Tagebücher

XXII

 

27. April – 13. Juni 1919

 

S. 3480 – 3675

 

 

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 27. April 1919.

Jubiläum. Heute ists grade ein Jahr her, daß morgens ein Schutzmann bei uns erschien und mir den Ukas des Generalkommandos I. A-K überbrachte, der mir Traunstein als Zwangsaufenthalt anwies. Es folgte der Tag im Polizeigefängnis in der Ettstraße, wohin Zenzl mir zu essen brachte, und am nächsten Morgen der Transport in die Gefangenschaft. – Und heute sinds grade 14 Tage her, daß morgens 3 Soldaten der sogenannten Republikanischen Schutztruppe bei uns erschienen und mich ohne schriftlichen Ukas, im Auftrage einer sogenannten sozialdemokratischen Revolutionsregierung verschleppten, die sich nachträglich auf Strafgesetzbuchparagraphen besann, um ihrem Gewaltakt ein Rechtsmäntelchen umzuhängen. Der General v. d. Tann berief sich einfach – und das gleich – auf die besonderen Vollmachten, die ihm das Kriegszustandsgesetz einräumte. Den Schwindel, zu dem die Herren Hoffmann und seine Spießgesellen greifen, hatte er nicht nötig. Wie denn allgemein menschlich betrachtet die robuste Gewaltpolitik der alldeutschen Kriegszuchtmeister, denen immerhin ein Ideal des siegreichen und vergrößerten Vaterlands ihre Brutalitäten eingab, noch sympathischer berührt als die ebenso robuste Gewaltpolitik jener „Sozialisten“, die, getrieben einzig von der schäbigen Angst um ihre Parteiinteressen das edle Wort Revolution lästernd für sich in Anspruch nehmen und dabei die Sehnsucht des Volkes, den Sozialismus, alles was sie je in ihren demagogischen Werbereden als ihr eigenes Wollen und Trachten gepriesen haben, an die Kapitalisten verraten, deren aufgeprotzte Kanonen sie selbst als Fahrer und Fähnriche zum Morde gegen das Proletariat lenken, dem ja die Zukunft doch gehört. – Welch ein Jahr liegt hinter mir! Die Traunsteiner Zeit, ein volles halbes Jahr, mit all den Schikanen gegen die eigne Person, Hauptmann von der Pfordtens heimtückischen Liebenswürdigkeiten, den Wochen meiner Tätigkeit als Banklehrling, dem blutrünstigen und albernen Geschwätz Sontheimers, den Hysterieen des blinden Schreiblehrers, den Peinigungen der philiströsen Kleinstädter, dabei mit dem Gram über die Endlosigkeit und Entsetzlichkeit des Kriegs, dann aber der Hoffnung, der Zuversicht, und endlich dem Miterleben des Zusammenbruchs der deutschen Ruchlosigkeit, dazwischen der heimliche Verkehr mit Gefangenen, die Besuche Zenzls, die kleinen Abwechslungen: Ziersch, Holz, Arthur, Streit, Maaßen; das tägliche Schachspiel mit Dr. Jäger, die Freundschaft mit Frau Sack und die Konspirationen mit den paar anständigen Bürgern Traunsteins gegen die Lagervogte – lauter Erinnerungen, die aus der Zuchthausperspektive einen eignen Reiz gewinnen, zumal sie mit der Vorstellung an wundervolle Naturschönheit, an die prachtvolle Bergkette und die mächtigen Wälder, an die Spaziergänge an der Traun entlang oder zur Weinleite verbunden sind. (Mein Gitterfenster hier läßt mich nur ein Stück verregneten Aprilhimmels sehn). – Und dann nach der Befreiung der Aufschwung aller seelischen Kräfte in der ersten Geste der Revolution, die stürmische Beteiligung am Werden des Neuen, die plötzliche Gewinnung der Herzen der Massen, die einen Führer aus mir machten, ohne daß ich es ahnte und wollte, das Drängen zur Tat, zu der die neuen Männer nicht zu bringen waren, mein Kampf gegen Eisner, unsre Verhaftung am 10. Januar, die Riesendemonstration an diesem Tage auf dem Promenadeplatz, die unsre Freilassung erzwang, der Jubel des Abends, als wir im Mathäser erschienen und zur Menge sprachen; die Arbeit im Revolutionären, im Münchner, im Landes-Arbeiterrat und im Rätekongreß. Eisners Tod und Begräbnis. Erlebnisse persönlicher Art dazwischen (der Roman Mila, das Erscheinen Jennys in München) Freude und Ärger mit dem Kain und Albert Reitzes treue Freundschaft. Endlich die verfrühte Ausrufung der Räterepublik mit dem jähen Wechsel aller Affekte, Begeisterung, Besorgnis, Enttäuschung, Verzweiflung, Hoffnung, Vertrauen – und dann der Eingriff der Gewalt und die Entfernung von jeder Wirkensmöglichkeit, die vollständige Zerschneidung der Fäden zwischen Zenzl und mir, die lange Ungewißheit über das Schicksal der Freunde, und jetzt die Qual zwischen Furcht und Zuversicht, die völlige Ungewißheit, wie wird der Kampf enden, was wird aus dem Werk, was aus mir, den Meinen, meiner Arbeit, meiner Habe, aus der Zukunft werden? Umschlossen von engen kahlen Gefängnismauern, verurteilt zu einem Leben voll harter Entbehrung, voll Unsauberkeit und Armseligkeit, höre ich aus den Zellen meiner Gefährten fröhliches Pfeifen und Singen. Hinter den dicken Mauern dieses Verließes liegt die Welt, an deren Schönheit, Freiheit und Glück zu arbeiten auch mir wieder gewährt sein wird. Ich glaube an das Glück der Menschheit durch die Revolution. Der Name des Menschheitglücks aber ist Sozialismus. Bis er verwirklicht ist, darf die Revolution nicht erlahmen. Ich bin für meine Person entschlossen, ihr zu dienen bis zum Siege oder bis zum Tode.

 

Nachmittag. (4½ Uhr)

Abschrift: „An die Regierung des Herrn Ministerpräsidenten Hoffmann in Bamberg.

Seit vollen zwei Wochen sind meine Münchner Schicksalsgenossen und ich in der Gewalt der Bamberger Regierung. Unsre Angehörigen sind seit dieser Zeit ohne jede Nachricht von und über uns, sie wissen nicht, ob und wie wir leben, befinden sich aber zweifellos in schweren Sorgen um unser Ergehn. Ebenso haben wir keine Möglichkeit, über das Befinden der Unsrigen Gewißheit zu erlangen. Die von der Zuchthaushaft ohnehin schwer angegriffenen Nerven werden dadurch bis zur Unerträglichkeit gepeinigt. Daneben gehn wir auch der sonst jedem Untersuchungsgefangenen zustehenden Hafterleichterungen durch Zusendung von Lebensmitteln, Tabak, Büchern etc. verlustig und müssen nun in der dritten Woche die unsaubere Leibwäsche weiter tragen, die wir bei der Verhaftung anhatten. – Zwar weiß ich, daß zur Zeit der Eisenbahn- und Postverkehr mit München unterbrochen ist, daß somit keine Aussicht besteht, auf dem üblichen Wege die Verbindung zwischen uns und den Unsern zu bewerkstelligen. Ich weiß aber auch, daß die Bamberger parlamentarische Regierung mit der Münchner Räteregierung Unterhandlungen führen kann, wenn sie es für zweckmäßig hält. Die Landsberger Verhandlungen über die Versorgung Münchens mit Lebensmitteln beweisen es, wie denn das Ergebnis dieser Verhandlungen auch ein regelmäßiger Waggonverkehr hin und her sein dürfte. – Wie ich bereits in meiner Eingabe vom 16. April, in meiner Haftbeschwerde vom 19. April und im Vernehmungsprotokoll des Herrn Untersuchungsrichters am 23. April ausgeführt habe, kann ich meine erst am fünften Tage der Haft als Untersuchungshaft gekennzeichnete Internierung als Rechtsakt nicht anerkennen. Ebenso bestreite ich die Gesetzlichkeit der Anziehung von politischen Paragraphen des Reichsstrafgesetzbuchs zur Rechtfertigung der Strafverfolgung, nachdem die Regierung Eisner bereits am 16. Februar der Abordnung einer Volksdemonstration im Deutschen Theater zu München die Zusicherung gegeben hat, daß die politischen Strafgesetzbestimmungen des früheren Regimes nicht mehr zur Anwendung gebracht werden dürfen. Die ganze Art unsrer Festnahme und Verschleppung entsprach denn auch in keiner Weise den üblichen und in der Strafprozeßordnung vorgeschriebenen Methoden einer ordentlichen Verhaftung, sondern gab meiner im Vernehmungsprotokoll niedergelegten Auffassung recht, daß es sich um die Gefangennahme von Angehörigen einer feindlichen Macht handelte und daß ich mich demgemäß als Kriegsgefangener zu betrachten habe. – Während der ganzen Dauer des Weltkriegs ließen es sich die Regierungen aller daran beteiligten Staaten angelegen sein, trotz der vollständigen Absperrung der Grenzen, den Brief- und Paketaustausch zwischen den Gefangenen und ihren Angehörigen in der Heimat sicherzustellen. Was unter den damaligen, viel schwierigeren Verhältnissen zur Erleichterung der Lage der Gefangenen möglich war und heute noch zum Vorteil der im feindlichen Ausland zurückgehaltenen deutschen Gefangenen und der in Deutschland zurückgehaltenen russischen Gefangenen möglich ist, sollte doch auch zu unseren Gunsten möglich gemacht werden können. – Aber auch, wenn die Bamberger Regierung auf ihrem Standpunkt beharren sollte, daß wir lediglich als nach dem Strafgesetzbuch zu verfolgende Untersuchungsgefangene anzusehn seien, wäre es kaum mehr als billig, wenn sie den noch nicht Verurteilten auch unter Aufwendung besonderer Mühe alle die Vergünstigungen zuteil werden ließe, auf die unter normalen Umständen der Untersuchungsgefangene – besonders der seiner politischen Überzeugung wegen festgenommene – Anspruch hat. – Ich ersuche daher die Bamberger Regierung, durch Parlamentärverhandlungen mit der Münchner Regierung eine Gelegenheit zu schaffen, die uns Münchner Gefangenen die Verbindung mit unsern Angehörigen ermöglicht und uns die Absendung sowie den sicheren Empfang von Briefen, Geld und Paketen gewährleistet, uns zugleich auch auf demselben Wege zu unserm selbstverständlichen gesetzlichen Recht zu verhelfen, einen Münchner Anwalt mit der Wahrung unsrer Interessen in den privaten Angelegenheiten und für den etwa bevorstehenden Prozeß zu betreuen.

Zuchthaus Ebrach, d. 27. April 1919.         Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 28. April 1919.

Zeitungsmeldungen (aus der Samstagpresse): Die Bamberger haben die angebotene Waffenhilfe des Reichs nun doch angenommen, nachdem sie sich noch vor einigen Tagen recht ablehnend dazu gestellt hatten. Sie hatten Gründe, bedenklich zu sein. Der Einmarsch preußischer Weißgardisten in Bayern kann bei der Landbevölkerung sehr leicht eine verzweifelt andre Wirkung ausüben, als die Hoff- und Scheidemänner beabsichtigen. Der alte Preußenhaß der Bayern ist in den letzten 4½ Jahren wieder ungeheuer lebendig geworden, und wenn auch im Augenblick das Bolschewistengespenst und die Greuelregie die geängsteten Gemüter selbst in den Saupreußen Befreier begrüßen lassen, so wird deren Einquartierung in den Dörfern und Kleinstädten schon für eine kräftige Wiederbelebung der traditionellen Empfindungen sorgen. Wer weiß, ob nicht bald genug Bolschewisten und Landbayern sich bei einer Partie 66 gegenseitig die Trümpfe gegen den norddeutschen Partner zuschieben werden, und wer weiß, ob nicht Hoffmanns und Schneppenhorsts Despotenherrlichkeit an diesem Verzweiflungsunternehmen, das sie schützen soll, zerbersten wird. Einen kleinen Vorgeschmack dessen, was sie sich mit den Preußen auf den Hals laden, genießen sie jetzt schon in Augsburg, wo sie die Württembergischen Truppen abziehn lassen mußten, um die Bevölkerung nicht zu sehr zu erbittern. Gleichzeitig brachen aber in Stuttgart wieder Streiks aus zum Protest gegen das Eingreifen württembergischen Militärs gegen bayerische Kommunisten. Zweifellos bedeutet der Entschluß, Noskes Hilfe anzunehmen, das Eingeständnis des Fiaskos bei den Freikorpswerbungen. Daß das Bedürfnis, im Kampf gegen Münchner Arbeiter den Heldentod zu sterben, trotz des kolossalen Judaslohns, den die „sozialistische“ Regierung aussetzt, nicht übertrieben groß ist, läßt sich ja verstehn, und wenn auch kampffreudige Offiziere, die mit ihrem Heldenmut nichts Gescheites mehr anzufangen wissen, dann gemachte Gymnasiasten und Studenten, ehrgeizige Kommunalbanausen, Gewerkschafts- und sozialdemokratische Parteistreber mit forschem Beispiel vorangehn, in den freiwilligen Kriegsmeldungen haben die Arbeiter wohl größtenteils ein Haar gefunden. Der „innere Feind“, mit dem die Sozi jetzt munter operieren, wie früher nur irgendein Hurra-General, hat den Schrecken nicht mehr, den die Zeitungskünste ihm geben sollen, und den Sozialverrätern mag bei der einzigen Hoffnung, die ihnen Eberts Brüderlichkeit gibt, erst recht bange werden. Tatsächlich äußern sich die Bourgeoisblätter schon recht pessimistisch. Da sich die spartakistische Bewegung täglich mehr ausdehnt und große Bezirke Südbayerns, darunter die Gegend um Starnberg, Penzberg für das Rätesystem gewonnen sind, scheint die Möglichkeit, daß München wegen Nahrungssorgen kapitulieren muß, nicht zu bestehn. Der Geldmangel ist durch die entschlossene Ausgabe eigner Noten im Betrage von 100 Millionen Mark fürs erste behoben – die Entrüstung der Presse über diesen Schlag ins Gesicht der Rentenbezieher ist natürlich besonders heftig. Waffen, Munition etc und Soldaten der Roten Armee scheinen nicht zu fehlen, sodaß man dem Anmarsch auch größerer Truppenmassen jedenfalls mit der Hoffnung entgegensehn kann, daß ein Angriff ihnen im Handumdrehen den Sieg nicht bescheren wird. Kommt es aber zum Sturm, dann ist begründete Aussicht, daß mindestens Nürnberg, wo es nach der vorgestern erfolgten Verhaftung weiterer Führer und der Erschießung Albert Schmitts wieder sehr stark gären muß, aufsteht und den Herren Noske und Schneppenhorst schwierigere Aufgaben stellen wird als sie gewöhnt sind. Dagegen wird die Selbstkastrierung dieser Demokraten auch nicht helfen, daß sie allen Regierungsorganen strikte verboten haben, in die von den Offizieren für nötig befundenen Maßnahmen einzugreifen. Also freie Bahn dem Militarismus in seiner verwegensten Gestalt. Sie werden sich vor den Geistern, die sie riefen, noch fürchten lernen. – Was in München selbst vorgeht, ist schwer zu durchschauen. Es heißt, Levien und Levine-Niessen wollen unter allen Umständen ohne Verhandlung mit dem Bamberger Geschmeiß durchkämpfen, während sich unter Toller eine verhandlungsgeneigte Partei ihnen gegenüberstelle. Ich fürchte diese Unabhängigen, die ihr „kein Blutvergießen“ mit besonders großem Talent immer dann plärren, wenn grade dadurch Schwäche und also Blutvergießen hervorgerufen wird. In Berlin und Bremen hat sichs doch wahrhaftig gezeigt, wie die Bereitwilligkeit zu verhandeln, von der Gegenseite zur erbarmungslosesten Brutalität ausgenutzt wird. Wer A gesagt hat, muß auch B sagen. Ich für meine Person stände in dieser Frage vollständig bei Levien. – Eine Äußerung Leviens soll gedroht haben, für den Fall einer Belagerung Münchens würde er die Bürger reihenweise am Marienplatz erschießen lassen. Ich hoffe, daß er das nicht gesagt hat. – Der Mörder Eisners, Graf Arco-Valley soll aus dem Sanatorium, wo er seine Wunden verheilen lassen sollte, herausgeholt und getötet sein. Auer, der in derselben Anstalt untergebracht war, sei, da auch sein Leben bedroht gewesen sein soll, entkommen. Wie gern Auer sich als den Verfolgten hinstellt, wissen wir, die es erlebt haben. Lindners Schüsse werden ihm völlig den Knacks gegeben haben. Der Märtyrer! – Ob die Meldungen wahr sind, weiß ich natürlich nicht. Auer und Franz Schmitt in Bamberg, das wäre allerdings nicht gut. Ein paar gefährliche und sehr ehrgeizige Feinde der Volksfreiheit. – Heute habe ich mir vom Arzt Veronal erbeten, damit ich nachts schlafen kann, ich, der sonst zwischen Abend und Morgen nie ein Auge auftut. Die Beschwerden über das schlechte Essen fruchten nichts, man muß es halt tapfer hinunterschlingen. Reichlich ist es ja – aber reichliches Schweinefutter, besonders die zähe häutige Suppe, die sich als „Gemüse“ ausgibt. Mit meinem Anliegen, daß bis 9 Uhr das elektrische Licht brennen möge, habe ich mich heute unter Berufung auf die Schlaflosigkeit an den Arzt gewandt. Herr Staatsanwalt Roth hat es mir vorgestern abgeschlagen – er will dem Staat Kohlen ersparen. Ich fragte ihn darauf, was er eigentlich damals gemeint habe, als er uns „jede Erleichterung“ versprach. Er krümmte sich und blieb die Antwort schuldig. Meine und der Kameraden Beschwerden über den Saufraß parierte er mit dem Einwand, er habe das Essen neulich selber gekostet und durchaus gut gefunden. Wir werden uns diesen Herrn für die Zeit unsrer Wirksamkeit merken. Vors Revolutionsgericht! – und dann mag er nach seinem Rezept von „jeder Bequemlichkeit“ Gebrauch machen. Ich bin im allgemeinen nicht grade rachsüchtig. Aber an diesem Schleicher, der einem nicht offen ins Gesicht schauen kann, wird die Vergeltung meinem Herzen wohl tun.

 

Nachmittag (¾ 5)

Unser Hofspaziergang ist die erfreulichste Abwechslung am Tage. In zwei oder drei? Abteilungen zu 15 – 20 Mann wird man eine Stunde ins Freie gelassen. Zwar halten die Aufseher darauf, daß im Gänsemarsch gegangen wird und ein gewisser Abstand eingehalten wird, damit keine Wechselgespräche stattfinden. Trotzdem unterhalten wir uns ganz leidlich. Außer den Aufsehern, die in der Tür auf uns aufpassen, sind gewöhnlich noch zwei Soldaten bei ihnen zu sehn, die aber meistens bis jetzt hinter der Tür standen. Heute trat eine neue Methode in Wirksamkeit. Die beiden Weißgardisten – ausgesucht widerwärtige Visagen – mußten in der grasbewachsenen Mitte des Hofs stehn, um den wir im Kreise herumspazierten. Die Gewehre unter dem Arm und etliche Patronentaschen am Gürtel machten die Leute den Eindruck, als ob sie am liebsten jedem von uns eine Kugel in den Kopf schießen möchten. Wie mögen diese Menschen gegen uns verhetzt sein! Aber welche lächerliche Angst spricht doch aus derartigen Sicherungsmaßregeln gegen wehrlose Eingesperrte! – Die internationale Lage, die in den Blättern angesichts der bevorstehenden Unterzeichnung des Präliminarfriedens in Versailles breiten Raum einnimmt, beschäftigt mich wenig. Was die „sozialistischen“ Mitschuldigen von Brest-Litowsk und Bukarest einerseits und die Ententeimperialisten andrerseits für Papiere austauschen, ist ganz belanglos. Mag das Saarbecken 15 Jahre oder ewig für die Franzosen bestimmt werden, mag Italien Fiume kriegen oder nicht – den wirklichen Frieden wird erst die Internationale der Völker bringen, nach vollzogener Weltrevolution. Wann das sein wird, kann niemand prophezeien. Die Räterepublik Ungarn hat hart um ihren Bestand zu kämpfen, da die Rumänen im Auftrag der Ententeimperialisten ihrer jungen Freiheit mit Waffengewalt auf den Leib rücken und die Tschechoslowaken sich anschicken, es ebenfalls zu tun. Inzwischen werden unsre russischen Genossen von den Polen und den deutschen Osttruppen in Atem gehalten, während dieser Ostschutz gleichzeitig mit den Polen Krieg zu führen scheint und – nach dem gänzlichen Sturz des Militarismus bei uns und der Übernahme der Gewalt in rein sozialistische Hände! – die lettische Räteregierung gestürzt hat, um dem baltischen Adel dort wieder zur Macht zu verhelfen. Wie die Dinge alle zusammenhängen, mit wem und warum Krieg geführt wird, – ich kann es nicht mehr überblicken. Nur soviel sehe ich, daß der Kriegsgeist in Deutschland nicht nur nicht tot sondern heute so lebendig wie je ist, und daß nur anstelle der disziplinischen Organisation des Kriegs ein wildes, landsknechtmäßiges Kriegsabenteuern von arbeitslosen Offizieren mit zerrütteten Existenzen arrangiert wird. Das alles aber unter sozialdemokratischer Leitung und Verantwortung. Wieviel Heuchelei und Gewissenlosigkeit von Jahrzehnten kommt jetzt an den Tag!

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 29. April 1919.

General Möhl hat den Oberbefehl über alle gegen München in Bewegung gesetzten Streitkräfte übertragen erhalten. Er hat nicht versäumt, sein tiefes Bedauern auszusprechen, gegen den inneren Feind zu Felde ziehn zu müssen – aber das Vaterland will es. Die Zeitungen ihrerseits, die bisher in heller Angst gezetert haben, unter keinen Umständen dürfe mit den Bolschewisten verhandelt werden, versichern jetzt, es sei nichts unterlassen worden, um die verblendeten Münchner zu Verhandlungen zu bewegen, – aber sie wollen nun mal nicht anders, als durch Waffengewalt endgültig zur Raison gezwungen zu werden. Man werde auch weiterhin versuchen, sie ohne Gewalt zu überreden, unter der Bedingung natürlich, daß sie alles erfüllen, was von ihnen verlangt wird, soll heißen: Anerkennung der Regierung Hoffmann, Auslieferung der Führer, Entwaffnung der Arbeiter, Bewaffnung der Offiziere und der Bourgeoisie, Verzicht auf alles, was die Revolution bisher gebracht hat. Das Einreiten der Preußen in Bayern gibt den unsicher gewordenen Desperados anscheinend wieder Mut. Der 1. Mai wird offiziell als Landesfeiertag proklamiert, sodaß der Generalstreik an dem Tage unwirksam wird. Mit der Verhaftung der Nürnberger Führer glaubt man die revolutionären Pläne dort vollständig durchkreuzt zu haben. Offiziös rühmt man, daß in Nürnberg „dank dem raschen Zugreifen der zuständigen Stellen ein Putschversuch der Kommunisten und Unabhängigen kläglich gescheitert“ sei. Das bleibt abzuwarten. Bis jetzt haben die Erfahrungen gelehrt, daß die Massen nach der Vergewaltigung ihrer Führer immer rabiater waren als vorher, denn an Führern fehlt es ihnen nie, die gehn ja aus den Massen hervor. Die Ansicht der Parteibonzen, es sei noch wie früher, daß die Menge immer dahin nachzottelt, wohin die Berufsbeamten sie lenken wollen, ist reichlich naiv. – Im allgemeinen klingen allerdings die neuesten Meldungen weniger erfreulich als in den letzten Tagen. Freising soll von den Regierungstruppen besetzt sein, Paulukum (mein Chef in den ersten Tagen dieses Monats, als ich, um Existenzmittel zu verdienen, in sein Referat beim Demobilmachungskommissar eintrat), sei verhaftet. Wir hatten ihn am 6. zum Volkskommissar für Post und Eisenbahn ernannt. München soll Mangel an Gummi, Brennstoffen, Waffen und Munition haben. Ob das ernst zu nehmen oder als Beschwichtigungsmanöver für die Bamberger Kreaturen zu werten ist, ist zweifelhaft. Von Augsburg nichts Neues. – In Paris streiten sich die bisher Verbündeten. Die ganze Gerechtigkeits- und Freiheitssozietät droht zu zerplatzen. Die Italiener wollen wegen Fiume nicht mehr mittun, sodaß ein neuer Krieg zwischen ihnen und den Yugoslaven in Aussicht steht, die Japaner wollen Kiautschau nicht wieder hergeben, Wilson besteht auf seinen 14 Punkten, und die Deutschen, die diese 14 Punkte bespuckt, beschimpft, verlästert haben als seien sie die gemeinste Beschimpfung der Menschheit, zetern in die Welt: wir dulden nur einen Frieden aufgrund der Wilsonschen 14 Punkte! Eine Affenkomödie. – Ich habe eben Walter Scotts wundervollen Roman Kenilworth zuende gelesen. Ich will versuchen, mein Judas-Drama im Gerüst anzulegen. Hätte ich nur zu rauchen!

 

Nachmittag (¾ 4 Uhr).

Eben wurde mir die Antwort auf meine Haftbeschwerde übergeben. Selbstredend ist die Beschwerde zurückgewiesen, da „in Hinblick auf die Art und Höhe der angedrohten Strafen“ Fluchtgefahr bestehe. Sehr interessant an dem Schriftstück ist, daß es weder Ort noch Datum aufweist. Überschrieben ist es einfach mit der Nummer des Beschwerderegisters, unterzeichnet mit den Namen der Richter. Nur aus dem Inhalt selbst geht hervor, daß „die Strafkammer des Landgerichts Würzburg in nicht öffentlicher Sitzung vom 24. April 1919“ den Beschluß gefaßt hat. Ich entnehme aus dem Wisch, daß ich eines „Verbrechens des Hochverrats“ dringend verdächtig bin, und es werden genannt §§ 81 Z.2, 85, 86, 47 RStGB „in Zusammenhalt“ mit Art. 3 des bayer. Kriegszustandsgesetzes. Mein Protest gegen die Ungesetzlichkeit der Schutzhaft, die man dann einfach in Untersuchungshaft umwandelte, ist „unbeachtlich“. Jene war ein rein polizeiliches oder militärisches Eingreifen und „entzieht sich der Einwirkung des Gerichts völlig“. Gesetzmäßig oder gesetzwidrig verhaftet – das ist dem Gericht egal, „für den Vollzug des richterlichen Haftbefehls bot und bietet das Bestehn einer Schutzhaft keine Schranke“. – Das ganze Schriftstück zeigt deutlich, daß es nicht nach rechtlich-gesetzlichen Gesichtspunkten zustande gekommen ist, sondern politische Aufgaben zu erfüllen hatte. Auch die Genossen haben ihre Antworten erhalten, jedenfalls lauter Zurückweisungen. Gespannt bin ich nur, ob sie auch den armen Ballabene noch immer des Hochverrats dringend verdächtig befunden haben.* Aber was bleibt ihnen übrig? Lassen sie ihn laufen, dann erfährt ja alle Welt, daß wir in Ebrach sind. Und da sei Gott vor. – Heute früh vergaß ich bei der Registratur der Neuigkeiten die wichtigste: die Verhängung des Standrechts über das ganze rechtsrheinische Bayern. Wenn sie München kriegen, wollen sie mit den „Hochverrätern“, die sie dort erwischen, gleich kurzen Prozeß machen. Es heißt auch, daß Jagdflieger bereitgehalten werden, um Flüchtlinge, die auf dem Luftwege nach Ungarn zu entkommen suchen sollten, abzufangen. Die Nürnberger hängen aber keinen, sie hätten ihn denn, und die Bamberger sollten mit ihren Standgerichten warten, bis sie Verwendung dafür haben. Noch steht der 1. Mai bevor, da kann sich vieles ändern.

 

* Ja. Ihn und alle.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 30. April 1919.

Abschrift: „An den Herrn Ersten Staatsanwalt beim Landgericht Würzburg. Hiermit erstatte ich Anzeige wegen des Verbrechens des Hochverrats nach §§ 81 Z 2, 85, 86, 47 RStGB in Verbindung mit Art. 3 des bayerischen Kriegszustandsgesetzes gegen folgende Personen:

1.) Segitz, bayerischen Minister des Innern in Bamberg,

2.) Schneppenhorst, bayerischen Minister für militärische Angelegenheiten in Bamberg,

3.) Steiner, bayerischen Minister für Land- und Forstwirtschaft in Bamberg,

4.) Simon, Vertreter des Landessoldatenrats in Bamberg.

Begründung: ad 1). Herr Minister Segitz hat am 4. April dieses Jahres im Ministerium des Äußeren in München an einer Beratung teilgenommen, die die Umwandlung des Volksstaats Bayern in eine Räterepublik durch einfache Proklamation, also unter Ausschließung aller gesetz- oder verfassungsmäßigen Verfahren, zum Gegenstand hatte. Er hat zu dem revolutionären Akt der Proklamation Bayerns zur Räterepublik nicht nur seine Zustimmung gegeben und seine Sympathie ausgedrückt, sondern sich auch unter Vorbehalt bereit erklärt, an der neuen Gestaltung des Staats durch Übernahme des verantwortlichen Amts eines Volksbeauftragten (für das Innere) aktiv mitzuwirken. Sein Vorbehalt betraf jedoch nicht etwa verfassungsrechtliche Bedenken oder Rücksichten auf das Ministerium Hoffmann, dem er angehörte, sondern lediglich die Zustimmung seiner politischen Parteiorganisation. Für die Annahme des angebotenen Postens erbat er sich nur solange Bedenkzeit, bis er die Erlaubnis seiner Parteigenossen eingeholt habe. Nachdem der Gautag der Sozialdemokratischen Mehrheitspartei sich für die Beteiligung an der revolutionären Neugestaltung der Verfassung Bayerns entschieden – und sich somit korporativ eines Verbrechens des Hochverrats schuldig gemacht hatte, besteht kein Zweifel, daß Herr Segitz, falls er endgiltig dazu bestimmt worden wäre, das Amt eines Volksbeauftragten der Räterepublik übernommen hätte, wie er denn auch gegen die provisorische Nennung seines Namens als Volksbeauftragten für das Innere weder öffentlich noch privat Einspruch erhoben hat. – ad 2.) Herr Minister Schneppenhorst hat an der erwähnten Sitzung am 4. April ebenfalls teilgenommen, der Ausrufung Bayerns zur Räterepublik zugestimmt und das angebotene Amt eines Volksbeauftragten für militärische Angelegenheiten nicht nur vorbehaltlos angenommen, sondern sich sogar gegen Warnungen des Unterzeichneten, man möge lieber einer andern Persönlichkeit diesen Posten übertragen, persönlich in längerer Rede verwahrt. Er hat sich damit selbst um ein verantwortliches Amt in der Räterepublik Bayern bemüht. – Herr Schneppenhorst hat ferner am Abend des gleichen Tages in einer Sitzung im Ministerium für militärische Angelegenheiten in mehrfachen Reden ausdrücklich und werbend für die Ausrufung Bayerns zur Räterepublik gesprochen. Ein gewisses Mißtrauen, das gegen seine persönliche Zuverlässigkeit sich geltend machte, hat er dadurch entkräftet, daß er die einem Eide gleichzusetzende Versicherung abgab, er setze seinen Kopf zum Pfande dafür, daß er mit voller Überzeugung auf dem Boden der Räterepublik stehe. Er erbot sich alsdann, am nächsten Morgen nach Nürnberg zu reisen, um die Angehörigen der II. und III. bayerischen Armeekorps kraft seines persönlichen Einflusses für den Gedanken der Räterepublik und deren sofortige Schaffung auf revolutionärem Wege zu gewinnen. In der Tat ist Herr Schneppenhorst mit dem Schnellzuge, der am 5. April früh 8 Uhr vom Hauptbahnhof München abfuhr, nach Nürnberg gereist. Festzustellen, in welcher Weise er dort bei den Soldaten für den neuen Umsturz in Bayern gewirkt hat, wird Sache des Ermittlungsverfahrens sein. – ad 3). Herr Minister Steiner nahm, wenn ich nicht irre, an den Beratungen im Militärministerium in der Nacht vom 4. auf den 5. April ebenfalls teil. Doch müßte das noch durch die Untersuchung festgestellt werden. Sicher ist, daß er in der Nachtsitzung, die vom 6. auf den 7. April im Wittelsbacher Palais stattfand, von den Mitgliedern des revolutionären Bauernrats als Volksbeauftragter für Land- und Forstwirtschaft vorgeschlagen und einstimmig erwählt wurde. Er hat die Wahl zum Volksbeauftragten nicht nur angenommen, sondern sich in seinem neuen Amt auch betätigt, ja, selbst an Sitzungen des provisorischen revolutionären Zentralrats der jungen Räterepublik teilgenommen. Wann Herr Steiner die Funktionen als Minister im Rumpfkabinett Hoffmann wieder aufnahm, bzw. ob und wie lange er gleichzeitig als Minister und als Volksbeauftragter tätig war, muß die Untersuchung ergeben. – ad 4.) Herr Simon hat an einer der letzten Sitzungen des provisorischen revolutionären Zentralrats in Person teilgenommen und dort sein sachverständiges militärisches Gutachten über den Schutz der Räterepublik gegen konterrevolutionäre Angriffe der Bamberger Nebenregierung abgegeben. Auf eine Aeußerung des Mißtrauens gegen die Zuverlässigkeit seiner Gesinnung erklärte er, um jeden Verdacht zu zerstreuen, werde er sein Amt als Vorsitzender des Landessoldatenrats niederlegen, nach Nürnberg zurückkehren, um dort seine Entlassung vom Militär überhaupt zu nehmen und zum Beweise, daß an seiner der Räterepublik treuen Gesinnung kein Zweifel sei, seine Entlassungspapiere dem Zentralrat übersenden. Bei dem Anschein der vollen Aufrichtigkeit, den Herr Simon hierbei zu erwecken wußte, wurde der Anregung, eine Abreise nach Nürnberg zu verhindern, nicht stattgegeben. – Es ergibt sich aus den angeführten Tatsachen, daß Herr Minister Segitz an den Vorbereitungen zum Sturz der parlamentarischen Regierung, der er angehörte und wieder angehört, in Person teilgenommen hat; daß Herr Minister Schneppenhorst zu den Initiatoren des Umsturzes gehörte und an der Organisation seiner Ausführung tätigen Anteil nahm; daß Herr Minister Steiner als ausführendes Organ des durch den Umsturz geschaffenen neuen revolutionären Staatswesens persönlich mitwirkte; und daß Herr Landessoldatenrat Simon Rat und Hilfe für die bewaffnete Abwehr von Versuchen zur Verfügung stellte, die etwa auf die Wiederherstellung der früheren Ordnung unter der Regierung Hoffmann abzielen konnten. – Meine persönliche Beteiligung an den Münchner Vorgängen vom 4. – 12. April war kaum reger als die der genannten Herren, die vieler meiner mit mir in Untersuchungshaft befindlichen Kameraden unvergleichlich geringfügiger. Da aber die Strafkammer des Landgerichts Würzburg den Haftbefehl des Untersuchungsrichters gegen uns vom 17. April durch die Zurückweisung der Haftbeschwerde am 24. April ausdrücklich bestätigt und in der Begründung den dringenden Verdacht betont hat, ich sei an einem nach „auch für Bayern noch in Geltung befindlichen Gesetzesstellen strafbaren Unternehmen des Hochverrats beteiligt“, so muß ich Wert darauf legen, daß das Untersuchungsverfahren auch auf die von mir benannten Personen ausgedehnt wird. – Die Gründe, die meine Verhaftung rechtfertigen sollen, treffen in vollem und erhöhtem Maße auf diese Personen ebenfalls zu. „In Hinblick auf die Art und Höhe der angedrohten Strafen besteht Fluchtgefahr.“ Daneben aber besteht die Gefahr der Verdunklung des Tatbestands in hohem Grade. Die Angeschuldigten befinden sich am Sitze der Regierung in Bamberg. Sie haben Einblick in die Maßnahmen der Regierung Hoffmann, die sie zum Teil selbst mitbestimmen. Es besteht somit der Verdacht, daß sie im Falle, daß ihnen die Einleitung einer Untersuchung gegen sie bekannt wird, die Spuren ihrer zugunsten der Räterepublik entfalteten Tätigkeit zu verwischen suchen werden. – Ich beantrage deshalb Eröffnung der Voruntersuchung gegen die Herren Minister Segitz, Schneppenhorst und Steiner, sowie Herrn Landessoldatenrat Simon und Verhängung der Untersuchungshaft gegen alle vier Herren. – Mein persönliches Interesse an der Annahme dieser Anträge ergibt sich aus dem gegen mich aus dem gleichen Anlaß, der meine Anzeige bewirkt, eingeleiteten Strafverfahren. Da die von mir denunzierten Herren zur Zeit im Dienste der mich verfolgenden Partei arbeiten und heute noch nicht erkannt werden kann, welcher Partei sie anhängen werden, wenn die Prozeßverhandlung Tatsache wird, muß mir viel daran liegen, meine Komplizen vom 4. – 12. April neben mir auf der Anklagebank statt als (womöglich beeidigte) Zeugen vor mir zu sehn.

Zuchthaus Ebrach, d. 30. April 1919.

        Zelle 60

                          Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 1. Mai 1919.

Erster Mai! Wird sich heute die revolutionäre Arbeiterschaft Bayerns zum großen Schlage erheben, um dem bedrängten München beizustehn? Ich hoffe und zweifle. Das Wetter ist, wie den ganzen April hindurch, trübe und regnerisch, das beeinträchtigt revolutionäre Handlungen an und für sich erheblich. (Hätte es am 7. November geregnet, dann wäre – mindestens an diesem Tage – der ganze Umsturz ins Wasser gefallen). Die Regierung Hoffmann hat allem Anschein nach jede Vorsorge getroffen, um grade heute keine Aktionen lebendig werden zu lassen. Vor allem hat sie die Maifeier in eigne Regie genommen. Selbst wir im Kittchen durften uns wie Sonntags einer Stunde verlängerter Nachtruhe erfreuen und werden heute mittag voraussichtlich zur Feier des Tages nach einigem Angeln am Grunde unsrer Suppe ein winziges Fetzchen ausgekochtes Fleisch finden. Herr Hoffmann selbst erläßt eine feierliche Proklamation zum 1. Mai, die „ein Zeichen der Versöhnung Aller“ sein soll, „die ehrlich zur großen Volks- und Völkergemeinschaft stehn“. Das Volk soll sich selbst regieren (man merkts in Bamberg, wie diese Selbstregierung aussieht) und Demokratie und Sozialismus ist die Parole. Die besitzende Minderheit der Kapitalisten auf einer, die gewalttätige Minderheit der Kommunisten auf der andern Seite sollen von der Hoffmannschen Gerechtigkeit abgelöst werden (zu welchem Ende er, der Sozialist, die Kapitalisten gegen die Kommunisten bewaffnet). Weltfriede und Völkerbund ist das Ziel und der Zweck dieser Regierungsstilistik. Gestern hörte man andre Töne, die jedenfalls deutlicher und aufrichtiger waren. Da ließ Hoffmann namens seiner Komplizen ein Pronunziamento „an das bayerische Volk!“ los, wo er die besitzende Minderheit der Kapitalisten nicht peinlich empfand und sich zu rechtfertigen suchte, daß die Regierung die Hilfe des Reichs angerufen habe. Die Württemberger arbeiteten bereits „in bundesbrüderlicher Eintracht“ in Bayern. Der Oberst Epp, gegen den Schneppenhorst noch vor 4 Wochen Haftbefehle unterschrieb und den er jetzt über die Grenze ruft, erläßt Aufrufe „zur Befreiung der geknechteten und geschändeten Hauptstadt“. In jener Erklärung des Herrn Hoffmann von gestern aber steht ein Satz, den ich nicht verloren gehn lassen möchte: „Jeden Gefühls für Menschlichkeit bar, preßt sie (nämlich die „kleine Schar teils wahnsinniger Narren, teils brutaler Demagogen“) – preßt sie die Arbeiter unter das Gewehr, bewaffnet sie kriegsgefangene Russen, wohl wissend, daß diese nach internationalem Kriegsrecht dem Tode verfallen sind“. Also die Russen, mit denen seit Januar 1918 „Friede und Freundschaft“ ist, die man unter Nichtachtung der von der Entente gestellten Waffenstillstandsbedingungen völkerrechtswidrig bis jetzt bei uns in Gefangenschaft gehalten hat, denen erst wir in der Woche unsrer Macht die Freiheit wiedergegeben haben, die sie in aller Form aber erhalten haben, will man als meuternde Kriegsgefangene betrachten und sie nach „internationalem Kriegsrecht“ ermorden. Hier besinnen sich die Sozialisten einmal auf das Wort international. Hoffmann möge sich besinnen! Wird das wahr gemacht, was hier gedroht wird, dann wird erst eintreten, was jetzt den Bauern und Naiven als Schreckbild vorgemacht wird: dann wird die Rache des Bolschewismus die Ostgrenze überschreiten und wir werden unser Ziel erreichen durch die Hilfe der empörten Brüder Rußlands, deren Rote Armee dann zeigen wird, wie sehr sie den Weißen Garden der Noske- und Schneppenhorstsöldner überlegen ist. Der Vormarsch gegen München hat begonnen, die Truppen der Regierung haben Wasserburg und Erding besetzt und sind auf der Lechlinie näher an München herangekommen. Vielleicht liefert man heute die Entscheidungsschlacht. Es ist entsetzlich, daran zu denken, daß unsre wunderbare Idee von Freiheit und Menschenglück jetzt durch Mord und Blut beschmutzt werden muß – von denen, die durch das Lippenbekenntnis zur gleichen Idee erst die Stellung erklimmen konnten, von der aus sie ihre Verbrechen gegen den Sozialismus dirigieren können. – Nachrichten aus München liegen nicht vor, wenigstens keine kontrollierbaren. Egelhofer, den man als Zuhälter beschimpft, soll Oberkommandierender der Roten Armee sein, im übrigen ist alles erstunkener Klatsch, was den Lesern vorgesetzt wird. – Heute sind, wie mir der Aufseher erzählte, 6 neue Gefangene eingeliefert worden. Wahrscheinlich ist Paulukum dabei, und Fechenbach, der streberische Jüngling, den Eisner zu seinem Geheimsekretär gemacht hatte (weil er Persönlichkeiten nicht um sich duldete), der dann während des Rätekongresses den Diplomaten spielen wollte und sich zwischen alle Stühle setzte, und der jetzt, wenn die Zeitungen recht haben, plötzlich zu den Kommunisten gegangen sein soll (von deren Erfolg er sich plötzlich überzeugt haben mag!) und in Ulm von den Hoffmannschergen geschnappt wurde. Gott halte mir derartige Leidensgenossen vom Leibe!

 

Zuchthaus Ebrach, Freitag, d. 2. Mai 1919.

Große Freude. Heute kam der erste Gruß der Außenwelt in meine Zelle. Ein Paket von Mila, enthaltend viele gute, das Leben erleichternde Dinge. Vor allen Dingen Zigarren und Tabak, soviel, daß ich für mindestens 14 Tage satt zu rauchen habe, dann ein Stoß Reclam- und Inselbücher, ein schönes dickes Schreibheft, in das ich dem „Judas“ Gestalt geben möchte. Ein Kuchen, ein Hemd, eine Unterhose, ein paar Taschentücher, ein Handtuch, 2 Paar Socken, ein Kragen von Eßlinger, Marmelade und Brotaufstrich, ferner Brotmarken und Federn zum Pfeifeputzen. Die Zeitungen, die sie beigelegt hat, sind mir nicht ausgehändigt worden, doch will ich sie reklamieren. Ihr Brief enthält kein Wort der Herzensnot, in der sie meinetwegen lebt, er ist ganz sachlich, und die liebende Angst klingt nur aus den gescheuchten Worten heraus, in denen sie nach weiteren Wünschen fragt. Das liebe schöne Weib. Um ihretwillen habe ich mit der armen Zenzl ernstere Szenen erlebt als seinerzeit sogar wegen Ehrengard Schultz. Ich muß es vor Zenzl unbedingt verbergen, daß sie mir Leibwäsche geschickt hat. Es wäre eine zu große Kränkung, obwohl ich doch leider garkeinen Weg habe, von Zenzl selbst das Nötige zu erhalten. – Nachher werde ich mich an den Kuchen machen, nachdem ich gestern einen tiefen Griff in den Beutel getan und mir eine Flasche österreichischen Süßwein für 13,50 Mark geleistet habe. Ferner will ich mir ein Brot besorgen lassen, um einmal die quälende Leere in den Eingeweiden los zu werden. Denn trotz der mächtigen Portionen Suppe, die man uns zu jeder Mahlzeit vorsetzt, ist das Zeug derartig kraftlos, daß man das Hungerempfinden nicht losbringt. Vielleicht schickt Lederer auch noch das Geld, um das ich ihn bat, dann bin ich die eigenen Sorgen los und kann meinen Kummer konzentrieren auf die Trennung von daheim – was mag meine gute liebe Zenzl treiben? Kümmern sich Freunde um sie? Helfen ihr die Genossen? Oder bin ich für die auch im Zuchthaus noch der Verräter und Abtrünnige? – Und was macht München? Heute ist keine Zeitung gekommen. Die „Maifeier“, aus der die Weimarer und Bamberger Gesinnungsstrolche statt eines Kampf- und Schwurtages gegen den Kapitalismus ein Versöhnungsfest zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zurechtgefälscht haben, hält bis morgen jede Nachricht von uns fern, sodaß wir auf die Betrachtungen und Vermutungen des eignen Hirns angewiesen sind. Nach den Meldungen von gestern und vorgestern waren Schweinfurt und Forchheim in den letzten Tagen aufsässig. Näheres war durch die Zensur unterdrückt, nur hieß es zuletzt, daß die Regierungstruppen dort Herr geworden seien. Wenn die Unruhen jetzt überall im Lande ausbrechen und den gedungenen Subjekten der Noske und Schneppenhorst allenthalben die Wut des beleidigten Proletariats entgegenkocht, dann werden die Münchner ihr Errungenes wahren können, bis die Explosion im ganzen Reich ausbricht und die Weißen Garden und ihre Auftraggeber mitsammen in die Luft sprengt. Dann werden sich die Riegel vor unsern Zellentüren von selbst öffnen, – anderenfalls: der Hochverratsprozeß wird, da man immer noch Mitschuldige angelt, kaum vor Herbst tagungsreif sein. Ich richte mich für lange Monate ein – umso süßer wird mir die Freiheit schmecken, wenn sie vorher da ist.

 

Nachmittag 5 Uhr.

Hofgespräche (bei 3 Schritt Abstand, auf die ein Vieh von Aufseher achtgibt, ohne aber unsre Verständigung verhindern zu können). In einer Zeitung von gestern soll gestanden haben, daß die württembergischen Soldaten Starnberg den Spartakisten wieder abgenommen haben. Das wäre sehr schmerzlich. Von Starnberg nach München sind’s aber gewiß zwei Tagesmärsche – und die Eisenbahn wird kaum benutzbar sein. Altötting und viele andre Orte sind auch noch rätetreu. Immerhin ist bei dem Aufgebot der Weißen Garden aus dem Reich – nur Baden soll sich geweigert haben, gegen München Truppen zu stellen – an den siegreichen Widerstand der Unsern nur zu denken, wenn Aufstände in andern Städten die Zersplitterung der Möhlarmee herbeiführen. Wie ich von Wadler hörte, kostete der inländische Krieg in Deutschland in den ersten 3 Monaten, also von Januar bis März, 8¾ Milliarden. Das ist bei dem ungeheuren Sold, mit dem die Brudermörder für ihr scheußliches Gewerbe gedungen wurden, sehr glaublich. Aber das bedeutet, daß der „Friede“, den uns die Scheidemänner bescheren, kaum billiger als der Krieg gegen die Welt ist. Wie man die Mittel zur Bezahlung des Bürgerkriegs noch den Taschen des Volks entnehmen will, ist unerfindlich. Mit einer zehnten Kriegsanleihe würden wahrscheinlich keine großen Geschäfte gemacht werden. Bleibt also nur eine im größten Stil inszenierte Vermögenskonfiskation, und dann werden natürlich die rebellisch, für deren Seelenheil die Kriegssozialisten das ganze ruchlose Verbrechen der Proletariermetzelei auf ihr Gewissen geladen haben: die kapitalistischen Bourgeois. – Ich bin kein Pessimist. Ich glaube – ja, ich weiß, daß die Internationale der kommunistischen Räterepubliken am Ende unsrer und der Weltrevolution stehn wird, aber ich verschließe mich nicht den Befürchtungen, die aus dem höchst gewissenlosen Gebaren der gegenwärtigen sozialdemokratischen Gewalthaber erwachsen. Wenn das Kapital der Besitzenden ernstlich bedroht ist – und die durch den fortgesetzten Militarismus veranlaßte beschleunigte Entwertung des Geldes, verbunden mit den Wirkungen der revolutionären Arbeiterausstände, besonders in den Kohlengebieten, macht diese Bedrohung in absehbarer Zeit sehr wahrscheinlich – werden die reaktionären Mächte das äußerste wagen, um die Gewalt an sich zu reißen. Die Sozialdemokraten haben dann ihre Pflicht erfüllt und eine neue Aera Ludendorff mit monarchistisch-despotischer Tendenz blüht auf, die zwar den Untergang des Kapitalismus auch nicht verhindern kann, die aber ein Blutregiment über Deutschland aufrichten wird, das seinesgleichen noch nicht gesehn hat, und dessen Ende ich für meine Person bestimmt nicht erleben werde. Denn die „Rädelsführer“ werden nicht lange prozessiert werden. Für diese Aera bereiten die Scheide- und Hoffmänner mit ihrer erbärmlichen feigen liebedienerischen Verräterpolitik jetzt den Boden, indem sie das zukunftsfrohe Proletariat niederbütteln und die Nutznießer der sich vorbereitenden nackten Reaktion, Marke Hohenzollern-Wittelsbach, in den Besitz des gesamten staatlichen Waffenarsenals und Verwaltungsapparats setzen. Eines Tages werden ihnen die Augen aufgehn, wenn sie selbst als Opfer ihres Verrats mitgehangen werden. Dann werden sie erkennen, daß ihre wahnwitzige Kommunistenverfolgung dem deutschen Volk mindestens zehn Jahre Freiheit und Glück gekostet haben wird. Nur ein rechtzeitiger Sieg der Revolution über Weimar kann uns dieses Unglück ersparen. Aber die nächste Zukunft liegt in düsteren Nebeln vor uns.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 3. Mai 1919.

München ist gefallen. Nach den Meldungen, die bis jetzt vorliegen (Bamberger Tagblatt von gestern) standen die Regierungstruppen am 1. Mai 5.30 abends an der Linie Thalkirchen-Laim-Nymphenburg-Riesenfeld-Schwabing-Hirschau-Max Weberplatz-Thalkirchen. Also eine lückenlose Umzingelung, die stellenweise das Weichbild Münchens schon tief erfaßt hat. Dann ein Stuttgarter Telegramm, wonach die württembergische Regierung einen Funkspruch aus München erhalten habe, daß Mittwoch(?)abend die Volkswehr-Kompanie Regensburg als erste Regierungstruppe in München eingezogen sei. Die Residenz sei besetzt. Diese Meldung und in dieser Form ist jedenfalls unzuverlässig. Dagegen besagt unter letztem Telegramm ein Nachtrag vom 2. Mai, vormittags 10 Uhr: „Unsre Truppen sind in München eingedrungen und haben im Norden der Stadt die Briennerstraße besetzt. Residenz von Volkswehr Regensburg mit bewaffneter Hilfe aus München besetzt. Isarbrücken bis zur Reichenbachbrücke von Regierungstruppen gesichert. Rosenheim hat trotz Abmachung Führer und Waffen nicht ausgeliefert. Stadt daher von Freikorps Passau nach Kampf besetzt.“ – So muß man denn wirklich wieder wie in Traunstein Kriegsbulletins ausschreiben, nur diesmal mit banger Sorge und tiefem Herzweh. Die näheren Umstände der Besetzung Münchens sind noch nicht bekannt. Nur ein Funkspruchwechsel zwischen den Verteidigern Münchens und der Regierung Hoffmann wird aus Bamberg gemeldet. Die Münchner funkten: „Neuer Aktionsausschuß zusammengetreten. Wünscht in Besprechungen einzutreten. Stellt Waffenhandlungen umgehend ein. Wir stellen dieselben ein, wenn die Truppen der Regierung Hoffmann das Weichbild der Stadt nicht betreten, da der Aktionsausschuß keine Garantien übernehmen kann, daß der Einmarsch nicht zu einem blutigen Straßenkampf wird.“ Antwort: „Bedingungen unannehmbar. Legt Waffen nieder. Widerstand ist nutzlos. Regierung Hoffmann.“ – Es ist also wieder deutlich, auf welcher Seite man Blutvergießen vermeiden möchte, und wie gleichgültig den Bambergern die mörderischen Bruderkämpfe sind, wenn sie nur ihre Autorität dabei zeigen können. Mit was für Methoden die Weißgardisten zur Gewalt gegen die Kommunisten aufgehetzt wurden, zeigt eine Notiz der Zeitung, in der sie aus einem Aufruf einen Passus mitteilt, der den in Bayern einrückenden Württembergern von amtlicher Stelle(!) überreicht wurde. Da geht es gegen die Führer der ganzen Bewegung los, die als „land- und wesensfremde Literaten und politische Hochstapler“ bezeichnet werden. „Lipp, Spitzel und Agent des großen Hauptquartiers. Zweimal im Irrenhaus. Verriet die Revolution im November an das Hauptquartier u. s. w.“ „Wadler, Arrangeur der belgischen Arbeiterdeportationen und Ober-Alldeutscher.“ „Levien gehirnsyphilitischer Bolschewist aus Moskau, der im Jahre 1906 die eignen Parteigenossen dem Henker überlieferte, um selbst dem Galgen zu entgehn etc. etc.“ Harmloseres über Silvio Gsell und Toller. Und über mich wörtlich: „Erich Mühsam, anarchistischer Berliner Literat, der sein ganzes Leben im Kaffeehaus verbracht und noch nie eine Stunde gearbeitet hat. Nach Mitteilung der Neuen Zürcher Zeitung in Zürich wegen Diebstahl polizeilich verfolgt.“ Mit solch hundsgemeinen Mitteln pöbelhafter bewußter Verleumdung arbeitet die Sozialdemokratie amtlich! Was an den Besudlungen meiner Kameraden dran ist, kann ich natürlich nicht wissen. Wahrscheinlich ist überall so ein Körnchen verbogener Wahrheit dabei, wie bei mir, das die Lüge nur noch ekelhafter und gemeiner macht. Meine Züricher Diebstahlsgeschichte spukte schon vor meiner Verhaftung in der Form, daß ich wegen gemeinen Diebstahls steckbrieflich verfolgt würde. Ich habe das zusammen mit dem Gerücht, daß ich mir in Bogenhausen eine Villa gekauft hätte, im Laufe der verhängnisvollen Woche in den Münchner Zeitungen einfach dementiert. Vielleicht habe ich die Sache noch nie in meinen Tagebüchern festgelegt. So mag hier für die Zukunft die Wahrheit vermerkt sein, der ich mich gewiß nicht zu schämen brauche. Im Jahre 1905 war ich mit Johannes Nohl zusammen in Zürich in großer Not. Wir wohnten am Zürichberg und ganz in unsrer Nähe das Freundespaar Kurt Münzer und ein gewisser Feigel, früherer Theaterinspizient. Eines Tages erlitt Nohl infolge Hungers einen Schwächeanfall und, da man sich öfters gegenseitig aushalf, lief ich zu den beiden, um sie anzupumpen. Sie waren nicht da. Ich fand aber auf ihrem Tisch einige Bücher: Burkhardts Cicerone, die ich mitnahm, wobei ich einen Zettel zurückließ, der den „Diebstahl“ anzeigte. Ich versetzte die Bücher in der Nähe bei einem Antiquar für 10 Franken, für die ich sofort Lebensmittel kaufte. Später kam Feigel und bat, ich möchte ihm einige Photographien herausholen, die im Cicerone gesteckt hätten. Ich ging deswegen am nächsten Tage zu dem Antiquar, der aber für einige Tage verreist war, sodaß sich die beiden gedulden mußten. Inzwischen hatte ich, da Feigel wegen der Bilder sehr ungemütlich wurde, die 10 Franken verschafft und ihm zur Verfügung gestellt, damit er die Bücher, sobald der Antiquar zurück wäre, selbst holen könnte. Er wies aber das Geld zurück und verlangte die Bücher und zwar sofort, also ein unmögliches Verlangen. Da er sehr unverschämt auftrat, wurde auch ich grob – und der Kerl ging hin und verklagte mich wegen Diebstahls. Ich schaffte dann die Bücher wieder her, wobei ich konstatierte, daß die Photographien die beiden Freunde in kompromittierenden Stellungen darstellten. Das Geld zum Auslösen der Bücher erhielt das Freundespaar außerdem von mehreren Seiten, an die ich mich gewandt hatte, sodaß sie außer ihrem Eigentum auch noch zu Barverdienst kamen. Da aber die Klage eingebracht war, nahm auch der Prozeß seinen Gang und ich wurde zu 20 Franken verurteilt. Der Richter selbst sagte damals, er möchte in diesem Falle, wo ich einfach das Nächstliegende getan hatte, um einen Hungernden zu Kräften zu bringen, lieber in der Rolle des Beklagten dastehn als in der des Klägers, und ich erklärte, ich würde, wenn ich noch einmal in dieselbe Situation versetzt wäre, wieder genau so handeln. Ein Redakteur der Neuen Züricher Zeitung aber, – ich glaube Trog heißt der Lump – ich kenne ihn garnicht persönlich, wie die meisten meiner Todfeinde einseitige Bekannte sind – hat in den 14 Jahren, die inzwischen verflossen sind, keine Gelegenheit ausgelassen, mich öffentlich als Dieb zu brandmarken – und jetzt hat er das Glück, eine sozialistische Regierung zu finden, die seine hundsföttische Denunziation in einem amtlichen Aufruf an ein Söldnerpack weitergibt, das man aus politischem Egoismus zu Bestialitäten gegen Klassengenossen aufreizen will. Wie erbärmlich! wie niedrig! wie verkommen! – – Ich höre die Schlösser vor den Zellen rasseln. Die Abendsuppe wird gleich kommen. Da werde ich schließen. – Von Mila ist ein langer lieber Brief heute angekommen. Und an Zenzl, denke ich, werde ich nun wohl auch bald schreiben können. So hat der Fall Münchens, der mir furchtbar nahe geht, doch auch seinen Vorteil für mich.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 4. Mai 1919.

Böse Einzelheiten von München, wo übrigens gestern noch gekämpft worden zu sein scheint. Amtlich wird von Bamberg, 2. Mai mittags, gemeldet: „Die Spartakisten halten noch Sendlingertorplatz, Sonnenstraße, Mathäserbräu, Hackerbrücke, Dachauerstraße und Kasernenviertel. Aibling und Bruckmühl wurden von Regierungstruppen besetzt. Der Führer der roten Armee Egelhofer wurde von unsern Truppen verhaftet.“ Über die Organisation des Aufmarsches und Angriffs kommen Nachrichten, die zeigen, daß der kaputte Militarismus des ganzen wilhelminischen Deutschen Reichs geleimt wurde, um München zu „befreien“. Leiter der gesamten Operationen war der preußische Generalleutnant von Oven. Dann kommt eine lange erhebende Namensaufzählung von hohen Offizieren aus allen Gauen Deutschlands: Major von Unruh, Generalmajor Möhl, der Generalissimus der bayerischen Truppen, der aber nicht viel Initiative scheint entwickelt haben zu dürfen. General Haas, der Anführer der Württemberger, die sich bei der Niederknüppelung der bayerischen Arbeiter mit besonderem Ruhm bedeckt haben. Ihm schloß sich Oberst Epp an, ein lieber Bekannter schon von der Auerschen „Bürgerwehr“ her. Dachau wurde vom Generalleutnant v. Friedburg, Kommandeur des Freikorps Görlitz besetzt (wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern), dann werden die Taten der Gruppen der Generalmajore Detzen und Siebert beschrieben, die alle wieder zum Schwert gegriffen haben, um der sozialdemokratischen Regierung in Bamberg zu ewiger Macht zu verhelfen. Das bilden sich die Hoffmänner wirklich ein und erkennen nicht, daß sich die Royalisten genau so lange ihnen dienstbar machen werden, bis sie weiter links nichts mehr aufzuräumen finden und dann die ihnen von „Sozialisten“ gegen Sozialisten ausgelieferten Waffen gegen jede Art noch so zahmen Sozialismus und für die Wiederaufrichtung ihrer Herrlichkeit verwenden werden. – In verschiedenen Meldungen wird die kräftige Hilfe erwähnt, die den Weißen Garden von bewaffneten Münchner Bürgern zuteil geworden sei, die sich im Stillen zu einer bereitstehenden Sicherheitswehr organisiert hätten. Die Entwaffnung der Bourgeoisie krankte also doch noch an zu zaghafter Ausführung. Wie in Berlin die Militärs die Entwaffnung des Proletariats, die doch komplizierter war, durchgeführt haben, hätte man sich zum Beispiel nehmen müssen. Einzelmeldungen müssen erst bestätigt werden. Daß Toller im Kampf gefallen sein soll, mag ich nicht eher glauben, als es gewiß ist. Landauer, Gandorfer, Kübler sollen verhaftet sein. Ein Bericht der „Augsburger Postzeitung“ wird vom WTB weitergegeben, datiert aus Pasing vom 1. Mai, 10 Uhr abends. Seine Details sind natürlich sehr zweifelhaft, aber ich will ihn der Nachprüfung wegen im ganzen abschreiben: „Bis zum Abend war das Kriegsministerium, die Residenz und das Wittelsbacherpalais von preußischen Truppen besetzt. Zur Zeit finden noch in der Umgebung des Bahnhofs und des Karlsplatzes heftige Straßenkämpfe statt. Eine in der Stadt selbst gebildete Sicherheitswehr hat in die Kämpfe eingegriffen. Es bestätigt sich, daß die Zersetzung der Roten Armee bereits große Fortschritte gemacht hat. Aus den Häusern ist teilweise auf die Rotgardisten geschossen worden. Ein heute morgen von der kommunistischen Regierung vorbereiteter Anschlag teilt mit, daß von den verhafteten Geiseln verschiedene Persönlichkeiten, darunter Geheimrat Döderlein, Professor Stuck, Fürst Albert von Thurn und Taxis mit Gemahlin, Fürst Wrede etc. erschossen worden sind. Eine Bestätigung dieser Meldung ist nicht zu erreichen. Die telefonische Verbindung mit München ist teilweise wieder aufgenommen worden.“ Ich hoffe heiß, daß die Geiselerschießung nicht stimmt. Abgesehn von der entsetzlichen Rache, die folgen würde, ist das kein Mittel, um Sympathie zu werben oder um Schrecken abzuwenden. Außerdem wäre es gradezu scheußlich, wenn man sich an Frauen, blos weil sie Fürstinnen sind, vergriffen hätte und wenn man Leute von dem wissenschaftlichen und künstlerischen Range Stucks und Döderleins gemordet hätte. Aber die Nachricht wird erfunden sein zum Graulichmachen und um das Volk blutdürstig zu stimmen. Der Leitartikler meines Bamberger Tagblatts, ein Herr Johann Baptist Dietrich (man soll sich den Namen auch so eines zufälligen Einzelnen merken, der die ganze Gattung von gesinnungs- und gewissenlosen Zeitungsbanditen repräsentiert) spuckt schon fröhlich in die Hände und fällt Todes- und Zuchthausurteile im Vorschuß, daß jeder Sadist seine Freude dran haben kann. Er fragt, was mit der „internationalen Gauner-, Hochstapler- und Narrenhäuslergesellschaft“ geschehn soll, wenn man sie in „Nummer Sicher“ gebracht hat und verlangt: „Falls die Meldung von der Ermordung der Geiseln Rosenheims sich bewahrheiten sollte, falls – wie wir nicht glauben wollen (wie gern möcht ers glauben! Aber er wird es auch benutzen, wenn es sich als Lüge herausstellt, wie er die Verstaatlichung der Frauen immer wieder hervorzieht) – wirklich auch Geiseln in München in den letzten Tagen erschossen worden sein sollten, dann kann nur Blut mit Blut abgewaschen werden, dann wird sich die öffentliche Meinung des bayerischen Landes nicht eher wieder beruhigen, als bis die Verantwortlichen für diese Bluttaten das Beil des Henkers erreicht hat. Im übrigen aber hat die volle Schwere des Gesetzes auch jene zu treffen, welche zwar nicht unmittelbar den allen Völker- und Menschenrechten Hohn sprechenden Befehl zur Ermordung von Geiseln gegeben, sondern sich überhaupt an der Entfesselung des Bürgerkriegs beteiligt haben. Sie mögen in einem Zuchthaus verschwinden, so lange als nur immer Gesetz und Recht es zuläßt, und mögen so lange darin verwahrt bleiben, daß man sich nur schwer noch ihrer Namen und Taten wird entsinnen können, wenn sich ihnen die Pforten des Gefängnisses wieder öffnen.“ Das sind also die Herzenswünsche derer, die sich haareraufend tagaus tagein über unsre asiatische Barbarei entsetzen. – Während ich schreibe, schickte mir Wadler noch zwei weitere Bamberger Blätter herein. An weiteren Mitteilungen finde ich nur unter den Letzten Telegrammen des klerikalen „Bamberger Volksblatts“ Nachrichten, daß sich ums Mathäserbräu und in Pasing schwere Kämpfe entwickelt hätten, die für die Regierungstruppen günstig verliefen. Allgemein werden die Verluste der Weißen Garde sehr niedrig, die der Roten sehr hoch geschätzt – nach einer Württemberger Meldung allein 60 Tote gegen einen der Armee Haas. Am Stachus, Sendlingertorplatz etc. soll gekämpft werden, das Mathäserbräu soll gestern früh gefallen sein. Über die Erschießung von Geiseln noch nichts Bestimmtes, doch wird jetzt der Name des Generals Bothmer, der im Kriege Ölgötze war, als Opfer genannt. In Schweinfurt und Forchheim soll es neuerdings Unruhen gegeben haben. Jedenfalls fühlen sich die Vaterlandsbefreier noch keineswegs sicher in ihrem „Sieg“. Die Werbungen für die Freikorps gehn rüstig weiter. In diesem Ton: „Mobiles Freikorps Bamberg. Kämpft für die deutsche Kultur! Russische Fanatiker und galizische Glücksjäger versuchen die Segnungen russisch-asiatischer Barbarei dem deutschen Volke aufzuzwingen. Unschätzbare Kunstwerke sind in Gefahr! Nur durch überwältigende Übermacht kann weiterer Kampf vermieden werden. Herein ins „Freikorps Bamberg“ Meldet Euch alle! Werbebüro etc. etc.“ So ähnlich klingen sie alle, die Hilferufe für die „internationalen“ Sozialdemokraten Hoffmannscher Prägung. Aber die Angst um die gefährdeten Kunstwerke ist kostbar bei diesen Plünderern Belgiens und Frankreichs. Im Zusammenhang damit ist eine redaktionelle Notiz der „Bamberger Neuesten Nachrichten“ interessant, der das Freikorps Bamberg eine Klage zugehn läßt. Nachdem es den Erfolg der Werbearbeit und den guten Geist der Freiwilligen hochgepriesen hat, jammert es: „Auffallend ist, daß sich verhältnismäßig wenig Bauern melden. Woran wird das liegen?“ Woran wohl? Soweit ich Bauern gesprochen habe, ging ihre Meinung dahin, daß es ihnen ganz egal sei, ob eine Räte- oder eine andre Regierung in München sitzt. Sie wollen arbeiten können und möglichst wenig merken. Wenn jetzt trotz der maßlosen Verhetzung der Zulauf der Bauern zu den Freikorps gering ist, so beweist das nur, daß in der Bauernschaft ein Schaden durch das Rätesystem nicht bemerkbar geworden ist. Vielleicht tritt das Landvolk aber eines Tages aus seiner Neutralität heraus, wenn sich die Wirkungen der Bamberger Befreiungsaktion durch die Requisitionen bemerkbar machen, mit denen die herbeigerufenen preußischen Landsknechte ihren Hunger werden zu stillen suchen. Wir sind noch nicht am Ende der Revolution, und ich pflege meine Kameraden damit zu trösten, daß ich die Lage der Kommunisten jetzt mit der der Entente während der vier Kriegsjahre bis zum Sommer 1918 vergleiche: Eine Niederlage nach der anderen – aber der Endsieg ist uns doch gewiß! – Nachher will ich auf gut Glück einen Brief an Zenzl schreiben. Die Verbindung wird wohl allmählich wieder hergestellt sein. – Vorher aber noch ein Wort zur Ergänzung meiner Züricher Diebstahlsgeschichte, ohne die der Bericht keinen würdigen Abschluß hat. Nämlich: Ein paar Monate nach meiner Verurteilung wurde mein Ankläger – Feigel, dem Münzer, um selbst nicht als der Dreckfink dazustehn, den Cicerone angeblich geschenkt hatte – in Berlin wegen Erpressung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Kurt Münzer, der inzwischen erfolgreicher Roman- und Novellenschreiber geworden war, winselte dann mit Briefen und gewidmeten Büchern hinter mir her, um meine Verzeihung für den erbärmlichen Streich zu erwirken; ich habe ihm nie geantwortet. Johannes Nohl aber, mein Freund und Diebshelfer, dem zuliebe ich das Ganze tat und um dessentwillen ich mich heute nach 14 Jahren noch als Spitzbuben durch den Dreck zerren lassen muß, ist eifriger Mitarbeiter derselben „Neuen Züricher Zeitung“, die mich aus dem Trog ihres selbstzufriedenen Redaktionsstabes mit all dem stinkenden Unrat bewirft. Gottes Wege –.

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 5. Mai 1919.

Morgens ¾ 9 Uhr. Um ½ 7 wird aufgestanden. Bis die Toilette beendet, das Bett geordnet – eine Viechsarbeit jeden Morgen – und gefrühstückt ist, wirds gewöhnlich fast 8 Uhr. Heut habe ich in der kurzen Zeit meiner Tageswirksamkeit schon einen Mordskrach und den Besuch des Staatsanwalts Roth gehabt. Das kam so. Als das Frühstücksgeschirr geholt wurde, wollte ich die Gelegenheit benutzen, die Gelegenheit zu benutzen, was ich mir immer gern so einrichte, daß ich die Aufseher nicht extra hersprenge, sondern einen gelegentlichen Besuch zum Austreten abwarte. In Begleitung des Zuchthaushäftlings, der die Blechtöpfe einsammelt und den von uns in eine Schaufel gesammelten Kehricht abholt, befand sich heute der unangenehme Aufseher (wenn ich den Staatsanwalt recht verstanden habe, heißt der Kerl Lang), gegen den wir alle wegen seines anmaßenden Auftretens den größten Widerwillen haben. Als ich meinen Topf abgegeben hatte, verlangte ich hinaus, wurde aber von dem Burschen mit den Worten daran verhindert: „Ich hab jetzt keine Zeit.“ Ich brüllte noch, den Zeitpunkt meines Stuhlgangs hätte ich selbst zu bestimmen, da war die Tür schon vor meiner Nase zugeknallt, nicht einmal den Kehricht konnte ich ausschütten. Dieser Wärter hat mir schon vorher zweimal – und zu verschiedenen Tageszeiten – bei derselben Gelegenheit Ärger gemacht, indem er jedesmal für meine Bedürfnisse keine Zeit hatte. Heute riß mir die Geduld. Ich machte durch Läuten, an die Tür Bullern und Rufen einen höllischen Spektakel und hörte damit nicht eher auf, als nicht – etwa nach 10 Minuten – ein andrer Wärter aufschloß. Ich erledigte meine Angelegenheit, nachdem ich den Staatsanwalt zur Beschwerde verlangt hatte. Der war dann hier. Er suchte durch Verkrümmungen seines Fischmauls den Wärter zu entschuldigen. Ich habe ihm aber erklärt, daß ich mich nicht von irgendeinem Militäranwärter als Rekruten behandeln lasse und daß ich dringend ersuche, daß dieser Mann, dem zum Bewachen von Gefangenen jede Eignung fehlt, mit uns nichts mehr zu schaffen haben solle. Seine Art sei derart provozierend, daß aus seinem Umgang mit uns nichts Gutes entstehn könnte. Herr Roth versprach, ihn zur Höflichkeit zu ermahnen. – Nun habe ich über diesen Dreck eine ganze Seite des Tagebuchs vollgeschrieben. So verliert man in der vergitterten Zelle das Maß für das Wesentliche. Aber der Ärger mußte „abreagiert“ werden. Außerdem gibts heute keine Zeitungen (Sonntags erscheinen keine), sodaß die Weltgeschichte in meiner Klause an den Montagen pausiert. – Da ich nun heute schon bei Kleinigkeiten bin, will ich aus den Wochen vor der Münchner Rätekatastrophe eine Geschichte notieren, die mir bei all ihrer Lächerlichkeit böse Stunden gemacht und mich meine Mitgliedschaft bei der Halbeschen Kegelbahn gekostet hat, eine Geschichte, die zeigt, wie politisches und privates Erleben bei einigem schlechten Willen einiger guter Freunde durcheinander korrumpiert werden können. Meine leichtlebige Schwägerin Resl hatte eines Tags eine Jugendfreundin aufgefischt, namens Nelly X, und Zenzl hatte sich der armen Person, der es schlecht ging und die obendrein in andern Umständen war, hilfreich angenommen. Sie mietete sich also bei uns ein und ging mir entsetzlich auf die Nerven. Es galt also, sie irgendwo in Stellung zu bringen, und siehe da, meine Freundin Ritscher, an deren Aufstieg zum Bühnenstern ich erheblichen Anteil habe, suchte eine Zofe und Zenzl vermittelte die Sache. Nelly hatte den Dienst angetreten. Aber eines Tages gabs großes Hallo, sie hatte die Ritscher um alles mögliche bestohlen und mußte den Dienst verlassen. Resl war inzwischen mit einem Herrn auf eine Reise gegangen, nachdem sie, wie sich herausstellte, von dem Gestohlenen auf dem Tauschwege einen Hut und dergleichen (ob mit Kenntnis der Herkunft, weiß ich nicht) erhalten hatte. Nachdem Nelly aus dem Dienst der Ritscher fort war, erschien eines Tages bei Zenzl ein Polizeibeamter: bei Frl. Ritscher sei eingebrochen worden, der Verdacht der Anstiftung oder Mittäterschaft lenke sich auf Nelly, außerdem habe die Ritscher die Adresse von Zenzls Bruder angegeben, und es war jawohl dabei die Andeutung „Spartakus“ gefallen, was natürlich auf mich ging. Spartakist und Plünderer ist nämlich für den Normalbürger dasselbe, und Mühsam und Spartakist mindestens intim verwandt. Ja, eine Dame wollte mal meine Hilfe, indem sie von mir ins Haus ihres geschiedenen Ehemanns – eines Oberarztes –, der sich schäbig gegen sie benehme, ein paar handfeste Spartakisten zum Plündern dirigiert wissen wollte. Der Einbruch bei der Ritscher mußte also von Nelly arrangiert und von Mühsamschen Spartakisten exekutiert worden sein, und eines Schwagers Adresse kannte man. Natürlich war Zenzl wütend über die Verdächtigung und den Polizeibesuch. Ein Telefongespräch tat das weitere. Der Bildhauer Edwin Scharf, der Freund der Ritscher, hörte von mir, daß, wenn ich Spartakisten schicke, sie nicht plündern sondern ohrfeigen würden. Damit schien die Sache erledigt, bis mir bekannt wurde, daß, während ich von früh bis nachts an der Arbeit für die Revolution war, meine Freunde beim Wein zusammensaßen und ernsthaft debattierten, wieviel Anteil Zenzl und ich an dem Einbruch bei der Ritscher haben möchten. Eines Tages telefonierte Frau Anna Langheinrich mich an, ich möge doch einmal zu ihr kommen, da sie mich in der Ritscher-Angelegenheit interpellieren wolle. Da wurde mir die Geschichte zu dumm. Ich erklärte ihr, irgendwelche Verteidigung in der Affäre lehne ich ab, und wenn die Ritscher mit ihrem Gewäsch nicht aufhörte, könnten wirklich mal etliche Matrosen zu ihr kommen, die ihr den Spartakismus mit ein paar kräftigen Maulschellen plausibel machten. Über das Ehepaar Langheinrich ist aber einiges einzuschalten. Als ich noch im Kriegsministerium arbeitete, waren die Leute, die durch den Krieg mit ihrem Graphitwerk vielfache Millionäre geworden sind, derart liebenswürdig, daß mir angst wurde. Sie behandelten mich als einflußreiche Persönlichkeit, und eines Tages erboten sie sich, mir eine Zeitschrift zu finanzieren – und zwar mit einer halben Million Mark. Die Sache zerschlug sich nur dadurch, daß sich Madame – sie wollte die Sache machen – ein Vetorecht vorbehalten wollte, worauf ich natürlich nicht einging. Inzwischen merkte aber er – Max Langheinrich, mein Duzfreund –, wohin der Hase der Revolution läuft, und daß grade ich am eifrigsten von allen den Kampf gegen den Kapitalismus propagierte, demnach natürlich auch die Enteignung seines Kropfmühler Werks. So war die Freundschaft recht unverhohlen schon geraume Zeit in ganz etwas andres umgeschlagen, und auf der Kegelbahn und wo wir uns sonst trafen, hielt Langheinrich mit erbosten Redensarten nicht zurück, lud mich auch nicht mehr zu den bei ihm üblichen Weingelagen ein. – Jetzt war also ein Anlaß da gegen mich loszumarschieren, und es fand sich auch ein Bundesgenosse Langheinrichs, nämlich mein alter Duzfreund Hermann Sinsheimer, der in heller Empörung die Partei der Ritscher gegen mich ergriff (dies alles, ohne daß ich recht wußte, was eigentlich vorging, da mich die Revolution und nur sie beschäftigte). Ob Sinsheimer aus Liebe zur Ritscher oder aus Haß gegen den Umsturz Fanfare blies, weiß ich nicht, jedenfalls wurde Zenzl eines Tags, um die Sache einzurenken, zur Ritscher geladen, wo Sinsheimer und Scharf anwesend waren, und Sinsheimer gegen sie unverschämt ausfallend wurde. Dann folgte ein Brief von Max Halbe an mich, Langheinrich habe an ihn als Präses der Kegelgesellschaft einen Brief gerichtet, worin der Fall der „Unterströmung“ unterbreitet werden sollte. Ich erwiderte, daß ich jede Verteidigung ablehne und daß, wer seine silbernen Löffel vor mir nicht sicher glaubt, auf meinen Verkehr verzichten soll. Telefonisch machte ich dann mit Halbe aus, daß ich vorerst der Kegelbahn fern bleiben würde, was ihn sehr beruhigte. Hätte Langheinrich nicht den vortrefflichen Weinkeller, dann hätte mein guter Max Halbe fraglos ganz anders auf dessen Unverschämtheit reagiert. Halbe weiß das selber nicht, wie tief abhängig er von dergleichen Annehmlichkeiten ist. Die Familienzirkel bei Stollbergs, Holm[s], Waldaus, Halbes, Langheinrichs etc. hatten so ein ausgezeichnetes Thema, um zugleich den Anarchisten und Verbrechergenossen Mühsam und die ganze politische Richtung, die ihren Rentenbezug gefährdet, gründlich zu erledigen. Langheinrich tat aber noch ein übriges. Er schrieb mir einen Brief (in dem er mich siezte), und teilte mir mit, daß meine Frau eine übel beleumundete Person bei sich aufgenommen und daß ich mich einer alleinstehenden Künstlerin gegenüber schwerer Bedrohungen schuldig gemacht habe. Das genüge für ihn, jeden Verkehr mit mir abzubrechen. Ich werde das wohl verschmerzen können. Von allen meinen Freunden haben diese Probe auf Anständigkeit zwei musterhaft bestanden: Ziersch und Maaßen. Halbe wäscht seine Hände in Unschuld und möchte es mit keinem verschütten. Ich nehms ihm auch nicht übel, er ist nun mal so. Maaßen und Ziersch aber werde ich ihre Treue hoffentlich noch einmal danken können.

 

Nachmittag 4.50 Uhr.

Eben erhalte ich den „Freistaat“ (das Regierungsorgan der Bamberger) vom Samstag. Daraus entnehme ich einige neue Daten über die Münchner Vorgänge, die so entsetzlich sind, daß ich sie vorerst nicht glauben kann. Die letzte Depesche, schon vom 3. Mai, enthält folgende Meldung: „ ... Die radikalen Führer Egelhofer, Landauer, Fraundorfer, Dr. Menci (gemeint sind wohl mit den beiden letzten Gandorfer und Muckle* sind verhaftet. Man wird mit ihnen verfahren, wie sie es mit den Geiseln gemacht haben, die sie am Mittwoch und Donnerstag im Luitpoldgymnasium erschossen und in grauenhafter Weise verstümmelt haben, wie sich nun amtlich bestätigt. Die Namen konnten infolge der Verstümmelung der Leichen nicht festgestellt werden. Die Erbitterung der Einwohnerschaft ist aufs höchste gestiegen. Egelhofer wurde erschossen ...“ Seit von der Erschießung von Geiseln die Rede ist, bin ich die Angst um Landauer nicht losgeworden. Grade er hätte sich entschieden dagegen gestemmt. Eine verbrecherischere Verrücktheit wäre ja nicht auszusinnen gewesen. Man nimmt Geiseln fest, um der Gegenseite die Lust zu nehmen, ihren Gefangenen Böses zu tun. In dem Augenblick, wo der Gegner die Gewalt an sich reißt, Geiseln umbringen, heißt das Leben der eignen Genossen sinnlos und frivol opfern. Leider traue ich gewissen Führern der KPD in München derartige niederträchtige Dummheiten zu, doch beruhigt mich etwas die Angabe, die Leichen der Erschossenen seien verstümmelt. Das klingt denn doch so nach Greuellüge, daß Zweifel an der ganzen Meldung gerechtfertigt scheinen. Es wäre ja schauderhaft, wenn man grade Landauer tötete. Was wissen denn diese Barbaren von seinem großen, klaren, starken Geist? was von seinen Lehren, Bekenntnissen, Werbungen, Leistungen, was von den Bereicherungen, die er als Philosoph und Sozialist diesem Volk gegeben hat? Wie tief mich persönlich dies Furchtbare träfe – davon rede ich nicht, jetzt nicht. Denn ich glaubs nicht und wills nicht glauben. – Um Egelhofer – dessen Tod wird ja ganz positiv behauptet – täts mir leid, aber das wäre ein Gefallener unter vielen. Ich vertrug mich immer gut mit ihm, und er hat mich manchmal begleitet, wenn ich abends den Schutz einer starken Wache brauchte. Die Verluste der Weißgardisten scheinen doch beträchtlicher zu sein, als man wahr haben möchte. Der Generaloberarzt meldet unter den Gefallenen u. a. zwei Generäle und einen Oberstleutnant. Mich persönlich ängstigt die Mitteilung, wo die letzten Kämpfe stattfinden. Gegend Dachauerstraße, Schleißheimerstraße, Giesing und südlich vom Hauptbahnhof wird genannt, wo noch Widerstand geleistet werde. Schleißheimerstraße! Das ist also grade unsre Gegend. Was mag Zenzl machen? Ohne Gruß, ohne Worte, ohne Ahnung in diesen Stunden und Tagen – das ist schrecklich ... Meine Kameraden ergehn sich großenteils in sehr weitschweifenden Hoffnungen. Sie glauben, nach der Besiegung Münchens stünde unsre Befreiung bald bevor. Das glaube ich durchaus nicht. Ich rechne noch mit monatelanger Haft. Sollte aber unerwartet doch die Freilassung kommen, so bin ich noch nicht schlüssig, ob jetzt meine Anwesenheit in München opportun wäre. Ich bin fast jedem bekannt, und bei der Verhetzung der kleinen Geschäftsleute und der Studenten wäre mein Leben vielleicht jetzt dort gefährdeter als je. Vielleicht ginge ich zu Mila nach Bensheim. – Zunächst hoffe ich aber mal auf einen Brief und dann auf den Besuch von Zenzl. Vorher will ich keine Pläne machen.

 

* oder Frau Dr. Menzi?

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 6. Mai 1919.

Vorhin erschien der Aufseher Lang in meiner Zelle und forderte mich bescheiden auf – der gute Mann hat seit gestern Höflichkeit gelernt –, ich möge mich wie zum Hofspaziergang zurecht machen. Das ist jetzt über eine halbe Stunde her, und da seitdem kein Bescheid gekommen ist, was diese auffällige Anordnung bedeuten soll, habe ich den Paletot wieder ausgezogen und warte das Weitere ab, indem ich das Tagebuch vornehme. – Von München liegen neue und sehr betrübende Meldungen vor. Die Stadt ist nun vollkommen „befreit“. Es hat sehr viele Opfer gekostet: angeblich an 100 Tote und 900 Verwundete. Die Erschießung der Geiseln (10 an der Zahl) bestätigt sich leider, die Verstümmelungen natürlich nicht. Die Namen der Getöteten sind mir sämtlich unbekannt, außer dem eines Prinzen von Thurn und Taxis. Eine Frau ist bedauerlicherweise auch dabei, eine Gräfin Hella v. Westarp aus München. Die Erschießungen erfolgten im Luitpoldgymnasium am 30. April, angeblich auf Befehl des Kommandanten Fritz Seidel aus Chemnitz(?) und seines Stellvertreters Willy Hausmann aus München, der bei seiner Verhaftung dann Selbstmord begangen haben soll. Egelhofer soll bei seiner Verhaftung, da er einen Fluchtversuch unternahm, erschossen sein. Als Mitschuldiger an der Hinrichtung der Geiseln sei Sontheimer standrechtlich erschossen worden. Sontheimer! Mein Leidensgefährte und Leidensvermehrer in Traunstein. Ich kann mich leider des Verdachts wirklich nicht erwehren, als ob er die Scheußlichkeit der Geiseltötung befürwortet hat. Er hat immer blutrünstige Phrasen bei der Hand gehabt. Ihm schien die Revolution nicht richtig zu funktionieren, wenn nicht Blut in Strömen dabei floß. Das war sein Spleen. Nun hat er sein eigenes Blut hergeben müssen für eine Sache, die er selbst nie richtig begriffen hat. Wie schrecklich muß er seinen Tod erlebt haben, der an keine Lebensfortsetzung, an keine Seele glauben konnte, dem alles mit dem Augenblick des irdischen Abschlusses absolut zu Ende zu sein schien. Aber auch er war ein Kämpfer, in seiner Art ein Idealist, einer, der sich mutig vor seine Idee stellte, mochte sie noch so verworren sein. War er schuldig an dem Verbrechen gegen die Geiseln, so hat er gebüßt. Auch sein Gedenken in Ehren! – An Einzelheiten ist nicht mehr viel zu vermerken. Der Zeitungskiosk am Stachus ist völlig vernichtet, an manchen Stellen sollen noch Franktireurangriffe auf die Weißgardisten erfolgen. 5000 Rotgardisten seien gefangen. Auch Frauen sollen sich am Kampf beteiligt haben (hoffentlich ist Zenzl frei). Levien, Nissen und Toller scheinen sich gerettet zu haben. Nähere Mitteilungen bleiben noch abzuwarten. – Im Polizeipräsidium sollen die Spartakisten sämtliche Einrichtungen und Apparate des Erkennungsdienstes, Akten, Formulare, Fingerabdrücke und Wohnungsmeldezettel verbrannt haben, ebenso das ganze Material des Zigeuner-Überwachungsdienstes, wie es in der Zeitung gerührt heißt: die Arbeit von 50 Jahren. Da hat die Spitzelei allerdings einen schweren Schlag erlitten. – In der Bevölkerung soll heller Jubel sein. „Bayerische und Reichsfahnen schmücken die Häuser“ heißt es. Die Patrioteska traut sich dank der sozialdemokratischen Mord-Arbeit also ganz ungeniert wieder hervor. Der Sieg Bambergs erweist sich jedoch durchaus als ein Sieg Weimars. Schon hat Bayerns Regierung erklärt, daß sie sich gegen den Anschluß an die Reichswehrorganisation nicht mehr sträuben wolle. Ebenso wird der Verzicht Bayerns auf alle Reservatrechte ausgesprochen. Wie tief diese „Sozialisten“ schon gesunken sind, dafür gibt ein amtliches Inserat deutlichen Aufschluß, „betreff Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung“, unterzeichnet Segitz. Da werden Extramaßnahmen „gegen Personen, namentlich Ausländer, die sich gegen die Regierung betätigen (!) oder deren Verhalten sonst Ordnung und Ruhe gefährdet“ angeordnet. Die Distriktsverwaltungsbehörden werden darin angewiesen, gegebenenfalls „Ausweisung aus Bayern oder aus einem engeren Bezirk oder Anweisung eines genau zu bezeichnenden Aufenthalts unter Auferlegung einer persönlichen Meldepflicht“ zu verfügen. Das bedeutet die Rückkehr zu den schändlichsten Kriegsmethoden und die Möglichkeit, mich z. B. wieder nach Traunstein zu schicken, wie sich denn die „sozialistische“ Behörde, die das anordnet, ausdrücklich auf den Artikel 4 des Kriegszustandsgesetzes beruft, der auch meine Vergewaltigung damals begründen mußte. Aber Segitz geht noch weiter als seine Vorgänger vom Generalkommando: „Die ergehenden Anordnungen sind nach Möglichkeit auf Kosten der Betroffenen zu vollziehn“. Ich wurde wenigstens auf Staatskosten abgeschubt. Scham kennt diese Bande nicht, aber Reue wird sie noch kennen lernen, und eines Tages wird sie uns gegen die Vollstrecker ihrer reaktionären Infamien zu Hilfe rufen. – Auch aus Ungarn treffen die allerbittersten Nachrichten ein. Die Bedrängung durch rumänische, tschechoslowakische und Ententetruppen veranlaßte die Räteregierung sich an die französische Mission zu wenden, die diese Bedingungen stellte: „Sofortige Kapitulation, Ablieferung sämtlicher Waffen, Munition und sonstigen Kriegsgeräts, Besetzung von Budapest durch die Ententetruppen, Absetzung der Räteregierung und Ersetzung durch ein demokratisches Regime.“ Das heißt Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Inzwischen passiert die polnische Armee des Generals Haller durch Deutschland, um gegen die ukrainischen und russischen Sovjetgewalten zu Felde zu ziehn. So hat sich die Internationale der Reaktion wieder zusammengefunden, in aller Welt von den imperialistischen Kriegsgewalten, bei uns von Sozialdemokraten repräsentiert. Wir erleben einen schrecklichen Rückschlag – und trotzdem ist unser Sieg sicher. Die Vorgänge in Paris am 1. Mai zeigen, daß das Proletariat auch in den siegreichen Ländern auf dem Posten ist, und die wirtschaftliche Aussichtslosigkeit bei uns wird ein übriges tun. Nur – es wird noch viel Blut, Elend und Kampf geben. Aber zum Verzweifeln ist kein Anlaß.

 

Nachmittag ½ 5 Uhr.

Landauer tot. Ich will und kann es nicht für möglich halten und muß es doch glauben. Nur ein kleines Restchen Hoffnung, daß es vielleicht doch nicht wahr sei, ist noch da, und an das klammere ich mich. Die Meldung – im „Bamberger Volksblatt“ – lautet: „Landauer fiel in Pasing den Regierungstruppen in die Hände und wurde sicherem Vernehmen nach bei seiner Einlieferung ins Gefängnis von der Menge getötet.“ Gelyncht also – wie Rosa Luxemburg von einer durch Lügen und verleumderische Verhetzung fanatisierte und mordgierig gemachte Soldateska schnöde ermordet. Es ist so furchtbar – so grauenvoll: mein Freund und Führer, mein Lehrer und Genosse. – Und ich sitze da, eingekerkert von denselben Verbrechern, die seinen Tod verschuldet haben und kann nicht helfen, niemanden trösten, nicht zu seinem Begräbnis gehn, kein Wort des Gedächtnisses für ihn sprechen. Und niemand – auch von denen nicht, die jetzt erbittert sind gegen seine Mörder – niemand weiß, welch ein Geist hier zerstört ward. Ich sitze in meiner einsamen Zelle und klage und weiß dabei, daß das Verbrechen der eignen Genossen – die unselige Ermordung der Geiseln – die letzte Ursache der Schandtat ist, die Gustav Landauer zum Opfer forderte. Wer die Geiselerschießung anordnete, der hat endlose Schuld auf sich geladen, der muß unendliches Blut guter reiner Menschen verantworten. So soll auch Klingelhöfer mit seiner Frau standrechtlich erschossen worden sein. Und gegen die standrechtlichen Erschießungen fehlt uns jetzt jedes Recht zur Entrüstung. Haben doch verblendete verbrecherische Narren der eignen Seite mit dieser Ruchlosigkeit begonnen. Das Lynchen allerdings war der Bourgeoisie-Kanaille vorbehalten: und den besten, edelsten, reinsten, größten Mann hat sie sich ausgesucht dazu. Die Kommunisten hatten am 12. April Aschenbrenner in ihrer Hand, den Menschenschinder, der mit seinen Trabanten am Hauptbahnhof eine private Prügeljustiz infamster Art etabliert hatte, – ihm ist kein Haar gekrümmt worden, und am Tage darauf leitete dieser selbe Mensch die Tragödie ein, die jetzt in München zum Abschluß kommt. Natürlich macht die Presse furchtbaren Lärm wegen der Tötung der Geiseln und schnaubt Rache. Auch mein Blut wird verlangt. Das „Bamberger Volksblatt“ schreibt (der Bandit, der sich das leistet, zeichnet A. H.): „Der gewöhnliche Tod des Erschießens ist für die Münchner Bestien viel zu wenig, die bestialischen Verbrecher sollten auf öffentlichem Platze gehängt und als abschreckendes Beispiel für vertierte Gesellen zur Schau gehängt werden. Gleichviel, ob die Toller, Levien und Levine direkt die Anordnung zu diesen Scheusäligkeiten gegeben haben oder nicht, auf jeden Fall haben sie die Münchner Massen durch Verhetzung bis zu dieser Vertiertheit gebracht und darum sind sie gleich wie auch die Mühsam und Sauber an diesen himmelschreienden Verbrechen mitschuldig und unerbittlich muß hier die Gerechtigkeit ihres Amtes walten.“ Sie lechzen nach Blut, dieselben, die während der vier Kriegsjahre jede neue Schurkentat der deutschen Militärgewalt schreiend gefeiert haben: die U-Boot-Morde ebenso wie die Zeppelin-Angriffe auf London und Paris, die Hinrichtung Fryatts und der Miß Cavell und alles übrige – und sie, die für die Ermordung Liebknechts, Luxemburgs, Landauers kein Wort des Mißfallens haben, zetern gegen die „Bestien“ des Kommunismus, weil das Kapital in Gefahr ist. Wie schrecklich ist dies alles, und wie groß ist unsre Niederlage! Ich zittere um meine Zenzl. Wer weiß, ob man nicht in rachsüchtiger Wut zu ihr gedrungen ist und meine Wohnung, meine Arbeit demoliert hat. Ich ersehne aus heißem Herzen Nachricht von daheim. Habe ich die – mag sie ausfallen, wie immer, wenn nur Zenzls Leben und Gesundheit geschont ist – dann werde ich neuen Mut fassen und Klarheit gewinnen, wie aus all dem Wirrsal, aus all der Not doch noch Glück, Freiheit und Gutes erwachsen wird. – Soeben wird mir ein Brief von Lederer gebracht. Er schickt mir 100 Mark. Damit bin ich über alle materiellen Sorgen hier weg, und Zenzl braucht sich weniger zu ängstigen. – Die Aufforderung heute vormittag hat sich nachher aufgeklärt. Ich sollte im Auftrag der Staatsanwaltschaft photographiert werden, weigerte mich aber. Vorerst hat man keinen Zwang angewendet. Leider haben sich die meisten Genossen der Zumutung einfach unterworfen. Der gute Kandlbinder wies sie mit der Begründung zurück, daß er erst rasiert werden müsse. So kam er sich nicht schön genug fürs Verbrecheralbum vor. Killer hat sich gleich mir grundsätzlich gesträubt. – Ich schließe für heute und nehme die Lektüre vor, die meiner Stimmung entspricht: Dostojewskijs Memoiren aus einem Totenhaus.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 7. Mai 1919.

Genau ein halbes Jahr ist heute seit dem Tage vergangen, an dem München „aufstand“. Welche schönen Erinnerungen und wie schauderhaft besudelt. Die Partei, die sich am Tage nach dem Umsturz für alle Fälle damit entschuldigte, daß alles „ohne unser Zutun“ geschehn sei, machte sich gleichwohl zum Nutznießer der gewordenen Umstände – daß er ihnen die Hand dazu reichte, war Eisners schwerste Schuld. Sie, die die guten Worte revolutionär und sozialistisch seitdem dauernd im Munde führt, hat alles getan, um die Mächte zu erhalten und wieder herzustellen, gegen die die Revolution entflammt war. Sie hat den Kapitalismus bis jetzt liebevoll konserviert, den Militarismus in Gestalt einer seit dem dreißigjährigen Kriege nicht mehr erschauten Soldateska rekonstruiert und arbeitet jetzt in Versailles an der Wiederaufrichtung des zertrümmerten Imperialismus des deutschen Reichs. Verächtlicher als dieses Gesindel von Mördern, Verrätern, Strebern, Helfershelfern aller volksfeindlichen Elemente hat nie in der Geschichte eine Bande von Konterrevolutionären dagestanden. Selbst Thiers und die Kommuneschlächter von 1871 können als Ehrenmänner bestehn gegen diese Halunken. Die Namen Scheidemann, Ebert, Landsberg, Noske, Hoffmann, Schneppenhorst etc. werden als Abscheu, als Auswurf der Menschheit dereinst von den Zukünftigen genannt werden. Sie sind schlimmer als die Ludendorffs und Hohenzollern, die doch grade und offen ihre Standesinteressen vertreten haben, während jene proletarische Ideale im Munde führen und der eigenen Herrschsucht zuliebe sich mit diesen Gestürzten der Novemberrevolution verbünden, um alle proletarischen Ideale niederzukämpfen. Der furchtbare Blutmensch Noske ist in Wahrheit ihr würdiger Repräsentant. Er hat kürzlich in Danzig eine Verteidigungsrede für sich gehalten, in der er zynisch und mit burschikosen Wendungen sein Mordhandwerk zu rechtfertigen suchte, das ja manchen seiner eignen Parteigenossen „unbehaglich“ stimme. Jetzt wird offiziell zugegeben, daß auch die Münchner Scheußlichkeit unter Noskes Leitung vor sich gegangen ist. Ja, der Herr Noske hat den Generalleutnant Oven in einem im Stile Wilhelms II. gehaltenen Telegramm seine hohe Anerkennung für die tüchtige und zielbewußte Leitung der Aktionen gegen das revolutionäre Proletariat ausgesprochen. Und Herr Schneppenhorst hat sich mit ihm über die Organisation der bayerischen Reichswehr verständigt, derselbe Schneppenhorst, der einer der Inauguratoren der bayerischen Räterepublik war und scheinheilig jetzt eine Rede in den Zeitungen reproduziert, die er in der Nacht vom 4. zum 5. April bei der Verhandlung im Militärministerium gehalten haben will. Ich war anwesend und kann bezeugen, daß jedes Wort erlogen ist, das er jetzt für sich in Anspruch nimmt. Auch dieser Schurke wird sich seines Triumphs nicht lange erfreuen. Über die Schrecken in München kommt langsam etwas Klarheit in die Berichte. Landauer wurde in der Villa Eisners in Großhadern verhaftet und auf dem Transport nach Stadelheim von den Soldaten, die ihn dort abliefern sollten, umgebracht. Angeblich soll er sie gegen ihre Führer aufzureizen versucht haben. Daß das Schwindel ist, ist offenbar. Er ist einfach ermordet worden, genau nach dem Beispiel Liebknechts. Die arme Frau Eisner hat, wohl weil sie Landauer Unterschlupf gewährte, in „Schutzhaft“ gehn müssen. Und wie wehleidig haben die Herren, die Eisner ins Ministerium berufen hat, getan, nachdem er tot war und ihre Intrigen gegen ihn überflüssig geworden waren. Jetzt läßt man alle Masken fallen und sperrt unbedenklich die Witwe ein. Um meine Zenzl habe ich die größte Angst. Sie hat nicht nur mit Rädelsführern ganz offen sympathisiert, sie ist sogar mit einem davon verheiratet – und über 5000 Verhaftungen sind vorgenommen, ein Beweis, daß die Gegnerschaft gegen die Hoffmänner sich nur auf eine „kleine Minderheit“ erstreckt. Nach den Meldungen im gestrigen Blatt ist Toller wirklich bei den Kämpfen – angeblich in Dachau – gefallen. Dieser gütige jugendliche Draufgänger. Er tut mir herzlich leid, wenn auch sein Tod nichts Erbitterndes hat. Wie der Kriegsfreiwillige wissen mußte, daß er sein Leben einsetzt, so mußte das auch jeder Revolutionsteilnehmer wissen. Ich habe die Möglichkeit, mein Leben der Sache zu opfern, vom ersten Tage an in Betracht gezogen. Wer für eine Idee leben will, der muß auch für sie sterben können. Aber auf die Art, wie man dafür stirbt, kommt es an. Die Ermordung Landauers ist wie die Liebknechts und Rosa Luxemburgs erbitternd und schreit nach Vergeltung. Die Erschießung Sontheimers und Egelhofers soll nach den neuesten Berichten nicht standrechtlich erfolgt sein, man behauptet jetzt Fluchtversuche, – auch das klingt nach Mord. Egelhofer wurde in der Wohnung der Frau Dr. Menzi hinter der Badewanne hervorgezogen, die Ärztin selbst verhaftet. Mein letztes Gespräch mit ihr im Wittelsbacher Palais war von mir aus sehr unhöflich, da auch sie mich als Abtrünnigen bezeichnet hatte. Klingelhöfers Tod wird bestätigt, über die Art fehlt noch Näheres. Auch da ist ein feiner für seine Sache begeisterter Mensch vernichtet, dessen Geistesgaben viel für die Zukunft versprochen hätten. Levien ist entkommen. Man will ihm scharf auf der Spur sein. Dagegen ist Leviné-Nissen im Keller eines Herrschaftshauses in Schwabing verhaftet worden. Ich fürchte, man wird auch ihn füsilieren. Ich habe ihn wenig gekannt, weiß aber, daß die Hetze gegen mich, die mir so schwere Enttäuschungen und bittere Stunden verursacht hat, wesentlich auf ihn zurückzuführen war. Auch gebe ich ihm die Hauptschuld an der ganzen Wirrnis durch die Uneinigkeit des Proletariats in München. Levien wäre damals, am 6. April, noch zum Einlenken bereit gewesen, aber Nissen war unerbittlich. Durch ihn war die ganze Woche der Konflikt mit der KPD lebendig, ohne den wahrscheinlich alles besser und glatter verlaufen wäre. Ob er an der schändlichen Geiseltötung Mitschuld trägt, weiß ich nicht. Hoffentlich nicht. Meine ganze Hoffnung ist, daß dieses Verbrechen, überhaupt ohne Auftrag, von subalternen, kritiklosen, politisch unmündigen zufälligen Bewachungsorganen verübt ist. Allerdings spricht dagegen, daß der Vollzug der Exekution nachher vom Vollzugsausschuß öffentlich plakatiert worden sein soll. Ich leide bitterlich unter dieser Beschmutzung der Revolution, die auch nicht durch die schwereren Verbrechen der Gegenseite in Berlin – der gräßliche Mord an 34 gefangenen Matrosen in der Französischen Straße und die Massenabschlachtungen bei Waffenkontrollen – gerechtfertigt werden kann. – Von Axelrod und Frau hört man garnichts. Ich hoffe lebhaft, daß diese prächtigen Menschen dem Leben, dem Volk und der Weltrevolution erhalten geblieben sind.

 

Nachmittag ¾ 5 Uhr.

Jedes Zeitungsblatt bringt neue Scheußlichkeiten. Im gerichtlich-medizinischen Institut und in den Friedhöfen lagen bis Montag etwa 250 Tote, verletzt sollen etwa 900 Personen sein. Verhaftet ist jetzt auch Niekisch, der Vorsitzende des Zentralrats, einer der wenigen anständigen Mehrheitssozialdemokraten, Kopp aus Rosenheim, soll in Miesbach festgenommen sein. „Gegen 100 Gefangene“ heißt es triumphierend im Amtsblatt der Sozialdemokraten, dem „Freistaat“, „darunter auch Frauen, wurden, die Hände am Hinterkopf, ins Militärgefängnis gebracht.“ Wo man die 5000 Verhafteten untergebracht hat, erfährt man nicht. Aber jeder Verhaftete ist schon eine Beruhigung, – sofern er nicht unterwegs ermordet ist, wie mein armer Freund Landauer, kann er wenigstens als vorerst gerettet gelten. (Wie im Kriege: auch da nannte ich gern die Gefangenen Gerettete). Alle meine Kameraden sagten mir auf dem Hof: sei froh, daß du im Zuchthaus bist, in München lebtest du nicht mehr. Allerdings sehr wahrscheinlich. Offenbar hatte der umfangreiche Spitzeldienst der Bamberger während der Rätezeit für eine genaue Kenntnis der Führer gesorgt, und die mit der Erledigung Münchens beauftragten Offiziere werden, wie seinerzeit im Januar und März in Berlin, ihre Winke gegeben haben, wem ein Unfall zustoßen solle. Ein Fluchtversuch à la Liebknecht oder eine Aufreizung der Soldaten, wie sie Landauer vorgeworfen wird, oder dergleichen ist ja leicht zu arrangieren. Unter den standrechtlich Erschossenen wird jetzt Hausmann genannt (ich kenne ihn nicht; er soll die Ermordung der Geiseln auf dem Gewissen haben), ferner Siebert, ein Redakteur der Roten Fahne meines Wissens und zu meinem Leidwesen auch Mairgünther, ein prächtiger Mensch, Arbeiter mit großem Wissensdrang und starker mutiger Überzeugung. Schumann soll in Kolbermoor von Bauern erschlagen worden sein, es ist mir aber nicht sicher, ob das der Kommunistenführer aus München ist, der mich an jenem denkwürdigen Montag aus dem Kindlkeller hinausgeleitete, oder ein andrer: ich glaube mich auch eines Kolbermoorer Genossen dieses Namens zu entsinnen. – Man blickt im Geiste um sich: lauter Tote, lauter Ermordete – es ist grauenhaft. Nie ist in Rußland derartig gewütet worden. Mit den Münchner Schandtaten hat Noske sogar seine Berliner Blutorgien übertroffen. Das ist die Revolution, der ich entgegengejauchzt habe. Nach einem halben Jahr ein Bluttümpel: mir graut.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 8. Mai 1919.

„Ordnung und Ruhe in München“, steht in der Zeitung. Das Leben geht wieder seinen normalen Gang. Zum Polizeipräsidenten hat man einen Landgerichtsrat gemacht, zum Stadtkommandanten einen Oberstleutnant (der Herrgott heißt). So wirkt die „Arbeiterregierung“. Aber schon jetzt werden die Bürger gegen sie übermütig. Ziemlich unverblümt wird angekündigt, daß sich das Bürgertum jetzt seine Rechte, an der Regierung teilzunehmen nicht mehr verkürzen lassen wolle, zumal die „Befreiung“ der Hauptstadt nur dank der Entschlossenheit des Bürgertums so glatt vonstatten ging. Ich denke mir, dem Wettstreit zwischen Bourgeoisie und Sozialdemokratie können wir mit verschränkten Armen zusehn. Der ganze Staatsbetrieb ist derartig verlottert, daß es egal ist, wer ihn schließlich vollends zugrunde wirtschaftet. Die Erben sind doch die kommunistischen Proletarier, die jedenfalls bald genug mit Streiks, passiver Resistenz und Sabotage den Lauf der Dinge wieder befeuern werden. Daß sich die Volksmetzger trotz ihres „Sieges“ in ihrer Haut noch garnicht sicher fühlen, geht aus verschiedenen Umständen hervor. Die Ministerien sind zwar nach München zurückverlegt, die Minister selber aber bleiben vorläufig in Bamberg, wohin auch der Landtag sich versammeln soll. Die Werbungen gehn unverdrossen mit dem größten Aufwand weiter – allein in der heutigen Nummer meines Bamberger Wurstblatts zähle ich 9 große Werbeannoncen, ungerechnet die amtlichen Inserate über das Technische der Volkswehr. Die alten Garnisonen löst man Hals über Kopf auf. Die Soldatenräte treten damit außer Funktion – nur unter Leitung des Herrn Landessoldatenrats Paul Simon bleibt bis zur gänzlichen Beseitigung der lästigen Einrichtung die äußere Form gewahrt. Auch hier in Ebrach scheint man sich oder uns noch nicht ganz sicher zu fühlen, denn manchmal dröhnt alles von mächtigen Schüssen. Dann werden, wie uns die bewachenden Weißgardisten verraten haben, 7,5 cm-Geschütze auf die Landstraße eingeschossen. – Ein paar Berichtigungen enthält das Blatt, die der Erwähnung wert sind. Leviné-Nissen ist nicht gefangen, sowenig wie Levien. Der Mörder Eisners, Arco, ist nicht erschlagen (es ist charakteristisch, daß man auch das erfand, um gegen die Spartakisten Stimmung zu machen. Die Verbreitung des Gerüchts setzte doch wohl dabei die allgemeine Sympathie für den Mörder voraus, – und da werden die Bamberger „Sozialisten“ die Psychologie derer, deren Hilfe sie gegen den Sozialismus brauchten, auch wohl richtig eingeschätzt haben). Auch Auer, der angeblich in der Klinik so bedroht war, daß er mit List und Gefahr fliehen mußte, hat das Krankenhaus, wie man jetzt harmlos mitteilt, verlassen, da sich sein Befinden wieder gebessert hat. Ich habe den Verdacht schon vor Wochen geäußert, daß es mit Auers Verwundung nicht entfernt so gefährlich war wie er es machte. Wahrscheinlich liefen von seinem Krankenbett aus längst Fäden, an denen die Noskepolitik nach München gezogen wurde. Jetzt glaubt er seine Zeit gekommen, da verläßt er gesunden Leibes das Sanatorium. – Vorhin wurden 2 „Eröffnungen“ in die Zelle gebracht. Die erste, unterschrieben Staatsanwalt Roth, betraf unsre täglichen Hofspaziergänge. Wir leben dem schleimigen Staatsanwalt noch nicht gebunden genug. Darum werden weitere Abstände zwischen den Einzelnen beim Herumgehn angeordnet und jede Unterhaltung verboten. Zugleich wird das Mitnehmen von Zeitungen auf den Hof untersagt. Sonst gingen die Blätter von Hand zu Hand, und diejenigen Genossen, die sich keine eigne Zeitung halten können, erfuhren halt auch was. Das will Herr Roth jetzt verhindern. Ein lieber Mensch. – Die zweite Eröffnung ist noch interessanter. Sie enthält zwar nur eine Mitteilung über unsre Adressenänderung. Wir haben Briefe und Sendungen nicht mehr an den Untersuchungsrichter C. sondern an den Staatsanwalt beim Landgericht Würzburg adressieren zu lassen. Die Begründung ist aber einigermaßen bedeutsam, denn sie ist vielleicht mein Todesurteil. Da nämlich das Standrecht über Bayern verhängt ist, geht unsre ganze Sache den Untersuchungsrichter nichts mehr an, vielmehr übernimmt das Standgericht den Fall zur Erledigung. Mühsam, mach deine Rechnung mit dem Himmel!

 

Nachmittag ½ 4 Uhr.

Staatsanwalt Roth hat an der Errettung seines Bayerlands wieder ein[es] neues Blatt seinem Lorbeerkranz eingeflochten. Wir gingen heute in so weitem Abstand spazieren und so scharf bewacht, daß die Unterhaltung wirklich unmöglich war, sodaß nun auch diese freundliche Abwechslung täglich ihrer Freundlichkeit beraubt ist. Zwei Aufseher in der Mitte, zwei Weißgardisten mit aufgepflanztem Bajonett – das ist auch eine Neuerung; früher drohte uns nur die Erschießung, jetzt auch die Durchbohrung –, außerhalb der Hofmauer außerdem von einem zum Zuchthaus gehörenden Turm herausglotzende schadenfrohe Soldaten – so marschieren wir den 100 Schritte spannenden Hof eine Stunde lang im Gänsemarsch herum. Wenigstens war heute die Luft etwas frühlingsmäßiger als bisher, wenn auch immer noch Wind und Gewölk keine Wärme und kein Sonnengefühl aufkommen lassen. Ich glaube, wenn das Wetter erst ein wenig sonniger geworden ist, wirds auch mit der Arbeit wieder gehn. Vorläufig hat die Zelle noch lange nicht die richtige Temperatur. Dazu kommt, daß ich nun seit bald 4 Wochen kein bischen Butter oder sonst Fetthaltiges gegessen habe und der infame Fraß hier dauernd den Magen in Unordnung hält. Besonders das, was man als „Gemüse“ vorgesetzt bekommt, ist ein übelriechender mit einer dicken Haut überzogener Brei, den ich solange mit Salz überschütte, bis Gestank und Geschmack einigermaßen paralysiert sind. Dadurch daß mir die gute Mila für 3 Pfund Brotmarken und Marmelade nebst sehr gutem Aufstrich (wohl eine Art Nußbutter) geschickt hat, kann ich jetzt wenigstens dem sonst trotz der Massenhaftigkeit der Kost ewig leeren und nur mit Flüssigkeit überfüllten Magen etwas Kompaktes zuführen. Außerdem habe ich mir heute dank der Hilfe Lederers eine zweite Flasche österreichischen Süßwein geleistet, der zwar eigentlich als Aperitif geeignet wäre, mir aber die unangenehmen Geschmacksempfindungen nach dem Essen wegspülen muß. Allerdings ist der Wein sehr teuer: 13,50 Mk. – Neuere Zeitungsmeldungen liegen kaum vor. Die Einzelheiten, die von der Geiselermordung gemeldet werden, klingen scheußlich, aber wer bürgt für die Zuverlässigkeit? Es heißt, Levien sei während der Exekution im Luitpoldgymnasium anwesend gewesen. Stimmt das, und er war mit der Schurkerei einverstanden, dann müßte ich selbst bald glauben, daß sein Gehirn nicht in Ordnung ist. Wenn es Subalterne auf eigne Faust taten, so muß man die im Kriege angedrillte Roheit als Motiv ansehn. Wer in Belgien an den Franktireurmorden und den damit verbundenen Massenabschlachtungen teilgenommen hat, kann kein Empfinden für Recht und Unrecht und für den Wert des menschlichen Lebens mehr haben. Primitive Menschen, die Kriegsteilnehmer waren – dazu gehörte auch Egelhofer – sind selbstverständlich verroht und in ihrer Seele von den Offizieren und Oberen verdorben worden. Wenn aber gebildete, denkende Menschen beteiligt waren, die das etwa für „Politik“ hielten, dann wende ich meinen Blick von ihnen, dann will ich keine Gemeinschaft mehr mit ihnen. Die Verhetzung aber, die in den Zeitungen getrieben wird – auch amtlich – übersteigt alles Maß. Man holt die alten Kriegsgreuel alle wieder vor. Eins der Opfer soll mit Dum-Dum-Geschossen getötet sein, da sein Schädel aufgeplatzt war. Ich erinnere mich, bei Lissagarey gelesen zu haben, wie die unter Gallifet erschossenen Kommunards nach der Erschießung aussahen. Von jedem, der in den Kopf getroffen war, wird ausdrücklich berichtet, daß das Gesicht völlig auseinandergerissen und das Gehirn verspritzt war. Aber daß man präparierte Geschosse dazu gebraucht hätte, hat deswegen niemand behauptet. – Ich mache mich, nachdem ich nun die Gewißheit habe, daß ein Standgericht über mich urteilen wird – also doch wohl ein aus monarchistischen Militärs zusammengesetztes – darauf gefaßt, daß auch ich vielleicht so enden werde. Gern stürbe ich noch nicht. Aber Angst vor dem Tode habe ich auch nicht. Nun Landauer sein Leben der Revolution geopfert hat – warum soll ich es nicht? Und wenn ich wüßte, daß diese schreckliche Form der Reaktion, die jetzt in Deutschland herrscht, die, die revolutionäre Worte für ihre Hinterhältigkeiten verfälscht, daß die dauernd Siegerin bleiben sollte, dann will ich wahrhaftig lieber an die Wand gestellt werden, um die Eingewöhnung in das Erbärmlichste nicht mit ansehn zu müssen. Aber ich glaube nicht, daß die Macht, die jetzt nur auf Bajonetten sitzt, sich lange halten wird, und ich glaube, für die vierte, endgiltige Revolution werde ich noch sehr wertvolle Dienste leisten können. Im Augenblick ist es schauerlich. Jetzt soll der Prozeß gegen die Mörder Liebknechts und Rosa Luxemburgs stattfinden – vor einem Kriegsgericht, vor Kameraden der Mörder, die aus ihrer Sympathie für die Runges und Pflugk-Hartungs garkein Hehl machen. Hat man die Mörder, soweit sie Offiziere sind, doch nicht einmal verhaftet. Die Vertreter der Angehörigen der Ermordeten, Liebknechts Bruder Theodor und Kurt Rosenfeld haben deshalb auf ihre Mitwirkung bei der Prozeßkomödie von vornherein verzichtet, weil der Staatsanwalt die Verschleierung des Tatbestands nicht nur nicht gehindert, sondern gradezu gefördert hat. – Das alles aber geschieht unter Schirm und Schutz von Sozialdemokraten. Der arme Mehring ist tot – er starb kurz nach der Liebknecht-Luxemburg-Tragödie, die dem Kranken den Rest gegeben haben wird –; wer nach ihm noch einmal eine Geschichte der deutschen Sozialdemokratie zu schreiben versucht, der sollte die Aera Noske, die Mehring nicht mehr miterlebt hat, in den Mittelpunkt stellen und aufzeigen, wie zu ihr hin sich die Entwicklung dieser auf Disziplin und Autoritätsdünkel gegründeten Partei bewegt hat. Landauer, wegen dessen Ermordung man vielleicht nicht einmal die Umstände einer Kriegsgerichtsverhandlung machen wird, sagte einmal im Rätekongreß: „Es gibt in der ganzen Naturgeschichte kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratie“.

 

Zuchthaus Ebrach, Freitag, d. 9. Mai 1919.

Münchner Neuigkeiten stehn wenig in der Zeitung. Nur eine, an einer versteckten Stelle: „Nach einer amtlichen Darstellung drangen gestern (also wohl Mittwoch) abend mehrere Gruppen bayerischer Soldaten in das Gefängnis am Karolinenplatz (?) ein und erschossen von den Inhaftierten 21 Personen, im Glauben, Spartakisten vor sich zu haben. Die Schuldigen sind verhaftet, die kriegsgerichtliche Untersuchung im Gange.“ Man wird diese Entsetzlichkeit natürlich wieder mit dem Geiselmord entschuldigen, aber wenig Aufhebens davon machen. Der Racheakte dürften es nachgrade wohl auch genug sein. Ich habe natürlich große Angst, daß auch unter diesen neuen Opfern der Gegenrevolution wieder Freunde von mir sein werden. Hätte ich nur erst von Zenzl Nachricht! Ich bin sehr besorgt, daß auch sie in Haft gesetzt sein könnte. Viele Namen und nahe Personen gehn mir in ständigen Befürchtungen durch den Sinn. – Sonst ist zu bemerken eine Notiz, nach der es in München böses Blut mache, daß die Eppschen Weißgardisten die deutsche Kokarde und die Offiziere die Achselstücke tragen. Auch daß gelegentliche Überfälle mit dem Messer auf die „Befreier“ der Stadt unternommen werden, zeigt, wie sehnsüchtig sie erwartet wurden, und was 5000 Verhaftungen ausrichten, um eine Weltanschauung umzubringen. Die russischen Genossen, die in der Roten Armee gekämpft haben, sollen, wie es scheint, wirklich alle ermordet werden. Der Ältestenrat des Landtags hat es „einmütig“ verlangt. Das sind dieselben Leute, die sich über die Geiselerschießung so sehr empören, und die Mehrzahl unter ihnen bezeichnet sich als „internationale Sozialisten“. Mir fällt aus der Zeit der ersten Kriegspsychose eine Erinnerung ein, die die Menschlichkeit der Geiselbeweiner wieder ins richtige Licht stellt. Damals stand in den Münchner Neuesten Nachrichten eine Anregung – ich glaube, ihr Urheber war Dr. Potthoff, ein Vertrauensmann der „rein sozialistischen“ Regierung Hoffmann –, man solle der Aushungerungspolitik Englands dadurch begegnen, daß man die englischen Esser beseitigte, d.h. alle englischen Gefangenen tötete. – Je deutlicher ich meine eigne Situation überschaue, um so klarer wird mir die Möglichkeit, daß das Ende meiner Gefangenschaft mit dem Ende meines Lebens zusammenfallen wird. Daß man nach der Parole handelt: die Rädelsführer müssen beseitigt werden, ist nach allem, was in München geschah, ganz klar. Hätte nach den „Fluchtversuchen“ von Egelhofer und Sontheimer und den zahlreichen standrechtlichen Erschießungen noch ein Beweis dafür gefehlt, – Landauers Ermordung hätte ihn erbracht (für die die Zeitungen zwar eine fadenscheinige Begründung, aber kein Wort des Bedauerns hatten – die gerechten Entrüsteten!) Nun sollen wir vor ein Standgericht kommen unter der Anklage des Hochverrats, wofür die Todesstrafe ausdrücklich vorgesehn ist. Ich habe die ganzen Revolutionsmonate hindurch an der exponiertesten Stelle im Kampf für die Räterepublik, den Kommunismus und die revolutionäre Konsequenz gestritten. Als Richter habe ich konservative Militärs zu gewärtigen, die aus den Zeitungen über mich als den schlimmsten Aufwiegler zu Mord, Plünderung und jedem Verbrechen aufgeklärt sind. Der Glaube, daß die Massen ohne Führer willenlos seien, ist bei diesen Leuten allgemein, die Ruchlosigkeit im Luitpoldgymnasium erfüllt sie mit unstillbarem Rachedurst – nicht weil hier wehrlose Menschen ermordet wurden, im Kriege haben sie das ja selbst oft genug erlebt, – sondern weil es Menschen ihrer Schicht waren – ob sie einen Kerl wie mich also mit dem Leben davonkommen lassen, ist mir äußerst zweifelhaft, und ich betrachte die eigenartige Lebensrettung in der Palmsonntagnacht (denn wäre ich jetzt in München ergriffen worden, dann wäre ich dem Schicksal Landauers bestimmt nicht entronnen) vorläufig als Provisorium. – Es kommt noch eins hinzu. Die Reaktion macht für die Niederlage im Weltkrieg die Revolution verantwortlich. Jetzt sind der Deputation in Versailles die Friedensbedingungen überreicht worden. Sie sind so wie sie erwartet werden konnten. Aber schon arbeitet die Regie mit „Unannehmbar“, „Schmach“, „Todesurteil für Deutschland“, „Vernichtungsfriede“ etc. Haareraufen und Entsetzen kann man in Deutschland mit etwas Zeitungsbearbeitung billig haben. Daß die „Gebildeten“ immer die ersten sind, die jede Pressemelodie gelehrig nachflöten, hat sich in der ganzen Kriegszeit erwiesen. So werden also die Gerichtsoffiziere in uns Delinquenten obendrein noch die Veranlasser deutscher Erniedrigung erblicken, – ich gebe mich also garkeinen Illusionen hin. – Was das Friedensinstrument selbst anlangt, so enthält es natürlich auch ziemlich schamlose Konzessionen an rein kapitalistische Interessen, im ganzen aber zeichnet es sich durch Wahrung rechtlicher Gesichtspunkte aus. Ich hätte gern die vielen von mir gesammelten Kriegszieldokumente zur Hand, aus denen hervorgeht (was ja Brest-Litowsk und Bukarest auch praktisch gezeigt haben), wie der Friede ausgefallen wäre, wenn Ludendorff zur Erreichung seiner alldeutschen Ziele gelangt wäre. Das Geplärr über den Gewaltfrieden ist also sehr albern. An Kriegsentschädigung in bar soll Deutschland nur 20 Milliarden zahlen, wenigstens für die nächsten 2 Jahre. Die Gesamtsumme wird noch festgesetzt. An Land verliert es, was von vornherein selbstverständlich war, Elsaß-Lothringen und die polnischen und dänischen Gebiete. Das Saarbecken wird für 15 Jahre besetzt, was als Aequivalent für die Vernichtung der Kohlengruben in Nordfrankreich betrachtet wird. 1934 wird dann ein Plebiszit über die endgiltige Zugehörigkeit entscheiden. (Glaubt man. Bis dahin werden aber die in Räten organisierten Völker der sozialistischen Internationale längst anders entschieden haben). Danzig wird Freistadt. Das Gebiet von Moresnet etc. wird belgisch. Die Entwaffnung wird keineswegs radikal gefordert. Eine mittlere Flotte wird erlaubt. Die Armee darf als „Polizeitruppe“ 100000 Mann haben, sodaß Noske noch ziemlich umfangreich wird Bürgerkriege führen können. Helgoland wird selbstverständlich desarmiert, der Nordostseekanal zur Verkehrswasserstraße für alle Nationen umgestaltet. Wilhelm II. wird ausgeliefert und mit allen Verbrechern gegen die Kriegsgesetze vor Gericht gestellt. (Wenn ich am Leben bleibe, werde ich mein den Traunsteiner Gefangenen gegebenes Versprechen einzulösen suchen, alle Gefangenenschinder – jedes Landes, zur Rechenschaft zu ziehn). Ferner soll Deutschland, worüber die Schmöcke besonders entsetzt sind, die Handelsflotte der Alliierten ersetzen, indem es alle eignen Handelsschiffe über 1600 und die Hälfte derer zwischen 1000 und 1600 Tonnen ausliefert und jährlich in den nächsten 5 Jahren 200 000 Tonnen in eignem Schiffsbau schafft. Damit wird der von den U-Booten angerichtete materielle Schaden ausgeglichen. Die Menschenopfer, die dieses schändlichste aller Kriegsmittel gekostet hat, werden nicht verrechnet. Im Haager Friedensvertrag von 1907 ist auf deutschen Antrag eine Bestimmung enthalten, wonach jeder Kriegführende den Schaden, den er durch Anwendung völkerrechtswidriger Mittel verursacht, vergüten muß. Die Alliierten haben ja die monatlichen protzigen Aufrechnungen der deutschen Admiralität über Versenkungen zur Hand. Niemand hat ein Recht, sich über Ersatzansprüche zu beschweren. Das linke Rheinufer bleibt bis zur Erfüllung der Bedingungen – vorgesehn sind 15 Jahre – besetzt. So hat es Bismarck 1871 auch gehalten und mit den Russen und Rumänen ist man ebenfalls nicht anders verfahren. Zuverlässiges über die Verteilung des deutschen Kolonialbesitzes ist aus den Meldungen noch nicht zu ersehn. Doch scheint der Verzicht auf alle Kolonien gefordert zu sein. Zu wessen Gunsten, das wollen wir abwarten. Wahrscheinlich wird hier der dicke imperialistische Pferdefuß des Siegerteufels sitzen. Zu dem trostlosen Gejammer der Journaille bietet das Dokument garkeinen Grund. Als man Rumänien einen wirklich infamen Friedensvertrag aufzwang, wurde geschrieen, der Friede sehe aus, als ob man den Krieg gegen Rumänien verloren habe. Wie sehr es aber Absicht ist, Haarsträuben über die Bedingungen zu erregen, zeigt ein Beispiel. Das Bamberger Tagblatt schreibt im Leitartikel (für den Herr Dietrich natürlich von oben seine Direktiven empfängt) über die Verwertung der deutschen Kabel: „... und endlich noch die Auslieferung unsrer unterseeischen Kabel, alles Bedingungen, welche zu Gunsten Englands unser Wirtschaftsleben der Vernichtung preisgeben.“ Was aber nach der Havas-Meldung über diese „Auslieferung“ der Kabel in der Tat bestimmt ist, lautet: „Ein Teil der deutschen Kabel wird von den Alliierten verwaltet!“ Also dieselbe Lügenmethode, dieselbe Spekulation auf die Urteilsunfähigkeit des Publikums wie im Kriege. – Aus der vom Reuterbüro verbreiteten Übersicht über den ganzen Vertrag geht dann noch hervor, daß der Anschluß Deutsch-Österreichs an Deutschland verboten wird. Einen Segen hätte ich mir von einer solchen Fusion nie versprochen. Doch widerstreitet die Bestimmung vielleicht dem Selbstbestimmungsrecht. – Man wird nun die Verträge mit Österreich, Ungarn, Bulgarien und der Türkei abwarten müssen, um ein klares Bild darüber zu gewinnen, wie weit Wilson seine Ideologie zur Geltung bringen konnte. – Was übrigens die Schmöcke für Schwachköpfe als ihre Leser voraussetzen, zeigt sich hierbei. Herr Dietrich schreibt: „Wilson! Wie hat man vertrauend zu ihm aufgeschaut! Alles, was er gesprochen, wurde vom größten Teil des deutschen Volkes als Evangelium hingenommen!“ – Man müßte die Jahrgänge 1917 und 18 des Simplicissimus zur Hand haben, um die Unflätigkeiten, denen grade Wilson in Deutschland ausgesetzt war, in Extrakt zu sehn, und aus derselben Periode möchte ich mal lesen, wie Herr Dietrich sich über Wilson geäußert hat. – Die Firma hat bei uns eine Veränderung erfahren, das Geschäft wird im alten Geiste fortgeführt, sogar zumeist noch von den alten Prokuristen. Als Vertreter der „sozialistischen Republik“ Deutschland empfängt in Versailles der Graf Brockdorff-Rantzau aus Clemenceaus Händen das Friedensdokument. Jetzt hockt er mit Scheidemann, Ebert, David, Noske und den Geheimräten der Ludendorffzeit zusammen und man berät, ob man die Zeitungen dahin instruieren soll, es gerecht und gut zu finden oder ihr „Unannehmbar!“ zu schmettern. Der Kampf gegen Spartakus empfiehlt das letztere, – denn auch an dieser Schmach des Vaterlands muß er schuldig sein, und Gott strafe England! wird es demnächst wieder aus allen Grammophonen plärren. – Wenn sich nun die Scheidemänner wirklich zur Ablehnung des Vertrags entschlössen? – Ich wüßte mir nichts besseres. Die Besetzung Deutschlands von Ententetruppen wäre die Folge, deren Gewinnung für den Kommunismus und die Weltrevolution käme als Wirkung des erstarkten reaktionären Patriotismus verräterischer Scheinsozialisten und würde grade sie mit allem, worin sie wurzeln und woran sie sich klammern, zu Brei zermahlen. Herrgott, wenn ich das noch erleben könnte –!

 

Nachmittag ½ 5 Uhr.

Qualvoll bis zur Unerträglichkeit wird allmählich das Warten auf Nachricht von Zenzl. Eine volle Woche ist München nun „befreit“ und auf alle meine Briefe immer noch keine Antwort. Zwar hat von den Leidensgenossen noch keiner Post aus München erhalten, – trotzdem beißt sich der Gedanke immer tiefer in mein Hirn, Zenzl könnte etwas böses zugestoßen sein. Wenn ich so etwas lese wie über den Mord der 21 am Karolinenplatz, – dann ist mein erster Gedanke: Zenzl! und dann, wenn ich das glücklich zurückgedrängt habe, tauchen Phantasien andrer Art auf. Ich ängstige mich um Reitze, um Engler, um Jenny, um meinen Pudel. Das Wüten der Reaktion muß auch schauderhaft sein in München. Selbst der Bamberger regierungsoffizielle sozialdemokratische „Freistaat“, von dem ich eben die Nummer von Mittwoch hereinbekam, bremst schon und klagt über die zahllosen Denunziationen aus Gehässigkeit und über „überhastete Exekutionen“. Auch von übereifrigen Offizieren ist die Rede. Es scheint also zu genügen, daß irgendein guter Freund sagt: der X ist ein Spartakist, sofort wird die Festnahme bewerkstelligt und ein Leutnant kommandiert auch schon: Feuer! – Eben habe ich an Jenny einen Brief geschrieben, damit sie mir für den Fall, daß etwas mit Zenzl passiert ist, Nachricht gibt. Die verruchte Anordnung für den Hofspaziergang macht besonders empfänglich für trübe Gedanken. Unterhaltung und Lesen während des Herumgehens ist verboten, das einzige, was man hört, ist von Zeit zu Zeit ein knurriges „Abstand nehmen!“ von dem Herrn Lang, der es für seine Lebenspflicht hält, gequälten Menschen ihre Qual empfindlich zu machen, – und so bewegt man sich eine volle Stunde im Kreise und kann seine Sorgen und Zweifel spazieren führen und auf den Gesichtern der Gefährten die gleichen und ähnliche Sorgen und Zweifel lesen. Schritte und Stimmen draußen – jedesmal denke ich, vielleicht kommt ein Brief. Aber es ist nichts. – Meine Nerven fangen an, recht unruhig zu werden. Aber ich darf nicht nachgeben.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 10. Mai 1919.

Allmählich fängt meine Stimmung an, mich seelisch niederzudrücken. Der Wärter Kraus hat mir eben auf Befragen bestätigt, daß gestern abend einzelne Gefangene Briefe aus München erhalten haben. Ich bin immer noch ohne Nachricht, und die Empfindung, daß auch meine Zenzl in irgendeiner Kerkerzelle sitzt und sich hilflos sorgt und grämt, verstärkt sich. Aber wenn ich nur erst das sicher wüßte! Wenn ich nicht fürchten müßte, daß sie womöglich von Spartakistenjägern verwundet oder gar getötet ist! Heute nacht werden volle 4 Wochen vergangen sein, seit die Trennung von ihr und meinem Heim vollzogen ist, ohne daß inzwischen die geringste Verständigung möglich war. Schwere Angst habe ich auch um meine Wohnung. Wenn man da eingedrungen ist und meine Papiere, Bücher, Aufzeichnungen, Manuskripte, Notizbücher vernichtet hätte! Ich kann es nicht ausdenken. Es wäre ein Stück Seele von mir gemordet, und wenn ich – vielleicht binnen kurzem – auf dem Sandhaufen stehe, werde ich mit dem Bewußtsein sterben, daß man vor der Ermordung meines sterblichen Teils an dem, den ich unsterblich hoffte, das Urteil vollstreckt hat. Ich habe mir den Staatsanwalt hergebeten, weil ich versuchen möchte, durch ein Telefongespräch Auskunft zu erhalten. Die Zeitungsmeldungen aus München sind weiterhin entsetzlich. An Totenopfern werden jetzt 400 angegeben. Die Weißgardisten hausen grauenhaft. Die Ermordung der 21 armen Teufel, die aus Versehn dran glauben mußten, zeigt, wie „Ordnung“ gemacht wird. Es war auf Grund einer Denunziation ein Militärüberfall auf ein Lokal in der Augustenstraße arrangiert worden. Die Teilnehmer an der angeblichen Spartakistenversammlung – 24 Mann – wurden abgeführt und in einen Palaiskeller am Karolinenplatz, der Spartakistenkeller genannt werden soll, gebracht. Einige durch Bajonettstiche und durch Kolbenschläge Verwundete kamen wieder heraus und berichteten, daß die übrigen erschossen worden seien. In Wahrheit waren diese „Spartakisten“ aber Mitglieder eines katholischen Gesellenvereins, und nun ist über dieses „Versehen“ großes Bedauern. Hätte sich’s also wirklich um sozialistische Arbeiter gehandelt, so fände man die Behandlung jedenfalls ganz in Ordnung, und wer weiß, wieviel brave Genossen täglich auf diese Weise zu Grunde gehn, nach denen kein Hahn kräht (denn die kommunistischen und die Zeitungen der unabhängigen Partei haben die für die absolute Pressefreiheit begeisterten Sozialdemokraten unterdrückt). Aus einem Privatbrief, den das Bamberger Tagblatt abdruckt, gehn einzelne neue Momente hervor. Allerdings habe ich den Eindruck, als ob der Brief stark unter konterrevolutionärer Psychose geschrieben wäre. So enthält er die verrückte Behauptung, die im Luitpoldgymnasium ermordeten Geiseln seien vor der Erschießung verstümmelt worden. Von Landauer heißt es, er sei in Stadelheim an die Wand gestellt worden, – also nicht auf der Fahrt von der Begleitmannschaft ermordet. Gleichviel. Diese entsetzliche Tat kann von keinem Menschen in der Welt verantwortet werden. Wieviel seelische Kraft und geistige Macht ist hier vernichtet worden! – Im übrigen ist das Blatt voll vom „Schmachfrieden“. Es ist allgemeines Gewimmer und Geflenne in Deutschland, bei denselben, die – Sozialdemokraten! – Bukarest zugestimmt haben. Die Berliner „Post“, die zitiert wird, macht Demokratie und Revolution für die Schande verantwortlich: das Blatt hat früher die Welt verschlucken wollen, und der Vorwärts jammert wie ein Hund. Diejenigen aber, die allein imstande sind, diesen Friedenswisch zu zerreißen, nämlich dadurch, daß die Internationale der arbeitenden Völker alle Grenzpfähle einreißt und eine Gemeinschaft der Menschen für ewige Zeiten aufrichtet, die keine Ausbeutung mehr kennt, weder von Bevorrechteten gegen Arbeiter, noch von einer Nation durch die andre – die werden ausgerottet. – Ich will jetzt an Prof. v. Aster schreiben. Vielleicht hilft er mir aus meiner erbärmlichen Niedergeschlagenheit durch eine Mitteilung. Mila schickte mir wieder ein Päckchen Tabak. – Aber Wäsche und Bücher vermisse ich sehr. Wie weit sind wir noch vom Ziel, daß man Menschen noch um ihrer Überzeugung willen dermaßen quält und das für Recht hält!

 

Nachmittag ¾ 4 Uhr.

Ohne Nachricht noch immer. Allerdings haben mir die Genossen, die ich beim Hinunter- und Hinaufgehn vom Hofspaziergang sprechen konnte, bestätigt, daß auch sie von München noch keine Post haben. So bleibt doch noch Hoffnung. Meine Stimmung ist auch insofern gehoben, als ich ein langes Gedicht, mit dem ich seit etwa 3 Tagen beschäftigt war, heute vollendet habe. Ich will es dem Andenken Landauers widmen und einfach „1919“ nennen. Ich glaube, es ist schön, fürchte aber, daß ich es nicht herausschicken kann, da sonst der Staatsanwalt es in seine Akten nehmen könnte. Überleg ich’s aber, so würde mir das nicht viel ausmachen. Es schadet nicht, wenn diese Leute, deren Haß gegen uns durch die Zeitungshetze bodenlos sein muß, die Dinge mal vom andern Gefühl aus betrachtet sehn. Mir liegt der gestrige „Freistaat“ vor. Er enthält an Neuigkeiten einen Aufruf, der für die Ergreifung Leviens und Levine-Nissens je 10 000 Mark aussetzt, da sie der Mitwirkung an der Ermordung der Geiseln dringend verdächtig seien. Wüßte ich, daß dieser Verdacht gerechtfertigt ist, dann würde ich jede Gemeinschaft mit den beiden von mir weisen. Eine größere Schurkerei kann ich mir nicht vorstellen als die Tat, die nicht nur die armen Menschen, die gewiß keine Rädelsführer der Reaktion waren, zu Märtyrern gemacht hat sondern einen großen Teil des namenlosen Elends, das darauf folgte, eine Unsumme von Haß und Erbitterung und den Tod edler Menschen wie den Landauers verursacht hat. Ich hätte mich vor die Gewehre gestellt und erschießen lassen, wenn ich die Geiseln damit hätte retten können ... Ein Gescheiter erörtert in dem sozialdemokratischen Regierungsblatt die Haftpflicht der Rädelsführer für den durch die Revolution entstandenen Schaden, die er bejaht. So will er Wadler und mich gleich dingfest machen. Ich erfahre da nämlich folgendes: „Ebenso wird von Mühsam behauptet, daß er von väterlicher Seite ein erhebliches Erbteil zu erwarten habe“, woran die Erwägung geknüpft wird: „Auch künftig anfallende Erbschaften können wohl für die genannten Zwecke beschlagnahmt werden!“ Das wäre köstlich, wenn man plötzlich die Erbhälfte fassen würde, die ich durch Langlebigkeit mit 60 Jahren kriegen soll. Bis dahin wird aber wohl ein Erbrecht gelten, daß weder mich noch den bayerischen Staat von dem Bissen wird fett werden lassen. Im übrigen liegt mein Vermögen denn doch wohl in etwas andern Papieren verwahrt als in Pfandbriefen oder Kupons. – Ferner werden neue Verordnungen veröffentlicht. Der Stadtkommandant regelt die Obrigkeitsverhältnisse bei den Truppen. „Wo ältere aktive Offiziere nicht sofort zur Verfügung stehn, wählen die Berufsunteroffiziere aus ihrer Mitte schleunig einen Führer. Soldatenräte, die sich Kommandogewalt angemaßt haben, sind aufgelöst.“ Außerdem werden den Gewerkschaftsbonzen gewisse beruhigende Zusicherungen gegeben, nämlich, daß Verhaftungen von Betriebsräten wegen ihrer Eigenschaft als solcher nicht erfolgen dürfen. Wirklich! Von sonstigen Arbeiterräten ist nicht die Rede. Meine Genossen vom Revolutionären Arbeiterrat sitzen wohl alle fest – hier in Ebrach sind wir ja schon drei Mitglieder versammelt. Aber die schöne Gewähr haben wir ja doch, daß das Rätesystem in der Verfassung „verankert“ werden soll. Ich habe das Wort einmal in einer Münchner Volksversammlung erklärt: Verankern heißt einen schweren Gegenstand im Schlamm versenken – und so wird mans mit den Räten auch wohl machen wollen. Schamloseste Reaktion, und Bayern, bisher der Vorposten der Revolution, hintenan. Dabei jammert das Regierungsorgan in einem Artikel „Parole rechts?“ über Ansprüche derer, die nun gleich auch der Form nach das Zepter in die Hand der Kapitals- und Adelskasten geben wollen. Und diese Esel haben dem Teufel doch bei Gott nicht nur den kleinen Finger gereicht – –.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 11. Mai 1919.

Nichts von München. Killer rief mir vorhin bei seinem Gang zum Abort herein, er habe jetzt ein Telegramm aus München erhalten. So ist meine Besorgnis wieder sehr groß. Dabei habe ich noch einen Ärger, der meine Laune arg verschlechtert: die Tücke des Objekts. Die vom Vater ererbte Uhr, die seit ich sie besitze – also fast 4 Jahre – und sicherlich jahrelang vorher ebensowenig – eine Reparatur notwendig gemacht hat, ist in den Streik getreten. Nicht, daß ich sie überdreht hätte. Nein – um 8 Uhr abends habe ich sie aufgezogen, und als ich des Morgens nachsah, war sie um ½ 12 stehn geblieben. Nücken hat sie schon früher gehabt, aber durch etwas Schütteln oder Hineinpusten oder einen Anstoß mit der Stecknadel ins Räderwerk hat sie sich immer wieder zufrieden gegeben und dann lange Monate hindurch tadellos funktioniert. Erst gestern freute ich mich beim Vergleichen der Zeit mit der Kirchenuhr, daß sie in den 4 Wochen kaum eine Minute Differenz zeigte. Die Störung jetzt scheint nun ernsthaft zu sein. Alle meine Bemühungen, das Werk wieder in Gang zu bringen, fruchten nichts. So werde ich also fortab nicht einmal wissen, wie spät es ist. Wenn ich abergläubisch wäre, würde ich wohl ein schlechtes Omen in dem Stehenbleiben der Uhr erblicken. Ein Okkultist würde bestimmt annehmen, daß heut nacht um ½ 12 irgendwer Nahes gestorben wäre. Aber ich neige nicht zu dergleichen Gespensterwahn. Die Uhr in Ebrach zu einem Uhrmacher zu schicken traue ich mir nicht. So ein Murkser macht womöglich das gute Werk zuschanden. Auch kann ich nicht wissen, ob er nicht länger brauchte, als ich hier drinnen sitze. Denn die Standgerichtsverhandlung kann natürlich urplötzlich vor sich gehn. So will ich warten, bis ein Besuch herkommt: auf Zenzl hoffe ich ja kaum mehr, aber ich habe Aster gebeten, sich meiner anzunehmen und die Erlaubnis zum Herkommen zu betreiben. Gestern vor dem Schlafengehn hatte ich eine aufgeregte Szene mit dem Staatsanwalt Roth, den ich hergebeten hatte, um die Möglichkeit einer Verbindung mit Zenzl zu beraten. Der Mensch war, obwohl er doch meine Angst um die Frau sah, dermaßen gleichgiltig, daß ich in grenzenlose Wut kam. Mein Verlangen, er solle mir irgendwie Gewißheit schaffen, ob meine Frau noch am Leben ist, beantwortete er mit der Aufforderung, ich möge leiser sprechen, sonst müsse er gleich gehn. Meine Bitte, er möge versuchen, sich telefonisch mit meiner Wohnung in Verbindung zu setzen, lehnte er mit einem glatten Nein! ab. Der Mann gab sein absolutes Desinteressement an meiner Verzweiflung so unbefangen kund, daß ich ihm wütend erklärte, auf seine Visiten fortan überhaupt verzichten zu wollen. Ich hatte erwartet, mit einem Menschen zu reden, er sei nur Beamter. Damit schmiß ich die Tür zu ... Eben wird die Zeitung gebracht. Ich will, bevor ich fortfahre, erst nachsehn, was es Neues in München und in der Welt gibt.

 

Nun habe ich inzwischen Mittag gegessen (die Mahlzeit ist hier schon um ¾ 11), dann zwei Briefe geschrieben: an Zenzl noch einen und an Resl) ... Unterbrechung: Hofspaziergang ... Auch der ist jetzt überstanden, – es wird zwischen 3 und ½ 4 sein: die verdammte Uhr, an der ich heute schon x mal vergeblich herumgebastelt habe, hat den Dienst, wie es scheint, endgiltig aufgekündigt. Die Härten dieser Haft im Ebracher Zuchthaus sind jedenfalls noch nicht ausreichend. – Wenn bis morgen keine Nachricht von oder mindestens über Zenzl bei mir ist, muß ich das Allerschlimmste annehmen. Bastian erzählte mir eben, daß er schon einen Bericht aus München erhalten hat – einen für ihn sehr traurigen, da sein Bruder bei den Straßenkämpfen gefallen ist. Ich beabsichtige, dem Würzburger Staatsanwalt zu schreiben und Haase über die Sachlage zu orientieren. Es wird gut sein, rechtzeitig alles Nötige zu unternehmen, da die standrechtliche Verhandlung möglicherweise urplötzlich angesetzt werden kann. Haase will ich veranlassen, die Verteidigung entweder gratis zu übernehmen oder doch einen Verteidiger zu stellen, ferner dafür zu sorgen, daß der Prozeß von einem Stenographen aufgenommen wird. Was meine Verteidigung anlangt, so fallen mir immer mehr Momente ein, die das Groteske der Anklage auf Hochverrat dartun. Nach dem 21. Februar, als Bayern durch die Ermordung Eisners, die Verwundung Auers, die Flucht Timms und Roßhaupters und das Auseinanderlaufen des Landtags tatsächlich ohne jede Regierung war, übernahm der Rätekongreß die gesamte Macht, und seine Souveränität wurde von allen Faktoren anerkannt. Schließlich ergab ein trübes Parteikompromiß das Resultat, daß eine neue Regierung ernannt wurde, wobei gleichzeitig ausgemacht wurde, daß der Landtag lediglich zusammentreten sollte, um diese von den Räten eingesetzte Regierung zu bestätigen und ihr legale Vollmachten zu erteilen (Ermächtigungsgesetz). Als dieser schändliche Kuhhandel perfekt war, rief ich den Parteimeiern zu: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Jetzt wissen wir es, was sie getan haben: den Bürgerkrieg in seiner schauerlichsten Form entfesselt und unendliches Blut, unendlichen Jammer verschuldet. – Die heutige „rein sozialistische“ Regierung verdankt ihr Dasein also einer ausgesprochenen Räteregierung. Daß die Parteibonzen die Liste der vom Kongreß bestimmten Minister nachträglich noch mit Schneppenhorsts Namen verschönten, macht sie des „Hochverrats“ schuldig, wenn schon dieser Begriff irgendeine Geltung haben soll. Die Einberufung des Landtags zum 8. April war ein aufgelegter Vertragsbruch. Denn die Verpflichtung, die Beschlüsse des Rätekongresses zu respektieren, war von Herrn Hoffmann und seinen Ministerkollegen ausdrücklich übernommen worden. Somit war das Übereinkommen von der Gegenseite zuerst gelöst und wir hatten das Recht, den Vertrag als nicht mehr bestehend zu betrachten und unsrerseits die Räterepublik und das Nichtmehrbestehen der wortbrüchigen Gegenorganisationen zu proklamieren. – Nun finde ich aber in der letzten Nummer des „Bamberger Tagblatts“ (von Samstag, d. 10. Mai) im Leitartikel des J. B. Dietrich folgenden Satz: „Der Verfassungsausschuß (der Mann verlangt nämlich die Einberufung des Parlaments und zählt ihm seine Aufgaben vor) sollte endlich einmal an die Schaffung einer endgiltigen Verfassung für Bayern denken. Wir wollen uns daran erinnern, daß Bayern über ein halbes Jahr ohne Verfassung ist.“ Diesen Artikel hebe ich mir auf. Der Hochverratsparagraph will gewaltsame Verfassungsänderungen bestrafen. Nun konstatiert einer der eifrigsten Schreier gegen uns öffentlich und vollkommen den Tatsachen gemäß, daß es in Bayern garkeine Verfassung gibt. Die letzte, die es gab, wurde am 7. November von uns gestürzt, und auf diesen in aller Form begangenen Hochverrat gründet sich ja die Macht der Hoffmänner, die an der Gefahr des Unternehmens zwar nicht teilhatten, den Profit davon aber schon am nächsten Tage akzeptierten. Münchner Nachrichten finde ich wenig mehr vor. Amtlich wird jetzt mitgeteilt, daß Egelhofer, Landauer und Sontheimer tot sind (in dieser Reihenfolge. Das hätte sich mein armer Landauer auch nicht gedacht, daß sein Tod einmal so sachlich mit dem Sontheimers zusammen registriert würde), und daß Levien, Levine-Nissen und Toller entkommen seien. Toller also auch. Hoffentlich stimmts. Vor einigen Tagen wurde er unter den Leichen aufgezählt, die im östlichen Friedhof zur Schau gestellt seien. Herr Hoffmann erläßt schmalzige Beileidskundgebungen an die Angehörigen der erschossenen Geiseln und der katholischen Gesellen, die man „aus Versehn" ermordet hat und verspricht Staatshilfe für die Hinterbliebenen. Für die, die dem Sozialismus zuliebe ihr Leben opferten, hat er kein Wort des Bedauerns, und Landauers Kinder dürfen, wenn anders sich nicht sonst Hilfe für sie findet, verhungern. – Der Friedensvertrag beschäftigt die Schmöcke jetzt aber viel mehr als die Schandtaten der weißen Garden. Man veranstaltet nationale Trauertage und will mit Verhandlungen die Erweichung der Gegner erzielen. Amüsant ist, daß man auch schleunigst Frieden mit Rußland schließen will. Überlegen sich die Herren wohl, was man ihnen nach den Noskeschen Heldentaten von Moskau aus zur Antwort geben wird? Die Wiederherstellung der Grenzen gegen Rußland ist schon Ententebedingung, und Herr Erzberger hat Herrn Balfour auch noch mitteilen müssen, daß die Zurückziehung der deutschen Truppen aus Lettland und Littauen schleunigst erfolgen würde, wo die sozialistische Regierung den baltischen Baronen ihre Privilegien wieder herstellen wollte. Außerdem heißt es in dem Dokument: „Die verbündeten Mächte behalten Rußland das Recht vor, von Deutschland alle Restitutionen und Reparationen nach den Grundsätzen des gegenwärtigen Vertrags zu verlangen.“ Die Russen können also fordern. Den an den Kämpfen in München beteiligten Kriegsgefangenen wird also kaum etwas Böses passieren, – der „Freistaat“ hat gestern schon abgewinkt. Aber wenn ich mich in Lenin und Tschitscherin nicht täusche, werden sie, ehe sie mit Herrn Scheidemann und Genossen verhandeln, zunächst für ihre deutschen Gesinnungsgenossen Garantie des Lebens und der Meinungsbetätigung verlangen. Wenn irgendwo für uns Rettung winkt, – dann von dieser Seite. – Mit großer Genugtuung vermerken übrigens die Zeitungen die Proteste der französischen und englischen Arbeiter gegen das Versailler Dokument. Es heißt sogar, daß in Frankreich deswegen der Generalstreik drohe. Als die deutschen Sozialdemokraten über die viel ärgeren Zumutungen an Rußland, die Ukraine und Rumänien ihre Gutachten abzugeben hatten, haben sie keine Streiks befürwortet, sondern den Imperialisten ihre fröhliche Zustimmung ausgedrückt. – Nun ja, es sind dieselben, die jetzt den Sozialismus mit Standgerichten wegen Hochverrats prozessieren.

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 12. Mai 1919.

Keine Post. Zeitungen kommen Montags sowieso nicht, und Briefe sind, wie mir Herr Kraus zu meiner Beruhigung bestätigte, heute überhaupt noch nicht ausgegeben worden. So habe ich also noch Hoffnung. Aber die Angst wächst von Stunde zu Stunde. Ich warte noch bis nach dem Mittagessen – wüßte ich nur immer, wie spät es ist! –, ist bis dahin nichts da, dann verlange ich von der Behörde in Würzburg die Herstellung einer Verbindung mit Zenzl und die Schaffung einer Aufklärung. Andernfalls schreibe ich dem Staatsanwalt blos wegen des Prozesses. – Ich bin bei der maßlosen Unruhe, in der ich auf jedes Geräusch draußen horche, nicht mehr fähig, die Eintragung fortzusetzen. Vielleicht finde ich später wieder die Sammlung dazu.

 

Nachmittag. Zeit: etwa ½ 1 Uhr. Abschrift eines Briefes, den ich soeben „an den Herrn Staatsanwalt beim Landgericht Würzburg“ verfaßt habe: „Herr Staatsanwalt! Seit einem vollen Monat befinde ich mich in Haft und bin in dieser ganzen Zeit von jedem Verkehr mit meiner Frau in München abgeschnitten. Meine schon während der Postunterbrechung zwischen Nord- und Südbayern eingeleiteten Bemühungen, die Regierung des Herrn Ministerpräsidenten Hoffmann zur Herstellung einer Verbindung zwischen den aus München verschleppten politischen Inhaftierten und ihren Angehörigen auf dem Wege von Parlamentärverhandlungen zu veranlassen, blieben ergebnislos. Vor einer Woche ist uns indessen mitgeteilt worden, daß der normale Postverkehr mit München wieder funktioniere. – Ich habe selbstverständlich daraufhin schon eine Reihe von Briefen nach Hause gesandt, bin aber zu meiner Bestürzung immer noch ohne jede Antwort. Bei dem vorzüglichen Einvernehmen, in dem ich mit meiner Frau lebe, bei der ängstlichen Sorge, die sie stets, und zumal in Zeiten, da ich meiner Freiheit beraubt bin, für mich betätigt, ist es vollständig ausgeschlossen, daß sie auf den Empfang meiner Briefe hin den geringsten Verzug bei der Beantwortung hätte eintreten lassen. Meine Briefe sind also entweder nicht in ihre Hände gelangt oder sie ist verhindert, mir zu schreiben. – Ich bitte nun Sie, Herr Staatsanwalt, zunächst um Benachrichtigung, ob die Beförderung meiner Briefe nach München aus irgendeinem Grunde unterblieben oder verzögert ist. Ist das jedoch nicht der Fall, dann appelliere ich an Ihr menschliches Empfinden, um mir schnellstens zu der Kenntnis zu verhelfen, welche Umstände meine Frau vom brieflichen Verkehr mit mir zurückhalten. – Die jüngsten Ereignisse in München geben Vermutungen und Besorgnissen Raum, die mir Leben, Gesundheit und Freiheit meiner Frau in Frage gestellt scheinen lassen. Bei der exponierten Stellung, die ich vor meiner Festnahme in München einnahm, ist es sehr wohl möglich, daß sich der mit allen Mitteln der Verhetzung und Verleumdung genährte Haß bewaffneter Bürger und Soldaten gegen die Träger der politischen Überzeugung, zu der auch ich mich bekenne, – daß sich diese Psychose in meiner Abwesenheit gegen meine Frau gewendet hätte. Ich lebe also in meiner Gefangenenzelle in völliger Ungewißheit darüber, ob meine Frau noch über ihre Bewegungsfreiheit verfügt, ob sie nicht etwa verwundet oder krank, ja ob sie überhaupt noch am Leben ist. Sie werden begreifen, Herr Staatsanwalt, daß derartige mir durch die Lage der Verhältnisse aufgedrängten Betrachtungen meinen Gemütszustand aufs schwerste in Mitleidenschaft ziehn und meine Nerven in einem Maße gefährden, daß ich – neben allem übrigen – um die geistige Spannkraft besorgt bin, die ich für meine Verteidigung vor dem Standgericht, das mich nach dem angezogenen Gesetz zum Tode verurteilen kann, nötig habe. – Ich richte daher an Sie die Bitte, zunächst durch telefonischen Anruf in meiner Wohnung (Anschluß 33626) festzustellen, ob überhaupt von dort Antwort gegeben wird, bzw. wo und in welchen Umständen sich meine Frau aufhält. Sollte sie in Haft oder in einem Krankenhause sein, so bitte ich, unverzüglich dafür zu sorgen, daß ein brieflicher Verkehr zwischen uns ermöglicht wird. Falls sie aber tot ist, so habe ich wohl Anspruch auf Benachrichtigung und genaue Auskunft über Hergang und weiteren Verlauf. Auf jeden Fall ersuche ich dringend um schleunigen Bescheid über das Schicksal meiner Frau, da ich die Tortur der Ungewißheit nicht länger ertragen kann. – Sehr verbunden wäre ich, wenn Sie mir Gelegenheit zu mündlicher Besprechung geben möchten. Mit Herrn Staatsanwalt Roth hier sind Verhandlungen für mich nicht wohl möglich, nicht blos, weil dieser Herr alle über den äußeren Vollzug der Untersuchungshaft hinausgehenden Anliegen mit dem Hinweis auf schriftliche Eingaben an Sie, Herr Staatsanwalt, von sich abschiebt, sondern vor allem, weil er nicht bereit ist, Aeußerungen der Erregung, auch nur soweit sie sich durch lauteres Sprechen kundgibt, der seelischen Not, in der ich mich durch die Angst um meine Frau befinde, zugute zu halten. – Falls, wie ich immer noch hoffe, bis zum Eintreffen dieses Schreibens bei Ihnen eine Mitteilung von meiner Frau an mich durch Ihre Hände gegangen sein sollte, so erübrigen sich meine Bitten um Nachforschung natürlich von selbst. – Was das gegen mich eingeleitete Standgerichtsverfahren selbst anlangt, so ist es meine Absicht, mich darüber mit dem Abgeordneten der Nationalversammlung in Weimar, Herrn Hugo Haase, in Verbindung zu setzen, und zwar sowohl in seiner Eigenschaft als Abgeordneten als in der als Rechtsanwalt, da ich ihn zugleich anfragen will, ob er meine Verteidigung zu führen bereit ist. Ich nehme an, daß ich die Briefe, die ich ihm als Volksvertreter und Rechtsberater zu schreiben habe, verschlossen abschicken darf. – Mit dem Ersuchen, die Ihnen vorgetragenen Angelegenheiten in beschleunigtem Verfahren zu erledigen und mir umgehend Antwort zukommen zu lassen, zeichne ich in vorzüglicher Hochachtung

Zuchthaus Ebrach, d. 12. Mai 1919.  Erich Mühsam, Schriftsteller.

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 13. Mai 1919

Heute ist der erste Monat seit meiner Verschleppung herum – und von Zenzl, von daheim keinerlei Lebenszeichen. Allmählich schöpfe ich Verdacht, daß die entsetzliche seelische Marter, der wir durch die dauernde Angst um die Unsern ausgesetzt sind, eine Absicht der „rein sozialistischen“ Regierung ist. Allerdings ist der Brief an Bastian und das Telegramm an Killer im Widerspruch zu dieser Annahme (auch Ballabene, der sich vollkommen einkapselt und nie an den Spaziergängen teilnimmt, soll einen Brief aus München bekommen haben). Sonst haben die Kameraden, die ich gestern fragen konnte, mir alle bestätigt, daß sie in derselben Lage seien wie ich. Zuzutrauen ist es den Halunken in Bamberg ohne weiteres, daß sie die an uns gerichtete Korrespondenz absichtlich zurückhalten lassen, um die Qual zu vergrößern. Jeden Tag werden neue Infamien ausgesonnen, um uns unsre Hilflosigkeit noch fühlbarer zu machen. Erst die Verschärfung der Hofaufsicht, die es uns unmöglich macht, einander nach dem Befinden zu fragen. Nur beim Hinunter- und Hinaufgehn kann man scheu ein paar Worte mit dem und jenem wechseln, und wer weiß, wie bald man auch das bemerkt und abgestellt haben wird. Heute kamen gleich zwei Anordnungen, die ein Assessor getroffen hat, der sich wohl dieser Tage persönlich vorstellen wird. Erst ein Verbot, die Zeitungen auszutauschen, was wir bisher durch die Wärter tun konnten. Man erfährt aus zwei Käseblättchen doch immer noch mehr als aus einem. Dies Verbot ist einfach eine Prämie auf Geldbesitz. Genossen, die sich garkeine Zeitung halten können, und die bisher von uns andern versorgt wurden, sind jetzt ohne Ahnung von allen Vorgängen in der Welt, während Wadler, der sich auf ein halbes Dutzend Blätter abonniert hat, angenehm in Lektüre schwelgen kann. Und jetzt eben kommt Kraus mit einer weiteren Liebenswürdigkeit des Herrn Assessors: die Benutzung des Aborts ist uns fortab nicht mehr gestattet. Das war mit eine meiner ersten Forderungen, als wir hier eingeliefert wurden, die dann auch ohne weitere Umstände bewilligt wurde. Diese „Freiheit“ ist den sozialdemokratischen Ehrenmännern schon zu groß. Wer die Regierung des Volks durch seine Räte, also durch sich selbst, für besser hält als die durch faule Parteifunktionäre, muß, ehe noch ein Urteil gefällt ist, im Zuchthaus lange Wochen abgesperrt von jedem Verkehr mit den Seinigen in banger Sorge um deren Ergehn – nur wissend, daß seine liebsten Freunde inzwischen ermordet, viele hunderte seiner Gefährten verwundet, viele Tausende eingesperrt sind, immer mit dem Gedanken, daß die Allernächsten auch gefangen, krank oder tot sein können, isoliert gehalten sogar von den Leidensgenossen, die aus demselben Anlaß, von denselben Schurken geknebelt, in den Nachbarzellen der Verzweiflung überlassen sind – der muß leiden, leiden, leiden – so wollen es die „sozialistischen“ Gewalthaber Bayerns, und da ihnen das seelische Leiden neben der Pein des Eingeschlossenseins und dem Schweinefraß nicht genügt, um sich in ihrem Racheerlebnis befriedigt zu fühlen, verfügen sie auch noch, daß der Kapitalistenfeind die Folgen seiner Gesinnung im Gestank der eigenen Exkremente überdenken soll. – O ja, den Kampf gegen den Kommunismus führen die Bekenner des Kommunistischen Manifests gründlich. Jetzt sind die Truppen des Generals Märker (Braunschweiger Angedenkens) in Leipzig eingezogen, da man dort die Ausrufung der Räterepublik befürchtete. Pfaff, Adel, Kapital, brüderlich vereint mit der militaristisch umgürteten Sozialdemokratie. Deutschlands Anblick nach dem Sturz Ludendorffs ist nicht anmutiger geworden. Vollmar hat auf einem Parteitag einmal das niederträchtige Wort gesprochen: „Die Erinnerung an die Pariser Commune gehört ins Schaufenster.“ Die Betreuer der „internationalen, revolutionären, völkerbefreienden“ Sozialdemokratie, die in Märzreden jahraus jahrein auf die höchste Auslage hingezeigt haben, täten gut, den verschimmelten Ladenhüter auch aus dem Schaufenster zu entfernen. Sie haben jetzt gezeigt, wie sie sich die revolutionäre Völkerbefreiung vorstellen – und der Vergleich zwischen Noske und Gallifet fällt keinesfalls zugunsten der „Sozialisten“ aus. Aber es gibt eine Vergeltung. Sie wird im Zeugnis künftiger Geschichtsbücher bestehn.

 

Nachmittags, Zeit: schätzungsweise ½ 5.

Assessor Wörthmann heißt die liebende Seele, die uns jetzt als Gefängnisvorstand mit Rat und Schikanen zu versehn hat. Der Mann hat sich mir heute vorgestellt, und war eben zum zweiten mal hier. Sein Exterieur erinnert stark an Korfiz Holm, ein rundes kleines Backpfeifengesicht mit etlichen forschen Schmissen. Das Zeitungsaustauschverbot (das ich in der Hofpause schon verletzt habe) und die Neuordnung der Fäkalienausscheidung begründete er mit Hinweis auf gedruckte Verordnungen, die er aus einem mitgeführten Buch sogleich nachwies. Seinem Vorgänger, dem Staatsanwalt Roth, müssen die Verordnungen nicht im Kopf gewesen sein, sonst hätte er auf ihre Durchführung gewiß nicht verzichtet. Es ist nur seltsam, daß der Staat in den 4 Wochen, in denen sie nicht beachtet wurden, nicht aus dem Leim gegangen ist. Auf meine Klagen über die entsetzliche Absperrung von München ging Herr Wörthmann bedeutend menschlicher ein, als Herr Roth. Er versprach mir sogar, deswegen nach Würzburg zu telefonieren und brachte mir eben den tröstlichen Bescheid, daß er das auch versucht habe, aber es gehe nicht wegen Gewitterluft. Ferner brachte er einen ganzen Stoß Gesetzbücher mit, um mir Fragen juristischer Art, die ich ihm gestellt hatte, zu beantworten. Da meine Erfahrungen noch keine Standgerichtsverhandlungen umfassen, wollte ich wissen, worin die wesentlichen Unterschiede bestehn, besonders im Hinblick auf die Vorbereitungen. Ich erfuhr, daß wir auf irgendwelche Anklageschrift nicht zu rechnen haben, und daß uns nur die Abschrift der Mitteilung des Staatsanwalts ans Standgericht zugehn wird, ferner, daß zwischen der Vorladung und der Verhandlung ein Zeitraum von 24 Stunden liegen muß. Nach Meinung des Assessors darf ich an Haase keinen geschlossenen Brief schicken, ehe das Hauptverfahren nicht eröffnet ist, – es gibt aber beim Standrecht garkein Hauptverfahren. Entrechtung also auch hier. Inzwischen scheint die Blutrünstigkeit des rasend gemachten Publikums den Hoffmännern selbst in die Nase gestochen zu haben. Hoffmann wiegelt in einem Aufruf an die Münchner Bevölkerung vorsichtig ab. Da heißt es: „Wir beklagen Hunderte von toten und verwundeten Bürgern und Soldaten. Hunderte von Bürgern und Arbeitern sind gefangen und erwarten ihr Urteil. Wir wollen ein strenges Gericht für die Verbrecher, ein gerechtes Gericht für die durch Krieg und Hunger irregeführten und für eine ehrliche Überzeugung Kämpfenden (für die Verbrecher also kein gerechtes), ein mildes Gericht für die vom Drange eines unglücklichen Idealismus gefüllten Jugendlichen, und die Freiheit für alle Unschuldigen.“ Marx und Engels werden angerufen in einem Atem mit der Behauptung, Kommunismus führe zu Anarchie, Verbrechen, Hunger und Elend (diese Marxisten haben vom Kommunistischen Manifest scheinbar nie etwas gehört) Bürgerkrieg sei ein Unglück, Einigkeit, Ordnung [sei] Geist der Versöhnung und des Sozialismus (sic!). Auch die Versailler Pauke wird geschlagen, – und da liegt der Hase im Pfeffer. Man kann den Blutdurst gegen den Bolschewismus im Augenblick nicht mehr recht brauchen und möchte ihn vorsichtig in sittengefestigte Bürgerkorrektheit umleiten. Will man doch sogar mit Rußland Frieden machen, und drohen doch die Schmöcke, Deutschland werde sich, wenn man es derartig vergewaltigen wolle, selbst ins bolschewistische Verderben stürzen, um die Sieger mit sich in den Abgrund zu reißen. Es ist erstaunlich: als wir die Propaganda der kommunistischen Weltrevolution trieben in dem Wissen, daß nur durch sie die scheußlichen Wirkungen des Kriegs für alle Völker in Wohltat gewandelt werden können, wurden wir als gemeine Bestien (ein Lieblingsausdruck der Zeilenschinder, besonders in der Verbindung mit dem pleonastischen Beiwort „vertiert“) beschimpft, verhaftet, niedergeknüppelt, unsre Besten ermordet und jeder, der von uns Rede- oder Organisationstalent hat, standrechtlich prozessiert. Mit der Begründung, daß die Verwirklichung dieser Ideale zum Elend und zum Verderben für die ganze Welt führen würde, darf man sie empfehlen. Dummheit, Heuchelei, Streberei, Niedertracht, Effekthascherei, Klatschsucht – ich weiß nicht, welche Eigenschaft diesen Leuten eigentlich den Antrieb zu ihren Meinungen gibt. Aber ich trauere um das Volk, das sich nach allen Erfahrungen des Kriegs noch von ihnen einseifen läßt.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 14. Mai 1919.

Arztbesuch. Ich habe mir von neuem Veronal verschreiben lassen, da ich leider ohne das Giftzeug keinen Schlaf mehr finden kann. Auf meine Klagen über die Ursachen der Schlaflosigkeit und des ganzen seelischen Zustands ging der alte Herr nicht ein, wenngleich auch er sich wunderte, daß noch immer keine Münchner Post eintrifft. Ich komme immer stärker zu der Idee – und habe das dem Medizinalrat auch gesagt –, daß unsre Nerven absichtlich gequält werden, um uns für die Verteidigung vor dem Standgericht die geistige Spannkraft zu nehmen. Wie sollte man sich sonst alle diese Fürchterlichkeiten und das tägliche Ersinnen von Hafterschwerungen erklären können? Daß es den Regierern Bayerns dazu an Gewissen nicht fehlt, das beweist ihr ungeniertes Provozieren des Bürgerkriegs. Im übrigen sind das ja Spießbürger, die sich von Tagesstimmungen mitziehn lassen, wohin es eben geht. Und wie immer noch gegen uns gehetzt wird, zeigt das „Bamberger Tagblatt“ mit jeder neuen Nummer. Gestern hatte es einen Artikel gegen die „Schlawiner“, in dem Schwabing als der Hort aller verlausten Taugenichtse dem schaudernden Mitmenschen geschildert wurde. Die Verachtung gegen alles, was Künstler heißt, die ja der Grundzug im deutschen Volkscharakter ist, wird als Bundesgenosse gegen den Bolschewismus herangeholt und gründlich bestärkt. (Als ich am 7. April am Stachus zur Menge sprach, fanden sich Antisemiten und Kommunisten mit der Absicht, gegen die junge Räterepublik etwas recht Kompromittierendes zu finden, in dem Vorwurf gegen mich zusammen, daß ich Gedichte mache). – Heute hat nun mein Blättchen einen besonders hübschen Leitartikel. Überschrift: Kehraus! – unterzeichnet Dr. E. Dieser Volksfreund beginnt so: „Die Regierung Hoffmann hat sich erfreulicher Weise entschlossen, mit dem bolschewistischen Lumpengesindel ... endlich einmal Fraktur zu reden. Es steht zu hoffen, daß jene spartakistischen Rädelsführer, die bei ihrer Verhaftung der erbitterten Volksjustiz entkommen sind, ein schnelles und strenges Strafgericht ereilt.“ Also das eingestandene Bedauern, daß wir nicht alle gelyncht worden sind. Dabei ist „Ruhe und Ordnung“ auch für diesen Mordstifter die „Forderung des Tages“. Er hetzt dann gegen die mittelbaren Helfer der Räterepublik. Das Karnickel ist da besonders Dr. Neurath, dieser harmlose, politisch indifferente, aber sehr gescheite Experimental-Idealist, der überall sozialisieren will, aber über seiner „Vollsozialisierung“ den Sozialismus zu kurz kommen läßt. Die Presse tobt gegen den Mann – na ja, ganz ohne Beschneidung von mancherlei Unternehmerprofit würde es ja bei der Praktizierung der Neurathschen Pläne nicht abgehn. Und dann: die Presse gehört auch zu den Industrien, die von der Sozialisierung bedroht sind. Wären wir nur erst beim Reinigen dieses Schweinestalls! Aber davor steht Herr Hoffmann mit seinen Sozialisten wie eine zum Tod bereite Schildwache und schreit: Pressefreiheit! – verbietet aber zugleich alle revolutionären Organe. Dr. E. (sollte am Ende der Dr. Ewinger dahinter stecken, der Staatskommissar – recte Despot – von Südbayern?) operiert das mit dem „eisernen Besen“, der ja in solchen Fällen herhalten muß und verlangt, man solle bei diesen Existenzen „da ansetzen, wo sie am empfindlichsten getroffen werden, am Geldbeutel, an der Ernährung und am Obdach“. Also verhungern und erfrieren lassen, wer dem Kapitalismus zu nahe tritt. Gleichzeitig aber die „Reinigung unsrer öffentlichen Ämter und Stellen von der Brut der Revolutionsgewinnler“, – alles was im November mitgewirkt hat raus! Alles was schon früher das Volk geschröpft und betrogen hat, rein! Das Bekenntnis der schönen Seele kommt aber zur Blüte in diesem Satz: „Und wenn es in dem einen oder andern Falle notwendig werden sollte, sich einmal über Spitzfindigkeiten des Staatsangehörigkeits- oder Freizügigkeitsgesetzes hinwegzusetzen – man wage es ruhig! Das Volk wird selbst an einen Rechtsbruch gegenüber Leuten, die es vor den finanziellen und kulturellen Bankrott gebracht haben, sicher keinen so strengen Maßstab anlegen, wie es bei gewissen gesetzesverletzenden Maßnahmen der früheren Regierung am Platze gewesen wäre!“ Der Artikel kommt zu meinen Verteidigungsakten. Man soll den Richtern doch zeigen, daß die, die uns als Meuchler aller Gesetzlichkeit denunzieren, öffentlich zum Rechtsbruch auffordern, wenn sie darin ihr Interesse sehn. – Das ist ein Artikel in irgendeinem obskuren Provinzblatt. So erscheinen aber täglich Dutzende und Aberdutzende im ganzen Lande, um Haß- und Mordstimmung hervorzurufen und unter den Kleinbürgern wachzuhalten. Kommen hinzu die unglaublich verhetzenden Werbeaufrufe, mit denen das Vaterland immer noch gegen uns geschützt werden soll, – da ist der Gedanke, daß die Beamten, die unsre Behandlung arrangieren und die Richter, die nachher in unwiderruflicher Entscheidung über unsre Taten urteilen sollen, bis zum Bedürfnis uns jede Sekunde Leben zur Hölle zu machen, gegen uns erbittert sind, am Ende kein Verfolgungswahnsinn. Interessant ist aber ein Artikel, den das Blatt der München-Augsburger Abendzeitung entnimmt, in dem in kräftigsten Tönen gegen die Münchner Spießer losgewettert wird, die statt ihren Befreiern dankbar zu sein, beim Maßkrug elend auf die preußischen Gäste schimpfen sollen. Also jetzt schon. Es wird noch anders kommen. Die Liebe zwischen bayerischen Radiessern und Potsdamer Unteroffizieren kann nicht von Dauer sein. – Jetzt aber ist, wenn man den Zeitungen glauben darf – ganz Deutschland wieder so einig wie im August 1914. In den Parlamenten ist Burgfriede eingekehrt – von Posadowsky bis Haase – alles protestiert gegen die Versklavung des deutschen Volks durch den Versailler Vertrag. Man redet ernsthaft von Ablehnung und Abbruch der Verhandlungen, was entweder ein Entgegenkommen der Entente oder den Einmarsch von Truppen – für Bayern werden schon bereitgestellte Tschechen angekündigt – bedeuten würde. Mir kann’s recht sein. In vielen Volksversammlungen habe ich es ausgesprochen: der Friede, den der Reaktionär mit dem offenen Visier Clemenceau mit dem Reaktionär mit der revolutionären Maske Scheidemann abschließen wird, wird nie ein Friede sein. Den Frieden schließen die revolutionären kommunistischen Völker durch ihre Räte mit einander. Brest-Litowsk und Bukarest nehmen den Mitschuldigen an diesen Verbrechen jedes Recht zur Entrüstung. Scheidemann und die Seinen sind aber nicht nur mitschuldig, sie sind die Hauptschuldigen, denn sie haben das deutsche Volk über den Charakter dieser Schandverträge falsch aufgeklärt und es dadurch im ganzen in die furchtbare Schuld mit hineingerissen. Diejenigen aber, die helfen könnten, die Völker zu versöhnen und den einzig möglichen „Völkerbund“, die neue endgiltige Internationale des Proletariats zu schaffen, die lassen sie durch die Standesangehörigen des Generals Hoffmann und der Exekutoren von Brest-Litowsk ermorden und in die Gefängnisse setzen. All ihr Jammern ist eitel Falschheit. Alles Unglück des Volks über ihr Haupt!

 

Nachmittag. (½ 5 Uhr?)

Generalstreik in München? Auf dem Hof flüsterte es einer dem andern zu. Jeder blieb mal in der Sonne an der Mauer stehn, um die andern an sich vorbeidefilieren zu lassen – natürlich nur um die Strahlen des schönen Frühlingsnachmittags in sich eindringen zu lassen. Und dabei wurde die wichtige Neuigkeit mit je zwei oder drei Worten erörtert: „Glaubst du’s?“ – „Hoffentlich.“ – „Welche Forderungen?“ – „Weiß nichts.“ – „Telegrammanschlag, heißt es.“ – „Wer sagt’s?“ – „Soldaten sagten es.“ – „Telegramm aus Augsburg?“ – „Weißt schon: Generalstreik!“ – So ähnlich ging die Unterhaltung vor sich, und das ist meine Kenntnis von der Sache. Morgen wird man ja aus der Zeitung Näheres erfahren, wenn nicht alles nur Geschwätz ist. Ist es aber wahr, dann wäre das ein deutliches Zeichen dafür, daß das gesamte Münchner Proletariat auch jetzt noch gegen die Regierung Hoffmann und ihre Nosketruppen ist, und daß auch die Verzweiflungsregie wegen Versailles mißraten ist. Ein Generalstreik, gleichzeitig in allen Großstädten und Industriezentren Deutschlands mit der Forderung: Abdankung aller pseudosozialistischen Regierungen, Übertragung der provisorischen Gewalt an die A- B- und S-Räte bis zu deren Neuwahl nach revolutionären Prinzipien, Freilassung aller Gefangenen, Niederschlagung aller politischen Prozesse, Auflösung der Freikorps und Entlassung aller früheren Offiziere, Auslieferung aller Waffen und Munition an die Arbeiterräte – ein Generalstreik bis zur Erfüllung dieser Forderungen konsequent und ohne Gewaltanwendung durchgeführt, wäre Rettung der Revolution, des Volks, des Friedens, des Glücks. Allerdings ist – zumal jetzt, nachdem der Terror des Kapitalismus überall die schmachvollste Gewalt ausübt – an eine solche gleichzeitige Aktion kaum zu denken. Jetzt wäre das Mittel des Proletariats passive Resistenz, also die durch Minderwertigkeit und Langsamkeit der Arbeit herbeigeführte Beschleunigung des notwendigen wirtschaftlichen Zusammenbruchs. An dem Tage, an dem die Arbeiter Englands, Frankreichs und Italiens erkennen, daß unsre Sozialisten ernst machen mit Sozialismus und Kommunismus, daß ihr Gezeter darüber, daß die oder jene Kohlengruben nicht mehr von deutschen sondern von französischen Kapitalisten exploitiert werden sollen, dem Kampfruf weicht: Gegen alle Ausbeutung! –, daß Brest-Litowsk, Bukarest und Versailles nur ein Gelächter ist für das deutsche Proletariat, dem es nicht mehr um Staatsgrenzen geht sondern um das Recht der Menschheit auf Leben und Glück – wenn das einmal der Geist ist, der in Deutschland für die Entschlüsse der Allgemeinheit maßgebend ist, dann braucht sich niemand mehr über Herrn Clemenceaus Appetit aufzuregen oder nach Herrn Wilsons Stirnfalten zu orakeln, – dann stehn die Völker auf, die Internationale ist hergestellt, die Wiedergutmachungen erfolgen alle – und besser als die pedantischen Paragraphen eines auf Spekulanteninteressen zugeschnittenen Friedensinstruments sie festsetzen –, die Weltrevolution ist da und mit ihr erwächst ein Friede, der keine Stacheln hat, sondern der auf dem Schutthaufen der im Weltkriege zerplatzten Weltordnung Wohlstand für alle und eine frohe Zukunft für die Nachkommen in allen Ländern schafft. – Ich muß lachen, daß ich um dieses schönen Traumes willen, an dessen Erfüllung ich glaube mit einer Festigkeit, die mir die Schrecken selbst vor dem Sandhaufen ganz und gar benimmt, daß ich dafür jetzt in dieser übeln, von Kotgestank verpesteten schäbigen Zelle sitzen und dem Gedanken an den Sandhaufen ernstlich nachgehn muß; ja daß ich wegen dieses meines Glaubens nun 4½ Wochen hindurch nicht weiß, ob meine Frau lebt, gesund ist, frei ist oder gleich mir im Gefängnis meine Überzeugung mit mir büßen muß. Ich muß lachen, – und ich sah auch andre lachen heute. Leute – waren es Passanten oder Schutzsoldaten – glotzten, wie schon häufig, während der ganzen Zeit unsres Hofspaziergangs durch einen breiten Spalt in der nach außen führenden Hoftür und freuten sich über die Gestalten, die da im Gänsemarsch, in gemessnem Abstand von einander, dutzende Male langsam immer im Kreise herumspazierten, amüsierten sich herrlich über diese Volksverführer, die Plünderer, Hochstapler, Seelenverkäufer und Saujuden, die die Leute mit kommunistischen Irrlehren vergiftet haben, und die von der Gewalt des Militärs und des Zuchthauses nun belehrt werden, daß ihre Spekulation mißlungen ist. Die Schadenfreude der Leute draußen störte mich und ich wandte mich an Herrn Kraus mit der Bitte, er möge die Galerie fortgehn heißen. „Das geht mich nichts an“, war die Antwort – und dabei ist der Herr Kraus von den Aufsehern hier noch der gefälligste und menschlichste. Die einzigen freundlichen Gesichter, die wir sehn, sind die der Zuchthaushäftlinge, die uns das Essen bringen. Das sind meine Brüder im Herrn.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 15. Mai 1919.

Nichts. Ich habe, um vielleicht auf Umwegen etwas zu erfahren, an Siegfried geschrieben, der wohl noch in Eggenfelden bei Doldes sein wird. Meine Hoffnung sinkt aber immer tiefer. Mir eröffnet sich die entsetzliche Möglichkeit, daß ich eines Tages nach Würzburg vors Standgericht geschleppt, zum Tode verurteilt und am Tage darauf erschossen werden kann, nicht nur, ohne Zenzl noch einmal zu sehn, ohne von ihr oder sonstwem Abschied nehmen zu können, sondern ohne auch nur zu erfahren, ob sie lebt, gesund und frei ist, und wie mein Haus bestellt, wie für die Vollstreckung meines letzten Willens, für die Betreuung meines literarischen Nachlasses gesorgt ist. Gewiß – daß es dahin kommen wird, ist noch nicht wahrscheinlich, aber wie wollen die Nutznießer des Bürgerkriegs es vor der Mit- und Nachwelt verantworten, daß sie Menschen, die sie wegen der Überzeugung, daß nur radikale Wandlungen das Volk retten können, einsperren ließen, solchen grauenvollen Phantasien ausliefern? – Die Rettungsaktion Bayerns nimmt inzwischen ihren Fortgang. In Kempten sind Regierungstruppen eingezogen, haben die öffentlichen Gebäude besetzt und natürlich auf Teufel komm raus in Bolschewistenverhaftung gearbeitet. In München soll Ruhe sein (ob der Generalstreik nur in einem unsrer Kameraden rumort hat, oder ob er bei Escheinen meiner Zeitung – also gestern früh – noch nicht bekannt war, läßt sich noch nicht sagen). Aber von vereinzelten Überfällen auf Truppenabteilungen ist hier und da noch die Rede, und das Suchen nach „Rädelsführern“ geht weiter. Vor ein paar Tagen wurde schon gemeldet, daß man Klingelhöfer in Bamberg verhaftet habe. Jetzt wird auf die Ergreifung Tollers eine Prämie, wieder von 10.000 Mark, ausgesetzt. Die Toten werden also wieder lebendig – leider ist eine solche Berichtigung in Bezug auf das Schicksal Landauers nicht zu hoffen; der ist und bleibt ermordet, von denen, die ihn gefangen hatten, auf dem Transport. Es soll noch jemand kommen und erzählen, die Behauptungen, Deutsche hätten im Kriege wehrlose Gefangene abgeschlachtet, sei Verleumdung: sie sind es so gewöhnt geworden, daß sie es jetzt noch mit ihren Landsleuten ebenso machen. – Der „Schmachfriede“ wird zu einer immer alberneren Theaternummer. Graf Brockdorf-Rantzau, der in Versailles eine von Würde tropfende Ansprache an Wilson speziell und an die Ententeheroen insgesamt gehalten hat, ließ daraus ersehn, daß die Esel, die uns regieren, zwar Reue empfinden wegen mancher Kriegsniedertracht Deutschlands – z. B. wegen Belgien –, aber nur, weil die Kostenrechnung jetzt so kolossal hoch ist, nicht, weil sie von der Schandbarkeit des Geschehenen wüßten. In Kundgebungen aller Art soll jetzt protestiert werden, und zum Exempel, von was für überaus tüchtigen Charakteren die soziale Revolution selbst jetzt noch außerhalb der Gefängnisse repräsentiert wird, lese ich ein Inserat in meinem Bamberger Organ, das zur Teilnahme an einer Massenkundgebung im Freien einlädt. Als Redner werden einzeln aufgeführt ein Abgeordneter der Bayerischen Volkspartei (Zentrum), einer von der Sozialdemokratie, einer von der Deutschen Volkspartei (Nationalliberale, soviel ich weiß), einer von der Mittelpartei (Gott weiß, was das für ein Gebilde sein mag) und Abgeordneter Max Blumtritt von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei! Dieser Mann, von dem viele hunderte von Genossen jetzt im Kerker sitzen, weil sie während der Revolution revolutionär empfinden, geht mit den Auftraggebern der Büttel seiner Kameraden zusammen auf den Markt und erhebt „flammenden Protest“ gegen den uns von den „Feinden“ zugemuteten „Schmachfrieden“. Welch widerwärtiges Gegreine. Wie tapfer und schön zeigte sich Trotzki in Brest-Litowsk im Gegensatz zu diesem Gesindel. Und wenn wenigstens einer in der ganzen Friedensdelegation wäre, der mit einem Wörtchen gegen die den Russen und Rumänen auferlegten infamen Knechtungen protestiert hätte! Sie haben keine Ehre im Leibe, die Nationaldeutschen, das ist das Unglück!

 

Nachmittags (gegen 3¼ Uhr)

Killer hat ein Paket von München bekommen (eben verzehrte ich ein Stückchen Speck, so groß wie ein Radiergummi, das er mir daraus geschenkt hat – seit Wochen das erste bischen Fett, das ich aß). Auch die Genossen Hoffmann, Kandlbinder, Bastian haben von München Nachrichten oder Sendungen erhalten. Wadler, Baisson, Bzdrenga und ich warten noch vergebens. Es scheint mir immer wahrscheinlicher, daß man unsre Post zurückhält, da grade wir bei den Staatsrettern als die gefährlichsten gelten. Wadler und ich als bekannte Agitatoren, Bzdrenga als Mitglied des revolutionären Arbeiterrats, Baisson als Obmann der kommunistischen Betriebsräte im revolutionären Zentralrat. Ich habe vorhin an Zenzl einen Brief geschrieben, der mehr an die Behörden gerichtet war, durch deren Finger er geht. Und jetzt will ich an Haase schreiben.

 

Abschrift des Briefs an Haase: „15. Mai 1919. Sehr geehrter Herr Abgeordneter! Wenn Ihnen auch ein Brief von mir unerwartet kommen wird, so kann es Sie doch nicht überraschen, daß er aus dem Gefängnis kommt. Ich bitte Sie um Rat und Hilfe, und zwar – wie vor einem Jahr aus Traunstein – in Ihrer Eigenschaft als Volksvertreter sowohl als in der als Rechtsanwalt. – Leider habe ich auf meine vor drei Tagen an die zuständige Stelle gerichtete Anfrage, ob ich Ihnen in geschlossenem Brief Mittelungen zugehn lassen dürfe, noch keinen Bescheid, und der juristische Gefängnisvorstand hier meinte, daß das jedenfalls nicht zulässig sei, ehe nicht das Hauptverfahren eröffnet sei. Da nun die Untersuchung gegen mich wegen „Hochverrat“ geführt wird und die Verhandlung standgerichtlich stattfinden soll, wird wohl ein Hauptverfahren garnicht erst formell eröffnet werden, sondern Vorladung und Verhandlung jeden Tag zu erwarten sein können, obwohl meine Verhaftung schon am 13. April erfolgte, das Standrecht aber erst etwa 14 Tage später verhängt wurde. – Ich muß also im offenen Brief klagen und kann daher nicht so schreiben, wie ich dem Anwalt und Abgeordneten gern geschrieben hätte. – Eine ausführliche Darstellung der res agenda zu geben, liegt nicht in meiner Absicht. Nur soviel, daß der „Hochverrat“ (nach § 81 Z 2, 85, 86, 47 RStGB in Zusammenhalt mit Art. 3 des bayer. Kriegszustandsgesetzes) offenbar in meiner Teilnahme an der am 6. April erfolgten Ausrufung der Räterepublik gefunden wird, und daß ich meine Beteiligung am Hochverrat ohne weiteres zugestehe, nur das Delikt auf den 7. November 1918 datiere, ein Delikt, an dem der gegenwärtige Ministerpräsident Hoffmann dadurch, daß er am 9. November in das Revolutionsministerium Eisner eintrat, zweifellos Beihilfe geleistet hat. Ich behaupte, daß die Revolution seitdem eine fortlaufende und noch nicht abgeschlossene Aktion darstellt und bestreite dem gegenwärtigen Rumpfkabinett durchaus das Recht, den Schutz des Hochverratsparagraphen des alten, das monarchische System voraussetzenden Strafgesetzbuchs für sich in Anspruch zu nehmen. – Ich hätte noch eine Fülle juristischer Einwendungen zu erheben, möchte aber, da der Brief von eben dem Staatsanwalt gelesen wird, der voraussichtlich die Anklage gegen mich vor dem Standgericht vertreten wird, meine Argumente jetzt für mich behalten. Bei der großen Gefahr, die der Prozeß für mich bedeutet, bei der Unwiderruflichkeit des Urteils, das auf Tod lauten kann, wäre mir aber doch die juristische Beratung und womöglich die Assistenz eines Verteidigers, der die Sache überschaut, und meine Anschauungen begreift und mitfühlt, sehr wertvoll und wichtig. – Leider bin ich kein vermögender Mann. Ich habe, obwohl die Zeitungen meine ungeheure Bereicherung durch die Revolution behaupten, nicht blos kein Geschäft mit meinen Gesinnungen gemacht, sondern im Gegenteil das Wenige, das ich besaß, in diesen Monaten vollständig zugesetzt. Ich bin daher außerstande, einen Rechtsbeistand nach meinen Wünschen auszuwählen, will aber lieber ohne Anwalt vor Gericht treten, als unter der Assistenz eines Offizialverteidigers. Ich bemerke dabei, daß mir die Traunsteiner Verbannung einen Schaden von über 3000 Mark verursacht hat, und daß meine Entschädigungsansprüche dafür seit langen Monaten unerledigt bei der Regierung liegen. – Ich weiß nicht, ob Sie selbst unter diesen Umständen bereit wären, mir beizustehn. Es geht aber ebenso wie mir einer großen Zahl Mitangeklagten, die zum erheblichen Teil aus Mitgliedern der USP besteht. Vielleicht sind Sie bereit, uns, wenn nicht in eigner Person, so doch durch Ihre gütige Vermittlung, einen für die Sache interessierten Rechtsbeistand zuzuweisen. In Bayern wüßte ich keinen einzigen Anwalt, dem ich die Sache anvertrauen möchte, zumal hier jeder, der freiheitlicher Regungen verdächtig ist, längst eingekerkert ist. – Außer diesem Anliegen, mit dem ich Sie als Rechtsanwalt behelligt habe, möchte ich Ihnen aber noch eine persönliche Angelegenheit vortragen, für die ich Sie bitte, sich als Abgeordneter zu interessieren. – Ich wurde, wie gesagt, am 13. April morgens kurz nach 4 Uhr aus meiner Wohnung weg verhaftet und zwar von Angehörigen der Republikanischen Schutztruppe in München, die einen Haftbefehl nicht vorzeigen konnten. Ich wurde dann mit andern Genossen zusammen von München mit der Bahn abtransportiert, – wohin, darf ich nicht verraten. Seit dieser Zeit, jetzt also nahezu 5 Wochen hindurch, bin ich ohne jede Nachricht von meiner Frau und kann auf keine Weise erreichen, auf meine Briefe und Bemühungen von ihr oder über sie Auskunft zu erhalten. – Bis etwa zum 6. oder 7. Mai war das insofern begründet, als die Bahn- und Postverbindung mit München abgeschnitten war. Seitdem aber haben Mitgefangene Brief- und Paketsendungen aus München erhalten, während ich immer noch vergeblich warte und natürlich allmählich in einen Zustand unerträglicher Nervenüberreizung gerate. – Ich habe aus den Zeitungen erfahren, daß in München über 5000 Personen verhaftet, daß über 900 Personen verwundet und über 400 Personen getötet sind. Bei der maßlosen Pressehetze, bei dem viehischen Haß, der künstlich gegen jeden Menschen erregt wird, der kommunistischer Gesinnung verdächtig ist, bei den besonderen Beschimpfungen und Verleumdungen, denen ich persönlich ausgesetzt war und bin, habe ich die größten Befürchtungen, daß sich die Wut der verhetzten Masse von Bewaffneten in meiner Abwesenheit gegen meine Frau gekehrt haben könnte. Der Tod meines Freundes Landauer, der auf dem Transport zum Gefängnis von den Leuten, die für seine Sicherheit verantwortlich waren, ermordet worden ist, und der Tod der 21 katholischen Gesellen, die auf eine Denunziation hin für Spartakisten gehalten und ohne weiteres umgebracht wurden, beweist ja, wie berechtigt die Besorgnis ist, die ein Revolutionär von meiner exponierten Öffentlichkeit für die Seinigen hegen muß. – Ich bin also in gradezu verzweifelter Angst um meine Frau und bitte Sie, mir mit dem Aufgebot aller Ihrer Ihnen als Abgeordneten zu Gebote stehenden Mittel schnellstens zur Kenntnis der Umstände zu verhelfen, in denen sich meine Frau zur Zeit befindet: ob sie noch am Leben ist, ob sie gesund ist und ob sie sich in Freiheit befindet. Ist das letztere nicht der Fall, so glaube ich doch, obwohl ich im Kommunismus das Heil der Welt erblicke, Anspruch darauf zu haben, mit ihr in brieflichen Verkehr zu treten. – Da auch eine Reihe von Briefen, die ich, um Auskunft zu erhalten, an andre, politisch indifferente Persönlichkeiten in München richtete, unbeantwortet geblieben sind, muß ich annehmen, daß mir die Post, die mir Auskunft über das Schicksal meiner Frau geben kann, absichtlich zurückgehalten wird. Sollte ich mich, wie ich hoffe, in dieser Annahme irren und eine Aufklärung irgendwelcher Art noch an mich gelangen, so werde ich Sie sofort verständigen, da dann dieser Punkt meines Schreibens gegenstandslos wäre. Solange Sie jedoch keine weiteren Mitteilungen von mir empfangen, bitte ich Sie, alles Erdenkliche aufzuwenden, um mich aus der entsetzlichen Folter dieser Ungewißheit zu befreien, die ich nicht mehr lange ertragen kann. Vielleicht wäre ein Appell an die Öffentlichkeit geeignet, die zuständigen Instanzen zu veranlassen, mir die verlangten Aufklärungen zu gewähren. – Wie ich bei der gegenwärtigen Erregung imstande sein soll, vor dem Standgericht, dessen Vorladung ich stündlich erwarten kann, meine Verteidigung zu führen, sehe ich nicht ab. – Meine Münchner Adresse ist: Georgenstr. 105/IV, Fernsprecher 33626; der Name meiner Frau Kreszentia Mühsam geb. Elfinger. – Ich wäre Ihnen für rasche Antwort und für teilnehmende Bemühungen sehr dankbar. Mit verbindlichen Empfehlungen

Ihr Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach Freitag, d. 16. Mai 1919.

Siegfried schickt mir per Postanweisung 100 Mk. Aufgabeort und Absenderadresse ist Tegernbach Post Rudelzhausen. Das sind die größeren Flecken in der Hollerdau, Zenzls Heimat. Der Junge hat leider kein Wort der Erklärung auf den Postabschnitt geschrieben, sodaß ich allen möglichen Vermutungen überlassen bin. Daß das Geld auf Zenzls Veranlassung geschickt ist, ist jedenfalls sehr wahrscheinlich. Aber warum schickt sie es nicht selbst? Ist sie nicht in München? Ist sie womöglich im Gefängnis und man läßt sie nicht an mich schreiben? Aber woher hat der Junge meine Adresse? Und warum schickt mir Zenzl Geld statt Wäsche, da ich doch so bitter unter der Unreinlichkeit leide! – Der Assessor war vorhin bei mir. Er habe an den Staatsanwalt geschrieben und denke, die Auskunft, warum Pakete und Briefe aus München nicht bei mir eintreffen, wird bald eintreffen. Auch hatte er eine neue Eröffnung. Die standgerichtliche Verhandlung soll am Tatort stattfinden, meine also in München, meine Korrespondenz solle infolgedessen fortan über den Staatsanwalt beim Landgericht München I an mich gelangen. Ich werde nun daraufhin heute an diesen Mann schreiben und den Antrag stellen, daß meine Überführung nach München gleich erfolgen soll. Da werde ich doch eher erfahren, was los ist und auch Besuche empfangen können. Vielleicht wird durch Vermittlung des Münchner Staatsanwalts auch die Verbindung mit Zenzl endlich erreicht werden. – Auf das Standgericht selbst bin ich gespannt, wie es ein Urteil gegen mich zustande bringen will, ist mir rätselhaft, obwohl ich nicht daran zweifle, daß die Verurteilung erfolgen wird, und daß sie nicht so milde ausfallen wird wie die, die das Kriegsgericht in Berlin jetzt gegen die Mörder Liebknechts und Rosa Luxemburgs gefällt hat. Der Husar Runge wurde wegen Totschlags zu 2 Jahren Gefängnis, 2 Wochen Haft und 4 Jahren Ehrenverlust verurteilt, der Oberleutnant Vogel zu 2 Jahren 4 Monaten Gefängnis und Dienstentlassung und zwar wegen „erschwerten Wachvergehens im Felde und Mißbrauch der Dienstgewalt. (Liebknecht war, weil er gerufen hatte: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“ zu über vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden, Rosa Luxemburg hat, ohne daß ihr strafbare Handlungen vorgeworfen werden konnten, fast die ganze Kriegszeit durch in Gefängnissen zugebracht. In Deutschland ist es heute noch billiger, gesinnungsfeste Menschen zu ermorden, als menschliche Gesinnung zu betätigen. Was wird Landauers Mördern viel passieren?) Die übrigen Angeklagten, die Brüder v. Pflugk-Hartung und etliche Leutnants wurden freigesprochen, nur ein Leutnant d. R. Liepmann muß harte Strafe auf sich nehmen: wegen Anmaßung einer Befehlsbefugnis und Begünstigung 6 Wochen erschwerten Stubenarrest! – Immerhin „erschwerten“. – Die „Rote Fahne“ hat seinerzeit ein Bild reproduziert, auf dem diese Helden bei der feuchtfröhlichen Feier der gelungenen Tat zu sehn waren: Runge, Vogel und die übrigen – sie alle feierten beim Wein den „Totschlag“, das „Wachvergehn“ und die „Begünstigung“. – Ich saß am 16. Januar mit Landauer und Leonhard Frank in Eckels Schoppenstube beim Mittagessen. Da trat Weigel ein mit der Nachricht von Liebknechts Tode. Gleich nachher erschien ein Leutnant mit seinem Mädel und gröhlte schon im Eingang: „Es leben die Mörder!“ – Wir verbaten uns heftig die Kundgebung, da erschien der Wirt des Lokals händereibend mit den Worten: „Das ist recht!“ Wir ließen unser Essen stehn und gingen. – Der Geist dieses Landes ist unverändert geblieben. Eine tiefere Verwahrlosung der Sittlichkeit eines Volks gab es niemals. Wie würdelos trägt es die Niederlage, umso würdeloser, je mehr Würde im Verhalten gegen die Sieger prästiert wird. Jetzt wird ein Entrüstungsgezeter inszeniert, das dem Lande, in dem die deutsche Vaterlandspartei möglich war, das einen Verein zur raschen Niederkämpfung Englands besaß, in dem das Gott strafe England! das Stichwort erwünschter Gesinnung war, dessen Phantasie sich jahrelang in den Begriffen 42 cm., dicke Berta, langer Max, Antwerpen-Bagdad, unsre Zeppeline, unsre U-Boote, Hindenburg und 87 Luftsiege erschöpft, das Haßgesänge gröhlte, den Belgiern, seinen Opfern, die Schuld am infamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte aufbürdete, das schließlich durch Ludendorffs Abwehrsiege soweit zerdroschen war, daß es sich endlich zur Anerkennung der ersten Revolutionsgeste bereitfand, und nun eben dieser Revolution die Verantwortung an seinem Jammer zuschieben möchte, – dem Lande steht das Wehgeschrei über die bösen Gegner verdammt übel an. Der von Wilhelm II. in seiner Diplomatenkarriere geschobene Graf, der nun als Sinnbild der neu gewonnenen deutschen demokratischen Freiheitlichkeit die Ebert-Scheidemannsche Herrlichkeit in Versailles personifiziert, Herr Brockdorf-Rantzau, bombardiert Clemenceau mit Noten, die im Einzelnen das Ententedokument widerlegen und günstigere Bedingungen herausschinden sollen (unter der Begleitmusik kindisch arrangierter Protestkundgebungen mit Verwahrungen, die jedesmal „flammend“ heißen, werden alle diese Noten abgesungen). Würden sich die Herren mit Einsprüchen begnügen, die in sachlicher Begründung etwa die Belastung Deutschlands durch die auferlegten Kontributionen als unerträglich dartäten, ließe man sichs gefallen. Aber da wird in gescheiter Diplomatie nach Wiener Manier gearbeitet. Kleine Bosheitsfinessen werden in die Dokumente hineingeklügelt. Ah, der geneigte Leser merkt was – er lächelt fein: da wirds aber dem Wilson gut gegeben! Etwa: „Es dürfte in der Geschichte der neueren Zeit kein Beispiel dafür geben, daß eine zivilisierte Macht die andre veranlaßt, ihre Angehörigen als Gegenwert für eine Summe Goldes unter fremde Herrschaft zu bringen.“ Zum Beweise, daß die Behandlung des Saarbeckens eine solche Gleichsetzung von Menschen- und Goldwert bedeutete, wird eine lachhaft rabulistische Konstruktion vorgenommen – und nun meint man, man habe die Alliierten mit ihren eignen Waffen geschlagen. Ungeheuerlich aber ist es, daß Brockdorff in einer der Noten die Auffassung der deutschen Delegierten über die am Kriege verantwortlichen Personen dergestalt formuliert: „Sie vermögen der früheren deutschen Regierung nicht die alleinige oder hauptsächlichste Schuld an diesem Kriege zuzusprechen.“ Damit wollen diese Hornochsen die Entschädigungsansprüche der andern Seite von sich schieben. Hoffentlich komme ich noch einmal dazu, meine „Abrechnung“ vorwärts zu bringen. Da wird es bei aller Berücksichtigung der in den allgemeinen gesellschaftlichen Einrichtungen begründeten Kollektivschuld zutage treten, daß die Absicht, den automatisch angesammelten Sprengstoff durch manuelle Entzündung zur Explosion zu bringen, durchaus nur in Deutschland bestand. Clemenceau, Lloyd George und Wilson werden recht beruhigt sein und sich sagen, daß die Gefahr, es könnte etwa der Bolschewismus über Deutschland zu ihnen gelangen, doch recht gering zu sein scheint, da das deutsche Volk aus Niederlage und Revolution noch nicht einmal den Nutzen ziehn konnte, seine primitivsten Notwendigkeiten den Händen halbwegs kultivierter und ehrlicher Leute anzuvertrauen. – Es ist also ein allgemeines lächerliches Zappeln und Händeringen im teuren Vaterlande: wir wollen diesen Frieden nicht! nein, diesen Frieden wolln wir nicht! Und nun erhebt sich in den Blättern das gräßliche Gespenst: die Entente wird mit den Einzelstaaten gesondert verhandeln und ihnen dafür Extrawürste braten. Aber da geraten unsre nationalen Schmöcke ganz aus dem Häuschen. Mein Bamberger Dietrich tobt: „Das ganze Deutschland soll es sein!“ – Die Ehre des Vaterlandes ist bedroht – und wir lassen uns unglücklich machen, aber nicht entehren! – Wie die Jungfer auf dem Heuboden. Man kann ja nie genau wissen, ob die Hanswürste von Zeilensöldnern und Nationalrhetoren wirklich so dumm sind, wie sie sich stellen, oder ob sie vielleicht glauben, wenn sie ihre Anhänglichkeit ans deutsche Reich recht tränenvoll beteuern, wird man für Bayern noch etwas mehr Speck liefern, – jedenfalls ist die entsetzte Abwehr des Prinzips divide et impera! bei denen reichlich komisch, die statt mit Rußland zu verhandeln, erst mit der Ukraine Frieden schlossen – einem erst ad hoc geschaffenen, nach Bedarf wöchentlich erweitertem Staatsgebilde, und dann Esthland, Livland, Kurland, Littauen etc. ebenfalls selbständig „anerkannten“, ohne sie deshalb „ehrlos“ zu schelten, sondern mit Streicheln und Wohlgefallen jedem Einzelnen das Fell über die Ohren zog. Ich würde an Clemenceaus Stelle jeden deutschen Einspruch mit einem Zitat aus einem der Verträge von Brest-Litowsk und Bukarest beantworten. Den Bayern aber könnte garnichts besseres geschehn als die Loslösung von Preußen-Deutschland. Sie brauchten nur fürs engere Vaterland Steuern zu zahlen und hätten Freiheit, die eigne Individualität zu entwickeln. Man frage einen eingewachsenen Bayern, wann das Land sich und seine Einwohner wohler befunden hat: vor 1866 oder nachher! Erst jetzt, in den allerletzten Tagen und Wochen hat sich ein Band gewebt, das Preußen und Bayern zum ersten Mal wirklich in sehr enge Gemeinschaft bringt. Es ist mit einem Wort, einem einzigen Namen zu bezeichnen: Noske! ... Noskes Geist arbeitet weiter in Bayern. In Aschaffenburg hat man die Führer der Rätepartei wegen „Hochverrats“ in Haft gesetzt. In München haben aber die Schergen jetzt doch eine der entscheidenden Persönlichkeiten der kommunistischen Herrschaft verhaftet: Leviné-Nissen. Ich habe keine sonderliche Sympathie für den Mann. Sein Aeußeres, die monotone tröpfelnde Art seiner Rede (deren Wirkung ein Arbeiter mir mit den Worten erklärte: „Der Druck dahinter macht’s!“) – ist mir peinlich. Auch ist die Unterstellung, ich hätte mit Schneppenhorst gemeinsame Sache gemacht und das Proletariat verraten, Levines Arbeit gewesen. Aber ich hoffe für ihn, daß er sich von dem Verdacht, er sei an der infamen Geiselerschießung beteiligt gewesen, wird reinigen können. Sonst stände es schlimm um ihn.

 

Nachmittag (Zeit: ?)

Nachricht. Gottseidank! Von Zenzl Brief und Paket. Sie ist selbst mit dem Jungen auf dem Lande, um sich zu sichern, wie sie sich ausdrückt. Anscheinend hat die Polizei ihr den Rat gegeben, aus dem Umkreis meiner früheren Tätigkeit, d.h. aus der drohenden Liebestätigkeit der Mitmenschen zu verschwinden. Gottseidank! – Als der Wärter mir die Pakete geöffnet, und Butter, Speck und Eier zum Vorschein gebracht und endlich Umhüllungen geprüft und mir den Brief ausgehändigt hatte und ich sah, daß Zenzl selbst geschrieben hatte, und als der Mann endlich draußen war und ich den Brief mit der lieben raschen und doch unausgeschriebenen Schrift und der unbefangenen Ortographie gelesen hatte, da mußte ich mich erst an die Pritsche halten, weil ich etwas Schwindelgefühl spürte, und dann habe ich wie ein kleiner Schulbub geheult, daß es mich geschüttelt hat. Ein Ei gab mir die Kraft wieder, und nun bin ich so froh wie seit Wochen nicht mehr. Zenzl lebt, ist frei und gesund. Da scherts mich den Teufel, was Polizei und Militär mit meinen Sachen angestellt haben. Alles ist beschlagnahmt. Meinetwegen. Vernichten werden sie meine Tagebücher und Aufzeichnungen wohl nicht ... Ein Brief an Zenzl ist schon fertig, hoffentlich kommt er heute noch fort. Alle weiteren Schreibereien – an Haase, an den Münchner Staatsanwalt, an Mila, der ich eigentlich schreiben wollte – lasse ich für morgen übrig. Jetzt will ich zuerst ein Stück Speck und noch ein Ei zu mir nehmen, – schade daß ich kein Brot habe, aber etwas Zwieback habe ich, darauf wird Butter gestrichen, so kann ich gleich von allem Guten kosten und mich kräftigen. Eben wurde ich von Amts wegen gewogen: 56 Kilo. Mein Gewicht in München war ungefähr 63 Kilo. 7 Kilo Abnahme in kaum 5 Wochen ist allerdings erheblich. Eine Stärkung ist die Gefangenschaft nicht.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 17. Mai 1919.

Brief an Haase. Abschrift. „17. Mai 1919. Sehr geehrter Herr Abgeordneter, in Ergänzung meines Schreibens von vorgestern teile ich Ihnen mit, daß meine Frau sich inzwischen gemeldet hat. Sie mußte sich von München aufs Land in Sicherheit bringen und bekam meine Briefe erst jetzt ausgeliefert, da durch die wochenlange Absperrung Münchens in der Postbestellung große Verzögerungen eintraten. Dieser Punkt meines Anliegens ist damit erledigt. – Dagegen wurde mir gestern eine neue Eröffnung gemacht. Die standrechtliche Verhandlung soll am Tatort stattfinden, in meinem „Hochverrats“-Falle also in München. Daher wird meine Korrespondenz von jetzt ab von der Staatsanwaltschaft München I kontrolliert. – Ich überlege nun, ob ich nicht meine Überführung nach München schon für die Untersuchungshaft beantragen soll, da mir dort gewisse Annehmlichkeiten, Besuche, leichtere Herbeischaffung von Lektüre, Benutzung der Staatsbibliothek zugute kämen, die ich hier entbehren muß. Andrerseits habe ich nach den Fällen Liebknecht, Luxemburg, Landauer die stärksten Bedenken, mich einem Einzeltransport durch Weißgardisten – noch dazu auf einer längeren Eisenbahnfahrt – anzuvertrauen. – Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir mit der Antwort auf meine Frage, ob Sie geneigt wären, die Verteidigung zu übernehmen, bzw. ob Sie einen Ihrer Herren Kollegen dazu vorschlagen, der es unter Berücksichtigung meiner völlig derangierten Vermögensverhältnisse tun würde – gleichzeitig Ihre Auffassung mitteilen möchten, ob ich meine Überführung nach München werde erbitten können, ohne mein Leben zu gefährden. – Mit bestem Dank für Ihre Bemühungen grüßt Sie Ihr ergebener

Erich Mühsam.

 

Machtvolle Kundgebungen! Flammende Proteste! Alles heult Mordio wegen der Versailler Bedingungen. Im Bamberg sind die bayerischen Landtagsboten (die Helden vom 21. Februar) nach rührenden Reden des Präsidenten Franz Schmitt mit dem Umhängebart à la lieber Gott und des Ministerpräsidenten Hoffmann zu einer einstimmigen Entschließung gelangt, worin sie ihr Niemals! geschmettert haben (was denselben Wert hat wie das berühmte Niemals! des Herrn Kühlmann wegen Elsaß-Lothringen), worin sie von ihrer Pfalz nicht lassen können, die deutsch ist und bleiben muß (wer denkt nicht an Scheidemanns: Elsaß-Lothringen ist deutsch und bleibt deutsch!?), und worin sie alle, mit Einschluß der Unabhängigen, deren Parteigenossen zu Hunderten in den Gefängnissen sitzen, weil sie an die Weltrevolution glauben, geloben, lieber unterzugehen als von Preußen-Deutschland zu lassen und einen Sonderfrieden zu schließen. Die Idioten! Ende März fand im Löwenbräusaal eine Versammlung statt, in der alle Parteien, mit Einschluß der Konservativen und der Kommunisten gegen die Verpreußung Bayerns durch die Weimarer Unitaritätsbestrebungen aufmuckten. Jetzt wollen sie Hungers verrecken, ehe sie die Potsdamer Schlinge vom Halse ließen. – Und alle sind einig. Die Verstandbegabten nämlich, die erkennen, daß es vollständig egal ist, was in dem Friedensvertrag drinsteht, daß die Völker sich ihren Frieden ganz selbständig und wirklich ohne Vergewaltigungen selbst schließen werden, und daß es für Süddeutschland kein größeres Glück gäbe als die Befreiung von der Berliner Vormundschaft, sind, sofern man sie am Leben gelassen hat, eingesperrt. Dadurch wird Deutschland allerdings erst mit beträchtlicher Verspätung, d. h. mit Menschenopfern, die sehr vermeidlich wären, in die Gemeinschaft der Welt wieder aufgenommen werden. Übrigens hat in Hamburg eine große Versammlung der USP die Annahme der Bedingungen gefordert, da erst die allgemeine Erhebung der Internationale zum definitiven Frieden führen kann. Man sieht auch hier wieder, wie entfernt die Begriffe Abgeordnete und Volksvertreter von einander wohnen. Im Rätesystem käme bei solchen Anlässen die Ansicht der Massen wirklich zum Ausdruck. Sonst nichts Neues, außer Unruhen in Stettin. Ich lege solchen Einzelaktionen keine große Bedeutung bei, doch sind sie als Symptome ungemein wertvoll. – Ich erhielt eine Nummer der Münchner Neuesten Nachrichten vom 9. Mai abends, die über die Münchner Dinge allerlei Einzelheiten bringt. Es ist ganz entsetzlich, wie die Weißgardisten gewütet haben. In Plaudereien unter dem Strich werden scheußliche Infamien erzählt – mit unverhohlener Befriedigung. Geschichtchen aus den Vororten: überall soundsoviel standrechtlich Erschossene und dazu die Heldentaten der Hoffmannsöldner. 500 Tote soll es in München allein gegeben haben. Dann finde ich einen Bericht darin über eine Sitzung des Ältestenrats in Bamberg. Ich zitiere einen Absatz: „Bei der begreiflichen Erregung der Soldaten gegen die Spartacisten waren nach Ansicht der Regierungsvertreter und des Ältestenrats unangenehme Zwischenfälle natürlich nicht zu vermeiden. Daß Egelhofer und Landauer getötet wurden, sei zu verurteilen, da sie als Gefangene dem ordentlichen Verfahren nicht hätten entzogen werden dürfen. Mit besonderer Entrüstung und mit größtem Bedauern vernahmen die Mitglieder des Ältestenrats und der Regierung den außerordentlich bedauerlichen Vorfall im Prinz-Georg-Palais.“ Folgt der Beschluß, den Angehörigen das Beileid von Regierung und Landtag auszusprechen und die Versorgung der Hinterbliebenen auf Staatskosten zu übernehmen. Ad notam: die Ermordung eines der glänzendsten Geister, der reinsten Idealisten, der stärksten Persönlichkeiten, über die Europa und die Welt verfügt, eines Mannes der, um mit Büchners Danton zu reden, seinen Namen ins Pantheon der Geschichte eingegraben hat, ist ein „unangenehmer Zwischenfall“. Man hätte ihn lieber im „ordentlichen Verfahren“ abgeschlachtet. Dagegen die Schmerzenstöne wegen des Todes der armen Kerle vom Karolinenplatz. Der Schmerz gilt aber nicht dem Morde, den ihre Gedungenen verübt haben, sondern dem Umstande, daß nicht die Richtigen ermordet worden sind. Wären 21 von der Rettung der Welt durch den Kommunismus durchdrungenen zufällig beim Bier versammelten Arbeitern das gleiche geschehn, dann wären Regierung und Ältestenrat allenfalls unangenehm berührt, aber ein Bedauern hätten diese vorbildlichen Sozialisten schwerlich aufgebracht. Dabei wird für die Lebendighaltung der Haßstimmung weiterhin mit Verleumdungen und Entstellungen der gehässigsten Art gesorgt. Das „Bamberger Tagblatt“ hat heute neue Daten über die Bolschewisten in der Auslage. Nachdem erst „Stimmungsbilder“ aus der „Frankfurter Ztg“ von Dr. Wahl, meinem alten Freunde, nachgedruckt wurden, der sich als rechter Schmock erweist, gehts los. Über Levien natürlich die von Eisner erfundene „Gehirnsyphilis“ (gibts das eigentlich? Paralyse kenne ich. Aber Irrsinn kann man doch einem Menschen von der klugen Sicherheit und brillanten Dialektik Leviens nicht auf Behauptungen hin, sondern nur aufgrund von Symptomen vorwerfen. Und wer hätte die je bemerkt? Aber bei Eisner kam es ja auf Verdächtigungen nie an). Folgen die übrigen: Lipp, Wadler, Toller, diesmal auch Rothenfelder und dann: „Von Erich Mühsam dürfte es von Interesse sein, zu hören, daß er auf dem Rätekongreß im Februar die sofortige Verhaftung des Stadtkommandanten Dürr beantragte. Als ihm jedoch von den Arbeitern Prügel angedroht wurden, bat er Dürr persönlich, er möge ihn doch im Auto nach Hausen fahren, um ihn vor Schlägen zu bewahren, was Dürr auch tat.“ – So wirds gemacht. Eine der amüsantesten Revolutionserinnerungen wird da gegen mich ausgemünzt und ins Gegenteil der Wahrheit verfälscht. In einem Flugblatt, in dem gegen Levien und mich persönlich gehetzt war, und das u. a. von Dürr und Staimer gezeichnet war, forderte man die Bevölkerung auf, sich zuhause zu halten, da die Straße für Militär frei bleiben müsse. Im Münchner Arbeiterrat sprach ich heftig gegen Dürr, der eine Reihe überflüssiger Schießereien und dadurch verursachter Unglücksfälle auf dem Gewissen hatte. Man beschloß, ihn persönlich zu laden und es gab eine scharfe Kontroverse zwischen uns. Die Sitzung, die im Gewerkschaftshaus, also weit von meiner Wohnung entfernt stattfand, dehnte sich bis lange nach Abgang der letzten Trambahn aus. Ich erhielt täglich Drohbriefe. Die Stimmung der Bourgeoisie, der nationalen Studenten, der Offiziere gegen mich war besonders noch durch das Dokument, das an diesem Tage verbreitet war, erbittert, sodaß die Arbeiter Bedenken hatten, mich in der Nacht den weiten Weg zu Fuß machen zu lassen. Ich war schon unterwegs, als ich zurückgerufen wurde. Staimer und Dürr waren von meinen Freunden – nicht von mir – aufgefordert worden, sie sollten für die Sicherheit meiner Person auf dem Heimweg sorgen. So wurden sie veranlaßt, mich in ihr ehemals königliches Auto zu nehmen und persönlich vor meiner Tür abzusetzen. Ich hatte vorher im Rätekongreß zwar nicht die Verhaftung, aber die Suspendierung Dürrs vom Amt beantragt, und er hatte dann gegen mich Haftbefehl erlassen, den er gezwungenermaßen zurücknahm. – Ich habe die Geschichte, wie ich vom Stadtkommandanten und dem Polizeipräsidenten persönlich heimgefahren wurde, selbst häufig erzählt, sonst wüßte es gar niemand. Schmock macht aber daraus einen neuen Charakterdefekt und verleumdet obendrein die Arbeiter. Aber seine Absicht verrät er dabei recht offen: wir sollen sterben! Nach der Meldung, daß nun auch Neurath ins Gefängnis gesetzt sei – warum wohl? er hat sozialisieren wollen! – und daß leider Axelrod mit seiner Begleitung in Innsbruck verhaftet und auf Anordnung des italienischen Kommandos nach Bayern ausgeliefert sei (von seiner einfachen Frau, dieser typischen, von Eitelkeit himmelweit entfernten, russischen Revolutionärin wird den Lesern erzählt, sie „strahlte in Brillanten und Juwelen“) – nach dem Bedauern, daß Levien und Toller immer noch gesucht würden, kommt dann die Forderung: „Von der Regierung verlangt das gesamte Volk, daß mit der ganzen Strenge des Gesetzes ... verfahren wird.“ Das Gesetz aber gestattet dem Standgericht das Todesurteil, gegen das es keinen Einspruch gibt. Das „Volk“ aber, für das dergleichen mordgieriger Blague zusammengeschmiert wird, glaubt es aufs Wort, daß es in seiner Gesamtheit unsern Tod verlangt. Ich wills mir merken, daß auch Fritz Wahl in das Feuer bläst, das meinen Scheiterhaufen heizen soll. – In den Münchner Neuesten Nachrichten illustriert eine lange Liste von Todesanzeigen den Jammer der Tage, an denen die Stadt von der Seuche des Bolschewismus „befreit“ wurde. Meistens handelt sichs um Weißgardisten oder um völlig Unbeteiligte, die im Straßengewühl getroffen wurden. Ich finde aber auch den Namen eines Bekannten, dessen Tod seine schönste Rechtfertigung ist. Das Süddeutsche Korrespondenz Büro teilt mit: „Am 3. Mai starb als Opfer der Revolution unser Mitarbeiter Herr Peter Lohmar, Redakteur, im Alter von 29 Jahren.“ Kein Wort der Anerkennung seiner Dienste für die Arbeitgeber, kein Wort des Bedauerns. Also Rotgardist. Bravo! Der arme Kerl war durch seine Betulichkeit und Alleswisserei bei vielen Kameraden in Verdacht, er sei Spitzel. Auch ich mißtraute ihm, da er immer wie ein Totenvogel erschien, wenn etwas Trauriges mitzuteilen war. So kam er am 16. Januar gleich mit gleichgiltigen Details über Liebknechts und Rosa Luxemburgs Ende, und so jedesmal, wenn es Schlimmes zu berichten gab. Lohmar war Mitglied der KPD, aber sein Radikalskitum in Versammlungen brachte ihn in den Ruf eines Provokateurs. Er hat jeden Verdacht zerstreut, der arme Teufel, aber er hat die Hinterlassenschaft seines ehrlichen Namens mit dem Tode erkaufen müssen. – Meine alte Übung, denen, die aus dem diesseitigen Reich meiner Bekannten ins jenseitige abtraten, hier ein paar Zeilen zum Gedächtnis zu widmen, ist seit Monaten arg vernachlässigt worden. Außer denen, die jetzt in München den Tod fanden, fallen mir noch 2 Gestorbene ein, beide aus den Bezirken meiner literarischen Erinnerungen, die in den letzten Monaten um den Nekrolog in meinem Tagebuch gekommen sind – und an beide habe ich gedenkenswerte Erinnerungen –: Peter Altenberg und Paul Lindau[s]. Requiescant in pacem! – Wer kann wissen, ob noch viele Innewohner meines Zirkels mir vorangehn werden! Warte nur, balde –

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 18. Mai 1919.

Fünf Wochen. Wie lange noch? – Aus München keine wichtigen Neuigkeiten. Nur ein paar Verhaftungen werden weiterhin mitgeteilt: Hilde Kramer und Dr. Schollenbruch. Der edle vornehme alte Arzt wird höhnisch als Generalstabsarzt in Anführungszeichen dem satten Bürger serviert. Er sei, nach eigner Aussage, 10 Tage herumgeirrt und habe sich nun selbst gestellt. Der Kommandant im Luitpoldgymnasium Seidel – ich habe keine Ahnung, wer das sein mag – sei nicht, wie damals gemeldet wurde, gleich standrechtlich erschossen worden, sondern er wird noch gesucht. Toller sei in Memmingen aufgespürt, hat sich aber seinen Verfolgern wieder entziehn können. Gegen Landauer wird eine ekelhaft gehässige Besudlung noch im Tode dem „Freistaat“ (sozialdemokratischem Regierungsblatt) nachgedruckt. Gestern wurde der „unangenehme Zwischenfall“ seiner Ermordung der „begreiflichen Erregung“ der konterrevolutionären Soldateska gutgeschrieben. Die Begreiflichkeit fernerer Erregungen zum Mord ist durch die täglich neuen Verleumdungen der regierenden Kanaillen gesichert. – Aus dem übrigen Deutschland interessiert die Stettiner Bewegung, die anfangs große Erfolge zu haben scheint. Natürlich rechne ich nicht mit dem Siege einer solchen Einzelerhebung. Aber die Noskegarde wird ständig in Atem gehalten und im ganzen Lande durcheinandergesprengt. Das muß ja endlich zur Zermürbung führen, wenn es auch entsetzlich auszudenken ist, daß dazu soviel Blut und Elend grade von den Treuen verschwendet werden muß. Im Ruhrrevier soll ein neuer Generalstreik der Berg- und Metallarbeiter bevorstehn. Die alte Avantgarde der Revolution! – Daß sich die „sozialistischen“ Zertrümmerer der proletarischen Freiheit in ihrer Haut nicht wohl fühlen, ist sicher. Die Aufrufe der nach dem Krieg beschäftigungslos gewordenen Offiziere an gutbezahlte Mordbuben häufen sich immer noch, und die Bourgeoisie traut sich vorsichtig mit der Opposition gegen die Scheide- und Hoffmänner heraus. Mein J. B. D. in Bamberg erklärt schon ganz dreist die Regierung für schuldig an der Versailler Misere. Ob sie die Bedingungen nun ablehnen oder annehmen mag – das Volk werde sie jedenfalls hinwegfegen. (Das Volk! Jeder Schmierfink redet in seinem Namen und kriegt von den Ausbeutern des Volks dafür noch Zeilen bezahlt. Wenn das Volk einmal mit dem Wegfegen Ernst macht – und das Unglück ist, daß es im November die Hauptarbeit übrig gelassen hat –, dann werden mit den sozialdemokratischen Ministerhalunken zugleich auch ihre kapitalistischen und aristokratischen Antreiber und Erbschleicher auf den Kehricht fliegen). Vorläufig will man verhandeln. Natürlich wird dabei garnichts herauskommen. Wer soll denn das Geflenne der Leute ernst nehmen, die nun vorrechnen, daß man ihnen garkeine Schiffe zur Seefahrt läßt, sie vom zweiten Platz der schiffahrttreibenden Länder auf den zehnten versetzt, nachdem sie jahrelang England „in die Kniee zwingen“ wollten, indem sie ihnen all ihren Schiffsraum versenkten und, ohne zu fragen, welche Existenzmöglichkeiten für die betroffenen Länder übrig blieben, nach ihrem schönen Grundsatz „Not kennt kein Gebot“ es ebenso mit der Handelsflotte der Neutralen machten. Außer bei uns denkt man noch in aller Welt an die tägliche „U-Boot-Beute“, und ginge es wortgetreu nach den Haager Bestimmungen, dann reichten die Bedingungen von Versailles noch lange nicht aus, um die Haftpflicht der Deutschen an allem völkerrechtswidrig von ihnen angerichteten Schaden festzustellen. Warum sollen denn die Gegner in aller Welt Großmut üben? Sie sind Kapitalisten, Imperialisten, Traditionsgläubige, wie die deutschen Gewalthaber, mit dem Unterschiede allerdings, daß sie es nicht leugnen. Mir ist’s gleich, ob unterzeichnet oder abgelehnt wird. Ein Plebiszit, mit dem die Herrschaften spielen, würde wohl auf Ablehnung herauskommen, weil da ja, genau wie bei Wahlen, nicht die Meinung des denkenden Volks, sondern die Macht der kapitalistischen Einflüsse auf die Mehrheit der Indifferenten zum Ausdruck käme. Ein Unterzeichnen mit dem Trotz der Russen in Brest-Litowsk wäre natürlich die bessere Geste. Aber für den beau geste ist der deutsche Zeitgenosse kein glücklicher Mime. Für den Fall der Ablehnung soll angeblich Foch schon Truppen am Rhein zusammenziehn und in Bayern bekämen wir den Besuch der Tschechoslowaken und Italiener. Mir ist alles recht. Die trostlosen Kamele, die jetzt regierend durch die deutsche Wüste irren, schwanken dermaßen, daß ein unerwarteter Fußtritt sie über kurz oder lang umwerfen muß. Qui vivra, verra. Ob allerdings ich noch zu den Sehenden gehören werde, fragt sich. Mir genügts vorerst, daß ich jetzt sehe, was kommen muß. Wie der Ausgang des Weltkriegs nicht zweifelhaft war, ist es der der Revolution erst recht nicht. Nur sind alle Prophezeiungen, die einen Zeitpunkt angeben wollen, ganz müssig ... Ich las aus der mir jüngst von Mila übersandten Lektüre, jetzt wieder „Dantons Tod“ von Büchner. Welche Herrlichkeit! Und wieviel Parallelen zur Gegenwart. Aber doch: wie ganz anders ist alles jetzt. Zum Schluß ruft Lucile, um aufs Schaffot zu kommen „Es lebe der König!“ – Man ergreift sie „Im Namen der Republik!“ – Ein netter Selbstmörder, der heute rufen würde: „Es lebe der König!“ Man würde ihm Beifall klatschen. Der Ruf: „Es lebe die Revolution!“ wäre gefährlicher. Man würde den Delinquenten schleunigst vor das Standgericht schleppen und das würde ihn verurteilen „Im Namen des Gesetzes!“ Welches Gesetzes? Des Gesetzes, das unter der Monarchie für die Monarchie erlassen wurde, und bei dessen Erlassung über dem Titel geschrieben stand: „Im Namen des Königs!“

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 19. Mai 1919.

Lipp (der übrigens in nächster Zeit wirklich zur Beobachtung seines Geisteszustands von hier nach Eglfing gebracht werden soll. „Ich bin e Narr!“ rief er mir kürzlich herein) gab mir eine Nummer der Berner „Freien Zeitung“, die ich in München regelmäßig zugestellt erhielt. (Was mag aus meinen Münchner Posteinläufen werden?). Ich liebe das Blatt nicht sehr, weil es seine Abneigung gegen die kriegsdeutsche Politik, die ich völlig teile und auch in der Ausdehnung dieser Abneigung auf die Scheidedörfer, Brockberger und Erzmänner der glorreichen Revolutionszeit gehe ich mit ihm ganz einig, weil es glaubt, seine Deutschfeindlichkeit durch Ententomanie sans phrase betonen zu müssen. Ein Fehler, an dem während des Kriegs grade in Deutschland viele Leute krankten, und grade die besten zum Teil. Damals und in Deutschland selbst war das verständlich – wenn es nicht Hardekopfsche Formen der Hysterie oder Eisnersche eines umgestülpten Sozialpatriotismus annahm –, vom Ausland aus war und ist mir diese Sorte des Hinüberpissens ins eigene Haus nicht angenehm – man riecht den Reptilienfonds von Paris. Zudem ist mir der Hauptmacher des Blatts, Hugo Ball, wegen seines hundsföttischen Verhaltens gegen die arme Finny Morstadt derartig odios, daß ich bei der Lektüre aller seiner gut geschriebenen Artikel nicht drüber weg komme. Finny kam im Dezember 1914 mit einem Kind nieder, dessen Vater Balls Freund Leibold war, der schon ein paar Wochen vorher angeblich in Folge einer Verwundung gestorben war (nach andern Behauptungen Selbstmord begangen hatte). Leibolds vermögender Vater hätte ohne weiteres Alimente gezahlt, wenn Ball ihm nicht unaufgefordert in der gemeinsten Weise und indem er auch noch Emmy zu falschen und gehässigen Angaben verleitete, schmutzige Details aus Finnys Sexualleben denunziert und dabei sich selbst gerühmt hätte, mit Finny verkehrt zu haben. Als Vormund des Kindes habe ich den Akt zu lesen bekommen ... Heute war mir die „Freie Zeitung“ aber ein wahres Labsal und insofern eine Mahnung, als ich aus diesem einen Exemplar (vom 26. April) ersah, daß ich unbedingt noch eine größere Zeitung lesen muß, da mich das Bamberger Dreckblättchen über die wesentlichen Dinge nicht unterrichtet. So erfuhr ich aus dieser einen Nummer, daß z. B. der Kongreß der A und S Räte in Berlin, der vom 8. April ab tagte, sich für die allgemeine Dienstpflicht ausgesprochen hat. Toll! Da wundert man sich in Deutschland, wenn kein Mensch uns die Revolution und die Beseitigung des Militarismus glaubt. Es ist ein wahrer Trost, daß die Versailler Bedingungen die Abschaffung der allgemeinen Dienstpflicht enthalten und bei Deutschland den Anfang machen. Dann ist im Zusammenhang mit den von Landauer bei der Augsburger Revolutionsfeier, danach bei einer Versammlung des Revolutionären Arbeiterrats vorgetragenen und in der Rätewoche in den Münchner Neuesten zwangsweise publizierten Erzbergerschen Kriegszielen, die den eitlen Hanswurst, der heute noch die erste Geige in der deutschen Politik spielt, als gierigsten Annexionisten und Weltausplünderer entlarvte, von einer in England erfolgten Dekuvrierung des Grafen Brockdorff-Rantzau die Rede, von der ich leider garnichts weiß. Den hat sich doch Scheidemann extra von Kopenhagen geholt, als „den“ Diplomaten ohne Flecken auf der Weste. – Schon neulich sah ich aus der einen Nummer der Münchn. Neuesten Nachrichten, wieviel mir entgeht, da ich darin einen Verhandlungsbericht von einem Tage des Liebknecht-Luxemburg-Prozesses fand, aus dem ich allein allerlei Wichtiges rekonstruieren konnte, nachdem ich das Urteil aus der Bamberger Zeitung kannte: nämlich, daß die Verurteilten nur am Tode Rosa Luxemburgs beteiligt waren. Runge hat sie mit dem Kolben geschlagen, der Oberleutnant Vogel hatte dann auf der Fahrt angeordnet, da er keinen Zweifel hatte, daß die Frau tot sei(!), die Leiche einfach in den Landwehr-Kanal zu werfen. Nachher hat er dann behauptet, sie wäre aus dem Auto gezerrt und verschleppt worden. Das Hauptverbrechen des Herrn wurde dann auch wohl nicht in der Behandlung der tapferen und begeisterten Idealistin erblickt, sondern in dem vorschriftswidrigen Verfahren mit der Leiche (von der niemand weiß, ob sie tot war; man nahm es einfach nach den Aussagen der Angeklagten an, von den[en] man ja denn auch den im Range geringsten wegen „Totschlag“ zu ganzen 2 Jahren Gefängnis verdonnerte) und hauptsächlich wegen der Falschmeldung. Karl Liebknechts Mördern dagegen wird unter der Regierung seiner ehemaligen Parteigenossen kein Haar gekrümmt. Herr v. Pflugk-Hartung hat zwar zugegeben, daß er den besten Volksmann, den Deutschland gehabt hat, persönlich erschossen hat, aber das kostet ihn nichts, denn der ganze Lügenquark, den man damals gleich dem deutschen Volk vorsalmte, daß Liebknecht bei einer Autopanne einen Fluchtversuch gemacht habe, ist jetzt einfach auf das Zeugnis des Angeklagten hin gerichtsnotorisch. Als der Richter fragte, warum er denn den Fliehenden nicht erst angerufen habe, erklärte der gemütvolle Offizier, die Mühe sei überflüssig gewesen, er habe Liebknecht vorher erklärt, er werde beim Fluchtversuch sofort schießen. Jammer und Scham über Deutschland. Die Schmöcke haben recht: dies Land befindet sich in der Zeit seiner tiefsten Erniedrigung. Aber wahrhaftig: die Schmach, die wir leiden, kommt uns nicht von draußen herein, und das Geheule über den Friedensvertrag zeigt auch nur die Schmach auf, die wir im eignen Leibe tragen, wo keine Reue über alle Verbrechen des Kriegs, kein Gelübde zur Besserung und Reinigung lebt, sondern die alte Selbstgerechtigkeit und Anmaßung, die Verlogenheit, die sich selbst und der Welt weiszumachen sucht, bei uns sei Friedfertigkeit, Weltgefühl, Moral, bei den andern Heimtücke, Selbstsucht, Räuberei, – eine Verlogenheit, die mit Schachermachei und scheinheiliger Komödie den andern Teil von seinen Forderungen herunterzuhandeln sucht. Karl Brienzer reproduziert in der erwähnten Nummer der Freien Zeitung eine Statistik, wonach nach offizieller Ermittlung ein volles Drittel der anbaufähigen Fläche Frankreichs (1.700.000 Hektar) nicht vor 3 – 4 Jahren für den Ackerbau wieder verwendbar sein wird. 250.000 Hektar Ackerboden aber werden für viel längere Zeit, teilweise für immer vernichtet bleiben. Eine Meldung aus Paris lautete kürzlich: „Die Maires der ehemaligen Ortschaften Douaumont und Fleury haben den Schmerz, ihren Mitbürgern bekanntzugeben, daß auf den Wiederaufbau ihrer Dörfer endgiltig verzichtet werden muß.“ Und so soll es noch um unzählige andre Ortschaften stehn. Die Tränen steigen einem auf bei solchen Dingen, und man erinnert sich des Stolzes, mit dem die Landsleute um die Tagesberichte herumstanden, um sich die Namen dieser Orte einzuprägen, wo schandbarster Mord und elendste Verwilderung deutschen Ruhm erstritten. Ich sehe noch die Fahnen flattern wegen Douaumont! Viele Millionen Franzosen und Belgier sind heimatlos geworden wegen des Weltbeherrscherspleens eines albernen Narren, dessen Prozessierung jetzt sogar von den deutschen „Republikanern“ als Demütigung begreint wird. Die Abtrennung gewisser größtenteils von Nichtdeutschen bewohnten Landschaften vom deutschen Reich (dessen Existenz von jeher eine Erkünstelung war, und dessen Auseinanderfallen kein Unglück sondern ein Segen für die Deutschen wäre), deren Einwohner ganz gewiß, da sie doch in ihren Häusern, in ihrem Lande, zwischen ihren Landsleuten wohnen bleiben, keinen Schaden davon haben werden, daß die Staatsgrenzen anders laufen und die Steuerlast geringer wird, – diese Abtrennung wird von unsern Regierungssozialisten zu einer fürchterlichen Tragödie zurechtgeweint und die Franzosen auf ihren zerstörten Äckern zu Riemenschneidern aus unsrer Haut gemacht. Die Nutznießer der Revolution verstricken sich täglich fester in das Schuldnetz derer, die die Revolution stürzen wollte. Vielleicht gelingt es ihnen – mein Aufenthalt hinter vergittertem Fenster legt solche Gedanken ja nahe –, ihre Vorgänger noch einmal an diesem Netz an die Oberfläche zu ziehn. Der gemeinsame Sturz in die Tiefe wird dann um so gründlicher sein – und von dem gibt es dann kein Hochklettern mehr.

 

Nachmittag.

Zenzl hat mir einen Riesenlaib Brot geschickt, dazu eine Brotmarke für 1 Pfund, für das mal ein Stück Kuchen gekauft werden kann[,] und etliche Stücke Zucker, die etwas Feuchtigkeit angezogen hatten, und die ich dem Sträfling geschenkt habe, der mir vorher durch die Tür hereingerufen hatte, es sei ein Paket für mich da. Ich kann den Zucker entbehren, zumal ich heute durch einen Aufseher für 68 Pfennige ein Paket Kunsthonig kaufen konnte. – Der Brief, den mir die gute Zenzl schreibt, klingt unendlich traurig und mir wurde sehr weh dabei ums Herz. Diese Frau hat mir der Himmel selbst geschickt. Wüßte sie nur, wie gut ich das weiß. Ihre Klugheit, Natürlichkeit, Güte, Derbheit, Ehrlichkeit, verbunden mit Kraft, Mutterwitz, Anmut und Schönheit, ihre unbestechliche Hingabe an die Aufgabe, die sie sich gestellt hat, der Kunst zu dienen, indem sie den Künstler pflegt, ihr klares Verständnis für meine Ideen und ihre schöne keusche und starke Liebe – welche Perle von Frau habe ich. Der eine Fehler, den sie hat, ist so verständlich und sollte mir eigentlich wohltun: ihre Eifersucht, die sie nicht wahr haben will. Gute, liebe Zenzl! Ich bin nun mal nicht für die Treue geschaffen, – und wenn dann mal eine Nacht nicht im Ehebett, sondern bei Mila herumging – warum mußte ich dann Lügen erfinden und wir konnten nicht ohne stumme Vorwürfe (oder auch ausgesprochene) drüber hingehn? Aber jetzt, wo wir getrennt sind, wie schön ist da ihr völliges Vergessen dieser Konflikte (die ja daheim auch schon vergeben waren). Sie sehnt sich „unsinnig nach all dem kleinen Glück, das war.“ Oh, ich auch! ich auch! – Sonst kaum ein Wort von ihren Gefühlen: „Es ist so dumm, hier zu schreiben, daß ich Dich liebe. Das weißt Du ...“ Sonst nur Sachliches. Und wie Arges! „Ich kann nicht in die Georgenstraße. Die Leute sind so verhetzt, ich darf als Deine Frau mich nirgends sehn lassen.“ Wenn man das Glück will für die Menschen! Und diese prachtvolle ruhige Sicherheit, mit der sie resigniert: „Alles das, mein teurer Gatte, ist zu ertragen, Du weißt, daß ich nicht mehr erwartete.“ – Und was hat die arme Frau in jenen Tagen ausgestanden! Auch sie war verhaftet, wurde aber von den Polizeibeamten anständig behandelt. Alle unsre Bekannten scheinen sich schlecht benommen zu haben. „Bis jetzt war ich verlassen, die Freunde, die gut zu mir gewesen sind, sind nicht zu finden, die andern hatten Angst, die Frau Mühsam zu beherbergen.“ Das ist ihr so selbstverständlich. Sie schreibt es mit Blei auf ein zerknittertes altes Briefkuvert. Wenn sie wüßte, wielange die Trennung dauert, möchte sie inzwischen zu Nexö nach Dänemark reisen. Ausweise hat sie. Gleich nach meiner Verurteilung soll sie es tun. Inzwischen mögen Engler und Reitze die Wohnung verwalten – wenn sie noch am Leben sind! Auch Zenzl ist ohne Nachricht von ihnen und sorgt sich sehr. Hoffentlich finden wir sie bald. – Das Verbrechen der Hoffmann und Genossen ist unbeschreiblich furchtbar. Das Martyrium meiner Zenzl ist ein Beispiel von vielen Hunderten. Und was soll man sagen, wenn man an die armen Kinder von Landauer denkt! – Die Geschichte geht ihren Gang wie sie muß. Diese Revolution, die ihre klaren großen edlen Ziele hat und kennt, wird ihren Weg bis zum Ende gehn. Aber der Gedanke, wieviel Glück, Kraft und Hoffnung sie zerwalzt, ist schrecklich und schrecklicher noch der Gedanke, daß es die Herrschsucht und die Verblendung einzelner Menschen ist, die die Bahn dieses Zeitgeschehns mit Blut und Elend zeichnet.

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 20. Mai 1919.

„Festbleiben und Ausharren!“ überschreibt mein Saublatt seinen Leitartikel. Darunter liest man dann: „Frankreich wird unruhig.“ Nach den Berichten, die dann folgen, ist von dem Unruhigwerden nicht viel zu merken. Wie bei allem, was die deutsche Bourgeoisie ihrer Presse diktiert, ist auch da der Wunsch der Vater des Gedankens – der Wunsch hauptsächlich, dem unglückseligen Volk, das seit 5 Jahren von gewissenlosen Lügnern um jede Spur von Urteil gebracht ist, Hoffnungen zu machen, mit denen das unvermeidliche Strafgericht noch einmal hinausgeschoben werden möchte. Im Falle der Nichtunterzeichnung des Versailler Vertrags scheint die Entente im Ernst an die militärische Besetzung Deutschlands und an die Erneuerung der Blockade zu denken. So oder so – die Unmöglichkeit der Scheidemannwirtschaft wird eines Tags in drastischer Form zum Ausdruck kommen, und dann muß sichs zeigen, ob gleich die sozialistische Revolution siegt oder ob die Ludendorffs noch vorher einen kurzen Triumph in Deutschland erleben werden – was entsetzliche Blutopfer kosten würde. In Bayern zetert man um die Rheinpfalz. Dort rühren sich nämlich vernünftige Leute, die die absolute Notwendigkeit der Untrennbarkeit der räumlich weit getrennten Länder und ebenso die Notwendigkeit für die Pfälzer, an den deutschen Steuerlasten mit zu tragen, bezweifeln und sich für eine neutrale Pfälzer Republik interessieren. Die Internationalen in Deutschland klappern mit den Zähnen bei einer solchen Vorstellung. Herr Ministerpräsident Hoffmann, selbst ein Pfälzer, wird erschütternde Schmerzenstöne in die Welt posaunen, und wenn er das Unglück seines Vaterlands doch nicht mehr aufhalten kann, sich ihm zur Verfügung stellen. „Charakter ist nur Eigensinn“ – hat Scheerbart gedichtet. – Wie es mit der „rein sozialistischen“ Natur des Ministeriums Hoffmann bestellt ist, beleuchtet anmutig eine Notiz, worin schonend auf den eventuellen Tod Ludwig Wittelsbachs vorbereitet wird – mein Gott, der Mann ist mindestens 75 Jahre alt –, und zugleich die Absicht der Regierung angekündigt wird, „den bisher durch wichtigere politische Ereignisse zurückgestellten Ausgleich mit dem Königshause herbeizuführen.“ Was natürlich heißen soll: diese Gesellschaft, die seit Jahrhunderten das bayerische Volk ausgepowert hat, die es in den Krieg gejagt und durch ihre dynastische Begehrlichkeit an der fürchterlichen Ausdehnung der Scheußlichkeit großen Anteil hat, soll dafür, daß wir sie zum Teufel gejagt haben, auf Kosten des Volks entschädigt werden. Diese Hundertmillionäre durch Raub und Plünderung sollen auch noch eine Pension bezahlt kriegen. In Württemberg ist das tatsächlich schon in die Praxis umgesetzt worden. Wollen sehn, ob die Bayern auch das noch gleichmütig hinnehmen und die bösen Kommunisten auch dann noch als die Frevler am Volksglück anspucken werden. Alles das ist ebenso wie die Hilflosigkeit in der Friedensfrage Wasser auf unsre Mühle. Aber wieviel Not und Schrecken wird das arme Volk noch dulden müssen, bis es zur Einsicht kommt! Und wie lange wird es dauern, bis man die Personen, die jetzt mit der Jacobinermütze auf dem Kopf monarchistisch-kapitalistisch-imperialistische Geschäfte besorgen, durchschaut hat als das was sie sind: als Verräter und Bestochene!

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 21. Mai 1919.

Abwechslungen gibt es in diesem Loch wenig, und die wenigen sind meistens unangenehm. Gestern kam der Bader und brachte mich auf die unglückliche Idee, mir die Haare schneiden zu lassen. Nachher saß ich da in meiner Hilflosigkeit und mußte mich abmühen, die Haare vom Fußboden mit dem Handbesen in die hölzerne Müllschippe zu verstauen, die morgens ausgeleert wird. Natürlich ist jetzt alles voll von stechenden kleinen Härchen, – ob das der Lunge zuträglich ist, bezweifle ich. Heut früh entstand plötzlich ein unerklärlicher Lärm, von dem nicht zu erkennen war, was er bedeutete und aus welcher Richtung er kam: ich dachte zuerst an Trommeln, deren Felle zu locker gespannt seien, dann an Trampeln von Menschen und Pferden, an Holzsägen, Maschinenrasseln, Möbelklopfen oder dergleichen. Alle diese Geräusche wechselten dauernd und eine volle Stunde spektakelte es bald näher, bald ferner, bald in dieser, bald in jener Tonart, gewöhnlich eine ganze Serie von Tönen durcheinander, wie Hobeln und in die Hände klatschen. Ich glaubte schon an eine verabredete Demonstration meiner Mitgefangenen, die durch Spektakelschlagen irgendetwas erreichen wollten, bis mir die Aufseher, als die Zeitung kam, die Erklärung gaben: die Warmwasserheizung wurde ausgepumpt. Erst das Bewußtsein, woher die Störung kam, machte sie erträglich. Aber die Kopfschmerzen habe ich weg. Eben war der Assessor bei mir und brachte mir den Brief zurück, den ich am 10. Mai an Ines Wetzel geschrieben hatte, mit dem Gedicht „1919“. Der Münchner Staatsanwalt hat die Beförderung nicht zugelassen – ob des Gedichts, ob des Briefs wegen, weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß die Empfindung, gefangen und in jeder Aeußerung von andern Menschen abhängig zu sein, durch so etwas besonders eindringlich ins Bewußtsein kommt. Die geschäftliche Absicht, das Gedicht drucken zu lassen und dadurch etwas Geld zu verdienen, ist also vereitelt. Ich habe mir zur Vorbereitung der Verteidigung vom Assessor das Strafgesetzbuch, das bayerische Kriegszustandsgesetz mit den Ausführungsbestimmungen und die Verfassungen des Deutschen Reichs und Bayerns ausgebeten. Dann kann es an die Arbeit gehn. Ob ich mir eine Münchner Zeitung halten oder die Basler hierher nachschicken lassen kann, muß der Staatsanwalt in München erst bewilligen. Wegen meiner Denunziation an den Würzburger Staatsanwalt gegen Segitz, Schneppenhorst, Steiner und Simon werde ich heute anfragen. Schneppenhorst hat nämlich gegen die „Neue Zeitung“ in München Strafantrag wegen Beleidigung gestellt, weil die offenbar wahrheitsgetreue Angaben über sein Verhalten vor der Ausrufung der Räterepublik gemacht hat. Und daß er nun etwa noch als Kläger auftritt und Ehrenmänner ins Gefängnis bringt, weil sie seine Verrätereien annageln, möchte ich doch verhindern. – Das Bamberger Schmierblatt bringt außer unendlichem Gegreine wegen der schlechten Behandlung Deutschlands (hat wohl je ein Volk ein Unglück würdeloser getragen als das deutsche zur Zeit, von seiner kläglichen Presse angeführt, das Fehlschlagen einer verbrecherischen Spekulation trägt?), – außer dem Lamento über Schlesien, Kolonieen, Elsaß-Lothringen, Pfalz, Geld, Kohlen und Vieh bringt es ein paar mich viel mehr interessierende Nachrichten: einmal, daß in Berlin der Ledebour-Prozeß begonnen habe. Leider kein Wort über den Prozeß, sondern nur hämische Glossen über die Person des Angeklagten (wobei Rosa Luxemburg als „blutige Rosa“ noch einmal im Tode begeifert wird), – und dann eine Meldung, die ein Schlaglicht von greller Blitzkraft über unsre ganze sozialdemokratisch-revolutionäre Freiheitsherrlichkeit wirft: am Samstag – also ganz kurz nach der Urteilsfällung im Prozeß gegen die Mörder Liebknechts und Rosa Luxemburgs – ist der Oberleutnant Kurt Vogel von einem per Auto und mit gefälschten Ausweisen angefahrenen Infanterieoffizier aus dem Zellengefängnis in Moabit einfach abgeholt worden. „Auf die Ermittlung der beiden werden 3000 Mark Belohnung ausgesetzt.“ Die Steuerzahler werden wohl um diesen Finderlohn kaum erleichtert werden. Aber der ganze Geist der Zeit spiegelt sich in dem Vorgang. Aus der Schar verhafteter Revolutionäre, die von den „Sozialisten“ wegen sozialistischer Überzeugungen hinter eisernen Fenstern gehalten werden, ist noch keiner entkommen. Ein Offizier aber, der eine führende sozialistische und in den Proletariaten aller Länder verehrte Persönlichkeit, deren Sicherheit ihm anvertraut war, vor seinen Augen von seinem Untergebenen ermorden läßt und dann die Leiche wie einen faulen Fisch ins Wasser schmeißt, der dafür dann von seinen Kameraden, die ihm die „Sozialisten“ als Richter gestellt haben, zur halben Zeit Haft verurteilt wird, als die sein Opfer während des Kriegs und vorher um ihrer Gesinnung willen sitzen mußte, – ein solcher Offizier wird, ehe die Untersuchungshaft in Strafhaft überführt ist, von einem einzigen Kameraden befreit; vielleicht einem seiner „Richter“. Dem befreienden Offizier aber gewährt man aufgrund irgendeines Wisches Eintritt in die Zelle seines Freundes – wie sieht der Ausweis aus, der einem der Unsern zu uns den Weg freimachte? – und läßt ihn mit dem Gefangenen ohne weiteres wieder heraus. Wahrscheinlich haben die Wärter sogar noch artig geknixt, als die Leutnants an ihnen vorbei fröhlich ins Auto stiegen. Köpenick und Zabern – für mich die beiden ewigen Symbole des deutschen Militarismus, haben unter der glorreichen Regierung Scheidemann-Ebert-Noske-David-Landsbergs in Moabit eine Ergänzung gefunden. Diese Verleugner aller Treue, diese ehrlosen Wichte und Speichellecker der Lakaien derer, die sie während des Kriegs gedungen haben, sind heute die offiziellen Vertreter des deutschen Volks, das sie, wo es aufwärts will, abschlachten lassen, – sie sollen uns den Frieden mit der Welt wiedergeben; sie brüsten sich, der preußische Militarismus sei tot. Eine tragische Groteske – in der Tat ... In München sei alles ruhig. Levien und Toller sind, wie man mit resignierter Wehmut feststellt – wahrscheinlich ins Ausland entkommen. Klingelhöfer wird dafür diesmal als geeigneter Spucknapf für die Wohlgesinnten präsentiert. Man habe bei dem ehemaligen „Vorsitzenden des Zentralrats“ (natürlich sind die Anführungsstriche der Zeitungsnotiz entlehnt. Läuft so einer auf Gänsefüßchen daher, dann ist seine Verächtlichkeit noch augenfälliger) ein großes Hamsterlager von Wäsche, Leder, Decken und Lebensmitteln gefunden. Außerdem wohne er in einer „gradezu prachtvoll eingerichteten Vierzimmerwohnung“. Wahrscheinlich hat er also Vermögen – ein Grund mehr für die, die 16 Zimmer bewohnen und bei denen eine gründliche Haussuchung jedenfalls noch ganz andre Schätze zu Tage fördern würden, den Kerl zu verachten. Ich sagte dem Assessor Wörthmann vorhin, die Stimmung, die man jetzt gegen die Kommunisten erregt habe, sei dieselbe, wie die im Mittelalter gegen die Hexen inszenierte. Das ist das vorgeschrittene 20. Jahrhundert! – Und die uns diesen Fortschritt in der Kultur beschert haben, sind die Vertreter des „wissenschaftlichen“ Sozialismus! Um ihr bischen Macht, das sie erschlichen haben, zu halten, haben sie sich mit den Todfeinden des Volks verbündet und sind Mörder geworden. Und nun? – Mein Blatt gibt „unter Vorbehalt“ eine Meldung wieder, wonach politische „Unstimmigkeiten“ vorhanden seien, die zu einer „Umbildung“ der Regierung Hoffmann führen könnten. Den Artikel, dem diese Nachricht entnommen ist, bringe die „München-Augsburger-Abendzeitung“, das Blatt der Offiziere und der konterrevolutionären Bourgeoisie mit den höchsten Einkommen, unter dem Titel „Abrechnung in Bayern“. Es soll da von „berechtigtem Mißmut“ die Rede sein. Also offenkundiger Angriff von rechts. Die Dinge scheinen schneller zu laufen als wir selbst ahnten. Wie lange noch – und Rupprecht zieht an der Spitze seiner Freikorps in München ein. Er möge. Für die Einigung des Proletariats und den endlichen großen Schlag gegen die gesamte Reaktion, bei der[dem] die heutigen Funktionäre mit ihren Auftraggebern zusammen die Knochen brechen müssen, wird auch diese Lehre noch notwendig sein. – Sieger bleibt doch endlich das Volk.

 

Nachmittag (gegen 4 Uhr)

Heute war der Hofspaziergang eine wirkliche Erholung. Zwei Aufseher und zwei Soldaten, die es allesamt mit dem Hofzeremoniell nicht genau nahmen, sodaß ausführliche Unterhaltungen zustande kamen. Hauptthema natürlich: Revolution von rechts! Jeder rechnet mit der Möglichkeit einer plötzlichen Gewaltaktion der Monarchisten. Oberst Epp, General v. Lüttwitz und die übrigen Noskehelfer haben jetzt alle technischen Hilfsmittel in der Hand, und daß ihnen die Bourgeoisie keine Widerstände entgegensetzen wird, ist sicher. Trotzdem sind alle voll guter Zuversicht. Die wirtschaftliche Bredouille ist so groß, daß jede kapitalistische Verwaltung daran zerplatzen muß. (Unterbrechung: Eben bringt mir der Assessor aus seiner Privatbücherei die Verfassung des Deutschen Reichs und die Verfassungsurkunde des Königreichs Bayern. Ich sehe daraus, daß der Mann nicht Wörth- sondern Wirthmann heißt). Jeder einzelne ist der festen Überzeugung, daß die Rettung nur durch den Kommunismus, also durch uns, kommen kann. Sollten allerdings die Wittelsbacher und gar die Hohenzollern wiederkommen, dann habe ich persönlich große Zweifel, ob ich selbst die ersehnte Rettung noch werde miterleben dürfen: denn dann wird jedenfalls im großen Stil mit Erschießungen gearbeitet. Killer lieh mir den „Sozialdemokrat“. Ich finde darin einen ausführlichen Bericht über den letzten Tag mit den Plädoyers im Liebknecht-Luxemburg-Prozeß. Mein Eindruck, daß es sich um eine scheußliche Komödie handelte, bestärkt sich dadurch noch erheblich. Ferner interessieren mich Auszüge aus einem Offenen Brief des französischen Pazifisten und Historikers Ernest Lavisse an die deutschen Friedensdelegierten. Er spricht aus, was ich als mein Urteil hier oft notiert habe: daß die Behandlung Deutschlands zum guten Teil an den Personen hängt, die als Repräsentanten des Volks den Frieden machen sollen: „Wir sind erstaunt, unter Ihnen keinen der Männer zu finden, die vor und während des Kriegs unter persönlichen Gefahren gegen die Politik der Regierung Wilhelms II. protestiert und unter Anerkennung der Schuld Deutschlands die Notwendigkeit der Wiedergutmachung gefordert haben. Mit diesen Männern hätte man reden, verhandeln und wahrscheinlich selbst sich verständigen können. Aber Sie, meine Herren, wer sind Sie? ... Sie sind die Beauftragten einer zweideutigen, übrigens wenig soliden Regierung, die ihre Entstehung zwar einer Revolution verdankt, die aber diese Revolution sofort wieder sabotiert hat ...“ Es ist ein Jammer, das so deutlich zu sehn, so gründlich zu wissen, alle Notwendigkeiten so klar zu erkennen – und von der Kerkerzelle aus mitansehn zu müssen, wie dies Volk nur täglich tiefer ins Unglück hineingetrieben wird. Die Stunde der Befreiung wird kommen – ja doch – ja! aber was werden die Lumpen, die mit den Worten Sozialismus und Republik ihren reaktionären Brei anrühren, erst noch für Elend und für Blut über Deutschland und über die Welt bringen, bis die Stunde da ist! Alles Persönliche läßt sich verschmerzen – meine Zenzl, meine Arbeit, mein Heim. Aber sehe ich aufs Ganze, diese Borniertheit, diese Selbstgerechtigkeit, diese Zufriedenheit, dies aus allem Kriegsleid nichts Gelernthaben – – es ist schwer, nicht zu verzagen.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 22. Mai 1919.

Abschrift: „Zuchthaus Ebrach, d. 22. Mai 1919. An den Herrn Staatsanwalt beim Landgericht Würzburg. Herr Staatsanwalt! Am 30. April ds. J. übermittelte ich Ihnen eine Strafanzeige nach §§ 81, Z. 2, 85, 86, 47 RStr. G. B. im Zusammenhalt mit Art. 3 des bayerischen Kriegszustandsgesetzes gegen die Herren Segitz, Schneppenhorst und Steiner, Mitglieder der Regierung Hoffmann in Bamberg, sowie Herrn Simon, Vorsitzenden des Vollzugsausschusses des Landessoldatenrats. – Wie ich aus Zeitungsnotizen entnehme, hat einer der Herren (Minister Schneppenhorst) gegen die Redaktion einer Zeitung Strafanzeige wegen Beleidigung erstattet, die offenbar in denselben Anschuldigungen bestehen soll, die ich in meiner an Sie gerichteten Anzeige erhoben habe. Es kann mir, der ich wegen der gleichen Handlungen in Untersuchungshaft bin und ein Standgerichtsverfahren wegen Hochverrats gewärtige, nicht gleichgiltig sein, ob einer der an den inkriminierten Vorgängen beteiligten Personen als Kläger eine weitaus günstigere Verteidigungsposition einnehmen soll als ich, und daß andre als Mitglieder der Regierung, in deren Namen der Prozeß gegen mich geführt werden soll, ganz außerhalb des Verfahrens bleiben oder gar als Belastungszeugen gegen mich auftreten dürfen. – Auf Grund der Strafprozeßordnung bin ich berechtigt, eine begründete Antwort auf meine Anzeige zu begehren. Ich frage daher an, ob meinem Antrage auf Strafverfolgung und Verhaftung der genannten Herren stattgegeben worden ist, bzw. welche Rechtsgründe die Unterlassung dieser Maßnahmen rechtfertigen sollen. – Hochachtungsvoll Erich Mühsam.“

Schneppenhorst hat sich elend zwischen zwei Stühle gesetzt. Heut wird in meinem Blättchen gegen ihn Attacke geritten, und wenn sonst nichts Grundstürzendes in der Regierung Hoffmann passiert, so wird jedenfalls der Militärminister weichen müssen, – wahrscheinlich einem Oberst Epp oder dergleichen Gelichter. Auch soll sich die Regierung der Einsicht nicht mehr verschließen, daß sie sich aus Persönlichkeiten andrer Parteien ergänzen muß. Demokratie und „Sozialismus“ natürlich in Ehren. Aber es hat sich gezeigt, daß die Hoffmänner bei der „Befreiung“ Münchens doch noch nicht die nötige Energie und Kurage entwickelt haben, die das besitzende Bürgertum mit Recht hätte beanspruchen dürfen. Das wird allen Ernstes öffentlich erklärt, – und die starke Regierung weicht mutig zurück. Natürlich wird durch die Umwandlung des „rein sozialistischen“ in ein bürgerlich-sozialpatriotisches Koalitionsministerium in der Sache nichts geändert, aber die moralische Niederlage der Proletarierschlächter wird ihre Wirkung tun. – Aus München nur neue Beschimpfungen der Verantwortlichen der zweiten Räterepublik, die Unterschlagungen, Schiebungen und alle möglichen Eigentumsverbrechen zum eignen Vorteil und zum Nachteil der Gesamtheit verübt haben sollen. Von Levine-Nissen wird behauptet, er sei jetzt völlig zusammengebrochen. Mit solchen Mätzchen wird gearbeitet. Aber das Publikum glaubts. Im übrigen geht das Rätselraten weiter: Unterzeichnen oder nicht? Berlin soll besetzt werden, in Bayern sollen die Tschechen einrücken, die Neutralen sollen an der Blockade mithelfen, kurz: es fehlt den Schmöcken nicht an Stoff zur Unterhaltung, und mein Druckorgan, das für die weltgeschichtlichen Wichtigkeiten dieser Tage häufig nicht einmal eine Zeile hat, sodaß unsereiner z. B. über das was gegenwärtig in Ungarn vorgeht, überhaupt nichts weiß, bringt heute einen ganzen Schimpfartikel über den § 246 des Versailler Vertrags, worin die Auslieferung des Schädels des Sultans Makaua an England verlangt wird. Was es mit dem Schädel für eine Bewandtnis hat, ist nicht ganz klar. Es scheint, als hätten ihn die Deutschen irgendwann mal als Trophäe aus Afrika heimgeschleppt, vielleicht bei Gelegenheit des Hereroaufstands, wo man den Schutztruppen Kopfprämien zahlte. Auf die Albernheit des Blatts, jetzt müsse in ganz Deutschland ein emsiges Suchen nach dem Häuptlingsschädel anheben, lohnt sich nicht einzugehn. Aber interessant ist das Geplärr darüber, daß es eine Demütigung vor den Negern sei, was man uns da zumutet. Soweit sind die Begriffe schon verwirrt. Einem Negerfürsten den Kopf abhauen und ihn als Siegesbeute mit sich fortführen in das europäische Kulturland Deutschland, das ist keine Demütigung, aber den Schädel denen wieder zuführen, die darin wahrscheinlich einen in Pietät verehrten Gegenstand sehn, das fühlt das republikanische Deutschland als Herabwürdigung. Lauter Kleinigkeiten, und alle fügen sich zu einem einheitlichen Bild. Wie sagt Hölderlin?: – Barbaren von alters her –

 

Nach dem Hofspaziergang.

Sauber ging heute mit uns. Seine Frau ist zu Besuch gekommen, sodaß er mit einer andern Schicht als sonst auf den Hof geschickt wurde. Die Aufsicht war wieder ziemlich nachsichtig, sodaß ich allerlei Gespräche mit ihm führen konnte. Zunächst erfuhr ich, daß die Frau sich an die Bamberger Regierung, nicht an den Staatsanwalt, wenden muß, um herkommen zu dürfen. Ich werde Zenzl sofort instruieren. Dann über die Stimmung in München und im Lande: sie soll trotz der Verhetzung gegen uns ungeheuer erbittert gegen die Regierung sein. In Berlin hätten die Gewerkschaften beschlossen, die Weißgardisten zu boykottieren, sie also aus den Koalitionen auszuschließen und die Zusammenarbeit mit ihnen zu verweigern. Sehr schön. Aber sind denn das Arbeiter, die sich dafür dingen lassen? Zum geringsten Teil. Zumeist sinds Verwilderte, die der Krieg dauernd aus dem Gleichgewicht gebracht hat und die für die horrende Löhnung, die man ihnen zahlt, zu jeder Schurkerei, zu jedem Verrat an den früheren Klassengenossen zu haben sind. An eine Rebellion der Weißen Garde glaube ich erst, wenn die Bezahlung ihnen nicht mehr genügt. Vorher morden sie – je mehr, um so lieber. Schon wieder wird ein Opfer ihres „Ordnungsschaffens“ gemeldet. Dorrenbach, der tapfere Führer der Berliner Volks-Marine-Division ist an den Verwundungen gestorben, die ihm bei seinem „Fluchtversuch“ aufgeschossen sind. Das System, die verhafteten Kommunisten fliehen zu lassen und sie dabei zu erschießen, hat seit Liebknechts Tod Schule gemacht. Die Spandauer Geschichte, Egelhofer, – jetzt Dorrenbach. Bei Rosa Luxemburg und bei Landauer machte man nicht einmal die Umstände, einen Fluchtversuch zu arrangieren. „Unangenehme Zwischenfälle“. Sauber erzählte mir, daß Landauer bei seiner Verhaftung genau gewußt hätte, welches Schicksal ihm bevorstehe. Er soll gesagt haben – die „Frankfurter Zeitung“ habe es gebracht: „Kopf hoch! Jetzt gehts zum Tod!“ – Er kannte also seine Schergen schon. Wahrscheinlich waren die Morde schon im Gange, sodaß er wissen konnte, was ihm bevorstand. Mich versöhnt dieser Umstand etwas – nicht mit den Mördern – aber mit seinem Tode. Sich in den Gedanken: jetzt heißt’s Sterben! eingewöhnen, ist lange nicht so arg als plötzlich, unvorbereitet die Waffe vor sich sehn. Im Schrecken sterben, – nein: das möchte ich nicht. Als ich am 13. April früh meine Wohnung verließ, war ich überzeugt davon, daß ich sofort zur Hinrichtung geführt würde. Da sammelte ich Ruhe für den Tod, und hätte ihn in Ruhe hingenommen. Vom Tode aber überrascht werden, sodaß man ihn doch noch kommen sieht, das denke ich mir entsetzlich. Aufs Testament kommt es an: nicht blos auf das schriftliche im Schubfach, sondern auf die Sammlung der Seele vor dem Sterben, auf das Gefühl: ich bin bereit. Und das scheint Landauer gehabt zu haben.

 

Zuchthaus Ebrach, Freitag, d. 23. Mai 1919.

Gestern wurde ich durch ein Telegramm von Zenzl überrascht dieses Inhalts: „Briefe erhalten. Nachricht und Paket abgeschickt. Alles gesund.“ Das Auffällige an diesem Telegramm ist, daß es am 20. Mai in München aufgegeben ist. Ich schließe daraus, daß sie wieder in München ist und erwarte mit Ungeduld die Bestätigung, die mich sehr beruhigen würde. Außerdem hoffe ich, daß das „Alles gesund“ sich besonders auf unsre Freunde Reitze und Engler bezieht, um die ich recht besorgt war. Und daß die Pakete unterwegs sind, läßt mich auf Wäsche und Bücher hoffen. Denn nun trage ich Esslingers Hemd schon nahezu drei Wochen Tag und Nacht. Bei meiner Verwöhnung mit sauberer Leibwäsche eine Tortur. Habe ich erst mal das Nötigste zur Körperpflege, wird mein Gesundheitszustand sich wohl von selbst heben. Ich bin nämlich nicht ganz intakt. Es stellen sich eigentümliche Kinderkrankheiten ein: Würmer in den Fäkalien, und heute früh Nasenbluten, das ich wohl seit mindestens 30 Jahren nicht mehr gekannt habe. – Und was die Bücher anlangt, so will ich ein andres Mal die ganze seltsame Lektüre registrieren, die ich hier schon durchgefressen habe. Momentan bin ich wieder bei einem Roman Walter Scotts „Guy Mannering“, – und da bin ich allerdings völlig in Anspruch genommen und lasse sogar liegen, was sehr dringlich wäre: die Gesetzbücher, die mir der Assessor geliehen hat, und die ich so schnell wie möglich exzerpieren soll. Überzeugt habe ich mich jetzt jedenfalls davon, daß die Sozialdemokraten, die doch immer mit soviel Aufwand von Menschlichkeit die Todesstrafe grundsätzlich beseitigt sehn wollten, jetzt, wo sie an der Macht sind und wohl ihren „Zukunftsstaat“ dadurch herbeigeführt sehn, daß dank der Revolution, vor der sie sich gedrückt haben, eine Reihe Parteisekretäre Minister werden konnten, daß sie die Paragraphen, mit denen sie uns unsrer Agitation für den Sozialismus wegen zu Leibe gehn wollen, so ausgesucht haben, daß beim Schuldig! Todesurteil erfolgen muß. Hochverrat in Verbindung mit dem Kriegszustand. § 81 Strafgesetzbuch und Artikel 3 des Kriegszustandsgesetzes. Lächerlich oder schändlich? – Soll ich mit Danton meinen: Sie werdens nicht wagen!? – Die Leute in ihrem Machtwahn haben jedes Maß für die Grenzen dessen, was sie wagen können, verloren. Ich las im „Sozialdemokrat“ den Bericht über eine Sitzung wegen des Freiwilligenboykotts der Berliner Gewerkschaften, an der Noske und Scheidemann teilnahmen. Noske hat ganz kühl erklärt, daß er unter solchen Umständen natürlich auch den Kampf gegen die Gewerkschaften führen werde, und Scheidemann meinte einmal, ohne die Freiwilligenkorps könne seine Regierung sich keine 24 Stunden halten und dann, da sich keine Arbeiter bereit fänden, in die Korps einzutreten, müsse man die Leute eben daher nehmen, wo man sie finde. Eine erstaunliche Gesellschaft, diese „Proletarier“-Regierung. Da wird ganz offen zugegeben, daß sie sich ohne Bajonette nicht halten können, und daß Arbeiter sich weigern, diese Bajonette zu ihrem Schutz zu führen. Darum danken sie aber nicht ab und verschwinden in die Finsternis. Beileibe nicht. Sie nennen sich wahre Volksregierung und vertreten die deutsche Nation mit all ihrer Unverschämtheit und Unfähigkeit beim Abschluß des Friedens mit der Welt. Eine gute Abfuhr hat ihnen Clemenceau jetzt erteilt. Auf ihre Beschwerde, daß die Friedensbedingungen auf die Umwälzung in Deutschland garkeine Rücksicht nähmen, hat er geantwortet, die französische Revolution 1871 und die russische 1917 hätten auch die deutschen Machthaber nicht dazu bestimmt, bei ihren Diktaten Rücksicht auf die neuen Verhältnisse zu nehmen. Daß das Ansinnen auch noch von Leuten kommt, die an Brest-Litowsk tätigen Anteil haben, und die an der deutschen Revolution keinen andern Anteil haben, als den, daß sie die Revolutionäre geplündert haben und jetzt ermorden, um das alte Staatsschiff nun mit neuem Lack angestrichen unter falscher Fahne in eigner Regie die alte Piratenbahn lenken zu können, das hat Clemenceau ihnen nicht ausdrücklich gesagt. Aber er, der vor 48 Jahren als Maire in Paris schon einen Verrat ähnlicher Art mitangesehn hat, wird die Verächtlichkeit dieser Bande bei der Beantwortung ihrer Dreistigkeit deutlich genug empfunden haben. – Sonst nichts von Belang. Levien ist noch frei. Aber jeden Tag will man ihn woanders gesehn haben. Gestern sollte er bestimmt in Kufstein sein, und heute heißt es, er sei in Augsburg. Gegen Schumann ist Steckbrief erlassen worden. (Der Ermordete gleichen Namens war ein Genosse von Kolbermoor, dessen ich mich von der Kreistagung der Arbeiterräte her gut erinnere). Wann wir endlich vor den Standrichter geschleppt werden, ist garnicht abzusehn. Man will wohl mit Muße die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen lassen, damit, wenn wir erschossen an der Mauer liegen, niemand mehr von „übereilten Exekutionen“ reden kann. Das sind die, die hundertemal gegröhlt haben: Der Bahn der Kühnen folgen wir, die uns geführt Lassalle!

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 24. Mai 1919.

Mila schickt mir einen langen lieben Brief, datiert vom 12. Mai; also 12 Tage unterwegs. Meine Schergen verstehn’s, einem die Qual der Haft zu versüßen. Wer weiß, wie lange meine Leibwäsche und alle übrigen Annehmlichkeiten schon auf Reisen zu mir sind. Aber erst vergraben sich soundsoviele Staatsanwaltschaftsbeamte in die Pakete und Briefe, ehe ich sie kriegen darf, – und dann braucht nur ein Wort drin zu stehn, das sie als bedenklich für mein Seelenheil ansehn, dann kriege ichs garnicht. So wird die Revolution unterdrückt – meinen die Sozis. Jetzt will man Bayern ganz ausräuchern und weist im großen Stil „lästige Ausländer“ aus, wie es sehr hübsch dabei heißt, wird die Wohnungsnot dadurch gleichzeitig gemildert. Daß man Lästigkeit nur bei sozialistischen Ausländern fühlt, scheint mir selbstverständlich: Russen und Ungarn werden dran glauben müssen. Manchen meiner Bekannten wird es treffen. Ein Vorteil ist dabei: so wird den Genossen im Ausland jedenfalls von Augenzeugen mitgeteilt, wie man in Bayern die „Errungenschaften der Revolution“ sichert. Die Ausweisungen sollen sich auf über 1000 belaufen. So häufen sie Verbrechen über Verbrechen und sammeln Haß über Haß. Aber je ärger sie es treiben, umso sicherer trifft sie das Verderben. Der Oberleutnant Vogel, der tatsächlich nach Holland entkommen sein soll, gibt alledem erst die rechte Folie. In Bamberg tagen inzwischen die bayerischen Abgeordneten hinter dem Schutz starker Drahtverhaue. Die Gewerkschaftssekretäre der verschiedenen Richtungen beschimpfen sich gegenseitig und die andern jammern, das sei eine Blamage. Nun wollen sie feststellen, welchen Schaden die Räteherrschaft angestiftet hat und dann wollen sie eine Verfassung für den „Freistaat“ Bayern schaffen. Ich soll aber erschossen werden – denn wenn ich nach den angezogenen Paragraphen schuldig gesprochen werde, gibt es nur das Todesurteil –, weil ich einen Angriff auf die Verfassung unternommen habe. Ich habe aus den deutschen und bayerischen Verfassungen, aus dem Strafgesetzbuch und dem Kriegszustandsgesetz Auszüge gemacht, die das Groteske der Anklage krass beleuchten. Selbst wenn man die Gesetzlichkeit der vorrevolutionären Zeit zugrunde legt, ist dieser Standgerichtsprozeß absurd. Aber ich bin der „Volksjustiz“ ja nun leider mal entgangen,  – da muß man eine Rechtskomödie aufführen, um auf die politische Rechnung zu kommen. Aber keiner von denen, die sie schon gemordet haben, ist tot. Ihr Leben ist die Revolution, mein Leben, ob sie nun die Schale zerstören oder nicht, wird ebenfalls die Revolution sein, und die Freiheit, die mit der Weltrevolution über alle Länder kommen wird, wird auch in Deutschland mit der Gesellschaft fertig werden, deren Verächtlichkeit die jedes Freiheitfeindes der Weltgeschichte weit in den Schatten stellt. Die Abrechnung des Sozialismus mit der Sozialdemokratie wird furchtbar werden.

 

Nachmittags.

Zenzl telegrafiert mir vom 22ten (wieder aus München): „Viele Briefe abgeschickt. Deine Zenzl.“ Der Assessor, der mir das Telegramm persönlich brachte, teilte mir zugleich mit, daß er vom Staatsanwalt in Würzburg antelefoniert sei, er solle mich fragen, wieviel Briefe ich bisher von meiner Frau erhalten habe. Ich habe ihm der Wahrheit gemäß geantwortet, außer zweien, die Paketen beilagen, habe ich noch keinen bekommen. Nun sitze ich seit 6 Wochen hier, – und noch ist keine regelmäßige Verbindung mit den Meinen hergestellt. Ich sehe aus der an den Würzburger Staatsanwalt gerichteten Adressierung, daß Zenzl jetzt erst die Briefe bekommt, in denen sich meine Angst um sie ergießt, daß sie noch nicht weiß, daß die Korrespondenz jetzt über München geht, und daß jetzt also die Aufregung, ich sitze unorientiert und in tötlicher Sorge da, auf ihrer Seite ist. Man muß das alles notieren. Die Seelenqualen, die die Republikaner in Bamberg uns verursacht haben, sollen ihnen nicht vergessen werden. Einige Genossen sind noch viel schlimmer dran als ich. Bzdrenga klagte mir heute, daß er bis jetzt noch ohne die geringste Nachricht von seiner Familie in München ist (außer den beiden Telegrammen habe ich aus München bisher auch kein Lebenszeichen bekommen, und wäre Zenzl nicht inzwischen in Tegernbach gewesen, dann wäre ich bis vorgestern auch ohne Bescheid gewesen, ob sie lebt). Kurth dagegen hat Nachricht, aber sie ist traurig genug: sein 1jähriges Kind liegt im Sterben. Daß man den Vater – er wurde damals ganz zufällig mit aufgegriffen und gehört absolut nicht zu den „Rädelsführern“ – nach Hause läßt, ist natürlich unter dem „rein sozialistischen“ Ministerium, dessen wir uns in Bayern erfreuen, ausgeschlossen. – Ich erkenne es immer deutlicher, daß die Partei selbst ihre Leute verdorben hat. Als Nissen damals – in der Nacht zum 5. April – auf alle Verrätereien der Mehrheitler hinwies, wollte ich keinen Analogieschluß auf die bayerischen Parteimitglieder zulassen. Die Herren Hoffmann, Schneppenhorst etc. haben die Richtigkeit der Behauptung, daß sie alle Halunken sind, evident erwiesen. Jetzt steht Ledebour in Berlin vor dem Schwurgericht, – auch wegen „Hochverrats“. Ich lese den ausführlichen Prozeßbericht im „Sozialdemokrat“. Die Entlarvung der Scheidemann und Ebert, die dasselbe jämmerliche Doppelspiel getrieben haben, wie bei uns Auer und Timm, ist empörend. Es ist das Unglück der „Unabhängigen“, daß sie immer zu weich und zu wenig vertrauend auf ihre Sache gehandelt haben. Das war Eisners tragischer Fehler sogut wie der Dittmanns und der übrigen, daß sie dem Teufel damals den kleinen Finger gegeben haben. Die Regierungssozialisten, die Verräter der internationalen Solidarität während der Kriegsjahre, die Schleppenträger der Bourgeoisie und des Kapitalismus, die Helfershelfer des Militarismus und des Imperialismus haben, da man sie mit ihren schmutzigen Fingern zuließ zur Teilnahme an der Erhebung des Volks für Sozialismus und Internationalismus, die Revolution für ihre ehrgeizigen Ziele eskamotiert und sie dann zugunsten des Besitzes sabotiert. Und jetzt stehn sie, in Preußen, in Bayern und im ganzen Reich an der Guillotine als Henker derer, die ihnen zur Macht verholfen haben, aus Angst, es könnte ihnen ihre Alleinherrschaft streitig gemacht werden. Daß sie dabei nicht Herrscher, sondern Lakaien sind, Lakaien derer, gegen die die Revolution gerichtet war, merken sie vielleicht selbst garnicht. Die Schande dieser Menschen stinkt zum Himmel. Jetzt hat Tschitscherin einen Aufruf ans deutsche Volk gerichtet, zum Protest gegen die Versailler Bedingungen. Die Herren Scheidemann und Genossen entblöden sich nicht, mit diesem Aufruf ehrlicher Revolutionäre für sich Geschäfte zu machen. Sie stellen sich blind gegen den Sinn des Dokuments. Tschitscherin erwartet nämlich, daß die Weltrevolution auch diesen Wisch entzweireißen wird, wie der von Brest-Litowsk ja schon zerrissen ist. Der Appell an die Weltrevolution heißt aber natürlich Appell gegen die Reaktion in jeder Gestalt, vor allem gegen die, die sich hinter einer revolutionären Maske versteckt. Die Scheidemänner haben sich bisher der Entente immer als die sichersten Bundesgenossen gegen den russischen Bolschewismus empfohlen (womit sie sich übrigens auch in Paris und London keine Sympathien erworben haben), und jetzt unterstützen sie von neuem die baltischen Barone in Riga gegen die Bolschewisten (nur sind die Vorgänge in Lettland aus den versprengten und fragmentarischen Berichten, die ich zu sehn bekomme leider garnicht klar. Ich sehe nur, daß die deutsche Regierung und ihr Kommissar, der „Sozialist“ August Winnig dabei eine sehr traurige Rolle spielen). Die Weltrevolution kommt nach dem Weltkrieg so sicher wie der Rauch nach dem Feuer. Die deutschen sozialdemokratischen Parteibonzen werden an ihr nur passiv beteiligt sein.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 25. Mai 1919.

Gestern abend kam noch ein Paket aus München an. Einen Brief enthielt es leider nicht, nur einen Zettel von Zenzls Hand: für Herrn Erich Mühsam von seiner Frau. Als Absender zeichnete S. Elfinger, München, Parkstr. 10. Unklarheiten über Unklarheiten: warum gibt Zenzl nicht den eignen Namen und die eigne Adresse an? Das letzte Paket hatte die Zugeherin als Absenderin gezeichnet. Ich stehe vor einem Rätsel, – und die Briefe kommen nicht, die mir Aufschluß geben könnten. Leider war noch keine Wäsche in dem Paket, dafür aber große Annehmlichkeiten andrer Art: Butter, Speck, Tabak und eine Kiste ganz rauchbarer Zigarren von meinem Vetter Walter. Das ist ein reicher Mann, und daß er sich, wie es doch scheint, um Zenzl kümmert, beruhigt mich außerordentlich. Aber dieser seelischen Beruhigung steht jetzt eine große Beunruhigung der Gedärme gegenüber. Gegen die verfluchten Maden, die meine Mahlzeiten teilen, und die ich offenbar der schauerlichen Qualität dieser Mahlzeiten zu danken habe, hat mir der Medizinalrat Tabletten verordnet (Tablettae contra Oxyures „Leo“), die eine peinlich laxierende Wirkung ausüben, – bei meiner ungemein regsamen Stoffwechseltätigkeit eine äußerst lästige Nebenwirkung, die die Atmosphäre der Zelle 60 durchaus nicht erfrischt. Aber wenn nur in Gottes Namen die vermaledeiten Würmer dadurch zum Teufel gehn, will ich auch das in Kauf nehmen. – In der Bamberger Zeitung finde ich nicht viel Bemerkenswertes. Doch habe ich jetzt auch die Münchner Neuesten Nachrichten abonniert, die ich hoffentlich in den nächsten Tagen kriegen werde. Große Empörung ist über die Pfälzer Industriellen, die ihr Land zur neutralen Republik ausgerufen haben. Man sollte meinen, daß das für Leute, die sich dadurch aus dem Schlamassel des deutschen Zusammenbruchs retten können, das Selbstverständliche wäre. Interessant ist nur, daß die Ausrufung ausgerechnet Industrielle vorgenommen haben, also Großkapitalisten, denen vorher doch die vaterländische Phrase am losesten im Maul gesessen hat. Daß aber die Lostrennung im Interesse der gesamten arbeitenden Bevölkerung läge, ist ohne Frage. Mit Bayern verband die Pfalz schon früher nichts als der dynastische Zwang. Nicht einmal gemeinsame Grenzen sind da. Und das deutsche Reich? Was ist das heute? Ein in Trümmer geschlagenes Gebilde, das beim Auseinanderfallen die innere Hohlheit aufdeckt. Ich lerne es ja nicht erst jetzt, daß Bismarcks Werk eine Taschenspielerei war. Zu moralischer Entrüstung über das Verhalten der Pfälzer haben also nur die ein Recht, deren Geschäft dabei Schaden leidet. Und die entrüsten sich dann auch gründlich und benutzen als Mundstück ihrer sittlichen Aufwallung natürlich die „Sozialisten“, die der Firma jetzt den Namen geben und die unter der Bezeichnung als Geschäftsführer des Hauses in Wahrheit die Laufburschen der Prinzipale sind, die auch früher schon die Prinzipale waren. Die haben also zunächst pfälzische Geschäftsleute geworben, deren Profit beim Verbleiben im Reichsverband läge und haben die Justizbeamten veranlaßt, die Proklamateure der Republik zu verhaften. Hochverrat! – Man arbeitet jetzt fleißig in dem Artikel, dem man doch selbst erst die Möglichkeit, damit zu arbeiten, verdankt. Natürlich hat die französische Besatzung eingegriffen, die Verhafteten freigelassen und die Vollstrecker der Münchner Anordnungen ihrerseits festgesetzt. Herr Hoffmann hat das alles im Landtag den Abgeordneten erzählt, hat von „Lumpen“ gesprochen, „die ihr Vaterland verraten und verkaufen“ und die empörten Patrioten zu heftigen Pfuirufen gegen die Pfälzer Autonomisten und gegen ihre französischen Förderer aufgeregt. Herr Franz Schmitt, der Präsident der hinter Stacheldraht versammelten bayerischen Volksvertreter, ebenfalls internationaler Sozialist wie Herr Hoffmann, hat sich dann die „einmütige“ Zustimmung des hohen Hauses zu den Worten des Ministerpräsidenten geben lassen, und die Unabhängigen haben keineswegs einen Laut von sich gegeben, der etwa darauf schließen ließe, daß sie weniger empört seien als die andern. Keiner der Herren hat das Bedürfnis gefühlt, darauf hinzuweisen, daß die Zugehörigkeit zu einem Staat in der kapitalistischen Gesellschaft Angelegenheit rechnerischer Erwägungen ist, und daß das Verlangen der Pfälzer, unabhängig von München und von Berlin ihre Geschicke selbst zu bestimmen, jeder moralischen Bewertung, mindestens außerhalb der pfälzischen Landesgrenzen, entrückt ist. Das Pfälzer Volk will leben und arbeiten und will, um auch das Moralische zu betonen, willensfrei sein. Bleibt es beim Deutschen Reich –, von dem niemand weiß, ob es nur noch dieses Jahr seine äußere Existenz wird wahren können, dann hat es die ganze entsetzliche Steuerlast und alle im Kriege entstandenen Verpflichtungen mitzutragen. Macht es sich frei, so kann es ein Leben beginnen, das die Menschen des Landes Menschen sein läßt. Die Wahl ist nicht schwer. – Niemand hat sich aber auch an die Entrüsteten gewandt mit der Erinnerung an deren eignes Verhalten, da sie doch nun das der Franzosen so verabscheuungswürdig finden. Hat nicht die deutsche Regierung – immer mit Zustimmung unsrer tüchtigen Sozialdemokraten – in Rußland die Abtrennung aller möglichen „Randstaaten“ durch Kauf ukrainischer, baltischer, georgischer und was weiß ich für irredentistischer Leute systematisch betrieben? Hat sie nicht die freiheitlichen Regungen dieser Länder (Ukraine) durch willkürliche Einsetzung von Despoten (Skoropadski) systematisch unterdrückt? Warum hat man damals nicht von gekauften Lumpen gesprochen? Und die Schmach, die ewig am deutschen Namen hängen bleibt und von der die Empörten von Bamberg ihren Teil zu tragen haben so gut wie von allem übrigen, hat auch niemand herangezogen: das Verbrechen an Belgien. Heute ist 1000 gegen 1 zu wetten, daß in der Pfalz die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung Autonomie will. Aber als die Vlamenbewegung in Belgien gemacht wurde, da knirschte das Volk mit den Zähnen, dem die in Berlin ausgeheckte „Befreiung“ zuteil werden sollte. Die belgischen Deutschenknechte aber, die sich für das schandbare Spiel hergaben, wurden von den belgischen Richtern prozessiert, und die belgischen Richter, die das wagten, nicht blos verhaftet und verschleppt von den deutschen Vergewaltigern, sondern es wurden in Belgien deutsche Richter eingesetzt, um Belgier zu verurteilen. Die Bamberger Herren wissen das alles nicht mehr, oder sie wollen es nicht wissen, – auch die, ach, so rebellischen Unabhängigen nicht. Im Hause des Gehenkten sollte man nicht so laut vom Strick reden! – Eine kleine Aufmunterung erhielt ich vorhin: ein Kassiberchen. Ein Genosse aus Nürnberg fragt mich nach einem gewissen Fischer, vor dem ich mal im „Kain“ gewarnt habe. Das weckte mir die Erinnerung an die eigentlich beste Zeit der Revolution, als ich im „Braunauer Hof“ die „Vereinigung revolutionärer Internationalisten“ schuf. Wäre Levien nicht gekommen mit seinem Parteidoktrinarismus, dann wäre die Einigung des revolutionären Proletariats, wie ich sie von Anfang an wollte, ohne Reibungen und Schwierigkeiten in München Tatsache geworden. Noch gestern sprach ich im Hof mit Bastian darüber. Es ist ein Jammer, daß der Partei- und Bonzengeist auch den radikalsten Flügel der Revolution infiziert hat. Der schändliche Bruderzwist am 7. April, dessen Opfer ich im Kindlkeller war, und die ganze Verwirrung, die darauf folgte, und die an dem Unglück, das jetzt über dem Lande ist, die Hauptschuld trägt, wäre uns erspart geblieben, wenn nicht die Parteihengste in die Hürde gejagt wären und hätten die Disziplin nicht über die Idee gestellt. – Wenn ich den Prozeß jetzt überlebe und schreibe später die Geschichte der Münchner Revolution, dann muß grade diese Seite der Begebenheiten in sehr helles Licht gestellt werden.

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 26. Mai 1919.

Montags kommt keine Zeitung. Neues weiß ich also nicht zu vermerken außer der amüsanten Tatsache, die ich gestern zu notieren vergaß, daß Herrn Schneppenhorst jetzt in seiner eignen Partei unangenehme Widersacher erwachsen. Aus der „Neuen Zeitung“ übernahm das Bamberger Tageblatt einen Artikel des Herrn Philipp Löwenfeld, des Bruders unsres wackeren Begleiters nach Eichstädt. Der verbürgt sich jetzt mit seinem Namen für die Wahrheit dessen, was das Unabhängigen-Organ über Schneppenhorsts Auftreten in der denkwürdigen Nachtsitzung vom 4. zum 5. April geredet hat: daß er seinen Kopf zum Pfande setzte, daß Bayern bis zum 9. April Räterepublik sein werde, und daß er eine Truppe brauche, die, wenn es sein muß, auch gegen den Landtag marschiere. Der Kriegsminister hat gegen die Blätter, die das verbreitet hatten, Strafanzeige erstattet, jetzt wird er sie auf seinen Parteigenossen Löwenfeld, den ich übrigens wie seinen Bruder für einen gefährlichen Intriganten halte, ausdehnen müssen, der seine Erklärungen zuerst der „Münchner Post“, dem Münchner Parteiorgan, geschickt, aber von dieser Pflanzstätte der Gesinnung und Wahrhaftigkeit zurückerhalten hatte. Inzwischen muß[wird] sich auch der Würzburger Staatsanwalt entscheiden müssen, wie er es mit meiner Denunziation gegen Schneppenhorst und seine drei Mitschuldigen zu halten gedenkt. Vielleicht wird er sich nun entschließen, wenigstens den Herrn Militärminister einzubeziehn in die Massenprozessierung. Die Herren Segitz, Steiner und Simon werden wohl ungeschoren bleiben. Politik und Recht vertragen sich nicht immer miteinander. Die rechtsstehenden Parteien schlagen also jetzt mit vereinten Kräften auf den armen Schneppenhorst los. Angenehme Bundesgenossen! Das Gute an der Sache ist, daß die Einigkeit der Reaktion jetzt in die Brüche geht. Ein Koalitionsministerium wird schon in den nächsten Tagen über Bayerns Geschicke herrschen, und an Schneppenhorsts Stelle wird vielleicht derselbe Oberst Epp treten, den jener Charakter vor 8 Wochen mit Steckbriefen verfolgte und vor 4 Wochen ins Land rief. Möglich auch, daß Herr Roßhaupter pro forma wieder ins Kriegsministerium einzieht, was aber auf dasselbe herauskäme, als wenn Epp selbst den Titel erhielte. Es war Anfang Februar, da eiferte Roßhaupter im Lande gegen den Einfluß der Soldatenräte und arbeitete allen reaktionären Ansprüchen der alten Offiziere in die Hände. In einer Sitzung der „Linkssozialistischen Arbeitergemeinschaft“ des Münchner Arbeiterrats, die im Finanzausschußsaal des Landtags tagte, hielt ich eine Anklagerede gegen ihn, mit der Wirkung, daß ich sofort mit noch zwei Genossen zu der im Sitzungssaal des Landtags versammelten Tagung des Landessoldatenrats entsandt wurde, um eine solidarische Kundgebung von Arbeitern und Soldaten durchzusetzen, die die Abdankung Roßhaupters bezweckte. Die Soldatenvertreter erwiesen sich als eine unglaublich rückständige Bande. Sauber setzte es mit Mühe durch, daß ich überhaupt zu Wort kam. Simon verhinderte dann die Abstimmung, indem er sie einfach auf den nächsten Tag verschob, nachdem die Wirkung der Rede verraucht war. Da hat man meinen Antrag dann gegen 2 Stimmen abgelehnt. Acht, höchstens 14 Tage später fand dann die große Demonstration statt, und da war der Kampfruf von Arbeitern und Soldaten schon: Nieder mit Roßhaupter! – Dann kam die Verschwörung gegen Eisner im Ministerium selbst, wobei Auer Ministerpräsident werden sollte und Eisner, Unterleitner und Jaffé ausrangiert werden sollten. Eisner ging im Rätekongreß gegen seinen Ministerkollegen Roßhaupter scharf vor (den Landauer als „Noskeaffen“ bezeichnete). Am Tage darauf aber hatte man sich wieder gefunden, und Eisner streichelte seinem guten Freund, dem Militärminister, zärtlich die Backen. Das war etwa zwei Tage, bevor ich nach Mannheim fuhr. Ich geriet mit Eisner aneinander, nannte ihn einen Schlangenmenschen und bezeichnete seinen Ministersessel als Drehschemel, worauf Eisner höhnisch von mir als seinem Nachfolger redete. Als dann Eisner ermordet war und Lindners Attentat gegen Auer stattfand, benahm sich Roßhaupter unglaublich kläglich. Er sprang in heller Todesangst aus dem Fenster und schwor Stein und Bein, er werde nie wieder sich in politische Dinge einmischen. Nun scheint er sich erholt zu haben. Seine Gegner sind von seinen Platzhaltern zum Teil ermordet, zum Teil eingesperrt. Sein Heldenmut wird also so schnell nicht wieder auf die Probe gestellt werden. – – Unterbrechung: Es kommt ein Eilbrief. – Von Siegfried aus München. Leider bringt er immer noch nicht die erwünschte Klarheit. Als Adresse gibt er diesmal die Neureutherstraße an. Ob Zenzl daheim ist, ist nicht zu erkennen. – Den armen Jungen hat man auch nett geängstigt. In Eggenfelden wurde nach Zenzl gesucht. Da man sie nicht fand, sagte der gemütvolle Truppenführer in Gegenwart des Sohns der Gesuchten: „Na, wenn man sie hier nicht findet, ist sie sicher schon ihrem Gemahl gefolgt und so wie er erschossen worden.“ – Von Engler bestellt er Grüße, die er beim letzten Besuch an mich ausgerichtet habe. Scheint also auch im Gefängnis zu sein. Aber um Reitze bin ich noch in Sorge. – Daß dem Brief Brotmarken für 8 Pfund beilagen, ist erfreulich, dagegen interessant die Aufschrift des Würzburger Staatsanwalts „an die Leitung des Untersuchungsgefängnisses Ebrach“ (Zuchthaus mag man das Ding offiziell nicht mehr nennen, obwohl jedes Handtuch, das wir benutzen, die Initialen „Z.E.“ trägt). Man möge mich darauf aufmerksam machen, daß ihn die Korrespondenz nichts mehr angehe. Nur, weil es ein Eilbrief sei, habe er ihn weitervermittelt. Von Rechts wegen hätte er ihn nach München an den Staatsanwalt zurückschicken müssen. Ich werde diese Gelegenheit benutzen, um die empörende Bummligkeit in der Briefübermittlung endlich einmal beim Namen zu nennen. Die Herren sollen merken, daß ich mir nicht alles gefallen lasse.

 

Nachmittag (nach ½ 4 Uhr)

Abschrift „Zuchthaus Ebrach, d. 26. Mai 1919. Herrn Staatsanwalt Hahn beim standrechtlichen Gericht, München I. Herr Staatsanwalt! Am 16. Mai – also vor 10 Tagen – wurde mir mitgeteilt, daß die bis dahin von Herrn Staatsanwalt beim Landgericht Würzburg kontrollierten Briefe wegen der Überleitung der gegen mich schwebenden Untersuchung in ein standgerichtliches Verfahren fortab durch Ihre Hände zu gehn haben. Ich habe das noch am selben Tage meiner Frau mitgeteilt, um Verzögerungen in der Zustellung von Nachrichten oder Paketsendungen zu vermeiden. Trotzdem ist der erste seit meiner am 13. April erfolgten Verhaftung aus München an mich gerichtete Brief – ein Eilbrief –, der den Poststempel vom 23. Mai trägt, erst heute in meinen Besitz gelangt. Er ist, ebenso wie zwei vorher eingetroffene Telegramme, immer noch an die Würzburger Staatsanwaltschaft adressiert. Ich muß also schließen, daß die Briefe, die ich von hier aus an meine Familie sende, unverhältnismäßig lange Zeit brauchen, bis sie am Bestimmungsort anlangen. Inzwischen werde ich wiederholt vom Herrn Staatsanwalt in Würzburg gemahnt, endlich den Meinigen anzugeben, wie sie zu adressieren haben, da er Briefe, die bei ihm eingeliefert werden, zuerst nach München zurückleiten müsse. – Vor mehreren Tagen erhielt ich ein Telegramm von meiner Frau des Inhalts, sie habe bereits viele Briefe an mich abgesandt. Von diesen vielen Briefen habe ich bisher keinen einzigen erhalten. Nur die Mitteilung wurde mir heute durch den Gefängnisvorstand zuteil, daß ein Brief meiner Frau an mich von Ihnen zurückgehalten und zu den Akten gekommen sei. – Ich bin infolge dieser unregelmäßigen Beförderung der Korrespondenz heute noch – nach 6 Wochen Haft – ohne Kenntnis der wichtigsten meine privaten Angelegenheiten betreffenden Vorgänge. Ich empfinde diese Absperrung von den Meinigen als unbillige und ungerechtfertigte Verschärfung meiner Einkerkerung. Ich erinnere daran, daß meine Entfernung von München, das Verbot, meiner Frau meinen Aufenthaltsort zu nennen, an und für sich meine Haft ungleich härter macht als die meiner in München selbst inhaftierten Genossen. Das Recht zur Selbstbeköstigung ist hier natürlich illusorisch und die Unmöglichkeit, Besuche zu empfangen, erst recht verbitternd. – Um meiner Frau zunächst eine beschleunigte Nachricht zukommen zu lassen, bitte ich Sie, den beiliegenden Brief von sich aus zu befördern und ferner dafür Sorge zu tragen, daß der Briefaustausch zwischen mir und meiner Frau fortan mit etwas größerer Beschleunigung als bisher durchgeführt wird. – Zugleich richte ich die Bitte an Sie, meiner Frau die Genehmigung zu erteilen, mich hier zu besuchen und ihr zu diesem Zweck die nötigen Ausweise bzw. die Nachricht darüber zuzustellen, welche Schritte sie zu unternehmen hat, um so schnell wie möglich hierher kommen zu können. – Mit vorzüglicher Hochachtung    Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 27. Mai 1919.

Herr Wirthmann teilte mir gestern mit, daß der Würzburger Staatsanwalt auf meine Mahnung an die Strafanzeige gegen Segitz, Schneppenhorst, Steiner und Simon antworten lasse, er habe das ganze Material schon nach München weitergegeben. Ich werde also noch kurze Zeit warten und dann den Herrn Hahn dort interpellieren. Am Abend erhielt ich dann noch den Besuch des Medizinalrats Kolb aus Erlangen, der sich anscheinend gern mit mir unterhält. Auch ich freue mich, wenn der Mann kommt, weil das die einzige Gelegenheit für mich ist, über meine Ansichten und Gedanken zu sprechen. Der Mann hat eine schreckliche Angst vor dem „Bolschewismus“, erkennt aber die Idealität des Gedankens und speziell meiner persönlichen Haltung vollständig an. Als seine Auffassung von der Zukunft sprach er die Befürchtung aus, daß unsre Ziele wohl zunächst Aussichten hätten, daß also wir für Monate oder gar Jahre Sieger sein werden, und daß dann der starke Mann kommen werde, der die finsterste Reaktion wieder einführen werde. Leider konnte ich nicht aus ihm herausbringen, welches denn nun eigentlich die Hoffnungen sind, die er für die Zukunft hegt. Ich möchte so gern mal von einem klugen und dabei Idealen zugänglichen Bourgeois hören, welchen Weg er selbst gehn würde, wenn er zu bestimmen hätte. Denn daß der Zustand von früher dauernd vorbei ist, weiß doch jeder Trottel (außer den deutschen Sozialdemokraten). Also Radikalismus oder Despotismus, – was andres gibts doch nicht mehr. In Rußland scheint, wenn man den Zeitungen vertrauen darf, in der Tat eine Konterrevolution im Gange zu sein. Zugleich geht die Entente mit Militärmacht gegen Petersburg vor. Was es mit dem Admiral Koltschak, der sich als eine Art neuer Napoleon gegen Lenin erhoben haben soll, auf sich hat, muß abgewartet werden. Ebenso, ob die Meldung von einer Meuterei französischer Matrosen auf Wahrheit beruht, die sich weigern sollen, gegen Sozialisten zu kämpfen und auf ihren Kriegsschiffen die rote Fahne gehißt hätten. Daß dagegen der Vollzugsausschuß des englischen Gewerkschaftskongresses unter Generalstreikdrohung die Einstellung der Intervention in Rußland verlangt hat, ist ohne weiteres glaubhaft. So ist denn Hoffnung, daß die tapfere Haltung der französischen und englischen Arbeiter und Soldaten die russische Revolution retten werden, von deren Schicksal unendlich viel für ganz Europa und für die Zukunft der Welt abhängt. Der Sieg der Reaktion über den Bolschewismus in Rußland wäre für uns ein viel schwererer Rückschlag als alle Morde und Infamieen der Weißgardisten im eignen Lande. Soviel Reaktionstruppen bringen sie im Leben nicht auf, um im ganzen Reich „Ruhe und Ordnung“ zu sichern. Zur Zeit macht der Eisenbahnerstreik in Königsberg den „sozialistischen“ Landesvätern zu schaffen, und wo sie auch wieder einen Brand mit Blut löschen mögen, – daß woanders die Flammen sofort wieder aufflackern, verhindern sie nicht. Aus München wird gemeldet: „Die Lage ist noch immer kritisch. Mit der Zurückziehung der Regierungstruppen ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.“ Vor einigen Tagen las ich ein Geseufze über die ungeheure finanzielle Belastung Bayerns, für die die Gründe in einzelnen Posten aufgezählt wurden. Von der Hauptbelastung durch die Weißen Garden war aber nicht die Rede. Die bösen Spartacisten könnten ja sonst nachrechnen, wieviele dieser Desperados man auf die Beine gebracht hat. Deren Zahl muß zur Zeit, wo man noch die preußischen und württembergischen Truppen im Lande hat, sehr groß sein. Gegen München soll allein eine Armee von 30.000 Mann aufgeboten worden sein, von denen man doch nur Teile zur Niederhaltung des übrigen Südbayerns abtrennen durfte. Städte wie Nürnberg, Augsburg und Würzburg müssen auch gehörig belegt sein. In jedem Nest existiert eine „Volkswehr“. Wenn ich also die Gesamtzahl der zur Zeit in Bayern tätigen Weißgardisten auf 60.000 veranschlage, so ist das kaum zu hoch gegriffen. Als Sold mit den verschiedenen Zulagen bekommt jeder im Durchschnitt vielleicht 10 Mark. Verpflegung, Kleidung etc. extra. Rechne ich das alles zusammen und dazu die Auslagen für Quartiere, Munition, Instandhaltung, Pferde und was noch alles drum und dran hängt, auch die Offiziersgehälter in diese Rechnung mit einbezogen, so glaube ich, daß 25 Mark pro Tag und Kopf viel eher zu niedrig als zu hoch veranschlagt ist. Es käme dann eine Summe von anderthalb Millionen Mark täglich, demnach 45 Millionen Mark monatlich allein für die Niederhaltung der Revolution heraus. Für ein Land von 6 – 7 Millionen Einwohnern ein ganz hübsches Sümmchen. Nun verlangt aber die Entente – Gottseidank! – die Abrüstung Deutschlands, verbietet die Haltung eines stehenden Heers und gestattet für Polizeizwecke – also zur Arrangierung von Fluchtversuchen und hinterlistiger Tötung von Sozialisten – 100.000 Mann für das ganze Reich. Noske wird also gleich nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags einen Riesenteil der Truppen, die Hoffmanns allein rechtmäßige Regierung „sichergestellt“ haben, aus Bayern zurückwinken müssen, und Epp wird auf seine eignen Landsleute angewiesen sein. Daher erklärt sich auch die unvermindert heftige Werbung für die Freikorps. Aber es scheint nicht, daß sich Bayern in genügender Zahl finden, um gegen die Klassengenossen im eignen Lande Krieg führen zu mögen. So haben wir gute Aussichten. Wird aber die Unterzeichnung des Versailler Vertrags verweigert, dann haben wir ohnehin mit der Weißen Garde nichts zu schaffen, dann rückt französisches, tschechoslowakisches oder italienisches Militär ein, das mindestens unser Leben nicht dermaßen in Gefahr bringen wird, wie unsre einheimischen „Sicherheitstruppen“. – Ob das Brockdorf-Scheidemann-Gesindel wirklich die ungeheure Dummheit begehn wird, die Unterzeichnung zu verweigern? Der Revolution könnten sie keinen größeren Dienst leisten. Die Wiederaufnahme der Blockade wird dann schon die Volkswut in richtigere Bahnen lenken als sie bisher gegen die Kommunisten tobte. Die Bedingungen zum großen Aufstand wie im November wären von neuem gegeben, und dann würden wir die Fehler nicht wiederholen, die leider Eisner beging, als er Offiziere und Geheimräte weiterwursteln ließ und der Mehrheitspartei die Zügel in die schmutzigen Hände gab. Ich bin also recht zuversichtlich. Auch glaube ich nicht, daß mich persönlich vorher noch das Standgericht umbringen lassen wird. Komme ich heil aus den Fingern der Weißgardisten, die mich nach München bringen sollen und auf den Transporten dort zwischen Gericht und Gefängnis passiert mir nichts, dann kann das Urteil meinetwegen auf 20 Jahre Zuchthaus lauten. Die werden nicht lange dauern. Gegen die Einsetzung der Standgerichte ist jetzt schon im Reiche eine Bewegung im Gange, die sich besonders Levine-Nissens annimmt. Harden, Haase, Professor Nicolai, Professor Einstein, Helene Stöcker und etliche andre – der schon bekannte Bund anständiger Menschen, der sich bei solchen Gelegenheiten zusammenfindet, haben Telegramme nach Bamberg und München gerichtet, worin sie dringend mahnen, mit den standrechtlichen Urteilen, vor allem mit der Vollstreckung vorsichtig zu Werke zu gehn. Zugleich protestieren die Jugendlichen in Berlin gegen die auf die Ergreifung Tollers ausgesetzte Prämie von 10.000 Mark. Das feige Pack in Bamberg hat vor solchen Kundgebungen natürlich Angst. Die eigne Menschlichkeit würde die grundsätzlichen Bekämpfer der Todesstrafe schwerlich zur Zurückhaltung bewegen. Der „Sozialdemokrat“ teilt die empörende Tatsache mit, daß Levine-Nissen im Gefängnis mit einer Hand an die Wand geschmiedet sitzen muß. Sie haben jetzt beschlossen, ein Koalitionsministerium zu machen (der Landesparteitag in Nürnberg hat diesem Antrag des Ministeriums Hoffmann zugestimmt), um die Verantwortung für den Friedensschluß und für die immer brenzlicher werdende Pfälzer Geschichte nicht allein tragen zu müssen. Aber die Verantwortung für all die ungeheuren Frevel, die sich das Ministerium Hoffmann in ihrer Eigenschaft als „rein sozialistische Regierung“ bei der Niedermetzelung und Vergewaltigung des Sozialismus aufgeladen hat, die soll ihr niemand tragen helfen. Mögen die Herren Heim oder Müller-Meiningen oder sonstwelche offenen Reaktionäre jetzt die Waden mit in die Blutströme tauchen, – vor der Geschichte und im Urteil der Internationale sollen die Namen Hoffmann, Schneppenhorst, Segitz, Steiner, Endres, und wie sie sonst heißen mögen, die sich als Sozialisten aufzuspielen wagen, als die Henker und Folterer des Sozialismus in Bayern geächtet bleiben.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 28. Mai 1919.

Ebert, der „Reichspräsident“, hat einem Demonstrationszug von beschäftigungslos gewordenen Mitgliedern der Vaterlandspartei erklärt, daß die Regierung nie und nimmer den Vertrag von Versailles unterschreiben werde, „mag da kommen, was auch kommen mag“. Was dann kommen wird, ist ganz klar: Wiederaufnahme der allerschärfsten Blockade, Einmarsch von Ententetruppen, deren Infizierung mit revolutionären Ideen und über kurz oder lang Sieg der kommunistischen Revolution und Abrechnung mit den Scheide- und Hoffmännern. Außerordentlich wertvolles Material zur Charakterbeurteilung der Sozialdemokraten aller Richtungen steuert der Prozeß bei, der jetzt gegen Ledebour in Berlin durchgeführt wird. Ledebour erzählte, wie in jenen Novembertagen, als von den Führern der Radikalen (Liebknecht, Ledebour, Dittmann etc.) die Revolution präpariert wurde, plötzlich bei einer Beratung im Reichstagsgebäude der damals vom Kaiser ernannte Reichskanzler Ebert, und der Staatssekretär Exzellenz Scheidemann mit Herrn Braun erschienen und sich erboten, mitzumachen, da sie einsähen, daß die Revolution aussichtsvoll sei. Leider hat man sich darauf eingelassen, diesen Verrätern an den früheren Idealen und an den Verpflichtungen, die sie grade jetzt übernommen hatten, Gelegenheit zum dritten und allerschändlichsten Verrat zu geben. Unabhängige Kompromißtaktik! Auch wir in Bayern können ein Lied davon singen. Es wäre alles ganz anders gekommen, wenn nach Eisners Verbrennung, als es sich darum handelte, radikal durchzugreifen, nicht die Berliner Herren Haase, Kautsky und Barth erschienen wären und hätten ihre Parteigenossen nicht zu faulen Kompromissen rumgekriegt, die dann die Bahn frei machten für immer weiteres Abgleiten nach rechts (die „Gemäßigten“ in der unabhängigen Partei, Unterleitner, Schröder und der Rotzbengel Fechenbach haben da schwere Schuld auf sich geladen) und schließlich zu dem Schandbeschluß, mit dem der Rätekongreß jenes unwürdige Harakiri vollzog, das den Hoffmann und Konsorten die Verbindung mit Epp und Genossen gestattete und die Schlächterei und das Unglück des Volks einleitete. Jetzt legt sich auch das „rein sozialistische“ Ministerium die Schlinge um den Hals, und es heißt, daß als Justizminister Herr Müller-Meiningen ausersehen sei. Das ist der Lump, der seinerzeit im Reichstag den tätlichen Angriff auf Liebknecht unternahm und der nun also Chef der Hochverratsprozesse werden soll, die den Gegnern seiner Brüder im Besitz das Genick umdrehn sollen.

Eben erhalte ich Briefe von Zenzl, vom 19. und 20. Mai: alle früheren sind noch nicht da. Aber die Nachrichten, die ich da bekomme, sind leider sehr trübe. Meine Wohnung ist demoliert und ausgeplündert. Alle Wäsche und alles Silber geraubt. Die arme, arme Zenzl. Zugleich weigert sich meine liebe Verwandschaft, Geld zu senden. Die Bande hatte behauptet, es sei aus unsrer Wohnung herausgeschossen worden. Man hatte Zenzl erklärt, ich sei irgendwo auswärts erschossen worden, und sie selbst wäre zweifellos umgebracht, wenn nicht Freunde sie rechtzeitig veranlaßt hätten, die Wohnung zu verlassen. – Ich bin zu erregt, um weiter zu schreiben. Ich muß erst meine Gedanken sammeln.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 29. Mai 1919.

Christi Himmelfahrt steht im Kalender, der vor mir an der Wand hängt, und an dem ich jeden Tag mit dem Bleistift das Datum anmerke. Wir sind mitten im schönsten Frühling. Aber ich habe wenig davon als Trauer und Sehnsucht. Der Brief gestern war doch ein harter Schlag. Noch weiß ich ja nicht alles. Nur soviel, daß bei uns die Wiederherstellung von Ordnung, Ruhe und Sicherheit in der Form vor sich ging, daß die damit betrauten Organe die Wohnung zerschossen und total ausgeplündert haben. Was mich selbst anlangt, – ich habe niemals sehr an die Güter das Herz gehängt, wenngleich es trübe zu denken ist, daß doch jedenfalls viel Erinnerung an die Kindheit zum Teufel gegangen ist. Und wenn ich meinen Rock ansehe, der total zerfetzt ist und den ich im Gefängnis gründlich auftragen wollte, dann ist es nicht angenehm zu denken, daß ich ihn nicht mehr wechseln kann. Ebenso die Stiefel. Sie lassen durch und sind rissig und abgetragen, und ich hatte noch zwei sehr gute Paare. Ob ich von meiner Wäsche noch etwas wiedersehn werde, ist ungewiß. Zenzl meint, daß unter Eingeweichtem, was grade in ihrer Wanne lag, vielleicht noch etwas von mir gerettet sein könnte. Ich fühle mich in dem unsagbar verschmutzen Zeug, das ich zur Zeit am Leibe trage, totunglücklich. Aber das alles ist zu verschmerzen, täte mir nur meine Zenzl nicht so schrecklich leid. All ihre Kleider, die sie mit soviel Liebe selbst entworfen und vom ersten zum letzten Stich selbst geschneidert hat, auf die sie so stolz war, besonders, weil sie sie so lange trug und sie immer so tadellos adrett waren, – alles hin. Und ihre Wäsche, und unsre Bettwäsche, für eine so tüchtige und altmodisch ehrgeizige Hausfrau muß es ein furchtbarer Gram sein. Und dabei ist sie so tapfer und stark! Sie weiß, wie nahe uns der Tod vorbeigegangen ist, allen beiden. Aber trotzdem: es ist nicht angenehm, die Wirksamkeit der Bluthorde des Mordbrenners Noske am eignen kleinen Besitz zu verspüren, und es ist wohl unendlich traurig für die Arme, in München sein zu müssen, ohne im eignen Heim wohnen zu können, dessen Reinlichkeit und Ordnung ihr Stolz und ein Teil ihres Lebens war. Der Kerl von Hauswirt, der sich über unsern langfristigen Mietsvertrag schon immer schwer geärgert und der verschiedentlich versucht hat, uns zu steigern, will jetzt aus unserm Unglück Nutzen ziehn. Er verlangt die Räumung der Wohnung bis zum 1. Juli. Ich habe Zenzl geschrieben, daß er garnichts zu verlangen hat. Erweist sich die Unmöglichkeit, dort wohnen zu bleiben, so werden wir die Wohnung weitervermieten, nicht er. Die Geier, die sich aufs Aas stürzen, selbst, wenn noch Leben in der Kreatur ist. Gestern habe ich einen Brief an meinen Schwager Landau geschrieben. Denn ausgerechnet in diesem Augenblick weigern sich meine Geschwister, auf meinen Anteil an den großväterlichen Häusern hin weitere Vorschußzahlungen zu leisten. Wahrscheinlich glauben sie den Zeitungen, die mich als großen Revolutionsgewinner denunziert haben. Mein Gott, – es geht wohl nicht in bourgeoise Gehirne hinein, daß man für eine Idee leben und arbeiten kann, ohne dafür bezahlt zu nehmen. Daß wir allen Jammer nur der Presse zu danken haben, steht fest. Selbst in ihrer Heimat hat sich Zenzl nicht halten können. Der Hollerdauer Berichterstatter, oder wie das Winkelpfaffenblättchen heißt, brachte einen Artikel, der ihre rasche Abreise nötig machte, und heute bekam ich einen nach Tegernbach adressierten Brief, am 24ten Mai dorthin vom Staatsanwalt abgesandt, von mir am 19ten geschrieben, mit dem Vermerk zurück: „Adressat längst abgereist. Wohin unbekannt.“ Überhaupt ist die Langsamkeit, mit der die Behörden die Korrespondenz weiterleiten, ein ewiger Grund zu Sorge und Aufregung. Zenzl telegrafierte mir vor mindesten 6 Tagen, sie habe schon viele Briefe und Pakete abgesandt. Bekommen habe ich fast nichts davon, vor allem nicht die Bücher, von deren Absendung sie mir Mitteilung gemacht hat und nicht mein kleines Versenotizbuch mit der ganzen lyrischen Produktion seit 1914. Geht das verloren, so wäre mir das ärger als alle Zertrümmerung und Ausraubung der Wohnung. Ein großer Teil der Gedichte ist nicht abgeschrieben – und wenn, so ist ja alles Papierne beschlagnahmt. Ich wollte hier im Gefängnis ein Bändchen neuer Kriegs- und Revolutionsverse zusammenstellen. Gott gebe, daß ich das kleine Büchelchen wiederkriege. Dieselbe Angst habe ich schon einmal ausgestanden, als ich vor fast 10 Jahren im Charlottenburger Amtsgerichtsgefängnis saß. Aber wieviel ernster und grausamer ist jetzt alles! Denke ich nur der Toten dieses Monats! Landauer! Zenzl schreibt mir, er habe sich ihrer nach meiner Verhaftung so sehr freundschaftlich angenommen. Auch Engler ist verhaftet. Von Reitze schreibt sie nichts. Aber daß auch der gute Maaßen verhaftet war, ist grotesk. Offenbar hat man seine Briefe an mich gefunden und daß es auch noch Interessen geistiger Menschen gibt, die mit Politik nichts zu tun haben, wissen natürlich die Verräter in Bamberg nicht, da sie selbst nur „Realpolitiker“ sind, denen zu geistigen Menschen schlechthin alles fehlt. Der Patriot Maaßen als Spartakist verhaftet! – ich muß ihm jetzt doch schreiben. – Die Zeitung bringt heute nichts Erhebliches. In der Pfalz soll dieser Tage eine Volksabstimmung stattfinden. Sie wird selbstredend zugunsten der Autonomie ausfallen, und Germania darf wieder in Scham und Schmerz ihr Haupt verhüllen. Daß ihr die Verhüllung der unteren Partieen besser anstünde, die sie, um die Kapitalsrenten nicht einzubüßen, den Landsknechten der „sozialistischen Republik“ präsentiert, bemerkt man nicht mehr. Die Presse setzt ihre eklen Anwürfe gegen Leute, die zum Unterschied von ihren Schmierern eine Überzeugung haben, fort. Zenzl meint, den Soldaten könne man ihre Morde und Räubereien nicht übel nehmen. Denn die Zeitungen hätten derartig gemeine Hetzereien verbreitet, daß jede Kritik dabei aufhörte. Jetzt macht man die arme Frau Eisner zum Gegenstand verleumderischer Verhöhnungen. Der Zweck ist klar, auch an Eisner darf keine gute Erinnerung bleiben. Der Prozeß gegen den Grafen Arco muß so milde Richter finden, wie sie die Mörder Liebknechts und Rosa Luxemburgs gefunden haben. Und vielleicht kommt auch ihm ein Retter in der Not, wie Herr Lindemann dem Oberleutnant Vogel. Zudem will man die Revolution mit allem ausrotten, was irgendwie Ansätze zu freiheitlicherer Bewegung der Menschen enthielt. – Wir bekamen heute einen Ukas des Assessors Wirthmann vorgelegt. Die Beschwerden der Aufseher, daß wir in der Hofpause miteinander sprächen, mehren sich. Er verstehe zwar die Härte der Anordnung, daß wir nicht reden dürfen, müsse aber auf ihre Durchführung dringen. Das ist eine der Freundlichkeiten unsres Herrn Lang. Den und den Gottseidank verschwundenen Staatsanwalt Roth will ich im Gedächtnis behalten. Nun geht also wieder die Maulsperre los. Nur abends, wenn die Türen alle doppelt verriegelt sind, wird von Zelle zu Zelle gebrüllt und dies und jenes mitgeteilt oder erörtert. Aber leider sind meine Ohren nicht mehr recht hellhörig und so ist für mich die Verständigung oft sehr schwer. Wann wir endlich aus Ebrach fortkommen, weiß niemand. Das Standgericht in München arbeitet schon lange, aber bis es durch alle Hochverräter durch ist und wir dürfen endlich für 10 oder 15 Jahre ins Zuchthaus wandern, darüber kann lange Zeit vergehn, vielleicht längere, als nachher unsre Zuchthaushaft wirklich dauern wird. Denn komme ich lebendig aus dem Prozeß heraus, dann fürchte ich die Strafe garnicht. Die Befreiung ist schon gesichert, bevor die Einsperrung erfolgt. Herr Hoffmann und sein neues Koalitionskabinett, das uns in den nächsten Tagen beschert werden soll, wird keine längere Dauer haben als das Volk ihm zubilligt. Die fünfte Revolution ist schon auf dem Marsche, daran zweifle ich nicht, sie wird uns befreien, und durch uns wird sie das Volk befreien. Meine Flügel sind zwar momentan geknickt, und mein Gefieder ist arg gerupft, aber am Fliegen brauche ich deshalb noch lange nicht zu verzweifeln. Die Zukunft gehört uns.

 

Zuchthaus Ebrach, Freitag, d. 30. Mai 1919.

Mehrere Briefe von Zenzl. Sie ist eine prachtvolle Frau, so fest in ihrem Idealismus, so rührend schlicht und wahr in ihrem Empfinden und so groß und stark in der Liebe wie ich nie eine zweite gesehn habe. Traurig ist sie natürlich sehr über das Malheur, das über uns gekommen ist – sie schmerzt vor allem der Verlust ihres schwarzen Kleides, das sie zur Hochzeit geschneidert hat und das sie nur zu festlichen Gelegenheiten anhat. Engler hat es ihr damals entworfen – und diese verzichtende Seelengröße des alten Freundes machte es ihr so wertvoll. Es war auch wunderschön. Solche Dinge sind natürlich nicht mit Geld oder mit Ersatz einiger Ellen Tuch gutzumachen. Ich weiß, was sie leidet, wenn sie an all das denkt. Ich werde der Staatsanwaltschaft Anzeige erstatten, weniger in der Hoffnung, irgendetwas wiederzukriegen als mit der Absicht, den Idealismus der Befreier offenkundig zu machen. – Eine interessante Botschaft brachte mir der Assessor vorhin. Auf die Strafanzeige vom 30. April gegen Segitz, Schneppenhorst, Steiner und Simon sei „dem Erich Mühsam“ – ein Staatsanwalt der bayerischen Republik wird sich doch nicht herbeilassen, den Titel Herr zu gebrauchen – zu eröffnen, das die Untersuchung eingeleitet sei. Ich werde aufgefordert, Beweismaterial und Zeugen zu nennen. Ich beantragte deshalb beim Assessor eine Konferenz derjenigen Gefangenen, die etwas Näheres über die Teilnahme dieser Herren an der Räte-Ausrufung wissen, nämlich außer mir Wadler, Killer, Sauber, Kandlbinder und Soldmann. Kandlbinder, der Mitglied der Mehrheitspartei und alter Gewerkschaftsbeamter ist, und der in unsern Hochverratsprozeß hineingeraten ist wie das Kaninchen in den Schlund der Boa, wurde gleich in meine Zelle zitiert. Er weiß in der Tat wenig und möchte nur mit heiler Haut aus dem Schlamassel heraus. Ich verzichtete deshalb gleich auf seine Teilnahme. Wir andern sollen morgen vormittag in Gegenwart des Assessors Rat halten. Das wird mal eine angenehme Abwechslung werden. – Der kleine Genosse Hoffmann gab mir einen Artikel aus einem Münchner Skandalblatt „Die Republik“, worin der Herausgeber, ein gewisser Binder, das Tollste an Verhetzung leistet, was man sich überhaupt denken kann. Jede Verleumdung ist dem Burschen recht. Levien, Toller, ich, Nissen, Sauber – einer nach dem andern wird mit Dreck beworfen, bis keine appetitliche Stelle mehr übrigbleibt. Ich komme beinah noch am besten weg, will aber doch zitieren, wie dieser dunkle Ehrenmann mich charakterisiert: „Dieser verkommene Literat, der in seinem Leben nie gearbeitet hat, der schon äußerlich in seinem widerlichen Schmutz wie eine Kreuzung zwischen einem Pavian und einem Bantuneger aussah, hat auch einmal ein Prosawerk von sich gegeben.“ Als dieses „Prosawerk“ folgt dann der kleine Ulk am Schlusse meines „Kraters“ „Das Verhör“, das irgendein Schmock zufällig entdeckt hat, und das jetzt in allen Meinungszüchtereien gegen mich zeugen muß. Zenzl schickt mir einen Haufen weiterer Zeitungsausschnitte, den ich noch nicht genossen habe. Aber ich bin gefaßt. Die arme Frau schreibt von einem Artikel, in dem man sogar sie in den Schmutz zerrt und ihr nächtliche Herrenbesuche vorwirft, die sie in meiner Abwesenheit zu empfangen pflege. Das sind die Gentlemen und Kavaliere, die im Namen des Volks reden und Recht, Ordnung, Sicherheit, Ehre, Anstand und Ruhe wieder in Deutschland heimisch machen wollen. Wie tief heruntergekommen muß das Land in der Tat sein, daß solche Verbrecher am Seelischen eines Volks seine Wortführer sein dürfen. Jetzt aber will ich mir mutig die Hosen meiner Seele bis über die Kniee hochkrempeln und entschlossen in den stinkenden Unrat der Zeitungsausschnitte hineinwaten. Nase zu – vielleicht komme ich doch durch den Pfuhl.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 31. Mai 1919.

Widrigkeiten aller Art. Vorhin kam ein Paket von Mila, während ich grade an Zenzl einen Brief schrieb. Tabak, Zigarren, eine Schreibunterlage und etliche Bücher. Während ich mich grade in großer Freude in den Reichtum versenkte, kullerte mein Füllfederhalter vom Tisch. Ich hatte lange damit zu tun, ihn durch Bearbeiten mit dem Messer überhaupt wieder gebrauchsfähig zu machen. Aber er funktioniert noch nicht, wie er soll. Alle Augenblicke gibt es Störungen und die Schrift ist klexig. – Immerhin: es geht wieder. – Die Lektüre der Zeitungsausschnitte entsprach meinen Erwartungen. Die Tinte wird zu Unrat, die die deutschen Schmöcke zur Erziehung des deutschen Volks verspritzen. Der Unrat aber wird zu Blut, wenn er sich tief genug in die Gemüter der Leser gesenkt hat. Nur ein Beispiel: die ungeheuerliche Verleumdung, daß wir die Vergesellschaftung der Frauen einführen wollten, kehrt immer wieder, und ein Blatt leistet sich die Ruchlosigkeit, Landauer diesen Vorwurf nach seinem Tode noch zu machen, sozusagen als Nachruf. Es handelt sich um ein Berliner antisemitisches Erpresserblättchen, das bezeichnenderweise „Wahrheit“ heißt. Man kann bei dieser schamlosen Verhetzung des Volks – in den kleinen Zeitungen der Provinz, von wo natürlich die Mehrzahl der Regierungstruppen stammt, ist es am ärgsten – den Leuten, die in uns die schandbarsten Verbrecher sehn müssen, ihren Vandalismus kaum übelnehmen. Alle Schande trifft nur die Zeitungsschmierer, dieses bildungs- und ehrlose Gesindel, das für jede Verräterei nach festen Sätzen käuflich ist und das seine Lumperei den naiven Lesern als Gesinnung auftischt. So ist der Krieg gemacht worden, so wird die Revolution sabotiert, so wird dem armen Volk heute noch die Schuld der deutschen Führung – die zugleich die Schuld der deutschen Presse ist – verborgen, und so wird Haß, Kriegslust, Rachedurst für kommende Zeiten schon jetzt vorbereitet. Wer später einmal die Geschichte unsrer Tage frei von Parteinahme schildern will, muß den Lügen und Verleumdungen der Presse nachgehn, um die Verblendung und Rohheit der Menschen zu begreifen. – Wie weit die Sozialdemokraten schon mit ihrer Preisgabe aller Überzeugungen auf ihre Kreaturen gewirkt haben, zeigt klärlich eine Notiz in der heutigen Zeitung, nach der Schneppenhorst bei seiner Ankunft in München per Auto es sich gefallen lassen mußte, daß ihm die empörten Soldaten – Nosketruppen, deren höchster Chef er selber ist – die rote Fahne vom Wagen rissen. Eine kleine Rache des Schicksals. Er hat die Genossen zur Linken verraten, die zur Rechten reißen ihn mit Gewalt jetzt ganz in die Bahn des verrottetsten Nationalismus. Und ich gebe ihnen recht. Der Verräter an der roten Fahne hat nicht unter ihr zu fahren. – Die deutsche Delegation, die aus Geheimräten, Generalen, Kommerzienräten, Großkapitalisten und, ich glaube, ganzen vier Sozialisten der preußischblauen Färbung besteht (ein sächsischer Delegierter hat Versailles unter Protest verlassen – oder ist er gar von seinen Parteigenossen weggeekelt worden? – und dann eine Erklärung über das Theater veröffentlicht, das da namens einer sozialen Republik aufgeführt wird), hat nun die deutschen Gegenvorschläge eingereicht. Liest man mein Bamberger Blatt, das sein Alldeutschtum heute noch so wacker zeigt wie vorher und wie die meisten deutschen Zeitungen, dann könnte man glauben, Deutschland sei eigentlich garnicht besiegt, und einen Frieden von Brest oder Bukarest hätte es nie gegeben. Es klagt, daß man über die Grenzen des Möglichen hinausgegangen sei bei der Zubilligung von Konzessionen an die Gegner (dabei ist die Annahme der ganz vom alten Geist des Imperialismus, der Anmaßung und der Reuelosigkeit getragenen Vorschläge völlig ausgeschlossen, höchstens käme in geringen Einzelheiten ein Entgegenkommen in Betracht) und meint dann, daß es allerdings „dem deutschen Charakter nicht gegeben ist, ja, daß es das deutsche Wesen mit Widerwillen erfüllt, sich dort, wo es um das Beste, Höchste eines Volks geht, wie bei einem Kuhhandel zu gebärden.“ Solche Heuchelei ist möglich, während seit Wochen der gemeinste Schacher um ein paar Konzessiönchen getrieben wird, die man bei der Strafzumessung noch herauszuschinden hofft. Inzwischen beginnt die Zerbröckelung des ehedem deutschen Reiches. Die Pfalz fällt ab, daran wird alles Gekreisch nichts ändern, als ob nur 21 Verräter in Landau nicht bei der Firma Hohenzollern Nachfolger bleiben mögen. Und jetzt wird mit Hochverratsprozessen gedroht auch gegen die, die etwa die Rheinlande zu einer autonomen Republik machen wollen, ein Zeichen, wie weit auch diese Bestrebungen schon gediehen sind. Bayern hingegen macht sich inzwischen völlig zur preußischen Provinz. Obwohl man Herrn Schneppenhorst auch im feindlichen Lager als kompromittiert betrachtet, will man ihn doch Militärminister bleiben lassen, weil es sich nicht mehr lohne, einen neuen zu machen, da das Reich die Leitung des bayerischen Militärs mit übernimmt. Also Noske Triumphator. Die Justiz und der Handel wird in die Hände von Demokraten gelegt und Finanzen und Landwirtschaft klerikal besetzt. Daß man den bayerischen Bauernbund kaltstellt, wird natürlich auf dem Lande böses Blut machen, und wir haben jetzt nichts weiter zu tun als achtzugeben. Daß das Koalitionsministerium ebenso rasch und gründlich abwirtschaften wird wie jedes andre, das alte Ordnungen retten will, ist selbstverständlich. Nur der Zeitpunkt, wann wir wieder an die Arbeit gehn müssen, ist noch ungewiß. Vorerst muß man sich im Gefängnis bescheiden. Mein Gewicht hat sich, nachdem Pakete mit Lebensmitteln eingetroffen sind, in den letzten 14 Tagen wieder um 1 Kilo erhöht – nachdem es in den ersten 5 Wochen 7 Kilo verloren hatte –, so hoffe ich, werde ich doch „durchhalten“ können. – Jetzt ists schon eine Stunde nach dem Mittagessen. Die Zusammenkunft der Ministerankläger ist aber bis jetzt noch nicht arrangiert worden. Übrigens ist mein Gemüt mehr als von allem andern von der Angst erfüllt, daß ich mein Notizbuch mit den Gedichten noch nicht bekommen habe.

 

Nachmittags.

Abschrift: „31. Mai 1919. Herrn Rechtsanwalt Dr. Philipp Löwenfeld, München. Herr Rechtsanwalt! An Sie als meinen politischen Gegner wende ich mich mit der Bitte, meine Interessen in einem Prozeß wahrzunehmen, den Sie gütigst gleichzeitig bei der Staatsanwaltschaft anhängig machen wollen. Ich las Ihren Artikel „Zweierlei Maß“ in der „Neuen Zeitung“ vom 21.Mai und schöpfe daraus die Hoffnung, grade bei Ihnen den Willen zum Recht annehmen zu dürfen, der mir jetzt allein nützen kann. Ich möchte aber vorweg merken, daß meine finanzielle Lage zur Zeit derartig ist, – und sie werden aus dem Folgenden ersehn, wie wenig Aussicht ich habe, sie in kurzer Zeit zu verbessern –, daß ich Ihren Kredit in Anspruch nehmen muß, ohne mich auf eine Frist zur Zahlung festlegen zu können. – Wollen Sie mir unter diesen Umständen Ihren Beistand leisten, wäre ich Ihnen dankbar. Zugleich bitte ich Sie aber, es nicht übel zu deuten, wenn ich Sie nicht gleichzeitig mit meiner Verteidigung in dem gegen mich anhängigen Hochverratsverfahren beschweren möchte. Die Gegensätzlichkeit unsrer politischen Anschauungen müßte dabei doch hinderlich in die Erscheinung treten. – Es handelt sich um folgendes: Ich wurde wie Ihnen bekannt sein wird, am 13. April früh morgens aus meiner Wohnung fort von Mitgliedern der Republikanischen Schutztruppe ohne Haftbefehl fortgeholt und von Angehörigen der Bahnhofswache unter Beistand Ihres Herrn Bruders aus München gewaltsam verschleppt. Meine Frau bewohnte somit meine Wohnung in der Georgenstr. 105/IV allein. Am 1. Mai verließ sie auf dringendes Anraten von Freunden vor dem Einzug der Regierungstruppen das Haus und gab den Schlüssel zur Wohnung bei den Unterwohnern ab. An diesem Tage wurde die Wohnung militärisch besetzt und die Schlüssel beschlagnahmt. Ich kann natürlich über die Vorgänge des weiteren keine Auskunft geben. Nur soviel, daß die Truppen unter der Behauptung, es sei aus der (bereits von den Einwohnern geräumten und militärisch besetzten) Wohnung geschossen worden, etlichen Schaden durch Schüsse in den Wohnräumen angerichtet und die Wohnung verlassen haben, nachdem sie sie in der ausgiebigsten Weise ausgeplündert hatten. – Alles, was meine Frau und ich an Kleidern, Wäsche, Bettzeug, Schuhwerk etc. besessen haben, ist gestohlen. Alles was an Wertsachen, Silber und Gold, vorhanden war, ist weg. Wir haben nicht mehr das Allernotwendigste. – Ich sehe davon ab, daß der ideelle Schaden den materiellen, der in die Tausende geht, weit überwiegt. Meine Frau hat sich ihre Kleider nach eignen Entwürfen selbst geschneidert, besaß wertvolle Trachten, ich habe Erbstücke von erheblichem Material- und Erinnerungswert eingebüßt. Dies alles wird Ihnen meine Frau, mit der Sie sich freundlichst in Verbindung setzen wollen, im Detail angeben. Mir kann es aber nicht genügen, daß der Schaden, der sich natürlich mit Geld überhaupt nicht aufwiegen läßt, irgendwie abgeschätzt und irgendwann einmal von irgendeiner Behörde vergütet wird. Es muß mir daran liegen, vor allem die Wäsche, Kleidung und Schuhe schnellstens durch Zuweisung ausreichender und gut qualifizierter Stoffe, also durch Ware ersetzt zu bekommen, damit zunächst einmal der allerdringendste Bedarf des täglichen Gebrauchs gedeckt werden kann. Ich mache darauf aufmerksam, daß weder ich noch meine Frau Vorrat an Wäsche von Hause mitnahmen (ich wußte ja nicht, daß man mich von München abtransportieren werde und war 5 Wochen lang außer jeder Verbindung mit meiner Frau), sodaß wir also um unsern gesamten Besitz an Wäsche und Kleidung gebracht sind. Ich habe meinen schlechtesten Anzug an, der hier im Gefängnis völlig in Fetzen geht und durchlässige, rissige Stiefel – ohne die Möglichkeit zu wechseln. Das Notwendigste an Leibwäsche habe ich mir von Bekannten ausleihen müssen. Sie werden also begreifen, daß dieser Zustand für meine Frau noch viel schlimmer sein muß. Man hat uns garnichts gelassen außer den Möbeln und Gottseidank meinen Büchern. Dagegen sind alle meine Papiere, Briefe, Aufzeichnungen, Manuskripte, kurz mein gesamtes Arbeitsmaterial beschlagnahmt. Ob diese für mich ungeheuer wichtigen Dinge in Sicherheit sind, weiß ich nicht. Jedenfalls ist mir die Möglichkeit zur Arbeit vorerst wohl genommen. Ich bin demnach in jeder Hinsicht in der übelsten Lage. – Die Adresse meiner Frau ist wahrscheinlich (wenn sie nicht inzwischen doch wieder in die ausgeräumte Wohnung gezogen sein sollte): Neureutherstr. 12IV p. Adr. Herrn L. Engler. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie sich mit ihr in Verbindung setzen möchten, da ich annehme, daß Sie eher im Besitz dieses Briefes sein werden, als eine Nachricht von mir an sie gelangt. – Wenn Sie also durch meine Frau eine einigermaßen sichere Aufstellung der geraubten Utensilien erlangt haben (bei der Gründlichkeit, mit der die Soldaten bei mir die Ruhe, Ordnung und Sicherheit wiederhergestellt haben, wird wohl eine völlig zuverlässige Liste aller fehlenden Gegenstände kaum aufzustellen sein), käme es mir darauf an, soviel wie möglich – besonders die Wert- und Erinnerungsgegenstände – im Original wiederzubekommen, im übrigen aber so rasch wie möglich in den Besitz des für meine Frau und mich Nötigsten an Wäsche, Kleidung und Schuhwerk zu gelangen, ohne dafür zahlen zu müssen, da Geld fast nicht mehr vorhanden und kaum aufzutreiben ist. (Vom Verdienen ist unter diesen Verhältnissen, in denen ich mich befinde, keine Rede). – Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sofort alle notwendigen Schritte einleiten möchten: Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zur Feststellung der Offiziere und Mannschaften, die meine Wohnung besetzt hatten, Betreibung der Entschädigungsansprüche bei den zuständigen Stellen und hauptsächlich Versuche zur Wiedererlangung dieser oder jener Stücke, etwa durch Zeitungsausschreibung oder durch sonstige Mittel, die Sie für richtig halten. Allerdings kann ich weder Annoncen noch Plakatanschläge noch gar Auslobungen bezahlen. Es würde sich also vielleicht besser mit redaktionellen Notizen arbeiten lassen. – Im übrigen überlasse ich alle Maßnahmen Ihrem Gutdünken und würde Sie nur bitten, mir sofort zu bestätigen, ob Sie die Angelegenheit in die Hand zu nehmen bereit sind. Die Vollmacht kann Ihnen ja auch meine Frau ausstellen. – Ich danke Ihnen im voraus für Ihre Hilfsbereitschaft und begrüße Sie mit vorzüglicher Hochachtung   Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 1. Juni 1919.

Möge dieser Monat voll Freuden sein, wie der vorige voll Schmerz und Jammer war. Der Anfang war für mich eine Mischung von Freude und Wehmut. Vor einer halben Stunde hat Zenzl meine Zelle verlassen. Sie kam ganz überraschend heute vormittag an, durfte dann ein Stündchen bleiben und nachmittags noch einmal für zwei Stunden wiederkommen. Welche Freude habe ich empfunden! Obwohl sie getrübt war durch manches traurige Gefühl. Die arme Frau hat Entsetzliches durchgemacht. Ein Verhör von vormittags um 11 bis nachts um vier Uhr vor preußischen Offizieren, während man sie die ganze Zeit im Glauben hielt, ich sei schon erschossen worden. Und an ihr selbst ist der Tod ganz ganz nahe vorbeigestreift, denn der „Bayerische Kurier“ hatte an diesen Tagen einen Artikel gebracht, der ihr Frauentum in den Kot zog und die Behauptung enthielt, sie habe in Person aus dem Fenster unsrer Wohnung herausgeschossen. Die Mordbuben dieses christkatholischen Organs hatten damit eine Stimmung gegen Zenzl zustande gebracht, daß nur das Eingreifen Professor v. Asters, der einen ihm verwandten höheren Offizier auf die Beine gebracht hatte, ihr Leben rettete. Und wie Furchtbares hat sie mir außerdem berichtet. Was will der Verlust unsrer paar Effekten besagen bei all dem Greuel, den die Weißgardisten in München verübt haben. Die Kosaken unter der Zarenherrschaft sind nach dem Urteil russischer Revolutionäre menschlicher gewesen als die Landsknechte, die das sozialistische Ministerium Hoffmann von seinen sozialistischen Widersachern befreit haben. Landauer wurde in Stadelheim mit Gewehrkolben totgeschlagen, das soll nun also die wirkliche festgestellte Todesart sein. Tiefunglücklich war ich wieder über die Nachricht, daß Sandtner standrechtlich erschossen wurde. Sandtner! Dieser Prachtkerl, dieser treue, gute, liebe, gefällige Kraftmensch. Wir gingen viele Abende zusammen heim, da er in der Nähe wohnte, und er erzählte von seinen Erlebnissen bei der Kriegsflotte. Besonders nahe war ihm der Feldzug gegen die finnischen Revolutionäre gegangen. „Mannheimer“ nannte er den General Mannerheim, die[der] die Weißgardisten dort unter deutscher Oberaufsicht befehligte. Und als er das Eiserne Kreuz kriegen sollte, lehnte er es mit der Begründung ab, er wolle nicht die Auszeichnung haben, die man jüngst dem Verwüster Ostpreußens Mannheimer bei einem Bankett überreicht habe. Ich will noch eine kleine Anekdote notieren, die so sehr bezeichnend für diesen Jungen ist. Er sah, wie ein finnischer Rotgardist auf ihn anlegte. Er hätte ihm zuvorkommen können, aber ihm war der Mann Kamerad – „und da habe ich ihm abgewunken“ erzählte er „und er hat mich verstanden.“ Tot. Nie mehr werden wir diesen schönen Matrosen sehn, wenn er mit der offenen Brust, die Mütze mit den Bändern weit zurückgeschoben, mit klingender Riesenstimme und mit wild rollendem „R“ in den Saal schrie: „Kamerraaden! Genossen!!“ und dann seine prächtigen ungekünstelten leidenschaftlichen Aufrufe in die Menge schmetterte. – Und das Mädel mit dem roten Hut, das in allen Versammlungen die „Rote Fahne“ hoch in den Händen schwingend, immer vergnügt, unermüdlich kolportierte, ebenfalls erschossen! Resel nannten wir sie, ihren ganzen Namen wußten wohl wenige. Und dies enthusiasmierte Kind wird vor Offiziere geschleppt, die grade Todesurteile fällen und von denen einem Trupp Soldaten übergeben, die grade Todesurteile vollstrecken. Standrechtlich! – Schaudervoll. Auch Merl, der am 7. November eigenmächtig mit ein paar Mann das Telegrafenamt besetzte, der Treueste der Meinigen zur Zeit der „Revolutionären Internationalisten“, ist „standrechtlich“ um Jugend und Zukunft betrogen worden. Alle im Namen der „Sozialisten“ Noske, Scheidemann, Hoffmann, Schneppenhorst. Schande! Schande und Schmach über Deutschland! Die Schmöcke sprechen die Wahrheit, aus Versehn und indem sie das Gegenteil meinen, wenn sie jammern: Nicht 1806 sondern 1919 erlebt Deutschland seine tiefste Erniedrigung und Entwürdigung. Der Redakteur Leib, Herausgeber eines ganz guten Blatts „Der Republikaner“, wurde vors Standgericht geführt, verhandelt und freigesprochen. Aber bevor der Freispruch gefällt war, hatten die Weißen die Exekution schon an ihm vollzogen. So häuft sich Verbrechen über Verbrechen. Wenn übrigens die Darstellung stimmt, die Zenzl von der Erschießung der 10 Geiseln gibt, erscheint auch diese Angelegenheit in ganz verändertem Licht. Danach hat die Gräfin Westarp und ihre Genossen mit Stempeln der Roten Armee konterrevolutionäre Dienste geleistet. Ich billige die Erschießung trotzdem nicht – obwohl ihr die Erschießung von 10 Rotgardisten in Dachau vorausgegangen sein soll, weil man überhaupt nicht Todesurteile zu fällen hat und es für den, der diese meine grundsätzliche Meinung nicht teilt, mindestens eine verbrecherische Dummheit war, vor dem Einmarsch der Feinde deren Rachedurst ein solches Agitationsmaterial zu liefern. Aber läge der Fall umgekehrt, hätten wir mit Stempeln der Regierungstruppen zugunsten der Revolution gearbeitet, – hätte die Regierung Hoffmann wohl Bedenken gehabt, uns an die Wand zu stellen? Die Leichen der 600 von ihnen in München hingerichteten Sozialisten lassen nicht darauf schließen. Die Schrecken jener Tage müssen grauenvoll gewesen sein, aber erhebend ist, daß sie alle, die für ihre Ideale haben sterben müssen, aufrecht und tapfer mit lauten Grüßen an die Weltrevolution die Kugel empfangen haben. – Schlimm haben sich die KPD-Führer noch nach unsrer Verhaftung benommen. Landauer wurde von den Levine und Levien aus dem Wittelsbacher Palais einfach hinausgeworfen. In der Roten Fahne standen Artikel, in denen wir – auch ich mit Namen bezeichnet – als „Bourgeoisrevolutionäre“ verhöhnt wurden. Das ist sehr häßlich und der gemeinsamen Sache sehr abträglich. Aber Parteigeist. An dem ist die deutsche Sozialdemokratie in tiefste Schande geraten, an dem wird nicht der Kommunismus, wohl aber die Methode, die die Führer jetzt belieben, zuschanden werden und vorher noch viel Elend über das Proletariat bringen. Ehe die Einigkeit die Arbeiterschaft über die Bonzenhäupter hinweg nicht den Willen zum Sozialismus Tat werden läßt, ist keine Hoffnung, daß der neue Geist der Freiheit und Gerechtigkeit über die Welt kommen wird. – Zenzl ist noch in Ebrach. Meine Gedanken gehn mit ihr im Ort spazieren. Morgen in aller Frühe fährt sie heim. Wann und wo und unter welchen Umständen wird das nächste Wiedersehn sein? Ich hoffte die Dinge führen helfen zu können, jetzt bin ich mit Leben und Freiheit, mit Habe und Zukunft vom Lauf der Dinge abhängig, den ich nicht bestimmen kann. Eins aber weiß ich gewiß: bleibe ich am Leben, dann gehe ich ans Werk – dahin, wo es mich braucht. Vielleicht, wahrscheinlich werde ich meine alte Wohnung nicht wiedersehn, nach München werde ich auch zunächst, falls ich frei werde, nicht zurückkönnen. Aber meine Zenzl hilft mir, das weiß ich ganz gewiß. Ich wollte, ich könnte es ihr danken.

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 2. Juni 1919.

Allerlei ist noch nachzutragen, was der Besuch Zenzls in mir aufgerührt hat. Aber die Tatsachen sind des Festhaltens immer würdiger als die Empfindungen. Denn die Tatsachen kennen keine Wiederholungen, und die Empfindungen wiederholen sich bei jeder Rückerinnerung an die Tatsachen. – Der Pudel ist heil und gesund. Darüber bin ich froh. Ich hatte bei mir eine Art Orakel ausgemacht. Lebt der Hund, dann überlebe ich alle gegenwärtigen Prüfungen und darf weiter mitarbeiten an unsrer Revolution und an der Errichtung der neuen gerechten Welt. Ist er tot, dann gleite ich aus. Ob sich mein Aberglaube bestätigt? Vorläufig ist noch alles sehr trübe und schmählich. Ganz toll ist, daß sich die Weißgardisten nicht gescheut haben, mein Testament zu erbrechen und wahrscheinlich zu vernichten. Zenzl fand nur noch das Kuvert mit der Aufschrift: „Mein letzter Wille“. Wäre nicht Herr Aschenbrenner wider Willen mein Lebensretter geworden, dann wären also nicht einmal meine bestimmten Wünsche über mein bischen Erbgut und über meinen literarischen Nachlaß erfüllt, meine unsterbliche Seele wäre nach dem Tod noch geschändet worden. Ich lese hier soviel Bücher mit ausgesonnenen Erlebnissen abenteuerlicher Art. Wieviel erlebnisreicher – leider! – verläuft doch mein unstetes Dasein als das der Romanfiguren, mit denen der geneigte Leser so glühend mitempfindet! – Die Aeußerung eines der Noske-Offiziere, die mir Zenzl erzählte, ist wichtig, der nach der scheußlichen Ermordung der 21 katholischen Gesellen gestöhnt habe: „Das ist schlimmer als eine verlorene Schlacht.“ Danach wurde nämlich dem Massenmord Einhalt geboten, und die Herren fanden doch, daß es noch genug Spartakisten geben müsse, die vor ihre Gewehrläufe gehörten! – Engler wurde vor das Standgericht gestellt, weil er während der Räteherrschaft an der Telefonzensur tätig war. Er soll seine Verteidigung sehr geschickt geführt haben, indem er sagte, er hätte nicht gewußt, daß man nicht als Beamter hätte tätig sein dürfen, da ja die Staatsanwälte auch ihr Amt weitergeführt hätten. Ein Offizier habe auf seine Darlegung dessen, was der Kommunismus bedeute, gemeint, das sei ja das Christentum. Worauf Engler replizierte: aber das möchte er ohne Kreuzzüge haben. Gut. Der Staatsanwalt beantragte gegen ihn 1 Jahr und vier Monate. Urteil: Freispruch. – Vorhin fand die Konferenz beim Assessor statt, bei der ich den Genossen Wadler, Killer und Soldmann meine Anzeige vom 30. April vorlas. Nachher soll ich noch mit Sauber konfrontiert werden, der vielleicht Material gegen Segitz und Schneppenhorst hat. Ich erfuhr von den Genossen noch eine Reihe von Einzelheiten, die unangenehm genug für die Bamberger Herren sein werden. Ich habe nur die eine Befürchtung, man könnte daraufhin das Verfahren gegen uns einstellen, und dann komme ich um die Möglichkeit, vor öffentlichem Gericht als Ankläger gegen die Mörder und Verräter, die sich bayerische Minister nennen, aufzutreten. Aber sie sollen einstehn für ihre Verbrechen. Ich gebe nicht eher Ruhe.

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 3. Juni 1919.

Abschrift: „An den Herrn Staatsanwalt beim standrechtlichen Gericht, München I. Am 30. April richtete ich an den Herrn Ersten Staatsanwalt beim Landgericht Würzburg eine Anzeige wegen des Verbrechens des Hochverrats gegen die Minister Segitz, Schneppenhorst, Steiner und den Vorsitzenden des Vollzugsausschusses des Landessoldatenrats Simon. Auf meine am 22. Mai abgesandte Anfrage wurde mir der Bescheid, daß die Angelegenheit an Sie, Herr Staatsanwalt, weitergeleitet sei, und jetzt hat mir der Herr Gefängnisvorstand zur Kenntnis gebracht, daß Sie Beweismaterial bzw. Benennung von Zeugen von mir einfordern. – Eine andre Aufstellung von Beweisgründen als nur durch Angabe von Zeugen kann ich in der Lage, in der ich mich befinde, zurzeit nicht liefern. Dagegen glaube ich, zugleich mit der Benennung von Zeugen eine Ergänzung meiner Anzeige vom 30. April verbinden zu können. – Zu der Beteiligung des Ministers Segitz an den Vorbereitungen zur Ausrufung der Räterepublik ist zunächst zu bemerken, daß Herr Segitz im Ministerium als Vertreter des Ministerpräsidenten fungierte, und daß er, da sein Chef, Herr Hoffmann, am 4. April von München abwesend war, grade damals Vorsitzender des Gesamtministeriums war. An der Sitzung, die gegen 7 Uhr nachmittags im Ministerium des Aeußern stattfand, nahmen außer Herrn Segitz u.a. teil (eine genaue Aufstellung der Namensliste muß ich mir für später vorbehalten): die Herren Niekisch, Vorsitzender des Zentralrats, Minister Schneppenhorst, Minister Steiner, die damaligen Minister Simon und Unterleitner, Herr Fechenbach, Herr Reuter, vom Revolutionären Arbeiterrat außer mir Herr Landauer und Herr Sandtner, ferner Herr Sauber, Herr Dr. Wadler und jedenfalls noch einige Personen, die mir jetzt nicht einfallen. Die Genannten, außer meinen getöteten Freunden Landauer und Sandtner werden bezeugen können, 1) daß Herr Segitz sich seine Bedenkzeit bis zur Zustimmung seiner Partei mit der ausdrücklichen Zusicherung ausbat: „Meine Sympathie habt ihr“, 2) daß der Vorschlag, ihn als Volksbeauftragten zu benennen, auf keine grundsätzliche Ablehnung stieß und daß er auf Landauers Zureden hin einwilligte, daß man ihn vorläufig öffentlich als Volksbeauftragten für das Innere ankündige. Die Veröffentlichungen in den Tageszeitungen benenne ich als Beweismaterial dafür, daß Herr Segitz tatsächlich in der ersten Liste der Volksbeauftragten genannt war. Vor der Zusammenkunft im Ministerium des Aeußeren hatte schon eine Ministerratssitzung stattgefunden und im Anschluß daran in Anwesenheit des Herrn Segitz die erste Beratung über die Ausrufung der Räterepublik. Da ich hierbei nicht anwesend war und keine genauen Angaben über Dinge machen möchte, die ich nur vom Hörensagen weiß, benenne ich als Zeugen dafür, daß Herr Segitz für seine Person schon an dem Hochverrat beteiligt war, ehe ich von der Absicht dazu Kenntnis hatte, die Herren Niekisch und Dr. Wadler, die weitere Zeugen zu benennen in der Lage sein werden, da sie anwesend waren. – Dieselben Zeugen werden auch über die Mitwirkung des Herrn Schneppenhorst bei den ersten vorbereitenden Maßnahmen zu befragen sein. Was seine Haltung bei der Sitzung im Ministerium des Aeußeren betrifft, so verweise ich auf meine Angaben in der Anzeige vom 30. April, füge aber ergänzend hinzu, daß ich bei meinem Protest gegen die Person Schneppenhorsts zugleich Herrn Sauber an seiner Stelle vorschlug. Herr Sauber lehnte ohne weiteres ab, da er bei der Ausrufung der Räterepublik grundsätzlich nur mitmache, wenn die Minister der Mehrheitspartei dabei wären. Das Verhalten des Militärministers und des stellvertretenden Ministerpräsidenten überzeugten ihn und uns alle dann davon, daß auf Verrat von dieser Seite zuverlässig nicht zu rechnen sei. Ich war der einzige unter den Anwesenden, bei dem es erst einigen Zuredens bedurfte, um mein Vertrauen, das ich Herrn Segitz gleich schenkte, auch auf Herrn Schneppenhorst auszudehnen. – Zur Benennung von Zeugen für das Verhalten dieses Herrn in der Nachtsitzung im Militärministerium beschränke ich mich auf die Angaben des Herrn Rechtsanwalts Dr. Philipp Löwenfeld, der Namen von Teilnehmern daran in seinem Artikel „Zweierlei Maß“ in Nummer 112 der „Neuen Zeitung“ vom 21. Mai ds. J. in größerer Zahl angibt und sich ebenfalls als Zeugen erbietet. Da bei dieser Sitzung etwa 100 Personen zugegen waren, wird es leicht sein, meine Behauptungen, die ich durch Bekräftigung der von Herrn Dr. Löwenfeld aufgestellten erweitere, zu erhärten. – Herr Steiner ist, wie erwähnt, bereits in der Sitzung des Militärministeriums und vorher schon im Auswärtigen Ministerium anwesend gewesen. Die bereits genannten Zeugen werden es bestätigen. Dafür, daß er in der Nacht vom 6. zum 7. April im Wittelsbacher Palais zum Volksbeauftragten ernannt wurde, die Wahl annahm und für die Räterepublik tätig war, benenne ich als Zeugen seine Freunde vom Bauernbund, die Herren Gandorfer (der ihn vorgeschlagen hat), Kübler und Wuzlhofer. Für seine wiederholte Anwesenheit bei Sitzungen des Zentralrats nenne ich die Herren Niekisch und Soldmann als Zeugen. – Was endlich Herrn Simon anbelangt, so bitte ich die Herren Killer und Reichardt bestätigen zu lassen, daß dieser Herr an den Vorbereitungen zur Verteidigung Münchens durch eine Rote Armee mitgewirkt hat, ferner Herrn Soldmann darüber zu vernehmen, ob meine Angaben in der Anzeige vom 30. April über sein Auftreten im Zentralrat auf Wahrheit beruhen. – Endlich bemerke ich der Vollständigkeit wegen, daß an der Sitzung im Militärministerium auch Herr Justizminister Endres teilnahm. Es wird durch Befragung der angegebenen Zeugen festzustellen sein, ob dieses Mitglied der Regierung Hoffmann sich aktiv oder nur duldend an dem Verbrechen des Hochverrats beteiligt hat. Hierzu wird es nötig sein, einen Bericht über die am 4. April stattgehabte Konferenz der mehrheitssozialistischen Partei einzuholen. Zeugen, die Konferenz-Teilnehmer angeben können, sind die Herren Sauber und Dr. Löwenfeld. Über die Beschlüsse der Garnisonsräte, die am gleichen Tage zur Frage der Räterepublik Stellung nahmen, seien die Herren Sauber und Killer zu vernehmen. – Da ich als Untersuchungsgefangener in derselben Sache unter standgerichtlicher Bedrohung stehe, wiederhole ich meine Forderung auf Verhaftung der Herren Segitz, Schneppenhorst, Steiner und Simon. Die Verdunklung des Tatbestands, zu der die genannten Personen mehr Gelegenheit haben als irgendeiner der übrigen Beschuldigten, könnte geeignet sein, meine Verteidigung zu erschweren, zumal durch zahlreiche öffentliche Erlasse der Herren erweisbar ist, daß sie bereits versucht haben, meine und meiner Kameraden Schuld möglichst schwer erscheinen zu lassen, um von sich selbst den Verdacht abzulenken. – Zugleich ersuche ich um die Vorladung aller hier benannten Personen, soweit sie nicht tot oder Mitangeklagte sind, als Zeugen zu meiner eignen standgerichtlichen Verhandlung. Der Nachweis, daß alle von mir aufgestellten Behauptungen richtig sind, ist wesentlich für meine eigene Verteidigung.

Zuchthaus Ebrach, d. 3. Juni 1919. Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 4. Juni 1919.

Politische Ereignisse, zu denen neu Stellung zu nehmen wäre, gibt es kaum. Es geht ein Schimpfen und Lästern durch ganz Deutschland gegen die bösen Feinde, als ob wir noch mitten im Weltkriege wären, und die Leiter unsrer Geschicke merken nicht, wie sie sich grade durch diesen Beweis ihrer durch Krieg, Niederlage und Revolution völlig unveränderten Mentalität die letzte Spur von Sympathie und Vertrauen verscherzen. Ich las ein Zitat aus Hardens Zukunft, worin er das Gegeifer über die Versailler Bedingungen als konterrevolutionäres Manöver blosstellt. Daß die Scheidemänner in Preußen und Bayern diejenigen sind, die am lautesten in die Ludendorff-Trompete blasen, versteht sich von selbst. Die „Oberste Heeresleitung“ (das gibt es also trotz der Abdankung Hindenburgs immer noch) soll schon eine Umfrage beim „deutschen Volk“ beabsichtigt haben, wie es sich zur Wiederaufnahme des Kriegs stelle. Die Regierung habe aber die Enquete verboten. Zeichen der Zeit. Flammende Entrüstung herrscht über die Abtrennungsbestrebungen der Pfalz und der Rheinlande. Hoffmann hat im Bamberger Landtag in hochnationalistischen Tönen die Nase geschnaubt, und versichert, die Sozialdemokraten – „die vaterlandslosen Gesellen“ wie er wehmütig-scherzhaft sich ausdrückte, stellten dem Hochverrat überall den stärksten Widerstand entgegen. Die Führer dieser separatistischen Bestrebungen, die erkennen, daß die Bismarck-Schöpfung ein für allemal kaput ist, und daß die Erholung der einzelnen Stämme durch die Separation allein denkbar ist, werden nach dem gegen die Spartakisten angewandten Rezept persönlich mit Dreck beschmissen. Der Proklamator der rheinischen Republik, ein gewisser Dorten in Wiesbaden war früher in Berlin Staatsanwalt. Also „landfremdes Element“, also Hochstapler! Was es mit den landfremden Elementen auf sich hat, dafür ein hübsches Beispiel. Zenzl wurde während ihres 17stündigen Verhörs von dem preußischen Offizier ihres bayerischen Dialekts wegen gerügt. Wer war da nun das „landfremde Element?“ Im Landtag hat man den Gedanken eines bayerischen Separatfriedens empört von sich gewiesen. Wir sind wehrlos, aber nicht ehrlos! hat irgendein sozialdemokratischer Kretin geäußert. Eines Tages wird dieser süddeutsche Sonderfriede aber doch geschlossen werden, und da werden sich dieselben Herren, die vor dem Kriege Internationalismus prästierten, im Kriege alldeutsche Flöte bliesen, nach dem Kriege von der Revolution Ministerposten erschlichen, dann „rein sozialistische“ Konterrevolution trieben, jetzt mit der Reaktion aller Farben gemeinsam preußische Vasallendienste leisten, wiederum die sein, die auch aus dem Abfall vom Reich den persönlichen Nutzen ziehn werden. Pfui Teufel über dies Geschmeiß! – Levine-Nissen wird jetzt in München abgeurteilt, wahrscheinlich ist gestern das Urteil schon gesprochen. Der Staatsanwalt hat Todesstrafe beantragt. Ich hoffe, daß meine Anzeigen gegen die Mitglieder des Ministeriums Hoffmann mindestens die Wirkung haben werden, daß man von Exekutionen absehn wird. Allerdings glaube ich nicht, daß trotz des Nachweises, daß diese Herren an den Ereignissen im April mehr Anteil haben als die meisten der hier eingekerkerten Genossen, gegen sie eingeschritten wird. Aber für unsre Agitation später wird grade diese politische Unterscheidung sehr wirksam sein. – Übrigens wird unsres Bleibens in Ebrach wohl nicht mehr garzulange sein. Kandlbinder ist schon seit einigen Tagen frei. Bastian sollte ebenfalls entlassen werden, schrie aber am Abend, nachdem er die Mitteilung erhalten hatte, aus dem Zellenfenster den Soldaten zu: „Hoffmann gehört an die Wand gestellt! Es lebe die Räterepublik!“ und wurde daraufhin in „Schutzhaft“ hier behalten. Daß man uns Rädelsführer der „Scheinräteregierung“ noch festhält, während man unsre Nachfolger längst prozessiert, beweist die Furcht, die man vor unsern Aussagen hat. Was fange ich übrigens an, wenn man mich freispricht? München ist kein Aufenthalt für mich, dort würden mich die „landfremden“ Weißgardisten, die wohldisziplinierten Truppen, die mir mein Heim sowieso genommen haben, totschlagen. Die Schweiz oder Dänemark (Nexö) wird wohl meine Zuflucht werden und meine Arbeit beim Teufel sein. Mein Trost ist nur, daß das alles vorübergehn wird. Lange wird die demokratische Herrlichkeit von Gnaden des Verrats und des Massenmordes keinen Bestand haben, und in München ist die Erbitterung der Arbeiter grenzenlos. Lehnt man jetzt die Unterzeichnung des Versailler Vertrags ab, dann rücken die Entente-Truppen ein und die Epp-Noskeschen Freikorps haben ausgespielt. Und dann kommt die Infektion der Besatzungssoldaten und im Anschluß daran die Weltrevolution und unser Sieg. Zur Verzweiflung ist bei allem Jammer noch garkein Anlaß.

 

Nachmittag.

Abschrift. „An den Herrn Staatsanwalt beim Landgericht München I. Herr Staatsanwalt! Der Unterzeichnete und die mit ihm am 13. April in München festgenommenen und am 15. April nach Ebrach verbrachten politischen Gefangenen befinden sich nunmehr bereits in der achten Woche in Isolierhaft. Für den täglichen einstündigen Spaziergang auf dem Zuchthaushof gilt ein strenges Schweigegebot, dessen Durchführung dadurch gesichert wird, daß wir einzeln im Abstand von 3 Schritten hintereinander uns dauernd im gleichen Tempo um den 100 Schritte spannenden Hofumkreis bewegen müssen. – Es ist mir bekannt, daß die Staatsanwaltschaft für Untersuchungsgefangene solange die Isolierung anordnen kann, wie sie Kollisionsgefahr für gegeben hält. Ich möchte aber im Hinblick auf die seelische Qual, die für geistig rege Naturen die Unterdrückung jedes Mitteilungsbedürfnisses über lange Wochen hinaus bedeutet, die Erwägung anheimgeben, ob nicht die Voraussetzungen des Schweigegebots in unserm besondern Falle hinfällig sind. – Vor allem gestatte ich mir darauf hinzuweisen, daß wir Gefangene am 13. April vom frühen Morgen bis zum Abgang des Zugs nach Eichstädt dauernd im selben Raum (im Münchner Hauptbahnhof) beisammen waren, ohne im Austausch von Mitteilungen und Meinungen im geringsten gehindert zu sein, daß wir dann, wiederum in unbehindertem Gespräch, gemeinsam die Bahnfahrt machten, daß wir in Eichstädt den ganzen folgenden Tag auf unsern Wunsch zusammen ein Zimmer im Gefängnis zum Aufenthalt angewiesen bekamen, und daß wir schließlich am Dienstag, d. 15. April bis zu unsrer Einlieferung ins Ebracher Zuchthaus, nachmittags gegen 6 Uhr, alle miteinander transportiert wurden, ohne daß unsrer Unterhaltung irgendwelche Beschränkung auferlegt worden wäre. Erst vom Abend dieses Tages an trat die Isolierung in Kraft. – Hätten wir also das Bedürfnis zu konspirativen Verabredungen gehabt, so wäre uns dazu in fast vollen drei Tagen ausgiebige Gelegenheit gegeben gewesen. Jetzt besteht ohne Zweifel zum Konspirieren für uns weder ein Anlaß noch die Möglichkeit. Auch darf wohl angenommen werden, daß die gegen uns geführte Untersuchung soweit vorgeschritten ist, daß die besonderen Gründe, die unsre strenge Abschließung von einander veranlaßt haben mögen, nicht mehr vorhanden sind. – Der Herr Gefängnisvorstand, dem ich mein Anliegen um Aufhebung des Schweigegebots zuerst unterbreitete, hat mich an Sie, Herr Staatsanwalt verwiesen und mir den Rat erteilt, ein schriftliches Gesuch an Sie zu richten. Indem ich daher nochmals betone, daß die depressive Wirkung der Anordnung auf das Gemüt die von Ihnen gewiß nicht beabsichtigte, nach meiner Ansicht aber einzige Folge ihrer Durchführung ist, bitte ich Sie, so bald wie möglich die Aufhebung des Schweigegebots herbeiführen zu wollen. Hochachtungsvoll

Zuchthaus Ebrach, d. 4. Juni 1919 (Zelle 60)      Erich Mühsam.

Während des Schreibens wurde das lang ersehnte Paket von München gebracht. Ein Brief von Siegfried (den ich in der Aufregung verlegt habe) gibt die nötigen Aufschlüsse. Aber das so heiß ersehnte Notizbuch ist nicht dabei, nur ein altes. Es wird also doch wohl beschlagnahmt sein. Nun muß die arme Zenzl doch danach recherchieren. Aber ich bin ruhiger, weil es doch nicht gestohlen zu sein scheint. Die Hauptsache ist: ein Tag- und Nachthemd und viele Kragen, die aus dem Ruin gerettet sind, lagen bei, ein Haufen Drucksachen, Schreibhefte, Bücher etc., Federn zum Pfeifenreinigen und dergleichen. Da mir Zenzl einen Anzug brachte, den ein Freund gestiftet hat, kann ich wenigstens in gehöriger Aufmachung vor meine Herren Standrichter treten. Und das wird wohl bald soweit sein. Sauber, Hagemeister und Waibel kommen heute von Ebrach fort, vermutlich nach Würzburg zur Aburteilung. – Nach den Urteilen, die bisher von den Standgerichten gefällt wurden, rechne ich auf 10 – 15 Jahre Festung. Meinetwegen. Das Ende meiner Leidenszeit bestimmen nicht die, die die Strafe festsetzen, sondern die revolutionären Volksgenossen.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 5. Juni 1919.

Leviné ist zum Tode verurteilt worden. Ob man es wagen wird, die Exekution zu vollziehn, bezweifle ich. Ein gewisser Katzenjammer bei den sozialdemokratischen Inspiratoren des Massenmords setzt schon ein. Der „Vorwärts“ sogar plädiert für Begnadigung, was mein christliches Bamberger Tagblatt, das mehr Blut will, unwillig registriert. Kommt aber Leviné mit dem Leben davon, dann züchtet das Zuchthaus in dem zum Tode Verurteilten einen Volksmann groß, der für seine Popularität nicht mehr zu sorgen braucht. - Wadler schickte mir heute die „Neue Zeitung“ vom 3. Juni herüber, deren Lektüre mich stundenlang für meinen Verstand fürchten ließ. Da wird die Ermordung Landauers genau beschrieben. Sie ist noch bestialischer, noch grauenvoller als die Liebknechts und selbst Rosa Luxemburgs (deren Leiche man jetzt im Landwehrkanal aufgefischt haben will. Aber diese reine begeisterte Prophetin ihres Ideals kann nicht mehr genau rekognosziert werden, so ist sie im Tode noch zugerichtet worden). Die Einzelheiten der gräßlichen Leiden Landauers in seiner Sterbestunde mag ich nicht nachschreiben. Die Mörder, die als Leichenfledderer ihr Werk krönten, mögen ihr Urteil von der Weltgeschichte empfangen. Ein Major war aktiv an der Schandtat beteiligt, ein Vizefeldwebel hat sie vollendet. Etliche weitere Verbrechen in den ersten Maitagen werden in derselben Nummer geschildert, die einen an der ganzen Menschheit verzweifeln machen könnten. Die Soldateska haust fürchterlicher als je in diesem Lande, und die Reaktion Ludendorffscher Prägung ist vollständig obenauf. Die Herren Noske und sein Parteifreund Wolfgang Heine (das ist ein ganz apartes Exemplar von Minister) blasen die Flöte des Marxismus zu diesem Orchester. Man präpariert tatsächlich den Krieg gegen Frankreich, und die Hoffnung der Nationalisten stützt sich auf Koltschalk. Welche grauenvolle Tragikomödie erleben wir! Die vereinigten Imperialisten Englands, Amerikas, Frankreichs, Finnlands, Lettlands, die baltischen Barone und gewissenlose Abenteurer aller Art bedrohen Sovjet-Rußland in einem schauerlich-grotesken Kreuzzug. Schon wankt Petersburg. Die Republiken des ehedem deutschen Reichs aber sind als Büttel für diese Infamie ihren Blutsaugern, den Siegern, hoch willkommen – und geben sich dazu her, mit der Spekulation, die Bolschewiki zu vernichten und im Bunde mit deren Nachfolgern, den Koltschaks und Mannerheims den alten Traum „England in die Kniee zu zwingen“, indem vorher gegen Belgien, Frankreich und Anhang gesiegt wird, zu verwirklichen. Aus Bayern schmeißt man die Ausländer heraus, auch Österreicher, wirbt aber zugleich in Deutschösterreich für die deutschen Freikorps. In Versailles empfangen die Deutschösterreicher die Friedensbedingungen, die ihnen den Anschluß an Deutschland verbieten. Deutschland jammert: sie sind Deutsche, welche schreckliche Vergewaltigung! Daß der gepriesene Bismarck sie 1866 aus dem Deutschen Bunde hinauswarf, – wer weiß das noch? Haben wir doch schon vergessen, was vor einem Jahr war. Die Sprachgemeinschaft ist natürlich ein lächerlicher Vorwand, um die Notwendigkeit der engsten Zusammengehörigkeit zu beweisen. Warum annektiert man da nicht gleich auch die deutsche Schweiz? Nein – Anschluß an dieses Reich der Firma Hohenzollern Nachfolger wird kaum die Sehnsucht denkender Völker sein – höchstens die ehrgeiziger Wiener Makler. Die Separation des Rheinlands vollzieht sich rasch und sicher. Natürlich gehn die Kapitalisten, die die entzücktesten Kriegspatrioten waren, voran; aber die Massen wären töricht, wenn sie nicht, aus ganz andern Motiven, deren Beispiel folgten. Deutsche bleiben sie deswegen doch. Nationalität ist Eigenschaft. Die Landesgrenzen ändern nichts daran und Autonomie möglichst kleiner Bezirke ist für die Völker die beste Grundlage zur Schaffung menschenwürdiger Zustände. Vielleicht wird, wenn ich die Freiheit eines Tages wiedererlange, auch Bayern kein Bestandteil des Reichs mehr sein. Das Deutschland, das keine Einigung kannte, das aus Kleinstaaten bestand, das Deutschland Goethes, Herders und der Romantiker war am Ende ebensoviel wert als das Deutschland der Scheidemann-Ebert-Noske-Hoffmann-Kompanie. Ich hoffe aber noch ein Deutschland zu erleben, das weder Fürsten noch Generäle noch Kapitalisten mehr kennen wird, das in der Weltgemeinschaft des Sozialismus seine Kulturaufgaben finden und lösen wird. Und wenn meine Augen dieses Deutschland nicht mehr sehn sollten, in meinem Herzen lebt es. Es wird sein!

 

Zuchthaus Ebrach, Freitag, d. 6. Juni 1919.

Frankreich vor der Revolution! Alldeutschland zittert in festlicher Erwartung. 4–500.000 Arbeiter sollen allein in Paris streiken. Die Untergrundbahnangestellten fingen an, anscheinend mit Lohnforderungen. Jetzt ist der Streik politisch geworden und seine Forderung: Einstellung der Bekriegung Rußlands. Auch in Italien sollen große Streikbewegungen vor sich gehn, und in England droht der sogen. Dreibund der Arbeiterorganisationen mit dem Generalstreik, wenn die Friedensbedingungen nicht ihres Charakters als imperialistische Erpressungen entkleidet und auf Verständigung umgearbeitet werden. Die Weltrevolution zuckt in den Windeln. Ich kann nicht sagen, welche Empfindungen mich bewegen. Die Scham ist wohl die stärkste. Als Deutschland siegte, gab es keine Proteste und Drohungen – und der Januarstreik 1918, der Brest-Litowsk hätte hindern können, wurde von den Führern der alten Sozialdemokratie abgewürgt. Die russische Revolution blutete furchtbar unter der Gewalt deutscher Arbeiterarmeen. Die Friedensbedingungen, die dem revolutionären Lande auferlegt wurden, die Abtrennung der Ukraine und der übrigen Randstaaten, die verruchte Vlamenpolitik, der Vertrag von Bukarest fand kein Echo in revolutionären Erregungen des deutschen Proletariats, das ja den Unterseekrieg gegen die Handelsschiffahrt und alle übrigen Greuel der Kriegführung mit wahrer Herzensfreude geschehn ließ. Heute ist’s ja anders. Das Proletariat, soweit es überhaupt an den Vorgängen der Welt Anteil nimmt, ist in Deutschland revolutioniert. Aber die Indifferenten, die jeder Lüge, jeder Verhetzung zugänglich sind, sind in der Mehrzahl, und ihnen haben die verbündeten Mächte Kapitalismus, Imperialismus, Monarchismus, Militarismus und Sozialdemokratie das Heil ihrer Interessen und alle Waffen des Landes anvertraut. Bricht jetzt wirklich in Frankreich und in Italien die Revolution aus, dann ist es möglich, ja wahrscheinlich, daß sofort die Revanchetrompete erschallt, die Freikorps mit Hurra über den Rhein gejagt werden und das „revolutionäre“ Deutschland, dessen Revolutionäre tot, eingekerkert oder gefesselt sind, ihre Brüder in Frankreich niedersäbelt zu dem Zweck, bei uns die Hohenzollernwirtschaft wieder einzuführen und die Aspirationen von 1914 zur Wirklichkeit reifen zu lassen. Schon wird ganz offen von der Rückkehr Wilhelms geredet. Die Herren Tirpitz und Ludendorff bewegen sich ohnedies frei und ungefährdet wo sie wollen und lassen getreue Patrioten in Demonstrationen an sich vorbeidefilieren. Scheidemann und Ebert halten Ansprachen, die die Nationalhymne entfesseln, die Offiziere haben auch in München ihre Achselstücke wieder vorgeholt und Vaterland, Heldenmut, Unbesiegtheit und Erbfeindschaft wachsen fröhlich auf dem Dunghaufen der Herrlichkeit von ehedem wieder auf. Jetzt haben die von Gott verlassenen Leithammel dieser erstaunlichen Nation eine Denkschrift an die Alliierten losgelassen, worin sie, die, wenn sie schon nicht das reuevolle Geständnis der Schuld wagen, doch wenigstens zerknirscht schweigen sollten, die Schuldfrage ganz im Stil Bethmanns auskramen. Die Entfesselung des Kriegs durch die Berliner und Wiener verbrecherischen Manöver im Juli 14 interessiert die Herren nicht, das waren blos „formelle Anlässe“. Das ist die Terminologie doktrinärer Marxisten. Ich finde es auch recht, wenn in Rußland und Frankreich die Kriegsgegner auf die gemeinschaftliche Schuld des Imperialismus verweisen. Aber wir, bei denen der Militarismus die Mine erst springen ließ, hätten wahrlich Ursache, die „formellen Anlässe“ zum Gegenstand unsrer Hauptsorge zu machen. Von was für Jammerkerls werden wir vertreten! Graf Brockdorf-Rantzau blieb in Versailles, als er die Ansprache an Wilson, Clemenceau, Foch, Lloyd George etc hielt, bei der zum ersten Mal nach 4½ Jahren die Feinde offiziell zusammenkamen, auf dem Stuhl sitzen, – ob aus angeborener oder aus diplomatisch-protzenhafter Flegelei steht nicht fest. Die Art, wie Deutschland nach seiner Besiegung mit den Gegnern verkehrt, zeigt, wie wenig bis jetzt der Umsturz vom November erreicht hat, wie alles noch getan werden muß, um die tief verrotteten Zustände zu beseitigen, die ihren Ausdruck finden in den Personen, die unter Wilhelm II. jegliche Vollmacht hatten, das Volk unglücklich zu machen, und die heute noch die gleichen sind, denen die Scheidemänner und Noskes dienstbar sind. Die Weltrevolution fängt vielleicht jetzt an. Das arme Deutschland aber, dessen Gegenrevolution bis jetzt siegreich ist, siegreich durch den Verrat schuftiger Nutznießer der Revolution, wird nicht daran teilhaben, sondern den Verbrechen, die es während des Weltkriegs auf sich lud, die es gegen die Edelsten des eignen Volks im reaktionären Kampf für den Rentenbezug der Besitzenden beging, das schlimmste noch hinzufügen: es wird am Triumphwagen der Weltrevolution die Bremse sein – und wir, die wir das ganze Unglück mit offenen, tränenden Augen sehn, werden im Gefängnis sitzen, ohne die Schmach unsres Volks hindern zu können. – Das Todesurteil gegen Levine wird jedenfalls nicht vollstreckt werden. Berlin droht mit einem das Reich umspannenden Generalstreik. Herr Endres hat die Exekution vorläufig sistiert. Die bürgerlichen Schmöcke reden von Einschüchterung. Was draus wird, ist noch nicht zu erkennen. Wäre Herr Müller-Meiningen schon ernannter Justizminister, dann hätte die „Gerechtigkeit“ sicher ihres Amtes schon gewaltet. Von solchen Zufälligkeiten, ob ein Posten von diesem oder jenem arroganten Idioten besetzt ist, hängt das Leben von Menschen ab, die für die Freiheit des Volks kämpfen. Toller soll verhaftet sein, ebenso Mairgünther. Welcher der beiden Brüder der standrechtlich Erschossene und welcher der jetzt Verhaftete ist, weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß jeder, der mit Überzeugung und Urteil die Schändlichkeiten dieser Wochen überlebt, für fernere Kämpfe zum Rebellen geglüht ist, vor dem die Verräter zittern mögen. Ich für mein Teil kenne meine Pflicht.

 

Abends.

Baison hat mich vor einigen Tagen per Kassiber ersucht, ihm für den Fall seiner Freilassung ein Referat aufzusetzen, das ihm zu einem Vortrag über die Ereignisse und ihre Folgerungen dienen kann. Morgen will ich ihm diese Bemerkungen zustecken, die ich zur Befestigung meiner eignen Erinnerungen hierher abschreibe: „Entstehung der Räterepublik in Bayern. Als am 21. Februar nach Eisners Ermordung die Aufregung des Proletariats sich in den Schüssen im Landtag entlud, rannten die „Volksvertreter“ wie eine Hammelherde auseinander. Bayern war damit ohne Regierung (der Ministerpräsident tot, Auer schwer verwundet, Timm und Roßhaupter verschwunden) und ohne Parlament. Die „einzig rechtmäßigen“ Gewalten waren desertiert und überließen das Schicksal des Landes jedem, der es übernehmen wollte. Der Revolutionäre Arbeiterrat griff ein und rief den Rätekongreß zusammen (Erster Fehler: es hätten erst Rätewahlen auf revolutionärer Grundlage veranstaltet werden müssen, inzwischen hätte der Revolutionäre Arbeiterrat Diktatur ausgeübt). Der Rätekongreß war damit die allein souveräne Gewalt in Bayern bis Mitte März. Da seine Mehrheit aus unselbständigen Kreaturen der Parteibonzen bestand, wurde der Kongreß trotz des heftigen Widerstands der Radikalen (Landauer, Mühsam etc) von außen dirigiert. Der Antrag Mühsam auf Ausrufung der Räterepublik wurde (am 1. März) mit 230 gegen 70 Stimmen abgelehnt. Die rechtsstehenden Mitglieder der USP unter Führung von Simon, Unterleitner, Fechenbach leiteten eine verhängnisvolle Kompromißpolitik ein, die die Mehrheitler dazu ausnutzten, den früheren Parlamentarismus in verschleierter Form wieder hochzubringen. Es kam der Beschluß zustande, den Landtag zu einer einzigen Sitzung zusammenzuberufen, in der er ein vom Rätekongreß beschlossenes aus Mehrheitlern und Unabhängigen zusammengesetztes Ministerium bestätigen und diesem durch das Ermächtigungsgesetz die Gewalt übertragen sollte. Die vorgeschlagene Wahl Schneppenhorsts wurde einstimmig abgelehnt (13. März?). Am 17. März trat der Landtag zusammen. Inzwischen hatten die Bonzen ihren Schneppenhorst doch eingesetzt, und Jaffé, der vom Rätekongreß einstimmig gewählt war, wurde über Bord gesetzt, sodaß die Mehrheitler die Mehrheit hatten. (Erster Verrat der Parteibonzen). Das Parlament trat am 17 März, geschützt von unzähligen Maschinengewehren, zusammen und sagte zu allem Ja und Amen. Die Arbeit wurde weiterhin von den Kommissariaten besorgt, die die Räte eingesetzt hatten (Wohnungswesen: Wadler, Ernährung: Wuzlhofer, Demobilisierung etc). Inzwischen begann Dr. Neurath, der als Sozialisierungskommissar berufen war, und den die Regierung auf Simons Betreiben bestätigte, die Vorbereitungen zu seiner Tätigkeit. Es kam seine Ankündigung über die Vollsozialisierung heraus, und das war das Signal für die Kapitalisten, zum Angriff überzugehn. Im Lande wurde das Verlangen nach Einführung des reinen Rätesystems immer dringender. In Augsburg trat das Proletariat in den Generalstreik und forderte Niekisch, der dort referierte, auf, der Zentralrat in München solle die Räterepublik ausrufen, und am 3. April erfuhr man plötzlich, daß der Landtag sich am 8. April versammeln werde. (Zweiter Verrat. Das war ein Vertragsbruch). Am 4. April kam Niekisch von Augsburg mit der Forderung der Arbeiterschaft zurück, und Dürr und Schneppenhorst erklärten, daß der Landtag keinen militärischen Schutz erhalten werde. An diesem Tage wurde im Einverständnis mit dem Ministern Segitz, Schneppenhorst, Simon und Unterleitner beschlossen, die Provokation des Landtags durch Ausrufung der Räterepublik zu beantworten. In der Nacht zum 5. April fand eine große Beratung im Militärministerium statt, an der etwa 100 Vertreter aller sozialistischen Richtungen teilnahmen. Die Führer der Mehrheitspartei (Schiefer, Karl und Albert Schmid etc) erklärten, daß sie einsähen, daß sich die Räterepublik nicht aufhalten lasse, deshalb würden sie mittun. Schneppenhorst setzte seinen Kopf zum Pfande, daß er treu auf dem Boden der Räterepublik stehe. Die KPD entsandte eine Kommission, die erklärte, die Partei könne nicht mittun, da sie mit den kompromittierten Mehrheitsführern nicht zusammenarbeiten wolle. Er wurde ihnen von Mühsam erwidert, die Hauptsache sei die Ausrufung. Danach müßten die Massen die Führer rausschmeißen und selbst die Dinge in die Hand nehmen. Gegen den Widerspruch der Radikalen und Bauernbündler, die sofort die Räterepublik proklamieren wollten, um das Land vor vollendete Tatsachen zu stellen (in diesem Falle wäre auch die revolutionäre Bevölkerung Münchens sofort dafür begeistert gewesen), wurde beschlossen, mit der Ausrufung noch 48 Stunden zu warten. Erst müsse das Land draußen präpariert werden. Hierzu wurden eine Menge Anwesende nach allen Gegenden abgesandt. Schneppenhorst übernahm es, die Nürnberger Garnison zu bearbeiten. Mühsam wurde nach Nürnberg geschickt, um die nordbayerischen Kommunisten zu fragen, ob sie mittun würden (da beide mit dem gleichen Zuge fuhren, kam das blödsinnige Geschwätz auf, M. habe Verrat begangen). In der Nacht vom 6. zum 7. April kam dann die Einigung zustande auf der Grundlage, daß außer Steiner vom Bauernrat kein einziges Mitglied des früheren Ministeriums und kein einziger Mehrheitler ein Amt bekam, nur im Zentralrat durften sie ein paar Vertreter sitzen haben, die ohne allen Einfluß waren. So hoffte man, das Mißtrauen der KPD zu zerstreuen, zumal die sehr radikalen Forderungen Tollers und die Forderungen der Nürnberger KPD restlos angenommen waren. Hätten die Führer der KPD eine andre Haltung eingenommen, wäre alles anders gekommen. Ihr Mißtrauen gegen die Mehrheitsführer hat sich als sehr berechtigt erwiesen. Sie können auch recht damit gehabt haben, wenn sie meinten, die Ausrufung dürfe nur durch den aus Betriebsratswahlen hervorgegangenen Rätekongreß erfolgen. Es ist möglich, daß die Herren in Bamberg eine Falle gestellt hatten, um durch eine Frühgeburt das ganze Unternehmen zu Fall zu bringen. Aber nachdem es geschehn war, hätten sie die revolutionären Genossen vom Revolutionären Arbeiterrat, worunter viele eingeschriebene KPD-Mitglieder waren, und die linksstehenden Mitglieder der USP, die keine einzige grundsätzliche Forderung der Kommunisten verneinten, nicht im Stich lassen dürfen. Die beteiligten Genossen (Landauer, Mühsam etc) haben in der Überzeugung mitgewirkt, daß die Einigkeit des Proletariats, das in jeder Versammlung immer dringlicher die Ausrufung der Räterepublik verlangt hat, nach vollzogener Tat selbstverständlich sein werde, zumal nachdem alle kompromittierten Personen von den leitenden Posten entfernt waren. Fehler sind auf beiden Seiten gemacht worden. Die Ausrufung der Räterepublik ist in der Form und in der Zeit vergriffen gewesen. Das haben nachher auch manche eingesehn, die selbst dazu geholfen haben. Die Veruneinigung der Arbeiterschaft, die durch das Verhalten der KPD hervorgerufen wurde, war mindestens ebenso verhängnisvoll. Mindestens hätten die Gegensätze in sachlicher Form ausgetragen werden müssen, statt durch persönliche Verunglimpfung derer, mit denen man nicht einverstanden war. Das ist die Methode des alten Parteibonzentums, Meinungsverschiedenheiten auf das persönliche Gebiet zu übertragen. Jetzt haben wir auch nicht mehr alte Sünden aufzurechnen, sondern zu vereintem Kampf zu rüsten. Dieser Kampf gilt der Aufrichtung einer kommunistischen Räterepublik. Das ist nicht Aufgabe einer Partei, sondern all derer, die den Kommunismus wollen. Wenn sich die Führer nicht einigen können, so müssen es die Arbeiter tun, ohne sich um die Führer zu kümmern. Wenn das Proletariat einig und entschlossen ist, ist ihm der Sieg sicher.“

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 7. Juni 1919.

Leviné ist tatsächlich hingerichtet worden. Das Gesamtministerium, das immer noch nur aus „Sozialisten“ besteht, hat „keinen Anlaß gefunden“, das vom Standgericht ausgesprochene Todesurteil „im Wege der Gnade zu mildern“. Sie haben es gewagt, sie, die all ihr Lebtag beweglich gegen die Todesstrafe geeifert haben, die die Aberkennung der Ehrenrechte gegen politische Delinquenten immer als finstere Reaktion bezetert haben, sie, die in Dutzenden von Volksversammlungen die Schrecken des Sozialistengesetzes geschildert haben, das doch gegen die gesetzlose Willkür, die sie selbst gegen wirkliche Sozialisten anwenden, eine Institution der Milde, Duldsamkeit und Menschenliebe war, – sie haben es gewagt, gegen einen überzeugten Marxisten das Todesurteil ausdrücklich zu bestätigen und vollstrecken zu lassen, da nämlich Leviné „den Bürgerkrieg in München auf dem Gewissen habe“. Merkwürdig. Wer die Tatsachen kennt, weiß, daß von den Bamberger Herren Truppen nach München hineingeschickt wurden, und daß der Bürgerkrieg erst begann, als die Nosketruppen, die landfremden Elemente, ihre Befreiungstätigkeit aufnahmen. Das Verbrechen dieser Verräter stinkt zum Himmel. Die Wirkungen werden nicht lange auf sich warten lassen. Ob gleich in ganz Deutschland der Generalstreik proklamiert werden wird, dessen bin ich nicht sicher. Daß aber in kurzer Zeit in München selbst, im Ruhrgebiet und anderswo Protestbewegungen einsetzen werden, steht fest. Lange werden die Schurken ihre Heldentat gegen den wehrlosen Gegner nicht im Amt überdauern. Vielleicht halten sie die Erscheinungen in Frankreich, Irland, Italien etc. schon für so sichere Anzeichen der Weltrevolution unter Ausschluß Deutschlands, daß sie meinen, jetzt sei die rechte Zeit, hier jeden Funken revolutionären Feuers auszutreten. Sie werden sich täuschen. Wir in Deutschland werden dank der Sozialdemokratie die Revolutionsschrecken am schlimmsten und am längsten durchkosten, aber der Antrieb ist zu stark. Auch Noske und Hoffmann können die Konterrevolution nicht bis zum Ende durchsetzen. – Levine ist nach dem Bericht tapfer und stark in den Tod gegangen. Er weigerte sich, den Kopf zur Wand zu drehn und ließ die Weltrevolution leben, ehe ihn die Salve hinstreckte. Wir waren keine Freunde, Leviné und ich. Unsre Beziehung beschränkte sich auf seine Angriffe gegen mich am 6. und 7. April. Während er am 6. in der Generalversammlung der KPD sprach und mir die Fahrt mit Schneppenhorst nach meiner Rede vorwarf, regte ich mich sehr auf und äußerte meinen Ärger zu den Umstehenden. Da trat eine sehr reizvolle junge Frau auf mich zu, die mir sagte: „Glauben Sie mir, Nissen schätzt Sie sehr.“ Ich erwiderte, daß seine Behauptungen grade nicht diesen Eindruck auf mich machten, worauf sie erklärte: „Aber ich weiß es. Ich bin seine Frau.“ Ich lief damals vor Wut einfach aus dem Saal, und daraus haben wohl viele ein Eingeständnis meiner Schuld geschlossen. Ein persönliches Gespräch habe ich mit Leviné nie geführt. Im Zentralrat haben wir nur einige Male ein paar Worte gewechselt und uns höflich die Hand gedrückt. Sein Anteil an den Ereignissen in München war kein guter. Seine Verbissenheit hat die Einigung des Proletariats verhindert. Levien stand völlig unter seinem Einfluß. Ich bin überzeugt, daß sonst Levien schon in der Nacht zum 7. April den Anschluß der KPD an die Räterepublik bewirkt hätte. Levinés Persönlichkeit erhält durch seinen Tod eine Folie, über die sich die Bamberger Henker nicht zu freuen haben werden. Dies ist mein Glaube an die Kraft der Gerechtigkeit: daß sich jede Schuftigkeit letzten Endes als Dummheit erweist. Die Herren Hoffmann, Endres und Gelichter sollen sich je wieder in eine Münchner Volksversammlung trauen! – Jetzt wird angekündigt, daß der Prozeß Schneppenhorsts gegen die „Neue Zeitung“ Ende Juni steigen werde. Ich habe gestern der Redaktion mitgeteilt, daß ich schon am 30. April Strafanzeige gegen die Ministerkomplizen vom 4. April erstattet habe. Da aber meine Mitteilung dem Adressaten nicht direkt zugeht, sondern denselben Staatsanwalt passiert, der als Untergebener des Ministeriums, dem die Denunzierten angehören, den Prozeß sowohl gegen die Neue Zeitung als auch gegen Schneppenhorst vertreten muß, so bezweifle ich stark, ob sie überhaupt weiterbefördert wird. Als ich vor Jahren die Idee zu einer aristophanischen Komödie „Der Zukunftsstaat“ faßte, in der ich die neue Gesellschaft unter sozialdemokratischer Leitung schildern und in all ihrer Philistrosität, Rückständigkeit, Trostlosigkeit und Beamtentrottelei aufdecken wollte, da hätte ich mir allerdings eine Mißgeburt vom Schlage des „Freistaats“ Bayern doch nicht träumen lassen. Immerhin ist die Nichtentstehung dieser Komödie – sie sollte heißen „Der Zukunftsstaat. Volksstück mit Gesang und Tanz“ eine meiner schwersten Unterlassungssünden. – Genug von all dem Schmutzigen. Ich habe jetzt eine Waschschüssel für die Seele zur Hand, die mich unsagbar erquickt. Aster hat mir durch Zenzl bringen lassen: Die ausgewählten Schriften von Georg Chr. Lichtenberg.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 8. Juni 1919.

Pfingsten. Zum Zeichen der Ausgießung des heiligen Geistes läuten die Glocken und ich höre einen Kinderchor aus der wundervollen alten Kirche des Klosters, von dem Zenzl mir vor 8 Tagen einige Abbildungen gebracht hat – ein herrlicher Bau –, und das unsre kulturvolle Zeit durch Änderungen und Anbauten zum Zuchthaus umgestaltet hat. Der Teil, in dem ich dies schreibe, ist aber kein Barock- oder Renaissancebau, sondern ein ganz „modernes“ Gefängnis, zu dessen Einrichtung nicht die Furcht vor Gott sondern die vor der Freiheitssehnsucht widerstrebender Mitmenschen die Pläne entwarf. Der Justizmord an Levine scheint nun wirklich etwas von der Ausgießung heiligen Geistes über das Volk zu bewirken. Berlin hat sich zum Proteststreik erhoben. Der Verkehr ruht, die meisten großen Betriebe stehn still. Angeblich sollte der Streik nur 24 Stunden dauern, aber er begann nach dem Bericht des Bamberger Tagblatts am Freitag nachmittag um 3 Uhr, indem die Straßenbahn den Dienst einstellte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß man gestern, am Tage vor Pfingsten, nicht erst mit der Arbeit wieder anfing, und der Bericht sagt dann auch selbst: „Man hofft, daß nach Ablauf der 24 Stunden die Arbeit wieder aufgenommen wird, doch ist bei der gereizten Stimmung und bei dem Umfang der Bewegung eine sichere Voraussage über ihr Wesen und ihre voraussichtliche Entwicklung nicht möglich.“ Berlin hat also angefangen! Nun kommt alles darauf an, ob der Ausstand lokal bleibt, oder ob das Proletariat endlich begreift, daß es überall gleichzeitig die Noske-Garde allarmieren muß, um ihre Zersplitterung und Zerprengung möglich zu machen. Die Bamberger Verbrecherbande wittert keine Morgenluft, wie es scheint. Sie hat jetzt Blut geleckt und will mehr. Deshalb ist der Preis auf Leviens Kopf von 10 auf 30.000 Mark erhöht worden (wie haben sie über die Verschwendung während der Räteregierung gewehklagt!). Ich hoffe, daß Levien längst außerhalb des Machtbereichs dieser infamen Halunken ist. Aber sie werden schon noch eines Tages begreifen, was Hybris ist. Jetzt nagen sie die Knochen der Zeitungsenten ab, die ihnen weismachen, wenn die Revolution jetzt in Frankreich, England, Italien und überall losgeht, dann bekomme die Reaktion in Deutschland freie Hand, und man kann im Innern den Weißen Schrecken toben lasen, wie man mag, ohne sich um Störungen von außen zu kümmern. Narren! Freilich sieht es in Frankreich nach Revolution aus, aber Frankreich weiß, wie ein Volk Revolution zu machen hat. 1791 hat es mitten in der Zeit der gigantischsten Umwälzungen den Krieg gegen Europa aufgenommen. 1871 hat es die Revolution mitten im Kriege begonnen, und erst dadurch erfuhr Bismarck, was für Feinde er im ganzen französischen Volk hatte. Die Soldaten, die in Rußland und Ungarn gegen die Revolution kämpfen sollen, meutern. Aber den Versuch der vereinigten deutschen Imperialisten, Monarchisten und Sozialdemokraten zur Niederschlagung der Weltrevolution werden die Franzosen niemals gelingen lassen. Sie werden uns retten. Ich bin voll guten Vertrauens.

 

Mittag (nach dem Essen).

Abschrift: „Zuchthaus Ebrach (Zelle 60), 8. Juni 1919. An den Herrn Justizminister in Bamberg. Herr Minister! Ich wünsche Ihre Aufmerksamkeit auf die Unzuträglichkeiten zu lenken, denen wir im Zuchthause zu Ebrach der Betätigung unsrer politischen Überzeugung wegen inhaftierten Untersuchungsgefangenen ausgesetzt sind, Unzuträglichkeiten, die aus der dauernd fühlbarer werdenden Absperrung von unsern Angehörigen erwachsen. – Seit unsre Korrespondenz durch die Hände des Staatsanwalts beim Standgericht in München geleitet wird, wird die Übermittlung hin und her in einer Weise verzögert, die fast einer völligen Verhinderung des Nachrichtenaustausches gleichkommt. Früher konnte man auf die Ankunft eines Briefes nach beiläufig 6 Tagen rechnen. Jetzt vergehn bis zur Auslieferung 10, 14 Tage und noch länger, sodaß die Antwort auf eine Anfrage 4 bis 6 Wochen dauert. Das ist nicht nur so bei der privat-familiären Korrespondenz, sondern auch im Verkehr mit dem Rechtsbeistand. So weiß ich heute noch nicht, wer in meinen verschiedenen Prozeßangelegenheiten meine Interessen vertreten wird; da auf meine längst abgesandten Briefe noch keine Antwort hier ist. Meine Frau, die mich vor 8 Tagen besuchte – der erste Besuch nach 7 Wochen! – konnte mir keine Auskunft geben, weil sie meine darauf bezüglichen Briefe noch nicht erhalten hatte. – Bei dem Besuch der Weißgardisten in meiner Wohnung, die militärisch besetzt und von den Einwohnern geräumt war, ist alles, was meine Frau, ich und mein Stiefsohn an Wäsche, Kleidung, Schuhwerk, Wertsachen und leicht beweglichen Gebrauchsgegenständen von irgendwelchem Wert besessen haben – darunter eine Menge unersetzlicher Erinnerungsstücke – gestohlen worden. Ich habe das viel zu spät erfahren, um rechtzeitig Schritte zur Wiedererlangung meiner Habe tun zu können. Ob der Anwalt, den ich mit der Verfolgung der Sache beauftragt habe, meinen Brief erhalten hat, weiß ich nicht. Die Hoffnung, wenigstens Einzelnes noch wiederzubekommen, sinkt dadurch immer tiefer. Ich bin also nicht nur buchstäblich arm geplündert worden (sogar mein verschlossenes Testament hat man aufgerissen und entweder vernichtet oder gestohlen), sondern durch den Vollzug der Untersuchungshaft auch noch der Möglichkeit beraubt, irgendwelche Maßnahmen zur Minderung meines Schadens zu tun. – Ganz arg steht es um die Beförderung von Paketsendungen an uns. Drei Wochen ist die Mindestzeit, die eine Sendung von München hierher braucht. Wie mir meine Frau mitteilte, war, als sie kam, schon längere Zeit ein Paket mit Lebensmitteln an mich unterwegs. Angekommen ist es bis jetzt noch nicht, und ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, daß der Inhalt teilweise verdorben in meinen Besitz kommen wird. Wer ersetzt den Schaden? Und abgesehn von Schaden und Ärger, – das Recht zur Selbstbeköstigung wird durch diese Schikane absolut illusorisch. Da zu alledem auch noch eine völlige Isolierung der Gefangenen von einander durchgeführt wird, gleicht unsre Untersuchungshaft einer Zuchthausstrafe mit verschärfter Absperrung. – Ich habe dem Herrn Gefängnisvorstand die Beschwerde über die schleppende Erledigung der Korrespondenzen und Pakete bereits vorgetragen und von ihm gehört, daß sie auf die Arbeitsüberbürdung des Staatsanwalts zurückzuführen sei. Das glaube ich willig. Aber mir ist es nicht um eine Erklärung des Übelstands zu tun, sondern um seine Abstellung. – Ist die Abstellung der unerträglichen Zustände nicht anders zu erreichen, so müßte ich auf beschleunigte Überführung nach München dringen. – Für diesen Fall aber, wie überhaupt für den Fall eines Abtransportes ersuche ich Sie, Herr Minister, dringend, für unsre persönliche Sicherheit jede erdenkliche Sorge zu tragen. Die Presse hat die Regierungstruppen – und ganz besonders gegen meine Person – derartig verhetzt, und es liegen soviel Beispiele von Ermordungen politischer Gefangener während des Transports aus der letzten Zeit vor, daß ich, zumal im Hinblick auf die lange Eisenbahnfahrt, darauf bestehn muß, daß außerordentlich strenge Ermahnungen an unsre Begleiter ergehn und sorgfältige Vorkehrungen zu unserm Schutz bei der Ankunft in München getroffen werden. – Es liegt mir ungeheuer viel daran, an der restlosen Aufklärung der April-Ereignisse mitzuwirken. Ich vertraue daher darauf, daß Sie, Herr Minister, nichts versäumen werden, um mich und meine Kameraden heil nach München gelangen zu lassen.     Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, den 9. Juni 1919.

Zeitungen gibt es heute nicht, und wenn nicht die längst von mir bestellten Münchner Neuesten Nachrichten morgen endlich nachgeliefert werden, so werden wir bis Mittwoch ohne Kenntnis von den Vorgängen draußen bleiben. Dabei ist viel im Gange, was uns in Spannung hält. Vor allem der Verlauf des Streiks in Berlin und der Fortgang der revolutionären Bewegungen in den Ententeländern. Aber auch was in München geschieht, ist äußerst wichtig. Notwendig wäre die Arbeitseinstellung mit der Forderung sofortiger Aufhebung der Standgerichte. Das Plädoyer des Staatsanwalts Hahn im Leviné-Prozeß und das Urteil des Gerichts, das sich seinen niederträchtigen Standpunkt völlig zu eigen machte, wonach die Führer der kommunistischen Räterepublik aus ehrloser Gesinnung gehandelt hätten, richtete sich gegen Leviné nur, soweit er allein vor den Richtern stand – dieser Herr Hahn wagte es, ihn von seinem sicheren Anklägerpult aus als Feigling zu beschimpfen –, im übrigen aber identifizierte er ihn dauernd mit Levien und Axelrod. Axelrod ist aber verhaftet und, falls er vor dasselbe Tribunal kommt, ist sein Leben selbstverständlich verloren. Nun hat man auch Toller gefaßt. Er war bei dem Malerehepaar Reich – die Frau ist Lola Zimmermanns hübsche Schwester Olga – in der Werneckstraße versteckt. Ihr Quartiergeber scheint Harburger gewesen zu sein, jedenfalls sind außer Toller alle drei verhaftet. Die „Neue Zeitung“ berichtet, daß Toller in Stadelheim ebenso wie Leviné gefesselt verwahrt werde. Der Staatsanwalt Hahn – es ist derselbe, der unsre gesamte Post zu kontrollieren hat – scheint das System zu befolgen, die Leute, die er nachher vor dem Standgericht dem Verderben überliefern will, Qualen aller möglichen Art auszusetzen, um sie mürbe zu machen und ihre Verteidigung gegen seine Angriffe zu schwächen. So mag auch die Zurückhaltung unsrer Briefe und Pakete zu erklären sein. Seltsam, zu was für perfiden Handlungen irregeleiteter Ehrgeiz die Menschen treiben kann. Ist der Mann nicht aber ebenso ein Opfer einer verrückten und im tiefsten Grunde erbärmlichen, nur auf Gewinninteressen bestimmter Stände eingerichteten Gesellschaft wie jeder, der sich durch Raub, Diebstahl, Mord und alle Verbrechen aus den Quälereien dieser Gesellschaft zu retten sucht? Nur soll man diesen Hahn von seinem Misthaufen herunterholen, den er zum Grabhügel für Menschen mit Gesinnung und Tapferkeit entwürdigt. Die große Nürnberg-Augsburger Maschinenfabrik soll schon, wie mir auf dem Hof gestern ein Nürnberger Genosse erzählte, die Forderung auf Aufhebung des Standrechts mit Androhung des Streiks gestellt haben. Aber auf die Münchner kommts an. Vorläufig nahmen sich die Herren, die jetzt die Konkursverwalter der Revolution spielen, nachdem sie die Revolution erst durch zweideutige und betrügerische Manipulationen an den Rand des Bankrotts gebracht haben, noch recht viel heraus. Die „Neue Zeitung“, das Organ der Unabhängigen in München, Eisners Gründung (bei dem ich beinah Theaterrezensent geworden wäre, wenn nicht Eisner in Person sein Veto eingelegt hätte, da er mich nicht mochte. Auch das gehört zur Charakteristik des Mannes, den so wenige richtig kannten) – erscheint jetzt unter Vorzensur der Stadtkommandantur, also irgendeines höheren Offiziers Wittelsbachischer Gesinnung. Und wie hat man über unsre Vergewaltigung der Presse gezetert. Dabei haben wir nie behauptet, daß der von uns angestrebte freie Zustand schon da wäre, haben immer klar und offen die Diktatur als das Mittel der Revolution und die Unterdrückung der korrupten bürgerlichen und mehrheitssozialistischen Presse als Voraussetzung der Diktatur zugegeben. Sie aber haben gewimmert, Pressefreiheit sei die erste Notwendigkeit, um leben zu können, und dann haben sie die kommunistischen Blätter einfach unterdrückt, und die immerhin in manchen Dingen oppositionellen der Unabhängigen stellen sie unter Vorzensur, lauter Blätter, die doch vom Idealismus der Herausgeber und Leser genährt werden, während die großen kapitalistischen Annoncen-Plantagen Überzeugung nicht nur nicht verbreiten, sondern durch Lügen, Fälschungen, Verleumdungen, Verdächtigungen und scheinheilige[n] Umschmeichelungen jeden Rest von Überzeugung aus ihren reichen Lesern heraustreiben. Denen ist „Pressefreiheit“ gewährt, die Freiheit, weiterhin die Weißen Garden zu Plünderungen und Mördereien aufzureizen und jeden wehrlosen Eingesperrten von oben bis unten mit Kot zu übergießen. – Leider sind die Unabhängigen keineswegs so unabhängig wie sie tun. Die Herren Haase, Kautsky und Barth haben uns nach Eisners Tod die ganze Kompromißsuppe, die uns jetzt im Magen liegt, eingebrockt. Und nun erläßt die Partei einen beweglichen Aufruf gegen die centrifugalen Bestrebungen in Deutschland. Jetzt, wo es nur eins geben kann: die Zertrümmerung des Staats von Grund aus, die Zerrüttung seiner Wirtschaft so schnell wie möglich, damit nicht der etappenweise Einsturz noch viel mehr Opfer fordert, – jetzt regen sie sich über die Pfälzer, Rheinländer etc auf, die Sehnsucht haben, unter lebensmögliche Verhältnisse zu kommen. Das ist die marxistische Verblödung. Einheitsstaat! brüllen sie – die Spartakisten sind die Schlimmsten dabei – und wollen deshalb den alten Bismarckstaat retten, der je eher je lieber zusammengeschlagen gehört. Wenn die Menschen blos zu der Einsicht kommen wollten, daß es völlig gleichgiltig ist, wo entlang die Staatsgrenzen laufen. Auf die Glückseligkeit der Menschen kommt es an, nicht auf die Art ihrer Einpferchung. Größtmögliche Bewegungsfreiheit des Einzelindividuums ist anzustreben, deshalb größtmögliche Selbständigkeit aller Gemeinden und föderative Verbindung der Bezirke, Länder und Reiche, bei der die Abgrenzung Nebensache, die Berücksichtigung der Eigenarten alles ist. Sie sind für das Rätesystem und für die Zentralisation. Wenn das kein Widerspruch in sich selbst ist, bin ich ein Esel. Lenin, dieser stramme Marxist, hat es schließlich eingesehn und den Lokalsovjets Autonomie gegeben. Aber in Deutschland scheint es unmöglich zu sein, eine Dummheit auszulassen. Nun Landauer tot ist, werde ich der Einzige sein, der den Weg der Revolution klar erkennt. Ob ich aber der Aufgabe gewachsen bin, die parteibesessenen Genossen aller revolutionären Richtungen auf diesen Weg zu drängen, ist eine bange Frage. Ich habe viel Schweres hinter mir in den letzten 7 Monaten, – ich fürchte aber, daß ich das Schwerste noch vor mir habe. Aber stark sein ist alles.

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 10. Juni 1919.

Mir ist garnicht wohl. Leibschmerzen und anscheinend Fieber. Ich führe diesen Zustand auf das Stück Wurst zurück, das es gestern nachmittag als Beilage zu den Pellkartoffeln gab. Ein in allen Farben schillerndes, mit einer Papierhaut umspanntes Produkt, schwammig und weichlich, über dessen Herkunft man sich in den verschiedensten Betrachtungen ergehn könnte. So eine Scheibe wurstartigen Gebildes gibt es jede Woche einmal, und verdächtig ist mir das Zeug schon immer vorgekommen. Daß aber direkte Vergiftungserscheinungen eintreten können, hätte ich doch nicht gedacht. Ich werde mich künftig bei dieser Zusammensetzung des Soupers blos an die Kartoffeln halten. – Im allgemeinen ist das Essen gegen den Anfang entschieden besser geworden, aber denke ich an die kräftige schmackhafte abwechslungsreiche Kochkunst Zenzls, wird mir doch wehmütig zumute. Wie lange bleiben wir noch hier? Jeden Tag auf dem Hof ist das die Frage, die einer dem andern zuflüstert. Die Urteile gehn weit auseinander. Wadler vermutet, daß man angesichts der belastenden Dinge, die in unserm Prozeß gegen die Herren vom Ministerium Hoffmann zutage treten werden, uns monatelang ohne Verhandlung weiter in Haft behalten wird, bis man nach einem halben oder ganzen Jahr das Verfahren einstellt und uns laufen läßt, oder bis die fünfte Revolution uns herausholt. Unmöglich ist es nicht. Aber ich glaube doch eher, daß man uns bald aburteilen wird, solange das Standgericht noch die unbeschränkte Möglichkeit hat, Beweismittel abzuschneiden und nach reiner politischer Willkür zu richten. Diese Leute sind ja wirklich so verblendet, daß sie sich einbilden, wenn sie mich zu 12 oder 15 Jahren Festung oder Zuchthaus verurteilen, dann würde ich 12 oder 15 Jahre ausgeschieden sein. Die Strafzeit, die mir zuerkannt wird, ist mir aber vollständig einerlei. Ihr Ende wird durch den Fortgang der Revolution bestimmt, durch nichts andres. Übrigens wäre mir jetzt die zwangsweise Überführung nach Passau-Oberhaus oder sonstwohin garnicht unerwünscht, sofern ich mir meine Beschäftigung dort selbst aussuchen kann. Bei dem provisorischen Charakter meiner gegenwärtigen Situation kann ich mich zu keiner Arbeit konzentrieren, obwohl der Drang zum Arbeiten und Ideen zur Arbeit in Massen vorhanden sind. Sobald ich weiß: hier bleibe ich vorerst, wird die Produktivität sicher außerordentlich sein. Mein Judas-Drama wird Gestalt gewinnen, neue Gedichte werden entstehn, Aufsätze und vielleicht auch dichterische Prosaarbeiten reifen. Jetzt im Provisorium bin ich zu jeder Konzeption unfähig. Vor allem bin ich mit der Erschütterung wegen Landauer und den übrigen noch nicht fertig. Zwischen allen Gedanken steigen die Schatten der toten Freunde auf, dazu kommt die Sorge um Zenzls Unterhalt und Zukunft, da wir doch alle Alltagsutensilien – Kleider, Hüte, Stiefel, Wäsche, Koffer, Eßbestecke und was alles (von den Schmucksachen etc. nicht zu reden) von vorn erst wieder anschaffen müssen, die wahrscheinliche Notwendigkeit eines Umzugs mit allen meinen Büchern in meiner Abwesenheit, dann die quälende Ungewißheit, wo meine Manuskripte – sämtliche Tagebücher! – sein mögen, und ob nicht eine Unsumme von Arbeit, Registratur und geistigem Kapital – ein gut Stück meines posthumen Lebens – verloren sein könnte. Dazu kommt die vollkommene Absperrung, das Wissen, daß eine Menge Briefe und mindestens ein, wahrscheinlich mehrere Pakete an mich seit Wochen unterwegs sind, und Herr Hahn mir alles vorenthält. Da vergeht einem die Lust zum Arbeiten. Zeitungen, Tagebuch, Lektüre (zur Zeit Lichtenberg) sind die Beschäftigungen, die mich aufrecht halten. Aber zum Lesen muß ich oft drei bis viermal ansetzen, bis ich die zwischendrängenden Gedanken auf die Seite geschoben habe. Ich denke daran, neben dem Tagebuch noch ein Heft für Einfälle, Pläne, Erinnerungsfragmente etc. anzulegen. Vielleicht hilft das den Geist sammeln und langsam wieder zur Disziplin zu bringen. – Wäre wenigstens die physische Gesundheit in Ordnung! Aber die verdammten Madenwürmer gedeihen bei der Fütterung mit den Tablettae contra Oxyures vortrefflich, und diese Quälgeister jucken oft dermaßen, daß ich rabiat werde – und heute auch noch die Giftwurst. Ein billiges Vergnügen ist Hochverrat nicht.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 11. Juni 1919.

Eben kam Post, – aber der ersehnte Brief von Zenzl, von der ich seit ihrem Besuch noch keine Silbe bekommen habe, nicht dabei: Drei Nummern der „Neuen Zeitung“ vom 21 – 24 Mai, die also 2½ Wochen unterwegs waren und ein Schreiben von Haase, das es in 9 Tagen geschafft hat. Er rät mir, einen Münchner Anwalt zu nehmen (Zenzl wird wohl schon mit Bandorf in Unterhandlung sein, einem Unabhängigen), scheint auch selbst nicht abgeneigt zu sein mitzuhelfen und beruhigt mich wegen der Kosten, da er wisse, daß meine Freunde für mich einspringen werden. – Die Zeitung enthält allerlei Bedeutsames. Man scheint im Ernst auch gegen Toller die Ermordung zu planen. Wenigstens werden Aktionen zu seinen Gunsten von allen Seiten gemeldet. Um den Bamberger Spießern auch in erotischer Beziehung einen kleinen Kitzel zu verschaffen, wird Tilla Durieux in den Mist getreten, mit der Toller anscheinend befreundet ist. Wie oberflächlich das Gesindel Nachrichten verbreitet, um Verdächtigungen daran zu knüpfen, dafür finde ich in dem Artikel über den Fall Toller ein wahres Musterbeispiel. Toller hat seine literarische Beziehung zu Frau Durieux damit erklärt, daß ihr Mann, Paul Cassirer, ein Drama von ihm verlegt habe. Im „Bamberger Tagblatt“ steht, daß er „bei ihrem Gatten, dem Buchhändlerkassier, ein Drama erlebt habe“. Diese Schmöcke, die ungebildet, geschmacklos, taktlos, ohne Ahnung von allen Dingen der Kultur, des gesellschaftlichen Lebens, ohne Weltanschauung und gänzlich frei von Überzeugungen sind, – lauter irgendwo entgleiste Existenzen (denn wer tritt mit der Absicht ins praktische Leben ein, in Bamberg oder Miesbach oder Trudering Redakteur zu werden?), – die wagen es über unsereinen zu Gericht zu sitzen, und sie haben die Macht, das ganze Volk zu Mord und Gewalt gegen die besten des Landes aufzustacheln. Freiheit der Presse! Von diesen Burschen ist Gustav Landauer ermordet worden wie vorher Eisner, wie Liebknecht und Rosa Luxemburg und wie zuletzt Leviné. – Genug davon. Die Befreiung der Völker vom Journalismus der Bestochenen wird von dieser Revolution trotz allem auch bewirkt werden. – Die Streikbewegungen überall nehmen zu. In England, Frankreich und Italien, – aber zum Glück auch in Deutschland. Die Tötung Levinés hat das Ruhrrevier erneut in Wallung gebracht. Duisburg, Remscheid, Elberfeld, Lennep scheinen in großer Erregung zu sein, und nach der Meldung hat es den Anschein, als ob Belagerungszustand und Massenverhaftungen dort überall die der Absicht entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hätten. Ebenso werden aus Hamburg Protestunruhen wegen Leviné gemeldet, wobei die Kommunisten die Hissung der roten Fahne am Rathaus erzwungen haben. In Hannover wurden Stürme auf die Gefängnisse versucht, sodaß also die Lumpen um Ebert und Noske wieder alle Hände voll zu tun haben, um durch Blutablässe das endgiltige Überlaufen der Volkswut noch einmal aufzuhalten. Jetzt sind wir ja glücklich soweit, daß der Plan, durch ein Gesetz das Streikrecht der Arbeiter zu unterbinden, tatsächlich Form gewinnt. Als die Zuchthausvorlage Ende der 90er Jahre den Reichstag beschäftigte, tobte die deutsche Sozialdemokratie Despotismus, Verrat, Niedertracht! Mit Hilfe der Liberalen und Klerikalen brachten sie den gemeinen Anschlag damals zu Fall. Jetzt erweisen sie sich dankbar. Im Interesse ihrer bourgeoisen Bundesgenossen von damals bringen sie jetzt selbst ein solches Schandgesetz und gleich verbunden mit einer Umsturzvorlage ans Tageslicht. Die deutsche Republik sozialdemokratischer Couleur wird späteren Geschichtsforschern sehr merkwürdig vorkommen. Aber das Strafgericht wird den Schändern unsrer Revolution nicht erspart bleiben. Jetzt wird der Prozeß gegen Sauber, Hagemeister und Waibel in Würzburg geführt. Da hat Schneppenhorst, doch jedenfalls unter Eid, erklärt, er habe sich nie für die Räterepublik erklärt, und auch Segitz scheint seine Rolle am 4. April sehr gründlich korrigiert zu haben. Ein Nürnberger Genosse will mir eine Nummer der Fränkischen Tagespost aus den bewußten Apriltagen zustecken, worin Schneppenhorst öffentlich für die Räterepublik eingetreten sei. Dieses Beweisstück soll mir als Unterlage für meine weiteren Angriffe dienen. Ich will an die beiden Staatsanwälte in München und Würzburg schreiben und dagegen protestieren, daß unsre Komplizen, ohne unter Anklage zu stehn, als Belastungszeugen gegen uns aufgestellt werden und gegen Schneppenhorst die Verfolgung wegen Meineids verlangen. Ich will es der Welt beweisen, daß der Kerl genau so lange Anhänger der Räterepublik war wie er glaubte, er werde darin einen gut dotierten Posten als Volksbeauftragter bekleiden, und daß er von dem Moment ab, als er sah, daß man – was ich als mein Verdienst in Anspruch nehme – auf seine tüchtige Persönlichkeit verzichtete, sich unter Bruch des Ehrenworts auf die Gegenseite schlug und das Blutbad organisierte. Übrigens scheint er im Würzburger Prozeß schon einigermaßen gezaust worden zu sein. Sein Ministerkollege Simon, der ein anständiger Mensch, wenn auch kein heldenmütiger Revolutionär ist (er hat seinerzeit meine Traunsteiner Angelegenheit im Landtag verfochten), hat ihn so belastet, daß Schneppenhorst gegen ihn Klage angekündigt hat. – Ich wollte, ich stände erst vor Gericht. Das Ausbleiben von Nachrichten ist eine teuflische Tortur. Die Herren von der Reaktion verstehn das Leuteschinden doch besser als wir revolutionäre Neulinge. Möge es nie der Ehrgeiz der Revolution werden, ihnen in der Grausamkeit den Rang streitig zu machen.

 

Abends.

Abschrift: „An den Herrn Staatsanwalt beim Landgericht (standrechtliches Gericht) in Würzburg (München). Wie ich aus den Zeitungsberichten über den Prozeß Sauber und Genossen in Würzburg ersehe, sind dort die Minister Segitz und Schneppenhorst als Zeugen aufgetreten. Die Aussagen des Herrn Segitz kann ich nicht nachprüfen, da die fragmentarischen Berichte kein klares Bild über das, was er gesagt hat, zulassen. Herr Schneppenhorst dagegen hat nach verschiedenen Blättermeldungen erklärt, er habe sich niemals für die Räterepublik ausgesprochen. – Indem ich auf meine Anzeige vom 30. April an die Würzburger Staatsanwaltschaft und auf die ergänzenden Mitteilungen hinweise, die ich auf Verlangen am 3. Juni an den Staatsanwalt beim Standgericht in München absandte, lege ich dagegen Verwahrung ein, daß Beteiligte an den Vorgängen, derentwegen ich und viele meiner Genossen unter Hochverratsanklage gestellt sind, ohne daß das Verfahren bisher gegen sie eingeleitet wäre, als Zeugen zugelassen werden. Ich erblicke darin eine Beeinträchtigung der Angeklagtenrechte und frage an, nach welchen Gesichtspunkten die Staatsanwaltschaft zwischen Angeklagten und Zeugen unterscheidet. – Indem ich meine Forderung auf Ausdehnung des Hochverratsverfahrens und auf Verhaftung der von mir denunzierten Personen erneuere, erstatte ich, in der Voraussetzung, daß Herr Schneppenhorst eidlich vernommen wurde, gegen den Minister für militärische Angelegenheiten des Volksstaats Bayern Anzeige wegen wissentlichen Meineids. – Außer dem bereits mitgeteilten Beweismaterial für meine Beschuldigung verweise ich auf den Bericht über den Parteitag der sozialdemokratischen Partei Nordbayerns, der sich in der Nummer vom 8. April ds. J. der „Fränkischen Tagespost“ finden dürfte und aus dem ersichtlich ist, daß Herr Schneppenhorst in Nürnberg nachdrücklich und im Gegensatz zu seinem Parteigenossen Vogel für die Räterepublik geworben hat. – Ich bin nicht gesonnen, mir einen Komplicen als beeidigten Belastungszeugen entgegenstellen zu lassen und erwarte, daß die Staatsanwaltschaft unverzüglich gegen den Beschuldigten einschreiten wird. – Eine Abschrift dieses Schreibens geht zugleich an den Herrn Staatsanwalt beim standrechtlichen Gericht in München (Landgericht in Würzburg) ab. Über die Zuständigkeit mögen die Herren nach den Gesetzen entscheiden.

Zuchthaus Ebrach, Zelle 60. 11. Juni 1919.   Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 12. Juni 1919.

Wieder ein Schwung Postsendungen. Mein Bruder schreibt mir einen menschlich anständigen Brief und will meine Unterschrift unter eine Vollmacht an Onkel L. in den Häuserangelegenheiten. Ich habe ihm geantwortet, indem ich ihm unsre Lage nach der Ausplünderung dargestellt habe, und den Vorschlag gemacht, mich aus dem Mitbesitz der Grundstücke nach Abschätzung des Werts und genauer Verrechnung aller mir schon gezahlten Vorschüsse herauszukaufen. Mein Schwager Landau, der die Geldgeschäfte sonst mit mir abwickelt, hat mich durch die Art, wie er mir jeden Monat die 500 Mark Vorschüsse zuwies und das ewige Androhen mit der Einstellung der Geldsendungen, da angeblich die Häuser nichts abwürfen und alle an mich geleisteten Zahlungen nur Barmherzigkeit seien, schon Nervenkraft genug gekostet. Ich möchte ganz heraus aus dieser großväterlichen Erbschaft. Die Unterschrift unter der Vollmacht muß ich mir nachher durch Herrn Wirthmann bestätigen lassen. Lederer antwortet mir (unter dem 30. Mai) auf meinen Brief vom 7. Mai. – sodaß also seit dem Tage meiner Fragen und Bitten bis zur Ankunft der Antwort darauf 5 Wochen und 1 Tag vergangen sind. Zugleich schickte er mir einige Hefte seiner Zeitschrift „Der Revolutionär“ und eins der „Zukunft“. Ein Paket mit Zigarren und Büchern kam eben außerdem noch von ihm an. Er schreibt, daß er meiner Anregung, einen Verlag zu gründen, nähertreten wolle[n], da sie eignen Plänen entgegenkomme, daß Jenny Brünn und andre Münchner Freunde jetzt in Mannheim sind, und daß Harden meiner in einer Nummer der „Zukunft“, die er aber leider nicht mitgeschickt hat, Erwähnung tut. Ferner kam ein Brief von Zenzl ebenfalls vom 30. Mai, also zwei Tage vor ihrem Besuch bei mir geschrieben. Ihre Bemerkung, daß die Chinesen und die Inquisitoren ganz kleine Kinder waren (sie meint natürlich im Vergleich zu den Quälern in Bayern, was sich die wohl nicht haben ergänzen können, da der Brief ihre Zensur passiert hat), erweist sich also wieder als richtig. – In den Zeitungen geht das anmutige Frage- und Antwortspiel: Annehmen oder Ablehnen? unentwegt weiter, aber da die regierenden Kretins bisher noch nie eine Dummheit ausgelassen haben, ist zu hoffen, daß sie auch die größte Idiotie begehn werden, nämlich nach den Abstrichen, die die Entente jedenfalls von den ursprünglichen Bedingungen machen wird, die Unterschrift verweigern. Dann wird der Zersetzungsprozeß, von dessen Verzögerung sie ihre schmachverdunkelten Tage fristen, ungeheuer beschleunigt, und das Volk wird die Notwendigkeit einer neuen konzessionslosen kommunistischen Revolution auch da begreifen, wo jetzt noch Lügen und Fälschungen es im Troß der sozialistisch maskierten Kapitalscerberusse halten. Auch in Deutschösterreich wird jetzt das Geheul über die Bedingungen angestimmt, wenn auch in etwas gedämpfterer Tonart. In Hardens Artikel „Der goldne Kelch“ vom 3. Mai wird geschildert, wie es in Berlin zugeht. Vergnügungen und Luxus, Schlemmerei und Verschwendung in unerhörtem Maßstab bei den das ganze Bild beherrschenden Offizieren und Kapitalisten, die am lautesten über die Verarmung Deutschlands das Maul aufreißen. Zugleich ungeheure Verbitterung beim Volk, das nicht blos die schamloseste und rüpelhafteste Protzerei des Militarismus sondern zugleich die Verhöhnung seiner Sehnsüchte und Schmerzen mitansehn muß. Nachdem man die Mörder Liebknechts und Luxemburgs in einer Gerichtsfarce teils freigesprochen teils scheinbestraft hat, nachdem Herr Vogel mit Hilfe seiner „Richter“ nach Holland durchgebrannt ist, hat man nun auch noch den Hauptschuldigen bei der Ermordung der 32 Matrosen in der Französischen Straße, nachdem man ihn monatelang sich seiner Freiheit hatte erfreuen lassen, entkommen lassen. Das arme, geläuterte Deutschland! Aber die Abrechnung kommt. Sie tanzen auf einem Pulverfaß, unsre Noske- und Ludendorff-Landsleute. Die Lunte, die es zum Explodieren bringen wird, glimmt schon.

 

Zuchthaus Ebrach, Freitag, d. 13. Juni 1919.

Zwei Monate sind heute seit meiner Lebensrettung durch Herrn Aschenbrenner herum. Behält die Gegenrevolution die Oberhand, dann werden diese zwei Monate ein verschwindender kleiner Bruchteil meiner Absperrung von der Außenwelt sein, wenn man die Freiheitsstrafe, die mir auf den Buckel gehängt werden wird, überhaupt zeitlich abgrenzen sollte. In Würzburg ist der Standgerichts-Prozeß gegen die drei Genossen jetzt zuende geführt worden. Der Staatsanwalt beantragte ungeniert Todesstrafe für alle drei. Urteil: Sauber 12 Jahre, Waibel 15 Jahre, Hagemeister 10 Jahre Festung. Ich kann mir also ungefähr ausmalen, was mir zudiktiert wird, der ich überall als Radikalissimus verschrieen bin und in der Tat an der Ausrufung der Räterepublik aktivsten Anteil hatte: der Funkspruch nach Budapest und Moskau, die Proklamation vom 8. April – mein Name war überall zu lesen. Und was denken diese „Richter“ darüber nach, was 10, 15 Jahre der Ausschließung vom Leben bedeuten? Phantasielosigkeit ist die charakteristische Schwäche der Deutschen. Hätten sie Phantasie, wäre ja ihr ganzes Verhalten im Weltkriege unerklärlich. – Von Zenzl kam ein Brief vom 4. Juni mit einem Heft, in dem ich ein paar Notizen für mein Judas-Drama niedergelegt habe. Leider ist das Gedichtbändchen nicht dabei. Ich muß es wohl auf mein Verlustkonto schreiben. Das ist sehr, sehr bitter. Zenzl hat einen Anwalt, Bandorf für die Verteidigung bestimmt, dem ich schreiben muß. Es wird ein teurer Spaß werden, und Haases Trost, daß meine Freunde für mich einstehn werden, ist schwach. Dabei sind die Lübecker Geldsendungen tatsächlich eingestellt worden. Ich weiß nicht, was draus werden soll. Zu allem übrigen auch noch Sorgen um die Existenz Zenzls – und die Wohnung mit meinen Büchern muß doch bezahlt werden – ist viel auf einmal. Ein Zeuge im Sauber-Prozeß hat wieder einmal von 1½ Millionen gefaselt, die ich von Ungarn „mitgebracht“ haben soll. Sowas greifen die Zeitungen natürlich auf, es findet in dem 10zeiligen Bericht Platz, und den Lesern prägt sich’s ein. Aber es ist immer noch kein Grund, verstimmt zu sein. Keine Situation ist von Dauer. Das stimmt für den Einzelnen ebenso wie für die Gesamtheit. Es gäbe keine Selbstmorde, wenn jeder Lebensmüde diese Maxime klar erfaßte. Aus der Scheußlichkeit, in der die Revolution jetzt drinsteckt, wird sie ebenso sicher herauskommen wie die Konterrevolution aus der selben Sicherheit, in der sie sich zurzeit gefällt, und der Herr Noske auf dem sozialdemokratischen Parteitag im Weimarer Nationaltheater (armer Goethe!) die Worte des starken Mannes verlieh. Er erzählte, Barth habe sich an die Freikorps im Hotel Eden (Garde-Schützen-Division) herangemacht, um sie zum Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann zu gewinnen. Also sozusagen eine Rückversicherung zwischen den Unabhängigen und den Monarchisten, wie die Ludendorffs ihre Irland- und Rußlandpolitik trieben. Viele Dummheiten traue ich ja meinem alten Genossen Barth zu, besonders seit er seine Wandlung zum Realpolitiker vollzogen hat: Aber daß er sich, wie Noske glauben machen will, mit dem nackten Hintern so direkt in die Brennesseln gesetzt haben sollte, bezweifle ich doch stark. Auch ist eine Behauptung Noskes stets solange als Verleumdung zu bewerten, bis er sie bewiesen hat. – Die Erregung im Lande über Levinés Erschießung hält an. In ganz Thüringen wurde ein eintägiger Proteststreik durchgeführt, ebenso in Braunschweig und Frankfurt. Hoffmann und seine sauberen Ministerkollegen scheinen in einem Machtwahn zu leben. Selbst Scheidemann hatte ihnen vor der Exekution ein warnendes Telegramm geschickt, nicht aus Menschlichkeit, sondern weil wohl der Schaden, der den Kapitalisten durch die Streiks erwächst, ihn bedenklich gestimmt haben mag. Telegramme, mit denen einer Wiederholung der Schandtat an Toller vorgebeugt werden soll – aus Wien ist ein solches eingelaufen – wurden von der Presse, vorneweg der sozialdemokratischen, mit Superklugheiten abgefertigt. – Ich schließe für heute, weil das Buch voll ist.

 

 

 

 

Ausblenden