Tagebücher

XXIV

 

21. November 1919 – 18. April 1920

 

 

 

Ansbach, Freitag, d. 21. November 1919.

Zenzl ist schon wieder unterwegs über Nürnberg nach München. Meine Vorfreude auf ein frohes Wiedersehn unter vier Augen war verfrüht. Herr Dr. Vollmann hat es anders gewollt. Meine Ankündigung im Gerichtssaal, der liebe Menschenschinder werde morgen wieder neue Quälereien gegen mich aussinnen, fand Bestätigung. Er hat Rache genommen, die empfindlichste, die er hätte nehmen können. Unser Briefwechsel war ihm ja bekannt, und er wußte demnach, wie gut wir harmonieren. Heute früh gegen 10 Uhr wurde ich heruntergerufen. Zenzl erwartete mich unten im Besuchsraum. Außer ihr war ein Aufseher im Zimmer, den ich ersuchte, mich mit meiner Frau allein zu lassen. Er habe Anweisung, das Gespräch zu überwachen. Von wem? vom Staatsanwalt. Ich schlug einen Riesenlärm und verlangte sofort Vollmann zu sprechen. Der vorgestern von Ebrach eingetroffene neue Oberaufseher griff auf dem Korridor ein. Dieser Mann, dessen leutselige Feldwebelmanieren uns wohl noch manchmal in Konflikte bringen wird, ist schon mit ziemlich allen Genossen zusammengewachsen. Seine Verteidigung in einer Kontroverse mit Renner bestand gestern in dem Hinweis, daß er seit 22 Jahren Aufseherdienst tue, also seine Pflichten kenne. Er war nämlich Aufseher in einem Zuchthaus und will nun seine 22jährigen Erfahrungen mit Brandstiftern, Dieben und Lustmördern bei uns anwenden. Ich wies seine Vermittlertätigkeit schroff ab und meine Wutausbrüche lockten Gefangene beiderlei Geschlechts, Aufseher und die ganze Familie des Verwalters herbei. Wir traten also beim Staatsanwalt ein, der zunächst gegen Zenzls Anwesenheit Einspruch erhob. Ich erklärte, daß ich nicht gesonnen sei, mit ihm ohne Zeugen zu reden und Zenzl blieb. Es gab jetzt einen Heidenkrach. Leider ließ ich mich von der Erregung zu weit übermannen, sodaß ich einen leichten Schwächeanfall erlitt. Daß der Kerl mich mit blauen Lippen und einer Ohnmacht nahe gesehn hat, ärgert mich, aber daß sein Gemüt davon unbewegt blieb, ist mir beinah eine Genugtuung. So ist seine Infamie als bloßer Racheakt völlig außer Zweifel gestellt. Er bestritt auch garnicht, daß sie das sei und zeigte seine Befriedigung über die Wirkung seiner Erbärmlichkeit ganz offen. Daß er zur Unterredung von Eheleuten einen Aufseher daneben stellte, geschah zum ersten Mal, – aber ich hoffe, daß ihm dieser Beweis seiner niedrigen Gesinnung doch wohl das Genick brechen wird. Zenzl will angesichts der Ungeheuerlichkeiten des Festungsvollzugs in München alles in Bewegung setzen, um einen großen Skandal in der Öffentlichkeit daraus zu machen. Wichtig war mir, daß Vollmann auf meinen Vorhalt, daß er seinem Zuträger Mehrer den Empfang seiner Frau in der Zelle gestattet und Olschewski das mit der zynischen Bemerkung bestätigt habe „Wie man sich benimmt“, garkeine Erwiderung hatte. So hat er seine Parteilichkeit in Zenzls Gegenwart zugestanden. Er hatte den Krach offenbar gewollt, um weitere Maßregeln verhängen zu können. Er befahl also einfach: „Frau Mühsam hat sofort das Haus zu verlassen. Herr Mühsam ist hinaufzubringen.“ Unser Wiedersehn war damit für den Vormittag beendet. Der Menschenfreund erlaubte gnädigst, daß Zenzl um 2 Uhr wiederkommen dürfe. Für diese Zusammenkunft ersann er inzwischen neue Tücken. Obwohl er die Genehmigung in Gegenwart des Oberaufsehers gegeben hatte, wartete ich von 2 Uhr ab vergeblich, hinuntergerufen zu werden. Um ½ 3 schickte ich einen Aufseher, da ich Zenzls Pünktlichkeit kenne. Nach langem Warten erhielt ich endlich den Bescheid, sie sei längst da, der Herr Staatsanwalt sei aber noch nicht vom Essen zurück. Es ist sicher, daß er die ausdrückliche Weisung gegeben hatte, warten zu lassen, um mich zu neuen Aeußerungen der Empörung und Wut zu reizen. Dann hätte er Anlaß gehabt, entweder den Besuch ganz zu verbieten oder gar die Einzelhaft über mich zu verhängen. Die Genossen bemühten sich um mich, um mich von allen Unbesonnenheiten zurückzuhalten, und so biß ich die Zähne zusammen. Ein Aufseher Mühlfeld – sein Name soll gesegnet sein – hatte mir vorher gesagt, er werde es einrichten, daß er den Auftrag zur Überwachung bekomme, und dieser brave Mensch, der uns hier oben in allem stets den anständigen Willen zu Rücksicht und Entgegenkommen gezeigt hat, hat sich dabei so taktvoll gezeigt, wie es die Umstände nur irgend erlaubten. Zenzl war mit dem Arbeitersekretär Eschenbacher gekommen, einem Mehrheitssozialdemokraten, den ich vom Rätekongreß her kannte. Von dem erfuhr ich, daß der Gerichtsvorsitzende von sich aus an alle 3 sozialistischen Parteien je 3 Eintrittskarten für die Prozeßverhandlung geschickt hatte, daß aber nur Eschenbacher – und auch der nur während einiger Vormittagsstunden dort gewesen war, während Unabhängige und Kommunisten zu erscheinen der Mühe nicht für wert gehalten hatten. Ein neues trauriges Beispiel dafür, daß uns draußen die Genossen auch umbringen ließen, ohne sich darum zu scheren. Wir haben in dieser Hinsicht schon viele Erfahrungen peinlichster Art. Wäre nicht unsre 17jährige herrliche Wunderfee, die rührende Erika Schollenbruch in München, – wir könnten uns vergessen glauben. Ich persönlich habe ja noch Freunde, die sich melden: außer meiner unvergleichlichen Zenzl und dem guten Albert, haben die Syndikalisten in München sich schon mehrfach prächtig mit Sendungen betätigt, dazu kommen Lederer in Mannheim, Grete Weisgerber, von der oft Pakete kommen, Walter Ziersch, ferner meine Anarchisten in Berlin, die durch Vermittlung des selbstlosen Leon Hirsch gelegentlich freundliche Gaben senden, bei denen ein eifriger Verehrer, ein 17jähriger jüdischer Gymnasiast, namens Gerhard Wilk, der mir Briefe schreibt wie ein verliebtes Mädel, sich besonders hingebend bewährt. Aber die Parteien versagen jämmerlich. – Eschenbacher versprach dafür zu sorgen, daß unser Schicksal bei den Ansbacher Arbeitern künftig mehr Interesse finde. Daß die Kommunisten hier, die in den ersten Wochen sehr aufmerksam waren, sich völlig zurückgezogen haben, erweckt mir den Verdacht, die „anständigen Elemente“ könnten uns denunziert haben. Aber daß nun Mehrheitssozialisten diejenigen sind, die uns Hilfe bringen müssen, ist doch schimpflich. Um 4 Uhr ging Eschenbacher und ich besprach jetzt mit Zenzl Persönliches und Geschäftliches. Vor allem beschlossen wir, daß der Plan, sie solle ihren Aufenthalt bis Montag ausdehnen, aufgegeben wurde, da unser Zusammensein ja doch unter diesen Verhältnissen nur eine Qual sei, und daß sie heute abend schon nach Nürnberg fahren und dort morgen mit Kahn reden und die Möglichkeiten besprechen soll, ob nicht irgendetwas geschehn kann, um Vollmann von dem Posten als Schergen der Bourgeoisie zu entfernen. Eventuell soll sie mit dem Oberstaatsanwalt, seinem direkten Vorgesetzten, reden. Um ½ 5 erschien der Oberaufseher – ich glaube, Mittelstätter heißt er – mit der Nachricht, da zuerst noch ein andrer Besuch da war, sei eine Verlängerung des Besuchs Zenzls bis 5 Uhr bewilligt. Bis 5 Uhr hatte Zenzl aber schon ursprünglich Besuchserlaubnis. Das war also die Gnade Vollmanns, daß er eine „Verlängerung“ des Besuchs bis zum Ablauf der vorher bewilligten Zeit gestattete. Um ¾ 5 erschien der Mann wieder, diesmal strahlend von fettigem Wohlwollen: „Herr Mühsam! Wir (wir!) wollen Ihnen doch noch vergönnen, daß Sie mit Ihrer Frau eine kleine Weile allein sein können!“ Eine viertel Stunde lang durfte ich also wirklich mit Zenzl auf der Holzbank allein sitzen, die den wohnlichen Raum ziert. Also: vormittags veranstaltet der schäbige Wicht eine Szene, die ihm Gelegenheit gibt, Zenzl hinauszujagen. Nachmittag läßt er sie eine volle Stunden warten, um uns beide zu peinigen und uns die Unterredung zu kürzen, dann gibt er die Erlaubnis, die ganze bewilligte Zeit wirklich auszunützen, die noch übrig bleibt, und endlich läßt er 15 Minuten vor Ablauf der Zeit die gehässige Tortur fallen, mit der es ihm zu seiner Freude gelang, unsre Freude zu vernichten, – natürlich auch nur, um seine Macht zu zeigen. Was für ein armseliges Menschlein! Zenzl charakterisierte ihn aber ganz richtig mit dem einen Wort: Boche! Das ist der Typus, dem wir Deutschen den Haß und die Verachtung der ganzen Welt danken. Ich habe ihm bei der Auseinandersetzung heute früh versprochen, daß ich seinen Namen unsterblich machen werde. Seine Visage verzog sich giftig und er meinte: „Freut mich! Freut mich!“ Ich antwortete: „Ich glaube, Ihre Nachkommen werden sich nicht freuen. Die werden sich schämen.“ – Wenn mit diesen Heften der Name Vollmann auf die Späteren kommen wird, so möchte ich doch nicht, daß er das Andenken an eine Persönlichkeit von besonders widerwärtigem Schlage beleben soll. Im Gegenteil: Das macht die Widerwärtigkeit eben aus, daß hier gänzlicher Mangel an Persönlichkeit durch eine künstliche Aufgeblasenheit ersetzt wird und daß der Schein einer Bedeutung zu erreichen gesucht wird durch eitle Markierung eines Zynismus, hinter dem nichts andres steht als phrasengeschwollene hohle Gewissenlosigkeit. So gibt es unendlich viele, so war der Riegele in Traunstein, so haben sich hunderte Leutnants im Kriege geoffenbart, so ist der von Materialismus und nationalem Dünkel gezüchtete Deutsche, der Urenkel der Romantiker geworden: ein jeder sittlichen Verantwortung, jeder wahren Kultur barer eingebildeter Parvenue. Der Name Vollmann mag einmal als Ausdruck für ein Negativum sein, das durch sein Vortäuschen dessen, was der Name sagt, bei aller Welt nur Antipathie erzeugen kann. Wenn so etwas Macht in die Finger bekommt, dann wehe denen, die seiner Willkür ausgesetzt sind. Es ist halt mein Pech, daß ich zu ihnen gehöre, aber sein Pech, daß er in meine Biographie gerät. – Und da ich nun schon dabei bin, mich mit der Null zu beschäftigen, soll eine Leistung gleich vermerkt werden, die er heute dem Genossen Grassl gegenüber geliefert hat. Der ist noch in Einzelhaft. Vollmann kam und bot ihm an ihn herauszulassen, falls er verspräche, sich bei weiteren Prügeleien, wenn etwa Herr Waibel oder Herr Mühsam Schläge bekämen, nicht einzumischen. Grassl erklärte ihm, daß er dann wohl noch 5 Jahre in Einzelhaft bleiben werde, da er für jede Gefälligkeit des Herren ein für allemal danke und es ihm garnicht einfalle, jemals irgendwelche Versprechungen abzugeben. Sehr interessant ist aber, daß Vollmann zu wissen scheint, daß Mehrer und Riedinger anscheinend etwas gegen uns planen und uns offenbar die Prügel ungekürzt und von keinem Genossen abgefangen zukommen lassen will. Passiert jetzt etwas, dann wissen wir Bescheid. – Als sich Zenzl um 5 Uhr von mir verabschiedete, kam grade ein neuer Leidensgefährte von Ebrach an: Kain, der frühere Vorsitzende der Münchner KPD. Er war bis jetzt in Ebrach und ist dort von den Häuserschleichern weggeekelt worden, die seine und des Genossen Schürk (den man in die andre Spartakistenhochburg Eichstätt gebracht hat) Entfernung verlangt haben sollen. Überall das gleiche Gesindel. Unsre Anstalt in Ansbach scheint aber bei der Justizverwaltung schon gradezu die Rolle einer Strafkolonie zu spielen. Ich hoffe, daß wir in Kain einen tüchtigen, gegen Vollmannsche Rankünen gefeiten Streiter erhalten haben. Leider verläßt uns in einigen Tagen Rudolf Hartig, der – immerhin ein sicherer Erfolg meines Prozesses – zu seinem Bruder nach Eichstätt kommt. Im übrigen scheint das Echo meiner Gerichtsverhandlung nicht stark zu sein. Die bürgerlichen Blätter verschweigen alles Wesentliche und die Zeitungen der Revolutionäre haben bis jetzt keinen Platz gefunden für den Gegenstand. Es ist in dem Lande, wo man sich immer noch mit Hurras für Hindenburg heiser schreit, leider keine andre Hoffnung auf endliche Revolutionierung des Volksganzen als der Stand der Valuta. Jetzt gilt unsre Mark in der Schweiz 13 Centimes. Wenn sie auf 5 steht, wird die Frucht vielleicht reif sein.

 

Ansbach, Sonntag, d. 23. November 1919.

Eben hatten wir eine interessante Diskussion und zwar über die ersten Maßnahmen bei Wiedererwachen der Revolution. Derartige Disputationen haben wir schon in Ebrach mit einer Anzahl zuverlässiger Genossen häufiger geführt, die sich damals allerdings – und auch hier, wenn eine Aussprache schon mal ernstlich geführt wurde, immer auf die Organisation spezieller Ressorts, Militärwesen, Volksernährung, Bewaffnung des Proletariats etc., bezogen. Heute kam auf meinen Vorschlag die Sprache auf die vorbereitenden Dinge. Wir beschlossen, um morgen abend mit der Besprechung fortfahren und sie zu irgendeinem schriftlich festzulegenden Abschluß bringen zu können, Merkzettel anzulegen, auf denen jeder knapp niederlegt, welche Ansicht er vertreten hat. Meine Aufzeichnung will ich hier abschreiben: 1.) Referat (das ich gegeben hatte): „Vor allen Spezialerörterungen steht die Frage, wie am ersten Tage der Revolution die geeigneten Kräfte gefunden werden, die, mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet, die vorbereitenden Maßnahmen zur Regelung des Gesellschaftsbetriebs treffen. Aus revolutionären Demonstrationsversammlungen sind je nach der Größe der Städte revolutionäre Arbeitsräte nach Art der Sektionen der französischen Revolution oder der Münchner Mathäserwahl zu bestimmen, die provisorisch Diktatur ausüben, provisorische Volksbeauftragte ernennen (in der Hauptstadt) und Ämter verteilen. Parteizugehörigkeit darf nicht maßgebend sein, wohl aber das Bekenntnis zur 3. Internationale, zur Rätediktatur, zum Kommunismus. Bis durch revolutionäre Betriebsratswahlen das Fundament zur eigentlichen proletarischen Diktatur gelegt ist, liegt die ganze Macht in den Händen dieser revolutionären Arbeiterräte, die nach Gutdünken Mitglieder ausschließen bzw. kooptieren können. Besonders geeignet zur Teilnahme an diesen Räten sind die zur Zeit in Festungen und Zuchthäusern gefangenen Genossen nach Ausschließung der „anständigen Elemente“. Sie haben Personalkenntnis und haben sich im Lauf der Gefangenschaft intensiv mit den vordringlichsten Fragen der künftigen Revolution befaßt. Überdies genießen sie das Vertrauen der revolutionären Massen kraft ihrer früheren Betätigung und ihrer Leiden für die Sache der Revolution. 2) (Diskussion): Die Möglichkeit, daß am Tage unsrer Freilassung eine unabhängige Leisetreterregierung am Ruder ist, besteht. In diesem Falle wäre die Politik zu verfolgen wie im Dezember und Januar gegen Eisner und inzwischen mit den aktiven Revolutionären draußen alles für den Tag des eigentlichen Umsturzes vorzubereiten. Wahrscheinlich ist, daß unsre Freilassung durch das Wanken des derzeitigen Regimes herbeigeführt wird (wie vor den Novembertagen die Politik der Toleranz einsetzte). Dann hätten wir zu verfahren, wie im Referat dargelegt: Kains Wunsch, es solle sich eine kommunistische Partei nach Auflösung der alten neu bilden und die Persönlichkeiten stellen, ist abzulehnen. Parteien, die auf dem Boden der kommunistischen Rätediktatur stehn, sind zur Mitarbeit willkommen, sie mögen revolutionäre Kräfte sammeln, organisieren und zur Verfügung stellen. Partei darf aber nicht Bedingung sein. Eine Volksbeauftragten-Regierung ist im Gegensatz zu Reicherts Auffassung sofort zu konstituieren, da das Volk Namen hören will und die Gewähr haben will, daß sofort etwas geschieht. Natürlich provisorisch und unter dem Vorbehalt der Abberufbarkeit durch die Massen. Statt der Parteien wäre die Bildung freier revolutionärer Verbände zu empfehlen in der Art der Vereinigung revolutionärer Internationalisten oder der Hamburger Arbeiter-Union, worin nicht nach Mitgliedskarten gefragt wird, sondern nach Gesinnung.“

Solche Diskussionen sind ungemein wertvoll. Sie schaffen Klarheit und erfüllen unsern Zwangsaufenthalt in Staatspension mit Nutzen für die künftige Revolution. Ein beliebter Gegenstand der Unterhaltung ist – und war auch heute wieder bei der Aussprache – die Frage, wie Persönlichkeiten à la Toller und Klingelhöfer mit ihrer Rührigkeit und Rührsamkeit von der Führung fernzuhalten sind. Daß sie ungeheuer geschadet haben, darüber besteht garkeine Meinungsverschiedenheit. Aber ist es auch nicht zu leugnen, daß zumal Toller, der mit Begriffen wie Liebe, Menschlichkeit, Brüderlichkeit so rührend jongliert, daß den gläubigen Proletariern die Augen übergehn, sich überall starken Anhang zu schaffen weiß. Und daß seine Ellenbogen kräftig zu arbeiten wissen, haben wir auch erfahren. Er ist der Hans in allen Gassen. Zum Berner Sozialistenkongreß im Februar kandidierte er fröhlich neben Eisner und fuhr, als er nicht gewählt wurde, trotzdem mit. Da er in Bern noch etliche Interviewer zu bedienen hatte, versäumte er Eisners Tod, reiste aber auf die Münchner Kunde hin schleunigst ab, telefonierte schon von Lindau aus nach einem Auto, sprang in München sofort in eine Sitzung unsres revolutionären Arbeiterrats hinein und wollte dort Direktiven geben. Hagemeister ließ ihn abfahren. Wir delegierten damals Hagemeister und Levien in den Zentralrat. Toller pflanzte sich ungewählt ebenfalls hinein. Als dann die Räterepublik Nr. 1 perfekt war, führte am zweiten Tage Toller den Vorsitz. Ich fragte Niekisch, ob er den Posten niedergelegt habe. Nein. Wer denn Toller gewählt habe. Kein Mensch wußte es, aber er war Vorsitzender. Als dann die Kämpfe bei Dachau waren, hatte Toller das Oberkommando bei Dachau. Er führte den Krieg mit der Parole: Nur kein Blutvergießen! Ritt aber voll Feldherrnstolz seine Front ab (man muß nur unsern Markus Reichert davon erzählen hören) und verlor natürlich den schon genommenen Ort zur Wut seiner Truppen. Zu seinem Prozeß bot er einen ungeheuren Apparat von Verteidigern, Sachverständigen, Leumundszeugen und Regie auf, verglich sich selbst mit Napoleon und Schiller und kniff im übrigen so jämmerlich, daß man ihn zur Mindeststrafe verurteilte. Die Reklame, die er seitdem wieder für seine werte Person macht, ist widerlich. Da hat er ein Drama geschrieben „Wandlung“. Da Toller dafür gesorgt hat, daß überall die ergreifendsten Artikel über ihn geschrieben werden – ja, der Schmock Stefan Grossmann hat eine eigne Broschüre über ihn verfaßt, und da Toller sich auf Konjunktur versteht, so wurde des großen Freiheitskämpfers Stück in Berlin vor Kurfürstendammwild aufgeführt. In allen Kritiken preist man die hohe „Ethik“ des Stücks. Jetzt hat uns Hartig das gewaltige Opus vor einigen Tagen vorgelesen. Eine Primanerarbeit, unglaublich prätentiös, aber die Naivität selbst. Alle Stilarten komisch durcheinandergepantscht, und eigentlich keine einzige Zeile von selbständiger dichterischer Kraft. Die „Ethik“ aber ist so, daß man sich über die Zustimmung der Bourgeoispresse nicht mehr zu wundern braucht. Da ist z. B. eine Volksversammlungsszene. Die ödesten Typen der Reaktion treten auf, dann aber auch ein Volksapostel vom revolutionären Schlage, der nun mörderlich bramarbasiert. Das Volk applaudiert ihm. Aber siehe: Friedrich (mit dem Antlitz Tollers) begibt sich auf die Tribüne und schmalzt seine Ethik hin – eine Brühe inhaltloser Redensarten. Kein Auge bleibt trocken. Sogar eine Studentin, die ihn ersucht, ihr ein Kind zu machen, läßt Toller abfahren: sie habe keinen Anspruch auf seinen Körper. So sehr ist er Seele, blos Seele. Und zum Schluß – er hat in jener Versammlung solange gebremst, bis er die Massen glücklich vom „Marschieren“ zurückgehalten hat, da hält er noch einmal eine Rede und sagt seinen Mitmenschen die letzte tiefste Wahrheit, nämlich daß er unbegrenztes Verständnis für sie habe, mit jeder Fabrikarbeiterin am Rade steht, mit jedem Vagabunden Schnaps trinkt, mit jeder Proletarierfrau Kinder gebärt, mit jeder Hure talerweise Bettfreuden genießt – kurz: so sozial hat noch nie jemand empfunden. Und darum: Kinder, marschiert in Gottes Namen! Aber, liebe Proletarier, die Reichen sind auch Menschen, darum tut ihnen nichts – Liebe! Menschlichkeit! Verständnis! Ruhe! Ordnung! Disziplin! Es lebe die Revolution! – Ich hatte eine Schandwut über das Machwerk. Literarisch absolut minderwertig und von der Warte des Revolutionärs eine Schmach. Aber der ganze Toller: Heerführer mit der Devise: Nicht schießen! Die Bewaffnung des Proletariats – selbstverständlich, aber um Himmels willen nur kein Tropfen Blut. Ich habe wahrhaftig Sinn für Tolstojs Bekenntnis. Aber ein Kompromiß von Tolstoj und Dschingiskhan – pfui Teufel! Mir wars nicht leicht, mich für aktives Kriegführen zu entscheiden. Ich hab’s getan. Aber nun predige ich auch nicht mehr die Gewaltlosigkeit. An die denken wir wieder, wenn die Revolution geglückt ist. Toller trägt Schuld an unendlich viel Unglück das über das baierische Volk gekommen ist, weil seine Selbstgefälligkeit ihm den Blick für die Grenzen seiner Fähigkeiten vollständig geblendet hat. Natürlich ist er nicht bösen Willens, und persönlich ist er gewiß ein netter, liebenswerter Kerl. Aber er ist weder ein Volksführer noch ein Feldherr, weder ein Staatsmann noch ein Dichter – und er will das alles sein. Momentan ist er als Literat kolossal en vogue. Sein Name prangt – ein reziproker Theodor Körner – unter der Märtyrergloriole in allen Zirkeln aesthetisierender Hysterikerinnen. Ein Revolutionär, der seinen literarischen Ruhm seiner Politik verdankt. Mir ist’s umgekehrt gegangen. Grade wegen meiner Politik bin ich als Dichter seit mehr als 1½ Jahrzehnten vollständig diskreditiert. Der Lyriker Mühsam durfte nicht aufkommen, weil auch ein Anarchist Mühsam da war, der den Massen allerdings nicht die Liebe zu den Kapitalisten gepredigt hat. Allerdings ist mir das Talent zur Reklame versagt geblieben, das dem guten Ernst Toller die Dienste eines Vergrößerungsglases seiner übrigen Talente leistet. Mag er glücklich sein dabei. Ich glaube, Neid brauche ich gegen ihn nicht zu empfinden. Sein Ruhm ist dazu doch zu sehr von dieser Welt – und seine „Wandlung“ entlarvt ihn. Ich fürchte in ihm die Möglichkeit zu ferneren Wandlungen. Ich diene der Revolution – er möge sich hüten.

 

Ansbach, Montag, d. 24. November 1919.

Abschrift: „Erklärung. Der „Freie Arbeiter“ druckt in Nr. 20 stark post festum die Kundgebung ab, mit der ich meinen Beitritt zur KPD begründete. Wer lesen kann, erkennt daraus, daß mein Übertritt keine Verleugnung meiner von jeher betätigten Überzeugungen in sich schloß, sondern den Versuch bedeutete, die Einigung des revolutionären Proletariats unabhängig von theoretischen Doktrinen auf einer bereits vorhandenen Grundlage herbeizuführen. Ich wollte die Partei veranlassen, entweder meine Aufnahme mit der Begründung abzulehnen, daß die in meinem Manifest niedergelegten Ansichten sich nicht mit den Auffassungen der KPD vertragen, oder aber mich aufzunehmen und damit mit der Engherzigkeit der Parteiverbohrtheit alten Stils zu brechen und sich selbst zu einer Organisation zu erweitern, die nur noch den Namen nach eine Partei, in Wirklichkeit eine Kampfbasis für alle die wäre, die die Revolution bis zum Ziele einer freien kommunistischen Gesellschaft durchführen wollen. – Die KPD-Presse druckte meine Kundgebung kommentarlos ab, schien sie also ohne eigne Stellungnahme zur Diskussion stellen zu wollen. Zu meiner Enttäuschung blieb jedoch die Diskussion aus, nur die anarchistischen Blätter winkten mir mit tränenfeuchten Schnupftüchern nach, wobei sie – auch der „Freie Arbeiter“ – an meine Stellung beim Kriegsausbruch erinnerten. Welches die fadenscheinigen Gründe waren, mit denen ich damals meine angeblich anfechtbare Haltung entschuldigte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich vom ersten Kriegstage an in Opposition zur offiziellen Politik stand und nicht mit einer Silbe eine andre Einstellung zu erkennen gegeben habe. Es bedurfte erst einer gründlichen Verfälschung meiner Erklärung an die Leser meiner Zeitschrift, um aus einem winzigen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz eine Gesinnungsänderung konstruieren zu können. Ein Vergleich zwischen damals und jetzt hat demnach garkeine Berechtigung. Ich war 1914 derselbe geblieben, der ich vorher auch war, und habe erst 1919, von den Erfahrungen der Revolution belehrt, eine gewisse Wandlung durchgemacht, die aber im Kern auch nichts an meinen Überzeugungen geändert hat. – Sechs Wochen nach meinem Eintritt in die Partei provozierte die Zentrale der KPD die Spaltung, indem sie den großen Bannfluch gegen alle Genossen schleuderte, die nicht in ihrer Parteibürokratie die letzte Weisheit des proletarischen Klassenkampfs vereinigt sahen, die nicht zur Parlamentsschwätzerei zurückkehren wollten und die die Diktatur des Proletariats anders auffaßten denn als unbegrenzte Machtfülle eines Parteivorstands. Aus meiner Beitrittserklärung ging klar hervor, daß ich die Einigung des Proletariats ganz gewiß nicht durch das Zusammentreiben der revolutionären Kräfte in einen möglichst engen Pferch pedantischer Programmartikel bezweckte. Am wenigsten hatte ich mit der Rückkehr zu den abgestandenen und durch die sichtbaren Resultate einer fünfzigjährigen Praxis hinlänglich verurteilten Methoden der alten sozialdemokratischen Partei gerechnet. Mit der Ausschließung der Opposition auf dem letzten Parteikongreß der KPD bin ich demnach selbstverständlich automatisch aus dem Gehege dieser Organisation wieder hinausgeflogen. – Obwohl ich nach dieser Prozedur die Empfindung habe, als hätte ich einen zu engen Kragen vom Halse entfernt, muß ich doch feststellen, daß ich das kurze Gastspiel in einer Partei durchaus nicht bereue. Mein Ziel ist und bleibt die Einigung im reinen Bolschewismus, wobei ich darauf hinweisen kann, daß die Weitherzigkeit Lenins den kommunistischen Anarchisten Rußlands den Anschluß an die Bolschewiki, ohne Überzeugungsopfer zu fordern, längst möglich gemacht hat. Mein Versuch, diese Einigung auf dem Boden einer Partei zu erreichen, hat zu dem praktischen Resultat geführt, daß diese Methode einwandfrei widerlegt ist. – Trotzdem werde ich das Bestreben, zur Einigung zu gelangen, nicht verloren geben. Begreift man, wie ich es tue, unter „Diktatur des Proletariats“ die Machtuniversalität der Gesamtheit in den Händen des ganzen Proletariats, das von den Betriebsräten angefangen von unten herauf revolutionär organisiert ist, so ist dieser Gedanke durchaus nicht in Widerspruch zu Bakunins föderalistischem Revolutionarismus, wie denn der Aufbau des Rätesystems, wie die Sovjetrepublik ihn durchgeführt hat, keineswegs in dem Sinne zentralistisch ist, wie die deutschen Marxpfaffen sich einbilden. Gewiß beruft sich Lenin auf Marx und Engels, aber er nimmt in Theorie und Praxis soviel von Bakunin, daß die Errichtung eines Bakunin-Denkmals in Moskau neben dem Marxens nur ein völlig konsequenter Dankbarkeitsakt war. Es wäre den deutschen Anarchisten ebenso wie den Sozialdemokraten aller Richtungen nur dringend zu wünschen, daß sie sich von jeder Bibelgläubigkeit befreiten und sich vom Erlebten in ihren Anschauungen stärker befruchten ließen als vom Erlesenen. – Die dritte Internationale erlaubt uns Antiautoritären ohne Gesinnungswandlung die Zustimmung. Glaubt die KPD eine Politik des Bonzentums treiben zu sollen, die den Sinn des Rätegedankens verleugnet und verfälscht und die dem Spartakismus den Schrecken für die Bourgeoisie nimmt, so schließt sie sich selbst als aktive Kraft der Weltrevolution aus. Das revolutionäre Proletariat Deutschlands wird über Doktrinen und Katechismen, über Führereitelkeiten und Parteitagsbeschlüsse hinweg seine Einigung in Freiheit durchsetzen und Hand in Hand mit den russischen Brüdern und dem Weltproletariat den Weg zum Kommunismus und zur Weltgemeinschaft finden.

Festungsgefängnis Ansbach, Ende November 1919   Erich Mühsam.“

 

Morgen früh will ich diese Erklärung an den „Freien Arbeiter“ fortschicken. Da ich den Verdacht habe, daß Vollmann sich die Gelegenheit zur Schikane zu Nutze machen und den Schrieb von der Beförderung zurückhalten wird, habe ich hier Abschrift genommen, um nicht nur für den Personalakt dieses angenehmen Zeitgenossen gearbeitet zu haben. Heute ließ er uns durch den Oberaufseher offiziell von der Verhängung des Kuratels in Kenntnis setzen. Wir dürfen nur noch 20 Mark in Besitz haben. Im übrigen werden unsre Ausgaben – sofern sie genehmigt werden (diesen Vorbehalt hat das Monstrum tatsächlich gemacht) – von dem Oberaufseher besorgt. Es steigen Kindheitserinnerungen in mir auf, Schulreminiszenzen. Mit 7 Jahren hatte ich einen Lehrer, namens Brüning, der offenbar Sadist war und mich als sein Opfer auserwählt hatte. Er prügelte mich jeden Tag fürchterlich, konnte mich aber nicht zum Weinen bringen. Ich hatte mir vorgenommen, unter keiner Bedingung zu weinen. Ich höre noch wie heute, wenn er mich vorrief „Müsle, komm mal her. Ich will mal sehn, ob du nicht schreist, wenn ich dich verhaue.“ Und mit dieser Begründung ließ er den Retstock auf meiner strammgezogenen Hose tanzen. Ich habe schrecklich gelitten, blieb aber fest und brüllte nicht, und zu Hause sagte ich auch nichts – aus Angst, der Vater werde ja doch dem Lehrer recht geben, da ja meine ganze Erziehung auf Einschüchterung gestellt war. Meine Eltern haben die Methoden des Brüning nie erfahren, und ich kam aus der Angst nicht heraus, weder in der Schule, noch zuhause. Dann bekam ich in der Sexta den Herrn Drege, der mich jahrelang schauderhaft malträtierte und an dem ich später, als ich in die Flegeljahre aufgerückt war, weidlich Rache nahm. Auch Herr Dr. Giske, mein Lehrer fürs Griechische in der Tertia war so eine Nummer, der nach Schikanen suchte, um mich zu peinigen. Ganz ähnliche Empfindungen wie gegen diese Quälgeister erfüllen mich jetzt gegen den Dr. Vollmann. Man ist wehrlos den Mißhandlungen eines böswilligen Menschen ausgesetzt. Daß mir das mit über 40 Jahren noch einmal blühen werde, hätte ich nicht vorausahnen können, als ich mit 19 Jahren endlich die Qual des Gymnasiums hinter mich warf. Aber es gibt gottseidank Erfreulicheres in der Welt als diesen Kerl. Das, was heute wie ein Schluck Tokayer auf mein Gemüt wirkte, war die Nachricht vom völligen Zusammenbruch der deutschen Streitkräfte im Baltikum. Diese Truppen, die von der Konterrevolution ausersehn waren, im Moment, wo man sich stark genug fühlte, den entscheidenden Schlag zu führen, die bei der zweideutigen Behandlung durch die Regierung – erst waren sie die Helden, dann auf den Wink der Entente befahl man ihnen die Einstellung ihrer Raubzüge – auch freudig bereit wären, die Eroberung von Berlin zu unternehmen, sind von Esthen, Letten und Littauern völlig eingeschlossen und vom Rückzug in die Heimat abgeschnitten. Die Wut der baltischen Völker und Heere gegen die Deutschen muß grenzenlos sein, und sie ist in den schandbaren Brandschatzungen, Ausplünderungen, Morden und Vergewaltigungen der vollkommen verwilderten Horden sehr begründet, wenn auch andrerseits die Eigentumsverbrechen der Landsknechte auch wieder verständlich sind, da ihnen die Regierung, die Anstifterin der Raubzüge, die monatelang trotz allen Versicherungen, sie gehorche dem Willen der Ententeregierungen, heimlich Verstärkungen und ungeheure Mengen Munition und Fourage ins Baltikum nachgesandt hatte (um dort Aufstapelungen für die Revanche zu schaffen) alle Zufuhren plötzlich abschnitt. Die militärische Katastrophe dieser Banden, die zweifellos die Vernichtung der ganzen Armee bedeutet, ist ein furchtbarer Schlag für die Nationalisten. Ihr Programm ist beim Teufel. Nun brauchen die Franzosen blos noch den Daumen auf die Umgehungen der Waffenstillstandsbedingung der Abrüstung zu legen und die Einwohner-, Schutz- und Bürgerwehren abzustellen, dann hat die ganze Herrlichkeit ein Ende. Aufrechterhalten wird sie ohnehin nur noch durch nackte Waffengewalt. Wirtschaftlich ist alles ein wildes Chaos. Die Regierungen erklären selbst schon, daß die Kohlennot irreparabel ist und ermahnen das liebe Publikum zu äußerster Einschränkung im Heizen und Beleuchten. Das wird viel nützen. Die Stilllegung der Fabriken kommt unvermeidlich doch, und dann ist der Zustand da, der zum letzten Mittel greifen lassen wird: man wird uns bitten. Aber grade dann dürfen wir nicht helfen. Die Katastrophe muß vollständig sein, die toll gewordene Masse muß erst ihr Strafgericht halten, Hunger und Verwahrlosung müssen bis zur vollen Verzweiflung gediehen sein, sodaß garkein Kompromiß mehr hilft. Dann können wir zugreifen. Sonst erleben wir dasselbe, was die ungarischen Genossen erlebt haben, weil sie die Revolution aus den Händen der Bourgeoisie bewilligt bekamen. Rettungslos muß der Kapitalismus kompromittiert sein, dann können wir die Axt nehmen und die Trümmer zerschlagen. Schon rühren sich die Bergleute im Ruhrgebiet wieder. Langsam beginnen die Streiks von neuem. Die „technische Nothilfe“, Noskes Streikbrechergarde, wird wohl in diesem Winter viel zu tun kriegen. Aber warm kriegen werden die Bürger ihre Öfen damit doch nicht. Das Proletariat wird ihnen vielleicht auf ganz andre Weise warm machen.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 26. November 1919.

Aus einem Brief, der morgen an Jenny abgehn soll, da das liebe Mädel sich endlich wieder gemeldet hat: „... Du hast meinen Aufenthalt durch meine Beitrittserklärung zur KPD erfahren. Auf diese Weise bin ich auch mit andern Personen, mit denen der Faden zerrissen war, wieder in Verbindung gekommen. Das ist aber so ziemlich auch der einzige Nutzen, den mir der Seitensprung in die Partei gebracht hat. Du hast wohl aus der Erklärung entnommen, worum es sich mir handelte: um Einigung der links von Haase stationierten Revolutionäre à tout prix, und da die Kommunisten nun mal so schrecklich verliebt sind in ihre Parteiorganisation, so bemühe sich halt der Prophet zum Berge, bin ich erst mal drinnen, dann erweitern wir die Basis des Gebildes in einem Umfange, der Syndikalisten, Anarchisten und allen entschlossenen Radikalen den Beitritt ohne Gewissenszwang gestattet. Ich hatte die geistige Weite der Parteihirten leider sehr überschätzt. Du kennst den Beschluß der Zentrale, alle Genossen auszuschließen, die sich nicht auf den Boden ihrer Leitsätze stellen wollten, und Du wirst auch die Leitsätze kennen, ein Manifest, das sich vom Erfurter Programm kaum mehr anders unterscheidet, als durch das schlechtere Deutsch, in dem es gehalten ist, und durch eine Engstirnigkeit, mit der selbst Kautsky nicht mehr konkurrieren kann. Wer sich nicht fügt, fliegt! war der Weisheit letzter Schluß, und so flog ich natürlich prompt wieder durch den Ausgang links dahin, woher ich gekommen war. Daß ich den Versuch unternommen habe, ist mir lieb. Ich kann später dem Anwurf der Bonzen, den ich ja im April in München hören mußte, ich wolle nicht verantwortlich sein, mit dem Hinweis begegnen, daß ich meinerseits ein Entgegenkommen versucht habe, das mich eine schwere Gewissenskonzession kostete, daß aber die kretinhafte Orthodoxie der Marxomanen den Aufenthalt in der Partei für jeden selbständigen Geist unmöglich machte. Nun bin ich wieder draußen und werde nie, nie, nie wieder den Versuch machen, die splendid isolation durch Unterschlupf in einen Schafstall zu überwinden. Auch der Hamburger Union werde ich schwerlich beitreten, solange man sich dort mit erhobenen Händen gegen den Vorwurf des Syndikalismus wehrt und gar den revolutionären Angriffskrieg gegen den Ententekapitalismus propagiert (der an sich natürlich keinen „nationalen Bolschewismus“ bedeutet – das ist eine demagogische Lästerung der KPD-Zentrale, wohl aber zu einer Art Burgfrieden mit dem Nationalismus führen könnte, bei dem die Revolution leicht unter die Räder kommen würde). Die Einigung des revolutionären Proletariats ist absolut notwendig, und zwar auf dem Wege über Moskau. Um zu ihr zu gelangen, werden die Kommunisten aufhören müssen, den Begriff des Syndikalismus als Ausdruck für Passivität und den des Anarchismus als Synonym für Kleinbürgerei auszugeben, während die Anarchisten und die Syndikalisten endlich einsehn müssen, daß politischer Kampf nicht identisch ist mit Parlamentarismus und daß die Ablehnung jeder politischen Betätigung gleichbedeutend ist mit dem Verzicht auf gesellschaftliche Organisation nach dem Umsturz. Ich habe mich gegen den Gedanken an proletarische Diktatur aus der gewohnten anarchistischen Mentalität heraus, die am Wort Diktatur als unvereinbaren Gegensatz zur unbedingten individualen Freiheit [festhält?,]die langen Jahre meiner politischen Tätigkeit hindurch immer aus Leibeskräften gewehrt. Erst die Einsicht in den wahren Sinn der Räteidee hat mich zur Erkenntnis gebracht, daß die Machtvollkommenheit der in den Räten organisierten werktätigen Bevölkerung, also die Rätediktatur, in dem Maße aufhört Diktatur zu sein, wie die widerstrebenden Kräfte des Kapitalismus überwunden, die schmarotzenden Rentenempfänger durch die Sozialisierung der Wirtschaft zur eignen Produktivität gezwungen und durch den Ausgleich der Existenzbedingungen die Bourgeoisie entbürgert, die Proletarier entproletarisiert werden. So ist die proletarische Diktatur einfach Mittel der Revolution und geht mit dem siegreichen Verlauf automatisch in Gleichheit und Gleichberechtigung, also in Freiheit über. Der Unfug der dialektischen Einwendungen dagegen beruht auf der Verwechslung, daß man annimmt, Revolution sei Freiheit, während sie ja nur Weg zur Freiheit ist, ein Mittel, das über die Besitznahme der diktatorischen Gewalt aus den Händen des Kapitals in die des Proletariats zur Freiheit im Kommunismus führt. – Die Syndikalisten veröffentlichen jetzt ihrerseits eine „Prinzipienerklärung“. Sie enthält nicht das geringste Neue: Autonomie der lokalen Gewerkschaftsverbände, Zusammenfassung in einer Arbeiterbörse, daneben Branchenföderation und faute de mieux neben den Gewerkschaften die Betriebsräte. Mittel der Revolution: Generalstreik, alsdann Organisation des Gesellschaftsbetriebs durch die wirtschaftlichen Verbände. Das ist alles sehr gut und schön. Nur haben die lieben Syndikalisten ein genau so dickes Brett vorm Hirn wie die Kommunisten. Diese sind hilflos ohne ihre Zentralleitungen, jene ohne ihre dogmatische Dogmenlosigkeit. Sie stemmen sich mit Armen und Beinen gegen die Eroberung der politischen Macht und sehn nicht ein, daß man das, was man zerstören will, erst haben muß. Mit den Gegnern rechnen sie einfach nicht. Lenin hat in diesem Punkt völlig den richtigen Standpunkt (Staat und Revolution). Er schließt unmittelbar an Bakunin an, indem er sich von dessen anarchistischen Nachtretern freimacht und erklärt, die staatliche Form der Gesellschaft müsse zertrümmert werden, damit man neu aufbauen kann, aber er hütet sich, die Bedingung dazu außer acht zu lassen, nämlich vorerst mal die Machtmittel des Staats in die Hand zu kriegen. Es ist doch heller Unsinn zu dekretieren: wir wollen keine politische Macht, deshalb ignorieren wir sie. Mir liegt die Stützung unsrer künftigen Gesellschaft auf Maschinengewehre wahrhaftig fern. Aber ich kann überhaupt nichts revolutionär organisieren, solange andre Maschinengewehre haben, die sie dauernd auf unsre Arbeit gerichtet halten. Die Syndikalisten – und die kommunistischen Anarchisten trotten blind in ihren Spuren hinterdrein – kommen mir vor wie Schachspieler, die einen wunderschönen Plan haben, den Gegner matt zu setzen, aber nicht bedenken, daß der andre auch mitspielt und mit seinem Gegenplan alle Kombinationen zusammenschmeißt. Endlich beweist die Einordnung der Betriebsräte in das syndikalistische Schema eine unglaubliche Verblendung. Wer Betriebsräte konzediert muß wohl oder übel auch die daraus hervorgehenden Arbeiter-, Bezirks-, Kreis-, Landesräte und endlich den Rätekongreß als exekutive und legislative Macht anerkennen müssen. Damit ist aber schon die Organisation einer politischen Macht gegeben. Gewerkschaften jeder Art haben nur Sinn innerhalb des kapitalistischen Betriebs. Sie haben die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit zu regeln, und es ist ein Segen, daß die syndikalistischen Gewerkschaften da sind, die das Prinzip des grundsätzlichen Kampfes zwischen beiden Parteien verkörpern. Dazu ist ihre ganze Organisation im Gegensatz zum zentralistischen Kartell durchaus geschaffen. Aber die Räte haben die Aufgabe, den Kapitalismus abzulösen und damit die Organisationen, die – wenn auch in rücksichtslosem Kampf – den Bestand des Kapitalismus zur Voraussetzung haben, überflüssig zu machen. Ich bin daher wohl für die Umstellung der gewerkschaftlichen Aktion auf syndikalistische Methoden und für den Übertritt der Gewerkschaften alten Kalibers zum Syndikalismus, aber als die eigentlichen Träger der Revolution, d. h. der Neuregelung der Wirtschaft, erkenne ich nur die Betriebsräte an, auf denen sich das ganze Gebilde der sozialistischen Gesellschaft aufzubauen hat. Däumig hat da schon einen ziemlich klaren Blick. Dieser USP-Mann ist ja auch schon so weit, alle Parteien zum Teufel zu wünschen und den Parlamentarismus grundsätzlich zu verneinen. Die Kommunisten verweisen mit ihrer Empfehlung des Parlamentarismus auf Karl Liebknecht. Aber grade der beweist mir das Gegenteil. Sein unsterbliches Verdienst ist grade, in einer einzigartigen Situation als Einzelner innerhalb eines bourgeoisen Gebildes revolutionären Charakter betätigt und damit evident gemacht zu haben, daß revolutionärer Charakter in Parlamenten nicht geduldet wird und werden kann. Man kann sich nicht an der Verwaltung eines Staats beteiligen, dem man die Existenzberechtigung bestreitet. Die Beteiligung an den Wahlen ist an sich eine Anerkennung des Staats und die Teilnahme an Parlamentsverhandlungen ist Paktieren mit dem Feinde. Der eine Liebknecht, der den Versuch zum Gegenteil unternahm, kam nicht zum Wort, wurde aus der eignen Fraktion ausgeschlossen, und als die Staatsgewalt nach ihm griff, vom Parlament selbst ausgeliefert. Außerdem sind Persönlichkeiten wie er so selten, daß man sie nicht als Norm aufstellen kann. Die Stellung zum Parlamentarismus ist für mich gradezu der Prüfstein für revolutionäres Wesen ...“ – Ich habe das hier abgeschrieben, um es eventuell für meine Einigungsbroschüre zu verwerten. Leider bin ich noch immer nicht damit zum Anfangen gekommen. Es ist seltsam: auch wo man garnichts zu tun hat, hat man nie Zeit. Es ist inzwischen spät geworden. Darum heute keine Politik mehr, sondern nur ein Licht auf die Porträts der Herren Müller-Meiningen und Dr. Vollmann. Kurz vor Schluß unsres Hofspaziergangs heute nachmittag wurden wir aus einer Gefängniszelle im 1. Stock angerufen, deren Fenster neuerdings mit ekelhaften Röhren vollständig verbaut sind, um das Hinaussehn zu verhindern. Es war unser Genosse Otto Thaler, mit dem wir in Ebrach zusammen waren, der nach Lichtenau kam und nun wegen Übelverhaltens nach Eichstätt versetzt ist. Trotz aller Versicherungen Müllers wird er auf dem Schub befördert und zu allem Überfluß legt man ihn ins selbe Haus, wo Festungsgefangene wohnen, in eine Dunkelzelle, ohne ihn zu uns heraufzulassen. Durch den reinen Zufall, daß sein Fenster nach unserm Spazierhof gelegen ist und er unsre Stimmen unterschied, erhielten wir Kenntnis von seiner Anwesenheit. Natürlich bemühten jetzt wir uns, ihm die Erlaubnis zu erwirken, mit uns zusammen zu kommen. Wir schickten einen Zettel an Vollmann, der aber schon fort war. Dessenungeachtet ließen wir ihm den Zettel in seine Eßwirtschaft bringen. Wir stellten darin die Eventualforderung, wenigstens uns oder doch einen von uns zu Thaler hinunter zu lassen, um ihn zu sprechen. Die Antwort wurde uns durch den Oberaufseher mündlich überbracht. Thalers Beförderung per Schub gehe uns nichts an. Wie sollten auch die, denen ein Minister Versprechungen gegeben hat, sich darum zu kümmern haben, ob er sein Wort hält. Dagegen, daß wir ihn besuchten, habe er grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber die Besuchsstunden seien schon vorbei, so bedaure er. Dabei ist Thaler schon den ganzen Tag da und hat unausgesetzt verlangt, uns sprechen zu dürfen. Vollmann hat uns einfach nicht benachrichtigt, und als wir am Spätnachmittag endlich zufällig Kenntnis bekamen, war die Besuchszeit vorbei. Man ist immer von neuem erstaunt über die Möglichkeiten, die ein niedriger Charakter zur Betätigung seiner Anlagen findet. Morgen in aller Frühe reist Thaler weiter. Die Aufträge, die ihm die Lichtenauer Genossen für uns mitgegeben haben, bleiben unausgeführt. – Gestern erfuhren wir, daß [man] seit einigen Tagen eine ganze Familie hier im Gefängnis eingeliefert hat: Mann, Frau, größere Tochter und zwei kleine Kinder, deren eines, 9 Monate alt, noch Brust bekommt. Die Leute sollen wegen Schwarzschlachterei eingesperrt sein. Kleine Kinder kommen ins Gefängnis. Wie die arme Frau bei der schlechten Kost unten – die Gefangenen hungern entsetzlich – ihr Kind nähren soll, ist unerfindlich. Die deutsche Revolution! Es ist zum Weinen, zum Weinen!

Totenliste: Georg Queri. Wieder einer aus dem Münchner Literaturzirkel, der mir trotz unsres Duzverhältnisses nicht näher und nicht ferner stand als Steiger oder Heller, von denen auch keiner den andern literarisch hoch überragte. Ich habe die Empfindung, als gehörten die drei irgendwie innerlich zusammen, obwohl sie alle drei sich heftig gegen die Zusammenstellung gewehrt hätten. Wieder die Bestätigung der alten Beobachtung: der Tod arbeitet serienweise.

 

Ansbach, Freitag, d. 28. November 1919.

Häusliches: Zwischen dem 1 Stock, wo die Gefängnissträflinge, und dem zweiten, wo wir unsre Behausung haben, wurde gestern die Treppe durch eine neue schwere Käfigtür vergittert. Kein Zuchthaus der Welt kann seine Insassen besser verwahrt halten als es jetzt mit uns geschieht. Müßten wir auf die Freiheit warten, die auf dem Wege des Ausbruchs erfolgt, dann könnten wir weiße Haare kriegen und immer noch in diesem elenden Verließ sitzen. Meine kleine Zelle bekommt freilich plötzlich ein höchst vornehmes Aussehn. Toni Waibel und Renner haben gestern und heute gearbeitet, um Tapeten über die Bettecke zu kleistern, und darauf sind die Zeichnungen von Grete Weisgerber geheftet. Morgen werden die andern Wände mit rotem Papier dekoriert und mit Bildern behängt: Landauer, Tolstoj, Bakunin, Krapotkin, mein toter Freund Schultze-Morax und mein sehr lebendiger Freund Toni selbst, wie er in Würzburg am 7. April von einem Auto herunter die baierische Räterepublik proklamiert und ferner Zenzl werden in Photographien um mich herum gruppiert. Wahrscheinlich kriegen wir in diesen Tagen noch eine Reihe Photographien von uns selbst und zwar als Gruppe und in Einzelbildern. Das Nexögeld ist für diesen Zweck ausgeworfen worden. Auch unsern guten Grassl haben wir aufnehmen lassen, die Aufseher ließen ihn ohne zu fragen dazu heraus. Seine Einzelhaft dauert aber immer noch an, und wir wissen kein Mittel, wie wir diese abscheuliche Ungerechtigkeit abstellen können. Für morgen ist Kahn bei mir gemeldet (wegen der Revision des Prozesses und wegen Erstattung der Anzeige gegen Müller-Meiningen nach § 345 StGB (Verhängung einer ungesetzlichen Strafart). Ich will ihn fragen, ob nicht der § 339 (Mißbrauch der Amtsgewalt), mit dem ich den Polizeipräsidenten von der Heydte in München stürzte, mit Bezug auf den Fall Grassl gegen den Vollmann anzuwenden wäre. Unserm Kain wurde der erste Brief, den er überhaupt von hier loslassen wollte, konfisziert. Er hatte darin an seine früheren Genossen (die jetzt von Ebrach in die Plassenburg überführt werden) Bericht gegeben über die „anständigen Elemente“. Die erfreuen sich des Schutzes der Vorstandschaft, während ihre Briefe gegen uns anstandslos passieren. So erzählt Kain, Mehrer habe nach Ebrach geschrieben, ich sei ein solcher Egoist, daß ich Geld und Pakete, die von der Frauenhilfe für politische Gefangene unter meiner Adresse für alle eingingen, stets für mich allein behalte. Tatsächlich hat die Frauenhilfe noch nie eine Sendung an mich adressiert, und tatsächlich habe ich noch alle Sendungen, wenn sie nicht von Zenzl oder ganz nahen Menschen nur für mich allein bestimmt waren, unter die Genossen verteilt, auch wenn das nicht besonders verlangt war. Glücklicherweise besitze ich den infamen Brief Riedingers an Grassl im Original und kann also beweisen, daß die perfidesten Verleumdungen die Zensur passieren, wenn sie gegen uns gerichtet sind und einfache Mitteilungen über die Vorgänge hier, wenn die Herren Verräter darin schlecht abschneiden, zu den Akten genommen werden. Heute wurde ein interessantes Zeitungszensurstück geliefert. Vollmann teilte mit, die Nr. 270 sei zu den Akten gekommen wegen eines Artikels: Dr. Müller und der Untersuchungsausschuß. Das klingt nicht, als ob es sich da nur um die Festungsgefangenen handelte, sondern als ob da irgendetwas steht, was als der Ehre Müllers abträglich Material für meine Revisionsverhandlung abgeben könnte. So rettet dieser Rechtswahrer seine Ehre. À propos Untersuchungsausschuß. Ich habe von dieser Komödie hier sehr wenig Notiz genommen. Gelohnt hätte es schon, denn was da im Reichstagsgebäude vor sich ging, war zwar alles andre, als ein Aufklärungsprozeß über die Kriegsschuldfragen, aber grade, daß es das nicht war, gab der Sache ihren Reiz. Im Grunde lief für die republikanischen Parlamentarier, die in dem seltsamen Kolleg saßen, die Fragerei darauf hinaus, festzustellen, – nicht wer den Krieg, sondern wer die Niederlage verschuldet hat. Wer hat uns das Geschäft verdorben? das war das Thema der Beweisführung. Aber die Rollen des Spektakels waren aufs komischste vertauscht. Die Angeklagten – Bethmann-Hollweg, Bernstorff, Helfferich, sogar auch Hindenburg und Ludendorff traten in Person vor die Rampe – spielten die Beleidigten, und die „öffentliche Meinung“ applaudierte ihnen und war empört und entsetzt über den Skandal, daß der Liebling des Volkes Hindenburg vor einem Cohn Zeugnis ablegen sollte und sich von Gothein zur Sache rufen lassen mußte. Die Herren schoben natürlich alles auf die Revolution. Ihr Sieg wäre ganz sicher gewesen, wenn nicht die Hetzer und Wühler des Hinterlands die Sache verdorben hätten. Helfferich trat am patzigsten auf, wurde mit Geldstrafen diszipliniert und fand darauf einen treuen Sekundanten in der Person des bisherigen Verhandlungsleiters selbst, des Alldeutschen Warmuth. Der legte ostentativ den Vorsitz nieder, den dann Gothein übernahm. Während unter dem robusten Nationalisten die Wahrheit einfach parteiisch unterdrückt wurde, ging jetzt ein Herumgehn um den Brei an, bei dem die liberalen und sozialdemokratischen Schlappschwänze noch kläglicher dastanden. Herausgekommen ist garnichts bei der Geschichte als gleichgültiger Knatsch. Und als sich dann unsre Teutonen zu laut über die Entweihung ihrer Heroen entrüsteten, wurde das Theater mitten im Akt abgebrochen, und nun jammern Demokraten und Vaterländler um die Wette, man dürfe die schändliche Selbstbefleckung nicht wieder anfangen, während liberale Linkshänder und Sozi kreischen, man müsse die „Untersuchung“ zu Ende führen. – Inzwischen müssen die deutschen Regierenden vom Ausland eine Ohrfeige über die andre einstecken. Aus einer Note, in der Clemenceau, überlegen wie immer, deutsche Jeremiaden über die Zurückhaltung der Kriegsgefangenen zurückweist, gehn reizende Dinge hervor. Anscheinend glauben die Idioten in Berlin immer noch mit den Schachermethoden, denen sie ihre Pleite zu danken haben, bei der Entente Geschäfte machen zu können. Wir erfahren nämlich, daß die Hoffnung, man könne der „Schmach“ entgehn, die Kriegsverbrecher, die überführt sind, die Ludendorffs, Kronprinzen, Franktireurmörder, Plünderoffiziere, Gefangenenschinder etc. auszuliefern, von unsern Regierungs-„Sozialisten“ noch lange nicht aufgegeben ist. Sie haben Clemenceau zu verstehn gegeben, die Erfüllung dieser – doch von ihnen akzeptierten – Bedingung, werde ungeheure Schwierigkeiten hervorrufen. Allerdings. Es ist fast sicher anzunehmen, daß in dem Augenblick, wo Frankreich die Herrschaften vors Gericht laden wird, unsre ganze nationale Bestie aufheulen wird – und dann gehts um die Wurst. Die Rechtssozialdemokraten wissen das gut. Deshalb angeln sie Sympathieen bei den Revolutionären. In Versammlungen und Zeitungen fordern sie Zusammenschluß aller Sozialisten, Aufhebung der Ausnahmegesetze, Preßfreiheit und sogar Freilassung der politischen Gefangenen. Manche von unsern Genossen sehn schon die Verbündung von MSP und USP und wittern Freiheitsluft. Ich danke. Wir würden dasselbe erleben wie im April. Zusammenschluß und im Augenblick, wo sie sich stark genug fühlen, mit Hilfe von Demokratie und Klerus Machtpöstchen zu erwerben, Verrat. Beim letzten Metallarbeiterstreik in Berlin die gleiche Geschichte. Alles war einig im Entschluß, mit allen Mitteln die dürftigen Novemberrechte zu wahren, der Generalstreik sollte proklamiert werden, und in dem Moment schmissen die Herren um. Ich will gern ein Jahr länger Herrn Vollmanns Wohlwollen genießen, wenn die Revolution ihre Stunde abwartet. Die Techtelmechtelei, die sich zwischen den Sozialverrätern und den unabhängigen Sozialseiltänzern seit Wochen anbahnt, gefällt mir garnicht. Die Scheidemänner wissen, daß sie bei den nächsten Wahlen üble Figur machen werden. Da möchten sie rechtzeitig Anschluß nach links suchen. Sie wollen mit aller Gewalt ihre Minister- und Staatsratsposten sichern, wie sie sich früher mit aller Gewalt an ihre Partei- und Gewerkschaftsposten geklammert haben, und sie wissen, daß ihre Laufbahn, wenn sie geworfen werden, ob ihre Nachfolger nun Monarchisten oder Kommunisten sein werden, in Gefängnissen enden wird. Wir können Ludendorff ruhig siegen lassen. Schlimmer als sie jetzt sind, werden die Verhältnisse dadurch auch nicht sein. Noske ist ohnehin nicht der Anführer, sondern nur der Spitzenreiter der Weißen Armee. Aber der Umsturz von rechts schafft uns die schlimmsten Feinde vom Hals, die, deren korrupten Charakter, deren Verräterei die naive Menge jedesmal wieder vergißt, wenn sie einen Augenblick wieder die alte agitatorische Nomenklatur aufschlagen. Nicht die Republik gilt es zu retten – sie ist es ohnehin nur ganz von der Außenseite –, sondern die Revolution. Schlägt die Regierungspartei mit Hilfe der Radikalen wirklich die Konterrevolution zusammen, so verbündet sie sich mit den Geschlagenen gegen ihre Helfer an demselben Tage, wo man ihnen die Posten streitig macht, und wir können wieder von vorn anfangen. Mögen die Kriegsverbündeten Deutschlands sich um die Beute der Niederlage gegenseitig die Haut vergerben, der Endsieg wird uns gehören und wird umso schneller und sicherer sein, je gründlicher die Erbschleicher des Kriegs und der Revolution einander die Knochen gebrochen haben werden. – – Heute habe ich eines Toten zu gedenken, der denn doch zu bedeutend war, um in eine Serie eingereiht werden zu können: Domela Nieuwenhuis ist gestorben. Damit ist wieder einer der Wenigen fort, die das klare Gefühl für das Rechte in die Bahn des Anarchismus geführt hat, und die niemals an die reale Politik Konzessionen gemacht haben, die ihre Gewissenskontrolle nicht passiert hätten. Der Antimilitarismus war seine Lieblingsidee, und die praktische internationale Organisation der Dienstverweigerung sollte sein Lebenswerk abschließen. Ich bin persönlich infolge mancherlei Widerstreits zwischen der Liebe zum Frieden auf der einen Seite, der Liebe zur Revolution auf der andern Seite, zu stark von der Notwendigkeit revolutionärer roter Armeen überzeugt worden, habe den Pazifismus, der ja unmittelbar vor dem Kriege und während des Kriegs auch von mir oder meinem Herzen Besitz ergriffen hatte, zu sehr als sentimentalische Reformisterei erkannt, daß der Weltfriede mir heute nicht mehr durch einfache Kriegsabwehr erzielbar zu sein scheint. Die Möglichkeit, einen revolutionären Krieg eines Tags wollen zu müssen, darf ich aus meinem Revolutionswillen nicht kurzerhand ausschließen. Für die Freiheit der Völker, für die kommunistische Gesellschaft muß wahrscheinlich die Waffe noch geführt werden. Aber der Zumutung der kapitalistischen Staaten an das Proletariat, für den Besitz der Reichen in den Krieg zu gehn oder auch nur sich in die Kasernen stecken zu lassen, kann nur das Mittel der direkten Aktion, die konsequent befolgte Militärdienstverweigerung entgegengestellt werden. Ich weiß nicht, wie weit Domela sich in der letzten Zeit die Ideen des Bolschewismus zu eigen gemacht hat. Aber ich weiß, daß er durch seinen reinen Geist, durch seine edle Tatkraft und durch sein revolutionäres Wirken durch lange Jahrzehnte, die Moral hat schaffen helfen, die die Erde für die Aufnahme der russischen Saat gedüngt hat.

 

Ansbach, Montag, d. 1. Dezember 1919.

Noch ist der Friede nicht in Kraft, und schon hat Deutschland wieder eine neue Kriegserklärung. Lettland ist der Gegner, der erst seinen Botschafter aus Berlin abberief und dann den Krieg erklärte. Grund: der Krieg, den General Eberhard im Bunde mit der russischen Nordostarmee für die baltischen Barone in Lettland führt und der schon eigentlich durch die katastrophale Niederlage der deutschen Armee entschieden ist, ehe er erklärt war. Wenn ich die Lage richtig beurteile, verhält sie sich so: Zwischen den Letten einerseits und der Sovjetrepublik andrerseits waren schwere Kämpfe, da sich die Entente der von ihnen zu bürgerlichen Republiken bestimmten baltischen Provinzen bediente[n], um den Bolschewismus zu bekämpfen. Zugleich hatten die Bolschewiki an der litauischen Grenze mit dem General Judenitsch schwer zu tun, der – ebenso wie Denikin im Süden und Koltschak an der Ostfront – für die Wiederaufrichtung der zaristischen Reaktion kämpfen. Die Lage war zeitweise für die Sovjetrepublik ungeheuer schwierig. Diesen Umstand machten sich die deutschen Nationalisten zu Nutze und begaben sich auf den Kriegspfad gegen den „Bolschewismus“. Ihr Interesse war, sich im Baltikum ein Aufmarschgebiet für den Revanchekrieg zu sichern und dort möglichst große Massen Soldaten und Munition über das in den Waffenstillstands- und Friedensverträgen vorgesehne Limit hinaus unkontrolliert zu sammeln. Dies Interesse stimmte vollständig überein mit den Wünschen der baltischen Barone, die ihre jahrhundertalte niederträchtige Gewaltherrschaft ebenso von der demokratischen Bourgeoisie wie von dem bolschewistischen Proletariat bedroht sahen. Nun hatten sich auf den Druck der Ententeregierungen hin die sozialdemokratischen Regierer, die bis dahin das reaktionäre Abenteuer gefördert hatten – Noske ist schwer kompromittiert –, gezwungen gesehn, die deutschen Truppen aus dem Baltikum zurückzurufen, die sie erst mit Siedlungsversprechen im Sinne des Hindenburgschen Programms hingelockt hatten. Die Landsknechte weigerten sich und traten in die Dienste Rußlands (Bermondt-Awaloff). Die Abteilungen, die das nicht taten, wurden unter den Befehl Eberhardts gestellt, um angeblich von dem nach Deutschland zurückgeführt zu werden. Die „Zurückführung“ ging aber scheinbar nicht so glatt, da die verwilderte Bande das ganze Land mit Plünderungen und jeder Art Marodeurtum brandschatzten. So gerieten sie allmählich ins Gedränge der abwehrenden Letten, denen sich die Littauer anschlossen. Die Bolschewiki bekamen Luft, da sie ihre lettisch-estnische Front durch die Ablenkung der Letten zu den Heeren der Deutschen und Bermondts entlastet sahen und konnten sich jetzt mit Erfolg gegen Judenitsch werfen. Dessen Armee wurde gezwungen, auf lettisches Gebiet überzutreten, und nun scheint sich folgende Konstellation entwickelt zu haben: Judenitsch und Eberhardt schließen einen Pakt. Die unter die Fahnen Bermondts getretenen Deutschen werden wieder Deutsche unter Eberhardt, der sich von Judenitsch plein pouvoir zugunsten der Barone geben läßt. Für die Balten ist die reaktionäre Politik der deutschen Militaristen und russischen Zaristen natürlich der unvergleichlich gefährlichere Feind, und so erklärt Lettland den Krieg gegen Deutschland zum Beweise, daß es kein privates Unternehmen in dem Offiziersabenteuer sieht, sondern eine deutschoffizielle Angelegenheit. Littauen benutzte die verzweifelte Situation der Deutschen zu einer Erpressung. Es ließ sich die Bahnanlagen, sämtliche Vorräte an Munition, Gerät, Waffen etc., die es vom Krieg her in seinem Gebiet hat, als Entschädigung dafür, daß es sich an der Vernichtung der Truppen, denen von der Heimat kein Nachschub mehr geliefert werden darf (was dauernd durchbrochen wird)[,] ausliefern. Die Alldeutschen machen furchtbaren Krakehl und kündigen den Einfall der Bolschewisten nach Ostpreußen an (der ein Glück wäre. Ich glaube aber nicht dran). Ob es richtig ist, was die Blätter vom Schlage der „Frankfurter Zeitung“ behaupten, daß die Kriegserklärung militärisch ohne Belang sei, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe hinter dem Akt der lettischen Regierung einen politischen Plan der Entente. Die hat ein Interesse daran, daß einer der neuen Ostseestaaten als eigne kriegführende Partei auf den Plan tritt, nicht der Kriegführung, sondern des Friedensschlusses wegen. Da ja Deutschland eo ipso der besiegte Teil ist, können ihm jetzt neue Bedingungen in bezug auf das Baltikum auferlegt werden, die ihm den ganzen schönen Operationsplan für die Vorbereitung der Revanche zerschmettern. Wahrscheinlich ist, daß angesichts der dauernden Siege der Bolschewiki das Bedürfnis, mit der Sovjetregierung auf irgend annehmbare Weise zum Frieden zu kommen, bei den Randstaaten und wohl auch bei den Entente-Großmächten wächst. Dann schwimmen ihnen auch die letzten Felle weg – unsern Nationalisten, und dann wird die Niederlage erst vollkommen sein. In Polen sind viele Anzeichen bemerkbar, daß man den Ausgleich mit Moskau sucht, und die Letten sind ja faute de mieux Bundesgenossen ihrer bisherigen Gegner geworden, was den Wunsch, mindestens endlich aus der Kriegführung gegeneinander herauszukommen, sicher auf beiden Seiten bestärkt. Engländer und Franzosen haben schon mit den eignen Proletariaten wegen ihrer Antibolschewistenpolitik so viel Unannehmlichkeiten erlebt, daß ihnen ein Abschluß der Sache mit einem blauen Auge des lieben Friedens daheim wegen recht sein wird, und die Sovjetrepublik selbst hat ihre Bereitschaft zum Verhandeln längst kundgegeben. Sie rechnet mit dem Bestand der mit den kapitalistischen Regierungen abzuschließenden Verträge ja doch nur bis zum Ausbruch der Weltrevolution. Die „Republik“ Deutschland wird als letzte hohe Säule die Kulturmission des Kampfes gegen den Bolschewismus weiter erfüllen, verlacht und verachtet von der gesamten Kulturwelt. Aber welche Wendung seit 14 Monaten: das Land, das mit der ganzen Welt und in der ganzen Welt im Kriege stand und überall siegte, immer siegte, nur siegte und vor Übermut alle Hemmungen der Ehre und der Würde verlor, das erhält heute die Kriegserklärung einer kleinen baltischen Provinz, einer von denen, die es sich einverleiben wollte, um die strategischen Grenzen zu berichtigen und muß sich besiegt erklären, ohne auch nur das Gewehr anzulegen. Und trotzdem ist die Mentalität dieses armen Volks noch nicht gewandelt, – sieht man von dem kleinen Teil des Proletariats ab, das dieses Jahr leidend durchlebt hat. Die Reaktion ist wieder frecher als je. München war vorige Woche der Schauplatz antisemitischer Straßentumulte – natürlich die Studenten vornedran; und wenn nicht alle Zeichen trügen, dann werden wir binnen kurzem Judenpogrome haben, wie sie im Kischinew des zaristischen Rußlands üblich waren. An Symptomen fehlt es nicht. So beginnt z. B. wieder die Hetze gegen uns jüdische Führer der Revolution. Der „christliche“ „Bayerische Kurier“ leistet sich tolle Dinge. Neulich mußte Wadler zu einer schmierigen Verdächtigung herhalten, und heute las ich als Auszug aus einer Broschüre über mich, die ein gewisser Richard Förster im Verlag der „Kulturliga“ – das ist die Mörderzentrale in Berlin – herausgegeben hat, eine längere Besudlung meiner Vergangenheit mit den Lügen und Verleumdungen, die ich seit dem Frühling gewöhnt bin. – Wenns mal wieder für die Weißgardisten und für die jeunesse dorée heißen wird: Juden und Revolutionäre sind Freiwild; Plündern, Totschlagen, Mißhandeln ist ein gutes Werk! – dann wird man mich trotz meines sicheren Gewahrsams nicht vergessen und sich wieder an Zenzl halten oder doch den Rest meiner Habe in Schutt verwandeln. – Wenn ich nur nicht allmählich kaput gehe unter den Sorgen und unter den Schikanen des gegenwärtigen Lebens. Ich glaubte, mich gut gegen alles gewehrt zu haben. Aber eine Erscheinung der allerletzten Zeit erregt mir starkes Mißbehagen. Manchmal beginnt plötzlich das Genick locker zu werden, und der Kopf fängt an, in zitternde Bewegung zu geraten. Mir war das Kopfwackeln der Soldaten, die im Kriege einen Nervenchock erlitten haben, immer ganz besonders schrecklich. Und nun geht bei mir dasselbe Phänomen an. Ich hoffe, Dr. Schollenbruch wird mit Zenzl zusammen binnen kurzem herkommen. Der wird mir helfen können.

 

Ansbach, Sonntag, d. 7. Dezember 1919.

Seit der letzten Eintragung sind hier im Hause einige bemerkenswerte Veränderungen im Bestande der Insassen vor sich gegangen. Die erfreulichste davon war – am Freitag – nach vollen 3 Wochen die Öffnung der Zelle Grassls. Damit ist zunächst wenigstens eine dauernde Spannung beseitigt, die sicher über kurz oder lang zu neuen Konflikten geführt hätte. Tags zuvor hatte Herr Westrich uns verlassen, natürlich ohne Abschied, nur die „anständigen Elemente“ werden ihm bittre Tränen nachweinen, hatte er sie doch dank seiner Wohlsituiertheit dauernd mit auf normalen Wegen unerreichbaren Eßwaren traktiert. Jetzt sind die Herren Mehrer und Riedinger ganz isoliert, da Dosch noch von ihnen gemieden wird, obwohl seine Angabe, er sei bei seinen Spitzeleien von den andern vorgeschoben gewesen, garnicht unwahrscheinlich ist. Westrich ist also nach Lichtenau abgefahren, wo die Verleumdungen, die er bisher schriftlich dorthin gelangen ließ – speziell auch über Toni und mich – nun von Mund zu Mund gebracht werden können. An seine Stelle traf von Lichtenau unser alter Freund Förster wieder ein, mit dem wir alle gut harmonieren. Nach seinen (und Grassls) Berichten ist die Lichtenauer Festungshaft noch viel abscheulicher als unsre, und es zeigt sich auch da wieder, daß an der Verschlechterung der Behandlung nur die rückgratlose Jämmerlichkeit der eignen Genossen und die Verrätereien derer schuld sind, die auf Amnestierung und Bevorzugung hoffen. Solange bei uns Solidarität war, wagten die Bolschewistenbändiger lange nicht soviel wie nachher, als sie die Uneinigkeit merkten und die Schwäche, die dadurch entstand, ausnutzten. So ist es überall. Den Gewinn, den wir mit Försters Wiederkunft buchen können, macht leider die Abreise unsres Rudolf Hartig wett, der vorgestern nach Eichstätt abgereist ist (Müller hat, nachdem er die Berichte Valtins Hartig an den Rechtsanwalt hatte abfangen und sich schicken lassen, schleunigst den Wortbruch ungeschehn zu machen versucht und die beiden Brüder nun zusammen untergebracht. Valtin schreibt mir aber jetzt, daß dieser Musterminister für Gerechtigkeit seine Behauptungen als Lügen bezeichnet und Schritte gegen ihn und gegen Paulukum unternehmen will: wegen ihrer einem Rechtsanwalt gemachten Zeugenbekundungen gegen ihn, den Zensor!). Die Abschiedsfeier war recht nett: Musik, Verse, Reden, Gesang. Mir persönlich entgeht viel mit Hartigs Abgang. Gemeinsame Interessen auf kulturellem Gebiet, seine reichen Literaturkenntnisse, seine klugen philosophischen Betrachtungen, kurzum die ganze geistige Atmosphäre, die er um sich trägt, kann mir kein Genosse ersetzen. Ich werde mich oft geistig vereinsamt fühlen und sehe der Gewöhnung an diese Leere, die ich jetzt schon spüre, mit Besorgnis entgegen. Sie wird mir auch nicht durch die plötzliche Aufbesserung unsrer Verpflegung ausgefüllt werden, die wir dem Besuch eines Gefangenenrats der Stadt Ansbach verdanken, die im Laufe der Woche zweimal hier war: 2 Rechtssozialisten und 1 Zentrumsmann. Wir haben den Spießern – einer der Sozi ist 3. Bürgermeister der Stadt – einen Haufen Beschwerden vorgetragen, die in der strikten Forderung gipfeln: Vollmann muß fort. Zunächst ist das Essen reformiert worden. Bisher bekamen wir es vom Verwalter geliefert, und es war ein infamer Fraß: viel zu wenig, hundeschlecht und ohne Nährwert. Jetzt stellt ein Hotel die Verpflegung, der „Schwarze Bock“, und wir erhalten große Portionen, abwechslungsreich und wohlschmeckend. Unsre Nerven zeigen schon jetzt eine gewisse günstige Reaktion auf diese angenehme Neuerung, und meine Pläne gegen Vollmann und Müller-Meiningen mit Straf- und Verwaltungsprozessen zur eigenen Offensive überzugehn, bekommen konstitutiven Rückhalt. – Soviel vom allgemeinen. Über mein Persönliches gäbe es auch allerhand zu sagen. Die Münchner Polizei gibt mit Haussuchungen keine Ruhe, und bei der letzten wurde mein guter Albert Reitze verhaftet. Ich erwarte mit Ungeduld die Nachricht, daß er wieder frei ist. Es ist ein scheußlicher Zustand der Rechtsunsicherheit jetzt. Er ist mein Freund, das genügt vollständig, um ihn einzugittern. Freilich scheint das Proletariat doch noch die Stunde zu erhoffen, die ihm die Möglichkeit zum Losschlagen gibt. Förster brachte von Lichtenau eine Erzählung mit, die mich persönlich ungeheuer erfreut und gerührt hat. Ein Genosse Appler war als Zeuge in München. Als er zurücktransportiert werden sollte, sprachen ihn am Bahnhof ein paar Arbeiter an, die ihn, als sie erfuhren, daß er Festungsgefangener sei, zurückhalten wollten, sodaß die Transporteure schon in Angst gerieten, da die Leute Miene machten, ihn ihnen zu entreißen. Der Genosse selbst wollte aber abfahren. Er berichtete dann in Lichtenau, daß die Arbeiter sich über die Stimmung beim Proletariat dahin ausgelassen hätten, daß man nur den richtigen Führer noch brauchte, dann käms zum Klappen und daß sie wiederholt gesagt hätten: „Wenn nur der Erich Mühsam da wäre! Wenn wir den Erich hätten, der brächte uns alle auf die Straße!“ Ich bin glücklich, daß ich dieses Vertrauen bei den Massen habe. Dies Bewußtsein wird mich auch bei Kräften halten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich bald genug erweisen wird, ob mein Einfluß aufs Volk stark genug ist. Denn die Entente beabsichtigt, den Hochstaplern der deutschen Republik die Stühle unter den Hintern wegzuziehn. Zwei neue Noten Clemenceaus an die Regierung in Berlin werden den Burschen den Angstschweiß aus den Poren jagen. Die eine durchkreuzt Erzbergers neues Steuerprogramm, das unter großer Schonung des Besitzes zuungunsten des Proletariats die Staatspleite verhindern und den Kriegsschiebern die Anleihewerte retten soll. Clemenceau erinnert aber an den Versailler Vertrag, wonach den ersten Anspruch auf alle deutschen Steuererträgnisse die Sieger haben und vor allem die Kriegsanleihe keinem Schuldanspruch der Entente vorgezogen werden darf. Natürlich fürchterliches Lamento. Noch viel schrecklicher schlägt aber die andre Ermahnung ein, gefälligst die Bedingungen des Vertrags nicht wieder mit Kniffen zu umgehn, nämlich die Bestimmungen über die Wehrmacht durch Aufstellung von Polizeiwehren aller Art: Einwohner- und Freiwilligenkorps etc. Das ist allerdings ein Schlag ins Kontor. Womit soll man jetzt noch die Revolution niederhalten? Ein Teil meiner Genossen wundert sich über diese Härte der Franzosen, – ich nicht. Mit der Redensart: die Kapitalisten sind überall gleichmäßig an der Unterdrückung des Proletariats interessiert, ist garnichts gesagt. Der Ententekapitalismus hat wesentlich andre Interessen als der deutsche, vor allen Dingen das, daß die Boches nicht wieder kriegerisch erstarken. Jetzt haben sie den baltischen Aufmarschplan einer Revanchearmee glücklich verhindert und sehn schon wieder, daß man im Lande unter demselben Vorwand wie dort Offiziere, Bürger, Studenten und Nichtstuer aller Art bewaffnet, ohne sich an Zahl und Art, wie sie der Versailler Vertrag limitiert, zu halten. Fühlt man sich eines Tags zu einer Aktion stark genug, dann kommen die Aufrufe à la 1813 und 1914, womöglich wenn in Frankreich Arbeiterrevolten stattfinden, und dann sind die Freikorps, die die Sache machen werden, schon vollständig organisiert. Vor der Revolution in Deutschland hat die Entente wenig Angst, im Gegenteil wäre ihr wahrscheinlich eine wirkliche Revolution in Deutschland, die sie bisher durchaus nicht zugibt, garnicht unerwünscht. Man kennt die Kompromißsucht der Deutschen, und so werden die Herren in Paris rechnen, daß dann die alldeutsche Gefahr endgiltig niedergeschlagen und eine verwaschene USP-Regierung mit Eisnerscher Toleranz gegen die Kapitalisten an die Spitze getrieben wird. Das werden halt wir Bolschewisten verhindern müssen. Wir müssen bei der nächsten Revolution ganze Arbeit machen. Unsre täglichen Gespräche hier gehn um die Fehler, die früher gemacht wurden. Sentimentalität, Schlappheit, Egoismus, Unfähigkeit waren die Hauptursachen der Niederlage. Heute abend waren die Tage des Niederbruchs der Räterepublik in Würzburg Gegenstand der Diskussion. Man kann wahrhaftig weinen, wenn man erkennt, wie leicht die Katastrophe hätte vermieden werden können. Und Würzburg war einer der wichtigsten Posten. Als es fiel, am 9. April schon, hatte die Hoffmannsche Konterrevolution einen ungeheuer starken Stützpunkt. Energielosigkeit und Leichtsinn, daneben aber auch weichliche Rücksicht – man wollte nur ja keine Häuser zusammenschießen und überließ das dann den weniger bedenklichen Reaktionären – hat das Unglück dort und fast allenthalben herbeigeführt. Beim nächsten Mal müssen wir nur das Ideal kennen und entschlossen sein, ihm jedes Opfer zu bringen. Wenn wir aus den grauenhaften Erfahrungen, die wir gemacht haben, und aus der rücksichtslosen Taktik der Gegner für die kommende Revolution nichts gelernt haben, sind wir nicht wert, jemals zur Freiheit zu gelangen.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 11. Dezember 1919.

Skandale der schimpflichsten Art kennzeichnen die Situation im republikanischen Deutschland. Harden, der mir jetzt die „Zukunft“ gratis zuschickt, schreibt sehr hübsch: Früher wars eine saubere Kaserne, jetzt eine schmierige. Korruption und Reaktion haben sich gefunden. Die Affaire der Brüder Sklarz zieht weite Kreise und umdünstet die hehren Gestalten unsrer Regierungssozialisten. Der Reichspräsident Ebert ist kompromittiert, Scheidemann steckt mit im Sumpf, und auch Herr Gustav Noske hat Dreck am Stecken. Natürlich wird auf Teufel komm raus vertuscht, und ich bin sehr im Zweifel, ob die deutsche Justizlaterne jemals in diesen Augiasstall helles Licht werfen wird. Die letzten Prozesse sind wieder wahre Spiegel der fürchterlichen sittlichen Verwilderung dieses Landes. Eben ist der [Prozeß gegen den] Mörder der 30 unglücklichen Matrosen, die in der Französischen Straße in die von Noske und dem Oberst Reinhardt gestellte Spartakistenfalle gerieten, des Oberleutnants Marloh[,] zu Ende gegangen. Welche Gestalten traten da an die Bildfläche! Welche Erbärmlichkeit wurde sichtbar! Neben dem Hauptmann Kessel und dem Oberst Reinhardt selbst, hinter denen der verlumpte Schatten Noskes schlotterte, spielte Marloh selbst eine beinah edle Rolle. Natürlich war er, der die 30 jungen Leute ohne Verhör, ohne Erbarmen niederknallen ließ – die Auswahl war nach ihrem Geldbesitz und ihren Wertsachen nach Gutdünken getroffen worden: wer etwas bei sich hatte, war einfach ein Plünderer – nicht etwa wegen Mord, sondern wegen Totschlag angeklagt, und die Herren, auf deren Befehl er gehandelt hatte – Reinhardt hatte eigentlich die Erschießung von 150 Mann verlangt – traten freien Fußes als Zeugen auf. Der Staatsanwalt hielt eine Verteidigungsrede für die kompromittierten Offiziere – nein, Gericht[s]herr heißt der Kerl, glaube ich; es war natürlich ein aus Kollegen der Mörder bestehendes Kriegsgericht – und beantragte – für 29 vollendete und einen versuchten „Totschlag“ – eine Strafe von 3 Jahren Gefängnis. Das Gericht fand aber, daß Marloh nur Befehle ausgeführt habe, weshalb Freispruch von der Anklage des Totschlags erfolgte. Wegen seiner unerlaubten (aber von seinem Herrn Vorgesetzten dringend verlangten, organisierten und bezahlten) Entfernung wurden ihm 3 Monate Festung zudiktiert und weil dieselben Kavaliere ihm dazu falsche Pässe ausgestellt hatten noch 30 Mark Geldstrafe. Von der Festungshaft aber wurden 2 Monate als verbüßt angerechnet. Die 30 Matrosen sind gerächt! – Was für ein stinkender Sumpf ist aus dem deutschen Reich geworden! Demokratie! Republik! Errungenschaften der Revolution! trompeten die Volksbetrüger, und in Wirklichkeit ist alles schlimmer als ehedem. Der Militarismus in der nacktesten Form regiert. Mag Noske über den Marlohprozeß stolpern, – sein Nachfolger wird ein General alldeutschen Kalibers sein. Ludendorff redet öffentlich für Wiederaufrichtung der Monarchie. Die Schuldigsten aller Schuldigen der Weltgeschichte führen die Sprache der Ankläger gegen das eigne Volk – und das jubelt ihnen zu. Unter der Oberfläche zwar präpariert das Proletariat den endgiltigen Umsturz, aber es ist unbewaffnet, die Offiziere, die Bürger, die vom Kriege ausgespieenen Marodeure sind bewaffnet, bewaffnet von den Führern des Proletariats, den sozialdemokratischen Verrätern, die sich durch Blutbäder unter den Volksgenossen an der Macht halten. Pfui Teufel! Und nun gleich hinterher, als ob man der ganzen Welt täglich von neuem die Illustration geben wollte, daß die deutsche Rechtspflege nur noch als Instrument der Heimtücke in Kraft ist, inszeniert man in München vor dem „Volksgericht“ das Schauspiel eines neuen Spartakistenprozesses. Lindner muß sich verantworten, weil er am 21. Februar Eisners Ermordung an ihrem intellektuellen Urheber, Herrn Erhard Auer, zu rächen versuchte. Die Anklage gegen ihn lautet natürlich nicht auf Totschlag, obwohl jeder Mensch weiß, daß seine Tat eine Reflexhandlung war, und daß zumal die Schüsse, die Jahreis und Osel töteten, überhaupt nicht mit Überlegung sondern aus dem Chaos des Augenblicks heraus abgegeben wurden. Tut nichts – es war Mord, denn der Täter war kein Leutnant sondern ein Kommunist. Der Prozeß gegen Eisners Mörder Grafen Arco hätte einige Tage vorher steigen sollen. Aber es fand sich der Arzt, der gefällig die Verhandlungsunfähigkeit des jungen Kavaliers bescheinigte: das war die erste Ankündigung, wie man Lindner anzufassen beabsichtigte. Denn nach Arcos Freisprechung oder Aburteilung zu milder Sühne wäre der Moralaufwand gegen Auers „Mörder“ vielleicht unangenehm aufgefallen. Einige Wochen später wird man den Grafen – wenn er nicht vorher eines Tags ein Automobil mit bereitem Fahrtausweis zu seiner Verfügung findet – leichter entschuldigen können. Lindner aber war von Österreich nur unter der Bedingung ausgeliefert worden, daß er nicht strenger als es das österreichische Gesetz erlaubt – also nicht mit dem Tode – bestraft werden dürfe und daß ein Ausnahmegericht zur Aburteilung über ihn nicht statthaft sei. Jetzt wird das Müllersche „Volksgericht“, das keinerlei Rechtsmittel zuläßt gegen seine Urteile, einfach als ordentliches Gericht auffrisiert, und schon hat der Staatsanwalt – es ist derselbe Herr Hahn, der den Justizmord an Leviné organisierte – sich auf den Standpunkt gestellt, das gelte nicht, was man den Österreichern zugesagt habe, da es erst nach der Auslieferung Lindners bedingt worden sei. Es ist also klar, worauf man hinaus will. Zweiter Angeklagter ist Frisch, der an dem Mordversuch gegen Auer beteiligt gewesen sein soll, außerdem Merker, der Lindner nach der Tat Quartier gab und Schlund, der ihm ein Auto zur Flucht zur Verfügung gestellt haben soll: alle vier gute Genossen von mir aus dem revolutionären Arbeiterrat. Mein Herz ist also stark beteiligt an der Sache. Schon versucht man auch Hagemeister in die Angelegenheit zu verwickeln. Herr Rauscher, ein kläglicher Bursche aus dem Arbeiterrat stellt die Behauptung auf, ein gewisser Luttner (ein Kerl, dem wir wegen schmutziger Privathandlungen den Zutritt zum Revolut. Arbeiterrat verboten haben) habe ihm erklärt, Hagemeister hätte damals von der Galerie aus in den Saal geschossen. Hoffentlich entstehn aus dieser Verleumdung für unsern H. keine Weiterungen. Auch ich und die arme Zenzl sind schon am ersten Tage durch den Dreck der Erörterungen gezerrt worden. Eine Frau Oberleutnant Kern, die sich entschuldigen ließ, hat protokollarisch einen Bericht gegeben über 2 Besuche, die sie bei uns gemacht hat. Dabei hätte Zenzl nach den Vorgängen vom 21. Februar gesagt, wir würden Auer seinen Präsidententitel in den Kasten (was Sarg heißen sollte) nachschmeißen. Die Frau Kern war allerdings bei uns, sie hatte sich in der Gesellschaft Scharfs mitunter im Stefanie gezeigt, und wir waren sehr überrascht, als sie uns plötzlich mit ihren Besuchen beehrte. Jetzt ist die Lösung des Rätsels da: sie war Spitzel – und zwar in persönlichem Dienst des Herrn Auer. Saubere Geschichten! Das Revolutionstribunal wird dereinst gründliche Arbeit vorfinden. – Mir ist es ganz scheußlich, daß Zenzl in all den Schmutz mit hineingezogen wird, zumal sie schreibt, daß sie sich in München garnicht sicher weiß, und daß sie schnellstens zu Nexö nach Dänemark will. Wer sich in ihrer Gesellschaft zeigt, gerät in Gefahr und Verdruß. Dabei ist mein guter Albert immer noch nicht aus dem Gefängnis heraus. Es ist zum Tollwerden. – Es ist spät geworden. Ich wollte eigentlich noch über die Diskussion des Abends heute referieren, die sich um die wirtschaftlichen Maßnahmen bzw. um die Auslandspolitik drehte, die wir nach Ergreifung der Macht zu befolgen haben würden. Ich will nur die Meinung niederlegen, die ich persönlich äußerte. Ich fand, daß wir für den Fall, daß unsre soziale Revolution kommen sollte, ehe die Ententeländer und ehe Norddeutschland soweit sind, zunächst für die Sättigung der Menschen sorgen müßten. Dazu brauchen wir Kredit und kursfähiges Geld. Da wir die Versailler Bedingungen unbedingt erfüllen müßten, bliebe nur ein Weg, um die Einfuhr der nötigen Existenzmittel zu erreichen: Verpfändung der Naturkräfte und der Verkehrsmittel. Um aber die Beschlagnahme der baierischen Wälder, Eisenbahnen, Elektrizitätsanlagen etc. durch kapitalistische Konsortien zu verhüten, sollten wir die Verpfändung auf Umwegen vornehmen, nämlich uns unter die Vormundschaft Rußlands begeben, durch Vermittlung der Sovjetrepublik Kredite aufnehmen und die Pfänder als Garantie ihr in Verwaltung geben. – Diese Andeutung wird zu meiner Erinnerung genügen. – Eine große Genugtuung erlebte ich durch einen Brief, mit dem sich Sinowjeff im offiziellen Auftrag des Exekutivkomitees der kommunistischen Internationale an das Proletariat wendet, der eine Ohrfeige für die KPD-Zentrale bedeutet. Da wird die Einigung mit Syndikalisten und Anarchisten verlangt und das Bekenntnis zum Parlamentarismus als untergeordnete Frage aus den prinzipiellen Streitereien ausgeschaltet. Dann sollten sich die revolutionären Proletarier in einer toleranten großen kommunistischen Partei einigen. Fast ganz mein Einigungsprogramm. Nur für Deutschland keine Partei, sondern eine Föderation!

 

Ansbach, Sonnabend, d. 13. Dezember 1919.

Abschrift: „An den Verlag der Kulturliga G. m. b. H., Berlin. Sie haben eine Broschüre erscheinen lassen: „Erich Mühsam, ein ‚Edelanarchist‘“ – von einem angeblichen Herrn Richard Förster. Diese Publikation enthält, besonders in ihrem ersten Abschnitt „Erich Mühsams Werdegang“ eine Fülle von Lügen, die den Zweck verfolgen und geeignet sind, mich in der Achtung der Leser herabzuwürdigen. Ich behalte mir dieser Lügen und etlicher Beleidigungen wegen, die sonst noch in der Druckschrift enthalten sind, vor, durch einstweilige Verfügung das Verbot der Verbreitung der Broschüre zu erwirken bzw. später die Vernichtung der gesamten Auflage zu veranlassen. Für den Augenblick sehe ich noch davon ab, besondere Maßnahmen zu beantragen, da die wahren Feststellungen und die Zitate der Schrift mich beim revolutionären Proletariat nicht schädigen können. – Dagegen bin ich nicht gesonnen, Ihnen die aus meinen Büchern übernommenen Gedichte, die, ohne mich zu befragen und in der Absicht, mein Ansehn zu mindern, abgedruckt sind, honorarfrei zu überlassen. Die Schrift enthält 12 Gedichte von mir in vollständiger (wenn auch infolge nachlässiger Korrektur fehlerhafter) Wiedergabe. Ich beanspruche für je 1000 Exemplare der Broschüre für jedes Gedicht 10 Mark, also das übliche Zweitdruckhonorar und liquidiere somit zunächst 120 (Einhundertundzwanzig) Mark für das erste Tausend. – Sollte Ihnen die Kontrolle des Absatzes durch meine Beauftragten lästig sein, so bin ich bereit, einer einmaligen Abfindung zuzustimmen, deren Höhe ich auf 3000 (Dreitausend) Mark festsetze. – Da ich mich nicht persönlich bereichern will, bestimme ich, daß das Geld den mir politisch und menschlich nahestehenden von baierischen Stand- bzw. Volksgerichten wegen Hochverrats zu Freiheitsstrafen verurteilten Festungs- und Zuchthausgefangenen zugute kommen soll. – Herr Dr. R. Schollenbruch, München, Rheintalerstr. 9, übernimmt es, das Geld zu verwalten und im Einverständnis mit mir seiner Bestimmung zuzuführen. – Sie wollen sich bis zum 1. Januar 1920 entscheiden, ob Sie meine Forderung erfüllen wollen. Sie ist endgiltig und wird im Falle von Weiterungen mit allen Rechtsmitteln durchgesetzt werden. Erich Mühsam, Mitglied des Schutzverbands Deutscher Schriftsteller.“

Dieser Brief soll morgen eingeschrieben seinem Adressaten zugehn. Ich bin neugierig, wie der Verlauf der Sache sein wird. Sobald ich die Weigerung der Gesellschaft in Händen habe, schicke ich eine Abschrift des Briefs an den SDS und lasse klagen. Nützt das nichts, dann kann ich immer noch ein Verbot der Verbreitung beantragen, denn der Gedanke, daß das üble Pamphlet kursiert, wird mir erst dadurch erträglich, daß ich einen Nutzen für meine armen Genossen damit verbunden weiß. Muß die berüchtigte Liga gegen Bolschewismus und Judentum überdies ihren Todfeinden Abgaben zahlen, so ist mein ganzes Rachebedürfnis gegen Verfertiger und Verbreiter der Schmiererei gesättigt. Auf eine Betrachtung des Inhalts lohnt sichs nicht einzugehn. Ich habe auch bessere Dinge hier zu vermerken, nämlich eine große Freude. Gestern nachmittag wurde ich ins Besuchszimmer gerufen. Dr. Schollenbruch war da. Ich war über alle Maßen glücklich, als ich ihn sah. Wir umarmten und küßten uns und nannten uns ohne Umstände Du. Er hatte durch persönliche Bemühungen beim Justizministerium erreicht, daß er ohne Aufsicht mit mir sprechen durfte. Zuerst untersuchte er mein Herz und ließ sich über meine Nerven Bericht geben. Seit das Essen gut und reichlich ist, geht es mir in jeder Hinsicht besser, und sein ärztliches Urteil lautete dann auch beruhigend. Rührend ist es, wie dieser prachtvolle alte Mann, den ich wie einen Heiligen verehre, von mir eingenommen ist. Er spricht seine Gefühle entwaffnend ehrlich aus, und ich kann mich rühmen, daß der Besitz der Freundschaft dieses Idealisten mich seelisch reicher macht als die Millionäre sind, deren Freunde nur vom Weinkeller in Herzenskumpanei gezogen werden. Schollenbruch beurteilt die Lage optimistisch. Jedoch rechnet er mit der Reife der kommenden Revolution erst im August etwa. Zurzeit würden die Arbeiter mit Löhnen zufrieden gehalten, die ihnen ein Luxusleben erlauben. In der Reichsdruckerei arbeiten 6000 Personen nur an der Herstellung von Papiergeld, das natürlich garkeine Deckung hat und die Valuta des deutschen Geldes immer tiefer drückt. Die Katastrophe muß also schon daher in absehbarer Zeit eintreten. Folgendes Beispiel erzählte Sch.: Holzfäller sollten fortgeschickt werden, weil keine Arbeit mehr da war. Um das Odium der Aussperrung zu umgehn, wurden sie zum freiwilligen Ausscheiden aufgefordert. Den Austretenden wurden 320 Mark bar in die Hand zugesagt und vom folgenden Tage ab die Zahlung der Arbeitslosenunterstützung von 8 Mark täglich versprochen. Die meist jungen Leute, die ohnehin seit 5 Jahren der produktiven Arbeit entwöhnt sind, griffen natürlich zu. So wird mit dem Nationalvermögen geaast. Die Stimmung gegen mich sei bei der Bourgeoisie, bei der Sozialdemokratie und bei den unabhängigen Bonzen sehr feindlich, dagegen bei der Masse des Proletariats außerordentlich gut. Man warte auf mich. Besonders erfreut war ich von den Nachrichten, die er von seinem Töchterchen Erika mitbrachte. Das Mädel, das kürzlich 17 Jahre alt wurde, sieht in mir einen Meister und schreibt mir die entzückendsten Briefe. Sie rackert sich für uns Gefangene ab, sorgt für uns, wie sie kann, sodaß sie unser aller guter Engel ist. Sie arbeitet als Tippfräulein auf der Redaktion des „Kampf“, des Münchner unabhängigen Organs, dessen reaktionäre Tendenz täglich neuen Ärger bei uns verursacht. Wie der Vater erzählt, hat Erika sich schon mehrfach geweigert, Artikel, die ihr nicht revolutionär genug waren, abzuschreiben. Die Konflikte mit den Herren Kämpfer, Winter jr und Genossen, die seinerzeit mir den reizenden Geleitgruß nachrülpsten, als man mich zu 15 Jahren verknallte, häufen sich so, daß das junge charakterstarke Geschöpf wohl demnächst beim „Kampf“ abgemeldet wird, wenn sie der Bande nicht vorher noch selbst den Krempel vor die Füße schmeißt. Es ist tröstlich, daß wir noch entschlossene Frauen haben für unsre Revolution: Zenzl und die kleine Erika Schollenbruch und Hilde Kramer nicht zu vergessen verdienen, daß ihre Namen von der Geschichte als Vorbilder weiblicher Gesinnungstreue aufbewahrt werden. Was Schollenbruch sonst noch von der USP mitteilte, war sehr unerfreulich. Es macht sich da ein Bonzentum breit, das bereits bei den übelsten Methoden der Unterdrückung angelangt ist. So läßt man Otto Thomas schon nicht mehr in ihren Sektionen zu Wort kommen. Eine Annonce, in der die Neugründung des Herrn Michalski (gegen dessen Persönlichkeit ich allerdings auch erhebliche Einwände habe), ein „Sozialistisch-Kommunistischer Verein“ (Einigungsversuch auf, wie mir scheint, falscher Grundlage) seine erste Versammlung anzeigte, und als deren Einberuferin Hanna Ritter, eine bewährte kommunistische Genossin, zeichnete, wurde vom „Kampf“ nicht aufgenommen, und vieles andre kennzeichnet die Versumpfung bei diesen Leuten. So sei die revolutionäre Arbeiterschaft sehr verärgert, und springe massenhaft nach links ab. Kürzlich hat sich der Leipziger Parteitag der USP zur dritten Internationale bekannt, was unsern Olschewski, der mit einer gewissen Sentimentalität an der Partei hängt, ganz glücklich machte. Ich habe Befürchtungen, denn wenn auch die Däumig, Crispien, Curt Geyer etc. Sieger blieben, so stimmen die Reden, die vorher nicht nur von den Kautskyleuten à la Hilferding oder den Schleimhustern à la Simon-Nürnberg, sondern auch von Ledebour gehalten wurden, doch sehr bedenklich. Mir schwant, die Herren hatten zum Teil bei der Zustimmung zur radikalen Resolution ihren Vorbehalt im Herzensschrein. Vor allem scheint es an Klarheit zu fehlen. Sie denken: 3. Internationale – in Gottes Namen! aber nur nicht etwa Bolschewismus. Daß das identische Begriffe sind, wissen viele garnicht. Wenn nur nicht eines wichtigen Tages die Sabotage der 3. Internationale von innen kommt. Dieses Weltbekenntnis verträgt keine pflaumenweichen Anhänger. – Schollenbruch empfing uns solidarische Genossen fast alle, und es gelang sogar, ihn gestern abend zu einer Tasse Kaffee in Tonis Bude zu zerren. Das war eine seltene Freude für uns. Heute früh durfte ich noch einmal eine Viertelstunde zu ihm herunter. Die Herren Mehrer und Riedinger hatten ersucht, ihn ebenfalls sprechen zu dürfen. Er hat ihnen die ausgezeichnete Antwort zukommen lassen: als Arzt sei er bereit, wenn sie es wünschten, auch bei ihnen seine Pflicht zu tun, weiteres mit ihnen zu verhandeln, lehne er ab. Famos. Dabei hat Vollmann ihn bei seiner Ankunft noch gegen mich einzunehmen versucht, fiel aber natürlich ab. Es ist uns längst bekannt, daß der Schnösel jeden Besuch gegen uns echte Genossen zu beeinflussen trachtet. Er wird schwerlich Erfolge erzielen bei Leuten, die schon aus Sympathie für uns herkommen. Aber es sei angemerkt, daß Schnöselchen regen Geistes ist. – Schmerzlich war mir der Bericht über Sontheimers Ende, von dem ich Genaueres nie erfahren hatte. Sontheimer hat sich in den Maikämpfen hervorragend tapfer gezeigt. Mitten im Kugelregen hat er bis zuletzt standgehalten. Endlich wurde er im „Tal“ gefangen genommen. Der Transport muß scheußlich gewesen sein. Man fand seine Leiche, erschossen und erschlagen, in einem Sandkasten bei den Gasteig-Anlagen. Auch Pallach, einen andern Freidenker, hat man ebenso hingemordet. Für diese Schandtaten aber findet sich unter Herrn Müller-Meiningen weder ein Gericht noch ein Staatsanwalt. Dafür wird der „Mörder“ Lindner umso kräftiger angepackt. Dieser Prozeß hat eine neue Sensation gebracht: eine Selbstentblößung des Verkehrsministers Frauendorffer. Eisner hatte diesen Mann, neben Auer, Timm, Roßhaupter, als Fachautorität in sein „revolutionäres“ Ministerium berufen. Jetzt dankt ihm der Herr, indem er den toten Mann in ganz abscheulicher Weise durch den Dreck zerrt. Da glaubte Eisner immer, wer weiß was für ein kluger Politiker zu sein, wenn er tolerant auch Nichtrevolutionäre duldete. Die haben ihn in die Tasche gesteckt, ja, Auer besaß die Frechheit, bei seiner Vernehmung (bei sich zu Hause. Er ist nämlich noch schrecklich krank. Aber von Sauber erfuhren wir, daß er auf der Auslieferungsliste der Entente steht. Daher heilen wohl seine Wunden so langsam) zu erklären: er habe Eisner ins Ministerium aufgenommen, weil er dort unter Aufsicht gestanden wäre. Um ihn loszuwerden, haben die Ministerkollegen ihm – dem Ministerpräsidenten! – dann einen Botschafterposten angetragen. Als Eisner am 9. November die von ihm aufgestellte Ministerliste vorlas – ich saß auf der Journalistentribüne – bekam ich bei den Namen Auer und Timm einen Todesschrecken. Es war die Ahnung, daß das Gespenst der Konterrevolution schon seinen Platz in der Republik einnahm. Jetzt ist auch Frauendorffer dekuvriert, auch er reif fürs Revolutionstribunal.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 17. Dezember 1919.

Abschrift (Postkarte an Gen. Georg Groß – Syndikalisten – München): „Liebe Genossen, leider muß ich Euch mitteilen, daß wir Euern Wunsch, über die Paketsendungen öffentlich zu quittieren, nicht erfüllen können. Die an „Kampf“ und „Neue Zeitung“ gesandten Danksagungen wurden von der Zensur mit der Begründung beanstandet, daß die Redaktionen nicht die Absender der Gaben waren. Es wird nun nichts anders übrig bleiben, als daß Ihr selbst eine entsprechende Erklärung veröffentlicht, aus der die Spender sehn können, daß mit ihren Zuwendungen nach ihrem Willen verfahren wurde. Wir sind völlig machtlos und bitten Euch um Entschuldigung, in der Hoffnung, daß Ihr Eure treue Fürsorge nicht deshalb einstellt, weil wir die Bedingungen nicht erfüllen konnten. Mit revolutionären Grüßen Euer    Erich Mühsam“

 

Schnösel betätigt sich wieder recht auffällig. Der Frechheit, uns die Quittung über die Weihnachtsspende der Syndikalisten in den Zeitungen zu verbieten, ging die Konfiskation von zwei Briefen an Genossen voraus, in denen ich in langen ganz sachlichen Ausführungen meine Stellung zum Syndikalismus dargelegt hatte. Da Zenzl sich zu Samstag angemeldet hat – und das ist ja dem elenden Burschen aus dem Briefwechsel bekannt – und da er auch weiß, daß die Trennung von ihr sehr lange Zeit dauern kann, da sie erst 4 Wochen nach Berlin und von da nach Dänemark will, scheint er provozieren zu wollen, um mich zu unbedachten Aeußerungen oder Wutausbrüchen zu reizen und für Schikanen beim Besuch Vorwände zu haben. Ich bin aber Schollenbruchs eindringlicher Ermahnung eingedenk und beherrsche mich vollständig. Aber eins ist gewiß: Kommt einmal der Tag, an dem Rache genommen wird, dem Schmutzfinken – und außer ihm dem Herrn Walter Löwenfeld, dem Hanswursten des Palmsonntagsputsches – haue ich persönlich eine Watschen herunter. – Wenn man Gerüchten trauen darf, so wäre übrigens damit zu rechnen, daß wir dem Spartakistenbändiger Vollmann demnächst abgenommen werden. Heute haben uns die beiden anständigen Elemente Mehrer und Riedinger verlassen. Sie sind in eine neu eingerichtete Festungsanstalt – ich glaube, das Nest heißt Niederschönefeld – gebracht worden, einer früheren Strafanstalt für Jugendliche, und so sind wir denn außer Dosch alle Störenfriede los, der aber wohl wegen seiner epileptisch-hysterischen Anfälle, die seine Festhaltung in einem Gefängnis zum Skandal machen, demnächst auch herausgelassen werden wird. Ernst Ringelmann schreibt nun aber aus Eichstätt, daß man dort emsig baut und neue Räume für Gefangene schafft, und daß die Genossen dort vermuten, da verschiedene „Mitläufer und Verführte“ ihrer Freilassung entgegensehn, daß wir 9 Ansbacher Schwere Jungen hinüberkommen sollen, von denen Markus Reichert jedenfalls seiner Krankheit wegen, und da er als Leichtester von uns mit nur 1½ Jahren wohl auch als ungefährlich angesehn wird, ebenfalls entlassen werden wird. Mir wäre diese Übersiedlung in Gemeinschaft mit Hagemeister, Waibel, Olschewski, Grassl, Kain, Renner und Förster durchaus erwünscht. So lieb mir diese Genossen sind, mir fehlt seit Hartigs Abreise jede Gelegenheit zu literarisch-philosophischen Gesprächen. Die fände ich dort bei den Brüdern Rudolf und Valtin Hartig. Mit Toller und Klingelhöfer könnte ich auf höherem Niveau zanken, mit Niekisch Fragen der Politik vom Kulturstandpunkt diskutieren, zum Ernst meine Freundschaftsbedürfnisse und Erziehungsgelüste flüchten, mit Markus und Mairgünther dialektische Ringkämpfe ausfechten über Bonzenkommunismus und Revolutionsstrategie, und im allgemeinen brauchte man nicht in jedem Gemütszustand dieselben Gesellschafter aufzusuchen, sondern hätte bei etwa 30 Genossen doch einige Auswahl. Wie Ringelmann schreibt, hat man übrigens auch dort jetzt eine Spaltung: es sind zu meinem Erstaunen Daudistl und Kiesewetter, die von allen übrigen boykottiert werden. Bevor ich nicht die Gründe weiß, kann ich natürlich nicht Partei nehmen, doch scheinen die beiden ähnlich wie hier die Häuserschleicher mit dem Vorstand gegen die Genossen konspiriert zu haben. Jedenfalls wäre mir die Abwechslung auch schon der Abwechslung wegen erwünscht, wenn ich auch noch nicht sehe, wie das Verhältnis etwa zu Paulukum und Cronauer sein wird, die sich in ihren Prozessen in recht schlechtes Licht gestellt haben, – was auch auf Toller bedingt zutrifft. – Nun ist in München der Prozeß Lindner zu Ende geführt worden. Er konnte von der Reaktion trotz aller Bemühung, vernichtendes Material gegen die Revolutionäre, besonders gegen unsern revolutionären Arbeiterrat beizubringen und Rachedurst wie im Geiselmordprozeß zu wecken, nicht recht fruktifiziert werden. Dazu spielte Auer doch eine zu bedenkliche Rolle. Trotzdem hat man Lindner wegen versuchten Totschlags (die Mordanklage konnte Herr Hahn diesmal nicht durchdrücken) an Auer und wegen vollendeten schweren Totschlags an Jahreis zu 14 Jahren Zuchthaus und 6 Jahren Ehrverlust verurteilt (also dieselbe Strafe, die man den 21fachen Mördern im Gesellenprozeß auflud), Frisch, dem man keinerlei Beteiligung nachweisen konnte und dem man bestätigte, daß er nicht geschossen hat, wegen Totschlagversuchs 3½ Jahre Gefängnis, Merkert zu 1½ und Schlund zu 6 Monaten wegen Begünstigung. Eben hat der Marlohprozeß gezeigt, wie man Mordtaten bewertet, wenn die andre Seite sie begeht, aber die Presse der Nationalisten schrotet die Lindner-Verhandlung schon wieder zugunsten des Grafen Arco aus. Im „Fränkischen Kurier“ läßt Herr Oskar Geller, der lächerlichste und widerwärtigste Typ des journalistischen Gesinnungslumpen einen Artikel los, der das gemeinste ist, was ich an Verleumdung eines Toten je gelesen habe. Der Kerl bringt es fertig – und findet die Stelle, wo er seinen Unrat ablagern kann, findet die Leser, die seiner Schurkerei befriedigt glauben, – als historische Tatsache zu behaupten, nicht der Anschlag auf Auer sei durch die Ermordung Eisners veranlaßt, sondern Eisner habe im Bunde mit den Feinden Auers dessen Ermordung präpariert gehabt. Das Maß der Verkommenheit im Deutschland der Gegenwart wird nun wohl wirklich bald auf den Höhepunkt gestiegen sein. Noch ein Nachtrag zur vorigen Eintragung über die Unabhängigen, die übrigens in einem Brief von Lenin an die Kommunisten Europas – einer wirkungsvollen Ergänzung des Sinowjeffschen Briefs, die Leviten gründlich gelesen kriegen: Im Münchner Stadtrat haben die tapferen Revolutionäre jetzt einen Antrag zugunsten der Festungsgefangenen eingebracht: man möchte sie doch freilassen – mit Ausnahme der Führer!, für die man blos die Wiedereinführung der gesetzlichen Behandlung erbittet. Man hälts für Spaß, – aber es ist Wahrheit. Oh Schande! Oh Elend!

 

Ansbach, Montag, d. 22. Dezember 1919.

Zenzl war hier. Morgen in aller Frühe reist sie weiter – und diesmal werde ich wohl für lange Abschied von ihr genommen haben. Ich will meine Nerven zusammenhalten und möglichst nach der Reihe die Begebenheiten aufzählen. Meine Erbitterung könnte sonst die Kraft lähmen, meine Feder festzuhalten. – Die Postkarte an die Syndikalisten, die ich hier am Mittwoch abschrieb, hat Vollmann nicht befördert und mir die Mitteilung der Konfiskation mit der Warnung angezeigt, weitere „Erklärungen“ über die Handhabung der Zensur hinauszuschicken, da er sonst mit längerer Briefsperre vorgehn müsse. Wenigstens die Einsicht, daß das Bekanntwerden seines Amtsgebarens bei den Arbeitern böses Blut machen müßte. Inzwischen erhielten wir Nachricht aus Eichstätt, den Genossen dort sei für die Weihnachtstage der Besuch der Frauen in den Zellen gestattet worden. Förster wurde hinuntergeschickt und verhandelte mit dem Schnösel, wobei er besonders für den Besuch Zenzls um dieses Recht anklopfte. Er wurde vertröstet. Prinzipiell wäre er mit der Ausnahme einverstanden. Zenzl hatte Pech auf der Reise, mußte in Treuchtlingen einen halben Tag Aufenthalt nehmen und kam erst am späten Samstagabend an. Um 9 Uhr früh kam sie ins Gefängnis. Ich lief wartend und bodenlos nervös umher, erfuhr aber erst gegen ½ 11 Uhr, daß sie angekommen sei, der Herr Staatsanwalt sei aber noch nicht da. Erst um ½ 12 durfte ich hinunter. Weinend begrüßte sie mich. Volle 2½ Stunden hatte der Mensch sie warten lassen, bis er sich herbeiließ, zu erscheinen und ihr die Sprecherlaubnis zu erteilen. Dabei war vorgestern nachmittag das Telegramm durch seine Hände gegangen, worin sie die Ankunft anzeigte. Mit boshafter Absicht war er später als je gekommen und hatte vorher nichts angeordnet. Zenzl hat ihn, wie sie erzählte, dann auch zur Rede gestellt und ihn gefragt, was denn eigentlich sie ihm zu Leide getan habe und ob er glaube, daß in umgekehrter Lage ich gegen seine Frau ebenso gehandelt hätte. Er soll recht betreten geschwiegen haben. Wir konnten dann 1½ Stunden allein miteinander reden. Zenzl ist in München schandbar schikaniert worden. Jeder Bekannte, der mit ihr gesehn wurde, hatte Tags darauf Haussuchung. Alberts Freilassung erfuhr sie erst hier durch mich. Er hatte sie telegrafisch angezeigt. Man hat ihn solange festgehalten, bis Zenzl fort war. Nachdem ein Offizier mit 6 Mann bei ihr gewesen war, um von ihr herauszubekommen, wer der Herr gewesen sei, dem sie tags vorher auf der Straße gewinkt und der sie dann begleitet hatte – sie hat die Auskunft selbstverständlich verweigert –, ging sie zur Polizei, um sich zu beschweren. Man gab ihr dort den Rat, München zu verlassen. Also da man sie als Baierin nicht ausweisen konnte, wurden alle Leute, die in irgendeiner Beziehung zu ihr standen, solange bespitzelt und gepeinigt, bis für Zenzl der Aufenthalt in München unmöglich geworden war. In diesen Tagen las man in der Zeitung, daß sich der Schutzverband Deutscher Schriftsteller des Wiener Lyrikers Oskar Wiener annehme, der bei Kurt Wolff als Lektor angestellt sei und plötzlich von der Polizei ausgewiesen wurde. Zenzl erzählte den Grund der Ausweisung. Wiener wohnte bei Frau Deutsch, die eines Tags Besuch bekam und die Frage beantworten sollte, ob sie Mühsams kenne. Die Frau, die schon früher Beweise mutiger Gesinnung gegeben hat, erklärte, sie sei sogar mit uns befreundet und sei stolz darauf. Daher die Ausweisung ihres Freundes in der freien sozialistisch-demokratischen Republik Baiern! – Um 2 Uhr nachmittags durfte Zenzl wiederkommen und bis 5 Uhr bleiben; natürlich unten im kahlen Besuchsraum. Die Entscheidung, ob sie mich hier oben besuchen dürfe, sollte erst heute fallen. Eine Stunde waren wir beisammen, dann erschien ein Aufseher, um den Rest des Zusammenseins zu überwachen. Natürlich eine völlig sinnlose Infamie, mit der Schnösel nur seine Macht zeigen wollte. Heute früh von 9 – ½ 11 konnten wir wieder allein sein, dann kam wieder bis 12 Aufsicht. In der Mittagspause ging Zenzl zum 1. Staatsanwalt Edelmann, um noch einmal zu versuchen, in die Zelle hinaufzudürfen. Es war vergeblich, und so wurde beschlossen, daß sie morgen früh gleich nach Berlin weiterfahren werde, da eine Freude des Zusammenseins unter den skandalösen Formen der Handhabung doch nicht möglich war. Ich kam also um 2 Uhr wieder hinunter. Zenzl wollte mit dem Bericht über die Unterredung mit Edelmann, der auch Vollmann beiwohnte, zuerst garnicht heraus. Der Mann erklärte, in Eichstätt sei es auch nicht richtig, was uns berichtet sei. Man habe dort nur, weil Weihnachtsbesuche in größerer Zahl zu erwarten seien, einige Zellen ausgeräumt(!), um sie als Empfangsräume brauchbar zu machen. Dann habe sich der Staatsanwalt mit ihr in eine persönliche Unterhaltung eingelassen, bestätigt, was ihr schon in München im Ministerium der Regierungsrat Kühlewein gesagt hatte, daß nämlich das Gesetz „dehnbar“ sei, und daß ich mir die schikanöse Behandlung wegen meiner Bockbeinigkeit selbst zuzuschreiben habe, im übrigen verkroch er sich wie gewöhnlich hinter Müller-Meiningen und habe ihr schließlich, in der offenbaren Absicht, sie rot zu machen, spöttisch die Frage vorgelegt: „Was wollen Sie denn oben in der Zelle?“ Zenzl gab die Antwort: „Mal schaun, wie mein Mann untergebracht ist.“ Darf man so etwas diesen Hallunken je vergessen? Gedächtnis brauchen wir jetzt, nichts als gutes Gedächtnis. Sie sollen sich alle noch einmal ihrer Schandtaten freuen! – Zenzl war schrecklich deprimiert. Sie wollte es verbergen, konnte aber doch die Tränen nicht zurückhalten. Und dann – um 4 Uhr erschien wieder ein Aufseher. Man hat uns den Abschied für lange Zeit unter vier Augen nicht gegönnt. Es wäre zuviel Gnade gewesen. Als ich Zenzl einschärfte – und zwar mit Absicht in Gegenwart des Aufsehers, damit es die Folterknechte erfahren, der Arbeiterschaft in Berlin die ungeheuerlichen Zustände im baierischen Justizwesen bekannt zu geben, und die Namen unsrer Peiniger der Öffentlichkeit preiszugeben: Müller-Meiningen, Vollmann und auch Edelmann, – griff der Subalterne ein, das dürfe ich nicht sagen. Ich erklärte einfach: Ich habs schon gesagt und fügte zu Zenzl hinzu: „Und mach’s auch öffentlich, daß ich das nicht sagen darf.“ Neugierig bin ich jetzt, ob Vollmann jetzt daraufhin Repressalien ergreift, etwa ein Verbot für 3 Wochen, Briefe zu schreiben, oder Einsperrung in Einzelhaft über Weihnachten und Neujahr. Ärgere Torturen als er mir schon zugefügt hat, werden ihm doch nicht mehr gelingen. Ich war einmal Tolstojaner. Man hat es mir ausgetrieben. Hätte ich nicht die Hoffnung auf Rache, – und die muß kalt genossen werden, – ich glaube, ich bräche doch zusammen. So aber bleibe ich fest. Und wenn es Jahre dauern sollte, bis meine Stunde schlägt: daran, daß sie kommt habe ich keinen Zweifel. Da werde ich den Lehrmeistern der Reaktion zeigen, daß ich in der Anwendung ihres Verfahrens ein guter Schüler sein kann. Die Sentimentalität haben sie mir abgewöhnt.

 

Ansbach, Freitag, d. 26. Dezember 1919.

Weihnachten im Gefängnis. Nun ist’s vorüber. Wir hatten ein den Umständen nach schönes Fest. Von allen Seiten – nicht nur aus Baiern, sondern aus dem ganzen Reich und dem Ausland – waren Spenden gekommen: Eßwaren in Haufen und viel bares Geld. Die Anarchisten der Bertoni-Gruppe in Genf „Bereit“ hatten 1000 Mark geschickt – im ganzen sind, außer den Kisten und Paketen über 2600 Mark gekommen. Das tröstet über vieles hinweg: nicht das Geld, sondern das frohe Bewußtsein, daß wir beim Proletariat nicht vergessen sind, und daß es den Genossen am Herzen lag, Freude bei uns zu wecken. Gegessen haben wir unheimlich. Wir leisteten uns zum ersten Feiertag eine gebratene Gans, außer dem Schweinsbraten, den die Wirtschaft ohnehin schickte, legten Geld für die übrigen Mahlzeiten drauf, vertilgten obendrein eine Ente und einen Hasen, die Förster von Verwandten bekommen hatte, und tranken am Heiligen Abend und gestern einen Punsch. Mit unsrer Stimmung haperte es trotzdem etwas. Jeder hatte etwas auf dem Herzen: mir lag der sehr schmerzliche Abschied von Zenzl noch auf den Nerven, andre mochten mit den Gedanken daheim bei Frau und Kindern oder bei Erinnerungen an glücklichere Weihnachten sein, und Olschewski hatte einen neuen Ärger, der als charakteristisch für bourgeoise Nächstenliebe in seinen Ursachen notiert sei. Sein Sohn kam gestern zu Besuch. Da Vollmann Urlaub hat, machte Edelmann die Honneurs. Als Besuchszeit bewilligte er 1½ Stunden für den Vormittag und stellte die ganze Zeit einen Aufseher neben Vater und Sohn. Als der junge Mann am Nachmittag wiederkommen wollte und dazu dem Herrn ersten Staatsanwalt in die Wohnung kam, wurde er grob angefahren: er (Edelmann) wolle sich seinem eignen Weihnachtsfest widmen und ungestört sein. Schließlich bewilligte er noch eine halbe Stunde! Auf den Einwand, daß der Sohn am Abend wieder abreisen wolle, und daß doch in der Hausordnung für jeden Gefangenen 6 Stunden Besuchszeit wöchentlich garantiert seien, erklärte der Mann, das bedeute eine Stunde täglich, und die habe er schon überschritten. Er versäumte nicht zu erzählen, daß er selbst am Vormittag in der Kirche gewesen sei (wodurch dem jungen Olschewski 2 Stunden vom erhofften Zusammensein mit dem Alten verloren gegangen waren); die seelische Läuterung, die der Diener des Staats durch diesen Kirchgang erfahren hatte, zeigte sich nun also in der Art, wie er den seiner Obhut Anvertrauten die Weihnachtsfreude versüßte. – So war also das Fest von mancherlei Reizbarkeit und Nervenexplosion durchzittert (die Scherben einer Tasse, die wegen einer Lappalie Toni Waibel auf Markus Reichert zielte, geben noch Zeugnis davon; übrigens wurde dieser Zwischenfall schnell beigelegt). Aber im großen Ganzen wars doch sehr nett. Jedenfalls haben die Mägen einmal Leckerbissen zu sich genommen, wie wir sie seit langen Monaten nicht geträumt haben. Leider fehlte unser Renner. Sein Maschinenbein ist schadhaft geworden und er mußte rasch nach München, da sein Bein anschwoll. Hoffentlich wird nichts Schlimmes draus. – Ein Telegramm aus Waidmannslust hat mir inzwischen bestätigt, daß Zenzl beim Onkel gut angekommen ist. Ihre Gedanken werden heute wohl wie meine ein Jahr zurückgeschweift sein. Am 26. Dezember fielen die Revolverschüsse gegen mich in der Schwarzmannstraße, die erste aggressive Aeußerung der Münchner Konterrevolution. Wer hätte damals geahnt, wie gründliche Arbeit sie während des Jahres 1919 in München nicht nur, sondern im ganzen Lande verrichten würde? Ob sie sich zu Weihnachten 1920 ihres Werks noch zu freuen haben wird? Die schönen Solidaritätsbekundungen der Genossen geben mir Hoffnung, daß es nicht der Fall sein wird.

 

Ansbach, Freitag, d. 2. Januar 1920.

Alle Sentimentalität, die der Abschied des verruchten Jahres 1919 und der Beginn des neuen hervorrufen mag, soll schweigen. Ein Sylvestergedicht, das ich als Abschlußgedicht dem neuen Buch einfügen will, spricht ungefähr aus, was ich empfunden habe. Hier seien Tatsachen vermerkt, umso mehr, als ich heute angefangen habe, Olschewski das Archiv zu diktieren, das späteren Geschlechtern unsre Ansbacher Erlebnisse übermitteln soll, und zu dem ich die Tagebücher als Gedächtnisbrücke benutze. Am dritten Weihnachtstage bekamen wir einen neuen Genossen her, Artur Schinnagel, Dr. med., verurteilt vom Münchner Standgericht zu 1 Jahr 3 Monaten Festung, weil er als Arzt verwundeten Rotgardisten beigestanden hat! Er kam von St. Georgen-Bayreuth, – wo er sich offenbar unbeliebt gemacht hat, da man ihn zu uns versetzt hat – wir nennen es „an die Front“. (Mehrer ist, wie wir erfuhren, inzwischen ganz frei gelassen worden. Seine Spitzeleien haben also den verdienten Lohn getragen. Jetzt wird er seine perfiden Verleumdungen gegen mich draußen fortsetzen). Wir bekamen von Schinnagel allerlei interessante Auskünfte über die Verhältnisse in St. Georgen und konnten uns wieder überzeugen, daß die Verhältnisse in den andern Anstalten im großen Ganzen noch viel übler sind als bei uns. Hierbei ist eine kleine Illustration zum Charakterbilde Müller-Meiningens anzubringen. Am 19. Dezember fand in Bayreuth der Prozeß gegen die Genossen Egensperger, Taubenberger und zwei weitere wegen Beleidigung und Widerstand statt. Für 3 Genossen wurde Freispruch erkannt, wogegen Egensperger 1 Monat Gefängnis zudiktiert bekam. Müller ließ für diesen Prozeß sein „Volksgericht“ in Aktion treten, sodaß Rechtsmittel gegen das Urteil nicht zulässig sind. Er hatte aber noch weiter vorgesorgt, nämlich angeordnet, daß die Verurteilten direkt ins Bayreuther Landgerichtsgefängnis überführt werden sollten, sodaß also der arme Egensperger über Weihnachten und Neujahr nicht mehr mit seinen Kameraden zusammensein durfte. Da er doch am gleichen Ort in der Festungshaft völlig sicher eingesperrt war, kennzeichnet sich diese Anordnung wieder als beabsichtigte Folter. Ebenso hat dieser baierische Minister fürs Recht die Umquartierung in die neu eingerichtete Anstalt Niederschönenfeld grade so gelegt, daß man unmittelbar vor Weihnachten die nächsten Freunde auseinanderriß. Oblinger, der mit Johann Schmid in Lichtenau geblieben ist, während man Hohenester, Kleinlein und die übrigen Genossen seines engsten Kreises fortführte, schreibt mir bittere Zeilen darüber. – Schinnagel ist ein ganz originelles Heft, Ostpreuße mit stark dialektischer Sprache, sehr redselig, sehr eigensinnig und mit vielen verschrobenen Ideen. Er ist nicht nur konsequenter Temperenzler, sondern führt aus hygienischen Gründen von Zeit zu Zeit einen 24stündigen „Schweige-Streik“ durch. Heute überraschte er uns damit, daß er den ganzen Tag den Mund nicht auftat. Die Erklärung dieses Verzichts auf seine Lieblingsbeschäftigung, das Sprechen, werde ich mir morgen von ihm geben lassen. Die Genossen, die ihn von früher her kennen, erklären, daß sie diese seltsame Marotte schon von jeher bei ihm kennen. – Die Feier des Jahreswechsels beging unser kleiner Kreis sehr nett und würdig. Man hatte uns gnädigst erlaubt, bis 12¼ Uhr beisammen zu bleiben. Punsch war da, zu essen ebenfalls. Es wurde gesungen (ich habe für die Internationale eine Übersetzung gemacht, da der bisher bekannte deutsche Text miserabel war, außerdem auf die Herrlichkeit der sozialdemokratischen Regierungskloake – Ebert, Scheidemann, Parvus, Sklarz, Noske etc – ein Spottlied nach der Melodie „Preisend mit viel schönen Reden“), um halb zwölf Uhr begann ich meine Rede, die ich erst auf Humor stimmte, um gegen Schluß ernst auf unsre Pflichten im neuen Jahr hinzuweisen, dann stieg die Rätemarseillaise, und im Augenblick, wo der Schlußakkord verklang, schlug es Mitternacht und wir 10 Genossen umarmten und küßten einander. Jeder kämpfte tapfer seine Rührung herunter, dann sprach noch Hagemeister ein paar Worte, Markus Reichert gedachte unsrer Toten und schließlich beschämte mich Olschewski, indem er eine Rede zu meiner Ehre hielt. Dann mußten wir uns trennen, und ich blieb lange wach und war mit den Gedanken bei Zenzl, die in ihrem verhaßten Berlin sein muß und unserm lieben Heim im vierten Stockwerk der Georgenstraße nachtrauern mag, das nun auseinander ist, Möbel und Bücher in Kisten verpackt und die Räume dem langweiligen Dr. Zeheter vermietet. Heimatlos. Es war einmal. Neujahrsbriefe trafen in Massen bei mir ein, auch Pakete und Aufmerksamkeiten aller Art. Tiefe Rührung aber empfand ich, als heute von Lotte Landauer aus Karlsruhe ein Brief kam und eine Schachtel mit Zigaretten, den wohlbekannten Landauerschen Zigaretten mit dem langen papiernen Mundstück, die er, seit ich ihn kannte, bis zuletzt geraucht hat. Die guten Kinder haben für mich den Rest seines Vorrats davon zusammengesucht und ihn mir als Neujahrsgabe zugesandt. Keine Aufmerksamkeit in der Welt hätte mich so erschüttern können wie dieser schlichte Gruß von den Kindern meines herrlichen Freundes und Lehrers.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 8. Januar 1920.

Nachts ½ 12 Uhr. Dabei ist’s elend kalt in der Bude, da das Gitterfenster eisige Luft durchläßt. Nur, um das Tagebuch nicht zu lange trauern zu lassen ein paar kurze Bemerkungen. Paul Grassl sitzt mal wieder – seit dem 4ten – in Einzelhaft. Er soll einen Fluchtversuch unternommen haben. In Wirklichkeit hat er nur mit einer Stahlsäge die eisernen Gitter vor dem Fenster angesägt. Ob er wirklich aus dem zweiten Stock durchs Fenster in den Hof hinunter wollte, der dauernd abpatrouilliert wird, um von da über die hohe Mauer und den Stacheldraht ins Freie zu gelangen, steht dahin. Wahrscheinlicher als diese Naivität klingt die Deutung, er habe gegen das Fenstergitter als mit der „Ehrenhaft“ unvereinbarer Schikane eine Demonstration veranstaltet. Kurzum: 3 Wochen Einzelhaft, Beschränkung der Hofzeit auf 1 Stunde ohne Gesellschaft und Schreib- und Besuchsverbot, demnach vollständige Trennung von der Außenwelt. – Anderswo hat man Fluchtversuche nie bestraft, hier funktioniert der Schnösel Vollmann und tut sein Bestes, um Menschen, die im Gegensatz zu ihm, Gesinnung haben, seine Macht spüren zu lassen. Toni Waibel hatte den armen Sträflingen unter uns im Gefängnis Brot und Äpfel am Strick hinuntergelassen. Das haben andre Gefangene denunziert, die auch Grassls Feilerei gepetzt haben: Strafe 14 Tage Beschränkung der Hofzeit auf die Stunden am Vormittag. Als der Spitzel Dosch dasselbe tat, war es harmlos und wurde nicht bestraft. Als Zensor hat sich der Schnösel gegen mich ein reizendes Stück geleistet. Ich schickte mein Sylvestergedicht an den Kurt Wolff-Verlag, um es als Abschluß meinem neuen Gedichtbuch „Brennende Erde“ einzufügen. Die Schlußverse lauten:

         „Eh wir wieder Fahnen schwenken,

          laßt uns erst der Rache denken.

          Dann das rote Tuch empor!“

Schnösel schickt mir den Brief mit dem Text wieder herauf mit dem ersuchen, diese Verszeilen zu ändern, da sie sonst nicht passierbar seien. Ich korrigierte also die mittlere Zeile so: „laßt uns unsrer Pflichten denken“, worauf er den Brief durchließ. Daß diese Abschwächung unmöglich bleiben kann, ist selbstverständlich. Ich habe auch schon entsprechende Maßnahmen getroffen, um den Verlag zu benachrichtigen. Aber daß man sich von irgendeinem Folterknecht in sein literarisches Werk pfuschen lassen muß, und daß den Burschen keine Scham zurückhält, derartige Eingriffe zu unternehmen, ist doch unwahrscheinlich. Na, die Rechnung soll ihm eines Tages präsentiert werden. Häusliches ist weiter nichts zu melden, nur Olschewski ist als Zeuge in einem neuen Hochverratsprozeß (Marx) in Augsburg. Diese Prozesse hören garnicht auf. Man will die Erinnerung wachhalten, auch davon müssen wir lernen.

Weltgeschichte ist hier lange nicht erörtert worden, obwohl genug passiert. Auch jetzt keine Leitartikel. Die Schachereien um den endgiltigen Friedensschluß, der übermorgen mit dem Tausch der Ratifikationsurkunden perfekt werden soll, übergehe ich, ebenso die amüsanten Briefe unsres Exkaisers an seinen Intimus „Nicky“, die jetzt durch alle Zeitungen laufen. Über den deutschen Schweinestall (Parvus, Sklarz und alles was dazu gehört und die Herren Scheidemann, Noske und Konsorten in übelstes Parfüm hüllt) vielleicht ein andres Mal, ebenso über die deutsche Rechtspflege dieser herrlichen Zeit (der Freispruch des Karpathenmörders Hiller etc). Aber ein Wort über den Stand der Weltrevolution dann doch noch heute. Dabei unterlasse ich alle bitteren Betrachtungen über die revolutionäre Lage in Deutschland (Unglaublichkeiten der KP-Zentrale, Spaltung des Berliner Arbeiterrats, kleinere Wirtschaftskämpfe: Frankfurter Eisenbahner), da die Ereignisse, die wesentlich sind, vorläufig doch nur die sind, die sich in den Reihen der russischen Vorkämpfer abspielen, und da dürfen wir so stolz sein, daß wir beschämt sein müßten. Die Armee Koltschaks ist nahezu zerschmettert, die Denikins in wildem Rückzug an die Küste des Schwarzen Meers, mit Esthland ist Waffenstillstand geschlossen, dem der Friedenschluß folgen wird. Sovjetrußland siegreich auf allen Linien und im Vordringen nach Sibirien, Nordpersien, Turkestan und an den Rand Indiens. Der englische Imperialismus im Grunde erschüttert, auch Aegypten gärt. So rüsten jetzt die kapitalistischen Mächte zum letzten Schlage. Eine japanische Hilfsarmee ist zur Rettung Koltschaks auf Irkutsk im Anmarsch und Polen soll sich zur Generaloffensive anschicken. Hoffen wir, vertrauen wir! Schon ist Polen vom Bazillus des Bolschewismus angefressen. Wer weiß, ob es nicht plötzlich als Bundesgenosse statt als Feind in Rußland einrücken wird. Die Japaner aber finden nicht mehr die Gegner von 1905, sondern Kämpfer, die für ihr Ideal, für die Sache der Menschheit von Sieg zu Sieg marschieren. Die Koalition des Weltimperialismus steht dicht vor dem Ende ihrer Weisheit. Gelingt es unsern Genossen, ihren letzten Angriff jetzt abzuwehren, dann können wir auch bei uns auf schnelle Umwälzungen hoffen. Die Zustände werden immer toller. Zenzl berichtet aus Berlin über die Preise, die ins Märchenhafte steigen: ein Ei kostet 2,50 Mk, eine Gans 280 Mark. Die Valuta sinkt immer tiefer, die Mißwirtschaft tritt bei der Korruptheit und Unfähigkeit der Regierenden immer krasser zutage. Trotzdem wird der große Schlag wohl erst zu führen sein, wenn Rußland die Arme frei hat, um uns zu helfen. Die Entscheidung über unser nächstes Schicksal fällt in Asien.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 14. Januar 1920.

Vielleicht stehn wir am Vorabend bedeutungsvoller Ereignisse. Möglich auch, daß die Zeit noch nicht reif ist, und daß wieder Proletarierblut nur geflossen ist, um den endlosen Weg zur Befreiung noch weit vor dem Ziel zu begießen. In Berlin hat es gestern wieder Erschütterungen gegeben. Die Nachrichten, die das Ansbacher Käsblatt bis jetzt bringt, lassen das Bild noch im Unklaren. Fest steht bis jetzt nur, daß viele tausend Arbeiter demonstrativ zum Reichstag zogen, um gegen das neue, total reaktionäre Betriebsrätegesetz zu protestieren, daß der Versuch gemacht wurde, zur Nationalversammlung einzudringen, daß ein Teil der aufgebotenen Sicherheitswehr entwaffnet wurde, daß in die Massen hinein Maschinengewehre knallten, und daß Noske unter Verhängung des Belagerungszustands über das ganze Reich außer Baiern und Sachsen zum Diktator ernannt worden ist. Über den Bezirk Berlin-Brandenburg hat er in eigner Person den Oberbefehl übernommen. Zu diesen wohl feststehenden Tatsachen kommen eine Reihe Momente, die zur Betrachtung anregen. In Westdeutschland und Schlesien stehn die Eisenbahner seit geraumer Zeit im Kampf, der die Regierung schon vor einigen Tagen zur Verhängung des Ausnahmezustands über diese Gebiete und zur Ernennung eines Eisenbahndiktators veranlaßt hat. Im ganzen Lande herrscht Teuerung und Hungersnot in einem selbst im Kriege unbekannten Ausmaß. So werden aus Hamborn große Unruhen gemeldet. Lebensmittelmagazine wurden geplündert, und die alte Medizin, blaue Bohnen, wird dem hungernden Volk eingegeben. Dem Verkehrsstreik kam ein Föhn zu Hilfe, der lange Tage toll gewütet hat, Telegrafen- und Telefonanlagen zerriß und die Flüsse in vielen Gegenden zum Überlaufen brachte. Das Hochwasser hat überall großen Schaden angerichtet, und wenn jetzt wo der Sturm nachgelassen hat, mit der Winddrehung Frost einsetzen sollte, dann dürften sich die absolut unfähigen Betreuer Deutschlands am Ende ihrer Wissenschaft sehn. Die Valuta sinkt täglich, reißt in der Schweiz fortwährend Bankinstitute, die sich in Spekulationen eingelassen hatten, in den Bankrott, und schon bieten die Juweliere öffentlich in den Zeitungen für 3 Mark in Silber 18 Mk, für 20 Mark in Gold 220 Mark in Papier an. Die Lohnbewegungen jagen einander, da die Stapel Assignate, mit denen die Arbeit entlohnt wird, nicht zur Befriedigung der primitivsten Bedürfnisse ausreicht. Dabei feiert das besitzende Berlin und München den Karneval des Friedens, der nun wirklich in Kraft getreten ist, in unerhörten Orgien, und die Erbitterung der Massen steigert sich von Tag zu Tag. Morgen wird nun im ganzen Reich der Jahrestag der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs begangen (seltsam: grade in diesen Tagen – seit gestern – machte sich, genau wie vor dem 9. November bei den Eisenbahnen der Kohlenmangel wieder in einer Weise fühlbar, daß schon wieder die Einstellung des gesamten Personenverkehrs notwendig geworden ist!). Diese Morde sind bis heute ungesühnt. Die Opfer des weißen Schreckens haben sich im Laufe des Jahres noch ungeheuer vermehrt, ohne daß den Mördern irgendetwas Böses passiert wäre. Die Prozesse gegen Marloh und seine paar Mordkumpane, die man überhaupt vor Gericht stellte, um durch Freisprüche oder alberne Scheinurteile das Volk zu provozieren, sind in frischer Erinnerung. Unvergessen sind dagegen die Justizmorde an Leviné und die sogenannten Geiselmörder, und alle die schmählichen Prozesse gegen uns „Hochverräter“, – und so trifft der Liebknecht-Gedenktag das Proletariat in der denkbar erregtesten Stimmung. Ich bin etwas besorgt um Zenzl, die in Berlin ist und bei ihrem Temperament und ihrer Wut schwerlich im stillen Zimmer sitzen wird, wenn draußen der Kampf tobt, da doch schon ihr Name sie verdächtig macht. Nun – meine Frau gehört auch wohl dahin, wo sie etwas für die Revolution leisten kann. Mag ihr und mein guter Stern sie leiten. – Wir haben beschlossen, den Gedenktag morgen durch einen 24stündigen Hungerstreik zu begehn. Zudem werden wir eine Gedächtnisfeier veranstalten, bei der ich die Rede halten soll. Ich fühle mich lebhaft an die Trauerveranstaltung vor einem Jahr erinnert, bei der ich in der Schwabinger Brauerei vor den Kommunisten Münchens die Gedenkrede hielt. Es war, wie mir allgemein gesagt wurde, die beste Rede, die ich überhaupt gehalten habe, obwohl ich völlig unvorbereitet, und erst eine knappe halbe Stunde vorher telefonisch vom Landtagsgebäude gerufen, in dem Saal erschien. Aber meine Ergriffenheit war sehr groß, und so gelang es mir auch die Herzen der andern zu rühren. Als ich vom Podium abtrat und zu meinen Leuten im Hintergrund des Saals drängte, wurde plötzlich meine Hand festgehalten und gestreichelt, und ich sah zum ersten Mal die schöne blonde Frau, von der die Ovation ausging. Es war Mila. – Die Zeiten haben sich geändert. Hier im Hause wirkt der Schnösel so, als ob niemals ein neuer Wechsel der Zeiten eintreten könnte. Er konfisziert jeden Brief, dessen Wichtigkeit er begreift. So beschlagnahmte er mir in den letzten Tagen einen an den Genossen Max Müller, dem ich meine Ansichten über die von Margarete Faas angeregte und von Lotte Landauer gebilligte Neuherausgabe des „Sozialist“ auseinandersetzte, um zu verhindern, daß Landauers in der Revolution gewordenes Wollen etwa durch ethischen Grasfresser- und Obstzüchter-Sozialismus verfälscht würde. Ein Zufallstyrann von Kerkermeister spielt Schicksal und hindert mich an den Pietätspflichten gegen den Freund. Olschewski hatte in Augsburg dem Redakteur des „Volkswillens“ meine neue Übersetzung der französischen „Internationale“ gegeben. Die letzte Strophe, die schon im Urtext garnichts taugt, und auch in der Nachdichtung mißlungen ist, habe ich inzwischen durch eine erheblich bessere Strophe eigner Erfindung ersetzt. Ich teilte sie Thomas mit mit der Begründung, daß mich vor allem die Blutrünstigkeit des früheren Textes zu der Korrektur veranlaßt habe. Durch das Eingreifen Vollmanns wird die Arbeiterschaft aber nun trotzdem die blutrünstige häßliche Strophe der Urfassung singen, bis ich später die nötigen Aufklärungen werde geben können. Über Herrn Dosch brachte Olschewski wieder eine reizende Neuigkeit mit. Auch der war kürzlich zu einer Zeugenaussage auf Reisen. In München gelang es ihm, seinen Transporteur zu einem Abstecher nach seiner Wohnung zu bewegen. Wieder hier angekommen, denunzierte er den Transporteur aber wegen dieser Gefälligkeit, der in Strafe genommen wurde. – Zur Zeit sitzt im Gefängnis unten ein junges Mädchen wegen eines bei ihrer Großmutter verübten Diebstahls. Das arme Ding war erst kürzlich von hier entlassen worden, nachdem sie mit Dosch in den Briefverkehr getreten war, den Vollmann stillschweigend geduldet hatte. Der Kerl hatte ihr die Ehe versprochen und sie dadurch zu allerlei Zuwendungen an ihn veranlaßt, die sie durch den Diebstahl möglich machte. Dieser würdige Revolutionär, der sich während der zweiten Räterepublik die Stellung eines Münchner Polizeipräsidenten erschleichen konnte, benutzte also seine Haft zur Inszenierung eines aufgelegten Heiratsschwindels – und seinetwegen muß das arme Mädel die Staatspension noch einmal beziehn. – Neben Waibel hat nun auch Schinnagel 14tägige Einschränkung der Hofzeit auf 2 Vormittagsstunden und zwar auf direkte Anordnung des Herrn Justizministers. Er hat nämlich in einem Brief an den unter seinen Namen die Bezeichnung Hochverräter gesetzt. Dies der Grund für die Maßregelung. Dabei ist uns doch von den Schergen Müller-Meiningens der Charakter als Hochverräter ausdrücklich aufgeprägt worden. Ob der Mann eine Entweihung des Namens darin sieht, daß wir ihn selbst brauchen? Nun, welche Empfindung ihn immer zu seiner Bestrafung veranlaßt haben mag, die, auf die ein weltfremder Historiker am ehesten raten möchte, ist es bestimmt nicht. Scham ist Herrn Dr. Müller und seinen Troßbuben fremd.

 

Ansbach, Sonntag, d. 18. Januar 1920.

Nachmittags. Sonst schreibe ich immer nur nachts. Aber dann müssen auch die fälligen Briefe erledigt werden, und mit der Karbidbeleuchtung wird es immer schwieriger. Erstens ist der Preis in einer Woche von 2,50 auf 3,50 Mark gestiegen und droht noch viel höher zu werden. Ferner tritt häufig der Fall ein, daß in ganz Ansbach überhaupt kein Karbid zu haben ist und endlich ist das wenige, das man bekommt, krümelig und infolgedessen sehr wenig ergiebig. Jetzt habe ich also nach dem Hofspaziergang (bis 5 Uhr) ein Stündchen Zeit und sitze da mit Kragen und Krawatte angetan, deren ich mich sonst gänzlich entwöhnt habe. Es ist nämlich Besuch unten, allerdings nicht für mich, sondern für Förster und Waibel: Försters Schwestern und Fräulein Burghardt, die Schwester von Frau Westrich und Försters Braut (eine seiner Bräute). Über ihren angenehmen Schwager ist das Mädchen im Klaren. Sie hat, wie mir eben der Oberaufseher mitteilte, den Wunsch ausgesprochen, mich auch zu sehn, und ich soll kurz vor Ablauf der Besuchszeit (6 Uhr) hinuntergeführt werden. Schon kürzlich war eine Freundin Försters aus Würzburg hier, das bildschöne Frl. Hannsi Ebert, der ich ebenfalls guten Tag sagen durfte und die mich zum Abschied sogar mit einem Kuß beschenkte. Besuche sind Sensationen, denn sie sind selten und bringen eine Atmosphäre von Freiheit in unsern armen Kerker, und mir sind Freunde als Besuche fast lieber als Zenzl, bei deren Hiersein ich die ganze Abscheulichkeit der Schikane, wie ich sie empfangen muß, gar so bitter empfinde. Über einen Besuch im Dezember schon vergaß ich damals zu berichten. Als ich damals Zenzl mit großer Ungeduld erwartete, wurde ich ins Besuchszimmer gerufen und fand dort zu meiner Enttäuschung nicht sie, aber zu meiner Freude Leon Hirsch aus Berlin und meinen kleinen treuen Verehrer Gerhard Wilk. Leider war ihre Zeit, da sie gleich weiterreisen wollten, sehr knapp und meine Zerfahrenheit so groß infolge des Ausbleibens Zenzls, von der ich gleich nachher ein beruhigendes Telegramm erhielt, (und zugleich ein Telegramm Alberts, daß er in Freiheit sei. Er ist jetzt wieder in Konstanz), daß die Anwesenheit der beiden treuen Jungen, die mir eine Riesenkiste mit Büchern und Eßwaren herschleppten, nicht die richtige Freude aufkommen ließ. Das war vor Weihnachten, und so sei denn die Unterlassung, daß ich’s damals nicht notierte, nachgeholt. Um die Ereignisse der letzten Tage nachzuholen, sei zunächst die Tatsache vermerkt, daß ich gestern vom Reichsgericht die Mitteilung bekam, daß die Revisionsverhandlung am 5 Februar stattfindet. Ich habe Kahn hergebeten, um mit ihm die Maßnahmen zu besprechen, die für den Fall der Verwerfung zu treffen sind. Es ist anzunehmen, daß Müller mich unmittelbar, nachdem das Urteil rechtskräftig geworden ist, wie ers mit Egensperger gemacht hat, ins Gefängnis setzt. Die Wünsche, die ich für den Vollzug habe, müssen also rechtzeitig vorher angebracht werden. Ob meine Absicht, die 2 Monate in Stadelheim abbüßen zu dürfen, wo ich die rührende liebe Erika Schollenbruch in der Nähe hätte, Erfolg haben wird, ist wohl sehr zweifelhaft. Aber ich will auf Selbstbeschäftigung und Selbstbeköstigung dringen. Hoffentlich gelingt es, die Kosten dafür aufzutreiben. Lederer, Gumbel und die übrigen bisher bewährten Hilfreichen müssen heran, und ich hoffe nur, daß Kahn mich nicht wieder im Stich lassen wird. Er soll hier gleich wieder einen neuen Prozeß zur Verteidigung bekommen. Man hat sich bei Graßl nicht mit den 4 schweren Disziplinarstrafen (Einzelhaft, Besuchsverbot, Hofentzug und Briefsperre) begnügt, sondern ihn auch noch durch Übersendung eines gerichtlichen Strafbefehls über 25 Mark oder 5 Tage Gefängnis erfreut. Der Rechtsgrundsatz ne bis in idem existiert also in Baiern nicht mehr. Natürlich hat er gerichtliche Verhandlung verlangt. Es muß einmal festgestellt werden, daß nicht das Durchsägen der eisernen Gitterstäbe vor den Fenstern der Festungsstuben strafbar ist, sondern die Unterbringung von Festungsgefangenen hinter Gitterstäben. – Der arme Graßl wühlt inzwischen in seiner versperrten Zelle mit Selbstpeinigungen in seinem Innern herum. Dieser Kraftmensch ist von solcher weichen Sentimentalität wie ich sie kaum je erlebt habe. Eine alte Liebesgeschichte nagt an seinem Herzen, und er hat mich zu seinem Beichtvater gemacht, indem er mir den ganzen Briefwechsel mit dem Mädel anvertraut hat, von dem ich übrigens einen famosen Eindruck habe. Aber ich will auch im Tagebuch die Diskretion nicht brechen und den höchst problematischen Fall auch später nicht den Augen andrer preisgeben. – Sonst geht das Leben hier seinen gewohnten Gang. Nur eine kleine Niedlichkeit will ich nicht vergessen lassen. Die meisten von uns hatten an ihren Türen eine Vorrichtung zum Absperren von innen angebracht.

Fortsetzung Nachts ½ 12 Uhr. Ich war während des Schreibens zu den Besuchern ins Parterre gerufen worden. Davon nachher. – Ich sprach von den Riegeln an unsern Türen, kurzen Drahthaken, die an Nägeln an Tür und Pfosten festgemacht wurden. Niemals hatte jemand Anstoß an dieser Bequemlichkeit genommen, durch die wir uns, wenn wir arbeiteten, unerwünschte Störungen vom Leibe hielten. Vor einigen Tagen aber waren die Riegel verschwunden und auch die Nägel herausgezogen, ohne daß man uns ein Wort gesagt hätte, ganz heimlich, während wir den Hofspaziergang machten. Das ist der Oberaufseher Mittelstädt mit seinen 22 Jahren im Zuchthaus gesammelter Erfahrungen. – Als Olschewski von Augsburg zurückkam, wo er im Gefängnis keinerlei Schikanen ausgesetzt war, wurden seine Sachen gründlichst durchsucht. Proteste nützten natürlich nichts. Und nun hatten wir heute schon wieder eine Szene. Die drei Damen hatten ihren Besuch die ganze Zeit unter Aufsicht machen müssen. Ich kam kurz vor dem Aufbruch hinunter. Dann begleiteten wir sie zur Ausgangstür, wo man aber lange zögerte, die Aufsperrung zu veranlassen. Herr Mittelstädt bemühte sich vielmehr, uns zu bewegen, den Hausflur vorher zu verlassen. Die Absicht war klar: die Damen sollten noch durchsucht werden. Wir blieben also ostentativ stehn, und so kam es dann zu einem Mordskrach, bei dem wir freilich Sieger blieben. Die Besucherinnen wurden in unsrer Gegenwart und ohne Durchsuchung aus dem Haustor herausgelassen. Besonders Förster hatte aber mächtigen Lärm geschlagen, und die armen Frauen verließen unter Tränen das Haus. So war denn auch diese Besuchsfreude von den Subalternen vergällt worden. Jeder von ihnen möchte unsern Vorgesetzten spielen – es gibt Ausnahmen, gewiß, aber wenige – und einer von den Gefängniswärtern hatte sich sogar erlaubt, der Schwester Försters, als sie von der Straße aus Mittags zu uns zum Fenster hinaufwinkte, die Drohung eines Besuchsverbots anzutragen. Förster und Waibel haben sich wegen des heutigen Vorfalls morgen zum Staatsanwalt gemeldet. Ich zweifle nicht, daß der Schnösel dieselbe Solidarität zu seinen Handlangern zeigen wird, die sein oberster Schindermeister, Müller-Meiningen, stets für ihn bekundet hat ... Ich sollte eigentlich noch über unsern neuen Hungerstreik, die Liebknecht-Luxemburg-Feier am 15ten und über die Angelegenheiten in aller Welt etwas sagen. Aber es genügt die Feststellung, daß der Festtag gut überstanden ist und guten Verlauf nahm: Vorträge und ernstes Gedenken, und daß in Berlin den Ereignissen vom 13. Januar kein Nachspiel gefolgt ist; daß dagegen die Nachrichten aus Rußland von immer neuen Siegen berichten. Koltschak soll mit seinem ganzen Stabe gefangen sein und die chinesische Grenze ist von den Sovjettruppen erreicht. Damit kann Sibirien als befreit gelten. – In Deutschlands ist’s trübe, aber für die Volkswirtschaft derartig, daß wir bester Hoffnung sein dürfen. In München wurde der Prozeß gegen den Grafen Arco verhandelt, der sich tapfer auch vor Gericht benahm, aber ein solches Maß naiver Ahnungslosigkeit in politicis bewies, daß das Herz stillsteht bei dem Gedanken: sowas macht Weltgeschichte. Der Staatsanwalt hat die Todesstrafe beantragt, er konnte schlechterdings nicht anders. Natürlich hat er gleichwohl seinem Delinquenten zärtliches Verständnis bewiesen. Das „Volksgericht“ wird wohl auch auf Tod erkannt haben, und der Verlauf dürfte dann sein: Begnadigung zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe, Zuchthaus-Haftunfähigkeit und Hinausschieben der Vollstreckung bis zur Freilassung – falls es nicht anders kommt. Ich wünsche dem jungen Schafskopf nicht das Märtyrerschicksal, aber ich muß schlucken, wenn ich des Namens Leviné gedenke. – Die Förstermädel brachten 10 Flaschen Wein mit, sodaß wir heute abend ein ganz nettes Gelage halten konnten: für jeden Mann eine Flasche. Nun bin ich aber auch müde.

 

Ansbach, Dienstag, d. 20. Januar 1920.

Abschrift: „Werter Genosse Eschenbacher, die Angelegenheit, derentwegen ich Sie oder einen andern Genossen herbat, ist inzwischen gegenstandslos geworden. Dinge, die angesichts der Ihnen bekannten Umstände in Briefen erledigt werden können, brauchen wir kaum an Ansbacher Stellen anzubringen. – Ich möchte die Gelegenheit benutzen, Ihnen namens aller meiner Genossen ein offenes Wort zu sagen. Wir hier drinnen, die unter höchst unerfreulichen Verhältnissen unsre baierische Ehrenhaft verbüßen müssen, haben unsre Freiheit und zugleich alles, was den Menschen das Leben schmückt und wert macht, uneigennützig für die Interessen des Proletariats geopfert. Daß das von der Arbeiterschaft des ganzen Reichs und darüber hinaus von den Genossen des Auslands dankbar anerkannt wird, davon erhalten wir die ergreifendsten und schönsten Beweise. – Zu Weihnachten und zu Neujahr sind uns aus aller Welt Kundgebungen und Spenden zugegangen. Daneben häufen sich die Berichte von Versammlungen revolutionärer Organisationen, die als erste Forderung von der Regierung die Freigabe der politischen Gefangenen oder doch wenigstens die Wiedereinführung der früher geübten Behandlung der Festungsstubengefangenen verlangen. Das alles ist uns Trost und Freude. – Was uns aber die Genossen draußen nicht bieten können, ist die Gelegenheit zu persönlicher Aussprache, die hätten nur die Ansbacher Genossen. Aber sie machen keinen Gebrauch davon. Es gibt in Ansbach einen Arbeiterrat, eine Ortsgruppe der USP und eine der KPD. Seit der Genosse Behm Ansbach verlassen hat, sind wir so gut wie außer Fühlung mit der Arbeiterschaft der Stadt, in deren Mauern wir sind. Unter allen Weihnachts- und Neujahrsendungen und -Zuschriften war kein Gruß aus Ansbach. Wir haben das schmerzlich vermißt. – Daß Gefangene das Bedürfnis haben, sich manchmal auszusprechen, daß sie das Gefühl beruhigen würde, Genossen nahe zu wissen, die auf einen Wink hilfsbereit zur Stelle wären, wird in Ansbach offenbar nicht angenommen. – Da schon von selber niemand kam, haben wir uns, als wir einmal etwas, was das Proletariat im ganzen anging, auf dem Herzen hatten, an Sie als den einzigen Ansbacher Genossen gewandt, der uns vorübergehend ein gewisses Interesse gezeigt hat, mit der ausdrücklichen Bemerkung, wenn es Ihre Zeit nicht gestatte, möge ein andrer uns die Gefälligkeit erweisen, am nächsten Tage zu kommen. Nach Verlauf einer vollen Woche erhalten wir dann die Mitteilung, daß es erwünschter sei, unsre Anliegen schriftlich zu erfahren. – Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, daß wir mit unsern Herzen voll Liebe für das Proletariat in einem zu Fuß durchquerbaren Umkreis keine Genossen haben, die neben ihrer Mitgliedskarte zu einer revolutionären Organisation auch mal eine Stunde Zeit haben, sich um uns zu bekümmern. Woraus wir die Konsequenz ziehn, daß die Arbeiter und Arbeitervertreter Ansbachs von uns in Zukunft mit keinen Anliegen mehr belästigt werden sollen. – Dieser Brief ist keineswegs als Vorwurf gegen Sie persönlich gedacht. Wenn Sie seinen Inhalt möglichst vielen revolutionären Proletariern zur Kenntnis bringen würden, käme er an die richtige Adresse. Mit besten Grüßen Erich Mühsam.“

 

Ansbach, Mittwoch, d. 21. Januar 1920.

Man müßte schon jeden Tag einige Seiten des Tagebuchs vollschreiben, um mit den Abwechslungen innerhalb der Anstalt und draußen in der Welt einigermaßen mitzukommen. Eine Durchsicht dieser Blätter zeigt mir immer wieder, daß fast alles Wesentliche, was mich bewegt, hier ohne Erwähnung bleibt, und zum Festhalten unsrer mitunter sehr fruchtbaren Diskussionen unter den Genossen – über unsre wichtigsten Aufgaben am Tage nach der Revolution, über politische oder Wirtschaftsprobleme, heute z. B. über das ungemein wichtige und bedeutende Manifest Wolffheims und Lauffenbergs, das Paul Levi mit einer Handbewegung als „nationalen Bolschewismus“ abtut, über die Gespräche mit Hagemeister und die besonders ergiebigen Privatunterhaltungen mit Kain, der meinen Ansichten von allen Genossen am nächsten steht, – komme ich sogut wie garnicht. – Auch heute ist keine Zeit zu alledem. Die Chronik verlangt Tatsachen. Zunächst also das Neueste aus dem engsten Bezirk. Die Vermutung, Vollmann werde sich im Falle Förster schützend vor seine Beamten stellen, fand Bestätigung. Ehe Förster und Waibel zur verlangten Audienz vorgelassen wurden, hatten sie schon einen Strafzettel in Händen, der ihnen für die laufende Woche den Empfang der Besuche verbot. Daß diese Strafe, die wie gewöhnlich unter Ignorierung der Vorschriften und trotz des Sprechgesuchs auf die einseitige Darstellung der unteren Organe ohne Anhörung verhängt wurde, viel mehr die unter Aufwand hoher Spesen in Ansbach anwesenden Damen traf als die Bestraften, ist klar. Nun hatte aber infolge des Auftritts beim Abschied Frl. Burghard nachher auf der Straße einen Ohnmachtsanfall erlitten und im Hotel wiederholten sich die Anfälle mehrmals. Auf den Bericht darüber und nachdem er von Förster selbst den Vorgang wahrheitsgetreu erfahren hatte, wollte der Schnösel seine Macht durch Gnädigkeit erweisen, indem er Förster anbot, den Besuch noch einmal zuzulassen. Das hat Förster glatt zurückgewiesen, und Braut und Schwestern sind in der Tat abgereist, ohne ihn noch einmal gesprochen zu haben. Ich habe mich über die Charakterfestigkeit des Genossen, den ich überhaupt immer höher schätzen lerne, sehr gefreut. Ich habe den Verdacht, daß man uns durch Provokationen zu Handlungen treiben möchte, die einen Vorwand für die Behörde abgeben könnten, aus den immer engeren Einschränkungen bei den Besuchsempfängen die völlige Verhinderung dieser für gewisse Leute immerhin peinlichen Zuziehung von Zeugen zu machen, und damit die Absperrung von der Außenwelt zu vollenden, da man dann auch die Briefzensur gefahrlos zu ihrer letzten Möglichkeit steigern könnte. Heute hatte ich selbst Besuch, und der Krach blieb denn auch nicht aus, wenn auch die Folgen diesmal wahrscheinlich den Herrschaften unerwünscht sein werden. Gestern hat mein alter Freund Bernhard Köhler hier in Ansbach einen Vortrag gehalten, und zwar seltsamerweise auf Einladung des deutschvölkischen Bundes, also einer nationalitisch-antisemitischen Organisation und noch seltsamererweise über das Thema: „Der Staatsbankrott – die Rettung“ oder wie er mir vorher mit seiner Anmeldung mitteilte: über die „Brechung der Zinsknechtschaft“, woraus ich auf seine Bekehrung zu den physiokratischen Lehren unsres Volksbeauftragten Sylvio Gesell schloß. Heut früh um 10 Uhr kam er also mit einer Stunde Sprecherlaubnis, die unter Aufsicht eines besonders unsympathischen Aufsehers, namens Krebs, ausgenützt wurde. Zuerst wurden Theorieen erörtert, und ich erfuhr dabei, daß Köhler noch immer Monarchist ist (wie denn leider meine alten Freunde vor der Literaturseite her fast alle Gegenrevolutionäre zu sein scheinen), und daß der Vater seiner Spezialweisheit ein gewisser Gottfried Feder ist, ein Ansbacher – daher der Vortrag in diesem Kaff –, der den Kampf gegen den Kapitalismus beim Leihkapital anfangen will (von dieser Seite aus sollen wohl die Juden totgeschlagen werden), ohne aber den Reichtum irgend bei der Wurzel zu fassen. Ich soll durch eine Broschüre noch genauer von den Ideen des Mannes Kenntnis erhalten, will also mein Urteil zurückstellen. Natürlich wollte ich mich nicht die ganze Stunde mit akademischen Exerzitien amüsieren, sondern meine Beschwerden an den Mann der Gerechtigkeit bringen, als den ich Köhler kenne. So legte ich also gegen unsre Festungsbehandlung los und gab dem Besucher etliche Daten mit der Bitte, für ihr Bekanntwerden in weiten Kreisen zu sorgen. Köhler machte Notizen. Als ich über die Unrechtmäßigkeit der ganzen Müllerschen Hausordnung dozierte, unterbrach plötzlich der Aufseher, die Hausordnung dürfe ich nicht kritisieren. Diese Frechheit ging mir über die Hutschnur. Ich erklärte dem Mann, er habe zuzuhören und könne nachher seinem Vorgesetzten Bericht erstatten, in unsre Unterhaltung einzumischen habe er sich nicht. Darauf nahm sich der Kerl heraus, den Besuch für beendet zu erklären, mich hinauf- und Köhler hinauszuweisen. Meine Weigerung, mich irgendeiner Anordnung des Menschen zu fügen, der durchaus nicht mein Vorgesetzter sei, hatte Erfolg. Er wußte nicht weiter, das Gespräch wurde fortgeführt und ich zog weiter über die Hausordnung her. Der Vorgang von vorher wiederholte sich darauf. Ich forderte den Aufseher auf, den Staatsanwalt zu holen und Köhler, unter allen Umständen zu bleiben und seine eigne Erfahrung draußen ja gründlich zu verwerten. Als der Oberaufseher schließlich kam, um den Ablauf der Besuchszeit zu melden – das ist übrigens derjenige, dem alle Schikanen zuzuschreiben sind, wiewohl er seine Tüchtigkeit hinter kriechender Unterwürfigkeit bemäntelt: Hagemeister, Förster und ich behandeln ihn längst wie Luft –, ließ sich Köhler noch einmal, um sich über die Befugnisse des Aufsichtspersonals zu unterrichten, bei Vollmann melden. Wahrscheinlich ist der nationale Schnösel gestern in Köhlers Vortrag gewesen, ich hätte ihn also ganz gern in seiner Verlegenheit gesehn. Am Nachmittag hatte ich zufällig mit ihm zu tun, da ich einen Scheck (von Tobler-Zürich über 500 Mark) zu quittieren hatte, er war von vollendeter Höflichkeit, ich von vollendeter Kälte bei der Zeremonie. Eine Verteidigung des subalternen Lümmels wird er schwerlich versucht haben, da ja dann die Behandlung der Festungsgefangenen allgemein in noch übleres Licht geraten wäre. – Ich hatte Gelegenheit, Köhler gleich eine Bestimmung mitzuteilen, die in diesen Tagen vom Ministerium kam und das schlechte Gewissen der Justizkanaillen Baierns reizend illustriert. Wir sind hier bekanntlich in einer „Festungshaftanstalt“. In Ebrach hieß das Ding noch „Festungsgefängnis“, und wir waren damals schon recht belustigt, wie durch das einfache Anhängen eines Pappschildes aus einem Zuchthausgebäude erst ein Untersuchungsgefängnis und dann ein Festungsgefängnis in Erscheinung gesetzt werden konnte. Wir waren von dort her gewöhnt, als unsre Adresse auch hier unsre hübsche Behausung ein Festungsgefängnis zu nennen. Nach den besonders durch meinen Prozeß akut gewordenen Erörterungen über die Gesetzwidrigkeit, Festungsstubengefangene (das ist der offizielle Titel) in gewöhnlichen Gefängnissen unterzubringen, hat Herr Müller-Meiningen in der Bezeichnung, die er selbst erfunden hat, ein Haar gefunden. Er eskamotiert jetzt den Beschwerdegrund dadurch fort, daß er fortab die Bezeichnung der Hafträume als Festungsgefängnis, Gefängnisfestung und dergleichen verbietet. Vorgestern erhielten wir ein Schreiben vom III. Staatsanwalt, in dem uns das mit der Bemerkung kundgetan wurde, daß fortan diese Bezeichnungen in aus- und einlaufender Post die Konfiskation zur Folge hätte. Dasselbe wird für die Standesbezeichnung Hochverräter in Aussicht gestellt. Als ob uns nicht Müller selbst dazu gemacht hätte! Scham? Ach nein! – aber Angst: wovor weiß er selber kaum. Natürlich mache ich mir jetzt in allen Briefen das Vergnügen, unter wahrheitsmäßiger Begründung und Hinweis auf die Folgen, aber ohne ein Wort der Kritik um Vermeidung des Worts Festungsgefängnis auf den Kuverts zu bitten. Die Verbreitung der Unglaublichkeit in dieser Form läßt sich natürlich nicht verhindern. – Wir bekommen aber jetzt einen neuen Kollegen als Festungshäftling. Die Angelegenheit Arco hat einen etwas andern Verlauf genommen als meine Prognose vermutete. Er wurde zum Tode verurteilt – natürlich. Aber das Gericht machte gleich in der Urteilsbegründung die tiefsten Verbeugungen vor der lauteren Ehrenhaftigkeit des hohen Mörders. Die Müllergesellen im Ministerrat hatten also einen Wink erhalten. In München wurde jetzt die Nationaille mobil. Die Studenten versammelten sich im Auditorium maximum, um für ihren Helden zu demonstrieren. Der Rektor, der innere Medizinmann Müller, verglich Arco mit Tell (demnach also Eisner mit Geßler) und konnte schließlich den von Mordbegeisterung tobenden Akademikern verkünden, daß die demokratischen und sozialistischen Minister Baierns einstimmig den Mörder ihres früheren Chefs, der ihnen samt und sonders ihre Pöstchen erkämpft und zum Teil (Hoffmann) selbst angetragen hat, zu lebenslänglicher Festungshaft begnadigt haben. Ungeheure Begeisterung. Man zog in festlicher Demonstration vors Nationaltheater und an den Stufen des Denkmals Max Josefs, des ersten Baiernkönigs von Napoleons Gnaden, schwenkte man schwarzweißrote Fahnen, ließ Ludwig III, den Kronprinzen Rupprecht und Herrn Mörder Arco hochleben und sang Deutschland, Deutschland über alles. (Daß die Arbeiterschaft der jeunesse dorée zur Feier des gemeinen Meuchelmords an ihrem Führer die Straße überließ, ohne eine Gegendemonstration zu wagen, sei als Schandmal eingepflockt. Dabei tobt sich in Berlin der Belagerungszustand gleichzeitig durch die frechsten Schimpflichkeiten aus, hinter denen alle Schweinereien unter dem Sozialistengesetz zurückbleiben: Sämtliche Zeitungen der Unabhängigen und Kommunisten unterdrückt, die Führer als „intellektuelle Urheber“ in den Kerker geworfen – diese zaristische Blüte ist aus dem Bukett der Reichstagsrede des sozialdemokratischen Reichskanzlers Bauer gepflückt – und überall im Lande reaktionärste Gewalt). Wird man nun den Grafen Arco-Valley auch wie uns in ein Gefängnis stecken, dessen Charakter dadurch aus der Welt geschafft ist, daß man es nicht mehr als Gefängnis bezeichnen darf? Schwerlich. Herr Müller-Meiningen ist ein vorsorglicher Mann. Er hat gleich bei Erlaß seiner „Ausführungsbestimmungen“ zur Hausordnung – die ja damals immerhin noch keine Ehetrennung und Kuratel vorsah – die Segnungen dieser Reform nur Zivilgefangenen zugedacht. Arco aber ist Offizier, für den gelten noch die alten Nettigkeiten von Oberhaus mit Damenempfängen und Zechgelagen, mit Spaziergängen in weitem Umkreis und mit Stadturlaub. Uns ist zwar die Ehrenhaftigkeit unsrer Gesinnung ebenso von den Richtern bestätigt worden wie ihm, aber wir sind auch keine gräflichen Meuchelmörder, die ihre Ehre für sich haben. Lindner aber, der sich ohne vorbedachten Plan in spontaner Empörung seinem Opfer von vorn entgegenstellte, ihn nicht in den Hinterkopf schoß, der hat aus gemeiner ehrloser Gesinnung gehandelt und wird im Zuchthaus zugrunde gerichtet, weil er sich von Arcos ehrenvoller Tat zu seiner ehrlosen verleiten ließ. Dies alles verantworten im Deutschland der demokratischen Erneuerung, im entmilitarisierten, republikanischen „freiesten Lande der Welt“ – „Sozialisten“!

 

Ansbach, Donnerstag, d. 22. Januar 1920.

Abschrift: An den Kurt Wolff Verlag, München. „Sehr geehrter Herr v. Puttkamer, heute wurde mir mitgeteilt, daß die beiden letzten Korrekturbogen mit meinem Begleitschreiben nicht an Sie weitergeleitet sind, sondern zunächst dem Justizministerium vorgelegt würden, das über die Genehmigung zum Druck entscheiden solle. Ich bitte Sie, sofort mit dem Justizministerium in Verbindung zu treten, zumal der den Briefen beiliegende Manuskriptteil Ihr Eigentum ist, um die Herausgabe zu erwirken. Zugleich empfehle ich Ihnen, den Schutzverband Deutscher Schriftsteller unverzüglich zu benachrichtigen, damit nichts verabsäumt wird, was notwendig ist, um die Interessen von Autor und Verlag zu schützen. – Dem vorletzten Bogen lag auch eine kurze biographische Bemerkung bei, die ich bat, dem Ganzen zum besseren Verständnis einiger Verse beizufügen. Auch sie gehört zum Manuskript. – Ich bitte Sie, mich über alle von Ihnen unternommenen Schritte auf dem Laufenden zu halten. Nötigenfalls würde ich Sie oder einen andern Herrn des Verlags um gelegentlichen Besuch bitten, damit alle Mittel erwogen werden, die die schwere Schädigung durch eine Verzögerung der Edition verhindern könnten. Mit vorzüglicher Hochachtung begrüßt Sie Ihr Erich Mühsam.“

 

Kein Tag ohne neue Lumpereien unsrer Folterer, und der heutige war besonders reich. Der Brief an den Kurt Wolff Verlag enthält nur ein einzelnes Blümchen aus dem reichen Strauß, den Herr Vollmann uns heute als Gruß sandte, für mich freilich ein recht duftiges. Da hatte der Kerl erst das Manuskript ruhig durchgelassen, las dann die ganze umständliche Korrespondenz, bis endlich ein schöner Kontrakt da war, ließ auch die Korrekturbogen hin- und hergehn, fingerte dann im Sylvestergedicht an der Verskunst herum – und hält plötzlich die beiden letzten Bogen fest, die allerdings den wichtigsten, ganz vom Geist der Revolution erfüllten Teil enthalten. Ich habe außer an den Verlag auch an Kahn geschrieben, ohne Angabe, worum es sich handelt, nur, daß meine ganze wirtschaftliche Existenz gefährdet sei (Rudolf Hartig schrieb mir grade in diesen Tagen, daß auch er beruflich völlig lahm gelegt werde). Leider scheint aber Kahn garkeine große Neigung mehr zu haben, sich für uns ein Bein auszureißen. Offenbar sieht er kein Geld. Da die Ansbacher Genossen sich garnicht kümmern, sind wir ganz aufgeschmissen. Außerdem habe ich Zenzl gebeten, in Berlin die Geschäftsstelle des SDS aufzusuchen. Gott gebe, daß jemand herkäme, dem ich Ordre geben kann, was geschehn muß: Drucken aufgrund der Hauskorrektur mit einem Verlagsvermerk über Müller-Meiningens Wirken als Literatur-Zensor im „Freistaat“ Baiern. Hätte ich gestern doch Köhler schon die nötigen Anweisungen mitgeben können! – Zugleich mit der lieblichen Nachricht über die „Brennende Erde“ erhielt ich die Mitteilung, daß mehrere für mich eingegangen Nummern der amsterdamer Zeitschrift „De Tribune“, die mir jedenfalls Catharina Karreman-de Haan geschickt hat „aus Zensurgründen“ zu den Akten genommen wurden. Kann der Schnösel plötzlich holländisch? – Eine Anfrage an ihn ist schon geschrieben, ob die Nummern bestimmter Beiträge wegen oder wegen der fremden Sprache konfisziert seien, und auf welches Recht er sich im letzteren Fall stütze, auch möchte er mir die Nummern angeben, da ich die Zusendung an eine andre Adresse veranlassen wolle. – Zugleich erhielt Schinnagel Antwort auf eine Beschwerde, die sich mit dem Verbot beschäftigte, daß er als Arzt keine Arzneien, auch nicht ad usum proprium verschreiben dürfe. „Wegen des Tons“ der Beschwerde wurde seine Hofzeit noch für weitere 14 Tage auf die Vormittagsstunden beschränkt. Außerdem aber stand in einem Schrieb Vollmanns zu lesen: „Die Tagesordnung ist im Gemeinschaftsraum auszuhängen.“ Wir waren der Meinung, daß es sich wohl um unsre geliebte „Hausordnung“ handle, deren Platz eigentlich allerdings der Gemeinschaftsraum war, und wir beschlossen, daß wir, da wir keine Hausknechte sind, von dem seltsamen Verlangen keine Notiz nehmen würden. Erst Nachmittags wurden wir aufgeklärt. Heimlich war durch Heinzelmännchen eine „Tagesordnung“ befestigt worden, unterzeichnet vom Vorstand, mit eigenhändigen Unterschriften Edelmanns und Vollmanns, und dann lasen wir den Inhalt. Es ist das tollste an unverfrorener Niederträchtigkeit, was ein Sadist ausdenken mag. Von Anfang bis zu Ende eine lange Kette neuer Torturen. Aufstehn sollen wir um 7 Uhr – bis jetzt haben wir fast alle immer den ganzen Vormittag im Bett zugebracht, für mich die gewohnte Zeit, meine Lektüre zu treiben. Nach Schluß der Zellen soll jedes Licht ausgelöscht werden, offenbar soll also nicht einmal mehr die Erlaubnis bestehn bleiben, private Karbidlampen oder Kerzen zu halten. Ich leide grade wieder sehr unter Schlaflosigkeit, die ich nur durch Aufsitzen bis zur Ermüdung bekämpfen kann. Für Musik und Gesang werden bestimmte Stunden des Tages reserviert, und was das Tollste ist: gemeinschaftlicher Gesang wird überhaupt verboten. Unter Menschen, die in Leid beieinander sind, ist der gemeinsame Gesang die von Gott selbst eingegebene Medizin gegen Trübsal. Fast jeden Abend singen wir unsre revolutionären Lieder und dazwischen derbe Herrenabendscherze. Wem schadet das? Aber nein: nur Einzelgesang ist noch erlaubt. Selbst in Sibirien ist nie ein Henkersknecht auf diese Gemeinheit verfallen, mit der man jetzt in Baiern unsre Ehrenhaft würzt. Aber nicht genug damit: wenn das Aufsichtspersonal verlangt, daß es mit unsrer Musik oder unserm Singen genug ist, müssen wir still sein. Damit ist nun also auch zum ersten Mal den Subalternen, jedem Gefängniswärter, Befehlsrecht über uns gegeben. Was bleibt uns noch? – Wir sind Sträflinge unter labilem Recht, das auf administrativem Wege etappenweise immer mehr der Norm der allgemeinen Verbrechermißhandlung angepaßt wird. Wenn ich meine 15 Jahre bis zum Ende abbrummen muß, kann’s ja noch lieblich werden. Vorläufig haben wir beschlossen, ohne gewollte Provokationen der „Tagesordnung“ durch gänzliches Ignorieren passiven Widerstand entgegenzusetzen. Die Geheimhaltung dieses neuesten ganz unmotivierten Gewaltakts kann ja auf die Dauer nicht gelingen. Erfährt die Öffentlichkeit davon, und dann von der sicher ganz andern Behandlung Arcos, dann wird doch die Empörung sehr groß werden und mindestens die allgemeine Stimmung gegen das gegenwärtige nichtswürdige Regime beeinflussen. – Nun haben in München die Frauen einen wichtigen Schritt unternommen. Frau Klingelhöfer und Frau Hagemeister waren beim Ministerpräsidenten Hoffmann, und haben gegen die Besuchssperre der Frauen protestiert. Wir haben da von Eichstätt abscheuliche Dinge erfahren. Als sich zu Weihnachten und Neujahr gleichzeitig sehr viele Frauen einfanden, mußte man ihnen in Ermangelung von Besuchsräumen wohl oder übel den Aufenthalt in den Zellen gestatten. Aber vorher hatte man die Betten hochgeklappt und die Zellentüren mußten geöffnet sein, sodaß die davor hin und her spazierenden Aufseher dauernd hineinsehn konnten. Den Frauen wurde höhnisch erklärt, sie sollten sich nicht einbilden, Schlafstubenvisiten machen zu können. – Darf man das alles je vergessen, kann man das je verzeihen? Hybris, Herrschaften! Grade eben steht Deutschland wieder in tötlicher Blamage isoliert vor der Welt. Als im November 18 Revolution zu sein schien, stellte Sovjet-Rußland für das ausgehungerte Deutschland sofort Lebensmittelzüge bereit. Aber die klugen Volksbeauftragten beider „sozialistischer“ Richtungen lehnten die Gabe ab. Sie wollten bei der Entente Liebkind sein und ließen das deutsche Volk weiterhungern. Die Russen haben ja selbst nichts, hieß es, und wir lasen die schauderhaftesten Schilderungen von dem grenzenlosen Elend in Rußland, gegen das bei uns Fettlebe zu sein schien. England hat jetzt plötzlich wieder Handelsbeziehungen zu Rußland aufgenommen, und siehe! Eine Million Tonnen Getreide, ungeheure Mengen Kupfer, Leder (das doch wohl entsprechenden Quantitäten Vieh abgezogen war) und andre gute Dinge lagen bereits ausfuhrfertig in Rußland bereit. Die deutschen Blätter, allen voran der unsägliche „Vorwärts“, stimmen jetzt laute Schmählieder an gegen die böse Entente, die uns den Handelsverkehr mit Rußland nach wie vor unterbinde. Aber wenn wir vor einem Jahr immer und immer wieder die Aufnahme aller Beziehungen zu Rußland verlangten, dann schrien ebenso die Eisner wie die Scheidemänner, wir hätten keine Ahnung, seien ganz dumm, nur die Länder der Alliierten würden uns Waren liefern, wenn wir schön brav wären. Und nun müssen sie sehn, wie Rußland reichsten Reichtum ausführt, – aber eben an diese Alliierten. Wann wird das Volk wohl die Unfähigkeit begreifen, die es jetzt in den Dreck führt? Unsre Mark ist jetzt schon auf 8,9 cm[Centimes] in der Schweiz angelangt. Unsre Schicksalslenker rühren unentwegt im Dynamitkessel herum, aber eine Explosion fürchten sie nicht. Jeder von ihnen eine Kreuzung von Kanaille und Bajazzo.

 

Ansbach, Freitag, d. 23. Januar 1920.

Nur Häusliches, damit sich’s nicht zu sehr häuft. Vor einem Monat ließen wir Photographien von jedem einzelnen und ein Gruppenbild machen. Nun ist inzwischen Hartig fort, die Genossen Kain, Förster und Schinnagel fehlten auf der früheren Aufnahme, und wir bestellten den Knipser noch einmal her, um eine neue zu machen. Bescheid Schnösels: Es sind ausreichend Bilder aufgenommen worden, der Photograph wird zu weiteren nicht zugelassen. – Dann: Heut war hier Berufungsverhandlung gegen Koberstein, der jüngst vom Schöffengericht wegen Beleidigung unsres Vollmännchens zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt war. (Übrigens: wegen fast des gleichen Delikts wurden Hagemeister und ich von der Strafkammer, Koberstein vom Schöffengericht und Egensperger und Genossen vom „Volksgericht“ abgeurteilt. Rechtspflege im neuen Baiern!). Wie Thaler wurde Koberstein hier im Hause in den Gefängnisräumen untergebracht. Ich sandte gestern dem Staatsanwalt einen Brief mit dem Verlangen, daß gemäß der Verfügung, daß Festungsgefangene nicht Schubmethoden unterworfen werden dürfen, der Genosse seinen Ansbacher Aufenthalt in unsrer Mitte verbringen dürfe, mindestens aber ich und einzelne andre von uns zu ihm vorgelassen würden. Antwort: da Koberstein nicht zur Ansbacher Anstalt gehöre, habe nicht er (Schnösel) über mein Begehren zu entscheiden, sondern der I Staatsanwalt (Edelmann). Dieser habe sowohl das Gesuch, Koberstein (den „Herrn“ spart man sich längst in derartigen Schreiben) heraufzulassen als auch die Erlaubnis, mich oder einen andern Gefangenen begrüßen zu dürfen, abgelehnt. Bei Thaler hatten wir das Verlangen erst nach Ablauf der Besuchszeit gestellt, deshalb konnte es nicht berücksichtigt werden. Bei Koberstein verschanzt sich der Voll- hinter dem Edelmann. So wird halt auch der Altedereinst sein Bündel Verantwortung vor dem Revolutionstribunal ausbreiten können. Es hat ohnehin tüchtiges Gewicht. – Auf meine Anfrage über „De Tribune“ kam die Auskunft, die Nummern seien nur der Fremdsprachigkeit wegen nicht ausgeliefert worden, und zwar gemäß einer Ministerialverfügung vom 11. Dezember 1919, wonach Bücher und Schriften in fremden Sprachen im Hinblick auf die erschwerte Kontrolle den Gefangenen nicht mehr zukommen dürfen. So wird das uns ausdrücklich zugesagte Recht gehandhabt, daß wir ohne Rücksicht auf die politische Richtung Bücher und Zeitschriften jeder Art lesen dürfen! Und das Verfahren der Mitteilung wie üblich: wenn der Fall grade mal zur Tatsache wird. Hätte ich mir ein französisches Werk für 50 Mk bestellt, so wäre jedenfalls die Bestellung ruhig hinausgegangen. Und wenn es dann angekommen wäre, so wäre damit der Schnöselsche Akt bereichert worden. Wir sollen um jeden Preis gereizt werden. – Die Konflikte wegen der famosen „Tagesordnung“ haben noch nicht eingesetzt. Bis jetzt hat man uns noch gewähren lassen. Aber der Oberaufseher schleicht schon mit seiner scheinheiligen Waschmäuligkeit herum, in Angst vor dem Spektakel, der kommen wird und zugleich in aufgeregtem Eifer, seine Zuchthaustüchtigkeit wieder in Aktion setzen zu dürfen. – Über das Treiben der Welt ein andermal. Zurzeit ist der deutsche Himmel verräuchert von dem Gestank, der aus dem eben begonnenen Beleidigungsprozeß des Herrn Erzberger gegen Herrn Helfferich aufsteigt. Helfferich, einer der widerlichsten Erscheinungen der Kriegsepoche und jetzt Heros der Deutschnationalen, wirft dem derzeitigen Reichsfinanzminister Lumpereien und Korruption in einem Stil vor, der reizende Eröffnungen verspricht. Erzberger gibt an Ekelhaftigkeit seinem Gegner nichts nach. Unsereinem kann’s also recht sein. Mögen die patriotischen Spritzenführer sich nur möglichst öffentlich die Jauche ihrer Liebenswürdigkeiten gegenseitig an die Schädel brunzen, mag der Unrat der deutschoffiziellen Geschäftsgebarung die Luft der ganzen Welt verpesten, – die endlichen Nutznießer werden die sein, an denen kein unreiner Lappen hängt, die Revolutionäre. Die Erbärmlichkeit unsrer Feinde selbst hilft uns die Last der uns aufgepackten Leiden in Hoffnung und Heiterkeit tragen.

 

Ansbach, Montag, d. 26. Januar 1920.

Deutschland birst fast vor schwüler Spannung. Der Belagerungszustand wütet blödsinnig, und Noske meint, mit Verhaftungen, Presse-Unterdrückungen und Militärgewalt den überhitzten Kessel vor der Explosion bewahren zu können. Es wird wohl auch eine Zeit lang gelingen, aber schließlich wird der gehäufte Zündstoff umso vehementer in die Luft gehn. Der Reichskanzler Bauer hat kürzlich bei seiner heftigen Philippica gegen die angeblichen Hintermänner der Demonstration vor dem Reichstag erklärt, die „intellektuellen Urheber“ werden hinter Schloß und Riegel gesetzt werden. So hat man die Gewaltmanipulationen unter dem Sozialistengesetz auch begründet, so hat der Zar seine Macht auch verteidigt, aber jetzt haben wir doch die Pikanterie, daß ein Sozialdemokrat im Namen seiner ganzen Rotte und im Namen der bekannten „freiesten Demokratie der Welt“ dieses Argument gegen die Kämpfer für den Sozialismus daherbringt. – Diese Renegaten spielen eine unglaubliche Rolle vor der Welt. Um ihr bischen Macht wenigstens der äußerlichen Etikette nach zu retten, spielen sie die willenlosen Hausknechte derer, an deren Plätze sie von der Flut einer Volkserhebung getragen wurden, an der sie selbst garkeinen Teil gehabt haben. Aber dieser Platz ist zwischen zwei Stühlen. Das macht eben die Stärke der Nationalisten aus, daß sie selbst kaum eine andre Politik treiben könnten als die Schlappschwänze, die sie mit Fußtritten kujonieren, aber dabei die Attitüde der Entrüstung gegen diese Politik zur Schau stellen können. Jetzt wird die brenzliche Frage der Auslieferung der Kriegsverbrecher akut. Die Entente ist darin sehr weit entgegengekommen. Sie hat auf alle Generäle verzichtet, die für ihre Schweinereien militärische Gesichtspunkte geltend machen können. Die Hindenburg, Ludendorff, deutscher Kronprinz u. s. w. gehn also frei aus, und es bleiben nur noch 300 Namen auf der Liste. W2 verlangte man von den Holländern, deren Regierung aber abgewinkt hat. Der Prozeß gegen ihn wird also wohl in contumaciam stattfinden. Nun trompeten aber die Alldeutschen ins Land: niemand darf ausgeliefert werden! Überall werden Massenversammlungen veranstaltet, wobei die Wiederaufrichtung der Monarchie ohne Umschweife verlangt wird (und dagegen wissen die sozialdemokratischen Treibjäger auf Hochverräter kein Wörtchen zu finden), und morgen, am 61. Geburtstag des Ameronger Auskneifers wird man wohl gewaltige Ehrungen für ihn parat haben. Natürlich ist die Auslieferung der Proskribierten für die Alliierten eine Prestigeangelegenheit. Die Regierung hat die Bedingungen durch Unterschrift anerkannt, und die Sabotage ihrer Erfüllung wird gleichzeitig zu Konflikten im Inland führen, deren Umfang noch garnicht abzusehn ist und die möglicherweise den Sturz des gegenwärtigen Regimes und die Etablierung der Ludendorffs als Landesväter bringen können, und zu internationalen Konflikten mit Blockade und möglicherweise Einmarsch fremder Truppen, da grade erst der Friede realisiert ist, und die Geschäftsträger Deutschlands nach den Hauptstädten der Entente abgeschwommen sind. Zugleich aber haben die Herrschaften Ursache zu neuen Befürchtungen. Koltschaks und Denikins Armeen sind erledigt. Die Heere Trotzkis stehn an den Grenzen Chinas und Indiens. Mächtige Kriegskräfte sind frei geworden. Der Kampf beginnt an der Westfront. Polen und Lettland sind noch zu besiegen. Es heißt, daß Foch die Führung der Polen übernehmen wird. Es heißt aber auch, daß Brussilow sich den Bolschewiki zur Verfügung gestellt habe und die roten Russen führen werde. Siegt die Rote Armee, so wird für die Deutschen die Gefahr eines bolschewistischen Vordringens nach Ostpreußen und Schlesien akut. An Widerstand ist garnicht zu denken. Es wäre unsre Befreiung, die uns allerdings eventuell vor die Aufgabe stellen könnte, einem Abwehrversuch gegen die bolschewistische Woge von Frankreich her am Rhein mit den Russen zusammen einen Damm zu errichten. Ob wir auf die Dauer um den großen Revolutionskrieg herumkommen werden, ist sehr zweifelhaft. Nur das Übergreifen der Revolution nach Frankreich könnte ihn uns ersparen. Ich bin heute soweit, die Anregung Lauffenbergs, durch eine Offensive dem Eindringen des Westens zuvorzukommen, sehr ernst zu nehmen. Ich kann wohl den Antimilitarismus aus revolutionären Erwägungen revidieren, aber nicht den Revolutionarismus um Tolstojs willen. – Unsre regierenden Hanswursten werden jetzt jedenfalls alle Minen für ein paar Abfälle aus dem Reichtum des exportierenden Rußlands springen lassen. Aber einmal wird die Entente Schwierigkeiten machen, weil sie laut Versailler Vertrag auf alle zur Gegenleistung in Frage stehenden Waren Voranspruch hat, und außerdem wird Rußland selbst allerlei eklige Bedingungen stellen und schwerlich einer Regierung auf die Beine helfen, die ihr Leben nur durch die Einsperrung aller Kommunisten und Revolutionäre fristen kann. Der Geldwert sinkt täglich tiefer, der Kredit ist sogar im eignen Lande schon gleich Null. Die Förderung von Kohle und allen übrigen Notwendigkeiten sinkt, die Preise steigen rapid, die Unzufriedenheit ist ungeheuer und kann nur durch Gewaltmittel niedergehalten werden. Die politische und wirtschaftliche Situation treibt zu rascher Entscheidung. Lenin sagt sich zweifellos dasselbe, was auch wir uns sagen: daß es der deutschen Revolution tausendmal förderlicher sein muß, die Nationalisten machen einen monarchistischen Umsturz – nach dem weite Volksmassen, ganz besonders die Bauernschaft, gradezu schreit – und der Karren kippt dann erst recht um, als daß die jämmerlichsten Verräter der Weltgeschichte noch eine Gelegenheit bekommen, ihren müden Schimmel hochzupeitschen und im alten Trott weiterzutreiben. Lieber ein Jahr länger unter Müller-Meiningens und Vollmanns Stichelnadeln, und wills das Heil der Revolution, meinetwegen lieber unter Ludendorff an die Wand, als eines Tages mit dem Bewußtsein ins Freie gehn, daß ein fauler Kompromiß dem Werk der Zukunft den festen Boden unterwühlt hat, und daß erst die kommenden Generationen den ganzen Kampf mit all seinen Opfern wieder aufnehmen müssen, der uns bestimmt ist.

 

Ansbach, Dienstag, d. 27. Januar 1920.

„Kaisers Geburtstag“. Nach den letzten Meldungen haben die Hosenscheißer in Berlin heute einen Putsch von rechts erwartet. Die Wilhelmstraße sei mit Stacheldraht abgesperrt, Tanks und Panzerautos zur Abwehr bereitgestellt. Ob nicht die Mannschaften auf den Kampfvehikeln zu 90 % Monarchisten sind? Das Proletariat hätte tausend Ursachen, sich, wenn’s zur Entscheidung zwischen den Kapitalisten und ihren derzeitigen Prokuristen kommt, strikt neutral zu halten. Vorläufig glaube ich kaum, daß es jetzt schon Kämpfe gegeben hat. Erzberger ist gestern, als er von der Gerichtsverhandlung herauskam, von einem jungen Aristokraten durch einen Revolverschuß verwundet worden. Arco, der baierische Nationalheilige, macht Schule. Daß sich jetzt schon die Staatsretter gegenseitig die Knochen entzweischießen, ist jedenfalls amüsant. Den Nationalisten muß das Attentat sehr ungelegen sein. Die schöne Enthüllungsaktion des Helfferich-Prozesses wird durchkreuzt und ihr Opfer wird von den Republikanern – „Germania“ und „Vorwärts“ nebst „Berliner Tageblatt“ etc. in lieblicher Corona – zum Märtyrer auffrisiert werden. Es ist ein gewisser Trost für uns, daß bei der Gegenseite auch Dummheiten gemacht werden. Jedenfalls ist der politische Mord nachgrade ein legitimes Kampfmittel, die Revolutionäre allerdings, die den stärksten Anlaß hätten, es zu gebrauchen, haben bisher nur die Objekte für die Schützenkunst der Reaktion gestellt. Bezeichnend für den geistigen Zustand Deutschlands ist nur, daß schon ein Volksfeind wie Erzberger von ihr als Revolutionär eingeschätzt wird. – – Hier im Hause ist in den letzten Tagen wenig Bedeutsames geschehn. Von den Krachs, in denen sich mitunter unsre Gefängnispsychose austobt – Schinnagel, Waibel, Olschewski und Reichert steigen mitunter gewaltig in die Luft – rede ich nicht. Sie haben nie Ursachen, von denen ernsthafte Zerwürfnisse zu befürchten sind. Gestern ist endlich Genosse Grassl wieder aus der Einzelhaft herausgekommen, womit ein peinlicher Druck von uns allen genommen ist. Damit sind auch die andern Schikanen gegen ihn erledigt, nur der Prozeß – die Gerichtsentscheidung über den Strafbefehl – steht noch bevor. Die „Tagesordnung“ hat noch nicht zu Konsequenzen geführt. Wir ignorieren sie vollständig und man hat uns bei unserm Gesang auch noch nicht gestört. Aber der Wisch hängt wie ein Damoklesschwert über uns und sicher wird nur eine Gelegenheit abgewartet, um es auf unsre Häupter herniedersausen zu lassen. Mein Brief an den Mehrheitler Eschenbacher hat seine Wirkung getan. Heut war er mit seinem Kollegen vom Arbeiterrat Czerny zu einer Unterredung mit mir hier. Dabei erhielten wir Aufklärung über das eigenartige Verhalten der Ansbacher Arbeiterschaft, speziell der Kommunisten, gegen uns. Die Herren zeigten mir einen Brief der Ansbacher KP als Antwort auf ihre durch meinen Brief veranlaßte Anfrage. Es ging daraus hervor, daß offenbar Mehrer und Riedinger, die ja zu allen Infamieen Zensurfreiheit genossen, die abscheulichsten Intriguen gezettelt hatten, die den Genossen den Glauben beigebracht haben, wir seien alle nicht wert, den Namen Revolutionäre zu tragen. Aber der Hauptgrund liegt noch woanders, nämlich in meiner Person. Ich sei aus der KPD ausgeschlossen, und da ich ein Anarchist sei, und man mit kommunistisch-anarchistischen Wirrköpfen nichts zu tun haben wolle, bestehe kein Anlaß, sich meiner oder der USP-Mitglieder anzunehmen. „Wirrköpfe“: wie oft habe ich das Wort nicht von den Sozialdemokraten gehört im Laufe der langen Jahre meiner öffentlichen Tätigkeit! Jetzt hat die Zentrale des Dr. Levi es wieder aus dem Schutt gezogen (sodaß es auch Ringelmann in seinem letzten Brief mit schöner Geläufigkeit anwandte) und nun kriege ich es – und mit mir zugleich sämtliche Mitgefangene – von den Tröpfen der Ansbacher Kommunistenpartei an den Kopf geworfen, die die Klarheit der „wissenschaftlichen“ Marxweisheit mit Löffeln gefressen zu haben scheinen. Kain will morgen ein Schreiben an die kleinen Parteipäpste loslassen, das ihnen die Köpfe waschen soll. Zugleich hacken die Bibelgläubigen der andern Seite auf mir herum. Rudolf Grossmann poltert im „Freien Arbeiter“ wütend gegen mich los und beweist, daß Anarchismus und Bolschewismus unvereinbare Begriffe seien. Dabei leistet er sich die niedliche Unterstellung, mein Umschwenken zu Lenin erkläre sich aus der Möglichkeit, daß ich als Bolschewist zu Amt und Würden in der Räterepublik kommen wolle. Es ist ein Jammer, daß sich mit diesem Kaliber Dispute über theoretische Doktorfragen nur mit der Jauchespritze in der Hand führen lassen. Im Hinblick auf das Ziel kann einen Wehmut und Gänsehaut beschleichen. Aber trotzdem!

 

Ansbach, Freitag, d. 30. Januar 1920.

Beleuchtungsnot. Die elende Karbidlampe hat Nebenluft und gibt kein Licht her. Eine Dauerkerze flackert mir vor den Augen, so daß ich nach einem Brief an Zenzl mich gleich ins Bett gelegt hätte, wären nicht etliche Tatsachen zu vermerken, die das Idyll unsrer reizenden Ehrenhaft neuerdings magisch beleuchten. Der Gerechtigkeit zuliebe mag aber zuerst ein Brief Erikas erwähnt werden, der Optimisten Hoffnung auf nahe Besserung geben könnte. Unser guter Dr. Schollenbruch war beim Justizminister, um ihm unsre Klagen vorzutragen. Natürlich gab Herr Müller an allen Härten, die er gegen uns ausgebrütet hat, uns selbst die Schuld. Aber er ließ sich das Versprechen entlocken, durchgreifende Erleichterungen im Strafvollzug zu gewähren, falls wir 4 Wochen hindurch durch einwandfreies Wohlverhalten beweisen, daß wir seine Gnade verdienen. Genaue Angaben über die Art, wie Müller uns wieder in den Stand von Ehrenhäftlingen versetzen will, konnte Erika noch nicht machen. Wollens abwarten. Natürlich sehn wir alle den Dingen mit äußerster Skepsis entgegen. Unser Verhalten wird ebenso natürlich von unsrer Behandlung abhängen. Die Absicht, zu provozieren, hat ohnehin niemand von uns. Aber Gründe, aus der Haut zu fahren, gibt Vollmann täglich. Heute erhielt ich einen Brief vom Kurt Wolff Verlag, worin dringend die letzten Korrekturen eingefordert werden. Mein am 22ten hier abgeschriebener Brief ist also nicht in seine Hände gelangt. Wahrscheinlich ist er ebenso wie die Korrekturbogen selbst erst zur Prüfung ans Justizministerium gesandt worden, von wo er, wenn überhaupt, erst nach Wochen an Kurt Wolff weiterbefördert wird. Der wartet nun, will in der nächsten Woche das ganze Buch in Druck geben, und mich verhindert man inzwischen, ihn auch nur von der Unmöglichkeit zu verständigen. Gottseidank soll morgen Kahn herkommen. Dann hoffe ich wird die Sache auf kürzerem Wege ins Reine gebracht werden. Versetzt er mich aber wieder, dann bin ich völlig aufgeschmissen. Ich erwartete Zenzl am 3. Februar. Auch ihr wollte ich die nötigen Aufträge geben, damit sie sich nachher in München persönlich um die ordnungsmäßige Herausgabe des Buchs kümmern könnte. Aber der Teufel hatte wieder eine neue Tücke auf Lager. Heute abend wurde uns plötzlich bekannt gegeben, daß Besuche in der Zeit vom 1. bis einschließlich 10. Februar „auf höhere Weisung“ nicht zugelassen werden. Nichts von Begründungen natürlich. Einfach: wir mögen etwa erwartete Besuche verständigen. Mein Pech ist wieder großartig. Die arme Zenzl, die am 2. Februar von Berlin abfahren wollte, ist wieder die Leidtragende. Entweder muß sie über eine Woche länger in der verhaßten Stadt bleiben, oder aber die Fahrt erst nach München und dann hierher extra machen, was große Kosten verursachen würde. Ich riskiere aber sogar, überhaupt um den Besuch zu kommen. Am 5. Februar wird in Leipzig das Urteil über meine Revision gesprochen. Wird sie verworfen, dann schickt man mich an irgendeinen Ort zur Verbüßung der 2monatigen Gefängnisstrafe, den ich vielleicht vorher garnicht erfahre. Denn daß Müller-Meiningen sich nicht durch Rücksichten auf private Verhältnisse hindern lassen wird, die Vollstreckung sofort anzuordnen, dafür kennen wir den Herrn doch allmählich. Vielleicht kann Kahn auch da helfen, aber vorläufig bin ich mißtrauisch und fürchte große Aufregungen für meine Zenzl. Über die Ursachen der Besuchssperre gehn die Vermutungen weit auseinander. Wir haben Optimisten, die meinen, es solle in diesen 10 Tagen schon mit den Verbesserungen unsrer Haft Ernst werden, aber ich sehe nicht ein, was dazu diese bodenlose Schikane dienen soll. Ich habe den Argwohn, daß man im Gegenteil im Laufe der 4wöchigen Karenzzeit unser Wohlverhalten einer Prüfung aussetzen will, von der diese Maßregel die erste Fegfeuerstation darstellt. Bei weiteren Fortsetzungen wird man dann vielleicht doch eine Widersetzlichkeit herausfordern, die dann als Grund herhalten muß, daß wir eben kein Entgegenkommen verdienen. Es gehn aber jetzt allerlei Heimlichkeiten von Ohr zu Ohr, wonach in allernächster Zeit mit großen Veränderungen in unserm Schicksal zu rechnen wäre. Man spricht von umfassenden Amnestierungen, die im Schoße der Behörden erwogen werden – und bei den kolossalen Kosten, die wir verursachen, besteht jedenfalls einige Wahrscheinlichkeit, daß man die sogenannten „Mitläufer und Verführten“ über kurz oder lang an die Luft setzen wird. Dann könnte es auch sehr wohl sein, daß die Gerüchte stimmen, wonach eine große Umquartierung der übrig bleibenden erfolgen soll. Ob unsre schöne Gemeinschaft, die den reaktionären Quälgeistern sicherlich längst ein Dorn im Auge ist, dann zusammenbleiben wird? Ich fürchte, daß der Dorn bei der ersten sich bietenden Gelegenheit herausgerissen wird. Denn daß jene trefflichen Rechtshüter die Möglichkeit, uns an einer empfindlichen Stelle zu verwunden, ungenutzt zu lassen, als Torheit ansehn würden, haben sie gezeigt. Wir rechnen also damit, daß es plötzlich heißen wird: nach Niederschönenfeld oder nach Eichstätt oder Plassenburg oder sonstwohin, und daß man, um diese Überführung in verschiedene Anstalten vorzubereiten, die 10 Tage eingelegt hat, die uns jede Berührung mit der Außenwelt unmöglich machen soll. Wahrscheinlich plant man eine große Durchsuchung unsrer Effekten und will uns hindern, etwa noch einiges davon heimlich unsern Gästen zu geben. Möchte nur das Reichsgericht ein Einsehn haben, sodaß ich wenigstens bei den Umwälzungen zugegen bin! Der Teufel mag wissen, was man in den nächsten Tagen mit uns vorhat!

 

Ansbach, Sonntag, d. 1. Februar 1920.

Kahn ist tatsächlich gestern nicht gekommen. Ich habe ihn telefonisch gesprochen und er hat sein Erscheinen für Mittwoch zugesagt. Aber wenn die Besuchssperre auch auf ihn angewandt wird? Ich setze in die Hausordnungsbestimmung, wonach der Verkehr der Festungsgefangenen mit ihrem Rechtsbeistand keinen Beschränkungen unterliegen soll, sehr wenig Vertrauen. Selbst meine erste Mitteilung an ihn über den Beleidigungsprozeß wurde konfisziert und meine Beschwerde vom Justizminister persönlich zurückgewiesen. Dabei steigert sich mein Verdacht, daß mir jede Orientierung des Verlags unmöglich gemacht werden soll. Ich habe gestern einen neuen Versuch gemacht und einen eingeschriebenen Brief an Wolff folgen lassen. Bis jetzt habe ich keine Quittung darüber bekommen, obgleich ich das Schreiben gestern mittag abgab und zur Vorsicht aufs Couvert „Eilt“ schrieb. Auf meine Frage hat mir der Oberaufseher erklärt, der Brief sei noch nicht zur Post gegeben worden. Morgen werde ich ja Näheres erfahren, da man den Einschreibebrief nicht unterm Tisch verschwinden lassen kann. Kommt Kahn am Mittwoch zu mir, dann ist’s gut. Dagegen ist die Schweinerei vollständig, wenn man ihn nicht vorläßt. Bringt man mich inzwischen hier fort, kann ich Wolff vielleicht in Wochen nicht davon verständigen, daß er in Gottesnamen die Korrektur von seinem Lektor erledigen lassen und das Buch eben mit Fehlern und ohne die noch von mir gewünschten Änderungen und Ergänzungen erscheinen lassen soll. Die Misere mit Kahns immerwährender Unzuverlässigkeit hat uns tatsächlich noch zu unserm vollen Glück gefehlt. Da letzthin die Zensurtätigkeit Vollmanns dazu führt, daß wir oppositionelle Blätter – die wenigen, die Noske noch nicht verboten hat (etwa 30 sind unterdrückt) – fast garnicht mehr bekommen. Jeden Tag kommt ein Zettel mit dem Vermerk, daß „Kampf“, „Neue Zeitung“ oder ein andres Organ der Unabhängigen und Kommunisten (zumeist gleich eine ganze Anzahl), von ihm zu den Akten genommen sei. Ebenso häufen sich die Mitteilungen über Briefe, deren Inhalt sich zur Beförderung nicht geeignet habe. Über den Grund der 10tägigen Besuchssperre haben wir jetzt eine Vermutung, die wahrscheinlich das richtige trifft. Am 6ten ist die Gerichtsverhandlung gegen Graßl wegen der durchfeilten Gitterstange. Offenbar sind über meinen Prozeß nachträglich noch einige Referate erschienen (ich habe die letzten Nummern von Lederers „Revolutionär“ und von der „Revolution“ Kocmatas (Wien) nicht ausgehändigt bekommen und Gründe anzunehmen, daß beide sich mit dem Prozeß ausführlich beschäftigt haben. Jetzt nimmt man wohl an, daß diese Berichte von meinen Freunden, die hier anwesend waren, stammen und will durch die Besuchssperre von vornherein der Möglichkeit entgegenwirken, daß Grassls Absicht, bei der Gelegenheit vor breiter Öffentlichkeit den Saustall aufzudecken, daß wir hinter schwedischen Gardinen sitzen, uns aber schon der Gebrauch des Wortes Gefängnis unter Androhung von Disziplinarmitteln verboten ist. Um also die tiefe Heimlichkeit ihres lichtscheuen Gebarens nicht zu gefährden, kürzt Müller-Meiningen und seine Leute uns nun das einzige bischen Sonne, daß wir wenigstens mal in ein liebes Gesicht schauen können. Daß er gegen die wahre Erwärmung durch ihre Strahlen schon den kalten Besuchsraum und die Torturen der Beaufsichtigung und Durchsuchung erfunden hat, genügt ihm nicht mehr. Aber unsre Chronik enthält jede Einzelheit über unsre Ansbacher Festungstid. Kommt die später mal ans Tageslicht, dann dürfen sich unsre Schinder freuen. Dann wird es die Nachwelt verstehn, wenn wir dem Proletariat nicht mehr das Lied vorplärren: „Nicht predijänn wir Haß den Reichen, nur gleiches Recht für jedermann!“ sondern die Lehren, die uns die Bourgeoisie jetzt erteilt, ohne sanftes Getue gegen sie selbst praktizieren. Nach der Glorifizierung des Grafen Arco hat die Münchner Justiz wieder Mut gefaßt zu ganz schändlichen Klassenurteilen. Genosse Römer, den man zum Neuaufbau der KPD nach der Niederwerfung der Revolution nach München schickte, hat jetzt ein Flugblatt verantworten müssen, das er nach der Scheußlichkeit des Seidelprozesses herausgab. Die Worte „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“, die das Manifest beschlossen, wurden dem Mann als Ehrlosigkeit ausgelegt. Urteil: 3 Jahre Zuchthaus! Man möchte aufschreien, daß ein solches Maß gehässiger Abscheulichkeit bei Menschen möglich ist. Aber das ist die Gerechtigkeit im Baiern der „Revolution“. Der Genosse Riegel (Lichtenau) wurde wegen einer geringfügigen Strafsache (Nahrungsmittelfälschung: er war bei einer Schieberei selbst betrogen worden) zu 1 Jahr Zuchthaus verurteilt. Jeder andre hätte höchstens 6 Wochen Gefängnis gekriegt. Aber bei dem Kommunisten mußte ein Exempel statuiert und den Bürgern gezeigt werden, von was für einem Lumpengesindel die Festungsanstalten bevölkert werden. Die Reaktion haust wieder in ganz Deutschland gradezu schauderhaft. Noske Triumphator. Aber ein süßer Trost für uns ist die Valuta. Die Mark ist in der Schweiz nun glücklich unter 5 Centimes gerutscht und noch ist der Abstieg des Werts sicher nicht am Ende. Für die Silbermark werden in mächtigen Inseraten 11 Mark, für das 20 Markstück 450 Mark in Papier und für unsern alten Kupferpfennig 25 Pfennige in eiserner Kriegswährung geboten. Dabei steigen die Preise für Lebensmittel und jeden Bedarf ins Abenteuerliche, Kohle ist nicht mehr da, es fehlt an Milch, Kartoffeln und allem Wichtigsten – und die Besitzenden tanzen und schlemmen und sparen die Tausender nicht, die ihnen jeder vergnügte Abend kostet. Lieb Vaterland, magst ruhig sein!

 

Ansbach, Montag, d. 2. Februar 1920.

Neue Überraschungen. Die Besuchssperre hat ihre Aufklärung gefunden. Heut früh war Vollmann oben und hat mitgeteilt, daß in der Tat eine große Umquartierung erfolgen soll. Schöne Aussichten eröffnen sich dabei mir. Übermorgen soll schon der erste Transport fort, und zwar Waibel, Olschewski und Förster nach Niederschönenfeld. Ihnen folgen Ende der Woche oder Anfang nächster Woche Hagemeister, Kain, Renner und Schinnagel. In Ansbach bleiben vorläufig zurück: Graßl, Reichert, ich und Dosch. Vollmann hat gleich – ich war nicht zugegen – erklärt, daß jedenfalls das Ergebnis der Revision in Leipzig abgewartet werden wird, und falls sie verworfen wird, ich gleich hier im Gefängnis die zwei Monate absitzen dürfte. Graßl läßt man jedenfalls zunächst hier, um auch seinen Prozeß vorübergehn zu lassen. Vielleicht gelingt es, aus den 25 Mk Geldstrafe nachträglich eine Freiheitsstrafe zu machen, und dann kann er mit mir eine Etage tiefer hinter Rundgittern oder Jalousieblenden darüber nachdenken, daß wirklich zwischen unsrer „Ehrenhaft“ und der gewöhnlichen Sträflingsbehandlung noch ein paar Unterschiede sind, die man uns sicher extra fühlbar machen wird. Heute erhielt ich von Kahn nun die schriftliche Begründung seines Ausbleibens am Samstag. Sein Brief verrät die ganze Innigkeit, mit der er bemüht ist, unsre Lage zu erleichtern. Es wäre „nutzlose Zeitverschwendung“ gewesen, wenn er vorgestern gekommen wäre, da er am 4. und am 6. ohnehin in Ansbach zu tun habe. Wird er nun nicht vorgelassen, dann kann ich Wolff außer der ganz kurzen Orientierung, die ihm nun wirklich durch die Absendung des Einschreibbriefes zuteil wurde, meine Meinung über das Nächstnotwendige nicht mehr mitteilen lassen, und, wenn am 5ten die Leipziger Richter das Urteil bestätigen, dann ist nichts geschehn, um mir die Erleichterungen, vor allem die Selbstbeschäftigung, zu sichern und ich kann, statt, wie ich möchte, meine Einigungsbroschüre in der Haft zu schreiben, Holz hacken. Wenn es mir nur noch einmal möglich gemacht wird, die arme Zenzl hier unter 4 Augen zu sehn! Sie mag in schrecklichster Aufregung sein, und hat erst meine Gefängnisstrafe eingesetzt, dann wird man uns vielleicht nur ganz kurze Zeit und sicher nur unter Bewachung reden lassen, und alles Wichtigste werde ich ihr nicht sagen können. Komme ich später nach Niederschönefeld nach, dann wäre ich froh. Aber ich werde nun die lange Zeit vollständig ohne Kenntnis dessen sein, was die liebenswürdige Persönlichkeit, die ich beleidigt habe, für weitere Pläne mit mir hat. Die schöne Gemeinsamkeit hier war das einzige, was uns noch ein Trost im Unglück war; jetzt wird anscheinend alles wieder durcheinandergewürfelt, wie sie es damals in Ebrach gemacht haben, und wie sie danach die „Hausordnung“ in Kraft setzten, wird jetzt die „Tagesordnung“ mit all ihren Reizen in die Erscheinung treten und wohl nach und nach die gleiche „Dehnbarkeit“ beweisen, von der die Hausordnung und das ganze baierische Recht, seit das Land als „Freistaat“ bezeichnet wird, so erstaunliche Proben abgelegt hat. Wir wissen ja schon, daß der Justizminister jüngst persönlich in Niederschönefeld war und den Gefangenen eine Reihe neuer Verschärfungen des Strafvollzugs ankündigte. Ich muß gestehn, daß ich bei allem Zweifel in seine Wahrheitsliebe geneigt bin zu glauben, daß er dort wahr gesprochen hat, und daß seine Dr. Schollenbruch gegebenen Zusicherungen Wind waren. Es zeigen sich schon jetzt Anzeichen, welche Rücksichten Herr Müller in Zukunft walten lassen will. Den 3 Genossen, die übermorgen Ansbach verlassen sollen, wurde verboten, heute mit dem Einpacken zu beginnen. Morgen soll diese Tätigkeit unter Überwachung vor sich gehn. So werden die Leute behandelt, die aus lauterstem Idealismus für eine bessere Verwaltung des Landes eingetreten sind und die Herrschaft des Volks an Stelle derer des Kapitals setzen wollten. Mit den Mördern solcher unangenehmen Elemente verfährt man in Baiern und Deutschland überhaupt glimpflicher. Wird einer wirklich vor Gericht gestellt – Landauers Mörder sind heute noch im Dienst unsrer Knebler und nichts geschieht ihnen zu Leide –, dann braucht er nicht viel zu fürchten: siehe Marloh! Jetzt hatte man die Mörder unsres Genossen Schuhmann, des Bürgermeisters von Kolbermoor – eines Prachtmenschen – prozessiert. Der Staatsanwalt beantragte für jeden von ihnen wegen Totschlags 1 Jahr Gefängnis. Recht wenig? Das Urteil lautete auf Freisprechung. – Unsre Zeit kommt eines Tages, kein Noske hält sie auf. Wehe uns, wenn wir dann kein Gedächtnis haben!

 

Ansbach, Dienstag, d. 3. Februar 1920.

Bakunin schrieb im Dezember 1860 von Irkutsk (Sibirien) aus folgende Sätze an Herzen. (Ich lese jetzt seinen „Sozialpolitischen Briefwechsel mit Alexander Iw. Herzen und Ogarjow“, herausgegeben in der Bibliothek Russischer Denkwürdigkeiten von Th. Schiemann. Mit Biographie, Beilagen und Erläuterungen von Prof. Mich. Dragomanow. Stuttgart bei Cotta 1895): „Ich wünschte nur eines: unversöhnlich und unversöhnt zu bleiben, ohne resigniert zu werden, ohne mich soweit zu erniedrigen, daß ich in irgendwelcher Selbsttäuschung Trost suche; ich wünschte nur eines, bis an mein Ende ganz und voll das heilige Gefühl des Aufruhrs zu bewahren.“ Damals war Bakunin schon 11 Jahre in den Fängen der brutalsten Reaktion. Ich sitze erst im 10. Monat. Da brauche ich wahrhaftig nicht mutlos zu sein. Dieser Lehrmeister im revolutionären Geiste soll mir Beispiel und Leitstern sein. Allerdings hat ihn der Zarismus, den er in seiner berüchtigtsten Zeit unter Nikolaus I kennen gelernt hat, doch nicht die Methoden der Schinderei politischer Gegner kennen gelehrt, zu denen die „Revolution“ 1918 speziell Baierns Republikaner geführt hat. Bakunin konnte sich in Sibirien verheiraten und eine Familie gründen, während man uns „Ehrenhäftlinge“ auf administrativem Wege unter Bruch der Standgerichtsurteile zum Zölibat zwingt. – Die Reise unsrer 3 ersten Genossen nach Niederschönenfeld geht heute nacht um 3 Uhr vonstatten. Heute abend nahmen wir Abschied. Ich mußte wieder die Rede halten, unser ganzes Liederrepertoire wurde durchgesungen, und mit Umarmungen trennten wir uns. Mir gehts nahe. Wie oft mir auch Olschewski mit gewissen Offiziers- und Weinreisendenmanieren und mit seiner maßlosen Renommiersucht lästig war und Waibels Unduldsamkeit mich geärgert hat, so lieb habe ich sie doch beide. Besonders die Gradheit und revolutionäre Unerbittlichkeit Tonis, der mir neben Hagemeister doch der nächste Kamerad in der Gefangenschaft gewesen ist, machte mir die Trennung von ihm schwer. Und ob die Pläne des Oberkerkermeister Müllers mit mir unsern Wünschen entsprechen, ob ich nach Verbüßung der 2 Monate nach Niederschönenfeld nachfolge, wer kann das wissen? Stoßen die Herren in Leipzig das Urteil um, sodaß ein neuer Prozeß nötig wird, dann bestehn wohl Chancen, daß ich gleich dorthin nachfolge. Unangenehm ist mir der Gedanke, daß ich hier im Hause die Gefängnisstrafe werden abmachen müssen. Da würde sich die Gehässigkeit derselben Aufseher an mir austoben, die mich ohnehin nicht schlecht auf der Latte haben, weil ich keinen Übergriff gegen uns schweigend hinnehme. Und besonders wird der liebenswürdige Verwalter Schmidt das Beste tun, um mir den Aufenthalt in den unteren Räumen zu verschönen. Durch Indiskretionen erfahren wir manchmal so allerhand. So wissen wir jetzt, daß dieser Schmidt, ein Mann, der sich uns gegenüber vor Freundlichkeit fast überschlägt, kürzlich geäußert hat, wenn die Kerle eines Tages herausgeholt und gleich totgeschlagen würden, wärs das allerbeste. – Wie sich in Niederschönenfeld die Dinge anlassen werden, ist noch ganz unsicher. Vollmann hat, als er zu Olschewski kam, um ihn zu verabschieden, angedeutet, daß er vielleicht auch dorthin als Vorstand kommen werde. Das bedeutet nichts Gutes. Er hat allerdings auch gesagt, daß bald Erleichterungen im Strafvollzug eingeführt werden sollen. Traue einer den Burschen! Über die Zusammenstellung der Kommune dort ist noch nichts sicheres bekannt. Wir wissen nur, daß viele Genossen von Eichstätt ebenfalls dorthin kommen, darunter auch Toller. Ich habe in meiner Rede heute abend die Genossen deshalb gewarnt, sie sollten kein „Niederschönengeist“ aus der Festungshaft werden lassen. Toller hat nämlich in seinem Schleimrevolutionarismus schon eine „Diktatur der Liebe“ angekündigt. Ich habe neulich versucht eine Karikatur zu zeichnen, wie Toller das Proletariat bewaffnet: er hängt jedem Proletarier eine Flinte um mit der Aufschrift: „Brüder, nicht schießen!“ – Hoffentlich halten die Ansbacher in ihrer neuen vorläufigen Unterkunft gut zusammen und verhindern jede Konzessionspolitik und ebenso jede engstirnige Parteibonzerei, wie sie Mortens und Maiergünther jedenfalls von Eichstätt einschleppen möchten. In dem häuslichen Streit der Eichstätter, wo 8 Aufrechte (oder Halsstarrige?) in der schärfsten Opposition gegen die übrigen 22 stehn – ich bin, nach dem, was ich bisher über den Stand dieser Angelegenheit weiß, in der Sache mehr auf Seiten der 8, obwohl ich unter den übrigen die näheren Freunde habe –, habe ich den Genossen geraten, eine abwartende Haltung einzunehmen und nie Kleinigkeiten zum Anlaß ernster Konflikte zu machen, aber, wo es um Angelegenheiten der Gesinnung geht, keine Konzessionen um der Gemütlichkeit willen zuzulassen. – Wenn man Vollmanns Reden Glauben schenken darf, so scheint die Absicht zu bestehn, unsern kleinen lieben Markus Reichert freizulassen. Aber unser tapferer Junge hat erklärt, daß er unter keinen Umständen etwas von Begnadigung wissen will. Seine Strafe sei im Oktober abgelaufen, und diese Strafe werde er abbüßen. Ich bin gespannt, wie die Geschichte abläuft. So prachtvoll ich Reicherts Charakterfestigkeit finde, so möchte ich doch seiner Nerven wegen wünschen, daß er bald aus der Haft heraus käme. Aber Überredungsversuche prallen völlig an ihm ab. Ich bin doch froh. Die Revolution kann nicht schlecht stehn, die soviel heilige Glut entzündet hat.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 5. Februar 1920.

Wieder habe ich Abschied nehmen müssen. Hagemeister, Renner und Schinnagel reisen in dieser Nacht nach Niederschönenfeld ab. Von uns Zurückbleibenden ist bisher nur über Kain eine Entscheidung getroffen. Er folgt den Genossen am Montag. Graßl muß morgen hier noch seinen Prozeß bestehn, dann wird er – falls es bei der Geldstrafe bleibt, wohl zugleich mit Kain auf die Bahn gesetzt werden. Dann bin ich mit Markus allein, und was uns beiden für die nächsten Tage zugedacht ist, δεῶν ἐν γούνασι κεῖται. Immerhin bin ich nicht mehr so im Ungewissen wie vorher. Gestern war Kahn hier. Abgesehn davon, daß er die Angelegenheit mit dem Verlag in Ordnung zu bringen versprach, konnte er mir auch nach einer Unterredung mit dem neuen Staatsanwalt (Edelmann ist fort, Vollmann funktioniert noch mit täglichen Konfiskationen) den Bescheid bringen, was für den Fall der Verwerfung meiner Revision geschehn soll. Dann ist in der Tat bestimmt, daß ich die Gefängnisstrafe sofort hier im Hause antreten soll. Doch hat der neue Herr Kahn einige Zusicherungen über die Behandlung gegeben, die beruhigend klingen. Mir soll Selbstbeköstigung und Selbstbeschäftigung gewährt werden, und was mir das wichtigste ist, für Zenzl ist Dispens von der Besuchssperre schon von Montag ab bewilligt worden, sodaß ich sie jedenfalls vor Antritt der Gefängnisstrafe noch werde sprechen können. Der Mann hat auch zugesagt, daß er mich erst ins Gefängnis hinunterschicken wird, wenn er die Akten von Leipzig hier hat, also nicht gleich, wenn die Leipziger hertelegrafiert haben. Nun habe ich freilich die Bekanntschaft des anscheinend so toleranten Kerkermeisters noch nicht gemacht, und ich will erst einmal abwarten, ob ich nicht einen andern Eindruck haben werde als er sicher auf den Rechtsanwalt zu machen wünschte. – Aber wenn nur Zenzl nicht wieder der Blitzableiter für schikanöse Launen sein muß, will ich zufrieden sein. Mit finstern Sorgen sehe ich der Notwendigkeit entgegen, meine Sachen einzupacken. Wie ich Ordnung in Bücher, Zeitschriften, Bilder, Geschirr etc. bringen soll, und wie ich alles Zeug in Pakete, Kisten, den einen kleinen Korb und das Handköfferchen verstauen soll, ich weiß es nicht. Wenn nicht so zeitig Nachricht über mein ferneres Schicksal kommt, daß Graßl und Reichert mir den Freundschaftsdienst leisten können, oder wenn nicht ein Wunder geschieht und Zenzl erhält etwa das Recht, wie sie es sogar in Stadelheim erhielt, mir zu helfen, dann sitze ich ganz allein in meiner Not und weiß weder, wie ich das Material zu meiner Einigungsbroschüre, die ich gern während der Gefängniszeit schreiben möchte, aussortieren, noch, wie ich meine Packen und Bündel ohne daß großer Schaden entsteht, zusammenschnüren soll. Na, ich habe einen Trost, der mir noch über jede Lage weggeholfen hat: es gibt keine Situation, die nicht vorübergeht. – So wird auch die Festungszeit selbst nicht ewig dauern. Die Verhältnisse draußen geben Anlaß zum größten Optimismus. Der Friede zwischen Sovjetrußland und Esthland ist geschlossen. Es scheint, als ob Polen bereit wäre, in Verhandlungen einzutreten. Finnland wurde von den Russen gezwungen, eine Amnestie für alle politischen Gefangenen zu erlassen. Die Engländer haben offensichtlich den Wunsch, um ungestört ihre Geschäfte betreiben zu können, mit Rußland baldmöglichst reguläre Beziehungen anzuknüpfen. Und bei uns in Deutschland geht alles drunter und drüber. Die Ernährungsverhältnisse sind gradezu grotesk. Baiern ist mit Brotgetreide noch für etwa einen Monat versorgt, die Zufuhren vom Land in die Städte sind ganz minimal geworden. Es fehlt am Notwendigsten, dabei steigen die Preise ins Unabsehbare (1 Liter Milch 2 Mark, wobei kaum die Krankenhäuser und Säuglinge etwas erhalten). Der Brotpreis wird schon wieder erhöht, und die Quantität gleichzeitig herabgesetzt. Ein Ende dieser Entwicklung ist nirgends abzusehn, und das Desaster ist unvermeidlich. Dabei spitzt sich die politische Situation wieder scharf zu. Von den Zänkereien abgesehn, die deutlich zeigen, wie auf allen Seiten Klarheit darüber besteht, daß nur der Termin noch gefunden werden muß, an dem alles aufeinander losgelassen wird, und daß sich die Regierung nur noch sehr künstlich an der Macht hält, schafft die Liquidation des Kriegs jetzt Verhältnisse, die unmittelbare Wirkungen zeitigen müssen. Bisher hatte man sich nur die Haare gerauft, weil die Zeitungen gar so schrecklich über die schrecklichen Bedingungen von Versailles lamentierten. Die armen Kriegsgefangenen waren der Gegenstand des deutschen Jammers – obwohl man selbst heute noch, nachdem der Friede mit Rußland seit 2 vollen Jahren Tatsache ist, 200.000 russische Kriegsgefangene im eignen Lande zurückhält. Jetzt kommen die Gefangenen nach Hause, und nun zeigt sich erst, daß die deutsche Regierung selbst alles tat, um die Unterzeichnung des Friedens hinauszuzögern. Denn jetzt sitzt sie wirklich fest. Jetzt machen sich die Folgen des Kriegs erst wirklich bemerkbar, und das Volk spürt jetzt, daß es eine elende Niederlage erlitten hat. Jetzt beginnen die Volksabstimmungen in den Grenzgebieten. Daß die Schleswiger, Schlesier, Posener, Westpreußen, Rheinländer, die da in Frage kommen, lieber zu den Dänen, Belgiern und Polen gehn werden als im Vaterlande der Pleite zu bleiben, wird keinen Patrioten wundernehmen. Aber zugleich geht es jetzt auf dem Lande ans Ausmustern des Viehs, der Maschinen etc, die als Entschädigung für Raub und Diebstahl geliefert werden müssen. Liebe erwirbt sich dabei die Regierung nicht. Und nun kommt ein neuer Krakehl. Die große Angst der Demokraten und „Sozialisten“, die jetzt für die alldeutsche Sauwirtschaft vor aller Welt die Verantwortung tragen, galt von jeher der Auslieferungsverpflichtung. Man hat mit Entwürdigungen nicht gespart, und immer wieder versucht, die ungeheure Schmach von sich und von den Opfern selbst abzuwälzen, daß man die ruchlosesten Verbrecher der Weltgeschichte, die die ganze Menschheit ins fürchterlichste Unglück gestürzt haben, denen ausliefern soll, die unter ihren Ruchlosigkeiten gelitten haben. Nein, ganz Deutschland ist heute noch solidarisch mit dem Gesindel. Holland hat nun zwar die Auslieferung Wilhelms zunächst abgelehnt, aber es besteht kaum ein Zweifel, daß das nur eine Geste war. Aber wie dem auch sei: die Deutschen selbst kommen um die Überstellung der 900 Geforderten an die Sieger nicht mehr herum. Es wird deshalb ein wilder Spektakel von den Alldeutschen aufgeführt, und schon hat die tapfere republikanische „revolutionäre“ Regierung der Entente erklärt, sie werde die Leute nicht finden, die die Verhaftung der geliebten Kriegsverbrecher vornehmen würden. Dies hat natürlich die Franzosen, die sich vor Ekel schon die Nasen zuhalten müssen, nicht abgehalten, dem Geschäftsträger der deutschen Republik, Herrn Dr. Lersner die Liste der Delinquenten zu übergeben. Und dieser offizielle Vertreter des neuorientierten Deutschlands hat sie dem neuen Ministerpräsidenten – und zwar entgegen seiner ausdrücklichen Instruktion – zurückgeschickt, er werde nicht die Hand dazu bieten, daß seine Landsleute an die Feinde ausgeliefert würden. Natürlich wurde seine Entlassung sofort bewilligt, aber unsre lieben Alldeutschen haben nun wieder einen neuen Heros und die Hetze gegen die Befolgung der Versailler Bedingungen ist mit neuem Öl befeuert worden. Die Ebert-Regierung erwartet mit vollen Hosen den Aufstand des Teutonismus, gegen den sie nicht aufzumucken wagt, während die Entente mit dem Revolver in der Hand hinter ihr steht und auf ihrem Schein besteht. In kurzer Zeit wird sich alles entscheiden müssen. So oder so – gewinnen können nur wir dabei.

 

Ansbach, Freitag, d. 6. Februar 1920.

Abschrift: An den Kurt Wolff Verlag, München: „Sehr geehrter Herr! Ich bestätige mit Dank den Empfang Ihres Schreibens vom 4. II. Mein Anwalt war inzwischen hier, und ich habe die Angelegenheit eingehend mit ihm besprochen. Sollte er Ihnen noch nicht geschrieben haben, so haben Sie vielleicht die Freundlichkeit, sich mit ihm in Verbindung zu setzen: Rechtsanw. Kahn II, Nürnberg, Frauentorgraben 73. – Da ich, falls das Reichsgericht meine Revision verwerfen sollte (die Entscheidung darüber muß gestern gefallen sein), in den nächsten Tagen meine Strafe wegen Beleidigung des Justizministers hier im Gefängnis werde antreten müssen, so kann ich möglicherweise für die nächsten 2 Monate verhindert sein, mit Ihnen direkt zu korrespondieren. Ich werde jedoch versuchen, die Erlaubnis zum Briefschreiben zu erwirken. – Jedenfalls möchte ich Ihnen gleich meinen Rechtsstandpunkt darlegen. Durch die Unterzeichnung des Vertrags und durch die Zahlung des Honorars sind zweifellos Sie Besitzer des Manuskripts und der aus diesem Besitz sich ergebenden Publikationsrechte geworden. Der Druck des Buchs ist sogar laut Vertrag von Ihnen pflichtgemäß zu fördern. Keine Behörde hat das Recht oder die Macht, Sie an der Ausübung Ihrer Vertragspflicht zu hindern. Es kann sich also bei der juristischen Verfolgung der Sache nicht mehr darum handeln, ob Ihnen die Publikationsbefugnis, die Sie ohne weiteres haben, vom Justizministerium bestätigt oder bestritten wird, sondern nur darum, daß Sie in den Besitz Ihres Eigentums – der korrigierten Bogen und der dazu gehörigen Manuskriptseiten mit meinen redaktionellen Bemerkungen gelangen. Eine weitere Verzögerung der Drucklegung kommt also nicht in Frage, sondern nur die prinzipielle Wahrung Ihrer Rechte, die von der Handhabung des Strafvollzugs gegen mich selbstverständlich nicht berührt werden dürfen. Für mich geht es natürlich um mehr, nämlich darum, grundsätzlich festzustellen, wie weit der Vollzug der Festungsstrafe in die Ausübung meiner Berufstätigkeit und in die ideellen Rechte meiner literarischen Persönlichkeit eingreifen darf. Ich vertraue darauf, daß der Schutzverband dtsch. Schriftsteller unsre beiderseitigen Interessen ohne Ansehn der politischen Beimischung wahren wird. – Es tut mir leid, daß Sie soviel Scherereien mit der Herausgabe des Buchs haben. Sie wissen, daß es nicht an mir liegt. Mit vorzüglicher Hochachtung begrüßt Sie Ihr ergebener Erich Mühsam.“

Nun bin ich neugierig, ob Schnösel diesen Brief durchgehn läßt. Da der Verlag inzwischen die beiden Korrekturbogen erhalten haben wird, kann er mir nicht mehr viel schaden in der Sache. Ich denke, die Gedichte werden bald erscheinen. – Hier wird’s allmählich öde und leer. Noch sind wir 4 Mann: Kain, Reichert, Graßl und ich. Montag werden uns wohl Graßl und Kain auch noch verlassen, (ersterem hat das Gericht heute seine 25 Mk-Strafe bestätigt), und wenn dann der kleine Reichert auch noch entweder in die Freiheit oder in eine andre Anstalt davongeht, werde ich ganz allein die „Festungshaftanstalt“ bewohnen. Dosch sehe ich gottseidank nicht. Gott weiß, was man über ihn beschlossen hat. Vielleicht wird auch er der Amnestie teilhaftig, die für den 12. Februar erwartet wird, obwohl er 3 Jahre hat und angeblich noch einer Verhandlung wegen großer Unterschlagungen während seiner Polizeipräsidentenschaft entgegensieht. Seine Spitzeltätigkeit wird ihn wohl Gnade finden lassen in den Augen des Mannes, den man nicht als ehrlosen Lumpen bezeichnen darf. – Meine Nerven werden wieder einmal durch Mißverständnisse malträtiert. Zenzl schrieb mir auf meine Mitteilung vom Besuchsverbot, daß sie trotzdem am vorgesehenen Tage Berlin verlassen und dann von München aus herkommen wolle. Dort hätte sie also am 3. eintreffen sollen. Ich schrieb ihr daher an unsre Adresse dort, daß sie Montag kommen soll, damit sie mich vor meiner Einkastelung in die unteren Räume noch sprechen kann. Jetzt erhalte ich plötzlich einen am 4ten noch in Waidmannslust aufgegebenen Brief von ihr, ohne die geringste Erklärung, warum sie dortgeblieben ist. Meine Unruhe ist groß, und ich habe heute ein Telegramm an den Onkel geschickt, um Näheres zu erfahren. Mit der Nervenplage nicht genug, laboriere ich jetzt auch noch mit dem Kadaver. Seit einigen Tagen peinigt mich ein Husten, der mich besonders nachts nicht zur Ruhe kommen läßt. Der Arzt war heute da und konstatierte einen Rachen- und Bronchialkatarrh. Ich muß Medizin schlucken, Wickel machen, und außerdem macht der Magen Geschichten. Ich spüre Brechreiz, bei mir eine übliche Aeußerung von Nervenerregungen. Den Optimismus lasse ich mir aber von alledem nicht trüben. Die Bolschewiki haben Wladiwostok genommen. Diese Tatsache allein könnte genügen, um mich in die rosigste Stimmung zu versetzen. Ein wundervolles Paket von Mila und ihrem Mann, enthaltend eine ganze Kiste prächtiger Zigarren und 2 Pack vorzüglichen Tabak, sowie einen lieben Brief von ihr, trägt das seine bei, mich bei gutem Humor zu halten und der Chorus der Zeitungen, der wegen der Überreichung der Auslieferungsliste und der Veröffentlichung der Namen ganz außer Rand und Band ist, vervollständigt meine Zufriedenheit mit Gott und den Menschen. Beinah 900 Personen sollen in den aufgesperrten Rachen der alliierten und assoziierten Vergeltung geworfen werden, darunter alle Lieblinge der Nation: alle, alle sollen sie hergeben, ihre Hohenzollern, die Kronprinzen von Baiern und Württemberg, ihren Hindenburg, ihren Mackensen, ihren Ludendorff. Einen, den ich suchte, vermißte ich in der Liste: den Gefangenenschinder von Traunstein von der Pfordten mit seinen Folterknechten Riegele und Dörr; dafür aber ist ein anderer lieber Freund dabei: Herr Erhardt Auer aus München, dessen sozialdemokratischer Patriotismus sich in einem französischen Örtchen, dessen Kommandant er war, in der Okkupation einer Wollfabrik und der zwangsweisen Hineintreibung der Einwohner zur Arbeitsleistung für deutsche Kriegszwecke betätigte. Ob sich auch die Anschuldigung bestätigen wird, er habe mit den also produzierten Fabrikaten persönliche lukrative Geschäfte gemacht, bleibt abzuwarten. Im Arco-Prozeß hat er es abgeschworen. Aber daß sich der Volksmann noch immer nicht von seiner Verwundung am 21. Februar erholen kann und strengster Schonung bedarf, wird langsam begreiflich. Ja, selbst er, der einzig wahre Helfer des schwergeprüften Baiernvolks, wird vors Rachetribunal gefordert und mit ihm die gefeierten Tonnenbeutemacher des U-Bootkriegs, Generäle, Obersten, Prinzen, Leutnants und Mannschaften, die die neudeutschen Kriegsbräuche sieghaft und gewinnbringend exekutiert haben. Gemein? Gewiß. Aber wenn nun die Deutschen wirklich gesiegt hätten, hätten sie vielleicht anders gehandelt? Vae victis! Wer den Russen Brest-Litowsk und den Rumänen Bukarest zugemutet hat und dabei sich noch auf die Zustimmung der „Verzichter“ à la Erzberger und die Sozialdemokraten berufen konnte, wer damals aller Welt verkündete, die Westmächte würden noch ganz anders hergenommen werden, der soll auch die Intoleranz der andern nicht schelten, die nun mal gesiegt haben. Ob die recht haben, die von den Franzosen behaupten, sie hätten, wenn sie hereingekommen wären, bei uns ebenso gehaust, wie in der Picardie gehaust worden ist, kann niemand wissen. Nicht was möglicherweise hätte sein können, steht zur Beurteilung, sondern was geschehn ist. Sonst könnte man wohl auch fragen: wenn ihr etwa zum Diktat der Friedensbedingungen gelangt wärt, hättet ihr nicht die Auslieferung z. B. der Baralong-Mannschaft verlangt? Und wie ihr diese Leute behandelt hättet, deren einseitig behauptete Schuld noch keineswegs feststeht, darüber ist jeder im Klaren, der die Urteile gegen die Münchner „Geiselmörder“, gegen Lindner etc. mit denen gegen Marloh, Vogel, Pflug-Harttung vergleicht. Unsre tapfere Regierung hat in der Note, in der sie erklärt, sie würde im ganzen deutschen Reich die Organe nicht finden, die die Verhaftungen vornehmen werden, der Entente angeboten, die angeforderten Herren vom Reichsgericht unter Zuziehung von Vertrauenspersonen der Alliierten aburteilen zu lassen. Kann es wohl noch einen höheren Grad würdeloser Schlappheit geben? Niemals hat irgendeine Regierung so kläglich Zeugnis abgelegt von der vollständigen Machtlosigkeit gegenüber den eignen Landsleuten. Herrgott, was ist aus unsrer Revolution geworden! Da sitzt eine Horde impotenter Jämmerlinge und kann sich nicht gegen den Willen derer retten, die sie abgelöst haben. Natürlich wird die Entente erst recht auf ihrer Forderung bestehn, grade weil sie weiß, daß die Gefahr für den Weltfrieden weiterhin von denselben Leuten droht, hinter denen sich schützend die Regierung der „Sozialisten“ und Demokraten aufstellt, und daß sich in Deutschland gewiß kein Richter findet, der eine Verurteilung der Hindenburg, Ludendorff und Konsorten wagen würde. Jünglinge à la Hirschfeld und Arco ständen dutzendweise bereit, um ihre Heroen zu rächen. Jedenfalls bin ich auf Millerands Note gespannt, in der er die Zumutung der Herren Ebert, David, Müller zurückweisen wird. Da Clemenceau die Antwort nicht mehr redigieren wird, wird vielleicht diesmal nicht ganz soviel Sarkasmus und Ironie darin sein, wie mans von ihm gewöhnt war. Aber daß sie wieder eine Ohrfeige bekommen werden, die über den Kontinent dröhnen wird, daran zweifle ich nicht. Was für Folgen die Angelegenheit nach sich ziehn wird, bleibt noch Geheimnis. Wahrscheinlich wird die Regierung, die erst die Bedingung akzeptiert hat und jetzt schreit: non possumus! von der Bildfläche verschwinden müssen. Ob die Alldeutschen in dieser Situation die unangenehme Erbschaft werden antreten wollen? Es würde bedeuten: Einmarsch der „Völkerbund“-Polizei. Ich glaube eher, man wird versuchen, die Unabhängigen zur Übernahme der Regierung zu bewegen. Dann würde die Auslieferung natürlich erfolgen, und dann hätte man eine ungeheuer populäre Parole für die Gegenrevolution. Ich kann mir daher kaum denken, daß grade jetzt bei den Unabhängigen besondere Lust bestehn wird, den Thron zu besteigen. Allerdings ist weitsichtige Klugheit noch nie ihre Stärke gewesen. Und so werden wohl die vereinigten Schieber des Zentrums, der Demokratie und des Schwindelsozialismus weiterhin vor dem Karren ziehn und aus Angst, die gefürchtete Entente und die noch mehr gefürchtet[et]en Deutschnationalen zu reizen, eine Galgenfrist herauszuschinden suchen. Nach uns die Sintflut! das war ja von Anfang an ihrer Weisheit letzter Schluß: Die Sintflut aber wird ihnen nicht erspart bleiben. Ein Brief Bakunins an Herzen vom April 1848 charakterisiert das Deutschland von damals so, daß man sich in unsre Tage versetzt glaubt. Ein einziges Wort daraus gibt alles wieder, was wir heute vor uns sehn. Die Charakteristik des damaligen Zustands lautet: „Revolutionslose Anarchie“.

 

Ansbach, Sonntag, d. 8. Februar 1920.

Morgen soll Zenzl kommen. Wird dieses Mal der Besuch ohne Qualen ablaufen? Beinah hoffe ich es. Es scheint nämlich, als ob ein neuer Geist in dies Haus grad in dem Augenblick einziehn sollte, wo es von Festungsgefangenen leer wird. Der 1. Staatsanwalt Edelmann ist fortgeschickt („beurlaubt“) worden, und sein Nachfolger, ein Mann mit Namen Helmes hat sich mir gestern vorgestellt. Trotz seines vogelartig zurecht gebürsteten, à la Kösen zerhackten Kopfs hatte ich keinen schlechten Eindruck von ihm. Wir behandelten uns mit Courtoisie und versicherten einander, daß wir uns gegenseitig das Leben nicht schwer machen wollen. Meine Revision ist verworfen worden, ich muß also in der Tat in den nächsten Tagen ins untere Stockwerk ziehn. Der Mann hat mir zugesagt, daß er mein Gesuch um Selbstbeschäftigung beim Oberstaatsanwalt befürworten werde, mir auch die eigne Verpflegung und das Rauchen bewillige. Wichtiger als dies alles ist mir aber seine Zusage, daß er Zenzl erlauben wolle, mir beim Packen zu helfen. Sie wird also heraufkommen dürfen. Nun wird sich’s zeigen, ob er uns in der Zelle allein lassen oder einen Aufseher neben uns hinstellen wird. Da wird Zenzls bewährte Überzeugungskraft wohl mehr erzielen können als ich. Jedenfalls schien der Mann sich bei mir in Gunst setzen zu wollen. Mit einer kleinen höflichen Verbeugung schmeichelte er sich sogar ein: „Ich weiß, wen ich vor mir habe und werde jede Rücksicht darauf nehmen.“ Wir werden ja sehn. Die Entscheidung des Reichsgerichts überrascht mich natürlich nicht. Aber nach dem Bericht der „Fränkischen Zeitung“ (dem Ansbacher Käsblättchen) scheint es auch dabei zu stinken. Der Reichsanwalt soll seinen Antrag auf Zurückweisung der Revision damit begründet haben, daß die Verschärfungen im Strafvollzug nie eingeführt wären, wenn wir sie nicht provoziert hätten. Diese Logik kann unmöglich in Leipzig geboren sein. Im Urteil der 1. Instanz steht kein Wort davon. Ihr Ursprung ist zweifellos eine von Müller-Meiningen selbst lanzierte Information. Der Herr Justizminister nützt also alle Möglichkeiten aus, die ihm seine Amtsstellung gewährt, um mit Lügen und Verdächtigungen seine persönliche Rache ganz auszukosten. Na, ich sehe den kommenden zwei Monaten ohne Angst entgegen. Ich will sie benutzen, um endlich die Broschüre zu schreiben, deren Titel ich jetzt so beschlossen habe: „Die Einigung des revolutionären Proletariats im Kommunismus.“ Bücher, Broschüren, Artikel und sonstiges Material habe ich massenhaft beisammen, um endlich mit der Arbeit beginnen zu können, von der ich eine wertvolle Klärung in den Streitereien unter den deutschen Kommunisten erhoffe. Die Zentralbonzen um Levi und die anarchistischen Pfaffen, unter den Rudolf Grossmann in Wien der ekelhafteste ist, sollen gründlich hergenommen werden. Ich möchte dem deutschen Proletariat einmal den alten Parteigeist austreiben und versuchen, ob ich sie nicht zur Bildung einer Föderation kriegen kann, in der Kommunisten, Syndikalisten, Anarchisten – unter Ausschluß aller Halbseidenen, besonders der Unabhängigen –, soweit sie die Rätediktatur anstreben, und in der dritten Internationale ihre gegebene Gemeinschaft anerkennen, zusammenzufassen sind. Ich bin hier in der letzten Zeit in meinen Auffassungen ungemein gestärkt worden, und weiß in den Ansbacher Kameraden eine Stütze meiner Ideen, die unendlich wertvoll ist. Leider geht nun auch der letzte meiner Nächsten nach Niederschönenfeld: Hans Kain, der heute nacht allein abtransportiert wird. Graßl muß noch eine Verhandlung vor dem „Volksgericht“ abwarten, wegen Beamtennötigung, die er in Lichtenau schon im Oktober begangen haben soll. Er und Reichert, über den noch garnichts bekannt ist, werden nun mit mir die „Festungshaftanstalt“ allein bevölkern, bis ich den offiziellen Bescheid über den „Rechtsspruch“ des Reichsgerichts habe. Dann verschwinde ich sofort im Gefängnis. Die Freundschaft mit Kain hatte besondere Wichtigkeit für mich. Er ist einer der wenigen Proletarier, die ich kennen gelernt habe, die zu selbständigem Denken gelangt sind. Er hat seinen Geist brillant trainiert und ihn gewöhnt, allen Dingen mit vollkommener Unbefangenheit gegenüberzutreten. In München stand er – trotz seiner Parteizugehörigkeit – in schärfster Opposition gegen Levien und trat auch Leviné in wichtigen Angelegenheiten entgegen. Sein Standpunkt zur Zentrale ist völlig mit meinem konform, und da er durch mich zur Bekanntschaft mit Bakunins Revolutionarismus gelangt ist, anerkennt er, unbekümmert um die Marxschule, von der er kommt, dessen Überlegenheit in Elan, Reinheit der Erkenntnis und rebellischem Schwung ohne weiteres. Über sein Wissen war ich immer wieder erstaunt, besonders aber über die scharfe Kritik an allem. Ich glaube, sein Talent wird der Revolution einmal ungemein wertvolle Dienste leisten. Wie wir Toni Waibel als Propagandisten gut werden verwenden können und August Hagemeister mit seiner Beharrlichkeit und dem Ernst seines Wollens organisatorisch viel leisten wird, so glaube ich, daß Kain ohne Sorge an die Spitze des wichtigsten politischen Ressorts gestellt werden kann. Er ist aus seiner ursprünglichsten Natur Revolutionär und versteht Revolution ganz im anarchistischen Sinne: als einen Krater von Leidenschaften, dessen Eruptionen zerstören, zerrütten, begraben, Schrecken verbreiten und wildes Chaos schaffen müssen, um aus der Erschütterung der Seelen neue Menschen werden zu lassen. Der Aufbau des Neuen ist erst das zweite, er setzt die Zerschmetterung des Alten bis zur völligen Irreparabilität voraus. Ich habe keinen zweiten Kameraden gefunden, der mein in einer Münchner Versammlung gesprochenes Wort, das die Bourgeoisie so sehr entsetzt hat, so verstanden hat wie Kain: Unruhe ist die erste Bürgerpflicht in einer Revolution! – In ihm habe ich hier einen Genossen und Freund fürs Leben gefunden, und ich hoffe, daß wir wirklich nicht länger als 2 Monate getrennt bleiben. Die Niederschönenfelder haben sich schon kurz gemeldet. Aus den Andeutungen, die für die ersten Briefe verabredet waren, geht hervor, daß sie vom Regen in die Traufe geraten sind. Was Müller-Meiningen wieder ausgesonnen hat, um seine Gegner zu schinden, wissen wir noch nicht. Aber daß seine Gemeinheit in ruheloser Produktivität vorgesorgt hat, um den „Ehrenhäftlingen“ einen würdigen Empfang zu bereiten, daran habe ich keinen Zweifel. Ich werde wohl bald Genaueres wissen. Da die Genossen in Ebrach und hier im Kampf geschult sind, bin ich nicht in Sorge, daß sie auch ohne mich Krach genug schlagen werden, um ihre Rechte zu wahren. Wenn ich dann im April nachkomme, wird das Quartier für mich wohl schon den Resultaten dieser Kämpfe entsprechend bereitet sein. Es besteht Aussicht, daß Herr Müller unsern Vollmann als Vorstand ebenfalls dorthin schickt. Er selbst hat Olschewski gegenüber derartige Andeutungen gemacht. Daß kein Tüchtigerer im Sinne der baierischen Justizsadisten im ganzen Lande zu finden ist, ist unbesehn zu glauben. Kain gab heute von ihm eine Charakteristik, die das Wesen des Schnösels ziemlich restlos umfaßt: „Ein Lausbub, der sich in Zynismus übt.“

 

Ansbach, Mittwoch, d. 11. Februar 1920.

Montag und gestern war Zenzl hier. Sie kam vorgestern nachmittag, mußte wieder eine Stunde warten und durfte dann mit mir unten im Besuchsraum etwa 3 Stunden reden – im Beisein eines Aufsehers. Das hatte der Schnösel so angeordnet, wahrscheinlich in der stillen Hoffnung, ich würde Spektakel schlagen und er könnte dann die Zusage, die sein noch nicht geschulter Chef gegeben hatte, vereiteln. Da ich das durchschaute, blieb ich ruhig. Gestern früh vor 9 Uhr kam Zenzl dann wieder, mußte natürlich trotz der vorher erteilten Genehmigung auf Vollmanns Erscheinen warten und durfte dann heraufkommen. Zugleich mit ihr trat aber in die Tür ein Aufseher: Herr Dr. Vollmann habe es so angeordnet. Ich beherrschte zwar meine Wut, aber ich weiß nicht, ob sie nicht noch aufgekocht wäre, wenn nicht Graßl, dem ich diesen Freundschaftsdienst nie vergessen will, geholfen hätte. Er ließ sich, ohne daß er mir seinen Plan verraten hätte, beim Schnösel melden und erreichte es in der Tat, nach angestrengten Bemühungen, daß uns von 10 Uhr ab das Alleinsein gestattet wurde. So konnte ich nach 6 Monaten endlich mal wieder meine geliebte herrliche Frau umarmen. Genau eine halbe Stunde ließ man uns ungestört, dann fand der Oberaufseher alle 10 Minuten einen neuen Grund, hereinzukommen. Zenzl packte meine Sachen zusammen, wurde aber ½ 12, da die Freude sonst hätte zu groß werden können, wieder fortgeschickt, wie der Oberaufseher auf meinen Einspruch versicherte, sogar erst eine halbe Stunde später als Vollmann erlaubt hatte, zum Tempel hinausgejagt. Nachmittags um 3 durfte sie wiederkommen und bis 5 Uhr unter Aufsicht weiterpacken. Graßl und Reichert leisteten uns infolgedessen ebenfalls für diese Zeit Gesellschaft, und Zenzl unterhielt uns mit ihren Berliner Erlebnissen. Die beiden Jungens waren ganz begeistert von ihrer prächtigen Gradheit und von ihrem ungekünstelten Wesen. Ich war glücklich zu sehn, wie aus ihr die Erlebnisse des Jahres eine vorbildliche Revolutionärin gemacht haben. Auf sie kann ich mich verlassen. Sie wird in jeder Lage die Pflicht gegen das Volk über die Pflichten der Ehefrau stellen. Ihre Berliner Obliegenheiten hat sie glänzend erfüllt. – Während sie oben war, wurde der Brief von Dr. Schollenbruch gebracht, der erst dem Justizministerium vorgelegt war. Er schildert die Unterredung mit Müller sehr ausführlich. Natürlich lege ich auf dessen bedingte Versprechungen nicht den geringsten Wert, aber Schollenbruchs eigne Rolle, seine schöne Haltung vor dem eiteln Streber, sein Mut und sein Stolz waren mir eine große Freude. Die Niederschönenfelder haben leider immer noch nicht geschrieben, wie es ihnen in ihrem neuen Quartier geht und ob die Verschlechterungen, von denen sie schrieben, sich auf die allgemeinen Verhältnisse dort oder auf die Behandlung beziehn. Wann ich nun die Strafe für das gegen Herrn Müller verübte Verbrechen antreten muß, steht immer noch nicht fest. Ich zögerte keine Stunde länger, hinunterzuziehn, wenn ich selbst zu bestimmen hätte. Ich bin ganz wild auf meine Arbeit, die ich unten schreiben will. Außerdem komme ich um so eher heraus aus der einsamen Klause, je eher ich hineingehe. Nachdem meine Sachen schon verpackt sind, darunter auch die Lampe, deren Benutzung im Gefängnis mir nicht bewilligt ist, nachdem ich Zenzl auch meine Uhr mitgegeben habe – das Wertstück wäre hier in Verwahrung genommen worden und vielleicht als Pfand für staatliche Kostenrechnungen betrachtet worden, nachdem ferner die Kalkwände ihres Bildschmucks beraubt sind, fühle ich mich hier oben garnicht mehr zuhause. Wären nicht Reichert und Graßl noch da, würde ich selbst um schleunige Anordnung des Strafantritts bitten. Öffentliche Angelegenheiten will ich bei dem flackernden Kerzenlicht heute übergehn. Ein Todesfall aber soll vermerkt werden – und zwar deswegen, weil er mich kaum berührt. Richard Dehmel ist gestorben. Wie hätte mich das erschüttert, wenn es vor 6 Jahren passiert wäre! Jetzt verliere ich nichts mehr mit dem Dichter, dessen Verse in meinen jungen Jahren gewaltigen Eindruck auf mich gemacht haben. Sein Talent war schon lange gebrochen. Aber das wäre kein Grund gewesen, nicht um den zu trauern, der es einst gehabt hatte. Aber seit 1914, wo Dehmel Flinte und Tornister nahm und als kriegsfreiwilliger Held hinauszog, war er für mich auch als Mensch tot, – nicht weil er auf den patriotischen Schwindel hineinfiel, sondern weil aus der Widerlichkeit gehässiger Schimpfereien gegen die „Feinde“ seine Stimme mit am lautesten aus den Zeitungen herausklang, weil er seinen plötzlich erwachten Patriotismus mit so ordinärer Überheblichkeit in die Welt schrie, daß er einen Riesenteil dazu beitrug, daß die deutsche Intelligenz überall in Mißkredit geraten ist, weil er damals und die ganzen Kriegsjahre hindurch Geschmacklosigkeiten über Geschmacklosigkeiten beging, und weil er, der in jungen Jahren sich als Dichter des sozialen Leidens verpflichtet hatte, beim Erwachen des Volks 1918 gegen das Volk stand und bis zuletzt Partei nahm für Militarismus und Nationalismus. Für diesen Richard Dehmel habe ich keine Empfindung des Bedauerns. Sein Leben war vorbei, sein Tod kann es nicht mehr retten. Die Unsterblichkeit verdient man sich nicht durch sein Werk allein. Es gehört auch die menschliche Würde dazu, das Werk mit reiner Hand der Nachwelt zu übergeben. Was wird Dehmels Teil werden? Eine Anmerkung in der Literaturgeschichte und ein Achselzucken.

 

Ansbach, Freitag, d. 13. Februar 1920.

Bis jetzt hat sich noch nichts weiter geändert. Wir 3 hausen weiter allein in den „Festungsräumen“ und fühlen uns bei der gänzlichen Ungewißheit der Lage garnicht mehr am Platze. Nur insofern ist eine gewisse Klärung eingetreten, als Graßl jetzt seine – vom II. Staatsanwalt (Scharner) unterfertigte Anklageschrift zugestellt erhalten hat. Am 20. Februar findet der Termin vor dem „Volksgericht“ statt wegen „Beamtennötigung“. Möglicherweise wird man uns also bis nächsten Freitag noch zusammen hier lassen, um das Urteil gegen Grassl, gegen das es keine Rechtsmittel gibt, dann zugleich mit meinem hier im Hause vollziehn zu lassen. Was aus Reichert wird, bleibt weiterhin dunkel. Die erwartete Amnestie ist bisher nicht erlassen, und auch Herr Dosch durchwandelt noch, offenbar ebenso ohne Kenntnis seines nächsten Schicksals den Hintergrund. Dieser Kerl ist dermaßen jeder Würde bar, daß er immer noch versucht, sich durch lautes Singen meiner revolutionären Lieder bei uns einzuschmeicheln. Natürlich sind wir stocktaub, sobald seine Stimme ertönt. Draußen ziehn die künstlich erregten Wogen wegen der Auslieferung immer noch mächtige Kreise. Der „Vorwärts“ plärrt das „Undurchführbar“ lauter als alle andern, und das Ausland ist erstaunt über den neuen Beweis der ungebrochenen alldeutschen Mentalität der Republik. Zu welchen Konsequenzen die Sache noch führen wird, ist schwer abzuschätzen. Frankreich wird schwerlich von seiner Forderung abgehn. Eine neue Note seines neuen Ministerpräsidenten Millerand mit Drohungen wegen der Vernachlässigung der aus dem Versailler Vertrag resultierenden Verpflichtungen zur Kohlenablieferung, erweist die Stimmung, die man drüben allgemein gegen die deutschen Regierer hegt. Man hält sich an die Paragraphen des Vertrags und wird am allerwenigsten die moralischen Forderungen streichen. Jetzt zeigt sich die Hilflosigkeit der „Demokraten“ in vollem Glanz. Schon hat z. B. Herr Noske ganz offen erklärt, daß er keinen Finger rühren werde, um irgendeinen von den Geforderten festnehmen zu lassen – und die ganze Regierung erklärt ihre vollständige Einigkeit. Die Engländer sollen zu Konzessionen geneigt sein, was ich bezweifle. Was für Zwangsmittel nun angewendet werden, weiß man noch nicht. Wahrscheinlich wird die Blockade wieder einsetzen, neue Gebiete rechts des Rheins werden besetzt werden, und die Organe, die Deutschland angeblich nicht hat, werden vom Ausland gestellt werden. Daß das Theater der Nationalisten ohne Eindruck bleiben wird, ist selbstverständlich, zumal sich der Humbug der Entrüstungsdemonstrationen in den Formen ausgesprochener Kriegshetze äußert. In München hatten Studenten den guten Geschmack, vor dem Hotel, in dem die französische Militärmission wohnt, mit dem Gesang: Siegreich wolln wir Frankreich schlagen! teutonisches Gemüt zu produzieren. Sogar zur Gewalt gegen die fremden Abordnungen wird aufgereizt. Ich hätte garnichts dagegen, wenn ein paar französische Militärs attackiert würden. Die Wirkung wäre für uns nur günstig. Uns kann es natürlich zunächst ganz einerlei sein, welche Entschlüsse hüben und drüben gefaßt werden. Die Blamage, daß die republikanische, sozialistische Regierung der Revolutionsdemokratie lieber das ganze Volk als die 900 Verbrecher, die den Krieg inszeniert und zur wüstesten Entwürdigung alles Menschlichen gemacht und die endlich Deutschland tiefer auf den Hund gebracht haben als je ein Land es war, ausliefern wollen, ist Tatsache. Sie konnte nur Tatsache werden dadurch, daß man die Revolution sabotierte und durch Verrat an die gestürzten alldeutschen Volksfeinde auslieferte. Andernfalls hätte man ja die Herrschaften längst selbst vors Tribunal schleppen und aburteilen können. Aber jeder neue Prozeß beweist, daß nicht die leiseste Absicht besteht, in diesem Lande Recht zu schaffen. Liebknechts Mörder Runge befindet sich auf freiem Fuß. Der arme Mann ist krank. Herr v. Kessel, der Meineidige aus dem Marloh-Prozeß, ist, nachdem der Staatsanwalt wirklich 1 Jahr Gefängnis für ihn beantragt hat, ebenfalls krank geworden und befindet sich auf freiem Fuß. Die Schandurteile gegen Revolutionäre aber hören nicht auf. Dabei soll das Ausland Zutrauen zur deutschen Justiz kriegen, zumal auch die kompromittierendsten und ihren Charakter enthüllendsten Aufklärungen der Leiter des Landes sich täglich häufen. Die Schweinereien der Parvus und Sklarz, bei denen kaum einer der führenden Sozi mit sauberen Beinkleidern dasteht, werden durch den nach Erzbergers Heilung wieder aufgenommenen Prozeß gegen Helfferich reizend ergänzt. Wobei anscheinend kein Deutscher etwas findet – die Zeitungen regen sich wenigstens nicht im geringsten darüber auf. Erzberger gibt selbst zu, daß die Friedensresolution vom Juli 1917, die doch die veränderte Sinnesart der Deutschen der ganzen Welt sinnfällig vor Augen führen sollte, ein bösartiger Betrug war. Er hat damals gleich den Industriellen, die in Sorge gerieten, die beruhigende Erklärung abgegeben, daß sein Verzicht auf Annexionen und Kontributionen den Erwerb von Longwy und Briey nicht berühre. Dieser Raub und ebenso die Einverleibung etlicher östlicher Gegenden könne unter dem Namen „Grenzregulierungen“ sehr gut vorgenommen werden. Selbst wenn der Mann keine eigenen Gewinne dadurch erzielen wollte, wessen ihn Helfferich bezichtigt, so sollte doch schon dieses Eingeständnis ihn der Verachtung der Welt preisgeben. Allerdings hat er ja auch schon den Brest-Litowsker „Frieden“ als völlig vereinbar mit der Friedensresolution bezeichnet. Und der Mann ist bei uns Minister, ja war Friedensunterhändler mit der Entente, und gilt in diesem Lande als dermaßen revolutionär, daß die Konservativen auf ihn schießen! – Aber der „Vorwärts“ begreift es nicht, daß die bösen Franzosen immer noch kein Vertrauen zu unsrer Regierung fassen können. – Ich habe mir überlegt, wie wir uns in der Frage verhalten müßten, ob Hindenburg und seine Komplizen auszuliefern wären. Ich würde, wenn ich jetzt plötzlich an die Spitze getragen würde, zunächst die ganze Bande festsetzen, dann die Proletariate um ihr Urteil fragen, ob sie unsern Revolutionstribunalen die Prozessierung anvertrauen oder ihren Teil an der Rache beitragen wollten. Ich bin überzeugt, die ganze Welt wäre von der Objektivität unsrer Gerichte überzeugt, und die Revolutionäre aller Länder würden an den Kriegsverbrechern des eignen Landes genügend zu tun finden, um sich die Mühe der Teilnahme an unsern Gerichten zu ersparen. Herr Auer hatte übrigens mit einer heroischen Geste im Gegensatz zu den übrigen Vaterlandshelden, die sich heftig weigern, ihre Schandtaten vor Feinden zu verantworten, erklärt, er werde sich freiwillig stellen, allerdings erst, wenn seine Kollegen es ebenfalls täten und wenn seine Gesundheit es gestattete. Gottseidank braucht er die Lindnerschen Wundenmale nun trotzdem nicht noch jahrelang durch Kliniken schleppen. Wenn nämlich der „Vorwärts“ recht berichtet ist, ist auf der Liste nicht er gemeint, sondern ein Major des gleichen Namens. Auffällig ist immerhin, daß man gleich genau wußte, aus welchen Anlässen ihm der Prozeß gemacht werden sollte, und daß wir schon vorher erfuhren, daß sein Name auf der Liste prange. Wir wollen also mal abwarten, ob ers nicht doch ist. Noch ein Patriot hat sich gefunden, der sich opfern möchte: der deutsche Kronprinz. Er hat an alle Ententeregierungen ein Schreiben gerichtet mit dem Anerbieten, man möchte statt der 900 Sünder, die nur ihre Pflicht getan hätten, blos ihn nehmen. Alldeutschland ist begeistert. Jedoch es ist auch hier anders gekommen. Abgesehn davon, daß die Entente sich auf den Vorschlag selbstverständlich nie eingelassen hätte, hat der kühne junge Mann sich einen Rüffel zugezogen, und zwar von seinem Herrn Papa – und dem muß gehorcht werden. Deutschland hat also entschieden Pech mit seinen Helden. Und nirgendwo blüht ihm im Unglück ein Trost. Zu allem Schmerz hat jetzt auch noch das Plebiszit in der ersten Zone Nordschleswigs stattgefunden – und siehe: von Hadersleben bis Tondern hat man der Heimat, an die man sich seit 1864 unter Bismarck und Köller und unter den väterlichen Bemühungen der Nordmarkgermanisatoren doch hätte gewöhnen können, mit schnödem Undank den Rücken gekehrt. Der preußische Ministerpräsident Paul Hirsch aber reist im Rheinland umher und beweist den Einwohnern dort mit schönen Reden, daß sie nur unter Preußens Obhut glücklich werden können. Die Valuta sinkt indessen ins Unergründliche, die Lebensmittelpreise aber steigen und mit ihnen meine Hoffnung und meine Zuversicht.

 

Ansbach, Sonntag, d. 15. Februar 1920.

Noch immer nichts Neues. Wir sitzen da und warten, erfahren aber nicht, was Herr Dr. Müller-Meiningen über uns beschlossen hat. Es ist recht trübe. Immerhin scheint kein Grund zu bestehn, die nach Niederschönenfeld transportierten Genossen zu beneiden. Da Vollmann verreist ist – wahrscheinlich wegen seiner bevorstehenden Berufung zu seinen alten Schutzbefohlenen als Zensor – erhielten wir gestern die Neue Zeitung ausgeliefert, die einen Brief von Klingelhöfer an seine Frau abdruckt über die Verhältnisse in Niederschönenfeld. Danach waren unsre Zweifel an der Aufrichtigkeit der Versprechungen der Herrn Müller und Kühlewein (der Niekisch gegenüber die schönsten Zusagen gegeben hat) mehr als begründet. Jedesmal, wenn man glaubt, ärger könne es nicht mehr kommen, belehren einen die edeln Herren eines Besseren. Der Inhalt des Briefs ist so skandalös, daß man sich an den Kopf faßt. Äußerst merkwürdig ist nur, daß der Brief – was ausdrücklich hervorgehoben ist – durch die Zensur gegangen ist. Der Zensor hat Klingelhöfer erklärt, daß er angesichts der reinen Wahrhaftigkeit seiner Mitteilungen keinen Anlaß zum Einschreiten habe. Dieser Rest von Freiheit wird ja aber von selbst aufhören, wenn unser Schnösel dort als Begutachter der Correspondenzen eingetroffen sein wird. Nach dem Bericht ist dort alles schlechter: das Essen jämmerlich, die Zellen klein und ohne die nötigste Einrichtung, die Betten, da die Anstalt als Gefängnis für Jugendliche gebaut ist – es sind auch noch an 100 jugendliche Gefangene drinnen – zu schmal und zu kurz, der Gemeinschaftsräume zu wenige und zu eng. Bei der Einlieferung mußten sich die Genossen die gründlichste Durchsuchung aller ihrer Effekten gefallen lassen. Man verlangte sogar, daß sie sich nackt ausziehn sollten. Ihre Weigerung hatte Erfolg. Bedacht aber tat’s und wurde sogar im After untersucht. Das Personal ist mit Gummiknüppeln und Gewehren bewaffnet. Und das Tollste ist – nach den Versprechungen, die Schollenbruch und Niekisch gemacht wurden – die Behandlung der Besuche. Nur dreimal wöchentlich dürfen Besuche überhaupt empfangen werden – und zwar einen Tag um den andern, sodaß dies Vergnügen künstlich unsinnig verteuert wird. Da die Stadt (Rain am Lech) dreiviertel Stunden entfernt liegt, müssen die Gäste ohnehin per Fuhrwerk kommen, da sie doch meist schweres Gepäck mitbringen. Dann werden sie einer Körperdurchsuchung unterzogen – Frauen werden abgetastet und ihnen sogar unter die Haare gegriffen. Als Besuchsraum dient eine kleine mit Tisch und 2 Stühlen ausgestattete Zelle, die durch eine Fensterluke ständig kontrolliert wird. Und in dem Stil gehts weiter. Ich kann also vielleicht froh sein, daß ich zunächst hier bleibe. Zenzl möchte ich diesen Demütigungen nicht aussetzen. Vielleicht komme ich woanders hin oder nach Ablauf der 2 Monate haben die Proteste, die dagegen natürlich mächtig einsetzen werden, schon genützt. Ob das allerdings der Fall sein wird, solange Ehren-Müller Leiter der baierischen Justiz ist, bezweifle ich. Doch wird er das jawohl einmal nicht mehr sein. – Seit Zenzls Hiersein quält mich eine Sorge, über die ich mir bisher wenig Gedanken gemacht hatte. Unsre Wohnung hatte natürlich durch den Vandalismus der Weißgardisten allerlei Schaden genommen. Genaue Mitteilungen über das, was vernichtet oder gestohlen ist, hatte mir Zenzl nie gemacht. Mich beruhigte ihre Versicherung, daß meine Bücher intakt und daß die Tagebücher gerettet sind. Jetzt fragte ich sie nach den Briefen, die ich im Laufe der vielen Jahre gesammelt hatte. Darauf hat sie mir die Antwort verweigert mit der Begründung, mir das Herz nicht schwer machen zu wollen. Das war deutlich genug. Ich muß nun also wohl mit dem Verlust gradezu unermeßlicher geistiger Werte rechnen. Die Briefe von Scheerbart, Wedekind, Landauer und den zahllosen geistigen Führern unsrer Zeit, die teilweise als Beiträge zur Kulturgeschichte absolut unersetzlich sind – ganz abgesehn von denen, die ihres besonderen Inhalts wegen für mich persönlich ein Stück meines Lebens darstellen – die von C. G. v. Maaßen, von Jenny, von Johannes Nohl, von Zenzl: alles beim Teufel. Sehr schmerzt mich der Gedanke, daß die Akten der „Vaterlands“-Gründung mit Scheerbart weg sein sollen, mit Original-Manuskripten und -Zeichnungen von ihm, lauter Dinge, die ich später mal in Druck geben wollte. Diese Verluste tun mir viel weher als die materiellen, mag auch ihr Wert, in Geldsummen ausgedrückt, später einmal Vermögen darstellen. Das Pack, das diesen Raub begangen hat – ohne selbst den geringsten Nutzen davon zu haben – aus bloßer roher Freude an der Zerstörung dessen, was einem andern lieb ist – hat mir mehr als irdischen Besitz genommen, das hat mir ein Stück Seele amputiert. Natürlich sinds verführte Esel gewesen, aber sie haben sich doch dazu verführen lassen, Schurken zu werden. Bei den Papieren, die sie vernichtet haben, war auch mein Testament. Das zeigt, daß nicht nur Narrheit am Werk war, sondern bewußte Bosheit, denn etwas abscheulicheres als die Absicht, einem Toten – die Leute glaubten mich doch tot oder hatten wenigstens fest im Sinn, mich zu ermorden, die Erfüllung seines letzten Willens zu hintertreiben, kann meine Phantasie nicht mehr ausdenken. Gewiß: es ist wunderbar genug, daß ich über all das Unheil mein Leben hinübergerettet habe, daß auch meine herrliche Zenzl lebt, und mein Dank an das Schicksal sollte ohne Grenzen sein, da ich reicher an Freundschaft und Liebe bin als selbst bevorzugte Günstlinge des Glücks. Aber wenn ich über manche Erlebnisse und Verluste heiteren Herzens hinwegkomme, ohne den Verstand zu verlieren und Tränen der wildesten Verzweiflung zu weinen, dann hilft mir dazu doch nur der tiefe Glaube an meine Mission, der Menschheit zu dienen und am Kampf für das Glück und die Freiheit der künftigen Generationen nützlich teilzunehmen.

 

Ansbach, Montag, d. 16. Februar 1920.

Abschrift (aus einem Brief an Jenny): „... Ich habe berechtigte Hoffnung, daß mir Selbstbeschäftigung bewilligt wird und die will ich benutzen, um einmal meine persönliche Auffassung über die Möglichkeiten einer Verständigung der verschiedenen kommunistischen Richtungen in Broschüren- oder Buchform zu entwickeln. Als Titel denke ich mir: „Die Einigung des revolutionären Proletariats im Kommunismus“ mit der unmißverständlichen Widmung an Lenin. Die unmögliche, philiströse und rückständig-doktrinäre Haltung der KPD-Zentrale ist nach meiner Meinung die schlimmste Gefahr, die der deutschen Revolutionsbewegung überhaupt erwachsen konnte. Mit dem modernisierten Erfurter Programm Paul Levis, das von fern nach Rechtsanwalts-Kanzlei riecht, wird die ganze Arbeit, die wir seit November 18 geleistet haben, entwertet und zurückgeworfen. Die ganze Politik dieser Herrschaften um Levi und Klara Zetkin läuft auf eine Fusion mit der USP hinaus – und was die uns schon verpatzt hat, ist überhaupt nicht zu ermessen. Unsre ganze baierische Aktion wäre anders verlaufen, wenn nicht gleich nach Eisners Tod, als ich vom Rätekongreß die Proklamation der Räterepublik verlangte – damals war der gegebene Moment dazu, 6 Wochen später der ungeeignetste, – die Herren Kautsky, Haase und Barth nach München gekommen wären und das scheußliche Nürnberger Kompromiß geschoben hätten, dessen Gefahren ich sofort erkannte und das durch die Verfälschungen, die dann daran vorgenommen wurden, das ganze Unheil heraufbeschworen hat. Jetzt sehe ich die offiziellen Kommunisten dieselbe Rutschbahn hinunterkollern: Wählerei, Gewerkschaftspolitik, Kapitulation vor dem Betriebsrätegesetz – mit einem Wort „Realpolitik“, die noch nie etwas anderes bedeutet hat als Aufopferung der Zukunft für die Gegenwart. Woran mir liegt, ist das zu schaffen, was ich seinerzeit mit meinem Beitritt zur KPD beabsichtigte: eine breite organisatorische Basis, auf der sich gleichgerichtete Energieen unbeschadet akademischer Differenzen finden können. Der in München wirkende „Verein kommunistischer Sozialisten“ erstrebt offenbar ähnliches, läßt aber die Konsequenz vermissen, die die entschiedenste Schranke nach rechts hin erfordert. Das Bekenntnis zum Kommunistischen Manifest hilft garnichts: das kann ich von jedem Mehrheitsminister haben „wie ich es auffasse“. Die Basis ist das klare, eindeutige Anerkennen der III. Internationale ohne ledebourgeoise Verkrümmungen. Du wirst Sinowjeffs offenen Brief kennen, der mit der Aufforderung beginnt, Syndikalisten und Anarchisten tolerant aufzunehmen, soweit sie die proletarische Diktatur im Räteorganismus gutheißen. Da will ich einsetzen und an der Hand von Bakunin beweisen, wie rückhaltlos sich dessen Schüler Lenin anschließen können. Dazu werde ich allerdings nach beinah allen Seiten um mich schlagen müssen: die Leviten werden Zähne spucken und erst recht die gewisse Sorte von reaktionären Anarchisten (man sollte meinen, das wäre eine contradictio in adjecto, aber diese merkwürdige Zeit produziert die seltsamsten Bastarde), die leider jetzt die ganze antiautoritäre Presse in der Hand haben. Pierre Ramus (Rud. Grossmann-Wien) behandelt mich wie einen Abtrünnigen, weil ich mirs mit den bloßen Redensarten von Herrschaftslosigkeit und Anarchie nicht genug sein lasse und das erstrebte Ziel nicht als Werkzeug, es zu erreichen, gelten lassen kann. Ich kann mich aber auch nicht mit der Laufenberg-Wolffheim-Richtung identifizieren. So demagogisch ich den Vorwurf des „nationalen Bolschewismus“ gegen sie finde (Struthahn), so wenig wollen mir die Konsequenzen gefallen, die die Hamburger aus ihrer zweifellos sehr geistreichen und weitsichtigen weltpolitischen Diagnose ziehn (Du wirst ihr Manifest kennen). Ich halte den Gedanken eines deutsch-russischen Angriffskriegs gegen den westdemokratischen Imperialismus deswegen für ganz verfehlt, weil er das psychologische Moment der revolutionären Infizierung besonders des französischen Proletariats außer Acht läßt. Die „Sieger“ reiten der Katastrophe mit derselben Sicherheit entgegen wie die Besiegten. Ein Angriffskrieg unter Proklamierung des von Laufenberg empfohlenen „revolutionären Burgfriedens“, also mit deutschnationalistischer Beteiligung, müßte nach den Erfahrungen von 1914 ff die westlichen Proletariate kopfscheu machen und hätte intra muros et extra die der beabsichtigten entgegengesetzte Wirkung. An die Verwendung hohenzollerischer Offiziere für unsre Zwecke kann erst gedacht werden, wenn wir die Macht so fest haben wie die Genossen in Rußland. Die können sich’s jetzt leisten, zaristische Generale ohne Rücksicht auf ihre Gesinnung einzustellen. Aber die Macht erst mit ihrer Hilfe erkämpfen zu wollen, hieße doch einem Delinquenten das Henkerbeil ausliefern, damit er sein eignes Schaffot zimmern soll. – Die Idee der Hamburger, die Arbeiter in einer Union zusammenzufassen, ist im Prinzip gut, verliert aber an Wert durch das ängstliche Geschrei, damit wolle man um Gotteswillen keinen Syndikalismus großziehn, wie denn unter den deutschen Revolutionären der Name Syndikalist überhaupt als eine Art Schimpfwort gilt. Daß ich auch mit dem Syndikalismus nicht durch Dick und Dünn gehe, weißt Du aus meinen früheren Briefen. Du siehst also, daß ich einigen will, indem ich alle Götzen entzweischmeiße: und ich bin Optimist genug, trotzdem an den Erfolg zu glauben. Ich kenne die Massen: sie wollen keine Theorieen, sondern resolut Greifbares ...“

 

Ansbach, Mittwoch, d. 18. Februar 1920.

Aschermittwoch, wie mir grade einfällt. Und dabei fällt mir noch etwas ein, was mir Zenzl hier erzählt hat: daß die ganze Münchner Künstlerschaft in diesem Jahre auf alle Faschingsfeste verzichtet hat zum Protest gegen die Schandwirtschaft im Lande. Also ist doch noch Kulturgefühl da – und die Künstler sind nicht das Geschmeiß wie die Studenten. Es gibt sogar Beispiele von prachtvollem Rebellengeist bei einzelnen starken Künstlernaturen. Da ist Julius Hüther – ein Maler, der neuerdings ehrenvoll genannt wird und der mir hierher schon mehrfach Pakete geschickt hat – er und seine Frau schlossen nach der Katastrophe aus Sympathie für die Revolution Freundschaft mit Zenzl und bewohnten dann auch, während sie in Konstanz war, unsre Wohnung –, dem man Weisgerbers Posten als Leiter der Frauenmalschule anbot. Er gab aus Italien die Antwort, daß er ablehne: es sei ihm unmöglich, in einer Stadt zu malen, an deren Mauern noch das Blut der Besten des Volks klebe. Man braucht also nicht zu verzagen. Der Geist, der aus dieser Antwort spricht, hat kräftigeres Leben als der, der mit Mord und allem Verbrechen die Bankrenten schützt. Zur Zeit freilich sieht es noch trübe genug aus in diesem Lande. Vor einigen Tagen wurde in Falkenhausen bei Plauen im Vogtland schon wieder eine der Schandtaten verübt, die seit dem Tode Liebknechts und Rosa Luxemburgs in Deutschland an der Tagesordnung sind. Ein Genosse, der Kommunist Hölzl, wurde verhaftet und dabei ermordet. Der Bericht, den die sozialdemokratische Regierung darüber ausgibt, behauptet natürlich, daß er bei einem Versuch der Masse, ihn zu befreien, erschossen worden sei. Das kennt man nachgrade. Ein volles Jahr hindurch ist jetzt diese Methode im Schwange (Herrgott, jetzt grade ist für mich fast jeder Tag lebendige Erinnerung: am 16. die Demonstration, heut vor einem Jahr mein letztes, heftiges Rencontre mit Eisner im Rätekongreß – am 19. fuhr ich mit Mila nach Mannheim, und am 21. Februar wurde er ermordet). Noch ist also nirgends Besserung. Die Reaktion tobt, besonders in Ungarn, ganz schauerlich. Aber bei uns ist eben auch der Fall Hölzl noch möglich, und auch in München, wie das Schandurteil gegen Römer zeigt, hat sich noch nichts gebessert. In Berlin ist Noske unermüdlich am Werk, die syndikalistischen Genossen Kater und Rocker sind verhaftet. Die Presse der Kommunisten und selbst der Unabhängigen wird unter dem Schutz des Belagerungszustands zu Grunde beaufsichtigt – und nun schnappen die Herrschaften von der Auslieferungsangst ein wenig Luft. Die Entente hat sich tatsächlich auf den deutschen Vorschlag vom 25. Januar, die Herren Kriegsverbrecher selbst in Leipzig abzuurteilen, eingelassen. Man hat also für den ersten Augenblick Ruhe. Aber Lloyd George, der die Antwortnote verfaßt hat, ist so boshaft, ein Entgegenkommen zu beweisen, das noch weit über das deutsche Angebot hinausgeht. Die deutschen Richter sollen ohne die zugestandene Beteiligung von Ententeorganen urteilen. Wenn aber die Sprüche dann der Entente nicht genügen, behält sie sich weitere Entschlüsse vor. Sie stellt alle Zeugnisse und alles Beweismaterial dem deutschen Gericht zu, nicht ohne es vorher der Öffentlichkeit mitgeteilt zu haben. Damit schneidet sie die Möglichkeit ab, den beklagten Helden wie in den Prozessen der Marloh, Pflugk-Harttung etc. durch Ablehnung wichtiger Zeugnisse Hintertürchen zu öffnen. Ich sehe diese Lösung der Frage garnicht ungern. Mit dem Entrüstungsgeschrei, das in diesen Wochen durchs Land gelärmt hat, ist, da man ja die jetzige Methode selbst angeboten hat, kein Geschäft mehr zu machen. Die Alldeutschen werden aber ihre Heroen trotzdem zu schützen versuchen, und so wird der Konflikt, dem die Regierung durch ihre Solidaritätsbekundungen für die Verbrecher bisher ausweichen konnte, trotzdem kommen. Jeder Prozeß wird neuen Stank aufrühren. Zwar wird man versuchen, alle wirklich bedenklichen Angelegenheiten nach Möglichkeit zu verschleppen, aber die Entente wird kaum lange zusehn, wenn Kniffe angewendet werden, und so können wir uns auf heitere Dinge gefaßt machen. Harden, der Beziehungen zu maßgebenden Ententestellen zu haben scheint, macht schon in der letzten Nummer der „Zukunft“ darauf aufmerksam, daß die Alliierten bis jetzt überhaupt nur die Liste der Beschuldigten mitgeteilt und die Auslieferung noch in keiner Form verlangt hätten. Der ganze Spektakel war also Theater, und er hatte keinen Zweifel, daß man sich auf den Vorschlag, die Sache vor dem Reichsgericht abzumachen, einlassen werde. Daß man den albernen Rummel jetzt blos auf ein andres Thema überlenken wird ist ganz sicher. Sobald man den „Feinden“ draußen keine Niedertracht mehr vorschmeißen kann, könnte das Volk doch sein Interesse dem Gestank im eignen Hause zuwenden. Und dann – es ist begreiflich, daß das Gewissen der Herren Ebert und Komplizen diesen Moment fürchtet. Früher oder später: der Tag der Abrechnung kommt, und wehe denen, die ihn zu scheuen haben!

 

Ansbach, Donnerstag, d. 19. Februar 1920

Abschrift: „An den Kurt Wolff-Verlag, München. Sehr geehrter Herr! Heute ist mir der Bescheid zugegangen, daß gemäß Min.-Entschl. vom 5. 2. 20. Nr. 4541 die beiden letzten Korrekturbogen des Gedichtbuchs zu den Akten genommen wurden. Damit tritt die Angelegenheit in das Stadium ein, das die Einleitung juristischer Maßnahmen möglich macht. Es ist im höchsten Maße wahrscheinlich, daß neben den Korrekturabzügen auch die Beilagen beschlagnahmt sind. Unter ihnen befand sich ein Teil des handschriftlichen Manuskripts, das laut Verlagskontrakt Ihnen gehört. Das gesamte Manuskript stellt einen einheitlichen Vermögenswert da, dessen Höhe von Experten abgeschätzt werden kann. Es wäre dabei natürlich sein mit den Jahren steigender und nach meinem Tode erst endgiltiger Wert in Anrechnung zu bringen. Die Tatsache, daß das Eigentumsrecht am Manuskript Ihnen im Vertrag ausdrücklich gesichert ist, beweist, daß der Kapitalscharakter der Handschrift von vornherein feststand, daß sich also die durch den Eingriff entstandene Schädigung nicht erst aus Konstruktionen ex post ergibt. Da ich den höchsten Wert darauf lege, meine Vertragspflicht einwandfrei zu erfüllen, da ich dasselbe doch auch von Ihnen beanspruche, da mir hingegen rebus sic stantibus die Rechtswege stark verbaut sind, bitte ich Sie, unter Inanspruchnahme des Schutzverbands Deutscher Schriftsteller und der Verlagsbuchhändler-Organisation die Frage zu prinzipieller Entscheidung zu führen, ob der Strafvollzug gegen bairische Festungshäftlinge schädigend in den Bereich der Vermögensrechte dritter Personen eingreifen darf, und sich keinesfalls stillschweigend mit dem Zugriff der Justizbehörde abzufinden. Es handelt sich hier durchaus nicht nur um den konkreten Fall, sondern um die vitalsten Interessen der geistigen Berufe überhaupt. Da die fraglichen Manuskriptseiten bereits zweimal dieselbe Zensurstelle passiert hatten, die beim dritten Mal die Hand darauf legte, kann ja das Erscheinen des Buchs glücklicherweise nicht mehr verhindert werden: Aber die Angelegenheit scheint mir grundsätzlich von so eminenter Wichtigkeit, daß ich bestimmt hoffe, daß alle in Frage kommenden Interessenten aufgerüttelt werden. – Mein Freund und Schicksalsgefährte Rudolf Hartig schrieb mir, daß er Ihnen sein Gedichtbuch „Gerechtigkeit“ zum Verlage angeboten habe. Ich möchte nicht verfehlen, Ihnen die Lektüre seiner Verse angelegentlich zu empfehlen. Ich halte H. für einen der begabtesten und dabei menschlich reinsten unter den Lyrikern der jüngsten Generation. Als Mitarbeiter ziemlich aller modernen Literaturblätter und zugleich etlicher revolutionärer Zeitschriften (z. B. Neue Zeitung – München) werden die Gedichte sowohl bei literarisch Interessierten als auch in reiferen Arbeiterkreisen Aufmerksamkeit finden. Ich glaube also, daß ihnen ein buchhändlerischer Erfolg nicht versagt sein wird. Mit verbindlichen Grüßen bin ich Ihr sehr ergebener Erich Mühsam.

 

Dieser Brief soll nun also morgen früh weg. Die zitierte Mitteilung war der erste liebe Gruß, den ich von dem wieder zu uns zurückgekehrten Schnösel erhielt. Während der Zeit seiner Abwesenheit ist uns kein einlaufender oder abgehender Brief und keine Zeitung festgehalten worden. Herr Helmes hat bis jetzt nichts gegen uns unternommen, worüber wir zu klagen hätten. Dabei standen Notizen in den Blättern, die wir während Vollmanns Zensortätigkeit nie und nimmer zu sehn gekriegt hätten. Klingelhöfers Brief z. B., dem ein ausgezeichneter juristischer Artikel über die Ungesetzlichkeit des Müllerschen Festungsvollzugs folgte und jetzt im „Syndikalist“ die Mitteilung daß man jetzt in Baiern ein Gefängnis nicht mehr Gefängnis nennen darf, sondern Festung schreiben muß und meine Tragödie mit dem Gedichtbuch (von Leon Hirsch mitgeteilt). Auch Briefe sind durchgegangen, deren Inhalt dem Schnösel die Haare hochgesträubt hätte. Jetzt werden die Konfiskationen also wieder liebe Übung werden. Ich wollt, ich säß erst unten im Kittchen und hätt mit dem Männchen, dessen Versetzung nach Niederschönenfeld bevorsteht – er muß also von seinem Meister Müller das Zeugnis des Tüchtigsten von allen Zensoren bekommen haben – nichts mehr zu tun. – Vor dem Schlafengehn nur noch eine Kleinigkeit zur Charakteristik des Herrn Justizministers selbst. Von Schollenbruch erhielt ich heute als Anschrift an einen Brief Zenzls die kurze Mitteilung, daß ihn Müller noch einmal empfangen habe. Näheres über diesen Besuch werde er mir dieser Tage schreiben. Vorerst gibt er nur diese kurze Meldung: „Er (M.) will jetzt keine Milderungen mehr, keine Vermittlung mehr meinerseits. Seine Geduld sei zu Ende.“ Und der gute Doktor fügt dem die kurze Bemerkung bei: „Habeat sibi! Seine Zeit ist bald zu Ende. Der Osten wird bald diktieren und unsre Fesseln sprengen.“ Wir haben also alle sehr klug getan, daß wir den Versprechungen des biederen Rechtslenkers von Anfang an nicht geglaubt haben. Mir tut blos der arme Schollenbruch leid, dessen Herz so voll gütiger Hoffnung war, und der so froh war, uns geholfen zu haben. Was eigentlich die Geduld des Ehrenmannes zur Erschöpfung gebracht hat, ist unklar. Wahrscheinlich wohl, daß die Wahrheit über die Niederschönenfelder Herrlichkeit öffentlich geworden ist. Jedenfalls haben wir eine Lehre mehr, was man politischen Gegnern, wenn sie wehrlos preisgegeben sind, bieten darf. Eines Tages – und der ist vielleicht nicht mehr gar so fern, denn schon hat auch Lettland Waffenstillstand mit Sovjetrußland geschlossen und der „Vorwärts“ sieht keinen Ausweg mehr als Handelsbeziehungen mit Rußland – eines Tages werden wir wohl mal mit Herrn Müller abrechnen können. Seine Ehre freilich darf man nicht anzweifeln. Die ist trotz Menschenschinderei, trotz behendester Umlernefähigkeit nach der Konjunktur, trotz Wortbruchs und Rechtsbeugung in meinem letzten Prozeß gerichtsnotorisch geworden. Was ich daran verletzt hatte, werde ich selbst in 2 Monaten Kerkerhaft wieder heil machen. Fiat justitia!

 

Ansbach, Sonntag, d. 22. Februar 1920.

Kain ist jetzt 14 Tage fort, und wir drei Überdauernden sitzen immer noch hier und warten der Dinge, die da kommen sollen. In den verwaisten Zellen werden unter Gehämmer, das einem keinen Gedanken im Hirn aufkommen läßt, die Einrichtungsgegenstände abmontiert und an allen unsern Kleiderschränken kleben schon Zettel mit der Niederschönenfelder Adresse. Das „schloßähnliche Haus mit Park“, das für dort in Aussicht gestellt war – Kain schrieb mir, daß er den Park nicht finden könne – wird „Festung“, indem die Ansbacher Gefängnisausstattung dorthin überführt wird. Sonst sind keine neuen Ereignisse von hier zu notieren. Nur eine Kleinigkeit: heute hat sich zum ersten Mal seit ihrer Anheftung ein Aufseher – und dabei der verträglichste, den wir hier haben – auf die „Tagesordnung“ berufen. Wir sangen nämlich zum offenen Fenster hinaus, was er uns untersagte, da es erstens nicht die Zeit war, die zum Singen freigegeben sei und zweitens der Gesang zum Fenster hinaus, noch dazu in zwei Stimmen (Grassls und meiner) unzulässig sei. Ich erklärte sofort, daß ich vom Erlaß irgendeiner Tagesordnung nichts wisse, da mich ein stillschweigend an die Wand gepappter Wisch Papier einen Dreck angehe. Der Gesang unterblieb dann trotzdem, da uns die Lust am Singen vergangen war. Interessant bei dieser Geschichte ist die Beobachtung, daß offenbar Dosch zum Eingreifen des Aufsehers Veranlassung gegeben hatte. Wir hatten bemerkt, daß er hinter seinem Fenster zuhörte, und ohne seine Mitteilung hätte der Aufseher garnicht wissen können, daß wir zum Fenster hinaussangen. Für die Charakteristik des Burschen immerhin ein neuer Beleg. – Morgen werden wohl die Zeitungen die Berichte über eine Versammlung enthalten, die im Münchner Kindl-Keller getagt hat und das Los der Festungsgefangenen, die Justizskandale der letzten Zeit und die Person Müller-Meiningens als Rechtsversorger Baierns zum Gegenstande hatte. Leider wird der Schnösel uns wohl „Kampf“ und „Neue Zeitung“ vorenthalten, aber die Münchner Neuesten Nachrichten und der Bayerische Kurier werden Hinweise bringen, die uns schon ein Bild geben werden. In letzter Zeit beschäftigt sich die baierische Öffentlichkeit überhaupt auffallend lebhaft mit uns, und der „Bayerische Kurier“ erklärte gestern die Frage der Amnestierung der politischen Gefangenen, gegen die er heftig opponierte, für das aktuellste Problem der baierischen Politik. Aus dem Artikel war zu entnehmen, daß die Sozialdemokratie und ihr Organ, die „Münchner Post“ neuerdings die Forderung der Freilassung der politischen Gefangenen und zwar ohne Ausnahme, erheben. Die Führer drinnen zu lassen, würde erst recht böses Blut machen. Ob das nur Wahlmache ist, um für den Fall, daß im Frühjahr der Reichstag neu gewählt werden soll, günstigere Stimmung für sich beim Proletariat zu machen, scheint mir zweifelhaft. Die Annahme, daß die Arbeiter den Leim nicht riechen sollten, oder darüber vergäßen, daß diese Verrätersippe uns doch erst in unsre Kerker hineingebracht hat, wäre doch zu naiv. Wahrscheinlicher ist, daß sich die etwas klareren Hirne nicht erst von den Russen zur Amnestie zwingen lassen möchten, da ja doch die Anbahnung von Beziehungen zur Sovjetrepublik langsam allgemein gewünscht wird. Da ist ein Artikel, den die Deutsche Zeitung, das Hauptorgan der Alldeutschen, dieser Tage brachte, höchst interessant. Diese Teutonen, deren Bolschewistenhetze bis jetzt Katechismus war, blasen plötzlich ins Horn der Verständigung und gar eines Bündnisses mit Rußland gegen England. Laufenbergs abenteuerliche Idee des „revolutionären Burgfriedens“, am andern Ende gepackt. Vielleicht handelt sichs um eine Entgleisung eines einzelnen alldeutschen Redakteurs. Aber daß überhaupt schon ein alldeutscher Redakteur solchen Gedanken fassen kann, beweist genug. Wir werden womöglich wieder wie bei den Schachereien Kühlmanns in Brest-Litowsk eine moralische Hausse des Bolschewismus in den Zeitungen erleben, um den furor teutonicus gegen den Westen zu erhitzen. Die tapferen Ansbacher Ulanen plärrten schon gestern durch die Straßen: Siegreich wolln wir Frankreich schlagen! – Die Menschen haben also von der Sorte in 5 Jahren noch nicht genug bekommen. Trotz aller reaktionären Gewaltpolitik, die ungeschwächt am Werk ist, scheint der Gedanke, daß die Freiheit schon am Kerkertor steht, nicht utopisch zu sein. Aber bei allem Heimweh, das ich oft genug fühle, – mein Wunsch wäre die Amnestierung jetzt durchaus nicht. Was täte ich jetzt draußen? Ich könnte mich in München wahrscheinlich nicht einen Tag ohne schwerste Lebensgefahr aufhalten. Es wäre ein dauerndes Versteckspiel vor Spitzeleien und Polizeischikanen. Die öffentliche Agitation in Versammlungen oder in Proklamationen würde sicher verhindert. Ich würde also wahrscheinlich entweder irgendwo weit vom Schuß privatisieren müssen, was ich einfach nicht aushielte oder ins Ausland gehn – jedenfalls zu Nexö – der jetzt in Baiern ist – nach Dänemark. Wüßte ich, daß ich von dort aus Gelegenheit fände, nach Rußland zu kommen, wär’s recht. Dann könnte ich natürlich nützlich arbeiten. Aber, wenn ich nicht durch Gnade herauskäme, sondern durch den eingestandenen Druck der Verhältnisse, wenn also die baierische Amnestie auch nicht dem Schein nach die Macht der Staatsbanditen ungeschwächt läßt, wäre die Lage in jeder Beziehung besser. Ich will gern noch ein paar Monate länger gefangen sitzen, wenn die Freilassung nachher revolutionär nützlicher wäre. Das Proletariat erwartet von uns die Organisierung der neuen Revolution. Müssen wir es enttäuschen, dann kann das zur unheilbaren Depression der Massen führen. Daher wünsche ich erst in dem Moment frei zu werden, der das Eingreifen in die Dinge unmittelbar möglich macht. Inzwischen mag mit unsrer Knebelung der Zorn des Volks geschürt werden. Je reifer die Frucht sein wird, umso besser wird sie schmecken.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 25. Februar 1920.

Heute hat sich der Schnösel von uns drei letzten Ansbachern verabschiedet, um seine glorreiche Tätigkeit in Niederschönenfeld wieder aufzunehmen. Wie er uns selbst erzählte, ist von dort beim Justizministerium ein energischer Protest gegen seine Zensorschaft eingelegt worden. Wie er mit feixender Unverfrorenheit selbst meinte, sei grade dieser Protest der Genossen entscheidend gewesen für seine Berufung. Hätte man, erklärte er uns, sein Erscheinen inbrünstig verlangt, so hätte wohl ein andrer den Posten bekommen. – Ich lag noch im Bett, als der Oberaufseher kam und mir mitteilte, daß der Herr Staatsanwalt oben sei und adjö sagen wolle. Ob er hereinkommen solle. Ich stand lieber auf und ging in Reicherts Zelle, wo sich auch Grassl eingefunden hatte und Vollmann verlegen grinsend herumstand. Guten Tag! Sehr kühl beiderseits. Ich hörte erst zu, was die andern sagten. Das Gespräch wurde in freundlichsten Formen geführt und ich merkte, daß Grassl ein wenig zu weit in gute Erziehung zurückfiel und dem Mann sozusagen einen guten Abgang ermöglichte, indem er die Schwierigkeit seiner Stellung als bloßes Organ höherer Stellen zugab. Ich griff darum gleich ziemlich brutal in die Unterhaltung ein, ohne Grobheit, aber mit aller Deutlichkeit, sprach aus, daß ich die Unterscheidung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen nicht machen könne. Nachdem man eine Dame, die während der Kriegszeit mal ein paar Diktate für mich geschrieben habe, als meine Sekretärin wochenlang eingesperrt hat (die gute Frau Sack) könne ich nicht einsehn, warum wir einmal anders vorgehn sollten. Wir kamen auf die Zustände im allgemeinen zu sprechen, auf die ungeheuerlichen Rechtsbrüche in der deutschen und baierischen Justizpflege und insbesondere auf die schamlose Behandlung der Festungsgefangenen. Ohne den Vorwurf der Ehrlosigkeit gegen Müller-Meiningen zu wiederholen, sprach ich doch von Rechtsbeugungen, brutaler Willkür und dergleichen und schenkte dem Bürschchen, das plötzlich sehr zahm war, garnichts. Seinen Versuch, sich mit seinen Vorschriften zu entschuldigen, wies ich schroff zurück, indem ich an den Assessor Wirthmann in Ebrach erinnerte, dem wir unsern Dank aussprechen konnten, da seine Hauptsorge nie gewesen sei, alle Paragraphen möglichst schikanös auszudeuten und anzuwenden. „Ihnen, Herr Dr. Vollmann, wird kein Gefangener danken mögen.“ Peinlich genug ist es dem Kerl gewesen, das sah man ihm deutlich an. Er versuchte auch, auf den Prozeß anzuspielen. Nur meine eigne Aufforderung hätte ihn dazu veranlaßt, Anzeige zu erstatten. Er hatte aber kein Glück mit dem Zurückzieher. Ich erwiderte ihm sofort: „Das nehme ich Ihnen auch nicht übel. Aber daß Sie Herrn Hagemeister denunziert haben, von dem Sie keine derartige Aufforderung als Vorwand hatten, das werde ich Ihnen nicht vergessen.“ Dadurch, daß ich so ein wenig Musik in die Unterhaltung gebracht hatte, kamen auch die beiden andern in Schwung. Auch Grassl ging zur Offensive über, wenn auch zurückhaltender, als ich gewünscht hatte, wogegen mein prächtiger Markus die ganz große Walze einlegte und mit gewaltigem Spektakel über den Vollzug unsrer Ehrenhaft herzog, wobei besonders der „Scheißkübel“, der infolge des Zellenverschlußes während der Nächte die Bude vollstinkt, eine große Rolle spielte. Paul und ich mußten den aufgeregten Jungen mehrfach beruhigen, er wäre sonst dem Schnösel womöglich an die Gurgel gefahren. Die Diskussion dauerte mindestens eine halbe Stunde, und der Mann war sicher heilfroh, als er die Tür wieder hinter sich zumachen konnte. Den Versuch, einem von uns zum Abschied etwa die Hand hinzustrecken, unterließ er zur Vorsicht und beschränkte sich auf eine Verbeugung. „Auf Wiedersehn in 2 Monaten!“ rief ich ihm ironisch nach. – Wann ich endlich ins untere Stockwerk hinunterkomme, weiß ich noch immer nicht. Wahrscheinlich, wenn die Prozeßakten von Leipzig eingetroffen sind, vielleicht muß ich aber auch abwarten, bis Paul Graßl seinen neuen Prozeß, der auf den 12. März verschoben ist, hinter sich hat, damit wir dann womöglich zu gleicher Zeit antreten. Aber ich sähe den Sinn davon nicht ein. – Über die politischen Vorgänge nächstens. Festhalten will ich heute blos zwei Vorfälle, die innerlich irgendwie zusammengehören. In einer Charlottenburger Versammlung des Bundes Neues Vaterland, wo Gerlach sprach, veranstalteten Reichswehrtruppen und Baltikumer, geführt von Offizieren, einen Skandal. Antisemitische Beschimpfungen, patriotische Lieder und endlich bewaffnete Angriffe mit Gummiknüppeln und Schlagringen. Der Versammlungsleiter, Dr. Gumbel, der mir jeden Monat ein Paket schickt, bekam eine Wunde ab, und Gerlach mußte vom Platz getragen werden. Der „Vorwärts“, der wegen der Wahlen jetzt in Opposition macht – wenn auch noch recht zurückhaltend – legte gewaltig los und verlangte, daß man die Baltikumtruppen, deren Amnestierung schon nicht zu rechtfertigen sei, nachdem sie der Regierung den Gehorsam verweigert und auf eigne Faust Krieg geführt hätten, in Konzentrationslager bringen müsse. Eine Zuschrift, die tags darauf erschien, zeigt, was die Bande schon wagen darf. Darin wird der Redaktion Prügel angedroht, und wenn sie die Zuschrift oder eine Bemerkung darüber abdruckte, noch mehr. Eine Äußerung in dem Wisch ist aber sehr interessant, die etwa so lautet: Ihr Noske ist ja in unsrer Hand und nur eine Puppe, der wir noch kurze Zeit erlauben, sozialistische Fratzen zu schneiden. Daß Noske wirklich nichts andres ist als der Schutzmann der Landsknechte, beweist er täglich. In einer Rede in Hamburg hat er jetzt erklärt: Er werde sich als Reichswehrminister befugt halten, den Eisenbahnern, wenn sie – ein paar tausend Mann – dem ganzen Volk von 60 Millionen mit einem Streik die Gurgel zuzudrücken versuchten, die Knochen entzweizuschlagen. Seine Zuhörer, 3000 Vertrauensmänner und „Betriebsräte“ der Mehrheitssozi klatschten ihm begeisterten Beifall. Deutschland nach der Revolution! – Der andre Fall betrifft meine süße, aufopfernde Freundin Erika Schollenbruch. Die hat bei einem Vortrag des Professors Max Weber in der Universität bei einer Stelle, wo dieser Nationalliberale wohl irgendwelchem Sozialismus ein Kompliment machte, ihrem Beifall Ausdruck gegeben. Was darauf folgte ist kaum zu fassen. Man meint, es könne unmöglich wahr sein – und doch ist es Wirklichkeit. Ein Korpsstudent hat das 17jährige, blendend schöne Mädchen von hinten her ins Gesicht geschlagen. Das ist Deutschlands Jugend! Das ist die Zukunft dieses armen Landes! Jede Ausmalung des Vorgangs in der Phantasie würde ihn abschwächen. Jede Bemerkung über den Täter und über die Horde von rüden Bengeln, die es geschehn ließen, ohne ihren Kommilitonen in Stücke zu reißen, die wohl noch ihr Einverständnis damit ausgedrückt haben, jede Charakteristik der jeunesse dorée, die mit ihren Hurras für die Kriegsverbrecher und für den Mörder Eisners und den Gymnasiasten, der mit seinem Revolver das Land von Erzberger befreien wollte, die Straßen füllen, die freudig bereit sind, jeden Arbeiter ins Jenseits zu befördern, sich aber, wenn das Proletariat stark ist, feige in ihren Korpshäusern verkriechen und sich „auf den Boden der Tatsachen stellen“ – jedes Wort über sie wäre Verschwendung. Deutschlands Entehrung ist vollkommen. In Rußland hat die akademische Jugend die Revolution getragen. Bei uns trägt sie sie zu Grabe – und schändet mit rohem Spott ihre Leiche. So steht der einst gefeierte deutsche Student heute da: ohne den Rest von sittlicher Würde, ohne einen Funken von Ehre und Gewissen – ein Bild des Ekels.

 

Ansbach, Sonntag, d. 29. Februar 1920.

Nachmittag. Ich bin aus dem Gemeinschaftsraum geflüchtet, um dem Gequassel und den Spruchreißereien des sogenannten „Hansels“ zu entgehn. Das ist der Mann, der von unten aus dem Gefängnis heraufdirigiert ist, um die groben Arbeiten für uns zu machen. Er gehört zu der Sorte Indifferenten, die im Proletariat die übelste Gruppe bilden. Wir haben ihn schwer im Verdacht, mit Dosch gegen uns zu konspirieren und ihm Material für seine Spitzeldienste zuzutragen. Dabei ist sein Markieren von Zugehörigkeit ganz unerträglich. Es ist fad genug hier zu dreien, und wenn auch Markus Reichert und Paul Grassl liebe Kerle sind, so geht man einander auf die Dauer doch auf die Nerven. Unser dauerndes Beieinandersein wird aber zur glatten Unerträglichkeit, wenn es von einem ohne Zweifel bestellten Fremden überwacht ist, dessen plumpe Vertraulichkeiten man doch nicht ohne Umstände abwimmeln kann. So sicher es uns ist, daß der Mann, der wegen Schleichhandels ein paar Monate abzumachen hat, ohne weiteres bereit wäre, uns für ein paar Zigaretten prompt an den Galgen zu liefern, so haben wir doch keine zuverlässigen Beweise für seine Spitzelei. So mimt er den Kommunisten, fläzt sich zu uns an den Tisch und verschandelt durch schlechtes Mitsingen unsre Lieder. – Ich hatte eigentlich die Absicht, mal die Typen der Ansbacher Genossen, womöglich auch der Niederschönenfelder Sezession, zu beschreiben. Aber dazu komme ich anscheinend nicht. Ich finde keine Zeit, obwohl ich tagaus tagein nicht zu tun habe. Gestern ist in diesem Jahr das erste Gedicht zur Welt gekommen. Vorher habe ich zum 50. Geburtstag Landauers (am 7. April) einen Aufsatz für Herzogs „Forum“ geschrieben. Das ist die ganze Ausbeute von 2 Monaten. Bei den zweistündigen Spaziergängen auf dem öden Hof laufe ich mit Grassl ununterbrochen auf und nieder, und die Dispute bewegen sich fast immer in den gleichen Bahnen. Paul ist ein prächtiger Mensch. Seine 25 Jahre haben ihn aber noch zu garkeiner Klarheit kommen lassen. Er schmeißt mit wissenschaftlichen Brocken um sich herum und ist sich selbst so enorm interessant und problematisch, daß sachliche Auseinandersetzungen mit ihm immer in Selbstsezierungen auslaufen. Dagegen ist der fanatische Reichert nicht weit genug in seinen Ideen, um irgendwelche Mannigfaltigkeit in den erörterten Thematen möglich zu machen. Aber ich freue mich täglich wieder an seinem Temperament und Idealismus. Sehr vermisse ich Kain, das war der produktivste Kopf, den ich bisher in meiner Festungsgesellschaft angetroffen habe. – Wie lange der Wartezustand hier oben noch dauern wird? Vorläufig hat sich nichts geändert, als daß der neue Staatsanwalt inzwischen auch schon Zeitungen beschlagnahmt und Briefe zu den Akten genommen hat. Ich habe gestern an ihn das Ersuchen stellen lassen, mich zu einer Unterredung zu empfangen. Ich möchte ihm den Vorschlag machen, mich die Strafe antreten zu lassen, ohne die Akten von Leipzig abzuwarten. Ob er sich drauf einlassen wird? Lieb wäre es mir, denn allmählich spüre ich meine mürben Nerven überall. Die Arbeit unten wird sie wieder beruhigen. Inzwischen steigen die Aussichten auf Erlösung sichtbar. Die Kindlkeller-Versammlung, die Freitag vor 8 Tagen stattfand, ist nach den Berichten glänzend verlaufen. Die Massen seien gegen Müller-Meiningen aufs höchste aufgebracht. Die Referate und Diskussionsreden über den Vollzug der Festungshaft müssen Ausbrüche der größten Wut hervorgebracht haben. Es wurden Resolutionen gefaßt, worin nicht nur Amnestie für alle Revolutionäre verlangt wird, sondern zugleich die Verbindung mit den Betriebsräten zum Zweck, diese Forderung durch den Generalstreik zu unterstützen, beschlossen wurde. Natürlich erwarte ich mir nichts Großartiges von der Wirkung, freue mich aber über das gute Symptom. Viel wichtiger ist die neue Pressekampagne aller Parteien für die sofortige Aufnahme der Wirtschaftsbeziehungen mit der Sovjetrepublik. England scheint ernstlich mit dem Gedanken umzugehn, Frieden zu schließen. Die Murmanküste und Archangelsk sind in den Händen unsrer Genossen, das bedeutet, daß das nördliche Rußland nun vollständig befreit ist, sodaß den imperialistischen Weststaaten für Kriegsaktionen keine Hoffnung mehr bleibt, umso weniger, als die bolschewistische Bewegung auch in ihren Ländern festen Fuß faßt und man in den eignen Proletariaten auf stärksten Widerstand bei der Fortsetzung der bisherigen Unterdrückungspolitik gegen Rußland rechnen muß. Der Generalstreik der französischen Eisenbahner ist Omen genug. Schon ist ein Delegierter Sovjet-Rußlands in Berlin und macht seinen bürgerlichen Intervieuwern mit der Aufzählung der Reichtümer, die Rußland sofort liefern könnte, immer längere Zähne. Mit der Bedingung, die an die Unterzeichnung eines Warenaustauschvertrags jedenfalls von Tschitscherin geknüpft werden wird, nämlich die Befreiung der politischen Gefangenen, hält Vigdor Kopp bis jetzt noch zurück, offenbar, um zunächst die Verhandlungen über die Rücksendung der Gefangenen zu Ende zu führen. Aber dann – man ruft zum Abendessen.

 

Ansbach, Montag, d. 1. März 1920

Wieder Nachmittag. Ich sitze in der ungeheizten Zelle und habe das Fenster dazu aufgemacht. Beim Hofspaziergang habe ich den Mantel angezogen, mich auf die Bank gesetzt und von der warmen Sonne bestrahlen lassen. Ein Frühlingstag. Doch ist mir die Frühlingslaune, leider vergangen. Ein Todesfall, den ich durch die Zeitung erfuhr, veranlaßt mich, das Tagebuch schon heute wieder vorzunehmen. Ludwig Rubiner ist in Berlin, 38 Jahre alt, gestorben. Zenzl erzählte mir schon von seiner schweren Krankheit: Lungenentzündung. Doch nahm ich die Sache nicht so schwer. Da die Wiederkehr der Grippe von allenthalben gemeldet wird, ist wohl auch dieses Opfer auf ihr Konto zu setzen. Die Nachricht bewegt mich stark, da Rubiner einer meiner ältesten Bekannten war, mit denen die Verbindung nie ganz abgerissen ist. 1903 inszenierten wir miteinander die Waldspiele von Peter Hille; er war damals in Berlin Vorsitzender der literarischen Abteilung der Freien Studentenschaft. In den weiteren Jahren sahen wir uns selten, blieben aber immer in guter Freundschaft. Während des Kriegs war er in der Schweiz und redigierte dort recht radikal das „Zeitecho“, und vor einem Jahr war er dann in München und besuchte uns auch mit Frieda Ichak, seiner Frau, die wegen Teilnahme an der Rätebewegung in München verurteilt und auf Bewährung freigelassen wurde. Rubiner war durchaus kein alltäglicher Mensch. Ob seine Dichtungen viel wert waren, mag ich nicht entscheiden, kenne sie auch zu wenig. Aber sein Ethos war stark und gradlinig. In der Forderung: sittliche Proklamation in Schrifttum und Kunst! waren wir einig. Sehr gut ist die Einleitung zu Tolstojs Tagebüchern, die er in Auswahl (1895–99) im Verlag der Europäischen Bücher (Rascher, Zürich) herausgegeben hat. Heute grade habe ich das Buch an Erika gesandt. (Ein herrliches Buch, das die Wesenheit des Menschen Tolstoj in unermeßlicher Schönheit spiegelt.) Wenn vielleicht von den eignen Arbeiten Rubiners nicht viel übrig bleiben wird, als Anreger, Förderer, Kritiker hat er seinem Werk Bestand gegeben, und ich fühle eine neue Lücke im Kulturleben unsrer Tage. – Der gestrigen Einzeichnung ist folgendes nachzutragen: von Schinnagel kam an Grassl die Nachricht, daß in München neuerdings Verhaftungen und Ausweisungen vorgekommen sind. Und zwar wurde Dr. Walter Hollander und Frau Mira Deutsch in Schutzhaft gesetzt und ihnen zugleich der Befehl zum Verlassen des Lands zugestellt mit der Begründung, sie hätten mit regierungsfeindlichen Personen verkehrt. Dem Dr. Hollander sei dabei ausdrücklich Zenzls Name genannt worden. Ich weiß natürlich nicht, ob die Sache in dieser Form stimmt, ob Zenzl überhaupt Herrn Dr. Hollander kennt (mit Frau Deutsch hat sie allerdings früher verkehrt). Aber glaubhaft ist die Ungeheuerlichkeit ohne weiteres. Hat man doch auch ihren letzten Aufenthalt in München durch Albert R’s Verhaftung und durch Haussuchungen bei Leuten, bei denen sie verkehrte, sabotiert. Zenzl selbst hat mir noch nichts drüber geschrieben. Ich habe sie angefragt und ihr geraten, den Grafen Pestalozza zu Rate zu ziehn, den ich als sehr anständigen Menschen kenne, und der als Levinés Verteidiger Beweise vornehmster Gesinnung gegeben hat. Er möge erkunden, wieviele Freunde von Mitgliedern der Baierischen Königspartei schon verhaftet und ausgewiesen sind, deren Charakter als Feinde der Republik doch schon im Namen zugegeben ist. Ein höherer Grad von Tücke und perfider Quälsucht als er in diesen gegen Zenzl gerichteten Maßnahmen liegt, Strafen der empfindlichsten, existenzvernichtenden Art gegen andre Personen zu verhängen, um einen Dritten zu treffen, ist schwer auszudenken. Demokraten und Sozialisten!

 

Ansbach, Freitag, d. 5. März 1920

Nun bin ich glücklich im Gefängnis gelandet. Sitze im 1. Stock, Zelle 23, die ich bis zum 4. Mai, nachmittags 2h 30 bewohnen soll. Eben bin ich fertig geworden mit dem Einrichten. Ich glaube kaum, daß die 2 Monate hier drinnen mit viel Seelenschmerzen verbunden sein werden. Dank dem sehr weiten Entgegenkommen des Staatsanwalts Helmes stellt sich die Strafe als Einzelhaft dar mit ganz geringfügigen Verschärfungen gegen oben. Gestern mittag kam das Urteil des Reichsgerichts, sehr kurz, sehr oberflächlich. Das Urteil des Vorderrichters ist ohne Fehler. Kein tiefgründiges Wort, das wirklich Rechtsaufschlüsse gäbe. Gegen 1 Uhr kam der Verwalter mit der Vollstreckungsordre. Danach sind mir ausnahmslos alle angestrebten Wohltaten bewilligt worden, und darüber hinaus noch mehr. Ich habe Selbstbeköstigung und Selbstbeschäftigung, darf rauchen und, was ich als angenehmste Überraschung empfand, in die Zelle mitnehmen, was ich will. Eine Durchsuchung fand nicht statt, selbst Wertsachen und Geld brauchte ich nicht abzugeben. Die Aufseher haben mich mit „Herr“ anzureden, und den Hofspaziergang mache ich allein, wobei ich lesen kann und nicht mit „Abstand“ dauernd im Kreise herumzutrotten brauche (dies, obwohl ich ausdrücklich erklärt hatte, daß ich darauf mit Rücksicht auf die übrigen Gefangenen gern verzichten wolle). Eine Bestimmung wurde auf meinen Protest sofort rückgängig gemacht. Es war angeordnet, daß ich nachmittags 2h 30 in die untere Anstalt zu überführen sei. Ich verlangte sofort 24 Stunden Aufschub, um einzupacken. Das wahre Motiv war allerdings, daß gestern der 1. Stiftungstag der III. Internationale war, den wir mit Liedern und einer kleinen Freudenandacht begehn wollten. Dem Verwalter war offenbar ein Nasenstüber versetzt worden, daß er in höflichsten Formen mit mir verkehren sollte. Dieser Quälgeist von Profession, den die Strafgefangenen hassen, verbog sich förmlich vor Ehrerbietung. Ja, er nahm es auf seine eigne Kappe, den Strafantritt zu verschieben. Ich ging also wie immer mit Tabakpfeife und Lektüre auf den Hof und freute mich des schönen Sonnenscheins. Freilich wurde diese Bewegung im Freien gegen Schluß durch das Erscheinen des Staatsanwalts unterbrochen. Unsre Unterhaltung war kurz und höflich. Der Mann erklärte mir, daß er nicht das Recht habe, den Strafantritt aufzuschieben. Er wolle mir aber entgegenkommen, damit ich in Ruhe alle meine Obliegenheiten erledigen könne. Ich solle deshalb oben gleich „unter Verschluß“ genommen werden. Damit war die Strafe also de facto schon angetreten. Die beiden Genossen schickten mir eine Tasse Cacao hinein und sangen vor dem Schlafengehn vor meiner Bude meine Rätemarseillaise. Ich packte also gestern noch meine Sachen, nahm heute früh noch ein schönes Bad, aß noch Mittag, ging dann um ¾ 1 Uhr auf den Hof – eine Stunde – und wurde von dort aus in die Zelle geleitet, die ich nun bis zum 4. Mai bewohnen soll. Ich durfte sogar auf meinen Wunsch meinen Tisch und mein Büchergestell von oben mitnehmen, sodaß ich alles bei der Hand habe, was ich zum Arbeiten brauche. Die Bude ist so groß wie die oben. Leider läßt das Fenster wenig Licht ein. Es liegt hoch und hat außer der Vergitterung noch Röhrenverschluß. Aber es geht schon, und ich werde die zwei Monate leicht herumbringen. Ich betrachte alle diese Vergünstigungen nicht so sehr als Gefälligkeiten des Staatsanwalts, und seines Vorgesetzten, des Nürnberger Oberstaatsanwalts, sondern als Symptom der politischen Lage. Ich glaube, die Leute werden allmählich vorsichtig und wollen angesichts der sehr zweifelhaften Lage, keinerlei Gelegenheit zu neuer Agitation schaffen, die sie wohl grade von mir fürchten mögen. Wenn der Justizminister selbst auch vollständig blind ist gegen die Gefahren, die ihm von den eingesperrten Politikern drohen, so sehn manche seiner Organe doch weiter und wollen sich für alle Fälle Empfehlungen sichern. Müller arbeitet weiter mit Verleumdungen gegen uns, und der „Fränkische Kurier“, den ich abonniert habe, bringt heute den Bericht über eine Versammlung, in der sich die Bonzen des Gewerkschaftsvereins in München nach einer Unterredung mit ihm zu Verteidigern der Rechtsbrüche machten. Wir sind die Saboteure des Strafvollzugs und von einer allgemeinen Amnestie könne keine Rede sein. Inzwischen wurden aber die „Mitläufer und Verführten“ aus allen Festungsanstalten in großem Maßstabe entlassen und zwar nach Auswahl der Vorstände. Die Mehrers und Konsorten werden also wohl draußen pflichtschuldigst dazu beitragen, gegen uns Stimmung zu machen. Natürlich haben die Herren Rechtshüter und als ihre Nachbeter die Gewerkschaftsbonzen von „Psychopathen“ geschwafelt und mitgeteilt, daß 3 Anstalten für solche Psychopathen extra eingerichtet wurden. Daher ist also Dosch nicht mitgekommen, als es nach Niederschönenfeld ging, und ich fürchte sehr, daß man auch unsern guten Markus in so eine Ersatz-Irrenanstalt bringen wird. Die Aufseher reden von Sulzbach. Natürlich würde bei Reichert das Gegenteil von dem erreicht werden, was beabsichtigt ist. Er wird erst recht in Wut geraten. Eines Tages wird der Parvenuezustand ja doch nicht mehr zu halten sein. Die Zeichen mehren sich täglich. Schon hat man über das Industriegebiet in Westfalen die neue Verfassung außer Kraft gesetzt und für allerlei Verbrechen, die das Strafgesetzbuch mit Gefängnis und Zuchthaus ahndet, die Todesstrafe eingeführt. Standgerichte sollen eingesetzt werden, die nur Todesstrafe erkennen dürfen: das gibt es alles unter Ebert und Noske. Die Leithammel der Kommunisten wissen in dieser Zeit nichts besseres zu tun, als auszuschließen. Und die Herren Unabhängigen rennen unter Kautskys Führung geschäftig hinter den Regierenden bei uns und den Imperialisten der Entente her und suchen zu „vermitteln“. Wenn es mir gelingt, mit meiner Broschüre klarzulegen, wie die Situation ist und wie sie gerettet werden kann, dann wird meine Haft hier unten großen Nutzen stiften. Heut will ich noch Briefe schreiben. Morgen geht die Arbeit an. Ich wünsche mir Glück dazu.

 

Ansbach, Dienstag, d. 9. März 1920.

Wedekinds zweiter Todestag. Wo würde der heute stehn? Im Herzen auf unsrer Seite – das ist sicher, äußerlich grinsend unter den Bürgern – das ist wahrscheinlich, wie im Kriege auch. – Aber was nützen derartige Betrachtungen? Es ist Abend, wohl gegen sieben Uhr. Heut habe ich schriftlich drum eingegeben – der Verwalter verlangt es, daß das Licht bis 9 brennen bleiben kann, was die Aufseher bis jetzt aus freien Stücken veranlaßt hatten. Ich habe Furcht, daß nun, wo das offiziell werden soll, der Staatsanwalt nein! sagt, und daß auch Zenzls Kerzen, die ich morgen erwarte, mir dann nicht ausgehändigt werden. Abgesehn von einiger Pedanterie scheint Helmes ganz brauchbar zu sein. Aber, wo ihm die Vorschriften bestimmte Dinge anweisen, kennt er kein Nachgeben. So darf man nur 1 Tageszeitung lesen. Ich halte den Nürnberger „Fränkischen Kurier“, hatte aber vorher schon das Ansbacher Käsblatt bestellt. Der Verwalter fragte mich heute, wo er damit hin solle. Man schmeißt es also lieber weg, als daß ich das Mistblatt lesen dürfte. Mein Gesuch, von den oben in mehreren Exemplaren täglich ankommenden Blättern unabhängiger und kommunistischer Couleur, je eins herunterzukriegen, wurde abgelehnt. Mit Ärger nehme ich aber wahr, daß mir auch einzelne Drucksachen, die für mich ankommen, nicht zum Lesen gegeben werden. So bekam ich heute einen Brief von Kocmata, worin er beigelegte Zeitungen erwähnt. Gekriegt habe ich sie nicht. Dagegen erhielt ich die „Zukunft“. Der Mann scheint also doch Auswahl nach Tendenz zu treffen. Beschweren werde ich mich nicht, weils doch keinen Zweck hätte. Aber als kleines Charakteristikum vermerkt soll es sein, wie die Funktionäre der „sozialistischen“ Republik politische Erziehung treiben. Ob der Mann wirklich glaubt, meine Seele könne Schaden leiden, wenn ich etwas Revolutionäres in die Hand bekomme? Oder was er sich wohl sonst dabei denken mag? Es ist wohl loyaler Instinkt, der sich nicht überwinden kann, Vermittler so sträflicher Ansichten zu sein. Mein kleines Werk geht munter vorwärts. 3 Kapitel – 41 Manuskriptseiten – sind schon geschrieben. Ich habe Hoffnung, in 14 Tagen mit dem ganzen Buch – es wird wohl nicht mit einer Broschüre abgehn – zum Abschluß zu kommen. Allerdings leidet meine Korrespondenz sehr darunter. Aber mit ein paar Postkarten werde ich mir heut abend noch etwas Luft schaffen. – In der Welt scheint wenig wirklich Wichtiges zu passieren. Aufbewahrt habe ich mir ein Blatt des „Fränkischen Kuriers“, dessen erste Seite ganz mit Artikeln ausgefüllt ist, die sich mit der russischen Frage beschäftigen. Das Alpha und Omega von allem ist: Schleunigst Verbindung suchen mit Sowjet-Rußland. Die Angst vor dem Bolschewismus klingt dabei mächtig durch, – aber das Wasser steht bis zum Halse. Lieber mit dem Teufel leben als mit Gott sterben. Sehr interessant ist die nicht ganz unglaubwürdige Meldung, Enver Pascha sei in Moskau gewesen und habe ein Kriegsbündnis abgeschlossen, nach dem der Panislamismus gemeinsame Sache mit dem Bolschewismus gegen England machen soll. Daß Rußland dazu mitwirken wird, ist mir plausibel. Die grüne Fahne des Propheten und die rote Fahne des Proleten habe ich schon in meinem Kriegsbuch mal miteinander verglichen. Wenn sich jetzt Indien und Ägypten unter der grünen Fahne erheben sollten, so ist sicher, daß sie unter der roten nach Hause zurückkehren werden. In Deutschland steigt die Teuerung stündlich. Für eine Schachtel Zündhölzer muß man 35 Pfennige zahlen (früher kostete das Paket mit 10 Schachteln 10 Pfg). Kaffee kostete in der vorigen Woche 28 Mark das Pfund, jetzt soll es schon wieder teurer sein. Die Leute stöhnen und jammern. Nun heißt es, die Entente sei geneigt, den Versailler Vertrag zu lockern. Vielleicht hat man wirklich die Absicht, Deutschland wirtschaftlich wieder auf die Beine zu helfen. Die Gefahr des Bolschewismus sitzt eben ganz Europa in den Knochen. Nur wirds nicht so einfach sein, Nahrungsmittel zu liefern, da man selber wenig hat und die Valuta Frankreichs und Englands an den Börsen der Schweiz und Amerikas auch nicht mehr hoch gewertet wird. Die Wirkungen des Kriegs kommen bei allen nach. Sie alle sind geschlagen. Die Sieger sind wir!

 

Ansbach, Sonntag, d. 14. März 1920.

Nur kurz, denn mir tut das Handgelenk vom vielen Schreiben weh. Mit meiner Arbeit gehts ausgezeichnet vorwärts. Die größere Hälfte habe ich wohl hinter mir. Wenns nur glatt hinausgeht, da habe ich noch Befürchtungen. Das wäre der Satan, wenn ichs nicht veröffentlichen könnte. Im Hause wenig Bedeutsames. Paul Graßl ist freigesprochen. Kahn besuchte mich. Auch Helmes war bei mir, verbot mir, den Kaffee in der Zelle zu kochen, den Zenzl geschickt hat – wegen Feuergefahr. Dabei habe ich alles dazu in der Bude, blos die Kaffeemühle fehlt, und die gibt man mir jetzt nicht. Aber im übrigen ist die Behandlung ausgezeichnet. – Draußen gehn eigenartige Dinge vor. In Berlin rempelt ein preußischer Prinz die Offiziere der Ententemission im Hotel Adlon an und mußte in Schutzhaft gesetzt werden. Köstlich. – Noch schöner ist die Aufstellung Hindenburgs als Präsidentschaftskandidat für die deutsche Republik. Er will annehmen – falls es sein Kaiser ihm erlaubt! Das ist einer der schönsten Witze der Weltgeschichte. Der rausgeschmissene Wilhelm bewilligt der Republik ihren Präsidenten. Nur in Deutschland möglich, aber da ganz echt. Gestern brachte der Fränkische Kurier nur kurz die Mitteilung von der Verhaftung des Landschaftsdirektors Kapp und eines höheren Baltikumoffiziers, die angeblich einen Putsch ausführen wollten. Bin gespannt, ob etwas Ernsthaftes daran ist? Die Hand schmerzt mich dermaßen, daß ich aufhören muß. – Noch 50 Tage! Auch die gehn vorüber.

 

Ich vergaß das Wichtigste: eine Rede Timms im baierischen Landtag. In Straubing und in Passau waren Unruhen, wobei die Reichswehr die Hauptrolle spielte, die in Passau selbst die[der] Urheber des Skandals war. Timm hat nun erklärt, unter diesen Umständen müsse das Volk zur Selbsthilfe greifen, es gehe nicht mehr gegen links sondern gegen rechts, und er selbst werde an die Spitze derer treten, die den Frechheiten der Rechtsputschisten Selbsthilfe entgegensetzen wollen. Ausgerechnet Timm! Eisners Justizminister! Auers Getreuester! Der mit zur Gründung der Bürgerwehr aufgerufen hatte. Ich erinnere mich gut, wie ich mit Landauer und Hagemeister bei ihm war, um die Enthaftung Leviens zu erreichen und er – der Minister! – sich hinter dem Staatsanwalt verschanzte. Und jetzt Timm als Rebell! Welche Wendung! Aber die Sache ist charakteristisch. Die Sozi finden es an der Zeit, sich links wieder anzuschmusen. Wahlmanöver – und Angst, Angst nach allen Seiten. Wird ihnen nichts mehr nützen. Sie sind Konterrevolutionäre, bleiben es und werden seinerzeit entsprechend behandelt werden.

 

Ansbach, Montag, d. 15. März 1920.

Ich weiß noch nicht, ob ich heute werde zum Arbeiten die innere Ruhe finden. Es ist morgens. Eben kam die Zeitung. In Berlin ist der gegenrevolutionäre Umsturz da – natürlich erfolgreich. Reichskanzler: Generallandschaftsdirektor Kapp, Reichswehrminister: General v. Lüttwitz. Die Sache ist von der Marinebrigade mit Baltikumtruppen zusammen gemacht worden. Die entgegengeschickten Reichswehrtruppen haben natürlich sofort fraternisiert, ebenso die zum Schutz der Regierungsgebäude in der Wilhelmstraße und Umgebung postierten Truppen. So ist die Geschichte ganz unblutig verlaufen. Die Reichsregierung ist flüchtig, erläßt von auswärts (vermutlich Weimar) einen Aufruf zum Generalstreik. Reizend: die Arbeiter sollen streiken, damit nicht Lüttwitz sondern wieder Noske auf sie schießen läßt. Der preußische Ministerpräsident Hirsch soll verhaftet sein. Die Verhaftung Ulrich Rauschers (Chef der Presseabteilung) wird bestätigt. Programm der Regierung: Sofort Neuwahlen, keine Monarchie (das heißt natürlich für den Augenblick); Erfüllung des Friedensvertrages, soweit mit Existenz Deutschlands vereinbar(!), Sicherung und Rückzahlung der Kriegsanleihen (was schon ein Bruch des Friedensvertrags ist). Reichsfarben: schwarzweißrot. – Da haben wirs. Daran, daß sich die Regierung der Nationalisten fürs erste halten wird, zweifle ich garnicht. Sie verfügt über sämtliche Waffen, dank der sinnreichen Politik der Sozialdemokratie. Die baierische Regierung nebst allen Parteiführern und dem General Möhl fürs Reichswehrgruppenkommando erläßt einen Aufruf: die Berliner Regierung wird nicht anerkannt: ganz Süddeutschland einig in der Wahrung der bisherigen Verhältnisse. Natürlich – sie wollen ihre Pöstchen nicht hergeben. Aber die Waffen haben sie den andern ausgeliefert. Es wird wohl aber hier so kommen wie im Norden, – bis die Entente einrückt – wegen der Gelder, des Friedensvertrags und der Gefahr der militärischen Restauration mit Revanchekrieg. Die Gefahr, die aus der neuen Lage für mich persönlich und für meine Genossen erwächst, unterschätze ich nicht. Und doch bin ich froh. Es ist ein großer Schritt vorwärts auf unsrer Bahn. Die Nationalisten werden jetzt zeigen, daß sie so wenig vermögen, wie die andern. Das Volk, das in letzter Zeit ganz in reaktionären Hoffnungen schwelgte, wird eine neue furchtbare Enttäuschung erleben, und dann kommen wir und werden wirklich Ordnung schaffen, die allerdings die[den] Besitzenden weh tun wird. Angst habe ich vor der Verwilderung in Berlin – ich fürchte Progrome. Die Soldateska ist losgelassen. Tritt die Arbeiterschaft in den Generalstreik – Herr Kapp droht dagegen und gegen Sabotage äußerste Gewalt an –, so sicher nicht für Ebert, Noske, David, Heine e tutti quanti, sondern für sich selbst. Ob sich der Generalstreik aber zum bewaffneten Aufstand wird auswachsen können, ist vorläufig zweifelhaft, da das Proletariat garkeine Waffen hat, und die Reichswehr völlig in den Händen der gegenrevolutionären Offiziere ist. Immerhin: das Chaos steht vor der Tür. Und das Chaos brauchen wir, um der Revolution durchzuhelfen. Daß ich mich doch jetzt mit jemandem aussprechen könnte!

 

Ansbach, Dienstag, d. 16. März 1920.

Abschrift: „An den Herrn I. Staatsanwalt. Die von mir abonnierte Tageszeitung („Fränkischer Kurier“) ist gestern und heute nicht eingetroffen. Infolgedessen war das Abendblatt vom 13. März das letzte, das ich lesen konnte. Bei den gegenwärtigen wichtigen Vorgängen und dem besonderen Interesse, mit dem mein Schicksal mit ihnen verbunden ist, ist für mich die vollständige Unterbrechung jeder Information eine kaum erträgliche Nervenqual, umsomehr, als ich, falls die Berliner Bewegung auf München übergreifen oder schon übergegriffen sein sollte, Anlaß habe, für Leben und Sicherheit meiner Frau zu fürchten. – Mit Rücksicht darauf, daß mir doch das Lesen einer Tageszeitung grundsätzlich gestattet ist, wäre ich sehr dankbar für die Anordnung, mir irgendeine andre Zeitung (sei es eine der an die Festungsgefangenen gelangenden – etwa die „Frankfurter Zeitung“ – sei es ein Ansbacher Blatt) für die Dauer des Ausbleibens des „Fränkischen Kuriers“ regelmäßig zugänglich zu machen. Hochachtungsvoll Erich Mühsam.

 

Abends.

Jetzt habe ich das Ansbacher Dreckblättchen von heute erhalten – von gestern nicht, sodaß ich noch nicht ganz im Bilde bin. Die alte Regierung ist nach Dresden durchgebrannt und will sich in Stuttgart etablieren, um dort ihre Nationalversammlung hinzubestellen. Sie überschlägt sich in Aufrufen, von denen einer komischer ist als der andre. Die Streikbewegung scheint allgemein, offenbar überall mit kommunistischen Forderungen. In Berlin scheint es übel zuzugehn, Zusammenstöße, Tote, Verwundete in allen Stadtteilen. Wie weit man der Meldung glauben kann, die Mehrheit der Truppen stehe hinter der alten Regierung, ist leicht zu ermessen, wenn man erfährt, wie der Umsturz in Baiern „friedlich“ und „verfassungsmäßig“ gemanaget wird. Die Baierische Volkspartei (Zentrum) hat getagt und verkündet, daß sie jetzt eine Regierung bilden will, aus Leuten, die was vom Regieren verstehn (also keine parlamentarische mehr). Ob sie die Sozi überhaupt wieder drin aufnehmen werden, weiß man noch nicht. Armer Hoffmann! Das ist das Beruhigungspulver für die Reichswehrsoldateska. In München ist Generalstreik (auch Briefe habe ich heute nicht gekriegt). In Leipzig scheint es Zusammenstöße gegeben zu haben. Ein Telegramm will wissen, daß Kapptruppen gegen Leipzig marschieren. Die Eisenbahner arbeiten „wieder“, scheinen also gestreikt zu haben und erklären, daß sie keine Truppen befördern werden. In Berlin scheint keine Zeitung zu erscheinen, ob wegen Streik oder wegen Verbot, weiß ich nicht. Aus Greiz kommt die seltsame Nachricht, daß für Reuß die Proklamierung der Räterepublik bevorstehe. Kurzum: ein Riesen-Kuddelmuddel. Die Bürger werden von den Zeitungen im Glauben gehalten, daß die Junker in Berlin garkeinen Anhang hätten, der ganze Westen und Süden sei gegen sie und nur östlich von Berlin seien kleine Bezirke hinter ihnen. Die Bauerleute schnauben große Töne: es handle sich nur um eine vergrößerte Köpenickiade. Die Baltikumer werden beschimpft, und unter den Schimpfereien steht der Name Noske. Im übrigen schreit alles „Ruhe und Ordnung!“ Wenn jetzt die Arbeiter Stange halten! Streiken und Bedingungen stellen. Womöglich irgendwo die Wehren entwaffnen und angreifen. Das feindliche Lager ist gespalten. Der Teufel soll’s holen, wenn das Proletariat es wieder einig werden ließe. Ich glaube, daß eine sehr arge Zeit für uns unmittelbar bevorsteht, die aber nur das Fegefeuer sein wird. Das Akutwerden der Konterrevolution hat unsrer Sache riesig vorwärts geholfen. Vielleicht stehe ich bald wieder unter den Meinen und unter der roten Fahne.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 17. März 1920.

Heute ist auch das Ansbacher Blättchen nicht erschienen. Die Drucker streiken, aber nur sie: wegen einer Lohnforderung. Sonst arbeitet alles in der Stadt. Echt Ansbach! Ein Aufseher brachte mir vorhin eine Nummer des „Sozialdemokrat“, des unabhängigen Blatts von Nürnberg. Nur eine sehr wichtige Meldung: in Chemnitz ist die Bürgerwehr samt den Zeitfreiwilligen entwaffnet, 3000 Arbeiter bewaffnet. Die Arbeiterschaft Herrin der Lage. Generalstreik in München, Görlitz, Stettin und an vielen Orten. Der Nürnberger General erläßt eine Proklamation, die Reichswehr sei neutral, sollte man aber, wie es heißt, die Räterepublik proklamieren wollen, dann werde er eingreifen. „Das Proletariat ist einig“ – ich habe Angst bei diesem Wort, weil es innerlich nicht wahr ist. Solange die Partei- und Gewerkschaftsbonzen frei herumlaufen, ist die Einigkeit jede Sekunde gefährdet. Der „Sozialdemokrat“ will schon wieder eine „rein sozialistische Regierung“. Diese Unabhängigen sind fürchterlich. Aber, daß unter den Forderungen des Proletariats mit an erster Stelle die Freilassung der politischen Gefangenen steht, ist erfreulich, nicht nur aus persönlichen Gründen. Es zeigt, daß der Geist der rechte ist. Die Dinge stehn jetzt auf Spitz und Knopf. Ganz rechts oder ganz links! Kommt wieder ein Kompromiß zustande, dann geht viel Zeit für uns verloren. – Für mich ist das Alleinsein jetzt arg – einmal einen Genossen sprechen können, so muß ich meine Informationen von den Aufsehern einziehn und meine Ansichten bei den Idioten ablagern. Das Schlimmste ist, daß ich in Angst um Zenzl bin. Im letzten Brief meldete sie sich krank, Fieber, vielleicht Grippe – und nun erfahre ich nichts über ihr Ergehn. Scheußlich. Ich versenke mich den ganzen Tag in meine Arbeit. Das hilft mir am besten über alles weg – und das Buch wird dicker und dicker dabei. Gebe Gott, daß, wenn es in 14 Tagen fertig ist, sein Inhalt schon veraltet sei. Oder noch besser: daß die Gefängnistore sich öffnen mögen, ehe es fertig ist. Die Möglichkeit besteht ohne Frage. Aber auch noch die, daß der Karren nach der falschen Seite hinüberkippt.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 18. März 1920.

Der 18. März! Wer weiß, ob nicht heute – nach der hübschen Geste von 1848 und dem heroischen Geschehn von 1871 – dieser Tag von neuem schicksalhaft für die Revolution war, ob er nicht – du sollst es dreimal sagen! – der 18. März des Volkssieges geworden ist. Was weiß man hier in Ansbach von den Tragödien der Welt? Und was weiß ich – ohne Freunde, ohne Zeitungen, ohne Briefe – in meiner einsamen Zelle von ihnen? In meinem Herzen gehts bunt her. Alles ist der Phantasie überlassen: Hoffnung und Furcht. Heute habe ich garkeine Zeitung gesehn. Auch der Nürnberger Sozialdemokrat ist nicht mehr gekommen. Die Aufseher haben mir erzählt, was für Telegramme angeschlagen sind. „Überall kracht’s“, berichtet einer. In Nürnberg habe es 18 Tote gegeben – also doch! Es beweist, daß kommunistische Tendenzen im Proletariat Oberhand haben, das war ja die Bedingung des Generals zum Schießen. In Berlin habe die Kapp-Regierung wieder abgedankt. Wer an ihre Stelle getreten ist, wußte man nicht. Aber in den Arbeitervierteln sei die Räterepublik ausgerufen (soll wohl heißen die proletarische Diktatur erklärt). Herrgott, wenn’s wahr wäre, und wenn sie siegten! Heiliger 18. März – enttäusche nicht! Von München war keine genaue Auskunft zu haben. Es sei eine neue Regierung gebildet – bei der Müller-Meiningen Justizminister bleibe! (das läßt tief blicken) – und in der Arbeiterschaft sei großer Tumult. Herrgott, nicht dabei sein können! – es ist schändlich. Und jetzt die Trennung von den Genossen! Sollten wir frei werden, sind wir nicht beisammen, und wer weiß, ob man an mich denken wird. Ich bin ja hier kein politischer Gefangener mehr. Ich habe ja ein echtes Delikt begangen. Ich wünschte mir 2 Stunden zu einer Konferenz mit Kain und Hagemeister. Jetzt wäre der Moment für den gemeinsamen Ausbruch der Festungsgefangenen. Jetzt, wo sie draußen nötig sind. Aber die beiden armen Teufel oben – und ich hier unten: wie sollten wir wohl meutern können? Und Zenzl! Wenn ich sie wenigstens gesund wüßte! Im Bett zu halten wird sie ja doch nicht sein, wie es der Arzt ihr verordnet hat. Wenn’s draußen losgeht, ist sie dabei. Ich muß diese Sentiments unterdrücken. Ein Revolutionär hat kein Privatleben!

 

Ansbach, Sonnabend, d. 20. März 1920.

Ich schreibe bei trübem Kerzenschein. Das elektrische Licht hatte noch keine 5 Minuten gebrannt, da ging es aus. Das ist ein gutes Zeichen; die Ansbacher sind nämlich jetzt auch in Generalstreik getreten mit der Forderung: Entwaffnung der „Zeitfreiwilligen“. Heute nachmittag sollte entschieden werden, ob der „verschärfte“ Generalstreik proklamiert werden soll. Es scheint nun also der Fall zu sein. Auch die „lebenswichtigen“ Betriebe sind eingeschlossen. In München und Nürnberg ist der Streik abgebrochen, anscheinend ohne etwas erreicht zu haben. Eine zweiseitige Nummer des „Sozialdemokrat“ kam heute wieder in meine Hände. Lange Artikel – aber keine Nachrichten. Es wird alles als bekannt vorausgesetzt. Soviel erfährt man, daß in Nürnberg die Helden, die die Arbeiterschaft niederkartätscht haben, eigens in Autos von Erlangen zitierte Studenten waren. Die Schande ihres Verhaltens in dieser Revolution wird die deutsche akademische Jugend in aller Weltgeschichte nicht aus ihren Poren waschen können. Wie mir ein Aufseher erzählte, seien auch die Ansbacher Ulanen bei der Nürnberger Menschenjagd beteiligt gewesen. Jetzt sind sie wieder hier, ein Zeichen, wie blöd es ist, die Streikaktionen in benachbarten Orten zu verschiedenen Zeiten zu machen. Die Kapp-Regierung soll bedingungslos demissioniert haben. Die Nationalversammlung ist gestern in Stuttgart zusammengetreten. In Essen soll es 300 Tote gegeben haben. Wer die neue baierische Regierung ist, weiß ich immer noch nicht, nur soviel, daß das Zentrum die Direktion hat und Heim eingetreten sein soll. Also wieder mal Baiern in der Reaktion voran. Selbst das parlamentarische Prinzip haben sie schon abgedankt. Umso besser für uns. Das Proletariat ist also wieder mal „einig“. Hier in Ansbach haben alle 3 Arbeiterparteien einen gemeinsamen Aktionsausschuß gebildet. In Nürnberg – selbst der einigungsfreudige „Sozialdemokrat“ gibt es zu, haben die Mehrheitsbonzen den Generalstreik schon abgewürgt und gewisse USP-Bonzen (der ewige Ministerkandidat Simon) haben ihnen dabei geholfen. In Rostock haben die Soldaten die Kaserne geräumt, die von Arbeitern besetzt wurde. Ebenso ist in Schweinfurt die Bewaffnung des Proletariats gelungen. Wenn nur nicht die sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre die Verfügung über die Maschinengewehre kriegen! Dann danke ich. Noske soll seine Demission gegeben haben, die aber von der Regierung abgelehnt sei. Ob diese Desperados sich im Ernst einbilden, die Vertrauensleute des Volks zu sein? – Ich erhielt gestern die erste Nachricht. Erst ein Telegramm von Zenzl: „Mir geht es gut. Brief folgt. Bin zuhause.“ Dann abends ein Brief von Erika, abgesandt am 15ten; also zu Beginn der Dinge. Es sei eben Haussuchung bei ihnen gewesen, 25 Stahlhelme. Zenzl sei mit einem unpolitischen Freunde von München fort in Sicherheit. Die Lage sei äußerst ernst. Daraus ist nicht viel zu entnehmen, und ich werde vielleicht auf zusammenhängende Mitteilungen noch gute Zeit warten müssen. Ich höre nämlich, daß nicht nur in Ansbach, sondern im ganzen Reich die Buchdrucker im Lohnkampf stehn, sodaß außer ein paar sozialistischen Blättern nirgends eine Zeitung erscheine. So muß ich in meiner Abgeschiedenheit meine Kombinationen allein spielen lassen. Wenn die recht haben, so ist die Bewegung zwar für den Augenblick abgeflaut, aber ihre wirtschaftlichen Folgen werden so ungeheuer sein, und die Gärung unter den Arbeitern so in Bewegung gebracht, daß nun keine Stagnation mehr eintreten wird, wie sie seit dreiviertel Jahren da war. Für Herbst hatte ich von Anfang an meine Befreiung erwartet. Spätestens für den Herbst erwarte ich sie auch jetzt noch. Und heute ist Frühjahrsanfang.

 

Ansbach, Montag, d. 22 März 1920.

Von Zenzl kam gestern wieder der erste Brief: sie schreibt so erstaunlich schöne Briefe, daß ich immer von neuem ergriffen bin von der Tiefe des Verstandes und des Herzens dieser Frau. Sie sieht alles mit der Seele und in der Seele und drückt es dann ganz naiv, aber mit wahrhaft dichterischer Sicherheit aus. Welche sonderbare, schöne und reine Frau. – Die Ansbacher Zeitung ist wieder da. Der Streik ist beendet, die Zeitfreiwilligen sind abgeschoben, nachdem ihre Eltern versammelt worden sind und sich angesichts dessen, daß sie kein Licht hatten und nichts Gescheites kaufen konnten, für die Heimholung ihrer hoffnungsvollen Sprößlinge entschieden haben. Es handelte sich nämlich um 50 – 60 15 – 16jährige Rotzbuben, meist Gymnasiasten, denen man die Waffen zur Niederknallung des arbeitenden Volks anvertraut hatte. Im übrigen findet sich eine sehr kurze summarische Darstellung der Vorgänge seit dem 13. März in der Nummer (in etwa 2 Spalten alles). Es ergibt sich, daß Kapp und Genossen tatsächlich kapituliert haben, nachdem Cohn und Däumig mit dem Ultimatum gekommen seien, die bewaffnete Arbeiterschaft der von ihnen ausgerufenen Räterepublik werde zum Angriff übergehn. Das ist alles sehr dunkel. Warum hört man nichts von den Kommunisten? Wo ist die Räterepublik proklamiert? Über ganz Berlin? Über einzelne Teile? Über weitere Gebiete? Der Streik in Berlin dauert immer noch an. Aber schon hat die Gewerkschaftskommission sich für die Aufnahme der Arbeit erklärt, während das Streikkomitee Fortsetzung beschlossen hat. Warum verhaftet man die verfluchten Gewerkschaftsbonzen nicht, wenn man doch die Macht in Händen hat? Das Proletariat wäre glücklich. Ein genauer Überblick über die Verhältnisse ist mir natürlich noch nicht möglich. Die Nachrichten des Blatts beschränken sich auf Gleichgiltigkeiten. Nur eine eminent wichtige Depesche ist da: Die Stadt Essen hat sich dem bewaffneten Proletariat ergeben (leider 300 Tote.) Natürlich sind schon aus verschiedenen Teilen des Landes Truppen gegen Essen in Anmarsch gesetzt – unter Noske? Vermutlich. Wenn die Eisenbahner diese Truppen befördern, dann ist Hopfen und Malz am deutschen Proletariat verloren. Der Angriff gegen Essen müßte die Solidaritätsaktion im ganzen Reich spontan auslösen. Hoffen wir’s. Ich warte fiebernd auf weitere Nachrichten. Daß der „Fränkische Kurier“ noch nicht wieder erschienen ist, ist immerhin interessant. Aber vielleicht habe ich ihn blos noch nicht bekommen. – Mit meinem Buch komme ich jetzt dem Schluß nahe. Heute – bei der Frage Lumpenproletariat und Putschismus – ist mal ganz der alte Anarchist mit mir durchgegangen. Hätte ich blos das Manuskript erst draußen!

 

Ansbach, Dienstag, d. 23. März 1920.

Zeitungsnachrichten aus meinem Wurstblatt (der Fränkische Kurier erscheint tatsächlich noch nicht wieder): Noske ist zurückgetreten. Wer sein Nachfolger ist, steht nicht da: vielleicht Wels oder irgend ein General: ist ja Jacke wie Hose. Von Berlin garnichts Genaues. Post und Eisenbahn (inklusive Stadt- und Vorortzüge) funktionieren wieder. Die Streikleitung hat sich der Forderung der Gewerkschaftskommission nicht unterworfen und fordert zur Fortsetzung des Generalstreiks auf. Die revolutionären Betriebsräte sollen entscheiden. Also scheinen die Arbeiter in der Tat die Macht zu haben. Dagegen spricht aber, daß die Nationalversammlung morgen in Berlin zusammentreten soll. Hoffentlich wird das Haus gestürmt und die Bande endgiltig zum Teufel gejagt. Im Ruhrgebiet soll die Arbeiterschaft eine gemäßigte Politik treiben. Auf die Ausrufung der Räterepublik dort ist verzichtet worden. In Gotha waren schwere Kämpfe, bei denen die Verluste des Proletariats auf 1000 angegeben wurden. Scheußlich. Das Resultat wird nicht mitgeteilt. In Baiern sind die Sozialdemokraten aus der Regierung draußen. Landwirtschaftsminister: Wuzlhofer, einer der radikalsten unter den Bauernräten des Kongresses. Aber den Bauern traue einer! Sonst die früheren und im übrigen hohe Beamte wittelsbachischer Prägung. An der Spitze ein Regierungspräsident v. Kahr. Die bairischen Orte, in denen die Arbeiter die Macht gewonnen hatten, werden nach und nach alle wieder entwaffnet: München hat anscheinend ganz versagt. Das ist der Satan. – Persönlich habe ich wenig zu notieren. Ein Tag verläuft wie der andre. Mein guter Genosse Grimm, der mit mir in Ebrach auf Festung war und jüngst von Baireuth aus entlassen wurde, sandte mir aus München ein Paket Tabak. Natürlich hatte ich bei der Aushändigung Ärger. Der Verwalter brachte das Zeug, nahm den Brief heraus, las ihn vor meinen Augen umständlich durch und steckte ihn dann ein, um ihn dem Staatsanwalt vorzulegen. Diese Bande bemäntelt ihre Indiskretion garnicht. Ich habe keinen Ton gesagt, um Krach zu vermeiden. Das Buch ist spätestens übermorgen fertig. Dann schreibe ich das ganze ab, um vor der Konfiskation bei der Zensur gesichert zu sein. Das ganze ist ein großer Hymnus auf Bakunin. Es ist seltsam, ich habe ihn noch garnicht recht gekannt und auch jetzt kein einziges seiner Werke gelesen, alles nur aus Werken über ihn und seinem Briefwechsel mit Herzen und Ogarjow zusammengesucht. Früher habe ich überhaupt nur über ihn einiges wenige gewußt, von ihm garnichts gekannt. Und nun finde ich eine Übereinstimmung der Ansichten bis in die Einzelheiten, die mich verblüfft. In den gleichen Worten, in denen ich diesen und jenen Gedanken schon geäußert habe – die Abneigung gegen die Vergottung der Wissenschaft etc. – finde ich ihn bei ihm antizipiert. Wenn die Theosophen mit ihrer Reinkarnationslehre recht haben, möchte ich glauben, in mir wiederhole sich Bakunin. Seinem Pech sähe es auch ganz ähnlich, wenn sein Geist ausgerechnet in den Leib eines deutschen Juden gefahren wäre. Ich lese jetzt die Briefe Karl Liebknechts aus dem Felde und aus dem Zuchthaus. Ein wundervoller Mensch, – so rein wie wenige. Seine Mörder und die Landauers laufen frei durch die Welt. Wie lange noch? Ich bin guten Mutes. Denn ich glaube an die ewige Gerechtigkeit.

 

Ansbach, d. 24. März 1920.

Todestag meiner Mutter. 21 Jahre! Das Ereignis lag genau in der Mitte zwischen meiner Geburt und jetzt, und mit ihm fing in der Tat ein andrer Mensch in mir an, lebendig zu werden. Der Widerstand gegen meinen Widerstand war mit dieser Frau hingegangen, – der Rebell brach durch. Wäre sie am Leben geblieben und statt ihrer damals der Vater gestorben, mein Leben wäre in andern Bahnen verlaufen, mindestens in ebneren, sanfteren. Ich weiß nicht, ob ich’s hätte wünschen sollen. Meine Kämpfe haben mich doch sehr reich gemacht. – Der Fränkische Kurier ist wieder da. Jetzt habe ich einigen Überblick und bin froh. Die Sachen stehn garnicht schlecht. Das ganze Ruhrgebiet ist in den Händen der Arbeiter, die eine richtige rote Armee geschaffen haben und siegreich vorrücken. Es hat viel Blut gekostet, dort und anderswo. Aber das Proletariat hat Wunderbares geleistet. Ich bin so sehr glücklich darüber, daß diese geschmähten deutschen Arbeiter so herrlich erwacht sind. Vielleicht werden sie ihre Positionen diesmal noch nicht halten können, die Widerstände der Bourgeoisie sind furchtbar stark und sie verfügt noch über das ganze Militär. Die Ernährung im Ruhrrevier scheint sehr im argen zu liegen. Die Regierung verweigert Nahrungsmittel (das sind die, die sich über den englischen Aushungerungskrieg nicht genug entrüsten konnten) und verzichtet lieber auf Kohle. Ebenso die holländische. Die Berliner Angelegenheiten sind sehr verwickelt. In der Umgebung große Bandenkämpfe, bei denen die Truppen leider langsam Vorteile zu haben scheinen. Die Regierung soll zurücktreten und angeblich eine neue aus Gewerkschaftern und USP-Leuten gebildet werden. In der Bewaffnung soll ein Kompromiß zustande gekommen sein: auf 100 Wehrmänner 200 bewaffnete Arbeiter. Die USP soll daraufhin den Generalstreik abgeblasen haben. Von den Kommunisten hört man fast nichts. Der ganze Nachrichtendienst funktioniert noch nicht recht. Lüttwitz und Trotha sollen verhaftet, Kapp nach Danzig geflüchtet, gegen Ludendorff Haftbefehl erlassen sein. Halle ist von bewaffneten Arbeitern umstellt. Winnig, Oberpräsident von Ostpreußen, ist abgesetzt, weil er mit Kapp gemeinsame Sache gemacht hat. Der Kerl ist Sozialdemokrat. Jetzt haben sie ihn aus der Partei ausgeschlossen, aber erst auf den gefährlichen Posten gesetzt, wo er doch schon längst gezeigt hat, wes Geistes Kind er ist. Für heute genug. Mir tut die Hand vom Schreiben weh. Morgen wird das Buch fertig. Dann kommt das Abschreiben. Mir graut. Und dann kommt das Schlimmste; das Ding in die Welt schicken. Gelingt es, das Manuskript glücklich aus dem Hause zu schaffen, dann wird es gelesen werden und Sensation machen. Meine Lösung der Einigungsfrage ist die einzig mögliche. Und der Weg wird auch gegangen werden. Ich hoffe auf Rühle – und auf ein Machtwort Lenins. Denn die deutschen Parteitrottel brauchen Machtworte. Sonst versumpfen sie völlig. – Ich freue mich dieses Buchs. Da habe ich einen guten Dienst getan.

 

Ansbach, Sonntag, d. 28. März 1920.

Nur kurz. Die Abschreiberei strengt mich furchtbar an, dabei bin ich noch nicht zur Hälfte fertig und schreibe den ganzen Tag, streiche sogar noch, wo es geht. Die Hand schmerzt abends niederträchtig von der Arbeit, morgens geht’s dann aber wieder. Eine andre Störung ist viel fataler. Seit ein paar Tagen höre ich fast dauernd liebliches Vogelgezwitscher im rechten Ohr, besonders wenn ich liege (auch im Augenblick ist es sehr kräftig). Gestern hat mir der Arzt Tropfen verordnet zum Einträufeln (es scheint Kreosot zu sein), Besserung verspüre ich noch nicht. Zum Glück ist die Sache wenigstens schmerzlos, aber doch sehr störend. Morgen soll das Ohr bespiegelt und ausgespült werden. In Gottes Namen. Oben wieder Veränderung. Der arme kleine Markus mußte mit Dosch zusammen nach Lichtenau. Jetzt ist Paul Grassl ganz allein. Ob er auf mich warten und dann mit mir zusammen nach Niederschönenfeld soll? Aber ich kann mir nicht denken, daß man ihn fast 6 Wochen oben allein hausen lassen wird? Für ihn ist es ja auch scheußlich. Heut hat ihn seine Braut besucht – aber nicht die offizielle, sondern die, die er am meisten liebt; sie schickte mir als Ostergruß einen prächtigen Blumenstock und ein Ei mit Schokoladenkonfekt. Das war eine große Freude. – Über die politische Situation wage ich nicht viel zu notieren. Die roten Truppen in Westdeutschland haben große Siege errungen und viele Städte genommen. Ob sie sich werden halten können? Wenn man hoffen könnte, daß die holländischen Arbeiter durch einen solidarischen Generalstreik ihre Regierung zur Lieferung von Lebensmitteln zwänge! Die Ebert-Bande winselt bei der Entente, sie möchte Truppen hinschicken, was ihnen wohl in Gnaden gewährt werden wird. Denn daß Fochs Wunsch, selber noch mal zu siegen, erfüllt wird, bezweifle ich. Man wird nicht sonderlich gern französische Soldaten ins wirkliche Revolutionsgebiet senden. Der bolschewistische Bazillus! Die Deutschen haben da in der Ukraine ein Beispiel gegeben. Die Berliner Regierung unter Bauer ist zurückgetreten. Man scheint eine ganz ähnliche Koalition nun machen zu wollen. Aber die Sozi wollen den Wehrminister nicht mehr stellen. Das sollen die Demokraten machen. Sie werden dann ganz unschuldig sein, wenn Arbeiterblut fließt! Immerhin ist ein furchtbar radikales Abkommen mit den Gewerkschaften getroffen worden, die nun einen gewissen Einfluß auf die Zusammensetzung der Regierung kriegen sollen. Die Gewerkschaftsbonzen! Die Bourgeoisie zittert schon. Die wahre Diktatur des Proletariats! – In Mitteldeutschland ist leider die Reichswehr mitsamt den sauberen Zeitfreiwilligen der Arbeiter fast überall Herr geworden. Dennoch – und auch wenn sich die prachtvollen Kämpfer im Ruhrgebiet nicht halten können: dies war die erste wirklich groß angelegte Revolution in Deutschland. Zur Ruhe kommt sie nicht wieder, und die ungeheure wirtschaftliche Erschütterung des Landes durch 14 Tage Streik und Revolten beschleunigt den Zusammenbruch sehr. Im September oder Oktober hoffe ich in München an der Arbeit zu sein. – Jetzt muß ich versuchen, mich zum Dichten zu konzentrieren. Ich soll für eine Landauerfeier am 7. April, seinem 50. Geburtstag, einen Prolog verfassen. Hoffentlich gelingt’s mir. Heute ist Palmsonntag. Im vorigen Jahr war er am 13. April – und damals fiel ich in die Hand der Feinde und wurde dadurch gerettet. Hätte man doch damals auch Landauer erwischt! – Ich habe gestern an Paul Cassirer geschrieben, er soll eine Kollekte für ein Grabmal für ihn einleiten. Wenigstens eine äußere sichtbare Ehrung sollte er doch bekommen, sowenig er danach gefragt hätte.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 31. März 1920.

Es steht auf Spitz und Knopf. Die neue deutsche Regierung (Hermann Müller „vom Parteivorstand“ Reichskanzler, der Demokrat Geßler Wehrminister: nomen est omen! Wo bleibt ein Tell?) verrenkt sich nach allen Seiten, um energisch gegen rechts zu erscheinen, ohne doch dem Bolschewismus Zugeständnisse zu machen. Jetzt haben die Herrschaften also wirklich die Erlaubnis erhalten, Truppen nach Westfalen zu schicken. „Die drei Parteien“ – Gott weiß, was da für Schweinereien vorgehn! Die Unabhängigen mindestens hängen schon vollständig am Halse der Scheidemänner – sollen übereinstimmend, und sogar im Bunde mit den Gewerkschaften, die Proklamation des Generalstreiks über ganz Deutschland angekündigt haben, wenn ins Aufstandsgebiet einmarschiert wird. Vorläufig befördern aber die Eisenbahner die weißen Truppen an Ort und Stelle, und die Arbeiter auf dem ganzen Wege tun nichts, die Transporte zu behindern. Wie die Dinge in den kritischen Gegenden selbst liegen, muß ich mir aus den ganz tendenziösen Meldungen des Fränk. Kuriers zurechtkombinieren. Jedenfalls hat die Regierung mit den Arbeitern verhandelt und es ist ein Vertrag zustandegekommen, das „Bielefelder Abkommen“ mit Anerkennung der „verfassungsmäßigen Regierung“, Entwaffnung und ähnlichem. Die Unabhängigen scheinen da eine böse Rolle zu spielen. Natürlich fügt sich die Leitung der Roten Armee nicht und führt den Kampf durch. – In Baiern ist tatsächlich eine Art Kapp-Putsch durchgeführt worden, nur sozusagen „auf verfassungsmäßigem Wege“. Der General Möhl hat den Rücktritt der Regierung erpreßt. Das Reizende dabei ist, daß die „sozialistischen“ Minister Endres und Segitz das ganz in der Ordnung fanden; sie mußten allerdings dann aus der Regierung trotzdem heraus, weil es Hoffmann zu bunt geworden war. Müller-Meiningen ist stellvertretender Ministerpräsident (Toni meldet schon von Niederschönenfeld neue Verschärfungen), und der Landtag hat als erste Tat unter dem neuen Regime (Kahr hat selbst mit Möhl zu der Geschichte mitgewirkt) die baierischen Arbeiterräte für aufgelöst erklärt. Soweit wären wir jetzt glücklich. Wenn der Generalstreik jetzt wirklich zustande käme, wäre das ein sehr günstiges Propagandamittel. Sehr interessant sind die Vorgänge im Vogtland, wo ein Genosse Hölz außerordentlich energische revolutionäre Aktionen vorzunehmen scheint. Natürlich werden ihm, weil er das einzig Richtige tut, nämlich die Bürger einschüchtert, die gemeinsten Verbrechereigenschaften untergeschoben. Noch ein Ereignis: In Friedrichshagen hat eine Bombe den Kapitänleutnant v. Pflugg-Hartung zerrissen, und mit ihm 10 Mann seiner Sturmtruppe, mit der er dort „Ruhe und Ordnung“ schuf. Offenbar ein Attentat. Pflug-Harttung ist einer der freigesprochenen Mörder Karl Liebknechts (ich habe ihn als erster im „Kain“ öffentlich denunziert). Jetzt hat den ersten die Strafe erreicht. Es ist das erste Mal seit Ausbruch der deutschen Revolution, daß das von der Gegenseite legitimierte Verfahren von Revolutionären gegen ihre Peiniger angewendet wurde. Vielleicht wird sich das Blatt nun überhaupt wenden. Ich bin sehr optimistisch – in jeder Hinsicht. – Leider quält mich das Geräusch im Ohr ununterbrochen. Der Arzt hält die Sache nicht für gefährlich, aber sehr fatal ist sie jedenfalls. – Paul Grassl ist immer noch oben. Zu seiner Bewachung hält der Staat nicht weniger als 5 Aufseher in der Festungshaftanstalt Ansbach in Brot und Lohn. – Mit meiner Abschreiberei werde ich wohl noch die Woche durch zu tun haben. Aber gestern war der Staatsanwalt da und teilte mir auf Anfrage mit, daß ich das Manuskript, solange ich im Gefängnis bin, keineswegs herausgeben darf, das vertrage sich nicht mit der Gefängnisordnung. Ich müsse warten, bis ich wieder in Festung sei. Dann hätte ich es also dem Schnösel zur Prüfung vorzulegen. Der brächte es fertig, es einfach „zum Akt“ zu nehmen. Lieber nicht. Ich muß es schwarz herauskriegen. Einen Plan habe ich schon. Wenn aber diesmal der Generalstreik im ganzen Reich zustande kommt und nicht wieder von Parteien und Gewerkschaften sabotiert wird, dann wäre es ja denkbar, ich könnte meine Arbeit selber hinaustragen. Ich wäre schon gern wieder bei Zenzl, die mir täglich die ergreifendsten Briefe schreibt. – Der Dreimaskenverlag teilt mir mit, daß er Aussicht habe, meine „Hochstapler“ an englischen oder amerikanischen Bühnen unterzubringen; ich müßte nur dazu das Verfilmungsrecht geben. Das hab ich getan. Also jetzt mache ich, wie es scheint, nachträglich auch noch Tollers Karriere und werde als Dichter toleriert weil ich Revolutionär bin. Früher galt ich als Revolutionär nicht für ernsthaft, weil ich Literat war und wurde literarisch unterdrückt, weil ich revolutionär war. Toller aber war der große „Ethiker“, der ihn in beiden Eigenschaften glorifizierte. Also nun sollen sich amerikanische Bourgeois aus mir eine Sensation machen. Von mir aus. Aber zahlen sollen sie und zwar in Dollarvaluta.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 3. April 1920.

Abends. Jetzt habe ich grade die Hälfte meiner Gefängnisstrafe herum, und eben habe ich den letzten Federstrich unter das Einigungsbuch gesetzt. Über die Lage draußen weiß ich nichts, weil das Rindvieh von Verwalter vergessen hatte, meine Zeitung nachzubestellen und gestern war Karfreitag, morgen und übermorgen ist Ostern – da werde ich wohl bis zu meinem Geburtstag nichts erfahren. In den nächsten Tagen will ich nun erst mal einige Korrespondenz wegschaffen, und dann gehe ich mit dem Gedanken um, den zweiten Monat hier drinnen zu meinem Judas-Drama zu verwenden. Die Idee ist da, – aber die ganze szenische und dramatische Gestaltung ist mir noch ganz dunkel. Vielleicht kommt die Erleuchtung über Nacht. Oder aber, es kommt ganz anders. Die tapferen Genossen im Ruhrrevier haben vielleicht auch mein Schicksal in der Hand. Ein Generalstreik, wirklich einmal gleichzeitig im ganzen Lande durchgeführt, bei gleichzeitigem Aufstand könnte von heute auf morgen alles umwälzen – und Dramen erleben ist besser, als welche schreiben. Angeblich soll der 6. April für die allgemeine Streikbewegung ausersehn sein. Es wäre das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich kriegen kann, und würde hoffentlich besser ausschlagen als das Geschenk der Räterepublik im vorigen Jahr.

 

Ansbach, Sonntag, d. 4. April 1920 (Ostern)

Seit dem 1. April bin ich immer noch ohne jede Kenntnis von den Vorgängen draußen. Da alles auf Spitz und Knopf steht und die ernstesten Entscheidungen grade in diesen Tagen gefallen sein können, macht mich das recht nervös. Aber ich las jetzt eine Reihe kommunistischer Zeitungen aus den Tagen vom 21. – 29. März, die ich auf heimlichen Wegen in die Zelle bekam. Dadurch sehe ich jetzt klarer in die Dinge hinein, besonders sind mir die Ereignisse in Berlin jetzt ziemlich durchsichtig geworden. Dort ist der Streik durch die verräterische Haltung des Gewerkschaftsbundes und durch die Jämmerlichkeit gewisser Unabhäng[ig]er (darunter Crispien) vorzeitig abgebrochen worden, und dadurch hat die Konterrevolution wieder Atem holen können. Der General Seeckt haust wieder wie nur irgendein Lüttwitz in der Noskezeit: über 1000 Verhaftungen in Berlin, standrechtliche Erschießungen etc. Die neue Regierung, die so große Töne gegen rechts hatte, läßt sich von derselben Soldateska, die am 13. März den Putsch machte, auf der Nase herumtanzen. In Döberitz sammeln sich neue militärische Kräfte, die Baltikumer sind nicht entwaffnet und erhalten Zulauf hauptsächlich von Studenten („Zeitfreiwilligen“). Verhaftete Arbeiterführer – darunter Hermann Duncker – werden nach Döberitz verschleppt. Die Spandauer Arbeiter haben sich erboten, Döberitz zu entwaffnen, falls man ihnen Waffen gibt, was natürlich nicht geschieht. Inzwischen werden Truppen unter Watter gegen das Ruhrrevier konzentriert, hauptsächlich süddeutsche (Württemberger wieder an der Spitze, aber auch Baiern fehlen nicht). Auch gegen Thüringen sind militärische Operationen im Gange. Worauf die Arbeiter noch warten, ist rätselhaft. Die KPD treibt eifrig zum Generalstreik, aber sie hat wenig Aussicht, Begeisterung zu wecken, da ihre ganze Politik wieder so trocken und „wissenschaftlich“ ist, daß damit das Temperament des Proletariats nie erregt werden kann. Schon am 13. März verhielt sie sich, nach eigner Darstellung, „zurückhaltend“ und überließ den Mehrheitlern und der USP die Führung. Dann kam sie mit Forderungen zum Vorschein und hatte tagelang damit zu tun, wenigstens die Unabhängigen dafür zu gewinnen (politische Arbeiterräte). Die einzig mögliche Parole, die Räterepublik, hat sie ausdrücklich abgelehnt, da dafür die Mehrheit der Arbeiter noch nicht gewonnen sei. Woher weiß sie das? Wäre die Räterepublik nur erst da, dann werden die Arbeiter, nicht nur in ihrer Mehrheit, sondern in ihrer Gesamtheit dahinter stehn – wenn nicht die KPD, wie in München, dagegen agitiert. Mit den Sozialpatrioten wären wir damals im Bunde mit den Kommunisten im Handumdrehn fertig geworden. Sie kämpfen also für eine demokratische „Arbeiterregierung“, die aus rechten Unabhängigen und linken Sozialdemokraten bestehn soll. Also das Nürnberger Kompromiß als Forderung der Kommunisten, die selbst nicht beitreten wollen, sondern sich „loyale Opposition“ vorbehalten. Es ist zum Verzweifeln! Wüßte ich nur, ob Rühle da ist und seine Gegenforderungen erhebt! Die erste Forderung jeder Revolution wird verraten: keinerlei Politik zu treiben, die nicht die Herrschaft des Proletariats als unmittelbares und direktes Ziel verfolgt! – Daß das Ruhrgebiet vorläufig auf die Proklamation der Räterepublik verzichtet, ist etwas andres. Dort müssen die Arbeiter, die ja die Diktatur tatsächlich ausüben, schweren Krieg führen, sind also noch keineswegs fest im Besitz der Macht und müssen in den eignen Reihen jetzt Konflikte vermeiden, dürfen sich auch nicht für den Augenblick die Zufuhrmöglichkeiten vom Ausland abschneiden. Aber gleich im vorhinein kapitulieren, wie es Levy macht und Pieck ist doch stark. Eben kommt eine Kiste Zigarren von Lederer – eingewickelt in die Neue Badische Landeszeitung vom 1. April. Es ist noch wenig daraus zu entnehmen. In Berlin wollen anscheinend die Gewerkschaften einen neuen Generalstreik mit allen Mitteln sabotieren. Die Lage im westlichen Industriegebiet ist für mich ganz undurchsichtig. In Duisburg rufen die Mehrheitler mit den Bürgerlichen zusammen die Regierung zum bewaffneten Einschreiten gegen den „Pöbel“ an, in Elberfeld stehn sie mit den Kommunisten zusammen in der Roten Armee. In Düsseldorf scheint die alte „Ordnung“ zu bestehn. In Essen steht der Vollzugsrat gegen die Streikleitung und gegen politische Arbeiterräte; die Christlichen Gewerkschaften schreien nach Berlin um Hilfe; das ganze Bild ist recht wenig übersichtlich. Ich hoffe, heute noch Zeitungen zu kriegen. Wie stark sich die Reaktion noch fühlt, sieht man ja immer am besten aus ihren moralischen Handlungen. Und da fand ich in der Mannheimer „Roten Fahne“ den Bericht über die Prozeßverhandlung gegen einen der Mörder Gustav Landauers, die in Freiburg stattgefunden hat. Der Kerl hat wahrscheinlich den eigentlich tödlichen Schuß abgegeben und hat meinem armen Freund dann noch die Uhr gestohlen. Er wurde freigesprochen! Jeder der Richter, die an diesem Schandspruch mitgewirkt haben, hat damit den Mord selbst noch einmal begangen. Wenn unsre Stunde kommt, – es wird furchtbar tagen.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 7. April 1920.

Landauers 50. Geburtstag! – und gestern war mein 42ter. Er verlief ohne Sensationen, abgesehn davon, daß mein Ohrenklingen unaufhörlich da ist und sich dank der abscheulichen Beleuchtung der Zelle (Jalousienblenden) auch noch eine Augenentzündung eingestellt hat. Ein entzückender Brief von Zenzl verschönte mir den Tag, und große Freude hatte ich dadurch, daß C. G. v. Maaßen sich pünktlich mit einem Glückwunsch einfand. Er ist in keiner guten Stimmung und hat anscheinend stark mit Existenzschwierigkeiten zu kämpfen. Im Politischen scheint er wieder ganz im reaktionären Wasser zu schwimmen, erklärt aber alles selbst damit, daß er 100 Jahre zu spät auf die Welt gekommen sei. Vor einigen Tagen erfreute mich Richard Rieß, der sich meines Geburtstags erinnerte, durch 10 gute Zigarillos. Ich habe den Menschen nie gemocht, aber seine Anhänglichkeit ist doch seltsam und rührend. Er ist ein Schmock, hat aber offensichtlich die Sehnsucht, besser zu sein als andre Schmöcke. Das angekündigte Paket von Zenzl erwarte ich heute. – Jetzt ist morgens, und ich hätte eigentlich an „Judas“ zu arbeiten, mit dem ich gestern endgiltig begonnen habe, nachdem ich am 4. und 5ten den Plan skizziert habe. Ich schrieb nur die allererste Szene, und auch die nicht zu Ende, da ich vorgestern den Leichtsinn beging, nach Jahren wieder einmal Raskolnikow zu lesen. Ich konnte mich durch diese Lektüre auf nichts andres mehr konzentrieren und las es bis zur Nacht ganz durch. Herrlich! Über alles Maß großartig. Und da will man selbst schreiben. Heut habe ich mich noch nicht überwinden können, an die Arbeit zu gehn – ich will es nach dem Aufkehren meiner Zelle versuchen. Das Nichteintreffen der Zeitung macht mich grenzenlos nervös. Vorgestern erhielt ich nach langem Betteln vom Verwalter die „Fränkische Zeitung“ (Ansbach) vom 1. und 3. April, aus denen noch nichts besonderes zu ersehn war. Die Arbeiter „in Bereitschaft“ – das ist alles, und von Duisburg ein Hilferuf, die Reichswehr solle kommen, unterzeichnet von der SPD und USP!! Soweit sind die Herren Unabhängigen glücklich. Ich werde nachher wegen der Zeitung energisch aufmucken, mich eventuell an den Staatsanwalt direkt wenden. Diese vollständige Absperrung von der Außenwelt, in dem Moment, wo sich alles entscheiden muß, ist für mich ärger, als für einen andern Dunkelarrest. Gottseidank teilt mir Zenzl mit, daß Kahn endlich 250 M. bekommen hat. Jetzt kann ich ihn noch mal herbitten. Hoffentlich wird’s mit den Augen nicht schlimmer. Es wäre schandbar, wenn mich so ein Zwischenfall am Arbeiten hinderte. 4 Wochen muß ich noch „durchhalten“. Zenzl berichtet, daß Nexö plötzlich nach Hause abgereist ist. Das hatte ich erwartet. Dänemark scheint vor großen Ereignissen zu stehn. Auch von Polen sind vielleicht bedeutende Dinge in kurzem zu erwarten. Aber Deutschland? Deutschland! Ich bin sehr erregt. Heute vor einem Jahr – –

 

Ansbach, Donnerstag, d. 8. April 1920.

Kurz nach dem Einschreiben wurde ich gestern zum Arzt gerufen. Als ich herunterkam, erfuhr ich, daß nicht der Arzt verlangt habe, sondern daß meine Frau zu Besuch gekommen sei. Eine Stunde Sprechzeit war genehmigt – ohne Aufsicht, leider aber nicht in der Zelle, sondern unten in dem kalten Raum. Ich war recht glücklich, aber die Stunde ging so rasch herum, daß das meiste kaum besprochen wurde. Dumm war, daß ich keine Gelegenheit hatte, inzwischen in die Zelle zu gehn, ich hätte sonst das Einigungs-Manuskript mühelos herausschaffen können. Zenzl kam von Würzburg, wo sie Franks besucht hatte. Mir ist in der Aufregung garnicht alles klar geworden. Sie hat nachher noch eine Stunde mit Grassl sprechen dürfen, und ich werde wohl noch Bericht kriegen. Von Landauers Kindern erhielt ich einen Geburtstagsbrief, dem Gundula ein Lesezeichen, und Lotte ein Büchelchen beigelegt hatte, in das sie einen Traum und ein paar Gedichtchen von sich eingeschrieben hat, womit sie mir Einblick in ihr Inneres geben wollte. Mir stiegen die Tränen auf. So menschlich und innerlich schön ist dieses Mädchen. Ich fürchte, ich werde garnicht den Ton finden, um ihr dafür zu danken. Mein treuer Reitze schickte Schokolade und ein Bändchen kleiner Schönheiten von Robert Reitzel, den ich heute las: kein Mensch kennt Reitzel in Deutschland – skandalös. Dabei ist Victor Scheffel Nationaldichter. Reitzel hat was von Scheffel – ganz im Äußerlichen, im Sinnlichen. Er ist ein Victor Scheffel mit Tiefe, Seele, sozialem Leiden, stärkstem Volksempfinden. Selbst kein großer Dichter, auch kein eigentlicher Neuerer: aber tief tief anständig – ein sauberer Mensch und ein Revolutionär: kein Trompeter von Säckingen, aber ein Trommler von Detroit. Dies nebenbei. Meine Zeitung ist immer noch nicht da. Ich las aber wieder drei letzte Nummern des Ansbacher Einwickelpapiers. Die Reichswehr ist tatsächlich ins Ruhrgebiet eingerückt, – aber der allgemeine deutsche Generalstreik, der in diesem Fall angekündigt war, ist noch nicht zu merken; nur liest man von neuem Drohungen damit. Dagegen haben die Franzosen gehandelt. Sie haben den Einmarsch verboten, und da er trotzdem erfolgte, Frankfurt, Darmstadt und Hanau besetzt. Belgien soll ebenfalls Repressalien planen. Die deutsche Regierung behauptet, es seien noch nicht einmal soviel Truppen einmarschiert, wie ihnen vertragsmäßig erlaubt sei: nur 13.500 Mann. Im übrigen seien im besetzten Gebiet noch 3500 Mann stationiert, und da sie 17.500 Mann dort haben dürften, könnten sie sogar noch 500 Mann nachschicken. Natürlich ist das glatter Schwindel. Wenn wirklich blos 13.500 Mann Reichswehrtruppen einmarschiert wären – die nach schweren Kämpfen Duisburg, Recklinghausen, Essen etc. genommen haben (es ist sehr unwahrscheinlich, daß die paar Bataillone mit der roten Armee überall fertig geworden sein sollten), dann haben sie sicher die Einwohnerwehren, die Zeitfreiwilligen, die Polizeiwehren nicht gerechnet, auf die sie die Hauptmacht gestützt haben werden. Jedenfalls: internationaler Konflikt. Mit großer Befriedigung las ich, daß in Berlin links der KPD und mit ausdrücklichem Hinweis auf deren reformistische Politik eine neue Partei entstanden ist (die K. A. (Arbeiter-) P. D). Sollte die auch wieder bürokratisch-zentralistisch aufgebaut sein, so ist doch zu hoffen, daß sie, solange sie arm ist, nicht verbonzen wird, und daß sie jetzt gleich entscheidend in die Dinge eingreifen wird. Es ist ein gutes Zeichen, daß sich das Proletariat doch nicht gleich wieder von den Bonzen einwickeln läßt. Meine Hoffnung ist sehr stark. – Meine Arbeit geht vorwärts. Sie ist furchtbar schwierig. Den größeren Teil des 1. Aktes habe ich geschrieben. Ich fürchte, daß er technisch nicht sonderlich wohl gerät. Aber ich habe noch kein Urteil. Illusionen mache ich mir nicht mehr über meine dramatische Sendung. Mag’s für den Nachlaß sein!

 

Ansbach, Sonnabend, d. 10. April 1920

(71. Geburtstag der Mutter). – Heute kam der ganze Pack Zeitungen nachgeliefert. Ich las fast den ganzen Vormittag, sodaß ich heute im 2. Akt des „Judas“ nicht weit gekommen bin. Das Bild, das ich mir von der allgemeinen Lage gemacht hatte, braucht nicht viel retouchiert zu werden. Die Reichswehr ist trotz aller Drohungen mit dem Generalstreik ins Ruhrgebiet einmarschiert, hat wieder schauderhaft gehaust – das baierische Freikorps Epp, das von Watter extra belobt wurde, scheint grauenvoll gewütet zu haben – und SPD, USP, KPD, Gewerkschaften und Regierungen sind ganz einer Meinung, daß durchaus die Zeit für einen neuen Generalstreik nicht günstig sei. Zenzl hat mir berichtet, daß die Münchner Arbeiterschaft am lautesten nach mir verlangt. Komme ich frei, soll sich’s nicht in mir täuschen. Ich werde nie ein „Führer“ werden, sondern nur ein Aufwiegler. Meine Aufgabe wird sein – und ich hoffe da, in Kain  die stärkste Stütze zu finden, das ganze Gesindel von Führern endgiltig zu entthronen und dem Volk selbst auf den Kutschbock zu helfen. Der Münchner Genosse Marcuse fiel leider in die Hände der Weißen. Er wurde „erschossen“ – man weiß, was das bedeutet. Die ganzen Münchner Greuel scheinen sich da zu wiederholen. Dabei haben die Franzosen sicher recht mit der Behauptung, daß dieser ganze infame Feldzug ein Manöver der Kappisten ist, um nach dem ersten Fehlschlag ihre Kräfte neu zu sammeln und militärisch vorzubereiten. Inzwischen werden die ersten Urteile wegen der Märzunruhen gefällt – natürlich nicht gegen die nationalistischen Verschwörer, die alle frei herumlaufen und denen trotz aller wilden Reden gegen sie kein Haar gekrümmt wird, sondern gegen die Arbeiter, die die Regierung selbst zu ihrer Hilfe aufgerufen hatte. In Nürnberg wurde ihnen bis zu 4 Jahren Zuchthaus aufdiktiert. Auch mein Ebracher Genosse Kärplein sitzt in Nürnberg und wartet auf das Urteil. Wie lange noch? – In Italien soll es stark gären. Hoffentlich enttäuschen die Italiener nicht wieder, die noch immer allen revolutionären Elan in Vorbereitungen verzettelt haben. – Von Niederschönenfeld erhielt ich Geburtstagswünsche. Dabei stellte sich heraus, daß ein langer Brief, den ich kürzlich an Olschewski schrieb, ihm wegen „agitatorischen Inhalts“ nicht ausgeliefert wurde. Die Gefängniszensur hier hatte der Brief passiert. Die Festungszensur des Schnösels war schärfer. Das Amüsante dabei ist, daß die Konfiskation wahrscheinlich auf die Schilderung der guten Behandlung zurückzuführen ist, die mir hier zuteil wird. Ich hatte darauf hingewiesen, daß sich zeige, wieviel der gute Wille des Vorstands vermag. Vollmännchen hat den Hieb verstanden – und als Agitation konfisziert. Material für später. Auch Wollenberg schrieb mir, der eingefangen wurde und nun in Niederschönenfeld in Einzelhaft sitzt. Renner hatte auf dem Transport nach München die Flucht unternommen, war nach ein paar Stunden wieder eingefangen und sitzt ebenfalls in Einzelhaft. Der Kerl treibt’s dort genau wie ers hier getrieben hat. – Hier oben ist heute wieder eine überraschende Änderung eingetreten. Paul Grassl hat Gesellschaft bekommen. Markus Reichert ist von Lichtenau zurückgekommen – anscheinend auf seinen eignen Wunsch – und mit ihm noch ein Genosse Schwab (den ich wohl nicht kenne). Ob sie hier bleiben sollen, ob sie auf mich warten müssen, damit wir dann selbander nach Niederschönenfeld kommen – wer kann’s wissen? Der liebe Gott und Herr Müller-Meiningen. Mein Schicksal liegt in ihrer Hand, – aber vielleicht nicht mehr lange.

 

Ansbach, d. 13. April 1920. (Dienstag).

Jubiläum! Heut vor einem Jahr fiel ich in die Hände der weißen Bestie – seitdem genieße ich die Segnungen der neuen baierischen Freiheit. – Aber mich schmerzen die Augen – diese gottverfluchte Dunkelzelle hat mir in der Tat eine böse Augen-Überanstrengung verursacht, die hoffentlich in den 3 Wochen, die noch vor mir sind, nicht zur Krankheit auswächst –; also: zur Sache. Die Zeitungen sind voll Entrüstung über den „Vertragsbruch“ der Franzosen – als ob sie selbst nicht zuerst den Vertrag gebrochen hätten (aber die alte deutsche Ethik: was wir tun, das ist wohlgetan; wenn’s andre tun, ist’s Schimpf und Wahn[)]. In Frankfurt haben marokkanische Soldaten in die Massen geschossen: 4 Tote, 18 Verwundete. So ekelhaft und gemein das ist, noch ekelhafter und gemeiner ist’s, wenn sich Leute drüber entrüsten, die unter den eignen Landsleuten täglich die fürchterlichsten Blutbäder anrichten. Daß die Gemeinheit grade darin liegen soll, daß es Marokkaner waren, kann ich nicht einsehn. Ob das, was die Franzosen während ihrer Marokkoraubzüge, die ihnen die Deutschen so gern streitig gemacht hätten, an Marokkanerblut vergossen haben, weniger fluchwürdig ist? Ich kenne mich nicht aus in der Moral Westeuropas. Im Vogtland rückt Reichswehr ein. Hoffentlich gelingt es Hölz, den Leuten zu entkommen. Ein prachtvoll entschlossener Mensch. Er ist der einzige, der begriffen hat, worauf es ankommt: den Bürgern dauernd Schrecken einzujagen und den Einschüchterungen, wenn sie nicht wirken, die Tat folgen zu lassen. Er soll nach dem Bekanntwerden des Einrückens der Reichswehr seine Drohung, Amtsgebäude und Häuser reicher Leute in Brand zu stecken, an etlichen Villen verwirklicht haben, und flüchtig geworden sein, nachdem er die Geiseln freigelassen hatte. (Man wird ihn trotzdem als Mörder weiterverleumden und, wenn man ihn kriegt, auch behandeln). Hölz’ Name wird mal als der Hutten unsrer Tage in der Geschichte fortleben. Aber dieser Mann scheint ein Revolutionär vom größten Wuchs zu sein. Ich hoffe, ihm noch einmal die Hand drücken zu können. – Das stärkste Geschrei ist aber nun wegen der von der Entente geforderten Auflösung der Einwohnerwehren. Natürlich haben sich die Sozi und die Gewerkschafter die schöne Pose gegeben, als ob sie diese Einrichtung bekämpften. In Wahrheit kuschen sie vor der Entente und benutzen das Kuschen als Wahlpropagandamittel. In Norddeutschland scheint die Auflösung der Ortswehren im vollen Gange zu sein. In Bayern dagegen setzt ein ungeheurer Widerstand ein: Wir können nicht! Die Einwohnerwehren selber wollen sich weigern, die Waffen abzugeben, und der tüchtige Herr v. Kahr, unser Ministerpräsident, soll schon die Lostrennung Baierns vom Reich aus diesem Grunde an die Wand gemalt haben. – Das Gespenst des Bolschewismus! Dies Gespenst setzt langsam Fleisch an. Und eines Tages wird es als sehr lebendiges Lebewesen gegenwärtig sein, ob nun die Einwohnerwehren dann schon entwaffnet sind, – oder ob sie es infolge davon werden!

 

Ansbach, Sonntag, d. 18. April 1920.

¾ 6 Uhr. Nur Persönliches heute. Eben habe ich „Judas“ beendet. Morgen beginnt die Reinschrift. Gestern und vorgestern habe ich den vierten Akt geschrieben, heute den ganzen fünften. 29 handelnde Einzelpersonen und eine Unmenge Komparserie. Gott gebe dem Stück eine glücklichere Laufbahn als den vier früheren. Vielleicht ist das plötzliche Interesse des Verlags für das erste, die „Hochstapler“ ein gutes Omen. – Über mein nächstes Schicksal habe ich jetzt Auskunft. Donnerstag war der Staatsanwalt bei mir und riet mir, Zenzl zu schreiben, daß, wenn sie zum Packen kommen wolle, sie schon am 3. Mai hier sein solle, da es sehr wahrscheinlich sei, daß ich am 4ten gleich in der Frühe weiterbefördert werde. Er erwarte am Tage darauf den Justizminister mit einigen Parlamentariern, mit denen die Sache endgiltig geregelt werden solle. Ich schrieb also Zenzl sofort in diesem Sinn. Vorgestern abend kam nun der Staatsanwalt wieder und gab mir den Brief zurück. Der Minister habe anders entschieden: ich mit den drei Genossen bleiben hier, und noch zwei weitere Herren würden hierher verlegt werden. Es sei also nichts mit dem Packen. Das ist mir garnicht lieb, und ich sehe eine neue Infamie Müller-Meiningens darin. Obwohl das Essen hier jedenfalls bedeutend besser ist als irgendwo anders und der Vorstand ein Engel gegen den Schnösel – auch er wird einmal ein sehr gutes Zeugnis erhalten, wenn er so beibleibt, und die Namen Wirthmann und Helmes sollen gesegnet bleiben –, so überwiegen doch die Nachteile. Der Gefängnischarakter der Anstalt ist sicher nirgends so ausgeprägt wie hier, und besonders der abscheuliche kahle Hof vergällt einem das Leben. Wie schön war doch der Zuchthausgarten in Ebrach dagegen! Aber Müller gefällt’s wohl grade so – „Ehrenhaft“. Das alles wäre aber erträglich, wenn man mich nicht wieder von den nächsten und liebsten Kameraden trennte. Grassl und Markus sind gewiß liebe Kerle, – aber du lieber Himmel, als einzige geistige Anregung sind sie doch sehr wenig für mich. Bleibt ja abzuwarten, wie die andern drei sein werden – 6 sind überhaupt so wenige, daß man sich bei langem Aufeinanderangewiesensein bald auf die Nerven fallen muß –, bleibt ja abzuwarten. Fehlte nur noch, daß das Kaliber Riedinger und Konsorten dabei wäre! Ich führe das ganz auf Vollmann zurück. Er haßt mich noch mehr als ich ihn verachte. Nun liest er in den Briefen fortgesetzt: Wenn du doch bei uns wärst. Der Geist ist noch nicht der richtige. Du wirst Zug hineinbringen etc. Und das soll eben vermieden werden. Ich bin überzeugt, daß die Anstalt Ansbach nur noch meinetwegen als Festung erhalten bleibt, um mir keine Gelegenheit zu geben, mich mit Ebenbürtigen über die politischen Fragen auszusprechen und womöglich auf eine größere Schar junger Leute ungünstig einzuwirken. So werden sie – da sie mich ja schon nicht allein lassen können – harmlose gute Menschen ohne tiefere revolutionäre Einsicht, aber mit so festem revolutionärem Glauben hersetzen, daß an denen doch nichts mehr zu verderben sein wird. Ich empfinde diese Loslösung vor allem von Kain und Hagemeister als bösen Schlag, der mit ganz bewußter Absicht gegen mich geführt wird. Herr Müller ist mit den 2 Monaten Gefängnis noch nicht zufrieden. Jetzt beginnt die Privatrache des Beleidigten gegen den in seine Hände gegebenen wehrlosen Beleidiger. Aber jetzt beginne auch ich mit der großen Offensive gegen ihn. Meine nächste Arbeit wird die Anklageschrift gegen Müller-Meiningen sein wegen Verhängung unzulässiger Strafen und wegen Mißbrauch der Amtsgewalt (im Falle der Behinderung der Zeugen in meinem Prozeß). Zugleich will ich alle die Wege gehn, die mir das Landgericht hier und das Reichsgericht gewiesen hat und den Reichskanzler auffordern, für die Innehaltung der Verfassung beim Strafvollzug Sorge zu tragen. Vielleicht komme ich dann doch eines Tags nach Niederschönenfeld zu den Genossen, wo ich ja auch Hartig, Niekisch und andre hätte, mit denen ich meine literarischen Interessen anregen könnte, – wenn nicht bald unsre Stunde auf andre Weise schlägt. Es scheint ein neuer reaktionärer Putsch bevorzustehn. Doch davon und von den übrigen Dingen des Standes der Welt ein ander Mal. Es wird dunkel, – und ich muß leider, leider einen Todesfall verzeichnen, der mir im innersten Herzen wehtut. Wie Zenzl von Grete Weisgerber erfuhr, ist Liesl Steinrück gestorben, diese wunderbar schöne, zarte, gütige, liebe, kranke Frau, deren kranke Lungen allen ihren Freunden – und dazu gehörte ich seit mehr als 15 Jahren – schon immer ein Gegenstand der Angst und Sorge war. Immer wieder hieß es, Liesl Gussmann wird wohl nicht wieder aufkommen, und immer wieder erholte sie sich und lächelte, wenn man sie wieder traf, so lieb wie je und sprach mit der fast unhörbaren Stimme so sanft und rührend, daß man meinen konnte, das Organ sei melodiös wie früher. Arme schöne liebe stille gute Liesl! Ich bin traurig um Deinen Tod und werde Dich nicht vergessen. Schlaf wohl!

 

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