Tagebücher

XV

 

21. August – 16. Dezember 1915

 

S. 2160 – 2237

 

 

 

München, Sonnabend, d. 21. August 1915.

Der Plan Nicolajewitschs, Polen aufzugeben, schloß offenbar auch den Verzicht auf Kowno in sich. Denn bei der Einnahme der Festung fielen zwar über 400 Geschütze, aber kaum 4000 Gefangene in die Hände der Deutschen. Dagegen war der Fall Nowo-Georgiewsks zweifellos nicht in die Absichten des riesigen strategischen Rückzugs eingeschlossen. Denn mit der Bezwingung „des letzten Haltes der Russen in Polen“, die gestern früh mit diesen Worten gemeldet wurde, gab es über 700 Geschütze und 85000 Gefangene. Somit wäre es, besonders, wenn auch noch Brest-Litowsk in die Hände der Verbündeten fällt, immerhin denkbar, daß sich die Russen in absehbarer Zeit entscheidend besiegt fühlen könnten. Dann würde die polnische Frage akut, vielleicht das schwierigste Problem, das es nach diesem Kriege überhaupt zu lösen gibt. Caro meinte sehr hübsch, die russischen Polen wollen zu Deutschland, die deutschen zu Österreich und die österreichischen zu Rußland. Dazwischen steht die Judenfrage mit ihren fast unüberwindlichen Hindernissen. Denn die Juden bilden zugleich die Intelligenz Polens wie die Blutsauger. Die jüdische Intelligenz des Landes sitzt in den nationalen Komitees und hat überall die Initiative. Die Bourgeoisie fürchtet deren revolutionär-proletarischen Stammesgenossen, und allen verhaßt sind die Wucherer, deren Zivilisation auf einer unendlich tiefen Stufe steht. Daher gibt es selbst unter den Revolutionären und Fortschrittlern des Landes überall Reibereien, und vermutlich sind es die Juden, an denen bisher jede Befreiungsaktion gescheitert ist. Dazu kommt die Erwägung, daß bei Erteilung der Autonomie an das Land in irgendeiner Form die preußischen und österreichischen Gebiete mit einbezogen werden müßten, sollen nicht unausgesetzte Ärgernisse entstehn. Denn was nützt dem Polentum die Befreiung vom Zarismus, wenn ein Teil des Landes weiterhin wehrlos dem Kakatismus preisgegeben bleibt? Und ob sich Preußen dazu entschließen kann, Posen und womöglich noch Teile von Westpreußen und Schlesien herzugeben, um die Einheit der polnischen Nation herzustellen, daran glaubt doch kein Mensch, der das Wort Preußen verstehn gelernt hat. Es wäre höchstens denkbar, daß Gebiete an ein militärisch und politisch eng zu verbindendes Polen abgegeben werden, wenn man damit den Raub Belgiens und nordfranzösischer Teile vor der Welt rechtfertigen möchte. Daß Annexionen im großen Stil beabsichtigt sind, daran läßt sich leider nicht mehr zweifeln. Denn die Rede, die Bethmann-Hollweg im Reichstag vorgestern gehalten hat, läßt an Deutlichkeit schon nichts mehr zu wünschen übrig. „Wenn Europa zur Ruhe kommen soll, so kann das nur durch eine unantastbare und starke Stellung Deutschlands geschehn“ ... „Deutschland muß sich seine Stellung so ausbauen, so fest und so stark, daß die andern Mächte niemals wieder an eine Einkreisungspolitik denken.“ Die „Balance of power“, die nach einem Wort Shaws ein Brutofen der Kriege sei, müsse verschwinden, mit andern Worten: Deutschland muß die stabilste Vormacht Europas werden, und europäische Kriege sollen fortab verhütet werden durch Deutschlands alleiniges militärisches Übergewicht. Anders kann die Rede des Kanzlers ja garnicht verstanden werden! Also garnichts gelernt! Also völlig eingefangen von dem alldeutschen Geschmeiß! – Von früherem oder späterem Frieden war überhaupt nicht die Rede. Die Leute, die selbst sicher verpackt sind, tun, als ob so etwas wie Kriegsüberdruß in Deutschland überhaupt nicht vorhanden wäre. Und das weiß natürlich ein Mann wie Bethmann-Hollweg, der sich schon vor einem Jahr zum Werkzeug der Kriegspartei degradieren ließ, ganz genau, daß das von ihm jetzt erstrebte Kriegsziel nie und nimmer die Grundlage von Friedensverhandlungen sein kann, ehe nicht die Gegner allesamt völlig zermantscht sind. Also noch jahrelange Fortsetzung des irrsinnigen Tötens und Brennens! ... Wenn es nicht anders kommt. Mit gesteigerter Spannung muß man nun auf die Kämpfe an den Dardanellen blicken, wo nach der neuen Landung der Engländer an wieder einem andern Punkt und nach der Beharrlichkeit, mit der Rumänien die Waffendurchfuhr nach der Türkei verweigert, immerhin große Chancen bestehen, daß die herrliche undurchbohrbare Rüstung des Dreibunds am Hintern ein Leck kriegen könnte, eine Hoffnung, die nach Einbringung der Ernte in Rumänien durch Eingreifen des 600.000 Mann starken Heeres dieses Landes, noch wesentlich gehoben sein wird ... Vielleicht wird auch das italienische Heer noch Gelegenheit bekommen, den Übermut in Wien und Berlin ein wenig zu bremsen. Wenn nicht alles täuscht, wird Cadorna den Durchbruch bei Doberdo doch noch solange versuchen, bis das Vordringen nach Görz – und das hieße die Eroberung Triests – gelingt. Vielleicht lassen sich dann die Großschnauzen in Berlin beruhigen und sehn ein, daß es besser ist, billig zu paktieren, als es bei der Vernichtung der andern auf die Selbstvernichtung ankommen zu lassen. Daß ihnen diese Einsicht erst eingeprügelt werden muß, haben sie ja leider bewiesen.

 

München, Montag, d. 23. August 1915

Italien hat der Türkei den Krieg erklärt. Damit wächst die Hoffnung, daß die Dardanellenbezwingung doch noch dem Weltherrngelüste des Germanismus den Weg verlegen werde, zumal die Möglichkeit sehr groß ist, daß Italien diesen Schritt erst nach endgiltiger Verständigung mit Rumänien unternommen haben wird. Gestern wurde – zwar schon zum xten Male, aber doch diesmal in einer Form, die Glauben beansprucht, gemeldet, daß der Vertrag zwischen Türkei und Bulgarien perfekt, d. h. schon unterzeichnet sei. Daß dieser Vertrag ein aktives Eingreifen Bulgariens zugunsten der Türkei bestimmt, ist mehr als unwahrscheinlich. Jedenfalls ist durch beträchtliche Gebietsabtretungen nun die Neutralität des Nachbars erkauft worden. Gleichzeitig wird gemeldet, und zwar ebenfalls nach diversen gleichen Versicherungen und auch diesmal kaum zuverlässiger, daß Griechenland die Angebote der Entente abgelehnt habe und somit aus deren Kalkulationen völlig ausscheide. Die Behauptungen endlich, selbst Serbien werde, etwa in einem Separatfrieden, den Anschluß an den Zweibund und die Türkei finden, richtet sich in ihrer Lächerlichkeit selbst ... Nun wollen aber die Leute, die überall hineinriechen, wissen, daß Rumäniens beharrliche Weigerung, Waffen- und Munitionszufuhr nach der Türkei durch sein Gebiet zu erlauben, die Zentralmächte zu einem Gewaltsschritt veranlassen werde. Gestützt auf ein, kürzlich in halbes Licht gerücktes, Geheimabkommen, werde man an Rumänien ein Ultimatum stellen, den Durchmarsch deutscher Truppen nach der Türkei erzwingen und einen energischen Feldzug gegen Ägypten einleiten. Das letzte Ziel, das da angegeben wird, scheint mir reichlich blödsinnig zu sein. Aber daß man, um dem Bundesgenossen in seiner offenbar schon sehr bösen Bedrängnis Hilfe zu bringen, von einem zweiten Belgien nicht zurückschrecken wird, das halte ich bei der neuerlichen Gemütsverfassung in Deutschland, die der Reichskanzler in die Worte kleidet, „Wir haben die Sentimentalität verlernt“ (!) für durchaus denkbar. Was sich in der letzten Zeit an deutschen Neutralitätsverletzungen häuft, geht ja schon auf keine Kuhhaut mehr. Da sind die abenteuerlichen Enthüllungen des „New York World“, nach denen deutsche Agenten, in Verbindung mit der deutschen Gesandtschaft in Washington in amerikanischen Munitionsfabriken Streiks angezettelt haben, und die Deutschfreunde in Amerika von amtlichem deutschen Gelde besoldet werden. – Da ist die Beschießung eines an der dänischen Küste gestrandeten englischen Unterseeboots durch deutsche Torpedoboote im dänischen Gewässer (genau das gleiche, was jüngst von russischen Schiffen in schwedischen Gewässern geschah, was bei uns zu Entrüstungsorgien Anlaß gab und wofür sich die russische Regierung bei der schwedischen entschuldigte). Und da ist neuerdings die Umstellung der norwegischen Küste mit deutschen Unterseeboten, die wohl auch nicht ganz stillschweigend hingenommen werden wird.

Die Rede des Reichskanzlers hat im Ausland einen greulichen Eindruck gemacht. Selbst unsre patriotischen Schmöcke drucken Pressestimmen aus Holland ab, die sich sehr besorgt äußern, da bei den jetzt offen bekundeten Kriegszielen Deutschlands, nämlich ganz Europa den Huf ins Genick zu setzen, die Dauer des Kriegs ins Grenzenlose gedehnt wird und sich auch die jetzt neutralen Länder eine derartige Vormachtstellung Deutschlands, wie sie Bethmann-Hollweg zu erstreben scheint, einfach nicht gefallen lassen können ... So schmerzlich der Gedanke ist, all denen, die man kennt, den Freunden, die in naivem Idealismus keinen Wunsch kennen als deutschen Sieg, Enttäuschungen wünschen zu müssen, – es bleibt nichts andres mehr übrig für den, der ein kultiviertes Europa erhalten sehn möchte, als auf Niederlagen der Deutschen und ihrer Verbündeten zu hoffen, um den Größenwahn zu bremsen, der im Begriff ist, die Welt in unabsehbaren und irreparablen Jammer zu stürzen.

Über die Kosten des Krieges hat Helfferich im Reichstag dolle Zahlen genannt: danach betragen die täglichen Kriegskosten für alle beteiligten Mächte zusammen fast 300 Millionen Mark. Deutschland und England müssen für den täglichen Kriegsbedarf je etwa 80 Millionen Mark aufbringen. Das sind aber blos die Zahlen für die Barzahlungen der Kriegskosten. Die Zerstörungswerte und der Ausfall sind nicht mitgerechnet – und die täglich hingemordeten Menschen auch nicht. Keine Phantasie reicht aus, um all das Unglück, das in diesen Zahlen ausgedrückt wird, zu erfassen. Aber die Welt jubelt, sie erlebt ihre „große Zeit“.

Für die Sozialdemokraten sprach im Reichstag Dr. David. Der „Vorwärts“ konstatiert ganz richtig, daß seine Rede sich von denen der bürgerlichen Herren garnicht unterschied. Nicht einmal gegen die Annexionsabsichten fand er mehr Worte, als in einem nichtssagenden Satz Raum hatten. Bei der Abstimmung waren wieder 29 Sozialdemokraten aus dem Saal gegangen. Gegen die neuen 10 Milliarden stimmte nur Liebknecht, dessen Versuche, sich Gehör zu schaffen, im Lärm und Gewieher der wahren deutschen Volksvertreter erdrosselt wurden. Im ganzen Lande aber ist der Mann, der den Mut hat, sich in der Uniform eines Armierungssoldaten, der also rettungslos den Schindereien patriotischer Vorgesetzter ausgesetzt ist, allem entgegenzustellen, was ungestraft den Mund aufmachen darf, ein Gernegroß, ein Poseur, oder bestenfalls ein Narr. So tief ist das ethische Gewissen Deutschlands gesunken, daß, wer die Empfindungen der Millionen öffentlich ausspricht, im ganzen Lande als Lügner verlästert wird. Der Sieg der deutschen Waffen wird die Vernichtung der deutschen Seele sein!

 

München, Dienstag, d. 24. August 1915.

Als vorgestern im Café die eben angeschlagene Nachricht erörtert wurde, daß das Bündnis zwischen Bulgarien und der Türkei abgeschlossen sei, sprach ich Zweifel aus, und zog mir deshalb mißbilligende Blicke zu. Denn man hat in Deutschland kritiklos zu glauben, was der seit einem Jahr sichtbaren deutschen Politik frommt. Nachher kam Rößler und hatte grade von einer eingeweihten Persönlichkeit erfahren, daß es wahr sei, der Vertrag sei wirklich unterzeichnet. „Da sehn Sie’s“, sagte Nonnenbruch zu mir, worauf ich die Achseln zuckte. Eigentlich hätte ich die Botschaft nun erst recht unwahrscheinlich finden müssen. Denn was eingeweihte Persönlichkeiten wissen, hat sich das ganze Jahr hindurch noch immer als unzutreffend erwiesen. Aber widerstrebend ließ ich’s nun gelten. Mein politischer Instinkt hatte aber doch recht. Denn schon gestern wurde die Nachricht dementiert, und die Unterzeichnung erst als „nahe bevorstehend“ angekündigt. Das läßt sich ja abwarten. Ich kann es mir schwer vorstellen, daß sich Bulgarien – trotz allen Erfolgen der Mittelstaaten gegen die Russen – die letzte Gelegenheit, Adrianopel, das es 1912 eroberte und 1913 wieder verlor, doch noch zu kriegen und Vormacht der von der Türkei gesäuberten Balkanhalbinsel zu werden, wirklich völlig abschneiden sollte. Daß sämtliche Balkanländer an der Besiegung der Türkei aufs höchste interessiert sind, unterliegt nicht dem mindesten Zweifel, und die Bemühungen der deutschen Presse, ihnen das Gegenteil zu beweisen, wirken unsäglich albern. Der Verzicht, an der Zertrümmerung teilzunehmen, könnte demnach nur aus der Überzeugung erwachsen, daß die von Deutschland und Österreich unterstützte Türkei allen Koalitionen standhalten werde. Diese Befürchtung hat bislang die Neutralität Rumäniens, Bulgariens und Griechenlands begründet. Jetzt aber, wo der Munitionsmangel der Türken offensichtlich ist, und wo die Bezwingung der Dardanellen kaum mehr eine Frage des Geschehns sondern blos noch eine Frage der Zeit ist, wo außerdem das Aktivwerden Rumäniens aufgehört hat, überhaupt noch eine Frage zu sein, – jetzt wäre Bulgariens Entschluß, sich abspeisen zu lassen, nur noch aus dem instinktmäßigen Ressentiment gegen Serbien zu verstehn, oder aber aus dem Bewußtsein der Schwäche, die keinen Krieg mehr vertragen kann. Friedensliebe aus ethischen Gesichtspunkten ist selbstverständlich bei diesen Räuberregierungen ebensowenig anzunehmen wie bei denen der europäischen „Kultur“-Nationen. Vorläufig glaube ich jedenfalls noch nicht an ein Resignieren bei irgendeinem der annoch neutralen Balkanstaaten.

Die Russen – das war gestern die wichtigste Mitteilung im Tagesbericht – haben die Festung Ossowiec, um die seit vielen Monaten gekämpft wurde, geräumt, sodaß die Deutschen sie nur noch zu besetzen brauchten. Der Gesamtrückzug geht in kolossalem Tempo weiter. Wann und wo der deutschösterreichische Vormarsch gestoppt werden soll, ist noch nicht zu erkennen. In Frankreich passiert seit Wochen garnichts mehr, was die Absicht einer der Parteien verriete, verändernde Operationen einzuleiten. Vermutlich ist die Erschöpfung schon so groß, daß keiner seinen Armeen dort mehr zumuten kann, als die Strapazen des Belagerungskrieges ohnehin bedingen.

Wie leicht man selbst bei fast täglicher Tagebuch-Registratur höchst einschneidende Ereignisse übergehn kann, sei es, weil sie in der Fülle der Abscheulichkeiten vergessen werden, sei es, weil sie zuerst nicht in ihrer Wichtigkeit erkannt werden, beweist mir der Fall der „Arabic“. – Das ist wieder ein Schiff der White-Stare[Star]-Linie, das auf der Fahrt von England nach Amerika torpediert worden ist. Es wird nun behauptet, daß unter den dabei umgekommenen Passagieren – es sollen dieses Mal „nur“ 8 sein – 2 Amerikaner waren. Damit wäre dann der Fall geschaffen, in dem Wilson in seiner letzten Note einen „vorsätzlichen unfreundlichen Art“ erblicken zu wollen erklärte. Die Möglichkeit, daß die Vereinigten Staaten zum mindesten die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrechen werden, ist damit sehr nahe gerückt. Und die Tatsache, daß die barbarische Unterseeboot-Kriegführung der Deutschen gegen Kauffahrteischiffe in ganz Amerika einen fanatischen Abscheu gegen uns hervorgerufen hat, ist längst sicher. Daran ändern auch die dummen Schwätzereien der Zeitungen nichts, die emsig die Stimmen deutschamerikanischer Blätter sammeln und daraus beweisen wollen, daß Wilsons Haltung unpopulär sei. Wahr ist, daß er das ganze amerikanische Volk hinter sich hat und der Mehrheit nur nicht weit genug geht in seiner Abwehr der deutschen Übergriffe, und daß Herr Bryan in der Erkenntnis, daß er mit seiner plötzlichen Schwenkung seine Präsidentschaftsgelüste nicht wird zum Ziele führen können, seine Volksreden wieder aufgesteckt hat ... Die auf dänischem Gebiet an Bord des gestrandeten englischen Unterseeboots E13 getöteten Marinesoldaten sind in Kopenhagen unter großer Beteiligung der Bevölkerung demonstrativ bestattet worden. Auch ein Zeichen der Deutschenliebe im Ausland.

Eben habe ich frischbesohlte Schuhe zahlen müssen. Meine Stiefel brauchten Sohlen und Absätze, was die Kleinigkeit von 6 Mark 80 Pf (gegen 3,50 Mk in normalen Zeiten) gekostet hat. Für Zenzls Schuhe, die nur Absätze bekommen haben, mußte ich 1,20 Mk zahlen. In dieser Weise ist all und jedes verteuert. Die Lebensmittel haben samt und sonders einen Preis erreicht, daß man behaupten kann, daß der verdoppelte Etat eines Haushalts noch immer eine erhebliche Einschränkung der Lebensweise gegen normale Zeiten erfordert. Das weiß und fühlt jeder Arme aufs Bitterste. Die es aber am eignen Leibe nicht spüren, oder doch ohne Not ertragen können, die schrein ihr „Durchhalten!“ in die Welt und posaunen hinaus, in Deutschland sei das ganze Volk heute noch wie am ersten Tage kriegsbegeistert und opferfreudig. Wer aber die Wahrheit sagen möchte, dem wird das Maul zugebunden.

 

München, Mittwoch, d. 25. August 1915.

Heut früh las ich als erste der vom „Bund neues Vaterland“ herausgegebenen Flugschriften den ursprünglich in der „Neuen Zeit“ erschienenen Aufsatz von Kurt Eisner „Treibende Kräfte“. Das ist in dieser Zeit, wo die Regierung – jetzt durch die Veröffentlichung der Dokumente „Aus belgischen Archiven“ – wieder mal eifrig nachweist, wie die Entente unser armes, nur auf Friedfertigkeit gestimmtes Land systematisch in den Krieg hineinintrigiert hat, eine recht aufklärende Lektüre. Eisner weist an Hand von Zitaten aus den „Alldeutschen Blättern“ und aus alldeutschen Reden nach, mit welcher Zielsicherheit die Alldeutschen Deutschland allmählich und unter der Oberfläche in die Katastrophe hineingezerrt haben. Besonders lehrreich sind die Aeußerungen aus der ersten Hälfte des Jahres 1914, aus der Zeit also vor dem Attentat in Serajewo. Angesichts dieser Dokumente, die alle nur Variationen der Meinungen des Generals v. Bernhardi sind, wird die Fabel von dem uns heimtückisch aufgezwungenen Krieg nach Friedensschluß, wenn auch die Rückseite des Bildes dem großen Publikum gezeigt werden kann, keine starke Zugkraft mehr haben. Vor allem der Beweis, daß es sich den Alldeutschen um einen glatten Raubzug mit dem europäischen Frankreich als Opfer handelte, und daß die Regierung sich allmählich und ganz sicher von den alldeutschen Argumenten völlig einfangen ließ, wird ohne Frage von starker Leuchtkraft sein. Ob Eisners und der Herausgeber der Schrift Appell an die Opposition, dem Eifer der Alldeutschen gleichen Eifer entgegenzusetzen, viel Erfolg haben wird, ist leider zu bezweifeln. Der Eifer jener „treibenden Kräfte“ hat es ja bewirkt, daß jetzt, wo sie ihre entsetzlichen Pläne voll zur Verwirklichung gebracht haben, im ganzen, für seine „Freiheit“ kämpfenden Vaterland nur noch ihre Tendenzen angesprochen werden dürfen. Wie Nonnenbruch es kürzlich sehr schön in Form brachte: „Wer jetzt nicht als Patriot fühlt, gehört totgeschlagen!“ – Totschlagen – das ist die letzte Weisheit dieses „höherwertigen“ Volks, gegen das sich die „minderwertigen“ (das sind, außer Rußland, Frankreich und England) auflehnen (wörtlich aus alldeutschen Auslassungen). Und nun noch ein Zitat aus Eisners Artikel, das den „Alldeutschen Blättern“ vom 14. Oktober 1914 entnommen ist und als Pendant zu Hölderlins Hyperion-Brief über die Deutschen gelten kann:

„Zum Teufel endlich mit dem ganzen Kulturgeschwätz“ ... Und nur, um uns nicht die Möglichkeit zu verschütten, mit diesem ... „Lumpenpack auf Erden“ wieder kulturell zusammenzuarbeiten, nur deshalb wollen wir auf den Preis unsrer Opfer verzichten? Als ob auch nur ein einziger Grenadier seine Knochen für diese Art „Kulturbestrebungen“ zu Markte trüge. Wofür unsre Heere ... kämpfen, das ist das größere Deutschland ..., das sind Grenzen, die uns vor einem ähnlichen Überfall durch Wegelagerer ... Sicherheit verheißen!“

Daß sich die Regierung absolut im Schlepptau dieses Gesindels bewegt, daran kann es nach der letzten Rede Bethmanns ja keinen Zweifel mehr geben. Wir gehn fürchterlichen Zeiten entgegen; es sei denn, daß die Arbeiter einmal erwachen und den Weg bestimmen!

Der Vertragsschluß zwischen Bulgarien und der Türkei wird nun tatsächlich bestätigt. Vorläufig wird nur mitgeteilt, welchen Landverzicht die Türkei zugunsten Bulgariens bewilligt. Über die Gegenleistung weiß man noch nichts. Jedenfalls die Verpflichtung „wohlwollende“ Neutralität zu halten. Die öffentlichen Meinungssieder begrüßen schon emphatisch die neuen Verbündeten, deren wahrhaft staatsmännisch beratene Führer sich den heldenhaften Herren aus den beiden Balkankriegen ebenbürtig zeigen. Hätten sich die Herren Radoslawow und wie sie heißen mögen anders entschieden, d.h. hätten sie es zu verhindern vermocht, daß Bulgarien seiner gegenwärtigen Schwäche dies Zugeständnis machen mußte, dann wären die bulgarischen Armeen ein infames und feiges Pack, das in erpresserischem Überfall die durch die kaum überstandene Revolution und den noch nicht abgeschlossenen libyschen Krieg geschwächte Türkei nur mit Hilfe Serbiens, Montenegros und Griechenlands besiegen könnte, und den Raub ein Jahr später infolge seiner kläglichen Untüchtigkeit an die Verbündeten von 1912 und an die inzwischen zu Atem gekommene Türkei wieder abgeben mußte ... Jedenfalls erkennt man aus dem Vorgang dieses Vertrags, daß man, sofern man nur mit Deutschland verbündet ist, auch ohne Schwertstreich Land verlieren kann. Daß es Österreich nicht so ging wie jetzt der Türkei, lag ja nur daran, daß Italien den angebotenen Siegespreis nicht als Geschenk annehmen wollte, wofür es als feig, erpresserisch, bestochen, verräterisch und infam vor der Geschichte dasteht, wie sie jetzt auf Holzpapier gearbeitet wird.

Ob Bulgariens Verhalten auf Rumänien hemmend einwirken wird, bezweifle ich, und daß der Durchbruch durch die Dardanellen deswegen mehr als aufgeschoben und etwa verhindert wäre, bezweifle ich noch viel mehr. Auf Galipoli aber wird der Friede geboren werden.

Köhler ist plötzlich aufgetaucht. Er ist von der Front abkommandiert worden, um Leutnant zu lernen. Leider scheint ihn die Praxis militaristisch verblödet zu haben.

 

München, Freitag, d. 27. August 1915

Auch Brest-Litowsk ist nun von den verbündeten Kaiserheeren genommen worden, und zwar nach Erstürmung der wichtigsten Festungswerke von den Russen „preisgegeben“, also wohl geräumt. Nach Halbes Kenntnissen, die sich allerdings bisher noch stets als verkehrt erwiesen haben, der sich aber diesmal auf die Mitteilungen seines Sohnes Max beruft, der der Armee Linsingen angehört, soll nach der Einnahme von Brest-Litowsk in Rußland nur noch Stellungskrieg geführt werden, da man dann die Hauptkraft nach Westen werfen will. Jedenfalls wird man aber wohl noch erst die Festungen Grodno und Olita nehmen wollen, die kaum lange widerstehn werden, und Riga besetzen, um von dort aus die Ostsee zu beherrschen, ehe man sich zufrieden gibt. Aber lächerlich zu glauben, dann sei der russische Krieg entschieden. Es gibt nicht den kleinsten Anhalt dafür, daß Rußland entgegen seiner der Entente gegenüber eingegangenen Verpflichtung einen Separatfrieden anbieten oder eingehn wird. Es ist geschlagen aber keineswegs besiegt, und mehr als schlagen wird man auch Frankreich nicht können, wenn selbst das gelingen sollte. Ich glaube bestimmt, daß die französisch-englische Auffassung richtig ist, daß Sieger in diesem Kriege nicht der sein wird, der die größten Waffenerfolge hat, sondern der, der das Unglück am längsten aushält. Falls diese Erkenntnis nicht doch auch in Deutschland noch Fuß fassen sollte, werden wir leider, leider noch sehr lange „große Zeit“ haben. Denn Deutschland hält’s noch sehr lange aus, – aber am längsten England.

Vorgestern nach der Ferien-Kegelbahn in den Torggelhaus-Katakomben nächtliche Kneiperei bei Ziersch (nachdem die Frauen heimgeschickt waren). Inzwischen ein kleines Intermezzo. Ziersch hatte den Wein nicht mitgenommen und Köhler und ich fuhren zur Torggelstube zurück, um ihn zu holen. Frau Prüfling, die Wirtin, brachte die Flaschen mit dem Bemerken, Herr Dr. Friedenthal werde mitfahren. Tatsächlich erschien dann auch hinter ihr der junge Mann von Rudolf Mosse, ging ohne Gruß, den Schabbesdeckel auf dem Kopf, an mir vorüber ans Auto, und teilte Köhler seine Absicht mit, an der Gesellschaft bei Ziersch teilzunehmen. Erst meine energische an Köhler gerichtete Erklärung – den Schmock schnitt ich natürlich völlig –, dann möge er dort schön grüßen, ich gehe heim, veranlaßte den aufdringlichen Burschen, abzuziehn. Er hätte sich sonst kaltlächelnd mit mir, mit dem er so verkracht ist, daß wir einander nicht grüßen und kein Wort miteinander reden, in ein Auto gesetzt, um in die gleiche Gesellschaft mitzufahren, in die ihn kein Mensch eingeladen hat. Das aber ist der Mann, mit dem Leute wie Wedekind, Halbe, Eulenberg, selbst Heinrich Mann um Gottes willen gute Freundschaft halten, weil er das „Berliner Tageblatt“, das „Berliner Tageblatt“ aber ihre Unsterblichkeit repräsentiert. Die Leute merken garnicht, wie sie sich degradieren, indem sie vor aller Augen kundtun, daß sie schon zufrieden sind, wenn sie auf Jiedenthals krummen Beinen mauschelnd zum Parnaß gelangen.

Bei Ziersch gab es dann Auseinandersetzungen über Liebknecht. Es war trübe zu erleben, wie Halbe, Schmid, Maaßen, selbst Köhler – doch lauter kluge, anständige, mit jedem guten Willen ausgestattete Männer, in der mutigen Art Liebknechts nur schäbige, feige und törichte Motive erkennen konnten. Der persönliche Mut zu einer Überzeugung gilt garnichts, wenn die Überzeugung selbst nicht geteilt wird ... Noch ein andres ward bei dem Disput, bei dem ich wieder allen gegenüberstand, deutlich. Sie alle, doch die besten Köpfe, die man in Deutschland finden kann, schimpfen wie verrückt auf Caruso, d’Annunzio, Maeterlink, Verhaeren, France etc., weil sie sich deutschfeindlich äußern. Wer sich aber bei uns nicht gleichermaßen franzosen-engländer-russen-italienerfeindlich ausspricht (Halbe gehört zu den 93 Intellektuellen blamablen Andenkens), der ist gradesoein Lump wie jene ausländischen Patrioten. Es ist eine entsetzliche Verworrenheit in allen Geistern.

Ludwig Scharf mit seiner kreischenden taktlosen Ehefrau ist nach zweijährigem Aufenthalt auf ihren ungarischen gräflichen Gütern zurückgekehrt. Ich traf das Ehepaar im Stefanie. Auch Scharf, der einstige rabiate Revolutionär, ist kriegsvertrottelt und seine Hausgans verhöhnte gackernd meine Ansichten: „Dann finden Sie wohl auch, daß Deutschland und Österreich Schuld sind an dem Kriege?“ Ich erwiderte, darüber wollen wir uns unterhalten, wenn unsereins das Maul wieder ebensoweit aufmachen kann, wie – ich hatte fast: wie Sie! gesagt – begnügte mich aber mit: die andern. Scharf kam dann natürlich auch mit dem Naturereignis. So sind die Atheisten: um die Menschen freisprechen zu können, geben sie an allem Unglück, zufrieden und problemlos, dem lieben Gott die Schuld. Aber worüber soll man sich noch wundern, wenn selbst ein Johannes Nohl Deutschlands und Österreichs „gerechte Sache“ preist?!

 

München, Sonnabend, d. 28. August 1915.

Die Gestaltung meiner persönlichen Existenz ist in letzter Zeit bei meinen Notierungen reichlich zu kurz gekommen, obwohl sie einer Bemerkung wert ist. Nur hat immer die Empfindung überwogen, daß Glück und Schicksal des Einzelnen vor der Katastrophe der Welt ein Nichts ist ... Meine Ehe mit Zenzl läßt sich sehr glücklich an. Wir haben einander zärtlich lieb, und ich strebe danach, ihr in sorgloser Sicherheit zu guter Entwicklung ihres in 10 Jahren schwer gepeinigten Selbst zu verhelfen. Sie gibt mir mit ruhiger Selbstverständlichkeit eine seit 20 Jahren vermißte heimatliche Stätte. Seit wir beisammen sind, haben alle nervösen Quängeleien zwischen uns aufgehört, und in spätestens 3 Wochen wird wohl die äußere Formalität der Eheschließung vollzogen sein, nachdem ich Montag am Standesamt das Aufgebot bewirkt habe und wir heute als „Verlobte“ schon in den Zeitungen figurieren. Es wird gut werden – daran habe ich kein Zweifel mehr, und es ist fürs ganze Leben. – Trübend stehn, zwar nicht zwischen unserm Verhältnis aber zwischen Zenzls Glückswillen ihre täglichen Besuche in der Neureutherstrasse. Engler zwar benimmt sich erdenklich anständig. Doch herrscht in seiner Wohnung eine unsaubere Atmosphäre, bewirkt durch die kleinbürgerliche Geschwätzigkeit der Finny, die wie ein schlechtes Gewissen schleichende Erscheinung des Malers Pol und die hohle Revoluzzerpathetik des dort ständig herumwimmelnden Schneiders von Przemysl, der sich als bösartiger Intrigant entpuppt. Er verlästert mich in nach Wien gerichteten Briefen, die jetzt offen geschickt werden müssen und also der Kontrolle militärischer Beamten unterliegen, als reichen, schundigen, bourgeoisen Saufbold, und droht kindisch mit Einbrüchen und sonstigen Liebenswürdigkeiten, sodaß Zenzl beunruhigt und arg verstimmt ist. Dazu kommt ihre Sorge um die äußere Existenz des früheren Mannes, an dessen Schicksal sie in treuer Kameradschaftlichkeit immer noch besorgt hängt, und den sie – ich weiß es – von unsern Mitteln nach Kräften partizipieren läßt. Heut nacht vertraute sie mir den Vorschlag an, ihm einmal tausend Mark zu geben, um ihn dann beruhigt der eignen Kraft überlassen zu können. Ich gab ihr kein bestimmtes Versprechen, möchte ihr aber gern diese Beruhigung schaffen. Wüßte ich nur, wann und wie ich das Geld werde zusammenbringen können, und ob damit wirklich die Zerrissenheit in Zenzls Gemüt behoben sein wird. Ist das Geld herum – wird Engler, der ganz hilflos allen praktischen Sorgen gegenübersteht, nicht wieder von uns Hilfe erwarten? Und wird Zenzl nicht von neuem in die alte Angst geraten? Gleichviel: wenn ich es machen kann, will ich dem Mann, dem ich seinen besten Lebensinhalt nahm, helfen.

Gestern war Streit in München, als Garnisonsleutnant. Einer der wenigen, die den Verstand nicht im Patriotismus ersäuft haben. Er hofft zum November auf Beendigung des Kriegs. Man werde in Rußland einen Stellungskrieg beginnen, dadurch 1½ Millionen Mann freibekommen, davon ½ Million Österreicher gegen Italien, eine Million Deutsche gegen Frankreich senden, dort einen Durchbruch erzwingen und Schluß machen. Ich kann – obwohl gestern auch noch die Räumung Olitas durch die Russen gemeldet wurde, und der Fall Grodnos jedenfalls in kurzer Zeit folgen wird – nicht dran glauben. Die Russen sind nicht so geschwächt, wie man hier meint. Ihren riesigen Verlusten stehn auch gewaltige Verluste der Angreifer gegenüber, denen nicht mehr soviel Reserven zur Verfügung stehn, und die – zumal wenn England plötzlich doch ein Millionenheer auftreten lassen sollte – jeden Moment im Westen große Truppenmassen nötig haben könnten, – und dazu kommt die systematische Räumung der russischen Festungen, deren Besatzungen, da sie – außer in Nowo-Georgiewsk – überall mit heiler Haut entkommen sind, zu Hunderttausenden für das Feldheer freiwerden.

Vor einigen Tagen wurde von der prompten, einstimmigen Annahme eines Militärgesetzes im Reichstag berichtet. Über seinen Inhalt erfuhr man nichts, da das Parlament, inclusive seinen Sozialdemokraten, auf eine Besprechung verzichtete. Jetzt erzählt mir Streit, daß es sich um Nachmusterung der Ausgemusterten handelt. Die Gefahr, daß ich noch drankomme, rückt damit näher. Wenn es nach Träumen und Wünschen unsrer Hypernationalisten geht – und bisher ist es ja eigentlich danach gegangen –, dann ist Bulgarien gekauft, um Serbien von Süden anzugreifen (der Vertrag mit der Türkei ist immer noch nicht offiziell, man darf aber wohl an seinem Bestehn überhaupt noch zweifeln), gleichzeitig werde Österreich mit deutscher Hilfe von Norden durchstoßen, der Durchbruch zur Türkei wird erzwungen und die Entscheidung fällt endlich in Aegypten zwischen Deutschen und Engländern. Kommt es so, dann dauert der Krieg natürlich so lange, bis auch die letzten Reserven noch in die Schützengräben kommandiert werden, und so kann die groteske Vorstellung eines Tages Wahrheit werden, daß ich Unglücklicher in Feldgrau mit dem Bajonett eines Nilquellennegers an eine Pyramide gespießt und endlich in pharaonischer Erde für Deutschlands Ruhm und Größe von den Leiden meines Dichterdaseins ausruhn werde. Ein gottloser und schäbiger Witz – aber was wäre in diesen Zeitläuften unmöglich? Nur – ich mache nicht mit!

In der Rigaer Bucht scheint es neulich nach der Einfahrt deutscher Kriegsschiffe zu einem Seekampf gekommen zu sein, der sich als russischer Sieg qualifiziert. Näheres freilich weiß man garnicht darüber, nur daß die Russen derartiges gemeldet haben, daß es in London vor der russischen Gesandtschaft deswegen zu Freudenkundgebungen kam, daß die deutschen Kriegsschiffe tatsächlich den Meerbusen verlassen haben, und daß Herr Behncke beharrlich schweigt, wie es denn vor einem Jahre in einer der wegen ihres Lapidarstils berühmt gewordenen schneidigen Langatmigkeiten des Herrn v. Stein hieß: „Unser Volk kann überzeugt sein, daß wir weder Mißerfolge verschweigen noch Erfolge aufbauschen werden“ (Amtliche Kriegsdepeschen des W. T .B. vom 10. August 1914).

Wie die Wahrheit aussieht, die weder vertuscht noch beschönigt wird, zeigt sich aus einem amtlichen englischen Bericht über die letzten Kämpfe auf der Halbinsel Gallipoli, den die deutsche Presse triumphierend und mit höhnischem Gekeif verziert abdruckt. Ich habe ihn ausgeschnitten und will ihn der Mappe einverleiben, die ich für derartige Dinge angelegt, und für die ich die betreffenden Beilagen dieser Hefte schon umsortiert habe. Hier nur einige Zitate: „Trotz ... der schweren Verluste auf beiden Seiten erreichten unsre Truppen in keinem von beiden Gebieten ihr Ziel, obwohl sie ihm entschieden näher kamen und das Gebiet ... beträchtlich ausbreiteten.“ In deutscher Abfassung würde dasselbe Eingeständnis lauten: „Wir fügten dem Gegner schwere Verluste bei und konnten unser Gebiet beträchtlich ausbreiten, indem wir den feindlichen Stellungen entschieden näherkamen.“ Dann: „Der Angriff des australisch-neuseeländischen Korps ... hatte aber nicht das gewünschte Ergebnis. Die ... Truppen vermochten nicht, die Stellungen auf der Höhe zu halten und mußten sich ... zurückziehen.“ Ob solche Ergebnisse von den Deutschen wohl überhaupt erwähnt würden? Es folgen dann Einzelheiten über Erfolge, die sich bei uns sehr erheblich ausnehmen würden. Der englische Bericht aber sagt darüber: „Die Verluste des Feindes sind viel schwerer als die unsrigen und das gewonnene Gelände ist sehr wichtig. Man soll daraus aber nicht schließen, daß wir das eigentliche Ziel erreichten. Weitere ernste Kämpfe werden notwendig sein“ etc. In der „Münchner Zeitung“, nach der ich zitiere, folgt dann das Resumee, das diese verblüffende amtliche Wahrhaftigkeit als vertuschende Unredlichkeit hinstellt, dann die Schilderung eines englischen Kriegsberichterstatters, der die türkische Verteidigung in hohen Tönen rühmt (wo gäbe es diese Gerechtigkeit in Deutschland?) und endlich ein Zitat aus der „Times“ über diese Schilderung, in dem die englische Zensur angegriffen wird, weil sie vorher andre schönfärbende Berichte durchgelassen hätte, die im englischen Publikum falsche Vorstellungen erwecken konnten. – Wenn sich bei uns die Zensur gegen andre Darstellungen als die der „Flaumacher“ wenden wollte, dann müßte sie allerdings bei den amtlichen Berichten der Obersten Heeresleitung mit ausgiebiger Gründlichkeit beginnen.

Auf die letzte Reichskanzlerrede im Reichstag hat Sir Edward Grey in einer ausführlichen, sehr klaren, sachlichen und überzeugenden Zuschrift an das Reuterbureau geantwortet. Dieses Dokument verdient mitsamt der unglaublich dürftigen, anmaßenden und nichtssagenden Erwiderung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ besondere Beschäftigung. Ich hebe mir beide Aeußerungen auf, um sie vielleicht bald, vielleicht später mal kritisch aneinander abzuschätzen. So wenig es meine Absicht ist, und so sehr ich in den Verdacht geraten muß, alle nichtdeutschen Stimmen zu diesem Kriege grundsätzlich gelten zu lassen, um die deutschen zu diskreditieren – ich kann mir nicht helfen: wo Takt und seelische Geschicklichkeit in Frage kommen, schneiden die Deutschen mit verzweifelter Regelmäßigkeit ganz kläglich ab.

Aus den Gesprächen mit Streit, mit dem ich übrigens auch die Neugründung eines literarischen Vereins anstelle des Neuen Vereins für die Friedenszeit besprach, noch eine bemerkenswerte Tatsache: Danach tragen seit etwa 14 Tagen die Legitimationen der aus dem Ostheer beurlaubten Mannschaften einen Vermerk, der den Betreffenden aufgibt, im Falle eines Waffenstillstandes nicht wieder zu seinem Truppenteil sondern zu dessen Ersatzbataillon sich einzufinden. Rechnet man schon mit einem nahen Sonderfrieden mit Rußland? Oder geht die Maßregel auf einen Bluff hinaus? Vielleicht wissen wirs über ein Jahr!

 

München, Montag, d. 30. August 1915.

Unterhaltung mit Freksa. Er geht in den nächsten Tagen zum zweiten Mal ins Feld. Sein Standpunkt ist primitiv: die Deutschen leisten Kolossales, also gebührt ihnen Sieg und Lohn. Ob die andern ebensoviel aushalten, ist ihm gleich, da er Deutscher sei und mehr mit einem deutschen Schweinehüter fühlte als mit einem serbischen Michelangelo. Er achte aber meinen Standpunkt als konsequent und anständig – im Gegensatz zu der kläglichen Schwenkung des „Simplicissimus“. Das Unglück und das Entsetzliche des Kriegs sieht Freksa aufgewogen durch die positiven Kräfte an Mut, Ausdauer, Pflichttreue, die er freimacht. (Der Rebell a. D. Ludwig Scharf begrüßt den Krieg als Rettung aus der dumpfen Stagnation der vorigen Jahrzehnte, – aber ich glaube, er wird sich noch zurücksehnen!) Freksa erzählte eine bezeichnende Anekdote. Sein Oberster habe gesagt: „Wenn ich nach dem Kriege in irgendeinem Kasino mal wieder vom „frisch-fröhlichen Kriege“ reden höre, dann vergesse ich alle Kavaliersehre und schlage dem Betreffenden den Kiefer entzwei!“ ... Die Obersten haben also in der entgegengesetzten Richtung „umgelernt“ wie gewisse freiheitliche Literaten.

Die letzten Sitzungen des Reichstags werfen wieder einige Lichter auf die Situation. Richard Fischer hielt eine von wahrhaft unglaublichem Material illustrierte Rede gegen den Belagerungszustand, den man vor einem Jahr versprach, gleich nach Beendigung der Mobilisation wieder aufheben zu wollen. Man hat ihn aber aufrecht erhalten und benutzt ihn zur praktischen Wiedereinführung des Sozialistengesetzes. Unbequeme Leute, Anarchisten und Sozialdemokraten, die nicht tanzen wollen wie Westarp und Scheidemann pfeifen, werden in „Schutzhaft“ genommen, d. h. ohne Grund und ohne daß ein Prozeßverfahren eingeleitet würde, solange wie es den Despoten paßt, eingesperrt. Die Zensur haust mit einer Willkür, die grotesk ist, in den oppositionellen Zeitungen. So ist dem „Vorwärts“ verboten, noch Berichte über Verhaftungen zu bringen, und tatsächliche Mitteilungen aus andern Blättern abzudrucken, sofern darin unerwünschte Bekenntnisse auch nur erwähnt werden. Das Verbot, weiße Stellen freizulassen, und dadurch der Zwang, dem Volk das Bestehn von Pressefreiheit vorzutäuschen, wurde hervorgehoben und noch sehr viel Arges und jämmerlich Unwürdiges. Der Staatssekretär Delbrück hat darauf erklärt, daß es ungleiche Behandlung deutscher Staatsbürger selbstverständlich nicht gebe, er verwahre sich gegen diese Unterstellung, und es bleibe selbstverständlich beim Belagerungszustand, der Pressezensur und dem übrigen, was Fischer gerügt hatte ... Es wurde auch von der Abänderung des Vereinsgesetzes gesprochen, und in der Budgetkommission hatten sich die Herren Volksvertreter tatsächlich geeinigt, daß der infame Sprachenparagraph aufgehoben, den Jugendlichen die Beteiligung an politischen Versammlungen erlaubt werde und den Gewerkschaften Freiheit in politischer Betätigung gegeben werden solle. Deutschland war glücklich, soviel Freiheit auf einmal kriegen zu sollen. Dadurch, daß es die Freiheit nicht kriegen wird, ist es nun aber auch nicht unglücklich. Denn die Regierung hat erklärt, jetzt sei keine Zeit, innere Reformen vorzunehmen. Das brave Kind wird auf die Belohnung vertröstet, damit es auch ja hübsch brav bleibe ... An Positivem hat der Reichstag also eigentlich nur bewirkt, daß ein neues Militärgesetz angenommen wurde, über dessen Inhalt man kein Wort erfuhr. Die Zeitungen haben kein Wort darüber gebracht, die Sozi haben es stillschweigend akzeptiert, – und jeder weiß, daß es die Nachmusterung der Untauglichen verfügt, die, als sie in Frankreich durchgeführt wurde, in aller Welt öffentlich erörtert und bei uns als Zeichen der äußersten Schwäche und Not verhöhnt wurde ... Aber nein, eines hat der Reichstag doch erhalten, einen Beweis der Regierung, daß Kindchen wirklich artig war und einen Bonbon wahrhaftiger Freiheit schon lutschen darf: Bethmann-Hollweg überraschte das hohe Haus mit der gnädigen Bewilligung, daß das Reichstagsgebäude jetzt seinen seit vielen Jahren vorenthaltenen Wunsch erfüllt bekommt und die Inschrift „Dem deutschen Volke“ künftig tragen darf. Die beglückten Herren haben diese Kunde mit begeistertem Beifall aufgenommen, und als dann das Kaiserhoch ausgebracht wurde, haben die Sozialdemokraten, denen Fischer eben klargemacht hatte, wie sie als Canaille behandelt werden, stehend zugehört und zwei von ihnen, Göhre und Cohen – ein Jude und ein Pfaff – haben mitgebrüllt.

Die Propheten künden nun vielfach für den November Frieden an. Manche Dinge scheinen ja wirklich eine Entwölkung vorzubereiten. Zwischen Amerika und Deutschland scheint trotz der „Arabic“-Geschichte eine Verständigung im Gange zu sein, (wenn nur nicht eine neue deutsche Dreckerei dazwischenplumpst!) ... In Frankreich hebt man mit dem 1. September den Belagerungszustand wirklich auf (aber wir Deutschen sind ja die wahren Bringer der Freiheit). Die gestern erwähnte Bemerkung auf den Urlaubspässen läßt sich ja auch, wenn man will, günstig denken, und vor allen Dingen ist es der Brief Greys, der mich hoffen läßt. Darin steht mit aller Deutlichkeit, daß England der deutschen Forderung nach Freiheit der Meere nicht grundsätzlich ablehnend gegenübersteht, nur nicht dulden wird, daß Deutschland nun als Polizist über dieser Freiheit wacht, noch auch, daß ganz Europa Deutschland tributpflichtig wird. Daß das aber Deutschlands Absicht ist, erhellt klar aus Helfferichs Bemerkung, das „Bleigewicht der Milliarden“ müßten diejenigen durch die Jahrzehnte schleppen, die den Krieg angestiftet hätten (daß er damit nicht Deutschland und Österreich meint, sondern u. a. Serbien und Belgien, versteht sich von selbst). Jedenfalls dünkt mich das Fühlhorn, das ich in Greys Artikel ausgestreckt sehe, eminent bedeutungsvoll, und ich gebe trotz der taktlos keifenden, auch noch für unsre Diplomaten verblüffend törichten Antwort in der Nordd. Allg. Ztg. die Hoffnung noch nicht auf, daß es wenigstens erst mal zu Verständigungsverhandlungen zwischen neutralen Vermittlern kommen werde. Denn wenn man irgendetwas entdecken will, was man diesem schauerlichen Morden Gutes nachsagen möchte, so ist es das, daß der Krieg eine Friedenssehnsucht über die ganze Erde gegossen hat, wie sie noch niemals gelebt hat.

Eben bringt mir Zenzl eine Nummer des Berner „Bund“, worin der Prozeß gegen die arme Margrit in etwas hämischem Ton zu lesen ist. Das Urteil wird auf den zweiten Tag vertagt. Hoffentlich wird’s ihr nicht garzu schlimm ergehn. Ich baue auf ihre Gewandtheit und auf das gute Gewissen, das ihr helfen wird, die schäbige Auffassung des Staatsanwalts, der ihrer Handlung Gewerbsmäßigkeit unterschiebt, zu entkräften und ihre idealistische Uneigennützigkeit zu beweisen. Aber wie ekelhaft schon, zu solchem Beweise gezwungen zu werden!

 

München, Dienstag, d. 31. August 1915.

Gestern habe ich den Schneider von Przemysl hinausgeschmissen. Der Bursche hatte es sich angelegen sein lassen, zwischen Zenzl, mir, Engler und Finny derartige Intrigen anzuzetteln, durch Denunziationen, Schwätzereien und neugierige Einmischungen, bei denen häßliche proletarische Geldgier und kleinlicher Neid zutage trat, soviel Unbehagen zu stiften, daß Zenzl sich durch sein Erscheinen aufregte und beängstigt fühlte. Gestern kam’s nun zum Krachen. Ich hielt ihm vor, daß er sich unkameradschaftlich verhalten habe, und da er weiterhin ausfällig wurde, und auf meine Bitte, zu gehn, nicht reagierte und zudringlich frech wurde, mußte ich ungeachtet des Vorwurfs, daß ich „unmenschlich“ bin, von meinem Hausrecht rabiat Gebrauch machen. Ich hoffe, den nicht ganz ungefährlichen Menschen jetzt los zu sein, und hoffe vor allen Dingen, daß Zenzls Befürchtungen, er werde zur Rache noch alle möglichen Schweinereien ersinnen, unbegründet sein werden ... Um Zenzls Gesundheit bin ich in sorgenvoller Angst. Sie hustet neuerdings in einer Weise, die mich in höchstem Maße um ihre Lungen fürchten läßt. Dabei ist ihr die gradezu gierige Zigaretten-Leidenschaft nicht auszutreiben, die umso bedenklicher ist, als sie den ganzen Dampf durch die Lungen zieht. Heut geht sie zum Arzt. Ich sehe dem Resultat der Untersuchung sehr bange entgegen.

Der Prozeß gegen Margrit ist zu Ende. Sie wurde der Beihilfe zur Abtreibung in einem Falle schuldig gesprochen. Die Frage nach Gewerbsmäßigkeit wurde verneint, und das Urteil lautete auf 10 Monate Gefängnis, ungerechnet die Untersuchungshaft. So verfährt man – in der freien Schweiz ebenso wie überall – mit einer Frau, die in anerkannter Uneigennützigkeit andern Frauen auf ihre Bitten aus höchster Angst und schrecklichen Sorgen hilft und unglückliche Kinder vor unwillkommener Geburt, häßlicher freudloser Kindheit, Unterernährung und schrecklicher Existenz behütet. Die Mitbürger aber, die als Geschworene die Gerechtigkeit personifizieren, setzen sich nach ihrem „Rechtspruch“ zufrieden an den Stammtisch und disputieren mit ihresgleichen über das Problem, ob im Interesse eidgenössischer Börsenspekulation die Vernichtung Deutschlands oder die Rußlands heißer zu wünschen sei. – Freiheit, die ich meine!

 

München, Mittwoch, d. 1. September 1915.

Im neuen Heim, drei Treppen über dem alten. Es ist, obwohl Zenzl in Gemeinschaft mit Engler und Finny alles ordentlich eingerichtet haben, noch unwohnlich, unübersichtlich, und vor allen Dingen bedrückt von einer Geschmacklosigkeit in grellen Farben, Bronzeverschmierung und Proletariereleganz, die als Affiche deutscher Barbarei gelten könnte, und in die sich unsereiner kaum wird heimisch einnisten mögen. Hätten wir nur erst eigne Möbel und genügend Bargeld, um uns vom Geschmack Münchener Dekorateure unabhängig machen zu können. Ich ertrage die Bohêmewirtschaft nicht länger.

Die Kriegsvorgänge bieten in den letzten Tagen kaum Neues. Auf Gallipoli scheinen die Verbündeten in der Tat einen erheblichen Mißerfolg gehabt zu haben. In Rußland geht der deutsch-österreichische Vormarsch weiter, ohne daß es ihm gelänge die Widerstandskraft der Russen zu brechen. Man ist jetzt auch in Ostgalizien durchgebrochen, offenbar mit dem Zweck, auch den kleinen, noch in Russenhänden befindlichen Teil österreichischen Gebiets freizukriegen, aber schon gestern hieß es, daß die Verfolgung durch einen Gegenstoß starker russischer Kräfte aufgehalten werde. Bei Wilna scheint sich ebenfalls eine neue russische Gegenoffensive vorzubereiten. Scheußlich ist, was die amtlichen deutschen Berichte über die jüngste Taktik der Russen melden. Danach treiben sie die mitgeschleppte Bevölkerung aus den evakuierten und geräumten Teilen des eignen Landes den verfolgenden Deutschen entgegen und zwingen die, auf Frauen und Kinder zu schießen. Barbaren überall, und alle kämpfen für Freiheit, Zivilisation und menschliche Gesittung ... Bei uns wird jetzt in den Zeitungen besonders gegen Frankreich scharf gemacht. Das Programm der Patrioten heißt da: Mitleidlose Demütigung! Sie wollen also die Franzosen da treffen, wo sie am empfindlichsten sind, in ihrem Stolz. Und das bedeutet: das Verbrechen von 1870 vergrößern und verewigen, den Rachegedanken über die Generationen hinaus züchten, künftigen Kriegen den Weg bereiten, den deutschen Namen über alle Zeiten und alle Geschichte hinaus schänden und der Verachtung preisgeben. Man muß vor dem Siege der Deutschen über die Russen zittern, um das entsetzliche Schauspiel eines Sieges über Frankreich nicht erleben zu müssen. Das ist traurig aber unvermeidlich.

 

München, Dienstag, d. 2. September 1915.

Meines Vaters Geburtstag, der erste nach seinem Tode, – und ich habe Geldsorgen, die zwar noch nicht akut sind, deren Eintreten ich mir aber ohne Umstände für sehr kurze Zeit ausrechnen kann. Es ist als ob der alte Herr noch lebte, und wird dank seinem liebevollen Testament und dank meiner Schwäche, die den Versuchen meiner Geschwister, mich unter maskierter Kuratel zu halten, keine Energie entgegensetzen mag, wohl auch so bleiben. Zwar haben mir schon zwei Anwälte gesagt, daß das Testament, trotz der Klausel, die mir die Anfechtung bei Strafe der endgiltigen Pflichtteilbeschränkung verbietet, mit aller Aussicht auf Erfolg anfechtbar sei, da es gegen die guten Sitten verstoße. Aber um dreckigen Geldes willen mich mit meinen Geschwistern jahrelang durch die Gerichte zu sielen, das ginge gegen meine guten Sitten. Ich habe meine Zenzl und bin zufrieden.

Gestern war ich mit Leonhard Frank und Frau und Werth zusammen. Zenzl war auch dabei. Werth erzählte von Paris. Tausend Erinnerungen stiegen auf; an das Café du Dôme, an alle die verrückten Deutschen dort, an Madame Burette und ihren Gaston, an die Seltsamkeiten und Herrlichkeiten der einzigen Stadt. Ich bekam tiefes Heimweh nach dem Halbjahr 1907/8, das in meiner Biographie den Namen Paris trägt. Jetzt ist das „Feindesland“ und Haß, Verachtung, Rachedurst, Schimpf geht hinüber und herüber.

Ich lege vor aller Welt und aller Nachwelt den Schwur ab, daß ich in Frankreich nicht ein Zehntel soviel Deutschenfeindschaft gefunden habe wie Preußenhaß in Bayern ... Der wird ja jetzt vielleicht aufhören, aber zu teurem Preis: auf Kosten der vollkommenen Verpreußung Bayerns. Potsdam regiert hier sogut wie in Berlin. Drill, Schneid, Dressur, Schikane ist längst hier heimisch geworden, und wie sehr die Wittelsbacher es den Hohenzollern nachtun, das sieht man aus den Reden des Königs und den Erlassen seines Ältesten. Nur der Jargon ist noch unterschieden. In Preußen heißt es: Immer feste druff! – und auf bayerisch: Hiebe von ganz besondrer Art! – Sonst aber ist’s Unkraut vom selben Mistbeet.

 

München, Sonnabend, d. 4. September 1915.

Ich glaube jetzt wirklich an nahen Frieden. Der Brief Sir Edward Greys an das Reuterbureau war sicherlich ein Tastversuch, und die Patzigkeit der deutschen Antwort wird Theaterlärm gewesen sein. Zwischen den Flegeleien dieses Dokumentes liest das geübtere ζῷον πολιτικόν ja auch etliches heraus, was einem Einschwenken ähnlich sieht. So kann die tollkühne Behauptung: „Es ist deutscherseits niemals behauptet worden, daß Belgien seine Neutralität an England verkauft und mit ihm ein Komplott gegen Deutschland geschmiedet habe“ – doch nur als der Wunsch gedeutet werden, gewisse vergangene Vorgänge nicht mehr wahr sein zu lassen. Ebenso ist der Satz zu werten: „Im übrigen stellen wir fest, daß deutscherseits ein Versuch, den deutschen Einmarsch in Belgien nachträglich mit dem schuldhaften Verhalten der belgischen Regierung zu rechtfertigen, niemals gemacht worden ist.“ Wahrhaftig eine abenteuerliche Feststellung, nachdem ein ganzes Jahr lang ununterbrochen an dieser Strippe gezogen worden ist. Ferner erklärt man in dem interessanten Schriftstück: „Der Reichskanzler hat in seiner Rede nicht behauptet, daß Sir Edward Grey den Krieg gewünscht und geplant habe.“ Kein Mensch in Deutschland, in Europa und auf dem weiten Erdkreis hat aber seine Behauptungen – jetzt und früher – anders verstanden als Herr Grey, und so darf man wirklich hoffen, daß die herzlich unbegabten Interpretationskünste der „Norddeutschen Allgemeinen Ztg.“ ein nach England gerichtetes Augenzwinkern bedeuten sollen, und daß sich unter der Oberfläche Dinge vorbereiten, die man in den Zeitungen geheimnisvoll „hochpolitische Aktionen“ nennt. Auf nahen Frieden schließe ich auch aus der eklatanten diplomatischen Niederlage Deutschlands im Streitfall mit Amerika wegen der U-Boot-Operationen. Die Tirpitzerei ist in der „Lusitania“- und in der „Arabic“-Geschichte böse heimgeschickt worden. Bernstorff hat in Washington namens der deutschen Regierung erklären müssen, daß Passagierschiffe künftig nicht mehr ohne Warnung und „ohne daß Nichtkämpfern Gelegenheit gegeben wird, ihr Leben zu retten“, in den Grund gebohrt werden sollen, es sei denn daß sie Flucht- oder Widerstandsversuche machen sollten. Dieser Sieg der Vereinigten Staaten scheint sehr geeignet, Herrn Wilson in die Rolle des Vermittlers zwischen den Kriegführenden, besonders zwischen Deutschland und England zu setzen, und wenn es ihm auch noch gelänge, England zur Lockerung der deutschen Blockade zu bewegen, indem es die Freiheit des Handelsverkehrs zwischen Amerika und Deutschland durchsetzte, und damit England eine gleiche Schlappe wie Deutschland beibrächte, so wäre in der Tat wohl der Boden geschaffen, auf dem Verhandlungen beginnen könnten. Ist aber zwischen England und Deutschland eine Einigung da, dann ist der Friede perfekt. Alle andern sind Nebenfiguren. Es wird nur noch darauf ankommen, ob es der deutschen Regierung gelingen wird, die alldeutschen Annexions-Barbaren stille zu kriegen und dem reiferen Pöbel beizubringen, daß alles Gewäsch von der Tributpflicht der Gegner Grossprecherei war, bestimmt, Herrn Unabkömmlich bei guter Laune zu halten. Da ja aber das deutsche Volk in politischen Dingen das kritikloseste und unselbständigste der Welt ist, und da es sich – wie die Erfahrung des letzten Jahres in besonders verblüffendem Maße gezeigt hat – auch von der dümmsten Regierung noch willig von einer Meinung in die andre schaukeln läßt (immer mit der Devise: Das Wort sie sollen lassen stahn), so ist Hoffnung vorhanden, daß bald fertig sein wird, was die Hurraisten einen faulen Frieden nennen die Regierung aber dem Volk mit Erfolg als glorreichen Sieg wird auf den Frühstückstisch servieren können. Verzicht auf Eroberungen (abgesehn vielleicht von „Regulierungen“ im Osten), dafür aber koloniale Entschädigungen für, nur Eingeweihten bewußte, koloniale Verluste. Ein autonomes Polen mit König Leopold von Wittelsbach als Symbol des Sieges (deutscher Fürst, ohne Hohenzoller zu sein, katholisch, Schwiegersohn der Habsburger, – also höchst geeignet. Außerdem „Warschaus Eroberer“), verhältnismäßig geringe Geldentschädigung Frankreichs, und von England „Freiheit der Meere“. Dagegen: italienisch-österreichische, und bulgarisch-türkische Grenzregulierungen zugunsten Italiens und Bulgariens, Anerkennung Aegyptens als englisches Land, mesopotamische Gebietserweiterungen Englands auf türkische Kosten, Skutari für Montenegro, ein albanischer Hafen für Serbien, Verlust Deutsch-Südwest-Afrikas und Entschädigungen im Kongo. Räumung Belgiens mit der Verpflichtung, die Verwüstungen zu ersetzen, dafür Entschädigung in Belgisch-Kongo, Volksabstimmung in Elsaß-Lothringen (für Frankr.). Endlich – und das wird der Trumpf – Einsetzung obligatorischer internationaler Schiedsgerichtshöfe unter maskierter Oberhoheit der Vereinigten Staaten. Druck auf Rußland, demokratische Einrichtungen zu schaffen, Druck auf Deutschland, teilweise abzurüsten. Triumph-Einmärsche der siegreichen Truppen in Berlin, Paris, London, Wien, Konstantinopel, München, Belgrad und Cetinje. Innere Desorganisation überall, wüste Reaktion, und in den 30er Jahren revolutionäre Erhebungen. Im Jahre 1949: Föderation deutscher Republiken sozialistischer Art und Einrichtung.

 

München, Sonntag, d. 5. September 1915.

Daß etwas im Gange ist, was nach Beendigung der Völkermörderei aussieht, entgeht auch den Zeitungen nicht mehr, die sonst sehr schwerfällig sind, wenn es gilt, aus ihren eignen Mitteilungen Schlüsse zu ziehn. Aber jetzt wieder der Besuch des Kardinals Gibbons bei Wilson, der der Einleitung einer von diesem und dem Papst gemeinsam zu unternehmenden Friedensvermittlung gegolten hat, verbunden mit den englischen Presseäußerungen, die die Möglichkeiten einer Verständigung nüchtern erwägen, hat wohl die Vorkäuer der deutschen öffentlichen Meinung veranlaßt, auch unsern Schmöcken blasierte Erwägungen solcher Art zu diktieren. Gefährdet scheinen mir alle derartigen Aktionen nur noch durch Deutschland, wo gewisse Blätter, die wohl von der Militärpartei ausgehalten werden, unglaublich schnodderige Anmerkungen zu den gegenwärtigen Vorgängen bringen. Dabei ist zwar nicht erstaunlich, aber doch bemerkenswert, wie nachsichtig die sonst so strenge Zensur, die nicht die mildeste Kritik der Regierungspolitik und noch weniger der Heerführung zuläßt, sofern sie von humanen und freiheitlichen Gesichtspunkten ausgeht, mit den Zeitungen verfährt, die gegen das Nachgeben in der U-Boot-Frage frondieren. Die „Kreuzzeitung“, Graf Reventlow in der „Deutschen Tageszeitung“ und Federn ähnlichen Kalibers leisten sich höchst robuste Angriffe gegen das Einlenken der deutschen Regierung gegen die amerikanischen Ansprüche, gewisse menschliche Prinzipien gewahrt zu sehn. Solchen Landsleuten scheint ja jede Bedenklichkeit, ob man nicht versuchen soll, hie und da einen Säugling vor Ermordung zu schützen, feiger Hochverrat und Unwürdigkeit, den Namen eines Deutschen zu tragen. Sie sind also empört darüber, daß man Passagierdampfer künftighin nicht mehr aus dem Versteck des Meeresgrundes hervor versenken will, und daß Nichtkämpfer sogar Gelegenheit erhalten sollen, ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Die Torpedierung der „Arabic“ war diesen Muskelgemütern grade recht. Denn hier waltete nur die Brutalität des Meuchelmords, da das Schiff auf der Fahrt von England nach Amerika war, ihm Munitionsfracht also schlechterdings nicht vorgeworfen werden konnte. In welcher Weise man jetzt jede Niedertracht zu verteidigen sucht, beweist mir ein gesperrt gedruckter Satz der „Münchner Zeitung“, der so lautet: „Das deutsche Volk wird nie vergessen, daß einer seiner Besten, Otto von Weddigen, grade sein Menschlichkeitsgefühl mit seinem Leben und dem seiner tapferen Bootsgenossen bezahlen mußte.“ Tatsache ist, daß der Kapitänleutnant Weddigen, der sein Menschlichkeitsgefühl damit zu betätigen berufen war, daß er mit seinem Boot U29 Dutzende von Handelsschiffen versenkte, eines Tages von solcher Tour nicht zurückkehrte. Damals hat irgendwer die völlig aus der Phantasie geschöpfte Vermutung ausgesprochen, das Boot sei von einem englischen Schiff gerammt oder kaputgeschossen worden. Irgend ein Zeugnis dafür liegt nicht vor, aber aus der Vermutung ist längst beweiskräftige Wahrheit geworden, die jede Schweinerei auf deutscher Seite rechtfertigen muß.

Dem Verdacht, wir könnten die Herbeiführung eines Friedens wünschen, tritt die deutsche Presse mit dem ganzen Applomb ihrer gesinnungslosen Impertinenz entgegen. Die „Vossische Zeitung“ ein „liberales“ Blatt, das sich in der Kriegszeit zum unverfrorensten Hetz-und Verleumdungsorgan entwickelt hat, zetert wild drauf los, daß sich die Engländer nicht einbilden sollten, sie könnten die Partie jetzt einfach remis geben. Ehe nicht alle Feinde um Gnade winselnd am Boden liegen, ist natürlich garnicht an ein Ende des Krieges zu denken. Diese dreckigen, keiner Gefahr ausgesetzten Sauburschen lassen gern noch eine halbe Million Deutscher und noch 3 Millionen Europäer verbluten, wenn sie dafür als die unerbittlichen Rächer und unbeugsamen Patrioten dastehn. Ich würde mich vor mir selber schämen, wenn ich mit meinen Ansichten jener Bagage nicht als Schurke und Verräter gölte. Mit der Unsauberkeit der Deutschen, die heutzutage allein als Deutsche anerkannt werden, habe ich keine Gemeinschaft.

 

München, Montag, d. 6. September 1915.

Mein Monatliches ist allgemach auf den letzten 20Markschein hinabgesunken, und mit einiger Beklommenheit sehe ich auch den seinem Schicksal geweiht, gewechselt zu werden. Inzwischen werde ich durch Lübecker Ermahnungen zur Sparsamkeit immer wieder daran erinnert, daß mich die Schicksalswende bis jetzt durchaus noch weder aus der gewöhnten Abhängigkeit noch aus der gewöhnten Unzulänglichkeit der Existenzbestreitung erlöst hat. Morgen soll ich nun mit dem Standesbeamten den Hochzeitstermin festsetzen, und, sogern ich die Formalität endlich hinter mir hätte, werde ich genötigt sein, die Sache wieder hinauszuzögern, bis Geld da ist. Zum 1. November sollen wir eine eigne Wohnung beziehn, und Leo stellt mir bis dahin 1000 Mark in Aussicht, womit ich aber sicher auskommen müßte. Ob das gehn wird, ist fraglich, denn davon soll erstens der große Möbeltransport aus Lübeck bewerkstelligt werden, den ich auf 200 Mark mindestens taxiere, ferner Möbel (Bettladen, Schreibtisch etc.) gekauft werden, wofür ich weitere 500 Mark rechne und schließlich Miete gezahlt und alle möglichen Extraausgaben bestritten werden. Dabei bedrängt Zenzl mich, für Engler etwas zu tun. Ich möchte ihr diesen Gefallen schon deswegen tun, um ihre Gedanken ein wenig vom früheren Mann abzulenken. Ich habe oft die Empfindung, als ob ich immer noch zweite Geige in ihrem Herzen spielte. „Der Ludwig“ ist ihr zweites Wort, er ist ihr Autorität in allen Dingen, und weil ihr seine Künstlerschaft – mit Recht – unendlich viel gilt, leidet sie stark darunter, daß es ihm wirtschaftlich unmöglich ist, zu rechter Arbeit zu kommen. Ich will daher jedenfalls die gewünschten 1000 Mark für ihn hergeben, sobald ich es irgend kann. Damit werde ich erstens einem guten Künstler wirksam helfen und zweitens das stärkste Band zwischen Zenzl und ihm durchschneiden, die solidarische Sorge ums tägliche Leben. Daß Zenzl diese Anhänglichkeit gegen Engler hat, ist mir, obwohl mir ihre Aeußerungen oft höllisch auf die Nerven gehn, erfreulich, weil es ihrem Charakter große Ehre macht. Auch ich möchte nicht ein liebes Weib verlieren und wissen müssen, daß nun alle Sympathie, Verehrung und Freundschaft nicht mehr wahr sei. Ich hoffe, daß mir auch Jenny diese Enttäuschung nicht bereiten wird. Daß Frieda Gross mir nach all den Jahren immer unendlich nahe geblieben ist, das gibt ja auch dem, was vor 8 Jahren zwischen uns war, erst die rechte Weihe ... So können frühere Erlebnisse Zenzls und meinem Glück sicher nicht im Wege stehn, und ich sehe der Zeit, wo alle Wirrnis der Abhängigkeiten und Unbequemlichkeiten beseitigt sein wird, und die unsrer gegenseitigen Liebe und Sorge freie Bahn schaffen wird, ruhig und zuversichtlich entgegen. Eins aber ist vor allem not dazu: Friede! Ich erfasse erst jetzt ganz die Schönheit des Spruchs auf dem Holstentor, den ich meine ganze Kindheit durch täglich lesen konnte: Concordia domi foris pax.

 

München, Dienstag, d. 7. September 1915.

Falls der Krieg nicht alsbald durch diplomatische Verhandlungen zuende geht, wird er, fürchte ich, erst jetzt anfangen. Die Russen erklären, daß sie nunmehr den Rückzug soweit durchgeführt haben, daß sie ihre neue Front einrichten können, und nach den deutschen amtlichen Mitteilungen scheint, nachdem auch noch Grodno als letzte der großen westlichen Festungen Rußlands fast ohne Besatzung in deutsche Hände gefallen ist, der große Vorstoß in der Tat gestoppt zu sein. Dünaburg, Riga wollen die Russen offenbar halten, während sie Wilna wohl noch preisgeben werden. Im Südosten heißt es schon jetzt: Keine Veränderungen, mit andern Worten also: Schluß der Eroberungen. Vom Westen ist seit langer Zeit garnichts Neues bekannt geworden. Doch werde ich heute neugierig in der Züricher Zeitung den französischen Bericht suchen (der zwar auch in allen deutschen Blättern erscheint, aber man kann nie wissen, ob er nicht in der Berliner Zentrale redigiert ist). Die Zeitungen brachten nämlich gestern eine, jedenfalls von Wolff lancierte Notiz, die in der Form einer Anklage gegen französische Kriegführung eine strategisch sicher bedeutsame und für die Deutschen ganz sicher unerfreuliche Mitteilung bringt: „Ein neues Beispiel für die Kampfesweise der Franzosen ist die anhaltende Beschießung der Stadt Münster. Trotzdem die Stadt schon seit einigen Tagen vollständig geräumt ist, wird sie nach wie vor von den Franzosen in der sinnlosesten Weise beschossen. In der letzten Nacht brannten 14 Häuser nieder, dabei wurden auch die Kinder nicht geschont.“ ... Man erinnert sich, ähnliche Vorwürfe von den Franzosen gegen die Deutschen gehört zu haben (Reims). Jedoch ist die Methode neu, eine Schlappe hinter gegnerischen „Greueln“ zu verschanzen. Denn die Tatsache, daß man im Elsaß Gebiet verloren hat, ist in andrer Form bisher nicht mitgeteilt worden.

Am Balkan ist nach wie vor alles undurchsichtig. Der Vertrag Bulgarien-Türkei ist noch immer nicht offiziell mitgeteilt, woraus zu schließen ist, daß er auch noch nicht unterzeichnet ist. Wahrscheinlich liegt er fertig vor, und die Bulgaren benutzen ihn als Chantagemittel gegen die Entente. Tatsächlich soll denn auch Serbien große Zugeständnisse an Bulgarien in der mazedonischen Angelegenheit gemacht haben. Zwar heißt es, es fänden bereits an der bulgarisch-serbischen Grenze Truppenzusammenziehungen statt, auch gestalteten sich die Beziehungen Bulgariens zu Griechenland unfreundlich (also die Koalition von 1913), doch glaube ich vorläufig an nichts dergleichen, auch nicht an russische Flottendemonstrationen vor Dedeagatsch, die deutschtendenziös behauptet werden. Rumäniens Anschluß an den Vierverband dürfte nur noch eine Frage ganz kurzer Zeit sein. Wir werden dann erfahren, daß die Rumänen noch größere Halunken seien als Italiener, Russen, Engländer, Franzosen, Belgier, Japaner, Serben und Montenegriner zusammengenommen, und das werden sie bleiben, bis Griechenland sie durch gleiches Tun an Schuftigkeit noch übertrifft. Bulgarien aber wird als das edelste, tapferste, gütigste, bravste, ehrlichste und kultivierteste Volk neben dem deutschen prangen, bis seine Minister etwa doch die Angebote der andern Seite verlockender finden als die Bestechungen der Mittelmächte, und dann wird dieses Volk an Erbärmlichkeit und Niedertracht jeglichen Rekord aus dem Wege schlagen.

Welche Aussichten die amerikanischen Friedensbestrebungen haben, läßt sich noch nicht absehn. Die alldeutsche Opposition wird wohl wieder alles vermasseln. Die Leute haben keine Empfindung für die Ethik, die Alfred Capus (wie ich in der „Schaubühne“ zitiert las) in diese Form gebracht hat: Kein Zivilist, ob er sich für noch so sachverständig und urteilsfähig halte, hat das Recht, über das Blut der Soldaten zu verfügen ... Aber es sind immer wieder Zivilisten, die ins Land trompeten, jetzt Frieden schließen können „wir“ nicht: durchhalten, aushalten, festhalten, in die Kniee zwingen ... Es wird schon wieder die Torpedierung eines englischen Passagierdampfers gemeldet, bis jetzt ohne nähere Angaben. Ich halte es für gut möglich, daß die betreffenden Ubootkommandanten auf eigne Faust und in bewußter Fronde gegen die Zivilregierung (der Offizierswitz nennt den Reichskanzler den „Buß- und Betmann auf dem Holzweg“) die Tirpitzsche Schreckenstaktik fortsetzen. Mögen noch ganze Heere zugrunde gehn, – wenn nur der Schneid der einzelnen Patrioten darüber nicht zu kurz kommt!

 

München, Mittwoch, d. 8. September 1915.

Schickele ist in München, unterwegs in ein Schweizer Sanatorium, wohin er für 2 Monate Urlaub hat. So ist gottlob das Verhängnis des aufgezwungenen Heldentums vorläufig wieder von ihm genommen. Ich habe mir allerlei Arbeit von ihm überbürden lassen, und bin froh darüber, etwas zu tun zu bekommen, da in dem Provisorium dieser fürchterlichen Garni-Wohnung an eigne Arbeit garnicht zu denken ist. Zunächst sende ich ihm alle seine Bücher und Papiere nach. Denn etwas mitzunehmen, ist bei der unglaublichen Grenzkontrolle kaum möglich. Hardy erzählte schon davon und alle andern, die hinüber gefahren sind. Jedes Zettelchen wird geprüft und ist verdächtig. Man wird ausgezogen und bis auf die Unterwäsche auf literarische Konterbande untersucht. Viele mußten deshalb schon tagelang in Lindau zubringen. Auch Rößler wurde dort festgehalten, bis er einen Abmeldeschein von der Münchner Polizei beibrachte ... Ferner habe ich es übernommen, einen Teil des redaktionellen Einlaufs der Weißen Blätter zu erledigen. Schickele braucht Erholung, und ich habe ja nichts Besseres zu tun.

Wir waren den ganzen Nachmittag und Abend zusammen, zum Schluß mit Heinrich Mann und Herzog nebst Frau und deren Freundin. Gespräche ziemlich unfruchtbar über nationale Eigenschaften, die Mann behauptete, Schickele bestritt, wobei er aber in Widersprüche geriet. Herzog tat prätentiös das Seine, um das Thema zu verwirren. Im übrigen natürlich: über den Krieg. In der „Hesperian“-Sache ist Schickele der gleichen Meinung wie ich, daß die Marine – Sch. meint, der eigentliche Frondeur sei Tirpitz selbst – sich um Bethmannsche Diplomatie gar nicht kümmert. Die Leute treiben ihr verruchtes Spiel einfach weiter, mögen die Regierungen beschließen was sie mögen ... Über die Seeschlacht im Rigaischen Busen, die Herr Bethmann so ängstlich vertuscht hat, erfuhr ich folgendes: Die Deutschen verloren dabei 8 Torpedoboote und den Kreuzer „Moltke“, der torpediert, noch abgeschleppt werden konnte. Also ein eklatanter Sieg der Russen. Ferner erzählte Schickele, daß das Panzerschiff „Pommern“ im Kieler Hafen von einem englischen Unterseeboot torpediert worden sei. Auch davon hatte man nichts erfahren. Meine Vermutung, daß der deutsche Siegeszug im Osten jetzt gestoppt sei, scheint im gestrigen Tagesbericht bestätigt zu werden: von mehreren Stellen wird gemeldet, daß die Russen wieder "Front gemacht“ hätten. Überhaupt klingt das ganze gegen die früheren Communiqués etwas kleinlaut ... Harden bringt in der letzten „Zukunft“ eine vielsagende kritische Betrachtung über Napoleons russischen Feldzug von 1812.

Aus den Gesprächen mit Mann verdient folgendes Intermezzo vermerkt zu werden. Man redete von Friedenthal. Mann verteidigte ihn aus praktischen Erwägungen. Er sei der schlimmste Schmock nicht, da er sich nicht an Ganghofer, sondern an Wedekind und ihn (M.) anschmeiße. Er könne ihn also bearbeiten, und seine Gesellschaft ertrage er, wenn er statt einer halben Auflage eines Buchs deswegen 6 losbringen könnte. Wir bestritten alle heftig diesen Standpunkt. Aber er gilt allgemein, und so müssen wir uns das taktloseste Geschmeiß in unsern Kreisen gefallen lassen, das jede tiefere Unterhaltung ins Platte drückt, jede Leidenschaftlichkeit, jeden Geschmack, jede persönliche Farbe tötet, und in Wahrheit keine 6 Auflagen Mannscher Werke bewirkt, sondern nur eine Verpestung der literarischen Bezirke mit schmöckigen Ausdünstungen.

 

München, Donnerstag, d. 9. September 1915

Mein Optimismus, der den Frieden schon in der Nähe sah, wankt wieder. Der „Hesperian“-Skandal stellt alles wieder in Frage, was die deutsch-amerikanische Verständigung durch das Nachgeben der deutschen Regierung in der „Lusitania“- und „Arabic“-Sache hoffen ließ. Die Zeitungen, die offenbar von der Regierung noch nicht einheitlich instruiert sind, tappen unbeholfen in dem Bestreben herum, die Geschichte harmlos zu machen. Sie bezweifeln die Tatsache der Torpillierung selbst, indem sie vorgeben, an Minen zu glauben. Sie erklären – ohne Begründung (M. N. Nachr.), daß nicht einzusehn sei, wieso die Tatsache dieser Torpedierung ohne vorherigen Anruf anfechtbar sei. Sie lassen sich bestätigen, daß das Schiff bewaffnet gewesen sei, und das „Berliner Tageblatt“ erfährt, daß die englische Regierung die „Hesperian“ schon als Truppentransportdampfer benutzt habe. Das wird überall nachgedruckt, und es dem Leser überlassen, darüber nachzudenken, wieso ein solches Schiff Kriegsschiffcharakter haben mag, wenn es von England nach Amerika unterwegs ist, da man doch gemeinhin seine kampffähigen Truppen nicht vom kriegführenden Lande weg in ein unbeteiligtes zu transportieren pflegt ... Die Admiralität hat sich beeilt, die Angelegenheit dadurch zu kompensieren, daß sie die Aussage einer Uboot-Besatzung verbreitet, wonach Ende August – also lange vor Bernstorffs Note an Wilson – von einem englischen Passagierdampfer aus auf das Fahrzeug geschossen worden sei. Na also, findet ganz Deutschland, und ist durchaus damit einverstanden, daß die feierlichen Gelöbnisse der löblichen und seit Jahresfrist allerwärts hochgelobten Regierung ebenso als „Fetzen Papier“ gelten mögen wie auch sonst deutsche Garantien und deutsche Verträge. Wie sich die Vereinigten Staaten verhalten werden, und was die Herren Bethmann, Jagow und Bernstorff anstellen werden, um gleichzeitig Tirpitz zu desavouieren und ihn zu decken, bleibt abzuwarten. Sollte man nicht behaupten können, daß der betreffende Bootskommandant schon so lange unterwegs war, daß er nicht mehr von der Regierungsentschließung verständigt werden konnte, dann wird wohl selbst dem friedlichen Wilson die Geduld reißen, und die ungefährdeten deutschen Helden, denen es immer noch nicht heldenhaft genug zugeht, werden auch den Krieg mit Amerika noch haben. Wen sie dann dahin bringen werden, uns ruchlos zu überfallen und einen neuen verräterischen Krieg aufzuzwingen, darüber wird wohl nur der wehrhafte Bruder der guten Gräfin Auskunft wissen. Ernstchen ist ja nun mal Deutschlands „starker Mann“.

 

München, Freitag, d. 10. September 1915.

Einige wichtige Ereignisse. Davon das Wichtigste zuerst: Tirpitz ist kaltgestellt, und zugleich ist sein Adlatus Behncke gegangen. Die deutschen Zeitungen enthalten kein Wort von alledem. Aus der Züricher erfuhr ich es. Danach hat Tirpitz den Abschied eingereicht, der ihm hingegen verweigert wurde. Daß diese Weigerung, ihn ziehn zu lassen, aber kein Vertrauensvotum für seine Persönlichkeit war, sondern einfach der Rücksicht entsprang, jetzt keine Unruhe in der Bevölkerung aufkommen zu lassen, ergibt sich daraus, daß man ihm einen andern Admiral vor die Nase gesetzt hat, sodaß Tirpitz den politischen Einfluß, der bisher für die ganze deutsche Politik maßgebend war und den Krieg selbst zum guten Teil verschuldet hat, anscheinend völlig verloren hat. Ob diese Wendung auf die verlorene Seeschlacht bei Riga zurückzuführen ist oder auf die Torpedierung der „Hesperian“ und sich also als Zukreuzekriechen vor Amerika charakterisiert, steht dahin. Man legt aber offenbar Wert darauf zu zeigen, daß der „Schneid“ im Kriege gegen Zivilpersonen deswegen nicht nachgelassen hat. Denn die erste offizielle Mitteilung des Marinestabes, die nicht mehr vom „stellvertretenden“ sondern vom „Chef des Admiralstabes der Marine“ (ohne Namen) gezeichnet ist, orientiert uns über ein neues in der Nacht vom 8ten zum 9ten September unternommenes Luftattentat auf den Westteil der City von London. Wieviel Hausmeister bei dieser Heldentat ums Leben gekommen sind, ist noch unbekannt. Aber die Entrüstung über Fliegerangriffe auf offene deutsche Städte wird sich in unsern Zeitungen gewiß nicht vermindern. Kürzlich erließ die englische Regierung eine – auch nur in ausländischen Blättern abgedruckte – Erklärung, warum sie über Zeppelinunternehmungen auf englisches Gebiet keine offiziellen Kundmachungen erlasse. Es hieß darin, die Luftschiffe unternehmen ihre Fahrten stets nur in mondlosen Nächten, und hätten noch stets andre Orte beschossen als sie beabsichtigten. Aus den deutschen Bekanntmachungen erfahre die englische Regierung dann, was man eigentlich gewollt habe. Englische Darstellungen könnten nur die Wirkung haben, die Deutschen für Wiederholungen besser zu orientieren, was ihnen dazu nützen könnte, militärischen Schaden anzurichten. Bis jetzt hätten sie zwar viele Privatpersonen getötet und verwundet, aber erst 8 Soldaten, und sehr viele Privathäuser zerstört oder beschädigt, aber noch nicht einen einzigen militärischen Bau. – Daß die Zeppelinfahrten über London mit ihren sinnlosen brutalen Schreckenswirkungen in ganz Deutschland jubelnd gepriesen werden, wird, fürchte ich, die Verständigung zwischen uns und den zivilisierten Ländern Europas später sehr erschweren.

Ob die Reinigung im Admiralitätsamt auf erhöhte Friedensneigung bei der Regierung schließen läßt, ist zweifelhaft. Jedenfalls ist die Tatsache bedeutsam, daß zu gleicher Zeit in Rußland die Militärpartei den stärksten Schlag erlitten hat, der möglich ist. Der Generalissimus Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch ist abgesägt worden, zum Vizekönig des Kaukasus ernannt und zum Oberbefehlshaber der gegen die Türken kämpfenden Armee bestellt worden. Statt seiner hat der Zar selbst das Oberkommando übernommen. Natürlich wird dieser neurhastenische Lump als Feldherr nicht mehr zu tun haben als unser Wittelsbacher Prinz Leopold, der noch 8 Tage vor seiner weltgeschichtlichen Heroentat, der Eroberung Warschaus, ahnungslos im Englischen Garten spazieren ritt. Aber die Entfernung des Großfürsten bedeutet zweifellos ebenso wie die Knebelung Tirpitzens einen festen Knüppel zwischen die Beine derer, die bis zur völligen Niederlage des „Feindes“ „durchhalten“ und dann vom fremden Lande stehlen wollen, was möglich ist. So bleiben diese beiden gleichzeitigen Ereignisse jedenfalls für den kommenden Verlauf der Dinge höchst beachtliche Etappen. Gott gebe, daß sie das Entsetzen abkürzen helfen.

Im Westen hat eine neue deutsche Offensive eingesetzt, die zu einem „Siege“ in den Argonnen geführt hat, wenn man so ein Teilerfölgchen Sieg nennen will. Anthes’ Behauptung, daß kürzlich 900.000 frische deutsche Kräfte nach Frankreich abgegangen sind, bekommt durch das Ereignis jedenfalls einige Wahrscheinlichkeit. Widerlich ist die Aufzählung der Beute im offiziellen Bericht. Neben Material, wie Maschinengewehren und Minenwerfern, werden da an Gefangenen vermerkt: 30 Offiziere und 1999 Mann. Wollen die Leute mit deutscher Genauigkeit renommieren oder wollen sie die Franzosen verkohlen? Wahrscheinlich beides. – Mich beunruhigt der Bericht sehr, da ich fürchte, jeder deutsche Erfolg stärkt die Annexionsgelüste und verlängert dadurch den Krieg.

In Griechenland ist man einer dollen Spionageaffäre auf die Spur gekommen. Seit April wurden dort die offiziellen Telegramme der deutschen und österreichischen Regierung und die des Königs Konstantin nach Berlin und Wien teils gestohlen teils abgeschrieben zugunsten der französischen und russischen Regierung. Die Telegrafenbeamten und der französische Journalist, die an der Sache beteiligt sind, wurden verhaftet.

In Amerika ist eine neue Skandalaffaire publik geworden, an der der österreichische Botschafter beteiligt ist. Man hat Briefe von ihm an Burian bei einem Journalisten abgefangen, worin er Mittel angibt, wie man Streiks in den amerikanischen Munitionsfabriken anzetteln kann. Eine reizende Geschichte neben den „World“-Enthüllungen, die die ganze prodeutsche Bewegung in den Vereinigten Staaten, besonders das Blatt „Fatherland“, als von deutschem Regierungsgeld bezahlt erwiesen haben. Eine Gelegenheit, sich vor aller Welt zu blamieren und verächtlich zu machen, lassen die Deutschen nie aus.

 

München, Sonnabend, d. 11. September 1915.

Ich war bei Steinebach, um über den „Kain“ abzurechnen. Im April 1914 habe ich ihm einen Schuldschein über 5470 Mark ausgestellt. Als ich damals vorrechnete, daß das unmöglich stimmen kann, da sonst in den 3¼ Jahren sogut wie garnichts eingegangen sein könnte, stellte sich ein Fehler heraus, der etwa 1000 Mark zu meinen Gunsten ergab. Nun ist der Buchführer von damals im Felde, Steinebach selbst ist eingezogen und verhandelte als Feldgrauer mit mir. Er wollte den Fehler nicht wahr haben, aber mir, falls er bares Geld sehn könnte, 1000 Mk ablassen. Ich habe aber darauf bestanden – und ob dieser geschäftlichen Energie bin ich ganz stolz –, daß ich einen genauen Kontoauszug kriege, und daß dann die 1000 Mk abgezogen werden. Auf diese Weise hoffe ich noch einige hundert Mark zu retten, hoffe die Erledigung dieser Schulden von Lübeck aus, und hoffe besonders, die Basis zu schaffen, auf der der „Kain“ nachher wieder entstehn kann. Ich schlug Steinebach vor, den Abonnenten, die für ihre Jahreszahlung erst 4 Monatsausgaben erhalten haben, den Rest in Gestalt eines Buchs zu liefern, das seine Kosten durch den Buchhandel selbst wieder decken muß. Ich habe doch stark die Hoffnung, daß für Rebellentum und revolutionäre Aggressivität nach Friedenschluß ein besserer Boden da sein wird als vorher. Wir müssen ihn nur recht bestellen. Ich schwanke vorläufig zwischen zwei Titeln des Buchs: „Die große Zeit“ oder „Was gilt es nach diesem Kriege?“ – Der letztere wäre vielleicht eher ein Vortragsthema.

Mein häusliches Leben entwickelt sich sehr schön. Ich habe Zenzl von Tag zu Tag – und erst recht von Nacht zu Nacht – lieber. Unser Glück ist vorläufig allerdings stark getrübt durch das konstante gespenstische Herumschleichen der Finny in unserm Hausstand, die bei den Mahlzeiten und zwischendurch da ist und uns kaum einmal am Tage zum Alleinsein kommen läßt. Das arme Mädel, das sonst nirgends hingehört, tut mir ja leid, und ich weiß, daß man sie nicht abwimmeln kann, ehe nicht für sie gesorgt ist. Aber sie ist so stumpf und tierhaft und nervenlos, daß Zenzl und ich recht unter ihr leiden ... Mittwoch ist Hochzeit.

 

München, Montag, d. 13. September 1915.

Da unser Geld völlig alle war, und aus Lübeck trotz meiner Bitten bisher keine Extrasumme eingetroffen ist, mußten wir die goldne Uhrkette, mein väterliches Erbteil, ins Leihhaus bringen: 70 Mark, ein gradezu schäbiger Ertrag. Vielleicht kommt aber doch noch genug von Leo, um mich in den Stand zu setzen, das Wertstück noch vor der Hochzeit wiederzuholen ... Finny hat bei einer alten Dame einen Posten gefunden, und so sind wir von diesem Nerventrampel bis auf weiteres erlöst ... Von Schickele kam eine Karte aus Lindau, aus der ich entnehme, daß ihm der ersehnte Schweizer Urlaub nun doch noch unmöglich gemacht wird. Ich soll weitere Nachrichten abwarten ... Mir droht vielleicht in naher Zeit schon die vaterländische Gefahr, der Beschluß, die Ausgemusterten noch einmal vorzunehmen, ist veröffentlicht worden, mit der Begründung, im ganzen Reiche sei der Wunsch danach einmütig laut geworden. Eben! – Es ist allgemeines Bedauern bei den Angehörigen der Leute, daß sie nicht wie die andern auch die Ihren in die Schützengräben senden durften, statt daß sie daheim arbeiteten und ihre Familien ernährten. Aber wir lesen tagtäglich in den Zeitungen, daß in Deutschland von Kriegsmüdigkeit keine Spur zu merken sei, und so etwas wie die Teuerung, unter der schon lange nicht blos mehr arme Leute stöhnen, geht seltsamerweise an den Zeitungsschreibern unbemerkt vorüber. Beneidenswerte Zeitgenossen.

In der Politik ist am Interessantesten die Zuspitzung der Beziehungen der Zentralmächte zu Amerika. Die Affaire des österreichischen Botschafters Dumba, der überführt ist, in seiner amtlichen Eigenschaft in den Munitionsfabriken konspiriert zu haben, um die dort beschäftigten österreichischen Arbeiter zu Streiks und Sabotage zu veranlassen, hat dazu geführt, daß die Wilsonsche Regierung in aller Form in Wien die Abberufung des Mannes gefordert hat ... Ob die Finger des Herrn v. Bernstorff in der Angelegenheit ganz sauber geblieben sind, steht sehr dahin. Jedenfalls ist ermittelt, daß den deutschen Zeitungen, die nach Amerika gingen, Aufrufe beilagen, die ebenfalls zur Betriebstörung in den Munitionsfabriken anregten. Unsre charaktervollen Blätter müssen jetzt erklären, daß solche Manifeste ohne Wissen der Zeitungsverwaltungen in die Sendungen geraten seien. Über das Wie? hingegen bleibt jedem jede Vermutung freigestellt.

Die Unterzeichnung des türkisch-bulgarischen Vertrages wird beinah täglich von neuem gemeldet, und täglich von neuem dementiert. Die ganze Sache ist dunkel, hell am Tage nur soviel, daß das Bündnis bis dato tatsächlich nicht perfekt ist, also nicht existiert. Alles weitere bleibt abzuwarten. Ich kann mir immer noch nicht denken, daß etwas andres dahinter steckt, als ein Erpressungsmittel für Bulgarien, mit dem es seine Hilfe bei der Gegenpartei verteuern kann. Denn daß die Interessen aller Balkanländer zum ersten gegen die Türkei, zum zweiten gegen Österreich-Ungarn gelagert sind, darüber kann bei einem denkenden und halbwegs orientierten Menschen kein Zweifel sein.

Im Kriege sind Entscheidungen vielleicht entfernter denn je, es sei denn, daß die Meldungen von kolossalen Truppenkonzentrationen bei den Dardanellen wahr seien. Gelingt dort den Engländern und Franzosen der Durchbruch, dann kann die Welt aufatmend an Frieden denken. – Zugleich kommen seltsame Nachrichten von der italienisch-schweizerischen Grenze. Danach sollen Italiener und Franzosen beabsichtigen, die Schweiz zu forcieren, um entweder beim Sundgau nach Süddeutschland vorzubrechen, oder es soll die österreichische Grenze bedacht werden. Der letzte Besuch Joffres bei Cadorna, zugleich mit der vollkommenen Sperrung der österreichischen Grenze gegen die Schweiz läßt ja alle möglichen Deutungen zu. Vorläufig glaube ich an deutsche Tendenzmache. Die Entente wird so dumm nicht sein, sich einen neuen starken Gegner auf den Hals zu hetzen, und noch weniger, das moralische Prae, das ihr Deutschland durch den belgischen Überfall gegeben hat, durch eine parallele Aktion aus der Hand zu geben ... Der zweite Herbstfeldzug geht an, und dann folgt – so schrecklich es ist, so wahrscheinlich – der zweite Winterfeldzug. Denn daß die Russen bis dahin sowenig besiegt sein werden, wie sonst jemand, das beginnen nachgrade auch die ewig Begeisterten einzusehn. Schon haben die Zarenheere am Sereth und bei Tarnopol zu einer sehr starken Gegenoffensive angesetzt ... Der Krieg wird solange dauern, bis man in Deutschland eingesehn hat, daß er mit den Waffen nicht entschieden werden kann.

 

München, Dienstag, d. 14. September 1915.

Gestern waren die Herren Werth und Maler Hoffmann bei uns, meine Pariser Bekannten, die mir hier den Trost des Verständnisses geben, den ich in Berlin bei Schickele, Hardekopf, Landauer etc. fand. Abends waren wir – auch Zenzl und Frau Mizzi Hoffmann waren dabei – im Café Stefanie, wo überraschend Herr Pohl eintrat, Grete Weisgerbers Bruder, ehedem Korrespondent des „Vorwärts“ in Paris, jetzt in Amsterdam. Die ganze Gesellschaft war nach Schluß der Polizeistunde noch bis spät in der Nacht bei uns.

Pohl erzählt allerlei Illustratives, wovon Einzelnes notiert sei: Die furchtbarsten Kriegssünden seien von den Österreichern begangen worden (was mich nicht in Erstaunen setzt). Die hätten in Galizien, Polen und Bosnien gehängt und gesengt nach Noten. Die Russen hätten Galizien sehr schonend behandelt, um ihre Herrschaft dort populär zu machen. Erst die „Befreiung“ hat dort das Gräßlichste getan. Auf dem Rückzug haben die Russen viel verwüstet und wohl auch geraubt, die Österreicher aber haben mit ihrem Hausen im eignen Lande das Abscheulichste vollbracht. Kalisch, eine gut österreichische Stadt mit 60.000 Einwohnern, wurde von den Russen geräumt, die aber einige Gensdarmen zurückließen, die als Provokateure auf die einziehenden Soldaten schossen. Darauf wurde ein Strafgericht à la Löwen verhängt und die ganze Stadt völlig demoliert, nachdem unter den Einwohnern das entsetzlichste Blutbad veranstaltet war.

Die polnische Frage soll große Schwierigkeiten machen. Die Autonomie wird, fürchtet man in Posen und Galizien, die selbstverständlich bei Preußen und Österreich bleiben sollen, eine bedenkliche Irredenta im Gefolge haben. Die österreichischen Polen – Richtung Barzinsky – wünschen die Einverleibung zu Österreich, stoßen aber bei der eignen Regierung auf Schwierigkeiten. In Preußen sei noch alles uneinig in der Frage. Dort sei die Verwaltung in Warschau in großen Nöten, da die militärischen Kommandanten alle Pläne einer gescheiten gouvernementalen Politik hinderten.

Eigentümlich ist, was Pohl über die Friedensaussichten äußert. Deutschland wünsche durchaus keinen Winterfeldzug mehr, und sei bereit, Frankreich unter loyalen Bedingungen zu räumen. Das stärkste Hindernis gegen einen Waffenstillstand bilde Frankreich, wo Millerand und Albert Thomas (der einstige und der Noch-Sozialdemokrat) die Scharfmacher seien. Am besten in der Partei verhalte sich dort Rouanet und sein Kreis, von den Anarchisten sind die Jean Faure-Leute bei der Stange geblieben. Die Syndikalisten und Hervéschen Antimilitaristen, inclusive Griffelhues, haben „umgelernt“. Daß James Guillaume Nationalist geworden ist, und Max Nettlau – leider! – ebenfalls mit österreichischer Färbung, erzählte mir schon Landauer. Cohen schreibe keinen Artikel, in dem nicht 50 mal das Wort „boche“ vorkomme. Cornelissen aber sei mit französischem Regierungsgeld nach Holland gekommen, um dort Anschluß an die Entente zu propagieren. Ob das alles stimmt?

Abenteuerlich ist auch, was Pohl von seinen deutschen Genossen erzählte. Besonders Südekum hat eine unglaubliche Rolle gespielt. Daß er für die deutsche Regierung in Italien und in Rumänien die Sozialisten zu bearbeiten versuchte, ist ja bekannt. Das Stärkste ist aber dies: ein gefangener französischer Sozialist wurde Südekum vorgeführt, der ihm Rückkehr nach Frankreich, falsche Papiere und Geld anbot, wenn er zuhause unter seinen Genossen für den Defaitismus wirken wollte. Der Mann ging auf alles ein, machte die Geschichte aber schon in Genf publik ... Was immer wieder überrascht, ist die Dämlichkeit unsres servilen Gesindels, wo es auf Psychologie ankommt.

Über Zensur-Angelegenheiten. Auch da scheint Österreich den Rekord zu schlagen, wenn auch die Verhinderung weißer Stellen in den zensierten deutschen Zeitungen noch nirgends geleistet wird. Aber Pohl selbst hat Schriftstücke in der Hand gehabt, in denen tschechischen Blättern die Unterdrückung angedroht wurde, falls sie noch einmal offizielle Siegesnachrichten statt auf der ersten erst auf der zweiten Seite oder mit zu wenig fetten Buchstaben gedruckt brächten. Pohl führt diesen Schneid auf das Mißtrauen der Regierung gegen die tschechischen hohen Beamten zurück, bei denen ja offenbar, zum Teil schon aus antisemitischen Empfindungen, ein starkes Gravitieren nach Rußland hin vorherrscht, und die nun ihre Loyalität durch die imfamste Despotenwillkür gegen revolutionäre Verdächtige dokumentieren. Der Haß gegen Habsburg ist aber Oben wie Unten groß.

Man fragt sich immer von neuem, wie wohl nach dem Kriege das große kritische Reinemachen ausfallen wird. Leider ist sehr zu fürchten, daß sich zu dieser Tätigkeit die liberalen Verräter vom Schlage des Simplicissimus und der Ullstein-Presse rechtzeitig herandrängen werden. Und in deren trüben Wässern wird der dickste Dreck schon ungesehn in das diskrete Abflußrohr des Vertuschens und Vergessens abschwimmen.

 

München, Mittwoch, d. 15. September 1915

Verheiratet.

 

München, Donnerstag, d. 16. September 1915.

Einiges Episodische von der Eheschließung. Vorgestern waren wir mit dem Ehepaar Anthes in der Max-Emanuel-Brauerei zum Abendbrot. Dorthin kam später Ludwig Engler mit Finny. Er erzählte von einem Besuch des Dr. Zeheter, einem jener Verehrer Zenzls, die sich einbilden, aufgrund ihrer sentimentalen Empfindungen Anspruch auf Mitbestimmung ihres Schicksals zu haben. Er fragte, ob Englers Frau zuhause sei. Als das verneint war, wollte er sie am nächsten Tage aufsuchen. Engler erwiderte ihm: „Morgen wird es auch nicht gut passen. Morgen heiratet meine Frau.“ ... Gestern in aller Frühe kam nun der unglückliche Liebhaber zu uns, um im letzten Moment doch vielleicht noch das Unglück zu verhüten. Er bekam Kaffee, was ihn sichtlich besänftigte, doch erreichte er es, daß Zenzl und ich am Morgen unsrer Hochzeit nicht eine Minute allein miteinander sprechen konnten. Nachher kamen dann die Trauzeugen Anthes und Maaßen und mit der Trambahn fuhren wir zum Festakt. Der verlief so grotesk wie möglich, da die Kopulierung von einem Manne vorgenommen wurde, der den mir neuen Typus des salbungsvollen Staatsbeamten darstellte. Mit monoton plärrender Stimme trug er uns die Pflichten gegeneinander vor, wonach ich meine Gattin zu behüten, beschirmen und ernähren, sie mir hingegen ein sonniges Heim zu bereiten habe (Zenzl meinte nachher auf der Straße, sie werde eine Südwohnung suchen). Schmalz und Korrektheit verschmolzen in der Ansprache in einen Brei von Kanzleikomik, sodaß ich die größte Mühe hatte, mein Grinsen nicht in lautes Gelächter überschlagen zu lassen. Zenzl ging es offenbar ebenso, und die beiden Zeugen standen würdig und mit größter Selbstbeherrschung ernsthaft zu unserer Seite. In der gleichen Sekunde, in der der Büropfaff uns als verehelicht erklärte, legte auch schon der zweite Beamte los, um ebenso monoton, aber nicht plärrend sondern klappernd das Protokoll zu verlesen, das wir 4 dann unterschreiben mußten. Ich hatte ein unangenehmes Gefühl im Schlund, da diese alberne Szene nun plötzlich imstande sein sollte, mein Zusammenleben mit der lieben Frau vor der Welt anständig zu machen und sie in einer Weise in meine Abhängigkeit zu geben, die, wie ich ihr kürzlich aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch vorlas, ganz abscheulich ist und unwürdig für selbständige Menschen.

Bei Hedi König gabs im Bunten Vogel das Hochzeitsmahl für 6 Personen (außer uns und den Zeugen noch Frau Anthes und Maaßens Freundin Magda Peters). Es wurde bei gutem Wein sehr lustig. Am Spätnachmittag ging ich und Zenzl noch mit Maaßen und später zur Kegelbahn, wo wir bis nach Mitternacht Kegel schoben. Man beglückwünschte uns, ohne der Sache hervorragende Bedeutung zu geben, was uns sehr lieb war. Diese formale Legitimation unsres Bündnisses verändert an unsrer Beziehung nichts. Das wissen wir beide, und schliefen selbst nachts friedlich nebeneinander, ohne irgendetwas „Brautnacht“-Ähnliches zu unternehmen.

Von Waidmannslust und von allen Geschwistern kamen Glückwunsch-Telegramme. Heute – und zwar jetzt gleich begebe ich mich auf einen Weg, der unter Umständen für mein Lebensschicksal viel verhängnisvoller werden kann, als der gestrige: zur Anmeldung für die Stammrolle aufgrund des neuen Gesetzes zur Wehrordnung, wonach die Dauernd Untauglichen noch einmal gemustert werden. Mögen mir Gewissenskonflikte und Martyrien erspart bleiben!

 

München, Freitag, d. 17. September 1915.

In der Kriegslage ist in den letzten Tagen insofern eine Veränderung eingetreten, als die Offensivoperationen der Verbündeten in Galizien nicht blos zum Stehn gekommen sind, sondern durch eine russische Gegenoffensive bei Tarnopol empfindlich zurückgehauen wurden. Im Tagesbericht von Dienstag gab die Oberste Heeresleitung zu, daß man, ungehindert vom Feinde etwas weiter westlich neue Stellungen bezogen habe. Die Russen hätten das ausgedrückt: „Wir mußten ein Stück zurückgehn“, – die Engländer: „Wir wurden gezwungen, viele Kilometer zurückzuweichen“, es handelt sich um 20 Kilometer, also eine gehörige Strecke. Im übrigen geht der deutsche Angriff in Rußland mit stark vermindertem Tempo weiter. Vor Dünaburg und Riga scheint nichts mehr erreicht zu sein, und daß der Rigaische Busen wieder im Besitz der russischen Flotte ist, wird vom Admiralstab in der Weise zugegeben, daß von einem Angriff deutscher Wasserflugzeuge auf russische Kriegsschiffe in der Rigaer Bucht ausführlich berichtet wird. Das deutsche Publikum bekommt seine Medizin stets tropfenweise ein, und so versüßt, daß es meint, es kriege Siegestränke.

Das Neueste vom bulgarisch-türkischen Geheimnis ist die sehr bestimmt auftretende Behauptung, die Übernahme des von den Türken zu überlassenden Grenzgebiets finde schon am Samstag dieser Woche, also morgen, statt. In bin unverändert ungläubig.

In Bern sollen sozialistische Friedenskonferenzen gewesen sein, an denen deutsche, französische, italienische und neutrale Sozialdemokraten teilgenommen hätten. Man habe eine gemeinsame Friedenskundgebung beschlossen, die von zwei deutschen und zwei französischen Genossen unterzeichnet werden solle. Man muß diesen Dingen sehr skeptisch gegenüberstehn. Die Davids und Scheidemanns bei uns, die Thomas und Hervés in Frankreich haben immer noch Oberwasser, und auf den Kriegstheatern sieht noch garnichts nach letzten Akten aus. Ich suche mich langsam an den Gedanken zu gewöhnen, daß es vielleicht doch auch für mich nicht bei der Aufnahme in die Stammrolle bleiben wird, und daß ich dann ganz furchtbaren Dingen ausgesetzt sein werde. Was soll werden, wenn man mich zum Treueid für König und Vaterland zwingen will? Noch hoffe ich, daß es nicht soweit kommen werde. An die latente Möglichkeit aber kann ich nur schaudernd denken. Denn ich muß und werde Nein! sagen.

 

München, Sonnabend, d. 18. September 1915

Es scheint, als ob das schauderhafte Problem, wie ich mich zu verhalten habe, wenn das Vaterland meine Dienste beanspruchen sollte, schneller an mich herantreten werde, als irgendwer ahnte. Gestern erzählte mir Rudolf Grossmann, der Maler, daß die Musterung der bisher Untauglichen schon binnen 10 Tagen vor sich gehn werde, und daß dann die tauglich Befundenen gleich mit den Landsturmleuten eingezogen werden sollen. Werth und Hoffmann, die gestern bei uns waren, bestätigten das. Sie wußten auch, daß zunächst die Jahrgänge 1876–95 herangezogen werden sollen, – also meiner dabei. Ich sehe schwarze Wolken über dem Himmel meiner jungen Ehe und meiner Dichterpläne. Märtyrer zu werden liegt meinem Ehrgeiz ganz fern, aber der Gedanke, für ein Ideal, das meinem entgegengesetzt ist, morden zu müssen, kommt garnicht in Frage. Ausgeschlossen ist der Gedanke, daß ich den Eid sollte leisten können. Ich weiß, daß die Demonstration der Weigerung an und für sich wertlos ist. Aber der Schwur selbst, und das Drum und Dran von Hochrufen etc., ferner das Strammstehn vor „Vorgesetzten“, das fortwährende äußerliche Anerkennenmüssen der verhaßten Einrichtungen, – alles das ist scheußlich auszudenken. Sehr froh und stolz bin ich über Zenzl. Sie hat mit keinem Wort einen Versuch gemacht, mich zur Verleugnung meiner Gesinnung zu beeinflussen. Sie meinte nur, es würde recht in unser beider Schicksal passen, wenn ich nun für Jahre oder Jahrzehnte ins Zuchthaus müßte. Es ist die Angst um Besseres als um mein Leben, die mich wünschen läßt, der Stabsarzt, der mich untersuchen wird, möge mich unverwendbar finden.

In diesen Tagen hält der Marburger Professor Natorp einen Vortragszyklus. Das Thema des ersten Vortrags ist: „Der Irrtum des Pazifismus“. Natorp ist Ethiker und hat einen sehr guten Namen als Mensch und als Denker. Ich neige im allgemeinen nicht dazu, jemandem für sein öffentliches Verhalten persönlich unanständige Motive zuzutrauen. Aber wenn so ein Mann sich in dieser Zeit des himmelschreienden Mordens hinstellt, und die Sehnsucht nach der dauernden Verhütung solchen Treibens als „Irrtum“ ausruft, so reicht meine Psychologie nicht weiter, als bis zur Annahme, das sei Geschäftsspekulation. Dann aber erhebt sich die Frage, ob nicht doch nomina odiosa sind, besonders, wenn man ihnen anagrammatisch beikommt: Natorp – Patron!

 

München, Montag, d. 20. September 1915.

Die guten Leute, die seit dem Dunajec-Durchbruch schreien: Jetzt ist’s mit Rußland aus, sie sind geschlagen, besiegt, unrettbar verloren, ihre Armeen haben keinen Halt mehr, keine Widerstandskraft, keinen Atem, sie müssen Frieden machen, ob sie wollen oder nicht, – alle diese trefflichen Urteiler haben sich eklig verrechnet. Seit der Abberufung des Großfürsten Nicolajewitsch ist zweifellos eine zur Initiative entschlossene Kraft am Werke, die die Stunde zur Neuaufnahme des Kampfs gekommen sieht. Zwar geht die Hindenburg-Gruppe noch vorwärts, wenn auch im verlangsamten Tempo, ebenso die Heeresgruppen der Feldmarschälle Prinz Leopold von Bayern und Mackensen, – und gestern konnte sogar die Einnahme des „stark befestigten“ Wilna gemeldet werden. Dagegen hört man unter der Tagesrubrik „Vom südöstlichen Kriegsschauplatz“ seit dem Rückzug der Armee Bothmers bei Tarnopol entweder lakonisch „Nichts Neues“ oder doch nichts Genaues, und gestern mußten die Österreicher wohl oder übel eine neue Niederlage eingestehn, die sie im „wolhynischen Festungsdreieck“ erlitten haben. Dem Wortlaut der Mitteilung nach – mal wieder „mit überlegenen russischen Kräften“ und „heute nahmen wir Teile unsrer dortigen Front in weiter westlich gelegene vorbereitete Stellungen zurück“ – muß es sich um eine reguläre verlorene Schlacht handeln. Man wird darüber die russische Nachricht abwarten müssen, und von ihr etwa soviel subtrahieren dürfen, wie man der österreichischen zuzuaddieren gut tun wird.

Die Vorgänge im Inneren Rußlands, besonders die Vertagung der Duma, die de facto wohl der Auflösung gleichkommt und neue Verhaftungen unliebsamer Dumaabgeordneten müssen sehr vorsichtig taxiert werden. Unsre Zeitungen färben alles so, wie es der Konservierung des deutschpatriotischen Optimismus frommt, und so weiß man nie genau, was wahr ist und was nicht. Ich glaube am ehesten, daß sich in Rußland zwar eine Umwälzung ins Konstitutionelle vorbereitet, daß sie aber angesichts der Kriegslage, die dort ebenso wie überall die feindlichsten Volksmassen zusammengetrieben hat, auf der Grundlage der gegenseitigen Verständigung erzielt werden wird. Schon haben die Semstwos von Moskau, Nischni-Nowgorod und andrer großer Städte, ebenso Handelskammern, Industriellen-Vereinigungen, kurz sehr nationale Elemente, in äußerst präziser Form konstitutionelle Garantien verlangt, die nicht mehr vom Zaren als „sinnlose Träume“ glossiert werden sondern faute de mieux recht wohlwollend zur Kenntnis genommen sind. Daß bei diesen Veränderungen hier und da Krachs und selbst protestartige Vorgänge nicht ausbleiben werden, daß die konservativen Beamten zunächst auf eigne Faust weiterkujonieren und die andern sich das nicht gefallen lassen werden, ist selbstverständlich. Aber die schon publizierten Reformen, die Gewährung der Freizügigkeit an die Juden etc., zeigen deutlich, daß eine Aufwärmung der Ereignisse von 1905 zum mindesten während des Kriegs ganz unwahrscheinlich ist. Nachher hoffentlich! Aber das wird davon abhängen, wie der Krieg endet, und prophezeien wäre beim jetzigen Stand der Dinge ganz müssig.

Ob Bulgarien nun vorgestern oder gestern wirklich das türkische Kompensationsgebiet in Besitz genommen hat, weiß niemand. Die Presse behandelt den Gegenstand als völlig perfekt, bringt so Notizen von der Mobilisierung des bulgarischen Heeres und feiert die vor 2 Jahren mit jeder Jauche bespritzten Schlawiner schon als Bundesgenossen. Solange keine offizielle Bestätigung da ist, glaube ich von alledem kein Wort.

In Amerika hat die Entente einen neuen Erfolg erzielt. Es ist ihr gelungen, dort bei der Finanz eine kolossale Anleihe unterzubringen. Die U.-S.-A.-Regierung hat also ihre Theorie, finanzielle Transaktionen bedeuten Neutralitätsbruch, aufgegeben. Wie sich unsre Zeitungen über alles, was der deutschen Politik fatal sein muß, zu trösten wissen, dafür finde ich in der „Münchener Zeitung“ wieder mal ein entzückendes Beispiel: Dort wird in tiefsinnigen Betrachtungen dargelegt, daß die Hergabe etlicher Milliarden durch die amerikanischen Bankiers, an der sich übrigens auch mit der deutschen Finanz eng liierte Bankhäuser beteiligen, uns im Grunde ganz recht sein könne. Wir seien insofern an der Erhaltung der Kreditfähigkeit der Feinde interessiert, als sich ja England und Frankreich die Quellen sichern müßten, denen sie zu gegebener Zeit die Riesensummen für die an Deutschland zu zahlende Kriegsentschädigung abschöpfen können ... Sowas setzt man dem Publikum vor, und das glaubt’s.

In Polen scheinen eigentümliche Dinge vorzugehn. Der Gouverneur von Warschau hat die polnischen humanitären Verbände aufgelöst, die von der deutschen Verwaltung genehmigt waren, weil sich herausgestellt hat, daß sie nationalpolnische Aktionen vorgenommen, Gerichtshöfe gebildet und selbst Waffen verteilt haben. Gleichzeitig hat der Kommandant von Lodz eine Warnung veröffentlicht gegen die, die dort revolutionäre Propaganda trieben, zu terroristischen Akten und allem möglichen sonst aufforderten. Der Mann weist kräftig auf die außerordentlich starken „Machtmittel des deutschen Reiches“ hin, die rücksichtslos angewendet werden würden. Die Zufriedenheit mit dem deutschen Regime scheint also nicht übertrieben groß zu sein, was mich wenig überrascht. Der „Vorwärts“ meint, etwaige revolutionäre Treibereien zu dieser Zeit in Polen ließen sich nur mit Spitzelwerk erklären. Idioten: Es ist Sozialdemokraten nicht beizubringen, daß revolutionäres Tun auch mal aus revolutionärer Gesinnung entspringen kann!

 

München, Dienstag, d. 21. September 1915

Das deutsche Heeresersatzgeschäft arbeitet schnell. Vorigen Donnerstag meldete ich mich zur Stammrolle an, und übermorgen früh ½ 9 Uhr habe ich bereits „in reinlichem Körperzustande“ zur Nachmusterung im Wehramtsgebäude anzutreten. Was wird daraus werden? Meine Nerven sind in einem bösen Zustand, mein Körper ist gewiß nicht kräftig genug, um das Gepäck auch nur bewältigen zu können, geschweige Kriegsstrapazen gewachsen zu sein. Aber wird man das gelten lassen? Gestern erzählte mir Kurt Martens, daß Will Vesper bei der Ausbildung dreimal ohnmächtig zusammenbrach, aber, obwohl er wegen patriotischer Gedichte einen preußischen Orden bekommen hat, doch immer weiter zum Diensttun gezwungen wurde, und jetzt wohl im Felde steht. Es ist ja nicht zu leugnen, daß bei der Bejahung meiner Felddienstfähigkeit mein Lebenslauf an einem interessanten Punkt angelangt wäre. Jetzt, wo ich endlich die Erbschaft antrete, die mich immerhin einige Jahre gut über Wasser halten kann, wo ich geheiratet habe und im Begriff bin, einen eignen Haushalt aufzutun (wir haben uns gestern eine entzückende Wohnung ausgesucht), – jetzt also, wo endlich die Bedingungen gegeben sind, wo ich die Lebensarbeit, die ich mir aufgegeben habe, ernstlich beginnen kann, – jetzt wäre die Alternative Heldentod oder Zuchthaus ganz gewiß eine stilgemäße Einfügung in meine Gesamtbiographie. Die arme Zenzl ängstigt sich sehr. Gott gebe, daß der Kelch vorbeigehe.

Ich hatte vorgestern abend den Tagesbericht nicht aufmerksam gelesen, und nur die fett angezeigte Einnahme Wilnas zur Kenntnis genommen. Nachdem ich gestern das Ganze durchgehn wollte, fiel mir eine Wendung auf, die auf ein bevorstehendes Ereignis à la Tannenberg oder Masuren in dieser Gegend schließen läßt. Es hieß da, die Armee Eichhorn verfolge die fliehenden Russen in „unaufhaltsamer Umfassungsbewegung“. Nach dem Jargon der Heeresleitung kündigt das eine schon nahezu zu deutschen Gunsten entschiedene große Umzingelungsschlacht an, und, da es im gestrigen Bericht hieß, der Angriff dort sei „im Gange“, so wird wohl morgen oder übermorgen – vielleicht auch schon heute – die Vernichtung einer weiteren russischen Armee gemeldet werden können und wieder großer Jubel im Lande sein. Das wäre ja auch alles ganz schön, wenn irgendwie Aussicht bestände, daß irgendwo wirklich mal das Morden aufhörte. Aber leider bin ich überzeugt, daß ein Ende, wenn es nicht durch Einsicht der Maßgebenden herbeigeführt wird – und dazu besteht nur in England Hoffnung und auf die Einsicht der Soldaten nirgends! – nur durch gänzliche Erschöpfung aller Teile bewirkt werden kann. Militärisch zu besiegen ist kein einziger Gegner, sowenig wie Deutschland und Österreich, und grade Rußland hat gezeigt, daß es den Verlust einer Armee von einer halben Million stets mit dem Neubilden einer solchen von einer ganzen Million zu beantworten weiß. – Wenn sich die gestrigen Zeitungsnachrichten bestätigen sollten, wonach die Moskauer Semstwo-Versammlung verboten und neue Massenverhaftungen vorgenommen seien, wenn also wirklich die Autokratie mit jedem Mittel despotischer Gewaltsamkeit den Zarismus in der alten verrotteten Form zu retten versucht, denn wäre ja immerhin möglich, daß innere Wirren in Rußland der deutschen Kriegführung zu Hilfe kämen. Ich kann jedoch bislang in allen revolutionär anmutenden Kundgebungen nur Aktionen nationalistischer Besorgnis erkennen.

Eine sehr bedeutsame Meldung enthält der gestrige Tagesbericht insofern, als darin ein ganz neues Moment in den Weltkrieg eingreift. Deutsche Artillerie hat an der Donau den Angriff gegen die serbischen Stellungen aufgenommen. Damit scheint die oft wiederholte Ankündigung der Entente-Presse bestätigt zu werden, daß ein deutscher Durchmarsch durch Serbien nach der Türkei geplant sei. Damit erhielte freilich auch die Verständigung mit Bulgarien einige Wahrscheinlichkeit, das außer dem von der Türkei abzutretenden Gebiet das 1913 an Serbien verlorene Mazedonien versprochen bekommen haben mag gegen die Verpflichtung, Serbien, während es von Norden her angegriffen wird, zugleich vom Süden zu packen, und dann den Durchmarsch der deutsch-österreichischen Truppen nach der Türkei und die Zufuhr von Munition dorthin zu begünstigen. Wahrscheinlich ist der Munitionsmangel bei den Türken allmählich so beängstigend geworden, daß Gewaltmaßnahmen versucht werden müssen. Man rechnet vielleicht auch mit der nahe bevorstehenden Bezwingung der Dardanellen und will Konstantinopel womöglich erreichen, ehe es verloren ist. Dies alles läßt leider auf alles eher schließen, als auf ein Ende des Schreckens.

Ich habe in einer Angelegenheit die Initiative ergriffen, die vielleicht sehr folgenreich sein kann. In Frankreich haben die Schriftsteller eine Aktion gegen die politische Zensur unternommen und in sehr männlicher Sprache Protest gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit erhoben. Konservative Blätter vom Schlage des „Temps“ und des „Figaro“ haben die Forderung aufgenommen, sodaß in Frankreich eine Bewegung gegen die Zensur unter den Geistigen in flottem Gange ist. In Deutschland ist noch nichts dergleichen zu spüren. Die Reichstagsrede Richard Fischers, die unglaubliches Material enthält, wurde von den bürgerlichen, den sogenannten „liberalen“ Blättern unterdrückt und zu wenigen Zeilen gekürzt um allen Sinn gebracht, damit nur niemand im Reiche erfährt, was eigentlich los ist. Die Schlappschwänze denken also freiwillig noch weniger als man ihnen gestattet. Nun bat ich gestern Martens zu einer Besprechung und schlug ihm vor, eine geschlossene Versammlung des Schutzverbands deutscher Schriftsteller einzuberufen, in der ein dem französischen paralleles Vorgehn gegen die Zensur erörtert werden sollte. M. machte mich aufmerksam, daß er, da er im Landsturmverhältnis stehe, ohne Anzeige bei der Militärbehörde keine Versammlung einberufen dürfe, in der politische Dinge erörtert würden. In der selben oder noch ärgerer Lage seien alle. Wir verabredeten, durch einen älteren Mann oder eine Dame eine ganz private Zusammenkunft von Schriftstellern, Künstlern und sonstwie Interessierten veranstalten zu lassen, um zu überlegen, was bei uns geschehen kann. Leider sind die Aussichten, etwas Wirksames unternehmen zu können, äußerst schwach. Wenn wir unsre Zensurverhältnisse mit den englischen, den französischen, selbst den russischen vergleichen – dann würgt’s einen in der Kehle vor Ekel und Scham. Und auch bei den Landsleuten, die früher von freiheitlichen Regungen wußten, ist aller Wille, alle Kritik und aller Stolz vor die Hunde gegangen.

 

München, Mittwoch, d. 22. September 1915.

Harden hat in der letzten „Zukunft“ (die ich mir gekauft und meiner Kriegsmappe einverleibt habe) wieder einen sehr tapferen Artikel: „Großfürst Nikolaj“, in dem er in Form eines am 31. Juli 1914 stattfindenden Dialogs zwischen dem russischen Generalissimus und seinem Adjutanten die Vorgeschichte des Kriegs noch einmal aufrollt. Es ist das vernichtendste Material für die Schuld der deutschen Regierung, das bisher von einem Deutschen zusammengefaßt wurde, und erweist insbesondere die Rolle des bei uns als Hauptanstifter verlästerten Grey als wirklichen Peacemaker bis zum letzten Moment. Ich habe das englische Blaubuch noch nicht durchgelesen, finde aber eben bei flüchtigem Einblick die Bestätigung eines Zitats, das Harden daraus wörtlich anführt, und in dem, was bisher bei uns durchaus nicht allgemein bekannt ist, Grey der deutschen Regierung angeboten hat, im Fall der Frieden erhalten bliebe, was einzig von Deutschland abhing, „für eine Abmachung zu wirken, an der Deutschland Beteiligter sein könnte und die ihm Sicherheit geben könnte, daß von seiten Frankreichs, Rußlands und uns selbst keine aggressive oder feindselige Politik gegen es selbst oder seine Verbündeten gemeinsam oder einzeln getrieben werden würde.“ (Dokumente zum Weltkrieg 1914. Herausgegeben von Eduard Bernstein. II. Das englische Blaubuch 1. Die Geschichtsdarstellung und die Erklärungen der Minister. Verlag: Buchhdlg Vorwärts Paul Singer, S. 42.) Es wird der Hinweis gebracht darauf, wie England im Jahre 1912 den von Österreich damals schon erstrebten Krieg verhindert habe, und dann auf die interessante Tatsache aufmerksam gemacht, daß im deutschen Ultimatum an Rußland nicht nur die Demobilisierung an der deutschen sondern auch an der österreichischen Grenze verlangt wird, also mehr, als Österreich selbst beanspruchte und als Rußland angesichts der Haltung Österreichs leisten konnte. Der Standpunkt, den Rußland in der Serbenfrage einnehmen mußte, wird von Harden in diese Formel gefaßt: „Ob ein ganzes durch Rußlands Schwert erlöstes Volk uns verwandter Glaubensgenossen des Doppelmords schuldig ist, haben wir mitzuprüfen.“ Die österreichische Regierung aber verfolgte die Politik, die Ermordung eines österreichischen Prinzen auf österreichischem Boden durch einen Österreicher als Schuld aller Serben zu behandeln und deswegen einen Krieg vom Zaun zu brechen, der eben seit Jahren unter allen Umständen geführt werden sollte ... Erstaunlich ist, daß Harden sich schon wieder einen solchen Artikel leisten kann. Es scheint wahr zu sein, was ich schon vor Monaten erfuhr: daß er der Zensur, die ihm Schwierigkeiten machen wollte, erklärt hat, dann werde er ins Ausland gehn und dort Dinge veröffentlichen, die noch ganz anders klingen. Er weiß aber sicher so viel, daß man eine Höllenangst vor ihm hat und ihm durchläßt, was jedem andern das Genick bräche.

Die Bulgarenfrage ist immer noch ungelöst. Sicher ist, daß die Landesfeier zur Erinnerung an die Einverleibung Ostrumeliens vorüberging, ohne die Einverleibung des türkischen Verzichtlandes zu bringen, und daß die Zeitungen jetzt auf die nächsten zehn Tage vertrösten. Ich bin zweifelhaft wie immer. Es wäre doch im Grunde absurd, wenn sich Bulgarien jetzt an die Seite desselben Österreichs stellte, daß es 1913 in den zweiten Balkankrieg hetzte, das ihm das eben gestohlene Mazedonien kostete, und an die Seite derselben Türkei, die durch die entsetzlichen Armenierverfolgungen, die sie jetzt mit offensichtlicher Protektion der Regierung in schrecklicher[er] Form als je verbricht (die russischen Judenpogroms sind dagegen ein Kinderspiel), den unausrottbaren Haß gegen jegliches Christentum im eignen Machtbereich von neuem beweist. Noch ist nichts offiziell, noch ist alles Zeitungstratsch.

Morgen zur Musterung. Ich wollte, ich wäre ein Krüppel.

 

München, Freitag, d. 24. September 1915.

Ausgemustert – Dienstunfähig. Keine Engelsmusik hätte mir lieblicher in die Ohren tönen können als diese Entscheidung des Stabsarztes gestern vor der „Hilfsersatz-Kommission“. Vorgestern stand ich mit Zenzl an der Görresstraßenecke, als ein älterer Stabsarzt vorbeikam. Ich benutzte die Gelegenheit, um Zenzl vorzuklagen: „Ich glaube, nächstens platze ich vor Nervosität.“ Zenzl beschwichtigte besorgt, bis ich ihr klarmachte, daß nur der Militärarzt mich zu dem Bekenntnis veranlaßt hätte. Der Zufall gab, daß wirklich derselbe Mann das Urteil über Leben oder Tod für mich zu fällen hatte.

Um ½ 9 Uhr mußte ich im Zimmer 38 des Wehramts antreten, wo sich im ganzen etwa 170 Mann versammelten, alle aus den Jahrgängen 1881-78. Zunächst gab ein Beamter in Zivil Anweisungen, in welcher Weise „die Herren“ zur Musterung vorgenommen würden. Dann erschien ein Oberstleutnant, der uns als „Mannschaften“ apostrophierte und die Erklärung abgab, die Ausgehobenen würden sehr bald eingezogen werden, wohl schon Anfang Oktober: Die Stimmung unter den bis dahin „dauernd Untauglichen“ sank sichtlich, besonders als dann die ersten untersuchten Leute mit Leichenbittermienen herauskamen und erzählten: „Oalls packn´s aa!“ und einer nach dem andern die Nachricht brachte: Verwendungsfähig, Infanterie, Pioniere etc., sodaß schon die wenigen, die als garnisondiensttauglich bestimmt wurden, Neid und Glückwünsche einkassierten. Es schien, als sollten nur die wirklichen Krüppel ausgemustert werden. Die armen Leute taten mir schrecklich leid, und ich dachte mit Entsetzen daran, daß meine Aussichten, frei zu werden, auch immer tiefer sanken. Ich hätte gewünscht, daß unsre Repräsentationshelden, Kaiser, König, Kanzler, Minister, die überall Glockengeläut, Hochgeschrei und Siegesjubel vorgemimt bekommen, diesen Saal 38 betreten sollten. Sie hätten ein bißchen wahre Volksstimmung wahrnehmen können. Von den 170 Männern dachte nicht Einer an Vaterland und Ruhm, eine furchtbare Depression lastete über den Gemütern, und die Gesichter derer, die ausgehoben waren, drückten tiefste Verzweiflung aus – alle – und den entsetzten Gedanken: Zum Tode verurteilt!

Ich überlegte indessen die Folgen, die die Einstellung für mich haben müßte, und beschäftigte mich im Geiste mit dem Eid, den ich hätte schwören müssen: Treue für König und Vaterland. Jeder weiß, daß das für mich wertlose Begriffe sind, und daß mir gar nichts ferner liegt, als mich diesen höchst bekämpfenswerten Einrichtungen mit Leib und Leben zu verpflichten. Gott ist den Menschen der höchste Ausdruck aller seelischen Wahrheit, Ergriffenheit und Erfülltheit. Wer zu Gott schwört, tut es – nach dem Geiste der Frömmigkeit – aus dem tiefsten Bewußtsein seiner Herzenswahrheit heraus. Der Staat beruft sich auf Gott als den Schirmer seiner Berechtigung, der König führt sein Amt von Gottes Gnaden. Staat und König aber nötigen unter Zwang und Drohung die Menschen zur Ablegung eines Eides um Gottes willen, der den wenigsten von Herzen kommen kann, vielen aber direkt gegen die Wahrheit läuft. Den so erpreßten Eid benutzen sie dann als Waffe und Folter gegen den, der ihn leisten mußte. Ob nie einem Geistlichen diese entsetzliche Schmähung der Gottheit, diese fürchterliche Unsittlichkeit klar geworden ist? Als ich diese ganze Gedankenreihe durchging, beschloß ich endgiltig, den Treueid zu verweigern, wenn er von mit verlangt würde: auf jede Gefahr.

Mir ist gottlob diese furchtbare Not erspart geblieben. Auf die Frage, was mir fehle, berief ich mich auf schlechte Augen und Herzerweiterung, die sich in Erschöpfungszuständen äußern. Der Stabsarzt selbst legte mir nahe, mich auch auf die Lungen zu berufen, behorchte mich nur ganz wenig und erklärte mich als „Ausgemustert!“ ... Ob ich das den seit 15 Jahren gerauchten Zigarren, getrunkenen schwarzen Kaffee und Alkohol und umarmten Frauen verdanke, oder dem freiwilligen Verzicht der Militärbehörde, wage ich nicht zu entscheiden. Die neugierigen Blicke der Offiziere und Beamten, als ich in leuchtender Nacktheit in ihren geweihten Raum trat, läßt mich jedenfalls darauf schließen, daß man sich vorher über mich unterhalten haben wird, und da mag wohl die Ansicht laut geworden sein, daß ein derartiger Mießmacher in der deutschen Armee mehr ruinieren als helfen kann. So wäre denn einmal mein Festhalten an der stets betätigten Gesinnung wahrhaft belohnt worden. Ein Martyrium hätte ich ohne „Stolz“ hingenommen.

Aber in was für Situationen einen der Krieg bringt, das wurde mir erst ganz klar, als ich im Vorraum der Musterung warten mußte, bis die Reihe an mich käme, und mit angstvoll zitterndem Herzen mit noch etwa zehn Leidensgefährten im Kreise um ein Zimmer saß, jeder war mit dem Hemd bekleidet, aus dem die behaarten oder glatten, krummen, dürren oder wampigen nackten Beine hervorstachen. In dieser grotesken Maskerade, die das Vaterland von uns verlangte, mußten wir unser Schicksal erwarten, das für manchen tragischstes Verhängnis sein mag.

Heute ist Zenzl in Tegernsee bei Anthes’. Ich fahre morgen hin. Nachmittags will ich die massenhaft angeschwollene Korrespondenz erledigen ... Auf dem Welttheater keine reichen Abwechslungen, da der Mord in allen Zonen längst aufgehört hat, abwechslungsreich zu wirken. Aber Bulgarien hat wohl mobil gemacht und eine Rede des Ministerpräsidenten Radoslawoff, die er nach dem „Berliner Tageblatt“ im Liberalen Verein von Sofia gehalten haben soll, läßt, wenn sie nicht erlogen sein sollte, keinen Zweifel mehr daran, daß meine Prophezeiungen über das Verhalten dieses Landes widerlegt sind. Die Bulgaren werden also keine verräterischen Mordbrenner sein, sondern edle Verbündete.

Die neueste (dritte) Kriegsanleihe scheint ein riesiges Resultat zu ergeben. Wahrscheinlich zwischen 10 und 12 Milliarden. Im Simplicissimus steht ein schmalziges Gedicht (mit ebensolcher Zeichnung) von Wilh. Schulz, wie der brave deutsche Mann sich den Sonntagsrock anzieht, um sein Erspartes dem Vaterland zu opfern, da ja sein Sohn sogar sein Leben opfert. Wie dem braven Mann sein „Opfer“ wohl wehtun wird, wenn nach 5 Jahren das Reichsschatzamt erklärt, daß die 5prozentige Verzinsung leider auf 3½ % reduziert werden müsse! Wenn die große Zeit die Leute doch wenigstens nicht so scheußlich verlogen machte!

 

München, Dienstag, d. 28. September 1915.

Zwei Tage in Tegernsee und der Abschluß des Mietvertrags (Georgenstr. 105IV: eine reizende 3Zimmer-Wohnung) hielten mich von diesem Heft fern. Ich kümmere mich um nichts, was inzwischen geschehn ist und mir vielleicht gelohnt hätte, festzuhalten. Aber die Nachwirkung eines Hasenessens bei Maaßen, das sich bis ½ 4 Uhr nachts hinzog, zwingt mich zur Kürze. So nur das Wichtigste, und auch das nur, weil es so sehr wichtig ist.

Die französisch-englische Generaloffensive hat begonnen. Der Durchbruch durch die deutsche Front ist bisher an keiner Stelle gelungen. Doch wurden an den beiden ersten Tagen über 20.000 Gefangene gemacht und sehr viel Material erobert, was letztens sogar im deutschen Tagesbericht zugegeben wurde. Bei Arras, Ypern, Reims wird gekämpft. Die Deutschen haben Souchez wieder verloren und mußten südwestlich von Lille in die zweite Verteidigungslinie zurück. Die Blätter müssen Beschwichtigungsnotizen bringen, die Zuversicht der deutschen Truppen rühmen, kurz: Panik verhüten ... Ob man wohl in Frankreich, ob man auch nur bei den maßgebenden Stellen in Deutschland ahnt, daß nachgrade Zehntausende bei uns das Gelingen des Durchbruchs wünschen? Ich persönlich glaube, daß gegenwärtig der Entscheidungskampf tobt. Gelingt der Plan der Franzosen, denn müssen die Deutschen ihr Land und Belgien räumen, sich an die eignen Grenzen zurückziehn, und die Grundlagen für einen möglichen Frieden sind gegeben. Mißlingt er, so kann, da die Deutschen nicht ohne Landraub abziehn wollen, der ganze Feldzug fast als im Anfang seiner Entwicklung angesehn werden, und wir können uns auf einen Schrecken ohne Ende gefaßt machen ... Die 3. Kriegsanleihe hat 12,03 Milliarden Mark gebracht. Finanzielle Erschöpfung brauchte also noch niemanden zu veranlassen, die sinnlose Völkermetzelei einzustellen. Die nächsten Tage werden das Los der Welt bestimmen: Erschöpfte Ruhe oder Weißbluten.

 

München, Mittwoch, d. 29. September 1915.

Ich bin in einem Zustand, der mich für meine Nerven schwer fürchten läßt. Die ewige Beaufsichtigung meiner Geldausgaben von Lübeck aus, das ständige Vorrechnenmüssen, damit das Leben fortgesetzt werden kann, Zenzls schrecklicher Husten, der nie aufzuhören scheint und den sie mit unzähligen Zigaretten, deren Rauch sie durch die Lungen jagt, füttert – und hauptsächlich wohl die unaufhörliche seelische Beteiligung an den Schurkereien der Kriegszeit zermürbt mich auf die Dauer. Gearbeitet habe ich seit langem nichts mehr (von der eignen Wohnung erhoffe ich alles), selbst die dringliche Korrespondenz bleibt liegen, und meine Zeit in diesen Tagen wird ausgefüllt mit den Vorbereitungen zu Halbes 50. Geburtstag. Maaßen und ich machen für die Kegelbahnfeier eine Moritat mit Versen und Bildern. Fürs Bankett hat man noch keinen Redner, und womöglich muß ich heran. Ich täts elend ungern. Es ist schwer, Halbes literarische Meriten, die ja zweifellos dasind, ohne Andeutung des Niedergangs seit 15 Jahren, festlich auszuschmücken. Da aber alle seine alten Freunde anscheinend versagen, wird wohl nichts andres übrigbleiben. Ich ärgere mich über die Leute, die mit Halbe seit 30 Jahren befreundet sind und denen er durch Dick und Dünn geholfen hat. Jetzt setzen sie sich aufs hochliterarische Roß und tun – was Scharf dazu schon für Ursache hat! – als ob man Halbe als Dichter nicht ernst zu nehmen brauchte. Noch hoffe ich, um die Rede herumzukommen. Muß ich sie aber halten, so werde ich den Leuten zeigen, daß man einen anständigen Menschen, der zudem ein Dichter ist, unbeschadet seiner literarischen Reputation Komplimente sagen darf, ohne dabei die Wahrheit sehr biegen zu müssen. Ich freute mich über Maaßen, der darin ganz gleich mit mir denkt.

Auf den Kriegsfeldern ist noch nichts entschieden. Die Deutschen behaupten den Zusammenbruch der französisch-englischen Durchbruchsversuche. Man wird aber erst die gegnerischen Berichte abwarten müssen. Im Osten geht die deutsch-österreichische Offensive langsam weiter, nachdem an verschiedenen Stellen die Russen durch Gegenangriffe starke Vorteile errungen hatten und Deutsche und Österreicher sogar zeitweilig erhebliche Teile des gewonnenen Raumes wieder aufgeben mußten. Von der endgiltigen Besiegung irgendeines Gegners ist nicht entfernt die Rede. Was sich am Balkan entwickelt, ist noch ganz im Dunkeln. Ob Bulgarien wirklich aktiv werden will, ist immer noch nicht sicher. Ebenso unklar verhalten sich vorläufig Griechenland und Rumänien. Von Frieden ist erst recht nirgends etwas zu spüren. Doch wird in Deutschland jetzt den Friedensfreunden politisch ärger zugesetzt als je. Das ist somit ein Kapitel für sich.

 

Freitag/Sonnabend, d. 1./2. Oktober 1915

Ich komme eben (½ 1 Uhr nachts) nach 9stündiger mit Maaßen geleisteter Vorarbeit für die Kegelbahnfeier von Halbes Geburtstag (niemals ist ein Mensch ausgiebiger 50 Jahre alt geworden als er) nach Hause, und finde zu meiner Überraschung Zenzl noch nicht vor. Sie ist mit der Familie Anthes, Engler und wohl noch einigen andern unterwegs und amüsiert sich hoffentlich oder erleichtert dem armen Anthes das Beisammensein mit seiner unerträglich spießig-eifersüchtigen und geilen Ehefrau. So kann ich einige Bemerkungen, zu denen ich nicht kam, hier nachtragen.

Die französische Offensive geht unter ungeheuren Verlusten offenbar für beide Parteien weiter. Die Deutschen sollen nach den französischen Berichten 23.000 Gefangene und an blutigen Verlusten soviel wie 3 Armeekorps verloren haben. Ein Durchbruch wie bei Gorlice-Tarnow scheint dagegen nirgends gelungen zu sein, sodaß all das fürchterliche Blutvergießen noch nicht einmal die Hoffnung auf schnellen Frieden rechtfertigt. Der heutige deutsche Tagesbericht klingt sehr optimistisch, doch muß der französische abgewartet werden, ehe geurteilt werden kann. Im Osten geht alles weiter vorwärts, nachdem im Wolhynischen Festungsdreieck die Russen wieder erfolgreich zum Angriff vorgegangen waren und an vielen Stellen bei sämtlichen Armeen fast täglich neue starke Gegenstöße von ihnen gemeldet werden. Das Geschwätz von der völligen Bezwingung der Russen ist also wieder einmal evident geworden als dumme Großschnäuzigkeit. Über das künftige Verhalten der Balkanstaaten herrscht nach wie vor gänzliche Unklarheit, selbst Bulgarien ist noch keineswegs so sicher wie alle Welt zu glauben vorgibt. Ich kann mir aktives Eingreifen auf Seiten der Mittelmächte noch immer nicht denken. Jedenfalls werden die neuen Erfolge der Franzosen und Engländer bei den gerissenen Halunken nicht wirkungslos bleiben. Viel gefaselt wird neuerdings von Kriegslust in Schweden. Ich glaube auch dort nichts, solange es nicht da ist. Nur eins glaube ich: daß die allgemeine Verrücktheit dieser Zeit ihren Jammer noch nach Jahrhunderten spüren lassen wird.

 

München, Donnerstag, d. 7. Oktober 1915.

Die einander überstürzenden (der Ausdruck überstürzt sich zur Zeit in den Zeitungen bei Behandlung der Balkanereignisse) Halbefeiern haben mich seit fast einer Woche aus der Zeitchronik geworfen. Was inzwischen geschehn ist, läßt sich kurz rekapitulieren.

Der bulgarischen folgte die griechische Mobilisierung, dieser ein Ultimatum Rußlands an Bulgarien, das die Forderung enthielt, die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland und Österreich abzubrechen und deren Offiziere hinauszuschmeißen, und das vorgestern ablief. Inzwischen französisch-englische Truppenlandungen in Salonichi, denen ein formaler Protest Griechenlands folgte und die neuerliche Demission Venizelos’ und des übrigen griechischen Kabinetts. Heute wird nun gemeldet, daß die Gesandten Rußlands, Frankreichs, Englands und Italiens in Sofia ihre Pässe verlangt haben.

Das ist also eine ganze Masse Historie, die durch den Entrüstungs- und Begeisterungszimt der Presse der Länder nicht schmackhafter wird. Bei uns ist man aufs heftigste über die Landung in Salonichi aufgebracht, die natürlich garnicht mit dem bulgarischen Neutralitätsbruch zu vergleichen sei. Das amtliche (!) Communiqué darüber leistet sich diese Kühnheit: „Im Falle Belgiens war das Vorgehn Deutschlands durch den drohenden französischen Vormarsch begründet. Es handelte sich um Notwehr in der Lebensfrage für das Deutsche Reich. Die Verletzung der griechischen Neutralität durch Frankreich und England ist ein Völkerrechtsbruch lediglich zur Wahrung egoistischer Interessen.“ Der wahre Unterschied ist natürlich der, daß Belgien dem deutschen Überfall auf Frankreich keinen Vorschub zu leisten wünschte und sich deshalb gegen die gewaltsame Verletzung der von Deutschland garantierten Neutralität durch Deutschland gewaltsam wehrte, während Griechenlands Feindschaft gegen Bulgarien notorisch ist, und es den Vormarsch der Entente daher sicher gern unterstützte und den Protest nur einlegte, um den Zentralmächten keinen Anlaß zur Kriegserklärung zu geben. Griechenland tat also dasselbe, was vor 14 Monaten Luxemburg tat, höchstens mit dem Unterschiede, daß Griechenland gern tat, was Luxemburg unter dem Druck der Angst tun mußte. Deutschland hat nun noch offiziell bei Griechenland Verwahrung eingelegt, wohl um nachher freie Hand zu haben, griechischen Boden kriegsmäßig zu bearbeiten, ohne den Vorwurf zu erfahren, kriegerische Handlungen gegen ein neutrales Land zu begehn. Diesen grotesken Vorwurf erhob vor einigen Tagen die deutsche Oberste Heeresleitung gegen Frankreich, das Flieger über der „neutralen“ (nämlich bis oben von deutschen Truppen besetzten) Stadt Luxemburg hatte Bomben abwerfen lassen.

Mit was für einer kritiklosen Leserschaft die deutsche (und jedenfalls auch die gesamte ausländische) Presse rechnet, geht daraus hervor, daß man hier Entrüstung mimt über Rußland, das die bulgarische Mobilisierung schon zum Anlaß des Ultimatums nahm. Und welchen Anlaß hatte am 31. Juli 1914 Deutschland, Rußland das Ultimatum zu stellen? Akkurat denselben. Die deutschamtliche Erklärung schließt (allerdings weiß ich nicht genau, ob dieser Schwanz dem Wisch nicht vom Grafen Bothmer, dem Redakteur der „Münchner Ztg.“, angehängt ist. Der Mann liebt es, die offiziellen Gerichte den abonnierten Dienstmännern mit eigner Sauce übergossen vorzusetzen, und sein Stil ist von dem der Regierungsschmöcke nicht zu unterscheiden): „So bilden die jüngsten Demarchen der Entente in Sofia und Athen das Schlußwort zu dem Kapitel in der diplomatischen Geschichte der Entente, das die Nachricht mit dem Motto versehn wird: „Geschichte der Heuchelei“.“ Wohlgemerkt – der Entente!

Der Krieg geht nun also am Balkan an – wieder einmal der Krieg aller gegen alle. Die Verteilung im Jahre 1912: die Türkei gegen Serbien, Montenegro, Bulgarien, Griechenland; im Jahre 1913: Bulgarien gegen Serbien, Montenegro, Türkei, Griechenland und Rumänien; 1914: Türkei gegen Serbien und Montenegro; 1915 Türkei und Bulgarien gegen Serbien, Montenegro, jedenfalls Griechenland und höchstwahrscheinlich Rumänien. Die Völker müssen bluten weil es die kommerzialistisch orientierten Machthaber so bestimmen, – wie bei uns im civilisierten Europa. Jetzt aber wird es in dem Höllenschlund am Balkan furchtbar werden, da sich dort auch die Großmächte zusammenfinden und die Entscheidung schlagen werden, und da werden sie alle einander begegnen: Deutschland, Österreich, Frankreich, England, Rußland und Italien. Dort wird die allgemeine Völkerschlacht geschlagen werden, und sie wird den Krieg entscheiden, wenn er denn doch schon einmal mit den Waffen entschieden werden soll. Jedenfalls stehn nach allem Schrecklichen der ersten fünfviertel Jahre noch die entsetzlichsten Dinge bevor.

Der Vorstoß der Franzosen und Engländer verblutet allem Anschein nach wieder einmal im Sande. Die Offensive wird mit kleinen Erfolgen fortgesetzt. Der beabsichtigte Durchbruch scheint aber vereitelt zu sein. In Rußland entwickelt sich allem nach jetzt ebenfalls ein Stellungskrieg. Der Winter rückt ohne Entscheidung an irgend einer Stelle heran und wenn Gott nicht Wunder tut, geht die Schreckenszeit mit Mord, Greueln, Teuerung und jeglichem Unglück bis ins Aschgraue weiter.

Unsereins amüsiert sich inzwischen, so gut es gehn will. Halbes Geburtstag gab mit einem Festbankett bei Schleich,* einer Privatgesellschaft bei ihm selbst und gestern einer Kegelbahn-Feier, bei der Maaßen und ich den Hauptteil taten, dazu ausgiebig Gelegenheit. Überall verlief es sehr nett. Der Weltkatastrophe gedenkt man bei solchen Dingen nur, wenn die andern begeistert werden, mit Ingrimm zwar, aber mit durch Gewohnheit gemäßigtem. Man findet sogar noch Gelegenheit, sich für Frauen zu interessieren. Mir tat es ein wenig die Frau des Frankfurter Nationalökonomen Professors Salomon an, einer Dame wohl schon in meinen Jahren, sehr klug, von schönster Gestalt, gepflegten Händen, lebensstarken Augen und einer klingenden Altstimme. Ich küßte ihre Hand und sie forderte mich auf, wenn ich nach Frankfurt kommen sollte, ihr Gast zu sein.

Mit Zenzl bin ich recht glücklich. Sie geht auf mich ein – rührend gut und ich darf jedes Vertrauen zu ihr haben. 2 Tote sind zu nennen, die dem Kriege geopfert haben: Jacob Zucker – ein feiner Mensch aus der Neuen Gemeinschaftszeit und Georg Muschner, Mitherausgeber der „Lese“. Ich traf ihn jüngst mit verbundenem Arm und Eisernem Kreuz. Beim zweiten Ausmarsch nach dem Osten traf’s ihn. Das Vaterland ist eine Fliegenklatsche.

 

* Wolff vom Hoftheater hielt die offizielle Rede, ich die letzte auf den inoffiziellen Halbe

 

München, Sonnabend, d. 9. Oktober 1915.

In der Champagne geht die unmenschliche Metzelei weiter. Die Deutschen verlieren schrittweise Boden, aber wenn man die Maße des verlorenen Terrains erfährt, und vergleicht, was in den ersten 6 Kriegswochen erobert wurde, dann erkennt man, daß, falls der Durchbruch der Franzosen nicht doch noch gelingen sollte, außer fürchterlichen Menschenopfern auf beiden Seiten keine Veränderung eingetreten ist. Was sind 800 meter, die die Franzosen bei Tahure gewonnen haben? Noch nicht die Länge der Ludwigstrasse. Und dabei haben die Deutschen in den Argonnen und sonstwo noch in Gegenangriffen Boden gewonnen. Auf diesem Kriegsschauplatz ist also wohl auf eine Entscheidung überhaupt nicht zu hoffen. Da kann nur die völlige Erschöpfung eines der beiden Gegner Wirkungen tun, falls man kein Entgegenkommen üben will. In Rußland hat sich seit dem Rücktritt des Großfürsten-Generalissimus das Bild wesentlich zugunsten der Russen geändert, insofern, als dort ebenfalls alles nach der Entfaltung eines Stellungs- also Erschöpfungskrieges aussieht. Falls also wirklich bis zu Sieg und Niederlage gekämpft werden sollte, so muß beides auf einem dritten Kampfplatz erzielt werden, und der soll eben die Balkanhalbinsel sein. Vorgestern und gestern meldete der deutsche Tagesbericht die Überschreitung der Save, Drina und Donau durch deutsche und österreichisch-ungarische Truppen und die ersten Zusammenstöße mit Serben, bei denen Gefangene gemacht wurden. Wenn zugleich die Bulgaren Serbien angreifen und dabei wirklich von Rumänien und Griechen nicht wirksam behindert werden, so mag der Plan, nach Konstantinopel durchzustoßen und dort oder gar wirklich in Ägypten (die Bahn dorthin soll fertig sein) die Entscheidung mit Franzosen, Italienern und Engländern herbeizuführen, am Ende doch noch Aussichten haben. Geht Serbien dabei kaput, so machen die europäischen Militaristen dem nach ihrer eignen Auffassung tüchtigsten Volk der Erde den Garaus. Denn nach ihrer Meinung ist ja militärische Tüchtigkeit Tüchtigkeit schlechthin, und was die Serben seit 1912 in ununterbrochenen Kriegen leisten, das steht einzig in der Geschichte da. Vielleicht glückt es ihnen auch noch, der furchtbaren Koalition Meister zu werden, die sich augenblicklich auf sie stürzt. Dann wäre Friedrich von Preußen mit seinen Leistungen im siebenjährigen Krieg in den Schatten gestellt, und der deutsche Aar, der sich in den Schluchten und Fallen Serbiens und Mazedoniens das Gefieder zerstieße, wäre vielleicht vom Größenwahn kuriert und könnte kulturvolleren Tieren der Heraldik den Platz räumen.

Die Morstadt-Angelegenheit fängt an, sehr unbequem zu werden. Finnys Vater hat an Dr. Ludwig geschrieben, da er erfahren hat, daß Zenzl, bei der als Frau Engler er Finny verwahrt glaubte, jetzt mit mir verheiratet ist und vorher mit Engler in Konkubinat lebte. Nun glaubt der Mann, daß Zenzl Finny an Engler verkuppelt habe, um loszukommen. Bei einer gemeinsamen Beratung wurde gestern beschlossen, die Voraussetzungen zu jeglichem Mißtrauen aus der Welt zu schaffen. Ich schrieb Herrn Morstadt einen orientierenden Brief und Finny zieht zu uns. Diesen Nerventrampel – ein Tier ohne Interessen, ohne Arbeitslust, ohne Empfindungen, ohne Seele – werden wir jetzt also nicht blos zu den Mahlzeiten bei uns sehn sondern den ganzen Tag bis zum Schlafengehn. Mir graut. Und dabei immer in Gefahr, jede selbstlose Teilnahme mißdeutet zu sehn und womöglich noch öffentlicher Beschimpfung ausgesetzt zu werden. Denn die große Zeit hat, wofür jeder Beispiele weiß, die Menschen noch kleiner, neidischer, gehässiger und denunziatorischer gemacht, als sie schon vorher waren.

 

München, Sonntag, d. 10. Oktober 1915.

Belgrad ist zum zweiten Male genommen worden, unter Führung des deutschen Feldmarschalls v. Mackensen, wie denn die Deutschen noch immer die Keile nachträglich pariert haben, die die Österreicher vorher erhalten hatten. Was nun weiter am Balkan wird, ist ganz verworren, besonders die Haltung Griechenlands ist mehr als zweifelhaft geworden. Der König, Wilhelms Schwager, scheint mit seinen dynastischen Interessen beträchtlich Oberwasser zu gewinnen. Da aber bisher dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Bulgarien und den Entente-Mächten und -Adlaten noch keine Kriegserklärungen und noch weniger -Operation gefolgt zu sein scheinen, bleibt auch alles übrige, was den Balkan betrifft, vorläufig in der Schwebe, so auch das Verhalten Griechenlands angesichts der Truppenausschiffungen in Salonichi. Es heißt, daß dem formalen Protest Venizelos’ ein drohendes Verbot gefolgt sei. Abwarten.

Inzwischen ist die schändliche Armenier-Ausrottung (der schon 800.000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen) in ein neues Stadium getreten. Die Vereinigten Staaten haben, nachdem ihr Einspruch in Konstantinopel wirkungslos geblieben war, der Türkei mit dem Abbruch der Beziehungen gedroht, falls dem entsetzlichen Verbrechen nicht gesteuert wird. Ich habe mir für meine Kriegsdokumentensammlung einen Artikel der gewiß nicht deutschfeindlichen Neuen Züricher Zeitung zurückgelegt, der beschreibt, wie unsre edlen türkischen Verbündeten hausen. Die deutsche Presse aber verhöhnt und beschimpft die Amerikaner und Engländer, die sich über die Greuel aufregen, und Graf Ernst Reventlow erklärt, wir haben kritiklos zu billigen, was die verbündete Türkei an Maßnahmen für nötig hält, um der rebellischen Gelüste der Armenier Herr zu werden. Wie oft sind deutsche Pastoren früher durchs Land gereist und haben Vorträge über die greulichen Taten der Türken gegen die Armenier gehalten und zur Solidarität der Christenheit aufgerufen gegen den religiösen Haßfanatismus der Muselmanen. Jetzt finden es die deutschen Christen ganz in der Ordnung, daß der Islam ein ganzes christliches Volk im eignen Lande zu Tode martert. Sind wir doch in Christi Namen Seite an Seite mit den Muhammedanern in den Krieg gezogen und haben wir doch selbst den türkischen Mächtigen den Tip gegeben, den Raubzug als „Heiligen Krieg“ des Islam (und das hieß doch wohl zu allen Zeiten: Vernichtungskrieg gegen die Christen!) aufzustaffieren.

Gestern abend hatte uns Aub in den Bunten Vogel gebeten, wo er zahlreiche Freunde um sich versammelt hatte: Theosophen, Charakterologen, Astrologen, Okkultisten, Somnambule, Hellseher und alles mögliche ethisch verschrobene Geschwerl. Zenzl verulkte in einer Ecke ein paar theosophische Schöngeister, während mich ein Astrologe (Architekt Friedrich Mörbitz) mit Beschlag belegte. Er erzählte mir höchst abenteuerliche Ergebnisse seiner Kunst, und ich versprach ihm, mir meinen Geburtsschein kommen zu lassen, um meine Geburtsstunde festzustellen, ihm etliche sonstige Lebensdaten zu nennen, woraufhin er mir dann auch das Horoskop stellen will. Ich bin sehr skeptisch. So sicher es ist, daß das kosmische Geschehn, also auch der Sternenlauf seinen sehr wesentlichen Einfluß übt auf das irdische Geschehn, also auch auf das Schicksal jedes Einzelnen, so zweifelhaft scheint mir doch die Möglichkeit, diesen Einfluß zu kontrolieren und zu schematisieren. Ich ließ mir mal von der sehr gerühmten Frau Arold (für 3 Mark) das Horoskop stellen. Sie schlug rasch drei Bücher nach und prophezeite mir lauter dummes Zeug, wovon nichts eintraf. Herr Mörbitz erklärte zwar, er müsse erst auf die Sekunde feststellen, wann und unter welchen Umständen ich geboren bin. Daß er aber nicht weniger primitiv ist als andre Seinesgleichen, erhellte mir daraus, daß ihm die Kenntnis meines Geburtstages vollauf genügte, um mich als unter dem Widder Geborenen zu stigmatisieren und jeden Widerspruch, jede Temperamentsäußerung von mir darauf zurückzuführen. Er prophezeite mir, daß auch ich zu der schönen Abklärung gelangen werde, deren er sich, als im Sternbild der Wage geboren, erfreue. Als er dann auf den Okkultismus zu reden kam, seine Harmonie mit dem Weltganzen pries, die ihn zum glücklichen Menschen mache, und selbst den Krieg mit allen seinen Schrecken ohne Umstände in seine Weltharmonie zu plazieren wußte, erkannte ich die ganze Hohlheit dieser Art Schwarmgeister. Es schien mir zu seiner Charakteristik auch nicht bedeutungslos, daß er alle seine tiefe Erfülltheit in sächsischem Dialekt zum Ausdruck brachte ... Immerhin will ich ihn mal besuchen. Seine astrologischen Kenntnisse sind ja jedenfalls ernster zu beurteilen als sein eigner Tiefsinn.

Gestern kaufte ich unter Beratung von Engler in der Müllerstraße einen prachtvollen Nußbaumschreibtisch fürs neue Heim. Antiquarisch 130 Mark. Möge gute Arbeit daran erwachsen!

 

München, Montag, d. 11. Oktober 1915.

Um Zenzl bin ich in rechter Sorge. Heut ist sie im Bett geblieben, nachdem sie in der Nacht so von Schmerzen gepeinigt war, daß sie, obwohl sie gewiß nicht wehleidig ist, laut weinte. Was es eigentlich ist, was sie von ihren verschiedenen Operationen nach der Entbindung übrig behalten hat, – worunter ein Leibschnitt war – weiß ich garnicht recht. Aber heut will ich unbedingt ihren Arzt, den Gynaekologen Dr. Brunner herbitten, zu dem sie grenzenloses Vertrauen hat und ihn ausführlich befragen. Wenn es nötig wird, muß sie evtl. mal ein paar Wochen in seine Klinik gehn und gründlich auskuriert werden. An den Husten – der auf eine Rippenfellentzündung zurückzuführen ist, habe ich mich allmählich so gewöhnt, daß er mir kaum mehr ängstlich ist. Aber die Frau muß endlich gesund werden, vorher kommen wir beide nicht zum Genuß am Leben.

In der politischen und Kriegslage hat sich seit gestern nichts geändert. Der bulgarische Krieg hat immer noch nicht begonnen, und Griechenlands Entschlüsse sind noch garnicht zu enträtseln. Sicher ist nur, daß die Truppenlandungen in Salonichi fortgesetzt werden, ohne daß bisher bekannt wäre, daß die Griechen sie durch Taten gestört hätten. Auch über Italiens Beteiligung am Balkanunternehmen widersprechen sich alle Nachrichten. Es geht ja auch die Völker nichts an, was mit ihnen geschieht. Bis zum heutigen Tage weiß z. B. weder das deutsche noch das italienische Volk, ob sie gegeneinander Krieg führen oder nicht.

 

München, Dienstag, d. 12. Oktober 1915.

Keine neuen Ereignisse. Die Nachricht, daß die Truppenausschiffungen in Salonichi seit 2 Tagen sistiert seien, da die Griechen die Eisenbahnen der Gegend besetzt hätten, ist noch unverbürgt. Was mich persönlich gegenwärtig am heftigsten aufwühlt, ist die Armenier-Ausrottung, mit der sich die deutsche Presse – die „liberale“ „Frankfurter Zeitung“ hat diesmal die Formel gefunden – mit der ironischen Wendung abfindet, die belgischen Greuel seien nicht mehr zugkräftig genug, die Engländer brauchten neue. Aber auch über die „belgischen Greuel“ wird nach dem Kriege, und zwar in Deutschland, noch etliches zu verhandeln sein!

Zu welcher Lauterkeit des Charakters die lange große Zeit die Menschen gebracht hat, zeigt am schönsten die Preistabelle der Lebensmittel. Die Teuerung steigt unaufhörlich weiter und zwar auch bei den Waren, die ebenso reichlich vorhanden sind wie in friedlichen Zeiten. Die Spekulation kennt keine falsche Scham. Alles Festsetzen von Höchstpreisen hilft nichts, denn erstens wird das Interesse des wuchernden Grundbesitzes bei allen Staatsmaßnahmen in den Vordergrund gestellt, zweitens finden Produzenten, Zwischenhändler und Händler bei allen Verordnungen immer noch hundert Wege, den Konsumenten über den Löffel zu barbieren und drittens sind die „Darlehensgarantien“ Falschgeld. Mein eigner kleiner Haushalt zeigt mir, daß, wer ohne direkte Entbehrungen leben will, (bei 3 Personen) nahezu 10 Mark täglich allein für Essen und Trinken anlegen muß. Für ein Ei wurden mir kürzlich 19 Pfennige abgenommen. Butter ist häufig garnicht zu kriegen, nicht weil keine vorhanden wäre, sondern weil eine Not darin wie in vielen andern Waren künstlich hergestellt wird, um den Preis hochzutreiben. Wie es arme Leute machen, ist nicht ausdenkbar. Die Arbeiter sind natürlich am ärgsten dran, – aber erst recht die Künstler! Da gibt es eine schreckliche Not. Jetzt stellt sich auch heraus, wie bodenlos dumm seinerzeit die Massenabschlachtung der Schweine war, die vorgenommen wurde, um die Kartoffeln den Menschen zu reservieren. Man hat die Kartoffeln, der Preistreibung wegen, zu ungeheuren Mengen verkommen lassen, und das Schweinefleisch ist daneben unerschwinglich teuer geworden. Die hochgerühmte deutsche Organisation funktioniert halt auch nicht immer erstklassig. Nur der Schneid bei der Durchführung steht jenseits aller Nörgelei.

 

München, Mittwoch, d. 13. Oktober 1915.

Heute wurde mir früh am Morgen die Laune verdorben durch einen Brief von Dr. Iza Prussak, Johannes Nohls Frau. Im vorigen Monat schon (ich weiß nicht genau, ob ich das damals hier vermerkt habe) erschreckte sie mich durch einen Alarmbrief, in dem sie im Interesse Margrits eingriff mit der Nachricht, das Häuschen am Pflugweg werde versteigert werden, falls nicht bis zum 1. Oktober 1200 Franken bezahlt seien. Bis dahin hatte ich in den Unterhandlungen mit Wagner festgestellt, daß bis zum 10. Oktober 1700 Franken zu deponieren seien. Nun sandte ich den Prussakschen Brief nach Lübeck an Leo, der in der Tat die verlangten 1200 Fr. an seine Berner Bank absandte. Erst nachher kam von Wagner ein weiterer Brief, der mir zeigte, daß sich garnichts geändert habe und daß bis 10. Oktober 1700 Franken nötig wären. Nun hatte Leo mir in einem Ton geschrieben, der mir – die Sache ist seitdem dadurch, daß er mir sein Bedauern aussprach, beigelegt – weitere Geldforderungen an ihn unmöglich machte, kurz und gut, das Eingreifen der Frau Prussak hatte bewirkt, daß 500 Franken zu wenig nach Bern gesandt waren. Ich hoffe, daß die Katastrophe dort trotzdem vermieden werden konnte. – Ich hatte damals sofort der Frau Iza einen aufklärenden Brief geschrieben, ihr auseinandergesetzt, daß die Erbteilung noch nicht perfekt, ich also außerstande sei, alles in so kurzer Zeit in Ordnung zu bringen, ihr außerdem in aller Offenheit erklärt, wie enttäuschend die Erbschaft selbst ausgefallen sei, und ihr schließlich bezüglich Johannes erklärt, der Brief, den ich von ihm bei Landauer gelesen habe, mache es mir schwer, ihm direkt zu schreiben. Ich könnte höchstens eine freundlichere Form für dasselbe suchen, was ihm Landauer geschrieben habe. Darauf kam nun heute die Antwort: das haßerfüllteste Schreiben, das ich vielleicht je bekommen habe. Mir wird im Einzelnen vorgehalten, was für ein Lump ich bin – direkt ein Judas werde ich genannt. Daß sich Johannes seinerzeit Geld verschafft hätte, um sein Grundstück in Ascona zu retten, hätte ich intrigant hintertrieben und somit Friedeberg zu einem glänzenden Geschäft verholfen. Wieso sich Johannes das seit Jahren einbildet, ist mir ganz unverständlich. Ich habe, damit er das Grundstück nicht verliere, vor 9 Jahren eigens ein Cabaret-Engagement in Wien angenommen und mich nachher mit allen möglichen Mitteln bemüht, die Summe aufzutreiben, mit der es hätte erhalten werden können. Aber es mißlang, und dann sollte das eben perfide Absicht von mir gewesen sein. Ich werde als der letzte schäbige (wörtlich) Geizhals hingestellt gegenüber dem ehemaligen Freunde. Daß man mir grade finanzielle Schäbigkeit gegen ihn vorwirft hätte ich nicht gedacht. Ich habe dem Freund 5 Jahre lang mehr von meinem Geld gegeben, als ich selbst behielt und verbrauchte, und ihm dann noch, nachdem unsre innere Stellung zu einander den entscheidenden Knax weghatte (er behauptet durch meine, ich behaupte durch seine Schuld: da er mir mit Dr. Gross aus psychologischer Neugier nach dem Leben getrachtet hatte), jahrelang monatlich 40 Mk von meinem Wenigen gesandt. Einmal nahm das nun freilich ein Ende, als ich daran denken mußte, meiner Gesundheit auf die Beine zu helfen und eignem Leben vorzuarbeiten. Was Iza anlangt, so hätte sie ihren Brief nicht Dr. Iza Pr. unterzeichnen können, wenn ich ihr, die mir doch persönlich ganz fern und von jeher feindlich gegenüberstand, von dem Geld, das sie jetzt streng für Margrit zurückreklamiert, nicht das Geld für die Promovierung gegeben hätte. Zenzl scheint recht zu haben, wenn sie meint: „Gib diesen Menschen 10 000 Mark. Wenn sie alle sind, wirst du der größte Lump sein, wenn du nicht gleich nochmal soviel hergibst.“ Natürlich glaubt Iza mir kein Wort von meinen Angaben über die Erbschaft. Sie hält mich für schwerreich und nur für zu eigennützig und gemein, um etwas von meinem Überfluß herzugeben. Im übrigen zählt sie mich zu der Kategorie Leute, die alles, was sie schlechtes tun, immer noch zu eignen Gunsten auszulegen wissen. Möglich. Aber ich erkenne aus ihrem Brief doch, daß man sich vorsehn sollte, den Charakter andrer Menschen in den Dreck zu ziehn, ehe man den eignen in Beziehung zu dem geschmähten andern nicht vorsichtig bespiegelt hat. Ich hoffe und nehme an, daß Johannes von Izas Brief nichts weiß. Sie behauptet, ihm meinen Gruß nicht ausgerichtet zu haben, und zeigt sich höchst angewidert von meiner Anmerkung über seinen Brief an Landauer. Seine Aeußerung über den Krieg habe Landauer, der ihm fremd sei, nicht verstehn können. Aber ich hätte fassen müssen, wie sie gemeint war. Da hört meine Gescheitheit nun wirklich auf. „Die gerechte Sache Deutschlands und Österreichs“ – ich hab’s in jeder Schmockausschleimung gelesen, tausend Mal in 14 Monaten. Welche tiefe Bedeutung sollte dem Wort wohl innewohnen, wenn ein Johannes Nohl es anwendet? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich traurig bin, weil – eigentlich doch wohl auch durch den verruchten Krieg – die guten Gefühle, die von dieser einzigen Freundschaft übrig waren, nun endgiltig zerschmettert sind. Izas Brief habe ich in kleine Fetzen gerissen.

 

München, Donnerstag, d. 14. Oktober 1915.

Bulgarien hat – anscheinend ohne Kriegserklärung – Serbien angegriffen. Dort steigen unter deutscher Führung die Heere der Zentralkaiserreiche zugleich von Norden vordringend siegend ins Land (wobei die Beobachtung der Eifersüchtelei sehr spaßhaft ist, mit der in den amtlichen Tagesberichten die Schulter-an Schulter-Kommandos einander diskret für die größten Heldentaten den Ruhm streitig machen). Nun scheint’s also beschlossene Sache zu sein, das arme Land, das bereit war, auf eine von österreichischen Intrigen behauptete Mitschuld an einem politischen Attentat, ohne überführt zu sein, nur um Unglück zu vermeiden, unerhörte Demütigung zu tragen, mit ungeheurer Übermacht zu zertrümmern, dann nach der Türkei durchzustoßen, wo Munitionsmangel und wahrscheinlich allerlei Rebellion und Desertion Hilfe dringend wünschbar macht, und schließlich wirklich in Aegypten die Entscheidungsschlacht mit den Engländern zu Lande zu schlagen. So abenteuerlich es klingt – wir sind ja jetzt so gewohnt das Unwahrscheinlichste zu erleben, daß man’s wird glauben müssen.

Im Osten rückt man mit Worten Tag für Tag gegen Dünaburg vor, ohne es zu erreichen, und der Widerstand der Russen hat uns durch seine teilweise aktive Tätigkeit auf der ganzen Front von der monatelangen Parforce-Siegerei entwöhnt.

Die in diesem Kriege schon zehnmal endgültig und irreparabel besiegten Russen scheinen sich bei aller Zusammenbrecherei immer noch einer sehr respektablen Vitalität zu erfreuen. Und die seit 14 Monaten in allen deutschen Gazetten wöchentlich annoncierte Revolution gegen den Zarismus läßt auch noch nichts von sich merken.

Inzwischen geht im Westen das unsinnigste Gemetzel weiter. Die Deutschen müssen im Verlauf der gegenwärtigen Offensive in der Champagne und bei Arras die unglaublichsten Verluste erleiden. Die Franzosen sprechen von hunderttausend Toten, Verwundeten und Gefangenen. (Wie sagt Ludwig Thoma? „Die Verantwortlichen werden’s schon recht machen!“) Von einem endgiltigen Abschlagen der französischen Angriffe ist natürlich garkeine Rede, und garso erfolglos, wie die offiziellen deutschen Berichte die Bemühungen der Gegner hinzustellen suchen, sind sie erst recht nicht. Die deutsche Front ist zwar noch nirgends durchbrochen, aber stellenweise, wie man fachmännisch sagt, „eingedrückt“. Gelänge es den Franzosen, ihr Ziel zu erreichen, Frankreich und Belgien zu säubern, wie Galizien gesäubert wurde, dann könnten wir auf raschen Frieden hoffen. Ihm entgegen steht nur noch das auf die „Faustpfänder“ gestützte deutsche Landeroberungsgelüst. Welcher Segen, wenn dem die Basis entzogen würde!

Inzwischen „germanisieren“ unsre Eroberer, was das Zeug hält. Belgien hat den Schulzwang eingeführt gekriegt (demnächst werden wir wohl ein Gleiches von Serbien zu hören kriegen) und alle Segnungen deutscher Kultur prasseln ohne Gnade auf die besetzten Länder nieder, die sich früher, ehe der Unteroffizier mit Volksbildung um sich spritzte, viel wohler fühlten. Zugleich aber macht sich die Strömung gegen das Einwandern der in Bewegung geratenen 6 Millionen „befreiten“ polnischen Juden immer mehr bemerkbar. Im Interesse von uns westeuropäischen „Kultur-Juden“ will man sie – und dazu helfen Stammesgenossen mit! – von den deutschen Grenzen fernhalten. Merkwürdig! Ins Ausland ziehn und keineswegs erbauten Völkern in usurpierten Ländern moderne Gesittung beibringen – das kann man. Aber solchen Leuten, die hilfsbedürftig ins Land strömen und an den Segnungen, deren wir uns hier erfreuen, teilhaben möchten, auch nur soviel vom Überfluß der Kultur zuströmen lassen, daß ihre Arbeitskraft dem Lande wohltätig wirke, das ängstigt die deutschen Seelen. Zöge man doch daraus den Schluß, den deutschen Assessor fortab nur noch außerhalb der deutschen Grenzen seine Erziehungskünste üben zu lassen!

Zenzl hat heute nacht geträumt, sie sehe den Dr. Theilheimer, ihren treuesten Berater und Helfer, getroffen hintenüber fallen. Bei der Häufigkeit ihrer Wahrträume, und da Theilheimer bei Arras, also in der gefährlichsten Ecke, liegt, zweifle ich leider kaum an der Wirklichkeit des Traums. Hoffen wir, daß sie einmal falsch gesehn hat, oder daß es sich nur um eine Verwundung handelt.

 

München, Freitag, d. 15. Oktober 1915.

Gott hat das perfide Albion wieder mal gestraft. London wurde in der Nacht von vorgestern auf gestern ausgiebig mit Brand- und Sprengbomben „belegt“. Der amtliche Bericht zählt auf, wo sich die Zeppeline überall betätigt haben: An den Docks, Hafenanlagen etc., an erster Stelle aber heißt es: „die Stadt London“, wo man große Brände beobachtet hat. Das Krämervolk – so nennt man die Engländer in dem Lande, wo jedes Bestreben darauf gerichtet ist, den lieben Landsmann zu bewuchern und zu übervorteilen –, das Krämervolk ist also wieder an der Wurzel getroffen worden, indem man seine Kinder und Frauen zu nachtschlafender Zeit mit Granaten hingemacht hat. Wenn daraufhin wieder mal ein paar französische Flieger in Freiburg, Stuttgart oder Karlsruhe eine Kaserne oder ein Fürstenschloß bombardieren, dann wird bei uns der Empörung kein Ende sein, daß „unbefestigte, außerhalb des Operationsgebiets gelegene“ Orte völkerrechtswidrigerweise angegriffen seien. Nonnenbruch meinte gestern erfreut – und diese Stimmung ist die herrschende im ganzen Lande: Es ist sehr gut, von Zeit zu Zeit immer wieder die Londoner zu beunruhigen. Sie meinen sonst, Herren der Situation zu sein ... Wie wär’s, wenn man mal in München irgendeinen Nonnenbruch dadurch „beunruhigte“, daß man ihn oder seine Familie von Fliegerbomben explodieren ließe?

In Serbien siegt sich’s weiter. Wenn ich irgendwo mit dem Herzen beteiligt bin, so bin ich’s dort in dem Wunsch, daß es diesem malträtierten Volk, dem selbst der österreichische Tagesbericht gestern heroische Gegenwehr attestierte, gelänge, sich der Erwürgung zu erwehren. Als seinerzeit Deutschland den Krieg nach zwei Seiten begann – in der Hoffnung noch, England werde neutral bleiben, und alles würde glatt und sicher gehn –, da hieß es, „Not kennt kein Gebot“, da gab’s für dieses Land kein Völkerrecht und kein Gewissen, Verträge waren Papierfetzen und die neutralen Nachbarländer Belgien und Luxemburg hatten kein Recht auf Selbstbestimmung und Abwehr der Gewalt. Da aber hatte man den Krieg selbst begonnen gegen zwei Mächte, deren man mit Hilfe Österreich-Ungarns und Italiens rasch Herr zu werden glaubte (das Geschwätz von der Übermacht des Gegners ist ja durch den ganzen Verlauf des Kriegs widerlegt. Im Gegenteil: der „Ausgleich der Kräfte“ ist erst durch das Versagen Italiens und das Eingreifen Englands hergestellt worden). Jetzt aber rückt man dem kleinen Serbien und Montenegro, ehe ihnen Hilfe der Verbündeten kommen kann, mit der Armee zweier europäischer Großmächte von Norden her auf den Leib und engagiert dazu noch das starke Bulgarien, um das Land, das den Willen zum Frieden vor Ausbruch der Katastrophe in gradezu demütiger Form bekundet hat, auch noch von Süden her zu erdrücken. Wenn die Frommen recht haben, die meinen, Recht kann nicht besiegt werden, dann müßten Deutsche, Österreicher, Bulgaren und Türken in den Bergen jener Gegenden zermalmt werden. Leider zweifle ich an der göttlichen Gerechtigkeit.

Was in Salonichi vor sich geht, ist noch immer ganz nebelhaft. Sicher ist, daß die Behauptung, die Truppenlandungen wären eingestellt, auf Schwindelnachrichten deutscher Agenten beruhte. Ob aber ein kriegsstarkes Heer zur Stelle ist, das imstande sein wird, den Serben rechtzeitig und wirksam zu helfen, ist ganz zweifelhaft, ebenso, wie sich die Griechen verhalten werden. Der Neutralitätsbruch, den Franzosen und Engländer dort gegen Griechenland begehn, wird mit dem Bündnisvertrag Griechenlands gegen Serbien begründet, der sogar zur aktiven Teilnahme an serbischer Seite verpflichtet. Ich glaube heute noch, daß Griechenland und Rumänien trotz der deutschen Einflüsse bei den Potentaten, gegen die Türken und ihre Verbündeten eingreifen werden.

Gegen die Armenier-Vernichtung hat nun auch der Papst direkt beim Sultan appelliert, wie es in den deutschen Blättern heißt, mit Erfolg. Es ist über alles Maß beschämend, daß die deutsche Regierung, die zurzeit in Konstantinopel völlig Herrin ist, gegen die unmenschlichsten asiatischen Greuel, die seit Jahrhunderten verübt wurden, keinen Finger rührt. Die Leute, die uns gängeln, müssen robuste Nerven haben.

 

München, Sonntag, d. 17. Oktober 1915.

Paul Scheerbart ist gestorben – nach der kurzen Zeitungsnotiz, aus der ich es erfuhr, „einem Schlaganfall erlegen“. Ich finde mich noch gar nicht zurecht in dem Gedanken, daß dieser wundervolle, wunderliche Wunderkerl tot sein soll. Die Zeitungen nennen ihn einen komischen Kauz, einen Sonderling und wie noch alles. Daß sie und das Publikum ihn haben verhungern lassen, wie seinerzeit Peter Hille, das wollen sie nicht wissen. Einmal sah ich, wie es in ihm aussah: als unser grotesker Zeitungsplan „Das Vaterland“ in der groteskesten Weise scheiterte (das beschreibe ich nochmal ausführlich) und sein unbändiges Lachen plötzlich in wildes Weinen umschlug ... Ich bin überzeugt, daß Scheerbart ein Opfer des Kriegs geworden ist, wie er natürlich auch sonst etwas später ein Opfer des Alkohols, und das heißt der Not, geworden wäre. Aber die maßlose Teuerung dieser Zeit, wird dem Bären ja nicht einmal mehr gestattet haben, den Schweinebauch mit Rüben zu kochen, der sonst herhalten mußte, wenn überhaupt zum Essen etwas Geld da war. Die Freunde, die sonst aushalfen, mögen versagt haben, und die Bitternis der Entbehrung wird noch ärger und verzweifelter im Hause gespukt haben wie in normalen Zeiten. Und dann werden der Zorn und der Abscheu vor der „großen Zeit“ das ihrige getan haben. Wie wunderschöne Bücher hat Scheerbart gegen den Krieg geschrieben (ich habe ihn im „Kain“ einmal für den Friedens-Nobelpreis vorgeschlagen). Wie hat er zeitlebens gehöhnt über den Wahnsinn der Menschen, die statt sich der Herrlichkeit des Alls zu freuen, gegeneinander losziehn, um sich gegenseitig umzubringen. Nun ist er tot – der liebe unvergleichliche Mensch, der „lieblose Schwärmer“ – vielleicht fährt seine unsterbliche Seele auf der „Perpeh“ eigner Konstruktion durch die unendliche Welt, ruht auf dem Saturnring aus Aluminium und erzählt den Bewohnern der Milchstraße, wie die der Erde ihr eignes Fundament und alles Leben darauf mit eigens ersonnenen Schreckensmaschinen zu vernichten trachten und darüber ihre feinsten Dichter und besten Spötter im Elend sterben lassen.

 

München, Dienstag, d. 19. Oktober 1915.

Es geschehn weltgeschichtliche Dinge in solcher Fülle, daß den Zeitgenossen ihre Wichtigkeit und Tragweite völlig aus dem Bewußtsein kommt. Man weiß von Tag zu Tag nicht, was auf den Gang der Ereignisse den stärksten Einfluß üben wird und welches der Geschehnisse das sicherste Symptom ist für die richtige Beurteilung der Aussichten und Entwicklungen. Die französische Generaloffensive, die als solche von der deutschen Heeresleitung immer wieder durch Publikation von Joffreschen Armeebefehlen zu erweisen getrachtet wird, um die Erfolge der Franzosen gegenüber ihren Absichten gering erscheinen zu lassen, nimmt ihren Fortgang in lokalen Aktionen, die enormes Blut kosten, auf beiden Seiten natürlich, und die Situation wahrscheinlich nur für den intim Eingeweihten verändern. Eine Entscheidung auf diesem Schlachtfeld wird schwerlich je erfolgen ... In Rußland hat sich die Lage insofern geändert, als seit längerer Zeit kaum mehr von deutschen Angriffen die Rede ist, sondern stets nur von abgeschlagenen russischen. Mit der endgültigen Erledigung der Russen ist es also, wie ich stets wußte, Essig. Zur See hat sich lange nichts Erhebliches ereignet. Das Letzte war die deutsche Niederlage im Rigaischen Meerbusen. Der U-Bootkrieg hat anscheinend infolge der diplomatischen Niederlage Deutschlands in dem amerikanischen Konflikt ganz aufgehört, oder konzentriert sich auf Angriffe gegen Truppentransporte im Ägäischen Meer. Dagegen haben die Engländer das System übernommen und torpedieren auf Teufel komm raus deutsche Handelsschiffe in der Ostsee. Daß dabei Matrosen und Stewardessen zugrunde gegangen wären, hat man bisher nicht gehört. Im Gegenteil scheinen die Engländer jede Vorsicht zu treffen, um Menschenleben zu schonen, sehr zum Leidwesen jedenfalls unsrer Scharfmacher, die einerseits die Blutrünstigkeit, die sie selbst im umgekehrten Falle betätigen, durch englische Mördereien kompensiert sehn möchten, andererseits für neue „Repressalien“, à la Zeppelin-Exkursionen (die letzte hat fürchterliche Opfer an unschuldigen Menschen gefordert und selbstredend den Deutschenhaß in der ganzen Welt furchtbar gesteigert) Vorwände zu erhalten wünschen ... Alles wirkliche Kriegsgeschehn vollzieht sich zurzeit am Balkan. Die Bulgaren, denen jetzt täglich die Ehre widerfährt, im deutschen und österreichischen Tagesbericht genannt zu werden, siegen von der einen, die Zentralgewalten von der andern Seite über die armen Serben, die jetzt natürlich einen Guerilla- und Franktireurkrieg inszenieren werden, gegen den die Notwehr der Belgier verblassen muß. Ob es ihnen nützen wird? Das hängt voraussichtlich davon ab, ob die Ententemächte ihnen rechtzeitig von Saloniki aus Hilfe senden können oder nicht. Die Zeitungsmeldungen widersprechen einander darin völlig. Einmal heißt es, die Griechen verhindern jede Bewegung gegen Mazedonien, dann wieder, serbische und französische Truppen stehn bereits zusammen im Kampf gegen die Bulgaren. Alle diese Dinge sind ganz undurchsichtig, und erst recht das politische Verhalten Griechenlands. Gewiß ist bisher nur, daß die griechische Regierung ihre Neutralität proklamiert hat mit der Begründung, der Fall, daß Serbien nicht nur von Balkanstaaten angegriffen werde, sondern zugleich noch von zwei europäischen Großmächten sei im Bündnisvertrage nicht vorgesehn. Das „Völkerrecht“ erfährt seit 5/4 Jahren eine reizende Auslegung: Neutralitätsrechte gelten einen Dreck (Belgien, Luxemburg, Griechenland und was noch kommen wird), Verträge werden gebrochen, wie es grade paßt (Italien, Griechenland und was noch kommen wird) – und jedes Land macht dem eignen Volk in unabweislicher Logik klar, daß es so völlig in der Ordnung und rechtens ist – und man glaubt, was man glauben soll.

Jedenfalls hat durch das Eingreifen Bulgariens gegen Serbien und das Versagen Griechenlands und vorläufig Rumäniens die deutsche Diplomatie einen enormen Erfolg zu verzeichnen, der natürlich nicht aufs Konto ihrer plötzlich erwachten Gescheitheit geht, sondern auf das der militärischen Leistungen der Deutschen, – und daraus muß nun wohl geschlossen werden, daß sich die Wage des Sieges tatsächlich zu deutschen Gunsten zu neigen beginnt. Der bulgarische Zar Ferdinand soll denn auch beim Abschiedsbesuch des französischen Gesandten entschuldigend gesagt haben: „Was soll ich tun? Die Deutschen siegen!“ Inzwischen haben die Ententemächte konsequenterweise Bulgarien den Krieg erklärt, und müssen sich von ihren politischen Kritikern böse Vorwürfe sagen lassen. Delcassé ist das erste Opfer der diplomatischen Niederlage am Balkan geworden – es heißt, er habe die Saloniki-Landung von Anfang an bekämpft –, Grey muß sich bittere Vorhaltungen machen lassen und Ssasomows Position soll ebenfalls erschüttert sein. Unsre Presse druckt wollüstig nach, was französische, englische und russische Blätter Bitteres gegen die eignen Regierungen schreiben, ohne zu merken, wie kläglich sie dasteht, da sie gegen ihre Gängler noch nicht ein Zehntel solcher Wahrheiten äußern darf.

Ich lege heute meiner Kriegsmappe einen Artikel der Münchner Zeitung bei, in dem die Friedensfreunde bekämpft und verleumdet werden. Nur zum Exempel, was sich unter dem Burgfrieden die eine Partei leisten darf, während der andern vollkommen das Maul verstopft ist.

Mit Zenzl gestern und heute schwere Auseinandersetzungen, die gottlob nie die Form eines Streites annehmen, aber meine Nerven furchtbar hernahmen. Thema: wieder Engler. Ich rechnete ihr vor, daß der Mann uns monatlich über 100 Mark koste und daß das einmal doch aufhören müsse, da wir ja nicht reich genug sind, um das zu leisten. Es ist mir schrecklich, bei solchen Gelegenheiten immer wieder als schundiger Hund dazustehn. Heut habe ich Zenzl nun endgiltig versprochen, ihm, sobald ich frei verfügen kann, 1000 Mark zu geben. Wäre nur die Angst nicht dabei, daß wenn sie alle sind, erst recht neue Anforderungen gestellt werden! Engler ist ein vorzüglicher Künstler, aber derartig energielos, daß ich fürchte, auch die ausgiebigste Hilfe wird sein Schaffen nicht auf die Beine bringen. Wer diesen Mann rettete, würde mein Lebensglück begründen.

 

München, Donnerstag, d. 21. Oktober 1915.

Der Möbelwagen mit den Lübecker Sachen kam gestern an: viele liebe, kindheitsvertraute Gegenstände dabei. Unser altes Buffet, der Tisch, die Bilder der Eltern von Lütjens, Stühle und Schränke und allerlei. Die Geschwister haben alles sorglich zusammengepackt und notiert. Aber den Wermutstropfen auch in diesen Trank zu schütten, haben sie doch auch nicht vergessen. Im ankündigenden Brief teilt mir Leo mit, daß die Sachen allen Geschwistern „in ungeteilter Erbengemeinschaft“ gehören. „Du wirst mich verstehn“ heißt es dann mit warnend erhobenem Finger. Ob ich ihn verstehe! Die Geschichte mit der ungeteilten Erbengemeinschaft wird wohl durch juristische Kniffelei ermittelt sein. Ich werde aber deutlich anfragen, da ich nicht weiß, woraus er sie ableitet. Man will mich einschüchtern, damit ich nichts versetze und verkaufe. Man will mich in irgendeiner erkünstelten Form unter Kuratel halten, da es in rechtlicher Form nicht geht. Darum bekomme ich auch alle Geldsendungen, obwohl sie aus meinem Vermögen sind, wie man jemandem eine milde Gabe gibt, mit Stöhnen und guten Ermahnungen. Gottlob schreibt mir Onkel Leopold, er werde meine Papiere zunächst in Verwaltung nehmen, sie bei seiner Bank anlegen und mir darauf soviel Geld anweisen lassen, wie ich verlange. Dann habe ich geschäftlich mit Leo nichts weiter zu schaffen, und das kann unsrer persönlichen Beziehung nur förderlich sein. Er ist ein anständiger Mensch, der es kolossal gut meint. Aber eine so vollkommene Legierung von Spießer und Juristen habe ich mein Lebtag noch nicht gesehn, und je besser es solche Leute mit uns meinen, um so schlimmer sind wir dran. Nun wird die Auspackerei der Kisten etc. beginnen. Als die schweren Gegenstände alle die Treppen hinaufgeschleppt wurden, meinte Zenzl, jetzt könne ich nicht mehr sagen: Alles Meinige trage ich bei mir! – Da ging’s mir recht auf, wie neu das alles für mich sein wird, so reich zu sein an eignem Besitz. Mir wurde so schwer ums Herz, daß ich mit Tränen kämpfen mußte.

Jos. Ruederer ist gestorben. Ich hatte keine persönlichen Beziehungen zu ihm, und nur sehr geringe zu seinem Werk. Seine literarische Bedeutung halte ich für hoch überschätzt. Wenn er etwas Großes versuchte („Schmied von Kochel“, „Wolkenkuckucksheim“), dann sah man bei vieler Ehrlichkeit und bestem Wollen doch die Unzulänglichkeit, – auch des Seelischen. Meine persönlichen Erfahrungen beschränken sich auf meine Angriffe gegen ihn, weil er im Zensurbeirat der Polizei als reicher Mann Hilfe gegen seine armen Kollegen leistete und darauf, daß er deswegen in der Stadt herumlief und mich als „Arschloch“ beschimpfte. Er bekommt jetzt überall spaltenlange Nachrufe. Für Paul Scheerbart, diesen genialen einzigen deutschen Humoristen unsrer Zeit, hatte man ein paar mitleidige Zeilen übrig, und auch die nur in den größeren Blättern.

Über den Kriegsverlauf ist nichts Erhebliches zu vermerken. Aber Halbe, der in Berlin war und sich unverdrossen gläubig informieren ließ, brachte die Kunde zur Kegelbahn, daß in wenigen Tagen im Westen der Spieß umgedreht wird und die große deutsche Offensive vor sich gehn dürfte. Wir könnens abwarten, wie wir die Einnahme von Verdun und vieles andre seiner Prophezeiungen ebenfalls abgewartet haben, ohne Schaden zu leiden.

Der interessante Besuch eines Czernowitzer Professors ist zu erwähnen: Ehrlich, Hochschullehrer der Jurisprudenz, der meine Bekanntschaft suchte. Ein bedeutender Kopf voll feiner kluger Ideen, pazifistisch gesinnt, aber von dem Spleen der Österreicher besessen, daß sein Land angegriffen und im Rechte sei, und daß die österreichische Armee das Herrlichste von allen geleistet habe. Im übrigen allerlei gute Sätze, über den Rassenschwindel (die tiefsten Volksfeindschaften und -gegensätze seien religiös begründet. Viele schlagende Beispiele), und das Bekenntnis: „Wenn Belgien annektiert wird, trete ich aus dem deutschen Volke aus“, da er nicht mitschuldig werden wolle. Es wird leider nichts nützen, und unsre Patrioten werden sich die Köpfe darüber zerbrechen, warum die Deutschen so verhaßt sind.

 

München, Freitag, d. 22. Oktober 1915.

44ter Hochzeitstag der Eltern. Die Gegenstände, die sie einweihten und durch 28 Jahre gemeinsam benutzten, werden nun von Zenzl, unter Finnys fleißigem Beistand, gesäubert und für unsre Ehe gebrauchsfähig hergerichtet. Gestern haben wir Schränke aufgestellt und allerlei Schwieriges bei der Unterbringung der Sachen erledigt, wobei Engler in aufopfernder Mühe half. Seltsamerweise scheint Zenzls Mißtrauen gegen die Geschwister sich in ungeahnter Weise zu bestätigen. Von den großen Wäschebeständen der Mutter kam blos recht wenig mit, und wir werden gezwungen sein, da zumal an Bettwäsche nur ein einziges Mal Überziehn vorgesorgt ist, bei den jetzigen enormen Leinenpreisen noch gehörig zu kaufen.* Zwar meint Zenzl, daß eine Hausfrau bei noch so großer Pflichttreue vor Leinengut schwach wird, – aber doch will mir scheinen, daß diejenigen, die selbst reich ausgestattet mit allem Nötigen, dem Bruder fortgesetzt Vorhaltungen machen, er solle das elterliche Geld beisammen halten, ihm das nicht zum eignen Vorteil erschweren sollten. Recht angewidert bin ich von den schriftlichen Beigaben meiner Schwester Charlotte: ich kriege da die kindliche Pietät derartig sentimental und unecht aufs Brot geschmiert, daß ich mir wohl recht undankbar dabei vorkommen soll: fortwährend „die geliebten Eltern“, „von Papa bei den und den Gelegenheiten benutzt“ etc. Was dahinter steckt, ist ja klar: daß nur die katholische Frau seine jüdische Familiensentimentalität nicht totschlägt! Und dem angeheirateten Schwager war noch extra „weh ums Herz“, als er von den vertrauten lieben Sachen Abschied nahm. Um Weihnachten wollen die Beiden uns besuchen: Erste Kontrolle!

Die sieben mageren Kühe scheinen nun wirklich in Pension gegangen zu sein. Auch andre Anzeichen als der märchenhafte Wohlstand der Häuslichkeit zeigen an, daß sich meine Schicksalsgöttin eines Freundlicheren besonnen hat. Wir beschlossen seinerzeit im Schriftsteller-Schutzverband die Veranstaltung einer Lotterie als Kriegsfürsorge für notleidende Kollegen. Das neue Verfahren wird da angewandt, daß man beim Öffnen des Losumschlags sofort erfährt, ob man gewonnen hat. Auf die erste Sendung von 11 Losen (für 11 Mk 10) gewann ich ein Los zu 5, und eins zu 3 Mk, ich ließ mir darauf eine zweite Sendung kommen und gewann ein Los zu 10 Mk, sodaß ich von 22,20 Mk 18 Mk wiederbekomme. Von 180.000 ausgegebenen Losen, bekommen unter 50.000 Gewinnen nur 200 je 10 Mk, sodaß also bei meinem gewohnten Pech (nur beim Pokern pflege ich zu gewinnen: ein Beweis, daß das kein Glücksspiel ist) ein wahrhaft unwahrscheinlicher Glücksfall vorliegt. Auf einen der 6 Gewinne beim endlichen Prämienziehn rechne ich freilich nicht.

Wäre nur nicht jede Freude durch den schrecklichen Krieg vergällt. All das entsetzliche Elend und Unglück ringsum ist ja zu aufdringlich sichtbar, als daß man darüber zu reiner Freude an privaten Ergötzungen kommen könnte. Zur Zeit ist die Kriegslage so, daß in Serbien die Hauptereignisse vor sich gehn. Allem Anschein nach wird die Vereinigung der deutsch-österreichischen mit den bulgarischen Heeren bald erreicht sein. Die Serben geben in ihren Berichten ohne Beschönigung die Siege ihrer Feinde zu. Dazu, daß die in Saloniki gelandeten Franzosen und Engländer ihnen rechtzeitig wirksame Hilfe bringen können, ist wohl wenig Hoffnung. Und ob die neuen Meldungen vom ostgalizischen Schauplatz, wonach deutsche Truppen „vor Überlegenheit“ weichen mußten, Rückwirkungen auf den Balkan haben werden, ist noch mehr als fraglich. Das Verhalten der Griechen ist immer noch unklar. Die deutschen Blätter hetzen, Griechenland dürfe sich den frechen Neutralitätsbruch nicht gefallen lassen und müsse, wenn es Ehre im Leibe habe, gewaltsamen Widerstand leisten. Belgien war seinerzeit mit Frankreich nicht verbündet wie Griechenland mit Serbien, und die Deutschen kamen nicht, um einem Verbündeten zu helfen, wie jetzt Engländer und Franzosen. Aber als damals Belgien sich nicht zwangsweise zu Deutschlands Verbündetem machen lassen wollte, wurde es von derselben Presse, die jetzt vor griechischer Ehrenhaftigkeit birst, beschimpft, verleumdet, verhöhnt und in jeder Weise beschmutzt. Die Begriffe Treu und Glauben haben mit diesem Krieg aufgehört eine ethische Bedeutung zu haben.

 

* Es fand sich dann noch Diverses in einem Koffer. Der Vorwurf ist hinfällig

 

München, Dienstag, d. 26. Oktober 1915

Die ersten Worte in der neuen Wohnung und am neuen Schreibtisch. Zwar ist der Umzug noch nicht vollzogen, aber die Haupteinrichtung steht da und nimmt sich pompös aus. Die Lübecker Sachen wirken in ihrer altväterlichen Solidität sehr gemütlich und schön. Bin ich froh, daß wir keine „moderne“ Stilisierung haben! Ich könnte mich in Vandervelde-Möbeln im ganzen Leben nicht heimisch machen, und der Horror vor dem Ornament, der bei allen Snobs als Kriterium zeitgemäßer Lebensauffassung angesehn wird, ist mir noch immer fremd geblieben ... Zenzl hat in diesen Tagen für ein Dutzend gearbeitet, gescheuert, genäht, alles prachtvoll hergerichtet, und die Hauptmühe beim Installieren, Hämmern, Aufbauen etc. hat Engler auf sich genommen. Ich wäre ohne ihn völlig aufgeschmissen gewesen, da z. B. die Aufmontierung eines großen Schranks für mich mysteriöse Zauberei ist, an der ich mich jahrelang vergeblich abquälen würde. Auch Finny strengt sich nach Kräften an, und es ist erstaunlich, wie das Mädel, das jeder Arbeit entwöhnt ist, bei der Putzerei und Rennerei aufgeht. Sie ist gradezu schöner geworden in diesen Tagen, dabei lebhafter, gesünder und viel weniger auf die Nerven gehend. Auf mich wirkt dagegen die Fülle auf mich einstürzender Anforderungen so unadäquater Art deprimierend. Zenzl lacht sich tot, weil ich, der ich überall nur herumstehe, Schritte mache, ungeschickte Handreichungen versuche, am Abend immer so angegriffen bin, als ob ich allein alle Arbeit geleistet hätte ... Aber ich wäre heilfroh, wenn ich erst mal alles fertig wüßte. Die Sehnsucht nach meiner Arbeit, die weiß Gott zu lange geruht hat, ist sehr fühlbar und dazu die Notwendigkeit Geld zu verdienen. Die Erbschaft wird nicht lange vorhalten. Engler wird wohl dauernd mit durchgeschleppt werden müssen, und heut früh unterbreitete mir Zenzl ihre Wünsche, die sich auf ihren jetzt 13jährigen Buben beziehn. Vielleicht – wüßt ich nur, wie das räumlich geht, werden wir ihn ganz zu uns nehmen. Jedenfalls aber möchte Zenzl ihn aufs Gymnasium schicken und etwas Gescheites studieren lassen. Das wird noch arg Geld kosten ... Wie zurzeit das Geld fortrennt, ist nicht zu beschreiben. Hunderte von Kleinigkeiten an Reparaturen, Anschaffungen, Einrichtungen sind zu erledigen, und 20, 50, 100 Mark sind im Umsehn ausgegeben. Von den 1000 Mark, die für alles reichen sollten, ist längst der letzte Hunderter gewechselt, und neben x Extrabezahlungen sollen wir von dem kleinen Rest zu 4 Personen auch noch bis zum Ersten leben. Gottseidank übernimmt Onkel Leopold die Vermögensordnung. Es wird mir verdammt lieb sein, den Lübecker Angstseelen nichts mehr vorrechnen zu müssen. Vorläufig haben wir noch 14 Tage Finny zu beherbergen, die dann nach Essen zu ihrem Vater soll. Bis dahin müssen wir sie in meinem Schreibzimmer unterbringen, und solange wird wohl mit ernster Arbeit nicht zu beginnen sein. Aber dann gehts an die Wally Neuburger, und wenn der Krieg zuende ist – hoffentlich an den Kain!

Leider teilte mir Frau Steinebach mit, daß ihr Mann nervenkrank ins Lazarett gebracht sei. Der Arme wird wohl auch ein Opfer des Kriegs sein. Die plötzlichen geschäftlichen Verluste, denen zu begegnen die eigne Einberufung in den Weg trat, wird ihm den Verstand verwirrt haben. Nun steht die junge Frau allein den ganzen Sorgen gegenüber und mahnt mich, eine Anzahlung von meiner Schuld zu veranlassen, die 4209 Mark beträgt. Ich hab’s Leo übergeben und hoffe, er wird 1000 Mark absenden. – Zugleich macht mir die Berner Sache andauernd die größten Kopfschmerzen. Ich habe immer noch keine Nachricht, ob die Versteigerung von Margrits Häuschen durch die der Berner Bank übersandte Summe verhütet werden konnte, und ängstige mich schrecklich darum. Würde nur erst alles soweit sein, daß man mit klarem Kopf die Dinge übersehn könnte!

Vom Kriege: Im Osten und Westen blutige Aktionen ohne weitgreifende Ziele. Bei Libau wurde der große deutsche Kreuzer „Prinz Adalbert“ von einem feindlichen Unterseeboot torpediert und mit fast der ganzen Mannschaft versenkt. Seit langer Zeit die erste Nachricht von der Flotte. Die großen Dinge des Kriegs gehn inzwischen alle am Balkan vor sich. Das Gleichgewicht der Kräfte war nach Italiens Übertritt zur Entente offenbar soweit hergestellt, daß Bulgariens Entscheidung tatsächlich die Wage zugunsten der Zentralmächte zu neigen scheint. Jetzt fragt sich’s, wie sich Griechenland und Rumänien verhalten werden. Besonders Griechenland hat jetzt alles in der Hand, und wir stehn vor der grotesken Wahrnehmung, daß im entsetzlichsten Weltkrieg, der je erschaut wurde, das kleine Griechenland das Schicksal Aller bestimmen wird. Die Zeitungsmeldungen über seine Entschlüsse widersprechen einander immer noch derartig, daß jede Prophezeiung, was es tun wird, müßig wäre. Jedenfalls befinden wir uns gegenwärtig in der entscheidenden Phase des Kriegs, womit leider keineswegs gesagt ist, daß naher Friede erwartet werden kann.

Es klingelt. Wahrscheinlich Engler. Ich schließe für heute.

 

München, Sonnabend, d. 30. Oktober 1915.

Der Einzug in Georgenstrasse 105IV ist offiziell durchgeführt, d. h. wir wohnen in der eignen Wohnung, in eignen Möbeln, in eignen Betten. Aber noch ist wildes Durcheinander, sodaß ich dies Heft grade in dieser Zeit, wo soviel, so Erregendes zu vermerken wäre, vernachlässigen mußte. Die noch nicht verstauten Briefe und Manuskripte ängstigen mich. Die Arbeit, sie zu ordnen und auszumustern, wird noch heillose Zeit dauern. Engler schuftet sich für uns ab, nimmt mir auch Dinge ab, die ich sehr ungern nur Fremden überlasse. Aber ich sehe ein, daß ich es nicht täte. Finny stellt sich ganz gut an. Aber sie geht mir furchtbar auf die Nerven, und ehe sie nicht aus dem Hause ist – mein Schreibzimmer ist ihr Schlafgemach – werde ich nicht zuhause sein. Mitte November soll sie nun nach Essen zu ihrem Vater; und inzwischen werden voraussichtlich wir nach Berlin fahren. Leo schrieb mir, daß mein Erbteil größer sei, als angenommen war, da der Vater mich von meinem Fünftel der mütterlichen Mitgift nicht auf Pflichtteil setzen konnte. Um wieviel sich dadurch mein Vermögen erhöht, kann ich noch nicht beurteilen. Wir fanden es nötig, eine mündliche Besprechung zu vereinbaren, und da will ich Zenzl mitnehmen. Sie war noch nie über Augsburg hinaus und sie freut sich mächtig. Wäre nur erst Ordnung in den Gelddingen. Der Einzug kostet blödsinnig, und die 1000 Mark sind längst alle, dazu noch 100, für die wir ein Hochzeitsgeschenk von den Lübecker Geschwistern (zusammen) kaufen sollen. Dann aber ist die Berner Schuld eine Quelle kontinuierlicher Beängstigungen, und Steinebach wünsche ich angesichts der eingetretenen Verhältnisse gleichfalls möglichst bald zu befriedigen. Kaderschafka mahnt seine 400, Heller seine 100 Mark. Die Uhrkette ist für 70 Mark versetzt, die 1500 Mark für den „Komet“ muß ich zahlen, zu denen ich mich vor 4 Jahren leider breitschlagen ließ, und mit meinem Zenzl gegebenen Versprechen, Engler mit 1000 Mark Freiheit zu geben, muß ich auch Ernst machen. Somit ist mir die Erhöhung des Erbteils um etwa 6000 Mark kolossal angenehm.

Die Kriegsereignisse der letzten Zeit kann ich nur streifen. Einige wichtige Dinge vergaß ich ganz zu vermerken. So das deutsche Fliegerattentat auf La Chaux-de-Fonds. Dort, also auf Schweizer Boden, wurde die Neutralität nicht blos durch Überfliegen verletzt, sondern es wurden sogar eine ganze Anzahl Bomben abgeworfen, von denen mehrere Leute verwundet wurden. Nach dem sehr energischen Protest der Schweizer Regierung, die Schadenersatz, Schmerzensgeld, Entschuldigung, Bestrafung der Schuldigen und sicherste Garantien gegen Wiederholungen forderte (denn ganz wenige Wochen vorher hatte nach dem Überfliegen schweizerischen Gebiets durch deutsche Flieger Berlin schon feste Versprechungen gegeben), bewilligte die deutsche Regierung alles recht kleinlaut. Interessant in der öffentlichen Peccavi-Erklärung war aber der Passus, der den betr. Offizier damit entschuldigte, daß das Wetter neblig und unsichtig war, er also nichts unter sich sah und meinte, längst über französischem Gebiet zu sein. Bisher wurde uns immer weisgemacht, die Deutschen bombardierten prinzipiell nur militärische Anlagen. Jetzt erfährt man zum ersten Mal hochoffiziell, daß die Vermutung – die künftighin der Gewißheit weichen soll, über feindlichem Lande zu sein, völlig ausreicht, um auch bei gänzlicher Unmöglichkeit sich zu orientieren, zu brennen und zu sprengen, wo es eben hintrifft ... Das Heldentum sieht sich in der Nähe verflucht anders an, als wir es in der Schule lernen sollten. In dies Kapitel gehört auch die immer wieder gehörte Erzählung von Soldaten, die dabei waren, daß beim Stürmen gefangene Franzosen vor die Schützengräben gestellt wurden, um die feindlichen Maschinengewehre zur Rücksicht zu veranlassen. Natürlich machen’s die andern ebenso, und wer es verurteilt, täte gut, den Krieg im ganzen zu perhorreszieren.

Gestern abend war ich mit Sieper zusammen, um mit ihm meinen Plan, die Schriftsteller gegen die Zensur mobil zu machen, zu beraten. Seine Vorschläge sind mir zu loyal. Dagegen erzählte er sehr Interessantes von seiner Tätigkeit bei den offiziellen Stellen des Reichs. Danach sind alle Rigorositäten und Schikanen auf alldeutsche Denunziationen zurückzuführen. Die Leute in Berlin haben ihm ganze Berge von Petzbriefen gezeigt, die täglich einlaufen und Verbote von Zeitungen und Unterdrückungen von Meinungen fordern. Mir war das nicht eben überraschend. Ich habe es längst erkannt: in jedem Deutschen schlummert ein Geheimpolizist ... Eine Reihe Sieperscher Geheimpublikationen, darunter Eingaben an den Kaiser und den Reichskanzler will er mir zuschicken. Ich gab ihm dazu eine Deckadresse auf, da die militärische Überwachungsstelle neuerdings wieder sehr lästig funktioniert.

Das weitaus Wesentlichste, was ich von Prof. Sieper erfuhr, war, daß vorige Woche in Berlin und in Chemnitz Teuerungskrawalle stattgefunden haben. Daher die etwas überstürzten neuesten Maßnahmen des Bundesrats gegen die abenteuerlichen Marktpreise und für die Sicherstellung der Versorgung des Volks mit Lebensmitteln. (An bestimmten Tagen Verbot des Fleischverkaufs, an andern des Wild- und Fischhandels, an dritten der Speck- und Fettwaren und an einem Tage des Schweinefleisches) ... Aber wenn es nur überhaupt erst rumort im Volke! Ist die Massenwut erst einmal erwacht, dann gibts kein Aufhalten mehr, sowenig wie der Massenenthusiasmus bei Kriegsbeginn zu dämmen war. Das aber wäre wahrhaftig das Ende des Kriegs. Mit einer rebellierenden Bevölkerung könnte keine Regierung den Kampf nach außen weiterführen. Ich hoffe.

Von Frieden ist jetzt viel die Rede, und manche Leute wollen wissen, daß er noch in diesem Jahre da sein werde. Natürlich kann man sich der bevorstehenden großen Berner Konferenz freuen, an der alle möglichen friedlichen Persönlichkeiten aus allen Ländern teilnehmen werden – natürlich sind Revolutionäre nirgends dazu eingeladen –, aber es scheint halt doch nur wieder ein Privatunternehmen zu sein, wie auch die Zimmerwalder Sozialistenkonferenz, obwohl die italienische Partei sie offiziell einberufen hatte, eine private Veranstaltung geblieben ist. Denn sowohl die deutschen wie die französischen Parteioffiziösen sind von den Genossen, die dran teilgenommen haben, vernehmlich abseits gerückt.

Bei den meisten Leuten gründet sich die Friedensgläubigkeit natürlich auf die angeblich bevorstehende Entscheidung durch die Waffen. In der Tat sieht es ja ganz danach aus, als ob die armen Serben vor dem gänzlichen Untergang stünden. Als Bethmann-Hollweg am 4. August des vorigen Jahres die englische Kriegserklärung empfangen hatte, wurde er saugrob gegen den Botschafter Goschen. Es sei unerhört, jemanden, der alle Hände voll zu tun habe, um sich zweier Angreifer zu erwehren, auch noch im Rücken anzufallen. Was es mit den „Angreifern“ Rußland und Frankreich – und womöglich noch Belgien! – auf sich hatte, weiß man ja nun. Aber es bleibt doch immerhin beachtlich, daß der Riese Deutschland, der sich seinerzeit so bitterlich beklagte, nun selbst mit einer andern Großmacht zusammen das winzige Serbien bei der Brust packt und sich zugleich das starke Bulgarien engagiert, um dem Zwerg auch noch einen Dolch in den Rücken zu senken. Natürlich ist das politisch ganz klug und richtig so, – aber wer derartige Zweckmäßigkeiten ausführt, soll andern keine Moralpauken halten.

Es hängt nun alles davon ab, ob Frankreich und England den Serben von Saloniki aus rechtzeitig und genügend Hilfe bringen können. Darüber ist vorläufig immer noch keine Klarheit zu erzielen. Die Verbrüderung zwischen den deutsch-österreichischen und den bulgarischen Heeren ist tatsächlich erreicht und der Ring um die verzweifelt sich wehrenden Serben schließt sich nach dem Fall aller ihrer Grenzfestungen immer fester. Zugleich dankt Delcassé ab (dem Harden in der „Zukunft“ einen vortrefflichen Epilog schreibt), weil er die Verantwortung für das Unternehmen nicht tragen will, und die Ententepresse greift ihre Macher in einer Weise an, daß wir vor Neid vergehn möchten. Dennoch scheint wenig Aussicht zu sein, daß die Pläne des Vierverbands dort gelingen. Andrerseits steht fest, daß bereits, südlich von Strumitza, ein englisch-französisches Heer ein bulgarisches geschlagen hat (unsre neuen edelmütigen Verbündeten verkündeten das als ihren Sieg), sodaß größere Aktionen zweifellos im Gange sind. Über das Verhalten Griechenlands in der Sache sind aber die Berichte der deutschen Presse denen der ausländischen so diametral entgegengesetzt, daß sich immer noch niemand auskennt. Nach unsern Blättern verlangt Griechenland den Abtransport der Landungsarmee und droht mit ihrer Entwaffnung, nach den ausländischen hat Griechenland in der Note, in der es die Forderung der Entente, den casus foederis gegen Serbien anzuerkennen, ablehnte, erklärt, es werde wohlwollende Neutralität üben und auch dem Durchmarsch der gelandeten Truppen nichts in den Weg legen. Die nächsten Tage müssen ja zweifellos darüber Gewißheit bringen.

Im übrigen wäre noch der Fall Cavell zu erwähnen. Eine Belgierin, die angeblich von Brüssel aus Verbindungen mit der französischen Armee unterhielt, wurde vom deutschen Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Die amerikanische Gesandtschaft legte sich ins Mittel und erreichte die Zusicherung, daß in der Angelegenheit nichts geschehn werde ohne vorherige Verständigung mit ihr. Gleichwohl wurde die Dame erschossen, ohne daß der amerikanische Botschafter was erfuhr. Die deutsche Regierung bestritt, irgendwelche Verpflichtung gegen ihn eingegangen zu sein, wurde aber offiziell desavouiert. In Paris und London sprechen die Minister nur von dem Meuchelmord der Deutschen an der wehrlosen Frau. Mag die Sache liegen wie sie wolle. So dämlich wie möglich sind unsre „Verantwortlichen“ offenbar wieder vorgegangen, und der deutsche Schneid hat wieder ein Opfer an einem tapfren Menschenkinde und ungezählte Opfer an unsrer Kulturwürde in der Welt gefordert.

In Heidelberg ist der Philosoph Windelband gestorben, einer der tüchtigsten Geister, die wir hatten. Ferner soll Georg Hirth in den letzten Zügen liegen. Halbe pflegt zu sagen: es wird wieder fleißig gestorben.

 

München, Sonntag, d. 31. Oktober 1915.

Ich gehe mit der Idee um, demonstrative Proteste gegen den Krieg zu organisieren. Bin allerdings vorläufig noch garnicht im klaren, wie. Straßenkundgebungen sind sicher das Wirksamste und das Gefürchtetste. Die Stimmung im großen Publikum ist nachgrade reif, um dem Ruf nach Frieden und Brot Echo zu schaffen. Wenn etwa bei einer der polizeilich geschobenen Huldigungszüge vors Wittelsbacher Palais plötzlich von vier, fünf Leuten an verschiedenen Stellen der Ruf ertönte: „Wir wollen Frieden und Brot!“ so wäre vielleicht zu erreichen, daß aus der Huldigung ein allgemeiner Protest würde – und man weiß nie, ob aus solchen Anfängen nicht große und sehr eindringliche Krawalle entstehn können, was gegenwärtig der zuverlässigste Weg wäre, um den Wunsch nach Beendigung der Schweinerei auch bei den „Verantwortlichen“ äußerst dringend werden zu lassen. Nur werden solche Huldigungszüge stets nach großen Siegen unternommen, wenn die Stimmung also den Adversairen günstiger ist als uns, zudem nehmen daran zumeist Leute teil, die – wenigstens nach außen – auf loyale Haltung besonderen Wert legen. Außerdem bin ich noch ganz im Zweifel darüber, wie ich die zuverlässigen Leute finde, die den Versuch auf die Gefahr hin, verprügelt und verhaftet zu werden, unternehmen mögen, und wie ich selbst dabei völlig im Hintergrunde bleiben kann. Nicht daß ich Angst hätte – wüßte ich, dadurch Nützliches bewirken zu können, wäre mir auch jahrelange Haft nicht zu teuer –. Aber mein Name im Zusammenhang mit Friedenskundgebungen würde alles verderben, weil die Sozialdemokraten nicht zögern würden, mich abzuschütteln und als Beweis dafür zu benutzen, daß Anarchisten Provokateure sind, und das haben sie längst fertiggebracht, im deutschen Sprachgefühl das Wort provocateur nur mit der Assoziation agent gelten zu lassen. – Vielleicht nimmt mein Plan bei längerer Überlegung greifbarere Formen an, oder eine Gelegenheit ergibt sich, wo er sich zwanglos realisieren läßt.

Heut habe ich meiner Kriegsmappe wieder einen Beitrag eingefügt, eine amtliche Erklärung über die Zeppelinangriffe auf London. Mit geschwätziger Beflissenheit wird da erst bewiesen, daß das Töten von Frauen und Kindern mit Bomben genau das gleiche sei, wie das Aushungern eines Volks (wobei doch wohl zu unterscheiden wäre, daß ein ausgehungertes Land – wie alle die ausgehungerten Städte, die Deutschland auf seinen Ruhmestafeln vermerkt hat – sich ergibt, bevor die Zivilbevölkerung verreckt ist, und daß Deutschland ebenso beflissen war, von Anfang an die Engländer nach Kräften hungern zu lassen. Was hätten sonst die ganzen „Emden“-Heldentaten für einen Sinn gehabt?). Dann wird erklärt, daß man im wesentlichen militärische Ziele im Auge habe, da London Hauptetappenort der Engländer sei, und schließlich wird endlos auseinandergesetzt, wie heftig die Zeppelinattacken möglicherweise den britischen Handels- und Personenverkehr und damit die ganze Wirtschaftsordnung in Konfusion bringen könnten. Die Stilübungen unsrer „Verantwortlichen“ sind beinahe noch greuelvoller als ihre kriegerischen Taten ... Zugleich mit dieser Reinwaschung erledigen sie heute auch eine neue Spionagegeschichte. Man will in Belgien und Frankreich einer großen Verräterei auf die Spur gekommen sein, und hat natürlich schon Dutzende von Menschen in den besetzten Gebieten verhaftet und eine ganze Reihe von ihnen – darunter etliche Frauen – erschossen. Die Zeitungen verspotten daher im voraus das Entrüstungsgeschrei der Entente-Presse. Sie werden für ihre loyale Haltung aber auch von allen Regierungen öffentlich belobigt, und in der Tat wissen sie nur noch dadurch, wie Opposition aussieht, daß sie tagtäglich aus französischen und englischen Zeitungen massenhafte Angriffe auf deren Regierungen abdrucken.

Gleichwohl – ich komme erst spät darauf zurück, weil die lange Pause im Notieren mich viel vergessen ließ – konnte der „Vorwärts“ vor einigen Tagen einen Geheimerlaß des preußischen Ministers des Innern von Löbell veröffentlichen, worin die Landräte angewiesen werden, wie sie die Zeitungen in einer Weise bearbeiten können, daß sie auch nach dem Kriege noch willige Werkzeuge der Regierung bleiben möchten. Ein ganzes System der Beeinflussung wird da ausgepackt, und die Bismarcksche Einrichtung des Reptilienfonds prangt inmitten des Burgfriedens und des Kampfs um Deutschlands Ehr und Freiheit in lieblicher Schönheit wieder auf. Die sogenannte liberale Presse – (so genannt, weil sie vor dem Kriege am kapitalistisch-militaristischen Staatskörper einige Schönheitsfehler abzustellen bestrebt war) wagt in Bescheidenheit Einwendungen und Proteste. Es dünkt mich aber ganz belanglos, ob der Löbellsche Apparat da ist oder nicht. Die deutschen Reptile gedeihen auch, wenn die Regierung sie nicht kostspielig füttert.

 

München, Mittwoch, d. 3. November 1915.

Kommenden Samstag begeben wir uns, wenn die Zeichen recht deuten, nach Berlin auf die Hochzeitsreise. Dort soll ich mit meinen Schwägern und Bruder Abrechnung halten und so Gott will endlich Herr über mein Vermögen werden. Natürlich werden die Verwandten recht eigentlich auf „die Bekuck“ kommen wollen, um im Jargon der väterlichen Killeberger zu reden, und wahrscheinlich wird auch mindestens eine der Schwestern mitkommen, um die arme Zenzl auf ihre Würdigkeit zu prüfen, nunmehr der bekowetsten aller jüdischen Mischbochen anzugehören. Sie freut sich noch mehr auf die lange Eisenbahnfahrt als auf Berlin, und ich hoffe, sie wird nachher von reichem Erleben erzählen können. Nachher! Dann werden wir wahrhaft zuhause sein. Denn am gleichen Samstag fährt Finny zu ihrem Vater nach Essen, und Engler muß zum Militär einrücken. Der Mann hat sich seit Zenzls Trennung von ihm fabelhaft anständig bewiesen und wie ein wirklicher Freund an ihr, und damit auch an mir, gehandelt. Trotzdem, und obwohl wir natürlich grade den Grund, der ihn fortführt, tief bedauern, erwarte ich sein Fortgehn mit Erleichterung, nicht weil mir das Geld leidtäte, mit dem wir ihn in seiner unermeßlich schwierigen Lage über Wasser halten, sondern weil hier stets ein Grund von Mißtrauen bei Zenzl ist, die argwöhnisch aufpaßt, ob ich den Werten des Mannes, vielmehr des Künstlers, auch voll gerecht werde. Dadurch fühle ich mich beaufsichtigt und unsicher, und ich hoffe, unser Aufeinanderangewiesensein in der schönen Wohnung wird auch die letzten Schranken zwischen uns niederlegen, womit nicht gesagt sein soll, daß wir nun „ineinander aufgehn“ werden.

Der Krieg. In Serbien siegt die Zentralverbündung unentwegt weiter. Meine These, daß in einem modernen Krieg keine Waffenentscheidung möglich sei, muß ich wohl revidieren. Wenn zugleich Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei über Serbien herfallen, dabei das Serbien verbündete Griechenland zum Verrat bestechen und in Albanien antiserbische Aufstände anzetteln, ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß Serbien und Montenegro wirklich und wahrhaftig besiegt werden. Vorläufig ist es allerdings noch nicht soweit, und es ist indes noch nicht ausgeschlossen, daß eine englisch-französische Streitmacht von Saloniki her doch noch rechtzeitig zu Serbiens Hilfe ankommen könnte. Soviel steht jedenfalls fest, daß Griechenland trotz allem Gewäsch der deutschen Zeitungen bisher den Durchmarsch der Truppen nicht verhindert hat und dies auch schwerlich beabsichtigt, und daß Teile des Hilfsheers schon an Ort und Stelle und im Kampf gegen die Bulgaren sind, sie sogar einmal schon, bei Strumitza, geschlagen haben.

Und wozu die verzweifelnden Serben in äußerster Notwehr vielleicht doch noch imstande sein werden – man denke nur daran, wie sie vor einem Jahr die Österreicher aus ihrem Land jagten – das läßt sich auch noch nicht voraussagen. Jedenfalls – darauf weist ein Artikel des „Figaro“ hin, den Harden mitteilt – haben die Deutschen bei allen ihren Erfolgen niemals erreicht was sie anstrebten. Sie standen direkt vor Paris, da erlitten sie die Marneschlacht, sie wollten nach Calais, da kamen die entsetzlich verlustreichen Mißerfolge bei Ypern, sie wollten die Russen erledigen, und erreichten dort, allerdings tief im Feindeslande, den Positionskrieg, und nun wollen sie die Straße Berlin–Bagdad freimachen, und wer weiß, wie das schiefgehn wird.

Caro war gestern wieder hier. Er renommierte geheimnisvoll mit einer Zusammenkunft mit Hertling, die gestern abend bei Professor Bissing stattfinden sollte. Mir scheint viel Großmäuligkeit dabei zu sein, wenn er verriet, er wolle den Friedensschluß jetzt durch Bearbeitung bayerischer Persönlichkeiten vorbereiten helfen ... Die Teuerungsexzesse in Berlin bestätigte er, wußte aber nichts Genaues. Ich werd’s ja nächste Woche durch Ströbel sicher erfahren, was los ist.

Tatsächlich scheint die direkte Hungersnot nicht mehr fern zu sein. Heut früh war kein bischen Butter aufzutreiben. Das deutet doch schon auf arge Desorganisation hin. Die fleisch-, fett-, wild-, fisch- und schweinelosen Tage sind selbstverständlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Vermögenden besorgen sich was sie brauchen am Tage vorher, die Proletarier brauchen an keine Unterernährung mehr gewöhnt zu werden. Was nützt die geistreichste Einteilung der spärlich gewordnen Nahrungsmittel, wenn doch nur eine Minderheit der Bevölkerung imstande ist, sich überhaupt zu versehn? Und was nützen Höchstpreise, wenn die Mehrheit auch dafür das Geld nicht hat? Es gibt nur ein Mittel aus der Not: die Unzufriedenheit der Masse offenkundig zu machen. Krawalle und Exzesse, in den Städten und auf dem Lande, dann werden die Drahtzieher Angst bekommen, und wir werden im Umsehn Frieden haben, und immerhin soviel Wohlstand, daß das furchtbarste Elend vermieden werden kann. Aber wer ist jetzt da, Aufstände zu organisieren? Und wie kommt man ans Volk heran, das sie ausführen muß? Schwere Probleme, und doch müssen sie gelöst werden.

 

München, Freitag, d. 5. November 1915.

Tief erbittert will ich es niederschreiben, daß auch Max Rosenthal ermordet ist, den „Heldentod fürs Vaterland“ gefunden hat. Ein prächtiger junger Kerl, 24jährig, voll von Plänen, Hoffnungen, Eifer. Einer der Vielen, die nicht mehr dazu kamen, ihr Andenken in Werken zu hinterlassen, und deren Andenken nur in den Wenigen leben wird, die sie kannten und eine zerstörte Anlage beweinen. Der Fall ist täglich, aber wer ihn aus eigner Nähe erlebt, erkennt erst die ganze tragische Niedertracht dieses Schicksals. Ich will, obwohl er kein Lebenswerk hinterläßt, das eine Öffentlichkeit anginge, dem armen Jungen doch einen Nachruf schreiben, vielleicht in den „Sirius“, das neue Blatt des Herrn Walter Serner in Zürich, als Denkmal für einen, der keine Zeit hatte, sich ein Denkmal zu verdienen.

Vom Kriege will ich heut nicht viel notieren. Morgen früh sollen wir reisen, gleichzeitig soll Finny nach Essen abfahren und Engler zum Militär abrücken. Zenzl hat ihm alles gerichtet, ihm Wäsche und Kleidung von mir eingepackt und sorgt sich sehr um ihn. Man muß ihr Zeit lassen, mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen.

Die Aussicht der Franzosen und Engländer, den Serben doch noch zu Hilfe zu kommen, ehe sie völlig zerknetscht sind, wächst. In Saloniki gehn die Truppenlandungen und Abschübe ins Innere weiter, gleichzeitig werden Truppen in Kavalla und Dedeagatsch ans Land gesetzt, und drittens leisten die Serben einen Widerstand, der trotz der furchtbaren einkreisenden Übermacht mindestens alle Angriffe stark aufhält, und die Bulgaren nach dem vorgestrigen Tagesbericht an einer Stelle auch schon zum „Ausweichen“ gebracht hat. Zum mindesten glaube ich nicht, daß es gelingen wird, den beabsichtigten Durchmarsch nach Konstantinopel mit anschließendem Angriff auf Ägypten auszuführen. Bis jetzt wenigstens sind die Deutschen noch bei allen Hauptoperationen nahe vor dem Ziel am Erfolge gehindert worden, wie ich hier schon ausführte, und bedenkt man, daß die große Forsche, mit der im Anfang gearbeitet wurde, doch allmählich einer größeren Vorsicht Platz gemacht hat – die Flotte z. B. verzichtet seit langen Monaten auf alle Unternehmungen –, so sinkt auch das Zutrauen zu der moralischen Sicherheit beim Ausführen der etwas wilhelmisch wechselvollen Kriegspläne.

Jedenfalls glaube ich, daß ein Mißlingen des deutschen Balkanplans den Krieg abkürzen müßte, da ja auch unsern Großmäulern einmal die Einsicht kommen muß, daß einmal Schluß gemacht werden muß, während ein Sieg dort natürlich die Anstrengungen der Feinde in Europa verdoppeln würde, die den Okkupationsabsichten der Deutschen gegenüber ja einfach nicht aufhören können. Die Rettung Serbiens aber und die Verhinderung des Suezunternehmens würden die Remise besiegeln und die Wahrscheinlichkeit, daß Europa vor Deutschland gerettet wird, hoch steigern.

 

Waidmannslust, Montag, d. 15. November 1915.

Seit Samstag vorvergangener Woche bin ich mit Zenzl hier, und komme in diesen 9 Tagen zum ersten Mal zum Eintragen. Muß mich aber wohl auf Stichworte beschränken. Die Privatangelegenheiten wurden ins Reine gebracht. Konferenz mit beiden Schwägern und Hans, Erledigung der Papieraufteilung etc. Kurzum; ich verfüge endlich selbst – und zwar über etwas mehr als ich erwarten durfte. 5 Jahre hoffe ich auszukommen ... Zenzl wurde inspiziert (wozu auch Charlotte erschienen war, deren Unechtheit, gezierte Betulichkeit und übertriebene Freundlichkeit nur peinlicher als je auffiel). Im übrigen wurde Zenzl, die sich sicher, liebenswürdig und ganz natürlich gab, durchaus goutiert, hat sich besonders auch bei den Waidmannslustern sehr beliebt gemacht, die freilich garzu gern ihre Vergangenheit erforschen möchten. Was sie wissen und ahnen, ist mehr als Bürgergemüter kühl bleiben ließe.

Kriegsereignisse von verändernder Bedeutung sind nicht geschehn. In Serbien wird weiter gesiegt, ohne daß das angekündigte Sedan bisher Ereignis wäre, und die Österreicher haben vor Görz eine anscheinend sehr heftige italienische Durchbruchsaktion abzuwehren. Von Nebenereignissen ist eins wichtig: die Torpedierung des italienischen Passagierdampfers „Ancona“ im Aegaeischen Meer durch ein österreichisches (oder deutsches?) Unterseeboot, dem wieder hunderte von Personen, darunter auch Amerikaner, zum Opfer fielen. Die „Lusitania“- und „Arabic“-Geschichten haben unsern Helden also den Mut zu dergleichen Taten nicht gebrochen. Die Zusicherungen an die amerikanische Regierung, aus Gründen der Menschlichkeit solche Verbrechen künftig zu unterlassen, hat nur die Verlegung des Schauplatzes bewirkt. Zum Übrigen!

Mehrere Besuche bei Landauer. Dort erfuhr ich Näheres über Krawalle im Berliner Norden. Es handelt sich um Demolierung und Plünderung von Buttergeschäften. Also Teuerungsunruhen. Hardy versicherte mir, die Regierung rechne bald mit Ernsterem. In allen Kasernen liege Militär alarmbereit gegen den „Inneren Feind“. Nach den Krawallen waren Plakate angeschlagen, die auf die Aufruhrparagraphen hinwiesen. Landauer meinte, diese Appelle seien nicht unterzeichnet gewesen, um sie als offizielle Kundgebungen dem Ausland gegenüber ableugnen zu können. Sie hatten aber in Form und Farbe völlig das Aussehn offizieller Kundgebungen, – und warens natürlich auch.

Vorgestern war ich bei Eduard Bernstein, den ich im Bett liegend antraf. Er ist sehr außer sich über die grenzenlose Willkür der Militärdiktatur und zeigte mir Striche der Zensur in Artikeln, die er geschrieben hat, die unsagbar lächerlich sind. Idioten an der Macht, die sie brutal und verantwortungslos gebrauchen. Bernstein erklärte mir, die Zustände jetzt seien unendlich viel ärger und unerträglicher als unter dem Sozialistengesetz (das er ja am eignen Leibe gründlich kennen gelernt hat). Er gab mir recht, daß man jetzt mit konspirativen Mitteln vorgehn müsse, und ich erfuhr von ihm den Namen einer Dame in München, die geldkräftig und aufs Tiefste unsrer Überzeugungen sei. Übrigens sieht Bernstein – ebenso wie Landauer – die militärische Situation Deutschlands keineswegs als herrlich an. Er verglich die Dinge mit dem Anfang des amerikanischen Kriegs, wo zuerst die Südstaaten permanent siegten, bis sie wirtschaftlich gelähmt waren und besiegt wurden. Bernstein ist überzeugt – ähnlich sprach sich mir vor einem halben Jahr schon Ströbel aus, daß die Sozialdemokraten viel Anhang zugunsten der Anarchisten verlieren würden.

Von Hardy, mit dem ich einen vollen Tag und Nacht zusammenwar, (und der mit seinem französischen Chauvinismus auf mich in seinen politischen Urteilen häufig unernst wirkt) erfuhr ich, daß beim letzten Zeppelinangriff auf London ein vollbesetztes Theater getroffen wurde und über 1000 Todesopfer fielen. Selbst die deutsche Zensur hat das unterdrückt, obwohl bei der satanischen Rohheit, die in dieser Zeit bei uns Trumpf ist, kaum ein Unpopulärwerden der tückischen Luftangriffe eingetreten wäre, vielleicht im Gegenteil hätten die bestialischen Ausbrüche des Grafen Reventlow noch jubelnderen Beifall gefunden als sonst ... Eine höchst interessante Mitteilung verdanke ich Frau Flake (die ich bei Lannatsch traf). Sie kam aus der Schweiz und wußte, daß in La Chaux-de Fonds eine für Frankreich liefernde Munitionsfabrik ist. Die Deutsche Entschuldigung, der betreffende Bombenwerfer habe sich verirrt gehabt, begegne daher in der ganzen Schweiz ironischer Skepsis.

Ein Ereignis der letzten Woche vergaß ich noch: die Rede zweier Lords im englischen Oberhaus gegen ihre Regierung und für Verständigung und Frieden. Prachtvoll menschlich und versöhnlich. Die deutsche Regierung, der das sehr unangenehm ist, erklärt bereits in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, das seien „Stimmen in der Wüste“. Jeder Mensch weiß, daß das nicht der Fall ist, daß in dem einzigen Land, wo Verstand und Herz der Menschen nicht völlig vergiftet und verkommen ist („Gott strafe es!“) Millionen Leute ehrlich aussprechen, wie furchtbar alles das ist was jetzt geschieht. Jeder weiß, daß auch bei uns Millionen Menschen inbrünstig Frieden und Sicherheit wiederhergestellt wünschen, daß die deutsche Regierung aber die geistige Wüste, die sie aus diesem Lande gemacht hat, so braucht, daß sie darin keine Stimme laut werden läßt. Die Herren Bethmann und Konsorten werden sich’s doch wohl manchmal ängstlich werden lassen. Denn das müssen sie fühlen: Einmal muß und wird es krachen, – und dann können sie die Köpfe hinhalten, wie sie es jetzt vom Volk verlangen.

Herr Pfempfert benutzt in der letzten „Aktion“ mein Gedicht „Die Schlacht am Birkenbaum“, das er im „Zeit-Echo“ gelesen hat, um mich neuerdings als schwankenden Charakter zu denunzieren, als Gesinnungslumpen, der seine Fahne nach dem Winde hängt. Er weiß, ich kann mich jetzt nicht wehren. Aber daß meine Freunde – besonders Hardy, dem ich es nachdrücklich vorhielt – nach wie vor für den Revolutionswachtmeister gratis arbeiten, um ihre kleinen Eitelkeiten zu befriedigen, berührt mich tief bitter. Ich habe andre Begriffe von Solidarität.

 

München, Sonntag, d. 21. November 1915.

Daheim. Der Berliner Aufenthalt war trotz aller Anregungen und erfrischenden Begegnungen quälend, zumal Zenzl schauderhaft unter der geschmacklosen Betriebsamkeit der Stadt litt. Dazu kam die Veränderung des Bildes durch den Krieg. Ein viel sichtbarerer Männermangel als anderswo. Frauen als Briefträger, als Trambahnschaffner, Fensterputzer, Eisenbahnbeamte, Frauen sogar bei der Nachtarbeit an der Untergrundbahnstrecke Nord–Süd, wegen deren Anlegung die ganze Friedrichstraße aufgerissen ist, und an der Kranzlerecke stehn Frauen mit Spitzhacke und Schaufel in den Erdlöchern und bauen. Aber auch die Unzufriedenheit ist in Berlin schon ganz anders bemerkbar als hier. Eine Straßenbahnkondukteurin erzählte mir aus ihrem Leben: der Mann im Kriege. Früher war er Schaffner und sie verdiente als Hausmeisterin. Dann, als er eingezogen wurde, bezog sie Unterstützungen. Seit sie (mit natürlich viel geringerem Lohn) die Arbeit ihres Mannes versieht, hat die Unterstützung aufgehört. Sie hat Kinder, muß für allen Bedarf das Dreifache vom normalen Preis zahlen und hat noch ihre aus Ostpreußen geflüchtete Mutter mit zwei jüngeren Geschwistern am Hals. So klingt das Lied überall. Eine furchtbare Erbitterung herrscht, die in den Schützengräben die Form regulärer Meutereien annehmen soll, an denen sich schon Offiziere beteiligen. Heut hörte ich von meuternden Truppen bei der Hindenburg-Armee. Die Leute sollen eine Woche nichts zu essen gehabt haben und darum rebellisch geworden sein. Hindenburg – seine mehrfach lebensgroße Holzstatue steht, ein Symbol der geschmackverlassensten aller Zeiten, zum Nageln unter der Berliner Siegessäule – habe zahlreiche Füsilierungen vornehmen lassen. Alles zur Hebung der Begeisterung.

Das Erfreulichste in Berlin war am letzten Montag ein Kolleg in der Universität, wo Professor Nicolai, ein Mediziner, Herzspezialist und Leibarzt der Kaiserin, über die „Biologie des Kriegs“ las. Der Mann steht in hohem militärischem Ärzterang, aber sein Vortrag hatte vollkommen antimilitaristischen Charakter. Mit den schärfsten Argumenten zog er gegen die ethischen Rechtfertigungen des Krieges los, der Natur der Sache gemäß mußte Deutschland am schlechtesten abschneiden und zum Schluß, nachdem der Begriff des „Heiligen Krieges“ zerpflückt war, klang das Kolleg wie in einer Fanfare aus: „Über jedem deutschen Hause weht die grüne Fahne des heiligen Krieges!“ Es war erhebend, den tapferen Mann zu hören. Hoffentlich bricht ihm nicht einmal eine Denunziation das Genick ... Nachher waren wir mit ihm im Café Bauer zusammen: mit Hardekopf, Lannatsch, Rösemeyer, ferner einer Frau Dr. Schultz, an die sich Zenzl eng anschloß, einem jungen Mediziner Dr. Böheim und Frau und – dort traf man Herrn Pfempfert mit Gattin. Ich sagte zu ihm: „Herr Pfempfert, ich setze mich zu Ihnen an denselben Tisch in der Annahme, daß Sie in Zukunft darauf verzichten werden, mich öffentlich zu verleumden!“ Er knurrte was in sich hinein, seine Frau protestierte, daß dergleichen Dinge nicht am rechten Ort ausgetragen würden (welches der rechte sei, erfuhr man nicht) und Professor Nicolai verhinderte Weiterungen. Später mit Hardy heftige Auseinandersetzungen in derselben Sache. Ich werde ihm eine Erklärung für die Aktion senden, da er versprach, die Publikation zu erzwingen.

Am Mittwoch hörten wir in dem wunderschönen neuen Theater der Freien Volksbühne ein Konzert „Die Legende der heiligen Elisabeth“ von Lißt (Text von Otto Roquette), das mir starken Eindruck machte. Ich traf dort viele alte Freunde und Bekannte aus der anarchistischen Bewegung: Weidner, Krause, Ruff etc. Mit Landauer waren wir vielfach beisammen. Wir stellten in Bezug auf das Zeitgeschehn völlige Übereinstimmung fest: die Überzeugung (wie sie auch Bernstein geäußert hatte), daß die Sache der Mittelmächte keineswegs so glänzend stehe, wie man es vorzutäuschen sucht, und daß jeder Tag der Kriegsverlängerung der Entente zu Nutze kommt. Die ganze deutsche Kriegführung gleicht einer ungeheuren Don Quichoterie, immer von neuem werden unter Aufbietung kolossaler Energien und unter entsetzlichen Verlusten neue Pläne entworfen, unternommen und wieder aufgegeben. Die Taktik der Gegner, dabei einfach die völlige Erschöpfung Deutschlands und Österreichs abzuwarten, scheint daher sehr aussichtsvoll, wenn auch der schreckliche Gedanke nicht von der Hand zu weisen ist, daß bis zur Erreichung des Ziels aus dem Weltkonflikt ein neuer siebenjähriger Krieg geworden sein kann. Das zu verhindern werden revolutionäre Taten geschehn müssen, und für die ist vielleicht auch mir noch eine Funktion vorbehalten. Landauer meint freilich, daß konspirative Versuche, wenn sie mißlingen, erstens zur Verlängerung des Kriegs beitragen könnten, zweitens Leute, die nachher noch viel zu tun haben und dringend nötig sind, für Jahre und Jahrzehnte ins Zuchthaus bringen könnten. Ich verschließe mich diesen Erwägungen nicht, aber oft will mir scheinen, als ob ich die Untätigkeit einfach nicht ertrage.

Heut sprach ich mit Heinrich Mann. Er hatte Fred getroffen, der ebenfalls aus Berlin kam und dort mit regierungsnahen Leuten zusammenwar. Seinen Informationen nach will die Regierung heute schon weder Belgien noch irgendwas von Frankreich annektieren, aber 30 Milliarden Kriegsentschädigung haben. Wer die wohl zahlen soll? Sogar mit Gebietsabtretungen in Elsaß-Lothringen soll man sich schon tragen. Wie man es mit Polen halten will, erfuhr ich nicht. Die mit viel Tamtam vollzogene Eröffnung einer polnischen Universität in Warschau unter deutschem (nicht österreichischem!) Protektorat läßt ja da auf weniger nachgiebige Absichten schließen. Vorläufig aber ist Rußland noch nicht besiegt, heute viel weniger als vor einem Vierteljahr, und wenn nun selbst Serbien kapitulieren sollte, Griechenland aus seinem Wanken sich für Deutschland entschließen und sogar Aegypten erreicht werden sollte, so ist immer noch nicht sicher, ob nicht das Schicksal der bisher von Deutschland besiegten Länder – das ist Belgien und Serbien – sich nicht doch erst nach der Eroberung Breslaus entscheiden könnte. Unsre Anführer in Berlin sitzen jedenfalls jetzt schon schwer in der Patsche. Machen sie, was sie sicher liebend gern täten, heute den Frieden, den sie haben könnten – ohne Landerwerb und ohne Entschädigung –, dann gibt’s Revolution von rechts – es wäre Unsinn, das verkennen zu wollen. Warten sie noch lange auf die siegreiche Entscheidung, rutscht ihnen vielleicht alles aus den Fingern, und die Revolution von links ist unausweichlich. So besteht immerhin wirkliche Hoffnung, daß doch auch noch die, die am 5ten Juli 1914 in der Wilhelmstraße das Verbrechen beschlossen, ihre Strafe schon zu Lebzeiten finden werden.

 

München, Montag, d. 22. November 1915

Zenzl hat sich gestern ein Herz gefaßt und ihren Sohn, den sie 7 Jahre nicht gesehn hatte, aufgesucht. Heute war der Junge nun bei uns, und ich habe mich mit dem 13jährigen Stiefsohn gleich angefreundet. Siegfried Elfinger, das Andenken an das erste Liebesabenteuer Zenzls in ihrem 18ten Jahr, ist ein aufgeweckter, bescheidener, kritisch interessierter, sehr netter Bub, wenig verspielt und skeptischen Weltauffassungen offenbar sehr zugänglich. Ich denke, in seinem beweglichen Alter guten Einfluß auf sein Urteil und seine Entwicklung nehmen zu können. Der neuen Belastung des Geldetats durch den Familienzuwachs (Zenzl scheint zu beabsichtigen, Siegfried einer höheren Schule zuzuführen und sich um sein äußeres Gehaben anzunehmen) sehe ich etwas besorgt entgegen, umsomehr als vielleicht Hoffnung auf ehel. Deszendenz nahe ist. Dazu kommt die zweifellos dauernde Fürsorge für Engler. Auch Johannes Nohl hat sich wieder gemeldet, und ich habe ihm, allerdings mit der Zusicherung, daß es die letzte Zuwendung sei, 100 Franken versprochen. Frau Steinebach drängt schrecklich wegen ihrer 4200 Mk, nach Bern sind noch annähernd 3000 zu senden. Kaderschafka erhält 400, Heller 100 Mark, und noch einige vergessene Schulden werden wohl im Lauf der Zeit wieder lebendig werden. Die unglückseligen 1500 Mk für meine Mitarbeiterschaft beim „Komet“ müssen bezahlt werden, die Wohnung ist noch lange nicht fertig eingerichtet, und schließlich sind 30.000 Mark zwar viel Geld, aber doch kein unerschöpfliches Vermögen. Ist aber einmal der Krieg zu Ende – daß es bald wäre! – dann erwächst mir Arbeit, die mit Reisen und Kosten verbunden sein kann, und dann will ich nicht mit gebundenen Flügeln dasitzen müssen. Mit Zenzl von Geldängsten zu reden ist aber sehr mißlich. Da schäme ich mich zuviel. Denn, so wirtschaftlich und sparsam für den eignen Bedarf sie ist, meine Rechnerei dünkt sie kleinlich und philiströs. So mag denn kommen, was bestimmt ist.

Unsre Rückreise von Berlin hatten wir von Freitag bis zum Samstag abend in Nürnberg unterbrochen, weil Zenzl die schöne alte Stadt (die freilich auf mich immer ein wenig den Eindruck einer für den Fremdenverkehr aufgebauten mittelalterlichen Häuserausstellung macht) noch nicht kannte. Meßthaler und Grete Berger machten die Bärenführer (die Beiden haben sich dort in Liebe gefunden). Von den Theaterleuten erfuhr ich einige in ihr Fach schlagende Exempel der durch die große Zeit heraufbeschworenen Reaktion in dem für seine Freiheit kämpfenden deutschen Vaterland. Nürnberg gehörte bisher zu den von jeder Theaterzensur freien Städten im Lande. Um die „Einheitlichkeit“ in Bayern durchzuführen, hat nun das Oberkommando verfügt, daß sämtliche Zensurmaßnahmen der Münchner Behörde automatisch auf Nürnberg zurückwirken. Nürnberg darf daher nach wie vor in München noch nicht eingereichte Stücke zensurfrei aufführen – Kriegt die Münchener Polizei sie aber nachher zu sehn, so tritt ihr Verbot und alle ihre Striche zugleich in Nürnberg in Wirksamkeit. Natürlich ist man in Nürnberg wütend über die gänzlich sinnlose und lächerliche Chikane. Nützt aber nichts ... Hamburg war ebenfalls noch stets gänzlich frei von Theaterzensur. Jetzt hat das Oberkommando – aus Sittlichkeitsgründen – Schönherrs „Weibsteufel“ dort verboten. Einspruch dagegen gibt es nicht. Die Zeitungen wundern sich immer noch des Todes, daß man Deutschland seinen Militarismus vorwirft.

Zu diesem Kapitel gehört auch die obrigkeitlich angeordnete Jagd auf Fremdwörter, die in Berlin schon zu polizeilichen Schneidigkeiten geführt hat. Dort verfolgen nämlich – das ist kein Witz! – die Schutzleute die Firmenschilder mit fremdsprachigen Aufschriften. Den Hotels ist befohlen, sich Gasthäuser zu nennen, was ihnen aber nicht vornehm genug ist, und da sie Geschäftseinbuße fürchten, wird man bei ihnen wohl Gnade vor Recht ergehn lassen. Dagegen sollen die Juweliere sich laut Polizeierlaß in Zukunft „Geschmeider“ nennen. Es ist großartig, wie man hierzulande alles durch den Unteroffizier erledigt. Die mit all ihren Fremd- und Lehnwörtern organisch gewachsene und sich ständig wandelnde Sprache, das subtilste Kulturgebilde, dessen reinigende Behandlung allenfalls literarisch klugen Germanisten anvertraut werden kann, wird reglementiert wie eine Kontrolhure. Schutzleuten, Restaurateuren und Konfektionären müssen wir ihre Verbesserung überlassen. „Eindeutschung“ nennt man neuerdings das Fremdwortersatzgeschäft. Bisher verstand man unter „Eindeutschung“ lediglich die Übertragung Strindbergscher Werke ins Scheringsche ... Vor längerer Zeit schon widerfuhr mir die kleine Episode: Ich fand auf einer Speisekarte in der „Vier Jahreszeiten-Bar“ das Gericht „Hammelgemengsel“. Ich fragte den Oberkellner: „Sagen Sie, was heißt Hammelgemengsel auf Deutsch?“ – worauf ich prompt die Antwort erhielt: „Irish Stew.“

Unsre Witzblätter vom Schlage des „Simplicissimus“ und der „Jugend“ bersten vor Hohn über angebliche Lächerlichkeiten in Frankreich, England und Rußland. Daß wir im eignen Hause bald vor Torheiten umkommen, merken sie nicht, weil sie selbst den Schlamm der blamabelsten Würdelosigkeiten häufen helfen.

 

München, Dienstag, d. 23. November 1915.

Die Kriegsereignisse lassen zur Zeit genügend Muße, um sich mehr mit innerpolitischen Angelegenheiten zu beschäftigen. Die deutsch-österreichisch-bulgarische Offensive in Serbien scheint ihrem Ziele, die bedrängte Armee widerstandsunfähig zu machen, nahe zu sein. Griechenlands Haltung ist immer noch nicht entschieden. Doch scheint ein Eingreifen gegen Bulgarien nicht mehr beabsichtigt zu sein. Möglicherweise ist das Land sogar auf dem Wege, sich den Zentralmächten anzuschließen, was sicher der deutschen Balkankriegführung von großem Nutzen wäre und ebenso sicher auf den Verlauf der Dinge an den entscheidenden Orten, in Frankreich und Rußland, garkeinen Einfluß hätte.

Inzwischen nimmt in Deutschland die reaktionäre Strömung deutlich zu. Sie äußert sich neuerdings besonders in immer offener hervortretenden antisemitischen Tendenzen, und der aufmerksame Beobachter trifft in breiten Bevölkerungsschichten gradezu auf Pogromstimmungen. Auf der Fahrt von Nürnberg hierher fuhren wir (II. Klasse) mit einem Münchner Magistratsrat zusammen, mit Namen Kolmsberger, einem feisten alten Schwein von etwa 65 Jahren, der behäbig mit galanten Berliner Abenteuern renommierte (die offensichtlich alle erlogen waren). Kam er einmal auf ernstere Dinge zu reden, so trat der gewissenlose Plusmacher deutlich in die Erscheinung. Seine Weltanschauung kam aber in der Bemerkung zum Ausdruck: „Der nächste Krieg geht gegen die Juden!“ Zenzl erwiderte, die Juden hätten doch in diesem Kriege das ihrige ebenso getan wie alle andern. „Dees macht nix!“ war die Antwort. Als dann Zenzl meinte, dann dürfe man doch nichts mehr gegen die russischen Pogrome sagen, wenn man sie selbst anzetteln möchte, wurde der Mann verlegen ... Gestern erzählte mir eine Dame, die ich durch Frl. Schmied (Rudolf Johannes Schmieds Schwester) im Café Stefanie kennen lernte, eine Jüdin, wie sie in einem Münchner Lokal Unterhaltungen zwischen Bürgern und Soldaten belauscht hat. Die Soldaten, lauter zu Krüppeln Verwundete, hielten mit den derbsten Urteilen gegen den Krieg nicht zurück, sowenig wie die Bürger, die ihrerseits das Unglück in den Nahrungsmittelpreisen sehn (tatsächlich kostet ein Ei heute schon 24 Pfennige gegen 7 in normalen Zeiten). Die Stimmung in dem Lokal sei aber umgeschlagen, als dann das Gespräch auf die Juden kam. Die Soldaten hätten sich gerühmt, in Polen die Kaftan-Juden einfach erschlagen zu haben, und die Bürger seien mit dieser Haltung sehr einverstanden gewesen und hätten sich höchst antisemitisch gebärdet ... Judenfeindliche Andeutungen hört man jetzt auch von Leuten, denen sowas früher ganz fern lag, und da bei der Masse – auch der sogenannten Intelligenz – Einsichten und Ansichten ebenso epidemisch auftreten wie Sentiments und Ressentiments, so dürfen wir Juden in Deutschland uns noch auf recht artige Dinge gefaßt machen.

Zenzl, die mich immer wieder durch ihre klugen psychologischen Urteile überrascht, erklärte mir heute die plötzlich hervorbrechende antisemitische Woge mit der angeborenen Anmaßlichkeit des deutschen Volks. Einer beschachert und bewuchert den andern, jeder leidet darunter, aber das deutsche Wesen darf natürlich keine Schuld haben – So einigt man sich stillschweigend auf das Fremde, aufs Judentum. Die Juden (die natürlich keine Spur besser sind als die andern, aber auch nicht ärger) sind die Sünder, das deutsche Volk aber kann untereinander wuchern und ausbeuten und dabei durch das Abschieben der ganzen Schuld auf den dritten sich selbst der großen Zeit völlig würdig fühlen. Es ist garnicht ausgeschlossen, daß diese Stimmung sich wirklich noch in reguläre Metzeleien umsetzen wird. Rußlands Trauer ist Deutschlands Trauer.

Sähen die Juden endlich einmal ein, daß sie von Natur aus in die Opposition gehören, dann stände es längst besser um sie. Aber die Charakterlosigkeit, die zionistische Nationaljuden in deutschvaterländischem Freiwilligentum ersterben läßt, muß sie ja verächtlich machen und setzt sie mit Notwendigkeit gehässigen Intrigen und Verfolgungen aus. Ich warte nun auf das nächste patriotische Volkslied mit dem Refrain: „Hep, hep, hurra!“

 

München, Donnerstag, d. 25. November 1915.

Keine neuen Kriegsereignisse. In Serbien geht’s wie in Belgien. Das ganze Land okkupiert, die Regierung siedelt sich auswärts an (die belgische sitzt in le Havre, die serbische zieht nach Cetinje). Griechenlands Haltung nach wie vor mehr als zweideutig. Da sich aber die Gerüchte, England und Frankreich hätten die Blockade verhängt und bereiteten ein Ultimatum vor, offenbar nicht bestätigen, dürfte der Jubel, wir kriegen wieder einen neuen heldenmütigen Bundesgenossen, verfrüht gewesen sein. Im Gegenteil ist die Möglichkeit noch keineswegs ausgeschlossen, daß die Lumpenbagage, die das Bündnis mit Serbien braute, sich eines Tages doch wieder drauf besinnen könnte, und dann werden wir erfahren, daß ganz Griechenland aus bestochenen Schurken besteht, die überhaupt den ganzen Weltkrieg verschuldet haben. Lügen und Verleumdungen sind jetzt überall billiger als Brombeeren, und irgendwelche Scham bei Presse- oder Regierungsleuten wird man vergeblich suchen. Dessen ein neues Beispiel bietet jetzt die deutsche Regierung in einer Auslassung in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“. Da wird vor Schwarzseherei in der Ernährungsfrage gewarnt und darauf aufmerksam gemacht, zu welchen Lügen die ausländische Presse schon gekommen sei, um Deutschland als dem Verhungern nahe bloszustellen. In Berlin seien Krawalle gewesen, das Militär liege alarmbereit in den Kasernen, die Aufruhrparagraphen seien angeschlagen gewesen, kurz lauter Dinge, die in ganz Deutschland die Spatzen von den Dächern pfeifen. Ob man wirklich glaubt, durch so plumpe Ableugnungen im Ausland andre Meinungen zu erwecken? Meiner Meinung nach wird nur erreicht, daß das deutsche Volk über Regierungsdekrete das Lachen lernt. Allerdings muß es das insgeheim tun. Denn die „Verbreitung von Gerüchten, die geeignet sind, Beunruhigung zu erregen“ wird schwer geahndet. Vor einigen Tagen wurde vom Reichsgericht die Verurteilung eines Berliners zu 3 Monaten Gefängnis bestätigt, der herumerzählt hatte, Italien habe an Deutschland den Krieg erklärt. Wochenlang hat kein Mensch bestimmt gewußt, ob es geschehn sei oder nicht, der Reichskanzler hat im Reichstag eine Rede gegen Italien gehalten, worin es völlig als erklärter Feind behandelt wurde. Das Ausbleiben der Kriegserklärung ist so sehr nur Formalität, daß ihr Ereignis ebenfalls nur noch eine Formalität wäre, – die übrigens grade neuerdings als nahe bevorstehend angesehn wird. Der Verurteilte hat zweifellos fest an das geglaubt, was er erzählt hat. Aber 3 Monate Gefängnis werden ihn schon patriotische mores lehren!

Kutscher ist wieder auf Urlaub in München. Dieser erklärte Patriot meint, daß sich mit Waffen jetzt garnichts mehr erzielen lassen werde. Der Rest bleibe Aufgabe der Diplomatie (derselben, die das Unglück herbeigeführt hat). Die Zahl der bisher gefallenen Reichsdeutschen gab er auf 550.000 Mann an, die der deutschen Gesamtverluste auf 2 Millionen. Wenn man ihn, der das Kriegführen fürchterlich satt hat, und seine eignen Aussichten auf Lebend Davonkommen überaus pessimistisch beurteilt, aber fragt, ob man nun unter Wiederaufrichtung des status quo ante Frieden schließen solle, dann fürchte ich, wird auch er mit dem schönen Wort „Durchhalten“ daherrollen. Gestern war Heinrich Mann und Rößler bei uns zum Kaffee. Da fand ich im Gespräch mit Mann (der wieder viel Wertvolles aussprach) ein ganz gutes Bonmot im Hinblick auf den Vormarsch der Engländer auf Bagdad: „Wir werden noch solange durchhalten, bis wir besiegt sind!“

In der „Münchener Zeitung“ finde ich heute unter der Spitzmarke „Was nicht alles passieren kann!“ diese Korrespondenz aus Nürnberg vom 24. Nov.: „Der Magistrat beschloß, den Befehl zur Einweisung in die Irrenanstalt Erlangen nachträglich gegen einen Drechsler aufzuheben. Dieser war aus der Anstalt entsprungen, wurde beim Militär probeweise eingestellt und hat sich inzwischen das Eiserne Kreuz und die Silberne Tapferkeitsmedaille erworben.“ – Die Nutzanwendung zieht die Zeitung nicht, daß es die Tollhäusler sind, die im Kriege am wenigsten Hemmungen zu überwinden brauchen, und die daher die größten Chancen haben, Ruhm und Ehren zu gewinnen.

Heinrich Mann erzählte eine reizende Episode, die im „Matin“ gestanden hat. Irgendwo in Frankreich wurden deutsche Gefangene eingebracht. Eine Abteilung militärisch eingekleideter Senegalneger sieht sie und bricht in den Ruf aus: „Ah! Les sauvages! Les sauvages!“

 

München, Freitag, d. 26. November 1915.

Meine eheliche Treue wird zum ersten Mal einer harten Probe unterworfen, und nach allen Präludien bezweifle ich, ob sie standhalten wird. Gestern abend ist Frau Ehrengard Schultz geb. Besser aus Berlin bei uns zu Gast angekommen, eine Freundin von Lannatsch Schickele, mit der sich Zenzl in Berlin heiß angefreundet hat. Schon heute vormittag standen wir so miteinander, daß jede Minute des Alleinseins mit Küssen und Zärtlichkeiten ausgefüllt wurde, und ich glaube kaum, daß meine seit Fifis mißtönigem Abschied konsequent durchgeführte Monogamie eine mehrstündige Abwesenheit Zenzls vom Hause überdauern würde. Denn, soviel kann ich mir schon sicher eingestehn: Ehrengard ist ein ganz famoser Mensch, und ich bin auf gutem Wege, sie von Herzen lieb zu kriegen. Wie ich Zenzl kenne, hat sie schon heute gewittert, was los ist. Aber sie ist so vernünftig und tolerant, daß ich, solange wir uns gegen sie taktvoll verhalten, keine Konflikte fürchte. Sie kennt mich ja schon zu lange, um nicht zu wissen, daß ich auf die Dauer keine „Treue“ halten kann ... Ehrengard plant, sich ganz in München anzusiedeln. Mein Verstand fürchtet allerlei von der Ausführung dieser Idee, aber mein Herz und meine Sinne sehnen sie stürmisch herbei, und die sind ja doch klüger als warnende Erwägungen und kritischer Verstand.

Ehrengard brachte als neueste Neuigkeiten aus Berlin zwei interessante Tatsachen mit: daß letzten Sonntag in Berlin neue Frauen-Demonstrationen stattgefunden haben, und zwar Ansammlungen Unter den Linden und vorm Schloß; die aber so schnell und gründlich zerstreut und durch Massenverhaftungen zeugenlos gemacht wurden, daß niemand genaueres darüber weiß, – und zweitens: daß Professor Nicolai nach dem, dem wir beiwohnten, kein Universitätskolleg mehr halten konnte, da man ihn auf seinen Militärarztposten nach Graudenz zurückberufen hat. Es wurde also der Modus gefunden, durch den der peinliche Mann seinem jugendvergiftenden Einflusse wirksam entzogen ist, ohne daß dadurch die akademische Lehrfreiheit formell angetastet wäre.

Die griechische Frage scheint gelöst zu sein, und zwar dadurch, daß die Kriegführenden aller Parteien sich auf gewisse, von der Athener Regierung gewünschte, Spielregeln geeinigt haben. Danach werden die geschlagenen Serben nicht auf griechisches Gebiet flüchten, die verfolgenden Bulgaren an griechischem Gebiet vorbeibalanzieren, die Franzosen und Engländer auf ihre Forderungen nach Einhaltung der Bündnispflicht gegen Serbien oder Demobilisierung verzichten, und die Griechen in dem Sinne neutral bleiben, daß sie den Alliierten in Saloniki und zum Durchmarsch durch griechisches Gebiet die Konzession erteilen. Ein Affentheater sondersgleichen, aber amüsant, daß das kleine von beiden Seiten schwer gedrängte Griechenland über Rußland und Frankreich ebenso wie über Deutschland und Österreich Sieger geblieben ist. Aber eine Frage drängt sich auf: Wäre Deutschland Griechenland gegenüber in der Lage Englands gewesen – wären Athen und die Überreste des alten Hellas nicht längst von 42cm-Geschossen in Asche zerschüttet worden?

Bei Steinicke fand gestern abend ein Vortrag statt, in dem Kutscher (seit einiger Zeit Professor) aus dem ungedruckten Teil seines Kriegstagebuchs vorlas. Was er rein erzählend über seine Mitwirkung an den Vogesenkämpfen des letzten halben Jahres vorbrachte, war überaus interessant, da man dadurch ein zwar sehr schreckliches aber doch lebendiges Bild von der eigentlichen Kriegführung erhielt. Wie so ein Sturmangriff vorbereitet und durchgeführt wird, wie ein Schuß aus einem Minenwerfer 200 in einem Erdtrichter versammelte Franzosen in Fetzen reißt, wie nach einem Vorstoß der Franzosen 4000 Mann von ihnen tot auf dem Platze liegen, über Beschäftigung, Aufenthalt, Lebensart der Offiziere und Leute in und vor ihren Erdhöhlen und dergl. Daß es Kutscher aber nicht lassen konnte, Abstecher ins Philosophische zu unternehmen, ist schlimm. Er brachte eine Verteidigung des Kriegs als naturgewollte Notwendigkeit vor, die sträflich töricht war. Wieder mal der Drusch jenes abgestandenen und mißverstandenen Darwinstrohs, gegen das Nikolai so gut polemisierte. Freilich gebe es in der Natur den Kampf aller gegen alle. Aber wenn der Löwe die Gazelle tötet, so vermindert sich zwar die Gazellensubstanz, aber die Löwensubstanz vermehrt sich. Die Menschen aber, dank ihrer kritischen Überlegung und selbstbestimmenden Entschlüsse, vermindern ihre eigene Substanz, ohne in der Natur Ersatz zu schaffen. Aber immer von neuem muß man dieses schimpfliche Kriegsargument von denselben Deutschen hören, denen Immanuel Kant das Buch „Zum ewigen Frieden“ schrieb.

 

München, Sonntag, d. 28. November 1915.

Mein Verhältnis zu Ehrengard steigert sich täglich zu größerer Innigkeit. Ich übersehe dabei die Gefahr nicht, die darin besteht, daß die liebe Frau bei uns wohnt. Zwar bin ich entschlossen, in Zenzls Wohnung keinen Ehebruch zu begehn, aber ganz konfliktfrei ist schon jetzt nicht alles vorbeigegangen. Gestern früh hatte ich im Schlafzimmer mit Zenzl eine ernste Auseinandersetzung, wobei Tränen flossen, bis ich ihr versicherte, daß ihr Verdacht, sie sei „ausg’schmiert“ und grade gut genug, mir alles zu richten, ganz unbegründet sei. Seitdem üben wir denn auch mehr Zurückhaltung, und leben unser Zärtlichkeitsbedürfnis in kleinen Weinlokalen mit Damenbedienung aus, ein Verfahren, das mich in guten Tagen Frieda Gross gelehrt hat, die derartige Stätten „Programmlokale“ nannte. Aber es ist bitter, viel engere Verständigung zu erstreben und aus Mangel an diskreten Räumlichkeiten darauf verzichten zu müssen.

Zum Kriege: Griechenland soll nach den neuesten Meldungen den Alliierten einen Teil seines Gebiets als Kriegsarena überlassen haben, und man rechnet anscheinend doch wieder damit, daß es auf englisch-französischer Seite noch eingreifen könnte. Durchsichtig ist, was sich dort vorbereitet, immer noch nicht. Von Einfluß auf die Entschließungen der griechischen Regierung kann vielleicht werden, daß es den verbündeten Deutschen, Österreichern und Bulgaren bis jetzt nicht gelungen ist, die Serben zu „sedanisieren“ (eines der schönen Sprachbereicherungen der großen Zeit). Vielmehr scheinen sich noch starke serbische Kräfte haben nach Albanien und somit ins Bereich der Unterstützung durch die Verbündeten retten [zu] können. Also nicht einmal dieser Teil des deutschen Kriegsplans ist gelungen, sowenig wie die Vernichtung der belgischen Armee bei Antwerpen.

Widerlich scheint es auf dem italienischen Kriegsschauplatz herzugehn. Das Isonzo-Schlachtfeld soll eine entsetzliche Hölle sein. Die Italiener, die bisher nicht haben durchbrechen können, beschießen seit etwa einer Woche Görz mit schweren Geschützen und richten dort ungeheure Verheerungen an. Hier und in Österreich ereifert man sich über diese sinnlose Barbarei fürchterlich. Ich kann aber einen Unterschied zwischen den Beschießungen Görz’ und Reims’ oder Yperns nicht einsehn. Einen Vergleich mit der Behandlung Löwens möchte ich lieber nicht ziehen. Inzwischen rächen sich die Österreicher mit „Repressalien“ hinter der Front, indem sie alle Augenblicke italienische Städte aus Flugzeugen mit Bomben „bedenken“ (das ist Höfers Fachausdruck). Eine Anzahl unersetzlicher Kunstwerke in Verona und Venedig (darunter ein berühmtes Deckengemälde von Tiepolo) ist dabei schon zum Teufel gegangen.

Frau Rosa Langer-Rosenthal, Schwester von Max Rosenthal schrieb mir einen rührenden Brief zur Antwort auf meinen Teilnahmebrief an ihren Vater. Der zeige mein Schreiben den Hunderten von Besuchern und sei durch mich zum ersten Mal zu wirklichem Zorn über den Tod seines Sohns gekommen. Vielleicht ist das ein gutes Mittel, die Menschen vor Wiederholungen des schauerlichen Verbrechens Krieg zu retten, daß man den Schmerz der Hinterbliebenen allgemein in Zorn und Abscheu verwandelt.

 

München, Dienstag, d. 30. November 1915.

Mein Verständnis mit Ehrengard wächst sich zu einer leidenschaftlichen Liebe aus. Sie ist wundervoll lieb und ergreifend zärtlich, wenn auch bisher noch keine Gelegenheit war, uns ungestört von horchender Angst anzugehören. Aber, wenn sie erst dauernd nach München gekommen sein wird, wird sich ja alles von selbst ergeben. Sie hat im Typus ein wenig Ähnlichkeit mit Uli, ihre geistige und gemütliche Art ist der Ella Barths vielleicht ähnlich (so wie ich sie sah, gescheit, witzig, boshaft – nicht wie sie von ihren Kolleginnen geschildert wird), aber Ehrengards Zärtlichkeiten gleichen am ehesten denen Friedas, – und damit spreche ich aus, wie unendlich lieb mir die junge Arztwitwe ist. Alles in unsrer heimlich-wilden Begeisterung hat etwas Romantisches und Absonderliches, das den Reiz erhöht, und Zenzl, der natürlich nicht entgeht, was vorgeht, verhält sich musterhaft taktvoll und lieb. Ich erfahre jetzt ganz, was ich in dieser graden, rechtlichen und seelisch unglaublich klugen Frau besitze: ein Kleinod, für das ich meinem Schicksal nicht dankbar genug sein kann. Die beiden Frauen vertragen sich vorzüglich, und das hat bei beiden nichts Künstliches an sich wie in dem Verhältnis zwischen Lannatsch Schickele und Frau Minna Flake. Es wird an mir, an meinem Zartgefühl und meiner Stärke hängen, meine Gefühle gegen beide Frauen abzugrenzen und mir beider Liebe, die unverdient mein Besitz geworden ist, auch menschlich anständig zu verdienen.

 

Abends ¾ 11 Uhr.

Meine lieben Frauen sind ausgegangen. Wohin, haben sie mir nicht anvertraut, aber Zenzl hat sich in ihr bestes Kleid getan und man hat mir versichert, daß ich vor 12 – ½ 1 Uhr nachts nicht auf ihre Rückkehr zu rechnen brauche. Nun war ich am Kino, und kann jetzt einige auf den Krieg bezügliche Notizen nachholen.

Der vorgestrige Tagesbericht erklärte, der Feldzug gegen Serbien könne jetzt als beendet gelten, da die „kärglichen Reste“ der serbischen Armee, die über 100.000 Mann an Gefangenen und wohl noch mehr an Toten und Verwundeten verloren haben, und denen attestiert wird, daß sie sich „brav geschlagen“ haben, in die albanischen Berge geflüchtet seien und der Zweck der Operation, nämlich die direkte Verbindung mit Konstantinopel, erreicht sei. Da im Bericht von gestern sowohl wie im heutigen von weiteren Verfolgungskämpfen mit den Serben geredet wird (heute wird u. a. die Einnahme Prizrends durch die Bulgaren gemeldet), scheint der Krieg dort doch noch nicht zuende zu sein, und die erstaunliche Wendung im gestrigen österreichischen Bericht, daß in Bosnien jetzt kein Montenegriner mehr stehe, belehrte uns, daß das kleine Montenegro bis jetzt auf österreichischem Boden fechten konnte, daß also die montenegrinische Armee doch wohl noch stark als gegnerischer Faktor in Frage kommt ... Wohl, um auf die neue Enttäuschung über das Mißlingen der beabsichtigten „Sedanisierung“ (warum nicht „Tannenbergisierung“?) ein Pflästerchen zu pappen, gab der alte Herr Ohl – so nennen die Offiziere die Oberste Heeres-Leitung – gestern einen weitschweifigen Überblick über den Verlauf des deutschen Serbenfeldzugs, in dem der empörende Passus stand, die deutschen Verluste, so bedauerlich sie „an sich“ seien, müßten als geringfügig bezeichnet werden. Max Rosenthal liegt, wie mir seine Schwester schrieb, an einer Landstraße bei Semendria begraben. Das ist „an sich“ also bedauerlich, aber der Verlust muß als geringfügig bezeichnet werden!

Über Griechenland, und neuerdings auch wieder etwas mehr über Rumänien, geht das fruchtlose Rätselraten weiter, an dem ich mich nicht mehr beteiligen mag. Qui vivra, verra. Auch das wird man füglich abwarten können, ob unsre Schicksalsgeneräle das phantastische Projekt einer deutschen Wiederholung des napoleonischen Aegytenfeldzugs wirklich unternehmen werden. Kutscher, der gestern mittag unser Gast war, meinte, es sei der einzige Weg, zum Sieg über England und damit zum Frieden zu kommen, daß man den Suez-Kanal beschlagnahmte und damit den ganzen englischen Handel und die englische Weltwirtschaft kaputschlüge. Ich bin sehr andrer Meinung. Abgesehn von dem Wagnis des Unterfangens, aus dem sich leicht eine Variation der Moskau-Katastrophe von 1812 ergeben könnte, scheint mir auch das Gelingen der Sache ohne Bedeutung für den Ausgang des Kriegs. Die englische Meeresherrschaft bestand auch vor Eröffnung des Suez-Kanals (die m. W. erst um 1880 stattfand): Der Handel könnte, da Englands Flotte das gesamte Weltmeer konkurrenzlos beherrscht, freilich mit einiger Verzögerung während des Kriegs einfach den Umweg um Südafrika nehmen, wie ehedem. Nachher kriegen wir doch „die Freiheit der Meere“! Ein Sieg dort unten aber würde irgendeine Veränderung auf dem europäischen Kriegstheater sicher nicht bedeuten.

Gestern abend Krokodil, mein letztes friedenthalfreies Refugium, um mit gescheiten Leuten zusammenzukommen: Wedekind war da, Martens, Schmid und Kutscher (den ich freilich kaum mehr unter die gescheiten Leute rechnen darf). Kutscher, der zwar der Meinung ist, daß mit den Waffen verändernde Erfolge nicht mehr erzielt werden können, ist gleichwohl auch für „Durchhalten“, redete viel törichtes Zeug vom Vaterland, worunter er, von mir in die Enge gedrängt, freilich blos deutsches Wesen, deutschen Charakter und ähnliche Fundamente seelischen Deutschtums verstanden haben wollte, und ereiferte sich heftig für die sittliche Rechtlichkeit des Kriegs an sich. Wedekind sagte viel sehr Kluges und Schönes, wobei er seiner Art nach niemandem Unrecht gab, aber, indem er Kutscher konstant beipflichtete, ihn, ohne von den andern verstanden zu werden, besonders ironisierte. So meinte er, der Krieg sei da, um sich selbst zu überwinden – ebenso wie Seuchen oder Verbrechen –, um uns also den Weg zu seiner Verhütung zu demonstrieren. Dieser spezielle Krieg werde den deutschen Militarismus als Ursache zu Kriegen dadurch ausschalten, als er Europa militarisieren werde. Als ich darauf erklärte: „Sie sind ja noch pessimistischer als ich“, fühlte sich Wedekind durchschaut, lachte unbändig und trank mir zu.

Kutschers Behauptung, mein Kampf werde sich nach Friedensschluß noch viel schwieriger gestalten als vor dem Kriege, da die Millionen, die aus dem Felde zurückkehren, geschlossen zum Kriege bekehrt seien, wird man wohl mit einem dicken Fragezeichen versehn können. Hätte Wilhelm seinerzeit seine „Impulsität“ bremsen können, und hätte er nicht, um Sedan 1914 in Paris feiern zu können, die Marneschlacht forciert, – wäre also die deutsche Mannschaft nach kurzem Abenteuer triumphbehangen durch die Siegestore in die Heimat zurückgekehrt, – dann wäre es denkbar, daß er recht behalten hätte. So aber – –, die mit dem Leben davonkommen, werden Pazifisten sein. Sonst müßte man ja am Weltgeist selbst verzweifeln.

 

München, Donnerstag, d. 9. Dezember 1915.

Ehrengard ist vorgestern abend abgereist, nachdem sie in der Hiltenbergerstraße eine Wohnung gemietet hat. Sie wird sie beziehn, sobald sie ihre Wilmersdorfer Wohnung los ist, spätestens aber am 1. April. Wie sich dann unsre Beziehung anlassen wird, fragt sich noch, nachdem sie letzte Woche einen dramatischen Charakter angenommen hatte. Die Frau ist mit sinnloser Leidenschaft in mich verliebt, vermochte es aber nicht, ihre Gefühle vor Zenzl genügend zu meistern, und so gab es Taktfehler und arge Verstimmungen. Zenzls grade Art fühlt sich enttäuscht, da Ehrengard als ihre Freundin ins Haus kam und ihr etwas hysterischer Charakter nun intrigante Absichten wahrnehmen ließ ... Ich selbst kam mir recht verloren vor in der Geschichte. Auf der einen Seite die starke und unbeirrbare Liebe zu Zenzl, die in völligem Vertrauen und im Gefühl sicherster Geborgenheit ruht, auf der andern die stärkste sinnliche Befangenheit in Ehrengards weiblichen Reizen, erhöht durch die Eitelkeit, von der Frau maßlos geliebt zu werden. Mein Wunsch wäre, bei ihrer Wiederankunft auf beiden Seiten gehörige Abkühlung zu wissen, dann kann eine recht gute Freundschaft zwischen uns werden, obwohl Zenzl schwer verletzt ist durch Ehrengards „preußische Frechheit“, wie sie sich ausdrückt. Interessant war mir zu erfahren, daß Ehrengard in grader Linie von Schleiermacher abstammt: ihr Vater ist der Sohn von Schleiermachers jüngster Tochter ... Der letzte Tag – wir hatten im Englischen Garten tiefe Zärtlichkeiten getauscht – machte mich Ehrengard zum Vertrauten ihrer Vergangenheit und beichtete mir Dinge, die irgendwelche Fixierung auf weißem Papier nicht vertragen, die mich aber tief erschütterten und mit heißem Mitgefühl für die arme schwergeprüfte Frau erfüllten. Wüßte Zenzl was ich weiß, sie urteilte auch nachsichtiger. Ich hoffe, daß das Erlebnis Ehrengard in seinem bewegten Teil hinter mir liegen möge. Aber ich traue mir nicht.

Durch die ganze Woche Tagebuch-Abstinenz ist meine Kriegschronik stark zurückgetreten. Jetzt kommt Zenzl von Einkäufen heim. Ich gehe ins Café und werde das Versäumte im Gedächtnis zu sammeln und dann morgen aufzuschreiben versuchen. Es ist allerlei Wichtiges dabei.

 

München, Freitag, d. 10. Dezember 1915.

Die Belastungsprobe unsrer Ehe durch die Ehrengard-Episode war schwerer, als ich annahm. Zenzl leidet offenbar tief unter meiner Schwäche, und ich werde – das hat mir besonders deutlich die dramatisch-ernste Aussprache heute nacht gezeigt – noch viel Gutes an ihr tun müssen, bis sie überzeugt sein wird, daß keine Begegnung imstande ist, mich ihr zu entfremden, oder das Wissen um meine Lebensbindung an ihr Schicksal zu erschüttern.

Notizen zum Kriege. Als beträchtlichstes Ereignis der letzten 14 Tage betrachte ich die Niederlage der Engländer bei Ktesiphon an der Irak-Front in Mesopotamien. Damit ist ihr Vormarsch auf Bagdad, dessen Einnahme nahe bevorstehend schien, wahrscheinlich für lange Zeit und vielleicht für immer gestoppt. Der Sieg der Türken ist in der englischen Presse und im englischen Parlament von Abgeordneten und Regierungsrednern unverhüllt zugegeben worden, im Gegensatz zu der Gepflogenheit bei uns, alles Ungünstige zu vertuschen und zu beschönigen. (Tatsächlich ist seit Kriegsbeginn außer der – in Wirklichkeit ganz bedeutungslosen – Schlappe bei Schirmeck noch kein einziger deutscher Mißerfolg zugegeben worden).

Italien ist dem Entente-Vertrag beigetreten, wonach es wie England, Rußland, Frankreich und Japan keinen Sonderfrieden schließen wird. Das ist ein Schlag ins Comptoir für unsre Diplomaten, die sicher geglaubt haben dürften, Italien bald mit der notwendigen Bewilligung der seinerzeit zugestandenen irredentistischen Gebietserweiterungen abzufertigen. Harden führt den Entschluß der italienischen Regierung auf die durch die Versenkung der „Ancona“ erregte Volksstimmung zurück.

Wilson hat eine sehr scharfe Erklärung gegen die die amerikanische Neutralität gefährdenden Machenschaften der Deutsch-Amerikaner losgelassen. Offenbar im Zusammenhange damit steht das die deutsche Regierung schwer blamierende Verlangen der Vereinigten Staaten, den deutschen Militär- und den Marine-Attaché abzuberufen. Da werden noch nette Giftmischereien offenbar werden.

In der Baralong-Affaire ist eine Drohnote Deutschlands an England abgegangen. Es handelt sich um die Ermordung einer deutschen U-Boot-Besatzung durch die Mannschaft des unter falscher Flagge fahrenden englischen Hilfskreuzers „Baralong“. Die deutsche Regierung fordert die Bestrafung der Schuldigen nach dem Kriegsrechte und kündigt andernfalls schwere Vergeltungsmaßregeln an. Die können nett ausfallen! – Die Affaire selbst ist ganz schändlich. Aber man kann sicher sein, daß die englische Presse, sobald sie sich dazu äußern kann, sie auch ganz schändlich finden wird, während bei uns die „Lusitania“- und Löwen-Verbrechen vom ganzen Volk gebilligt wurden.

Gestern tagte wieder mal der Reichstag, der neue 10 Milliarden bewilligen soll und wird. Für die Sozialdemokraten sprachen Scheidemann und Landsberg, zwei rückgratlose Wortscheißer, nachdem die Fraktion mit der alten Übung, bei auseinandergehenden Ansichten von jeder einen Redner vorzuschicken, gebrochen und der Minderheit der Haase-Liebknecht-Bernstein-Richtung das Maul verbunden hat. Ein neuer Beitrag zum Wert des Parlamentarismus. Der lederne Kanzler hat wieder unter brausendem Beifall nichts gesagt, als daß wir herrlich daständen, daß wir bereit seien, in Friedensverhandlungen einzutreten, sobald die „Feinde“ eingesehn hätte, daß sie besiegt seien. Er versicherte wiederum, daß man weiterkämpfen werde, „um zu vollenden, was Deutschlands Zukunft von uns fordert“. Natürlich hat von den 400 „Volksvertretern“ kein Einziger die Gelegenheit oder den Mut gehabt zu fragen, was denn nun eigentlich das sei, was nach Bethmanns Ansicht „Deutschlands Zukunft“ erfordere. Sie machen Phrasen und lassen sich mit Phrasen abspeisen. Aber sowas macht heutzutage Weltgeschichte!

 

München, Sonnabend, d. 11. Dezember 1915.

Meine Geldmittel schmelzen dahin wie Spätschnee im Mai. Am 26. November wurden 10.000 Mark an die Bayerische Handelsbank überwiesen. Davon zahlte ich 4200 an Steinebach und hob bis jetzt 1300 Mark ab, die teils für Haushalt und Anschaffungen draufgingen, teils für kleinere Schulden und Geschenke, und nun muß ich wieder heute 825 Franken als dringliche Zahlung nach Bern senden, was jetzt besonders schmerzlich ist, da, wie ich neulich, als ich 100 Fr. an Johannes Nohl sandte, erfahren mußte, die deutsche Valuta unglaublich niedrig ist. Die 100 Franken kosteten nämlich statt 80 Fr.[Mk] in normalen Zeiten 95 Franken[Mark], sodaß die heutige Sendung mich über 100 Mark teurer kommt als unter gewöhnlichen Umständen. Ich werde versuchen, Margrits Schulden im deutschen Reich zahlen zu dürfen, da die Begleichung meiner Gesamtschuld an sie in Schweizer Kurs mich fast 1000 Mark zu teuer käme ... Es sind noch mindestens 2000 Mark, die an sie gezahlt werden müssen. Dann kommen noch die 1500 Mark an Diro Meier wegen jeder „Komet“-Blödheit (da hoffe ich, etwas abhandeln zu können), und 400 Mark an Kaderschafka. Wenn ich nichts erhebliches vergessen habe, werde ich allerdings nach Erledigung dieser Summen wohl schuldenfrei sein. Aber wie Gutes hätte man dafür leisten können!

Was ich gestern über den Krieg nachholte, ist nur durch Weniges zu ergänzen. Serbien wird unentwegt weiterbesiegt, ohne daß die Abschneidung der Armee gelungen wäre. Im gleichen Stil geht es jetzt gegen Montenegro los, wobei aber vor etwa 3 Wochen im Höferschen Tagesbericht eine interessante Tatsache „verlautbart“ wurde. Man schlug irgendwo die Montenegriner zurück und knüpfte daran die Bemerkung, daß nunmehr kein Montenegriner mehr auf bosnischem Gebiet stände. Bis jetzt also hatte, was niemand wußte, das winzige Montenegro den Krieg auf österreichischem Boden führen können. Ich schrieb 1913 im „Kain“, bei einem Kriege zwischen Österreich und Montenegro sei es noch lange nicht sicher, ob die Österreicher in Cetinje oder die Montenegriner in Wien einziehn werden.

Das Affentheater, das Griechenland mit Europa spielt, geht amüsant weiter. Der König Konstantin, der zuerst, wahrscheinlich aus dynastischer Sentimentalität, den Vertrag mit Serbien brach, ängstigt seitdem mit geschickter Rabulistik beide Mächtegruppen mit billigem Wohlwollen gegen die Gegner. Die griechische Regierung scheint eisern entschlossen, die Neutralität à tout prix zu wahren, was bei der völligen Unsicherheit, wem schließlich der Sieg zufallen wird, gewiß das Gescheiteste ist, da ja leider diese Dinge in aller Welt nicht aus Menschlichkeits-, sondern aus Zweckmäßigkeitserwägungen entschieden werden. Ob man ihnen die Länder zerstampft, die Städte zertrümmert, die Menschen mordet und zu Krüppeln schießt, und das ganze Volk moralisch und materiell verkommen läßt, das ist für keine Regierung ein Grund, den Frieden dem Kriege vorzuziehn. Daß Rumänien noch in den Weltbrand eingreifen wird, steht allen klügeren Beobachtern ziemlich fest. Nur wartet da die Regierung noch, wer schließlich Sieger sein wird. Es ist noch keineswegs sicher, daß man dort zu dem gleichen Resultat darüber kommen wird wie in Bulgarien.

Vorgestern war ich bei Frau Steinicke im Geschäft. Sie erzählte, daß seit nahezu 4 Wochen Postsperre ins Feld hinaus besteht. So weiß sie nicht, ob ihr Mann noch in Serbien ist, ob wieder in Frankreich oder etwa auf dem Wege nach der Türkei. Sie ist furchtbar erregt und wütend über die ganze Sauerei und fürchtet arge Zerwürfnisse in ihrer Ehe, da ihr Gatte, wie sie bei einer flüchtigen Begegnung vor einigen Monaten erkannte, ganz in militärischen Dinge aufgehe. Auf ihre Frage, für wen denn eigentlich das ganze schreckliche Morden geschehe, antwortete ich ihr: Für die Unabkömmlichen!

 

München, Sonntag, d. 12. Dezember 1915.

Zenzl ist in Freising, um ihren früheren Mann zu besuchen und dem armen Kerl, der mit seinen 40 Jahren und vernünftigen Ansichten als Rekrut angedrillt wird, ein paar Nützlichkeiten zu bringen. Ich lasse grade von meinem kleinen Stiefsohn Kaffee zubereiten. Dessen Vormund soll ich übermorgen werden und freue mich darauf, guten Einfluß auf den Jungen nehmen zu können. Er ist ein aufgeweckter netter bescheidener und kritisch-bewußter Bursche, nicht humorlos und freien Ansichten offenbar von Natur gewogen und umso besser zugänglich. Den Krieg lehnt er aus eignem Instinkt ab. Fühlt auch garkein Verlangen nach patriotischem Tun, wie zum Beitritt in die „Jugendwehr“, wozu unsre Schreier die Kinder pressen möchten.

Eben komme ich von einer langen Unterredung mit Heinrich Mann. Er hat im „Matin“ einen der „Berner Tagewacht“ entnommenen Artikel gelesen, wonach während der letzten Reichstagsverhandlungen wieder umfangreiche Demonstrationen in Berlin stattgefunden haben. Der Zug von 10.000 Personen, in der Mehrzahl Frauen, aber auch Soldaten darunter, sei vom Osten aus durch die Linden gezogen, im Schloß seien Scheiben eingeschlagen worden. Große Schutzmannsaufgebote hätten sich entgegengestellt, den Einmarsch in die Wilhelmstraße verhindert, und es sei viel verwundet und verhaftet worden. Darauf habe sich der Zug vor das Reichstagsgebäude bewegt, die Frauen haben gerufen: „Unsre Männer erschießt man, und uns massakriert man!“ – und die Aufregung sei groß gewesen ... Man wird jawohl einiges von diesen Dingen abstrahieren dürfen – besonders daran glaube ich schwerlich, daß sich uniformierte Soldaten beteiligt hätten; die deutschen Soldaten haben Mut nur auf Kommando –, aber sicher ist irgendwas Wahres dran, und daß man bei der herrschenden Stimmung doch schon alles als möglich annehmen muß, ist schon viel und gibt Hoffnungen.

Die Reichstagssitzung erweist sich immer mehr als blutige Verhöhnung des Volkswillens und als dummer Bluff, eine Stärke vorzutäuschen, die längst nicht mehr vorhanden ist. Der Reichskanzler hat sich mit seinen Annexionsplänen deutlicher hervorgewagt, indem er dem Gegner die „Einfallstore“ verrammeln zu müssen versprach, Herr Dr. Landsberg hat nach den Salbadereien der Unverbindlichkeit, die Scheidemann gestammelt hatte, vor dem nationalistischen Deutschland tief Kotau gemacht und erklärt, wir würden den Feinden das Messer aus der Hand schlagen, – und nur Haase fand bei einer geschickt arrangierten Geschäftsordnungsdebatte gute starke Worte, die der wahren Meinung des Volks Ausdruck gaben. Wirksam waren auch wieder die Zwischenrufe Liebknechts, den man im ganzen Lande als eitlen Poseur auszutrompeten beliebt. So geht es – ich habs erfahren – in Deutschland jedem, der selber denkt.

H. Mann stellte heute diese Hypothese auf: Deutschland macht jetzt in rasender Geschwindigkeit die Entwicklung der andern Länder durch und befindet sich jetzt etwa im Stadium des Frankreichs Ludwigs XIV. Der Staatsbegriff dominiert derart, daß alle Menschlichkeit und aller Anstand vor diesem abstrakten Popanz in die Wicken geht. So werden wir bald beim Bonapartismus anlangen, und nachher sei vielleicht der Weg zu besserer Entwicklung frei.

Amüsant ist die Beziehung Deutschlands zu Österreich. Nach der Ausschiffung dreier österreichischer Minister, die der Verpreußung des Landes skeptischer zugesehn haben sollen und ihrer Ersetzung durch in Berlin genehmere Persönlichkeiten, scheint der völligen Unterwerfung der Verbündeten nichts mehr im Wege zu stehn. Die Zollverhandlungen und vor allem die Organisation der Lebensmittelversorgung, die völlig für beide Länder in deutsche Hände gelegt ist und schon zur Inhibierung schwedischer Zufuhr nach Österreich durch Deutschland geführt hat, lassen noch hübsche Dinge erwarten.

Ich beschäftige mich wieder intensiv mit dem Gedanken an konspiratives Arbeiten. Nur will noch garkein realisierbarer Plan gedeihen!

 

München, Montag, d. 13. Dezember 1915.

Zenzl brachte aus Freising viel Erzählenswertes mit. Von den 40jährigen Rekruten, die mit Engler einrücken mußten, sind schon drei durch Selbstmord weiteren Chikanen ausgewichen. Man verlangt von den alten Leuten dasselbe wie von frischen Jungens und peinigt sie elend, um das Unmögliche aus ihnen herauszupressen. Zwar ist der Leutnant, der die armen Menschen in den Tod getrieben haben soll, rasch durch einen andern ersetzt worden – weil weitere Selbstmorde dem Regiment zur Schande gereichen würden, indem sie wahrscheinlich auf Disziplinmangel zurückgeführt würden – aber die Stimmung unter den Mannschaften, mit denen Zenzl frisch von der Leber weg und mit großer Zustimmung gesprochen hat, soll doch schon recht revoluzzisch sein. Nur von der Stimmung bis zu Taten – oder vielmehr Tatenverweigerung – ist ein langer Schritt.

Ein Gegenstück, von dem mir Siegfriedl berichtete. In der Wilhelmsschule habe ein Lehrer vor den Jungen sehr unerwünschte Aeußerungen getan. Der Sohn eines Majors habe den zuhause verpetzt, der Major habe Anzeige erstattet, und der Lehrer sei zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die Mitschüler des Offizierssprößlings aber hätten ihren Denunzianten einmütig grün und blau geschlagen: Das ist ein gutes Zeichen, daß unsre Jugend noch nicht ganz nationalistisch verdorben ist.

Seit mindestens einer Woche ist immer wieder wispernd die Rede von einer unmittelbar bevorstehenden großen deutschen Offensive in Frankreich. Der Generalfeldmarschall v. Mackensen soll in München gewesen sein, um einen Mediziner zu konsultieren. Dem habe er die Absichten der Heeresleitung anvertraut. Nun weiß wieder jeder ungeheuer viel, darf aber nur in geheimen Andeutungen reden und sagt also dreimal soviel als er wirklich weiß. Türkisches Militär soll teils an die Doberdo- teils an die flandrische Front geschickt worden sein, riesige Truppenverschiebungen verhinderten seit 4 Wochen den Eingang von Feldpostbriefen (daran ist etwas Wahres) und es sei Gewaltiges im Werk. Ich glaube derartiges Geschwätz nie, wenn auch jetzt schon aus England Prophezeiungen kommen, daß die Deutschen im Westen etwas vorhätten. Was hätte das für Folgen? Daß 150.000 Mann hüben und ebensoviel drüben nutzlos zu den früheren Opfern geworfen würden, daß da oder dort ein paar Kilometer Land gewonnen würden, und daß bei gesteigerter Wut alles beim Gleichen bliebe. Selbst der Patriot Kutscher war der Ansicht, daß militärisch nichts mehr zu erreichen sei, da die französische sowenig wie die deutsche Front zu durchbrechen sei. Alle weiteren Aufgaben fielen der Diplomatie zu. Ich glaube, sie werden auf den Straßen der europäischen Hauptstädte gelöst werden müssen.

Nachher will ich einen Brief an Eduard Bernstein schreiben, und ihm einen Vorschlag machen, der nach Ulk aussieht, aber vielleicht zu Ernsterem führen kann. Der „Deutschen Gesellschaft von 1914“, der Konservative, Liberale und sozialdemokratische Elemente (Göhre, Lensch!, Heine und andre) angehören, und die die Gesinnung von 1914 – natürlich ohne politisch zu sein – über den Krieg hinaus retten will (was davon etwa noch vorhanden ist!), soll – so ist meine Idee, – eine „Deutsche Gesellschaft von 1916“ gegenübergestellt werden, der alle die beitreten sollen, die guten Grund haben, der Konkurrenz nicht anzugehören und auch ihrerseits Verständigung halten ... Von großer Bedeutung wäre es, wenn die Ankündigung der „Leipziger Volkszeitung“ sich bestätigte, wonach sich 34 sozialdemokratische Abgeordnete, mit Haase an der Spitze, von der Reichstagsfraktion trennen und gegen die Kredite stimmen wollen. Der Württemberger Konflikt wäre also zur reichsdeutschen Sache geworden und die Spaltung unvermeidlich. Dann wäre Hoffnung auf Begründung wirklich radikaler Bewegungen in Deutschland. Mit Leuten wie Haase, Liebknecht, Eduard Bernstein wäre auch für uns Anarchisten, bei aller Wahrung unsrer Sonderheit, die Möglichkeit zur Kameradschaft geboten.

Der Konflikt mit Amerika scheint wieder recht krasse Formen anzunehmen. Die verlangte Abberufung der Attachés Boy-Ed und Pape soll damit zusammenhängen, daß diese Herren terroristische Akte gegen amerikanische Munitionsfabriken und munitionsbeladene Schiffe organisiert haben. So sympathisch mir solche anarchistischen Taten an sich sind, so überraschend sind sie doch als Aeußerungen amtlicher Staatsvertreter. Natürlich bestreiten unsre Offiziösen alles – sie werden aber wohl auch noch die Kosten bestreiten müssen.

 

München, Dienstag, d. 14. Dezember 1915

Ein tragikomisches Telegramm von Onkel Leopold: „Sende 9 Pfund Speisebutter!“ Sie gehn eben als Eilpaket ab. Auch Ehrengard schrieb, daß die Buttergeschäfte in Berlin umlagert seien und nur die wenigsten Frauen das Glück hätten, welche zu erwischen. Dort ist es also nun soweit, daß Geld auch nicht mehr nützt, da die Verbrauchsnotwendigkeiten selbst schon fehlen. Aber der englische Aushungerungsplan ist völlig gescheitert! Hier ist das Fenster, durch das das erste Morgenrot des Friedens scheint – nirgends anders.

Die amerikanische Regierung hat wegen der „Ancona“-Angelegenheit eine unglaublich scharfe Note nach Wien gerichtet. Darin wird mit dürren Worten gesagt, daß in der Versenkung des Schiffes alle zivilisierten Nationen einen Akt der Unmenschlichkeit und Barbarei erblickten und die Forderung aufgestellt, daß der Kommandant des betr. U-Boots bestraft und den geschädigten Amerikanern bzw. den Hinterbliebenen der Getöteten Schadenersatz geleistet werde. Eine derartige Zurechtweisung einer Regierung durch eine andre ist noch kaum je dagewesen, obschon sich Herr Wilson auch Deutschland gegenüber schon ohne Blatt vorm Mund gezeigt hat, und besonders dem Kaiser auf seine Aufklärungsversuche wegen des Löwen-Verbrechens eine Antwort erteilt hat, wie ein Schulmeister einem Quintaner. Ich hege für Wilson keine starken Sympathien, seine Politik Mexiko gegenüber – jene „Strafexpedition“, die dort die Revolution unterdrücken sollte, um unionistische Geschäftsspekulation zu fördern – hat mich diesen Pazifisten mit vielem Argwohn anschaun gelehrt. Vielleicht ist auch seine neuerliche Energie gegen Deutschland und Österreich, die Botschaft gegen die Deutschamerikaner, die Austreibung erst der österreichischen Gesandten, dann der deutschen Attachés und zuletzt des österreichischen Generalkonsuls wirklich mehr oder weniger ein Wahlmanöver, um seinen Posten zu verteidigen (was übrigens ein charakteristisches Zeichen wäre für die wahren Gesinnungen der Amerikaner), – aber es läßt sich bei allem nicht leugnen, daß Wilsons Politik in der „Lusitania“- und „Arabic“-Affaire es in der Tat vermocht hat, den Unterseeboot-Schimpf erheblich einzuschränken, ihn seiner scheußlichsten Technik, dem Meuchelmord gegen friedliche Leute, fast ganz zu entziehn, und dadurch hunderten oder tausenden Menschen das Leben zu retten. Vielleicht wird die Note wegen der „Ancona“-Versenkung auch für das Mittelmeer derartige Folgen haben. Dann wird es ihm wohl wurscht sein, daß sein Vorgehn in Wien (und übrigens auch in ganz Deutschland) den denkbar ungünstigsten Eindruck gemacht hat, da ja die Torpillierung der „Lusitania“ seinerzeit wie ein Sieg gepriesen wurde und die „Ancona“-Untat demgemäß auch den „denkbar günstigsten Eindruck“ erregte. Die Deppen am Stefanie-Schachtisch fanden heute, daß man von Rechts wegen keine Amerikaner mehr im Lande dulden sollte. Ich meide derartige Gesellschaften grundsätzlich nicht. Ich beteilige mich niemals an ihren politischen Gesprächen, aber es ist mir wichtig zu wissen, wie gläubige Kinder Pater officiosus immer noch um sich hat.

Die deutsche Valuta sinkt immer tiefer. Ich sandte nach Bern eine Teilzahlung von 825 Franken. Jetzt erhielt ich die Bestätigung von der Bank, die mir über 820 Mark zu Lasten geschrieben hat, indem sie 100 Franken mit 99,50 Mark berechnete. Ich habe also an dieser Summe etwa 170 Mark verloren, und in wenigen Tagen vielleicht schon wird der Schweizer Franc teurer sein als die deutsche Mark. Unsre Zeitungen aber jubeln und höhnen über den Sturz des Sterlingkurses.

 

München, Donnerstag, d. 16. Dezember 1915.

Hardy schreibt mir (nicht ohne mich zugleich anzupumpen), daß es ihm trotz eifriger Bemühung nicht möglich war, Herrn Pfempfert zu bewegen, meine für die „Aktion“ geschriebene Zurückweisung seiner Angriffe gegen mich anzunehmen. Dieser feige Halunke beabsichtigt also die zeitige Überlegenheit, die ihm die Weiterführung seines Blattes über mich gibt, dazu auszunutzen, mich unter weiteren verleumderischen Schmähungen dauernd kampfunfähig zu machen. Das wird ihm freilich nicht gelingen, aber kampfschwächend wirkt er schon auf mich ein, nicht wegen seiner eignen Schmierigkeit, auch nicht, weil mich seine Manöver ernstlich berühren könnten, sondern weil bei meinen angeblichen Freunden sich die Solidarität zu dem, der freies Papier zur Verfügung stellt, ungeachtet seiner Charakterdefekte als stärker erweist, als zu dem, zu dem sie jeglicher Anstand halten lassen müßte, und weil ich sehe, daß es anscheinend keinen Rückhalt an Menschen gibt, denen man keine Eitelkeitsnützlichkeiten sondern nur Freundschaft und achtbare Gesinnung zu bieten hat. – Ich habe Hardy die verlangten 100 Mark heute geschickt, werde ihnen aber noch einen Brief folgen lassen, in dem ich meine Meinung über seine trübe Eigennützigkeit so wenig zurückhalten werde, wie ich es im Gespräch mit ihm mündlich tat.

Streit war heute hier. Er ist immer noch Leutnant in Neu-Ulm. Seine Ansichten unterscheiden sich von meinen fast garnicht mehr. Wir sprachen über die Möglichkeit einer Revolution in Deutschland, an die ich stark zu glauben anfange. Er zweifelt, so sehr er es wünscht. Aber ist es nicht schon viel, jetzt mit deutschen Offizieren unbefangen gewaltrevolutionäre Pläne erörtern zu können?

Die Lage in Griechenland klärt sich. Die Athener Regierung hat in dem festen Willen, trotz Vertragsverpflichtungen auf der einen und goldnen Versprechungen auf der andern Seite, den Krieg nicht aktiv mitzumachen, beiden Parteien das Feld geräumt. Saloniki wird nun von Franzosen und Engländern zur Verteidigung in Stand gesetzt, und Deutsche, Österreicher und Bulgaren folgen den abziehenden Heeren auf griechisches Gebiet, sodaß der eigentümliche Fall eintreten wird, daß die Stätten der Verwüstung und des Mordes einem Lande gehören werden, das der ganze Handel nichts angeht, außer daß es sich jedenfalls von beiden Seiten gründliche Kompensationen wird zusichern haben lassen. Wie wenig übrigens irgendeins der gegen Deutschland Krieg führenden Länder an die Möglichkeit denkt, die Zentralmächte könnten eines Tags irgendwem die Friedensbedingungen diktieren, erhellt daraus, daß jetzt auch Belgien und sogar Serbien im Begriff stehn, sich dem Londoner Abkommen anzuschließen, wonach keiner der Verbündeten einen Sonderfrieden abschließen kann. Die neuerdings aufgetauchten Gerüchte, Montenegro plane eine Sonderaktion, sind jedenfalls müßig.

Die österreichische Antwort auf die Note Wilsons ist nun da. Herr Burian weicht aus, um Zeit zu gewinnen. Er bemängelt die Oberflächlichkeit in der Begründung der amerikanischen Vorwürfe und stellt die amüsant-überraschende Behauptung auf, die deutschen Anerkennungen der amerikanischen Auffassung von den Pflichten und Rechten der U-Boote gingen die österreichisch-ungarische Regierung nichts an. Daß i nöt lach! Wahrscheinlich ist sogar diese Großschnäuzigkeit deutsches Diktat. Die sogenannten „diplomatischen Beziehungen“ zwischen den U-St.-A und den Zentralmächten scheinen an keinem dicken Faden mehr zu hängen.

Über die jüngsten Vorgänge in China und Persien, an denen Deutschland seinen Anteil zu haben scheint, mag im neuen Heft historiographiert werden.

 

 

 

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