Tagebücher

XXIII.

 

13. Juni – 20. November 1919

 

S. 3676 – S. 3919

 

 

 

(13. Juni 1919) Nachmittag.

Abschrift. Herrn Rechtsanwalt Dr. Bandorf, München, Bayerstr. 1II. „Sehr geehrter Herr Anwalt! Meine Frau hat mir mitgeteilt, daß Sie die Liebenswürdigkeit haben wollen, meine Verteidigung in dem gegen mich schwebenden standrechtlichen Verfahren wegen Hochverrats zu führen. Indem ich Ihnen zuvor für Ihre Bereitwilligkeit danke, gestatte ich mir einige geschäftliche, persönliche und auf die Sache bezügliche Bemerkungen. – Ich hatte bereits vor Wochen an Herrn Abg. Hugo Haase die Bitte gerichtet, entweder persönlich oder vermittelnd sich meiner Verteidigung anzunehmen und ihn zugleich auf die zurzeit sehr derangierte Verfassung meiner Vermögensverhältnisse hingewiesen, die infolge der Beschlagnahme meines Arbeitsmaterials und der Ausplünderung meiner Wohnung durch die Weißgardisten ganz unübersehbar geworden sind. Da die Briefbeförderung trotz aller Beschwerden immer noch überaus langsam vor sich geht, erhielt ich erst vorgestern von Herrn Haase Antwort auf mein Schreiben vom 15. Mai, des Inhalts, daß er mich gern vertreten wolle, sich aber noch nicht verpflichten könne, solange keine Termin bestimmt ist, daß er mir jedenfalls rate, einen Münchner Anwalt als Rechtsbeistand zu nehmen, und daß die Kosten, wie er versichern könne, von Freunden von mir getragen würden. – Ich möchte Sie daher bitten, sich zunächst mit Herrn Haase (Berlin NW, Brückenallee 22) in Verbindung zu setzen, der Ihnen jedenfalls die Freunde, die für die Kosten aufkommen wollen, namhaft machen wird, und davon abzusehn, von meiner Frau Vorschuß zu erheben, deren materielle Lage grade jetzt ganz unsicher geworden ist. – Was die Sache selbst anlangt, so kann ich schriftlich nicht alles ansprechen, was dazu zu sagen wäre. Die Briefe werden von demselben Staatsanwalt geprüft, der die Anklage vertritt und also Material gegen mich sammelt, und ich habe nicht Lust, ihm seine Arbeit dadurch zu erleichtern, daß ich ihm meine Gegenargumente vor der Zeit entgegentrage. Es wäre also zunächst dafür zu sorgen, daß meine Überführung nach München baldmöglichst veranlaßt wird, damit der Verkehr mit dem Verteidiger ohne Schwierigkeit gepflogen werden kann. Dabei wäre aber unbedingt notwendig, einem Lynchverbrechen vorzubeugen, das nach den Erfahrungen mit den Nosketruppen und bei der gewissenlosen Verhetzung durch die Presse grade gegen mich und bei der langen Eisenbahnfahrt sehr zu besorgen ist. – Daß ich das standgerichtliche Verfahren für gesetzwidrig halte, brauche ich wohl nicht zu betonen. Ich bemerke, daß ich bereits am 13. April in die Gewalt der Bamberger Rumpfregierung fiel, der Kriegszustand aber erst am 27. verhängt wurde, sodaß mein Fall nach Art. VI des bayer. Kriegszustandsgesetzes zu Unrecht vom Standgericht in Anspruch genommen wird. – Mit größter Erbitterung stelle ich fest, daß mein und meiner Genossen Prozeß im Widerspruch zu § 28 der Vollzugsvorschriften für das bayer. Standrecht (vom 13. März 1913) willkürlich verschleppt wird. Hierfür nehme ich politische Gründe an. Denn ich halte es für unmöglich, daß Leviné nach § 81 zum Tode hätte verurteilt werden können, wenn die Verhandlung gegen die Veranstalter der Erhebung vom 7. April vorher stattgefunden hätte. Ich protestiere dagegen, daß die Genossen, deren angebliche Delikte 3 Wochen später erfolgten als die unsern vor uns abgeurteilt werden und frage, wie sich das mit dem „möglichst bald“ in § 36 der Vollzugsvorschriften verträgt. Mindestens verlange ich im Prozeß Toller als Zeuge gehört zu werden. – Eine ausführliche Darstellung meiner Beteiligung an dem „Hochverrat“ vom 4. – 7. April behalte ich mir für eine mündliche Unterredung vor, teile Ihnen aber zur Kenntnisnahme mit, daß ich bereits am 30. April gegen die Minister Segitz, Schneppenhorst und Steiner, sowie gegen den Landessoldatenrat (nicht den Minister) Simon Anzeige bei der Staatsanwaltschaft nach den gleichen Paragraphen erstattet habe, die meinem Verfahren zugrunde gelegt werden, daß ich am 3. Juni auf Aufforderung des Staatsanwalts in München eine Fülle von beweisendem Material für die Beteiligung dieser Herren an dem „Hochverrat“ beigebracht habe, und daß ich am 11. Juni eine Anzeige gegen den Minister Schneppenhorst wegen Meineids im Sauber-Prozeß folgen ließ. – Ich bitte Sie, dafür zu sorgen, daß diese Anzeigen mit demselben Eifer verfolgt werden, den der Staatsanwalt sonst zu entfalten weiß und daß endlich die Untersuchung gegen uns angeschlossen und zur Verhandlung geschritten wird. Mit vorzüglicher Hochachtung

Zuchthaus Ebrach, d. 13. Juni (p. Adr. Staatsanw. b. Landger. Mnchn. I)      Erich Mühsam

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 14. Juni 1919

Drei Briefe von Zenzl kamen heut auf einmal an, der letzte davon vom 10ten. Mein Brief an den Justizminister hat demnach gewirkt. Zugleich ein sehr lieber Brief von Jenny aus Mannheim. Ich habe das Mädel doch immer noch sehr, sehr gern. Heute nur weniges, denn ich erwarte bald den Notar, der wegen der Beglaubigung meiner Vollmacht an Onkel L. aus Burgebrach herkommt. Es schlägt eben 12 Uhr, und der Mann kann jeden Moment eintreten. – Die Affäre Leviné zieht jetzt ihre Kreise in das neue Bamberger Koalitionsministerium. Hoffmann, der zurzeit der Verurteilung in der Schweiz war, hat von dort aus an den Vollzugsausschuß der U. S. P. in München telegrafiert, er habe die Bamberger Kollegen um Aufschub der Vollstreckung bis zu seiner Rückkehr ersucht, es sei aber zu spät gewesen. Jetzt kommt auch noch eine Erklärung „von zuständiger Stelle“, die Entscheidung (wonach das Ministerium „keinen Grund“ zur Begnadigung finden könne) sei in Abwesenheit Hoffmanns und gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Mitglieder des Kabinetts getroffen worden. Sie kneifen also. Die Komödie der „Wahl“ des Ministeriums vom Landtag ging in der Weise vor sich, daß Herr Hoffmann zum Ministerpräsidenten gemacht wurde, der die Auswahl seiner Kollegen nach freiem Ermessen zu treffen hatte (natürlich, nachdem die Gschaftlhuber der Parteien sich schon auf die genaue Liste geeinigt hatten). Hoffmann ist also formell für jeden Beschluß und für jede Aktion des Gesamtministeriums verantwortlich. Wäre seine Seele im Ernst von der jammervollen Tat (der ersten Exekution eines politischen Aufrührers in Deutschland seit 1848, die in kaltem Gerichtsverfahren und von den Kampftötungen einer standrechtlichen Scheinjustiz unabhängig beschlossen wurde) erschüttert, so wäre die Konsequenz sein Rücktritt, an den er natürlich garnicht denkt. Und die übrigen „Sozialisten“ hätten doch wohl die Mordtat dadurch verhindern können, daß sie, die über die Hälfte aller Stimmen verfügen, die Angelegenheit zu einer Kabinettsfrage gemacht hätten. Daß sie jetzt auch noch ihre Hände in Unschuld waschen wollen, setzt allem die Krone auf. Womöglich kommt bei der Geschichte eine neue „Krise“ heraus, und wir werden uns unter einer Regierung wegen Hochverrats zu verantworten haben, unter der die Verfassung, die wir verletzt haben, keinen Paragraphen mehr in Kraft hat. Übrigens werden in der Presse schon wieder neue Putsche der Unabhängigen und Kommunisten angekündigt. Wollens abwarten. Ich verspreche mir von der Ablehnung des Versailler Vertrags mehr als von allen vagen Streikplänen, die in den Köpfen von Denunzianten spuken. Der Fall Leviné und die verrückten Urteile in Würzburg (jetzt ist Klingelhöfer in München zu 5½ Jahren und zwar unter Zubilligung mildernder Umstände(!) verknallt worden) schaffen eine günstige Atmosphäre für neue Erregungen im Volk, dabei wird die moralische Kraft ungemein gestärkt durch die Nachrichten, die aus Ungarn kommen. Dort siegt die Rote Armee der zehnmal totgesagten Räterepublik so gründlich über Tschechoslowaken und Rumänen, daß die Erwürgung des Bolschewismus in Europa durch die einige Militärgewalt des verbündeten zentralistischen und ententistischen Kapitalismus ein stark abgeblühter Hoffnungstraum geworden ist. Dazu kommt die prachtvolle revolutionäre Resistenz der Franzosen, durch die Rußland zu Atem kommt und Koltschaks Träume vernichtet werden. Das sind Realitäten. Wenn dazu noch die Meldungen aus Wien stimmen, wonach dort die Kommunisten einen großen Schlag vorhaben – was wollen Noskes Weiße Garden dann wohl noch lange aufhalten? Wenn Österreich Räterepublik ist, können wir in Bayern getrost den Kampf wieder aufnehmen. Dann sind wir nicht mehr die Insel wie im April, sondern die Brücke ist geschlagen nach Sovjet-Ungarn und Sovjet-Rußland, und die Revolution ist gewonnen. Auch Deutschland wird noch zu seiner heroischen Stunde kommen.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 15. Juni 1919.

Zenzls Namenstag. Ich habe ihr nicht nur nichts schenken können, sondern weiß auch nicht, ob mein Glückwunsch sie rechtzeitig erreicht hat. Dabei fürchte ich für ihre Gesundheit. Jedes Jahr fast um die Mitte des Juni stellen sich bei ihr irgendwelche Beschwerden ein, und alle Krankheiten ernster Art haben sich die Jahreszeit bei ihr ausgesucht, so erst im vorigen Jahr die schauderhaften Mandeloperationen. Jetzt machen ihre Nerven Schwierigkeiten, – die Nerven dieser Frau, die nie empfand und empfinden ließ, daß sie welche hat. Ein Wunder ist’s ja nicht. Was sie um meinetwillen aussteht, ist mehr als ich gutmachen kann. Nun auch noch Geldsorgen, da die Lübecker anscheinend wirklich keine Zahlungen mehr leisten wollen, so wird unsre Situation immer bedenklicher, und derartige Betrachtungen machen mir mein Gefängnisdasein nicht angenehmer. Langsam werden wir jetzt weniger hier. Von den 13, die wir vor heute 2 Monaten in Ebrach ankamen, sind 5 Genossen schon fort. Zuerst wurde uns Lipp in eine Irrenanstalt entführt. Dann kam der brave Kandlbinder heraus, der seine Freilassung jedenfalls der langjährigen Zugehörigkeit zur regierenden Partei zu danken hat. Soll mich wundern, ob er nach diesen Erfahrungen austreten wird. Welchen Umständen Bastian seine Freilassung verdankt, ist uns allen rätselhaft. Die Umwandlung seiner Einsperrung in „Schutzhaft“ hat nur wenige Tage gedauert, dann hat man ihn ganz laufen lassen. Ein Genosse meinte, er habe bei der Vernehmung seine Gesinnung verleugnet. Aber wer will dem andern ins Herz sehn? Hat er wirklich den Schwanz eingezogen, so ist mirs lieb, ihn los zu sein. Ich möchte vor Gericht nur mit solchen Kameraden erscheinen, die für ihre Sache einstehn. So ist mir die Entlassung Ballabenes besonders erwünscht gewesen, der zu seinem Hochverrat gekommen ist wie die Jungfrau zum Kind und eine ziemlich klägliche Leidensfigur gemacht hat, und zwar von der ersten Stunde an. Auch Kurth ist seit gestern fort, wahrscheinlich, weil seinem Bruder Staatsrat seine Verquickung mit der Räterevolution unerwünscht war. Auch dessen Abreise ist mir nicht unlieb. Er schnorrte einem den Rest seines Tabaks ab und hat mich außerdem um 10 Mark angepumpt, auf deren Wiederkehr ich wenig Hoffnungen setze. Wir übrigen 8 werden unsern Mann stellen. Man lernt hier die Leute kennen trotz des Schweigegebots, und da muß ich bekennen, daß ich mich in Braig sehr geirrt hatte. Der ist mir hier als Charakter neben Killer der liebste. Wadler ist mir zu sehr von seiner eignen Bedeutung durchdrungen. Die Einfälle, die er für die Gerichtsverhandlung hat, müssen wir alle vorher genießen, und die Weißgardisten und Gefangenenwärter werden von ihm täglich von seiner gerechten Sache zu überzeugen versucht. Sonst ist Bzdrenga mir noch der nächste, der ein vortrefflicher Kamerad ist. Mit dem tausche ich, wenn einer ein Paket bekommt, Lebensmittel aus, mit Killer Zeitungen, Soldmann versorge ich mit Lektüre – und meine Zigarren sind im ganzen Hause begehrt. Die Stummel bekommen auswärtige Genossen, die sich damit die Pfeifen stopfen. Die Aufseher sind bei der Übermittlung derartiger Aufträge sehr gefällig. Außer dem Klotz Lang sind sie alle brave Menschen, und auch mit dem Assessor Wirthmann ist im Gegensatz zu dem Staatsanwalt Roth, seinem Vorgänger, gut auszukommen. Heute erfreute ich mich seines persönlichen Besuchs. Er trat grinsend ein, um mir einen Schrieb des Staatsanwalts in Würzburg, nämlich die Antwort auf meine Meineidsanzeige gegen Schneppenhorst bekannt zu geben. Natürlich wird meinem Antrag auf Verfolgung nicht stattgegeben. Schneppenhorst habe unter Eid in Würzburg bekundet, die Räterepublik nie unterstützt zu haben. Diese Aussage sei vom Zeugen Gröhn (das ist meines Wissens ein Sekretär von Segitz, ich kenne den Burschen nicht) bestätigt. Zudem habe bei seiner Vernehmung Hagemeister erklärt, daß ich selbst von Anfang an nicht an Schneppenhorsts ehrliche Absichten geglaubt habe, ihn im Ministerium des Aeußeren für einen Verräter erklärt hätte und nach Nürnberg gereist sei, um seine und Simons Tätigkeit dort zu überwachen. Darin hat sich Freund Hagemeister freilich geirrt, denn ich reiste nach Nürnberg nur, um die Verbindung mit der kommunistischen Partei dort aufzunehmen. Aber die Begründung der Ablehnung ist toll genug. Die Aussage des einen Zeugen, der bei den entscheidenden Verhandlungen nicht anwesend war, bedeutet dem Staatsanwalt den Beweis, daß die Behauptungen aller Anwesenden nicht wahr seien. Auf den von mir angegebenen Zeitungsbericht geht er garnicht ein. Ich habe dem Assessor sofort erklärt, daß ich mir von diesem Dokument eine Abschrift ausbitten müßte, da ich mich nicht so abspeisen lasse. Aber welch krasses Beispiel dafür, daß es garnicht um Recht, Gesetz und Wahrheit geht, sondern um nackte Macht und Politik. Wenn dieser Staatsanwalt wenigstens noch Parteigänger Schneppenhorsts wäre! Aber: wess Brot ich esse, dess Lied ich singe. Den guten Bürgern, den „Gebildeten“, ist das so natürlich, daß das Proletariat mit seinem endlich erwachenden Willen zur Selbständigkeit für sie eine Horde von Aufsässigen und Verbrechern ist. Wie lange werden diese Beamten, die sich ohne die leiseste Regung von Scham und Gewissen von heut auf morgen vom König auf Eisner, von Eisner auf Hoffmann, und nun von Hoffmann auf Epp umstellen konnten, – wie lange werden die noch unsre Ankläger und Richter sein?

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 16. Juni 1919.

Politisch wenig Neues. Ein angeblicher Polenputsch in Oberschlesien, bei dem schwer zu erkennen ist, ob Separationsbestrebungen die Ursache sind, oder Regiekunststücke alldeutscher Kriegstreiber, die der Armee Haller die Durchfahrt mit künstlichen Gründen sperren möchten. Im übrigen geht das betrübliche Hoffen und Harren weiter: wann wird die Entente auf die deutschen Gegenvorschläge antworten und wie wird sie antworten? Unterzeichnen oder Verweigern? Einmarsch oder Entgegenkommen? Und weiter: ein ängstliches Gegacker der Zeitungen, die nicht wissen, ob sie den Streik in Frankreich und Italien und die Gärung in England den armen Spießern als fröhliches Vorzeichen naher Revolutionen frisieren sollen, die Deutschland die Bahn zu neuen Heldentaten à la Ösel und Riga frei machen können, oder ob sie lieber dämpfen sollen, um den Sieg des Bolschewismus in aller Welt nicht gar selbst in die Bürgerheime hineintrompeten zu müssen. Sie haben Angst vor dem, was sie hoffen wie sie Angst haben vor dem, was sie fürchten und vor dem, womit sie drohen. Wir Deutsche fürchten außer Gott alles in der Welt, – das ist die gegenwärtige Signatur derer, die bei uns an der Macht sind. Es sind typische Subalterne. Vor ihren Vorgängern, die sie entthront zu haben glauben, und deren Strohmänner sie in Wahrheit sind, vergehn sie vor Unterwürfigkeit und das Proletariat, als dessen Beauftragte sie sich aufblähen knebeln sie in ihrer Dienstwilligkeit gegen das Kapital mit solchen Gewaltmitteln, wie sie die vom Adel dirigierte Bourgeoisie nicht anzuwenden wagte. Wenn man die Berichte vom Weimarer Parteitag liest, – die Augen gehn einem über. Etliche Organisationen haben sich zu Protesten gegen Noske und seine Methoden aufgeschwungen, ein Mißtrauensvotum und sogar seinen Ausschluß aus der Partei verlangt. Natürlich hat Noske und erst recht Scheidemann das Vertrauen der Partei ausgesprochen bekommen. Was dort tagt, hat ja mit dem Proletariat nichts anderes zu schaffen, als daß es aus den Wochenbeiträgen der Arbeiterschaft Beamtengehälter bezieht. Der Gerichtstag über die Bonzen wird einer Versammlung von Bonzen überantwortet. Wozu sich der Parteitag aber aufschwang, ist ein Appell an die Arbeiter, sie sollten in die Freikorps eintreten. Statt daß sie aus der Tatsache, daß sich Proletarier nicht zur Niedermetzelung des Proletariats hergeben mögen, schlössen, daß sie, die doch die Freikorps aufstellen, keine Arbeitervertreter sind, wundern sie sich, daß die Arbeiter sich lieber gegen die Henker auflehnen als Selbstmord begehn wollen. Und unter diesen Leuten sind noch petrefakte alte Genossen, die unter dem Sozialistengesetz gelitten haben, wenn auch nicht in dem Maße wie sie jetzt ihre Klassengenossen unter reaktionären Peinigungen leiden lassen. Die Anmaßung der Offiziere und die Aufdringlichkeit monarchistischer Restaurationsbestrebungen nimmt jetzt Formen an, die selbst die Münchner Neuesten Nachrichten zu besorgten Mahnungen an die sozialdemokratischen Platzhalter des Feudalismus bewegen, sie möchten doch die Freiheiten des Volks nicht noch tiefer knechten, als die Vorgänger es getan haben. – Ein Brief von Mila kam heute an. Auch sie war wegen eines der Mißverständnisse verhaftet, die jetzt üblich sind. Ein paar Schwabinger junge Leute waren bei ihr eingekehrt, und in einem Jüngling glaubte man Toller vermuten zu sollen. Auch ihre Freundin Cläre ist in Haft, weil sie Frau Leviné beherbergt haben soll. In München soll die Erbitterung bis tief in die Kreise der Bourgeoisie hinein furchtbar erbittert sein über die Gewaltherrschaft der Reaktion. Der Brief freut mich der schönen Liebe wegen, mit der diese anmutige Frau an mir hängt. Wenn der alte Dante recht hat mit der Meinung, der Himmel sei für die reserviert, die auf Erden sehr geliebt worden sind, dann braucht mir für ein Plätzchen in Abrahams Schoß nicht bange zu sein.

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 17. Juni 1919.

Überraschungen der lieblichsten Art. Gestern erhielt ich von Zenzl 6 Eier geschickt, denen die kurze Mitteilung beilag, es sei jetzt eine Gasrechnung von etwa 50 Mark gekommen für Mehrverbrauch im Mai, also in der Zeit, wo keiner von uns daheim war und die lieben Gäste uns unser bischen wertvolleren Besitz wegschleppten. Wir sollen also auch noch Strafe zahlen dafür, daß die Abgesandten Schneppenhorsts die Wohnung recht gründlich benutzt und unsre Essenvorräte dort auf unserm Gasofen zubereitet haben. Der Staat verlangt’s so. Ich fürchte sehr, daß Zenzl zunächst mal wird zahlen müssen, wenn nicht auch die Möbel noch gepfändet werden sollen, denn die Gasverwaltung wird sich nicht zum General v. Oven oder Herrn Epp dirigieren lassen, und bis der Schaden ersetzt wird, das kann lange dauern. Dabei steht die Situation unsrer Geldverhältnisse äußerst kritisch. Zenzl schrieb mir, es seien noch 500 Mark da, das ist bei der unerhörten Teuerung kaum genug, um einen Monat davon zu leben. Ich habe meinen Bruder dringend gebeten, meinen Häuseranteil durch Beleihung oder Ankauf endgiltig verwertbar zu machen. Tut ers nicht, so bleibt für Zenzl nur die Inanspruchnahme der Erwerbslosenunterstützung und damit die Einstellung auf ein im Vergleich zu unserm früheren immer noch recht anspruchslosen Leben ganz proletarisches Dasein übrig. Die Freunde, die wir haben, müssen bei den massenhaften Ansprüchen, die jetzt an sie herantreten, mit ihren Hilfsmitteln haushälterisch umgehn, und die reichen Bekannten werden sich hüten, den Förderern des Bolschewismus beizuspringen. Die (Langheinrichs, und leider auch andre) ließen eher noch ansehnliche Summen springen, wenn sie mich damit ganz klein kriegen könnten. Nach Lübeck kann ich mich schon garnicht mehr wenden. Landau sieht ja seinen Ruin ohnehin durch die schreckliche Revolution in greifbarer Nähe. In Berlin ist eines unsrer Häuser bei den Märzkämpfen beschädigt. Er schrieb mirs im Tone bitteren Vorwurfs, als ob ich den Weißen Schrecken dort organisiert hätte. Und jetzt wird er ganz verzweifelt sein. Ein Wolff-Telegramm meldet schwere Unruhen aus Lübeck, verbunden mit argen Plünderungen. Nach der Meldung handelt es sich um reguläre Hungerrevolten. Ob nicht politische Beweggründe die Hauptsache sind? Plünderungen werden ja doch immer zuerst behauptet, um gegen Kommunismus und Freiheitsdrang Stimmung zu machen. „Die organisierten Arbeiter“ sollen den Kampf gegen die Menge führen, während die Sicherheitswehr sich weigere, einzugreifen. Da wird halt Noske kommen müssen. Vielleicht bleibt es ihm vorbehalten, die architektonischen Herrlichkeiten meiner Vaterstadt zu zertrümmern. Die Unruhen dauern fort. Es muß ihnen doch bald ungemütlich werden, den Sozialkapitalisten. Nun haben sie sich auch noch in München bei der Stadtratswahl eine schwere Niederlage zugezogen. Dort sind 16 Unabhängige gewählt gegen 10 Mehrheitler. Ich lege ja auf Wählereien garkeinen Wert. Aber dieser Ausfall ist doch als Stimmungssymptom sehr überraschend. Bislang waren die Unabhängigen meines Wissens überhaupt nicht im Rathaus vertreten, ihre Zeitung steht unter Vorzensur, viele ihrer Genossen sind verhaftet und sitzen auswärts in Gefängnissen, verhindert, ihr Wahlrecht auszuüben. So ist der Erfolg dieser Partei, für die natürlich die meisten Kommunisten ebenfalls votiert haben, ein Beweis dafür, mit welchem Widerwillen der größte Teil der Bevölkerung gegen die gegenwärtigen Machthaber erfüllt ist, die doch allein über den ganzen Beeinflussungsapparat der Agitation verfügt hat. Für ein Glück halte ich den Ausfall der Wahl für die USP garnicht. Sie wird jetzt zeigen wollen, was sie in „positiver Arbeit“ leisten kann und sich in mehr Konzessionen einlassen, als ihr gut sein wird. Man braucht nur das Verhalten des Unabhängigen Blumtritt im Landtag zu verfolgen. Liest man die Reden, die in diesem Gesetzgebungsweiher die Wellen schlagen, dann fällt es wahrhaftig schwer, unter den Karpfen den Hecht herauszufinden. Die Liebknechte sind zu selten, als daß man auf sie die Beteiligung am Parlamentarismus stützen dürfte.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 18. Juni 1919.

Zwei Brote kamen heute an, die ich leider trocken werde essen müssen, da alle guten Dinge, die ich als Aufstrich hatte, gar sind und in diesem Drecknest keine Marmelade und nichts dergleichen aufzutreiben ist. Auf dem Begleitabschnitt schreibt mir Engler, mit dem Datum des 13ten, einige interessierende Mitteilungen. Am meisten Freude erregt mir darunter die, daß Albert R. vom Bodensee geschrieben hat. Er ist also in Sicherheit. Die arme Paula Sack hat man nach 4 Wochen „Schutzhaft“ freigelassen. Verdächtig ist diese bis in die Fingerspitzen unpolitische Person offenbar dadurch gewesen, daß sie in Traunstein war und dort als meine Vertraute und gar Sekretärin galt. Gute Freunde in Traunstein werden wohl denunziert haben, daß wir in höchst intimem Verkehr gestanden hätten. Lieber Himmel! womit habe ich das verdient, daß mein guter Geschmack durch solche Gerüchte so verdächtigt werden muß? Amüsant ist übrigens, daß die Sackin viel eher Grund gegeben hätte, sich der Revolution als der Reaktion in bösen Verdacht zu bringen. Während des Rätekongresses paßte sie mir einmal mit ihrer Freundin auf, um von mir die Möglichkeit zu erlangen, für Frl. A. (die Freundin) einen Besuch bei Eisners Mörder zu erlangen. Offenbar hatte Graf Arco ein Verhältnis mit dem hübschen Mädel, das mir, ebenso wie Frau Sack, versicherte, daß sie garkein Urteil über die Tat habe, aber à tout prix zu ihm wolle. Ich lehnte natürlich jede Vermittlung ab, hätte auch die Gefälligkeit bei gutem Willen nicht leisten können. Aber sowas wird jetzt als Spartakistin 4 Wochen eingesperrt! Brutal und blöde zugleich sind diese Regierungsochsen. Die dritte Mitteilung auf der Paketbegleitadresse betrifft Schollenbruch, dessen Prozeß diese Woche stattfinden soll. Es ist empörend, daß man die Beteiligten an der vierten Revolution alle aburteilt, ehe man uns von der dritten vorgenommen hat. Es beweist, daß sich die Arrangeure der Wahrheit ganz bewußt sind. Wenn von Hochverrat gegen die Trottel um Hoffmann überhaupt irgendwie die Rede sein kann, so haben nur wir ihn begangen und Leviné ist allenfalls wegen des gegen unsre provisorische Räteregierung begangenen "Hochverrats“ erschossen worden. Aber ich werde es den Herren, wenn endlich meine Verhandlung vor sich geht, nicht ersparen, ihnen zu beweisen, daß die Kenntnis der Vorgänge vom 4. bis zum 12. April jede Verurteilung der später in Aktion getretenen Kämpfer wegen Hochverrats hätte verhindern müssen. Deshalb verletzt man sogar die Gesetze des Kriegszustands selbst, wonach die Strafe möglichst unmittelbar der Schuld folgen soll (§ 28 der Vollzugsbestimmungen) und läßt uns monatelang im Untersuchungszuchthaus (eine Einrichtung, die auch erst unter einer rein sozialistischen Regierung möglich geworden ist) sitzen, während alle späteren Delikte vorher abgehandelt werden. Justizpflege im geläuterten Deutschland! Aber der neue bayerische Justizminister Müller-Meiningen, dessen erste Amtshandlung die Verhinderung der Begnadigung Levinés war (denn Herr Endres war dazumal schon in sein neues Ressort hinübergerutscht) und dessen zweite in der Beförderung des Staatsanwalts Hahn, der den Tod Levinés durchgesetzt hat, auf den höchsten Staatsanwaltschaftsposten, der in München zu haben ist, bestand, – dieser Herr hat eben einen Erlaß herausgegeben, wie liberal und demokratisch die Gerechtigkeit unter seiner Ägide sich in Bayern entwickeln soll. In Weimar aber hat der Parteitag sich zwar zum Protest gegen die Ermordung Levinés zu ermannen gewußt, aber die Mißbilligung gegen die sozialdemokratischen Mitglieder des bayerischen Ministeriums ist unter den Tisch gefallen, da die ja unschuldig sein wollen. Daß Herr Hoffmann trotz seiner Abwesenheit der Hauptschuldige ist, hat niemand ihm vorgeworfen. Er wußte doch bei seiner Abreise in die Schweiz, daß der Prozeß stattfinden soll und konnte sich denken, wie er ausginge. Er hätte also sein Veto schon vorher einlegen können. Vor allem hätte er sich nach der Verfassung sogar bei der Abstimmung über den Gegenstand vertreten lassen können. Er hat es nicht getan. Wenn es nun also wahr ist, daß die Herren Segitz, Endres, Schneppenhorst und Haller gegen die Vollstreckung gestimmt haben (wenn sie auch darauf verzichteten, irgendwelchen Druck auf die Bourgeoiskollegen auszuüben), dann hat Herr Hoffmann sich dabei ohne Not der Stimme enthalten. Weimar war Bambergs wert, indem es darüber keinen Laut vernehmen ließ. Vorsorglich haben aber die Herren Toller vor dem Schicksal Levinés zu retten gesucht, denn noch so ein Fall wäre ihnen doch sehr fatal. Aber von Axelrod hat wieder niemand geredet. Das ist ein Russe, – die deutschen Internationalisten werden vielleicht seine Exekution weniger streng beurteilen. Warum übrigens Leviné allein verhandelt wurde, und Axelrod, dessen ganze Tätigkeit mit seiner korrespondierte, und den man viel früher ergriffen hatte, immer noch wie wir auf den Gerichtstermin wartet, ist unerforschlich. Es geht aber alles unter dem Namen Gerechtigkeit. Und dieses Wort spielt in der Presse wieder mal die erste Rolle. Man verlangt Gerechtigkeit gegen Deutschland von der Entente. Am Montag sind die Bedingungen nach der Korrektur endgiltig überreicht worden: 7 Tage Frist, die zugleich den Ablauf des Waffenstillstands in sich schließen. Ja oder nein. Das Bamberger Tagblatt weiß schon, obschon es über den Inhalt der Dokumente noch so gut wie nichts weiß, daß Deutschland darin grob und anmaßend behandelt werde. Die Münchner Neuesten, die noch erst bei der Konjunktur herumschnuppern, ob sie für Annehmen oder Ablehnen sind, teilen Einzelheiten mit, die sehr weites Entgegenkommen der andern Seite verraten, und bei denen ich vor allem die gefährliche Konzession bedaure, daß Deutschland statt 100.000 200.000 Mann Militär halten darf. Während alle andern Bestimmungen Fetzen Papier sind, die mit dem Ausbruch der Weltrevolution zerrissen werden, übt diese sofort ihre Wirkung aus (zumal für den Augenblick sogar 300.000 Mann zugestanden sein sollen) und erlaubt Noske, seinen Volksmord im großen Stil fortzusetzen. Mein ganzer Wunsch ist, daß Ebert fest bleibt und nicht unterzeichnet. In 8 Tagen rücken Fochs Armeen dann über alle Grenzen auf Berlin zu. Dann bekommt die Reichswehr tüchtige Aufgaben gestellt, die Volkswut explodiert, da der äußere Feind den Vergewaltigern die Zeit nimmt, sie zu halten, Ententemilitär wird in Deutschland in die bolschewistische Schule genommen, die Streiks in Frankreich, England und Italien wachsen zu Revolutionen aus, – und dann halte noch wer die Weltbewegung zurück! Bisher haben die Erzberger, Scheidemann und ihr ekler Anhang noch nie eine Dummheit ungemacht gelassen. Aber in diesem Augenblick die Unterzeichnung verweigern setzt ein Maß von Borniertheit voraus, das mich doch noch einen Rückzug fürchten läßt. Ungeheure Entscheidungen stehn bevor, und das Groteske ist, daß sie den kläglichsten Kerls der Weltgeschichte in die Hand gegeben sind.

 

Abends.

Abschrift: „An den Herrn Oberstaatsanwalt beim Oberlandesgericht, Bamberg. Am 11. Juni habe ich an die Staatsanwälte beim Landgericht in Würzburg und beim standrechtlichen Gericht in München gegen den Minister für militärische Angelegenheiten des Volksstaats Bayern Ernst Schneppenhorst Anzeige wegen wissentlichen Meineids erstattet. Von München bin ich bis jetzt ohne Antwort, vermutlich, da nur der Würzburger Staatsanwalt für den Fall zuständig ist. Dieser hat mir unter dem 16. Juni den Bescheid erteilt, daß er meiner Anzeige keine Folge geben werde. Gegen diesen Bescheid des Herrn Ersten Staatsanwalts in Würzburg und der ihm beigegeben Begründung erhebe ich Beschwerde. – Meine Legimitation als Verletzter bei der ablehnenden Entscheidung ergibt sich aus der Tatsache, daß ich meiner Aburteilung nach denselben Paragraphen und aus dem gleichen Anlaß entgegensehe, die dem Prozeß gegen meine Freunde Hagemeister, Sauber und Waibel zugrunde gelegt waren, in dem Schneppenhorst den fraglichen Eid geleistet hat. Die Rolle, die der Militärminister bei den Vorgängen gespielt hat, die zur Anklage gegen mich geführt haben, klarzustellen, ist von entscheidender Wichtigkeit für die Verhandlung, und ich kann nicht dulden, daß Fragen, die in meinem Prozeß an diesen Zeugen zu stellen sind, dadurch schon als beantwortet gelten sollten, daß er sie in Würzburg beschworen hat. Wird sein Würzburger Zeugnis als Meineid aufgedeckt oder auch nur das Verfahren gegen ihn zunächst eingeleitet, so erfährt seine Aussage, – zumal in den Punkten, in denen ihm nach meiner Behauptung der Meineid zur Last fällt, – eine Bewertung, die für den Gang und Ausgang meines Prozesses von entscheidender Wesentlichkeit ist. Mein Interesse an der gründlichen Untersuchung der Anzeige gegen Schneppenhorst ist damit wohl evident. – Meine Beschwerde gegen den Bescheid des Ersten Staatsanwalts stützt sich vor allem darauf, daß darin alle von mir genannten Zeugen und Beweismittel völlig ignoriert werden. Ich hatte hingewiesen auf meine gegen Schneppenhorst und noch 3 andre Regierungsvertreter am 30. April eingereichte Strafanzeige wegen Hochverrats, worin ich das Verhalten des Ministers in den Tagen vor Ausrufung der Räterepublik ausführlich geschildert habe, ferner auf die ergänzenden Mitteilungen dazu, die ich am 3. Juni auf Verlangen des Staatsanwalts beim Standgericht in München folgen ließ und worin ich eine Fülle von Beweismaterial angegeben habe, endlich auf den Bericht der Fränkischen Tagespost vom 8. April über den nordbayerischen Parteitag der SPD, durch den die beeideten Behauptungen Schneppenhorsts widerlegt werden. Auf alle diese Daten geht der Staatsanwalt garnicht ein. – Dagegen beruft er sich auf den Zeugen Rudolf Grön, der Schneppenhorsts Aussagen unter Eid bestätigt habe und auf eine Aeußerung Hagemeisters, wonach ich selbst sowenig davon überzeugt gewesen sei, daß Schneppenhorst Anhänger der Räterepublik sei, daß ich aus Mißtrauen und um ihn zu überwachen nach Nürnberg mitgefahren sei. – Um zuerst die letzte Behauptung richtigzustellen, muß ich annehmen, daß mein Freund Hagemeister sich über den Zweck meiner Nürnberger Fahrt im Irrtum befunden hat. Ich war allerdings zuerst überaus skeptisch gegenüber den Beteuerungen Schneppenhorsts, daß er es ehrlich mit der Räterepublik meine. Sein Schwur jedoch, er setze seinen Kopf zum Pfande, daß er in Nürnberg nur für die Sache der Räterepublik wirken werde, beruhigte auch mich. Meine Reise hatte mit der des Ministers garnichts zu tun, als höchstens, daß auch ich dorthin geschickt war, um in meinen (kommunistischen) Kreisen für die gleiche Sache zu wirken. Durch reinen Zufall fuhr ich mit Schn. im gleichen Abteil, in dem sich übrigens auch Hagemeister und der Minister Simon befand, der bezeugen kann, daß sich unsre Wege bereits am Bahnhof in Nürnberg trennten. Davon, daß ich Schneppenhorst überwacht hätte, ist keine Rede. – Über die Aussage des Zeugen Grön im Prozeß Sauber u. Gen. weiß ich nichts, als was der Staatsanwalt in seiner Antwort auf meine Anzeige mitteilt. Wenn er aber meint, dafür, daß Schneppenhorsts Angabe, er habe sich niemals für die Räterepublik ausgesprochen, wissentlich falsch sein soll, habe „die ganze Hauptverhandlung keine Anhaltspunkte ergeben“, ist auf die Zeitungsberichte hinzuweisen, nach denen sowohl die Angeklagten als auch der als Zeuge vernommene Minister Simon das Gegenteil behauptet haben. Auch in mehreren Münchner Prozessen (gegen Leviné, gegen Klingelhöfer) ist von Angeklagten und von Zeugen meine Behauptung bestätigt worden. – Ich glaube aber Anspruch darauf zu haben, daß der Staatsanwalt, ehe er die Verfolgung der Anzeige ablehnt, erst das ihm von mir bezeichnete Beweismaterial prüft. Ich verweise deshalb wiederholt auf den erwähnten Parteitagsbericht, ferner auf den Artikel „Zweierlei Maß“ von Dr. Philipp Löwenfeld in Nr. 112 der „Neuen Zeitung“ vom 21. Mai 1919 und benenne nunmehr als Zeugen für meine Beschuldigung (wobei ich von allen, die selbst unter Anklage gestellt sind oder waren, ganz absehe), folgende Persönlichkeiten, die durch weitere Namen ergänzt werden können: Dr. Philipp Löwenfeld, Rechtsanwalt, Dürr, ehemals Stadtkommandant, Steimer, ehemals Polizeipräsident, die ehemaligen Minister Simon und Unterleitner, Schiefer, Vorsitzender des Gewerkschaftsvereins, Albert Schmid, stellv. Vorsitzender des Gewerkschaftsvereins, sämtlich in München. Ich sehe für heute davon ab, weitere Zeugen zu nennen, erinnere aber daran, daß Herr Grön, auf den sich der Staatsanwalt beruft, Sekretär desselben Ministers Segitz ist und damals schon war, den ich in meine Anzeige nach § 81, 85, 86 St. G in Verbindung mit Art III b. Kriegszustandsges. mit einbezogen habe, eine Anzeige, auf die die Entscheidung noch aussteht. Da Herr Grön alle Wandlungen hinüber und herüber ebenfalls mitgemacht hat (er war es, der meinen Freund Dr. Wadler zur Beteiligung an dem angeblichen Hochverrat erst ermunterte), so würde sich eine Gedächtnistrübung bei ihm während einer so heiklen Zeugnisablegung wohl begreifen lassen. – Tatsache ist, daß wegen Hochverrats bis jetzt nur gegen Nichtmitglieder der sozialdemokratischen Mehrheitspartei eingeschritten worden ist, obwohl an dem Unternehmen von 4. – 6. April eine große Anzahl von Mitgliedern auch dieser Partei beteiligt waren. Ich würde es bedauern, wenn der Eindruck entstünde, als ob in der Republik Bayern auch schwerer Kriminalreate bezichtigte Anhänger dieser Partei vorsichtiger angefaßt würden, als politisch anders orientierte Staatsbürger. – Ich ersuche daher, meiner Beschwerde stattzugeben, das von mir angegebene Beweismaterial nachzuprüfen, gegen den Ernst Schneppenhorst das Strafverfahren wegen Meineids einzuleiten, ihn wegen Fluchtgefahr und wegen der leider bereits reichlich benutzten Verdunkelungsgelegenheit zu verhaften und zu verhindern, daß die von Schneppenhorst gegen andre Personen, die meine Behauptungen von sich aus aufgestellt haben, angestrengten Beleidigungsprozesse ausgetragen werden, ehe nicht Klarheit über seine eidlichen Aussagen im Sauber-Prozeß geschaffen ist.

Zuchthaus Ebrach, d. 18. Juni 1919.     Erich Mühsam, Schriftsteller.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 19. Juni 1919.

Fronleichnam. Infolgedessen, da man an Feiertagen später aufsteht, Verzögerung aller Beschäftigungen. Auch die Eintragung ins Tagebuch erfolgt daher erst spät nach dem Mittagessen, zumal ich inzwischen noch einen wichtigen Brief an Zenzl geschrieben habe. Von ihr kam heute ein sehr trauriges Schreiben an, das mich heftig bewegt. Sie will von München fort, ins Ausland, entweder zu den Freunden in der Schweiz oder nach Dänemark zu Nexö. Sie hat kein Heim mehr – alle die Sachen, die sie gepflegt hat, mit eigner Hand sauber und heil gehalten – alles ist gestohlen, unsre Wohnung kann nicht mehr werden, was sie war. Wann ich frei werde – wer will das voraussehn? So habe ich kein Recht, die arme Frau zurückzuhalten. Ob unsre Ehe je wieder hergestellt werden wird? Mein Gott, wenn es glückliche Ehen gibt – diese war eine. Aber auch dieser Anker meines Seins löst sich. Dabei ist die Existenz wirtschaftlich in ein Stadium getreten, das schleunige Abhilfe nötig macht. Ich muß versuchen, bei meinem Bruder auf irgendwelche Art Hilfe für Zenzl zu erlangen. Hätte ich meine im Kriege geschriebenen Tagebücher, – es wäre eine Kleinigkeit, daraus ein Buch zusammenzustellen, das außerordentlich wertvolles Material brächte. Hätte ich mein kleines Notizbuch mit den Versen seit 1914! Aber das scheint endgiltig verloren zu sein. Mir ist dieser Gedanke entsetzlich. Zenzl will zur Polizei gehn und versuchen, es frei zu bekommen. Meine Hoffnung ist schwach. – Ich habe ihr jetzt geraten, sie soll meine Schreibmaschine, die der Hauswirt vor den Weißgardisten in Sicherheit gebracht hatte, verkaufen. Ich hoffe, daß der Erlös einen Monat weiterhilft. Inzwischen findet sich dann schon wieder etwas. Zu all den Nerventorturen noch die Sorgen um die nackte Existenz Zenzls ist zuviel. – Gestern kam Herr Wirthmann zu mir mit der Copie der Antwort des Würzburger Staatsanwalts auf meine Meineidsanzeige gegen Schneppenhorst. Ich schrieb gleich die Beschwerde und übertrug sie ins Tagebuch. Dann kam die Anfrage der Münchner USP, ob ich schon einen Anwalt hätte. Die Partei scheint die anständige Absicht zu haben, die Verteidigung an uns allen, gleichviel ob wir ihre Mitglieder sind oder nicht auf ihr Risiko zu nehmen. Nach Zenzls Brief scheint sie jetzt Bandorf und Löwenfeld die Verteidigung übertragen zu haben. Ich habe die Partei an Zenzl verwiesen. Wegen der Verschleppung der Verhandlung will ich mich an Radbruch wenden. Vielleicht setzt er seinen Einfluß in Juristenkreisen ein, um so eklatante Rechtswidrigkeiten abzustellen. – Killer erzählte mir gestern auf dem Hof (wo neuerdings das Sprechverbot sehr lax überwacht wird, wie Herr Wirthmann überhaupt das Bestreben an den Tag legt, unter Wahrung der Form ein Auge zuzudrücken, wo es möglich ist), daß er Besuch gehabt hätte von einem seiner Freunde, einem Mitglied des Soldatenrats, der zufällig hier in der Nähe zu tun hatte. Er erzählte allerlei aus den Tagen der Räterepublik nach unsrer Festsetzung. Ich glaube zwar, daß der Mann manches übertrieben hat, bezweifle aber kaum, daß Wahres dabei ist. Unter Egelhofers Herrschaft soll ein unglaublich lotterhaftes Leben in der Stadtkommandantur, wüste Hurereien und Saufgelage, an der Tagesordnung gewesen sein. Die Verängstigung der Bourgeoisie soll mit allen Mitteln der Denunziation gefördert sein etc. (Hofpause). ... Ich will mich nicht von neuem mit den Zuständen während der Kommunistenherrschaft beschäftigen. Es wird wohl richtig sein, daß da manches nicht in Ordnung war, wie das bei einer Parteiherrschaft ja nicht anders sein kann. Soviel weiß ich, daß ich meinen Leidensgenossen hier zum guten Teil meine Meinung schon beigebracht habe, daß die Einigung des Proletariats nur durch die Sprengung aller Parteien, aber nur auf dem Boden des Kommunismus möglich ist. Mein Weg im Anfang der Revolution war der richtige: Vereinigung aller Revolutionäre, die internationalistisch, kommunistisch und für die Räterepublik sind ohne Parteiprogramm, ohne Bibel, ohne Bonzen ... Die Antwort der Entente liegt jetzt zum Teil im Wortlaut vor. Das sogenannte Manteldokument, das die allgemeinen Prinzipien enthält, führt den Deutschen in sehr klarer und durchaus würdiger Sprache ihre Sünden vor. Die Aufnahme dieses Schriftstücks, das ein wirklicher Patriot nur mit heißem Erröten über die Verbrechen lesen könnte, die das deutsche Regime verübt hat, beweist wie berechtigt noch immer das Mißtrauen ist, mit dem auch die Revolution selbst beurteilt ist. Wie beschämend richtig sind leider diese Sätze: „Die deutsche Revolution wurde aufgeschoben, bis die deutschen Armeen im Felde geschlagen waren, bis jede Hoffnung, aus dem Eroberungskrieg Gewinn zu ziehn, dahingeschwunden war. Während des Kriegs wie auch vorher hat das deutsche Volk und seine Vertreter, die diesem Kriege günstig gesinnt waren, Kredite bewilligt und Kriegsanleihe gezeichnet, den Befehlen ihrer Regierung gehorcht, so grausam sie sein mochten, und sie teilen die Verantwortung der Politik ihrer Regierung, die sie in jedem Augenblick, wenn sie gewollt hätten, hätten stürzen können. Wenn diese Politik der deutschen Regierung erfolgreich gewesen wäre, so hätte sie das deutsche Volk mit ebensoviel Begeisterung begrüßt, wie es den Ausbruch des Kriegs begrüßte. Das deutsche Volk kann daher nicht verlangen, daß es, weil seine Regierung gewechselt hat, nachdem der Krieg verloren war, der Folgen seiner Kriegshandlungen ledig sei“. Vollständig richtige Gedanken, und solange sowohl die siegreichen wie die besiegten Länder auf kapitalistischen Grundsätzen aufgebaut sind, sind auch die Folgerungen, daß das deutsche Volk zahlen und arbeiten muß für die Völker, die seine Kriegstreiber zahlen und arbeiten lassen wollten, absolut richtig. Das Geplärr der Mitschuldigen ist im höchsten Maße würdelos und ekelhaft. Den Frieden können wir bringen, deren Hände sauber geblieben sind im Kriege, und wir werden den Frieden bringen, wenn unsre Zeit reif ist. Möchten die Esel von Weimar nur nicht unterschreiben! Sonst dauert die Entwicklung Jahre länger. Und möchten sie um des Himmels willen nicht jetzt die Unabhängigen zur Regierung lassen, damit die die Unterschrift auf ihre Kappe nähmen. Der durch die unglaubliche aber wahre Edenhotel-Geschichte schwer kompromittierte Barth ebenso wie der vorsichtige Haase (Dittmann hat vor kurzer Zeit einer unheilbaren Krankheit wegen Selbstmord begangen) würden nach vollzogener Kapitulation nach allen Seiten kompromisseln, sie würden den Scheidemännern zum 10ten Male wieder den kleinen Finger hinstrecken und ihnen Hand und Leib und Land und Volk überlassen, und es wäre nichts besser, sondern noch schlimmer, als wenn das feige Gesindel selbst unterschriebe. Denn sie könnten die Wut über die Folgen dann von sich ab auf die lenken, die dank ihrer Schlappheit ohnehin die Prügelknaben aller Richtungen sind. – Ein neues Symptom der gegenrevolutionären Unverfrorenheit ist zu verzeichnen. Radek ist seit langem in einem Berliner Zellengefängnis eingesperrt. Seine Überwachung obliegt anscheinend Soldaten. Im Ledebourprozeß (der nun seinem Ende zugeht, und der einen Schulfall parteiisch geleiteter Gerichtsverhandlung bietet) wurde mitgeteilt, daß während Radeks Rundgang im Gefängnishof von den umliegenden Kasernen aus auf ihn Schüsse abgegeben worden seien, ohne ihn zu treffen. Wilhelm II., Ludendorff und ihre Mitschuldigen waren während des ganzen Kriegs ihres Lebens sicher. Die Herren Noske, Heine, Scheidemann, Landsberg, Schneppenhorst, Hoffmann brauchen Attentate kaum zu fürchten. Die Anschläge auf Revolutionäre während dieses Kriegs aber sind nicht zu zählen. Die verlogenen Banditen aber, die das Volk heute noch zu repräsentieren behaupten, berufen sich scheinheilig auf die Revolution, die sie nicht gemacht, aber ausgenutzt haben, um die Wandlung Deutschlands denen zu beweisen, die sie noch einmal, wenn sie könnten, vor die Flinten nehmen möchten. Man sollte ihnen bei jeder derartigen Aeußerung mit 4 L antworten: Liebknecht, Luxemburg, Landauer, Leviné.

 

Zuchthaus Ebrach, Freitag, d. 20. Juni 1919.

Wieder komme ich erst mit starker Verspätung zur Eintragung (es ist gegen 12 Uhr mittag). Heute früh war Herr Medizinalrat Kolb bei mir, der sich wochenlang nicht mehr gezeigt hatte. Ich konnte ihm in einigen kurzen Andeutungen die Vorzüge des Rätesystems vor dem der gültigen „Demokratie“ klarmachen. Schade, daß der Mann nicht häufiger kommt. Es ist schon so: der Irrenarzt ersetzt einem ein wenig den Beichtvater in der gegenwärtigen Situation. Nachher durfte ich ein Bad nehmen. Eine wirkliche Erfrischung, wenn auch bei der drückenden sommerlichen Temperatur ein Schwimmbad wohler getan hätte als das im heißen Wannenwasser. – Einige persönliche Daten: Mein Gewicht, das vor 3 – 4 Tagen wieder festgestellt wurde, hatte sich wieder um ein halbes Kilo erhöht. Mir fehlen noch 11 Pfund, bis ich meine ursprünglichen 63 Kilo erreicht haben werde. Ein Toter ist leider anzumerken, dessen Ende der Freund Killers berichtet hat: der junge Reichert, der kleine Soldat mit der krächzenden überschrienen Stimme ist in den Kampftagen von Weißgardisten, wahrscheinlich bei der Verhaftung oder auf dem Transport, mit dem Gewehrkolben totgeschlagen worden. Ein netter fanatischer Mensch, dessen Reden immer famos anfingen, sich aber ins Quatschen verloren. Er hat sich dadurch, daß er nie ein Ende finden konnte, um jede Wirkungen gebracht. Alle als Redner und Organisatoren bekannte Persönlichkeiten, gleichviel ob sie sich an der Kommunistenrepublik durch ein Amt oder eine Handlung hervorgetan haben, sind, soweit man ihrer vor dem Mord am Karolinenplatz habhaft wurde, ermordet worden. Es steht mir ganz fest, daß eine Liste mit den Namen derer, die irgendwie umzubringen seien, den Offizieren vorher ausgehändigt war und daß ganz methodisch verfahren wurde. Rädelsführer-Listen wurden schon unter Eisner geführt, das zeigte sich an jenem 10. Januar, als wir 12 Personen (Levien, ich, Sontheimer, Fister, Hilde Kramer, Reichel, Mairgünther, Merl, Sandtner, Frisch und noch 2 Genossen, die mir jetzt nicht einfallen) auf persönliche Anordnung Eisners (der den mit den Paragraphen des Landfriedensbruchs begründeten Haftbefehl persönlich unterschrieben hatte) nach Stadelheim gebracht wurden. Damals ist Egelhofer von außen am Ministerium des Aeußeren hochgeklettert und so wurde unsre Befreiung erwirkt. Aber schon damals war die Stimmung, in der 5 Tage später die Morde an Liebknecht und Luxemburg verübt wurden, auch in München schon im Keim vorhanden. Als wir das Gefängnis verließen, wurden wir beschimpft und ich persönlich von einem Mitglied der republikanischen Schutztruppe mit dem Kolben gestoßen, die arme Hilde Kramer aber mußte durch die viehischsten Anpöbelungen, bei denen das Wort Hure die ordinärsten Variationen hören ließ, Spießruten laufen. – Nun lese ich heute in den Münchner Neuesten Nachrichten zwei Namen von denen, die damals mit verhaftet waren; Fister habe sich den Behörden gestellt, und Merl werde noch verfolgt. Demnach scheint die Mitteilung Zenzls, Merl sei standrechtlich erschossen, nicht zu stimmen. Fisters Kapitulation nimmt mich aber wunder. Warum wurde er überhaupt verfolgt? Er war wochenlang vor der Aprilumwälzung von München fortgegangen. In der Zeitung wird ihm vorgeworfen, er habe einmal einen Aufruf im „Kain“ mitunterzeichnet. Das war im Dezember. Sind wir also schon so weit, daß die Hochverräter bis einen Monat nach der Novemberrevolution zurück prozessiert werden? Dann werde ich ein hübsches Strafregister vor den Standrichtern verantworten müssen. Aber das wäre mir schon recht. Dann verlange ich – und die stramm royalistischen Offiziere, die mit zu urteilen haben, werden gewiß alles Verständnis dafür haben, daß sie gleich auch die November-Revolution selbst judizieren, die allein ich als ein Verbrechen gegen den § 81 des Strafgesetzbuchs anerkennen kann. Herr Hoffmann wird dann aber wohl oder übel ebenfalls als Hochverräter angesehn werden müssen, denn er ließ sich am 9. November gern in den Ministersessel drücken, von dem aus er jetzt gegen die, die ihm den Posten eroberten, mit der Gewalt von Waffen und Paragraphen den Vernichtungskampf dirigiert. – Fisters Selbststellung aber gefällt mir nicht. Ich hatte ihn immer recht gern, aber Kameraden, die ihn länger kannten, haben ihn verschiedentlich als unzuverlässig bezeichnet. Was hat er in München zu suchen? Die Geschichte übersehe ich nicht. – Sonst enthält des Blatt zumeist Flennereien über die Friedensbedingungen, dagegen einen bezeichnenden Vorgang aus Weimar. Dort haben sich Militärgefangene aus dem Gefängnis befreit, sich Waffen verschafft und sind zum Angriff vorgegangen. Es hat Kämpfe mit den Regierungstruppen gegeben, die anscheinend Sieger geblieben sind. Aber ob es den in der geweihten Musenstadt versammelten Lenkern des deutschen Schicksals nicht doch allmählich graut? Ich glaube, manchen Landesvater Scheidemannscher Färbung kitzeln die Bajonette, auf denen sie sichs bequem gemacht haben, unter dem Popo. Vielleicht dringen sie ihnen in die Därme, ehe wir selbst es gehofft hatten.

 

Zuchthaus Ebrach, Sonnabend, d. 21. Juni 1919.

Nachmittag. Drei Briefe waren zu beantworten: Zenzl schreibt sehr melancholisch, aber unendlich lieb. Sie fühlt sich heimatlos und fürchtet, sie werde eine Stellung, vielleicht als Hotelköchin, annehmen müssen. Die Geldsorgen scheinen indessen behoben zu sein. Von Landau kam eine Karte, worin er versichert, man werde Zenzl nicht im Stich lassen und er weise zunächst mal eine Summe bei der Bank an. Wie hoch, schreibt er nicht. Dr. Ph. Loewenfeld teilt mir mit, daß er alle Schritte getan habe, um Schadenersatz zu erzielen. Ich habe eine Vollmacht für ihn unterzeichnet. Nach der Aufstellung ist unser Schade auf 14 000 Mark taxiert. Eine stattliche Summe – und doch wird es schwer halten, dafür alles was an Bedarf zum Kleiden und Gebrauch nötig ist, neu anzuschaffen. Außerdem fürchte ich lange Umstände mit der Militärbehörde. Abwarten. – Genug des Persönlichen. Das Allgemeine ist heute interessanter. Die Reichsregierung hat demissioniert. Das klingt großartig, ist es aber kaum. Schon werden anstelle von Scheidemann und Erzberger David und Noske genannt. Gehupft wie gesprungen. Es handelt sich natürlich um die Unterzeichnung des Versailler Ultimatums. Einem Teil der Sozi ist das Herz schon in die Hosen gefallen. So plädiert der Vorwärts jetzt für Ja. Aber die Ultramontanen sind auf einen ganz gescheiten Ausweg verfallen. Sie wollen jetzt noch einen Mittelweg einschlagen. Alles annehmen mit drei Einschränkungen: 1.) das Schuldgeständnis verweigern 2.) die verlangte Auslieferung der schuldigen Heer- und Volksführer verweigern 3) die Unerfüllbarkeit der eingegangnen Verpflichtungen betonen. Es wäre grotesk, wenn sich die Heupferde in Weimar auf dies Kompromiß einigten. Und die Demokraten (die ihrem einzigen fähigen Kopf, dem Baron Richthofen, der für bedingungslose Unterwerfung ist, nahegelegt haben, aus der Partei auszutreten) scheinen schon geneigt, dem Zentrum nachzugeben. Daß [sich] die Sozialdemokraten, wo sich ihnen eine Halbheit weist, sie nicht begehn sollten, halte ich für ausgeschlossen. Der Montag, an dem die Entscheidung überreicht werden soll, wird also das arme Volk, das sich immer noch so naiv anlügen läßt, wie vor 5 Jahren, vor neue Wartequalen stellen, die allerdings nicht lange dauern werden. Ob die Klerikalen wirklich so hirnverbrannt sind, daß sie an die Möglichkeit glauben, die Alliierten werden auf ihre Albernheit eingehn, kann ich nicht entscheiden. Vielleicht ist ihr Vorschlag die Einleitung einer konterrevolutionären Aktion. Vielleicht denken sie: rückt nach soviel Zugeständnissen das Ententemilitär ein, dann wird mit dem Apparat der Pressehetze eine Stimmung herzustellen sein, die die Massen ganz wieder in die Hände ihrer bewährten Helden von 1914 zurückführt. | Leider ist in Versailles bei der Abfahrt der deutschen Delegation nicht alles ganz korrekt verlaufen. Chauvinistischer Pöbel hat mit Steinen geschmissen. Clemenceau hat sich entschuldigt, aber Schmock wird schon eine Schandaktion draus machen, die sich gewaschen hat. Natürlich ist das Kompromiß unannehmbar für die Entente. Eher noch könnte sie sich auf einen Abstrich in den wirtschaftlichen Forderungen einlassen als daß sie in den moralischen mit sich handeln ließe. Die Schuldfrage ist die Kardinalfrage im ganzen Handel. Aus der Schuldzumessung an Deutschland leitet das Dokument alle Ansprüche ab, es würde also den Sockel entfernen, auf dem das Gebilde steht. Die zweite Weigerung ist eine haarsträubende Unverschämtheit, die zynische Solidaritätskundgebung für die Hauptverbrecher. Sie wollen also die „Versklavung“, von der sie immer wimmern, auf sich nehmen (sie, die Unterzeichner, selbst werden in ihrer gewohnten Arbeit, Kupons zu schneiden, Störungen ja kaum zu fürchten haben), sie wollen im Osten und Westen die „deutschen Brüder“, die so liebend gern bei Deutschland blieben, preisgeben, sie wollen die Schifffahrt und den Handel opfern, alles – alles, wenn sie nur ihren Tirpitz und ihren Ludendorff in Sicherheit wissen. Es ist grotesk. Und die dritte Einschränkung gibt den andern an Dummdreistigkeit wenig nach: Wir erklären, in dem wir diesen Vertrag unterschreiben, ihn nach gut deutscher Art im vorhinein als Fetzen Papier. Die Friedensdelegation unter Brockdorf-Rantzau hat ihrerseits den Vertrag als absolut unannehmbar befunden, und Ebert mit seinem lyrischen „Komme was kommen mag“ wird schwerlich zurückkönnen. Ich sehe deutlich kommen, „was kommen mag“: ein alldeutscher Versuch, mit einem Verzweiflungsschlage die Macht von früher wieder aufzurichten, der entweder für einige Zeit, die wohl nur nach Wochen, höchstens Monaten bemessen ist, gelingt: dann gibt es zunächst ein mörderisches Blutbad, dem der Zusammenbruch in der Form, daß die „Volkswehr“ rebellisch wird, bald folgen muß – oder er mißlingt gleich, dann rutscht das ganze System Noske-Scheidemann mit in den Abgrund, und die Bahn für die proletarische Revolution ist frei. Wird der Vertrag unterzeichnet, so ist der vaterländische Putsch natürlich viel gefährlicher. Die Volksverhetzung hat ihr Stichwort: Verelendung, Entehrung etc. und das Ausland bleibt neutral. Wird aber die Unterschrift verweigert oder gar mit dem grotesken Kompromißvorschlag angeboten, dann wird erstens die weiße Garde beschäftigt und zum guten Teil von Franzosen, Engländern, Tschechen und Polen entwaffnet und zweitens ist die Spaltung der Meinungen auch in nationalen Kreisen da, denn die neue Blockade und der neue Krieg wirkt deprimierend auch auf die, die noch nicht bis zum dritten Tage in die Zukunft überlegen können. Die nachträgliche Unterzeichnung aber, die ja doch erzwungen wird, hat den Agitationsstoff nicht mehr in sich. So flehe ich zu meinem Herrgott: behüte diese Idioten vor einem lichten Augenblick! Lass sie Nein! sagen!

 

Zuchthaus Ebrach, Sonntag, d. 22. Juni 1919.

Dösige Ratlosigkeit illuminiert die Geister derer, die Deutschlands Schicksale meistern. Ebert soll ein Kabinett machen und das Volk der Dichter und Denker kann keinen Kopf finden. In David, dem Advokaten unsrer Unschuld in Stockholm, glaubte man den Helden gefunden zu haben, der Germania über den Abgrund führen könnte. David aber hat Harfe und Schleuder weggeschmissen, er glaubt, wenn er seinen Namen unter ein Schriftstück setzt, einen Goliathkampf ausfechten zu müssen und schützt geschwächte Gesundheit vor. Soweit sind sie ja nun, daß sie aus der Patsche herausmöchten: auf Charakter wird nicht mehr gesehn, blos noch auf Mut. Wie sag ichs meinem alldeutschen Kinde? – das ist das Problem. Alle haben sie ihr Niemals! geschmettert, wenn die nationalen Handlungsgehilfen die Wilhelmstraße mit völkischem Gebrüll belebten, und nun sitzt ihnen das Messer an der Gurgel. Die ganz starken Männer des Landes, Erzberger und Noske, sind ja für Unterzeichnen. Aber selbst die harmlosen M. N. N., die sich den Stoß gegeben haben zu versichern: Mut! Mut! Widerstand wäre nutzlos, also unterschreiben! – finden, daß Herr Erzberger doch eigentlich wohl etwas kompromittiert sei, und daß Noske – unbeschadet seiner Verdienste – doch an Prestige verloren hat. In Weimar soll neuerdings eine Mehrheit für die Annahme sein, aber wer weiß es genau? Die Knalldeutschen, trotz aller Wahlen, trotz aller Revolution, trotz aller Neuorientierung immer noch die Mächtigen des Landes, kommandieren: Nein!! Was wird daraus werden? Ich hoffe immer noch, daß die Angst vor ihnen die vor der Entente schließlich doch noch bezwingen wird, aber ich fürchte allmählich, es wird anders kommen. Man wird zu dem Entschluß kommen, zwar zu unterzeichnen, dabei aber eine Erklärung zu produzieren, die mit dem üblichen Gemisch von Feigheit und Anmaßung den Weltekel gegen alles, was in Deutschland offiziell geschieht, neu belebt und die sogenannten Ehrenpunkte, die das Zentrum herausnehmen wollte, zur Bekräftigung der „revolutionären“ Solidarität mit den Kriegstreibern von 1914 dienen läßt. Ich will mich aber nicht wundern, wenn zwischen heute und morgen in Berlin ein Putsch patriotisch entflammter Offiziere eine ganz neue Situation schafft. Der würde die Scheidemänner allen Dilemmen plötzlich entreißen und in Wahrheit nur insofern etwas ändern, als er die, die Gewalthaber sind, auch wieder als Träger der Verantwortung einsetzte. Ja, es geht ihnen bös augenblicklich, unsern Revolutionsagenten. Über den Rhein ziehn ungeheure Truppenmassen, um morgen gleich, wenn nicht pariert wird, ins unbesetzte Gebiet neuen Krieg hineinzutragen. Die englische Flotte sammelt sich zu neuer Blockadetätigkeit, und zugleich ist dem eignen Volk die Einsicht nicht beizubringen, daß sichs nie herrlicher gelebt hat als unter der Zucht der „Sozialisten“. Sogar in Weimar selbst spürt mans. Die Eisenbahner streiken und die bayerischen Minister vom „Staatenausschuß“ (eine Schöpfung der neuen Freiheit) können nicht zurück nach Bamberg. Man hat vorläufig das Mandat des Dr. Ewinger (das ist der Pollux zum Castor Schneppenhorst) als Kommissar, recte Diktator Südbayerns erneuert. Hoffmann und seine Hoffnachbarn trauen sich also zunächst nicht nach München zurück. Auch wird heute die Bevölkerung ausdrücklich durch die Mitteilung beruhigt, daß von München keinerlei Truppen wegkommen. Denn Ruhe und Ordnung könne nur durch die Gesamtheit der Weißgardisten aufrecht erhalten werden, denen die Stadt ihre Befreiung verdankt. Das Volk ist die oberste Gewalt, heißt es in der bayerischen provisorischen Verfassung. Unter Volk scheint man in Weimar merkwürdige Dinge zu verstehn. Ich vermute, daß die dauernde Berufung der Regierung Hoffmann, sie sei der rechtmäßige Ausdruck des Volkswillens, auf einem Irrtum in der Wortbetonung beruht. Sie ist der recht mäßige Ausdruck des Volkswillens.

 

Zuchthaus Ebrach, Montag, d. 23. Juni 1919.

Zwei Pakete auf einmal: von Zenzl, bzw. ihren ländlichen Verwandten, kamen 2 Weißbrote und 1 Pfund Speck, ferner eine Tube Biox (ich weiß mich vor Brot nicht mehr zu retten und werde eine große Verteilung unter den Kameraden arrangieren lassen, die auch von dem Kuchen abhaben sollen, der zugleich von Mila kam. In deren Paket fand sich eine große Dose Marmelade, Briefpapier mit 20 Kuverts (die leider mit Marmelade durchtränkt und also unbrauchbar eintrafen[)], Tabak und Zigarren. Nun bin ich wieder mit allem zum Leben wichtigen versehn und kann den Dingen, die da kommen, leichteren Herzens entgegensehn. Was besonders Speck und Brotaufstrich bedeuten, kann nur ermessen, wer derlei Herrlichkeiten lange entbehren mußte. Für heute habe ich Arbeit genug bekommen. Denn es traf auch ein Brief ein von meinem Verteidiger Dr. Bandorf, der „eine möglichst ausführliche Schilderung meiner ganzen politischen Tätigkeit“ und Benennung von Zeugen verlangt. Also eine ganze Autobiographie. Ich werde sie aber kurz fassen und ihm lieber mitteilen, was in den kritischen Tagen meines „Hochverrats“ meine Rolle war. Ob die Verhandlung bald steigen wird? Auf dem Hof munkelt man allerlei (seit heute dürfen wir zwei Stunden täglich an die Luft, morgens und nachmittags je eine). Baison ist seit gestern frei. Wadler träumt nun auch schon von Niederschlagung des Prozesses, woran ich garnicht denke. Mir beweist die Tatsache, daß man vor uns alle Beteiligten an der kommunistischen Revolution aburteilte, daß man uns, mindestens die „Rädelsführer“ dann vornehmen will, wenn unsre Verhandlung unsern Nachfolgern nichts mehr nützt. Wenn von Hochverrat gegen die Hoffmänner überhaupt die Rede sein kann, haben natürlich wir ihn begangen, und nicht etwa Leviné und seine Gefolgschaft. Wenn wir frei werden, so vielleicht dadurch, daß ein Putsch von rechts her mißglückt. Die Scheinsozialisten in Berlin, Bamberg etc. könnten sich dann keinen Tag länger halten, und unsre Befreiung ist das Werk der revolutionären Masse. Das ist eine Hoffnung, die immerhin ihre Stütze in dem Wirrsal der gegenwärtigen Konstellation hat. Heute abend muß das Friedensinstrument unterzeichnet sein oder der Waffenstillstand ist abgelaufen. Bis jetzt weiß man aber noch nicht, wie sich die Helden von Weimar entschlossen haben. In den Münchner Neuesten von Samstag abend war noch kein Bild davon zu sehn, wie nach Scheidemanns Rücktritt sich die neue Reichsregierung ausnehmen wird, und ein Bericht über die Aussichten der Weimarer Zangengeburt widerstreitet dem andern. Morgen wird die Welt, übermorgen werden auch wir hier im Zuchthaus mehr wissen. Jedenfalls sind die Kriegshetzer an eifriger Arbeit. Otto Ernst schmettert ins Revanchehorn und will sein Volk heroisch untergehn sehn, vorausgesetzt, daß ihm persönlich nichts passiert, und der Angriffskrieg gegen Polen wird ganz offen vorbereitet – sogar „Jahrgänge“ (ich glaube 15 auf einmal) werden dazu „aufgerufen“, heißt natürlich: die allgemeine Wehrpflicht wird von Generälen und Regierungsräten eigenmächtig wieder eingeführt. Wie immer, wenn es reaktionäre Kastanien aus dem Feuer der Revolution zu holen gilt, findet sich ein „Sozialist“ dazu bereit. Diesmal Herr August Winnig, der Reichskommissar für Ostpreußen (ehedem Gewerkschaftssekretär), der sich diesen Aufruf leistet: „Die jetzige Regierung wird einen Frieden, der den Osten preisgibt, niemals unterzeichnen. Die Regierung ist entschlossen, einen polnischen Einmarsch in die strittigen Gebiete des Ostens mit den Waffen in der Hand abzuwehren, ganz gleich, ob dieser Einmarsch noch vor dem Abbruch der Friedensverhandlungen gewagt werden sollte, oder ob er erfolgen sollte, nachdem die Verhandlungen zum Abbruch gekommen sind. Ich füge hinzu: Auch wenn diese Regierung infolge ihrer Ablehnung des Gewaltfriedens durch eine anders wollende Minderheit gestürzt und durch Leute ersetzt würde, die zur Unterzeichnung des Gewaltfriedens bereit wären, werden wir uns im Osten einer solchen Entscheidung nicht beugen. Sollte es uns nicht möglich sein, durch unsern Widerstand das Reich zu retten, so retten wir doch die Provinzen, und versagt uns das Schicksal selbst dies, so retten wir das letzte und höchste, das ein Volk zu verteidigen hat: die deutsche Ehre!“ Das ist das Seelenbekenntnis eines internationalen Sozialisten! Der Jargon der wildesten Vaterlandsparteiler ist erreicht. Und wozu die Übung? Um die deutsche Ehre zu retten, d. h. um mobil zu machen für die Gegenrevolution. Herr Winnig ist nichts andres als der Schrittmacher Wilhelms zur Wiederbesteigung seines Throns. Ich bin überzeugt, daß Hohenzollern, Wittelsbacher, Wettiner und tutti quanti schon ihre Koffer zur Rückreise packen. Sie haben allen Grund, hoffnungsvoll zu sein. Ihnen zuliebe haben sich die Offiziere und Beamten dazu hergegeben, für Ruhe und Ordnung zu kämpfen, d. h. den Scheide- und Hoffleuten ihre dürftige Existenz vorläufig zu festigen. Die Münchner Bartholomäusnacht in den ersten Maitagen wurde ihretwegen veranstaltet, ihnen zu liebe wird ein neuer Weltkrieg – und diesmal auf deutschem Boden – inszeniert. Der künftige Geschichtsschreiber braucht nur zu seiner Orientierung zwei Tageszeitungen dieser holden Gegenwart zu sammeln, eine Alldeutsche – deren Dienste jedes Provinzblättchen verrichtet – und eine revolutionäre, wozu schon eine U-S-P-Zeitung genügt. Und doch: der Revolution tuts keinen Abbruch, – nur muß sie ihren Weg dieser schamlosen Bande wegen durch Ströme von Blut gehn. Und die Besten haben ihres schon hergegeben.

 

Nachmittag.

Bandorfs Anfragen wollte ich zuerst eingehend beantworten. Ich habs mir aber, nachdem ich ein halbes Curriculum vitae zu Papier gebracht hatte (das ich immerhin dem Tagebuch beilegen will), anders überlegt und den folgenden Schrieb an den Anwalt hergestellt: „Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt! Ihr Schreiben vom 20.Juni ging mir heute zu. Aus seinem Inhalt muß ich schließen, daß Sie, als es abging, noch nicht im Besitz meines Briefes vom 13ten waren. Eine Eingabe an den Justizminister hat zwar die Wirkung gehabt, an mich gerichtete Korrespondenzen neuerdings in 3 – 4 Tagen zu befördern, dagegen scheint in der Expedition der von mir ausgehenden Sendungen immer noch die ärgerlichste Säumigkeit zu herrschen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihren Einfluß dahin geltend machen möchten, daß die Verbindung zwischen mir und der Außenwelt endlich besser werde. – Die Beantwortung Ihrer Frage nach meiner gesamten politischen Tätigkeit kann und will ich einem Brief, der die anklagende Staatsanwaltschaft passiert, keinesfalls anvertrauen. Nicht, daß ich irgend etwas zu verbergen hätte. Im Gegenteil: mir liegt alles an der restlosen Aufklärung aller Vorgänge, die zu der Hochverratsanklage gegen mich und zu den fernern Vorgängen geführt haben. Bis jetzt bin ich jedoch noch garnicht darüber aufgeklärt, welche bestimmten Anschuldigungen die Staatsanwaltschaft eigentlich gegen mich erhebt. Ich sehe keine Veranlassung, ein Schreiben durch die Hände des Staatsanwalts passieren zu lassen, aus dem er vielleicht erst Material schöpft, das ihm zur Konstruktion einer Anklage helfen möchte. Zu verschleiern und zu beschönigen habe ich garnichts. Ich stehe mit Freude ein für alles, was ich getan habe. Aber das alles ist so öffentlich geschehn, daß der Staatsanwalt zweifellos jedes Detail, das eine Anklage wegen Hochverrats stützen könnte, längst den Akten einverleibt haben wird. Auch Zeugen kann ich schriftlich nicht eher benennen, als ich nicht die Unterlagen der Anschuldigung kenne. Vielleicht genügt vorläufig der Hinweis auf den Artikel „Zweierlei Maß“ des Dr. Philipp Loewenfeld in Nr. 112 der „Neuen Zeitung“ vom 2l. Mai 1919. Die darin aufgezählten Namen werden wohl auch als Zeugen für mich in Frage kommen. – Ich bitte Sie also zunächst, Einsicht in die Akten zu nehmen und weiterhin, den mündlichen Verkehr zwischen Delinquenten und Anwalt dadurch möglich zu machen, daß Sie auf meine beschleunigte Überführung nach München drängen. Vielleicht ließe sich durch gemeinsames Vorgehn der Anwälte aller hier noch inhaftierten Münchner Genossen etwas erreichen. Soviel ich weiß, werden meine Kameraden zum Teil durch Ihren Herrn Sozius Dr. Sauter, zum Teil durch Herrn Dr. Gaenßler und Dr. Frieß vertreten. – Vor allem bitte ich Sie, mit aller Energie gegen die durchaus gesetzwidrige Verschleppung unsrer Angelegenheit zu protestieren und evtl. die Öffentlichkeit deswegen zu allarmieren. Nach § 28 der Vollzugsbestimmungen des bayer. Standrechts hat der Staatsanwalt dafür zu sorgen, daß „die Strafe der Schuld möglichst unmittelbar folgt“. Jetzt sitze ich über 10 Wochen in Haft. Inzwischen sind eine große Menge Genossen abgeurteilt worden, deren angebliche Straftaten viel später erfolgten und überhaupt erst aus den mir und meinen Mitangeschuldigten zur Last gelegten hervorgingen und ermöglicht wurden. Dieses willkürliche Hysteron proteron hat, wenn nicht den Zweck, so jedenfalls die Wirkung, daß in allen Prozessen gegen Beteiligte an der zweiten Räterepublik die Kenntnis der Voraussetzung ihrer Handlungen aus dem Verfahren ausgeschaltet ist. Es werden somit sowohl wir, die wir an der Ausrufung der ersten Räterepublik mitgewirkt haben, dadurch entrechtet, daß man entgegen den ausdrücklichen gesetzlichen Bestimmungen unsre Sache verschleppt und uns unter erschwerten Umständen in Haft hält, als auch die Nachfolger der zweiten Räterepublik, die man überhastet aburteilt, ohne die Verhältnisse durch den Prozeß gegen uns geklärt zu haben. Ich bitte Sie dringend, womöglich in Gemeinschaft mit Ihren Herren Kollegen, diese Tatsache zum Gegenstand eines Protestes bei den zuständigen Stellen und eines Appells an die Öffentlichkeit zu machen. Wenn, was ich heftig bestreite, die Anwendung des § 8l StGB zugunsten der Regierung Hoffmann überhaupt möglich wäre, so käme nur ein „Hochverrat“ derer in Frage, die am 4. – 6. April mittaten. Levinés Verurteilung nach diesem Gesetz wäre unmöglich gewesen, wenn die Verhandlung gegen mich und meine Genossen vorher stattgefunden hätte. Ich lege es Ihnen dringend ans Herz, dahin zu wirken, daß die Prozessierung der an der zweiten Räterepublik Beteiligten eingestellt wird, bis nicht die unsrige stattgefunden hat. – Ihre Fragen kann ich, wie gesagt, erst nach Kenntnis des Aktenmaterials und nur in mündlicher Rücksprache beantworten. Ich bitte um gefl. Bestätigung des Empfangs dieses und des Briefes vom l3. Juni. Hochachtungsvoll

Zuchthaus Ebrach, d. 23. Juni 1919.     Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Dienstag, d. 24. Juni 1919.

Friede! Friede! Der in beinah 5 Jahren so glühend heiß ersehnte Zustand soll nun also Tatsache werden. Gott im Himmel! Wer hätte es für möglich gehalten, daß die Unterzeichnung des Friedenspaktes nach dem furchtbarsten Kriege der Weltgeschichte sich zur abenteuerlichsten Burleske auswachsen werde? – Das neue Kabinett hat sich also gebildet – ohne Scheidemann! O Deutschland, wie wirst Du den Verlust verschmerzen! – An der Spitze der Gewerkschaftsbonze Bauer (auf dem Jenaer Parteitag 1913 machte er sich höchst unbeliebt durch die Bemerkung, daß sich die Gewerkschaften wegen des allgemeinen Wahlrechts in Preußen kein Bein ausreißen würden). Einer der üblichen Bürokraten, die auf dem Mistbeet der deutschen Sozialdemokratie groß geworden sind. Das Aeußere hat Hermann Müller vom Parteivorstand übernommen, einer der Hauptbeteiligten, als die Regierungsfrommen mit Hilfe der Militärdiktatur während des Kriegs den Radikalen den „Vorwärts“ stahlen. Im Innern wird uns David lenken, ein Jesuit bösester Sorte. Stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister: Erzberger, der Verfasser jenes historisch gewordenen Dokuments der 93 Elite-Deutschen vom Oktober 1914, einer der wüstesten Kriegstreiber im Anfang und der geschäftstüchtigsten Entgegenkömmlinge zu Ende des Kriegs, jedenfalls einer der charakteristischsten Erscheinungen des neuesten Deutschlands. Aus dem Zentrum treten noch Mayer-Kaufbeuren und Dr. Bell ins Kabinett ein, das im übrigen einige besonders tüchtige Kräfte aus dem alten Bestande übernimmt. Darunter Herrn Noske als Reichswehrminister! Demnach ist es dem neuen Ministerpräsidenten aufs Wort zu glauben, was er in Weimar verkündet hat: das Programm der neuen Regierung (dem die demokratische Partei in herbem Gram den Rücken gekehrt hat) werde das gleiche bleiben wie das der alten. Es wird sich also wie bisher dienstwillig von Generälen und Großindustriellen kommandieren lassen. Wie es damit schon angefangen hat, zeigt die erste offizielle Leistung: die Unterzeichnung des Friedensvertrags. Ja, sie haben sich entschlossen! Aber die Vollmacht zur Unterzeichnung sieht folgendermaßen aus: „Die Regierung der deutschen Republik ist bereit, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, ohne jedoch damit anzuerkennen, daß das deutsche Volk der Urheber des Krieges sei und ohne die Verpflichtungen nach Art. 227 – 230 zu übernehmen.“ Weiß man, daß diese Artikel von der Aburteilung Wilhelms und der Auslieferung der Tirpitze und Ludendörffer handeln, dann weiß man alles, nämlich, daß die Alldeutschen Bedingungen gestellt und die tapferen „Sozialisten“ sie gehorsam akzeptiert haben. So ist die deutsche Ehre gewahrt! Sie merken nicht, daß sie sie jetzt erst ganz verloren haben, da sie sich in aller Form mit den Verbrechen der deutschen Kriegführung noch einmal solidarisch machen. Es heißt, es sei vorher bei den Alliierten angefragt worden, ob sie die Unterzeichnung mit der Einschränkung annehmen würden, und die hätten zu verstehn gegeben, daß daran die Geschichte nicht scheitern solle. Stimmt das, dann habe ich mich in der Einschätzung dieser Leute doch erheblich getäuscht, dann müßte ich zugeben, daß die Behauptung, alle moralischen Versicherungen der Entente seien Schwindel, es gehe dort ebenso wie hier nur ums Geschäft der Kapitalisten, richtig ist. Bis jetzt habe ich immer an der Idee festgehalten, daß in Frankreich, England und besonders in Amerika auch bei den durch die imperialistischen Interessen natürlich korrumpierten herrschenden Klassen doch ein gewisses Empfinden für allgemein menschliche Dinge vorhanden ist, daß die Moral dort nicht ganz so wie bei uns nur ein Zweckbegriff sei, und daß zumal der Weltkrieg von den Völkern und auch von ihren kapitalistischen Regierungen als eine Art Kreuzzug gegen den deutschen Militarismus betrachtet werde, wenngleich sich ganz selbstverständlich die in der kapitalistischen Weltordnung begründeten Ausbeutungsspekulationen in die ideellen Kriegsziele einmischten. Bewilligt die Entente jetzt in der Tat die Streichung der sogenannten Ehrenpunkte, dann gibt sie damit ihr moralisches Übergewicht preis, und dann bleibt ein Brest-Litowsk, wenn auch in gemilderter Form, übrig. Dann war alles was an Ideologie produziert wurde, um die Verderbtheit Deutschlands zu illustrieren, Heuchelei, denn es zeigte sich, daß es auch ohne das möglich war, zum Abschluß des Kriegs zu kommen, und daß man sich mit der Erfüllung rein materieller Forderungen zufrieden gebe. Aber ich glaubs noch nicht. Ich bin überzeugt, daß die Nachricht zutrifft, die das Bamberger Käsblättchen der Frankfurter Zeitung entnimmt, wonach die Alliierten die Einschränkungen zurückweisen. Wenn sie schon nicht die Empörung über die Unverbesserlichkeit der Deutschen dazu veranlaßte, so müßte es mindestens die Klugheit tun. Im Urteil der Völker aller Länder wäre der Verzicht auf jede materielle Bedingung verständlich, aber die moralischen Forderungen zum Gegenstand des Schachers machen, hieße sich vor der Welt dem Odium aussetzen, als wären die Entschädigungen wichtiger als die Rechtlichkeit. Für mich gibt es also nur den Zweifel, ob die Versklavung der Sozialdemokratie unter den Willen der Alldeutschen schon soweit gediehen ist, daß diese Weltrekordverräter um Wilhelms willen einen neuen Krieg heraufbeschwören oder ob sie nun – nach diesem letzten kläglichen Schacherversuch noch jämmerlicher, noch lächerlicher als vordem schon – sich endlich bedingungslos unterwerfen werden. Garnicht unwahrscheinlich ist, daß die Ententetruppen, während ich dies schreibe, schon mit großen Heeresmassen einrücken, um die Besetzung des ganzen Reichs wahr zu machen. Denn nach einer amtlichen Reutermeldung haben deutsche Militärs einen Akt unternommen, der nicht weniger bedeutet, als die eigenmächtige Durchbrechung der Waffenstillstandsbedingungen. Das Bamberger Tagblatt überschreibt die tolle Meldung: „Eine deutsche Tat“ – und im Leitartikel meint Herr Dietrich, was also wohl von der Berliner nationalistischen Zentralmeinungsfabrik als Richtschnur telefoniert worden ist: „Man kann die Tat wackerer deutscher Seeleute als ein letztes Sichaufbäumen, als einen durchdringenden Aufschrei ehrlichen Männerzornes über den unerhörtesten Betrug betrachten, dem je ein ganzes Volk zum Opfer gefallen und kann sie zugleich als Propaganda der Tat ansehn, als Mahnung an das deutsche Volk, materielle Vorteile und leibliche Not gering zu achten, wo es sich handelt um Güter wie Ehre und Freiheit.“ In der Scapabucht sind bis auf ein einziges sämtliche internierte deutsche Schlachtschiffe und Kreuzer von ihren Besatzungen verlassen und versenkt worden. 18 Zerstörer sind auf den Strand gesetzt etc. Aus der Nachricht ist weiter ersichtlich, daß ein deutscher Konteradmiral an der Geschichte beteiligt ist, der sich mit den übrigen Deutschen unter Bewachung auf britischen Kriegsschiffen befindet. Einige Boote von Schiffen, die auf Aufforderung nicht stoppten, wurden beschossen, sodaß einige Deutsche tot und verwundet sind. Das Telegramm schließt: „Entsprechend den Waffenstillstandsbedingungen waren die Schiffe mit geringen deutschen Besatzungen ohne britische Wache an Bord interniert gewesen.“ Die Eselei dieser wackeren deutschen Seeleute ist gigantisch – wenn sie sich nicht als Schurkerei ausweist. Eine blöde Protestaktion oder eine gewollte Provokation zur Neubelebung des Kriegs? Angenommen, die regierenden Idioten tun das gescheiteste, was jetzt von ihrem Standpunkt aus getan werden kann: sie unterzeichnen, nachdem ihr Kompromiß abgelehnt ist, den Versailler Vertrag bedingungslos und bieten für die Versenkung der Schiffe jede Genugtuung, dann erhöhen sich die deutschen Kriegskosten um den Wert der zerstörten Flotte. Die alberne Heroengeste kostet also einen heillosen Batzen Geld, oder die Alldeutschen behalten ihren Willen, dann ist der Krieg wieder im Gange. Gottseidank wird er nicht die Formen des früheren haben, da Deutschland wehrlos dem Willen der Gegner preisgegeben ist. Die verbrecherische Rechnung der Nationalbanditen stimmt nicht, daß man einen neuen jahrelangen Krieg führen wird unter viel schwereren Umständen als vorher, sondern nach ganz kurzer Zeit wird alles bestens entschieden sein. Andernfalls könnte ich nicht so leichten Herzens wünschen, daß mit dem Einmarsch der Entente nach Deutschland Ernst gemacht wird. So aber bin ich überzeugt, daß der Zusammenbruch der Noskeherrlichkeit durch den Lauf der Dinge rapid beschleunigt, die Revolution gerettet, der Bolschewismus als Sieger über beide Parteien den Triumph in der Welt haben wird und Ruhe, Ordnung und wirklicher Friede durch die Aufrichtung menschlicher Zustände in der kommunistischen Internationale geschaffen werden wird. Gehn die Dinge so vor sich, wie ich sie mir träume, dann steht die Weltrevolution nahe vor ihrem endgiltigen Sieg.

 

Abends.

Abschrift. „Lieber Radbruch! Es ist lange her, daß wir einander nichts mehr mitzuteilen hatten. Deine letzte Botschaft kam mir während des Kriegs zu und gab Bericht über Dein Ergehn als Held. Inzwischen hat sich viel ereignet, und heute schreibe ich Dir aus dem Gefängnis, und zwar in der ausdrücklichen Absicht, Dich zum Zeugen eines Verfahrens zu machen, das, wie ich glaube, in der Krassheit seiner Rechtsbeugung ohne Beispiel ist und Dich zu bitten, Deine juristische Autorität geltend zu machen, um – sei es durch einen Hinweis bei den beteiligten Instanzen, sei es durch öffentlichen Protest oder durch Denunziation in einer Fachzeitschrift – die ungeheuerlichen Methoden dieser neuesten deutschen Rechtspflege ab- oder doch bloszustellen. – Über die Vorgänge in München wirst Du durch die Presse einigermaßen informiert sein. Auch die Rolle, die ich bei der Ausrufung der Räterepublik gespielt habe, wirst Du ungefähr kennen. Nach einer Woche Wirksamkeit im Zentralrat fiel ich bei dem Militärputsch in der Nacht zum 13. April mit noch 12 Genossen der Bamberger Regierung in die Hände und befinde mich seitdem im „Untersuchungsgefängnis“, recte Zuchthaus, Ebrach in Haft (man belege ein Zuchthaus mit Untersuchungsgefangenen und das Untersuchungsgefängnis ist fertig: Rezept der Republik Bayern). Um dies alles aber handelt es sich nicht. Vier Tage nach der Verhaftung wurde das Verfahren gegen uns eingeleitet nach § 81 Z 2, 85, 86, 47 in Zusammenhalt mit Art. III des bayer. Kriegszustandsgesetzes, und nachdem am 27. April das Standrecht verhängt war, wurde uns mitgeteilt, daß wir standgerichtlich abgeurteilt würden. Ich gehe nicht auf die Zulässigkeit des standgerichtlichen Verfahrens in meinem Falle ein, aber ich mache Dich auf den § 28 der Vollzugsvorschriften des bayer. Standrechts aufmerksam, worin es heißt: „Der Staatsanwalt hat ... rasch und entschieden zuzugreifen, damit ... die Strafe der Schuld möglichst unmittelbar folgt ...“ Es ist also klar, daß die Verschleppung eines standgerichtlichen Prozesses in schärfstem Widerspruch zum Gesetz steht. – Nun bedenke folgende Umstände: Am 13. April – also nach meiner Festnahme und Entfernung von München – wurde der Militärputsch niedergeschlagen, und die Räterepublik, von deren Regierung sich die Kommunistische Partei bis dahin ferngehalten hatte, ging nun ganz in die Leitung dieser Partei über. Es trat also eine Organisationsänderung innerhalb der am 6. April vollzogenen Umwälzung ein. Es erfolgte alsdann der bewaffnete Angriff der Noskegarden auf München, die entsetzliche Bartolomäusnacht, der Landauer zum Opfer fiel und viele andre meiner Freunde (mir hat die Verhaftung das Leben gerettet. Die Weißgardisten haben sich damit begnügt, mich und meine Frau, während die Wohnung von uns geräumt war, arm zu plündern. Unser Schaden ist auf 14000 Mark berechnet). Die Massenexekutionen nahmen allmählich ein Ende (nachdem der Mißgriff geschehn war, daß man 21 katholische Gesellen als Spartakisten erschossen hatte), und dann folgten bald die Prozesse. – Das Erstaunliche war aber, daß man nun nicht zuerst uns prozessierte, die wir die Räterepublik in der Tat ins Leben gerufen haben, sondern unsre Nachfolger vorweg nahm. Ja, heute nach 2½ Monaten Untersuchungshaft habe ich noch nicht einmal Bescheid, welche Handlungen mir der Staatsanwalt eigentlich als Hochverrat vorwirft. Daß es die Mitwirkung an der Umwälzung vom 4. – 7. April ist, muß ich bezweifeln, da an diesen Dingen etliche Minister der Regierung Hoffmann aktiven Anteil hatten, gegen die ich denn auch schon am 30. April Anzeige nach denselben Paragraphen erstattet habe, die dem Verfahren gegen mich zugrunde gelegt sind. Es scheint aber gegen die Herren nichts unternommen zu sein. Im Gegenteil wurden zwei von ihnen in einem Standgerichtsprozeß in Würzburg unter Eid vernommen und sagten so aus, daß ich es für nötig hielt, gegen den Militärminister Schneppenhorst Strafanzeige wegen Meineids zu erstatten. Das Ergebnis bleibt abzuwarten. – Inzwischen hat der Prozeß gegen Leviné stattgefunden, dessen furchtbaren Abschluß Du kennst. Man hat, ohne uns Veranstalter der Räterepublik auch nur zu hören, den Einwand Levinés, daß er erst tätig wurde, als der Umsturz schon eine Woche vorüber war, ignoriert und ihn wegen eines Vergehens des Hochverrats zum Tode verurteilt, das, wenn man es überhaupt gegen die garnicht gesetzlich fundierte Regierung Hoffmann begehn könnte, von mir und meinen Kameraden begangen war. Ich erkläre, daß das Urteil gegen Leviné unmöglich hätte gefällt werden können, wenn nach Recht und Gesetz unser Prozeß vor seinem stattgefunden hätte, und ich behaupte, daß unser Prozeß willkürlich verschleppt wird, um die Möglichkeit zu schaffen, auf Grund falscher Voraussetzungen die Beteiligten an der zweiten Räterepublik abzuurteilen. Die Verhandlung gegen mich würde ergeben, daß die Mehrzahl der Mitglieder des Kabinetts Hoffmann an den Konspirationen vom 4. April teilgenommen hat und daß alles, was Leviné, Axelrod, Toller etc. getan haben, nur die Fortsetzung unsres angeblichen Hochverrats war. – Die Prozesse gegen unsre Nachfolger gehn aber inzwischen ruhig weiter, während ich und meine Kameraden, ohne ein Ende absehn zu können, in Untersuchungshaft – und zwar fern von München – festgehalten werden, ohne auch nur protokollarisch als Zeugen vernommen zu werden. Die politische Absicht dieser Praxis ist zu durchsichtig, als daß ich mehr darüber zu sagen brauchte. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du alles in Bewegung setztest, um der Rechtsbeugung, die gegen uns und mehr noch gegen die Teilnehmer an der zweiten Räterepublik verübt wird, Einhalt zu tun. Jedes Urteil, das gegen die bisher Verurteilten ausgesprochen ist und das noch gegen die Genossen bevorsteht, die man offenbar vor uns prozessieren will, ist ein Fehlurteil, da die Feststellung der Wahrheit, die nur durch die Verhandlung gegen uns erfolgen kann, künstlich verhindert wird. – Ich bezweifle, daß Deine politische Gesinnung mit der meinigen übereinstimmt, aber ich vertraue, daß Dein Rechtswille sich gegen die hier aufgedeckten macchiavellistischen Methoden empört. Lass bald von Dir hören, auch Persönliches. Du weißt, wie regen Anteil ich stets an Deinem Ergehn nehme. Mit Gruß und Handschlag. p. Adr. Staatsanwalt beim Landgericht München I. Dein alter

24. Juni 1919                           Erich Mühsam.

 

Zuchthaus Ebrach, Mittwoch, d. 25. Juni 1919

Auch die Ehre ist verloren! Die Ehre nämlich, die Ölgötzen der dynastischen Herrlichkeit, der Veranstalter des Weltkriegs, die Regisseure der Dynamit–, Rotzbazillen-, U-Boot- und Verratspolitik, die Vergewaltiger und Verleumder Belgiens, die Vernichter Nordfrankreichs, die Hetz- und Lügenapostel, vor denen die Welt noch nach Jahrhunderten ausspucken wird, alle diese Zierden Alldeutschlands weiterhin in republikanisch-demokratisch-sozialistischer Obhut im Lande behalten zu dürfen. Clemenceau, Lloyd George und Wilson haben bündig erklärt, daß sie die Zeit der Verhandlungen als abgeschlossen betrachten und die bedingungslose Unterwerfung oder Ablehnung verlangen. Die Schieber und Geschobenen in Weimar haben daraufhin wirklich in den sauren Apfel gebissen und Germania verhüllt jetzt ihr Haupt und schluchzt derart jämmerlich durch den deutschen Blätterwald, daß einen das Kotzen anwandelt. Was wird nun aus Winnigs Schwüren werden? An Frieden glaube ich vorläufig noch nicht. Die Alldeutschen sind bei uns noch immer bei aller Borniertheit die Tatkräftigsten gewesen. Daß sie sich nicht ohne weiteres zufrieden geben werden, und mit allen Mitteln Sabotage treiben, zeigt sich schon jetzt. Die Zerstörung der Flotte in der Scapa-Flow war nur ein Anfang. Der Konteradmiral v. Reuter hat heldenmütig erklärt, daß er die ganze Verantwortung übernimmt (ob er auch die Kosten tragen wird, die ca. 1 Milliarde betragen dürften, bezweifle ich), er habe nur einen Befehl seines Kaisers ausgeführt, der 1914 befohlen habe, kein Schiff dürfe in die Hände der Feinde fallen. „Auf des Kaisers Befehl!“ singt das Bamberger Sumpfhuhn pathetisch. Wahrscheinlich wird die Entente Schadenersatz in Gestalt von Handelsschiffen verlangen, und dann wird das Geflenne über Vergewaltigung erst recht anheben. Inzwischen ist noch ein Vorfall passiert, der eine Bestimmung des Waffenstillstandsvertrags illusorisch macht. Danach sollten alle in den Kriegen von 1914 und 1870 eroberten französischen Fahnen und Feldzeichen zurückgegeben werden. Diese Theaterszene ist vorzeitig durch eine andre ersetzt worden. Ein Leutnant und 10 Mann (wer denkt nicht an Oldenburg-Jamschen?) sind ins Zeughaus eingedrungen, haben die heroischen Talismane mit Benzin übergossen, sie zum Denkmal Friedrichs des Großen geschleppt und unter Heldengesang „Deutschland Deutschland über alles“ mit Stumpf und Stiel verbrannt. Solche Possenspiele sollen den Schmerz des deutschen Volks symbolisieren. In Wahrheit geben sie den Siegern nur den Vorwand zu Repressalien, die sich vielleicht an den deutschen Kriegsgefangenen in Erscheinung setzen werden und beweisen der Welt, daß sich im Deutschland der Revolution nichts gegen früher geändert hat. Sehr interessant ist, daß sich zum Protest gegen die Unterzeichnung alle Generäle und sehr viele Offiziere der Reichswehr zum Abschied entschlossen haben. General Märker, der „Befreier“ Braunschweigs und Leipzigs, hat es der Nationalversammlung mitgeteilt. Auch hat Herr Reinhardt den Posten als preußischer Kriegsminister niedergelegt. Aber schon gackert die Bourgeoisie und mit ihr die Sozialdemokratie um die feldgraue Heldenschar herum und mahnt sie zum Ausharren. Sie werden sich wohl erweichen lassen, wenn man es ihnen begreiflich macht, daß sonst der Rentenbezug der Kapitalisten in Gefahr gerät. In München hat es an der Feldherrnhalle eine rührende Demonstration gegeben. Man hat die Wacht am Rhein und Deutschland, Deutschland gesungen (von der Maaß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt – soll Deutschland über alles brüderlich zusammenhalten, d. h. jetzt von einem französischen, zu einem littauischen, von einem italienischen bis zu einen dänischen Gewässer), und dann haben sich die Befreierscharen zu einem Zuge formiert, und Oberst Epp und General v. Oven haben erhebende Ansprachen gehalten, wobei die schwarzweißrote Fahne geschwenkt wurde. Soweit ist Münchens Befreiung nun schon gediehen. Macht nichts. Für das Proletariat sind alle solche Scherze demonstrationes ad oculos. Am 7. November lief der Becher der Reaktion über. Die Revolutionäre erkannten zu spät, daß, was aus seinem Inhalt abfloß, nur Schaum war. Jetzt füllen die Zecher von ehedem nach. Bis zum Rande stehts wieder, aber wenn es noch einmal zu viel wird, werden wir sorgen, daß von dem faden Gesöff kein Tropfen übrigbleibt. – Die politischen Prozesse jagen einander. Ledebour ist vom Schwurgericht freigesprochen. Der Prozeß wird in der Geschichte lebendig bleiben als ein Spiegelbild dieser Zeit, in der dem revolutionären Willen des breiten Volks die streberische Korruption seiner ehemaligen Führer, die boshafte Intrigue einer feilen Jurisprudenz (Staatsanwälte und Richter sind Typen für einen Zola), der unbedenkliche Machtfanatismus der Offizierskamarilla und die durch den Krieg verwilderte, bestochene Horde von Spitzeln und Weißgardisten gegenübersteht. Es ist ein gutes Zeichen, daß trotz der unglaublich parteiischen Prozeßführung des Vorsitzenden und trotz der Einschränkung der Verteidigung die bürgerlichen Geschworenen zum Freispruch gelangten. Aber bezeichnend ist, daß Ledebour und seinen Anwälten von Gerichts wegen Schutzmannschaften gestellt werden mußten, weil Gefahr bestand, daß Mordpläne beim Verlassen des Hauses ausgeführt werden sollten. – In München hat der Prozeß gegen Niekisch stattgefunden, den eigentlichen Veranlasser der Räterepublik. Er wurde wegen Beihilfe zum Hochverrat unter Zubilligung mildernder Umstände zu 2 Jahren Festung verurteilt. Die Leute bemänteln ihre ungenierte Parteijustiz garnicht mehr. Niekisch gehörte bis vor ganz kurzem der Mehrheitspartei an (wäre er nicht kürzlich zu den Unabhängigen übergetreten, wäre er wohl garnicht prozessiert worden), da mußte er äußerst milde angefaßt werden. Hält man dagegen die Urteile gegen die viel weniger beteiligten Hagemeister, Sauber und Waibel (10, 12 und 15 Jahre) und gar erst den Mord an Leviné, der an dem „Hochverrat“ doch nur ganz indirekten Anteil hatte, dann faßt man sich an den Kopf. Ich sagte heute zu meinen Genossen auf dem Hof: Ich müßte mich zu Tode schämen, wenn ich weniger als 10 Jahre bekäme. – Vielleicht werde ichs bald wissen. Sicher ist, daß sich Veränderungen vorbereiten. Wadler will wissen, daß er morgen wegkomme (da er Kaution angeboten hat, wäre das leicht erklärlich). Aber der Oberaufseher vertraute mir an, daß wir alle in wenigen Tagen von hier fortkommen sollen. Angeblich soll die Metamorphose des Zuchthauses Ebrach noch fortgesetzt werden, und aus dem Untersuchungsgefängnis soll ein Festungsarrest gemacht werden. Wer weiß also, ob nicht die Entlassung nur vorübergehend sein wird. Wir werden ja sehn. Nur ein Einzeltransport nach München wäre mir fatal. Wenn das Portal meiner Stadelheimer Zelle sich hinter mir geschlossen haben wird, will ich aufatmen.

 

Zuchthaus Ebrach, Donnerstag, d. 26. Juni 1919.

Morgen soll ich nach München transportiert werden. Offiziell weiß ich’s zwar noch nicht, aber unter der Hand erfuhr ich es gestern abend schon, als ich von Wadler Abschied nahm. Wie das vor sich ging, will ich lieber im Gedächtnis behalten als aufschreiben. Sonst könnten andre Unannehmlichkeiten haben. Jedenfalls habe ich schon mit dem Einpacken begonnen und ein Postpaket für Zenzl und eins (mit der geliehenen Wäsche und mit Büchern) für Mila fertig gemacht. Gleich werde ich meinen letzten Hofspaziergang in Ebrach antreten, über den die Aufsicht in letzter Zeit so lax geworden ist, daß diese zwei Stunden (morgens und nachmittags) jetzt wirklich zur Erholung dienen. Obs in Stadelheim ebenso gemütlich zugehn wird? Jedenfalls bin ich heilfroh, endlich in mögliche Verbindung mit Zenzl zu kommen. Heut kam wieder ein Brief von ihr an, der mir beweist, daß sie meine Briefe alle erst mit großer Verspätung bekommt. So ist’s ein dauerndes Mißverstehn und Aneinandervorbeischreiben. Der Transport soll in aller Frühe (5.24 Uhr) vor sich gehn in Begleitung eines Beamten in Zivil. So brauche ich also bis zur Ankunft in München kaum etwas zu fürchten, und dort wird hoffentlich Vorsorge getroffen sein, daß lynchfreudige Staatsretter keine Gelegenheit zur Betätigung finden. In der Zeitung steht nichts Bemerkenswertes. Man schnappt Luft nach der Anstrengung der letzten Tage, die ganz auf Elegie gestimmt waren. Über den Prozeß gegen Niekisch stehn Einzelheiten im Blatt, die mich auf die Situation bei meiner Verhandlung vorbereiten. Schneppenhorst und Steiner lügen sich unschuldig, und die andern, soweit sie aus dem Lager der Mehrheit kommen (Dürr etc) kneifen. Wesentliche Beweisstücke werden vom Gericht nicht zugelassen und das Urteil wird nicht nach den Handlungen, die der Angeklagte getan hat, bestimmt, sondern nach dem allgemeinen persönlichen Verhalten vor dem „Hochverrat“. Ich werde also allerlei Kräftiges gewärtigen dürfen. Aber wenn ich mich wirklich in der Beurteilung der Dinge so täuschen sollte, daß alle meine Hoffnungen auf den Fortgang der Revolution und ihre Ausbreitung zur Weltbefreiung trügerisch sind, wenn wirklich die Wichte, die jetzt am Steuer sitzen, ihren Weltverrat bis zum Wiedergesunden des Kapitalismus und zur endgiltigen Versklavung des Proletariats sollten treiben können, dann will ich lieber meinen letzten Atem zwischen Kerkermauern verröcheln, als zwischen diesem Pack von Strebern und Hanswursten ein Bürger unter Bürgern Steuern zu zahlen und das Maul zu halten. Aber ich täusche mich nicht. Die Revolution geht ihren Weg – und bleibe ich wirklich am Rande liegen wie Landauer oder Leviné, – so brauchen die, die meiner später gedenken, sich nicht zu schämen, mich geliebt zu haben.

 

Nachmittag. (etwa 5 Uhr).

Eben war der Assessor hier und hat mir meine „Überstellung“ nach Stadelheim mitgeteilt. Ein Telegramm an Zenzl geht heute noch ab. Meine Sachen sind größtenteils gepackt. Morgen früh um 4 Uhr werde ich geweckt, und 5h 20 gehts unter Bedeckung von „Gendarmerie in Zivil“ los. Adjö, Ebrach!

 

Stadelheim, Sonnabend, d. 28. Juni 1919.

Vormittag gegen 9 Uhr. Die Stunden seit meiner Abreise von Ebrach waren recht ereignisreich. Aber ab ovo: Der Abschied dort hatte die freundlichsten Formen. Dem Assessor hielt ich eine kleine Abschieds-Lobpredigt, indem ich ihm bestätigte, daß seit seinem Amtsantritt das Leben in der Anstalt gegen früher viel angenehmer war. Er erwiderte nichts als „Leben Sie wohl“, wobei er mir die Hand gab. Der Abschied von den Wärtern war weniger feierlich. Nur der gute Rabenstein war, als ich ihm 3 Mark aufnötigte, sehr gerührt. Plötzlich kam er wieder, legte das Geld auf den Tisch und meinte, es ginge nicht, er könne es nicht annehmen. Seine Kollegen waren weniger zimperlich, aber dieser Mann blieb trotz all meinem Zureden, daß es doch, da unsre Wege auseinandergingen, keine Bestechung mehr sein könne, fest. Morgens war ich schon um ½ 4 aus dem Bett, sodaß Rabenstein, als er mich um 4 wecken wollte, mich schon fertig angezogen fand. Ich wurde mit Dr. Wimpffen zusammen heruntergeführt, der gegen Kaution freigelassen wurde. Es ging durch wundervolle alte Klostergänge, über Höfe, die von herrlichen Renaissancefassaden eingerahmt sind (aus so etwas macht man Zuchthäuser!), vorbei an Portalen, deren Umrahmung aus lauter Kunstwerken zusammengesetzt ist. Beim Torwart bekamen wir Frühstück, und mich nahm dort mein erster Transporteur in Empfang, meinem ersten Eindruck nach ein Beamter von unerbittlicher Paragraphenfestigkeit, im Äußeren etwa eine Kreuzung von Fritz Köster und Nonnenbruch. Wimpffen war schon voraus zum Bahnhof, ich keuchte mit meinem schweren Gepäck neben meinem Begleiter hinterher. Als ich noch einmal bewundernd vor der äußeren Front des Gebäudes Halt machte und eine Bemerkung über die Schönheit des Hauses fallen ließ, war seine ganze Antwort ein knurrendes: „Vorwärts! Wir haben nicht mehr viel Zeit!“ Für meine Empfindungen beim Anblick edler Kunst fehlte ihm jedes leiseste Verständnis, und es lag ihm fern, eins zu heucheln. Auf meinen Vorschlag, Wimpffen in unserm Schubkupee einen Platz zu gönnen, knurrte er: Verboten! und schien keinerlei Neigung zu haben, den besseren Menschen durch die rauhe Beamtenkruste durchscheinen zu lassen. Der Zug füllte sich, aber jeder, der in unserm Abteil, das am Ende des Wagens lag, sodaß, wer hinein wollte, erst an uns vorbeimußte, Platz zu nehmen versuchte, wurde angegrunzt: Transport! und verschwand schleunigst ins Innere. Die Reise ging an, und ich freute mich an der schönen Freundlichkeit des Steigerwalds. Dann zog ich eine Zigarre heraus. Als ich aber das Streichholz anrieb, hörte ich aus der andern Ecke meinen Gendarm: „Auf dem Schub darf nicht geraucht werden!“ Das brachte mich auf. Ich protestierte gegen die Schikane, daß ich das, was ich in der Zelle nach Belieben tun durfte, plötzlich lassen sollte. Vorschrift! war die Erwiderung. Gut! sagte ich. Dann verlange ich in Bamberg sofort einen Vorgesetzten zu sprechen, der diesen Blödsinn von einer Vorschrift für mich aufheben soll. Da er sah, daß ich mich wirklich ärgerte, fing der Wachtmeister – das ist sein Posten bei der Gendarmerie, wie er mir später erklärte, an, mich zu begütigen. „Rauchen’s also von mir aus“, sagte er zuerst, und als ich mich dann zu ihm hinübersetzte, um ihm das Widersinnige des Verbots begreiflich zu machen, taute er langsam auf und ließ sich auf ein Gespräch über den Dienst und über die schlechten Zeiten ein. Meinen Erklärungen über die Revolution hörte er aufmerksam zu und empfahl durch die Blume den kleineren Beamten der Aufmerksamkeit späterer Geschichtemacher. Im Laufe der Fahrt zeigte sich dieser Bär als der gutmütigste Mensch von der Welt. Je dichter sich im inneren Wagen die Leute drängten, umso brummiger wurden seine Verbote, sich zu uns zu setzen, aber umso schwächer wurde der tatsächliche Widerstand, den er leistete, und so kam erst ein Soldat, dann eine Bäuerin, dann noch einige Leute herein, und schließlich war unser reserviertes Kupee ebenso überfüllt wie der ganze Zug. (Lange Unterbrechung: Zenzl war hier. Sie hat mir Rosen, Zigarren, Tabak und viel zu essen gebracht. Wir hatten nur eine Viertelstunde Zeit zum Sprechen, aber ich bin glücklich, sie jetzt häufig sehn zu sollen. Jetzt, nach dem Essen schreibe ich weiter). Bald war eine große Unterhaltung im Gange, die Leute erfuhren, daß ich einer der Räteleute von Ebrach sei, und das Gespräch gab mir Gelegenheit, den Leuten manches auseinanderzusetzen und festzustellen, daß diese Landbewohner höchst unzufrieden sind, besonders mit dem neuen Militarismus. Als ich sagte, Bayern sei durch den Anschluß an die Reichswehr zur preußischen Provinz geworden, fand ich allgemeine Zustimmung. Auch mein Transporteur äußerte recht unfreundliche Empfindungen gegen die Zustände, und schließlich waren alle einig, daß nur ein neuer Umsturz „Ruhe und Ordnung“ schaffen kann. Auch die Presse wurde von mir hergenommen und die Entrüstung über ihre Lügen und Verleumdungen war groß. Einer wollte wissen, wie ich „mich schreibe“. Darauf verweigerte ich aber die Auskunft. Jedenfalls sind die Reisenden alle mit dem Gefühl ausgestiegen, daß es so nicht weiter gehe, und daß der Krieg solange nicht aus sei, wie die Offiziere, die in den 4 Jahren dauernd Pakete mit Zucker, Kaffee und allem Guten heim sandten und den Soldaten nicht das Schwarze unter dem Nagel gönnten, bei uns zu kommandieren hätten. In Bamberg stiegen wir aus. Mein nun ganz aufgeräumter Führer brachte mich zum Bezirksamt, wo mir das Bild Ludwigs III. von der Wand entgegenstrahlte, tauschte Schriftstücke aus und führte mich dann ins Bamberger Gefängnis. So kam ich nach 2½ Monaten zum ersten Mal wieder auf die Straße und konstatierte, daß auch die Unterzeichnung des Friedensvertrags uns den Frieden nicht gebracht hat noch bringen wird. Offiziere mit Monokel und Reitpeitsche, mit Kriegsauszeichnungen und Achselstücken bevölkern die bayerische republikanische Residenz. Ein Zug berittener Artillerie fuhr an uns vorbei, – wieder eine Unterbrechung: der Rechtsanwalt, Dr. Sauter, Sozius meines Anwalts Bandorf, war da. Am Montag in 8 Tagen soll meine Verhandlung steigen – und zwar werden wir 8 Mann stark zusammen verhandelt. Außer mir, Wadler, Killer, Soldmann etc. Da der Prozeß Mühsam und Genossen heißt, werde ich jedenfalls am besten fahren bei Vernehmung und Plädoyers, da der „Rädelsführer“ ja immer am liebsten gehört wird. Nachher soll ich auf den Hof geführt werden – was man in Stadelheim allein genießt und wobei das Rauchen verboten ist (abgesehn von der Nähe Zenzls, die reichlich alles Ungemach aufwiegt, ist hier alles miserabel gegen Ebrach). Dann aber werde ich statt des Tagebuchberichts Aktenmaterial für den Prozeß schaffen müssen. Denn der Anwalt will genau wissen, welche Zeugen ich geladen sehn will und worüber jeder befragt werden soll. Die Reiseerinnerungen von gestern werden also ein wenig zurückbleiben müssen. Hoffentlich komme ich noch dazu, sie so ausführlich zu erzählen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Das wird freilich ein langer Sermon werden. Denn ich war von gestern nacht bis heute nacht – im Laufe von 24 Stunden – in nicht weniger als in fünf Gefängnissen eingekerkert.

 

Stadelheim, Sonntag, d. 29. Juni 1919.

Unter allen Gefängnissen, die ich bisher kennen gelernt habe, ist Stadelheim das übelste, obwohl das Aufsichtspersonal ungemein rücksichtsvoll und entgegenkommend ist. Aber der Lokus ist eine unaussprechliche Schweinerei, ein Eimer mit Deckel, gegen den die Ebracher Einrichtung fürstlich war, und bei dessen Benutzung die Reinlichkeit des Körpers und des Hemdes den schwersten Gefahren ausgesetzt ist. Messer und Schere wurde mir abgenommen. Dank der Freundlichkeit des Aufsehers konnte ich aber das Besteck, das Zenzl brachte, mit in die Zelle nehmen, sodaß ich mir das gebratene Spanferkel wenigstens nicht vorlegen zu lassen brauche. Hatte ich in Ebrach einen Tisch mit Schubfach, so ist hier nur (wie in Charlottenburg) ein Brett. Stuhl mit Rückenlehne habe ich bewilligt bekommen. – Ich will mich kurz fassen, da eben der Wärter Zeitungen bringt. Ich habe gestern keine gelesen. Zu bemerken ist, daß ich eine Antwort vom Staatsanwalt Hahn bekam auf meine gegen die Minister erstatteten Anzeigen. Die Meineidsanzeige gehe den Würzburger Staatsanwalt an, der sie ja bereits abgelehnt habe. Was die Hochverratsgeschichte betreffe, so habe er seine Entscheidung zurückgestellt, bis „die Möglichkeit, auf die erwähnte Weise Klärung zu schaffen, ausgenützt ist“. Die erwähnte Weise ist die Durchführung andrer Prozesse, die teils schon stattgefunden haben, teils noch bevorstehn, und bei denen „Gelegenheit zur Aufklärung der Sache geschaffen werden wird“. Also Schneppenhorst soll weiter schwören, bis auf diese Weise die Wahrheit an den Tag kommt. Mir ist der Bescheid insofern angenehm, als er dem Gericht bei meiner Verhandlung die Möglichkeit abschneidet, die Überführung dieser Halunken als nicht zur Sache gehörig zu verhindern. – Heute komme ich nicht an die Luft, da Sonntags nicht genügend Personal da ist. Mein Spaziergang gestern war mir, obwohl ich rauchen durfte, dadurch schrecklich, daß ich die Wand kennen lernte, an der so viele Kameraden für unsre Hoffnungen ihr Leben lassen mußten. Die Geschoßeinschläge bedecken einen großen Teil der Mauer, und die Blutspuren sind noch deutlich sichtbar. Vielleicht ist es das Blut Levinés, vielleicht das Sandtners oder Lohmars, das dort klebt. Ich empfand tiefes Grauen, das sich dann in Wut und schließlich in Trauer verwandelte. Gottseidank ist dies nicht der Hof, in dem Landauer ermordet wurde. Es würde mich bei den täglichen einsamen Rundgängen zu tief deprimieren. – Im „Sozialdemokrat“ las ich folgendes Zitat aus „La Sentinelle“: „Das ist das Einzigartige an dieser herrlichen deutschen Revolution, daß sie alle wahren Revolutionäre entweder getötet oder eingekerkert oder unter Anklage gestellt hat.“

 

Es wird wohl bald Mittagszeit sein, so will ich, statt gleich an die Prozeßarbeit zu gehn, zuerst hier ein paar Merkworte festhalten, die die öffentlichen Dinge dieser Tage betreffen. Es rumort wieder im Reich. In Hamburg, Frankfurt a. d. Oder und Landsberg a. d. Warthe hat es Unruhen gegeben und in Berlin streiken die Eisenbahner. – Unterbrechung durch das Mittagessen. Dann bekam ich von einem Genossen einen Haufen Zeitungen zugeschickt (Kassiberdienst ist schon seit gestern im Gange. Die Art der Post und den Namen des Kameraden lasse ich solange offen, wie ein unvermuteter Einblick Fremder in das Tagebuch einem der Beteiligten Schaden zufügen könnte). – Um fortzufahren: Die Hamburger Bewegung nahm einen ganz überraschenden Verlauf. Sie entstand durch die Aufdeckung unerhörter Sauereien in einer Sülzefabrik, die ihre Ware aus den Kadavern krepierter Hunde, Katzen und Mäuse herstellt. Die Fabrik wurde gestürmt, die Erregung zog weitere Kreise, natürlich wurde geschossen, und unter den Arbeitern gab es Tote und Verwundete, und aus alle dem entwickelte sich eine richtige neue Revolution, die Senat und Bürgerschaft absetzte und eine Art Räterepublik herbeiführte. Nun trat natürlich Noske in Aktion und kommandierte Herrn General v. Lettow-Vorbeck gegen Hamburg. Dieser Weltkriegs-Heros, der die Heldenlorbeeren in Afrika erworben hat, findet keine Ruhe ohne Siege. So verwendet er jetzt seine im Kampf gegen die Neger betätigten Feldherrntalente gegen die eigenen Landsleute. Bei dessen Anrücken zogen es die Hamburger vor zu verhandeln. Soweit ich die Dinge übersehe, war das Proletariat dort ziemlich einig. Die Freikorps zogen also ein, und die Waffen sollten abgeliefert werden. Dann kam ein Bericht, wonach die Freikorps aufgrund der Vereinbarungen wieder abgezogen seien. Das war nach allen früheren Erfahrungen auffällig. Aber schon ist die Aufklärung da: die Herren Lettow-Vorbeck und Noske haben sich in Hamburg eine böse Niederlage geholt. Die Bevölkerung beschlagnahmte die Munitionsvorräte der Weißen Garde und begann, nachdem sie die Truppen selbst großenteils auf ihre Seite gebracht hatte, mit der Entwaffnung. Organisierte Arbeiter, heißt es dann weiter, hätten dann verhindert, daß die Entwaffnung der Weißgardisten durchgeführt wurde, sie seien dank deren Zwischenkunft abgezogen. Das riecht stark nach dem üblichen Verrat der Mehrheitspartei. Lettow-Vorbeck hat nun sein Hauptquartier in Friedrichsruh aufgeschlagen, um Bismarcks Manen für sein vaterländisches Beginnen aufzurütteln. Jedenfalls ist der Vorgang in Hamburg ein Ereignis von größter Bedeutung. Die erste offenbare Niederlage Noskes und zugleich der erste Beweis, daß auch die Marodeure der Regierung nicht die zuverlässigen Prätorianer sind, als die man sie gekauft hat. – Und der Eisenbahnerstreik in Preußen ist auch nicht übel. Es geht um Lohnforderungen. Die Regierung unterhandelt, bewilligt Betriebsräte, bewilligt Zulagen und rechnet vor, daß die verlangten Lohnerhöhungen eine so gewaltige Belastung der Volkswirtschaft ergeben würden, daß man bedauernd ablehne. Natürlich lassen sich die Verbands-Bonzen breitschlagen, und schon atmet Deutschland auf. Aber die Arbeiter folgen nicht. Sie sagen sich vernünftigerweise, daß bei der absoluten Pleite sie nicht die sein wollen, auf deren Kosten Deutschlands Kapitalisten noch eine Henkersfrist herausschinden wollen. Sie streiken also weiter und der Streik greift um sich. Was tut Noske? In der Eigenschaft als Oberbefehlshaber der Marken besinnt er sich auf die Methoden seines Amtsvorgängers Kessel und verbietet auf Grund des Belagerungszustands den Streik. Am 28. Juni ist die Arbeit wieder aufzunehmen! – Also Aufhebung des Streikrechts im republikanischen Deutschland mit Androhung von 1 Jahr Gefängnis. Mögen die Eisenbahner diesem unerhörten – „Kesseltreiben“ gegenüber stark bleiben! Streikt einmal die Eisenbahn, dann ist Hoffnung auf den großen Schlag im ganzen Lande. Was will dieser Noske machen, wenn er seine weißen Plünderer nicht mehr im Lande hin- und herschieben kann, wie er mag? Dann ist’s geschehn um die Herrlichkeit unsrer sozialistischen Schleichhändler. Dann ist der Kapitalismus in Deutschland geliefert, und die Pater-Noske-Gebete der Schwerindustrie und des Finanzkapitals werden im Sturm des proletarischen Aufruhrs verhallen.

 

Abschrift: „Stadelheim, d. 29. Juni 1919. Herrn Rechtsanwalt Dr. Bandorf. Ich lege Wert auf die Ladung folgender Zeugen:

1.

Kämpfer, Redakteur der Neuen Ztg: zur Bestätigung meiner schon in den Eisnerschen Diskussionsabenden 1917 betonten Sympathie für die Bolschewiki.

2.

Abg. Nimmerfall: meine Tätigkeit im Kriegsministerium zu Beginn der Revolution. Sozialdemokr. Generalversammlg 4. April, außerordentl. Gautag 5. April.

3.

Wimmer, Vors. d. Münchn. Arbeiterrats: über den Beschluß des Münchn. Arbeiterrats, gegen die Anwendung politischer Paragraphen d. StGB. zu demonstrieren. Protokolle der beiden Sitzungen Anf. Februar.

4.

Jaffé, Prof., früher Finanzminister: die Erpressung der Landtagswahl durch die bewaffnete Demonstration der Pioniere im Dezember. Die Demonstration am 16. Febr. (Zusage des Ministeriums, keine politischen Paragraphen mehr anzuwenden). Leumundszeuge.

5.

Unterleitner, ehem. Minister: über die Demonstration am 16. Februar (s. Jaffé). Über die Sitzung im Ministerium des Aeußeren am 4. April.

6.

Niekisch: Meine Bemühungen um Herstellung der Räterepublik während der Tagung des Rätekongresses. (Beschaffung der Stenogramme, besonders der Sitzungen vom 27, 28. Febr.) Vorgeschichte der Ereignisse im April.

7.

Segitz

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Ihre Haltung am 4. April und den folgenden Tagen.

8.

Schneppenhorst

}

9.

Steiner: Beteiligung an den Vorgängen. Seine Tätigkeit als Volksbeauftragter.

10.

Gandorfer: betr. Steiner.

11.

Dr. Nöggerath: Verhandlungen am 4. April.

12.

Sauber: betr. Schneppenhorst und Paul Simon (Landessoldatenrat).

13.

P. Simon, Vorsitz. d. Vollzugsausschusses d. Landessoldatenrats: Seine Tätigkeit während der ersten Räterepublik.

14.

Jos. Simon, ehem. Minister: betr. Schneppenhorst. Reise nach Nürnberg.

15.

Dr. Phil. Loewenfeld: Verhandlungen der Generalversammlg. der SPD und d. außerordentl. Gautags. Sitzung im Militärministerium.

16.

Dürr, ehem. Stadtkommandant:

}

Vorgänge am 4. April.

17.

Staimer, ehem. Polizeipräsident:

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18.

Schiefer, Vors. des Gewerkschaftsvereins.

}

}

Sitzung im Militärministerium, sozdem. Gautag und Generalversammlg. Ihre Beteiligung am Zentralrat.

19.

Alb. Schmid, 2. Vors. d.     ''

}

20.

Karl Schmid, Parteisekretär(?)

}

21.

Endres, Minister: Sitzung im Militärministerium. Seine Haltung.

22.

Toller (Stadelheim): Meine Tätigkeit als Zentralratsmitglied. Betr. P. Simon. Nürnberger Reise.

23.

Jos. Baison, Feilitzschstr. 15: Tätigkeit im Zentralrat. Bemühungen, die Einigkeit des Proletariats durch Gewinnung der KPD herzustellen.

24.

Otto Thomas, Arbeitersekretär: Nachtsitzung 6/7 April im Wittelsbacher Palais. Betriebsräteversammlg. im Hofbräusaal am 11. April.

25.

Dr. Neurath: Tätigkeit im Zentralrat.

26.

Dr. Schollenbruch: Meine Gesinnung vor der Revolution. Bemühungen z. Einigung des Proletariats.

27.

Heubeck (bis jetzt in Ebrach, inzwischen wahrscheinlich nach Nürnberg gebracht): Über meine Verhandlungen mit den Nürnberger Kommunisten am 5. April.

28.

Klingelhöfer: Betriebsräteversammlung am 11. April.

29.

Aschenbrenner, früher Kommandant der Bahnhofswache: Seine Verhandlungen mit dem Ministerium in Bamberg. Inszenierung des Putsches am 13. April.

30.

Dr. Walter Loewenfeld: Der Putsch vom 13. April. Seine Reise mit den Verhafteten nach Eichstädt. Unsre Verbringung in Schutzhaft (war er einverstanden mit der Prozessierung wegen Hochverrats?)

31.

Dr. Ernst v. Aster, Universitätsprofessor, Georgenstr. 51IV.

}

}

}

Leumundszeugen.

32.

Dr. Max Halbe, Schriftsteller, Wilhelmstr. 2III

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Stadelheim, Montag, d. 30. Juni 1919.

Solange die Tinte in der Feder vorhält und keine Zeitungen kommen, will ich die Memoiren vom 27ten fortsetzen. Ich war also in Bamberg und wurde ins Gefängnis eingeliefert, an dessen Eingang zwei verwegen aussehende Bürgerwehr-Mitglieder in zerschlissenem Feldgrau und mit großen Schießprügeln Wache hielten. Ein barscher Aufseher sperrte mich in eine Zelle (es war kurz nach 8 Uhr) und überließ mich mir selbst. Ich verbrachte die Zeit, indem ich die Lektüre von Wielands Agathon fortsetzte. Gegen ½ 11 kam er wieder, schnauzte mich an: Fertig machen! und übergab mich unten meinem neuen Transporteur, einem Mann mit graumeliertem Vollbart vom Typ eines Konfektionsreisenden, der einen Kollegen zum Bahnhof vorausschickte. Wir verließen das Gefängnis und ich lernte den Begleiter näher kennen. Ich war jetzt der Zugeknöpfte und ließ ihn reden. Der Mann war sehr leutselig mit mir in der Art von Leuten, die ohne eine Ahnung zu haben was Distanz heißt, einen interessanten Mitmenschen kennen lernen. Er wollte wissen, wie alt ich bin, welchen Posten ich in der Räterepublik innehatte und empfahl mir, mir ein Stück Kuchen zu kaufen für die Reise, was ich auch tat. Zuerst gings wieder zum Bezirksamt, wo mir der Gendarm die Beliebtheit vorspielte, die er an dieser hohen Stelle genoß. Er scherzte mit dem Tippfräulein und redete die Schreibersleute und Staatsbeamten jovial polternd mit „Euer Hochwohlgeboren“ an. Ein Herr von beträchtlicher Länge, mit verkniffenem Leutnantsgesicht und englisch gestutztem Schnurrbart trat ein und versetzte den Transporteur in respektvolles Schweigen. Alles verbeugte sich. Der Amtshäuptling aber – wohl irgend ein Regierungsrat ältesten Schlages – sah über mich hin mit einem solchen Ausdruck von Verachtung, Dünkel und schlecht markierter Gleichgiltigkeit, daß ich ihn einer Schauspielschule, wo man die Rolle des Wehrhahn studierte, hätte vorführen mögen. Auf dem Wege zum Bahnhof ging ich dann auf die Gespräche des Gendarmen-Wachtmeisters ein und setzte ihm ein weniges über den Rätegedanken auseinander. Er begriff wohl nicht viel, bemühte sich aber, nachdenklich zu erscheinen und gab jedenfalls seufzend zu, daß die Überschwemmung des ganzen Landes mit Militär keine freundlichen Ausblicke in die Zukunft Bayerns gewähre. Am Bahnhof hatte der gute Mann durch Blicke, Winke und Geflüster bald alle Beamten und Soldaten – auch hier tat die Bürgerwehr eifrig Dienst – orientiert, was für einen seltenen Vogel er transportiere. Während ich mich in die Lektüre des Plakats vertiefte, auf dem für Levien 30.000 Mark ausgelobt wurden, glotzte alles, was den Bamberger Bahnhof belebte, mich an als ob ich der Schah von Persien wäre. Dann führte mich mein Reisemarschall in das für die Bahnbeamten reservierte Kabinett, wo sich noch zwei Kollegen von ihm einfanden und zwei Soldaten, die, wie mir schien, Hand in Hand gingen. Der Zug nach Nürnberg hatte erhebliche Verspätung. Wir stiegen in ein reserviertes Kupee, ebenso die Soldaten, und ich sah nun wie einer der Zivilisten ihnen die Kette löste, mit der ihre Arme aneinandergeschlossen waren. Ich hatte mir Zeitungen in Bamberg gekauft, gab den beiden jungen Soldaten von meinem Kuchen ab und ließ sie in meinen Blättern lesen, so verlief die Fahrt nach Nürnberg ziemlich eintönig. Meine beiden Begleiter unterhielten sich über Kanarienvögelzucht und der Begleiter der beiden Leidensgefährten, die wegen irgendeines Diebstahls eingesperrt wurden, glotzte stumpfsinnig vor sich hin und schwieg. Amüsant war mir nur, wie die Soldaten auf meine Frage, ob sie einem Freikorps angehörten, mit wahrem Entsetzen nein! riefen. Beliebt sind sie nicht sonderlich, wie es scheint, die Befreier vom Bolschewismus. In Nürnberg wurde ich in ein Enpassant-Gefängnis ganz in der Nähe des Bahnhofs geführt, das nur für die Aufnahme von Transportgefangenen bestimmt ist. Schub-Kasten nannte ich es deshalb. Meine Soldaten fand ich dort schon vor. Ich sollte Messer etc. abliefern, weigerte mich aber entschieden, worauf mir der Gefängnisbeamte sehr freundlich antwortete: Mit Gewalt nehme ichs Ihnen nicht ab. Ich bin es nur so gewöhnt, und Ihre Kollegen, die schon hier durchgekommen sind, haben sich nicht gesträubt. Der Mann machte mir einen sehr netten Eindruck. Er brachte mich in eine große öde Zelle, deren Einrichtung aus zwei an die Wand geschlossenen Pritschen, einem Wandbrett und zwei quadratischen Klappsitzen bestand. Ein Tisch war überhaupt nicht da, dagegen ein kleines Nebenkabinett mit einem richtigen Wasserkloset, das Anständigste, was ich darin bisher in Gefängnissen gesehn habe. Auf dem Wandbrett fand ich noch Spuren von Wadler, der am Tage vorher dort durchgekommen war und einen Stoß Zeitungen zurückgelassen hatte. Der Aufseher kam mit zwei Schüsseln: Suppe und Gemüse, garnicht schlecht. Nur mußte ich die Mahlzeit stehend einnehmen, indem ich das Eisengestell einer der Pritschen als Tisch benutzte. Im Nürnberger Schubkasten war ich von 2 bis etwa 7 Uhr eingesperrt, langweilte mich aber garnicht, da der Aufseher jeden freien Augenblick bei mir verbrachte, um sich belehren zu lassen und sein Leid zu klagen. Etwas verlegen nahm er aus seinem Notizbuch ein aus einer Zeitschrift ausgeschnittenes Bild vor mir. Da seine Frau gehört habe, daß ich kommen soll, habe sie es ihm in ihrer Hausfrauenzeitschrift gezeigt. Er war ein intelligenter Mensch, der seine Sympathie für die Sache des Proletariats kaum verschwieg. Lustig war sein Stolz, daß die meisten der bekannten Revolutionsführer jetzt bei ihm einkehrten. Kurz vor dem Abschied brachte er mir noch eine Suppe und dann übergab er mich den beiden Leuten, die mich nach München zu transportieren hatten. Das waren junge Burschen, ebenso wie die vorigen Gendarmen in Zivil, aber mit einem gewissen weltmännischen Schliff und sehr gefällig. Sie haben mir erst in Nürnberg, dann auch in München dauernd meinen schweren Handkoffer getragen. Die Reise war sehr amüsant. Der Schnellzug, der uns nach München führen sollte, kam mit 1½ Stunden Verspätung in Nürnberg an. Inzwischen führten wir auf dem Bahnsteig Gespräche, zuerst über Politik, dann wurde ich durch den Anblick eines Weißgardisten gefesselt, der uns zu viel Gelächter Anlaß gab. Der Rotzbengel war kaum 17 Jahre alt, noch längst nicht ausgewachsen, trug einen Riesentornister auf dem Buckel mit umgerolltem Mantel und war auf Ärmel und Mütze, am Halskragen und wo ein Abzeichen Platz hatte, mit blechernem Edelweiß, Pfauenfedern und allem möglichen neumilitaristischem Humbug „tätowiert“, wie sich einer meiner Begleiter ausdrückte. Solche Kinder werden mit dem Bolschewismus geschreckt und dann mit Flinten und allem Mordwerkzeug auf die Arbeiter gehetzt. Der Junge war offenbar grade eingekleidet und fühlte sich schon stolz in der Rolle des freiwilligen Vaterlandsretters. Ich werden den Anblick nie vergessen, wie er sich auf dem überfüllten Bahnsteig auf den Tornister setzte, den kurzen Seitensäbel aus der Scheide zog und nun mit dem blanken gefährlichen Instrument an seinen Gamaschenschnüren herumbastelte, immer bemüht, die Zigarette inzwischen nicht aus den Zähnen zu verlieren. – Das Interesse der Gendarmen war auf zwei junge Mädchen konzentriert, die in ganz gleichen grünen Kostümen auf und ab promenierten. Die Frage war: sind sie Schwestern oder nicht? Ich enthielt mich des Urteils. Aber die beiden Leutchen waren sehr eifrig zu erklären, daß sie garkeine Ähnlichkeit miteinander hätten und nur Freundinnen seien, die vom gleichen Stoff Kleider geschnitten hätten, bzw. daß sie einander wie Hühnereier ähnlich sähen. Endlich kam der Zug, in dem die Leute gestopft standen wie die Heringe. Es gab ein Drängen und Schieben, und wir gerieten in den zweiten Wagen ganz vorn, der nur für Reisende zweiter und erster Klasse eingerichtet war. Natürlich waren die Sitzplätze alle weg, und wir mußten uns mit der Aussicht abfinden, die drei Stunden bis München stehn zu müssen – nach den Strapazen des Tages nicht sehr tröstlich für mich. Der Zug setzte sich in Bewegung, und ich wurde von einem Herrn mit meinem Namen angesprochen, den ich vorher auf dem Bahnsteig die grünen Damen umstreichen gesehn hatte. Es stellte sich heraus, daß es ein Mitglied der USP war, der früher stets Matrosenuniform anhatte, und auch ein paarmal im Zentralrat gewesen war. Ich kam natürlich gleich in ein politisches Gespräch mit ihm. Währenddem waren auch die beiden Jungfrauen in dem Wagen aufgetaucht, von meinen Gendarmen freudig mit Beschlag belegt. Ich merkte, daß meine Anwesenheit große Aufmerksamkeit bei den Mitreisenden erregte. Plötzlich erschien ein Herr und fragte mich, ob ich nicht im ersten Wagen fahren wolle. Dort sei ein Platz frei. Meine Transporteure erklärten, wenn er drei Plätze habe, ließe sich darüber reden – und richtig, nach wenigen Minuten kam der Mann zurück, es seien jetzt drei Sitze frei. Wir schoben also hinüber. Da sah ich eine Reihe von Herren mir neugierig entgegenblicken, und hörte, daß eine Meinungsverschiedenheit sei. Einer sagte: Unter keinen Umständen! Ich spürte, daß man sich da eine Sensation mit mir machen wolle und gab den Gendarmen einen Wink, als der Herr, der uns eingeladen hatte, auch schon betreten mitteilte, leider seien doch keine drei Plätze frei. Die Erkenntnis, daß ich zwischen Beamten reise, wird also wohl die Herren beklommen gemacht haben, sie könnten sich kompromittieren, wenn sie vor denen etwa bolschewistische Gedanken – anhörten. Der reifere der beiden Gendarmen hatte aber inzwischen ein großes Kunststück fertig gebracht. Gestützt auf seine Eigenschaft als Gefangenen-Transporteur hatte er den Schaffner vermocht, ein Abteil erster Klasse, das von lauter Leuten mit Billeten dritter Klasse besetzt war, zu räumen und für uns zur Verfügung zu stellen, obwohl es eigentlich im Schnellzug keine Schubkupees gibt. Die beiden grünen Mädchen und der ehemalige Matrose wurden eingeladen, bei uns Platz zu nehmen, und jetzt ging die fidelste Reise an. Der muntere Gendarm, dessen Kollege sich vergebens bemühte, gegen ihn konkurrenzfähig zu bleiben, begann sofort stürmische Attacken auf die Damen und nahm bei der hübscheren Platz, die er nun mit den Mitteln des kuragierten humorvollen jungen Mannes umgirrte. Ich konnte Studien machen, wie der Lebemann des kleineren Mittelstands Herzen erobert. Er machte Witze sehr alltäglicher Art, die er aber mit einer krähenden Pallenbergstimme herausbrachte, und die dadurch und durch das lächerliche Gesicht des von seinem eignen Geist entzückten Menschen auf mich ungeheuer komisch wirkten. Das gefeierte Mädchen war begeistert, und wenn der Witz ins ganz Derbe schlug, schrie es vor Vergnügen laut auf und bewies ihre Geistesgegenwart durch die ewige Wiederholung des Coupletrefrains: Die Männer sind alle Verbrecher! Der Humor des Jünglings vertrocknete nicht etwa in Worten, oh nein, er betätigte sich auch in sehr ungenierten scheinbar zufälligen Griffen an den Busen oder ins Gesicht. Wir andern beteiligten uns nur durch Stichworte an dieser Unterhaltung, und allgemein war die Stimmung sehr fröhlich und man war mir dankbar, daß meine verwegene Politik eine solche Ausgelassenheit in der I. Klasse eines ungeheuer überfüllten Zuges ermöglichte. Die Mädchen stiegen in Treuchtlingen aus, indem sie uns allen herzlich die Hand schüttelten. Ihr Galan aber besann sich auf seine Talente als Gendarm und schwur hoch und heilig, er werde aufs schnellste herausbekommen, wer die Weiber seien. Das sei für ihn eine Kleinigkeit. Denn er habe gesehn, daß sie Freikarten hatten, also sei der Vater Bahnbeamter in Treuchtlingen. Er werde demnächst hinfahren und sich erkundigen, und er wette so hoch man wolle, daß er alles herausbrächte. Vielleicht entwickelt sich also dieser Roman noch weiter, und ich bin womöglich mit meinem Transport von Ebrach nach Stadelheim die Ursache einer Gendarmenehe, von der niemand die Folgen absehn kann. Auf der weiteren Fahrt schliefen meine drei Reisegefährten. Nur ich wachte, da ich leider seit meiner Verhaftung kaum mehr ohne Anwendung von Nachhilfe Schlaf finden kann. Erst um Mitternacht kamen wir in München an, wo ich zunächst zu Fuß zum Polizeigebäude geführt werden sollte. Das erste Zeichen der Befreiung erblickte ich am Ausgang des Bahnhofs, wo Soldaten in Stahlhelmen den Verkehr überwachten. Dann gings durch die Bayerstraße zum Stachus. Am Mathäser sah ich das große Gerüst und die zerbrochenen Fenster, am Karlsplatz den ausgebrannten Zeitungskiosk und die Kugeleinschläge an den Hausfassaden des Karlstorrondells, in der Neuhauserstraße die großen ekelhaften Werbeplakate für die Weiße Garde. Am Eingang zur Polizei an der Löwengrube standen wieder Stahlhelmhelden. Wir kamen beim Nachtwache-Beamten an, und ich erinnerte mich, daß ich in diesem Zimmer in der denkwürdigen Nacht vom 4. zum 5. April den Fahrtausweis nach Nürnberg geholt und zum Bahnhof telefoniert hatte, um die Billete bereitlegen zu lassen. Einer der schreibenden Beamten, der hörte, wie ich das dem Gendarmen erzählte, bemerkte plötzlich: „Herr Mühsam, Macht haben Sie nie gehabt, höchstens die Macht der Rede, aber nicht die Macht der Überzeugung.“ Ich erwiderte: „Es tut mir leid, daß es mir nicht gelungen zu sein scheint, Sie zu überzeugen.“ Darauf meinte der Kerl: „Ich kenne Sie sehr gut. Ich habe Sie immer verfolgt. Sie sind ja selbst nicht davon überzeugt, was Sie sagen.“ Ich erklärte, daß ich auf eine derartige Unverschämtheit keine Antwort zu geben hätte und verlangte zu wissen, wer er sei. Darauf gab aber dieser tapfere Herr, der in dem Augenblick, da ich Gefangener bin, das Maul gegen mich aufreißt und mich ganz plump der Gesinnungslosigkeit bezichtigt, seinerseits keine Auskunft. Ich werde mir aber die glotzäugige Physiognomie dieses Burschen merken. Ein Kerl von solch erbärmlicher Roheit gehört nicht an einen Posten, wo täglich unglückliche Menschen mit ihm in Berührung kommen. Dann wurde mir mitgeteilt, daß ich über Nacht dort im Polizeiarrest bleiben solle, und morgens nach Stadelheim gebracht werde. Bei der Aufnahmestelle, wo ich mein Gepäck abgab und mich mit Handschlag von meinen Nürnberger Begleitern verabschiedete, machte mir noch ein vierschrötiger Schutzmann bittere Vorwürfe, weil die Schutzleute während der Räterepublik entwaffnet waren, obwohl sie sich doch grundsätzlich politisch neutral verhielten. (Ich habe zwar mit der Entwaffnung der Schutzleute garnichts zu tun gehabt, aber vielleicht war die Maßnahme wirklich eine Dummheit). Dann brachte mich ein Wärter 4 Treppen hoch und schien sehr mißvergnügt, weil ich eine Zelle für mich allein wollte. Es sei ein sehr feiner Herr da, ein Ungar, der sich schon darauf gefreut hätte, daß ich mit ihm zusammen sein werde. Nun hatte ich zwar das Verlangen, sofort zu schlafen, aber dann reizte es mich doch, den Ungarn kennen zu lernen und ich war mit der Gesellschaftszelle einverstanden. Ich trat ein und wurde vom Bett aus freundschaftlichst begrüßt und mein Gefährte entpuppte sich als Russe, nicht Ungar, namens Dr. Slesjarski. Ich hatte ihm kaum guten Tag gesagt und mich umgeschaut, als der Wärter mich heimlich herausrief. Gegenüber hatte sich die Klappe einer Zellentür geöffnet, eine Hand streckte sich heraus, und ich wurde stürmisch begrüßt von zwei jungen Leuten, die ich von Mila her kannte und die man in der Blankenburger Kolonie verhaftet hatte. Sie schoben mir ein Ei und ein großes Stück Kuchen heraus, und dann mußte ich auch noch zur Nachbarzelle, wo mein Freund Fritz Weigel mir auf die gleiche Art durch die Luke guten Tag sagte. Dann ging ich zu Dr. Slesjarski hinein, und es dauerte keine Minute, daß wir im lebhaftesten Disput war[en]. Er bewirtete mich mit Bonbons und gab mir eine herrliche Zigarre zu rauchen, 5 Mark das Stück, ein Geschenk eines seiner Landsleute. Es mag etwa 1 Uhr gewesen sein, als ich hinaufkam. Erst nach einer halben Stunde legte ich mich ins Bett und rauchte darin weiter, was mich frisch hielt, die Debatte über Marxismus, Bolschewismus, Anarchismus etc. zu führen, in der ich viele Anregungen bekam. Sehr belustigte mich ein neues Wort, das der Russe mit Bezug auf den deutschen Parteigeist bildete: Bonzismus. Da die Anwendung des Begriffs „Bonze“ auf die Parteiführer von mir stammt – ich habe ihn ein paar Mal in Versammlungen gebraucht und plötzlich war es der allgemeine terminus technicus – machte mir die schnelle Laufbahn zu der echtrussischen Verbindung mit dem ismus viel Spaß. Der Genosse bestätigte mir, daß in Rußland in den Reihen der Bolschewisten längst auch kommunistische Anarchisten, sogar Menschewiki und alle möglichen Vertreter ständen, nur von seiner Leidenschaft für Marx war er nicht abzubringen, wenn er auch zugab, daß Lenin aus Marx etwas Eigenes und Neues weitergebildet habe, was ich in seiner Schrift, „Der Imperialismus als höhere Stufe des Kapitalismus“ nachlesen solle (da diese Schrift leider nicht deutsch erschienen ist, wird mir das schwer fallen). Über die Vorgänge im Mai erzählte er ganz Gräßliches. Die getöteten Russen werden auf Hunderte geschätzt. Er habe seit 1903 in Rußland an der Revolution teilgenommen und entsetzliche Greuel der Gegenrevolution, besonders von den Kosaken mitangesehn. Aber alles das sei nichts gewesen gegen die Schandbarkeiten, die die Weißen Garden in München verübt haben. (Eben kommt ein Kuchen von meiner Schwester Grethe mit einem Brief, in dem sie die Ermordung der Geiseln bejammert. Von der Abschlachtung der hunderte von Revolutionären kein Ton). – Als ich vielleicht eine halbe Stunde im Bett lag, erschien der Wärter wieder, ich solle mich gleich wieder anziehen und hinunterkommen, auch meine Sachen alle mitnehmen. Ich protestierte, Slesjarski protestierte, – es nützte alles nichts. Nachdem ich seit ½ 4 Uhr früh auf den Beinen gewesen war, mußte ich um 2 Uhr nachts wieder aus dem Bett und weiter. Ich war natürlich wütend. Der Wärter war sehr nett und schlug mir beschwichtigend auf die Schulter, aber der Mann, der mir jetzt als Transporteur beigegeben wurde, meinte auf meine Beschwerde sehr kühl: „Vorher haben wir die Unannehmlichkeiten gehabt, jetzt haben Sie sie.“ Die Polizei ist also beleidigt. Der Mann bewaffnete sich mit einem Gewehr. Ich kam in die Mitte zwischen zwei Schutzleuten in Zivil, so bestiegen wir ein Auto, ich kam mit den Schutzleuten hinein, der Bewaffnete nahm beim Chauffeur Platz und die Reise nach Stadelheim ging los. Meine Begleiter sprachen wenig mit mir, ließen aber durchblicken, daß auch sie an der Räterepublik die Behandlung der Polizei am sträflichsten fanden. Unterwegs mußte vor Leuchtkugeln gehalten werden: Kontrolle von Weißgardisten. Etwa um ¾ 3 Uhr waren wir endlich in Stadelheim. Die Aufnahme ging ziemlich glatt vor sich, wenn mich auch die Weißgardisten, die die Wachtstube und vorher schon den Eingang und Hof bevölkerten, gradezu anekelten. Ein kleines Renkontre wäre des Aufzeichnens wert. Ich stand im Aufnahmeraum, vor Erschöpfung nach den Strapazen des Tages, der langen Eisenbahnfahrt, den Gefängniseindrücken, dem Ausdembettgeholtwerden und allem übrigen zum Umfallen kaput und muß wohl vor innerem Frost gebebt haben. Denn plötzlich stand ein widerlich grinsender Soldat mit schadhaften Zähnen und aufdringlichen Freikorps-Abzeichen am Halskragen vor mir und meinte in berlinischem Dialekt: „Det sind mir die rechten. Wenn ik wat ausjefressen habe, denn steh ik dafür in. Aber sowat steht da und zittert vor Angst am janzen Leibe.“ Ich antwortete ihm: „Sie irren sich. Ich habe garkeine Angst. Ich wüßte auch nicht, wovor, da man doch hier wohl seines Lebens sicher sein wird. Aber ich habe seit fast 24 Stunden nicht geschlafen, daher fröstelt mich.“ Der Kerl antwortete patzig: „Ich hab manchmal im Felde 8 Tage nicht geschlafen.“ „Sie sind auch jünger als ich“ sagte ich und wurde dann endlich von einem jungen Soldaten ohne Freikorpsschmuck, der sehr freundlich war und mir auch bestätigte, daß er nicht dazu gehöre, in meine Zelle geführt. Gegen 3 Uhr wars soweit, und wenige Minuten später war die Bude soweit hergerichtet, daß ich mich mit dem angenehmen Bewußtsein schlafen legen konnte, daß innerhalb der 24 Stunden, seit ich in Ebrach aufgestanden war, noch ein Wechsel der Gefängniszelle schwer möglich sei. 5 Kerker in dieser Zeit als Gefangener zu passieren, ist, glaube ich, ein Rekord. – Für heute genug. Vorhin kam eine Postanweisung über 100 M. von Onkel Leopold, der mir jetzt jeden Monat diese Summe schicken will (aus welchem Fonds schreibt er nicht). Ferner schickt mir Zenzl wieder viele Herrlichkeiten. Vor mir steht in einer schönen Porzellantasse echter schwarzer Kaffee. Leider ist nur alle Dienstage und Freitage Besuchserlaubnis, und da muß die arme Frau erst vormittags zur Au hinaus, um sich den Besucherschein jedes Mal auszubitten. Was an Schikanen ausgedacht werden konnte, das wird angewandt. Hierin bewährt sich das einzige Talent, das die „sozialistischen“ Herren Bayerns zu erkennen gegeben haben: wirkliche Sozialisten um ihrer Überzeugung willen zu hunzen.

 

Stadelheim, Dienstag, d. 1. Juli 1919.

Gestern hatte ich bei Gelegenheit meines Hofspaziergangs eine lange Unterhaltung mit dem jungen Soldaten, der mir bei meiner Einlieferung hier die Zelle anwies. Er gehörte früher zur militärischen Gefängniswache, die sich der Roten Armee vollzählig angeschlossen hatte. So hat er hier in Stadelheim die entsetzlichen Greuel selbst gesehn und war Augenzeuge von Landauers Tod. Er bestätigte, daß die furchtbare Darstellung in der Neuen Zeitung im großen Ganzen richtig war, und daß er, weil er beim Verhör entsprechend ausgesagt hat, schon in den Verdacht geraten war, das Blatt orientiert zu haben, was aber nicht der Fall sei. Auf meine Frage, ob Landauer erschlagen oder erschossen worden sei, antwortete er: beides. – Die Kerle hatten die Absicht, die gesamte aus 104 Mann bestehende Gefängniswache zu erschießen, das wurde durch den Staatsanwalt verhindert, der grade noch rechtzeitig dazwischen kam. Abscheulich sei es gewesen, wie mit Denunziationen gearbeitet wurde. Wer einen guten Nachbarn hatte, konnte gewärtig sein, von dem einfach als Spartakist bezeichnet und erschossen zu werden. So habe eine Frau ihren eignen Mann den Weißgardisten mit der Bitte ausgeliefert, ihn zu erschießen. Den Namen dieser Dame wußte der junge Mensch leider nicht mehr anzugeben. Die Erschießung sei dann zwar nicht erfolgt, da die Geschichte mit den 21 katholischen Gesellen inzwischen den Morden ein Ziel gesetzt hatte, aber der Mann wurde vom Standgericht zu 2 Jahren verurteilt, während der liebenden Gattin kein Haar gekrümmt ist. Welche erbärmliche Sittlichkeit, die verlangt, daß solche Ehen, in denen ein Teil dem andern den Tod wünscht, bestehn bleiben sollen! Weiter erzählte mein Gewährsmann, wie stolz und schön alle, die zur Wand geführt wurden, gegangen sind. Keiner hat Angst gezeigt. Zwei Frauen waren dabei, die ebenso tapfer gestorben sind. Unter den Namen derer, die hier draußen gemordet wurden, waren mir nur zwei bekannt außer Landauer: Schindelbeck und Fischer, – das war der Riese – einen Kopf größer noch als Landauer, und entsprechend breit und stark –, den ich 1909 beim Sozialistischen Bund gekannt habe, er gehörte zur Kolonie Eden, mit der er dann aber, wie er mir später erzählte, in Unfrieden geraten war. Hier tauchte er in der ersten Zeit der Revolution auf und nahm an unsern Zusammenkünften im Braunauer Hof teil. Sein ganzes Interesse konzentrierte sich auf Bodengenossenschaften – und dafür hat er, der stille Mensch, der sich nirgends vordrängte, nie redete, den Tod leiden müssen. – Schindelbeck gehörte meines Erinnerns zu den 10 Obleuten der revolutionären Betriebsräte, die mit beratender Stimme in den Zentralrat delegiert waren. Herrgott, wieviel Idealismus, wieviel Energie ist da von stumpfsinnigen und aufgehetzten Gedungenen zerstört worden! Und doch – wieviel Idealismus und wieviel revolutionäre Energie wird durch den Opfertod dieser Genossen erst lebendig werden! Denn es gibt eine rächende Gerechtigkeit, – wem der Ausgang des Weltkriegs das nicht bewiesen hat, dem werden die Augen nie aufgehn. Am 28. Juni ist der Friede von Versailles nun also von den Herren Hermann Müller und Bell unterzeichnet worden, – am fünften Jahrestag der Ermordung des Esthe, und im selben Hause, in dem vor über 48 Jahren der erste Wilhelm die aus Blut und Eisen zusammengeschwitzte reichsdeutsche Kaiserkrone aufgestülpt bekam. Hier ist unterschrieben worden, daß sein Enkel den Besiegten von damals in die Hände geliefert werden soll, und – die wackeren Republikaner! – Herr Müller, der Sozialdemokrat, hat vor einem Ausfrager noch einmal die Hoffnung ausgedrückt, daß diese Schmach uns ferngehalten werden möge. Welche Mätzchen, um sich den alldeutschen Aufsehern besser zu empfehlen. Sie bewirken nichts anderes, als daß sie im Ausland und vor jedem anständigen Menschen die Verachtung gegen die Verräter am Proletariat steigern und die Versöhnung zwischen den Völkern erschweren. – Heut habe ich einen Zeitungsartikel geschrieben und an die Neue Zeitung gesandt, zu dem mich ein Leitartikel der M. N. N. anregte, worin behauptet war, gegen den Frieden von Versailles seien die Verträge von Brest-Litowsk und Bukarest Dokumente milder Menschenliebe gewesen. Das war mir zu viel. Ich habe an Einzelheiten dieser Verträge erinnert und an die Vorgänge, die im Verlauf und nach den Friedensschlüssen spielten. Überschrieben ist der Artikel unter Anwendung eines andern Zitats desselben Artikels: Wandlung im Geiste. Ob der Staatsanwalt den Schrieb hinausläßt? Es wäre stark, wenn er es nicht täte. Aber was hat er zu fürchten? – Dies ist das zweite, was ich seit meiner Festsetzung für den Druck geschrieben habe. Das erste war ein Brief an die Freie Zeitung in Bern, in der mal wieder behauptet war, ich sei 1914 „Mordspatriot“ gewesen. Gestern bekam ich das Blatt, das meine Berichtigung loyal gedruckt hat. – In den Neuesten Nachrichten finde ich als wichtigste die Meldung, daß der Eisenbahnerstreik entgegen den gestern gebrachten Erklärungen, daß man vor Noske kapituliert hätte, weitergehe, daß die Tram- und die Hochbahnangestellten in eine Solidaritätsaktion einträten, und daß man vor dem allgemeinen Generalstreik zittert. – Leider scheinen in Hamburg Scheußlichkeiten bevorzustehn. Noske und Lettow-Vorbeck haben erklärt, daß die Besetzung unter allen Umständen erfolgen werde und dafür eine Menge fadenscheinige Gründe angegeben. Natürlich ist der wahre Grund Rettung des Prestiges. Wir haben ja den Militarismus überwunden. Wie sehr, zeigt sich am folgenden: Eine Meldung, der General Hoffmann, den man deswegen, weil er erklärte, er werde den Krieg im Osten trotz des Friedensschlusses weiterführen, „zur Disposition gestellt“ hat (nicht einmal zur Verabschiedung fand man den Mut), sei wegen Hochverrats unter Anklage gestellt, wird offiziell dementiert. Natürlich, wie sollte denn das Hochverrat sein, daß ein Einzelner auf eigne Faust Krieg führt, da doch jetzt feststeht, daß unter Hochverrat das Bestreben zu verstehn ist, wortbrüchige Regierungen durch anständige Einrichtungen zu ersetzen. – Persönliches: Ein Brief aus Lübeck macht mir Mitteilung, daß mein Bruder und mein Schwager Landau von jetzt ab monatlich je 250 Mark zahlen wollen, und daß sich mein Vorschlag, meinen Häuseranteil zu realisieren, wohl verwirklichen lassen werde. Demnächst werde ich Näheres darüber erfahren. Das sollte mir weiß Gott lieb sein, dann brauche ich nicht mehr Danke schön! zu sagen, und würde zugleich auch die Schulden bei den Geschwistern los. – Heute erwarte ich wieder Zenzl und freue mich sehr auf die Viertelstunde. Der Anwalt hat sich nicht mehr blicken lassen. Ich bin äußerst unwillig deswegen. Kommt er bis heut nachmittag nicht zu mir, dann werde ich Zenzl bitten, den Grafen Pestalozza mit meiner Verteidigung zu beauftragen.

 

Stadelheim, Mittwoch, d. 2. Juli 1919.

Eben komme ich vom Hof wieder herein. Ich mußte heute den Spaziergang schon am Vormittag absolvieren. Ich sah grade noch die Eimer wegtragen, aus denen die Einschlagstellen an der Exekutionsmauer mit Mörtel übertüncht worden sind. Die Spuren ihrer Schandtaten haben sie damit nicht ausgetilgt, die Bamberger Proletariermörder, das werden sie noch erfahren. Die Zeitung enthält nichts von Bedeutung. Die ungarische Konterrevolution ist vollständig niedergeschlagen. Daß bei den Meldungen mit schrecklichen Bluttaten der roten Volksbeauftragten nicht gespart wird, versteht sich von selbst. Hamburg wurde kampflos besetzt – als erste zogen Bayern unter dem verflossenen Stadtkommandanten Herrgott in die Stadt ein. Ob man auf nachhaltige Wirkungen des Eisenbahnerstreiks rechnen kann? In Berlin ruht der ganze Verkehr, auch die Stadtbahn, die Vorortzüge, die Straßen- und Hochbahnen sind in Streik getreten. Dieser Ausstand, konsequent durchgeführt, könnte Deutschland retten, da er imstande ist, die Nosketruppen unbeweglich zu machen. Hoffentlich bleiben uns die Parteistänkereien ferner erspart, die in München den Hauptanteil an der Niederlage hatten. – Zenzl brachte mir gestern u. a. das erste Juniheft der Zeitschrift „Bayerland“, das sich nur mit der Revolution bei uns beschäftigt. Es bringt Porträts von mir, Leviné, Landauer, Toller, Axelrod und Levien, außerdem ein Bild, das mich sehr erschütterte: Landauers Verhaftung, wie er zwischen Bewaffneten abgeführt wird. Die Artikel des Blatts sind unglaublich scheußlich: die Weißgardisten protzen mit ihren Heldentaten. Vor allem widerlich ist ein Geschmier eines Dr. Solleder „Parlamentär und Soldatenrat“, der sich selbst als tapferen Befreiungshelden aufspielt. Ich erfuhr aus dem Blatt zu meiner Freude, daß Kopp aus Rosenheim nicht tot, sondern verhaftet ist. Das ist ein sehr entschlossener und von Idealismus erfüllter junger Mensch. (Er hat mir im Januar einmal eine Versammlung in Rosenheim arrangiert, bei der ich der KPD, die mich dann so schlecht behandelt hat, mehrere hundert Anmeldungen bewirkte). – Längere Unterbrechung. Erst Mittagessen, dann Vorführung vor einen Vertreter des Staatsanwalts, der mir die Anklageschrift überreichte. Ich muß mich nachher ganz der Lektüre und Durcharbeitung dieses Schriftstücks widmen, aus dem hervorgeht, daß sich die Staatsanwaltschaft große Mühe gegeben hat, uns hineinzulegen. Mich regt aber ein Punkt unter seinen Beweismitteln auf: Geldanweisung für Mühsam. In der Begründung der Anklage, heißt es, ich hätte Bezahlung genommen für meine Arbeit im Zentralrat. Ich lasse mich hängen, wenn ich dafür auch nur einen Pfennig bekommen habe. Wahrscheinlich handelt es sich um die Quittung über die 70 Mark, die ich als Spesenersatz für die Nürnberger Reise erhielt. Offenbar ist das der Punkt, bei dem der Ankläger einsetzen will, um die Ehrabsprechung und das Zuchthaus für mich durchzusetzen. Kann man mir persönliche Habgier anhängen, dann hat man mir in der Tat die Gurgel zugedrückt. Ich habe eben gebeten, nach dem Dr. Bandorf, den mir ein widriger Zufall als Anwalt zugeworfen hat, zu telefonieren. Bis jetzt hat sich dieser Mensch mir noch nicht einmal vorgestellt. Und am Montag ist die Verhandlung. Kommt der Mann nicht, dann schreibe ich sofort am Nachmittag an Pestalozza. Nach solcher Verteidigung leckt sich jeder Advokat sonst alle Finger, und ich gerate an einen absolut gleichgiltigen. Könnte ich wenigstens Zenzl erreichen! Aber die darf vor Freitag nicht mehr herkommen.

 

Stadelheim, Donnerstag, d. 3. Juli 1919

Folgender Kassiber wurde mir gestern von einem Gefangenen zugesteckt: „Hochachtung Herrn Mühsam! Teile Ihnen mit, daß Toller am 15. Juli zur Verhandlung kommt. Gustav Landauer wurde am 2. Mai hier in Stadelheim erschossen. Ich selbst trug Landauer ins Leichenhaus. Der Zahlmeister sagte: Dieser polnische Jude wollte hier in Bayern regieren? Ein Schriftsteller wurde am 2. Mai erschossen. Nach dem Tod wurden ihm seine neuen Schuhe von einem Unteroffizier ausgezogen. Weiße Garde? Der Zahlmeister stand daneben. Später seine Hose und seine Strümpfe wurden ihm auch ausgezogen. Eine Schande, wie man mit den Leichen hier umging. Hochachtungsvoll“ (Ich habe die Orthographie verbessert). So wurde in Bayern „Ruhe und Ordnung“ hergestellt. Ich mag nicht dran denken. Der Gedanke an Landauers schreckliches Ende läßt mich nicht mehr los. Und an der Stätte seiner Ermordung eingesperrt zu sein! – Mir gehts nicht sonderlich mit der Gesundheit. Heut war ich beim Arzt und habe mir Brom verordnen lassen, da ich keine Nacht schlafen kann. So hoffe ich, daß ich am Montag wenigstens ausgeruht vor Gericht erscheinen kann. Gestern war endlich der Dr. Bandorf hier. Der erste Eindruck war unsympathisch. Immerhin scheint der Mann kein Dummkopf zu sein, und seine arrogante Art mag vielleicht vor dem Standgericht, das nach einer Bestimmung vom Jahre 1813 zusammengestellt ist, zweckmäßig sein. Ich habe ihm erklärt, daß der einzige Punkt, in dem ich mich zu verteidigen wünsche, der Vorwurf ist, ich hätte aus Gewinnabsichten gehandelt. Im übrigen fühle ich mich nur dem Proletariat gegenüber auf dem Verteidigungsposten und werde im Gegenteil dem Staatsanwalt selbst Material liefern dafür, daß ich nicht erst seit dem 4. April auf dem Standpunkt des Rätesystems gestanden habe. Er müsse sich darauf gefaßt machen, daß ich ihn desavouiere, wenn er dem Gericht zum Munde redet. – Übrigens sehe ich der Prozeßverhandlung sehr ruhig entgegen, ärgere mich aber, daß man mich mit 7 Mitangeklagten zugleich prozessieren will (Wadler, Killer, Soldmann, Kandlbinder, Baison, Bzdrenga und Hoffmann). Für die stenographische Aufnahme wird, wie Zenzl mir schrieb, mein Vetter Walter Mühsam sorgen. Ich beabsichtige, falls der Verlauf meiner Erwartung entspricht, später eine Broschüre draus zu machen. – Im Eisenbahnerstreik scheint eine Wendung eingetreten zu sein. Der preußische Verkehrsminister hat allen, die bis zum 3. Juli die Arbeit nicht wieder aufgenommen haben, die Entlassung angekündigt. Darauf habe man, um der Pensionsansprüche nicht verlustig zu gehn, die Arbeit wieder aufgenommen. Das wäre, zumal die Omnibusgesellschaften sich dem Streik ebenfalls angeschlossen hatten, sehr bedauerlich und bewiese, daß die Leute ihres Sieges nicht sicher sind. Sonst müßten sie erkennen, daß das Verbot des Ministers leere Drohung ist, und daß er übrigens garnicht die Macht hat, alle Streikenden zu kündigen, da er keine Ersatzmannschaft fände. – General Hoffmann ist wieder in Amt und Würden. Der Militarismus siegt auf der ganzen Strecke. Aber mir geht die Tinte aus. Darum mache ich bis morgen Schluß.

 

Stadelheim, Freitag, d. 4. Juli 1919.

Morgen früh soll ich als Zeuge vor dem Schwurgericht erscheinen, um im Prozeß Schneppenhorst contra Nutt (Neue Zeitung) auszusagen. Ob man diesen Prozeß an einem Tage bewältigen wird, bezweifle ich sehr. Man legt also die Termine so, daß über das gleiche Thema zu gleicher Zeit im Justizpalast und vor dem Standgericht in der Au verhandelt wird. Jedenfalls soll dadurch eine zersplitternde Wirkung im öffentlichen Interesse, also eine Verminderung der Sensation und damit ein Dienst für den meineidigen Militärminister erreicht werden. Ob das gelingen wird? Was für eine Bande im April unsre Bundesgenossenschaft ausmachte, tritt langsam in Beleuchtung. Gestern fand der Prozeß gegen Kübler vom Bauernrat statt, der unser Volksbeauftragter für Justiz war. Er ist freigesprochen worden, weil das Standgericht alle seine Behauptungen glaubte, nämlich daß er sich nur als Platzhalter für Endres betrachtet hätte, daß er immer ein Gegner der Räterepublik war (also wer gegen seine Überzeugung gehandelt hat, ist entschuldigt. Als Verbrecher gilt im neuen Bayern nur, wer sich treu blieb), und daß er gefürchtet hat, wenn er nicht annehme, könnte ein Radikaler auf den Posten kommen. Es war viel die Rede von exotischen Elementen, womit wir Juden gemeint waren, Lipp wurde entsprechend angerülpst, noch mehr Silvio Gesell, und endlich wurden Schneppenhorst und Steiner hinlänglich belastet, um zu deren Rettung den Freispruch Küblers nötig zu machen. Es stellte sich heraus, daß Kübler an den heimlichen Verhandlungen mit Bamberg beteiligt war und daß er mit Dürr gegen die Regierung, der er selbst angehörte, konspirierte. Auch Gandorfer, der als Zeuge vernommen wurde, scheint gekniffen zu haben. Dabei war Kübler in jener Nachtsitzung im Kriegsministerium derjenige, der mit am radikalsten gesprochen hat und sich der Aufschiebung des Umsturzes bis zum Montag am entschiedensten widersetzt hat. Der Prozeß Kübler war ein vortrefflicher Auftakt zu meinem. Er hat gezeigt, daß wir, die wir guten Glaubens waren, die ganze Zeit unsrer Tätigkeit durch von Verrat umlauert waren. Meine Beschäftigung wird heute sein, alle meine Anzeigen gegen Simon, Schneppenhorst, Segitz und Steiner, soweit ich es nicht vor dem Mittagessen schon getan habe, abzuschreiben, um morgen alles gegen Schneppenhorst bei der Hand zu haben. Wenn die Geschworenen Nutt freisprechen, wird dem Bamberger Staatsanwalt wohl nichts andres mehr übrigbleiben, als die Verfolgung Schneppenhorsts wegen Meineid einzuleiten, – er wird es natürlich trotzdem nicht tun. Aber dann weiß die Öffentlichkeit Bescheid. – In Weimar haben sich die Nationalversammelten über die Reichsfarben schlüssig gemacht. Schwarz-rot-gold ist gewählt worden und man ist sehr stolz auf diesen Sieg des Jahres 1830 über 1871. Die Unabhängigen hatten den Antrag gestellt, rot zur Reichsfarbe zu erheben. Sie haben sich damit nur lächerlich gemacht. Angenommen, die Scheidemänner hätten dem zugestimmt (was sie mit der Begründung ablehnten, rot sei die Farbe der Internationale – und was sollten sie wirklich damit zu schaffen haben!), und es wäre entsprechend beschlossen worden, dann wäre die Internationale gezwungen gewesen, um nicht mit dem Deutschland Noskes und Heines verwechselt zu werden, sich nach einer andern Farbe umzusehn. Es wäre eine neuer Maifeier-Beschluß geworden: rot als die Farbe der kapitalistisch-nationalistisch-militaristischen deutschen Sozialbürokratie! Eine unsagbar alberne Vorstellung. Im übrigen beschließen die Weimarer auf Teufelkommraus die Vereinheitlichung des gesamten deutschen Staatswesens. Preuß siegt auf der ganzen Linie, den Haases geht er noch nicht weit genug, und die bayerischen Konservativen sind die einzigen, die etwas Opposition dagegen machen. Hier wird der Grund gelegt zu neuen schweren Revolutionen. Die Sozialisten aller marxistischen Richtungen treiben mit ihren Unitaritätsphantasien ein bedenkliches Spiel. Statt der kommunalen Autonomie die Wege zu ebnen, wozu sich Lenin längst hat entschließen müssen, befestigen sie den Zentralismus, aus dem sich der Obrigkeitsstaat und mithin der Kapitalismus stets neu entwickeln muß. Es ist bitter für mich, das Verderben neu fundieren zu sehn und mit meiner Einsicht ganz allein zu sein. Einmal wird der Tag kommen, wo die bayerischen Bauern sich gegen die preußische Präponderanz erheben werden und gegen die Bauern wird der Sozialismus, der dann im Werden sein wird, einen schweren Stand haben. Vielleicht werden dann die Revolutionäre von heute begreifen, warum ich der KPD niemals beitreten konnte. Zentralisation im Kampf, selbstverständlich! Aber diese Zentralisation darf nur die Völker umspannen, die den gleichen Kampf miteinander kämpfen wollen. Aber für Aufbau und Entwicklung, Selbständigkeit, Autonomie, Freiheit bis in die einzelne Gemeinde, bis ins einzelne Haus! Und Föderation, Vertrag, Gemeinschaft, die nirgends an Staatsgrenzen anstoßen darf. Dann ist Sozialismus, Kommunismus, Freiheit der Menschen und der Völker möglich. Aber wann wird diese Erkenntnis die Parteihürden sprengen? Die Weltrevolution hat einen langen Passionsweg vor sich.

 

¾ 2 Uhr.

Eben kommt die Botschaft – ich bin mitten in der Arbeit –, daß ich mich fertig machen soll. In einer Stunde komme ich von hier fort nach Neudeck, wo ich zu meiner Verhandlung am Montag sein muß. Nun wird die arme Zenzl nachmittags kommen und mich besuchen und mir zu essen bringen wollen – und findet mich nicht mehr. Und um meine Essenszufuhr komme ich nebenbei auch noch. Zunächst stehe ich jetzt ratlos vor meinen Utensilien und weiß nicht, wie ich sie wegschaffen soll.

 

München, Gefängnis am Neudeck, Sonntag, d. 6. Juli 1919.

Wieder ein andres Quartier, das ich aber nur bis zum Abschluß der Standgerichtsverhandlung bewohnen soll. Der Transport hierher ging im „Zeiserlwagen“ vor sich, wo ich in einen Holzkäfig eingeschlossen wurde, der etwa 1 Quadratmeter Umfang hatte (ich stieß beim Sitzen mit beiden Armen, mit Rücken und Knieen an die umschließenden Wände), fast garkein Tageslicht einließ und durch die schmalen Schlitze unter dem Dach nicht soviel Luft aufnahm, daß ein freies Atmen möglich gewesen wäre. So kam ich nach langer Fahrt im Dunkeln, Stickigen, Dumpfen hier an, wo mir als erste Begrüßung die Mitteilung zuteil wurde, daß in Neudeck das Rauchen grundsätzlich verboten sei. Ich mußte also die Zigarren abliefern und fügte mich unter so heftigen Protesten, daß niemand ahnen konnte, daß ich eine Anzahl Zigarren, Tabak und zwei Pfeifen nebst nötigem Feuerzeug in meine Zelle einschmuggelte. Am Nachmittag kam dann ein Eßkorb von Zenzl und ich erfuhr, daß sie selbst da sei. Ich setzte es durch, sie sprechen zu können. Gestern früh gings zum Justizpalast zur Schwurgerichtsverhandlung. Hier unten im Hof sammelten sich die Genossen, die von hier aus als Zeugen mit sollten, und es gab viel Händeschütteln und freudige Begrüßung. Sauber war dabei, Wiedemann, Ganz, Klingelhöfer und Kämpfer. Der arme Ganz ist zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt worden – wegen 100 Mark, die nach den Bezahlungsnormen der Roten Armee ganz legal bei den Stürmen auf Rosenheim und Aibling auf ihn gefallen waren – ehrlose Gesinnung. Darum will mir der Staatsanwalt die 70 Mark, über die er die Quittung gefunden hat, so gern als Bezahlung für meine Tätigkeit im Zentralrat aufmutzen. – Wir wurden in ein für Gefangenentransporte eingerichtetes Auto verstaut, etliche Polizisten und einige Stahlhelme stiegen mit ein, dann gings zuerst zur Corneliusstrasse, wo wir Köberl und noch einen Genossen abholten und dann weiter, hinter uns ein „Kampfwagen“, besteckt mit Maschinengewehren und bepackt mit Weißgardisten: zur Bewachung von 8 Unbewaffneten mindestens 20 mit Stahlhelmen und Handgranaten, Flinten und Säbeln, Revolvern und Patronen versehene Helden. Die Unterhaltung war außerordentlich lebhaft, wir waren in fröhlichster Stimmung. Die ganze Revolution wurde lebendig unter den Erinnerungen und Mitteilungen, die jeder auspackte. Im Justizpalast wurden wir in eine besondere Abteilung eingesperrt, wo man uns ein Zimmer anwies. Wir bearbeiteten die Schutzleute und die Weißgardisten mit revolutionären Vorträgen. Die ersteren waren recht zugänglich, waren aber immer noch sehr beleidigt der Behandlung wegen, der sie in den Tagen der Räterepublik ausgesetzt waren. Die Stahlhelme hörten uns mit blöden Gesichtern zu, wurden dann aber von ihren Führern in den Nebenraum abgewinkt. Inzwischen war auch unser Freund Moses vom revolutionären Arbeiterrat erschienen, und nun erfuhr ich etwas, was mich ungeheuer erfreute, nämlich: Sandner lebt und ist vor einigen Tagen zu 6 Monaten (wahrscheinlich Gefängnis) verurteilt worden. Vom Revolutionären Arbeiterrat sind tot Landauer, Schindelbeck und Stettner, der letzte einer der ruhigsten Mitglieder, die wir hatten (auch der anständige Schindelbeck trat fast garnicht hervor). Die übrigen sind bis auf wenige Ausnahmen in Haft. – Wir wurden in corpore in den Schwurgerichtssaal geführt, wo sich die übrigen Zeugen schon massenhaft eingefunden hatten. Die Geschworenen, anscheinend viele vom Lande, saßen etwas im Dunkeln, sodaß die Physiognomieen schwer zu erkennen waren, vor ihnen an einem Tischchen der Nebenkläger Schneppenhorst. Auf der gegenüberliegenden Seite stand Nutt in seiner Anklagebank, vor ihm sein Verteidiger Philipp Loewenfeld. Beim Namensaufruf hörte man viele vertraute Charaktere ihr Hier! rufen, bei denen man von sehr verschiedenen Empfindungen bewegt wurde. Auch nickte und winkte man manchen zu. So entdeckte mich Nutt von seiner Anklagebank aus und begrüßte mich. Ich nickte zurück und wurde plötzlich auf das freundlichste bedankt von Herrn Minister Segitz, der sich für gemeint hielt. Ich habe ihm durch den kalten Blick, mit dem ich ihn anstarrte, keinen Zweifel darüber gelassen, daß er meinen Gruß nicht mehr zu erwarten habe. Nach den üblichen Formalitäten wurden wir wieder hinausgeführt und die Zeit bis zur Mittagpause verlief unter Rauchen und Geschwätz sehr rasch. Gegen 1 Uhr rasselten wir mit unsrer starken Leibwache wieder nach Neudeck zum Essen und trafen vor 3 Uhr wieder im Justizpalast ein, wo sich nun auch Wadler eingefunden hatte. Er war der erste von uns, der vernommen wurde. Dann folgte ich. Bei der Aufnahme der Personalien lehnte ich die Antwort auf die Frage nach der Konfession ab, erklärte aber dann, als ich sah, daß das als unzulässig betrachtet würde: Wenn ich nicht Jude wäre, würde ich auf der Verweigerung der Antwort bestehn. – Ich setzte dann den Verlauf der Dinge am 4. April auseinander, erwähnte, daß ich Schneppenhorst wegen Meineids angezeigt habe und sagte wahrheitsgemäß über alles aus, was dieser Herr an jenem Tage in meiner Gegenwart gesagt hat. Schneppenhorst war käsebleich. Auf die Frage, ob er nichts darauf zu erwidern habe, meinte er blos: Ich bestreite die Behauptungen des Zeugen auf das Entschiedenste. Der Verteidiger ließ sich leider wichtige Fragen entgehn, die ich hätte beantworten können, zumal über die Urteile, die ich in Nürnberg über Schneppenhorst gehört habe. Der Prozeß wurde gegen 6 Uhr vertagt, und wir fuhren „heim“. Wahrscheinlich wird die Verhandlung noch 4 – 5 Tage dauern, und ich erwarte eine Menge peinlichster Kollisionen dadurch, daß wir in unserm Prozeß gleichzeitig dieselben Zeugen brauchen werden wie Nutt in seinem. Übrigens bin ich recht beunruhigt über Dr. Bandorf, der sich nach dem ersten Besuch nicht mehr gezeigt hat. Die Zeugen, die ich ihm aufgegeben hatte, noch zu laden, wußten bis gestern von nichts. Ich sprach Otto Thomas und Philipp Loewenfeld, die noch nicht benachrichtigt waren. – Heute schickte mir Strobl einen Kassiber herein mit wertvollen Aufklärungen. Er gibt an dem Zusammenbruch Toller und Klingelhöfer die Schuld, die immer zur Unzeit gebremst haben. Den Unfug, den sie offenbar mit dem Vorschlag begangen haben, vor der Aufnahme des Kampfs mit der Regierung Hoffmann zu verhandeln, habe ich hier seinerzeit schon gekennzeichnet. Das Richtige war natürlich angesichts der strategischen Unhaltbarkeit der Lage, nach Entfernung der Führer in Flugzeugen bedingungslos zu kapitulieren. Nachher auf dem Hofspaziergang, der hier im Massenzuge stattfand, hatte ich dann Gelegenheit, mit Strobl und andern noch mündlich über all diese Dinge zu reden. Wegen der Verleumdungen gegen mich scheint bei den Kommunisten ein allgemeiner Katzenjammer zu sein. Ich vergebe gern, wenn sie einsehn, daß sie mir Unrecht taten. Jetzt – es ist schon Nachmittag – muß ich endlich an die Arbeit, das Material für morgen zu sortieren. Fortsetzung folgt nach der Verurteilung.

 

München (Neudeck) Samstag, d. 12. Juli 1919.

Zehn Uhr vormittags. Um 12 Uhr ist Urteilsverkündung. Die ganze Woche hindurch hat der Prozeß gedauert, und gestern sind die Plädoyers gehalten worden. Der Antrag des Staatsanwalts gegen mich lautet auf 10 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust. Doch glaube ich kaum, daß das Gericht auf Zuchthaus erkennen wird, obwohl ich es dauernd durch die Betonung seines Klassencharakters gereizt habe. Ich selbst habe im Schlußwort erklärt, daß die Konstruktion des Staatsanwalts, daß es sich nur um Beihilfe zum Hochverrat handle, gewaltsam sei, und daß das Standgericht nur die Möglichkeit habe, mich freizusprechen oder den Weg zu schicken, den Leviné gegangen ist. Am Schluß meiner Rede ertönten lebhafte Bravorufe im Zuhörerraum, und ich darf mir sagen, daß durch den Verlauf des Prozesses meine Rehabilitation beim Münchner Proletariat vollkommen ist. Ja, wie mir gestern bestimmt versichert wurde, sei die Arbeiterschaft entschlossen, für den Fall, daß auf Zuchthaus gegen mich erkannt wird, in den Streik einzutreten, so hoch wird mir meine Haltung vor dem Standgericht, dem ich allerdings Grobheiten genug gesagt habe, angerechnet. Bedeutend schlechter schneidet Wadler ab, gegen den der Staatsanwalt dieselbe Strafe beantragt hat. Wadler war im Kriege Leutnant und hat sich bei der Deportation belgischer Arbeiter recht übel hervorgetan. Das Gericht ließ in demagogischer Parteilichkeit diesen Abschnitt seines Vorlebens detailliert Revue passieren, und ich mußte dem armen, Angst schwitzenden Wadler beispringen, indem ich erklärte, daß wir im Revolutionären Arbeiterrat für alle derartigen Sünden Generalamnestie erteilt hätten, wenn an der Aufrichtigkeit nachher, wie es bei Wadler der Fall sei, nicht zu zweifeln sei. Interessant war, daß der Staatsanwalt (Appelmann heißt er) für mich die Konsequenz der Gesinnung als Beweis für meine angeborene verbrecherische Natur geltend machte, für Wadler aber umgekehrt die inkonsequente Haltung in der Gesinnung (wieviele Leute mag es im ganzen deutschen Reich geben, die vom Juli 1914 bis zum November 1918 garnicht die Überzeugung gewechselt haben?) als Ehrlosigkeit bewertet wissen wollte. Was für ein entsetzlicher Beruf, der den Menschen zwingt, die Logik solange zu vergewaltigen, bis der Nebenmensch unglücklich gemacht ist! Wadler ist schrecklich aufgeregt, ich fürchte mich garnicht. Mir wäre das Zuchthaus natürlich unsympathisch, zumal ich dort nicht arbeiten könnte, aber von sehr langer Dauer wäre der Aufenthalt darin gewiß nicht. Die Revolution geht weiter, und sie braucht mich noch. Meine Ehre würde ich durch ein Standgerichtsurteil nie als geschmälert empfinden. Gegen Killer und Soldmann wurden je 2 Jahre, gegen Kandlbinder 6 Monate, gegen Bzdrenga und Hofmann je 1 Jahr 3 Monate Festung, und gegen Baison Freisprechung beantragt. Wir werden ja nun bald wissen, was uns blühen wird. Mit Bandorf war ich während der Verhandlung recht zufrieden. Sein Plädoyer war ganz wirkungsvoll, wenn mir auch dabei zumute war, wie einem, der der eignen Beerdigung beiwohnt und den Pfarrer den Nekrolog reden hört. In einer ganz vorzüglichen Rede gab Wadlers Anwalt Dr. Gänßler den Beweis der rechtlichen Unmöglichkeit des ganzen Verfahrens. Ich protestierte bei der Vernehmung und im Schlußwort dagegen, daß Leviné vor uns abgeurteilt wurde und habe das Todesurteil deutlich genug als Justizmord gekennzeichnet. Unter den Zeugen war Dr. Walter Loewenfeld der fatalste. Er war der Arrangeur des Palmsonntagsputsches und damit der Urheber des ganzen Unglücks, das über Stad[t] und Land gekommen ist. Sein Auftreten vor Gericht war widerwärtig anmaßend und ekelhaft. Er suchte uns nach Möglichkeit zu belasten und mich persönlich lächerlich zu machen. Grotesk wirkte Herr Grön, der junge Mann des Ministers Segitz (der ganze Bursche ist 21 Jahre alt), es zeigte sich, daß dieser Rotzbengel, der garkeine Empfindung seiner Unreife hat, Hauptmacher der gegenwärtigen bayerischen Geschicke ist. Die Minister Segitz und Steiner machten klägliche Figuren. Auf Schneppenhorst, dem das Schwurgericht unglaublicherweise recht gegeben hat, verzichteten alle Parteien. Dagegen trat Herr Paul Simon auf und gab zu, das Bekenntnis zur Räterepublik mit unterschrieben und sogar einen Plan für die Rote Armee ausgearbeitet zu haben, aber mit der reservatio mentalis, im Herzen immer für die Hoffmann-Regierung gewesen zu sein. Diese Leute sind die Ehrenmänner der Staatsanwaltschaft. Der Gerichtsvorsitzende, Landesgerichtsdirektor Singer, ist ein kluger Mann, aber von unglaublicher Eitelkeit gebläht, sehr energisch und nicht ganz objektiv. Zwei Offiziere, ein Major und ein ekelhafter kakhifarbener Hauptmann des alten Regimes helfen mit, uns wegen „Hochverrats“ zu verurteilen, und zwei Bürger, die für Gulbransson vortreffliche Vorlagen für absolut trottelhafte Spießer abgeben könnten, beteiligen sich mit beratender Stimme an dem Tribunal, das gegenwärtig an unserm Schicksal schnitzt. – Vorhin waren wir auf dem Hof. Meine Freude war groß, als ich wieder einen Totgesagten lebendig vor mir sah: den kleinen Reichert, der immerhin von den Weißgardisten auf dem Transport abscheulich mißhandelt worden ist. Auch Schindlbeck soll leben, dagegen der Genosse Stark vom Revolutionären Arbeiterrat erschossen sein. Ich fürchte, es werden trotz des Wiedererstehens einzelner Totgeglaubter dereinst beim Appell immer noch Tränen genug fließen. Ich schließe, bis ich mein Urteil erfahren habe.

 

Nachmittag (gegen 6 Uhr?). Nun wissen wir also Bescheid. Wenn es nach dem Willen des Standgerichts geht, habe ich die nächsten 15 Jahre meines Lebens in Festungshaft zu verbringen. Ich denke, daß die Dauer meiner Absperrung zwischen 15 Wochen und 15 Monaten betragen wird, jedenfalls aber das Ende der „Strafe“ dem 15ten Tage näher liegen wird als dem 15ten Jahre. Im Urteil wird angesprochen, daß ich als treibende Kraft des ganzen „Hochverrats“ anzusehn sei, daß ich deshalb nicht, wie der Staatsanwalt beantragte, blos wegen Beihilfe sondern wegen Teilnahme zu verurteilen sei, daß zwar mildernde Umstände angenommen worden sind (sonst hätte man mich zum Tode verurteilen müssen), daß aber mein an Psychopathie grenzender Fanatismus (von jetzt ab werde ich bei den Schmöcken als gerichtsnotorischer Irrsinniger gelten) die Aussetzung der Höchststrafe rechtfertige. Ich habe das Urteil ohne besondere Emotionen entgegengenommen, und meine Zenzl – das weiß ich – wird ebensowenig davon erschüttert sein. – Sehr leid tut mir dagegen Wadler. Gegen den hat man tatsächlich das „ehrlos“ ausgesprochen und ihn danach zu 8 Jahren Zuchthaus und entsprechendem Ehrverlust verurteilt. Während der Verlesung noch sprang Wadler von der Anklagebank auf und schrie: „Das ist ein moralischer Justizmord!“ und als der Vorsitzende ihm androhte, ihn abführen zu lassen, wiederholte er es und machte seinem Verteidiger (der wahrhaftig unschuldig war) und auch dem Staatsanwalt bittere Vorwürfe. Der Vorsitzende erklärte kurzweg die Sitzung für geschlossen, und wir wurden weggeführt. Das Bedauerliche ist, daß Wadler doch noch so tief in bourgeoisen Vorurteilen steckt, daß er seine Ehre durch dieses lächerliche Klassenurteil tatsächlich gemindert empfindet. Mich hätte solches Urteil natürlich auch beunruhigt, weil es mir monatelang unangenehme körperliche Zwangsarbeit mit Beeinträchtigungen gebracht hätte, die im Zuchthausreglement begründet liegen und mich schwer getroffen hätten. Aber meine Ehre hätte ich wahrhaftig nicht tangiert gefühlt. Ich habe Wadler das auch gesagt. Die Infamie des Urteils liegt in der Gesinnung der Richter. Man hat die ganze Beweisaufnahme gegen ihn von Gesichtspunkten aus geführt, die mit dem Delikt selbst garnichts zu tun hatten. Die Offiziere – und der Gerichtsdirektor selbst war im Kriege Hauptmann (womit er ausdrücklich renommierte) – wollten an dem Offizier Rache üben, der zum Bolschewismus (was sie nämlich darunter verstehn) übergegangen war. Die Beteiligung Wadlers an den ganzen Ereignissen war ganz gering, jedenfalls geringer als die Soldmanns, der Vorsitzender im Zentralrat war und freigesprochen wurde. In der Tat hat das Gericht gegen Wadler auch nur auf Beihilfe zum Hochverrat erkannt. Freigesprochen wurden Soldmann, Kandlbinder und Baison, die andern drei, Bzdrenga, Hofmann und Killer wurden an das Volksgericht verwiesen, und außer Soldmann auch Killer in Freiheit gesetzt (die übrigen waren schon vorher entlassen). Das einzige, was mich die Höhe der gegen mich ausgesprochenen Strafe ärgerlich empfinden läßt, ist, daß meine Hoffnung, einen Monat Strafaufschub zu erhalten, wie Niekisch – der (obwohl er der eigentliche Macher der Räterepublik war) 2 Jahre Festung hat, ganz aussichtslos geworden ist. Ich werde also meine Häuslichkeit für längere Zeit jedenfalls nicht wiedersehn. Am Montag beginnt nun der Prozeß gegen Toller, der vor dieselben Richter kommt wie wir. Ich habe den Eindruck, daß sein Schicksal – Festung oder Zuchthaus – ganz von dem persönlichen Auftreten abhängt, wie er dem Gericht sich gegenüberstellt. Ich bin durch meine Gradheit und Grobheit der Ehrloserklärung entgangen, habe mir aber dadurch die Höhe der Strafe zugezogen. Wadler hat während der ganzen Verhandlung den Ton nicht gefunden, der dem Reaktionstribunal (mit diesem Namen habe ich es einmal den Herren gegenüber direkt bezeichnet) imponiert hätte noch auch die ruhige Zurückhaltung, die ihn als bescheidenen sachlichen Menschen hätte erscheinen lassen und die Soldmann zum Freispruch verholfen hat. Es ist aber grotesk, daß so einfach nach den Sympathien oder Antipathieen, die man diesen fremden und in der Gesinnung feindlichen Menschen erweckt, das Schicksal der Revolutionäre unwiderruflich – denn gegen die Entscheidungen des nach Bestimmungen vom Jahre 1813 zusammengesetzten Standgerichts gibt es garkeine Berufung – entschieden werden soll. Daß es nicht danach entschieden wird, dafür werden ganz andre Faktoren sorgen. Aber der „sozialistischen“ Regierung Hoffmann soll die erbärmliche Flucht hinter die Noskegarden und die Standgerichte unvergessen bleiben. Ich nannte diese Leute gestern in meinem Schlußplädoyer die Servierkellner der Reaktion.

 

Stadelheim, Sonntag, d. 13. Juli 1919.

Ich sitze wieder in der Zelle 16 des Strafvollstreckungsgefängnisses Stadelheim. Der Transport im Zeiserlwagen heute früh unterschied sich von der Hinfahrt dadurch, daß Wadler im Nebenkäfig saß und mit Gebrüll, das das Holpern über Pflastersteine übertönen mußte, eine Unterhaltung möglich war. Bei der Ankunft in Stadelheim gab es ein sehr peinliches Intermezzo. Grinsende Weißgardisten umstanden uns, und ein Feldwebel von besonders widerwärtigem Aussehen begrüßte mich mit schadenfrohem Gelächter: „Ah, der Herr Mühsam!“ – Ich ging auf ihn zu und fragte, ob er etwas von mir wünsche, worauf Beschimpfungen und freche Drohungen folgten. Ich habe die Sache dem Gefängnisvorstand gemeldet, fürchte aber, daß die Sicherheit meines Lebens, die den Mördern Landauers anvertraut ist, hier nicht mehr besonders zuverlässig ist. Daß kein Mensch außer mir die Drohungen gehört haben will, versteht sich ja von selbst. – Von gestern ist eine kleine Merkwürdigkeit nachzutragen. Als ich vom Gerichtssaal ins Aufnahmezimmer des Neudecker Gefängnisses gebracht war, erhob sich dort plötzlich eine schlanke Frau, und auf beiden Seiten mit erstaunter Freude folgte die Begrüßung mit Frau Margot Jung, – meinem Mariechen von ehedem. Ich war grade im Begriff, ihr einen Kuß zu geben, als man uns grob trennte. Wie die arme Person in diese Lage kam, habe ich leider nicht mehr erfahren können. Nach meiner Einlieferung hier brachte mir der Aufseher einen wunderschönen Strauß aus Mohnblumen, Margeriten und Fuchsien mit einem Gruß von Axelrod, der jetzt in einem Maßkrug meine Zelle ziert (der Strauß nämlich): die Anerkennung der russischen Sovjetrepublik für meine Haltung vor dem Standgericht. Einige Details aus meinem Prozeß: der Vorsitzende hatte in seinen Akten ein Exemplar meiner 1905 erschienen Ascona-Broschüre, die er offensichtlich eingehend durchstudiert hatte. Ich fahnde seit Jahren nach diesem Nebenprodukt meines Schaffens und beneide das Gericht um den Besitz. Mir wurden alle möglichen Zitate aus der Schrift vorgehalten, und die Offiziere und Beisitzer bekamen den Eindruck, den wohl bis dahin auch Herr Singer hatte, daß dies Broschürchen den Inhalt meines gesamten literarischen Werks enthalte. Ich habe im Plädoyer ein gebundenes Vollexemplar meines Kain von 1911–14 vorgezeigt und mein Erstaunen ausgedrückt, daß man mir meine Gesinnungen nicht lieber daraus kompiliert habe. Überhaupt war zur Beschaffung des Gerichtsakts eine Art Sackgreifen veranstaltet worden. So mußte ein Protokoll der Sitzung des Zentralrats vom Samstag, dem letzten Tage vor meiner Verhaftung herhalten, um den Geist dieser Körperschaft während der ganzen Woche der „Schein“-Räterepublik zu illustrieren. Daher bekam dann der Plan, mit einem Panzerzug die Sperre nach Nordbayern zu durchbrechen, die ungeheure Bedeutung, die ihm das Gericht beilegte. Aber – offenbar sind die Protokolle der früheren Sitzungen dem Zugriff des Staatsanwalts entgangen. – Höchst ekelhaft war mir am Eröffnungstage beim Aufruf der Zeugen die Anwesenheit Max Langheinrichs, der mit Halbe erschienen war. Tags drauf zeigte sich auch die Ritscher, die mich sehr aufgeregt begrüßte. Es stellte sich heraus, daß der Staatsanwalt den Brief Langheinrichs an mich erwischt hatte, worin er mir die Freundschaft kündigte, und Material zum Beweis meiner Ehrlosigkeit daraus entnehmen zu können glaubte. Als dann Langheinrich vereidigt wurde, legte ich vor seiner Vernehmung scharfen Protest ein gegen derartige Überraschungsmanöver des Staatsanwalts und erreichte zunächst eine Pause, um mich mit meinem Verteidiger über die Angelegenheit beraten zu können. Bandorf hat dann ganz geschickt operiert, sodaß auf Langheinrich und auf die Ritscher verzichtet wurde. Allerdings mußte ich zugleich auch auf Halbe verzichten, den ich als Leumundszeugen benannt hatte. Doch hat Aster so vorzüglich ausgesagt, wobei er sehr geschickt auch mit ablehnender Kritik nicht zurückhielt, daß es mir nachher sehr recht war, nicht noch durch weitere Lobreden auf meinen anständigen Charakter verlegen gemacht zu werden. – Heute sind seit meiner Verhaftung auf den Tag 3 Monate, bzw. 13 Wochen herum – und noch bin ich nicht einmal definitiv untergebracht. Ich vermute, daß ich wieder nach Ebrach kommen werde, das jetzt zur Festung umgebaut wird. Man wird mit der „Überstellung“ wohl solange warten, bis ein gehöriger Schub Verurteilter beisammen ist. Morgen beginnt der Prozeß gegen Toller, und am 27ten der gegen Axelrod, für den aber die Russen schon deutsche Geiseln festgesetzt haben. Ich glaube immer noch, daß man die verlangte Anerkennung seiner Exterritorialität lieber noch leisten wird, ehe man den Konflikt mit der Sovjetrepublik akut werden läßt. Allerdings ist bei der patzigen Dummheit der Bamberger Massenmörder keine noch so blödsinnige Perfidie ausgeschlossen.

 

Stadelheim, Montag, d. 14. Juli 1919.

Hundertunddreißigjähriger Gedenktag des Bastillesturms. Allerlei vergleichende Betrachtungen drängen sich auf. Die tröstlichste davon ist die, daß wir erst 8 Monate Revolution hinter uns haben und die Konterrevolution schon am Anfang erleben. Die französische dauerte 26 Jahre und endete mit der Reaktion. Die Hoffnung, daß es in Deutschland umgekehrt gehn wird und wir zuletzt lachen werden, ist also begründet. Die ersten Presseäußerungen über den Ausgang des Prozesses brachte mir Zenzl mit dem Mittagessen – leider habe ich sie selbst seit der Verurteilung noch nicht sprechen dürfen. Münchner Post und Münchner Zeitung bringen einen gleichlautenden Korrespondenzbericht, in dem eine charakteristische Fälschung festzustellen ist. Im Tenor wurde mir nachgesagt, ich hätte meine Überzeugung zeitlebens ehrlich, wenn auch „mit einem an Psychopathie grenzenden Fanatismus“ verfochten (das war der wörtliche Ausdruck, den ich mir mit absoluter Bestimmtheit gemerkt habe). In den Blättern steht statt dessen „in einer Art pathologischen Zustands“. Man merkt die Absicht. In der Münchner Post salbadert ein Leitartikel von der „entsetzlichen Strafe“, die über mich verhängt sei, „gegen den politischen Phantasten Mühsam, dem bisher alle seine politischen Feinde die Ehrlichkeit seiner Gesinnung bezeugen mußten“. Wirklich! Ausgerechnet die Münchner Post, die mich jahrelang als Spitzel und Bestochenen verleumdet hat und deren Prozeßberichte grade in diesen Tagen sich vor denen aller andern Blätter durch besondere Gehässigkeit auszeichneten. Aber das Urteil ist jetzt gesprochen und ist – wenigstens glaubt und hofft man es am Altheimereck – endgiltig und unwiderruflich; da darf man jetzt das Schmalz des Mitgefühls auf die Wunde träufeln, die man in eifrigem Bemühen so tief wie möglich hat schneiden helfen. „Das deutsche Volk hat eine Revolution gemacht“ ist die Überschrift und der Refrain des sozialdemokratischen Leitartikels. Daß diese Revolution nach Geständnis desselben Blattes „ohne unser Zutun“ erfolgte, weiß man dort nicht mehr. Aber wie sich das Werk des Volks in den Köpfen der Münchner Post-festum-Leute malt, illustriert dieser Satz: „Das deutsche Volk hat eine Revolution gemacht, durch die es sich eine rein demokratische Verfassung und den Achtstundentag errang.“ Die Herren sind anspruchslos, – das muß ihnen der Neid lassen. Mir ist heute der Plan zu einem netten politischen Pamphlet durch den Kopf gegangen. Ich beschäftige mich seit einigen Wochen schon mit Wieland. Da stieß ich bei der Lektüre der Könige von Scheschian“ („Der goldene Spiegel“) im 10ten Kapitel des I. Bands auf die ganz köstliche Beschreibung des Bonzentums und der Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Richtungen unter den Bonzen in Scheschian. Besonders amüsant wird das Entstehn einer neuen Sekte geschildert, die mit der Lehre arbeitet, der „Große Affe“, das heilige Tier des Landes, sei nicht, wie man bisher annahm, feuerfarben, sondern blau, da man seinen Namen fälschlich Tsai-Faou statt richtig Tsao- Faou gelesen habe. Die Anhänger dieser neuen Lehre sind die „blauen Bonzen“, und es entstehn jetzt die fürchterlichsten Kämpfe zwischen den Anhängern der beiden Richtungen. Ich rühme mich, das Wort „Bonzen“ als erster auf die sozialdemokratischen Führer angewandt zu haben. Nun fiel mir ein, aus diesem Wielandschen Kapitel die Unterlage zu einem Broschürchen zu machen, für das ich mir eine Gegenüberstellung in Form einer modernen Nutzanwendung gedacht habe. Der Große Affe ist natürlich Karl Marx und nun kann Kautskyanismus, Revisionismus und Spartacismus der Gegenstand der Streitigkeit sein, ob man richtiger Tsai- Faou oder Tsao- Faou sagt. Die Überschrift könnte lauten: „Die blauen Bonzen und die roten Bonzen“ von Ch. M. Wieland und Erich Mühsam. Ob ich lange genug auf Festung sitzen werde, um neben den übrigen Arbeitsplänen zur Ausführung dieses Pamphlets zu kommen, muß die Zukunft lehren. Wesentlicher ist mir das Judas-Drama, mit dem ich nun lange genug schwanger gehe, um es endlich zur Ausführung bringen zu sollen. Außerdem hat mich Aster in seinem Gutachten über meine literarischen Fähigkeiten vor eine gewisse moralische Verpflichtung gestellt, indem er behauptete, man dürfe von mir einen guten zeitsatirischen Roman erwarten (Eventuell wäre in so einen Roman die Bonzen-Idee hineinzuarbeiten). Außerdem drängt der unglückliche Streit schon wieder, ich solle ihm ein Filmdrama liefern. Ich werde also doch wohl die große Traunsteiner Filmballade weiter dichten müssen, um diese Verpflichtung einmal vom Halse zu kriegen. – Ob nach dem Verlust meines lyrischen Notizbuchs noch Gedichte werden entstehn können, – ich glaube, das wird davon abhängen, ob der Verlust endgiltig bleibt. Findet sich das Heftchen wieder, dann wird, dessen bin ich sicher, auch der Quell meiner Lyrik wieder springen. Ich setze jetzt Bandorf deswegen in Bewegung. – In der Zukunft vom 14. Juni, die mir Lederer schickte (wie mir Mila schreibt, soll der in Berlin abhanden gekommen, also wohl verhaftet sein), schreibt Harden im Zusammenhang mit Betrachtungen über den Justizmord an Leviné und die Konterrevolution in München über mich ein paar Worte: „Der von Seichtlingen bespöttelte Dichter Erich Mühsam kam aus dem Dickicht seines Literatur-Anarchismus noch nicht in Klarheit; war aber im Ethos des Wollens unbeirrbar. Eines wohlhabenden Apothekers Sohn, der aus hansischer Bourgeoisbehaglichkeit ins dunkel ungewisse Leben der Ärmsten schreitet: Hut ab, ihr Lümmel“, etc. etc ... Ich glaube, daß mich aus dem Dickicht des „Literatur-Anarchismus“ nun doch das neue Licht aus dem Osten in Klarheit geführt hat. Ich habe vor Gericht ausgesprochen, daß der Bolschewismus die Brücke schlägt zwischen Marx und Bakunin. Hier ist der Überbau aller kommunistischen Erkenntnisse. Das Rätesystem mit der weitestgehenden Autonomie der lokalen Sovjets, der Internationalismus bis zur Konsequenz der Aufhebung aller Staatsgrenzen, die proletarische Diktatur als Mittel zum Zweck der Sozialisierung der Wirtschaft, der vollständigen Beseitigung jeder Ausbeutung und endlich der Eliminierung des Proletariats selbst, die Herbeiführung der wirtschaftlichen Gleichheit der Konkurrenzbedingungen zwischen den Individuen und damit einer Gerechtigkeit, auf die der verjüngte Begriff der Demokratie in einer von allem Pharisäismus, aller Demagogie und Verlogenheit gereinigten Bedeutung Geltung gewinnt, die unbeirrbare Rücksichtslosigkeit im Destruieren kapitalistischer und staatsautoritärer Rudimente bei gleichzeitigem Neuschaffen sozialistisch-kommunistischer Grundlagen der Gesellschaft, die Besinnung auf die Organisierung der Produktion als Magd des Konsums und auf die Dezentralisation der Wirtschaft zum Zweck ihrer Intensivierung – das alles sind die praktischen Ergebnisse des Bolschewismus, die den Bonzen aller sozialistischen und anarchistischen Richtungen den Weg zeigen sollten, auf dem die Einigung des Proletariats und der Völker sich vollziehn kann, ohne daß die Frage, ob der große Affe Marx einen blauen oder einen feuerfarbenen Arsch hat, die Gemüter zu erhitzen brauchte. Ob Lenin selbst aber diese ganze ungeheure Bedeutung seines Werks als Fundament der über alle Theorieen und akademische Streitereien triumphierenden revolutionärsozialistischen Internationale ganz erkennt? Vielleicht bleibt es mir vorbehalten, den sittlichen Sieg des Bolschewismus der revolutionären Welt und mit ihr auch den Bolschewisten selbst aufzuzeigen und dazu beizutragen, daß in den bevorstehenden Endkämpfen der Weltrevolution der Bruderkrieg zwischen den Revolutionären selbst vermieden wird, und der Geist des Bolschewismus sich als das versöhnende Element, als das Element der Liebe und der Gerechtigkeit über alle Orthodoxie und Voreingenommenheit hinweg bewähren kann. Dann wird uns der Sieg sicher sein.

 

Stadelheim, Dienstag, d. 15. Juli 1919.

Wieder ein Gedenktag von erheblicher Bedeutung: heute vor einem Jahr begann mit dem Luftstoß der deutschen Truppen beiderseits Reims die zweite Marneschlacht und damit die Katastrophe des bismärckischen kaiserlichen Deutschlands. Die rückläufige Bewegung des Triumphzugs von 1914 setzte ein, die am 8. August mit der großen Niederlage in der Champagne zum völligen Desastre führte und in Verbindung mit den Schlägen, die die treuen Verbündeten in Mazedonien, in Palaestina und in Italien erlitten, zur Demoralisation, zum regellosen Abbau der Fronten, zur Kopflosigkeit und endlich zum Kriegsbankrott und zur Revolution auswuchs. Damals saß ich in Traunstein, fiebernd die täglichen Bulletins erwartend und mir aus den Lügen über Ludendorffs berühmte Abwehrerfolge das Bild der Hoffnung konstruierend. Und heute? Deutschlands Schmach ist vollkommen. Die Sozialdemokratie, die sich zur Hure der vorrevolutionären Despoten gemacht hat, hat die Schmach vollendet. Offiziere sitzen in ihrem Auftrage zu Gericht über Revolutionäre und fällen Bluturteile, die man mit heiterer Miene entgegennimmt, weil die Revolution ja schließlich doch stärker sein wird als ihre gedungenen Saboteure. Schmerzlich genug ist aber der Rückblick doch. Mir ist während der Prozeßwoche immer wieder ein Satz aus meiner Ascona-Schrift vorgehalten worden: „Soweit die deutsche Zunge klingt, reicht auch die deutsche Charakterlosigkeit.“ Damit habe ich – der Staatsanwalt betonte es noch einmal in seinem Plädoyer – das „deutsche Wesen“ verunglimpft. Ich bezweifle, ob das deutsche Wesen bitterer verunglimpft werden kann und ob mein 1905 geschriebener Satz einen Beweis von größerer Eindringlichkeit erhalten kann, als durch die unerhörte Schmach der Konterrevolution. Frank Wedekind sagt: Unglück kann jeder Esel haben; man muß es nur zu benutzen verstehn. Die Russen haben es verstanden. Rußland ist durch die revolutionäre Heiligung seines Unglücks die Hoffnungsfackel der Welt geworden, es hat sein Unglück zu seinem Glück gemacht. Die Deutschen zeigen, daß sie ihr Unglück, das alle Bedingungen zu ihrem besten Glück in sich trägt, noch nicht einmal als Unglück begriffen haben. Sie behandeln es, als ob es sich blos um etwas Pech handelte, dessen sie durch gesteigerte Anmaßung und durch brutale Roheit Herr zu werden suchen. Deutsches Wesen! Möge endlich einmal das deutsche Volk davon genesen und sich auf seine kosmopolitischen und kulturellen Traditionen besinnen. Reue tut diesem Volk not und Abkehr vom Nationalismus. Statt dessen läßt es sich von Standgerichten die Mentalität, die zur Kriegskatastrophe geführt hat, von neuem aufzwingen. Solange noch Weißgardisten geworben werden können und das ganze Volk gegen seinen Willen unter die Tyrannei „sozialistischer“ Offiziersburschen à la Noske, Heine, Hoffmann und Schneppenhorst zwingen, solange hat mein Satz von der Charakterlosigkeit der Deutschen Giltigkeit. – Seit gestern steht Toller vor dem Standgericht. Er hat vor mir den Vorzug, daß er allein verhandelt wird. Die Rücksicht, die ich fortgesetzt auf Wadler zu nehmen hatte, hat mir die Verteidigung arg erschwert und dann ihn doch nicht vor dem Zuchthaus bewahrt. Für Toller ist ein mächtiger Apparat aufgeboten. Haase ist aus Berlin gekommen, außerdem hat er zwei Münchner Anwälte. Aber sein Urteil wird wohl längst fertig sein; ich taxiere, er wird dasselbe kriegen wie ich. Nach dem ersten Zeitungsbericht von heute morgen scheint er auch seine Haltung den Richtern gegenüber ähnlich einzurichten wie ich es tat. Die Münchner Neuesten Nachrichten beschimpften mich auch schon als Poseur und werfen die Frage auf, ob ich denn auch überhaupt schon mal gearbeitet habe. Solche Fragen haben den Zweck, später bei jeder Gelegenheit die negative Antwort darauf als gegeben zu betrachten. Vorpostengeplänkel für methodische Verleumdungen. Die restlose Unterdrückung der bürgerlichen Presse (mitsamt ihrem sozialpatriotischen Anhang natürlich) muß die erste Aufgabe jeder neuen Revolution sein. Hätte Eisner da gleich zugegriffen und die hohen Beamten und Offiziere von ihren Posten entfernt, er hätte sich und der Revolution das Leben gerettet. Gesagt ist es ihm oft genug worden. – Aktuelle Ereignisse sind seit der Unterzeichnung des Versailler Pakts wenig zu vermerken. Die Lage der russischen und ungarischen Räterepubliken scheint trotz der Bedrohungen durch den Ententeimperialismus und seine rumänischen, tschechischen, polnischen Schergen immer noch fest zu sein. – In Berlin hat man einen französischen Unteroffizier in der Friedrichstrasse erstochen und muß nun peccavi! sagen, und Radek war einem neuen Attentat ausgesetzt, indem ein Leutnant von Simon ihn aus dem Gefängnis zu „befreien“ versucht hat – 5000 Mark Bestechung wollte er dafür springen lassen, um dann den üblichen Fluchtversuch zu arrangieren. Dieser Herr v. Simon soll mit dem forschen Zeughausputschisten, der die französischen Fahnen vor dem Friedrichdenkmal verbrannte, identisch sein. Unsre Schmöcke nennen ihn milde einen „übereifrigen“ Offizier. Wie lange wird diese Rotte noch Herrin in unserm Lande sein? – Mit Angst und Zittern rückt jetzt die Regierung mit ihren Finanzplänen zur Liquidierung der Niederlage heraus. Natürlich langt man nicht einfach zu und nationalisiert die Produktionsmittel – was auch keineswegs in meinen Wünschen läge, da ich den Staatskapitalismus wie die Pest verabscheue, aber nach dem Programm unsrer Regierungspartei wäre es doch das Selbstverständlichste –, sondern man dezimiert die größeren Vermögen mit einem (angeblich) einmaligen „Reichsnotopfer“. Zweck der Übung ist, in der schmerzlosesten Form den Staatsbankrott zu übertünchen. Nach meiner Schätzung werden über 20 % des in Geldwert zu berechnenden Volksvermögens konfisziert werden. So denkt man um die Auslösung der Kriegsanleihen herumzukommen: man steuert sie weg. Nun bin ich nur auf die Opferfreudigkeit der Staatserhalter gespannt. Vielleicht wird dieser angesichts der Verhältnisse bescheidene Zugriff in die Privatkassen der Besitzenden einen Schrecken herbeiführen, der unserm Schiff Wind in die Segel bläst.

 

Stadelheim, Mittwoch, d. 16. Juli 1919.

Manchmal möchte ich an allem Anstand und an aller Menschengüte völlig verzweifeln. Seit dem 1. Juli erscheint in München ein offizielles Organ der USP, redigiert von Winter, Kämpfer und Nutt, lauter alten Bekannten von mir aus der Zeit der Eisnerschen Diskussionsabende. Dieses Blatt hatte zu irgendwelchen Berichten über meinen Prozeß keinen Platz gefunden und nur einmal kurz angekündigt, es werde einen zusammenfassenden Bericht bringen, wenn das Urteil gesprochen sei. Schön – auch die „Neue Zeitung“, das Organ Eisners, das seit dem 1. Juli nicht mehr als Parteiblatt erscheint, sondern von dem im April plötzlich von der Mehrheit direkt zu den Kommunisten übergesprungenen Arbeitersekretär Otto Thomas herausgegeben wird, hat außer dem Urteil kein Wort über den Prozeß geschrieben. Der „Kampf“ aber – dies ist der Name der neuen Parteizeitung – wartete den Ausgang doch nicht ab, sondern brachte am Montag auf den Zuchthausantrag des Staatsanwalts hin (ohne noch das Urteil selbst zu kennen. Denn der technische Apparat des Blättchens arbeitet langsam) einen Artikel „Die Scheinräterepublik vor dem Standgericht“ (die Unabhängigen haben aber selbst an dieser „Scheinräterepublik“ teilgenommen), in dem gegen die vorgeschlagene Aberkennung meiner ehrenhaften Gesinnung zwar protestiert wird, mir dann aber folgende Liebenswürdigkeiten gesagt werden: „Im übrigen heißt es die Bedeutung Mühsams überschätzen, wenn man in ihm einen geborenen Hetzapostel sieht. Allerdings war es eine unglaubliche Schwäche der Revolution, daß es einem Mann wie Mühsam möglich war, in der Arbeiterbewegung überhaupt eine Rolle zu spielen. Heute jedenfalls ist er für die soziale Revolution in den Augen der Arbeiter erledigt ... Wir können nicht glauben, daß die Regierung unter allen Umständen Märtyrer aus Leuten machen will, die bei den Arbeitern ohnehin unten durch sind. Eine solche Verurteilung könnte Mühsam nur bei den Arbeitern in unverdienten Kredit bringen.“ Diese unerhörte Schäbigkeit im Augenblick, wo man wehrlos im Gefängnis sitzt (das ist allerdings bei der deutschen Presse von jeher als geeignetster Zeitpunkt für Angriffe angesehn worden), von der Seite, mit der man grade in den kritischen Tagen einigermaßen solidarisch war, wurde zwar am nächsten Tage, nachdem man mir die 15 Jahre Festung aufgebrummt wußte und damit wohl hoffen konnte, mich nun aus der Arbeiterpolitik dauernd beseitigt zu sehn, in einem neuen Artikelchen erheblich abgeschwächt. Aber gedruckt bleibt’s halt doch, und heute steht in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ schon wohlgefällig und mit dem geistreichen Bemerken abgedruckt, daß man dieser Kritik des Unabhängigen Organs nichts hinzuzufügen habe. Selbstverständlich wird diese Niederträchtigkeit jetzt alle Kloaken der öffentlichen Meinung parfümieren müssen, und was übrig bleibt, ist bei dem kritiklosen Teil des Proletariats, das ja revolutionärere Blätter, als diesen „Kampf“ (mit vergifteten Waffen) nicht zu lesen bekommt, die vage Erinnerung, daß Mühsam ja bekanntlich nicht ernst zu nehmen sei. Und warum diese infame Pöbelhaftigkeit? Weil ich nicht Parteimitglied bin. Wadler, der Mitglied der USP ist, wird natürlich entsprechend freundlicher behandelt. Eisner-Schule. Aber mir ist sehr weh zu Mute. Ich glaube, daß ich diese Behandlung nicht verdiene. Wenn ich mir vorstelle, daß ich jetzt, vielleicht doch für recht lange Zeit, ganz von der Bildfläche abtreten, meine Frau, mein Heim, meine Gewohnheiten, alle Bequemlichkeiten mit recht harten Lebensbedingungen vertauschen muß, dann stimmt mich das Gefühl tief nieder, daß man diesen Augenblick dazu benutzt, um all die Arbeit, all die Liebe, all die Opfer, die ich für die soziale Revolution aufgewandt habe, beim Volk zu entwerten. Die Sätze, die da ein gewissen- und gedankenloser Skribent in die Welt gesetzt hat, sind mir bitterer als die Verurteilung selbst zu lebenslänglichem Zuchthaus mir sein könnte. Denn sie stehlen meinem Opfer, daß ich nun für vielleicht 15 Jahre die Freiheit hingebe, den Nutzen. Wenigstens sehn sie es darauf ab. Ich muß hoffen, daß die Wirkung ausbleibt, sonst müßte ich meine Strafe mit dem Gefühl abbüßen, sie für ein Nichts zu erleiden. Das aber ist mir bewiesen: daß mein Urteil über die Unabhängigen von jeher richtig war. Die jetzt die perfide Attacke gegen mich fahren, sind dieselben, die im Januar 1918 meine Tätigkeit beim Streik verhindert haben, – weil ich ihre Parteimarken nicht kleben wollte. Und weil ich die ihrigen nicht kleben wollte, machen es die Kommunisten bei passender Gelegenheit grade so. Die Überlegung, daß mich der Beitritt zu einer der Parteien ja nur eine Unterschrift kosten würde, und daß es doch wohl, wenn ich trotz all ihrer Ketzerrichterei draußen bleibe, Charakter und Pflichtbewußtsein beweist, kommt den Leuten nicht in den Sinn, die Bonzen sind und bleiben, wie sie von Bonzen ihre Ethik und ihre Taktik bezogen haben. – Der Prozeß gegen Toller dürfte heute zu Ende gehn. Die Verhandlung verlief sehr günstig für ihn, wenn auch die Bemühung, von Psychiatern und Tollers Fragen an sie (ob die hysterischen Erscheinungen, die bei ihm bemerkbar geworden sind, nicht auch bei Napoleon und Schiller wahrnehmbar waren etc.) teilweise sehr peinlich wirken. Da er aber eingeschriebenes Mitglied der USP ist, braucht ihm vor Artikeln des „Kampf“ nicht bange zu sein. Der Strafantrag der Staatsanwaltschaft geht auf „nur“ 7 Jahre Festung. Wenn er die wirklich absitzen müßte, wärs auch genug. Aber das denke ich doch gewiß, daß wir Verurteilte alle zugleich und in nicht zu ferner Zeit ins Leben und in den Kampf zurückkehren werden.

 

Stadelheim, Donnerstag, d. 17. Juli 1919.

Ich fühle mich in Stadelheim recht unwohl. Der Hauptgrund dafür ist die vollständige Isolierung. Während in Neudeck die Gefangenen in geschlossenem Zuge, paarweise auf dem Hof spazieren gehn und im Militärgefängnis in der Corneliusstraße, wie in diesen Tagen auf Angriffe hin offiziell festgestellt wurde, sogar zu gewissen Tageszeiten die Zellentüren aufgemacht werden, sodaß die Arrestanten einander Besuche abstatten können, geht man hier wie in Ebrach einzeln und in weitem Abstand und die Übertretungen des Schweigegebots, für die wir dort auch in der Zeit der strengsten Durchführung der Schikane noch genug Gelegenheit fanden, werden hier radikal verhindert. Am ersten Tag nach meiner Wiedereinlieferung hier zwang man mich, völlig abseits von den übrigen in der Exekutionsecke zu promenieren, fortgesetzt an der Mauer entlang, an der meine Kameraden verblutet sind. Ich habe mich am Tage darauf entschieden gegen diese Extrabehandlung gewehrt mit dem Erfolg, daß ich nun mit im Zuge der übrigen Gefangenen marschiere. Aber auch die Gedanken, denen man mangels jeder Gesprächsmöglichkeit nachhängt, werden nicht zugelassen. Denn alle Augenblick brüllt einen ein Aufseher an: Abstand halten!, sodaß sich die Erholungsstunde in der frischen Luft als Kasernenhofübung charakterisiert, bei der man dauernd Acht zu geben hat, ob zwischen sich und seinem Vorder- bzw. Hintermann auch die richtige Entfernung gehalten ist. Nach der Aburteilung erscheint mir diese Behandlung ganz besonders kujonös, und ich will versuchen, sei es durch Vermittlung des Frl. Muth, das hier in offiziellem Auftrag nach Wünschen horchen soll, sei es durch meinen Rechtsanwalt für mich und die Leidensgefährten Remedur zu schaffen, eventuell aber die Öffentlichkeit zu allarmieren. Ich wollte, ich käme bald dahin, wohin mich die sozialistische Obrigkeit für die nächsten 15 Jahre haben will. Vorerst spüre ich nichts von Festungshaft, sondern erleide die unangenehmste Gefängnisstrafe. Voll Sorge sehe ich zumal der allernächsten Zeit entgegen. Zenzl will in wenigen Tagen in die Schweiz fahren. Ich halte sie nicht mehr zurück, da sie endlich unbedingt ihre Erholung haben muß. Da vorerst garnicht abzusehn ist, wie lange man uns noch auf die Überführung in die Festungshaft warten lassen wird (solange Bayern Königreich war, war es nicht auf die Masseninternierung politischer Verbrecher eingerichtet, und die Republik muß nun auf Teufel komm raus bauen), kann und will ich von Zenzl nicht verlangen, daß sie weiter Rücksicht auf mich nimmt. Aber im Inneren graust mir vor der Zeit ihrer Abwesenheit. Die zweimal 10 Minuten wöchentlich, die ich sie sprechen darf, wobei ein Aufseher dauernd neben uns steht, sind für mich das halbe Leben. Außerdem fürchte ich, daß nun das gute Essen, das sie täglich hereinschickt, und der echte schwarze Kaffee, der mich erquickt, auch – mindestens in der Qualität und der liebevollen Zubereitung – aufhören wird. Ich fürchte eine große Vereinsamung nach ihrer Abreise, – aber auch das muß nun überstanden werden. – Toller hat 5 Jahre Festung bekommen. Ich betrachte meine 15 Jahre als eine Art Prämie für aufrechte Haltung, deren Wert auch die häßlichen Anwürfe des „Kampf“ nicht entkräften können. Sehr ärgerlich war mir in den Prozeßberichten eine Äußerung Niekischs, den ich bisher immer für einen anständigen Kerl gehalten hatte. Auf die Frage, ob nicht Landauer den Hauptanteil an der Ausrufung der Räterepublik gehabt hätte, leistete er sich die perfide Verdächtigung, der 7. April sei der Geburtstag Landauers gewesen und deshalb habe er die Proklamation grade an diesem Tage gewünscht. Er – Niekisch – habe ihm deshalb vorgehalten, Landauer möge doch seine persönlichen Angelegenheiten nicht allzu eng mit denen der Gesamtheit verflechten.* Diese Aussage, die natürlich von den Pressekulis entsprechend ausgeschlachtet wird, ist umso infamer, als Niekisch selbst der eigentliche Urheber der ganzen Geschichte war und mit seinen 2 Jahren Festung (bei Bewilligung eines Strafaufschubs) doch garkeine Ursache mehr hat, den Toten, der an Bedeutung und Wert alle Beteiligten unermeßlich überragte, zu belasten. Wahr ist, daß grade Landauer und ich es waren, die am lebhaftesten für die unverzügliche Verkündung schon am 5. April uns einsetzten. Die Mehrheitler verlangten die 48 Stunden Aufschub und erhielten sie gegen unsern energischen Widerspruch. Daß Landauer das zufällige Zusammentreffen seines Geburtstags mit dem der Räterepublik als hübsches Geschenk empfand, war so selbstverständlich wie möglich. Ich erinnere mich gern der kleinen Neckerei zwischen uns in der Nacht vom 5. zum 6., als ich von Nürnberg zurück kam, ob er oder ich die Räterepublik zum Geburtstag erhalten würde. Wäre unser Wille zur Geltung gekommen, schon am 5ten die Proklamation vorzunehmen, dann wäre sehr wahrscheinlich der ungeheure Verrat Schneppenhorsts, Paul Simons und der übrigen Schmutziane verhindert oder mindestens in seiner Wirkung wesentlich abgeschwächt worden. Levien und Leviné hätten keine Zeit mehr gefunden, die Begeisterung der Massen zu ersticken und wären dadurch zum Mittun genötigt gewesen, was der Sache von Anfang an in ein radikales und aktives Fahrwasser verholfen hätte, der unselige Zwist im Proletariat wäre vermieden worden, im ganzen Lande hätte nicht die Ratlosigkeit und Verwirrung platzgegriffen, die, besonders durch den Zwiespalt in Nürnberg, den Leuten um Hoffmann die Organisation der Gegenrevolution erlaubte und der Weiße Terror als Maifeier wäre München erspart geblieben. Landauer aber brauchte sich die gemeine Unterstellung Niekischs nicht gefallen zu lassen und wäre, wie die Kameraden alle, die wie er dran glauben mußten (Horn, Dorfmeister und wieviele wertvolle Menschen noch!) persönlich und lebendig imstande, Fälschungen seiner Gesinnung und seiner Tätigkeit mit der Meisterschaft des Worts und des Gedankens entgegenzutreten, die zu seinen Lebzeiten die Kläffer und Stänkerer durch sich selbst in Respekt hielten.

 

* N. hat mir später in Ebrach die Sache aufgeklärt. Die Zeitungen haben seine Aussage gefälscht. Er hat sich einwandfrei benommen.

 

Stadelheim, Freitag, d. 18. Juli 1919.

Gestern war Zenzl da: um 2 Uhr brachte sie mir das Essen, mußte dann aber eine volle Stunde warten, bis ich zu ihr geführt wurde, da die „Sprechzeit“ erst um 3 Uhr anfängt. Statt die 10 Minuten Besuchsfrist auf 70 zu verlängern, wird ganz pedantisch der Bürogeist gewahrt und ich muß in dieser, sie in der andern Zelle warten, bis die Stunde schlägt. Erfreulich war mir zu erfahren, daß der „Kampf“-Artikel der Redaktion sehr unangenehm ausgeschlagen ist. Dr. Schollenbruchs Töchterchen Erika, die bei der Zeitung beschäftigt ist und die aus Empörung über den Angriff auf mich zuerst unter Tränen die Arbeit niederlegen wollte, erzählt, daß täglich haufenweise Protestbriefe von Arbeitern einlaufen und ganze Betriebe ihre Entrüstung und ihre Solidarität mit mir kundgäben. – Gestern ist Klingelhöfer von hier abtransportiert worden. Um ½ 2 Uhr bekam er die Mitteilung, eine halbe Stunde später war er schon unterwegs. Um nicht auch dieser Eventualität ausgesetzt zu sein, war ich vorhin beim Vorstand, der mir riet, einen Brief an den Staatsanwalt zu schreiben und zu bitten, mich rechtzeitig zu verständigen. Zugleich brachte ich meine Beschwerde wegen des Hofspaziergangs an den Mann, mit dem Erfolg, daß ich von morgen ab mit Toller zusammen an die Luft gelassen werden soll, wobei wir auch miteinander reden dürfen. – Zenzl will ihre Reise nun doch verschieben, bis ich fort bin. Die Arme ist ganz herunter, blaß und abgemagert. Hoffentlich findet sie in der Schweiz alle Erholung. Nachher möchte ich sie noch nach Dänemark zu Nexö schicken, der sie für beliebige Zeit eingeladen hat. Gestern ist Paulukum verurteilt worden: 2½ Jahre Festung. Nach dem Zeitungsbericht hat er zu meiner Enttäuschung garkeine rühmliche Rolle vor Gericht gespielt und vor den Sachwaltern der dunkelsten Reaktion den Kämpfer gegen die „Juden-, Russen- und Frauenherrschaft“ markiert. Grade Paulukum hatte ich immer für einen der Charaktervollsten gehalten. Aber alle die Vorsichtigen und Krebser verrechnen sich. Die Herrlichkeit der derzeitigen Machthaber wird nicht solange Bestand haben, daß irgendeiner der Verurteilten vor seinen kräftiger angepackten Leidensgenossen aus der Gefangenschaft befreit werden wird. Das Volk wird später wissen, wem es vertrauen darf und gegen wen es mißtrauisch sein muß. Am Ekelhaftesten sind freilich solche Leute wie Kröpelin, der in einer Versammlung der Metallarbeiter gegen Wadler vom Leder gezogen ist. Wenn von Strebern die Rede ist, hätte grade Kröpelin die meiste Ursache stille zu sein. Man mag über Wadlers Verhalten in der belgischen Deportationsangelegenheit denken wie man will (ich finde es scheußlich, genau so scheußlich wie die begeisterte Zustimmung zu all diesen Gemeinheiten, die die gesamte Presse damals bekundete, bis sie im November von heute auf morgen ihr Herz für die armen Belgier entdeckte). Das Zuchthausurteil gegen Wadler erfolgte wahrhaftig nicht aus Mitleid mit den Opfern der alldeutschen Politik in Belgien, sondern aus Rache dafür, daß der Jurist und ehemalige Offizier zu den Opfern übergegangen ist. – In der Politik begibt sich zur Zeit wenig Interessantes. Nur die Geschwindigkeit, mit der sich die Meditiarisierung der deutschen Einzelländer vollzieht, ist beachtenswert. Nachdem sich Bayern durch die Unterordnung unter die militärische Oberhoheit des Reiches (recte Preußen) zum ersten Mal seiner Selbständigkeit begeben hatte, geht es jetzt unaufhaltsam weiter mit der Degradierung zur preußischen Provinz. Die Finanzentwürfe Erzbergers nehmen den Einzelstaaten die Selbstverwaltung ganz aus der Hand, und schon ist ein Gesetzentwurf unterwegs, der auch die Elektrizitätswerke der Reichsausbeutung unterstellen will. Von Stufe zu Stufe. Zwar wimmern die Blätter etwas, die Klerikalen heulen sogar ziemlich laut, aber die klägliche Kurzsichtigkeit der Staatssozialisten, die im konsequenten Zentralismus das Heil aller Dinge sieht und die Verhökerung aller Betriebe ans Reich (gegen Bezahlung! wodurch nur noch mehr Rentiers, noch mehr arbeitslose Einkommen geschaffen werden) für Sozialismus nimmt, wird schon noch die völlige Aufhebung der bayerischen Selbständigkeit und den absoluten Unitarismus Deutschlands durchsetzen. Und da sind die drei Parteien, die in Marx ihren Herrgott verehren, vollständig einig. Ich habe zu Anfang des Kriegs einmal die Frage, wer Sieger sein werde, dahin beantwortet: Preußen. Es wird den Sieg von 1866 über Österreich und Süddeutschland vollenden. Wenn die Entente den Deutschösterreichern nicht noch verbietet, in ihr Verderben zu rennen, so scheint diese Prophezeiung buchstäblich in Erfüllung gehn zu sollen. Vorläufig betätigen die neuen deutschen Republikaner ihre fortschrittliche Gesinnung recht eigentümlich. In Bamberg lehnte der Landtag einen Antrag ab, der den Lehrerinnen die Ehe gestatten wollte. In Bamberg und Weimar haben in der Schulfrage die Klerikalen die konfessionelle Jugenderziehung gerettet. In Weimar hat man den unehelichen Kindern die Gleichberechtigung verwehrt und die Beibehaltung der Todesstrafe beschlossen. O Deutschland hoch in Ehren!

 

Abschrift. „München, d. 18. Juli 1919. Strafvollstreckungsgefängnis Stadelheim. An den Herrn Staatsanwalt beim Landgericht München I. betr. Strafvollzug. Am 12. d. M. wurde ich vom Standgericht zu einer Festungshaft von 15 Jahren verurteilt. Ich sehe nun meiner Überführung an meinen künftigen Aufenthaltsort entgegen. Um unnötigen Härten vorzubeugen, erlaube ich mir das Ersuchen an Sie zu richten, mich einige Tage vor dem Abtransport wissen zu lassen, wann ich mich zur Abreise bereit halten soll. Da meine Frau mir täglich das Essen hereinbringt (von der in der Gegend des Oberwiesenfelds gelegenen Wohnung), möchte ich sie nicht der Fatalität aussetzen, mich eines Tages unvermutet nicht mehr vorzufinden. Ferner möchte ich rechtzeitig die künftig nicht unmittelbar nötigen Gegenstände, die ich bei mir habe, heimsenden und umgekehrt hier entbehrliche Dinge in Empfang nehmen. Endlich habe ich den Wunsch, mich von meiner Frau, die gleich nach meiner Abreise München für längere Zeit verlassen wird, noch zu verabschieden. Sollten Sie meine Bitte nicht glauben erfüllen zu sollen, so darf ich wenigstens erwarten, daß meiner Frau (Georgenstr. 105IV) einige Tage vorher Bescheid zukommt. – Zugleich bitte ich dafür Sorge tragen zu wollen, daß Freikorpssoldaten vom Vollzug meiner Überführung grundsätzlich ausgeschlossen bleiben. Bei meiner Zurückführung von Neudeck nach Stadelheim wurde ich von den hier stationierten Mannschaften mit Beschimpfungen und Bedrohungen empfangen. Ich würde nach allen Erfahrungen bei einem Transport mit Soldaten mein Leben aufs schwerste gefährdet erachten. Hochachtungsvoll

Erich Mühsam

 

Stadelheim, Samstag, d. 19. Juli 1919.

Der Hofspaziergang mit Toller steht noch bevor. Doch war ich heute schon längere Zeit mit ihm in der Badezelle beisammen, wo wir zugleich ein Wannenbad nehmen durften. Er berichtete mir aus der Zeit der zweiten Räterepublik eine Reihe peinlicher Vorfälle. So hat man Landauer ein paar Tage vor seinem Tode aus einer Versammlung, in der er nur als Zuhörer anwesend war, hinausgejagt mit der Begründung, daß man einen Anarchisten, der niemandem verantwortlich sein wolle, nicht dulde. Leviens Arbeit. Meine gleich bei der Gründung der KPD geltend gemachten Befürchtungen, daß das Bonzentum und mit ihm die verkappte Reaktion durch Parteigeist und Intoleranz wieder groß werden müßten, hat sich erschreckend berechtigt gezeigt. Levien, Leviné, Dietrich, Morten, Schumann – alle die Unbekannten, die plötzlich auftauchten, plötzlich ohne Ahnung von den Münchner Spezialverhältnissen die Führerschaft an sich rissen, haben böse Schuld auf sich geladen. Das Merkwürdigste ist, daß ihr Wirken, obwohl sie doch zum großen Teil Russen waren und den Bolschewismus in Erbpacht zu haben glaubten, so gänzlich dem Sinn der bolschewistischen Ideen entgegengesetzt war wie nur irgend möglich. Der revolutionäre Massenwille darf nie und nimmer einem Parteiwillen untergeordnet sein, sonst haben wir genau das wieder, was wir in der sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften bekämpfen: Bürokratie und Kasernenhofdisziplin. Das Bekenntnis allein muß die Massen einigen, das Bekenntnis zu Sozialismus, Kommunismus, Rätedemokratie und Internationale. Dem[Das] Verlangen der Bonzen nach unbedingter Anerkennung von Parteivorstandsbeschlüssen führt zum Kadavergehorsam und führt zu der Zersplitterung des Proletariats, der wir alles Scheußliche der letzten Monate zuzuschreiben haben. Die ruchlose Behandlung Landauers – die sie gegen mich ja schon am 6. April bei der Generalversammlung der KPD versuchten – muß grade solche Leute abstoßen, die fruchtbare Ideen und den Willen zum Handeln haben. Ich hege die stärkste Hoffnung, daß nach den schlimmen Erfahrungen mit den kommunistischen Bonzen die Arbeiterschaft bei neuen Ereignissen klüger sein wird und sich von Levien nicht mehr um jede Vernunft schwätzen lassen wird. Ob größere Aktionen bald zu erwarten sind, kann niemand wissen. Viele erwarten für übermorgen etwas Besonderes. Die Sozialisten Frankreichs, Englands, Italiens, Hollands, Skandinaviens wollen am 21ten einen allgemeinen Demonstrationsstreik durchführen zum Protest gegen den Frieden von Versailles und gegen den imperialistischen Feldzug gegen das revolutionäre Rußland. Den deutschen Arbeitern käme es zu, unter Aufstellung eigener Forderungen, die sich gegen Belagerungszustand, Standrecht, Sozialistenverfolgungen, Noskegarden, Reaktion, Militarismus, Weimar und die gesamte Gegenrevolution des Inlands, speziell aber gegen die verräterische Russenpolitik der „sozialistischen“ deutschen Regierungen wenden müßten, sich der internationalen Manifestation anzuschließen. Und was geschieht? Die USP verkündet, sie betrachte den Streik der ausländischen Genossen mit Sympathie, aber bei uns seien die Voraussetzungen dazu nicht gegeben, infolgedessen plane die Partei keine Kundgebungen am 21ten. Pflaumenweich wie alles, was von dieser Partei ausgeht. Anders die offizielle Partei der Sozialdemokratie. Sie ruft auf zur Demonstration, zwar beileibe nicht zum Streik, aber doch zum Besuch von Versammlungen zum Protest – wogegen? Gegen den Frieden von Versailles (dem von Bukarest aber haben sie zugestimmt) und gegen den Bolschewismus! Man möchte vor Scham vergehn. Bei Gott! Ich habe nie etwas Richtigeres geschrieben als den Satz, den mir Richter und Staatsanwalt die ganze Prozeßwoche hindurch vorhielten, daß Charakterlosigkeit die Erkennungseigenschaft der Deutschen ist. Ich hätte auch – was dasselbe ist – Phantasielosigkeit schreiben können. Ob gegen die reaktionären Demonstrationen der Regierungssozialisten von den Revolutionären etwas unternommen werden wird, bleibt abzuwarten. Die Münchner Stadtkommandantur droht schon mit Schießen, indem sie das Ansammlungsverbot nachdrücklich in Erinnerung bringt. In Berlin hat man Umzüge für den Tag verboten, sie aber für die Vororte erlaubt. Allerhand Wetterzeichen leuchten wieder auf, aus denen man Gutes erhoffen darf. Vor allem gibt ein Landarbeiterstreik in Pommern, dem in Stettin der Generalstreik des Proletariats assistierte, zu denken. Greift der revolutionäre Geist erst einmal aufs Land über, dann können die Herren Ebert, Noske, Heine und Genossen sich begraben lassen. Wann aber wird das verpfaffte Bayern soweit sein? Vielleicht dann, wenn die Pfaffen selber merken, daß die Geschäfte der Konterrevolution bankrott gehn und sich mit dem Bolschewismus gottseliger leben läßt.

 

Stadelheim, Sonntag, d. 20. Juli 1919.

Gestern schickte mir Zenzl mit dem Essen eine große Überraschung herein: 10 Exemplare meines Gedichtes „1919“, die Léon Hirsch, Berlin, hat drucken lassen. Das Exemplar wird mit 1 Mark verkauft und den Erlös soll ich – bei 1000 Exemplaren – ohne jeden Abzug haben. Wahrscheinlich wird er sich später dadurch bezahlt machen, daß er die kleine (1 Bogen starke) Broschüre für einen billigeren Verkaufspreis neu auflegen läßt, ohne daß ich weitere Ansprüche habe. Das soll mir völlig recht sein. 1000 Mark, von denen nur die Freiexemplare abgehn, sind ein reichliches Honorar für ein Gedicht. Bibliophilen Ansprüchen freilich genügt die neue Publikation keineswegs. Jämmerliches Papier, unsauberer Druck und obendrein eine Fülle sinnstörender Druckfehler. Immerhin: ich freue mich über die Aufmerksamkeit der Freunde. Vermutlich ist die Gruppe Arbeit des Sozialistischen Bundes die eigentliche Veranstalterin der Sache. Ich habe Hirsch gleich eine Reihe weiterer Broschüren angeboten, nämlich erstens meinen Standgerichtsprozeß (allerdings müßte ich erst sehn, wie die Stenographin gearbeitet hat), zweitens „Die Einigung des Proletariats“, worin ich Lenins Lehren als gangbare Brücke von Marx zu Bakunin aufzeigen will, und endlich „Alte und neue Demokratie“, eine Gegenüberstellung von bürgerlichem Parlamentarismus und Rätesystem. Möglicherweise kann Hirsch meine Gedichte, die bei Kurt Wolff anscheinend den Mäusen überlassen werden, übernehmen und – falls ich mein kleines Taschenbuch noch finden sollte – auch die Kriegs- und Revolutionsgedichte seit 1914 verlegen. Da käme es freilich auf seine Solvenz an. – Mein Hofspaziergang war gestern eine wirkliche Erholung. Toller und ich hatten uns viel zu erzählen. So erfuhr ich von ihm die Abenteuer, die er von seiner Flucht bis zu seiner Ergreifung erlebt hat. Sein Reklamebedürfnis – von dem sein Prozeß deutliches Zeugnis gab (3 Anwälte, darunter Haase, und eine ganze Schwadron literarischer Sachverständiger, die ihm seine dichterische Genialität bezeugen mußte) und seine mächtige Eitelkeit kamen voll auf ihre Rechnung. Aber er ist bei alledem ein lieber Kerl und ein im Wollen und Denken sauberer Mensch. Schauderhaft war mirs, als er mich noch einmal zur Exekutionsmauer führte und mir die Hautfetzen zeigte, die neben den Blutspuren trotz aller Mörtelverkleisterung immer noch von der Schande der Bamberger Massenmörder zeugen. Mir war gleich anfangs bei meinen Rundgängen aufgefallen, wie niedrig großenteils die Schüsse in die Mauer geschlagen sind. Ich erklärte mir das aus der Besoffenheit der Weißgardisten, die ja von allen Augenzeugen bestätigt wird. Toller wußte eine andre, einleuchtendere und scheußlichere Erklärung dafür. Die Wärter, die dabei waren, haben ihm erzählt, daß sich diese Burschen einen Jux daraus machten, bei der Erschießung der Frauen und Mädchen auf die Geschlechtsteile zu zielen. So unvorstellbar eine so tierische – nein! Tiere sind nicht zynisch! – eine so entsetzliche Grausamkeit ist, die Einschläge in die Mauer bestätigen die Tatsache. Aber die Verbrecher sind ja wir, nicht die gedungenen Lümmel der Herrn Noske, Hoffmann und Schneppenhorst. Von Dr. Loewenfeld erhielt ich einen Brief, worin er mir den Bescheid des Generalkommandos Oven in der Sache der Plünderung meiner Wohnung mitteilt. Dieser Bescheid geht auf die Diebstähle garnicht ein, sondern erklärt blos, daß Schriftstücke beschlagnahmt seien, die an die Fahndungsabteilung der Stadtkommandantur – unter Leitung des Amtsrichters Dr. Schuler – weitergeleitet wurden. Im übrigen heißt es einfach: „Das Kav. Schütz. Kdo II und das ihm unterstehende Freikorps Lützow verläßt heute den Standort München mit vorläufig unbekannter Marschorder, unterstehn somit nicht mehr der diesseitigen Gerichtsbarkeit.“ Das Militärministerium, schreibt mir Löwenfeld weiter, habe mitgeteilt, daß „Erhebungen eingeleitet“ sind und das Weitere werde nun abzuwarten sein. Unser Schaden ist auf über 16000 Mark berechnet, aber ob und wann die regierenden Auftraggeber der Räuber und Mörder deren Befreiungstätigkeit an den Leidtragenden vergüten werden, steht im weiten Felde. Auch von der Verfolgung der Buben, die Gustav Landauer massakriert haben, hat man nichts mehr gehört. Vielleicht hält ein Rest von Schamgefühl die Bamberger Schurken ab, Prozesse zu veranstalten, bei denen sie selbst eine noch trübere Rolle spielen würden als in denen, die sie gegen ihre Bekämpfer inszeniert haben. Das neue Deutschland! Was es mit der Erneuerung auf sich hat, erkennt man bei einem einzigen Blick in die Zeitungen. Darin sind alle unsre Republikaner einig, daß es keine größere Schmach für Deutschland geben kann, als wenn die Prozessierung des Exkaisers Tatsache würde. Die Solidarität mit diesem Deserteur verrät deutlicher das vollständige Fiasko der Revolution als alles andre. Sie zeigt aber auch die Notwendigkeit, die Revolution mit allen Kräften des ringenden Volks nicht im Stich zu lassen und bis zum Ziel, zum Sozialismus, zu Ende zu führen.

 

Stadelheim, Montag, d. 21. Juli 1919.

Einigermaßen gespannt erwarte ich die Berichte über die Ereignisse dieses Tages. Fest steht, daß in München alles ruhig ist, nachdem die SPD und die USP übereingekommen sind, hier nichts den Herren Kapitalisten Unerwünschtes zu veranstalten. Es müßte denn sein, daß am Nachmittag oder Abend noch Demonstrationen von Kommunisten stattfinden, – doch weiß ich nicht einmal, ob ich es wünschen soll. In Berlin hingegen und anscheinend in den meisten größeren Städten des Reichs wird gestreikt. Ob aus diesen Aktionen irgendetwas von Wert ersprießen wird, hängt ganz davon ab, ob die Streikenden von der sittlichen Kraft ihrer Arbeitsverweigerung erfüllt sind oder ob sie sich nur auf den Wink ihrer Parteiorganisation aus Disziplin beteiligen. Voraussagen läßt sich garnichts, am wenigsten, ob im Ausland (Frankreich und Italien) der Tag als Signal großer Dinge zur Geltung kommen wird. – Engler schickte mir einen Artikel der „Frankfurter Zeitung“, in dem sich mein alter Schüttelreimkonkurrent Fritz Wahl über literarische Revolutionäre ausschleimt. Toller und ich werden zu einander und überdies ich zu Georg Herwegh in Vergleich gestellt. Solche Vergleichungen sind immer fatal, besonders wenn die Schmockpflicht das Endurteil von vornherein festlegt. Wahl attestiert mir, daß ich Revolutionslieder gedichtet hätte, die zum Besten gehören, was an revolutionärer Lyrik überhaupt da sei. Unmittelbar darauf aber erklärt er, daß ich in Poesie und Praxis ein zerrhafter Epigone Herweghs sei. Ich selbst schätze mich höher ein. Erstens bin ich nicht nur Gelegenheitsdichter wie Herwegh und glaube in meiner reinen Lyrik manches Gedicht stehn zu haben, das den Vergleich mit größeren Dichtern als ihm nicht zu scheuen braucht, dann bin ich auch in meinen Revolutionsversen Kind meiner Zeit und kein 48er (wobei ich Herweghs prachtvolle Temperamentspoesie gern höher werten lasse als meine eigne) und Epigone sicher nur, soweit jeder, der Revolutionslieder schreibt, Epigone aller derer ist, die vorher Revolutionslieder geschrieben haben, und schließlich glaube ich denn doch an praktischer Aktivität größere Leistungen aufweisen zu können als Herwegh oder irgendein Literat seiner Zeitgenossenschaft. Unsre einzige Ähnlichkeit besteht darin, daß wir beide den Verfolgungen der Konterrevolution ausgesetzt waren, aber mit dem Unterschied, daß man ihn seiner schriftlichen, mich auch meiner mündlichen und tätlichen Opposition wegen bedrängte, daß er floh und ich im Gefängnis sitze, daß Herwegh selbst sein Schicksal mehr als literarisches Erlebnis ansah und ich das meinige als Soldat der Revolution erlebe. Nein, meine Verbundenheit mit dem Umsturz von 1918/19 ist soviel enger als die Herweghs mit der Erhebung von 1848 wie unser Kampf an Weltbedeutung jenen überragt. Das von den Zeitungsverlegern verlangte Urteil über mich, dessen gefälligen Dolmetsch Wahl spielt, hat mit objektiver Richtigkeit und selbst mit subjektiver Ehrlichkeit grade soviel zu tun wie der Inhalt unsrer Zeitungen überhaupt. Toll ist aber, daß Wahl Vergleiche zwischen meinen und Tollers literarischen Leistungen zieht, die ganz zu Tollers Vorteil ausfallen. Zwar verzichtet er auf Begründungen, – aber das muß er wohl, denn Toller selbst bestätigte mir heute, daß von ihm garkeine Publikationen vorliegen, auf die Wahl sein Urteil über ihn stützen könnte. Er saugt sich also die Kritik aus den Wurstfingern – um mir, sei es selbst zugunsten eines andern Revolutionärs, jede menschliche und geistige Bedeutung absprechen zu können. Tollers Begabung kann man ja umso leichter rühmen, weil eben keine Leistungen von ihm da sind, die dem Lob Haltbarkeit verleihen könnten. Wehe ihm, wenn er auch einmal ein Buch herausgeben sollte, das womöglich sogar gut wäre. Dann muß er in den Dreck getreten werden – und Schmock Wahl und seine Kollegen, Nullen von Profession, werden diese Arbeit gewiß zur vollkommenen Zufriedenheit ihrer Verleger und deren Abonnenten leisten. Soll ich’s Wahl übelnehmen? Ich mache den Unterschied zwischen seiner dicken, freundlichen, witzigen Person und seiner redaktionellen berufsmäßigen Unpersönlichkeit. Als Schmock kann er nicht aus seiner dicken Haut heraus, – als Mensch und Hausvater, als entschmockter Fettkloß ist grade Wahl noch einer der besten seines erbärmlichen Standes. Da ihm doch sogar eine Anerkennung entfahren ist in dem einzigen Augenblick, wo nicht die Tiefe seines Gemüts, sondern positive Leistungen seine Kritik wachriefen, mag ihm Verzeihung werden. Heute bringt die Neue Zeitung meinen hier in den ersten Tagen nach meiner Einlieferung geschriebenen Artikel „Wandlung im Geiste“ (natürlich mit etlichen sinnstörenden Druckfehlern). Eine kleine Erinnerung an die Schmählichkeiten von Brest und Bukarest zur Dämpfung der Entrüstung über Versailles. Ich muß mich öfter rühren, – das wird die beste Abhilfe gegen Herabwürdigungen sein.

 

Stadelheim, Dienstag, d. 22. Juli 1919.

Allem Anschein nach ist der 21. Juli überall ohne Sensationen verlaufen. Sogar in Frankreich und Italien hätten, wenn die Zeitungen die Wahrheit sagen, die Arbeiter sich größtenteils mit kleinen Abfindungen in Gestalt von Amnestien oder gar Lohnerhöhungen besänftigen lassen, sodaß die Streikbewegung nicht den wünschenswerten Umfang gehabt hätte. Da die Demonstration hauptsächlich dem Protest gegen den Versailler Vertrag und gegen den Verrat an den russischen und ungarischen Revolutionen gelten sollte, glaube ich vorläufig noch nicht recht an diese Meldungen. Mit solchen Mitteln kann man in Deutschland arbeiten, aber nicht in romanischen Ländern. In Berlin hat es kleine Zusammenstöße gegeben, da die Unabhängigen und Kommunisten die Versammlungen der Rechtssozialisten gesprengt haben. Ob die Regierungssöldner sich, wie behauptet wird, wirklich mit Drohungen und Schreckschüssen begnügt haben, muß erst bestätigt werden. Im übrigen steht nichts von Belang im Blatt. Amüsant ist nur, daß die Demokraten (frühere Fortschrittlich-Freisinnige) mit gutem Grund das Schulkompromiß, das die Klerikalen mit den Scheidemännern geschlossen haben, als ausbündigstes Reaktionsgewächs blosstellen, während die Blätter der Mehrheitspartei es betreten als einen Fortschritt verteidigen. Sie sind also schon soweit nach rechts gerutscht, daß sie für bürgerliche Parteien schon als reaktionär gelten. – Gestern hatte ich während des Spaziergangs mit Toller Gelegenheit, den Mörder Eisners von Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er wurde, den Kopf noch dick verpackt, über den Hof geführt. Mein Gott! was für ein Jüngelchen! Rotbackig, mit einem Babymund, eine Zigarette rauchend, kindlich-freundlich, mit offenen blauen Augen, noch ohne eine Spur von Bart, mich neugierig musternd, so stellte sich mir die historische Persönlichkeit des Grafen Arco-Valley dar. Sehn so die Mörder aus? Ich faßte erst lange, nachdem er verschwunden war, den Gedanken, daß dieser säuglingähnliche Knabe eine schreckliche Tat begangen habe, zu der ungeheurer Mut, unglaubliche Energie und ein vollkommener Verzicht aufs Leben gehörte. Feige Mordtat! schrieen damals die revolutionären Blätter, wie bei anarchistischen Attentaten immer die reaktionären Zeitungen Feige Mordtat! geschrieen hatten. Nein, feige war die Tat des jungen Menschen gewiß nicht. Sie war über jede Kritik tapfer, und verbrecherisch nur aus dem Gesichtswinkel des Revolutionärs. Sollte ich einmal in dem Revolutionstribunal sitzen, das Arco abzuurteilen hat, – ein Todesurteil wüßte ich zu verhindern. Man möchte sich solche entschlossene jugendliche Helden auf unsrer Seite wünschen. Ein Schuß, der so sicher wie die, die Eisner gefällt haben, ein Jahr früher Wilhelm II oder Ludendorff getroffen hätte, – ich glaube, durch ihn wäre der Menschheit unendlich viel Blut erspart worden. Die Schüsse Arcos freilich haben Wirkungen geübt, die weder er noch irgendein andrer hätte voraussehn können. Sie retteten die Revolution für den Augenblick und hatten im Gefolge die tiefe Verwahrlosung der Revolution, die wir augenblicklich erleben. Der kleine Graf mag sich heute wohl selber die Wahrheit des Christenworts gestehn: Richte nicht! – Man erzählt, er habe bei den Stadtratswahlen seine Stimme der USP gegeben. Wenn es wahr ist, bewiese es die vollendete Harmlosigkeit des armen Teufels. Was für Werkzeuge braucht die Weltgeschichte! Um das recht zu ermessen, muß man sich nur zwei Männer nebeneinander vorstellen, die mit gleichem Heroismus ganz das Gleiche getan haben: der eine verhetzt von seinen Standesgenossen, ohne Kritik, ohne eigne Gedanken, zufällig dem Prinzip der Rückständigkeit gefällig; der andre aus revolutionären Gewissen, aus eignem Überlegen, mit dem Bewußtsein der Folgen, der ganzen Menschheit ergeben, den Grafen Arco und Friedrich Adler.

 

Stadelheim, Mittwoch, d. 23. Juli 1919.

Eben (mittags) bekomme ich die Mitteilung: fertig machen. Es geht fort nach Ebrach. Das ist also die Antwort auf meine Eingabe, man möge mir ein paar Tage vorher Bescheid geben! Ob Zenzl mir das Mittagessen bringt? Ich fürchte, da sie gestern und vorgestern hier war, wird sie Siegfried schicken, den ich 5 Minuten lang zu sprechen die Erlaubnis erwirkt habe. Eigentlich sollte um 2 Uhr der Wagen nach Neudeck gehn. Falls es möglich ist, hat mir der Vorstand zugesagt, mir bis ½ 4 Uhr Frist zu geben, damit ich wenigstens noch mein Mittagessen zu mir nehmen kann. Jetzt muß ich fertig packen. Mir graut, wenn ich mir all das Geschirr etc ansehe, das ich verstauen soll. Könnte doch Zenzl mir helfen. Aber das ginge gegen die „Hausordnung“. Also zurück nach Ebrach – wie lange?

 

„Festung“ Ebrach, Sonnabend, d. 26. Juli 1919.

Abends 9 Uhr. – Seit ½ 1 Uhr mittags bin ich an Ort und Stelle und war bis jetzt in bester Gesellschaft mit Freunden und Genossen in Umständen, die, an dem Zustand seit 3½ Monaten gemessen, wie Freiheit schmecken. Ich berichte aber nach der Reihe. Am Mittwoch wollte es mein gutes Glück, daß das Essen von Zenzl selbst gebracht wurde, die es mit ihrer erstaunlichen Energie fertig brachte, mir in der Zelle beim Packen helfen zu dürfen. Mir erleichterte das Bewußtsein den Abschied, daß die ungeheure Arbeit, die mein Aufenthalt in Stadelheim ihr verursachte, nun aufhört, und daß wir uns doch jedenfalls noch vor ihrer Abreise in die Schweiz hier noch einmal sehn werden, wo wir endlich auch einmal wieder allein sein dürfen. Um ½ 4 wurde ich in den Zeiserlwagen verladen, durfte aber, da ich der einzige Fahrgast war, im Raum zwischen den Käfigen beim Begleiter Platz nehmen. Es ging über Neudeck, wo ich in ein Transportauto zu etlichen Leidensgenossen umsteigen mußte, zum Polizeipräsidium. Dort wurde mir ein Empfang zuteil, den ich nicht erwartet hatte, der mir aber eine riesige Freude machte. Ich stieg als der Letzte aus dem Wagen, als ich plötzlich aus Dutzenden von Mündern „Mühsam!“ rufen hörte. Mein Erstaunen war sehr groß. Als ich mich umsah, sah ich alle Fenster voll von Köpfen, die mich mit Zurufen, Bravos und Händeklatschen begrüßten. Lauter gefangene Genossen. Ich sah dieser Gelegenheit, daß ich es in Stadelheim besonders unangenehm getroffen hatte, und daß der bloße Zufall, in welches Gefängnis man eingeliefert war, über eine Unmenge von Begleitformen in der Behandlung entschied. Ich wurde in die Zelle 39 im obersten Stockwerk geführt zu zwei Genossen, namens Wiedemann und Bauer, und konnte mich dort von der Vortrefflichkeit der Einrichtungen in dem Hause der Ettstraße überzeugen. Das Fenster lag in gewöhnlicher Höhe und war nur durch Längsstangen vergittert. Die Scheiben waren herausgehoben. Man sah von dort auf den Hof heraus, auf dem ich vorher eingefahren war. Ferner sah man die Nachbarzellenfenster, die von der angrenzenden Mauer aus in den Hof schauen. Über diesen Hof hinüber fand eine allgemeine lebhafte Unterhaltung statt, und von einer Etage zur andern fand durch Bindfadenpost ein reger Austausch von Briefen und Gegenständen statt. Meine Zellengenossen waren sehr nett mit mir. Ich mußte ihnen über alle möglichen theoretischen Probleme Antworten geben, die sie sich für künftige Agitationstätigkeit notierten. Gegen 10 Uhr erst gingen wir schlafen, und um 3 Uhr früh mußte ich wieder aufstehn, da der Zug gegen ½ 5 gehn sollte. Wir waren unsrer 5 Mann, die zusammen vom Polizeigefängnis aus abtransportiert werden sollten, darunter Niekisch, der frühere Vorsitzende des Zentralrats; die übrigen drei lernte ich erst kennen, ein gewisser Schmid, der wegen Teilnahme an der roten Armee 2 Jahre Festung bekommen hat, ein etwas schwachsinnig anmutender Mensch, nach seiner eignen Angabe Epileptiker, ferner ein ganz junger Rotgardist namens Gurlin (1 Jahr 3 Monate) und ein Bäcker und Besitzer eines Spezereigeschäftes in Obergiesing, mit Namen Hörl, der aus folgendem Grund unser Leidensgenosse geworden ist: Sein Bruder war Besitzer einer Kneipe, in der viele Kommunisten verkehrten. Das veranlaßte am 2. Mai liebe Nachbarn, ihn zu denunzieren. Er wurde von einem Leutnant und 3 Mann verhaftet und in Stadelheim ohne weiteres an die Wand gestellt. Die Mutter hatte kaum gehört, daß ihr Sohn nach Stadelheim gebracht sei, als sie voll Angst hinlief, um für ihn zu bitten. Dort soll sie ins Maschinengewehrfeuer geraten und dadurch „aus Versehen“ getötet sein. Was man von diesen Angaben zu halten hat, weiß man. Hätten dort zu jener Zeit Kämpfe stattgefunden, dann wäre die Frau natürlich garnicht bis zum Gefängnis durchgelassen worden. Hörl hatte also an diesem einen Tage Bruder und Mutter verloren. Er kannte den Offizier, der mindestens den Mord an seinem Bruder auf dem Gewissen hatte, persönlich. Einige Tage nach dem Ereignis traf er ihn und schlug ihm ins Gesicht, indem er ihm zurief, wenn er ein Messer bei sich hätte, ließe er ihn nicht lebendig davonkommen. Deshalb kam er vors Standgericht. Der Staatsanwalt beantragte 2 Monate Festung, das Urteil lautete auf 3 Jahre! Weil jemand den Mörder seines Bruders und seiner Mutter geohrfeigt und bedroht hat! Aber dieser Mörder war Offizier, und die Richter waren seine Standesgenossen. So züchtet man Revolutionäre. – In der Polizeiwache schon wurden wir zunächst getrennt. Die andern wurden zu Fuß zum Bahnhof geführt, wobei man ihnen unglaublicherweise Handfesseln anzulegen versuchte. Niekisch, Hörl und Schmid erreichten durch ihren Protest, daß man ihnen diese Infamie erließ, dagegen mußte Gurlin mit einem nichtpolitischen Gefangenen (einem Hehler) zusammengeschlossen gehn und nachher auch im Zuge sitzen. Ich wurde von 2 Beamten, die sehr höflich waren, im Auto zur Bahn gebracht und mußte die Reise bis Nürnberg allein mit ihnen im Schubkupee zurücklegen. Erst dort traf ich im „Schubkasten“ mit meinen Genossen wieder zusammen. Die Fahrt hatte bis Nürnberg von morgens ½ 5 bis mittags ½ 2 Uhr gedauert. Der aufmerksame Gefängnisaufseher, mit dem ich mich schon bei der Fahrt von Ebrach nach München so gut vertragen hatte, gab sich auch jetzt wieder alle Mühe, uns zufrieden zu stellen. So fanden wir uns ohne viel Murren in die Unannehmlichkeit, über Nacht in dem Käfig zu bleiben. Ich teilte die Zelle mit Niekisch (nachdem wir tagsüber alle 5 zusammen gewesen waren) und konstatierte, daß dieser Mann viel mehr Interessen und Verständnis auch für literarische, künstlerische und philosophische Dinge hat, als bei oberflächlicher Bekanntschaft wahrnehmbar geworden war. Wir mußten wieder in der Frühe um 4 Uhr heraus, um nach Bamberg weiterbefördert zu werden, wo wir – wieder, wie während der ganzen Reise, von Polizisten in Zivil geleitet – gegen ½ 9 Uhr früh ankamen. Auf dem langen Weg zum Gefängnis begegnete uns ein Transport Gefangener, der eben von Bamberg nach Ebrach befördert werden sollte. Unsre Transporteure sagten, daß um 10 Uhr der Zug fahre, und wir verlangten natürlich, sofort mit diesem Zuge weitergefahren zu werden. Die Leute konnten natürlich nichts tun, da sie nur Auftrag hatten, uns in Bamberg abzuliefern. Ein dicker Beamter empfing uns dort, fühlte sich aber nicht bewogen, auf unsre Forderungen überhaupt zu antworten. Darauf verlangte ich die Zitierung eines Regierungsvertreters, was der Mann höhnisch zurückwies. Inzwischen überzeugte uns die Uhr, daß an ein Mitkommen mit dem Zuge nicht mehr zu denken war, doch versicherte man uns, daß am Nachmittag noch ein Zug nach Ebrach gehe. Niekisch schrieb an den Ministerpräsidenten Hoffmann eine Karte, er möge einen Regierungsvertreter schicken, da wir gegen die Behandlung auf dem Transport Beschwerde erheben wollten. Selbstverständlich wurde diese Forderung ignoriert. Wir konnten nur durch großen Krach (ich mußte bei all diesen Gelegenheiten mein erprobtes Organ zu mächtigem Gebrüll erheben) durchsetzen, daß wir zusammen in einer Zelle bleiben durften. Der Nachmittag kam, – aber der Bescheid, daß wir uns zur Weiterreise bereitmachen sollten, kam nicht. Trotz unsres energischsten Protestes mußten wir den ganzen Tag in dem elenden, schmutzigen, dürftigen Loch bleiben. Gegen Abend erschien der Gefängnisvorstand, ein Staatsanwalt, und fragte nach unsern Wünschen. Ich protestierte also heftig dagegen, daß man Festungshäftlinge nach den Regeln des gewöhnlichen Schubs transportiere und daß man uns 3 Tage von München bis Ebrach unterwegs lasse. Aber der Mann schob das alles von sich zurück, das sei Sache der Regierung und gehe ihn nichts an. Ich brüllte ihn unheimlich an, dann möge er uns gefälligst ungeschoren lassen, wir hätten einen Regierungsvertreter verlangt, der helfen könne, keinen, der ohne Kompetenzen sei. Jetzt fing auch er an zu schreien, und die Gefängniswärter und Weißgardisten liefen zusammen, um entsetzt zuzuhören, wie der rabiate Spartakist den Staatsanwalt zusammenputzte, der schließlich erklärte, er sei nur gekommen, um uns eventuell mit Gewalt in Einzelzellen führen zu lassen. Ich hatte die Genugtuung, dem unsympathischen Kerl wenigstens gezeigt zu haben, daß nicht jeder Arrestant sich als sein Rekrut fühlt. Diese Nacht mußte ich mit Niekisch und Hörl zusammen schlafen, nachdem wir noch die Zusicherung erhalten hatten, daß wir heute (Samstag) früh um 9 Uhr per Auto nach Ebrach gebracht werden sollten. Es dauerte zwar bis ½ 11 Uhr, aber dann fuhr ein mächtiges Lastauto vor, dem ein fensterloser geschlossener Omnibus angehängt war. Die Bamberger Schutzleute, die uns darin an unsern Bestimmungsort fahren sollten, waren sehr verträgliche Leute. Ich fragte sie, ob es denn nicht möglich sei, daß wir in dem offenen Kraftwagen selbst führen. Das leuchtete ihnen sehr ein, da sie natürlich auch ungern in dem dunkeln Kasten gefahren wären, und so einigten wir uns schnell. Es wurden Bänke hineingestellt und die Fahrt ging los. Die Bamberger Schuljungen erlebten eine große Sensation, als wir abfuhren. Fünf lebendige Spartakisten mit drei Beamten (dem Umstand, daß nicht genügend Transporteure zur Verfügung standen, dankten wir das Vergnügen, statt mit der Bahn im Auto befördert zu werden), die Leute liefen zusammen, der morsche alte Kasten von Auto krachte in allen Fugen, spie aus allen Ritzen beißenden Qualm aus und setzte sich mit gewaltigem Spektakel in Bewegung. Die Bamberger Umgebung ist landschaftlich wunderschön, sodaß die Fahrt, die 1¾ Stunden dauerte, sehr reizvoll war, zumal die absonderliche Situation den Reiz noch erhöhte. Um ½ 1 Uhr mittags kamen wir an. Herr Rabenstein, der Aufseher, begrüßte mich mit freudigem Handschlag, dann wurden wir in das Gebäude geführt, das früher ein Bestandteil des Zuchthauses war, dann durch ein angehängtes Pappschild dank unsrer Einlieferung im April zum Untersuchungsgefängnis umgetauft war, und an dem jetzt ein neues, sogar gedrucktes Pappschild mit der Aufschrift „Festungsgebäude“ hängt. Schon der Empfang hinter diesem Eingang bewies, daß jetzt wirklich eine Änderung im Geiste des Hauses vor sich gegangen war, denn ein Chor von 40 vergnügten Hochverrätern stand dort zusammengedrängt, umschloß mich und sang die Arbeitermarseillaise, während mir von einigen Genossen Rosen und rote Nelken in die Hand gedrückt wurden. Ich war ehrlich gerührt, auch hier, wie am Mittwoch im Polizeigefängnis gleich mit dem Beweise der allgemeinen Liebe begrüßt zu werden. – Es ist jetzt bald 11 Uhr, und solange wird das Licht gebrannt. Ich will mich aber nicht im Dunkeln ausziehn und gehe jetzt schlafen. Morgen Fortsetzung über den ersten Nachmittag meiner 15jährigen Strafvollstreckung.

 

Ebrach, Sonntag, d. 27. Juli 1919.

Nach der Empfangsovation wurden uns Neuen die Zellen angewiesen. Ich bekam die ehemals Wadlersche mit der Nummer 69. Der Zuchthaussträfling, der uns schon früher bediente, brachte mir das Essen (Spinat und Brot) und dann konstatierte ich die Neuerungen. Der Lokus ist aus der Zelle herausgenommen, leider auch Nachts, sodaß ich mir wahrscheinlich doch noch einen Topf ausbitten werde. Im übrigen fand ich in der Zelle im Gegensatz zu früher ein Bierseidel, eine Tasse, ein Besteck, zwei Teller, und sogar einen Aschbecher. Eine weitaus wichtigere Neuerung ist aber, daß unsre Zellentüren bei Tage und Nacht geöffnet bleiben, sodaß wir einander nach Belieben besuchen können. In der Halle unten steht ein großer Tisch mit Bänken und Stühlen, auf dem eine Unmenge Zeitungen ausgelegt sind. Dort sammelten sich zunächst die Freunde um uns. Ich traf viele alte gute Bekannte, darunter Sauber, Hagemeister und Waibel (neben mir der „Höchstbesteuerte“). Auch bekannte Genossen von auswärts sind hier unsre Leidensgefährten: so Olschewsky aus Augsburg und der Freund Dorrenbachs und Führer der Volksmarinedivision Daudistl, der heute früh in Olschewskys Bude mir und einigen andern Kameraden sehr lebendig seine Erlebnisse in Braunschweig, Bremen und Kiel erzählte. Von 2 bis 5 Uhr ist (außer den Vormittagstunden von 9 – 11) Erholungszeit im Freien, zu dem ein großer Garten zur Verfügung steht, in dem man für uns Sitzgelegenheiten geschaffen hat und wo es sehr fidel zuging. Ringkämpfe, Wettläufe wurden veranstaltet. Einige spielten Brettspiele (auch Schachpartner habe ich schon gefunden), und alle reden hoffnungsvoll von den kommenden Dingen der Revolution. Jeden Abend von 6 – 8 ist in der Halle allgemeine Zusammenkunft, bei der jeder Wochentag sein eignes Programm hat. Gestern erstattete Waibel den Überblick über die politische Lage, an den sich eine lebhafte Diskussion schloß. Dann zog man sich, da dann die Gitter abgesperrt werden, die die Etagen von einander trennen, in die verschiedenen Stockwerke zurück, wo die Nachbarn einander noch bis 11 Uhr besuchen können. Ich zog es vor, das Tagebuch vorzunehmen, wozu ich heute die Stunde zwischen 5 und 6 Uhr benutze. Heut vormittag wurde ich zu einer wichtigen Konferenz in Klingelhöfers Behausung gerufen. Es handelte sich um die Gründung einer Kommune, die wir hier vorbildlich einrichten wollen. Die Obliegenheiten (Bibliothek, Zeitungswesen, Bazareinrichtung u. s. w) sollen unter den geeigneten Genossen verteilt werden. Eine eigne Küche soll eingerichtet werden – sie ist schon von der Regierung bewilligt worden –, in der zwei Köche, die wir unter uns haben, für uns sorgen sollen. Nun ist die Schwierigkeit die, daß wir viele völlig unbemittelte Genossen unter uns haben, die wir mit durchschleppen müssen. So hatten wir genügend Beratungsstoff. Besonders lebhaft wurde die Frage diskutiert, ob wir nicht, wie ich vorgeschlagen habe, im Hause nur mit Blechmarken zahlen sollen. Wir müssen noch die Kaufleute hören. An einem der nächsten Abende wird dann das Plenum über alle diese Dinge entscheiden und die Kommissariate wählen. Der Sonntag – heute – ist der Kunst gewidmet. Es werden, wie ich höre, Gesangsvorträge, Musikstücke und Gedichte geboten werden. Ich werde den Genossen das Gedicht „1919“ vorlesen. – Von gestern nachzuholen wäre noch die Begrüßung durch den Assessor Wirthmann, der mir freundlich die Hand gab und uns dann die Hausordnung für Festungsgefangene verlas. Von morgen ab werde ich nun aber meine eigne Tageseinteilung treffen müssen. Sonst bleiben die Arbeiten, die ich vorhabe, wieder unerledigt. – Von München liegen nun die beiden letzten Urteile vor: Neurath 1 Jahr 3 Monate Festung und Axelrod die ungeheuerliche Strafe von 15 Jahren Zuchthaus. Die Bande ist komplett wahnsinnig. Selbstverständlich werden nun die Russen energische Repressalien ergreifen und Deutsche in Massen einkerkern. Außerdem aber werden die [Strafen, die Richter] in den Ententeländern gegen die auszuliefernden deutschen Kriegsverbrecher exemplarische Strafen verhängen, da sie sich ja jetzt auf das Beispiel Axelrod berufen können. Das Urteil ist, so unsagbar leid mir Axelrod auch tut, Wasser auf unsre Mühle. Das weiß er selbst auch, und so wird er den ekelhaften Strafvollzug tapfer über sich ergehn lassen. Als der Richter den Spruch verkündet hatte, rief Axelrod: „Für die Revolution lebe und sterbe ich!“ – Ich hätte gewünscht, daß Wadler sein Urteil ebenso überlegen und stolz aufgenommen hätte. – Es ist bald 6 Uhr. Ich schließe für heute und hebe den Bericht über die Erzählungen und Beurteilungen der Genossen über den Verlauf und den Zusammenbruch unsrer Räterepublik bis morgen auf. Eben kommt auch ein Genosse auf Besuch.

 

Ebrach, Montag, d. 28. Juli 1919.

Abschrift: „An das Justizministerium, München. Am 23. Juli mittags erhielt ich die Mitteilung, daß ich mich sofort bereit zu machen habe, die Reise von Stadelheim nach Ebrach anzutreten. Das war die Antwort auf eine Eingabe, die ich am 18ten d. M. an den Herrn Staatsanwalt beim Landgericht I gerichtet hatte, und in der ich mit ausführlicher Begründung ersucht hatte, mich den Termin der Überführung einige Tage zuvor wissen zu lassen. Der Transport selbst dauerte von Mittwoch nachmittag bis Samstag mittag. Eine Nacht mußte ich im Münchner Polizeigefängnis zubringen, die zweite im Schubgefängnis in Nürnberg, die dritte im Bamberger Gefängnis, wo ich mit noch 4 Kameraden geschlagene 24 Stunden festgehalten wurde, unter besonders unangenehmen und kränkenden Umständen, und obwohl inzwischen 2 Züge von Bamberg nach Ebrach verkehrten. Proteste und Hinweise darauf, daß Festungsgefangene eine andre Behandlung zu verlangen hätten als Verbrecher, wurden ignoriert oder grob zurückgewiesen. – Ich erhebe Beschwerde gegen das bei meiner Verbringung in die Festung geübte Verfahren und erwarte, daß unverzüglich Anordnungen getroffen werden, die den Gefangenen, die die Reise noch vor sich haben, den Schubtransport und die damit verbundene entwürdigende und quälende Behandlung ersparen werden.

Festung Ebrach, d. 28. Juli 1919.   Erich Mühsam.

 

Abends 9 Uhr. Nur ein paar kleine Notizen. Der Kunstabend gestern verlief sehr nett. Ein Schauspieler Gärtner trug schlecht und recht unterschiedliche Gedichte vor: Hermann Conradi, Rudolf Hertzog(!) und neben Belanglosigkeiten von Finkh und andern Dörmanns „Ich liebe die hektischen kranken Narzissen ...“, ein Gedicht, für Revolutionäre so geeignet wie Schlagsahne für Leoparden. Ein Genosse Reichert las aus Latzkos schönem Buch „Menschen im Kriege“ den „Abmarsch“ und dann gab ich einige Revolutionsgedichte aus dem „Kain“ zum Besten, wovon das „Trutzlied“ mit dem Refrain „Wir geben nicht nach!“ mächtigen Beifall fand. Auch „1919“ wurde sehr günstig aufgenommen. Vorher hatte ich den Genossen meine Räte-Marseillaise diktiert, die inzwischen etlichemal im Chor gesungen wurde und jetzt schon das allgemeine Bundeslied ist. Heute kam zu unser aller Freude Genosse Soldmann aus Schweinfurt, mein freigesprochener Mitangeklagter, zu Besuch, der mit dem Gesang des Liedes empfangen wurde. Er und seine Frau brachten Bücher, Zigaretten, Federhalter und Federn, Bleistifte und 400 Mark bares Geld, das die Schweinfurter Genossen gesammelt hatten. Ein braver anständiger Kerl, der sich auch vor dem Standgericht mit seiner ruhigen Sachlichkeit würdig benommen hat. Wie er uns gestand, hat er sich, nachdem mein und Wadlers Urteil verkündet war, geschämt, als sein Freispruch bekannt gemacht wurde. In der Tat war dieser Freispruch für den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats, der durchaus nichts beschönigte oder ableugnete, ebenso willkürlich wie alle übrigen Urteile (inzwischen haben die Münchner Blutrichter zwei neue Urteile von bodenloser Härte gefällt: gegen Kopp von Rosenheim auf 8 und gegen Max Strobl auf 7 Jahre Zuchthaus. Zwei ganz famose, grundehrliche Radikale). So wird das Volk immer tiefer in Haß und Wut versetzt, die eines Tages furchtbar explodieren werden. Ob es uns dann gelingen wird zu bremsen, ist nach den Beispielen, die die Reaktion täglich von der eigenen Brutalität gibt, höchst zweifelhaft. Ich fürchte schreckliche Rache, die ganz und gar gegen mein Gefühl und gegen meine Einsicht ginge. Aber darüber ein andres Mal. Ein trauriger Vorfall ist zu erwähnen. Genosse Schmid, mit dem ich hier vorgestern eingeliefert wurde, erlitt heute einen epileptischen Anfall, als er grade beim Arzt war zur Aufnahme des Protokolls. Dabei schlug er derartig mit dem Kopf auf den harten Zementboden auf, daß er, wie der Medizinalrat mir nachher erzählte, wahrscheinlich einen Bluterguß ins Gehirn erlitten hat. Der Doktor vermutete einen Schädelbruch und ließ ihn sofort in die Krankenabteilung schaffen. Er zweifelt an seiner Rettung. Schmid hat sich vor den Standrichtern auf seine Fallsucht berufen. Das hat die Herren nicht abgehalten, ihn in eine Gefangenenanstalt bringen zu lassen. So haben wir einen Melancholiker hier, den Matrosen Genossen Enzinger, der oft stundenlang in seiner Zelle sitzt und in Tränen schwimmt. Man hat darauf die Rücksicht genommen, ihn „nur“ zu 1½ Jahren Festung zu verurteilen. Solche Leute gehören aber nicht in Gefängnisse, – schon der Mitgefangenen wegen nicht. Heut abend war Aussprache über die Konstitution unsrer Kommune. Jeder Genosse mußte in einem Kommissariat einen Posten übernehmen. Ich wurde ins Kunstkommissariat gewählt, habe aber außerdem ein Amt übernommen, das mich täglich zwei Stunden Arbeit kosten wird. Von morgen ab werde ich täglich von 12 – 2 Uhr Sprechstunden abhalten, um den Kameraden in allen Rechtsangelegenheiten, als Ratgeber, Briefsteller, Tröster etc. zur Verfügung zu stehn. Also Winkelkonsulent der Festungskommune. Ich werde wohl viel Arbeit damit haben, glaube aber, den Freunden auch wirklich nützlich werden zu können. Auch unserm Genossen Niekisch haben wir eine tüchtige Arbeit aufgepackt, das Archiv der Kommune zu schaffen. Die Verteilung der Ämter ist nun also erfolgt. Jetzt muß sichs zeigen, ob die Kommunisten, wo sie aufeinander angewiesen sind, kommunistisch werden arbeiten können. – Aus den Zeitungen: die Streiks hören nicht auf. Die Post- und Telegrafenarbeiter in Berlin stehn im Ausstand wegen der Maßregelung von 287 ihrer Kollegen, die am 21ten am Streik teilgenommen haben. Werden die Leute nicht wieder eingestellt, so steht der über das ganze Reich erstreckte Solidaritätsstreik der Branche in Aussicht. Die Metallarbeiter an verschiedenen Orten rumoren, und die „sozialistischen“ Regierer kommen aus der Angst nicht heraus. Für den Winter droht eine unerhörte Kohlennot, der Zentner steigt schon jetzt auf 10 Mark, Butter kostet in München rationiert 5 Mark das Pfund und die Ernte wird natürlich elend werden, da der Boden seit 5 Jahren vernachlässigt ist. Alles das ist natürlich unsre Hoffnung. Es kann nicht schlimm genug kommen, um dem Volk die Augen darüber zu öffnen, daß alles Geschrei von Ruhe und Ordnung Schwindel ist und daß das Bestehn der kapitalistischen Wirtschaft selbst, nachdem sie ihre Existenzberechtigung und -möglichkeit durch Krieg und Zusammenbruch widerlegt hat, jede Rückkehr geregelter Zustände ausschließt. Es kann garnicht genug gestreikt werden, um die Katastrophe, die doch unvermeidlich ist, zu beschleunigen, da jeder Aufschub nur mehr Opfer verlangt und der Reaktion weitere Gelegenheit schafft, ihr Ende in Proletarierblut schmerzloser zu machen. – In der Nationalversammlung in Weimar haben sich die Konservativen und Herr Erzberger gegenseitig allerlei reizvolle Liebenswürdigkeiten gesagt. Man enthüllt Aktenstücke, mit denen ein Teil dem andern die Schuld an dem Unglück des Volks und an dem Ausgang des Kriegs zuschieben möchte. Erzberger hat aus Aktenstücken nachgewiesen, daß im Jahre 17 und anfangs 18 die Möglichkeit bestand, zum Frieden zu kommen, die von den Militärs in Gemeinschaft mit den Konservativen und Nationalliberalen (Vaterlandspartei) böswillig durchkreuzt wurde. Bei der Gelegenheit wurde auch den Rechtsozialisten von den Rechten vorgehalten, daß sie mitschuldig waren an der U-Bootschweinerei. Besonders Dr. David schnitt bös ab. Ganz recht so. Mögen sich die Verräter am Leben und Glück des Volks nur gegenseitig die Federn rupfen. Umso leichter wird nachher uns die Mühe werden, sie vollends auszubalgen.

 

Ebrach, Dienstag, d. 29. Juli 1919.

Vorerst eine höchst erfreuliche Neuigkeit. Von Zenzl traf heut nachmittag ein Telegramm ein: Gedichtbüchl und Tagebücher gekommen. Welche Freude! Der Verlust besonders aller meiner Verse seit 1914 hatte mich seit 3 Monaten entsetzlich deprimiert und merkwürdigerweise auf meine Produktion völlig lähmend eingewirkt. Außer dem Gedicht „1919“ habe ich seit meiner Verhaftung nichts Poetisches zustande gebracht, da doch die Absperrung sonst grade den Trieb zu dichten hätte befeuern sollen. Gottseidank wird das jetzt vorbei sein, – mir ist eine furchtbare Last vom Herzen. – Einen kleinen Dämpfer auf diese Freude setzte mir eben die Sitzung unsrer Kommune, die sich noch mit ihrer Konstitution zu befassen hatte. Schon jetzt bei den allerersten Gehversuchen zeigt sich der instinktive Widerstand der Menschen gegen die Zumutung, irgendetwas von der eignen Bequemlichkeit dem Gesamtnutzen zuliebe preiszugeben. Ich sprach gegen das Hazardspielen, das unter einer kleinen Gesellschaft von Genossen eingerissen ist und schon dazu geführt hat, daß ganz Mittellose, die aus den Mitteln, die von den übrigen, die doch alle nicht reich sind, zusammengesteuert waren, Unterstützungen erhalten hatten, das Geld sofort an bessersituierte Kameraden in Mauscheln oder 21 verloren. Ich schlug vor, daß bares Geld innerhalb der Kommune überhaupt nicht in Umlauf kommen solle, sondern Blechmarken einzuführen seien, die rationiert abgegeben werden sollen, damit sich keiner besser oder schlechter in der Frequenz der Kantine und des Bazars stelle als der andre. Für Kartenspiele solle der Grundsatz aufgestellt werden, daß sie nie um Geld gehn dürfen. Große Entrüstung bei den Beteiligten. Niemand will sich in seiner individuellen Freiheit beschränken lassen, und die Berufung auf soziale Pflichten verweht im Winde. Wir werden noch böse Hindernisse im Wege finden und alle gemeinsame Energie aufwenden müssen, um der Welt trotz allem zu zeigen, daß Kommunisten doch fähig sind, eine Kommune zu schaffen. Erziehung der Menschen ist alles. Ich kam während der peinlichen Auseinandersetzungen, in denen sich der primitive Egoismus der Leute so plump enthüllte, auf den Einfall, ein Beispiel wirken zu lassen, und gab die Erklärung ab, als man grade die Möglichkeiten zur Geldbeschaffung erwog, daß ich meine Räte-Marseillaise hiermit zur Verfügung der Ebracher Festungskommune stelle, d. h. daß sie vervielfältigt und ganz zugunsten der Kommune verbreitet werden solle. Man rief zwar Bravo, wird aber morgen wieder ebenso starrköpfig an der kleinsten Gewohnheit und dem eingebildetsten Bedürfnis festhalten wie heute. So wars schon vor 18 Jahren in der Neuen Gemeinschaft, so bei den Anarchisten, bei den Genossen vom Sozialistischen Bund und bei meiner Gruppe Tat: die Sache wird begriffen und für gut befunden, die Idee nimmt Gestalt an und soll Praxis werden – und da steht den Menschen der Mensch im Wege. Das Menschliche scheitert an den Menschlichkeiten. Aber mein Glaube ist stark zum Bergeversetzen. Die Widerstände müssen überwunden werden. Sie werden überwunden werden.

 

Ebrach, Mittwoch, d. 30. Juli 1919.

Langsam gewöhnt man sich ein. Das merkt man am besten daran, daß sich allmählich die Schwächen und Fehler der Genossen zeigen. Gestern abend der Widerstand gegen die kleine Beschränkung der Vergnügungen, die dem gemeinsamen Besten entgegenstehn, und heute erlebte ich eine recht amüsante Überraschung, als ich am Nachmittag zum Assessor Wirthmann gerufen wurde, durch dessen Hände unsre Korrespondenz geht. Er fragte mich zuerst, ob ich ein Gedicht gemacht hätte: die Rätemarseillaise. Darauf kam die Frage, wie ich es beurteilen würde, wenn ein andrer sich als Verfasser des Gedichts ausgäbe. Ich erwiderte: Die Frage läßt mich annehmen, daß ein solcher Fall vorliegt – und nun las er mir einen Satz aus einem Brief des Genossen Moser, eines kreuzbraven, älteren jüdischen Genossen an einen Freund vor, dem er das Gedicht mit dem Bemerken einsandte, es sei das Produkt einer langweiligen Stunde von ihm. Ich bat Wirthmann, dem betreffenden von sich aus keine Vorhaltungen zu machen. Das würden wir schon machen. Aber die Briefstelle müsse natürlich geändert werden, damit mir kein Nachteil daraus erwachse. Dann setzte ich Hagemeister, unsern Vertrauensmann, dem wir den Titel „Onkel“ beigelegt haben, in Bewegung, der dann Moser den Kopf zurechtgerückt hat. – Eine schauderhafte Qual habe ich von etlichen wirklich dichtenden Genossen auszustehn, die mich mit ihrer Lyrik verfolgen. Verse von einer Kindlichkeit, die rührt, aber die Herren Autoren sind von ihren eignen Werken begeistert, und ich bin das Opfer, das alles lesen und begutachten muß. Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, all diese Machwerke geduldig zu lesen und den Dichtern meine Meinung darüber schonend aber ohne listige Beschönigung zu sagen. Ganz schrecklich ist der gute Daudistl. Der dichtet in Prosa, d. h. er bringt Gefühle, Stimmungen und kleine Einfälle über revolutionäre Dinge zu Papier in einem Deutsch, das zum Himmel schreit, in dem aber manchmal ein gutes sichtbares Bild überraschend aufleuchtet. Es ist das Übel in all diesen schriftstellerischen Leistungen, daß sich in die naiven Vorstellungen und in das echte Bedürfnis, die Gedanken in die Form der eignen Vorstellungen zu kleiden, die Metaphern aus dem Zeitungsreservoir hineindrängen, die bei der Ungeübtheit der Schreibenden jedesmal falsch angewandt werden. Typisch ist übrigens folgendes – und Daudistl ist auch dafür ein Musterfall: mache ich auf eine grammatikalische Unmöglichkeit aufmerksam, denn erklärt er mir den Gedanken, den er ausdrücken wollte, versteht aber absolut nicht, daß es mir auf die Sprache ankommt. Das alles nähme ich ganz gern in den Kauf, wenn der brave Mann mich nicht zu jeder Tageszeit, beim Hofspaziergang, beim Zusammensein in der Halle und selbst in meiner Zelle nachsetzte, um mir irgendein dünnes Gefühlchen oder eine belanglose Definition, die bedeutsam wäre, wenn sie zum ersten Male auftauchte, begreiflich zu machen. Dieser Mensch merkt nicht, daß sein Geist, solange er primitiv im Leben Ausdruck findet, viel reicher ist, als der der meisten Nebenmenschen, daß aber das Schreibbedürfnis immer erst durch Abtötung des natürlichen Temperaments wirksam wird und infolgedessen in dürftigster Form dürftigste Allgemeinplätze zu Tage fördert. – – Kurt Wolff hat mir mitgeteilt, daß er jetzt versuchen wird, meinen Gedichtband von 1914 durch Neuversendung und Annoncierung zur Beachtung zu empfehlen. Hoffentlich wird der Vorsatz energisch in die Tat umgesetzt. Dem Buch ist schwer unrecht geschehn. Ich will, wenn das Notizbuch mit den Kriegsgedichten kommt, gleich an die Zusammenstellung eines neuen Bändchens gehn. Vielleicht kann ich auch das beim Kurt Wolff-Verlag unterbringen. Es ist ½ 10 Uhr abends. Ich will vor dem Zubettgehn gleich noch den nötigen Brief an ihn schreiben. Glück auf den Weg!

 

Ebrach, Donnerstag, d. 31. Juli 1919.

Eben hatten wir eine lange Beratung über die Verfassung unsrer Kommune, für die der Genosse Klingelhöfer einen Entwurf gemacht hat, den wir Mitglieder des „Großen Rates“ – das sind die Vorsitzenden der Kommissariate (ich präsidiere dem Kunstkommissariat) – heute mittag schon durchgesprochen hatten. Die Einwendungen waren mir sehr interessant. Es handelt sich darum, jeden zur Erfüllung bestimmter Funktionen für die Gesamtheit zu verpflichten. Das Wort „verpflichten“ erregte bei einigen heftigen Widerstand. Besonders fanden sie (Daudistl und Ringelmann) den vorgeschlagenen Zwang, an den allabendlichen Besprechungen teilzunehmen, als unerträglichen Eingriff in die persönliche Freiheit. Ringelmann ging so weit zu verlangen, daß Gefangene, die sich etwa nicht zur Teilnahme an der Kommune bereitfänden, trotzdem an allen gemeinsamen Rechten partizipieren sollen. Ich gab ihm Antwort, setzte auseinander, daß wir doch alle hier seien, weil wir Kommunisten seien, und daß dieser Umstand uns besondere Pflichten auferlege, jetzt, da wir durch den Machtspruch der kapitalistischen Gesellschaft auf die Solidarität untereinander angewiesen sind, zu zeigen, daß wir selbst als Vorbilder kommunistischer Gemeinschaft zu leben wissen. Schlösse sich einer von den wechselseitigen Dienstleistungen aus, so fielen ihm gegenüber auch für uns alle Solidaritätshandlungen weg. Ein Outsider hätte weder Anspruch auf die gemeinsame Haushaltung – er müßte sich das Essen von der Anstalt liefern lassen –, noch auf Gelder oder Vorräte, die von außen mit der Bestimmung: für die Kommune einliefen. Allerdings sei ich der Ansicht, daß die Weigerung eines Einzigen, sich in die Vereinbarungen zu fügen, die Sprengung der ganzen Kommune zur Folge hätte, da ein räumlicher Ausschluß ja nicht möglich sei und infolgedessen, da zwei gegeneinander wirkende Gruppen im selben Käfig dauernde Mißhelligkeiten für alle herbeiführen müßten, die Auflösung der Gemeinschaft und die Wiederherstellung des individuellen Verkehrs zwischen den Einzelnen erfolgen würde. Es ist jetzt die Frage, ob der mißverstandene Freiheitswille sich dem gemeinsamen Interesse unterordnen oder einem Prinzip zuliebe, das nur in einer obrigkeitlichen Zwangsgesellschaft berechtigt ist, unsern ganzen Versuch im Keime vernichten wird. Die Diskussion soll morgen fortgesetzt werden. – Inzwischen sind weitere Neuerungen geschaffen: die ersten Turngeräte für die Hofstunden sind fertig. Heute wurde Tauziehen veranstaltet, nachdem turnerische Freiübungen und Ringkämpfe schon als beliebte Vergnügungen im Schwange sind. Da wir im Genossen Jost einen Berufstanz- und -turnlehrer unter uns haben, wird die Körperkultur systematisch und nach erprobten Regeln betrieben. Überhaupt sind wir mit Fachmännern auf den verschiedensten Gebieten versehn, und ganz besonders die Kunst hat in all ihren Kategorieen sachkundige Vertreter. Außer Jost haben wir einen Schauspieler, Genossen Gärtner, der mir an den Kunstabenden die Hauptkosten der Rezitation bestreiten muß, ein Malerdilettant ist da in der Person Müllers, eines Technikers von Beruf. Genosse Reichert übt einen Sängerchor ein – der junge Gurlin sang uns gestern mit seiner ganz ungepflegten aber sehr schönen Baritonstimme einige Soli vor, und die Poesie wird durch mich und insgeheim durch eine nur zu große Anzahl von Genossen repräsentiert. – Gegenwärtig wird ein Schachmatch ausgefochten, zu dem sich 10 Teilnehmer gemeldet haben. Mit den 4 gefürchtetsten Gegnern bin ich heute siegreich fertig geworden, sodaß ich Anwartschaft auf den Kranz habe, der allerdings nicht in Natur, sondern nur in verbaler Anerkennung verliehen werden wird. Für Samstag aber steht uns eine außerordentliche Feier bevor. Genosse Sporer, dessen Braut ihrer Niederkunft sehr bald entgegensieht, wird hier Hochzeit machen. Das Vergnügungskommissariat ist mit den Vorbereitungen betraut, und wir hoffen, daß das originelle Milieu dem Akt schöne Weihe geben wird ... Inzwischen geht der Lauf der Weltgeschichte draußen weiter. Die Streikbewegung zündet immer von neuem an immer andern Stellen auf. Gegenwärtig melden sich in Rheinland-Westfalen allerlei Wetterzeichen, als deren Ursache die brutalen Praktiken gegen politische Schutzhäftlinge anzusehn sind. Eine Unmenge Arbeiter sitzen seit langen Wochen ihrer politischen Überzeugungen wegen im Gefängnis, ohne daß sie prozessiert würden, ohne daß man sich ihrer Familien annähme. Noske wütet, wie es ihm paßt. Eine große Solidaritätskundgebung der Arbeiterschaft wird wohl gegen seine halunkenhafte Arbeiterunterdrückung wirksame Abhilfe schaffen. – In Deutschösterreich hat der bisherige Ministerpräsident Bauer , ein deutschunitaristischer Sozialdemokrat, demissionieren müssen. Das ist ein großer Sieg der Entente. Ich für meinen Teil begrüße ihn, weil ich mir von einer immer weiteren Ausdehnung der Zentralisation garkeinen Segen verspreche. Die Staaten sollen endlich mal entstaatet werden. Statt dessen erweitert man ihre Grenzen und nimmt damit ihren Einwohnern immer mehr von ihrer Selbständigkeit und Eigenart. Beispiel: Bayern, das durch die Aufgabe der eignen militärischen Organisation und durch den Verzicht auf eine große Reihe andrer Reservatrechte, sogar der eignen Finanzhoheit nur noch nominell etwas andres ist als eine preußische Provinz. Der selige Dr. Sigl muß im Grabe rotieren! – Heute habe ich von Angesicht zu Angesicht einen berühmten Raubmörder gesehn. Als wir zum Brausebad ins Zuchthaus geführt wurden, stand in einem Hof, in den wir vom Fenster aus hineinsehn konnten, der Renommiermörder der Ebracher Anstalt, Weißkopf. Der Kerl hat mehrere Leute umgebracht. Er war in einer ganz gräßlichen Zelle unsres jetzigen Festungsgebäudes untergebracht gewesen, die jetzt von unsrer Küchenverwaltung unter Saubers Leitung benutzt wird: das ist ein richtiger Raubtierkäfig, dessen sinnreiche Scheußlichkeit einer besonderen Beschreibung wert wäre (aber es ist Zeit, Schluß zu machen). Aus dieser Zelle ist Weißkopf ausgebrochen – und zwar durch den Fußboden hindurch. Er kam ins Freie, beging wieder einen Mord, wurde wieder ergriffen, wieder zum Tode verurteilt, wieder zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe „begnadigt“ und stand nun heute, die Hände auf den Rücken gefesselt, im Zuchthaushof. Ein stämmiger, intelligent aussehender, älterer Mann, der freundlich lachend mit dem Wärter sprach. Ich dachte, als ich ihn sah, an den armseligen Grafen Arco in Stadelheim, den Mörder aus verirrtem Heroismus. Welcher Unterschied! Aber bei Gott: dieser von garkeinem Gewissen beschwerte Massenraubmörder tat mir mehr leid als der andre, der den Trost in seiner Eitelkeit finden mag. Dieser Schwerverbrecher aber mit seinem wilden tierischen Freiheitsdrang, in Gefangenschaft zeit seines Lebens, isoliert von der ganzen Mitwelt, findet gewiß in keiner eiteln Vorstellung Trost und weiß nicht einmal, daß er Opfer dieser entsetzlichen Gesellschaft ist, und ebenso viel Recht hätte, als Kläger gegen sie aufzutreten, wie seine unglücklichen Opfer gegen ihn. Ihr laßt die Armen schuldig werden, dann übergebt ihr sie der Pein!

 

Ebrach, Freitag, d. 1. August 1919.

Fünfjähriger Gedenktag. Er gibt Anlaß, recht viel zu denken: für die, die den Krieg gewollt und gefeiert und für uns, die ihn verabscheut und sabotiert haben. Wir haben nun den so heiß ersehnten „Frieden“. Die Kriegsenthusiasten jammern, daß sie die Wette verloren haben und daß der Friede sich in Gestalt gewalttätiger Bevormundung durch die Feinde in Erscheinung setzen wird. Und uns andern, die den Krieg durch die Revolution bekämpften, zeigt sich der Friede in erhöhter Kriegstätigkeit im eignen Lande. Allerdings unterscheidet sich unsre Stimmung erheblich von der der Patrioten. Wir fühlen uns keineswegs besiegt, sondern nach berühmtem Zitat der Militaristen zur Zeit unter dem Druck gewisser „unvermeidlicher Wechselfälle des Kriegs“. Ich pflege es so auszudrücken: Uns geht es jetzt, wie es der Entente 4 Jahre lang gegangen ist, – eine Niederlage nach der andern, aber der Endsieg ist uns gewiß. Die Gegner verfahren gegen die, die sie schon endgiltig besiegt zu haben glauben, während sie nur im Verlaufe des Ringens zeitweilig nach oben gekommen sind, mit genau demselben typisch deutschen rohen Zynismus, der sie oder ihre Lehrmeister im besetzten Belgien, Polen, Elsaß-Lothringen, Serbien, Rumänien, Rußland, Frankreich, Italien und Galizien auszeichnete, und der ihnen den ewig unausrottbaren Widerwillen aller zivilisierter Nationen zugezogen hat. Wir können es hier täglich an neuen Beispielen beobachten, wie sinnlos brutal die sozialdemokratische oder blos demokratische Reaktion ihre monarchistischen Vollzugsorgane gegen Revolutionäre arbeiten läßt. Heute wurden wieder 6 Genossen von Landsberg am Lech eingeliefert, die ihre Transporterlebnisse erzählten. Sie wurden auf dem Schubweg und ohne eine Spur von Unterschied gegen gemeine Verbrecher befördert, gefesselt, mehrmals zur Durchsuchung ganz nackt ausgezogen, mußten in verlausten Betten schlafen (viele Genossen hier, denen es ähnlich ging, tragen hier Zuchthauskleidung) und wurden mit allen Protesten, daß sie als abgeurteilte Festungsgefangene eine andre Behandlung zu verlangen hätte[n], kurzweg abgewiesen. Dabei ist heute vor 8 Tagen (einen Tag vor meiner Ankunft) der Justizminister Müller-Meiningen in Person hier gewesen, um Wünsche und Beschwerden der Häftlinge entgegenzunehmen. Er hat bei dieser Gelegenheit ausdrücklich versprochen, daß zu Festung Verurteilte nicht mehr geschubt werden sollen. Aber weder dies noch andre Versprechen, zu denen sich der Held gegen Liebknecht bereit fand, haben ihn bis jetzt zu irgendwelchen Maßnahmen zu unsern Gunsten veranlaßt. Wir haben heute beschlossen, eine ausführliche Darstellung der Behandlung der Festungsgefangenen auf dem Transport der linkssozialistischen Presse zu übergeben. Aber wer wird sich wundern? Früher wurden nur Offiziere oder Studenten zu Festung verknallt. Brüsewitz, der Mörder, wurde schwerlich gefesselt. Aber jetzt hat man es ja zumeist blos mit Arbeitern zu tun. Was braucht die „Volksregierung“ da viel Umstände zu machen! – Unsre Verfassungsdebatte ging heute weiter. Die Frage, ob der Besuch der Abendversammlungen obligatorisch sein soll oder fakultativ erschöpfte die ganze Diskussion. Ich sprach mich lebhaft für Freiwilligkeit aus, da sich ein Zwang nur da rechtfertige, wo der Bestand der Sozietät von der Erfüllung bestimmter Pflichten abhängt. Man solle aber um des Himmels willen keine Bevormundung einführen, da sich die Revolutionäre, die gewöhnt sind, sich gegen jede von außen über sie angemaßte Autorität aufzulehnen, in Opposition stellen würden, an die sie, wenn ihre Teilnahme an den Zusammenkünften freigestellt wäre, im Traum nicht denken würden. Es ging sehr lebhaft zu, aber daß die Geister aufeinanderplatzen, ist ein gutes Zeichen, – solange nicht Ranküne und Animosität die sachlichen Differenzen zu persönlichem Zank und Gehässigkeiten ausarten lassen. – Heut hatten wir zum ersten Mal die Kost, die uns die eigenen Genossen zubereitet hatten. Obwohl sie dieselben Ingredienzien zugeteilt bekommen hatten, die zur Zuchthauskost herhalten mußten, war ein Unterschied festzustellen, der[dem] von allen sehr dankbare Anerkennung wurde. Man konnte am Beispiel erkennen, wieviel besser eine Arbeit ausfällt, wenn sie mit Liebe zur Sache geleistet wird. Hoffentlich hält die Lust zum Arbeiten vor. Das wird allein von dem Geist abhängen, mit dem wir uns in die gegenwärtige Lage zu finden wissen.

 

Ebrach, Samstag, d. 2. August 1919.

Dieser Tag wird mir zeitlebens in freundlicher Erinnerung bleiben. Nicht blos, weil heute von Zenzl außer einem Korb mit viel Gutem (Wäsche, neue Stiefel, Speck, Kaffee mit Kochapparat, Anzug, Krawatte, Lektüre etc) und mein geliebtes Notizbuch – dieses Mal das richtige lang und schmerzlich vermißte – ankam, sondern wegen der entzückenden Feier, zu der sich die Hochzeit unsres Kameraden Spohrer gestaltete. So ist wohl nicht leicht schon einmal ein Ehebündnis eingeleitet worden. Nach der Trauung, die durch den Bürgermeister des Orts Ebrach im Beisein eines Notars, des Gefängnisvorstands Assessors Wirthmann und zwei Zeugen aus unsrer Mitte in der Zelle Spohrers stattfand, und nach Verschwinden der Amtspersonen begannen die Zeremonien, mit denen wir Haftgefährten unsres Hochzeiters den Tag begingen. Gärtner sprach ein Gedicht, Hagemeister überreichte der Braut einen Blumenstrauß, der kleine Sängerchor, der sich unter Reichert formiert hat, ließ vom ersten Stock her ein Lied erschallen, in dem „ein liebes Weib, ein herzig Kind“ – das bei Frau Spohrer schon in wenigen Tagen ans Licht drängen wird – eine große Rolle spielte. Aus dem Garten waren Lorbeerbäume, aus den Zellen alle vorhandenen Blumenstöcke herbeigeschleppt worden, und die Festtafel, die sich in imposanter Länge durch die Halle streckte, war festlich gedeckt – mit Bettleinen, das man der Gefängnis-Verwaltung zu diesem Zweck abgebettelt hatte. Außer der Braut waren noch 3 Frauen, Gattinnen oder Freundinnen andrer Genossen, anwesend. Das Diner entsprach freilich nicht ganz der Aufmachung. Eine Suppe und ein Topf Wirsinggemüse für jeden – und dafür standen feierlich 2 Teller und ein Besteck mit Messer und Gabel vor jedem Platz. Aber kaum je wird es eine fröhlichere und in sich einigere Hochzeitsgesellschaft gegeben haben als unsre 55 Festteilnehmer. Dann wurde Bier kredenzt, einer stiftete Zigarren, und als es dann Kaffee gab, zu dem unsre Köche einen Kuchen gebacken hatten, wurde mir zum ersten Mal hier mein heut von Zenzl erhaltener Kaffeekrug mit prachtvoll starkem echtem Kaffee serviert. Ich hielt dann die eigentliche Festrede auf das junge Paar, bei der ich die freie Ehe als ideale Ehe pries, nämlich die, die innerlich frei ist und in Freiheit sich auswirkt und ihre Kinder in Freiheit großzieht. Dann folgten Vorträge, darunter zum ersten Mal der Gesang meines Schneppenhorstliedes. Sehr amüsant war Moser mit einem Komikerrepertoire, das an saftigen Pointen nichts zu wünschen übrig ließ. Der Coup der Veranstaltungen war aber eine groteske Parodie auf den katholischen Pfaffendienst, die – aus der Perspektive eines Frommen – die tollste Blasphemie darstellte, die ich noch erlebt habe. Pfeiffer führte den Umzug an, statt eines Kreuzes einen Besen vor sich hertragend. In Badetüchern und weißen Decken, mit Zilyndern und sonstigen grotesk–komischen Kopfbedeckungen und Bekleidungen, auf Gießkannen und ähnlichem Gerät blasend, bewegte sich der Zug mehrmals um die Halle, wobei er ganz in dem Ton der kirchlichen Lithurgie einen unglaublich zotigen Text sang. Da wir alle Gottlose waren, wurde kein Ohr gekränkt, und wir konnten unbefangenen Herzens Tränen lachen. – Am Ende des Programms wurde getanzt. Bedauert wurde nur, daß wir nicht die Erlaubnis erhalten hatten, einen Photographen kommen zu lassen, der uns die schöne Feier zu späterem Gedächtnis festgehalten hätte. Spohrer – ein Münchner Friseur – und seine junge hübsche Frau haben eine Hochzeit zwischen Gefängniszellen gefeiert, wie sie nicht leicht ein Ehepaar in aller Welt erlebt hat. Wir alle aber, die daran teilnahmen, werden diesen Tag als versöhnendes Intermezzo in unsrer Gefangenschaft mit ins künftige Erinnern nehmen, und was ihn schon heute so wertvoll macht, ist der Beweis der Kameradschaft, der erfindungsreichen Solidarität, die in wenigen Stunden ein reizendes Festprogramm entwarf und ohne Störung naiv und schön, vielgestaltig und doch einheitlich zu Ende führte. Mir selbst kamen bei dem ersten Teil des Programms, den alle meine blasierten Freunde als Ausbund von Kitsch bezeichnet hätten, Tränen in die Augen, und bei den humoristischen Vorträgen und Darbietungen, bei denen man in jedem Variété „geschmacklos“ geschrieen hätte, habe ich gelacht, wie seit der Kindheit nicht mehr. Heute fühlte ich, wie tief ich diesen proletarischen Prachtmenschen in meiner Seele [Seele] verbunden bin.

 

Ebrach, Sonntag, d. 3. August 1919.

Wieder ein schöner wertvoller Tag. Er begann damit, daß mir Sauber, der erste Vorsitzende des Landessoldatenrats Baierns vom Beginn der Revolution an und sein Küchenbuchhalter Hauser, der Kommandant von Würzburg während der Aprilkämpfe, gemeinsam den echten Kaffee auf die Bude brachten. Als ich vormittags in die Halle hinunterkam, zeigte man mir Pfempferts „Aktion“, die eine überraschende Notiz enthält: nämlich eine gradezu stürmische Begrüßung an meine Adresse wegen meines Verhaltens vor dem Standgericht (daß Toller bei dieser Gelegenheit als Feigling beschimpft wird, war mir ärgerlich). Jedenfalls freut es mich, daß diese Feindschaft, unter der ich schrecklich gelitten habe, da sie meine Reinheit als Revolutionär berührte, zu Ende ist. Ich werde mich Pfempfert gegenüber, solange sich kein Anlaß ergibt, dies Verfahren zu ändern, passiv verhalten. In der „Jugend“ werde ich natürlich verhöhnt. Dagegen brachte mir ein Aufseher heute einen Ausschnitt aus dem „Bamberger Tagblatt“, der von allen Verleumdungen, die ich ja allmählich gewöhnt bin, so ziemlich den Gipfel erklimmt. Mein Prozeß von 1910 wird wieder aufgewärmt und daraus Biehlmayers phantastische Höllenmaschinenerzählung serviert, und zwar in der Form, als ob ich wirklich so ein Ding ins Münchner Rathaus gelegt hätte. Das Gericht hätte mich aber mit Rücksicht auf meinen Geisteszustand freigesprochen. Ob ich auf diese unerhörte Lügerei reagieren soll, etwa in der Form einer § 11-Berichtigung, werde ich mir bis morgen überlegen. Das Interessanteste bei der Sache ist mir die Tatsache, daß auch nach meiner Verurteilung noch bei den Ordnungshütern die Notwendigkeit empfunden wird, die Bourgeoisie mit erfundenen Schauergeschichten vor mir graulich zu machen. Zweck der Übung ist natürlich, in den Hirnen der Leser für später den Gedanken zu konservieren, ich sei ein Geisteskranker. Die Aussage des Walter Loewenfeld vor dem Standgericht ging ja schon deutlich auf diese Absicht hinaus, und dann kam die Presseverdrehung mit dem pathologischen Zustand. Es liegt also System in der Gemeinheit, ich werde aufpassen müssen. Einen Gegner durch schleichende Verdächtigung um den Kredit seiner Zurechnungsfähigkeit zu bringen, ist nicht neu. Vielleicht rechnet man sogar damit, es mit der Suggestion auf die Zeitungsleser, ich sei verrückt, zu meiner Unschädlichmachung im Irrenhause treiben zu können, sobald sich einmal die Festungstore geöffnet haben. Allerdings scheinen die gegenwärtigen Beherrscher Baierns vorläufig noch keineswegs mit einem kurzen Aufenthalt der Häftlinge in den Strafanstalten zu rechnen. Ein Aufseher erzählte mir heute genau von den Zurüstungsarbeiten für unsern Aufenthalt auf der Plassenburg bei Kulmbach. Danach werden keine Kosten gespart, um die politischen Gefangenen für lange Jahre unterzubringen. Erfreulich war mir seine Mitteilung, daß auch die zu Zuchthaus verurteilten Politiker für sich gesondert untergebracht, also von Straubing, wo sie bisher im Zuchthaus saßen, fortgeführt und einer milderen Behandlung als sie in den Zuchthausvorschriften vorgesehn ist, unterworfen werden sollen. Sie kommen alle zusammen nach Sulzbach. Die Freunde Axelrod, Wadler, Kopp, Strobl u. s. w. werden also jedenfalls von den qualvollsten Formen des Strafvollzugs erlöst werden. Nur mögen sich die Herren Müller-Meiningen und seine „sozialistischen“ Helfer und Helfershelfer nicht einbilden, sie entlasteten sich dadurch von ihrer Schande. Die Abrechnung kommt. Ihre Amnestierung kommt nicht in Frage. Nur fürchte ich sehr, daß die Strafe des Volks gegen die Reaktion sich in Formen verwirklichen wird, die meinen Wünschen garnicht entsprechen. Ich sprach heute auf dem Hof mit einigen Genossen darüber: das Auge um Auge, Zahn um Zahn sitzt tief drin in den Menschen, und meine Einwände gegen Rache und Vergeltung, gegen das Schaffen von Ressentiments bei der Reaktion und meine Berufung auf unsre Gegnerschaft gegen die Todesstrafe gefiel ihnen garnicht. Hier aber sitzen die denkenden und sich selbst prüfenden Revolutionäre. Draußen aber frißt die Wut in den naiven Herzen der empörten Masse – da wird alles Bremsen nicht helfen. Kommt einmal die Stunde der Befreiung, sie wird furchtbar werden. – Auch unser Diskussionsabend heute, der sich mit den politischen Ereignissen der letzten Woche befaßte, brachte immer wieder den Gedanken, daß die Konterrevolution gezeigt habe, wie die Revolution arbeiten müsse. Niekisch hielt ein Referat über die politischen Vorgänge. Ich sah daraus mit Schrecken, daß ich, seit ich mich mit der Zeitungslektüre in der Halle begnüge, garnicht mehr recht im Bilde bin. So war mir z. B. die Annahme der neuen Reichsverfassung in der Nationalversammlung ganz entgangen, obgleich die Demokraten tun, als ob damit eine neue Aera der Weltgeschichte begonnen hätte. Aber diese Hornochsen glauben wahrhaftig, daß das schwarzrotgoldene Zeitalter nun die endgiltige Bestimmung Deutschlands sei. Ich glaube, daß es weniger Wochen alt werden wird als das schwarzweißrote Jahre. Sicher ist, daß die Annahme dieser Verfassung den letzten Strich hinter den Sozialismus der deutschen Sozialdemokraten zieht, die sich mit ihrer Zustimmung dazu vollständig und endgiltig zu Heloten des Kapitalismus degradiert haben. Habeant sibi. Die charakteristischsten Merkmale des Werks sind das Schulkompromiß zwischen Roten und Schwarzen, das der Kirche erweiterte Rechte in ihrem Einfluß auf die Jugenderziehung gibt und die „Verankerung“ der Räte, die um den letzten Rest ihres Sinns gebracht werden. Gleichzeitig mit ihrer Kapitulation vor der Bourgeoisie erhielten die Weimarer „Sozialisten“ eine schallende Ohrfeige von ihren Kommandeuren: die Ablehnung des Antrags auf Verstaatlichung der Naturschätze. Daß die Konsequenz dabei beim Bürgertum liegt, läßt sich nicht verkennen. Niekischs Vortrag darüber und über die Enthüllungen, mit denen die Kriegsschuldigen einander immer noch ihre geheimen Kenntnisse an die Köpfe werfen – nicht um der Wahrheit zu dienen, sondern um den eignen politischen Ruf nicht im Dreck umkommen zu lassen – war ausgezeichnet. – Ob die Hiobsmeldungen aus Ungarn tendenziöse Entstellungen oder Wahrheit sind, läßt sich noch nicht entscheiden. Nach der Frankfurter Zeitung soll sich Bela Khun und die ganze Räteregierung durch den wirtschaftlichen und militärischen Druck der Entente zur Demission gezwungen gesehn haben, und an ihre Stelle sei ein „rein sozialistisches“ Ministerium getreten, das den Privatbesitz wieder eingeführt habe, um sich der baierischen Kollegenschaft würdig zu zeigen. Noch habe ich Hoffnung, daß die Nachricht nicht stimmt. Ich kann mir nicht recht denken, daß das ungarische Proletariat ohne Widerstand resignieren sollte. Den breitesten Raum in unsrer Diskussion nahm heute abend ein auffälliger Artikel im „Kampf“ ein, in dem das deutsche Proletariat aufgefordert wird, mit der Fortsetzung der Revolution solange zu warten, bis die Franzosen, Engländer und Italiener vorangegangen sind. Mit Empörung wandten sich die Genossen gegen diese Zumutung, die wie Verrat empfunden wurde. An der Debatte beteiligte auch ich mich und gab der Meinung Ausdruck, daß wohl Kautsky der spiritus rector der Schmählichkeit sei. Es wurde eine geharnischte Erklärung beschlossen, die an den Kampf gehn soll und das Bekenntnis zur dritten Internationale zum Ausdruck bringt. Es wird sicher gute Wirkung auf die Genossen draußen tun, wenn wir Eingesperrte kraft unsrer Autorität als Opfer der Revolution unsre Stimme als Wortführer des Radikalismus auch durch die Kerkermauern hindurch laut werden lassen. Persönlich habe ich zu notieren, daß Siegfried am 1. September als Eisendreherlehrling bei der Firma Maffei eintreten wird. Ich freue mich recht darüber, daß der Junge Arbeiter wird. Gehts nach meinen Wünschen, dann wird der vierte Stand binnen kurzem der erste Stand sein.

 

Ebrach, Montag, d. 4. August 1919.

Abschrift: „Berichtigung. An die Redaktion des „Bamberger Tagblatts“, Bamberg. Das „Bamberger Tagblatt“ vom 2. August enthielt eine Notiz unter der Stichmarke „Mühsams ‚Höllenmaschinen‘ im Münchner Rathaus“. Die Erzählung, die den Lesern darin aufgetischt wird, enthält mehr Unwahrheiten als Sätze. Da ich die mit der Veröffentlichung dieser Erfindungen verbundene Absicht zu erkennen glaube, sehe ich von meiner Gewohnheit, alle Lügen über meine Person geduldig passieren zu lassen, in diesem Falle ab und stelle fest. 1.) Es ist unwahr, daß ich mich jemals als „Edelanarchist“ bezeichnet habe. Wahr ist, daß ich gegen die Anhängung dieser Bezeichnung als einen Versuch, mich in Gegensatz zu den übrigen Anarchisten zu bringen, wiederholt öffentlich protestiert habe. 2.) Es ist unwahr, daß ich schon vor 10 Jahren im Mittelpunkt eines Hochverratsprozesses gestanden hätte. Wahr ist, daß im Jahre 1910 gegen mich ein Prozeß wegen Geheimbündelei durchgeführt wurde. 3.) Es ist unwahr, daß je eine „Höllenmaschine“ von mir oder sonst jemand ins Münchner Rathaus oder ein andres Münchner Gebäude eingeschmuggelt worden sei. Wahr ist, daß ein phantasievoller Zeuge des erwähnten Prozesses im Vorverfahren angegeben hatte, daß ein solcher oder ein ähnlicher Plan einmal bestanden hätte. Er hat diese Angabe in der Hauptversammlung widerrufen. 4.) Es ist demnach unwahr, daß mit der imaginären Höllenmaschine das Rathaus in die Luft gesprengt werden sollte; daß dieser Plan um ein Haar geglückt wäre; daß ich und meine Komplizen uns ungeschickt bei der Behandlung des Apparats benommen hätten, und daß ein Verfertiger der Bombenschleuder uns „dableckt“ hätte. Wahr ist, daß das ganze Mordinstrument nie existiert hat und nie projektiert war. 5.) Es ist unwahr, daß ich und meine Freunde wegen dieses Attentats in Schutzhaft genommen worden wären. Wahr ist, daß die Erfindung der Schutzhaft vor 10 Jahren noch garnicht gemacht war. Wahr ist ferner, daß ich vorübergehend in Untersuchungshaft gebracht wurde – und zwar wegen der Abhaltung von Vorträgen, bei denen ich mich nach der Auffassung des Staatsanwalts der Geheimbündelei verdächtig machte. 6.) Es ist unwahr, daß der Staatsanwalt wegen der Unschädlichkeit der Höllenmaschine und wegen meines Geisteszustands mildernde Umstände erbeten hätte. Wahr ist, daß der Staatsanwalt durch den vollständigen Zusammenbruch der Anklage-Behauptungen selbst den Freispruch beantragte, ohne meines Geisteszustands die geringste Erwähnung zu tun. 7.) Es ist unwahr, daß das Gericht erkannt hätte, daß zwar objektiv eine strafbare Handlung vorliege, daß aber bei meinem Geisteszustand auf Freisprechung erkannt werden müsse. Wahr ist, daß das Gericht im Gegenteil erkannte, es könne keinerlei strafbare Handlung nachgewiesen werden. Wahr ist ferner, daß bei meinem Standgerichtsprozeß vom Gericht ausdrücklich auf meinen Antrag festgestellt wurde, daß die Beschaffenheit meines Geisteszustands in keinem meiner Prozesse je Gegenstand der Anzweiflung oder Erörterung von irgendeiner Seite gewesen ist. – Es ergibt sich, daß die Erzählung in Ihrer Notiz von oben bis unten auf freier Erfindung beruht. – Ich fordere Sie daher auf, diese Berichtigung unter strenger Beachtung aller im § 11 des Preßgesetzes vorgeschriebenen Bestimmungen in der nächsten Nummer Ihrer Zeitung abzudrucken.

Festungsgefängnis Ebrach, d. 4. August 1919.      Erich Mühsam.

 

Abends. Leider bestätigen sich die Meldungen aus Ungarn. Zwar heißt es, daß säm[t]liche Räte in ihren Funktionen weiterarbeiten sollen, und daß etliche wirklich sozialistische Vertrauensmänner des Proletariats in die Regierung eingetreten seien. Die Tatsache aber, daß Bela Khun in Österreich Zuflucht suchen mußte, und daß Samuely auf der Flucht umgekommen sein soll, beweist alles andre, als daß das internationale Proletariat die Entwicklung der Dinge in Ungarn mit Beruhigung ansehn dürfte. Der Ententekapitalismus hat da einen Sieg errungen, dessen Rückschläge auf die deutsche Revolution und vielleicht sogar auf die russische Sovjet-Republik noch bedenklich spürbar werden können. Die Russen haben immer noch die schwersten Kämpfe zu bestehn. Koltschaks Armee wurde zwar an der sibirischen Front entscheidend geschlagen, inzwischen steht aber in der Ukraine Denikin schon wieder in bedrohlicher Offensive, und wie weit auf die Bauern Verlaß ist, weiß kein Mensch genau. Ungarns Niederlage kann die Weltrevolution um Jahre zurückwerfen, da die revolutionären Proletariate in Rumänien, Bulgarien, Serbien sowohl wie in Deutsch-Österreich ohne Rückhalt an einer bestehenden Rätemacht kaum etwas Entscheidendes werden beginnen können. Wien hatte schon ein paar Zeichen revolutionärer Besinnung von sich gegeben, sodaß wir hoffen konnten, in Baierns Nachbarschaft die Brücke nach Ungarn und Rußland zu finden, die uns das Wiederlosschlagen gestattet hätte. Statt dessen fehlt nun auch den Österreichern die Verbindung mit Rußland, und die Genossen dort sind wieder völlig isoliert. Die Folgen sind zweifellos sehr schlimm, aber zur Vernichtung der Revolution können sie nicht führen, da der Niederbruch der europäischen Wirtschaft, der sich in unaufhörlichen Streiks in Erscheinung setzt, jede Möglichkeit einer Retablierung und Konsolidierung der vernichteten Produktionsform ausschließt. Unsre Hoffnung muß sich wieder wie im Kriege auf Mißernten, Teuerung und Elend stützen. An diesen schrecklichen Feinden muß selbst Herr Noske eines Tages seine Waffen nutzlos erfinden. – Heute am 5jährigen Todestage der zweiten, wurde in der Halle eifrig von der dritten Internationale gesprochen. Nächsten Donnerstag soll ich ein Referat halten über die Einigung des Proletariats. Ob es gelingen wird, selbst die Kommunisten von der Notwendigkeit der Aufgabe aller Parteien zu überzeugen? Ich glaube es nach den Beobachtungen bei unsern Diskussionsabenden hoffen zu dürfen. Glückt es, die Parteien zu sprengen und das ganze Proletariat unter einheitlicher Parole zum Kampf zu führen, dann ist die deutsche Revolution gerettet und dadurch die Weltrevolution gesichert.

 

Ebrach, Freitag, d. 8. August 1919.

Neuerdings werden die großen Eisentüren, die die einzelnen Stockwerke voneinander abschließen, erst am Abend um 11 Uhr geschlossen (früher um ½ 9 Uhr). Daher bin ich in den letzten Tagen bis kurz vor dem Schlafengehn unten festgehalten worden, und die Zeit, die ich sonst für das Tagebuch reserviert hatte, ist anderweitig ausgefüllt. Heute ist es draußen sehr kühl, und ich schreibe während der Nachmittags–Hofstunden. Unser Gefangenenleben bietet wenig Ursachen zu besonderer Festhaltung. Wir haben der Kommune eine Verfassung und eine Hausordnung gegeben. Letztere ist gestern von mir vorgelegt und Punkt für Punkt einstimmig angenommen worden. Das hat insofern einige Bedeutung, als im Großen Rat Klingelhöfer vorher eine Hausordnung vorgelegt hatte, die mich zur heftigsten Opposition veranlaßt hatte. Ich nannte sie Polizeiverordnung, in Bibelsprüche eingewickelt. Überhaupt ist der Gegensatz, der hier zwischen den Temperamenten besteht, personifiziert in Klingelhöfer und mir. Er besteht in der Auffassung vom Wesen der persönlichen Freiheit, die Klingelhöfer erst schaffen und inzwischen als nicht bestehend betrachtet wissen will, während ich sie schon als Werkzeug ihrer eignen Ausgestaltung benutzen will. Der erste Paragraph meiner Hausordnung besagt: „Das Verhalten der Kommune–Mitglieder im Verkehr untereinander bestimmt sich nach dem Grundsatz: Freiheit der Persönlichkeit bei freiwilliger Unterordnung unter die Interessen der Gesamtheit.“ Klingelhöfer hat schon in der von ihm ausgearbeiteten Verfassung etliche Zwangsbestimmungen erheblich zurückstecken müssen, den Hausordnungsentwurf hat er dann zugunsten des meinigen selbst preisgegeben in der Erkenntnis, daß die Genossen meine Auffassung teilen und sich gegen jeden unbilligen Autoritätsstandpunkt mit aller Energie wehren würden. Ich vertrage mich mit Klingelhöfer persönlich ausgezeichnet, und die Gegensätzlichkeit unsrer Anschauungen ist den Genossen kaum bewußt, da wir unsre Diskussionen meist in engem Kreise führen. Aber ich glaube, daß sich einmal unversehens bei irgendeiner Gelegenheit die Meinungen offenbaren werden, und daß dann zwei Richtungen da sein werden: meine, die aktiv–revolutionäre, und seine, die erziehlich–ethische. Eins habe ich vor Klingelhöfer sicher hier voraus: die allgemeine Beliebtheit bei den Genossen. Ich bin oft ganz gerührt von den Beweisen der Liebe und Anhänglichkeit grade der Arbeiter. In den meisten Zellen hängt mein Bild, und die Genossen wetteifern gradezu, mir kleine Handreichungen zu leisten und Gefälligkeiten zu erweisen. – Nun habe ich eine Aufgabe übernommen, vor deren Ausführung ich mich ein wenig ängstige. Wir haben beschlossen Bildungskurse in vielen Fächern einzurichten. Hartig, von Beruf Neuphilologe, (7 Jahre) will Französisch, Englisch und Italienisch lehren. Niekisch will Geschichtsstunden erteilen. Schuchardt hat Naturwissenschaften übernommen, Reichert Stenografie und Buchführung, Klingelhöfer Nationalökonomie und ich habe mich für 3 Stunden wöchentlich für Unterricht im Deutschen verpflichtet. Ich habe bis jetzt 10 Anmeldungen für den Kursus, bin aber noch ziemlich ratlos, wie ich die Schule anfassen soll, da ich doch nicht nach einer Grammatik sondern aus dem lebendigen Sprachgefühl lehren will. Dienstag früh fängt der Kursus an. Ich hoffe, eine Methode zu finden, den Leuten korrektes Sprechen und Schreiben beizubringen. Bös ist nur, daß ich über all der Gemeinschaftsarbeit wieder garnicht zu meiner Privatarbeit komme. Die Korrespondenz liegt lahm, das Tagebuch wird vernachlässigt, und will ich etwas anfangen, so kommt sicher entweder Daudistl mit einem Manuskript zur Begutachtung oder ich muß für jemanden eine Eingabe an irgendein Ministerium abfassen. Nun habe ich den Auftrag, für den Hausknecht, der bei mir die Zelle putzt, ein Gnadengesuch aufzusetzen. Er hat von 8 Jahren Zuchthaus erst 3 hinter sich. Da wirds (sein Delikt ist Diebstahl in wiederholtem Rückfall) ziemlich schwer halten, die Bürger im Justizministerium weich zu stimmen. Die Revolution hält Pause. In Ungarn wütet der weiße Schrecken. Dort wird „standrechtlich gehängt“, offenbar in großem Maßstabe. Dabei hat die „rein sozialistische“ Regierung, die als Quartiermacher der Reaktion Bela Khuns Arbeit zu zertrümmern hatte, schon wieder abgedankt. Die Rumänen sind in Budapest eingerückt und spielen sich als die Sieger auf. Auch Engländer und Franzosen sollen eingezogen sein, und heute wird gemeldet, daß als Gouverneur des Landes ein Erzherzog Josef eingesetzt sei. Also jetzt schon Habsburg redivivus. Das kann uns recht sein. Denn grade eine solche unerhörte Provokation muß Ressentiments schaffen, die die Grundlagen der neuen Macht von Anfang an erschüttern. Bei uns macht Noske die Vorarbeit des letzten Umsturzes. Vor einigen Tagen war er in München und hat dort seinen begeisterten bourgeoisen Gläubigen versichert, für den Fall, daß sich in Bayern ein neuer Umsturz vollziehn würde und etwa „Mühsam oder Niekisch“ an die Spitze träten, müßte die Reichsexekutive eingreifen. Aber schon jetzt muß er eine halbe Million Mann seiner „Reichswehr“ entlassen, um den Versailler Bedingungen Rechnung zu tragen (ich bin allerdings der Überzeugung, daß man grade in punkto Heeresstärke versuchen wird, die Entente und das deutsche Volk zu beschwindeln). Zur Zeit sieht es für die Revolution bei uns trübe aus. Aber verloren gehn kann sie uns nicht. Wir haben Bundesgenossen, die zu stark sind, als daß das vereinigte Kapital der Welt sie überwinden könnte: Hunger, Not und Teuerung. Die Preise für das Notwendigste steigen rapid, die Streiks nehmen kein Ende (gegenwärtig ein umfassender Ausstand in der wichtigen Kaliindustrie), die weißen Garden und der ganze Ordnungsterror verschlingen ganz ungeheure Mittel, in der Schweiz sind wirtschaftliche Kämpfe großen Stils (Generalstreik in Zürich und Basel), der finstere Groll der Massen aber wächst mit jedem Tag und läßt es den Herren in Weimar und in Bamberg auf ihren vollen Pulverfässern nicht gemütlich werden. In Luzern aber tagen die abhängigen und „unabhängigen“ Sozialdemokraten der Länder Europas und versuchen, ihre zweite Internationale aus ihren unterschiedlichen Nationalismen heil zu kleistern, während die dritte Internationale, die im Bolschewismus die radikalen Marxisten und die kommunistischen Anarchisten zusammenführt und so endlich den Weg zur Einigung des Weltproletariats frei macht, von Moskau aus ihr warmes Sonnenlicht über die Welt ausstrahlt. – Auf der Flucht von Ungarn ist Lindner verhaftet. Hoffentlich liefern ihn die Österreicher nicht aus. Die schuftige Bande, die zur Zeit in der Republik Baiern herrscht, wäre imstande, ihn köpfen zu lassen, während sie dem Urheber seiner Tat, dem Grafen Arco, sobald er ausgeheilt ist, den Paß ins Ausland ausstellen läßt. Exempla docent.

 

Postkarte an die Redaktion des Bamberger Tagblatts. „Am 4. ds. M. übersandte ich Ihnen eine sachliche Berichtigung Ihres am 2. Aug. veröffentlichten Artikels „Mühsams ‚Höllenmaschine‘ im Münchner Rathaus“ mit der Aufforderung, sie gemäß § 11 des Preßgesetzes abzudrucken. Wie mir von Lesern Ihres Blattes gesagt wird, ist die Berichtigung bisher nicht erschienen. Sollten Sie nicht bis spätestens Dienstag, d. 12. ds. M. der hiermit wiederholten Aufforderung nachgekommen sein, so werde ich den Abdruck durch Anrufung des Gerichts erzwingen.

Festungsgefängnis Ebrach, d. 8. August 1919.      Erich Mühsam.“

 

Ebrach, Samstag, d. 9. August 1919.

Abends. Es steigen Wolken auf am Horizont unsrer Festungshaft. Aus Passau kommt die Nachricht, daß aus Oberhaus, unsrer Schwester-Festung, 25 unsrer Genossen geflüchtet sind. Wie bei uns scheinen auch dort etliche recht unsichere Kantonisten unter die Gefangenen geraten zu sein. Die Zeitungen melden, daß man einige Flüchtlinge in München am Bahnhof in Empfang nahm (schon die Dummheit, mit der Bahn bis München zu fahren!), und daß die mit ganz unglaublicher Aufrichtigkeit erzählt haben, wie sie die Flucht bewerkstelligt haben, wobei sie überdies ausplauderten, die Wachen hätten geschlafen. Nun war heute der Minister Müller-Meiningen hier. Wir haben ihn zwar nicht zu sehn gekriegt, aber Klingelhöfer hatte nachher eine Besprechung mit Wirthmann, und jetzt fand eben in seiner Zelle eine Konferenz im engen Kreise statt, dem er Bericht erstattete. Danach drohen uns schon für die allernächste Zeit scheußliche Schikanen, die durch die Herausgabe einer Hausordnung – die diesmal von der Regierung erlassen werden soll – ermöglicht werden sollen. Unsre Freiheiten, soweit man davon hier reden kann, sollen in der empfindlichsten Weise beschnitten werden. Die Besuche sollen eingeschränkt, die Besucher durchsucht werden. Briefe, die politische Betrachtungen oder Mitteilungen über unsre Kommune oder sonst irgendetwas enthalten, was die Öffentlichkeit über unser Ergehn aufklären könnte, sollen zurückgehalten werden. Der Assessor hat Anweisung, schon jetzt in weitem Umfang mit der Einführung dieser reizenden Neuerungen zu beginnen. So hat er denn auch gleich erklärt, daß 4 Briefe, die zu veröffentlichende Resolutionen der Kommune etc. enthielten, nicht befördert werden, ein Schreiben von mir an Léon Hirsch, Berlin, dabei, dem ich die Räte-Marseillaise mit der Bitte, ihren Druck in 1 Million Exemplaren zugunsten der Kommune zu veranlassen, geschickt hatte. Natürlich ist die Erregung und Erbitterung groß. Morgen früh wird eine Kommission zum Assessor gehn – ich werde dazu gehören – und energisch protestieren. Wir werden uns darauf berufen, daß die Behandlung der Festungsgefangenen gesetzlich festgelegt ist, und daß wir die Bestimmungen nicht blos nicht einschränken lassen werden, sondern ihre volle Durchführung verlangen werden, da darin auch Urlaub und andre Vergünstigungen vorgesehn sind, von denen wir bisher noch garnichts gemerkt haben. Offenbar will die konterrevolutionäre Horde die Festungshaft durch Verordnungen allmählich in Gefängnis umwandeln, sodaß wir womöglich auf unsre Geselligkeit und alle übrigen Merkmale der custodia honesta verzichten müssen. Das tollste ist, daß Beschwerden nicht mehr herausgelassen werden sollen, sodaß wir einen umfangreichen Kassiberdienst einrichten müssen, wenn wir die Außenwelt orientieren wollen, wie es uns geht. Und damit wollen die Idioten der Regierung ihre Position festigen! Sie werden sich täuschen. Sie schaffen neuen Haß, neue Ressentiments, besonders bei unsern Frauen, und verhindern natürlich die Verbindung zwischen uns und draußen doch nicht. – Ob eine Amnestie bevorsteht? Viele glauben es. Am wahrscheinlichsten ist mir die Vermutung, daß „minder besteuerte“ gegen die Verpflichtung, sich brav zu verhalten, vorläufig in Freiheit gesetzt werden sollen: also bedingte Begnadigung. Es zeigt sich in letzter Zeit eine gewisse Parteibildung. Ein Teil der Genossen, die sich selbst „die Gemäßigten“ nennen, haben sich zu unverhohlener Opposition geeinigt – ihr Führer ist Wenisch, ein typischer Stänkerer – und scheinen sich auf die Taktik geeinigt zu haben, durch Wohlverhalten die Amnestierung herbeizuführen. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß es garnichts besseres geben könnte, um den guten Geist der Kommune lebendig zu halten, als diese Leute los zu werden (denen ich übrigens von Herzen die Freiheit wünsche. Sie haben alle ohne Ausnahme für unsre Sache gekämpft und geopfert). Ich persönlich bin mit einer Reihe radikaler Genossen dahin übereingekommen, daß wir eine Begnadigung unter allen Umständen zurückweisen, wenn sie nicht unsre zu Zuchthaus verurteilten Kameraden mit umfaßt. Ich will nicht früher nach Hause als Axelrod und Wadler, Kopp und Strobl. – Die wertvollste Bekanntschaft, die ich hier gefunden habe, ist die des Genossen Ernst Ringelmann, eines Studenten, Sohns des ehemaligen Oberbürgermeisters von Würzburg, der zu 6 Jahren verdonnert worden ist. Ein prachtvoller, ganz vom Ideal erfüllter, kluger, seiner Sache bewußter junger Mensch. Er brachte mir heute seine Rede vorm Standgericht, die wundervoll tapfer und stark ist. Er möchte sie als Broschüre herausgeben, und ich habe ihm angeboten, das Vorwort dazu zu schreiben. Mit solchem Nachwuchs braucht die Revolution keine Angst zu haben.

 

Ebrach, Dienstag, d. 12. August 1919.

Großer Spektakel in der Kommune. Die Geister platzten heute wieder aufeinander. Natürlich war eine Gleichgiltigkeit die Ursache. Es war beschlossen, zwei Abende in der Woche von unsern regelmäßigen Zusammenkünften freizuhalten. Gestern hielt nun Klingelhöfer einen Vortrag über Individualismus und Kommunismus. Es wurde beschlossen, obwohl heute so ein Freiabend sein sollte, die Diskussion über den großen Widerspruch herausfordernden Vortrag, statt sie gleich anzuschließen, auf heute zu vertagen. Die überstimmte Minorität behauptete, es sei bei der Feststellung der Meinungen nicht korrekt verfahren worden. Das ist ein Irrtum, aber etliche Genossen – unter Führung Reicherts – verbündeten sich zur Verhinderung der heutigen Diskussion. Natürlich Riesenkrach. Krise der Kommune. Dadurch Parteibildung. Ich hoffe, bis morgen wird die Erregung sich gelegt haben und die Sache in Ordnung sein. Übrigens sind solche Intermezzi nicht[s] andres als die Reaktion auf die Nervenreizungen, die durch ganz andre Ursachen hervorgerufen werden. Besonders ist die Ernährung in der Anstalt ganz unzulänglich – wir bekommen die Rationen der für Selbstversorgungs-Bezirke geltenden Lebensmittelverteilung (Klasse C), sodaß von Sättigung garnicht die Rede ist. Unsre Kommune-Köche tun ihr bestes, aber ohne Nahrungsmittel müssen sie uns doch hungern lassen. Mein Hunger auf Brot ist mitunter schrecklich. Gestern gelang es mir, durch Vermittlung der auf Besuch anwesenden Frau Klingelhöfer ohne Marken 4 Pfund Brot zu bekommen. Drei Vierteile sind schon fort davon, da den Genossen mein Reichtum nicht lange verborgen blieb. Dazu kommt ein großer Mangel an Tabak. Die Raucher stöhnen, weil sie nichts haben, und auch ich bin trotz aller Mühen Zenzls oft in den bösesten Verlegenheiten um Pfeifentabak oder Zigarren, die unsinniges Geld kosten. Diese Entbehrungen veranlassen Nervositäten, die sich dann bei irgendwelchen Gelegenheiten entladen. – Ich bekam Besuch, Olschewski, Daudistl, Niekisch und mein kleiner Spezialfreund, der 18jährige Rotgardist Fritz Stahl, der sich Schriftsteller nennt, und den ich zum Privatsekretär gemacht habe. Daudistls amüsante nur garzu ausführliche und nicht immer durchaus glaubhafte Darstellung persönlicher Erlebnisse hat mir die Zeit genommen, meine Betrachtungen über die Krachstimmung in der Kommune fortzusetzen. Gute Nacht.

 

Ebrach, Freitag, d. 29. August 1919.

Nicht etwa, weil nichts zu notieren gewesen wäre, hat das Tagebuch fast 3 Wochen geruht. An Ereignissen in der Welt draußen und im Hause hier drinnen war die Zeit garnicht arm. Ich gehe über die Dinge draußen hinweg, obwohl sie derart sind, daß man das Gefühl hat, als stünde in Berlin wie auch in München ein monarchistischer Putsch unmittelbar bevor. Aber das Persönliche steht mir zurzeit doch im Vordergrund. Zenzl besuchte mich vom Samstag dem 16. bis Dienstag, d. 19. August. Länger wurde ihr kein Aufenthalt gewährt, sodaß die Freude, uns nach 4 Monaten mal wieder unter 4 Augen umarmen zu können, kurz genug war. Und nun stehn Neuerungen bevor, die vielleicht Wiederholungen von Besuchen nur zu einer Qual machen werden. Der Herr Müller-Meiningen hat „Ausführungsbestimmungen“ zu der Hausordnung für Festungsgefangene auf dem Verordnungswege erlassen, die seit 1893 bestand und seitdem nur Offizieren und Akademikern zugute kam, die einen Mitmenschen im Duell umgebracht hatten. Da es sich jetzt um Sozialisten, Proletarier und Rebellen handelt, die die Sehnsucht nach einer neuen Weltordnung im Herzen tragen, waren dem Justizminister die Festungsbestimmungen zu tolerant. Er hat sie selbstherrlich geändert und damit die von den Standgerichten gefällten Urteile, die ihm zu milde waren, korrigiert. Wir sollen in Zukunft des Nachts in den Zellen eingesperrt werden, was in direktem Gegensatz zu den im ganzen Reich geltenden Bestimmungen über die Behandlung von Festungsgefangenen steht. Besuche, die bisher täglich 5 Stunden unbeaufsichtigt bei den Gefangenen verkehren konnten, sollen auf 6 Stunden wöchentlich beschränkt werden, unter Aufsicht stehn und von allen Mitgefangenen ferngehalten werden. Wir werden also künftig nicht einmal mehr die Möglichkeit haben, unsre Frauen den nächsten Freunden vorzustellen. Die Erbitterung bei uns Älteren und Bewußteren ist ungeheuer groß (leider gibt es aber auch Genossen, die geduldig jede Schikane in Kauf nehmen, dafür aber innerhalb der Gemeinschaft selbst bei der kleinsten Kleinigkeit Spektakel und Stank machen. Die Kommune befindet sich infolgedessen in voller Auflösung). Die Rigorositäten des Demokraten Müller sind zurückzuführen auf das Ärgernis, das die bürgerlichen Zeitungen, allen voran der Nürnberger „Fränkische Kurier“ an den „Freiheiten“ genommen hat, die wir hier angeblich genießen. Spohrers Hochzeit wurde in der Presse herumgezerrt, und die Christen Bayerns waren tief empört, daß die Spartakisten ihre armen Genossen, die gezwungen waren, zwischen Kerkerzellen Hochzeit zu halten, dabei mit Blumen und Liedern erfreuten. Gestern wurde uns nun eine neue Überraschung zuteil. Da wir durch Allarmrufe in den Zeitungen wegen der Müllerschen Neuerungen die öffentliche Aufmerksamkeit mehr als es den Herren des Landes lieb ist, auf uns gezogen haben, wohl auch, weil man Schwierigkeiten in der Durchführung der Absperrung und Besuchsbeschränkung fürchtet – wir haben mit gewaltsamer Widersetzlichkeit gegen die ungesetzlichen Brutalitäten gedroht – kam plötzlich die Mitteilung, daß wir bereits am nächsten Montag von hier wegtransportiert werden sollen. Wohin wissen wir noch nicht. Auch, ob wir beisammen bleiben, bzw. wer und wieviele miteinander verschleppt werden, ist Geheimnis. So geht man mit wehrlosen Gegnern um. Wenn man umschwirrenden Gerüchten glauben darf, sollen Viehwagen zu unserm Abtransport bereit stehn, der, obwohl neuerdings die Festungsgefangenen nur den Zivilbehörden unterstellt sind, von Weißgardisten besorgt werden soll. Ob man vielleicht „Fluchtversuche“ à la Liebknecht, Dorrenbach etc. arrangieren will? Ich bin auf alles gefaßt. Am ärgsten wäre es mir, wenn ich meinen Benjamin, meinen Ernst Ringelmann verlieren sollte. Mit diesem 22jährigen Prachtkerl habe ich eine Freundschaft geschlossen, die fürs Leben sein wird. Der ganze Mensch ist das lautere Gold, unbestechlich, wahr, streng – und bei aller bewußten Reife prachtvoll jung. Gestern habe ich die Einleitung zu seiner Verteidigung zu Ende geschrieben, nun soll die Broschüre baldmöglichst heraus. Natürlich muß sie herausgeschmuggelt werden. Unsre Kerkermeister lassen Briefe und Manuskripte, die andre als Müllersche Tendenzen enthalten, ihre Hauszensur nicht mehr passieren. Nun ist also alles in größter Spannung, was die nächsten Tage unserm Schicksal bedeuten werden. Sicher ist, daß wir auf verschiedene Anstalten verteilt werden sollen. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Rädelsführer von den andern abgetrennt werden (und da wäre wohl die Hoffnung, daß Ernst ihnen zugezählt würde. Er hat 6 Jahre und ist neben mir der rabiateste aller Gefangenen). Die Trennung vom „Gschwerl“ wäre zu verschmerzen. Allerdings täte mir der Abschied von den jungen Münchner Rotgardisten leid (Koberstein, Fürbacher, Oblinger, Hohenester etc). Aber was nützen Betrachtungen? Fremde Leute, Feinde und Übelwollende haben mich in ihrer Gewalt und können mit mir tun was ihnen paßt. Wenigstens vorläufig.

 

Ebrach, Mittwoch, d. 3. September 1919.

Gepackte Körbe und Schachteln, wildes Durcheinander in allen Zellen – soweit sie noch Inwohner beherbergen. Das sind noch 18. Davon gehn 11 morgen früh weg, und dann am Samstag geht der letzte Transport weg, zu dem auch ich gehöre, in die „Festungshaftanstalt“ Ansbach. Am Montag früh verließen uns die ersten 10 Genossen. Sie kamen nach Lichtenau. Man hatte die den Herren als Harmloseste scheinenden zusammengestellt. Von meinen näheren Kameraden waren Hohenester und Oblinger dabei, liebe Kerle von meiner Münchner Leibgarde. Dann folgte gestern früh der zweite Transport, der nach Eichstätt ging und aus Großkalibrigen zusammengesetzt war: Niekisch, Klingelhöfer, Knieriemen, Bedacht, Daudistl, sonderbarerweise auch einer der Allerschwersten: Sauber, ferner Hartig, Wenisch, und Ernst Ringelmann. Wie schwer mir der Abschied von dem Jungen geworden ist, kann ich nicht beschreiben. Mein Ehrgeiz war, grade diesen Menschen in persönlicher dauernder Einwirkung zu einem, vielleicht zu dem Revolutionär zu machen, auf den das Land wartet, den es braucht, der es retten soll. Ernst hat alles Zeug, das zu werden, vor allem Begeisterung, Hingabe, Charakter. Ich lese eben wieder Bakunins Lebensgeschichte. Da ist das Vorbild, dem auch ich nachstrebe mit aller Wucht meines Wollens. Ein Psychiater würde mich jetzt wohl als Monomanen bezeichnen. Ich kann und mag nichts andres mehr im Herzen und im Hirn haben als Revolution. Wie weit liegt alle Literatur, aller Theaterquark hinter mir! Revolution ist das Einzige, was ich denke und fühle – und Vorbereitung dazu im Geiste, Einwirkung auf die Genossen zur Vorbereitung dessen, was beim nächsten Mal geschehn muß, welche Fehler wir vermeiden, welche Lehren wir aus der verlorenen Schlacht zu ziehn haben. Der Ebracher Monat war in dieser Hinsicht nicht fruchtlos. Ich habe Ernst Ringelmann gefunden, ich habe mir die Liebe und das Vertrauen meiner Münchner Jungen erworben und weiß, daß solche Dinge, wie der 7. April im Kindlkeller für die Zukunft nicht wieder vorkommen können. Der Hohenester Nazi, der bärenstarke Riese, sagte mir beim Abschied: „An dich soll sich noch mal einer rantrauen! Wir haben dich gern. Wir stehn zu dir.“ Oblinger ebenso und die, die heute weggingen: Hagen, Fürbacher, Baumann. Die alle habe ich auf Tod und Leben für mich. Ebenso den prächtigen Ludwig Egensperger, den Würzburger Oberbefehlshaber, Ringelmanns Freund, der unser Gemeinschaftskoch war. Ein kleiner rothaariger, pockennarbiger Proletarier, aber eine Seele von Menschen, tapfer, entschlossen und treu wie Gold. Als heute der Trupp fort war, habe ich ein wenig in meiner Zelle geweint, obwohl unter den 19, die da nach St. Georgen bei Bayreuth weg mußten viel minderwertiges Gschwerl drunter war. Aber dabei war Pfeiffer, unser Spaßmacher, ein Mensch von unbezahlbarem Humor, Kellner von Beruf, dessen Einfälle unversiegbar und unglaublich komisch sind. Erst in den letzten Tagen habe ich diesen famosen Kerl etwas näher kennen gelernt und gefunden, daß sich hinter dem Harlekin ein echter, überzeugter Rebell, dazu ein kluger, scharf beobachtender Menschenkenner und ein unbedingt entschlossener Kämpfer verbirgt. Dann war Schuchardt dabei, der zwar als Radikaler kaum mitzählt, aber ein sehr amüsanter Typ einer bestimmten Gattung von Revolutionären ist, die ich früher mal irgendwo als ethische Wegelagerer charakterisiert habe. 50jährig, homosexuell, unbedingt gläubiger Naturwissenschaftler, übrigens sehr kenntnisreich, mit dem besonderen Sparren, Bouillon sei Gift. Einen Strumpf hat er am linken Fuß, der andere Fuß steckt nackt im Schuh und der andere Strumpf auf dem Kopf unter der Schirmmütze, die er ständig aufbehält. Bezeichnend für seine pedantische Art ist folgende kleine Episode. Vor einigen Tagen war er bei mir in der Zelle und brachte das Gespräch dieses Mal auf Kirche, Christentum und den dazu gehörigen Ideenkreis. Ich setzte auseinander, daß die Kirche das Christentum entchristet habe, und daß der Apostel Paulus als erster Kirchenvater das größte Verbrechen gegen den Geist Christi verübt habe. Ich drückte das so aus: „Nicht Judas hat Jesus verraten, sondern Paulus.“ Schuchardt unterbrach hier: „vorausgesetzt, daß sie überhaupt gelebt haben.“ Das ist das ganze Exemplar Mensch, – aber seelengut, geduldig und allem Spott, dem er natürlich reichlich ausgesetzt war, lächelnd trotzend und unbeirrbar in seinem Spleen, wenn er z. B. trotz allem Gelächter immer wieder im Freien den Oberkörper entblößte und mit den grotesk mageren Armen selbst erfundene zum Schreien komische Freiübungen exekutierte. Als er heut früh bei mir war, um Abschied zu nehmen, liefen dem armen Teufel die dicken Tränen übers Gesicht. Und als sie dann alle gingen, begleitet vom Gesang meiner Rätemarseillaise, und als Hagen, der simple Arbeiter mit dem Aussehn eines Raufbolds aus der Schwanthalerhöh mir noch einmal um den Hals fiel und seine Backe an meine preßte und ich sein Schluchzen wahrnahm, wiewohl der schamhafte junge Mensch es zu verbergen suchte, da war meine Fassung auch auf eine harte Probe gestellt und der Gesang wollte garnicht recht aus der Kehle heraus. Morgen gehts nun zum letzten Mal ans Adjösagen. Ein zweiter Schub – 11 Mann stark – geht nach Lichtenau ab, viel „Häuserschleicher“, wie meine Jungen es ausdrücken, aber auch wieder ein paar Münchner Bengel dabei, die mir ans Herz gewachsen sind: Schmid Johann und Sedlmaier, der 18jährige Rotgardist, der bei den Maikämpfen in München einen schweren Brustschuß bekam und seine tiefe Narbe wie einen Orden in der Sonne funkeln läßt. Der beste dieser meiner Garde ist Fürbacher, dessen Vorschläge über die Organisation einer roten Kampfarmee – vorgetragen in der primitiven Sprache seiner Proletarier-Dialektik – überraschend klar und durchdacht sind. Temperamente sind das alle, daß es eine Freude ist und durchglüht von der Hoffnung auf den Tag der Abrechnung, fanatisch und todbereit. Die beiden nächsten Tage werden wir letzten 7 nun ganz allein durch die öden Hallen des Zellengefängnisses irren: Hagemeister, Waibel, Olschewski, ich, Förster, (leider) Westrich und Gnad. Daß wir vier ersten in Ansbach zusammen sein werden, ist uns ein großer Trost. Auch Förster ist ein tüchtiger Kerl. Aber Westrich ist ein reicher Bourgeois, der als Korpssoldatenrat ohne viel eignes Zutun zu seinen sechs Jahren gekommen ist. Wir lieben ihn alle nicht, aber man muß sich abfinden. Ob auch Gnad mit uns Ebrach verlassen wird, steht noch nicht fest. Man scheint eine unglaubliche Niederträchtigkeit gegen ihn vorzuhaben. Der jetzt 30jährige Gnad war vor 10 Jahren mein Hörer in der Gruppe Tat. Das war ein Treffpunkt vieler Entgleister und Verzweifelter, Zuchthäusler, Arbeitsscheuer etc., der sogenannten „Elemente“, wie die moralischen Revolutionäre sich ausdrücken, in Wahrheit solche, die sich in dem wahnsinnigen ekligen Betrieb der kapitalistischen „Ordnung“ nicht zurechtfinden. Dort fand Gnad Kameraden, mit denen er als Rädelsführer groß angelegte Bandendiebstähle organisierte und ausführte. Er wurde gefaßt und 1911 zur Zuchthausstrafe von 8 Jahren verurteilt, die er bis auf 6 Monate hier in Ebrach absaß. Im Januar kam Eisners Amnestie und ihm wurden die 6 Monate auf Bewährungsfrist erlassen. Jetzt stellt sich Herr Müller-Meiningen auf den infamen Standpunkt, durch seine politische Betätigung habe er den Anspruch auf die Begnadigung verwirkt. Zuerst wurde ihm zugesagt, er müsse das halbe Jahr Zuchthaus erst absitzen, wenn er die 2½ Jahre Festung hinter sich habe. Jetzt scheinen die Schufte andrer Meinung geworden zu sein. Da er keinem der Schübe in andre Festungen beigegeben ist, fürchtet der arme Mensch, man werde ihn gleich hier lassen und blos vorn in die entsetzliche Anstalt nehmen, zu der der Staat das herrliche alte Kloster entwürdigt hat. Aber ich werde auf dem Posten sein und, falls diese scheußliche Schurkerei Tatsache wird, auf irgendeinem Wege gewiß die Öffentlichkeit gegen den Sadisten mobil machen, der Bayern zu einer Hochschule politischer Rachejustiz gemacht hat. – Vielleicht komme ich morgen zu weiterer Eintragung. Heut hab ich nach einem kleinen Gelage, das ich Grete Weisgerber danke, etwas Brummschädel. Die hat mir nämlich drei Flaschen Wein gesandt und etliche Zigarren (wieviel liebes Gedenken offenbart sich jetzt überhaupt in gelegentlichen Sendungen) geschickt, und den Wein haben gestern Olschewski und ich ganz allein und hintereinander weggetrunken. Der kleine Schwips nach 4½ Monaten Askese hat mich – trotz der geringen Katerwirkung – wirklich aufgefrischt. Aber wann werde ich meine Freiheit mit Wein begießen dürfen? Hoffentlich nicht, ehe sie nicht auch die Freiheit des Volks ist.

 

Ebrach, Freitag, d. 5. September 1919

Schluß der Saison. Morgen in aller Herrgottsfrühe gehts fort nach Ansbach. Mit unsern kleinen Freiheitlichkeiten wird es dort wohl aus sein. Müllers neue „Ausführungsbestimmungen“ zur Hausordnung für Festungen machen uns zu regulären Gefängnissträflingen. Wir wehren uns unsrer Haut, so gut es geht. Gestern mußte ich schon wieder einen Artikel für die USP-Presse schreiben, in der die Rechtfertigungen des Justizministers zurückgewiesen werden, mit denen er die Besuchsbeschränkungen und die nächtliche Einsperrung begründen will. Wir haben die Absicht, uns gegen die Einschließung brachial zu wehren. Nachricht von den übrigen Anstalten, Lichtenau, Eichstätt und St. Georgen-Bayreuth ist noch nicht gekommen. Vermutlich will man Briefe nicht weiterbefördern, ehe nicht alle plaziert sind. Inzwischen eifert die bürgerliche Presse täglich gegen uns. Das Rachebedürfnis der Bourgeois ist nicht befriedigt, da die Spartakisten in der Festungshaft doch nicht wie Zuchthäusler behandelt werden. Wir werden uns das alles merken müssen, um seinerzeit zu wissen, wie Gegner zu behandeln sind. Zurzeit findet in München der Prozeß gegen die Beteiligten am Geiselmord im Luitpoldgymnasium statt. Er wird vom Präsidenten unbeschreiblich tendenziös geleitet. Es muß halt Stimmung gemacht werden. Die Presse der Unabhängigen verabsäumt bei der Berichterstattung durchaus das Notwendige. Es gehörte sich, bei der Erörterung der Vorgänge Gegenüberstellungen durch Münchner Greuel-Reminiszenzen aus den Maitagen zu veranstalten. Der Geiselmord war scheußlich. Aber um Geiseln handelte es sich zumeist garnicht, sondern um Spione. Die Stimmung war durch die vorher erfolgte Erschießung von 20 Rotgardisten in Starnberg rachsüchtig – und was dann in Ausnützung des Schreckens über die 10 weißen Opfer an Schandbarkeiten verübt wurde, gibt der Bourgeoisie garkein Recht mehr, sich zu entrüsten. Landauer! der allein mehr als 100 von der andern Seite aufgewogen hätte. Sontheimer, Egelhofer, die hunderte von „standrechtlich Erschossenen“, die 21 katholischen Gesellen und Leviné. Dazu die gefüllten Zuchthäuser, Gefängnisse und Festungen. Aber der deutsche Bürger läßt sich Schauder über Schauder über den Buckel rieseln, wenn er jetzt wieder liest, daß ein Arzt noch nie einen Anblick von der Schrecklichkeit gehabt hat als die zehn erschossenen Leichen. Eben sah ich eine illustrierte Zeitschrift von 1915 durch. Seite für Seite Kriegsbilder, Greuelszenen, Scheußlichkeiten. So ist das Volk 5 Jahre hindurch auf Wollust beim Grauenhaften erzogen worden – und jetzt durchschüttelt es ein Entsetzen über 10 Erschossene, weil es die einzigen sind, die von ihrer Seite dran glauben mußten. Die Nosketaten gegen Proletarier werden von denselben Entsetzten ganz in der Ordnung gefunden. – Bis Ansbach schließe ich das Tagebuch.

 

„Festungshaftanstalt“ Ansbach, Montag, d. 8. Sept. 1919.

Samstag früh gings also los: Olschewski, Waibel, Hagemeister, Förster, Westrich und ich. Der arme Gnad mußte tatsächlich zurückbleiben. Er wird jedenfalls wieder ins Zuchthaus müssen, in dem er 7½ Jahre zugebracht hat – weil die Rachsucht Müller-Meiningens sich sattsaufen muß. Gnad war mein Hörer zu Zeiten der Gruppe Tat. Damals fand er (als 20jähriger) seine Komplizen, mit denen er große Warenhausdiebstähle vollführte. Ich fühle mich daher besonders verpflichtet, mich seiner anzunehmen. Jedenfalls wird er seine Schicksalsgenossen im Ebracher Zuchthaus, die ohnehin stets die größte Sympathie für uns bekundet haben, revolutionär beeinflussen – und die, die dermaßen unter die Räder des Staatskarrens geraten sind, waren noch immer gute Kämpfer, wenn sie einmal begriffen haben, worum es geht. Unter dem Gesang meiner Rätemarseillaise verließen wir den Zellenbau, der mich vom 15. April bis zum 26. Juni und vom 26. Juli bis zum 6. September beherbergt hat. Am Bahnhof schloß sich uns Frau Hagemeister mit ihren beiden Kindern, die grade zu Besuch da waren, an. Wieder unter Gesang setzte sich der Zug in Bewegung. 5 Gendarmen begleiteten uns. In Bamberg sollten wir in ein abgesondertes Lokal neben der Bahnhofswirtschaft. Wir verlangten jedoch im Wartesaal selbst zu bleiben und gingen einfach hinein. Das alles wäre ganz unauffällig geschehn, da sich unsre Begleiter widerspruchslos fügten, wenn nicht ein Bamberger Schutzmann sich eingemischt hätte. Er schlug laut Skandal und bewirkte dadurch, daß das, was vermieden werden sollte, eine Ansammlung des reisenden Publikums eintrat. Wir wiesen den Mann zurecht und blieben, wo wir waren. Das war unser erster Sieg. Dann gings weiter nach Nürnberg – mit andern (Bamberger) Gendarmen, die Weisung hatten, uns ins Schubgefängnis zu bringen. Wir weigerten uns und erklärten, nicht vom Bahnhof wegzugehn. Unter dem Vorgeben, wir sollten hinten herum in die Bahnhofswirtschaft geführt werden, lockte man uns die Treppe hinunter, über die ich schon mal zum Schubgefängnis geleitet worden bin. Ich war also sehr mißtrauisch, was sich auch als berechtigt erwies. Unten suchte man uns freundlich zuzureden, wir sollten doch ins Gefängnis gehn, sämtliche früheren Schübe hätten es auch getan. Wir blieben aber fest. Die lauten Auseinandersetzungen lockten Menschen herbei, die teilweise eine drohende Haltung gegen uns annahmen. Jeder trug rote Abzeichen, Förster sein eisernes Kreuz I. Klasse, rot dekoriert. Von mir sagte ein Zuschauer: Das ist ein echter Galizier! Mit meinem Schlapphut, dem schäbigen Mantel und dem seit Wochen ungeschnittenen Bart mag ich wild genug ausgesehn haben, zumal ich eine rote Blume im Knopfloch und eine rote Schleife am Mantel trug. Westrich erklärte, er lasse sich lieber niederschießen als daß er ins Gefängnis gehe, worauf ein Bürger mit Kneifer und Assessorsvisage meinte: Schießt’s den Kerl doch nieder! Uns war in Ebrach ausdrücklich zugesichert worden, wir würden keinesfalls ins Schubgefängnis kommen. Unsre Wut über den Wortbruch war also groß und wir waren energisch entschlossen, uns keinesfalls zu fügen. Endlich wurde ein Ausweg gefunden. Man brachte uns in den zwischen den Bahnsteigtreppen im Souterrain gelegenen Wirtschaftsraum für die Bahnbeamten, wo wir Bier bekamen und wohin Frau Hagemeister uns Würste und sonstiges zum Essen brachte. Es war sehr nett da unten. Unser zweiter Sieg wurde entsprechend gefeiert. Etliche junge Bahnbeamte freundeten sich mit uns an, gute Revolutionäre. Wir ließen inzwischen an die Redaktion des „Sozialdemokrat“ und an die U. S. P.-Geschäftsstelle telefonieren und erhielten den Bescheid, der Genosse Baier werde gleich kommen. Als die Zeit der Weiterreise gekommen war, war aber keiner der USP-Genossen gekommen. Ehe wir aber den Zug bestiegen, kamen mehrere Genossen der KPD, die zufällig von unsrer Durchreise erfahren hatten. Große Freude. Wir bekamen Zigaretten, Butter und Bonbons auf den Weg und erfuhren über die Bewegung in Nürnberg allerlei Interessantes. Die Unabhängigen sind dort wieder mal mit den Mehrheitsverrätern in Einigungsverhandlungen (Nürnberger Kompromisse: vestigia terrent). Natürlich aufgrund des Erfurter Programms – also blanker Verrat. Die Kommunisten scheinen aber auf dem Posten zu sein. Allgemein, erwartet man eine Aktion von rechts (so ist in München im Büro der USP eingebrochen und die Mitgliederlisten und -bücher gestohlen worden. Die Häuser der führenden Revolutionäre sind mit Kreuzen und Zeichen angemerkt etc). Wieder unter Gesang ging es weiter, nach Ansbach, ins Amtsgerichtsgefängnis, dessen von uns bewohnten Korridor man jetzt feierlich Festungshaftanstalt nennt. 4 Genossen, die bisher in Landsberg untergebracht waren, begrüßten uns: Max Mehrer vom Münchner Soldatenrat, Dosch, Polizeipräsident während der zweiten Räterepublik, Wollenberg, Tollers Generalstabschef und der kleine Markus Reicher, dem ich gleich freudig um den Hals fiel, weil doch einer von der echten Münchner Garde dabei war. Sie waren am Tag vorher angekommen und hatten sich widerstandslos nachts einsperren lassen. Wir erklärten sofort, unter keinen Umständen den Verschluß der Stuben zuzulassen. Der Anstaltsleiter, ein Staatsanwalt Edelmann, kam. Lange Auseinandersetzung, bei der ich das Wort führte und körperlichen Widerstand in Aussicht stellte, falls der Versuch gemacht würde. Der Mann sah ein, daß er nichts ausrichten könne und erklärte, Bericht an die Regierung machen zu wollen und von dort Bescheid abzuwarten. Wir sind also bisher nicht eingesperrt worden. Das war unser dritter und bisher größter Sieg. Besucher sind noch nicht gekommen. Wir hoffen auch da unsern Willen durchzusetzen und die Müllerschen Halunkereien durch unsre Energie illusorisch zu machen. Das Gefängnis selbst hat hier manche Vorteile gegen Ebrach, was die Einrichtung anlangt, dagegen auch ärgerliche Nachteile. Das Hauptübel wird allerdings morgen beseitigt werden. Es betrifft die Fenster, die bis zur Hälfte von einem eingebauten Brett zugedeckt sind, sodaß nur durch eine schmale Luke Licht in den Raum fällt. Bei den dicken Gittern davor sitzt man im Halbdunkel. Wir haben sofort die Entfernung des Bretts verlangt. Toll ist, daß man für die Gefängnissträflinge diese scheußliche Tortur extra eingerichtet hat. Das bischen Sonnenlicht war schon zuviel Freiheit für die armen Teufel. Die Kapitalsbestie braucht Qualen für ihre sündigen Opfer. Bitter ist mir die Trennung von den Genossen von Ebrach. Ganz von Ernst Ringelmann abgesehn, der mir so lieb geworden ist wie ganz wenige Menschen, die meinen Lebensweg gekreuzt haben, vermisse ich die Münchner Proletarierjungen, Fürbacher, Hagen, Schmid, Oblinger, Koberstein, Hohenester und auch die geistigen Leute: den feinen klugen Hartig und auch Niekisch, unsern ehemalige Zentralratsvorsitzenden, den Mehrheitssozi, der sich in ganz kurzer Zeit prachtvoll radikal entwickelt hat. Er ist jetzt Mitglied der USP, steht aber schon mit einem Bein bei den Kommunisten. Ich hatte viel Freude an diesem graden ehrlichen Menschen. Hier ist mir Toni Waibel der nächste, auch Hagemeister habe ich sehr gern. Olschewski ist in mancher Hinsicht ein Bürger, Förster lerne ich erst kennen, er scheint recht brauchbar zu sein, ist mir aber wegen seiner Freundschaft mit Westrich nicht ganz zuverlässig, gegen den ich das allergrößte Mißtrauen habe. Reichert ist nett, aber sehr lärmend in seinen von KPD – Begeisterung durchglühten Polemiken, Wollenberg scheint ein kluger Mensch zu sein, ich habe aber noch keine rechte Fühlung zu ihm. Gegen Dosch empfinde ich wenig Sympathie. Er scheint in seiner Tätigkeit in München unsrer reinen Sache keine vorbildlichen Dienste geleistet haben; bei seinem Prozeß war von großen Saufereien und Hurereien im Polizeipräsidium die Rede. – Unterbrechung.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 11. September 1919.

Abschrift. „Erklärung. Seit fast 20 Jahren bekenne ich mich zu den Lehren und Forderungen des kommunistischen Anarchismus. Mein politischer Kampf galt, lange ehe an Weltkrieg und Weltrevolution zu denken war, der Vorbereitung der sozialen Revolution mit den Mitteln der direkten Aktion, wie sie besonders von Michael Bakunin gelehrt worden sind. Meine Gegnerschaft gegen den von Kautsky ausgedeuteten Marxismus richtet sich im Wesentlichen auf die Bekämpfung der parlamentarischen Betätigung des Proletariats, der opportunistischen Anbiederung an die kapitalistische Gesellschaft und des grundsatzlosen Paktierens mit der Bourgeoisie, die die Politik der Sozialdemokratie Jahrzehnte lang charakterisiert haben. Ich und meine Freunde haben immer gewarnt vor der Versumpfung der Arbeiterbewegung in Parlamentsschwätzerei, Tarifmeierei und Vereinsbürokratismus. Wir verweigerten der Philisterorganisation der sozialdemokratischen Partei die Gefolgschaft und warben, verfolgt von den Staatsgewalten und geschmäht von den geeichten und gestempelten „Führern“ der Arbeiterschaft, für die Befreiung vom Staat durch rücksichtslose Anwendung der ökonomischen Machtmittel des Proletariats. – Das Erlebnis der Revolution öffnete einem großen Teil der ausgebeuteten Klasse die Augen über die verfehlte Politik der Sozialdemokratie, deren Konsequenz sich in dem verräterischen Verhalten ihrer offiziellen Vertretung während des Krieges geoffenbart hatte. Die vorbildliche Leistung der Bolschewiki in Rußland und ihr in der Revolutionsgeschichte aller Zeiten beispielloser Erfolg gab denen Recht, die das Heil des Weltproletariats in der Übernahme der legislativen und exekutiven Gewalt in die Hände der werktätigen Massen selbst erblickten. – Lenins theoretische und praktische Anweisungen für die Durchführung der Revolution bis zur Verwirklichung der kommunistischen Ziele des Proletariats schufen neuen Boden, gaben dem revolutionären Kampf um die Befreiung vom Kapitalismus neue Formen. Seine Lehren – ich werde das in einer besonderen Broschüre nachweisen – schlugen die Brücke, auf der sich die Anhänger des von Kautsky und Bernstein befreiten Marx und Michael Bakunins begegnen können. Der Einigung des wahrhaft revolutionären Proletariats stehn keine unüberwindlichen Schranken mehr im Wege. – Wir kommunistische Anarchisten mußten allerdings einen wichtigen Differenzpunkt zwischen den beiden hauptsächlichen sozialistischen Schulen, Bakunins Widerstand gegen eine Diktatur des Proletariats, zugunsten Marxens preisgeben. Ich persönlich habe bereits zu Beginn der Revolution eingesehen, daß die proletarische Diktatur ein unumgängliches Mittel zur Eroberung der Macht darstellt, und meine propagandistische Tätigkeit dementsprechend ausgeübt. Der weitere Konflikt, die Frage nach zentralistischer oder föderalistischer Organisation wird durch die geniale Leninsche Lösung, durch den Rätegedanken, zu einem Streit um Worte. – Als sich in Deutschland die kommunistische Partei konstituierte, habe ich mich bemüht, in engster kameradschaftlicher Nachbarschaft mit ihr zu wirken, bin vielfach als Referent in ihren Versammlungen aufgetreten und habe ihr, ohne noch direkt für sie zu werben, in Vorträgen in und außerhalb Münchens tausende von Mitgliedern zugeführt. Selbst der Partei beizutreten, konnte ich mich, trotz der vollständigen Übereinstimmung in den Kampfprinzipien, bisher nicht entschließen, weil ich nie einer Partei angehört habe und die anarchistische Vergangenheit nicht verleugnen wollte. – Der Verlauf der Revolution, ihre zeitweise Niederwerfung durch die vereinigte Macht der militaristischen, kapitalistischen und sozialpatriotischen Konterrevolution hat mich zu einem andern Entschluß gebracht. – Ich vollziehe hiermit meinen Eintritt in die kommunistische Partei Deutschlands. – Die Einigung des revolutionären Proletariats ist notwendig und unaufschiebbar. Die Organisation, in der diese Einigung allein möglich ist, ist in der KPD gegeben. Ich hoffe, daß meine anarchistischen Genossen, soweit sie im Kommunismus die Grundlage der gerechten Gesellschaft erblicken, meinem Beispiel folgen werden. Die Überwindung des Staates in jeder Gestalt ist das Ziel Lenins sogut wie das unsrige. Ein Opfer der Überzeugung wird also von niemandem verlangt. – Die Genossen der KPD aber bitte ich, mich und meine Kameraden im Geiste treuer Kampfsolidarität aufzunehmen. Wir Anarchisten werden unsern Mann stellen, und der Zustrom an Kampf und Verfolgung gewöhnter Rebellen wird die Tatkraft der Partei befeuern und sie vor Verknöcherung und Verbonzung dauernd bewahren. – Es lebe die Weltrevolution! – Es lebe die dritte Internationale!

Festungshaftanstalt Ansbach, d. 11. September 1919.    Erich Mühsam.

 

Ansbach, Freitag, d. 19. September 1919.

Gestern ist im Seidelprozeß das Urteil gesprochen worden. Doppelte Todesstrafe gegen Seidel und Schickelhofer, einfache Todesstrafe gegen 4 weitere Angeklagte, 3 Freisprüche und gegen die übrigen je 15 Jahre Zuchthaus. Nie ist ein Tendenzprozeß tendenziöser durchgeführt worden als dieser. Ganz vom Staatsanwalt (Hoffmann heißt die Kanaille) abgesehn, der wahrhaft sadistisch sein Amt versah, ist der Verhandlungsleiter, ein Oberlandesgerichtsrat Aull, der auch den Vorsitz im Axelrodprozeß führte, nur von Rachsucht und Haß gegen die Angeklagten erfüllt gewesen und hat sie, statt unvoreingenommen über ihre Schuld oder Nichtschuld Beweis zu erheben, von Anfang an als überführt behandelt. Die Ladung von Entlastungszeugen wurde grundsätzlich abgelehnt, die Presse und das Gericht leisteten gemeinsame Hetze. Theodor Liebknechts Versuche, die psychologischen Zusammenhänge zwischen der Erschießung der sogenannten Geiseln und der vorhergehenden Ermordung von Rotgardisten, roten Sanitätern und revolutionären Arbeitern vor Augen zu führen, scheiterten durch die infame Prozeßführung. Dr. Schollenbruch hat in der Neuen Zeitung und im Kampf geschrieben, was er im Prozeß, da man auch seine Vernehmung ablehnte, nicht sagen konnte. Was die Angeklagten selbst betrifft, so boten sie nicht alle ein dem Revolutionär erfreuliches Bild. Sie sowohl wie ihre Anwälte bemühten sich, die eigne Beteiligung (bzw. die ihrer Klienten) auf die übrigen Angeklagten abzuwälzen. Seidel selbst hat sich dagegen als aufrechter anständiger Kerl erwiesen. Besonders in seiner Schlußrede kam sein Charakter als tapferer Mensch vorzüglich zum Ausdruck. Die Regie hat sehr wirksame Arbeit geleistet. In Zeitungsartikeln und Vorträgen, besonders aber vom Gerichtssaal aus wurde unerhört Stimmung gegen die „Mörder“ gemacht. Gegen die Angeklagten gerichtete Zwischenrufe im Zuhörerraum blieben ungerügt, im Gegensatz zur allgemeinen Praxis: als nach meiner Schlußrede im Zuhörerraum Beifall laut wurde, verbot Singer sofort jede Kundgebung. Gestern abend wurden auch in Ansbach Telegramme angeschlagen, in denen der Urteilsspruch mitgeteilt wurde. Die Wirkung konnten wir hier abends vor unsern Fenstern hören. Um 10 Uhr brachten uns etliche Burschen ein Ständchen, sangen Deutschland Deutschland über alles und schrien: Gute Nacht, Mühsam! Wie denn mein Name verschiedentlich laut wurde. Hätte man gekonnt, so wäre das Gefängnis wahrscheinlich gestürmt worden – und dann: gute Nacht, Mühsam! So strenge Richter wie die Genossen im Seidelprozeß würden meine Mörder nicht finden, wahrscheinlich überhaupt keine, da ja für Kommunisten die Justiz der gegenwärtigen Staatsgewalt allgemein nicht funktioniert. Die Frage, ob man das Todesurteil trotz des Katzenjammers nach Levinés Erschießung vollstrecken wird, scheint im bejahenden Sinne gelöst zu sein. Wenigstens gibt Wolff ein Telegramm aus, in dem es angekündigt wird. Die weißen Soldaten werden demnach – freilich ohne Aufregung und Kopflosigkeit wie die roten damals – genau dasselbe Verbrechen begehn, wie diejenigen, an denen sie es verüben, begangen haben. Wie sich die Regierenden die spätere Wirkung ihrer Taten vorstellen, wissen die Götter. Wer nach unsrer Befreiung versuchen wollte, die erregten Massen zu bremsen, würde selbst zerrissen werden. Ich selbst bin allmählich, sehr im Gegensatz zu meiner Vergangenheit, soweit, daß ich die grundsätzliche Abkehr vom Blutvergießen nicht mehr verantworten kann. Die Reaktion hat uns gezeigt, wie gearbeitet werden muß, um die Gegner klein zu kriegen. Wir sind durch unsre Menschlichkeit verantwortlich geworden an all dem Blut und Jammer in Baiern. Wenn Noske sich jetzt zu der Anschauung bekannt hat: er wolle immer wieder das Leben von ein paar Tausend Tollköpfen opfern, um Hunderttausenden von Bürgern die Ruhe zu sichern, so müssen wir sagen: besser das Leben einiger tausend Konterrevolutionäre aufs Spiel setzen als Hunderttausende Proletarier umbringen lassen. Ich bin durch die Ereignisse seit 5 Monaten ein andrer geworden. Tolstoj ist überwunden – ich kenne und will nur noch Bakunin. Mit dem beschäftige ich mich intensiv. Immer deutlicher wird mir meine geistige und seelische Abstammung von diesem Rebellen sans phrase. Ich bin aber nun auch darauf gekommen, daß die Lehren Lenins durchaus von Bakunin kommen und nicht von Marx. Daß sogar Lenin selbst das leugnet und Marx und Engels als seine Evangelisten hinstellt, ist nur ein neues fast tragikomisches Licht auf dem Lebensbild Bakunins. Sein ganzes Leben hindurch hat der Idealist und Enthusiast von dem abstrakten Ökonomiker und ganz unrevolutionären Temperament Marxens Schläge bekommen. Jetzt wo sich Bakunins Methoden – das Rätesystem ist ganz sein Eigentum – praktisch durchsetzen, muß er sogar noch auf die Vaterschaft der Idee zugunsten des Säulenheiligen verzichten, der nun einmal nach der traditionellen Proletarierbibel das Privileg hat, daß alle Wahrheiten von ihm stammen müssen. Als Bakunin mit der Pariser Kommune eine herrliche Bestätigung seiner Ansichten erfuhr, da wollte ja auch Marx die ganze Organisation seinem Verdienst zuschreiben. Mein Übertritt zur KPD, der mir nicht leicht geworden ist (die Erklärung wird wohl in diesen Tagen in der kommunistischen Presse erscheinen, wenn nicht die Bonzen etwa ihr Veto einlegen), hat nicht zum mindesten den Zweck, Bakunin die Stellung im internationalen revolutionären Proletariat wiederzugeben, die ihm gebührt. Meine Broschüre „Die Einigung des revolutionären Proletariats“ wird den Versuch dazu im Größeren darstellen. War es möglich, nach 50jähriger Besessenheit vom Marxismus die Arbeiter zur Erkenntnis zu bringen, daß wir sachlich recht hatten, dann kann auch vielleicht das schwerere Werk gelingen, die Persönlichkeit zu rehabilitieren, der die Revolution alles dankt und die zu entthronen, die das Unglück der Entseelung des revolutionären Temperaments zum großen Teil verschuldet hat. Wann ich die Broschüre beginnen werde, weiß ich noch nicht. Zuerst habe ich – schon in Ebrach – Ringelmanns ausgezeichnetes Gerichtsplädoyer druckfähig gemacht und mit einer Einleitung versehn. Mit Reitzes Hilfe soll jetzt ihre Herausgabe erfolgen. Das nächste ist die Zusammenstellung eines neuen Gedichtbuchs, das der Verlag Kurt Wolff haben will, und das meine Kriegs- und Revolutionsproduktion enthalten soll. Erst wenn ich diese Arbeit abgeschlossen habe, kann ich an die schwierige Zusammenfassung der Gründe gehn, die mir jetzt die Wiederaufrichtung der Ersten Internationale in der Form der Moskauer Dritten Internationale als Aufgabe der Revolution erscheinen lassen. Die Vorarbeiten sind mitten im Gange. – Meine Berliner Anhänger haben letzten Sonntag im Blüthner-Saal eine Veranstaltung zu meinen Gunsten unternommen. Das Berliner Tageblatt hat einigermaßen objektiv referiert, ohne allerdings von der Aufnahme der Vorträge Mitteilung zu machen. Aber das Programm wird mitgeteilt. Ich erwarte nun von Léon Hirsch, der der Initiator der Sache war, näheren Bescheid. Auch in Wien habe ich bei Kocmata und seinen Freunden Verehrer. Seine „Revolution“ hat kürzlich mein Portrait gebracht. Ein Mitarbeiter, Fried-Hardy Worm, hat mir sogar ein Gedicht gemacht, und außerdem werden in dem Blatt Spenden für den „Erich-Mühsam-Fonds“ verlangt. Diese Dinge sind nicht welterschütternd, aber mich freut’s doch, daß die Jugend an mich denkt und an mich glaubt. Meine treueste Schülerin und bei aller Selbständigkeit im Urteil Gläubige ist meine Zenzl, deren Briefe immer schöner und stärker werden. Der Frau möchte ich vor der Geschichte ein Denkmal setzen als der schönsten, rührendsten und dabei markantesten Frauengestalt unsrer Tage. – Sie ist zur Zeit am Bodensee, wo Albert R. sich ihrer annimmt. Hoffentlich findet sie dort die Erholung, die ihr nach allem, was sie durchgemacht hat, nottut. Zwar vermisse ich sie inzwischen. Einige Wochen werde ich das aber wohl ertragen können, und – wenn nicht bis dahin draußen oder drinnen neue Ereignisse alles ändern sollten – dann werde ich sie hier umso freudiger empfangen können. Wenigstens wir Ehemänner haben bis jetzt durchgesetzt, daß unsre Frauen uns in den Zellen – die jetzt großartig als „Stuben“ bezeichnet werden – besuchen dürfen, ohne daß man pedantisch auf der 1 Stunde täglich besteht. Proteste und kräftiges Auftrumpfen hat auch sonst schon manchen Erfolg gebracht. So haben wir den Zellenverschluß endgiltig verhindert. Momentan müssen wir aber einen neuen Kampf noch zum Abschluß bringen. Der betrifft die Beleuchtung. Die Knipser für das elektrische Licht sind neben unsern Zellentüren außen angebracht. Wir können also nachts Licht machen, wann wir wollen. Gleich bei unserer Ankunft erklärte uns der Staatsanwalt, eigentlich müsse er um 9 Uhr dunkel machen lassen. Unser Widerspruch hatte zunächst den Erfolg, daß er sich auf 10 Uhr einließ und darüber hinaus auch sein Einverständnis aussprach, daß in einzelnen Stuben beliebig länger Licht brennen könne, wenn wir den Grund der Einschränkung – tunliche Lichtersparnis – berücksichtigen würden. Wir haben deshalb die Übung eingeführt, daß jeder, der seine Zelle verläßt, grundsätzlich abdunkeln soll, sodaß abend die meisten Buden ganz ohne Licht bleiben, da dann ja doch die meisten Genossen nicht allein sein wollen. Ohne jede Ankündigung fing man nun plötzlich an, die Beleuchtungsanlage zu ändern. Man will den Gebrauch des Lichtschalters uns ganz entziehn und einfach abends um 10 von außen das Licht absperren. Wir haben dem Vertreter des Staatsanwalts auseinandergesetzt, daß dadurch keine Ersparnis sondern ein bedeutender Mehrverbrauch von Licht eintreten würde, da wir jetzt abends zwei, höchstens drei Zellen bis 11 oder 12 Uhr beleuchtet haben, während nachher grundsätzlich alle Lichter bis 10 brennen würden. Da zu gleicher Zeit draußen am Haus zwei neue große elektrische Lampen angelegt werden, sehn wir nur eine neue Schikane in der ganzen Sache und kündigen strengste Obstruktion an. Die Angelegenheit schwebt noch, da die Neuanlage noch nicht fertig ist. Was wir bisher erreicht haben, ist eine Verlangsamung der Arbeit. Der Staatsanwalt soll erst selbst wieder da sein, sein Vertreter möchte die Sache von sich abwimmeln. Wir haben die Schlacht also erst mal zum Stehn gebracht. Die Entscheidung wird wohl morgen fallen. Eventuell muß die Öffentlichkeit allarmiert werden, was wir als ultima ratio schon mehrfach getan haben. Hätte nur die USP-Presse etwas mehr Schneid und revolutionäre Solidarität! Schön ist, daß die Genossen von der Ansbacher KPD sich unsrer rührend annehmen. Ihr Vorsitzender Behm war mehrfach da mit Lebensmitteln etc. Die USP hier kümmert sich bis jetzt herzlich wenig um uns. Natürlich sind hier die Kommunisten stolz darauf, daß ich meinen Beitritt zur Partei bei ihrer Ortsgruppe vollzogen habe. Eine Opposition bei ihrer Presse würde sie wohl sehr enttäuschen. Aber ich rechne damit. – In unserm kleinen Kreise ist noch eine kleine Personaländerung zu verzeichnen: wir haben zwei Genossen dazu bekommen: Riedinger, Student und Offizier, und Renner aus Rosenheim, ein Arbeiter von der besten Sorte, den ein langer Aufenthalt in Serbien schon vor über 10 Jahren zum Anarchisten gemacht hat, und der am 7. November den Zug vor die Kasernen auf meinem Lastauto mitgemacht hat. – Leider ist dagegen Förster wegen einer Halskrankheit von uns weggekommen. Ob, wie behauptet wird, das Leiden syphilitisch ist oder seiner Erzählung nach von einer im Kriege zugezogenen Gasvergiftung stammt, entscheide ich nicht. Ich habe Förster in dieser Zeit hier sehr schätzen gelernt und hätte sehr viel lieber gesehn, Dosch, Mehrer oder Westrich hätte uns verlassen als er. Auch unsre abendlichen Diskussionen über unsre Aufgaben und die Aussichten der nächsten Revolution könnten durch die Abwesenheit dieser Lauen nur gewinnen. Heute ist Seidels und seiner Gefährten Schicksal die große Frage, die uns bewegt. Wird man es wirklich wagen, den Justizmord zu vollstrecken? Und wie wird sich das Proletariat dazu verhalten? Gegenwärtig sind meine Hoffnungen auf die deutsche Arbeiterschaft gering. Die Reaktion ist zur Zeit ganz oben – und ein paar Monate wird sie sich noch oben halten können –, das Proletariat hat sich in der Geiselmordgeschichte von Bourgeoisie und Presse mit empören lassen und gegen die 10 antisemitistischen Stempelfälscher die Unzahl der eignen Klassengenossen vergessen, und als Leviné erschossen wurde, wurde freilich in Berlin gestreikt, aber in München blieb alles ruhig. Und noch eins darf nie vergessen werden: als im April und Mai die „sozialistische“ Regierung Hoffmann die Reichswehrtruppen ins Land rief, um die Räterepublik zu stürzen, da hat die ganze Arbeiterschaft in Deutschland nicht die Energie aufgebracht, die Truppentransporte nach Baiern zu verhindern und damit die Revolution zu retten. Sie werden wohl den Putsch von rechts und die offene Militärdespotie erst nötig haben, bis sie sich wieder darauf besinnen, daß Deutschland Revolution hat oder doch haben sollte.

 

Ansbach, Sonntag, d. 21. September 1919.

Seidel, Schickelhofer, Widl, Seidl, Fehmer und Pürzer sind am Freitag nachmittag in Stadelheim tatsächlich erschossen worden. Die Regierung des „Sozialisten“ Hoffmann (außer ihm vertreten Endres und Segitz darin die Partei der grundsätzlichen Gegner der Todesstrafe, des Klassenkampfs und der Befreiung des Proletariats) hat – wie im Falle Leviné – „sich nicht veranlaßt gesehn“, von ihrem Begnadigungsrecht Gebrauch zu machen. „Über die Einzelheiten der Stimmabgabe im Ministerrat wird, um Weiterungen zu vermeiden, strengstes Stillschweigen bewahrt.“ Damit man nicht wieder auf peinliche Anzapfungen hin versichern muß, die „Sozialisten“ hätten dagegen gestimmt, um nachträglich erstens dem Vorwurf zu begegnen: warum habt ihr nicht die Kabinettsfrage gestellt, zweitens vorgerechnet zu bekommen, daß sie ja die Mehrheit hatten, und drittens daran erinnert zu werden, daß sie vorher ihren Mordbeschluß in der Form hatten verbreiten lassen, daß jeder die Einstimmigkeit hatte annehmen müssen. Der Weiße Schrecken hat sich also noch nicht ausgetobt. Im Gegenteil scheint man die Zeit für günstig zu halten, die reaktionäre Wut des Bürgertums immer noch höher zu steigern. Offenbar fürchten die kläglichen Männchen die Offiziersreaktion derartig, daß sie ihr glauben, immer mehr Menschenleben und menschliche Grundsätze opfern zu müssen, um Liebkind zu bleiben. Zugleich mit der Meldung von der Exekution der 6 Genossen wird angekündigt, daß bereits ein weiterer Prozeß gegen 60 Zeugen des Seidelprozesses in Aussicht stehe, die alle im Verdacht der Mittäterschaft seien. Die Bourgeoisie will Blut, und die Demokraten, Sozialisten und Christkatholischen, aus denen sich die Regierung des „Freistaats“ Baiern zusammensetzt, liefern es unrationiert. Es ist unfaßbar: die Verbrecher des Weltkriegs, die ohne Gewissen Millionen in den Tod getrieben haben, die wehrlose Gefangene – grade auch Geiseln – des warnenden Beispiels wegen haben töten lassen, die ihr Volk und die Welt in Armut, Elend, Verderben, Verzweiflung, Verwahrlosung gebracht haben, – die leben alle noch und stehn mit ihrem brutalen Willen hinter allen Brutalisierungen des Freiheitsehnens. Die Gegenrevolution hat in Deutschland bis jetzt schon tausende von Opfern vom revolutionären Volk gefordert, sie arbeitet mit Meuchel- und Justizmorden, mit entsetzlichen Metzeleien in den Straßen und fürchterlichen Einkerkerungen. Die Revolution hat die Schwäche gehabt, die Feinde des Proletariats zu schonen. Erst in der furchtbaren Erregung jener letzten Apriltage lief das Maß über, und 10 Personen mußten dran glauben. Und die Volksmörder, die das Scheusal Noske zum Alba Deutschlands gemacht hatten, die schon vorher in Blut wateten, stürzten sich nun auf diese 10 Toten und errichteten ihnen die Münchner Blutaltäre, auf denen sie Landauer schlachteten und Horn und Leib und Egelhofer und Sontheimer und Dorfmeister und Stettner und Fischer – das sind nur persönliche Bekannte von mir – und die vielen, vielen zahl- und namenlosen übrigen, die sie ohne Gericht, ohne jeden Schein von Recht der Mordgier ihrer Landsknechte überließen und abschlachteten. Und als sie sich dann aus Versehn an den 21 katholischen Gesellen vergriffen – die Staatsanwaltschaft erließ kürzlich über diesen Fall eine Veröffentlichung, worin sie sich wegen der Langsamkeit der Behandlung entschuldigte und den Mördern im vorhinein die Erregung, in der die Tat geschah, zugute hielt. Er hat die Anklage auch nur wegen Totschlags erhoben, sodaß Todesstrafe von vornherein nicht in Frage kommt. Im Seidelprozeß hat kein Verteidiger auf diese Doppelmoral der Staatsbehörde hingewiesen –; als also die Geschichte mit den 21 Betbrüdern vorkam, da mußten sie mit der Massenmörderei aufhören, was sie als eine verlorene Schlacht beweinten, und mußten warten, bis sie Leviné vor die Flintenläufe bekamen. Und wieder sind Monate drüber hingegangen, und der Blutdurst ist immer noch nicht gestillt. Das Geschäft, das aus diesen 10 Leichen gemacht wird, lohnt sich. Wieder hat man ihnen 6 Rebellen nachgesandt und heizt den Ofen für weitere 60 an, aus denen man sicher hofft, noch etliche Köpfe zu gewinnen, die der geilen Horde der Konterrevolution hingeworfen werden können. Man scheint es vor allem auf Strobl, einen braven Genossen, abgesehn zu haben, den ich als einen uneigennützigen, sehr entschlossenen und bewußten Revolutionär kenne, und dem man schon vor dem Standgericht 7 Jahre Zuchthaus aufgehängt hat. Die Hauptsache ist aber der Prozeß selbst. Man hat es jetzt gesehn, wie leicht man mit Hilfe der gesamten Presse – am schmutzigsten von allen war wieder der „Vorwärts“ – das blöde Volk zur Entrüstung gegen Leute bringen kann, deren Wirken man dem eignen Interesse für schädlich hält. Darum bereitet man eine Wiederholung des Schandtheaters vor. Ob die Halunken richtig rechnen? Ich hoffe doch, daß nach dem Mordakt in Stadelheim die Stimmung umschlagen wird. Man hat aber noch weitere Sensationen für die Reaktionsbestie in petto. Lindner, der während der Wiederholung der baierischen Greuel in Ungarn den Schergen in die Hände fiel, ist von Österreich an Baiern ausgeliefert worden, unter der Bedingung zwar, daß die Bestrafung nicht schwerer sein darf als die österreichischen Gesetze erlauben, er darf danach also nicht zum Tode verurteilt werden. Aber welcher Fraß wird der Prozeß an sich sein. Wie wird der bedauernswerte Volksmann Auer als Held und Märtyrer dastehn, – und was wird man inzwischen mit dem Grafen Arco machen? Ich denke, man wird ihn à la Vogel verschwinden lassen. Einen Paß nach Holland oder Dänemark wird man wohl finden. Lindners Reflexhandlung aber wird man als wohl überlegten Mord plakatieren. Wie wenig skrupelhaft man ist, geht daraus hervor, daß man die Verurteilung einiger Nebenangeklagter im Seidelprozeß damit begründete: man habe ihnen zwar eine Beteiligung an der Geiselerschießung nicht nachweisen können, aber sie hätten die Tat nachträglich gebilligt. Urteil: 15 Jahre Zuchthaus, 15 Jahre Ehrverlust, Stellung unter Polizeiaufsicht. Gerechtigkeit im Freistaate Baiern! Im elften Monat der Revolution! Man muß sich bei alledem fragen: fühlt sich die Reaktion so sicher, daß sie meint, ungestraft jede letzte Infamie gegen das Volk wagen zu können? Oder fühlt sie sich so unsicher, daß sie meint, ihre Macht nur noch durch unausgesetzten Schrecken halten zu können? Wie aber wird das Proletariat reagieren? Ob die Schurken mit ihrer Massakrierung und Einkerkerung der Führer wirklich richtig gerechnet haben? Waren wir so sehr der Kopf des Volks, das es ohne uns nicht mehr revolutionär fühlen und handeln kann? Ist das der Fall, dann müßten wir auf unsre Befreiung hinwirken, koste es was es wolle. Ich neige freilich zu der Ansicht, daß sich die Revolution auch ohne uns erholen wird, und daß wir durch sie[,] nicht aber die Revolution durch uns gerettet werden muß. Wir haben ihr nachher unsre Dienste zu weihen. Manche Genossen denken anders darüber, und nach dem großen Ausbruch, bei dem vor mehreren Wochen 25 Gefangene aus Oberhaus entkamen, wird jetzt mitgeteilt, daß eine Reihe von Festungsgefangenen aus Eichstätt entwichen seien, die man allerdings bis auf zwei, Günther und Mairgünther, wieder eingefangen habe. Ich bin auf näheres sehr gespannt. Ich denke, Ernst Ringelmann – ob der gute Junge nicht dabeigewesen sein sollte? – wird mir in diesen Tagen die Details schon mitteilen. Ich bin nur gespannt, ob nicht Herr Müller-Meiningen aus diesem Fluchtunternehmen den Anlaß ableitet, uns Festungshäftlinge noch mehr als bisher durch neue Schikanen zu Gefängnissträflingen zu degradieren. Er möge. Einmal wird sich das Rad doch wieder umdrehn. Ich hätte bisher darauf bestanden, daß die Veranlasser und Exekutoren der ungeheuren Torheit jener Geiselerschießung vor das Revolutionstribunal gestellt wären. Jetzt bin ich zu der Auffassung gelangt, daß unsre Revolutionstribunale bei gewissenhafter Anwendung der Praktiken der Müllerschen „Volksgerichte“ so viel mit der Konterrevolution zu tun haben werden, daß wir die Sünden der eignen Seite – mögen sie noch so groß und noch so verhängnisvoll gewesen sein, ruhig der Vergessenheit anheimfallen lassen können. Nur wiederholen dürfen sie sich nicht. So will ich die nächste Revolution: zielklar, energisch, uneigennützig, kameradschaftlich und unerbittlich!

 

Ansbach, Samstag, d. 27. September 1919.

Längst wollte ich hier über die Dinge der Welt schreiben, denn es ist unglaublich, daß ich die Ereignisse in Rußland, die Frage wird sich die Sovjetrepublik halten oder nicht?, die allgemeinen Aussichten der Weltrevolution – Streikbewegungen in Amerika und Italien – und das halb groteske halb großartige Unternehmen d’Annunzios gegen Fiume, hier in all diesen Wochen garnicht gestreift habe. Aber auch heute komme ich über eigenem Erleben nicht zur Weltgeschichte. Dabei stören mich fortgesetzt die Genossen, und ich weiß nicht, ob ich nicht in 2 Minuten meine kleine Bude wieder voll Besuch habe. Die letzten Sonntag hier geäußerten Befürchtungen, daß die hohe Justizbehörde die Eichstätter Flucht zum Anlaß neuer Niederträchtigkeiten machen werde, sind Wahrheit geworden. Um zunächst über die Eichstätter Sache selbst zu reden, so hat mir Ernst Ringelmann darüber genauere Mitteilungen gemacht. 5 Genossen waren beteiligt, darunter auch Ernst, wie ich vermutet hatte, ferner Mairgünther, Günther, Daudistl und der einarmige Wiedemann. Mairgünther, Günther und Daudistl waren schon über die Mauer, und Ernst in seiner Gutmütigkeit war noch Wiedemann behilflich, um dem Krüppel hinaufzuhelfen. Aber ein zu Zuchthaus verurteilter Gefangner schlug Lärm, ein Aufseher beleuchtete die Szene, schoß und den Beiden blieb nichts übrig als sich zu ergeben. Daudistl kam zurück, weil er seine Schuhe nicht im Stich lassen wollte, die beiden andern entkamen. Den Esel Mairgünther hat man inzwischen in München(!) wieder festgenommen und zugleich noch 4 Kommunisten. Sie rennen den Schergen direkt in die Hände. – Offenbar veranlaßt durch diese Fluchtgeschichte wurden in sämtlichen Festungsanstalten neue Sicherungsmaßnahmen ergriffen. Besonders von den Genossen in St. Georgen und Lichtenau erfuhren wir, daß man mit Zellenverschluß u. s. w. arbeite und große Erbitterung herrsche. Bei uns begnügt man sich zunächst damit, daß man mit dem Bau eines Stacheldrahtverhaus in mächtiger Höhe auf der Außenmauer des Gefängnisses begann. Unser Genosse Wollenberg, der schon mehrere erfolgreiche Ausbrüche hinter sich hat, mag das als Anlaß genommen haben, zu finden, daß man über die Mauer, wie sie bisher war, ohne größere Mühe hinüber kann, und verschwand vor einigen Tagen (ich glaube, es war Mittwoch). Bis gestern schien es, als zöge man keine Konsequenzen daraus gegen uns. Der Überfall kam völlig überraschend. Als wir noch beim Abendbrot saßen, erschienen der 2te und der dritte Staatsanwalt. Letzterer ist erst seit Anfang der Woche im Hause und wirkt nun hier als Zensor und als unser Professionsschuhriegler. Ein Schnösel, der es gleich von Anfang an mit dem Ton des forschen Korpsiers versuchte. Ich hatte als Erster schon am ersten Tage eine sehr stürmische Auseinandersetzung mit ihm. – Die beiden Herren eröffneten uns also, daß das Ministerium ihnen Befehl gegeben habe, uns von nun ab um ½ 10 Uhr in die Zellen einzusperren, und daß sie mit Bedauern zwar aber ohne Einrede diesen Befehl vollziehn würden. Natürlich gab es unheimlichen Krach. Wir erklärten einmütig, daß wir uns nicht fügen, sondern gegebenenfalls gewaltsamen Widerstand leisten würden. Indem wir uns gegenseitig empfahlen, uns unser Verhalten noch einmal zu überlegen, zogen die beiden ab, und wir berieten dann, wie wir uns verhalten würden. Es bestand Einigkeit, daß wir uns nicht unter die Willkür Müller-Meiningens beugen würden. Dann nahm Rudolf Hartig, der Bruder unsres Ebracher Genossen, der jetzt in Eichstätt ist, und vor einigen Tagen von Oberhaus hierher gekommen ist, die Geige und spielte sehr schön darauf, hauptsächlich Schumannsche Lieder. Währenddem war es ½ 10 geworden, und das Drama begann. Die beiden Staatsanwälte traten ein, hinter ihnen in der offenen Tür des Gemeinschaftsraumes standen die Wärter. Neben den beiden betrat ein Wachtmeister der Ansbacher Ulanen das Zimmer. In langer Rede forderte der 2. Staatsanwalt uns noch einmal auf, uns in unsre Zellen zu begeben, da er sonst Gewalt anwenden werde. Der Wachtmeister fragte dazwischen: Wollen die Herren gehn oder nicht? Wir hörten alles stillschweigend an, erst ganz allmählich antworteten wir in vollkommener Ruhe und setzten wiederholt auseinander, daß wir eine rechtswidrige Handlung in diesem neuen Zwang erblicken und daß unser Entschluß feststehe. Währenddem sahen wir, daß sich hinten auf dem Korridor Ulanen ansammelten, bewaffnet mit Bajonetten und Handgranaten, die sich die Verhandlungen neugierig mit anhörten und ganz offenbar sehr erpicht darauf waren, die schlimmen Spartakisten mores zu lehren. Es hat sich herausgestellt, daß die Weißgardisten gegen den Willen der Staatsanwälte hinaufgegangen waren, deren Situation dadurch nicht einfach wurde. Hagemeister machte schließlich den Vorschlag, wir würden alle im Gemeinschaftsraum bleiben, die Zellen könnten dann ruhig verschlossen werden, aber in Einzelhaft ließen wir uns nicht sperren. Das Kompromiß wurde nach langem Hin und Her angenommen, also ein großer Sieg für uns. Unsre Staatsanwälte versprachen überdies, alles zu versuchen, um das Ministerium zur Zurücknahme der Anordnung zu bestimmen. Es wurde ausgemacht, bis die Entscheidung des Ministeriums da sei, würde die Einsperrung nur aller Genossen zusammen im Gemeinschaftsraum erfolgen. Fiele die Antwort dann negativ aus, würden wir in den Hungerstreik eintreten. Die Weißgardisten zeigten deutlich ihre Unzufriedenheit mit diesem Ergebnis und verlangten, daß wir in die Zellen sollen. Die Genossen Dosch und Reichert bekamen Nervenanfälle und unser Leben war schwer bedroht. Nach längerer Zeit erst gelang es den Staatsanwälten, die Leute zum Fortgehn zu veranlassen. Die Nacht verblieben wir dann, auf dem Boden schlafend, im Gemeinschaftsraum; sehr stolz auf unsern Sieg, beschlossen aber angesichts der ungeheuren Roheit, uns mit undisziplinierten weißen Garden zu bedrohen, sofort in den Hungerstreik einzutreten. Den haben wir heute angefangen. Ein Streikbrecher scheint nicht unter uns zu sein, wenn es nicht wahr sein sollte, was einige meinen, daß Mehrer heimlich in seiner Zelle ißt. Wir erhielten heute schon den Bescheid, daß sich der Justizminister nicht veranlaßt sehe, von seiner Maßnahme abzusehn. Die Abschließung der Zelle erfolgt um 11 Uhr (jetzt ist´s gleich ¾). Auf ein neues Aufgebot der mordhungrigen Bewaffneten wollten wir es nicht noch einmal ankommen lassen. Die Kerle hätten uns heute mit Wollust umgebracht. Aber gehungert muß werden – ich fürchte, wir werden einen sehr harten Kampf vor uns haben. Aber die willkürliche Umwandlung der Festungshaft in Gefängnis ist eine Provokation, die wir nicht ruhig hinnehmen können. Wüßten wir nur, wie weit das deutsche Proletariat noch bereit und imstande ist, uns moralischen Beistand zu leisten!

 

Ansbach, Freitag, d. 3. Oktober 1919.

Vorgestern abend haben wir nach 5 Tagen Hungern zuerst wieder Nahrung eingenommen. Ich bin matt, habe Leibschmerzen und spüre jeden Nerv. Wir haben den Streik verloren, da wir unsern Zweck nicht erreichten. Die Zellen bleiben nachts verschlossen, ja, heute hat uns der III. Staatsanwalt (Dr. Vollmann heißt der tüchtige Beamte) einen Schrieb des Justizministers verlesen, wonach er sich den Erlaß einer ganz neuen Hausordnung vorbehält, falls wir uns nicht brav verhalten. Bedenkt man, daß alle Vorwände, die Verschärfungen vorzunehmen, von der reaktionären Presse erfunden worden sind, dann weiß man, was diese Ankündigung bedeutet. Wir mußten die Demonstration aufgeben, weil das Befinden, besonders Reicherts, derart bedrohlich wurde, daß wir die Verantwortung nicht tragen konnten, die Herr Müller und seine Willensvollstrecker kaltlächelnd auf sich nahmen. Das ist der positive Ertrag des Hungerstreiks, daß wir jetzt wissen, daß Herr Müller-Meiningen lieber die Opfer seiner Parteijustiz verrecken läßt, als daß er von seiner rechtswidrigen Verordnung abstünde, und ferner, daß die Aufmerksamkeit des ganzen Reichs auf die Zustände in der Ansbacher Festungsanstalt hingelenkt worden ist. Besonders die Soldatenattacke auf uns erregt großes Aufsehn. Die Mannheimer „Rote Fahne“ z. B. bringt einen sensationellen Artikel über einen „Mordanschlag“ auf die Ansbacher Festungsgefangenen. Die offiziöse Correspondenz Hoffmann verbreitet dagegen eine Nachricht, die den Anschein erwecken soll, als ob nur ich in den Hungerstreik getreten wäre. Man merkt die Absicht. Über den Verlauf der 5 Tage ein paar Notizen. Am dritten Tag (Montag) dispensierten wir Westrich von der Teilnahme. Er ist magenkrank und schützte Lebensgefahr vor. Da wir seinen Charakter kannten, hielten wir es für besser, Dispens zu erteilen, als Streikbrecher zu züchten. Gleichwohl ist es sehr wahrscheinlich, daß Mehrer und Dosch in den Tagen ohnedies kräftig gefressen haben, vielleicht auch Riedinger, der übrigens plötzlich als Zeuge nach München fort mußte. Am Montag erlitt Dosch eine Art epileptischen Anfall (schon in der Nacht von Freitag auf Samstag hatte er etwas Ähnliches gehabt) und wir gaben auch ihm Essensfreiheit und am Dienstag fing auch Renner, der im Felde einen Unterleibsschuß davontrug und ein Bein soweit einbüßte, daß eine Maschine es funktionsfähig machen muß, wegen seiner Herzschwäche, die am vierten Hungertage eine Katastrophe befürchten ließ, mit unserm Einverständnis zu essen an. Am schlimmsten war unser kleiner Markus Reichert dran. Er war schon von Sonntag ab bettlägerig. Im Felde hatte er einen schweren Nervenchoc, bei seiner Verhaftung wurde er von Weißgardisten grauenvoll mißhandelt, er ist damals dem Tode kaum entronnen. Furchtbare Schläge auf den Kopf, stundenlang fortgesetzt, Kolbenstöße gegen den Rücken des ohnehin gebrechlichen, am Stock gehenden Invaliden – und schließlich haben ihn die fürchterlichen Menschen 6mal unter Androhung der Erschießung an die Wand gestellt, um Denunziationen von dem kleinen Helden herauszulocken, der aber fest blieb. Als Folge blieben Nervenanfälle, die sich unter der Wirkung des Hungerstreiks grauenvoll steigerten. Am Dienstag, überhaupt dem schlimmsten Tag dieser denkwürdigen Demonstration, hatte der arme Junge – er ist ein Kind und dalberte, solange er sich gesund fühlte, wie ein Elementarschüler zwischen unsre ernsten Gespräche – einen Anfall von erschütterndem Ausmaß. Der Anblick des zuckenden Leibes, der schreiend auf dem Boden lag zwischen zerbrochenen Tellern, die er im Fallen zertrümmert hatte, meine Versuche, mich dem bewußtlosen Genossen verständlich zu machen, die Hilflosigkeit auch des Arztes, der zufällig zur Stelle war – über den Anstaltsarzt hier, dem das Wohl seiner Patienten ganz einerlei ist, wenn er sich nur die Zufriedenheit der Staatsbehörde nicht verscherzt, wäre ein spezielles Kapitel zu schreiben – die ganze Episode machte einen schrecklichen Eindruck auf mich. Es ergab sich jetzt die Notwendigkeit, für die Nacht für die ganz schwer Kranken, vor allem für Reichert, Vorsorge zu treffen, daß sie Hilfe jederzeit bereit fänden. Reichert hatte trotz all unserm Zureden den Abbruch des Streiks, ehe nicht wir – Hagemeister, Hartig, ich, Olschewski und Waibel – kapitulierten, konsequent abgelehnt. Deshalb trug ich dem Staatsanwalt schon am Montag einen Kompromißvorschlag an, indem ich ihm auseinandersetzte, wir könnten den Konflikt aus der Welt schaffen, wenn er aus eigner Machtvollkommenheit anordnete, daß im Interesse der durch Krankheit unmittelbar am Leben Gefährdeten vorerst die Zellentüren offen blieben, damit, wenn sie rufen, wir ihnen Beistand leisten könnten. Ihm schien das einzuleuchten, er meinte aber, allein nichts verfügen zu können, und so kam der Dienstag. Auch Dosch hatte an diesem Tage einen sehr schweren epileptischen Anfall. Am Nachmittag verfügten Staatsanwälte und Ärzte plötzlich, daß Dosch und Reichert sofort ins Garnisonlazarett nach Nürnberg sollten. Totkranke Menschen, die seit 4 Tagen nichts gegessen hatten! Und in ein Militärlazarett, direkt in die Klauen der Feinde! Beide weigerten sich rabiat und stellten den äußersten tätlichen Widerstand in Aussicht. Der Transport unterblieb tatsächlich. Nun verlangte ich aber entschieden, daß die Zellentüren offen blieben, da der Zustand Reicherts höchst bedenklich war. Es gab eine äußerst erregte Auseinandersetzung zwischen mir und dem Dr. Vollmann. Wir schrieen beide nach Noten, wobei er insofern im Vorteil war, als er erstens seit Samstag alle Mahlzeiten gewissenhaft eingenommen hatte und ich keine, und daß er über disziplinare Strafmittel gegen mich verfügte, ich aber nicht über ihn. Der Mann hatte wahrhaftig den guten Geschmack, mir das Verbot von Besuchsempfängen anzudrohen und furchtbar über meine „Drohungen“ zu zetern, als ich ihm den Appell an die Öffentlichkeit in Aussicht stellte. Zur Charakteristik des Mannes: am ersten Tage unsrer Bekanntschaft, als ich Ursache hatte, ihm erregt Vorhaltungen zu machen, verbat er es sich, daß ich ihn „antöne“ und „anpflaume“ und berief sich – es handelte sich schon damals um die Absicht der nächtlichen Einsperrung –, als ich einen eventuellen Hungerstreik ankündigte, auf eine Zeitungsnotiz, wonach ich mich damals in Ebrach sehr albern benommen hätte, aufgelegte Lügen, mußte sich also böse von mir zurechtweisen lassen. Als kürzlich Hagemeisters Onkel da war, bugsierten wir, obwohl der Staatsanwalt auf den Besuchszettel den Empfang im Besuchsraum, einer öden kahlen ekelhaften Zelle angeordnet hatte, den Mann zu Hagemeister in die Zelle hinein. Als er hinaufkam und Krach machte, entfuhr ihm gegen uns das Wort „Kerle“, das er auf Protest sofort zurücknahm, wobei er von mir auch noch den Vorwurf des Kneifens einstecken mußte. Besonders bezeichnend fand ich es für ihn, als neulich ein Handwerker hier war, dem er einen Einwand zurückweisen wollte. Er hätte „trotzdem“ sagen können oder „nichtsdestoweniger“. Sein Ausdruck war aber: „Nichtsdestoweniger – trotz!“ – Casino – Kneipe – Mensurboden: damit ist der ganze Kerl fertig. – Unser Disput am Dienstag abend schloß damit, daß der Staatsanwalt mit der Versicherung davonlief, daß er Unterhaltungen mit mir künftig nicht mehr führen werde. Die Zellen sollten also zugesperrt werden. Die Verantwortung übernehme er, was leicht war, wenn man sich nur dem Justizminister, aber sehr schwer, wenn man sich auch dem eignen Gewissen verantwortlich fühlte. Vorher hatte mir der Mann aber noch eine recht interessante Tatsache mitgeteilt, nämlich, daß ich meine Genossen zu dem Hungerstreik terrorisiert habe. Beweise dafür habe er schwarz auf weiß von Genossen selbst. Ich könne sie sehn, blos nicht gleich. Als ich gestern einen Brief hinunterschickte, mit dem Ersuchen, mir das Schriftstück vorzulegen, schrieb er zurück, er habe nur gesagt, er könne die Beweise schwarz auf weiß vorlegen, nicht aber, er wolle es auch. Nach meinem aggressiven Verhalten und meinen fortgesetzten Drohungen mit der Öffentlichkeit habe er aber keine Veranlassung, mich in seine Akten einblicken zu lassen. Es ist für uns alle klar, daß der Verräter unter uns Mehrer ist, wie sich denn längst zwei Parteien herausgebildet haben, deren eine, Mehrer, Dosch, Westrich und Riedinger vom kleinen Reichert den bezeichnenden Namen „Bourgeoisklub“ beigelegt erhalten hat. Renner, ein braver Kerl, aber kreuzeinfältig und ein schrecklicher Nerventrampel pilgert brav hinüber und herüber. Er hat von der Spaltung anscheinend noch garnichts gemerkt. Am Mittwoch früh sahen alle ein, daß der Streik sich nicht durchführen lasse. Für Fortsetzung waren blos noch Hagemeister (ein Prachtkerl von Charakter), ich und der sterbenskranke Reichert. Ich gab meinen Widerstand dann mit Rücksicht auf Reicherts Leben auf, ebenso auch Hagemeister. Wir setzten aber, sehr gegen den Geschmack besonders Waibels und Hartigs, dadurch, daß sich Olschewski unsrer Auffassung anschloß, durch, daß wir wenigstens bis Mittwoch abend ½ 7 weiterhungerten. Freitag um ½ 6 Uhr abends hatten wir die letzte Mahlzeit vor dem Streik eingenommen, sodaß wir dann die Aktion genau 5 mal 24 Stunden durchgeführt hatten, sodaß also das äußerste und gefährlichste Kampfmittel Gefangener gegen die Kerkermeister durch uns nicht kompromittiert war. – Für mich wird diese Kampagne vielleicht noch ein böses Nachspiel haben. Als am Freitag abend die beiden Staatsanwälte uns den Ukas des Müller brachten, geriet ich so in Wut, daß ich losbrüllte: Müller-Meiningen ist ein ehrloser Lump, bitte teilen Sie ihm das mit, damit ich es öffentlich beweisen kann! Ich habe dann noch hinzugesetzt, auch der Ministerpräsident Hoffmann sei ein ehrloser Lump. Gestern hat nun unser Staatsanwalt Olschewski mitgeteilt, er habe meinem Wunsch gemäß die Äußerung an den Herrn Justizminister übermittelt. Jetzt bin ich gespannt, ob mich der vor Gericht stellen läßt. Wenn mir auch die Aufregung eines neuen Gerichtsverfahrens und die Möglichkeit, vielleicht ein Jahr in Einzelhaft gesetzt zu werden, den Wunsch nahelegt, die Sache möchte unterbleiben, so wäre andrerseits die Gelegenheit, einen politischen Prozeß, in dem ich die ganze Korruption dieser konterrevolutionären Halunken aufdecken könnte, vor einem ordentlichen Gericht auszubreiten, politisch so wertvoll, daß ich auch eine Entscheidung, die mich von neuem Zentrum eines Bürgerspektakels werden ließe, mit Ruhe und im Gefühl, der Revolution nützen zu können, hinnehmen würde. Augenblicklich bin ich sehr matt. Die notwendigen Einzeichnungen über die wichtigen Ereignisse draußen deshalb ein andermal. Vermutlich wird die Aufsässigkeit des Generals von der Goltz im Baltikum so schnell doch noch keine internationale Konsequenzen haben, obwohl die Franzosen sicher nicht ganz falsch vermuten, wenn sie meinen, dort werde eine große Armee bereit gestellt, um Deutschland für die Monarchie zurückzuerobern und dann den Krieg wieder anzuzünden. Und leider wird der Metallarbeiterstreik in Berlin scheinbar noch nicht die Zündschnur sein, die ganz Deutschland wieder in Revolutionsbrand steckt. Immerhin: der Leichnam rührt sich wieder. In England ruht der gesamte Eisenbahnverkehr, – aber das ist halt England, das Land, das keine sozialdemokratische Vergangenheit und keine sozusagen revolutionäre Gegenwart hat. Die französischen Arbeiter, die ebenfalls noch weit von Weimar-Bamberger Errungenschaften entfernt ist[sind], haben erreicht, daß die Entente-Armeen aus Sovjet-Rußland herausgezogen werden, – während die Soldaten des „revolutionären“ Deutschlands weiterhin die Leibgarde gegen die Bolschewiki abgeben. So will ich denn wenigstens eine Kleinigkeit zugunsten der einheimischen Revolutionäre vermerken: daß uns heute die Frau eines Ansbacher kommunistischen Genossen Kaninchen und Kartoffelklöße für alle 11 Mann schön warm und prächtig hergerichtet in unser Gefängnis brachte. Solche Äußerungen gedenkender Solidarität von armen kleinen Gruppen – auch die Syndikalisten in München und die Anarchisten und selbst Pazifisten in Berlin denken unsrer – sind immerhin Beweis genug, daß die Sehnsucht im Herzen der Proletarier nicht tot ist. Warum also verzagen?

 

Ansbach, Mittwoch, d. 8. Oktober 1919.

Aufregungen und Ärgerlichkeiten häufen sich. Der Dr. Vollmann zeigt sich in seiner wahren Natur, die nicht reizvoll ist. Seit 4 Tagen schikaniert er uns auf die boshafteste und heimtückischste Art. Seine Rückendeckung hat er anscheinend bei einer Regierungskommission gefunden, die vor einigen Tagen hier war und – charakteristisch genug! – es nicht der Mühe für wert hielt, sich auch mit uns in Verbindung zu setzen. Die einseitig von dem Vollmann bezogenen Informationen haben ihr genügt, ihn zu Maßregeln aufzustacheln, für die er sich nun auf die Kommission beruft. Ein allerliebster circulus viciosus. Die Zeitungsnotizen über unsern Hungerstreik, die nach Meinung des Staatsanwalts von uns selbst ausgingen und durch Besucher hinausgeschmuggelt waren, (ich will mit Rücksicht auf die mögliche Durchsuchung meiner Schriften das, was ich darüber weiß, dem Gedächtnis vorbehalten) veranlaßte ihn zunächst zur Verfügung einer 14tägigen Besuchssperre, von der nur Anverwandte ausgenommen sind. Das war am 4ten. Selbstverständlich hörten damit die Zeitungsartikel in der U-S-P und KPD-Presse nicht auf. Jetzt begann die Brief- und Zeitungszensur zu funktionieren. Dabei ist zu bemerken, daß der Herr sich bei uns mit der Versicherung einführte, ihm sei es ganz wurscht, was wir schrieben, er werde Briefe kaum je zurückhalten. Plötzlich aber kommen jetzt täglich leere Briefumschläge zurück mit der Bemerkung, der Inhalt eigne sich nicht zur Beförderung. Ich habe schon die Kuverts zurückbekommen; ein Brief war an Ringelmann gerichtet und hatte Betrachtungen über die politische Lage enthalten, einer an Zenzl – ein ganz intimer Privatbrief – und einer an den Rechtsanwalt Dr. Kahn II, Nürnberg, den ich um seinen Besuch bat, um die Verhältnisse hier und die Müllerbeleidigung mit ihm zu besprechen. Also nicht einmal der freie Verkehr mit dem Rechtsbeistand ist mehr möglich, und was mir am ärgsten ist, die Korrespondenz mit der eignen Frau, der er propagandistische Zwecke unterlegt. Zugleich stürzte er sich auf die Zeitungen. Täglich bekommen wir jetzt die Mitteilung, daß soundsoviele Nummern der KPD- und USP-Zeitungen wegen Artikeln, die sich mit den Zuständen bei uns und in den übrigen Festungsanstalten beschäftigen, zu den Akten gelegt seien. Kommt das Blatt in mehreren Exemplaren, dann werden die überzähligen vernichtet (wozu der Mann nicht das geringste Recht hat[)]. Auch die Briefe, die er nicht weitergehn läßt, liefert er nicht zurück, sondern nimmt sie zu den Akten, ebenfalls eine Überschreitung selbst der ohnehin schandbar rigorosen Müllerschen Hausordnung vom 16. August. Ich habe gestern einen geharnischten Schrieb ans Justizministerium darüber abgehn lassen, selbstverständlich ohne mir den geringsten Erfolg davon zu versprechen, nur um dem Mann, den ich als ehrlos bezeichnet habe, auf die Probe zu stellen und einen weiteren Beweis für meine Behauptung zu schaffen. Heute kam nun eine neue Überraschung: von jetzt ab dürfen Besuche, auch von Angehörigen, nur noch im Besuchszimmer empfangen werden. Also selbst Zenzl darf ich nicht mehr bei mir in der Zelle empfangen. Meine Ehe ist, wenn es nach dem Willen dieser Halunken geht, für 15 Jahre gelöst. Ehrenhaft! Und mit dieser Politik der Nadelstiche glaubt man uns klein zu kriegen. Im ganzen Gebäude ist Gewitterluft. Die Aufseher schnüffeln überall herum, um womöglich Konspirationen mit den Arbeitern zu entdecken, die immer noch an dem Stacheldrahtkäfig ums Gefängnis herum bauen und im Verdacht stehn, für uns Briefe hinauszuschmuggeln. Die subalternen Kerle, die uns bewachen, sind Polizisten allesamt, kein einziger Mensch unter ihnen – von oben bis unten. – Und nun wird also der Prozeß wegen Beleidigung des Ministers wirklich steigen. Gestern hatte ich Vernehmung beim Untersuchungsrichter. Der Charakter der beiden Staatsanwälte – der II. heißt Scharrer, und der I., ein gewisser Edelmann, ist auch nicht besser – zeigte sich wieder in vollem Glanz. Vollmann hatte Olschewski erklärt, er habe meinem Wunsch entsprechend Anzeige erstattet; dagegen konnte ich nichts sagen, obwohl ein Mann von Gewissen die Erregung in Betracht gezogen und mich nachher noch einmal gefragt hätte, ob die Aufforderung, meine Äußerung dem Justizminister zu denunzieren, wirklich mein Ernst sei. Aber sie haben sich nicht mit meiner Denunzierung begnügt, indem sie übrigens auch noch die Worte falsch wiedergegeben haben, sie haben auch Hagemeister mit angezeigt, ihm Schimpfworte in den Mund gelegt, die er nicht gebraucht hat, und so ihr Rachegelüst gegen Revolutionäre als wahres Motiv ihrer angeblichen Gefälligkeit gegen mich enthüllt. Ich werde nun wohl mit etlichen Monaten Gefängnis zu rechnen haben, will aber den Prozeß in großem Stil führen, die Ehrlosigkeit Müllers unter Beweis stellen und die Gelegenheit benützen, die schändlichen Verhältnisse in den Festungsanstalten vor aller Öffentlichkeit auszubreiten. Ich hoffe, daß mir ein Brief, den ich heute an Herrn Gumbel in Berlin schrieb, der mir monatlich ein Paket im Namen des Bundes Neues Vaterland schickt, die Wirkung haben wird, daß ich die nötigen Geldmittel für einen Sensationsprozeß zusammenbekomme. Als Anwälte habe ich Kahn II–Nürnberg und den Münchner Grafen Pestalozza in Aussicht genommen. Als Zeugen habe ich vorläufig Maximilian Harden benannt. Wäre meine Sorge um die arme Zenzl nicht, dann sähe ich den kommenden Dingen mit der größten Seelenruhe entgegen. Aber Zenzl, die jetzt zur Erholung in Konstanz ist, von wo sie mir merkwürdig dichterische Briefe von ganz wunderbarer menschlicher Tiefe und Einsicht schreibt, ist nicht mehr so kräftig wie sie war. Die gräßlichen Erlebnisse, die sie hinter sich hat, haben ihre Nerven sehr mitgenommen. Nun teilt sie mir mit, daß unsre mißhandelte Wohnung, die sie 3½ Jahre rührend gepflegt und gehütet hatte, schon wieder der Schauplatz einer Brutalität war. Die Polizei hat vorige Woche eine Haussuchung nach einer angeblichen Geiselliste darin veranstaltet und dabei die schönen Holzschnitte von Ines Wetzel auseinandergeschnitten und anscheinend ruiniert. Zenzl ist recht unglücklich darüber. Und nun auch noch die neue Aufregung eines Prozesses, und der Umzug von der Festung ins Gefängnis, der sicher daraus folgen wird! Der Unterschied wird zwar angesichts des Vollzugs der Haft hier nicht groß sein – aber doch! – Ich hoffe nur, daß meine Widerstandskraft nicht eines Tages nachläßt. Die Belastung der Nerven ist schwer genug, zumal Olschewski sich völlig unterkriegen läßt und mich zum Vertrauten seiner depressiven Stimmungen auserwählt hat. Wenn der ruhige, charaktervolle, der Revolution tief ergebene und unbeirrbare Hagemeister nicht wäre, – mit dem Melancholiker Olschewski und dem unduldsamen Choleriker Waibel würde ich langsam zum Teufel gehn. Hätte ich nur meinen Ernst Ringelmann hier!

 

Ansbach, Donnerstag, d. 9. Oktober 1919.

Abschrift: „Lieber Niekisch! Immer wieder wollte ich Deinen Brief vom 23. Sept. beantworten, aber die Freuden und Leiden unsrer Festungshaft bringen soviel Abwechslung, daß zum beschaulichen Briefschreiben kaum Zeit bleibt. Seit Du im Urlaub bist, hat sich viel verändert, und in den allerletzten Tagen hat eine Briefzensur bei uns eingesetzt, durch die jede freie Meinungsäußerung an Freunde, ja selbst an die eigne Frau und sogar die notwendigen Aufklärungen an den Rechtsbeistand unmöglich gemacht ist. Da ich Wert darauf lege, daß dieser Brief richtig in Deine Hände gelangt, will ich davon absehn, auf Deine politischen Betrachtungen einzugehn. Wir lesen ja alle Zeitungen – wir allerdings hier mit der Einschränkung, daß uns Blätter mit Betrachtungen über den Festungsstrafvollzug nicht mehr ausgehändigt werden –, und da ziehn wir denn wohl aus den Vorgängen im Baltikum und im Saargebiet, in England, Deutschland und wo immer alle die gleichen Schlüsse. – Der Zweck dieses Schreibens ist ein besonderer. Ich brauche Deine Unterstützung zur Vorbereitung eines Prozesses, zu dem ich auch Dich als Zeugen werde benennen müssen. Es handelt sich um folgendes: Ich habe bei der Ankündigung der nächtlichen Einsperrung gegen Herrn Müller-Meiningen eine Aeußerung gebraucht, für die ich mich – zugleich mit Hagemeister – vor Gericht verantworten soll. Die Beleidigung schloß eine Charakteristik des gesamten moralischen Charakters des Mannes in sich, die ich nun forensisch als berechtigt nachweisen muß. Selbstverständlich muß ich vor allen Dingen Material beibringen, das sich auf die Behandlung der politischen Festungsgefangenen bezieht, und ich denke, Du wirst mir eher als irgendwer sonst dazu verhelfen können. – Ich bitte Dich also zunächst um Angabe derjenigen Genossen, die bei Müllers Besuch in Ebrach anwesend waren und bestätigen können, daß er dabei Versprechungen abgab, die er dann nicht gehalten hat. Ferner liegt mir an der Beschaffung von Zeitungsartikeln, die sich mit den Zuständen in Ebrach (vornehmlich mit der Spohrerschen Hochzeit) befassen, der offiziösen Kundgebungen, die diese Vorgänge als Gründe für die Verschärfung des Strafvollzugs anziehn, und dann der Müllerschen Kundgebung, in der er bestätigt, daß sich die Hochzeitsfeier völlig im Rahmen der zulässigen Grenzen bewegt hat. Am allerwichtigsten ist mir der Artikel, in dem Müller die Verantwortung für alle Schikanen den ausführenden Organen, speziell deren subalternen Beamten, zuschob. Oder war das ein Schrieb an uns? Du wirst wahrscheinlich die Unterlagen noch haben und mir die nötigen Hinweise geben können. – Sollten Dir noch Tatsachen einfallen, die bei der Aufrollung des Charakterfilms des Herrn Ministers das Bild beleben können, so bitte ich Dich, mich daran zu erinnern. Es kommt nicht allein auf die Behandlung der Festungsgefangenen an, sondern auf die möglichst umfassende Stigmatisierung der Gesamtpersönlichkeit, vornehmlich als Politiker, eventuell aber auch in seinem privaten Verhalten. Da mich das Gesetz mit Gefängnis bis zu einem Jahr bedroht und Herr Müller schon in anderm Zusammenhang das Verfahren angekündigt hat, das er in diesem Falle anwenden wird, nämlich Strafunterbrechung zum Zweck der Absitzung dieser Strafe zwischenhinein in den Festungsvollzug, muß ich alle Mittel anwenden, um vor Gericht die subjektive Kennzeichnung als adäquaten Ausdruck eines objektiven Befunds darzutun. – Natürlich ist meine Position dadurch sehr schwierig, daß ich alle Vorbereitungen zu meiner Verteidigung unter den Augen und unter der Kontrolle der Organe der Gegenpartei treffen muß, sodaß – wenn man schon die Bemühungen um Herbeischaffung des Materials nicht grade verhindern wird – doch immerhin die Geheimhaltung meines Aufmarschplanes schlechterdings unmöglich ist. Sieh also bitte zu, was Du an Zeitungskundgebungen über[,] von und aus allen Anstalten, an Gegenerklärungen der Regierung und an Beweismitteln für die persönliche Gehässigkeit des Ministers gegen die in seine Hände gelieferten politischen Gegner auffinden kannst. Und benenne mir die Genossen, die als Zeugen besonders in Frage kommen. Ich wäre Dir sehr dankbar. – Hoffentlich ist das Befinden Deiner Frau den Umständen gemäß gut. Ist der junge Spartacus (oder die Spartaca?) inzwischen eingetroffen? Und zu welchem Namen habt Ihr Euch nun entschlossen? – Daß ich in die KPD eingetreten bin, hast Du wohl gelesen oder durch Ringelmann erfahren. Die Gründe habe ich in der kommunistischen Presse auseinandergesetzt. – Ich bin mit der Zusammenstellung meines Gedichtbands ziemlich fertig, es fehlt nur noch die letzte Handanlegung. Über den Titel bin ich noch nicht völlig klar. Ich schwanke zwischen „Der Mitmensch“, „Gerichtstag“ und „Brennende Erde“, werde wohl den mittleren wählen. Oder fällt Dir ein besserer ein? – Gib bald Antwort. Alles Gute Dir, Deiner Familie und unser guten Sache. Dein getreuer Erich Mühsam.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 11. Oktober 1919.

Abschrift: „Lieber Radbruch, für Deinen Brief vom 3. ds. M. danke ich Dir herzlich. Zugleich spreche ich Dir meine aufrichtigen Glückwünsche zur ordentlichen Professur aus. Ich kann mir wohl denken, daß diese Sicherung Deiner Existenz neben der äußeren Bestätigung des Werts Deiner Arbeit eine große Genugtuung für Dich sein muß. – Auf den Inhalt meiner beiden vorigen Briefe möchte ich noch einmal kurz zurückkommen, um zu verhüten, daß die Übermittlung des Materials, das Dir Müller-Meiningen vorlegen wird, Dein Urteil einseitig trüben möchte. Was zunächst Deine Frage anlangt, ob Briefe nur von mir oder auch von fremden Augen gelesen werden: jeder Brief geht durch die Hände des Gefängnisvorstands. Bis zur vorigen Woche war das mehr ein formaler Akt. Urplötzlich hat eine Verschärfung der Maßregel eingesetzt, die uns den Meinungsaustausch mit der Außenwelt fast vollständig unterbindet. Jede Kritik an den unmöglichen Zuständen hier wird auf Grund des Paragraphen der Hausordnung, der ein Zurückhalten von Briefen für den Fall vorsieht, daß agitatorische und propagandistische Zwecke dahinter stehn, zurückgehalten und das Schreiben selbst den Akten einverleibt, woraus zu erkennen ist, daß über uns rechtskräftig abgeurteilte Politiker Personalakte geführt werden. Cui bono? – Briefe mit Klagen über die Behandlung an die eigne Ehefrau werden konfisziert, ja, mit einem Schreiben, das ich an einen Nürnberger Anwalt richtete, um seinen juristischen Beistand zu erbitten, wurde ebenso verfahren. Ich bin gezwungen, auch von diesem Brief Abschrift zu nehmen, weil es nach unsern Erfahrungen keineswegs ausgeschlossen ist, daß es mit ihm ebenso gemacht wird. Seit meinen letzten Mitteilungen an Dich wurden ungeheuerliche Verschärfungen des Strafvollzugs eingeführt. Nicht blos, daß man uns für 14 Tage den Besuchsempfang von Nichtangehörigen gesperrt hat, – man hat nun generell bestimmt, daß auch Angehörige, Ehefrauen etc. nur noch im Besuchsraum, einer kahlen Zelle, deren Einrichtung aus einem Tisch und zwei Stühlen besteht, empfangen werden dürfen. Gründe dafür werden nicht angegeben. Sie können nur gefunden werden in der Absicht, politisch mißliebigen Persönlichkeiten die ganze Macht des momentan Stärkeren zu fühlen zu geben. Bitte lies das Dir von Müller-Meiningen zugehende Material nicht ohne Berücksichtigung folgender Umstände. Eine Regierungskommission, die während unsres Hungerstreiks hier anwesend war (den wir 5 volle Tage durchführten), orientierte sich einseitig nur beim Vorstand, ohne die Befragung eines der Gefangenen für erforderlich zu halten. So ist auch die Erklärung, die Herr Müller dem Landtag hat zugehn lassen – und die er wahrscheinlich auch Dir als Antwort schicken wird – durchaus einseitig und tendenziös gehalten. In Ebrach geschah nichts, was nicht im Rahmen der bisher giltigen Hausordnung erlaubt war. Daß sich die Hochzeitsfeier dort in völlig erlaubten Grenzen abspielte, hat Müller später selbst öffentlich zugestanden (gleichwohl zieht er sie wieder als Material zu unsrer Belastung heran). Die angeblichen Mißstände, die er in unsern Diskussionen und in den damals durchaus zulässigen Besuchsempfängen erblickte, hat er ja dadurch abgestellt, daß er 1) die neue Hausordnung einführte, 2) uns auseinanderriß und in verschiedene Gefängnisse verteilte (wir sind hier nur 11 Festungshäftlinge beisammen). Erst jetzt aber ersinnt er täglich neue Quälereien, die er dann der Öffentlichkeit gegenüber immer wieder mit den alten Ebracher Dingen begründet. – Grade eben, während ich diesen Brief schreibe, tritt ein neues Moment ein, das die Lage für mich völlig umwirft, da ich nun aufgehört habe, noch in irgendeiner Form Festungsgefangener zu sein. Eben eröffnete mir der Vorstand, daß auf Grund einer Äußerung, worin ich erklärt hätte, ich würde die Gelegenheit suchen zu fliehen, über mich – und noch einen Genossen – die Einzelhaft verfügt sei. Die Hofzeit wird auf 1 Stunde täglich unter besonderer Bewachung beschränkt und Besuche bis auf weiteres überhaupt nicht mehr zugelassen. Nun bestreite ich entschieden, eine derartige Aeußerung je getan zu haben. Ich habe im Gegenteil meinen Genossen gegenüber immer betont, daß für mich die Flucht sinnlos wäre (abgesehn davon, daß die Sicherungen hier seit einiger Zeit derartig sind, daß kein Gewohnheitsausbrecher entkommen könnte), da ich viel zu bekannt bin und ein Arbeiten draußen für mich ausgeschlossen wäre. Es wäre aber immerhin denkbar – ich glaub’s, wie gesagt, nicht –, daß ich am 4ten Hungertage in einer überaus erregten Auseinandersetzung mit dem Vorstand eine Aeußerung getan habe, die sich der selbst sehr erregte Mann – der allerdings nicht seit nahezu 100 Stunden ohne einen Bissen Nahrung gelebt hatte – so ähnlich ausgelegt hätte. Du siehst das Verfahren: man wird aufs Blut gereizt, platzt mit irgendeiner Wutäußerung hervor und liefert dadurch neue Gründe zur Knebelung. – Zeitungen, die sich mit unsrer Lage befassen, werden uns nicht mehr ausgeliefert, – es sei denn, daß sie Hetzartikel gegen uns enthalten. Doppelexemplare werden vernichtet, obwohl die Vernichtung unsres Eigentums dem Vorstand nicht einmal nach der Hausordnung vom 26[16]. August erlaubt ist. Ich erblicke in diesem Verfahren ein Strafdelikt der Sachbeschädigung. – An dem Tage, als uns die nächtliche Zellenabsperrung bekannt gegeben wurde, fand eine äußerst aufgeregte Auseinandersetzung darüber mit den beiden Staatsanwälten statt, die die Vorstände sind. Bei dieser Gelegenheit habe ich gegen Müller-Meiningen eine schwere Beleidigung ausgestoßen. Jetzt schwebt deswegen ein Strafverfahren gegen mich. Nun – ich kann zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt werden. Das wird gegen die Behandlung jetzt keinen andern Unterschied mehr machen, als daß ich dann meine Frau doch gelegentlich werde sehn können. Aber der Prozeß selbst wird mir Gelegenheit geben, alles das vor der Öffentlichkeit auszubreiten, was jetzt mit allen Mitteln verborgen gehalten wird. Insofern ist mir die Prozessierung sogar angenehm. So wird endlich ein Hilferuf laut werden. – – Dies alles glaubte ich Dir mitteilen zu sollen, damit Du, falls Dir der Fall zu irgendeinem Eingreifen Anlaß zu geben scheint, nicht vollständig auf die Angaben der Gegenseite angewiesen bist. – Wenn ich Deinen Standpunkt richtig einschätze, so meinst Du, daß innerhalb der dehnbaren Bestimmungen des § 17 RStGB der Justizminister das Recht habe, Verordnungen über den Vollzug der Festungsstrafe jederzeit zu erlassen, ohne sich um ältere Vollzugsgepflogenheiten im geringsten zu kümmern. Das ist auch der Standpunkt Müllers, und schon kündigt er auch eine weitere Verschärfung der Hausordnung an, da ihm die, die er vor 5 Wochen erließ, noch nicht genügt. – Ich möchte Dir aber doch folgende Erwägungen anheimgeben: Zunächst – ist es zulässig, in einem Bundesstaat verschiedene Formen der Strafvollstreckung bei gleichem Gerichtserkenntnis bestehn zu lassen? Die Hausordnung vom 16. August soll – das wird ausdrücklich gesagt – nur für Zivilgefangene Geltung haben. Für Offiziere also, die nicht wegen ihrer politischen Betätigung, sondern zumeist wegen Zweikampfs oder dergleichen bestraft sind, bleiben alle alten Bestimmungen vom 18. März 1893 in Kraft, die ja bis zum 16. August auch für unsre Verwahrung und Behandlung maßgebend waren, und dem Standgericht, als es sein Urteil sprach, für das Strafmaß wesentlich gewesen sein dürften. – Zweitens: ist es nicht möglich, für den Strafvollzug ein Gewohnheitsrecht in Anspruch zu nehmen? Dir ist natürlich Fritz Reuters „Ut mine Festungstid“ geläufig. Wenn ich mich recht erinnere saß Reuter von 1830 – 37 auf Festung. Aus dem Buch ist erkennbar, daß schon vor fast 100 Jahren der Vollzug der Festungshaft als Ehrenhaft zum Ausdruck kam. Ich kann mir unmöglich vorstellen, daß irgendein Minister irgendwo für eine bestimmte Art von Festungsgefangenen nachträglich, d. h. nachdem diesen selbst die alten Bestimmungen zuerst vorgelesen waren und sie danach behandelt wurden, urplötzlich eine vollständige grundsätzliche Abänderung der Strafart vornehmen und ihr diffamierenden Charakter aufdrücken darf. – Endlich aber scheint mir doch die Unterbringung der Gefangenen in Strafanstalten, die offensichtlich nicht „dazu bestimmte Räume“, sondern im Gegenteil Gefängnis- bzw. Zuchthausräume sind, im stärksten Widerspruch zum Wortlaut des Reichsgesetzes zu stehn. Wir haben gegen diese m. E. rechtswidrige Unterbringung solange keinen Einspruch erhoben, wie die Behandlung deutlich die Absicht zeigte, uns als wirkliche Festungshäftlinge zu halten. Ich bin aber zu der Überzeugung gelangt, daß grade die Hafträume, gewöhnliche Kerkerzellen, auf die Behandlung der Häftlinge abgefärbt haben. Unsre Aufsicht wird von Gefängniswärtern besorgt, die selbstverständlich bei ihrer ganzen Schulung den Unterschied zwischen Sträflingen in Verbrecheranstalten und Gefangenen in Ehrenhaft solange nicht machen können, wie sie ihr Handwerk innerhalb des gewohnten Milieus ausüben müssen. Der Verwalter des Hauses hat zugleich die Untersuchungs- und Strafgefangenen des Gefängnisses und die im selben Hause eingegitterten Festungshäftlinge zu betreuen. Der Unterschied ist also an und für sich schon durch die Verwahrung völlig verwischt. Dadurch ergibt sich bei allen Beamten, vom niedersten Aufseher bis zum Minister, eine psychologisch ganz verständliche Identifizierung der verschiedenen Gefangenen. So erkläre ich mir z. B. die für uns besonders kränkende Bestimmung der neuen Hausordnung, worin Herr Müller den Oberaufsehern der Gefängnisse Disziplinargewalt über uns einräumt, so erkläre ich mir auch die jüngste Anordnung des Ministers an die Festungsvorstände, in bestimmten Fällen die im Hause geltende Gefängnisordnung auf die Festungsgefangenen sinngemäß Anwendung finden zu lassen. Das alles gäbe es nicht, wenn der Forderung des Reichsgesetzes Rechnung getragen und wir „in Festungen oder andern dazu bestimmten (d. h. prädestinierten) Räumen“ untergebracht würden. – Meine Frage an Dich geht nun dahin: hältst Du die Anstrengung eines Prozesses gegen den Justizminister mit der Forderung auf Beachtung der Bestimmung § 17 StGB für aussichtsvoll? – Bei welchem Gericht müßte der Prozeß anhängig gemacht werden? Steht dem Reichsgericht oder welcher Behörde sonst das Recht zu, die baierische Regierung zur Innehaltung der reichsgesetzlichen Vorschriften anzuhalten? Wohin könnte eine persönliche Beschwerde gegen den Justizminister geleitet werden, ohne daß von ihm selbst abhängigen Instanzen die Entscheidung zufiele? – Ich hoffe, daß Du diesen Brief zugestellt erhalten wirst und wäre Dir für beschleunigte Antwort sehr dankbar. Bedenke, daß ich für unbestimmte Zeit von meinen Kameraden und von Besuchern vollständig abgesperrt bin, sodaß die Meinungsäußerung von Dir immerhin einiges Licht in die Dunkelheit meiner gegenwärtigen Stimmung werfen dürfte. Mit Dank im voraus grüße ich Dich als Dein Erich Mühsam.“

 

Also wieder mal richtiggehend eingesperrt, – aber dieses Mal nicht aufgrund einer eingeleiteten Untersuchung oder in Erfüllung eines ordentlichen Rechtsspruchs, sondern auf unbestimmte Zeit, deren Grenze 15 Jahre ist, auf einfachen Befehl des von mir der ehrlosen Gesinnung bezichtigten Ministers Müller zur Bestrafung einer Äußerung, die ich nie getan habe. Zur Überführung genügte die verleumderische Denunziation des Herrn Dr. Vollmann. Eine Racheakt also dieses appetitlichen Mitbürgers wegen der Eingabe ans Justizministerium, in der ich seine Abberufung verlangt habe. Toni Waibel sitzt in seiner Zelle ebenfalls eingesperrt und gibt sich wahrscheinlich ähnlichen Betrachtungen hin wie ich. Und Zenzl wollte grade von Konstanz zurückkehren und dann gleich zu mir kommen. Bei mir in der halbwegs wohnlichen Klause hätte ich sie ja doch nicht mehr empfangen dürfen – und nun soll ich sie überhaupt nicht wiedersehn, bis Herr Müller sich nicht anders besinnt. Das sind die Sieger! O Himmel, wie leicht wäre es vor Richtern, die nicht Beamte wären, die behauptete Ehrlosigkeit des Mannes zu beweisen. Aber so wird man mich vor Leute stellen, die in ihrer Beförderung von meinem Adversär abhängig sind. In Gottes Namen. – In diesen Tagen erwarte ich den Rechtsanwalt Dr. Kahn II, Nürnberg, dessen Besuch mir schwerlich verweigert werden kann, und dann wird die Sache doch wohl publik werden. Von allem das Miserabelste ist, daß die Regierungsmacher und ihre Kreaturen in den niedrigeren Ämtern zu ihren Brutalitäten erst die Möglichkeit finden durch das erbärmliche und verräterische Verhalten sogenannter „Genossen“ bei uns selbst. Daß wir sogenannte „Häuserschleicher“ – so wurden sie in Ebrach von den roten Jungens genannt – unter uns haben, wußten wir längst. Jetzt haben sich in den letzten Tagen 2 Parteien schroff von einander getrennt, die nicht einmal mehr den Gruß miteinander wechseln. Die Eingabe an das Justizministerium gab den letzten Anlaß zum Bruch. Sie war gemeinsam beschlossen worden und ich mit ihrer Abfassung beauftragt. Allerdings hatten sie vor der Absendung nicht alle gesehn – das lag aber nicht an Parteilichkeit, denn auch von der Mehrheit war sie nicht allen zu Gesicht gekommen – sondern an der Eile, mit der das Schreiben schließlich weg sollte. Ich schickte das Kuvert offen hinunter, damit Herr Vollmann sich persönlich daran erfreuen könne, daß er da als seiner Verantwortung nicht bewußter und seinen Aufgaben nicht gewachsener Beamter bezeichnet wurde. Gestern früh – oder wars schon vorgestern? – kam er herauf und ließ mich kommen. Er hielt den Brief in der Hand und stellte mich zur Rede: „Sie haben da eine Eingabe ans Justizministerium abgeschickt.“ – „Allerdings.“ „Zum Schluß schreiben Sie: im Auftrag. In wessen Auftrag war das?“ – „Sie haben das Schriftstück ans Ministerium weiterzuleiten. Ich habe mich vor Ihnen garnicht zu rechtfertigen.“ – „Schön, dann werde ich berichten, daß Sie sich den Auftrag angemaßt haben. Ich habe ein Schreiben von vier Herren erhalten, daß sie mit dieser Eingabe nichts zu tun hätten, ebensowenig mit den Zeitungsartikeln, die Sie hinaus lanzieren.“ – „Berichten Sie was Sie mögen. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.“ – Ich kam in den Gemeinschaftsraum und gab Bericht von dem Gespräch. Riedinger war zugegen und gab zu, sich an der Gegenaktion beteiligt zu haben. Seine Erklärungen wurden garnicht angehört. Wir waren stillschweigend einig, die Herren zu schneiden. Nachher verfaßten die übrigen sechs (Waibel, Hagemeister, Hartig, Olschewski, Reichert und Renner) eine Erklärung, worin sie bestätigen, daß das Schreiben an das Justizministerium von allen beschlossen und mir zur Erledigung übertragen worden sei. Dies Schreiben kam wieder herauf mit dem Vermerk, diese Angabe erledige sich durch die Tatsache, daß 4 Herren ihre Beteiligung schriftlich in Abrede gestellt und die Weitergabe dieser Erklärung ans Ministerium verlangt hätten. Darauf sandte ich diesen Notenwechsel im Original ebenfalls dem Ministerium zu, da anzunehmen war, daß Vollmann ohne Bekanntgabe der Solidaritätskundgebung der Mehrheit nach München berichtet hatte, die Eingabe sei nur von mir gewesen und ich hätte kein Recht gehabt, mich als beauftragt auszugeben. Jedenfalls haben wir nun den dokumentarischen Beweis, daß die „Genossen“ Dosch, Mehrer, Riedinger und Westrich in diesen Tagen, wo der Bogen bis zum äußersten gespannt ist, wo die Solidarität, die sie zum Beginn des Hungerstreiks am lautesten bekundet und dann zuerst gebrochen haben – wir wissen jetzt bestimmt, daß von Anfang an bei Mehrer heimlich gegessen wurde – unsre ganze Waffe gegen die Brutalität unsrer Kerkermeister ist, hinter dem Rücken der Kameraden mit den Feinden konspiriert und uns durch ihre Intrigen in die scheußliche Lage versetzt haben, die jetzt an Waibel und mir manifestiert wird. In dem Exposé an den Landtag, das ich Radbruch gegenüber erwähnte, kramt Müller-Meiningen bekannte Ladenhüter aus, erzählt von dem Terror, der gegen die anständigen Elemente in den Festungen verübt wird (mir klingen die Ohren) und bringt Zitate aus Briefen dieser „anständigen Elemente“, die von dem „sittlichen Tiefstand“ zeugen, mit dem wir „Rabiaten“ diese armen Denunzianten und Spitzel peinigen. Material für meinen Prozeß: Hat der Kerl Ehre, der die Verräter der eignen Genossen, die Zuträger und Überläufer als anständige Elemente empfindet? Daß er sie für seine Zwecke braucht, nehme ich ihm nicht übel. Aber daß er öffentlich eine solche Gesinnung anständig nennt, das kennzeichnet sein eignes sittliches Niveau. – Für die kommende Revolution sind die Erfahrungen mit solchem Genossengesindel natürlich äußerst wertvoll. Soweit Nachrichten von den andern Festungsanstalten hergelangen, zeigen sich überall die gleichen trüben Erscheinungen, die wir ja auch schon in Ebrach beobachtet haben. Aber 4 von 11 ist doch ein recht hoher Prozentsatz von Verrätern. – Von allem Übrigen nur eins: Levien ist in Wien verhaftet. Es ist kein Zweifel mehr, obwohl ich es lange nicht glauben wollte. Jetzt fragt sich’s: wird Österreich ihn an Baiern ausliefern (man versuchte es, ihn mit dem „Geiselmord“ in Verbindung zu bringen) oder das Asylrecht gegen politische Sünder wahren? Die reaktionäre Presse, allen voran die Münchner Post, heizt inzwischen eifrig den Scheiterhaufen.

 

Ansbach, Montag, d. 13. Oktober 1919.

Abschrift: „An den Herrn Oberstaatsanwalt beim Landgericht Ansbach. Beschwerde. 1.) Der Herr III. Staatsanwalt beim Landgericht Ansbach, Dr. Vollmann, hat mich auf Anordnung des Justizministeriums am 11ten ds. M. für unbestimmte Dauer in Einzelhaft sperren lassen, mir zugleich den Aufenthalt im Freien auf 1 Stunde täglich beschränkt und mir den Empfang von Besuchen vollständig untersagt. Er hat die Ermächtigung zu dieser Maßregelung laut seiner eignen Angabe durch die ans Justizministerium geleitete Denunziation bewirkt, ich hätte die Absicht kundgegeben, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu fliehen. Ich bin mir nicht bewußt, eine derartige Aeußerung der Form oder dem Sinn nach getan zu haben. Ich kann im Gegenteil durch eine Reihe meiner in Ebrach und hier mit mir gefangen gehaltenen Freunde bestätigen lassen, daß ich eine Flucht für meine Person stets mit der Begründung als indiskutabel erklärt habe, daß ich meine Befreiung erst dann für wünschbar halte, wenn sie mir die Möglichkeit gewährt, draußen öffentlich für meine selbstgesetzten revolutionären Aufgaben zu wirken; daß mir aber ein Leben, fern von meiner Frau und meinen Freunden, im Versteck und unter dauernder Verfolgung keineswegs ein Äquivalent für die mit einer Flucht verbundenen Gefahren bieten könnte. – Ich vermute, daß die Anzeige des Herrn III. Staatsanwalts auf ein Mißverständnis zurückzuführen ist. Ich habe, als uns die nächtliche Einsperrung in die Zellen bekanntgegeben und mit der Flucht eines Gefangenen begründet wurde, der zugegebenermaßen den Ausbruch nicht von dem stark vergitterten gemeinsamen Haftraum aus unternommen haben kann, ausgerufen, das sei ja eine Prämie auf die Entweichung, wir nicht Entflohenen würden bestraft! – Ich beschwere mich darüber, daß eine derartig entscheidende, den Charakter der Festungshaft aufhebende und dabei nicht einmal zeitlich begrenzte Maßnahme aufgrund der einseitigen Angabe eines Beamten getroffen wird, ohne daß ich oder die als Tatzeugen anwesenden Mitgefangenen überhaupt vernommen worden wären. Dieses Verfahren setzt die Gefangenen der unaufhörlichen Gefahr aus, für ein Mißverstehen, einen Irrtum oder eine nervöse Beargwöhnung eines einzelnen Beamten ohne die Möglichkeit einer Verteidigung schwer gezüchtigt zu werden. Ich ersuche um schleunige Aufhebung der Maßregelung. – 2.) In einem Brief vom 11. Oktober wandte ich mich mit einer Reihe von Anfragen rein juristischer Natur an den Strafrechtslehrer Herrn Prof. Dr. Gustav Radbruch in Kiel, um einerseits über Mittel Aufschluß zu erlangen, wie dem neuerdings gegen baierische Festungsgefangene beliebten Strafvollzug gerichtlich zu begegnen sei, andrerseits Rechtsauskunft zu erbitten, über Fragen, die in engem Zusammenhang stehn mit einem Strafverfahren, das gegen mich wegen Beleidigung des Herrn Justizministers eingeleitet ist. Dieser Brief wurde vom Herrn III. Staatsanwalt mit der Begründung von der Beförderung ausgeschlossen und den Akten einverleibt, er enthalte eine Kritik des Herrn Justizministers (§ 17III H. O.). Nun erlaubt der angezogene Satz der Hausordnung dem Vorstand die Zurückhaltung nur dann, wenn der Brief beleidigenden Inhalts ist oder agitatorischen Zwecken dient. Beides ist nicht der Fall. Er enthält nicht einmal eine Kritik des Ministers, sondern nur seiner Anordnungen, und diese Kritik war zum Verständnis der an den Adressaten gerichteten Anfragen unerläßlich. Ich fühle mich durch die Verweigerung der Beförderung nicht nur in meinen staatsbürgerlichen Rechten allgemein verletzt, – ich fühle mich zugleich in der Vorbereitung zu meiner Verteidigung schwer beeinträchtigt, noch dazu durch ein Organ der Gegenpartei. – Ich erhebe deswegen Beschwerde gegen den Herrn III. Staatsanwalt Dr. Vollmann und ersuche zugleich, den beanstandeten Brief zur Einsicht einzufordern und nach Kenntnisnahme die Weiterbeförderung an den Herrn Adressaten zu veranlassen. Den frankierten Briefumschlag lege ich zu diesem Zweck bei. Hochachtungsvoll Erich Mühsam, Festungsgefangener im Gefängnis Ansbach. (Anlage: Briefumschlag).

 

Ansbach, Dienstag, d. 14. Oktober 1919.

Vorläufig haben meine Proteste gegen die Einzelhaft nichts geholfen. Zwar war der Nürnberger Oberstaatsanwalt heute hier anwesend und hat auch mit Olschewski gesprochen. Zu einem Besuch bei mir oder Toni Waibel hat er sich indessen nicht veranlaßt gesehn, und Olschewski hat er, als der sich für uns einsetzte, den Bescheid gegeben, diese Sache gehe ihn (O.) garnichts an. Das wurde leider ohne Protest hingenommen. Nun ist im Grunde die Einzelhaft für mich nicht garso unerträglich. Sie läßt mich besser zur Konzentration kommen, als bisher die aufgeregte Durcheinanderlauferei der Genossen in dem kleinen Haftraum, wo niemals einer den andern zu einer halben Stunde Ruhe in seiner Bude kommen ließ. Da ich überdies die Hofstunde mittags, wenn die Herbstsonne den Aufenthalt draußen am angenehmsten macht, mit Toni gemeinsam halte und die Kameraden im übrigen nach mir fragen, mich mit Zeitungen, Kaffee, Thee etc. versorgen – leider ist ein Gespräch mit ihnen nur selten möglich –, so fühle ich mich durch den mir angetanen Zwang nicht weiter bedrückt, als daß mir nur der Gedanke an die abscheuliche Willkür und besonders daran, daß mir sogar Besuche nicht gestattet werden, die Galle hochtreibt. Im übrigen empfinde ich nur einige Begleitumstände lästig, die dürftige Herrichtung des Essens, die mir außerdem die Sauberhaltung des Tisches zum Schreiben erschwert, die Benützung des Kübels in der Zelle, worin ich eigentlich das Höchstmaß menschlicher Verelendung erblicke – und dann die qualvolle Schließerei an den beiden Türen, die mich vom Korridor trennen. Vielleicht zehnmal am Tage wird auf- und zugesperrt: bald wird Essen gebracht oder Zeitungen oder Briefe oder aufgewischt oder ich habe einen Wunsch und mußte läuten – und jedesmal geht ein Riegeln und Schlüsselrasseln an, das, wie ich nach der Uhr feststellte, 15 – 20 Sekunden dauert, also mit dem Zusperren mindestens eine halbe Minute. Das ist widerlich und geht mir schauderhaft an die Nerven. Der Sträfling wird höchst eindringlich an seine Lage erinnert. – Sonst aber komme ich mehr zur Einkehr und Würdigung der ganzen Situation. Am meisten beschäftigt mich mein Eintritt in die KPD, die von meinen Freunden mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen wird, und der ich selber noch mit recht gemischten Empfindungen gegenüberstehe. Mein alter treuer bewährter Genosse Albert Reitze schmetterte mir auf die Erklärung, die die kommunistische Presse von mir brachte, ein „Herzliches Beileid!“ zu, das ich äußerst bitter empfand. Ein Brief, den er mir hinterhersandte, war dann freundlicher. Aber er spricht von politischer Extravaganz und läßt schlimme Befürchtungen für mein Seelenheil durchblicken. Heut hab ich ausführlich geantwortet. Nein – ein Bonze will ich nicht werden, und wenn ich in die Partei gehe, so geschieht es, um den Parteigeist von innen heraus zu bekämpfen. Maßgebend für den Entschluß waren mir die häufigen Vorwürfe der besten Kameraden in Ebrach (Hohenester, Oblinger, Hagen, Fürbacher, Koberstein etc.) und hier Reicherts, daß alles anders gekommen wäre im April, wenn ich damals schon Parteimitglied gewesen wäre. Ich glaube das selbst. Die Überraschung in der Nacht zum 5ten im Kriegsministerium, wo die drei uns allen damals noch ganz unbekannten Vertreter der Partei, Schuhmann, Dietrich und Leviné plötzlich mit der Absage kamen, wäre uns erspart geblieben. Angenommen, Leviné hätte mich auf seinen Standpunkt gebracht, so hätte ich bestimmt verhindern können, daß die Ausrufung beschlossen worden wäre, da ich den Revolutionären Arbeiterrat bearbeitet hätte, oder meine Meinung wäre gegen die Levinés durchgedrungen, dann wäre die entsetzliche Spaltung des Proletariats im entscheidenden Augenblick nicht erfolgt, die Hinausschiebung bis zum 7. April wäre verhindert worden, Schneppenhorst und Konsorten wären nicht in die Lage gekommen zu intrigieren und vielleicht wäre alles gut geworden. Sobald ich wieder draußen bin, will ich an der Stelle arbeiten können, wo ich meine Arbeit selbst für am wichtigsten halte, und es kann leicht sein, daß es die Arbeit an der Partei sein wird, sich über den Charakter als Partei zu erheben und das Aufnahmebecken für alle wirkliche Revolution zu werden. Ein Preisgeben meiner Ansichten, Absichten, Ziele und Ideale liegt demnach nicht in meinem Parteibeitritt. Ringelmann ist natürlich glücklich darüber, ebenso Waibel, Reichert und die übrigen Festungs-Kommunisten. Ob sie in der Partei viel Freude an mir erleben werden? – Vielleicht werde ich schneller wieder draußen sein als ich hineingekommen bin: wenn nämlich die Doktrinäre, die jetzt schon gegen die Sünder von der syndikalistischen Seite die große Fehme aussprechen, Oberwasser kriegen. Nein, zum Bibelgläubigen sollen sie mich nicht machen. Ich bleibe Anarchist und Bakunist. Was mich zum Bolschewisten macht, ist die Erkenntnis, daß wir um die proletarische Diktatur nicht herum können. Lenin ist ebenfalls viel eher Schüler von Bakunin als von Marx. Darüber will ich in meiner Broschüre über „die Einigung des revolutionären Proletariats“ den Beweis führen. – Damit werde ich wohl in den nächsten Tagen anfangen, nachdem ich gestern das Manuskript meines neuen Gedichtbandes „Brennende Erde. Verse eines Kämpfers“ an den Kurt Wolff-Verlag abgesandt habe. Es soll Zenzl gewidmet sein, deren Liebe über alle Begriffe schön ist. Ihr soll mein Leben in Treue gehören, wenn ich’s fertig kriege, sogar in körperlicher ... – In der Welt gehts amüsant genug zu. Das Abenteuer im Baltikum nimmt immer groteskere Formen an. Die Entente treibt eine sehr kluge Politik zugleich gegen die Deutschen und gegen die Bolschewiki. Nachdem sie gemerkt hat, daß die Lakaien der preußischen Junker, die Noske und Gelichter, ihren „Ostschutz“ als Sammelkessel konterrevolutionärer Kriegstruppen benutzten, forderten sie die Rückberufung des ganzen in Kurland und Lettland kämpfenden Heers. Herr v. d. Golz trieb aber Politik auf eigne Faust. Mit stillem Einverständnis der Regierung betrieb er die Unbotmäßigkeit der Truppen, und nun wo die Alliierten Ernst machen, haben sie die Zügel nicht mehr in der Hand. Der Führer der „Eisernen Division“, ein Major Bischoff hat sich mit seinen Truppen unter die russische Flagge gestellt und fühlt sich als York II. Die konterrevolutionären Truppen Rußlands unter Bermondt-Awaloff kämpfen nun im Bunde mit Deutschen gegen Bolschewisten einerseits und Letten andrerseits. Er ist im Begriff, Riga zu nehmen. Der Angriff gegen Riga aber hat die Entente veranlaßt, die ganze Ostsee zu blockieren. Zugleich „bittet“ sie Deutschland, die Grenzen gegen Sovjet-Rußland zu sperren, und die „Sozialisten“ in Berlin werden diesen Verrat gegen alle Revolution selbstverständlich ebenso gehorsam begehn, als wenn er von preußischen Generälen käme. Sie, die selbst blockiert sind, müssen zugleich ihre Hungerpeitschenschwinger mit der Hungerpeitsche gegen die Russen unterstützen. Nie ist ein Volk so entehrt gewesen wie das deutsche Volk jetzt, da es von „Sozialisten“ um die Revolution geprellt wird. Aber: je ärger es kommt, umso sicherer naht unsre Stunde. Möge sie uns bereit und stark finden!

 

Ansbach, Donnerstag, d. 16. Oktober 1919.

Müller-Meiningen macht Ernst. Heute wurde mir die Anklageschrift zugestellt, nachdem ich gestern die erste Unterredung mit dem Anwalt hatte. Der Mann ist überglücklich, daß ich ihm die Verteidigung gebe. Die Geldfrage scheint ihn blutwenig zu interessieren, obwohl er sonst als großer Beutelschneider gilt. Als Urkunden werden in der Anklage genannt: Strafantrag des Beleidigten und Strafantrag des Gesamtministeriums, das sich demnach mit betroffen zu fühlen scheint. Umso besser. Jetzt hat diese „Sozialisten“- und Demokratenbande, unterstützt von den Kollegen aus dem Lager der Christkatholischen schon wieder ein Todesurteil vollstrecken lassen. Man hatte mit dem Prozeß gegen Seidel, Schicklhofer und Genossen und der Erschießung von 6 „Mördern“ noch nicht genug. Die „Geiselmörder“ mußten noch einmal heran. Man brachte noch 4 Sünder nachträglich auf die reaktionäre Schlachtbank und hat von ihnen einen – Kammerstetter – zum Tode, die übrigen 3 zu 15 Jahren Zuchthaus mit den üblichen Nebenstrafen verurteilt. Kammerstetter ist gestern erschossen worden, obwohl das Gericht selbst festgestellt hat, daß er nicht geschossen hat und die andern hat man verurteilt, weil sie im Falle, daß – bereit gewesen wären. Der Mann aber, der das alles vor Gott und Menschen zu verantworten hat, fordert mich vor Gericht, weil ich ihn einen ehrlosen Lump genannt habe, stellt mich vor Richter, die von ihm in ihrer Beförderung abhängig sind – und ich werde natürlich zu langer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Aber das macht nichts aus. Ich werde allen in Baiern in Festungshaft Sitzenden einen ungeheuren Dienst erweisen, – und ich will doch sehn, ob der Müller sich nicht bei der Gelegenheit zwischen den eignen Mahlsteinen die Ministerrippen bricht. – Der Gefängnis-Vorgeschmack der Einzelhaft wird wohl bald überstanden sein. Heut am Spätnachmittag erschien der III. Staatsanwalt bei mir, sehr betreten und mit einem Ausdruck, als ob er gern „wieder gut“ sein wollte. Er habe heute mit dem Ministerium – einem Dr. Kühlewein, mit dem die Genossen in Eichstätt schon liebliche Erfahrungen gemacht haben – gesprochen und zugegeben, daß er die bewußte Aeußerung vielleicht doch im Wortlaut nicht genau wiedergegeben habe, auch hätten ihm alle meine Kameraden bestätigt, daß mir stets jeder Gedanke an Flucht ferngelegen habe etc. Ich blieb sehr kühl und amüsierte mich an der Verlegenheit des Mannes, der immer wartete, ob ich ihm nicht auf die Sprünge helfen wollte. Als er meinte, er sei selber erstaunt gewesen über die Anordnung des Ministeriums, gab ich ihm nur zur Antwort, ich sei über nichts erstaunt, was von der Seite an Maßnahmen käme. Er versicherte schließlich, daß die Ausnahmebehandlung jedenfalls in kürzester Zeit aufgehoben würde, fragte schließlich noch in seiner Angst, ob ich vielleicht Beschwerden hätte, was ich grinsend verneinte und war sichtlich froh, als er wieder hinauskam ... Ich habe hier lange keine Totenliste mehr geführt. Nach dem, was im Mai passierte, kann mir ja auch der Tod eines Menschen nicht mehr viel anhaben. Und daß ich Ernst Haeckel überschlagen habe – ich verzeihe es mir. Aber einen Todesfall, den ich aus den Zeitungen erfahre, will ich doch erwähnen, nicht, weil er mein Herz über die Maßen betrübte, sondern weil er daheim bei mir – mein Gott: „daheim!“ – merkwürdige kleine Wirkungen ausüben wird. Es ist der Tod der ehemaligen Schlüsseldame der baierischen Königin, Baronin v. Keßling, mit der mich ganz eigentümliche Beziehungen verbunden haben. Ich war seit Jahren fast täglich in ihrem Hause (Fürstenstraße 12) gewesen und hatte an ihrer Wohnungsglocke geschellt, selbst während der Rätezeit machte ich mittags ziemlich regelmäßig den Umweg über die Fürstenstrasse um vom Wittelsbacherpalais heimzukommen. Das Band, das so vom königlichen Hof zur radikalsten Revolution führte – das war mein Pudel. Der war, bevor ihn 1916 Frau Winter mir schenkte, schlecht behandelt worden, und da nahm sich die Nachbarschaft – und zwar die Köchin der Baronin Keßling seiner an, eine dicke halbtaube, kreuzbrave und kuhdumme alte Person; die Baronin selbst fand Gefallen an dem Vieh und duldete ihn tage- und nächtelang als Gesellschafter ihres schokoladebraunen Wachtelhundes, eines Geschenks Ihrer Majestät, in ihrer Wohnung, – und dahin hatte sich das Tier so gewöhnt, daß er, so heiß seine Liebe zu mir und zumal zu Zenzl immer sein mag, doch täglich dorthin lief und trotz meiner Bitten und trotz meines Schimpfens gefüttert wurde. Nun ist die spitzige Dame mit dem absonderlich höfischen, gezierten Gang und dem immer aktionsbereiten Lorgnon-Stangerl also tot. Da wird der Pudel nun seine Köchin auch nicht lange mehr vorfinden. Die Stätte seiner anhänglichen Treue wird verschlossen sein. Tante Zenzl wird nun sein ganzes Herz ungeteilt haben – und niemand braucht ihm mehr durch die Stadt nachzulaufen, um ihn an seine rechtmäßige Suppenschüssel zurückzuführen. Mancher dumme Ärger wird dadurch zuhause wegfallen – und die tote Baronin, die dicke Köchin und der geliebte Freund, der schokoladebraune Wachtelhund, wird dem Pudel nur noch manchmal in seinen Träumen begegnen. – Ja, der Pudel. Manchmal habe ich recht Sehnsucht nach dem guten Tier. Säß der unter meinem Tisch, ich dürfte ihm mal durch den wuscheligen Kopf fahren, und er reckte sich dann schweifwedelnd, legte seine Schnauze auf mein Knie und schaute mich mit den klugen etwas phosphoreszierenden Augen so durchdringend und unendlich verständig an, als läse er meine innersten Gedanken – dann wüßte ich mich durch die Kreatur, die kein Falsch kennt, und der die Treue, die Anhänglichkeit, das unbedingte Vertrauen und die nie zweifelnde Liebe, die keine Verstellung kennt und sich von jeder Heuchelei arglos täuschen läßt, – der diese Eigenschaften der Inbegriff des ganzen Wesens sind, dem Weltgeist tiefer verbunden als durch alle Bücher, alle Betrachtungen und alle Unwirklichkeiten meiner Träume.

 

Ansbach, Dienstag, d. 21. Oktober 1919.

Freitag früh wurde ich aus der Einzelhaft entlassen, in der ich nahezu 6 Tage – wie heißt es? – „schmachten“ mußte. Ich behandelte den Staatsanwalt, als er mir die „Befreiung“ mitteilte, ohne Erwiderung seiner Annäherungsversuche, zumal zugleich die Botschaft kam, daß Olschewski und Waibel wegen des Versuchs, Briefe hinauszuschmuggeln, festzusetzen seien. Der arme Toni sitzt demnach heute schon 10 Tage, und Olschewski tut mir besonders leid, da er – ein ehemaliger Weinreisender – ohne Gesellschaft völlig unglücklich und vereinsamt ist. Inzwischen werden die Schikanen gegen uns fortgesetzt: Konfiskationen von Zeitungen, die Artikel über uns enthalten, und Briefen, die Herrn Vollmann nicht gefallen, sind an der Tagesordnung. Immerhin geht der Verkehr zwischen den Gefangenen und ihrem Kerkermeister nur noch schriftlich vor sich, sodaß wenigstens aufregende Krachszenen vermieden sind. – Der Verkehr unter uns Gefangenen selbst ist immer noch durch die Spaltung in zwei Parteien gekennzeichnet. Die „anständigen Elemente“ werden nicht mal mehr gegrüßt von uns, ihre Anbiederungsversuche werden zurückgewiesen. So schickte z. B. Dosch vorgestern Olschewski einen Schnaps in die Zelle, aber der schickte ihn, obwohl er sehr gern pichelt, zurück. Als Dosch sich bei mir darüber beschweren wollte, ließ ich ihn schroff abfahren. Wir andern sieben halten gut zusammen und führen bisweilen recht fruchtbare Gespräche, deren Kosten zumeist von Hartig und mir getragen werden. So erörterten wir gestern abend die vielen Möglichkeiten der revolutionären oder reaktionären Fortentwicklung in Deutschland. Meine Meinung geht dahin, daß Junker und Industriekapitalisten gleichmäßig interessiert sind an der Veranstaltung eines Revanchekriegs, um die alldeutschen Kriegsziele von 14 – 18 wenn nicht noch zu erreichen, so doch die Wirkungen des verlorenen Kriegs aufzuheben und an der Ausraubung der Welt weiterhin teilnehmen zu können. Darum glaube ich sucht man sich militärisch zu retablieren (Bischoffs Übertritt zu den Russen, Bewaffnung der Bourgeoisie, Einwohnerwehren, „Ertüchtigung“ der Jugend, Noskegarden, militärische Streikbrecherorganisation (technische Nothilfe), patriotischer Klimbim), um für den gegebenen Moment eine Wiederholung des „Befreiungskriegs“ von 1813 unternehmen zu können. Voraussetzung dazu wäre freilich die erfolgreiche Konterrevolution vorher. Ich entwickelte 5 Eventualitäten für den Verlauf der Dinge. 1). Nach Inkrafttreten des Friedensvertrages – das bald erfolgen dürfte und nur noch durch die baltischen Schwierigkeiten verzögert wird – Lockerung der Bedingungen von Versailles, Bewilligung von Krediten Amerikas und Englands ans deutsche Kapital, dadurch Konsolidierung der bestehenden „demokratischen“ Verhältnisse und Abebben der Revolution wie nach 1848 und 71 in gefestigter Bourgeoisherrschaft. Aber das ist der unwahrscheinlichste Fall, weil mit Revolutionen auch in den Ententeländern zu rechnen ist, die die Abwanderung großer Kapitalien verhindern werden. 2) Die Konterrevolution hat Erfolg. Dann wird die gegenwärtige Dienerschaft der feudalistischen Mächte von den Herren selbst abgelöst. Die Militärdespotie – mit monarchistischer Spitze oder mit monarchistischer Tendenz geht rücksichtslos aufs Revancheziel los, scheitert aber an der Wachsamkeit Frankreichs, da die Vorbereitungen ohne Durchbrechung der Friedensbedingungen kaum möglich sein werden. Die möglichen Unruhen dort, auf die jedenfalls spekuliert wird, wären insofern den Alldeutschen kein Vorteil, als sie sich auch dann einer westlichen roten Armee gegenübersehn würden, die dann um die Revolution kämpfen würde. 3) Die Konterrevolution wird niedergeschlagen. Hartigs Ansicht, dann werde das deutsche Proletariat nicht mehr mögen und den Scheidemännern, Payers und Genossen freiwillig die Macht lassen, ist absurd. Nein, dann haben wir freies Feld und unsre Sache siegt schnellstens. 4) Der Konterrevolution kommt eine große Erhebung des Proletariats zuvor, deren Ende die Niederlage ist. Dann tritt die feudalistische Konterrevolution automatisch ein, die Demokraten verschwinden und die Entwicklung nimmt ihren Verlauf wie in Fall 2. 5) Meine Hoffnung und demgemäß mein Glaube: das Proletariat siegt in eignem Angriff. Das wäre der Beginn der wirklichen Revolution, der Erneuerung mit dem Ende des Kapitalismus in der 3. Internationale. Wie also immer die Dinge laufen werden, früher oder später werden sie in unsre Hände laufen. Leider scheint der Weg zu uns nicht so kurz zu sein, wie ich wünschte. In Rußland sieht es trübe aus. Die Engländer haben Kronstadt genommen und Judenitsch, der Heerführer der westrussischen Gegenrevolution soll in Petersburg eingezogen sein. Zugleich wankt Riga unter den von den deutschen Überläufern gestärkten Angriffen Bermondt-Awaloffs. Noch ist Petersburgs Fall nicht sicher bestätigt, aber die Nachrichten klingen bedenklich. Moralisch wäre es ein schwerer Schlag, strategisch wohl kaum von besonderer Wichtigkeit. Wenn Moskau fiele – und Denikins Heere sollen sich der Stadt nähern, wäre es schlimmer, wiewohl der Osten auch dann noch sicher wäre. Aber die Gegenrevolution losgelassen in den Hauptstädten – München sagt genug. – Dort geht heute der Prozeß an gegen die paar Soldaten, die man aus der Metzelei unter den katholischen Gesellen ausgesucht hat. Sie sind nicht wie Seidel und seine 6 armen Genossen des Mordes angeklagt, sondern nur des Totschlags, und wären ihre Opfer nicht katholische Spießbürger gewesen sondern wirklich Spartakisten, dann würde ihnen kein Haar gekrümmt. Auch Landauers Mörder laufen, obwohl sie bekannt sind, noch frei herum und der Kerl, der ihn ausgeplündert hat, als er tot dalag, behütet noch heute die Sicherheit in Stadelheim. Die Gefühle, die mir hochsteigen, mögen schweigen. – Ich werde zur Zeit durch andre ekelhafte Erscheinungen am eignen Körper in der Erinnerung an die Vortrefflichkeit der freistaatlichen Einrichtungen Baierns wachgehalten. Ein Schnupfen, daß mir dauernd die Nase trieft, ist auf die Gewöhnung ans Haus mit seiner unterschiedlichen Temperatur zurückzuführen. Seit ein paar Tagen leide ich aber an einem Ausschlag, der mit scheußlichem Jucken verbunden ist. Der Arzt hat Einreibungen verordnet und behandelt jetzt auf Krätze, obwohl die Symptome etwas anders sind. Entsetzt aber war ich vorhin, als ich statt des Juckens plötzlich auf dem Rücken ein schauderhaftes Kitzeln fühlte und schnell hintereinander zwei Läuse erjagte. Bei meiner ängstlichen Reinlichkeit. Verdammte Zuchtanstalten! Wenn ich alles vergessen sollte, was jetzt an Niedertracht gegen uns ausgesonnen wird – dieser Schweinerei will ich gedenken, dafür gibts keine Verzeihung!

 

Ansbach, Sonnabend, d. 25. Oktober 1919.

Generalreinigung des Körpers, der Wäsche, der Utensilien und der Zelle. Noch juckt mir die Haut, aber ich hoffe, die Parasiten mit ihren Eiern und Keimen werden hin sein. Bemerkenswert war die Haltung des Anstaltsarztes. Ich zeigte ihm das Betttuch, das man mir, nachdem ich als Ursache der Plage Läuse erkannt hatte, frisch aufgezogen hatte: die kalten Bauern ganzer Divisionen waren als Landkarte zölibatischer Sehnsüchte darauf abgezeichnet. Eine unglaubliche Sauerei. Der würdige Mann erklärte, man könne jetzt trotz allen Waschens solche Spuren nicht vertilgen, schwieg aber auf meine Frage, ob er sich etwa im Hotel auf solche Erklärung hin in ein derartiges Bett legen würde. Tags drauf hatte ich ein andres Laken: blitzsauber. Es ging also, obwohl man mir versichert hatte, die Wäsche sei extra ausgesucht worden, reinere sei nicht da. Der Arzt, auch einer, dem das Dekorum der Anstalt höher steht als die Gesundheit seiner Patienten, suchte mir nachträglich weiszumachen, daß er nur Stockflecken aber keine Sexualspuren gesehn habe. Daß ich mir das Ungeziefer hier im Hause geholt habe, bestreitet er, obwohl es absolut sicher ist. Er möchte den Verdacht nähren, als ob ich die Läuse eingeschleppt hätte und stellte die für einen Wissenschaftler heroische Behauptung auf, daß sich die Parasiten garnicht in der Wäsche am Leben halten ohne Nahrung, die sie ununterbrochen an menschlichen Körpern finden müßten. Ich glaube doch, daß die Eier sich ausgezeichnet konservieren und auskriechen, sobald sie die Menschenwärme reif macht. Wess Geistes Kind Herr Dr. Vollmann ist, dafür habe ich ein neues Beispiel. Ich bestellte mir zur Reinigung meines Anzugs, bzw. meines Frisierzeugs Benzin und Salmiakgeist, worauf mir ein Brief des Herrn überbrachte wurde, des Inhalts, zum Einkauf dieser Dinge bestehe keine Veranlassung, zumal sie nicht vom Arzt verordnet seien. Ich teilte darauf schriftlich mit, zu welchem Zweck ich die Ingredienzien brauche und fragte ironisch, ob dazu die Konsultation des Arztes erforderlich sei. Heut erhielt ich nun die verblüffende Antwort, daß ich mir die „obigen Stoffe“ in der Tat vom Arzt verordnen lassen müsse – ihrer Gefährlichkeit wegen. Der Kerl will schikanieren à tout prix. Seltsam, der Mann weiß ganz genau, daß meine Lebensgeschichte nicht mit mir ins Grab gehn wird, weiß, daß speziell auch meine Festungszeit der Nachwelt erhalten bleiben wird. Die Memoiren aller Revolutionäre enthalten Charakteristiken der Quälgeister, mit denen sie zu tun hatten. Herzen, Krapotkin, Ruge, Bauer – alle haben uns Schilderungen solcher Schikanen hinterlassen, wie wir sie jetzt täglich erleben. Ich lese grade Mehrings Marxbiographie. In welch traurigem Licht stehn da die Zensoren da, die keinen höheren Ehrgeiz kannten als Geist zu unterdrücken und Geistesmenschen zu demütigen. Vollmann liest meine Briefe, weiß also mit was für Leuten ich korrespondiere, sieht, daß die Zeitungen sich mit mir beschäftigen, daß schon jetzt zu meinen Lebzeiten Essays über mich geschrieben werden (Hardekopf hat jüngst in den Weißen Blättern einen Artikel über mich geschrieben, der mich seiner stilistischen Ziseliertheit wegen amüsierte, seiner Klugheit und Klarheit wegen freute). Macht nichts: sein dürftiges Karriereinteresse – er möchte wohl Staatsanwalt für große Dinge, womöglich Regierungsrat im Justizministerium werden und sich als Bürokrat alten Schlages dazu empfohlen halten – verschluckt seine Scham vor den Enkeln. Sein Name – das weiß er – wird der Zukunft überliefert werden, und ihn schreckt nicht der Schimpf und die Verächtlichkeit, die ihm vor der Geschichte anhaften werden. Wirthmann in Ebrach hat dafür ein Empfinden gehabt. Er war tolerant und anständig, wir alle werden ihn als Ehrenmann immer achten. Wir haben jetzt die Gewißheit, daß Vollmann sich der schmutzigsten Methoden bedient, um unser Treiben bespitzeln zu lassen, wir wissen auch, daß die Herren Dosch und wahrscheinlich auch Mehrer Werkzeuge seiner schäbigen Spionage sind – der Polizeipräsident und der Stadtkommandant aus der Münchner zweiten Räteperiode! Was Wunder, daß der sittliche Halt des Revolutionsgebildes zum Teufel ging! – Der Prozeß gegen die Gesellenmörder ist zu Ende. Das Urteil kennen wir noch nicht. Die Ansbacher Zeitung, auf die ich abonniert bin, bringt kein Sterbenswort über den ganzen tollen Vorgang. Die Verhandlung hat grauenvolle Einzelheiten enthüllt, obwohl Staatsanwalt und Richter alles taten, um ein milderes Licht über das Grauen zu breiten. Der Prozeß gegen die „Geiselmörder“, der zu einer Sensationsorgie für alle guten Bürger aufgeblasen wurde, und der 7 Hinrichtungen nach sich zog, gab ein Bild milder Humanität gegen das Theater niedrigster Blutrünstigkeit, das hier in Szene ging. Die Bringer von Ordnung, Ruhe und Sicherheit, verhetzte Landsknechte taumelten in Mordwonnen, ihre Opfer haben grauenvolle Qualen vor ihrem Tode erlitten, – die katholischen Kollegen selbst protestierten, daß man sie nur als Totschläger angeklagt hatte, da doch ihre Tat krasser Mord war (was den Staatsanwalt sehr in seiner Würde kränkte). Urteilsantrag: für 2 Leute je 15 Jahre Zuchthaus, für einen 1 Jahr Gefängnis, für den vierten Freispruch. Wir wissen, daß nicht nur diese 21 unglückseligen Gesellen so zugrunde gegangen sind, sondern Hunderte unsrer Genossen, die aber, solange Herr Müller-Meiningen und sein Troß baierisches Recht exekutiert, nie gerächt werden. Denn Spartakisten hinmetzeln ist gute Tat, und nur das „Mißverständnis“, daß man friedliche Bourgeois erwischte, die übrigens als katholische Schweine beschimpft wurden – die weißen Helden wußten also, wen sie vor sich hatten, – hat die Möglichkeit geschaffen, überhaupt einen Blick in die Tiefen jener Ordnungsbacchanale zu werfen. Die Justizbehörden mögen auf die Katholiken eine schöne Wut haben, daß sie auf der Sühne des Verbrechens bestanden haben. Mein Prozeß wird, hoffe ich, auch noch manche Aufklärungen schaffen. Anders lohnt sich mir die Verurteilung nicht. – Kronstadt und Petersburg sind nicht gefallen. Die Lage der Bolschewiki in Rußland ist gefestigt. Man brauchte nur mal wieder Lügen, um bei den Bürgern angenehme Hoffnungen zu beleben. Inzwischen tagt in Berlin der parlamentarische Untersuchungsausschuß zur Feststellung von Kriegssünden. Regierungsbonzen und Unabhängige hocken in tiefen Überlegungen beisammen, ziehn Leuten wie Bernstorff die Würmer aus der Nase und glauben, die „Feinde“ werden diese Affenkomödie ernst nehmen und womöglich Deutschlands „größte Schmach“, die Auslieferung Wilhelms, Rupprechts, Ludendorffs (und wohl auch der kleinen Halunken wie von der Pfordten e tutti quanti) in der Erwartung abstellen, daß die herrliche Republik selbst Gerechtigkeit zu üben wissen wird. Währenddem wütet Noske, dieses Phänomen an Rohheit, Gewissenlosigkeit, Brutalität und Anmaßung, mit weißen Garden, Streikbrecherkolonnen, Zensurverboten, Verhaftungen und allem dem abenteuerlichsten Kosakenzarismus entlehnten Regierungsfolterwerkzeug wie ein Tobsüchtiger unter Betschwestern. Alle Welt blickt erstaunt, angeekelt und tief empört auf Deutschland. Das Volk aber betet und arbeitet und glaubt seinen korrupten Zeitungsschmierern.

 

Ansbach, Dienstag, d. 28. Oktober 1919.

Abschrift: „Werter Genosse Dr. Lauffenberg, Sie werden davon unterrichtet sein, daß ich vor ganz kurzem meinen Eintritt in die KPD vollzog, um meinem Trachten nach Einigung aller wahrhaft revolutionären Kräfte Deutschlands, soweit sie in der dritten Internationale den Ausdruck ihres Zukunftswollens erblicken, auch äußerlich Nachdruck zu geben. Daß mir dieser Schritt, der als Bruch mit meiner anarchistischen Vergangenheit aufgefaßt werden konnte, nicht leicht fiel, werden Sie begreifen. Aber die starke Beachtung, die mein Übertritt in allen kommunistischen Kreisen fand, ließ mich hoffen, mein Beispiel werde nicht nur bei meinen engeren Kameraden Nachahmung fördern, sondern vor allem in der Partei selbst die von mir wohl bemerkte Tendenz zum Kompromisseln und zum Doktrinarismus beeinflussen und die von Ihnen und den Ihnen nahestehenden Genossen erstrebte Orientierung im Sinne der bolschewistischen Bewegung Rußlands, der sich ohne Aufgabe der Gesinnung Anarchisten, Spartakisten und Tolstojaner anschließen könnten, wirksam unterstützen. – Meine Erwartung hat sich nicht erfüllt. Die Haltung der Zentrale der KPD macht es Genossen, die in der Revolution eine lebendige Aeußerung des Volkswillens zum Kommunismus erkennen, eine geschichtliche Energie, die sich nicht von Paragraphenschustern an einen Leitfaden für Musterschüler binden läßt, unmöglich, in dem Käfig zu bleiben, in dem jene Bonzen und Philister den Kampf um Freiheit und Kommunismus zu Disziplin, Führervertrauen, stupidem Gehorsam und zu allem dressieren möchten, woran die alte Sozialdemokratie zugrunde gegangen ist. Nach den neuen „Grundsätzen“ der Partei ist die Notwendigkeit der Absonderung von der USP und selbst von den Scheidemännern kaum mehr zu erkennen. Der Einigung – nicht des Proletariats, aber der Bonzen steht wahrhaftig kein Hindernis mehr entgegen. – Mein Aufenthalt in einer Partei ist demnach nur von sehr kurzer Dauer gewesen. Denn es ist selbstverständlich, daß ich mit den 18 Ausgeschlossenen solidarisch bin und auch mich als hinausgeworfen betrachte. Es wird sich nun fragen, ob die Gründung einer neuen Partei schon jetzt zu empfehlen ist. Mein alter Argwohn, daß jede Parteibildung durch sich selbst schon die Keime zur Verpfaffung in sich trägt, scheint doch durch die jüngsten Vorgänge erheblich bestätigt zu werden. Als sich im November des vorigen Jahres in München die Dringlichkeit einer organisierten Opposition gegen das Regiment Eisners erwies, konstituierte sich unter meiner Initiative eine „Vereinigung revolutionärer Internationalisten“, die bis zum Januar außerordentlich lebendig war, obwohl (oder weil?) sie völlig auf straffe Partei-Konzentration verzichtete. Sie trat später korporativ der Gruppe der Bremer internationalen Kommunisten bei, in deren Listen ich mich als Hospitant führen ließ, und ging schließlich – ohne mich – in der KPD auf. – Ich glaube, daß auch jetzt zunächst ein Zusammenschluß aller konsequent kommunistisch-revolutionären proletarischen Kampfkräfte versucht werden sollte, eine Vereinigung, der sich unbedenklich auch die Syndikalisten und kommunistischen Anarchisten anschließen können, und die schließlich das Sammelbecken der ganzen aktiven Revolution werden müßte. – Die Forderung des Augenblicks ist: hermetische Absperrung gegen alles, was, mag sich’s noch so radikal gebärden, der Revolution der Massen durch Exerzierreglements und Katechismen Gewalt antun will, und unbegrenzte Weitherzigkeit gegen Antiautoritäre, Dezentralisten, Syndikalisten und alle, die als Kämpfer für den Kommunismus als Ausdruck höchster gesellschaftlicher Freiheit in die Reihen treten. Die Einigkeit des revolutionären Proletariats kann nur auf einem Boden verwirklicht werden, der nach links hin keine Abgrenzung hat. – Ich stelle Ihnen anheim, diesen Brief im ganzen oder in Auszügen nach Ihrer Wahl abzudrucken, bzw. seinen Inhalt unter den engeren Genossen zur Diskussion zu stellen. Über den Verlauf der Sache werden Sie mich wohl unterrichtet halten. Mit revolutionärem Gruß Erich Mühsam, Festungsgefangener im Gefängnis Ansbach.“

 

Ansbach, Mittwoch, d. 29. Oktober 1919.

Mein Füllfederhalter ist wieder entzwei. Ich muß bei jeder zweiten Zeile eintauchen. Zur Gewöhnung an primitivere Lebensformen mags ja ganz gut sein, – mich inkommodiert es aber stark. Leider ist das nicht der größte Ärger. Herr Dr. Vollmann sorgt für ganz andre Emotionen, und kaum ein Tag vergeht, ohne daß er etwas Neues zu unsrer Plage ersonnen hätte. Vorgestern kam von Grete Weisgerber eine Kiste mit Kaffee, Zigarren und 3 Flaschen Wein. Große Freude. Gestern früh war sie vergällt. Ein Aufseher kam – ein alter schadenfroher Antispartakist –, ohne anzuklopfen: Er müsse erst fragen, ob ich den Wein auch haben dürfe. Aber wenn ich in Briefen nichts darüber schriebe, daß der Staatsanwalt es nicht erfährt, werde er ihn mir lassen. Ich wurde wütend, erklärte, daß ich keine Gefälligkeiten wolle, daß ich Nahrungs- und Genußmittel unbeschränkt haben dürfe und schmiß den Trottel ohne weiteres mit den Weinflaschen hinaus. Es stellte sich heraus, daß der Mann nur in seinem Übereifer gehandelt hatte, das Ergebnis ist aber, daß von heute ab der Herr Schindermeister in eigner Person beim Auspacken der Packete anwesend ist, wobei sich die pflichteifrigen Aufseher – es sind für 11 Gefangene ihrer mindestens ein Dutzend, die überall im Wege stehn und herumkujohnen, – mit den Wurstfingern förmlich in die Pakete vergraben, damit ja kein Zettel ihrer Aufmerksam[keit] entgehe und Herr Vollmann liest inzwischen blasiert glotzend die Begleitbriefe. Heute wurde nun allen früheren Schikanen durch die Einführung einer neuen die Krone aufgesetzt. Zenzl schrieb mir vor geraumer Zeit, daß Andersen-Nexö auf das Honorar des zweitens Teils seines Romans „Stine Menschenkind“ (1000 Mark) zugunsten der baierischen politischen Gefangenen verzichtet habe und die Verteilung mir überlasse. Zenzl hat nun 500 M. an mich, 350 M. an Ernst Ringelmann abgesandt und für den Rest Waren für uns eingekauft. Vorgestern früh kam die Postanweisung auf die 500 Mark, die ich zu unterschreiben hatte, das Geld war dann von der Post abzuholen. Erst heute früh fragte ich, wo denn eigentlich das schon vor zwei Tagen quittierte Geld bleibe. Derselbe alte Aufseher, der mir die Weinflaschen weggeholt hatte, erklärte grinsend, das bekäme ich nicht, der Vorstand habe es beschlagnahmt, da so große Summen nicht ausgezahlt werden dürften. Es gab einen Riesenkrach. Ich habe gebrüllt vor Wut, geriet dabei mit dem Wärter scharf aneinander, worauf auch Hagemeister und Reichert in den Spektakel verwickelt wurden. Währenddem kam ein Zettel folgenden Inhalts: „Die für Sie eingegangenen 500 M. werden vom Verwalter Schmidt der Festungshaft-Anstalt verwaltet. Hiervon erhalten Sie je nach Bedarf kleine Beträge ausbezahlt ... (Weisung des Ministeriums). Dr. Vollmann, III. Staatsanwalt.“ Also ohne jede Formalität Kuratel. Und mein Vormund ist der Subalternbeamte, der zufällig das Gefängnis unter sich hat. Diese Schamlosigkeit wird uns aber nicht vorher mitgeteilt, sondern ich erfahre sie nebenbei, wenn Geld da ist und ich endlich danach frage. Die Absicht des Spenders, des Dichters, der auf sein Buchhonorar verzichtet, um uns eine Freude zu machen, wird durchkreuzt. Zenzls Mühe, alles so froh wie möglich für uns einzurichten, ist vergebens: ein xbeliebiger Gefängnisverwalter hat die Verfügung über das Dichterhonorar – und schickte mir alsbald 25 Mark davon herauf, die ich zurückwies, ich wolle das ganze. Dann kam Vollmann persönlich, und nun gab es wieder einen soliden Zusammenstoß. Ich verlangte die Ministerialverfügung zu sehn. Das brauchte ich nicht. Ich wolle den Wortlaut der unerhörten Anordnung kennen lernen. Er habe nicht nötig sie mir zu zeigen. Ich sagte dem Manne alle Schande und prophezeite ihm eine große Karriere, falls dieser „Rechtsstaat“ sich von Bestand erweisen sollte. Er holte nun alle Vorwürfe gegen mich heraus. Er wisse, daß ich dauernd protestiere, meine eignen Genossen zeichneten Karrikaturen, wie ich schon früh um 6 Uhr auf dem Korridor herumtobe, und nicht nur hier sondern auch bei den Gefangenen in allen andern Anstalten sei die Mißstimmung gegen mich groß. Hagemeister trat wacker für mich ein. Aber dann kam’s. Eine Anzahl Briefe von Zenzl hatte er mir uneröffnet heraufgeschickt, und ich habe wohl mal bei Tisch darüber eine ironische Bemerkung gemacht, und zwar soll ich gesagt haben: Er will sich für den Prozeß wohl bei mir Liebkind machen. Natürlich habe ich das nicht gesagt, er behauptete es aber als Antwort auf meine Frage, inwiefern ich wohl bei anderm Benehmen, wie er angedeutet hatte, ein Entgegenkommen in der Behandlung erwarten könne. Als ich erklärte, um dergleichen Liebenswürdigkeiten zu erlangen, rutschte ich nicht auf dem Bauch vor ihm und ihn zur Rede stellte, wer ihm denn meine Äußerung zugetragen habe, erschienen auf der Bildfläche Dosch, Riedinger und Westrich (Mehrer ist grade als Zeuge bei einem Prozeß in München) und wollten sich ins Gespräch mischen. Hagemeister und ich siezten sie, und ich sprach laut von Spitzeln und Zuträgern und nannte in ihrer Gegenwart die Behauptung meiner Äußerung Lüge. Nach langer sehr erregter gegenseitiger Beschimpfung zog der Kerkermeister ab. Kurz darauf erschien er wieder bei Hagemeister, wo ich grade mit Renner war und erklärte, Dosch halte die Behauptung, ich hätte die Liebkind-Bemerkung gemacht, unbedingt aufrecht. Wir haben also vom Festungsvorstand persönlich jetzt die Bestätigung, daß dieser Dosch ihm unsre Gespräche zuträgt. Schande! Und 4 derartige Kreaturen – „anständige Elemente“, wie Müller-Meiningen sie öffentlich nennt, haben wir wenigen Gefangenen hier unter uns! Dosch, Mehrer, Riedinger und Westrich. Mögen die Namen als die von Verrätern mit diesen Heften auf die späteren Generationen übergehn. – Das zweite Gespräch in Hagemeisters Bude war wesentlich ruhiger. Vollmann versicherte, er habe die Herren nie um Berichte gebeten, sie hätten sie stets aus eignen Stücken gebracht, er könne sich die Gründe garnicht denken. Ich klärte ihn dann auf, daß sie bei einer Amnestie für Wohlgesinnte bei der Auskunft ans Ministerium ein gutes Zeugnis haben möchten. „Ja, das könnte wohl aber auch der einzige Grund sein“ – meinte der scharfsinnige Mann betreten. Wegen des Geldes will er sich mit dem Referenten Dr. Kühlewein noch einmal in Verbindung setzen, es schien ihm einzuleuchten, wie erbitternd die Sache wirken müsse. Für meinen Prozeß ist diese neue Infamie jedenfalls ein gefundenes Fressen. Wärs nur nicht immer mit soviel Aufregung verbunden, und könnte ich es nur Nexö und Zenzl ersparen, ihre liebe Absicht so enttäuscht zu sehn. – Von andern Dingen nur noch wenig. Das Urteil im Gesellenmordprozeß lautete auf je 14 Jahre Zuchthaus für Müller und Makowski, Grabasch bekam 1 Jahr Gefängnis mit Bewährungsfrist, einer wurde freigesprochen. Die Dutzende, die sonst noch an der Schweinerei beteiligt waren, hat man nicht gefunden – merkwürdig. Aber der Staatsanwalt hat ein Plädoyer gehalten, das an reaktionärer Parteilichkeit alles in den Schatten stellt, was je erlebt ist. Wenn es sich um Spartakisten gehandelt hätte, die die Angeklagten etwa auf dem Gefangenentransport abgeschlachtet hätten, so könnte er es „menschlich begreiflich“ finden. Entschuldbar und als bloßer Totschlag qualifiziert sei die Tat, weil die Leute eben glaubten, es seien Spartakisten gewesen und in begreiflicher Wut Affektbestialität geübt hätten. Die wahren Schuldigen seien übrigens die Rote Armee, die Kommunisten und Spartakisten, die durch ihre verbrecherische Agitation erst die Wut bei den Leuten erzeugt hätten. Wir erfuhren Scheußliches aus der Art, wie gegen uns Stimmung gemacht worden war. So war den Weißgardisten vorgemacht worden, die Roten hätten 300 Mark für jeden Kopf von ihnen ausgesetzt. Ein Oberst Kundt aber machte, um seine tapferen Mörder zu verteidigen, mich und die arme Zenzl verantwortlich. Im Hause des „Dr. Mühsam“ sei grade vorher den Regierungssoldaten eine Falle gelegt worden, wobei sie 8 Tote verloren hätten. Ich saß damals schon 3 Wochen in Ebrach, und Zenzl war flüchtig in ihrer Heimat, wo ihr die eignen Verwandten als meiner Frau die Tür vor der Nase zuschlugen (Jetzt muß sie leider auch von Konstanz fort, weil die guten Bürger, wo sie wohnt, die Frau Mühsam nicht beherbergen wollen). Also die Gesellschaft arbeitet immer noch mit der damals im Bayerischen Kurier erfundenen Lüge, daß aus unsrer, seit Tagen militärisch versiegelten und militärisch leergeplünderten Wohnung heraus geschossen worden sei. Da sollte eine schattenhafte Gestalt nachts ihr Unwesen treiben, und man drohte schon eine Mine in die Wohnung zu legen, um dies geheimnisvolle Gespenst zu vertreiben (oder um die Spuren der Räuberei zu verwischen). Die Polizei hat die Zerstörung unsrer letzten Habe verhindert. Aber die Spukgeschichte haben die Weißen damals wirklich erzählt und geglaubt. – Levien ist noch immer in Gefahr ausgeliefert zu werden. Aber seine Chancen haben sich dadurch verbessert, daß Herr Müller-Meiningen in wildem Blutdurst den Staatsanwalt Lieberich nach Wien schickte, um die Auslieferung zu erwirken, und dieser forsche Henker hat die Österreicher durch seine Aufdringlichkeit derart vor den Kopf gestoßen, daß sie nach scharfen Erklärungen und einer Beschwerde gegen Baiern ans Reich den Lieberich dadurch zur Abreise bewogen, daß sie seinen Aufenthalt in Wien offiziell als höchst unerwünscht bezeichneten. Allerdings ist noch zu fürchten, daß diese wackeren Sozialisten trotzdem finden werden, daß die Beschuldigung, Levien sei des Mordes verdächtig, ausreiche ihn unter den Kautelen wie vorher Lindtner, nämlich, daß er nicht hingerichtet werden dürfe und von einem regulären Gericht (welche Ohrfeige für Müllers „Volksgerichte“!) abgeurteilt werden müsse. Schon macht aber Müller Ausflüchte wegen Lindtner, er habe die Tat – die Schüsse im Landtag am 21. Februar – vor der Abschaffung der Todesstrafe in Österreich begangen! Der Mord ist dem Müller so sehr Herzenssache, daß er einen Betrug dafür schon riskiert. – Ich hätte gern noch etwas über die Spaltung der KPD geschrieben, die mich nun nach 6 Wochen Parteizugehörigkeit wieder zum freien Mann macht. Aber ich bin müde. Nur soviel: ich habe das Gefühl, als hätte ich einen zu engen Hut abgenommen, der mir die Stirn eingeklemmt hatte. Es war eine Mordsdummheit gewesen.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 1. November 1919.

Hier im Hause gibts immer wieder Neuigkeiten. Vorgestern bekamen wir einen neuen Genossen: Paul Grassl, einen Münchner lustigen Kerl, Kriegsleutnant, der dann zu den Radikalsten überging. Er kam von Lichtenau. Dort hat man ihn – anscheinend wegen renitenten Gebarens – morgens um 5 unvorbereitet aus dem Bett geholt, er mußte Hals über Kopf seine Habseligkeiten einpacken, und dann gings – ohne Abschied von den Genossen dort – im Zweispänner nach Ansbach. Also auch solchen Möglichkeiten ist man ausgesetzt. Wenn mich das träfe, wäre ich schön angeschmiert. Denn ich habe mir meine Bude so mit Büchern und allem möglichen Kram vollgestellt, daß ich mindestens 3 Stunden brauchte, bis ich alles verstaut hätte. Interessant ist aber, daß die Ansbacher Anstalt schon als eine Art Strafkolonie zu gelten scheint. Grassl ist ein alter Bekannter von Riedinger, der nach der Entlarvung Doschs als Spitzel sogleich Anschluß bei uns suchte. Heute kam aber Mehrer von München zurück, und nun haben wir Riedinger zu verstehn gegeben, daß er sich entscheiden müsse: ein Hin- und Herpendeln zwischen beiden Lagern werden wir nicht dulden. Der Staatsanwalt hat uns selbst neues Material über seine Lieblinge geliefert. Er hat Olschewski selbst mitgeteilt, daß die vier Herren eine Erklärung an ihn eingereicht hätten, worin sie sich als unsern Manipulationen ganz fernstehend bezeichneten und ihn aufgefordert hätten, diese Erklärung an die bürgerliche(!) Presse weiterzuleiten, was sogar der Vollmann abgelehnt habe. Riedinger bestreitet, von dieser Geschichte etwas zu wissen. Aber trau der Teufel diesen Brüdern. – Inzwischen hat mir Herr Vollmann mitgeteilt, daß ich 200 M. von dem Gelde haben dürfe (vorgestern wagte man es, mir ganze 25 Mark hinzulegen). Ich habe geantwortet, daß ich jede Teilauszahlung ablehne und unbedingt auf Aushändigung der ganzen Summe bestehe. Zugleich habe ich Zenzl gebeten, sie solle das Geld zurückverlangen, dann werde ich ihr die Liste derer zustellen, an die es von ihr aus verteilt werden soll. Die Bande ist nicht zufrieden, ehe sie uns nicht gründlich gehackt hat. Zugleich mit jenem Zettel kam auch die Botschaft, mein „Brief“ an die Kommunistische Arbeiterztg. in Hamburg eigne sich nicht zur Beförderung. Dieser „Brief“ war ein langer Artikel „Ein Jahr Revolution“, worin ich unsre Niederlage an Gründen aufgezeigt habe. Ich habe sofort das Manuskript zurückverlangt, bin darauf aber bis jetzt ohne Antwort und nehme sicher an, der Kerl wird das Manuskript einfach behalten. Ich riskiere also, wenn ich ein Buch schreibe, daß es mir von den Schergen der Justiz ohne weiteres konfisziert wird. Die Berufsarbeit wird unmöglich gemacht. Einigermaßen besorgt macht mich seit einigen Tagen ein Verdacht, der mir neulich während der Unterredung mit dem Staatsanwalt in Hagemeisters Bude aufgestiegen ist. Der Mann meinte gelegentlich mit schöner Unbefangenheit, ich sei ja Psychopath. Ich protestierte sofort dagegen. Aber mir fiel dann ein: Holla! will man sich am Ende vor den peinlichen Prozeßerörterungen drücken, indem man mich verrückt macht? Ich erwarte nun ängstlich den Rechtsanwalt, um vorzubeugen. Das fehlte. – So stehn die Dinge jetzt. Vergnüglich ist das Leben nicht. Dabei bin ich besorgt wegen Zenzl. Ich sehne mich heillos nach ihr, darf sie ja aber nur noch im Besuchsraum und womöglich unter Aufsicht sprechen, sodaß mir auch wieder vor ihrem Kommen angst ist. Aber ich muß ihr so sehr viel sagen, da man ja sogar schon mal einen Brief an sie zurückgehalten hat, ich ihr also alles, was mich am tiefsten bewegt, nicht schreiben kann. Ob München für sie sicher ist? Ich bin sehr im Zweifel, was ich ihr raten soll. – Über die Verhältnisse in Lichtenau erfahren wir durch Grassl auch nichts Erfreuliches. Der Unterschied scheint gering zu sein. Mein armer Freund Koberstein wird wegen eines Briefes, den er an mich geschrieben hat, ebenfalls wegen Beleidigung Müllers vor Gericht gestellt (die in einem privaten Freundesbrief stand!). Außerdem hat er deswegen bis zum 30. November – das ist über einen Monat! – Besuchs- und Schreibverbot bekommen. Der arme Junge darf also in dieser ganzen Zeit seinen nächsten Angehörigen kein Lebenszeichen geben! Gottlob, daß mir der Prozeß endlich Gelegenheit geben wird, diese ganze Schandwirtschaft aufzudecken. – Heute will ich aber meine Aufzeichnungen nicht schließen, ohne auch eine große große Freude zu notieren. Ich erhielt einen Brief aus dem Asyl für Obdachlose in der Fröbelstraße in Berlin, in dem mir 9 arme Teufel, eingedenk meiner Tätigkeit „für leidende Menschen der Finsternis“ ihre „treuen Grüße“ übermitteln. Nie hat mich eine Ehrung so stolz und glücklich gemacht wie diese.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 5. November 1919.

Jeder Tag bringt neue Schikanen. Mein Manuskript habe ich zurückerhalten, bis auf die letzten 3 Seiten, die einfach zu den Akten gelegt sind. Mein Geld wird mir weiterhin vorenthalten. Auf dem Gang wird das Fenster jetzt mit einem feinen Drahtnetz versperrt, vielleicht werden unsre Zellen noch ähnlich verziert. Den Herren genügt die einfache Vergitterung nicht allein. Heut kam die Mitteilung, daß uns von jetzt ab auch nachts das Licht von außen abgedreht werden wird. Bis jetzt blendeten wir von 11 Uhr ab, wenn die Türen verriegelt werden, einfach die Fenster ab. Es war uns zugesichert worden, daß unserm Bedürfnis, nachher noch zu lesen oder zu schreiben, einsichtsvoll Rechnung getragen werden sollte. Das ist jetzt auch vorbei. Wenn wir jetzt nachts irgendein Bedürfnis haben, können wir in der versperrten Zelle nicht mal mehr Licht machen. Denn Kerzen gibt es längst nicht mehr. Der Anwalt hat mich leider ganz im Stich gelassen. Auf die Kuratelsache hin telegrafierte ich ihm, er möge kommen. Er hat sich aber nicht sehen lassen, und von heute bis zum 15ten ist in ganz Deutschland der Personenverkehr auf der Eisenbahn vollständig gesperrt, – der Kohlenersparnis wegen, heißt es. Nun kam heute der Eröffnungsbeschluß für die Verhandlung. Am 19. soll der Prozeß steigen, die Verteidigung ist durchaus noch nicht richtig vorbereitet, und die Aussprache mit Kahn unmöglich. Zenzl sitzt in Konstanz und kann nicht abreisen. So ist meine Stimmung recht schlecht. Dazu kommen gesundheitliche Störungen, die ich auf die schauerliche Luft in diesem Kerker zurückführe. Das Gefängnis ist garnicht für Daueraufenthalt eingerichtet. Strafgefangene bleiben hier grundsätzlich nicht länger als 3 Monate. Für politische „Ehrenhäftlinge“ sind die Räume aber für 15 Jahre Aufenthalt geeignet. Ein Brief an Gumbel, in dem ich das Gefängnis ein Bazillen- und Parasiten-Treibhaus nannte, wurde gestern beschlagnahmt. Denn die Wahrheit sagen heißt ja in der Tat revolutionäre Propaganda treiben. Ich hoffe, daß mir die Vertagung des Prozesses gelingen wird. Sonst sehe ich voraus, daß man mich ein Jahr oder doch etliche Monate einsperren wird, ohne daß ich den Genossen damit im mindesten nütze. Aber die Atmosphäre draußen gibt Hoffnung, daß die Qual im ganzen vielleicht nicht mehr lange dauern wird. Der Landtag erläßt einen unglaublich wehleidigen Aufruf ans baierische Volk, aus dem die Hilflosigkeit und Kläglichkeit der derzeitigen Regierer jammervoll hervorleuchtet. Mit der Bitte um Vertrauen und Zusammenhalten glauben sie die wirtschaftlichen Nöte abstellen zu können. Zugleich ist der Berliner Metallarbeiterstreik in eine sehr kritische Phase getreten. In bezug auf Arbeitszeit, Löhne und Wiedereinstellung der am Streik Beteiligten ist eine Einigung erzielt. Jetzt wollen aber die Unternehmer die Gelegenheit benutzen, einen großen politischen Schlag gegen die Arbeiter zu führen. Die Ausschußmitglieder, Betriebsräte etc. sollen ausgesperrt werden. Das ist ein prinzipielles Moment. Der Kampf tritt ins politische Gebiet ein. Die Metallarbeiter aller Richtungen – mit Einschluß der alten Sozialdemokraten, der Christlichen und Hirsch-Dunckerschen – sind solidarisch und wollen die ganze deutsche Arbeiterschaft zum Generalstreik aufrufen, während die Kapitalisten geschlossen hinter den Metall-Industriellen stehn. Daraus kann vielleicht der Entscheidungskampf erwachsen. Die Sperrung des Eisenbahnverkehrs für Personenbeförderung hat selbstverständlich politische Gründe. Man hat Furcht vor dem 7. und 9. November und will die Revolutionäre an Reisen verhindern, oder aber einen Putsch von rechts vorbereiten. Ich halte es aber für möglich, daß die Herrschaften sich in der eignen Falle fangen können. Die Eisenbahner werden viel leichter zum Generalstreik zu gewinnen sein, wenn der Betrieb ohnehin teilweise ruht, und dann wehe! Dann kann Noske seine Mörderscharen nicht mehr herumschmeißen, wie er mag, die Zufuhren für die Weißen Garden stocken, und den Landsknechten der Regierung vergeht die Neigung, Spartakisten zu schlachten. – Ein Zufallsereignis kann genügen, um Deutschland vollends in Aufruhr zu jagen, da die ökonomische Lage hinlänglich vorbereitet ist. Das Attentat auf Haase kann vielleicht in seinen Folgen das auslösende Moment sein. Ob wirklich sein Mörder nur den Rechtsanwalt, nicht den Politiker treffen wollte, ist mir sehr zweifelhaft. Der Fall kann möglicherweise so ähnlich liegen wie seinerzeit bei der Ermordung der Kaiserin Elisabeth durch den Anarchisten Luccheni in Genf, den mir nahe Bekannte des Mörders später erklärt haben. Luccheni war Anarchist, aber ein ziemlich unklarer Kopf, allen Kameraden sehr unsympathisch und stand im Verdacht der Spitzelei. An der Ermordung der Frau waren ganz andre Kreise als anarchistische, vor allen nämlich klerikale Kreise interessiert. So wird der arme dumme Teufel von Jesuiten auf die Gelegenheit aufmerksam gemacht sein, daß er sich da als richtiger Anarchist beweisen kann, und Luccheni tat’s, um sich vor seinen Genossen zu rechtfertigen. So wäre es denkbar, daß der verärgerte Voß von Konservativen auf Haase gehetzt wurde, die umso eher die Hände in Unschuld waschen können, als der Täter politisch radikale Tendenzen zu verfolgen vorgibt. Aber daß man zuerst aus der Verwundung eine harmlose Geschichte zu machen versuchte, die sicher in 8 Tagen kuriert wäre, beweist doch, daß man vertuschen wollte. Nun ist das Bein amputiert und der Zustand Haases ist höchst bedrohlich. Stirbt er, so kann sein Tod Anlaß zu Aufregung grade bei den Unabhängigen geben, die dadurch leichter zu gemeinschaftlicher Aktion mit den Kommunisten gelangen könnten. Sicher ist, daß die Luft geladen ist mit Gewitter und Sturm. – Noch ist alles ruhig, sodaß ich Muße habe, zwei Todesfälle aus meinem Münchner literarischen Bekanntenkreis zu notieren. Ludwig Heller, Rößlers treuer Sekundant, starb vor einigen Wochen und vor einigen Tagen Edgar Steiger, der ungleich bedeutendere von beiden. Aber auch seine dichterischen Werke werden kaum von Dauer sein. Immerhin verschwinden mit beiden Toten wieder ein paar gewohnte Töne aus dem Bilde meiner Münchner Geselligkeitserinnerungen. R. i. p.

 

Ansbach, Freitag, d. 7. November 1919.

Jahrestag der Revolution! Und ich sitze im Gefängnis und ängstige und sorge mich zum Sterben um Zenzl, von der ich heute schon am 5ten Tage keine Nachricht habe. Ich sandte ein Telegramm an ihren Arzt in Konstanz, auf das wohl morgen Antwort da sein wird. Inzwischen weiß ich mir keine andre Erklärung, als daß sie samt Reitze und Siegfried verhaftet sind, da doch sonst von denen eine Mitteilung eingetroffen wäre. Bei dieser privaten Not ist mein Herz tief beklommen wegen der Dinge, die sich draußen vorbereiten. Die Berliner 15er Kommission ruft zum Generalstreik auf, da die Metallindustriellen auf ihrem Standpunkt beharren, daß nach dem Streik zwar die Anständigen wieder eingestellt, deren Vertrauensmänner aus den Ausschüssen und Räten aber ausgeschlossen werden. Daß es sich um eine Kraftprobe des gesamten deutschen Unternehmertums gegen das gesamte Proletariat handelt, um mit Gewalt die geringen Rechte seit der Revolution totzuschlagen, ist klar erkennbar aus der neuesten Botschaft von München. Dort haben die Arbeiter sich geeinigt, ihre Revolutionsfeier am 8ten durch Arbeitsruhe zu begehn (das war ein Zugeständnis an die Ausbeuter, das schlapp genug war. Heute, dem eigentlichen Jahrestag sowohl der Münchner wie der Russen-Revolution hätte die Feier dem Kapital nur einen vollen Tag Stilllegung gekost[et], morgen, am Samstag, blos einen halben). Nach der unglaublichen Provokation des Generals Möhl und des „sozialistischen“ Innenministers Endres durch die Erlässe, die die Erinnerungsfeiern unter militärische Kontrolle stellen und Umzüge etc. ganz verbieten, war dieser Streikbeschluß selbstverständlich. Jetzt kommt aber der Arbeitgeberverband und erklärt sich solidarisch entschlossen, auf alle Konsequenzen hin die Streikenden auszusperren. Sie fühlen sich also stark und wollen offenbar Blut, um die letzten Spuren unsrer Kämpfe auszujäten. Sie könnten sich täuschen. Ich hoffe, daß das Proletariat fest bleibt, dann wird die Katastrophe der Wirtschaft außerordentlich beschleunigt. Jedenfalls sieht man jetzt schon deutlicher, was die Personenzugssperre bedeutet. Morgen ist ein kritischer Tag erster Ordnung. Die Gefahr für die Revolution ist unendlich groß, aber ich kann die Hoffnung nicht ganz verleugnen, daß das starke Vertrauen der Ausbeuter auf die Waffengewalt gewisse Imponderabilien nicht in Betracht zieht. Es steht alles auf Spitz und Knopf. – Wenn ich nur wüßte, was mit meiner Zenzl vorgeht. Ich habe schreckliche Angst. – Welch eine Revolutionsfeier! Das hätte ich mir heute vor einem Jahr, dem glücklichsten Tage meines Lebens, nicht träumen lassen.

 

Ansbach, Freitag, d. 14. November 1919.

Abends 11 Uhr. Die nächtliche Zellenverdunklung hat mich zu der sehr kostspieligen (27 Mk) Anschaffung einer Karbidlampe veranlaßt, die zwar grauenhaft stinkt, mir aber heute diese Eintragung ermöglicht. Meine Besorgnis um Zenzl war unbegründet. Sie hatte zwei Tage wirklich nicht geschrieben und ein Zufall hatte vorher und nachher den Empfang weit auseinandergebracht. Vor den persönlichen Daten die allgemeinen. Haase ist am 7. Nov. tatsächlich gestorben (ein anständiger Mensch, ein ehrlicher Kämpfer, eine liebenswürdige Persönlichkeit, ein kluger Politiker, – aber ein hinter seiner Zeit zurückgebliebener Revolutionär). Sein Tod gab dem Proletariat keinen Anlaß, sich an den Jahrestagen der Revolution revolutionär zu zeigen. Der Generalstreik wurde von den Bonzen der alten Sozialdemokratie und den Gewerkschaftsknastern sabotiert, der Metallarbeiterstreik ist so gut wie verloren. Münchens Feier am 8ten war auch nur mäßig, wenn auch viele Betriebe ruhten, und so zeichneten sich die kritischen Tage kaum durch etwas andres aus als durch massenhafte Verhaftungen, wovon aus meinem Kreise Hilde Kramer betroffen wurde, die man dann zwar freiließ, aber aus Baiern auswies. Man könnte sehr traurig gestimmt werden, täten nicht die Russen wahre Wunder. Überall sind die Bolschewisten siegreich. Judenitsch, Koltschak, Denikin – alle werden geschlagen. Nur in den Taten der Revolutionsarmeen Frankreichs finden ihre Leistungen in der Geschichte einen Vergleich. Aber in Deutschland fehlen die primitivsten Voraussetzungen. Wir werden wie in allem so auch im endlichen Anschluß an die Weltrevolution nachklappen. Die Haltung der KPD-Zentrale ist so bezeichnend für Geist und Art deutschen Kampfes. Wir machen alles, dekretieren einige Bonzen – und so verstehn sie die Diktatur des Proletariats, die ich nur in der Machtuniversalität der Räte, das ist der von revolutionierten Betrieben aus organisierten Gesamtarbeiterschaft[,] billige. Leider ist mein guter Ernst Ringelmann ganz ins Fahrwasser der Marxpfaffen geraten. Er steht völlig unter dem Einfluß Ochels (Mortens), der ihn mit Engels’ Antidühring füttert (von Dühring selbst hat natürlich der Lehrer selbst nie etwas gelesen) und Mairgünthers, der seine „Wissenschaftlichkeit“ durch die Lektüre aller im Vorwärtsverlag längst vor dem Kriege erschienenen Broschüren bezogen hat und vom Anarchismus nicht mehr weiß, als was er aus Plechanows infamem Pamphlet gelernt hat. Es genügt ihm, um alles was Bakunin, Krapotkin, Proudhon je geschrieben und gesagt haben, als „Irrlehren“ zu bezeichnen. Ringelmann wendet den schönen Index-Ausdruck tatsächlich gegen mich an und kündigt mir für später schärfsten Kampf an. Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan! In Eichstätt ist überhaupt eine merkwürdige Gesellschaft zusammen. Klingelhöfer und Toller repräsentieren die sanfte Richtung, die mit der Revolution anscheinend schon ganz Schluß gemacht hat. Aber es ist bemerkenswert, daß man sich trotzdem dort ausgezeichnet verträgt. Valtin Hartig berichtet mir gelegentlich aus etwas überlegener Perspektive über die Dinge dort. Sein letzter Brief enthält für meinen Prozeß eine wertvolle Angabe. Der Rechtsanwalt hatte ihn um Auskunft ersucht, wie es sich mit dem Wortbruch verhielte, den sich Müller-Meiningen gegen ihn hat zu schulden kommen lassen. Der Minister hatte ihm nämlich seinerzeit in Ebrach versprochen, daß er und sein Bruder ihre Festungshaft zusammen verbringen dürften und die Zusage einfach nicht gehalten. Seine Auskunft wurde vom Eichstätter Vorstand einfach nicht befördert, sondern an Müller selbst gesandt, damit der zuerst die Wahrheit der Angaben nachprüfen könne. Der Kläger zensiert also die Prozeßakten des Beklagten. Nun hat Rudolf Hartig heut einen Brief seines Bruders erhalten, der das Verhalten dieses Prachtministers noch reizvoller beleuchtet. Müller hat sich wohl gesagt, daß diese Geschichte wirklich unangenehm für ihn werden könne, war nun vor einigen Tagen persönlich in Eichstätt, hat mit Valtin H. über die Sache gesprochen und angeordnet, daß Rudolf nun von uns fort nach dorthin kommen sollte. Er will also seinen Wortbruch dadurch ungeschehn machen, daß er nachträglich, nachdem ich ihm damit schaden kann, sein Versprechen einlöst. Er ehrlos? Er kontrolliert einfach das Material des Gegners und schafft dann dessen Voraussetzungen aus der Welt. – Meine verschiedenen Versuche, den Termin, der für nächsten Mittwoch angesetzt ist, vertagen zu lassen, sind bisher alle zurückgewiesen worden. Die Verteidigung wird in jeder Weise behindert. Wichtige Briefe werden konfisziert, und auf die Behinderung der Verständigung mit dem Rechtsbeistand durch die Bahnsperre wird keine Rücksicht genommen. Der Staatsanwalt der die Anklage führt, ist der 1. Vorstand des Festungsgefängnisses hier und ebenso wie die beiden Belastungszeugen direkter Untergebener des Klägers, von dem überdies sämtliche Richter in ihrer Beförderung abhängen. Die neue Freiheit im baierischen demokratischen Rechtsstaat! – Hier im Hause werden die Zustände täglich unmöglicher. Heut ist die Spannung zwischen den beiden Parteien zur Explosion gekommen. Es hat Prügel gesetzt. Riedinger – den wir noch glaubten, als vorübergehend verirrt in Gnaden wieder in unsre Gemeinschaft aufnehmen zu können, hat wegen eines Briefs an Koberstein, in dem er und die drei andern als Verräter und Häuserschleicher bezeichnet waren, heute früh Waibel im Waschraum überfallen und ihm die Nase blutig geschlagen. Grassl verprügelte dann Riedinger. Mehrer, der bösartigste der angenehmen Gesellschaft, beschimpfte Grassl, drückte sich aber, als es ihm an den Kragen gehn sollte. Als die beiden Helden dann die Frechheit hatten, sich mittags zum gemeinsamen Essen einzufinden, nahm sich Grassl Mehrer noch nachträglich vor. Die Folge war, daß – nicht Riedinger, sondern Grassl in Einzelhaft kam. Der Staatsanwalt ließ uns übrige 7, die wir inzwischen beim Waibel auf der Bude saßen, einsperren, um jede Intervention unmöglich zu machen. Wir hatten dann Einzelauseinandersetzungen mit ihm, ich fast eine Stunde lang, und ich habe ihm wieder allerlei Liebenswürdigkeiten gesagt und ihm die Parteilichkeit gegen die Genossen, die Charakter zeigen, zugunsten der „anständigen Elemente“ grade heraus vorgehalten. Unsre Beschwerde ans Justizministerium wird natürlich unberücksichtigt bleiben. Neulich hatte Mehrer von seiner Frau Besuch und empfing sie in seiner Zelle, während Olschewski seine beiden Söhne in Gegenwart eines Aufsehers im Besuchsraum empfangen mußte. Als O. es ihm vorhielt, erhielt er zur Antwort: „Wie man sich benimmt!“ Also ganz offene Belohnung für Spitzeldienste. Aber es ist scheußlich, daß man die Revolutionsspekulanten, die uns draußen schon das Leben verbittert haben durch ihre Lumperei, im Kerker auch noch um sich dulden muß. Vielleicht schon in der nächsten Woche will Zenzl zu mir kommen. So erbittert ich sein werde, wenn ich in den kahlen Raum zu ihr herunter muß, wo kein freies Wort zwischen uns gewechselt werden kann, – ich werde in dem brutalen Eingriff in unsre Ehe die Anerkennung sehn, daß ich ihnen auch noch in Fesseln ein verhaßter Feind bin. Einverstanden!

 

Ansbach, Sonntag, d. 16. November 1919.

Prozeßvorbereitungen. Wenn man mir den Wahrheitsbeweis nicht völlig abschneidet, habe ich Material genug, um Müller vor jedem Unvoreingenommenen als den zu erweisen, als den ihn meine Beschimpfung gekennzeichnet hat. Kahn hat noch eine weitere recht gute Eingabe um Vertagung des Termins gemacht. Die Unparteilichkeit des Gerichts wird sich dadurch kundtun, ob es sich auf eine Verlegung einläßt oder nicht. Wann Zenzl kommt, weiß ich noch garnicht. Sie erwartet noch endgiltigen Bescheid über den Verhandlungstag, den ich ihr nun nicht geben kann. Ich bin bei dem scheußlichen kalten Wetter besorgt um sie, weil ihr beim Besuch der Noskegarde auch ihre gesamte Wintergarderobe zum Teufel gegangen ist. – Hier im Hause richten sich die Verhältnisse langsam wieder ein. Wäre nur unser Grassl wieder aus der Einzelhaft frei! Die Trennung der Parteien wird nun offiziell anerkannt. Die Anordnung des 9 Uhr-Zellenverschlusses – und zugleich die Mitteilung Müllers, daß Beschwerden von Gefangenen, die nicht sie persönlich betreffen, also Solidaritätsäußerungen sind, vom Ministerium ohne Antwort und ohne Berücksichtigung bleiben – wurde mir für unsre Partei, einem der „anständigen Elemente“ extra in Abschrift überreicht. Die Mahlzeiten hatten wir seit vorgestern Abend in Toni Waibels Zelle eingenommen und den Gemeinschaftsraum den Herren Mehrer und Riedinger allein überlassen (da sich Westrich wegen Syphilis, Dosch wegen nachgewiesener Spitzelei in ihren Zellen servieren lassen). Auf Eingreifen des 1. Staatsanwalts (Edelmann, der den Prozeß gegen mich und Hagemeister als Ankläger vertritt) wird Mehrer und Riedinger jetzt in ihrer gemeinsamen Zelle aufgetragen, während der Gemeinschaftsraum uns 8 Stänkerern überlassen ist. Das wird Herrn Vollmann, der uns gern gezwiebelt hätte, leid tun. Die Schäbigkeit des Dosch erfuhr heute eine nette Illustration. Waibel hatte Grassl eine Tasse Kaffee in seine Zelle gebracht, die der Aufseher dazu geöffnet hatte. Währenddem kam Dosch auf den Korridor. Der Aufseher, der fürchtete, der Spitzel werde die Ordnungswidrigkeit sofort melden, geriet in Verlegenheit und half sich dadurch, daß er Waibel kurz entschlossen beim Grassl einsperrte. Erst nach einer Stunde konnte er ihn herauslassen, solange hatte Dosch den Korridor auf und ab patrouilliert. Der provisorische Oberaufseher kam nachher zu uns herein und klärte uns auf. Soweit ist es nun glücklich, daß das Aufsichtspersonal sich fürchten muß, von einem Gefangenen beim Vorstand denunziert zu werden, wenn es Anweisungen aus menschlicher Rücksicht nicht garzu streng durchführt. Über den Charakter des Herrn Riedinger sind wir nun auch im Klaren. Grassl schickte mir einen Brief heraus, den ihm Riedinger im Oktober nach Lichtenau geschrieben hatte, und dessen Lumperei er damals nicht gleich erkannt hatte. Dieses Schriftstück übersteigt an Niedertracht alles, was mir je in die Finger gekommen ist. Toni und ich werden der Sabotage des Hungerstreiks verdächtigt und der Feigheit beim Erscheinen der Soldaten beschuldigt. Das Aufgebot des Militärs wird mit der geringen Zahl von Aufsehern gerechtfertigt. Olschewskis und Tonis Einzelhaft wird dem gemeinen Inhalt der Briefe, die sie hinausschmuggeln wollten, zur Last gelegt. Meine Läuse werden meiner Verdrecktheit zugeschrieben, kurzum, der ganze Brief ist eine einzige sykophante Denunziation an die Briefzensoren und ein Beispiel von Verräterei und unsolidarischem Empfinden, daß Vollmann selbst, wenn er eine Spur von Korpsgeist hätte, davon angewidert sein müßte. Aber ein paar Andeutungen bei unsrer neulichen Unterredung, bei der er durch die Blume meinen Mut anzweifelte, sind Beweis genug dafür, daß er mit diesem Geschwerl nähere Seelenverwandtschaft fühlt als mit uns. Für Mehrers Innenleben zeugt ein Wort, mit dem er vorgestern bei der Keilerei uns zu beschimpfen glaubte: Volksverführer! Rief er uns zu und bestätigte dadurch, daß er, der doch wegen des gleichen Delikts zur Festungsstrafe verurteilt wurde wie wir, mit den Gegnern solidarisch fühlt und wirklich nur als trauriger Konjunkturrevolutionär in die Bewegung geraten ist. Das sind nun unsre „Genossen“. Ich freute mich, Reichert, diesen Prachtjungen, ein Kind von reinem Herzen und dabei so ganz erfüllt von der heiligen Mission, und Renner, ein primitiver Proletarier, der, was ihm an Intelligenz fehlt, durch grundanständige Gesinnung wettmacht, ihre Bemühungen, Frieden, Ausgleich, Verständigung herbeizuführen, vor den Zeugnissen der letzten Tage vollständig aufgegeben haben und nun unsre Treuesten sind. Von Paul Grassl garnicht zu reden. Der kam her als bester Freund Riedingers, und er war dann der erste, der die Fäuste gegen den Intimus in Bewegung setzte. – Die lieben Bourgeois werden natürlich die Ansbacher Prügelszenen weidlich gegen uns Revolutionäre ausnutzen. Ich schäme mich in der Tat. Aber ich habe die Überzeugung gewonnen, daß das Fiasko der Revolution nicht zum mindesten auf die Beteiligung des Gelichters zurückzuführen ist, das sich damals, wie auch jetzt wieder, an die anhängt, die grade die Macht in Händen haben. Aber das Rad wird sich weiter drehn. Und dann werden wir dafür sorgen, daß die Revolutionstribunale sich nicht blos mit denen beschäftigen, die seinerzeit gegen die neue Ordnung Sturm gelaufen sind. Hochverräter sind Ehrenmänner, die Schurken sind die niedrigen Verräter.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 20. November 1919.

Wieder habe ich einen Gerichtstag hinter mir, und es war wieder ein Prozeß, bei dem es um mehr als Verteidigung gegen irgend eine Anklage stand. Ich bin gestern zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Aber ich kann mir vor mir selbst bestätigen, was ich zum Schluß meines Plädoyers erklärte: „Verurteilt mich das Gericht nach dem Antrag des Staatsanwalts (Edelmann hatte 10 Monate Gefängnis beantragt), dann werde ich in dem Bewußtsein ins Gefängnis gehn, daß im Urteil des deutschen Proletariats nicht ich der Verurteilte bin, sondern der Justizminister Müller-Meiningen.“ Der Prozeß verlief ausgezeichnet, obwohl der Wahrheitsbeweis so wie ich ihn führen wollte, abgeschnitten wurde. Aber ich war dadurch, daß Zenzl anwesend war (sie war vorgestern abend gekommen und erschien morgens pünktlich zur Verhandlung, begleitet von meinem braven alten Reitze) in vorzüglicher Stimmung. Auch Hagemeister war ganz auf der Höhe der Situation (er wurde trotz des Antrags des Staatsanwalts, ihn zu 4 Monaten Gefängnis zu verurteilen, freigesprochen) und Kahn führte unsre Verteidigung ausgezeichnet. Mein Antrag zu Anfang, das ganze Gericht als befangen zu erklären und die Verhandlung außerhalb Baierns, mindestens außerhalb Ansbachs zu führen, platzte wie eine Bombe ins Lokal, und die Begründung gab den Ton an für die Musik des ganzen Theaters, das von 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends dauerte. Meine Aeußerung „Ich fühle mich vor einem baierischen Gericht nicht in den Händen des Rechts“ wirkte sensationell und gab dem Staatsanwalt zu entrüstetem Einspruch Anlaß. Meine Vernehmung gestaltete ich dann zu einem Geschicklichkeitsduell zwischen mir und dem Vorsitzenden, einem Landgerichtsrat Schätzler, der übrigens klug und seiner Aufgabe gewachsen war, wie ich auch dem ganzen Gerichtshof bestätigen kann, daß er – trotz der Verhinderung des Wahrheitsbeweises – bestrebt war, die Selbstbeurteilung, er sei unvoreingenommen, als wahr zu erweisen. Der Vorsitzende wollte durchaus keine Erörterungen allgemein politischer Natur zulassen. Es gelang mir trotzdem, von Müllers annexionistischen Bekenntnissen, als Parallele zum Fall Wadler, der wegen der Gesinnungsänderung als ehrlos zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde; von seinem tätlichen Angriff auf Liebknecht am 8. April 1916 im Reichstag; von seinen vielen Todesurteilsvollstreckungen, vom Geiselmord, von Landauers Ermordung, von den Plünderungen der Weißgardisten zu sprechen, bevor ich auf die res agenda zu sprechen kam. Ein kleines Intermezzo mit Edelmann führte dann zur Abfuhr des Staatsanwalts durch den Vorsitzenden. Als mich der Mann zur Kürze aufforderte, erwiderte ich ihm, ich nähme Ermahnungen nur vom Vorsitzenden entgegen. Er sei Partei wie ich und ihn gehe die Art meiner Verteidigung garnichts an. Der Vorsitzende unterbrach mit dem Verweis, die Prozeßbeteiligten mögen keine Zwischengespräche führen. Dann packte ich aus, sprach über die Ebracher Verhältnisse, beschuldigte Müller der Nachgiebigkeit gegen bourgeoise Schikaneforderungen (die der Staatsanwalt, der unglaubliche Ungeschicklichkeiten beging, nachher ausdrücklich bestätigte), ging auf die vielen Ungesetzlichkeiten seiner neuen Hausordnung ein, legte die scheußlichen Zustände hier in Ansbach dar, flocht Angriffe gegen den Charakter Müllers dauernd ein – fortwährend vom Vorsitzenden zur Sache gerufen – und ließ die Szenen vom 26. September anschaulich Revue passieren. Ich schloß, nachdem ich die Schimpfworte „gemeiner Schuft“ etc. abgestritten, das Wort „ehrloser Lump“ dagegen zugegeben hatte mit dem Verlangen, nicht den Paragraphen 185 sondern § 186 St. G. B. zugrunde zu legen, da ich ausdrücklich verlangt hätte, die beiden Festungsvorstände sollten den ehrlosen Lumpen dem Müller mitteilen, damit ich ihn ihm vor Gericht beweisen könne, mit der Bemerkung, ich fühle mich nicht als Angeklagter sondern als Ankläger, und ich stehe hier für 500 Genossen, die in Müller den Schinderhannes der Festungsgefangenen hassen und sagte: „Ich habe den Justizminister ehrlos genannt, ich nenne ihn auch jetzt ehrlos und ich werde ihm seine Ehrlosigkeit beweisen.“ Hagemeister bestritt würdig und geschickt seine Beteiligung an der Beleidigung Müllers. Die Zeugenvernehmung begann mit den beiden Staatsanwälten Scharner und Vollmann, die beide ein klägliches Bild innerer Unsicherheit bildeten. Vollmann speziell zeigte das Bestreben, uns nach Möglichkeit zu belasten so unverblümt, daß er offensichtlich auch auf die Richter einen sehr schlechten Eindruck machte. Ernste Schwierigkeiten machte mir der Vorsitzende mit der Fragestellung. Ich lernte aber allmählich, meine Absicht, Müller und seine Vollzugsorgane zu kompromittieren, dadurch zu erreichen, daß ich alle meine Behauptungen in Fragen an die Zeugen formulierte, die sich auf Vorgänge bis zum 26. September bezogen. Herr Geitner, ein Aufseher, machte seine Aussagen so töricht, daß ich hernach die Empfindung hatte, daß die 3 Belastungszeugen bei all ihren krampfhaften Bemühungen zu belasten, dem ebenso unbeholfenen I. Staatsanwalt wenig nützten. Dann kamen die Genossen und auf den boshaften Antrag Edelmanns trotz meines Verzichts auf sie auch die „anständigen Elemente“ außer Dosch. Alle sagten günstig und in Übereinstimmung mit Hagemeister und meinen Behauptungen aus. Lustig wirkte Renner mit seinem Rosenheimer Dialekt. Unser Markus Reichert redete wie im Kindlkeller und ließ sich darin durch alle Dreinrederei des überrumpelten Vorsitzenden nicht beirren. „Meine Konfession ist der Bolschewismus“ erwiderte er auf die Frage danach. Toni Waibel dagegen antwortete auf die Frage nach seinem Beruf: „Ich habe bisher auf den Sturz der bürgerlichen Gesellschaft hingearbeitet.“ Dann folgten die Plädoyers. Aber zwei charakteristische Vorgänge sollen der Vergessenheit nicht anheimfallen. Der Vorsitzende hatte erlaubt, daß wir Angeklagte während der Pausen im Zeugenzimmer mit unsern Frauen beisammen sein dürften. Als wir vormittags davon Gebrauch zu machen versuchten, hinderte uns der 2. Staatsanwalt Scharner daran: der Zeuge, der durch diese sinnlose Schikane seine Macht beweisen wollte. Für die weiteren Pausen erlangten wir mit Hilfe Schätzlers die Erfüllung des Versprechens. Nach der Pause vor den Plädoyers sprang Vollmann, der 3. Staatsanwalt, vom Sitz und fügte seiner Aussage noch ein paar ziemlich belanglose Bemerkungen hinzu, mit denen er hoffte, die Schuld der seiner Obhut anvertrauten Gefangenen doch noch evident zu machen. Dazu mußte extra die beendete Beweisaufnahme wieder aufgenommen werden. Er bestärkte durch diese offenkundige Gehässigkeit den üblen Eindruck, den er schon vorher auf die Richter gemacht hatte, noch deutlich. Die Rede des 1. Staatsanwalts Edelmann war dann ein unsäglich dürftiges Gefasel. Er warf mir vor allem vor, daß ich meine gegen den Minister erhobenen Beleidigungen nicht „als Mann“ zurückgenommen hätte und bemängelte sehr den Mangel an Respekt vor der Staatsautorität. Kahn erwiderte ihm vorzüglich. Seine Rede war menschlich, juristisch und rhetorisch sehr anständig. Mein Schlußwort dauerte 1½ Stunden, und ich glaube, sie hat auf sämtliche Anwesende – mit Ausnahme der 3 Staatsanwälte – gut gewirkt. Ich hatte wieder schwer gegen die Bemühungen des Vorsitzenden anzukämpfen, mich auf den Vorgang der Beleidigungsszene mit meinen Ausführungen zu beschränken. Ich konnte trotzdem noch sehr viel vorbringen, was auch nach dem ominösen 26. September hier im Hause passiert ist: vor allem auf die Anordnungen Müllers, die mit einem Wisch die Ehen der Gefangenen aufhebt und die uns unter Kuratel stellt. Bei jedem Einwurf, das gehöre nicht zum Gegenstand, erwiderte ich: „Ich bin schon fertig“, oder „Ich hab schon gesagt, was ich sagen wollte“ u. dergl. Bös nahm ich mir den Vollmann ins Gebet und freute mich, daß ich bei der Charakteristik dieses Herrn nie gestört wurde. Ich nannte ihn einen „betriebsamen jungen Mann“, für den ich den mildernden Umstand gelten lasse, daß er nur ein „Instrument des Herrn“ sei. Er „müllert sein System“ als ein „Kleiner von den Seinen“ etc. Das Bürschchen, dem ich alle seine Sünden öffentlich an den Kopf warf, den ich gewissenlos, seiner Verantwortung nicht bewußt, animos etc. hieß, saß mit den künstlich aufgerissenen Augen und dem mit der Absicht, überlegen-ironisch zu erscheinen, dumm-frech verkniffenen Mund wie ein überführter Schulbube da. Ich glaube, ich habe da seiner Karriere doch einen starken Knacks beigebracht und kann mir jedenfalls nicht denken, daß er als Festungsvorstand selbst bei seinen Kollegen länger möglich scheinen wird. Seine Glaubwürdigkeit als Zeuge habe ich sicher auch bei den Richtern so zu diskreditieren vermocht, daß im Urteil alle meine und Hagemeisters Behauptungen als Tatsachen bewertet wurden und bei Hagemeister nicht blos ein Non liquet ausgesprochen, sondern seine Angaben als erwiesene Wahrheit anerkannt wurden – trotz der unter Berufung auf seinen Eid wiederholten Versicherungen Vollmanns, daß an der Richtigkeit seiner Bekundungen garkein Zweifel möglich sei. Starken Eindruck in meiner Rede machte es augenscheinlich, als ich mitten in erregten Vorwürfen gegen die gehässige Amtsführung Vollmanns auf ihn zeigte und ausrief: „– und morgen wird er wieder meine Briefe lesen und Quälereien gegen mich ausdenken.“ Ich hatte bestimmt auf mindestens 6 Monate gerechnet. Das milde Urteil wird allgemein als schwere Niederlage der 3 Staatsanwälte und Müller-Meiningens empfunden. Die Zeitungen, soweit sie bis jetzt Berichte gebracht haben, verschleiern natürlich den Eindruck des während der Verhandlung entstandenen Bildes ganz. Morgen werde ich wohl wieder etliche Beschimpfungen gegen meine Person und meinen Charakter lesen. Nun – ich glaube, meinen Genossen in allen Anstalten einen erheblichen Dienst geleistet zu haben, und ich will die Revision des Urteils versuchen, um den vollen Wahrheitsbeweis für die Ehrlosigkeit Müllers noch nachzuholen. Das Buch soll schließen mit der Fixierung der Definition des Begriffs Ehre, die ich dem Gericht gab. Ich sagte: „Ehre ist die Summe der positiven sittlichen Eigenschaften eines Menschen. Ergibt die Summierung der positiven und negativen sittlichen Eigenschaften ein negatives Resultat, so ist der betreffende Mensch ehrlos.“ – Und nun freue ich mich auf morgen, wo ich meine Zenzl endlich unter 4 Augen werde sehn dürfen, wenn auch nicht in der Zelle. Da heute zugleich mit ihr auch Frau Hagemeister und Frau Olschewski da waren, und nur ein Besuchsraum vorhanden ist, mußten wir 6 Eheleute unser Wiedersehn gemeinsam begehn – in einer jammervollen, fast unmöblierten Stube. Herr Müller hat es so angeordnet. Ich empfand stark, daß seine negativen Eigenschaften die positiven überwiegen.

 

 

 

 

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