Tagebücher

XVII

 

26. April – 22. Oktober 1916

 

S. 2520 – 2711

 

 

 

Leipzig, Mittwoch, den 26. April 1916

Zimmer 46 im Parkhotel. – Gestern mittag reiste ich vom Anhalter Bahnhof ab. Vorher war ich im Café Josty mit Hardy verabredet und dort lernte ich Herrn Dr. Kurt Thesing kennen (der allerdings behauptete, es handle sich um eine Erneuerung einer alten Bekanntschaft). Er wollte abends reisen, und lud mich auf meine Mitteilung, daß ein Besuch bei ihm ein wichtiger Punkt meines Leipziger Programms sei, für heute zu Tisch ein. Der Zufall hatte zugleich auch Herrn Ernst Joël ins Café Josty geführt, der eben nach Halle fahren wollte, und zwar mit dem gleichen Zug wie ich. So hatte ich bis Bitterfeld die angenehmste Unterhaltung und mannigfache Anregung. Versuche, Ebstein telefonisch und bei sich in der Klinik zu erreichen scheiterten. Ebensowenig traf ich ihn in seinem Stammlokal, wo ich nach einem Kinobesuch zu Abend aß. Jetzt komme ich von den ersten Versuchen, in Leipzig eine Konferenz derart zu organisieren, wie Landauer sie in Berlin an meiner Stelle zusammenrufen wird. Zuerst war ich beim Kurt Wolff-Verlag, wo ich in dem Geschäftsführer, Herrn Meier, einen ungewöhnlich liebenswürdigen anständigen Menschen kennen lernte. Ich besprach mit ihm die Chancen meines Gedichtbuches, das nach Ausbruch des Friedens zum zweiten Mal zur Rezension versandt werden soll. Meiner Absicht, eine Lyriker-Bibliothek in Einzelbänden à 1 Mk zu veranstalten, steht er sympathisch gegenüber und will sie Wolff vorschlagen. Mit der Idee, eine Anthologie im Kriege entstandener kriegsfeindlicher Zeitgedichte herauszugeben verwies er mich an Dr. Thesing, da der Wolff-Verlag nicht für Anthologien schwärmt. – Dort (bei Meier) traf ich den jungen Dichter Albert Ehrenstein, den ich ebenfalls sowieso aufsuchen wollte. Er zeigte sich für den Gedanken einer Zusammenkunft interessiert und überreichte mir seinen Roman „Tubutsch“. Ein Herr Lebenstein, der für alles zu haben sein sollte und gleichfalls zur Stelle war, entpuppte sich als der gleiche Arbeiterfreund, der vor Jahren mir recht unsympathische Ausstellungen proletarischer Kunstdilettantereien veranstaltete, wobei sich die Arbeiter mit Autobiographieen niedlich machen mußten. Auch habe ich den Mann mal in einer Senna Hoy-Versammlung auf Veranlassung John Henry Mackays, dessen Verse er fortgesetzt ohne Angabe des Autors zitierte, und der selbst anwesend war, abgefertigt. Der Herr gefiel mir heute nicht besser als früher. Anmaßlich, selbstgefällig rühmte er sich der Opfer, die er seinen Idealismen gebracht hat und die ihn, da er keinen Nutzen gesehn hat, an allem Guten verzweifeln lassen. Nette Idealisten, die den Wert ihres Ideals an dem Ertrag ihrer persönlichen „Opfer“ abmessen wollen. Ich behandelte ihn entsprechend. Dann ging ich zur Redaktion der „Leipziger Volkszeitung“, wo ich zunächst Gustav Morgenstern aufsuchte, Übersetzer von Gustav Jägers wundervoller „Christiania-Bohême“, dem rebellischsten Stürmerroman, den die neuere Literatur hervorgebracht hat. Ich lernte Morgenstern bei Gelegenheit meines ersten Leipziger Besuchs 1906 kennen, als ich das abenteuerliche Unternehmen wagte, in Person vor dem Reichsgericht die Berufung auf meine Verurteilung wegen Aufreizung zu vertreten. – Morgenstern war sehr skeptisch, als ich ihm meinen Plan entwickelte. Wie recht er mit seinem spöttischen Lächeln hatte, bewies er mir sogleich, indem er einen politischen Redakteur, Herrn Prager, zu sich bat, der auf alles nur ein paar marxistische Sprüchlein wußte. Einer von denen, die nicht umgelernt haben, weil ihre verknöcherte Dogmatik alles von vornherein im Schubfach hat. Wut, Haß, Empörung hat in den Gehirnen garkeinen Raum. Erhebt sich wirklich mal ein Tumult, dann brauchen sie nur nachzuschlagen, welche Formeln sie grade anwenden müssen und sind mit sich und der Welt im Reinen. Revolutionäre aus Temperamentlosigkeit – pfui Teufel! Sollte eine Konferenz zustande kommen, dann will das Männchen auch mittun, aber es versicherte, daß es sich nichts davon verspreche. Daß ich’s nach der Bekanntschaft mit ihm auch nicht tue, verschwieg ich ihm. Der Eine entsagt dem Ideal, weil man ihn enttäuscht hat, der Andre vertritt es ohne es anzubeten. Uns aber, denen es leuchtet, wird es Wahrheit werden!

 

Leipzig, Donnerstag, d. 27. April 1916

Eben habe ich telefonisch mit meiner Frau gesprochen und mich an ihrem schönen tiefen Organ gefreut. Morgen werde ich bei ihr sein und bin sehr froh in dieser Aussicht. – Mein Mittagessen nahm ich gestern bei Herrn Dr. Curt Thesing ein, Sozius des Verlages Veit u. Comp. Ein kluger und umgänglicher Mensch. Bei ihm lernte ich ein Frl. v. Bohlschwing kennen, die, schien mir, als seine Sekretärin tätig ist, blond, sympathisch, leidlich hübsch, klug und von starker pazifistischer Gesinnung. In Th’s Verlag wird ein Buch des Professors Nicolai erscheinen über die Biologie des Kriegs. Ich erhielt den ersten Bogen im korrigierten Abzug, darin den „Aufruf an die Kulturwelt“, mit dem sich die 93 Elite-Deutschen die abgründigste Blamage der Weltgeschichte geholt haben und nach dem ich über ein Jahr eifrig gefahndet hatte. Ein dolles Machwerk, das Nicolai glänzend abfertigt. Ich blieb lange bei Thesing, der mir zusagte, die Leipziger Konferenzaktion in die Hand zu nehmen. Abends waren wir wieder zusammen in einer Weinstube, wo sich außer den beiden noch der Dr. Morgenstern sowie eine Schauspielerin und ein Einjähriger einfanden. Es war nett und wurde reichlich getrunken.

Inzwischen bewegt die Amerika-Note die Welt auf das Intensivste. Die deutsche Presse krampft ängstlich zwischen Furcht und Hoffnung, beschimpft zugleich die Amerikaner, streichelt sie, erklärt, daß Deutschland einen Krieg mit Amerika keineswegs zu scheuen brauche, tröstet mit Verständigungsmöglichkeiten, die noch nicht ganz hin seien und beweist ein über das andre Mal, wie verkehrt die Meinung sei, Deutschland könne mit oder ohne die Vereinigten Staaten ausgehungert werden. Wie sich das verhält, dafür ein Beispiel: ich erhalte im Hotel hier jeden Morgen 3 Brotmarken für den Einkauf von zusammen 120 gramm Brot und Fleischkarten für den Einkauf von zusammen 120 gramm Fleisch täglich, außer den fleischfreien Tagen, wo ich überhaupt kein Fleisch bekomme. In den Restaurants gibt es Speisenkarten, auf denen jedes Fleischgericht die Angabe seines Gewichts vermerkt hat. Butter darf in allen Wirtschaften und Pensionen nur noch an fleischlosen Tagen verabreicht werden, sodaß ich zum Frühstück im Hotel meine Semmel (eine gibts nur) zwar mit Marmelade schmieren darf, da ich die aber nicht mag, trocken essen muß. Statt dessen esse ich 2 Eier zum Frühstück, für die ich 80 Pfennige zahlen muß. Seife und Seifenpulver, kurz alle Waschmittel für Toilette und jeglichen sonstigen Gebrauch wird einem in kleinen Quantitäten monatlich zugemessen. Natürlich langt die Organisation aller dieser Dinge nicht hin und nicht her, und was noch nicht durch Karten reglementiert ist, kostet unerschwingliches Geld. – Ich teile daher den Wunsch der Tirpitz- und Reventlowleute, die den Krieg mit Amerika propagieren, um den U-Bootkrieg womöglich noch brutaler führen zu können als bisher. Denn ich bin überzeugt, daß das Aufhören aller Schmuggelzufuhr über Holland, Skandinavien etc. das Aufhören der deutschen Widerstandsfähigkeit in Kürze bewirken und demgemäß die Ansicht auf schnelleren Frieden erheblich steigern müßte, umsomehr als grade jetzt die plötzliche Erschwerung auch noch der dürftigen Ernährungsverhältnisse die Depression bei der Bevölkerung stark befördern müßte, weil nach dem kaum mehr leugbaren Fiasko der Verdun-Unternehmung kein kriegerisches Hoffnungszeichen am Himmel der ewig Siegreichen auftauchen will. – In England arbeitet man zur Zeit, offenbar um die moralische Sympathie der Amerikaner für den Krieg zu stärken, mit Anklagen gegen die Zustände im Gefangenenlager Wittenberg, wo vor einem Jahr bei einer Fleckfieber-Seuche gradezu schändliche Zustände geherrscht haben sollen, was jetzt durch einige ausgetauschte Gefangene herauskam. Die Seuche soll von den deutschen Ärzten direkt gefördert worden sein und scheußliche Brutalitäten gegen die Kranken vorgekommen sein. Natürlich bestreitet die deutsche Regierung alles, und ich bin überzeugt, daß den englischen Behauptungen viel Gehässigkeit und Tendenz zugrunde liegt. Ganz so sauber wie sie sich waschen möchten, werden aber wohl die beteiligten Deutschen auch nicht dastehn. Was die Gefangenen-Behandlung anlangt, so glaube ich, daß alle Parteien hinlänglich Dreck am Stecken haben. Das ist bei der Schändlichkeit des Kriegsgewerbes und bei der ungeheuren Niedertracht, mit der speziell dieser Krieg geführt wird, nur erklärlich. Später wird einmal alles das im Zusammenhang bearbeitet werden, um die infame Heuchelei derer, die die Summe alles Schreckens als große Zeit bejubeln, aufzudecken. Nicolais Buch, das schon während des Kriegs in Subskription erscheinen soll und ein prachtvoll tapferes Bekenntnis zu werden verspricht, wird da hoffentlich gut vorarbeiten, und eines Tages mag wohl auch mein Tagebuch zur Aufklärung beitragen.

 

München, Sonntag, d. 30. April 1916.

Seit Freitag abend wieder daheim und darüber recht glücklich, wenn auch eine böse Mandelentzündung Zenzls meine Freude beeinträchtigt. Ich kann einigermaßen zufrieden das Resultat meiner Reise überdenken. Dadurch, daß ich mich darauf berufen kann, in Berlin und Leipzig den Boden für die Verständigung zwischen den verschiedenen Elementen bereitet zu haben, wird meine Münchner Arbeit in dieser Richtung, die bisher dank der vorsichtigen Eiertänzerei der Frauen und Professoren hoffnungslos schien, sehr erleichtert werden. Der letzte Tag in Leipzig führte mich durch Th.’s Vermittlung mit weiteren Menschen zusammen, die aufnahmebereit und aktionswillig waren. Im übrigen war ich in Ebsteins Gesellschaft, dessen Desinteresse noch an allen öffentlichen Dingen mir willkommene Ablenkung gewährte. Im Ratskeller endlich wurden wir abends beide in den Kreis der Leipziger Geistigkeit gezogen, wo Geheimrat Mardersteig sozusagen präsidierte, der Schauspieler Stieler kennen zu lernen war, ein Rechtsanwalt und polyglotter Herr Herzel* den Ton angab, der auf Wichtigklingerei gestellt war, wo ferner – auch Thesing war dort – jeder seine ganz revoluzzische oder auch gemäßigt vaterländische Meinung sagen durfte, und wo reichlich Wein floß.

Von den inzwischen geschehenen Kriegsdingen ist das erwähnenswerteste der Aufstand in Irland, dessen Umfang und Ergebnis noch nicht deutlich zu beurteilen ist. Jedenfalls sind in Dublin reguläre Straßenkämpfe gewesen. Viele öffentliche Gebäude sollen von den Revolutionären besetzt, der Vizekönig des Landes in ihren Händen sein. Andrerseits behauptet die englische Regierung, der Bewegung schon Herr geworden zu sein. Sicher ist, daß Sir Roger Casement von ihnen gefangen genommen ist, bei welcher Gelegenheit ist nicht ganz klar. Vielleicht hat man ihn von dem Schiff herunter verhaftet, das mit deutscher Munition versehn vor der Landung aufgebracht wurde. Dieser Casement ist derselbe, der Grey vor etlichen Monaten öffentlich beschuldigte, er habe den Gesandten in Christiania veranlaßt, für den Irenführer einen Mörder zu dingen. Die Geschichte, die damals von unsern Schornalisten ungeheuer breitgetreten wurde, und an deren Authentizität ich stets gezweifelt habe, die zum mindesten völlig unaufgeklärt geblieben ist, verschwand so plötzlich wie sie aufgetaucht war aus den Zeitungen. Wenn man Herrn Casement, der in Deutschland viele gegen England gerichtete Artikel geschrieben hat und hier deswegen als Freiheitsheld hoch gepriesen wurde, während doch sein Verhalten während dieses Kriegs durchaus nicht anders zu bewerten ist als das der Herren Wetterlé, Weill und tutti quanti (ich habe gegen diese alle, also auch gegen Herrn Casement nichts andres einzuwenden, als daß sie nationalistische Narren sind) – wenn man, sage ich, Herrn Casement jetzt den Prozeß machen und als Landesverräter hinrichten wird, dann wird man ein großes Geschrei erheben über die Infamie der Engländer, die sich am Leben dieses edlen Mannes vergreifen. Über die Fälle Schlumberger in Colmar und die vielen ähnlichen Fälle in Elsaß-Lothringen, soweit sie überhaupt bekannt geworden sind, ging man hinweg oder nahm Notiz von ihnen, indem man die Opfer den Zeitungslesern zum Anspeien auslieferte.

Flaggen, die heute mal wieder Siegesjubel ausdrücken sollen, bedeuten die längst erwartete Kapitulation von Kut el Amara, bei der die Türken eigentümlicherweise nur 13000 Engländer gefangen nahmen. Ob die ganze eingeschlossene Armee dort nicht größer war oder inzwischen durch Hunger oder Kriegsereignisse dezimiert war oder ob es dem Gros gelang abzuziehn, wird erst den englischen Meldungen zu entnehmen sein. Welche Rückwirkung das Ereignis auf die Gesamtlage in Mesopotamien haben wird, kann ich nicht beurteilen, auf die in Armenien jedenfalls keine. Soviel steht fest, daß die Russen im Orientkrieg bedeutend besser abschneiden als die Engländer, die die Mißerfolge von Ktesiphon und Galipoli nirgends wettmachen konnten. Immer klarer aber wird es, daß alle Siegerei irgendwelche Entscheidungen nicht bewirken wird. Siegen in den nächsten Tagen die Deutschen irgendwo im Osten oder Westen, was ich erwarte, so sähe ich darin nur das Eingeständnis, daß die Schlacht von Verdun mit einem Fiasko beendigt ist, woran ohnehin kein Einsichtiger mehr zweifelt. Aber das ist noch immer die Taktik der Heeresleitung gewesen, nach jeder Enttäuschung einen neuen Regenbogen an den Himmel zu malen, dem das immer noch nicht genug gefoppte Volk nachjagen mag.

Mein Krieg gegen den Simplicissimus ist in vollem Gange. Vor mehreren Wochen schon schickte mir Peter Scher ein Büchelchen von sich „das Friedenssanatorium“, wobei er mich ersuchte, ihm mein Urteil über eine darin enthaltene Skizze „der Antimilitarist“ zu schreiben. Natürlich bin der Held dieser Geschichte ich – Caféhausliterat – Renommist, – guter Kerl – Don Quichote, wie ich es oft schon las. Aber dann kam der Krieg – und nun muß meine arme Erklärung herhalten, aus der jetzt schon ein Hinstrecken beider Hände zum Militarismus gediehen ist: Gegen den Zarismus! Gegen die Kosaken! – zurechtgefälscht wie mans grade brauchte. Ich schrieb Scher eine lange Abfuhr, in der ich Gelegenheit nahm, meine Haltung zum Kriege und die Stellung zu jenem unglückseligen Satz zu präzisieren. Zugleich sandte ich meinen Angriffsartikel gegen den „Simplicissimus“ zur Kenntnisnahme mit der Mitteilung, daß die Zensurverhältnisse den Druck jetzt nicht gestatten, daß also der Simplizissimus sich unter dem Schutz der Obrigkeit befinde. Jetzt bekam ich Schers Antwort, die sehr schwach geraten ist. Persönliche Verdächtigungen etc, aber mit einem amüsanten Eingeständnis. Er wirft mir vor, daß ich den Artikel in der Schweiz veröffentlichen wollte (nachdem ich übrigens zuvor die Unterbringung in Deutschland versucht hatte) und meint dazu: „... es hätte Ihrem Herzen – und Ihrem Literatenselbstbewußtsein – vermutlich wohlgetan, Ihren Aufsatz als Beleg für das geistige Barbarentum der Deutschen im Matin oder in der Times zitiert zu sehen.“ Ich habe meine Antwort so kurz gehalten, daß ich diesem Idioten nicht erst klargemacht habe, wie seine Polemik selbst die Auffassung teilt, daß wörtliche Zitate aus dem Simplicissimus, in der Times wiedergegeben, als Belege für das deutsche Barbarentum wirken müßten.

 

* ein Freund Wedekinds.

 

München, Montag, d. 1. Mai 1916.

10 Uhr vormittags, aber gestern um diese Zeit war erst 9 Uhr. Damit ist also der liebe Gott um 1 Stunde geprellt. Landauer verteidigte die Einführung der „Sommerzeit“ als vortreffliche Methode von Lichtersparnis. Ich werde aber das eklige Gefühl nicht los, daß Arbeitskraft geschunden werden soll, und wenn auch vorläufig von einer Verlängerung der Arbeitszeit nicht die Rede ist, so scheint mir doch die Verlängerung des Tageslichts als Verführung dazu höchst verdächtig, ganz abgesehn davon, daß die Verkürzung der Nacht allerlei volkshygienische Bedenken in mir weckt. Denn abgesehn von der gewonnenen Morgenstunde, die dadurch erzielt wird, daß [es] im Sommer zwei Stunden nach Sonnenaufgang ebenso hell ist wie drei Stunden danach, muß der Frühaufsteher, der doch auch Frühzubettgeher ist, künftig auf die ganze Stunde Schlaf verzichten, weil zu seiner Schlafengehenszeit um 9 Uhr abends im Hochsommer noch heller Tag ist. Sentimentale Bedenken gegen die neue Methode habe ich allerdings garnicht, da ja die Einführung der mitteleuropäischen Einheitszeit schon lange ein Betrug gegen die Sonne gewesen ist.

„Hamstern“ ist das neueste Schlagwort der Presse und des Publikums und die „Hamsterer“ dienen jetzt wie vordem Juden und Wucherer als Sündenböcke für den steigenden Nahrungsmittelmangel. Wie fraglos der Wucher einen Teil der Schuld an der allgemeinen Teuerung trägt, so beschleunigt in gewissem Maße das Anhäufen von Nahrungsmitteln in den einzelnen Hausständen die wirtschaftliche Erschöpfung Deutschlands. Aber ich glaube, daß diese Erscheinungen minimal auf die Gesamtsituation einwirken, und daß eben doch die systematische Aushungerungspolitik der Entente den Ruin der Volkskraft unaufhaltbar herbeiführt. Allmählich wird es das Volk jawohl auch trotz aller noch so forschen – dabei aber höchst mangelhaften – „Organisation“ und trotz aller Schuldhäufung auf Einzelne, merken, daß Schlachtensiege und Durchhalterei es auf die Dauer nicht werden füttern können. Ich begrüße die „Hamsterei“ deshalb als ein Mittel zur Beschleunigung der Katastrophe, wie Amerikas Eingreifen mir aus demselben Grunde erwünscht wäre. Nachdem Herr v. Bethmann-Hollweg immer noch seine Eroberungspolitik weiterverfolgen will, und nachdem andrerseits Verdun auch die letzte Hoffnung auf Waffensieg zertrümmert haben muß, eine militärische Entscheidung also ebenso wie eine Verständigung endgiltig aus der Rechnung derer, die endlich Frieden möchten, ausscheiden müssen, kann das Ende nur noch von der Erschöpfung der deutschen Wirtschaftskraft, dem Aufhören der Ernährungsmöglichkeit und dem Verbrauch der ersatzlosen Kriegsbedarf-Rohstoffe erwartet werden. Je eher es also soweit ist, umso besser. Was unsern Mut dabei heben kann ist die Beobachtung, daß die landläufige Phrase: „Wir können nicht ausgehungert werden!“ nach und nach auch schon auf ganz patriotische Leute etwas komisch wirkt.

 

München, Donnerstag, d. 4. Mai 1916.

In aller Kürze einige Daten, da ich gleich zum Vormundschaftsgericht muß. Der Aufstand in Irland scheint niedergeschlagen zu sein. Eine respektable Insurrektion immerhin, an der mir einzig die offenbare Mitwirkung der deutschen Regierung unsympathisch ist. So innig ich für Deutschland eine revolutionäre Erhebung ersehne, so entschieden müßte ich dabei doch die Unterstützung eines gegen Deutschland kriegführenden Landes abweisen, die niemals die Freiheit, sondern immer nur einen andern Herrn bedeuten könnte. Daß die Dubliner Revolution einen sehr erheblichen Umfang hatte, steht außer Frage. Bahnhöfe, Gerichtsgebäude, Banken, Postanstalten waren von den Aufständigen besetzt, und Maschinengewehre allein nützten nicht, um sie zu besiegen. Man mußte etliche Staatsgebäude mit Kanonen zusammenschießen. Die englische Presse verbreitet natürlich schon Schauergeschichten von scheußlichen Grausamkeiten, verstümmelten Soldaten, geschändeten Weibern, ermordeten Säuglingen, wie man es 70 bei der Commune und 1914 gegenüber Belgien machte, um die natürliche Sympathie mit Verteidigern ihrer Freiheiten auf deren Unterdrücker abzulenken. Erhebliche Dauer pflegen freilich derartige künstliche Stimmungsstimulantien nicht zu haben.

Herr Wilson wartet immer noch auf die deutsche Antwortnote. Ich glaube eigentlich nicht an Krieg. Unsre Analphabethmänner und Helfersiche werden wohl nachgeben und nur die Formel noch nicht heraushaben, mit der sie vor den deutschen Weltwüterichen werden krebsen können. Wer nicht blind sein will, muß ja auch einsehn, daß eine weitere Abschirmung Deutschlands vom Markt den Erschöpfungszustand rapid zur Katastrophe führen müßte. Eben sah ich mir in der Küche die Karten an, mit denen man mit den Resten der Vorräte hauszuhalten sucht. Brot-, Mehl-, Butter-, Zucker-, Milch-, Seifen-, Reis-, Hülsenfrüchten-, Fleischkarten sind schon da. Eier, Käse, Spiritus, Öl etc. erhält man teils garnicht, teils nur durch Protektion beim Kleinkramhändler und jedenfalls nur zu abenteuerlichen Preisen. Auch verbürgen die Karten noch lange nicht die Erlangung der betr. Waren, und die darauf eingeteilten Portionen sind so gering, daß man trotz 3–4facher Preise nicht entfernt den notwendigen Bedarf gedeckt hat. Wir haben aus den zwei vorgeschriebenen fleischlosen Tagen schon faute de mieux vier gemacht, um wenigstens an den übrigen Tagen reichlich Fleisch essen zu können, zumal seit einigen Tagen auch der Fischverkauf eingeschränkt und die Fischpreise enorm gestiegen sind. Wie man hört, sollen nachgrade auch die Soldaten im Felde unter Mangel leiden müssen. Die Gerüchte von Meutereien wollen garnicht mehr verstummen, sodaß man langsam doch die Hoffnung fassen möchte, der Anfang vom Ende sei nicht mehr fern.

Liebknecht ist verhaftet, wie aus einem sozialdemokratischen Antrag an den Reichstag hervorgeht. Warum, dürfen die Zeitungen natürlich nicht sagen. Ob der Reichstag die Haftentlassung beschließen wird, ist mir sehr fraglich. Das ganze „Volk“, besonders die „Gebildeten“ wären auch glücklich, diesen Mann in Gewahrsam zu wissen, der die ganze Pöbelwut auskosten muß, die die mutige Überzeugung des einzelnen Widerstrebenden zu erregen pflegt. Die Arbeiterschaft nimmt alles hin, billigt sogar alles.

Ich war wegen meiner Konferenzen bei Aster und Prof. Schmid. Beide wollen mittun. Beide „versprechen sich nichts davon“. So sind sie fast alle. Das Richtige wissen, aber nie die Vorsicht vergessen. Vorweg entmutigen und hintennach, wenn sie an Haaren und Kleidern zur Aktion gezerrt sind, den Ruhm einstreichen.

 

München, Freitag, d. 5. Mai 1916.

Ich überlege, wie ich den Leisetretern den Teppich wegziehn kann und will es vorerst damit versuchen, daß ich ihren Wünschen entspreche und ihnen für die Zusammenkunft ein richtiges Arbeitsprogramm entwerfe. Wie das aussehn wird, weiß ich noch nicht. Jedenfalls habe ich in Briefen an Haase und Landauer das „Konkrete“, das zur Besprechung kommen soll, vorgezeichnet. Es kommt darauf an, die von verschiedenen Weltanschauungen zur Zeit in eine Richtung gedrängten Elemente zu Besprechungen zusammenzuführen, bei denen 1.) die Wege gesucht werden sollen, auf denen man die wirksame und ganz ungenierte Propaganda der Alldeutschen durch eine ebenso wirksame Propaganda durchkreuzen kann, 2.) für den Fall plötzlicher Ereignisse, als Revolution (mag sie unwahrscheinlich sein – möglich ist sie!), Freigabe der Kriegsziel-Erörterungen, Waffenstillstand oder sonstwelche Überraschungen die Obliegenheiten des Einzelnen in Verbindung mit denen der andern fixiert oder doch überlegt werden müssen 3.) jeweils auftauchende Einfälle, Vorschläge, Wahrnehmungen der richtigen Behandlung zuzuführen wären. Vorläufig „versprechen“ sich die Herren nichts davon. Wollen mal sehn, ob ihre Passivität oder meine Aktivität stärkeren Atem hat.

Ein Intermezzo. Der Schornsteinfeger war da und erzählte, gestern sei er bei einem Major vom Stabe zum Kaminkehren gekommen und hörte, wie der Mann zu seiner Frau sagte: „Weißt du, Emilie, dieser Krieg mußte kommen, damit mal ein bischen unter dem Pöbel aufgeräumt würde. Der wäre uns sonst über den Kopf gewachsen.“ Der Schornsteinfeger griff darauf in das Gespräch ein und wies den Major gehörig zurück, worauf der den Auftrag gab, einen Schutzmann zu holen. Der ist zwar nicht gekommen, aber der Mann, der grade vor dem Meister steht, und nun seine ganze Existenz gefährdet sieht, fürchtet doch Prozesse und Nackenschläge. Ich stellte mich ihm mit meinem Rat zur Verfügung und benutzte die Gelegenheit, gründlich scharf zu machen. War ers vorher noch nicht, dann ist dieser Kaminkehrergeselle in den letzten 10 Minuten Revolutionär geworden.

In Berlin scheinen in den allerletzten Tagen größere Krawalle gewesen zu sein. Die Verhaftung Liebknechts erfolgte am 1. Mai abends auf dem Potsdamer Platz, wo eine Art Maidemonstration stattgefunden zu haben scheint. Nach den Wolff-Berichten seien Flugblätter verteilt gewesen, denen nur wenige gefolgt seien, die aber nicht auf ihre Kosten kamen. 9 Personen, darunter Liebknecht, seien verhaftet worden und ihm werde nun, als Armierungssoldaten von Militärs wegen der Prozeß gemacht werden. Sehr gespannt bin ich, ob der am 9ten wieder zusammentretende Reichstag die Freilassung und Niederschlagung des Verfahrens für die Dauer der Session beschließen wird oder ob man von dieser Gepflogenheit zum ersten Mal abgehn wird, wenn es sich um eine politische Überzeugungs-Straftat handelt. Zuzutrauen ist dieser Gesellschaft alles. – In Charlottenburg faßte man bei einigen Schlächtern größere Speck- und Fleischvorräte ab, die die Schlächter unter Polizeiaufsicht sofort freihändig verkaufen mußten. Dadurch sollen im Publikum solche Aufregungen entstanden sein, daß zeitweilig ganze Straßenzüge gesperrt werden mußten. Bedenkt man, daß so schon die den Zeitungen überlassene Version lautet, dann kann man sich ungefähr vorstellen, was in der Tat vorgegangen ist. Die pazifistisch und oppositionell empfindenden Herrschaften wollen es aber absolut nicht wahr haben, daß ein Butter- oder Fleischkrawall unter Umständen Dimensionen annehmen kann, die schleunigste Initiative nötig machen.

England hat sich nun doch zur allgemeinen Wehrpflicht entschließen müssen. Die Konflikte, die dieser vom Unterhaus inzwischen genehmigten Wendung vorausgingen, bezeichnen die englischen Verhältnisse in eigentümlicher Weise. Nachdem das Derbysche Werbesystem nicht die erwünschten Ergebnisse von Freiwilligen-Meldungen erzielt hatte, beschloß man die Wehrpflicht der Unverheirateten, und Derby setzte im Einverständnis mit der Regierung seine Bemühungen fort, indem er Verheiratete mit dem Versprechen anwarb, an ihre Einberufung werde erst gedacht, wenn alle Unverheirateten unter den Waffen ständen. Nun kam die Einberufung der Unverheirateten unerwartet rasch, und jetzt bereuten die Verheirateten, wie es scheint, ihren Entschluß und forderten die allgemeine Wehrpflicht, die nun – wohl, weil man das den verheirateten Freiwilligen gegebene Versprechen aus technischen Gründen nicht halten konnte – beschlossene Sache geworden ist. Das hat viel Gärung und Zwist im Lande erregt, die in Verbindung mit der Insurrektion in Irland und der moralisch deprimierenden Kapitulation der Armee Townshend in Kut-el-Amara hoffentlich auch in England die allgemeine Friedenssehnsucht steigern werden. – Wie stark unter den Soldaten der Wunsch nach Frieden schon zum Ausdruck kommt, das beweist, außer den zahllosen Geschichten von Meuterei, die überall herumgetragen werden, ein Vorgang, über den der Berner „Bund“ ausführlich berichtet. Dort trafen auf dem Bahnhof zwei Erholungstransporte von verwundeten Gefangenen zusammen, Deutsche und Franzosen, zwischen denen sich regelrechte Verbrüderungsszenen abspielten. Man grüßte hinüber und herüber, warf einander Blumen zu, und gab lebhaft dem Wunsch nach Frieden und Freundschaft Worte. Das sind doch andre Argumente als die Durchhalter wissen.

Deutschlands Zurückzoppen vor Amerika wird in der Presse vorbereitet. Die gestern abgegangene Note komme dem Wilsonschen Verlangen nach Achtung des Völkerrechts und der Menschlichkeit entgegen, weil Deutschland als Sieger (!) großmütig sein und entgegenkommen könne. Das wird ja wieder ein reizendes Dokument sein, und wenn man an die Kommentare der Zeitungen denkt, die bevorstehn, die bis jetzt Fanfare geblasen haben und jetzt die Schamade in dieser Tonart werden vortragen wollen, dann kommt einen schon im voraus das Kotzen an.

Griechenlands Neutral- oder Parteisein ist immer noch Gegenstand aufgeregt tuenden Zeitungsgezänks, das in den letzten Tagen wieder besonders lebhaft einsetzt. Bisher stand das Land zur Entente etwa in dem Verhältnis wie Luxemburg zu Deutschland, mit dem Unterschied allerdings, daß Griechenland durch Bündnis mit Serbien verknüpft ist, und daß England und Frankreich seit 1839 das ausdrückliche Vertragsrecht haben, griechischen Boden als Durchmarsch- und Kriegsoperationsgebiet zu benutzen. Um aber von aktiver Kriegsbeteiligung verschont zu bleiben, d.h. um die Zentralmächte und Bulgarien zu besänftigen, protestieren die griechischen Auguren bei jeder neuen Maßnahme der Entente. Erst jetzt werden ernstliche Differenzen erkennbar, wo die Entente verlangt, die Griechen sollen den auf Korfu retablierten Serben die Durchreise durch ihr Land nach Saloniki gestatten. Venizelos verlangt die Erfüllung der Forderung mit Rücksicht auf den Vertrag mit Serbien. Doch sträubt sich die Regierung derartig, daß angenommen werden muß, die deutsche Regierung habe erklärt, ein derartiges Verhalten als Neutralitätsbruch ansehn zu wollen – und das würde Krieg bedeuten. Das Geplärr unsrer Blätter über die „Vergewaltigungen“ Griechenlands, das wir doch nun schon lange genug hören, ist komisch und widerwärtig zugleich, aber es ist charakteristisch genug, daß die große Mehrheit des deutschen Volks bis zum heutigen Tage überzeugt ist, daß ganz Griechenland zähneknirschend die brutale Herrschaft der Entente trägt und keine Ahnung hat, daß es sich einfach um ein kaum mehr Neutralität nennendes wohlwollendes Helfertum zugunsten der Entente handelt, mit dem der gegen Serbien begangene Treubruch einigermaßen kompensiert werden soll.

Vor Verdun nicht Neues – und zwar schon lange nichts. Die Ohl-Berichte lassen nur undeutlich erkennen, daß die Kämpfe um den „Toten Mann“ allmählich den Charakter einer Offensive der Franzosen angenommen haben, sodaß es gestattet ist zu sagen, das großartige Verdun-Unternehmen, mit dem man „in zehn Tagen“ den Krieg entscheiden wollte, ist ergebnislos, und das heißt für den Angreifer negativ beendet. Und dafür die fürchterliche Hinopferung von jungen zukunftsfrohen Menschen! Fruchtete dies neue Fiasko zum Mindesten die Einsicht, daß alle kriegerische Brutalität den Frieden nicht näherführen kann, und daß, will man immer noch keine Verständigung herbeiführen (was allein die Berliner Regierung kann, wenn sie sich entschlösse, auf die „Befreiung“ von Völkern zu verzichten), nur übrigbleibt, bis zur gänzlichen widerstandunfähigen Erschöpfung „durchzuhalten“. Es scheint den Patrioten aber wirklich erst eingeprügelt werden zu müssen.

Die Schweizer Regierung hat die Auslandsminister aller neutralen Länder zu einer Konferenz in Bern eingeladen, die im Juni stattfinden soll. Diese Hosenscheißer werden aber wohl blos ihre Im- und Exportinteressen regeln wollen und das Wort Friede wird platonische Redensart bleiben wie noch immer. In Schweden scheint man sogar recht kriegerisch gestimmt zu sein wegen Rußlands angeblichen Befestigungsbauten auf der Insel Aaland. Es kommt mir ganz so vor, als ob die Schweden Neigung hätten, die Russen zu Defensiv-Maßnahmen zu provozieren, die dann ihrerseits den Grund zum „Abwehrkrieg“ abgeben sollen. Nach berühmten Mustern!

 

München, Sonntag, d. 7. Mai 1916.

Jagows neueste Note an Lansing entspricht meinen Erwartungen: ein gewaltiges dumpf dröhnendes Sichandiebrustschlagen, ein Loblied auf die eigne Vortrefflichkeit, Menschlichkeit, Rechtlichkeit, Überlegenheit, das den vollkommenen Rückzug deckt. Der langen Rede kurzer Sinn ist der: Die „Sussex“ (von der offiziell bekannt gegeben war, ein deutsches Unterseeboot komme bei ihrem Untergang nicht in Frage) scheine also doch von einem deutschen U-Boot versenkt zu sein: Daraus werde dann die deutsche Regierung die Konsequenzen ziehn. (Hier sei ein Parallelfall eingeschaltet. Die holländische „Tubantia“ war nach wiederholter deutsch-amtlicher Versicherung unter keinen Umständen das Opfer eines deutschen U-Boots. Die niederländische Regierung ließ sich dadurch nicht beirren, untersuchte den Fall eingehend; mit dem sonderbaren Erfolg, daß vor Einlauf einer Note die deutsche Regierung Schadenersatz angeboten hat, – ein Fall, der übrigens nur durch Einblick in ausländische Blätter zu erfahren war). Welcher Art die Konsequenzen sein werden, ergibt sich nicht aus der Note. An Bestrafung des betreffenden U-Boot-Kommandanten glaube ich nicht. Es läge doch zuviel Eingeständnis darin, daß die gerühmte preußische Disziplin wenigstens in der Marine stark gelockert ist, insofern, als dort die forsche Tirpitz-Garde recht ungeniert zu frondieren und ihren Krieg auf eigne Faust zu führen scheint. Höchlich entsetzt weist die Note den Vorwurf zurück „daß dieser Fall nur ein Beispiel für die vorbedachte Methode unterschiedsloser Zerstörung von Schiffen aller Art, Nationalität und Bestimmung durch die Befehlshaber der Unterseeboote sei“. Es wird dann gewaltig geklagt, daß sich Amerika von England die Einschränkung der „Freiheit der Meere“ widerspruchslos oder doch nur mit platonischem Protest gefallen lasse und daß die Engländer so ruchlos seien, Deutschland durch Aushungerung zu „vernichten“, und endlich – aber nur wegen der über 100jährigen Freundschaft – zugesagt, daß die Unterseeboote künftig jedes Frachtschiff überall erst warnen und alle Leute in Sicherheit bringen lassen sollen, ehe torpediert wird. – Bei weitem am Interessantesten in dem Schriftstück ist die Stelle, in der die Regierung den Wunsch durchblicken läßt, mit Amerikas Hilfe Frieden zu machen. Hätte Bethmann nicht vor einem Monat seine unglückliche „Befreiungs“-Rede gehalten, worin er den Gedanken an den status quo ante ausdrücklich als absurd zurückwies, dann wären die Aussichten wahrhaftig besser, und die offenbar plötzlich erwachte Erkenntnis, daß unsre wirtschaftliche Position schlechterdings unhaltbar geworden ist, stände nicht vor der in eignem Unverstand verrammelten Tür ins Freie. – Sehr merkwürdig kommen mir übrigens die Passagen der Noten vor, in denen in Entrüstung gegen England gemacht wird. Sie beweisen, daß derartige diplomatische Instrumente in erster Linie garnicht für den Adressaten, sondern für das eigne Volk hergestellt werden. Die Herren Lansing und Wilson werden sich doch um des Himmels willen keine Krokodilstränen vorweinen lassen über den Aushungerungskrieg der Engländer, wo es sich bei dem ganzen U-Boot-Unternehmen doch weiß Gott um garnichts andres handelt als um den Versuch einer Aushungerung Englands, wo ein ewiger Jubel in den deutschen Blättern ist über die wachsende Frachtraumnot bei den Briten, und wo der Krieg Österreichs gegen Montenegro bekanntlich durch Hunger entschieden wurde. Man braucht sich ja nur zu erinnern, mit welchem sadistischen Behagen damals die deutschen Blätter das elende Verkommen der Weiber und Kinder auf den Landstraßen Montenegros beschrieben haben. Daß kluge Leute in Washington auf solche Mätzchen hereinfallen werden, können doch wohl die Herren im Hauptquartier selbst nicht erwarten, sowenig wie sich die Amerikaner seinerzeit durch die Heucheleien über die Munitionslieferungen Amerikas an die Entente breitschlagen ließen und, besonders in der Wilsonschen Note an Herren Burian, die Krupp- und Skoda-Prokuristen gehörig abführten. – Ob die Wirkung der neuen Note über ein Hinauszögern der ganzen Sache Bedeutung haben wird, ist ungewiß. Irgend ein Leutnantchen zur See braucht nur keinen Gefallen zu finden an der „Schlappheit“ seiner Vorgesetzten, und wir haben einen neuen Fall und das Theater kann von vorn losgehn. Daß Amerika jetzt gleich stärkere Garantien verlangen wird glaube ich kaum, obwohl bisher, was ja auch in der letzten Lansingschen Note stark hervorgehoben war, alle deutschen Zusicherungen leere Worte gewesen sind. Nur das glaube ich, daß jeder neue Fall ohne weiteres den Abbruch der Beziehungen unmittelbar herbeiführen wird.

Jetzt will ich nach Herrsching fahren, wo ich mit Harburger und Professor Schmid meinen Konferenzplan noch einmal durchberaten will. Ich bin völlig entschlossen, die Angelegenheit zu gutem Ende zu führen, mag sich alle Welt noch so wenig oder auch garnichts „davon versprechen“.

 

München, Montag, d. 8. Mai 1916.

Meine Auffassung, daß die Stelle der Jagowschen Note, wo darin erinnert wird, daß „das Bewußtsein der Stärke“ es der deutschen Regierung erlaubt habe, „zweimal im Verlaufe der letzten Monate ihre Bereitschaft zu einem Deutschlands Lebensinteressen sichernden Frieden offen und vor aller Welt zu bekunden“, als ein Fühler anzusehn sei, ob wohl Wilson bereit wäre, als Vermittler einzugreifen, finde ich vielfach bestätigt, so besonders auch in der Auslandspresse. Vorerst äußern sich freilich noch allerlei Zweifel, ob die deutschen Zugeständnisse der amerikanischen Regierung überhaupt genügen werden, da sie abhängig gemacht werden von der erfolgreichen Bemühung der Amerikaner bei den Engländern, „die alsbaldige Beobachtung derjenigen völkerrechtlichen Normen“ zu bewirken, „die vor dem Kriege allgemein anerkannt waren ...“ „Sollten die Schritte der Regierung der Vereinigten Staaten nicht zu dem gewollten Erfolg führen, den Gesetzen der Menschlichkeit bei allen kriegführenden Nationen Geltung zu verschaffen, so würde die deutsche Regierung sich einer neuen Sachlage gegenüber sehn, für die sie sich die volle Freiheit der Entschließung vorbehalten muß.“ Zwar bestreitet man heute offiziös (in der „Kölnischen Zeitung“), daß diese Einschränkung den Charakter einer Bedingung trage, da ja durchaus gemäß der amerikanischen Forderung, die gegenwärtigen Formen des U-Bootkriegs sofort einzustellen, „Weisung an die deutschen Seestreitkräfte ergangen ist, in Beobachtung der allgemeinen völkerrechtlichen Grundsätze über Anhaltung, Durchsuchung und Zerstörung von Handelsschiffen auch innerhalb des Seekriegsgebiets Kauffahrteischiffe nicht ohne Warnung und Rettung der Menschenleben zu versenken, es sei denn, daß sie fliehen oder Widerstand leisten“, ihr also ohne Aufschub Rechnung getragen werde. Aber es ist halt doch ein Haken dabei. Vor allem wird sich aber fragen, ob Wilson Lust zeigen wird, dem deutschen „Bedauern darüber, ... daß die humanitären Gefühle der amerikanischen Regierung, die sich mit so großer Wärme den bedauernswerten Opfern des Unterseebootkriegs zuwenden, sich nicht mit der gleichen Wärme auch auf die vielen Millionen von Frauen und Kindern erstrecken, die nach der erklärten Absicht der englischen Regierung in den Hunger getrieben werden und durch ihre Hungerqualen die siegreichen Armeeen der Zentralmächte zu schimpflicher Kapitulation zwingen sollen“ auch nur die Miene eines ernsthaften Interesses vorzutäuschen. Der Hinweis auf Paris 1870, auf den U-Boot-Krieg selbst und auf die Sprengbomben-Attentate auf englische Städte, die sich ja zugestandenermaßen keineswegs nur militärische Anlagen zum Ziele aussuchen, sondern grade Lebensmittellager und Einrichtungen, deren Beschädigung das wirtschaftliche „Durchhalten“ der englischen Bevölkerung erschweren sollen, also durchaus ebenfalls auf Aushungerung von Millionen Frauen und Kindern gerichtet sind, wäre ja ein leichtes Mittel, die Lamentationen der Deutschen mit einer Handbewegung abzufertigen. Die Erinnerung an Schädigungen, die Amerika selbst durch die englische Blockadepolitik erleidet, und die Jagow in der neuen Note wieder ungeheuer breittritt, hat Wilson schon früher häufig abgelehnt, mit den deutschen U-Boot-Praktiken auf eine Stufe zu stellen, da es sich da nur um finanzielle Einbußen handelt, während die deutschen Rechtsverletzungen das Leben und die persönliche Sicherheit amerikanischer Bürger bedrohen, ein Standpunkt, der außerhalb Mitteleuropas von der ganzen Welt verstanden und gewürdigt wird. – Die Wirkungen der Note bleiben also vorläufig noch ganz ungewiß. Möglicherweise führt sie binnen kurzem zum Frieden, nach dem alle Welt lechzt. Andernfalls aber kann sie auch die furchtbarste Verschärfung des ganzen Krieges zur Folge haben. Sollten die Umstände eintreten, für die sich die deutsche Regierung die „Freiheit der Entschließungen“ vorbehalten hat, dann werden diejenigen bei uns freie Bahn haben, die das Reichskanzler-Wort von der verlernten Sentimentalität zur Basis jedes Vorgehns machen möchten, dann werden die ganze Städte ecrasierenden Giftbomben in Aktion treten, für die Graf Zeppelin den preußischen Abgeordneten vorgeschwärmt hat, dann erhält die Formel des Abgeordneten Bacmeister Geltung: „Was vors Rohr kommt, wird torpediert“, – und das wird die Gegenseite zuverlässig solange „durchhalten“, bis in der Tat die Hungerqualen der deutschen Frauen und Kinder die kaiserliche Regierung gezwungen haben werden, sich jedem Kapitulationsdiktat der Entente zu unterwerfen. Fraglos hat schon bisher die Zeppelin- und U-Boot-Orgie den Krieg für die Engländer, die ihm zuerst wie Zuschauer bei einem Sportsmatch gegenüberstanden, volkstümlich gemacht, und das in einem Maße, daß die allgemeine Wehrpflicht fast widerspruchslos eingeführt werden konnte, die einschneidendste, alle Traditionen des Landes erschütterndste Maßregel, die Englands Geschichte erlebt hat. Fraglos ist der jammervoll schwächliche, aber keineswegs dumme Reichskanzler aber auch in helllichter Angst vor derartigen Wendungen, und ich bin überzeugt, daß ihm und noch manchem Verantwortlichen in Berlin die Liebknechtschen oder wenigstens Haaseschen Ansichten als Ausdruck der Stellung der gesamten sozialdemokratischen Partei bedeutend angenehmer wären als die regierungstreu-patriotische Zustimmung der Partei-Mehrheit zu allem, was die Reichsleitung unter dem Druck der allmächtigen alldeutschen Kriegspartei tun muß. Das Vorhandensein einer rabiaten Opposition mit so starkem Rückhalt, daß bei allen Maßnahmen der Einwand glaubhaft gemacht werden könnte, ihr müsse Rechnung getragen werden, müßte die Aktionsfreiheit der friedensbedürftigen Elemente in der Regierung sehr wesentlich heben, ein Argument übrigens, das ich nicht versäumen will, auch in dem von mir geplanten Rundschreiben zum Ausdruck zu bringen. – Leider hat mein gestriger Besuch in Herrsching mein Vorhaben weniger fördern können, als er – bei dem herrlichen Frühjahrs-Wetter hoffentlich meiner Gesundheit gedient hat. Schmid war nicht erschienen, aber ich lernte Leute kennen, mit denen fruchtbare und offenherzige Gespräche möglich waren, wie allmählich allgemein schon viel lauter die Wahrheit geredet werden kann als noch vor kurzer Zeit. Treffen sich zwei Unbekannte, so beschnuppern sie sich erst mal wie die Hunde, bevor sie sich trauen, die Vorderbeine hinten aufzustellen. Die Willfährigkeit, pessimistische und selbst revolutionäre Aueßerungen über den Kriegsverlauf und die Kriegs-Aussichten anzuhören und aus eigner Beklommenheit zu bestätigen, kann man aber schon bei den meisten Mitmenschen voraussetzen, – und das ist kein winziger Faktor zur Beurteilung der Situation. Ein noch wichtigeres Kriterium der allgemeinen Gemütsbeschaffenheit in allen Volksklassen ist die wachsende Legendenbildung und Zirkulation von Schreckensgerüchten. So soll eine Zigeunerin prophezeit haben, Deutschland werde demnächst Republik werden, und Erzählungen von immerhin erheblicher Wahrscheinlichkeit, deren Verschweigen bisher aber doch als patriotische Pflicht galt, werden überall ganz offen weitergetragen: so, daß massenhaft Truppen infolge mangelhafter Ernährung zum Feinde überlaufen und sich besonders im Westen ganze Schützengräben auf diese Weise entvölkert hätten. Wer den Krieg haßt, kann sich nicht genug über derlei Symptome freuen.

 

München, Mittwoch, d. 10. Mai 1916.

Mein Zirkular ist geschrieben, morgen diktiere ich es und übermorgen werde ich den vervielfältigten Schreibmaschinenabdruck haben. Ich habe den Inhalt so gefaßt, daß das gleiche Schreiben in Berlin, München, Leipzig und überall kursieren kann, ganz sachlich, unter Vermeidung der Ich-Form und ausdrücklich als vertraulich aber nicht geheim bezeichnet. Es handelt sich um eine begründete Aufforderung, sich darüber zu äußern, ob der betr. Empfänger einer Einladung zur Besprechung verschiedener Vertreter des Friedensgedankens folgen werde. Mit meinem Namen werde ich im Interesse der Sache wohl vorläufig ganz im Hintergrunde bleiben, damit sich niemand etwa meiner Suspektheit wegen „nichts davon verspricht“. Glück auf den Weg!

Heute vormittag hörte ich (mit Harburger) einer Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht zu, die in mancher Hinsicht charakteristisch für die Zeit war. Gestern erhielt ich von einem Herrn Dr. Bethge, Herausgeber und Syndikus der Zeitschrift „Die Bürgerwehr“ die Einladung dazu, die in hohen und etwas schnodderigen Tönen abgefaßt war und ein wenig nach Jahrmarktsreklame klang. Daraus war zu entnehmen, daß es sich um einen Kampf gegen die Zensur handle, und daß der Mann wie ein neuer Kohlhaas für sein Recht zu kämpfen beabsichtige. An die Adresse der Militärzensur fielen kräftige Sprüche ab. – Herr Dr. Bethge erwies sich als ein fränkischer Jurist, selbstgefällig, großschnäuzig, mit mehr Querulanten- als Charakterqualitäten. Seine „Bürgerwehr“ war im Sommer 1914 noch vor dem Kriege begründet worden und verhieß in ihrem Programm heftige Opposition gegen Bürokratismus, Behördenwillkür, Chauvinismus und für Bürgerfreiheit, Demokratie und andre gute Dinge. Als der Krieg kam, lernte der Herausgeber um und schrieb einen Artikel „Das Vaterland muß größer sein“, worin er nicht blos die falschen, verräterischen Engländer, Franzosen, Russen und Belgier bespuckte, sondern auch die rabiatesten Annexionsforderungen stellte, in die er gleich auch Holland und sogar Schweden mit einbezog. Darauf folgte des Verbot der Zeitschrift und dann der Kampf ums Recht, der mit faustdicken Grobheiten geführt wurde. Es wurden eine Unmenge Schriftstücke verlesen, in denen der streitbare Politikus zum Teil, zum andern Teil die militärischen Behörden ihren Standpunkt darlegten, erster abwechselnd im Korpsstudenten-Jargon seine Adressaten beschimpfend und demütig einlenkend, wenn das grade Erfolg zu verheißen schien. Seine mündlichen Ausführungen entsprachen so ziemlich dem Bild, das man sich aus seinen schriftlichen machen konnte. Grobheiten, Geschmacklosigkeiten, Selbstgefälligkeiten, die aber ein bezeichnendes Geständnis enthielten: Solche Sätze, wie sie das Verbot zur Folge hatten, würde er heute gewiß nicht mehr schreiben. Ihm sei der Patriotismus gründlich vergangen, und wenn erst mal der Belagerungszustand aufgehoben sei, dann wolle er den chikanösen Herren die Larve vom Gesicht reißen: „Das Volk murrt, es ist eine revolutionäre Stimmung im Lande!“ rief er den Richtern zu, die ohne eine Miene zu verziehn, die allerhand Richtiges enthaltenden, aber stark deklamatorischen und wenig oratorischen Ausführungen anhörten. Als der Herr aber anfing, allerlei fade Zustimmungsbriefe zu seinem „Bürgerwehr“-Unternehmen vorzulesen, wurde mir die Sache zu dumm und ich ging. Die Bekanntschaft des Falles, wo ein Gesellschaftskritiker durch die große Zeit erst um- und umgelernt und dann wieder so gründlich zurückgelernt hat, daß er jetzt – wenn auch aus dem Grunde einer persönlichen Verärgerung – viel radikaler denkt, als je zuvor, war mir immerhin wertvoll.

Wilsons Antwortnote auf die deutsche U-Boot-Erklärung vom 4. Mai liegt jetzt – vorläufig in der Fassung, die das Reuter-Bureau verbreitet – vor. Sie ist nach allen Maulschellen, die die deutsche Regierung schon von der amerikanischen hat einstecken müssen, die derbste. Kurz, grob, eindeutig. Sie erklärt, daß Amerika die deutschen Versicherungen annehme, sofern sie gehalten und von keinerlei Bedingungen abhängig gemacht würden. Die deutsche Regierung hat nun ja gleich tags nach der Veröffentlichung ihrer Note erklären lassen, daß deren Schlußsatz eine Bedingung nicht darstellen sondern nur eine Erwartung ausdrücken sollte. Das hat das deutsche Volk auch geduldig geschluckt, obwohl jeder logische Verstand die Willensäußerung, daß sich die deutsche Regierung im Falle ihrer „Erwartung“ nicht entsprochen werden sollte, die volle Freiheit der Entschließungen vorbehalten müsse, als Bedingung, ja als Alternative auffassen muß. Der Satz in der amerikanischen Antwort: „obwohl einige Stellen in der Note der kaiserlichen Regierung vom 4. Mai so ausgelegt werden könnten“ (nämlich als ob die Einhaltung des Versprechens vom Verhalten Englands abhängen solle) legt mir die Vermutung nahe, daß nach Washington inoffiziell noch ein definierendes Schriftstück nebenher abgegangen ist, worin die als letzter Trumpf der deutschen Note zum Schluß aufgestellte Bedingung, die tags darauf verleugnet wurde, dem deutschen Volk nur ad usum proprium hingeworfen sei, um Energie zu markieren, wo naturgemäß nur Kapitulation war. Die deutsche Presse stellt sich auch jetzt wieder zufrieden. Sie schreibt heute das Gegenteil von dem, war ihr gestern heiligstes Bekenntnis war – und es scheint, das Publikum merkt garnichts davon.

Kläglich ist auch das Geseire der Zeitungen wegen der Hinrichtungen, die die irische Revolution im Gefolge hat. Bis jetzt weiß man von 12 Erschießungen von Führern der Bewegung, die mit Hilfe der Deutschen sich gegen die eigne, mit diesen im Krieg befindliche[n] Regierung gewaltsam auflehnte. Sämtliche Berichte über die Prozeßvorgänge entstammen englischen Presseäußerungen, die samt und sonders energisch gegen die Methode der Blutvergeltung protestieren. Das unterscheidet eben die Engländer von den Deutschen, daß man hier nur dann von „Gemetzel“ spricht, wenn die englische oder russische Regierung ihre aufsässigen Untertanen niederkartätschen läßt, die eignen „wohlverdienten Strafen“ aber gutheißt oder totschweigt, während dort (in England) noch jede Niedertracht im eignen Lande wütender Kritik und schärfster Verurteilung begegnet ist. – Mein alter Freund Schmied, der als Argentinier eigentlich neutral sein sollte, aber eine kindische Wut gegen die Engländer hat, stellte mich heute im Café höhnisch wegen der Gemeinheiten in Irland. Ich antwortete ihm: „Ich werde in einem öffentlichen Lokal solange nicht über Irland sprechen, wie ich nicht auch über Elsaß-Lothringen sprechen kann. Wenn wir hier unter englischen Gesetzen lebten, könnte ich dir antworten, unter unsern Zuständen würde ich dabei meine Freiheit in Gefahr bringen.“

 

München, Donnerstag, d. 11. Mai 1916.

Liebknecht soll verhaftet bleiben und sein Prozeß weder aufgehoben noch auch blos aufgeschoben werden. Im Ausschuß für Geschäftsordnungssachen des Reichstags hat man die Anträge der sozialdemokratischen Fraktion und der Arbeitsgemeinschaft abgelehnt, nachdem ein Sozialdemokrat versichert hatte, daß er gewiß nicht aus Sympathie mit Liebknecht für ihn eintrete. Jedenfalls ist bei dieser Gelegenheit einiges bekannt geworden, was mit den Vorgängen zusammenhängt, die zur Verhaftung am 1. Mai führten. Danach hat Liebknecht zu einer Maidemonstration auf dem Potsdamer Platz eingeladen, hat dazu ein Flugblatt verfaßt und verteilt und auf dem Platz ausgerufen: „Nieder mit dem Krieg!“ und „Nieder mit der Regierung!“ Seiner Verhaftung setzte er tätlichen Widerstand entgegen und trug – o Verräter! – Zivil, obwohl er Armierungssoldat ist. Soviel ist aus dem knappen Bericht über die Verhandlungen der Kommission zu ersehn. Vielleicht werden die öffentlichen Verhandlungen des Plenums weitere Einzelheiten publik machen, über die man bis jetzt vagen Gerüchten ausgeliefert ist. Es wird erzählt, daß die Feuerwehr in die Volksmenge auf dem Potsdamer Platz hineingespritzt habe, auch hörte ich – woran ich aber doch noch zweifeln möchte, die Jugendwehr habe hineingeschossen. Wenn man allerdings die Rotzlümmel sieht, die 16jährig mit Schießprügeln über dem Buckel die Straßen durchziehn, in ekelerregender Devotion vor jedem Offizier militärische Honneurs machen und sich dank der infamen Erziehung, die der jetzt mit Recht in der Türkei an „Fleckfieber“ verstorbene Generalfeldmarschall v. der Goltz inauguriert hat (beim Thronfolger Jussuf nannte man dieselbe Todesursache „Selbstmord“, – es kommt da wohl auf die Motive der Täter an) und dank dem Uniformfetischismus der Deutschen schon jetzt wie Auserwählte vorkommen, – dann liegt die Betrachtung garnicht so fern, daß die Befürchtung, die im Krieg verbitterten militärischen Mannschaften könnten sich beim Befehl, auf den „inneren Feind“ zu schießen, an die natürliche Solidarität mit ihren Opfern erinnern, das Vertrauen der höheren Gewalten auf die unreife, blutrünstig gemachte Jugend konzentrieren wird. Die hat man durch Dressur und Entpersönlichung gewiß schon soweit von falscher Scham befreit, daß man ihr die kalte Ermordung von Volksgenossen ohne Skrupel zumuten kann. – Daß das Reichstagsplenum andres beschließen wird als die Kommission ist nicht anzunehmen. Man wird sich aber fragen dürfen, ob die Arbeitsgemeinschaft, die sich in der Beurteilung des Kriegs nicht garzu weit von den Ansichten Liebknechts entfernt, die brutale Mundtotmachung Liebknechts wieder froschblütig und unter formalem Protest erledigt sein lassen will. Es wäre nach meinem Empfinden schon nach den gegen ihn am 8. April verübten Tätlichkeiten ihre Pflicht gewesen, Satisfaktion zu verlangen und ehe sie nicht gegeben war, weitere Verhandlungen des Reichstags durch Obstruktion zu verhindern. Jetzt, wo das reizende Parlament die zupackende Polizeifaust als willkommenen Bundesgenossen begrüßt, um den Kollegen loszuwerden, der der grenzenlosen Jämmerlichkeit dieser Volksvertretung als Einziger den Spiegel vorhält, wäre es für die, die spät zwar aber immerhin doch einen oppositionellen Willen zeigen, Anstandspflicht, ihre Solidarität mit Liebknecht mit solchem Nachdruck zu betätigen, daß jede Reichstagsarbeit unmöglich wird, bis er befreit ist. Leider habe ich sehr wenig Vertrauen, daß sich die Herren zu kräftiger Abwehr entschließen werden. Sie sind halt Politiker und infolgedessen Leisetreter, und „Hochverrat“ ist ein Vorwurf, der auch auf diese revolutionären Seelen seine Wirkung nicht verfehlt. Schon aber haben die Reichstags-„Kollegen“ erklärt, daß Liebknecht aufgrund des § 89 Str. G. B. verurteilt werden müsse. – Sehr auffällig ist doch auch, daß gestern bei Wiedereröffnung des Reichstags garkeine Rede von dem Antrag der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft war, der die Brachialgewalt im Reichstag und die Vergewaltigung der Parlamentsberichterstattung zum Gegenstand hatte, und der den Herren am 10. April so dringlich schien, daß sie seinetwegen der Vertagung des Reichstags, auch blos bis zum 2. Mai, widersprachen. Ich ahne langsam, daß zwischen Ledebour und Scheidemann am Ende doch eine engere Seelenverwandtschaft besteht als zwischen Haase und Liebknecht. Und das ist eine trübe Ahnung.

Vor einigen Tagen wurde vor Verdun die „Höhe 304“ genommen. Unsre geschäftigen Patrioten haben infolgedessen wieder neues Wasser auf der Mühle. Ziersch, der nach dem Fort Douaumont 10 Tage ansagte bis zur Eroberung Verduns, ist jetzt – nach 10 Wochen – bereits soweit, daß er den Fall der Festung binnen 8 Tagen prophezeit. Besagte Höhe nämlich beherrsche die Straße Verdun – Paris, die nun unter ständigem Feuer stehe, sodaß die 15 Kilometer, die immer noch zwischen der deutschen Stellung und Verdun liegen, garkeine Entfernung mehr seien. Dann aber werde man Châlons nehmen und damit die französischen Waffenfabriken in die Finger bekommen. Ich erkenne aus derlei Illusionen immer wieder, wie wenig stichhaltig die Hoffnungen sind, die auf die Einsicht der Leute rechnen, daß mit den Waffen schlechterdings nichts Entscheidendes mehr gewonnen werden kann. Ebensowenig wie bei uns ist diese Einsicht im Ausland in Sicht. Nun hat man 65000 Serben nach Saloniki transportiert (die „Münchner Zeitung“ vermindert die Anzahl per „Druckfehler“ in der Kopfüberschrift auf 6500, – ich habe das System in diesem Irrtumsverfahren schon mal erwähnt), die Russen haben wiederholt Truppen in Marseille gelandet, die Engländer mobilisieren aufgrund der Wehrpflicht alles, was noch einen Tornister tragen kann – und so hat man auf der andern Seite wieder genau die gleichen Köder an der Durchhalte-Angel wie bei uns. So scheint mir mein Plan, die methodische Organisation aller Gegenstrebenden zu betreiben, in der Tat höchst dringlich, zumal auch, um gegen die verruchte Kritiklosigkeit und gegen die blinde Vertrauensseligkeit zu allen Regierungsbehauptungen ein Gegengewicht zu schaffen. Man hört allenthalben Aeußerungen gegen die Amerikaner, die einfach als Schweinehunde bezeichnet werden. Kaum Einer ist imstande, die Dinge von der andern oder auch nur von einer objektiven Seite aus zu betrachten. Heute habe ich mein Rundschreiben diktiert und die Vervielfältigung bestellt.

Die deutsche Regierung gibt jetzt in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ zu, daß die „Sussex“ tatsächlich von einem deutschen U-Boot torpediert worden ist, indem sie von dem Offizier für ein feindliches Kriegsschiff gehalten wurde. Man muß sich dabei an die hochamtlichen Erklärungen erinnern, wonach ein deutsches Torpedo nicht in Frage kommen konnte, und an den schweizerischen Kronzeugen, einen Journalisten, der seinen Eid dafür anbot, daß er den Eid, das Schiff sei torpediert werden, nur unter einem gelinden Druck in Frankreich abgegeben habe, weil er sonst Zeit verloren hätte. In Wirklichkeit sei es das Opfer einer Mine geworden. Mit dem Zeugnis eines Mannes, von dem kein Mensch etwas andres wußte, als daß er nach eignem Bekenntnis sehr leicht schwört, ist die deutsche Regierung wochenlang krebsen gegangen. Aber der Glaube an die absolute Wahrheit jeder Regierungsäußerung wankt und weicht nicht. – Die Behauptung holländischer Blätter, daß die deutsche Regierung wegen der „Tubantia“ Schadenersatz angeboten habe, wird jetzt offiziös Lügen gestraft, was mir persönlich weder für noch gegen die Versenkung der „Tubantia“ durch ein deutsches U-Boot irgendwas beweist. Ich komme über den Verdacht nicht weg, daß der Seekrieg nicht mehr von Berlin aus dirigiert wird sondern von einer revoltierenden Militärkaste tirpitzischen Gepräges. Das wird allerdings erst offenbar werden, wenn nach allem Diplomatisieren mit Amerika plötzlich doch der Krieg mit den Vereinigten Staaten da sein wird. Ich zweifle kaum daran, daß der dazu erforderliche „Fall“ durch ein neues „Versehn“ eines U-Boot-Kommandanten schon geschaffen werden wird. Der „Haßgesang an Amerika“, der dann ebenfalls nicht ausbleiben wird, wird besonders melodisch klingen.

 

München, Freitag, d. 12. Mai 1916.

Friedas 40ter Geburtstag. Ich bin, wie sich das wohl mein Leben lang nicht viel ändern wird, mit guten Gedanken bei ihr.

Heinrich Mann, den ich heut vormittag nach seiner Rückkehr von Berlin besuchte, war mit meinem Schreiben an Gleichgesinnte ganz einverstanden und versprach an einer etwa zustande kommenden Besprechung in München teilzunehmen. Ich zweifle leider daran, ob in München irgendwelche Aktion überhaupt möglich sein wird, auch wenn sonst im ganzen deutschen Reich keine einzige Großstadt zurückstehn sollte. Die Luft, die hier zwingt, alle Marmordenkmäler den Winter über in Bretterhütten einzupacken, weil sie sonst durch fressende Feuchtigkeit verfaulen müßten, scheint sich auch über die Seelen der Menschen zu legen, sie zu lähmen und aktionsfaul zu machen. Selbst Leute, die früher woanders Aktivität und gute Initiative hatten, unterliegen hier in Kürze dieser verdumpfenden Atmosphäre mit dem Ergebnis, daß sie sich von nichts „etwas versprechen“. – Aber ich will mich nicht auch noch unterkriegen lassen und erst recht meinen Mann stellen. – H. M. erzählte, bei der Maidemonstration am Potsdamer Platz seien 20000 Menschen beteiligt gewesen, und es sei dabei auch Blut geflossen, indem, zwar nicht von den Wehrkraftbuben, aber doch von der Polizei in die Menge geschossen wurde. In der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg seien eine ganze Menge Fleischerläden demoliert worden, kurzum die Stimmung sei durchaus hoffnungerweckend. Er hat Maximilian Harden besucht und einen großen Eindruck empfangen. Durch den Krieg sei der literarische Mensch in Harden wieder wach geworden, der die Dinge ganz in unserm Sinne beurteile. Wegen seiner Haltung vorher habe er sich zu rechtfertigen gesucht. Deutschlands Unglück, den derzeitigen Kaiser zu haben, habe ihn zu der Überzeugung gebracht, daß sich die Verhältnisse in Europa nur durch einen Krieg reparieren lassen würden, den er sich klein und kurz vorgestellt habe. Das Verderben, das jetzt da sei, habe er gewiß nie gewollt oder vorausgesehn. Das sei „ein Ekel und ein Grausen“. Manns Meinung, man müsse nach dem Kriege etwas unternehmen, habe er widersprochen, da er die Zeit für Aktionen schon jetzt gekommen sieht. Mann riet mir deshalb dringend, mich wegen meines Unternehmens mit Harden in Verbindung zu setzen und womöglich noch einmal nach Berlin zu reisen. Man müsse Hardens große Publizität unsrer Sache energisch dienstbar machen. Ich will deshalb, sobald ich die Schreibmaschinen-Abdrucke habe, davon einen an Harden schicken und ihm dazu schreiben. Eine Wiederholung der Reise kann ich mir nicht gleich wieder leisten.

Jetzt erwarte ich Aster. Ich hoffe auch ihn durch den Wortlaut meines Schreibens etwas gefügiger zu machen. Allerdings stimmt mich die Anerkennung, die mir so vorsichtige Leute zollen, ein wenig ängstlich, als wäre das Schriftstück doch garzu zaghaft ausgefallen. Ich fühle mich zumeist erst auf dem rechten Wege, wenn man mich als Don Quichote verhöhnt.

 

München, Montag, d. 15. Mai 1916

Professor v. Aster zeigte sich in der Tat am Freitag, nachdem er mein Rundschreiben gelesen hatte, der ganzen Idee zugänglicher. Doch ist das Problem, wer es unterzeichnen soll, noch nicht gelöst. Vor meinem Namen haben ja die braven Leute soviel Angst, daß er sie kopfscheu machen würde, ehe sie wüßten, worum es sich handelt. Finde ich aber niemand, der es wagen will, dann gebe ich’s halt doch unter eigner Bedeckung weiter. – Unter dem, was Aster Neues wußte, war mir am Interessantesten einiges zu erfahren, wie Österreich seine vierte Kriegsanleihe aufzubringen sucht. Nach dem Prospekt, in dem zum Zeichnen gekeilt wird, wird erklärt, daß bei einer Gewährung von beispielsweise 1000 Kronen zum Zinssatz von 5 % nicht tausend Kronen zu zahlen sind, sondern blos 200. Der Rest wird von einer Darlehnskasse vorgestreckt und ist so mäßig zu verzinsen, daß man in Wahrheit statt der 1000 mit 5 Prozent zu verzinsenden Kronen, die quittiert und in der Resultataufmachung verrechnet werden, blos 200 Kronen hergegeben haben wird, die man mit 8 % verzinst kriegt. Wenn das keine Schiebung ist, keine Bilanzverschleierung, kein Betrug – dann weiß ich nicht, wo diese Begriffe anfangen sollten, in Geltung zu treten. – Gestern war ich bei Eisner, um den einzigen prominenten Sozialdemokraten der Münchner Minderheit zu gewinnen. Es gab ergiebige Gespräche und viel gute Anregung. Auch Eisner hält das Rundschreiben-Unternehmen für günstig, ohne indessen raten zu können, wen man in München zuziehn soll oder gar wer als Unterzeichner zu gewinnen sei. Er wünschte zum Gegenstand der Diskussion statt Krieg und Frieden lieber die Verständigung über positive Schritte zu konkreten Fällen, als deren gegebener jetzt der Fall Liebknecht in Frage käme. Es handle sich darum, Persönlichkeiten zu finden, die sich exponieren. Jedem Menschen sei zunächst die Frage vorzulegen, wie er sich zu der Liebknechtschen Sache verhalte. Wer da abwinkt, ist nicht zu gebrauchen. – Es sei nötig Aufklärung zu verbreiten über die Entstehung des Kriegs. Die Schuldfrage sei keineswegs gleichgültig. Eisner wiederholte, was er mir bei einem früheren Besuch schon mal auseinandergesetzt hatte, daß der Friede von Bethmann-Hollweg garnicht geschlossen werden könne, weil das Ausland keine Verträge mit einem Manne machen werde, der das „Not kennt kein Gebot“ ausgesprochen und von „Fetzen Papier“ geredet habe über die Verträge, die den Frieden garantieren sollten. Es sei grade Aufgabe in Deutschland, dafür zu sorgen, daß die Regierung des Kriegs einer Regierung des zu schließenden Friedens zu weichen habe. Eisner wollte erfahren haben, daß in den letzten Tagen ein Brief des Kaisers an Wilson abgegangen sei, in dem um Friedensvermittlung gebeten werde. Das ist garnicht so unwahrscheinlich, nachdem die Note an Amerika ja deutlich genug den Wunsch verriet, zum Ende zu kommen. Ich fürchte nur sehr, daß Wilson jetzt nichts mehr wird tun können. Solange Deutschland Frieden auf der Grundlage des Verzichts auf Eroberung und Entschädigung hätte haben können, wollte es keinen, weil es den Verzicht nicht wollte. Jetzt werden die Gegner nicht wollen, da sie sehn, daß die Wirkung des Aushungerungskriegs soweit gediehen ist, daß Deutschland offenbar friedensbedürftig geworden ist in der Einsicht, daß der Krieg bei längerem Hinausziehn unrettbar verloren gehn muß. In der Tat nimmt der Lebensmittelmangel schon gradezu groteske Formen an. Allmählich wird auch das krampfhafte Suchen nach Schuldigen nichts mehr nützen. So gewiß besonders von Schlächtern viel Ware zum Zweck der Preissteigerung versteckt wurde und oft verfaulen mußte, so gewiß auch „gehamstert“ worden ist, was zur Beschleunigung der Not beigetragen hat, so gewiß ist doch die Möglichkeit zu solchen egoistischen Handlungen schon Wirkung der Ernährungsnot. Nun hat man Herrn Dr. Delbrück, den Staatssekretär des Inneren, in die Wüste geschickt (ich fragte Harden in einem Brief an: Ist Delbrück gegangen, weil er Zucker hat oder weil wir keinen haben? – Man hat nämlich Furunkulose als Folge von Diabetes offiziell als Entlassungsgrund angegeben), und das Neueste ist, daß man eine Diktatur einsetzen will, um die Ernährungsprobleme zu regeln. Ein „starker Mann“ soll die Organisation für das ganze Reich in die Hand nehmen (Harden schlägt Tirpitz vor), womöglich ein Militär. Damit sollen die Grenzen zwischen Erzeuger- und Verbrauchergebieten verwischt werden, anders ausgedrückt: Süddeutschland soll in noch höherem Grade als schon im Lauf der letzten Monate zu eignen Ungunsten Preußen füttern. Ob sich die Bayern leicht mit der Idee anfreunden werden, daß die Hungersnot ein einiges Deutschland vorfinden soll? Ich fürchte, Preußen ist schon wirklich soweit identisch mit Alldeutschland, daß unsre bayerischen Städter und Bauern auch das noch schlucken werden. – Die größte Schwierigkeit wird der starke Mann jedenfalls darin finden, daß, um die Einkaufsmöglichkeiten aus dem Ausland nicht völlig zu ruinieren, die fortgesetzte Rücksicht auf die Mark-Valuta genommen werden muß. Vor einigen Tagen schon ging durch die Presse die Nachricht (bemerkenswert ist die Nachsicht, mit der die Zensur neuerdings solche Kritiken passieren läßt), daß in Mecklenburg ein großer Teil der Spargelernte an dänische Agenten verkauft werde. Auf Beschwerden sei von der Regierung der Bescheid gekommen, es sei um der Hebung der Valuta willen sogar erwünscht, daß vom deutschen Überfluß ins Ausland verkauft werde. Noch toller ist, was der bayerische Zentrumsabgeordnete Heim, ein Experte in agrarischen Dingen, in einer Versammlung des bayerischen Bauernbunds in München gesagt hat: von der sehr reichlichen Butter, die wir in Bayern hatten, sei enorm viel nach Norddeutschland exportiert worden, dort aber nicht geblieben, sondern nach Dänemark und weiter nach England gekommen – der Valuta wegen. Der Mann – ein einwandfreier Patriot – höhnte über das Kartensystem, es wäre besser, wenn wir statt der Fleischkarten Fleisch hätten etc. Er erhofft den Sieg trotzdem noch – und zwar von den glänzenden Ernteaussichten in diesem Jahr. Sie werden alle auf Granit beißen, denn mit dem Getreide allein ist es nicht getan, außerdem kann man, bis die Ernte schnittreif ist, nicht nur das Volk nicht mehr, sondern auch die Soldaten nicht zureichend ernähren. Hunger im Feldheer aber ist Erschöpfung, Entmutigung, Meuterei, Niederlage. Mit leeren Mägen wird man die Mannschaften schwerlich zum Sturmangriff bewegen können, und dafür daß der Krieg schon heute nicht mehr im Stile von Lüttich geführt werden kann, sollte den Herren doch wohl Verdun ein Menetekel sein. Lange kann man die Version ja auch kaum noch aufrecht halten, als ob die Schlacht mit einem deutschen Siege geendet habe. Die Enttäuschung aber, daß die Verduner „Entscheidung“ eine Schlappe war, wird die Kriegszielphantasien der Patrioteska jedenfalls erheblich herabstimmen. Wie selbst Pazifisten noch gutgläubig Deutschland als Sieger ansehn, das einfach Bedingungen für den Frieden aufstellen kann, zeigt sich mir durch folgendes. Ich erhielt über meine Deckadresse ein Paket vom „Vaterländischen Frauenverein“, Berlin, enthaltend 100 Broschüren „Reale Garantien für einen dauernden Frieden“. Zuerst eine recht tüchtige anständige Abfertigung der Forderung der 6 Wirtschaftlichen Verbände, Darlegungen, warum man – speziell im Westen – nicht annektieren dürfe. Dann aber doch die Auffassung, als ob die Waffen den Krieg entscheiden werden und eine Propaganda dafür, daß Deutschland sich durch ein großes afrikanisches Kolonialreich entschädigen lassen solle. Eisner hat Quidde als Verfasser in Verdacht. Aber daß die Leute glauben, ich werde die Verteilung einer solchen letzten Endes doch auch annexionistischen Werbeschrift übernehmen, scheint mir reichlich naiv zu sein.

Amüsant ist mir in den Zeitungen die Entrüstung über einen Fall, der irgendwo in Ungarn aufgekommen ist. Dort sind in der Wohnung eines Klempnermeisters Kiß – der inzwischen in Serbien den „Heldentod fürs Vaterland“ gestorben sein soll – eine Unmenge Frauenleichen in Blechsärgen eingelötet gefunden worden. Der Massenmörder ist nun eine ständige Nummer im Vermischten-Teil der Zeitungen. Sich vorzustellen, wie die Heerführer und Schlachtenlenker vor ihren Gazetten beisammen hocken und bei den Gedanken erschaudern, daß ein Massenmörder ein Dutzend Menschenleben auf dem Gewissen hat! Si duo faciunt idem – –

 

München, Donnerstag, d. 18. Mai 1916.

Zenzl ist mit Engler nach Rosenheim gereist und ich bin Strohwitwer. Der arme Kerl hat – vielleicht vor dem Ausmarsch ins Feld den letzten – Urlaub, und bei der tiefen Verbundenheit der beiden Menschen – 10 Jahre Ehe prägen sich ein – mag ich nicht den Wauwau spielen. Ich glaube nicht, daß nach dem Zusammenbruch der Ehegemeinschaft außer Kameradschaft noch etwas übrig geblieben ist, und wenn – dadurch daß ich eine gemeinschaftliche Reise verhindere, schaffe ich mir im Herzen meiner Frau gewiß keine bevorrechtigte Stellung. – Die Reise wird ihr gut tun, so ertrage ich die Unbequemlichkeit des Alleinseins.

Grey hat sich Journalisten gegenüber über die englischen Friedensforderungen geäußert und dabei die letzten Asquithschen Aeußerungen wirksam ergänzt. Man kann jedes Wort, das er sagte, mag er selbst daran glauben oder nicht, unterstreichen und nur wünschen, daß wirklich der Geist endlich siegen wird, der Frieden schafft aufgrund von Verständigung, gegenseitiger Achtung und Anerkennung gemeinsamer Grundsätze. Darin, daß Deutschland in alledem bisher der Störenfried war, besteht eine Meinung – außer in Deutschland, wo fast eine Meinung besteht für das Gegenteil.

Um auch in München und Bayern alles zu versuchen, was zu einer Verständigung Gleichgesinnter aus verschiedenen Lagern dienen kann, hatte ich mich mit dem sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Süßheim aus Nürnberg in Verbindung gesetzt und war heute bei ihm im Landtag. Auch einer, der sich „nichts davon verspricht“. „Die Arbeiterorganisation“ (die Bewilligungspartei dieses Doktors –) muß es allein machen. Nur keine „Literaten“! In Bayern ist Hopfen und Malz verloren.

Österreich siegt zur Zeit in Tirol. Man teilt täglich mit, wie hunderte und selbst tausende Gefangene gemacht wurden, Geschütze und Maschinengewehre erbeutet wurden und schon hängen Flaggen aus den Häusern. Die Phantasie der Leute reicht nicht soweit sich zu sagen, daß alle Siegerei nur Stimmungsmache ist, und daß jeder irgendwo siegen kann, wenn er nur Mannschaften in genügender Zahl zur Schlachtbank führen mag. In diesen Tagen jährt sich der Kriegsbeginn mit Italien. Da muß jedenfalls, um die recht fatale Stimmung in Österreich wieder zu heben, ein neuer Hoffnungsrummel funktionieren.

Zufällig traf ich heute Wedekind, der gestern von Berlin zurückkam. Er redet (wenigstens zu mir) so revolutionär wie nur Einer und meint, daß alle Hoffnung auf Frieden aus einer deutschen Niederlage kommen müsse. Die Pleite des Reichs hält er so und so für ausgemacht, und erzählte, was Rathenau über die Kriegsanleihe sagte. Das ist umso interessanter, als der Herr jetzt als Kandidat für die Nachfolge Helfferichs genannt wird. Er sagte, die Kriegsanleihe sei nur eine zinstragende Banknote, die die unverzinslichen aufkaufen müsse ... Wedekind las mir einen Dialog vor zwischen Theodor Wolf und Bethmann Hollweg, den er sich kombiniert hat aus Berichten, die er hörte. Es wäre schade, wenn das bezeichnende Zwiegespräch der beiden Möchtegerne verloren ginge. Es lautet etwa:

Theodor Wolf: Wie, bitte, stellen Sie sich die Garantien vor, die Belgiens künftige Haltung bestimmen sollen?

v. Bethmann-Hollweg: Es müssen sichere Garantien sein.

Theodor Wolf: Was verstehen Sie unter sicheren Garantien?

v. Bethmann-Hollweg: Unter sicheren Garantien verstehe ich feste Garantien.

Theodor Wolf: Ich muß Ihnen gestehen, daß ich Sie nicht verstehe.

v. Bethmann-Hollweg: Ich verstehe Sie so, daß Sie mich nicht verstehn wollen.

Theodor Wolf: Jetzt verstehe ich Sie.

 

München, Dienstag, d. 23. Mai 1916.

Viele störende Zwischenfälle, die mich immer wieder von der Beschäftigung mit meinem Tagebuch zurückhielten. Darunter einer war das plötzliche Auftauchen des Herrn Karl Erdmann, ehemaligen Gewerkschaftssekretärs in Zürich. Er kam Sonntag hier an, um am Montag als Angeklagter vor Gericht zu erscheinen wegen „Beihilfe zum Vergehn gegen das Vereinszollgesetz“, und ich sollte ihm von heute auf morgen einen Verteidiger beschaffen. In Ferdinand Kahn fand ich ihn. Gestern wohnte ich nun der Verhandlung bei, die sich auf 9 Angeklagte erstreckte und das Bild vollkommener Schieber-Praktiken entrollte. Man hatte Salicyl und Cereisen in die Schweiz zu schmuggeln versucht und Erdmann hatte den Kauf vermittelt, wie er behauptet ohne Ahnung, daß die Ware fürs Ausland bestimmt sei. Im Laufe seiner Vernehmung hielt ihm der Vorsitzende vor, daß er in seinen Geschäften überhaupt recht stempelfrei vorgehe. Bei der bei ihm vorgenommenen Haussuchung seien Korrespondenzen gefunden worden, worin er u. a. Handgranaten offeriert habe. Erdm. gab das mit der Bemerkung zu, von dergleichen Geschäften lebten in Berlin jetzt Hunderte. Ich habe nachher Kahn einen Eilbrief ins Gericht geschickt mit beigelegtem Brief an Erdmann, worin folgendes stand: „Sehr geehrter Herr Erdmann! Die in der heutigen Gerichtsverhandlung laut gewordene Tatsache, daß zu Ihren Geschäften auch das Angebot von Handgranaten gehörte, daß Sie also bereit waren, Kriegswaffenhandel zu treiben, schließt für mich jeden ferneren persönlichen Verkehr mit Ihnen aus. Hochachtungsvoll ...“ – Ich überlege, ob ich nicht auch nach Berlin wegen der Sache schreiben soll. E. hatte mir nämlich von seinen nahen Beziehungen zu sozialistischen Elementen radikalster Richtung erzählt, grade zu der Friedenau-Steglitzer Gruppe (Mehring, Luxemburg, Borchardt, Ernst Meyer etc), der es, wenn seine Angaben stimmen, überaus fatal sein muß, einen derartigen Verkehr eventuell mal vorgeschmissen zu kriegen. Sie werden eine Warnung wohl recht verstehn.

Erdmann sowohl wie vorher ein junger Lyriker, der mit einem Gruß von Jenny bei mir vorsprach, erzählten von der Liebknecht-Demonstration am Potsdamer Platz, an der offiziell 200 Personen teilgenommen haben sollen (als ob auf dem Potsdamer Platz eine Ansammlung von 200 Personen auch nur als Auflauf angesehn würde!). Man scheint 2 Nullen bei der Zahl unterschlagen zu haben, und es ist bei der Zerstreuung nach beiden Aussagen auch Blut geflossen. Liebknecht soll zur Zeit in Moabit sitzen. Ich finde, man muß jetzt möglichst viele, in ihrer Weltanschauung voneinander entfernte Menschen gewinnen, um Solidaritäts- und Sympathiekundgebungen für den Mann herbeizuführen. Das wäre zugleich eine gute Gelegenheit, aufrechte Menschen von Opportunisten und Leisetretern zu scheiden. Da in München kaum etwas zu machen ist, will ich auch das nach Berlin anregen.

Österreichs Offensive gegen Italien hat große Dimensionen. Offenbar will man den Feind überall außer Landes haben, um für die Friedensverhandlungen die günstigste Position zu erstreiten. An den Durchbruch, von dem schon allgemein geredet wird – man prophezeit schon die Einnahme Veronas und die Gefährdung Mailands – glaube ich nicht. Kriegsüberdruß, Geld- und Nahrungsmangel, dazu die Jubiläumssucht, grade zum Jahrestag der italienischen Kriegserklärung mit einem großen Erfolg aufwarten zu können, erklären die Anstrengungen der Österreicher hinlänglich. Erreicht wird dabei nichts andres werden, als was wohl nur erreicht werden soll: dem Publikum etwas neue Hoffnung einzuflößen. Wie lange solche Hoffnung vorhält, auch nachdem schon der Mißerfolg ganz offensichtlich ist, beweist Verdun. Dort nehmen die Deutschen hier und da immer noch eine Stellung, und vor den Telegrammen hört man noch immer die Unentwegten die Gefangenen zusammenrechnen. Sie haben in 22 Monaten nichts gelernt als sich einzuschränken – im Butterverbrauch und im Siegesjubel. In den Unzufriedenen sehn sie immer noch Verräter.

Mich beschäftigt stark die Idee, schon jetzt mit meinem Buch über den Krieg anzufangen. Täglich mehren sich die Anzeichen, daß die deutsche Regierung dringend friedensbedürftig ist. Zwar fürchte ich, daß ihr das nichts nützen wird, da sich die Engländer auf den Standpunkt stellen, daß der, der den Zeitpunkt für den Kriegsbeginn gewählt hat, nicht auch den für die Friedensverhandlungen aussuchen darf, wenn er fühlt, daß er nicht weiter kann. Aber die latente Möglichkeit eines plötzlichen Waffenstillstands ist nicht zu leugnen, und ich möchte möglichst bald nach Aufhebung des Belagerungszustands auf meinem Platz stehn. Eine Freundin von Hardy ist seit einigen Tagen in München, um hier ihre Entbindung abzuwarten. Der möchte ich das Buch ins Stenogramm diktieren. Dadurch nimmt mir dann die Arbeit nicht allzuviel Zeit weg. Vorher möchte ich aber noch einem wichtigen Gedanken nachgehn, nämlich gewisse Vorgänge vor dem Kriege zu betrachten, die damals unbeachtet blieben, die aber besondere Bedeutung erlangen unter dem Gesichtspunkt, daß sie schon zusammenhingen mit dem, was sich vorbereitete. Der Besuch des deutschen Kaisers und des französischen Präsidenten in der Schweiz, der Zug der schwedischen Bauern zu ihrem König, um ihn für Heeresverstärkungen zu gewinnen, die Wehrsteuer, das bayerische Standrechtsgesetz und noch vieles – all das zeigt, wie einige wenige Persönlichkeiten in allen Ländern schon bescheid wußten und das präparierten, was das ahnungslose Volk mit Blut, Leben und allem Entsetzen der Welt zu besiegeln hatte ... Ferner muß ich meine Aufzeichnungen in diesen Heften einer genauen Durchsicht unterziehn, um meine individuellen Auffassungen in der Zeit des Werdens mit denen nachher zu vergleichen. Die Tagebücher selbst mögen nach meinem Tode für die „große Zeit“ zeugen.

 

München, Mittwoch, d. 24. Mai 1916.

Das Wort Friede spielt neuerdings in der Presse eine so bedeutende Rolle, daß man trotz allen Enttäuschungen wieder Hoffnung fassen möchte. Zwar liegt der Verdacht sehr nahe, daß der Wunsch der deutschen Regierung ein glimpfliches Ende herbeizuführen – das heißt eins, das man dem törichten Volk nachher als Sieg aufblasen kann –, ehe die Aushungerung zur Kapitulation zwingt, sich in Ermunterungen an die Zeitungen ausgedrückt hat, Schalmei zu flöten. Auch soll dem Reichstag eine neue Forderung von 10 Milliarden vorgelegt werden, und die möchte man wohl mit der Berufung darauf mundgerecht machen, daß man selbst liebend gern Schluß haben will, aber die bösen Feinde wollen eben noch nicht. Aber doch sprechen gewisse Momente deutlich dafür, daß etwas im Gange ist. Dahin gehört eine entschiedene Lockerung des Kriegszustandszwangs. Im „Vorwärts“ finde ich neuerdings doch manches, was die Zensur passiert hat, was bisher nicht so frei geäußert werden durfte. Ich selbst erfahre die Besserung dadurch, daß ohne Zweifel seit etwa 14 Tagen die Briefsperre über meine Korrespondenz aufgehoben ist. Möglicherweise lassen doch diese Symptome auf eine Stimmung bei den Machern schließen, die baldige Rückgewöhnung an frühere Zustände voraussieht und nun eine Plötzlichkeit vermeiden möchte, die eine garzu lebhafte Erinnerung an die dann zur Kritik zugelassenen Unterdrückungen bewirken müßte. – Nun hörte ich überdies schon vor einiger Zeit, der Kaiser habe an Wilson einen Brief gerichtet, in dem er ihn um Vermittlung bat. Die Rede Greys bewegte sich in ziemlich gemäßigten Tönen, nun hat Bethmann-Hollweg wieder einen amerikanischen Journalisten empfangen und neuerdings sein Friedensbedürfnis durchblicken lassen, und endlich, was das Wichtigste ist, hat Wilson eine Rede gehalten, worin er gradezu erklärt hat, die Dinge seien zur Verständigung reif, und die Vereinigten Staaten seien berufen, zu vermitteln. Daß die Dreckpresse vom Schlage der „Münchner Zeitung“ sogleich Stimmen aus deutschen und englischen Zeitungen reproduziert, die Wilsons Vermittlung recht höhnisch zurückweisen, tut wenig zur Sache. Die Schmöcke lassen sich von heute auf morgen pfeifen, wohin man sie braucht. Ich habe doch die Empfindung, daß der vorsichtige Amerikaner schwerlich so direkte Worte gebraucht hätte, wenn er sich nicht schon mit den Auguren hüben und drüben durch ein Augenzwinkern verständigt hätte. Wenn die Zentralidioten nur nicht wieder durch die österreichische Siegerei in Tirol übermütig gemacht werden und auf Grund der Landkartensituation unannehmbare Bedingungen stellen! – Das Bethmann-Interview zeigt wieder mal in erstaunlicher Weise geistige Unterlegenheit gegen die Herren Grey und Asquith. Der unglückliche Mann arbeitet nun schon, um Englands Haltung in der belgischen Frage zu kompromittieren, mit Zitaten aus englischen Zeitungen, die er in emsigem Bemühen aus dem Jahrgang 1887 exzerpiert hat. Da fand er eine Stelle im „Standard“, worin die Ansicht vertreten war, Englands Interessen würden, falls Deutschland in Belgien „Wegerecht“ beanspruchen sollte, nicht berührt. Wenn Herr Grey jetzt Zeugnisse deutscher Zeitungen zusammen suchen wollte, worin deutsche Angriffsabsichten Ausdruck fanden, so brauchte er wahrhaftig nicht 30 Jahre zurückzublättern. Nippolds „Deutscher Chauvinismus“ enthält Zusammenstellungen deutscher Zeitungsstimmen aus den allerletzten Jahren (das vortreffliche Buch ist 1913 erschienen), die ihm Material in Hülle und Fülle bieten. Gleichgültige Zeitungsäußerungen von 1887 als Verdächtigungen einer Regierung von 1914 zu benutzen, bringt wirklich nur ein deutscher Reichskanzler fertig, dem schon alle Gründe ausgegangen sind. Zudem gibt er sich dabei die Waffe aus der Hand, die er bisher immer geschwungen hat, daß es eigentlich grade die englische Absicht war, Belgien für Frankreich als Durchmarschgebiet zu reservieren, deshalb sei Deutschland nur zuvorgekommen ... Auch das Wort „Einkreisungspolitik“ (das übrigens von Harden stammt) mußte herhalten, als ob nicht jeder halbwegs original denkende Mensch wüßte, daß diese Einkreisung grade veranlaßt war durch die bedrohlichen Redereien Wilhelms II., der den Dreizack in seine Faust nehmen wollte, der sein Volk herrlichen Tagen entgegenzuführen versprach, der als Admiral des Atlantischen Ozeans den Admiral des Großen Ozeans (den Russen) grüßte, der das Pulver trocken, das Schwert geschliffen zu halten empfahl, der die deutsche Flotte („Willys Spielzeug“) inaugurierte etc. ... Daß er gleichzeitig aufdringliche Freundschaftszeichen nach allen Weltenden sandte, Reisen und Telegramme als Versöhnungspfänder ausspielte und womöglich kulturvolle Nationen mit neuberlinischen Renaissancekunstgebilden beglückte, mußte den Argwohn Europas gegen die deutsche Friedlichkeit nur steigern, zumal sie stets von dauernden Heeres- und Flottenvermehrungen begleitet waren. – Wenn Herr v. Bethmann-Hollweg endlich aufhören wollte, die Schuldfrage in den Vordergrund seiner Friedens-Bereitschaft zu stellen und dabei alles was er selbst angerichtet hat, den Gegnern in die Schuhe zu schieben, würde er vermutlich auf mehr Gehör vor der Welt rechnen können. Leider steht zur Zeit, wie es scheint, Frankreich den Wünschen, ein Ende zu machen, am störendsten entgegen. Poincaré hat erst in diesen Tagen wieder erklärt, der Krieg müsse jusqu’au bout geführt werden, was bedeutet, bis die Entente den Frieden als Sieger diktieren könne. Briand hat, etwas gemäßigter zwar, aber immer noch überhebend genug, ähnliches ausgesprochen. So wird also vermutlich vorerst noch auf allen Seiten einige weitere Enttäuschung abgewartet werden müssen. Die Herrschaften, die die kräftige Konstitution besitzen, das alles zu verantworten, haben, scheints, noch immer nicht über den Kriegsdurst getrunken. Sie wollen den Völkern noch solange von dem Giftgetränk einflößen, bis der Katzenjammer über Jahrhunderte hinaus gesichert ist.

 

München, Donnerstag, d. 25. Mai 1916

Heut habe ich begonnen, dem schwangeren Hardy-Mädchen mein Buch zu diktieren. Es soll heißen "Abrechnung" und wird wohl 16–20 Bogen stark werden. Nun werde ich das Tagebuch wohl etwas vernachlässigen müssen. Denn meine nächste Arbeit wird eine Registratur aus den bisherigen Kriegstagebüchern sein, damit ich gleich finde, was ich brauchen sollte. Teuer wird die Geschichte ja werden – und einen Verlag zu finden bei meiner Ungeschicklichkeit nicht leicht sein. Aber machen will ich’s doch.

Gerüchte: der Kaiser soll inkognito in München gewesen sein, um mit dem König zu reden. Der Grund dazu sei folgender Vorfall gewesen, der von sovielen Seiten erzählt und berichtet wird, daß man annehmen muß, daß etwas Wahres daran ist. Bei Verdun habe das Passauer Regiment sich geweigert zum Sturm vorzugehn. Darauf habe man preußische Maschinengewehre auf die Bayern gerichtet. Die hätten sich umgedreht und auf die Preußen geschossen, wobei es viele Tote – man nennt die Zahl 57 – gegeben habe. Wilhelm verlange nun, daß jeder sechste Mann des Regiments erschossen werden soll, stoße aber auf den energischen Widerspruch Ludwigs, der Revolution fürchte ... Charakteristisch für die Stimmung der bayerischen Soldaten gegen ihre preußischen Kameraden ist dieser Witz: „Wir hab’n einen großen Sieg g’habt. 4 Preißen hamer g’fangt.“ Wie groß die Begeisterung für den Krieg bei den Soldaten noch ist, die man zwangsweise beim Marsch singen läßt, zeigt die Korrektur, die sie an einigen populären Liedern vorgenommen haben. Statt „In der Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehn“ heißt es jetzt „In der Heimat, in der Heimat, da gibts nix z’fressen mehr!“ Statt „Zum Kampf“ etc singt man: „Zum Krampf, zum Krampf sind wir geboren!“ Darin liegt doch wohl mehr Kritik als sonst irgendwo laut werden darf.

Das Fort Douaumont, dessen Einnahme im Februar unter Jubel und Flaggerei den „Sieg von Verdun“ einleitete, ist wieder von den Franzosen genommen worden. Im deutschen Bericht von gestern steht das zwar noch nicht, immerhin wird es aber schon mit „wütenden Angriffen der Franzosen in der Gegend von Douaumont“ vorbereitet, nachdem vor einigen Tagen noch erklärt war, daß das Fort „fest in unsrer Hand“ sei. Das war auch schon auffällig, da ja öffentlich noch niemand daran gezweifelt hatte. Die Niederlage der Riesenschlacht steht nun wohl fest, wenn auch hier oder dort noch dies oder jenes französische Dorf genommen wird. – Aber wie nach den Fehlschlägen nach der Eroberung von Saint Mihiel Antwerpen als neues Glühwürmchen zu tanzen begann, so ist auch jetzt wieder helle Siegeszuversicht angesichts der österreichischen Siege über die Italiener. Die guten Leute haben es in fast zwei Jahren noch nicht begriffen, daß selbst die empfindlichste Niederlage keine Entscheidung bedeutet und nur den Kriegsschauplatz verändert.

Frieden wird’s erst gegeben, wenn der Wille zur Verständigung unter Verzicht auf Eroberungen bei allen Parteien vorhanden ist. Da nun aber Bethmann-Hollweg einen Kommentar zu seinem Interview mit Herrn v. Wiegand dahin abgibt, daß Erörterungen innerdeutscher Verhältnisse bei Friedensverhandlungen ausgeschlossen sein müssen, daß Behandlungen der Schuldfrage für ihn nicht diskutabel seien, und daß nur die Kriegslage für die neuen Verträge entscheidend sein dürfe, – nachdem außerdem der österreichische Thronfolger, ein junger Mensch, den man plötzlich als Genius der Tiroler Offensive bejauchzen soll, in einem Armeebefehl zum Jahrestage des „Verrats“ erklärt hat, die südwestlichen Grenzen Österreichs müßten durch den Sieg über die Italiener erweitert werden, fluten alle Hoffnungen wieder trübe in ihr Nichts zurück. Also „innerpolitische Verhältnisse“ nennt man es, wenn die Herrschaft einer Militärkaste bei uns konstant den Frieden der Welt bedroht. Ich meine, grade wenn man auf „dauernden“ Frieden aus ist, liegt es im Interesse aller Beteiligten, die Ursachen des gegenwärtigen Kriegs, auch wenn sie deutsche „innerpolitische“ Angelegenheiten sind, zu entwurzeln. Daß Bethmann die Schuldfrage zu erörtern als indiskutabel ablehnt, ist insofern sehr lehrreich, als er damit die schiefe Stellung des eignen Postens deutlich anerkennt. Was die gegenwärtige „Kriegslage“ anlangt, so wird er sich wohl im Stillen den Vorbehalt machen, daß dazu nicht blos das Landkartenbild gehört, sondern auch die „innerpolitische“ Lage Deutschlands, die, wie es anmutig heißt, „Knappheitserscheinungen“, die nun der Oberpräsident von Ostpreußen, v. Batocki, mit der Vollmacht, diktatorisch zu enteignen und zu verteilen, beheben soll. Der Mann wird sich beliebt machen, wenn er nun anfangen wird, den Einen, den Produzenten, alles wegzunehmen und den Andern, den Konsumenten doch nichts geben zu können. Vielleicht wird aber grade seine Tätigkeit dazu helfen, daß die Einsicht siegt, daß nicht Hamster und Wucherer das Elend hervorbringen, sondern der Zustand der Belagerung und der Zufuhrabschneidung. Diese Einsicht aber, die gleichbedeutend ist mit der Anerkennung, daß der Krieg verloren ist, wird schneller zum Frieden führen, als alles Durchhalte- und Siegesgewäsch der Minister und Schmöcke.

 

München, Freitag, d. 26. Mai 1916.

Blos als Beispiel ein paar Proben aus der heutigen Nummer der "Münchner Zeitung".

1.) „Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Exzellenz James W. Gerard hat den Spezialkorrespondenten der „M. Z.“ empfangen und ihm in längerer Unterredung überaus hoffnungsvolle Mitteilungen über unser Verhältnis zu Amerika und über die Lösung des Weltkonflikts gemacht.“ Folgen Gerards Aeußerungen, die Wilson die besten Absicht gegen Deutschland bestätigen und sich sehr optimistisch über den bevorstehenden Friedensschluß ausdrücken. Kurzum: ein pazifistisches Bekenntnis, das Wilsons Stellung völlig rechtfertigt. Bis gestern war die „Münchn. Zeitung“ amerikafeindlich und druckte zu Wilsons Friedensrede ausschließlich ablehnende Stimmen ab. So machen es alle deutsche Blätter. Publikum merkt sowas garnicht. Unsre Offiziösen haben bei Gott leichtes Spiel.

2.) Amtliche „Verlautbarung“ aus Wien, d. 25. Mai: „Am 24. Mai nachmittags hat ein Geschwader von Seeflugzeugen Bahnhof, Postgebäude, Kasernen und Kastell in Bari ausgiebig und mit sichtbar gutem Erfolg bombardiert und in die Festesfreude der reichlich beflaggten Stadt deutlich erkennbare Störung gebracht ... Flottenkommando.“ Wir wurden früher immer dahin aufgeklärt, daß Bombenüberfälle auch auf offene Städte nur militärische Zwecke verfolgen. Jetzt erhalten wir die amtliche Bestätigung, daß Festesfreude zu stören auch schon hinlänglicher Grund ist, um den Kriegsmord auf Frauen und Kinder zu erstrecken. Publikum findet das ganz in der Ordnung, weil es ja Italiener trifft. Barbarei kommt überhaupt nur auf der andern Seite vor.

3.) „Der Kriegsberichterstatter des „Berl. Tagebl.“ Georg Queri meldet über das Ringen von Douaumont unterm 25. Mai: Es ist bekannt, daß die Franzosen am 22. gegen das Fort Douaumont Fortschritte machten, die uns zwangen, unsre Linien zurückzunehmen ...“ Bekannt ist das nur durch die französischen amtlichen Berichte. Bekanntlich soll man ja aber nur glauben, was die Deutschen berichten. Da die jedoch Mißerfolge bekanntlich nicht berichten, hat man die, wenn sie zum Zwecke der Bekanntmachung neuer Siege nachträglich nicht ignoriert werden können, als bekannt anzunehmen. Publikum setzt bekanntlich alles als bekannt voraus, was ihm von oben als bekannt importiert wird. Bemäntelungen gibt es bekanntlich bei uns nicht.

4.) „Englische Greuel in Irland“. Folgen Anklagen der englischen „Daily News“, „schauerliche Zustände“, „vollständig dunkler Gefängnisraum“, „verwundete und kranke Gefangene zusammengepfercht“, „mit Unrat gefüllte Eimer“, „erhielt jeder Gefangene drei Hundekuchen und etwa 30 Gramm Ochsenfleisch“. Zitate aus deutschen Zeitungen über „Deutsche Greuel in Polen“ bringt das Blatt nicht, auch nicht über „Deutsche Greuel in Deutschland gegen politisch Unzuverlässige“. Publikum entbehrt sie auch nicht. Publikum freut sich nur über englische Greuel, besonders, wenn ihre Autenthizität aus englischen Blättern hervorgeht.

5.) „Der edle Sir Edward Grey hat im Unterhause auf die Ausführungen des deutschen Reichskanzlers in einer langen Rede, voll von Phrasen, erwidert.“ Folgen Auszüge aus der vorzüglichen Rede Greys, die ich, sobald ich die „Neue Züricher Zeitung“ mit dem ganzen Wortlaut habe, meinem Archiv einverleiben will. „Tatsache ist, heißt es darin, daß die Alliierten nicht geschlagen sind. Sie werden auch nicht geschlagen, und der erste Schritt zum Frieden würde sein, wenn die deutsche Regierung beginnt, diese Tatsache zu erkennen.“ Ein Zitat aus der Rede Briands führt Grey an, das erst durch ihn bei uns bekannt wird. Es lautet: „Was werden die kommenden Generationen sagen, wenn wir uns die Gelegenheit entschlüpfen lassen, einen festen und dauernden Frieden für Frankreich zu schaffen?“ Der wichtigste Satz in Greys Rede ist aber – nachdem er Bethmanns Behauptungen über Englands kriegerisches Verhalten bei der Annexion Bosniens durch Österreich als Lüge stigmatisiert hat – dieser: „Wenn sie davon reden, an die Vernunft zu appellieren oder davon, die Vernunft zum Siege über die Macht zu bringen, so sage ich, sie können nicht vernünftig mit dem deutschen Volk reden, solange es mit Lügen gefüttert wird und nichts von der Wahrheit weiß.“ Publikum wird mit Lügen gefüttert? Aber doch nur das englische!

6.) „Anknüpfend an die Aeußerung des Reichskanzlers zu dem Korrespondenten Wiegand, daß die russische Regierung am 25. Juli 1914 den Entschluß gefaßt habe, mit einer geheimen Mobilisierung zu beginnen, weiß die russische Zeitung „Homan“ aus absolut zuverlässiger Quelle mitzuteilen, daß General Rennenkampf unter dem Befehl Nummer 13482 vom 26. Juli 1914 auf Befehl des Zaren die Festung Kowno in den Kriegszustand versetzte.“ Also die Bestätigung einer gegen Rußland gerichteten deutschen Behauptung in einem russischen Blatt. In deutschen Blättern wird man vergeblich nach Zeugnissen dafür suchen, daß erstens Deutschland sich auch im sogenannten Frieden in konstanter Kriegsbereitschaft befand, der Zeitpunkt der russischen Mobilisierung also wurscht war, und daß zweitens Mobilisation noch lange nicht Krieg zu bedeuten braucht. Daß Holland und die Schweiz mobil machten, hat niemandem Anlaß gegeben, deswegen diesen Ländern den Krieg zu erklären. Publikum zieht derartige Vergleiche nicht. Publikum will dem Zarenlande deutsche Freiheit bringen.

7.) „In Moskau fand am Sonntag auf dem Rosenplatze eine gewaltige Teuerungskundgebung statt; etwa 10 000 Menschen, vornehmlich Arbeiter, waren zusammengeströmt. Allgemein wurde geschrieen: „Nieder mit dem Krieg! Wir hungern!“ Die Mehrzahl der Geschäfte schloß sofort, trotzdem stürmte die Menge eine Anzahl von Läden und plünderte sie aus. Die Polizei hielt sich dem Krawall fern.“ In Deutschland kommt das zwar auch vor, nur mit dem Unterschied, daß sich dann die Polizei nicht fernhält. Aber Publikum kann bei eignen Zusammenstößen nur bis höchstens 200 zählen und freut sich, wie schrecklich die Zustände schon bei unsern Feinden sind.

Es wäre eine Kleinigkeit, derartige Zusammenstellungen aus jeder einzelnen Nummer desselben oder irgendeines andern Blattes seit Kriegsbeginn vorzunehmen. Das könnte ein reizendes Kulturdokument werden. Aber wer traut sich in den Schweinestall hinein?

 

München, Montag, d. 29. Mai 1916.

Heute habe ich mein Buch "Abrechnung" von neuem begonnen. Ich habe eingesehn, daß es mit dem Diktat nicht geht, und daß ich Satz für Satz vor dem Papier formulieren muß, soll etwas Gutes herauskommen. Und das soll es: eine Anklage und ein Dokument der Zeit, das durch seine innere Wahrhaftigkeit – auf die äußere muß wohl noch vielfach verzichtet werden, bis der Wust von Lüge und Entstellung, der noch um alle Geschehnisse liegt, einigermaßen entwirrt ist – manches wieder gut macht, was in den letzten 22 Monaten verbrochen ist. Kann ich schon nicht dazu beitragen, den Frieden vorzubereiten, so will ich doch zu Stelle sein, wenn es ihn zu erhalten und zu verewigen gilt. Den Vorwurf, daß ich dazu mein eignes Nest beschmutze, will ich tragen. Ganz sauber gehn ja Kotaufräumungs-Arbeiten in der Regel nicht ab. Wahrscheinlich werden wir den Augiasstall revolutionär in die Luft sprengen müssen.

Vor Verdun geht es, jetzt schon über 3 Monate, schauerlich zu. Angriffe wechseln mit Gegenangriffen. Die Reste des Forts Douaumont scheinen wieder in deutschem Besitz zu sein. Wie der gräßliche Kampf ausgehn wird, kann noch niemand sehn, nur soviel ist sicher, daß eine Wendung der Dinge daraus so wenig erwachsen wird, wie aus allem Früheren, was gleichbedeutend ist mit deutschem Mißerfolg, und daß grenzenloser Tod auf beiden Seiten die Ernte ist. Die Hoffnung auf Waffensieg hält dessenungeachtet bei allen Anleihezeichnern an.

Habsburg siegt inzwischen weiter über Savoyen. Die Patridioten rechnen beseligt die Gefangenen und die eroberten Geschütze zusammen. Sie sehn wie nach Brest-Litowsk den Sieg greifbar nahe, lassen Mord Mord sein, jubeln über jeden in Blut erwateten Gebirgspaß und werden, wenn sich etwas weiter südlich hier wie überall wieder der übliche Schützengrabenkrieg entwickelt haben wird, triumphierend verzeichnen, wo und wie weit man die Katzlmacher über ihre Grenzen zurückgejagt hat. Daß alles Ergebnis der österreichischen Offensive Berge von Leichen und Höllen von Elend sein werden, und daß das dabei gewonnene Gelände nur mehr die Wüsten der Vernichtung vergrößern wird, werden sie sowenig einsehn, wie immer. – Vorläufig aber schwelgen sie in der seligen Hoffnung, daß der österreichische Heldenmut demnächst sich wird an italienischen Renaissance-Bauten betätigen dürfen.

Wilson hat eine neue Rede gehalten, in der er noch deutlicher geworden ist als in der ersten. Da er als Bedingung für die „allgemeine Vereinigung der Nationen“ ansieht, „die Sicherheit der Hochstraßen der See für den gemeinsamen und unbehinderten Gebrauch aller Völker der Welt unverletzt aufrecht zu erhalten“ ist – bei der bekannten deutschen Forderung der „Freiheit der Meere“ anzunehmen, daß er sich zuvor mit den deutschen maßgebenden Stellen ins Verhältnis gesetzt hat, und daß sich seine Worte diesmal an die englische Adresse wandten. Natürlich beeilt sich die deutsche Presse, Herrn Wilson darüber zu unterrichten, daß dem Friedensvermittler keineswegs die Rolle eines Friedensdiktators zufalle, daß er höchstens einen Waffenstillstand werde herbeiführen dürfen, und daß das übrige zum Friedensschluß die beteiligten Mächte selbst werden ordnen müssen, mit andern Worten: der Frieden wird vom Sieger – also von Deutschland – diktiert. Ist das wirklich auch die Meinung der Regierung, was angenommen werden muß, solange Herr v. Bethmann die Landkarte als Orientierungsmittel zitiert, ist natürlich an Frieden nicht zu denken, dann müssen wir halt durchhalten, bis wir besiegt sind. Es muß aber nach den klaren verständigen Reden der Herren Asquith und Grey festgestellt werden, daß die Regierung, die den Krieg inszeniert und begonnen hat, diejenige ist, die nach fast zwei Jahren das Ende des Kriegs verhindert. Schande in Ewigkeit!

Vorhin war ich bei Aster. Er bestätigte, was als Gerücht schon tagelang umläuft, daß Separatfriedensverhandlungen mit Rußland im Gange sind. Aster wollte bestimmt wissen, daß Mendelssohn – der alte Banquier des Zaren – in Petersburg sei. Ist das der Fall, so kann es sich jedenfalls nur darum handeln, die – schon seinerzeit in den „Friedensgedanken“ der „N. Zürcher Zeitung“ erwähnten – 18 Milliarden, die Rußland an Frankreich schuldet, auf deutsche Rechnung zu übernehmen. Das würde aber Frankreichs Besiegung bis zu dem Grade einer aufzuerlegenden Kriegsentschädigung voraussetzen, und an die französische Anerkennung solcher Besiegung glaube ich nicht. Unwahrscheinlich wird mir das ganze Gerede auch dadurch, daß für Rußland garkein Anlaß besteht, der Entente gegenüber vertragsbrüchig zu werden, während für die Annahme der Verhandlungen die von den deutschen Konservativen beliebte Russensympathie aus Seelenverwandtschaft mit der östlichen Staatsexekutive spricht und die auffällige Stille der Kriegshandlungen an allen östlichen Fronten. – Es hieße wohl, dem Totenschädel der deutschen Kultur die Krone aufsetzen, wenn jetzt der Krieg damit zuende geführt würde, daß ein Bündnis des Militarismus mit dem Zarismus Frankreichs Schicksal zur Erfüllung brächte. Unmöglich ist schon lange nichts mehr, und das grinsende Einverständnis Alldeutschlands – mit Einschluß seiner Künstler und Intellektuellen wäre sogar sicher.

Über den Ursprung des Kriegs zitiert heute der „Vorwärts“ (in Nr. 146 vom 28. Mai) unter der Überschrift „Der Drang nach Osten als letzte Ursache des Weltkriegs“ einen sehr lehrreichen Artikel von Paul Louis aus „Mercure de France“ (vom 16. April), den ich unbedingt für mein Buch verwenden muß, weil Deutschlands Anteil an der Entwicklung des historischen Geschehns äußerst geistreich aus seinen industriellen Interessen im nahen Osten abgeleitet wird. Hier sind ganz neue Gesichtspunkte, die auch die Zusammenhänge des gegenwärtigen Jammers mit den Balkanvorgängen von 1912/13 und das Verhalten der Türkei und Bulgariens instruktiv aufklären. – Eine Schrift von Kurt Eisner „Der Sultan des Weltkriegs“ (bei Kaden, Dresden 1906), die zur Zeit meine Lektüre ist, klärt gleichzeitig über Deutschlands Beziehung zu Frankreich und England, wie sie durch die Marokko-Affaire geworden ist, eindeutig auf. – Die zitierte Nummer des „Vorwärts“ und die vorige vom letzten Sonnabend enthält außerdem einen ausgezeichneten Artikel Dittmanns über die Ungesetzlichkeit des Belagerungszustands allgemein und besonders seiner Betätigungsformen.

Gefallen: Der Kunsthistoriker, Dozent an der Münchner Universität, Professor Burger.

 

München, Mittwoch, d. 31. Mai 1916.

Aus dem deutschen Tagesbericht vom Dienstag, d. 30. Mai: „Balkan-Kriegsschauplatz: Deutsche und bulgarische Streitkräfte besetzten, um sich gegen augenscheinlich beabsichtigte Überraschungen durch die Truppen der Entente zu sichern, die in diesem Zusammenhang wichtige Rupel-Enge an der Struma. Unsre Überlegenheit zwang die schwachen griechischen Posten auszuweichen; im übrigen sind die griechischen Hoheitsrechte gewahrt worden. Oberste Heeresleitung.“ – So wäre also auch dieser Neutralitätsbruch perfekt. Bis jetzt war kein Ende der Entrüstung über die schmähliche Vergewaltigung Griechenlands durch die Entente. Aber das kleine moralische Plus, das man sich dadurch zu sichern glaubte, daß man hier den Vertrag von 1839 und die Einladung durch Venizelos geflissentlich totschwieg, ist jetzt ganz beim Teufel, da es wieder deutsche Soldaten waren, die durch „Überlegenheit“ die Griechen „zwangen“ „auszuweichen“. Nach französischen Meldungen sind dabei aus griechischen Kanonen 28 Schüsse abgefeuert worden, sodaß die Bemühungen, ein Einverständnis mit den griechischen Behörden vorzutäuschen, wohl vergeblich bleiben werden. In Griechenland soll gewaltige Aufregung herrschen und man orakelt schon wieder von einer gegen den König gerichteten venizelistischen Revolution, die sich in Saloniki vorbereite. Ich glaube vorläufig an nichts andres, als daß uns in den nächsten Tagen die „gerechte Sache“ des deutsch-bulgarischen Vorgehns plausibel gemacht werden wird, und daß das deutsche Volk einschließlich seiner Intellektuellen in dieser Sache ebenso stramm hinter seinen Drahtziehern marschieren wird, wie noch immer. Wille und Kritik hat abgedankt. Der Sieg der Barbarei ist vollkommen.

Übrigens ist jetzt endlich die Erörterung der Friedensziele – vorbehaltlich gewisser Zensurrechte – freigegeben worden: nämlich in Rußland.

 

München, Freitag, d. 2. Juni 1916.

Großer Seesieg an der dänischen Küste. Viele englische und einige deutsche Schiffe und sicher ein paar tausend junger lebensfroher Menschen sind dabei auf den Meeresgrund gelegt worden – also ist Jubel und Fahnengewimmel. Vorläufig ist nur der deutsche Bericht da und der englische steht noch aus. Die Zeitungen nehmen das Maul ungeheuer voll über die größte Seeschlacht aller Zeiten, gegen die Trafalgar ein Katzendreck war. Worin sich, außer der zahlenmäßigen Verminderung der beiden Flotten und ihrer Mannschaften – man rechnet aber bei uns nicht nach Menschenleben, sondern nach Tonneninhalt und Wasserverdrängung – diese Schlacht für den Ausgang des Kriegs entscheidend zeigen wird, sehe ich nicht. Vielleicht wird ja der Beflaggung Alldeutschlands auch noch darüber die Aufklärung folgen. – Mit Flaggenmaskeraden wird in letzter Zeit wieder sehr viel versucht, um die schwindende Begeisterung zu heben. Vorige Woche waren bulgarische Sobranjemitglieder hier, um ewige Verbrüderung zu feiern, ein paar Tage drauf türkische Parlamentarier zu dem gleichen Zweck. Dann ging das Siegen in Tirol los, wobei man jetzt die Stützpunkte Asiago und Asieri[Asiero] (oder so ähnlich) eingenommen hat, und jedesmal mußten Fahnen in allen Zusammenstellungen die Schulter-an Schulter-Seligkeit unsrer deutschen Gemüter bezeugen. Von der 50ten Wiederkehr des preußischen Verrats an Österreich 1866, die in diese Tage fällt, nimmt man vorsichtigerweise keine Notiz. Nur ich will es tun, indem ich die Erlangung des Münchner Bürgerrechts betreiben werde. Den Grund dafür will ich diskret in dieses Heft eintragen. Sagen kann ich ihn kaum jemandem, ohne verrückt genannt zu werden. Für mich hat nämlich die Herrlichkeit der deutschen Reichseinheit durchaus noch nicht die Sicherheit eines ewigen Bestandes – und das umsoweniger, je deutlicher ich die bayerische Volksseele mit ihrem hereditären Preußenhaß beobachte. Fliegt nun eines Tages das glorreiche Gebilde vom 18. Januar 1871 auf, dann bin ich Lübecker in Bayern Ausländer, und zwar zweifellos [ein] äußerst lästiger. Dann bin ich jenseit der blauweißen Grenzpfähle, ehe ich mich umgesehn habe, – und dem möchte ich vorbeugen. Nicht daß ich diese Entwicklung schon als bevorstehend ansähe – aber sicher ist sichern. Zudem sind Zenzl und Siegfried nach meiner Naturalisierung als Bayern in ihrer Heimat auch wieder heimatberechtigt.

Meine an der „Abrechnung“ begonnene Arbeit macht mir Freude. Das Ausatmen des angesammelten Giftes stimmt mich gradezu hoffnungsvoll für die Annäherung friedlicher Zeiten. Schon kann man ja gottlob seine Meinung fast überall offen aussprechen und hört Zustimmungen, wo man sie kaum vermutet. Die Unzufriedenheit beim Volk und bei den Soldaten ist ganz offenbar. Könnte man den Leuten nur irgendwie beibringen, daß zu energischen Taten, die das Ende der Infamie herbeiführen müßten, gewiß auch nicht mehr Mut gehört, als zu den Sturmangriffen, zu denen sie sich ungeachtet des Risikos für Leben und Gesundheit auf jedes Leutnantskommando Tag für Tag bereit finden. Die Geschichte von dem Handgranatenkampf zwischen Preußen und Bayern kursiert zwar im ganzen Lande so ungeniert, daß man etwas Wahres darin unbedingt annehmen muß. Auch wohnen ja allen Gerüchten, die Glauben finden, psychologische Momente inne, die grade soviel wert sind wie Realitäten, aber doch scheint für Heeresrebellion und organisierte Meuterei die Stimmung noch nicht reif zu sein. Wird sie’s noch, dann können die Herrschaften, die bis zum völligen Siege „durchhalten“ wollen, einpacken. Und der wünschenswerte Friede wäre gewiß der vom Volk und vom Militär erzwungene. Was kann auch von einem Frieden Gutes erwartet werden, der auf Staatsverträgen basiert ist, wenn auf deutscher Seite diese Verträge von demselben Reichskanzler unterzeichnet werden, der bei Beginn des Kriegs Verträge als Fetzen Papier bezeichnet und sich zu dem Grundsatz „Not kennt kein Gebot“ bekannt hat?

Heute schicke ich an die „Bremer Bürgerzeitung“ eine Sympathieerklärung für Liebknecht ab. Hoffentlich wirkt sie als Beispiel.

 

München, Sonntag, d. 4. Juni 1916.

Fürs Buch: Symptomatisch für die ungeheure Gerissenheit des Militarismus ist die Terminologie des Kriegs. Die Leute, die vor Verdun gemordet werden, gleichviel ob ein Gewehrkolben ihnen den Kopf einschlägt, ob Giftgase sie ersticken oder Flammenwerfer sie verbrennen, ebenso wie die, die bei der Seeschlacht am Skagerak durch Explosion in Stücke gerissen, durch Granatsplitter umgekommen oder im Meer ersoffen sind, sind nicht gestorben, sondern „gefallen“. Wie sanft das klingt und wie ehrenhaft! Man muß die ethymologischen Besonderheiten der Kriegssprache zusammen betrachten mit den andern psychologischen Merkmalen, wie die Anweisung an die Chargen, Kommandos stets mit heller Stimme zu erteilen. Ein unglaubliches Studium aller Seeleneigenschaften muß von den Lehrmeistern der Strategie und der Kriegstaktik durch hunderte von Jahren geleistet worden sein. Den Erfolg sieht jeder.

Zu den Vorgängen, die auf ein bestimmtes Wissen der Herrschenden über das Bevorstehn kriegerischer Ereignisse schließen lassen, gehört u. a. das plötzliche Auftauchen eines bayerischen Standrechtsgesetzes Ende 1912 und – am 14. Juni 1914 – die Erledigung eines Reichsspionagegesetzes. Der „Kain“ wird mich wohl noch auf weitere Spuren bringen.

Über den Seesieg ist immer noch eitel Freude. Dies Volk kommt mir vor wie ein Kind, das Hunger hat, und dem man, um es abzulenken, mit einem Spiegel „Mäuschen“ an die Wand wirft. Es patscht in die Hände, so laut, daß alles Magenknurren überhört wird.

 

München, Montag, d. 5. Juni 1916

Jammer und Thränen überall. Zenzl weint sich fast die Augen aus, weil Ludwig Engler heute in einen Trupp Auserwählter gesteckt ist, der ins Feld soll. Thekla, die Frau ihres Bruders Seppi ist da und klagt, da ihr Mann, der schon zu Beginn des Kriegs Krüppel wurde, nun, wo man ihn trotz des lahmen Armes nach Rußland geholt hat, blind zu werden droht. Aber er will nicht heim, ehe er nicht Unteroffizier ist, weil die Familie bei der kargen Löhnung sonst hungern müßte. Von Verdun hört man einfach Entsetzliches. Seit 100 Tagen geht dort die Schlacht, die Leute auf beiden Seiten fallen wie Fliegen. Es ist ein Bluttaumel, wie noch niemals in der Geschichte. Die Orte Douaumont, Cuvières etc. sind bald von den Deutschen, bald von den Franzosen besetzt. Was endlich draus werden soll, weiß niemand, nur soviel, daß auch der endliche Sieg einer Partei nur die Frontlinie verschieben, aber sicher keine Entscheidung herbeiführen kann. Dabei ziehn die Soldaten unausgesetzt singend durch die Straßen, man sieht Trupps älterer Leute in Zivil zur Kaserne ziehn, begleitet von einem gewehrbehangenen Schergen, und alle gehn traurig, trüber Gedanken und Ahnungen voll, wie zur Schlachtbank. – Die Patrioten aber begeistern sich noch immer an jedem Scheinsieg. Die Skagerak-Schlacht hat zu keinerlei Entscheidung geführt, die deutschen Schiffe haben die englischen nicht verfolgt, geschweige die gegnerische Flotte wirklich geschlagen. Daß die englischen Verluste größer sind als die deutschen, genügt, um schon wieder das Ende des Kriegs durch Sieg als nahe herangerückt zu betrachten. Die zehntausend Toten und Krüppel, die das wirkliche Resultat sind, und die Tatsache, daß das Überlegenheitsverhältnis der englischen Flotte über die deutsche gegen früher unverändert bestehn bleibt, verschlägt garnicht. Sieg! Sieg! ... Die Künstler aber und Geistesmenschen reden von den ökonomischen Zielen des Ganzen mit derselben erfreuten Beteiligung wie die Kaufleute und Junker. Sie sind ja auch Aktionäre industrieller Werke, Interessierte am Kriegsvorgang, weil sie den Gewinn aus ihren Anleihen wie jeder Rentier festlegen und von den Arbeitern der Schwerindustrie Zinsen erarbeiten lassen. So halten auch sie für die gerechte Sache Deutschlands jedes Opfer, das die Armen bringen, für höchst wertvoll. Wie glorreich sich die gerechte Sache bei Licht ausnimmt, dafür ein Beispiel aus unserm Bekanntenkreis: der Rechtsanwalt Theilheimer ist schon lange im Feld, zurzeit aber in Garnison abkommandiert, um einen Offizierskurs mitzumachen. Daraus ist aber nichts geworden. Theilheimer ist nämlich Jude, und sein Vater ist Vieh- und Güterhändler. Die gepriesenen demokratischen Grundsätze in der Armee, in denen sich die Freiheit, für die wir Krieg führen, spiegeln sollen, reichen also nur bis zu den Schranken der Bildungs-, Konfessions- und Herkunfts-Unterschiede. Den Juden geschieht es aber ganz recht, da sie aus der Behandlung, die schon in Friedenszeiten gegen sie beliebt wurde, nichts gelernt haben und meinten, mit patriotischem Germanengeheul beliebter zu werden.

Zu all diesen Dingen kommen noch die täglich grotesker werdenden Teuerungszustände. Elend und Not, Krankheit und Sterblichkeit wächst rapide. Die dringlichsten Existenzmittel sind einfach nicht da, – auch für teures Geld nicht zu kaufen, und die Karten-Organisation nützt verflucht wenig. Besonders Fleisch ist fast garnicht zu kriegen. Statt Ochsenfleisch wird einem allenfalls mal ein Stück zähe alte Kuh zuteil. Für die armen Kinder gibt es zuwenig Milch. Brot und Fleisch reichen als Ersatz bei der Knappheit nicht, Gemüse ist irrsinnig teuer, und vielfach auch nicht vorhanden. Wie aber auch in der Ernährung die Reichen bevorzugt sind, erhellt daraus, daß eigentliche Delikatessen in lange nicht demselben Maße teurer geworden sind wie der Massenbedarf. So kostet eine Schachtel Krabben, die sonst 80 Pfg brachte, jetzt blos 1 Mark, während Zwiebeln, die normal mit 15 Pfg für 2 Pfund bezahlt wurden, jetzt 30 Pfg. für ein halbes Pfund kosten, – sofern man sie überhaupt kriegt. Es muß aber anscheinend noch viel ärger kommen, bis dies Volk sich endlich auf sich selbst besinnen wird. Solange sich die Massen noch über jeden windigen Waffen- oder Flottensieg freuen und nichts dagegen unternehmen, daß die immer wiederholten Versuche Wilsons, sich als Friedensvermittler zu empfehlen, von den Durchhaltern unter ekelhaften Beschimpfungen zurückgestoßen werden, besteht wenig Hoffnung auf ein Ende des Grausens. – Glaubte ich an die Wirkung von Gebeten, ich läge den ganzen Tag auf den Knieen und flehte Gott an, er möge eine Mißernte werden lassen, wie sie noch nie da war. Wenn die Vernunft nichts hilft, dann hilft vielleicht Hagel und Revolution.

 

München, Dienstag, d. 6. Juni 1916.

Bethmann-Hollweg ist im Reichstag gegen seine konservativen Widersacher vom Leder gezogen, um sich ganz persönlich gegen die offen und versteckt immer lauter werdenden Vorwürfe der Schlappheit zu verwahren. Alles liberale Geschmeiß ist selig über den plötzlich erwachten Heldenmut des ledernen Kanzlers und merkt garnicht, daß sein ganzer heiliger Zorn eine Rückzugkanonade war, mit der er sein endgiltiges Aufgeben einer etwa als pazifistisch zu deutenden Nachgiebigkeit eindeckte. Er erklärte nämlich, bevor er die anonymen und namhaften Flugblattverteiler annexionistischer und U-bootmäßiger Observanz abschüttelte, daß, da alle von deutscher Seite bekundete Friedensbereitschaft unter Hinweis auf die Kriegskarte von den Feinden höhnisch abgelehnt sei, Friedensgespräche nicht mehr geführt werden sollen, und daß wir alle Feinde besiegen können und besiegen werden. Also weitere Kriegsgreuel ins Unabsehbare, obwohl Wilson – der dafür in Deutschland und England beschimpft wird – nicht ermüdet, immer von neuem seine Bereitwilligkeit zu äußern, Frieden zu vermitteln. Ich sehe in dem täppisch-wütenden Anlauf des Reichskanzlers gegen die zensurbeschützten Allerweltsteutonen nichts als eine Flucht in die Öffentlichkeit, um sein Ministerstühlchen nicht unterm Popo zu verlieren, und eine blanke Kapitulation vor eben den zur Schlacht gestellten Überdeutschen. Auf die immer neu garnierten Beteuerungen der eignen Friedfertigkeit und der eignen Bemühungen, den Frieden zu retten, wird Krethi und Plethi wieder glatt hereinfallen und neuen Grund wissen, wieso blos die bösen Russen und noch böseren Engländer den Weltkrieg ohne Sinn und Verstand vom Zaun brachen.

Wie jeder einzelne, auch wenn er weder persönlich in die Gräben muß, noch unmittelbar Hungers zu krepieren droht, unter dem Kriege leidet – es sei denn, daß er am Kriegsgewinn beteiligt wäre – dafür bin ich selbst ein typisches Beispiel. Ich hatte mir immer gedacht, der Tod meines Vaters würde mir die Möglichkeit schaffen, 5–6 Jahre mindestens in voller materieller Sicherheit leben zu können und inzwischen die Basis für dauernden Berufsverdienst zu schaffen. Nun ist zwar die Erbschaft erheblich geringer aufgefallen, als selbst die pessimistischste Veranschlagung geahnt hätte. Trotzdem hätte ich bei dem gewohnten Ertrag der Berliner Häuser und den normalen Preisen der Lebensmittel bequem 5 Jahre reichen können, zumal ja gewisse Berufseinnahmen immer noch nebenher gelaufen wären. Jetzt aber tragen die Häuser überhaupt nichts, mein Kapital schmilzt bei den übermäßigen Preisen rapide zusammen, zumal ich die Lombardierung der Papiere, die ich nicht ohne enorme Verluste verkaufen könnte, kolossal hoch verzinsen muß, und außerdem verdiene ich überhaupt nichts. So rechne ich auf höchstens 2 Jahre, bis ich wieder vis-à-vis de rien sitze, und ist der Krieg bis dahin nicht zuende, dann geht ein größeres Elend an, als ich kennen gelernt habe. Hoffentlich sehe ich zu schwarz. Zenzl ist ja ein Prachtweib, das mir alle derartige Sorgen munter ausredet. Wäre sie nur so gesund, wie sie gut ist! Ihr Zustand verlangt große Schonung, und so bin ich jetzt wieder mit zwei Frauen zu Ehebrüchen verabredet. Heute soll ich die Gattin meines alten Kameraden Sch.-M. besuchen, und Freitag ein kleines Mädel von früher: Elly Hirth. Eine Tragödie à la Ehrengard werde ich aus diesen Evenements bestimmt nicht erwachsen lassen.

 

München, Mittwoch, d. 7. Juni 1916.

Lord Kitchener ist mit seinem Stabe auf dem Kriegsschiff "Hampshire" bei den Orkney-Inseln untergegangen. Ob das Schiff torpediert oder auf eine Mine gelaufen ist, weiß die britische Admiralität nicht, während die deutsche Presse die erstere Annahme wie eine Tatsache behandelt, da sie sich für die deutsche Flotte rühmlicher auszunehmen scheint. Kitchener war auf der Reise nach Rußland, woraus die Romandichter der öffentlichen Meinung herleiten, er hätte dort die verfahrene Strategiekarre wieder ins Geleise schieben sollen. Wahrscheinlicher ist, daß es sich um eine Mission in Finanzdingen handelte. Englands Pech ist jedenfalls in der letzten Zeit groß. Obwohl die Seeschlacht vor dem Skagerrak nichts Positives für die Deutschen ergeben hat, und am Ende der Schlacht nicht die englischen sondern die deutschen Schiffe sich zurückziehn mußten, obwohl das – auch relative – Übergewicht Englands auf dem Meer ungeschwächt fortbesteht und die Blockade nicht erschüttert, geschweige denn durchbrochen wäre, liegt doch der moralische Erfolg bei den Deutschen, deren Verluste immerhin erheblich geringer waren als bei den Engländern, – und man zählt ja nicht 2–3000 Tote der deutschen Marine, sondern man zählt 7–8000 Tote bei der englischen. Kriegsarithmetik ... Nun aber unmittelbar nachher der Tod ihres populärsten und sicherlich bedeutendsten Generals ist schon ein harter Schlag für die Engländer. Denn auch dabei zählen die 650 Mann Besatzung nicht, die mit dem Schiff gesunken sind, sondern blos die Offiziere, vor allen der Führer. – Mich persönlich berührt der Tod des Mannes natürlich sehr wenig. Höchstens bedaure ich, daß dadurch der wüste Glaube, daß Gott mit den Deutschen sei, noch genährt wird. Aber was soll sich ein Mann wie Kitchener (oder Joffre oder Hindenburg) besseres wünschen, als im Kriege durch Kriegswaffen zu sterben? Wenn ich auch in der „Münchner Zeitung“ die erfreute Wendung las, daß er „ruhmlos“ gestorben sei – ich verstehe mich weniger auf die Nuancen und habe den Verdacht, daß deutscher Tod im Kriege Heldentod, englischer Tod ruhmloses Ende heißt –, so glaube ich doch, daß Herr Kitchener selbst den Tod auf einem Kriegsschiff oft genug als beneidenswertes Schicksal gepriesen haben wird. – Jedenfalls ist ein sehr kluger Kopf mit ihm verschwunden, der sein Geschäft aus dem ff verstand. Er hat den Engländern den Sudankrieg und den Burenkrieg gewonnen und dann als Gouverneur von Indien sicher auch in kriegerischem Geist gegen seine Schutzbefohlenen gewirkt. Jetzt schmäht man den Toten bei uns als rohen Gesellen, dem kein Mittel der Kriegführung zu grausam war (was er bei Einrichtung der berüchtigten Konzentrationslager gegen die Burenfrauen und -kinder in der Tat bewies). Aber diese Beschimpfung kommt in demselben Augenblick, wo man der Bethmannschen Regierung Schlappheit in der Anwendung der Kriegsmittel vorwirft, weil er die Zeppelinschen Giftbomben zur Vernichtung ganzer Landstriche nicht anwenden wollte, wobei aber in Betracht kommt, daß ihn hiervon keine menschlichen Erwägungen zurückhielten, sondern die Furcht vor den Vereinigten Staaten von Nordamerika. – Zu Beginn des Kriegs war Lord Kitchener derjenige, der von allen am Kriege beteiligten Regierungsvertretern die klügsten, weitsichtigsten und phrasenlosesten Worte sprach. Er erklärte damals, daß der Krieg leicht 3 Jahre dauern könne, daß Deutschland strategische Erfolge haben werde, und daß die Entscheidung bei den silbernen Kugeln liege, da derjenige gewinnen werde, der über die letzte Milliarde verfügt. Das Gelächter und der giftige Hohn, der ihm damals aus Alldeutschland antwortete, ist längst verstummt. Wir wissen heute, daß – soll der Krieg bis zum Ende geführt werden, tatsächlich mindestens drei Jahre nötig sein werden, daß die Entscheidung wirklich auf wirtschaftlicher Basis fallen muß, und daß die letzte Milliarde nicht bei uns, sondern bei den Engländern vorhanden sein wird. Als Kuriosum will ich notieren, daß der Tod Kitcheners mir heute – von dem Argentinier Rudolf Johannes Schmied – als den Frieden (im Sinne eines deutschen Triumphs) beschleunigendes Moment gepriesen wurde. Seit 96 Wochen wöchentlich 7mal in neuer Gestalt die gleiche Dummheit!

Zugleich kam die, noch unverbürgte, Nachricht, daß Jüanschikai gestorben ist. Vor etwa 14 Tagen hieß es, er sei vergiftet worden. Stimmt die Nachricht von seinem Tode dieses Mal, dann wird die Todesursache jedenfalls in jenem Gerücht schon antizipiert sein. Ein Hallunke weniger auf der Welt, – das wäre alles.

 

München, Sonnabend, d. 10. Juni 1916

Ludwig Engler ist gestern nach Frankreich befördert worden, um mit fast 41 Jahren sein Leben für ein Vaterland zu riskieren, das ihn als Künstler hungern ließ und ihn nun daran hindert, die Früchte seines Darbens und Leidens zu pflücken. Da er mir Vollmachten gab und sein Testament anvertraute, und da seit gestern plötzlich Maaßen aus Oldenburg zum Pfingsturlaub eingetroffen ist, kam ich wieder ein paar Tage nicht zu Eintragungen in dies Heft. Heute nur ein paar Stichworte.

Der Chef des Admiralstabs der Marine gibt bekannt, daß bei den bisherigen Berichten über die Seeschlacht vor dem Skagerrak „aus militärischen Gründen“ „von der Bekanntgabe der Verluste der Schiffe „Lützow“ und „Rostock“ Abstand genommen worden sei.“ „Gegenüber falschen Deutungen dieser Maßnahmen“ – soll wohl heißen, weil die Engländer es doch erfahren haben, wird nun also mitgeteilt, daß die beiden Schiffe auf dem Wege zu ihren Reparatur-Häfen gesunken sind. Dem deutschen Volk wird bekanntlich nichts verschwiegen, es sei denn „aus militärischen Gründen“. Solche werden es auch sein, die das Volk heute noch in völliger Unkenntnis über die Marneschlacht halten. Meine Landsleute sind auch damit zufrieden. Lügen sind schändlich beim Feinde, bei uns aber berechtigt, wenn sie mit geheimnisvollen militärischen Gerüchen umkleidet werden.

Die Schlacht in Bessarabien hat scheußliche Dimensionen. Die Österreicher meldeten erst ihr Zurückweichen um 5 Kilometer, dann nur noch die „Zurücknahme“ von Truppen und endlich, daß diese Truppen unter Nachhutkämpfen bis an die Strypa gelangt seien. Die Russen teilen mit, daß sie bei diesen Kämpfen bis jetzt über 40.000 Mann gefangen genommen haben und sehr viel Material (darunter 77 Kanonen und 124 Maschinengewehre) erbeuteten. – Der Pessimismus der Leute wegen dieser Vorgänge imponiert mir sowenig wie ihr Optimismus wegen der italienischen und Verdun-Offensive. Auch wenn die Russen wieder ganz Galizien erobern sollten, hat das für den Ausgang des Kriegs keine andre Bedeutung als neue Blutströme, neue Verwüstungen und neue Frontgrenzen – genau wie die Erfolge auf der andern Seite.

Maaßen berichtete, daß er mit der Mannschaft der in der Skagerrak-Schlacht gesprengten „Elbing“ zusammen reiste. Er erfuhr von den Matrosen, daß auf deutscher Seite 5000 Mann tot seien, auf englischer schätzt man 9000. Daß diese Leute trotzdem vom Siegerstolz geschwellt waren, ist doch ein grenzenlos trübes Zeichen unsres Kulturstandes.

Friedensaussichten: immer noch minimal. Die Deutschen fordern, daß die Entente sie als Sieger anerkennen soll, das hieße natürlich, daß die wesentlichen Bedingungen des künftigen Friedens von Deutschland gestellt würden. Die andern wollen, daß Deutschland anerkenne, daß sie nicht besiegt sind (was ganz der Wahrheit entspricht). Geschieht das, dann wird ein Friedensvertrag von Gleichberechtigten, also etwas Dauerhaftes, herauskommen können. Nachdem Bethmann im Reichstag aber wiederum erklärt hat, daß die Kriegskarte als Basis aller Verhandlungen gelten müßte, und nachdem unglaublicherweise Herr Ledebour namens der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft das als ganz selbstverständlich anerkannt hat – man muß sich hier an seine jammervolle Rede in der „Baralong-Affaire“ erinnern – (Herrn Rühle wurde danach, genau wie damals Liebknecht, das Reden durch einen Schlußantrag abgeschnitten), ist leider vorläufig alles noch beim Alten. Wie die Großspekulanten die Bemühungen Greys um einen Friedensschluß aufgrund allgemeiner Abrüstungen parieren, beweist u. a. Krupps riesige Grundstückserwerbungen bei München. Auf ein Rechnen mit Betriebseinschränkungen läßt das allerdings nicht schließen. Aber manchmal haben sich auch schon Großkaufleute verrechnet.

Anstelle der Wucherer und Hamsterer muß jetzt die vorjährige schlechte Ernte zur Begründung der durch die Blockade veranlaßten Not herhalten. Im vorigen Jahr wurde dieselbe Ernte als glänzend gepriesen. Man glaubte das, wie [man] auch jetzt die Versicherungen der Regierung, daß die nächste Ernte großartig wird und uns aber alle Unbequemlichkeiten hinweghelfen muß, als blanke Wahrheit gefressen werden. Unverbesserlich!

 

München, Mittwoch, d. 14. Juni 1916.

Man muß sich immer von neuem ins Gedächtnis rufen, daß dieses Deutschland, das Schuld am Ausbruch des Kriegs hat, jetzt das Land ist, das die Schuld für seine Dauer „jusqu’au bout“ auf sich lädt. Bethmann hat in seiner Verteidigungsrede im Reichstag mit aller Deutlichkeit Greys Anregungen zurückgewiesen, die darauf hinausliefen, über den Frieden zu beraten, ohne sich auf Sieg oder Niederlage zu berufen. Damit hat er jede Hoffnung auf ein schnelles Ende erstickt und uns auf den schwachen Trost verwiesen, daß halt ohne seine Mitwirkung der Krieg eines Tages aufhören wird. Sein Vertrauen auf den deutschen Endsieg ist inzwischen schon von den Russen in der Bukowina beantwortet worden, deren Offensive sich zu einer regulären Durchbruchsschlacht entwickelt zu haben scheint. Die Zeitungen wagen kaum noch, die schwere Niederlage der Österreicher, an der auch Deutsche beteiligt sind, abzuleugnen. Sie begnügen sich mit durchsichtigen Beschönigungen und vertrösten auf die kommenden Tage. – Natürlich wird die Eroberung von Czernowitz und das neue Vordringen der Russen in Galizien den Sieg der andern Seite sowenig herbeiführen, wie die Eroberung Verduns, von der es schon viel stiller geworden ist, oder das weitere Vordringen der Österreicher im Trentino, das aber bereits bis zu Defensive gestoppt ist, den Sieg der Zentralmächte. Immerhin wird die Beschlagnahme von „Faustpfändern“ durch die Russen geeignet sein, Bethmanns Kriegskarten-Theorie erheblich zu erschüttern. Also je mehr Österreich jetzt okkupiert wird, umso besser für den friedliebenden Teil der Menschheit. – Auch der Hinweis des Kanzlers auf die glänzende Ernte ist rasch erledigt worden. Letzten Freitag hat ein ungeheurer Hagelschlag große Strecken Ackerlands in den fruchtbarsten Gegenden Bayerns zusammengeschlagen. Übers Jahr werden wir also unsre Abmagerung beweglich mit dem schlechten Wetter begründet hören. Bis dahin wird uns aber wie im Vorjahr vorgerechnet werden, daß die Ernteaussichten hervorragend sind.

Der neueste „Fall“ ist die Achterklärung des Professors Fr. W. Förster durch die Münchner philosophische Fakultät, wegen eines Artikels von ihm in der „Friedenswarte“. Förster soll sich darin über Bismarck unfreundlich geäußert haben. Seine Kollegen erklären daher mit Entrüstung, daß sie mit allen Mitteln verhindern werden, daß solche Äußerungen in die Hände der akademischen Jugend fallen. Die Wissenschaft als Demagogenriecher! Förster hat im Berliner Tageblatt klug und ironisch geantwortet.

Mein Brief an die „Bremer Bürgerzeitung“ ist dort mit schmeichelhaften Bemerkungen für mich erschienen. Vielleicht nützt es Liebknecht vor dem Gericht, wenn man jetzt seine Ehrenhaftigkeit laut betont, da der Staatsanwalt sicher versuchen wird, im Urteil die Strafe des Ehrverlusts zu erzielen. – Ich freute mich über Halbe, der, als ich ihm die Zeitung zeigte, trotz seiner patriotischen Gesinnung meine Haltung sehr anständig fand. Bei der Mehrzahl der Nationalisten ist solche Objektivität sehr zu vermissen.

 

München, Freitag, d. 16. Juni 1916.

Gespräche mit Heinrich Mann bringen mir in der Kriegszeit immer viel Anregung und Klärung. Vorgestern war ich bei ihm. Seine Haltung unterscheidet sich von meiner dadurch, daß ihm ein dauerhafter Friede nur durch die Niederlage Deutschlands verbürgt scheint. Ich glaube dagegen von Anfang an, daß das Kriegsende – mag es aussehn wie immer – mit allen Mitteln und unter allen Umständen, auch um den Preis eines deutschen Sieges, erstrebt werden muß. Der deutsche Triumph mit seinen scheußlichen Folgen der militaristischen Materialisierung Europas und der gänzlichen Beugung aller geistigen Kräfte unter reaktionäre Gewalt ist heute ohnehin nicht mehr zu fürchten. Tritt er aber doch ein und werden in Ost und West fremde Territorien dem preußischen Assessorismus neu unterworfen, so müssen eben Revolutionen Remedur schaffen. Jetzt kommt es drauf an, endlich nach Professor Foersters Ausdruck die „Hölle von Wut und Starrsinn“ zu meistern. Manns Blickfeld ist getrübt durch eine garzu einseitige Gläubigkeit nach der andern Seite hin. Darüber, daß bei uns am tollsten und am konsequentesten gelogen wird, sind wir einig, ebenso darüber, daß schonungslose Wahrhaftigkeit nur bei den Engländern ist. Aber zwischen „Matin“ und „Münchner Neuesten Nachrichten“ drehe ich im Gegensatz zu ihm die Hand nicht herum. Für das Phänomen, daß ausgerechnet Deutschland, obwohl es doch vorläufig noch strategisch am Vorteilhaftesten abschneidet, das Lügen auf die höchste Stufe von allen gebracht hat, gibt Mann diese psychologische Deutung: Unsre ganze Tradition gründet sich auf Sieg. Seit 1813 ist alle historische Weltbetrachtung auf Sieg gestellt. Auf Sieg hin ist dieser Krieg unternommen worden. Man muß unausgesetzt siegen, will man die Stimmung des Volks nicht trüben. Deshalb ist bei uns noch keine Niederlage zugegeben worden, deshalb muß jede Niederlage in Sieg umgedreht werden. Als Beispiel beruft sich M. auf die Schlacht am Skagerrak. Ich teile seine Auffassung nicht, wonach diese Schlacht eine deutsche Niederlage gewesen sei. Es war ein beiderseits sehr verlustreiches Zusammentreffen ohne Entscheidung, bei der die Deutschen ein materielles Minus, aber ein moralisches Plus hatten, da sie mit geringeren Kräften dem stärkeren Gegner die absolut größeren, wenn auch relativ weniger empfindlichen Schäden beibrachten. Aber das Lügensystem ist dabei in der Tat sehr deutlich geworden, da die schwersten Verluste erst nachträglich und nach der offiziellen Zusammenrechnung der verlorenen Schiffstonnen eingeräumt wurden, wie H. M. behauptet, nachdem amerikanische Journalisten in Wilhelmshafen die „Lützow“ und die „Rostock“ zu sehn verlangten. – Jedenfalls wurde meine als Witz gemeinte Bemerkung beim Eintreffen der ersten Nachricht „Heute feiert man in Berlin und in London Seesieg“ völlig bestätigt.

In der Bukowina haben die Österreicher eine schwere Niederlage erlitten. Die Russen melden jetzt schon 120.000 Gefangene und unerschöpfliches Kriegsmaterial, das ihnen in die Hände gefallen ist. Ich sehe darin einen entschiedenen Schritt dem Frieden entgegen. Die freche Forderung, die Kriegskarte als Unterlage von Friedensverhandlungen zugrunde zu legen, d. h. natürlich, die deutschen Faustpfänder als Beweis des deutschen Sieges anzuerkennen, bekommt ein andres Bild, sobald die Entente eben auch europäische Faustpfänder besitzt. Greys Bedingungen für Friedensverhandlungen, die Remislage der Partie anzuerkennen, erhält erhöhte Tatsächlichkeit, und der enorme Menschen- und Materialverlust Österreichs steigert die Aussicht auf absehbare Widerstandsunfähigkeit der Zentralmächte. Dazu kommt die offensichtliche Erschöpfung des Angriffs gegen Verdun und das Abstoppen des Vorstoßes an der italienischen Front. Dazu noch die kalten und regnerischen Witterungsverhältnisse, die die voreilig gepriesene Ernte zum guten Teil kaput macht, verbunden mit den Hagelschlägen in Bayern und Oberösterreich, sodaß aller Voraussicht nach der Kulminationspunkt der mitteleuropäischen Überlegenheit erreicht sein wird. Geht’s aber mal rückwärts, dann sicherlich sehr schnell, denn dann wird man bei uns nicht abwarten, bis sich die ganze Lage umgekehrt hat. Dazu hat man doch den Gegnern das Rezept, wie Sieger Frieden machen sollen, schon zu offen präsentiert. – Die Kriegstheoretiker des neutralen Auslands erwarten übereinstimmend in der nächsten Zeit die Waffenentscheidung an allen Fronten. Ich persönlich glaube nicht, daß die Generaloffensive der Entente Entscheidung bringen wird, wenn nicht die, daß Deutschland die Nutzlosigkeit weiterer Versuche einsehn und das Remis zugeben sollte. Man fürchtet wohl nur das Erwachen des genarrten Volks.

Griechenland ist schon wieder in einer sehr mißlichen Lage. Die Sympathien des Königshauses und des Militärs für Deutschland haben das Land in eine immer schiefere Stellung zu der von Anfang an beobachteten wohlwollenden Neutralität zur andern Seite gebracht. Nach der Besetzung des Forts Rupel durch Deutsche und Bulgaren hat nun die Entente die Demobilisation des griechischen Heeres und der Flotte durch Blockadeandrohung erzwungen und damit der Eventualität vorgebeugt, daß das Land, auf dessen Einladung sie Saloniki besetzten, ihnen plötzlich in den Rücken fällt. Nun riecht es stark nach bevorstehender Insurrektion im Lande. Den Hohenzollernschwager beneide ich nicht um seinen Posten.

Neutralitätsverletzung! Eine Abteilung Russen hat bei der Verfolgung der Österreicher rumänisches Gebiet betreten. Ein Teil von ihnen wurde entwaffnet, der größere Teil entkam. Entschuldigungen, Aufklärungen der russischen Regierung in Bukarest, wie es in solchen Fällen üblich ist. Aber heilige Entrüstung bei der Presse des Landes, das belgisches und luxemburgisches Land mit seinen Armeen einfach okkupierte, und das erstere, weil Widerstand geleistet wurde, mit Mord und Brand verwüstete und ausraubte. Si duo faciunt idem, non est idem –, auch nicht, wenn sie nicht ganz dasselbe tun.

 

München, Sonnabend, d. 17. Juni 1916.

Wieder ist ein ganzer Mensch, ein feiner Dichter, eine wahrhafte Persönlichkeit aus meinem Bekanntenkreis auf dem Felde der Schande und des Mordes vernichtet worden: Peter Baum. Ein sorgender Freund Peter Hilles, der selbst in seinen Gedichten („Gott – Und die Träume“) und in seinen Prosaarbeiten („Spuk“) anständige Werke schuf, und dessen Leben und Denken auf so ganz andre Dinge gestellt war als auf Krieg und Töten. Als ehemals gedienter Soldat erwischte es ihn grade noch mit seinen 45 Jahren, und nun mit 47 fand er den „Heldentod“. Peter Baum als Held! Man möchte lachen, aber ich fühle nur neuen Zorn, neuen tiefen Abscheu gegen diesen ganzen himmelschreienden mörderischen Wahnsinn. Ernst Stadler, Hermann Löns, in der Jütland-Seeschlacht der niederdeutsche Dichter Gorg Fock, Georg Trakl, dessen Selbstmord man doch wohl auch hier einrechnen muß, da er unterm Soldatsein und Kriegführen zusammenbrach, der Franzose Charles Peguy – und jetzt auch Peter Baum! Das ist allein die Verlustliste der Literaten, soweit sie mir bekannt ist oder grade einfällt. Kommt von der Bildenden Kunst hinzu: Weisgerber, Frank Marc, Pfeil etc., wer weiß wieviele Musiker (darunter der spanische Komponist, der mit der „Sussex“ unterging), Schauspieler (Jacobi!), Wissenschaftler (Burger und Lask), alle die zahllosen Studenten, die keine Zeit mehr fanden, sich Namen und menschliche Ehren zu erwerben (Max Rosenthal, Walter Arendt, Peter Meier) – die ganze Kultur mit Keimen und Knospen sinkt dahin. Sicherlich können Franzosen, Russen, Serben, alle Länder ähnliche Listen aufstellen. Aber den Uradel zieht man aus der Front zurück, damit die Geschlechter, die die Heiligkeit des Kriegs geschaffen, die diesen unseligen aller Kriege inszeniert haben, um Gottes Willen nicht aussterben! Ob denn bei uns niemals Bastillestürmer wachsen werden?!

 

München, Sonntag, d. 18. Juni 1916. (früh).

Das Volk steht auf! – Gestern erlebten wir den Auftakt der Revolution. – Mittags brachte meine Frau das Gerücht nach Hause, am Marienplatz sei etwas los gewesen, ein Butterkrawall oder dergleichen. Abends waren wir im „Bunten Vogel“, wo erzählt wurde, um 7 Uhr habe es am Marienplatz Krach gegeben, die Leute ständen noch da. Wir entschlossen uns (um 10 Uhr) noch hinzugehn. In der Tat stand der Marienplatz voll von Leuten, die ich auf 10 000 Personen schätzte (eine unsichere Schätzung, da ich keinen rechten Maßstab hatte). Johlen und Pfeifen war zunächst das einzige Merkmal einer Erregung. Allmählich hörte man aus den Gruppen heraus lautes Fluchen, Aufklärungen, Anklagen wegen der Not, der Nahrungsmittelverteilung, der Massenmörderei. Vor dem Café Rathaus standen etwa 10 berittene Schutzleute aufgepflanzt, zunächst ohne sich zu rühren. Man erfuhr, daß kurz vorher die Gäste des Caféhauses Wasser aus den Fenstern geschüttet und Brotreste heruntergeworfen hätten. Darauf seien die Fenster des Lokals eingeworfen worden. – Allmählich kam auch jetzt wieder Bewegung ins Ganze. Die Schutzleute ritten herum, forderten zum Weitergehn auf, trieben die Menge auf dem Platz herum. Auf der Mariensäule standen 13–14jährige Jungen, die bis zu den Mittelfiguren hinaufgeklettert waren und mit Blumenstöcken warfen. Einer, den ein Schutzmann zum Herunterkommen aufforderte, erwiderte: „Mei Mutter weint den ganzen Tag, weil’s ka Brotmark’n nimmer hat. Gibst mir die deine, dann kumm i abi.“ – Am Rathaus hörte man Fenster einschlagen. Allgemein war aber die Stimmung noch mehr neugierig als aufgeregt. Das änderte sich plötzlich, als die Dienerstraße entlang Militär anrückte, mit aufgepflanztem Bajonett, und sich vor der Ostseite des Rathauses aufstellte. Eine maßlose Wut brach durch. Alles schrie Pfui! – Gemeinheit! – Sauhunde! – Blaue Bohnen statt Brot! und ähnliches. Man sah dann, wie die Soldaten über den Platz gingen und wie an der Ecke Rindermarkt von ihnen ein junger Mensch festgenommen wurde. Der Lärm steigerte sich jetzt ungeheuer. Auch wir drangen jetzt bis zu den Soldaten durch, die von der Menge gehöhnt und beschimpft wurden: „Schamts euch! Auf die eignen Frauen und Kinder loszugehn! Franzosen täten dös net!“ Die Leute (Leibregiment) schämten sich offensichtlich. Wo man einen persönlich anredete, entschuldigte er sich achselzuckend: „Mir müssen doch!“ – Angesichts der infolge der Provokation bedrohlichen Volkswut zog sich die Kompanie dann zum alten Rathaus zurück. Jetzt flogen Steine und harte Gegenstände gegen die Fenster andrer Häuser (Hagé und Pölt etc.), und plötzlich hörte man aus der Rosenstraße einen Riesenlärm von Steinwürfen und niederprasselnden Fensterscheiben, jeder Wurf vom donnernden Bravo der Massen begleitet. Erst nach geraumer Weile, nachdem die Seidlsche Bäckerei jedenfalls schon gehörig zugerichtet war, ritten die Schutzleute in die Straße hinein und versuchten Ruhe zu schaffen. Wir standen indessen vor dem Westflügel des Rathauses, wo ebenfalls hin und wieder eine Scheibe klirrte. Plötzlich ein wildes Geschrei, Frauengezeter, wildes Durcheinanderrennen. Die Polizisten hatten blank gezogen und ritten jetzt, nach allen Seiten schlagend über den Platz. Man hörte Schreie von Verwundeten, namenlose Wutäußerungen: Pfui! Sauhunde! Preußenknechte! Helden! Auf Weiber und Kinder habt ihr Mut: Pfui! Pfui! Nach allen Seiten stob das Volk auseinander und staute sich in den Seitenstraßen. Wir gerieten in die Weinstraße. Auf einmal stürzten sich Schutzleute zu Fuß mit blanker Waffe auf uns. Tolle Flucht und Geschrei. Wir wurden in ein Seitengäßchen abgedrängt, das zur Frauenkirche führt. Auch dahin folgten die jetzt heldisch geblähten Säbelschwinger. Eine Dame, die sich uns angeschlossen hatte, kriegte einen Hieb mit der flachen Klinge auf den Rücken. Endlich kamen wir durch Haufen aufgeregter Menschen hindurch zur Neuhauserstraße, wo die allgemeine Erregung noch nachzitterte. Wieviel Verhaftete und wieviel und welche Art Verwundungen wird man wohl bald durch Gerüchte erfahren. Daß die Geschichte erst ein Anfang war, scheint mir ganz sicher. Heute am Sonntag wird schwerlich die Fortsetzung ausbleiben. In der Weinstraße war der allgemeine Ruf: „Auf Wiedersehn morgen!“ Und ob sich nach solcher Aufführung der Staatsgewalt das Volk wieder unbewaffnet den Bewaffneten ausliefern wird, ist mir sehr fraglich. Die Demonstration trug gestern schon durchaus revolutionären Stil. Rufe wie „Frieden! – Nieder mit dem Krieg! – Brot!“ erschollen überall, und nachher in der Stadt hörte man kein andres Urteil als: „Ganz recht so! Es mußte ja mal so kommen! Noch lange nicht genug!“ Die Erregung ist sehr groß, und das Volk scheint einig zu sein. Fragt sich nur, ob die Soldaten soviel Schneid aufbringen, zu den ihren zu halten, wenn es denn drauf ankommt, oder ob sie sich von ihren Oberen ebenso gegen ihre Angehörigen kommandieren lassen wie gegen Russen und Franzosen. Vielleicht erweist sich’s schon heute.

Ursache zu dem Krawall soll dieser Vorfall gewesen sein: Gestern vormittag erschien am Viktualienmarkt eine Bauersfrau mit großem Buttervorrat, den sie verkaufen wollte. Die Kundschaft, der sie die Ware gern billig gegeben hätte und die sie gern gekauft hätte, hatte aber keine Butterkarten mehr. So kam man überein, die Butter solle halt ohne Karten verkauft werden. Dazu kam ein Schutzmann und verbot den Verkauf. Die weinende Frau sollte mit ihrem teuren Gut wieder nach Hause ziehn und die Leute ohne die köstliche Gottesgabe. Denn unsre treffliche Organisation verlangt es so. Die Menge nahm nun Stellung gegen den Schutzmann, der soll dann, als er blankzog, verprügelt worden sein, und dieser Krach setzte sich dann in Massenansammlungen am Marienplatz und demonstrativen Rufen vor dem Rathaus den ganzen Tag fort, bis um Mitternacht (genau um 12 Uhr nachts kam die Säbelattacke, jedenfalls wollte die Münchner Polizei um keinen Preis die Polizeistunde überschreiten lassen) das Kampffeld von den Helden der Ettstraße behauptet werden konnte. War dieser Münchner Krawall, der offenbar weitaus intensivere Formen hatte als die vorangegangenen Krachs in Berlin, Hamburg, Leipzig etc., mehr als die vorübergehende Aeußerung von allgemeinem Mißmut, war er, wie ich hoffe, nur der erste Schritt auf dem Wege entschlossener Selbsthilfe, und greift sein Beispiel über auf andre Städte – vielleicht zunächst nur in Bayern – dann kann es mit dem Kriege nicht mehr lange dauern. Gegen den bewußten und systematischen Widerstand des Volks kann keine Regierung lange bestehn. Außerdem bezweifle ich, ob sich eine Armee lange vor dem Feinde halten läßt, die es – trotz allen Verheimlichungen – ja doch erfahren muß, daß die Ihrigen daheim den wahren Feinden den Krieg erklären.

 

München, Montag, d. 19. Juni 1916.

Nachzutragen zu der Samstag-Demonstration am Marienplatz wäre, daß unter den Demonstranten eine ganze Anzahl Soldaten in Uniform waren, die sich kräftig an den Ausrufen beteiligten und durchaus offen mit dem Volk fraternisierten. Andre kamen in Zivil, aber mit Kriegsauszeichnungen. So war Einer da mit dem Band des Eisernen Kreuzes, der angesichts der Säbelattacke meinte: „Einen Arm hams mir draußen schon kaput g’macht. Geht der andre aa hi, ist’s aa wurscht.“ Ein andrer hatte die ganze Heldenbrust mit bunten Bändern von Orden, Verdienst- und Tapferkeitsmedaillen vollgesteckt und schimpfte am Lautesten mit. Der amtliche Polizeibericht weiß natürlich blos von Pöbel und halbwüchsigen Burschen und stellt den ganzen Vorgang als ganz unernst hin. Immerhin klebten schon gestern früh um 5 Uhr Anschläge in der ganzen Stadt, wonach Zusatzbrotmarken wieder ausgegeben werden sollen, und zwar auch am Sonntag. Es hat also gewirkt. Gestern kam es – wahrscheinlich infolge des raschen Funktionierens der Nahrungsmittel-Versorgungsstelle zu keinen neuen Kundgebungen. Der Marienplatz wimmelte den ganzen Tag von Sonntagsspaziergängern, die sich den Schaden an den Fensterscheiben betrachteten, Schutzleute zu Fuß und zu Pferde machten sich wichtig, hofften aber vergeblich darauf, ihren Tatendurst befriedigen zu können. Denn es war bekannt gemacht worden, daß die Polizei angewiesen sei, gleich bei Beginn neuer Unruhen „mit aller Strenge“ vorzugehn. Man hat die Schufte nur bei der Arbeit sehn müssen, um zu erkennen, wie das Volk regiert wird, das die Kosaken als blutrünstige Bestien vorgemalt bekommt. Es sind 29 Personen verhaftet worden, über die Zahl und Art der Verwundungen ist keine Meldung laut geworden.

Professor Foerster ist weiterhin Gegenstand erregter Erörterungen. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ waren natürlich diejenigen, die zuerst und am lautesten in die Entrüstungsposaune stießen, während sogar die „Münchner Zeitung“ neben der „Münchner Post“ den Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft verurteilen. Im „März“ hat sich nun aber Ludwig Thoma, der große Freiheitskämpe losgelassen. Der beschimpft Foerster und verlangt weitere Maßnahmen gegen seine „Taktlosigkeiten“. Seinen Artikel, den er wahrscheinlich ebensowenig kennt wie alle andern, charakterisiert er als „Bockmist“. Ob dieser Sorte nicht einmal noch die Augen tropfen werden, wenn ihre große Zeit herum ist?

Von Landauer bekam ich einen sehr ausführlichen Brief, in dem er begründet, warum es ihm unmöglich ist, zu der von mir gewünschten Aktion mit Haase und Gerlach die Initiative zu ergreifen. Er meint, wir hätten doch zu wenig Gemeinsames mit allen Politikern, um mit ihnen gehn zu können, ohne uns herabzuschrauben. Zu meiner Liebknecht-Verteidigung in der „Bremer Bürger-Zeitung“ beglückwünscht er mich. Gegen die Bemühungen, eine Revolution zu provozieren, wendet er sich aus dem Grunde, der auch die Russen jetzt von Erhebungen absehn läßt: weil dazu bestimmte Ziele aufgestellt und organisatorisch vorbereitet sein müßten. Die Ansicht teile ich garnicht. Das Ziel einer Revolution wäre jetzt einfach Friede. Ist der erreicht, dann hat das Volk ein moralisches Plus, das es für die Vorbereitung größerer und sozialistischer Dinge sehr aufnahmefähig machen müßte.

Die Auffassung der großen Menge: „Lange kann’s nimmer gehn!“, die man besonders nach dem Samstag-Krawall allenthalben hört, teile auch ich immer mehr. Das Wetter ist unablässig schlecht, sodaß alle Kenner erklären, daß die kommende Ernte mißraten muß. Hier liegt der stärkste Widerstand gegen die deutsche Durchhalte-Tendenz. Auch der ehemalige britische Botschafter in Berlin Goschen erklärt jetzt in der „Neuen Zürcher Zeitung“, wie er die Sache ansieht, und daß an Frieden nicht zu denken sei, solange Bethmann das besetzte Kriegsgebiet als Maßstab des deutschen Sieges ansieht. Er erinnert daran, daß die Entente niemals die Tatsache, daß sie an deutschen Kolonien das Sechsfache von dem erobert hat, was Deutschland in Europa hat, als Beweis ihres Sieges in Anspruch genommen hat und meint, Friedensverhandlungen seien erst möglich, wenn die Deutschen zugeben, daß die andern nicht besiegt sind. Dazu würde Deutschland durch die englische Flotte, die kein Schiff an Helgoland vorbeizulassen brauche, gezwungen werden, auch wenn England keine Kanone mehr hätte. Die strategische Lage wird aber neben der ökonomischen für die Zentralmächte auch keineswegs günstiger. Der gestrige österreichische Tagesbericht gibt zu, daß die Russen in Czernowitz eingerückt sind, und allem Anschein nach werden die Deutschen und Österreicher in jenen Gegenden noch erheblich weiter zurückbauen müssen. Dazu kommt die neuerdings akute Gefahr eines Eingreifens Rumäniens, das zudem gegenwärtig in gespannten Beziehungen zu Bulgarien steht (wovon man freilich in deutschen Blättern kein Sterbenswörtchen liest). Vor Verdun ist kein Vorwärtskommen mehr, und an der Ypernfront bereiten allem Anschein nach die Engländer etwas vor. Auch in Italien sind die Österreicher in die Defensive gekommen. Wie also die nimmermüden Sieger sich den greifbar nahen Endtriumph vorstellen, ist ihr Geheimnis.

Am Schachtisch im Stefanie hatte ich gestern eine kurze scharfe Auseinandersetzung mit dem Professor Schuster-Woldan, die mich veranlassen wird, dieser Gesellschaft künftig auszuweichen. Ich verteidigte die Volksdemonstration am Marienplatz gegen Nonnenbruchs Ansicht, daß man Aufsässigkeiten entgegentreten müsse und die allgemeine Auffassung, daß solche Sachen kriegsverlängernd wirken. Ich fand im Gegenteil, daß sie die Schweinerei abkürzen müßten, da gegen den Volkswillen ein Krieg nicht lange durchzuführen sei. Da griff plötzlich Schuster-Woldan ein und erklärte, an diesem Tisch dürfe ich der Revolution nicht das Wort reden, sonst könne ich „was erleben“. Ich blieb sehr ruhig und sagte blos: „Bisher war es an diesem Tisch üblich, daß jeder seine Meinung sagen konnte.“ Antwort: „Jawohl, aber nicht Sie!“ Ich hatte keine Lust, mich mit dem Teutonen in lange Auseinandersetzungen einzulassen, spielte schweigend meine Schachpartie zuende und ging. – Künstler, denen die deutsche Regierungs- und Kriegspolitik so heilig ist, daß sie die andre Meinung nicht mal zur Diskussion zulassen! Wie tief ist dieses Volk gesunken!

 

München, Dienstag, d. 20. Juni 1916.

Beinahe wäre ich selbst noch nachträglich ein Opfer der Marienplatz-Tumulte geworden. Gestern kam ich um 11 Uhr aus dem Theater (Kammerspiele), ganz erfüllt von Kayßlers und der Fehdmer herrlicher Darstellung in Strindbergs „Nach Damaskus“, I. Teil, und von der erschütternden, unheimlichen und großartigen Dichtung. Ich fand den Bescheid vor, daß Zenzl um 10 Uhr auf Anruf von Ludwig Scharf zu einem dringenden Gespräch zum „Wittelsbacher Garten“ gefahren sei. Ich ging also auch noch hin und erfuhr von Scharf folgendes. Sonntag abend habe er in einer Gesellschaft im Café Odeon gesessen, der ein Herr Lang von dem Marienplatz-Krawall erzählte. Besonders interessant scheint dem mir unbekannten Herrn meine Anwesenheit dort gewesen zu sein. Er berichtete also der Gesellschaft, daß er mich eifrig beobachtet und bemerkt habe, wie ich die Schutzleute, die sich lammfriedlich verhielten, mit Zurufen haranguierte und beim Fortgehn geschrieen hätte: „Auf Wiedersehn morgen! Aber wir kommen stärker wieder!“ oder so ähnliches. – Währenddem habe von einem Nebentisch aus jemand Herrn Lang herausgebeten und sich ihm als Jurist in Polizeidiensten legitimiert. Dann habe er ihn nach Näherem über meine Beteiligung an der Demonstration gefragt und dabei mitgeteilt, daß die Polizei schon von andrer Seite darauf aufmerksam gemacht worden sei, daß ich mich dabei hervorgetan und wahrscheinlich auch an der Organisation der Veranstaltung teilgenommen habe. Der mitteilsame Herr Lang habe daraufhin alles bestätigt, was der Spitzel angehört hatte und seine Behauptungen noch erweitert. Erst als man ihn nachher an seinem Tisch darauf aufmerksam machte, was er mir mit seiner Denunziation angetan habe, sei tiefe Reue über ihn gekommen und er habe sich heftige Vorwürfe gemacht. – Ich erklärte Scharf, daß mir, wenn ich eingesperrt würde, völlig einerlei sein könnte, ob derjenige, dem ich es zu danken habe, mich aus Unüberlegtheit oder aus Niederträchtigkeit denunziert hat, ging dann aber heim und bereitete das Nötigste für eine Haussuchung vor. Spät nachts kam dann Frau Scharf noch bei uns an, um zu melden, daß sie eben auf der Straße durch eine bekannte Dame erfahren habe, Herr Lang sei am Tage polizeilich vernommen worden und habe alles wieder gut gemacht, indem er erklärte, er könne sich in allen Beobachtungen vielleicht geirrt haben. Schwätzereien unbekannter Leute, die sich interessant machen wollen, – und unsereiner kann dafür womöglich monatelang hinter Schloß und Riegel sitzen. Denn die gegenwärtigen Zeitumstände lassen es zu, daß man ohne Untersuchung auf den Wink eines Beamten festgesetzt wird. „Schutzhaft“ nennt man das dann –, ohne daß einem der Prozeß gemacht würde, ohne daß ein Verteidiger einem helfen könnte. Das Damokles-Schwert solcher Gewalt hängt jeden Augenblick über mir. Wenn es mal niedersaust, möchte ich wenigstens etwas Lohnendes dafür geleistet haben.

Foerster hat gestern in der Universität eine große Genugtuung erlebt. Seine Studenten bereiteten ihm eine reguläre Ovation, und in einer vorzüglichen Rede begründete er seinen Standpunkt. Eben sprach ich mit Aster über den Fall. Er erzählte, daß der Inaugurator der höchst blamabeln Fakultäts-Kundgebung der Akademiepräsident Crusius sei, der die Studenten auch – wie man sieht, vergeblich – gegen Foerster aufzuhetzen versucht habe. Aus dem Professoren-Club, dessen Zweck die Pflege freier Forschung ist, seien wegen der Angelegenheit Lujo Brentano und er (Aster) ausgetreten. Lotz habe protestiert. Leider waren die Herren aber zu einer öffentlichen Protestkundgebung nicht zu bringen. Das ist sehr zu bedauern. Denn eine solche Erklärung, von Brentanos autoritativem Namen getragen, hätte eine vorzügliche Wirkung getan. Aster ist grade von Berlin zurückgekommen. Dort hat er mit Harden gesprochen, der immer noch von einer gemeinsamen Aktion abrät. Nach seinen Mitteilungen dächten alle Minister, wenn man sie einzeln spricht, sehr vernünftig, trauen sich aber nicht heraus mit ihrer Einsicht, sodaß vorläufig noch alles ganz hoffnungslos ist. – Ferner hat A. einen ehemaligen Direktor von Krupp kennen gelernt, der sein Amt niedergelegt hat, weil er es nicht aushalten konnte, für so ein Geschäft zu arbeiten*. Der sei der Meinung, das Wichtigste jetzt sei die Gründung einer großen Tageszeitung, die mit sachlicher Ruhe die Dinge beim rechten Namen nennt. Das erforderliche Millionenkapital hoffe er aufzutreiben. Am besten wäre es, da die Neugründung einer Zeitung leicht von oben herunter inhibiert werden könnte, ein bestehendes Blatt einfach aufzukaufen. München oder Berlin müßte der Erscheinungsort sein. Ich würde diesen Schritt für sehr wichtig halten, fürchte aber, daß doch wieder eine große Konzessions-Meierei bei allem herauskäme.

Über die Samstag-Vorgänge bringt die „Münchner Post“ einen ausführlichen, wenn auch gefärbten Bericht, in dem doch manches Richtige gesagt ist. Aber was nützt das? Diese Mehrheits-Sozialdemokraten, die mit dem Kriegsministerium auf Du und Du stehn, können getrost einmal einen oppositionellen Ton anschlagen. Es sind Auguren.

Morax ist zur Zeit hier und besuchte mich vorhin. Er war in Bremen und in Mühlheim (Ruhr) gewesen. In Bremen sei die Stimmung sehr gut. Außerdem sei der Druck von oben dort gering. Bei Siegen und dergl. flaggt kein Mensch. Die Sozialdemokraten (Henke) machen öffentliche Versammlungen, wo sie ziemlich ungeniert sprechen können. In Mülheim sah er schauderhafte Dinge. Der Hunger und das Elend sind dort grenzenlos. Die Leute ziehn nachts in Massen durch die Straßen und betteln um Brot und Kartoffeln. Werfen ihnen mitleidige Seelen Lebensmittel aus den Fenstern zu, dann geht die Balgerei an. Hunde und Katzen sperrt man ängstlich ein, da sie sonst gleich abgefangen und geschlachtet werden. Das ist die Gegend, wo der Sozialdemokratische Parteivorstand durch Gewaltmaßregeln für eine staatstreue Presse sorgt (Duisburg). Die Verzweiflung im Volk sei aber unbeschreiblich.

Gräßlich muß es jetzt an der russischen Front zugehn. Zenzls Bruder Albert hat seiner Freundin geschrieben, er glaube, daß das sein letzter Brief sei. Fortwährend prasseln die Flatterminen auf und links und rechts von ihm seien die Kameraden zerrissen worden. Schon las ich aber wieder in der Zeitung, daß die russische Offensive für die deutsche Heeresleitung eigentlich hochwillkommen war. So gehts aber von Anfang an: Jede Niederlage ist im Grunde eine besondere strategische Finesse der unfehlbaren deutschen Generale. Sie wollen durchaus nichts sehn. Sie wollen belogen und beschwindelt werden, um ihren feigen Selbstbetrug zu genießen. Aber in den Tiefen gärt es und brodelt – und das ist die Hoffnung.

 

* offenbar Mühlon

 

München, Mittwoch, d. 21. Juni 1916.

Sommeranfang. Dabei ist es immer noch – seit Wochen schon – kühl und regnerisch. Mit der Ernte wird es sehr kläglich werden. Aus der Schweiz wird denn auch schon berichtet, daß das Heu ziemlich kaput ist, was auf die Viehzucht und mithin auf die Milchversorgung sehr bedenklich einwirken muß. Umso besser – die Kriegstreiber werden allmählich einsehn lernen, daß sie ein hungerndes Volk nicht ad infinitum zum „Durchhalten“ zwingen können, besonders dann nicht, wenn sie auch dem Heer die nötigen Kostrationen nicht mehr zumessen können. Und daß es auch mit der Armeeverpflegung schon sehr hapert, dafür zeugen hunderte von Soldatenbriefen und tausende von persönlichen Erzählungen aus den Kasernen. Neuerdings muß als Sündenbock für den Nahrungsmittelmangel, da man die Wirkung der Blockade immer noch nicht zugeben will, die Zentral-Einkaufs-Gesellschaft herhalten. Wahrscheinlich sind wirklich von ihr schwere Organisationsfehler gemacht worden, besonders dadurch, daß die Gelegenheiten, billig aus Holland einzukaufen, nicht genügend wahrgenommen wurden. Ferner sorgt man – der Valuta wegen – immer wieder dafür, daß deutsche Erzeugnisse ins Ausland exportiert werden, was schädigend auf unsre Volkswirtschaft zurückwirkt. So hat man neuerdings die Aalfischerei im Rhein an eine niederländische Gesellschaft verpachtet, nachdem man kürzlich ganze Spargelfelder in Mecklenburg auf dem Halm nach Dänemark verkauft hat. Dies alles beschleunigt die Katastrophe bei uns, wenn sie auch bei Vermeidung dieser Fehler ebenfalls eintreten müßte. Denn was nicht auf die Dauer da ist, kann auch auf die Dauer nicht verteilt werden. Ich sehe folgendes voraus: Nach den Teuerungs-Revolten in Leipzig, Hamburg, Essen, Berlin, München etc. wird man der Verteilung der Lebensmittel durch weiteres Straffziehn der Organisation für die nächste Zeit etwas aufhelfen. Infolgedessen wird in der Tat vorübergehend einige Besserung geschaffen werden. Das wird man benutzen, um dem Volk wiederum weiszumachen, daß alles hinlänglich vorhanden ist. Dieser Trost wird natürlich nur solange vorhalten, bis von neuem Unruhen entstehn, und dann wird es heißen: Ihr habt ja gesehn, daß wir immer wieder Abhilfe geschaffen haben. So wird es vielleicht wirklich gelingen, die Geduld des Volks noch monatelang zu strecken, immer in der Hoffnung, inzwischen werde der liebe Gott auf den Schlachtfeldern das deutsche Wunder tun. Ich glaube daran sowenig wie an einen endgiltigen Waffensieg der andern Partei, und mir scheint alles Heil nur noch in der Revolution zu liegen, an die freilich erst zu denken sein wird, wenn die, die die Waffen in der Hand haben, bereit sein werden, sie für die ihrigen zu gebrauchen und nicht gegen sie. Schon sollen sich in Leipzig die Soldaten geweigert haben, aufs Volk zu schießen. Sollten die Machthaber es aber versuchen, die Wehrkraftlümmel bewaffnet aufs Volk loszulassen, dann werden sie damit eine Empörung großzüchten, deren überhaupt keine Staatsgewalt mehr Herr werden wird. Die Wut über die ständige Bedrohung der öffentlichen Sicherheit durch die Rotzbuben ist jetzt schon überall sehr groß, und das Renommieren der Bengel mit ihrer Mission zum „Ordnung schaffen“, das nach den Samstag-Vorgängen öfter gehört wurde, hat diese Stimmung noch erheblich verschärft.

Anscheinend hat die hohe Polizei in diesen Tagen meiner kleinen Person wieder ihre erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt. Gestern traf ich in den Kammerspielen („Nach Damaskus“ II. und III.) das Ehepaar Feuchtwanger, das mir erzählte, die Kriminalpolizei habe in der Torggelstube anfragen lassen, ob ich dort noch verkehre. Man scheint mich im Verdacht zu haben, die ganze Sache organisiert zu haben, als ob sich sowas überhaupt organisieren ließe! Meine Tätigkeit bei dem Tumult erstreckte sich einfach darauf, den Rufen der Menge eine bestimmte Richtung zu geben, die Aufregung über die Brotnot auf ihre Ursache, den Krieg, hinzulenken. Aber die Rufe „Nieder mit dem Krieg!“ „Wir wollen Frieden!“ etc. wären wohl ohne mein Zutun auch laut geworden, wie denn die Behörde meinen Einfluß auf die Massen überhaupt erheblich überschätzen dürfte. Ich wollte, ich könnte ihrem Verdacht noch recht geben.

Europas Jammer scheint den Göttern noch nicht zu genügen. Die Ereignisse in Mexiko spitzen sich wieder so zu, daß die Kriegserklärung der Vereinigten Staaten gegen die Regierung Carranzas jeden Moment kommen kann. Seit der Pazifist Wilson wieder eine „Strafexpedition“ hingeschickt hat, nehmen natürlich die Racheakte der mexikanischen Rebellen kein Ende. Die Mobilisierung der Unions-Miliz ist deshalb schon angeordnet, und allem Anschein nach wird Mexiko demnächst von denen, die dort unausgesetzt ungebeten Ordnung einführen wollen, nach europäischem Muster in eine Kriegswüste verwandelt werden, woraus alsdann – was selbstredend kein Mensch jetzt beabsichtigt – ein „Protektorat“ oder gar die Annektierung von Gebietsteilen zugunsten amerikanischer Milliardäre resultieren wird. Es ist tief bedauerlich, daß Wilson seine Bemühungen um ein Ende des scheußlichen Weltmassenmords kompromittieren will, indem er sich von seinen kapitalistischen Drahtziehern zu genau derselben Schweinerei im eignen Revier vortreiben läßt. – Zugleich scheinen die Japaner den Tod Jüanschikais benutzen zu wollen, um im gärenden China ihr Schäfchen weiden zu lassen. Manchmal könnte man meinen, wir ständen erst am Beginn alles Grauens, und das Fatum hätte es auf die völlige Vernichtung aller Menschheit abgesehn. – Es gibt aber immer noch Begeisterte, für die der Tod wirklich nichts ist – wenigstens der Tod andrer Leute.

 

München, Donnerstag, d. 22. Juni 1916.

Stücklen brachte mir gestern ins Caféhaus die Mitteilung von Ludwig Thoma, daß er zuverlässig wisse, man werde sich mein ungeniertes Stimmungmachen gegen den Krieg nicht lange mehr mitansehn, sondern mich bei der nächsten Gelegenheit in Schutzhaft nehmen. Ich wundere mich schon lange über nichts mehr, nicht einmal darüber, daß Thoma mit den Behörden nachgrade so intim ist, um deren geheimste Absichten zu kennen. Bedenke ich aber, daß meine ganze agitatorische Tätigkeit sich auf absolut private Gespräche erstreckt – abgesehn vom letzten Sonnabend, wo ich einer unter Tausenden auf dem Marienplatz war – und daß nun trotzdem eine Warnung hinter der andern kommt, ich solle mich vorsehn, dann steigt mir die Galle hoch über die würdelose Liebedienerei selbst meiner Bekannten gegen die Machthaber. Denunzianten und freiwillige Polizisten – das hat die große Zeit schon aus jedem Deutschen gemacht. – In Irland sollen neue Unruhen im Gange sein. Unsre Presse regt sich auf, weil brutale Gewalt sich dagegen wehrt. Dort handelt es sich um bewaffnete Insurrektion auf Anstiftung des äußeren Feindes (Sir Roger Casement hat unter dem Protektorat der deutschen Regierung in den Gefangenenlagern irische Revolutionäre geworben, aber nur ganze 50 Mann aufgetrieben), und es sind etliche Führer hingerichtet worden, sofort ist aber in Irland ein Regime des Entgegenkommens etabliert worden (so sind die Iren von der Militärpflicht befreit). Dennoch: aus allen Pfützen der öffentlichen Meinung quakt es: Seht doch die infamen Unterdrücker! Seht diese gemeinen Engländer! ... Bei uns aber – und das wissen die Leute so gut wie ich es weiß – hat man aus Elsaß-Lothringen eine große Leichenkammer gemacht, wovon nicht gesprochen wird – oder aber jedermann befriedigt ist. Und rotten sich hungernde Frauen und empörte Leute zusammen, um gegen die schändliche Mißwirtschaft zu protestieren, und es gehn etliche Fensterscheiben in Trümmer, dann sind alle „Gebildeten“ einig darin, daß „der Mob“ mit Knüppeln und Säbeln zusammengehauen gehört, und Entrüstung gegen die Polizei gibt es nur deshalb, weil die Schutzmänner nicht schon nachmittags blankzogen und Schädel spalteten. Pöbel und Mob ist alles, was nicht zuverlässig staatsloyal ist. Die Hundsfötte, die Kuchenbrösel auf nach Brot rufende Weiber schmissen, habe ich von dieser Sorte noch mit keiner Silbe als „Pöbel“ verurteilen hören. Redet man aber davon, dann ist die Behauptung „nicht erwiesen“. Mir ist erwiesen, daß sich die Intellektuellen dieses Landes jedes Urteils, jeder Kritik, jeder Gerechtigkeit freiwillig und liebedienerisch begeben haben. Wenn meine Verhaftung eines Tages erfolgen sollte, dann möchte ich wissen, wieviele meiner Freunde das nicht ganz in Ordnung fänden, und ob irgend einer den Versuch unternehmen würde, mir zu helfen.

Scheidemann hat in Breslau in einer großen Arbeiterversammlung über die Reichspolitik geredet. Bei dieser Gelegenheit hat er aus intimer Kenntnis der Dinge verraten, daß der Reichskanzler weit entfernt sei, die Forderungen der 6 wirtschaftlichen Verbände zu unterstützen. Er wolle weder Belgien noch Teile Frankreichs behalten (über Polen, Kurland etc) sprach Herr Scheidemann nicht. Amüsante Zeitsymptome: der Führer der deutschen Sozialdemokratie als Sprachrohr des Reichskanzlers, also als commis voyageur der Regierung.

Kürzlich erschien ein Aufruf der von Rußland unterdrückten Völker (Balten, Letten etc), worin gegen die zaristische Herrschaft beweglich protestiert wurde. Diese Kundgebung kam über Stockholm. Als Antwort darauf veröffentlichten die Organisationen dieser Volksteile in der Schweiz eine Erklärung, worin sie den Aufruf als deutsches Machwerk kennzeichneten und die „Befreiung“ ihrer Länder durch die in den baltischen Ländern hinlänglich bekannten deutschen Juncker dankend ablehnten. Es ist erstaunlich, wie ungeschickt bei uns gearbeitet wird.

Ostgalizien geht langsam weiter ganz in russischen Besitz über, die bereits den Sereth überschritten haben. Die deutschen Zeitungen sind voll von Pressestimmen aus allen Ländern, zumal aus England, Frankreich und – Rußland, die vor der Überschätzung dieser russischen Erfolge warnen. Ich erinnere mich keiner Gelegenheit in den 23 Monaten dieses Kriegs, wo etwa deutsche Blätter den Jubel gefälliger Patrioten über eigne Erfolge oder solche der glorreichen habsburgischen, türkischen oder bulgarischen Bundesgenossen zu dämpfen versucht hätten. Aber das schlichte deutsche Wesen im Gegensatz zu der phrasengeschwollenen Selbstgefälligkeit der Welschen und Briten wird uns auch jetzt noch täglich in allen Spiegeln unsrer nationalen Herrlichkeit reflektiert.

 

München, Sonntag, d. 25. Juni 1916.

Früh 8½ Uhr. In einer Stunde geht der Zug nach Bad Aibling, wo für meine Frau Pension für ihre Moorbadkur gesucht werden soll. Bis dahin noch ein paar kurze Bemerkungen. Zunächst eine persönliche. Gestern wurde ich auf der Straße überfallen und war leider in eine widerliche Prügelei verwickelt. Als ich mittags vom Café die Amalienstraße herunterkam, stellte sich mir Herr Werner Karfunkelstein-Daya-Villard, oder wie er sonst noch heißen mag, in den Weg. Ich sollte mich verantworten für ein Gespräch, das ich vor einem Jahr vor zwei Personen geführt haben soll, und worin ich die Beschuldigungen wiederholt haben soll, die schon oft gegen Herrn Daya laut geworden sind, die u. a. schon vor 10 Jahren Herr Dr. Liebknecht im „Vorwärts“ erhoben hat, nämlich daß damals bei einer Haussuchung die Liste sämtlicher russischer Anarchisten Berlins bei D. gefunden worden sei. Er behauptet nun, als diese Beschuldigungen laut wurden, wehrlos im Gefängnis gesessen zu haben, aber er werde Liebknecht, sobald er seiner habhaft würde, ohrfeigen (Im Laufe von 10 Jahren ist merkwürdiger Weise noch immer keine Gelegenheit dazu dagewesen). Nun ist es sehr wohl denkbar, daß ich im vorigen Jahr oder sonstwann mal von diesen Dingen, die Daya noch nie öffentlich behandelt hat, gesprochen habe, aber sicher nur in der Weise, daß ich von Vorwürfen andrer gegen Daya sprach, ohne sie mir zu eigen zu machen, wohl aber als Bekräftigung seiner Unzuverlässigkeit, die sich mir schon daraus ergibt, daß dieser ehemalige Anarchist plötzlich katholisch wurde, alle frühere Gesinnung verleugnete und geschäftlich höchst schofle Dinge trieb. Wem gegenüber ich aber die Bemerkungen vor einem Jahr gemacht haben soll, weigerte er sich mir anzugeben. Er habe sein Ehrenwort gegeben, die beiden Zeugen nicht zu nennen. Sonderbare Zeugen jedenfalls, denen ihre eignen Angaben so verdächtig sind, daß sie sie nicht vertreten mögen. Ich erklärte Daya daher, daß ich mich nicht auf Verteidigungen irgendwelcher Art einlassen könne wegen Dingen, die ein Jahr zurückliegen, ohne daß mir auch nur verraten wird, wer sie mir vorhält. Darauf erklärte Daya, mit dem ich garnichts rechtes anzufangen wußte, er würde sich schon zu wehren wissen, und mich einfach erschlagen. Ich lachte natürlich und sprach von kindlichen Bedrohungen. Als Antwort darauf schlug der Dreckfink mir mit der Faust ins Gesicht, sodaß sofort mein Kneifer in Scherben herunterfiel und ich somit entwaffnet war. Ich wehrte mich mit dem Stock – und ging dann, um mich zu erholen, in die Buchhandlung von Steinicke. Meine Nerven waren den ganzen Tag natürlich kaput. Aber wie dumm! Man hat alle möglichen ernsten Sachen im Kopf, und muß sich unversehens auf der Straße wie ein Schuljunge herumprügeln, macht sich vor den Leuten lächerlich, strapaziert seine Nerven und hat obendrein noch Kosten. Aber mir siehts ähnlich!

 

München, Montag, d. 26. Juni 1916.

Hundertste Kriegswoche – und noch weiß niemand, ob wir überhaupt schon die zweite Hälfte des schändlichen Treibens erreicht haben. Seit drei Tagen hängen wieder mal Fahnen aus den Fenstern, weil ein weiteres Panzerwerk vor Verdun (Thiaumont) erstürmt worden ist. Zwei bayerische Regimenter werden genannt, die die Heldentat vollbracht haben, darunter das Münchner Leibregiment. Was so ein Sturm auf eine befestigte starke Stellung an Menschenopfern kostet, weiß man doch nachgrade so ungefähr, und daß der Fall eines Forts von einem entscheidenden Siege himmelweit entfernt ist, sollte man doch grade aus der Verdun-Offensive seit Februar gelernt haben. Aber nein: wir erfahren, daß ein paar hundert Münchner tot oder zu Krüppel geschossen worden sind und wedeln vor Jubel. – Dabei wächst Unzufriedenheit, Verbitterung, Verzweiflung, Wut jeden Tag. Die Hungersnot steht mit gespreizten Klauen schon bald vor den Türen der Vermögenden, und die Soldaten an der Front leiden buchstäblich Hunger. Ausbrüche im Volk werden mit Waffenmacht unterdrückt, und gestern erzählte mir in Rosenheim (wir machten einen Sonntagsspaziergang von Aibling dorthin) ein Soldat, man wolle nach München ein preußisches und nach Berlin ein bayerisches Regiment legen, um im Falle eines Schießkommandos aufs Volk keine Weigerung befürchten zu müssen.

 

München, Dienstag, d. 27. Juni 1916.

Um da anzuknüpfen, wo mich gestern ein Besuch unterbrach: Ist das Gerücht auf Wahrheit gegründet, daß man dem „inneren Feind“, hier mit Preußen, in Berlin mit Bayern zu Leibe will, dann liegt darin immerhin das interessante Eingeständnis, daß auch in der Auffassung der Regierenden der Antagonismus zwischen Nord und Süd als natürliches Phänomen anerkannt wird, daß es also ein „äußerer Feind“ ist, der die Unterdrückung von inneren Unruhen auszuführen hat. Vorläufig zweifle ich noch an der Tatsächlichkeit solcher Absicht. Denn der Preußenhaß ist hierzulande so groß, daß diese Provokation kaum mehr ertragen würde. Mir könnte es natürlich grade recht sein. Ich begrüße alles, was jetzt aufklärend wirkt, weil es zur Abkürzung des Kriegs beiträgt.

Von den politisch-kriegerischen Ereignissen der letzten Woche ist das wichtigste der Schritt der Entente in Griechenland, eine gemeinsame Note, die fast den Charakter eines Ultimatums trug und die Demobilisation, die Entfernung der Regierung Skuludis, die Ausschreibung neuer Wahlen und die Ersetzung etlicher Beamter durch andre, der Entente genehme, forderte. Selbstverständlich ist Griechenland auf alle diese Bedingungen eingegangen, und noch natürlicher zerraufen sich die deutschen Schmöcke die Haare über die nichtswürdige Knebelung des armen Landes und über die schmählichen Neutralitätsbrüche der Alliierten, Lamentationen, die den Verteidigern der belgischen Neutralitätsverletzung besonders wohl anstehn. Daß Griechenland Bundesgenosse von Serbien und Hilfsstaat der Entente laut Verträgen ist, daß die Truppenlandungen in Saloniki auf Einladung der griechischen Regierung erfolgten und die dann erst einsetzenden Schikanen der griechischen Regierung gewisse Repressalien hervorriefen, sieht man hierzulande nicht oder will es nicht wissen, ebensowenig, daß eine „wohlwollende“ Neutralität nach beiden Seiten schlechterdings überhaupt keine Neutralität ist und jeden der beiden Begünstigten auf eigne Kosten zu jeglicher Selbstherrlichkeit berechtigt. In Wahrheit ist der König und die Armee, wie überall so auch in Griechenland, deutschfreundlich, das Volk aber wie überall ententefreundlich. Daß es nicht die Absicht der Regierungen Englands und Frankreichs ist, Griechenland in den Krieg zu zerren, zeigt ja die Forderung der Demobilisierung, die inzwischen erfüllt ist, und ob es wahr ist, wie unsre Blätter behaupten, daß Venizelos jeden Einfluß im Lande verloren hat, wird sich wohl bei den Wahlen herausstellen. Ich glaube nicht, daß die Vierverbändler die Forderung nach Neuwahlen erhoben hätten, wenn sie nicht überzeugt wären, daß sie ebenso ausfallen würden, wie das vorletzte Mal (wo der König das Parlament gleich wieder nach Hause schickte) und entsprechend dem letzten Mal, wo sich die Venizelisten der Abstimmung enthielten, und infolgedessen nur ein Drittel aller Wähler zur Urne ging.

Blut fließt außer bei Verdun und in Tirol in besonderen Mengen immer noch in Wolhynien und der Bukowina, wo die Russen die Österreicher immer weiter zurücktreiben, von den Deutschen aber selber zurückgedrängt werden. Der Durchbruch ist ihnen also nur zum Teil gelungen. Ein Ende ist aber noch nicht vorauszusehn bei den Kämpfen. Gewiß ist nur, daß wahnwitzig geschlachtet wird und jede Partei sich jetzt schon den Sieg zuschreibt – wie immer.

Bei den Sozialdemokraten gehts wieder hoch her. Die Berliner haben ihre Funktionäre abgesetzt und an ihre Stelle lauter Oppositionelle gewählt. Da diese Leute zugleich für die preußische Landesorganisation tätig sein sollen, wo die besiegten Mehrheitsfunktionäre mit Aussicht auf Erfolg die Massen auf ihre Seite zu bringen suchen, wird wohl daraus die endgiltige Spaltung der Partei hervorgehn. Vor einigen Tagen traf ich Eisner, der freilich meinte, die Bayern würden die Spaltung verhindern. Er erzählte mir bei der Gelegenheit, daß er meinen Liebknecht-Brief aus der „Bremer Bürgerzeitung“ abgedruckt gefunden hätte – und zwar in der „Humanité“. Damit wäre diese Aktion also doch nicht ganz im Winde verpufft.

 

München, Mittwoch, d. 28. Juni 1916.

Liebknechts Prozeß hat heute begonnen. Schon melden die Blätter – wie bei peinlichen Anlässen immer, in verschämter Form – Straßenkundgebungen am Potsdamer Platz, wobei 20 Personen verhaftet wurden. Zugleich findet in London der Prozeß gegen Sir Roger Casement statt, der mit dem Einverständnis der deutschen Regierung in deutschen Gefangenenlagern irische Gefangene geworben und mit ihnen und mit von Deutschland gelieferten Waffen in Irland die Insurrektion gefördert hat. Ich bin sehr gespannt auf den Ausgang beider Prozesse und auf die Parallelen, die sich aus den Urteilen ergeben werden.

Zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko scheint der Krieg in der Tat am Ausbrechen zu sein. Schon sind amerikanische Soldaten von den Truppen Carranzas gefangen genommen worden, weil sie eine andre Richtung ihres Vormarsches einschlugen, als den ihnen verständlicherweise vorgeschriebenen zu der Landesgrenze. In Washington macht man daraus eine unerträgliche Herausforderung – wie im Frühjahr 1914, wo die Verweigerung eines bestimmten Saluts der Kriegsschiffe durch Huerta den Vorwand zur „Strafexpedition“ abgeben mußte. Für mich besteht kein Zweifel, daß die Amerikaner einen von Herrn Roquefeller inszenierten Eroberungsfeldzug vorhaben, der es auf die mexikanischen Petroleumquellen absieht. Seine mexikanische Politik ist für mich von jeher der Punkt in Wilsons Verhalten gewesen, der mir seinen pazifistischen Idealismus höchst verdächtig macht. Bei der hochgradigen Sympathie hingegen, die man gegenwärtig in Deutschland den Mexikanern entgegenbringt, verlohnt sich die Erinnerung daran, daß 1914 hier die Unions-Politik völlig berechtigt gefunden wurde. Die Begriffe Treue und Charakter haben wohl in Patriotenherzen keinen Raum.

Längst schon wollte ich hier ein paar Worte über die Pariser Wirtschaftskonferenz anmerken, worin bestimmte gemeinsame Richtlinien der Alliierten über die Behandlung deutscher Handelsobjekte während des Kriegs festgelegt wurden, und worin den Angehörigen der verbündeten Staaten der Handel mit Einwohnern der feindlichen Länder, mit feindlichen Staatsangehörigen und mit solchen Personen oder Gesellschaften verboten wird, die dem feindlichen Einfluß unterworfen sind. Dazu kommt die Vereinheitlichung der Bannwarenliste und das Einfuhrverbot von allen aus Feindesland stammenden Waren. Das sind alles Dinge, die bei der Aufhebung alles Rechts und Verkehrs nichts besonderes an sich haben und zumeist auch von dieser Seite gegen die andre längst durchgeführt sind (vgl. „Vorwärts“ vom 27. Juni). – Die Hetzprophezeiungen unsrer Nationalisten über die Maßnahmen, die die Entente über die wirtschaftliche Abschnürung Deutschlands nach dem Kriege beschließen werde, sind dagegen nicht recht in Erfüllung gegangen. Man hat nur gewisse Richtlinien vorgesehn, die aber für den kritischen Beobachter nur Repressalien darstellen sollen gegen von deutsch-österreichischen Spekulanten schon lange vorbereitete Zoll- und Wirtschaftsunions-Ideen. Es ist also auch hier – was nicht zeitig genug festgestellt werden kann – der Zentralbund der Angreifer gewesen. Wenn nachher die Gegner mit denselben Mitteln vorgehn, dann wird wieder des Zeterns kein Ende sein über die Niedertracht, Rohheit, Völkerrechtswidrigkeit, Barbarei, mit der man uns regaliert. So wars bei den Luftbombardements auf offene Städte, bei der Anwendung von Giftgasen, bei den Schikanen gegen Gefangene und bei allem andern. Wie den Krieg selbst, so haben – leider – unsre gefeierten Regierungs- und Armeehelden auch alle seine Verschärfungen angefangen. Ich lese zurzeit ein Buch, das mich die Kriegsethik der Deutschen in entsetzlicher Weise verstehn lehrt: Waxweiler: „Hat Belgien sein Schicksal verschuldet?“ (bei Orel Füßli, Zürich 1915). Leider ein geliehenes Exemplar. Ich hoffe aber, daß es mir glücken wird, das bestellte Buch auch für meine Kriegsbücherei zu bekommen. Eine empörende und erschütternde Lektüre.

 

München, Freitag, d. 30. Juni 1916.

Strohwitwer. Zenzl ist heute früh nach Bad Aibling abgereist, und ich werde nun an 6 Wochen lang wieder Junggeselle sein müssen und mich mit dem dürftigen und teuren Kneipen-Essen begnügen. Hoffentlich verbummle ich darüber die Arbeit nicht vollständig.

Dr. Karl Liebknecht und Sir Roger Casement sind also verurteilt worden. Ersterer zu zwei Jahren, sechs Monaten und drei Tagen Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Heer, letzterer zur Todesstrafe. „Rechtssprüche“ nennen sich die beiden Infamieen. Was Liebknecht betrifft, so hat das Kriegsgericht sich offensichtlich von rein politischen Gesichtspunkten leiten lassen, Zuchthaus ohne Ehrverlust. Schuldspruch wegen versuchten Kriegsverrats und zulässig niedrigste Bestrafung. Die Richter haben ihm ausdrücklich attestiert, daß seiner Handlung keine ehrlose Gesinnung zugrunde gelegen habe, sondern „Fanatismus“. Das ist das vorsichtige Kompliment nach der Seite des Proletariats, das hinter dem Mann steht, und das jeder der Herren im trauten Kreise als Pöbel und Mob beschimpft. Aber ins Zuchthaus wollten sie ihn haben, daher: schuldig eines Verbrechens, für das das Militärstrafgesetzbuch – ein Kulturdokument an und für sich! – weder Gefängnis noch Festung vorsieht. Daß das Berliner Publikum garkeine Neigung hat, auf die captatio benevolentiae einzugehn, zeigt sich in der vorsichtigen Notiz des Wolff-Bureaus, die besagt, es hätten sich in verschiedenen Stadtteilen Berlins kleinere und größere Menschenansammlungen zusammengefunden, die die Polizei mühelos zerstreuen konnte. Am Tage vor dem Prozeß schon wurde amtlich gemeldet, daß am Potsdamer Platz eine Demonstration stattgefunden habe, bei der 20 Verhaftungen vorgenommen wurden. Es ist also zu hoffen, daß die 2½ Jahre doch nicht werden herumzugehn brauchen, ehe Liebknecht frei wird.

Ebensowenig glaube ich, daß Casement hingerichtet werden wird. Sein Vergehn ist ja gewiß derartig, daß er – etwa als Elsäßer oder Pole – längst erledigt wäre. Aber die Engländer sind doch wohl zu kluge Leute, als daß sie den Iren, denen sie soeben – charakteristischerweise infolge der revolutionären Versuche im Lande – außerordentlich weit entgegengekommen sind (Homerule, unter Ausschluß Ulsters, Befreiung vom Heeresdienst etc) gleich wieder neues Propagandamaterial liefern sollten. Die deutschen Zeitungen sind über das Todesurteil höchst entrüstet. Über die an Miß Cavel in Belgien ohne Federlesen vollzogene Hinrichtung vermochten sie keine allergeringste Empörung aufzubringen. Ich halte es für gut möglich, daß Casement schneller in Freiheit sein wird als Liebknecht. Aber auch das wird unsre Presse nicht hindern, deutsche Milde und Nachsicht tagtäglich in neuen Gegensatz zur britischen Brutalität zu setzen.

Auf allen Kriegsschauplätzen ist wilde Bluttätigkeit. Alle wollen den Sieg endlich zwingen, da wohl alle keinen Winterfeldzug mehr wünschen. Natürlich wird bei allem nichts herauskommen als Rückzüge da und dort, daraufhin Siegesfeiern und neue überfüllte Massengräber. In der Bukowina ziehn sich die Österreicher immer weiter zurück. Die Karpathen werden also von neuem Kriegsschauplatz. Was das an Opfern bedeutet, weiß nachgrade jedes Kind. In Wolhynien gehn die Deutschen schrittweise vor. In Tirol hat sich das Bild völlig geändert. Die Österreicher haben dort, wie sie sich schön ausdrückten, ihre „Front verkürzt“, d. h. die Italiener haben Asiago und Alsieri wiedergenommen und drängen hinter den weichenden Österreichern nach. Bei Verdun geht der ungeheuere Mord im selben Tempo wie bisher weiter, und es wird großes Wesens davon gemacht, daß die Deutschen nach der Einnahme des Dorfs Fleury blos noch 5 Kilometer von Verdun selbst entfernt stehn. Blos noch 5 Kilometer! Wo jede hundert Meter nur unter Aufopferung Tausender zu nehmen sind. Und wenn sie selbst Verdun kriegen? Dann wird die französische Front eben südlich und westlich davon ebenso stark sein. Aber die Kinder von Kriegsschwätzern sehn Endsieg und Frieden schon wieder vor der Tür. In diesen Tagen aber wird wohl auch die englische Front in Belgien und Flandern in Bewegung kommen. Die täglich gemeldeten heftigen Artilleriebemühungen und Gasangriffe von dieser Seite lassen das Einsetzen der längst angekündigten englischen Generaloffensive als nahe bevorstehend erwarten. Es kann nett werden. –

Zwischendurch hört man immer wieder von deutschen Differenzen mit Dänemark. Vor Monaten schon hieß es, die Dänen ließen englische Unterseeboote willig durch den Belt passieren, während sie deutschen Schiffen die Durchfahrt verweigern. Jetzt wird erzählt, englische Kriegsschiffe hätten nach der Schlacht vor dem Skagerrak dänische Häfen zur Reparatur aufgesucht, die deutsche Regierung habe aber ein Ultimatum nach Kopenhagen geschickt, worin gefordert werde, daß diese Schiffe interniert werden sollen. In den Blättern steht nichts davon. Gerüchte und Zuträgereien sind das einzige, worauf man sich bei solchen Behauptungen stützen muß. Ein paar Dummköpfe und Streber machen alles und das Volk muß die Kosten tragen und das Blut verspritzen, glaubt dann aber kritiklos jede Regierungsdarstellung und findet alles in bester Ordnung – und die U-Boot-Partei reißt auch schon wieder sehr ungeniert das Maul auf.

 

München, Dienstag, d. 4. Juli 1916.

Zurück von Bad Aibling, wo ich Sonntag und gestern vormittag Stunden der Erholung zubrachte. Zenzl erwartete mich in echter Bäuerintracht, die ich ihr im voraus zum Geburtstag geschenkt habe. – Inzwischen ist in der Kriegschronik ein neues Kapitel aufgeschlagen. Englisch-französische Riesenoffensive an der Somme nach sechstägiger Artillerie-Vorbereitung, Zurücknahme deutscher Divisionen vorgestern in eine „Riegelstellung“ zwischen erster und zweiter, gestern in die zweite Linie. Gelingt den Engländern der Durchbruch und das sogenannte „Aufrollen“ der Front, dann wird Herr Bethmann-Hollweg jawohl beim Studium der Kriegskarte dort und in Rußland die gewünschte Unterlage für Friedensverhandlungen finden. Man wird ihm und seinem Schildträger Scheidemann dann aber doch wohl die Rechnung präsentieren dürfen für das gute Menschenblut, das zu diesem Ergebnis auf ihr Verlangen erst fließen mußte. Denn die Rede Scheidemanns in Breslau kann nicht so gedeutet werden, wie es seine Parteifreunde im sozialdemokratischen und im konservativen Lager versuchen, als ob Beth- und Scheidemann übereinstimmend den Verzicht auf Annexionen wollen, sondern hat den Sinn, daß Scheide- mit Bethmann darin übereinstimmt, daß Belgien zwar nicht verschluckt, aber in deutsche Abhängigkeit gebracht werden und im Osten drauflos „befreit“ werden soll. Scheidemann hat seinerzeit klar ausgesprochen, daß die Satzungen der Heiligen Allianz keine ewige Bindung haben dürften, was doch nur heißen konnte: dieser Krieg soll die damals festgelegten Grenzen zugunsten eines größeren Deutschlands verändern. Es wird gut sein, das festzustellen.

50jähriges Jubiläum der Schlacht von Königgrätz. Ich habe gestern (am 3. Juli) die Zeitungen vergeblich nach Erinnerungsartikeln durchsucht. Fängt man an sich seiner glorreichen vaterländischen Geschichte zu schämen? Oder will man nur nicht daran erinnern, daß 1916 erst vollendet, was 1866 begonnen wurde?

 

München, Donnerstag, d. 6. Juli 1916.

Engländer, Franzosen, Russen und Italiener sind gleichzeitig an der Arbeit, die Kriegskarte, die ja nach deutschem Anspruch die Grundlage für Friedensverhandlungen abgeben soll, soweit zu verändern, daß für sie danach Verhandlungen möglich werden. Das ist die Generaloffensive, von der schon seit mehr als einem Jahr fortgesetzt die Rede war, und die, wie man hoffen kann, wohl wirklich das Ende all des Greulichen näher heranführen wird. Ein gänzliches Mißlingen der Anstrengungen aller Alliierten ist kaum anzunehmen. Schon ist die Bukowina wieder fast vollständig im Besitz der Russen. Die Italiener haben ein tüchtiges Stück des von den Österreichern vor einem Monat genommenen Gebiets zurückerobert, an der englisch-französischen Angriffsfront ist zwar alles noch im Werden. Aber soviel ist doch schon zu übersehn, daß an der Somme die Deutschen gehörig zurückweichen müssen (in den amtlichen Berichten heißt es diesmal täglich, daß der Feind keine „ernstlichen“ Erfolge erzielen konnte. Aber man hat ja allmählich lesen gelernt). Wenn nun auch der Durchbruch dort nicht gelingt, so ist es wohl ganz sicher, daß die Deutschen inzwischen ihre Absicht, Verdun à tout prix zu nehmen, doch wohl aufgeben müssen. Das schandbare Gemetzel aber und der große Gefangenenverlust wird die Rückkehr in die Sackgasse des Stellungskampfs für unabsehbare weitere Monate oder Jahre bei der Kriegsmüdigkeit im Inneren der Länder kaum wünschbar machen, sodaß sich die Giftmischer also langsam doch entschließen werden, ihr Gesöff endlich auszuschütten, da keiner dran sterben will. Selbstverständlich ist wieder alle patriotische Welt bei uns höchst optimistisch, glaubt nach wie vor an kompletten Sieg und hält die Somme-Offensive, von der man natürlich noch garnicht beurteilen kann, ob sie überhaupt schon an den Stellen eingesetzt hat, auf die sie zielt, nach 2 Tagen bereits für gescheitert. Zum Beweise dessen, wie trübe die Aussichten der Gegner stehn, drucken die Zeitungen täglich englische, französische, russische und italienische Pressestimmen ab, in denen vor voreiligem Siegesjubel gewarnt wird. Ich erinnere mich nicht, bei deutschen Erfolgen jemals in deutschen Zeitungen derartige Dämpfer gefunden zu haben.

England hat – schon vor geraumer Zeit – die „Londoner Deklaration“ über das Seekriegsrecht formell außer Kraft gesetzt. Es hebt damit einfach den Unterschied zwischen bedingter und unbedingter Konterbande auf, der auch praktisch garnicht durchzuführen war. – Völkerrechtsbruch! Infamie! Niedertracht! schreien die Blätter. Dabei wissen sie, daß England jene Deklaration garnicht mitunterzeichnet hat, nur zu Beginn des Kriegs erklärte, sie nach Kräften respektieren zu wollen. Dazu, diese Absicht wieder aufzuheben, zu deren Ausführung kein Vertrag sie verpflichtete, war die englische Regierung selbstverständlich ohne weiteres berechtigt. Unsre Patrioten aber leiten schon aus der Tatsache dieser Formalität die Pflicht für Deutschland ab, jetzt rücksichtslos wieder mit dem Unterseeboot-Krieg zu beginnen. Der große „Umwerter“ Krieg, von dem alle Schmöcke plaudern, hat vor allem mal jede Logik von Grund aus umgewertet, indem er die Beweisführung durch Heuchelei, Willkür und Niedertracht an ihre Stelle setzte.

 

München, Samstag, d. 8. Juli 1916.

Meine Dokumentensammlung ist heute durch ein halbamtliches Communiqué bereichert worden, in dem der letzte Fliegerangriff auf Karlsruhe sehr ausführlich und im Stile eines Kolportageromans geschildert wird. Es ist in der Tat scheußlich, welche Mordarbeit die Bomben unter der Bevölkerung der Stadt geleistet haben: 117 Tote, darunter 82 Kinder, außerdem 72 Kinder von 140 Verwundeten. Die schleimige Anklageschrift behauptet, die Ausführung des Attentats am Fronleichnamstag sei erfolgt, um grade diese Wirkung unter der friedlichen Bevölkerung zu erzielen und glaubt, das mit der Art der angewendeten Bomben beweisen zu können. Die Franzosen haben erklärt, daß der Angriff zur Vergeltung gegen eine große Zahl deutscher Bombardements auf offene Städte erfolgt sei. Die Behauptung, sie hätten sich die um Hagenbecks Schaubuden versammelten Kinder absichtlich ausgesucht, halte ich für bewußte Infamie. Alle Vergeltungsakte sind gemein, aber die Deutschen, die im Verlaufe des Kriegs unzählige Male ihre eignen Taten als Repressalien begründet haben, haben kein Recht, die Bomben der Franzosen „die verderbenbringenden Sendboten feindlicher Mordlust“ zu nennen, wie denn die Leute, die die ganze schweinische Methode der Bombardierung von der Luft aus im sogenannten „Völkerrecht“ erst sanktionieren ließen, die sie bei jeder Anwendung ruhmredig gepriesen haben, die in London ein besetztes Theater in die Luft fliegen ließen, die Paris bewarfen und den Bomben Grüße beifügten „da habt ihr eure Ostereier“ überhaupt lieber mäuschenstill wären, als das Nachahmen ihrer Sitten durch andre schmockig zu begreinen. „Schlag auf Schlag zerbarst jetzt mit dröhnendem Krachen Bombe auf Bombe.“ „Jammernd irrten verzweifelte Mütter ... ihre getöteten Lieblinge zu suchen.“ In dem Ton gehts von oben bis unten. Natürlich war auch wieder die schwedische Königin in Karlsruhe, lag krank zu Bett und wurde durch in der Nähe explodierende Bomben gefährdet. Es scheint, daß der badische Hof die Dame als eine Art Abwehrkanone engagiert hat und daß sie in Karlsruhe etwa die Rolle spielt, die die deutschen Schornalisten den auf versenkten englischen Handelsdampfern reisenden Amerikanern andichteten. Natürlich muß auch die „offene Stadt“ als Belastungsgrund herhalten, wobei daran zu erinnern ist, daß die deutsche Heeresleitung zum Beweis, daß London eine Festung ist u. a. anführte, man habe von dort aus die Zeppeline, die auf die „schuldlosen Opfer“ Bomben schmissen, beschossen. Ist in Karlsruhe nicht der Versuch unternommen worden, die angreifenden Flugzeuge abzuwehren? – Zum Schluß werden neuerdings Vergeltungstaten in Aussicht gestellt, indem es von jenen Toten heißt: „Auch die schuldlosen Opfer, die auf dem Friedhof in Karlsruhe frischer Rasen deckt, fielen nicht umsonst für das Vaterland. Wie wir selbst, so wird auch Frankreich ihrer noch lange und schmerzlich gedenken.“ Wird man nun den Louvre zum Ziel nehmen und die Werke alter Meister vergelten lassen, was französische Rohlinge den deutschen nachgemacht haben? Und wird nicht endlich mal das neutrale Ausland gegen die allerunsinnigsten Verbrechen des ganzen verbrecherischen Treibens protestieren?

Ein andrer Fall, der ins gleiche Kapitel gehört. Ein feindliches Unterseeboot hat einen deutschen „Geleitzug“ von 9 Handelsdampfern angegriffen. Glücklicherweise, heißt es in der amtlichen Darstellung, sei das Torpedo zwischen den Schiffen durchgegangen. Die „armierten Begleitschiffe“, die mit den Dampfern fuhren, verjagten dann das U-Boot. Man versäumte nicht, darauf aufmerksam zu machen, daß also ein feindliches U-Boot deutsche Handelsschiffe ohne Warnung angegriffen hat, womit Amerika angerufen wird. Heuchelei übelster Sorte! Die zahllosen englischen Schiffe, die warnungslos torpediert wurden, hatten keine schützenden Begleitschiffe bei sich, und mir kommt vor, als ob ein Schiff, das Kanonen an Bord hat, keineswegs mehr Anspruch auf den Titel eines Kriegsschiffes hat, als eines, das von Kanonen umgeben ist. Die Deutschen haben schon überall das Pech, sich bei jeder Gelegenheit ins Unrecht zu setzen, und all ihre Entrüstung ist garzu leicht mit besseren Gründen gegen sie selbst anzuwenden. Kein Mensch aber – selbst unter den Künstlern keiner – will begreifen, daß es an uns Deutschen ist, das zu kritisieren. Wir haben nicht das Hohenzollerntum zu stützen, sondern uns von der Mitschuld an seinen Taten freizuhalten.

 

München, Mittwoch, d. 12. Juli 1916.

Allerlei Abhaltungen haben die Eintragungen und vor allem die Arbeit an meinem kaum begonnenen Kriegsbuch in diesen Tagen verhindert. Laufereien für den Buben, der zur Aufnahme ins Pasinger Lehrerseminar alle möglichen Papiere braucht, am Sonntag Besuch bei Zenzl (die mir herrliche Briefe schreibt, ganz ursprünglich, einfach, unorthographisch, aber dichterisch gehoben von tiefer Menschlichkeit und natürlicher Wahrhaftigkeit), Montag war Streit da und besuchte mich nachmittags zugleich mit Professor v. Aster und gestern ein langes Gespräch mit Dr. Wolfskehl. Nur ein paar Notizen aus diesen Begegnungen.

Streit, der immer noch Garnisonsoffizier in Neu-Ulm ist, hat sich ganz und gar zu den Auffassungen durchgekämpft, die mir selbstverständlich sind. Er beurteilt den Verlauf und die Aussichten des Kriegs so niedergeschlagen wie möglich. Aus seinen Erzählungen erfuhr ich hochinteressante Daten. So berichtet er, daß in den militärischen Magazinen schon jetzt aller Bedarf des nächsten Kriegs gehäuft ist. Stiefel, Uniformen, Waffen – für alles ist vorgesorgt, und nichts wird davon etwa für den Gegenwartsverbrauch weggenommen. Man muß sich wirklich an der Gegenpartei jedes Beispiel nehmen. Die behalten ihre Nüchternheit, ihre Aktivität. Die beugen vor. Aber daß sie schon mit dem nächsten Krieg als sozusagen effektiver Tatsächlichkeit rechnen, ist doch stark und sollte uns Menetekel sein. – Ferner: über die Ursachen der Skagerrak-Seeschlacht. Hindenburg habe eine Riesenoffensive nach Nordrußland inszenieren sollen, um womöglich Petersburg zu nehmen. Das wäre nur möglich gewesen mit Einsatz der ganzen Kriegsflotte. Davon habe England rechtzeitig Wind bekommen und den Zusammenstoß provoziert, um die deutsche Seemacht so zu schwächen, daß ihre Aktivität gelähmt würde. Stimmt das, dann muß zugegeben werden, daß England seinen Zweck vollauf erreicht hat. – Wie man in den maßgebenden Kreisen die Freiwilligkeit der Beteiligung an der Jugendwehr beurteilt, darüber erfuhr ich folgendes: Es ergeht ein Schreiben der Bürgermeisterei X an die Aushebungskommission Y: Der p. p. A. Z., 17¾ Jahre alt, ist trotz Vorhaltungen von Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer nicht zu bewegen, der Jugendwehr beizutreten. Er begründet das damit, daß die Beteiligung nicht erzwungen werden dürfe und er keine Lust hat. Es wird anheimgegeben, den renitenten Burschen baldmöglichst zum Militärdienst einzuziehn. – Ist der junge Mensch dann kaum 18 Jahre alt, kommt die Einberufung, und der Hauptmann seiner Kompanie erhält den Brief der Bürgermeisterei „zur Danachachtung“. – – Eben ruft mich Johannes Guttzeit an. Ich soll in die Kakaostube am Karlsplatz kommen, um einen Züricher Freund von ihm kennen zu lernen. Die Gelegenheit, einen aus der Schweiz zu sprechen, lasse ich nicht vorübergehn.

 

München, Sonnabend, d. 15. Juli 1916.

Fortgesetzte Zwischenfälle und Verzögerungen. Gestern ist Siegfried zu seiner Mutter nach Aibling gereist und nun bin ich ganz verwaist. Aber meine Erwartung, jetzt werde die Arbeit mächtig vonstatten gehn, scheint ganz falsch gewesen zu sein. Ich lasse mich mehr als je ablenken. So will ich mich wieder auf wenige Andeutungen beschränken. Da ich morgen auch zu meiner Frau fahre und wohl über Montag bleibe, wird das Heft dann wohl wieder etliche Tage brach liegen, zumal ich mit dem Diktat der bis jetzt vorhandenen Einleitung meiner „Abrechnung“ begonnen habe. Heute war ich mit der Dame, Frau Sack, einer Schwester des Dr. Harbeck, bei der Schreibmaschinenfirma Bruck, und es wird wohl der Ankauf einer Maschine daraus erwachsen für 280 Mk, die ich in Monatsraten von 20 Mark abzahlen soll. Wo die Geldausgeberei freilich hinaussoll, ist rätselhaft (auch Roda Roda mahnt um eine Schuld von 200 Mark). Aber es ist schon fast gleichgültig, ob die Pleite früher oder später akut sein wird. Dauert der Krieg noch lange, so ist sie doch nicht auf die Dauer aufzuhalten.

Überall hört man: im Herbst gibts Frieden. Sähe man nur die Möglichkeit! Die Generaloffensive der Entente ist an allen Fronten mitten im Gange. Das Menschengemetzel ist fürchterlicher als jemals. Die Deutschen wüten im Westen, die Österreicher im Osten und im Süden. Aber was hilft das alles? Gewiß ist es den Deutschen nicht gelungen, was sie mit der Verdun-Offensive beabsichtigten: den gemeinsamen Anprall aller Verbündeten zu durchkreuzen. Aber die Verdun-Schlacht geht nun seit Februar ununterbrochen und geht trotz der neuen Picardie-Schlacht weiter. Wer kann wissen, ob das Blutbad an der Somme nicht ebenfalls 6 Monate dauern wird? Und dabei geht in den Zeitungen das Gewäsch über die Kriegsziele ungestört weiter. Die Fortsetzung des Mordes, bis Deutschland imstande ist, nicht blos Polen und Kurland zu „befreien“, sondern auch die Erzlager Nordfrankreichs und die Häfen Belgiens zu stehlen, wird immer noch als ganz etwas Selbstverständliches propagiert, und Bethmann-Hollweg als Schlappier beschimpft, weil er „nur“ die Ostgrenze „verkürzen“ will und sich in Belgien vor neuen „Einfällen“ schützen möchte (weil nämlich – die Leute glauben das anscheinend wirklich – die Belgier, Franzosen und Engländer über Deutschland hergefallen sind!). Das Einzige, was mich hoffen läßt, ist das Wetter. Es regnet seit 6 Wochen unaufhörlich. Heu und Kartoffeln sind sicher längst verfault und das Korn muß überreif werden und ausfallen. Aber wer weiß, wann endlich sich die Wirkungen fühlbar machen werden? Vorläufig werden offizielle Beschwichtigungen ausgegeben, die von einer „Mittelernte“ faseln.

Das Spielzeug Alldeutschlands, das zurzeit die Kinder des Landes über jeden Sorgengram hinwegtröstet, ist das Übersee-Unterseeboot „Deutschland“, das als erstes Handels-Tauchboot mit Farbstoffen beladen in Baltimore eingelaufen ist. Ein weiteres Wunder-Frachtschiff dieser Art „Bremen“ soll auf der Reise nach Südamerika sein. Die Glückseligkeit über diesen neuesten Sieg deutscher Technik kennt keine Grenzen – und das stimmt so bitter traurig, daß dies Volk so grenzenlos leicht zufriedengestellt ist. Ob sich irgendjemand einbildet, nun sei dem Hunger gesteuert, und Millionen amerikanischer Mastochsen werden unter Wasser zu uns gelangen? Die „Deutschland“ soll angeblich Nickel laden und herbefördern, und die „Bremen“ wahrscheinlich Kautschuk. Ich zweifle blos, ob man 60 Millionen Menschen auf die Länge damit wird sättigen können. Die Hauptsache ist aber, die Deutschen fühlen sich wieder als „erstes Volk der Erde“ bestätigt. Krampfmittelchen – geboren aus Verzweiflung –, damit werden sie’s erst recht nicht schaffen. Siege von der Hand in den Mund – strategische wie moralische. O Deutschland hoch in Ehren!

Heinrich Mann hat eine sehr originelle Geschichte erlebt. Sein Arzt hat ihm eine Nordseekur verordnet. Um ein Seebad aufsuchen zu dürfen, braucht man in der großen Zeit einen Paß. Der wurde Mann von der Polizei verweigert. Auf seine Frage, warum, erhielt er endlich die zögernde Antwort, er habe 1910 im Prozeß Mühsam für mich ein Leumundszeugnis abgegeben. Wer also bestätigt, – und wenn er es auch nur vor 6 Jahren bestätigt hat –, daß ich ein anständiger Mensch bin, darf in kein Nordseebad. Mann schlug dann für sich selber Leumundszeugen vor, darunter Wedekind. Es wurde ihm aber bedeutet, der habe doch eine garzu moderne Richtung! Moderne Literatur macht politisch verdächtig! Das Leumundszeugnis eines „Modernen“ ist für die Erlaubnis, eine Badereise zu machen, zu gefährlich. Der alte Metternich würde vor Neid bersten, daß er auf solche Methoden doch nicht verfallen ist.

Heut ging mir die schwedische revolutionäre Zeitschrift „Brand“ zu, mit meinem Portrait und einem langen Artikel über mich. Soweit ich den Inhalt lesen kann, hat der Aufsatz sympathische Tendenz, und mich freut’s immerhin, daß in dieser Zeit, wo man eingelötet ist, doch mal wieder an meinen Sarg geklopft wird.

 

München, Mittwoch, d. 19. Juli 16

Anthes ist da und beansprucht meine Gesellschaft. Sofie Stöckl ebenfalls. Täglich diktiere ich der Harbeck-Schwester Frau Sack mein Manuskript in die Maschine, die allmählich durch Abzahlung mein Eigentum werden soll, und so bleibt Korrespondenz, Arbeit, Ordnung und dies Buch ganz im Argen. Wieder nur Stichworte.

Italien und Deutschland – oder vielmehr deren Geheimsekretäre – zanken sich und es sieht aus, als ob auch zwischen diesen beiden „Verbündeten“ der Zustand der abgebrochenen Beziehungen in den des ausgebrochenen Kriegs übergehn sollte. Warum? Hüben wie drüben schikaniert man die Kapitalien, die einem aus dem Besitz feindlich werden sollender Staatsangehöriger zugänglich ist[sind], durch Sperrung, Auszahlungsverweigerung von Renten etc. Die Deutschen verhindern außerdem die militärpflichtigen Italiener in Belgien an der Abreise – und selbstverständlich geht ein Hin und Her von offiziellen Erklärungen, mit bündigen Beweisen, daß der andre angefangen hat. Wie stark man hier schon damit rechnet, daß der Krieg erklärt wird, erfuhr ich heute von der Frau eines Offiziers des Leibregiments, der plötzlich Befehl erhalten hat, morgen an die Front abzureisen – und zwar nach Tirol. Allerdings weiß jeder Mensch, daß auch schon früher deutsches, und speziell bayerisches, Militär gegen Italiener gekämpft hat. Es hat bisher blos nicht zugegeben werden dürfen.

Über die diesjährige Ernte erfuhr ich in Aibling Interessantes. Eine Bäuerin belehrte uns, daß das Heu „hineingestohlen“, der Weizen aber „krank“ sei. Der Regen aber regnet jeglichen Tag. Der liebe Gott scheint diesmal nicht mit den stärksten Kanonen zu sein.

 

München, Donnerstag, d. 20. Juli 1916.

Heut vor einem Jahr starb mein Vater, 5 Wochen, nachdem er den letzten Schlag gegen mich geführt hatte, der mich über seinen Tod hinaus in seiner Abhängigkeit halten sollte. Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, allerdings in der Erwartung, daß eines Tages, wenn das Kapital, das er mir nicht entziehn konnte, aufgezehrt sein wird, das alte Elend, vielleicht noch größer und aussichtsloser als ich es je kennen gelernt habe, wieder da sein wird. Ich habe meine Zenzl, und da wird auch das zu ertragen sein. Meine Geschwister, die alle wohlgeartet und -geraten sind, werden wohl mit weitaus andern Empfindungen den Jahrestag erleben. Ich kann aber nichts dafür, daß meine Jahresbilanz mit dem Bewußtsein abschließt, daß dieses Jahr trotz der Bemühungen des Vaters, mich meinem „Schicksal zu überlassen“, trotz der Teuerung, trotz der seelischen Erschütterungen durch den Krieg für mich physisch ein Jahr der Erholung war und insofern auch psychisch, als nicht all mein Tun und Lassen mehr von Konflikten beherrscht war, die aus den divergierenden Pflichten gegen mich selbst und denen gegen den alten Mann und aus den Skrupeln wegen meiner Gefühle gegen ihn hervorgingen. Das strenge Urteil, das er sein Leben lang gegen den Sohn hatte, der auf ein eignes Recht sein Geschick zu gestalten, bestand, wendet sich nun über das Grab hinaus gegen ihn, dem die Respektierung der Vaterautorität wichtiger war als das Lebensglück des Sohns. Kein Vater darf Klage führen, wenn einst sein Schatten verschwindet hinter dem strahlenden, reinen, geliebten Erinnerungsbild der Mutter.

Zum Tagesgeschehn: Die Zuspitzung der Beziehungen zwischen Deutschland und Italien beruhen auf der Nicht-Innehaltung eines Vertrages, den Bülow gleich nach Ausbruch des Kriegs mit Italien veranstaltete, und der den Angehörigen beider Länder die Sicherheit des Privateigentums im andern Lande garantierte. Wer den Vertrag zuerst gebrochen hat, ist vorläufig aus den gegenseitigen Beschuldigungen nicht zu erkennen, ist wohl auch ganz gleichgültig. Mich interessiert dabei vielmehr die Frage, warum man grade jetzt den Ausbruch des Kriegs wünscht (wer ihn erklären wird, wird wohl nachher als das eigentliche Karnickel zu gelten haben). Und da bin ich optimistisch genug zu glauben, daß man auf beiden Seiten die Möglichkeit von Friedensverhandlungen ziemlich nahe gerückt sieht, und beim Wiener Kongreß im Haag oder in Bern oder Madrid den wichtigen Partnern der andern Seite gern in der gleichen Situation mit den Verbündeten gegenübersitzen möchte, um nicht denen gegenüber irgendwie ins Hintertreffen zu kommen. Das trifft ebenso auf die Deutschen in ihrer Beziehung zu den Österreichern wie auf die Italiener in Beziehung zu den Engländern und Franzosen zu. Aber eigentümlich ist mir dann wieder der Verdacht, als ob zwischen den Regierungen der feindlichen Länder jedesmal wenn sich etwas – sei es Krieg, sei es Verständigung, sei es was sonst immer – vorbereitet, ein gewisses Augenzwinkern gewechselt würde. Die Völker aber trauen blindgläubig allen Lügen und Verdrehungen.

Solange der Krieg dauert, werden alle Völker mit Zeitungslügen gefüttert über Revolutionen bei den Feinden. Wir haben dann aber vergeblich gewartet, und weder in Deutschland noch in Frankreich, weder in Rußland noch in Österreich hat sich etwas derartiges ereignet. Nur in Irland wurde dann – mit Hilfe der deutschen Regierung etwas unternommen, was aber nicht hin- und nicht herlangte und nur bei uns zu einer Umwälzung aller Dinge aufgeblasen wurde. Jetzt aber ist wirklich eine Revolution entstanden, die allem Anschein nach sehr große Ziele und sehr große Aussichten hat: in Arabien, wo sich die mohammedanische Bevölkerung gegen die türkische Herrschaft auflehnt. Näheres darüber habe ich mir aus der N. Zürcher Ztg. ausgeschnitten und Hardens „Zukunft“ bringt einen „Sie sind fertig“ überschriebenen Artikel, der aufklärendes Material bringt. Bemerkenswert ist dabei vor allen Dingen, daß der mit gewaltigem Tamtam angekündigte „Heilige Krieg“, der den Mohammedanern die feine Unterscheidung zwischen den verbündeten Deutschen und den feindlichen Russen und Engländern und Franzosen zumutete, ganz versagte, daß sich aber jetzt ein „Heiliger Krieg“ breitmacht und rasch Anhängerschaft gewinnt, der gegen die Türkei selbst gerichtet ist und gegen das Kalifat des Sultans ein eignes aufstellt und durchzusetzen scheint. Das könnte das Ende der Türkei werden.

Auf allen Kriegsschauplätzen ist unsinniges Menschenschlachten. Die allgemeine Offensive dauert an, ohne daß etwas andres dabei sichtbar würde als namenlose Blutergüsse. Nachher aber wird wieder jede Seite für sich behaupten, gesiegt zu haben. Statt aber unter allen Bedingungen Schluß zu verlangen, zetert Alldeutschland wieder von dem Verlangen, die Kriegsformen neuerdings zu verschärfen, und das, was zu Anfang der Schweinerei bei uns den „Feinden“ höhnend vorgeworfen wurde, sie verteilten das Bärenfell, ehe sie ihn erlegt haben, genau das ist jetzt in Deutschland das Kriterium wahrhaften Patriotismus ... Vielleicht bringt das Wetter die Esel zur Vernunft. Es ruiniert die Ernte und „behindert die Kriegsoperationen“.

 

München, Freitag, d. 21. Juli 1916.

Kürzlich ist in der Nähe von Athen der Stammsitz des Königs von Griechenland Tatoi durch Feuer zerstört worden, wobei zugleich kolossale Waldungen kaput gingen und etliche Leute zu Schaden kamen. Daß es sich um ein Attentat handelte, wird nirgends bezweifelt. Über die Albernheit, gedungene Brandstifter der „Entente“ zu beschuldigen, kann man hinweggehn. Die Sache ist aber charakteristisch für die Stimmung in Griechenland, wo die Hohenzollern-Politik des Königs mit Recht verantwortlich gemacht wird für die unmögliche Situation, in der sich das Land befindet. Wäre es nach Venizelos gegangen, so hätten die Franzosen und Engländer gemäß den Verträgen mit Griechenland die Einrichtungen des Landes von Saloniki aus besetzt, wie es für ihre Zwecke vorteilhaft gewesen wäre. Nachdem man sie dazu eingeladen hatte, erschwerte man ihnen aber jede weitere Operation und zwang sie so, zwar nicht mit den Mitteln der Gewalt, aber mit denen der Nötigung die Konsequenzen zu ziehn. Die deutschen Zeitungen prophezeien nun für die bevorstehenden Wahlen das schauderhafteste Fiasko der Venizelisten. Natürlich werden sie sich darin genau so irren, wie sie sich noch immer geirrt haben, und dann alles richtig vorausgesehn haben. Das direkt auf den König gemünzte Attentat in Tatoi ist ganz gewiß der Ausdruck der allgemeinen Volksstimmung. Man weiß, daß die Neutralität, die der Kaiser-Schwager Konstantin einzuhalten vorgibt, die er aber garnicht einhalten kann, weil Griechenland seine Unabhängigkeit schon vor 80 Jahren an England, Frankreich und Rußland verkauft hat, die Kriegsgefahr viel dringlicher macht, als die Innehaltung der Verpflichtungen, womit die Politik der Alliierten in Griechenland natürlich keineswegs ideal menschlich wird. Aber Macchiavellisten sind sie halt alle – das ist ihr Geschäft.

Französische Flieger haben neuerdings Ortschaften im Schwarzwald mit Bomben „belegt“. Eine amtliche deutsche Erklärung kündigt nun für diese, als Vergeltungsmaßregeln motivierte Schweinerei ihrerseits neue Vergeltung an. So geht es ad infinitum weiter, und dann werden wieder beide Parteien den Beweis führen, daß die andern angefangen haben. Es bleibt aber immer der Fall London bestehn und bei den Angriffen auf die „Festung Paris“ die Boulevard-Grüße mit den „Ostereiern“.

An der Somme, vor Verdun und an der ganzen Ostfront muß es schauerlich zugehn. Die Patridioten studieren aber immer noch jeden Tag die Landkarte und freuen sich, wenn ein Dorf oder eine Häusergruppe oder 6 meter Schützengraben genommen oder wiedererobert sind. Was verloren geht, kümmert sie nicht. Sie erfahren es ja auch meistens nicht, da sie in pflichtschuldigem Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der deutschen Berichterstattung und in ebenso pflichtschuldiger Überzeugung von der Lügenhaftigkeit der andern die gegnerischen Berichte ignorieren. Die deutsche Regierung wußte, was sie tat, als sie erlaubte, daß sie gedruckt werden durften. Die Vorstellung, was es heißt, da oder dort sei ein Graben im Sturm genommen worden, fehlt den Leuten gänzlich. Vielleicht wäre schon Frieden, hätten die Menschen mehr Phantasie.

 

München, Montag, d. 24. Juli 1916

Nach langer Pause war ich Samstag abend in der Torggelstube. Halbe, Wedekind und starke Besetzung. Wedekind kam aus Berlin, wo er hauptsächlich die „Deutsche Gesellschaft von 1914“ unsicher gemacht hat, angeblich, weil man dort am besten, reichlichsten und billigsten essen kann. Alle Welt verkehrt dort, Dernburg, Solf und allerlei zweideutiges Pack, das aus allen Lagern verkrachter Existenzen vom Schlamm des Kriegs emporgespült wurde. Die Stimmung charakterisierte Wedekind so: Aus allen Ministerien stürzen sie herein und jeder schimpft. Offenbar ist völlige Desorganisation bei den Drahtziehern, die ja jetzt auch nichts besseres zu tun wissen, als sich um die Kriegsziele zu zanken, ob sie nämlich blos im Osten oder auch im Westen – die Erzlager von Briey – stehlen sollen. Früher höhnte Alldeutschland über die Gegner, die das Fell verteilten, ehe sie den Bären erlegt hätten. Aber daß „wir“ keineswegs gesiegt haben, sieht man immer noch nicht ein. Aster sprach neulich die Vermutung aus, eines Tages werde Bethmann Hollweg einem General den Platz räumen, der kraft seiner militärischen Autorität dem Volk über die wirklichen Aussichten die Augen öffnen werde.

Anthes erzählte Interessantes über Vorgänge zwischen Deutschland und Dänemark. Die Dänen hätten auf ein auf 3 Tage befristetes Ultimatum hin für die Begünstigung englischer Unterseeboote vor deutschen 50.000.000 Mark in Gold zahlen müssen und liefern außerdem 1000 Stück Rinder täglich über die Grenze. Was dran wahr ist, weiß keiner.

Ferner: Vor 2 Monaten – Halbe glaube ich, wollte das wissen – seien wieder Separatfriedens-Verhandlungen mit Rußland gewesen. Sie seien an den Forderungen der österreichischen Polen gescheitert. Deshalb hätten die Deutschen die Verbündeten bei der großen russischen Offensive absichtlich im Stich gelassen. Tatsächlich weichen die Österreicher immer weiter zurück. Lemberg ist wieder bedroht und die Russen stehn wieder in den Karpathen. Im Westen geht das ungeheure Morden in der Picardie ohne Unterbrechung weiter. Dagegen scheinen die Deutschen vor Verdun die Aggressivität eingestellt zu haben. – Alle Welt schwätzt vom Frieden im Herbst. Ich sehe leider vorläufig keine Aussichten.

 

München, Mittwoch, d. 26. Juli 1916.

Deutschlands innere Zustände sind zur Zeit interessanter als die sinn- und maßlosen Gemetzel an den Fronten, die natürlich nirgends zu bemerkbaren Änderungen der ganzen Situation führen, interessanter auch als die amtlichen Tagesberichte, die in letzter Zeit an beschimpfenden Verhöhnungen der Gegner das Menschenmögliche leisten. Da ist zunächst die Gründung eines „National-Ausschusses“ unter dem Fürsten Wedel, dem ehemaligen Statthalter Elsaß-Lothringens, der einen „ehrenvollen“ Frieden anstrebt und offenbar als Leibgarde des Reichskanzlers gemeint ist gegen die Alles-Verschlucker vom Schlage Reventlows. Mit der Versöhnung, die die Wedeler unter die Patrioten bringen wollten, ist es natürlich nichts geworden. Im Gegenteil kläffen die alldeutschen Organe schon vor der ersten Betätigung durch Versammlungen etc. die vermeintlichen Schwachmüter wie besessen an. Der Bruderstreit kann allen, die Anstand zwischen den Völkern wollen, nur erwünscht sein. – Ich verfolge aber noch aufmerksamer die Vorgänge in der sozialdemokratischen Partei, wo die verschiedenen Richtungen einander zerfleischen möchten, dabei aber doch alle darin einig sind, daß die „Einheit der Partei“ nicht leiden dürfe. Nur die äußersten Radikalen (Rühle etc.) rechnen mit der Spaltung und arbeiten drauf hin, unterstützt von den Extremsten der andern Seite (Kolb etc). Unsereinen brauchte das ganze nichts anzugehn, wären nicht die Formen, in denen sich der Kampf vollzieht, so ungemein charakteristisch. Der Parteivorstand arbeitet völlig despotisch. Zensur, Maßregelungen und alles, was nur je eine reaktionäre Regierung ausgesonnen hat, dient diesen „proletarischen Demokraten“ als Mittel, die Opposition zu unterdrücken. Das Tollste ist jetzt eine in die Form einer Warnung gehüllte, von Parteivorstand und Gewerkschaftsvorstand gemeinsam verübte öffentliche Denunziation gegen ein geheimes Flugblatt, in dem offenbar der Protest- und Generalstreik gefordert wird, um die Weiterführung des Kriegs zu verhindern. Es ist klar, daß das effektiv das einzige, mindestens aber das wirksamste Mittel ist, um den Schandbetrieb des gouvernementalen Massenmordes unmöglich zu machen. Und drum eben paßt es den Scheidemännern nicht, und sie plakatieren die Konspirationen ihrer Parteigenossen ad usum delphini. Sie sind nicht zu beneiden, die Streber der Massen und die der Regierung nicht. Denn eines Tags muß ja doch einmal die Wahrheit gesagt werden können.

Unold muß in diesen Tagen ins Feld, nachdem Edwin Scharf schon vor kurzer Zeit hinaus ist. Man hatte viel davon geredet, daß wertvolle Künstler geschont werden sollen. Wie Figura zeigt, bleibt aber darin der Uradel nach wie vor allein privilegiert. Die Erhaltung von Kulturresten über den Friedenschluß hinaus kann ja auch denen, die die Wüste brauchen, um im Trüben fischen zu können, nicht erwünscht sein.

 

Bad Aibling, Sonntag, d. 30. Juli 1916.

Zum Besuch bei meiner Frau. Ich werde wohl bis Mittwoch bleiben, um in München dem „Opfertag“ zu entgehn, mit dem man zur Feier des zweijährigen Jubiläums des Völkermords allen Jammer und alles Elend zu einer Sportsgaudi machen und den Herrschaften der guten Gesellschaft Gelegenheit zu leutseliger Betätigung geben will. Mit andern Worten: die den Nutzen von der Schlächterei haben, mischen sich von Zeit zu Zeit unter die, die ihre Haut zu Markte tragen, um sie nicht träge werden zu lassen. Und das Volk läßt sich dies Wohlwollen gefallen. Die Ehrfurcht vor Adel, Reichtum, gesellschaftlicher Reputation steckt so tief als Sehnsucht im Volk, daß jede Hoffnung auf Revolution dagegen verwegen scheint. Aber grade das muß heraus aus den Menschen. Dann kann an Zukunft gedacht werden.

Anscheinend soll der 1. August von der Regierung benutzt werden, um den „Geschmack am Kriege“, von dem neulich ein Industrieller zu rühmen wußte, auf Neu aufzubügeln. Heut erschien eine Statistik über Kriegsbeute, Gefangene und besetzte Gebiete. Interessant war dabei, daß man die von den Türken eingebrachten Gefangenen zwar mitzählte, in der Aufrechnung der gegenseitigen Okkupierungen aber die türkischen Länder nicht mitzählte, die von Russen und Engländern beschlagnahmt sind (von den Kolonien garnicht zu reden). Vielleicht will man sich damit entschuldigen, daß die Besitznahme türkischen Landes durch die Gegner noch nicht abgeschlossen sind[ist], indem nämlich die Russen zurzeit in Armenien wieder mächtig vorwärtskommen. Grade gestern erst melden die osmanischen Bundesgenossen in einem ihrer köstlichen Siegesberichte ihren „geordneten Rückzug“ aus Erzindjan. Aber auch die übrige Landkarten-Orientierung scheint noch nicht ganz spruchreif zu sein. Wenigstens gehn die Österreicher in der Bukowina immer weiter zurück, und wenn nicht verschiedene Anzeichen trügen, werden wir demnächst wieder von der völligen Bedeutungslosigkeit Lembergs überzeugt werden. Die englisch-französische West-Offensive dagegen hat außer namenlosem Mord auf beiden Seiten noch nicht viel erreicht. 15 Kilometer – da fehlt noch viel zu einer Befreiung Belgiens und Nordfrankreichs. Wenigstens argumentieren die Zeitungen so. Ich rechne anders: 15 Kilometer Vor und Zurück sind überhaupt nichts. Ein Durchbruch aber an irgendeiner Stelle kann über Nacht das ganze Bild ändern und, wenn auch gewiß nicht Sieg und Niederlage begründen, so doch das deutsche Kriegskarten-Argument völlig entkräften. Daher wünsche ich den Durchbruch. Sonst sehe ich kein Ende.

Alldeutschland tönt wieder vom Kampfgeschrei der Ubootmäßigen gegen den Reichskanzler, der sich, sogut er kann, wehrt, zuletzt in einer Erklärung der „Bayerischen Staatszeitung“, wo sich offenbar die Hertlingsche Regierung sehr eindeutig solidarisch macht mit der Reichsregierung. Die Leute bilden sich alles Ernstes ein, mit gesteigerter Brutalität der Kriegsführung könne man, gleichviel ob auch Amerika in die Entente eintritt, England derartig bezwingen, daß es den lächerlich überspannten Forderungen der „sechs wirtschaftlichen Verbände“ auf dauernde Unterjochung Belgiens, Nordfrankreichs (Erzlager von Briey!) und großer Teile von Rußland, sowie Zurückerstattung und Erweiterung des deutschen Kolonialreichs einfach nachgeben würde. Bethmann, der ja nach eignem Ausspruch seine „Sentimentalität verlernt“ hat, jedenfalls also ebenso gern rauben und brandschatzen möchte, soviel möglich ist – es ist wohl süß, als „Mehrer des Vaterlands“ in die Schullesebücher zu kommen – sieht aber natürlich, wie die Kriegslage in Wirklichkeit ist und möchte sich daher begnügen, bloß Rußland zu bestehlen. Daher Zeter und Mordio! – Das Volk tappt im Dunkeln. Zwei Jahre lange hat man den Wahn in ihm großgezogen, daß es Sieger sei und nun meint es, die Friedensbedingungen können einfach in Berlin hergestellt werden, und da die Meisten überall und immer Spielkinder sind, würde es ihnen Spaß machen, auf der Landkarte die Grenzen mit Buntstift möglichst weit hinauszeichnen zu können. So hat also die Regierung einen schweren Stand. Vielleicht tritt wirklich mal ein General auf den Plan und sagt: „Kinder! Wir haben verloren! Bescheidet euch!“ Aber wer hätte den Mut?

Vorläufig arbeitet man weiter daran, die ganze Welt gegen sich zu erbittern. Ein englischer Kapitän wurde zum Tode verurteilt und erschossen, weil er versucht hat, mit seinem Schiff ein angreifendes Unterseeboot zu rammen. Die englische Regierung hat ihn dafür belohnt gehabt. Auf ein so sicheres Völkerrecht gestützt wird hier Justiz geübt. – Die Österreicher haben zugleich den Italienern einen Nationalhelden geschaffen, indem sie den ehemaligen Tiroler Abgeordneten, den Sozialdemokraten Battisti aufhängten, als er ihnen als italienischer Leutnant gefangen in die Hände fiel. Kein Mensch darf hier gegen solche Urteile ein kritisches Wort äußern. Dabei drucken die Zeitungen aber einen Artikel von Bernhard Shaw nach, der dafür plädiert, Sir Roger Casement als Kriegsgefangenen zu behandeln, da ihm nicht zugemutet werden könne, sich als Engländer zu fühlen. Casement hat es abgelehnt, ein Gnadengesuch an die Regierung einzureichen. Am 3. August soll das Todesurteil an ihm vollstreckt werden. Ich glaube aber nicht, daß man es tun wird. Gott strafe England!

 

Aibling, Dienstag, d. 1. August 1916.

Zwei Jahre dieser verruchten Höllenpest. Zwei Jahre der ungeheuerlichsten Frevel, die jemals auf Erden erlebt wurden. Die Welt stinkt von Mord und allem Verbrechen – und die Menschen feiern das abscheuliche Jubiläum ohne Scham und voll Stolz. Der Kaiser erläßt Dankerlasse an Heer, Flotte, Bevölkerung, Minister, beschimpft darin die „Feinde“, faselt von Sieg, spricht ohne Gewissenshemmung vom „dritten Kriegsjahr“, in dem die Soldaten „die alten bleiben“ und „weiterringen werden um die Sicherheit unserer Lieben“ und preist „Gottes Gnade“, die „auf Deutschlands Fluren des Landmanns Fleiß mit reicherer Frucht lohne, als wir zu hoffen wagten.“ Dabei sehn die Felder, die unter Hagel und Regen mehr gelitten haben, als seit Jahrzehnten, erbärmlich aus – und jede Stimme unverdorbener Menschen, besonders hier am Lande, möchte nur Frieden, jeden Frieden, der irgend nur ein Ende des Grauens bedeutet. Das Wort, mit dem die einfachen Leute – an der Front und zuhause – das gesamte Schrecknis immer wieder bezeichnen, heißt „Schwindel“ – und es zeigt, daß sie die Beweggründe des Kriegs, die Losungen zum Aushalten und Durchhalten, die aufgezeigten Ziele und die den Gegnern untergeschobenen Absichten völlig richtig durchschauen. Wenn mich etwas zu der Hoffnung ermutigt, übers Jahr werde ich hier nicht mehr verstohlene Kritik in einem Tagebuch zu verbergen brauchen, so ist es diese Kenntnis der Volksseele und das Vertrauen darauf, daß allzustraff gespannte Bogen doch einmal springen müssen.

Die standrechtliche Erschießung des Kapitäns Fryatt von dem englischen Schiff „Brussels“ hat, wie zu erwarten war, in der ganzen Welt grenzenlose Empörung hervorgerufen, nur nicht in Deutschland, wo man immer noch jede Infamie jener Clique gutheißt, die sich um den preußischen Kronprinzen schart. Man hat aus der Beurteilung des Falles Cavell nicht gelernt und protestiert nicht einmal dagegen, daß die Regierung erklärt, „Deutschland“ werde auch in Zukunft von diesem „Kriegsrecht“ Gebrauch machen. Deutschland! das sind die Herren Tirpitz, Falkenhayn und Consorten. Sie nehmen sich das Recht heraus – das Kriegsrecht! –, im Namen aller Deutschen zu reden und zu erschießen. Proteste werden im Mutterleibe erwürgt. – Mich wundert es übrigens, daß man die Hinrichtung Fryatts noch nicht als „Vergeltung für Baralong“ ausgegeben hat. Aber das wird schon noch kommen.

Rumäniens Haltung wird inzwischen von Tag zu Tag unsicherer. Es scheint, als ob nur noch bestimmte Ziele der russischen Bukowina-Offensive erreicht werden müssen, um der Entente diesen Bundesgenossen zuzuführen. Die Schießerei von Regierungstruppen in Ragatz auf demonstrierende Arbeiter (vor etlichen Wochen schon) deutet entschieden auf aggressive Absichten der Bukarester Herren hin. Wenn das endlich den Frieden näher brächte, müßte man es beinah wünschen. – Aber alle auf Wünsche gegründeten Spekulationen sind müßig, besonders wenn man die Berichte über den „Opfertag“ in München liest. Statt unter Tränen und Flüchen Rechenschaft zu fordern, veranstaltet man zur Füllung der Kassen (oder zur Besoldung von Beamten) einen Jahrmarkts-Spektakel.

 

Aibling, Freitag, d. 4. August 1916

Nach zwei Münchner Tagen wieder in der Sommerfrische, die mir gut tut. Allerdings fragt es sich, ob ich mir Erholung und Gesundung wünschen soll. Ganz München redet davon, daß in diesem Monat noch oder im nächsten wieder wie im vorigen Jahr eine „General-Musterung“ stattfinden soll. Bei dem ungeheuren Menschenverbrauch grade in dieser Zeit – die Mordorgie an allen Fronten übersteigt an Scheußlichkeit jetzt alles Dagewesene – wird man da wohl noch viel weniger wählerisch verfahren als früher. Und die Angst, ich könnte mit meiner Gesinnung die Pflichttreue und die Diensteifrigkeit der Kameraden vergiften, wird wohl inzwischen der Einsicht gewichen sein, daß bei der Erbitterung des Volks und des Heers nicht mehr viel zu vergiften da ist. Ich muß also damit rechnen, vor furchtbare Konflikte gestellt zu werden. Was ich im Falle der Aushebung tue, weiß ich im Einzelnen noch nicht. Aber das weiß ich, daß ich den Eid unter allen Umständen verweigere, mag draus folgen was will, und daß ich mich lieber töten lasse, als daß ich mich aktiv an den Verbrechen beteiligte. – Noch eine andre Unruhe verläßt mich nicht. Ohne bestimmte Anhaltspunkte – höchstens die Wiederaufnahme der Postschikanen sprächen äußerlich dafür – verfolgt mich der ahnungsvolle Gedanke, daß ich mich der goldnen Freiheit nicht lange mehr werde zu erfreuen habe. Hoffentlich täusche ich mich – denn Schutzhaft wäre grade das geeignete Mittel, um die seit einem Jahr gestärkten Nerven wieder vollends zu zermürben, da doch der Krieg und die fortwährende Beschäftigung mit dem Furchtbaren schon genügend daran zerrt. Wessen Phantasie dazu ausreichte, sich all das Elend und all das Schreckliche bildhaft vorzustellen – der müßte jetzt sicher wahnsinnig werden.

Wieder ist ein Bekannter „gefallen“: der Rechtsanwalt Dr. Leo Fromm, der Syndikus der Münchner Kammerspiele. Ein sympathischer feiner und kluger Mensch. Zugleich mit seiner Todesnachricht traf bei seiner Kanzlei eine Karte von ihm ein, worin er mitteilt, er sei von der Hölle vor Verdun heil herausgekommen und in neuer Stellung, die gradezu ein Idyll an Ruhe und Sicherheit sei. Dort hats ihn erwischt. So ist jeder draußen, gleichviel wo er grade steht, dauernd mit dem Tode auf Grüßfuß. Und wieviele meiner Bekannten sind darunter: Köhler seit Anfang an, Körting, Engler, Unold, Zenzls 4 Brüder – und nun soll auch mein Maaßen unmittelbar vorm Ausrücken sein. Ich erwarte darüber Bescheid von ihm. – Eingezogen wird jetzt scheint’s alles, wessen man habhaft werden kann. v. Löben muß morgen heran und leider auch mein guter Carl Schmid, mit dem ich gestern Abschied feierte. Es heißt, man ziehe auch die Garnisondiensttauglichen jetzt ein – vorläufig die bis zum 37ten Lebensjahr. Das Ende sieht aber ferner aus als je. Der sogenannte „Nationalausschuß“ schickt Redner übers Land, die unter dem Vorwand, die Reichsregierung gegen die alldeutschen Annexionstreibereien in Schutz zu nehmen, in Wirklichkeit die annexionistische Regierungspolitik – „reale Garantien“ im Westen, „Grenzverkürzung“ im Osten – popularisieren. Daran beteiligen sich auch die Sozialdemokraten Südekum und August Müller, der sich auch in den „Ernährungsbeirat“ des Herrn v. Batocki hat wählen lassen. Sie alle haben an den zwei Jahren Weltbrand noch nicht genug. Es soll „durchgehalten“ werden, bis die Menschheit ausgerottet ist.

Casement ist gestern in der Tat hingerichtet worden. Schade. Die Engländer hätten glorios dagestanden, wenn sie sich da als Menschen gezeigt hätten – und die Freunde des rebellischen Iren in Deutschland wären sehr unglücklich gewesen, ihre sittliche Empörung trotzdem irgendwie motivieren zu müssen. Nun haben sie das nicht nötig und spritzen Fontänen von Giftschleim über das perfide Albion aus. Etwas Perfideres und Heuchlerisches wie diese Casement-Entrüstung war selbst in dieser verwahrlosten Zeit nicht da. Ich habe natürlich den größten Respekt vor dem Mann, der für seine Überzeugung das tat, was – wenn es mißglückte – das Todesurteil ganz selbstverständlich nach sich ziehn mußte, und der es dann ablehnte, bei seinen Henkern um Gnade zu winseln.

 

Aibling, Sonnabend, d. 5. August 1916.

Gestern unterbrach ich die Eintragung, um mit meiner Frau einen Spaziergang in die schöne Aiblinger Landschaft zu machen. Heut muß Zenzl im Bett bleiben, weil die Krisis in ihrer anstrengenden Moorbäder-Kur eingetreten ist. Ich leiste ihr in ihrem Zimmer Gesellschaft und will den Tag mit Schreiben hinbringen. So hoffe ich doch, mit der „Abrechnung“ wieder ein gut Stück vorwärts zu kommen.

Zur Kennzeichnung der Unehrlichkeit unsrer Preßfreibeuter wegen Casements Hinrichtung muß man sich noch einmal vergegenwärtigen, was der Mann eigentlich getan hat. Er hat – als Angehöriger des britischen Reichs, bzw. einer seit Jahrhunderten zu England gehörigen Provinz – während eines Kriegs mit der feindlichen Regierung konspiriert, um die Niederlage seines „Vaterlandes“ zu erzielen, hat in Deutschland mit Erlaubnis der deutschen Regierung die irischen Gefangenenlager besucht und dort Freiwillige für die Insurrektion in Irland geworben, hat unter Beistand der feindlichen Regierung diese Freiwilligen mit Waffen nach Irland gebracht, und wurde verhaftet, ehe sein Plan gelang. Dabei ist zu bedenken, daß der Mann bis zum Jahre 1913 britischer Generalkonsul war, also amtlicher Vertreter des Landes, dessen Untergang er für das heiligste Erfordernis der Geschichte hielt, und daß er sich im Jahre 1911 in den Adelsstand eben dieses Landes erheben ließ. – Das moralische Gezeter wegen seiner Hinrichtung – plötzlich muß da das Wort Ermordung wieder herhalten – klingt besonders reizvoll bei den prinzipiellen Besingern der deutschen Regierung, die in Elsaß-Lothringen, in Polen, in Nordschleswig, und der verbündeten Regierungen, die in Tirol, in den tschechischen und slawischen Ländern, in Armenien und Mazedonien die schändlichsten Urteile gegen ihre „Irredentisten“ erlassen. Der Fall Schlumberger in Colmar wird wohl einmal noch bekannt werden, das Todesurteil gegen Kramarcz, die Hinrichtung Battistis, – garnicht zu reden von den Schandurteilen gegen Angehörige feindlicher Staaten, Frau Cavell, Fryatt etc. – sprechen schon jetzt für sich.

Höchst interessant ist mir eine Mitteilung, die mir heute eine einfache Frau vom Lande machte. Die Kinder haben hier plötzlich einen neuen Katechismus erhalten. Die Frau verwunderte sich darüber und verglich es mit dem bisherigen. Dabei hat sie festgestellt, daß jetzt die „himmelschreienden Sünden“ gestrichen sind, das sind die, die nicht vergeben werden: Mord und Totschlag, Vorenthaltung des verdienten Lohns, Verleugnung des heiligen Sakraments etc. Sie sehn es also ein, daß ihr Tun mit ihren eigenen religiösen Lehren unvereinbar ist. Da ändern sie aber nicht ihr Tun, sondern ihre Lehren. Nun ist also Totschlag und Mord verzeihlich geworden, – und die Verleugnung des heiligen Sakraments, die die Pfaffen damit begehn, schreit ja ebenfalls nicht mehr zum Himmel. Der Papst hat kürzlich eine Rede an die römischen Kinder gehalten, um ihre Unschuld zum Himmel flehn zu lassen gegen das Entsetzen des Kriegs. Ob Benedikt XV eine Ahnung davon hat, wie seine Unterhirten mit Gottes Wort Schindluder treiben?

Hindenburg ist Oberbefehlshaber geworden über verschiedene deutsche und österreichisch-ungarische Heeresgruppen zugleich. Ich ärgere die Patridioten mit der Bemerkung, damit sei nun wohl das Kriegsziel erreicht – wenigstens das von 1866.

 

Aibling, Donnerstag, d. 10. August 1916.

Vormittags von München zurückgekommen nach dreitägigem Aufenthalt. Kriegsunterhaltungen mit Aster und Wedekind, Theaterunterhaltungen mit Sinsheimer etc. Vorgestern in der Torggelstube war die letzte Konfiskation des Berliner Tageblatts Hauptgespräch. Theodor Wolff hatte sich in einem Artikel heftig gegen den Fürsten Solm gewandt, der erklärt hatte, Deutschland sei besiegt, wenn es nicht Flandern in festen Besitz nähme, also eigentlich wegen einer Verteidigung der Reichskanzlerpolitik gegen alldeutsche Frondeure. Der Kommandeur von Berlin, Generaloberst v. Kessel, selber natürlich Alldeutscher bis in die Knochen, hat also die Möglichkeit – und macht davon Gebrauch –, die offizielle Politik durch ungeheure Geldstrafen an ihren Verkündern – solches Verbot von drei Tagen kostet Mosse sicherlich mindestens hunderttausend Mark – zu durchkreuzen. Wedekind erzählt, daß die alldeutsche Propaganda sich nicht blos gegen Bethmann-Hollweg richtet, sondern vornehmlich gegen den Kaiser. Den möchte man zur Abdankung bringen, um den Kronprinzen, den ausgesprochensten Brutalitätsfanatiker, ans Ruder zu bringen. Der Kaiser soll schon erklärt haben: „Wenn Bethmann geht, gehe ich auch!“ Ich würde die Entwicklung der Dinge nicht für bedauerlich halten, da die wirksame Revolution von rechts die Revolution von links höchstwahrscheinlich ebenfalls auf die Beine brächte, und zwar mit großen Aussichten. Auf Frieden ohne gewaltsame Einwirkung im Inneren ist ja leider Gottes in irgend absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Welcher Art die Nachhilfe von innen sein wird, läßt sich vorläufig noch kaum vermuten. Möglich, daß der Bauernstand eines Tages streikt,* möglich, daß Militärmeutereien den Schluß erzwingen, möglich auch, daß irgendein Attentat, wie es den Ausbruch des Kriegs signalisierte, auch sein Ende bestimmen wird.

Längst wollte ich schon hier auf den englisch-amerikanischen Konflikt der „Schwarzen Listen“ eingehn, der schon seit Wochen die Zeitungsgemüter bewegt. Die englische Regierung hat zur konsequenten Durchführung der Aushungerung Deutschlands ein Boykott-System eingerichtet, wonach in den neutralen Ländern die Firmen, die mit Deutschland oder mit Deutschen Handel treiben, von den Engländern geschnitten werden sollen. Notenwechsel zwischen Washington und London, schwierige Auseinandersetzungen über Völkerrechtsauslegungen, effektive oder nicht effektive Blockade und gewaltiges Zetern im Blätterpark Deutschlands, weil die Wilsonsche Tonart gegen England weniger schroff sei als seinerzeit, als es sich um die Lusitania-, Arabic- und Sussex-Geschichten handelte, gegen Deutschland. Daß zwischen Geldschädigung und Menschenmord in dem Lande, dem man hier den skrupellosesten Merkantilismus nachsagt, immer noch ein gewisser Unterschied gemacht wird, geht dem Volk der Dichter und Denker beim besten Willen nicht ein. Es wäre hübsch, wenn man ihm doch einmal etwas von der Ideologie der angelsächsischen „Krämervölker“ einflößen könnte.

In Ost und West und Süd gehn die Offensiven mit wahnsinnigen Menschenopfern weiter. Natürlich wird nirgends etwas erzielt, was Entscheidungen entfernt ähnlich sähe. Auch die Einnahme von Görz durch die Italiener wird kaum mehr Bedeutung haben als alle die Eroberungen, die man bei uns seit 2 Jahren mit Flaggerei und Siegesfeiern gepriesen hat. Den „Hauptfeind“, England, besiegt man inzwischen durch Marktweibergezänk in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung und durch Zeppelinbomben auf „offene, hinter der Front liegende“ Ortschaften.

 

* an den Generalstreik der Arbeiter glaube ich zu allerletzt. Sie sind völlig apathisch.

 

München, Dienstag, d. 15. August 1916.

Daheim. Und Donnerstag kommt jedenfalls auch Zenzl zurück, sodaß endlich unser normaler Haushaltsbetrieb wieder in Schwung kommen wird. Inzwischen bin ich zu einer Unsolidität verurteilt, die gewiß nicht vorteilhaft ist, zumal meine Mitgliedschaft beim jüngst begründeten Bühnenklub mit eigner Behausung ohne Polizeistunde ohnehin in diesen Zeiten, wo etwas Ablenkung immer wohltut, dazu sehr verführt. Gestern war ich dort und kam erst um ½ 5 Uhr in der Frühe heim, da Roda Roda auf Urlaub hier ist. Er erzählt schauderhafte Details, besonders vom serbischen Feldzug, bei dem in den Schneestürmen des Novembers die Serben und die deutschen und österreichischen Soldaten zu Tausenden einfach erfroren, und die unglücklichen Eingeborenen auf der Flucht vor den Eroberern, die sie mehrfach als rücksichtslose Henker kennen gelernt hatten, in großen Scharen an Hunger und allen Entbehrungen umkamen, die Familien auseinandergesprengt wurden und unbeschreiblichen Qualen ausgesetzt waren. Ferner erzählte er von der österreichischen Militärjustiz. Da wird gehenkt und erschossen, daß einem die Haare zu Berge stehn. Man hat ja nicht genug Vorstellungskraft, um das alles im Bilde vor sich zu sehn, sonst müßte man wahnsinnig werden. Auch die Berichte über Verdun, wo seit Februar das grauenhafte Morden ununterbrochen fortgeht, können einen toll machen. Die Soldaten können keine Ablösung bekommen, schlafen im ärgsten Granatenhagel dürftig verdeckt in feuchten, zerschossenen Gräben, jeden Augenblick in ärgster Todesgefahr. Den Verwundeten wird keine Hilfe gebracht, da sich kein Sanitäter hintrauen kann. Sie verkommen und verbluten vor den Augen der Kameraden, die müssen dabei hungern, weil die Lebensmittel bei der furchtbaren Schießerei nicht nahe genug herangebracht werden können. (Eine Unterbrechung: gegenüber kloppte ein Musiker bei offenem Fenster solange Etuden auf dem Klavier, bis ich hinüberging und mich beschwerte. Große Auseinandersetzungen mit Mutter und Schwestern. Jetzt ist das Fenster zu, aber ich bin immer noch unfreiwilliger Hörer. Eine tolle Bande übrigens: man mutete mir zu, mein Arbeitszimmer nach hinten zu verlegen, auszuziehn oder mich zu behelfen wie ich mag. Die Alte war verständiger, die Töchter aber in der Bewunderung der herrlichen Leistung ihres Bruders Megären).

Neuerdings wird ein Besuch Bethmanns in Wien viel in den Zeitungen verhandelt. Angeblich ist dabei die polnische Frage gelöst worden, und nun orakelt man hin und her, was dabei zusammengebraut sein möchte. Denn in den Veröffentlichungen war, wie immer die Rede nur von Zusammenkünften. Bald fuhr der Botschafter vor und blieb eine Stunde beim Kanzler. Dann kam Tisza und blieb anderthalb. Dann wieder fuhr Bethmann soundsolange bei Soundso vor, und das alles wird mit einer geheimnisvollen Wichtigkeit umkleidet, als wisse jeder Schmock alles, dürfe nur nichts sagen. Die paar Diplomätchen aber machen inzwischen auf eigne Faust Weltgeschichte, ohne daß jemand etwas dabei fände. Nun will Roda Roda wissen, und Halbe war ganz beglückt davon, daß beschlossen worden sei, die Autonomie Polens schon jetzt zu oktroyieren (in irgendeiner Form unter einem Hohenzollern- oder Habsburger-Fürsten oder einem Wittelsbacher), um noch während dieses Kriegs Soldaten gegen Rußland dort auszuheben. Geschieht das, wird der freiwilligen „polnischen Legion“ eine Zwangsarmee beigegeben, dann ist das wohl das krasseste Ignorieren des Völkerrechts, das bisher überhaupt da war. Denn das hieße nichts andres, als Truppen aus besetzten Gebieten gegen deren eigne Nation zu führen und zwar unter dem Zwang von Militärgesetzen. Ob man dazu das Land erst mit geköderten Vertretern angliedert, natürlich unter Vermeidung des Plebiszits, tut dabei garnichts zur Sache. Obwohl schon vor Monaten von solchen Dingen die Rede war, kommt es mir noch recht zweifelhaft vor. Am zweifelhaftesten aber, ob die einseitig dekretierte Endgiltigkeit des Zustands nachher bei den allgemeinen Friedensverhandlungen bestehn bleibt. Daß man im Osten annektieren will, steht ja allerdings längst fest, und die „Münchner Zeitung“, deren Redakteure wie Kautschukmänner sich in jede gewünschte Überzeugung recken können, beweisen neuerdings täglich die Schädlichkeit von Annexionen im Westen und die absolute Notwendigkeit von Gebietserweiterungen im Osten. Offenbar hat man es – im Einverständnis mit der Regierung dabei nicht blos auf Polen, sondern auch auf die baltischen Provinzen abgesehn. Aber die hat man noch nicht, wird sie wohl auch nicht kriegen.

Wieder habe ich den Tod eines lieben Bekannten und starken Künstlers zu beklagen. Benno Berneis ist nun auch im Rachen der scheußlichen Kriegsbestie zermalmt. Gertrud Eysoldt, die sich bei Ausbruch des Kriegs mit ihm „kriegstrauen“ ließ, tut mir leid, aber mehr noch er selbst, der soviel Ursprünglichkeit, Vitalität, Lebenslust und Künstlerschaft hatte. Allerdings, glaube ich, hat er sich freiwillig gemeldet, wurde Fliegeroffizier und mag, da er beide Eiserne Kreuze erhielt, arg verroht gewesen sein. Trotzdem! Mußte diese Weltverwirrung kommen, daß soviel gute wertvolle Menschen mit oder ohne Zutun dabei untergehn mußten? Ich finde mich nach zwei Jahren noch nicht zurecht und bin sehr niedergeschlagen.

 

München, Mittwoch, d. 16. August 1916

Roda Rodas Anwesenheit ist für mich recht wertvoll. Er macht mich auf Eigentümlichkeiten aufmerksam, die dem nicht in militärische Dinge Eingeweihten sonst entgehn. So zeigte er mir im gestrigen österreichischen Tagesbericht eine Stelle, wo es hieß, da und da sei russische Kavallerie zurückgeworfen worden. Wie mir Roda erklärte, greift aber Kavallerie überhaupt nur ein, wenn der Gegner schon in ungeordnetem Rückzug ist. „Der Angriff scheitert vorwärts“, war einer seiner Witze über die Österreicher. Dann hieß es an einer andern Stelle des Berichts, westlich von dem und dem Ort seien die Russen geschlagen wurden. Natürlich verfolgt unser einer die Details nicht und treibt keine vergleichende Kriegsgeographie. Roda Roda aber muß es tun. So wußte er, daß an dem betreff. Ort noch vor ein paar Tagen ein Korpskommando stationiert war, es also weit hinter der Front lag. Da die russische Offensive von Osten nach Westen geht, ergeben sich die Rückschlüsse von selbst. – Nach R.’s Meinung sind die entscheidenden Fehler des Kriegs drei große Offensiven der Zentralmächte gewesen; erstens die französische, bei der jeder Armeeführer zuerst Paris erreichen wollte, wodurch bei der Übereilung Verwirrung entstand und die Marneschlacht möglich wurde. Zweitens die Potiorek-Offensive gegen Serbien, die überhitzt war und infolgedessen durch Vernachlässigung der rückwärtigen Verbindung zur Katastrophe führte, endlich die österreichische Mai-Offensive gegen Italien, die den Osten entblößte und den russischen Verstoß verursachte, dem dann die italienische Gegenoffensive folgte, bei dem Görz verloren ging und nun auch Triest unmittelbar bedroht ist. – Wie wenig Aussicht auf ein Ende der Scheußlichkeiten besteht, geht daraus hervor, daß man Roda aufgefordert hat, sich um Winterunterkunft umzutun. Ich selbst glaube schon lange nicht mehr, daß noch in diesem Jahr Frieden wird. Vielleicht helfen 1917 endlich Volkserhebungen nach. Die Welteroberer geben ja sonst doch keine Ruhe.

Gefallen: der junge sehr begabte Dichter Reinhold Sorge und, wie ich nachträglich erfuhr, der Schauspieler v. Falkenhausen. Ich kannte persönlich nur den letzteren.

 

München, Donnerstag, d. 17. August 1916.

Gestern war ich wieder viel mit Roda zusammen, der heut früh abgereist ist. Ich erfuhr noch manches Wissenswerte. Aus dem österreichischen Heer müssen riesige Scharen übergelaufen sein, zu den Russen, Serben, Montenegrinern und Italienern. Sie werden, wenn man ihrer habhaft wird, gehenkt. So hingen nach der Entwaffnung der Montenegriner 257 dieser armen Teufel in einer Reihe. Zu den Serben gingen die tschechischen Regimenter in doppelreihigen Kolonnen über. Die Zahl der zu den Russen Geflüchteten schätzt Roda auf 200.000 Mann. Ob man die nach Wiederherstellung geordneter Zustände allesamt aufhängen wird?

Neutralen Zeitungsmeldungen nach soll eine Verschärfung des U-Bootkriegs schon wieder im Gange sein. Auch hat Lord Cecil im englischen Unterhaus positive Angaben gemacht, nach denen neuerdings von deutschen Unterseebooten Schiffe warnungslos versenkt seien, wobei viele Menschen umkamen. Bestätigen sich die Meldungen, dann wird wohl ein neuer Sussex-Fall auch nicht mehr lange auf sich warten lassen, und die Alldeutschen haben, was sie anstreben: den Krieg mit Amerika, da ja der mit Rumänien ohnehin schon in allerkürzester Zeit bevorsteht (Roda meint im September) ... Die deutsche Regierung hat ein neues Weißbuch herausgegeben über den „Baralong“-Fall. Aus dem, was die Ziten[Zeitungen?] daraus abdrucken, ist ersichtlich, daß man offenbar der Weltentrüstung wegen der Hinrichtung des Kapitäns Fryatt etwas entgegenstellen möchte. Deshalb wird wieder mit der Unwahrheit operiert, die Engländer hätten es abgelehnt, die Angelegenheit zu untersuchen. Dann wird erklärt, die neuerdings wieder häufigeren Zeppelin-Angriffe auf England hätten den Zweck, zwar natürlich im Rahmen der völkerrechtlichen Bestimmungen aber doch ohne die bisher geübte Rücksicht auf die Zivilbevölkerung (?!) als Vergeltung für Baralong dem englischen Volk diese unerhörte britische Mordtat stets im Gedächtnis wachzuhalten. Unterdessen veröffentlichen die Entente-Regierungen immer kompromittierenderes Material über die Behandlung der Bevölkerung in den von den Zentralgewalten besetzten Gebieten. In Belgien, Polen und Serbien herrscht entsetzliche Not, dabei wird der Bodenertrag dieser Länder in riesigen Mengen nach Deutschland geschafft. Amerika möchte helfen, aber die englische Regierung von ihrem Standpunkt, die deutsche von dem ihrigen verhindern gemeinsam die Abhilfe und beschuldigen sich gegenseitig der gemeinsten Motive dafür. Kürzlich gab die Regierung eine Erklärung aus, die die Behauptung zurückwies, sie jage die belgische Bevölkerung, um sie nicht ernähren zu müssen, über die Grenzen. Die Behauptung, sie weise ihr nach Belieben Wohnstätten innerhalb Belgiens bzw. Nordfrankreichs an, wird bestätigt. Als ob für die armen Betroffenen der Unterschied sehr groß wäre! Sie müssen heraus aus ihren Häusern, herunter von ihren Äckern, die von Deutschen geerntet werden. Ludwig Scharf, der verflossene revolutionäre Dichter, hat mir aber gestern noch erklärt, er bejahe den Krieg aus vollem Herzen, wenn er auch die Greuel nicht billige. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Kürzer: Morde human!

 

München, Sonnabend, d. 19. August 1916.

Ich bin immer noch ganz zermürbt von einem kurzen Gespräch, das gestern mittag zwischen mir und meinem alten Freund Bernhard Köhler stattfand, der – Leutnant und Kompanieführer einer Maschinengewehrabteilung – zurzeit auf Urlaub hier ist. Er stand mit seiner Kompanie bei Verdun, wo es am ärgsten zugeht, und nennt die Tage dort die glücklichsten seines Lebens. Und zwar preist er den Krieg um des Kriegs selbst willen. Die Hemmungslosigkeit – sein eignes Wort – mache das Kriegsdasein so reizvoll. Auf meine Erwiderung, es sei doch Mord, was er da treibe, gab er das glatt zu, auch daß diese Auffassung Barbarei sei. Ich meinte, es sei doch schrecklich, jeden Moment dem Sterben ausgesetzt zu sein. Nein, das sei grade das Schöne. – Gut, für ihn als Freiwilligen. Aber ob er sich dann das Recht anmaße, das Leben andrer Leute zu vernichten, die nicht so denken? Und seine Leute hineinzujagen? – Ja, Anspruch auf Respektierung seines Lebenswillens habe kein Mensch. – Ich konnte mich nicht enthalten, Köhler zu sagen: „Wenn ich in Ihrer Kompanie wäre, säßen Sie jetzt nicht hier.“ Er lachte, und meinte, das müsse man in Kauf nehmen, und fand auch nichts dabei, daß ich sagte: „Gegen Ihre Ansichten gibt es kein Widerlegen mehr. Dagegen gibt es nur noch Totschlagen.“ Köhlers jetzige Denkart ist aber, wie mir scheint, einfach die Konsequenz jenes ruchlosen Aesthetizismus, der vor 15 Jahren Mode war, von Köhler speziell mit einem gewissen mystischen Umhang angetan wurde, und nun, durch den Eindruck des Kriegs einen Wahnsinn in ihm bewirkt hat, der sich auch in einem merkwürdigen Flackern im Auge ausdrückt. Ich bin überzeugt, daß seine Tätigkeit am Maschinengewehr, dies seit 1¾ Jahren geübte Abschießen von Franzosen, in ihm gradezu eine Lust am Töten geweckt hat, daß er das Hinschlagen von Menschenleibern unter seiner Arbeit an einem kunstvollen Apparat als Sportsmann zu beobachten sich gewöhnt hat und nun das Vernichten von Menschenleben wie ein rohes Spiel betreibt, das er sich mit aesthetisch-philosophischen Betrachtungen jedesmal noch amüsanter macht. Ich zweifle kaum daran, daß für Köhler die Teilnahme am Kriege zum Irrsinn führen wird, und so wird auch er als Kriegsgefallener zu betrauern sein, und man möchte sogar hoffen, daß ihn der Tod durch Abschuß noch vor dem furchtbareren Los bewahren möge.

Gestern nachmittag hatte ich noch eine Unterhaltung mit Wedekind (nachdem Hedwig Landauer uns besucht hatte, was eine Erquickung war). Wedekind erwähnte eine interessante Stelle aus Scheidemanns letzter (Dresdner) Rede, die er offenbar, wie vorher seine Breslauer mit Einverständnis Bethmanns gehalten hat. Ich hatte nur gelesen, daß er den Frieden à tout prix nicht wolle und weiteres „Durchhalten“ empfahl. Wedekind machte mich dagegen darauf aufmerksam, daß Scheidemann sich auf Bethmanns Kriegskarten-Theorie berufen habe und dabei ausdrücklich hervorhob, daß dazu natürlich auch die von der Entente besetzten Kolonien gehören. Das wäre ja in der Tat ein starkes Entgegenkommen Bethmanns, vielmehr ein überraschendes Eingeständnis, wie hoffnungslos die Dinge schon für die Absichten der deutschen Kriegspartei stehn. Bemerkenswert ist auch, daß er immer wieder Herrn Scheidemann als sein Grammophon vorschickt. Ich fragte Wedekind: „Wann wird denn nun das Berliner Tageblatt mit Scheidemann als Chefredakteur an die Stelle der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung treten?“ – Ferneres über die polnische Frage, in der offenbar zwischen Österreich und Preußen immer noch arge Differenzen bestehn. W. erzählte den neuesten Berliner Witz: Was bedeutete Bethmanns letzte Wiener Reise? – Deutschlands Separatfrieden mit Österreich. – W.’s Hoffnung auf Frieden gründet sich auf Österreichs völlige Erschöpfung. Ungarn soll zudem auf Separation hinarbeiten, und die Entente soll unter Hinweis auf Deutschlands immer offenbarere Souveränität über Österreich in Wien weitherzige Separatfriedens-Bedingungen gestellt haben, bei denen Österreich als deutsche Vormacht anstelle Preußens garantiert werden solle. Wer weiß, ob was Wahres daran ist? Ich glaube leider nicht an nahe Friedensaussichten. Erschöpfung ist für kein Land ein Grund, aufzuhören. Rumänien, das mehr Hungerrevolten in der Kriegszeit gehabt hat als eines der beteiligten Kriegsländer (Schabatz!) steht sogar allem Anschein nach trotzdem vor dem Eingreifen. – Ferner hat Asquith neuerdings erklärt, England lehne es ab, mit Kaiser Wilhelm oder überhaupt einem Hohenzollern an Deutschlands Spitze, sich mit der deutschen Regierung zu Friedensverhandlungen zusammenzusetzen. So wenig Schmerz mir besagte Familie durch ihren Abtritt ins Privatleben verursachen würde, so bezweifle ich doch stark, daß Asquiths Bedingung in absehbarer Zeit zu erfüllen ist. – Die großen Offensiven ringsum kosten wahnsinniges Blut (nun haben Deutsche und Bulgaren auch vor Saloniki angegriffen und die griechische Stadt Florina besetzt), aber trotz mancher Erfolge der Alliierten in der Picardie, bei Görz und vor allem in der Bukowina (wo jetzt das Eingreifen türkischer Truppen gemeldet wird) ist von Sieg nirgendwo die Rede. Dabei toben die Alldeutschen gegen den Reichskanzler und verlangen die Provokation Amerikas und die Verpflichtung der deutschen Regierung nicht aufzuhören, bis sie nicht die halbe Welt erobert haben und behalten können, und die Tonart in den offiziösen Auslassungen besonders zwischen England und Deutschland ist derartig provozierend, daß man eher als an Frieden an die Wahrscheinlichkeit glauben kann, wir ständen noch in der ersten Hälfte des Kriegs. – Die Reichsmusterung aller Untauglichen scheint denn auch für den September sicher zu erwarten zu sein, sodaß meine persönliche Lebenssicherheit wieder arg gefährdet aussieht. Martens meint zwar, man wolle jetzt überhaupt alles Verfügbare einziehn, weil man mit nahem Waffenstillstand rechne, und während eines solchen keine Einziehungen vornehmen dürfe.

Dänemark hat vor einiger Zeit die dänischen Inseln in den Antillen für 110 Millionen Kronen an die Vereinigten Staaten verkauft, und über die Sanktionierung dieses Handels wird viel geredet, besonders im dänischen Parlament. Dabei ist bedeutsam, daß der Ministerpräsident erklärt hat, über die Motive zu dem Verkauf könne er öffentlich sich nicht auslassen. Vermutungen darüber fand ich merkwürdigerweise in keiner Zeitung. Das einzige Motiv ist natürlich, daß Dänemark Geld braucht. Kürzlich hieß es doch aber, Deutschland habe ein Ultimatum nach Kopenhagen gesandt, worin 50 Millionen Strafe für die Begünstigung englischer Unterseeboote verlangt wurden, widrigenfalls Kopenhagen bombardiert würde. Will man nun die Geldstrafe oder die Abwehr finanzieren? Gleichviel. Einige unbeaufsichtigte Idioten haben zu beschließen, die Völker aber zu bluten.

Zeichen der Zeit: Der Generalquartiermeister, ein General – jetzt ist mir sogar der Name entfallen – ist zum stimmberechtigten Mitglied des Ordens pour le merite für Kunst und Wissenschaft ernannt worden. Das ist die höchste offizielle Auszeichnung, die für künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen in Deutschland überhaupt verliehn werden kann. Der Verschönerer Berlins durch Dom und Siegesallee gibt sie einem General – vermutlich für die Stilisierung der deutschen Kriegstagesberichte und die Erfindung des Worts: Negerfranzosen.

 

München, Sonntag, d. 20. August 1916.

Köhler kam mir gestern ungleich vernünftiger vor als vorgestern, wenngleich seine Auffassungen immer noch hinlänglich verrückt anmuteten. So, meint er, sei der Mord sittlich berechtigt, da ja auch die Zeugung statthaft sei. Habe ich das Recht, jemanden ohne sein Einverständnis zum Leben zu bringen, so habe ich auch das Recht, Menschen ohne ihr Einverständnis vom Leben zum Tode zu bringen. Eine schandbare Logik, die Schaffen und Zerstören für gleichwertige Dinge hält und den Unterschied übersieht, der in der Fortpflanzung des eignen Lebens und dem willkürlichen Unterbrechen des fremden liegt, ferner die Triebhaftigkeit der Zeugung (deren Folgen ja garnicht gekannt sind) und der[die] Absichtlichkeit des Mordens auf eine Stufe stellt. Wie schwach muß es um die innere Festigkeit einer Überzeugung bestellt sein, wenn ein so kluger und scharf denkender Kopf wie Köhler zu ihrer Verteidigung derartige logische Verkrümmungen vornehmen muß. – Bedeutend interessanter war mir sein Einwand gegen die Betrauerung von Kulturverlusten bzw. die Vernichtung künstlerischer Menschen durch Kriegsmord. Er meint, da die Seele unsterblich sei, sei es gleichgültig, ob sie ihr künstlerisches Werk als Hans Meier oder Peter Müller vollende. Man könne sagen, die Seele „gehe um“, bis sie ihr Werk geschaffen habe. Die Welt verliere also nichts, ob der Träger einer bedeutenden Idee oder tiefer und erhabener Worte früher oder später sterbe. – Das ist gewiß recht schön. Blos ist es kein Trost für Hans Meier, der vielleicht Köhlers transzendentalen Hypothesen überaus skeptisch gegenübersteht, der zudem genügend Künstlerehrgeiz und dito Eitelkeit hat, um sein Werk nicht einem imaginären Peter Müller irgendeiner späteren Zeitepoche überlassen zu mögen, und dem nebenbei die Tätigkeit des Kriegshandwerks so odios ist, daß der „Heldentod fürs Vaterland“ für ihn nur ein finsteres Schrecknis ist, ohne jegliche Weihe durch eine große Sache oder ein erstrebenswertes Ziel. – Gegen die Gewißheit von Gut und Böse kommt eben keine Dialektik und keine Metaphysik auf.

Alldeutsche und Regierung prügeln sich in lieblicher Form weiter wegen der minimalen Nuancen, die ihre Kriegsziele unterscheiden. „Drei Deutsche“ machen, unter bedeutendem Geldaufwand und mit bemerkenswertem organisatorischem Geschick, die ungenierteste Propaganda gegen den Reichskanzler und seine Politik. Der läßt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ wettern über „Infame Treibereien“, über die „kleine, aber skrupellose Clique“, die Herr v. Bethmann selbst schon im Reichstag als „Piraten der öffentlichen Meinung“ beschimpft hat. Der hat aber seinerseits den „Burgfrieden“ proklamiert, nach dem sich die andern zu richten haben, und ist nicht zu bewegen, die Zeitungszensur aufzuheben, durch die ja eben dieser „Burgfriede“ gerettet werden solle, dadurch ist natürlich jede Opposition auf die unterirdischen Wege verwiesen, die bei ihrer finanziellen Überlegenheit natürlich wieder nur die alldeutschen Raubpolitiker benutzen können – zumal die andre Seite, wenn sie’s versucht, in dieser Zeit, wo man keine Parteien mehr kennt, mit Gefängnis oder durch Schutzhaft bedroht ist. Einigkeit und Recht und Freiheit – heißt es in der deutschen Nationalhymne.

 

München, Donnerstag, d. 24. August 1916.

Flaggen auf den Dächern und in den Fenstern. Was das für einen Sieg bedeutet? Man ist bescheiden geworden in Deutschland: die Rückkehr des Handelsunterseeboots „Deutschland“ nach Bremerhaven. Wer jetzt noch nicht an den Endsieg glaubt und an die direkt bevorstehende Annektion von Belgien, Nordfrankreich und Westrußland, – dem ist nicht zu helfen. Aber sie tun wirklich wieder so, als wäre die „Deutschland“-Fahrt die Aufhebung der englischen Blockade und der siegreiche Anfang vom siegreichen Ende.

Sonst nichts Neues. An der Somme, vor Verdun und an der ganzen Ostfront rast der unsinnigste Massenmord ohne Unterbrechung weiter. Lemberg, Triest, Peronne sind weiterhin bedroht, ohne daß man hoffen könnte, ihre Einnahme würde den Frieden näherbringen. Denn bei uns fragt ja kein Mensch (der etwas zu sagen hat), wann das Gemetzel endlich aufhören wird, sondern immer noch, wieviel man den Gegnern stehlen soll. Man möchte fürchten, noch in der ersten Hälfte des ganzen Unglücks zu stehn. Und die Machthaber fühlen sich allem Anschein nach wieder sehr sicher. Im Revisionstermin gegen Karl Liebknecht ist das Urteil gefällt worden. Aus den 2½ Jahren Zuchthaus und Ausstoßen aus dem Heer sind 4½ Jahr Zuchthaus, Entfernung aus dem Heer und 6 Jahre Ehrverlust geworden, sodaß also Liebknecht seiner Parlamentsmandate verlustig geht.

Berlin wird in großer Aufregung sein. Aber es wird wieder bei Zusammenläufen, Fensterscheibenscherben und Verhaftungen mit anschließenden jahrelangen Gefängnisstrafen bleiben. Maaßen schrieb mir, daß auch in Hamburg wieder Straßenkrach war. Die Hoffnung, daß daraus ein Ende des Schreckens erwachsen werde, habe ich fast ganz verloren. Solange nicht die Soldaten an der Front selbst das Gewehr umdrehn, wird wohl alles beim alten bleiben – und darauf ist kaum zu rechnen. Die Angst vor den Vorgesetzten ist immer noch größer als die vor den feindlichen Granaten und Maschinengewehren. Daß Liebknecht die ganze furchtbare Zeit absitzen wird, die man ihm aufgehalst hat, bezweifle ich ja – es sei denn, daß der Krieg nach 4½ Jahren noch nicht beendet wäre. Tapferer Mensch! Aber seinen Lohn hat er in der starken revolutionären Werbung, die sein Schicksal bedeutet – und den Ehrverlust leiden seine Richter.

 

München, Montag, d. 28. August 1916

Goethes Geburtstag bringt zwei neue Kriegserklärungen. Italien hat an Deutschland, Rumänien an Österreich-Ungarn kurzerhand den Krieg erklärt. Die Änderung in der Haltung Italiens (die die Presse als von England erpreßt hinstellt) ist wohl durch die Saloniki-Aktion bewirkt worden. Da dort die Bulgaren unter deutschem Oberbefehl stehn, also die Beteiligung Deutscher an den Kämpfen im Gegensatz zu der in Tirol, offiziell ist, war die Detachierung italienischer Truppen dorthin wohl nur möglich, wenn Krieg zwischen Deutschland und Italien bestand. Den Ausweg mochte die italienische Regierung vermutlich nicht wählen, mit dem sich die deutsche gegen sie seit über einem Jahr behilft: eigne Soldaten inkognito denen der Verbündeten beizumischen, also de fakto teilzunehmen an den Kämpfen, während zugleich noch Handelsgeschäfte hin- und herübergehn. Nach den Bestimmungen beider Länder, die Angehörigen des andern Lands wie feindliche Staatsangehörige zu behandeln, hatte[waren] die letzten Beziehungen übrigens sowieso schon zerbrochen, sodaß die formale Kriegserklärung eigentlich wenig ändert und nur eigentlich als Symbolhandlung zu bewerten ist

Ungleich wichtiger ist der Entschluß Rumäniens, der mir nicht überraschend kam, wenn ich ihn auch erst nach Erledigung der üblichen Formalitäten: Zuspitzung der Beziehungen, gegenseitiges Reizen, Herstellen von Umständen, die jeden im eignen Lande als „ruchlos überfallen“ scheinen lassen etc, erwartet hatte. Jedenfalls hat das angreifende Rumänien das Überraschungsmoment so wirksam geltend gemacht, wie vorher nur Deutschland, als es den Krieg vom Zaun brach. – Als Symptom ist das Eingreifen Rumäniens garnicht wichtig genug zu nehmen, da im In- und Ausland xmal betont ist (unter Zitierung Bismarcks), daß Rumänien erst eingreifen werde, wenn es den Krieg als entschieden betrachte, und sich dann auf die Seite des Siegers stellen werde. – So leid mir jetzt die Rumänen tun, die – nachdem sie zwei Jahre lang Zuschauer waren, also wissen, was die Teilnahme am Kriege für jedes Land bedeutet, – auf Kommando ihrer Oberen auch noch in das Gemetzel hineinmüssen, so versöhnlich ist mir das Ereignis doch durch die Überzeugung, daß jetzt die Peripetie des Dramas erreicht ist, und Österreichs Bezwingung kaum mehr lange auf sich warten lassen kann. Da die Zentralmächte absolut „durchhalten“ wollen, da man in Deutschland statt von Frieden immer noch vom Raub spricht, den man heimtragen möchte, bleibt nichts übrig als der Wunsch, der ertraglose Friede, der zu einer Entmilitarisierung Europas führen wird, möge den Deutschen aufgezwungen werden. Die Mitwirkung Rumäniens und die Gleichzeitigkeit zweier Kriegserklärungen lassen mich hoffen, daß meine Auffassung, daß wir noch in der ersten Hälfte des Kriegs seien, doch zu pessimistisch war. Ob aber die Schreier bei uns endlich bescheidner werden, ist noch sehr zweifelhaft. Gelingt es nicht, sie durch den Friedenswillen des Volks oder durch Siege der Entente endlich still zu machen, dann wird wohl auch Skandinavien und Amerika noch auf den Plan treten müssen, um Europa vor Deutschland zu sichern.

 

München, Mittwoch, d. 30. August 1916.

Köhler ist gestern wieder zur Front abgereist. Vorher besuchte er mich. Mein Eindruck von seinem Gesamtzustand ist erheblich geändert seit der vorigen Begegnung. Möglich ist, daß ihm der Urlaub gut getan hat, jedenfalls ist sein Auge jetzt viel ruhiger, und seine Blutrünstigkeit scheint sich ebenfalls gelegt zu haben. Ich las ihm die beiden bis jetzt geschriebenen Kapitel meines Kriegsbuchs vor und fand seine lebhafteste Zustimmung – nicht, was die Einheit unsrer Überzeugungen, aber was die logische Konsequenz in der Darlegung der meinigen betrifft. Charakteristisch ist übrigens, daß er mir erklärte, übelgenommen habe er mir in meiner Polemik mit ihm nur, daß ich ihm patriotische Gesinnung untergeschoben habe, die ihm ganz fern liege. Klar ist mir sein Standpunkt demnach noch keineswegs, zumal er gestern noch bei der Lektüre des Tagesberichts erschrocken feststellte, daß in seiner Stellung (bei St. Mihiel) gekämpft werde, er also dort dringend vonnöten sei. Eine Abkürzung des Kriegs wünscht er auch, wie er eingestand, und gab dabei zu, daß das Eingreifen Rumäniens wahrscheinlich das Ende näherführen werde. – Ich hoffe jetzt doch sehr, daß der sympathische, kluge Mensch zurückkommen und vielleicht sogar mit mir an der Bekämpfung patriotischer Kriegshelden teilnehmen wird. – Einen Bundesgenossen habe ich vor etwa einer Woche gefunden, der mir sehr wertvoll ist: Streit, der mir versicherte, er halte das Wiedererscheinen des „Kain“ nach dem Kriege für außerordentlich nötig, und er werde selbst ein paar hundert Mark hineinstecken und sich um die bessere geschäftliche Lanzierung des Blattes bemühen. Das ist mir mehr als wertvoll und nimmt mir einen schweren Stein vom Herzen, da die rapide Abnahme meines kleinen Vermögens die Hoffnung, weiterarbeiten zu können, schon fast geraubt hatte.

Rumäniens Eintritt in den Weltkrieg hat schon zur Zurücknahme österreichischer Stellungen an der Siebenbürger Grenze geführt. Zugleich wird die Eroberung einer Bergstellung (Cauriol-Gipfel) durch die Italiener gemeldet. Nach immer wieder verbreiteten Gerüchten war im letzten Sommer ein Frieden mit Rußland im Werden. Österreich hätte ihn aber verhindert, da es kein galizisches Gebiet abtreten wollte, wie Köhler es ausdrückte: Mit Deutschland als Bundesgenossen brauchen wir dort nichts herzugeben! – Jetzt, scheint es, werden sich die Herrschaften an der Donau, die ja die Hauptschuldigen an dem ganzen Verbrechen sind, ihren Schatten besehn können. Wie ernst man in deutschen Militärkreisen die neueste Wendung beurteilt, geht daraus hervor, daß man Falkenhayn als Generalstabschef abgesetzt hat und an seinen Posten Hindenburg, und als dessen Generalquartiermeister Ludendorff berufen hat. Die Züricher Zeitung hatte vor einigen Tagen schon von Gerüchten Notiz genommen, wonach Eifersüchteleien zwischen Falkenhayn und Hindenburg bestünden. Jetzt ist also unser Nationalheros Sieger geblieben. Die Aufgabe, die ihm gestellt ist – als Oberbefehlshaber, offenbar auch aller österreichischen Armeen, ist wohl die größte, die je ein Feldherr zu erfüllen hatte. Seine Berufung ist natürlich wesentlich mit Rücksicht auf die moralische Wirkung erfolgt. An die Möglichkeit, er werde nun „siegen, gründlich siegen!“, wie er sich einmal selbst ausgedrückt hat, glaubt wohl niemand, der Urteil hat. Vielleicht soll jetzt, wo das Blatt sich offensichtlich zugunsten der Entente gedreht hat, der populärste Mann herhalten, um die Niederlage allmählich mundgerecht zu machen. – Daß man mit aller Gewalt die Stimmung heben will, zeigt sich auch an der wieder aufgenommenen Verhetzung, die heute in vagen, mit keinem Beispiel belegten Beschuldigungen gegen die Behandlung deutscher Gefangener in Rußland eingeleitet wird. „Dantes Hölle in Rußland“ sagt die offiziöse ‚Norddeutsche Allgemeine Zeitung ‘ sehr schön in der Überschrift. – Ich vermute auch, daß die von den Scharfpatrioten immer erneut beschworene Anwendung „aller“ Mittel, speziell gegen England bald Tatsache wird. Daß man diese äußersten Mittel, nämlich Zyankali-Bomben mit Hochdruck herstellt, weiß ich aus guter Quelle bestimmt. Zum Aufspeichern in Museen wird das wohl kaum geschehn. Vor der moralischen Verachtung fürchtet man sich bei uns ja nicht, und die Beziehung zu Amerika wird den Herren wohl auch egal werden, wenn es, was bald der Fall sein wird, ans Va banque-Spielen geht. – Die Sozialdemokraten, Scheidemann und David an der Spitze, reisen inzwischen, offenbar als Commis voyageurs der Regierung, immer noch im Lande herum, und versichern dem verzweifelnden Volk, daß es ohne alle nationalen „Sicherungen“ – nur Lensch nennt sie offenherzig Annexionen – nicht an Frieden denken dürfe. Wann wird mit diesen Halunken endlich abgerechnet werden!

 

München, Donnerstag, d. 31. August 1916.

Die Österreicher sind bereits vor den Rumänen auf dem Rückzug, den man nach Lesart der Betroffenen strategisch, nach der der Nachdrängenden erzwungen heißen kann. Kronstadt ist geräumt, und allem Anschein nach wird wohl noch ein tüchtiges Stück von Siebenbürgen hergegeben werden müssen. – Daß in den Zeitungen zur Zeit die bösen Rumänen die größten Haderlumpen der Welt sind, versteht sich von selbst. Die amtlichen Stellen geben den Ton dazu an: Schmählicher Bruch der Verträge, Treuebruch etc. in schöner Folge, da nämlich, wie bekannt wird, Rumänien früher insgeheim dem seligen Dreibund angeschlossen war. Nur steht es denen schlecht an, von Vertragsbruch zu reden, die mit dem Bruch des Vertrags mit Belgien das Signal zum Verfahren der Vertragsbrüche gegeben und dazu auch noch die Formel gefunden haben, daß Verträge Fetzen Papier seien. – Nun will es aber sehr scheinen, daß in kürzester Zeit auch Griechenland sich aktiv auf die Seite der Verbandsmächte stellen wird. Was wird man anfangen, um die Griechen dann auch als Verräter bespucken zu können, da sie doch tatsächlich bei Innehaltung ihrer Verträge schon längst auf der Seite Serbiens hätten stehn müssen? Na, es wird schon gehn, wie es auch in den nächsten Tagen gehn wird, den Hohenzollernkönig von Rumänien, der den Oberbefehl über sein Heer übernommen hat, als schurkisches Scheusal zu frisieren, nachdem er bis vorgestern der echte treue Sproß des ach so edlen Hohenzollernhauses war. Heute haben die Zeitungen schon geschluckt, morgen werden sie speien. – Die Türkei hat den Rumänen nun ebenfalls Krieg erklärt, die Bulgaren werden wohl in den nächsten Tagen folgen.

Sozialdemokratisches: Im Kreise Teltow-Beeskow ist ein wüstes Kuddel-Muddel. Die „Minderheit“ hat dort die überwiegende Mehrheit und infolgedessen alle Mehrheits-Funktionäre hinausgeschmissen. Die behaupten, gestützt auf den Parteivorstand, das sei nicht ordnungsgemäß zugegangen, und sie hätten noch ihre Ämter. Daher sind alle Posten dort zweimal besetzt, so auch die Kassiererposten. Natürlich liefern nun die Minderheits-Kassierer ihre Gelder bei der Minderheits-Kasse, die Kassierer der Mehrheit die ihren bei den alten Stellen ab. Jetzt haben die letzteren gegen 20 Funktionäre Anzeige bei den ordentlichen Gerichten erstattet, und die Rechts-Institutionen des bestehenden kapitalistischen Klassenstaats sollen darüber entscheiden, wem die Kassenverwaltung der Organisationen zusteht, die den Zweck haben, sie mitsamt ihren Auftraggebern zu beseitigen. Wenn sie nun die 20 beklagten Funktionäre wegen Unterschlagung ins Gefängnis schicken, dann werden sie mit diesem Urteil bekunden, daß sie sich lieber von den Scheidemännern ablösen lassen wollen als von den Haasen, – da ihnen die ersteren ja sicher auch länger Zeit lassen werden, ihre Ämter als Richter zu bekleiden. Wenn der Krieg sonst auch nur Elend in die Welt gebracht hat, das Gute hat er doch gezeitigt, daß der Schlamm der sozialdemokratischen Partei vor aller Welt in seiner ganzen Schmierigkeit an den Tag gespült worden ist.

 

München, Freitag, d. 1. September 1916.

Allem Anschein nach ist die Peripetie des Weltkriegs erreicht. Das Blatt hat sich gewendet. Die Zentralmächte geraten ins Hintertreffen, und stehn vor der Wahl, entweder nachzugeben oder zu verlieren. Die Russen rücken auf Lemberg, das schon geräumt sein soll, die Rumänen haben schon 100 Kilometer Siebenbürgener Land hinter sich gebracht. „Die Front ist um 100 Kilometer verkürzt worden“, heißt es in der Sprache Höfers. Der bulgarische Vormarsch in Griechisch-Mazedonien ist gestoppt, und da der bulgarische Bericht auch von „Verkürzung“ der Front redet, ist anzunehmen, daß die Siegesberichte, die von den Franzosen sowieso bestritten waren, sich zum Teil wenigstens auch auf Rückzüge mitbezogen. An der Somme und an der Maas geht die scheußliche Massenschlächterei ununterbrochen weiter. Engländer und Franzosen setzen immer neue Kräfte ein und haben jedenfalls dort die ganze Initiative an sich gebracht. In Griechenland ist der deutschfreundliche Generalstabschef abgesetzt und das ganze germanophile Offizierskorps, der Hauptwiderstand gegen die Intervention, wird reorganisiert, sodaß der Angriff der Griechen gegen die verbündeten Deutschen und Bulgaren eine Frage von Tagen zu sein scheint. Dänemark ist unruhig und nötigt das Oberkommando eine Armee ständig an der schleswigschen Grenze zu halten, und die Ernennung Hindenburgs zum militärischen Diktator ist wohl auch nur ein Kriterium für die recht verzweiflungsvolle Situation, kann sogar vielleicht eine Bosheit des Kaisers sein, der den populären Mann, auf den er bluteifersüchtig sein soll, in den Dreck reiten möchte, in dem die Kriegskarre hoffnungslos verfahren scheint. Wenn gewisse Alldeutsche meinen, Falkenhayn werde jetzt Reichskanzler werden und die schärfere Gangart in die Politik bringen – mit der robusten Anwendung der U-Boote und Giftbomben, so ist das natürlich auch nicht ganz unmöglich. Dann solls nun eben auf Biegen oder Brechen gehn – und man hetzt sich zu allem übrigen auch noch Amerika und Holland aufs Genick. Es ist ja jetzt wirklich auch schon alles wurscht. Vielleicht soll sich wirklich erst die ganze gräßliche Maschine leerlaufen, bis ihre Kessel platzen. – Ein deutliches Symptom für die schlappe Stimmung im Lande, die mit jedem Mittel gestrafft werden soll, ist die Häufung der Anklagen, die die Regierung in der letzten Zeit über die Behandlung deutscher Gefangner durch die Feinde erhebt. Vorgestern hatten grauenhafte Mißhandlungen in Sibirien den Haß zu kitzeln, die – wenn sie auf Wahrheit beruhen, in der Tat über die Maßen schrecklich wären. Gestern folgte in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung eine Sammlung von Morden, die Franzosen an sich ergebenden Deutschen verübt haben sollen. Heute werden Vergeltungen angekündigt wegen der miserablen Behandlung gefangener deutscher Marine-Offiziere in Rußland. Ich will annehmen, alle diese Beschuldigungen beruhen auf Wahrheit (obwohl Ansagen solcher Art meistens hysterisch verfälscht und zum mindesten nicht kontrolierbar sind). Dann wird man aber sagen müssen, daß Greuel wie diese einfach mit dem Krieg und seiner Verhetzung zusammenhängen, daß die Vorkommnisse in Wittenberg, die Ermordung gefangener Engländer und andre Dinge beweisen, wie wenig die Deutschen auch darin ihren Gegnern nachgeben, daß es ferner ganz untergeordneter Natur ist, was unselbständige Organe der ausübenden Gewalt tun, so schauderhaft auch die Wirkungen ihres Losgelassenseins auf die Opfer sein müssen, und daß es zur Beurteilung der Kampf- und Schikaniermethoden nur darauf ankommt, was die Regierungen und die Heeresleitungen selbst durch ihre Anordnungen auf ihr Gewissen nehmen, bzw. welches Echo ihre Maßnahmen im eignen Volk finden. Da haben wir die Fälle Cavell, Battisti und Fryatt, Lusitania, Arabic, Sussex, Löwen, London, Armenien und was noch alles, dem ähnliches an offiziellen Schandtaten im Ausland kaum an die Seite gestellt werden kann, wo aber doch, auf Entrüstung und öffentliche Ablehnung im eignen Lande gestoßen ist, wie kürzlich die Erschießung einer deutschen Spionin in Marseille und die Ordensdekoration des „Heldenmädchens von Loos“ (die 5 deutsche Soldaten hinterrücks erschossen haben soll. Genaueres über den Fall weiß ich nicht), durch die englische Regierung.

Tagesgespräch war gestern die Haltung Bulgariens gegenüber Rumänien. Die Tatsache, daß sich der vierte im Bunde absolut nichts von einer Kriegserklärung anmerken ließ, führte zu lebhaften Vermutungen und Debatten. Nun käme mir ein Abschnappen Bulgariens keineswegs sehr sonderbar vor. Machiavellisten sind die Staatsmänner überall, müssen sie sein, wenn sie ihr Amt ausfüllen wollen. Bulgariens bisheriges Verhalten war (wenn nicht durch die Millionen, die Herr Radoslawow von der Berliner Regierung erhalten haben soll) bestimmt von den Verlusten, die es 1913 im zweiten Balkankrieg erlitten hatte. Die Zentralmächte schienen so ziemlich Sieger zu sein, ohne jedoch Serbien besiegt zu haben. Versprechungen der Entente, serbischen Boden an Bulgarien auszuliefern, hatten solange keinen Sinn, wie die Entente schlechterdings nicht darüber zu verfügen hatte. Von Rumänien die Dobrutscha zurückzuverlangen, ging für die Alliierten auch nicht, weil sie sonst die Rumänen ins Zentrallager getrieben hätten. So ließ man sich von der Türkei ein Stück begehrten Boden abtreten und ging daran, sich von Serbien den erstrebten mazedonischen Besitz zu rauben. – Jetzt liegen aber die ganzen Verhältnisse anders. Der Sieg der Zentralmächte ist so gut wie ausgeschlossen. Der Eintritt Rumäniens in den Bund der Feinde erschwert die Situation noch bedeutend, zumal für Bulgarien, das in die Gefahr gerät, zerquetscht zu werden. Von Türken und Serben hat es erreicht, was zu erreichen war. Die Dobrutscha jetzt auch durch Waffengewalt zurückzuerobern, ist ein mißliches und ungewisses Ding. Die Annahme liegt also nahe, daß man die Abtrünnigkeit Bulgariens durch die Zusicherung des 1912 eroberten und 1913 verlorenen Besitzes erkauft hat und die Rumänen gegen die Rückgabe des 1878 von den Russen gestohlenen Bessarabiens zur Hergabe eines Teils der damals dafür hingeworfenen, bzw. der 1913 meuchlerisch dazugestohlenen Dobrutscha bewogen hat. Es hätte mir also sehr eingeleuchtet, wenn nun ein Sonderfriede Bulgariens mit dem Vierverband zustande gekommen wäre, der nach Ablauf einer Anstandspause zum kriegerischen Anschluß erweitert wäre. Allerdings wird nun der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Bukarest und Sofia gemeldet, der von Rumänien ausging. Möglich ist also, daß neue Millionen an Radoslawow abgingen, möglich aber auch, daß dieser politische Schritt, der ja noch nicht Krieg bedeutet, nur ein Scheinmanöver ist, der zur überraschenden Wirkung des Umschwungs in Szene gesetzt wird. Dann werden halt die Bulgaren lernen müssen, daß jetzt die gerechte Sache gegen die deutsche Barbarei geht, und wir Deutschen, daß die treulosesten aller Treubruchs-Banditen die bis dato heldenmütigen und edlen Bulgaren seien. Kleiner wird die große Sache durch solche Zwischenfälle gewiß nicht.

 

München, Sonntag, d. 3. September 1916.

Alle Betrachtungen der vorigen Eintragung sind – wenigstens für die zunächst absehbare Zeit hinfällig, da Bulgarien inzwischen den Krieg an Rumänien gleich der Türkei erklärt hat. Ob nun Herr Radoslawow weitere Millionen eingesackt hat, oder ob Bratianu den Raub von 1913 unter keiner Bedingung herausgeben oder doch schmälern lassen wollte, steht dahin. Jedenfalls ist das Moment, das den Krieg außerordentlich rasch hätte zum Ende bringen müssen, die Abschirmung der Türkei von den Zentralmächten durch die Verstopfung des bulgarischen Durchfuhrkanals, vorläufig illusorisch. Dagegen ist am Eingreifen Griechenlands in allerkürzester Zeit kaum ein Zweifel möglich. Sensationsmeldungen von Athen und Saloniki überstürzen sich. Man meldet schon die Abdankung des Königs Konstantin, doch ist das von Reuter weitergegebene Gerücht noch unverbürgt. Jedenfalls ist Venizelos mit seinem Anhang eifrigst am Werk, um das Land mit in den allgemeinen Hexentanz zu zerren. – An das Rumoren in Dänemark beginne ich mehr und mehr zu glauben. Die Bestätigung, daß dort eifrige Vorbereitungen getroffen werden, um gegen Deutschland zu rüsten, ist durch ein energisches Dementi der deutschen Regierung und eine ausdrückliche Versicherung der dänischen, daß sie strikt neutral bleiben wolle, gegeben. Die vortrefflichen Beziehungen zu Rumänien pries man hüben und drüben noch vor 8 Tagen. – Die „Bojaren“ (die Zeitungen haben dies Wort als Beschimpfung bereits aus den offiziösen Rüpeleien übernommen) rücken inzwischen in Siebenbürgen in einem Tempo vor, daß an den Einzug der Deutschen in Belgien und Frankreich zu Anfang der Schweinerei erinnert. Hermannstadt haben sie schon.

 

München, Sonntag, d. 10. September 1916.

Katarrh, verbunden mit allen Erscheinungen einer heftigen Influenza hat meine letzten Tage beherrscht. – Inzwischen ist allerlei passiert, was hier andeutungsweise genannt sein mag. Das Eigentümlichste davon scheint mir die Enthüllung, daß sich die österreichisch-ungarische Regierung von der rumänischen Kriegserklärung vollständig hat überraschen lassen. Ich für meinen Teil habe vor über einem Jahr mit Ziersch eine Wette abgeschlossen, daß Rumänien im Laufe des Kriegs aktiv an die Seite der Entente treten werde. Keinen Moment inzwischen habe ich gezweifelt, daß ich die Wette gewinnen werde, und besonders in den letzten Wochen habe ich das Bevorstehn des Eingriffs in diesen Blättern mehrmals als zuverlässig sehr nahe behandelt. Im ungarischen Abgeordnetenhause haben nun aber die Führer der Opposition, die Grafen Andrassy, Apponiy, Karoly und wie sie sonst heißen mögen, außerordentlich heftige Angriffe gegen das Ministerium Tisza gerichtet, das mit seiner verkehrten Politik erst schon den italienischen Krieg nicht habe verhindern können und nun von der rumänischen Aktion ganz unvorbereitet betroffen würde. Tisza hat das erstaunlicherweise bestätigt. Die rumänische Regierung und der König habe den Botschaftern der Zentralmächte so bestimmte Zusicherungen gegeben, daß an deren Ehrlichkeit nicht habe gezweifelt werden können. Sonderbar: Diese Leute, deren Geschäft die Unehrlichkeit ist, setzen bei andern, die das gleiche Geschäft betreiben, immer noch Ehrlichkeit voraus. Darin liegt doch wohl eine gewisse atavistische Anständigkeit der Menschen, selbst, wenn sie in praktischer Betätigung völlig zurückgeschoben ist. – Inzwischen drängen die Rumänen die Österreicher in Siebenbürgen immer weiter zurück und sollen schon die direkte Verbindung mit den russischen Karpathen-Truppen hergestellt haben. Zugleich müssen die Österreicher in der Bukowina vor den Russen immer weiter zurückweichen. Umgekehrt haben Bulgaren und Deutsche gemeinsam die Offensive gegen Rumänien vom Süden her aufgenommen und haben bei der Eroberung der Dobrudscha vor einigen Tagen die Festung Tutrakan erstürmt, weswegen drei Tage lang par ordre di Muffti geflaggt wurde. An der deutschen Westfront geht es unverändert schauerlich zu. Seit einer Woche haben Franzosen und Engländer an der Somme neue Angriffe eingesetzt, die alles Frühere an Brutalität auf beiden Seiten zu übertreffen scheinen. Erfolg: Ein paar Kilometer Raumgewinn. Griechenland bleibt inzwischen nach wie vor der Schauplatz von Intriguen aller Kräfte. In Saloniki haben die Venizelisten einen Putsch veranstaltet, der das Hineinziehn des Landes in den Krieg zum Zweck hatte, ihn aber nicht erreichte, da das griechische Militär sich zum größten Teil widersetzte und Sarrail darauf verzichtete, für die Rebellen Partei zu nehmen. Vielleicht liegt den Franzosen und Engländern schon garnichts mehr an der aktiven Beteiligung des Landes, an die ich aber immer noch glaube, da die Ausweisung von Deutschen und Österreichern, die auf Verlangen der Entente dort unausgesetzt erfolgt, ja wahrscheinlich auf die Dauer von dieser Seite als Kriegsfall betrachtet werden wird. Die Nachricht von der Abdankung des Königs war falsch, kann aber täglich durch neue Ereignisse wahr werden ... In Niederländisch-Indien ist ein Aufstand losgebrochen, der für die Rebellen aussichtsvoll scheint. Multatuli hätte seine Freude dran. Ich habe auch die meine: die Imperien scheinen in diesem Weltgetöse einen ernsten Knax wegzukriegen – und das wäre ein guter Schritt zu dauerndem Frieden.

Wieder zwei Opfer das Massenmords: Felix Schlömp, der Redakteur der Lustigen Blätter, der Humoristika herausgab, an denen ich als Autor in einer Anthologie beteiligt war. Unsre Bekanntschaft beschränkte sich auf ganz flüchtige geschäftliche Unterhaltungen und auf Korrespondenz. – Viel näher geht mir daher der Tod des Dr. Heinrich Schnabel, den ich heute durch die Zeitung erfuhr. Ein liebenswürdiger feiner Schwabe, dreißigjährig, als Lyriker begabt und von guten aesthetisch-philosophischen Regungen geleitet. Er soll seinerzeit freiwillig mitgezogen sein. Aber die Strafe des Todes ist doch hart, und als geistige Potenz hätte Schnabel jedenfalls ungleich mehr in der Welt bedeuten können denn als „Held“.

 

München, Mittwoch, den 13. September 1916.

Der Mut der Deutschen wird neuerdings gestärkt durch Nennung möglichst vieler Heerführer durch Herrn v. Ludendorff, und zwar ist jetzt in Ost und West die Einrichtung getroffen, daß jede „Front“ durch den Namen einer Fürstlichkeit bezeichnet ist. Im Westen lenken die Kronprinzen von Württemberg, Bayern und Preußen die Geschicke, im Osten der „Befreier“ Warschaus, Prinz Leopold von Bayern und der Thronfolger von Österreich. Nur am Balkan ist noch ein gewöhnlicher Sterblicher mit dem Talent begabt, das die Familien-Mitglieder der Hohenzollern, Wittelsbacher e tutti quanti in die Wiege mitzubekommen pflegen: der Generalfeldmarschall Mackensen. Dessen vereinigte bulgarische und deutsche Armee hat nach Tutrakan auch Silistria bezwungen und dringt auf dem Wege nach Bukarest weiter vor. Die Strafe für den frevelhaften, infamen, hyänenmäßigen, unerhörten Treubruch Rumäniens wird also schon als von Gottes Gericht vollzogen angesehn, und der „Simplicissimus“ und alle ähnlichen Kaliber gröhlen wieder von Sieg wie ehedem. Das Verfahren ist wieder das gleiche wie stets: man merkt nur die Erfolge an der einen Seite und übersieht die Niederlagen auf der andern, die nun durch die Absetzung des österreichischen Generals Pflanzer-Baltin, des bisherigen Leiters des Bukowina-Feldzugs, ihren äußeren Ausdruck gefunden haben. Damit ist es also klar, wem die Eingeweihten die Schuld an der neuerlichen Bedrohung Lembergs durch die Russen aufbürden.

Was in Griechenland vorgeht, ist immer noch ganz zweideutig und unkontrolierbar. Die französische Botschaft soll in den letzten Tagen der Schauplatz eines Attentats gewesen sein, indem während einer Diplomatenkonferenz ins Fenster geschossen worden sei. Nun ist das Ministerium Zaimis zurückgetreten, worin die deutsche Presse einen Sieg des Königs Konstantin über die Venizelisten erblicken will. Ich möchte die Demission des Kabinetts eher im Gegenteil mit jenem Anschlag in Verbindung bringen. Zunächst redet man hier noch von dem armen geknebelten, vergewaltigten Griechenland. Im nächsten Monat, wenn es in die Entente eingetreten sein wird, wird sich Herr v. S. und seinesgleichen keinen Zwang mehr antun, und den gänzlich minderwertigen und verräterischen Charakter des Griechenvolks unbarmherzig ans Licht ziehn.

Bemerkenswert ist der Eifer, mit dem neuerdings wieder englische und russische Greueltaten vor aller Welt ausgebreitet werden. Und zwar ist es das offizielle Organ des Reichskanzlers, die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, die den Ton dazu angibt und sich im Marktweibergekreisch über den schnöden Barbarismus der Feinde förmlich überschlägt, wobei der eigne Edelmut der Deutschen in Belgien, Polen etc. gebührend herausgestrichen wird. Der Zweck der Übung ist deutlich. Man möchte den schwindenden Kriegsfanatismus neu anblasen. Aber es geht nicht mehr. Das Volk hungert. Das Volk sieht sich belogen und übertölpelt, sieht, daß alle Versprechungen, daß die Zeit der Entbehrung nun vorbei sei und alle Quellen wieder springen würden, windige Flausen waren. Mit einem Ei in der Woche, ¼ Liter Milch, garkeinem Kaffee, Gries etc., ½ Pfd. Fleisch – und alles das unerschwinglich teuer – läßt sich auf die Dauer nicht leben. Und nun haperts sogar schon mit den Kartoffeln, sodaß nur noch 2 Pfund auf einmal abgegeben werden. Dabei jammern die Soldaten an der Front und in den Garnisonen, daß man sie darben läßt. Immer mehr Männer müssen aus Arbeit und Freude hinaus, die 19jährigen und die 45jährigen, immer wüster wird der Mord. Da wächst die Einsicht allmählich – und da werden Mittelchen wie die Schmähung der „Feinde“ auf die Länge auch nichts mehr helfen. Eines Tages wirds für die Regierung heißen einzugestehn, daß jeder Tag längeren „Durchhaltens“ von den Ansprüchen abstreicht und man wird die Partie remis geben, ehe man mattgesetzt ist.

 

Abends.

Mich verläßt das Gefühl nicht, daß sich an der Somme-Front die entscheidende Wendung zu vollziehn im Begriff ist. Der heutige Tagesbericht schreibt von „harten, schweren Kämpfen“, in denen unsre Truppen stehn und nennt einen Ort, in den die Franzosen „eingedrungen“ sind. Das lautet anders, als die üblichen Beschönigungen. So furchtbar dort die Metzelei sein muß – gelingt es den Verbündeten jetzt durchzubrechen oder doch den großen Rückzug zu veranlassen, an den ich schon seit einiger Zeit bestimmt glaube, dann werden unsre entsetzlichen Siegtrompeten gedämpft sein – und dann kann die Welt an Frieden denken.

 

München, Donnerstag, d. 14. September 1916.

Leider ist hier schon wieder ein Nachruf auf einen guten und lieben Bekannten einzutragen. Wie ich erst gestern auf der Kegelbahn erfuhr, ist am 1. September in einem Lazarett bei Arras der Dr. Maximilian Ahrem einer schweren Verwundung erlegen. Er war erst seit wenigen Wochen im Feld, zusammen mit Unold ausgerückt und froh, nicht an die Somme oder nach Verdun zu kommen. Nun hats ihn an dem verhältnismäßig ruhigen Posten doch getroffen, da, wo auch Jacobi und Weisgerber dran glauben mußten. Über Ahrems eigentliche Beschäftigung weiß ich sogut wie nichts, einer der sogenannten „Privatgelehrten“, dessen Arbeit wohl erst jetzt nach seinem Tode ans Licht kommen wird. Aber seine Privatperson war mir recht sympathisch. Ein kluger, offener, lebendiger Mensch, dessen Persönlichkeit für mich mit diesem Kriege eng in Beziehung steht. Am 1. August 1914 durchliefen wir miteinander, in gleicher Angst und Aufregung, die Stadt. Tamboure fuhren in Droschken durch die Straßen, um die Mobilmachungsrede auszutrommeln. Die ersten Proklamationen des Kaisers, des bayerischen Königs, wurden angeschlagen. Ahrem sprach freundlich auf mich ein, da ich vor Erregung fast von Sinnen war. – Wer hätte damals geahnt, daß auch er in dem gräßlichen Mörser dieses höllischen Merakels zerstampft werden würde? Damals war nur ein dumpfes Ahnen von etwas Furchtbarem und entsetzlich Abgründigem, von dessen wahrer Wesenheit niemand klare Begriffe hatte. Heute wissen wir, daß in jenen Tagen in Wahrheit die Pforten des Inferno aufgestoßen wurden – und wieder Einer aus dem lustigen Kreise um Maaßen verschwand dahinter. Wo soll man mit seinem Haß, seinem Ekel, seinem Schmerz noch hin? Und wer ist selber noch sicher vor dem gleichen oder ähnlichem Schicksal? Hinter jeder Nachmusterung lauert auch mein Todesurteil. Ich bin sehr unglücklich. Aber es gilt kämpfen!

Der gestrige Ludendorff-Bericht hatte mich in große Erregung versetzt. Den heutigen erwarte ich mit äußerster Spannung. Tritt ein, was ich erhoffe, der allgemeine Rückzug aus Belgien und Frankreich, dann wären die Voraussetzungen für Friedenspräliminarien gegeben, da die Landkarte, die die Deutschen zugrunde legen wollen, dann in dem von der Entente gewünschten Sinne geändert wäre, da die ja die Räumung der im Westen besetzten Gebiete ihrerseits als Voraussetzung für ein Ende des Schreckens bezeichnet haben. Zur Zeit, da sie alles daran setzen, um dies Ziel mit Gewalt zu erzwingen, muß es ganz fürchterlich sein in den betreffenden Räumen. Aber besser noch eine Woche Blut in Wolkenbrüchen, als ein jahrelanger Dauerregen von Blut und Jammer.

Inzwischen treten die merkwürdigsten und wunderlichsten Ereignisse ein. Besonders ist Griechenland eine Stätte von Wirrnissen, wie sie die Geschichte noch nicht gesehn hat. Der Basileus, als Schwager des deutschen Kaisers, und das Offizierskorps, als militaristische Kaste, halten offenbar zu Deutschland, während das Volk und die demokratisch fühlenden Beamten- und Verwaltungsorgane durchaus zur Entente neigen. Seit sich die deutsch-bulgarischen Heere gegen Saloniki in Bewegung gesetzt haben, zerreiben sich diese gegeneinander strebenden Elemente gegenseitig. Jetzt hat es sich ereignet, daß ein ganzes griechisches Armeekorps die Deutschen gebeten hat, sich seiner anzunehmen, um es zu verpflegen und in Sicherheit zu bringen. Diese – ich schätze 30.000 Mann – sollen nun in corpore nach Deutschland überführt werden. Ob es sich da wirklich um den Verzweiflungsakt eines von seiner Regierung abgeschnittenen Generals handelt, der Hunger und Krankheit unter den ihm anvertrauten Soldaten nicht mehr zu begegnen weiß, oder um eine politische Aktion, die sich als Überläuferei kennzeichnet, läßt sich noch nicht durchschauen. Höchst eigenartig bleibt die Geschichte jedenfalls, und arge Reibereien zwischen der griechischen Regierung und den Vertretern Frankreichs und Englands wird sie schon zur Folge haben – und das scheint hier erwünscht zu sein.

Bulgaren und Deutsche überbieten einander, um den Rumänen die schandbarsten Greueltaten in der Dobrudscha nachzusagen. Scheußlich ist, daß unsre Zeitungen mit zustimmendem Behagen einen bulgarischen Armeebefehl abdrucken, worin mit nackten Worten zur Pardonverweigerung gegen die Rumänen aufgefordert wird. Immer wieder dieselbe, widerliche Methode: die alten Greuellügen müssen bei jedem neuen Feind wieder herhalten, um eigne Schandtaten zu rechtfertigen. Und dem Volk – zwischen dem deutschen und bulgarischen scheint kein Unterschied mehr – gehts ein wie Syrup.

 

München, Freitag, d. 15. September 1916.

Ein Jahr Ehe. Ich kann gottseidank über dies Jahr mit der Einsicht quittieren: Ich habe recht getan. Ich habe meine Ruhe, meine Ordnung, meine Arbeitslust. Daß dabei das Geld in Windesschnelle alle wird, liegt nicht an der Frau, sondern am Krieg. Ein Geschäft, das nur Ausgaben, garkeine Einnahmen hat, geht pleite, und das umso schneller, je höher die Ausgaben sind. Da zurzeit ein Haushalt das mindestens dreifache wie in normalen Zeiten kostet, da ein junger Haushalt mehr Anschaffungen braucht als ein alter, da meine Wirtschaft leider ganz ohne Ersatz der Ausgaben vor sich geht und ich bei der allgemeinen Not natürlich aller[l]ei Hilfsleistungen für Dritte auch noch aufbringen muß, ist es klar, daß der Zeitpunkt, wo der Gefrierpunkt erreicht sein wird, nicht mehr allzu fern liegt. Es muß getragen werden, und Zenzl ist durchaus die Frau, die die Last erleichtern helfen wird. Ihr Junge kommt heute nach Rosenheim in die Präparandenschule. Ich bringe ihn hin. Hoffentlich wird kein garzu alltäglicher Schulmeister aus ihm. Er hat gute Anlagen, wenn auch keine bis jetzt sichtbare Persönlichkeit von Ausnahmeformat. – Nun wirds sehr ruhig im Hause werden.

Die Somme-Schlacht ist noch nicht abgeschlossen. Ob mein Glaube an den bevorstehenden „strategischen“ Rückzug berechtigt ist, wird davon abhängen ob die Franzosen ihn erzwingen können. Möglicherweise bedarf es aber dazu keines Durchbruchs, sondern es wird genügen, die deutsche Front in ständigem Wanken zu halten. – Im übrigen scheint sich der Hauptdruck der Kriegshandlungen wieder auf den Balkan zu legen. Sarrail hat in Mazedonien die Generaloffensive aufgenommen, und die Bulgaren haben Kavalla besetzt. Dieses letzte Ereignis im unmittelbaren Anschluß an die Übergabe des IV. griechischen Armeekorps in deutsche Hände, dessen Generalstab eben in Kavalla stationiert war, wirft ein neues Licht auf die Geschichte. Die zur Wahrung der griechischen Neutralität dort eingesetzte Armee kapituliert ohne vorangegangene Feindseligkeiten vor einer kriegführenden Partei, während die andre mit Griechenland verbündet ist und auf Einladung der griechischen Regierung von griechischem Boden aus operiert. Wenn dahinter keine Verabredung steckt, die den Vorgang als eindeutige Überläuferei signalisiert, dann will ich Pinkus heißen. Vorläufig kennt man den ganzen Fall nur aus der Darstellung der deutschen Regierung. Auf die Erklärung der Griechen und auf die der Entente bin ich sehr neugierig, ebenso auf das Urteil der ausländischen, nicht von Deutschland gekauften Presse. Es wird wohl anders lauten als man’s hier liest, wo das Verhalten des betreffenden Generals als „befreiende Tat“ gepriesen wird. Man erzählt, die Griechen (25.000 sollen es sein), werden nach München kommen. Daß soviel Mitfresser die kargen Rationen vertilgen helfen sollen, verschlägt nichts gegen die Aussicht auf ein Sensatiönchen. Das Pack ist zu dumm.

 

München, Sonntag, d. 17. September 1916.

Fahnen – schon wieder mal: weil in der Dobrudscha deutsche, bulgarische und türkische Truppen gemeinsam einen „entscheidenden Sieg“ über Rumänen und Russen erkämpft haben. Die Bulgaren behaupten die „Vernichtung“ der feindlichen Armee. Gleichwohl wird verfolgt, und dem deutschen Bürger bleibt überlassen, darüber nachzudenken, wie und wieso man vernichteten Soldaten noch hinterherjagen kann. – Man hat jedenfalls die Ankündigung des Siegs auf Steigerungen à la Tannenberg etc. eingerichtet. Zuerst ein Telegramm des Kaisers an die Kaiserin, um das deutsche Volksgemüt gerührt zu stimmen. Dann im gestrigen Tagesbericht kurz und bescheiden die Meldung von Mackensens „entscheidendem Sieg“, danach der ausführlichere bulgarische Bericht. Heut wird wohl die Gefangenenzahl in vorläufiger Schätzung kommen (in den Kaffeehäusern faselte man gestern schon von 100.000 Mann, – ganz wie ehedem, als man das Siegen mehr als tägliche Gewohnheit betrieb), morgen wird sie sich verdoppelt und endlich verdrei- oder vielfacht ausweisen. Man hat nämlich die Begeisterung verdammt nötig. Die fünfte Kriegsanleihe liegt aus, und die Soldaten reden ganz öffentlich davon, daß, solange die Leute zeichnen, der Krieg nicht „gar“ würde. Der Dobrudscha-Sieg muß den Durchhaltern also sehr gelegen kommen. Denn an allen andern Kriegsschauplätzen sieht es man so so aus. In Siebenbürgen rücken die Rumänen immer noch vor, die Österreicher zurück, in der Bukowina drängen die Russen hinter Österreichern und Deutschen her. In Mazedonien müssen sich die Bulgaren vor Engländern, Italienern und Serben rückwärts konzentrieren. Bei Görz sind Italiener im Vorwärtsdrängen, und an der Somme scheint ein wirklich entscheidendes Ereignis mitten im Werden zu sein. Denn im gestrigen Tagesbericht schreibt Ludendorff den Satz: „Nach heißem Ringen wurden wir durch die Dörfer Courcelette, Martinpuich und Flers zurückgedrückt.“ Das sieht schon ganz nach Durchbrechung der Front aus, und meine am Mittwoch abend hier ausgedrückte Überzeugung, daß sich die Wendung zugunsten der Franzosen zu vollziehn im Begriff ist, ist erheblich gefestigt worden. Die nächsten Tage werden sie entweder bestätigen oder die bittere Erkenntnis bringen, daß ein neuer Winterfeldzug geführt werden wird, ehe Ruhe werden kann. Wohl dem, der beten kann!

Briand – und vor ihm die französische Regierungspresse, hatte seit einiger Zeit wiederholt behauptet, daß die Deutschen die Bevölkerung des besetzten Nordfrankreichs systematisch evakuieren und aufs Land verpflanzen. Jetzt ist die Bestätigung der Schweinerei durch die deutsche Regierung da. Man hat aus Lille und zwei andern Städten 20.000 Einwohner aus ihrer Heimat vertrieben und sie zur Landarbeit gezwungen, angeblich, um sie vor dem Verhungern zu schützen. Natürlich liegen die Dinge so, daß man den Ernteertrag jener Gegenden den unglücklichen Menschen vor der Nase weggenommen und nach Deutschland überführt hat. Jetzt sollen die armen Leute dafür selbst mit zu solchem Zweck arbeiten, um als Entlöhnung für die Arbeit dann von der Ernte der eignen Heimat mitzehren zu dürfen. Daß sich die deutsche Regierung bei ihrem Verbrechen auf das Völkerrecht beruft und dabei einen Artikel zitiert, der genau beweist, daß sie völkerrechtswidrig handelt, ist nicht mehr ungewöhnlich, ebensowenig, daß die ganze Welt gegen das deutsche Verfahren empört ist, das gesamte deutsche Volk aber sich mit den Erklärungen des Wolf-Bureaus völlig zufrieden gibt, ebenso mit der neuesten Erklärung der Bulgaren, in der die „Greuel“ der Rumänen von neuem gebrandmarkt werden. Die sollen sich auf revolutionäre Erhebungen der Bevölkerung der Dobrudscha herausreden wollen, die Repressalien nötig machten. Dazu bemerkt Herr Radoslawow, wenn das stimme, so beweise es nur, daß sich die 1913 okkupierten Bewohner jener Striche bei den Rumänen nicht wohl fühlen, mit andern Worten, es wird der Franktireurkrieg gutgeheißen, Maßnahmen dagegen aber als Greuel ausposaunt. Die deutsche Presse aber, die die grauenhaften Schändlichkeiten unsrer Heeresleitung gegen die belgischen Franktireurs nicht laut genug unterstützen und rechtfertigen konnte, redet jetzt mit der größten Ungeniertheit von der „vertierten Rohheit“ der Rumänen, die es vielleicht wirklich nicht besser machen.

Gestorben: in Schmargendorf Eugen Heinrich Schmitt, der ungarische Tolstojaner, Anarchist, Antimilitarist. Ich kannte ihn nicht persönlich, weiß aber, daß seine Gesinnung lauter und groß war. Daß er im Kriege kein „Umlerner“ geworden ist, dafür bürgt seine ganze Vergangenheit. – In Spanien starb der große Dichter Echegaray, 84 Jahre alt. – Diese Todesfälle haben wohl nichts mit dem Kriege zu schaffen, so wenig wie der Regers, der vor ein paar Wochen starb, – aber jedesmal gibts mir einen Stoß, und ich fühle: die Repräsentanten des Guten im Menschengeschlecht sterben aus. Nach dem Kriege wird die Welt eine Wüste sein und ein Chaos von Dummheit und Gemeinheit.

 

München, Donnerstag, d. 21. September 1916.

Mit meinem Kriegsbuch gehts gut voran. Diese Blätter müssen natürlich darunter leiden, aber es freut mich täglich mehr werden zu sehn – und die innere Beruhigung beim Abreagieren all des Scheußlichen tut mir auch an den Nerven wohl. Freilich ist die Disposition des Wehs so schwer zu treffen, daß ich mir anders nicht zu helfen weiß, als mich von den Eingebungen meines guten Geistes leiten zu lassen. Der Schwung des Herzens ist da – und so muß ich hoffen, daß etwas Gutes wird ... Kurz die wesentlichen Tagesereignisse. Mit dem Somme-Durchbruch ist es immer noch nichts – und so sinkt die Hoffnung auf ein Ende der Schrecken in diesem Jahr auf ein Minimum. Dagegen hat der „entscheidende“ Sieg in der Dobrudscha nicht gehindert, daß die „vernichteten“ Rumänen in „wechselvollen“ Kämpfen wieder starke Stellungen einnehmen konnten, wo sie „zähsten Widerstand“ leisten, und die Serben und Franzosen haben, was Bulgaren und Deutsche bisher zu melden vergaßen, Florina wiedergenommen und schieben die Front in Mazedonien immer weiter vor. Zugleich drängen die Italiener im Karstgebiet, die Russen in der Bukowina die Österreicher zurück, während umgekehrt in Siebenbürgen die Rumänen gestoppt sein sollen. Demnach ist alles beim alten. Die Durchhalterei geht weiter. In Deutschland zanken sich Alldeutsche und Vasalldeutsche über die wichtige Frage, wer der „Hauptfeind“ sei, wieviel U-Boote zur völligen Vernichtung Englands bereitstehn, was für Land man in Europa annektieren soll – und heute treten in Berlin die deutschen Sozialdemokraten zu ihrer „Reichskonferenz“ zusammen, wo alle diese Fragen in marxistischer Garnierung ebenfalls erörtert werden dürften. Die Scheidemänner werden den „historischen Materialismus“ für Nationalismus, die Spartaseure für Internationalismus bemühen, und die Sumpfhaasen des „Zentrums“ werden die mittlere Linie suchen und die „Einheit der Partei“ retten. Herauskommen wird bei alledem nichts als neuer Stank, kleine Vereinbarungen auf gedämpfte Kampftöne und nichts, was dem Frieden oder den Volksinteressen entfernt förderlich sein könnte. Denn Generalstreik und Insurrektion könnten ja die Beziehungen der Partei zur Regierung trüben. Wo Gott davor sei.

 

München, Sonntag, d. 24. September 1916.

Bethmann-Hollwegs Gegner gehn immer energischer vor. Nachdem Professor Cossmann in der letzten Nummer der „Süddeutschen Monatshefte“ einen Briefwechsel zwischen Tirpitz und dem Reichskanzler veröffentlicht hat, aus dem hervorgeht, daß man die Reichsämter schon beschuldigt, einander gegenseitig Akten zu stehlen – diese Beschuldigung soll Professor Veit Valentin-Freiburg Cossmann gegenüber gegen Tirpitz erhoben haben – führt jetzt der Geheimrat Berthold Körting-Hannover (meines Freundes Körting Vater) allerschwerstes Geschütz gegen Bethmann auf. Er hat im Auftrage alldeutscher Nationalliberaler an den Abgeordneten Bassermann einen Brief geschrieben, worin er direkt zum Kanzlersturz auffordert. Die Zustände seien fürchterlich. Deutschland schwebe über einem Abgrund, wenn es sich nicht schon mitten drin befinde. Der eine Mann führe das Verderben herbei, er müsse durch ein Mißtrauensvotum im Reichstag entfernt werden. Als man Herrn v. Bethmann in der Zabern-Affaire ein Mißtrauensvotum gab – damals gegen die einzigen Stimmen der Alldeutschen, war seine Position sowenig gefährdet, daß er einfach erklären konnte, es berühre ihn garnicht. Jetzt wird sich ja zeigen, ob die paar Leute immer noch so sehr „treibende Kräfte“ im Reiche sind, daß ihr Votum gegen die Meinung der übrigen Parteien durchdringt. Heinrich Mann, den ich gestern im Theater sprach, war sehr zuversichtlich. Er meinte, die Konterrevolution sei schon da, da könne die Revolution auch nicht lange mehr ausbleiben.

Unsre Staatslenker haben sich eine neue Blamage zugezogen, die durch Lächerlichkeit tötlich wirken könnte. Vor einigen Tagen schon war von England aus behauptet worden, die griechische Regierung habe eine scharfe Note nach Deutschland gerichtet, worin die Auslieferung jenes 4. griechischen Armeekorps verlangt wird, dessen merkwürdige Übergabe an die deutschen Heere mit soviel Tamtam verkündet war. Wolffs Bureau bestätigt das jetzt durch eine gewundene Erklärung. Der griechische Gesandte in Berlin habe erklärt, es wäre seiner Regierung lieb, wenn das Korps über die Schweiz nach Griechenland zurückbefördert würde. Da es sich weder um Gefangenennahme noch um Internierung handle, sondern die Soldaten und ihre Offiziere nur „Gäste“ des deutschen Reichs sein sollten, so habe man unter der Bedingung die Rücksendung bewilligt, daß sie weder von der Entente unterwegs abgefangen noch für Desertion oder dergleichen bestraft werden dürften. – Inzwischen war bekannt gemacht worden, daß das Griechenkorps, das nicht 30.000, sondern blos 6000 Mann plus 400 Offiziere stark ist, in Görlitz untergebracht werden sollte, wo schon große Vorbereitungen zu feierlichem Empfang getroffen wurden. – Nun hat man also auf Reichskosten 6400 Personen, nebst den Offiziersfrauen und -familien eine gratis Rundreise von Kavalla über Bulgarien, Serbien, Österreich, Deutschland, Schweiz, Italien und nach Griechenland zurück spendiert, sie alle inzwischen – bei der Hungersnot im eignen Lande – verpflegt, wahrscheinlich eine gehörige Summe für Bestechung des betreffenden Generals zugeschustert, und kann sich nun dafür von der ganzen Welt blutig auslachen lassen. Blamabel, komisch und lehrreich genug ist die Geschichte. Daß sie grade die Nation trifft, bei der alle Wirkung auf Funktionieren, Technik, Disziplin gestellt ist, mag symptomatisch sein für das Umschlagen aller Werte in diesem Kriege. Es geht jetzt bergab mit dem deutschen Nimbus, ganz entschieden, und wo man hinsieht. – Ein Tagesbefehl des deutschen Kronprinzen an seine Armee kann in der derselben Richtung ausgedeutet werden. Ein Dank für ihr Aushalten, ihre Tapferkeit, ihre soldatischen Tugenden im Kampf vor Verdun, – der natürlich nichts andres besagt, als daß dieser Kampf jetzt vorbei ist, daß man also auf die seit Februar fortgesetzt beteuerte Eroberung Verduns verzichten muß. Also eine Niederlage der Deutschen. Daß die Niederlage im ganzen Krieg den Deutschen ebenfalls blühen wird, daran glauben jetzt schon Leute, die früher in der ausschweifendsten Phantasie nicht auf die Idee gekommen wären. Der Ernährungsbankrott steht vor der Tür – schon werden sogar die Kartoffeln knapp, und die Brotration wird immer geringer. Der finanzielle Bankrott wird folgen, und dann wird der militärische Bankrott nicht ausbleiben. Danach wird die Säuberung der Organisation kommen – und endlich werden wir Frieden haben können.

 

München, Montag, d. 9. Oktober 1916.

Die lange Pause in den Eintragungen ist entstanden durch eifrige Arbeit am Kriegsbuch, die auch wohl weiterhin den Vorrang über das Tagebuch behalten wird. Inzwischen ist allerhand geschehn, was hier, soweit es mir einfällt, gestreift werden soll. Bethmann-Hollweg hat im Reichstag eine neue Rede gehalten, in der er die blutlosen Redensarten von früher wiederholte, aber seinen alldeutschen Feinden wieder einen Schritt weiter entgegenkam, indem er England als Hauptfeind anerkannte und versicherte, der Minister müsse gehängt werden, der gegen England nicht jedes den Frieden beschleunigende Mittel anwandte. Nach der Rede wurde der Reichstag sofort vertagt – und ist es noch –, offenbar um nicht durch kritische Auseinandersetzungen das Ergebnis der fünften Kriegsanleihe zu beeinflussen. Das liegt jetzt vor. Es beträgt 5 Milliarden 590 Millionen Mark, welches Resultat durch Beflaggung der staatlichen Gebäude (die Pinakotheken im Flaggenschmuck wegen einer kriegerischen Geldspekulation!) gefeiert wurde. Daß dieser „Milliarden-Sieg“ durch die sinnreiche Karusseleinrichtung des Verfahrens (die Militärlieferanten kriegen mit Kriegsanleihe bezahlt und zeichnen immer erneut zu 5 %, um die Lieferungen nicht zu verlieren) noch Dutzendemal erneuert werden kann, sehn die Idioten im Lande nicht. Allmählich spüren sie aber die Wirkungen der Blockade schon recht empfindlich. Wir haben zwar Karten für alle toten Teufel, aber man bekommt auch darauf nichts. Heute wollte Zenzl einkaufen. Mit Kartoffel- und Zucker-, Gries- und was weiß ich für Karten zog sie aus, kam aber ohne Kartoffeln, Gries, Zucker, ohne Haferflocken und ohne alles, was sie haben wollte, wieder heim. Wäre nur Hoffnung, daß es dem Volk endlich mal zu dumm würde! Aber leider ist die Hoffnung sehr gering. Immer wieder erlebt der herrliche deutsche Erfinder-, Opfer- und Siegergeist neue Triumphe, und jedesmal ist dann die Durchhalterei für 3 Tage gerettet. – Erst wurde angekündigt, daß nun auch das zweite Handelstauchboot, die „Bremen“ in Amerika eingelaufen sei. Großes Jubelgetöse. Dann wurde es ganz still davon, und jetzt scheint es, als ob das blinder Lärm gewesen wäre und der Kapitän Schwarzkopf (ein Lübecker Kindheitsbekannter) von den Engländern geschnappt wäre. Schleunigst ist jetzt ein richtiges bewaffnetes U-Boot (U. 53) in Amerika angelaufen, worob großer Stolz und große Freude in Israel ist ... Daß dies zwei Tage nach dem Bekanntgeben des Kriegsanleihe-Ergebnisses geschah, beweist, in welchem Tempo man jetzt schon seine Triumphe braucht. – Zwischendurch siegt man zur Abwechslung in Siebenbürgen, wo die Rumänen in offner Feldschlacht bei Hermannstadt geschlagen wurden. Jetzt nimmt man ihnen nach und nach die eroberten Bezirke Ungarns wieder ab, deren Verlust, als er akut war, gänzlich bedeutungslos war, deren Wiedergewinnung aber unerhörte Kriegstaten darstellen. Nachdem ein Donauübergang der Rumänen – der zuerst ganz gleichgültig war – durch Zerstörung der Brücke mißlungen war, war es plötzlich eine tötliche Gefahr für den Dobrudscha-Feldzug, die nun Dank der genialen deutschen Heerführer beseitigt ist. Man kündigt nun dem zwischen die Zange genommenen Rumänien das Schicksal Serbiens an. Möglich. Aber grade in diesem Augenblick zeigt sich, wie wenig das Verhängnis Serbiens die Vernichtung der Serben bedeutet. Denn in Mazedonien drängt die Sarrail-Armee die Bulgaren immer weiter zurück – und die aktivsten Angreifer sind dabei die Serben.

Eben kommt Besuch mit der Mitteilung, daß bei Maffei die Munitionsarbeiter streiken und daß bei Kustermann eine große Zahl Bomben gestohlen seien. Die Offiziere seien mit geladenen Revolvern ausgestattet worden und jeder Mannschafts-Urlaub sei aufgehoben. Wenn’s doch wahr wäre! Wenn doch endlich die Einsicht ins Volk käme, daß die Erlösung vom Übel nur von ihm ausgehn kann! ... Die Contre-Revolution ist in vollem Gange. Die Reichskanzler-Fronde arbeitet mit Hochdruck am Sturz der Reichsregierung. Die Herren Kirdorf, Körting, Bassermann, Stresemann und Genossen dürfen sagen, tun und lassen, was sie mögen. Der „Vorwärts“ aber, der behauptet hatte, daß diese Leute pekuniär an der Ausdehnung des Kriegs interessiert seien, (was für jeden denkenden Menschen selbstverständlich ist) ist seit heute verboten ... An der Somme und in Galizien gehn die entsetzlichsten Kämpfe weiter, die Alliierten nehmen den Deutschen hier und da ein wenig Gelände weg, und es bleibt alles unverändert trostlos. – Ich komme mir bei allem so überflüssig und ratlos vor. Zur Aktivität findet sich nicht die leiseste Gelegenheit. Seit etwa einem Monat korrespondiere ich lebhaft mit Julian Borchardt. Ich habe ihm vorgeschlagen, ich werde nach Berlin kommen, um ein Zusammengehn der Anarchisten mit dem äußersten linken Flügel der internationalistischen Sozialdemokraten zu erwägen. Er ist radikal genug, um selbst das Auftreten der Spartakus-Gruppe in der sozialdemokratischen Reichskonferenz als zu schlapp zu verurteilen. Aber die Lehren der Kirchenväter sitzen auch bei ihm noch zu fest. Es soll alles vom „historischen Materialismus“ herkommen, statt von Leidenschaft, Sehnsucht und Empörung. – Das Wichtigste wäre Verbindung mit den jungen Leuten. – Aber wie an sie herankommen, da sie zum Teil von der Jugendwehr, zum andern von der Partei beschlagnahmt sind? – Ich hoffe – hoffe – hoffe – – aber ich weiß nicht, worauf noch woraufhin.

 

München, Montag, d. 16. Oktober 1916.

Friedenshoffnungen sind so müssig wie nur je. Nach den Äußerungen des Lloyd George, die sich ganz in den Sportausdrücken des Boxkampfes bewegten, hausiert man bei uns mit besonderer Nachdrücklichkeit mit den „Zertrümmerungs“-Absichten der Feinde. In Wahrheit wartet man überall darauf, daß beim andern der Kladderadatsch losbrechen würde. Da unzweifelhaft bei uns die Widerstandskraft schneller zuende sein wird, als drüben, so ist es m. E. Aufgabe der deutschen Arbeiter und Bauern, den Kladderadatsch herbeizuführen. Aber wie das vor sich gehn soll, ist noch ganz im Nebel, wenngleich die Ansicht, daß es zum Krachen kommen muß, schon ganz allgemein verbreitet ist. Vorerst scheinen sich die Drahtzieher noch verflucht sicher zu fühlen. Seit einer vollen Woche ist der „Vorwärts“ verboten wegen der selbstverständlichen Behauptung, daß die Kriegslieferanten materiell an der Verschärfung des U-Boot-Kriegs interessiert sind. Haase hat im Reichstag mitgeteilt, daß die Bedingung gestellt ist, daß andre Redakteure engagiert werden, die der Zensur genehmer wären, um das Verbot zurückzunehmen. Eine frechere Provokation ist eigentlich nicht mehr denkbar, und ich bin gespannt, wie lange sich die doch nicht temperamentlosen Berliner Arbeiter die Unterdrückung ihres Blatts gefallen lassen werden. Ob sie wirklich nicht versuchen werden, mit einem allgemeinen Streik die Freigabe zu erzwingen? Die nächsten Tage werden wohl Aufschluß bringen.

Amerika ist wieder in Aufregung gegen Deutschland. Das Erscheinen der Unterseeboote im Atlantik, die einer Blockade ähnlich sieht, reizt die öffentliche Stimmung kolossal auf. Erzählungen der immer Eingeweihten gehn dahin, daß die „Bremen“ (das Handelstauchboot, dessen Ankunft zum Gaudium der Ententepresse bei uns sieghaft gefeiert wurde) gerammt sei, und zwar von einem amerikanischen Dampfer. Das Erscheinen der U-Boote vor der Küste der Vereinigten Staaten solle also gleichzeitig die Munitionsüberfuhr beschneiden und eine Drohung an Wilsons Adresse vorstellen. Will man wirklich auch die stärkste Übersee-Großmacht in den Bund der Gegner treiben, so kann das jedem deutschen Revolutionär nur recht sein. Die norwegische Regierung zieht wegen zahlloser Schiffsversenkungen im Nördlichen Eismeer durch deutsche Tauchboote schon sehr ernste Saiten gegen Deutschland auf, und für den Zorn der Holländer aus gleichen Gründen hat man ebenfalls wieder gesorgt. Vielleicht geht die entsetzliche preußische Mordmaschine doch einmal kaput, wenn sich die ganze Welt an die Sabotage macht.

Griechenland ist immer noch der Amboß, auf den die Hämmer beider Parteien niederprasseln. Franzosen und Engländer haben nun die griechische Flotte beschlagnahmt, Athen besetzt und alles getan, um sich gegen plötzliche Gelüste des Kaiserschwagers vorzusehn. Alldeutschland kreischt vor Empörung gegen diese Vergewaltigung, die, wie mir scheint, keineswegs gegen den Wunsch des Opfers unternommen wird. Bei der letzten Revolte unter Venizelos haben sich große Teile der Armee der Entente angeschlossen. An einer offiziellen Beteiligung des Landes am Krieg dürfte den Engländern und Franzosen selbst nichts liegen. Ein derartig in sich zerrissenes Volk wäre kein wertvoller Bundesgenosse.

Rumänien befindet sich in kritischer Situation. Siebenbürgen ist wieder in den Händen der Deutschen und Österreicher (unter Falkenhayn, dem Zaberner Helden). Dagegen rücken Engländer, Franzosen und Serben von Saloniki aus immer tiefer in Mazedonien vor. Gelingt es ihnen, die Verbindung der Deutschen mit den Türken abzuschneiden, so wäre wohl viel für Beschleunigung des Friedens gewonnen. Aber – es wäre wohl ganz verfrüht, sich übertriebene Hoffnung darauf zu machen. Der Mangel an Kartoffeln ist wichtiger als jede militärische Operation und Veränderung ... An der Somme geht die Menschenschlächterei in unverminderter Gräßlichkeit weiter, ohne etwas andres zu bewirken als geringe Frontverschiebungen und furchtbares Aufräumen unter den Soldaten.

Otto I., der wahnsinnige Scheinkönig von Bayern, ist in diesen Tagen gestorben. Man stellte die Leiche öffentlich zur Schau und ließ unter Glockenläuten schwarze Trauerfahnen wehn. Mein Schwager Albert, ein ganz einfacher Soldat, der 21 Monate im Felde steht, meinte vergleichend: Wenn Zehntausende von uns hingemacht werden, ziehn die Siegesflaggen auf.

 

München, Sonntag, d. 22. Oktober 1916

Es ist eine außerordentliche Tat geschehn. Gestern mittag hat in Wien in einem Restaurant Dr. Friedrich Adler den österreichischen Ministerpräsidenten Grafen Stürckh erschossen. Der erste Akt demonstrativer Selbsthilfe, begangen in dem Lande, von dem alles Unglück seinen Ausgang nahm, an einem Manne, der repräsentativ und verantwortlich ist und dem ein großer Teil der Schuld an der Balkanpolitik Österreichs zufällt, die zu dem ganzen Unheil den Hauptanstoß gab. Begangen obendrein von einer weit bekannten revolutionären Persönlichkeit, dem Sohn des Führers der österreichischen Sozialdemokratie Victor Adler, von einem Marxisten, der damit zugleich den ledernen Riemen der öden sozialdemokratischen Entwicklungstheorie durchschnitt. Mich erfüllt die Tat mit größter Freude und Genugtuung. Die pädagogische Wirkung muß unbeschreiblich sein. Mit dem „fluchwürdigen Verbrechen“ werden die Leute ja nicht viel anfangen können in einer Zeit, wo das Hinschlachten von Menschen als heldenhaft gilt und wo täglich tausende Unschuldiger bluten müssen. Aber ich habe ein beinah mystisches Gefühl, daß dieser Schuß ein Signal für den Frieden sein wird. Mit der Ermordung eines österreichischen Repräsentanten begann der Anfang, ebenso beginnt nun das Ende des Kriegs. – Ich kannte Friedrich Adler in Zürich, wo wir oft im Café Terrasse zusammensaßen und uns über Anarchismus und Sozialdemokratie stritten. Seine tapfere Tat wird ihm die Sympathie vieler seiner Genossen kosten, die ihre politische Parteistellung gefährdet sehn werden. Er aber wird für diese Tat sterben, und wir, seine grundsätzlichen Gegner, werden ihn als gefallenen Kameraden betrauern und verehren.

 

 

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