Tagebücher

XVI

 

17. Dezember 1915 – 25. April 1916

 

S. 2328 – 2519

 

 

 

München, Freitag, d. 17. Dezember 1915.

Die monarchistische Bewegung in China hat das Engagement der Welt im Kriege dazu benutzt, ihre reaktionären Pläne dem Ziele nahezubringen, wenn sie es inzwischen nicht schon erreicht hat. Herr Jüanschikai, der erste Präsident der chinesischen Republik, wird, was ich schon im Januar 1914 im Kain als bevorstehend behandelte, in der Geschichte nicht mehr als Befreier von der Mandschu-Tyrannis dastehn, sondern einfach als Begründer einer neuen kaiserlichen Dynastie. Dies alles brauchte ein Tagebuch über den Weltkrieg wenig anzugehn, wenn nicht die Verknüpfungen der gegenwärtigen internationalen Konflikte bedeutsam in die innerpolitischen Vorgänge in China hineinspielten. Es scheint nämlich sicher, daß die monarchistische Verschwörung im Lande von deutscher Seite eifrig gefördert würde, während umgekehrt die Entente, die sich durch ihren japanischen Bundesgenossen im fernen Osten vertreten läßt, durchaus das Fortbestehn der Republik betreibt. Natürlich ist hier wie dort kapitalistisch-praktische Erwägung dabei maßgebend. Aber es muß doch wohl ein fast metaphysisches agens da sein, das Deutschland stets auf die Seite der Reaktion, das Gegenbündnis auf die des Fortschrittes drängt. Überall die gleiche Erscheinung: in China jetzt das gleiche Bild wie seit langem in Portugal. Deutschland stärkt die retardierenden Kräfte des Monarchismus, und die freiheitlicher gerichteten Organe des Republikanismus stellen sich ausgesprochen feindlich gegen die deutsche Politik und Kriegführung. Umgekehrt: das einzige neutrale Land, in dem die deutsche Politik Rückhalt und Zustimmung findet, ist das offizielle Spanien, das verrottetste, verpfaffteste Knechtsland der Erde. Und auch dort stehn die revolutionären Zeitungen und ihr Anhang geschlossen mit ihrer Sympathie auf Frankreichs und Englands Seite. Die schwedische Regierung hat zahllose politische Augenblicksgründe, eine Deutschland wohlwollende Neutralität zu wahren, die Sympathien der großen Masse sind aber auch dort fern von uns. Und daß das Gewalts- und Despotenland κατ ἐξοχην, daß Rußland im Bunde der andern ist, ist nun freilich ein besonders trübes Zeichen für die sittliche Stellung der Zentralmächte in diesem Kriege. Was Krapotkin zu Anfang des Krieges darüber schrieb, ist deswegen traurig, weil es ihn überhaupt auf der Seite der Kriegsbejaher zeigte, und das heißt: der Staatsbejaher, aber damit hatte er gewiß recht, daß er sagte, der preußische Militarismus sei für die Welt die größere Gefahr als der russische Zarismus. Wir dürfen am Ende nicht vergessen, daß es eben der preußische Militarismus war, den der russische Zarismus zu Hilfe rief, als seine Fortexistenz durch die Revolution bedroht war, und daß ihm die Hilfe zuteil ward, indem deutsches Militär einsatzbereit an die polnische Grenze rückte und die deutsche Flotte schußbereit vor Kronstadt kreuzte. Daher die Einmütigkeit der Russen, mit ihrer verhaßten Regierung zusammen den deutschen Feind zu bekämpfen, in dem alle revolutionären Elemente das Bollwerk der Reaktion auch ihres Landes richtig erkennen. Völkerpsychologisch gehörte aus dem Verbande der Gegner nur Japan in diesem Kriege auf Deutschlands Seite, und für später sehe ich auch – besonders, wenn es Deutschland endgiltig gelungen sein wird, die Pläne des Herrn Jüanschikai zu verwirklichen – mit Schaudern die großen Völkerkoalitionen voraus, in denen auf der einen Seite die Kaiserreiche des Ostens: Japan, China, Persien, Rußland, Türkei, Byzanz (Bulgarien), Österreich-Ungarn und Deutschland, auf der andern die Demokratien des Westens: Frankreich, England, Amerika mit Anhang vereinigt sind. Und das wird nun die erste Aufgabe deutscher Kultur-Revolutionäre sein, Deutschland den Eintritt in die Völkergruppe zu eröffnen, die die Zeit der tiefsten Barbarei, das ist die der Weltbedrohung, hinter sich hat und im Massenmord des Kriegs nicht den höchsten Ausdruck sittlicher Höhe erkennt. Gelingt es uns, Deutschland vom östlichen Despotismus zu befreien und ihm die westliche Zivilisation zu erschließen, dann mag wohl die Zeit kommen, wo die Menschheit an einen Dauerfrieden wird denken können. Nur soll keine Staatszivilisation damit gemeint sein.

 

München, Montag, d. 20. Dezember 1915.

Am Samstag war mein neuer Schwager Seppi bei uns, den ich erst kennen lernte. Ein Hüne, bayerisches Bauernblut, primitiv, klobig, aber temperamentvoll und wütend in der Beurteilung des Kriegs, den er von Anfang an mitmachen mußte. Eine Verwundung des rechten Arms, den er kaum mehr zur halben Höhe heben kann, hat die Ersatzkommission, die offenbar allmählich den Boden ihres Gefäßes sieht, nicht gehindert, ihn von neuem als felddienstfähig zu bezeichnen, sodaß er demnächst wieder als Richtkanonier hinaus wird müssen. Ich las dem unverdorbenen und von keiner patriotischen Phrase bestochenen Menschen einiges vor, was ich im Kain über Ethik, Technik und Konsequenz des Krieges geschrieben habe, sowie das Gedicht „An die Soldaten“, womit ich die klarsten Seiten dieses einfachen Herzens traf. – Was er selbst aber aus seinen Erfahrungen erzählte, gab mir außerordentlich wertvolle Bestätigungen. Über die Entsetzlichkeiten gegen die Franktireurs (ich habe mir im dritten Bande der Buchnerschen Kriegsdokumente die Nummer 30a angestrichen, worin rühmend erwähnt wird, wie die Semliner Bevölkerung am Kriege gegen die Serben teilgenommen haben soll). Die armen Leute in den zum Niederbrennen verurteilten Städten (Dinant) mußten, soweit sie nicht erschossen wurden, stundenlang mit den Gesichtern am Boden ausgestreckt auf dem Bauch liegen, während ihre Habe verwüstet wurde und ihre Frauen und Brüder, um ihr Letztes gebracht, auf den Landstraßen umherirrten. Selbst der simple Bauernbursche, der es erzählte, wußte kein andres Wort als „Barbaren“ für die, die das getan haben ... Ferner erzählte er eine Reihe von Fällen, in denen Offiziere von der eignen Mannschaft erschossen wurden. Das ist ja ganz natürlich und kommt überall häufig genug vor, wenn diese Leute in ihrem Machtbewußtsein überkippen und es wagen, lauter erwachsene und bis auf die Zähne bewaffnete Menschen wie das Vieh zu quälen. Jedenfalls steckt eine höhere Sittlichkeit darin, den Tyrannen aus dem Wege zu räumen, als par ordre di Muffti auf ebenfalls gezwungene Unbekannte zu schießen, gegen die man im Herzen nichts Böses empfinden kann ... Sehr wichtig war mir der Bericht über den Armeebefehl des bayerischen Kronprinzen Rupprecht mit den „Hieben von ganz besondrer Art“. Seppl erklärte, damals sei der Befehl ausdrücklich verlesen worden, daß gegen die Engländer „kein Pardon“ gegeben werden solle. Es seien dann auch 162 gefangen genommene Engländer einfach niedergemetzelt worden. Man hat ja dergleichen oft munkeln hören. Aber die Bestätigung eines Zeugen ist doch sehr bemerkenswert ... Wenn die Gesinnung, wie unser Seppi sie hat und offen zur Schau trägt – „Wannst mi braachst, bin i da!“ – erst allgemein sein wird, dann ist der Schritt bis zur offenen Meuterei und Revolution nicht mehr weit. Aber sowas läßt sich nicht machen. Rebellische Stimmungen bestärken, ihre Gründe in Worte fassen, damit sie aus dunkeln Empfindungen zu klaren Überzeugungen werden, das ist alles, was unsereiner tun kann. Die Explosion muß dann von selber kommen. Gott geb’s.

Aus einem Gespräch, daß ich gestern mit Rößler und Heinrich Mann hatte, und das wieder irgendwie auf Friedenthal kam. Rößler meinte, nächstens werde ich noch in meiner Wut soweit gehn, ihn als Ursache des Krieges anzusehn. „Das tue ich auch, sagte ich. Zwar nicht als Individuum, aber als Begriff. Der europäische Schmock hat den Krieg auf dem Gewissen.“ Heinrich Mann erzählte darauf, daß Cambon sich ebenso geäußert habe, der der Presse die Hauptschuld beimesse, und dann fügte er hinzu: „Daher nennt man den Krieg bei uns ja auch nicht infam, sondern heilig!“

Am Mittwoch trifft Ehrengard für ständig in München ein, nachdem es ihr gelungen ist, ihre Berliner Wohnung an den Mann zu bringen. Ich hoffe ernstlich, daß sich keine neuen Tragödien entwickeln werden. Ich persönlich bin fest entschlossen, alles zu vermeiden, was meiner guten Zenzl das Weihnachtsfest oder die Freude an der Zukunft verekeln könnte.

 

München, Dienstag, d. 21. Dezember 1915.

Der kürzeste Tag. Der Winter beginnt, ohne ein Ende der schlimmen Zeit voraussehn zu lassen. „Durchhalten“ ist immer noch die Parole von Heydebrandt bis Scheidemann, und die einzige Hoffnung, daß überhaupt einmal wieder Friede sein wird, stützt sich auf die Erwägung, daß ja noch jeder Krieg – auch der sieben- und der dreißigjährige – mal zu Ende gegangen ist. Herr Hindenburg hat in letzter Zeit, da ihm offenbar das Geschäft, Russen zu vertilgen, mehr Muße läßt, wiederholt Ansichten für die Presse verzapft. Dabei hat er stets gezeigt, daß er von Politik keine Ahnung hat, und auch die militärische Situation nicht weiter übersieht, als sie ihm persönlich anvertraut ist. Daß er demnach erklärt, wir müßten nicht blos durchhalten, sondern auch „gründlich siegen“, mag seiner Berufsbeschränktheit zugute gehalten werden. Gleichzeitig beteuert er aber auch immer wieder, daß in diesem Kriege England das eigentliche Karnickel und der Anstifter alles Übels sei. Das wird er jawohl selber glauben, weil er es nicht besser versteht. Herr v. Bethmann Hollweg hat sich aber auch auf diese Theorie versteift, obwohl er am 4. August 1914 mittags im Reichstag versicherte, die deutsche Regierung habe zusammen mit der englischen das Aeußerste getan, um den Frieden aufrechtzuerhalten, Rußland jedoch habe alles verschuldet (zu welcher Auffassung er das Weißbuch durch Fortlassung des letzten und wichtigsten Zarentelegramms an den Kaiser gefälscht hatte). Erst nachdem am Nachmittage desselben Tages England ihm den Krieg an Deutschland erklärt hatte (weil eben nicht die deutsche Regierung der Friedenshort, sondern der Friedensbrecher war), mußte die am 4. August kreierte Fassung fallen und das Gegenteil wahr sein. In jener großen Rede hat der lederne Kanzler auch erklärt, der Ausnahmezustand werde nur solange dauern, bis die Mobilisation beendet sei. Das ist nun seit nahezu 16 Monaten der Fall, aber von einer Aufhebung der Zensur und Meinungsbeschränkung ist – im Gegensatz zu Frankreich – nirgends die Rede. Mein Angriff gegen den „Simplicissimus“ kam z. B. gestern vom „Vorwärts“ zurück mit der Begründung, daß der Abdruck aus Zensurgründen unmöglich sei. Der Simpl unter dem Schutz der Obrigkeit! Er hat’s verdient.

Kitchener hat im August 1914 gesagt, der Krieg werde 3 Jahre dauern. Da er nun, nach 17 Monaten, noch keinerlei Aussicht zeigt, zum Ende zu kommen, wird er wohl recht behalten, oder gar noch zu optimistisch prophezeit haben. Heinrich Mann meint, Deutschland werde in einem bis höchstens 1½ Jahr fertig sein, nämlich am Verhungern und am Rande seiner Möglichkeit, Menschen auf die Beine zu stellen. „Solange wird es schon dauern, bis sich diese ungeheure Mordmaschine abgenutzt hat.“ Ich wage kein Urteil. Doch halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß man unsern herrlichen türkischen Verbündeten jetzt, wo die Orient-Expreß-Bahn wieder funktioniert, noch erst das Blut von Millionen Muselmanen auf unsern West- und Ostfronten abzapfen wird, ehe man sich zufrieden gibt. Den Türken selbst scheint die direkte Verbindung mit Deutschland alles zugeführt zu haben, was ihnen zur Kriegführung zu fehlen begann. Sonst wäre der Sieg bei Ktesiphon nicht denkbar gewesen, den man übrigens in England als Niederlage ohne Beschönigung eingestanden hat. Ob sich nun die halbamtliche Meldung von einem großen Sieg an den Dardanellen, bei Anaforta und Arin[Ari] Burnu, auch bestätigen wird, bleibt abzuwarten. Die türkische Einschränkung, daß es infolge starken Nebels den Feinden gelungen sei, ohne Zurücklassung vieler Gefangener zu entkommen, läßt darauf schließen, daß die englische Meldung richtig ist, wonach die Mannschaften von jener Front zurückgezogen worden seien, um anderswo (also wohl in Saloniki) verwendet zu werden. Das ist doch mehr eine orientalische und zentraleuropäische Eigentümlichkeit, daß man Niederlagen erst als Truppenverschiebungen und nachher als Siege ausgibt.

Die griechische Komödie geht weiter, ohne daß ein Mensch sieht, was eigentlich vorgeht. Sicher ist nur soviel, daß die Engländer und Franzosen sich mit Einverständnis der griechischen Regierung über griechisches Gebiet zurückgezogen und in Saloniki verschanzt haben, und daß bis jetzt weder bulgarische noch deutsche oder österreichisch-ungarische Truppen gefolgt sind, daß vielmehr zwischen Griechenland und Bulgarien eine neutrale Zone vereinbart worden ist, die von keiner der beiden Heere betreten werden darf. Inzwischen soll die griechische Regierung einen Wahlsieg errungen haben (die Bestätigung bleibt nach allen Erfahrungen abzuwarten), und die Verhandlungen zwischen Griechenland und beiden Kriegsparteien gehn weiter, wobei immer noch fraglich ist, ob die dynastischen Praktiken des Kaiserschwagers oder die Gefühlspolitik des frankreichfreundlichen Griechenvolks sich stärker bewähren werden. In den allernächsten Tagen dürfte die Entscheidung klar sein, ob die Zentralarmeen den Ententeheeren auf griechisches Gebiet folgen oder in Bulgarien und Serbien warten werden, bis die sich in Saloniki gestärkt und angriffsfähig gemacht haben, auch ob Griechenland weiter neutral bleiben kann oder sich entweder hierher oder dorthin schlagen wird.

Die deutsche Offensive im Westen scheint nahe bevorstehend. Die Gerüchte von riesigen Truppenansammlungen, die hier schon wochenlang kursieren, treten auch immer mehr in der ausländischen Presse auf, und die französischen und englischen Armeeberichte erzählen schon von heftiger deutscher Artillerietätigkeit bei Ypern, verbunden mit Giftgasangriffen, denen jedoch kein Infanteriesturm gefolgt sei. Die Engländer führen das auf ihre artilleristische Gegenwirkung zurück. Doch ist es auch nicht unmöglich, daß die Leute nicht aus den Gräben wollen. Man weiß es bei uns längst, daß zumal die älteren Truppen sich häufig weigern, aus den Gräben zu gehn. Vielleicht wird man nun dort bald vom Einsetzen türkischer Kräfte hören, die zu mehreren Armeekorps nach Frankreich geschafft sein sollen. Wahrscheinlich ist allerdings, daß es sich um Bosniaken handelt, die, da sie ebenfalls Fez tragen, leicht mit Türken verwechselt werden, und die man aus guten Gründen nicht gegen die Serben wird verwenden mögen. Wie dem auch sei, die neue Offensive wird wieder Hunderttausende junger Leben kosten und man wird ein paar hundert Meter Land gewinnen, ohne irgendetwas Entscheidendes zu ändern. Aber man wird bei der wachsenden Gärung im Lande halt wieder mal einen Sieg brauchen, zumal man von der Flotte seit langem nichts andres melden konnte als die gelegentliche Torpedierung eines eignen Kreuzers (zuletzt der „Bremen“) durch ein fremdes Unterseeboot. Um das wettzumachen, versicherte man vorgestern, die deutsche Nordseeflotte habe vergebens nach dem Feind gesucht und etliche Handelsschiffe durchsucht, und heute bringt man eine Statistik über die Erfolge der Tauchboote in den letzten Wochen, wobei man sich auf englische Berichte stützt, über die eignen Verluste in der Ostsee sagt man aber kein Wort. Die Leute haben aber ganz recht. Hierzulande vermißt das kein Mensch. Alle sind völlig zufrieden, wenn sie nur eigne Erfolge buchen können.

In der sozialdemokratischen Partei kracht es allmählich immer mehr. Das Neueste ist, daß Haase den Vorsitz der Reichstagsfraktion niedergelegt hat. Er wird also jedenfalls mit einer kleinen Minderheit sich bei der Abstimmung über den neuen 10 Milliarden-Kredit Liebknecht anschließen und den Kredit verweigern. Das ist immerhin eine vorzügliche Geste für den Mann, der ja Vorsitzender der Partei bleibt ... Ein klägliches Dokument bleibt demgegenüber die Erklärung des Parteivorstands zur Zimmerwalder Konferenz. Ebenso wie die französischen Parteiführer verrammelt intolerant und abgeneigt allem, was der Regierung unsympathisch ist. Meine eignen Pläne, in dieser Zeit nicht müßig bleiben, nehmen inzwischen Gestalt an. Ich beabsichtige aber nicht, dem Tagebuch darüber Genaueres mitzuteilen. Wenn was draus wird, werden dereinst andre Zeugnisse dafür der Nachwelt bleiben als Selbstgespräche.

 

München, Mittwoch, d. 22. Dezember 1915.

Die neue Zehn-Milliarden-Forderung ist unter Fach, und die Minderheit der sozialdemokratischen Minderheit hat in der Tat dagegen gestimmt: 20 Männer, darunter der Parteivorsitzende Haase und Eduard Bernstein. Geyer hat in ihrem Namen gesprochen. Damit ist nun in der Tat ein wenig von der Schuld wettgemacht, die diese Leute früher auf sich geladen haben, indem sie den tapferen Liebknecht mit seinem Mut allein ließen. Die praktische Wirkung ist natürlich wie die jeder Parlamentsabstimmung gleich Null. Gleichwohl kann der moralische Eindruck im Ausländischen Proletariat nützlich sein. Leider hat bei den jüngsten Reichstagsverhandlungen wieder kein einziger Abgeordneter den Mund aufgetan, um gegen die Ausrottung des armen Armeniervolks zu protestieren. Ich las dieser Tage im „Temps“ einen Artikel, in dem das ganze deutsche Volk für diese Greuel mitverantwortlich gemacht wird, weil keine einzige Stimme laut wird, die Einspruch erhebt. Das können die französischen Zeitungsschreiber wohl nicht wissen, daß unsereiner nicht die leiseste Möglichkeit hat, seine Empfindungen darüber auszusprechen. Die Reichstagsabgeordneten aber müßten, sofern sie Anspruch erheben, überhaupt ernst genommen zu werden, Mittel und Wege finden, an dem einzigen Ort, wo man ungefährdet reden kann, die Scham und Empörung bemerklich zu machen, die doch wohl ein paar tausend Menschen auch in Deutschland angesichts der grauenvollen Verbrechen der türkischen Verbündeten bewegt. Sonst verwirken sie für immer das Recht, sich wieder gegen die russischen Pogrome zu entrüsten.

In Frankreich ist eine Kriegsanleihe ausgelegt worden, die hierzulande bis vor wenigen Tagen mit Hohn und Spott überschüttet wurde, weil die Regierung es nicht wagen dürfe, das Resultat bekanntzugeben, das blos 4 Milliarden Franken betrage. Heute wird nun etwas kleinlaut berichtet, daß bis jetzt schon über 14 Milliarden gezeichnet seien, die nun aber doch noch als Mißerfolg nachgewiesen werden. Man muß immer wieder staunen, daß die Presspiraten ihren Lesern, die sie doch kennen müssen, so aufgelegte und nachweisbare Schwindeleien tagtäglich zu bieten wagen.

Über den türkischen Sieg bei Anaforta kamen jetzt genauere Meldungen. Danach besteht die „unermeßliche Beute“, von der gestern gefaselt wurde, aus drei Geschützen, etlicher Munition und einigem Trainfuhrwerk. Die Erklärung der englischen Regierung, wonach der Abtransport der dort liegenden Truppen an einen andern Kriegsschauplatz aufgrund vorhergegangenen Londoner Beschlusses mit geringen Verlusten gut vonstatten gegangen sei, bestätigt sich demnach.

Die Sphinx von Saloniki in Griechenland schweigt beharrlich weiter. Nur erfährt man, daß auf albanischem Gebiet griechische und bulgarische Soldaten aufeinander geschlagen und geschossen haben. Das kann aber auch unter Freunden passieren, wie das Beispiel Preußen und Bayern beweist. Denn die Zeugnisse davon, daß das geeinte Deutschland bei Begegnungen zwischen bayerischen und preußischen Truppen häufig genug sich seiner nördlichen und südlichen Bestandteile sehr deutlich bewußt wird, mehren sich. Mögen sie also nach der Vollendung des Werks von 1866 (die Eroberung Österreichs durch Preußen ist der einzige bisher feststehende Erfolg in diesem Kriege) auch noch den ganzen Balkan, die Wüste Gobi und die Pyramiden von Aegypten unterjochen, – deshalb werden hier in Bayern die Preußen doch ewig die Saupreißen bleiben, und eines Tages werden die Vasallen der Hohenzollern, die nur Verbündete heißen wollen, auch das Bündnis hinschmeißen müssen, wollen sie nicht neben ihren Thron zu sitzen kommen.

 

München, Freitag, d. 24. Dezember 1915.

Die Vorbereitungen zur Weihnachtsfeier – der ersten, die ich en famille bei mir selbst feiern kann, seit 5 Jahren die erste, die ich nicht bei Max Halbe mitmache – machen soviel Unruhe und Aufregung, daß ich froh bin, jetzt – um 4 Uhr – endlich allein mit meinem Tagebuch sein zu können. Ich werde mich heute auf Aufzeichnungen privater Natur beschränken ... Ehrengard ist seit vorgestern da, mit ihren beiden Kindern. Ich habe ihr schon zu verstehn gegeben, daß ich unsre Liebesbeziehung ganz auf die Momente völlig unbeaufsichtigten Alleinseins konzentriert zu sehn wünsche. Zenzl leidet so sehr darunter, daß sie unter keinen Umständen etwas merken darf. Sie soll im Gegenteil glauben, daß jeder Funke in mir erloschen sei. E. wohnt vorläufig, solange ihre Wohnung in der Hiltensbergerstraße hergerichtet wird, im Atelier von Ludwig Engler, der seinerseits, auf Weihnachtsurlaub in München, bei uns Quartier genommen hat, und für den der Divan meines Arbeitszimmers als Schlafstätte hergerichtet ist ... Zu Tisch haben wir nun ständig unsern Sohn bei mir, sodaß ein richtiges Familienleben im Gange ist ... Gestern bekamen wir von C. G. v. Maaßen unser Weihnachtsgeschenk, das gleichzeitig als Hochzeitsgabe gemeint ist: ein wunderschönes japanisches Caféservice.

Ich hatte meine Geschwister ersucht, das testamentarisch für mich bestimmte Tischsilber der Eltern zu senden, da wir uns sonst für teures Geld Ersatz aus minderwertigem Material und in unzureichender Qualität kaufen müßten, da doch alles überreichlich und ganz erstklassig da sei. Heut erhielt ich die ablehnende Antwort mit dem Nachweis, daß bei ganz wörtlicher Auslegung aller schriftlichen und mündlichen Willensäußerungen des sterbenden Vaters dazu ein formales Recht besteht. Man werde uns aber zu den Geburtstagen – und zwar im voraus schon jetzt – Ersatz aus Neusilber schenken. Zenzl meinte, die Geschwister wollen das schöne Silber nicht aus den Fingern geben. Das ist Unsinn. Ich kenne sie besser. Es ist viel ärgeres als Eigennutz, dem immerhin noch menschliche Schwäche zugrunde läge. Es ist krasser Bürokratismus. Der letzte Wille eines Toten muß respektiert werden, die Faust der väterlichen Gewalt muß noch aus dem Grabe auf mir lasten. So hat es der Vater gewollt und dank der Pflichttreue dreier seiner Kinder erreicht. Daß man den Toten garnichts schuldet, den Lebenden alles, ist meine Weisheit, eine neue Lehre mithin, deren praktische Wirkung für mich noch nicht gelten kann. Die Toten regieren die Lebenden, – solange diese Maxime Geltung hat, darf man sich auch nicht wundern, wenn für die Abstrakta Staat, Vaterland und Krone Leben und Heil der Völker vor die Säue geht.

 

München, Montag, d. 27. Dezember 1915

Weihnachten ist vorbei, mit eignem Tannenbaum, großer Bescherung, reichlichen Geschenken, worin sich besonders Ehrengard hervortat. Der erste Feiertag brachte am Vormittag den ersten Sündenfall mit ihr, nachdem bei ihrem ersten Aufenthalt hier die Verhinderung durch Menstruation nur zu Swinegelexzessen geführt hatte. Ich hoffe, das Verhältnis immer noch in den Grenzen einer Laune halten zu können. Denn Zenzl leidet sehr darunter und fürchtet sicher für den Bestand unsres ehelichen Verständnisses. Aber mit Unrecht. Sie ist meinem Herzen die Nächste und wird es bleiben.

Vom Kriege nichts Besonderes. Die Westoffensive ist immer noch nicht Ereignis. An der griechisch-serbischen Grenze ist alles unverändert, und in Saloniki befestigen sich die Alliierten, die doch schon eine Viertel Million Mann versammelt haben, ob mit Einwilligung oder gegen den Protest der griechischen Regierung ist unklar. Die hat inzwischen einen „Wahlsieg“ zu verzeichnen. Die Venizelisten hatten Stimmenthaltung proklamiert. So hat das Kabinett eine starke Mehrheit erhalten. Wie aber die Wählerschaft Griechenlands gesinnt ist, geht daraus hervor, daß die deutschen Blätter treu und bieder berichteten, in Athen hätten nur 7000 Männer gewählt, gegen 20 000 bei den letzten Wahlen. Den Schluß, daß also Venizelos und die Deutschfeinde dort immer noch die absolute Majorität beherrschen, zieht kein Blatt und von hunderttausend Lesern höchstens Einer ... Hardens „Zukunft“ soll verboten sein. Das wäre immerhin erfreulich, da ein so kluger, wissender und geschickter Mann wie Harden dadurch völlig für die Opposition im Lande gewonnen wäre.

Zenzl gab mir auf, im Tagebuch zu vermerken, daß Weihnachten 1915 eine Gans mit Kragen und Eingeweiden 17–18 Mk gekostet hat, eine ausgenommene 14 Mark. Alles ist unsinnig verteuert, und obendrein von minderer Qualität. Die Streichhölzer, die übrigens schon auf die Neige zu gehn scheinen, brennen nicht. Für Bindfaden ist nur noch ein Ersatz zu haben, der bei jedem derberen Zugreifen zerreißt. Aber – wir Mangel leiden? Keine Spur! Wir halten durch, bis wir verreckt sind!

 

München, Donnerstag, d. 30. Dezember 1915

Einiges Wesentliche zum Zeitgeschehn: die amerikanisch-österreichische Spannung hat einen ernsten Grad erreicht. Die neue Note Wilsons ist so bestimmt, läßt so garkeine Ausbiegungen und Rabulistiken mehr zu, daß Österreich nachgeben muß, oder wir können mit dem „Abbruch der Beziehungen“, und das hieße natürlich einer so eindeutigen Unterstützung der Alliierten durch die Vereinigten Staaten zählen, daß die Wirkung die eines kriegführenden Feindes mehr wäre, mit andern Worten, daß die Abschließung der Zentralstaaten vom Außenverkehr eine kolossale Festigung erhielte. Inzwischen ist nun eine neue U-Boot-Untat im östlichen Mittelmeer erfolgt, anscheinend wieder von einem österreichischen Tauchboot: Der französische Dampfer „Ville de la Ciotat“ ist ganz nach dem Muster der Lusitania, Arabic und Ancona mit 315 Personen an Bord, darunter vielen Passagieren – also vornehmlich wieder Frauen und Kindern –, wie die Entente-Blätter berichten, ohne Warnung angeschossen und versenkt worden, wobei 80 Personen* ums Leben kamen. Die Hoffnungslosigkeit, es den Landsleuten begreiflich zu machen, daß es feiger Mord ist, was da geschah, und daß Kriegsinteressen irgendwelcher Art daran garnichts ändern, umsoweniger als es sich da einfach um Kapitalisten-Interessen handelt, – diese Aussichtslosigkeit ist zum Verzweifeln. Aber auch das Verzweifeln verlernt sich schon.

Seit Bethmanns letzter Rede im Reichstag war jede Hoffnung, daß bald Friede werden könnte, dahin. Umso auffälliger und angenehmer wirkt plötzlich ein Artikel der „Neuen Züricher Zeitung“ vom 26. Dezember (er wird meinem Kriegsarchiv einverleibt), der „Friedensgedanken“ überschrieben ist, und in dem die „Grundzüge der Friedensverhandlungen“, wie man sie sich „in gutorientierten deutschen Kreisen“ heute denke, festgelegt werden. Danach verzichte man auf Annexionen, verlange von Frankreich statt einer Kriegsentschädigung nur die 18 Milliarden Franken, die Rußland an Frankreich schuldet, in Form einer bloßen Überlassung der Schuld, räume Belgien die völlige Selbständigkeit ein unter Auflegung einer Kriegskontribution, bis zu deren Auszahlung Deutschland dort Polizeigewalt ausüben soll, und wolle Polen autonom als Königreich unter einem deutschen Fürsten (jedenfalls also dem Wittelsbacher Leopold, dem „Befreier Warschaus“) dieselben Bedingungen wie Belgien auferlegen. Rußland solle einen Meerausgang am Persischen Golf zugebilligt bekommen, und Serbien unter Verzicht auf Mazedonien und einen bulgarischen „Korridor“ zur Donau selbständiges oder mit Montenegro vereinigtes Königreich bleiben. Diesen Artikel gibt im wesentlichen Auszug das Wolffbüro an die deutsche Presse weiter, womit er, trotz der Bemerkung, daß er auf keinerlei offiziösen Orientierungen beruht, zu einer Kundgebung der sogenannten Maßgebenden in Deutschland gelten kann. Auffällig ist freilich, daß Wolff einen Satz fortläßt, der so lautet: „Kleine Grenzregulierungen (mit Frankreich) wären vielleicht im beiderseitigen Interesse erwünscht.“ Das kann nur heißen, daß man geneigt ist, gegen die 18 Milliarden Franken ein Stück Elsaß-Lothringen herzugeben ... Man ist also schon recht bescheiden geworden, zumal, da derartige Verständigungsgrundlagen natürlich von der Gegenseite (England steht völlig intakt und im Besitze des ganzen deutschen Kolonialreichs da) noch erheblich zu eignen Gunsten modifiziert werden dürften. Nun bemüht sich zwar heute die Regierung krampfhaft, ihr völliges Fernstehn bei derartigen Spekulationen zu unterstreichen, aber niemand glaubt daran, und gestern hatte ich auf der Kegelbahn Gelegenheit, die deutsche Fähigkeit zum „Umlernen“ wieder mal in voller Pracht zu bewundern. Halbe und ich waren die einzigen, die diese Bedingungen wirklich als die der deutschen Regierung annahmen. Die andern erklärten, das seien nicht die Bedingungen eines Siegers. Ich schwieg und dachte mir, daß Deutschland auch durchaus nicht in dem Falle sei, Siegerbedingungen zu stellen, Halbe hingegen begründete, daß ein Friede auf dieser Basis für Deutschland durchaus siegreich sei ... Wir werden es demnächst in allen Tonarten hören: wir haben Belgien nie gewollt, wie ja auch Falkenhayn seinerzeit versicherte, es habe nie in der Absicht der Obersten Heeresleitung gelegen, nach Calais zu kommen.

Wie sich nun das Ausland zu diesem Versuchsballon verhalten wird, ist noch nicht zu erraten. Ich wage noch nicht an ein Ende der greulichen Zeit zu denken, die selbst die Natur zu verblöden scheint. Vor einigen Tagen waren dank der erstaunlichen Wärme frische Triebe an den Sträuchern, und gestern – am 29. Dezember – tranken wir nachmittags auf dem Balkon, dessen Thermometer in der Sonne 21° zeigte, unsern Kaffee. Kein Wunder, wenn allmählich auch die Erdachse einen Knax bekommen hat.

 

* nach neuesten Berichten etwa 120.

 

München, Sonnabend, d. 1. Januar 1916.

Des Neujahrs 1916 werde ich lange eingedenk bleiben. Bei uns fand eine große Sylvesterfeier statt, an der – zugerechnet die Flüchtlinge von andern Veranstaltungen – 18 Personen teilnahmen. Es war ungemein lärmend und ausgelassen. Man ersäufte die große Zeit in Alkohol und Fröhlichkeit. Zenzl hatte sich riesig angestrengt und reichlichst Speise und Trank vorgesorgt. Bei mir schaltete der starke Feuerzangenpunsch bald alle Hemmungen aus, und ich lag in den Armen und am Munde einer Frau Professor Aenny v. Aster. Frau Ehrengard wurde darüber hysterisch eifersüchtig, und ich mußte mich auch mit ihr abgeben. Da sich überall sogenannte „Schwabinger Knäuel“ gebildet hatten, nahm niemand Anstoß daran, außer Zenzl, was mir leider in meiner Bezechtheit erst zu spät klar wurde. Als zwischen ½ 7 und ½ 8 Uhr heute früh die Gäste aufbrachen, machte Ehrengard so üble Szenen, daß ich sie zur Beruhigung heimbegleitete. Mein Aerger war aber groß, als sie sofort wieder erschien, angeblich, weil die Tür verriegelt war. Ich stellte ihr vor, daß ich nun Vorwürfe bekäme, und sie hatte nichts Besseres zu tun, als Zenzl darüber zur Rede zu stellen. Die machte mir dann im Schlafzimmer bittere Vorhaltungen, und erklärte, mich verlassen zu wollen, da ich sie fortwährend häßlichen Situationen aussetze. Sie wollte sofort weg, ließ sich aber durch Tränen und Bitten veranlassen, den furchtbaren Entschluß auszusetzen. Entsetzlich war es mir, als sie weinend sich vorwarf, Ludwig Engler meinetwegen verlassen zu haben. Sie bereue es, und werde vielleicht doch noch zu ihm zurückgehn. Was nun daraus werden soll, ist mir ganz rätselhaft und beängstigend. Sie will es mir nicht glauben, daß sie mir unentbehrlich und meinem Herzen der nächste von allen Menschen ist. Andrerseits ist meine Sinnlichkeit bei Ehrengard zur Zeit sehr stark engagiert, und bei der fanatischen Verliebtheit der Frau und ihrer Kunst, mich immer wieder zu sich einzufangen, kann ich mich ihren Reizen nicht entziehn. Heut nachmittag wollte Zenzl nun Engler treffen, der auf Urlaub da ist. Nun komme ich um ½ 8 Uhr heim und finde niemanden vor. Meine Angst ist grenzenlos. Was fange ich ohne die Frau an? Ich bin hilflos wie ein Kind ohne sie. Dabei spüre ich die dumme Lage eines Mannes, der zwischen zwei Frauen steht ... Und Zenzl? Es ist nicht auszudenken, daß sie wieder in Sorgen und Elend zurücksoll. Aber ich kenne sie und weiß zu gut, daß, wenn sie Ernst macht, sie nichts von mir annehmen wird und alles Scheußliche lieber auf sich nehmen würde als bei mir anzuklopfen. Mag das Schicksal noch einmal gnädig mit mir verfahren und mich die besoffenen Taktlosigkeiten nicht zu bitter büßen lassen, – und mag das neue Jahr besser fortfahren als es begonnen hat ... Concordia domi, foris pax!

 

Es ist nach 9 Uhr. Ich war in der Neureutherstraße und in der Hiltensbergerstrasse, um Zenzl zu suchen. Alles vergeblich. Meine letzte Hoffnung ist noch, sie könnte mit Engler und vielleicht mit Ehrengard, die mir nicht öffnete, und bei der es dunkel war, irgendwo in einem Lokal zu Abend essen, und später doch noch kommen. Mich inzwischen nur in Angst jagen. Aber diese Hoffnung ist sehr dünn. Ich muß es wohl glauben, daß sie fort ist, und nur ein froher Schimmer zeigt sich mir in meiner trostlosen Düsterheit, daß es wohl nur ein paar Tage Urlaub sind, die sie sich genommen hat, um Sammlung zu finden.

Das Schreiben tut mir etwas wohl. Ich will sehn, es ohne Zittern vor jedem Geräusch draußen fortzusetzen ... Noch kann ich ja garnicht fassen, was geschehn zu sein scheint. Und garnichts hat sie vorbereitet, anscheinend auch nicht das geringste Notwendige mitgenommen. Die Wohnung ist nicht in Ordnung gebracht. Überall liegen noch die Spuren des nächtlichen Festes herum. Den Frühstückstisch habe ich abgeräumt, und die Tischdecke über den Eßtisch gelegt, damit es nicht gar so arm herschaut. Aber vor dem Schlafengehn graut mir. Das Bett ist nicht gemacht, und ich bin so ungeschickt. Kein Waschwasser, – nichts. Vielleicht denkt sie an all das noch und kommt doch wieder. Aber sie wird sich vorstellen, daß ich Ehrengard zu Hilfe rufe und mich mit ihr schnell in die neue Lage gewöhne. Sie kann wohl nicht wissen wie furchtbar mir grad diese Vorstellung ist, das Weib, das ich nicht liebe, sondern auf das ich einfach geil bin, den Triumph über die Frau erleben zu lassen, die allein mein Weib ist und sein kann. Nicht einmal geheizt ist in der Wohnung. Doch das ist nicht arg, da das Wetter sommerlich warm ist. Auch bin ich noch von Alkohol voll.

Furchtbar leid tut mir die arme Zenzl. Sie muß schrecklich leiden. Aber so eifersüchtig zu werden hätte sie mir früher zeigen sollen. Dann wäre die Ehe nicht geschlossen worden. Reue ist so dumm, aber ich durfte nicht heiraten. Ich mache Zenzl unglücklich und verpfusche auch mein Leben! ... Ich will versuchen zu lesen.

 

München, Montag, d. 2. Januar 1916.

Zenzl kam noch gestern abend um ¾ 10 Uhr nach Hause. Sie hatte ins Stefanie telefoniert, man solle mir Bescheid sagen, daß sie mich in der Max-Emanuel-Brauerei zum Abendbrot erwarte. Ich war aber nicht ins Café gegangen. So kam die Angst und Verzweiflung. Als sie da war, machten sich die Nerven in wildem Weinen Luft. Ich habe wie ein Kind geschluchzt.* Aber die Leere, die die 2 Stunden in mir und um mich war, wird mir zur Lehre werden.

Ich kann mich wieder den allgemeinen Ereignissen zuwenden. Herr Burian hat die Ancona-Note Wilsons so beantwortet, wie er mußte. Der U-Boot-Offizier wird bestraft, der verlangte Schadensersatz geleistet. Ob Amerika nicht aber doch noch auch Garantien gegen eine Wiederholung verlangen wird? Auf dem „Ville de la Ciotat“ scheinen keine Amerikaner gewesen zu sein. Somit wird diese Schweinerei keinen casus belli machen, aber Vorwand für Wilson kann sie werden, um feste Zusicherungen zu erhalten, daß die Habsburger nicht weiterhin tun, was den Hohenzollern verboten wurde.

In England wird die allgemeine Wehrpflicht nun Gesetz werden, zum mindesten zunächst für die Unverheirateten. Die Standesämter werden also enorm zu tun kriegen. Das ist wohl der betrüblichste Sieg, den der preußische Militarismus bisher erzielt hat, daß er im freiesten Lande Europas nun einen Ableger produziert, der auch dort die militärische Sklaverei etabliert. Vorläufig glaube ich aber noch, daß das neue Wehrgesetz als Kriegsmaßnahme nur für die Zeit des Krieges Geltung behalten wird.

De Wet ist mit 118 Gefährten, die 1914 wegen bewaffneten Aufstands verurteilt waren (de Wet zu 6 Jahren) freigelassen worden. Das ist englische Praxis. Was wäre den Leuten passiert, wenn die Buren deutsche Untertanen wären? Garnichts. Die deutsche Regierung hätte zur Begnadigung sowenig Gelegenheit mehr gehabt wie im Falle Cavell.

Als ich gestern mit Maaßen mal wieder auf den Krieg kam und meine Ansichten aussprach, meinte er, ich rede wie ein Franzose oder Engländer. Gebe Gott, daß es in Frankreich und England Leute gibt, die so reden, daß die Maaßens ihnen vorwerfen: ihr sprecht wie ein Deutscher. Dann wären wir dem Frieden ein gut Stück näher als jetzt ... Ob dieses Jahr wenigstens ein Ende werden wird? Niemand weiß es.

 

* Ich war offenbar immer noch besoffen.

 

München, Dienstag, d. 4. Januar 1916.

Zu gleicher Zeit, als die österreichische Regierung vor der amerikanischen den verlangten Zurückzieher in der Ancona-Angelegenheit tat, versenkten ihre forschen Seeleute im Mittelmeer den französischen Passierdampfer „La ville de Ciotat“ und den japanischen „Yasaka Maru“. Unmittelbar nach der Überreichung der Pardon-Note aber geschah bei Kreta das scheußlichste Verbrechen, das nach „Lusitania“, auf diesem Gebiet der „Kriegführung“ überhaupt bisher geleistet worden ist. Der englische Postdampfer „Persia“ wurde von einem (offenbar österreichischen) Unterseeboot torpediert, wobei etwa 400 Personen umgekommen sind, davon mindestens die Hälfte Passagiere. Da mehrere Amerikaner an Bord waren, darunter der Adener Konsul (der mit ertrunken sein soll), ist anzunehmen, daß der Notenwechsel zwischen Wien und Washington nun ein Ende haben wird und Amerika nun endgiltig in das Bündnis der West-Ost-Entente gedrängt wird. Die „Persia“ hat keine Waffen oder Munition zu befördern gehabt, sie war nicht bewaffnet, hat keinen Widerstand geleistet, ist nicht gewarnt worden, man hat, um ein paar Postsäcke zu vernichten, hunderte von Menschen, darunter massenhaft Frauen und Kinder, durch Meuchelmord umgebracht, und das, nachdem die Lusitania-, die Arabic- und die Ancona-Untaten von den Zentralregierungen selbst der amerikanischen gegenüber desavouiert waren. Krieg ist natürlich kein richtiges Mittel, um solche Barbareien zu strafen. Aber wenn sich alle Länder der Welt zusammentäten, soweit sie nicht schon von den deutsch-österreichischen Netzen eingefangen sind, und sich verabredeten, nie wieder mit den Regierungen dieser Länder eine Gemeinschaft, sei es in Gestalt von Verträgen oder irgendwelchen Übereinkommen zu treffen, vielleicht hülfe das den Völkern, die von diesen Regierungen gegängelt werden, dazu, selbsttätig eine Form des Zusammenlebens zu schaffen, die sie der Mitverantwortung für die gemeinen Verbrechen ihrer Oberen entbürdete. Leider hat Heinrich Mann recht: bei diesen Völkern ist eine Hypertrophie des Staatsgedankens ausgebrochen, durch die jede menschliche und anständige Regung unterbunden ist, und die kritiklos alles billigt, was der Stärkung dieser Idee dienen könnte. Das deutsche Reich als politische Organisation, das Hohenzollerntum, die Militärgewalt, alles das ist unserm Volk wichtiger als Recht und Charakter. Für diese Phantome ist es bereit, jedes Verbrechen gutzuheißen und selbst zu begehn. Die „Persia“-Affaire beginnt erst. Wir werden noch böse daran zu kauen haben.

Die Begebenheiten in Saloniki und an der griechischen Grenze nehmen inzwischen einen immer wunderlicheren Charakter an. Die Franzosen haben die seit 3 Jahren von Griechenland beanspruchte Insel Castellorizo besetzt, um sie als Flottenbasis gegen Kleinasien zu benutzen. In Saloniki selbst (wo sich übrigens die serbische Regierung etabliert haben soll) hat der französische Oberbefehlshaber General Sarrail die deutschen, österreichischen, türkischen und bulgarischen Konsuln, und wie es heute heißt auch den norwegischen, mit allem Anhang und etwa 1000 Angehörige der von ihnen vertretenen Staaten verhaften lassen. Griechenland protestiert, die Zentralmächte protestieren, alle protestieren. Das nützt aber nichts, da durch einen deutschen Fliegerangriff auf Saloniki die Stadt tatsächlich schon Kriegsgebiet geworden ist. Ich möchte gern ermitteln, ob die französisch-englisch-russischen Konsulate in Luxemburg noch bestehn, denn ich bezweifle, ob die deutsche Besatzung diese offiziellen Agenten feindlicher Mächte dort ungehindert walten ließ. Griechenland ist infolge der seltsamen Geschehnisse auf seinem Boden und mit der anscheinend immer noch festen Absicht, sich nicht in den Krieg hineinzerren zu lassen, in äußerst schwieriger Situation. Der König möchte offenbar sehr gern seinem Schwager helfen. Das Volk ist dagegen ausgesprochen ententefreundlich, und die Kriegsentscheidung nach einer der beiden Seiten hin könnte zu höchst bedenklichen Folgen im Lande führen. Die deutsch-österreichisch-bulgarischen Armeen stehn unterdessen immer noch an der Grenze, ohne sie zu überschreiten. Aber daß in kurzer Zeit sich da unten irgendetwas Wichtiges ereignen muß, steht außer Frage ... Die Engländer ziehn ihre Truppen systematisch von den Dardanellen zurück nach Aegypten. Man rechnet also dort jedenfalls doch damit, daß die abenteuerliche Idee eines deutsch-türkischen Angriffs gegen Aegypten bevorstehe.

Gesiegt wird schon lange nirgends mehr. Die Russen versuchen krampfhaft, in Ostgalizien durchzustoßen, jedenfalls um Rumänien zum Losschlagen zu bewegen. Es ist aber noch fraglich, ob ihnen Erfolg in militärischer oder diplomatischer Beziehung bleiben wird ... Um das Ausbleiben jeden Fortschritts wettzumachen, eifert Herr Ohl in Detail-Berichten von möglichster Scheußlichkeit. So lautete der gestrige amtliche Tagesbericht von der Westfront: „Eine große Sprengung nördlich der Straße La Bassée-Bethune hatte vollen Erfolg. Kampf- und Deckungsgräben des Feindes sowie ein Verbindungsweg wurden verschüttet. Der überlebende Teil der Besatzung, der sich durch die Flucht zu retten versuchte, wurde von unsrer Infanterie und von Maschinengewehren wirksam gefaßt. Ein anschließender, auf breiter Front ausgeführter Feuerüberfall überraschte die feindlichen Grabenbesatzungen, die teilweise ihr Heil in eiliger Flucht suchten ...“ Und dann zum Zeichen, wie barbarisch die Franzosen zu Werk gehn: „Bei der Beschießung von Lutterbach im Elsaß durch die Franzosen wurden am Neujahrstag beim Verlassen der Kirche ein junges Mädchen getötet, eine Frau und drei Kinder verwundet.“ Ob diese Art Stimmungsmache, die aller paar Tage sich ähnlich wiederholt, auf irgendwen noch Eindruck macht? Sollte dabei im ganzen Deutschland außer mir wirklich niemand an London denken? ...

Meine ehelichen Verwicklungen sind immer noch nicht entwirrt. Zenzl ist mehr wie mißtrauisch, und ich bin entschlossen, das Verhältnis mit Ehrengard völlig zu lösen. Ich behandle sie ganz kühl, um ihr jede Hoffnung, mich wieder einzufangen, ganz zu nehmen. Leider wirkt der Nervenchok vom Neujahrsabend noch sehr nach. Ich bin reizbar und die Tränen sitzen sehr locker. Die „Persia“-Geschichte hat mich wieder furchtbar aufgeregt ...

Von Landauer ein Brief. Er findet, daß jetzt jede konspirative Aktion unnütz und vielleicht sogar kriegsverlängernd sei. Die bescheidenen Friedensziele, wie sie die Neue Züricher Zeitung offenbart habe, zeigen, wie gern die Regierung Schluß machen möchte. (In allen offiziellen und offiziösen Dementis ist in der Tat nur gesagt, daß amtliche deutsche Stellen der Veröffentlichung des Artikels fernständen, der Inhalt des Artikels ist nirgends desavouiert worden). Landauer meint, daß revolutionäre Versuche jetzt nur dazu führen könnten, die verlorenen Rechtsgarantien von 1914 („Zukunft“ ist verboten, „Schaubühne“ ebenfalls) für Jahrzehnte hinaus verloren sein zu lassen. Vielleicht hat er Recht. Aber ich meine immer: Es muß doch etwas geschehn!

 

München, Freitag, d. 7. Januar 1916

Seit den letzten Notierungen hat sich nichts Neues ereignet, was den Gang der Ereignisse beeinflussen könnte. Mindestens widersprechen die Berichte der feindlichen Gruppen einander derartig, daß nichts Sicheres daraus zu entnehmen ist. Wer in der neuen Schlacht in der Bukowina Oberhand hat, weiß man nicht. Die Österreicher behaupten, alle Angriffe der Russen zurückgeschlagen zu haben, die Russen, daß die Österreicher Czernowitz geräumt hätten. In der Behauptung, dem Gegner kolossale Verluste zugefügt zu haben, werden wohl beide Teile die Wahrheit sagen.

Die „Persia“-Affaire hat noch zu keinen übersehbaren Folgerungen geführt. Man macht auf unsrer Seite dieselben Mätzchen wie bei der „Arabic“-Geschichte. Erstens soll garkein U-Boot die Schandtat begangen haben, sondern eine Treibmine oder eine Explosion im Inneren des Schiffs. Zweitens soll der Dampfer eine 4,7zöllige Kanone (die „Münchner Zeitung“ macht daraus 4 7zöllige Kanonen – ein Beitrag zum Kapitel tendenziöser Druckfehler) an Bord gehabt haben. Was diese Entschuldigung wert ist, erhellt daraus, daß man derartige Momente immer erst nach der Katastrophe entdeckt. Da kein Versuch gemacht wurde, die Waffe anzuwenden, ist ihr Vorhandensein natürlich ganz ohne Bedeutung. Auf diesen Standpunkt scheint sich auch die amerikanische Regierung stellen zu wollen, die im übrigen Berichte über Einzelheiten abwarten will, ehe sie Entschließungen faßt.

Sir Edward Grey hat sich inzwischen zu der Forderung der deutschen Regierung geäußert, daß die Ermordung der U-Boot-Mannschaft durch die Besatzung der „Baralong“ geahndet werden müsse, widrigenfalls man sich zu „schwerwiegenden Vergeltungsmaßnahmen“ veranlaßt sehn würde. Er ironisiert zunächst das überraschende Bestreben der deutschen Regierung, die Prinzipien der Menschlichkeit in der Seekriegführung gewahrt sehn zu wollen. Dann stellt er fest, daß das Ereignis, dessen Details er vorsorglich bezweifelt, am gleichen Tage geschah, an dem 3 englische Schiffe, darunter die „Arabic“ von deutschen Unterseebooten versenkt wurden, wobei 47 Zivilisten umkamen. Er lehnt es daraufhin glatt ab, irgendwelche Schritte in der Angelegenheit zu tun. Mir tut diese Haltung der englischen Regierung sehr leid. Grade weil Grey darin rechthat, daß angesichts der Tauchboot-Praktiken Deutschlands mit seiner Admiralität über Dinge der Rechtlichkeit und des Anstands kein Diskutieren möglich ist, hätte er die Gelegenheit zu einer anständigen Geste nicht vorübergehn lassen sollen. Oder er mußte brutal die Auffassung betonen, die in Deutschland selbstverständlich scheint, daß Krieg eine Angelegenheit des rohen Mordes ist, und daß also jedes Gegrein über verletzte Menschlichkeit eitel Humbug ist. (Die blöde Schießerei auf dem benachbarten Oberwiesenfeld, weil der königliche Trottel im Wittelsbacher Palais heute 71 Jahre alt wird, macht mich ganz konfus) ... Heute stand die Nachricht in den Zeitungen, Grey habe die amerikanische Regierung eingeladen, sich an der Untersuchung wegen der „Baralong“-Affaire zu beteiligen, was diese abgelehnt habe. Trifft das zu, dann wäre immer noch Hoffnung, daß England doch noch die Gemeinschaft mit dem kommentwidrigen Mord verleugnen wird. Andernfalls müssen wir uns leider auf große Scheußlichkeiten gefaßt machen. Ich sehe die Ermordung englischer Gefangener durch deutschen Vergeltungswahn voraus, und die Unmöglichkeit, den Abscheu gegen derartige amtliche Verbrechen auszusprechen, gäbe uns vor allen zivilisierten Völkern moralisch den letzten Stoß.

Daß allgemein grade in England auch die Regierung noch nicht ganz vergessen hat, daß unter den Uniformen doch Menschen stecken, zeigt sich deutlich in dem neuen Wehrpflichtgesetzentwurf, der nun dem Unterhaus vorgelegt ist. Danach soll frei bleiben, wer unabkömmlich ist oder seine Familie versorgen muß. Wen aber Gewissenszwang hindert, Kriegsdienste zu tun, soll wenigstens von dem Zwang befreit werden, ins Feld zu ziehn. Auf die Iren, um die hier mit den Mitteln des aufdringlichsten Mitempfindens geworben wird, soll das ganze Gesetz keine Anwendung finden. Nachdem Asquith den Entwurf vor der Kammer begründet hatte, hielt der bisherige Minister Simon eine Rede, in der er seinen Rücktritt motivierte. Da durch das Gesetz mit dem traditionellen Prinzip der persönlichen Entschlußfreiheit gebrochen werden soll, wolle er kein englischer Minister mehr sein. Diese Vorgänge im Vergleich zu deutscher Praxis sollen doch auch in der Zukunft nicht vergessen werden.

Die Umwälzungen in China beanspruchen wieder starke Aufmerksamkeit. Der Staatsstreich des Herren Jüanschikai gelingt nicht so glatt, wie er sich es gedacht haben mag. In verschiedenen Provinzen sind revolutionäre Erhebungen im Gange, die auf Erhaltung der Republik, bzw. auf gänzliche Unabhängigkeit abzielen. Jüanschikai mit seinen monarchistischen und militaristischen Absichten stützt sich auf deutsche Anfeuerung, während die Freiheitsbewegungen im Lande vom Vierverband gespeist werden, der Japan als Polizisten seiner Sache verwalten läßt. Deutschland und die Reaktion – sie ziehn überall am gleichen Strang. Wir wahren die heiligsten Güter der Völker Europas durch Unterstützung eines chinesischen Despoten und Tyrannen.

Auf der letzten Kegelbahn gab es mit Halbe wieder einen Disput, der sich diesmal mehr in den Grenzen philosophischer Determinationen hielt. Der Krieg ist diesen Leuten immer noch lediglich Naturkatastrophe, und ihr Gewissen ist völlig beruhigt. Daß sie bei dieser „historischen“ Betrachtungsweise trotzdem wütende Feinde der Herren Grey, Poincaré, Iswolsky und Genossen, aber begeisterte Bejaher der Tirpitz, Burian und Enver Pascha sind, tut nichts zur Sache. Mein „Kosmopolitismus“ ist höchst verächtlich, aber in meiner Eigenschaft als Jude begründet. Ich erklärte, daß ich diese Eigenschaft für die beste der Juden halte, und nur wünschte, meine Stammesgenossen hätten darin nicht auch umgelernt. Im übrigen sei der Kosmopolitismus bis zum 1. August 1914 auch ein Spezificum der Deutschen gewesen. Das ficht aber den sich verbreitenden Antisemitismus der deutschen Patrioten garnichts an. Ich sehe immer klarer: nach dem Kriege wird ein Krieg ausbrechen, in dem ich als freiwilliger Offizier im ersten Graben kämpfen muß.

 

München, Sonntag, d. 9. Januar 1916.

Letzten Donnerstag starb nach ganz kurzer Krankheit an einer beiderseitigen Lungenentzündung der Professor Dr. Ernst Sieper. Gestern beteiligte ich mich im Waldfriedhof an seinem Begräbnis. Das ist ein schwerer und betrübender Verlust für alle, die in dieser Zeit den Gedanken an Verständigung zwischen den Nationen höher stellen als Siegerruhm und Haßgesänge. Sieper war ein weicher Mensch, geneigt, allen Stimmungen und Meinungen gerecht zu werden und Rechnung zu tragen. Umso höher schätzte ich an ihm das offene Bekenntnis zu seiner Lebensliebe, dem Engländertum. Als Philologe für englische Literatur, als Mann mit zahllosen persönlichen Beziehungen nach England hinüber hat er der auf beiden Seiten künstlich gepflegten Entfremdung nach allen Kräften entgegengewirkt und ist wohl einzig durch seine intime Kenntnis des englischen Wesens dazu gekommen, das Gefühl der „Feindschaft“ von Nation zu Nation prinzipiell zu verwerfen und selbst überzeugt werbender Pazifist zu werden. Meine persönlichen Beziehungen zu ihm beschränkten sich ganz auf viele Unterhaltungen über das Thema, und er brachte meinem radikalen Wollen jedenfalls mehr Sympathie entgegen als jenem abgeklärten Patriotismus, der gleichzeitig siegen, durchhalten und Deutschland in der Welt voran proklamiert und daneben mit vertagten Verständigungsideen liberalisiert. Bei unserm letzten Gespräch wollte ich ihn zu aktivem Konspirieren bewegen, da versagte er allerdings, da er fürchtete, seine Beziehungen zu einflußreichen Leuten, seine Möglichkeit, mit dem Reichskanzler und sonstigen maßgebenden Persönlichkeiten persönlich zu verhandeln und auf sie einzuwirken, durch unterirdische Arbeit zu verderben.

An der Beerdigung nahmen viele Offiziere teil, da er Dozent an der Kriegsakademie war, das Kadettenkorps, an dem er lehrte und die Universitätsprofessoren in Galatalaren. Es mutete sonderbar an, wie diese Männer, die vor die Bahre traten, samt und sonders von Verständigung mit England reden mußten. Der Universitätsrektor Grauert, katholischer Historiker, sprach besonders interessant. Der Mann wirkt wie eine E. Th. Hoffmann-Figur. Klein, untersetzt, mit breitem, affenähnlichem, aber sehr durchgeistigten Kopf, stak possierlich genug in der Amtstracht drin, bis über die Ohren unter dem hochgestellten Samtkragen, und die dicke goldene Kette gab dem Männchen etwas von einem dressierten Hund. Dazu die prononziert scharfe und schneidende Sprechweise – ganz märchenhaft und unwirklich. Als er sagte: „Vor dem Sarge dieses tapferen Mannes wage auch ich es auszusprechen –“, da glaubte jeder, jetzt werde ein ganz revolutionäres Bekenntnis kommen. Es kam aber nur die Versicherung, nach dem Kriege werde es in Englands Interesse liegen, die Verständigung mit Deutschland wiederzufinden. Ebenso dürftig fanden sich die andern Herren mit der Unannehmlichkeit ab, Siepers Lebenswerk preisen zu müssen. Am ärgerlichsten war mir der evangelische Pfaff. Als er vor dem offenen Grabe das Vaterunser sprach, und schmalzig die Worte betete: „– wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“, da dachte ich mir, heute abend wird der Mann am Stammtisch sitzen und fordern: Vergeltung für „Baralong“! ... Sieper hätte selbst wohl etwas gelacht, wenn er die Gestalten gesehn und die Worte gehört hätte, die sein Tod herbeigeführt hatte.

In meiner Ehe kehrt die Ruhe ganz langsam nur zurück, und ich muß alle Energie zusammenzufassen suchen, um den Knax, der entstanden ist, nicht weiter aufklaffen zu lassen, sondern allmählich spurlos zu verkitten. Nachdem ich seit bald einer Woche Ehrengard nicht gesehn hatte, – zuletzt waren wir bei ihr zum Mittag, und Zenzl war abrupt vom Tisch aufgesprungen und nach Hause gegangen, weil E.’s verliebte Blicke zu mir sie ärgerten – kam gestern abend wieder plötzlich ein Ausbruch bei ihr, offenbar veranlaßt durch das Erscheinen des Herrn Engler, der im Bestreben, taktvoll zu sein, gleich wieder gegangen war, um sie nicht durch das Alleinsein mit ihm falschen Verdacht auszusetzen, da man ja nicht mehr so harmlos wie früher sein könne. Es gab große Auseinandersetzungen zwischen uns, und ganz schrecklich war es mir, als mir Zenzl sagte, ich hätte sie innerlich verloren. Nun war ich heute bei Ehrengard und habe ihr keinen Zweifel gelassen, daß die erotische Beziehung zwischen uns beendet sein müsse. Sie weinte arg und tat mir schrecklich leid. Aber ich blieb stark genug, und hoffe nun, mein häusliches Leben wieder in Frieden und Vertrauen lenken zu können. Aber es wird noch manches Starksein dazu nötig werden.

 

München, Dienstag, d. 11. Januar 1916

Die Fahnen wehn und die Kinder haben schulfrei – seit langen Wochen zum ersten Mal. Der Sieg, der damit gefeiert wird, ist bescheiden. Die Engländer haben aus dem Abbau ihrer Stellungen auf Gallipoli die Konsequenz gezogen und die ganzen Truppen von dort weggenommen, um sie – wahrscheinlich nach Saloniki – auf andre Kriegsschauplätze zu verfrachten. Ihr Verlust betrug einen Mann. Daß die Türken einen großen Sieg daraus machen, ist verständlich, da die Entfernung der Ententeheere von ihrem Lande den endgiltigen Verzicht auf die Forcierung der Dardanellen und die Eroberung Konstantinopels bedeutet. Eine moralische Niederlage haben sich aber die Verbündeten dort zweifellos zugezogen ... Wie weit sie für das verlorene Prestige bei ihrem Saloniki-Unternehmen, das man bis vor kurzem hier geringschätzig ein „Abenteuer“ nannte, Ersatz schaffen werden, ist noch nicht zu erkennen. Zweifellos ziehn sie dort, unbehelligt von Griechenland, außerordentlich starke Kräfte zusammen, zugleich halten sie Kavalla besetzt und etliche griechische Inseln, und Italien hat Truppen in Albanien gelandet. Der Kampf um Serbien scheint demnach noch nicht abgeschlossen, sondern erst in den Anfängen zu sein. Griechenlands Haltung ist immer noch ganz unklar. Daß das Land von Deutschland auch nur zu der gleichen Neutralität gewonnen sei wie es sie gegen die Entente hält, bezweifle ich. Denn zarte Empfindsamkeit ist es sicher nicht, die Mackensens Haltmachen an der Grenze bewirkt hat, sondern höchst wahrscheinlich die Besorgnis, daß sich hinter den auf griechisches Gebiet einziehenden deutsch-österreichisch-ungarisch-bulgarischen Heeren plötzlich eine aus griechischem Militär gebildete Pforte schließen könnte. Wo die Zusammenstöße der Heere stattfinden werden, ist also noch hinter den Schleiern müßiger Zeitungsvermutungen verborgen.

In der „Baralong“-Angelegenheit steht eine Vergeltungsaktion der deutschen Regierung bevor. Ich fürchte bitter, daß sie neuen Abscheu der Welt gegen alles Deutsche hervorrufen wird. Die Antwortnote Greys war übrigens nicht ablehnend, wie die Zeitungen zuerst logen. Er hat vielmehr vorgeschlagen, den Fall „Baralong“, dessen Wahrheit er zunächst bestreitet, zusammen mit der „Arabic“-Angelegenheit einem neutralen Schiedsgericht zu überweisen, das z. B. aus amerikanischen Marineoffizieren bestehn könnte. Da die deutsche Regierung heute ankündigt, ihre Vergeltungsmaßregeln heute oder morgen bekanntgeben zu wollen, ist anzunehmen, daß sie sie bereits vollzogen hat, also wieder einmal Richter in eigner Sache war, wie Österreich in der Serajewo-Angelegenheit, wodurch das Entsetzen dieses Kriegs entstanden ist.

Zu welchen niedrigen Verleumdungs-Praktiken die deutsche Presse in dieser großen Zeit imstande ist, dafür ein Beispiel findet sich heute in der „Münchner Zeitung“, die einen Kommentar der „Kreuzzeitung“ zu der Greyschen Baralong- Erklärung zustimmend abdruckt. Grey hat in der Note erklärt, die englischen Matrosen hätten bis jetzt schon 1150 deutsche Seeleute gerettet, während von ähnlichen deutschen Taten nichts bekannt geworden sei. Aus der Tatsache, daß am 6. April 1915 die englische Regierung bekannt machte, daß sie schon über 1000 deutsche Matrosen in Gewahrsam habe, ziehn die Blätter den schäbigen Schluß, daß von der englischen Regierung eine allgemeine Weisung ausgegeben sei, zur See keine Gefangenen zu machen, sondern die U-Bootbesatzungen kurzerhand zu ermorden, da die Engländer ja angeblich im letzten Jahre eine große Menge Tauchboote vernichtet hätten. Das Gesindel, das soetwas schreibt, weiß natürlich ganz genau, daß jedes Wort dreckigste Verleumdung ist. Aber die Gelegenheit, die Volksseele noch infamer zu vergiften als sie schon ist, lassen sie nicht vorbeigehn.

In Tölz ist plötzlich der Regierungsrat Fischer gestorben, ebenso wie Sieper im Alter von 52 Jahren. Ein Freund Max Halbes (der uns gestern abend besucht hat). Ich war ein paar Mal in der Torggelstube mit Fischer zusammen. Ein netter lustiger Mensch, von dessen sonstigen Qualitäten oder Ansichten ich nichts weiß. Aber die Fülle von Todesfällen in der letzten Zeit ist beunruhigend. Ich bilde mir jedes Mal von neuem ein, daß der Krieg auch an diesem Inlandssterben schuld sein müsse.

Heute ist bei uns Telefon angelegt worden. Meine Repressalie gegen die Briefpost-Überwachung.

 

München, Mittwoch, d. 12. Januar 1916.

Die Einführung der Wehrpflicht in England begegnet größeren Schwierigkeiten als vorauszusehn war. Die Gewerkschaften verhalten sich auch der milden Form gegenüber, die die Regierung vorgeschlagen hat, strikt ablehnend und haben die Arbeitervertreter im Ministerium gezwungen, ihre Demission anzubieten (die abgelehnt sein soll). Im „Vorwärts“, den ich seit 1. Januar abonniert habe, las ich heute den Bericht über eine Arbeiterversammlung in Schottland, in der Lloyd George, der Munitionsminister, selbst erschienen war, um den Widerstand gegen die Konskriptionsbill zu brechen. Er mußte sich aber eine gründliche Abfuhr gefallen lassen und wurde ausgepfiffen. Da die Arbeiter sich auf sozialistische Prinzipien besinnen und anscheinend sich mit allen Mitteln der militaristischen Vergewaltigung widersetzen wollen, ist garnicht vorauszusehn, wie die Regierung trotz der Annahme des Gesetzes in den Parlamenten, ihre Zwecke durchsetzen will. Man muß sich angesichts der Vorgänge in England vorstellen, wie jammervoll die deutsche Arbeiterschaft im Vergleich abschneidet. Sollte sich wirklich mal ein deutscher Minister herablassen, direkt zu Arbeitern zu sprechen, wie würden ihm bei uns die „Führer“ in die tiefsten Tiefen der Arschspalte hineinrutschen, wie beglückt wären sie über seine in den verwegensten Träumen ungeahnte Leutseligkeit, und wie leichtes Spiel hätte er, jede noch so verstiegene Forderung der Regierung bei ihnen durchzusetzen! – Was für Gesellen die deutschen Arbeitervertreter sind, dafür bieten grade die Münchner Sozi wieder ein glänzendes Beispiel. Der König hat zu seinem letzten Geburtstag einen neuen Orden gestiftet für solche Leute, die sich in der Heimat während des Kriegs ausgezeichnet haben. Tagelang erschienen in den Zeitungen ganze engbedruckte Seiten mit den Namen derer, die mit dem „Ludwigs-Kreuz“ ausgezeichnet wurden. Eine Erklärung in der „Münchner Post“ tat dann kund, daß auch Sozialdemokraten mit der höfischen Gunst begnadet worden waren, daß sie aber in Anbetracht der Überzeugung, daß ihre patriotische Arbeit selbstverständlich sei, unter voller Anerkennung der freundlichen Absicht des Spenders, den Orden mit höflichem Dank zurückgestellt hätten. Denen, die mir solchen Charakterstolz befriedigt vorhielten, zum Beweise, daß die Sozialdemokraten doch nicht alle Gesinnung verlernt hätten, antwortete ich gleich: es wird den Herren sauer genug angekommen sein, aber die besseren Elemente in der Partei hätten bei Annahme der Dekorationen doch wohl entschieden aufgemuckt! – Nun erfährt man heute aus der Presse, daß die für Patriotismus belohnten Sozi vom Hofmarschallamt zuerst angefragt worden seien, ob sie die Verzierungen annehmen würden, und sie hätten bis auf Einzelne, die dann das Ludwigskreuz auch nicht bekommen hätten, bejaht. Also eine reizende Blamage mal wieder ... Die bürgerlichen Blätter machen mit Recht darauf aufmerksam, daß eine Diskrepanz bestehe zwischen dem jetzigen Verhalten der Sozialdemokraten und der Annahme von Kriegsauszeichnungen zu vielen Tausenden, die ja ebenfalls die Insignien und die Initialen der Monarchen tragen. Es seien sogar vielfach Beschwerden laut geworden, daß Sozialdemokraten bei der Verleihung des Eisernen Kreuzes wegen ihrer Gesinnung übergangen wären. Ja, aber, das ist ganz was andres, wird es nun heißen, und die M. P. wird das mit viel Aufwand an Logik beweisen. Ich kann mich der Befürchtung nicht erwehren, daß sich auch die rückgratsteifen Genossen des „Vorwärts“ u. s. w. gleicher Rabulistik befleißigen werden. Aber sie werden die Tatsache doch nicht umstoßen können, daß das Tragen des Eisernen Kreuzes und der bayerischen und sonstigen Militärverdienstorden und -kreuze ganz zweifellos ebenfalls das Bekenntnis zu dynastischen Grundsätzen in sich schließt.

Die Österreicher haben den Lovzen erobert. Damit ist auch der Feldzug gegen Montenegro an einem wichtigen Punkt angelangt, da die Einnahme von Cetinje nun wohl nicht lange mehr auf sich warten lassen wird. Leider bin ich sehr weit davon entfernt, aus Erfolgen auf solchen Nebenschauplätzen auf ein nahendes Ende des Krieges zu schließen. Meine früher betonte Ansicht, daß die Entscheidung des ganzen Unheils auf dem Balkon fallen wird, muß ich dahin modifizieren, daß das nur der Fall sein wird, wenn Deutschland und seine Gefolgschaft dort geschlagen wird. Das ist nach der Aufgabe des Dardanellen-Unternehmens nun sehr fraglich geworden, und wenn nicht das in Saloniki gelandete Heer etwas Bedeutsames ausrichtet, dann muß die Dauer des Kriegs leider weiterhin ins Grenzenlose gehn. Wäre es der Entente gelungen, Konstantinopel zu erreichen, dann hätten Friedensverhandlungen für sie einen Zweck, da sie dann ihre dringlichste Forderung mit Aussicht auf Erfolg hätte geltend machen könn[t]en: nämlich die Verständigung Europas auf eine durchgreifende Entmilitarisierung. Solange Deutschland als ständige Bedrohung des europäischen Friedens obenauf bleibt, kann besonders Frankreich nicht daran denken, seine materiellen Kräfte zur Wiederaufrichtung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens im Umfang des kapitalistischen Vorteils nutzbar zu machen, sondern muß, wie vor dem Kriege, alle Energien für sinnloses und bedrohliches Kriegsrüsten aufwenden. Daß das gleiche auch für Deutschland zutrifft, ist der deutschen Menschheit leider nicht begreiflich zu machen. Die glaubt, von aller Welt bedroht zu sein, sobald sie aufhört, alle Welt zu bedrohen.

 

München, Donnerstag, d. 13. Januar 1916.

Liebknecht hat sich im Reichstag durch neue „Kurze Anfragen“ unbeliebt gemacht. So hat er die Regierung befragt, ob ihr bekannt sei, daß die Türken die armenische Bevölkerung zu Hunderttausenden aus ihren Wohnsitzen vertrieben und niedergemacht habe, und was sie getan habe, um Wiederholungen solcher Greuel zu verhindern. Ein Geheimrat hat darauf erwidert, in Armenien hätten „von unsern Gegnern angezettelte aufrührerische Kundgebungen“ stattgefunden, weshalb die armenische Bevölkerung aus verschiedenen Bezirken ausgewiesen sei, der „neue Wohnstätten“ angewiesen wären (im Orkus!). „Über die Rückwirkung dieser Maßnahmen“ finde zwischen Berlin und Konstantinopel ein „Gedankenaustausch“ statt. „Nähere Einzelheiten können nicht mitgeteilt werden.“ Also der gewaltsame Tod von nahezu einer Million Menschen ist die „Rückwirkung“ der Maßnahmen, daß man ihnen „neue Wohnstätten“ angewiesen hat. Bei einer Ergänzungsfrage Liebknechts geriet das „hohe Haus“ in Zorn, und der Präsident mitsamt dem loyalen Troß von rechts bis links verhinderte jede Möglichkeit einer Kritik an der Stelle, die allein zensurimmun ist. Auf die weiteren Anfragen, ob die Regierung bereit sei, Auskunft zu erteilen über allerlei Dinge, die man sonst nicht öffentlich zu hören bekommt, so über die Vergeltungsmaßregeln in den besetzten Gebieten, über dort verhängte und exekutierte Tötungen, über die Exzesse der Organe des Belagerungszustands (dabei wurde auch die geheime Überwachung der Korrespondenz mißliebiger Personen erwähnt) etc. gab es regelmäßig die schlichte Antwort: „Die Regierung – oder der Reichskanzler – ist nicht bereit –“, womit sich die deutsche sogenannte Volksvertretung zufrieden gab. Wenn die Herren Parlamentarier, die noch Gesinnung im Leibe haben, daraus wenigstens die Erkenntnis schöpften, wie erbarmungslos das Prinzip des Parlamentarismus durch diese Erfahrungen an absurdum geführt wird. Sie werden es nie lernen.

Inzwischen geht der Zank innerhalb der Partei vergnügt weiter. Neuerdings propagiert Rühle ganz offen die Spaltung. Man sollte meinen, die wäre selbstverständlich, nachdem sich die Herren gegenseitig konsequent mit den niedrigsten persönlichen Verdächtigungen regalieren, und nachdem Haase z. B. jüngst festgestellt hat, daß er mit Heine nicht diskutieren könne, da er durch eine Welt von ihm getrennt sei. Aber immer noch krähen links und rechts die Standhaften und die Opportunisten, die Einheit der Partei gehe über alles, die müsse gewahrt werden. Wenn die Konsequenz der Dinge nicht stärker sein sollte, als die schlotternde Angst vor dem Zerfall eines unhaltbar gewordenen Gebildes, dann werden wir es also erleben, daß die Herren, die eine ganze Welt voneinander trennt, zugleich von dem Bande einer auf gleiche Gesinnung basierten Partei liebevoll umschlungen sein werden.

Sehr amüsant entwickelt sich allmählich die Fehde zwischen „Münchner Zeitung“ und „Münchner Post“ wegen der Ludwigskreuz-Sache. Auf eine wütende Entgegnung der „Post“, die aber kein Wort von der Behauptung entkräftet, daß die dekorierten Sozi erst angefragt worden seien, stellt die „Münchner Zeitung“ heute ganz genaue Angaben und Namensnennungen in Aussicht, wenn die sozialdemokratische Konkurrenz nicht beigibt. Die ist in arger Verlegenheit. Denn die Art der Anrempelung, mit der sie gestern reagierte, läßt deutlich genug darauf schließen, daß sie es vor ihren Lesern gern vermeiden möchte, überhaupt mitzuteilen, worum es sich bei den Feststellungen der „Münchner Zeitung“ handelte. Um Gottes willen – wenn der „Vorwärts“ erführe, daß die Genossen in München, bis auf einen Einzigen Unentwegten samt und sondern bereit waren, den Orden anzunehmen! Das erheiternde Intermezzo ist immerhin ein neuer Beleg dafür, wie weit die stramme Vaterländerei der Sozialdemokraten schon geführt hat. Ich glaube am Ende doch, daß ich die Wette gegen Henckell, daß die Spaltung der Partei unvermeidbar ist, gewinnen werde.

 

München, Freitag, d. 14. Januar 1916.

Kitchener hat bei Ausbruch des Krieges eine Dauer auf 3 Jahre prognostiziert. Danach ständen wir jetzt erst etwa auf halbem Wege bis zum Ende. Leider deuten mancherlei Anzeichen darauf hin, daß der Engländer, wie er schon durch den Verlauf der Dinge in mancher Voraussage bestätigt wurde, auch mit dieser Prophezeiung recht behalten wird. Jetzt wollen die Engländer die allgemeine Wehrpflicht durchführen, durchaus gemäß der Ankündigung Kitcheners, daß Englands Reserven aufgespart würden, bis sie nötig seien. Rechnet man eine Ausbildung von 3 Monaten, bis die ersten dadurch gewonnenen Truppen an die Front kommen, dann ist zu ermessen, eine wie ferne Frist sich die Alliierten noch für die Beendigung ihrer Vorsorge gestellt haben, abgesehn davon, daß England ein Gesetz von so ungeheurer Tragweite wie die Wehrpflichtsbill natürlich nur einbringen konnte in der Voraussicht, daß die noch bevorstehende Zeit des Krieges solche Aufwendungen nötig mache. Das Unterhaus hat die Vorlage mit großer Mehrheit angenommen, die Arbeiter-Abgeordneten im Ministerium haben ihre Demission zurückgezogen, die Iren haben die Opposition aufgegeben, und es fragt sich nur noch, ob die in den Gewerkschaften organisierten parlamentarisch nicht aktiven Revolutionäre Energie genug aufbringen werden, um der Verpreußung Großbritanniens im Werden den Hals umzudrehn.

Bei uns holt man rücksichtslos die noch irgend habhaften Männer in die Kasernen. Die Garnisondiensttauglichen werden solange nachgemustert, bis sie felddiensttauglich geworden sind. So ist es von meinen Freunden nun auch Maaßen und Schmied gegangen, die ihrer baldigen Einberufung entgegensehn. Die 19jährigen, und zum Teil die 18jährigen werden zugleich mit den ungedienten Leuten über 40 herangeholt. Krankheiten, mäßige Verkrüpplungen gelten schon lange nichts mehr. So erzählte mir heute Frau Steinebach, ihr Mann, der schwer nervenkrank ist und deshalb schon wieder im Lazarett liegt, ist gleichwohl bei der letzten Untersuchung wieder für felddiensttauglich erklärt worden. Dabei wird die allgemeine Erbitterung noch durch andre Dinge genährt, besonders durch die in die Augen springende Unterschiedlichkeit in der Behandlung der Offiziere und der Mannschaften. Leute, die, aus bequemem Leben herausgerissen, plötzlich hinaus müssen, in steter Lebensgefahr in feuchten Gräben leiden und spartanisch verpflegt werden, müssen mit ansehn, wie die jungen Offiziere an bequemen Tafeln gute Dinge essen etc. Vor einigen Tagen war jemand bei mir, der zur Zeit im Kriegsministerium beschäftigt ist. Er kam einfach, um einmal sein Herz auszuschütten, da die ungeheuerliche Verlogenheit, die um ihn ist, unerträglich sei. Auch der erzählte, daß die „Liebesgaben“, soweit sie genießbar seien, ganz in den Händen der Offiziere und allenfalls der Unteroffiziere bleiben. Die, für die sie bestimmt sind, haben das Nachsehn. Dazu die unglaublichen Zustände, die der Belagerungszustand mit sich bringt, und die jetzt im Reichstagsausschuß durchgehechelt wurden. 25 Generäle, pensionierte Schnauzer natürlich, machen in Deutschland alles, verhindern jede Meinungsäußerung, verbieten das Harmloseste (Rauchverbote für die Jugend und für in öffentlichen Lokalen sitzende Damen sind darunter) und führen insgesamt ein Regiment, das einem die Sehnsucht nach russischem Despotismus wach werden läßt, denn in Rußland herrscht wenigstens Korruption, die natürliche Kompensation jeder Gewaltherrschaft, die sich aber in Deutschland erst langsam herausbilden müßte, ehe man sich eingewöhnen könnte.

Bei der Thronrede, mit der gestern der lederne Kanzler den preußischen Landtag eröffnete, gab es einen trefflichen, unfreiwillig wahrhaftigen Satz, in dem gesagt wurde, der Kaiser und König habe nur Worte des Dankes und der Anerkennung für alles, was jetzt geleistet werde. „Nur Worte!“ Das Volk weiß, wie wahr das ist!

Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat Liebknecht wegen seiner eigenmächtigen Praktiken beim Stellen „kurzer Anfragen“ seiner Rechte als Fraktionsmitglied verlustig erklärt, und zwar mit 60 gegen 25 Stimmen. Damit ist in der Fraktion glücklich eine Dreispaltung erzielt, die aber den Vorzug hat, der Opposition der äußersten Linken nolens volens weiteren Spielraum zu schaffen. – Der Zwist zwischen Haase und Heine geht im „Vorwärts“ weiter. Heine verleugnet nicht seine Herkunft aus dem Lager des V. D. St. Er entwickelt eine ungewöhnliche Gehässigkeit gegen die „Parteifreunde“ von der friedlichen Seite und argumentiert mit allen Gründen der nationalistischsten Elemente im Reiche. Der ehrliche Haase hingegen sitzt ein wenig zwischen zwei Stühlen, da er die Verlesung der Fraktionserklärung am 4. August mit seiner jetzigen Haltung in Einklang bringen soll. Es wäre für diese Leute besser gewesen, sie hätten schon 1913 bei der Wehrsteuer ihren Widerstand durch Taten geltend gemacht, statt um der Parteidisziplin willen ihre Gesinnung zu verleugnen. Diese mit Hilfe der Sozialdemokraten zustande gekommene Wehrsteuer ist unzweifelhaft mitschuldig an dem ganzen Unglück des Kriegs. Als der dann ausbrach, war es zu spät für die Herren, zu demonstrieren. Damals war in der Tat die Gefahr einer Überschwemmung deutschen Gebiets durch „fremde Horden“ sehr groß, und für die, die überhaupt auf dem Standpunkt stehn, das „Vaterland“ müsse verteidigt werden, gleichviel wie es organisiert ist, war die Kreditbewilligung nur konsequent. Wer Parlamentarier spielen will, wer also an der Verwaltung des Reichs teilnehmen will, wird wohl oder übel auch seine Erhaltung wollen müssen, und also die Mittel zu seiner Verteidigung hergeben. Vielleicht wird es nach dem Kriege doch Einzelne von der Parteiminderheit geben, die einsehn werden, daß Parlamentarismus und Revolutionarismus nun einmal nicht zu vereinende Dinge sind. Dann aber kommt die Zeit, wo an ein Verständnis zwischen diesen Konsequenten und uns Anarchisten gedacht werden kann.

 

München, Samstag, d. 15. Januar 1916.

Die „Baralong“-Affaire nimmt ihren Lauf. Die deutsche Regierung publizierte eine neue Note gegen die des Sir Grey, in der sie die eignen Taten als höchst sittlich hinstellt und sich jeden Vergleich mit der Mordtat der „Baralong“-Mannschaft verbittet. Sie „stellt fest“, daß die Britische Regierung das Verlangen nach Untersuchung des Falls ignoriert habe (was unwahr ist. Sie hat die Untersuchung durch amerikanische Seeoffiziere vorgeschlagen), und sich damit zum Mitschuldigen an dem Verbrechen mache. Schließlich „sieht sich die Deutsche Regierung genötigt, die Ahndung des ungesühnten Verbrechens selbst in die Hand zu nehmen und die der Herausforderung entsprechenden Vergeltungsmaßnahmen zu treffen“. Natürlich spielten die Worte „Völkerrecht“ und „Menschlichkeit“ wieder eine kolossale Rolle in dem Schriftstück, und natürlich sind diese Eigenschaften nur, und zwar stets, auf deutscher, niemals aber auf englischer Seite zu finden. Die Vergeltungsgerechtigkeit wird nun also ihren Lauf nehmen, und die sie walten lassen, werden weiterhin mit verdrehten Augen ihr tägliches Vaterunser beten, ohne dabei rot zu werden.

Gestern wurde die Besetzung von Cetinje durch die Österreicher gemeldet, und die Zeitungen konstatieren freudig, daß nun der dritte feindliche Regierungssitz von den Verbündeten erobert sei: der belgische, der serbische und der montenegrinische. Wer jetzt noch nicht glaubt, daß nun bald auch Paris, Moskau und London fallen werden, dem ist nicht zu helfen.

Nachdem die von der griechischen Regierung unter Venizelos eingeladenen Heere der Entente durch Befolgung der Einladung die Neutralität so gröblich verletzt haben, daß die Zerstörung Belgiens und die Okkupation Luxemburgs völlig in den Schatten gestellt sind, nachdem sie den Völkerrechtsbruch soweit getrieben haben, außer Saloniki nach andre griechische Plätze, wie Mytilene und Korfu, zu besetzen und die dort tätigen offiziellen Agenten der feindlichen Mächte zu verhaften, scheinen die Vierbundleute mit Griechenland soweit im Reinen zu sein, daß nicht mehr zu befürchten ist, es könne sich noch auf seine Bündnispflichten gegen Serbien besinnen und den einziehenden Zentralverbündeten in die Flanke fahren. Denn es wird jetzt darauf vorbereitet, daß sich die unter Mackensen vereinigten Deutschen und Österreicher von der einen Seite, die Bulgaren von der andern, und eine türkische Armee von Osten her gegen Saloniki in Bewegung setzen würden. Somit wäre dann wohl für Griechenland die Stunde der Entscheidung nahe. Offenbar üben beide Parteien außerordentliche Pressionen aus. England und Frankreich drohen mit Blockade, die die Abschneidung von jeder Lebensmittelzufuhr, besonders nach den Inseln, bedeuten müßte, und deren tatsächliche Ausführung wieder mal gemeldet wird, Bulgarien erklärt zugleich, wenn auch vorläufig noch mit versteckter Drohung, daß es, schließe sich Griechenland nicht dieser Seite an, den Raubzug über das serbische auch auf das griechische Mazedonien erstrecken werde. Es scheint sich also, wie im belgischen Falle, wieder bestätigen zu wollen, daß der Frömmste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

Die „Persia“-Affaire ist beigelegt. Es ist mit der feigen Taktik, die Beweislast, daß es sich um ein Uboot-Attentat handelte, den Amerikaner aufzuerlegen, gelungen, ein unschuldiges Gesicht zu dem Mord zu machen, und nun hat Wilson, der für seine Wiederwahl fürchtet, um den Zorn der Amerikaner zu besänftigen, Aktenstücke veröffentlicht, worin Deutschland alle Forderungen Amerikas in der Tauchbootfrage glatt bewilligt hat. Die Zeitungen, die vorher garnicht blutrünstig genug zu einer brutalen Praxis raten konnten, machen nun daraufhin, wenn auch mit säuerlicher Miene, auch jetzt vor der Regierung Kotau. Brauchte man nur nicht zu befürchten, daß nun, wo sich unsre Schicksalsmenschen endlich entschlossen haben, der verheerenden Schändung des deutschen Namens keine neue Nahrung zu geben, gleich wieder neue Verbrechen derselben Art ausgeführt werden! Es wird ja nicht immer gelingen, die Gaunerausflucht geltend zu machen, wie bei der „Persia“, wo niemand es gewesen sein will.

Zur Psychologie der Patrioten: Als Halbe neulich zur Weinprobe bei uns war, erzählte er sehr befriedigt von einem Vortrag von Rudolf Steiner, der folgende Betrachtung angestellt habe: Der Tod der zahllosen Männer in diesem Kriege würde auf das Weltgeschehn von gutem Einfluß sein. Denn die unverlierbaren Energien ihrer unsterb[l]ichen Seelen werden sich konzentriert in nachwachsenden Menschen sammeln und, so werden wir grade durch das große Sterben im Kriege ein wahrhaft geniales Geschlecht nachwachsen sehn. Daß Halbe aus dieser Jongliererei Trost schöpft, mag hingehn, da er ein historischer Narr ist und alles aufsammelt, was seine Kriegsbejahung rechtfertigen könnte. Jämmerlich aber ist, daß die theosophischen Gottsucher die sinngemäße Einstellung in die Konjunktur gefunden haben, daß sie nicht den trüben und gottlosen Widersinn des Völkermassakers beim rechten Namen zu nennen wagen. Wie leicht sich doch die Menschen ihr kleines Dasein machen! Wenn jede Vernunft und jedes Gefühl zum Tode verwundet aufschreit, dann hat man schnell eine transzendentale Spekulation bei der Hand, und der liebe Gott war wieder weiser als je zuvor. Es trifft zu, was ich Halbe an jenem Abend über das Treiben der Steiner und Genossen gesagt habe: Sie machen den Gotama Buddha katholisch!

 

München, Montag, d. 17. Januar 1916.

Die schauderhafte Brandkatastrophe, die Bergen zerstört hat, und die Sturmflut in Holland mit schrecklichen Verheerungen vervollständigen die Orgien, mit denen die Menschen gegeneinander wüten, und die, da die Deutschen behaupten, längst Sieger zu sein und weiterkämpfen zu wollen, bis die andern ihre Niederlage eingestehn, und da die andern erklären, nicht aufhören zu wollen, bis die Deutschen nicht besiegt seien, ins Unabsehbare weitergehn zu sollen scheinen. Allem Anschein nach wird Griechenland in kürzester Zeit wohl auch noch – als 13ter Held – in die Arena treten. Die Entente landet dort immer mehr Truppen und hat dazu bereits die Häfen von Athen und Corinth benutzt (als letzte Meldung wird allerdings die Zurückziehung der in Phaleron gelandeten Soldaten behauptet). Die deutschen Zeitungen keifen wie die Marktweiber über die unerhörte Vergewaltigung Griechenlands, grade als ob Belgien und Luxemburgs Neutralität nie angetastet worden wäre. Ich persönlich glaube immer noch, daß zwischen der griechischen Regierung und den Regierungen der Alliierten bei all den Vorgängen ein stilles Einverständnis waltete, und als ob die Proteste der Griechen nur den Zweck hätten, dem Vierbund gegenüber die äußeren Formen zu wahren. Möglich auch, daß die recht haben, die Herrn Venizelos’ Hand im Spiele sehn und ihm zutrauen, sehr ehrgeizige revolutionäre Ziele dabei zu verfolgen. Seine Parole der Stimmenthaltung seiner Anhänger bei den letzten Wahlen und ihr Ergebnis, nach dem nur ein Drittel der griechischen Wählerschaft überhaupt zur Urne gegangen ist, läßt allerdings die Deutung zu, daß ihm das Parlament als Instrument seiner Zwecke nicht stark genug war und er einen Handstreich plant, um den Hohenzollern-Schwager abzusetzen und sich zum Präsidenten der griechischen Republik zu machen ... Die Haltung Rumäniens ist immer noch dunkel. Der Hohenzoller, der dort haust, wird wohl auch nicht mehr als allenfalls dauernde Neutralität von der ententefreundlichen Bevölkerung verlangen können. – Man sprach neuerdings von geheimen Verhandlungen zwischen Bulgarien und England. Die sind nun von Sofia aus in einer Form dementiert worden, die zweifelsfrei darauf schließen lassen, daß derartige Verhandlungen entweder stattgefunden haben oder noch im Gange sind. Ein Separatfrieden der Bulgaren, etwa auf der Grundlage, daß sie die verbündeten Zentralmächte im entscheidenden Augenblick im Stich lassen und dafür ein Stück Griechisch-Mazedonien kriegen, käme mir angesichts der moralischen Skrupellosigkeit jeder Politik keineswegs erstaunlich vor. – Auf den europäischen Kriegsschauplätzen ist noch keine Aenderung weiter eingetreten. Der Durchbruchsversuch der Russen in der Bukowina scheint unter enormen Verlusten auf beiden Seiten gescheitert zu sein. Die Italiener schwächen ihre Aggressivität vor Görz und an den andern Fronten ab, offenbar, weil sie mit Truppenabschüben nach Albanien beschäftigt sind, um die durch die Eroberung Cetinjes und des Lovcen entstandenen Gefahren abzuwehren. An der französischen Front will sich hingegen, wie es jetzt scheint, etwas vorbereiten. Nachdem vor einigen Tagen die Explosion eines Munitionsdepots vor Lille gemeldet war (unter heuchlerischen Anklagen gegen die Engländer, die dabei etliche Dutzende Einwohner getötet haben. Die Deutschen werden also wohl, wenn sie ein Munitionslager sprengen wollen, vorher das Publikum beiseite schicken!), hieß es gestern, die Engländer beschössen die innere Stadt Lille. Das setzt voraus, daß sie erst mal nahe genug an die Stadt herangekommen sein müssen, um mit ihren Kanonen hinzulangen. Wir werden also nun wohl wieder ein gewaltiges Gezeter hören, wenn an der Stadt dieselbe Gemeinheit geübt wird, wie kürzlich von den Italienern gegen Görz. So etwas ist nur dann statthaft und sittlich, wenn Deutsche oder Österreicher es unternehmen, etwa gegen Ypern oder Reims.

Der „Baralong“-Fall hat im Reichstag zu einer großen Kundgebung geführt, worin sich wieder mal die Einmütigkeit der deutschen „Volksvertretung“ gradezu rührend offenbarte. Herr Noske hielt eine Rede, worin er den Ton der deutschen Note gegen England als nicht energisch genug hinstellte, und ebenso wie alle andern Redner kräftige Vergeltungsmaßnahmen forderte. Dieser „Sozialist“ erklärte, daß „wir alle“ die deutschen U-Bootleute bewundern und lieben, und daß die englische Regierung die deutsche frech herausgefordert habe. Er wurde jubelnd beklatscht und Herr Örtel fand nachher, daß er dem, was Noske gesagt hätte, kaum ein Wort hinzusetzen könnte. Ebenso sprechen die Fortschrittlichen und die Ultramontanen, und auch Ledebour, der im Namen der sozialdemokratischen Minderheit das Wort nahm, äußerte sich ziemlich schwächlich und forderte nur, daß die Repressalien sich in den Grenzen der Menschlichkeit halten sollten. Liebknecht hatte sich als Letzter noch gemeldet, wurde aber durch Annahme eines Schlußantrages am Reden verhindert (Die freie Tribüne des Parlaments!). Er konnte nur zur Geschäftsordnung vorbringen, daß er sich dagegen gewandt hätte, daß man einen Einzelfall zur Völkerverhetzung ausnutzte. Durch Geschrei und Gejohl wurde er am Weiterreden verhindert. Einen Vergleich mit Belgien zog kein Redner.

Die Fraktionsminderheit hat gegen den Beschluß, Liebknecht seiner Rechte als Fraktionsmitglied verlustig zu erklären (Antrag Buck) protestiert. Rühle hat sich noch ausdrücklich mit ihm solidarisch erklärt und den Verzicht auf die Liebknecht entzogenen Rechte ausgesprochen ... In Bremen haben die loyal gebliebenen Genossen gegen die radikale „Bremer Bürgerzeitung“ ein Konkurrenzorgan gegründet. Das Zentralorgan der Gewerkschaften putscht den Parteivorstand zu eigenmächtigen Maßnahmen gegen die Minderheit auf. Scheidemann bezichtigt in der „Münchner Post“ die Haase-Gruppe, den Krieg zu verlängern. Die[Der] offizielle Teil der französischen Partei treibt gegen seine Frondeure das gleiche Spiel. Die patriotischen Sozialisten in den verschiedenen Ländern beschimpfen sich gegenseitig und werfen einander mit vollem Recht den Verrat an der Internationale vor. Die anständige Aktion in Zimmerwald, die zu einer Einigung zwischen den Sozialdemokraten der verschiedenen Länder führen sollte, ist zum Zankapfel zwischen allen Parteien und innerhalb der einzelnen Parteien selbst geworden. Aber links und rechts ist man darin mit wenigen Ausnahmen einer Meinung: Spaltung gibt’s nicht und darf es nicht geben. Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr ...

 

Abends.

Montenegro hat Österreich-Ungarn Frieden angeboten und die Forderung, bedingungslos die Waffen niederzulegen, angenommen ... Der erste Ölzweig! Ist das nun der Anfang vom Ende oder nur eine Episode im Endlosen?

 

München, Dienstag, d. 18. Januar 1916.

Als ich gestern das Telegramm der M.-A.-A.-Z. las, worin Tiszas Mitteilung an das Ungarische Parlament verkündet wurde, Montenegro habe die Kapitulation angeboten, blieb mir fast das Herz stehn. Das Wort Frieden in dieser Zeit! Es ist wirklich so, wie Noah das Erscheinen der Taube über der Sintflut empfunden haben muß. Nun müssen nur noch die Befürchtungen ausgestanden werden, daß sich die unseligste aller Regierungen, die österreichisch-ungarische, im Siegerstolz nicht zu bescheiden wissen wird und den übrigen Gegnern dadurch neuen Kriegsgrund geben mag. Man wird sich ja kaum damit begnügen, die gewonnenen Stellungen nur für den Verlauf dieses Krieges soweit besetzt zu halten, wie die Militärs das für nötig erachten werden. Ich glaube schwerlich, daß der Staat, der in langen Jahren seine innere Ohnmacht dadurch zu kachieren strebte, daß er gegen die kleinen Nachbarn Serbien und Montenegro eine schändliche Gewaltpolitik trieb, und dadurch das ganze Elend der Völkermörderei heraufbeschwor, den Lovcen je wieder gutwillig aufgeben wird. Wäre er nur so verständig, den Montenegrinern Skutari zu überlassen, das sie im zweiten Balkankrieg eroberten und dann auf Drängen der perfiden Habsburgischen wieder herausgeben mußten (Die internationale Weltflottenkomödie vor Antivari im Jahre 1913 tritt belustigend ins Gedächtnis). Erhält Montenegro Skutari und Serbien einen Zugang zur Adria, dann ist ein für allemal sehr viel Konfliktstoff aus der Welt, und die Furcht vor deutschem Kontinentsimperialismus hätte Grund zur Beruhigung. Aber, wer das verbündete Zentraleuropa kennt, kann wenig Zutrauen haben.

Heut war ich auf der Redaktion der „Münchner Post“, um Adolf Müller zu veranlassen, im Landesverband bayerischer Journalisten eine Aktion zu unternehmen, wie ich sie für die heut in 8 Tagen stattfindende Generalversammlung des Schutzverbands Deutscher Schriftsteller vorhabe. Was die französischen Kollegen vor 3–4 Monaten schon erfolgreich unternommen haben, nämlich eine würdige Demonstration gegen die Unterdrückung jeglicher Meinungsfreiheit in der Presse, daran hat in Deutschland leider noch keine Schriftstellerorganisation gedacht, obwohl unsre Fachinteressen am ärgsten geschädigt werden, da ja sogar die Buchpublizistik der Militärkontrolle untersteht. Zu Anfang des Kriegs erklärte der lange Theobald, der Belagerungszustand und mithin die Zensur, werde nur aufrecht erhalten werden, bis die Mobilisation beendet sei, d. h. also etwa 6 Wochen. Jetzt, nach 1½ Jahren wissen wir, daß die Brutalisierung des Geistes nur immer noch ärger geworden ist. Verschiedene Male ist uns inzwischen von der Regierung zugesagt worden, daß, sobald Friedensverhandlungen eingeleitet würden, selbstverständlich die Diskussion darüber freigegeben werden solle. Mit Montenegro sind die Friedensverhandlungen im Gange. Ob irgend ein Mensch glaubt, die wortbrüchigen Schurken in Berlin würden jetzt „dem freien Volk die Rede frei“ sein lassen? Mir scheint,

 

München, Mittwoch, d. 19. Januar 1916.

Herr Ernst Boldt erschien gestern während der Eintragung, ein Anthroposoph von wirren Ansichten und klugen Einsichten.

Mir schien also, daß es Sache der Schriftsteller sein müsse, endlich aufzumucken und die Aufhebung des „Burgfriedens“ zu verlangen, der in der Tat nichts andres ist, als die Mundtotmachung jeder Unzufriedenheit.

Ob die Kapitulation Montenegros – Herr Adolf Müller, der Revolutionär, sprach gestern vom König Nikita nur per „Hammeldieb“, der Mann merkt garnicht, daß er uns in der angedichteten Eigenschaft als Hammeldieb viel näher stehn müßte, als in der wirklichen als König und Kriegstreiber –, ob der Verzicht Montenegros auf eine Fortsetzung der Verteidigung als Beispiel bei Serbien Nachahmung finden wird, wie die Blätter schon optimistisch voraussehn, glaube ich kaum, umsoweniger, als sich der serbische Hof unter unmittelbarer persönlicher Aufsicht der Entente-Generäle, angeblich in Korfu, befindet. – Soviel Einsicht ist ja anscheinend in Deutschland überall vorhanden, daß die Besiegung des kleinsten der gegnerischen Staaten wohl als Niederlage der Alliierten zu bewerten ist, aber keineswegs Rückschlüsse auf eine Abkürzung des ganzen Krieges gestattet. Italien wird sich einfach wieder auf die österreichische Front konzentrieren – es soll seine Truppen schon aus Nordalbanien zurückgezogen haben –, und vielleicht wird die Aufgabe des Saloniki-Unternehmens folgen. England und Frankreich sollen ihre Vertreter aus Cetinje abberufen haben. Ich vermute, daß das einfach deshalb geschieht, weil dort jetzt die Zentralmächte Herren sind, also nur eine Vorsichtsmaßregel während der Friedensverhandlungen darstellt, um etwa Repressalien gegen die Verhaftung der Vierbund-Konsuln in den besetzten griechischen Gebieten zu verhindern. Möglich ist aber auch, daß damit der Abbruch der Beziehungen ausgedrückt wird, um eine Warnungspression auf Serbien auszuüben. – Auf die Veröffentlichung der in Saloniki im deutschen Konsulat gefundenen Dokumente, die angekündigt wird, bin ich neugierig, wiewohl sie kaum mehr Bedeutung haben werden, als die angeblich aufgefangene Briefpost vom Athener Gesandtschaftspersonal der Entente nach England, die Österreich kürzlich der Öffentlichkeit preisgab. Niemand kann wissen, wieviel an solchen Publikationen entstellt oder ganz gefälscht ist.

Liebknecht ist offiziell aus der sozialdemokratischen Fraktion ausgeschieden. Er ist in diesen Tagen wieder im Reichstag wie ein Schulbube behandelt worden. Seine Absicht, zu sprechen, wurde vom Präsidenten und dem Reichstag, mit Einschluß eines Teils der Sozialdemokraten, verhindert. Mich dauert der tapfere Mann, da er als Beweis dafür herhalten muß, daß der Parlamentarismus die Möglichkeit, freie Rede zu gewährleisten, noch weniger bietet als konspirative Versammlungstätigkeit, und doch die Konsequenz nicht zieht, den ganzen Plunder als Abgeordneter hinzuschmeißen. – Der weitere Verlauf der Auseinandersetzung zwischen Heine und Haase zeigt immer klarer, daß es nur noch auf Biegen und Brechen geht. Wer in der Partei ehrlich ist, muß die Spaltung wollen.

 

München, Freitag, d. 21. Januar 1916.

Im Reichstag gab es eine großzügige Zensurdebatte, in der Dittmann (Soz.) eine Fülle der Öffentlichkeit (mir zum wenigsten) neues Material vorlegte. Alle Parteien sprachen sich gegen die Handhabung der Zensur aus, worauf die Regierung erklärte, daß es beim Alten bleiben werde. Liebknecht hatte sich zum Wort gemeldet, wurde vom Präsidenten Kämpf hinter die später gemeldeten Redner rangiert und dann durch einen Schlußantrag mit Hilfe eines Teils seiner Parteigenossen am Sprechen gehindert. Heine hielt eine Rede, die sich schwächer als die des Nationalliberalen Stresemann gegen die Zensur aussprach und in der er scharfes Vorgehn gegen diejenigen forderte, die auf dogmatischen Theorien fußend andrer Meinung sind als er.

Die Balkan-Ereignisse erweisen sich immer undurchsichtiger. Nach französischen Meldungen, denen ich vorläufig noch nicht glauben mag, seien die österreichisch-montenegrinischen Verhandlungen abgebrochen und der Kampf wieder im Gange, weil Österreich unannehmbare Forderungen gestellt habe. Stimmt das – und welche Skrupellosigkeit sollte man unsern östlichen Verbündeten nicht zutrauen dürfen? – dann wäre unter wortbrüchiger Ausschaltung der öffentlichen Kritik das Todesurteil weiterer Zehntausender Menschen unterzeichnet. Man nimmt hier vielfach an – und die Ententepresse spricht denselben Verdacht aus –, daß Nikita bestochen sei und für Geld den Lovcen und damit den Kampf aufgegeben habe. Möglich ist vieles. Um die Millionen wäre es nicht schade. Das dadurch ersparte Elend würde jeden Geldwert lohnen.

Die griechische Frage drängt zur Entscheidung. Es heißt, die Verbindung zwischen Sofia und Athen sei plötzlich unterbrochen, und die Alliierten hätten ein auf 24 Stunden befristetes Ultimatum an Griechenland gerichtet, mit der Forderung, den Gesandten des Vierbundes die Pässe zuzustellen. Der Herr v. S., der seit langem, offenbar inspiriert, in den willfährigsten Zeitungen – hierorts in der „Münchner Zeitung“ – Amtspatriotismus verzapft, schreibt heute zum ersten Mal einen Artikel, in dem feindselige Stimmung gegen Griechenland präpariert wird. Man müsse endlich die Fiktion aufgeben, als sei die Entente ohne Einwilligung der Regierung nur von Venizelos nach Saloniki eingeladen worden. Man habe längst Zeit gehabt, den Vergewaltigungen der Entente, wenn es sich nur um solche gehandelt hätte, gewaltsam entgegenzutreten. Gleichzeitig wird mit der bevorstehenden deutsch-bulgarischen Offensive gegen Saloniki als einer nicht mehr fraglichen Selbstverständlichkeit gerechnet. Qui vivra, verra.

Der Besuch eines benachbarten Malers, dem ein netter Brief vorangegangen war, ist zu bemerken. Ein älterer Herr, äußerlich Peter Hille ähnlich, der sich in dieser verlogenen Zeit vereinsamt fühlte und sich als Abonnent des „Kain“ meiner erinnerte, um sich aussprechen zu können. Soetwas bestärkt mich in der Idee, daß die Menschen, die jetzt klaren Kopf und saubere Seele behalten haben, gleichviel aus welchem Lager sie stammen, gesammelt werden müssen. Leider war es mir noch nicht möglich, mit Frau Hoesch-Ernest zusammenzukommen. Ob die Frau Angst hat? Ich will mich auch mit Kurt Eisner in Verbindung setzen. Wie dereinst vorzugehn ist, muß die Zukunft mit ihren Ereignissen entscheiden.

Gestern kamen mit gleicher Post zwei Briefe an, die mich lebhaft bewegten und erfreuten. Ein längerer von Jenny, aus dem ich sehe, daß ihr meine Verheiratung kein Grund geworden ist, mich zu meiden, und einer von Zaza aus Lausanne, von der ich während des ganzen Kriegs noch nichts hatte erfahren können. Ich dachte oft an das gute Geschöpf und fürchtete, sie werde ihr französisches Herz gegen den Boche stählen, ob der auch Anarchist ist. Aber sie schreibt lieb und herzlich, lädt mich dringend ein, ich solle zu ihr nach Lausanne kommen und schließt: „Je t’aime encore toujours.“ Ich will ihr so schreiben, daß sie fühlt, wie stark ihre Zärtlichkeiten noch in meinem Herzen leben, und daß meine Ehe, von der sie noch nichts weiß, nichts von dem verschütten kann, was Gutes in meinen Erinnerungen bewahrt ist. – Nur von einer Frau habe ich keine Nachricht seit Jahr und Tag, von der ich die Bestätigung ihrer Anhänglichkeit ersehne: von Friedel. Ob sie garnicht weiß, wie treu ich ihr im Herzen geblieben bin?

 

München, Sonnabend, d. 22. Januar 1916.

Beachtliche Wendungen sind seit gestern nicht gemeldet worden. Die in Frankreich und Italien als bestimmt geäußerten Behauptungen, daß die Verhandlungen mit Montenegro abgebrochen seien und der Krieg weitergehe, werden von Österreich aus dahin kommentiert, daß bei den schwierigen Telefon- und Telegrafenverbindungen des Landes und bei dem Charakter des Kriegs als Bandenkampf die Aufforderung, die Waffen zu strecken, noch nicht an alle montenegrinischen Heeresverbände ergehn konnte, und daß einzelne Generale auf eigne Faust den Krieg fortsetzen. Ich glaube vorerst an die Richtigkeit dieser Version, besonders an ihren zweiten Teil. Doch muß Genaueres abgewartet werden.

In Griechenland scheint die endgiltige Entscheidung bevorzustehn, ob seine Regierung, in Europa-C. oder in Europa-W. als Hauptgiftmischer und Anzettler des ganzen Dramas, bzw. als armes, heldenmütiges, ruchlos in den Krieg hineingezerrtes, friedfertiges Schäflein austrompetet werden wird, oder ob es weiterhin, von beiden Seiten gelockt und gezogen, geschoben und gestoßen, neutral bleiben kann.

Nachträglich soll ein Ereignis hier Erwähnung finden, das als Symptom von großem Belang ist: die Kapitulation der österreichischen polnischen Sozialistengruppe vor dem Militär-Nationalismus und ihr Eintritt in den österreichischen Polenclub. Diese schimpfliche Preisgabe jedes letzten Restes an Überzeugung und Charakter kommt im gleichen Augenblick, wo die italienische Presse mit der Behauptung auftritt, die Zentralmächte planen die sofortige Autonom-Erklärung Russisch-Polens unter der Bedingung einer gleich in Kraft tretenden Militärkonvention, – mit dem Zweck also, die männliche Einwohnerschaft des besetzten Landes einfach zum Heeresdienst ausheben und den eignen Streitkräften einverleiben zu können. Man braucht nur verfolgt zu haben, welche Droh-Manifeste der deutsche Gouverneur Beseler in Warschau gegen die revolutionären, gegen die „Befreier“ gerichteten, Umtriebe in Polen losgelassen hat, um zu erkennen, was das Freiheitsgeschenk, das diese Danaer bringen möchten, wert ist. Die neue Verfügung, wonach in Österreich nun die Wehrpflicht bis zu 55 Jahren ausgedehnt wird, mag auch ein Übriges dazu tun, um das Vorhaben, an dem ich noch zweifle, das aber an und für sich möglich ist, in Polen populär zu machen. Die polnischen Sozialdemokraten Österreichs werden sich umschauen, wenn nach dem Kriege die breite Masse ihres Stamms über ihr Verhalten urteilen wird. Es ist allemal Verrat, wenn Überzeugung und Gesinnung um kurzfristiger Nützlichkeit halber preisgegeben oder auch nur eingeengt wird. Verräter aber sind Falschspieler, und mit denen setzen sich ehrliche Menschen nicht zum Wein.

 

München, Montag, d. 24. Januar 1916.

Ob Montenegro nun eigentlich wirklich kapituliert hat oder nicht, weiß kein Mensch. Von Wien aus wird es amtlich behauptet, die italienische amtliche „Agenzia Stefanie“ meldet dagegen, daß der König auf der Flucht nach Lyon in Brindisi eingetroffen sei, daß sein Sohn Mirko hingegen sich an die Spitze der montenegrinischen Truppen begeben habe, die den Widerstand fortsetzten. Vielleicht ist die Wahrheit die, daß Nikita, bestochen von österreichischem Gelde, tatsächlich den Lovcen , Cetinje und den Krieg preisgegeben hat, daß er mit dieser Politik auf aktiven Widerstand gestoßen ist, daß er deshalb landflüchtig werden mußte, und daß nun der königstreue – in diesem Fall zugleich der kriegsmüde – Teil seiner Armee dem Befehl zur Waffenstreckung nachkommt, während ein andrer Teil unter rebellischen Generälen den Krieg weiterführt. Ob Prinz Mirko als Vertreter der Regierung seines Vaters mit Österreich verhandelt, oder ob er im Bestreben, den Thron für sich zu erobern, sich der kriegerischen Partei beigesellt hat, ist noch nicht zu erkennen. Die nächsten Tage werden wohl einige Aufklärung schaffen.

In England beschäftigt man sich lebhaft mit dem Plan einer verschärften (effektiven) Blockade Deutschlands. Vorläufig scheinen sich Amerika und Schweden wegen des Nachteils, der ihrem Handel dadurch erwachsen würde, dem zu widersetzen. Ob die Idee verwirklicht werden kann, wird davon abhängen, ob es den Engländern gelingt, die Ostseeschiffahrt mit ihren Tauchbooten lahmzulegen. Ich bin längst so weit, alles zu begrüßen, was das wirtschaftliche „Durchhalten“ Deutschlands erschweren kann. Mit Waffengewalt ist ein Ende des Jammers nicht zu erzielen. Die Erschöpfung aber muß zuerst in den Zentralstaaten eintreten – also je schneller umso lieber. Wenn in Deutschland oder Österreich die erste Bauernrevolte ausgebrochen sein wird, wird Friede werden.

 

München, Dienstag, d. 25. Januar 1916.

Die Komödie von Montenegro nimmt ein immer sonderbareres Bild an. Die Sache verhält sich scheinbar so: Nikita hat angesichts der Unmöglichkeit, sich länger zu verteidigen oder seine Truppen in Sicherheit zu bringen, tatsächlich kapituliert. Die Waffenstreckung nimmt daher – nach österreichischem amtlichem Bericht – normalen Verlauf und soll schon perfekt sein, da Skutari auch schon besetzt ist. Die Ankündigung, daß nun die Friedensverhandlungen beginnen sollten, scheint indessen verfrüht gewesen zu sein. König Nikolaus ist in Rom eingetroffen und nach Frankreich weitergereist. Nach aller Wahrscheinlichkeit ist es also wahr, was die bei der Entente akkreditierten Vertreter Montenegros behaupten: daß das ganze Kapitulationsmanöver nur gemacht wurde, um den Serben den Rückzug zu sichern und daß Nikita garnicht an einen Separatfrieden denkt, sondern abwarten will, bis die Entente ihm sein Land bei der Festsetzung der allgemeinen Friedensbedingungen zurückgibt. Jedenfalls ist Österreich mal wieder blamiert und der große Sieg der Zentralmächte erweist sich als eine erhaltene moralische Ohrfeige.

Zur gelegentlichen Benutzung als Argument gegen die Annexionspolitiker. Man will ja annektieren, um dadurch den Frieden zu sichern. Die letzte Annexion europäischen Gebiets durch eine europäische Großmacht betraf Bosnien. Die Einverleibung Bosniens in die Donaumonarchie aber war die unmittelbare Ursache zu dem Weltverbrechen der Gegenwart.

 

München, Donnerstag, d. 27. Januar 1916.

Im äußeren Verlauf der eigentlichen Kriegshandlungen stand in der letzten Zeit im Vordergrunde die russische Offensive in Ostgalizien. Die auch nach der sogenannten „Neujahrsschlacht“ fortgesetzt erneuten Versuche, nach Czernowitz zu gelangen und die österreichische Bukowinafront zu durchbrechen, sind bis jetzt trotz ungeheurem Kräfteverbrauch und Massenopferung von Menschen nicht gelungen. Angeblich soll man dort jetzt unter Leitung französischer Offiziere zum Stellungskrieg übergegangen sein. – Günstigere Resultate haben die Russen an der Kaukasusfront gegen die Türken erzielt, die auf Erzerum zurückgedrängt sind und Mühe haben, die Festung nicht zu verlieren. Selbstverständlich haben die Türken über diese Vorgänge nur Siegesnachrichten verbreitet, und ebenso über die Rückschläge in Mesopotamien, die auf ihren Sieg bei Ktesiphon gefolgt sind. Dort scheint die Vereinigung der Engländer mit den Russen aussichtsvoll angestrebt zu werden, und ob die von türkischer und deutscher Seite behaupteten persischen Widerstände erstens wahr sind, und zweitens stark genug sind, um den Plan zu verhindern, ist ebenso zweifelhaft wie die neuen Verkündungen unsrer Zeitungen von einer Bedrohung Adens durch türkisch-deutsche Truppen. Die völlige maritime Beherrschung des Euphrat und Tigris macht die Engländer dort stärker, als daß ihre plötzliche Verdrängung aus Aden glaubhaft wäre. Bei Görz wollen die Österreicher einen großen Erfolg über die Italiener erzielt haben, doch wird der kaum mehr Bedeutung haben als irgendeiner der zahlreichen Offensivstöße der Franzosen oder Deutschen an der Westfront, mit ein wenig Schützengrabengewinn und einer daran anschließenden ganz geringfügigen Frontveränderung. Die 2000 Gefangenen machen den Kohl nicht fett. Wenn es allerdings wahr ist, daß nach der Montenegro-Operette eine starke Friedensstimmung in Italien nach oben will, und das Verlangen, das Londoner Abkommen gegen einen Separatfriedensschluß zu brechen, unbehelligt von der Zensur laut werden kann, dann wäre eine solche Schlappe vielleicht geeignet, bekräftigend auf derartige Tendenzen einzuwirken.

Im Westen entsteht inzwischen der Eindruck, als ob die längst prophezeite deutsche Offensive nun wirklich Ereignis werden wollte. Die letzten Tagesberichte lassen keinen Zweifel, daß von deutscher Seite eine erhebliche artilleristische Tätigkeit auf der ganzen Front, besonders aber wieder in Flandern, eingesetzt hat, und die menschlichen Gemütstöne, mit denen Herr Ohl wieder seine Heldentaten preist (so wurde gestern gemeldet, daß der Templerturm und die Kathedrale von Nieuport „umgelegt“ seien) lassen Schlüsse zu auf sieghafte Taten, die noch kommen sollen. Heute ist Kaisers Geburtstag, und so werde ich mich nicht wundern, wenn man dies Datum benutzen wird, um dem deutschen Volk einen gewaltigen Erfolg zu bescheren, mit 1½ Kilometer Raumgewinn, 3¾ 000 Gefangenen und mindestens 20.000 Toten und Verwundeten auf beiden Seiten. Dies Volk ist ja noch immer erbötig, derartige Geburtstagsfeiern als willkommene Anlässe zum Flaggen und Hurraschreien entgegenzunehmen.

Im Schutzverband brachte ich gestern eine kräftige Resolution gegen die Zensur ein. Natürlich schreien die Leisetreter Ach und Weh. Aber es wurde doch ein Beschluß angenommen, wonach Martens in Berlin eine Aktion aller Organisationen der Geistigkeit anregen und dabei einen Teil meiner Resolution zur Begründung vorlegen soll. Von der Stelle an, wo ich auf das Beispiel der französischen Kollegen (bei dem Ausdruck stellten sich unsern Helden von der Feder die Haare hoch) hinwies und die in Deutschland geübte Unterdrückung der Meinungsfreiheit als die rigoroseste von allen Ländern hinstellte, wurde mein Text gestrichen. Ich freue mich jedenfalls, derjenige zu sein, der als erster die deutschen Schriftsteller an ihre Pflicht erinnert hat.

Frau Dr. Ehrengard Schultz gibt neuen Anlaß zu Verdruß. Ich habe ihr kürzlich erklärt, unsre erotische Beziehung müsse aufhören, und habe strikt danach gehandelt. Sie bläst nun der armen Zenzl die Ohren voll, um uns auseinanderzusprengen. Lange werde ich mir die Intriguen einer enttäuschten Eifersüchtigen nicht mitansehn. Wenn man anders nicht Frieden haben kann, muß es mit Krach sein – intra muros et extra. Leider ist auch Zenzl peinlich eifersüchtig.

Aus einem Gespräch mit Max Halbe über den Krieg. (Diese Gespräche sind seltener geworden zwischen uns, und wir zwingen uns dabei beide zu der Ruhe rein akademischer Auseinandersetzungen). Ich erklärte, der Krieg erweise sich selbst als anachronistisch. Die unerhörten Rüstungen haben jedes Land unüberwindlich gemacht. Aber man habe das Unmögliche unternommen. Deshalb die lange Dauer und die Aussichtslosigkeit. Halbe dagegen, der Krieg sei für Deutschland notwendig geworden, weil die Entente beabsichtigte, es – wenn es anging sogar auf friedlichem Wege – zu erdrosseln. Sonderbar: die Fiktion, daß wir ruchlos überfallen seien, scheint ganz fallen gelassen zu sein. Die „Erdrosselung“ aber kam vor dem Ausbruch des Kriegs niemals zutage. Im Gegenteil wurde der Aufschwung des Landes aus allen Statistiken und Berichten nachgewiesen und in wirksamen Gegensatz zu den Erfahrungen der Konkurrenz gesetzt. – Man wird allmählich schon zu der Motivierung zurückkehren müssen, die vor dem Kriege galt und bei Herrn v. Bernhardi Ausdruck fand: daß der Krieg um des Krieges willen geführt werde, und weil die deutsche Rüstung so schmuck geworden war, daß sie es verdiente, endlich in die Arena geführt zu werden.

 

München, Sonnabend, d. 29. Januar 1916.

Ich habe das Gefühl, als ob die Zeit da sei, wo ich für Frieden und Anstand werde in Aktion treten dürfen. Nach meinem Auftreten in der Schutzverbands-Versammlung hatte ich vorgestern wieder Gelegenheit, in eine Rede einiges Bekenntnis einzuflechten. Ich war mit Zenzl in einer Versammlung der „Nationalen Frauengesellschaft für dauernden Frieden“. Dr. Anita Augspurg sprach über „Bevölkerungsprobleme“. Da irgendetwas von „dauerndem Frieden“ in ihrem Vortrag nicht vorkam, hielt ich dann eine Rede, worin ich heftig gegen die Geburtenbeschränkung polemisierte, die die „revolutionäre Wehrhaftigkeit“ des Volks gefährde. Einige Seitenstreiche gegen den Staat und gegen den Krieg fielen ab, und ich hatte starken Beifall ... Mehrere Begegnungen bei dieser Gelegenheit führten dann zu weiteren Privatdiskussionen, und ich hoffe, daß nun endlich Schritte getan werden können, um zunächst mal diejenigen, die wie ich über die Ereignisse denken, in persönlichen Konnex zu bringen. Dann werden die sichtbaren oder unterirdischen Wege, wie man weiterkommt, schon gefunden werden ... Von einer sehr revolutionären Persönlichkeit, auf die mir in allem am meisten Verlaß zu sein scheint, weil am meisten Temperament am Werke ist, hörte ich heute eine gute Einwendung gegen die Fortsetzung des Kriegs. Zwar seien die deutschen Siege unbestreitbar, aber dagegen steht die Tatsache, daß sich kein Land von Deutschland besiegt fühlt. Weder Serbien noch Belgien (und nicht mal von Montenegro ist es sicher) haben bis jetzt auf ihre Hoffnungen verzichtet. Das beweise, daß ein Krieg heutzutage nicht mehr mit Kanonen zu entscheiden sei, und daß die psychologischen Momente stärker sein als alles kriegerische Siegen und Erobern. Mit diesem Gedankengang wird noch zu operieren sein, hauptsächlich um die geistigen Elemente im Reich zu bewegen, Einhalt zu fordern. Heut früh war ich bei Professor Jaffé und schlug ihm vor, die deutschen Professoren, die sich eine objektive Beurteilung der Vorgänge bewahrt haben, sollten eine internationale Kundgebung von Gelehrten veranstalten, um der Fortsetzung der Mörderei entgegenzuwirken. Jaffé verhielt sich sehr reserviert. Er meint, man müsse sich darauf beschränken, die Ultra-Annexionisten zu dämpfen, um der wenig annexionssüchtigen Regierung den Rücken zu steifen. Auf diesem Wege kann ich ihn nicht begleiten. – Andererseits erfuhr ich von ihm interessante Dinge über den Artikel „Friedensgedanken“ in der Züricher Zeitung. Meine Vermutung, daß die deutsche Regierung dahinterstehe bekräftigte er durch die Behauptung, er wisse das bestimmt. Der Verfasser des Artikels sei der Chef der Presseabteilung des Auswärtigen Amts, Hamann. Man habe die Sache nur ungeschickt angefangen und habe dementieren müssen, weil sich der Aufsatz gedruckt garzu pazifistisch ausgenommen habe. (Ich habe mich übrigens gewöhnt, die Pazifisten wegen ihrer Angstmütigkeit und Zurückhaltung als „Passivisten“ zu bezeichnen). Für die Entstehung des Kriegs macht Jaffé weniger Deutschland verantwortlich als vor allem Ungarn. Tisza mit seinem Anhang treffe die Hauptverantwortung, und die Einschnürung des ungarischen Handels durch Rußland, Serbien und Rumänien sei der Hauptgrund gewesen.

Nun, nachdem die ersten Tastversuche nach gleichgestimmten „Aktivisten“ gemacht sind, bin ich gewillt, nicht mehr zu ruhen, sondern mit allem Eifer das Meinige zu tun. Diejenigen, die sich zurückhalten, weil sie sich fürchten, mit einem so suspekten Menschen wie Erich Mühsam in einen Kreis zu treten, mögen draußenbleiben. Feigheit und Schwäche sind jetzt nicht zu brauchen.

 

München, Montag, d. 31. Januar 1916.

Ich habe Schritte getan, um zuerst einmal die Leute in persönliche Fühlung zu bringen, die entschlossen sind, sich für den Frieden aktiv einzusetzen. Die gangbaren Wege dazu müssen dann in mündlichen Diskussionen gefunden werden. Gestern nachmittag war ein Herr Harburger bei mir und versprach mir auf meinen Wunsch, mich mit Professor v. Aster zusammenzuführen, der eine gute Haltung einnehmen soll. Sehr viel verspreche ich mir, besonders nach meiner Unterredung mit Jaffé, grade nicht. Gleichwohl könnten unsre Wissenschaftler – auch Förster kommt in Frage – wenn sie sehn, daß sie aneinander gegenseitig sich Halt geben, Wichtiges tun. – Am Spätnachmittag rief mich dann die gestern erwähnte sehr revolutionär gestimmte Persönlichkeit nach Großhadern, wo eine lange Unterredung mit Eisner stattfand. Der hat gewiß sehr charaktervolle Anschauungen, erklärte aber selbst, daß er innerhalb seiner Partei genügend Bestätigung im Sinne seines Standpunkts finde. Mit privaten Besprechungen war er einverstanden. Doch lehnt er konspiratorische Versuche ab und meint, man müsse auf alle Gefahren hin die Persönlichkeit einsetzen und öffentlich wirken. Damit bin ich sehr zufrieden. Doch meine ich, daß, wo der legale Weg abgesperrt ist, der illegale beschritten werden muß. Heut will ich versuchen, Wedekind und Heinrich Mann zu gewinnen, um die „Zentrale Deutschland“ des „Weltbunds aktiver Pazifisten“ zu schaffen, von der eine lebendige Bewegung ausgehn soll, wie sie anderswo schon im Gange ist.

Eisner sagte mir manches Neue und verwies mich auf verschiedene Schriften, um die Vorgeschichte des Kriegs kennen zu lernen. Seine Broschüre „Treibende Kräfte“, die ich schon besitze, hat er durch Zusammenstellungen aus der militärischen Presse ergänzen wollen, wurde aber durch die Zensur gehindert. Sein Standpunkt zum Kriegsende ist der, daß er keinen Frieden à toux prix wünscht, wie ich, sondern auf jeden Fall verhindern möchte, daß überhaupt von den Regierungen Friede gemacht werde. Seine Forderungen für den auf Verständigung basierten Frieden decken sich mit denen der französischen sozialistischen Parteimajorität. Ich finde dagegen, daß alle diskutablen Forderungen für später reserviert bleiben und eventuell durch gemeinsame Arbeiter-(Streik-)Aktionen in den verschiedenen Ländern erzwungen werden müssen, da es sehr unwahrscheinlich ist, daß während des Kriegs pazifistische und gar revolutionäre Ideen stark genug werden können, um ihre Berücksichtigung beim Friedensschluß zu erzielen. Jeder, der den Frieden nur um diesen oder jenen Preis haben möchte, befördert m. E. die scheußliche Aussicht, daß alle Regierungen ihr Verbrechen bis zur allseitigen völligen Erschöpfung fortsetzen, wenn es auch war sein dürfte, daß dann der wirkliche Besiegte Deutschland sein wird. Aber schon jetzt ist – neben allem vom menschlichen Gesichtspunkt aus Entsetzlichen – die wirtschaftliche Lage nach dem Kriege so desparat, macht die Retablierung der Kriegskosten und der fortlaufenden nachträglichen Kriegslasten so ungeheure Steueraufwendungen nötig – man spricht von einer durchschnittlichen Besteuerung von 30–40% jedes Einkommens in Deutschland, daß eigentlich am Ende blos zwei Möglichkeiten übrig bleiben: Staatsbankrott oder Revolution. Die Revolution wäre natürlich in jeder Hinsicht erfreulicher, da sie in ihren Folgen nur die Kapitalisten träfe, und alle die, die Reichsanleihe gezeichnet haben. Beide aber hätten das Gute, daß sie Bahn schüfen für die Forderungen, die jeder, der es gut meint, aufstellen muß: Abrüstung und Beseitigung der verbrecherischen Kriegsgelüste in Deutschland, die jede Gewaltpolitik im Ausland zugleich beruhigen müßte.

Mit Wedekind und H. Mann habe ich eben telefonisch gesprochen. Ich will sie gewinnen für eine Verständigung der Geistigen zu einer Parallelaktion mit der von den Wissenschaftern vorzunehmenden Kundgebung, dahin zielend, daß die Fortsetzung[?] des Kriegs zu einer derartigen geistigen und seelischen Verblödung der Völker führen muß, daß alle Kulturwerte dabei verschwinden müssen.

Die jüngsten Kriegsereignisse sind allerorten nur Anfänge oder Episoden. Nur die Infamie eines neuen Zeppelin-Angriffs auf Paris soll besonders notiert werden.

 

München, Dienstag, d. 1. Februar 1916.

Anderthalb Jahre Krieg! Und nirgends eine Entscheidung, nirgends die Einsicht, daß die Partie remis ist, ringsum völlige geistige und seelische Verödung, Dünkel, Brutalität, Größenwahn, Haß, Verachtung, Lüge, Heuchelei, Verwahrlosung. Die einzige Hoffnung erwächst jetzt aus dem Chaos, dem hysterischen Durcheinander von Interessen und Maßnahmen, Anordnungen und Verboten. Die energische Faust hatte vor einigen Wochen Hardens „Zukunft“ verboten. Jetzt ist sie wieder erschienen, weil eine zahmere Hand sich als wirkungsvoller erwies. Der Mann, den man schädigen wollte, hat die kolossalste Reklame. – Die Regierung möchte Verständigung und sucht Wege zum Frieden. Die Heeresleitung organisiert einen neuen Luftüberfall auf Paris, steigert dadurch die Erbitterung ins Grenzenlose und stellt den Politikern ein Bein. – Die deutsch-österreichische Wirtschaftsgemeinschaft soll die Eintracht Mitteleuropas ein für allemal festigen. Österreich und Süddeutschland spürt dabei die Verpreußung, die ihnen den Atem verschlägt, und, während im Lande das einige Deutschland in allen Tonarten besungen wird, erzählen sich die loyalsten Staatsstützen grinsend von blutigen Schlägereien, die draußen im Felde zwischen Preußen und Bayern an der Tagesordnung seien ... Das unheimliche Sinken der deutschen Valuta hat allmählich die Börse sehr besorgt gemacht. Um zu erwägen, wie die deutsche Finanzkraft und Kreditfähigkeit wieder gehoben werden kann, werden Sachverständige berufen, die völlig richtig die Ursachen der Kalamität erkennen und nun ganz konsequent Maßnahmen vorschlagen, die diese Ursachen aufheben müßten: nämlich Verhinderung jeglicher Einfuhr nach Deutschland, Förderung jeglicher Ausfuhr aus Deutschland. Das hieße aber die Waffe schleifen, mit der die Gegner Deutschland besiegen wollen und alles durchkreuzen, was bisher als wirtschaftliche Bedingungen zum „Durchhalten“ geschehn ist. Es ist also ein allgemein schier unübersehbarer Kuddelmuddel, ein Sumpf, den alles Phrasengebrüll nicht zu festem Boden machen kann.

Meine Bemühungen habe ich fortgesetzt, und war gestern mit Wedekind, Meyrink und Martens zusammen. Mit den Literaten ist leider sehr wenig anzufangen. Wedekind und Meyrink überboten einander in klugen Worten, aber es waren doch immer nur literarische Geisttümeleien, mit denen nicht weiterzukommen ist. Meyrink erzählte, daß die Idee einer internationalen Kundgebung der Gelehrten schon von Rußland aus betrieben werde, und daß dort an der Spitze dieser Bewegung der Großfürst Michailowitsch stehe, der z.B. schon eine ukrainische Kulturgemeinschaft ins Leben gerufen und es dazu durchgesetzt habe, daß darin russische und österreichische Ukrainer ungehindert miteinander verkehren können. Was daran wahr ist, ist natürlich nicht zu erkennen ... Inzwischen ist das Rendez-vous der Gleichgesinnten in München wahrscheinlich bald zu erwarten. Ich hoffe auf den Professor v. Aster und Heinrich Mann, um mit ihnen das Wo und Wie zu verabreden.

Die Ungeklärtheit der Situation auf den Kriegsschauplätzen und an der griechischen Grenze läßt mich auf Diagnosen verzichten. Interessant ist der jüngste Vorgang in der Schweiz. Dort stellte sich vor einigen Wochen heraus, daß zwei schweizerische Obersten mit der deutschen Regierung oder Heeresleitung konspirierten und ihre Kenntnisse aus den französischen und schweizerischen Armeen nach Deutschland verkauften oder auch gratis verrieten. Der Prozeß gegen sie schwebt noch. Hoffentlich findet er öffentlich statt. Die nach der Fliegeraffaire von La Chaux-de-Fonds in der Schweiz gegen Deutschland gespeicherte Wut bekam durch die Obersten-Affaire neue Nahrung und entlud sich zu Kaisers Geburtstag in Lausanne, wo man die Fahne vom deutschen Konsulat herunterriß. Natürlich großes Entrüstungstheater. Als ob an dem Fetzen irgendwas gelegen wäre! Aber es scheint, daß deutsches Geld nach Belieben Schweizer Offiziere bestechen, deutsche Bomben nach Belieben Schweizer Land aufreißen dürfen, daß aber der deutsche Fehdeschuh, den man provozierend in Lausanne aus dem Fenster hängt, von den „freien“ Waadtländern salutiert werden müsse. Natürlich hat die Schweizer Regierung dasselbe getan, wie nach La Chaux-de-Fonds die deutsche: mit höflichem Pardon von nichts gewußt. Die Affenkomödie wird aber hüben und drüben ernst genommen. Das bringt die große Zeit so mit sich.

Die „Münchner Zeitung“ bringt heute im Anschluß an das neue Zeppelin-Verbrechen folgende Notiz: „Interessant ist, daß die Zensur nicht gestattet, die Namen der Hospitäler anzuführen, wo die Verletzten liegen. Mitunter läßt ein Passus erkennen, daß die Bombenverletzungen ganz entsetzlich sind.“ Die tiefe Befriedigung über die möglichst scheußlichen Verstümmelungen der betroffenen Pariser Zivileinwohner kennzeichnet das sittliche Niveau derer, die wegen „Baralong“ nach Vergeltung schreien.

 

München, Mittwoch, d. 2. Februar 1916.

Den beiden heldenhaften Zeppelin-Fahrten in den Nächten vom 29. zum 30. und vom 30. zum 31. Januar über der „Festung Paris“ (Die Terminologie der Berichte ist fast noch widerwärtiger als ihr Inhalt) ist in der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar ein Zeppelin-Geschwader-Angriff auf Mittelengland gefolgt, wobei in Liverpool, Manchester und sonstwo „mächtige Explosionen und heftige Brände“ beobachtet wurden. Unsre Schmöcke sind selig und preisen in Fettdruck die „grauenhaften“ Folgen und die zahllosen Opfer an Zivilpersonen. Es scheint, als ob das völlige Ausbleiben von kriegerischen Fortschritten, dem auf der andern Seite die energische Initiation in Griechenland gegenübersteht, wo Franzosen und Engländer, offenbar von der griechischen Regierung ungehindert, alle strategischen Plätze besetzen und alle wichtigen Inseln (zuletzt auch Kreta) mit Beschlag belegen, bei Herrn Ohl das Bedürfnis wachgerufen hätte, darzutun, daß doch etwas geschieht, und daß deshalb die absolut sinnlosen jedes Gefühl empörenden Brutalitäten verübt werden. Die hohe Befriedigung beim Publikum, wenn recht viele französische und englische Säuglinge dabei zerrissen werden (man wird schwer umhin können, die dabei zu Krüppeln geschossenen, nach der durch diesen Krieg inaugurierten Praxis statt als Invaliden später als Helden zu bezeichnen), das beglückte Einverständnis mit der Scheußlichkeit gibt ja diesen Kraftprotzen in der Tat recht. Vielleicht sind solche Taten noch das einzige Mittel, um auf dieser Seite durch das Gefühl neuer Entschlußkraft, auf der andern durch die Steigerung der Erbitterung den überall vordringenden Friedenswünschen entgegenzuwirken.

Das teuflischste Instrument der Deutschen ist ziemlich stumpf geworden. Die Verhandlungen mit Amerika wegen des „Lusitania“-Verbrechens sind noch immer nicht abgeschlossen, weil die Union nach der „Ancona“- und „Persia“-Affaire wohl guten Grund hat, den Zusicherungen der wilhelmischen Regierung zu mißtrauen. Den wieder auferstandenen Gerüchten, daß die Verhandlungen nun doch abgebrochen werden sollen und damit der Feindeszustand mit den Vereinigten Staaten bevorstehe, glaube ich nicht. Die Tirpitzianer müßten schon eine neue derartige Schweinerei begehn, und sie dann nicht wie bei der „Persia“-Sache auf die Türken abschieben, um diesen etlichen Kraftdeutschen erwünschten Zustand herzustellen. In der Regierung scheint aber keine Stimmung für eine weitere Komplizierung der äußeren Lage zu bestehn.

Der neueste Witz der deutschen Durchhalte-Politik ist die Beschlagnahme aller fertigen Textilwaren, die sich zwar vorläufig auf die Fabriken und Geschäfte beschränkt. Aber erstaunen wird kein Mensch, wenn uns eines Tages die Betttücher und Unterhosen aus den Wäscheschränken konfisziert würden. – Wir Sieger!

 

München, Freitag, d. 4. Februar 1916.

Urplötzlich erhebt sich im Hintergrunde das Gespenst eines Kriegs mit den Vereinigten Staaten. Die „Lusitania“-Verhandlungen scheinen resultatlos verlaufen zu sein. Zwar wird verkündet, Graf Bernstorff habe neue Weisungen erhalten, die einen Ausgleich erhoffen lassen, aber die Differenz liegt so klar zutage, daß man bei Kenntnis der seelischen Qualitäten der Parteien wohl zweifeln darf. Deutschland hat eine Geldentschädigung an die Hinterbliebenen der Opfer jener Mordtat und an die sonstwie dabei Geschädigten zugesagt, und außerdem vorgeschlagen, die Beurteilung, ob mit der Versenkung ein Vergehn gegen das Völkerrecht geschah, einem Haager Schiedsgericht zu überlassen. Amerika verlangt dagegen das Eingeständnis, daß ein Völkerrechtsbruch vorlag und damit einen Verzicht auf die Fortsetzung des Tauchbootkriegs. Praktisch betrachtet will also die Union gegen Wiederholungen gesichert sein, während unsre Muskelprotzen den Rechtsfall nach Friedensschluß regeln und bis dahin ihre Praktiken fortsetzen wollen. Jedenfalls glaubt Wilson nicht vor seine Wähler treten zu können, ehe er nicht Garantien in der Hand hat, daß am Kriege unbeteiligte Amerikaner ungefährdet über den Ozean fahren können ... Unsre Presse sammelt inzwischen Speichel, um den neuen Feind anzugreifen, und wenn die Geschichte wirklich zum Klappen kommt, werden wir einige hundert frisch aufgeputzte Lügen hören, wie nämlich die Amerikaner nur deshalb an Bord der „Lusitania“, „Ancona“, „Arabic“, „Persia“ etc. geschickt wurden, um einen passenden Kriegsgrund abzugeben, wie die Perfidie Amerikas diejenige Englands weit in den Schatten stellt und wie die Herren Wilson und Lansing überhaupt den ganzen Weltkrieg intrigant angezettelt haben, um im Trüben fischen zu können. Herr Bryan, der bei Beginn des Theaters der Erbfeind war, wird dabei als der edelste aller Gentlemen gepriesen werden und wir werden unfehlbare Berechnungen lesen, wie die Vereinigten Staaten nunmehr als Weltmacht ausgespielt haben und wir Deutsche ihnen jeglichen Handel und jegliches Ansehn in der Welt abnehmen werden. Gleichzeitig aber wird ein wildes und widerliches Werben um die Japaner anheben, die vor ihrer Kriegserklärung von den Berliner Werbern als Bundesgenossen auf der Straße abgeküßt, 8 Tage nachher als gelbe Stinkaffen und gelehrige Halbaffen gelästert wurden, und von denen man jetzt den Einbruch in Mexiko und jegliche Schikane gegen Amerika, jeden Vertragsbruch gegen England und die andern Verbündeten (was alles ich während der Dauer dieses Kriegs sehr bezweifle) als edelste aller Heldentaten erwarten wird.

Die Professorenbesprechung hat gute Aussichten. Morgen werde ich erst mal ganz privatim Herrn Professor v. Aster bearbeiten, nachdem etliche andre Herren der hier mehrfach erwähnten Persönlichkeit bereits entgegenkommende Gesinnung bekundet haben. Ich bin jetzt dafür, eine Kundgebung vor breiter Öffentlichkeit zu arrangieren, der durch die Zahl und die Autorität der Namen das Odium der Illegalität genommen wird. Notwendig ist, daß der eindeutigen klaren Manifestation der sehr großen wirtschaftlichen Verbände eine ebenso deutliche annexionsfeindliche und auf sofortiges Kriegsende gerichtete Erklärung repräsentativer Namen gegenübergestellt wird.

Unter den Kriegshandlungen ist die Tat des deutschen bewaffneten Dampfers „Möve“ bemerkenswert, deren Mannschaft nach Versenkung etlicher englischer Schiffe mit deren Besatzung die Reise über den von England beherrschten atlantischen Ozean an Bord der „Appam“ durchführte und in Amerika landete. Diese Art Taten haben noch etwas von Piraterie und Abenteurertum an sich und wirken deshalb viel versöhnlicher als alle offiziellen Kriegstaten mit ihrem untapferen maschinenmäßigen Hinmorden aus dem Hinterhalt.

Der türkische Thronfolger hat nach offizieller Lesart Selbstmord begangen, indem er sich die Pulsader durchschnitt. Diese Todesart wird so dick unterstrichen, so als zweifelsfrei von sämtlichen hervorragenden Ärzten Konstantinopels bestätigt, daß der Verdacht, jemand anders könnte – etwa im Auftrag Enver Paschas – den Selbstmord an dem Herrn vollzogen haben, sich gradezu aufdrängt. Daß es in der verbündeten Türkei starke gegenstrebende Elemente gibt, weiß jeder Mensch hierzulande ohnehin. Wie ich denn an die Dauerhaftigkeit des Zentralbundes überhaupt wenig glauben kann bei der Noblesse, mit der Deutschland mit dem Lande der Genossen umspringt. Italien wurde ein großes Gebiet Österreichs angeboten, – freilich erst als es zu spät war. Die Türkei mußte gutwillig ein Stück seiner Erde an Bulgarien abtreten, das es von diesem erst 1913 wiedererobert hatte und Bulgarien mußte, um Griechenland neutral zu halten, auf Berliner Wink auf seine Aspirationen auf Griechisch-Mazedonien verzichten. Unsre Zeitungen aber müssen Tag für Tag England verhöhnen, weil es alle Opfer, die es selbst scheut, von seinen Verbündeten verlange.

 

München, Sonntag, d. 6. Februar 1916.

Freitag sprach ich mit Heinrich Mann, gestern mit Professor v. Aster über die Möglichkeit, die oppositionellen Elemente der deutschen Intellektualität zu sammeln und mit ihnen irgendeine Aktion zu unternehmen, die von Wert sein könnte. Soviel ist sicher, daß es ungemein schwierig ist, auch nur den persönlichen Konnex zwischen denen herzustellen, die nicht vom Staatswahnsinn erfaßt sind. Die Herren Förster, Wölfflin, Brentano wollen so hofiert werden, daß man von vornherein den Mut verliert. Jaffé ist ein schwankes Rohr im Winde, der erst zu brauchen sein wird, wenn er seine innere Überzeugung auf die gleiche Ansicht autoritativer Namen glaubt stützen zu können. Inzwischen redet er noch öffentlich von Deutschlands wirtschaftlicher Unbesiegbarkeit. Wedekind gesteht offen zu, daß er nichts riskieren mag. „Man wirft uns in den Schützengraben oder ins Zuchthaus“, sagte er mir neulich. „Dafür danke ich. Ich fühle keinen Beruf zum Märtyrer. Unser aller ganzes Leben ist Martyrium genug.“ Das ist für ihn natürlich richtig, und man muß warten, bis er und andre seiner Art einsehn, daß sie keine Christusleiden mehr zu fürchten brauchen. Das wird sein, wenn stärkere Naturen von wichtigem Namen vorangegangen sind, ohne in Not und Tod zu geraten ... Mit Aster bin ich ziemlich einig. Meine Idee einer „Deutschen Gesellschaft von 1916“ fand er diskutabel, meint aber, das Beste sei, den „Bund Neues Vaterland“, der nur noch ein Scheindasein führt, in München zu neuem tatkräftigen Sein zu erwecken. Für die Zeit nach dem Kriege plant er die Gründung eines „Schutzverbands gegen das Alldeutschtum“. – Wir betreiben jetzt eine erste persönliche Zusammenkunft mit denen, die den Mut zur Wahrheit haben. Daraus mag dann Weiteres und hoffentlich Gutes erwachsen.

In dem Schwanken der militärischen Politik unsrer Kriegführung ist neuerdings wieder die Tendenz vorherrschend, Haß und Erbitterung künstlich zu steigern. Nach den dummen und ekelhaften Zeppelin-Attentaten auf Paris und Mittelengland, zu denen noch ein solches auf Saloniki gekommen ist mit Tötung vieler griechischer Zivilpersonen, glaubte man die „Baralong“-Hetze durch einen neuen „Fall“ aufwärmen zu müssen. Vorgestern teilte die Admiralität amtlich mit, ein über der Nordsee verunglückter Zeppelin habe einen englischen Fischdampfer angerufen und die Rettung der hilflos treibenden Mannschaft erbeten. Die Hilfe sei unter dem Vorwand abgelehnt worden, die Besatzung des Dampfers sei zu schwach, um sich einer etwa geplanten Vergewaltigung erwehren zu können. Mein erster Gedanke war – und den habe ich auch gleich ausgesprochen, daß das ein ganz richtiger mindestens begreiflicher Standpunkt sei. Wir hätten sonst wahrscheinlich von einem neuen köstlichen echtdeutschen Seemannsstreich zu lesen bekommen, wenn die Zeppelinleute die Engländer bezwungen und das Schiff im Triumph in einen deutschen Hafen gesteuert hätten. – Natürlich waren gestern alle Blätter voll von Empörung über die Niedertracht der verruchten Briten, und kein Schmock zweifelte, daß ein Befehl von oben da sei, wonach in Seenot geratene Deutsche nicht gerettet werden dürften. – Schon heute stellt sich aber heraus, daß jener Fischdampfer, der nur 9 Mann Besatzung hatte, 9 Mann vom Zeppelin tatsächlich an Bord genommen und gerettet hat, daß er alsdann an Land fuhr, um Hilfsschiffe zu senden, und daß die dann das Luftschiff nicht mehr angetroffen haben, da es offenbar inzwischen versunken war. – Bedenkt man, daß der Lenkballon vielleicht grade von England zurückkam, wo im Schutze von Nacht und Nebel hunderte friedlicher Einwohner von seinen Mannen getötet wurden, dann könnte man menschlich sehr gut verstehn, wenn die Landsleute ihrer Opfer Mitleid und Gnade vergäßen und in Angst vor der numerischen Übermacht der bewaffneten Feinde lieber an die eigne Sicherheit dächten als an Rettungswerke. Die Leute haben aber getan, was sie nur, ohne sich selbst zu gefährden, tun konnten. Daß die Luftschiffbesatzung zum größten Teil umkam, ist eine reine Folge der rohen deutschen Kriegführung. Aber auch der ist zugute zu halten, daß Rohheit zum Kriege gehört, und daß das Greinen nach Menschlichkeit sich mit keiner Rechtfertigung des Kriegs zusammenreimt. Wäre ich imstande, meine Gefühle allgemein abstrakten Gedanken anzupassen, dann dürfte ich mich freilich über keine einzige Schändlichkeit der Kriegsparteien aufregen.

Über den Stand des Konfliktes mit Amerika ist seit gestern keine neue Mitteilung zu lesen gewesen. Offenbar arbeitet die Zensur da sehr energisch. Man ist also auf weiteres Warten angewiesen, und die Patrioten müssen ihr „Gott strafe Amerika“ noch ein paar Tage hinunterschlucken.

Wieder ist ein Bekannter gefallen. Der Kunstmaler Max Dietzel, der wohl etwa 1 Jahr im Felde war und es bis zum Leutnant gebracht hat. Seine nette junge Frau tut mir bitter leid. Er selbst stand mir nicht sonderlich nahe. Auch verliert jeder Einzelfall in der Masse des Unglücks an Tragik.

 

München, Dienstag, d. 8. Februar 1916.

Unser Junge liegt mit einer leichten Mandelentzündung und Fieber auf dem zum Bett gewandelten Divan in meinem Zimmer. So habe ich wieder eine Ausrede vor mir, nichts zu tun. Vielleicht raffe ich mich aber doch nachher auf, eine meiner ruhenden Arbeiten nach dieser Eintragung vorzunehmen: den Scheerbart-Artikel für Hardens Zukunft, eine Szene von „Wally Neuburger“ (deren zehnte vor kurzem entstanden ist) oder sonstwas. Ich sehe ein, daß die Arbeit wieder beginnen muß, soll ich sie mir nicht ganz abgewöhnen.

Die Kriegsereignisse laufen spärlich. Zwar ist im Westen seit kurzem rege Tätigkeit, die die Rubrik der Todesanzeigen in den Zeitungen wieder schrecklich füllt, aber ohne die geringste Veränderung der Situation. An der griechischen Grenze dauert das Warten an, und nur das gelegentliche Bombenabwerfen auf Saloniki deutet an, daß von deutsch-bulgarischer Seite eine Aktion geplant ist. Die Österreicher rücken, anscheinend ohne Widerstand zu begegnen, in Albanien vor, wo die Italiener Durazzo preisgegeben haben und sich nur in Valona verteidigen wollen sollen. Was in Mesopotamien vorgeht, ist nicht klar aus den Berichten zu erkennen. Nur im Kaukasus ist Bewegung, und zwar türkischerseits sehr eilige nach Rückwärts. Ob es aber den Russen gelingen wird, Erzerum zu kriegen, ist noch zweifelhaft.

In der Politik weiß man über die amerikanisch-deutschen Beziehungen noch nichts Gewisses. Heute heißt es, es werde eine Verständigung erzielt werden. Das kann, wenn ich die Dinge richtig beurteile, nur auf der Grundlage möglich sein, daß Deutschland nachgibt, die Ungesetzlichkeit der Versenkung der „Lusitania“, wenn auch verklausuliert, anerkennt und die verlangten Garantien gegen Wiederholung gibt. Natürlich wird der Rückzug von geräuschvollen Beteuerungen gedeckt sein, daß wir Deutsche ohne Schwäche den berechtigten Interessen Amerikas in ritterlicher Weise entgegengekommen seien. Denn Amerika ist abwechselnd befreundet und in Anführungsstrichen neutral, und das wechselt fast Tag für Tag, ohne daß die Zeitungen die fortgesetzten Widersprüche in den eignen Spalten zu kaschieren suchen oder daß das Publikum was merkt ... Mir wäre es lieber gewesen, die Vereinigten Staaten hätten die Beziehungen zu Deutschland abgebrochen. Mehr Menschenleben hätte das nicht gekostet, aber zu einer sicheren erheblichen Abkürzung des Mordens beigetragen, da dann die wirtschaftliche Absperrung Deutschlands (zweifellos die humanste Form jeder Kriegführung) viel gründlicher als bisher durchgeführt werden könnte und die Entente in so unerschöpflichem Maße mit Geldmitteln versehn würde, daß unsre „Durchhalte“-Renommisten selbst einsehn müßten, daß je eher Deutschland Frieden macht, es umso bessere Chancen dafür haben muß, verhältnismäßig billig davonzukommen, umsomehr, als nun auch Kamerun verloren gegangen ist und daher die gerühmten „Faustpfänder“ mehr und mehr durch die englisch-französische Besetzung der deutschen Kolonien kompensiert werden.

 

München, Mittwoch, d. 9. Februar 1916.

Unter den Splittern im fremden Auge, die man mangels des Erkennens des eignen Balkens begierig in journalistische Beurteilung nimmt, steht zur Zeit die Kriegsüberdrüssigkeit und innere Zwiespältigkeit in Italien im Vordergrunde. Es soll – hauptsächlich wegen der Preisschrauberei für Kohleneinfuhr aus England, eine ausgesprochen englandfeindliche Stimmung im Lande herrschen (was übrigens auch von Rußland behauptet wird). Die Winzigkeit der Erfolge gegen Österreich, und besonders die verfahrene Lage in Albanien soll zugleich eine starke Ernüchterung und Feindseligkeit gegen die imperialistische Kriegspartei hervorgerufen haben, sodaß den deutschen Zeitungen die Alternative Sonderfriede oder Revolution in Italien nahegerückt scheint ... Ich glaube wohl, daß die Enttäuschung über den Verlauf des Kriegs in Italien groß sein muß, und daß die Tendenz, ein Ende des Schreckens herbeizuführen, dort vielleicht mehr besteht als in den andern Ländern der Alliierten. Aber daß dort die Presse das aussprechen darf, was die meisten fühlen, ist doch nur ein Zeichen erheblich größerer innerer Kraft als wir in Deutschland kennen, beweist aber keineswegs, daß den Managern der Gewaltspolitik das Heft in Händen zu wackeln begänne. Ich lege vorerst den spaltenlangen Kassalandra-Rufen der deutschen Presse sowenig Wert bei, wie den seit 18 Monaten konstant wiederholten Ankündigungen einer Revolution in Rußland, des „Erwachens“ in Frankreich und England, des japanisch-chinesisch-amerikanischen Kriegs, sowenig wie den wöchentlich beobachteten „Flammenzeichen in Indien“, der lachhaften Farce des „Heiligen Kriegs“, der Intervention Schwedens oder dem Umsturz der englischen Weltherrschaft in Aegypten und Persien. Wir haben des faulen Zaubers zuviel genossen, als daß noch irgendwelcher Glaube an Zeitungsspekulationen am Platze wäre.

Gustav Falke ist gestorben. Ein feiner, von echten Gefühlen bewegter Lyriker. Ob die seelische Erschütterung durch den Krieg den 63jährigen umgeworfen hat? Ich nehme es bei jedem an, der jetzt die Augen schließt, und jeder gibt mir von neuem die traurige Empfindung: Der Geist stirbt aus.

 

München, Freitag, d. 11. Februar 1916

Heute kommt in meine Ausschnitt-Mappe ein neues Dokument der Gehässigkeit, der Verhetzung und der ethisch motivierten Infamie. Die deutsche Regierung hat an die neutralen Staaten eine „Denkschrift“ ausgehn lassen, worin vom 1. März ab eine weitere Verstärkung des Tauchbootkriegs angekündigt und begründet wird. Man beruft sich darauf, daß England – und zwar vor Kriegsausbruch schon – Handelsschiffe armiert habe, die es gleichwohl nicht als Hilfskreuzer angesehn haben wolle. Die „Bestückung“ rechtfertige die Charakterisierung der Schiffe als Kriegsinstrumente, zumal die Schiffe Anweisung hätten, und schon öfter befolgt haben, gegen die Unterseeboote nicht blos defensiv sondern auch aggressiv vorzugehn. In Zukunft werden aber alle bewaffneten feindlichen Kauffahrteischiffe als Kriegsschiffe behandelt werden, d.h. also ohne Warnung mit Passagieren und Besatzung vernichtet.

In der „Denkschrift“ vom 4. Februar 1915[1916] werden sämtliche feindliche Handelsschiffe in der Kriegszone mit Zerstörung bedroht. Wie nun aber die bewaffneten Schiffe von den unbewaffneten unterschieden werden sollen, wird nicht gesagt, und so ist zu befürchten, daß die – durch die Zeppelintaten der letzten Zeit schon bemerkliche – verschärfte Richtung der deutschen Kriegspartei wieder Oberwasser hat, was auch schon daraus zu schließen war, daß bei der Geburtstagsfeier des deutschen Kaisers im Großen Hauptquartier Herr v. Tirpitz als Teilnehmer erwähnt wurde.

Das amtliche Schriftstück, das in Alldeutschland wieder hellen Jubel auslöst, ist ein neues Dokument kläglicher Heuchelei und Entstellung. Zuerst die Entrüstung darüber, daß die Handelsschiffe schon 1913 bewaffnet wurden, was die Kriegsabsichten Englands dartue. Wie kam es wohl, daß bei Kriegsausbruch alle Ozeane von deutschen „Hilfskreuzern“ wimmelten, die doch wohl nicht erst nach dem 4. August von Wilhelmshaven abgefahren waren? ... Dann lamentiert man über die Verwendung neutraler Flaggen auf den Handelsschiffen. Dieser „Mißbrauch“ ist völkerrechtlich zulässig und von Deutschland ebenso eifrig angewandt wie von den andern (wie man denn ohne weiteres bei jeder Gemeinheit, die irgendeine Partei dem „Feind“ ankreidet, annehmen darf, daß sie von allen im gleichen Fall ebenso gehandhabt würde). – Die deutsche Regierung tut, als ob sie in jeder Hinsicht lauter, rein und edel den U-Bootkampf geführt habe, und übersieht ihren circulus viciosus: Die Entente proklamiert den wirtschaftlichen Krieg gegen Deutschland (die humanste Art der Kriegführung übrigens, in jedem Krieg x mal ausgeführt, und z. B. 1792 von Deutschland und England gemeinsam gegen Frankreich geübt). Deutschland, vom Weltmeer völlig vertrieben, unfähig, sich der englischen Flotte zu erwehren, greift zu dem Gewaltkampf gegen die Nichtkombattanten, zum Unterseekrieg. Die Schiffe, die, ohne kriegerische Tendenz, handeltreibend das Meer befahren, erhalten Anweisung sich gegen Angriffe mit Gewalt zu verteidigen. Das führt, da die Annäherung von Ubooten eo ipso aufgrund der Erfahrung die Gewalt bedeutet, notwendig zu den Maßnahmen dem Angriff zuvorzukommen. Aus den Mitteln also, mit denen sich die Engländer gegen den Krieg deutscher Seesoldaten gegen englische Zivilisten wehren, leitet die deutsche Leitung nun das Recht ab, diese Gewalt rücksichtslos zu üben. Kriegsethik ...

Harburger war eben hier. Der meint zwar, die Denkschrift bedeute ein Nachgeben der Deutschen dahingehend, daß nur noch bewaffnete Schiffe versenkt werden sollen und demnach die Aufgabe des Kriegs gegen unbewaffnete Schiffe, also ein Zurückweichen vor Amerika und ein verdeckter Rückzug. Ich glaub’s leider nicht. Man muß abwarten, was aus den Verhandlungen mit der U. S. A. wird. Heute heißt’s – nach Reuter – in der „Lusitania“-Angelegenheit sei volle Einigkeit erzielt. Eine deutsche amtliche Bestätigung fehlt noch. Vielleicht zeigt der neue Entschluß grade, daß jede Verständigung mit Amerika gescheitert ist und nun mit allen Mitteln der Brutalität vorgegangen werden soll. Aus einem Interview, das Bethmann mit einem Zeilenschinder der „New York World“ hatte, geht ein achselzuckendes Bekennen hervor, daß die Aufrechterhaltung der „herzlichen Beziehungen“ sehr schwierig geworden sei. Jedenfalls werden sich unsre guten Landsleute in der nächsten Zeit wieder sehr verblüfft fragen, warum man wohl die Deutschen in aller Welt nicht leiden mag.

Die Intellektuellen-Konferenz der Münchner Opposition ist arrangiert.

 

München, Sonnabend, d. 12. Februar 1916

Nahe Friedensaussichten sind leider garnicht vorhanden. Im Gegenteil droht Rumäniens Eingriff, wie sich aus verschiedenen Anzeichen schließen läßt. Vor einigen Wochen schon war die eigenartige Getreide-Politik des Landes höchst verdächtig. Deutschland und Österreich-Ungarn hatten große Ankäufe abgeschlossen und die Schwierigkeiten, die sich diesen Transaktionen vorher entgegengestellt hatten, schienen behoben. Da trat England auf den Plan und schloß ebenfalls riesige Getreidekäufe ab, deren Lieferung es erst nach Friedensschluß verlangte, die aber sofort bar bezahlt wurden. Seitdem geht von dem verkauften Korn fast nichts über die österreichische Grenze, – und nur Organisationsmängeln, wie fehlenden Waggons etc. daran die Schuld zu geben, ist wohl sehr naiv. Die immer erneuten Offensivstöße der Russen an der bessarabischen Front und ihre gleichzeitigen Rüstungen an der rumänischen Grenze, die keine Gegenoperationen Rumäniens hervorrufen, zeigen, wohin der Weg geht. Ich glaube an ein Losschlagen zu der Zeit, wo sich die Heere der Mittelmächte und Bulgariens gegen Saloniki in Bewegung setzen, – also wohl ziemlich bald. Das alberne Geschwätz unsrer Zeitungen, worin den Rumänen begreiflich gemacht werden soll, wie gut sie fahren würden, wenn sie ihren „natürlichen Feind“, Rußland, besiegten, und wie ihnen als Ziel und Preis Bessarabien und gar Odessa winke, ist auch schon etwas gedämpft. Selbstredend liegen der Rumänen Interessen ausschließlich auf der andern Seite, ihr Streben tendiert nicht nach Bessarabien, sondern nach Siebenbürgen, und ihr „natürlicher Feind“ ist nicht Rußland sondern der ungarische Kapitalist.

Auch auf die sicher vorhandenen Friedensneigungen in Italien setze ich wenig Hoffnungen. Vorläufig sind die Kriegsparteien in allen Ländern noch zu mächtig. Der mit Gepränge umkleidete Besuch des französischen Premierministers Briand in Rom deutet auch mehr darauf hin, daß die Kriegserklärung Italiens gegen Deutschland geplant ist. Bisher – so erzählten die Patrioten meiner Bekanntschaft – hätte Italien von Deutschland Kohlen bezogen und dafür Kupfer geliefert, – das sei der tiefere Grund gewesen, daß die äußerliche Erklärung der Feindschaft ausblieb. Nun aber ist ein Gesetz in Italien herausgekommen, wonach dort jeder Handel mit den Deutschen verboten wird.

Auch die innerpolitischen Verhältnisse bei uns deuten nicht auf Abschluß des Elends. Die militärischen Unterdrückungen nehmen immer wüstere Formen an. Im „Vorwärts“ fand ich heute wieder ein typisches Beispiel. Da hat irgendwo im Braunschweigischen ein Generalkommando dem Kompagnieführer der Jugendwehr aufgegeben, ihm die Liste derjenigen in den Jahren 1896 und 97 geborenen jungen Leute einzureichen, die der Jugendwehr nicht angehörten. Diese jungen Männer werden nun aufgefordert, sich alsbald in die Jugendwehr aufnehmen zu lassen, da sie sonst, da sie „entgegen den Interessen des Vaterlandes“ handelten, „ihre Einberufung zum Heeresdienst in aller Kürze zu erwarten haben“. – Die Einrichtung der Jugendwehr ist vorerst noch freiwillig, und die Bestrebungen der Nationalisten, die jungen Leute schon vorzeitig durch militärischen Drill kirre zu machen, und dazu die Beteiligung obligatorisch zu machen, sind noch ein holder Traum. An der Verordnung des Braunschweiger Generals sieht man aber, wie der Belagerungszustand benutzt wird, um einfach einzurichten, was man mal haben möchte. Durch eine reguläre Erpressung wird die „Freiheit“, der soldatischen Kälberzucht fernzubleiben, aufgehoben, und dies Verfahren hat nur das eine Gute, daß einmal von einem Generalkommando in aller Form zugestanden wird, daß die Einberufung zum Kriegsdienst keine Vergünstigung sondern eine Strafe ist, – auch in den Augen der Patrioten.

Persönliches. Heute erfuhr ich auf Anfrage bei Paul Cassirer – Heinrich Mann hatte mir erzählt, was aus seinen Büchern geworden sei –, daß auch mein Gedichtbuch „Wüste. Krater. Wolken“ an Kurt Wolf in Leipzig verkauft ist. Ich bin sehr froh darüber, weil nun zu hoffen ist, daß dieser Verlag, nachdem er jetzt für das Buch Geld ausgegeben hat, nach Friedensschluß etwas für den Vertrieb tun wird. Jedenfalls soll er noch einmal Rezensionsexemplare versenden.

 

München, Montag, d. 14. Februar 1916.

Ein äußerlich geringfügiger Kompetenzkonflikt, der aber doch einen Blick ins innerdeutsche Gefüge und in künstlich verdeckte Verwirrungen darin öffnet, scheint mir symptomatisch. Der Abgeordnetenausschuß des preußischen Landtags hat eine Resolution veröffentlicht, worin die Ansicht betont wird, Deutschland dürfe sich die Anwendung der Unterseebootwaffe nicht aus der Hand nehmen lassen, müsse sie vielmehr zu gegebner Zeit rücksichtslos anwenden. Dieser Entschluß war vor der Regierungsnote über die Behandlung bewaffneter feindlicher Handelsschiffe gefaßt, ist aber nach deren Publikation – und zwar gegen den ausdrücklichen Protest der Regierung – veröffentlicht worden. Nun ist in der „Nordd. Allg. Ztg.“ eine hochamtliche Erklärung der Regierung erschienen, daß Art und Weise der Kriegführung Sache des Kaisers sei, daß auch die Oberste Heeresleitung keine Instruktionen des preußischen Landtags entgegennehme und daß als Organ der Kritik und der Wünsche höchstens der deutsche Reichstag in Frage komme ... Offenbar war also die Anzapfung der Regierung höchst unerwünscht, was vielleicht die Deutung zuläßt, daß die Verhandlungen mit Amerika im Sinne einer starken Einschränkung der Tauchbootoperationen entschieden sind und die Note über die bewaffneten Handelsschiffe im Einverständnis mit Wilson erfolgt wäre, der nach der andern Seite die Entwaffnung der Handelsschiffe betreiben würde. Also deutscher Rückzug über eine goldne Brücke. Dies alles ist aber vorläufig noch ganz Kombination. Möglich ist natürlich auch, daß im Gegenteil ohne Rücksicht auf Amerika die „Lusitania“-Praxis zu genereller Übung gelangen wird, wofür ebenfalls Anzeichen vorhanden sind.

Die deutsche Flotte hat an zwei Tagen hintereinander Heldentaten vollführt. Vor 3 Tagen wurde gemeldet, daß in die Nordsee vorgestoßene Torpedoboote einen neuen englischen Kreuzer „Arabis“ torpediert und einen weiteren schwer beschädigt hätten, und vorgestern, daß ein deutsches Unterseeboot an der syrischen Küste das französische Linienschiff „Suffren“ versenkt habe, das in 2 Minuten mit der ganzen Besatzung (über 800 Mann) gesunken sei. Gestern kam über das Nordseegefecht noch die nachträgliche Mitteilung, daß auch der zweite Kreuzer außer der „Arabis“ untergegangen sei. Die englische Admiralität hat dann aber konstatiert, daß es sich überhaupt um keine Kreuzer, sondern nur um Minensucher gehandelt habe, und die französische, daß nicht das große Linienschiff, sondern ein alter, ziemlich wertloser Panzerkreuzer von dem U-Boot vernichtet wurde. Bei uns wird bekanntlich – der lapidare Stein hat es in den ersten Kriegstagen versprochen – nichts verschwiegen und nichts aufgebauscht.

Ich hatte großen Ärger. Gestern sollte die lang vorbereitete Besprechung mit den Professoren und den übrigen Gleichgesinnten sein. Die kleine Person, deren Initiative viel dabei zu danken war – wirklich auf die Beine gebracht habe ich die Verabredung – kam nun gestern mittag plötzlich und bestellte alles ab, da „die Hauptperson“ erkrankt sei. Diese „Hauptperson“ sollte Eisner sein, der von Anfang an garnicht viel Wert auf die ganze Geschichte legte. Ich war wütend, und mein Verdacht, daß die Vertagung sich ad calendas graecas erstreckte, erhielt die stärkste Wahrscheinlichkeit, als mir Professor v. Aster, der abends bei mir war, mitteilte, er habe mit Förster vereinbart, daß erst mal die Professoren allein zusammenkommen sollten. Meine Idee war grade, daß diejenigen Entschlossenen, die persönlich noch keine Fühlung haben, zusammenkommen sollten, um sich kennen zu lernen und nach Maßgabe ihres jeweiligen Wirkungskreises die Rollen zu verteilen. Was bei der Professorenkonversation herauskommt, sehe ich deutlich voraus: eine lendenlahme zensurfähige Resolution, und die vorsichtige Erwägung, man bleibt lieber allein, als sich mit dem suspekten Herrn Mühsam gemein zu machen. Und dies Fiasko nur, weil die törichte Person die Erkrankung Eisners für die Verhinderung der „Hauptperson“ hält, während ich überzeugt bin, daß die Krankheit in Wirklichkeit Unlust heißt. Bald verzweifle ich an allem. Man sollte halt Milliardär sein wie Herr Ford. Der bringt es wirklich fertig, einen permanenten Friedenskongreß von neutralen Staatsangehörigen zu organisieren. Wenn ers erreicht, daß der Krieg durch seine Arbeit auch nur um einen Tag abgekürzt wird, so würden die hunderte Millionen, die es kostet, nicht umsonst vertan sein, und wir wollen das Geld, ohne zu fragen, wie es erworben sein mag, segnen, selbst ohne zu fragen, was Ford dran verdient.

 

München, Donnerstag, d. 17. Februar 1916.

Der wahnwitzige Betrug und der frevelhafte Irrsinn stehn wieder im Schwange wie bei Beginn des ganzen Jammers. Auf der Westfront haben die gegenseitigen Offensivstöße eingesetzt und man hört wieder von ganz entsetzlichen Verbrechen. Das Münchner 2te Infanterie-Regiment (dem B. v. Jacobi angehörte) soll völlig aufgerieben sein. Triumphierend wird täglich gemeldet, daß ein paar hundert Meter feindliche Stellung erobert und ein paar Dutzend Gefangene gemacht seien. Dann wird über Gegenstöße berichtet, die natürlich alle vergeblich sind, höchstens wird zugegeben, daß es dem Feinde gelang, hier oder dort an einem Punkt „in unsern vordersten Graben einzudringen“. Man hat ja im Laufe der Zeit gelernt, was es bedeutet, wenn der Tagesbericht überhaupt derartige Einzelheiten erzählt: natürlich garnichts, was den Verlauf oder gar den Ausgang des Kriegs irgendwie beeinflussen könnte (der ist seit dem 10. September 1914 entschieden, nämlich unentschieden), wohl aber ein Blutvergießen, dessen Opfer nach Tausenden gezählt werden müssen. Einigermaßen erfreulich ist aber die Beobachtung, daß von der optimistischen Erregung, die sonst alle neueinsetzenden Ereignisse begleiteten, jetzt kaum etwas zu spüren ist. Die Kriegsmüdigkeit ist eben auch bei denen schon da, die es nicht einmal vor sich selbst wahr haben wollen. Dazu kommt noch allerlei Mißstimmung über Beschwerlichkeiten im täglichen Leben, wie Teuerung, Mangel an allem möglichen Nötigen, Faschingserinnerungen grade in dieser Zeit und Klagen aus dem Feld und aus den Kasernen. Dort keinerlei Urlaub, weil man doch wohl mit der Möglichkeit eines französischen Durchbruchsversuchs und einer gleichzeitigen russischen Großaktion rechnet, hier strapaziöseste Zumutungen an die vierzigjährigen Rekruten, aus denen man durch ekelhafte Schindereien die Leistungen der Zwanzigjährigen herauszupressen bestrebt ist.

Am Balkan erschöpfen sich alle Ereignisse noch immer in Vorbereitungen. Die Entente besetzt griechisches und mazedonisches Gebiet, Österreicher und Bulgarien rücken in Albanien vor und scheinen vor Durazzo zu stehn, bis jetzt ohne viel Widerstand zu finden. – Dagegen hat der neue Oberkommandant der Russen im Kaukasus-Krieg entschieden Glück. Von Erzerum sind 9 Forts bereits genommen, und heute oder morgen werden die Türken wohl mit sauersüßen Mienen den Verlust ihrer wichtigsten Festung zugeben müssen. Wir werden dann erfahren, daß die Besetzung nur „vorübergehend“ sein wird und im übrigen auf die Kriegshandlungen garkeinen Einfluß üben kann. Soweit ich mit meinem Laienurteil etwas sagen kann, glaube ich auch, daß bei der Möglichkeit, sich im Stellungskrieg unbeschränkt zu verteidigen, die Einnahme einer Stadt oder Festung wenig mehr Bedeutung hat, als daß sie die Stätten der Kriegsverwüstung bestimmt, und allerdings moralisch auf den leidtragenden Teil einwirkt. Das wird beim Falle Erzerums umso mehr der Fall sein, als die Türken in diesem Kriege die einzigen sind, die von jeher überall draufzahlen müssen (wenn ich natürlich von den kleinen Ländern, Belgien, Serbien und Montenegro absehe, die ja aber völlig von der Solidarität der Alliierten gedeckt werden). Ob Deutschland schließlich dem asiatischen Bundesgenossen so wird assistieren können, wie England den europäischen und christlichen, scheint mir sehr fraglich, sodaß angesichts des Verlustes Aegyptens, Mesopotamiens, des „freiwillig“ an Bulgarien abgetretenen Gebiets und nun des wichtigsten kaukasischen Bezirks, dem keinerlei positiver Posten gegenübersteht, sondern nur noch das entsetzliche moralische Odium der Armenier-Ausrottung, die werten Osmanen ihre zentraleuropäische Bundesgenossenschaft wohl reuen darf. Daß dort schon heftige Gegenströmungen wirksam sind, weiß man ja auch allenthalben, und der „Selbstmord“ des Thronfolgers läßt über Bedeutung und Grad des Widerstandes ja keinerlei Mißdeutung mehr zu.

In der inneren Politik wächst sich die Kontroverse zwischen dem preußischen Hochpatriotismus und der deutschen Reichsregierung zu einem Skandal aus, der auf Biegen und Brechen gestellt zu sein scheint. Die Landkartenverschlinger und Untersee-kundaner scheren sich einen Dreck um „Burgfrieden“. Sie geben ihrem Willen jeden stärksten Ausdruck und zeigen uns, die wir das Gegenteil wollen, damit an, wie auch wir zu arbeiten hätten: aufwieglerisch, selbstvertrauend und ohne Konzessionsmacherei, Angst und Legalitätsbesessenheit. Die paar Alldeutschen haben den Krieg gemacht, sie machen jetzt die Fronde und werden erreichen, auch die Friedensbedingungen zu diktieren, zwar nicht den sogenannten Feinden, sondern der deutschen Regierung, mit andern Worten, sie werden verhindern, daß Friede wird, – wenn nicht wir paar Leute ihnen Granit zwischen die Zähne zu stecken vermögen und aufgrund unsrer intellektuellen Energie dem Internationalismus zur Geltung verhelfen. Daß der Einwand, wir seien noch zu wenige, töricht ist, beweisen uns die Diametral-Adversaire jeden Tag.

Persönliches: Ich habe vorgestern den ersten Akt der „Wally Neuburger“ beendet. Wollte Gott, er wäre so gut, wie Zenzl ihn findet, und die weiteren Akte würden noch besser! ... Im übrigen machen mir meine Mündel und Schutzbefohlenen zu schaffen. Wegen der kleinen Clementine Morstadt muß ich alle Naselang zum Gericht, aber die Wege der Justiz sind seltsam und verworren. Die Unehelichkeitserklärung für das arme Wurm ist furchtbar schwer zu erreichen. – Die Mutter sitzt im Irrenhaus, und ihr Mann will gern, daß meine Pflegschaft für sie in Vormundschaft umgewandelt würde. Von Finnys Jungen bin ich inzwischen Vormund geworden und muß mich drum bekümmern, und unser Siegfriedl, der mich stürmisch liebt und verehrt, ist nun unser ständiger Hausgenosse geworden, da seine Großmutter väterlicherseits es an jeder Liebe fehlen ließ, auf die ein heranwachsender Mensch Anspruch hat. Den Jungen beschäftigen zur Zeit anscheinend die Probleme der Menschwerdung aufs heftigste. Was es mit der Mutterschaft auf sich hat, habe ich ihm an Beispielen aus dem Tierreich schon erklärt. Er mag’s nur erst mit sich durchkauen. Den sexualen Teil der Dinge deck ich ihm auf, sobald er mich fragt, was denn eigentlich Vaterschaft sei. Das muß vorsichtig und zart geschehn, dann will ich es tun, ehe der ältere Bub kommt und ihn mit dem Verstehn zugleich das Schweinigeln lehrt.

 

München, Sonnabend, d. 19. Februar 1916.

Die Prophezeiung von vorgestern ist eingetroffen. Erzerum ist von den Russen eingenommen worden und also seit gestern eine Festung ohne sonderliche strategische Bedeutung ... Nach den russischen Berichten zu schließen, haben die Türken dort eine katastrophale Niederlage erlitten mit ungeheurem Gefangenen- und Materialverlust. Charakteristisch ist die Art der Mitteilung bei uns. Der türkische Tagesbericht von vorgestern – also dem Tage, wo schon der Fall von 9 Forts von den Russen amtlich gemeldet war – meldet von der Kaukasusfront „keine wichtigen Ereignisse“. Weitere türkische Nachrichten liegen seitdem nicht vor. Unsre Blätter brachten die Reutermeldung mit dem Fragezeichen, das in peinlichen Fällen den Schrecken ein wenig dämpfen muß. Gewöhnlich werden unangenehme Nachrichten auf die Weise entwertet, daß man die ausländische Herkunft verdächtigt und hinter die Quelle ein eingeklammertes Ausrufungszeichen setzt. Also: Reuter(!) meldet, Havas(!) berichtet, die „Times“(!) schreiben, der „Figaro“(!) behauptet ... Am nächsten Tage aber werden die also zu Lügen gemachten Mitteilungen als vorbehaltlos zuverlässige und bekannte Tatsachen behandelt. Das ist so eins von den zahllosen Mitteln der Lüge, Verleumdung, Heuchelei und Verhetzung, die jetzt die Welt erfüllen.

Meine ethische Beurteilung der Kriegsdetails treibt immer mehr zum Verzicht auf jede Spezialentrüstung. Wenigstens sooft ich mal zu ruhiger Überlegung fähig bin, sehe ich klar ein, daß man alle die Scheußlichkeiten wie Töten von Frauen und Kindern durch Luftbomben oder Torpedos, die Ermordung Gefangener, Raub, Notzucht, und jegliches Verbrechen, Zertrümmerung von Kunstwerken und Kulturdenkmälern, Kriegführung mit Chemikalien und Hinterlist jeder Art, einfach als Symptome des Kriegs überhaupt nehmen muß, also je nach seiner Stellung dazu den Krieg entweder insgesamt verwerfen oder ihn inklusive jeder Schweinerei billigen. Ganz töricht ist die Schreierei über Völkerrechtsbrüche auf allen Seiten. Krieg ist die Aufhebung jedes Rechts und seine Ersetzung durch Willkür und Gewalt. Daß man für diesen Zustand der Rechtlosigkeit in ruhiger Zeit eine Art Comment entworfen hat, erweist sich einfach durch das Wesen des Krieges selbst als absurd, und außer dem Angriff auf Belgien und der Besetzung Luxemburgs – also dem Einbeziehn zweier Unbeteiligter in das Chaos der brutalen Machtentfaltung – ist eigentlich während des Kriegs nichts geschehn, was anders zu werten wäre, wie als sichtbare Merkmale des allgemeinen Zustands der Rechts- und Sicherheitsauflösung.

Der interessanteste Vorgang in diesen Tagen war die gemeinsame Kundgebung der Regierungen des Vierverbands bei der belgischen Regierung, nämlich das feierliche Versprechen, daß kein Friede gemacht werden solle, ohne daß Belgien in seiner vollen Selbständigkeit wiederhergestellt und ihm eine ausreichende Entschädigung für alle Unbill gewährt würde. Dieser Schritt der Entente-Mächte beweist, wie stark sie sich fühlen, während der Hohn, den die deutschen Zeitungen über die Kundgebung auszugießen bemüht sind, sehr gezwungen anmutet. Wir paar Leute in Deutschland, denen diese Forderung, das fürchterliche an Belgien begangene Unrecht soweit es auch gehn mag abzuschwächen, primitivste Selbstverständlichkeit dünkt, dürfen ja nicht aussprechen, was wir empfinden. Uns muß vorläufig das Bewußtsein oben halten, daß so wie die Dinge stehn, die infamen Forderungen unsrer Patrioten wohl garkeine Chance mehr haben, Wirklichkeit zu werden. Wielange es aber noch dauern wird, bis die Deutschen einsehn werden, daß sie nicht siegen können, bei weiterem „Durchhalten“ aber über kurz oder lang besiegt werden müssen, ist leider garnicht abzusehn. Vielleicht wird der Fall Erzerums dazu beitragen, den Türken die Augen darüber zu öffnen, daß sie auf die falsche Karte gesetzt haben und sie zum Abfall bewegen, ehe sie alles verlieren. Vielleicht ist es aber so, wie es selbst der Nationalist v. Maaßen jetzt sieht, daß die finanzielle Katastrophe überall so groß ist und mit jedem Tag soviel größer wird, daß das Ende des Kriegs das absolute Desaster bedeuten würde und grade deshalb von niemandem herbeizuführen gewagt wird ... Allerdings meinte Mann neulich, wenn Deutschland beim Friedensschluß den Staatsbankrott besehn würde, werde es den sowenig eingestehn, wie es im Kriegsverlaufe irgendeine Niederlage zugegeben habe. Es werde einfach weiter mit Assignaten arbeiten wie bisher und den Gläubigern weismachen, die Papierfetzen seien durch Werte wohlgedeckt. Es wird dann darauf ankommen, daß unsereiner an seinem Platz steht und ungeschreckt von Geschrei und Gewalt die Wahrheit predigt. Vielleicht wird die einsetzende Offensive im Westen, auf die alles deutet, so besonders auch die massenhaften Truppenausmärsche in diesen Tagen – von meinen Bekannten dürften Unold und Ahrem dabeigewesen sein –, mit ihren unerhörten Blutopfern dazu beitragen, dem Volk das Wachs aus den Ohren zu ziehn, das es bis jetzt die Wahrheit nicht hören läßt.

 

München, Montag, d. 21. Februar 1916

Meinem Archiv habe ich einen Artikel aus der „Münchner Zeitung“ beigefügt, der überschrieben war: „Erzerum und seine Opfer“. Gemeint waren als Opfer die Verluste der Russen. Im übrigen bietet der Artikel ein köstliches Charakteristikum für die Art, wie bei uns das in Blüte steht, womit die Deutschen ihre Gegner verhöhnen: Verhimmelung eigner und verbündeter Taten, Verkleinerung und Bemäntelung gegnerischer Erfolge. Daß Erzerums Fall in die ganze türkische Kriegsposition tief einwirken muß, steht außer aller Frage. Eine gewisse Genugtuung liegt darin, daß es grade die Hauptstadt Armeniens ist, wo sie der Schlag trifft. Die Blätter deuten jetzt schon auf die Möglichkeit hin, daß sogenannter Verrat im Spiele war. Es wäre natürlich nicht besonders verwunderlich, wenn sich die unglücklichen Armenier heimlich den Russen verbündet hätten, um die Grauenherrschaft der Kurden abzustreifen. Andrerseits ist zu fürchten, daß die Türken den Verdacht, es handle sich um Verrat, um sich greifen lassen, um einmal das moralische Minus des Verlustes zu kompensieren, und zugleich neuen Vorwand zu haben, dem Rest des armenischen Volks in der Türkei vollends den Untergang zu bereiten.

Sonst auf keinem Kriegsschauplatz Veränderungen. Die deutsche Offensive im Westen ist immer noch im Stadium des Abwartens, und die „Neue Züricher Zeitung“ mag vielleicht recht haben mit der Vermutung, daß Deutsche ebenso wie Franzosen dem andern Teil die Vorhand beim Generalangriff lassen möchten, um selber die beste Kraft für den Gegenstoß aufzuheben. Die Wahrscheinlichkeit, daß bei alledem mehr herauskommen wird als neue fürchterliche Blutströme, ist wohl sehr gering.

Petko Todoroff ist in Château d’Oeux, dem Ort, wo ich vor 6 Jahren dies Tagebuch begann, gestorben. Ich kannte ihn von den „Kommenden“ her in den Jahren 1902/3, aus dem Kreise, der mit den Namen Manz, Julian Reichelt, Donald Wedekind und Stefanie Goldenring bezeichnet ist. Er galt als höchst befähigter bulgarischer Dichter. Ich kannte nur vereinzelte kleine Lyrika von ihm in Übersetzungen. Ich hatte ihn seinerzeit recht gern, habe ihn wohl seit 12 Jahren nicht mehr gesehn gehabt und brach, obwohl in dieser ganzen Zeit, äußerliche Beziehungen zwischen uns schon nicht mehr bestanden hatten, auch die inneren ab, als ich las, daß er im zweiten Balkankriege den Posten des Oberzensors für ganz Bulgarien angenommen hätte. Ein Dichter hat nicht die Geschäfte staatlicher Unterdrückungen zu besorgen. – So erregt die Nachricht von seinem Tode in mir keine andern Empfindungen als die kühlen Gedenkens an herzlichere Gefühle.

 

München, Donnerstag, d. 24. Februar 1916.

Der Sieg bei Verdun! 3000 Gefangene! 10 Kilometer breit, 3 Kilometer tief durchgestoßen! Hurra! Die deutsche Offensive im Westen ist da! Nun kann’s nimmer fehlen! Jetzt kriegen wir Verdun, Calais, Paris, Frankreich, England und den Endsieg – spätestens im Frühjahr! ... Dieses hirnteppige naive Volk ist wirklich wieder beim himmelhoch Jauchzen. Sagt man den Kindern heute, daß dieses Erfölgchen für den Ausgang des Krieges soviel und sowenig bedeutet, wie seine scheußlichen Blutkosten die Erschöpfung näherführen, dann ist man ein miserabler Kerl, der nur alles für Deutschland Ungünstige sieht, ein Ententerich von reinstem Schlage. Als ob nicht jeder gewußt und xmal in diesen 1½ Jahren erfahren hätte, daß derjenige, der zur Offensive ansetzt, gewisse Erfolge erzielt, die er mit sehr teuren Verlusten bezahlen muß, daß jeder Offensive von der andern Seite ein sogenannter Gegenstoß folgt, der den Gewinn entweder ganz eliminiert oder ihn herabmindert, vor dem zum mindesten von einem wirklichen Gewinn garnicht gesprochen werden kann. Aber an den triumphierend beflatterten Übergang über den Yperkanal, dem wenige Wochen nachher der Rückzug folgte – beide Vorgänge gestempelt von namenlosem Bluterguß – denkt niemand mehr. Solche Siege pflegen Mittwochs an die Zeitungstafeln geschlagen zu werden, und da höre ich dann abends auf der Kegelbahn das Urteil der Kriegsanleihe zeichnenden Volksseele und ihre Meinungen und Prophezeiungen und Informationen. Ziersch, der einmal Artillerieoffizier war und am Tarocktisch noch manchmal mit Leutnants aus dem Kriegsministerium zusammensitzt, weiß immer alles: jetzt wieder, daß 20.000 schwere Geschütze an der Westfront aufgefahren sind, und daß in der letzten Woche 500 neue schwere Batterien fertiggeworden sind. Halbe, immer noch der reine Tor von ehedem, erklärte dazu, das glaube er „ohne weiteres“. Er äußerte sich auch über Amerika, mit dem wegen der über die Behandlung bewaffneter Handelsschiffe ausgegangenen Note neue Schwierigkeiten entstanden sind, Wilson sehe sich in der Erkenntnis, auf die falsche Karte gesetzt zu haben, nun genötigt, auch noch die eignen Trümpfe hineinzugeben, um das Blatt zu wenden. Aber er werde schon sehn, wo er bleibt ... Über Erzerum schwieg man. „Doch denke ich an Erzerum, dann wird mir schwer ums Herz herum“, hörte ich zitieren. Dort haben sich die Türken eine katastrophale Niederlage zugezogen, die sie nach 4 Tagen in dem lustigsten Telegramm zu verschleiern suchten, mit dem eine besiegte Partei bisher gelogen hat. Erzerum sei eigentlich garkeine Festung mehr gewesen und habe darum unbedenklich dem Feinde überlassen werden können. In der gewiß deutschfreundlichen „Neuen Züricher Zeitung“ werden in einem instruktiven Artikel „Die Schicksalstunde der Türkei“ (den ich meiner Sammlung beilege) die Wirkungen auseinandergesetzt. Der Verfasser hält die Einnahme Erzerums möglicherweise für den Anfang vom Ende des ganzen Kriegs, sieht dadurch die türkischen Zugänge zum Schwarzen Meer, die Sicherheit Persiens, Bagdads und selbst Konstantinopels derartig gefährdet, daß er das Heil der Türken eigentlich nur noch in einem Separatfrieden erblickt. Die Auslandspresse glaubt ferner, daß als Rückwirkung des russischen Sieges auch alle türkisch-deutschen Pläne auf eine ägyptische Offensive mit Angriff gegen den Suezkanal zusammenbrechen. Und ich selbst möchte fast annehmen, daß der „Sieg bei Verdun“ (einen offiziellen Namen wird das Ding wohl noch kriegen) insofern in Zusammenhang mit Erzerum steht, als ein glorreiches Ereignis zur Hebung der Gemüter wohl als dringend notwendig empfunden wurde, zumal die Unzufriedenheit bei den breiten Volksmassen infolge der immer schwieriger werdenden Ernährungsverhältnisses von Tag zu Tag sichtbar wächst.

Nach unsern Blättern hatte nämlich der Besuch des französischen Ministerpräsidenten in Rom garkeinen Erfolg, und die Spannung zwischen den Ententegenossen sollte vielmehr immer größer werden. Langsam muß nun die deutsche Presse dem Publikum eintröpfeln, daß schon während Herrn Briands Besuch der italienische Handel mit Deutschland verboten wurde (wodurch nun auch noch neben der Butter-, Fett- und Fleischnot eine Gemüsenot eintreten wird), und daß die ganze italienische Kavallerie nach Saloniki detachiert werden soll.

Über Kriegswirkungen hört man immer neue Entsetzlichkeiten. Heute folgendes: Schauplatz Schwanthalerhöh. Ein Mann kommt zum ersten Mal auf Urlaub. Die Frau schickt ihm zum Empfang alle 5 Kinder an die Bahn. Sie selbst bleibt zuhause. Als der Gatte heimkommt, findet er sie am Fensterkreuz hängend, und es stellt sich heraus, daß sie im 5ten Monat in der Hoffnung war. Der arme Mann kommt in heller Seligkeit für lumpige 14 Tage heim, und muß nach Ablauf der Zeit mit was für Entsetzen im Herzen wieder an die Front! Die armen 5 Kinderchen elternlos, der Verwahrlosung preisgegeben, mit dem Gift eines furchtbaren Jugendeindrucks imprägniert. Und die unglückliche Frau! Welche Verzweiflung muß dazu gehört haben, die 5 unversorgten Kinder im Stich zu lassen! Wie schlecht haben die verfluchten Redaktionspharisäer die Frau vor sich selbst gemacht, die sich über „ehrvergessene Weiber“ nicht genug entrüsten können, wenn sich nach solanger Zeit aufgezwungener Witwenschaft das Blut regt! ... Das ist so eine Episode „aus großer Zeit“. Sie ließe sich durch hundert Beispiele von gleicher Scheußlichkeit ergänzen.

Mein Plan, die zu Aktivität bereiten Pazifisten einmal zu persönlicher Aussprache zusammenzuführen, ist nun wirklich daran gescheitert, daß damals Eisner krank wurde. Ich sprach – nach einem Vortrag, den er bei Steinicke über Nietzsches „Schopenhauer als Erzieher“ hielt, mit Aster. Die Professoren waren also beisammen, und deren Zusammenkunft verlief resultatlos, da besonders Jaffé höchst zweideutig gestimmt schien. Zu weiteren Versuchen scheint den Herren die Neigung zu fehlen. Angesichts der Redereien unsrer Patrioten, die den Frieden auf die Formel „Oderint dum metuant“ gründen wollen, kann diese leisetreterische Abstinenz verhängnisvoll werden.

Ich habe eine hübsche Idee. Frau Steinicke möchte mich mal wieder bei sich sprechen lassen. Da möchte ich eine Vorlesung aus Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ veranstalten. Von denen, die diese Reden, die im Jahre 1808 gehalten wurden, also als Deutschland etwa in der Lage Belgiens war, dauernd in Anspruch nehmen, hat sie natürlich fast keiner gelesen. Sonst wüßten sie, daß man sie weitaus eher als Revolutionär brauchen kann denn als Patriot. Ein paar einleitende Worte könnten das ihrige tun, und die Auswahl müßte geschickt getroffen werden, wobei Landauers Exzerpt im Sozialist, gleich nach Kriegsausbruch, benutzt werden kann. Falls aber die Zensur den Vortrag verbieten sollte, ist das ein Witz, der seine Urheber töten kann.

 

München, Sonntag, d. 27. Februar 1916.

Vorgestern berichtete man von mehr als 10.000 Gefangenen nördlich von Verdun, und gestern kam – nach langer Zeit außerhalb der Tagesberichte – die Mitteilung der O. H. L., daß das Panzerfort Douaumont genommen sei. Die Fahnen wehn im Winde, die Leute, soweit ich die Stimmung übersehn kann, sind wieder siegesgewiß, und was unsre Germanomanen sind, so sehn sie den ruhmreichen Frieden vor der Türe ... Ich wäre wohl bereit mich des Sieges mitzufreuen, wenn ich im geringsten hoffen könnte, er bringe den Frieden. Leider bin ich der gegenteiligen Ansicht. Am 10. September 1914 (also bei Beginn der Marneschlacht) berichtete Stein: „Der Deutsche Kronprinz hat heute mit seiner Armee die befestigte Stellung südwestlich Verdun genommen. Teile der Armee greifen die südlich Verdun liegenden Sperrforts an. Die Forts werden seit gestern durch schwere Artillerie beschossen.“ Am 19ten September hieß es: „Die Durchführung des Angriffs gegen die Sperrfortslinie südlich Verdun ist vorbereitet.“ Am 23ten: „Die gegen die Sperrforts südlich Verdun angreifenden Armeeteile haben heftige aus Verdun, über die Maas und aus Toul erfolgte Gegenangriffe siegreich abgeschlagen, Gefangene, Maschinengewehre und Geschütze erbeutet. Das Feuer der schweren Artillerie gegen die Sperrforts Troyon, les Paroches, Camp des Romains und Sionville ist mit sichtbarem Erfolge eröffnet worden.“ Am 25ten September kam dann die Botschaft: „Als erstes der Sperrforts südlich Verdun ist heute Camp des Romains bei St. Mihiel gefallen. Das bayerische Regiment v. d. Tann hat auf dem Fort die deutsche Fahne gehißt, und unsre Truppen haben dort die Maas überschritten.“ Tags darauf: „Die angegriffenen Sperrforts südlich Verdun haben ihr Feuer eingestellt. Unsre Artillerie steht nunmehr im Kampf mit Kräften, die der Feind auf dem westlichen Maasufer in Stellung brachte.“ Am 29ten: „Die im Angriff gegen die Maasforts stehende Armee schlug erneute französische Vorstöße aus Verdun und Toul zurück.“ Am nächsten Tage: „Vor den Sperrforts an der Maaslinie keine Veränderung.“ Am 1. Oktober wurde berichtet, daß nordöstlich von St. Mihiel Angriffe von Toul her zurückgewiesen worden seien. Am 2ten „energische nächtliche Vorstöße“ aus Toul, die natürlich ebenfalls „unter schweren Verlusten für sie“ zurückgeworfen wurden. Dann wurden erst wieder am 7. Oktober „Vorstöße aus der Nordostfront von Verdun“ erwähnt. Am 8ten „kleine Fortschritte bei St. Mihiel.“ Dann fiel Antwerpen und ließ die Hoffnungen auf Verdun in Vergessenheit geraten, und am 13. Oktober bewies dann ein Dementi des alten Ohl, daß das Blättchen sich dort doch wohl gewendet haben mußte. „Die von der französischen Heeresleitung verbreiteten Nachrichten über Erfolge ihrer Truppen in der Woevre-Ebene sind unwahr ... Die jetzigen französischen Angriffe gegen unsre Stellung bei Saint-Mihiel sind sämtlich abgewiesen worden.“ Mit andern Worten: die Offensive gegen Verdun war vorbei und man begnügte sich mit dem Fort, das man mal hatte. Wer garantiert, daß es diesmal nicht ebenso gehn wird? Zwar berichten die Franzosen, das Feuer sei heftiger gewesen als beim galizischen Durchbruch bei Gorlice-Tarnow. Aber vermutlich wird die Verteidigung auch besser präpariert sein. So habe ich wenig Zutrauen zu einem nahen Ende des Kriegs und kann in allem nur wieder ein grauenvolles Morden erblicken. „Wieder waren die blutigen Verluste des Feindes außerordentlich schwer, die unsrigen blieben erträglich“, hieß es Freitag. Inzwischen haben brandenburgische Truppen „im alten Drang nach vorwärts“ (hinter ihnen mögen Revolver gefuchtelt haben) das Panzerfort gestürmt, und ob die „erträgliche“ Zahl von Opfern – rechnen wir 20.000 Tote und Verwundete – noch immer von denen so gemeint wird, die ihren Kopf nicht hinzuhalten brauchen, sondern nur auszuknobeln haben, welche Regimenter „anzusetzen“ sind, ist zu bezweifeln. Die Fahnen wehn, naiven Mitmenschen glänzen die Augen, alle Mutlosigkeit scheint dahin und jeder deutsche Heldensinn (daheim!) belebt sich wieder, – aber der Rest ist Jammer, Trauer, Tod und unheilbares Elend bei denen, die es selber trifft.

 

München, Dienstag, d. 29. Februar 1916.

Vor Verdun muß es ein unerhörtes, über jede Vorstellung entsetzliches Gemetzel sein. Die Deutschen dringen unter fürchterlichem Blutvergießen vor, und haben bisher etwa 8 Kilometer Boden gewonnen. Allem Anschein nach will man angesichts der unhaltbaren Situation im Inlande, der kaum mehr eindämmbaren Unzufriedenheit im Volk und der Unabsehbarkeit des Stellungskriegs Bewegung auch in die Westfront bringen und dort die Entscheidung so oder so erzwingen. Wäre wirklich Hoffnung, daß ein Ende mit Schrecken den Schrecken ohne Ende abstellen könnte, dann dürften auch wir Andern der gegenwärtigen Abschlachtung von hunderttausenden Deutschen und Franzosen zustimmen. Leider habe ich nicht das mindeste Vertrauen darauf, daß diese grauenvollste Blutwaterei des ganzen bisherigen Feldzugs den Abschluß des Massenmords bilden möchte. Angenommen, die deutsche Offensive gelänge. Dann wird also Verdun genommen und die Franzosen um vielleicht 20–30 Kilometer zurückgedrängt, wo sie sich selbstverständlich zu neuem Schützengrabenkrieg einrichten würden. Frieden können sie nicht anbieten, weil jeder Erfolg der Deutschen deren Eroberungsgelüste steigert und unsre „Verantwortlichen“ immer grade solange geneigt sind, auf Annexionen zu verzichten, wie sie überhaupt keinen Frieden haben können. (Was an den Gerüchten wahr ist, daß vor der Marneschlacht die Franzosen einen Separatfrieden angeboten hätten, der aber von Deutschland abgelehnt sei, muß nach Friedensschluß streng untersucht werden) ... Gelingt den Deutschen weiter nichts, als was sie bisher erreicht haben, so steht alles genau wie zuvor, denn die 8 Kilometer – eine Strecke etwa wie vom Odeonsplatz bis zum Aumeister – bedeutet für die Eroberung Frankreichs nicht mehr als eine Stufe für die Ersteigung eines Kirchturms. Nur, wenn die Franzosen beim Gegen- und Nachstoß einen eklatanten Sieg über die Deutschen zu erzielen vermögen, man also hier den ungeheuren Opfern dieses Angriffs keinen auch nur moralischen Gewinn entgegenstellen könnte, wäre Aussicht, daß die zweifellos sehr friedensbedürftige Regierung den Militärs erfolgreich vorhalten kann, daß mit Schlachtorgien trotz aller Munitionsvergeudung und Menschenopferung kein Sieg zu erzielen ist, und daß also Frieden gemacht werden muß, solange Deutschland noch nicht durch Weißbluten gezwungen ist, die Friedensbedingungen vom Diktat der Gegner entgegenzunehmen.

Ssasonow hat in der Duma eine bemerkenswerte Rede über die russische Politik gehalten. Besonders interessant waren seine Betrachtungen über die Stellung der Entente zu Griechenland. Meine Auffassung von Griechenlands Haltung bekam dadurch eine starke Bestätigung. Ssasonow erklärte, daß Frankreich und England bei der Landung auf griechischem Boden nur von einem Recht Gebrauch gemacht haben, das ihnen laut Vertrag mit Griechenland seit 1830 zustehe, und daß sie das obendrein auf ausdrückliche Einladung der griechischen Regierung getan haben. Es ist also offenbar, daß Griechenland nicht etwa, wie es hier immer noch dargestellt wird, schmählich vergewaltigt ist, sondern daß es eine konsequent wohlwollende Neutralität der Entente gegenüber verfolgt.

Das Verhältnis Deutschlands zu Amerika hat sich schon wieder aufs äußerste zugespitzt. Die deutsche Diplomatie erweist sich da wieder als eine Institution, die nur imstande ist, durch Dummheit gemeingefährlich zu wirken. Die Lusitania-Verhandlungen schienen völlig zum Ziele geführt zu haben, indem die deutsche Regierung der amerikanischen alle Zugeständnisse, die gefordert waren, bewilligt hatte. Sonderbarerweise kamen auf alle Reuterschen Berichte von der Verständigung mit Amerika deutschoffiziöse Dämpfer und Warnungen vor zu großem Optimismus. Was die zu bedeuten hatten, stellte sich dann heraus, als plötzlich die Note an die Neutralen kam, wonach alle bewaffneten Kauffahrteischiffe als Kriegsschiffe behandelt werden sollen (Heute ist der Termin, wo die neue Methode, d. h. die legalisierte Methode von vorher, eingeführt werden soll). Man hat also den Amerikanern konzediert, daß der Lusitania-Fall sich nicht wiederholen soll, und erklärt gleichzeitig vor aller Welt, aus jenem Einzelfall fortan ein System machen zu wollen. Nun fühlt Wilson sich düpiert, und es heißt, Bernstorff solle von Washington abberufen werden. Wilson hat an den Senator Stone einen Brief gerichtet, in dem er die Lage sehr ernst darstellt, und die neuen Armee- und Flottenforderungen der Vereinigten Staaten, die in diesem pazifistischsten aller Länder sehr populär werden, deuten auch nicht grade auf Verständigung hin. Was aber ein Krieg mit Amerika bedeuten würde, ist klar: die Besiegelung der deutschen Niederlage.

Ein sehr merkwürdige Beobachtung hat Engler gemacht, der immer Sonntags auf Urlaub bei uns ist, daß nämlich die derzeitige Frauenmode akkurat dieselbe ist wie die französische zur Zeit der Gironde. Wenn solche Dinge innerlich motiviert sind, könnte ein Optimist auch auf andre Parallelen mit dem Jahre 1789 verfallen.

 

München, Mittwoch, d. 1. März 1916

Die Berliner Regierung hält sich einen Herrn Ackermann (ich vermute, daß das mein Bekannter ist, der Gatte von Frieda Schorer aus Lübeck), der auf ihr Diktat amerikanische Journalistik betreibt. So hat er neuerdings die Amerikaner darüber aufklären müssen, daß Deutschland liebend gern Frieden mit den U. S. A. behalten möchte, daß aber beschlossen sei, den Krieg jetzt zuende zu bringen, weshalb denn auch bei Verdun die große Offensive stattfinde. Mit andern Worten: der verschärfte U-Bootkrieg (dessen Verschärfung Acker- und Bethmann zugleich bestreiten) dient dem gleichen Zweck wie die maßlosen Maaskämpfe: jetzt zu siegen, um daraufhin den Frieden diktieren zu können. Ob sich das die Herren wirklich so vorstellen? Als ob die andern nicht mitspielten! Als ob die Preußen siegen können, wenn es in Berlin beschlossen wird! Und als ob Amerika das als Argument annehmen würde, um seine Rechte schädigen zu lassen, daß das zum preußischen Siege gehört! ... Interessant ist beiläufig, daß Herr Bernstorff in Washington bestellen mußte, die in der „Lusitania“-Affaire gegebenen Zugeständnisse würden durchaus als verbindlich betrachtet, und friedlichen Handelsschiffen werde nichts geschehn, sie würden gewarnt und untersucht werden und nur bewaffnete sollten sich hüten. War also die „Lusitania“ doch nicht bewaffnet, wie man ¾ Jahre lang zur Begründung des unseligen Massenmords behauptete? Oder wo steckt der Unterschied zwischen dem verübten Fall und dem angedrohten? In den Zeitungen, die ich in der Hand hatte, habe ich noch nicht einmal die Frage gestellt gefunden, geschweige eine Antwort darauf. Aber „Deutschland ist die Gerechtigkeit“ schrieb Hans Land in die Kriegsmappe des S. D. S. (die als Schanddokument der deutschen Geistigkeit dieser großen Zeit meine Kriegssammlung ziert. Frank Wedekind – – na!!)

Die Österreicher haben Durazzo besetzt, wie sie selbst behaupten, nach einem großen Sieg, wie die Italiener es darstellen, nachdem sie es verlustlos geräumt haben. Das sind kleine Unausgeglichenheiten in den verschiedenen Amtsberichten, die zur täglichen Geschichtsregistratur gehören. Italien hat dem Handelsverbot mit Deutschland eine Beschlagnahme der deutschen Handelsschiffe folgen lassen, und die Krakehlköpfe des Landes zetern, man solle Deutschland den Krieg erklären. Ob die kleine Formalität erfüllt wird oder nicht, wird wohl wenig mehr auf sich haben ... Auch Portugal hat die dort liegenden deutschen Schiffe requiriert. Angeblich hat die deutsche Regierung scharf protestiert, und man munkelt von Kriegserklärung. So belanglos wie diese Eventualität dargestellt wird, dürfte sie kaum sein. Abgesehn von dem Kapitalsverlust an Schiffen und andern Gütern – damit mögen sich die paar direkt Betroffenen abfinden – kann das Land doch wohl mindestens 100.000 geschulte und unverbrauchte Soldaten auf die Beine stellen, die an der französischen Front wohl einiges bedeuten möchten ... D’Annunzio ist bei einem Kriegsflug schwer verwundet worden. Er soll einen Augenschuß erhalten haben. Das ritterliche Deutschland wird ihn wohl daraufhin noch gebührend verhöhnen. Kürzlich wurde im preußischen Landtag sein ganzes dichterisches Lebenswerk in den Dreck gezogen. Ein konservativer Kulturmensch übte diese literarische Kritik, während ein Zentrumsmann über den entsittlichenden Einfluß des pornographischen Dekamerone auf die Soldaten vom Leder zog ... Das Land der Dichter und Denker!

Frau Hedi Wahl war kürzlich bei uns. Durch sie erfuhr ich, daß Alexander v. Rechenberg gestorben ist. Die Gräfin ist also Witwe geworden. Meine Ehestiftung zwischen den beiden stieg in aller grotesken Lustigkeit aus der Versenkung herauf. Hinter eine amüsante Episode meines Lebens setzt der Tod dieses luetischen Alkoholikers und stocktauben guten Kerls den Schlußpunkt.

 

München, Sonnabend, d. 4. März 1916.

Ob die Westoffensive weitergehn soll, oder ob man sich mit dem Erreichten begnügen will, ist noch ungewiß. Die Nachrichten, wonach die Franzosen Douaumont wiedergewonnen hätten, scheinen sich nicht zu bestätigen, wohl aber die, daß diese „Panzerfeste“ schon lange derartig zusammengeschossen war, daß die Version, es sei eine Festung gestürmt worden, irreführend ist. Aber dessen bedarf es ja auch garnicht besonders. Jeder Graben erfordert mehr Blut und Leid als früher eine große Burg. Mich erbittert dabei am meisten die Überzeugung, daß die neue große Offensive sicher mit kluger Überlegung zu dem Zeitpunkt arrangiert worden ist, wo die neue Kriegsanleihe zum Zeichnen aufgelegt wird. Die fatalistische Stimmung war nicht dazu zu brauchen, es mußte mal wieder gesiegt und geflaggt werden, sonst könnte das Geschäft zu Essig werden.

Im übrigen schleppt sich der Krieg blutig und ereignislos weiter. Nur die Türken stehn nun wohl vor dem Ziel. Die Einnahme von Trapezunt, das schon vom Lande und vom Meer her blockiert ist, steht bevor, und dann ist das Schwarze Meer völlig in russischer Verfügung. Der Sieg von Erzerum wird es den Russen vermutlich auch ermöglichen, die in Kut el Amara eingeschlossenen Engländer zu befreien, und Bagdad wird dann das nächste Opfer der Türken werden. – Bei uns aber, und selbst in den Kreisen, denen man Urteil zutrauen sollte, gelten diese Bundesgenossen immer noch als Sieger auf der ganzen Linie.

Die Verhandlungen mit Amerika gehn immer weiter, ohne zu einer Verständigung zu führen oder zum Abbruch der Beziehungen. Wilson sieht die Dinge jedenfalls sehr pessimistisch an. Er agitiert für Heeres- und Flottenvermehrung und Kriegsbereitschaft. Entweder er dringt mit seinen Ansichten durch, dann würde das wohl den Krieg mit Deutschland bedeuten, oder der Pazifismus im Lande ist doch stärker, dann wird der Präsident jedenfalls dabei aus dem Amt rutschen. Die Entscheidung wird bei der Börse liegen.

Die Obersten-Affaire ist in mehrtägigem Prozeß in Zürich erledigt worden. Die Herren Egli und Wattenswyl wurden zwar freigesprochen, aber, da festgestellt ist, daß sie die Geheimbulletins der Schweizer Armee den deutschen Militärattachés gegen gewisse Gegengefälligkeiten ausgeliefert haben, in disziplinarischem Verfahren mit 20 Tagen strengem Arrest bestraft und zur Disposition gestellt. Inzwischen sollen sie den Abschied eingereicht haben. Die deutschen Zeitungen streicheln die beiden Leute, denen man ja höchstens vorwerfen könnte, daß sie stärkere Sympathien für die Mittelmächte gezeigt hätten als für die andern, in wahrhaft kompromittierender Weise. Für die Erregung der Westschweizer, die keine Lust haben, sich durch die Intriguen hochstehender Militärs ins deutsche Schlepptau ziehn zu lassen, hat man bei uns garkein Verständnis. Neutral ist unsern Patrioten ein Synonym für pangermanistisch.

Carmen Sylva ist gestorben. Als Königin von Rumänien machte es ihr das Geschäft ihres Mannes leicht, eine berühmte Dichterin zu werden. So hat man es denn erfahren, daß sie ein Talentchen war, dem mitunter geschmackvolle Irrelevanzen einfielen. Die Presse tut, als bejammere sie eine Geistesheroin.

 

München, Sonntag, d. 5. März 1916.

Meine Nachmittage verbringe ich jetzt täglich bei C. G. v. Maaßen, der das Unglück hatte, gleichzeitig aus seiner Wohnung herauszumüssen und die Einberufung zu erhalten. Samstag, d. 11. März muß er einrücken – falls nicht wider Erwarten sein Aufschubgesuch doch noch berücksichtigt werden sollte. Und nun heißt’s inzwischen die ungeheure herrliche Bibliothek mit über zehntausend Bänden einrichten. Die Militärbehörde kennt keine Rücksicht. Wenn jemand einem Major die Wohnung tapezieren soll, kriegt er Aufschub solange er mag, aber das Lebenswerk eines gescheiten Menschen, wie es Maaßens Büchersammlung darstellt, mag zum Teufel gehn. Maaßen hat übrigens, wie mir scheint, stark umgelernt. Er gibt offen zu, daß es durchaus nicht sein Ideal wäre, den „Heldentod fürs Vaterland“ zu sterben, wie denn sein Radaunationalismus immer mehr für den Radau als für den Nationalismus begeistert war. Unsern Freundschaftsbund zu verstehn, ist ja überhaupt schwierig, und es wird wohl so sein, daß nur wir zwei Beteiligte allein die richtige Erklärung dafür wissen, was ja auch genügt ... Gestern sind in München etwa fünftausend Mann eingerückt, schon die 42 und 43jährigen, von meinen Bekannten ist Bernhart Rehse darunter. Ich sah Leute in die Kaserne ziehn, eben eingekleidet in Schüben von 2–300 Mann, daß man weinen könnte, u. a. einen Mann mit langem grauen Vollbart, die Mütze auf dem Kopf wie eine groteske Karnevalsfigur (heute ist Fastnachtsonntag!), und alle zogen sie dahin, gebeugt, beklommen, fatalistisch ergeben – wie zur Schlachtbank.

Die Kriegsüberdrüssigkeit im Volk ist allmählich so, daß man wirklich Hoffnungen schöpfen kann, es wird, wenn außen kein Schluß gefunden werden kann, innen nachgeholfen werden. Und nun kommen schon die ersten Steuervorlagen, um die dringlichsten laufenden Kosten sicherzustellen. Es sind nur leise Präludien bis jetzt, die Vermögenszuwachssteuer und die Tabaksteuer. Aber sie eröffnen Ausblicke, daß einem die Augen tropfen mögen.

 

München, Donnerstag, d. 9. März 1916.

Die Schlacht vor Verdun dauert unter maßlosen Menschenopfern an. Der Heeresbericht spricht bei jedem neuen Terraingewinn von „Verbesserung unsrer Stellung“, als handle es sich nur um gewisse Ausgleichungen der Frontlinie. Vermutlich hat man in den Ankündigungen vor der Eroberung von St. Mihiel, aus denen dann nichts wurde, ein Haar gefunden. Daß es den Herrschaften ums Ganze geht, unterliegt für mich keinen Zweifeln. Sie wissen, daß so oder so Schluß gemacht werden muß, soll nicht alles in Trümmer gehn, und sehn nicht, daß ohnehin schon alles in Trümmern ist und Europa in den verflossenen 19 Monaten die Selbstentleibung in solchem Maße vollzogen hat, daß die gelben Asiaten nur noch auf dem freigewordenen Sessel platzzunehmen brauchen ... Es war dem Esel zu wohl geworden – –

Höchst amüsant ist mir immer wieder Halbe, der, wie Don Quichote, alles gradeso sieht, wie seine überhitzte Phantasie es wünschbar macht, jetzt „ohne weiteres“ glaubt, daß Frankreich unmittelbar vor einer Revolution stehe. Daß es bei uns im Lande viel tiefer gärt als in dem wirklich überfallenen, vom Feinde im eignen Lande bedrohten Frankreich, ahnt er garnicht. Wer es ihm sagt, ist ein gewissenloser Mießmacher, der alles glaubt, was das feindliche Ausland uns andichtet. – Über die wahren Verhältnisse und Stimmungen sind letzthin im preußischen Landtag gute Reden gehalten worden. Vor allem hat Liebknecht eine große Anklage zum Justizetat vorgebracht und sehr viel gesagt, was wahr ist und nicht wahr sein soll. Besonders wertvoll war, daß er dabei auch auf die grauenhaften Zustände in Österreich einging, wo die Feld- und Standgerichte mit Todesurteilen (eines wurde für die Verbreitung eines Gedichts ausgesprochen) und scheußlichen Kerkerstrafen sadistische Orgien feiern. Interessant war seine Mitteilung, daß Krupp noch während des Kriegs Waffen ins Ausland geliefert hat, mit denen nun deutsche Soldaten ermordet werden ... Ich habe Liebknecht geschrieben, ebenso Landauer, und eine Berliner Konferenz während der nächsten Reichstagstagung angeregt. Ich denke dabei an die Begründung meiner „Deutschen Gesellschaft von 1916“.

Ludwig v. Maaßen ist hier, um seinem Bruder womöglich zu einem Aufschub im Einrücken zu verhelfen. Dieser Offizier, der seit dem ersten Kriegstage dabei ist und in 14 Tagen seine Beförderung zum Rittmeister und Escadronchef erwartet, ist mir als Repräsentant der andern Seite besonders interessant. Ein völlig naiver Mensch, der als Berufsoffizier und alleinstehender lebenslustiger Kerl mit garkeinem sozialen Gewissen beschwert ist und den Krieg als sein Lebenselement ansieht. Er erzählte anschaulich von seiner „Wacht an der Düna“, und sehr wichtig war mir dabei seine Schilderung des Verhaltens der Landsturmleute, die dort die russischen Bewegungen zu überwachen haben. Lauter Leute, meinte er sehr geringschätzig, die ewig ihre Frau und ihre zahllosen Kinder im Kopf haben. Kommen dann die Russen (sibirische Infanterie, die – er anerkannte sehr respektvoll – außerordentlich tüchtige Soldaten seien) in ihren Schneemänteln, durch Mimikry völlig unsichtbar herüber, hauen sie einem von der Wache mit der Axt den Schädel ein, und die andern heben schlotternd die Hände hoch und werden mit einem Polizeigriff festgenommen. Die umliegenden Leute schießen aber beileibe nicht, um nicht die Aufmerksamkeit der Russen etwa auf sich zu ziehn. Er – Maaßen – sehe das mit großer Wut an, aber er werde schon Ordnung schaffen und seine Maschinengewehre in die deutschen Landstürmer knallen lassen, daß es „Fleischsalat“ gebe. Mir war scheußlich zu Mute bei diesen Rohheiten, aber ich sah ein, daß der Mensch in aller vollkommnen Harmlosigkeit und Gewissensreinheit so sprach. Das System muß ausgerottet werden. Mit dem Ärger über seine zufälligen Vertreter ist nichts getan.

 

München, Freitag, d. 10. März 1916.

Der Krieg an Portugal ist erklärt. – Vor Verdun ist ein weiteres Fort (Vaux) gefallen. Ich fürchte, beide Ereignisse werden den Frieden nicht näherführen.

 

München, Sonnabend, d. 11. März 1916.

Die Herrlichkeit des Sieges bei der Panzerfeste Vaux hat nicht lange vorgehalten. Schon gestern, als der neue Tagesbericht angeschlagen war, holten die Patrioten ihre Fahnen wieder in die Fenster, da darin eingestanden ist, daß die Franzosen „in der Panzerfeste selbst“ wieder „Fuß fassen“ konnten. Es muß ganz fürchterlich zugehn bei diesen Kämpfen, die Franzosen melden, die Deutschen hätten „ungeheure Verluste“ erlitten. Was aber der Verlust jenes vorgestern erst „in glänzendem nächtlichen Angriff“ erstürmten Forts gekostet hat, das mag grauenhaft sein. Ich zweifle, ob sogar Herr Ohl den Mut finden wird, unsre Verluste als „durchaus erträglich“ zu bezeichnen. – Maaßens Bruder, mit dem wir gestern abend in der Odeonbar waren, meinte, es sei unverantwortlich, eine derartige Stellung zu nehmen, ehe man sicher wisse, daß man sie auch halten könne. So seien alle Verluste für nichts gewesen. Daß gegenwärtig vor Verdun die furchtbarste Schlacht ganzen Krieges tost, daran zweifelt in Deutschland und in Frankreich kein Mensch mehr. Aber ich zweifle ganz entschieden, daß der Ausgang der Schlacht, siege darin wer wolle, irgendetwas mit dem Ausgang des Kriegs zu tun hat.

Auch der Krieg mit Portugal, dessen Vorgeschichte noch ziemlich dunkel ist, wird trotz der Möglichkeit, daß er den Alliierten eine Armee von eventuell 200.000 Mann zuführen kann, kaum entscheidend auf den Gang der Dinge einwirken, wenngleich die etwas spöttische Art, den neuen Gegner abzufertigen, die in den deutschen Zeitungen beliebt wird, natürlich völlig fehl am Orte ist. Die Beschlagnahme der deutschen Schiffe, die den Anlaß zu Deutschlands Kriegserklärung gab, hilft den Engländern Frachtraum gewinnen und die wirtschaftlichen Werte deutschen Eigentums, besonders in den portugiesischen Kolonien, die jetzt in die Brüche gehn, nebst den deutschen Kolonien, die Portugal zufallen werden, sind sicherlich auch kein Pappenstiel.

Viel ernster aber als der Fall Portugal sieht der immer bedrohlicher werdende Konflikt mit Amerika aus. Wilson – und mit ihm der übergroße Teil der Amerikaner – stellt sich auf den Standpunkt strikter Neutralität und nimmt für seine Landsleute alle ihm nach den völkerrechtlichen Übereinkünften zukommenden Rechte in Anspruch, vor allem auch die Benutzung beliebiger Passagierschiffe zur Überfahrt über den Ozean. Er weigert sich demnach, eine Warnung zu publizieren, mit bewaffneten Handelsdampfern zu fahren, die gleichbedeutend wäre mit der Billigung des deutschen Verfahrens, solche Schiffe zu versenken. Die Bewaffnung von Handelsdampfern zu Verteidigungszwecken, die man bei uns lange als grenzenlose britische Tücke und Völkerrechtsbruch hingestellt hat, hat sich im Lauf der Verhandlungen als ein völlig anerkanntes und von jeher von allen Ländern geübtes Verfahren herausgestellt. Die deutsche Regierung hat nun auf einem englischen Schiff Schriftstücke finden lassen, aus denen sie die generelle Anordnung schließt, daß die Handelsschiffe ihre Geschütze auch zu Angriffszwecken gegen U-Boote benutzen sollen. Tatsächlich steht darin, daß geschossen werden soll, wenn ein U-Boot das Schiff in feindlicher Absicht verfolgt, auch ehe es geschossen hat. Nach meiner simplen Auffassungskraft wäre ein solches Verhalten durchaus als defensiv zu charakterisieren. Denn ein verfolgendes U-Boot hat selbstverständlich Angriffsabsichten. Will es doch das Handelsschiff vernichten. Das finden auch die Amerikaner, und unsre Alldeutschen von der Reventlowschen Satanisten-Richtung möchten nun garzugern den Krieg mit den U.-St.-A., um dann ungeniert jedes Schiff ohne Anruf mit Mannschaft und Passagieren in den Grund zu jagen. Die vorwiegend pazifistische Gesinnung der Amerikaner ist die einzige Hoffnung, daß die Schweinerei der Hereinziehung der letzten Weltmacht in das große Verderben noch vermieden werden kann ... Wie lange Rumänien und Griechenland noch neutral bleiben werden, kann niemand wissen. Italiens Kriegserklärung an Deutschland scheint bevorzustehn.

Wie die Kriegsmachthaber ihren Beruf auffassen, dafür gibt der Münchner Oberbefehlshaber ein lehrreiches Beispiel. Er hat „zum Schutz der Jugendlichen“ eine Verordnung erlassen, die die Bevormundung durch die Militärdiktatur auf die Spitze treibt. Jugendliche unter 17 Jahren dürfen auf Straßen, Plätzen und in Wirtschaften nicht mehr rauchen, auch darf kein Tabak an sie verkauft werden. In Kinos dürfen sie nicht mehr gehn, ohne Begleitung Erwachsener keinen öffentlichen Ausschank und nach 9 Uhr abends auch mit Begleitung mehr betreten. Wer also mit seiner 16jährigen Tochter etwa ins Theater geht, darf nachher nicht mehr mit ihr im Restaurant Abendbrot essen! – Auf gesetzlichen Wegen hat diese Sorte Volkserzieher früher nichts mehr ausrichten können. Jetzt sind sie Despoten, dekretieren einfach, was sie wollen, und das Volk kann kuschen. Wie lange noch?!

Ein Todesopfer von Verdun: der Maler Frank Marc. Ich kannte ihn nur wenig von gelegentlichem Beisammensein im Café Stefanie; ein dekorativer Mensch mit energischen kultivierten Zügen. Als Künstler galt er unter den Jüngeren als recht bedeutend und hatte sich auch als Kunsttheoretiker einen Namen gemacht. – Mit der jungen Kultur Europas wird gründlich aufgeräumt jetzt. Große Zeiten!

Meine Bücherei hat eine wundervolle Bereicherung erfahren. C. G. v. Maaßen hat mir zum Dank für meine Arbeit bei seinem Umzug eine alte Goethe-Ausgabe geschenkt: Ausgabe letzter Hand von 1828. 40 Oktavbände mit Kupfern. Das ist jetzt mein schönster Bücherbesitz.

 

München, Montag, d. 13. März 1916.

Die Vorgänge, die zur Kriegserklärung an Portugal geführt haben, scheinen in dem von Wolff veröffentlichten deutschamtlichen Schriftstück einigermaßen zutreffend bezeichnet zu sein. Auffällig ist aber, daß die von den Deutschen vor der Beschlagnahme verübte Sabotage in den eignen Schiffen doch auf bestimmte länger zurückliegende Tatsachen schließen läßt, die die Konfiskation schon früher befürchten ließen. Welcher Art diese Tatsachen waren, und ob die deutsche Regierung etwa Herausforderungen provoziert hatte, ist noch unbekannt. Vielleicht wird die portugiesische Regierung sich auch noch über die Vorgeschichte äußern. Höchst charakteristisch ist aber, daß die Kriegserklärung u. a. damit begründet wird, daß die portugiesische Regierung den englischen Truppen den Durchmarsch durch Mozambique gestattet hat, was als schwerer Neutralitätsbruch denunziert wird. Weil also Portugal England das gestattet hat, was Deutschland von Belgien verlangt hatte und dessen Verweigerung durch Belgien einziger Kriegsgrund gegen dies Land war (dessen Neutralität Deutschland selbst garantiert hatte, solange Verträge noch keine Papierfetzen waren), muß nun Portugal ebenfalls angegriffen werden ... Die Zeitungen des In- & Auslands bezweifeln übrigens, daß – bei den konstanten revolutionären Gärungen im Lande, die erst im vorigen Jahr bewegte Formen angenommen hatten – portugiesische Truppen nach Frankreich oder auf den Balkan transportiert werden würden. Außer dem Wertgewinn durch die Konfiskation der Schiffe und des übrigen deutschen Besitzes im Lande wird der neue Feind wohl nur noch koloniale Siege anstreben. Der Besitz Mozambiques gibt ihnen dazu günstige Gelegenheit, da zurzeit grade der letzte deutsche Kolonialbesitz an der Grenze der portugiesischen Kolonie in Ostafrika von den Engländern attackiert wird. Nach der Überwindung Kameruns wird der Verlust dieser Ansiedlungen jedenfalls den Kolonialkrieg überhaupt erledigen.

Die ungeheure Schlacht bei Verdun dauert an, und es scheint, als ob die Deutschen zugleich auch an andern Punkten energische Durchbruchsversuche unternehmen wollen. So werden Vorstöße in der Champagne gemeldet (bei Reims) und in den Vogesen sollen starke Truppenansammlungen beobachtet worden sein. Die Franzosen bestreiten übrigens in einem energischen Dementi die Wahrheit der letzten deutschen amtlichen Meldungen. Eine offiziöse Havas-Auslassung widerlegt die Möglichkeit der von den Deutschen behaupteten Gefangenen-Ausbeute und erklärt kategorisch, daß das angeblich eroberte und wieder verlorene Panzerfort Vaux überhaupt nicht eingenommen worden sei, und ebensowenig das dazu gehörige Dorf noch die umliegenden Befestigungen. Ohl hat bisher zu diesem Vorwurf der „handgreiflichen Unwahrheiten“ geschwiegen. Vielleicht kommt noch was. Sonst muß man sich doch sagen, daß das Bedürfnis zu lügen und zu entstellen meistens mit der Empfindung zusammenhängt, daß etwas faul ist und vertuscht werden muß.

Was an den neuerdings auftauchenden Gerüchten wahr ist, nach denen die Russen zur Entlastung der Franzosen eine Riesenoffensive vorhaben und andrerseits Hindenburg (dem jetzt Kuropatkin als russischer Feldherr gegenübersteht) zu einem großen Schlage ausholt, bleibt abzuwarten. Sähe man nur einmal ein Ende ab!

Mein Pflegling Frau Anna Morstadt ist vorgestern in Eglfing gestorben. Viel Lauferei, Schreiberei und Umstände. Aber – wohl der Armen!

Heute wird der Tod Marie v. Ebner-Eschenbachs gemeldet. Die Klassikerin der Frauenliteratur. Ihr Tod hat etwas, was ans Herz faßt, ein Symptom der absterbenden Kultur dieses Zeitalters. Im 86ten Jahr ist sie abgeschieden, aber, nicht wie seinerzeit Paul Heyse, als Nachfolger seines längst registrierten – und antiquierten – Werks, sondern als lebendige dichterische Kraft, deren leibliches Sterben als schmerzlicher Verlust zu buchen ist.

 

München, Mittwoch, d. 15. März 1916.

Die Erbitterung in der Bevölkerung wächst trotz allem Geschrei über die eigne Herrlichkeit und die Infamie der andern. Die Lebensmittelnot und -teuerung steigt ständig. Auch bei uns in Bayern ist es nun soweit, daß Butter von morgen ab nur noch in Raten von 125 gramm pro Person und Woche abgegeben werden darf, und da die Leute wissen, daß die Buttervorräte hier sehr reichlich wären, würde nicht alles nach Preußen exportiert, so nimmt auch der partikularistische traditionelle Antagonismus zwischen Nord- und Süddeutschland ständig zu. Die Stimmung unter den Soldaten ist, soweit man Gelegenheit hat, Urlauber oder Verwundete zu sprechen, tief deprimiert, und man fragt sich, ob dieser Zustand überhaupt noch lange gehn kann. Daß man allmählich mit dem Mannschaftsnachschub an der Grenze ist, geht aus vielen Symptomen hervor: Zenzls Bruder Seppi hat durch einen Schuß die volle Beweglichkeit des rechten Arms verloren. Er kann ihn nur noch zur Hälfte heben und die Finger krampfen sich bei kleinen Anstrengungen zusammen. Gleichwohl ist er wieder felddiensttauglich erklärt worden und muß demnächst von neuem hinaus. Maaßen ist vorgestern eingerückt, obgleich man ihn in den ersten Kriegstagen, als er freiwillig eingetreten war, gleich wieder als unbrauchbar entlassen hatte, weil er mit seinem Bruch wichtige Bewegungen einfach nicht ausführen konnte. Sein Bruder Lulu hat mit dem Stabsarzt gesprochen und ihm auseinandergesetzt, daß C. G. keineswegs Märsche mit Gewehr und Gepäck ausführen oder sich hinwerfen könne. Der Arzt aber, ein Jude, der durch Forschheit imponieren wollte (diesem Typus Stammesgenossen werden wir in der bevorstehenden antisemitischen Hausse reizende Chikanen zu danken haben) erklärte, das mache garnichts: „wir schicken jetzt auch Leute mit doppeltem Bruch ohne weiteres ins Feld“. – Gestern ist nun auch noch eine Bekanntmachung angeschlagen worden, die die 17jährigen (1899 geborenen) zur Eintragung in die Stammrolle aufruft. Von den alten Jahrgängen holt man bei uns schon die 43jährigen her, in Frankreich und der Türkei die 48jährigen, in Österreich-Ungarn die 50jährigen. So geht es überall der völligen Erschöpfung der Länder entgegen, und überall erklären die Machthaber (die überall identisch sind mit den materiell am Kriege Interessierten), daß durchgehalten werden müsse bis zum Siege und bis zur Niederwerfung der Gegner.

Der europäische Krieg hat in den letzten Tagen keine Veränderung gezeigt. Bei Verdun scheint eine Kampfpause eingetreten zu sein. Die Italiener haben am Isonzo zu einer neuen großen Offensive angesetzt. In Albanien geht man zwischen Durazzo und Valona vor. Die Russen okkupieren allmählich ganz Armenien, bedrohen Persien und von Norden her das Vorgelände von Bagdad. Dagegen scheint es den Engländern nicht gelingen zu wollen, ihrer in Kut-el-Amara eingeschlossenen Armee zu Hilfe zu kommen. Ob die aber zur Kapitulation wird gebracht werden können, ist sehr fraglich, da Nahrungszufuhr ihr immer noch über den Tigris zufließt. Die Begebenheiten in ferneren Welten sind teils noch im Werden, teils in Widersprüchen verborgen. Die chinesische Regierung läßt wieder und wieder behaupten, daß sie die Rebellen geschlagen habe. Da von der Gegenseite aber Nachrichten nicht hergelangen, weiß man natürlich garnichts. In Amerika sind neue Wirren zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko entstanden. Herr Wilson unternimmt mal wieder eine „Strafexpedition“. Ich habe den stärksten Verdacht, daß es sich da wieder wie 1913/14 um eine expansionistische Intervention handelt. Welche Rückwirkungen das auf Amerikas Verhalten zum Weltkriege haben wird, bleibt vorbehalten. – Irrsinn ringsum!

Ich erwarte jetzt meinen alten Freund Berthold Körting, der als Leutnant auf Urlaub hier ist und sich telefonisch bei mir angemeldet hat. Hoffentlich ist er nicht garzu stark kriegsverblödet. Da aber sein Vater Unterseeboot- und Granaten-Fabrikant ist, befürchte ich vielerlei.

 

München, Freitag, d. 17. März 1916.

Eine Reihe eigentümlicher Dinge, die offenbar in irgendeinem Zusammenhang zueinander stehn, kennzeichnen die letzten Vorgänge. Am Dienstag meldeten die Zeitungen nach einem amtlichen Wolff-Telegramm, daß der Großadmiral v. Tirpitz erkrankt in Urlaub gegangen sei. Mittwoch kam eine offiziöse Auslassung über den „verschärften“ U-Bootkrieg, wonach die Gerüchte von einem Aufgeben oder Hinausschieben des Kampfs gegen bewaffnete Handelsdampfer jeder Grundlage entbehrten und jene verschärfte Methode „in vollem Gange“ sei. (Herrn Eckermann war jüngst diktiert worden, daß es sich garnicht um eine Verschärfung handeln würde, jetzt aber wird der Ausdruck offiziell benutzt). Gestern nun kam die amtliche Nachricht, daß Tirpitz verabschiedet und Herr v. Capelle sein Nachfolger geworden sei. Heute endlich hat die Regierung im „Berliner Lokal-Anzeiger“ eine Auslassung veröffentlichen lassen, worin in phrasenreicher Weitschweifigkeit lang und breit nichts gesagt wird, als daß man entschlossen sei, den Krieg „mit allen verfügbaren Waffen zur siegreichen Durchführung zu bringen“. Alles zusammen genommen sehe ich die Sache so an: Der Kronprinzenmann Tirpitz ist im innerpolitischen Ringkampf gegen Bethmann-Hollweg unterlegen und hat gehn müssen, weil der Reichskanzler sich nicht auf die skrupelloseste Reventlowgerberei festlegen lassen wollte. Hatte der lange Theobald damit gegen die konservativen Frondeure (die ihm im Haushaltsausschuß des Abgeordnetenhauses von neuem Schwierigkeiten machen – auch dieser neueste Vorstoß gehört vielleicht in den Rahmen dieser Betrachtungen) sozusagen den starken Mann gemimt, so mußte er wohl das gleiche auch nach der andern Seite hin tun, und enthüllte dabei die ganze Schwäche seiner traurigen Position, indem er nun mit halbem hohen Klang die Taktik des Besiegten als seine eigne in die Welt schreit. Wieviel ihm auf diesem Wege die amerikanische Regierung konzediert hat und gegen welches Entgegenkommen, erfährt ja die misera plebs nicht, die gut genug ist, für die Dummheiten der Geheimdiplomatie zu sterben. Von dem „in vollem Gange“ befindlichen „verschärften“ Kriege gegen die englische Handelsflotte ist denn auch außer der Behauptung nichts ans Licht gedrungen, es sei denn, daß man den Untergang der Tubantia, eines der größten holländischen Dampfer, damit in Verbindung bringen will. Die Holländer behaupten, das Schiff, das etwa 400 Menschen an Bord hatte, darunter nahezu 100 Passagiere und nach Buenos Aires unterwegs war, sei torpediert worden, und die Wut gegen Deutschland ist natürlich stark gewachsen. Ein holländisches Blatt schreibt ganz richtig: „Der Kämpfer für das Recht der kleinen Nationen hält unsre Schiffe an, nimmt sich daraus, was nach seinem Geschmack ist, behindert die Zufuhr nach unserm Lande und legt unsre Industrie immer mehr lahm. Der Kämpfer für die freie See bohrt unsre Schiffe ohne weiteres in den Grund und trachtet auf diese Weise unsre Schifffahrt und unsern Handel unmöglich zu machen. Es droht uns das Schicksal, daß wir zwischen der uneigennützigen Liebe der beiden Streitenden zerrissen werden.“ Besser lassen sich die idealistischen Salmereien, die die Kriegsinfamie in allen Ländern beschönigen sollen, garnicht in ihre wahre Beleuchtung schieben.

Das neueste Gerede ist, daß im Sommer Frieden würde. Rößler hat es von Sobotka, der in Rumänien für die deutsche Regierung Getreide kauft, und der meinte, länger lasse sich wirtschaftlich nicht „durchhalten“. Halbe meint, bis dahin habe Deutschland gesiegt. Die Soldaten halten die Verdun-Offensive für den letzten Versuch, den Sieg zu erringen, da keine Männer mehr zu haben seien, – und ich bin der Ansicht, daß an Frieden erst gedacht werden kann, wenn endlich irgendwo das Volk aufsteht und die Revolution den Krieg abgelöst hat. In Baku scheinen ja schon stattliche Hungerrevolten, verbunden mit Pogromen eingesetzt zu haben. Es sollen sogar schon die Naphta-Quellen angezündet sein, – aber ob das der Anfang von etwas Entgiltigem ist, ist noch recht zweifelhaft.

Nun ist auch mein guter C. G. v. Maaßen Soldat. Ich sah ihn gestern zum ersten Male in Feldgrau. Seine früher prätendierte Begeisterung scheint gründlich verflogen. Die ganze Existenz dieses klugen, feinen – im Herzen unglaublich zarten – Büchernarren ist ja auch wahrhaftig nicht danach angetan, um eines Tages mit dem Heldentod fürs Vaterland beschlossen zu werden.

 

München, Montag, d. 20. März 1916.

Seit 3 Wochen ist die Schlacht vor Verdun im Gange, und niemand hat bis jetzt eine Ahnung, ob die Deutschen dabei erreicht haben, was sie wollten, ob sie einen Fehlschlag verzeichnen konnten, oder ob alles noch mitten im Geschehn ist. Ich glaube am ehesten, daß sie auf halbem Wege stehn bleiben mußte, daß aber ein halber Erfolg genau soviel ist, wie ein ganzer Mißerfolg, weil die Offensivkraft gebrochen ist, ohne daß die hoffnungslose Durchhalterei ad calendas graecas aufgehoben wäre. Kein andrer Beteiligter am Weltkriege aber hat die Herbeiführung des Endes dringlicher nötig als Deutschland, dem die Hilfsquellen an Mannschaften und wirtschaftlichem Bedarf zu versiegen beginnen. Vielleicht irre ich mich in der ganzen Diagnose, und Verdun wird wirklich noch erobert. Vielleicht ist sogar meine Hypothese falsch, daß die Eroberung Verduns auch weiter nichts bedeuten würde als einen strategischen Erfolg ohne irgendwelche entscheidende Folgen. Vorerst habe ich ganz den Eindruck, als ob im Interesse der Friedensbeschleunigung nur Mißerfolge der Deutschen zu wünschen wären. Jeder Fortschritt in ihrer Position würde die Entente – bei der Steigerung der deutschen Ansprüche – zu vervielfachtem Widerstand reizen und damit alles weiter in die Länge ziehn, bis eben doch die Erschöpfung Deutschland zum Nachgeben zwänge. Bei der verhältnismäßig für die Deutschen günstigen militärischen Situation hingegen wäre jetzt noch, wenn sich unsre „Sieger“ bescheiden könnten, die Möglichkeit zu einem auf Verständigung gegründeten Frieden vorhanden ... Im gestrigen Tagesbericht wurde vom Einsetzen einer sehr heftigen russischen Offensive berichtet in der Gegend von Wilna; die Angriffe seien bis jetzt zurückgewiesen worden, wobei an einer bezeichneten Stelle allein 9270 russische Tote gezählt worden seien. Natürlich wird hinzugefügt, daß die deutschen Verluste ganz geringfügig seien (also wahrscheinlich blos 6000 Leichen!). Damit haben nun also die Entlastungsoperationen der Verbündeten Frankreichs begonnen, nachdem schon vor mehreren Tagen eine neue italienische Offensive am Isonzo mit dem gewöhnten Nichterfolg gewesen ist, die allerdings wohl der eignen Entlastung in Albanien gegolten haben mag.

Das Wort Frieden wird bei jedem schemenhaften Inderluftgleiten gierig aufgefangen. In der französischen Kammer hat der Finanzminister Ribot gesagt, man könne hinter der Verdun-Schlacht das Ende des Krieges sehn. Natürlich setzte er dabei den Sieg der Franzosen voraus. Die „Münchner Zeitung“ aber, eines der gewissenlosesten Sensationsblätter, schlug den betreffenden Redepassus an die Mauern an unter der in Riesenlettern gesetzten Überschrift: Das Ende des Krieges. Die Leute stießen und drängten sich vor den Extrablättern, die dann – wohl auf polizeiliches Eingreifen hin – wieder entfernt wurden. Am nächsten Tag entschuldigte sich das Mistblatt, aus Versehn seien die Anführungszeichen fortgelassen gewesen ... Als Stimmungssymptom schien es mir immerhin bedeutungsvoll, mit welch ungeheurer Aufregung das Publikum das unklare Wort aufnahm und weitertrug.

Vorgestern hatten wir den Besuch von drei Verwundeten, die viel Wissenswertes erzählten. Vor allem bestätigten sie, daß ein wichtiges Mittel der Oberen, Leute an die Front zu bekommen, das ist, daß die Verwundeten so schlecht in den Lazaretten behandelt werden (natürlich nicht in bezug auf Verpflegung und Ausheilung: sonst blieben sie ja dauernd untauglich, sondern in bezug auf Drill und Chikanen aller Art), daß sie lieber wieder ins Feld hinaus wollen, als sich hinter der Front pisacken zu lassen.

Eine entzückende kleine Privatanekdote. Zenzls Schwägerin Thekla brachte jüngst eine Schwester mit zu uns, die Einödbäuerin im Allgäu ist. Einige Tage später sollte sie Thekla hier abholen. Man hatte ihr gesagt, wie sie fahren müsse. Doch stieg sie nicht rechtzeitig aus der Trambahn aus, sondern fuhr bis zum Endpunkt an der Leopoldstraße mit. Zum Unglück hatte sie noch meinen Namen vergessen, und wußte nur, daß ich Erich heiße und Jude bin. In der Meinung, in einem Stadtviertel kennten einander alle Leute ebenso wie auf dem Lande, fragte sie nun in ganz Schwabing die Passanten, ob sie nicht wüßten wo der „Jud’ Erich“ wohne. – Wie schön wärs, wenn die Verhältnisse wirklich noch so wären, wie sie sich die naive Bäuerin vorstellt! Wir hätten zwar keine Automobile, Telephone und Parlographen – aber wir hätten Ruhe vor einander und Frieden in der Welt.

 

München, Dienstag, d. 21. März 1916.

Der Frühling ist da – so sonnig und warm fing er an wie mans ganz selten erlebt hat, sodaß in den letzten Tagen schon der ganze Hofgarten voll Menschen saß, und ich gestern schon ohne Überzieher ausging. Da quält der Gedanke noch schrecklicher, daß die Menschen nichts besseres wissen als den Massenmord und den irrsinnigsten Haß gegeneinander. Im Gegenteil: die Tagesberichte registrieren wohlgefällig die „günstigen Sichtverhältnisse“, die gute Beobachtungen der feindlichen Stellungen und mithin wirksame Schießereien grade im herrlichsten Welterstehn ermöglichen. Wer aber öffentlich das Ende der Schändlichkeiten verlangt, ist ein Schweinehund. Leider verkennen auch kluge und kulturvolle Menschen immer noch die Notwendigkeit, unter allen Umständen erst mal den Frieden herzustellen, und alles weitere den Anforderungen zu überlassen, die sich aus ihm ergeben werden. Der „Vorwärts“ bringt ein Manifest zum Abdruck, in dem Anarchisten und Antimilitaristen des Auslands gegen den Gedanken protestieren, daß Frieden werden dürfe, ehe Deutschland besiegt sei. Das Dokument, das im französischen Syndikalistenblatt „Bataille“ erschienen ist, und unter deren Unterzeichnern sich die Namen P. Krapotkin, Jean Grave, Cornelissen etc. finden, geht von der Voraussetzung aus, daß die Forderungen der Alldeutschen und Geschäftspatrioten, Belgien und das besetzte Nordfrankreich zu annektieren, gemeinsames Verlangen aller Deutschen sei, und erklärt als conditio sine qua non Räumung und Wiederherstellung der betreffenden Gebiete, sowie Verzicht auf Kontributionen und wirtschaftlichen Zwang. So sehr ich diese Forderungen als eigne aufstellen möchte, halte ich doch die Ansicht für höchst bedenklich, daß bis zu ihrer Sicherung der Krieg fortgesetzt werden müßte, schon, weil das Dogma bestreitbar ist, daß die Verlängerung des Kriegs bis zur gänzlichen Erschöpfung dem andern Teil die Möglichkeit schüfe, diese Bedingungen durchzusetzen. Im Irrtum sind die Demonstranten auch darin, daß sie die gegenwärtige Kriegslage für derartig halten, daß Deutschland nun einfach nach den Intentionen seiner Blutrünstigsten Friedensbedingungen diktieren könnte. Bitter wahr ist freilich, was über das Verhalten der Sozialdemokraten gesagt wird, und der „Vorwärts“ wird wohl selbst wissen, daß seine Behauptung, die Partei sei einig in der Ablehnung aller Annexionen, rabulistische Kolorierung ist. Mir gilt als sicher, daß die Minderheit der parlamentarischen Sozialdemokraten gegenwärtig die überwiegende Mehrheit des deutschen Volks repräsentiert. Aber es zeigt sich schauderhaft, wie völlig unklar man im Ausland die wirklichen Verhältnisse und Stimmungen bei uns ansieht, und die verhängnisvoll also die Unterdrückung der Paß- und Meinungsfreiheit wirkt. Gleichwohl weiß ich, daß, wäre Frankreich oder England oder Rußland der Angreifer der Welt und der militaristische Herrschaftsprätendent, wie es Deutschland leider ist, ich trotzdem ein Ende des Kriegsjammers unter jeder Bedingung der Ausdehnung und Weiterzüchtung des Mordens immer vorziehn würde. Die Erklärung dieser Antimilitaristen illuminiert schauderhaft die Folgen der deutschen Anmaßung, aber ebenso betrüblich die eigne Begriffs- und Idealverfahrenheit.

 

München, Mittwoch, d. 22. März 1916

Eine der interessantesten Persönlichkeiten dieser Zeit ist der Kardinal Mercier in Mecheln. Die deutsche Okkupationsbehörde in Belgien hat ihr tüchtiges Stück Arbeit mit dem Manne, der so handelt, daß, wäre er ein Deutscher zur Zeit der Franzosenherrschaft gewesen, er bei uns noch jetzt, nach über 100 Jahren, als edelster aller Priester in den Schulen gefeiert würde. Bei seinem Besuch in Rom – vor ein paar Wochen – benutzte er die Gelegenheit zu einer Aussprache mit Aristide Briand, bei der es sich um eine Wiederannäherung zwischen der Kurie und dem französischen Staat gehandelt haben soll. Nach seiner Rückkehr hat er nun einen Brief des Generalgouverneurs v. Bissing erhalten, der durch Wolffs Bureau verbreitet wurde, und in dem „Se. Eminenz“ ein langes Sündenregister seiner verbotswidrigen politischen Tätigkeit vorgehalten wird, mit der er seine priesterliche Würde kompromittiere. In der Tat hat in einem seiner sogenannten Hirtenbriefe die Aufforderung zum Gebete und Ausharren in der tröstlichen Hoffnung gegipfelt, die feindlichen Eindringlinge möchten vielleicht durch eine Epidemie besiegt werden. Natürlich ist in Deutschland heilige Empörung über den streitbaren Pfaffen, und nun beschuldigt man ihn auch noch, mit belgischen Spionen und Briefschmugglern in direkter Verbindung zu stehn. Der Versuch, sich in die Psyche eines ausländischen Patrioten zu versetzen, dessen Vaterland von feindlichen Horden unter frechem Vertragsbruch in tiefem Frieden überfallen, besetzt und unter furchtbaren Verbrechen verwüstet wurde, wird natürlich von den deutschen Patrioten garnicht unternommen, die ihrerseits deutsche Spione, die im Ausland hingerichtet wurden, als Helden gefeiert haben. Für Herrn v. Bissing ist die Geschichte wohl sehr schwierig, weil sich Deutschland durchaus dem Papst nicht verfeinden will und andrerseits die traditionelle Rücksichtslosigkeit der Deutschen nur sehr ungern vor der Soutane eines Kardinals haltmachen wird.

Unter den deutschen innerpolitischen Vorgängen ist die Beseitigung Tirpitzens zugleich ein Symptom und Hinweis. Die alldeutsch-konservativen Blätter fragen drohend, ob seine Verabschiedung etwa mit seiner Stellung zum U-Bootkrieg in Verbindung stände, – und diese Frage stellen, heißt natürlich sie bejahen. Im Reichstag haben Konservative und Nationalliberale Anträge eingebracht, worin die Anwendung der Tauchboote ohne Rücksicht auf die Beziehungen zu Amerika verlangt wird. Die Regierung hat diese Anträge vom Wolffbureau veröffentlichen lassen zusammen mit einer amtlichen Verwahrung dagegen, daß in die Kriegführung selbst eingegriffen würde und hat sich dabei vom Zentrum einen Antrag bestellt, der hinter dem Ton der Entschlossenheit das Prinzip der Halbheit verbirgt. Nun haben auch noch die Sozialdemokraten einen Antrag eingebracht, der die Anwendung der Tauchboote von den Rücksichten auf die Neutralen abhängig machen will und zugleich zu einem baldigen Friedensschluß unter Sicherung des deutschen Reichsbestandes ermuntert. Man merkt an diesem Antrag die lauwarme Klaue der Parteimehrheit, der Scheidemänner zwischen Heine und Haase, derer, die zugleich patriotisch und charaktervoll sein möchten, und die es glücklich dahin gebracht haben, daß die sozialdemokratische Partei zurzeit eigentlich die einzige politische Organisation ist, auf die sich Bethmann-Hollweg stützen kann. Was die paar rückgratfesten Leute in der Partei auszustehn haben, zeigt sich deutlich im preußischen Abgeordnetenhaus, wo sie innerhalb ihrer kleinen Fraktion die Mehrheit bilden. Liebknecht, Ströbel und Hoffmann sprechen dort, wo sich ihnen Gelegenheit gibt, alles aus, was sie am Herzen haben. Aber die gegen sie angewandte Technik des vom ganzen übrigen Hause gestützten Präsidenten ist die nach 3maligem Ruf zur Ordnung oder zur Sache prompt funktionierende Wortentziehung. So mußte Ströbel abtreten, weil er aus einer Rede eines Zentrumsmannes Zitate verlesen wollte, die sich auf auswärtige Politik bezogen, und die kurz vorher im gleichen Hause unbeanstandet passieren durften. Liebknecht hatte einige Tage zuvor das gleiche Schicksal, als er die Schützengrabenkämpfer aufforderte, die Waffen zu senken und sich gegen den gemeinsamen Feind zu kehren. Sein Parteigenosse Hänisch erließ dann in der „Deutschen Tageszeitung“(!) eine Erklärung, worin er feststellte, daß ihn nur die grenzenlose Parteidisziplin davor behütet habe, mit dem ganzen Hause für die Wortentziehung zu stimmen. Alle diese Vorkommnisse sind wichtige Belege für den Wert des Parlamentarismus überhaupt, und die Dinge, die jetzt anläßlich der U-Boot-Anträge im Reichstag bevorstehn, werden zeigen, was es mit der burgfriedlichen Einigkeit im Inneren Deutschlands auf sich hat. Darüber erfuhr ich gestern noch mehreres Interessante durch Dr. Heinz Lux, den Berliner Ingenieur, den ich nach 13 Jahren jüngst zufällig in der Ludwigstrasse traf, und der uns nun besuchte. Er erzählte, daß in Berlin schon direkter Brotmangel herrsche, der die Frauen schon mehrfach auf die Straßen getrieben habe. Mit Rücksicht darauf habe man alle Berliner Schutzleute, die an der Front waren, zu ihrem Friedensberuf zurückbeordert. Nachdem sie sich an Kosaken und Spahis geübt haben, werden sie den Kampf mit den deutschen Frauen nun hoffentlich siegreich bestehn. Aber soweit sind wir nun glücklich mit unsrer prächtigen Durchhalte-Politik gekommen, daß die Daheimgebliebenen statt mit Brot mit blauen Bohnen gefüttert werden. – Demgegenüber ist die neue Bundesratsverordnung ja auch nicht mehr sehr wichtig, die die Verwendung von Fetten und Öl zur Seifenfabrikation verbietet. Auch Glycerin darf nicht dazu benutzt werden, sodaß man annehmen darf, daß die Seifenteuerung (für Lanolin-Seife zahle ich schon lange statt 25 Pf 60 Pf fürs Stück) erst noch gründlich steigen wird, bis der Bezug von Seife ganz aufhört. Aber unsre herrliche deutsche Wissenschaft und Technik, die ja schon aus der Luft den Stickstoff zur Salpetergewinnung absorbiert und damit Schießpulver macht, wird auch für die Seife noch einen öl- und fettlosen Ersatz erfinden. Blos wird sich fragen, ob man damit auch wird waschen können.

Vor Verdun ist wieder eine Stellung genommen, nach Aussage des gestrigen Tagesberichts. Man wird nach den Erfahrungen der jüngsten Zeit freilich gut tun, darüber auch noch die französische Meldung abzuwarten. Ein englisch-französischer Fliegerangriff auf Zeebrügge scheint sehr wirksam gewesen zu sein, da er von gegnerischer Seite sehr umständlich, von deutscher bisher offiziell garnicht gemeldet wurde. Die Russen haben Ispahan besetzt, was auf ihrem Vormarsch in Persien eine wichtige Etappe ist. Womöglich werden sie Bagdad von Norden schneller erreichen als die Engländer von Süden. Sonst ist noch von politischer Wichtigkeit, daß die Griechen Nord-Epirus (Süd-Albanien) formell annektiert haben. Daß sich daraus Konflikte zwischen Griechenland und Italien ergeben werden, bezweifle ich, da garkein Grund zu der Annahme vorliegt, daß Griechenland sein entschieden und eindeutig ententefreundliches Neutralsein ändern werde, soviel auch in all den Monaten die deutschen Zeitungen an Merkmalen vom Gegenteil aufzählen mögen. Ebenso verhält es sich mit Rumänien. Für beide Balkanländer kommt, falls sie eingreifen, nur ein Zusammengehn mit den Alliierten in Frage. Was an den Nachrichten wahr ist, die über große Unruhen in Portugal ausgegeben werden, bedarf der vorsichtigsten Zweifel. Bis jetzt hat man uns noch aus jedem feindlichen Lande Revolutionsmärchen erzählt, – und es war alles blauer Dunst. Nur bei uns ist alles lauter Zufriedenheit und Eintracht. Wenn es aber doch mal zum Krachen kommen sollte, werden unsre Zeitungsschreiber die Mitteilungen darüber auch noch der Zensur vorlegen.

 

München, Sonnabend, d. 25. März 1916

Alles, was ich in den letzten Tagen hier zu notieren gedachte, tritt in den Hintergrund gegen das, was sich gestern im Reichstag abgespielt hat. Nach den kurzen Berichten, die bisher hier vorliegen, ist es zu regulärem Skandal zwischen den Angehörigen der sozialdemokratischen Partei gekommen, und zur offenen Spaltung in der Fraktion. Nachdem Scheidemann die Erklärung abgegeben hatte, daß die Partei vorbehaltlich ihrer Entscheidung zum Hauptetat dem vorläufigen „Notetat“ die Zustimmung geben werde, nahm Haase das Wort, um eine sehr scharfe Rede dagegen zu halten. Für die grenzenlose Verlogenheit, die heutzutage in Deutschland überhaupt nur als Diskussionsboden Geltung hat, zeugt das Verhalten der Abgeordneten bei Haases Rede. Er sprach aus, was jeder Mensch ganz genau so gut weiß wie er selbst: nämlich, daß Not und Entbehrung im Lande herrsche, und daß schleunigst Frieden gemacht werden müsse, da es in diesem Kriege Sieger oder Besiegte doch nicht geben werde. Bei diesen Worten tat sich ein Orkan der Entrüstung auf, und bei der Abstimmung, ob Haase das Wort entzogen werden solle, stimmten außer allen bürgerlichen „Volksvertretern“ viele Sozialdemokraten dafür. Dann beschloß die Fraktion, Haase ebenso wie Liebknecht außerhalb der Fraktion zu stellen, weil er angeblich dadurch einen Treubruch begangen habe, daß er in der Fraktionssitzung dem Antrag zugestimmt hätte, zum „Notetat“ keinen Redner vorzuschicken (wie sich diese Dinge verhalten, wird wohl morgen aus dem „Vorwärts“ ersichtlich sein). Ich denke mir, Haase und seine Anhänger werden sich gesagt haben, die Ankündigung ihrer Absicht in der Fraktion hätte die nationalliberalen Scheidemänner zu Gegenmaßnahmen veranlaßt, und es wäre wieder unmöglich geworden zu sagen, was zu sagen ist. Jedenfalls haben sich nun die übrigen Mitglieder der Minderheit mit Bernstein etc. mit Haase solidarisch erklärt und so ist eine neue Fraktion entstanden, die „Fraktion der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft“, der sich wohl auch Liebknecht und Rühle einfügen werden. Sehr bezeichnend für den Geist der die Mehrheit der Partei beherrscht, sind die Zwischenrufe, die Haase aus den eignen Reihen hören mußte: „Landesverräter!“ schrieen welche, und Herr Horn: „Sie sind überhaupt kein Sozialdemokrat!“ ... Fast muß man es wirklich annehmen, daß Einer, der noch internationales Empfinden, menschliches Fühlen und Haß gegen die kapitalistische Mordbrennerei in sich hat, nicht mehr so bezeichnet werden darf. – Ich habe eben an Haase einen längeren Brief geschrieben, in dem ich auch ihm meine Meinung begründet habe, daß jetzt wir Wenigen, die entschlossen sind, aktiv für revolutionären Pazifismus zu wirken, zusammengehören. Er möge mir mitteilen, ob er einer Konferenz in Berlin, die im April stattfinden solle, zustimme. – Liebknecht hat mir auf meinen Brief bisher nicht geantwortet. Ich fürchte, daß die Ursache seines Schweigens sein Dünkel ist. Dann soll er mir gestohlen werden ... Meine Bemühungen um die Münchner Wahlweiber habe ich aufgegeben. Die haben die Reformhosen voll, wenn sie nur meinen Namen hören. Mit Angstmeiern aber ist keine Rebellion zu machen.

Wie gearbeitet werden muß, zeigen grade wieder in diesen Tagen die Alldeutschen und Reventlöwen. Vor einigen Tagen ließ Nonnenbruch im Café Stefanie eine Petition an den Kaiser zirkulieren, die offenbar von diesen Kriegstreibern in Umlauf gesetzt ist. Darin wird verlangt, daß der scharfe Unterseebootkrieg ohne Rücksicht auf Neutrale oder sonstwen durchgeführt wird. Die Esel bilden sich ein, damit, daß sie jedes Schiff jeder Nation mit Mann, Maus, Kind und Kegel in den Grund bohren, werde England besiegt werden. Tirpitz’ Abgang hat den Idioten völlig den Kopf verdreht. Das wäre in der Tat wohl der rechte Mann gewesen, um auch Amerika noch in den Krieg zu hetzen und die holländische Feindschaft aufs äußerste zuzuspitzen. In den Niederlanden macht die „Tubantia“-Geschichte immer noch sehr böses Blut (inzwischen ist es einem norwegischen Dampfer übrigens ebenso ergangen). Wie wenig Wert man nachgrade den deutschen amtlichen Erklärungen überall außer in Deutschland beilegt, das erhellt aus der Einmütigkeit, mit der man trotz der hochamtlichen Beteuerung des Admiralstabschefs, daß kein deutsches U-Boot die Torpedierung vorgenommen habe noch deutsche Minen in jener Gegend gelegt seien, im gesamten Ausland – inclusive der deutschfreundlichen deutschschweizerischen Blätter – an der Auffassung festhält, daß überhaupt nur Deutsche dabei in Frage kommen können. Man macht es halt ebenso wie in der „Persia“-Affaire. Man ist nicht beobachtet worden, also ist mans nicht gewesen.

Bemerkenswert ist die Verhaftung etlicher Sozialistenführer in Schweden, die für den Fall des Kriegsausbruchs den Generalstreik empfohlen haben. Natürlich verbreitet das Wolff-Bureau, daß russisches Geld dabei im Spiel sei, was auch jeder Mensch hier glaubt. Das Verständnis dafür, daß auch jemand ohne bestochen zu sein, bei gesundem Verstande geblieben sein kann, ist mindestens in Deutschland erstorben.

 

München, Montag, d. 27. März 1916.

Die Spaltung ihrer Fraktion führt nun wohl konsequent weiter zur Auflösung der sozialdemokratischen Partei in zwei Teile. Haase ist gezwungen worden, sein Amt als Vorsitzender der Partei niederzulegen, da die übrigen Vorstandsmitglieder (außer Frau Zietz und Wengels) erklärt haben, ein weiteres Zusammenarbeiten mit ihm sei unmöglich. Ich sehe jetzt weitere Gewaltakte der Mehrheit voraus: die Einberufung eines Parteitags entweder, bei dem naturgemäß nur ihre Anhänger zum Worte kommen, weil sie keine Immunität zum Reden nötig haben oder die Oktroyierung des Parteiausschußes als maßgebendes Institut für die Obliegenheiten des Parteitags. Daß sich aber die Haase, Liebknecht, Bernstein, Ströbel, Ledebour etc. nicht unter die nationalliberalen Streber Scheidemann, David, Heine, Kolb und Konsorten ducken lassen, haben sie ja gezeigt. Unsereinem könnte diese Entwicklung ziemlich schnuppe sein, wäre nicht eben doch das Solidaritätsgefühl mit denen stark fühlbar, die in diesem Augenblick wegen einer Sache unter schmählichen Intriguen leiden müssen, die auch unsre Sache ist.*

Der verschärfte Unterseekrieg ist trotz Tirpitz’ Abdankung in üppigem Gange. Im Kanal ist ein französisches Schiff „Sussex“, das den Personen- und Postverkehr zwischen Frankreich und England versah, ohne Warnung von einem deutschen Tauchboot torpediert worden, wobei viele Passagiere ums Leben gekommen sind. Ob Amerikaner darunter waren, weiß man noch nicht. Ich sehe in dieser Affaire einen neuen Akt der in diesem Krieg bewährten deutschoffiziellen Hinterhältigkeit: man versichert die Neutralen, speziell die Regierung der U.-St. mit zahllosen Verbeugungen des größten Entgegenkommens, schickt auch Wilsons wegen den Haupthelden der rücksichtslosen Brutalität in die Wüste und tut dann in gesteigertem Maße in seinem Geiste weitere Untaten. Das trübste ist, daß es nicht gelingen will, den Deutschen endlich begreiflich zu machen, daß abgesehn von der Erbitterung, die in der ganzen Welt erregt wird, England nur Chikanen von dieser Taktik hat, niemals aber dadurch von seinen überseeischen Verbindungen abgeschnitten werden kann. Die Idee, mit noch sovielen Tauchboten England auszuhungern, wie England es ohne aktive Verwendung seiner Flotte, ohne Kindermord und ohne Aengstigung der Angehörigen neutraler Länder Deutschland gegenüber sehr gründlich gelingt, leuchtet dem naiven Volk nicht ein, das – in den gebildeten Schichten noch viel mehr als bei den Arbeitern – blindlings als Wahrheit nimmt, was dem Wolffschen Bureau in der Wilhelmstraße diktiert wird.

Die „Tubantia“-Angelegenheit nimmt einen Verlauf, der in Berlin sicher auch sehr peinlich empfunden wird. Nachdem die Zeitungen schreiben mußten, es handle sich jedenfalls um eine Treibmine, da aber in der Nordsee dreimal soviel englische Minen losgerissen treiben wie deutsche, sei die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, daß das Schiff ein Opfer Englands geworden sei, – hat nun die holländische Regierung durch Untersuchung gefundener Metallsplitter zweifellos festgestellt, daß es von einem Torpedo getroffen wurde. Der „Chef des Admiralstabs der Marine“, der seit des inzwischen gestorbenen Herrn Pohls Rücktritt anonym ist, wird nun seinen bündigen Bericht, ein deutsches Torpedo komme nicht in Frage, modifizieren, desavouieren oder unterstreichen können, oder auch sich ganz in Schweigen hüllen, davor, daß man sich in Deutschland wundern oder an ihm herumkritisieren wird, braucht er keine Angst zu haben. Kritisieren wird hierzulande – und zwar von Herrn Ohl ebenso wie von Herrn Dr. David – ins Deutsche übersetzt mit: dem Ausland helfen und Verrat üben. Die kräftige Kritik, die im Ausland, besonders in England, an allen Maßnahmen der Regierung und der Heeresleitung angelegt wird, scheint dagegen unsern Maßgebenden keineswegs zu nützen. Die schiffen ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht.

Durch Zufall bin ich leihweise in den Besitz einer Broschüre gekommen, deren Titel ich mir hier genau notieren will, da sie nach dem Kriege vielleicht als Material sehr nützlich sein könnte: „Les crimes allemands d’après des témoignages allemands“, par Joseph Bédier, Professeur au Collège de France. Sie ist in einer Sammlung „Études et documents sur la Guerre“ im Verlage Librairie Armand Colin, 103 Boulevard St.-Michel, Paris 1915, erschienen und enthält Auszüge aus deutschen Soldatenbriefen über die Schändlichkeiten, die in den ersten Kriegsmonaten, besonders in Belgien, begangen wurden. Die Briefe und Zeitungsberichte sind großenteils faksimiliert und an der Echtheit des Materials kann bei der ganzen Art der Belegungen garkein Zweifel sein. Die Plünderungen, Rohheiten, Brandstiftereien und vor allem die scheußlichen Taten gegen die Franktireurs sind ja zum guten Teil, besonders aus den Erzählungen von Soldaten, wie jeder sie schon gehört hat, bekannt. Daß lange nicht so sehr der stattgehabte Franktireurkrieg wie seine Bekämpfung durch die Deutschen völkerrechtswidrig war, weiß man auch allmählich, da, was hier immer verschwiegen wurde, das sogenannte Völkerrecht die Beteiligung der Bevölkerung an den Kriegshandlungen, sofern sie sich nicht rechtzeitig militärisch organisieren konnte, und sofern sie die Waffen offen trüge, ausdrücklich, und von Deutschland ratifiziert, zuläßt. Es wurden aber in Belgien alle Zivilpersonen, die mit Gewehren betroffen wurden, ebenso, die Maschinengewehre benutzten, massakriert. – Dies alles ist nicht mehr interessant, und man muß zugeben, daß der Krieg an und für sich jede Art Grausamkeit und Niedertracht in sich schließt. Höchst interessant aber, weil gänzlich neu war mir folgender Armeebefehl, der in der Broschüre im deutschen Originaltext und französischer Übersetzung abgedruckt ist, und der so reichlich mit bestätigendem Material belegt ist, daß er fraglos als echt angesehn werden muß: „Von heute ab werden keine Gefangenen mehr gemacht. Sämtliche Gefangene werden niedergemacht. Verwundete ob mit Waffen oder wehrlos niedergemacht. Gefangene auch in größeren geschlossenen Formationen werden niedergemacht. Es bleibe kein Feind lebend hinter uns. Oberleutnant und Kompagnie-Chef, Stoy; Oberst und Regiments-Kommandeur, Neubauer; General-Major und Brigade-Kommandeur, Stenger.“ Dieser Tagesbefehl ist am 26ten August 1914 an die 58te deutsche Brigade (die als 112tes und 142tes badisches Infanterieregiment näher bezeichnet wird) ergangen. (In der Bédierschen Broschüre S. 29) – Die deutsche Leitung hat eine große Menge französischer Tagesbefehle seit Ausbruch des Kriegs Gefangenen abgenommen und veröffentlicht. Etwas Ähnliches war nicht darunter, und selbst auf der russischen Seite, von wo entsetzliche Barbareien mitgeteilt und bestätigt wurden, ist ein ähnliches systematisches Mordprinzip nicht bekannt geworden. Wie werden sich nach Beendigung des Kriegs die Leute, denen man es dann vorhalten wird, rechtfertigen? Und wie werden wir Unbeteiligten uns je vor der Welt von dem Vorwurf der Mitschuld an den Schändlichkeiten der Volksgenossen reinwaschen können?

 

* Kuriosum. Das letzte Wort in jener historischen Krachszene im Deutschen Reichstag fiel aus dem Munde des Herrn Sachse, der den über Haase vor Zorn berstenden Genossen zubrüllte: „Henke hat’n anjestachelt!“

 

München, Mittwoch, d. 29. März 1916.

In derselben Reichstagssitzung, in der die Risse in der Sozialdemokratie deren Fraktion zum Platzen brachten, teilte Herr Helfferich das Resultat der 4ten Kriegsanleihe mit: über 10,6 Milliarden Mark, das ist weniger als die dritte Anleihe gebracht hat, aber mehr als allgemein erwartet wurde. Um das riesige Ergebnis richtig werten zu können, ist es nötig, gewisse Betrachtungen anzustellen. Der Umstand, daß frühere Kriegsanleihe immer wieder bis zum Betrage von, wenn ich nicht irre, 75% gezeichnet werden kann, reicht zur Erklärung nicht aus. Wichtiger fallen die ungeheuren Kriegsgewinne in betracht, die nun von neuem dazu dienen müssen, ihre Voraussetzungen zu schaffen. Es ist ein Kreislauf des Geldes, der so vor sich geht, daß die Armee- und Staatslieferanten die ungeheuren Gewinne, die sie einsacken, dem Staat, also ihrem eignen Arbeitgeber immer wieder zu höherem Zinssatz zu neuer Verfügung stellen, als sie woanders damit erzielen würden. So zieht der Staat also aus den Aufträgen, die er zur Weiterführung des Kriegs erteilt, immer wieder die Mittel, diese Aufträge zu zahlen. Wie weit er selbst die Kriegsanleihe, soweit sie ihm von Zeichnern als zu verzinsendes Kapital zugeführt wird, als Zahlungsmittel an seine Lieferanten benutzt, läßt sich natürlich, solange alle diese schwindelhaften Machenschaften geheim sind und ihre öffentliche Erörterung verhindert wird, nicht sagen. Was aber mit dem Volk, mit den Konsumenten, die keinerlei Nutzen, aber unerhörten Schaden vom Kriege haben, für Schindluder getrieben wird, ist haarsträubend. Immer neue Belastungen werden ihrem täglichen Bedarf auferlegt, in jederlei Gestalt muß die Masse zahlen, um die dauernde Verzinsung der immer höher schwellenden Milliardenverschuldung zu sichern. Die „Ware“, die aus all dem produziert wird, verpufft selbst völlig unproduktiv in der Luft, mit der einzigen Wirkung, zugleich bestehende Werte von unschätzbarem Gut mitzuvernichten. Diejenigen aber, für deren Geldsack die ganze entsetzliche Vernichtung von Menschenleben, Menschenkräften, produzierenden und produzierten Werten inszeniert worden ist, bereichern sich sogar schon während des Zerstörungswerks in ungeheurem Maße an dem Hunger, dem Schweiß und dem Blut der Armen, der Arbeiter. Aber die „berufene Hüterin der Arbeiterinteressen“, die sozialdemokratische Partei, leistet diesem Tun Vorspanndienste und stößt die Wenigen entrüstet aus ihrer Mitte, die sich weigern, an dem Verbrechen der kapitalistischen Kriegspatrioten teilzunehmen.

Vor Verdun nichts wesentliches Neues. Die Tagesberichte der letzten Zeit machen durchaus den Eindruck, als ob der mit unglaublichen Blutströmen unternommene Versuch, dort den Sieg zu erzwingen, schon jetzt gescheitert ist. Sie erinnern stark an das Abzittern der Triumphberichte nach der Eroberung von St. Mihiel Ende September – Anfang Oktober 1914. Nur daß jetzt wohl kaum eine Antwerpen-Eroberung in Aussicht steht, mit der man wie damals die Aufmerksamkeit ablenken könnte. – Die Engländer haben inzwischen bei St. Eloi einen Erfolg erzielt, der sogar im deutschen Bericht mit ungewohnter Eindeutigkeit zugestanden wurde, und die Russen opfern in Kurland immer noch wahnwitzige Menschenmassen im bisher vergeblichen Ansturm gegen die Hindenburg-Front.

Tirpitz’ Abgang hat zunächst einmal die allerüberraschendste Fortsetzung erfahren durch die denkbar ungenierteste Anwendung der Tauchboote. Tagtäglich werden neue Heldenschandtaten gemeldet. Französische, englische, holländische, norwegische Passagierschiffe werden ungewarnt einfach versenkt. Die „Lusitania“-Praxis ist obenauf, obwohl ihr Inaugurator grade wegen dieser Praxis abtreten mußte. Daß die Vereinigten Staaten nun irgendetwas gegen Deutschland unternehmen werden, scheint mir gewiß, ebenso, daß alle Welt germanischer Abstammung darob ein greuliches Entrüstungsgeschrei erheben wird. Auch an der nahe bevorstehenden Kriegserklärung Italiens an Deutschland zweifle ich nicht mehr. Der große Kriegsrat der Alliierten, der dieser Tage in Paris stattgefunden hat, wird wohl die letzten Schranken, die dem im Wege standen, beseitigt haben.

Ein neuer Handelsvertrag mit Rumänien, der zwischen ihm und den Zentralmächten den Ein- und Ausfuhrverkehr in normale Wege geleitet haben soll, und der nun als Beseitigung jeder Kriegsgefahr von dieser Seite austrompetet wird, kann mich von meiner skeptischen Auffassung Rumäniens gegenüber keineswegs befreien, zumal derartige Verträge und derartige „Entspannungen“ im Laufe der verflossenen 20 Monate doch schon zu oft aktuell waren ohne je Bestand zu zeigen. Für die Haltung Griechenlands ist symptomatisch, daß zur Zeit ein griechischer Prinz die Hauptstädte der Ententeländer bereist, um dort eine Anleihe mobil zu machen. Das Vorgehn Portugals (das übrigens, worauf Harden hinweist, niemals seine Neutralität erklärt hat) zeigt ja klar, daß der deutsche Sieg außerhalb des Berliner Königsplatzes und seiner Filialen in Münchner Kaffeehäusern bei denkenden Menschen noch keineswegs als perfekt gilt. Ich für meinen bescheidenen Teil glaube angesichts des Ausgehns aller dringlichsten Bedarfsmittel und der täglich sichtbarer steigenden Unzufriedenheit eher ans Gegenteil. Die Propheten aller Länder kündigen den Frieden für den Sommer dieses Jahres an. – ?? –

Persönliches. Um die Figur des Majors v. Horstmann in meiner „Wally Neuburger“ dialektisch anzugleichen, wandte ich mich neulich kurzerhand an ihr Modell, den Major v. Hoffmann-Vestenhof. Der erklärte mir, das sei kein österreichischer Major sondern ein bayerischer Hartschier, und so ging ich damit zu Rößler, der mir dies Urteil bestätigte und mir riet, einen Lübecker Kapitän drauszumachen. Ich denke jetzt, ich werde den Mann einfach seiner früheren Würde ganz entkleiden und ihn von jeher Maler gewesen sein lassen und dementsprechend als Professor Hopf einkleiden. Das Stück macht mir viel zu schaffen und zu grübeln.

Gestern ist Georg Hirth gestorben. Ein anständiger Mensch mit bestem Kunstwillen, der besser vor 10 Jahren schon abgetreten wäre. Seine Altersproduktivität war garzu dürftig, und die Banausen, die sich um den wackeren Greis sammelten, die Langheinrichs, Sinsheimers, Ettlingers und Genossen haben sein Lebenswerk schal werden lassen. Ich persönlich habe Dr. Hirth in der guten Eigenschaft des Helfers kennen gelernt und werde ihm daher wohl ein besseres Gedenken bewahren als die, die ihm in abgelagerten Trauerartikeln nachjammern.

 

München, Freitag, d. 31. März 1916.

Kindergesellschaft. Da wird es vielleicht nicht viel mit der Eintragung werden.

Gestern war ein bewegter Tag. Vormittag Besuch bei einem Rechtsanwalt Ignatz Katz, der den Vater meines Stiefsohns in seinen Bemühungen vertritt, keine Alimente zahlen zu müssen. Da ich von vornherein auf jedes Entgelt für Siegfrieds Beköstigung verzichtet habe und alles seinem Sparbuch zugute kommen lassen will, habe ich moralisch wohl den stärkeren Posten. Aber ich sehe in einen Abgrund von Verworfenheit aus Geschäftssinn. Der Kerl hat Zenzl ins Elend gebracht, hat sie in Krankheit und Armut im Stich gelassen und setzt sich nun aufs hohe Roß, will womöglich noch von ihr Geld herausschinden. Das ist der Urtyp des Volks, für dessen Herrlichkeit Millionen Bessere bluten und sterben müssen. Herr Katz, sein würdiger Sachwalter, ein Saujud in des Worts vermessenster Bedeutung, verfocht mir gegenüber den Standpunkt, daß der Vater eines unehelichen Kindes sich so gut es gehn mag, vor Zahlungen drücken sollte. Zum Vormundschaftsrichter habe ich auch nicht viel Vertrauen, nachdem er sich in unsrer Korrespondenz als eine Art Vorgesetzter aufgespielt hat, – und an dem armen Jungen wirds ausgehn, der aber leider selbst mehr vom Vater als von der Mutter ins Blut bekommen hat.

Mittags kam Zenzls Bruder Sepp, der morgens Befehl bekommen hatte, nachmittags gehe es los. Der arme Krüppel, dem der rechte Arm so zerschossen ist, daß er ihn kaum halb hochbringt und dem sich die Finger bei der geringsten Anstrengung zusammenkrampfen, weinte wie ein Kind. Zenzl hat ihn dann in die Kaserne begleitet, und dort haben sich die Leute äußerst rabiat gezeigt, und dem Unteroffizier und dem Hauptmann gegenüber gradezu rebellische Töne angeschlagen. Es ist charakteristisch für die Stimmung selbst beim Militär, daß in solchen Fällen die Vorgesetzten besänftigen und nicht mehr anzeigen. Sie haben wohl die Erfahrung, daß die Leute längst lieber wegen Gehorsams- oder Achtungsverletzung 1 Jahr ins Gefängnis gehn, als sich totschießen zu lassen. Besonders bezeichnend aber ist, daß sich die Feindschaft der Soldaten hier viel weniger gegen Franzosen oder Russen kehrt als gegen die Preußen. Sie haben erklärt, daß sie sich nicht wieder vorjagen ließen. Die Preußen, die das Ganze angerichtet hätten, sollten auch als erste ins Feuer. Im Osten sollen neuerdings wieder arge Zusammenstöße zwischen Preußen und Bayern vorgekommen sein.

Nachmittags war ich bei der Trauerfeier für Hirth im Ostfriedhof. Vor der Zeremonie in der Aussegnungshalle konnte man den Leichnam besichtigen (eine scheußliche Kulturlosigkeit, die Toten an öffentlichem Ort auszustellen). Hirth sah vorzüglich aus, die Züge waren straffer geworden und der wirklich bedeutende Kopf kam sehr zur Geltung. Ich hatte sonderbare Empfindungen vor der Leiche. Einst hat dieser Mund zu mir gesprochen, diese geschlossenen Augen – das schönste an dem Mann – haben mich angeblickt, und in einer Stunde wird das alles ein Häufchen Asche sein. – Die Reden, die bei der schlechten Akustik des Raumes dreistimmig klangen, sodaß man kaum ein Wort verstand, dauerten endlos. Nur der Gesang (Frl. Willer und Herr Krauß vom Hoftheater) war wunderschön und stark ergreifend ... Auf der Rückfahrt per Tram kam ich in der Müllerstraße an einem furchtbaren Bild vorbei. Eine Ansammlung von mindestens 1000 Verwundeten war da – aus irgendeinem Grunde – gehäuft, Leute mit Krücken, Einbeinige, Einarmige, Verbundene, Hinkende, Blinde – kurz die Straße war schwarz – nein feldgrau von Vaterlandsopfern. Gumppenberg, der mit mir fuhr, meinte, es wirke wie eine Demonstration. Ich erwiderte ihm, daß die Leute, die es sehn, leider schon ganz die Bedeutung derartiger Demonstrationen vergessen und das Gefühl dafür verloren haben.

Ein Brief von Landauer bestätigt mich in meiner Ansicht, daß eine Vereinbarung zwischen den Gleichgestimmten der verschiedenen Richtungen getroffen werden müsse. Vergeblich wird also meine Reise, die ich in 8 Tagen anzutreten hoffe, nicht sein. Darin mag L. wohl recht haben, daß es den meisten Separatisten unter den Sozialdemokraten nicht um Frieden und Menschenglück zu tun ist, sondern um Politik und Partei. Er hat nur Vertrauen zu Bernstein, der aber alt und krank, und zu Liebknecht, der beschränkt sei. Ich vertraue auch Haase, und hoffe aus andern Lagern wesentlich auf Helmuth v. Gerlach, der eine vorzügliche Haltung einnimmt. Hätte ich hier in München nur außer den platonischen Zustimmern auch aktive Kräfte! Vorerst kann ich da nur auf eine bauen: auf meine Frau.

 

München, Montag, d. 3. April 1916.

Die letzten Tage waren bewegt von Alarmgerüchten aus Holland. Man erfuhr plötzlich – am 3. März war noch keine Silbe davon laut, und am 1. April standen in der Früh alle Zeitungen davon voll –, daß in Holland große militärische Vorbereitungen getroffen würden, als ob also das Land unmittelbar vor dem Eintritt in den Krieg stünde. Ich erklärte Rößler, der sich immer noch von jedem Fettdruck imponieren läßt, sofort, daß das blinder Lärm sei, und bis jetzt hat sich nichts ereignet, was diese Ansicht erschüttern könnte. Die Kombinationen der deutschen Blätter gehn dahin, daß entweder – was schon als Tatsache hinausgebrüllt wurde – die Entente als Ergebnis der Pariser Konferenz an Holland ein Ultimatum gerichtet habe, um es zu zwingen, die Grenzen gegen Deutschland völlig zu sperren, oder daß gar die Landung englischer Truppen auf holländischem Boden bevorstehe, der bewaffnet entgegengetreten werden solle. – Ich glaube an nichts dergleichen, sondern an eine rein demonstrative Geste Hollands, die als Antwort auf die Aufhebung der Londoner Deklaration über das Blockade- und Prisenrecht gegen England und als Antwort auf die Versenkung der „Tubantia“ (die trotz der hochoffiziellen Ableugnung auf Deutschland sitzen bleibt) zugleich gegen Deutschland gerichtet ist, und nichts weiter bedeutet als: seht euch vor, alles lassen wir uns nicht gefallen!

Die „Sussex“-Katastrophe hat zusammen mit der Versenkung des englischen Dampfers „Englishman“ zu neuen Verwicklungen mit Amerika geführt. Da inzwischen ein Haushaltungsausschuß des Reichstags eine von allen Parteien eingebrachte Kompromiß-Resolution (die zugleich von Heydebrandt und Bassermann und von Scheidemann und Ebert unterzeichnet ist) angenommen wurde, wonach die U-Botte unter Rücksicht auf die berechtigten Interessen der Neutralen rücksichtslos angewendet werden sollen, wonach also die Nachtirpitze tun und lassen können was sie wollen, ist nicht anzunehmen, daß die mildere Gangart wieder angeschlagen werden soll. Die Vereinigten Staaten werden also wahrscheinlich doch noch zur Aktion gedrängt werden.

Das Wetter ist zu schön. – Ich geh in den Hofgarten.

 

München, Mittwoch, d. 5. April 1916.

Die Unterseeboote arbeiten wie besessen; englische, französische, holländische, norwegische, schwedische, dänische Schiffe, bewaffnet und unbewaffnet, mit Bannware oder mit Passagieren werden gewarnt oder ungewarnt torpediert oder in die Luft gesprengt. Zugleich darf sich das Publikum täglich von neuem an der Nachricht erfreuen, daß die Zeppeline England bombardieren, bald London, bald die Ost- und Südostküste – nun schon an 4 Tagen hintereinander. Ob sich die Arrangeure dieser Kriegführung gegen Kinder und Weiber im Ernst einbilden, damit die Gegnerschaft Englands klein zu kriegen? Ich kann’s mir nicht denken. Ich sehe in diesen Unternehmungen nur noch Akte der Verzweiflung. Die Metzelei vor Verdun, die immer noch entsetzensvoll fortgesetzt wird, führt scheinbar nicht zu dem gewünschten Ergebnis einer militärischen Entscheidung. Die russische Offensive ist wegen des Tauwetters abgebrochen worden – in einer unglaublich geschwätzigen Ohl-Darlegung wurde das ausgedrückt, sie sei „in Sumpf und Blut erstickt“. Die Türkei scheint angesichts der russischen Erfolge in Armenien und Persien sehr geneigt, einen Sonderfrieden zu schließen. Bulgarien wird in den deutschen Blättern garnicht mehr erwähnt, nur das erfuhr man heute, daß die bulgarischen Truppen auf Verlangen Griechenlands von der griechischen Grenze zurückgezogen sind, – was auch nicht grade auf diplomatische Erfolge am Balkan schließen läßt. Im Lande selbst aber herrscht Katastrophenstimmung. Hier in Bayern hat die Kleinigkeit der Butterknappheit das Faß offenbar voll werden lassen. Überall redet man ganz ungeniert so, wie ich es etwa in diesen Blättern darstelle. Die unglaubliche Teuerung aller Waren, die sich in den ärmeren Schichten in bitterer Not ausdrückt, äußert sich drohend in den Reden der Menschen – und hier hauptsächlich in unverhohlenem Preußenhaß. Man hat das Gefühl: Einen Tropfen noch – und dann wehe der Welt! ... Schon ist in der Schwanthalerhöh an einer Verteilungsstelle des sogenannten „Wohlfahrtsausschusses“ die Wut der Frauen offen ausgebrochen. Ein Beamter fauchte sie an, sie sollten ihre Fratzen zuhause lassen. Antwort: Vielleicht sollen wir für einen Bettelgroschen auch noch Kindermädchen bezahlen! Auf das Murren und Schimpfen ließ der Mann Polizei kommen. Der Schutzmann, der eine der Frauen feststellen wollte, bekam eine Ohrfeige, daß ihm der Helm herunterflog. Er zog blank. Aber die Frauen nahmen ihm den Säbel weg und verprügelten ihn. Dabei gab es Zurufe: Ihr wollt’s wohl mit uns so machen wie in Berlin und auf uns schießen, wenn unsre Männer im Schützengraben liegen! – Das sind kleine Einzelfälle – gewiß. Aber sie zeigen an, wie weit die Stimmung gediehen ist bei uns. – Da wird der Zeppelin- und U-Boot-Lärm auch nicht mehr viel helfen. Einmal gibt’s Scherben – und dann ist der Friede da. Alle Welt prophezeit ihn für den Mai.

 

München, Donnerstag, d. 6. April 1916.

Der erste Geburtstag im eignen Heim. Blumen stehn um mich, und Zenzl, das beste Weib der Erde, hat alles zu meiner Freude hergerichtet und bestellt. – Das Jahr, das hinter mir liegt, war voll von Erleben: Krieg, Tod des Vaters, Erbschaft, Heirat – und wieder Krieg und immer Krieg! Die das Ende für Mai vorausgesagt haben, sind furchtbar lügen gestraft. Gestern hat Bethmann-Hollweg im Reichstag den Schleier gehoben vor dem Geheimnis der Regierung über die Kriegsziele. Nun wissen wir es, daß der status quo ante nicht wiederkehren soll, und zwar soll er nicht in dem Sinne abgeändert werden, daß etwa Deutschland sich mit irgendeiner Art Abrüstung einverstanden gäbe. Im Gegenteil: Preußen-Deutschland soll stärker als je zuvor werden, – also offenbar noch mehr Soldaten werfen und nochmehr Volksschweiß in Kruppprodukte umwandeln. Belgien soll dem französisch-englischen Vasallentum entzogen werden (das entdeckt wurde, als die Preußen es zwingen wollten, gegen Frankreich Vorspanndienste zu leisten). Den Vlamen soll ihre Sprache wiedergegeben werden und ihre Unabhängigkeit von den Wallonen gesichert werden (gegen ihren eignen Willen durch die Gewalt der preußischen Kulturpolizisten). Die Balten, Letten, Polen sollen endgültig von den Russen „befreit“ werden, – wie? wird geheim gehalten, nur daß die polnische Frage von Deutschland und Österreich gemeinsam „gelöst“ werden wird, dürfen wir erfahren. Dem Bestreben der Gegner, den preußischen Militarismus zu zerschmettern, wird, nach Bethmann, das deutsche Schwert die Antwort geben (womit wohl die Stinkgase gemeint sind) ... Jeder Mensch in Deutschland weiß, daß der Reichskanzler liebend gerne bereit wäre, einen Frieden auf dem Grunde des status quo ante abzuschließen. Und so stellt sich die ganze Brandrede dar als elendes Krebsen vor den annektionistischen Einflüssen materiell interessierter Verbände und Parteien. Die Herren „Volksvertreter“ aller Schattierungen – mit Ausnahme der alleräußersten Linken – hat dem lügnerischen Geschwätz zugejauchzt, auch der Behauptung, die Möglichkeit, Deutschland auszuhungern, sei widerlegt. Es zeigt das, wie wenig Berührung die Parlamentarier mit denen haben, die sie angeblich repräsentieren. – Jetzt ist aber Eines klar: daß man den Frieden, der von wechselseitiger Verständigung kommt, bei uns nicht will, und daß man sich immer noch einredet, „das Schwert“ werde es machen. Damit ist deutlich geworden, daß, soll das Bluten in irgend absehbarer Zeit überhaupt mal zu Rande kommen, das Volk selbst die Bereitschaft der Machthaber erzwingen muß. Ich reise Samstag nach Berlin, dort hoffe ich mit Landauer, Bernstein und andern, vielleicht auch Haase und Liebknecht zu einem Einverständnis zu kommen. Natürlich können wir die Revolution nicht machen, wahrscheinlich nicht einmal erheblich beschleunigen. Aber ist sie über Nacht da, dann muß jeder seinen Platz kennen und seine Aufgabe. Der Boden ist gedüngt, sobald die Keime sichtbar werden, müssen die Gärtner bereit stehn.

 

München, Sonnabend, d. 8. April 1916.

Vor der Abreise. Es ist noch viel zu erledigen: Briefe zu schreiben, hauptsächlich. Darunter einen an Frieda, die mir schrieb und wegen der Erbschaft und Ottos wegen scheinbar in Aufregung und Not ist. Zufällig bat mich heut auch der Graf Du Moulin zu sich in die Technische Hochschule, um meinen Rat zu wissen wegen Rega Ullmanns Kind. Der alte Hans Gross, der berühmte Kriminalist und große Schurke (wie sollte er nicht? da er die Spitzelei zur Wissenschaft erhoben hat!) ist vor einiger Zeit gestorben, und nun sind alle diese Fragen akut. Ein seltsamer Mensch ist Du Moulin, so anständig und gütig wie selten Einer, und dabei ein Alldeutscher von der Sorte der elendesten Kriegstreiber. Wir treffen uns seit Jahren immer wieder auf dem gemeinsamen Boden der Fürsorge für uneheliche Kinder, und da vertragen wir uns vorzüglich.

Auf die Reichstagsrede Bethmann-Hollwegs folgten solche von Parteigrößen. Sie alle, ausgenommen Haase, waren sehr einverstanden, und jeder hörte wieder heraus was ihm paßte: die Konservativen, Ultramontanen und Freisinnigen, daß man die Länder, die man zerstört hat, auch rauben müsse, die Herren Ebert und Scheidemann, daß der Reichskanzler die Belgier, Polen, Letten, Littauer und Balten nur „befreien“ wolle. An Zabern und die polnischen Enteignungsgesetze denken sie garnicht mehr. Ebenso legte der ganze Reichstag je nach Belieben die gemeinsame U-Boot-Note verschieden aus, und die Sozialdemokraten ließen erklären, daß es absurd wäre, solche Waffen zu besitzen und nicht zu gebrauchen. Auf die Idee sind sie nicht gekommen, daß die Tauchboote zur Bekämpfung von Kriegsschiffen dienen (Weddigen), daß ihre Anwendung gegen Handelsschiffe aber blanke Piraterie mit Verschärfung durch Mord ist. Durchhalten bis zum Kotbrechen –, das war die Quintessenz aller Meinungen (außer der der 20 Separatisten), und es zeigt, was der Parlamentarismus für Wert hat, da die Herren, die dort „Volksvertretung“ spielen, sattgefressene Bourgeois sind ohne eine Ahnung vom Empfinden des Volks, und daß ihre Majoritätsedikte das Gegenteil ist vom Willensausdruck derer, die sie in ihrer kindischen Verblendung gewählt haben.

In der sozialdemokratischen Partei geht’s immer wüster zu. Der Parteivorstand treibt offene Gewalt gegen die Minderheit. In Duisburg haben die Herren die Redaktion einfach an die Luft gesetzt, und beim „Vorwärts“ putschen sie die Druckerei-Angestellten auf, die Anordnungen der Redaktion zu ignorieren und sich nach der Parteizensur zu richten, die die Herren Hermann Müller und Richard Fischer in einem Nebenzimmer etabliert haben. Zwar dürften die derart unter doppelte Zensur gestellten Herren Ströbel und Genossen ein wenig kleinlauter sein, wenn sie sich an die Methode erinnern, wie sie selbst (es war wohl 1905) mit Gewalt an die Stelle der „edlen Sechs(Eisner, Gradnauer etc.) gesetzt wurden. Aber damals handelte Bebel wenigstens in Übereinstimmung mit den Berliner Organisationen, während jetzt die Mehrheitsorgane im Gegensatz zum Willen der meisten Parteigenossen auf eigne Faust wüten. Daran, daß ich meine Flasche Wein von Karl Henckell gewinnen werde, zweifelt er selbst wohl auch nicht mehr.

Eine Schildbürgerei in Idealkonkurrenz mit Niedertracht. Der Bundesrat hat beschlossen, daß vom 1. Mai ab alle Uhren um eine Stunde zurückgerückt werden sollen, damit man angeblich früher aufstehn und früher schlafengehn soll, in Wirklichkeit natürlich, damit man eine Stunde länger Sonne zum Arbeiten hat, also um noch mehr Leistung aus den Massen herauszuschinden. Oder geschieht es vielleicht, um den Krieg abzukürzen? Der wird ja nun wohl eine Stunde früher aus sein!

 

Berlin, Montag, d. 10. April 1916.

Kaiserkaffee in der Friedrichstraße. Gestern früh kam ich an, in einem Schlafwagenabteil mit Paul Gräner, sodaß die Reise erträglich vorbeiging. Ich wohne in Waidmannslust (aus Gewohnheit und Sparsamkeit). Der Zweck dieser Reise liegt nun ganz auf politischem Gebiet. Gestern war ich bei Landauer, der mit der Idee einer gemeinsamen Besprechung sehr einverstanden ist. Mit Haase verabredete ich telefonisch eine Zusammenkunft morgen bei ihm, und es trifft sich gut daß Aster zur Zeit ebenfalls in Berlin ist und, wie er mir heute schon telefonisch zusagte, an der Konferenz teilnehmen möchte. Heut mittag bin ich bei meinem Bruder zu Tisch und nachmittags werde ich wohl mit Hardy zusammensein und von dem Näheres über die vorgestrige Reichstagssitzung hören. Der „Vorwärts“ teilte nämlich gestern mit, daß Liebknecht zum Etat über die Kriegsanleihe sprechen wollte. Wahrscheinlich hat er die Schwindelhaftigkeit dieses Assignaten-Unternehmens beim Namen genannt, kurz und gut, man entzog ihm, wie das jetzt schon die Gewohnheit der „Reichstribüne“ ist, das Wort und dann sollte er auch noch von der Sitzung ausgeschlossen werden. Der „Vorwärts“ erklärte, seinen eignen Bericht über den Vorgang nicht bringen zu können und ließ durchblicken, daß der vom Reichstagspräsidenten ausgegebene nichtssagend sei. Ich schloß daraus, daß es furchtbaren Krach gegeben haben müsse und bis jetzt hat Hardy mir telefonisch schon bestätigt, daß geprügelt worden ist. Die Einzelheiten werde ich ja nun heute erfahren. – Amüsant ist, daß dieser äußerste Ausbruch tartarischen Zorns genau bis zu dem Moment zurückgehalten worden ist, wo die finanzielle Seite der großen Zeit aufgeschlagen wurde. Das ging zu weit. Der Angriff auf die Kriegsanleihe traf ihre Zeichner in die Seele.

 

Berlin, Dienstag, d. 11. April 1916.

Heute beherbergt mich eine Conditorei in der inneren Stadt, von wo ich um 6 Uhr zu Haase gehn will. Inzwischen die Eindrücke seit gestern in aller Kürze. Von Hans aus ging ich nachmittags zum Reichstagsgebäude. Dort erhielt ich, nachdem mir eine nachgesuchte Besprechung mit Bernstein nicht gelungen war, nach vielem Warten Zutritt auf die Tribüne. Cohn-Nordhausen sprach über den neuen Kali-Gesetzentwurf, was mich nicht interessierte, das „hohe Haus“ übrigens ersichtlich ebenso wenig. Dann war ich aber doch noch Zeuge einer durch Widerwärtigkeit interessanten Szene. Der Präsident Kämpf schlug vor, bis zum 2. Mai über Ostern zu vertagen. Dem widersprach Ledebour mit der Begründung, die „Sozialistische Arbeitsgemeinschaft“ habe einen Antrag eingebracht, durch den eine Wiederholung der Vorgänge vom Sonnabend unmöglich gemacht und verhindert werden solle, daß ein Abgeordneter durch Gewalttätigkeiten von der Ausübung seiner parlamentarischen Pflichten abgehalten werden könne. Die Sache sei so dringlich, daß zu ihrer Beratung unbedingt schon morgen (also heute) eine Extrasitzung angesetzt werden müsse. Dem widersprach – Herr Scheidemann. Dieser ehemalige Revolutionär erklärte, daß er die Notwendigkeit einer so überstürzten Beratung nicht einsehe und denunzierte Haase, er habe Herrn Edmund Fischer gesagt, die Abgeordneten dürften ruhig gleich abreisen, es würde bestimmt nicht mehr verhandelt werden. Haase strafte ihn Lügen. Das half aber nichts, die ganze Rechte und Mitte des Hauses mitsamt dem Freisinn und der alten sozialdemokratischen Fraktion brüllten wie die Ochsen: Hört! Hört! und rasten vor Vergnügen, und ich hatte das unangenehme Gefühl, mich in einer Idiotenanstalt zu befinden, deren Insassen eine Katzbalgerei vor geladenen Gästen vorführten, um die Menschenähnlichkeit der Affen ad oculos zu demonstrieren. Grenzenlos häßlich war das Verhalten des Strebers Scheidemann, der nur darauf bedacht schien, den Patrioten auf der rechten Seite seine Assimilation durch Gehässigkeiten gegen die Seite, von der er kommt, sinnfällig zu machen. Ein arrivierter Subalterner, den die angebornen schlechten Manieren zum Verräter werden lassen.

Nach der Sitzung traf ich im Hause Herrn Dr. Liebknecht, der sich entschuldigte, weil er meinen letzten Brief nicht beantwortet hat. Er sieht seltsamerweise – aber ähnlich wie Eisner – in meinem Plan einer gemeinsamen Wirksamkeit eine Quelle der Schwächung. Ihn interessiere nur die sozialistisch-proletarische Bewegung, und er glaube, daß jeder dem andern am stärksten hilft, wenn jeder sich auf seine Kreise konzentriert. Immerhin versprach er, sich an einer Konferenz, wenn sie zustande komme, zu beteiligen. Über die Samstag-Vorgänge sprach er kühl-belustigt. Etwas Prügel müsse man in Kauf nehmen. Über den genauen Verlauf der dreckigen Szene habe ich nicht viel erfahren können, nur soviel, daß sich die Freisinnigen, und besonders Herr Müller-Meiningen dabei hervorgetan haben.

Was aus der offenbar vom Parteivorstand geplanten Gewaltaktion gegen den „Vorwärts“ werden wird, erwarte ich sehr interessiert. Ich glaube kaum, daß sich die Berliner Leser mit einem Hinauswurf der Ströbel, Däumig und Genossen ohne weiteres abfinden würden, wenn man ihnen statt dessen lauter Scheidemann-Protégés hinsetzte. Es gäbe zweifellos einen großen Boykott gegen das Blatt und nach Vorbild der Bremer Opportunisten ein Konkurrenz-Organ. Wie lange man wohl die dumme Fiktion von der Erhaltung der Partei-Einheit noch aufrechterhalten wird? – Für die Initialen „S. A. G.“ (Sozialistische Arbeitsgemeinschaft) fand ich eine neue Deutung: „Sezession anständiger Genossen“.

Über die Kriegsbegebenheiten habe ich hier lange nichts notiert. Im Westen wird vor Verdun weitergesiegt. Ich kann nicht beurteilen, ob die Einnahme des Gebiets Malancourt-Haucourt-Bétincourt wirklich, wie die Pressstrategen behaupten, die Position der Franzosen unhaltbar macht. Aber nach der gestrigen Rede des Kriegsministers – auch schon nach der Kriegszielrede des Reichskanzlers müssen die hohen Stellen in Deutschland die Lage sehr zuversichtlich ansehn. Ich zweifle aber heute noch ebenso wie früher, daß selbst die Einnahme Verduns einem Durchbrechen der französischen Front und damit einer Entscheidung gleichkäme. Ist das aber nicht der Fall, dann sind wir ebensoweit wie vorher vom Frieden entfernt, und die Aushungerung Deutschlands, die, was ich in Berlin noch viel stärker merke als in München, schon einen traumhaften Grad erreicht hat, muß vollenden, was Gift- und Sprengwaffen nicht vermögen. (Übrigens spricht man von neuen Giftbomben, die aus Zeppelinen abgeworfen werden sollen und ganze Einwohnerschaften auf einmal umbringen werden. Das deutsche Volk wird derartige Kriegsmittel als Beweise, wie fern es jedem Barbarismus steht, hell besingen).

Im Osten melden Deutsche und Österreicher täglich „keine wesentlichen Ereignisse“, aber die Türken sind an der Irakfront von den Engländern geschlagen worden. Ob dadurch die in Kut-el-Amara eingeschlossene englische Armee Luft bekommen hat, läßt sich noch nicht erkennen. Aber bei dem Vordringen der Russen in Armenien und Persien kann jeder Rückschlag der Türken vor Bagdad katastrophale Folgen haben.

Morgen und in den nächsten Tagen werde ich die Konferenz weiter zu fördern suchen, und Ledebour, Luxemburg, Gerlach etc. zu gewinnen sehn. Über die Nützlichkeit kräftiger Vorbereitungen grade in diesem Augenblick habe ich keinen Zweifel. Die Ernährungsverhältnisse in Berlin sind gradezu grotesk. Keine Butter, kein Zucker – und im Volk dumpfe Erbitterung.

 

Berlin, Mittwoch, d. 12. April 1916.

Vor der Abfahrt nach Steglitz zu Lannatsch Schickele in einem kleinen Caféhause am Wannseebahnhof. – Bei Haase war ich etwa 1 Stunde. Ein liebenswürdiger sympathischer Mensch mit guten klugen Augen. Auch er steht der Idee sehr skeptisch gegenüber und findet, daß der Bund Neues Vaterland völlig erfüllt was ich möchte. Gleichwohl will er sich an einem „Bierabend“ beteiligen. Auf revolutionäre Dinge hofft er nur wenig. Tatsächlich kann einen die engelhafte Geduld, mit der die Leute zu vielen hunderten vor den Butter-, Zucker-, Kaffeeläden stehn und sich nicht einmal durch Polizistenpöbeleien aus ihrer Ergebung schrecken lassen, zur Verzweiflung treiben. Aber wenn das grauenvolle Schrecknis dieses Krieges möglich war, darf man dann aufhören, auf das Wunder einer Revolution zu hoffen?

Asquith hat beim Empfang französischer Parlamentarier eine Rede gehalten, in der er Bethmanns letztes Reichstagsgerede beantwortet hat. Darin hat er seine Forderung, Preußen-Deutschlands Militärtyrannei zu vernichten so präzisiert, daß jeder Deutsche, der es mit deutschem Geist und deutscher Kultur gutmeint, mit ihm einverstanden sein kann. Es ist schlimm, daß revolutionär gestimmte Deutsche immer nur ins Ausland horchen müssen, um Aeußerungen zu hören, die auf anständige Zukunft hoffen lassen. Dadurch kommt man selbst allzuleicht in die Versuchung, in dem Weltverbrechen der Gegenwart Partei zu nehmen, und damit ins Fahrwasser derer zu geraten, die durch ihren französischen Chauvinismus oder englischen Jingoismus bei uns, wie mir auch die Herren Liebknecht und Haase bestätigten, die Sache des Friedens und des Rechts am allermeisten gefährden. Das Bewußtsein muß wach bleiben, daß Nationalismus und Patriotismus in jeder Form, auch in der ihrer Perversion, die treibende Kraft der Kriege sind.

 

Waidmannslust, Donnerstag, d. 13. April 1916.

Haases Wunsch, an jenem Bierabend, der wahrscheinlich morgen fortgesetzt werden wird, ein konkretes Thema zu behandeln, wird vielleicht durch Landauers Vorschlag erfüllt werden, der die Frage aufs Tapet bringen will: Was ist zu tun, um Asquiths Standpunkt, daß die preußische Militärbedrohung gegen Europa beseitigt werden müsse, als erstrebenswertes Kriegsziel der Deutschen unter den Massen zu propagieren? – Morgen früh hoffe ich telefonisch mit Haase den Termin der Zusammenkunft festsetzen zu können. Morgen abend besuche ich H. v. Gerlach auf der Redaktion der „Welt am Montag“, und so denke ich, wird doch wohl mein Besuch in Berlin fruchtbare Wirkungen haben, zumal ich gestern abend noch einige Persönlichkeiten kennen lernte, die mir lohnende Winke für München gaben. Das geschah gelegentlich eines Vortrags über die Geschichte der Friedensbewegungen, der im engen Kreise in einer Privatwohnung gehalten wurde, und sehr gehaltreich war. Besonders wertvoll waren mir einige Zitate Voltaires über den Krieg, aber auch Mitteilungen über die Quäker, über Versuche von Fürstlichkeiten, internationale Verständigungen zu schaffen, die bis ins 15te Jahrhundert zurückgehn. Voraussichtlich werden die Vorträge, deren Einen ich gestern aus einem Zyklus hörte, nach Wiedereintritt menschenmöglicher Zustände als Buch erscheinen, sodaß ich keine Auszugs-Notizen werde zu machen brauchen.

In München verhaftet man jetzt, wie ich im Berl. Tageblatt las, auf der Straße Damen, die sich auffallend modern kleiden. Die Entscheidung, was passieren kann und was nicht, hat der Straßenpolizist. Na ja – der Kain schläft, da jauchzt die Ettstraße!

 

Berlin, Freitag, d. 14. April 1916.

Im Café Riedel am Halleschen Tor, wo ich noch eine Viertelstunde sitzen muß, um mit der Aussicht, Ströbel anzutreffen, den „Vorwärts“ aufzusuchen. Vormittags war ich wieder bei Landauer, zwischen 5 und 7 soll ich Haase anrufen, um mit ihm den Zeitpunkt des Bierabends festzusetzen, um ½ 7 Uhr erwartet mich Herr v. Gerlach auf der Redaktion der „Welt am Montag“. Ob all die Herumspringerei, wie diese ganze Berliner Reise, mir später mal Freude machen wird, oder ob ich sie einmal als eine aus unbefriedigtem Betätigungsdrang geborene Zeittotschlägerei bewerten werde – wer kann das heute wissen? Ich habe die Empfindung, daß aus allem Tun, das aus heiliger Sehnsucht nach etwas Gutem geschieht, doch irgendetwas Gutes werden müsse, seien auch die konkreten Ziele noch so verworren und der Weg von Ursache zu Folge noch so nebelhaft. Ich tue was ich muß.

Es geht wieder einmal so etwas um wie Friedensglaube. Bethmanns Rede enthielt nichts, was unbedingt auf den Plan einer Vergewaltigung Belgiens für die Zukunft schließen ließe, – und was er von den „realen Garantien“ sagte, auf die Deutschland da bestehen müsse, wird sich vielleicht wirklich auf die Schleifung einiger Festungen oder ähnliche Nebensächlichkeiten beziehn, die sich ja bei den Verhandlungen immer noch stark modifizieren lassen werden. Asquith aber hat kein Wort von Elsaß-Lothringen gesprochen, obwohl er dort Franzosen vor sich hatte, und hat das Bethmannsche Siegesprogramm, soweit es sich auf Rußland bezog, nur gestreift, ohne seinerseits fixierte Ziele aufzustellen. Es wäre also denkbar, daß beide hinter Zuspitzungen und Anrempelungen ein Augenzwinkern zu einander hin getauscht haben, um die Bereitschaft zu Verhandlungen anzudeuten.

Wie furchtbar dringlich ein Ende des scheußlichen Mordens und Hungerns wäre, sieht man in Berlin noch viel deutlicher als in München. Die Frauen haben hier schon ungleich mehr Männerdienste übernommen als im Süden. Nicht nur Briefträger, Postbeamte, Trambahnschaffner etc sind hier durch ihre Frauen ersetzt, hier sind auch die Trambahnfahrer weiblich, man sieht weibliche Autochauffeure, die großen gelben Postwagen werden von Frauen kutschiert, und selbst die Straßenreinigung großenteils von Frauen besorgt. Die kleinen Kinder werden zwar in Massen beaufsichtigt und verfüttert, aber die größeren, deren Väter im Felde liegen oder schon gefallen sind und deren Mütter tagsüber Männerarbeit verrichten, sind ganz auf sich selbst angewiesen, verwahrlosen und verrohen, und werden dann, da die Justiz nicht nach Ursachen straft und die Jugendgerichtshöfe sich als pädagogische Institute betrachten, die Exempel statuieren müssen, ins Gefängnis gesteckt. Der scheußliche Mord in der Elsässerstraße, wo zwei Mädchen ihre Freundin mit aller Routine des gewitztesten Schwerverbrechers abgeschlachtet, beraubt, verstümmelt und als Frachtgut nach Stettin gesandt haben, zeigt ja was durch die Erziehung zum Bejubeln von blutigen Taten erreicht wird. Damit, daß man die von der Infamie-Epidemie Erfaßten hinrichtet, schafft man das Übel natürlich nicht aus der Welt. Das werden schon die tun müssen, die es zwar mit Christus und Tolstoj halten, aber nicht mit Duldung und Ergebung!

 

Berlin, Sonnabend, d. 15. April 1915[1916].

Café v. Hindenburg – das frühere Café Bristol am Wittenbergplatz. Die Größe der Zeit äußert sich halt in mannigfacher Weise.

Drei wichtige Besuche sind erledigt und die Konferenz auf Montag abend fixiert. Gestern war ich bei Ströbel auf der „Vorwärts“-Redaktion. Er schüttete mir den Teil seines Herzens aus, von dem ich noch garnichts wußte: den literarisch-aesthetischen. Jetzt wolle er natürlich nicht fahnenflüchtig werden – solange die „Vorwärts“-Redaktion nicht sowieso vom Postament fiele, nachher aber werde er sich von allem zurückziehn und freier Dichter werden. Ein Tagebuch, das er jetzt führe und ein Band Lyrik, den er seit 20 Jahren liegen habe, sollen den Weg bahnen, und ich solle ihm meine Beziehungen zu Verlegern etc. erschließen. Mein Rat, sich dazu an den Feuilletonredakteur seines Blattes, Franz Diederich, zu wenden, lehnte er ab. Mit dem wolle er nichts zu tun haben, der stehe auf der „andern Seite“. Das ist mir eine arge Enttäuschung. 1912 noch hat Diederich eine vorzügliche antimilitaristische Anthologie „Krieg“ im Vorwärtsverlag herausgegeben, in der auch ich vertreten bin. Mir persönlich hat er durch sehr wirksame Besprechungen meiner frühen Gedichte sehr genützt – und jetzt: auch der ein Umlerner. Scheußlich! – Über Scheidemann fand Ströbel sehr harte Worte und erzählte mir Beispiele, wie dieser Streber sich populär und bei den Parlamentsochsen beliebt zu machen sucht. Liebknecht nannte Scheidemann mir gegenüber einen „ekelhaften Kerl“ ... Mit meiner Idee jener Konferenz Gleichgestimmter war er sehr einverstanden und versprach sich viel davon.

Heut vormittag Helmuth v. Gerlach, der ebenfalls sehr zustimmend sprach, leider aber selbst nicht teilnehmen kann, weil er verreist. Der Mann hat eine famose Haltung, sprach sich äußerst scharf aus, hält aber, ebenso wie Haase und auch Ströbel, die Hoffnung auf eine Revolution bei dem furchtbaren Fatalismus der Massen für sehr gering.

Endlich war ich heute zu Besuch beim „Bund Neues Vaterland“, dessen Geschäftsführerin Jannasch (ebenso übrigens Frau Hoesch-Ernest aus München) in Schutzhaft sitzt. Ich beschwerte mich bitter über die Leisetreterei der Münchner, speziell der Heymann. Vielleicht trägt jetzt meine Verbindung mit den Berliner Organisatoren dazu bei, daß mir auch in München Gelegenheit gegeben wird, mir Gehör und Anhang zu schaffen.

Jetzt habe ich ein Rendez-vous vor mir, auf das ich mich sehr freue: mit meiner „Braut“ (Zenzl nennt sie stets so) – mit Jenny.

 

Waidmannslust, Sonntag, d. 16. April 1916

Jenny war unverändert entzückend. Mir war, als wir zusammen im Savoy-Café saßen, zeitweise das Herz elend schwer, besonders, als ich bei ihr die deutlichsten Zeichen der Zugetanheit wahrnahm, und als sie mir durchblicken ließ, daß sie manchmal ihre Absage an mich recht bereue. Grade, als dies Bekenntnis andeutungsweise fiel, sah ich ihr an, wie stark es in diesem Moment wahr war. Nun – diese Dinge sind unabänderlich, und ich habe, was ich Jenny gegenüber stark betonte, in meiner Zenzl eine Frau, die über jedem Lob steht. Verliebter wäre ich wohl in Jenny gewesen – und bin es wohl noch. Nachher verabschiedeten wir uns am Bahnhof Friedrichstraße. Während ich noch mit mir kämpfte, ob ich ihr wohl coram publico einen Kuß geben dürfte, wonach es mich heftig verlangte, wurde das Dilemma auch schon negativ entschieden, indem plötzlich der Abgeordnete Haase zu uns trat. Der Zufall hatte es nun gefügt, daß er uns erzählte, er habe, da er meine Berliner Adresse nicht wußte, eben an Jenny geschrieben (die er seit langen Jahren als Freundin seiner Tochter kennt und von deren Beziehung zu mir er wußte), sie möchte mir mitteilen, daß er verreisen müsse und also die Montag-Zusammenkunft aufgeschoben werden müsse. Das ist nun recht bitter. Denn ob nicht die Osterwoche wieder etliche Teilnehmer in den Frühling hinaustreiben wird und dadurch alles vereiteln oder doch die Beteiligung erheblich vermindern wird? Ich will gern noch ein paar Tage länger in Berlin bleiben, wenn es nötig ist. Aber ich fürchte sehr, daß nun alles viel schwieriger sein wird. In diesen Tagen erwarte ich Herrn Meyer von der Firma Kurt Wolff aus Leipzig, um mit ihm über meine Gedichte und über verschiedene literarische Projekte zu verhandeln. Und dann möchte ich doch auch gern wieder heim.

Von Dingen, die hier im Drange der Berliner Geschäfte zu kurz kamen, möchte ich vor allem das Schicksal des Professors Nikolai erwähnen, das Haase im Reichstag publik gemacht hat. Wegen seiner Aeußerungen über die Kriegführung etc. wurde er denunziert und gemaßregelt. Auch verlangte man ihm den Soldateneid ab. Den verweigerte er mit der Begründung, daß er als militärisch verpflichteter Zivilarzt nicht verpflichtet sei, ihn zu leisten, und daß er ihn außerdem aus Gewissensbedenken nicht ablegen könne. Darauf wurde er zum Gemeinen degradiert und wirkt, wie ich höre, jetzt als Krankenpfleger. Im Vorlesungsverzeichnis der Berliner Universität für das Sommer-Semester 1916, das ich eben zur Hand habe, finde ich aber doch wieder angezeigt: „Der Krieg als biologischer Faktor in der Entwicklung der Menschheit, Dr. Nicolai“, mit dem Vermerk „g“ (gratis). Der mutige Mann scheint also keineswegs willens, sich kirre machen zu lassen. Gelänge es doch, alle diese Menschen zu gemeinsamem Wirken zusammenzubringen!

Mit Rumänien ist von der deutschen Regierung ein Handelsabkommen getroffen worden, das die Schmöcke wieder zu allerlei Vermutungen veranlaßt, als ob wir etwa eine Art neuen Verbündeten bekommen hätten. Ich sehe in dem Vorgang nichts andres als ein rein kaufmännisches Geschäft, das vielleicht mehr den Ausfuhrinteressen Deutschlands dient (daher die plötzliche Zuckerknappheit bei dem größten Zuckerproduzenten der Erde), um die Valuta zu haben, als dem Einfuhrbedürfnis. Denn das bischen Getreide und Mais, das nun von Rumänien kommen wird, wird die Wirkung der englischen Blockade auch nicht groß beeinträchtigen können. Die Hungersnot, die wir haben, und die sich in schrecklich erhöhter Kindersterblichkeit und ähnlichen Erscheinungen schon jetzt äußert, wird weiterfressen, bis der Größenwahn der Militaristen endgiltig gebrochen sein wird.

 

Waidmannslust, Dienstag, d. 18. April 1916

Der ärgerliche Zufall, daß Haase am Montag verreisen mußte, schmeißt mein ganzes Programm um. Nun heißt’s, die Leute noch einmal zusammentrommeln, was so unmittelbar vor Ostern sehr schwierig sein wird. Bis in die nächste Woche hinein möchte ich’s aber auch nicht verschieben, denn einmal muß ich doch nach Hause, außerdem weiß ich noch garnicht, wann Herr Meyer vom Kurt Wolff-Verlag kommt, oder ob ich nicht auch nach Leipzig reisen sollte, um dort im gleichen Sinne zu wirken wie hier. Daß ich gestern vergaß, Ströbel von dem Aufschub der Zusammenkunft zu verständigen, sodaß er wahrscheinlich vergeblich zur Stelle – in Haases Büro – war, ist mir besonders peinlich. Glatt geht ja nie etwas, was einem am Herzen liegt.

Aus den Begegnungen der letzten Tage will ich einige Mitteilungen festhalten, die zur Beurteilung der ganzen Zeit wichtig sind. Die Zustände in Russisch-Polen müssen fürchterlich sein. Die Deutschen, die „Befreier“, schleppen aus dem Lande, was irgend hier gebraucht werden kann. So ist die Not dort gräßlich. Wer etwa nach Warschau will, nimmt sich mindestens für Hin- und Rückreise das Nötige zum Lebensunterhalt mit. Die armen Leute wissen das, und so ist es nicht einmal, sondern häufig vorgekommen, daß die Leute, die den Zügen entstiegen, von der Bevölkerung angegriffen wurden und ihnen der Eßvorrat abgenommen wurde. Bedenkt man, wie drakonisch der deutsche Gouverneur in Polen sein Regiment führt, und daß die Leute, die das unternehmen, wissen, daß ihnen dafür der Tod droht, dann kann man ermessen, wie entsetzlich die Hungersnot sein muß in jenen Gegenden. – Daß man die Juden ganz besonders schuhriegelt, wird immer wieder bestätigt (auch denen ist weisgemacht worden, sie sollten „befreit“ werden). Jetzt sollen die armen Bocher ihr Peßach feiern. Um Gold auf die Reichsbank zu kriegen, ist man auf die raffinierte Idee gekommen, die Mazze nur gegen Gold zu verkaufen. Die Reicheren werden nun natürlich mit ihrem verschoppten Gold herausrücken, da sie ja glauben, ohne Mazze alle irdische und himmlische Seligkeit zu verwirken. Die Armen aber, die kein Gold haben, und die doch in demselben religiösen Wahn leben, müssen phantastische Summen aufbringen – oder eben Gott ihren Tribut schuldig bleiben, was für diese beschränkten Frommjuden fürchterlich sein muß.

Buek, der eine Zeit lang als Dolmetscher in einem russischen Gefangenenlager wirken mußte, und den ich gestern bei Landauer traf, erzählt Scheußliches von Zumutungen, die man an ihn stellte, um Gefangene zu bewegen, zu Spionen und Verrätern zu werden.

Heute mittag bin ich mit Ernst Joël verabredet, von dessen abenteuerlichem Schicksal mit seinem „Aufbruch“ und Herrn Willamowitz-Möllendorf, dem „Fichte“ dieser Zeit, ich nun wohl Authentisches erfahren werde.

Auf den Kriegsschauplätzen passiert garnichts mehr, was nach Veränderungen aussähe. Daß aber auch diese scheinbare Ruhe auf allen Kampfplätzen täglich den Tod vieler Hunderter bedeutet, die für ganz andre Dinge gelebt haben, soll doch darüber nie vergessen werden.

 

Waidmannslust, Mittwoch, d. 19. April 1916

Ernst Joël erinnerte mich dem Ansehn nach in merkwürdiger Weise an meinen verstorbenen Freund Eduard Wetzel, ein kluger, sympathischer Kopf voll ernster Einsichten und guten Absichten. Über seinen Konflikt mit der Berliner Universitätsbehörde gab er mir die von seinem Freunde herausgegebene Druckschrift mit, die ein höchst trübes Licht auf die sittliche und intellektuelle Beschaffenheit der Nachfolger Fichtes wirft. Die Professoren Willamowitz und Dietrich Schäfer haben sich da ein schmähliches Monument erworben. – Ich war fast 2 Stunden bei dem angenehmen jungen Menschen, der – falls mein Wunsch nach der Zusammenkunft Gleichgerichteter noch erfüllt werden sollte – dabei sein wird. Übrigens kennt er Jenny, mit der ich heut abend Rendez-vous verabredet habe.

Im Maasgebiet ist wieder eine französische Stellung genommen worden, wobei an 1700 Gefangene gemacht wurden. Seit dem 21. Februar geht die Stürmerei dort in einer Tour weiter, ohne daß wohl noch ein kundiger Mensch dran glaubt, daß dort mehr herauskommen wird als Frontverschiebungen, und – maßlose Menschenopfer. Es ist unbegreiflich, daß sich die armen Teufel auf beiden Seiten immer noch zu diesen irrsinnigen strategischen Übungen hinschlachten lassen. Solange die Hunderttausende, die die Waffen haben, sich immer noch von den paar unbewaffneten Ehrgeizhälsen in den Tod jagen lassen, ist auf Revolution wohl wirklich keine Hoffnung.

Man faselt mal wieder von einem Separatfrieden mit Rußland. Nach der Reichskanzlerrede vom 5. April zweifle ich sehr daran. Das annexionistische „Befreiungs“programm für die Balten, Letten, Littauer und Polen scheint mir keine geeignete Unterlage für Friedensunterhandlungen mit einem keineswegs besiegten ungeheuer starken Gegner. Das Gerede wird wohl nur dadurch entstanden sein, daß Asquith in seiner Ansprache an die französischen Parlamentarier Rußland ziemlich ignoriert hat. – Sollte hingegen urplötzlich die Nachricht kommen, daß zwischen England und Deutschland eine Verständigung erzielt sei, so wird mich das weniger überraschen, obwohl ich auch da noch nicht sehn kann, wo und wie das Band geknüpft werden soll. Es handelt sich ja längst nur noch um einen Krieg zwischen Deutschland und England. Die 11 Übrigen sind mit all ihren Anstrengungen, Opfern und Verzweiflungen nur Anhängsel.

Es gelang mir, ein offizielles Protokoll der Reichstagssitzung vom 8. April zu erwischen, das in meiner Dokumentensammlung ein besonders wertvoller Beitrag sein wird. Der Liebknecht-Skandal ist auch in dieser für die Ewigkeit bestimmten als vollkommen wahrhaftige und wortgetreue Darstellung aufgemachten Archivschrift kastriert. Von den tätlichen Mißhandlungen ist keine Rede, und so muß privatim nach den Berichten von Zeugen festgehalten werden, daß der Postsekretär Hubrich-Oberbarnim, natürlich ein Freisinniger! – Liebknecht vor die Brust gestoßen hat. Im übrigen ist das unglaublich schmähliche und feige Benehmen der „Volksvertreter“, besonders des Präsidenten Kämpf, in dem Protokoll für die Nachwelt hinlänglich festgelegt.

Gestern habe ich Herrn Karl Kraus in Wien brieflich die Feindschaft aufgekündigt. Ich las bei Landauer einige „Fackel“-Hefte und fand Kraus’ Haltung darin so anständig und tapfer, daß ich meinte, das Einigende sei zwischen uns doch stärker als das Trennende. So schlug ich ihm vor, wir wollten einander wieder grüßen, was ich zugleich tat. Freilich bin ich darauf gefaßt, daß als Antwort eine Rüpelei in der „Fackel“ gegen mich erscheinen wird. Das muß dann getragen werden.

Wegen jener vermaledeiten Erklärung an die Kain-Leser vom 2. August 14 muß ich mich leider immer noch verteidigen. Trotz der vorangehenden Sätze, worin ich deutlicher als irgendein andrer es in jenen Tagen wagte, meine selbständige Haltung betonte, trotz des Neudrucks, den ich veranstaltet habe, trotz der Tatsache, daß ich das Blatt ja eingehn ließ, was ich gewiß nicht zu tun brauchte, wären die Angriffe berechtigt, werde ich immer noch scheel angesehn wegen der in der Angst eines hysterischen Augenblicks geschehenen Entgleisung. Hardekopf beschimpfte mich noch gestern vor den Ohren eines Dritten als Verräter, was ich ihm allerdings nicht übel nahm, weil es bei ihm auf ein Spießumdrehn hinausläuft. Seine Mitarbeit an der „Aktion“, dem Geistausbeutungs-Organ eines haltlosen, geistig und sittlich minderwertigen, schmierigen und spekulativen Verleumders, ist ihm als Verräterei an seinen Freundschaften, an seinen Solidaritätspflichten und an seiner eignen geistigen Reputation bewußt, zugleich braucht seine literarische Eitelkeit Vorbehalte, und so lädt er die Vorwürfe, die er sich selbst machen müßte, auf den ab, der ihm Vorwürfe macht. Mir ist dieser innere Vorgang, den ich nun über 1½ Jahre bei ihm beobachte, so interessant, zugleich habe ich aber den alten Hardy persönlich so gern, daß ich seine Ungerechtigkeit ertrage.

Gestern war ich seit langem wieder im Theater. Landauer sollte einen jungen Mann vom Darmstädter Hoftheater, namens Ehrle, rezensieren, der am Schauspielhaus auf Engagement als Ferdinand gastierte. Da die Luise von Frl. Thimig gespielt werden sollte, von der ich viel Rühmliches gehört hatte, ohne die Dame je gesehn zu haben, ging ich mit. Im Ganzen war’s eine moderierte Hoftheater-Aufführung, die mir mein Urteil über „Kabale und Liebe“ als besten Sudermann, der je geschrieben wurde, bestätigte. Der Gast schien sehr jung. Den Eindruck, als ob er zum jugendlichen Helden geboren wäre, machte er mir nicht. Viel äußerliches Gewoge, wenig innerliche Erregung. Die alten Kräfte des kgl. Theaters, die Sommerstorff, Pohl etc. übten deklamatorisch alte Schule, Clewing als Wurm war klug und gut, bis er am Schluß hätte dämonisch werden sollen, das kann dieser Sänftling nicht. Jedenfalls zeigt er, daß ihm dergleichen Charaktere besser liegen als Liebhaber. Die allgemein so sehr geschätzte Frau Conrad-Schlenther, die ich ebenfalls zum ersten Mal sah, machte mir keinen stärkeren Eindruck als andre Millerinnen schon früher, wogegen ich allerdings von Helene Thimigs Luise sehr befriedigt war. Eine stille harmonische natürliche und schöne Gabe, nicht so stark wie Lucie Höflich, aber in ihrer Art doch auch äußerst sympathisch. Die Lady Milford der Durieux sah ich schon früher einmal bei Reinhardt mit stärkeren Empfindungen als gestern ... Ich sollte wieder häufiger ins Theater gehn. Vielleicht wacht das alte Interesse, das ich im Entsetzen der Kriegszeit erstickt wähnte, wieder auf.

 

Waidmannslust, Donnerstag, d. 20. April 1916.

Die Russen haben Trapezunt zugleich durch Landangriff und Truppenlandung genommen. Das ist eine empfindliche Niederlage für die Türken, die nun wohl – nach etlichen Tagen – wieder erklären werden, daß der Verlust der Festung am Schwarzen Meer ohne jede Bedeutung sei und ihre Verteidigung nie geplant war. Das von Bethmann-Hollweg entwickelte große Raubprogramm gegen Rußland bekommt durch diese Wendung ein noch merkwürdigeres Aussehn, als es schon vorher hatte. Abgesehn von der immer noch riesenhaften Macht des keineswegs besiegten Landes verfügt Rußland doch wohl selbst noch über hinlängliche Kompensationsobjekte für die von Deutschen und Österreichern besetzten Gebiete, um die Idee der kolossalen Grenzverschiebungen, die Bethmann vorhat, reichlich lächerlich erscheinen zu lassen. Das in russischen Händen befindliche Stück Galizien ist keineswegs klein, und das türkische Armenien, in dem die Sieger immer noch sehr aggressiv vorrücken, und von dem aus sie den Stützpunkt des deutschen Interesses am Orient, Bagdad, bedrohen, verbunden mit dem strategischen Operationsgebiet, das sie in Persien und Afghanistan besetzt haben, macht Rußland stark genug, um den Diebsgelüsten der deutschen Expansionisten, als deren Kommis der Reichskanzler auftrat, sehr nachdrücklich zu trotzen. Ich habe den Verdacht, als ob die Siege der Russen über die Türken den Regierenden bei uns in mancher Hinsicht ganz lieb sind. In dem Hamannschen Artikel „Friedensgedanken“, in dem seinerzeit die deutsche Regierung ihre damals auch noch nach Westen gespannten Ansprüche (18 Milliarden Kriegsentschädigung von Frankreich u. s. w.) mitteilte, war ausgesprochen, daß Rußlands berechtigtes Verlangen nach Verbindung mit dem freien Meer am persischen Golf berücksichtigt werden solle. Vielleicht wollen unsre Weltgeschichtefabrikanten den Russen den Rigaischen Busen abnehmen und sie dafür auf Kosten des osmanischen „Bruders“ entschädigen. Wär der Gedanke nicht so verflucht gescheit, man wär versucht, sich daran zu erinnern, daß am Ende die Gegenseite doch auch mit von der Partie ist. Ob sich eigentlich die Leute in der Wilhelmstraße niemals fragen, wie sie angesichts der täglich bedrohlicher werdenden Lebensmittel-Knappheit im Lande noch mit Eroberungsprogrammen aufprunken können? Eine Hammelkeule kostet in Berlin 30 Mark, das Kilo Gans 7 Mark (für eine Stopfgans wurden dem Onkel kürzlich 68 Mark abgefordert), das Ei wird mit 25–27 Pfennigen bezahlt. Die Regelung des Tee-, Kaffee- und Seifenverbrauchs wird immer schwieriger und mit täglich neuen rigorosen Bestimmungen und Verboten versucht. Für Fleisch und andre Bedarfsmittel des Volks setzt man die Höchstpreise bald hinauf, bald herunter, aber das, was tatsächlich fehlt, schafft man durch alle Streck- und Organisationsexperimente nicht herbei, wie denn aller Jammer über Wucher und Spekulationstreiberei der Preise nur begrenzt begründet ist. In Wahrheit spüren wir ständig wachsend an allen Ecken und Kanten den Erfolg der englischen Aushungerungspolitik. Im gestrigen „8 Uhr-Abendblatt“ aber veröffentlicht der Nationalliberale Führer Bassermann, M. d. R., einen Leitartikel mit der Überschrift „Macht!“, worin er in dieser Zeit des Verbots der Kriegsziel-Erörterungen mit rührender Ungeniertheit die Macht- und Grenzenerweiterung Deutschlands verlangt und zu ihrer Erreichung die Einsetzung der schonungs- und rücksichtslosesten Mittel empfiehlt. Ich bin überzeugt, hinter diesem Fanfarenstoß steht als Einbläser der Tirpitz- und Zeppelintreue Teil der Regierung, der die liebenswürdigen Erfindungen deutschen Geistes jüngster Tage, nämlich Giftbomben auf unverteidigte Städte zur Anwendung empfehlen und auf die Anwendung vorbereiten will. Auch der als sanft und beinahe pazifistisch verschrieene, in Wirklichkeit auf seinem Kanzlerstuhl klebende Herr v. Bethmann hat sich kürzlich in einer sehr geheimen Versammlung des Haushaltungsausschußes des Deutschen Reichstags dahin ausgesprochen, daß er für die Anwendung aller noch so scheußlichen Mittel sei, wenn es im Nutzen des Reiches läge und daß ihn nur Nützlichkeitserwägungen auch davon fernhalten könnten, sie anzuwenden. Es handelte sich dabei grade um die warnungslose Torpedierung von Passagier- und Handelsschiffen aus U-Booten, um die neuen Feuerwerfer mit fürchterlicher Wirkung, die vor Verdun zum erstenmal als Tapferkeitsersatz funktionieren mußten, und um die ganze Städte ekrasierenden Giftbomben, die noch im Hinterhalt der Zeppelin-Munitionslager der Verwendung entgegensehn. Die beratenden Herren waren gradezu glücklich, Näheres über all das Teufelszeug zu erfahren und brannten darauf, es in Betrieb gesetzt zu wissen, wobei sich der „Freisinn“ besonders hervortat. Die Ansicht aber war allgemein, daß die Herrlichkeit unsres einzigen Vaterlands Vorwand und Berechtigung bietet für jede satanischste Niedertracht, und daß alle Völker der Welt zugrunde gehn und elend verderben mögen, wenn nur unsre Börseaner und Viehzüchter sich nachher auf ihrem Aschehaufen aufblähen können. Hat doch der liberale Abgeordnete Potthoff schon öffentlich dazu geraten, die Bevölkerung aus den besetzten Gebieten einfach zu verjagen und das Millionenheer von Gefangenen, das in Deutschland verköstigt werden muß, sobald die Ernährung des Landes nicht mehr glatt geht, abzuschlachten.

Aus der von mir angestrebten Zusammenkunft wird leider, solange ich in Berlin bin, nichts mehr werden. Haase hat mir heute telefonisch erklärt, daß die Leute jetzt ums Osterfest herum, nicht mehr zusammenzukriegen sind. Aber sowohl er wie Landauer halten die Sache selbst für so gut, daß sie für ihre Realisierung sorgen wollen. Ich denke nun in der nächsten Woche einige Tage in Leipzig zuzubringen, und dort, außer meinen eignen Geschäften einen ähnlichen Zusammenschluß verschieden orientierter aber jetzt vom gleichen Drange beseelter Menschen zu betreiben. Ein Besuch bei der Leipziger Volkszeitung und bei den Literaten, die ich interessiert weiß, wird hoffentlich genügen, um auch dort Wertvolles erstehn zu lassen. Wie ich es aber in München machen werde, davon habe ich noch keine Ahnung. Aber gemacht muß es auch dort werden!

Gestern abend war ich wieder mit Jenny zusammen. Wie stark immer noch die wechselseitige erotische Attraktion zwischen uns ist, wurde mir dabei noch klarer als das erste Mal. Von diesem Stück spielt der letzte Akt noch lange nicht. Mag keine Tragödie draus werden!

 

Waidmannslust, Sonnabend, d. 22. April 1916.

Die heutige Morgenausgabe des „Berliner Tageblatt“ beginnt mit einer Sensationsmeldung. Danach hat Wilson in Washington der vereinigten Versammlung von Senat und Repräsentantenhaus die Note vorgelesen, „die das letzte Wort bedeutet, das die Vereinigten Staaten in der Unterseebootsfrage an Deutschland zu richten habe“. Das Blatt zitiert nach Reuter: „Ein Ultimatum oder der Abbruch der diplomatischen Beziehungen wird für wahrscheinlich gehalten.“ Im Anschluß daran heißt es ferner: „Der Senat hat unverzüglich das Gesetz für die Heeresreform angenommen, in dem eine reguläre Armee und Reserven von zusammen einer Million Mann vorgesehen werden. Man ist der Auffassung, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika an einem außerordentlich kritischen Punkt angelangt sind“. Dann kommt die deutschoffiziöse Mitteilung, daß „die Antwortnote der amerikanischen Regierung in Sachen des Unterseebootkrieges gestern abend 8 Uhr dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts überreicht“ sei mit dem Versprechen, sie „demnächst“ zu veröffentlichen. Die Redaktion des Tageblatts fügt dem allen noch hinzu, daß die Note bei uns nur wegen der „besonderen Presseverhältnisse, die am Karfreitag maßgebend sind“ noch nicht bekannt gemacht sei, deutet an, daß sie die Note schon kenne, aber nicht vor der „amtlichen Bekanntgabe des umfangreichen Dokuments“ abdrucken dürfe und überläßt es den Lesern, „aus der obigen Washingtoner Darstellung, die vom Bureau Reuter verbreitet und vom Wolffschen Bureau gestern abend weitergegeben worden ist, selbst seine Schlüsse zu ziehn“. – Das ist allerdings deutlich genug, und wir werden wohl heute abend schon wissen, daß die neue Methode der „rücksichts- und schonungslosen“ Anwendung aller Kriegsmittel, die Versenkung der „Sussex“, „Englishman“ etc. trotz der Ausreden und Beschönigungen der deutschen Regierung die Amerikaner endlich nach einem vollen Jahr der Proteste, Warnungen, Auseinandersetzungen zu energischeren Entschlüssen veranlaßt hat. Jetzt werden wir den ganzen Ekel über die Heuchelei unsrer offiziellen, offiziösen und privat-korrupten Stellen noch einmal schlucken müssen, die die Heimtücke und unneutrale Haltung Amerikas ins rechte Licht setzen werden, die sich, obwohl das deutsche Interesse es doch so verlangt habe, nicht damit abfinden konnte, daß man seine Bürger immer und immer wieder zum Meeresgrund beförderte. Hören jetzt aber die diplomatischen Beziehungen auf, dann ist soviel sicher, daß einerseits das Elend unsrer inneren Zustände durch die völlige Abschließung aller Zufuhr rapid wachsen wird, und daß zweitens die Formen der deutschen Kriegführung durch den Gebrauch der abscheulichsten Mittel, die noch in den Reservoiren der Verwendung harren, noch viel ekelhafter werden, als schon bis jetzt. Ein Gutes aber wird dabei sein: die wirtschaftliche Erschöpfung bei uns wird beschleunigt und die Aussicht auf Schluß des Mordens steigt, zumal wenn England nun in seinem Druck auf die neutralen Länder, besonders auf die Niederlande, die Einfuhr aller Waren nach Deutschland zu verhindern, die wirksame aktive Hilfe Amerikas hat. Diesen kleinen Staaten wird man für ihre Fügung in die Wünsche der Großen so reichliche Kompensationen und Sicherungen des eignen Wirtschaftslebens zugestehn können, daß ein viel stärkerer Zug in die Abschnürungspolitik der Entente kommen wird. – Wie heftig man auf der Gegenseite zugleich darauf aus ist, auch im Waffenkrieg die deutschen Siegesbemühungen zu durchkreuzen, beweist die überraschende offizielle Meldung von der Landung russischer Truppen in Marseille, der Landungen russischer Truppen über England vorangegangen sein sollen. Daß eine halbamtliche Wolff-Notiz diese Truppentransporte als „klägliche Komödie“ bezeichnet, dünkt mich eine klägliche Komödie, hinter der sich schlecht verhohlene Angst und das krampfhafte Bemühen verbirgt, minder umnebelte Patrioten zu besänftigen.

Gestern abend war beim Onkel ein Berliner Freund zu Besuch, ein reicher Fabrikant, der sich’s früher genug sein ließ mit seinen Kontobüchern, wie ein Kapitalist empfand und sich drum das Denken ersparte und in allem Weltgeschehn Gott einen guten Mann sein ließ. In ihm, den ich früher als ein besonders dickfelliges Exemplar von selbstzufriedenem Bourgeois kannte, fand ich gestern plötzlich einen Bundesgenossen, von der andern Seite Einen, dem die Augen aufgegangen sind. Er hat einen Sohn im Kriege verloren, pekuniär hingegen hat er durch den Krieg keinen Nachteil, sondern Vorteile, wie er mir ausdrücklich erklärte. Trotzdem bekrittelte er alles, was geschieht, die ganze Lügerei, Heuchelei, Korruption, Streberei, Spekulation, Mörderei, Brutalität und die Begleiterscheinungen der Reaktion, vor allem den Antisemitismus so radikal wie denkbar. Er sei vom Konservativen zum Sozialisten geworden, drückte er sich aus, und halte es jetzt mit den „Achtzehn“. Natürlich hat sein Kritizismus sehr primitive Formen, so sein Schimpfen auf den Kaiser, dessen 6 Söhne und beamteten Trabanten, aber es schien mir bedeutend genug, daß ich hier an einem keineswegs von Natur als Idealisten gestalteten Menschen, einem reichen unsozialen Unternehmer ein Beispiel fand, daß man zum Bekennen meiner Ansichten zu diesem Kriege kein Berufs- oder Gewohnheitsrevolutionär zu sein braucht. So mag es noch viele geben, – vielleicht denken die Meisten so, sind aber zu feige, es auszusprechen oder auch nur sich selbst einzugestehn.

Heute nachmittags soll ich Körtings besuchen. Es ist gut, von Zeit zu Zeit auch einen Blick in die andre Welt zu tun.

 

Waidmannslust, Dienstag, d. 25. April 1916.

9 Uhr 40 vormittag. 10 Uhr 13 geht der Zug nach Berlin ab, 12 Uhr 55 vom Anhalter Bahnhof der Leipziger. Inzwischen erwartet Hardy mich im Café Josty. Also nur ein paar Stichworte.

Die Wilsonsche Note ist sehr scharf ausgefallen und verlangt bei Androhung des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen die „unverzügliche Einstellung“ der U-Boot-Methoden, durch die ohne Rücksicht auf Neutralität, Völkerrecht und Neutralen-Interessen unterschiedslos und immer ungenierter alle Passagier- und Handelsschiffe jeder Art, Nationalität und Bestimmung ungewarnt torpediert würden. Natürlich rast vox populi gegen Herrn Wilson, den das ganze garnichts angehe, und die Reventlows und Konsorten sind beglückt von der Aussicht auf einen neuen Kriegsgegner. Nun fragt sich alle Welt, ob die deutsche Regierung nachgeben wird, und demnach die Anwendung der Unterseeboote ganz auf feindliche Kriegsschiffe beschränken wird oder ob sie sich selbst nun mit lauter Posaune als Verfechter der Ansichten bekennen wird, für die Herr v. Tirpitz gehn mußte, daß nämlich die ausgesprochene Feindschaft mit Amerika die schonungslose Anwendung der U-Boot-Methoden gegen jedes Schiff, das sich in der Nordsee und im Ärmelkanal blicken läßt rechtfertigen würde und demnach England effektiv blockiert und seinerseits durch Aushungerung zum Frieden gezwungen werden könnte. Liest man die Lloyds-Berichte und erkennt, ein wie minimaler Prozentsatz von Schiffen versenkt wurde, und ein wie ungeheurer ungehindert in die Häfen läuft, dann lacht man über die Idee, daß Deutschland, dessen verzweifelte Wirtschaftslage täglich fühlbarer wird (letzten Sonnabend ist wieder in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg ein Schlächterladen demoliert und geplündert worden), wo die Höchstpreisfestsetzungen überall den Konsumenten nicht genügen können, die Produzenten aber und Händler um jeden Profit bringen, daß dieses in der Tat schon halb ausgehungerte Deutschland das reiche, das gesamte Weltmeer restlos beherrschende England sollte auch nur ängstigen können. Beim Ausbruch eines Krieges mit Amerika würden die dort liegenden deutschen Schiffe im Werte von Milliarden requiriert und in den Dienst der Entente gestellt werden, und wir werden dann, was uns gelegentlich auch schon bisher amüsieren konnte, gewohnheitsmäßig Fabelberichte lesen können über die durch U-Boote bewirkte Frachtraumnot, wenn ein deutsches Schiff nach dem andern durch unsre U-Helden auf den Grund geschickt wird.

Ich hatte Gelegenheit, eine Anzahl von sozialdemokratischen Streitkundgebungen einzusehn, aus denen deutlich wird, wie uneinig auch die Minderheit unter sich ist, und wie weit entfernt die Richtung Liebknecht-Rühle mit ihrem Rückhalt bei den Mehring, Luxemburg, Bremer Bürgerzeitung etc. sich von der gemäßigten „Arbeitsgemeinschaft“ bewegt. Die „Spartacus“-Briefe, die ich in der Hand hatte, gehn äußerst scharf mit den Haase-Leuten ins Gericht, die nie den Mut fanden, Liebknecht bei seinen kurzen Anfragen-Aktionen etc. zu unterstützen. Außerdem erhielt ich eine Broschüre von Julian Borchardt über die Politik der Partei vor und nach dem 4. August 1914, aus der mir der Beweis am interessantesten war, daß die ganze Haltung der Partei zum Kriege bestimmt war von der Angst um die 20 Millionen in Parteiunternehmungen investiertem Kapital.

Höchste Zeit zum Aufbruch!

 

 

 

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