Tagebücher

XXV

 

19. April 1920 – 5. Januar 1921

 

 

 

Gefängnis Ansbach, Montag d. 19. April 1920.

Ich bin aus merkwürdigen Gründen gezwungen, vor der Zeit ein neues Tagebuchheft anzufangen. Müller-Meiningen hat einen Gewaltakt begangen, der alles bisher Geleistete weit in den Schatten stellt. Heute früh erschien bei mir der Verwalter mit zwei Aufsehern – ich wollte mir grade die Zähne putzen – und erklärte, eine Visitation vornehmen zu müssen. Zunächst an mir selbst. Man fuhr mir in die Taschen, und ich mußte sogar die Strümpfe wieder ausziehn. Dann wurde ich gegenüber in eine andre leere Zelle gesperrt, wohin ich nicht mal Papier und Bleistift mitnehmen konnte (trotzdem ist dort ein Gedicht entstanden). Inzwischen wurde meine Zelle völlig ausgeräumt, und als ich um ½ 3 endlich wieder herüberdurfte, hatte ich lange zu tun, um die Sachen einigermaßen wieder an Ort und Stelle zu bringen. 7 Stunden habe ich ohne jede Beschäftigung drüben zubringen müssen. Um 9 Uhr kam der Verwalter und las mir einen Wisch vor von der Staatsregierung. „Die Festungsgefangenen und Mühsam“ sind gründlich zu durchsuchen. Sie werden bis auf weiteres in Einzelhaft gesperrt, der Hofspaziergang fällt weg, keine Zeitungen kommen herein, Besuche werden gänzlich ausgeschlossen. Gründe: niemand weiß von etwas. Von meinen durchsuchten Sachen vermisse ich bis jetzt: meine sämtlichen Tagebücher, vom Oktober 1918 ab; das Reinschriftmanuskript der Einigungsbroschüre (die Kladde ist gottseidank da), die Photographie Albert Reitzes, das dicke Notizbuch mit den Gelegenheitsgedichten und das Heft mit den losen Blättern meines gestern beendeten „Judas“-Dramas; also so ziemlich alles, was für mich persönlich, künstlerisch, beruflich und historisch Wert hat. Ich habe mich den ganzen Tag bemüht, den Staatsanwalt zu sprechen, vergeblich. Was draus wird, ist nicht abzusehn. Also vollständiger Abschluß von der Außenwelt – ich vergaß noch: wir dürfen nur noch Briefe geschäftlichen und familiären Inhalts schreiben und bekommen Briefe mit politischen Erörterungen nicht mehr ausgehändigt. Keine Zeitungen! Draußen mag die Welt zugrunde gehn, die baierischen Ehrenhäftlinge (mit Ausnahme des Meuchelmörders Arco) geht das nichts an. Frische Luft ist für Zuchthäusler selbstverständlich, für politische Ehrenhäftlinge wird sie verboten. Wie lange wird’s dauern, bis Herr Müller-Meiningen für die Festungsgefangenen die Prügelstrafe einführt? Ich persönlich werde schlimmer betroffen, als bei der Ausplünderung vor einem Jahr. Das neue Stück soll Zenzls Existenz sicherstellen, es soll mir, besonders auch im Ausland, das literarische Ansehn geben, das mir vielleicht zukommt. Aber es steht kaum der letzte Satz auf dem Papier, da wird es konfisziert, vielleicht so, daß es ein für allemal verloren ist. Beinah noch mehr Kopfschmerzen machen mir die Tagebücher. Die ganze Revolutionszeit mit allem persönlichen Erleben, die ganze Untersuchungshaft und Festungszeit; und wenn ich beim „Judas“ doch immer noch stark hoffe, es in den nächsten Tagen wiederzukriegen, so müßte ich den baierischen Minister für Rechtsbruch und Rechtsbeugung schlecht kennen, wenn er nicht hier seine Philisterbrutalität befriedigen würde. Tagebücher sind das Persönlichste, Verschwiegenste, was es gibt. Meine kennt außer mir niemand, nicht einmal Zenzl. Aber jetzt durchschnüffeln sie die Herren Müller-Meiningen und Kühlewein. Das Ordinäre der Handlung ist noch erbitternder als der Verlust selbst. Aber der wäre schlimm genug: mein ganzes historisches Material, für jahrelange Zukunftsarbeit. Es genügt nicht, was ihre weißen Mordgesellen mir gestohlen haben, der Herr Minister setzt die Plünderung in Person fort. Meine erste Vermutung war, daß ein neuer Putsch in Berlin oder ein Generalstreik in München den Anlaß zu der neuen Infamie gegeben hätte, die umso toller ist, als mir der Staatsanwalt, bevor ich die Gefängnisstrafe antrat, ausdrücklich auf meine Frage zusicherte, daß meine schriftlichen Arbeiten nur dann kontrolliert werden sollen, wenn ich sie hinausgeben wolle. Das habe ich auch bisher in meiner langen Gefängnispraxis noch nicht erlebt. Für mich privat durfte ich schreiben, was ich wollte. Morgen will ich Kahn telegrafieren, damit der Schutzverband deutscher Schriftsteller in Bewegung gesetzt wird, – vorausgesetzt, daß wenigstens der Rechtsbeistand dem Besuchsverbot nicht untersteht. Aber – jetzt eben erfuhr ich ein wenig vom wahren Grund der Maßregel. In Niederschönenfeld soll man „etwas entdeckt“ haben, und es soll mit der Flucht zusammenhängen, die Renner jüngst auf dem Transport versucht hat. Gott weiß, was für Dummheiten die guten Jungens da ausgeheckt haben und welcher Verrat ihnen das Spiel verdorben hat. Na, auf die Dauer wird sich das alles wohl nicht verbergen lassen. Und vielleicht kommt doch bald die Zeit, wo wir die Praktiken des Strafvollzugs, die wir jetzt am eignen Leibe schmecken, an denen anwenden können, die sie uns lehren. Die Freude, Justizminister zu sein, wird Herrn Müller, wenn er es mal nicht mehr ist, noch bitter aufstoßen. Mit welcher Liebe ich dem Mann gewogen bin, wird er ja nun durch seine Indiskretion selber lesen können. Vielleicht teilt er seinem Lehrjungen Vollmann bei der Gelegenheit mit, was von ihm in den Büchern steht. Schade ist, daß man bei den Niederschönenfeldern jedenfalls auch die Ansbacher Chronik gefunden haben wird. Die Herren werden sich beeilen, alle diese lästigen Zeugnisse ihrer Niedertracht aus der Welt zu schaffen. Aber aus unsern Gedächtnissen können sie ihre Schandtaten nicht auslöschen. Und die Welt wird sie doch erfahren.

 

Ansbach, Dienstag, d. 20. April 1920.

Vormittag. Ich weiß nicht, womit ich mich beschäftigen soll. Falls ich mein Judas-Manuskript nicht bald wiederbekomme, um es abzuschreiben, werde ich vielleicht die letzte Zeit meines Gefängnis-Aufenthalts – heute noch 14 Tage – zur Herstellung eines neuen Manuskripts der Einigungs-Broschüre verwenden, da mir ja die Kladde geblieben ist. Herr Helmes scheint den guten Eindruck, den er bisher gemacht hat, verfinstern zu wollen. Heute ist der dritte Tag, seit ich keine Briefe erhalten habe, – auch die Drucksachen nicht, die inzwischen eingetroffen sein müssen (die „Zukunft“ z. B. war spätestens Montag fällig). Ob man uns außer den Tageszeitungen auch die Revuen fernhalten will? Herr Müller bildet sich jedenfalls ein, dann werden wir unser politisches Interesse verlieren! Die Versuche, den Staatsanwalt zu sprechen, habe ich ohne Erfolg fortgesetzt. Ich will nun an Kahn schreiben. Was inzwischen in der Welt vorgeht, weiß ich nicht. Aber ich denke mir, wenn etwas Entscheidendes geschieht, werde ich es wohl in einer Form erfahren, die den Schinderknechten wenig behagen wird. Leider machen mir meine Nerven bös zu schaffen, sodaß ich mich weder zum nachhaltigen Lesen noch zu sonst etwas konzentrieren kann. Aber ich denke, daß der Wille diese Schwäche bald überwinden wird. Den Gefallen, mich von ihm zu Tode peinigen zu lassen, werde ich Herrn Müller-Meiningen nicht tun. Wir werden noch abrechnen.

 

Abschrift des Briefs an Kahn-Nürnberg. „Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt! Leider muß ich Sie wieder einmal behelligen. Bei mir ist gestern eine Durchsuchung vorgenommen worden – trotz der ausdrücklichen Zusicherung, daß meine Schriften, solange sie das Haus nicht verlassen, keiner Kontrolle unterliegen. Dabei ist, soweit ich bisher feststellen konnte (ich durfte nicht einmal dabei sein) – eine Reihe von Material konfisziert worden, das für meine und meiner Familie Existenz von vitalster Wichtigkeit ist. 1) Ein druckfertiges Buchmanuskript politisch-theoretischen Charakters. 2) Ein Notizbuch, das hauptsächlich Verse (großenteils noch ungedruckte) enthält. 3) 3 oder 4 Tagebuchhefte, die in völlig persönlicher, für die Veröffentlichung nicht bestimmter Form meine Erlebnisse seit Oktober 1918 enthalten. Ich bemerke, daß diese Tagebücher mich durch alle Gefängnisse begleitet haben, ohne je einem Zugriff ausgesetzt zu sein, und daß ihren Inhalt niemand, selbst meine Frau nicht, kennt. 4.) Ein grade eben in der ersten Niederschrift vollendetes Drama, mit dem ich hoffte, die wirtschaftliche Grundlage für den Unterhalt meiner Familie für mindestens ein Jahr zu schaffen. (Was abgesehn vom Materiellen der Verlust dieser Arbeit für mich bedeutet, die mein literarisches Renommee befestigen sollte und mir vielleicht dauernd den Platz gesichert hätte, den ich anstrebe, brauche ich wohl nicht zu sagen). Was die Tagebücher anlangt, so enthalten sie nicht nur ein ungeheures geschichtliches und persönliches Material, sondern für mich eine Unmenge Hinweise und Anmerkungen für künftige Arbeiten, sodaß ihr Verlust für mich unter Umständen für lange Jahre hinaus die Möglichkeit ausschließt, meine schriftstellerischen Pläne durchzuführen. Ich werde also materiell und ideell absolut entwurzelt, zumal bei der Heimsuchung meiner Wohnung im Mai vorigen Jahres durch die Beauftragten der baierischen Regierung nicht nur alles gestohlen wurde, was materiell Wert hatte, sondern meine sämtlichen literarischen Aufzeichnungen, eine Menge ungedruckter Manuskripte etc. systematisch vernichtet worden sind. (Auf meine Schadensersatzansprüche, die mein Münchner Anwalt dauernd geltend macht, rührt sich überhaupt nichts). Ein Grund für die Maßnahme ist nicht angegeben und nicht erkennbar. Nur wurde mir eine Verfügung der Staatsregierung mitgeteilt, wonach die Durchsuchung bei den Festungsgefangenen und bei mir vorzunehmen sei (ob nur hier in Ansbach oder überall, weiß ich nicht). Daneben folgende Bestimmungen: die Festungsgefangenen werden abgesondert – also Einzelhaft, was ja für mich für die nächsten 14 Tage noch ohne Ausnahmewirkung ist. Ferner: Vollständige Aufhebung des Hofspaziergangs; Nichtauslieferung von Zeitungen jeder Art; allgemeines Besuchsverbot; auslaufende Briefe dürfen nur noch geschäftliche oder familiäre Mitteilungen enthalten, eingehende Briefe, die politische Erörterungen enthalten, werden nicht ausgehändigt. Alle diese Maßnahmen „bis auf weiteres“ und ohne Angabe von Gründen. Meine seit gestern früh dauernd wiederholten Versuche, eine Unterredung mit dem Anstaltsvorstand herbeizuführen, waren bis jetzt vergebens. Ich hoffe, ihn wenigstens heute noch sprechen zu können, um irgendwelchen Aufschluß über den Verbleib meiner Habe, an der meine und meiner Familie Existenz für Jahre hinaus hängt, zu erlangen. – Jedenfalls bitte ich Sie, sobald es Ihnen irgend möglich sein sollte, herzukommen, da die Verständigung mit dem Rechtsbeistand wohl schwerlich von dem Besuchsverbot betroffen werden kann (es empfiehlt sich aber wohl immerhin, daß Sie vorher telefonisch anfragen). Es ist nötig zu beraten, welche Schritte unternommen werden können, die mich wieder in den Besitz meiner Papiere bringen können. Eine schriftliche Erörterung der zu ergreifenden Maßnahmen würde kaum rasch genug zu dem erwünschten Ziele führen. – Wie mir meine Frau mitteilte, sind inzwischen 250 Mark an Sie abgegangen, die Sie wohl erhalten haben werden. Weitere Sendungen werden binnen kurzem folgen. – Sie können sich wohl vorstellen, daß meine ohnehin von einem vollen Jahr Haft stark mitgenommenen Nerven durch die neue Überraschung in übelm Zustand sind. Ihr Besuch wird mir eine große Beruhigung sein. Mit besten Grüßen hochachtungsvoll     Erich Mühsam.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 21. April 1920.

Abschrift: „Sehr geehrter Herr Staatsanwalt! Meine seit Montag früh unaufhörlich wiederholte Bitte um eine Unterredung hatte leider keinen Erfolg. Mir ist in meiner Abwesenheit eine Reihe von Schriftstücken konfisziert worden, deren Verlust meine Familie dem Elend preisgeben würde. Auf meine Frage, warum das geschehn ist, habe ich bisher keine Antwort erhalten. Da ich keine Zeitungen mehr bekomme, kann ich auch nicht aus Vorgängen außerhalb der Anstalt schließen, was die Maßnahme bezweckt, bzw. warum ich obendrein mit Hofentzug bestraft werde. Der Umstand, daß ich nun bereits volle 4 Tage ohne Post bin, führt zu allem andern auch noch die vollständige Unterbindung der persönlichen Verständigung mit meiner Frau herbei. – Ich glaube, daß jeder schwerste Verbrecher den Anspruch hat, wenn er bestraft wird, die Gründe dafür zu kennen. Ich werde in einer Weise gestraft, die geeignet ist, meine Nerven vollständig zu ruinieren. Eine Erklärung für die Strafe habe ich nicht, konstatiere aber, daß sie alle Merkmale einer absolut unerträglichen seelischen Folter hat. Ein Wort der Aufklärung könnte mich beruhigen. Es wird mir verweigert. – Ich bin infolgedessen entschlossen, von Morgen (Donnerstag) Mittag ab solange jede Nahrungsaufnahme zu verweigern, bis ich irgendwelchen Aufschluß über die Art meines Vergehens habe, das derartig schwere Maßregeln veranlassen konnte, bis ich über den Verbleib meines Eigentums Bescheid weiß, und bis ich mindestens über das Ergehn meiner Frau in irgendeiner Weise informiert werde. Es ist mir immer noch lieber, mich körperlich zugrunde zu richten, als ohne Angabe von Gründen seelisch systematisch zu Tode gemartert zu werden.     Hochachtungsvoll    Erich Mühsam.“

Diesen Brief schicke ich morgen früh dem Herrn Helmes, der wohl in meinem Tagebuch die freundlichen Bemerkungen über sich gelesen hat und nun das Teuflischste aussinnt, um mich eines andern zu belehren. – Diese Herrschaften sind sehr kurzsichtig. Als ob es immer so bleiben müßte, daß ich der Delinquent und sie die Scharfrichter sind. Es kann sich eines Tages sehr schnell ausgestaatsanwaltelt haben, und dann werde zwar ich nicht der Richter sein, nach dem Geschäft dränge ich mich nicht, – aber das Revolutionstribunal wird eine lange Anklagebank haben.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 22. April 1920.

Ich will versuchen, meine Nerven, die wie rasend sind, durch eine Eintragung zu bändigen. Den Brief habe ich noch gestern abend abgegeben, und vor einer Viertelstunde (jetzt ist ½ 9 Uhr morgens) war der Verwalter bei mir, um mir den Besuch des Staatsanwalts anzukündigen. Er habe so viel zu tun gehabt, daß er bisher nicht kommen konnte. Ich werde nun also mit dem Hungerstreik noch warten, und, falls der Mann heute nicht kommen sollte, ohne weitere Versuche, morgen früh den Kaffee verweigern. Inzwischen fürchte ich ernstlich für meinen Verstand. Zum Lesen bin ich unfähig. Ich beschäftige mich, wie immer wenn die Nerven toben, mit Stumpfsinn, indem ich alle Namen aufschreibe, die mir einfallen von AA bis ZZ. Das ist so ähnlich wie Patiencelegen, eine alberne statistische Kinderei, die mich zeitweilig zum Nachdenken zwingt, ob ich nicht noch jemand weiß, der etwa T. O. heißt. – Schrecklich waren mir die Beruhigungsversuche des Verwalters. Was weiß der Mann, wie einem Dichter zu Mute ist, dem man sein eben gezeugtes Werk wegnimmt. Ich möchte mal sehn, was etwa Max Halbe täte, wenn man ihm sein neues Drama, ehe er eine Abschrift nehmen konnte, konfiszierte. Ich zweifle wahrhaftig an meinem Verstand, da ich noch immer nicht konstatieren kann, daß ich ihn schon verloren hätte. Nach Lessing hätte ich also wohl keinen zu verlieren. Seit Samstag kein Brief, nichts, nur am Montag früh mußte ich eine Postanweisung über 20 Mark unterschreiben. Der Abschnitt war schon losgetrennt, und ich habe bis jetzt noch nicht einmal erfahren, wer mir das Geld geschickt hat. Die Genossen oben haben ihre Papiere inzwischen wiederbekommen, sie werden nichts dabei gehabt haben, was von Wert für sie war. Ich habe die teuflischste Angst um mein Zeug. Die Niederschönenfelder sollen einen „Putsch“ beabsichtigt haben. Ich kann nicht wissen, was daran ist und ob die Vermutung der Aufseher stimmt, daß Renner in den wenigen Stunden seiner Freiheit wirklich Sprüche gemacht hat, durch die alles entdeckt worden sei. Es wird sich wohl nur um einen größer angelegten Fluchtplan gehandelt haben. Man wird mir nachher sagen: welches Glück, daß Du nicht dort warst. Aber ich glaube eher, daß ich Dummheiten verhindert als sie mitgemacht hätte. Ein Putsch wäre jetzt der größte Wahnsinn. Die Zeit, wo das Proletariat unsre Freiheit erzwingen wird, kann nicht mehr fern sein. Gelänge selbst das Unternehmen vorher, so müßten sich die Befreiten draußen verborgen halten. Beim Mißlingen aber gibt es, wenn etwa Gewalt dabei in Frage kommen sollte, die scheußlichsten Repressalien. Ich werde jawohl eines Tages Genaueres erfahren. Ich habe große Furcht vor schweren Bestrafungen der Beteiligten, denke mir aber vorläufig, daß das Ganze wohl stark aufgebauscht worden ist, damit Müller-Meiningen der Öffentlichkeit gegenüber neue Verschärfungen des Strafvollzugs begründen kann. Heut abend hoffe ich, schon klarer zu sehn. Mein Gott – wenn ich nur das „Judas“-Manuskript heil wiederkriege! Eine Mutter, der man das säugende Kind von der Brust gerissen hat, könnte in keinem verzweifelteren Zustand sein als ich. Wenn die Frommen recht haben, daß alles Leid Strafe für begangene Schuld ist, dann müßte ich wohl der größte Sünder sein, der den Erdboden belebt.

 

Abends.

Die Androhung des Hungerstreiks hat ihre Wirkung getan. Gegen Mittag kam Helmes selbst und brachte mir den „Judas“, die Einigungsbroschüre und das Notizbuch wieder, ferner einen lieben Brief von Zenzl, dem nachmittags noch ein weiterer folgte. Die 4 Tagebuchhefte sind leider einbehalten worden. Sie sollen darauf geprüft werden, ob sich ein Einverständnis mit der Niederschönefelder Verschwörung daraus ergibt, die der Staatsanwalt als „Meuterei höheren Grades“ bezeichnete. Das wird ja nun nicht der Fall sein, da ich wirklich mit der Geschichte nichts zu tun habe. Aber ob Ehren-Müller die Hefte wieder hergeben wird, in denen er alle seine und seines jungen Mannes, des Schnösels, Infamien unverschminkt gekennzeichnet finden wird? Bei der stupenden Gewissenlosigkeit dieses Rechtswalters fürchte ich sehr, daß mir dieses wertvolle persönliche Erinnerungsmaterial mit all seinen politischen Betrachtungen und Anmerkungen verloren gehn wird. Aber zunächst bin ich froh, das Drama wieder zu haben. Wenn die Nerven sich bis morgen etwas beruhigt haben sollten – momentan ist es etwas besser, obwohl das Ohrenlärmen scheußlich gesteigert ist – will ich die Reinschrift anfangen. An Zenzl habe ich einen beruhigenden Eilbrief abgeschickt und Kahn habe ich auf einer Postkarte wieder abbestellt. – Was muß ich doch für ein abenteuerlich abwechslungsvolles Leben führen! Obwohl man meinen sollte, daß nach einer Verurteilung zu 15jähriger Freiheitsstrafe die Abwechslung aufhören müßte. Ob ich noch viele Jahre im selben Stil vor mir habe? [Dann][Das] könnte nett werden. – Aber weiter im Text: Der Hofspaziergang findet wieder statt. Während ich draußen war – gleich nach der Eintragung heute früh – hatte ich Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit Grassl, der am Fenster des Waschraums auftauchte. Die Einzelhaft oben ist noch nicht aufgehoben, obwohl es völlig klar ist, daß wir alle mit der Niederschönefelder Sache nichts zu tun haben. Auch Zeitungen gibt es noch nicht wieder, nicht einmal periodische Druckschriften. Grassl schien über die Angelegenheit schon Näheres zu wissen. Leider verstand ich ihn bei der entscheidenden Stelle seiner Mitteilung nicht recht, und dann wurde das Gespräch unterbrochen. Er nannte die Namen Waibel und Hagemeister. Vom Toni überrascht es mich nicht. Aber daß August dabei sein sollte, ist mir sehr merkwürdig. Dieser ruhige klare besonnene Mensch; wenn das wahr ist, müßte ich doch glauben, daß das Unternehmen aussichtsvoll war und durch irgendeine Tücke des Objekts oder eines Subjekts gescheitert ist. Der Gerechtigkeit wegen muß ich noch anmerken, daß Helmes nach dem Eindruck, den ich bei seinem Besuch hatte, offenbar nicht aus Bosheit die Sache verzögert hatte. Er hat sich nicht ausdrücklich entschuldigt, aber es war deutlich, daß es ihm leid tat, mich in Aufregung versetzt zu haben. Man muß seine weiteren Taten abwarten. Ich will noch einen Brief schreiben und dann schlafen gehn. Ich bin furchtbar zerschlagen.

 

Ansbach, Freitag, d. 23. April 1920.

Ich bin heute erheblich ruhiger gewesen als die vorigen Tage, und vielleicht wird die Aufregung dieser Woche doch noch ohne dauernden Nervenschaden an mir vorübergehn. Scheußlich ist, daß ich niemanden habe, mit dem ich mich mal aussprechen könnte. Ich bin wahrhaftig schon dankbar, wenn mal ein Aufseher fünf Minuten lang über irgendetwas Gleichgültiges mit mir redet. Die einzige Freude, die ich mitunter habe, ist ein Hund, den einer der Aufseher hat. Ein reizender einjähriger Wolfsspitz, der mir recht Heimweh macht nach meinem Pudel. Heute früh in der Hofstunde habe ich mich die ganze Zeit mit dem Vieh beschäftigt. Das war wirklich ein Sanatorium. Und dieses zutunliche, neugierige und vertrauensvolle Tier wollen die Leute nun zum Polizeihund ausbilden lassen. Das ist scheußlich. Der natürliche Freund und Tröster des Menschen wird zu seinem Feind dressiert. Lasse man doch ein paar Spitzbuben laufen – um der Hunde willen! – – Außer 3 Briefen von Zenzl und einer Postkarte von Léon Hirsch habe ich seit Samstag nicht die geringste Mitteilung von der Welt bekommen. Was draußen vorgeht, – ich habe keine Ahnung, und fragt man einen Aufseher, was in der Zeitung steht, so erhält man entweder zur Antwort: ach, ich lese garkeine Zeitung – oder: es steht nichts drin. Wenn morgen Wilhelm II wieder in Berlin einzöge – sie würden finden, daß keine erwähnenswerte Neuigkeit im Blatt stehe. Inzwischen ist mir aber in Bezug auf unsre Behandlung mit allem Drum und Dran eine Erklärung eingefallen. In Niederschönenfeld wird irgendein phantastischer Ausbruchsplan bestanden haben, hinter den man gekommen ist. Daraus wird eine riesige revolutionäre Angelegenheit gemacht – und zwar aus politischen Gründen. Das ganze ist ein Manöver, um dem Volk und der Entente die Unmöglichkeit plausibel zu machen, die Einwohnerwehren abzurüsten. Wie raffiniert und doch wie plump! – Und helfen wird’s ihnen doch nicht. Säß’ ich an Millerands Platz, ich würde den tapferen Baiern zur Antwort geben: Wenn euer Volk derartig empört ist über eure Regierungsunfähigkeit, daß ihr euch an euren Plätzen blos halten könnt, indem ihr in jedem Dorf die Minderheit gegen die Mehrheit bewaffnen müßt, um nicht morgen früh vom Thrönchen zu fliegen, dann wird’s besser sein, ihr gebt die Waffen und zugleich eure Pöstchen gleich ab. Also erst recht! – Zenzl schreibt mir, Bela Khun habe von der österreichischen Regierung die Erlaubnis erhalten, nach Rußland abzureisen. Beneidenswert. Vielleicht wird Levien mit ihm reisen? Es wäre für ihn selbst kein Glück. Sein persönliches Auftreten würde die ganze Gloriole zerfetzen, die er noch zu tragen scheint. – Ferner schreibt Zenzl, daß in Essen bereits die Prozesse angefangen haben – wegen Plünderung! 12 Jahre Zuchthaus. Aber die Beauftragten der baierischen Regierung, die bei mir und bei vielen vielen andern, bei denen sie Ordnung machen sollten, alles herausgestohlen haben, bleiben dauernd außer Verfolgung – und der Mörder und Leichenfledderer Landauers wird freigesprochen! Kärplein dagegen ist wegen seiner Beteiligung an der Rettungsaktion der Demokratie gegen die Monarchisten von ebenjener Demokratie in Nürnberg zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Deutschland nach der Revolution!

 

Ansbach, Sonntag, d. 25. April 1920.

Seit der letzten Eintragung nichts Neues – kein Brief, keine Zeitung, keine Nachricht. Oben die Genossen sind noch in Einzelhaft, und Herrn Müller wäre es zuzutrauen, eine ständige Einrichtung daraus zu machen. Dann hätte er ja, was er wollte, die letzten Unterschiede zwischen Gefängnis und Festung ausgelöscht. Am 4. Mai wollte Zenzl kommen. Ob bis dahin wenigstens die Besuchssperre aufgehoben sein wird? – Wozu sich vorzeitig Gedanken machen? Es sind noch 9 Tage bis dahin. Was habe ich mir eigentlich das Tagebuch heut vorgenommen? Mir bestätigen, daß ich noch lebe: man muß ja schließlich auch dies hier leben nennen: denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder! – Ich packe das Buch wieder zusammen und greife nach einem besseren: nach der Bibel. Der Prediger Salomo soll mich mit seiner Weisheit erquicken.

 

Ansbach, Dienstag, d. 27. April 1920.

Abschrift: „An den Herrn I. Staatsanwalt. – Der bevorstehende Monatswechsel macht die Erneuerung der Zeitungsabonnements notwendig. Ich frage daher an, ob die gegenwärtig geübte Unterbindung jeder Zeitungs- und Zeitschrift-Lektüre so zeitig aufgehoben wird, daß nicht aus der Zahlung des Abonnementgeldes eine wirkungslose Geldstrafe wird. – Ferner bitte ich dringend um Auskunft, ob in der Tat seit Freitag keinerlei Nachricht von meiner Frau für mich eingetroffen ist, und ob die seit einer Woche von mir an sie gerichteten Briefe befördert worden sind. – Drittens erbitte ich Bescheid darüber, ob der Besuch meines Rechtsanwalts, den ich herzubitten beabsichtige, zugelassen würde. Ich möchte mit ihm die Rechtsmaßnahmen erwägen, die den von mir in keiner Weise veranlaßten, absolut unerträglichen Peinigungen ein Ende machen können. Hochachtungsvoll      EM“

 

Ansbach, Mittwoch, d. 28. April 1920.

Die Antwort auf den Brief, den ich gestern an den Staatsanwalt sandte, kam in der angenehmsten Form zu mir. Am Abend wurde mir ein Riesenhaufen Fränkischer Kuriere gebracht, zugleich mit einiger Post – darunter eine Postkarte von Zenzl, die meine Freude allerdings wieder einigermaßen vergällte. Am Samstag geschrieben, klagt sie darin, daß sie seit dem 15. April ohne Nachricht von mir sei. Ich hatte ihr in der vorigen Woche fast täglich geschrieben – und dieser ganze Stoß Klagen und Mitteilungen, Bitten und Wünsche war einfach, ohne daß mir auch nur ein Wort darüber mitgeteilt worden wäre, auf dem Schreibtisch des Staatsanwalts liegen geblieben. Ein Brief, den ich heute erhielt, – vom Montag, zeigt mir nun allerdings, daß meine tapfere Frau darüber nicht die Nerven verloren hat. Sie erklärte sich mein Schweigen mit einem, etwa in der Gefängnisordnung begründeten Schreibverbot. Aber, so grotesk es ist, als Festungsgefangener, der ich ja zur Zeit garnicht bin, habe ich die Schikanen erdulden müssen, während man mich in der Eigenschaft als Strafgefangener des Gefängnisses durchaus rücksichtsvoll behandelt. Gefängnisstrafe, erschwert durch Festungsmaßnahmen – ein Bild der gegenwärtigen baierischen Justizwirtschaft! Heute kam nun zunächst die Botschaft, daß die Genossen oben aus der Einzelhaft heraus sind und dann gegen Abend die offizielle Mitteilung, daß die Beschränkungen vom 19. April aufgehoben sind. Nun bin ich nur noch in Angst um die Tagebücher. Sie in den Händen des gehässigen und beschränkten Strebers zu wissen, der noch nie eine Niederträchtigkeit gegen seine politischen Gegner ausgelassen hat, ist nicht beruhigend. – Ich habe nun also die Zeitungen nachgelesen und zunächst die Niederschönefelder Schrecklichkeit hervorgesucht. Alles was ich darüber fand, waren zwei Notizen vom 19. und 20. April. Danach soll dort eine Verschwörung aufgedeckt worden sein, die „weitverzweigt“ sei und die Errichtung der Räterepublik in Baiern zum Ziel hätte – von einer Haftanstalt aus! Das Publikum sollte über die Angelegenheit, die schon reichlich Material zutage gefördert habe, informiert werden. Bis jetzt ist keine Information weiter erfolgt, wenn man nicht die Aufhebung der Zwangsmaßregeln als eine Aufklärung auffassen soll, daß das ganze ein hysterischer Theaterkoup des Schnösels und seines Meisters, des Schinderhannes und seines Mißhandlungsgehilfen gewesen ist. Am Interessantesten in der ganzen, völlig undetaillierten, Meldung war mir, daß der „Putsch“ nach der Aufhebung der Einwohnerwehren vor sich gehn sollte. Meine Vermutung, daß man etwas brauchte, um für diese sympathische Mordorganisation Stimmung zu machen, scheint also richtig gewesen zu sein. Inzwischen hat aber die Konferenz der Entente-Bonzen in San Remo getagt, bei der die Franzosen, durch Millerand vertreten, einen Riesenerfolg hatten. Das Gewinsel der deutschen Regierungshelden, man möchte ihnen doch statt 100 000 Soldaten 200 000 gönnen, ist glatt zurückgewiesen worden. Es bleibt bei allen Versailler Forderungen und angesichts der Nichterfüllung etlicher Friedensbedingungen werden weitere Zwangsmaßnahmen angedroht, besonders auch die Besetzung weiteren deutschen Gebiets. Der Witz ist der, daß die Gauner des Westens gern die Ruhrkohlenwerke stehlen möchten, was insofern nicht übel wäre, als die besetzenden Truppen dabei eine Schule durchmachen könnten, wie die deutschen Truppen in der Ukraine und im revolutionären Rußland. Und der Franzose und Engländer ist für revolutionäre Infektionen ungleich empfänglicher als der Deutsche. – Im übrigen ist in den 10 Tagen nichts sonderlich Aufregendes vor sich gegangen. Hölz ist verhaftet, gottseidank nicht in Deutschland, sondern in Tschechien. So ist zu hoffen, daß er den Bluthunden seines „Vaterlands“ nicht in die Fänge geliefert werden wird. Allerdings wird man natürlich versuchen, einen „gemeinen Verbrecher“ aus ihm zu machen, wie es den baierischen Rechtsbeugern ja bei Lindner gelungen ist. Dergleichen versucht man natürlich nur bei Kommunisten. Der saubere Herr Kapp ist in Schweden verhaftet worden, und der neue Außenminister des Reichs, der sozialdemokratische Schmock Adolf Köster, hat denn auch schon in der Nationalversammlung erklärt, daß man keinen Versuch machen wird, seine Auslieferung zu erwirken, da er politischer Verbrecher sei. Das ist gewiß in der Ordnung, – wenn eben die Fälle Lindner und Hölz nicht wären. – Noch etwas von San Remo. Die beteiligten Regierungen haben beschlossen, mit Sowjet-Rußland die Handelsbeziehungen aufzunehmen. Das „revolutionäre“ Deutschland ist natürlich noch nicht so weit. Italien dagegen scheint drauf und dran zu sein, die Sowjetrepublik in aller Form anzuerkennen. Denn Nitti ist ein kluger Mann. Er kennt seine entflammbaren Italiener, die[,] von dieser Toleranz begeistert, vielleicht für gewisse Zeit ihre eigenen bolschewistischen Forderungen zurückstellen werden. Die revolutionäre Mission Italiens wird bei uns leicht überschätzt. Albert sowohl wie Rina de Haan schrieben mir, Italien stehe am Vorabend der Revolution. Ich habe ihnen geantwortet, daß die Italiener sehr häufig am Vorabend stehn. Dabei besaufen sie sich dermaßen in revolutionärer Begeisterung, daß sie den Morgen der Revolution noch regelmäßig verschlafen haben. Meine Hoffnung ist England. Und die Vorgänge in Irland – wo die deutschen Schmöcke die revolutionären Brandkanister völlig in Ordnung finden, für die sie aus Hölz einen vertierten Mordbrenner machen – lassen große Ereignisse auf den Inseln vielleicht schon bald erwarten. Deutschland steht „vor den Wahlen“. Der ungeheure Betrug des Stimmenfangs geht grade los. Was an Geschmacklosigkeit denkbar ist, wird geleistet. Und die Arbeiter machen fröhlich mit – natürlich auch die Kommunisten. Schon liest man, daß Frau Klara Zetkin für die Nationalversammlung kandidiert. Dumm geboren und nichts dazugelernt.

 

Ansbach, Freitag, d. 30. April 1920

Noch 4 Tage! – Auch die werden herumgehn. Und dann kommt Zenzl, und ich hoffe, daß man uns wieder eine Stunde Alleinsein in der Zelle gönnen wird. Aber Illusionen mache ich mir nicht mehr. Mag es der Herr Helmes persönlich auch gut meinen, – er ist doch der treue Beamte. Die Schinderei der vorigen Woche, zu der er sich hergegeben hat, vor allem die Zurückhaltung meiner Briefe an Zenzl, von der er mir keine Kenntnis gab, obwohl er doch Zenzls Unruhe aus ihren Briefen ersah, – hat mir auch die halbe Sympathie für diesen Mann versalzen. – In der Niederschönefelder Angelegenheit ist noch immer nichts zu erkennen. Nur, daß Herr Müller-Meiningen sich im Landtag ausgeschleimt hat, es handle sich durchaus um keine harmlose Sache. Aber auf direkte Fragen hat er die Antwort verweigert, – bis das Ermittlungsverfahren abgeschlossen sei. Man habe viel Material beschlagnahmt. Wenn das alles so viel Aufklärung in der Sache bringen sollte, wie meine Tagebücher, dann wird der Mann wenig Freude dran erleben. Im übrigen bezeichnet er uns grundsätzlich nur als „Psychopathen und Verbrecher“. Natürlich, – wenn man noch andre Möglichkeiten des Heils sieht, als dieser Müller, muß man ja entweder ein Scheusal oder verrückt sein. Daß er selbst ein Verbrecher ist, wird ihm wohl eines Tages noch einmal nachgewiesen werden. Ob ihm der mildernde Umstand geistiger Minderwertigkeit wird zugebilligt werden können, steht noch dahin, obwohl seine bodenlose Beschränktheit evident ist, und sich ein gewisser psychischer Sadismus für uns Betroffene fatal genug bemerkbar macht. Die Fäden der „Verschwörung“ sollen in den Händen von Frauen zusammenlaufen, und Frau Klingelhöfer ist erst mal in Schutzhaft gesetzt worden. Ich bin froh, daß Zenzl in einigen Tagen wieder nach Konstanz fahren will. Denn die Reaktion in Baiern stellt zurzeit alles in den Schatten, was im strammsten Preußen während und vor der Kriegszeit geleistet wurde. So sind jetzt in München sowohl der „Kampf“ als auch die „Neue Zeitung“ unterdrückt – Wahlvorbereitungen der Bourgeoisie. Und die „Demokraten“ decken das alles ganz vergnügt, während sich die Sozi nach links anzubiedern versuchen, – ebenfalls Wahlkunstücke. Sie werden wohl nicht mehr viele Arbeiter für sich gewinnen können. Vor morgen bin ich ziemlich bange. Die Arbeiter in München wollen zum 1. Mai demonstrieren und die Kahr-Sippe will schießen. So kann womöglich eine schlimme Jahresfeier des entsetzlichen Verbrechens vom vorigen Jahr draus werden, von dem sich die Herren Hoffmann, Segitz, Endres und Genossen nie im Leben das Blut werden von den Fingern waschen können. – Schlechte Nachrichten kommen leider aus Rußland. Unsre prachtvollen Genossen kommen nicht zur Ruhe. In Sibirien greifen die Japaner an, und in Podolien und Wolhynien wollen die Polen die Front durchbrochen haben, um wieder einmal die Ukraine zu „befreien“. Gott gebe, daß sie den verdienten Lohn empfangen. – Eine gute Nachricht erhielt ich indessen von Zenzl. Eine Menge verloren geglaubter Briefe hat sich wieder eingefunden. Ich will zunächst Weigel und Erika bitten, die von Landauer herauszusuchen und mir zu schicken. Es wird mancher dabei sein, der allgemeines Interesse hat, und Buber, der den Nachlaß herausgibt, wird vielleicht Verwendung dafür haben. – Von Paul Cassirer erhielt ich eine Büchersendung. Ich hatte ihn kürzlich anzuregen versucht, eine Kollekte für ein Grabdenkmal Landauers zu veranstalten. – Er lehnte ab und belehrte mich in einem langen Brief von der Verkehrtheit unsrer Politik im vorigen Jahr. Er muß es ja wissen. 1914 wollte er Paris in einen Schutthaufen verwandeln, 1918 lief er mit einem roten Schleifchen im Knopfloch umher, und da er außer Landauer auch Eisner und Kautsky als Verlagsautoren hat, veranstaltet er jetzt „Sozialisten-Bälle“. Dies alles befähigt ihn, mit tiefster Sachkenntnis zu behaupten, wir – und speziell Landauer und ich – seien Schuld, daß jetzt die Reaktion obenan ist. Man braucht diese Sozialist-Millionäre nicht sonderlich ernst zu nehmen, und er soll mir immerhin Bücher herschicken. Ich las heute Kautskys Dokumentenbuch zum Kriegsausbruch aus dieser Sendung, und sehe bei allen Enthüllungen immer mehr, daß mein 1916 angelegtes Kriegsbuch schon das Wesentlichste enthielt. Ich will das Fragment demnächst erscheinen lassen. Ich wollte aber, ich hätte erst mal die Einigungsbroschüre erst aus dem Hause! – Das „Judas“-Manuskript ist heute fertig geworden. Morgen will ich den Staatsanwalt fragen, ob ich es Zenzl mitgeben darf. – Wär’s nur erst Dienstag, und ich käme aus der Dunkelkammer heraus!

 

Ansbach, Montag, d. 3. Mai 1920.

Der letzte Abend in diesem trüben Verlies, und morgen, denke ich, wird großer Glückstag sein. Ich hatte vorhin den Besuch des Staatsanwalts. Er war sehr entgegenkommend. Zenzl darf hinaufkommen. Wir dürfen eine Stunde allein in der Zelle sein, und aus einer Bemerkung in einem Brief, daß ich ihr evtl. mein Stück vorlesen möchte, nahm der Mann von sich aus Anlaß, mir zu sagen, daß ich das ja evtl. oben im Gemeinschaftsraum tun könne, er habe auch nichts dagegen, wenn die andern Genossen dabei wären. Dagegen könne ich ihr das Manuskript noch nicht mitgeben, er müsse es erst durchsehn, da er sich doch auch literarisch interessiere und mich als Dichter kennen lernen möchte. Dann kam etwas Heikles. Er habe die Mitteilung bekommen, in meinem Tagebuch stehe die Absicht vermerkt, meine Broschüre herausschmuggeln zu wollen. Ich habe ihm erklärt, daß mein Tagebuch Stimmungen enthalte, auf die ich nicht festgelegt zu werden wünsche. Im übrigen würde ich meine Frau nicht zu derartigen Diensten veranlassen, um mir ihre Besuche nicht zu verbauen. Es wurde dann ausgemacht, daß sie, was sie mir mitbringt, in Gegenwart eines Beamten auspacken, und daß das Paket, das ich ihr mitgeben will, ebenfalls unter Aufsicht eingepackt werden soll. – Jedenfalls werde ich in Zukunft meine Einzeichnungen so abfassen müssen, daß sie nicht nur gegen meine Genossen, sondern auch gegen mich selbst unverwendbar sind. In Bezug auf die Tagebücher erklärte Helmes, er wisse genau so wenig wie ich, wo sie seien und ob ich sie zurückerhalten werde oder nicht. Möglicherweise befinden sie sich in den Pfoten des Vollmännchens, der weiß Gott alles andre als ein Voll-Mann ist. Der könnte da wenigstens Studien über sich selbst machen. Helmes riet mir, einen Rechtsanwalt in Bewegung zu setzen, um die Bücher zurück zu erlangen. Im Ganzen war er wieder sehr anständig und entgegenkommend, versicherte auch, daß er als Zensor der Manuskripte nicht engherzig sein werde. Wollen sehn. Beim Drama fürchte ich nichts, bei der Broschüre eher. Er soll sie aber zu sehn kriegen. – Über die Lage draußen weiß ich nichts, da am Samstag (wegen des 1. Mai) nur morgens ein Blatt erschien, am Sonntag überhaupt keins und das heutige nicht eingetroffen ist. Dies Ausbleiben auf Streik zurückzuführen, wäre wohl zu optimistisch. – Ich las gestern das letzte Buch von Franz Oppenheimer: „Kapitalismus – Kommunismus – wissenschaftlicher Sozialismus“, in dessen Vorwort er behauptet, die wichtigste Entdeckung aller Zeiten vorzulegen, gegen die die Entdeckung von Schwindsucht-Heilmitteln garnichts sei. Diese Entdeckung ist, daß Kapitalismus entstehe, wo Bodensperre und Freizügigkeit nebeneinander besteht. Das wird sehr gut begründet – das Buch enthält eine ganz vorzügliche Polemik gegen Marx’ Akkumulationsgesetz – und daraus geschlossen, daß somit bei Aufhebung des Bodenmonopols dem Sozialismus die Bahn frei werde. Diese Aufhebung werde bewirkt – nach dem Prinzip des kleinsten Mittels – durch die Auflösung des Großgrundbesitzes, und die soll erreicht werden durch freihändigen Kauf von 2 Millionen Hektar Großgrundbesitz durch den Staat, wodurch die übrigen 15 Millionen Hektar existenzunfähig werden und sich dem Staat selbst anbieten werden. Dann werde die große Abwanderung des Industrieproletariats von den Städten aufs Land erfolgen, wodurch auch das städtische Bodenmonopol automatisch aufgehoben werde. Der Sozialismus werde bei Fortbestand der freien Konkurrenz ohne weiteres entstehn. Also eine wilde Spekulation, für die vorher der Kommunismus gründlich – aber leider garnicht gründlich – abgewürgt wird. Ich habe eben für Jenny eine ausführliche Kritik des Werks geschrieben, die so lang geraten ist, daß ich mir mit ihrer Abschrift hier die Augen nicht noch ärger verderben möchte. – Nun also: morgen! Nur einen Wunsch habe ich jetzt, daß meine liebe Zenzl richtig einläuft und an keiner Freude behindert sei. Ich freue mich sehr, sehr auf ihr Hiersein. Der liebe Gott mag ein Einsehn haben und den Teufel fernhalten.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 5. Mai 1920.

Vor dem Schlafengehn noch eine kurze Eintragung. Ich bin also wieder oben, – aber leider ist aus dem Besuch Zenzls bisher nichts geworden. Gestern kam statt ihrer ein dringendes (schon Montag aufgegebenes) Telegramm, daß sie erst Mittwoch kommen könne, und heute habe ich sie den ganzen Tag vergebens erwartet und bin sehr nervös deswegen. Natürlich denke ich mir, daß die fürchterlichen Eisenbahnverhältnisse sie wohl an irgendeiner kleinen Station bis zum Abend festgehalten haben werden und hoffe nur, daß sie jetzt schon in Ansbach im Hotel sein wird. Aber das Nicht-Sicher-Wissen ist ebenso schlimm wie das Wissen des Schlimmen. – Meine Nerven sind auch aus andern Gründen recht bewegt. Nach zwei Monaten Schweigen jetzt den ganzen Tag unter Menschen – wir sind jetzt unser fünf (Grassl, Reichert, und mir bis gestern unbekannt Schwab von Lichtenau und Max Weber von Plassenburg). Schwab macht mir einen sehr guten Eindruck. Weber muß ich noch beobachten. Vorläufig bin ich geneigt, gewisse Züge, die mir mißfallen, auf seine Berufseigenschaften – er ist Schauspieler – zurückzuführen. Alt-Ansbach ist’s nicht mehr. Meine Bude sieht ziemlich wüst aus. Man hat mir auch hier oben meine Sachen gründlich durchwühlt und mir sogar große Stücke der Tapete heruntergerissen, die nur sehr mangelhaft wieder angekleistert wurden. Die ganze der Anstalt gehörige Einrichtung, die ich nicht unten hatte (Bücherbrett, Kleiderhaken, Wasserflasche und Glas, Aschbecher etc. etc.) hat man inzwischen nach Niederschönenfeld transportiert, sodaß ich überall zu kurz komme. Ferner ist ein neuer Oberaufseher da, der einen unangenehmen Eindruck macht. Der Mann klopft grundsätzlich nicht an, wenn er eintreten will, und als ich ihn zur Rede stellte, erklärte er, es sei eine Verordnung vom Ministerium da, wonach nicht mehr angeklopft werden soll. Tatsächlich hat der Mann diese Verordnung vor einigen Tagen den Genossen vorgelesen. Ich fragte ihn, ob er sich strafbar mache, wenn er anklopfe. Darauf wich er aus und verwies mich auf den Weg der Beschwerde. Ich sagte ihm, daß ich zur Beschwerde keine Ursache habe, daß ich aber mein Verhalten danach einrichten werde. Auf ausgesprochene Unhöflichkeiten reagiere ich auch nicht höflich. Ich würde Leuten, die ohne zu klopfen, bei mir eintreten, keine Antworten geben. Der Mann hat tatsächlich die sämtlichen Aufseher schon instruiert, daß sie auch nicht mehr anklopfen, Leute, die sich bis jetzt durchaus gesittet benahmen. Also Müller hat sich wieder etwas Hervorragendes geleistet. Er macht aus erzogenen Beamten Kaffern, nur zu dem Zweck, uns zu demütigen. Man muß dem Mann eins zugeben: er hat wirklich Erfindungsgabe. Dazu, einzusehn, daß er nicht uns damit degradiert, sondern nur seinen eigenen Charakter in seiner ganzen erbärmlichen Schmutzigkeit präsentiert – grade die Kleinheit der Schikane ist so bezeichnend –, reicht der Verstand dieses Justizministers natürlich nicht aus. Es wird aber wohl einmal die Zeit kommen, wo er Objekt des Strafvollzugs wird. Da wird er Gelegenheit finden, die Tiefe seiner Maßnahmen rückschauend zu überdenken. – Sobald Zenzl hier war, will ich zum Angriff vorgehn. Wollen schon sehn, wer schließlich stärker sein wird: die Gesinnung oder die Bosheit.

 

Ansbach, Freitag, d. 7. Mai 1920

Zenzl kam gestern nachmittag und erlöste mich dadurch aus scheußlicher Nerventortur. Der Grund war ganz winzig: ein Telegramm, in dem sie mir die Verzögerung anzeigen wollte, war aufzugeben vergessen worden. Wir hatten schöne Stunden. Gestern waren wir wieder eine volle Stunde in meiner Bude allein und konnten uns liebhaben. Die ganze übrige Zeit, gestern noch bis 6, heute vormittag von 9 – 12 und nachmittag von 2 – 7 war sie bei uns allen im Gemeinschaftsraum. Ich habe ihr und den Genossen den „Judas“ vorgelesen und freute mich über die Urteile der Genossen, unter denen mir besonders das des empfänglichen und naiven Markus wohltat, der wirklich erschüttert war. Wenn das Stück so auf Proletarier wirkt, brauche ich die Kritik der Literaten nicht zu fürchten. Sie ist mir egal; für sie habe ich die Arbeit nicht geschrieben. – Jetzt, nach Zenzls Abschied, bin ich sehr traurig. Es werden wieder Monate vergehn, bis ich sie wiedersehe. Aber die Sonne, die sie mir und uns allen hereingebracht hat, wird uns noch lange erwärmen. – Über die Weltlage ein andres Mal Ausführliches. Die polnisch-ukrainische Offensive gegen Sowjet-Rußland macht mich recht besorgt. England hat offensichtlich die Finger im Spiel und der eigentliche Herd der kapitalistischen Verschwörung ist selbstverständlich Berlin, wo dieser Tage auch der General Mannerheim aus Finnland war. Das sind aber keine „landfremden Elemente“. Baiern ist für Deutschland die reaktionäre Zentrale. Hier ist der Kapp-Putsch auf „legalem“ Wege durchgeführt worden – und wenn’s so weiter geht wie bisher, so werden wir binnen kurzem ungarische Zustände haben, die grauenvoll sind. Die Regierung hat ungeheure Mordprämien auf die Räteleute ausgesetzt, die denn auch schon in Wien zu diversen Anschlägen auf Bela Kun und seine Genossen (Einschmuggelung vergifteter Esswaren etc) geführt haben. In Deutschland sieht es traurig aus. Das Betrübendste ist die Erkenntnis, die ich aus der nachträglichen Lektüre über die Vorgänge vom März und April über die Haltung der KPD gewinne. Levi und die Seinen haben in der Tat die Möglichkeit zu einer neuen Revolution sabotiert. Nicht nur, daß sie die Ruhrkämpfer – gegen die neuerdings unter Verbreitung der bekannten Verleumdungen eine Offensive eröffnet ist und entgegen allen Abkommen und Versprechungen auch das Gebiet südlich der Ruhr besetzt wird –, und daß sie Hölz im Stich gelassen hat, – sie hat regulär gebremst und als eigene Forderung eine „reine sozialistische“ Regierung von MSP und USP-Leuten gepredigt, der sie „loyale Opposition“ versprach. Ihr Verhalten ist über alles Maß schimpflich – und die Gründung der KAPD ist insofern zu begrüßen, als Rühle sie mit der offenen Parole propagiert, daß sie keine Partei im eigentlichen Sinne sein solle, und daß die Überwindung der Parteien ihr Ziel sein solle. Das kommt meiner Forderung nach einer kommunistischen Föderation sehr nahe. Die Behauptung der Leviten, daß die Männer der KAPD mit den Kappitänen konspiriert hätten, scheint sich als ganz gemeine Verleumdung auszuweisen. Ich halte aber mit meiner endgiltigen Stellungnahme noch zurück. Alles in allem ist ein wenig erfreuliches Bild zu bemerken. Aber der Funke glüht und wird heißer und heller mit jedem Tag – und mein Glaube an den Sieg ist so fest wie je.

 

Ansbach, Dienstag, den 11. Mai 1920.

Heute hatte ich eine Unterredung mit dem Staatsanwalt, dem ich den „Judas“ zur Zensur aushändigte. Er versprach, sie beschleunigt zu lesen, machte mich aber darauf aufmerksam, daß evtl. das Justizministerium das Manuskript zur eigenen Lektüre einfordern könnte. In den Händen dieser Leute, die seit einem Jahr all ihr Sinnen und Trachten nur dazu anstrengen, uns zu demütigen, zu quälen und zu schädigen, wäre wohl jede Hoffnung dahin, daß das Stück auf legalem Wege an die Öffentlichkeit käme. Vorläufig hoffe ich, daß Helmes es so rasch lesen wird, daß es draußen ist, bevor Schikanen von München kommen. Mit dem Einigungsbuch wird es natürlich erst recht Schwierigkeiten geben. – Ich brachte bei der Gelegenheit gleich noch eine Reihe Beschwerden vor. Gegen das Anklopfverbot kann der Mann nichts machen. Die Herrschaften im Ministerium haben sich tatsächlich die Zeit genommen, einen besonderen Erlaß herauszugeben, der es ihren Beamten verbietet, mit Festungsgefangenen wie mit zivilisierten Menschen zu verkehren. Ich habe dem Staatsanwalt angekündigt, daß ich durch passiven Widerstand die Maßregel zu sabotieren versuchen werde. Vorerst halte ich die Tür meiner Bude, solange ich darin bin, verbarrikadiert. – Eine weitere Unzuträglichkeit ist durch eine Anordnung von Helmes selbst hervorgerufen. Beim Durchschnüffeln meiner Tagebücher haben die Menschenschinder in München herausgekriegt, daß ich unten einmal ein paar kommunistische Zeitungen schwarz hereinbekam. Der Verdacht fiel – unbegründeterweise – auf den Hausburschen, und so wurde verfügt, daß der Junge nicht unbeaufsichtigt im Gemeinschaftsraum sein dürfe. Daher hält sich nun, solange er für uns da drinnen beschäftigt ist, dauernd ein Aufseher im Zimmer auf, und zwar wird der Vollzug der Maßregel in der denkbar provozierendsten Form ausgeübt. Die Aufseher, die bisher stets höflich waren, sind durch das Klopfverbot natürlich in jeder Hinsicht zu Flegeln geworden. Mit dem Hut auf dem Kopf, die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife im Maul, patrouillieren sie grade immer, wenn wir essen, im Raum auf und ab. Ich habe mich dem Staatsanwalt gegenüber energisch dagegen verwahrt und bis jetzt zwar nicht die Aufhebung der ganzen Maßregel aber doch das Versprechen erlangt, daß dem Personal ein manierliches Benehmen zur Pflicht gemacht werden soll mit der Versicherung, daß die ganze Maßnahme sich in keiner Weise gegen uns richte, sondern nur gegen den Gefängnissträfling, der die Gefängnisordnung nicht übertreten dürfe. Ich glaube aber, daß die Überwachung in dieser Form wohl ganz aufgehoben werden wird. Bemerkenswert war das Eingeständnis des Staatsanwalts, daß die Anstalt hier zur Unterbringung von Festungsgefangenen so ungeeignet wie möglich sei. – Helmes ist offensichtlich persönlich tolerant und frei von jeder Gehässigkeit. Meine Äußerungen über Müller-Meiningen, die in jeder Hinsicht eindeutig waren, erwiderte er mit der Bemerkung, daß ihm da kein Urteil zustände. – Soviel vom Persönlichen. Allgemeines ist wenig zu notieren. Die Zeitungen stinken von Wahlmätzchen. Die SPD gebärdet sich oppositionell, um wieder Regierungspartei werden zu können und dann in Noskemanier „Ruhe und Ordnung“ zu schaffen. Herr Stinnes und die Großindustrie kauft auf Mord und Totschlag Zeitungen auf. Über 70 Provinzblätter sind schon in die Hände dieser Bande übergegangen. Die also finanzierte Massensuggestion zugunsten der brutalsten Proletarierausbeutung wird dann als „öffentliche Meinung“ verzapft, auf die die „Demokratie“ ihre Weltanschauung stützt. Ich habe die Presse einmal die Hure des Kapitals genannt. Ich bitte es dem Stande der Huren ab. Diese armen Weiber ekelt es doch wenigstens, wenn ein grindiger, übelriechender Kerl sie ins Bett dingt. Die Presse ist bestenfalls das Klosett der Bourgeoisie, dessen Pforte sich für Bargeld öffnet, um durch seinen Trichter die Exkremente des Kapitalismus auf die Hirne des Volks zu sammeln, das durch den Dreck, den Gestank und die Vergiftung der Atmosphäre vollständig um sein Denkvermögen geprellt wird. – Der Krakehl zwischen den beiden kommunistischen Parteien wird täglich ekelhafter. Sie werfen sich jetzt gegenseitig Lockspitzelei und Verbindung mit Nationalisten und Militärs vor. Wann wird das arme Volk endlich seine „Führer“ zum Teufel jagen? – Ich las gestern einige illegal erschienene Hefte des „Ziegelbrenner“ von Marut, darunter ein wundervoll zartes und tiefes Märchen „Kundhar“ und eine radikal-anarchistische Erledigung der Wissenschaft, speziell der Mathematik und der Astronomie. Maruts Theorie der „Markurve“ ist außerordentlich genial und würde, wenn er nicht als Revolutionär verfolgt würde, ungeheures Aufsehen machen. Dieser Mensch ist eine außergewöhnlich bedeutende Persönlichkeit. Ich hoffe sehr, daß wir uns in nicht zu langer Zeit wiedersehn werden und zweifle nicht, daß wir Freunde fürs Leben werden müßten. – Wenn ich in meiner Bude Umschau halte, graut mir. Eine Unmenge Korrespondenz harrt der Erledigung, außerdem muß ich die Zelle neu einrichten, da meine Sachen meistens noch verpackt sind für den erwarteten Umzug. Aber die Nachwirkungen der Gefängnishaft werden jetzt peinlich bemerkbar. Nach der angestrengten Arbeit unten tritt jetzt ein Zustand übler Energielähmung ein. Ich muß sehn, ihn bald zu überwinden. – Zunächst will ich, da das Wetter schön ist, eifrig die Hofstunden benutzen, und auch jetzt die Absicht, Briefe zu schreiben, zurückstellen und etwas Sonne trinken.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 13. Mai 20.

Der Hofspaziergang vorgestern nachmittag wurde durch die Mitteilung unterbrochen, es seien zwei Herren aus München da, die mich sprechen wollten. Meine Erwartungen, die sich auf Schollenbruch, Weigel, Leonhard Frank und Gott weiß wen konzentrierten, wurden arg enttäuscht. Es waren nämlich überhaupt keine Herren von München, sondern ein Staatsanwalt von Augsburg und ein Schreiber von hier. Ich wurde als Zeuge vernommen wegen des „Hochverrats“ von Niederschönenfeld. Da ich ja wirklich nichts wußte, konnte ich auch keine wichtigen Aussagen machen. Dagegen erfuhr ich, worum es sich eigentlich handelt und war gradezu verblüfft, daß man daraufhin einen öffentlichen Skandal und einen peinlichen Prozeß zu inszenieren wagt. Es steht mir jetzt vollständig fest, daß dies ganze Theater nichts als Müllersche Stimmungsmache ist, wobei der Schnösel die Rolle des Volksgemurmels abzugeben hat. Man hat einen Plan für die künftige Organisation der Räterepublik gefunden und einen weiteren, der die Bewaffnung des Proletariats zum Gegenstand hat. Diese Pläne sind mit Russen-Namen benannt, wenn ich mich recht entsinne hieß der erste Sinojewski-, der zweite Awaroff-Plan. Den ersten habe ich gelesen. Er enthielt sehr viel gescheite Ideen, die sich aber alle nur auf die Zeit beziehn, wo unsre Revolution schon siegreich sein wird, von einer Putsch-Inszenierung ist nicht im geringsten die Rede. Also die Unterhaltungen der Gefangenen untereinander, die sich selbstverständlich dauernd um die künftige gesellschaftliche Neugestaltung drehen, sind in Niederschönenfeld offenbar in einer fixierten Programmaufstellung kristallisiert worden. Ich habe dem Staatsanwalt gegenüber meine Verwunderung nicht zurückgehalten, daß dies harmlose Gesellschaftsspiel zur Ängstigung der Bürger benutzt wird. Die Liste der Beteiligten wurde mir vorgelesen. Außer Förster (der sich, wie mir von Niederschönenfeld längst mitgeteilt war, aus dem Ansbacher Kreis zurückgezogen hat) sind alle von hier dorthin überführten Genossen beteiligt: Hagemeister, Olschewski, Waibel, Kain, Renner, auch Rudolf Hartig; ferner Sauber, Paulukum, Blößl, Koberstein, Adolf Schmid und Wilh. Reichhardt. Man hat auch eine Liste gefunden, in der schon Namen eingezeichnet waren, wer bestimmte Ämter übernehmen könnte; und da wurde für mich der Posten für Justiz oder fürs Äußere vorgemerkt. Ich habe zu Protokoll gegeben, daß ich allerdings in unverbindlichen Gesprächen davon gesprochen habe, daß mich die Nachfolgerschaft Müller-Meiningens in der kommenden Räterepublik locken könnte. Ferner waren die Niederschönenfelder Gefangenen nach Rubriken eingeteilt, die ihre Zuverlässigkeit betrafen. Mir wurde die Frage vorgelegt, warum Riedinger unter die „Schwarzen“ gezählt werden möge, was ich aus den Ansbacher Erfahrungen mit ihm als selbstverständlich erklärte; auf die Frage, wie Toller und Klingelhöfer in die Rubrik „Gegner“ geraten sein können, antwortete ich: Die hätte ich auch unter die Gegner rubriziert. Dann sollte ich meine Meinung sagen, wen ich für den Verfasser des mir vorgelegten Organisationsplans hielte. Das lehnte ich natürlich ab, erwiderte aber, es wäre sehr möglich, daß ein Fremder, der den Plan zu sehn bekäme, vermuten würde: der stammt von Mühsam. Allerdings sei ich nicht mit allen Punkten einverstanden, da mir manches nicht weit genug gehe. – Nachher wurde noch Grassl hinuntergerufen, der den Bewaffnungsplan vorgelegt bekam und erfuhr, daß er als Leiter der Militär-Justizexekution ausersehn sei. Ob man wirklich auf dies Material gestützt einen Monstre-Prozeß inszenieren will? Bei Müllers Rachsucht und abgründiger Borniertheit möchte ich es wirklich vermuten. Dann müßte ich nur bedauern, daß ich blos als Zeuge daran teilnehmen müßte. Die Rolle des Angeklagten wäre mir weitaus sympathischer. – Die baierischen Behörden fördern in der Tat unsre Sache besser als wir selbst es könnten. Jede neue Eselei, die sie begehn, führt uns unserm Ziel näher. Und in Herrn Müller haben sie einen Exponenten, dessen Natur es verbietet, eine Eselei ungetan zu lassen.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 22. Mai 1920.

Ich bin ungeheuer faul geworden, seit ich wieder oben bin. Das drückt sich auch in der Vernachlässigung des Tagebuchs aus, zu der freilich auch das ekelhafte Gefühl beiträgt, daß es diesem Heft ebenso gehn könnte wie den vier früheren, daß es mir einfach von schmutzigen Polizeifingern weggeholt werden und ihr Inhalt von noch weitaus schmierigeren Justizmarodeuren aufgesabbert wird. Es ist ein schändliches Bewußtsein, meine ganz intimen, dabei historisch wichtigen und unersetzlichen Aufzeichnungen in den Klauen dieses gewissenlosen Gesindels zu wissen, auf die wie noch auf keinen vorher der Spruch vom Bettelmann paßt, der aufs Roß gekommen ist. Meine Faulheit hängt indessen auch noch damit zusammen, daß meine Bude wie eine Rumpelkammer aussieht. Bei jener Durchsuchung damals hat man alles von den Wänden gerissen. Alles ist in Unordnung, und das Meiste in Kartons verpackt, die auszupacken ich mich sehr schwer entschließen kann, weil es fast undenkbar ist, daß wir noch lange hier in Ansbach bleiben werden. Die Anstalt war schon so gut wie aufgelöst, die Einrichtung zum größten Teil nach Niederschönenfeld geschickt, als plötzlich die Verfügung kam, wir bleiben hier. Ein Beispiel von der ganzen Regierungsmethode, die jetzt in ganz Deutschland und speziell in Baiern geübt wird. Keiner weiß, was er selber will. Mir wär’s nicht unerwünscht, wenn ich weg käme. Die Genossen sind ja brav und nett. Aber der Altersunterschied macht sich doch sehr fühlbar. Der nächstälteste Weber ist zwar nur 7 Jahre jünger als ich, aber grade der ist mir innerlich am fremdesten: Psychopath, wie mir scheint, – bei dem man nie genau weiß, wieviel man ihm von seinen täglich reicher sprudelnden Memoiren glauben darf. Dann kommt Markus Reichert, den ich ja gradezu liebe. Aber ein Beruhigungsfaktor ist er gewiß nicht, und wehe, wenn eine Meinungsdifferenz mit ihm auszutragen ist. Er regt sich dabei derartig auf, verliert außerdem das Thema und gerät vom hundertsten ins tausendste, – daß man dauernd vorsichtig um alle Dinge herumschleichen muß, die zu Kontroversen führen könnten. Paul Grassl ist sehr nett, aber etwas zu robust – ein Gemisch aus Brutalität und Sentimentalität, der mir als ständiger Gesellschafter mit seinem naiven Egozentrismus doch nicht genug ist. Endlich der Jüngste: Josef Schwab. Der ist still und immer liebenswürdig. Er hätte gut in unsern früheren Kreis hineingepaßt. Zu geistiger Anregung ist er nicht sonderlich geeignet. Alles in allem – ich fühle mich vereinsamt und sehne mich nach der Gesellschaft von ehedem. Kommt hinzu ein neuer Oberaufseher von einer Klotzigkeit, wie ich sie noch nicht leicht bei einem Menschen gesehn habe. Ein plumpes Tier, taktlos, rücksichtslos, verständnislos und dabei diensttüchtig, daß man sich nicht rühren kann. Der Kerl hat tatsächlich schon versucht, die niederträchtige „Tagesordnung“, die nicht einmal unter dem Schnösel angewendet wurde, vorzuziehn und uns den gemeinsamen Gesang zu unterbinden. Ich habe ihn elend abfahren lassen und ihm erklärt, daß wir von ihm weder Vorschriften noch Belehrungen entgegennehmen. Helmes scheint ihn mit seiner Beschwerde, die er sicher angebracht hat, allein gelassen zu haben. Wir singen fröhlich weiter, ohne daß wieder eine Beanstandung erfolgt wäre. Dieser Helmes ist ja so ziemlich das Einzige, was einem den Aufenthalt hier angenehmer macht als anderswo. Gestern ließ er mich rufen. Er hat den „Judas“ geprüft und mir erklärt, daß er dem Justizministerium darüber referieren müsse. Er versprach das in dem Sinne zu tun, daß er kein Bedenken hätte, die Freigabe zu gestatten. Vielleicht wird der Müller und sein Kühlewein dann auf die Einforderung verzichten. Sonst – diese Gesellschaft würde die Gelegenheit, mich materiell und künstlerisch zu schädigen, gewiß nicht ungenutzt lassen. Es ist noch etwas da, was jetzt ein wenig Freude in die dumpfe Gefängnishaft bringt. Gegenüber wohnt ein junges Ehepaar, mit dem wir in ein freundnachbarliches Grußverhältnis getreten sind. Er soll Bankbeamter sein, die Frau ist reizend, jung, hübsch, kokett und posiert uns vor, wenn sie im Hof hinter ihrem Hause, den ich von meiner Zelle aus übersehe, Teppiche klopft oder mit ihrem Hündchen spielt. Neulich hat der Mann uns (Grassl und mich) hinter dem Gitterfenster photographiert. Vom Erdboden aus zum zweiten Stock hinaus, – die Köpfe werden wohl sehr klein geraten sein, aber, wenn wir das Bild kriegen sollten, wärs doch eine hübsche Erinnerung und ein bleibendes Zeichen, daß auch unter Bürgern noch Menschen sind, die sich freuen, gefangenen Revolutionären eine Freude zu machen. Manchmal spielt er uns was vor auf dem Klavier, und wir revanchieren uns, indem wir am offenen Fenster eins unsrer Lieder singen, oder ich blase zum Gesang der andern auf der Okkarina. Gespräche mit den Leuten lassen sich leider nicht führen. Die Entfernung ist zu groß, auch ist die Bewachung zu scharf. Aber, wenn ich heraus komme, will ich mich doch von ihnen verabschieden. (Wenn unsre Informationen richtig sind, ist der Name der Leute Eberwein und der Mann ist Beamter der baier. Handelsbank). Es ist nicht ganz unmöglich, daß große Änderungen ziemlich nahe bevorstehn. Die Nationalisten werden sich mit dem mißlungenen Kapp-Putsch sicher nicht zufrieden geben. Keinem von den März-Verschwörern wird ein Haar gekrümmt, wogegen die Arbeiter im Ruhrgebiet einer grauenvollen Justiz ausgeliefert sind. (Der „Sozialist“ Ebert hat schon mehrere Todesurteile bestätigt). Baiern ist die eigentliche Vendée Deutschlands geworden. Die pro forma steckbrieflich gesuchten Herrschaften Lüttwitz, Bauer, Bischoff etc. sind alle in Baiern in Sicherheit und präparieren von hier aus den neuen Umsturz. Am 6. Juni sind die Wahlen. Bekommen die Unabhängigen eine Mehrheit, so schlagen sie natürlich gleich los, bekommen sie selbst sie, so machen sie das, was ihnen in Baiern gelungen ist, „legal“ auch fürs Reich. Jedenfalls werden sie vor dem 10. Juli handeln, da das der Tag ist, an dem die deutsche Heeresstärke auf 100.000 Mann heruntergesetzt sein soll, was sie unter allen Umständen verhindern wollen. Ich glaube bestimmt, daß ihnen diesmal ihr Unternehmen besser gelingen wird als im März, aber auch, daß dann der Bürgerkrieg endgiltig entbrennen und auch von der verräterischen KPD nicht mehr wird gebremst werden können. So scheußlich der Gedanke an Bürgerkrieg ist – er ist unvermeidlich, und ich bin daher nicht berechtigt, ihn zu verdammen oder zu verhindern. Die reaktionäre Schandwirtschaft in Baiern wird vielleicht schon früher zu Aktionen der Arbeiterschaft führen. Es soll ein Generalstreik geplant sein mit der Forderung: Aufhebung des Belagerungszustands und Freigabe der politischen Gefangenen. Wenn nicht das vorübergehende Gelingen der nationalistischen Revolution zu einem großen Judenprogrom führen sollte, der auch vor den Gefängnissen nicht stehn bleibt, wenn ich das Intermezzo einer Ludendorff-Diktatur also überleben sollte, so glaube ich gewiß, daß ich noch in diesem Sommer ins Freie komme und wieder aktiv helfen kann, den heiligen Geist unter den Menschen auszustreuen. – Morgen ist Pfingsten.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 29. Mai 1920.

Es liegt etwas in der Luft. Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß die Nationalhalunken schon in diesen Tagen losschlagen werden. Ihre Hauptsammelpunkte sind Ostpreußen, Pommern und Baiern. Die Ermordung des edlen Hans Paasche, eines der wenigen Offiziere, die die Erkenntnis der Gemeinheit des Kriegs öffentlich aussprachen[,] durch eine Reichswehrhorde muß in weiten – auch an sich nicht eigentlich revolutionären Kreisen ungeheure Wut gegen diese gedungene Mordgesellschaft wecken, was die Aktion sicher beschleunigen wird. Denn die Macher werden nicht abwarten, bis diese allgemeine Wut wirklich etwa zu Maßnahmen führen könnte. Die linken Zeitungen bringen täglich neues Material, das beweist, daß die Kappisten der Regierung ganz öffentlich auf der Nase herumtanzen. Die zur Auflösung bestimmten Freikorps werden truppweise als Arbeiter auf pommersche Güter gesammelt, die mit Waffen reich versehn sind. Am Siege des neuen Rechtsputsches habe ich garkeinen Zweifel. Die „Revolutionäre“ mit Einschluß der KPD haben ja mit ihrer Wahlkomödie viel zu viel zu tun, als daß sie sich um die Bekämpfung der Konterrevolution kümmern könnten. Und die KAPD ist durch Laufenberg und Wolffheim mit ihrem Kriegsprogramm und „revolutionären Burgfrieden“ und durch die vielen Widersprüche kompromittiert, die jetzt schon in ihren Reihen bemerkbar sind. In München ist der Hochstapler Michalski ihr Führer – womit die Bewegung schon gekennzeichnet ist. Schlimm. In Frankreich, Amerika riesige Streikbewegungen, in der ganzen Welt ein wildes Gären in den Arbeitermassen. In Deutschland ist die ganze Initiative bei den Monarchisten, die die Regierung zwingen, überall ihr Wort zu brechen (die 8 Punkte der Gewerkschaften etc) – und in kürzester Zeit ihre Stelle einnehmen werden. Daß die Militärdiktatur verbunden sein wird mit scheußlichen Judenprogromen, ist sicher. Der Mord ist ja in diesem Lande längst straffrei, wenn er sich gegen Nichtparteigänger der wildesten Reaktion wendet. – Trost findet man immer wieder bei Rußland. Die Sowjet-Republik hat den polnischen Stoß aufgefangen und ist in siegreichem Vormarsch gegen das Räuberpack. Endet dieser Kampf mit der Etablierung der Sowjet-Republik Polen, dann ist das stärkste Bollwerk gefallen, das zwischen uns und Rußland lag. Und dann werden wir hoffentlich auch Wege finden, die Verräter Levi und Genossen kaltzustellen. – Vorläufig sehe ich noch große Gefahren auch für meine Person. Ich will in diesen Tagen den Staatsanwalt fragen, wie er uns zu schützen gedenkt, wenn die Militärgewalt einzudringen versucht oder meine Herausgabe verlangt. Als einen Schutzring sehe ich die Gefängnismauern keinesfalls an.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 3. Juni 1920.

Die Spannung ist noch ungelöst. Die Wahlen am kommenden Sonntag werden vielleicht das Signal sein zu neuen Kämpfen, die für uns Gefangene mit Tod oder mit Freiheit enden werden. Die „Freiheit“ aber wird neue und vielleicht die bittersten Kämpfe bringen. Ich hatte vorige Woche nach langer Pause die Korrespondenz mit Ringelmann wieder aufgenommen, der jetzt – nach der Auflösung Eichstätts als Festungsanstalt – in Lichtenau ist. Gestern erhielt ich seine Antwort. Der arme Junge ist derart in Abhängigkeit der übelsten Demagogen geraten (die ihn vorher selbst aus der Partei herausintrigiert, ihn nach dem peccavi aber in Gnaden wieder aufgenommen haben), daß er in unglaublicher Verblendung jede Opposition gegen die KPD als Verrat ansieht. Die vielen Genossen, die angesichts der ruchlosen Opportunitätspolitik Levis und Genossen zur KAP übergetreten sind, nennt er „Verräter“ und „Gesinnungslumpen“. Mich persönlich sieht er ebenfalls schon im trübsten Licht und unterscheidet nur noch aus alter Anhänglichkeit zwischen dem Menschen Mühsam und dem Politiker. Rina de Haan hat offenbar einmal einen meiner Briefe in der Amsterdamer „Tribune“ veröffentlicht, der den Ochels schwer auf die Nieren gegangen ist. Ich sehe aus Ringelmanns Brief, der natürlich nur die Auffassungen der Bonzen wiedergibt, daß man mir besonders übel nimmt, daß ich die KPD vor Ausländern als opportunistisch blosgestellt habe. Ich soll ferner „Geschichte gefälscht“ haben bei der Darstellung der Verhältnisse in Baiern nach Eisners Ermordung. Ich habe Rina, von der vor einigen Tagen eine Sendung mit holländischen Lebensmitteln eintraf, gebeten, mir den Brief zu schicken, damit ich weiß, worum es sich überhaupt handelt. Toll ist der Vorwurf, ich arbeite gegen die KP, um mich bei der Zensur für die Freilassung zu empfehlen, was R. allerdings „vorläufig“ noch nicht annehmen wolle. Jedenfalls aber bin ich „konterrevolutionär“. Die KP ist also schon genau da angelangt, wo die alte Sozialdemokratie aufgehört hat, bei persönlicher Verleumdung, Verdächtigung, Verächtlichmachung, um die eigne Jämmerlichkeit zu bemänteln. Und so ein junger unerfahrener Mensch wie der Ernst wird in dieses System eingefangen. Es ist noch lange nicht sicher, ob ich nicht eines Tages statt von Offizieren, von Parteikommunisten an die Wand gestellt werde. – Ich habe wieder eines Toten zu gedenken. Im „Freien Arbeiter“ las ich, daß Martin Drescher in Amerika gestorben ist. Er war nicht der große Dichter, als den ihn die liebenden Genossen hinstellen. Seine Begabung, auch die als Lyriker und Novellist, war rein journalistisch und formal ohne Eigenart. Aber ein ganzer Mensch war Drescher, einer, der die bürgerliche Herkunft abstreifte und sich aus innerer Sauberkeit dem Proletariat verband. Ein Mann mit ehrlicher Freiheitssehnsucht, ein Anarchist und Revolutionär aus natürlicher Bestimmung. Er schrieb mir einmal, ich möge mich um einen Verleger für seine Gedichte bemühn. Leider mißlang es mir, sie unterzubringen. Erschienen sind sie später doch, natürlich unbeachtet geblieben. Literarisch haben sie auch keinen Anspruch auf Bedeutung, aber als Vermächtnis eines reinen Menschen und tapferen Kämpfers werden sie unverloren bleiben.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 10. Juni 1920.

Die ungeheure Menge Korrespondenz, die ich letzthin führe – ich schicke täglich mindestens zwei Briefe hinaus – läßt das Tagebuch sehr zu kurz kommen. Doch schreibe ich fast nur politische Briefe, sodaß meine Auffassungen regelmäßig irgendwo schriftlich hingelangen, was am Ende wichtiger ist, als daß sie hier vertrocknen, um schließlich von den Justizbanditen beschlagnahmt zu werden. Meine Nerven sind angespannt durch die vielfache Unsicherheit, was aus meinen Arbeiten wird. Wolff hat das Gedichtbuch immer noch nicht herausgebracht, und ich habe fast den Verdacht, er will es unterdrücken. Die „Rechenschaft“ liegt seit langen Wochen zur Prüfung bei ihm. Bescheid bekomme ich weder vom Verlag noch von meinen Freunden darüber und so gehts mit allem. Der „Judas“ liegt immer noch unerledigt beim Staatsanwalt, ebenso die Einigungsbroschüre. Den Schaden, der mir durch das alles – besonders durch die schikanöse Zensur – Helmes wartet auf Bescheid aus München; er ist für Freigabe des Dramas, aber Müller-Meiningen weiß wohl, daß er mich schädigen kann und rührt sich deswegen nicht – erwächst, ersetzt natürlich niemand. Gottseidank kehrt in diesen Tagen Zenzl nach München zurück, da wird dort alles besser in Schwung kommen. – Wie lange Müller-Meiningen noch Minister bleibt, ist noch nicht genau feststellbar. Die Landtagswahlen haben einen mächtigen Sieg der „baier. Volkspartei“ (der Klerikalen-Monarchisten) gebracht, und die Demokraten haben sehr übel abgeschnitten, sodaß der Renommierheld dieser Partei, eben Müller, nicht wiedergewählt wurde und höchstens durch eine Schiebung, zu der die Verhältniswahl ja viele Möglichkeiten bietet, ins Parlament kommen wird. Tritt er von der Bildfläche ab, so würde er also nur einem andern Reaktionär den Platz räumen, der durch die gleichen Geheimräte (Kühlewein etc) dieselben Lumpereien gegen uns betreiben ließe wie wir sie bis jetzt gewöhnt sind. – Zum Reichstag haben die sogenannten „Sozialisten“ den größten Erfolg errungen. Die MSP bleibt, obwohl sie massenhaft Sitze verliert, die stärkste Partei, zur zweitstärksten rückt die USP auf, und die KPD hat für beide Parlamente je 2 Sitze erobert. Liest man die Blätter, so möchte man glauben, es wäre jetzt etwas Welterschütterndes geschehn. In Wirklichkeit wird die Revolution so oder so vorangehn, wie bisher gehindert von ihren kommunistischen Betreuern. Im übrigen werden die „Kapputschiner“, wie ich die Nationalisten neuerdings nenne, bald soweit sein, daß sie die Entscheidung ganz unabhängig von den Quatschbuden herbeiführen werden. Im übrigen kämpfen Kapitalismus und Bolschewismus auf den Schlachtfeldern am Dnjepr und Pripjat ihre Angelegenheiten aus.

 

Ansbach, Dienstag, d. 15. Juni 1920.

Letzte Woche hat ein dritter „Geiselmord“-Prozeß in München stattgefunden. Die Genossen Wallershausen und Rotter waren der Teilnahme an der Hinrichtung der 10 weißen Spione beschuldigt. Der Prozeß bot wieder ein trübes Bild schäbiger Denunziationen. Vor allem tat der im früheren Prozeß zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilte Hesselmann alles, um die Angeklagten hineinzulegen. Dabei stellte sich heraus, daß die Zuchthausgefangenen in Straubing mit Zigaretten und Versprechungen auf Strafnachlaß geködert wurden, belastend auszusagen. Rotter konnte nichts nachgewiesen werden. Er wurde aber mit der Begründung, daß er gegen die Verständigung mit der Regierung Hoffmann gearbeitet habe, wegen Beihilfe zum Hochverrat für ehrlos erklärt und zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Wallershausen, ein schwer nervenkranker, im Kriege verschütteter Mensch, zum Tode. Das Urteil wurde von Mittwoch auf Samstag ausgesetzt, – wie man das schon kennt. So wurde denn am Sonntag das Urteil vom Ministerium bestätigt und gestern früh vollstreckt. Müllers erste Ministertat war die Ermordung Levinés, die letzte die Wallershausen. Dazwischen liegen in fünfvierteljähriger Tätigkeit weitere 7 gesetzliche Ermordungen politischer Gegner des Herrn. Die vielen Mörder, Plünderer, Räuber, Schwerverbrecher jeder Art aber, die ihre Schandtaten an ihm unsympathischen Politikern begangen haben, findet die ihm unterstellte Justiz nicht, und Arco, der Mörder Eisners, genießt in Landsberg eine viel rücksichtsvollere Behandlung als wir alle. Viel Schuld an der Ermordung Wallershausens gebe ich den Kommunisten in München. Zuerst drohten sie (Otto Thomas) Generalstreik an – statt ihn schon vor der Verkündung zu proklamieren –, aber gleich nur für wenige Tage, sodaß die Bürger wußten, sie können es ruhig wagen. 2 – 3 Tage Arbeitsausfall zahlen sie gern, besonders ohne Lohnvergütung, wenn dafür ein Revolutionär umgebracht wird. Dann wurde aber beschlossen, Vertreter der 3 Parteien (also Thomas mit Unterleitner und Franz Schmitt Arm in Arm) sollten beim Minister (bei Müller-Meiningen) „vorstellig“ werden. Jetzt ist der Mord trotzdem verübt worden, und von Streik ist keine Rede mehr. Klägliche Bande! – Jetzt hat man gegen den Genossen Dietrich, der seinerzeit aus der Berliner Schutzhaft entkommen konnte, Steckbrief erlassen und auf seine Ergreifung hohe Belohnung gesetzt, und natürlich wird auch er mit dem „Geiselmord“ in Beziehung gebracht. Die Bourgeoisie lechzt nach Blut. Die Prozesse wegen der Räterepublik werden inzwischen dauernd fortgesetzt. Morgen muß Schwab als Zeuge nach Würzburg, wo gegen den Genossen Hornung verhandelt wird (vorm „Volksgericht“), der schon seit August vorigen Jahres in Untersuchungshaft sitzt. Man verteilt die Racheaktionen über Jahre hinaus, um die Spießbürger am Gruseln zu halten. So wars Müllers System, für dessen Ehrenhaftigkeit ich mit 2 Monaten Gefängnis zeugen mußte. Jetzt wird es wohl aus sein mit Müllers Ministerherrlichkeit, über die man den Vers setzen könnte: Mit Mord fang an, mit Mord hör auf! – Die revolutionäre Bewegung in Deutschland ist leider tief gespalten. Ich sehe die einzige Rettung in der kommunistischen Föderation. Aber die Bonzen! Und große Schwierigkeiten sehe ich bedauerlicherweise auch noch von Moskau kommen. Dort orientiert Radek die Genossen über die deutschen Angelegenheiten, und der vertritt ganz die Politik Levys. Hätte ich nicht meinen unerschütterlichen Glauben an Recht und Wahrheit, dann hätte ich Grund, recht trübe gestimmt zu sein. Aber die allgemeinen Auspizien sind günstig. Dazu rechne ich auch das neueste Gerücht, die Gegenrevolution in Rußland sei siegreich ausgebrochen, Trotzki sei (wieder einmal) tot, Lenin auf der Flucht und General Brussilow Diktator. Daß die Bourgeoisie immer wieder solche Lügen braucht, um ihre Gefolgschaft bei Stimmung zu erhalten, beweist ihre Schwäche. Die Weltrevolution läßt sich deswegen doch nicht aufhalten. Sie wird auch in Deutschland vordringen und über die Wilhelminer und Demokraten ebenso hinweggehn wie über die Bonzenkommunisten, die die Märzrevolution verraten haben. Ich werde noch in diesem Jahr unter den Meinigen stehn.

 

Ansbach, Sonntag, d. 20. Juni 1920.

Häusliches. Es wird allmählich ziemlich ungemütlich bei uns. 5 Leute sind herzlich wenig, und so gibt’s alle Augenblicke Nervenausbrüche. Zwischen Weber und Schwab ist eine Animosität zum Ausbruch gekommen, die das allgemeine Zusammenleben täglich peinlicher macht. Ein Miteinander-Arbeiten, regelmäßige Diskussionen wie früher, gibt es überhaupt nicht mehr, und ich leide sehr darunter, da ich nun weder genügend Unterhaltung noch durch völlige Isolierung die Konzentration zur Arbeit finde. Ich hätte große Lust mich fortzumelden. Doch ist hier die tolerante Praxis beim Besuchsempfang (vorige Woche war eine Freundin von Markus R. da, Betty Knoll, die uns alle mit Zärtlichkeiten überschüttete, und für die nächste Zeit ist Erika Schollenbruch angemeldet, die wohl auch hinauf darf), die viel Schlimmes aufwiegt. Trotzdem will ich, sobald die Untersuchungshaft der Niederschönefelder Genossen aufgehoben sein wird, mich dorthin melden. Zu denen gehöre ich; mit ihnen will ich auch das Üble tragen, für das dort das Vollmännchen eifrig Sorge trägt. – Mein „Judas“ ist vor einigen Tagen freigegeben worden und schon an Weigel geschickt. Hoffentlich wird es rasch vervielfältigt und dann bald an die Öffentlichkeit gelangen können. Mein Gedichtbuch soll nun, wenn ich Kurt Wolff glauben kann, Ende dieses Monats wirklich herauskommen. Über ein halbes Jahr hat die technische Herstellung gedauert. Aber, ehe es nicht da ist, bin ich nicht sicher, ob es kommen wird. Kommt vorher der erfolgreiche Rechtsputsch, dann kann ich es einsargen. – Die Wahlen haben mir nachträglich noch eine große Freude verursacht, die mich diesmal beinahe mit dem Schwindel aussöhnen. August Hagemeister ist gewählt und soll in den Landtag kommen (außer ihm Niekisch und Sauber). Niemandem gönne ich die Freiheit lieber als ihm, aus persönlichen Gründen, weil er ein so grundanständiger, kluger und energischer Mensch ist, weil seine Familie in bitterem Elend sitzt, und weil seine Verurteilung eine besonders gemeine Ungerechtigkeit war; dann aber auch der Sache wegen, da von ihm gewiß ist, daß er draußen tapfer und gut für die Revolution arbeiten wird. – Die Wahlbeteiligung der KPD hat noch nachträglich eine sehr bezeichnende Illustration erfahren. Gewählt war von der Partei nur Heckert-Chemnitz. Durch die Wahl-Aritmetik kam noch von der „Reichsliste“ Clara Zetkin zum Zug. Levy, der Oberbonze, fiel durch. Was geschieht? Heckert muß par ordre di Muffti auf seine Wahl verzichten (obwohl doch die Chemnitzer Kommunisten grade ihn an die erste Stelle ihrer Liste setzten, weil sie seine Person wollten). Dadurch rückt die Zetkin an seine Stelle und Levy an die ihrige. So hat er’s denn erreicht. Die Entlarvung dieser verruchten Führersippe ist aber vollständig durch diese Schiebung. Wahlbeteiligung sehen die Leitsätze der KPD vor in Zeiten der „Abflauung“ der Revolution. Im März hat man die Revolution künstlich zur „Abflauung“ gebracht, indem man die Ruhrkämpfer und Hölz einfach im Stich ließ, und so darf man denn jetzt den großen Levy als MdR feiern. Hundsgemein! Gottseidank bekommen die Polen jetzt wirklich ihren Lohn. Die letzten Nachrichten von der Dünafront sind höchst erfreulich. Gelingt es den Bolschewisten, Warschau zu besetzen, so haben wir die proletarische Revolution an unsrer Ostgrenze, und wir haben Grund, sehr sehr hoffnungsfroh zu sein. Ich bin es – trotz allem – andauernd.

 

Totenliste: Professor Max Weber ist in München plötzlich gestorben, vielleicht der beste Kopf des alten Liberalismus, leider aber während der Revolution garnicht auf der Höhe der Situation, und nur durch persönliche Anständigkeit von den übrigen Demokraten, allerdings sehr gründlich, unterschieden. Meine Beziehungen zu ihm reichen bis zum Jahre 1907 zurück – durch Otto Gross. Später – kurz vor dem Krieg – standen wir in Verbindung, als Ottos Vater die Internierung des Sohns veranlaßte. Persönlich lernte ich ihn erst wenige Tage vor Ausbruch der Revolution kennen in einer Versammlung, in der er die Möglichkeit einer Revolution in Deutschland weit von sich wies und sich über den Gedanken an eine Republik in Deutschland lustig machte. Ich widersprach ihm. Mein Tagebuch von Anfang November 1918 (das immer noch in den Händen der Adversäre ist) muß darüber Näheres enthalten. – Nach der Versammlung sprach ich noch kurz mit Weber persönlich, sah ihn aber dann nicht wieder.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 26. Juni 1920.

Das erste Exemplar meiner Kriegs- und Revolutionsgedichte kam heute bei mir an. Es sieht anständig aus, enthält aber leider an einer wichtigen Stelle einen sinnstörenden Druckfehler. In dem Gedicht „Das Beispiel lebt“ heißt es von den Deutschen, daß sie „stets den Rücken beugten unter Juchten“. Dafür steht „Zuchten“. So hat Vollmanns Eingriff also doch eine Wirkung gehabt. Er kann stolz sein vor der Nachwelt. – Mit Helmes machen wir dauernd gute Erfahrungen. Neulich war der Oberstaatsanwalt von Nürnberg hier und nahm unsre Wünsche und Beschwerden entgegen. Gestern ließ mich Helmes rufen auf einen Brief hin, in dem ich mich über verschiedene Mißstände, die durch unsre geringe Zahl verursacht sind, beschwerte und die Belegung der leeren Zellen verlangte und an die Zusagen des Oberstaatsanwalts erinnerte. Helmes gab mir in so entgegenkommender Weise Auskunft, daß ich wirklich überzeugt bin, daß das Üble, das bleibt (Zellenverschluß) nicht von ihm gewünscht sondern von Müller verlangt wird. Vorgestern war ein Brief von Gerhard Wilk an mich gekommen, der für Montag seinen Besuch ansagt. Möglicherweise wird zu gleicher Zeit Erika Schollenbruch da sein. Er selbst fing davon an und erlaubte ungebeten den Empfang der Gäste zusammen im Gemeinschaftsraum. Ich hoffe, daß uns also ein netter Tag bevorsteht. – Nach einer Karte, die heute eintraf, ist auch Léon Hirsch zu erwarten.

Die Zeitungen sind voll wirrer Dinge. Die deutsche Regierungsbildung war ein unendlich komischer Vorgang mit einer geschäftigen Partei-Betulichkeit, bei der die Sozi die Charaktere mimten, indem sie nicht mit den Nationalliberalen zusammen arbeiten wollen (aber Noske ist ihr Parteimitglied auch heute noch) und dann nicht einmal der ohne sie gebildeten Regierung ein Vertrauensvotum versprachen. Durch einen Kuhhandel ist das also gefährdete Kabinett Fehrenbach nun doch glücklich noch perfekt geworden. Die USP als zweitstärkste Partei (die stärkste ist immer noch die dezimierte Verräterpartei) will furchtbar radikale Anträge einbringen, darunter sogar die allgemeine Amnestierung aller politischen Gefangenen in Deutschland. Die MSP wird natürlich dafür stimmen. Aber die guten Genossen, die sich dadurch nahe der Freiheit glauben, werden schwer enttäuscht werden. Zur Abstimmung werden die Sozi schon soviele Abgeordnete abdirigieren, daß sie keine Gefahr laufen werden, sich mit ihrer schönen Geste etwa uns in die Hände zu liefern, und von den Antragstellern wird es manchem „Revolutionär“ ebenfalls kalt über den Buckel laufen, wenn er annehmen könnte, der Antrag ginge durch. Man braucht nur zu wissen, daß von München z. B. Unterleitner in den Reichstag gewählt ist. Mit Parlamentsgeschwätz und Abstimmerei wird niemals etwas Freiheitliches gefördert werden. Das Volk selbst muß – trotz Parteien und Parlamenten – Revolution treiben. Und dafür sind neue Anzeichen auch in Deutschland vorhanden. Lebensmittelunruhen mit Plünderungen und dem üblichen Hineinschießen der Weißgardisten in Bremen, Osnabrück, Ulm und einer Reihe anderer Orte, besonders in Württemberg. Die Kommunisten bremsen aus Leibeskräften. Sie bilden sich ein, daß die Revolution erst dann vorwärtsgehn darf, wenn die Majorität der Gesamtarbeiterschaft in der KPD organisiert ist! Die ganze Geschichte (besonders die der französischen Revolution) lehrt, daß alle revolutionären Bewegungen aus spontanen Erhebungen entstanden und in spontanen Erhebungen ihre Etappen bezeichneten, daß diese Erhebungen stets das Werk einer geringen entschlossenen Minderheit waren, der dann die Massen folgten. Aber das wäre nicht nach dem Parteiprojekt. Danach darf nichts geschehn, wozu Levy nicht vorher in die Hände geklatscht hätte. Das nennt sich dann „historischer Materialismus“! – Zu diesen Hungerrevolten kommen gradezu ungeheuerliche Provokationen des Proletariats, vor allem der Prozeß gegen die Marburger Zeitfreiwilligen, die – 14 Studenten, zumeist der Theologie! – in Bad Thal 15 Arbeiter systematisch ermordet haben und vom Kriegsgericht(!) allesamt freigesprochen wurden. (8 Tage nach der Ermordung Wallershausers in München, und während Gefängnis- und Zuchthausurteile gegen revolutionäre Arbeiter aus nichtigsten Gründen sich unheimlich häufen). Das hat furchtbar böses Blut gemacht. Nun soll auch noch das Gesetz in Kraft treten, wonach die Steuern von den Arbeitern durch direkten Lohnabzug (von 10 %) beigebracht werden sollen. Allen Anzeichen nach wird sich dagegen ein riesiger Widerstand geltend machen, sodaß wir vielleicht von neuem eine mächtige Streikbewegung ganz nahe vor uns haben. Die Aussichten für eine neue sprunghafte Vorwärtsentwicklung der Revolution bei uns sind also nicht schlecht. – Symptomatisch außerordentlich wichtig ist die große Solidaritätsaktion des Internationalen Gewerkschaftsbunds gegen den Weißen Schrecken in Horthy-Ungarn. Wird die allgemeine Boykott-Bewegung gegen das Land mit der Konsequenz durchgeführt, wie es bis jetzt, und besonders erfreulicherweise in Österreich, den Anschein hat, dann könnte das ein erster Schritt zu weiteren Kollektivmaßnahmen der Weltarbeiterschaft gegen das Weltkapital sein. Doch will ich mich keinen zu großen Illusionen hingeben. Nach allen Erfahrungen werden gute Aktionen von den Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern, die schließlich immer Angst vor der eignen Kurage kriegen, zu früh abgebrochen, und die Wirkung ist dadurch beim Teufel. Ermutigend wirken aber auf mich die gehässigen Schimpftiraden der bürgerlichen Presse gegen den Boykott, hinter denen sich die bleiche Angst verbirgt, besonders bei den Bayerischen reaktionären Blättern, die schon die Möglichkeit andeuten, daß Ähnliches auch gegen Baiern unternommen werden könnte, was bei der schamlosen Reaktion hierzulande garnicht ausgeschlossen ist. Ich wäre froh drum.

Zeichen der Zeit: mir sind im Laufe des letzten Monats jetzt drei Pakete nicht angekommen, deren Absender so leichtsinnig waren, sie uneingeschrieben aufzugeben. Die Korruption in diesem Lande hat die des zaristischen Rußlands schon weit in den Schatten gestellt. Alle stehlen, betrügen, schieben und schwindeln – mit echt deutscher Gründlichkeit.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 30. Juni 1920.

Gestern und vorgestern waren Gerhard Wilk und Léon Hirsch bei mir, je 3 Stunden, und zwar in meiner Zelle. Ich hatte große Freude an den lieben, treuen Jungen. Erika mußte ihre Reise rasch verschieben und steht demnächst in Aussicht. Diese Besuche in der angenehmen Form sind ein so großer Trost, daß sie meinen Drang, mich nach Niederschönenfeld zu melden, wo der Schnösel seinen Sadismus anscheinend unentwegt weiter betätigt und die Zustände im allgemeinen daher schauerlich sein müssen, immer wieder zum Schweigen bringen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich meiner Nerven wegen nicht doch richtiger täte, aus der guten in die schlechte Behandlung hinüberzuwechseln. Denn hier wird das Zusammenleben mit den Genossen nachgrade unerträglich, und meine Nervosität, die sehr nachgelassen hatte, ist wieder außerordentlich reizbar. Kein wertvolles Gespräch kommt mehr zustande. Ärgere ich mich über eine neue Jämmerlichkeit der Partei-Kommunisten, so gibt es entweder einen schauderhaften Zusammenstoß mit Markus Reichert, der mit dem Herzen treu an seiner Partei hängt, wenn er auch gelegentlich einsieht, daß sie nicht auf dem rechten Wege ist oder man kommt mir „psychologisch“ und beweist mir die Unzweckmäßigkeit meiner Aufregung. Bei Paul Grassl zumal hat anscheinend jedes bessere Interesse aufgehört. Er zieht sich nach den Mahlzeiten auf sein Zimmer zurück und schreibt Liebesbriefe und verrennt sich im übrigen in eine peinliche Selbstüberhebung, die ihm den Wahn gibt, er wisse alles und brauche mit seinen 25 Jahren garnichts mehr zu lernen. Schwab – noch jünger – hört wohl gern zu, wenn von ernsten Dingen die Rede ist, bringt aber nie etwas Eignes zum Vorschein. Markus erregt sich bei jedem Gespräch derart, daß man es nur rasch abbrechen möchte und versteift sich überall auf eine Kleinigkeit, und Weber, ein überempfindlicher Psychopath, spricht heute so und morgen das Gegenteil. Ich bin hier entsetzlich vereinsamt und sehne mich maßlos nach den Kameraden vom Winter, die jetzt alle noch in Untersuchungshaft sitzen. – Wann wird das Proletariat endlich aufwachen? Daß ich ans Werk könnte und, indem ich dem Volk hülfe, zu mir selbst gelangte!

 

Ansbach, Sonnabend, d. 3. Juli 1920.

Es wird nachgrade ganz trostlos hier. Die nervösen Zusammenstöße zwischen den Genossen mehren sich, und Grassls neue Pose, den Verschlossenen zu mimen und sich mit seiner eigenen Bedeutsamkeit zu Selbstgesprächen zurückzuziehn, hebt jede Gemeinschaft auf. Nun kommt ein Schlag hinzu, der, wenn er nicht noch zu parieren ist, die letzte Lebensmöglichkeit beseitigt. Wir hatten es eingeführt, daß Besuche bei den Genossen von den andern dadurch überrascht wurden, daß die andern 4 Genossen vor der Zelle des Besuchten erschienen und unsre Revolutionslieder sangen. Nun hat – ich erinnere mich nicht mehr, ob ich das seinerzeit hier notiert habe – kürzlich im Ansbacher Käsblatt eine Notiz gestanden, in der sich diese schäbigen Bourgeois darüber beschwerten, daß die Festungsgefangenen die Passanten durch lauten Gesang belästigten (dabei geht unser Gemeinschaftsraum – und woanders wird fast nie gesungen – auf die Bräuhausstraße hinaus, wo oft viertelstundenlang kein Mensch entlanggeht). Hierauf kam eine Verfügung des Staatsanwalts, die uns – wenigstens verstanden wir es so – das Singen zum offenen Fenster hinaus verbot. Er ließ diese Anordnung durch den Stoffel von Oberaufseher verlesen, dessen provozierendes Feldwebelbenehmen bei unwahrscheinlicher Blödheit uns mit jeder Geste und jedem Wort in Opposition treibt. Beim Besuch von Léon und Gerhard wurde also wieder gesungen, auf dem Korridor, dessen Fenster auf den Hof geht. Die Wirkung war eine neue Verfügung. Die Genehmigung, Besuche auf den Stuben zu empfangen, sei mißbraucht worden. Deshalb werde in Zukunft jeder Besuch nur einen einzigen Gefangenen sprechen dürfen und zwar wieder im „Besuchszimmer“. Bleibt diese Anordnung bestehn – ich werde mich heute zu Helmes melden –, dann werde ich mit allen Mitteln meine umgehende Umquartierung in eine andre Anstalt betreiben. Zwar hoffe ich, daß Helmes die Peinigung widerrufen wird, wenn ich ihm klar mache, daß wir bisher von einem generellen Gesangsverbot nichts gewußt haben (welche Teufelei übrigens, Gefangenen das Singen zu untersagen!) – aber im Allgemeinen sind solche Bürokraten so, selbst wenn sie das Bestreben haben, menschlich zu sein, daß sie einen einmal gegebenen Befehl nicht widerrufen. Sie glauben, sich damit etwas zu vergeben. In etwa 14 Tagen wollte Gerhard auf der Rückreise wieder vorbei kommen, Erika erwarteten wir alle, und zu ihrem Geburtstag – am 28ten – hatte sich Zenzl angemeldet. Den Qualen des Empfangs in dem öden unmöblierten Parterreraum, in den alle Augenblick ohne zu klopfen irgendein subalterner Geist hereinpolterte, werde ich sie alle nicht aussetzen. Möglich wär’s ja, daß eine Versetzung garnicht mehr lohnt. Aber wer kann’s genau wissen? Aus allen Gegenden Deutschlands werden Lebensmittelkrawalle gemeldet (darunter auch aus Lübeck, wo über 100 Geschäfte geplündert wurden). Die SPD-, USP- und KPD-Blätter trompeten natürlich in die Welt, das sei alles Lockspitzelarbeit und mahnen zur Besonnenheit, bis Levi das Signal gibt, wann in Dorf und Stadt, in Süd und Nord die Revolution beginnen darf. Freilich kann es sein, daß den Regierenden zur Zeit derartige Unruhen, die sie regelmäßig zu Anlässen von weißgardistischen Morden machen, ganz genehm sind, weil sie immer noch hoffen, die Entente zur Genehmigung der bisherigen Wehrstärke zu bewegen. Aber selbst wenn überall 3 oder 5 Spitzel am Werke sind, so ist doch die Tatsache, daß die Tausende auf die bloße Anregung hin auf die Straße gehn und sich den Kugeln aussetzen, deutlichstes Zeichen, wie reif schon alles zum Umsturz ist. Das deutsche Proletariat brauchte sich nur noch von seinen Führern zu befreien, dann wird es die Spannkraft finden, sich überhaupt zu befreien. – Die bolschewistischen Siege über die Polen sind überwältigend großartig. Sie geben große Hoffnung auf die völlige Revolutionierung Polens, und wenn dieses Bollwerk des Kapitalismus zwischen uns und den Russen gefallen sein wird, dann werden nicht einmal die Zentralkommunisten den Gang der Dinge länger bei uns aufhalten können. Die Entwaffnung der Reichswehr bis auf 100.000 Mann, die Auflösung der Zeitfreiwilligen-Formationen, der Sicherheitswehren, Einwohnerwehren etc (wofür eine nicht militärische Polizei von 150000 Mann erlaubt wird), soll bis zum 10. Juli durchgeführt sein. Übermorgen beginnt die Konferenz in Spaa. Dort werden die Fehrenbäche noch einmal um Mitleid rauschen und Aufschub verlangen. Es wird ihnen nach den letzten Noten der Alliierten nichts mehr helfen. Die Wahrscheinlichkeit besteht aber, daß die Wehren ihrer Entwaffnung gewaltsamen Widerstand entgegensetzen werden. Wenn das Proletariat diesen Moment erfaßt, selber zu den Waffen greift und radikal durchfährt, – dann werde auch ich vielleicht nicht mehr nach Niederschönefeld umzuziehn brauchen, sondern gleich die Richtung München einschlagen können. Aber: was sind Hoffnungen? Was sind Entwürfe? –

 

Ansbach, Sonntag, d. 11. Juli 1920.

Die vergangene Woche war wieder im ganzen recht unerfreulich. Zwar hat Helmes in der Besuchsangelegenheit einen verdeckten Rückzug angetreten. Ich setzte ihm auseinander, daß seine Maßnahme auf falschen Voraussetzungen gegründet war und erhielt die Zusicherung, daß er „von Fall zu Fall“ entscheiden werde. Es berührte mich sympathisch, daß er großen Wert darauf legte, nicht für einen „Polizeispieß“ gehalten zu werden. Auch habe er kein allgemeines Singverbot erlassen, sondern nur bei offenem Fenster und im Gang. Aber wie die Stimmung allmählich bei uns geworden ist, zeigt sich am treffendsten an der Tatsache, daß im Laufe dieser ganzen Woche von der Erlaubnis zum Singen kein einziges Mal Gebrauch gemacht wurde. Es hat sich unter den Genossen ziemlich plötzlich ein Widerstand gegen alle meine Ansichten herausgebildet, der mir dann gewöhnlich von Graßl sehr von oben herunter als ein „Durchringen“ zu höherer Reife unter die Nase gerieben wird. In Wahrheit handelt es sich um ein schrittweises Zurückmarschieren in die Reihen der KPD. Die Beteiligung der Partei an den Wahlen hat psychologisch so gewirkt, daß die antiparlamentarischen Einsichten der Kommunisten der vollzogenen Praxis gegenüber wieder verflüchtigt sind. Selbst der kluge Kain schreibt mir aus Niederschönenfeld, daß er sich mit der Wählerei ausgesöhnt habe. Die Rede Clara Zetkins im Reichstag hat die guten Leutchen völlig hypnotisiert. Daß sie all ihre Weisheit vor konterrevolutionären Bourgeois ausgekramt hat, und daß der Wortlaut der Rede doch nur den Lesern der KP-Presse bekannt wird, die die Ideen ohnehin kennen, tut nichts zur Sache. Man ist begeistert. Dabei nistet sich beim Projektemachen für „die Diktatur“ – das an und für sich Blödsinn ist – ein reaktionärer Polizeigeist ein, der mich erschreckt und empört. Der Dreck, der beim Politikmachen verspritzt wird, erhält gradezu revolutionäre Weihe, und jedes Wort, das ich dagegen spreche, wird nur belächelt: der versteht’s halt nicht besser. So fühle ich mich hier von Tag zu Tag weniger wohl. – Überdies kommt auch noch von München eine schlimme Hiobspost. Die Polizei hat schon wieder bei Zenzl gehaussucht und dabei ein Manuskript weggeholt, an dem mir ungeheuer viel liegt. Ich kann im Hinblick auf das Schicksal der 4 vorigen Tagebücher nichts über Art und Inhalt der Arbeit sagen, – jedenfalls können abgesehn von dem Verlust der Arbeit für mich noch böse Repressalien aus der Sache erwachsen; und der Gedanke, wie die arme Zenzl sich ängstet und grämt und wegen der Unvorsichtigkeit, es zuhause verwahrt zu haben, Vorwürfe macht, stimmt mich vollends nieder. Hinzu kommt der Ärger wegen der „Brennenden Erde“, die Kurt Wolff immer noch nicht herausgebracht hat. Jetzt ist das Buch – mit 6 Bogen! – über 8 Monate in Arbeit. Ich fürchte sehr, daß der Verlag selbst die Herausgabe aus irgendwelchen Gründen sabotiert. – Trost bei allem waren die Berichte aus Spaa, wenn sich dabei auch deutlich zeigte, daß die Entente nicht nur sich selbst gegen den deutschen Militarismus, sondern auch den deutschen Kapitalismus gegen die Revolution schützen möchte. Die politischen Hanswürste, die jetzt im Namen des deutschen Reichs Wort führen, haben in der Tat mit der Reduzierung der Reichswehr weiteren Aufschub erlangt. Aber mit der Waffen-Konfiskation wird ernst gemacht, und die Einwohnerwehren sollen sofort aufgelöst werden. Baiern wehrt sich, – und so werden wir vielleicht in kurzer Zeit einen Konflikt Baiern-Reich erleben, der alles ändern kann. – Ein Zeichen der Zeit, in der wir besonders in Baiern, leben: Jüngst beabsichtigte Alfred H. Fried, der Träger des Friedenspreises der Nobelstiftung, nach München zu ziehn. Ihm wurde die Einreiseerlaubnis nach Baiern verweigert. Jetzt hat Ludendorff sich ein Haus in Ludwigshöhe b. München gekauft. Der Münchner Stadtrat hat ihm die Erlaubnis, hinzuziehn, erteilt. Neben den zahlreichen Prozessen der letzten Zeit – der interessanteste war der, der sich mit der Ermordung des Spitzels Blau befaßte, – enthüllen solche Kleinigkeiten die ganze Verwahrlosung unsrer öffentlichen Moral. – Der Geist stirbt inzwischen weiterhin aus. Aber der Tod Max Klingers wird kaum beachtet. Leben doch die Ludendorffs!

 

Ansbach, Sonntag, d. 18. Juli 1920.

Die Stimmung im Hause ist wieder heiterer geworden. Die Anzapfungen gegen mich haben nach mehreren scharfen Zurückweisungen so ziemlich aufgehört. Sachlichere Diskussionen sind an ihre Stelle getreten. Aber daß ich keinen einzigen wirklichen Gesinnungsgenossen mehr um mich habe, entbehre ich doch schmerzlich. Die von der Polizei beschlagnahmten Schriften hat Zenzl zurückerhalten, sodaß auch dieser Druck von mir genommen ist, und morgen erwarte ich die Autoren-Exemplare des Gedichtbuchs, das, wie mir Kurt Wolff mitteilt, endlich herausgekommen ist. Zur Zeit korrigiere ich nun die Durchschläge des „Judas“ und hoffe, daß Lunatscharski bald im Besitz eines Exemplars sein wird. Eine Reihe andrer Manuskripte (das Kriegsbuch, zwei Dramen) ist durch Albert Ehrenstein nach Wien geschafft worden. Wollen sehn, was draus wird. Über die Broschüre, die Helmes immer noch nicht gelesen hat, werde ich mit Zenzl reden, die im Laufe der Woche kommen soll. Ich denke, ich werde sie wieder in der Zelle begrüßen können. Allerdings war vorgestern Gerhard Wilk hier und mußte mit mir im „Besuchszimmer“ bleiben, das letzthin noch öder geworden ist, da auch der Tisch, der bisher drin war, daraus verschwunden ist. Der Raum dient sonst als „Kirche“ und als ärztliches Ordinationszimmer und ferner als Rumpelkammer. Seine Bestimmung wurde dem Besucher durch Kanzelkerzen deutlich, die in einer Ecke auf einem Stuhl standen, unter dem eine Anzahl Uringläser hingelegt waren. Da sollen „Ehrenhäftlinge“ ihre Besuche empfangen! – Vermutlich wird es bald noch übler werden. Der große „Demokrat“ Müller-Meiningen hat durch den für seine Partei vernichtenden Ausfall der Landtagswahlen seinen Ministerposten verlassen müssen. Seinen Nachfolger hat die „Mittelpartei“, der baierische Ableger der Deutschnationalen gestellt, und zwar in der Person des früheren Münchner Zensors, späteren Hauptmanns im Generalkommando (in beiden Eigenschaften hat er sich schon mit mir beschäftigt) und bisherigen Bezirksamtmann von Dachau (der die empörende Geschichte Hollander-Deutsch veranlaßte) Herrn Roth. Das kann nett werden für uns. Vorläufig hat Helmes die „Vergünstigung“ des Besuchsempfangs in der „Festungsstube“ davon abhängig gemacht, daß alle Gefangene sich strikt an Haus- und Tagesordnung halten. So war die Bestrafung des guten Gerhard eine Folge davon, daß Paul einer Strafgefangenen Zigaretten geschickt hatte, und wenn es nun Schwab z. B. einfallen sollte, in den nächsten Tagen einem Passanten etwas aus dem Fenster zuzurufen, so müßte die arme Zenzl dafür ihren Geburtstag mit mir zwischen Uringläsern und Fahrrädern feiern. – Die ganze letzte Woche hindurch war die Spaa-Komödie das weltbewegende Ereignis. Die Deutschen haben die Entwaffnungsbedingungen selbstverständlich unterzeichnet, nur Baiern will seine Einwohnerwehr nicht preisgeben, was vielleicht als Signal zur Loslösung vom Reich zu bewerten ist, und unter diesen Umständen würde Frankreich sich wohl nicht unerbittlich zeigen. Wollen die Franzosen doch schon trotz der „Verreichlichung“ der Bundesstaaten in München eine eigne Gesandtschaft errichten, und über die Einleitung rheinbundartiger Bestrebungen durch den Dr. Heim gingen erst kürzlich sehr interessante Enthüllungen durch die Presse. Auch in der Frage der Kohlenlieferungen Deutschlands kam man nach „ernsten Krisen“ in Spaa zu einer Einigung, natürlich auf Kosten der Arbeiter des Ruhrreviers, dessen Besetzung immer wieder bedrohlich nahegerückt schien. Aber es macht mir den Eindruck, als ob den Herren Stinnes und Konsorten diese Besetzung garnicht so unangenehm wäre. Stinnes und sein sozialdemokratischer Kommis Huë, der Gewerkschaftsverräter der Gruben, hieben gewaltig in die treudeutsche Kerbe. Der Außenminister Simons versuchte, auf die katastrophale Niederlage Polens in seinem Raubzug gegen Sowjetrußland spekulierend, die drohende Abstimmung in Oberschlesien abzuwenden, – und hinter alledem und den strengen Antworten Lloyd Georges und Millerands roch man förmlich die Auguren. – Wichtiger als all dieses ist der Zusammentritt des 2. Kongresses der III. Internationale in Moskau. Ich habe große Befürchtungen, daß der unheilvolle Einfluß Radeks, der Sinowjew und leider auch Lenin schon ganz zugunsten der deutschen Levy-Kommunisten eingeseift hat, Beschlüsse durchsetzen wird, die mir und andern konzessionslosen Revolutionären den Stuhl vor die Tür setzen werden. Man scheint eine einheitliche „Taktik“ vorschreiben zu wollen mit Wählerei, reaktionärer Gewerkschaftspolitik, Opportunismus in allen möglichen Dingen und Trennungslinien nach links. Daran ist die I. Internationale zugrunde gegangen. Macht sich Moskau nach den herrlichen Taten der russischen Genossen, die ihnen die unbedingte Autorität beim Weltproletariat gesichert haben, zur Gouvernante aller radikalen Revolutionäre, so wäre die Folge das Ausscheiden der besten und radikalsten Revolutionäre aus dem Einfluß auf alles Geschehn und dadurch ein entsetzlicher Schlag für die Weltrevolution selbst. Die Tatsache, daß auch die Opposition (aus Deutschland Merges und Rühle) dort vertreten ist, läßt mich vorläufig noch hoffen, daß unsre Richtung wenigstens toleriert werden wird. Schlimm genug, daß die Aufnahme der USP wahrscheinlich genehmigt werden wird. Däumig hat die Reise zum Kongreß unter persönlicher Bemutterung Paul Levys angetreten. – Für mich käme die Unterwerfung unter Mehrheitsbeschlüsse, die gegen mein Gewissen gingen, selbstverständlich niemals in Frage.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 22. Juli 1920.

Nachmittag. Ich bin früher als gewöhnlich vom Hof heraufgekommen, weil ein Stunden währender Gewittersturm (bei fast klarem Himmel) den Staub derartig in Mund und Augen treibt, daß der Aufenthalt draußen keine Freude ist. Nun sitze ich also oben und denke an Zenzl, die wahrscheinlich, ohne zu wissen, wohin und was, in Ansbach herumspaziert und sich ebenso nach mir sehnt wie ich nach ihr. Aber 6 Stunden wöchentlich ist Besuchszeit, und diese 6 Stunden waren heute mittag um 12 herum. Gewiß war der Besuch gestern und heute – je 3 Stunden – für mich eine große Freude, zumal wir unbeaufsichtigt in der Zelle allein waren – sie durfte mit keinem der Genossen reden –; aber die Begleiterscheinungen sind doch jedesmal wieder scheußlich. Der taktlose Stoffel von Oberaufseher (Konrad mit Namen) ist aufs äußerste beflissen, unsre „Rechte“, die ihm ein Dorn im Auge sind, zu kürzen. So wollte ich gestern Zenzl das von mir für sie zusammengesparte Geld geben, das der sympathische Herr für mich „verwaltet“. Ich hatte ihn zum Überfluß noch tags zuvor darauf vorbereitet. Jetzt machte er Schwierigkeiten, behauptete erst den Staatsanwalt fragen zu müssen, der zwar die Aushändigung bewilligte, aber Zenzl heute erklärte, daß der Mann ihn tatsächlich erst zu fragen hatte. Also – endgiltig Kuratel! Bisher durften wir zwar das Geld nicht selbst in Händen haben, aber beliebig darüber verfügen. Auch das hat aufgehört. Zum Abschied, zu dessen Ankündigung der Fläz natürlich ohne anzuklopfen eintrat, blieb er klotzig neben uns stehn, ohne sich auch nur, als wir uns noch einmal küßten, abzuwenden. Der Mann kann nichts für seine Unmanierlichkeit. Ein Feldwebel, der die Welt in Majore und Rekruten einteilt, um zu wissen, wo er zu buckeln und wo zu treten hat. Es gibt viele der Art, aber daß man ihn aussucht, um „Ehrenhäftlinge“ zu beaufsichtigen, ist charakteristisch. Mit den übrigen Aufsehern kamen wir bisher ziemlich gut aus. Leider hat Paul eine Dummheit gemacht, die unsre Lage sehr erschwert. Er hat einem Mädel einen Brief geschrieben, in dem er Helmes als das Vollzugsorgan der Unteroffiziere bezeichnet, die den ganzen Tag um uns herumhorchen und spitzeln. Das hat Helmes dem Personal mitgeteilt und die Aufseher weigern sich jetzt, für uns Ausgänge zu machen. Natürlich werde ich jetzt wieder hingeschickt, um die Sache einzurenken, denn uns wird zugemutet, uns für unsre Besorgungen auf eigne Kosten einen Ausgeher zu besolden, was wir natürlich ablehnen. – Wie lange der ganze groteske Apparat in Ansbach noch aufrecht erhalten werden soll, ist nicht zu erkennen. Wir 5 Mann werden von 5 Aufsehern und einem Oberaufseher betreut und kosten den Staat im Monat über 6000 Mark. Ich persönlich lege – trotz der großen Annehmlichkeit des Besuchsempfangs in der Zelle – Wert auf möglichst rasche Umquartierung nach Niederschönenfeld, wo meine Genossen von ehedem sind, die mir im Herzen nächsten Kameraden. Ertragen die den Schnösel, so werde auch ich ihn ertragen. – Und die 4 vom Volke erwählten Landtagsabgeordneten Hagemeister, Sauber, Niekisch und Schmidt-Kempten würde ich auch dort vorfinden. Das baierische Parlament hat es tatsächlich mit allen bürgerlichen Stimmen abgelehnt, sie herauszulassen. Ob das Proletariat auch dazu wieder ruhig bleiben wird? Da es schon gewählt hat, sollte es nun wenigstens darauf bestehn, seine Vertreter im Landtag zu wissen. Mir ist die Entscheidung der Bourgeois prinzipiell sehr recht. Ein eindringlicher Beweis für den Wert des Parlamentarismus als Ausdruck des ganzen und wahren Volkswillens, und – vielleicht – der Anlaß zum Generalstreik mit weiten Forderungen. Wäre nur das Proletariat in den wichtigsten Dingen einig! Aber daran fehlt noch viel – und nun droht die 3. Internationale selbst wirklich zu zerplatzen. Ein Schreiben des Moskauer Exekutivkomitees an die KAPD verlangt als Bedingung für ihre Aufnahme in die Kommunistische Internationale den Ausschluß nicht nur Laufenberg-Wolffheims, die in der Tat übelste Ostelbiermanieren annehmen, sondern auch den Rühles, weil er sich gegen alles Parteiwesen ausspricht. Das ist der offenbare Widerspruch mit dem früher von demselben Exekutivkomitee (Sinowjew) proklamierten Prinzip, Anarchisten und Syndikalisten die Tore weit aufzumachen. Ich werde mich jedenfalls mit Rühle solidarisch erklären und – wohl oder übel – dazu die Verbindung mit Pfempfert wieder aufnehmen müssen, der in der „Aktion“ politisch eine ausgezeichnete Haltung hat (leider aber fortfährt, persönlichen Stank ekelhaft aufzurühren) und mich persönlich inbrünstig umwirbt. Die Sache muß jetzt dem subjektiven Widerstreben vorgehn. – Mein Gedichtbuch ist nun wirklich heraus. Ich denke doch, daß man schwerlich daran vorbeigehn können wird. Und es ist mir lieb, wenn ich literarisch wieder in Erinnerung komme. Schlägt das Buch beim revolutionären Proletariat ein, so wird auch meine Stimme im Kampfe stärker klingen. Vielleicht ist die Zeit garnicht mehr fern, wo ich wieder mitten im Volke stehe. Und dann will ich gehört werden.

 

Ansbach, Dienstag, d. 27. Juli 1920.

Die Angelegenheiten des Hausinneren sind ziemlich ins Reine gebracht. Helmes hat mir versichert, daß er nicht dran denke, uns die Verfügung über unser Geld zu beschränken; ein Ausgeher ist uns auf Anstaltskosten gestellt worden, und Paul hatte eine Aussprache mit dem Staatsanwalt, die auch seinen Fall gereinigt hat, sodaß er seine Braut demnächst ebenfalls bei sich in der Bude wird empfangen können. Im übrigen ist’s recht trostlos bei uns. Politische Gespräche sind bei der Reizbarkeit der Genossen kaum mehr möglich. Markus fängt direkt zu toben an, wenn ich etwa an der neuen russischen Lehre, die Diktatur des Einzelnen (vielmehr der Parteihäupter) stehe über den Rätebeschlüssen, Kritik übe. Gesungen wird seit Wochen nicht mehr. Ich hoffe sehr, daß die Ansbacher Zeit am längsten gedauert hat, und nach Briefen aus Niederschönenfeld scheinen wir dort in der Tat recht bald erwartet zu werden. Jetzt wäre mir die Übersiedlung dorthin umso erwünschter, als die Verurteilung der Freunde nicht mehr in Betracht kommt. Müllers Nachfolger Dr. Roth ist nämlich klug genug gewesen, seine Tätigkeit als deutschnationaler Justizminister mit einer knallenden Ohrfeige für seinen „demokratischen“ Vorgänger zu beginnen. Er hat das Verfahren gegen die Niederschönenfelder Genossen einstellen lassen und einem Schmock zur Begründung erklärt, er wolle jeden Schatten des Verdachts vermeiden, als ob in Baiern Klassenjustiz geübt werde. Politik und Justiz dürften nicht vermengt werden. Das alte Rezept der Reaktionäre: sich möglichst „liberal“ einzuführen, um dann in großen Dingen das Aeußerste zu unternehmen. Aber für die Demokraten ist diese Zurechtweisung gesund, besonders wenn man sich vorstellt, mit welchem Tamtam Müller-Meiningen die „Hochverratsaffaire“ ausgetrommelt hat. Ich muß jetzt sehn, meine Tagebücher wiederzukriegen. Meine Hoffnung ist allerdings nicht sonderlich groß. – Von den politischen Vorgängen interessiert jetzt am meisten das Schicksal Bela Kuns und Moses Gabors. Sie sollten von der österreichischen Regierung mit einem Gefangenentransport nach Rußland durchgeschmuggelt werden, da das die Bedingung der Russen war, die österreichischen Gefangenen dort freizugeben. Auf eine Denunziation hin hat die deutsche Regierung sie in Stettin aus dem Schiff, mit dem sie ausreisen sollten, wieder herunterholen lassen. Österreich weigert sich, sie zurückzunehmen und Ungarn verlangt die Auslieferung, die unter Horthys Mörderwirtschaft ihr sicheres Ende bedeuten würde. Natürlich wäre es unsrer Regierungsbande am liebsten, diese Lösung herbeizuführen. Aber die Angst vor dem Generalstreik, der sicher einsetzen würde, wird wohl die Sache in der Weise aus der Welt schaffen lassen, daß die ungarischen Genossen als lästige Ausländer über die von ihnen gewünschte Grenze – also nach Rußland – abgeschoben werden. – Der Krieg Polen-Rußland scheint nach den vernichtenden Schlägen, die die polnischen Heere bekommen haben, noch vor der Einnahme Warschaus zu Ende kommen zu sollen. Nach den letzten Meldungen sollen schon Waffenstillstandsverhandlungen im Gange sein. Ich hätte eher gewünscht, daß die bolschewistische Revolution in Polen den Abschluß herbeigeführt hätte. Das hätte auch unsre Lage sehr geklärt. – Über den Verlauf des Moskauer Kongresses sind noch keine Nachrichten da. Ich hoffe immer noch, daß sich die Delegierten der 51 dort vertretenen Länder keine Generalratsdespotie werden aufzwingen lassen. Sonst gibt es Spaltungen und innere Kämpfe, die durchaus keine „einheitliche Taktik“ herbeiführen, sondern die notwendige Einigung des revolutionären Proletariats für lange Zeit verhindern werden. – Vor kurzem starb Alber Keller in München, den ich zwar nicht persönlich kannte, aber überaus schätzte, obwohl er schon lange nicht mehr als „modern“ galt. Seine Frauenakte hatten eine Lebendigkeit und Tiefe des Ausdrucks, die mich Keller immer über Habermann hat werten lassen. – Und heute steht in den Blättern die Nachricht vom Tode Ludwig Ganghofers. Seine abscheuliche Kriegsherold-Tätigkeit hat mir die Achtung, die ich früher vor dem Menschen hatte, arg verleidet. In die Literatur reißt sein Weggang ohnehin keine empfindliche Lücke. Seine Gesamtpersönlichkeit kann wohl in das Wort zusammengefaßt werden: ein guter Kerl und ein dummes Luder. Kulturhistorisch war seine Erscheinung insofern von Bedeutung, als seine Popularität den geistigen Stand des gebildeten Publikums im Anfang des 20. Jahrhunderts charakterisiert. Meine persönliche Bekanntschaft mit ihm war ganz oberflächlich. Mag er die ewige Ruhe finden – und seine Werke ebenfalls.

 

Ansbach, Montag d. 2. August 1920.

Auf meinem Schoß liegt ein junges Kätzchen und schnurrt. Vor etwa 4 Wochen bekamen wir sie, wenige Tage alt. Weber nahm sich ihrer an und betreute sie mit mütterlicher Liebe. Jetzt ist er in München, wo er Mittwoch einen Prozeß zu überstehn hat – wegen sogenannter Unterschlagung (er soll seinerzeit einen beschlagnahmten Revolver verkauft haben und wurde von einem seiner USP-„Genossen“ denunziert). Seine Abwesenheit isoliert mich noch mehr als ich es neuerdings ohnehin bin. Zwar sind politische Diskussionen mit Weber fast noch weniger möglich als mit den andern, da er ganz unklar und voll von Widersprüchen ist; aber er spricht gern, lügt, renommiert unterhaltsam und kommt meinem Bedürfnis nach leichten Gesprächen entgegen, da schon schwerere hier nicht für mich zu führen sind. Was mir Weber nahegebracht hat, war seine rührende Sorge für das Kätzchen, das er für die Zeit seiner Abwesenheit mir zur Obhut übergeben hat, und ich freue mich, meine Liebe an einer lebenden Kreatur betätigen zu können. Mit Grassl werden Auseinandersetzungen immer unmöglicher. In unbeschreiblicher Überhebung erklärt er sein völliges Umschwenken zum Parteikommunismus, also zur alten sozialdemokratischen Ödigkeit für Ausreifung, die ich noch zu begreifen zu alt und verbohrt bin. Diese Häßlichkeiten färben auch auf das persönliche Verhalten ab. Seit etlichen Wochen ist hier nicht mehr gesungen worden. Jetzt – vor einer halben Stunde – sagten mir die Genossen gute Nacht, und jetzt höre ich sie in einer ihrer Zellen meine Rätemarseillaise singen. Ich werde also bewußt ausgeschlossen von derlei Abwechslungen. Natürlich möchte ich lieber heute als morgen weg von hier (Jetzt singen sie mein Lied der Roten Armee. Der Autor ist’s nicht wert, daran teilzunehmen). Paul und Markus haben ihrerseits Eingaben ans Ministerium gemacht, mit der Bitte hierbleiben zu dürfen. Ich habe mich daraufhin zum Staatsanwalt gemeldet und will ihn fragen, wie ich meine Versetzung nach Niederschönenfeld bewirken kann. Meine Nerven sind elend herunter. – Ob sich bei längerem Beisammensein das – äußerlich völlig korrekt und freundschaftlich scheinende – Verhältnis zu den Genossen noch einrenken ließe – ich glaube kaum. Mit Markus komme ich, solange wir nicht politisieren, vorzüglich aus. Er ist mir nach wie vor einer der liebsten Menschen, die mir begegnet sind. Nur ist es schwer durchzuführen, immerfort in Angst zu leben, [daß man nicht] zufällig mit einem Wort einen seiner stets explosionsbereiten Temperamentssparren zu treffen. Schwab ist ein sehr ruhiger und von Natur ironischer Mensch, mit dem auch sachliche Gespräche möglich sind. Aber er hat eine gewisse Scheu davor, sie mit mir zu führen, weil er, wie mir vorkommt, fürchtet, ich könnte seine ganz autoritär gerichtete Diktatur-Ideologie erschüttern. Paul ist mir sehr durchsichtig. Ein völlig egozentrischer Charakter, der alles nur von seiner verwöhnten Eigenpersönlichkeit aus beurteilen kann. Solange er nachplapperte, was ich sagte, war ich der einzige Mensch, der ihn verstand. Jetzt plappert er dem Markus seine etwas verwirrten, aber immer sehr ehrlichen und vom Temperament gehenden Ansichten nach, und da ist Markus der einzige, der den komplizierten Graßl richtig versteht, während ich von seines Wesens Eigenart keinen Hauch zu empfinden vermag. Dies alles wäre zu ertragen, wenn diese Menschen nicht die einzigen wären, die in Wochen und Monaten die ganze Gesellschaft um einen bilden. Ich sehne mich nach geistiger Regsamkeit, nach scharfen Diskussionen mit kluger Dialektik, originellen Ideen, kritischer Beargwöhnung aller Meinungen und nach Gesprächen über allgemein Menschliches, auf etwas höherem Niveau als der Tratsch und die Zoten, die hier außer Zeitungsglossierungen das einzige Thema bilden. – Ich will gegen meine Gewohnheit von einem Traum Notiz nehmen, der so eigenartig und zugleich so ungeheuer scharf war und in der Erinnerung noch nichts an Schärfe eingebüßt hat, wie ich es bisher noch nie erlebt habe. Ich stand mit Reichert und Graßl (oder Schwab) in einer Straße im Gespräch über irgendein politisches Thema. Plötzlich sah ich Eisner die Straße herabkommen, mit seinem großen Bart, der nur röter und eckiger geschnitten war als er ihn trug, mit Schlapphut und schwarzem Anzug und Überwurf. Ich bemerkte, daß meine Genossen ihn nicht kommen sahen und daß sie meine Worte: „Da kommt ja Eisner, der ist doch tot!“ völlig überhörten. Eisner ging, von den beiden vollständig ungesehn und unbeobachtet, den Blick scharf auf mich gerichtet, mit einem leichten Bogen, der ganz geheimnisvoll wirkte, vorüber und bog, die Augen starr und wie winkend auf mich heftend um die Hausecke, vor der wir standen. Das Seltsamste an dem Traum war, daß ich seine Deutung mitträumte, nämlich das schärfste Gefühl hatte: er kündigt mir an, daß ich seinen Weg gehn müsse. – Wäre ich abergläubisch, dann würde ich wohl böse Schlüsse aus dem Gesicht ziehn – nie habe ich früher einen Traum derartig als „Gesicht“ empfunden. Ich bin aber garkein Ängstling. Vor allem glaube ich nicht an Vorbedeutungen von Träumen, sondern durchaus nur an Nachbedeutungen. Ich werde wohl im „Unterbewußtsein“ in der letzten Zeit Ahnungen gehabt haben, die auf meinen Tod durch Mord bezug hatten und die haben die Symbolgestalt des Eisner-Gespenstes angenommen. Wenn aber – ich bin skeptisch genug, an aller Wissenschaft und allem Rationalismus zu zweifeln und also transzendentale Erscheinungen als möglich anzunehmen – das Traumbild wirklich das Präludium zu meiner Ermordung war, so muß ich halt auch das in Kauf nehmen und würde es durch Vorsichtsmaßregeln schwerlich verhindern können. Ό δανατὸς μηδέν προς ήμᾶς. Ich müßte ein schlechter Revolutionär sein, wäre mir dieser Satz nicht selbstverständlich.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 5. August 1920.

Ob und wann ich nach Niederschönenfeld komme, weiß ich noch nicht. Helmes meinte nur, daß die Auflösung der Anstalt hier wohl nahe bevorstehe. Meinen Wunsch kenne das Ministerium schon. – Etwas andres aber wissen wir jetzt sicher: daß an unsre Freilassung auf dem Wege der Amnestie in absehbarer Zeit nicht zu denken ist. Der Reichstag hat dieser Tage ein Amnestiegesetz beraten und angenommen, das angeblich allen Hochverrätern, die etwas „gegen das Reich“ unternommen haben, zugute kommen soll, abgesehn von Führern und Verbrechern. Die ganze Fassung des Gesetzes läßt den Schluß zu, daß man einfach einen Rechtsboden schaffen wollte, der die Straffreiheit der am Kappputsch beteiligten Offiziere und Beamten – die Führer des Unternehmens sind ohnehin in Sicherheit – auch äußerlich garantiert. Gewiß werden auch viele Arbeiter – besonders aus dem Ruhrrevier – die Freiheit wiedererlangen. Der Wunsch der Deutschnationalen aber, wonach auch die Führer außer Verfolgung und Bestrafung kommen sollten, wäre von Sozialdemokraten und Unabhängigen gestützt worden, wenn nicht im letzten Augenblick die baierische Volkspartei – und natürlich auch die baierische Regierung – erklärt hätten, für die baierischen Hochverräter könne die Amnestie nicht in Frage kommen, und Baiern würde die Annahme des Gesetzes im ganzen Umfang als Vergewaltigung betrachten. So werden nun also die politischen Gefangenen im ganzen Reich befreit, und nur wir, die wir schon ein Jahr länger sitzen, bleiben im Käfig. Zum Glück hatte ich mir von vornherein nicht die geringsten Illusionen gemacht und auch Zenzl gewarnt, irgendwelche Erwartungen zu hegen. Ich war überzeugt, daß selbst für den Fall, daß der Antrag der Linken angenommen würde, Baiern den Reichsbeschluß einfach ignorieren würde. – Ohne noch von dem Amnestie-Antrag zu wissen, schrieb ich vorige Woche an Radbruch, der jetzt sozialdemokratisches M. d. R. ist und den Standpunkt seiner Fraktion begründete, einen Brief, in dem ich ihn wiederum auf die Ungesetzlichkeiten des Strafvollzugs hinwies. Leider kann er den Brief wohl erst einen Tag nach seiner Rede (in der er mich erwähnte) erhalten haben. Aber ich hoffe doch, daß man nun wenigstens eine halbwegs menschliche Behandlung für uns wieder einführen wird. Ich habe da zu dem verknöcherten Nationalisten Roth mehr Vertrauen als zu dem „Demokraten“ Müller-Meiningen. – Im Reichstag hat man außer dem Gesetz der Pardonnierung der Kapputschiner jetzt die Durchführung der Entwaffnungsforderung der Entente aufgrund der Spaaschen Bedingungen behandelt. Natürlich heißt’s auch da: Entwaffnung links und rechts, und natürlich ist das Gesetz so ausgefallen, daß die Regierung besondere Handhaben bekommt, um die amnestierten Kappisten mit der Entwaffnung des Proletariats zu beauftragen. Dieses Gesetz wird allem Anschein nach zu Bedrängnissen der Arbeiterschaft führen, die ganz Deutschland entweder zu baierisch-ungarischen Zuständen führen oder die eigentliche Revolution auslösen werden. – Sehr aufmerksam verfolge ich die Bestrebungen der Franzosen, Deutschland zu zwingen, Truppen für Polen, also zur Bekämpfung der Russen durchzulassen. Die Eisenbahner haben schon an verschiedenen Stellen derartige Transporte entwaffnet. In dieser Frage ist merkwürdigerweise Einigkeit zwischen ganz rechts, ganz links, Mitte und Regierung, – nur in Baiern sind unter Heims Führung starke Kräfte am Werk, die im Trüben fischen und die Gelegenheit für günstig halten, gleichzeitig ihre antibolschewistische Wut zu entladen und dem katholischen Rheinbund den Weg zu bereiten. Eben kommt Weber von München zurück (er wurde freigesprochen). Er berichtet, daß in der Bahn die Reisenden – und zwar nicht Proletarier – übereinstimmend der Meinung waren, nur der Einmarsch der Russen könne uns noch gegen die Tücken der Franzosen retten. Dieser „National-Bolschewismus“ ist natürlich sehr bedenklich. Aber die Stimmung beweist von neuem die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Situation. Leider ist das Proletariat ohne revolutionäre Beratung. Sonst könnte man große Erwartungen haben.

 

Ansbach, Dienstag, d. 10. August 1920

Die Situation hat sich in den letzten Tagen so zugespitzt, daß allen Ernstes die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden muß, der Weltkrieg werde eine neue Auflage erleben. Die wunderbaren Erfolge der Roten Armee, die unmittelbar vor Warschau steht, machen den Entente-Kapitalisten die Haare grau. Der deutsche Außenminister Simons hat im Reichstag – der charakteristischerweise darauf trotzdem in die Ferien gegangen ist, eine sehr bedeutungsvolle Erklärung abgegeben, nämlich: er wolle nicht sagen, daß Frankreich die deutsche Neutralität verletzen würde, wohl aber daß es daran ein Interesse habe, sie zu verletzen. In diesem Falle unterscheide die deutsche Regierung nicht zwischen besetztem und unbesetztem Gebiet und werde die Neutralität mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen. Daraufhin haben die Unabhängigen und Kommunisten (viel mehr Frau Zetkin, da Dr. Levy in Moskau beim Kongreß ist) auf die Obstruktion gegen das Entwaffnungsgesetz verzichtet und blos dagegen gestimmt. Dieser Rede war eine andre vorangegangen, worin Simons zu allgemeiner Überraschung die großartigen wirtschaftlichen Leistungen Sowjet-Rußland[s] anerkannte. Eine Verurteilung der Lausbübereien Deutschnationalen Studentengesindels am 14. Juli gegen die französische Flagge auf der Botschaft am Pariser Platz nahm er dann recht jammervoll zurück. Jetzt gräbt die französische Regierung diese schon ad acta gelegte Flaggengeschichte wieder aus, offenbar um die Stimmung der Franzosen gegen Deutschland kriegsbereit zu machen. Es erhebt sich jetzt die Frage, wie sich das deutsche Proletariat im Falle eines deutsch-französischen Krieges zu stellen hat, wenn sich dieser Krieg in der Form einer Entente zwischen der kapitalistischen deutschen Regierung und der Sowjetmacht anläßt. Ich bin persönlich der Auffassung, daß für das Proletariat nur ein Revolutionskrieg in Betracht kommen darf; d. h. daß im Moment, wo der Fall eintritt, die revolutionäre Aktion durchgeführt, die Regierung gestürzt und die Räterepublik proklamiert werden muß, daß die Reichswehr als solche aufzulösen und durch eine aus bewaffneten Arbeitern gebildete Rote Armee zu ersetzen ist, und daß diese Armee der russischen direkt unterstellt werden muß. Zweifellos ist, daß der Krieg sich diesmal auf deutschem Gebiet abspielen würde, und daß die Gegend, wo ich mich jetzt zwangsweise aufhalte, in der Kriegszone läge, da die Mainlinie das gegebene Operationsgebiet wäre und Nürnberg Hauptetappenstation auf dem Wege zwischen Frankreich und Polen ist. Tolle Perspektiven. Natürlich ist bis jetzt alles nur Theorie, denn Frankreich und England hat kluge Leute genug, die sehr ernstlich von einem Abenteuer abraten werden, das militärisch keineswegs so sicher ist wie der Weltkrieg und das vor allem die Bolschewisierung der Entente-Armeen ganz sicher im Gefolge hätte. Andrerseits ist die völlige Unterwerfung Polens unter Rußland der Beginn der proletarischen Revolution in Polen und der Bolschewismus an der Ostgrenze Deutschlands müßte die Ansteckungsgefahr verhundertfachen. In dem Moment aber, wo bei uns die Revolution siegreich wäre, ist der Versailler Vertrag zerrissen und nicht mehr zu flicken, da die französische Arbeiterschaft einen Angriff auf ein rotes Deutschland nicht zuließe. Die Westmächte sind also in einer elenden Zwickmühle, und die kapitalistische deutsche Regierung nicht minder. Ob Baiern im Kriegsfalle mit dem Reich ginge, ob es sich neutral verhielte – dann natürlich ententefreundlich, oder ob es sofort mit Frankreich gegen Preußen ginge, ist noch nicht ganz sicher, hängt wohl auch davon ab, wie Württemberg und Baden handeln. Ich glaube am ehesten, daß es Neutralität versuchen würde, die dann die Revolution in München zur Auswirkung brächte. Momentan allerdings scheint in München eine recht trübe Atmosphäre zu herrschen. Im Liening-Prozeß verteidigte sich der Mitangeklagte Decker, ein Unabhängiger damit, daß er seinen Richtern versicherte, er und seine Genossen seien ja keine Räterepublikaner, sondern „ehrliche Proletarier“. Soweit ist es also schon, daß die Vertreter angeblich revolutionärer Parteien die gefallenen Genossen Leviné und Landauer und uns Gefangene einfach verleugnen und in Gegensatz zu „ehrlichen Proletariern“ stellen. Pfui Teufel! – Die opportunistische Schwenkung der KPD tut das ihrige, um den Kampfwillen der Massen zu lähmen, und leider wird ihre „Taktik“ von Moskau aus ermutigt und gefördert. Lenins letzte Schrift „Der ‚Radikalismus‘ – die Kinderkrankheit des Kommunismus“ ist ein sehr betäubendes Elaborat, das Kompromisse und Konzessionen gradezu zum Prinzip erhebt. Der Kongreß in Moskau tagt merkwürdigerweise so verschwiegen, daß man über seinen Verlauf und seine Beschlüsse fast garnichts erfährt. In der Parlamentsfrage scheint ein grundsätzliches Bekenntnis für Parlamentsbeteiligung angenommen zu sein, doch glaube ich kaum, daß die Meinung dagegen wie bei der KPD als Ausschließungsgrund angesehn wird. Großen Trost fand ich in einem Artikel von Anton Pannekoek in der letzten Nummer (28/29) des „Kommunismus“, der ausgezeichneten kommunistischen Zeitschrift der südosteuropäischen Revolutionäre in Wien. Pannekoek wendet sich darin mit vielfach den gleichen Gründen, die ich in meiner Einigungsbroschüre angeführt habe, gegen den Radekschen Opportunismus in der Parlaments- und Gewerkschaftsfrage und stellt dagegen endlich wieder sehr bestimmte prinzipielle Grundsätze auf. Und Pannekoek wird man doch wohl nicht aus der 3. Internationale ausschließen wollen. Ich habe übrigens auch Anlaß zu glauben, daß man auch mich nicht wird ausstoßen wollen. Wie ich von vielen Seiten erfuhr, hat die Nr. 9 der „Kommunistischen Internationale“, der offiziellen Dokumentensammlung der 3. Internationale, die in 8 Sprachen erscheint (bei uns in Deutschland ist erst die Nr. 4/5 erschienen), meine Erklärung zur Aufnahme in die KPD veröffentlicht und sogar ein ganzseitiges Porträt dazu gebracht, wobei nur das Unglück passierte, daß man Landauers Bild erwischte, das nun als das meinige die Runde durch die ganze Welt macht. In dieser Erklärung habe ich mich aufs Deutlichste zu Bakunin bekannt, Parlamentarismus und Gewerkschaftssimpelei entschieden abgelehnt und Toleranz für die Anarchisten verlangt. Wenn die Moskauer Genossen das für wert hielten, vor aller Welt riesengroß zu plakatieren, so können sie doch jetzt nicht sagen: wer sich jetzt noch zu diesen Sätzen bekennt, kann nicht mehr Mitglied der 3. Internationale sein. – Im Hause gibt’s neue Ekelhaftigkeiten. Meine Beziehung zu Paul Graßl wird immer unerquicklicher. Ihn ziehts mit magischer Gewalt zurück zur Bourgeoisie, – und das will er vorläufig vor sich selbst nicht wahrhaben. Seine innere Unsicherheit läßt er gegen mich aus, da ihn meine Bodenständigkeit ärgert. So zieht er alles was ich sage in den Dreck. Heut mittag kam das Gespräch auf den Pannekoekschen Artikel. Auf meine Behauptung, daß ich sehr Ähnliches in meiner Broschüre behauptet habe, bestritt der gute Junge das einfach, obwohl er die Broschüre nur einmal flüchtig von mir hat vorlesen hören (das Manuskript liegt immer noch bei Helmes zur Zensur – jetzt ist es bald 5 Monate alt), und lustigerweise von Pannekoeks Arbeit, die 42 Seiten lang ist, erst 3 gelesen hatte. Als ich nun giftig wurde und ihn anmaßlich und überheblich nannte, wurde er mordsausfällig und ich mußte mich als Hanswurst und Phrasenheld titulieren lassen. So etwas tut mir nicht weh, und ich habe die Taktik, einen solchen Krach nach einer halben Stunde vergessen zu haben (nach 2 Stunden habe ich ihn meistens wirklich vergessen). Anders Paul. Von Rina Karreman kam an mich ein herrliches Paket Tabak. Ich gab gleich den beiden andern Pfeiferauchern Schwab und Graßl je ein Päckchen ab, das auch akzeptiert wurde. Jetzt, abends, berichtete mir Schwab voll Empörung, Graßl habe das Seinige, als ich eben zur Tür hinaus war, an den Hausburschen weiterverschenkt. Ich gönne auch dem mal eine große Tüte exquisiten echten holländischen Tabak, aber mir drängt sich bei Pauls Verhalten ein peinliches Wort auf: Boche. Daß er es erst annimmt, und dann gleichzeitig den Charakter mimt: ich nehme von dem Kerl nichts an – und als Wohltäter brilliert, indem er den Dank des Faktotums erwirbt, – das ist mir odios. Jedenfalls wird durch solche Dinge der Aufenthalt in der Ansbacher Anstalt nicht reizvoller. Ich erwarte mit Sehnsucht die Umquartierung nach Niederschönenfeld.

 

Ansbach, d. 15. August 1920 (Sonntag).

Mit der Umquartierung nach Niederschönenfeld wird es wohl fürs erste nichts sein. Helmes hat mich vor einigen Tagen im Hof aufgesucht und gesagt, daß er Bescheid vom Ministerium habe, daß für die nächsten Tage und Wochen an eine derartige Verordnung nicht gedacht werde. Inzwischen häufen sich hier die Unerfreulichkeiten. Nachdem sich vorgestern (natürlich bei Gelegenheit eines Mordskrachs) herausgestellt hatte, daß die abweisende Haltung Pauls und Markus’ gegen mich auf einem blanken Mißverständnis beruhte, und nun Hoffnung war, daß endlich wieder ein friedfertiges Miteinanderleben möglich würde, kam heute mittag ein neuer Zusammenstoß zwischen Markus und mir, vielmehr von ihm gegen mich. Paul hatte (wohl in unbewußtem intrigantem Drang) das Gespräch auf die erste „Schein“-Räterepublik gebracht, ein Thema, bei dem Markus regelmäßig völlig aus der Rolle fällt und Ausfälle begeht, die ich mir einfach nicht immer ruhig anhören kann. Ich hatte Paul noch extra gewarnt, den Gegenstand in Markus’ Gegenwart zu berühren. Es half nichts; ich erwiderte auf die gehässigsten Schimpfereien nichts, bis (als Zitat aus einem damals von Dietrich der KP erstatteten Bericht) der Ausdruck fiel, der Zentralrat bestehe nur aus Lumpen. Ich sagte: „So. Nun hast Du Landauer und mich als Lumpen bezeichnet. Jetzt kannst Du zufrieden sein und endlich mal über das Thema schweigen.“ Die Wirkung war ein Tobsuchtsanfall, bei dem der Junge vollständig die Kontrolle über sich verlor und mit einem Stuhl auf mich eindrang. Da ich keine Bewegung zur Abwehr machte und kein Wort sprach, sondern ihn nur fest ansah, kam es nicht zur Rauferei, die mir entsetzlich gewesen wäre, da ich grade den kleinen Markus so gern habe. Aber er ist in einem derartig überreizten und garnicht mehr normalen Zustand, daß ich für die 9 Wochen, die er noch sitzen muß, das Allerschlimmste fürchte. Weber ist ebenfalls schwer psychopathisch (neuerdings schwelgt er in antisemitischen Tiraden), und Schwab und ich haben das peinliche Empfinden, in einer Art Irrenhaus leben zu müssen. – Man ruft zum Abendessen.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 19. August 1920.

Zwei Besuche waren diese Woche bei mir. Am Montag kam Fritz Weigel, der von ½ 2 bis ½ 6 Uhr nachmittags bei mir in der Zelle sein durfte. Heute früh war nun Rudolf Östreich da, der nur 1½ Stunden Sprecherlaubnis bekam, da die 6 Besuchsstunden in der Woche nicht überschritten werden dürfen. – Mit Weigel, der mein Geschäftsbevollmächtigter ist, sprach ich alle meine Existenzsorgen und literarischen Angelegenheiten durch. Er brachte mir eine Menge gute Dinge zum essen und rauchen mit, auch Blumen, der brave Kerl. Von ihm hörte ich nun das erste Mal Genaues über die Ausgrabung und Obduktion der Leiche Landauers, deren Zeuge er war, und von der er einen Bericht damals an Leonhard Frank geschickt hatte. Die Abschrift davon las er mir vor. Entsetzlich! Meine Nerven wurden furchtbar angestrengt beim Zuhören. Von der Bewegung in München erzählte er wenig Erfreuliches. Parteigezänk, Revolutionsmüdigkeit der Massen, alle Hoffnung bei den Russen statt Vertrauen auf die eigne Kraft. Zum Schluß durfte er noch mit den andern Gefangenen sprechen. Paul und Markus waren noch beleidigt und kamen nicht, was W. mit Recht als bodenlose Taktlosigkeit empfand. Mit Weber geriet er dann selbst schwer aneinander, weil er von irgend einem USP-Genossen nicht zugeben wollte, daß er ein Schweinehund sei. Weber lief deshalb beleidigt hinaus, und der gute Weigel hatte einen reizvollen Einblick in die Zustände hier. Östreich mußte im „Besuchszimmer“ empfangen werden und machte bei diesem Anblick die Bemerkung, daß der Empfangsraum im Zuchthaus zu Brandenburg (wo er vor 10 Jahren wegen antimilitaristischer Propaganda 3 Jahre und 10 Monate zugebracht hat) immer noch komfortabler war als hier der für Ehrenhäftlinge. Was er von den Anarchisten und Syndikalisten in Berlin berichtete, war noch trostloser als Weigels Erzählungen. Die anarchistischen Genossen bekennen sich fast alle zur „Gewaltlosigkeit“, lehnen die Bewaffnung des Proletariats, die Bildung einer Roten Armee etc. ab und suchen alles Heil im Generalstreik allein. Als ob durch Streiken ein einziger Weißgardist oder Bourgeois entwaffnet würde! Östreich vertritt vollständig meinen Standpunkt in Bezug auf den bewaffneten Aufstand sowohl wie auf die proletarische Diktatur. Aber er stehe mit nur ganz wenigen Genossen allein. Dabei rückt die Möglichkeit eines Aufstands, vielleicht des Revolutionskriegs immer näher. Der Fall Warschaus ist, trotz kleiner Erfolge der Polen, eine Frage von Tagen. Die Franzosen suchen dauernd Waffen und Munition zur Hilfeleistung für Polen durch Deutschland zu schaffen, und erfreulicherweise hält das Proletariat diese Transporte fast überall auf. Jetzt hat es in Oberschlesien blutige Zusammenstöße zwischen deutschen Arbeitern und französischem Militär gegeben, und vielleicht zieht Frankreich daraus die Folgerung, das Ruhrgebiet zu besetzen. In der Bourgeoisie greift die nationalbolschewistische Neigung weit um sich (eine heillose Gefahr für das revolutionäre Proletariat, das nur gegen die Entente kämpfen kann und darf, nachdem es die deutschen Kapitalisten unschädlich gemacht hat). Es ist eine Spannung, ähnlich der vom Ende Juli 1914, und jeder erhofft oder befürchtet was andres davon. – Wir 5 hier vertragen uns wieder, wenn man auch herumtanzt wie auf rohen Eiern. Die Hauptursache zur Versöhnung gab eine Notiz in der Presse, die bei den Genossen große Hoffnungen erweckt. Danach steht auch in Baiern eine große Amnestie für politische Gefangene bevor, von der wahrscheinlich blos wir Allergefährlichste ausgeschlossen werden. Weigel teilte mir schon mit, daß derartiges in der Luft hänge. Nach seinen Andeutungen werden nur etwa 7 Genossen ausgenommen werden von der Befreiung. Es ist also zu hoffen, daß auch die Zuchthaus-Genossen einbezogen werden. Für Wadler, Kopp, Strobl, Schroll etc. wäre das ein großer Segen. Ich beurteile die Sache so, daß der Nationalist Roth zunächst mal wieder seinem Vorgänger, dem „Demokraten“ Müller-Meiningen eins auswischen will. Ferner dürfte aber auch ein Druck von der Reichsregierung mitwirken, denn die Wut in ganz Deutschland über die baierische Vendée wird immer sichtbarer, und zwar hauptsächlich der Organisation Escherich (der „Orgesch“) wegen, in der der bewaffnete „Selbstschutz“ als neuestes Umgehungsmanöver der Entwaffnung betrieben wird. Im ganzen Reich werden diese Organisationen verboten und strafrechtlich bedroht, in Baiern von der Regierung aus offen gefördert. Allgemein ist daher der Verdacht, daß Baiern geheime Sonderabmachungen mit Frankreich hat (das ja auch – entgegen der Reichsverfassung – in München eine eigene Gesandtschaft eingerichtet hat). Mit der Amnestie will man nun wohl also besseres Wetter machen, vor allem auch wegen des Stimmungsumschwungs gegen die Bolschewisten, denen in der ganzen Presse bestätigt wird, daß sie im „polnischen Korridor“, dem ehemals deutschen Gebiet, musterhafte Disziplin halten. Natürlich hindert das die Schmöcke nicht, zwei Spalten weiter den Bolschewismus als den Bazillus jeder Unmenschlichkeit zu denunzieren, wo es nämlich seine deutschen Anhänger betrifft. – Die Ansbacher Leidenszeit scheint also endgiltig ihrem Ende entgegenzugehn. Ob ich nun mit den in Festung verbleibenden Genossen in Niederschönenfeld oder woanders die wirkliche Befreiung abwarten muß, bleibt abzuwarten. Jedenfalls hoffe ich, daß auch die alte Festungsordnung für uns wieder eingeführt wird. Darüber schrieb ich jüngst an Radbruch – ehe ich noch von der Reichsamnestie wußte. Er hat den Witz gemacht, meine Klagen an den baierischen Handelsminister Hamm weiterzugeben, – einem Parteigenossen Müller-Meiningens. Ich habe sehr gelacht. – Von Nexö erhielt ich heute den erfreulichen Bescheid, daß mein „Judas“ und noch ein mir sehr wichtiges Manuskript durch ihn nach Rußland weiterbefördert sei. Vielleicht wird auch mir im Osten die Sonne aufgehn.

 

Ansbach, Sonntag, d. 22. August 1920.

Abends kurz vor 10 Uhr. Vor mir liegt ein solcher Stoß versandfertiger Briefe, daß ich dem unglücklichen Zensor nicht noch mehr Arbeit für morgen aufbürden will. Vor 10 zu Bett gehn kann ich auch nicht, da dann mit Gepolter abgeschlossen wird, nachdem der Aufseher ohne anzuklopfen die Tür noch einmal aufgerissen hat, um sich von meiner Anwesenheit zu überzeugen. So aus dem Schlaf geschreckt zu werden, ist kein Vergnügen. So setze ich mich für die letzten 10 Minuten noch vor das Tagebuch. Zu notieren ist eigentlich nicht viel. Die häuslichen Szenen dauern an. Momentan ist Feindschaft zwischen Weber einerseits, Schwab und mir andrerseits. Grund natürlich garnichts. Weber mußte seine Laune auslassen und beschimpfte darum erst Schwab mörderlich, legte dann unflätig und mit der offenbaren Absicht, mich zu reizen, gegen Weigel los, – und als ich ihn höflich bat, das mit Rücksicht auf mich zu unterlassen, höchst massiv auch gegen mich. Sogar den Juden mußte ich mir dabei an den Kopf werfen lassen. Paul Grassl schneidet mich vornehm. Der Kriegsleutnant kommt zum Vorschein. Na – Ansbach wird bald eine liebe Erinnerung sein. – Vom polnischen Kriegsschauplatz kamen zuletzt ungünstige Nachrichten. Die Gegenoffensive scheint Raum zu gewinnen. Brest-Litowsk soll von den Russen wieder aufgegeben sein. Inzwischen drängt von der Krim her der konterrevolutionäre General Wrangel vor und versucht denselben Wahnsinn, den zuletzt Denikin vergeblich unternahm. Die Anerkennung der „Regierung“ Wrangels durch Frankreich hat die politische Situation ungeheuer verschärft. Da aber dadurch eine Verstimmung zwischen Frankreich und England eingetreten ist, scheint mir die unmittelbare Kriegsgefahr vermindert zu sein. Hoffentlich tut das französische Proletariat seine Pflicht und fängt endlich mal an, die positive Hilfe der Franzosen an Wrangel und die Polen energisch zu verhindern. Es ist schon gräßlich, wie furchtbar schwer die Russen um die Erhaltung ihrer revolutionären Erfolge zu kämpfen haben und wie das übrige europäische Proletariat sie dabei im Stich läßt. Man glaubt, überall erst die richtige „Phase“ abwarten zu müssen, und die kommunistischen „Führer“ predigen der Arbeiterschaft vor, sie sei noch nicht reif zur Revolution. Allerdings scheint diese Auffassung dadurch bestätigt zu werden, daß, soviel ich weiß, noch kein Arbeiter einem dieser Hanswursten bei solcher Bemerkung in die Zähne geschlagen hat. – Ich habe mich wieder an eine Arbeit gemacht. Ich will in Form eines Briefes an Lenin eine Darstellung der Entstehung der ersten Räterepublik geben, um der widerwärtigen Geschichtsklitterung des Paul Werner meine subjektive Wahrheit entgegenzustellen. Leider fehlen mir immer noch meine Tagebücher (Gott weiß, ob ich sie wiedersehn werde). So muß ich alles völlig nach dem Gedächtnis niederschreiben. Aber die Ehrlichkeit hat ihre unverkennbare Sprache, und ich denke, Lenin und die Seinigen werden ihr Urteil jedenfalls ein wenig umstellen und erkennen, daß auch die KPD Fehler machen kann und in München gründliche gemacht hat. – Der Kongreß in Moskau ist geschlossen. Über seinen Verlauf hat man so gut wie nichts erfahren. Nur die Festreden durften in der KP-Presse erscheinen. Die Debatten hat man mit dem Schleier der Geheimdiplomatie der Kontrolle der Interessierten entzogen. Ich habe bis jetzt nirgends einen Protest gegen dieses Verfahren gelesen. Vor allem möchte ich wissen, was in der Frage der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale geredet und beschlossen wurde. Wie mir Meller[?] aus Braunschweig mitteilt, ist Genosse Merges (KAP) von Moskau dorthin zurückgekehrt. Ich hoffe also, auf diesem Wege in kurzer Zeit Näheres zu erfahren. Es scheint, als habe man Vernunft angenommen und die prinzipiellen Antiparlamentaristen, aber auch die „unabhängigen“ Opportunisten zugelassen. Jedenfalls wäre dadurch der ärgste Schaden, den Lenin mit seiner unglaublichen Kinderkrankheits-Broschüre angerichtet hat, halbwegs repariert. Ich habe Nexö gebeten, auf Lenin einzuwirken, daß er eine Erklärung veröffentlichen soll, die den gefährlichsten Possibilisten das Krebsen mit seinen Argumenten gegen die ehrlichsten Revolutionäre unmöglich macht. Eine vorzügliche Abfertigung von Lenins Schrift hat Pfempfert in der „Aktion“ gebracht, deren Haltung überhaupt recht gut ist. Vor einigen Tagen hat Pf. mir wieder direkt geschrieben, um Auskunft über einen ganz faulen Kopf von Lichtenauer Festungsgefangenen zu erhalten. Ich habe ihm nach einigem Schwanken und nach Überwindung starker Konträrempfindungen freundlich geantwortet. So mag denn auch diese Streitaxt begraben sein!

 

Ansbach, Sonnabend, d. 28. August 1920.

Meine Arbeit schreitet fort. Es wird eine ziemlich umfangreiche Geschichte der Münchner Revolution von Anfang an, und zwar völlig persönlich. Ich schildere nur, was ich selbst miterlebt habe. Hier im Hause ist’s weiterhin ekelhaft. Mit Paul Gr. hatte ich eine Aussprache, die mit einem Händedruck endete, sodaß das Verhältnis zu ihm wieder erträglich ist. Dagegen hat mich Weber die ganze Woche durch geschnitten, mir sogar den Gruß verweigert. Heute ging ich auf Markus’ Drängen zu ihm. Es war mir unangenehm genug, doch glaubte ich’s dem Frieden unter uns schuldig zu sein. Die Wirkung war gleich Null. Er hat sich derartig in mir getäuscht, daß er ablehnt, mit mir als Kamerad zu verkehren. Dann nicht. Dabei hätte der Mann Ursache, recht klein zu sein. Gestern bin ich ihm hinter ein Plagiat gekommen. Ich las in der „Volksstimme“ (Augsburg) den Leitartikel über die sozialen Verhältnisse in Italien „von M. W. Festungsgefangener in Ansbach“. Ich wunderte mich über die großen Tatsachenkenntnisse, die da verarbeitet waren. Dann merkte ich, daß ich dies alles schon mal gelesen habe und ich suchte den entsprechenden Artikel im Wiener „Kommunismus“ heraus. Ein kurzer Einleitungssatz und der Schlußsatz war von Weber. Alles andre war wortwörtlich aus dem „Kommunismus“ herausgeschrieben und mit seinem Namen als Verfasser gezeichnet, an das USP-Blatt in Augsburg geschickt worden. Um nicht als persönlich gehässig zu erscheinen wegen unsres Zerwürfnisses teilte ich die Sache den 3 andern Genossen mit und Markus übernahm es, W. zur Rede zu stellen, der sofort die Lüge bereit hatte, er habe es der Redaktion geschrieben, daß dies ein Artikel aus dem „Kommunismus“ sei und und ihn blos zum Abdruck empfohlen. Ein fauler Kopf. – Jetzt stellt sich heraus, was in Moskau beschlossen wurde. Es ist das Schlimmste, was sein kann. Das Moskauer Exekutivkomitee verlangt sowohl von den Unabhängigen wie von den linken Kommunisten blinde Unterwerfung unter alle ihre Befehle, Aufgabe des eignen Namens und Eingliederung in die einzige von Moskau genehmigte KP, deren Zentrale als maßgebende Instanz anzuerkennen sei. Die Vertreter der KAPD sind, nachdem sie erst in Moskau diese Vorschläge und Lenins Kinderkrankheitsschrift zu sehn bekommen hatten und sich verpflichten sollten, alle Beschlüsse, die der Kongreß fassen würde, unter allen Umständen zu akzeptieren, ohne an den Beratungen teilzunehmen, für die man ihnen Sitz und Stimme einräumte, wieder heimgereist. Die USP-Leute haben diese allein würdige Geste nicht über sich gebracht, sondern haben sich beteiligt. Natürlich wurde der Entwurf des Exekutivkomitees angenommen. Damit ist die 3. Internationale kaput, existiert nur noch als Privatverein einiger Berufsbonzen. Ich werde alles versuchen, um nun eine Föderation aller Gruppen zustande zu bringen, die die proletarische Revolution als eine internationale Aktion der Massen betrachten, die sich überall ihre Kampftaktik selbst bestimmen wollen. Der Weltrevolution ist ein schwerer Schlag versetzt worden – und leider mit Hilfe derer, die ihr bisher die herrlichsten Dienste geleistet haben. Wie vernagelt ist doch der Mensch, wenn er mächtig sein möchte!

 

Ansbach, Mittwoch, d. 1. September 1920.

Es ist noch eine halbe Stunde bis zum Mittagessen. Vorn ist’s langweilig, und ich setze mich ans Tagebuch, obwohl es eisig kalt in der Zelle ist. Denn dieser Sommer will sich absolut nicht über die Märzatmosphäre hinaus entwickeln. Das gilt nicht nur im meteorologischen, sondern auch im politischen Sinn. Jeder spürt, daß etwas in der Luft hängt wie vor den Kapptagen, und keiner weiß, wann es los geht und ob rechts oder links die Initiative aufbringen wird. Die Oppositionsblätter bringen täglich neue Beweise für die Rüstungen der Nationalisten. Die Kommunisten fordern – verständigerweise – zur Bildung politischer Arbeiterräte auf, scheinen aber den Unsinn zu machen, diese Räte proportional der Parteistärke fraktionsmäßig zu organisieren. Dadurch werden erstens wieder alle Parteigehässigkeiten in die proletarischen Kampforganisationen hineingetragen, und zweitens wird den Sozialpatrioten und Gewerkschaftern durch die ausdrückliche Anerkennung ihrer Parteirichtung das Recht gegeben, sich wieder von den alten Verräterbonzen leiten zu lassen. Wohin das führt, hat grade wieder die Preisgabe des Boykotts gegen Horthy-Ungarn gezeigt, die auf blanken Verrat hinauslief. – Die Niederlage der Russen im polnischen Krieg scheint schon abgestoppt zu sein. Ich hoffe zuversichtlich, daß die Meldungen von einer neuen bolschewistischen Offensive sich bestätigen und binnen kurzem zur völligen Besiegung Polens führen wird. – Erst wenn Rußland frei von äußeren Feinden den Aufbau im Innern in Angriff nehmen kann, wird auch die Parteiherrschaft dort ohne Schaden für die Revolution bekämpft werden können. Nur hoffe ich, daß man die Fehler der früheren Revolutionen nicht wiederholen und statt des Prinzips die Personen bekämpfen wird. Lenin, Trotzki, Lunatscharski, Krassin – alle diese Prachtmenschen, die an organisatorischem Genie das Erstaunlichste bewiesen haben, müssen dem Volk erhalten bleiben für weitere Dienste. Aber der unbeschränkte Despotismus ihrer Partei muß gebrochen werden, zumal er beginnt, sich über die Proletariate der ganzen Welt ausdehnen zu wollen. Leute wie Radek, Sinowjew etc. müssen unter allen Umständen entmachtet werden, da sie ausgesprochenen Schädlingen und Revolutionssaboteuren wie Levi ihr verderbliches Wirken erst möglich machen. – Die angekündigte Massenbegnadigung in Baiern macht sich noch nicht bemerkbar. Dennoch hoffe ich zuversichtlich, daß der Monat, der heute beginnt – falls er schon noch keine neue Revolution bringen wird – doch uns Rädelsführern in den Festungen freieren Atem schaffen möge. Man wird uns paar Übrigbleibende wohl zusammen in eine Anstalt verstauen und am Ende auch Erleichterungen im Vollzug einführen. – Schwabs und mein Gesuch um Verlegung nach Niederschönenfeld ist zunächst abgelehnt worden. Ich verstehe das so, daß man wohl vor der allgemeinen Umordnung keine Veränderungen mehr vornehmen will. – Jetzt wird’s mir zu kalt. Ich schließe.

 

Ansbach, Freitag, d. 3. September 1920.

Ich wollte schon lange hier einen kleinen Beitrag zur Charakteristik Müller-Meiningens festhalten. Der Mann ist zwar nicht mehr als Schreckensmann der Bourgeoisie gegen Leute, die im Gegensatz zu ihm Gesinnung haben, tätig. Aber es wird wohl einmal gut sein, wenn man die Canaillen der Konterrevolution möglichst zuverlässig konterfeit aufbewahrt. Der „Fränkische Kurier“, der Moniteur Müllers, ein angeblich demokratisches Blatt, das in Wahrheit eine nationalistische Hetze tollster Art betreibt (so hat es die Bübereien vor der französischen Gesandschaft in Berlin und gegen das französische und polnische Konsulat in Breslau freudig gutgeheißen und seine Sympathien für die Kapputschiner nie verhehlt) hatte kürzlich das Pech, daß sein politischer Redakteur, ein gewisser Schumann, als Schwindler entlarvt wurde. Der Mann war schon vor Jahren zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt worden und wird überdies verfolgt wegen Soldatenmißhandlungen, die er als Offizier im Felde begangen hat. Beim „Fränkischen Kurier“ war er seit Anfang vorigen Jahres tätig und imprägnierte das Dreckblatt mit seinen patriotischen Hanswursteleien. Gradezu widerlich war es, wie der Dummkopf Müller-Meiningen als großer Staatsmann bei jeder Gelegenheit gepriesen wurde. Ein so serviles Bauchrutschen, wie es der Schumann vor dem baierischen Justizminister übte, habe ich überhaupt noch nicht kennen gelernt, und es war mir immer ein Beweis für den traurigen Eitelkeitsgrad Müllers, daß er es sich nicht verbat, sondern offenbar noch Wert darauf legte, daß alle seine Reden, Interviews und sonstige Wichtigtuereien im „Fränkischen Kurier“ wörtlich breitgetreten wurden. Jetzt ist Schumann plötzlich verhaftet worden, da man sich der 2 Jahre Gefängnis erinnerte, die er abzusitzen hat, – und diese Verhaftung erfolgte erstaunlich kurz nach der Verabschiedung Müllers als Justizminister. Es ist wohl sicher, daß Redaktion und Verlag der Zeitung von der Geschichte ihres Kollegen keine Ahnung hatten, aber es scheint mir ebenso sicher, daß Müller in seiner Eigenschaft als Justizminister Bescheid wußte, und daß er den Betrüger mit seiner Amtsautorität gedeckt hat, weil er von ihm zum berühmten Mann hochgelobt wurde. Das paßt ganz ins Gesamtbild des Mannes, der in meinem Prozeß, ebenfalls gestützt auf seine Amtsmacht, die Angaben ihm unbequemer Zeugen auf dem Zensurwege inhibierte, der Verteidigung in den Arm fiel, die Genossen Hartig und Paulukum überdies mit Disziplinarstrafen bedrohte, weil sie Material zu meiner Behauptung, er sei ein ehrloser Lump, beisteuern wollten. Sollte ich meine 4 konfiszierten Tagebuchhefte noch wiederkriegen – wogegen Müller-Meiningen sicher schon alles Mögliche in Bewegung gesetzt hat, so wird die neue Schweinerei sich auf dem Bilde, das dort schon aus Kundgebungen seiner trüben Persönlichkeit zusammengesetzt ist, recht gut ausnehmen. – Das Gesicht seines Nachfolgers ist immer noch nicht deutlich zu erkennen. Bis jetzt sind alle Gesuche auf Verlegung von Festungsgefangenen in andre Anstalten abgelehnt worden. Weber sowohl wie Schwab haben außerdem in den letzten Tagen Bescheid bekommen, daß die Gesuche um Begnadigung für sie als nicht geeignet befunden wurden. Falls die öffentliche Ankündigung der Massenbegnadigungen wirklich ohne weiteres in die Versenkung verschwinden sollte, wäre das die denkbar frechste Provokation, und das Proletariat hätte allen Anlaß, dagegen aufzumucken. Allerdings ist der Geist in der Münchener Arbeiterschaft speziell jetzt allem Anschein nach ganz jammervoll. Die Parteibonzen – von der USP Unterleitner und Genossen, von der KPD Otto Thomas, Otto Graf etc – bremsen alles ab, was vorwärtsdrängt. Daß bis jetzt weder die „Neue Zeitung“ in München, noch irgendein andres KPD-Blatt von meinem Gedichtbuch die geringste Notiz genommen hat (nicht einmal unter den eingelaufenen Druckschriften wird das Buch genannt) führe ich auf tendenziöse Absicht zurück. Man weiß, daß ich nicht Schablonen-Kommunist bin ich will mich darum, obwohl ich eingesperrt bin, noch mehr vernichten. Totschweigen war ja immer die Taktik derer, die lichtscheue Politik treiben. Ich hab’s erfahren und erfahre es also weiterhin. Wolln sehn, ob ich nicht trotzdem ein zäheres Leben haben werde als diese Scheißkerls. – Hier in der Anstalt ist jetzt eine friedlichere Atmosphäre eingekehrt. Politisiert wird so gut wie garnicht mehr, wenigstens beteilige ich mich nicht daran, um Spektakel zu vermeiden. Aber ich leide sehr darunter, daß mir die Möglichkeit zur Aussprache fehlt. Nun erwarte ich aber nächste Woche meinen lieben Karl Petermeier, der vorgestern von der Plassenburg entlassen wurde, zum Besuch – und in 14 Tagen will Zenzl wiederkommen. Da kann das Mundwerk wieder in Gang gesetzt werden. – In der letzten Zeit gehe ich oft zum Zahnarzt. Der Mann schindet mich zwar, aber das nehme ich für die halbe Stunde Bewegung auf den Straßen – wenn’s auch stets mit einem Aufseher geht – gern in Kauf. Ist die Zahnbehandlung überstanden – die übrigens, das haben wir erreicht, auf Staatskosten geht, – will ich die Behandlung meines rechten Ohrs, das wieder dauernd klingt und immer tauber wird, bei einem Spezialisten beantragen. Man muß sich halt seine kleinen Freuden jetzt auf ungewöhnlichen Wegen ergattern. Aber mein Gefühl müßte mich arg täuschen, wenn nicht die Zeit der großen Freuden in Freiheit und Kampf nahe bevorstände.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 8. September 1920.

Gestern oder heute sollte Karl Petermeier kommen. Statt seiner kam ein Telegramm, daß er erst Ende des Monats kommen könne. Das ist dumm. Ich hatte seinetwegen Fritz Örter in Fürth, der ebenfalls zu erwarten stand, gebeten, erst übernächste Woche herzufahren. Mit den verdammten 6 Stunden wöchentlich wird nun erreicht, daß ich nicht einmal diese 6 Stunden habe. Statt der 18 Stunden, die mir für Karl, Zenzl und Örter zur Verfügung gestanden hätten, wäre es gelungen, sie auf 3 verschiedene Wochen zu verteilen, bleiben jetzt nur mehr 12, und ich muß Örter entweder ganz absagen, oder habe Karl nur die Hälfte der Zeit für mich und für Örter ebenso. Schikanen überall. Auch die Besuche in den Zellen werden nur noch allernächsten Angehörigen gestattet (Helmes hat extra Befehl bekommen). Es spricht aber sehr zugunsten des Staatsanwalts, daß er Weber, der keine näheren Angehörigen hat, erlaubt, seinen Freund oben zu empfangen. Da H. sicher weiß, welcher Art dieses Freundschaftsverhältnis offenbar ist, zeigt er da eine für einen Staatsanwalt bemerkenswerte Unbefangenheit. – Wir 5 leben jetzt in Frieden. Er wird erkauft durch eine bodenlose Seichtigkeit der Unterhaltung. Blos Markus fuhrwerkt mitunter los, und dann bekomme ich jedesmal Angst um den guten Jungen. Er sieht sich selbst schon absolut als Diktator der Zukunft an. Er wird den Zentralrat und den Rätekongreß ausheben. Er wird die ganze Bourgeoisie an die Wand stellen. Er – der beste Mensch unter der Sonne, dessen Herz weint, wenn es an die Qualen eines Kranken denkt, der in Wahrheit seinen Nächsten liebt, und wenn es sein eigener Kerkermeister ist – fällt Todesurteile von früh bis spät und will sie alle selber vollstrecken. Jeder Blick für die Wirklichkeit ist ihm verloren gegangen, er wird furchtbar herausgerissen werden, wenn er hinauskommt in die Freiheit, und ich fürchte sehr, daß die intensive Geistesvertiefung in der Zeit seiner Einsperrung eines Tages zum geistigen Zusammenbruch bei ihm führen wird. Ich hänge sehr an diesem Menschen, und es ist mir bitter leid um ihn. – Weber ist mit seiner pathologischen Verlogenheit unerträglich. Unser Verhältnis ist dadurch, daß ich sein Ignorieren gegen mich konsequent ignoriert habe, in der Form sachlicher Höflichkeit leidlich geworden. Paul ulkt wieder herum wie früher und ändert seine Weltanschauung weiterhin mit jeder neuen Lektüre, die ihm in die Finger fällt. Momentan hält er bei Hans Blüher, was bei seiner übertriebenen Normalität recht spaßig ist. Schwab ist der Alte. Mit ihm sind auch Unterhaltungen über politische Dinge möglich. Daß er meine Ansicht über die Moskauer Aufnahmebedingungen für die Kommunistische Internationale nicht teilt, verschlägt dabei nichts. Aber fort möchte ich jedenfalls. Wie ich höre, verlangt die Nachbarschaft die Fortverlegung der Festungsgefangenen. Vielleicht hilft das. Übrigens erfuhren wir, daß in den letzten Tagen die Bayreuther Anstalt (St. Georgen) aufgelöst wurde und ihre Insassen allesamt nach Lichtenau gekommen sind. Von Entlassungen vor der Zeit hört man aber nichts dabei. Die Genossen im Straubinger Zuchthaus haben in diesen Tagen einen zweitägigen Hungerstreik durchgeführt mit der Begründung, sie wollten die Öffentlichkeit auf die Ungerechtigkeit der gegen sie gefällten Urteile hinweisen. Unter den Beteiligten wurden in den Zeitungen Lindner und Kopp genannt. Wadler soll sich nicht beteiligt haben. Hoffentlich veranlaßt die Aktion die Arbeiterschaft, sich dieser unglücklichen Genossen mal ernsthaft anzunehmen. Aber das Proletariat will noch garnicht aus der Lethargie erwachen. Der Generalstreik in Württemberg ist dank der üblichen Bonzenpolitik völlig gescheitert – eine ganz schwere Niederlage. Der Mißerfolg der Russen in Polen, der durch eine schwere Niederlage Budjonnys bei Lemberg vergrößert ist, scheint in Deutschland eine völlige Apathie heraufgeführt zu haben, als ob jetzt nicht erst recht Anspannung aller Kräfte notwendig wäre! Kommt hinzu eine ganz gemeine Denunziation Dittmanns in der Unabhängigen Presse gegen die Zustände in Rußland. Die deutschen Arbeiter melden sich massenhaft dorthin in der Meinung, dort werden sie ein bequemeres Leben führen als hier. Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Der dauernde Krieg, die Blockade, das durch jahrelangen Bürgerkrieg und durch die Konterrevolution hervorgerufene Elend verlangt ungeheure Anspannung der Arbeitskräfte, 12stündige Arbeitszeit und schwere Lebensbedingungen. Daß sie nicht mehr für den Ausbeuter, sondern für das gesamte Proletariat, für die Weltrevolution, für ihre eigene Befreiung aus dieser Fron arbeiten und also im Fegefeuer aushalten müssen, sehn diese Maulrevolutionäre nicht ein, und nun haben sie Dittmann vorgejammert, wie schlecht es ihnen geht, und daß sie zurück nach Deutschland wollen, um dort wieder fürs Kapital zu arbeiten. Und der saubere Herr Dittmann setzt diese Klagen, statt sie zu benutzen, um an ihnen die Notwendigkeit revolutionären Opfermuts zu demonstrieren, der Bourgeoisie als Material gegen den Bolschewismus vor. In seiner Partei aber streiten sich die Bonzen herum, ob sie die Moskauer Bedingungen annehmen sollen oder nicht. Ich fürchte die Unabhängigen, die für den Beitritt zur dritten Internationale sind, mehr als die Ledebours, Crispiens u. s. w., die dagegen eifern. Aus den Reden Stöckers, Däumigs u. s. w. geht hervor, daß sie – und jedenfalls mit Recht – die Hoffnung haben, die Annahme der Bedingungen wird den Wagen nach rechts herumwerfen. Wir andern aber, wir konsequenten Revolutionäre müssen draußen bleiben. Als ich vor einem Jahr der KPD beitrat, wollte ich die Bewegung dadurch links hinüberreißen. Der Zügel ist gerissen. Der Wagen fährt in gestrecktem Galopp ins reformistische Eden – und Lenin sitzt dabei am Bock und überfährt die rote Saat, die er selbst gelegt hat. Die Österreicher Kommunisten hatten beschlossen, sich nicht an den Wahlen zu beteiligen. Jetzt kommandiert Lenin nach Wien: ihr müßt! Entweder sie fügen sich – dann handeln sie gegen ihre bessere Überzeugung, und die innere Unwahrheit hat sich in die Revolution eingenistet, ehe sie da ist und muß alle ihre Keime korrumpieren, oder sie fügen sich nicht. Dann ist die Spaltung da, die Zersplitterung vergrößert sich, statt des Kampfs gegen die Reaktion ist der Zank unter den Genossen da. Welche Verwirrung in den Geistern! Und man muß seine Hoffnung wieder anderswohin senden. Diesmal nach Italien. Dort hat eine wundervolle Bewegung eingesetzt. Die Arbeiter, die ausgesperrt wurden, übernehmen die Betriebe in eigene Regie, und ihrem Beispiel folgen nun massenhaft die Betriebe. Die Unternehmer werden expropriiert, die Fabriken von den bewaffneten Arbeitern besetzt und weiterbetrieben. Streik bei Fortsetzung der Arbeit! Einführung des Sozialismus unter den Augen des Kapitals! Vielleicht wird das die Form der Revolution auch bei uns sein. Mag das große Werk der Italiener gelingen. Sie werden schwere Kämpfe zu bestehn haben. Aber das Ziel ist herrlich, und der erste Schritt ist gewagt.

 

Ansbach, Dienstag, d. 14. September 1920.

Morgen erwarte ich Zenzl – zu unserm fünften Hochzeitstag. Wie ich mich auf sie freue! Ihre Briefe werden immer schöner, tiefer und reiner. Unsre Liebe ist herrlich, da sie von beiden Seiten ganz über die Idee zur Person kommt. Gewiß bin ich nicht „treu“. Mila verfolgt mich bis in die Träume mit ihren raffinierten Zärtlichkeiten. Aber Liebe ist das nicht – bestenfalls Verliebtheit, und in Wirklichkeit Geilheit. So von innen heraus verbunden war ich nie mit einer Frau wie mit Zenzl, nicht einmal mit Jenny, deren Altwerden ich sicher nicht ertragen hätte, und die in der Zeit dieser Not bei all ihren schönen Charaktereigenschaften und ihrer sittlichen Stärke doch die Nerven nicht gehabt hätte zu einer so festen, klaren Haltung wie Zenzl sie hat. Soviel Erfülltheit mit der Idee des Guten habe ich auch bei einem Manne noch nicht gefunden wie bei ihr, und das Erhebendste für mich ist das Wissen, daß ich selbst mir ihre Liebe nur erhalten kann, indem ich mein Teil trage, ohne mich ducken zu lassen. Wenn die baierische Geschichte unsrer Tage einst geschrieben wird, werde ich wohl einen Platz darin finden. Aber wenn der Historiker gerecht ist, muß er meiner Zenzl den Ehrenplatz über uns Männern allen geben. – Dies mußte ich noch schreiben, da mich die Vorfreude so sehr erfüllt. Und nun mag sie kommen.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 16. September 1920.

Zenzl war hier. Die 6 Stunden verrannen viel zu schnell unter Gesprächen und Zärtlichkeiten, und jetzt, da sie wieder fort ist, fallen mir alle möglichen Dinge ein, die ich ihr noch hätte sagen, sie noch hätte fragen wollen. Eine merkwürdige Überraschung bereitete sie mir (außer den vielen guten Dingen, die sie mitbrachte: Zigarren, Tabak, Wein, Cognak, Kaffee, Kuchen, Kompott und den neuen Füllfederhalter, mit dem ich dies schreibe und den mein Vetter Walther Mühsam gestiftet hat). Von München hierher hatte sie eine englische Genossin begleitet, und Helmes hatte nach einigen Kämpfen die Erlaubnis gegeben, daß auch sie mich sprechen dürfe: von 6 Uhr ab eine Viertelstunde im Besuchsraum. Wir gingen also um 6 hinunter, und ich lernte die Frau kennen. Die junge Person, die mich im Äußeren an Lotte Kornfeld erinnerte, heißt Rose Witcop und ist zum Besuch ihres Schwagers Rocker in Deutschland. In München erfuhr sie, daß ich eine Frau habe und besuchte sie. Dann entschloß sie sich ohne weiteres mit herzufahren. Ihre Verehrung für mich war rührend. Immer wieder sah sie mich bewundernd an und streichelte mich und erwiderte dann unbeholfen meinen Kuß. Sie brachte mir Grüße von Guy Aldred, der in London an der Spitze einer Richtung steht, der auch Rosa angehört, und die ganz die Tendenzen verfolgt, die ich vorläufig allein in Deutschland propagiere: eine Kombination von Bolschewismus und Bakunismus. Die Genossin ist der Ansicht, daß die Bedingungen der 3. Internationale am Widerstande der revolutionären Arbeiterschaft in England zerbrechen werden, und wir waren einig in der Ansicht, daß Lenin nach seinen wunderbaren Leistungen für die Revolution jetzt auf einen toten Strang gefahren ist, und daß die Revolution über ihn hinweg weitergeführt werden muß. – Ich erlebe immer wieder Überraschungen: Jetzt erfahre ich zufällig, daß mein Name bei den englischen Genossen in besonders hoher Geltung steht: und hier unter 5 Gefangenen habe ich nur einen, mit dem ich über das was mich bewegt, überhaupt sprechen kann. Die andern sind derartig „reif“, daß ihnen jede Diskussion mit mir überflüssig scheint. – Von draußen erzählt Zenzl nicht viel Ermutigendes. Die „Führer“ taugen nichts und die Verbonzung der Massen schreitet unter der KPD-Politik wieder rapide vorwärts. Jetzt hat man Eisenberger verhaftet, ohne seine Immunität als Abgeordneten zu respektieren (fürchterliche Entrüstung: als wenn das nicht selbstverständlich wäre). Heute lese ich nun in den Zeitungen, welche Repressalien die Arbeiter ergreifen werden. Generalstreik – ja, wirklich! Aber nicht bis zu Eisenbergers Freilassung. Das würde ja Kampf bedeuten. Auch nicht einen oder ein paar Tage, – das wäre ja ein Schade für die „Wirtschaft“! Nein: 2 Stunden lang, am 17ten September von 10 bis 12 Uhr mittags soll in ganz Baiern alle Arbeit ruhen. Aber das Schönste kommt noch: Wenn es den Arbeitern irgendwo am Freitag nicht paßt, dann sollen sie die Demonstration an einem andern Tag nachholen! So revolutionär ist jetzt der „revolutionäre Vortrupp“ in Baiern. Dabei plärren sie: wählt politische Arbeiterräte! Zuerst war ich ganz erfreut von dieser Parole, denn politische Arbeiterräte haben nur Sinn für die revolutionäre Aktion und nachher, und ich glaubte, ihre Wahl werde der Beginn einer Aktion sein. Jetzt sehe ich, daß man die Arbeiterräte nur wählen will, um eine revolutionäre Situation vorzutäuschen. Wäre ich draußen, ich würde mich mit aller Kraft gegen diesen Schwindel stemmen. Dann sollen sie noch lieber ihren Parlamentskretinismus pflegen, da zeigen sie wenigstens, daß sie mit der Revolution nichts mehr zu schaffen haben. Jetzt korrumpieren sie aber auch noch das bischen revolutionäre Möglichkeit, das dem Proletariat noch geblieben ist. Es ist schlimm, daß unsereiner als Anarchist die Hoffnung nicht mehr auf Temperament und Persönlichkeit bauen darf, sondern auf die Mechanik des wirtschaftlichen Zusammenbruchs rechnen muß. Wieder allein – wir wenigen Revolutionäre sans phrase, – und rechts von uns die Sammlung der Kompromißmacher und Opportunisten, an deren Spitze leider leider Lenin steht. Ich bin so weit, auf eine neue Revolution auch in Rußland zu hoffen, die von links kommen wird und an Stelle der Oligarchen-Despotie die Diktatur der Räte setzt. Welche Bitternisse aber werden der deutschen Revolution noch den Trank vergiften?!

 

Ansbach, Samstag, d. 18. September 1920.

Die Zeitung brachte gestern eine Notiz aus Miesbach, die mich tief erregt. Dort diente das höchstens 16jährige Töchterchen Olschewskis Rosa als Dienstmädchen bei einem Konditor. Sie ist plötzlich verhaftet worden, weil sie an dem ihr anvertrauten 1½jährigen Kind ihrer Arbeitgeber einen Giftmordversuch gemacht habe. Als Grund soll sie angegeben haben, daß sie ihren Vater aus der Gefangenschaft befreien wollte und daß ein Soldat ihr gesagt habe, das sicherste Mittel dazu sei, wenn sie selbst einen Mord begehe. Welche entsetzliche Kindestragödie! Gott weiß, was dem armen Ding irgendein Schuft eingeredet hat, daß sie aus Liebe zum Vater einen solchen verzweifelten Schritt der Selbstaufopferung tat. Was mag in dem vergrämten Köpfchen vorgegangen sein, bis sie diesen schauerlichen Entschluß faßte! Und jetzt, wo ihr[sie] im Gefängnis die Nutzlosigkeit des schrecklichen Beginnens erkennen muß, sich sagen muß, welches Leid sie dem geliebten Vater zugefügt hat, indem sie ihm helfen wollte; welchen Schmerz ihrer unglückseligen Mutter und den kleinen Geschwistern, was sie den Eltern des Opfers angetan hat und gar angetan hätte, wenn ihr Versuch gelungen wäre! Noch weiß ich nichts Genaues über den furchtbaren Vorgang. Aber ich bin sehr besorgt um Olschewski, der ohnehin hypochondrisch ist und dem es ein entsetzlicher Schlag sein muß. Und denk ich an das arme Kind selbst – es ist ganz grauenvoll. Was für Richter werden über sie „Recht“ sprechen? Werden es Menschen sein? Die Justiz in Baiern ist jetzt eine Mördergrube. Grade in diesen Tagen wieder ist ein politisches Urteil in München gefällt worden, das die ganze Rohheit der Rechtshüter dieses Landes kennzeichnet. Man hat bei einem 18jährigen kommunistischen Arbeiter eine Liste mit Namen von Mitgliedern der Einwohnerwehr gefunden. Einige davon waren angekreuzt. Das hat den Herren genügt, um die Absicht zu folgern, der Angeklagte habe diese Konterrevolutionäre umbringen oder für die Zeit der neuen Revolution zur Aburteilung vormerken wollen. Sie haben ihn als ehrlos erklärt und zu 1½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Rache für die politische Gesinnung, und werden sie nicht an der kleinen Rosa Olschewski ebenfalls Rache nehmen für die politische Gesinnung ihres Vaters? Ich kenne das Mädchen von einem Besuch her, den es vor einem Jahr hier machte: ein harmloses, schüchternes, liebes Ding, das sich nun für ihre Gemütsschwere so furchtbar ins Unglück bringt. Man hat ihr den Vater genommen – für 7 Jahre, glaubt sie nach dem Urteil. Sie leidet, weil sie ihn leiden weiß, läßt sich von einem gewissenlosen Burschen, der vielleicht Absichten auf sie hat, irgendeinen haarsträubenden Unsinn vortäuschen – daß sie ihm glaubt, beweist die vollkommene unverdorbene Kindlichkeit des Geschöpfchens – und wird zur Verbrecherin. Für die Folgen der Strafe, die man ihr mit der Bestrafung des Vaters zugefügt hat, für all den Kummer, den das weiche Kinderherz nicht tragen konnte, wird man nun die „Gerechtigkeit“ an ihr auslassen und ihr nach den Kinderjahren, die sie verloren hat, auch die schöneren Jahre der Spätjugend rauben. Opfer der Konterrevolution, Opfer der Reinheit ihrer Kindesliebe, Opfer der scheußlichen sozialen Zustände, die sie zwangen – des väterlichen Ernährers beraubt – selbst in den Kinderjahren ihren Unterhalt zu verdienen, wird sie nun auch noch zur Mörderin des Elternglücks, um dessentwillen sie ihre Tat beging. Welcher Dramatiker könnte ein tragischeres Verhängnis aussinnen! Armes Kind! Arme Eltern! – Aber wir müssen es uns merken! Nichts vergessen – das ist unsre wichtigste Pflicht, wollen wir einmal unsre Pflicht erfüllen und das Proletariat zur Erfüllung der ihrigen anfeuern. – Vorerst freilich scheint es noch weite Wege zu haben, bis die Arbeiter erwachen. Der zweistündige Generalstreik zugunsten Eisenbergers ist, den Zeitungen nach, sehr dürftig ausgefallen (freilich glaube ich, daß die Parole zu dürftig war, um Begeisterung zu erwecken, diese „Generalprobe“ der Revolution mitzumachen. Schwab fand heute einen sehr guten Vergleich. Der Aufruf zum 2stündigen Streik als Probe für die große Aktion komme ihm so vor, als ob ein Brandstifterkomplott, das ein Haus in Brand setzen wolle, erst einmal zu bestimmter Zeit je ein Streichholz abbrenne, um zu sehn, ob das Haus wohl aufbrennen werde). Es ist dennoch möglich, daß wir kurz vor neuen großen Ereignissen stehn. Am 25. September soll in München ein „Landesschießen“ der Einwohnerwehren stattfinden. (Welche Provokation angesichts der Entwaffnungsaktion im ganzen Reiche liegt schon in der Veranstaltung dieses Festes!). Die Vaterlandsretter haben von der Münchner Stadtgemeinde dazu Fahnen und Geldunterstützung verlangt, und tatsächlich ist diese Forderung Gegenstand großer Diskussionen, und es ist keineswegs ausgeschlossen, daß sie bewilligt wird. Jetzt heißt es aber schon, daß die Gelegenheit dieser Feier benutzt werden soll, um den ehemaligen Kronprinzen Rupprecht zum baierischen König zu proklamieren. Das würde den Entscheidungskampf bedeuten. Trotz der heftigen Dementis und Verspottungen des Gerüchts in der reaktionären Presse ist die Sache nicht ohne weiteres als absurd anzusehn. Vorige Woche wurde in München eine Demonstration zu Ehren der gefallenen Kriegsteilnehmer veranstaltet, an der die Herren Kahr, Roth und Pöhner – und Herr v. Ludendorff (in Uniform) teilnahmen. Daß aber die Arbeiter dergleichen Dinge voraussehn, zeigt ein Vorgang im erzreaktionären Bamberg. Dort sind zwei Versammlungen der „Bayerischen Königspartei“ von Arbeitslosen gesprengt worden. – Unsereiner in seiner Weltabgeschiedenheit weiß ja wenig, wie es draußen wirklich zugeht. Aber das Kribbeln in den Nerven, das vor der Kapputschinade die werdenden Ereignisse ankündigte, meldet sich, wenigstens bei mir, wieder recht spürbar. Paul Grassl aber (der sich neuerdings, soviel ich merke, zur Religiosität „durchgerungen“ hat und im übrigen auf Markus und Moskau schwört) weiß schon aus ganz zuverlässiger Quelle, daß wir alle, wenn’s losgeht, sofort umgebracht werden und nimmt das bitter ernst. Ich muß hier, wenn ich Krach vermeiden will, zu allem schweigen. Gott gebe, daß ich bald zu meinen Freunden nach Niederschönefeld darf!

 

Ansbach, Montag, d. 20. September 1920

Nachmittag. Ich komm eben vom Zahnarzt. Seit ich in seiner Behandlung bin, habe ich wirklich Schmerzen und zur Zeit machen mir zwei Zähne, auf jeder Seite einer, Beschwerden, sodaß ich garnicht mehr weiß, wie ich beißen soll. Unterwegs brachte ich meine Uhr – das einzige gerettete Wertstück – zum Uhrmacher. Er muß sie reinigen, was ungefähr 3 Wochen dauern und etwa 30 Mark kosten wird. Das ist jetzt das Normale. Wie lange noch? Vielleicht treten am Samstag wirklich entscheidende Ereignisse ein. Zu dem Landesschießen ist der Besuch Ludendorffs, Hindenburgs und des Exkronprinzen Rupprecht angekündigt. Man scheint also wirklich aufs Ganze gehn zu wollen. Trotzdem denke ich mir, daß man sich zunächst mit der Erhebung Kahrs vom Minister- zum Landespräsidenten begnügen wird. Zugleich wird man aber Ovationen für Rupprecht mit Treugelöbnissen zur Monarchie und dem schönen Gesang: Heil unserm König heil! arrangieren, um mit dem einmütigen Verlangen des baierischen Volks nach Wiederaufrichtung des Throns hausieren gehn zu können. Vielleicht benutzt Kahr gleichzeitig die Gelegenheit, die versprochene Amnestie durchzuführen. Er kann ja von den 150 politischen Festungsgefangenen getrost 120 freilassen, ohne dadurch die geringste Änderung der proletarischen Politik des Stumpfsinns fürchten zu müssen. Und uns andre freizulassen ist ohnehin nicht beabsichtigt. Möglicherweise erfährt das Vorhaben der Nationalisten aber jetzt eine Störung durch den Rücktritt des französischen Präsidenten Desschanel, der wegen schwerer Nervenanfälle (Selbstmordversuche) sein Amt niederlegen mußte. Man muß nun abwarten, ob die Minister unter seinem Nachfolger dieselbe Deutschland-Politik treiben werden wie bisher, wo Frankreichs Hauptinteresse war, Süddeutschland von Norddeutschland zu trennen. Schon hieß es ja, daß sich Frankreich mit der baierischen Einwohnerwehr abfinden werde, und ganz aus der Luft gegriffen werden die Kombinationen auch nicht sein, die die Gründung eines katholischen Reichs mit Süddeutschland, Tirol und Steiermark erwarten. Uns kann es am Ende gleich sein. Schlimmer als jetzt wirds auch dann politisch kaum werden. Die Arbeiter werden Gelegenheit bekommen zu zeigen, ob ihnen das 8prozentige Bier das Hirn so verklebt hat, daß sie sich das Äußerste auch noch bieten lassen, und der wirtschaftliche Konkurs geht seine Bahn weiter. Eins ist mir sicher: die neue proletarische Revolution wird sich jenseits der 3. Internationale vollziehn müssen. Die Beschlüsse des Moskauer Kongresses haben diese Internationale zu einer Parteiorganisation der Unabhängigen Sozialdemokratie gemacht. Nur dadurch, daß die USP den Namen der zu ihnen hinübergerutschten KPD annehmen muß, täuscht man vor, als ob es sich um eine kommunistische Internationale handelte. Aber seltsam ist die regelmäßige Periodizität, in der sich der gleiche Vorgang wiederholt. 1872 schmiß Marx mit seinem Anhang die Bakunisten aus der 1. Internationale heraus, weil sie den parlamentarischen Opportunismus und den Parteizentralismus nicht mitmachen wollten. 24 Jahre später, 1896 in London, sperrte die 2. Internationale die Anarchisten und Antiparlamentaristen aus dem gleichen Grunde aus und schuf dadurch alle Voraussetzungen, die zum 4. August 1914 führten. Jetzt, nach abermals 24 Jahren, genau derselbe Wahnsinn der 3. Internationale in Moskau. Die Folgen werden diesmal womöglich noch verhängnisvoller werden, da die Sabotage der Revolution mitten in die Revolution selbst fällt und von denen ausgeht, die ihre revolutionäre Leistung mit Weltautorität ausgestattet hat. Der Marx-Aberglaube ist ein entsetzliches Unglück für die Völker. Ob ich die Erweckung Bakunins zu Leben und Tat noch erleben werde? Ohne sie werden die Königsmacher freie Bahn haben, – nicht nur in Baiern.

 

Ansbach, Freitag, d. 24. September 1920.

Es liegen schauderhafte Tage hinter mir. Scheußliche Schmerzen, dicke Backe, Einschnitt ins Zahnfleisch, Bohren links und rechts, Unfähigkeit, festes zu essen, Schlaflosigkeit, Fieber, kurzum: Krankheit in aller Form, die mich gestern sogar ans Bett fesselte. Da spürt man, was Gefangenschaft heißt. Keine Pflege, keine Rücksicht, – dafür aber Aufregung, Zank und – Prügel. Jawohl, ich bin heute geschlagen und mißhandelt worden. Natürlich von Weber. Er hatte schon gestern die Gelegenheit, als ich hilflos im Bett lag, benutzt, um mich mit seinen neuesten politischen Erkenntnissen zu malträtieren und mich damit wütend zu machen, daß er von Rühle, der nicht mit den Moskauer Beschlüssen tanzt, behauptet: „Ich garantiere, daß Rühle zu feige ist, sich vor ein Maschinengewehr zu stellen!“ Ich bezwang mich stark, sagte aber doch, daß er mir nicht zu einer solchen „Garantie“ befugt scheine. Dann zog er weiter gegen Rühle los, der Liebknecht 1914 im Stich gelassen habe. Ich unterdrückte auch den Hinweis darauf, daß Max Weber die Kriegszeit dazu benutzte, vor adeligen Damen patriotische Chansons aufzusagen. Jedenfalls war das Gespräch schuld, daß ich trotz eines Morfiumpulvers auch diese Nacht nur sehr wenig schlief, nachdem ich 3 Nächte schon so gut wie garkeinen Schlaf gefunden hatte. Heut vormittag kam W. wieder bei mir an. Diesmal hatte er sich Siegfried Jacobsohn ausersehn, um unflätig und perfid zu lästern. Und natürlich mußte der Dreckjude heran. Ich vergaß in meinem Fieberzustand leider, daß man dem Mann mit der Geduld eines Irrenwärters gegenüberzutreten habe und verwies ihm die Takt- und Geschmacklosigkeit, in der Zelle eines Juden jemanden damit zu widerlegen, daß er Jude sei. Natürlich war dadurch das Rad erst geölt, und der Kerl konnte es doch nicht unterlassen, Giftigkeiten gegen Zenzl auszuspritzen. Darauf verwies ich ihm die Bude. Er weigerte sich aber zu gehn, sodaß ich hinauslief und dann voll Wut, als er nachkam, ein Schimpfwort (ich glaube „Bandit“) sagte. Darauf fegte er in Gegenwart von Paul Grassl im Gemeinschaftsraum auf mich los. Im ersten Moment legte sich der dazwischen und verhinderte Gewalttätigkeiten. Dann aber sah er zu, wie der Mensch sich auf mich fieberkranken schwachen Mann stürzte und mit der Faust auf mein ohnehin geschwollenes Gesicht einschlug. Als Weber einen Moment davon abließ, ging Graßl hinaus. Das benutzte der Irre, mich aufzufordern, den „Banditen“ zurückzunehmen, wobei er mich aber als „Lump“, „Verräter“, „gemeiner Jude“, „Volksbetrüger“ etc. beschimpfte. Ich nahm den Banditen ohne weiteres zurück. Darauf brüllte er: „Knie nieder! Schuft!“ Ich bereitete mich jetzt zu einem Widerstand zum Aeußersten vor, da ich dieses Theater denn doch nicht gespielt hätte. Ich drängte also an ihm vorbei, um hinauszukommen, wobei der Mensch mich anspuckte. – Nicht der Wahnsinnsausbruch eines verantwortungslosen Psychopathen hat mich empört, aber die Erkenntnis, daß ich als Kranker ihm gegenüber bei Graßl keinen Schutz finde. Warum nicht? Weil ich die Bedingungen der Moskauer Internationale nicht anerkenne. So albern es ist – es ist so. Ich lasse mir nun die Mahlzeiten in die Zelle bringen. Der einzige, der mich besucht, ist Schwab. Markus ist unverändert, aber etwas zu neutral. In solchem Falle wäre wohl die Parteinahme für einen tätlich insultierten, dazu fieberkranken Freund parteiloser gewesen als die Berufung auf Nichtinteressiertheit. – Ich ließ mich zum Staatsanwalt melden, teilte dem mit, daß ich leider infolge meines Fieberzustands die Zurückhaltung nicht gewahrt hätte, die ich sonst Webers Nervenzustand gemäß beobachte, und daß infolgedessen ein gewaltsamer Zusammenstoß erfolgt sei. Ich hatte vorher mir die Zusicherung geben lassen, daß keinerlei Maßnahmen ergriffen würden, und nachdem Helmes erklärt hatte, daß er unter keinen Umständen sich einmischen werde, energisch verlangt, daß ich binnen kürzestem von hier fortkomme, oder daß Weber, der längst nicht mehr haftfähig sei, entlassen würde. – Nun bleibt abzuwarten, was folgt. Jedenfalls zeigt sich, daß man nie zu alt wird, um noch Prügel zu bekommen. Mein Vater hat damit angefangen mich zu verhauen und es im Verein mit meinen Lehrern meine ganze Kindheit durch mehr als gründlich besorgt. Und seit ich erwachsen bin, haben sich immer wieder Leute gefunden, die mich nicht aus der Gewohnheit kommen ließen. Es gibt halt Naturen, die es nicht lassen können, sobald sie merken, daß ein andrer körperlich schwächer ist, ihr Heldentum zu betätigen. Aber mich hat’s körperlich schauderhaft mitgenommen, was sich gleich nach der Geschichte in Schwabs Zelle in einem Ohnmachtsanfall ausdrückte. Man kommt allmählich doch aus dem Alter heraus, wo solche Dinge unschädlich sind. – Denke ich bei alledem aber an die Revolution und sehe mir die Leute an, die sich als ihre Vollstrecker betrachten, dann wird mir sehr sehr schwer ums Herz.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 25. September 1920

Es ist abends kurz nach 7 Uhr (meiner Schätzung nach; denn eine Uhr habe ich ja zu allem Überfluß zur Zeit nicht). Ich war morgens beim Zahnarzt, der mich wieder entsetzlich malträtierte, nahm dann ein Bad und ging noch vormittags unter großen Schmerzen wieder zu Bett. Jetzt habe ich mir die Tür abschließen lassen, um nicht später davon gestört zu werden, ich habe mich von 11 Uhr bis jetzt überzeugen können, daß mich meine Kameraden auch verrecken ließen, ohne nach mir zu sehn. Nur Schwab brachte mir um 5 Uhr eine Zeitung herein und war jetzt – auf mein ausdrückliches Verlangen – 5 Minuten hier drinnen. Sonst meldete sich nur noch Markus, aber nicht persönlich. Während ich unter scheußlichen Schmerzen dalag, schickte er mir den Hausknecht herein, ich möchte ihm sofort ein paar bestimmte Nummern einer bestimmten Zeitung heraussuchen. Ich tat’s natürlich, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Aber ich mußte mir doch sagen, daß hier gegen mich eine Umgangsform selbstverständlich geworden ist, die ich nicht einmal gegen einen Fremden gebrauchen würde. Ich habe noch nie von einem Genossen eine Gefälligkeit durch den Hausburschen erbeten, und hätte es gewiß nicht getan, wenn der Genosse krank im Bett läge, ich aber gesund herumspringe. Ich weiß gut, daß Markus sich garnichts dabei gedacht hat, ja, daß er erschrocken wäre, läse er einmal diese Tatsache hier festgestellt. Für mich ist dabei blos das Maß von Geringschätzung bezeichnend, daß[das] durch die Suggestion Graßls und Webers mir gegenüber auch schon bei diesem guten reinen Menschen instinktiv geworden ist; und ich lerne speziell dabei, wie sehr man sich vor gedankenlosen Roheiten in Acht nehmen muß. Ich merke jetzt, wie weh sie tun. Was Paul Graßl anlangt, so hat sich durch den Vorgang gestern mein Urteil über ihn völlig abgerundet. Wenn ein Unzurechnungsfähiger einen kranken Genossen, der sich aber eine eigne Meinung gegenüber den heiligsten Autoritäten erlaubt, mißhandelt, so gebietet es ihm seine bourgeoise Erziehung wohl, einen Versuch zu markieren, die Gewalt zu verhindern. Trotz seiner Bärenkräfte ist er aber dazu nicht stark genug, sieht dann zu, wie der von Schmerzen geplagte fiebernde Kranke verhauen wird und benutzt eine Pause, um sich still lächelnd aus dem Zimmer zu drücken, so daß die bei dem Rabiaten noch durch seine Gegenwart zurückgehaltenen Haßtriebe nun auch noch zügellos entfesselt werden und erst die allerekelhafteste Form des Ausbruches veranlaßt wird. – Die Leute, die als ihr einziges revolutionäres Gesangsrepertoire meine Lieder singen, behandeln mich persönlich mit einer Verachtung und einer Niederknetung jedes Restes von Respekt, zu der ich meinen Todfeinden gegenüber nicht fähig wäre. Und frage ich mich, was ich diesen Leuten wohl Böses getan habe, inwiefern ich ihnen gegenüber wohl je eine schmutzige Charakteranlage oder Gesinnung betätigt haben mag, so finde ich keine Antwort. Es muß schon wirklich so sein, daß meine Opposition gegen die Moskauer Personendiktatur im Gewissen dieser Menschen jede Gehässigkeit gegen mich, jede Parteinahme für einen Psychopathen, dessen Verlogenheit sie xmal konstatiert haben, dessen Plagiate sie kennen, dessen Gesinnungslosigkeit sie einander zwanzigmal an Beispielen bewiesen haben, rechtfertigen läßt. Die völlige Morallosigkeit gegen politische Widersacher gehörte ja schon zu Marx’ eigner Methode (seine Schweinereien gegen Bakunin). Hier wird Lüge, Verleumdung, Beschmutzung des politischen Gegners als hohe Tugend ausdrücklich gefeiert, und mein Widerspruch gegen dieses Lumpensystem als Sentimentalität verlacht. Falsche und schlechte Lehren haben aber immer das Mißgeschick, auch falsch und schlecht angewandt zu werden. Und so übt man sich jetzt an mir, um zu zeigen, wie zynisch man um der Sache willen sein kann. Graßl ist ein zu großer Esel, um zu erkennen, was das im Prinzip bedeutet. Nämlich: Front gegen links! Mit allen Mitteln. Das war der Tod von Eisners Politik, das ist der Tod jeder inkonsequenten Revolutionspolitik – und ich fürchte, die Todsünde der Russen ist mit den Beschlüssen von Moskau auch besiegelt. Vielleicht halten wir wenigen Opponenten es noch auf. Ich will mich mit den Linken in allen Ländern zu einer oppositionellen Föderation in Verbindung setzen, und suche dazu vorläufig Verbindung mit Rühle und Merges in Deutschland, mit Pannekoek in Holland (der mir schon seine Bereitschaft zur Korrespondenz, wenn auch nicht zu aktiver Arbeit in einem netten Brief ausgesprochen hat), mit Nexö in Dänemark und mit Aldred in England. Hoffentlich ist auch in Rußland selbst eine Gegenbewegung gegen die Kapitulation der Bolschewiki vor den Sozialdemokraten im Gange.

Ich habe lange versäumt, hier die Toten der Zeit zu glossieren. So ist der alte Wundt um sein verdientes Marterl gekommen. Ich werde aber an die alte Gewohnheit erinnert durch eine seltsame Art der Benachrichtigung von einem Todesfall, an dem ich also noch zweifle. Kocmata schickte mir einen Ausschnitt aus einer Prager Zeitung zu, in dem von Caféhausleuten die Rede ist, natürlich auch von mir (übrigens endlich mal in einer nicht beleidigenden Form). Und da wird dann zum Schluß der „verstorbene“ Dr. Otto Groß erwähnt. Das berührt mich so eigentümlich. Lange könnte er noch nicht tot sein, da mich im März 19 noch seine Freundin in München mit Grüßen von ihm besuchte. Ich will mich erkundigen. – So erfuhr ich auch erst vor einem halben Jahr vom Tode meines lieben Knief durch eine Radeksche Broschüre, der während der Schreckenswirtschaft der Weißen in Bremen dort in einem Spital starb. Ich erwähnte ihn in meiner Postkarte an Pannekoek als unsern gemeinsamen Freund, und diese Beziehung zu einem wertvollen Toten gab auch seinem Brief an mich einen warmen Ton. Ja, Knief wäre jetzt unser Mann, um die Idee der Revolution rein zu halten. Tot. – Und Otto Groß? Wieviel lächelnde Erinnerungen knüpfen sich mir an seinen Namen. Und wie nah tritt mir beim Gedanken an seinen Tod die Frau, der er den Namen gab und die mir so tiefes Erlebnis war: Frieda!

 

Ansbach, Montag, d. 27. September 1920.

Eine schöne glückliche Unterbrechung erfuhr heute meine Einzelhaft durch den Besuch Karl Petermeiers. Leider mußte ich den lieben Jungen unten im kalten Besuchsraum empfangen (der trotz Helmes’ Versprechen und meines Verlangens nicht geheizt wurde. Das wäre dem Oberaufseher doch zu tief gegen die Feldwebelseele gegangen). So habe ich jetzt einige Gesichtsschmerzen, aber doch die innere Erwärmung durch 4 Stunden angeregter Unterhaltung mit einem meiner liebsten und treuesten Revolutionsgefährten. Der Bericht aus München klingt toll. Hindenburg und Ludendorff lassen sich anhochen; die Begeisterung für Ruprecht und die Einwohnerwehr ist unermeßlich, alles hängt voll schwarzweißroter Fahnen, alle Wände sind voll von Aufschriften: Hoch König Ruprecht! Hoch die Monarchie! Hakenkreuze zieren alle Straßenecken. Ob die Herrschaften nur Generalprobe machen oder wirklich jetzt schon den entscheidenden Schlag tun wollen, ist noch nicht gewiß. Jedenfalls haben die Führer der Unabhängigen Kämpfer, Unterleitner, Winter e tutti quanti es vorgezogen, sich außerhalb Münchens zu begeben, da sie wohl das Gefühl dafür haben, daß sie bei einer Revolution nichts zu suchen haben. Auf meinen Wunsch ist auch Zenzl für die kritische Zeit von München fort, und so werde ich diese ganze Woche nichts von ihr hören und ihr nicht schreiben können, eine Extra-Erschwerung meiner Lage. Was im Falle des royalistischen Putsches wird, ist schwer zu prophezeien. Zwar kündigt der Gewerkschaftsverein für diesen Fall den Generalstreik an, aber man weiß schon, daß ers grade sein wird, der ihn zu früh abbremsen wird. Und auf die Kommunisten unter Graf und Thomas setze ich garkeine Hoffnungen. Sie beschimpfen die Arbeiter, weil sie die Parole zum 2stündigen Proteststreik gegen die Verhaftung Eisenbergers nicht befolgt haben und ahnen nicht, daß eine solche kümmerliche Parole bei keinem Revolutionär Begeisterung erwecken kann. Und mit der „Disziplin“, auf die sie alle ihre revolutionäre Hoffnung setzen, – natürlich die, die sie selbst kommandieren – sind sie eben ausgerutscht, was nicht gegen die Arbeiter spricht. – Mit meinen Zähnen gehts etwas besser. Morgen muß ich wieder zum Zahnarzt. Schlimm ist, daß ich noch immer große Schwierigkeiten mit dem Essen habe. Und die Nachwirkungen der vielen schlaflosen Nächte und der Weberschen Kraftentladung und Grasslschen Kräfteschonung sind noch stark bemerkbar. Karl war nicht wenig erstaunt von meinem Bericht, und mir tats wohl, ihn einer fühlenden Brust geben zu können. Nun werde ich wohl lange keinen Besuch mehr sehn. Und bin ich erst in Niederschönenfeld, dann wird die Freude an den Besuchen getrübt sein. Zenzl wird dort im Besuchsraum empfangen werden müssen und alle andern unter Aufsicht gestellt werden. Vollmann schwingt dort das Zepter. Ich werde nicht mehr in Briefen und Artikeln schreiben können, was ich mag. Disziplinarstrafen werden regnen, Schikanen aller Art werden mein Leben garnieren. Und doch – ich werde unter Freunden sein, werde Genossen um mich haben und mich nicht mehr als Paria fühlen: wär ich nur erst dort!

 

Ansbach, Dienstag, d. 28. September 1920.

Durch Rina Karreman erhielt ich die Adresse Pannekoeks, der mir auf Anfrage schrieb, daß er gern mit mir korrespondieren wolle, wenn er auch durch Arbeitsüberhäufung verhindert sei, mitzuarbeiten, hervorzutreten oder in „in tätiger Verbindung“ mit den übrigen Genossen der holländischen KP-Opposition zu sein. Ich schrieb ihm jetzt folgenden Brief: Ansbach, d. 27. September 1920 „Werter Genosse Pannekoek! In medias res. Im März dieses Jahres, grade in den Tagen der Kapp-Operette, als ich meine Festungsstrafe 2 Monate durch eine Gefängnishaft unterbrechen mußte, schrieb ich eine ziemlich umfangreiche Broschüre „die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus“. Der Umstand, daß alle meine Arbeiten einer Zensur unterliegen, hat es verschuldet, daß die Schrift jetzt nach einem vollen halben Jahr noch nicht aus der Strafanstalt herauskommen konnte. Ihr Inhalt ist infolgedessen, soweit er Aktualitätswert hatte, großenteils überholt, und wenn die Arbeit einmal wird in Druck gegeben werden können, werden nur noch die akademischen Aufstellungen darin von Interesse sein. Es handelte sich mir hauptsächlich um eine theoretische Widerlegung der in den Heidelberger „Leitsätzen“ der KPD niedergelegten Prinzipien, darüber hinaus um eine fixierte Definition des Begriffs Bolschewismus, ferner um den Nachweis, daß die in diesem Begriff ausgedrückten Maximen in wesentlichsten Punkten mit Bakunins antiautoritären Tendenzen übereinstimmen und also den kommunistischen Anarchisten der Weg zur 3. Internationale offen sei, sofern sie ihren ungerechtfertigten Widerstand gegen die proletarische Rätediktatur aufgäben, – und endlich um die Propagierung einer organisatorischen Idee, die für Deutschland die Zersplitterung der linksrevolutionären kommunistischen Proletarier – in Parteikommunisten, kommunistische Anarchisten, Syndikalisten, Unionisten etc. – selbst als Mittel zur revolutionären Einigung gebrauchen wollte, so zwar, daß keine Partei, keine Gruppe, keine Richtung aufgelöst, geändert oder einer andern einverleibt werden sollte, sondern alle Korporationen, bzw. auch Einzelindividuen, die den Kommunismus auf dem Wege der Sowjetmacht und der proletarischen Diktatur zu erkämpfen entschlossen sind, zu einer „Kommunistischen Föderation“ zu vereinigen seien. Es sollte also das Prinzip einer „Kommunistischen Internationale“, so wie sie sein müßte und nach Sinowjews früheren Publikationen auch geplant war, zunächst national verwirklicht werden. Eine solche labile Organisation, netzartig föderiert durch lokale, provinzielle und territoriale, bzw. nach politischen und berufs- oder betriebsmäßigen Koalitionen räteartig bevollmächtigte und abberufbare Vollzugsorgane, die gleichzeitig vom imperativen Mandat ihrer Auftraggeber abhängig und doch jederzeit in vorbereiteter Gemeinschaft schlagfertig wären, – eine solche Föderation schüfe kurzerhand den Übelstand aus dem Wege, der bis jetzt allen Aktionen am hinderlichsten war: die Hilflosigkeit der Arbeiterschaft im Moment des Handelns, wie sie sich grade in jenen Märztagen, als ich mein System niederlegte, so verhängnisvoll manifestierte. Man wählte, improvisierte „Aktionsausschüsse“ aus „den 3 sozialistischen Parteien“, wobei also die KPD mit einem Drittel der Stimmen und die revolutionären Outsider (Anarchisten, Syndikalisten etc) garnicht vertreten waren. Die Wirkung war klar: Konzessionen, Kompromisse, Halbheiten, Verzögerungen, Betrug der Rechtsbonzen, Niederlage. – Nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen war und aus den Zeitungen nachträglich erkannte, welche Rolle grade auch die KPD im März gespielt hatte (das Proletariat sei nicht reif, Propagierung der sozialdemokratischen Regierung mit Zusicherung „loyaler Opposition“ etc) schrieb ich im Mai ein Nachwort, in dem ich die Konstituierung der „Kommunistischen Föderation“ links der KPD vorschlug. Doch nahm ich mir inzwischen vor, das Resumee zurückzustellen, bis die Freigabe der Broschüre zum Druck erfolgt sei und ich aus den inzwischen geschaffenen Situationen die notwendigen praktischen Rückschlüsse ziehn konnte. – Inzwischen hat der 2. Kongreß der Komm. Internationale getagt und seine 21 Punkte für die Aufnahmebedingungen nebst seiner allgemeinen Prinzipienerklärung niedergelegt. Dadurch ist eine völlig veränderte Lage geschaffen. Vor allem ist das Problem, das nach Heidelberg ein deutsches war, ein internationales geworden. Man ist bei uns ungemein interessiert für die Frage, ob die USP sich fügen werde. Mir scheint, daß diese Frage ganz irrelevant ist. In der Tat hat die Internationale die Prinzipien der USP – als der konsequenten Wahrerin der sozialdemokratischen Tradition – vollkommen anerkannt, die offizielle kommunistische Partei hat sich der USP unterworfen mit ihrem bürokratischen Zentralismus, ihrer obligatorischen Parlaments- und Gewerkschaftspolitik, ihrer grundsätzlichen Respektierung legaler Institutionen (Beteiligung an den gouvernementalen Betriebsräten) etc. Ob nun die USP sich spaltet und ein Teil nach rechts abschwenkt, der andre Teil als Sieger auf der ganzen Front den Namen des Besiegten und seinen bürokratischen Apparat annimmt, – dies sind keine revolutionären Prinzip- sondern interne Parteiangelegenheiten, die die kommunistischen Zentrale-Parteien und die Unabhängigen unter sich und untereinander ausmachen können. – Ganz anders stellt sich das Problem für uns Linke dar. Wir stehn vor der blanken Tatsache, daß uns der Stuhl vor die Tür gestellt ist, daß in der sogenannten „Kommunistischen Internationale“ für Revolutionäre, die unmittelbar und direkt auf den Sieg des Proletariats hinarbeiten möchten, kein Platz ist. Wir müssen konstatieren, daß der Beschluß vom Haag 1872, mit dem Marx Bakunin und Guillaume wegen ihrer Ablehnung opportunistischer Methoden aus der 1. Internationale ausschließen ließ, daß der 24 Jahre später 1896 in London gefaßte Beschluß, nach dem Anarchisten und Antiparlamentaristen aus der 2. Internationale ausgeschlossen wurden und damit deren Absturz zum 4. August 1914 vorbereitet wurde, – daß diese Beschlüsse nach abermals 24 Jahren 1920 in Moskau ihre getreue Wiederholung fanden, indem wiederum die Grundsatzlosigkeit zum Grundsatz erhoben, wiederum ein mit despotischer Macht ausgestatteter Generalrat praeceptor mundi wurde, wiederum eine internationalisierte Partei als Internationale ausgegeben wird, – diesmal aber inmitten der revolutionären Katastrophe selbst, sodaß das Unglück, das aus den Beschlüssen von 1872 und 1896 erwuchs, diesesmal potenziert und irreparabel hereinzubrechen droht. – Mit welcher Bewußtheit und Rigorosität die Internationale gegen links abgegrenzt werden soll, geht am deutlichsten aus dem letzten Aufruf Sinowjews an die Kommunistische Jugend-Internationale hervor, die direkt aufgefordert wird, sich von der Gemeinschaft mit den „überradikalen“ Genossen zu befreien. Grade die Jungen also, deren schönes Vorrecht es ist, ohne vorsichtige Erwägungen und ängstliche Zurückhaltung fröhlich aufs Ganze zu gehen, werden in ihrem temperamentvollsten Teil aus der 3. Internationale ausgeschlossen und zur Passivität verurteilt. Es ist zwecklos, sich vor diesen Tatsachen die Augen zu verbinden, und es ist notwendig, Entschlüsse zu fassen. – Der Gedanke, eine Gegen-Internationale zu schaffen, scheint mir gefährlich. Es würde erreicht werden, daß der Kampf der Kommunisten gegen den internationalen Kapitalismus mehr noch als bisher schon zu einem Prestigekampf der Internationalen gegeneinander umschlüge. Überdies wäre eine direkte Frontbildung gegen Moskau eine empörende Ungerechtigkeit gegen die Genossen, die mit der Durchführung der proletarischen Revolution in Rußland die Weltrevolution überhaupt in aktive Bewegung gesetzt haben. Da außerdem die Gründung einer neuen anarchistischen Internationale schon lange in den beteiligten Organisationen und Zeitschriften erörtert wird, so droht ein grotesker Bruderkampf zwischen allen möglichen Konkurrenz-Internationalen, von den Rudimenten der 2. nicht zu reden, bei dem der Leidtragende das internationale Proletariat sein muß. – Dennoch glaube ich, daß eine Lösung möglich sein wird, und zwar genau auf dem gleichen Wege, auf dem ich die Einigung der Kommunisten in Deutschland herbeiführen wollte. Es müßte eine lockere Verbindung zwischen allen denen geschaffen werden, die auf bolschewistischem Wege zum Kommunismus streben, ohne Moskaus Dekreten zustimmen zu können. Es wäre also eine internationale Föderation zu schaffen, in der die Organisationsform der angeschlossenen Verbände durchaus frei bleibt und deren Verwaltungsapparat sich ganz und gar auf die notwendige Korrespondenz und auf die dauernde Vermittlung der gegenseitigen Verständigung beschränkt. In Interna der Parteien, Gruppen, Wirtschaftskampfverbände etc. hat sich die Föderation in keiner Weise einzumischen; es geht sie nichts an, ob etwa die KAPD sich zentralistisch organisiert oder in einen Bund verwandelt, und für die Zugehörigkeit kommt nur in Betracht der unbedingte Wille zum Kommunismus, das einwandfreie Bekenntnis zum Internationalismus, zum konsequenten Klassenkampf, zur proletarischen Rätediktatur, zur endlichen Auflösung der Staaten in einer Weltföderation von Sowjetrepubliken. – Mit der „Kommunistischen Internationale“ von Moskau könnte diese Föderation sehr wohl beste Nachbarschaft halten und ihr selbst als eine Parteigemeinschaft, in deren Angelegenheiten nicht der geringste Eingriff geplant ist, den Beitritt offen halten. Wer sich dem Kommando des Exekutiv-Komitees unterwerfen will, dem soll es ja unbenommen bleiben. Da indessen die russischen Genossen durch den Verlauf der kommenden Dinge werden erkennen müssen, daß große und wichtige Teile des revolutionär entschlossenen Proletariats ihre Aktionen durchaus nach eigenem Wollen und Ermessen lenken werden, so ließe sich wenigstens verhindern, daß sich die westeuropäische Revolution außerhalb und selbst gegen die 3. Internationale abspielt, wenn man dieser ihre Anhängerschaft in keiner Weise abspänstig zu machen sucht, ihr aber gleichzeitig die Möglichkeit nimmt, die Aktionen derer, die sich nicht als ihre Rekruten empfinden, zu sabotieren. – Ich gebe Ihnen, Genosse Pannekoek, diese Gedanken zunächst zur Überprüfung. Natürlich weiß ich, daß sie nur dürftigstes Rohmaterial enthalten. Sollten Sie aber meinen, daß sich daraus Festeres fügen lasse, so stelle ich Ihnen anheim, da Sie selbst ja praktische Arbeiten nicht übernehmen können, meine Anregungen aktiven Oppositions-Genossen (vielleicht Gen. Gorter oder Roland-Holst, deren Adressen ich nicht habe) zu übermitteln. Mir verbietet meine Gefangenschaft, mehr zu tun als hier und da eine Idee in den Lärm der Meinungen einzuwerfen. Sonst würde ich eine Besprechung der durch die Moskauer Beschlüsse geschaffenen Lage unter den Hauptvertretern der internationalen Opposition betrieben haben. Ich beabsichtige, eine Abschrift der hier entwickelten Gedanken in Deutschland dem Genossen Rühle zuzustellen und auch den Genossen Aldred in England zu unterrichten. Vielleicht führe ich immerhin einen Meinungsaustausch herbei, der früher oder später nützliche Wirkungen haben kann. – Was hätte Rosa Luxemburg, was Franz Mehring gesagt, wenn sie erlebt hätten, daß die erste Tat der 3. Internationale die war, Sie, die Genossin Roland-Holst und Otto Rühle aus ihrer Mitte auszuschließen! – Seien Sie mit Dank für Ihre rasche Beantwortung meiner Karte in revolutionärer Kameradschaft gegrüßt von Ihrem Sie verehrenden  Erich Mühsam.“

 

Ansbach, Mittwoch, d. 29. September 1920.

Ein Regenschauer hat mich vorzeitig vom Hof heraufgeschreckt, und da die Schmerzen nicht nachlassen wollen – sie sind jetzt besonders spürbar in der Schläfengegend, was ich auf die Schläge zurückführe – (Jetzt werde ich eben durch den persönlichen Besuch des Staatsanwalts unterbrochen: davon gleich). – Ich bin also wegen der durch den Zug gesteigerten Schmerzen nicht wieder hinuntergegangen. Die Herren Genossen betätigen sich derweil als Holzarbeiter und verdienen 6 Mark pro Tag: Paul Grassl und Markus Reichert sägen Holzstämme, Max Josef Schwab spaltet die Klötze, und damit die Arbeit munter fortfließt, begleitet Max Weber sie mit guten Reden. Sie sind also alle ein Herz und eine Seele, und ich bin vollständig isoliert: mit W. und Gr. offene Feindschaft, kein Gruß, kein Blick, Markus wahrt mit prononcierter Zurückhaltung die äußeren Formen, und Schwab ist zwar nett und freundschaftlich, aber auch nur, wenn ich ihn aufsuche oder anrede, er selbst läßt sich nie blicken. Ich bin also etwa in der Lage, in der sich seinerzeit Dosch befand, nur finde ich die Gründe nicht. So sehr ich weiß, daß derartige Konflikte nie ganz dem andern Teil als Alleinschuld aufgebürdet werden dürfen – zumal wenn die andre Seite sich aus 4 Leuten zusammensetzt und man selbst nur einer ist, finde ich absolut nicht heraus, in welcher Weise ich zu einem derartigen solidarischen Affront gegen mich Anlaß gegeben hätte: es sei denn, daß wirklich nur meine syndikalistisch-anarchistische Stellung zu der Moskauer Provokation, die ich durchaus nicht aggressiv betont habe, ja, wegen der Nervosität im Haus kaum erörtert habe, als Grund angesehn wird, mich wie einen Aussätzigen zu meiden. Für mich steht die Tatsache fest, daß Weber meine Krankheit und meinen Fieberzustand als Gelegenheit wahrnahm, Streit vom Zaun zu brechen und als ihm das am zweiten Tag gelang, ihn auf die Spitze zu treiben und mit der Faust mein angeschwollenes Gesicht zu bearbeiten, mich rüde zu beschimpfen und anzuspucken, daß Graßl die Gewalttätigkeiten gegen einen kranken Genossen mit ansah und währenddem den Raum verließ, und daß die übrigen trotz und während meiner Krankheit durch festere Freundschaft mit dem Rohling und sichtbares Meiden jeder Begegnung mit mir offen Partei gegen mich nehmen. – Ich hatte mich heute früh zum Arzt gemeldet, um ihm meinen körperlichen und nervösen Zustand zu schildern, habe ihm bei der Gelegenheit auch von dem Zusammenstoß berichtet und von ihm ein Gutachten darüber erbeten, daß ich aus gesundheitlichen Gründen hier fort müsse. Er versprach mir, mit dem Staatsanwalt zu reden, und deshalb war der eben bei mir. Er riet mir, eine schriftliche Eingabe, wenn nicht direkt ans Ministerium, so doch an ihn zu machen, in der ich meinen Gesundheitszustand darlegte und daraus die Notwendigkeit meiner Wegversetzung ableitete. Das will ich nun tun, selbstredend ohne das Weberlied anzustimmen, aber doch so, daß meine Isolierung und Ächtung als Moment der Nerventortur nicht übergangen wird. Ich habe Ansbach mehr als satt. Erwache ich morgens, dann ist die Mörikestimmung als Gruß da: So kommt ein Tag herauf – o ging er wieder! – Vor mir sehe ich die Niederschönenfelder Vollmann-Traufe: nur hinein! Ärger kanns nicht werden!

 

Abschrift: „Ansbach, d. 29. Sept. 1920, Festungshaftanstalt. Sehr geehrter Herr Staatsanwalt! Mein bereits mehrfach mündlich geäußertes Ersuchen um schleunige Wegversetzung von hier in die Festungshaftanstalt Niederschönenfeld gestatte ich mir hiermit schriftlich zu wiederholen, und zwar unter besonderer Hervorhebung der Schäden, die mein Gesundheitszustand durch die Ansbacher Haftverhältnisse bereits erlitten hat, und die ihm bei Fortwirkung dieser Verhältnisse auf meine Konstitution weiterhin drohen. – Mein schwächlicher und wenig widerstandsfähiger Körper reagiert in empfindlichster Weise auf Nervenreizungen und zwar vorwiegend durch Akutwerden konstitutioneller Leiden. Eine im allgemeinen wenig spürbare Herzerweiterung äußert sich bei stärkerer Nervenaffektation durch schwere Erschöpfungszustände, die bei größter Erschlaffung der körperlichen Energieen dennoch mit Schlaflosigkeit verbunden auftreten, sodaß häufig starke Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und allgemeines Übelbefinden die ferneren Wirkungen sind. Es kommt ein – bereits vom Herrn Landgerichtsarzt hier behandeltes – Ohrenleiden hinzu, das sich durch ständiges Sausen und verminderte Hörfähigkeit des rechten Ohres äußert, und das ebenfalls bei verstärkten nervösen Reizungen besonders heftig in Erscheinung tritt. – Eine langwierige, äußerst schmerzhafte Zahnerkrankung – chronische Wurzelhautkrankheit rechts, und zugleich akute Erkrankung eines Zahns links – (derentwegen ich in Behandlung bei Herrn Zahnarzt Wittner bin) hat meine nervöse Reizbarkeit in der letzten Zeit noch ganz außerordentlich vermehrt, sodaß ich mich zur Zeit in einem keineswegs zufriedenstellenden Zustand körperlicher Indisposition und nervöser Erschöpfung befinde. – Das gleichzeitige Auftreten der verschiedenartigen Symptome meiner Leiden – zu denen ich noch zeitweiliges Gliederreißen und Gürtelgefühl nennen könnte – führe ich im wesentlichen zurück auf die Einwirkungen der Anlage-Eigentümlichkeiten der Ansbacher Festungshaftanstalt und auf die aus ihnen resultierenden ungünstigen Geselligkeitsverhältnisse unter den Gefangenen. – Die Umwandlung des 2. Stockwerks des Landgerichtsgefängnisses zur Festungshaftanstalt hat an dem ursprünglichen Charakter der Anstalt sehr wenig zu ändern vermocht. Zur Bewegung innerhalb des Hauses steht uns außer der eigenen Zelle und dem Gemeinschaftsraum nur ein schmaler und kurzer Korridor zur Verfügung, den ein starkes, käfigartiges Gitter gegen die Treppe zu abschließt. Ebenso begrenzt ein derartiges Gitter den Korridor gegen die Räume des Aufsichtspersonals, sodaß wir in dem engen Raum, in dem wir uns bewegen müssen, auf Schritt und Tritt daran erinnert werden, in was für einem Hause wir uns befinden. Unerträglich verschärft wird diese Empfindung durch die nächtliche Zellenabsperrung. Die Zellen sind mit 2 schweren Türen versehn, deren Schließen und Öffnen durch das Handhaben von Riegeln, Zapfen und Schlössern eine anhaltende und sehr geräuschvolle Störung verursacht. Bei meiner Nervosität und leicht gestörten Schlaffähigkeit hat das die Wirkung, daß ich bei früherem Schlafengehn, wenn es mir gelingt, bald einzuschlafen, durch den Lärm und das Gerassel beim Zuschließen wieder aufgeschreckt werde und viele Stunden nicht mehr einschlafen kann, und daß umgekehrt, wenn ich nach einer schlaflosen Nacht in den Morgenstunden endlich Schlaf finde, das Öffnen der beiden Türen mich wieder weckt. Die örtlichen Verhältnisse hier begünstigen also eine psychische Depression, die meine Nerven besonders zugänglich findet, seit es dem Aufsichtspersonal – im Gegensatz zur früheren Übung – verboten wurde, vor dem Betreten unsrer Zellen anzuklopfen, sodaß abgesehn von der beleidigenden Wirkung dieser Maßregel auch noch die Anlage zur Schreckhaftigkeit dauernd alteriert wird. – Als Aufenthalt im Freien steht uns bei gutem Wetter für 5 Stunden des Tags der Gefängnishof zur Verfügung, der nach Anlage und Einrichtung als Ort der Erholung gänzlich seinen Zweck verfehlt, zumal uns auch dank der ständigen Beaufsichtigung aus den Nachbarhäusern und der nach unsern Erfahrungen fortwährenden Drohung von Beschwerden der Anwohner wegen der geringsten Kleinigkeiten der Druck des Gefängnislebens auch in den Hofstunden nicht verläßt. So sind die Nerven durch die räumlichen Einrichtungen der Anstalt zur Reaktion auf Reizungen gradezu prädestiniert. Dafür, daß diese Reizungen sich fortgesetzt einstellen, sorgt aber die auf 5 Gefangene beschränkte Belegung der Festungshaftanstalt. Es ist selbstverständlich, daß 1 – 1½jährige Haft nicht spurlos an den betroffenen vorübergeht, und ebenso, daß Menschen, die zu ständigem Verkehr auf einander angewiesen sind, ihre Nervosität gegeneinander entladen. Wo ein größerer Kreis zusammen ist, läßt sich eine Abwechslung im Umgang einrichten oder auch eine Konzentrierung von Gruppen, die sich nach harmonierenden Temperamenten oder Anschauungen aus freier Wahl zusammenfinden. – Es hat sich früher hier in Ansbach gezeigt, daß bei Belegung der Anstalt mit 14 Gefangenen ein enges Harmonieren der überwiegenden Mehrzahl noch durchaus möglich war. Dagegen muß ein so enges Aufeinander-Angewiesensein von nur 5 Personen, die ja nicht nach eigner Wahl zusammengetan wurden, notwendig zu fortwährenden Reibereien und Unzuträglichkeiten führen. Das war hier umso weniger zu vermeiden, als mehrere ausgesprochene Choleriker mit stark überreizten Nerven unter uns sind. – Auf solche Art entstandene Mißhelligkeiten haben in letzter Zeit dahin geführt, daß ich mit mehreren meiner Mitgefangenen in ernsthaften und nicht ausgleichbaren Konflikt geraten bin. Ich mußte daraus die Konsequenz ziehn, mich völlig aus der Gemeinschaft der übrigen Gefangenen zurückzuziehn, sodaß ich nun hier in völliger gesellschaftlicher Isolierung lebe. – Bei meinem durchaus geselligen Naturell empfinde ich diesen Zustand als ungeheure Verschärfung meiner Gesamtlage. Meine Nerven leiden, was ich an den geschilderten, sich täglich steigernden Symptomen bemerke, auf das Allerempfindlichste darunter. Mein ganzer Organismus gerät in Mitleidenschaft, und die einzige Heilung aus dieser körperlich-seelischen Erkrankung erwarte ich aus der raschen Veränderung des Aufenthaltorts, wobei ich zugleich auch darauf aufmerksam mache, daß die ganze unerquickliche Atmosphäre, die augenblicklich in der Anstalt herrscht und sich für alle Gefangenen gleichmäßig peinlich äußert, durch meine Abreise behoben würde. – Aus allen diesen Gründen – vornehmlich aber mit Rücksicht auf meinen nervösen und körperlich-kranken Zustand – bitte ich Sie, sehr geehrter Herr Staatsanwalt, mein Gesuch um möglichst beschleunigte Versetzung von hier gfl. befürwortend an die zuständige Instanz weiterzuleiten, wobei ich zugleich ersuche, mir als künftigen Aufenthalt, wenn nicht Niederschönenfeld, so doch eine Anstalt zuzuweisen, in der ich keinesfalls den Schlafraum mit andern zu teilen hätte. Mit vorzüglicher Hochachtung   Erich Mühsam“

 

Es ist inzwischen ½ 10 Uhr geworden, aber ich will, statt die fällige Korrespondenz zu erledigen, doch lieber ein wenig von meinem schweren Herzen herunterschreiben, – und zu allem Leid kommt ja nun noch hinzu, daß meine gute Zenzl wer weiß wo ist, und ich ihr nicht schreiben kann. Eine Karte aus dem Österreichischen brachte einen Gruß von ihr. Wäre nur sie wieder erreichbar! Also meine Ausstoßung aus dem Kreise der Festungsgefangenen ist vollständig. Ich bin geächtet. – Mittag war Schwab noch bei mir. Ich legte ihm die Frage vor, warum ich wohl plötzlich diesem Haß ausgesetzt sei. Er meinte, wahrscheinlich wohl, weil ich gegen Moskau sei. Bei dieser Gelegenheit fragte ich ihn nach etwas, was uns alle praktisch angeht. Ich hatte nämlich vor einigen Tagen eine Karte von einem Mannheimer Genossen erhalten mit der Mitteilung, daß er an Reicherts Adresse zugleich eine Postanweisung über 100 Mark absende. Diese Karte hatte ich Markus sofort gegeben und nichts mehr davon gehört. Jetzt fragte ich also – einfach der Ordnung wegen – ob er nicht wisse, ob das Geld gekommen sei. Er wußte nichts. Nachmittags erhielt ich Post, darunter verschiedenes, was Reichert mit anging. Ich bat ihn deshalb, mit zu mir zu kommen. Weber war zugegen, und ich erhielt von Reichert die Antwort, ich könnte doch gleich sagen, was ich wolle, es brauche doch keine Geheimnisse zu geben. Darauf ging ich ohne Antwort hinaus, da ich in Webers Anwesenheit keine Gespräche mehr führen wollte. – Abends ging ich zu Schwab, den ich einlud, mal zu mir zu kommen, damit ich ihm den Brief an Helmes zeigen könnte. Währenddem kam Reichert herein, der mich suchte. Er hatte eine eben ausgefüllte Postanweisung an Streit in der Hand, dem er 180 Mark schicken wollte für die Bücher, die ich für ihn bestellt habe und derentwegen ich kürzlich großen Krach mit ihm hatte. Ich sollte die Adresse ausfüllen. Währenddem machte er mir Vorwürfe, daß ich ihn nicht selbst wegen des Geldes von Mannheim gefragt habe. Es sei angekommen, man habe es aber nur in 4 Teile geteilt, weil sie alle in Geldnöten seien und ich ja soviel mehr habe. Nun habe ich zwar nicht soviel, daß ich eine Postanweisung über 180 Mk wegschicken könnte, aber es ist selbstverständlich, daß ich wegen der 20 Mark kein Wort erwiderte. Mögen die vier noch je 5 Mk auf meine Kosten addieren. Aber daß dieser Beschluß hinter meinem Rücken gefaßt wurde! Daß man mich schon so als außerhalb der Gemeinschaft stehend betrachtet, daß man ohne mich, über meinen Kopf weg zu meinem Nachteil entscheidet! Hätte der betreffende Genosse nicht zufällig die Karte an mich geschrieben, dann hätte ich garnichts von der Sache erfahren, und die 180 Mark zeigen mir deutlich genug, daß noch eine Menge Geld für uns alle gekommen ist, das die andern vier hinter meinem Rücken unter sich allein verteilt haben. Um das Geld ist es mir nicht zu tun, obschon ich es auch brauchen könnte – denn ich bin der einzige von allen, der Familie hat. Aber mögen sie sich dran freuen! Nur die Gesinnung, die aus dieser Methode spricht, ist ärgerlich, und daß grade Markus Reichert da beteiligt ist, tut mir weh. Na gut. Ich ging dann noch mal zu Schwab hinein, um ihn zu erinnern, daß er zu mir kommen wollte. Er war merkwürdig aufgeregt und verteidigte sich fortwährend, daß er in der Geldsache doch nichts dafür könne. Endlich kam er heraus mit der Sprache. Er habe heute Markus R. das Versprechen geben müssen, daß er nicht mehr zu mir hineingehe. Er werde von den 3 andern überhaupt schon so angefeindet, weil er mit mir umgehe etc. – Darauf sagte ich nur noch: „Ach so stehn die Dinge! Das konnte ich nicht wissen. Gute Nacht“ – und ging. Und nun bin ich allein. Dem Einzigen, der noch zu mir hielt, ist es verboten worden, und er fügt sich, und der es ihm verboten hat, ist Markus Reichert, der Mensch, für den ich mich hätte schlachten lassen. – Ich bin traurig, sehr, sehr traurig.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 30. September 1920.

Ich war vorhin bei Markus, um ihn zu einer Aussprache zu veranlassen. Er ließ mich erst wie einen Schulbuben stehn, erledigte einen Brief, trug ihn hinaus und kam, nachdem ich solange warten mußte, wieder. Auf eine Auseinandersetzung unter 4 Augen ließ er sich nicht ein und meinte, ich könne ja vorgehn und mit allen sprechen. Ich ging darauf ein, mit allen außer Weber zu sprechen und bat M., die andern beiden zu mir in die Zelle zu rufen. Es erschien niemand. Jetzt will ich Markus diesen Brief in seine Stube legen: „Lieber Markus! Es scheint Dir nicht gelungen zu sein, die Genossen Grassl und Schwab zu bewegen, sich zu einer Aussprache mit mir bereit zu finden. Da Du selbst es ablehnst, Dich mit mir auseinanderzusetzen, bleibt mir nichts übrig, als Dir, in dem ich immer einen Freund und gerechten Menschen gesehn habe, zu schreiben. – Ich werde seit einiger Zeit vollständig boykottiert. Die Gründe dafür sind mir nicht bekannt. Mein Wunsch besteht einzig darin, sie kennen zu lernen. Zu einer so schroffen Maßnahme gegen einen Mitgefangenen, ihn der völligen Isolierung, der Ächtung und gesellschaftlichen Meidung auszusetzen, berechtigen meiner Ansicht nach nur Handlungen, die als Verrat oder ausgemachte Schurkerei anzusehn sind. Ich bin mir derartiger Handlungen nicht bewußt. Glaubt Ihr, sie mir vorwerfen zu können, so glaube ich mindestens Anspruch darauf zu haben, diese Vorwürfe zu erfahren, um mich dagegen rechtfertigen zu können. – Sollte mein Renkontre mit Weber der Grund zu Eurer Haltung gegen mich sein, so glaube ich auch da das Recht beanspruchen zu können, gehört zu werden. Ich kann nicht wissen, wie W. Euch über die Sache orientiert hat. Tatsache ist, daß während ich heftige Schmerzen und Fieber hatte, ein Streit zwischen uns entstand, in dessen Verlauf er ausfällig gegen meine Frau wurde. Dadurch ließ ich mich zu einem Schimpfwort hinreißen. Die Folge war, daß W. mich daraufhin im Gemeinschaftsraum schwer mißhandelt hat. Paul Gr. verließ nach einem schwachen Versuch, ihn zurückzuhalten, während der Szene den Gemeinschaftsraum, worauf ich in meinem kranken Zustand und bei meiner körperlichen Schwäche und Ungelenkheit dem Angreifer wehrlos preisgegeben war. Er versuchte mich zu zwingen, vor ihm niederzuknieen und spuckte mir ins Gesicht. Ich habe das gegen ihn gebrauchte Schimpfwort zurückgenommen. Er hat mich als Lump, Verräter, Betrüger, schmutziger Jude etc. beschimpft und hat nichts zurückgenommen. Daß ich darauf nicht mit W. am selben Tisch essen mag und auch keine Auseinandersetzungen mehr mit ihm wünsche, wirst Du begreifen. Ich glaube nicht, daß Du oder ein anderer Genosse anders handeln würde. – Ich habe alles unternommen, um meine Wegversetzung von hier so schnell wie möglich zu erreichen, wobei ich, wie ich glaube, eine Darstellung der Umstände gegeben habe, die nichts Denunziatorisches an sich hatte und die ganze Schuld auf die durch die örtlichen Verhältnisse bedingten Nervenreizungen geschoben habe. Es ist mir schmerzlich, in der letzten Zeit meines Aufenthalts hier grade mit Dir in Unfrieden leben zu sollen. Du selbst wirst in 3 Wochen frei. Nachdem wir ein ganzes Jahr, von einigen nervösen Zusammenstößen abgesehn, immer in Frieden und Freundschaft miteinander ausgekommen sind, täte es mir bitter leid, wenn wir als Feinde scheiden sollten. Glaubst Du aber, mir Vergehn vorwerfen zu müssen, die Dir den Umgang mit mir grundsätzlich verbieten, so bitte ich Dich, mir wenigstens zu sagen, worin diese Vorwürfe bestehn. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß ich es nicht weiß und keine Erklärung dafür habe, daß ich jetzt behandelt werde wie irgendein Dosch. Dein     Erich Mühsam.“

 

Das war gegen 2 Uhr nachmittag. Jetzt ist’s bald 10 Uhr abend. Antwort ist nicht gekommen: Paul Graßls Nächstenliebe. – Ich habe, um mich vor Intriguen beim Proletariat zu schützen, an Schollenbruch einen ausführlichen Bericht über die Angelegenheit geschrieben. – Inzwischen ängstige ich mich schrecklich um Zenzl. Die Festivitäten in München gehn schwungvoll weiter, und Gott mag wissen, was noch draus werden wird. Auffällig ist, daß der Reichskanzler Fehrenbach grade jetzt nach München gefahren ist und mit Kahr und den Bajuwaren verhandelt. Er wird wohl Baiern fürs Reich zu retten versuchen, wenn auch als Monarchie. Vermutlich knobelt man um den „Rechtsboden“, wie man das Königreich in der Republik verstauen kann. Wir habens weit gebracht mit unsrer Revolution!

 

Ansbach, Freitag, d. 1. Oktober 1920.

Von Markus kam heute früh eine sonderbare Antwort. Er geht mit keinem Wort auf den Inhalt meines Briefs ein, beklagt sich nur darüber, daß er Ärgeres als irgendein andrer durchgemacht habe, von allen – auch materiell – im Stich gelassen wurde, und verlangt seine Ruhe für die letzten Tage seiner Gefangenschaft. – Wenigstens eine Antwort. Ich habe ihm freundlich wieder geantwortet. – Als vormittags die Post kam, wollte ich, der allein im Gemeinschaftsraum war, den Postsack öffnen. Der Schlüssel war aber nicht in dem dafür bestimmten Kästchen, und der Hausbursche sagte mir, daß Weber ihn habe, der dann auch kam und aufschloß. Hierauf folgendes Gespräch: Ich: „Der Schlüssel gehört in die rote Schachtel“. Er: „Der Schlüssel gehört dahin, wo ich es bestimme“ (Damit schob er ihn wieder in sein Portemonnaie). Ich: „Das wird sich zeigen“. Er: „Du hältst den Mund – verstehste? Sonst –“ (Ich verlasse das Lokal). Draußen stellte ich Schwab. Er war verlegen und erklärte: „Jo, dees geht do mi nix a“. – Jetzt will ich diesen Brief auf den Eßtisch legen: „An die Genossen Graßl, Reichert und Schwab. 1. Oktober 1920. Genossen! Ich ersuche Euch noch einmal um eine Aussprache – und zwar aus den Gründen, die Ihr kennt, nur Euch drei. Ich habe nicht die Absicht, Eure Sympathie zu erbetteln. Es handelt sich nur einfach darum, zu erfahren, auf welche Anklagen sich das Urteil stützt, das von Euch an mir vollstreckt wird und ferner darum, gewisse Einzelheiten zu regeln, die gegenwärtig in Verwirrung sind. Ich kann es nicht zugeben, daß der Schlüssel zum Postsack nicht mehr an allgemein zugänglicher Stelle verwahrt wird, sondern in Webers Obhut gegeben ist. Dadurch würde ich gezwungen, ihn jedesmal, wenn ich etwa mittags einen Brief wegschicken wollte, erst um Erlaubnis dazu zu bitten, was Ihr mir wohl nicht zumuten werdet. – Wenn Ihr die Absicht gehabt habt, mir das Leben hier zur unerträglichen Qual zu machen, so habt Ihr das erreicht, und ich kann Euch nicht hindern, mich weiter wie einen Spitzel zu meiden. Die Rechte aber, die mir als einfachem Mitgefangenen zustehen, lasse ich mir nicht kürzen. – Ich bitte Euch also, entweder in meiner oder in einer von Euern Zellen eine Besprechung herbeizuführen. Ich verspreche Euch, daß Ihr danach von mir völlig in Ruhe gelassen werden sollt.    Erich Mühsam.“

 

Ansbach, Sonnabend, d. 2. Oktober 1920.

Hatte ich täglich geglaubt, die Ekelhaftigkeiten, die jetzt mein Leben verschönen, seien nicht mehr zu überbieten, so belehrt mich jeder neue Tag eines andern. Gestern abend kam Schwab und lud mich ein, in den Gemeinschaftsraum zu kommen, wo alle versammelt seien, auch Weber. Ich weigerte mich darauf mitzukommen, aber Schwab erklärte, die Vorwürfe, die man gegen mich erhebe, seien so schwer, daß alles völlig aus sei, wenn ich nicht erscheine. So überwand ich mich und ging. Die Situation war eigenartig. Graßl und Weber saßen, jeder mit einem Notizpapier vor sich, am Tisch, Reichert und Schwab abseits. Ich stellte mich an einen Stuhl, und Graßl nahm das Wort, um mir meine Schandtaten vorzuhalten. Ich erfuhr, daß ich „ein ganz gemeiner Schuft“ sei, den man endlich durchschaut habe. Gründe? Aller möglicher alter Dreck wurde vorgekehrt und hübsch gegen mich zurechtgeschustert. Vor allem: Zenzl hatte sich im Mai von Weber eine Bürste ausgeliehn. Unglücklicherweise hatte sie sie dann in Konstanz vergessen, und ich hatte Unannehmlichkeiten deswegen. Als Weigel hier war und ich damals mit Weber in Krach geriet, schmiß er mir die Sache so taktlos vor, daß ich am selben Abend Zenzl schrieb, sie möchte alles tun, das Ding schleunigst wiederzuschaffen, da es mir bei einem Streit an den Kopf geworfen sei. Zenzl telegrafierte an Reitze und die Bürste kam. Die gute Zenzl hatte aber noch ein übriges getan, nämlich an Graßl einen Brief gerichtet, worin sie ihn bat, doch dafür zu sorgen, daß die Nerven nicht wegen solcher Kleinigkeiten alteriert werden. Im übrigen habe sie in der Revolution mehr verloren als eine Kleiderbürste. Ich habe diesen Brief erst gestern im Wortlaut kennen gelernt. Wohl aber hatte Graßl ihn Weber nicht blos gezeigt, sondern ihm auch als Material ausgehändigt. Nun hatte, wie ich ebenfalls gestern erfuhr, Helmes aufgrund dieses Bürstenbriefwechsels Anlaß genommen, mit Weber zu sprechen (was sicher sehr überflüssig war), und ich wurde jetzt als Denunziant hingestellt, ungeachtet dessen, daß mir Graßls Braut (zwischen der und ihm ich seinerzeit erst die Versöhnung herbeigeführt hatte) ebenfalls einmal einen Brief geschrieben hat, um meine Nerven nicht gegen ihren Paul loszulassen. Dann aber hatte Helmes gestern sowohl Weber wie Graßl heruntergerufen, um sie wegen meines Briefs an Schollenbruch und vorher eines an Weigel zu interpellieren (es ist mir sehr zweifelhaft, ob er ihnen von deren Inhalt überhaupt Kenntnis geben durfte). Das soll nun also eine ganz gröbliche Denunziation gewesen sein. Daß diese Briefe erst geschrieben wurden, als der Boykott schon gegen mich verhängt war, verschlägt nichts dagegen, ihn damit zu begründen. Ich erwiderte sehr ruhig und sachlich. Dann kam Weber mit einem Bündel von Anklagen, unter denen die Kleiderbürste wieder den breitesten Platz beanspruchte. Bei dieser Gelegenheit beschimpfte der Mensch Zenzl ganz ordinär. Ich wollte darauf hinausgehn, mir wurde aber der Weg versperrt und ich genötigt, auch das zu schlucken. Das werde ich besonders Graßl nicht vergessen. Weiter: Weigel hatte mir seinerzeit, als ich ihn fragte, warum Webers Wunsch, als Parlamentskandidat aufgestellt zu werden, nicht erfüllt sei, gesagt, er sei wegen § 175 vorbestraft. Ich habe das später bei irgend einer Gelegenheit – und natürlich ohne den geringsten Vorwurf – Graßl erzählt, der es damals freundlich lächelnd zur Kenntnis nahm. Jetzt stellte sich heraus, daß er nachträglich Weber diese Geschichte denunziatorisch hinterbracht hat, und mir wurde erklärt, Helmes habe bestätigt, daß eine solche Verurteilung nie erfolgt sei. Ich werde nun natürlich mit Weigel darüber noch eine wenig angenehme Korrespondenz führen müssen. Dann wurde unser vorletzter und letzter Krach noch einmal ausgebreitet, natürlich ganz in Weberscher Aufmachung – und kurzum, ich war – unter dauerndem Kopfnicken, Ermuntern und hetzenden Zwischenreden Graßls als Schweinehund fertig. Bei der Gelegenheit war ich als Schmutzian, gemeiner Jude und Lügner hinlänglich apostrophiert worden, und als ich bei meiner Replik etwas von Unwahrheit sagte, wollte Weber auf mich los, ohne gehindert zu werden – und ich mußte das Wort Unwahrheit zurücknehmen, ohne daß er das Wort Lüge gegen mich zurückgezogen hätte. Wieder kam es zu gradezu gemeinen, schamlosen und über alles Maß widerwärtigen Beschimpfungen Zenzls, wieder dazu, daß ich gehindert wurde, hinauszugehn, und schließlich sagte ich mir, daß meine Zenzl auch durch die rohen Unflätigkeiten eines bösartigen Hysterikers nichts an Wert verlieren kann. Nur, daß die andern ihr nicht beisprangen, ist mir tief ans Gefühl gegangen. Noch eins: Bei meiner Unterredung mit Helmes hatte mir Helmes kürzlich gesagt, er wolle Weber nahelegen, in eine Heilanstalt zu gehn. Ich protestierte sofort und sagte: Um Gotteswillen! Dann heißt es womöglich, Mühsam wolle seine Mitgefangenen ins Irrenhaus bringen! Helmes beruhigte mich sofort. Daran sei garnicht zu denken. Er wolle W. selbst den Vorschlag machen, wie er ihn vorher schon Reichert gemacht habe, und nur, falls er selbst es wünsche, käme es in Betracht. Nun also war es trotzdem so, daß mir genau dieser Vorwurf – genau in der befürchteten Form gemacht wurde, und Graßl behauptete, nur er habe es verhindert, daß W. nicht gewaltsam ins Irrenhaus gekommen sei (was unzweifelhaft gelogen oder mindestens phantasiert ist). Es wurde sogar noch ein alter Streit zwischen Weber und Graßl vorgeholt, bei dem einer dem andern den bourgeoisen Offizier, und der andere jenem die Irrenanstalt vorgeworfen hatte, – und seltsam! auch das geht jetzt auf mein Konto. Ich soll dabeigestanden haben und hämisch gelächelt; ja, ich hätte vorher Weber gegen Graßl aufgehetzt, wovon natürlich keine Silbe wahr ist. Alsdann kam auch Markus mit einer langen Anklagerede, die sich nach Form und Inhalt von denen der beiden andern wesentlich unterschied und jedenfalls die vollständige subjektive Überzeugtheit und das Freisein von Gehässigkeit dokumentierte. Aber nun die Vorwürfe! Ich war ganz starr vor Staunen. Da kamen Aufrechnungen, die ein volles Jahr alt sind. Ich hätte das seinerzeit von Nexö gespendete Geld nicht richtig verwendet (daß ich mich persönlich daran bereichert hätte, warf er mich nicht vor). Ich hätte mit Toni Waibel, Olschewski und Hagemeister einen Klüngel gebildet, der sich’s hätte wohlsein lassen, während er und Renner gedarbt hätten. Ich hätte kürzlich einen Brief von Karpf bekommen und nicht vorgelesen (ich stellte ihm die Lektüre sogleich zur Verfügung und aus Gründen, die ich nicht durchschaue, legte Reichert tatsächlich ungeheuren Wert drauf, das ganz private Schreiben kennen zu lernen. Da ich’s gestern abend nicht mehr fand, war er heut schon in aller Frühe deswegen bei mir, und ich las ihm den Brief vor, der sich darum dreht, daß K. Geld braucht, um einen bevorstehenden Prozeß führen zu können). – Dieser Art also waren die Vorwürfe, von denen als ernsthaft ja höchstens der gelten könnte, daß ich Helmes Mitteilung von den Vorgängen gemacht habe. – Aber wie hätte ich sonst den Wunsch begründen sollen, hier schnellstens erlöst zu werden? Um mich grade in diesem Punkt zu rechtfertigen, appellierte ich an Schwab, mit dem ich vorher und nachher gesprochen hatte, und der mir gesagt hatte: Du mußt unbedingt gleich zum Staatsanwalt und ihm die Sache mitteilen, nur darf dabei auf keinen Fall eine Strafe gegen Weber herauskommen. Und ich hatte tatsächlich mir von H. als erstes diese Zusicherung geben lassen, sie auch erhalten – und Weber ist ja auch nichts geschehn. Ich muß leider sagen, daß Schwab elend gekniffen hat. Nun, ich wollte ihn keinen Fatalitäten aussetzen – und so endete die anmutige Unterredung damit, daß ich als völlig verurteilter Verbrecher abschieben konnte, nachdem mir von Graßl und Weber dauernd versichert war, wenn sie erst mal herauskämen, dann könne ich mich freuen, sie würden mich völlig unmöglich machen, und Weber erklärte sogar emphatisch, und ohne daß einer der andern 3 etwas dagegen einzuwenden gefunden hätte, er werde nicht blos die Wahrheit über mich sagen, sondern mich auch noch nach Kräften verleumden, eine etwas naive Art der Schmutzigkeit, deren Vorankündigung, hier festgelegt, ja immerhin für mich als Schutz wird dienen können. Soweit gestern. Heut früh erschien also, wie gesagt, Reichert, um den Karpf-Brief zu hören. Er war streng und würdevoll und gab mir durchaus nicht zu, daß ein Brief von so intimem Charakter doch wohl nicht im Sinne des Schreibers allen bekanntgegeben wäre. – Ich ging dann wieder ins Bett, wurde aber plötzlich dadurch aufgeschreckt, daß es klopfte und Markus Reichert wieder eintrat, hinter ihm die beiden Wahrheitsfanatiker Graßl und Weber. Ich erhielt von Reichert folgende Ansprache: „Erich! Ich sage es dir hier vor Zeugen, daß du der allerinfamste Lügner bist. Du bist der größte Lump, den es gibt. Weiter habe ich dir nichts zu sagen.“ Ich war sehr erstaunt und fragte: „Aber wieso denn? Was habe ich denn gelogen?“ Aber als Antwort bekam ich nur unter dem zufriedenen Lächeln der beiden Zeugen immer wieder die wörtliche Wiederholung: „Du bist der größte und infamste Lügner, den es gibt. Bitte verklage mich, dann werde ich es dir beweisen.“ Damit verschwanden die drei, – und nachdem die Rätsel der letzten Woche nun gelöst sind, stehe ich vor einem neuen, zu dessen Lösung ich nun allerdings keine Briefe mehr schreiben und mir keine Mühe geben werde. – Und dann eine weitere Überraschung. Als ich beim Frühstück saß, das ich, da ich da meistens allein bin, immer noch im Gemeinschaftsraum einnehme, erschien plötzlich Weber, der zu meiner Überraschung mit mir ein neues Gespräch über Weigel und die gestrige Unterhaltung anfing, und dabei so ruhig und höflich war, als hätte es nie etwas zwischen uns gegeben. Ich habe ihm ebenso geantwortet, aber das Gespräch so bald wie möglich abgebrochen. – So stehn die Dinge jetzt. Mein Urteil ist so: der Spiritus rector ist – aus Gründen, die psychologisch ziemlich tief liegen (sein früheres übertriebenes Vertrauen zu mir ärgert ihn und ist in wilden Haß umgeschlagen) – Graßl. Der psychisch defekte Hysteriker Weber ist der willige Exponent aller gegen mich gerichteten Intrigen. Der gute Markus hat sich leider – da ihm Graßls Schmeicheleien wohltun – und er an und für sich jedes Gefühl pro oder contra übersteigert – verhetzen lassen und heute morgen muß es Graßl gelungen sein, ihn von irgendetwas zu überzeugen, worin ich vielleicht als Lügner scheinen kann (ich bin mir dergleichen allerdings nicht bewußt), und nun ist er der Wildeste von allen. In seinem Goneril-Fluch erklärte er sogar: „Ich werde dafür sorgen, daß du nicht frei kommst, selbst wenn dich die Staatsanwälte herauslassen wollen“ – und gestern hatte er schon Verteidigungen für Mehrer bei der Hand, offenbar also, um mich unter diese Bande zu rangieren. Ein andres Beispiel für die völlige Verwirrung seiner Begriffe: er erklärte gestern, er habe sich überzeugt, daß Weber der Ehrlichste von allen ist; das, nachdem wir erst vor kurzem das Plagiat festgestellt haben, nachdem wir wissen, wie behende er von der USP zur KAP, von da zu KPD gehüpft ist, wie hanebüchen er aufschneidet und renommiert. – Was endlich Schwab anlangt, so glaube ich, sieht der für sich völlig ein, was hier getrieben wird. Aber er ist feige und will’s mit der Mehrheit nicht verderben. Ich will es ihm nicht zu schwer anrechnen: auch Petrus verriet seinen Herrn – und war doch der Fels, auf den er seine Kirche baute. – Im ganzen sieht es trübe aus in mir und um mich, und ich muß alle meine Energie anstrengen, um dem allen gewachsen zu bleiben. Ich werde an keinen mehr eine Annäherung versuchen, – und ein Sonnenstrahl ist heute immerhin wieder aufgeleuchtet. Weigel schreibt mir, daß Zenzl nach München zurück ist. So ist doch dieser Draht wieder geknotet, und ich weiß wenigstens schriftlich das Herz zu erreichen, dessen Liebe nicht erschüttert werden kann.

 

Ansbach, Sonntag, d. 3. Oktober 1920.

Der Tag heute verlief friedlich, insofern, als ich mit keinem der „Genossen“ ein Wort gewechselt, von keinem auch nur gegrüßt worden wäre. Allerdings ist es erst 5 Uhr nachmittags, und so können ja noch Erlebnisse kommen. Amüsant ist, daß auch Schwab jetzt ängstlich vermeidet, mir die Vorderseite zuzuwenden, um nicht guten Tag sagen zu müssen. Ich erinnere mich, daß ihm vor einigen Wochen mal – ich glaube, von allen drei andern – der Vorwurf gemacht wurde, er halte nicht Stange, stehe im entscheidenden Augenblick nicht für seine Worte und Taten ein. Ich nahm ihn damals in Schutz – und grade das war der Anlaß für die unausgesprochene, aber deutlich spürbare Parteibildung im Hause: Schwab und ich auf der einen, die andern drei auf der Gegenseite. – Und jetzt? Ein kläglicheres Imstichlassen habe ich noch kaum je gesehn, und ich muß zugeben, meine Widersacher waren in der Beurteilung Schwabs doch bessere Psychologen als ich. Ich will’s ihm nicht nachtragen, niemand kann aus seiner Haut heraus, und die Festungshaft ist wahrhaftig kein Mittel, jemanden innerlich zu festigen. Alles ist darauf eingerichtet, die Nerven gegeneinander zu erregen. Heut ist nun Sonntag, und es gibt keine Zeitungen und keine Briefe. Aber ein Telegramm habe ich bekommen, in dem sich Zenzl und Weigel für Dienstag ankündigen. Ich will versuchen, eine Verlängerung der Besuchszeit zu erwirken, um speziell mit Zenzl allein mich gründlich aussprechen zu können. – Von der russisch-polnischen Front andauernd schlechte Nachrichten. Ich habe immer das Gefühl, als ob das zusammenhinge mit dem Ergebnis des Moskauer Kongresses. Die besten Revolutionäre sind aus der 3. Internationale ausgesperrt, dadurch hat die allgemeine Konzentration der Wünsche für den Sieg Rußlands nachgelassen. Vielleicht ist etwas an dem alten Glauben dran, daß heiße Sympathie kraftverstärkend wirkt, und von dieser Sympathie ist viel zum Teufel gegangen! Alle Überlegungen, alle Wünsche jedes Revolutionärs müssen selbstverständlich nach wie vor mit den Russen sein; aber bei vielen ist eben nur noch der Kopf mit ihnen verbündet, nicht mehr das Herz. – Das Landesschießen der baierischen Einwohnerwehren ist vorbei. Man hat es diesmal bei der Generalprobe bewenden lassen. Wahrscheinlich hat man die Geschäfte, die jetzt auf der Brüsseler Finanzkonferenz international berechnet werden – und bei denen sich die Entente-Staaten mit den Besiegten völlig einig zeigen in dem Entschluß, das Proletariat noch weiter als bisher auszumisten – nicht durch einen politischen Bombenwurf stören wollen. Man berät aber schon den Termin fürs nächste Landesschießen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

 

Ansbach, Montag, d. 4. Oktober 1920.

Was für drückende Zustände! Ich wollte, der Antrag Edelmanns, mich 10 Monate ins Gefängnis zu setzen, wäre damals Urteil geworden. Dann wären mir die Qualen erspart geblieben, die ich ausstehn muß. Schlimm ist, daß die seelische Pein zusammentrifft mit allgemeiner körperlicher Indisposition und beides sich wechselseitig verschärft. Ich erhalte jetzt jeden Abend ein Pulver, das tatsächlich einen tiefen langen Schlaf bewirkt. Aber morgens bin ich völlig schlaff, und heute war es ½ 12 Uhr, als ich aufstand und der Meinung war, es sei ½ 10 (zu allem Überfluß habe ich ja auch keine Uhr). – Heut abend will ich mal das Pulver nicht nehmen, um nicht, wenn Zenzl bei mir ist, zu dösig zu sein. Nur fürchte ich, daß dann der Zahnschmerz wieder heftiger auftreten könnte, da er nicht künstlich betäubt wird und daß ich vielleicht garkeinen Schlaf finden werde. Mag’s gehn, wie’s geht. – Mit der Situation hier finde ich mich innerlich noch garnicht zurecht. Ich begreifs nicht, was da geschieht. Mein Lebtag habe ich mich bemüht, allen Kampf aufs Sachliche zu lenken, alles Persönliche fernzuhalten, immer war ich auf brüderliche Kameradschaft und auf Wahrhaftigkeit unter den Genossen bedacht – und immer wieder wendet sich alles gegen mich, nicht gegen mein Denken und Glauben, nein, gegen meine Person, mein Seelisches. Grade mir wird Kameradschaftsbruch, Unehrlichkeit, Lügenhaftigkeit, Intrige vorgeworfen, jetzt und mein ganzes Leben. Grad heut erhalte ich von Leon Hirsch Nachricht: der Verlag Hoffmann u. Campe habe eins meiner Bücher abgelehnt. Zwar sei der Lektor (Zech) sehr dafür gewesen, – aber wegen meiner Person! Wenn ich mal frei werde: all meine Arbeit wird mir nichts nützen, wegen meiner Person werde ich verhungern müssen, wegen meiner Person werden die Meinen geächtet sein, wegen meiner Person wird auch mein Werk verdammt bleiben. Wüßt ich nur, welche meiner Eigenschaften es sind, die bei all der großen schönen Liebe, die mir gute reine Menschen entgegenbringen, soviel fanatischen Haß, soviel angespannte Energie, um mir zu schaden und mich zu ducken, gegen mich konzentriert! – Ich habe mir jetzt Novalis als Lektüre vorgesucht. Das ist gute tröstliche Medizin.

 

Ansbach, Dienstag, d. 5. Oktober 1920.

Ein scheußlicher Tag. Mittags erwartete ich Zenzl und Weigel. Sie kamen nicht. Ich wurde fast irrsinnig vom Warten, Zweifeln und Fürchten. Endlich schrieb ich dem Staatsanwalt, ob er ein Telegramm oder sonst Nachricht für mich habe. Andernfalls möge er ein dringendes Telegramm an Schollenbruch, das ich beilegte abschicken. Nach 2 Stunden kam Antwort. Es sei ein Brief da: der Besuch komme erst morgen. Gleichzeitig ließ mir der Staatsanwalt sagen, daß ich den Besuch – auch den meiner Frau – diesmal unten zu empfangen habe, damit weitere „Unliebsamkeiten“ vermieden werden. Ich habe jetzt an den Mann eindringlich geschrieben und mich verpflichtet, dafür zu sorgen, daß keine Berührung zwischen Zenzl und den Mitgefangenen stattfinden werde, ihn dabei auf meinen Zustand aufmerksam gemacht und die Maßregel als härteste Bestrafung gekennzeichnet. Er möge, wenn er schon Weigel den Besuch oben nicht gestatten wolle, doch wenigstens Zenzl hinauflassen. War mir fatal genug, dem Beamten derart um den Bart zu gehn. Aber wozu zwingt einen die Kameradschaft der „Genossen“ nicht! – Höchst fatal ist mir nun der Brief von Weigel, der in seiner rührenden Empörung über Webers Roheit Schritte unternommen hat, die ich nicht im geringsten beabsichtigt hatte und deren Rückgängigmachung ich morgen unbedingt veranlassen will. Er hat die Kreisleitung der USP veranlaßt beim Landesvorstand Webers Ausschluß aus der Partei zu beantragen und will außerdem die KPD vor dem Mann warnen. Das ist ja Unsinn. Weber ist Hysteriker, schwer psychisch defekt, in Erregungszuständen ohne Kontrolle, – und hier ist er überdies blos Werkzeug Graßls, der natürlich auch die Prügelei nicht beabsichtigt hatte, sondern blos die Gemütsstimmung Webers dazu vorbereitete und nachher die geschehene Tat zum Anlaß seiner offenen Aggressivität nahm. Ich will doch den Menschen nicht ruinieren! – Abgesehn davon ist mir die Sache aber auch insofern bedenklich, als die Mitteilung von dem Ausschließungsantrag natürlich auf Intrigen von mir zurückgeführt würde. Ich bin ja, wenn Weber benachrichtigt wird, er fliege meinetwegen aus der Partei heraus, hier meines Lebens nicht mehr sicher. Unter lauter aufgeregten, von Haftpsychose schwer mitgenommenen, ihrer Verantwortlichkeit garnicht mehr bewußten Leuten. Mir ist sehr ungemütlich auf den Brief hin – und ich bin blos froh, daß W. morgen kommt. So kann ich die Sache wohl noch aus der Welt schaffen. – Jetzt hatte ich wieder eine peinliche Unterbrechung. Weber erschien plötzlich und legte mir zur Unterschrift einen Wisch vor, in dem ich bestätigen sollte, daß Weigel mir gesagt habe, Weber sei nach § 175 vorbestraft. Da er das nun wirklich gesagt hat und Graßl die Niederträchtigkeit nun einmal begangen hat, das ihm vertraulich Gesagte denunziatorisch zu verwenden, blieb mir wohl nichts andres übrig als zu unterschreiben. Auch das muß ich morgen mit Weigel ordnen. – Etwas Erfreulicheres in all dem Wust von Dreck, persönlichem Gehetz und intrigantem Gemächel ist ein Brief von Otto Rühle, der mir ungemein liebenswürdig schreibt. Das ist der Mann, mit dem ich politisch zusammengehn kann. Ich glaube, durch ihn werde ich auch die anarchistische Bewegung wieder in ein revolutionäres Fahrwasser leiten können, aus dem es durch allerlei belladonnaäugige Ethiker und Grasfresser abgelenkt war. In der letzten Nummer des „Freien Arbeiter“ steht ein Artikel von mir über „Anarchismus und Revolution“, in dem ich diese verzeichneten Abkömmlinge Tolstojs einmal daran erinnere, daß ihr Großvater Bakunin hieß. Jetzt wird’s auf mich niederprasseln – und darauf freue ich mich.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 7. Oktober 1920.

Was schon durch die Unglaublichkeit möglich schien, daß Helmes Graßl und Weber Kenntnis vom Inhalt meiner Briefe an Weigel und Schollenbruch gegeben hatte – zweifellos eine mit dem Dienstgeheimnis unvereinbare Indiskretion – ist mir jetzt sicher: der Staatsanwalt hier nimmt in der Angelegenheit unter den Gefangenen Partei – und zwar gegen mich. Er hat in der Tat die arme Zenzl während der ganzen Besuchszeit unten im „Besuchszimmer“, in dem öden gemeinen ordinären Gefängnisraum sich aufhalten lassen. Also das letzte, das einzige, was mir Ansbach immer noch trotz allem Scheußlichen annehmbar machte, daß ich hier doch die Frau ganz bei mir, in meinen armseligen 4 Wänden empfangen durfte, – auch das ist mir genommen: nur mir! Einprägen! Eingravieren ins Gedächtnis! Nichts darf verloren gehn von den Torturen, die einen die Bourgeoisie und ihre Beamten leiden läßt, weil man eine Überzeugung hat und für sie gekämpft hat! Gedächtnis – das ist alles. Ich will garkeine persönliche Rache. Aber die Enkel sollen es einmal wissen, wie weit es ging. Helmes war noch der beste, – er ließ doch die „Vergünstigung“ zu – so ein einzelner Staatsanwalt hat’s ja in der Macht, ob er zwei Menschen, die sich lieb haben, zusammenkommen lassen will oder nicht, – und bis jetzt war er darin Mensch. Jetzt ist ein Konflikt zwischen den Gefangenen, er beschließt, (wahrscheinlich bin ich ihm nicht sympathisch) dem, der bei diesem Konflikt am übelsten wegkam, Prügel erhielt, boykottiert wird, verleumdet und schikaniert wird, der obendrein seit Wochen von körperlichen Schmerzen gepeinigt ist, was er alles weiß, – er beschließt, seine Macht zu zeigen. Das Letzte, was unser Glück ausmachte, ist zerstört! – Daß mich nur nie mein Gedächtnis im Stich lassen möge! – Zum Tatsächlichen. Gestern früh wurde ich wieder schrecklich von Zahnschmerzen gequält, ließ mich deshalb zum Zahnarzt führen, der nun – um endlich einmal Ruhe zu schaffen, einen der kranken Zähne zog ... Gottseidank war ich infolgedessen am Nachmittag wirklich ziemlich frei von Schmerzen, – heute tat die Wunde wieder sehr weh. Es ist schauderhaft – könnte ich doch wenigstens mal einen Tag ohne körperliche Leiden sein! Als ich vom Zahnarzt zurückkam, war Zenzl und Weigel schon da. Die Absicht, erst mit Weigel unten zu reden, dann mit Zenzl hinaufzugehn, wurde – weil das letztere eben nicht erlaubt wurde – aufgegeben. Ich blieb mit beiden zusammen, nur etwa eine halbe Stunde, während derer Weigel Besorgungen machte, konnte ich mit Zenzl wirklich zärtlich sein, wenn uns auch das Beste versagt blieb, weil ein Staatsbeamter es befohlen hatte! Was ich von draußen erfuhr, ist gradezu trostlos. Eisenberger, den sie nun glücklich als Abgeordneten Kommunisten in den Landtag gebracht haben, ist wegen Aufreizung (vom „Volksgericht“, also ohne Möglichkeit einer Änderung) zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Proletariat frißt es, der Landtag bestätigt es (hat schon), kein Arbeiter denkt an Streik. Dr. Magnus Hirschfeld, mein alter Bekannter, hat in München einen Vortrag gehalten über die Steinachsche Verjüngungslehre – also ein Gelehrter über ein wissenschaftliches Thema. Aber er ist Jude, wurde von nationalen Studenten mit Schlagringen und Gummiknüppeln mißhandelt und schwer verletzt in eine Klinik überführt. Den Rowdies geschieht natürlich nichts – und das Proletariat rührt sich nicht. Die Vorbereitungen der Reaktion zur gewaltsamen Restauration in Baiern sind bis ins Kleinste fertig, alle Rollen verteilt, der Ministerpräsident Kahr, der Justizminister Roth, der Polizeipräsident Pöhner im engsten Bunde mit der Einwohnerwehr des Herrn Escherich (mit der offiziell auch Auer sympathisiert). Wann der Schlag geführt wird, steht noch nicht fest, sonst weiß man alles. Zenzl geht deswegen zu meiner großen Beruhigung von München fort ins besetzte Gebiet zu Weigels Mutter: aber die Gefangenen in den Festungen hauen sich gegenseitig die Zähne ein, statt zusammenzuhalten; in Niederschönenfeld sollen ganz ähnliche Zustände sein wie hier, und es soll große Aussicht bestehn, daß ich mit einer Reihe von Genossen dort, die mir nahestehn, in eine andre Anstalt (Landsberg, Eichstätt oder dergl.) versetzt werde. Aber wer weiß, wie lange es noch dauert, und ich muß hier die Pein erdulden. Darüber, daß irgendwelche Intrigen, Verleumdungen oder Beschimpfungen der Mitgefangenen gegen mich mir draußen schaden könnten, bin ich beruhigt. Selbst Leute, die politisch weit von mir wegstehn, sollen meine Ehrlichkeit als unantastbar anerkannt haben. Nun kommt am 20ten Markus R. heraus. Mir tut’s um ihn selbst so weh, daß er nun mit seinem Temperament wild gegen mich Attacke reiten wird und wird schwer abfahren und garnicht wissen, wie ihm geschieht. Ich wollte, der Junge käme noch vorher zur Besinnung, wenn ich auch zu einer herzlichen Freundschaft mit keinem von denen mehr bereit bin, die die gemeinen Beschimpfungen gegen Zenzl angehört haben, ohne auch nur dagegen zu protestieren. – Weigel brachte mir die Protokolle des Rätekongresses und des provisorischen Nationalrats mit. Ich verschlinge sie. Wie mir da alles lebendig wird! Und doch: wie unlebendig für einen, der nicht dabei war, der das Tosen im Saal, den Lärm der Tribünen, das Drohen der Straße, das Zittern der Nerven nicht mitgemacht hat! – Ich schrieb kürzlich aus der bloßen Erinnerung – und nur unterstützt von einer dürftigen Broschüre über den Prozeß Lindner – meine persönlichen Memoiren vom 7. November bis 13. April nieder – zur Widerlegung der häßlichen und erbärmlichen Entstellungen Werners –. Ich sehe jetzt ein, daß manches sich in meinem Gedächtnis verwischt hatte, wenn es auch nur Umstellungen in der Reihenfolge der Ereignisse waren. Nun will ich’s schon lassen, wie es ist. Mögen sich spätere Historiker die Zähne dran ausbeißen, aber mögen sie weniger Schmerzen dabei ausstehn, als die, die mir meine frische Zahnlücke jetzt verursacht und die mich veranlassen, für heute abzubrechen.

 

Ansbach, Freitag, d. 8. Oktober 1920.

Es wird wahrhaftig immer noch netter, so schwer es auch hielt, sich noch eine Steigerung auszudenken. Gestern bekam ich einen offiziellen Wisch folgenden Inhalts: „7. Oktober 20. Das Justizministerium hat verfügt, daß Ihre Abhandlung: „Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus“, weil propagandistischen Zwecken gegen die staatliche Ordnung dienend zurückzuhalten und bei Ihren Personalakten bis zu Ihrer Entlassung aufzubewahren ist. Helmes.“ Also blos bis 1934! – Nun hatte ich mich zum Staatsanwalt aus verschiedenen Gründen sowieso gemeldet. Eben ließ er mich holen. Ich fing von der Broschüre an und erklärte, ich würde das Ministerium verklagen. Plötzlich schwenkt H. drohend einen Brief in der Hand. Da sei ein Schreiben von Herrn Pfempfert, aus dem hervorgehe, daß die Broschüre schon draußen sei. Ich erhalte den Brief nicht ausgehändigt, er geht zum Akt. Im übrigen werde er jetzt sein Verhalten danach einrichten. Ich habe ihn getäuscht, und werde in Zukunft alle Besuche nur noch unten und unter Aufsicht empfangen dürfen. Ich erklärte, da ich nicht lügen wollte, daß ich mich nie verpflichtet hätte, nichts schwarz hinauszuschmuggeln, sondern nur, es nicht durch Besuche zu tun; das hätte ich auch gehalten. Von einer Täuschung könne also keine Rede sein. Der gegenwärtige Staat sei mir verfeindet, behandle mich als Feind, und ich richte mich danach, zumal die Behandlung, die ich erfahre, in allen Punkten ungesetzlich sei. – Höchst ungnädige Verabschiedung. – Pfempfert aber ist ein Rindvieh. Es wäre weiß Gott besser, er hätte sich nicht mit mir versöhnt. Jetzt wird meine Lage sehr fatal, da sich die angekündigte Änderung der Behandlung außer auf die Besuchsschikane jedenfalls auf die Ausübung der Zensur erstrecken wird. Damit wird die Verständigung mit der Außenwelt schrecklich erschwert. Und kein Genosse!! – Bei Gott, ich bin auf die nächste Nummer in diesem Orchesterkonzert von Schlägen auf den Hinterkopf gespannt. Die Spielfolge war bis jetzt schon recht reichhaltig und unterhaltsam. – Nur einen Wunsch hab ich: Raus aus diesem verwünschten Ansbach.

 

Ansbach, Sonnabend, d. 9. Oktober 1920.

Raus aus diesem verwünschtem Ansbach! Das war gestern das letzte Wort – und heute ist das erste: die Erfüllung in Sicht! Ich saß vormittags beim Frühstück allein im Gemeinschaftsraum, da erschien Helmes mit der Mitteilung, die Anstalt sei bis Ende nächster Woche aufzulösen, sämtliche Gefangene kommen nach Niederschönenfeld, ich habe bis Freitag abend spätestens reisefertig zu sein. Das war ein Trost in der Not, wenn auch getrübt durch einige Kleinigkeiten, erstens, daß ich nicht allein wegkomme, sondern den ganzen Wust von Lüge, Intrige und Gehässigkeit hinüberretten soll, und dann, daß ich zur Zeit wieder außer Verbindung mit Zenzl bin. Helmes war wieder ganz liebenswürdig und anständig: er erlaubt, daß Zenzl zum Packen herkommt. Allerdings müsse unter Aufsicht gepackt werden, aber eine halbe Stunde werde er uns auch das Alleinsein erlauben. Ich nahm die Gelegenheit wahr, ihm über den Vorfall gestern ein paar Worte zu sagen. Ich unterscheide, erklärte ich ihm, zwischen ihm als Menschen, bei dem ich die Absicht sehe, entgegenzukommen, und was ich ihm als persönlich zusichere, sei für mich bindend – und ihm als Vollzugsorgan einer Behörde, der ich verfeindet bin. Ich sei Kriegsgefangener der momentan siegreichen Partei und halte mich selbstverständlich als solcher zu Kriegslisten berechtigt; insofern könne von einer Täuschung seiner Person gar nicht die Rede sein. Helmes hörte diesen Vortrag höflich an und als er hinausging hatte ich das Gefühl, Pfempferts Eselei wenigstens die bösesten Konsequenzen genommen zu haben. Ein Aufseher sagte mir, wir würden in zwei Transporten befördert werden, Reichert werde entlassen[,] wie die Verteilung der übrigen sein werde, wisse er noch nicht. Ich hoffe, man wird mich allein auf Reisen schicken, schlimmstenfalls mit Schwab. Mit Weber oder gar mit Graßl transportiert zu werden, wäre mir sehr widerlich. – Zur Charakteristik: Der Hausbursche, ein aufgeweckter, netter junger Kerl, fing heute spontan an, mit mir über den Konflikt zu reden: er verstehe garnicht, warum die Herren alle so über mich schimpfen. Ich antwortete, das komme blos von der allgemeinen Nervosität, stellte aber keine Frage an ihn. Darauf sprach er weiter: Ja, besonders Herr Weber! Und auch gegen die Aufseher schimpfen sie alle so über Sie. – Ich schwieg. – „Ja, daß auch Herr Schwab so mitschimpft!“ – Ich: „So? Schimpft der auch?“ – „Ja, alle, besonders Herr Weber und Herr Graßl!“ Ich brach das Gespräch ab, um den Jungen nicht in seiner Zuträgerei zu bestärken und meinesteils mich von dem Dreck sauber zu halten, der diese Seelen verschmiert. Aber interessant ist’s mir doch, daß die Leute, die mir vorwerfen, daß ich interne Dinge in Briefen mitteile, die die Zensur passieren, ihrerseits sich direkt ans Schutzmannpersonal wenden, um mich schlecht zu machen. – Bei Weber amüsiert mich das ganze Verhalten allmählich. Gestern früh kam er zu mir herein, um mich, als wäre nie etwas geschehn, sehr höflich nach dem Preis eines medizinischen Nährmittels zu fragen, das ich neuerdings anwende, und das auch er gebraucht. Er wollte sich überzeugen, ob ihn der Ausgeher nicht übervorteilt hat. Ich habe ihm natürlich ganz kurz und höflich Auskunft gegeben. Nachher aber hat er mit den übrigen wieder meinen Gruß nicht beantwortet. Daß in Niederschönenfeld die Zustände im allgemeinen viel erfreulicher sind als hier, ist kaum anzunehmen. Nach allem, was man hört, ist dort die intrigante Katzbalgerei genau so wie hier und in Lichtenau. Aber auf jeden Fall werde ich doch Einzelne haben, mit denen ich Kameradschaft halten kann, und vielleicht gelingt es mir, die anständigen Genossen davon zu überzeugen, daß Verfeindungen wegen politischer Meinungsdifferenzen ganz unwürdig sind. Es kann jemand die Moskauer Aufnahmebedingungen für die Erlösung der Menschheit halten, dann werde ich mich bemühen, ihm meinen entgegengesetzten Standpunkt klar zu machen. Aber mein Feind ist er deswegen nicht. Vielleicht gelingt es, das zum Prinzip in Niederschönenfeld zu machen. – Jedenfalls ist mir ein großer, großer Stein vom Herzen. Heute Nacht hatte ich mich entschlossen, am 15. Oktober ein Ultimatum zu stellen, des Inhalts, daß ich vom 1. November ab solange in den Hungerstreik treten würde, bis ich von hier wegkäme. Das ist mir Gottseidank erspart geblieben, denn langes Fasten könnte ich nicht mehr aushalten, und griffe ich mal zu dem Mittel, dann müßte ich auch konsequent sein. – Wieder ein Toter: In einer Paketsendung von Gumbel finde ich die Welt am Montag mit langen Nekrologen auf Hans Leuß, der plötzlich, aber auf natürliche Weise gestorben zu sein scheint (was ja heutzutage fast schon die Ausnahme ist). Er kam von der antisemitischen Seite her. Im Zuchthaus, das er beziehn mußte, weil er als anständiger Mensch gegen eine Frau gehandelt hatte, erlebte er die Heimkehr des verlorenen Sohns. Leider ist er dann in der Sozialdemokratie stecken geblieben. Den Weg zur echten Freiheit fand er nicht. Aber: der Wille war da, ein anständiger Mensch zu sein. Das ist schon viel. Wir trafen uns früher viel im Café des Westens in Berlin. Dann sah ich ihn nach langen Jahren beim sozialdemokratischen Parteitag in Jena 1913 wieder. Das war das letzte Mal. – Otto Groß – Zenzl bestätigte es mir – ist wirklich tot: er ist in Berlin gestorben. Ein großer starker Geist, der ewig in den Fesseln willensschwacher Körperlichkeit lag. Ein Sklave von Morfium und Kokain rang er um höchste seelische und menschliche Freiheiten. Nun ist der zerstörte Körper des herrlichen Geistes Herr geworden. Otto Groß bekommt einen schönen Grabstein auf dem Friedhof in meinem Herzen, – aber einen, bei dessen Anblick ich immer auch leise lachen muß.

 

Ansbach, Montag, d. 11. Oktober 1920.

Es ist längst Zeit in den Hof zu gehn, zumal ich schon über den Beginn der Hofzeit hinaus mit dem Hausburschen gepackt und Bilder abgenommen habe. Aber ich gehe lieber noch etwas später herunter, um noch zu fixieren, welche Niedlichkeit heute wieder aufgetaucht ist. Denn lasse ich Zeit drüber hingehn, dann folgen vielleicht Fortsetzungen, und ich komme nicht mehr mit mit den Aufzeichnungen. Heute vormittag brachte mir der Oberaufseher eine Postanweisung: Absender Dresdner Bank Berlin, Höhe 700 Mark. Ich war erst recht erstaunt und sah erst dann kleingedruckt unter dem Absendervermerk „auf Veranlassung d. American Foreign Banking Corporation, New York und für Rechnung ...“ ohne nähere Angabe. Ich habe vor etlichen Wochen einmal, nachdem ich mir von Wien aus die Adresse beschafft hatte, an den Genossen Steiner in Amerika einen Schnorrbrief geschrieben, da besonders Markus Reichert mir fortwährend im Nacken saß, man müsse alle Geldquellen ausnützen. Steiner ist Anarchist, steht also meinem Ideenkreis unendlich näher als dem derer, die mich dieses Ideenkreises halber als Schurken und Verräter behandeln. Es ist nun wahrscheinlich, daß das Geld von dort aus abgeschickt ist. Immerhin besteht auch die Möglichkeit, daß es von andrer Seite veranlaßt und allein für mich bestimmt ist. Ein Brief, irgendwelcher Bescheid oder Hinweis ist noch nicht da. Ich ließ das Geld also auf mein Konto schreiben mit der Absicht, in Niederschönenfeld – sofern es von Steiner sei – die Verteilung unter arme gute Genossen (Pfeiffer, Bareth etc) vorzunehmen. Aber mein Erstaunen war groß, als ich plötzlich, etwa 10 Minuten, nachdem ich die Postanweisung erhalten hatte, den Besuch Schwabs erhielt. Er frage mich an, ob ich nicht 700 Mark von Amerika gekriegt hätte. Mein erstes Wort war: „Das geht euch einen Scheißdreck an!“ Da aber Schwab ruhig blieb, wurde ich es auch wieder. Zunächst fragte ich ihn, wer meine Post bespitzele. Er behauptet, er sei zufällig wegen einer Nachnahme unten gewesen und habe dabei die Postanweisung für mich gesehn. Eine komische Bemerkung darüber, daß er sie genau betrachtet haben müsse, da der Vermerk, das Geld komme in amerikanischem Auftrag ganz klein gedruckt ist, konnte ich nicht verbeißen. Dann habe ich ihm folgendes erklärt: vorläufig wisse ich noch nicht, von wem das Geld komme. Sollte es auf meinen Brief an meine engeren amerikanischen Genossen hin gesandt sein, so erkenne ich den Anspruch der 4 Ansbacher Mitgefangenen nach der Behandlung, die sie mir angedeihen lassen und nach der Präzedenz, daß mindestens eine Postanweisung, die für alle bestimmt war, hinter meinem Rücken unter meiner Ausschließung verteilt wurde, nicht an. Dagegen würde ich selbst alsdann keinen Pfennig für mich behalten, sondern in Niederschönenfeld das ganze Geld unter andre Genossen, aber nach eigenem Gutdünken verteilen. Ich habe Schwab gesagt, ich würde hier als Lump betrachtet, da möchte ich es den andern garnicht zumuten, mit mir gemeinschaftlich zu teilen, und daß ich grade in dem Augenblick, wo es ums Geld geht, plötzlich als Genosse an Leuten handeln sollte, die meinen Gruß nicht erwidern, mir das Leben verbittern und mich unter Bedrohung halten, könne ich nicht einsehn. – Jetzt bin ich auf den weiteren Verlauf gespannt. Kommt heut nachmittag ein Brief aus Amerika an mich an, so bin ich überzeugt, wird er von der Intrigantenkumpanei erst gelesen, ehe ich ihn erhalte. Vielleicht kommt aber vorher noch Helmes zum Vorschein, um Genaueres über den Abtransport mitzuteilen, Dann werde ich ihn – ohne Angabe von Gründen – ersuchen, mir meine Post fortan extra in geschlossenem Kuvert übergeben zu lassen. – Den Niederschönenfelder Freunden werden ja die Haare zu Berge stehn, wenn sie erfahren, was hier möglich war! Noch 4 Tage – wären sie nur erst herum!

 

Abends. Fortsetzung und Schluß des Dramas hat eben stattgefunden. Am Nachmittag kam der Hausjunge unter einem Vorwand herein. Er war etwas betreten und meinte dann: er müsse es mir doch sagen, es wäre doch so unrecht was die Herren täten –. Dann rückte er heraus: Er habe, als heut die Post kam gesehn, daß zwei Briefe und eine Karte für mich dabei waren, ob ich alles bekommen hätte. Nein, ich hatte nur einen Brief und die Karte bekommen. Ja, er habe nämlich beobachtet, daß Schwab einen Brief von kleinem Format in seine Tasche habe verschwinden lassen, und nachher habe er, Weber und Graßl miteinander getuschelt über Geldsachen. Ich fragte den Jungen, ob er das so sicher wüßte, daß ich daraufhin zu Schwab gehen könnte und mir den Brief ausbäte, und ob er nicht dadurch Unannehmlichkeiten fürchte. Er meinte, ich solle doch erst lieber abwarten, ob nicht morgen der Brief dabei sei – er werde aufpassen, wenn der Sack geöffnet werde, ob Weber einen Brief dazwischenschmuggle. Geschähe das nicht, dann sollte ich ruhig hingehn und das Schreiben fordern, denn er wisse es genau, – und wenn man ihm was wolle, werde er sagen, daß er dieses Unrecht doch nicht mit ansehn wollte. Natürlich hatte der brave Bursche eine Höllenangst, und ich überlegte sehr, was ich tun werde. – Jetzt, vor einiger Zeit (es ist ½ 9) klopfte es plötzlich. Herein traten Markus R. und Schwab. Erster gab mir entliehene Bücher zurück und ein Kopfkissen. Dann kam die Frage nach dem Geld aus Amerika. Ich erklärte, vorerst noch garnicht zu wissen, von wem es sei: es könne sich um ein Honorar handeln, um ein Geschenk für mich oder auch um eine Sendung des Genossen Steiner, den ich drum angehauen hätte. Für diesen Fall wiederholte ich, was ich morgens Schwab gesagt hatte. Große Aufregung. Geld, das von hier verlangt wäre, müsse selbstverständlich allen fünfen gehören. Damals die 100 M. von den Mannheimer Kommunisten, das wäre mir auch sowieso gesagt worden, wenn ich nicht drauf gekommen wäre, und er (Reichert) hätte grade weil die Begleitpostkarte an mich gerichtet war, über meinen Kopf weg verfügt, damit ich nicht sagen konnte, ich hätte von nichts gewußt (eine etwas schwindlige Logik), – na: kurz und gut, man verlange die Teilung. Ich erwiderte, daß ich das Geld zwar für die Genossen verlangt hätte, daß ich ja aber nicht mehr als Genosse betrachtet werde, demnach auch keine einseitige Verpflichtung einsehn könne. Übrigens sei das letzte Wort von ihm (R.) das er mir gesagt habe, gewesen, ich sei der infamste Lügner und größte Lump, und bis jetzt habe er mir noch nicht einmal erklärt, worauf sich dies Urteil gründe. Antwort: Ich solle ihn doch verklagen, dann werde ich’s schon erfahren. Im übrigen: er werde am Samstag frei, – und (er wolle beileibe nicht der Intrige bezichtigt werden, sondern spreche offen) da werde er über mich Aufklärung schaffen. Eine reizende Moral: Etwas hinausschreiben, was den andern belastet, ist verboten, da es der Zensor liest – das soll ich ja grade übertreten haben und dadurch so fluchwürdig sein (wenn ich recht orientiert bin über meine Schuftigkeit). Aber bin ich draußen, dann zieh ich Dir das Fell herunter – und Du kannst und darfst Dich in Deiner Gefangenschaft nicht wehren! – Unter diesen anmutigen Gesprächen klopfts wieder. Herein tritt Weber, in der Hand eine Zeitung und zwei Briefe. Nach einigem – nicht ganz gut gespielten – Suchen findet er darunter den für mich bestimmten: siehe da, kleines Format und amerikanische Briefmarke! – Daß abends außer der Reihe Post kommt, passiert bisweilen, nämlich wenn jemand sich zum Staatsanwalt gemeldet hat und der dem die Sachen mitgibt. Es wurde also markiert, als ob Weber eben von Helmes käme. Das Unglück war nur, daß auch ich mich zu ihm gemeldet habe, und er mich sicher ebenfalls hätte rufen lassen, wenn Weber bei ihm gewesen wäre. Ich durchschaute die Sache also sofort, tat aber, als ob nun die Aufklärung über die Herkunft des Geldes allen andern ebenso überraschend komme wie mir, und las nun den beiden (Weber war schon draußen) den Brief, den sie jedenfalls schon kannten, ich aber jetzt erst kennen lernte, vor. Er ist ganz persönlich gehalten, weist das Geld ausdrücklich mir persönlich zu und verlangt die Namen derer, denen außerdem Geld geschickt werden könnte (wahrscheinlich also in der Annahme, daß die Gefangenen voneinander abgetrennt leben und nicht teilen können). Daraus sofort die Verdächtigung Reicherts: offenbar hätte ich den Brandbrief nur für mich geschrieben. Um die Dränger loszuwerden, fragte ich dann (nicht ohne sie an ihr Verhalten an jenem Abend erinnert zu haben, an dem sie die nichtswürdigen Schimpfereien gegen Zenzl ruhig anhörten), was sie nun verlangten: Teilung! – Ich sagte ihnen, daß das mein eigner Vorteil sei, da ich dann selbst 140 Mark bekäme, während ich andernfalls mich verpflichte, das Geld in Niederschönenfeld so zu verteilen, daß ich nicht einen Pfennig behielte. Trotzdem: meine Pflicht sei – teilen. Ich sagte schließlich: gut. Das Geld wird in 5 gleiche Teile geteilt. Dann wird die liebe Seele wohl Ruhe haben. Ums Geld! Und da – ich bin sprachlos – Markus Reichert der Eifrigste, wahrscheinlich allerdings vorgeschoben von Graßl. – Als das Konventikel geschlossen war, rief ich mir Schwab noch einmal herein und legte ihm die Frage vor, wie man eigentlich dazu komme, meine Briefe unter nochmalige Zensur zu stellen. Schwab wurde sehr bleich und versicherte hoch und heilig, er wisse garnichts. Ganz gewiß habe er keine Kenntnis davon, ob dieser Brief schon mit der gewöhnlichen Post dagewesen sei, ich könne mich drauf verlassen. Soll ich ihm Glauben schenken? Nach dem, was mir der Junge vorher gesagt hat? Den Buben blosstellen wollte ich nicht, so erinnerte ich blos an die Merkwürdigkeit, daß Weber jetzt vom Staatsanwalt Briefe ausgehändigt erhalten habe, während ich, der ich auch gemeldet sei, nicht gerufen wurde. Nun – ich habe Schwab auf seine heilige Versicherung hin, er habe nichts damit zu schaffen und werde es nie billigen, wenn mir Briefe nicht gleich und ungelesen ausgehändigt würden, um Verzeihung gebeten und ihm dann aber gesagt, daß ich durch sein Verhalten gegen mich bitter enttäuscht sei: Er bestätige grade dadurch den Vorwurf, der ihm seinerzeit von den andern gemacht wurde, und gegen den ich ihn in Schutz genommen hätte. Schw. war sehr erregt und beteuerte, daß er mir in Niederschönenfeld jede Aufklärung geben werde, und daß ich dann selbst erkennen werde, daß er garnicht anders handeln konnte, und daß ich in seiner Lage ebenso gehandelt hätte. Auf diese Aufklärung bin ich nun gespannt. – Jedenfalls erfuhr ich, daß es Weber geglückt sei, seine Versetzung statt nach Niederschönenfeld nach Lichtenau zu bewirken, – dort wird ja jetzt ein nettes Intrigieren gegen mich losgehn –, daß in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch Graßl und Schwab wegkommen, und daß ich allein transportiert werde. Die letzten Tage – mit Weber und Markus – können ja noch anmutig werden. Aber auch das wird wohl überstanden werden. – Wenn nur Zenzl mein Telegramm noch rechtzeitig findet! Daß sie mir grade jetzt nicht erreichbar ist, ist eine ekelhafte Schikane des Schicksals.

 

Ansbach, Dienstag, d. 12. Oktober 1920.

Drittletzter Tag in diesem Eden. In der Nacht zum Freitag gehts fort. Jetzt ist’s ½ 6 Uhr, und ich bin furchtbar abgespannt und fühle mich krank. Ich hatte die letzte Zeit infolge der Aufregungen immer Schlafmittel brauchen müssen, bekam aber Angst, ich könnte mich dran gewöhnen und unterließ es daher gestern Abend. So habe ich fast garnicht geschlafen. Dazu kommt eine große innere Unruhe Zenzls wegen, von der ich nicht weiß, wo sie ist und die nun über garnichts verständigt werden kann. Helmes hat mir – wegen der Pfempfert-Sauerei – mitteilen lassen, daß ich alles unter Aufsicht zu packen habe. Deshalb habe ich heute gleich den größten Teil erledigt – einer der Aufseher und der Hausjunge halfen mir (das heißt, sie taten fast alles). Trotzdem fühle ich mich wie nach einer ungeheuren Arbeit ganz gerädert. Aber sollte Zenzl morgen oder übermorgen noch kommen, so wird ihr wenigstens die größte Arbeit erspart sein, und vielleicht kommen dann doch noch ein paar schöne Stunden für uns heraus. Unter Vollmanns Direktion wird das wohl für lange ein Ende haben. – Ich sollte eigentlich längst wieder über die Angelegenheiten der Welt schreiben, und es gäbe genug: der Friede zwischen Polen und Rußland, der die Niederlage der Sovjetrepublik besiegelt, das USP-KPD-Theater, die Berliner Streikerscheinungen, heute die Nachricht von dem Waffenstillstandsbruch frondierender polnischer Generäle gegen Litauen –, doch dies alles, wenn ich erst wieder irgendwo heimisch bin. Heute habe ich mich noch einmal mit denen zu befassen, denen ich es danke, daß ich es hier nicht mehr sein kann. In der Frühe Besuch von Reichert und Schwab – sehr feierlich: Verlesung eines Briefs von einem Friedrichshofener Genossen an alle 5 – und es sollte doch nun deutlich sein, daß es in solchen Dingen keine Trennung gäbe (seit nämlich die 700 Mark gekommen sind), ferner Zurückgabe der 20 Mark, die man seinerzeit auf meine Kosten unter einander geteilt hat. Ich wollte sie nicht nehmen, mußte aber. – Nachher beim Frühstück fragt mich Städler (der Junge), ob ich den bewußten Brief erhalten habe. Natürlich klärte ich ihn auf, beruhigte ihn auch darüber, daß ich zwar von der Spitzelei geredet, aber kein Wort von ihm dabei erwähnt habe. Er: „Das wundert mich immer, daß Sie gar nie über einen von den andern Herrn schimpfen.“ Ich sagte, das fände ich auch nicht kameradschaftlich. „Ja, aber die andern Herrn. Herr Schwab hat neulich zu Herrn Schirmer gesagt (Schirmer ist einer der Aufseher), Sie seien an dem Tode von Tausenden schuld, die auf dem Ostfriedhof liegen.“ Ich fragte, ob er das auch ganz sicher wisse. Da wich er aus und erklärte: „Aber das weiß ich bestimmt, daß Herr Graßl zu Herrn Schirmer gesagt hat, daß Sie daran schuld sind, daß Leviné erschossen worden ist.“ Auf meine eindringliche Frage versicherte der Junge (er heißt Friedrich Städler und ist von Ansbach), Schirmer habe es ihm selbst wiedererzählt. – Also so wird gegen mich gearbeitet! Das Aufsichtspersonal, das aus Unkenntnis, Denkfaulheit, Gewissensschwäche Schergendienste fürs Kapital gegen uns leistet, wird politisch gegen mich aufgehetzt. Ich werde diesen Leuten von „Genossen“ als Bluthund vorgestellt, von denen man weiß, daß sie’s beim Mittagessen am Wirtshaustisch weitererzählen, der Mühsam habe soviel Blut auf dem Gewissen, daß seine eignen Genossen nicht mehr mit ihm verkehren. Wie weit Schwabs Mitschuld reicht, ist mir nicht sicher genug. Aber dem Hauptintriganten, dem gewissenlosen Verhetzer Hysterischer, dem Paul Graßl soll das nicht geschenkt werden. Ich bekam vorhin einen überaus lieben, herzlichen, tröstlichen Brief meines Dr. Schollenbruch als Antwort auf den, in dem ich ihm mein Leid hier gesagt hatte. Ich werde dafür sorgen, daß er und alle übrigen Genossen, die es ernst mit der Revolution meinen, über Graßl volle Aufklärung erhalten werden. Ein Mensch, der so erbärmlich ist, hat mit Bewegungen, die vor allem Herz brauchen, nichts zu schaffen. Man muß ihn aus dem Umkreis von Revolutionären hinaustreten.

 

Ansbach, Mittwoch, d. 13. Oktober 1920.

Abend. Ich hänge zwischen Furcht und Hoffnung, ob Zenzl morgen hier sein wird. Es kam ein Brief aus der Pfalz von ihr, wonach sie am Dienstag heimfahren wollte. Heute sandte ich noch ein Telegramm ab, sie soll mir drahten, ob ich sie morgen erwarten kann. Die Hoffnung ist gering. Wahrscheinlich hat sich die Rückreise verzögert, – ich Esel hätte an Lederer telegrafieren sollen, am Sonntag oder Montag, dann wärs noch geglückt. Aber Ansbach soll wohl keine Freuden mehr für mich bringen. Vielleicht Niederschönenfeld. Allerdings gebe ich mich der Erwartung, daß bald die Freiheit winkt, nicht mehr hin. Auch von dem Antrag der USP im Landtag erwarte ich nichts, nach dem alle politischen Gefangenen, soweit sie nicht aus Gewinnsucht gehandelt haben (diese Einschränkung ist eine Gemeinheit gegen die Zuchthausgenossen, denen das Gericht – wie bei Wadler – das Motiv aus Gehässigkeit untergeschoben hat), zu amnestieren sind: also auch Arco. Als ob die Bourgeois es nötig hätten, uns herauszulassen, wenn sie Arco freihaben wollen. Mit dem wird ohnehin nur noch eine Anstandspause innegehalten – und er hat’s ja inzwischen, da er kein „Hochverräter“, sondern nur ein Meuchelmörder ist, ausgezeichnet –, dann schickt man ihn mal aus der Klinik in ein entfernteres Sanatorium und von da aus wird er schon den Weg ins Freie finden. – Wir andern werden wohl erst noch die Ludendorff-Eppsche Militärdiktatur und den großen Aufstand in Norddeutschland überwintern müssen, bis sich auch unsre Gitter auseinanderbiegen werden. Unter Freunden wird es mir nicht garzu schwer fallen. – Hier ist’s inzwischen noch stiller geworden. Der große Wahrheitskämpfer Graßl ist mit dem Charakterheros Schwab heute früh 2 Uhr 40 nach Niederschönenfeld abgedampft. Morgen Mittag verschwindet Weber nach Lichtenau und in der Nacht drauf um ¾ 3 ich nach Niederschönenfeld. Reichert wird dann am Freitag oder Samstag freigelassen und kann beginnen, meine politische Ehre zu unterminieren. – Einige kleine Lichterchen sind noch aufs Gesamtbild zu setzen. Etwas was ich gestern einzutragen vergaß: Vormittags erschien Schwab und erbot sich, mir beim Einpacken zu helfen. Ich dankte natürlich und ließ keinen Zweifel, warum ich dankte. Ganz kurz nachher erzählte mir Städtler* von seinen Aeußerungen gegen den Aufseher. – Heut vormittag ersuchte mich Weber um ein Zwiegespräch. Er teilte mir mit, daß er nicht beabsichtige, in Lichtenau die Geschichten von hier breitzutreten. Sollte aber ich gegen ihn Dinge verbreiten, so wäre er gezwungen – –. Ich verhielt mich kühl und höflich, gab ihm keine Versprechungen und ließ es auch hingehn, daß er wieder mit der Andeutung kam, ich hätte versucht, ihn ins Irrenhaus zu bringen. Sollte ich Helmes noch mal zu sehn kriegen – er scheint es zu vermeiden, mich zu sprechen –, so werde ich mir von ihm schriftlich bestätigen lassen, daß ich im Gegenteil mich versichert habe, daß W. nichts passiert, und daß man ihn auch ja nicht in ein Sanatorium sperrt, sondern verlangt habe, daß er als einfach durch Haftpsychose überreizt, freigelassen werde. – Dann aber noch etwas Liebes. Heut kam ziemlich viel Post (darunter Briefe aus Niederschönenfeld von Karpf, Olschewski und Pfeiffer, die mich vollständig beruhigen; bei denen richtet der Intrigant auch in den 2 Tagen seiner unkontrollierten Vorarbeit nichts gegen mich aus). Karpf teilt mir aber mit, daß Reichert an Westrich geschrieben habe, sich bei ihm wegen seines Verhaltens früher entschuldige und über mich schimpfe. Der arme Markus fängt an, mir bitter leid zu tun. In seiner Verranntheit gegen mich macht er Dummheiten, die ihm schaden müssen. Westrich hat den denkbar schlechtesten Ruf von seiner Wirksamkeit als Korpssoldatenrat in Würzburg her. Er hat’s mit beiden Parteien gehalten in den Rätetagen und vor Gericht die übelste Rolle gespielt. Westrich hat in den Festungen dann, schon in Ebrach und dann hier, höchst unsolidarisch gehandelt, und das wissen zu viele. Verbinden sich jetzt meine Widersacher mit ihm, so verlieren auch sie die Achtung bei den guten Revolutionären und ich wollte, ich könnte Markus davor bewahren. Der Junge ist nur verhetzt und meint’s ehrlich. Sein durch Graßls gemeines Gemächel abgeirrtes Gerechtigkeitsbedürfnis bringt ihn – wie er neulich schon eine Verbeugung vor Mehrer machte – dazu, die Erkenntnis meiner Schlechtigkeit dadurch zu kompensieren, daß er alle die, gegen die ich in Feindschaft stehe, unbesehn als Gerechte wieder in sein Herz aufnimmt. – Ich habe morgen noch einmal sachlich mit ihm zu sprechen wegen der Bücher, die ich für ihn bestellt habe – und grade da hatte ja Graßl eingesetzt, um ihm weiszumachen, als hätte ich den Freund und Hilfsbereiten nur markiert und ihn angelogen –; da muß ich ihm die Adresse von Streit geben. Vielleicht merkt er, wenn er erfährt, wie oft ich um seinetwillen geschrieben habe – auch in der letzten Zeit noch und im Bestreben, ihm Arbeit in seinem Beruf zu verschaffen –, daß ich am Ende doch der Halunke nicht bin, für den er mich hält. Ihn (und auch Weber) entschuldige ich in allen Häßlichkeiten gegen mich mit der Gefängnispsychose (Pfeiffer nennt sie in seinem Brief die „Gitterkrankheit“). Für Graßl habe ich keine Entschuldigung. Denn seine Tücken bestanden nicht in explosiven Initiativen, sondern in der Ausnutzung der Affektüberreizungen der andern, in monatelanger systematischer Vergiftung des Vertrauens, – in bewußter Treulosigkeit. – So. Jetzt noch 1 Tag Ansbach, – und dann darf ich wieder lachen, singen und mich als Kamerad unter Kameraden fühlen.

 

* Der Name ist (ich fragte ihn heute genau drum, denn man kann’s mal brauchen[)]: Friedrich Städtler, Elektriker (Monteur). Er kommt Ende Januar aus dem Gefängnis frei.

 

Ansbach, Donnerstag, d. 14. Oktober 1920.

Kisten und Koffer stehn zum Abholen bereit. Die Bude ist ausgeräumt und ungemütlich. Es ist nach 3 Uhr nachmittags, und ich verzichte auf den Hof, weil Reichert unten ist (Weber ist bereits ohne Abschied fort) und weil ich mich nicht übermüden will, da ich um 1 Uhr nachts aufzustehn habe. In 11 Stunden reise ich, in 16 Stunden, hoffe ich, bin ich bei den Freunden. Der letzte Tag hat allem, was ich in diesen 13 Monaten in Ansbach (und in den genau 1½ Jahren, die ich in Gefangenschaft bin), an Scheußlichem durchgemacht habe, die Krone aufgesetzt. Ich will mich zwingen, ruhig und sachlich zu referieren. Ich erwartete voll Spannung ein Antworttelegramm von Zenzl, daß sie komme oder aber, daß es nicht mehr gehe. Es kam nichts. Um ½ 12 klopft’s: der Staatsanwalt mit dem Verwalter – pardon: Oberverwalter. Man kam nicht herein, sondern von draußen dieses Gespräch: „Also, Herr Mühsam, Sie müssen heute abend fertig sein. In der Nacht reisen Sie. Werden Sie mit dem Packen fertig?“ – „Freilich.“ – „Schön. Gute Reise!“ – „Danke sehr.“ Verbeugung. Schluß. Ich hörte dann, wie der Staatsanwalt mit Reichert ein langes Gespräch führte. Er schien sich auch von ihm – und zwar sehr freundschaftlich – zu verabschieden. – Dann wurds still. Ein paar Minuten vor 12 öffnet sich – ohne Anklopfen – die Tür meiner Zelle. Es erscheint der Oberaufseher (pardon: jetzt „Oberwachtmeister“), hinter ihm Zenzl. Die erste freudige Überraschung dauert nicht lange. Ich sah, sie kämpfte mit Tränen. Was war? Sie dürfe nur eine halbe Stunde bleiben und zwar unter Aufsicht. Ich wandte mich sofort an den Beamten. „Das muß ein Irrtum sein. Der Staatsanwalt hat mir ausdrücklich erlaubt, daß meine Frau mir unter Aufsicht packen hilft und dann mit mir allein bleibt.“ Folgende Antwort – in einem Ton, der sich nicht wiedergeben läßt, wie ein Elementarlehrer, der dem Klippschüler eine Bestrafung begründen will, damit er’s nicht wiedertut: „Der Herr Staatsanwalt hat mir aufgetragen, falls Sie an sein Versprechen erinnern, soll ich Ihnen sagen, nachdem Sie ihn bis zum Schluß hintergangen haben, fühlt er sich nicht mehr daran gebunden.“ Ich war außer mir vor Wut und Erregung. Die arme Zenzl ist gestern abend von der weiten Reise heimgekehrt, hat meine Telegramme gefunden – und das zweite hat Helmes gestern selbst noch passieren lassen – und sich heute früh (die Reise kostet 72 Mark) wieder der großen Anstrengung einer Bahnfahrt von München her und zurück ausgesetzt. Worin ich den Mann nach unsrer letzten Aussprache, nachdem er mir den Besuch unter liberalen Bedingungen noch gestattet hat, wieder „hintergangen“ haben soll, ist mir schleierhaft. Eine Aufklärung irgendwelcher Art wird nicht für nötig gehalten. Die Strafe wird vollzogen, nicht an mir, indem er mir beim Aufgeben meines Telegramms gestern mitteilen läßt: ich lasse den Besuch nur ½ Stunde und unter Aufsicht zu – nein: an Zenzl. Mit bewußter Bosheit (und der Mann weiß, wie wir pekuniär dran sind, weiß, daß die Frau eben die Reise überstanden hat, weiß wie wir aneinander hängen, weiß, daß Zenzl gesundheitlich leidet und in Behandlung eines Frauenarztes ist) läßt er die überanstrengte Frau Kosten und Anstrengung der Reise machen, um erst hier an Ort und Stelle seine Macht zu zeigen – ohne Begründung, d. h. mit einer beleidigenden Erklärung, die er mir in Gegenwart der Frau durch den Subalternen abgeben läßt und die für mich absolut ohne Kommentar ist. Nun hat er die Genugtuung zu wissen, daß eine Frau, die ihm im Leben nichts getan hat, deren menschlichen Wert er – wenn er einen Rest eigner menschlicher Empfindungen besitzt – aus den Briefen kennt, trostlos in diesem Dreckloch Ansbach herumläuft, Geld ausgibt und sich grämt, ihren Mann, den sie liebt und dem sie helfen möchte, mit allem Ungeschick allein zu wissen. Ich habe diesen Helmes für anständiger gehalten als andre Leute seines Amtes: ich habe mich geirrt – Staatsanwalt bleibt Staatsanwalt, – wie kann ich auch Menschentum erwarten bei einem Menschen, dessen Beruf es ist, unglückliche Menschen noch unglücklicher zu machen, dessen Ehrgeiz es ist, vor den Richtern „Schuld“ nachzuweisen, und der Triumphe feiert, wenn es ihm gelingt, einen armen Teufel, den die Not zum Gesetzesverletzer gemacht hat, möglichst tief ins Elend zu bringen! – Ich mag jetzt keine Psychologie treiben, sonst würde ich die Gründe, die sein bisheriges Verhalten gegen mich erklären könnten, und die ihn dann bewogen, für die Graßl und Konsorten gegen mich (den er wohl für eine gestürzte Größe der Zukunft halten mag) Partei zu nehmen, zu enträtseln suchen. Mir ist alles klar genug, – und Zenzl hat den Mann immer richtiger beurteilt als ich. Grotesk ist aber, abgesehn von der Art der Bestrafung und ihrer Mitteilung, die Logik, mit der der Mann selbst den Bruch seines Versprechens (den er ausdrücklich zugibt) rechtfertigt. Ich hätte ihn „hintergangen“. Angenommen es sei so – in Wirklichkeit habe ich der Staatsgewalt gegenüber nie eine Verpflichtung übernommen, nur gelegentlich ihm gegenüber, und die dann auch gehalten. Da rächt er sich, indem er mit Vorbedacht mir ein Versprechen gibt und zugleich meiner Zenzl, um es im Augenblick, wo daraufhin Mühen und Spesen bereits geleistet sind und nun die Erfüllung kommen soll, brechen zu können und zwar mit dem brutalen Mittel seiner Amtsgewalt, in dem Bewußtsein, daß er jetzt einfach die physische Macht über einen seiner Überzeugungen wegen wehrlos Eingesperrten hat, und indem er selbst lautlos verschwindet, sich von der Peinlichkeit persönlicher Verantwortung sowohl vor Zenzl wie vor mir drückt (erst wünschte er mir ja sogar noch „gute Reise“!) und die Exekution den Unterorganen überläßt. Ich habe Zenzl in Gegenwart des Feldwebels gebeten, die Sache möglichst ruchbar zu machen, sie nicht blos den Arbeitern in Versammlungen mitteilen zu lassen, sondern auch Lederer und Harden drüber zu schreiben. Natürlich schimpfte ich weidlich auf alle Beamten, die sich diesem ruchlosen System zur Verfügung stellen – und auch der aufsichtführende Unglücksmann kam übel weg. Die halbe Stunde verrann dabei sehr schnell; wir waren beide kreuzunglücklich, und zu allem brachte mir Zenzl noch die erschütternde Nachricht, daß Magnus Hirschfeld an den Verletzungen, die ihm die Münchner Studenten wegen seiner wissenschaftlichen Forschung mit Gummiknüppeln beigebracht haben, gestorben sei. In gestrigen Zeitungen war die Meldung dementiert, – aber Zenzl sagt, heute stände es überall bestätigt. Ich hoffe immer noch, daß sie nur die ersten Mitteilungen zu sehn bekommen hat, und daß es nicht stimmt. Aber das ist sicher, ob vollendeter Mord oder Totschlag – oder Mordversuch: Die Tüchtigkeit der baierischen Staatsanwälte hört da auf, wo es nicht mehr gegen Freiheitskämpfer geht. Da werden die Helmesse plötzlich versagen, die jeden Kartoffeldieb einsperren lassen. Die Mörder sind ja von ihrer eignen Couleur! – Als der traurige Besuch vorbei war, erschien der Oberaufseher wieder bei mir und beklagte sich über die Angriffe, die ich auch gegen ihn gerichtet habe. Ich sagte ihm, daß ich ihn persönlich nicht kränken möchte, und es mir leid tue, wenn ich in der Erregung, die er wohl verstehe, zu weit gegangen sei. Da aber kam folgende merkwürdige Aeußerung: „Wegen der Sache beklagen Sie sich nur über Ihre eigenen Kollegen, aber nicht über mir! (sic).“ Nähere Auskunft erhielt ich nicht. Aber nun frage ich mich doch: Ist es möglich, daß die Mitgefangenen in der Tat diese Teufelei gegen mich ausgeheckt und durchgeführt haben? Haben sie mich beim Staatsanwalt angeschwärzt (etwa in Briefen oder auch persönlich!)? Ermitteln werde ich’s wohl nie, aber einen solchen Verdacht haben zu müssen, ist scheußlich genug. Und könnte ein Staatsbeamter, der nichts ist als paragraphierte Genauigkeit, wie grade dieser Oberwachtmeister (für alle Fälle: der Mann heißt Konrad(t?)) eine solche Beschuldigung aussprechen, wenn nichts daran wäre? – Ich bin froh, daß Weber ohne adjö von mir geschieden ist. Ich werde nun auch, sofern er sie[ihn] nicht sucht – was ich nicht glaube – von Markus Reichert ohne Abschied fortgehn, von dem Menschen, der mir als Kampfgenosse in der Revolution und ein volles Jahr hier in der Gefangenschaft mit all seinen Eigenheiten einer der liebsten Kameraden war. Ich möchte kein Schuldbewußtsein in seinen Augen lesen, und noch weniger möchte ich sehn, daß er – wenn er an diesem Frevel beteiligt war – sich dabei ohne Schuld fühlt. So werde ich ihm einfach das, was ich ihm mitzuteilen habe, kurz und sachlich auf einem Zettel zurücklassen. – Meine gute geliebte Frau geht jetzt einsam und unglücklich in Ansbach herum und sehnt sich nach mir, – ich sitze einsam und unglücklich in meiner traurigen Zelle und sehne mich nach ihr. Sie wird heute abreisen, in genau derselben Richtung, in der ich ein paar Stunden später auch fahren muß; und Gott gebe, daß wir beide nie wieder gezwungenermaßen hierher zurückzukehren brauchen. Morgen früh gegen 8 Uhr werde ich in Niederschönenfeld eintreffen, wenn es nach dem zufällig übereinstimmenden Willen des Staats und meiner selbst geht. Vollmann hält seine psychischen Folterwerkzeuge wohl schon für mich bereit, – aber es warten meiner auch geöffnete Freundesarme. Also elender als die letzten Wochen in Ansbach kann’s nicht werden. So bin ich in aller Trübsal froh und hoffnungsvoll.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 21. Oktober 1920.

Morgen früh werde ich nun eine Woche hier sein, – und daß alles inzwischen Erlebte derweil nicht notiert wurde, liegt daran, daß ich hier unausgesetzt von lieben Genossen und Freunden mit Beschlag belegt bin. Ich will – nur um nicht den Zusammenhang zu verlieren – ganz kurz referieren. Freitag Nacht die Reise mit zwei Gendarmen in Zivil. Sie unterhielten sich mit mir über Bolschewismus – ich hörte komprimiert sämtliche Einwände des nichtswissenden Spießers mit seinen Geldinteressen. Erschreckend. In Treuchtlingen kamen 3 Kameraden von der Plassenburg zu uns: Wilhelm Schmid von Kempten, ein gewisser Kullmann und Josef Wittmann, ein Mitglied der Landtagswache, die uns am 28. Februar aus den Fängen der andern Abteilungen der republikanischen Schutztruppe befreite und dadurch Levien und mir das Leben rettete. Wittmann, mit dem ich schon seit Monaten korrespondierte, war damals der Tätigste von allen. Die Ankunft hier war ergreifend. Von Rain aus gings zu Fuß die Landstraße hinunter, und als wir in Sicht kamen, sahen wir aus der Anstalt Tücher schwenken und aus vielen Männerkehlen erklang meine Rätemarseillaise. Der Empfang unten bei den Beamten war allerdings toll. Überall Aufseher und Soldaten mit Flinten behängt, im Empfangsraum Taschendurchsuchung und Abtastung. Endlich hinauf – zuerst ich allein. Hinter dem Gitter des 1. Stocks drängten sich die Genossen und brachten ein Hoch auf mich aus. Dann öffnete sich die Eisenpforte und ich lag in den Armen meiner Nächsten: Olschewski, Hagemeister, Toni, Förster, alter Ebracher Freunde Leo Reichert, Egensperger u. s. w. – und mußte dann Dutzende von Händen drücken und Namen hören von Kameraden, die ich erst kennen lernte. Man wies mir 2 winzige enge, einander gegenüberliegende Jammerzellen an, da keine größere Zelle, wie sie die andern Freunde meist haben, frei war. Die Freunde des 2. Stocks mußten uns dann verlassen, da hier die schändliche Einrichtung besteht, daß die Gefangenen noch in der Anstalt voneinander abgesperrt leben. Nur in der Hofzeit werden alle Stunde die Gitter für 15 Minuten geöffnet, dann kann man Besuche machen und muß aufpassen, daß man – spätestens um 5 wieder zu seinen Penaten kommt. Abends um 9 werden die 3 Gänge in jedem Stockwerk obendrein noch gegeneinander abgesperrt, im Gang selbst allerdings wird man nicht noch einmal extra eingeschlossen, sondern kann mit den Anwohnern die ganze Nacht zusammenbleiben. Die „Gruppe“, die mich sofort zu sich zog, gruppiert sich um Olschewski und Karpf (dem Generalstabschef der Roten Armee: 12 Jahre Festung, der mir sehr lieb geworden ist in den wenigen Tagen. Es gehören dazu der (Landtagsabgeordnete) Adolf Schmid-Kempten, Elbert (KAPD), Förster und Leo Reichert (die sich in den letzten Tagen etwas zurückziehn) und nun also ich, Wilhelm Schmid-Kempten (der in einigen Tagen entlassen wird; man hat ihn für 11 Tage noch von der Plassenburg hertransportiert) und Josef Wittmann, der hier mein Ringelmann wird. Ringelmann aber kam vor 8 Tagen abends auch an (er wohnt im 2. Stock) und ich vertrage mich gut mit ihm, wenn ich ihn auch, wie die übrigen oben (darunter Renner, Pfeiffer, Toni Waibel, Kain etc) leider nur selten sehe. – Meine Beruhigung wegen des Empfangs war groß. Ich erfuhr, daß Graßl mit seinen Versuchen, mich zu verlästern, scharf abgefahren war. Er und Schwab laufen viel mit einander. Meine Freunde verkehren nicht mit ihnen. Sie schließen sich an andre an. Graßl aber hat hier zu verbreiten versucht, ich hätte ein Bewährungsfristgesuch eingereicht. Das Rindvieh! Damit macht er auch alle übrigen Verleumdungen unglaubhaft, denn das hat ihm natürlich niemand geglaubt. Ernsthafter zu nehmen ist, daß Reichert (Markus) von Ansbach aus hierherfuhr, um hier Thekla Egl zu treffen, die grade in Begleitung von Frau Klingelhöfer hier angekommen war. Sie wollte Karpf besuchen, wurde aber auf Vollmanns Befehl schroff abgewiesen. Klingelhöfer berichtete mir dann, daß Reichert behaupte, ich hätte in Ansbach Gelder, die für alle bestimmt waren, unterschlagen. Ich mußte daher an Zenzl Mitteilung machen, um dem kleinen Fanatiker in München diese Art Kampf gegen mich unmöglich zu machen. – Natürlich hat die „Gitterkrankheit“ auch hier bedenkliche Ausdehnung angenommen. In unserm Stockwerk zumal wohnen die meisten „Intellektuellen“: Klingelhöfer, ,

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 22. Oktober 1920.

Vielleicht läßt man mich heute ungestört schreiben. Gestern mußte ich, da von oben Gen. Bareth kam, aufhören. Ich fahre fort, wo ich unterbrechen mußte. Die „Intellektuellen“ also bilden hier eine Partei: Klingelhöfer, Toller, Niekisch, die beiden Hartig und ein kleiner Anhang, während unsre Gruppe sich sehr scharf dagegen abhebt. Mein Prinzip war von Anfang an dies: ich nehme keine Partei in Angelegenheiten, die ich selbst nicht miterlebt habe. So stelle ich mich auch durchaus freundschaftlich zu Rudolf und Valtin Hartig und ignoriere es, daß sie von meinen nächsten Freunden geschnitten werden. Ich mied den Verkehr von Anfang an nur mit Grassl, Westrich und Schwab (der bisher kein Wort mit mir geredet hat und mir ängstlich aus dem Wege zu gehn scheint). Nun kam ich aber gleich in eine bewegte Situation herein, die mich zwang, in einer wichtigen Sache sofort Partei zu ergreifen. Die Hausarbeiten werden hier gegen Bezahlung von 6 Mark täglich von eigenen Genossen geleistet. Nach dem Eintreffen der Ansbacher und Plassenburger Genossen mußte der dritte Gang in den Etagen in Benutzung genommen werden, sodaß die Arbeit erheblich vermehrt war. Die Genossen verlangten daher entweder die Einstellung eines vierten Genossen pro Woche – es wird wöchentlich abgewechselt und zur Zeit je 3 Genossen beschäftigt – oder die Erhöhung des Lohns auf 8 Mark. Die Verwaltung lehnte den 4. „Hausl“ grundsätzlich ab und vertröstete wegen der Lohnerhöhung auf den Bescheid des Ministeriums – der wochenlang nicht kommen wird, mutete also den Genossen zu, inzwischen die bedeutend vermehrte Arbeit unter den alten Bedingungen weiter zu leisten. Eine Versammlung des Stockwerks am Sonntag sollte dazu Stellung nehmen, nachdem der 2. Stock sich schon ganz entschieden für Streik ausgesprochen hatte. Die „Intellektuellen“ waren für Weiterarbeiten. Ich griff in die Debatte ein und stellte mich selbstverständlich auf einen ganz prinzipiellen Standpunkt, wie übrigens die Mehrzahl der Hausarbeit tuenden Proletarier selbst. Der Streik wurde schließlich beschlossen, und die nächsten Tage lagen die Gänge voll von Dreck, umsomehr, als aus den Zellen aller Abfall auf den Korridor geschmissen wurde. Am Mittwoch früh war Toller bei mir. Da kam sehr erregt Olschewski und berichtete, daß Niekisch und Kiesewetter im Gang auskehren. Toller meinte sofort, sie werden den Dreck wohl blos etwas beiseite räumen, hatte also sein Kompromiß gleich bei der Hand, während ich erklärte, das sei offener Streikbruch, für mich seien die beiden Herren erledigt. Die Sache brachte natürlich große Aufregung ins Haus. Niekisch, der eigentliche Macher der Räterepublik, gewählter Landtagsabgeordneter[,] greift persönlich zum Besen, um streikenden Arbeitern, die noch in der Gefangenschaft ihr einziges kleines Machtmittel anwenden, in den Rücken zu fallen, ebenso Kiesewetter, der sich als Syndikalist geriert. Die wirklich revolutionären Genossen waren einig in der Beurteilung des Falls. Unsre „Intellektuellen“ dagegen suchten Entschuldigungen, erklärten, es sein garkein wirklicher Streik, und durchaus kein Streikbruch und brachten die fadenscheinigsten Argumente für diese Auffassung. Karpf schickte am Abend einen Zettel an den Staatsanwalt des Inhalts: die Frage der Hausarbeit habe sich vorläufig in der Weise geregelt, daß die F. G. Niekisch und Kiesewetter die Arbeit kostenlos übernommen hätten. Eine Abschrift dieses Zettels schlug er gestern früh an das schwarze Brett an. Wir freuten uns natürlich sehr über den guten Witz, anders die Toller, Klingelhöfer, Hartigs und Genossen. Lausbüberei etc. Toller war mindestens 4mal bei mir, um mich zu überzeugen, daß nur Karpf und keineswegs die beiden Arbeitswilligen zu verurteilen sei. Ich erklärte mich mit Karpf solidarisch und sagte zu Toller: „Du gehörst zu den Leuten, die das Unglück haben, sich immer an der unrechten Stelle zu entrüsten.“ Daß Karpf an den Staatsanwalt geschrieben habe, sei ganz einwandfrei: Er habe sich einfach mit der Partei zur Orientierung in Verbindung gesetzt, die die Streikbrecher ergriffen haben. Toller ist ein guter Kerl, aber er gehört zu denen, die sich, aus einer breiigen Allerweltsliebe heraus, zum Proletariat „herabgelassen“ haben, und niemals aus dem Herzen des Proletariats wird empfinden lernen. Nun haben wir zwei deutlich geschiedene Gruppen, die nicht verfeindet sind, (nur mit den Streikbrechern lehnen wir den Verkehr ab), aber zwei unvereinbare Anschauungen repräsentieren. Ich gab ihnen den Namen, der gleich akzeptiert wurde: die Streikbrecher und die Lausbuben und erklärte gleich, daß ich ganz entschieden zu den Lausbuben gezählt zu werden wünsche. – Über die Einrichtungen und Schikanen des Strafvollzugs ein andres Mal. Nur soviel, daß Vollmann hier ein streng militärisches Regime eingerichtet hat. Es weht Kasernenluft durchs Haus und alles funktioniert stramm nach dem Buchstaben. Die Behandlung ist in jeder Hinsicht schlechter als in Ansbach. Dennoch bin ich glücklich hier zu sein. – Noch eine Kleinigkeit zur nachträglichen Charakteristik des Helmes. Am 2. Tag erhielt ich 3 leere Briefumschläge mit den Adressen an Zenzl, Rühle und Pfempfert. Die Briefe hatte Helmes schon vor über einer Woche zurückgehalten, war aber zu feige, es mir zu sagen und überließ es dem Vorstand hier. Interessant ist besonders, daß dazu auch der Brief an Pfempfert gehört, in dem ich ihm ganz kurz mitgeteilt hatte, daß mir sein Brief nicht ausgeliefert sei, weil daraus hervorging, daß das Broschürenmanuskript draußen sei. Helmes hatte mir ausdrücklich bewilligt, diese Mitteilung an ihn gelangen zu lassen. Ein lieber Kerl! Na ja, er nahm halt die Partei der Graßl und Konsorten, die ihrerseits die Partei Webers nahmen. Jetzt höre ich die Genossen über ihn reden, die ihn von Ebrach und der Plassenburg kennen. Die erste Frage der Genossen, die ich in Treuchtlingen traf, war: Kommt der Weber-Max auch nach N.? und auf die verneinende Antwort unisono: Gott sei Dank! Dies, ehe ich ein Wort von unserm Konflikt erwähnt hatte. Kain unterbrach, als er nur den Namen hörte, meinen Bericht über Ansbach mit den Worten: Weber? Das ist ein Gesinnungslump! Ebenso urteilen Egensperger und alle guten Revolutionäre, auch Elbert, mit dem W. behauptete, innig befreundet zu sein. – Toni W. befindet sich zur Zeit in Einzelhaft – und zwar wird die „Absonderung“ im Parterre vollstreckt, wo sonst keine Gefangenen untergebracht sind. Außer ihm wohnen dort noch „bis auf weiteres“ die Genossen Regler und Taubenberger. – Jetzt muß ich aufpassen, wann die Tür zum 2. Stock geöffnet wird, da ich heute den guten Erich Wollenberg besuchen möchte. Hoffentlich kann ich bald regelmäßig arbeiten. Erst will ich aber meine Bücher und Schriften haben, die immer noch bei der Zensur liegen. Auch ist meine Zelle noch nicht fertig. Zwar hat Karpf unter Unterstützung Sepp Wittmanns aus alten Kisten schon einen Teil meines Mobiliars zurechtgezimmert und -tapeziert, sodaß die Bude schon ganz wohnlich ist. Aber ehe ich nicht wenigstens ein Bücherregal habe und ungefähr weiß, wie ich all mein Gelump unterbringe, fühle ich mich noch zu sehr im Provisorium. Nun soll sich’s zeigen, wie lange Niederschönenfeld mich beherbergen wird. Bis 1934? Oder passiert bald etwas? Die Spaltung der USP, deren Mehrheit die Moskauer Bedingungen angenommen hat, regt mich weniger auf als die braven Genossen. Jetzt wird die Katzbalgerei um Kassen und Zeitungen beginnen. Aber das revolutionäre Proletariat wird andre Aphrodisiaca brauchen, um Barrikaden zu bauen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 29. Oktober 1920.

Heute bin ich 14 Tage hier. „Eingewöhnt“ bin ich noch nicht ganz, lerne aber täglich mehr das Verfahren kennen, mit dem man die politischen Übeltäter schikaniert. Da ist der Genosse Zammert aus Augsburg. Er erhielt 3 Jahre Festung, und das „Volksgericht“ billigte ihm Bewährungsfrist nach 1 Jahr zu. Vorige Woche war das Jahr abgelaufen. Natürlich freute sich Z. ungeheuer auf die Freilassung. 4 Tage vor dem Termin erhielt er aber die Mitteilung, daß die Bewährungsfrist aufgehoben werde. Gründe: Er war in das „Komplott“ verwickelt. Das Verfahren wurde zwar in Ermangelung von Beweisen eingestellt, aber was man nicht beweisen kann, bleibt ja doch möglich. Außerdem hat man damals bei der Durchsuchung Aufzeichnungen gefunden, worin Zammert den Vollmann und seine Komplizen nicht grade zärtlich betitelt hat. Irgendein Beamter verurteilt ihn also zu weiteren 2 Jahren „Festung“. – Das ist nur ein Fall. Ähnliche gibt es massenhaft. Erzählen einem die Genossen von der Behandlung in der Untersuchungshaft, wo Vollmann mit besonderer Vorliebe Bettentzug verfügte und die hungernden gequälten Menschen auf der nackten Holzpritsche schlafen ließ und tausend andere gehässige Bosheiten ausheckte, um sie kleinzukriegen, dann stehn einem die Haare zu Berge. Ich verkehre vorerst nur schriftlich mit dem Vorstand (der Oberhirt des Hauses ist ein gewisser Schröder). Mein Verlangen nach einer größeren Zelle wurde abgelehnt, gestern erhielt ich den Bescheid, daß mir auch der verlangte Tisch und das Bücherregal abgelehnt werde. Ich werde also gezwungen, mir bei den unsinnigen Preisen jetzt die Möglichkeit, in der Haft zu arbeiten, auf eigne Kosten zu schaffen. So geht’s täglich. Wahrscheinlich will man speziell mich schikanieren. Wie wird’s erst bei den Besuchen werden? Niekisch empfängt seine Frau fast immer ohne Aufsicht; als aber ein Besuch eines andern Genossen das 2½jährige Töchterchen von Adolf Schmid-Kempten mitbrachte, mußte der mit seinem kleinen Kind die ganze Zeit die Anwesenheit eines Aufsehers ertragen. „Ohne Aufsicht“ heißt übrigens nur, daß der Aufseher außerhalb des Sprechzimmers ist und von Zeit zu Zeit durch ein Glasfenster hineinäugt. Vor einigen Tagen war der Festungsbeirat hier und nahm Beschwerden entgegen. Ich habs mir von den Delegierten erzählen lassen: ein Pfarrer dabei, eine Bürgermeistergattin und auch ein Arbeiter von 65 Jahren, der den Mund überhaupt nicht auftat. Selbstverständlich ist nicht die geringste Besserung von dieser Gesellschaft zu erwarten, und ich bin der Meinung, daß es allein würdig wäre, nach allen Erfahrungen derartige Wohltätigskeitstheater energisch abzulehnen. – In der Arbeitsangelegenheit habe ich versucht, Rat zu schaffen. Nach dem Hanselstreik, der dahin führte, daß die Räume jetzt von Gefängnissträflingen gereinigt werden, wurde Holzarbeit übernommen: 6 Stunden Sägen oder Spalten, die Stunde 1 Mark. Ich bin sehr dagegen, daß unter dem ortsüblichen Tageslohn gearbeitet und also den Arbeitern draußen lohndrückende Konkurrenz gemacht wird (ich ärgerte mich schon in Ansbach sehr über die andern, die dort für 1,50 Mk arbeiteten, konnte ihnen ja aber meine Meinung nicht sagen). Schon die Tatsache, daß die Anstaltsleitung die Rolle des Arbeitgebers übernimmt bei völlig einseitigem Recht der Bedingungen (ebenso wie bei den Hausarbeiten) entwürdigt die Stellung des „Ehrengefangenen“. Aber es geht soweit, daß den Arbeitenden noch dauernd Aufseher zur Seite gestellt werden, die direkt als Frohnvögte tätig sind. Nun sagte mir vor einigen Tagen Genosse Wiedenmann, er dächte daran, hier eine Art selbständigen Fabrikbetrieb zu schaffen, man müsse sehn, draußen einen Betrieb zu finden, der etwa Halbfertigfabrikate zur Fertigmachung hierher vergebe. Ich stellte dem die Idee gegenüber, lieber eine eigene Produktivgenossenschaft zu errichten, die unabhängig von kapitalistischen Auftraggebern arbeite. Da die Anstalt große Werkstätten nicht zur Verfügung stelle, müsse Kleinarbeit in den Einzelzellen gemacht werden. Es handle sich nur darum, Arbeitsgerätschaften und -material zu beschaffen. Dazu solle nicht gebettelt werden, sondern es müsse durch Vergebung von Anteilscheinen und Beschaffung von Aufträgen ein größeres Kapital aufgenommen werden. Schon am nächsten Tag fand eine Zusammenkunft von 12 Genossen (aus jedem Stockwerk 6) statt, in der der Plan, der prinzipiell allgemeinen Beifall fand, durchgesprochen wurde. Genosse Wilhelm Schmid-Kempten (mit dem ich zugleich ankam, und den man, da man ihn noch für die letzten 11 Tage seiner Strafe von der Plassenburg hierhergebracht hatte, entlassen ist) bekam Auftrag, bei der Durchreise in München mit der Betriebsrätezentrale und den Syndikalisten Fühlung zu nehmen und die Sache einzufädeln, damit draußen sofort eine Organisation geschaffen wird, die das Nötige besorgt. Ferner wurde als vorläufiger Ausschuß eingesetzt: ich, Hagemeister und Murböck, und gestern ist nun von uns ein Aufruf hinausgeschickt worden, den ich verfaßt habe und der die gesamte Arbeiterschaft genau über die Absicht orientiert. Gelingt es, was ich möchte, dann werden die Genossen durch Arbeiten, die ihnen selbst adäquat sind (Küchengeräte, Spielwaren, Zierstücke, Holz-, Leder-, Tongegenstände etc) anständig verdienen, dabei unabhängig von der Behörde arbeiten, den Genossen im Lande keine Schmutzkonkurrenz machen und Freude am Leben gewinnen. Die Anfeindungen, die mir wegen dieser Sache bevorstehn – wegen der Eigenmächtigkeit des Vorgehns und aus wer weiß welchen Gründen noch – werde ich dann guten Gewissens überstehn können. – Noch ein paar Personalia: Hirschfeld ist seinerzeit zum Glück nicht gestorben, wodurch die Brutalitäten der Herren Studenten natürlich um nichts besser gemacht werden. Dagegen muß ein andrer Toter registriert werden, Cäsar Flaischlen, der im Alter von einigen 50 Jahren gestorben ist. Wieder einer von der Generation des „Jüngsten Deutschlands“, des angeblichen Naturalismus, worin soviel verschiedenartige Richtungen Platz hatten (wenn nur die persönliche Freundschaft da war), daß man auch diesen süßlichen Idylliker unter sich duldete. Gewiß – ein ganz feines, stilles Gemüt; aber garnichts original Wesenhaftes im Talent. Ich kannte ihn flüchtig aus der Neuen Gemeinschaft. – Eine andre Nachricht geht mir nahe: Georg Kaiser ist wegen angeblicher Finanz-Unregelmäßigkeiten auf Veranlassung der Münchner Staatsanwaltschaft (natürlich!) in Berlin verhaftet worden. Unser begabtester deutscher Dramatiker der Gegenwart. Offenbar bringen ihm seine Stücke doch nicht soviel ein, daß er unter den unmöglichen Verhältnissen jetzt auskommen konnte. So ist der große Dichter unter die kleinen Diebe geraten und wird selbstredend gefaßt. Die kleinen Dichter, die unter den großen Dieben herumwimmeln, in Aktien, Auslandswerten und Operettentexten spekulieren, sind hingegen hochgeehrt und bewundert in dieser größten aller Zeiten. Nach dem Fall der armen Lena Christ, die mit Bilderfälschungen hereinfiel und sich das Leben nahm, nun ein Fall Georg Kaiser. Es ist eine Lust zu leben!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 31. Oktober 1920

I. Abschrift. „An das Staatsministerium der Justiz, München. Der beiliegende „Aufruf“ wurde mir von dem Herrn Zensor der Festungshaftanstalt mit dem Anheimstellen zurückgegeben, die Entscheidung über seine Weitergabe an die Öffentlichkeit dem Staatsministerium der Justiz zu überlassen. Die Weigerung, den Aufruf direkt weiterzuleiten, wird damit begründet, daß die in dem Aufruf vorgesehene Einrichtung von Werkstätten für Holz-, Metall- und Lederbearbeitung „schon wegen der beschränkten Raumverhältnisse in der Festung nicht durchführbar“ sei; daß es ferner nicht zulässig sei, „über den Kopf der Verwaltung hinweg eigenmächtig einen förmlichen Fabrikbetrieb in der Festung in die Wege zu leiten“. Hierzu habe ich folgendes zu bemerken: ad 1.) In dem Aufruf ist ausdrücklich bemerkt: „Große Werkstätten stehn in Niederschönenfeld nicht zur Verfügung. Es kann und soll deshalb kein einheitlicher Fabrikbetrieb eingerichtet werden. Die Genossen müssen sich allein oder zu Zweien in kleinen Zellen auf Einzelarbeit einstellen.“ Es wird also von vornherein darauf verzichtet, die Anstaltsleitung um Zuweisung besonderer Räume anzugehn. Die zur Beteiligung an der genossenschaftlichen Arbeit bereiten Festungsgefangenen wollen und können die notwendigen Gerätschaften in den ihnen zur Verfügung stehenden Unterkunftsräumen aufstellen, indem sie, sofern sie zwei kleine Zellen bewohnen, den Schlafraum zugleich als Wohnzelle benutzen und die gegenüberliegende Festungsstube als Werkstatt herrichten. Es käme höchstens in Frage, daß der Inhaber eines an der Genossenschaft nicht beteiligten Gefangenen, dem zwei Zellen angewiesen sind, in gegenseitigem Einverständnis mit dem Bewohner einer größeren Zelle tauscht. Die Raumverhältnisse der Anstalt bieten demnach der Durchführung des Plans keinerlei Schwierigkeiten. – ad 2.) Das Reichsgesetz (§ 17 St. G. B.) läßt wohl die Beaufsichtigung der Beschäftigung der Festungsstubengefangenen zu, sieht aber keineswegs das Recht der Behörde vor, an und für sich zulässige handwerksmäßige Berufsarbeit der Gefangenen zu behindern. Die Ausführungsbestimmungen der Hausordnung für die bayerischen Festungshaftanstalten garantieren im Gegenteil die Förderung von Arbeiten, die selbstverständlich nach eigenem Ermessen der Festungsgefangenen in Angriff genommen werden. Es besteht keinerlei rechtsgiltige Verordnung, die den zu Festungshaft Verurteilten das Recht beschneidet, „über den Kopf der Verwaltung hinweg eigenmächtig“ sich um Arbeit zu bemühen und die Beschaffung von Werkzeug und Material in die Wege zu leiten. Daß es sich nicht um „einen förmlichen Fabrikbetrieb“ handelt, der die Hausordnung im geringsten beeinträchtigen würde, ist bereits ad 1) dargetan worden. Ich verweise hierbei auch auf die bisher giltige Übung. Die Gefangenen der Festungshaftanstalt St. Georgen haben öffentlich um Überlassung von Werkzeug und Arbeitsmaterial gebeten. Entsprechende Aufrufe sind ohne Widerspruch einer Behörde in Zeitungen erschienen, und das Erbetene ist auch durch freiwillige Spenden geliefert worden. Es ist nicht zu erkennen, daß der Versuch, die Produktionsmittel auf dem in unserm Aufruf vorgesehenen Wege zu beschaffen, anders zu beurteilen sein sollte als die Methoden des Präzedenzfalles. – Ich verweise insbesondere auf die im Eingang des Aufrufs angedeuteten psychologischen Wirkungen der Behinderung der Festungsstubengefangenen an selbstgewählter Arbeit. Es ist, um den legalen Weg der Übermittlung unsrer Wünsche an die Öffentlichkeit nicht zu gefährden, davon abgesehn worden, diese Wirkungen näher zu schildern. Hier möchte ich indessen darauf aufmerksam machen, daß unter den Festungsgefangenen vielfach der Eindruck erweckt wird, als ob die Verwaltung die Einrichtung der Werkstätten zu freiwilliger Einzelarbeit um deswillen nicht zulassen will, weil dadurch der Zwang notleidender Gefangener wegfiele, im Dienst der Anstalt und zu Bedingungen, auf die ihnen nur sehr beschränkter Einfluß zusteht, Arbeit unter dem Normallohn zu leisten, und weil dadurch die den Charakter der Ehrenstrafe aufhebende Kontrolle von Qualität und Quantität des Geleisteten durch das beamtete Aufsichtspersonal vermieden wäre. – Die nervöse Reizbarkeit der Gefangenen ist zum Teil sehr groß. Sie ist bis zur Erbitterung verstärkt dadurch, daß im August dieses Jahres öffentlich das offizielle Versprechen einer unmittelbar bevorstehenden Massenamnestierung von politischen Gefangenen in Bayern gegeben wurde, dem keine Tat folgte. (Ich glaube, daran umso eher erinnern zu dürfen, als ich selbst keineswegs darauf reflektiere, in den Begnadigungsakt einbegriffen zu werden). Nach dieser schweren Enttäuschung haben die Festungsgefangenen das dringliche Verlangen, eine Beschäftigung zu ergreifen, die ihnen das Gefühl ihres Persönlichkeitswerts gewährt, sie wirtschaftlich unabhängig macht von der Strafvollstreckungsbehörde und ihnen zugleich die Möglichkeit gibt, sich selbst und ihren großenteils schwer notleidenden Familien das Leben zu erleichtern. Eine Durchkreuzung dieses Verlangens durch Zensurmaßnahmen müßte die Erbitterung ungeheuer steigern, die nervöse Spannung vieler durch die lange Haft schwer überreizter Gefangener gefährlich vermehren und könnte nach allen Erfahrungen neuerlich zu Entgleisungen in der Selbstdisziplin einzelner Betroffener führen, die dann Disziplinarstrafen und im circulus viciosus weitere Exzesse und neuerliche Konflikte mit der Behörde nach sich ziehn würden. – Eine Anzahl uns nahestehender Arbeiter draußen, die die Organisation der Genossenschaft durch die Schaffung einer Korrespondenzeinrichtung zur Regelung der Geschäfte übernehmen sollen, (cf. Text des Aufrufs), sind bereits über unsre Absicht durch entlassene Gefangene mündlich unterrichtet und erwarten den schriftlichen Ausführungsplan, wie er in dem Aufruf vorläufig skizziert ist. Die Verhinderung der Verständigung mit ihnen würde daher auch unter der werktätigen Bevölkerung im Lande Beunruhigung und Ärgernis hervorrufen. Ich glaube aus allen diesen Gründen erwarten zu dürfen, daß der Aufruf nebst dem Begleitbrief nunmehr vom Staatsministerium der Justiz aus direkt an den Adressaten Herrn Groß weitergeleitet werden wird, und daß den Festungsstubengefangenen in kürzester Zeit der Bescheid wird übermittelt werden können, daß der Ausübung frei gewählter werktätiger Arbeit fernerhin keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, ohne daß sie dieses Recht erst auf dem langwierigen Wege des Verwaltungsprozeßverfahrens erstreiten müßten. – Festungshaftanstalt Niederschönenfeld, 31.Oktober 1920       Erich Mühsam.“

 

II. Abschrift. „An die Festungsgefangenen. Z. Hd. d. Hr. F. G. Egensperger. – 1. Ab 1. November finden gegenseitige Kontoüberweisungen von Festungsgef. an F. G. nicht mehr statt, da von diesem Tage an an die F. G. Barbeträge bis 20 Mk pro Woche ausgehändigt werden. – 2. Jeweils am Montag ist mit Bestellzettel anzugeben, welchen Betrag der F. G. in bar von seinem Konto für die Woche abzuheben wünscht. – An andern Tagen werden derartige Bestellzettel nicht entgegengenommen. – 3. Aus dem Betrag zu 20 Mk, der in bar ausgezahlt wird, sind selbstverständlich alle kleineren Beträge für einlaufende Post- und Paketsendungen, für auslaufende Post- und Paketsendungen, für Rasieren u. s. f. zu bestreiten. Diesbzl. Bestellzettel werden ab 1. 11. nicht entgegengenommen. – 4. Kontoauszüge erfolgen nicht mehr und werden nicht mehr ergänzt. Die F. G. haben die seinerzeit hinausgegebenen Kontoauszüge selbst auf den Stand zu ergänzen. – 5. Auf das Kantinenkonto werden nur noch größere Beträge wie 5 Mk, 10 Mk, 15 Mk usf. in diesen Abrundungen angenommen, die in einer Zusammenstellung vonseiten der Wirtschaftskommission der Verwaltung geschlossen vorzulegen sind. – Diese Einzahlungen, die als Kantinenfond zu gelten haben, haben bis 15. 11. zu erfolgen. Spätere Beträge werden nicht angenommen. – 6. Die aus den Verkäufen eingegangenen Kantinengelder sind täglich a Konto des Kantinenkontos an die Verwaltung abzuliefern. Es darf nur noch Wechselgeld im Betrage von höchstens 50 Mk in der Kantinenkasse sein. – Alle Rechnungen werden von der Verwaltung auf Anweisung der Wirtschaftskommission gezahlt. – Niederschönenfeld, d. 29. 10. 1920. Festungshaftanstalt      Schroeder.“

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 4. November 1920

Solche Ukase, wie ich einen unter II. am letzten Sonntag hier abgeschrieben habe, sind an der Tagesordnung. Heute ist wieder einer angeschlagen, der die Selbstverwaltung der Gelder noch weiter beschneidet und überall beim Geldausgeben neue Schikanen einführt. Ich denke daran, einen Prozeß gegen die Verwaltung anzustrengen, um Gerichtsentscheidung darüber herbeizuführen, ob wir auf Verfügung irgendeines Beamten vollständig unter Kuratel gestellt werden können. Mir persönlich wird alles, was ich auch blos zur Einrichtung meiner Zelle verlange (beweglicher Tisch, Bücherregal) abgelehnt, auf andre Forderungen (Schrank, Schuhe etc.) garnicht reagiert. Ich soll offenbar provoziert werden, was aber dem Vollmann nicht gelingen wird. Vor einigen Tagen hätte ich Besuch haben sollen, erfuhr davon aber erst, als der Besucher schon weg war. Hagemeister hatte Besuch von 2 Schwägern und 2 Schwägerinnen, darunter meinen alten Freund Köberl, unsern Vorsitzenden vom Revolutionären Arbeiterrat. Der hatte die Erlaubnis erwirkt, nach dem Besuch bei seinem Schwager noch 1 Stunde mit mir sprechen zu dürfen. Er erzählte Hagemeister von den Parteiverhältnissen in München. Der beaufsichtigende Subalterne verbot darauf, daß über Politik gesprochen würde. Das führte zu einer kurzen Auseinandersetzung, und das Gesprächsthema wurde gewechselt. Trotzdem lief der Aufseher zum Vorstand und der „Werkmeister“, ein gewisser Schneider, der hier die allererste Geige zu spielen scheint, erschien mit dem Befehl, Herr und Frau Köberl hätten sofort die Anstalt zu verlassen. Ich habe meinen ersten Besuch hier somit garnicht zu sehn bekommen. Köberl ist allerdings grade der geeignetste Mann zu solcher Behandlung (die sehr wahrscheinlich vorbereitet war, um mich zu schikanieren). Er wird draußen schon für die Verbreitung der Geschichte sorgen. – Markus Reichert wirkt inzwischen in München gegen mich. Er hat es tatsächlich erreicht, daß Thekla Egl an Karpf geschrieben hat, sie habe jetzt auch über mich eine „Meinung“. Das Tolle ist, daß ich nicht die geringste Ahnung habe, was mir eigentlich vorgeworfen wird, sodaß ich außerstande bin, mich zu wehren. Semper aliquid haeret, – nach dem Rezept wird gearbeitet. Ich hab’s um Reichert nicht verdient. Muß es eben leiden. – Die Ereignisse draußen spitzen sich neuerdings zu. In Norddeutschland sperren die Unternehmer in größtem Maßstabe Arbeiter aus. So hat jetzt Borsig den gesamten Betrieb geschlossen. Ob das deutsche Proletariat nun nach italienischem Muster vorgehn und bewaffnet die Betriebe besetzen und in eigner Regie weiterführen wird? Es steht nicht bei Marx, und so wird es wohl „konterrevolutionär“ sein. In Bayern gehn ebenfalls seltsame Dinge vor. Die Enthüllung der Mordorganisation der Münchner Polizei zur Beseitigung von Leuten, die der Entente versteckte Waffenlager verraten, ist für die Reaktion ein Schlag ins Comptoir. Aber großartig ist, wie die ganze Klasse der Bourgeoisie zusammensteht und sich schützend vor die Mörder stellt. Bis zu den Linksdemokraten der Frankfurter Zeitung dreht man den Spieß um und sucht den Zorn des Volks auf die Opfer der Mörderbande abzulenken, deren Unschuld durch das Zeugnis derer bewiesen wird, die – zwei nationale Studenten – selbst den Mordversuch begangen haben. Gleichzeitig mit dieser sehr unbequemen Geschichte macht jetzt die Entente ernst mit der Forderung der Entwaffnung auch der „Selbstschutzorganisationen“. Die „Orgesch“, die ganze Stütze des Kahr-Roth-Pöhner-Regiments soll aufgelöst werden. Die preußische Regierung fügt sich und erklärt die Einwohnerwehren für ungesetzlich, die baierische Regierung dagegen scheint den bewaffneten Widerstand gegen die Entwaffnung zu protegieren. Wir Gefangenen geraten immer mehr in die Situation von Geiseln. Wenn’s zum Klappen kommt – das kann in wenigen Wochen sein, und es kann noch Jahre dauern –, ist es durchaus möglich, daß man die Arbeiterschaft dadurch einzuschüchtern suchen wird, daß man ihr mit unsrer Erschießung droht. Da werden die Schleimscheißer hier winseln; es ist eine üble Gesellschaft unter uns. Aber dann werden wir dastehn müssen und verlangen, daß gehandelt wird. Wer für die Revolution gelebt hat, muß auch für sie sterben können. Das ist das Schlimmste noch lange nicht. Ich will lieber hoffnungsvoll in die Flintenläufe sehn als in Verzweiflung auf die Trümmer der sozialen Revolution.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 11. November 1920

Abwechslungen gibts genug hier. Die „Revolutionsfeier“ in der Anstalt am 7ten wurde in zwei getrennten Veranstaltungen begangen. Erst am Nachmittag im oberen Stock eine schöne, würdige, einfache Feier von Proletariern für Proletarier, dann am Abend eine in unserm Stockwerk, veranstaltet von den „Intellektuellen“ (mit Einschluß der Streikbrecher) mit rot umhangenen Lampen und an weiß gedeckten Tischen. Ich nahm natürlich an der ersten teil und ignorierte mit den meisten die zweite, die denn auch mit Krach schloß, da Elbert auf eine Bremsrede Niekischs die Revolutionäre aufforderte, den Saal zu verlassen. Am nächsten Tag dichtete ich einen „Gesang der Intellektuellen“, was unserm guten Adolf Schmidt keine Ruhe ließ und ihn ebenfalls zu einem derartigen Lied anregte. Meines – nach der Melodie „Gaudeamus igitur“ war eine harmlose Verulkung der „Revolutionäre mit dem seelenvollen Blick“, wie ich Klingelhöfer schon in Ebrach nannte, seines eine (künstlerisch unmögliche) unglaublich aggressive Variation von Mosts Arbeiterlied mit dem Refrain: „Das sind die Bourgeoisknechte – die Intellektuellen“. Am Abend sangen wir beide Lieder im Gang (Ich sang das Schmidtsche Opus mit einigem Widerstreben mit, nur um den Schein zu vermeiden, als wollte ich die „Konkurrenz“ nicht aufkommen lassen). Ungeheurer Krach. Toller schrieb mir einen robusten Brief, den ich ironisch-sachlich beantwortete; denn an mir blieb alles hängen. Aber wie diese Schöngeister schon sind, – schon am Tage darauf leiteten sie Unterhandlungen ein, um einen modus vivendi zu finden. Ich vertrat intransigent den Standpunkt, daß nachbarlicher Verkehr mit allen möglich sei – außer mit Niekisch und Kiesewetter, da Streikbruch nicht vergeben werden könne. So hängt auch weiter alles in der Schwebe, denn meine Freunde stellten sich unisono auf denselben Standpunkt. – Diese Dinge sind nicht wichtig. – Sonst ist von einigen Entlassungen zu melden. Nach Wilhelm Schmid und Zimmet erhielt gestern überraschend Wolfgang Ziegler den Bescheid, daß ihm ein Jahr geschenkt ist und er heut früh auf Bewährung entlassen wird. Der tapfere Rotgardist freute sich unbändig, – heut früh um ½ 6 geleitete ich ihn ans Ganggitter. – Morgen geht ein andrer guter Genosse (vom oberen Stockwerk) fort: Engelbert Dobler, der seine 18 Monate voll abgesessen hat, und Sonntag folgt ihm Ewald Ochel, ein KPD-Bonze reinsten Wassers, mit dem ich heute eine interessante Auseinandersetzung über Zentralismus und Föderalismus hatte, die mich die ganze Enge seiner „ Wissenschaftlichkeit“ erkennen ließ. Er wird wohl bald genug in der Zentrale der Spartakuspartei zu Kommandostellen und hohen Ehren gelangen. – Nun zum Persönlichen. Zenzl will mich in den nächsten Tagen besuchen: leider ist die Fahrt aber in Frage gestellt, da sie kein Geld hat. Mein altes Lustspiel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ soll in einem Wiener Verlag erscheinen. 5000 Kronen Vorschuß sind vereinbart; das sind ungefähr 1000 Mark beim Stand der Valuta. Aber 1000 Mark sind beim Stande des deutschen Geldwerts ein Dreck. Immerhin hängt es jetzt am Eintreffen dieser Summe, ob die liebe Frau am Montag hier sein kann oder nicht. Und wie brenne ich darauf, sie zu sprechen! Sie hat mir nämlich in einem Brief eine Andeutung gemacht, die mich tief erregt. Es scheint ihr, als ob ihr Besuch in Ansbach an unserm 5ten Hochzeitstage glückliche Folgen bewirkt hätte. Das will sie nun noch vom Arzt bestätigen lassen. Wäre es doch wahr! Ich bilde mir ein, daß die seither erzwungene Askese vielleicht diesmal die Möglichkeit schaffen wird, das Kind auszutragen, nachdem mehrmals schon während unsrer Ehe nach einigen Wochen unsre Hoffnungen zuschanden wurden. Wenn mir dieser tiefste, heißeste Wunsch noch erfüllt würde, auf den ich beinah schon völlig verzichtet hatte! Was fesselte mich an Mila? Ihr Wunsch, ein Kind von mir zu empfangen. Schenkt Zenzl mir eins, dann, glaube ich, werde ich nie mehr den Drang haben, mich mit andern Frauen abzugeben. Ob Tochter oder Sohn – das ist mir gleich: gut, schön und klug wünsche ich mir ein Kind, – dann bin ich zufrieden.

 

Niederschönenfeld, Dienstag/Mittwoch, d. 16/17. November 1920

Mitternacht. Ich habe mich bei der Kerze in meine Arbeitsklause gesetzt, die langsam heimlich wird, da ich Tisch und Bücherregal (auch Schrank und Holzschuhe) nun endlich erhalten habe und meine Bücher zum Teil schon eingeordnet sind. Aber der Drang zum Tagebuch entstammt besonderen Umständen, die höchst unerfreulich sind – und ihren Ursprung wieder mal bei Grassl haben. Vorige Woche erhielt ich durch Siegfried Jacobsohn zur Verteilung 1000 Mark – zunächst angekündigt. Sie sollten unter bedürftige Festungsgefangene verteilt werden, wobei nur die Bedürftigkeit maßgebend sein und auch die Genossen in den andern Anstalten berücksichtigt werden sollten. Ich setzte mich, um jeden Verdacht der Parteilichkeit zu vermeiden, mit Rudolf Hartig und Murböck zusammen, und wir beschlossen, 300 Mark nach Lichtenau zu senden, die übrigen 700 Mark, damit jeder Empfänger doch eine verwendbare Summe in der Hand habe, unter 14 Genossen in Raten zu je 50 Mark zu verteilen. Noch ehe das Geld da war, war der Spektakel da. Es zeigte sich, daß, wenn unter 70 Leuten 14 etwas kriegen, ungefähr 56 Unzufriedene entstehn. Es gab schauderhaften Stunk. Endlich kam das Geld, – zugleich aber noch eine Postanweisung ebenfalls von Jacobsohn über 764 Mark, dem Rest der gesammelten Gelder der „Weltbühne“ mit der ausdrücklichen Weisung an mich, die Verteilung vorzunehmen, wie ich’s für recht halte. Ich setzte mich diesmal nur mit Murböck zusammen, und wir beschlossen, 150 Mark nach Lichtenau zu senden, 150 Mark an Pestalozza, den wir herbestellt haben, damit er eine Reihe von Prozessen für Genossen übernehme (ich selbst will mit ihm nichts Persönliches besprechen, sondern die Möglichkeit erörtern, wie man durch Strafanträge gegen die Vorstände die Rechtswidrigkeiten des Strafvollzugs abstellen kann); ferner 200 Mark für den Anwalt der kleinen Olschewski, der grade wieder geschrieben hatte (heute kam die Nachricht, daß das Mädel frei und aus der psychiatrischen Klinik entlassen ist. Olschewski ist glücklich, und es ist wahrscheinlich, daß der Empfang der Postanweisung den Anwalt zum Springen gebracht hat), und die übrigen 250 Mark wurden, nachdem der Rest von 14 Mark der Kantine zugewiesen war, unter weitere 5 Genossen verteilt. Murböck, ein prächtiger, charakterfester Genosse und ich waren einig, daß wir, um Spektakel zu vermeiden und nicht wieder wie wegen der 1000 Mark in die ekelhaftesten Schweinereien gezogen zu werden, über diese zweite Sendung garnichts sagen wollten. Aber Gott lenkt. Der Spektakel fraß leise weiter. Ich war der Sündenbock, und ich merkte, daß allerhand Gerüchte über mich umgingen. Eins davon lautete dahin, ich hätte schon in Ansbach im Lauf der Zeit 38000 Mark (ausgerechnet!) für die Genossen bekommen, aber nur 2000 verteilt, das übrige für mich behalten. Ich recherchierte nach der Herkunft. Die Spuren führten zunächst zu einem gewissen Adolf Schmid (nicht zu verwechseln mit unserm ausgezeichneten Gruppen-Genossen Adolf Schmidt-Kempten, dem verhinderten Landtagsabgeordneten), einem üblen Kerl, dem die Plassenburger Genossen von seiner Tätigkeit dort Unterschlagungen in der Kantine vorwarfen, – und der war inspiriert von meinem Freund Grassl. Ich nahm das blöde Geschwätz natürlich nicht sonderlich tragisch. – Auf der andern Seite hatte ich mir aber auch den Groll der sattelfesten Parteikommunisten zugezogen, weil ich Gnad bedacht hatte (in Wirklichkeit hatte ich Murböck und Hartig fast allein die Auswahl überlassen). Gnad soll in Gemeinschaft mit Schneller, einem düsteren Patron, vor dem ich einmal öffentlich warnen mußte, von Lichtenau aus Ochel dem Staatsanwalt in Düsseldorf denunziert haben, was ich bisher überhaupt nicht wußte, und was ich bis jetzt nicht recht glaube. Aber Gnad war im Zuchthaus, also „Lumpenproletarier“, und mein Standpunkt, ihn grade deswegen besonders behutsam zu behandeln, wird von den Gläubigen des Kommunistischen Manifests sehr verachtet. Ochel kam also Sonntag von mir Abschied nehmen. Er war sehr erregt, da er eben die scheußliche Mitteilung erhalten hatte, daß er trotz der Verbüßung seiner Strafe nicht heimreisen dürfe, sondern von Polizeibeamten abgeholt und erst in München vorgeführt würde. Vermutlich will man ihn aus Bayern ausweisen und erst daktyloskopieren. Jedenfalls ließ er seinen berechtigten Zorn an mir aus, indem er mir ankündigte, er werde draußen öffentlich davon Gebrauch machen, daß ich einen notorischen Verräter noch materiell unterstütze. – Inzwischen ging der Stank immer weiter, und heute erfuhren wir nun, daß der besagte Schmid II bei Vollmann gewesen sei, um sich über die ungerechte Verteilung der Gelder zu beschweren, da er nicht zu jenen 14 gehörte. Vollmann ließ die Kommission kommen (Murböck und Egensperger) und eröffnete ihr, daß er der Beschwerde stattgebe. Die Gelder (für die die Quittungen schon unterschrieben sind, und für die schon eine Menge Einkäufe in der Kantine gemacht wurden) müßten unter alle verteilt werden, auch dürfe nichts nach Lichtenau geschickt werden, und falls ich nicht einverstanden wäre mit dieser Regelung, so werde das Ganze ans Ministerium gesandt werden. Das Tollste ist, daß Vollmann dem Denunzianten Schmid (unter offensichtlichem Bruch des Amtsgeheimnisses) verraten hat, daß noch außer den 1000 Mark 764 Mk gekommen seien und davon an zwei Anwälte Postanweisungen geschickt seien; sogar daß Olschewskis Tochter davon profitierte, wurde mitgeteilt. Die entrüsteten Neidlinge in schönem Bunde mit den Intellektuellen veranstalteten eine Versammlung. Ich und mein Kreis, ebenso der Kreis um August Hagemeister, der um Paul Förster und der um Siegmund Wiedenmann blieben fern (es kam nur das 1. Stockwerk in Betracht). Man entsandte Elbert zu mir, ich möchte doch kommen und wenigstens eine Erklärung abgeben. Inzwischen hatte ich aber schon eine Erklärung zum Anschlag ans Brett geschrieben. Wir beschlossen, in die Versammlung zu gehn, ich sollte die Erklärung zur Kenntnis bringen mit ein paar kurzen Worten und wieder hinausgehn. So ging ich denn, gefolgt von etwa 8 – 10 Genossen hinein. Klingelhöfer präsidierte und erteilte Rudolf Hartig das Wort zur Aufklärung über die Verteilung. Dann wollte er Schmid reden lassen, offenbar um mich in die Rolle des Angeklagten zu versetzen. Ich protestierte und verlangte zuvor das Wort. Ohne Abstimmung drehte der Sanftbold die Sache aber gegen mich, und so verließen wir Opponenten, ohne die Erklärung losgeworden zu sein, den Raum. Abends aber schickte ich folgenden Brief hinunter: „An den Herrn Festungsvorstand. Ich habe mich gezwungen gesehn, den F. G. folgende Erklärung zur Kenntnis zu geben: Die Verteilung der kürzlich an meine Adresse übersandten, auf meine Veranlassung gesammelten Geldsumme von der „Weltbühne“, die unter bestimmten Gesichtspunkten mir überlassen war und die ich in Gemeinschaft und nach Beratung mit den Genossen Murböck und Rudolf Hartig unparteiisch und ohne eigenen Vorteil vorgenommen habe, wird rückgängig gemacht. – Es haben sich „Genossen“ gefunden, die dem Anstaltsvorstand ihren Neid geklagt gaben, weil sie zur übergroßen Mehrheit der Nichtempfänger gehörten. Der Vorstand weigert sich infolgedessen, die Auszahlungen nach unsern Angaben vorzunehmen, obwohl die Quittungen schon unterschrieben sind und daraufhin Ausgaben gemacht wurden. – Den Anspruch des Vorstands, über Verwendung von Geld zu entscheiden, über das die Verteilung mir zusteht, anerkenne ich nicht, da Festungsgefangene nicht unter Vormundschaft gestellt werden dürfen. Auch bin ich nicht bereit, meine Einwilligung dazu zu geben, daß die Denunzianten auf Kosten bedürftiger Genossen für ihren Solidaritätsbruch honoriert werden. – Sollte bis morgen die Verteilung des Geldes nicht genau nach unsrer Bestimmung vollzogen sein, so werde ich das Geld an den Absender zurückgehn lassen und zwar mit der ausdrücklichen Bitte, die Sammlungen für die Festungsgefangenen einzustellen, denen das freie Verfügungsrecht über die Spenden nicht mehr zustehe. Ferner werde ich an alle übrigen durch mich für die Festungsgefangenen interessierten Stellen Bericht erstatten über die Wirkung ihrer Hilfsbereitschaft und den gänzlichen Verzicht auf Hilfsaktionen bei diesen Genossen veranlassen. – Da die gute Absicht derer, die bisher gespendet haben, durch das Verhalten eigener „Genossen“ vereitelt wird, will ich nicht mehr dazu beitragen, den Neid solcher Leute zu erregen, ihnen Anlaß zu Denunziationen zu geben und dadurch den Unfrieden im Hause noch zu vermehren. Niederschönenfeld d. 16. Nov. 20. Erich Mühsam – N. B. Die nachträglich eingetroffenen 764 Mark wurden im Einverständnis mit Genossen Murböck verteilt. – – Zur Ergänzung dieser Erklärung bemerke ich: Das Geld war mir mit der ausdrücklichen Bestimmung zugewiesen worden, es unter bedürftige Genossen in allen Festungsanstalten zu verteilen. Ich lehne es entschieden ab, über die Art der Verteilung der Behörde Rechenschaft zu geben. Verantwortlich dafür bin ich nur dem Spender, dem über jeden Pfennig Auskunft gegeben wurde. – Ein Eingriff des Festungsvorstands in meine Befugnis, das Geld zu verteilen, würde die Verhängung der Kuratel über mich und mithin das Recht des Vorstands bedeuten, über die Geldverwendung aller Festungsgefangenen Vormundschaft auszuüben. Die Verhängung der Vormundschaft ist jedoch ausschließlich Sache der Gerichte. – Damit spitzt sich der Fall zu einer prinzipiellen Angelegenheit zu, und ich muß deshalb darauf bestehen, daß die Verteilung genau nach meinen Angaben geschieht. Ich ersuche um Mitteilung, ob die von mir ausgestellten Postanweisungen befördert sind, und ob der Vorstand bereit ist, nunmehr die Überschreibungen an die F. G. vorzunehmen. Im andern Falle bitte ich, die Gesamtsumme, bzw. den Restbetrag an den Absender, Herrn Siegfried Jacobsohn, Charlottenburg, Dernburgstr. 25 zurückgehn zu lassen und mich davon zu verständigen, damit ich die nötigen Erklärungen brieflich folgen lassen kann. Niederschönenfeld, d. 16. November 1920      Erich Mühsam.“ – Abends haben mir einige Genossen noch berichtet, was in der Versammlung noch alles vorging. Man hat einen regulären Angeklagten in meiner Abwesenheit aus mir gemacht. Graßl wurde extra geholt, um gegen mich auszusagen und Westrich, den wir ja auch von Ansbach schon hinlänglich kennen, soll bereits mit dem Staatsanwalt bzw. mit Vollmann vereinbart haben, daß gegen mich Material herangeschafft wird um mir die Unterschlagung jener 36000 Mark nachzuweisen. Ich habe Gottseidank die besten Genossen auf meiner Seite, außer meinem engsten Kreis Hagemeister, Förster, Leo Reichert, ferner Wiedenmann und vor allem Pfeiffer. Ebenso sicher die große Mehrheit im oberen Stock. Aber doch, wie gräßlich zu denken, daß ich der Bourgeoisbande die Freude machen soll, mich vor Gericht gegen den Vorwurf zu verantworten, ich hatte[hätte] meine Genossen betrogen. Daß die Staatsanwälte alles tun werden, um den Graßl, Westrich, Schmid und Konsorten alles erdenkliche Material zusammenzusuchen, ist ja klar; und wenn ich auch meine Hände vollständig sauber weiß, – semper aliquid haeret; weiter wollen ja diese Leute auch nichts. Dabei ist die arme Zenzl totunglücklich, weil sie das Geld nicht zusammengebracht hat, herzufahren, und ich bin in Ängsten, ob sie genügend zu essen und ein warmes Zimmer hat. (Von der Hoffnung auf einen Erben unsrer Armut hat sie nichts mehr geschrieben). Und nun habe ich eine neue Angst. Sauber war heut bei mir mit einem Brief von Karl Petermeier. Dem hat Rose Witcop geschrieben, sie habe 1000 Mark an Zenzl gesandt zur Verteilung an die Gefangenen. Nun fürchte ich, das Geld wird eher kommen, als eine Benachrichtigung über den Verwendungszweck. Sie wird glauben, es sei für sie, es angreifen, – und das Gesindel hier wird Material gegen mich daraus münzen. Ich habe ihr gleich eine Karte geschrieben, daß sie um Gotteswillen das Geld nicht anrühren darf. Da sitzt sie nun, hat womöglich nichts zu essen, bekommt 1000 Mark in die Hand, die sie – sehr gegen den Willen der Spender – nicht benutzen darf, damit ich kein Betrüger bin. Welch ein Gesindel! Und damit muß ich monatelang und mit manchen von ihnen vielleicht Jahre auf einem Gang zusammenleben! Mir graut im Tiefsten. Jetzt wissen sie nichts Besseres (auch Schwab scheint beteiligt zu sein) als der Bourgeoise Agitationsmaterial gegen Revolutionäre zu sammeln, jetzt, wo eben in der „Münchner Post“ wieder ein scheußlicher Mordplan der antisemitischen Studenten gegen Juden und Revolutionäre für den Augenblick des Losschlagens der Reaktion in München aufgedeckt worden ist. – Ein Trost ist in all dem Widrigen und Gemeinen: die Russen siegen wieder. Die Armee des Generals Wrangel in der Krim ist so gut wie zerschmettert. Und bei uns verleumden die Gelegenheitsrevolutionäre von 1919 als Patentkommunisten einen Mann unter ihnen, der seit 20 Jahren auf dem Posten steht und nie den Mut verlor. Wie grenzenlos beschämend!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 21. November 1920.

Abends nach Torschluß, d.h. Absperrung der Ganggitter. Morgen kommt Zenzl. Da will ich vorher noch Gedächtnis ordnen. Das Geschwätz im Hause ist ziemlich still geworden, weil ich Energie aufwandte. Am Mittwoch war Fortsetzung der Versammlung vom Dienstag: Klingelhöfer wurde Vorsitzender – obwohl eine sehr starke Minderheit gegen ihn war. Ich erschien mit meinen Freunden, um endlich mir Ruhe zu verschaffen. In einer längeren Rede wurde ich äußerst aggressiv, drohte den Verleumdern Prügel an, nannte sie Halunken, Spitzel etc. Inzwischen waren einigen die Dinge schon ungemütlich geworden. Schwab ließ mich um eine Unterredung bitten, die am Nachmittag stattfand und bei der ich ihm sehr deutlich meine Meinung sagte. Er versicherte mir, daß weder er noch Grassl Anteil an den Gerüchten hätten, die umliefen. Am Abend wurde dann folgende Erklärung verlesen, die ich im Original besitze: „Ich erkläre hiermit, daß Gen. Mühsam in der Zeit, in der ich in Ansbach war, niemals Geldsendungen zu seinem persönlichen Vorteil vornahm. N’schönfld 17. XI. 20.        M. J. Schwab. – Graßl schließt sich diesem Sinne an.“ Meine Rede bewirkte sichtlich einen vollständigen Umschwung der Meinung. Dann kam Schmid II und erzählte von seiner Unterredung mit Vollmann. Danach hätte der ihn rufen lassen, um ihm die Würmer aus der Nase zu ziehn. Natürlich ist wohl ein gegenseitiges Einverständnis beim Zustandekommen des Gesprächs anzunehmen. Schmid war nämlich im Namen der Holzhacker bei ihm, die zum Protest, daß sie – die täglich 6 Mk im Dienst der Verwaltung verdienen – unberücksichtigt blieben. Bei dieser Gelegenheit hat Vollmann sich in ganzer Glorie gezeigt und seine Methode deutlich verraten, die darauf ausgeht, die Gefangenen gegeneinander zu verhetzen, um dann im Trüben fischen zu können. Er hat dem Menschen bis ins Kleinste Auskunft über die Verwendung der Gelder gegeben, ihm sogar – unter Verletzung der Amtsverschwiegenheit – erzählt, daß ich die Lichtenauer Genossen angewiesen habe, unter „treue“ Genossen zu verteilen, hat die Bedachten als Nichtbedürftige denunziert (Karpf sei ein Oberleutnantssohn, Ringelmanns Vater sei Oberbürgermeister gewesen etc) obwohl er weiß, daß diese Genossen garnichts haben. Von mir hat er gesagt, ich hätte die Verteilung benutzt, um mir Freunde zu kaufen (was er vorher auch schon zu Egensperger und Murböck geäußert hat). Ich werde ihn deshalb wegen Beleidigung verklagen. Schließlich hat sich inzwischen herausgestellt, daß die Postanweisungen nicht abgeschickt worden sind, und Antwort auf mein Schreiben vom 16ten habe ich auch nicht bekommen. Also lauter Versuche, zu provozieren, um disziplinieren zu können. Es scheint sogar, daß mein Brief an Jacobsohn, in dem ich für die Sendung dankte und die Verwendung bezeichnete, nicht abgesandt ist (Mißbrauch der Amtsgewalt). – Aber zur Mittwoch-Versammlung zurück. Ich hatte in der Rede gesagt, ich lehnte es energisch ab, mich zu „rechtfertigen“ und würde mir irgendwelchen Versuch, mich als Angeklagten zu behandeln, nicht gefallen lassen. Nach Schmids Rede fing dann irgendein Schafskopf an, mich trotzdem zu kritisieren, ich hätte das Geld anders verteilen müssen. Ich unterbrach ihn mit Zwischenrufen, was Klingelhöfer nicht veranlaßte, den Redner zu ersuchen, die res agenda, nämlich den Eingriff der Verwaltung in unser Geldverfügungsrecht zu besprechen, sondern mich zur Ruhe zu verweisen. Als dann ein andrer Esel kam und mir „Revolutionär“-Nummern vom August 1919 vorlegte, in denen Sammlungen für mich und meine Genossen quittiert waren und von mir Auskunft über die Art der Verteilung verlangte, stand ich auf und verließ mit dem Ausruf: „Leckts mich am Arsch!“ den Saal, gefolgt von etwa 10 andern Genossen. Am nächsten Tag sollte, da die Schleimhuster immer noch nicht zu einem Entschluß gekommen waren (im oberen Stockwerk war einstimmig beschlossen worden, meine Verteilung gutzuheißen und sich Eingriffe der Verwaltung zu verbitten), die Versammlung weiterhin fortgesetzt werden. Klingelhöfer hatte dazu 2 Anträge vorbereitet, einen, der jeden Empfänger von Sendungen verpflichten wollte, nach bestimmten Modalitäten zu handeln (ich werde mich dem nie fügen. Habe ich die Entscheidung, so bekommen Verräter nichts, basta). Der zweite war eine Resolution unglaublichen Inhalts: Es wird durch die Blume mir die Mißbilligung ausgesprochen, natürlich höchst verstehend und milde; dann wird etwas deutlicher auch Schmid die Mißbilligung ausgesprochen. Endlich wird uns beiden gnädig verziehen und mir eine Charakter-Ehrenerklärung zugesprochen. Unterzeichnet Klingelhöfer, Elbert, Rudolf Hartig. Ich war wütend, ebenso alle meine Freunde (das sind etwa 18 in diesem Stockwerk, gegen 17, die zu den Intellektuellen halten). Ich stellte zunächst Rud. Hartig zur Rede, der dann auch einsah, daß ich Grund hatte, beleidigt zu sein. Natürlich bestritt er Klingelhöfers Absicht zu beleidigen. Soviel ich weiß, wurde dann eine abgeänderte Resolution angenommen. Die Verdächtigungen gegen mich schienen nun erledigt zu sein. Doch brachte mir am nächsten Morgen Toller schon wieder neue Gerüchte, die über mich umgingen. Das Nähere ergibt sich aus diesem Anschlag, den ich darauf an die Tafel heftete: „An alle Waschweiber. Nachdem ich seit einer Woche vergeblich als Gauner, Dieb, Betrüger, Spitzbube durch den Dreck gezogen worden bin, soll ich neuerdings Geld ausbieten, um Ohrfeigen austeilen zu lassen und vor irgendwem auf den Knien gerutscht sein. – Sollte ich morgen des Lustmords, der Sodomie, der Brandstiftung oder der Bestechung durch Ludendorff bezichtigt werden, so ersuche ich alle Waschweiber des Hauses es zu glauben und ebenso eifrig zu kolportieren wie alles Frühere. Klüngel- oder Gerichtshöfe werden ersucht, weiterhin zwischen mir und den Verbreitern meiner Schandtaten zu vermitteln und Verzeihungsresolutionen zu verfassen. Niederschönenfeld 19. Nov. 20.    Erich Mühsam.“ – Der Anschlag war nur etwa 5 Minuten am Brett. Dann hatte ihn Bedacht, einer der dümmsten Holzhacker, die wir hier haben (jetzt liegt er im Bett, da er sich mit der Axt den Fuß beinah gespalten hat; der dritte der Arbeiter für die Verwaltung, der sich verwundet hat, nachdem sie schriftlich auf Entschädigungen verzichtet haben), abgerissen. Das gab mir Anlaß, einen Riesenkrach zu schlagen, und der tat meinen Nerven wohl. Endlich wars die Entladung. Eine viertel Stunde lang ging das Gebrüll beider Parteien auf dem Gang, dann war Ruhe. Klingelhöfer stand mit seinem seelenvollen Seidenblick dazwischen und sah auf uns her mit dem Ausdruck des Alles-Verstehenden, Alles-Verzeihenden (da er doch der Hauptintrigant gewesen war) und man las in seinen Augen: „Oh, ihr Verblendeten!“ Ich bin mit diesem abgeklärten Revolutionsoberlehrer, diesem ethischen Begnadigungs-Staatsanwalt fertig, und das weiß er. – Jetzt ist aber blos noch Westrich gegen mich tätig und zwar recht energisch. Wie ich höre, will der Kerl tatsächlich eine Anzeige gegen mich bei der Staatsanwaltschaft einbringen, – und zwar wegen Ebracher Geldverteilungen. Ich kümmere mich nicht mehr darum. Nur orientiere ich draußen die Genossen über die Machenschaften da drinnen und beuge vor, indem ich mich für weitere Sendungen bevollmächtigen lasse, ganz nach eigener Auswahl zu verteilen, wie ich mag. Pestalozza ist außerdem bestellt (hat aber anscheinend die 150 Mk Honorar, die ich ihm im voraus schickte, nicht bekommen, was er gleich als Material bekommen wird). Er wird reichlich Aufträge bekommen. U. a. ist jetzt auch der Bescheid gekommen, daß die Arbeitsgemeinschaft endgiltig verboten wird, da mein Aufruf in den letzten Sätzen (die auf die seelische Stärkung der Genossen durch regelmäßige Arbeit hinwiesen) „deutlich zeigt, daß das Unternehmen im Grunde nur zur Aufrechterhaltung und Stärkung des Umsturzgeistes dienen soll.“ (Entscheidung des Oberstaatsanwalts Augsburg). Es wird natürlich dafür gesorgt werden, daß das alles draußen bekannt wird. Vorerst prozessiere ich. – Es wird spät, und ich will morgen früh auf. So will ich heute mit einer Anekdote schließen, die den Geist, der in diesem Hause herrscht, lustig kennzeichnet. Sie ist buchstäblich wahr. Vor einiger Zeit erbat Valentin Hartig die Erlaubnis, zwei Stallhasen halten zu dürfen, die er geschenkt bekommen hatte. Die Verwaltung erklärte, daß das Justizministerium die Erlaubnis davon abhängig mache, ob beide Karnickel gleichen Geschlechts seien. So wurde eine Aufseherkommission beauftragt, die beiden Viecher zu untersuchen, und erst als sich herausgestellt hatte, daß beide Tiere Weibchen waren, durften sie dableiben. Sonst hätte die Sittlichkeit der Anstalt Schaden gelitten. „Freistaat“ Baiern 1920!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 24. November 1920.

Zenzl kam Montag früh zugleich mit Frau Sauber und Frau Hagemeister. Wir waren die ganzen 6 Stunden unter Aufsicht. Ein Aufseher saß mit in der kleinen leeren Gefängniszelle, die hier als „Besuchszimmer“ für Ehrenhäftlinge gilt. Aus der Unterredung ist folgendes wichtig. Die Genossen in Rußland möchten mich bei sich haben. Vigdor Kopp hat einen Vertrauensmann in München beauftragt, darüber mit Zenzl zu verhandeln. Lenin halte mich für den besten revolutionären Polemiker in Deutschland und will mich deshalb an einen bestimmten Posten setzen. Meine Bedingungen, nur in Begleitung Zenzls zu reisen und mich keinerlei Gewissenszwang in der Tätigkeit zu fügen, sind von vornherein angenommen. An meiner Stelle sollen mehrere preußische Generäle ausgetauscht werden. Ich hatte zuerst große Bedenken, darauf einzugehn, um nichts vor meinen Genossen hier voraus zu haben. Doch wird mir von den Kameraden, die ich einweihte, versichert, daß kein Vorwurf an mir hängen bleibe, da die Sowjetregierung nur mich verlange und es offenbar für aussichtslos halte, zugleich noch andere Genossen frei zu bringen. Natürlich mache ich mir keine Illusionen. Bis die Sache spruchreif wird, kann viel Zeit vergehn, außerdem ist es sehr zweifelhaft, ob die baierische Regierung sich auf derartige Geschäfte einlassen wird. Ich werds abwarten und denke mir vorläufig, daß garnichts geschehn wird. Nach meinen öffentlichen Angriffen gegen Radek-Sinowjew und die III. Internationale mit den Moskauer 21 Punkten ist es mir sehr zweifelhaft, ob ich noch die Gunst Lenins habe. Allerdings behauptet Zenzl, daß er trotz seiner „Kinderkrankheit“-Broschüre sehr tolerant sei und ganz genau wisse, wie ich zu den Dingen stehe. Möglich wärs ja, daß er grade durch mich gegen die Parteibonzen à la Sinowjew ein Gegengewicht schaffen will, um die deutsche Revolutionsbewegung den Levis aus der Hand zu nehmen. Auch der Sieg über Wrangel, den die Vereinigung der ukrainischen Anarchisten unter Machno mit der bolschewistischen Roten Armee entschieden hat, mag zu einer Änderung der Stimmung in Moskau beigetragen haben. – Über die Frage, auf deren Beantwortung ich am meisten gespannt war, konnte Zenzl noch nicht sicher Bescheid geben. Der Frauenarzt hat noch nichts endgiltig konstatieren können. Doch ist nichts eingetreten, was meine Hoffnung herabstimmen müßte. – Nach etwa 2 Stunden unsres Zusammenseins kam plötzlich in großer Aufregung Sauber in unsre Zelle. Hinter ihm stand seine Frau und weinte. Der ihn überwachende Aufseher hatte ins Gespräch eingegriffen und so war Krach entstanden (ich bin überzeugt, daß Vollmann das vorher arrangiert hat). Es schien, als ob Frau Sauber hinausgewiesen werden sollte. Meine Zenzl bewies dabei wieder ihre schöne sittliche Kraft. Sie erklärte, für den Fall, daß Frau Sauber fortmüsse, werde sie mit ihr gehn, und ich gab ihr selbstverständlich recht. Zum Glück kam es nicht so weit. Die 6 Stunden wurden in allen 3 Zellen zu Ende geführt. Aber die Frauen waren noch in Gesichtsweite und winkten, da war Sauber schon in Einzelhaft gesetzt, angeblich, weil er zu mir in die Zelle gelaufen und nach 3maliger Aufforderung nicht hinausgegangen wäre. Er ist aber nicht dreimal, sondern nur 2mal aufgefordert worden und ging dann ohne jeden Widerstand. Es war zuerst Stimmung, wegen dieser neuen Brutalität in den Hungerstreik einzutreten. Ich drang aber bei den Genossen mit der Aufforderung durch, daß es besser sei, nun einen Vorstoß zu unternehmen, der nicht mehr einen solchen Einzelfall zum Gegenstand hat, sondern die Entfernung Vollmanns bezweckt. Ich wollte ein befristetes Ultimatum mit dieser Forderung ans Justizministerium durchsetzen, doch behielten die recht, die meinten, der Hungerstreik solle nur als äußerstes Mittel angedroht werden, ohne vorläufig einen Termin zu setzen, bis wann Vollmann entlassen sein müßte. Nun werde ich Material sammeln gegen den Mann; er hat eine unheimliche Sündenliste, die Öffentlichkeit muß informiert werden, und dann kann’s losgehn. Wenn Pestalozza kommt, will ich ihm das Nötige gleich mitgeben können. Außer Sauber sitzt Peter Regler wieder unten, der nur ein paar Tage aus der Einzelhaft herausgelassen war mit der Bemerkung „bis auf weiteres“ aus der Einzelhaft entlassen. Also der Normalzustand wird ihm gegenüber schon als Ausnahmezustand angesehn. Der Grund für die Verhängung der schärfsten Maßregel, die V. zur Verfügung hat war diesmal der, daß er nach Torschluß zwischen den Stockwerken noch eine zufällige Gelegenheit benutzte um die Treppe außer der Zeit hinaufzugehn. Er ist schon wieder eine volle Woche unten – „bis auf weiteres“. Allerdings glauben wir, daß er die Maßregelung einer verkappten Denunziation der Schleimhuster zu verdanken hat, die sich über sein wiederholtes Absingen von Schmidts „Bourgeoisknechten“ geärgert haben. Vollmann hat das auch der Kommission gegenüber erwähnt, doch wissen wir, daß er lügt, um uns gegeneinander aufzuhetzen, das wäre also kein sicherer Beweis. In unserm Stockwerk haben wir nun eine Klärung insofern bewirkt, als wir Extremen uns offiziell mit den Genossen oben solidarisch erklärt und der von den Holzhackern, Intellektuellen und Denunzianten gewählten Kommission (zu der leider auch Elbert gehört, ein KAP-Mann, trotzdem Bonze und Kompromißler schlimmsten Kalibers) das Recht abgesprochen haben, für uns zu handeln. Der (von mir verfaßte) Ukas lautete: „Zur Kenntnis. Wir Unterzeichneten erkennen die in unsrer Abwesenheit gewählte Kommission nicht an, sprechen ihr das Recht ab, in unserm Namen mit dem Vorstand zu verhandeln oder sonstige Funktionen auszuüben und erklären uns in allen die Interessen der Festungsgefangenen betreffenden Angelegenheiten mit den Genossen des oberen Stockwerks solidarisch, deren Kommission auch als die unsrige zu gelten hat. N’fld. 23. XI. 20“. Folgende 14 Unterschriften: Olschewski, Karpf, Ad. Joh. Schmidt, Mühsam, Reichert, Förster, Wiedenmann, Hornung, Hagemeister, Egensperger, Wittmann, Kolbinger, Nickl, Pfeiffer. – Es wird zum Abendessen gerufen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 3. Dezember 1920.

Vorgestern war Pestalozza hier. Ich hatte gehörig vorgearbeitet, übergab ihm einen langen Schriftsatz, indem ich an Hand der berühmten Müllerschen „Ausführungsbestimmungen“ erstens deren Ungesetzlichkeit und zweitens nachwies, daß sie selbst durch die Praxis längst außer Kraft gesetzt sind. Ein großer Teil unsrer Beschwerden ist in das Schriftstück hineingearbeitet worden, sodaß ein ziemlich rundes Bild von den unglaublichen Zuständen entstanden ist. Ferner gab ich ihm einen Schriftsatz über die geplante Produktionsgenossenschaft, ihre Verhinderung und unsre Rückschlüsse, einen über die Angelegenheit der Geldspende von der „Weltbühne“ (das Geld wird immer noch nicht ausgezahlt) und endlich eine Anzeige gegen Vollmann wegen Beleidigung gegen mich. Pestalozza hält von allem nur die Klage gegen Vollmann für aussichtsvoll, aber auch nur auf dem Privatklageweg. Im übrigen erkennt er die Ungesetzlichkeit des Strafvollzugs völlig an, gibt auch zu, daß die Paragraphen 345 und 339 des Strafgesetzbuchs verletzt sind, hält aber den Rechtsweg in irgendwelcher Form für völlig aussichtslos, da sich in Baiern kein Staatsanwalt und kein Richter finden werde, der uns Recht geben werde. Auch an die Wirksamkeit der Anrufung des Reichskanzlers, des Reichsjustizamts oder des Staatsgerichtshofs glaubt er nicht. Spreche man heutzutage mit einem Juristen – gleichviel ob Advokat oder Richter –, so erhält man die Antwort, die „völkischen Belange“ (nationalen Interessen) gehen über die Gerechtigkeit. „Rechtsstaat“ nennt sich das! Jedenfalls wird nun wohl irgendwas für uns geschehn. – Inzwischen gehn die Schikanen hier weiter. Unser Seppl Wittmann bekam Besuch, in den 16 Monaten seit seinem Strafantritt zum ersten Mal, – seine Braut. Man reduzierte ohne Angabe von Gründen die 6 Stunden, auf die wir Anspruch haben, auf drei und stellte den Besuch unter Aufsicht. Gleichzeitig hatte ein bei der Verwaltung beliebterer Gefangener (Mühlbauer) ebenfalls Besuch von seiner Braut: 6 Stunden ohne Aufsicht; dieser Mann hat aber schon oft Besuch empfangen. – Dienstag wurden in Rain wegen Beleidigung von Anstaltsbeamten bestraft: Klingelhöfer zu 14 Tagen, Bedacht und Wollenberg zu je 2 Monaten Gefängnis. Am 14. Dezember müssen gleich 4 Genossen in Rain antreten, wo man extra eine Filiale des Landgerichts Nürnberg aufgemacht hat: Paulukum, Marschall, Regler und Seffert. Bei Marschall handelt es sich um eine Berufungsverhandlung. Der Fall ist toll. Ihm wurde am 17. April bei der Durchsuchung wegen des „Komplotts“ alles Mögliche abgenommen. Nachher vermißte er 80 Mark und reklamierte das Geld. Man glaubte ihm einfach nicht und verurteilte ihn wegen Betrugs zu 14 Tagen Gefängnis. Überhaupt ist es das Bestreben, möglichst viele Festungsgefangene zeitweilig oder für Dauer in Gefängnisse umzuquartieren. Entweder provoziert man Beleidigungen gegen Beamte, oder man findet nachträglich Delikte, die man aus dem „Hochverrat“ herausnimmt und extra noch einmal zum Prozeßgegenstand macht. Eben rief mich Mairgünther hinauf. Er hat in seiner Eigenschaft als Polizeipräsident beim Eindringen der Weißen in München den selbstverständlichen Befehl gegeben, alles Mögliche mitzunehmen, damit es dem Feind nicht in die Hände falle. Plötzlich besann man sich, daß die 3 Jahre Festung, die man ihm wegen Hochverrats auferlegt hat, dieses Verbrechen nicht umfassen und verurteilte ihn besonders wegen „Anstiftung zum Diebstahl“ zu einem Jahr Gefängnis. Jetzt hat er das Urteil zugestellt erhalten und ich half ihm, Revisionsgründe herauszuklauben. Olschewski soll wegen Erpressung noch einmal vor Gericht, wegen Erhebung einer Kontribution, und so noch viele. – Jetzt hoffe ich, mit dem Prozeß gegen Vollmann einmal wieder die andre Seite zur Angeklagten machen zu können. Zugleich spielt ein Beleidigungsprozeß gegen Genossen Duske, der zum Glück keine formalen Injurien gebraucht hat, sondern bestimmte Vorwürfe gegen die Verwaltung (Schikanen, Provokationen etc) und einzelnen Beamten Eigennutz zum Schaden der Gefangenen vorgeworfen hat. Da müssen sie den Beweis zulassen, und da kann manches aufgedeckt werden. – Ich will, ehe ich schließe, wieder einiger Toter gedenken. Von Toller erfuhr ich kürzlich, daß – wohl schon vor längerer Zeit – Siegfried Flesch gestorben ist. In seiner Weise auch ein Idealist. Er wollte sein Triest italienisch wissen und hats noch erlebt. Im übrigen ein origineller Mensch. Früher mal sehr reich, hat er alles an die Weiber gehängt (Else Bernriedt). Er soll völlig arm gestorben sein. – In der „Weltbühne“ lese ich Nachrufe auf Erich Österheld, den feinen stillen Menschen, den man als Dichter nicht kannte, weil er Verleger war. Er ist nur 37 Jahre alt geworden; und auf Alexander Ekert, einen alten Duzfreund von mir, der sich wohl kaput gesoffen hat. Er war ein ausgezeichneter Schauspieler und persönlich ein vollkommenes Original. Eine Szene in der Torggelstube, wo wir ihn in seiner Besoffenheit aufstachelten, Wedekind zu ärgern, indem er mit der Klampfe zu ihm ging und ihn bat, ihm was drauf vorzuspielen, wird mir unvergeßlich bleiben. – Und nun noch etwas Persönliches. Vorgestern ist Zenzl von der Georgenstrasse 105 weggezogen nach der Adalbertstrasse 37. Wieviel Glück, Freude, Liebe war in der alten Wohnung – und wieviel Jammer hat sie erlebt! Es gibt mir doch einen Stich zu denken, daß ich mein erstes eigenes wirkliches Heim nicht wiedersehn werde. Ob aus der russischen Sache was wird? Augenblicklich ist Fritz Weigel in Berlin (zum Einigungskongreß der linken USP mit der KPD). Dort soll er mit Genossen der Sowjetrepublik verhandeln. Ich habe nicht sehr viel Fiduz. Aber es ist doch angenehm, sich Möglichkeiten auszumalen. Ich habe die glückliche Gabe, mein Herz an Hoffnungen zu hängen, die ganze Vorfreude auszukosten, ohne mich, wenn’s schief geht, sonderlich enttäuschen zu lassen. Dazu ist mir schon zuviel schief gegangen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 11. Dezember 1920.

Nach Pestalozzas Besuch und wahrscheinlich wohl als seine Folge kam am Dienstag der Oberstaatsanwalt von Augsburg, Menzel, her zum „Generalrapport“. Drei Tage lang empfing er die Beschwerden der Gefangenen, und die weitaus meisten trugen ihm die ihrigen vor. Ich kam am Donnerstag als allerletzter dran, sogar erst nach der Kommission und ließ meine Anklagen vom Stapel. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch den Direktor der Anstalt kennen, den Oberregierungsrat Schröder, der im langen Rock mit großen goldnen Knöpfen dem Staatsanwalt, einem alten Spießbürger, zur Rechten saß, und – ihm gegenüber – den neuen Zensor, einen Herrn Batum. Schröder macht keinen schlechten Eindruck, mindestens schien mir, als trachte er nach gerechter Abwägung aller Fälle. Batum ist ein jüngerer Mensch, dessen schiefgezogener Mund und spitzköpfige Gesamtvisage den seelenlosen Bürokraten aus der Ferne verrät. Vollmann aber ist weg von hier. Er wird von dem Urlaub, auf dem er seit gut einer Woche war, nicht zurückkehren, sondern, wie es heißt, Richter bei einem Jugendgerichtshof werden. Das ist ein schauderhafter Gedanke, daß man diesem Menschenschinder junge Entgleiste zur Aburteilung übergeben will. Vielleicht kann ich es verhindern. Meine Mitteilungen über seine Verfehlungen im Amt (Verletzung des Briefgeheimnisses, Verrat der Vermögensverhältnisse Gefangener an andre Gefangene, noch dazu unter falschen Angaben, die Beleidigungen gegen mich etc) machten offenbar auf den Oberstaatsanwalt erheblichen Eindruck und er stenographierte eifrig. Im übrigen habe ich wenig Zutrauen gewonnen, daß sich etwas bessern wird. Ich reklamierte auch meine Tagebücher. Dabei erfuhr ich, daß dieser Herr Menzel sie jetzt bei sich in Augsburg hat. Mein Anwalt Dr. Loewenfeld hat den Antrag gestellt, sie ihm zur Verwahrung auszuhändigen, damit sie nicht „zu den Akten genommen“ werden. Das will der Mann aber auch erst von der Lektüre abhängig machen. Sollte er „einseitige Darstellungen“ finden etc., so wird er sie trotzdem zum Akt geben, und da bleibt alles, selbst diejenigen, die entlassen werden, erhalten konfiszierte Schriften nicht zurück. Meine Aufzeichnungen vom Oktober 1918 – April 1920 wären also verloren. Ich habe gestern Loewenfeld unterrichtet und ihn ersucht, den SDS zu allarmieren. Denn der Herr Oberstaatsanwalt wird bei der Lektüre ja sehr wahrscheinlich die überraschende Entdeckung machen, daß ich meine Tagebücher „einseitig“ von meinem Standpunkt und nicht aus der Perspektive eines königstreuen republikanischen Staatsbeamten geschrieben habe. – Stundenlange Unterbrechung. Ich schreibe nachmittags weiter, leider gequält von neuen Zahnschmerzen. Denn mein gleich bei der Einlieferung gestellter Antrag, die zahnärztliche Behandlung fortsetzen zu dürfen (wozu jedesmal der Transport nach Neuburg o/Donau nötig ist) ist immer noch nicht „vorbeschieden“. Auch das war eine meiner Beschwerden beim Rapport. Ferner besprach ich den Fall des Nichtauszahlens der Geldsendung von der „Weltbühne“. Die Geschichte scheint besonders dem Schröder jetzt fatal zu sein, und ich glaube, daß die Auszahlung wohl bald erfolgen wird, zumal die 19 Geschädigten allesamt Klage geführt haben. Interessant ist aber, daß der Oberstaatsanwalt auch diesen Eingriff verteidigte: der § 17 Str. G. B. verlange die „Beaufsichtigung der Lebensweise“ der Festungsgefangenen, und dazu gehöre auch die Kontrolle über die Geldverwendung. So kann man natürlich alles rechtfertigen. In der Tat sind neuerdings 2 Fälle da, die zeigen, wie brutal man uns „Ehrenhäftlingen“ die letzten bürgerlichen Selbstbestimmungsrechte entzieht. Aus dem Briefwechsel Karpfs ergab sich, daß er, sobald sein Ehescheidungsprozeß erledigt ist, die Genossin Thekla Egl heiraten möchte. Ohne selbst irgendwie an die Verwaltung herangetreten zu sein, erhielt er ein Schreiben mit der Mitteilung, daß er für seine Wiederverheiratung erst die Genehmigung des Justizministeriums nachsuchen müsse. Olschewski stellte den Antrag, einem Amtsrichter vorgeführt zu werden, dem er seinen Austritt aus der protestantischen Kirche erklären wolle. Auch er bekam den Bescheid, daß das Justizministerium erst seine Einwilligung geben müsse. Also vollständige Vormundschaft: „Beaufsichtigung der Lebensweise“. In der vorigen Woche verhandelte die Kommission mit dem Vorstand wegen Erleichterungen beim Empfang der Weihnachtsbesuche. Die „Festungsgemeinschaft (Mehrheit)“, die wir 14 vom 1. Stock mit der Gesamtheit des oberen Stocks gebildet haben, hatte bestimmte Forderungen beschlossen: Besuch in den Zellen ohne Aufsicht, als Gegenleistung die Zusicherung, daß kein Mißbrauch getrieben werden solle durch Hinausschmuggeln von Briefen etc. Die Besuche sollten an beiden Weihnachtstagen zugelassen werden. Darauf kam – und zwar an die Adresse Klingelhöfers, des Vertreters der Minderheit – ablehnende Antwort, Besuche in den Zellen könnten überhaupt nicht in Frage kommen und an den Weihnachtstagen ständen unüberwindbare Schwierigkeiten technischer Art der Zulassung von Besuchen entgegen. Diese Antwort behielt Klingelhöfer in der Tasche und ging eigenmächtig zu weiteren Verhandlungen mit Schröder hinunter. Das Resultat dieser Erniedrigung war ein neuer Schrieb, den der samtäugige Intrigant zusammen mit dem ersten zur allgemeinen Kenntnis brachte. Der Vorstand wolle den Gefangenen entgegenkommen und Weihnachtsbesuche gestatten und zwar im Erdgeschoß, aber wie sonst auch in den leeren Gefängniszellen. Irgendwelche Erleichterungen in bezug auf Aufsicht wurden nicht erwähnt, dagegen zur Bedingung für diese „Vergünstigung“ das einwandfreie Wohlverhalten der Gefangenen gemacht. Also: wenn ihr nicht brav seid, dann kriegt ihr auch kein Christkindl! Das wird Revolutionären geboten, – und ein Teil läßt sich’s bieten. Die Festungsgemeinschaft (Mehrheit) erklärte, grundsätzlich zu verzichten. Klingelhöfer aber erhielt eine Desavouierung von den beiden Kommissionsmitgliedern der Mehrheit, die ich verfaßt hatte, und in der gegen seinen „würdelosen Bittgang“ protestiert wurde. Aus der Geschichte entwickelte sich noch ein großer Knatsch wegen der Vorenthaltung der Ablehnung, bei deren Erklärung sich Klingelhöfer in Widersprüche verstrickte und sich Lügner nennen lassen mußte. Der Kerl war für mich schon lange abgetan, jetzt ist ers für sehr viele andre auch. Konziliant gegen jeden Bourgeois, anmaßend und unverfroren gegen Proletarier, so sind diese Intellektuellen fast alle. Auch Toller – er hat üble Beweise davon gegeben – fehlt jedes echte proletarische Empfinden; leider hat er sogar arbeitenden Genossen gegenüber als Auftraggeber ein Gebaren herausgekehrt wie irgendein Rentier und fördert damit die ohnehin nicht ganz unterdrückten antisemitischen Stimmungen im Hause. „Affairen“ haben wir hier grade genug, natürlich lauter Aufbauschungen lächerlicher Lappalien. Jetzt ist der arme Toni Waibel Gegenstand einer wüsten Hetzerei, die der, der ich in Ansbach ausgesetzt war, sehr ähnlich ist. Nur ist er nicht so arg dran wie ich es war, da er ja nicht allein steht. Die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden, sind durchwegs Albernheiten. Daß Kain sich daran beteiligt, tut mir weh; aber der ist leider auch ein wenig verbonzt und wohl auch befangen durch die Lobhudeleien des Graßl, der seine profunde Treulosigkeit auch hier wieder im Spiele hat. Im übrigen spielt im oberen Stockwerk Eifersucht eine starke Rolle, die homoerotisch unterbaut ist, und dergleichen Dinge, denen wahrscheinlich garnichts Tatsächliches zugrunde liegt, werden dann aus politischen Gründen vorgezerrt, um in sittlicher Entrüstung ausgemünzt zu werden. Die Atmosphäre im Hause ist von Hysterie durchsetzt. Ich wollte, es käme endlich mal wirklich eine große Amnestie, die uns das Gelump von Mitläufern vom Leibe schaffte. Ich habe beim Rapport unter Berufung auf meine Eigenschaft als „Rangältester“ unter den Gefangenen sehr stark betont, was der Bruch des Versprechens einer Amnestie im August für Folgen hatte und versichert, daß die neuerliche Behauptung des Müller-Meiningen, es seien nur noch Rädelsführer und „Unversöhnliche“ eingesperrt, eine Lüge sei. Man möge ruhig die große Mehrheit herauslassen, so werde man sehn, wie friedfertig die Amnestierten sich benehmen würden. Der Oberstaatsanwalt schien in der Tat Interesse für die Sache zu haben, zumal ich auf die Kosten verwies und ein viel besseres Auskommen zwischen Gefangenen und Behörden in Aussicht stellte. Ich verlangte nur „Gleichheit vor dem Gesetz“, d. h. dieselbe Behandlung wie Graf Arco. Batum behauptete, der werde nicht anders behandelt, worauf ich aus heiler Haut beharrte, ich wisse es genau, daß er z. B. seine Besuche in der Zelle empfange. Menzel bestritt das nicht, sondern meinte nur, es sei ein Unterschied, ob ein einzelner Gefangener da sei oder 70. Das Eingeständnis, daß der Mörder es besser hat als wir „Hochverräter“, habe ich jedenfalls herausgelockt. – Die Politik habe ich hier seit langem garnicht mehr behandelt. Es lohnt sich auch kaum. Jene Verschmelzung von KPD und linker USP in Berlin bot dasselbe Bild wie jeder beliebige Parteitag der alten Sozialdemokratie, nur noch „harmonischer“. Das Resultat der prinzipiellen Konzessionsmeierei der „Kommunisten“ in Parlamenten etc. zeigt sich jetzt in Sachsen. Dort haben Wahlen stattgefunden, die für die MSP und USP nur dann eine Mehrheit ergaben, wenn die 6 KPD-Bonzen sie unterstützten. Und tatsächlich haben sie der „rein sozialistischen“ Regierung von Mehrheits-Sozi und rechten Unabhängigen zum Siege verholfen. Da werden sie jetzt also wohl „loyale Opposition“ praktisch vorführen. Das nennt sich grundsätzlicher Klassenkampf. Die erste Gelegenheit, ihn zu verkleistern, wird benutzt. Auch die KAPD verbonzt allmählich. Merges-Braunschweig klagte mir jüngst schon darüber in einem Brief. Die Rühle-Anhänger in Ostsachsen haben jetzt die erfreuliche Konsequenz gezogen, daß sie sich völlig von allem Parteiwesen getrennt haben und ein revolutionäres Kartell geschlossen haben. Mit denen kann ich zusammengehn. – Leider hat der große Sieg der Bolschewiki über Wrangel und Petljura ein trübes Nachspiel. Der Anarchist Machno, dem die Erfolge zu danken waren, sollte gezwungen werden, seine Strategie aufzugeben und seine Verbände völlig und bedingungslos der übrigen Roten Armee zu unterstellen. Da er das offenbar nicht wollte, ist es wieder zu Kämpfen zwischen Bolschewisten und Anarchisten gekommen, und die ersteren melden Siege. Dies ist das, was ich den sehr einseitigen Darstellungen der Roten Fahne entnehme. Ich hatte gehofft, daß endlich diese Bruderkämpfe aufhören würden, aber der Autoritätswahn der Marxisten ist hoffnungslos verrannt und macht es uns immer wieder unmöglich, mit ihnen fröhlichen Mutes durch Dick und Dünn zu gehn. – Sonst nur das Übliche. Wird die Orgesch aufgelöst werden müssen oder nicht? Die bayerische Regierung hat es jetzt schon zuwege gebracht, daß der Reichsaußenminister Simons in einer Note an die Entente Bayerns Interessen in der Sache gesondert wahrnimmt und (wieder mal) Aufschub verlangt ... Zum Persönlichen zurückzukehren: Montag erwarte ich Besuch von Ludwig Engler mit seiner jungen Frau, die er vorgestern zum Standesamt geführt hat. Von ihm werde ich wohl genügend Interessantes aus München und der Welt erfahren.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 17. Dezember 1920.

Das Ehepaar Engler war 6 Stunden bei mir. Die Frau ist keine Schönheit, aber sympathisch und macht einen klugen Eindruck. Die dauernde Überwachung verhinderte viel Eingehn auf politische Dinge. In der Angelegenheit meiner Austauscherei nach Rußland erfuhr ich, daß Vigdor Kopp sich persönlich dafür interessiere. Außerdem sollen Harden und Ines Mai sich für die Sache verwenden. Abwarten. Ferner brachte mir Engler einen Vorschlag des Grafen Harry Keßler, der von Leonhard Frank auf mich gestoßen wurde. Ich solle in ein Sanatorium gehn, und zwar, falls ich gegen eine Nervenheilanstalt prinzipielle Bedenken hätte, in ein Lungensanatorium. Ich habe auch das glatt zurückgewiesen. Ich will vor den Proletariern nichts voraus haben. Ich ließ dem Grafen Keßler sagen, er möge sein Angebot Toller machen, der wahrscheinlich weniger Bedenken gegen die Annahme hätte. Aber er könne mit weniger als der Hälfte der Kosten mir und meinem engsten Freundeskreis ein Sanatorium im Hause bereiten, indem er uns regelmäßig Eß-, Trink- und Rauchwaren hereinsendete. Auch das wollen wir abwarten. – Inzwischen hat sich der Spektakel im Hause zu unappetitlichsten Steigerungen ausgewachsen. Es mußte eine Kommission eingesetzt werden, um alle gegenseitigen Vorwürfe, Unterstellungen, Anklagen zu prüfen. Jetzt wird von den Spießbürgern, zu denen die deutsche Sozialdemokratie die Proletarier in 50 Jahren erzogen hat, jeder Kuß ermittelt, den im Laufe der Zeit mal zwei Genossen miteinander getauscht haben könnten. Der arme Toni steht unter dauernder Bedrohung, und die Haupthetzer sind außer Kain, den ich nicht wiedererkenne, natürlich auch Graßl und Schwab. Schwabs Charakter wird mir auch immer klarer. Es stellt sich jetzt heraus, daß er von Ansbach aus, in der Zeit als er mir seine Gewogenheit aussprach und sein Verhalten nur mit seiner erbärmlichen Feigheit erklären wollte, verleumderische und hetzerische Briefe gegen mich ausgerechnet an Westrich geschrieben hat. Nun stehn wir vor Weihnachten, – und mir kommts vor wie in Hauptmanns „Friedensfest“. Die entzückenden Spielsachen, die die Genossen (vor allem Karpf) für die Revolutionsopfer-Kinder der Frauenhilfe gesandt haben, haben die Häßlichkeiten unter den Gefangenen nicht beseitigt. Vielleicht erreichen wir am Weihnachtstage mit der Aufführung von „Die Mordzentrale. Ein Krippenspiel“, in dem Adolf Schmidt und ich die Kautsky-Internationale verhöhnt haben, wenigstens das feindschafttötende Gelächter, – vielleicht aber auch erst recht Krach.

Die Simons-Note hat eine Antwort des Generals Nollet hervorgerufen, die Wasser auf unsre Mühle ist. Weder für Bayern noch für Ostpreußen werden Ausnahmen zugelassen. Einwohnerwehr und Orgesch muß bis Februar aufgelöst sein. Der Ton der Antwort ist so boshaft, als ob unsereiner sie verfaßt hätte. Ich sah die Ablehnung voraus, während die strammen Marxisten mit ihrer gedankenlosen Phrase von dem ewig gleichgerichteten Interesse des Weltkapitalismus glaubten, in der Bekämpfung des Bolschewismus werde alles einig sein. Die Franzosen fürchten uns deutsche Kommunisten vorläufig sehr wenig, umsomehr den preußischen Militarismus, der zur Zeit Bayern als Aufmarschgebiet für den Revanchefeldzug präpariert. Sie wissen gut, daß diese Gefahr nur von innen heraus gesprengt werden kann, und daß eine energische Revolution, die das fertig bringt, eine bolschewistische sein wird. Sie vertrauen auf den Kompromißcharakter der Deutschen, der schließlich und endlich doch nicht radikale Umwälzung zulassen würde, sondern sich mit einer pazifistischen und USP-Regierung begnügen wird. Allerdings machen sie dabei einen Fehler: sie übersehn, daß das deutsche Proletariat nach den Revolutionserfahrungen und den ungeheuren Blutopfern, wenn es wieder erwacht und aufsteht, aufs Ganze gehn wird, weil es muß. Aber vorläufig sehe ich in den Entente-Nationalisten nicht unsre Feinde, sondern unsre Förderer, was uns veranlassen sollte, unter dauernder Pflege des Klassengefühls auch gegen sie, uns die augenblickliche Stimmung nutzbar zu machen. – Die Regierung Kahr scheint mir infolge der Nollet-Note erledigt zu sein. Entweder sie fügt sich, dann verliert sie den Anhang derer, die sie eingesetzt haben. Oder sie fügt sich nicht, dann kommt die Besetzung des Ruhrgebiets, die Spaltung der Meinungen innerhalb der Bourgeoisie, der Zerfall Baierns mit dem Reich und selbstverständlich auch der Sturz Kahr-Roth-Pöhners. Die weiteren Konsequenzen sind schwer vorauszusehn. Im Laufe der nächsten 3 Monate muß sich viel entscheiden. Die Entwaffnungsaktion wird auf den aktiven Widerstand der Selbstschützer stoßen, und alles wird vom Verhalten der Arbeiterschaft abhängen. Die Möglichkeit, die freilich noch keine Wahrscheinlichkeit ist, ist gegeben, daß die Jahresfeier des Kapp-Putsches eine neue Revolution sein wird. – Wie immer die politische Situation auf unsre Behandlung abfärbt, so merken wir auch jetzt mehr Entgegenkommen als je seit einem Jahr. Längere Abendbeleuchtung der Gänge, Milderung der Besuchs-Überwachung etc. Auf Vollmanns Abgang allein führe ich das nicht zurück, eher glaube ich an Vollmanns Versetzung als Symptom der veränderten Lage. Letzten Dienstag standen in Rain wieder 5 Genossen vor Gericht. Ein Freispruch (Marschall), zwei Vertagungen (Paulukum und Waibel), zwei Verurteilungen (Seffert 6 Wochen, Wollenberg 2 Monate Gefängnis). Eine bodenlose Schweinerei wird grade gegen Gen. Schreiber verübt. Der wurde vor 5/4 Jahren rechtskräftig zu 1 Monat Gefängnis verurteilt. Gestern erhielt er Nachricht, daß er die Strafe heute antreten solle, – also grade wieder über Weihnachten und Neujahr. Dabei ist der Mann krank. Er will sich, wenn seine Beschwerde keinen Erfolg hat, einfach ins Bett legen. Dann möge man ihn hintragen. Die Gehässigkeit der Reaktion gegen Revolutionäre ist grenzenlos.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 23. Dezember 1920.

Zum Fall Schreiber ist noch ein Fall Pöltl hinzugekommen. Auch er bekam (am 19ten) den Befehl, am 21ten eine 3monatige Gefängnisstrafe anzutreten. Die Wut des 54jährigen Mannes war grenzenlos. Doch hat sowohl er wie Schreiber die Schikane zu verhindern gewußt. Beide haben sich krank gemeldet und vorläufig erreicht, daß der Tag ihres Abtransports vorüberging. Doch steht gegen Schreiber noch eine neue, noch größere Gemeinheit in Aussicht. Er ist in Kempten geboren, als unehelicher Sohn einer Österreicherin. Sein ganzes Leben hat er in Baiern verbracht bis zum Kriege, wo die österreichische Militärbehörde ihn einzog, da seine Mutter es versäumt hatte, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. Jetzt hat Schreiber erfahren, daß er nach Abbüßung seiner Gefängnisstrafe von der Festungshaft „begnadigt“, aber nach Österreich ausgewiesen werden soll. Die baierische Reaktion will den Mann also zwingen, sich eine neue Heimat zu gründen. Wenn nur endlich das Proletariat aus diesen Haßorgien lernen wollte! Da ist der entsetzliche Fall Streidel, der vor einigen Wochen vom Münchner „Volksgericht“ zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, weil er als Kommandant des Max-Gymnasiums in München Geiseln „mit blutdünstigen Augen“ angesehn haben soll (Aussage eines Offiziers). Das scheußliche Urteil hat nur den Sinn, daß bei dem blöden Haufen die Assoziation an das Luitpoldgymnasium geweckt werden sollte. Dann ist jetzt der erneute Freispruch der Mechterstädter Mordstudenten vor dem (aus Gutsbesitzern und ähnlichem Bourgeoisgelichter zusammengesetzten) Schwurgericht in Cassel. Ferner der Fall Schrotter in Kempten, der nach seiner Verurteilung zu 2¼ Jahren Zuchthaus auf dem Transport bei einem der beliebten „Fluchtversuche“ erschossen wurde.* – Gedächtnis!!

Gestern erhielt ich die Mitteilung, daß die Geldsumme von der „Weltbühne“ nun doch nach meinen Angaben verteilt wird; daß aber in Zukunft Verteilungen ohne besondere Bestimmungen der Spender nach dem Modus der Frauenhilfe-Sendungen vorgenommen werden müßten. Jacobsohn hat inzwischen verständlicherweise die Sammlungen für uns eingestellt. Die Denunzianten haben nun also erreicht, daß sie von dem Geld doch nichts bekommen, daß sie auf weitere Zuwendungen, bei denen sie berücksichtigt worden wären, nicht mehr zu rechnen haben, und daß die Verwaltung uns nun in die internsten Angelegenheiten hineinreden kann, woraus wir andern den Schluß ziehn, daß wir nur noch Spenden annehmen, bei denen die Ausschließung des Gelichters ausdrücklich vorgesehn ist. Inzwischen hat Schollenbruch geschrieben, daß er von Westrich einen ganz unverschämten und niederträchtigen Brief erhalten hat, worin von ihm wegen der von Mannheim an ihn gesandten Gelder Rechenschaft gefordert und mit „Weiterungen“ gedroht wurde. Eine saubere Bande! – Ich habe inzwischen eine Extra-Weihnachtsfreude von der Verwaltung zu verzeichnen. Karl Petermeier wollte mich besuchen. Er erhielt auf seine Anfrage von dem Vorstand ein Schreiben folgenden Inhalts: „Ihr Besuch bei dem F. G. Mühsam kann nicht zugelassen werden[.“] In Ansbach war er 5 Stunden ohne Aufsicht bei mir. Nie ist ein Brief von mir an ihn und von ihm an mich „zu den Akten“ genommen worden. Wollens uns merken. – Zenzl kommt leider auch nicht. Sie ist in Oppau, um aus dem Nachlaß von Weigels Mutter Brauchbares für den gemeinsamen Hausstand herauszuklauben. Wir haben schon wieder ein ganz ausgefallenes Pech. Der Verlag „Wiener Graphische Werkstätten“ gibt mein altes Lustspiel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ heraus. Honorar (5000 Kronen) wurde per Scheck angewiesen. Bei der wandelbaren Valuta wären ohnehin nur 800 Mark herausgekommen, aber die sollten Zenzl über Weihnachten und Umzug helfen. Ausgerechnet in diesen Tagen erklärt sich Österreich insolvent. Der Staatsbankrott ist zwar noch nicht offiziell proklamiert, aber die Banken zahlen nicht mehr aus. Der Scheck scheint vollständig wertlos zu sein, ich bin der erste Leidtragende bei dieser Pleite, die an und für sich ein Anlaß zu großer Freude für mich ist, da sie vielleicht fördernd auf die österreichische Revolution wirken kann. Damit tröste ich mich nun über den Verlust; – müßte nur nicht meine Zenzl grade so schwer darunter leiden! – Das Haus ist momentan einigermaßen beruhigt. Die massenhaft eintreffenden Weihnachtspakete wirken Wunder. Trotzdem mußte die Aufführung unsres blasphemischen Krippenspiels verschoben werden. Die Stimmung ist zur Zeit nicht entsprechend. – Inzwischen sind einige Personalveränderungen zu vermerken. Kleber, der vor ein paar Wochen schon ging, stand mir ganz fern. Am 12ten folgte ihm Bareth, ein alter syndikalistischer Genosse, der bei völliger revolutionärer Treue und Ehrlichkeit den Fehler hatte, von Sammel- und Schnorrwut besessen zu sein. Jeder Besuch – und er kam fast täglich zu mir – war eine Attacke auf meine Bücherei oder auf die Eß- und Rauchvorräte bei mir und erforderte hohe Defensiv-Energie. Aber er ist ein braver Genosse und wird sich auch draußen bewähren. – Am 19ten ging aber einer unserer allerbesten, allerfestesten, allertreuesten Genossen, mir persönlich ein lieber Freund und naher Kamerad: Heinrich Pfeiffer. Jetzt ist es gradezu stiller geworden bei uns, da dieser fidele, von Einfällen sprühende Kerl nicht mehr da ist, der doch so tief ernst der Revolution ergeben ist. In ihm weiß ich einen Verbündeten fürs Leben, und mag mich die Festungszeit einmal wie ein böser Alp in den Träumen drücken –, daß ich Leute (sehr, sehr wenige leider) dort gefunden habe, wie Pfeiffer, wird mir immer auch das Gute dieser Zeit bewußt bleiben lassen. – Auch neuer Zuwachs ist da. Vor etwa 3 Wochen kam Genosse Ibel, der einen sehr guten Eindruck macht und auch gleich bei den Besten Anschluß fand. Vorige Woche wurde aber ein Unikum eingebracht: der Rosenheimer Bürgermeister Göpfert, der einzige Mehrheitssozialdemokrat an sichtbarem Posten, der überhaupt verurteilt wurde (1½ Jahre bei Bewährungsfrist nach 6 Monaten). Der typische Mehrheitsbonze, jovial, selbstbewußt, gravitätisch, spießbürgerlich. Den Boykott, den einige übereifrige junge Kommunisten gleich über ihn verhängten – sie zwangen den armen Kerl am ersten Tag, von oben zu uns in den 1. Stock zu ziehn – mache ich und macht keiner meiner Freunde mit. Der Mann leidet dasselbe wie wir (wenn er wohl auch wie Niekisch und andre reichliche Vergünstigungen genießen wird); da soll er hier unter uns beweisen, ob er Kamerad ist oder nicht. – Seit gestern ist aber noch einer da, ein gewisser Götz, den ich nicht begrüßt habe und auch nicht begrüßen werde, solange er nicht zu mir kommt. Sein erster Besuch war – obwohl er im oberen Stock wohnt – bei den Verdächtigsten, die alle in unserm Stock liegen: bei Kiesewetter und Tobiasch. Sein Verkehr konzentriert sich um Westrich und Gelichter. Dabei geht ihm ein sehr schlechter Ruf voraus, und es besteht sogar der Verdacht, daß er uns als Spitzel hineingesetzt worden sei. Ich enthalte mich vorläufig des Urteils, aber der äußere Eindruck ist sehr unsympathisch – und ich kann auch ohne seine Freundschaft auskommen. Eben kommt Antwort von Pannekoek auf meinen Brief. Sehr, sehr interessant.

 

* und die Einstellung des Verfahrens gegen den meineidigen Mörder Dorenbachs und JogichesKessel und gegen die Mörder Paasches.

 

Neuburg a/d. Donau, Montag, d. 3. Januar 1921

Es ist Vormittag 10 Uhr, und ich sitze in dem schönen großen zweifenstrigen Krankenzimmer des Gefängnisses von Neuburg, das im Vergleich zu unsern jammervollen Dreckzellen der „Ehrenhaft“ wie ein Hotelzimmer wirkt. Ich war nämlich eben beim Zahnarzt (zum zweiten Mal), nachdem ich nach 2 Monaten Drängen die Bewilligung der Zahnbehandlung endlich erreicht habe. Vor 14 Tagen malträtierte der Zahnarzt mich elend, heute gings rasch und ziemlich schmerzlos und ich genieße die Abwechslung bedeutend stimmungsvoller. Neuburg ist ein entzückendes altes Städtchen, der Blick aus dem (unvergitterten) Fenster geht auf einen von Spitzgiebelhäusern gebildeten Straßenwinkel, hinter dem sich die hohe halbverfallene Stadtmauer, von mehreren Türmen unterbrochen, hinzieht. Von unten tönt Mädchengesang zu mir herauf, die hübsch gewachsene Tochter des Gefängnisverwalters, die sehr freundlich ist, singt, und ich freue mich dessen, da ich lange keine Mädchenstimme mehr gehört habe. – Ich habe mir, da ich bis zum Nachmittag gegen 4 Uhr hier Quartier habe, Lektüre mitgenommen und das Tagebuch, das zunächst wieder aufs Laufende gebracht werden soll. Es gibt allerlei zu notieren. Die Feiertage waren für mich persönlich insofern wirkliche Festzeit, als mir seit nun 14 Tagen Liebesbeweise und Aufmerksamkeiten in so unglaublicher Fülle zugehn, daß ich beschämt bin. Völlig unbekannte Arbeiter haben mir Pakete gesandt, Briefe von Jugendgenossen versichern mir Liebe und Anhänglichkeit, von allen Seiten strömt Segen zu mir. Ganz unermeßliche Freude hatte ich besonders an einem Paket, das von Friedman kam, und in dem mir Gertrud Metzner (in der ich die frühere Frau Gertrud Zucker vermute) und Elsbeth Rupertus „in Dankbarkeit und Ehrfurcht“ Liebesgaben sandten. Elsbeth Rupertus! Ich habe geweint, als ich den Namen las. Wie gern habe ich dieses anmutige Geschöpf vor 20 Jahren gehabt, in der Neuen Gemeinschaft! Nie habe ich es ihr gesagt, daß ich sie liebte. Jetzt habe ich ihr nachträglich das Geständnis gemacht. – Ja, 20 Jahre sind’s jetzt her, und vorgestern war mein „Jubiläum“, der 20te Jahrestag, seit ich die Apothekerei an den Nagel gehängt habe. Gebüßt habe ich’s genug, bereut niemals. – Unsre „Tschega“-Gruppe hat sich in den Weihnachts- und Neujahrstagen womöglich noch enger zusammengeschlossen, wenn auch Toni Waibel immer noch nicht recht zugehört. Aber Karpf, Adolf Schmidt und Olschewski (dessen menschliche Schwächen man lächelnd in Kauf nehmen muß) sind mir wahre Freunde, und unser Seppl, unser roter Junge, ist der verhätschelte Liebling von uns allen. Er soll in 14 Tagen entlassen werden. So sehr ich mich für ihn und sein reizendes Mädel freue, – ich werde ihn sehr vermissen. Von häuslichen Begebenheiten ist nur eine erwähnenswert: Der Herr Götz wurde als identisch mit einem Mann festgestellt, vor dem die revolutionäre Presse öffentlich als Spitzel und Betrüger gewarnt hat. Die handfesten Genossen im oberen Stock, speziell Regler und Renner, gaben ihm daraufhin zu verstehn, daß es sich für seine Sicherheit empfehle, aus ihrer Nachbarschaft fortzuziehn. Die Verwaltung quartierte den Mann daraufhin bei uns ein, und er wurde ausgerechnet in denselben Gang gelegt, in dem ich wohne und mir schon die Anwesenheit des sehr anrüchigen Tobiasch und des nicht ganz einwandfreien Vollmeier gefallen lassen mußte. Die Wut bei uns revolutionären Genossen des Ganges war groß, und in der Tat mußten wir abends nach dem Gitterverschluß der einzelnen Gänge bei jedem Wort befürchten, es werde belauscht. Aus dieser Stimmung entstand ein Krach zwischen dem Genossen Wiedenmann und einigen Kumpanen der Westrich-Götz-Kiesewetter-Bande, wobei der ehemalige militärische Volksbeauftragte Wilhelm Reichhardt, der hier eine ganz klägliche Rolle spielt, eine Ohrfeige erhielt. Resultat: Wiedenmann und der irgendwie mitbeteiligte Nickl erhielten die Weisung, ins obere Stockwerk zu ziehen. Daß wegen der Provokation dieser Drecksippe jetzt zwei gute Genossen aus unsrer Mitte entfernt werden sollten, veranlaßte uns zu dem Entschluß, von der Verwaltung zu fordern, daß das Gschwerl miteinander auf einen Gang gelegt und die anständigen Genossen der beiden in Frage kommenden Seitengänge ebenfalls vereinigt würden. Wir forderten also, daß Götz, Tobiasch und Vogl (der harmlos ist und uns nicht stört, aber keine Unterschiede macht, – und da Vollmeier am 6ten ohnehin geht, wäre sein Umzug ohne seine Zustimmung nicht durchzusetzen gewesen) hinüber zu den Adolf Schmid II, Reichhardt u. s. w. ziehn, und dafür unser Wittmann-Seppl, Nickl und Kolbinger zu uns kommen sollten. Als Deputation der beiden Gänge wurden Kolbinger und ich zur Verwaltung geschickt. Die Verhandlung, bei der ich spitzig und scharf, Kolbinger mit sehr wirksamem Gebrauch seines riesigen Organs und Aufschlagen seiner ungeheuren Faust auf den Tisch operierte, führte zu dem Ergebnis, daß es bei der Hinaufverlegung Wiedenmanns und Nickls blieb (die sich leider selbst hatten breitschlagen lassen und uns daher das Eintreten für sie aussichtslos gemacht hatten,) und daß andrerseits Götz und Tobiasch mit Wittmann und Kolbinger die Zellen tauschten, also immerhin ein Erfolg. – Die Quatschereien im Hause sind ziemlich verstummt. Ich hatte mit Kain und Koberstein längere Aussprachen, bei denen ich feststellen konnte, daß das Meiste Hysterie und persönliche Verranntheit war. Dagegen habe ich mir den Haß Ernst Ringelmanns zugezogen, wie es scheint, weil er sich bei einer Zigarettenverteilung durch mich benachteiligt fühlt. Gefängnispsychose, – ich nehme so was nicht mehr wichtig. Aber die Ansbacher Affaire hat jetzt ein pikantes kleines Nachspiel. Der Genosse Steiner in New-York teilte mir mit, daß er wieder eine Liebesgabensendung an mich zur Verteilung abgesandt habe. Dessen Brief war es, der damals von den „Genossen“ bespitzelt war, was ich feststellen konnte. Nun schreibt er mir, er habe von einem gewissen Karl Marx in Lichtenau einen Brief erhalten, worin der ihn unter Berufung auf mich ebenfalls um Unterstützung anhaut. Marx ist von Augsburg, hat keinen guten Ruf. Ich persönlich kenne ihn nicht und habe nie mit ihm korrespondiert, geschweige ihm je das Recht gegeben, unter Berufung auf mich, sich an meine persönlichen engeren Genossen zu wenden. Zweifellos hat ihm Weber die Adresse Steiners gegeben und ihn veranlaßt, die Lumperei zu begehn, die selbst durchzuführen der Kerl natürlich zu feige ist. Es ist doch der Gipfel! Diese „Kommunisten“! Für eine Postanweisung sind sie zu jedem Verrat, zu jeder Niederträchtigkeit fähig. – Von Persönlichem ist nichts Besonderes zu berichten. Der 5000 Kronen-Scheck vom Wegener-Verlag ist durch Streits Vermittlung glücklich in 450 Mark Bargeld umgesetzt worden. Von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ habe ich also bisher nicht viel Freude erlebt. Vielleicht wird „Judas“ dankbarer sein. Lederer hat also tatsächlich die Aufführung vor Arbeitern in Schwung gebracht. Wo die Begeisterung eines reichen Mannes mit seinem Privatehrgeiz zusammenströmt, kommt am Ende doch was Proletarisches zustande. Kurz und gut: am 26. Februar Uraufführung in Mannheim, nur vor Arbeitern. Hoffentlich kommt etwas Ordentliches dabei zustande, daß wenigstens die beabsichtigte Wirkung aufs revolutionäre Blut der Proletarier erzielt wird. – Meine Einigungsbroschüre soll in etwa 5 Wochen bei Pfempfert erscheinen. Von ihr hoffe ich Klärung in den revolutionären Organisationsfragen. Pannekoek ist entzückt von der Haltung der KAPD und ihrem Anschluß an die 3. Internationale als „sympathisierendes“ Mitglied. Ich halte es mit Rühle, der konsequent den parteigegnerischen Standpunkt und damit die Ablehnung der Praxis verficht, die die Weltrevolution unter das Oberkommando eines Parteiklüngels stellen will. – In der Politik sind sehr bemerkenswerte Ereignisse zu verzeichnen. Die Entente macht mit der Entwaffnung Deutschlands Ernst. General Nollet hat in sehr energischen Noten die Auflösung der Einwohnerwehr, der Orgesch und der Sipo verlangt. Die kläglichen Einwendungen des Reichsaußenministers Simons, der nur noch der Prokurist der ausgesprochenen Revanche-Reaktion ist, und der für Bayern und Ostpreußen Ausnahmen verlangt, sind selbstverständlich aussichtslos und nur blamabel. General Castelnau hat den guten Satz gefunden, der die Stellung der Entente genau präzisiert: „Wenn Deutschland abrüstet, so ist das Weitere seine Angelegenheit, wenn es aber nicht abrüstet, so ist es unsre Sache.“ Ich habe unter meinen Freunden schon immer die Auffassung vertreten, daß die Franzosen die deutsche Revolution garnicht fürchten, auch die bolschewistische nicht. Sie fürchten den deutschen Nationalismus, den ungebrochenen Militarismus und die Revanche. Sie wissen, daß der deutsche Militarismus nur von der radikalsten Revolution dauernd gebrochen werden kann, die deshalb durch Wegräumen ihrer Hindernisse gefördert wird. Sie kennen im übrigen den feigen, opportunistischen Charakter der Deutschen, und rechnen damit, daß nach unserm Sieg doch der Konzessionsgeist wieder obenauf kommen wird, der ihnen gestatten wird, eine genehme Regierung (aus Unabhängigen und bürgerlichen Pazifisten) zu plazieren. Die Entgegnungen darauf, „der“ Kapitalismus sei einig gegen „den“ Sozialismus, ist Blödsinn, marxistische Traktätchenweisheit. Grade weil Frankreich den Kommunismus bei sich fürchtet und weiß, daß der Bürgerkrieg eines Tages da sein kann, muß es mit allen Mittel rechtzeitig dafür sorgen, daß dann Ludendorff nicht aktionsfähig ist. Sonst ist Versailles beim Teufel und es kommt ein westliches Brest-Litowsk, von dem sich die verwegenste Phantasie noch keine Vorstellung macht: das deutsche Kriegsregime im besetzten Belgien und Polen als Dauereinrichtung über Europa. – Die Entladung der Flintenläufe, auf die speziell die bayerische Kahr-Regierung sich ausschließlich stützt, steht also bevor. Ob sie gutwillig hingenommen wird, ist natürlich mehr als zweifelhaft. Ich vermute, Bayern wird erklären: wir fügen uns – unter der Oberfläche aber alles aufbieten, um die Ablieferung der Waffen zu hintertreiben, um dann erklären zu können: wir haben alles getan, aber wir sind machtlos. Sie werden sich – dumm wie immer (deutsche Regierungen pflegen den Verstand fremder Diplomaten als gleichbedeutend mit dem deutscher Zeitungsleser anzusehn; das erklärt die Plumpheit ihrer Lügenhaftigkeit) – einbilden, damit die Besetzung des Ruhrgebiets verhindern zu können. Sie werden sie nicht verhindern; im Gegenteil, die Kriegsschuldigenfrage wird wieder akut werden. Schon jetzt spürt man überall die Neubelebung des politischen Geistes durch das Gefühl, daß etwas im Werden ist. War auch die revolutionäre Welle in der Tschechoslowakei nichts, was die deutsche Arbeiterschaft unmittelbar berührt hätte, so gehört doch auch sie ins Bild. Erst durch die Verurteilung der ungarischen Volkskommissare mit der famosen prompten Antwort der Russen, die die adligen ungarischen Offiziere in ihren Händen als Geiseln betrachten und die Aufschiebung der Exekutionen in Ungarn schon erzwungen haben. Politisch erregend wirken aber bei uns auch 2 Todesfälle, der eines Reaktionärs und der eines Revolutionärs. Der Reaktionär ist Karl Legien. Sein Tod wirkt wie ein Symbol des Hinsterbens des Prinzips, dessen erster Repräsentant er war. Die Gewerkschaftsbewegung Legienscher Richtung ist heute für die revolutionäre Arbeiterschaft der Welt als das stärkste Hemmnis des revolutionären Klassenkampfs durchschaut. So ist der Tod des Mannes eine Art Menetekel, und die Arbeiter haben ein Gefühl, als sei der feindlichen Armee ein General gefallen. Der andre Todesfall dagegen ist ein unmittelbarer Appell an das revolutionäre Gewissen selbst. Der Elberfelder Rechtsanwalt Lamp (Mitglied der KAP) ist im Hungerstreik gestorben. Man muß sich blos an das Geflenn der Presse erinnern, als der Bürgermeister Swiney von Cork nach 76 Tagen Hungern starb (natürlich ist er nicht solange ohne Nahrung gewesen, sondern wahrscheinlich künstlich ernährt worden). Jetzt haben sie ihre Kenntnis von dem Hungerstreik Lamps zu garkeinem Protest verwandt. Sie haben ihn verenden lassen wie eine Ratte und sind mit sich und der Welt zufrieden. Jetzt ist es Sache des Proletariats, diesen schandbaren Mord zu rächen. Schon ist ein Dynamitattentat gegen die Villa des Staatsanwalts unternommen worden, der die Verfolgung Lamps gemanaget hat. Das ist ein Zeichen, daß es gärt. Und solche Zeichen spürt man überall in der Luft. Ich müßte mich stark verrechnen, wenn nicht dieses Jahr 1921 große Bewegungen in Deutschland akut machen wird. Damit ist nicht gesagt, daß das Proletariat schon siegen wird. Aber der Sumpf, die Stagnation, die Gleichgültigkeit ist überwunden. Es weht frische Luft durchs Land. Wir dürfen neue Hoffnung fassen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 5. Januar 1921.

Abschrift. An R.-A. Graf v. Pestalozza, München. „Sehr geehrter Herr Anwalt! Gestern haben sich hier Dinge abgespielt, die mich nötigen, Sie erneut um Hilfe und Rechtsschutz für die Festungsgefangenen anzurufen. – Am Vormittag wurde eine Verfügung des Vorstands angeschlagen, worin das Tragen von Sowjetsternen und andern Abzeichen, die die Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen bekunden, verboten wurde. Im Falle der Ignorierung dieses Verbots wurden Wegnahme der Zeichen und weitere Maßnahmen angedroht. Ich bemerke, daß wir seit unsrer Verhaftung fast alle stets unbeanstandet rote Bänder getragen haben, und daß seit Einführung des Sowjetsterns (vor etwa einem halben Jahr) sehr viele Genossen dieses Abzeichen angelegt hatten, ohne daß dadurch die Ordnung und Sicherheit der Anstalt im geringsten beeinträchtigt worden wäre, in deren Interesse – so hieß es ausdrücklich in der Verfügung – das Verbot erlassen war. – Es blieb im Laufe des Tages bei diesem in der üblichen Form ans Brett angeschlagenen Erlaß. Niemand, der den Stern nicht abgelegt hatte, wurde deswegen im geringsten behelligt. Selbstverständlich hätte die einfache Erinnerung des Oberaufsehers genügt, um trotz des Erstaunens, das das Verbot verursachte, ihm Geltung zu verschaffen. – Um ½ 9 Uhr abends, also eine halbe Stunde vor der Schließung der Ganggitter, erteilte plötzlich der Oberaufseher den Befehl, alle Festungsgefangenen hätten sich sofort in ihre Zellen zu begeben, der Befehl komme vom Herrn Oberstaatsanwalt. Unmittelbar darauf kamen Bewaffnete ins Haus, und der Oberstaatsanwalt Menzel aus Augsburg erschien, gefolgt vom Festungsvorstand, Herrn Oberregierungsrat Schröder, sowie etwa 60 mit Gewehren und Gummiknüppeln ausgerüsteten Soldaten der Sicherheitspolizei. Die Festungsgefangenen mußten die Sowjetsterne ausliefern. Ich persönlich wurde gezwungen, ein rotes Bändchen vom Rock loszutrennen, das einer der Soldaten mit sich nahm. Von weiteren Durchsuchungen wurde abgesehn und die Mannschaft rückte wieder ab. – Der Besuch hatte jedoch für einige Genossen weitere Folgen. Vier Festungsgefangene wurden in Einzelhaft genommen und zwar unter Bedingungen, deren Schärfe auch bei uns bisher unbekannt war. Sie sitzen nicht, wie bisher die Abgesonderten, im gleichen Hause wie wir, sondern sind in die Strafanstalt überführt worden, sodaß sie also in aller Form jetzt Gefängnishäftlinge sind. Neben der Absonderung wurden folgende Disziplinarmaßnahmen gegen sie verfügt: Kantinensperre (sie können sich also nichts kaufen), Briefsperre, Besuchsverbot, Hofentzug und Rauchverbot. – Betroffen hiervon sind die Genossen Taubenberger, Günther, Schwab und Regler. Taubenberger und Schwab hatten in Anschlägen bzw. Eingaben an die Verwaltung das Verbot des Tragens der Sowjetzeichen kritisiert. Regler hat dem Oberstaatsanwalt auf die Aufforderung, die Hand aus der Tasche zu nehmen, erwidert, hier sei kein Kasernenhof. Günther hat unabhängig von diesen Vorgängen einen Protest gegen das von allen Gefangenen dauernd bemängelte Essen erhoben, der in unziemlichem Ton gehalten sein soll. – Ich enthalte mich jeder Kritik und will Sie nur sachlich orientieren, damit Sie im Bilde sind, welche Delikte zur Verhängung von Strafen geführt haben, die alles, was wir bisher gekannt haben, weit in den Schatten stellen. – Ich bitte Sie nun zunächst, verehrter Herr Rechtsanwalt, sich des Schicksals der vier genannten Genossen anzunehmen, die ihre Strafe „bis auf weiteres“, also auf völlig unbestimmte Dauer tragen sollen. – Darüber hinaus aber möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, daß wir Festungsgefangenen in Niederschönenfeld uns aufs Allerernsteste bedroht fühlen und Sie bitten, sich über unsre persönliche Sicherheit Aufschluß zu verschaffen. Wir wissen, daß gestern im Laufe des Tages die Sicherheitswache der Anstalt bereits verstärkt und in erhöhte Bereitschaft versetzt wurde, und keiner von uns ist naiv genug, zu glauben, daß die Entfernung der Sowjetzeichen, die seinerzeit sogar durch die Zensur hereingeschickt wurden und seither niemals Anlaß zu Auseinandersetzungen gegeben haben, den Aufwand nötig gemacht haben, der in Erscheinung trat. Wir glauben nicht, daß zu einer Maßnahme, die jeder Aufseher durchführen konnte, die persönliche Anwesenheit des Herrn Oberstaatsanwalts, des Herrn Oberregierungsrats, einiger Leutnants und einer kriegsmäßig ausgerüsteten Militärabteilung erforderlich war, und wir fürchten, daß dieser Besuch nur der Auftakt zu weiteren und schwereren Eingriffen war. – Aufs höchste verstärkt wird dieser Verdacht durch einige Äußerungen, welche der 2. Vorstand, Herr Regierungsrat Batum, dem Genossen Taubenberger gegenüber gemacht hat. Nach dessen Mitteilung hat Herr Batum gesagt, das neue Jahr werde uns noch allerlei Überraschungen bringen, und ehe die Blüten knospen, werde sich viel ändern. Wir erblicken in diesen Andeutungen Drohungen, die, wenn nicht gegen unser Leben und unsre persönliche Sicherheit, so doch gegen unser gesetzliches Recht als Festungsgefangene nach § 17 StGB gerichtet sind. Wir bitten Sie als unsern Rechtsbeistand, sofort alle Schritte zu unternehmen, die uns weitere Einschränkungen unsrer ohnehin hinlänglich beschnittenen Rechte ersparen können. Mit vorzüglicher Hochachtung und verbindlichem Dank im Namen aller Beteiligten Ihr ergebener   Erich Mühsam.

 

Abends.

Um 7 Uhr – ich war grade dabei, einen neuen Ukas des Vorstands zu verlesen, – wurde ich zum „Oberwerkführer“, Herrn Schneider, zitiert. Von dem erhielt ich einen Zettel folgenden Inhalts: „An den F. G. Herrn Mühsam. Sie haben dem Befehle auf Ablegung der Sowjetzeichen zunächst nicht Folge geleistet, vielmehr durch Anlegung von Hakenkreuzen und Anempfehlung der Anlegung von solchen Zeichen unter den andern F. G. aufreizend zum Zwecke der Nichtbefolgung der Anordnung gewirkt. Zugleich haben Sie durch Ihr bezeichnetes Verhalten die Anordnung im Kreise der F. G. verhöhnt. – Wegen dieses die Sicherheit und Ordnung schwer gefährdenden Verhaltens werden Sie bis auf weiteres abgesondert unter gleichzeitigem Rauch-, Besuch- und Schreibverbot. – Zugleich wird Ihnen bis auf weiteres das Lesen von Zeitungen und die Benützung der Kantine verboten. – N’feld, d. 5. 1. 21. Festungshaftanstalt, Schröder. Oberregierungsrat.“

So leben wir. Ich hocke nun also im Erdgeschoß in einer kahlen Gefängniszelle und darf für einige Wochen über die Schönheit der Welt nachdenken, ohne zu erfahren, was draußen vorgeht, ohne mir die Zeit durch Rauchen zu vertreiben (zu welchem Verzicht ich noch nicht recht fest entschlossen bin) und ohne an Zenzl oder sonstwen Briefe schreiben zu können. Vielleicht hat auch das sein Gutes. Mein Roman „Ein Mann des Volkes“ ist nachgrade solange im Gehirn gewälzt und erwogen worden, daß es mir nicht darauf ankommt, bald ans Werk zu gehn. Ferner spare ich viel Geld am Briefporto und endlich kann ich mich doch mal konzentrieren, wozu mir der lärmende Geselligkeitsbetrieb der letzten Zeit wenig Ruhe gab. Aber die Sache selbst gibt sehr zu denken. Der militärische Überfall gestern kam aus heiler Haut. Fühlt sich die Reaktion so sicher im Sattel, daß sie sich traut, jetzt unter blanker Verspottung ihrer eignen Gesetze alles gegen uns wagen zu dürfen? Die Maßnahme gegen mich ist eine unglaubliche Sache. Es ist mir garnicht eingefallen, irgendwen „aufreizend zum Zwecke der Nichtbefolgung der Anordnung“ ermutigt zu haben. Ich habe mir – und das war eine private Angelegenheit – das Sowjetzeichen über ein papiernes Hakenkreuz gesteckt, womit die staatsgefährdende Wirkung des Sterns jawohl kompensiert war. Die Bestimmung der Festungshausordnung über Disziplinarstrafen schließt zwar Einzelhaft grundsätzlich [nicht] aus, verpflichtet aber den Vorstand, den betroffenen Festungsgefangenen vor Wirksamwerden der Maßregel zu hören. Natürlich wurde das ignoriert. Ich habe den Herrn Schneider darauf aufmerksam gemacht, als er eben noch einmal bei mir war, um mich zu warnen, etwa durch Schreien mit den Genossen oben Verständigung zu schaffen. Er gab die trostreiche Antwort, daß morgen Feiertag (3 Könige) sei und also der Herr Batum schwerlich kommen werde. Übrigens würde mir ja doch nichts geglaubt werden, und die Aussprache ist nur eine Formalität. Gradezu toll ist aber der neue Erlaß, in dem Schröder ein Schreiben des Oberstaatsanwalts Menzel an ihn mitteilt. Da werden uns unglaubliche Vorwürfe gemacht und uns in einem haarsträubenden Ton Warnungen erteilt, Warnungen die auf nicht mehr oder weniger hinauslaufen, als daß „rücksichtslos von der Waffe Gebrauch gemacht“ werde, wenn wir „widersetzlich“ sind. Wie wenig spaßhaft schon gestern der Besuch der Grünen aufzufassen war, erhellte aus dem Kommando, das ein Leutnant seinen Leuten im oberen Stockwerk gab: „Schußlinie frei!“ Also nackte Mordandrohung gegen wehrlose Gefangene, deren ganzes Verbrechen ihre politische Meinung ist. – Im zweiten Erlaß, den ich leider nicht mehr Zeit hatte zu lesen, wird als neue Disziplinarmaßnahme Kostschmälerung und Bettentzug angekündigt. Gegen Ehrenhäftlinge! „Kostschmälerung“ kann nett werden, da das Essen schon jetzt gewöhnlich so miserabel ist, daß man es nicht herunterbringt. Hingegen gab es heute schon einen Anschlag – seit gestern überstürzen sich die Verfügungen, Drohungen und Repressalien gegen uns –, worin Herr Schröder feststellt, daß das Essen tadellos sei, und daß weitere Beschwerden dazu führen würden, daß die „Vergünstigung“, daß der Speisezettel im Einverständnis mit den F. G. aufgestellt werde, als zwecklos aufgehoben würde. In Wahrheit haben die F. G. auf Art und Zubereitung garkeinen Einfluß, sondern werden blos bei der Festsetzung der Reihenfolge zugezogen. Ich bin sehr gegen die Annahme derartiger zweifelhafter „Vergünstigungen“. Offene Betonung der prinzipiellen Feindseligkeit wäre uns würdiger. Aber der geschäftige Klingelhöfer verhandelt in solchen Dingen und plakatiert dann stolz auf sein Tun jede leutselige Äußerung eines der Herren, die hier sachlich und bewußt die Interessen ihrer Klasse gegen uns wahren. Vor ihnen habe ich tausendmal größere Achtung als vor den sogenannten Proletariervertretern, die durch Kriecherei etwas von ihnen herausschinden wollen, und wenn es ihnen gelingt, dadurch die Macht der Gegner erst recht bestärken. – Auch der Seppl hatte Unannehmlichkeiten. Er soll, als Schneider gestern rief: alle in die Zellen! und auf seine Frage: „Gründe?“ die Antwort kam: Auf Befehl des Herrn Oberstaatsanwalts, gesagt haben: der kann mich im Arsch lecken! Ich weiß und viele können es bestätigen, daß er das nicht gesagt hat. Aber was wollen wir gegen die Denunziation eines Beamten ausrichten? Man hat Seppl nicht gemaßregelt. Offenbar benutzt man die Sache als Vorwand, ihm die ihm vom Gericht zugebilligte Bewährungsfrist zu entziehn. Mit 15 Monaten Festungshaftverlängerung wird wohl auch diesen Herren das Verbrechen des Jungen, das er nicht einmal begangen hat, hinlänglich gesühnt sein. – Was diese plötzliche Offensive gegen uns zu bedeuten hat? Ich sehe darin den Trotz der Verzweiflung. Die Bergarbeiter rühren sich wieder, die Eisenbahner scheinen Ernst machen zu wollen, kommt hinzu die Entwaffnungsforderung der Entente, die nicht mehr warten will und die Neuaufrollung der Kriegsschuldigenfrage, die in der Tat durch eine neue Note in Gang gebracht ist. Die Reaktion will also, wie es scheint, den ersten Schlag führen und diesmal besser als im März. – Im ganzen Reich mehren sich die Zeichen. In Flensburg wurde der neukommunistische Abgeordnete Paul Hoffmann ermordet („auf der Flucht“). Eine große Hetze wird gegen etliche Pazifisten, hauptsächlich Lehmann, eröffnet, wegen ihrer Haltung in der Entwaffnungsfrage. Die Medizin der Reaktion heißt immer wieder Blut. Gott mag wissen, ob das nächste Tagebuchheft noch voll wird! Ich rechne mit allen Möglichkeiten.

 

 

 

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