht wesentlich ändern wird, bis die neutralen Balkanstaaten zu festen Entschlüssen gekommen sein werden. Zwischen Bulgarien und Türkei soll ein Abkommen bevorstehen, wonach gewisse Gebietsabtretungen an Bulgarien die Neutralität des Landes – ein Eingreifen zugunsten der Zentralmächte halte ich für ausgeschlossen – erkaufen sollen. An ein Eingreifen Rumäniens glaubt hier immer noch niemand. Ich glaube so fest daran, daß ich vorgestern mit Ziersch gewettet habe: ein Fäßchen Bier für die Kegelgesellschaft hat der Verlierer zu zahlen. Meine Ansicht gründet sich auf Rumäniens Interesse an der Öffnung der Dardanellen, um die großen Erntevorräte an den Mann zu bringen. Daß man dort nicht geneigt ist, das Geschäft mit dem Zweibund zu machen, ist ja klar geworden durch die Weigerung, die Waffendurchfuhr nach der Türkei freizugeben und die zutage liegende Bereitschaft, den drohenden Boykott Deutschlands und Österreichs in Kauf zu nehmen. Möglich ist natürlich, daß Rumänien durch das Beharren auf dem Durchfuhrverbot auch bei fernerer Nichtteilnahme am Kriege das Schicksal der Türkei bald entscheiden kann. Aber erst wird wohl Deutschland versuchen, die Durchfuhr mit Waffengewalt zu erzwingen, obwohl der moralische Eindruck eines derartigen neuerlichen Neutralitätsbruchs verhängnisvoll sein müßte.

Leider ist ein neues Kriegsopfer aus meiner Erlebnissphäre zu buchen: Professor Dr. Emil Lask aus Heidelberg ist gefallen. Das Band zwischen dem Philosophiedozenten und mir war Frieda Gross, bei der er mein Nachfolger in ihrer Gunst war. Ich lernte ihn erst vor etwa 1½ Jahren hier kennen, und wir führten später in der Angelegenheit des Prozesses Friedas mit ihrem Schwiegervater eine lebhafte Korrespondenz. Nach allem, was ich von ihm weiß: ein feiner stiller bescheidener kluger und grundanständiger Mensch. Der lieben Frieda wird der Verlust recht nah gehn. Ich will ihr heute schreiben.

Gestern war Anthes unser Gast. Er freundete sich sehr mit Zenzl an, deren grade Art, die abenteuerlichen Geschichten von der Familie Morstadt, vom Kooperator, vom Schneider von Przemysl und der übrigen Galerie unsres ideellen Kreises zu erzählen, ihm sehr gefiel. Er meint übrigens, mir zu einem Tausend-Mark-Pump verhelfen zu können. Heut wird er wieder zum Kaffee erscheinen. Vielleicht bringt er wirklich eine gute Idee mit. Nötig wärs. Denn das Oberdorfer-Geld neigt dem Ende zu, und 20 Mk, die gestern vom Zeit-Echo für das revolutionäre Gedicht „Die Schlacht am Birkenbaum“ einliefen, werden die Katastrophe nicht lange aufhalten können (seit 2 Monaten das erste Verdienst).

In dem vorgestern erwähnten Brief von Onkel Leopold, den ich nach Lübeck weitersandte, war mir eine Stelle besonders wichtig. Onkel setzt auseinander, welche Folgen der Krieg für die Ertragsfähigkeit unsrer Berliner Häuser hat. Im Juli dieses Jahres seien bis jetzt im ganzen 3000 Mark eingelaufen, gegen 8000 Mark in normalen Zeiten. Das Geld lange eben zur Verzinsung und zu den Unkosten. Daraus ergibt sich, daß die 5000 Mk, die jetzt ausfallen, sonst Überschuß sind. Bescheiden angenommen 4000 Mk, würden also jährlich 48.000 Mk gewonnen, sodaß mein 1899 unterzeichneter Verzicht mich also jährlich die Kleinigkeit von durchschnittlich mindestens 6000 Mk gekostet hat ... Kürzlich schrieb mir Grethe allen Ernstes, der Vater habe behauptet, die 100 Mk, die er mir monatlich in Gnaden bewilligt, übersteigen schon den auf mich entfallenden Gewinnanteil aus den 10 Häusern! Ob seine immer auffälliger werdende Verlogenheit nicht doch mit einer Trübung des angeblich noch ganz klaren Geistes zusammenhängen sollte? Die Begleitmomente seines Hinsterbens erregen mir immer neues Kopfschütteln.

 

München, Sonntag, d. 18. Juli 1915

Aus einem gestern eingetroffenen Brief von Grethe: „Papa geht es unverändert. Geistig ist er klar und scharf wie je, aber körperlich entsetzlich schwach, wenn auch besser als damals im April. Julius’ Verordnungen setzt er gewöhnlich passiven Widerstand entgegen, er hat keine Lust mehr zum Leben und will es nicht verlängern lassen.“ Ich habe mich entschlossen, mit seinem nahen Tod nicht mehr zu rechnen. Bei der ungeheuren Widerstandskraft, mit der sich dieses verbrauchte Herz gegen das Sterben wehrt, – besser als damals im April! – kann es auch noch die mehrfache Zeit dauern wie von damals bis jetzt. Anthes hat mir die Adresse eines Lübecker Geldspekulanten genannt, eines gewissen Spathmann, an den ich heut schreiben will. Gelingt es mir, eine größere Summe zu bekommen, dann will ich Zenzl ohne Rücksicht auf Leben und Tod des Vaters sofort heiraten, um ihr Häßlichkeiten von Leibe zu halten, mit denen die Polizei ihr schon wieder nachstellt. Diese Saubande sucht sie mit heißem Bemühen in Englers Wohnung, um ihr Konkubinats-Strafen aufzuhängen, und in der Wohnung ihres Bruders, wo sie gemeldet ist, um ihr die Falschmeldung nachzuweisen. 4 ihrer Brüder sind schon Opfer dieses grauenhaften Krieges: einer tot, drei Krüppel,* der fünfte rückt jetzt ins Feld. Aber die Spitzel benutzen die „große Zeit“, um die Zurückgebliebenen in Dingen, die keinen Menschen berühren, derartig zu hunzen, daß das Leben überhaupt unerträglich wird. Kommen die bezahlten Schurken darauf, daß Zenzl in wilder Ehe mit mir lebt, dann wird man alles tun, um sie überhaupt zu entwurzeln und heimatlos zu machen. Deshalb will ich so rasch wie möglich unserm Zusammenleben die legale Basis schaffen, die der dreisten Schamlosigkeit der Polizei die emsig erspähte Gelegenheit nimmt, ihre schweinische Sittlichkeit zu üben.

Die Filmgesellschaft hat mir geantwortet, und möchte mit mir in Verbindung treten. Die Redaktion von „Zeit-Echo“ ersucht um weitere unverbindliche Einsendungen. Von Schickele leider kein Wort. – Jenny schreibt eine freundliche Postkarte.

Auf dem östlichen und südöstlichen Kriegsschauplatz haben nun Offensivaktionen eingesetzt, die zur Einnahme etlicher russischer Stellungen geführt haben. Mit andern Worten: Die Kampfstätten werden tiefer nach Rußland hineinverlegt, woraus alle Welt auf die bevorstehende völlige Besiegung der Russen schließt. Daß vor 103 Jahren Napoleon bis Moskau kam, und wie es ihm dort ging, – daraus Rückschlüsse zu ziehn, fällt keinem von denen bei, die allen Skeptizismus als Landesverrat beurteilen ... Franzosen und Engländer haben auf der Halbinsel Galipoli einen größeren Sieg über die Türken erzielt. Hier ist der einzige Kriegsschauplatz, auf dem endgiltige Entscheidungen möglich sind, weil es sich hier einfach um die Bezweckung eines einzigen klaren strategischen Plans handelt: die Öffnung der Dardanellen. Ist die bewirkt, dann tritt der türkische Bundesgenosse aus der Arena ab, und die Kräfteverteilung wird, besonders durch die Herstellung der ungestörten Verbindung der Alliierten, entscheidend verändert. Hier, und weder in Polen noch in Flandern, wird der Krieg entschieden!

 

* Die Nachrichten haben sich nicht bestätigt. Albert lebt, die Verwundungen aller waren verhältnismäßig leicht

 

München, Dienstag, d. 20. Juli 1915.

Die außerordentlichen Vorwärtsbewegungen der Heere Hindenburgs und Mackensens, die in den letzten Tagen dem Siegeshunger der Deutschen Nahrung geben, kann ich beim besten Willen nicht anders einschätzen wie als Frontverschiebungen, die nur die Wirkung haben, bisher noch verschonte Gegenden nun ebenfalls den Verheerungen des Kriegs auszusetzen. Was die Deutschen dabei als „Faustpfand“ in die Hände bekommen, mag ja für die Friedensverhandlungen sehr hübsch sein, aber doch einmal nur für die, die an Landkartenveränderungen bzw. Kriegsentschädigungen interessiert sind, und im Südosten handelt es sich ohnedies nur um Zurückgewinnung bereits zerstörten Geländes. Je länger der allgemeine Vernichtungszug dauert, umso unsinniger scheint mir alles, was da an Gräßlichem geschieht unter dem Vorwand, Recht zu schaffen und Macht zu zeigen.

Viel spannender als alle die Operationen auf den Schlachtfeldern ist für mich die Streikkrisis im Inneren Englands. Das tapfere britische Arbeitervolk hat – im Gegensatz zu den Proletariaten Deutschlands und Frankreichs – die Folgen der Teuerung nicht stillschweigend auf sich genommen. Es stellt sich auf den Standpunkt: fürs Kapital wird dieser Krieg geführt, wir werden die Kosten dafür nicht tragen – und verlangen energisch Lohnsteigerungen. Die Bergarbeiter haben den Anfang gemacht, und schon soll in Sud- Wales der Belagerungszustand verhängt sein. Das neu geschaffene Munitionsbeschaffungsgesetz, wonach, ähnlich wie in Österreich, jeder Arbeiter zwangsweise zur Heeresbedarfsarbeit herangezogen werden kann, ist infolge des Widerstands der Arbeiter einfach nicht praktisch zu machen, – und nun drohen die Hafenarbeiter auch noch mit dem Sympathiestreik für die Bergarbeiter, sodaß die Regierung dort in der Tat ungeheuren Schwierigkeiten gegenübersteht. Die Bagage unsrer deutschen Gazettenkulis rühmt die Haltung der englischen Arbeiter über den grünen Klee, weil sie eben in den deutschen Kram paßt. Ein Versuch, etwas Ähnliches für Deutschland auch nur in Erwägung zu ziehn, wäre aber bei demselben Gesindel Landesverrat und niederträchtigste Gemeinheit. Man wundert sich täglich von neuem, wie kritiklos die Zeitungsleser alles hinnehmen, was die Schmöcke ihnen vorsetzen. Die „Münchner Zeitung“ ist für den kritischen Leser eine wahre Fundgrube der Verlogenheit und gesinnungslosen Gesinnungsmacherei ... Ich gebe mich der leisen Hoffnung hin, daß die Haltung der englischen Arbeiterschaft der immer noch mächtigsten Regierung unter den Kriegsparteien, der britischen, den Gedanken an Frieden aufzwingen wird. Sie hätte damit die großartigste Tat geleistet, die jemals einer proletarischen Volksschicht zugefallen ist.

In der deutschen Sozialdemokratie geht die Stänkerei weiter. Der „Vorwärts“ benimmt sich recht tapfer, greift hie und da zu den Mitteln, die unter dem Sozialistengesetz üblich waren (so brachte er kürzlich ein glühendes Freiheitsgedicht, als Probe persischer Dichtkunst mit einigem Salbader über Persische Dichter herum. Aber das revolutionäre Gedicht stand da) – und spricht aus, soviel sich eben in diesem Krieg für Deutschlands „Freiheit“ aussprechen läßt. Sehr interessant war mir jüngst der Abdruck eines Briefs, aus dem hervorging, daß in Frankreich ganz ähnliche Erscheinungen in der Partei vorhanden sind wie hier. Die Führerschaft regierungsfromm, chauvinistisch und zum Teil eroberungswütig, in der Masse aber starke Opposition und heftige Unzufriedenheit mit Fraktion und Führern. Kläglich ist, daß Hervé völlig ins nationalistische Lager abgeschwenkt ist. Dagegen freute ich mich, unter denen, die vom Niederwerfen der Deutschen etc. nichts wissen wollen, den Namen Rouanet zu finden. Das ist der Deputierte, mit dem ich mich vor 2 Jahren in Jena lebhaft anfreundete, und der mir nachher in der Bahn im Speisewagen zu allgemeiner Sensation der Mitfahrenden mit dröhnender Stimme Gedichte von Victor Hugo deklamierte. (Warum – Werbung um mich f. Partei und Reichstag: Mais c’est la corruption!)

In der Angelegenheit Morstadt war ich gestern mit Zenzl draußen in Eglfing, wo ich den Arzt interpellierte, einen sympathischen Rundkopf, der wie fast alle Psychiater selbst schon einen stark angesponnenen Eindruck machte. Ich habe ein kurzes Protokoll über den Besuch meinem Morstadt-Akt angefügt. Die ganze Familien-Tragödie, in die ich da Einblick bekomme, ist unbeschreiblich. Finny, das Tierchen, an dem alles abgeleitet, im Mittelpunkt (Finny coronat opus). Väterlicher- wie mütterlicherseits x Vorfahren und Angehörige geisteskrank. Die Eltern in Trennung, weil der Vater (Krupp-Beamter) ein Konkubinat auftut. Die Mutter führt das Mädel im Vor-Backfischalter in Bohême-Kreise, sitzt mit ihr bis 3 Uhr jeden Morgen im „Simplicissimus“ etc, und um 8 Uhr muß das arme Wurm zur Schule. Mit 13 Jahren Entjungferung durch einen Einmieter – mit Wissen der Mutter. Die Mutter stellt der eignen Tochter nach (wahrscheinlich mit Erfolg), sieht zu, wenn das Mädel mit Männern im Bett liegt. Die Kleine erfährt das Mittel, mit dem Mutter von Großmutter Geld erpreßt: durch die Erinnerung an sexuale Beziehungen der Alten mit dem Schwiegersohn Morstadt. Im mütterlichen Kreise, ohne jegliche Erziehung zur Arbeit, Beschäftigung mit Astrologie, Kartenschlagen, jedwedem abergläubischen Humbug, miserabelste Lektüre. Im Verkehr mit jungen unreifen Burschen (Leyboldt etc) wüste Zotereien. Finny ist 17 Jahre alt, als Mama von einem Rechtsanwalt ein Kind kriegt (mein Mündel Clementine). Mit 19 Jahren wird sie selbst (von Leybold) schwanger, muß, um der „Schande“ zu entgehn, in der Schweiz entbinden, bekommt durch die Anstrengungen der Reise und die Verhinderung, das Kind selbst zu nähren, Gebärmuttersenkung. Die Mutter wird irrsinnig. Finnys Kleiner wird hertransportiert, und nun sitzt das Mädel, das vom Vater schikaniert wird, weil sie nicht zu ihm will – früheren Erfahrungen nach hat auch dieser Ehrenmann nicht nur väterliche Empfindungen gegen die Tochter – in München herum und macht sich verflucht wenig Gedanken um Vergangenheit und Zukunft. Ich strebe an, auch die Vormundschaft über ihren kleinen Jungen zu kriegen, um den Großvater Leyboldt sowohl wie auch den Herrn Hugo Ball zum Alimentezahlen zu zwingen. Der alte L. weigert sich zu zahlen, weil aus einem Brief Balls an Leyboldt hervorging, daß auch er mit Finny in der Konzeptionszeit zu tun hatte. Aus dem Brief ging aber auch hervor, daß Ball den Koitus nur herbeiführte, um dem Freunde Hans Leybold von der Alimentationspflicht zu helfen. Ich werde dann also zugleich Vormund sein von Frau Anna Morstadt, ihrer Tochter Clementine und ihrem Enkel Hans. Neben der Sorge für die armen schwer belasteten kleinen Kinder würde ich es aber für meine Hauptpflicht halten, der armen Finny, die ganz hilflos und ohne Ahnung, wie man das Leben angreift, nur Zenzl und mir vertraut, gegen den Vater und gegen alle, die Geld oder Gunst von ihr wollen, einen Halt zu geben.

Heimatbericht von Charlotte vom 18. Juli: „Papas Befinden ist dauernd schlecht. Er spricht nur wenig und mit Anstrengung. Die Nahrungsaufnahme ist ungenügend. Einige Stunden des Vormittags verbringt er im Lehnstuhl ... Papa geht es heute schlechter als sonst.“ Wer hätte das vor einem Vierteljahr gedacht, als ich Hals über Kopf nach Lübeck fuhr, daß er sich und uns noch monatelang quälen würde? Unser Geld ist wieder völlig zuende, – und wie ich von morgen bis anfangs August das Notwendige schaffen soll – ich hab keine Ahnung.

 

20. Juli – 1 Uhr mittags.

Telegramm aus Lübeck (aufgegeben 11 Uhr): Papa sanft entschlafen. Beerdigung Freitag. Leo.

 

Lübeck, Sonntag, d. 25. Juli 1915.

Es ist früh 7 Uhr. Ich liege im Bett und schreibe in etwas unbequemer Haltung, ziehe das aber vor, weil ich, bei Grethe wohnend, zum Schreiben tagsüber weder Gelegenheit noch Zeit finde. Ich will die wichtigen und erregenden Ereignisse dieser Tage kurz andeuten.

Der Vater starb am Dienstag (dem 20ten. Ich irrte mich den ganzen Tag in allen Briefen und Aufzeichnungen im Datum). Ich reiste abends ab, von Zenzl, die dem Weinen nah war, und Finny zur Bahn gebracht. Mittwoch blieb ich in Waidmannslust, nachdem ich in Berlin für Einkleidung gesorgt hatte. Donnerstag nachmittag mit Onkel Leopold Abreise nach Lübeck. Der hatte mir vorher Einblick in die Hauptbücher der Häuserverwaltung gegeben. Freitag fand dann mittags die Beerdigung statt. Es waren viele Verwandte gekommen, die Lübecker Beteiligung war sehr groß. Amüsiert hat mich der Kampfgenossenverein, der die Orden dem Leichenwagen vorantrug und mit großer Fahne – lauter verwitwete alte Herren von 1866 und 70 – hinterherzog. Carlebach hatte zuhause gesprochen. Auf dem Kirchhof niemand. Scheußlich war mir nach der Versenkung des Sarges die religiöse Zeremonie in der Einsegnungshalle, wo ich mir mit Hans weiß Gott die Schuhe ausziehn mußte und hin- und herlaufen.

Onkel L. erklärte mir an diesem Abend noch, welche Aenderung der Vater zu meinen Ungunsten noch am Testament getroffen hat: Pflichtteil ... Die andre Hälfte des auf mich entfallenden Erbteils wird festgelegt und Zins auf Zins geschrieben, bis ich entweder wieder Apotheker werde oder eine als Jüdin geborene (sehr vorsichtig!) jüdische Frau heirate oder 60 Jahre alt werde. Dann kriege ich das Ganze ... Am gleichen Freitag noch saßen wir Geschwister zusammen im Hause des Verstorbenen und Leo verlas die letztwilligen Aufzeichnungen. Der Vater hat über all und jedes bestimmt. Eine Vorsorglichkeit tritt zutage, die beispiellos ist. Ich muß bekennen, daß er mich in bezug auf Andenken und wertvolle Bedenkung ebenso reichlich wie meine Geschwister bedacht hat. Ja, die kostbarsten Dinge fallen eigentlich mir zu, besonders seine prachtvolle goldene Uhr mit Kette und Kugel, die er bis zuletzt getragen und benutzt hat.

Eine große enttäuschende Überraschung gab es aber bei der Feststellung des Besitzstandes. Dabei kam heraus, daß der Multimillionär im ganzen ein Vermögen von ganzen 235000 Mk hinterlassen hat. Hinzu kommt der Betrag von 90.000 Mk, der von den Mitgiften der Schwestern noch zu verrechnen ist. Es gehn ab 12000 Mk an Erbschaftssteuern. So bleibt für mich die Gesamtbarschaft (für die nächsten 23 Jahre) von 35–40000 Mk. 15.000 Mk Schulden und eine bescheidene Wohnungseinrichtung (für die ich freilich wesentliche Gegenstände dem Hausstande des Vaters entnehmen kann) sollen bezahlt werden. Ich werde also ein Vermögen von höchstens 20.000 Mk besitzen, von dem leider noch nicht mal das Nötigste für die Berner Schuld flüssig ist. In welcher Weise ich zunächst mal Luft kriegen werde ist ganz unklar, und vorerst muß ich den Leuten beibringen, daß ich nicht von den Zinsen zu leben gedenke, sondern vom Kapital, mit dem ich mich 5 Jahre einzurichten denke. Da bis dahin die durch den Krieg zurzeit ganz entwerteten Berliner Häuser wieder normale Zinsen abwerfen werden, und, wie ich hoffe, die Arbeit in diesen Jahren mich dauernd aus Not befreien wird, wird es mit Zenzls Hilfe schon weitergehn, falls nicht die Geldentwertung alles wegholt.

Das ist doch ein recht schmerzliches Erlebnis: am Ziel meiner sehnlichsten Erwartung stehe ich am Anfang neuer schwerer Sorgen und Ängste. Aber mein Trost ist: von jetzt ab gibt es kein Hoffen mehr auf Tod und Erbschaft, sondern auf Leben und Arbeit!

 

Lübeck, Dienstag, d. 27. Juli 1915.

Im Café Hansa in der Breitenstrasse, da ich woanders kaum Gelegenheit habe, ungestört meine eignen Dinge zu betreiben. Noch ist nicht alles so geklärt in mir, daß ich imstande wäre, Erlebnisse und Stimmungen der letzten Tage festzustellen und zu überdenken. Nicht einmal meine Gefühle für den verstorbenen Vater vermag ich heute zu kontrolieren. Sicher ist nur, daß mich die große Enttäuschung, die mir die Feststellung seines Vermögens verursacht hat, gegen ihn versöhnlich gestimmt hat. Ich glaube, daß ich ihm manches abzubitten habe, da ich einsehe, daß er ein solches Maß von Unterstützung, wie ich es alle Jahre hindurch von ihm meinte beanspruchen zu dürfen, bei Wahrung seiner Absicht, seinen Kindern die nötigen Sicherheiten fürs Leben bei seinem Tode zu hinterlassen, angesichts seiner Besitzverhältnisse garnicht leisten konnte. Dazu kommt der warme herzliche Ton in seinen Verfügungen und Aufzeichnungen, wobei er durchaus niemals Unterschiede macht und gegen mich nicht ein einziges Wort des Vorwurfs ausspricht. Und in den Vermächtnissen an Gegenständen werde ich fast reichlicher bedacht als die Geschwister, und Dinge, die ihm besonders lieb gewesen sind, wie seine Uhr, die Ölbilder der Eltern etc. ausdrücklich für mich bestimmt. Gleichwohl weiß ich, wie unendlich glücklicher er unser Verhältnis hätte gestalten können, wenn er von dem Verzicht auf meinen Häuseranteil keinen Gebrauch gemacht hätte. Ewig bitter wird es mir ferner sein, daß er mich vor einem Vierteljahr nicht empfangen wollte, – und schließlich, daß er noch 4 Wochen vor seinem Ende die Testamentsänderung zu meinem Nachteil vornahm, bei der zwar seine Absicht, mir nichts zu entziehn, zutage tritt, mit der er mir aber tatsächlich das Aufatmen aus dem Druck aller Sorgen und Schwierigkeiten wieder furchtbar erschwert. So schwankt mein Empfinden zwischen Ehrfurcht vor dem Andenken an den harten, strengen, verschlossenen und doch sehr gütigen alten Mann, der mein Vater war, und Verbitterung und Vorwurf, weil er die Brücken zwischen seinen Grundsätzen und meinen Notwendigkeiten im Leben und im Sterben nicht zu schlagen wußte. Als ich aber schon mit zwei Kränzen nach Moisling fuhr und sie auf seinem frischen Grabe als ersten Schmuck niederlegte, da freute ich mich, in ehrlichem Herzen zu wissen, daß von nun an und für mein Leben Friede zwischen mir und ihm sein wird. Ich verließ wahrhaft erschüttert das Grab der Eltern.

Die nächste Zeit wird leider noch recht voll Sorgen sein. Ob es gelingen wird, mir ein paar hundert Mark in barem Geld mitzugeben, wenn ich wieder nach München gehe, weiß ich noch garnicht, und ganz schrecklich ist mir der Gedanke, weiterhin jeden notwendigen Groschen erbitten und mir meine verschwenderischen Ausgaben nachrechnen lassen zu müssen. Inzwischen bereitet der Rechtsanwalt Albert Goldschmidt alles vor, was zu meiner Verheiratung mit Zenzl nötig ist. Die gute Frau lebt in aufgeregter Vorfreude, und auch ich will alles tun, um die Angelegenheit zu beschleunigen. Meine Geschwister wissen noch nichts von der Absicht. Sie sollen auch, bevor die Tatsache nicht perfekt ist, nichts erfahren. Über meinen Plan, aus dem Judentum auszutreten, sprach ich mit Leo. Er bat mich sehr, davon abzustehn, und ich versprach schließlich, noch ein Jahr zu warten. Vielleicht ist’s auch besser so, solange die Häuser-Erbgemeinschaft besteht. Sollten wir Kinder bekommen, so müßte ich sie zu Juden machen, [will] [um] sie von den Erträgnissen des großväterlichen Erbes nicht auszuschließen.

Einige Angst habe ich vor Zenzls gütiger Fürsorge für ihren bisherigen Gatten. Ich fürchte sehr, daß wir den Mann noch lange mit durchschleppen müssen, und das würde ein frühzeitiges Ende des geringen Kapitals bedeuten, das ich jetzt erhalten soll und mich, wovor ich noch viel mehr zittere, in neue Schulden stürzen. Ihr diese Bedenken aber zu äußern, wage ich kaum. Sie würde mich für hart und philiströs halten, und einen Konflikt mit der guten lieben Frau wegen Geldsachen möchte ich wirklich nicht haben. Sie schreibt mir rührende Briefe, sehr unorthografisch, aber sehr lieb und besorgt. Ich weiß, daß ich recht tue, mich ihr dauernd zu verbinden. Es wird uns beiden damit recht gedient sein.

Über den Krieg ein paar Notizen, um den Faden nicht zu verlieren. Das Wichtigste vorweg: das ist die Antwortnote Wilsons auf die letzte deutsche „Lusitania“-Note. Sie zeichnet sich durch große Entschlossenheit aus, verzichtet auf alle deutschen Vermittlungsangebote und verlangt klipp und klar Innehaltung der Forderungen des Völker- und Menschenrechts. Natürlich toben unsre patriotischen Philister (in Lübeck laufen nur Halbes herum) und es sieht ganz danach aus, als ob man lieber auch noch die Vereinigten Staaten zum Kriege treiben als auf das irrsinnige Verbrechen der U-Bootmorde verzichten wolle.

In Kurland, Polen und Galizien große Erfolge der Deutschen und Österreicher. Die Hindenburg-Armee hat die Narew-Front durchbrochen, den Narew fast überall überschritten, und Warschau wird von mehreren Seiten aus bedroht. Iwangorod ist schon eingeschlossen. Doch halten sich die Russen seit vielen Wochen noch vor Lublin und zwischen Wjepr[Wieprz] und Bug. Das aber scheint, um mit Halbe zu reden der „Schlüssel des Schlachtfelds“ zu sein ... Im Westen, zur See, im Kaukasus und auf Galipoli keine Veränderungen. Die Haltung der Balkanstaaten nach wie vor undurchsichtig. Friedensaussichten: leider keine, – und an der Tiroler, Kärntner und sonstigen italienischen Grenze ist nicht recht erkennbar, was geschieht. Die Italiener scheinen ganz langsam überall Terrain zu gewinnen. Ob sie aber Görz erreichen und damit den Weg nach Triest freibekommen werden, steht ganz dahin. Der Krieg zwischen Italien einerseits und Deutschland und der Türkei andrerseits ist immer noch nicht erklärt. Ob er indes im Gange ist, weiß kein Mensch genau. Am 23. Juli war es 1 Jahr her, daß Österreich an Serbien das verhängnisvolle Ultimatum stellte, das der Auftakt zu allem Unglück war. Was für ein entsetzliches Jahr liegt hinter uns!

Eine Lübecker Affaire sei noch vermerkt, die ich eigentlich schon vor 3 Monaten notieren wollte. Sie betrifft den Senator Possehl. Dieser ehrengeachtete reichste Steuerzahler der Stadt und populäre großzügige Vaterstadtförderer, der der Stadt den Platz des Stadttheaters gestiftet hat und das Volkshaus am Holstentor auf seine Kosten errichten lassen wollte, ist in eine höchst skandalöse Landesverratsaffaire verwickelt. Im Frühling munkelte man nur so allerlei, er habe Transitaktionen von Eisen nach Japan über Schweden geleitet. Jetzt hat sich die Sache soweit verdichtet, daß er hinter Schloß und Riegel sitzt. Ob es wohl viele Patrioten gibt unter denen, die über Possehl in ehrlichster Empörung entrüstet sind, die die Gelegenheit zu einem Millionengeschäft aus nationaler Charakterfestigkeit ausgelassen hätten? Wer diese Frage öffentlich stellte, würde gelyncht werden. Aber private Ansichten über dieses und jenes sind selbst in Deutschland noch nicht verboten.

 

Lübeck, Mittwoch, d. 28. Juli 1915.

Zenzls Geburtstag. Und ich muß fern sein und mich herumdrücken, bis ich irgendwo ungestört ein paar Zeilen in dies Heft eintragen kann. Momentan ist alles ausgegangen und ich sitze bei Joëls im Eßzimmer, jeden Augenblick gewärtig, daß Schwester, Schwager oder einer der Jungs nach Hause kommt und mich aufstört ... Recht sehr ist es mir heute gegenwärtig, wie gut ich der tapferen lieben Frau verbunden bin. Grade jetzt und hier, wo mir die Kinder-Heimat so ganz tief ins Gedächtnis steigt, wo nun der Haushalt aufgelöst werden soll, der mein Großwerden umgab, grade jetzt sehne ich mich nach neuem Halt, neuer liebevoller Pflege und Teilnahme, und das alles wird Zenzl mir gewähren, – das weiß ich ganz gewiß.

Jetzt ist Theo nach Hause gekommen. Ernst und Walter werden gleich ebenfalls da sein. So muß ich aufhören und mich auf morgen vertrösten.

 

Lübeck, Donnerstag, d. 29. Juli 1915.

Grethe ist mit ihren 3 Söhnen nach Niendorf gefahren, Julius noch nicht von der Praxis zurück. Vielleicht gelingt es also heute, hier ein paar Bemerkungen anzubringen.

Meine Biographie verlangt zunächst wieder eine bittere Feststellung. Wie mir gestern Leo mitteilte, ist eine erst in den allerletzten Tagen seines Lebens getroffene Bestimmung meines Vaters zu berücksichtigen, nach der ich alle Silber- und Wertsachen, die ich erbe, und die er doch mit gleich liebevoller Besorgtheit für mich bestimmt hat wie die Vermächtnisse für die Geschwister, ebenfalls erst erhalten soll, wenn die Bedingungen erfüllt sind, die er gestellt hat, um mir den Besitz der zurückzulegenden Vermögenshälfte zugänglich zu machen. Ob ich die Uhr, die ich seit fast einer Woche trage, auch wieder abliefern muß, weiß ich noch nicht. Das Eßsilber aber, die Brillanten und die vielen Wertsachen, über die ich mich freute, werden für 23 Jahre ins Tresor gelegt. Zenzl wird nichts davon haben. – Mich verstimmt diese Wendung der Dinge außerordentlich. Garnichts war in den letzten Jahren geschehn, was diese Kundgebungen der Erbitterung beim Vater hätte rechtfertigen können. Wofür er mich büßen läßt, ist groteskerweise folgendes: 1) Mein Verlöbnis mit Jenny, das nach seinem Herzen war, und das weiß Gott ohne meine Absicht nicht zur Ehe führte. 2). Meine Bitte an den Vater, mir das Apothekergehilfenzeugnis zu schicken, die ihn fälschlicherweise in die Überzeugung versetzte, ich werde nach 15jähriger Verirrung den rechten Weg wiederfinden, 3) der Krieg, den ich nicht erstrebt habe, und den ich weniger als irgendwer andres billige, der mir aber die törichte Idee eingab, ich könne vorübergehend als Apothekengehilfe mir und meinen Mitmenschen nützlicher sein denn als Schriftsteller. – Wie teuer ich diese Dinge bezahlen muß, wird mir erst jetzt klar nach einem Gespräch, das ich gestern mit Leo führte, und das nun heut abend mit ihm und Julius fortgesetzt werden soll. Dabei wurde mir die angenehme Überraschung, daß ich mindestens für die nächsten 3–4 Monate auf nicht mehr als höchstens 200 Mark monatlich werden rechnen können. Mit andern Worten: die ganze Misere geht von neuem los, mit dem Unterschiede nur, daß ich nicht mehr auf eine bevorstehende Erbschaft hin werde pumpen können. Reizend! Ein böser Kampf steht mir aber anscheinend noch bevor. Meine Geschwister scheinen – natürlich optima fide – die Absicht zu haben, mich mit ganz sanfter Gewalt und unmerklich unter ihr Kuratel zu bringen, damit ich nicht etwa in wenigen Jahren das ganze Geld aufzehre. Dies aber ist grade meine Absicht, weil ich das ewige Herumrennen nach dem Lappen Geld, wenn einmal die Schuhsohlen zu flicken sind, übersatt habe, mir aber von 5–6 Jahren intensiver, durch keine Lebensnot gestörter Arbeit in eigner Wohnung und unter Zenzls Obhut diejenige Sicherung meines äußeren Lebens für seine ganze fernere Dauer fest verspreche, die mich für alle Zukunft von jeder Abhängigkeit von Erbschaften oder sonstigen Wohltaten befreien soll ... Julius’ Stimme. Ich muß abbrechen.

 

Lübeck, Freitag, d. 30. Juli 1915

Im Café Hodermann. Also ohne Sorge vor Unterbrechungen. Doch will ich mich ganz kurz fassen, weil ich gleich in die öffentliche Lesehalle in der Mengstrasse will, wo ich zwar keine ausländischen Blätter finde, wohl aber den „Vorwärts“ und genügend große auswärtige Blätter, um nicht, wie bei meinen Schwestern auf die Lektüre des „Lübecker Generalanzeigers“ angewiesen zu sein, der den Charakter der „Münchner Zeitung“ in noch kläglicherer Art trägt, und obendrein nicht einmal das wichtigste Tatsachenmaterial bringt.

Die letzten Tage waren von banger Sorge erfüllt, da die arme Zenzl mir flehentliche Briefe schrieb, sie bekäme keine Nachrichten von mir. Die verfluchte militärische Überwachungsstelle hat also alle meine Mitteilungen an „Frau Z. Mühsam“ zurückgehalten, und erst heute bekam ich die erste Bestätigung vom Eingang meiner ersten – am 23. Juli abgesandten – Korrespondenzen. Die Kenntnis vom Fiasko der Erbschaft wird das liebe Mädel vielleicht grade an ihrem Geburtstag erhalten haben, zu dem ich ihr Pralinées und einen schmalen goldenen Ring sandte ... Gestern wurde mir ein Paket ausgehändigt, enthaltend einiges ganz altes Silber aus dem Besitz der Berliner Großeltern, also wohl um 70 Jahre alt, das Papa mit wenigstens 20 Aufschriften „gehört Erich“ versehn hatte. Am schönsten dabei ist ein schwerer silberner Kasten, dem ich meine gefüllten lyrischen Notizbücher anvertrauen will ... Die gestern abend stattgehabte Konferenz, mit Leo, Julius und Charlotte ergab nichts Neues. Man möchte mich veranlassen, die Zinsen der 20.000 Mark mit dem, was aus Berlin hinzukommt, zur Grundlage meiner Existenz zu machen. Ich werde darüber mit Onkel Leopold und vor allem mit Zenzl reden müssen, vorher aber mit Minna (sie ist mit Grethe und deren Kindern in Niendorf-Ostsee und ich will Sonntag hinfahren). Bei meiner Schwägerin finde ich von allen meinen Geschwistern am meisten Verständnis. Sonst interessiert mich hier am meisten Tante Rosel, Papas letzte überlebende Schwester, die schroffste Person, die ich im Leben kennen gelernt habe, aber herzensgut, klug und ehrlich.

Gestern abend war ich bei Alex Adler und seiner hübschen sympathischen rothaarigen Gattin Erna geb. Hecker eingeladen. A. zeigte mir Wolzogens Kriegsbuch. Er erinnert an ein Gespräch in der Torggelstube unmittelbar vor Ausbruch des Kriegs (also wohl heute vor einem Jahr) mit Halbe, Rößler, Pallenberg und mir (auch Martersteig war dabei). Ich hätte damals gemeint, eine Bombe unter den Sitz des Zaren* könne Europa noch vor dem Kriege retten, worauf Halbe mich angefahren habe: „Herr! Sie drücken das Niveau!“ Seine allmähliche Verschmockung, an der leider seit Jahren nicht mehr zu zweifeln ist, beweist Wolzogen hierbei damit, daß er mich „einen bekannten lyrischen Edelanarchisten“ nennt. Für meine damalige Beurteilung der Weltlage ist mir die Erinnerung an die Episode immerhin wertvoll.

Soweit es mir möglich war, in der Verwirrung dieser letzten Woche die Kriegslage zu verfolgen, konstatierte ich keine wesentlichen Veränderungen. Auch vom Osten lauten die letzten amtlichen Berichte seit dem Narewdurchbruch und der Erstürmung zweier kleiner russischen Festungen dürftiger. Doch dürften die größten Dinge dort noch im Werden sein. Könnte man dabei nur auf ein wenigstens von Ferne sichtbares Ende hoffen! Aber es wird nur wieder eine unerhörte gegenseitige Mörderei geben und eine weitere Frontverschiebung, selbst wenn Warschau und Iwangorod fallen sollten.

Die Siege der Österreicher an der italienischen Grenze, wo sie den ungeheuren Ansturm der Feinde gegen die Isonzolinie zurückgeschlagen haben wollen, kann ich bei der Unsäglichkeit der Lübecker Presse ebenso wie die Heldentaten der Türken nur aus ihren eignen Berichten, also garnicht, bewerten. Amerika scheint man allmählich ganz zu den Feinden Deutschlands treiben zu wollen. Es heißt, die letzte Note Wilsons werde nicht beantwortet werden, der Unterseebootkrieg aber keine Aenderung erleiden. Zugleich melden die Zeitungen, daß wieder ein englischer Dampfer mit Munition und Amerikanern beladen, unterwegs sei. Diese Mitteilung kann nur als Ankündigung einer neuen Heldentat in der Art des „Lusitania“-Meuchelmords gedeutet werden. Und dann haben wir außer der letzten Vollendung unsrer Verächtlichkeit vor der Welt auch noch den Krieg mit den Vereinigten Staaten.

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung veröffentlicht wieder mal in Belgien aufgefundene Staatsdokumente. Briefe der belgischen Gesandten in Berlin, Paris und London an ihre Regierung vom Jahre 1904 an. Darin soll bewiesen werden, wie diese „gewiß unparteiischen“ Diplomaten die Einkreisungspolitik Eduards VII rechtzeitig erkannt haben, und daß also Deutschland der harmlose ruchlos überfallene Wanderer war. Daß durch die gleichen Dokumente bewiesen wird, daß Belgien nicht im Bunde der Einkreiser war, wird in den Nutzanwendungen natürlich nicht erwähnt. Zudem bleiben ja auch alle Briefe und Schriftstücke, die sonst noch gefunden sein mögen und vielleicht den deutschen Herren Unerwünschtes belegen könnten, vorsichtig unveröffentlicht. Das ganze deutsche Publikum aber wird überglücklich sein, von neuem bestärkt zu sein in der Gewißheit, daß es im Lande Zaberns und Bernhardis nie und nimmer eine Kriegspartei gab, und daß aller Edelmut, alle Unschuld und alles Gottvertrauen der Welt von jeher und für immer von der Maaß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt konzentriert ist. Ob es unsereinem je gelingen wird, in die Syrupwand der deutschen Lügen ein Lichtloch zu stoßen?

 

* Ich habe meines Erinnerns damals gesagt: „oder auch mehr in unsrer Nähe

 

Lübeck, Sonnabend, d. 31. Juli 1915.

Am Dienstag nachmittag will ich, zunächst nach Berlin-Waidmannslust, abreisen. Soviel hier noch zu tun sein mag: Hinterlassenschafts-Aufnahme, Auseinandersetzungen etc: – ich komme mir hier überflüssig vor. Ich bin zu allem abhängig von der äußerst spärlichen Zeit meiner Schwäger, und da Leo noch dazu für 3 Tage verreist ist, drücke ich mich verloren herum und kämpfe mit rebellierenden Nerven. Ein Trost ist die unermeßliche Schönheit Lübecks. Jeder Schritt durch die Stadt ist Wohltat, und ein eignes – und trotz alles Spotts, der mich gegen die Verspießung der Einwohner erfüllt, – ein sogar stolzes Gefühl kindlicher Zugehörigkeit beglückt mich.

Von Zenzl kommen reizende Briefe. Sie tröstet mich über das Fiasko der Erbschaft und freut sich auf die Heirat. Die muß in der Tat beschleunigt werden, wie es nur gehn mag. Die Polizei hat das arme Weib wahrhaftig schon in meiner Wohnung besucht. Sie meint zwar, durch die Versicherung, daß wir demnächst Hochzeit machen wollen, Konkubinatsschikanen los zu sein, aber ich fürchte doch, daß die treffliche Behörde, die vom Hunzen friedlicher Menschen lebt, sich den Braten Mühsam schmecken lassen wird. Kenntnis von unsrer wilden Ehe hat sie durch Zenzls Schwägerin, bei der Z. polizeilich gemeldet ist, Frau Thekla Elfinger, einer sympathischen liebenswürdigen Arbeiterin. Von dem Kommissar eingeschüchtert wird die Person ihren proletarischen verängstigten Charakter doch nicht haben verleugnen können und die befreundete Verwandte, die ihr noch jeden möglichen Gefallen getan hat, preisgegeben haben. Ich freue mich sehr, daß Anthes sich Zenzls gut annimmt. Er und seine Frau haben sie mehrfach eingeladen. Ich will ihn bitten, unsern Trauzeugen zu machen.

Vorgestern sagte mir Leo, daß zu meiner Erbschaft eine Reihe kupferner Kessel aus dem Haushalt der Großeltern gehören, die er, da der Kupferpreis jetzt sehr hoch stehe, für mich verkaufen wolle. Ziemlich gedankenlos sagte ich ja. Inzwischen fiel mir ein, daß das Kupfer ja zur Herstellung von Kriegsmunition gebraucht werde, und gestern verbot ich deshalb Leo kategorisch den Verkauf, da ich mich nicht an Metall bereichern wolle, von dem Menschen getötet werden sollen ... Heute lese ich nun eine amtliche Verfügung, worin die Beschlagnahme und die Expropriation aller Kupferbestände angeordnet wird. Ich werde nun also gezwungen, an der Heeresversorgung mit Schießbedarf teilzunehmen, und unter diesen Umständen ist es klar, daß ich den patriotischen Leo nicht bewegen werde, dem deutschen Reich möglichst viel Metall vorzuenthalten, und daß er auf den Verkauf bestehen wird.

Auf dem galizisch-polnischen Kriegsschauplatz ist die deutsch-österreichische Offensive wieder aufgenommen. Die russische Front zwischen Bug und Weichsel ist dadurch ins Wanken geraten, und ein letztes Telegramm von gestern abend meldet die Besetzung Lublins durch österreichische Kavallerie. Wie es scheint hat damit der konzentrische Angriff auf Warschau einen starken Schritt vorwärts getan. Vielleicht möchte man aus dem Jahrestag des Kriegsbeginns einen sieggekrönten Jubeltag machen, um im Volke das Bewußtsein der Endlosigkeit des Schreckens und der Not mit dem Öl gestärkten Gottvertrauens zu übergießen.

Die Türken haben am Euphrat Prügel bekommen. Sonst nichts Neues von Belang.

Julius erhielt eine Nummer des „Matin“ zugesandt, die ich heute las. Darin findet sich der Abdruck der Proklamation, die bei Kriegsausbruch im Namen des Kaisers in Luxemburg überreicht wurde. Allerdings ein gottloses Machwerk von Lüge und Heuchelei, die aus der Vergewaltigung des Landes einen gerechten Akt und einen freundlichen Schutz gegen angebliche französische Gewaltspläne gegen Luxemburg zu machen suchte. Besonders weist der „Matin“ darauf hin, daß das Dokument, das am 31. Juli schon überreicht wurde, in Coblenz gedruckt sei. Das war anfänglich das Hauptquartier des Kaisers, und es erweist sich jetzt, daß längst ehe uns Frankreich ruchlos überfiel, von dort aus schon Kriegsmaßnahmen gegen Frankreich dirigiert wurden. Es fehlt auch nicht die Erinnerung an die fadenscheinigen Vorwände zum Kriege gegen Frankreich. Damals sollten französische Flieger bei Nürnberg Bomben abgeworfen haben, was am 4. August sogar der Reichskanzler im Reichstage behauptete. Heute weiß jeder, daß ein solcher Raid garnicht möglich ist, da im ganzen Kriegsjahr Fliegertouren von annähernd der Länge, wie sie die Entfernung zwischen der französischen Grenze und Nürnberg darstellt, nicht unternommen wurden. Vorläufig herrscht ja noch allenthalben eine Kritiklosigkeit, die so sonnenklare Lügen wie diese Bethmannsche als zweifelsfreie Wahrheiten nimmt. Romain Rolland veröffentlicht denn jetzt auch eine Erklärung, daß er angesichts des kritiklosen Eigensinns der Menschen die Nutzlosigkeit seines Beginnens, Vernunft und Menschlichkeit zwischen den Völkern zu predigen, einsehe und sich nunmehr zum Asyl seiner Kunst flüchten wolle. Was mich anlangt, so suche ich aus dem Asyl meiner Kunst die Pforte ins Freie, in die Arena, in den Kampf. Die Verbohrtheit der Menschen sollte mich nicht schrecken, wenn ich, wie Rolland, keinen Maulkorb trüge. Bald aber muß trotz Maulkorb geredet, geschrien werden!

 

Lübeck, Montag, d. 2. August 1915.

Wartesaal II Kl. des neuen Bahnhofs. Ich habe Minna, ihre Mutter und jüngsten Bruder David zur Bahn gebracht, die nach Niendorf gefahren sind. Vorher hatte ich mit Minna einen Spaziergang gemacht, über die Mühlentoranlagen, Wall, am Dom vorbei, Obertrave – Einblick in verschiedene alte Gänge, und schließlich über die Anlagen der alten Bahnlinien zurück hierher. Wir berauschten uns beide an der Schönheit Lübecks. Minna wollte mich überreden, einen Roman zu schreiben in der Art der Buddenbrooks, mit der Familie Mühsam im Mittelpunkt. Die Eigenart unsrer Leute verlockt ja sehr dazu, – aber es gehört Ruhe dazu, gefestigte Sicherheit, materielle Unabhängigkeit, ein eignes Heim. Vielleicht erreiche ich das alles bald. Ich überlege, ob ich nicht das mir aus der Erbschaft nach Schuldenzahlung und Anschaffungen verbleibende Vermögen – also etwa 20.000 Mark – für die 23 Jahre, bis ich den andern Erbteil, der sich inzwischen verdoppelt haben wird, bekomme, auf Leibrente anlegen kann. Sollte mir jemand 15 % geben, das wären 3000 Mark jährlich, zu denen noch die Berliner Häusereinkünfte kämen, täte ich’s gleich und wäre so gesichert, daß ich alle Schwung und Energie verwenden könnte, um die Vollendung des 60ten Jahres zu erreichen, und also Zenzl, und hoffentlich ihren Kindern, das immerhin erhebliche Vermögen von 70–80000 Mark vererben zu können. Nur fürchte ich, wird bei der Schwierigkeit, die schlecht verzinslichen Papiere ohne große Verluste in bares Geld umzusetzen, die Einrichtung der gedachten Sicherungen sehr kompliziert und vielleicht unmöglich sein. Auch sinkt der Geldwert jetzt sehr.

Gestern war ich den ganzen Tag in Niendorf (Ostsee), und der Anblick des Meeres, die köstliche Luft, ein prachtvolles Schwimmbad, alles das tat meinen Nerven unbändig wohl. Freilich soll man wohl derartige Ausflüge allein unternehmen (wie ich es vor 2 Jahren tat, als ich mich eines Morgens zu Fuß nach Travemünde aufmachte). Gestern waren nun viele Leute da. Charlotte und Leo, Grethe mit ihren 3 famosen Jungens waren schon draußen, ich fuhr mit Julius und Tante Rosel hinaus. Abends kam dann noch der Rabbiner, dessen Sohn Emanuel aus Cöln, der zu Besuch da ist, dessen Frau Minna, Julius’ Schwester, Alex Adler und Frau, Simson Carlebach mit Frau, Hartwig Carlebach und Frau Sarah Stern, geb. Carlebach. Gespräche mit den 3 Rabbinern, dem alten Carlebach und seinen Söhnen Hartwig und Emanuel über den Krieg. Der Alte ist am verständigsten. Er sieht das Unheil völlig ein, glaubt aber an die ganze Schuld Englands. Emanuel, der der Klügste in der Familie ist, vertritt seltsamerweise Wort für Wort den deutschen Regierungsstandpunkt, während Hartwig über alle Diskussionen die Thora auftut. Am Timmendorfer Strand, wohin uns ein Spaziergang führte, Begegnung mit dem sozialdemokratischen Lübecker Arzt Dr. Schlomer, mit dem ich sogleich in Disput geriet. Er ist völlig parteivorstandstreu, und nie empfand ich deutlicher, wie sehr das mit regierungstreu synonym ist. „Ich wünsche Ihnen keinen Erfolg“, sagte er beim Abschied, und ich: „Danke, ebensowenig!“

Auf jenem Weg nach Timmendorf interpellierten mich Grethe und Julius wegen meiner Heiratsabsichten, die sie richtig gewittert hatten. Ich gab vorsichtig Bescheid, verschwieg, daß alle Vorbereitungen schon im Gange sind, ließ aber deutlich erkennen, daß mein Entschluß gefaßt sein. Ich freute mich, bei aller Furcht, die aus den Fragen der Schwester sprach, doch toleranter Auffassung zu begegnen.

Die Blätter sind voll von schönrednerischen Resumées über das nun abgeschlossene erste Jahr Krieg. Der Kaiser hat ein vorsichtig gehaltenes Manifest losgelassen, das sich ziemlich in allgemeinen Redensarten bewegt. Hieß es aber vor einem Jahr: „Wir führen keinen Eroberungskrieg“, so ist man jetzt doch entschlossen, die nötigen „militärischen, politischen und wirtschaftlichen Sicherheiten“ für Deutschland zu erkämpfen. Darüber, daß weiter „durchgehalten“ werden müsse, ist – abgesehn von den roten Frondeuren – nur eine Stimme von rechts bis links, und das Ergebnis des ersten Mordjahres ist – wie es scheint in allen beteiligten Ländern – die tröstliche Devise: vivat sequens!

 

Waidmannslust, Mittwoch, d. 4. August 1915.

Der 4. August! Ein schauderhafter Gedenktag – an den Überfall auf Belgien, an die „historische“ Reichstagssitzung mit sozialdemokratischer Teilnahme am militaristisch-dynastischen Begeisterungsüberschwang, an den Kriegsbeginn mit England – und an meine eigne Charakterentgleisung in jenem Nachsatz, der mir seit damals soviel Kummer gemacht hat, und nur den Trost habe ich, daß ich niemals jubeln konnte über das Unglück der Welt, und daß ich meine falsche Einstellung zu den Vorgängen doch wieder einrenken konnte. Auch habe ich mit mir ernst gekämpft in diesem Jahre und mich nicht nach Paragraph soundso laut vorweg deklamierter Gesinnung mit rascher Einschachtelung der furchtbaren Geschehnisse ins Fach x der revolutionären Weltanschauung abgefunden, wie etwa Herr Pfempfert. Noch heute kann ich im Gegensatz zu manchem Freunde nicht finden, daß alles schlecht sei, was von deutscher, alles gut was von „feindlicher“ [Seite] geschieht. Der Krieg ist schlecht an sich, widerlich sind mir die Drahtzieher des Kriegs in allen Ländern, wenn auch der Verlauf des Ganzen und besonders die Einsicht in alle Lüge auf deutscher Seite, auf die ich ja selbst auch etwas hineingefallen war, – vor einem Jahr hat noch niemand die Technik der Lügerei durchschaut! – nach und nach meine stärksten Antipathien gegen die Tirpitze im eignen Land gelenkt hat.

Schauderhaft ist, daß immer noch in allen Ländern das „Durchhalten“ bis zur Vernichtung der Feinde einzige Weisheit ist. Die großen Siege in Rußland, die Einnahme von Lublin, Cholm, Milau, die Einschließung Iwangorods und Bedrohung Warschaus haben, wie die Dumasitzung der letzten Tage beweist, auch dort den Willen zum Weiterkämpfen keineswegs gebrochen. Ehe nicht die Dardanellen genommen und damit die Hoffnungen der Zentralmächte endgiltig gebrochen sind, wird leider wohl an kein Ende des Schreckens gedacht werden können.

Gestern abend bin ich in Waidmannslust angekommen, seelenfroh, Lübeck hinter mir zu haben. Bis über den Sonntag werde ich wohl bleiben müssen, da dann Leo kommen will und ich bei seiner Konferenz mit Onkel Leopold zugegen sein soll. Aber wie sehr ich mich nach Hause und nach Zenzl sehne, das wird mir von einer Stunde zu andern, da ich sie missen muß, deutlicher. Zu morgen mittag habe ich mich bei Lannatsch Schickele zum Essen angesagt.

 

Waidmannslust, Donnerstag, d. 5. August 1915.

Abends 11 Uhr, – eben aus Berlin zurück, nachdem ich Mittags bei Schickeles gegessen, dann am Spätnachmittag mit Hardy zu Fuß bis zum Nürnberger Platz gegangen und bei Hans zum Abendbrot war. Onkel, Tante und Artur sind zu einer Geburtstagsfeier in Berlin und kommen erst um Mitternacht zurück ... Leider fand ich bei meiner Rückkehr keine Nachricht von Zenzl vor, die ich sehnlich erwarte. 3 Ansichtskarten von einem Ausflug, die Sonntag eintrafen, waren das letzte Lebenszeichen von ihr, nachdem sie vorher täglich geschrieben hatte. Sollte ich morgen früh noch immer nichts, vielleicht von Lübeck nachgesandt, erhalten, telegrafiere ich. Die Unruhe ist scheußlich.

In Berlin hängen die Fahnen. Warschau und Iwangorod sind genommen. Großer Siegesjubel, obwohl die schnelle Einnahme Beweis dafür ist, daß die Festungen kampflos geräumt sind, die Russen demnach zur Bildung einer neuen Front abmarschieren konnten.

Hardekopf erzählte höchst Interessantes von seiner Schweizer Reise, besonders von der wahrhaft unglaublichen Spitzelei durch deutsche Agenten, von Gesprächen mit gescheiten Franzosen, die keine Hoffnung ließen, daß je wieder Deutsche in der Welt zu Achtung kommen werden (die Esel sind überall die gleichen). An der Grenze in Lindau Paß- und Leibesvisitationen in unglaublichen Formen. In der Schweiz selbst freie Luft und Bewegung.

Mit Schickele und der lieben Lannatsch gute Gespräche. Sch. gab mir das konfiszierte geheime Rundschreiben der oppositionellen Sozialdemokraten zu lesen. Sehr feste Sprache. Mit welchen Mitteln unsre Regierung jetzt schon gegen alle widerspenstigen Elemente ankämpft, beweist neuerdings wieder die Verhaftung der Frau Clara Zetkin wegen Verbreitung des Rundschreibens der Berner Frauenkonferenz.

Einige Aeußerungen Schickeles: Deutschland sei das einzige Land, wo die Regierung gegen den Willen des ganzen Volks und des Heeres es wagen kann, den Krieg fortzusetzen. Und: Die Regierung zieht den Krieg in die Länge, weil sie sich vor dem Frieden fürchtet, wenn alles an den Tag kommen wird ... Seine Hoffnung auf Eingreifen der Balkanmächte und baldige Öffnung der Dardanellen scheint er ziemlich aufgegeben [zu] haben. Er sieht noch jahrelange Dauer voraus. Dabei lebt er selbst in ständiger banger Erwartung der Einberufung.

Bei Hans völlig veränderte Tonart. Annexionswütig: Polen muß deutsch werden, damit die Juden dort zu Menschenrechten kommen. Der Krieg ist eine biologische Notwendigkeit, also gut. Dabei erzählt er scheußliche Einzelheiten von Verwundungen in seinem Lazarette: heute bekam er einen Mann eingeliefert, dem der gesamte Unterkiefer mitsamt der Zunge weggeschossen ist. – Ich fuhr nachts mit einem hübschen jungen Menschen in der Trambahn, dem das ganze rechte Bein abgenommen war. Was ihm da das stolze eiserne Kreuz wohl wert sein mag? – Nachher sah ich einen Zug russischer Gefangener vorbeimarschieren.

Während ich in Lübeck war, traf dort die Nachricht vom „Heldentode“ eines Schulkameraden ein: August Schlachtberger, mit dem ich in der Tertia zusammen war, und der zuletzt als Landrichter in Lübeck wirkte. Aus einem Nachruf Bechers in den „Weißen Blättern“ ersehe ich, daß Albert Michel, ein Stammgast des Café Stefanie, gefallen ist. Als ich von Lübeck herfuhr, kaufte ich zufällig eine Hamburger Zeitung, in der ich die Todesanzeige eines mir aus München bekannten jungen Studenten fand, der ebenfalls auf dem „Felde der Ehre“ geblieben ist: Johannes Schweinebart. Und so geht’s unaufhörlich, ohne daß irgendwo ein Ende zu erhoffen wäre. Der Papst hat wieder ein sehr schönes Manifest an die Völker losgelassen, in dem er sie beschwört, Frieden zu machen. Er möchte halt seinen Kirchenstaat wiederkriegen. Aber er wird noch lange mahnen können. Vorläufig wollen auch alle siegen und keiner aufhören, ehe der „Feind“ nicht „am Boden liegt“.

 

Waidmannslust, Sonnabend, d. 7. August 1915

Einen sehr genußreichen Tag mit Landauer verlebte ich gestern. Ich ging früh zu ihm nach Hermsdorf hinüber. Wir machten einen prächtigen Spaziergang durch den schönen märkischen Wald, ich aß bei ihm Mittag (Frau Hedwig ist verreist) und blieb bis zum Spätnachmittag. Wir stellten die erfreulichste Übereinstimmung in der ganzen Beurteilung der Vorgänge fest. Auch unsre Wünsche, und die Entwicklung unsrer Wünsche im Lauf des Kriegsjahres laufen konform. Auch Landauer freute sich anfangs der deutschen Siege aus dem gleichen Gefühl wie ich: wir sahen darin den schnellsten Weg zum Frieden. Jetzt stehn wir dem Weiteren mit derselben Hoffnungslosigkeit gegenüber. Sehr schmerzlich war mir ein Brief, den Johannes Nohl nach einjährigem Stillschweigen aus Bern an Landauer geschrieben hat, und den er mir mit seiner Antwort zu lesen gab. Zunächst in dezidierter Form ein Anpumpungsversuch um 100 Mark, daran anknüpfend aber leider ein traurig schwungvolles Bekenntnis zur „gerechten Sache“ Deutschlands und Österreichs. Landauers Antwort ist mehr als grob. Er versagt ihm Hilfe und Achtung und erklärt sich zur Sache Tolstojs. Ob J. N. Militärflüchtling ist, weiß ich nicht, denke es mir aber, da man ihn, der Ersatzreservist war, kaum ganz freigelassen hätte, wo man jetzt doch all und jeden nimmt. Ich kann mich in diesem Falle freilich nicht der Berechtigung von Landauers Standpunkt verschließen, der es jammervoll findet, fern vom Schuß und in vorbedachter Sicherheit das Hinbluten andrer, die sich oft aus der gleichen Gesinnung freiwillig zum Sterben für ihre Idee gestellt haben, mit Begeisterung zu bewundern. Eine wahrhaft betrübende Entwicklung des freiesten und schönsten Geistes, des ebenmäßigsten, wertbewußtesten Menschen, den ich kannte.

Mit meinem Plan, die Beziehung herzustellen zwischen noch so ungleich Gesinnten, die aber in Sachen des Kriegs am gleichen Strange ziehn, war Landauer völlig einverstanden, und wir beschlossen, für heute nachmittag eine kleine Konferenz in einem Berliner Caféhause zusammenzutrommeln, bestehend aus Landauer, mir und etwa noch Ströbel, Schickele und Hardekopf, um Mittel zu beraten, wie auf konspirativem Wege für die Sache des Friedens und die Verbreitung rebellischer Gesinnung gewirkt werden kann. Ich verabredete daher zu heut nachmittag mit Ströbel ein Rendez-vous und bestellte auch Schickele hin. Hardy und Landauer wollen mich noch antelefonieren. Leider ist nun Leo Landau schon heute in Berlin, und wir müssen Familienkonferenzen halten, sodaß ich alle Verabredungen wieder umstoßen mußte. Ich hoffe aber sehr, daß am Montag doch noch etwas Gutes zusammenzubringen ist. Liebknecht ist leider eingezogen.

Von Zenzl kamen gestern früh stoßweise Briefe nachgesandt an. Leider hat uns der Hauswirt zum 1. September schon wieder gekündigt, uns jedoch im gleichen Hause und zum gleichen Preise eine andre Wohnung zur Verfügung gestellt. Jedenfalls wieder eine lästige Arbeit, nachdem wir uns grade wohnlich eingerichtet hatten. Nun blos die Heirat beschleunigen, und langfristig eine Wohnung mieten, die mit eignen Möbeln bestellt wird. Ehe die Sicherung des äußeren Lebens nicht besteht, wird meine Arbeit nicht beginnen können.

Vom Kriege: Die aus Warschau abgezogenen russischen Truppen beschießen die Stadt. Gemeinheit! schreien die Leute. Da sehe man, wie sie gelogen haben, als sie sagten, sie räumten die Festung, um die Stadt zu schonen. Haben sie aber garnicht behauptet, sondern die Österreicher, als sie aus Lemberg hinausgehauen wurden. Als sie aber wieder hineinwollten, schossen sie unbedenklich drauf los. Die Russen haben nichts beschönigt, der Kriegsminister hat – was in Deutschland undenkbar wäre – in der Duma von „Mißgeschick“ gesprochen, und strategische Gründe angegeben, die die Räumung der polnischen Festungen bedingen, was zweifellos richtig ist. Die Beschießung bezweckt einfach die Beunruhigung der Deutschen, die Verzögerung der Verfolgung und Zeitgewinnung, um die nun zu bildende Front zu befestigen. Daß Nicolaj Nicolajewitsch ein tüchtiger Heerführer ist, bestreiten ihm nicht einmal die deutschen Offiziere.

Wichtiger als alles andre scheint mir ein Vorgang beim Besuch Poincarés bei der französischen Front. Dessen Reise wurde abgebrochen, weil ihm aus den Schützengräben zugerufen wurde: „Nous voulons la paix à tout prix!“ – Es ist höchst nötig, die gleiche Gesinnung bei den Deutschen zu fördern, damit nicht die bessere Gesinnung der Franzosen von der schlechten bei uns zu Übervorteilungen beim Friedensschluß mißbraucht werde. Wir müssen zum Sammeln blasen! das ist die Forderung der Stunde, und nous voulons la paix à tout prix! das ist der Weg zum Glück.

 

Berlin, Montag, d. 9. August 1914[1915].

Café Klose, Leipzigerstraße. Über alle persönlichen Angelegenheiten später. Die Dinge sind noch unübersichtlich, die Unterredungen mit Leo und Onkel Leopold ohne sichere Abmachungen. Auch ist das Allgemeine wesentlicher als alles Private, mag auch mein Einzelschicksal von den eignen Erlebnissen äußerlich stärker berührt werden.

Um diesen Tag habe ich die Trennung von Zenzl verlängert, um endlich den Boden zu schaffen, auf dem meine seelische Beteiligung an den schrecklichen Zeitgeschehnissen aktiv werden kann. Um 2 Uhr heute nachmittag findet in einem Caféhause am Belle-Allianceplatz eine Konferenz statt, die meiner Initiative zu danken sein wird, und zu der ich geladen habe: Ströbel, Landauer, Schickele und Hardekopf. Einzelheiten für unsre Verabredungen habe ich noch nicht im Sinne. Nur will ich versuchen, für eine Art „Burgfrieden“ zwischen den verschiedenen Parteien und Richtungen, die gegenwärtig gegen den Strom schwimmen, die Basis zu gründen. Wir müssen uns dahin einigen, unsre Differenzen in allgemeiner Weltanschauung, in Zielen und Arbeit vollkommen zurückzustellen und einen Weg zu konspirativer Propaganda suchen, um unsre gemeinsamen Ansichten zur Geltung zu bringen. Ob das in der Form des von mir geplanten „Weltbundes gegen den Krieg“ möglich sein wird, oder ob wir uns zunächst auf Inlandsarbeit einigen werden, das stehe dahin. Jedenfalls hoffe und glaube ich, daß sich Möglichkeiten finden werden, wie wir trotz Zensur und Militärdespotie, trotz Staatswillkür und Gesinnungsverrottung den Ideen der Kultur und des Willens zum Frieden Raum und Atem schaffen können. Ich darf nicht eher nach Hause, ehe ich nicht weiß, daß mir dort – unter Hunderttausenden Einem – die Aufgabe winkt, für Gegenwart, Zukunft und Menschheit Zuträgliches zu wirken, und ehe ich nicht in Berlin Fäden gewebt habe, die den Telegrafendienst zwischen den paar Deutschen meiner Gemütsverfassung still und sicher versehn.

 

München, Donnerstag, d. 12. August 1915

Seit vorgestern abend wieder daheim, und zwei süße Nächte in Zenzls Armen haben schon das Beste getan, um die üblen Eindrücke dieser Reise zu verwischen. Schon drohen wieder neue Geldsorgen, aber Zenzls gute Art hat mich schon gelehrt, mich der philiströsen Ängste zu schämen, die aus meinen Lübecker Briefen zu ihr sprachen. Das Erste muß jetzt sein, die Berner Affaire aus der Welt zu schaffen. Ein Brief von Wagner, dem einer von Margrit selbst beilag, stellt die Dringlichkeit der Sache zugleich mit der Höhe der Gesamtschuld (4771 Fr. 80) eindringlich dar. Heut noch muß an Leo ein geschickter Brief abgehn.

Die Ströbel-Konferenz am Belle-Allianceplatz kam Montag nicht zustande. Landauer und Hardekopf blieben entschuldigt, Ströbel unentschuldigt aus, sodaß nur Schickele und ich da waren. Ich erhielt von Sch. das Versprechen, daß in der Oktobernummer der „Weißen Blätter“ meine Erklärung „Peccavi!“ über den ominösen Satz in der Kundgebung an die Kain-Leser erscheinen werde. Dann werden meine „fremden Horden“ hoffentlich einmal zur Ruhe kommen ... Ich war dann mit Schickele bei Frau Minna Flake und traf später Hardy, mit dem ich einen lohnenden Spaziergang durch den Tiergarten machte. Am Abend kam dann im Café Josty doch noch eine gute Konferenz zusammen. Schickele kam mit Landauer, einem Ostpreußen Alex. Bloch, einem Bankier Simon, einem Herrn Kahrmann und einer jungen Russin aus einer Sitzung des „Bundes Neues Vaterland“. Die Diskussionen wurden sehr lebhaft. Leider verzapfte Herr Bloch eine Suada, gegen die wir andern nicht aufkamen. Landauer und ich vertraten den Standpunkt: Frieden um jeden Preis so schnell wie möglich durch Aufstand in den Massen und Gehorsamsverweigerungen im Felde und den Kasernen. Bl. hingegen wollte den „dauerhaften“ Frieden, und meinte, den erst nach dem Siege der Entente erwarten zu können ... Dem Bunde Neues Vaterland können, auch als außerordentliche Mitglieder nur aufgeforderte Leute angehören. Herr Kahrmann war empört, daß ich von der Münchener Gruppe (Vorsitzender Quidde) noch keine Aufforderung erhalten habe, und wollte es veranlassen. Als ich jedoch hier ankam, fand ich die Aufforderung, offenbar auf Siepers Veranlassung, bereits vor. Es soll – dahin kamen wir im Café Josty überein – unter den „Geistigen“ ein zu publizierendes Zirkular verbreitet werden, in dem die kompromittierende Kundgebung der 93 Elitedeutschen zurückgewiesen und durch Proklamation einer anständigen Gesinnung kompensiert werden soll.

Eine Reiseepisode. In der Gegend von Halle wurden gefangene Franzosen eskortiert. Man sah im Hintergrunde Gefangenenbaracken. Ein Mitreisender meinte: „Schön wohnen sie da ja nicht grade.“ Ein andrer: „Immerhin besser als Unsre, besonders in Afrika.“ Der Erste, der sich nun wohl seiner menschlichen Regung schämte: „Kann ihnen ja auch nichts schaden, daß sie bei uns mal arbeiten lernen!“ ... Diese Überhebung ist typisch. Was wird nur daraus werden, wenn wirklich westliches Land annektiert und „germanisiert“ wird. Ein nicht auszudenkendes Unglück für alle menschliche Gesittung.

Im Osten wird andauernd weitergesiegt. Daß die Kraft der Russen damit gebrochen wäre oder würde, ist natürlich Unsinn. Aber die Gefahr, daß dort deutsche Truppen zu ähnlichen Aktionen im Westen freiwerden können, ist sehr groß. Und am Balkan ist immer noch keine Wandlung zu erkennen. Vielleicht stehn wir erst am Anfang des ganzen Krieges. Die Rabbiner – selbst Carlebach in Lübeck gehört dazu – predigen von den Synagogenkanzeln seltsame Weissagungen. Um das Jahr 1830 lebte ein Talmudist, der hat die Prophezeiungen des Buches Daniel (das ich gestern Zenzl vorlas) gedeutet, und da schon viele wichtige Einzelheiten seiner Deutungen durch die Geschehnisse bestätigt sind, glauben die bibelgläubigen Juden alles weitere: danach soll dieser – genau vorhergesagte – Krieg 14 Jahre dauern. Sobald er aber zuende ist, werde der Meschiach kommen, die Welt erlösen und das Reich Juda über der Menschheit errichten. Ich habe den Lübeckern gesagt, falls das wahr werden sollte, und der Messias komme zu ihnen, so möchten sie ihn mir doch auch nach München schicken. Ich möchte den Mann gern kennen lernen.

 

München, Freitag, d. 13. August 1915.

Durch Landauer lernte ich in Hermsdorf eine wundervolle Rede des Serbenkönigs Peter an seine Soldaten kennen. Landauer meinte, wenn Wilhelm II. solche Rede an die Seinen hielte, wäre der Krieg aus. Peter sagte nach dem Verlust Belgrads an die Österreicher etwa folgendes: „Ihr habt Euerm Könige und dem Vaterlande Treue geschworen. Von dem ersten Teil dieses Eides entbinde ich Euch. Das Vaterland aber braucht Euch. Trotzdem soll jeder, der sich heimsehnt nach Frau und Kindern, gehn dürfen. Ich verbürge mich dafür, daß ihm nichts geschehn soll. Ihr habt Eure Pflicht getan und habt ein Recht, jetzt müde zu sein.“ Die Antwort auf diese prachtvollen Worte war die Wiedereroberung Belgrads. Es ist sicher, daß sich kein Landesvater einem andern Heere gegenüber derartige Versprechen hätte gestatten können. Wäre den Deutschen, den Franzosen, den Russen, den Engländern straflose Selbstbeurlaubung zugebilligt worden, es wären kaum viele Leute in den Schützengräben geblieben. Der Krieg wäre aus. Aber Serbien ist (außer Belgien) ja wirklich das einzige Land, das um seine Existenz kämpft, das von Starken überfallen wurde, um gewaltsam in deren Verbund eingegliedert zu werden. Da ist der Krieg eine Art Revolution, da wäre ich selbst vielleicht freiwillig mitgegangen. Fragt sich nur, was dort nach dem Kriege wird!

Ferner erzählte mir Landauer von einer sehr komischen Selbstverurteilung des „Vorwärts“. Der schlug ziemlich im Anfang des Kriegs (als er die Taktik vom 4. August noch verteidigte) vor, der Nobelsche Friedenspreis solle zwischen den sozialdemokratischen Fraktionen der russischen Duma und der serbischen Sobranje verteilt werden, die gegen die Kriegskredite gestimmt haben. Was für ein erbärmliches Zeugnis stellt er sich selbst mit diesem Vorschlag aus! Allmählich hat der „Vorwärts“ ja aber umgelernt.

Zenzl und ich betreiben eifrig unsre Heirat. Schon vorgestern waren wir beim Rechtsanwalt Goldschmidt. Wahrscheinlich wird in diesen Tagen unser Aufgebot öffentlich mitgeteilt werden, und in 14 Tagen bis 3 Wochen wird vermutlich alles im Reinen sein. Leider wird sich der Geldmangel schon sehr bald bemerkbar machen, und ich habe an Leo Landau einen schwindelhaften Brief geschrieben, in dem ich um 264 Mk (ausgerechnet!) bat, um dringliche Kleinschulden zu begleichen. Ich werde dazu aber wohl blos etwa 100 MK nötig haben. Anders ist die Sache mit Bern. Von Wagner kam ein ausführlicher Brief, dem von Margrit selbst einer beilag. Ich habe das Wagnersche Schreiben, nach Ausschneidung der Stellen über M.’s Delikt im Original nach Lübeck geschickt, um die Dringlichkeit der Sache darzutun. Etwa 4770 Franken sollen gezahlt werden, und etliches muß sehr bald geschehn, da große Not ist, und da bis Mitte Oktober Hypothekenschulden gezahlt werden müssen. Für diesen Posten, der mein Herz mehr als alles andre bedrückte, starb der Vater grade rechtzeitig. Gott gebe, daß die Sache ohne Komplikationen in Ordnung komme. Allerlei Schwierigkeiten sind ja leider noch vorauszusehn, ehe die gewohnten Geldkrisen aufhören werden.

 

München, Sonnabend, d. 14. August 1915.

Allmählich sehe ich wieder Menschen, aber groteskerweise muß ich mich überall gegen den Verdacht verwahren, als ob ich aus profitlicher Vorsicht aus dem großen Lose meiner Erbschaft eine Niete machte. Es ist sehr scheußlich, daß von einer Wandlung in meinem äußeren Leben auch nun nach Eintritt des seit langen Jahren so schmerzlich erwarteten Ereignisses garnichts zu spüren ist, daß mir noch nicht einmal für die allererste Zeit eine Summe in die Hand gegeben wurde, mit der ich ein wenig legerer hätte verfahren können, und daß ich weiterhin darauf angewiesen bin, bei den Verwandten mit schwindelhaften Angaben das Nötigste zum Leben herauszulocken ... Zenzl ist eine sehr gescheite Person. Sie hielt mir eine Vorlesung, die mir gut einging. Das Geld auf Zinsen zu legen sei für einen Menschen wie mich Blödsinn. Es komme alles darauf an, mal ein paar Jahre durch ohne Sorge und ständiges Rechnen zu leben. Durch das ewige Fragen, ob sie mit dem vorhandenen Geld auch auskommen könne, müsse ich ja ganz „trapft“ werden. Zunächst brauchte ich Muße und Sicherheit zur Arbeit und bringt die wider Erwarten doch keine dauernde Befreiung, so sei sie durchaus bereit, den Dalles auch ferner mit mir zu tragen. Steckte ich die Erbschaft in einen Kleiderladen, so wären meine Leute gewiß ganz damit einverstanden, und ginge der pleite, so hätte ich eben Pech gehabt, aber da ich das Geld auf kaufmännischem Wege verloren hätte, so würde mir kein Mensch etwas vorwerfen. Ich solle eben das Geld in mein Schriftstellereigeschäft stecken, was ich ja umso eher könne, als die Zinsen aus den Häusern ja doch dauernd eingehn müßten. Sie hat ganz recht und ich will danach handeln. Auch Onkel Leopold riet mir, wenigstens mal 1000 Mk für eine Hochzeitsreise dranzuwenden.

Der Krieg: Die Russen räumen systematisch ihre westlichen Gebiete und halten die 4 verfolgenden Armeen (Hindenburg, Prinz Leopold v. Bayern, Mackensen und Erzherzog Joseph-Ferdinand) durch Nachhutkämpfe möglichst auf. Sicher ist, wenn bei der Einnahme der Festungen nur so wenig Gefangene gemacht wurden, daß daraus – trotz des vertröstenden Geredes der Zeitungen – auf ein vollkommenes Versagen der Einschließungspläne geschlossen werden kann. Es handelt sich also lediglich um eine Verlegung des Kriegsschauplatzes ins innere Rußland, bei der die Deutschen kaum mehr als „moralische“ Erfolge gewonnen haben werden, – es sei denn, daß die Einkreisung der aus Polen zurückziehenden Armeen durch Gewaltmärsche oder strategische Finessen doch noch gelänge. Daß aber selbst damit Rußland am Ende seiner Widerstandskraft wäre, ist absolut lächerlich.

Die Zivilstrategen wissen schon wieder den neuesten Kriegsplan. Danach soll, sobald im Osten Truppen freiwerden, ein großer Durchstoß durch Serbien unternommen werden, um die unmittelbare Verbindung mit der Türkei herzustellen. So ganz leicht wird das jawohl nicht gehn. Aber der Wunsch, den verbündeten Armeen direkte Hilfe zu bringen, wäre schon begreiflich. Die Waffenzufuhr scheint durch Rumäniens Verhalten arg behindert. Zudem ist den Franzosen und Engländern eine neue Landung starker Kräfte auf der Halbinsel Galipoli gelungen. Einen türkischen Linienkreuzer haben sie vor einigen Tagen versenkt, und alle Behauptungen, als sei Bulgarien schon für die Zentralmächte, oder mindestens für dauernde Neutralität gewonnen, zerfließen wieder mal in Nichts. An Rumäniens Entschlossenheit, nach Einbringung der Ernte, auf Seiten der Entente einzugreifen, glaube ich entgegen der Ansicht aller Deutscher so fest wie nur je und halte die Wiedererstehung des Balkanbundes von 1912 gegen die Türkei noch keineswegs für ausgeschlossen. Zwar würde das Zehntausende neuer Opfer aus annoch unbeteiligten Ländern fordern, wäre aber doch wohl zu wünschen, weil es vermutlich Hunderttausende insgesamt ersparen würde. Denn der Krieg wäre damit zu „unsern“ Ungunsten entschieden, und so vernagelt die Berliner und Wiener leitenden Stellen immer sein mögen, davon bin ich doch überzeugt, daß sie nach der Bezwingung der Dardanellen Schluß machen werden, solange die Besetzung großer Strecken feindlichen Gebiets sie in den Stand setzt, unter Verzicht auf wilde Eroberungen günstige Bedingungen herauszuholen.

Fried setzt in den „Blättern für zwischenstaatliche Organisation“ seine vortrefflichen Tagebuchaufzeichnungen fort. Ausgezeichnet sind im letzten Heft seine Ausführungen über die amerikanischen Munitionslieferungen. Dem Geflenne der Presse über die Neutralitätsverletzung, die den Tod zahlloser Deutscher durch amerikanische Waffen bewirke, stellt er die Tatsache entgegen, daß viel mehr Kruppsche und Skodasche Geschosse vom Feinde verschossen werden als amerikanische. Zugleich zitiert er eine Rede, die Tirpitz noch am 19. Februar 1914 im Reichstag hielt, und in der er den von Noske erhobenen Vorwurf, daß deutsche Firmen die russische Flotte bauen nicht als unpatriotische Handlung anerkennen zu können erklärte. In das selbe Horn stieß am gleichen Tage Erzberger. Als deutsche Spekulanten das Geschäft machten, war es also patriotisch, jetzt, da Amerikaner das gleiche tun – mit dem Unterschied nur, daß ihre Waffen nicht gegen das eigne Volk losgehn sollen – ist es gemeine Schuftigkeit.

Wegen des von den Pazifisten und von Fried selbst fortgesetzten Mißbrauchs des Worts Anarchismus als Kennzeichnung staatsdiplomatischer Verfahrenheiten habe ich an Fried einen verwahrenden Brief geschrieben. Man soll ein gutes Wort nicht für eine schlechte Sache gebrauchen. Auch sollen die, die jetzt bei aller Verschiedenheit der Weltanschauungen am gleichen Strang ziehn, sich nicht gegenseitig ärgern. Ob er’s wohl drucken wird?

Gestern habe ich ein Abonnement auf die „Berner Tagwacht“ bestellt, bei der mein alter Freund Grumbach jetzt mit großem Schneid gegen die deutsche Kriegführung vom Leder zieht. Eine vernichtende Anklage gegen den Barbarencharakter der Deutschen steht in Hölderlins „Hyperion“, aus dem ich Zenzl abends vorlese. Niemals ist das Wesen der Deutschen so furchtbar richtig erkannt worden wie hier durch ihren genialsten Klassiker.

 

München, Sonntag, d. 15. August 1915.

Gestern zum erstenmal mit Zenzl in der Torggelstube. Vollbesetzter Stammtisch. Der Versuch mißglückte. Sie ist so ganz anders als die andern Frauen: hüben und drüben Mißtrauen und Ungeschicklichkeiten. Zenzl will selbst nicht mehr hin. Zuhause ist sie mehr am Platz. Auch ich war befangen und wie in einem Examen, ohne recht präpariert zu sein. Na, als Paradepferd will ich sie ja auch nicht heiraten.

Unser Geld geht zu Ende. Ich betrachte wehmütig die schwere goldne Uhrkette, das eben erworbene Erbstück. So früh schon ins Leihhaus? Vielleicht kommt von Leo doch noch rechtzeitig Geld. Einmal von dieser Not frei sein! Das Glück scheint verspielt zu sein.

Liebknecht hat für die bevorstehende Reichstagssitzung (bei der nun 10 Milliarden bewilligt werden sollen) eine kurze Anfrage an den Reichskanzler eingebracht: Ob die Regierung gewillt sei, bei entsprechendem Entgegenkommen der Gegner, unter Verzicht auf alle Annexionen sofort Frieden zu machen. – Die Zeitungen höhnen, schimpfen und verdächtigen. Die Fraktion aber soll eine Gegenaktion gegen Liebknecht planen. Würde mich kaum mehr wundern. Ein solches Zabernakel wäre nur die konsequente Vollendung des Verräterwerks, dessen einzelne Etappen die Niederstimmungen des von Franzosen und Engländern auf allen sozialistischen internationalen Kongressen geforderten Generalstreiks bei Kriegsgefahr, die Bewilligung der Zeppelinposten im Kriegsetat, die Zustimmung zu der Vermögenssteuer für Heereszwecke und die Abstimmungen vom 4. August und folgende Kriegsdaten gewesen sind. Man kann Liebknecht für seinen Mut nicht dankbar genug sein, da er immer von neuem seinen nationalistischen Genossen Anlaß gibt, ihre Gesinnungsverlumpung vor aller Welt zu demonstrieren. Träte nur einmal im Reichstag ein Mann auf, der frisch von der Leber weg das ausspräche, was unsereinen erfüllt. Aber da ist der Seniorenkonvent, da ist die Rednerliste der Fraktion, da ist der Reichstagspräsident, der die Reihenfolge der Reden anordnet, da ist die Möglichkeit zu Anträgen auf Schluß der Debatte – und da ist somit die letzte Widerlegung des Parlamentarismus, wenn er nicht einmal mehr die Gelegenheit bietet, unter dem Schutz der Immunität auszusprechen, was sonst nicht gesagt werden kann, und was auszusprechen höchste Notwendigkeit ist, nämlich, daß auch in Deutschland Leute wohnen, die die Kriegführung dieses Landes genau so beurteilen wie die Ausländer, die in der Meinung, jede Niedertracht unsrer Obern werde im ganzen Lande gebilligt, ihren namenlosen Haß gegen alles Deutsche immer von neuem steigern und jede Hoffnung auf spätere Verständigung zerstören.

Einige neue Schändlichkeiten haben die Deutschen leider wieder auf dem Kerbholz. In Lille sollten die Einwohner gezwungen werden, Sandsäcke für die deutschen Schützengräben zu liefern, und als sie das ablehnten – eine abscheuliche Zumutung, dem Feind die sichere Deckung zu bereiten, aus der sie die Landsleute abschießen können – wurde statt dessen Geld gefordert. Auch das wurde verweigert, und nun wurden „Geiseln“ festgenommen und nach Deutschland geschickt ... Gegen ein ähnliches Schurkenstück protestierte kürzlich die französische Regierung bei allen „zivilisierten Nationen“. Von einer kleinen besetzten Stadt (Roubet[Roubaix]) verlangte der deutsche Kommandant eine große Geldsumme als Strafe für die Beschießung des deutschen Konsulats in Alexandrette durch französische Kriegsschiffe. Natürlich wurde die freche Forderung zurückgewiesen, worauf die Honoratioren der Stadt – meist alte Herren – festgenommen und nach Güstrow in Mecklenburg überführt wurden.

Die Dinge am Balkan sind weiterhin undurchsichtig. Nur soviel ist klar geworden, daß auch Bulgarien noch keineswegs zur unbedingten Wahrung der Neutralität entschlossen ist. Jedenfalls betreibt die Vierverbands-Diplomatie dort nach wie vor im großen Stil Schacher für die Gewinnung neuer Armeen gegen die Türkei. Was ihre Regierungen mit ihnen vorhaben, erfahren aber dort die Völker so wenig wie wir es seinerzeit erfahren haben. Alles aber findet es heute noch ganz in Ordnung, daß die Herren Bethmann-Hollweg, Jagow, Tirpitz und Falkenhayn unser aller Schicksal nach Gutdünken bestimmen.

Unter den neuen Büchern, die mir während der Abwesenheit zugegangen sind, fand ich eins vom Verlage Georg Müller vor: „Sieg oder Tod“. Neue Kriegserzählungen von Richard Sexau. Ein begabter Begeisterter. Man soll manchmal derlei Produkte lesen. Es ist wichtig, mitunter die Psychose bei Licht zu sehn. Was den Inhalt dieser kurzen Kriegsepisoden ausmacht, ist in gedrängter Aufzählung Blut, Schmutz, Verzweiflung, Wahnsinn, Hinterlist, Verrat, Mord, Elend, Verwüstung, Angst, Grausen, Schrecken, Haß, Tod, Brand, Raserei, Vertierung, Schmerzen, Fieberphantasien, Tollheit und Entsetzen. Mit solchen Schilderungen aber wird – das Buch liegt schon in der dritten Auflage vor – die Lust am Kriege in weiten Volkskreisen wachgehalten. Was wird das einmal für ein Erwachen geben!

 

München, Montag, d. 16. August 1915.

Ich traf den Maler Götz, den Bekannten aus meiner Pariser Zeit. Er ist als Unteroffizier in der Kommandantur in Roubet[Roubaix] bei Lille beschäftigt, und auf Urlaub hier. Ein recht verständiger Mensch, der bei aller pflichtgemäßen Auffassung der Kriegsdinge sich seine gesunde Kritik gerettet hat. Er versichert, daß man „draußen“ im allgemeinen viel richtigere Ansichten habe als hier. So sei der französische Fliegerangriff auf Karlsruhe dort ohne jede Entrüstung beurteilt worden. Man war einfach der Auffassung, daß derartige Dinge durch vorherige deutsche Aktionen provoziert worden sind. Auch Götz ist der Ansicht, daß die sinnlose Brutalität der Bombenabwürfe über friedliche Einwohner unbeteiligter Städte von Deutschland ausgegangen sei, dadurch daß Deutsche Flieger zuerst Paris bombardiert haben. Daß Paris als Festung anders zu behandeln sei als etwa Karlsruhe, sei Quatsch. Denn man habe ja nicht die Fortifications beworfen, sondern systematisch den Boulevard des Italiens, mit der Absicht nicht militärischen Schaden zu erzielen, sondern Panik in der Bevölkerung. Ganz richtig sagt Götz, der Grund für den nie mehr versöhnlichen Haß der Franzosen gegen die Deutschen seien weniger die Gewaltakte als die Geschmacklosigkeiten der Deutschen. Man könnte es dort leichter ertragen, wenn massenweise französische Gefangene etwa hier hingerichtet würden, als den ekelhaften Unfug, daß im Frühjahr über Paris Bomben abgeworfen wurden mit den Begleitworten: „Da habt ihr eure Ostereier!“ ... Solche Dinge festigen in dem an Takt und sauberes Empfinden gewöhnten Volk bis zur Unauslöschlichkeit die Vorstellung von den deutschen „Barbaren“ und „Hunnen“ (wobei ja nie vergessen werden soll, daß das Schlagwort von den Hunnen, auf die Deutschen bezogen, von Wilhelm II., Deutschem Kaiser, herrührt, das er 1900 seinen Soldaten auf den Auszug zum Boxerkrieg mitgab: sie sollten wie die Hunnen vorgehn – und „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht!“ ... Solche Aeußerungen haben langen Atem.)

Götz erzählte mir Näheres von der Sandsack-Affaire, mit der er selbst viel Arbeit gehabt hat. Die Sache trug sich so zu: Ein Frl. Motte in Lille, die Tochter des Bürgermeisters dort, hatte in einem nach England gerichteten Privatbrief, der von der deutschen Zensur abgefangen wurde, die Deutschen beiläufig als „ces rodeurs“ bezeichnet. Obwohl es doch keinem Zweifel unterliegt, daß die Deutschen wirklich in Belgien und Frankreich „herumstreichen“, war man höchlich beleidigt, und gab seiner Gekränktheit dadurch Ausdruck, daß man die junge Dame kurzerhand verhaftete. (Sie haben nichts, aber auch garnichts gelernt, unsre Germanisatoren. Ihre letzte Weisheit ist Polizeiroheit.) Natürlich machte der Gewaltakt furchtbar böses Blut, und wurde von der Einwohnerschaft, die seit 8 Monaten ohne zu mucken, Sandsäcke genäht und allerhand sonstige Arbeit für die Usurpatoren verrichtet hatte, mit dem Streik beantwortet. Nicht etwa, daß man nun eingesehn hätte, daß die Verhaftung des Fräuleins eine grobe Ungeschicklichkeit war, und daß man den Streik durch seine Freilassung beigelegt hätte –: Gott bewahre! Ein deutscher Kommandant hat immer recht. Er bewies das damit, daß er nun sämtliche Streikenden, zumeist Arbeiterinnen, ebenfalls einsperren ließ. Erst nach 2 Monaten wurde der Konflikt beigelegt, nachdem im ganzen feindlichen und neutralen Ausland die Erbitterung gegen Deutschland weiterhin aufs Nahrhafteste gepäppelt war, und nachdem die brutale Maßregel gegen die Honoratioren von Roubet[Roubaix], die ich gestern erwähnte, das ihrige weiterhin zu der allgemeinen Empörung hinzugefügt hatte. Intra muros et extra also die gleiche Methode: Wer sich nicht fügt, wer nicht kritiklos billigt, was unsre jeder Verantwortlichkeit enthobenen „Verantwortlichen“ bestimmen, ist ein Verbrecher und gehört eingesperrt. Bei uns wird die Zetkin verhaftet, und täglich fliegen mehr unzuverlässige Sozialdemokraten ins Loch, – ohne daß man wüßte, warum: das Delikt heißt einfach „Landesverrat“, ein Verbrechen, das mit 10 Jahren Zuchthaus bedroht ist. Die Genossen der also Mißhandelten aber „gehen zum Hindenburg“ (Ernst Heilmann) und „stehen hinter dem Kaiser und dem Kanzler“ (Wolfgang Heine). Die ins okkupierte Ausland entsandten Germanisierungs-Vogte aber glauben, sie hätten auch dort Deutsche unter sich, die sich alles gefallen lassen, und kompromittieren also „den deutschen Namen“ für alle Ewigkeit vor der ganzen Welt. Uns aber, die wir unsre deutsche Kultur, unabhängig von monarchischen und sonstigen Staatseinrichtungen, lieben und in kultureller Geltung halten möchten, wird das durch die Schergen einer blutrünstigen Knebelpolitik unmöglich gemacht. An uns, die wir sie in tiefster Seele verabscheuen und verurteilen, wird die Kriegführung und die Unterdrückungswut der Zaberner Schule dereinst vor aller Welt gerächt werden. Wir, die wir ihre Opfer sind, so gut wie die unschuldigen Einwohner Flanderns und Polens, werden später ihre Sündenböcke sein.

 

München, Dienstag, d. 17. August 1915.

Die Versuche, Zenzl unter meine Leute zu bringen, verlaufen wenig ermutigend. Außer mit Anthes hat sie sich noch mit niemandem anfreunden mögen. Gestern waren wir bei Lucie v. Jacobi zum Tee. Anwesend außerdem: Sidonie Lorm, die schöne Beate Geldern und Alfred Mayer. Theaterklatsch. Die Lorm klug und boshaft wie immer, Lucie etwas snobistisch-maniriert, die Schwägerin sanft und lächelnd, Mayer schleimig, ich wahrscheinlich etwas unsicher und Zenzl dazwischen kritisch-schweigsam, betont fremd und wie etwas Exotisches angestaunt. Zu Donnerstag haben wir uns Beate und Lucie zum Kaffee eingeladen, ich mit der stillen Hoffnung, daß nur die Blonde kommen wird, unter deren keuscher Sanftmut ich verborgene Tiefen von Sinnlichkeit und Revolutionarismus wittere.

Meines Vaters Testament vom 14. Juni erregt bei allen, denen ich es zeige – und ich muß es herumzeigen, um nicht als vorsichtiger Verschweiger großer Reichtümer zu gelten –, höchliches Erstaunen. Es ist in der Tat ein ungeheuerliches Machwerk, noch viel toller, als ich es nach Leos mündlichem Bericht vermutet hatte. Das Ärgerlichste daran ist die Abhängigkeit, in die ich von den Testamentvollstreckern, Hans, Julius und Leo, gerate. Nicht einmal dem Sechzigjährigen traut der Alte die Mündigkeit zu, die die freie Verfügung über das zurückzulegende Kapital rechtfertigen kann. Auch nach 22 Jahren noch soll die Überlassung des Kapitals an mich abhängig sein von dem Urteil der Exekutoren über meine Reife. Reizend. Wäre der alte Mann 6 Wochen früher gestorben – also ehe er sich zu dem aggressivsten Schritt gegen mich entschloß, ehe er einen unbändigen, unversöhnlichen, im Sterben erst ganz aufflammenden Haß gegen mich offenbarte, dann hätte ich vielleicht reuig zurückgenommen, was ich alle Jahre hindurch über ihn empfunden und in diesen Heften niedergeschrieben habe. So aber fühle ich mich nicht in seiner Schuld. Wir sind zum mindesten quitt. – Er aber hat wahrscheinlich erreicht, was er wollte: mich in Angst und Sorge um die tägliche Ernährung niemals zum freien Schaffen in selbsterwählter Arbeit gelangen zu lassen ... Aber nun erst recht. Sobald die Heirat erledigt und die eigne Wohnung eingerichtet ist, werde ich meiner Faulheit keine Entschuldigung mehr gelten lassen. Das ist mein fester Wille.

Zuallernächst stehe ich leider wieder vis-à-vis de rien, oder vielmehr vor der peinlichen Notwendigkeit, dem Leihhaus Kundschaft zu werden. Leo rührt sich bisher nicht auf meine Geldbitte, – und die Wahrheit schreiben kann ich natürlich nicht: daß ich nämlich außer Zenzl und mir auch noch Finny und Herrn Engler über Wasser halten muß. Zenzl spricht nicht darüber, aber ich weiß es, daß sie täglich für ihn zum Essen einkauft. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn ich nicht fürchten müßte, dadurch in arge Verlegenheiten zu geraten ... Übrigens benimmt sich Engler sehr nett. Er hat, was ich gewiß rührend finde, sogar ein Hochzeitskleid für Zenzl entworfen. Dabei leidet der arme Kerl sehr, und unter Selbstvorwürfen gehn ihm allmählich die Augen auf über das, was er verloren hat.

Vom Kriege nichts bedeutsames Neues. Die Siege im Osten gehn in unglaublichem Tempo weiter. Die geringe Zahl von Gefangenen beweist aber, daß den Russen die glatte „Loslösung vom Feinde“, wie es in den deutschen Berichten von Niederlagen so schön hieß, vollkommen gelingt. Nur bei der Einnahme der völlig zernierten Festung Nowo-Georgiewsk wird wohl wieder mal eine Renommierzahl von Gefangenen zu Flaggerei und Siegesfeiern Anlaß geben. – Der Krieg in Frankreich bietet garkeine Veränderungen seit langer Zeit, und man könnte glauben, er sei fast ganz eingeschlafen, läse man nicht die täglichen Todeslisten in den Zeitungen, die einen erinnern, daß auch die scheinbare Ruhe im Kriege noch ein schändliches Gemetzel ist und eine blutige Orgie von Heimtücke, Entsetzen und Mord.

 

München, Mittwoch, d. 18. August 1915.

Von Leo kamen 364 Mk an, sodaß ich die dringendsten Schulden schon gezahlt habe bzw. jetzt zahlen kann: die Marie im Torggelhause soll noch etwa 10 Mk kriegen, der Schneider von Przemysl hat seine 30 schon erhalten, 10 Mk. Buchhandlung Steinicke, 20 werde ich an den Schutzverband als Mitgliedsbeitrag senden, und sonst noch allerlei Kleinigkeiten erledigen. Ferner gab ich Zenzl 50 Mk, um die Monatsmiete für Engler zu zahlen. Ich habe dem armen Kerl ja mehr genommen, als ich durch derartige Beihilfen, seine schwierige Existenz über den Krieg zu retten, je ausgleichen kann. – Gestern schrieb ich die Philippika gegen den „Simplicissimus“ (Zenzl verließ mich dazu mit der schönen Aufforderung, mein „Dichterhaupt in Schwung z’setzen“). Jetzt will ich die Arbeit, die „Reinliche Scheidung“ heißen soll, einem Tipfräulein in Diktat geben.

Zwei bemerkenswerte Begegnungen aus dem Café du Dôme in Paris, die ich zufällig einzeln beide am gestrigen Tag hatte: mit Hoffmann und einem Juden, ich glaube es ist Arterwalt, doch kann ich mich täuschen. Beide, die einander noch nicht seit Paris getroffen haben, erklärten übereinstimmend und aus eignem, daß sich die Pariser bei Kriegsbeginn außerordentlich nett gegen die Deutschen benommen haben, daß hingegen hier von oben herunter eine scheußliche Verhetzung betrieben wurde. Es ist doch erstaunlich, daß keiner, der dabei war, die Behauptungen, mit denen die deutsche Presse immer noch krebst, bestätigen kann. Götz erzählte damals gleich, daß er nur gute Erfahrungen mit den Franzosen gemacht habe, und auch Levy war erst in Marseille, nachdem die Berichte aus Deutschland schon ihre Wirkung taten, Gegenstand von Maltraitierungen. Ferner stimmen die Herren in der Auffassung überein, daß Deutschland das ahnungslose Frankreich, bis auf die Zähne bewaffnet, plötzlich überfallen habe, und der jüdische Herr sprach den Verdacht aus, die deutsche Regierung werde nach Friedensschluß, um dem Volk die versprochenen „Freiheiten“ verweigern zu können und es als „unreif“ zu brandmarken, Aufstände polizeilich organisieren. – Man muß es abwarten. Neu wäre das Mittel für Preußen ja nicht. Aber es könnte ja auch rechte Aufstände geben!

Die Flaggen wehen: Kowno ist in deutsche Hände gefallen. Außerdem feiert der österreichische Kaiser seinen 85. Geburtstag. Die Zeitungen preisen den „erhabenen Dulder“. Johann Most nannte ihn, an dessen Händen unendliches Blut klebt – die ungarischen Generale! – in milder Auffassung seines Wandels den Burgtrottel.

 

München, Donnerstag, d. 19. August 1915.

Es gab gestern noch weiteren Grund zum Jubeln. Die Zeppeline sind mal wieder nach London gefahren und haben sich diesmal nicht mit der Tötung von Passanten bei den Docks oder militärischen Anlagen begnügt, sondern die City der Stadt „ausgiebig mit Bomben belegt“, wobei „gute Wirkungen“ beobachtet wurden. Sie schrecken auch vor dem infamsten Verbrechen nicht zurück, die Leiter der gerechten Sache Deutschlands. Ich habe heute noch keine Zeitung gesehn, aber ich weiß, was drinsteht: die gerechte Vergeltung für die und die und die Niedertracht, die ihrerseits alle erst Repressalien waren für deutsche Schandbarkeiten. Jetzt, wo man ins Geschäftszentrum Londons, wo es doch wahrhaftig keine militärischen Anlagen zu zerstören gibt, schlafende Portiers und ahnungslose Menschen, die mit dem Kriege garnichts zu schaffen haben, Frauen, Kinder, Greise in wahllosem Mord, umgebracht hat, wird man bei uns nun wohl das erhebende Bewußtsein haben dürfen, daß Repressalien, die an diese Tat heranreichen, von keiner noch so scheußlichen Phantasie der Feinde mehr ausgeheckt werden können. Das ist immerhin beruhigend. Nun wird man die Liste der deutschen Barbareien um ein weiteres L in der Weltgeschichte vermehren können: Löwen, Lusitania, London.

Zugleich mit dieser Heldentat unternahm eine Torpedobootflotte einen Angriff auf englische Seestreitkräfte und versenkte einen Kreuzer und einen Torpedobootzerstörer. Dies alles und Kowno – also ein großer Tag. Nowo-Georgiewsks Fall scheint nach den letzten Berichten ebenfalls nur eine Frage von Stunden und schon schließt sich der Ring der siegenden Zentralmächte-Truppen um Brest-Litowsk. Wann und wo sich die Russen jetzt, nachdem sie überall geschlagen wurden, wieder geschlossen stellen werden, weiß noch niemand, sodaß die Radamontaden, mit Rußland sei es jetzt ganz zu Ende, im Osten hätten wir gesiegt – und jetzt eile alles zum Schluß, zum Sieg, zur deutschen Herrlichkeit wieder lauter als seit langem hörbar sind.

Gestern erschien plötzlich Hugo Caro auf der Bildfläche. Er reist als Syndikus eines „Kulturbundes deutscher Gelehrter und Künstler“ in der Welt herum und wirbt Anhänger dieser mir trotz seiner Erklärungen dunkel gebliebenen Sache. Die Liste der Namen, die er mir vorlegte, zeigt Namen von Berühmtheiten aller Sorten. Zumeist sind es solche, die seinerzeit zu den 93 gehörten, die jene die deutsche Geisteswelt so hoffnungslos blamierende Erklärung („Es ist nicht wahr!“ – etc) in die Welt setzten. Caro behauptet, daß diese Leute das Blamable dieser Aktion wohl alle längst einsehen. Zumeist hätten sie unterschrieben, ohne recht zu wissen, was. Es waren aber die gleichen Geistesheroen, die z.B. Hodler auf das Giftigste beschimpften, weil der auch etwas unterzeichnet hatte, was er gewiß ebensowenig geprüft hatte. Besagter Kulturbund soll nun angeblich garkeine politische Zwecke haben, sondern nur anstreben, den ganzen deutschen Geist unter einen Hut zu bringen. Ein etwas nebelhaftes Beginnen. Und warum grade jetzt? Steckt da keine Kriegspropaganda dahinter?

Caro wollte bestimmt wissen, daß der Separatfrieden mit Rußland nur noch eine Frage von Tagen sei. Ich zweifle erheblich daran. Wenn aber – dann ist Frankreichs und Belgiens Schicksal besiegelt, und damit das Schicksal der europäischen Kultur und Gesittung.

Heut tritt der Reichstag wieder zusammen. Er soll weitere 10 Milliarden bewilligen – dann sind’s im ganzen 30 Milliarden, die dieser Wahnsinn schon nur in Deutschland verschlingt –, und wie der „Vorwärts“ bereits mitteilte, hat die sozialdemokratische Fraktion beschlossen, dem Kredit auch jetzt wieder zuzustimmen. Ob die Opposition außer Liebknecht und Rühle wohl dieses Mal Männer findet, die ihre Überzeugung höher halten als Majoritätsbeschlüsse? Auf Haase und Bernstein blicken heute Millionen Menschen. Sie haben die Macht, durch männliche Haltung viel Versöhnliches zu wirken, indem sie die Kluft zwischen dem Volksempfinden und der deutschen Kriegführung vor aller Welt aufdecken.

Mit Zenzl ging ich gestern wieder aus – mit besserem Erfolg. Während der Kegelferien trifft man sich jetzt Mittwoch abends in der Torggelstuben-Bahn, wo geschoben wird. Viele Damen und Herren waren da, bei denen sich Zenzl, besonders durch hervorragende Befähigung in dem edlen Sport, recht beliebt machte. Nachher noch – bis ½ 4 Uhr nachts – war die ganze Gesellschaft bei viel Alkohol bei einem Teilnehmer, Herrn v. Pidoll in der Reitmoorstraße. Jetzt schläft sie ihren Jammer aus, bis der Cafébesuch kommt.

 

München, Freitag, d. 20. August 1915.

Der Cafébesuch bestand aus den Damen L. v. Jacobi, Beate Geldern und – überraschenderweise – Grete Berger, die im Nürnberger Stadttheater engagiert ist. Die blonde – übermäßig geschminkte – Frau Geldern ging früh, nachdem sie vorher, solange sie mit mir allein war, sehr rabiate Ansichten geäußert hatte. Die beiden andern Damen machten betrübende Exkursionen ins Vaterländische. Jacobis Witwe läßt die deutsche Walze schnurren, und wir erfuhren, daß in Frankreich und Italien dreckige Kinder herumlaufen, während wir Zentralheizung haben. Ich war tief traurig, grade hier diesen Niedergang von Einsicht, Geschmack und Vornehmheit zu finden. Also dafür ist Bernhard v. Jacobi gefallen: für den Sieg der Zentralheizung! ... Abends mit Caro im Café. Er orientierte mich über seinen Plan, für die unterdrückten Juden in Rußland und Polen eine Aktion zu unternehmen. Die Alliance israelite habe den Pogromen und Metzeleien gegenüber völlig versagt, da sie dem Frankreich verbündeten Rußland nicht wehtun wollte (Hervé hat schreckliche Dinge veröffentlicht, wie russische Juden-Flüchtlinge ins französische Heer gezwungen wurden). Nun besteht durch den dem Deutschen verwandten Jargon eine sprachliche Zusammengehörigkeit zwischen Deutschen und Juden, und Caro will nun, mit Hilfe reicher deutscher Juden und evtl. der deutschen Regierung zunächst den 6 Millionen in Polen „befreiten“ Juden helfen, und womöglich in Südamerika und auf türkischem Boden Judensiedlungen einzurichten versuchen. Da ich bei der Geschichte, während des Kriegs unternommen, eine deutschpatriotische Ausschlachtung befürchte, außerdem meine, daß nur unter Mitwirkung Englands etwas Gescheites auf diesem Gebiet unternommen werden kann, blieb ich sehr zugeknöpft. Ich riet Caro, sich, bevor er mit Regierungsleuten redet, [sich] mit Männern wie Landauer und Buber in Verbindung zu setzen. Es wäre gewiß schön, wenn den armen Menschen geholfen werden könnte, denn von allen Greueln, die diese Zeit lebendig werden ließ, sind wohl die entsetzlichen Wütereien gegen die russischen Juden die grauenhaftesten. Aber sollen sie sich von den preußischen Junkern etwas Gutes versprechen?

 

 

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