Tagebücher

 

Auszug aus dem Tagebuch vom 8. Mai 1917, erschienen in Besinnung und Aufbruch, 3. Jg., Heft 2, Berlin, Juni 1931. Dies ist der einzige überlieferte Text aus den verschollenen Tagebuchheften 18 bis 21, die zwischen  Ende Oktober 1916 und Mitte April 1919 entstanden.

 

Kriegstagebuch eines Kriegsgegners

 

Eintragung vom 8. Mai 1917.

Die entsetzliche Schlächterei im Westen nimmt bei Arras und an der Aisne ihren Fortgang. Ein Durchbruch ist bisher weder den Engländern noch den Franzosen gelungen, wohl aber scheint, nach einem Wort des Zeitungsstrategen der „Neuen Züricher Zeitung“, die deutsche Front mehr und mehr „abzubröckeln“. Die Verluste auf allen Seiten müssen schauderhaft sein, und die Ruhmredigkeit der Tagesberichte wird von Tag zu Tag ekelhafter. Interessant ist in den Ludendorffschen Communiqués die Behandlung der Kriegslage im Osten. Da heißt es immer nur Vergeltung von Artilleriefeuer, Erwiderung von Beschießungen usw. Nach der offiziellen Entschuldigung nach dem Sieg am Stochod ist das natürlich System. Man will die Russen um Gotteswillen nicht ärgern, bedauert deshalb jede kriegerische Maßnahme, zu der man gezwungen wurde und hofft anscheinend noch immer auf Sonderfrieden. Jedenfalls ist die Ruhe an der Ostfront auch insofern in Uebereinstimmung mit Hindenburgs Wünschen, als sie ihm starke Abzüge von Truppen nach dem Westen gestattet. Ueber die Vorgänge in Petersburg wird die deutsche öffentliche Meinung durch tendenziöse Nachrichten, für die man in Stockholm ein spezielles Büro errichtet hat, gründlich verfälscht. An einen Separatfrieden ist garnicht zu denken und Lenins Einfluß ist sicher sehr gering. Widerlich ist die betuliche Anbiederung unserer Autokratie an die radikalsten Russen. Aber das Volk merkt nichts, obwohl die Grönerschen Erlasse und der letzte Streich, die schändliche Auslobung der 3000 Mark Belohnung für Denunziationen von Streikagitatoren, die selbstredend „Agenten der Entente“ sind, doch wohl Gedanken darüber erwecken könnten, daß Deutschlands Machthaber wirklich keine Ursache haben, ihren Schafen auf die Gesinnung russischer Revolutionäre Wechsel auszustellen. – Wie die Friedensaussichten stehen, darüber kann man bloß Vermutungen haben. Wichtig scheint ein Besuch des bayerischen Ministerpräsidenten Hertling in Wien. Nach der Rückkehr erschien in der „Bayerischen Staatszeitung“ ein auffälliger Artikel von „besonderer Seite“. Verzicht auf Kriegsentschädigungen war der eigentliche Inhalt, mit der Begründung, daß gute Handelsverträge eine günstigere Wirkung haben müßten als runde Milliardensummen. Die Presse tobt, – als ob auch nur für günstige Handelsverträge die Kriegslage Anhalt gäbe. Inzwischen wird im Verfassungsausschuß des Reichtags mit Hochdruck in „Neuorientierung“ gearbeitet. Allerdings wird sich nach dem bisher Geleisteten die Einführung des parlamentarischen Regimes wohl auf sehr gleichgültige Formalien beschränken, und ich glaube kaum, daß die Wilson und Lloyd George sie als „Sicherung des Weltfriedens“ hinnehmen werden. Uebrigens: wenn der Reichstag wirklich radikale Neugestaltungen beschlösse und die Regierung wollte nicht und löste den Reichstag auf, – was dann? Dann haben wir den Absolutismus in Reinkultur, und daß dem revolutionär entgegengetreten würde, ist bei dem infamen Verhalten der Sozialdemokraten – auch Cohn-Nordhausen von der Arbeitsgemeinschaft hat sich dagegen verwahrt, daß er und seine Freunde etwa für den 1. Mai zum Streik hätten auffordern wollen – und bei der erprobten Langmütigkeit des Volkes kaum anzunehmen. Dennoch – ich sehe nur zwei Möglichkeiten, um zum Frieden zu kommen. Beide liegen nur in Deutschland: Niederlage durch die Revolution oder Revolution nach der Niederlage. – Die Niederlage kann allenfalls auch durch einen Separatfrieden Oesterreich-Ungarns herbeigeführt werden und dazu scheint trotz aller offiziellen Ableugnungen viel Aussicht zu bestehen. Jedenfalls macht sich in Wien und Budapest seit einiger Zeit die Tendenz bemerkbar, sich von der preußischen Oberhoheit zu befreien. Der Verzicht auf Annexionen ist auch schon ausgesprochen in einem Artikel des „Pester Lloyd“, wenn auch da nur von Rußland die Rede war und das Verhalten gegen Serbien offen gelassen wurde. Heute wird nun auch noch ein Interview des türkischen Gesandten in Bern über türkische Kriegsziele bekannt gegeben, und darin wird zum ersten Male klar und deutlich ausgesprochen, daß den Russen die Durchfahrt durch die Dardanellen freigegeben werden soll. Langsam muß unsern Durchhaltern wohl vor den eigenen Bundesgenossen mehr Angst werden als vor den Frontoffensiven. In den nächsten Tagen soll Bethmann sich im Reichstag über die deutschen Kriegsziele äußern. Wahrscheinlich wird er oder sein Zimmermann-Mexicanismus* in vielen Worten wieder nichts sagen, so daß Westarp und Scheidemann gleich befriedigt sein werden.

 

* Zimmermann-Mexicanismus bezieht sich auf die kurz zuvor bekannt gewordene Tatsache, daß der Staatssekretär des Auswärtigen, Zimmermann, die mexikanische Regierung noch vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg zur Kriegserklärung an die USA zu verführen versucht hatte. Die Mexikaner reagierten darauf in der Form, daß sie sofort dem Präsidenten Wilson Mitteilung von der deutschen Zumutung machten.

 

 

 

 

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