Tagebücher

XXVII

 

31. März – 25. Mai 1921

 

 

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 31. März 1921

Was jetzt in Deutschland beginnt, ist, wenn ich die Zeichen richtig deute, der Bürgerkrieg in Permanenz. Alles macht mir den Eindruck, als ob dieses Mal nicht wie früher ein Kampf von einigen Tagen oder Wochen auszufechten wäre, sondern daß das Faß übergelaufen ist und nun der ganze Inhalt allen vorübergehend erfolgreichen Abwehrmaßnahmen zum Trotz ausfließen wird. Die Terrorakte werden bald nicht mehr auf Brückensprengungen, Rathaus- und Gerichtsgebäude-Explosionen, Anschläge[n] auf Eisenbahnkörper beschränkt bleiben, sondern sich gegen einzelne Personen richten. Die Ermordungen der Unsrigen, deren Mörder samt und sonders unbehelligt herumlaufen, und wo sie behelligt wurden, in Prozessen, die das Proletariat verhöhnten, freigesprochen wurden (Marburg, der Mörder Landauers, Runge, Marloh etc. etc.), werden nachträglich furchtbare Vergeltung finden. Man wird die Kriegsheroen, die verräterischen Sozialdemokraten, die großen Geldmacher, die Justizkanaillen treffen, und es wird Angst und Grauen werden bei der deutschen Bourgeoisie. Wann Bayern der allgemeinen Aufstandsbewegung folgen wird, wer weiß es? Die Auslieferung der Kommunisten an Graf, Otto Thomas und Gefährten rächt sich natürlich. Wie wir hören, soll die Münchner Arbeiterschaft den Anschluß an die Bewegung mit der Begründung ablehnen, sie würden wieder unterliegen, und dann würde der weiße Schrecken noch toller als bisher wüten. Sie lehnen also die Steigerung des Klassenkampfs ab und wollen lieber weiterwursteln und dem Kapital frohnden. Als ob sie dadurch um den Kampf herumkämen! Sie werden das Zögern teuer bezahlen müssen, denn Kahr, Roth und Pöhner mit ihren Auftraggebern und Beauftragten sind nicht die Leute, sich durch Schlappheit von ihren Zielen abbringen zu lassen. Schon schreien ihre Preßsklaven: seht ihr, bei uns die Ruhe haben wir nur unsrer energischen Politik, unsrer Weigerung zu danken, die Einwohnerwehren aufzulösen, – und schon gehn von Bayern aus die stärksten bewaffneten Kräfte nach Mitteldeutschland ab, um dort ihre Mordwerkzeuge in Tätigkeit zu setzen. Jetzt käme es nur darauf an, die Waffen der Konterrevolution überall, wo sie sind, in Schußbereitschaft zu bringen, damit das Nacheinander der Proletarierhinmetzelung, womit bisher jede Niederlage entschieden wurde, verhindert wird. 3000 Grüne können gegen 50000 Arbeiter garnichts ausrichten und von ihnen leicht genug entwaffnet werden. Erlaubt man es aber den Kapitalisten, ganze Heere hintereinander überall hin in Bewegung zu setzen, wo sich die Proletarier rühren, dann gehts genau wie vor einem und vor zwei Jahren. Wie oft müssen die Deutschen den gleichen Fehler wiederholen, bis sie ihn als Fehler erkannt haben! Gottseidank geht manchem das Auge auf. Im Württembergischen hat man schon einen Zug mit Reichswehr zur Entgleisung gebracht. Das müßte überall geschehn, damit kein weißer Soldat mehr Lust hat, sich einem Eisenbahnzug anzuvertrauen. Wir in Bayern müssen leider unsre stärkste Hoffnung vorerst noch auf die Alliierten setzen. Die Mobilisation in der Tschechoslowakei ist eminent bedeutungsvoll. Nach einem böhmischen Blatt soll sie bezwecken, die unmittelbare Verbindung mit den Truppen der Westmächte herzustellen. Das hieße also die Besetzung der Donau- bzw. Mainlinie Eger-Regensburg-Nürnberg-Würzburg. Nun wird der Versuch des Habsburger Karl gemeldet, sich in Ungarn durch Staatsstreich wieder in den Besitz der Macht zu bringen. Horthy selbst habe versucht, den Mann in die Schweiz zurückzuschicken (vermutlich prätendiert Horthy für sich auf den Thron), Karlchen will aber nicht wieder weg und wartet jetzt bei einem Erzbischof den Fortgang der Dinge ab. Die Alliierten sollen erklärt haben, daß sie die Rückkehr der Habsburger keinesfalls dulden würden und die Tschechen sollen für den Fall schon Auftrag haben, Ungarn zu besetzen. Dann wäre jedenfalls die Situation gegeben, die eine direkte Verbindung zwischen großer und kleiner Entente erwünscht machte, und Bayern hätte dazu die Brücke abzugeben, – was auf jeden Fall den Sturz der Kahrregierung mit sich brächte und für uns hier drinnen unzweifelhaft binnen kurzem die Befreiung. Ich rechne mit dem Regierungswechsel noch für das Frühjahr (am 31. Mai muß Bayern entwaffnet sein), mit den persönlichen Konsequenzen für spätestens Herbst. – Ich bin in der größten innerlichen Bewegung. Zu denken, daß das Volk wieder im Kampf steht und daß ich nicht dabei sein darf! Und wenn ich es sicher wüßte, daß ich herausdürfte, nur für den Preis, auf der Barrikade zu sterben, – ich tät’s mit Freuden.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 2. April 1921.

Die Revolution wächst, allen beschönigenden Meldungen des W. T. zum Hohn. Zwar sind wichtige Positionen gefallen, aber täglich erstehn neue Herde und der Streik greift um sich, der [zum] mindestens den wirtschaftlichen Zusammenbruch beschleunigen muß. Die Führung scheint von der KAP übernommen zu sein, die wirksame Apostrophen ins Proletariat schickt, während die VKP mit marxistischen Phrasen, Deutungen, Erklärungen, Erläuterungen arbeitet, und wieder mal nicht begreift, daß es hier nicht um historisch-philosophische Deduktionen geht, sondern um Aufruhr, der zündende Parolen braucht. Die Reaktion arbeitet wieder mit dem bewährten Mittel des systematischen Meuchelmords in der gesetzlichen Bemäntelung des Fluchtversuchs. So wurden 3 Arbeiter, die die Gefangenen im Leunawerk zu befreien suchten, „auf der Flucht“ erschossen, und nun ist ein weiteres Opfer nach dieser Methode gefallen, das sehr wahrscheinlich das Eingreifen des Berliner Proletariats zur Folge haben wird. Der kommunistische Leiter der revolutionären Elektriker Sylt, der sich schon im vorigen Jahr wundervoll bewährte, ist beim Transport vom Polizeipräsidium zum Gefängnis „bei einem Fluchtversuch“ angeschossen und schwer verwundet worden und soll nach heutigen Meldungen gestorben sein. Die AEG wird wohl endlich daraus die Folgerung ziehn und die Arbeit einstellen. Die Haltung der SPD und USP war von Anfang an schwächlich. Jetzt scheinen die Herren doch noch Anschluß suchen zu wollen, doch wird man nur in die Bewegung eingreifen, um sie abbremsen zu können. Hoffentlich durchschauen die Arbeiter endlich diese Sorte und lassen sich nicht wieder einwickeln. In Bayern ist die Reaktion zur Offensive übergegangen. In München, Nürnberg, überall Massenverhaftungen. Am 24. März wurde Wendelin Thomas festgenommen. Schon jetzt steht er vor dem „Volksgericht“, offenbar soll er noch vor dem Zusammentritt des Reichstags abgeurteilt sein. Es heißt, das Urteil sei bereits gesprochen und laute auf 2 Jahre Gefängnis wie bei Eisenberger. Neithardt als Vorsitzender, Lieberich als Staatsanwalt sagt ja genug. Was die beiden Mitangeklagten gekriegt haben, weiß ich noch nicht. – Der Putsch Karlchens in Ungarn, der auf den Befehl Horthys und der Nationalversammlung, ihn auszuweisen, pfeift und von Steinamanger aus die monarchistische Restauration betreibt, und bei Offizieren und Militär massenhaft Anhang findet, kann vielleicht in dem Lande, das die Konterrevolution am ärgsten fühlen mußte, die Bewegung wieder in Fluß bringen. Die Haltung der Entente in der Sache ist ziemlich undurchsichtig. In Frankreich soll Stimmung dafür sein, den abgehalfterten König gewähren zu lassen. Doch glaube ich, daß man in England keinen Habsburger mehr dulden wird. Die Engländer selbst haben auch wieder mit ihren Proletariern zu schaffen. Die Bergarbeiter ganz Englands stehn im Streik, mit der Wirkung, daß vorerst die Kohlenausfuhr eingestellt ist. Das wird Frankreich zuerst merken, das von Deutschland Ersatz verlangen wird. Also auch von der Seite aus droht unsern Kapitalisten Gefahr. In Italien wird terroristisch gearbeitet. Die Dynamitaktion im Mailänder Diana-Theater wird nicht nur an Ort und Stelle manches Knie schlottern lassen. – Die Weltrevolution ist mitten im Werden, und in Deutschland erleben wir zur Zeit den entscheidenden Moment, sie akut zu machen. So erfüllt das Geschehn draußen mein Herz mit stärksten Hoffnungen. Die damit verbundenen Befürchtungen betreffen nicht den Ausgang, nur die schrecklichen Episoden, bei denen viel kostbares Proletarierblut fließen wird. Bei so beschaffenen Verhältnissen der Weltlage wirken die kleinen Erlebnisse hier im Hause bloß grotesk. Aber sie verdienen notiert zu werden, nicht blos als Meilensteine in meinem Lebenslauf, sondern vor allem als Miniaturbilder des proletarischen Kampfs überhaupt. Die Verwaltung geht offensichtlich aufs Ganze und provoziert unausgesetzt, um zwischen die feindlichen Gruppen offene Gewalt zu bringen und dann mit ihrem Meuterungsschutz einzugreifen. Gestern ist Sauber in Einzelhaft gekommen. Grund: Karpf erhielt Besuch von seinem Vater. Der Oberstleutnant wurde natürlich nicht ausgesucht, erhielt 6 Stunden Besuchserlaubnis und wurde ohne Aufsicht gelassen. Karpf zögerte zuerst, den Besuch zu empfangen. Bei der Erörterung darüber ließ Sauber Elbert gegenüber die Bemerkung fallen, „die Reaktion macht Annäherungsversuche“, wurde denunziert und „wegen Provokation“ bei gleichzeitigem Hofentzug für 1 Woche in Einzelhaft für unbestimmte Zeit gesetzt. Mittags verlas Hagemeister einen Brief, den ihm Klingelhöfer geschrieben und auf dem Wege über die Zensur zugestellt hat. Ein unglaubliches, schamloses und den Kerl völlig entlarvendes Dokument. Er sucht Hagemeister „zur Vernunft“ zu bringen und damit mittelbar auf uns alle einzuwirken. Er habe mit Vollmann eine Unterredung gehabt. Die Verwaltung denke garnicht daran, die Zwangsmaßregeln – Schreib- und Besuchsverbot – aufzuheben und sei damit beim Justizministerium völlig gedeckt. Die „Genossen“ unten lehnen es ab, zu unsern Gunsten irgendwelche Opfer zu bringen. Unsre Aktion sei überdies völlig aussichtslos. Denn die Revolution sei für mindestens 8 – 10 Jahre beendet, und wir mit langen Strafen müßten damit rechnen, daß wir unsre ganzen Strafen von 10, 12, 15 Jahren abbüßen müssen, wobei bei den Zwangsmaßregeln unsre Familien völlig zerrissen werden. Alle Hoffnung müßten wir deshalb auf Amnestierung richten und uns die durch Wohlverhalten verdienen. Er rate deshalb dringend zu bedingungsloser Unterwerfung. – Das gibt der Bursche der Zensur zur Weiterleitung! Selbstverständlich wurde die Verlesung mit hellem Gelächter quittiert. Das Schriftstück ist aber ungemein wichtig und wird diesem Charlatan noch einmal bitter aufstoßen. Während wir im schwersten Kampf gegen die Verwaltung stehn, die uns mit Rechtsbeugungen und den ärgsten Amtsverbrechen kirre machen will – nicht etwa den Verfasser des Artikels in der Neuen Zeitung zu nennen (Kl. rät wieder mal, der Betreffende, von dem niemand weiß, ob er überhaupt unter uns ist, soll sich freiwillig melden), sondern uns ehrenwörtlich den Rechtsbrechern willenlos zu unterwerfen, denunziert er uns bei diesen Rechtsbrechern und stärkt sie durch Betonung der Aussichtslosigkeit unsres Widerstandes in ihrem Vorgehn. Die mitteldeutsche Revolution sammelt schwerstes Grundeis in den Ärschen der Reaktion, da kommt Herr Klingelhöfer und teilt mit, daß diese Revolution garkeine Bedeutung habe, daß wir nur die Gnade derer erwinseln können, die uns jedes Recht stehlen. Natürlich ist der Schrieb das Produkt einer ausgesprochenen oder stillschweigenden Verabredung zwischen Vollmann und Klingelhöfer, wie denn die Gegenseite jetzt schon ganz offen Hand in Hand mit der Verwaltung gegen uns arbeitet. Dafür hat der heutige Tag den schlagenden Beweis geliefert. In der Frühe geriet aus einem nichtigen Grunde Marschall mit Duske aneinander. (Marschall hatte Duskes Wasserkrug vom Feuerloch weggestellt und seinen Leimtopf hineingesetzt, also den Anlaß zum Konflikt gegeben). Die allgemeine Nervosität und Gereiztheit der Gruppen gegeneinander führte zur Rauferei, bei der sich besonders der ganz unbeteiligte Regler hervortat, von unsrer Partei war Wiedenmann und Gnad beteiligt. Die Aufseher nahmen sofort ganz offen gegen Duske Partei. Schneider kam herauf, fragte garnicht was los sei und wandte sich sofort gegen die Unsern. Jetzt aber prangt folgender Ukas an der Tafel: „An die F. G. des II. Stockwerks. Wegen der Rauferei heute morgen, bei der hauptsächlich die F. G. des Flügels I und III beteiligt waren“ (Marschall und Regler wohnen im Flügel II), kommt der Hofgang für die F. G. des II. Stockwerks heute und morgen in Wegfall. – Die Gruppe Murböck wird von dieser Anordnung nicht betroffen. N’feld, 2. IV. 21. Dr. Vollmann.“ Also ohne Verhör, ohne weiteres Parteinahme für die andre Seite und solidarische Bestrafung von uns allen, die wir überhaupt mit der Sache nichts zu tun hatten. Das Tolle ist, daß die „Gruppe Murböck“ – welcher Hohn, die Spaltung der F. G. schon offiziell als Tatsache vorauszusetzen! – wirklich von der Vergünstigung Gebrauch macht. Allerdings ist diese Gruppe, soweit sie im II Stock wohnt, an und für sich schon vor allen in der Hofzeit bevorzugt. Mit dem I. Stock wechseln sie wöchentlich mit Vor- und Nachmittagen des Hofgangs ab – die Unteren haben da nur die Mittagsstunde vor uns voraus, – die „Gruppe Murböck“ dagegen hat die sämtlichen Stunden des Hofgangs – also 8 täglich zu freier Benützung (gegen 3½ für uns). Und der I. Stock hat von unsrer Disziplinierung erfahren und spaziert jetzt ebenfalls fröhlich unten herum, mit Ausnahme von Rudolf Hartig, Kullmann und Förster, die diese „Vergünstigung“ zu unserm Nachteil für ihre Personen abgelehnt haben. Aber Valentin Hartig! Toller!! und natürlich Klingelhöfer! Regler, der dumme Junge, gibt sich einfach zum Hausknecht der Verwaltung her, er und Renner provozieren unausgesetzt und es kostet unsern Genossen große Zurückhaltung, es immer zu ignorieren. – Gestern sind Mühlbauer und Höck auf Bewährung entlassen worden, beide haben unterschrieben, beiden aber hat es keiner übelgenommen, und sie haben sich auch nie provozierend gegen uns benommen. Höck ist besonders ein braver tapferer Revolutionär, der um seiner in bitterer Not lebenden Familie willen manches tat, was er lieber anders getan hätte. Mühlbauer ist ein harmloser Kerl, der garnicht begriffen hat, was sein Unterschreiben bedeutete. Ich danke ihm einige wertvolle Unterweisungen für meinen „Mann des Volkes“, dessen Held als ehemaliger Tapezierer und Dekorateur halbwegs sachkundig behandelt werden muß. Da Mühlbauer, ehe er Komiker wurde, dieses Gewerbe gelernt hat, hat er mir einen großen Vortrag über den Lehrgang gehalten und ich weiß jetzt ungefähr, wie man Seegras zupft und einen Sessel aufpolstert. – In meine Totenliste ist Margarete Swoboda einzutragen. Sie hat mich nicht geliebt, weil ich als Theaterkritiker das Hoftheater immer wieder angriff, daß man ihr, die eine vortreffliche Kuppelmutter hinstellen konnte (in Molnars „Liliom“ zum Beispiel) durchaus jugendliche Rollen wie Hedda Gabler etc. zuwies. Persönlich hatte ich wenig Beziehung zu ihr. Sie ruhe sanft.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 5. April 1921.

Leider geben die Ereignisse draußen weiterhin wenig Anlaß, unmittelbare Folgen von ihnen zu erwarten. Der Generalstreik wird, wo er überhaupt ausgebrochen war, von VKP und KAP wieder abgebremst. Doch gehen die Bandenkämpfe weiter. Auf Hölz’ Kopf sind jetzt 100.000 Mark ausgesetzt. Man behauptet, er habe das Siegessäulenattentat und alle übrigen Dynamitaktionen arrangiert und die gesamte mitteldeutsche Bewegung organisiert. Was für ein herrlicher Kerl! Der Erste und Einzige, der bisher die Notwendigkeiten einer deutschen Revolution voll begriffen hat. Mit Einschüchterung und Terror arbeitet die Bourgeoisie, mit Einschüchterung und Terror muß gegen sie gearbeitet werden. Individualakte und Bandenkrieg, verbunden mit wirtschaftlichen Kämpfen – das sind die für Deutschland jetzt einzig möglichen und notwendigen revolutionären Mittel. Kein Bürger darf seines Lebens und seines Eigentums sicher sein, so kann allein die moralische Widerstandskraft der Kapitalisten gebrochen werden. Hölz hat das verstanden und hat sich als der Mann erwiesen, der seine Einsicht in praktische Tat umzusetzen weiß. Großartig ist seine Ubiquität: immer im rechten Augenblick spurlos verschwinden, immer im rechten Augenblick am rechten Ort wieder auftauchen; großartig seine umsichtige Entschlossenheit in der Durchführung seiner Pläne, großartig seine Dreistigkeit – so hat er ganz kalt Zeitungsreporter zu einer Aktion eingeladen, die er zusehn ließ, wie er als Befehlshaber und Eroberer arbeitet, um sie dann wieder wegzuschicken, wenn er nicht mehr wünscht, daß man seinen Aufenthalt kennt. Vollständig richtig beurteilt er die Psyche des Proletariats – er soll selbst Tagelöhner gewesen sein –, wenn er allen seinen Handlungen den romantischen Nimbus wahrt, der nun einmal dazu gehört. Ich habe gestern ein Hölz-Lied auf die Melodie „Es blasen die Trompeten“ geschrieben; ich wollte, er kriegte es noch selbst in die Hand und seine eigne Garde sänge es bei ihren Zügen. Ich bin glücklich, daß so ein Mensch, eine proletarische Napoleonnatur, aus der deutschen Revolution erstehn konnte. Das gibt Hoffnung für das Volk und seine Sache. Das deutsche Proletariat hat derartige Beispiele bitter nötig. Sylt ist wirklich an seiner Verletzung gestorben; was macht das Proletariat in Berlin? Garnichts. Nur die Elektriker treten in einen – 24stündigen Proteststreik ein. Das ist mir allerdings ein Beweis, daß das Aufbranden der Revolution für diesmal wieder verloren geht. Für den Augenblick! Daß wir die Situation eines Schützengrabenkriegs mit Offensivstößen von beiden Seiten erleben, die immer nur Positionsveränderungen bewirken werden, scheint mir sicher. Es ist ein Zermürbungskrieg, bei dem der Sieg so wenig zweifelhaft ist wie im Weltkrieg. Je krassere Mittel der Kapitalismus anwenden wird, das Proletariat zu zwingen, um so weniger ist an endgiltige Unterwerfung der Arbeiterschaft zu denken. Schon werden wieder Anzeichen einer Landarbeiterbewegung in Pommern und Mecklenburg und sogar in Ostpreußen bemerkbar. Die große Bergarbeiteraktion in England wird ebenfalls ihre psychologischen Rückwirkungen aufs deutsche Proletariat üben, das hoffentlich bald der eignen Initiative mehr trauen wird als Parteiparolen. Die VKP brüllte erst „Zu den Waffen!“ und wollte dann mit den Gewaltdingen Hölzens aber nichts zu tun haben; jetzt bläst sie schon vernehmlich zum Rückzug. Anarchisten und Syndikalisten jammern über die ganze Bewegung, die nur auf russisches Kommando in Szene gesetzt sei. Ich bezweifle, daß das möglich gewesen wäre. Zeitungsartikel mögen die Stimmung beeinflussen, können aber schwerlich Aktionen hervorrufen, die nicht aus der Masse selbst herausdrängen. Der „Syndikalist“ (Jahrg. III. Nr. 13) bringt einen ganz schamlosen Leitartikel gegen die ganze Bewegung, – konterrevolutionär ist fast ein zu schwacher Ausdruck für diese Erbärmlichkeit. Daß grade jetzt nichts hätte unternommen werden müssen, wird mit der unbändigen Freiheit bewiesen, deren sich die Arbeiter jetzt in Deutschland zu erfreuen hätten. Von der entsetzlichen Teuerung und Not scheinen diese unerbittlichsten Revolutionäre, die sonst die Parole schmettern „es lebe der wilde Streik!“ garnichts zu spüren. Und man muß in Bayern und gar in Niederschönenfeld sitzen, um die ganze Schönheit dieser Sätze (die buchstäblich im „Syndikalist“ stehn) zu erfassen: „Noch niemals lebte die deutsche Arbeiterschaft unter so verhältnismäßig freien politischen Verhältnissen als in den letzten Monaten. Versammlungs- und Preßfreiheit waren gradezu unbeschränkt. Deutschland war das Land der flüchtigen Revolutionäre aller Länder geworden. Sie konnten sich hier unbehelligt bewegen.“ Und dann kommt ein Hymnus auf die „geistige Revolution“, die in Deutschland zu verzeichnen sei und nach deren Beendigung erst die wirtschaftliche Revolution kommen dürfe. Pfui Deubel! Das wagt ein „Revolutionär“ zu schreiben in einer Zeit, wo die Reaktion in Deutschland schamloser haust als je unter der Monarchie. Blos weil grade vor seiner Nase, in Berlin, das Gewäsch der Zeitungs- und Versammlungskommunisten eine kurze Zeit lang nicht inkommodiert wird, leben wir in wunderbaren Zuständen der Freiheit. In Bayern rast die Konterrevolution – (Thomas erhielt 2 Jahre, ebenso Dressel, der 20jährige Wegerer 1 Jahr Gefängnis wegen „Aufreizung“) –, verbietet jede kommunistische Versammlung, unterdrückt alle revolutionären Blätter, steckt Personen, die ihr unbequem sind, sofern sie sie nicht ausweisen kann, in Schutzhaft – jetzt wieder 6 Personen, darunter Sandner und Luttner vom revol. Arbeiterrat. Unsereiner hockt seit 2 Jahren fest und wird täglich ärger geschuhriegelt und monatelang gehindert, auch nur seiner Frau Briefe zu schreiben oder seine geschäftlichen Interessen zu versehn. Im übrigen Reich tausend Rechtsbrüche; jeder Strafrichter gegen einen politischen Mörder – die ja immer noch nur bei der Gegenseite vorkommen – betrachtet sein Amt als eine Zufluchtsinstitution für den Angeklagten, dessen Bundesgenosse er ist. Literatur wird verfolgt wie nie zuvor. Dem Müller-Verlag wurden in einem Jahr 400 Bücher im Wert von 600.000 Mark eingestampft. Dabei entsetzliches Massenelend bei wahnsinnigster Schlemmerei der Oberen, deren Ausbeutungswerke immer höhere Dividenden abwerfen. Aber der „Syndikalist“, ein Blatt, das anarchistisch sein will, segnet diese Zustände als solche, die jede Aktion dagegen als Verbrechen stempelt. Offenbar hat Winkler den infamen Artikel geschrieben, derselbe, der mir kürzlich vorhielt, ich sei garkein Anarchist, ich sei Bakunist(!). Herrgott, wie tief sind meine Genossen von ehedem gesunken! – Eben bringt mir Olschewski die „Frankf. Ztg.“ mit einem Auszug aus der Roten Fahne, worin die die Niederlage der Bewegung zugibt und zur Beschönigung ihrer kläglichen Retirade den Fortgang des Kampfs in kürzester Zeit und aus verschiedensten Anlässen und in verschiedenen Gebieten ansagt. Meine Sorgen gehn mit Hölz. Mag es ihm wieder gelingen, die Tarnkappe aufzusetzen, bis er wieder notwendig wird und seinen enthusiasmierenden Enthusiasmus neu wirksam machen kann. – Hier drinnen? Mein Gott! Auch unser „Kampf“ steht nicht sonderlich gut. Vollmann versucht das Menschenmögliche, um uns kirre zu kriegen und die andre Seite hilft dabei. Der Plan ging dahin, eine Absplitterung herbeizuführen und dadurch das Ganze zu erschüttern. Als ersten, der abfallen sollte, hatte man sich ausgerechnet meinen Seppl ausersehn. V. ließ ihn rufen und teilte ihm mit, Valtin Hartig und Paul Förster(!) hätten sich für ihn verwendet, damit er nach unten verlegt werde. Da Seppl sich sofort völlig ablehnend äußerte, ließ Vollmann ihn noch mit den beiden unten in deren Räumen unterhandeln. Leider hat sich selbst Paul Förster soweit bringen lassen, mit V. Hartig zusammen auf Seppl einzuarbeiten: er sei es seiner Gesundheit, seiner Braut, seiner baldigen Entlassung schuldig, zu unterschreiben. Ja, sie haben es bei Vollmann bewirkt, daß er sich mit einer einfachen, nicht ehrenwörtlichen Erklärung Seppls zufrieden gegeben hätte, wonach er nicht die Absicht habe, Briefschmuggel zu treiben oder zu flüchten. Seppl ist fest geblieben, der arme Junge, war aber ganz blaß vor Aufregung, als er mir später Bericht gab. Übrigens sollen gewisse Leute von unsrer „Partei“ ganz alberne Erklärungen an Vollmann hinuntergeschickt haben, sogar in einer Form, aus der unser aller Zustimmung zu entnehmen gewesen sei: wir sagten der Verwaltung den Klassenkampf an(!) und ähnliches Phrasenzeug, das natürlich nur Grund zu ganz überflüssigen neuen Verschärfungen unsrer Lage geben kann. Ich habe von Anfang an den Standpunkt vertreten, daß wir garnichts zu unternehmen hätten als passiv abzuwarten. Jede Erklärung schwächt unsre Position. Vollkommenes Ruhigverhalten macht die Verwaltung nervös, was aus dem Brief Klingelhöfers ebenso wie erst recht aus der Versuchung Seppls hervorgeht. Nun ist plötzlich hier – und zwar unterstützt von den Radikalsten: Schwab, Kain etc. und ausgehend wahrscheinlich von Elbert – die Idee aufgetaucht, man müsse etwas unternehmen, da der Zustand auf die Dauer nicht haltbar sei, nämlich eine mündliche Aussprache mit Menzel und Kühlewein verlangen, um diese Herren über Vollmanns Verhalten aufzuklären. Also den Teufel bei seiner Großmutter verklagen. – Ich mache nichts dergleichen mit. Es würde der andern Seite nur wieder zeigen, daß wir nicht standhalten und sie würde einen Sieg buchen – so oder so. Nur unser stummes Tragen ihrer Peinigungen imponiert dieser Gesellschaft und wird sie zum Einstellen der Folterung bringen. Ich für meine Person werde unter keinen Umständen auf die Erpressung hin Konzessionen machen. Wer als Revolutionär keine Opfer bringen kann, soll die Finger davon lassen. – Vollmann hat die Rauferei neulich zu einer neuen Maßnahme benutzt. Er hat verboten, daß die von der Anstalt gelieferten Wasserkrüge zum Kochen etc. auf dem Herd benutzt werden dürfen. Kochtöpfe, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehn, sind aber nur 2 da, und so hofft er jedenfalls, daß um die dauernd Krach entstehn wird, und droht zugleich an, daß „bei Beanstandungen“ die Benutzung des Kochherds überhaupt verboten würde. Da bisher noch jede Drohung über kurz oder lang ausgeführt wurde, indem man die Vorwände für sie schuf, wird wohl die Möglichkeit, uns zu der Anstaltskost selbst noch etwas zu kochen, die längste Zeit gedauert haben. Unbequem genug ist das Verbot an und für sich. Bis jetzt konnten mindestens 6 Krüge zugleich auf dem Herd benutzt werden; jetzt können zugleich nur immer zwei etwas kochen. Dabei hat durch diese Verwendung niemals ein Wasserkrug Schaden genommen, im Gegenteil war die Reinhaltung der Gefäße dadurch verbürgt. Vollmann ist eben erfinderisch und niemand weiß, welche Überraschung er für die nächste Stunde für einen oder für alle im Sack hat. Ich glaube aber immer noch, daß seine Uhr am Ablaufen ist. Die Entwaffnung Bayerns wird durchgeführt werden, – und die überlebt kein Kahr, kein Roth, kein Pöhner und auch keiner ihrer Schuhputzer wie Menzel und Vollmann im Amt. – Ich bin aber gespannt, wie viele F. G. von der intransigenten Seite er bis dahin noch hinübererpreßt oder geschmeichelt haben wird. Daß wir 26 nicht lange mehr 26 sein werden, damit rechne ich. Der Gedanke zu verhandeln ist schon da: wer aber des Nächsten Weib anschaut, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 6. April 1921.

Mein 43ter Geburtstag. Früh um 8 Uhr versammelten sich schon meine Freunde um mein Bett und brachten mir einen von Ad. Schmidt verfaßten Ulkgesang als Ständchen. Clemens Schreiber begleitete den Gesang auf seiner großen Flöte. Ferner erhielt ich noch ein ebenfalls von Schmidt herrührendes Widmungsgedicht der Gruppe und eine Flasche Weinbrand. Das angekündigte Paket von Zenzl ist noch nicht da. Dagegen hat mir Vollmann eine große Geburtstagsüberraschung zuteil werden lassen. Heute sind die 10 Unterschriftsteller unsres Stockwerks in die I. Etage hinuntergezogen. Gottseidank! Eine Menge Reibungsflächen sind damit beseitigt. Vielleicht werden wir vom Gang III jetzt in den mittleren Gang verlegt, sodaß ich eine große Zelle erhielte und abends wieder mit Seppl beisammen sein könnte. Der liebe Junge macht mir große Sorgen, da sein Gesundheitszustand garnicht gut ist. Kopfschmerz, Schlaflosigkeit und Nervenstörungen aller Art peinigen ihn. – Heute wurde Duske „entlassen“. Das heißt, er wurde nach Ablauf seiner Strafzeit in „Untersuchungshaft“ nach Neuburg gebracht, wo er abwarten soll, ob die Revision gegen die 2½ Monate Gefängnis, die er wegen Beleidigung sitzen soll, Erfolg hat oder nicht. Verkappte Schutzhaft – nichts weiter. Ein anständiger Kerl, aber schrecklich verbonzt und strenggläubiger VKPist. – In unsrer Gruppe ist nicht mehr alles wie früher. Olschewski wird wohl kurz über lang zur Gruppe Wiedenmann-Schwab abschwenken; Karpf benimmt sich nicht immer ganz wie er sollte und hat besonders mit Schmidt eine spürbare – wenn auch unausgesprochene – Entfremdung herbeigeführt, und recht eng verbunden weiß ich mich nur noch mit Schmidt und natürlich mit Seppl, außerdem mit Leo Reichert, der aber in der übernächsten Woche frei wird. Ständige Gäste unsrer Gruppe sind neuerdings Podubetzky, Gnad und Walter, und ich persönlich schließe mich fester an Schreiber an, in dem ich einen prachtvollen Kameraden kennengelernt habe. Dazu kommt sein Flötenspiel, das in Gesellschaft meiner Okkarina musikalisch wenig verwöhnten Ohren allerlei Abwechslung bietet. Mit Gnad, der sich vorzüglich bewährt, spiele ich viel Schach. – Über die Situation draußen geben die Zeitungen heute wenig neuen Aufschluß. Der Streik in England wächst, die Bewegung in Deutschland, von ihren Veranlassern im Stich gelassen, versumpft wieder, und schon werden Standgerichtstodesurteile vollstreckt und die Erschießungen bei „Fluchtversuchen“ mehren sich. Gottseidank ist der Zwang der Verhältnisse so stark, daß die energischen Parolen der Kommunisten auf die Dauer von ihren Herolden doch nicht werden unwirksam gemacht werden können. Die Schlacht ist infolge der Bemühungen der Angreifer wieder mal zum Stehn gebracht. Der Krieg geht weiter.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 7. April 1921.

Ich rauche eine wunderbare Importe, wie sie selbst in Friedenszeiten ein erlesener Genuß gewesen werde[wäre]. Der Genosse Steiner in New York hat mir 80 Zigarren geschickt, denen diese Spezialzigarre beilag. Nur ein so leidenschaftlicher Zigarrenliebhaber wie ich kann ermessen, was dieser wahrhaft himmlische Geschmack für alle guten Geister der Seele und des Leibes bedeutet. Ich fühle mich durch das Aroma, das leichte Beizen auf der Zunge, den köstlichen Geruch, die bläulichen Raucharabesken wie wiedergeboren, der Welt und der Freiheit zurückgegeben, entkerkert, neu aufgenommen in die Gemeinschaft freier Menschen. – Zugleich mit der Kiste aus Amerika kamen drei Geburtstagspakete, von Zenzl Wäsche, Zucker und Bücher (die ich noch nicht habe, da sie der Zensur vorliegen), von Resl ein paar gute Zigarren und von Siegfried ebenfalls Zigarren, Kuchen, Eier. Der Junge rührt mich. Er ist voll von dankbarer Liebe für mich, und ich freue mich dessen, weil es ein gutes Zeugnis für die Erziehung ist, die ich ihm zuteil werden ließ, nachdem er aus dem scheußlichen Milieu seiner Kindheit, proletarischer Philistrosität mit kleinbürgerlichem Horizont, zu uns kam. – Meine sehr optimistische Stimmung wird von diesen privaten Freuden, die freilich durch das jetzt 6 Wochen währende Schreibverbot getrübt sind (es führt große Unannehmlichkeiten, Zwang zu Unhöflichkeit und selbst pekuniären Schaden mit sich, ganz abgesehn von den quälenden Gedanken an meine Zenzl, der ich auf all ihre rührende Treue und Sorge nie ein gutes Wort der Liebe und des Danks senden kann), – mein Optimismus bei der Betrachtung der Gesamtsituation wird also von den angenehmen Gedanken an die Liebe, die draußen um mich bemüht ist und im Augenblick zumal von der herrlichen Amerikazigarre stark gesteigert. Ich glaube fest, daß ich noch in diesem Jahr – spätestens wohl in 6 Monaten – frei und bei Zenzl sein werde. Nicht, daß ich an eine energische Aktion der Arbeiterschaft dächte – die muß erst vom Parteiglauben befreit sein, ehe ihre Stunde schlägt –, aber die Entwaffnungsfrage ist in ein Stadium getreten, das eine Lösung binnen kurzem erwarten läßt, und diese Lösung kann nur im Sinne der Entente ausfallen. Die Reichsregierung hat das eingesehn und fördert die Auflösung der Selbstschutzwehren trotz der Vorgänge in Mitteldeutschland ganz im Sinne der Pariser Forderungen. Bayern bleibt renitent. Nun ist die Spannung zwischen Berlin und München jedem Auge offensichtlich. Die Brüskierung Heinzes, der im Auftrag des Reichs mit dem bayerischen Ministerrat verhandeln sollte, aber nur von Kahr selbst empfangen wurde, der ihn kühl abspeiste, hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. Es scheint, als ob Simons nun direkt im Einverständnis mit der Entente arbeitete, um die Sanktionen, die gegen das Reich vorgenommen werden sollen, auf Bayern abzuleiten. Daß es den Alliierten ernst ist mit der Entwaffnung ist sicher. Die schauerlichen Phrasen der Parteikommunisten, als ob es den „Feinden“ nicht ernst damit sei, sind Unsinn. Eine neue Rede Briands droht mit offener Gewalt, und eine neue Note erinnert an die Verpflichtung Deutschlands, die Polizei inclusive ihrer zivilen und Verwaltungsorgane auf 150.000 Mann zu reduzieren – trotz der Bewegung in Mitteldeutschland. Die bayerische Entwaffnung wird also – eventuell durch Besetzung oder durch direkte Waffenaktionen durchgeführt werden. Dann muß die Kahrregierung abtreten. Ihre Nachfolgerin – sei sie zusammengesetzt wie sie möge – kann aber in einem von Einwohnerwehr und Sipo entblößten Lande die gegenwärtige Politik unter keinen Umständen durchführen und muß uns freilassen. Das alles wird in den nächsten höchstens 6 Monaten vonstatten gehn. Zur Zeit gehts zwar noch übel zu. Ebert unterschreibt wieder Todesurteile auf Teufel komm raus. 48 sind schon vollstreckt worden. Die bürgerliche Presse hetzt mit Greuel-Lügen ganz im Stil der Verleumdungen gegen die Belgier 1914. In Bayern, wo garnichts passiert ist, wird unsinnig verhaftet. Jetzt ist auch Köberl aufgeflogen. Und hier im Hause fühlt man sich immer noch stark. Die Erpressungsaktion gegen uns geht weiter – alle diese Maßnahmen spiegeln jeweils die gefühlsmäßige Stärke der Reaktion und sind deshalb als Symptome bemerkenswert –, Ibel wurde heute aus der Einzelhaft entlassen und dafür gehn heute Wollenberg und Taubenberger wieder hinunter, die vor 10 Wochen in ihrer letzten Einzelhaft beleidigende Äußerungen gegen Menzel getan haben sollen. Sauber ist sowieso noch unten. Jetzt müssen wir noch einige Zeit, vielleicht noch mehrere Monate, die Zähne zusammenpressen. Die Stunde naht, die alles ändern wird. – Eine schmerzliche Enttäuschung ist zu notieren. Paul Förster wird am 15. April auf Bewährung entlassen. Einer unsrer Treuesten hat sich gefügig machen lassen. Die rasche Erledigung seines Gesuchs, nachdem er der Pression Vollmanns erlegen ist, ist natürlich als Köder für uns gedacht. Seppl, der an Förster mehr als an allen hing, machte im Hof die harte Bemerkung: „Das hat er sich erschuftet.“ Ich wollte Paul verteidigen, – es gelang nicht, und es ist wahr: er hat dem Teufel den kleinen Finger gereicht, – er ist ihm verfallen. Hier drinnen gab er die Unterschrift und kam in eine schiefe Stellung. Draußen ist er durch die Drohung gebunden, daß jede Regung ihn in diese Zuchtanstalt zurückführen muß und ist also gelähmt. Für den Revolutionär gilt mehr als für irgendwen das Wort: principiis obsta!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 9. April 1921.

Gestern fielen zwei notierenswerte Ereignisse vor: eine Sonnenfinsternis, die gut zu beobachten war und ein Besuch für mich. Mittags wurde ich gerufen, es sei Besuch da. Ich war aufs äußerste erschrocken und fürchtete, Zenzl könnte meine passive Resistenz durch eigenmächtiges Vorgehn durchkreuzt haben. Dann beruhigte mich die Mitteilung, es sei jemand „von der Frauenhilfe oder so“, und der Besuch dürfe nur eine Viertelstunde dauern. Unten erwartete mich eine nette liebenswürdige hübsche Frau, die Landtagsabgeordnete Rosa Aschenbrenner, brachte mir von Zenzl Eier und Kuchen und erzählte, sie habe Vollmann erst nach langen Schwierigkeiten vermocht, die Unterredung zu gestatten. Er gab erst nach, als sie sich auf die Notwendigkeit berief, mit mir wegen der Verteilung einer Geldsendung aus Amerika reden zu müssen. Ich erfuhr, daß man draußen über die Dinge hier genau informiert ist und daß die Sympathien dabei ganz auf unsrer Seite seien. Sie habe das Murböck gegenüber deutlich zu verstehn gegeben, auch Pestalozza – der bürgerliche Anwalt! – gebe uns Intransigenten vollständig recht. Natürlich konnte in den 15 Minuten nur wenig besprochen werden, doch war für mich überhaupt die Begegnung mit einer Frau eine Art Erlebnis und ich mußte an mich halten, um die angenehme Person nicht zu küssen. Nur der Aufseher hielt den Wunsch dazu in Schranken. – In England hat die Bergarbeiterbewegung einigen Umfang angenommen, die Transport- und Eisenbahnarbeiter haben sich angeschlossen. Es wird in größtem Stil mit Sabotage gearbeitet und die Aktion nimmt Formen offener Revolution an. Allerdings: in England-Schottland kennt man nicht die Segnungen sechzigjähriger sozialdemokratischer Partei- und Gewerkschaftserziehung, kennt keine Zentrale – die notwendig immer für den Klüngel, nie für das Proletariat arbeiten muß. Dort ist Selbstbestimmung der Arbeiter selbstverständlich, dort ist Solidarität natürlich, dort hat Sentimentalität keinen Raum. Die Folgen sind nicht abzusehn. Vermutlich wird Deutschland sie bald zu fühlen kriegen, da die Franzosen ohne Kohlenzufuhr von England sich ans Ruhrrevier halten werden. Morgen beginnt die Zollkonfiskation am Rein und dann in schneller Folge die weiteren Repressalien. Dabei machen die deutschen Regierer eine Dummheit nach der andern. In einer Note an Amerika beschuldigen sie Frankreich, daß es die zerstörten Gebiete mit Absicht nicht wieder aufbaut, um möglichst arm dazustehn und seine Pressionen gegen Deutschland zu begründen. Briand hat entsprechend geantwortet und die Behauptung als Verhöhnung der von der Picardie-Verwüstung betroffenen Einwohner bezeichnet. Zugleich mit solchen Herausforderungen geht eine neue Bittschrift an Frankreich ab, man möge doch die Entwaffnung weiterhin stunden. Wird ihnen nicht mehr viel nützen – und wieder zugleich wird auf Biegen und Brechen die Schuld am Kriege von Deutschland abgewälzt und die in der Note an Harding behauptete Versäumnis Frankreichs in einer besonderen Propagandaschrift offiziell bearbeitet. Es ist immer noch dasselbe. Sie glauben mit Lügen und Gewinsel die „Feinde“ ebenso einseifen zu können wie die eignen Kleinbürger und steigern doch mit alledem nur den Haß gegen das deutsche Volk, das sich’s immer noch gefallen läßt und daher als mitschuldig gilt. – Gestorben: Ernst v. Possart, beinah 80jährig. Der letzte Mime seines Schlages. Ein glänzender Könner, das Gegenteil von einem Künstler, ein Akrobat in Geste und Sprechtechnik, ein Hanswurst im Leben, das er als Gelegenheit zu mimischer Produktivität betrachtete. Ein Schulfall für Karrierestreberei und Aufstieg zu künstlerischen Ehren und Würden über Leichen und durch Lotterbetten. Ich weiß, daß der alte Mann mich tötlich gehaßt hat, weil ich ihn wegen seiner Lakaienhaftigkeit öffentlich angriff. Seine Werte verkenne ich nicht. Er hat die Shakespeare-Bühne im Münchner Residenztheater geschaffen und als Theatertheoretiker gutes geleistet. Im übrigen war ihm die Kunst das Mittel zu andern Zwecken – und zwar nicht zu Zwecken ethischer Art, sondern persönlicher Geltung. Wedekind sagte mal boshaft zu mir: „Unterschätzen Sie nicht die Verdienste Possarts. Man benennt mit Recht eine Straße nach ihm. Possart ist der Begründer des Münchner Fremdenverkehrs.“

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 13. April 1921.

Zwei Jahre in Gefangenschaft. Seit vollen zwei Jahren kein weiches Bett mehr unter dem Buckel und keine der Bequemlichkeiten, die ich liebe. Seit zwei Jahren die Ehe zerrissen, das Leben versaut. Kein Schritt ohne Aufpasser, kein Brief, der nicht von Unberufenen, von Feinden gelesen wird. Zwei Jahre sind eine lange Zeit, und wenn’s nach dem Willen der Bürger geht, sollen ihnen noch dreizehn weitere solcher Freudenjahre folgen. Sie täuschen sich aber. Das dritte Jahr wird nicht mehr rund werden. Die Kahr-Regierung wird fort müssen, ehe sie alle Schurkereien vollendet hat, die sie noch beabsichtigt. In München wird verhaftet, daß alles aufhört. Die Polizei (Pöhner) veröffentlicht Schreckensberichte über Dynamitpläne, denen die Spitzelarbeit an der Stirn abzulesen ist. Ich kann mir nicht denken, daß die Kommunisten wirklich große Mengen Pikrin gehabt haben sollten zu dem Zweck, die baierischen Truppentransporte nach Mitteldeutschland durch Sprengung von Eisenbahnbrücken zu verhindern, und dann nachträglich mit all den Plänen reinzufallen, nachdem sie die Zeit sie auszuführen, verschlafen hätten. Oder ist’s doch so? Die VKP hat in der ganzen Sache eine recht peinliche Rolle gespielt, die des Provokateurs, der um alles in der Welt keine Wirkung seiner Provokationen erleben will. – Die englische Bewegung scheint abzuflauen. Die Herren Thomas (in welchem Lande wäre kein Arbeiterbremser dieses Namens anzutreffen? Wendelin Thomas ist der einzige, der ihn rehabilitiert), Henderson etc. scheinen die Arbeiter eingeseift zu haben, sodaß der allgemeine Generalstreik, gegen den man Lloyd George zum Diktator aufgestellt hatte (einen Politiker; die deutsche „demokratische Republik“ kennt nur Militär-Diktatoren), sabotiert wurde. Doch fehlen noch genauere Nachrichten. – In Doorn ist die ehemalige Kaiserin gestorben. Sie hat dazu mindestens ein halbes Jahr gebraucht. Solange wurde schon öffentlich darüber disputiert, wie man sie beerdigen sollte, und einer ihrer Söhne schrieb vor Monaten eine Klage, daß man „die Leiche meiner armen Mutter“ nicht würdig behandeln wolle. Da war die Leiche aber noch monatelang lebendig. Jetzt soll sie in Potsdam beigesetzt werden. Ob die Nationalisten die Gelegenheit zu monarchistischen Experimenten benutzen werden? – Hier im Hause begibt sich nichts Wichtiges. Heute wird der Zeugniszwang volle 6 Wochen durchgeführt (gegen mich dauern die Maßnahmen schon über 7 Wochen). Die „Anständigen“ haben eine weitere „Vergünstigung“ erhalten. Sie dürfen während der Stunden, während denen wir im Hof sind, den Gefängnishof benutzen, wo man Bänke und Tische für sie aufgestellt hat. Doch scheint Vollmann in den wichtigeren Dingen schon jetzt Wasser in den Wein zu schütten. Wir erfuhren, daß Besuche, auch von Ehefrauen, schon wieder unter Aufsicht stattfinden. Ganz recht so, nicht einmal für sich sollen die Burschen etwas durch ihren Verrat erreichen. Toller veröffentlicht in der „Weltbühne“ eine ekelhafte Schmockerei „Frühling“. Unecht und verlogen in Stimmung und Ton und dabei grenzenlos unverschämt. Er tut, als ob das Ding im vorigen Jahr geschrieben wäre, wo er mal Hofentzug hatte. Und über diese „Strafe“ wimmert er und bekommt trotzigen Charakter dagegen. Das läßt er jetzt drucken, während wir ganz andre Schikanen als ein paar Tage Hofentzug durch seine Niederträchtigkeit erdulden müssen. Toller war grade einer der treibenden Leute unten, die gegen jede Solidarität mit uns geeifert haben. Wir wurden von Schreib- und Besuchsverbot betroffen, – er von Anfang an nicht –, und diesen Moment, wo man auf uns, nicht auf ihm, herumtrat, benutzte er, um sich dem Vollmann mit Ehrenwortserklärungen anzubieten, damit er von ihm die sonstigen Unannehmlichkeiten des Strafvollzugs abwende. Und da hatte er ja tatsächlich richtig spekuliert. Man nahm das ehr- und würdelose Angebot an, und hatte nun für alle Schikanen gegen uns unter den Gefangenen selbst die besten Bundesgenossen. Neben Niekisch ist Toller da der Schuldigste. Die Schmockerei, in der er jetzt draußen den Eindruck zu erwecken versucht, als gehöre er mit zu den Gemaßregelten, ist das stärkste Stück, das dieser verzogene Judenbengel sich noch geleistet hat. Ich bin ihm im übrigen auf der Fährte eines Plagiats – er hat den alten C. M. Wieland geplündert. Der Bursche wird erledigt. Mindestens soll ihm sein revolutionäres Umhängemäntelchen zerfetzt werden. Dann hat sein dürftiges literarisches Talentchen ohnehin kein Fundament mehr. Ohne die Pose des gewaltigen Volksführers, des rührenden „Ethikers“, den er sich vor Gericht von einem Dutzend Bourgeois bestätigen ließ, ist Toller auch in der Literatur nicht mehr wert als irgendein Schmock, der die Tagesrichtung auszunützen versteht. Bis jetzt hab ich den Kerl immer noch für persönlich anständig gehalten. Der Star ist mir gestochen. Er soll es noch spüren zu seiner Zeit.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 17 April 1921.

Häusliches. Zwei Entlassungen. Heute früh ging unser Leo Reichert fort, nachdem er seine standgerichtlichen 2 Jahre auf den letzten Tag hinter sich gebracht hatte. Ein Freund weniger im Hause, ein kluger, feiner, ehrlicher, von allem Guten erfüllter Kerl. Mir ist der Abschied schwer geworden, aber mich tröstet die Freude, daß er frei ist und wohl heute schon bei Zenzl Bericht erstattet. Mit ihm zugleich war in Würzburg Paul Förster verurteilt worden – zu 3 Jahren, er hätte heute übers Jahr herauskommen sollen. Das ist eine der schmerzlichsten Enttäuschungen überhaupt. Ich hätte für ihn meine Hände ins Feuer gelegt, ich hatte ihn sehr gern. Bei der Verlegung blieb er unten, und keiner zweifelte, daß er ebenso wie Kullmann, der sich ausgezeichnet hält, unten den Anstand wahren würde. Schon daß er die Niekisch-Tollersche Erklärung unterschrieb, empfanden wir als argen Stoß. Aber da ein Bewährungsfristgesuch für ihn lief, ließen wirs hingehn. Dann kam seine gemeinsame Aktion mit Valtin Hartig, um Seppl zur Kapitulation zu bewegen. Das nahm ich ihm sehr übel, denn hier ließ er sich von Vollmann einspannen, um ihm zu helfen, die erste Bresche in unsre Burg hier oben zu schlagen. Gottlob hat Seppl allen Lockungen widerstanden, trotz seiner Nerven, trotz seiner Marie, trotz seiner Anhänglichkeit an Förster persönlich. Und da gings schon bergab mit Paul. Wir sahen ihn am offenen Fenster mit Wichten wie dem Tobiasch Karten spielen, und schließlich hat er in einem Gespräch, das er zum Abschied mit Leo führen durfte, Seppl fälschlich denunziert, er selbst habe ihn und Hartig zu jenem Schritt bei Vollmann gedrängt. In Wirklichkeit hat er nur in den ersten Tagen den Wunsch geäußert, unten bei Paul zu bleiben, aber jede Eingabe an die Verwaltung darüber und erst recht jede Verpflichtung durch Ehrenwort etc. abgelehnt. So muß nach den Bildern von Graßl und Renner nun auch das von Förster von meiner Wand herunter, – um den ist’s mir bitter leid. – Es ist noch ein Schwanengesang zu singen: Gestern haben wir unsre Gruppe, die „Tschega“-Gruppe, aufgelöst. Wir kamen, seit wir oben sind, regelmäßig in Leos Zelle zusammen. Aber das persönliche Verhältnis lockerte sich merklich, woran besonders Karpf die Schuld trägt. Wir sind ihm auf Handlungen gekommen, die nicht mehr kameradschaftlich zu nennen sind. Ich will da keine Details festlegen. Gestern aber erfuhren wir, daß er der Verwaltung geschrieben habe und nach einer großen Zelle gefragt habe. Das betrachte ich als schweren Solidaritätsbruch. Unsre Abmachung ging dahin, daß niemand irgendetwas unternehmen solle, um von der Verwaltung das geringste Zugeständnis zu erreichen. Die Gruppe gilt im ganzen Hause als in allem solidarisch, und ich erklärte sofort Adolf und Seppl gegenüber, daß ich irgendeine moralische Mithaftung für diese Eigenmächtigkeit ablehne. Darauf beschlossen wir, die Gruppe zu sprengen. Abends erklärte der Bonz kurz, daß er sein Verhältnis zur Gruppe löse und ich schloß mich dem an. Der arme Olschewski glaubt natürlich, daß sich das gegen ihn richte, was natürlich nicht der Fall ist. Aber auch unsre Beziehung war seit einiger Zeit stark gelockert, – er ging mir einfach etwas auf die Nerven. Als ich ihm versicherte, daß mir nur die Gemeinschaft mit Karpf nicht mehr möglich sei, glaubte er es nicht. Heut hat es nun auch mit Eugen Aussprachen gegeben, und Schmidt und ich haben mit unsrer Meinung nicht hinter dem Berge gehalten. Jetzt scheint sich eine engere Gemeinschaft zwischen Schmidt, dem Wittmann-Sepp und mir, die ja schon lange besteht, unter Zuzug von Clemens Schreiber stabilisieren zu wollen. Die übrigen Gruppenzugehörigen und regelmäßigen Gäste liefen heute etwas versprengt herum. Da wir mit Leos Fortgang auch kein Heim mehr haben – Seppl ist nicht entsprechend eingerichtet, will auch keinen Dauerbesuch, und Adolf und ich bewohnen kleine Zellenlöcher – wird sich also ein ganz neuer modus vivendi herausbilden müssen. Allerdings hat Karpf auf seine Anfrage die Antwort erhalten, die Neuregelung der Zellenbelegung stehe bevor, sodaß also vielleicht in einigen Tagen schon wieder eine neue Konstellation gegeben sein wird. Käme ich doch auf den Mittelgang, – abgesehn von der großen Zelle: die Abende mit Seppl im unteren Stock sind mir die beste Festungserinnerung überhaupt. Wieviel konnte ich dem Jungen von meinen Erkenntnissen und Ansichten sagen und wieviel Frische, Lebendigkeit, Jugend und Echo der Seele gab er mir wieder! Wenn das wieder beginnen könnte! – Nun, wenn meine politischen Prognosen stimmen, können uns die Niederschönenfelder Ereignisse ja bald egal werden. Und ich würde sehr irre werden an meinem politischen Blick, wenn sie nicht stimmten.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 18. April 1921.

Leos Abschied hat Vollmann (abgesehn davon, daß seit gestern das Ganglicht eine Stunde weniger brennt, natürlich nur bei uns oben) Anlaß gegeben, durch einen Anschlag einen neuen Anschlag auf uns zu verüben: „An die F. G. des II. Stockwerks. Die F. G. des II Stockwerks haben am 17. IV vorm. 5½ Uhr laut die Rätemarseillaise gesungen, nach Meldungen von Aufsehern handelte es sich hierbei nicht um Gesang, sondern um lautes Brüllen. – Dieses Verhalten bedeutet einen groben Verstoß gegen Ziff 4 der Tagesordnung, wonach von 8 Uhr abends bis 7 Uhr morgens völlige Ruhe in der Anstalt zu herrschen hat. – Dieses Verhalten war weiter in hohem Grade geeignet die F. G. des I. St., ferner die in der Anstalt untergebrachten Aufseher und Strafgefangenen in ihrer Ruhe zu stören. – Es ist endlich selbstverständlich, daß im Interesse der Ordnung der Anstalt derartige, das gesamte Aufsichtspersonal provozierende Gesänge wie die Rätemarseillaise, nicht zugelassen werden. Es wird daher gegen die F. G. des II. St. Hofentzug auf die Dauer von 7 Tagen verfügt. Beginn der Maßnahme 19. IV 21. Von der Maßnahme werden nicht berührt die F. G. Podubetzki und Seffert. N’feld, d. 18. IV. 21. Dr. Vollmann.“ Also es ist „selbstverständlich“, daß meine Rätemarseillaise, die seit 2 Jahren bei allen feierlichen Gelegenheiten unbeanstandet in allen Festungsanstalten gesungen wird, nicht zugelassen werden kann. Sie muß das Aufsichtspersonal und wahrscheinlich die Herren F. G. im I. Stock provozieren. Das bedeutet natürlich den Beginn des Endes vom Singen aller revolutionären Lieder. Nur so weiter – die Herren Kahr-Roth-Pöhner und ihre Commis von Kühlewein bis Vollmann und Schneider werden nicht mehr lange zu kujonieren haben. Amüsant ist aber der neue Versuch, Mißstimmung unter uns selbst zu erzielen: Podubetzky hat mitgesungen, dagegen haben andre ruhig geschlafen, – ganz gleich: vielleicht, denkt sich der Schnösel, werden sich die F. G. oben deswegen das Prügeln kriegen. Ich bin überzeugt, daß noch weitere „Maßnahmen“ folgen werden. Das Abschreiben des Anschlags wurde uns verboten (so sicher weiß Vollmann, welche Wirkung die Kenntnis seiner Schikanen bei allen Unbeteiligten ausüben muß), und als wir die einzelnen Sätze lachend auswendig lernten, erschien Schneider am Gitter und nahm mit Amtsmiene Kenntnis von dem Heiterkeitserfolg, den Vollmanns jüngste Leistung erzielte. Aber was jetzt noch geschieht, können wir leicht ertragen. Wir haben schon den Oktober 1918 – unmittelbar vor der Kapitulation vor Wilsons 14 Punkten.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 19. April 1921.

Eben war Olschewski bei mir und kündigte mir unsre alte Freundschaft, indem er behauptete, ich habe sie ihm gekündigt, was mir garnicht eingefallen ist. Er schrie derartig, daß alle Unbeteiligten nun wissen, wie es steht. Mir geht die Geschichte sehr nahe und zwar deswegen, weil der ganz psychologielose Wilhelm meine Erklärung des veränderten Verhaltens, das rein auf Nervenreizungen zurückgeht, nicht gelten lassen will und sich eine Deutung zurechtgelegt hat, die für mich bitter kränkend ist. „Weil ich ein armer Teufel bin, hast du mir die Freundschaft gekündigt!“ schrie er dreimal. Nichts liegt mir im Herzen ferner, und wahrhaftig, ich habe diese Beschuldigung grade von Olschewski nicht verdient. Meine Gleichgültigkeit gegen Geld und Materielles ist sehr groß und ich habe nie daran gedacht, zu fragen, wer mehr hat und geben kann. Daß Olschewski aus der Gruppenauflösung überhaupt einen persönlichen Konflikt macht, ist ganz ungerechtfertigt. Ich bin recht aufgeregt und abgespannt von der Szene. Nun, ich muß mich auch darein finden. Aber es ist bitter, einen Freund nach dem andern abschwenken zu sehn und derartige Vorwürfe dabei zu hören. Er selbst erklärte seine Enttäuschung an mir als das Bitterste, was ihm im Leben passiert sei. Ich hoffe, er wird noch einmal erkennen, daß er mir unrecht tut. – Zu dem Vollmannschen Hofverbot: Podu und Seffert haben ohne besondere Erklärung an Vollmann beschlossen, freiwillig auf den Hofgang zu verzichten, Vollmanns Absicht, uns dadurch zu demoralisieren, daß er wieder verschiedene Behandlung walten läßt, scheitert also. Aber es ist bezeichnend, daß heute früh zu unsrer Hofzeit die Herren Murböck, Reichardt und Mairgünther schon unten zu sehn waren. Es ist ihnen also mitgeteilt worden, daß wir nicht hinaus dürfen, und sie sind verkommen genug, die Maßregelung wieder zu ihrem Vorteil auszubeuten. Dabei pfeift Vollmann fortgesetzt auf ihr Ehrenwort. Blößl hatte Besuch, der genau so überwacht wurde wie früher, in der Durchsuchung der Pakete wird kein Unterschied gemacht, und Förster ist vor der Entlassung ebenso gefilzt worden wie Leo Reichert. Welche Entwürdigung! Sie geben Leuten ihr Ehrenwort, die keine Gelegenheit vorüberlassen, um ihnen zu zeigen, daß sie ihren Versicherungen nicht trauen. Ihr Vorteil besteht nur in Vergünstigungen, die sie auf unsre Kosten beziehn. Sie billigen der reaktionären Bourgeoisie zu, ihr Ehrenwort als unwahr zu betrachten, geben es aber, weil sie für diese Willfährigkeit belohnt werden, und wir werden gestraft, weil wir keine kleinen Erleichterungen durch würdelose Kapitulation vor verächtlichen Erpressungen erkaufen wollen. – Draußen: Hölz soll in Berlin verhaftet sein. Die Mitteilungen darüber lassen vorläufig die Hoffnung zu, daß die Nachricht nicht stimmt. Man setzt jetzt noch 50000 Mark Belohnung aus für Anklagematerial, als ob man nicht von der erbitterten Bourgeoisie jeden Meineid gegen diesen Bürgerschreck auch gratis haben könnte. Es wäre, wenn sich die Nachricht bestätigt, der schwerste Schlag, der die Revolution seit 1919 getroffen hat. Dieser Hölz wird für alle Zukunft der Trost sein, daß in allem Verrat, in aller Kompromißlerei doch Einer da war, der bedingungslos der Sache ergeben war. – Unglaublich benimmt sich der Levi. Seine Parteizentrale hat ihn jetzt ausgeschlossen, weil er in einer völlig

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 20. April 1921

Nur ein paar Worte zur Ergänzung des Gestrigen. Levi hat in einer Broschüre die Osterbewegung in denunziatorischer und verräterischer Weise angegriffen und ist deswegen aus der Partei ausgeschlossen. Die Zetkin, Adolf Hoffmann, Braß und Däumig, seine früheren und mit ihm kaltgestellten Zentralekollegen protestieren gegen den Ausschluß, und so scheint die „Vereinigte“ Kommunistische Partei vor einer neuen Spaltung zu stehn, die hoffentlich eine gereinigte KP ergeben wird. Levis Verhalten wundert mich so wenig wie das der Sozialdemokraten 1914. Er hat schon 1919 Münchner Genossen, die bei ihm nach der Maikatastrophe Hilfe suchten, mit der Begründung die Tür gewiesen: Ihr seid Putschisten, mit euch habe ich nichts zu schaffen! – Inzwischen zieht sich das Netz um die Deutschpatrioten immer enger zusammen. Die Entente scheint diesmal ernstlich entschlossen zu sein, ihren Willen durchzusetzen. Bis zum 1. Mai muß Deutschland Vorschläge zur Reparation gemacht haben, die annehmbar sind. Geschieht es, so ist damit bewiesen, daß die Behauptung in London, die dort unterbreiteten Vorschläge gingen bis zur äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit, erlogen war. Geschieht es nicht, so treten neue „Sanktionen“ in Kraft, deren Art und Umfang noch nicht feststeht. Bayern treibt seine intransigente Politik weiter. Das Oberste Landesgericht hat entschieden, daß die E-W keine militärische Organisation sei, und die Zeitungen tun, als sei die Entente damit widerlegt, daß wieder mal die deutschen Richter die Servierkellner der alldeutschen Politik waren. Jetzt protestiert Frankreich bei Kahr dagegen, daß von Bayern aus die Anschlußbestrebungen Tirols an Deutschland gefördert werden, was natürlich von unsrer aufrichtigen Regierung bestritten wird. Die Abstimmung in Tirol soll trotz des Verbots der Entente am 24ten stattfinden, was zur Folge haben wird, daß Repressalien gegen Österreich in Kraft gesetzt werden, vielleicht die Besetzung Wiens, evtl. die Sperrung der Hilfsaktionen. Die deutsche Hoffnung auf Harding bricht ebenfalls zusammen. Die Vereinigten Staaten werden allem Anschein nach die Franzosen in keiner Form stören, dem Versailler Vertrag Geltung zu erzwingen. Wohin man also sieht, völlige Trostlosigkeit der Lage unsrer Nationalisten. Tut nichts, sie bleiben bei ihrer verrückten Politik der Hetze gegen die Entente. Uns hier drinnen kann es recht sein. Ich darf jetzt seit vollen 8 Wochen keine Briefe mehr schreiben. Zenzl habe ich seit fast einem halben Jahr nicht mehr gesehn (sie ist unbeschreiblich tapfer und aufopfernd). Leider bin ich, wohl infolge dieser Hinderungen, ganz unproduktiv. Kein Gedicht entsteht seit Monaten, und mein Roman liegt ebensolange brach. Dagegen habe ich jetzt angefangen, Gabelsberger Stenographie zu lernen. Mein Lehrer ist Ibel, der selbst erst lernt. – August Scherl ist gestorben, der Begründer amerikanischer Kapitalistenmethoden in Deutschland. Wir sahen in ihm einmal einen Giganten geschäftlicher Gründer-Unbedenklichkeit. Seit Jahren hatte er sich von der öffentlichen Sichtbarkeit zurückgezogen. Er mag auf dem Totenbett beschämt sein Haupt verhüllt haben, da heute ein Stinnes lebt und der Welt zeigt, was ein wirkliches Spekulationsgenie leisten kann.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 21. April 1921

Eben habe ich folgendes Telegramm an Pestalozza geschickt: „Erbitte in besonderer Angelegenheit schleunig Ihren Besuch. Mühsam.“ Anlaß dazu ist folgendes: Der Bayerische Kurier, das reaktionärste Organ der Bayer. Volkspartei (Klerikale) verkündet triumphierend eine Entscheidung des bayer. Verwaltungsgerichtshofs, wonach die seinerzeit bitter befehdete Ministerialverordnung, die der verflossene Ministerpräsident Hoffmann in seiner Eigenschaft als Kultusminister über die Simultanschulen herausgab, mit der Begründung für ungültig erklärt wurde, der einzelne Minister habe nach dem bayer. Staatsgrundgesetz kein Recht gehabt, ohne Zustimmung des gesamten Ministerrats ehedem königliche Verordnungen selbständig abzuändern. Damit ist von der reaktionärsten Rechtssprechung selbst der Beweis geschaffen, die Müllersche Verordnung über den Festungsstrafvollzug (Ausführungsbestimmungen zur Hausordnung, ebenfalls vom August 1919) juristisch anzugreifen. Denn darauf trifft die gesamte Argumentation des Verwaltungsgerichtshofs in der Hoffmannschen Verordnung buchstabengetreu zu. Interessant ist, daß mir Vollmann bei meiner letzten Unterredung erklärte, das Justizministerium habe das Recht, jederzeit die gesamte Hausordnung umzustoßen und durch eine völlig neue zu ersetzen. Ich will jetzt bis Pestalozzas Besuch einen Schriftsatz ausarbeiten, in dem ich die Verwaltungsgerichtsentscheidung im einzelnen dem Verlangen nach der Ungültigkeitserklärung der Müllerschen Hausordnung unterlege und zugleich die Konsequenzen der ministeriellen Eigenmächtigkeit an der Praxis darlege und für die Vollmannsche Behauptung meinen Eid anbiete. Zugleich will ich damit Strafantrag gegen Müller-Meiningen wegen fahrlässiger Verletzung des § 345 (Verhängung unzulässiger Strafarten) verbinden. Selbstverständlich werden die derzeitigen Juristen Auswege finden, um ihre „Rechtsfindung“ für nicht reaktionäre Anwendung unwirksam zu machen. Gewiß ist aber, daß wir der Kahrregierung Unbequemlichkeiten verursachen und für später einen wertvollen Dokumentenakt schaffen. Hoffentlich läßt uns Pestalozza nicht im Stich. Das Passivitätsprinzip gegenüber dem Schreibverbot will ich auf keinen Fall durchbrechen, auch nicht hier, wo es sich um eine wirksame Offensive handelte. – Der Konflikt Olschewski ist leider von ihm zu direkter Feindschaft ausgeweitet worden. Ich war am Abend, nachdem Schmidt und ich die Gruppe gesprengt hatten, noch bei ihm, um ihm zu versichern, daß sich dieser Akt nur gegen Karpf, nicht gegen ihn richte. Er warf mir vor, daß mein Verhalten gegen ihn schon seit Wochen verändert sei, was ich auf Nervosität zurückführte. Jetzt macht er daraus die Behauptung, ich sei zu ihm gekommen, um ihm die Freundschaft zu kündigen, da er mir auf die Nerven gehe. Aufs äußerste verletzte es mich, daß er ankam, um mir von 20 Mark, die er mir schuldet, 5 Mark zurückzugeben mit der Versicherung, er werde in Monatsraten auch das übrige abtragen. Das bedeutet – verbunden mit seiner Erklärung, ich lehne ihn ab, weil er ein armer Teufel sei, die Übertragung des Zerwürfnisses auf materielle Dinge. Was für eine bürgerliche Einstellung! Wenn ich Dir die Schulden gezahlt habe, habe ich mich meiner Beziehungen zu dir entledigt. Es scheint, als ob die Menschen nur noch in Geldwerten denken können. – Der wahre Grund seines Verhaltens ist Eifersucht auf Seppl. Er nimmt es übel, daß ich die Freundschaft mit dem jungen Menschen dem Umgang mit ihm vorziehe. Eifersucht ist schon in Liebeshändeln eine klägliche Wallung, – daß sie auch in Freundschaften Geltung haben soll, daß ein Freund sich der Bestimmung über die eignen Entschlüsse zu begeben habe, ist mir unfaßbar. Mir tuts leid. Ich hege keine Feindschaft gegen Olschewski. Mein Verschulden ist, daß ich die fast leidenschaftlichen Freundschaftsempfindungen, mit denen er an mir hing, nie zu erwidern vermochte. Als er das merkte, war er wie zerschmettert und haßt mich nun, wie er mich vorher verehrte und sucht Gründe ganz äußerer Art durch Selbstbelügung und Tatsachenverdrehung herzustellen, da ihm die inneren, nervösen Motive nicht zugänglich sind. Ich denke, ich werde ihm erst etwas ausweichen und dann stillschweigend wieder eine Annäherung herbeizuführen versuchen. Er soll sich nur erst einmal etwas abkühlen. – In der Politik nichts Neues, aber Steigerung aller Gegebenheiten. Die Sondergerichte in Preußen arbeiten wahnsinnig. Zuchthaus- und Gefängnisstrafen in wahrhaft unerhörtem Maße. Der Siegessäulenprozeß war ein politisches Tendenzverfahren schlimmster Sorte. Der Staatsanwalt arbeitet fieberhaft, um Hölz ans Messer zu liefern und will ihn identifizieren mit dem geheimnisvollen Ferry, der in der Siegessäulenaffäre die treibende Kraft gewesen sein soll. Daß der kürzlich Verhaftete wirklich Hölz ist, scheint leider nicht mehr zweifelhaft. Meine Hoffnung klammert sich daran, daß es ihm noch glücken möge zu türmen oder daß man es doch nicht wagen wird, ihn hinzurichten. Solange er aber lebt, ist er uns nicht verloren. – Die Entente verlangt jetzt die Auslieferung des Goldbestands der Reichsbank durch Überführung nach Köln oder Koblenz. Man geht also offensichtlich aufs Ganze. Inzwischen wird die Verwirrung im Inland immer grotesker. Ein kleines Symptom dafür ist die Regierungsbildung in Preußen, bei der nach den komischsten Katzbalgereien ein Beamtenministerium unter Stegerwald zusammengekommen ist, das keine 100 Tage existieren wird. Die Sozialdemokraten sind nun auch in Preußen kaltgestellt. Sie wollten durchaus ihren Severing fürs Innere retten. Aber die Nationalen wollen die „Schupo“ und „Sipo“ keinem Mann anvertrauen, der möglicherweise damit Entwaffnungsoperationen gegen Baiern vornimmt. Charakteristisch ist, daß für diesen Posten auch der Noske genannt wurde, den dies lammfromme Volk immer noch als Oberpräsidenten von Hannover erträgt. Meine Überzeugung, daß die gegenwärtige Politik der Entente unbedingt die Durchsetzung des Versailler Vertrags nicht nur in der Reparations- sondern auch in der Entwaffnungsfrage verfolgt, daß unter dem Zwang der sich dazu vorbereitet, auch Baiern nachgeben muß, daß dann die Kahr-Regierung stürzt, und selbstverständlich die Politik gegen uns nicht länger aufrechterhalten werden kann, und daß die Änderung aller Dinge sich in wenigen Wochen bereits zeigen muß, findet im Hause immer mehr Glauben. Selbst der kalte Zyniker und Skeptiker Kain ist überzeugt davon. Nur Freund Bonz steht felsenstarr auf der Überzeugung, Bourgeoisie hält zusammen gegen Proletariat, daher ist es Frankreich nicht ernst mit der Entwaffnungsforderung. Qui vivra, verra.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 23. April 1921

Vollmann hat sich wieder ein ganz reizendes Stückchen geleistet. Für die Vermittlung der Frauenhilfesendungen an die F. G. des II. Stockwerks ist seit kurzem Schwab bestimmt, der diese Tatsache der Frauenhilfe mitteilte. Jetzt erhielt er einen Brief von dort, aus dem hervorgeht, daß statt seines Schreibens eines von Vollmann an die Frauenhilfe gelangt ist mit der Mitteilung, daß Schwab von ihm nicht anerkannt wird als unser Bevollmächtigter, und daß die Sendungen auch an uns durch Murböck zu gehn haben. Wir haben heute beschloßen, daß wir die Annahme sowohl des Geldes als auch der Eß- und Rauchwaren durch Murböck ablehnen und eine von allen 23 (Wollenberg ist noch in Einzelhaft, Sauber und Taubenberger sind vorgestern wieder heraufgekommen) unterzeichnete Erklärung an die Verwaltung geschickt, worin protestiert wird gegen die Einmischung in unsre privaten Beziehungen zur Frauenhilfe und die Rücksendung des Eintreffenden gefordert wird. V. hat also versucht, indem er selbsttätig die Vormundschaft selbst über derlei völlig private Angelegenheiten verhängte, uns, nachdem er selbst die Trennung der Stockwerke in zwei verschiedene Festungsanstalten mit grundsätzlich verschiedener Behandlung durchgeführt hat, von den Lumpen unten abhängig zu halten. Daß Murböck zu solchen Infamieen die Hand bietet, ist gräßlich, und ich kann leider kaum mehr bezweifeln, daß er sogar mit Vollmann zusammen diesen neuen Versuch, uns durch Brotkorbpolitik klein zu kriegen, ausgeheckt hat. Er ist einer der eifrigsten, die die Stunden, die uns für den Hof eingeräumt wären und uns durch die Disziplinierung geraubt sind, mit für sich ausnützt (übrigens außer den beiden Hartigs tun das die „Intellektuellen“ samt und sonders auch; der große Ethiker Toller, der Heiland von Samotschin, wie er in meinem neuesten Gedicht heißt, ebenso wie der Reservechristus Klingelhöfer). Schreiber meinte gestern: wenn man aus unsrer Haut Pelzschuhe machen könnte, die unten würden sie auch anziehn. – Die politische Lage spitzt sich täglich besser zu. Jetzt hat sich die Fehrenbach-Simons-Regierung ein neues Stück Unglücks-Betriebsamkeit abquälen lassen. Zum 1. Mai drohen die dicken Sanktionen (nachdem die Zollüberwachung am Rhein schon in Kraft ist), wenn bis dann die Reichsregierung nicht mit einem neuen, annehmbaren Reparationsplan zur Stelle ist. In London hat Herr Simons sein Nein! Niemals! geschmettert wie nur je ein Kühlmann in der Elsaß-Lothringen-Frage. Jetzt sind etwa 3 Wochen darüber vergangen und der hilflose Greis fühlt den Hintern mit Grundeis gehn. Was tun? Man sandte, ohne – in dieser musterhaften Demokratie mit rein parlamentarischem Charakter – den Reichstag auch nur eine Silbe vorher wissen zu lassen, eine winselnde Note an Harding. Er möge vermitteln. Die Bedingungen, die er – der Repräsentant des noch gegen Deutschland kriegführenden Amerika – nennen würde, würden unbesehen akzeptiert und dem Buchstaben und dem Geiste nach getreu durchgeführt werden. Die Antwort kam so schnell, daß die meisten Blätter sie gleich mit der Note zusammen bringen konnten: Harding verzichtet dankend auf das Vermittleramt und schlägt der Reichsregierung vor, „geeignete“ Vorschläge selbst zu machen. Dann würde er schon sehn, was er bei den Alliierten tun könne. „Geeignete“ Vorschläge – das heißt solche, die dem Wort nach den Pariser Forderungen entsprechen: und die gehn doch angeblich über die äußerste Möglichkeit der deutschen Zahlungskraft hinaus. Heute wird im Reichstag über die Geschichte geredet. Ich denke mir, die Folge wird zunächst die Ausschiffung Simons’ aus der Regierung sein (der als großer Mann dastände, wenn Harding sich auf das plumpe Spiel, Amerika wieder mal gegen England und Frankreich ausspielen zu wollen, eingelassen hätte, aber als Esel dasteht, weil er sich dessen nicht vorher versichert hat, wenn er denn schon überhaupt die Möglichkeit in Betracht zog). Somit eine neue „Krise“ im Reich, zugleich mit der preußischen, – und die bayerische muß wegen der Entwaffnung binnen kurzem folgen. Auf Revolution im Augenblick ist leider trotzdem nicht zu rechnen. Es ist schon wieder mal so, daß in Deutschland alles dazu überreif ist, nur die Arbeiterschaft nicht. Das hat sich in der mitteldeutschen Bewegung gezeigt. Die VKP ging mit wilden Parolen, aber ohne Kriegsplan los, fand viel zu wenig Anhang und sabotierte ihr eignes Werk, indem sie fortgesetzt ihre Aktionen verleugnete und die notwendig und mit Recht daraus hervorgehenden Terrorakte als Spitzeltaten verdächtigte. Nun hat sie die „Krise“ im eignen Hause. Wie Levi gleich von Anfang gegen die Erhebung war und sie nicht weniger perfid wie SPD und USP zu demoralisieren versuchte, so stellen sich die opportunistischen Kritiker in der Partei jetzt gleich in Rudeln ein. Die Zetkin, Däumig, Hoffmann, Braß etc. wurden aufgefordert, ihre Reichstagsmandate vorläufig nicht auszuüben. Levi, den man mit ungewohnter Energie überhaupt aus der Partei hinausschmiß, hätte gleichzeitig sein Mandat niederlegen müssen. Statt dessen verlas Herr Löbe im Reichstag eine Erklärung von ihm, er habe seinerzeit eine Blankovollmacht unterzeichnet, die die Niederlegung seines Mandats enthält (er selbst ist ja der Vater dieser Einrichtung, die den Entschluß des Einzelnen der Parteidisziplin unterordnet), er ziehe diese Unterschrift jetzt zurück. Der Reichstagspräsident machte dazu die ironische Bemerkung, wenn Levis Mandatsniederlegung noch nachträglich einlaufe, so gelte sie also im voraus als widerrufen. Das ist eine Entlarvung für das ganze Prinzip der Parlamentsbetätigung von Revolutionären überhaupt. Levi, der blos durch eine von ihm selbst veranlaßte Schiebung, den von der Parteizentrale (nämlich Levi) erzwungenen Verzicht Heckerts in den Reichstag gekommen ist, erwarb damit bürgerliche Gesetzrechte, die nicht bloß formal, sondern wie sich zeigt, de facto stärker sind als die Verpflichtung der Revolution gegenüber. Schon ist auch ein Hamburger „Kommunist“ (Teuber) wegen des „Bakunismus“ der Partei ausgetreten, aus der VKP-Fraktion des Reichstags und hat sich als „Wilder“ darin selbständig gemacht. Die Zetkin wird’s zweifellos nicht anders machen. Geben diese Beispiele dem Proletariat endlich Beweise, daß mit Bürgerpolitik keine kommunistische Revolution zu machen ist? Solange in Deutschland die Parteien nicht überwunden sind, hat die Revolution keine Chancen. Sie muß und wird von den Betrieben ausgehn und in den Betrieben – ohne zentrale Leitung nicht unmittelbar beteiligter Funktionäre – durchgeführt werden. Ich bin Schmerzliches gewöhnt vom deutschen Proletariat, aber daß die Schule der deutschen Revolution so hart und langwierig sein würde, hat auch der ärgste Pessimist nicht voraussehn können.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 25. April 1921.

Heute ging es hoch her im Hause. Es wurde gescheuert und gereinigt, daß jeder Putzteufel seine Freude dran haben könnte. Schneider und Fetsch liefen in Gala umher. Die Aufseher mußten vor dem Gitter stehend auf uns aufpassen (sonst machen sie sich’s dazu auf Stühlen bequem), und zum Mittag gab’s (obwohl sonst Montags der abscheulichste Fraß aufgetischt wird) am dritten Tag hintereinander – was noch nie vorgekommen ist – Fleisch. Mir fiel der Name Potemkin ein. Richtig: gleich nach Tisch erschienen im Hause hohe Herren, glotzten in unsern Käfig hinein und stiegen zum geheimnisvollen dritten Stock hinauf, soweit wir sie agnoszieren konnten: der Justizminister Roth, seine rechte Hand Kühlewein, Oberstaatsanwalt Menzel aus Augsburg, und der Bamberger Oberstaatsanwalt Seidenschwarz, geführt von Schröder und Vollmann. Wollen mal abwarten, ob dieser Besuch Wirkungen zeitigen wird. Das Besuchs- und Schreibverbot dauert jetzt fast 8 Wochen, für mich persönlich schon über 2 Monate. Wird es jetzt noch nicht aufgehoben, so ist das ein Beweis, daß Vollmann seine Erpressung im Einverständnis mit seinem Vorgesetzten verübt. Wir könnens aushalten. Diese Regierung wird den Frühling nicht überdauern und mit Roth stolpert Vollmann. Die politische Situation im Reich wird immer brenzlicher, und wenn auch die Bayern sich einbilden, ihre Politik der starken Geste sei die Garantie für Stabilität, so werden sie durch die wirtschaftliche Abschnürung schnell genug vom Gegenteil überzeugt werden. In Preußen ist zunächst mal das reaktionäre Ministerium Stegerwald zustandegekommen, gegen das – lustig genug – die Sozialdemokraten die wildeste Opposition markieren. Das Innere – also Sipo, Schupo etc. – hat der Demokrat Dominikus übernommen, der wohl das Mißtrauen der Nationalen kaum rechtfertigen wird. Im Ausland weiß man aber jetzt Bescheid, wie der Wind nun auch in Preußen wehn soll. Im übrigen orientieren die Sondergerichte in Mitteldeutschland alle Welt eindeutig genug über den Geist, der waltet. Junge Rotgardisten, die ein Maschinengewehr bedient haben – die baierischen Standgerichte brummten ihnen in der Regel 15 Monate Festung auf – erhalten 10–12 Jahre Zuchthaus. Eine Kommunistin erhielt dafür, daß sie das Sanitätswesen der bewaffneten Revolutionäre leitete, also für rein humanitäres Wirken, 6 Jahre Zuchthaus, – natürlich ohne jede Revisionsmöglichkeit. So entsetzlich das für die Betroffenen ist, für die Verschärfung der Klassengegensätze, die die Vorbedingung der Revolution ist, ist es günstig, und es ist wohl sicher, daß diese Urteile nicht, oder doch nicht für lange, vollstreckt werden. Eine neue Reichsamnestie muß daraufhin in absehbarer Zeit erfolgen, von der sich dann auch wohl Bayern nicht mehr wird ausschließen können. – Der Reichstag – die „oberste Macht der deutschen Republik“ – läßt sich von Fehrenbachs anmutiger Regierung dauernd auf der Nase herumtanzen. Bis jetzt hat er nicht mal die Diskussion über die unglaubliche Note an Harding beginnen können, da Simons zuvor dem amerikanischen Präsidenten seine Reparationsvorschläge schicken will. Heute sollen sie bekannt gegeben werden – also wenn das Parlament schon nichts mehr dran hindern kann. Jetzt wird sich’s ja zeigen, ob sie den Ententeforderungen entsprechen – was alle Behauptungen der Herrschaften, die Londoner Vorschläge seien schon über das Maß des Erträglichen hinausgegangen, ihre eignen nämlich, als Lügen erweisen würde, oder ob der 1. Mai die Zwangsvollstreckung bringen wird (die wegen Bayerns Nichtentwaffnung kurz nachher doch kommen wird). Allem Anschein nach kann man plötzlich alles leisten. Die Note an die Entente über die deutschen Wiederaufbau-Vorschläge ist schon glatte Kapitulation, und so wird’s wohl auch in der Reparationsfrage gehn wie bisher noch mit allem: erst das Geplärr „unmöglich!“ und nachher geht’s. Unter allen Umständen wird die Krise beschleunigt, und unsre Situation wird täglich aussichtsvoller. Ich rechne stark damit, daß ich übers Jahr schon wieder eine Zeitschrift herausgebe. Im „Vorwärts“ las ich eine ganz tolle Nachricht. (Da wir keine einzige kommunistische Zeitung mehr erhalten, muß man sich aus dem Schandblatt orientieren). In der „Roten Fahne“ veröffentlicht der Rechtsbeistand von Max Hölz, Hegewisch aus Celle, eine Erklärung, in der folgende Behauptung aufgestellt wird: Hölz habe ihm am Tage vor seiner Verhaftung mitgeteilt, daß Rühle und Pfempfert 60000 Mark Revolutionsgelder unterschlagen haben. Er (Hölz) habe ihnen nun ein Ultimatum gestellt und sei deswegen von ihnen bedroht worden, sie werden ihn „hochgehn“ lassen. Darauf sei ein Mittelsmann, ein Freund Rühles, namens Henke, aufgetreten und habe eine Zusammenkunft in einem Berliner Café (vermutlich Café des Westens) vermittelt. Beim Verlassen des Cafés wurde Hölz dann verhaftet. Hegewisch läßt also durchblicken, daß die Festnahme aufgrund einer Pfempfertschen Denunziation erfolgt sei. Vorläufig glaube ich nicht an die Geschichte, am wenigsten daran, daß Rühle revolutionäres Geld unterschlagen hat und daß einer von beiden Spitzeldienste geleistet haben könnte. Pfempfert wird sich ja in der „Aktion“ darüber äußern müssen. Stimmt aber die Geschichte, so werde ich ihm mein Buch „Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus“ entziehn, das demnächst herauskommen soll, – wenn’s wahr ist. Bis jetzt warte ich vergeblich auf das Erscheinen der 3 Bücher, die angeblich in Druck sind: dies, „Glaube, Liebe, Hoffnung“ bei den Wiener Graphischen Werkstätten und „Judas“ im Malikverlag. Es ist bös, daß ich von keinem selbst die Korrekturen lesen kann. Auch das werde ich dem Vollmann nicht vergessen. Inzwischen wartet Zenzl vergeblich auf die Entschädigung wegen der Plünderung unsrer Wohnung. Die nationalen Zeitungen haben eine große Hetze dagegen inszeniert, daß ich als Veranlasser der Ursachen den eignen Schaden ersetzt kriegen soll. Zenzl schreibt mir darüber ganz richtig: Stehlen mit der roten Binde am Arm ist Verbrechen, mit der weißen ists erlaubt. Auch über meine Tagebücher, die nun über ein Jahr in den Händen der Konterrevolution sind, fehlt immer noch die Entscheidung. Na, lange werden sich die politischen Sadisten ihres üblen Handwerks nicht mehr freuen können. So trübe das Wetter scheint, – die Sonne kommt doch durch.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 26 April 1921.

Interessant genug gehts in dieser Ehrenhaftanstalt zu. Gestern wurde Schwab zu Vollmann gerufen, derselbe Schwab, mit dem Vollmann Verhandlungen ablehnt und den er deshalb auch der Frauenhilfe gegenüber als unsern Vertrauensmann „nicht anerkennt“. V. erklärte ihm, daß der von uns einstimmig gefaßte Beschluß, die Frauenhilfesendung müsse zurückgesandt werden, da wir uns unsre Rationen nicht von Murböck zuteilen lassen wollen, nicht ausgeführt werden wird. Die Einteilung der Rationen sei unter Aufsicht der Verwaltung (!) erfolgt und wenn wir sie danach nicht nähmen, so werden unsre Anteile dem I. Stockwerk zur Verteilung unter sich zur Verfügung gestellt werden. Er berief sich dabei auf eine Ministerialentschließung, die der Verwaltung das Recht gebe, nach Belieben mit dergleichen Sendungen zu verfahren. Übrigens bestehe dieses Recht für jede Art privater Sendungen an uns. Denn Pakete kämen nicht an uns Gefangene, sondern an die Verwaltung, die folglich darüber verfügen könne. Natürlich ist die „Ministerialentschließung“ gestern ad hoc hier im Hause zustandegekommen. Sie bedeutete nicht mehr und nicht weniger als die Legitimierung des amtlichen Diebstahls. Die Frauenhilfesendungen sind private Spenden, von Arbeitern gesammelt und kommen mit der ausdrücklichen Bestimmung an, daß jeder einen gleichen Anteil davon erhalten soll. Vollmann verhindert zuerst die Zusendung an einen von uns, dann verweigert er daraufhin unser Verlangen, das Zeug zurückzusenden und endlich verschenkt er unser Eigentum an Leute, die ihm persönlich sympathischer sind. Süß. – Wie wir hören, hat es im I. Stockwerk nun große Auseinandersetzungen gegeben, ob man unser Gut annehmen und für sich verbrauchen soll. Es soll der Beschluß gefaßt worden sein, die verderblichen Eßwaren zu verzehren, das Übrige aufzubewahren. – Damit ist dieses Gschwerl dauernd und endgiltig gerichtet. Es ist skandalös genug, daß Murböck nicht sofort erklärt hat, daß für den Fall, daß wir unsern Willen nicht erhalten, auch die Sendung des I. Stocks zurückgehn müsse. Jetzt tun sie sich gütlich an Waren, die für uns bestimmt sind und die sie ja ohnehin in gleicher Quantität erhalten haben. Wie jammervoll tief ist diese Bande gesunken. Murböck ist ein für allemal gerichtet und erledigt. Schreiber nennt ihn ganz richtig eine Kompaniemutter – er war auch Kriegsfeldwebel. Sein ganzes Bestreben ist, durch gutes Einvernehmen mit dem Hauptmann (Vollmann) kleine Vergünstigungen für „seine Leute“ herauszuschinden. Daß er dabei völlig in die Fänge des Vollmann gerät und immer tiefer in Verrat, indem er mit der Verwaltung Geheimabkommen schließt, die den Genossen verborgen bleiben, merkt er vielleicht selbst garnicht. – Im I. Stock soll eine Liste von solchen Genossen des II Stocks aufgestellt sein, von denen die Lumpen unten weniger Feindseligkeit zu erwarten haben als von den ganz Renitenten. Es sollen von den Herren Tobiasch, Toller und Hornung – eine feine Zusammenstellung! – 15 Namen von Ungefährlicheren aufgestellt sein, darunter ausnahmsweise auch ich. Wahrscheinlich haben Toller und Valtin Hartig erklärt, ich sei immerhin ein anständiger Mensch. Das ist kein Ruhmesname, von solchem Gesindel gelobt zu werden. Ob und in welcher Form die Verwaltung von der Konskriptionsliste Gebrauch machen wird, müssen wir an uns herankommen lassen. Vielleicht werden nach diesen Vorschlägen die Zellenbelegungen eingerichtet. – Die Aufhebung der Zwangsmaßnahmen gegen uns scheint nicht geplant zu sein. Der Ministerbesuch gestern wird sich, wie ich vermute, im Gegenteil noch in Verschärfungen äußern. Wir werden ja sehn, was für weitere hausgemachte Ministerialentschließungen uns in diesen Tagen noch überraschen werden. Hochmut kommt vor dem Fall.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 28. April 1921.

Man hat also die deutschen Reparationsvorschläge an Harding gesandt, und dann hat, nach Ablauf mehrerer Tage auch der Reichstag davon Kenntnis bekommen. Diese Note ist die Enthüllung der Komödie, die bisher gespielt wurde und der dokumentarische Beweis der Berechtigung des Vorwurfs der Entente, daß es in Deutschland nur an gutem Willen fehle. Unter dem Druck unmittelbar drohender Zwangsaktionen ist die Grenze der deutschen Leistungsfähigkeit mit rapider Geschwindigkeit von 30 auf 200 Milliarden Goldmark erweitert worden. Die Rede, mit der Simons diese erstaunliche Wandlung der deutschen Zahlungsbereitschaft im Reichstag begründete, kennzeichnet ihn und seine Hörer gleichermaßen. Ein halsbrecherisches Advokatenplaidoyer vor naiven Geschworenen. Nun ist das Schöne an der Sache, daß jedenfalls auch dieses Angebot von Frankreich nicht akzeptiert werden wird, da es mit allerlei Vorbehaltungen und Bedingungen garniert ist (Zurückziehung der Besatzungstruppen, nicht nur aus den nachträglich sondern auch aus den im Versailler Vertrag mit Zeitfrist besetzten Gebieten etc) und über die Ententeforderung der Exportabgabe von 12 % stillschweigend hinweggeht. Auch die Zahlung der am 1. Mai fälligen Milliarden und andres wird mit demagogischen Kniffen übergangen. Wenn nun auch – was ich immerhin für möglich halte – die Vorschläge als Grundlage für weitere Verhandlungen akzeptiert werden (wobei Deutschland dann doch noch zur vollständigen Kapitulation gezwungen würde), so werden die Sanktionen jedenfalls trotzdem einsetzen. Schon hat Briand wieder eine Rede gehalten, in der er klipp und klar feststellte, daß man Versuchen, die Angelegenheit dilatorisch zu behandeln, durch Sicherungen vorweg vorbeugen müsse. Das entspräche nur der Denkungsart der Deutschen von 1914, die sich Frankreichs Neutralität, die sie immerhin befürchteten, dadurch garantieren wollten, daß sie in diesem Falle Toul und Verdun mit Beschlag belegten. Die Dinge gehen jetzt also ihren Lauf trotz alledem, auch trotz der mitteldeutschen Ereignisse. An denen erkenne ich, wie ungeheuer schwer es für uns hier drinnen ist, uns über die Vorgänge draußen ein sicheres Bild zu machen. Die heute eingelaufene „Aktion“ bringt wichtiges Material darüber. Pfempfert schreibt einen Leitartikel, der indessen derart von Schimpfereien gegen die VKPD-Zentrale trieft, daß er ungeeignet ist zur objektiven Information. Dagegen bringt Otto Rühle die gleichen Argumente gegen die Parteipolitik in der Sache in so ruhiger Form, daß man sehr nachdenklich werden muß. Ich will mir kein Urteil darüber anmaßen, ob wirklich die ganze Geschichte ohne revolutionäre Notwendigkeit, aus parteipolitischen Gründen, einfach auf einen mißverstandenen Moskauer Befehl hin dilettantisch-provokatorisch und ohne zureichendes Verantwortungsgefühl der Drahtzieher inszeniert worden ist (was leider dem Schein nach der Fall ist). Ich übersehe auch nicht die eminente Bedeutung der Tatsache, daß hier zum ersten Mal in Deutschland der Terrorismus in großem Maßstabe angewendet wurde (und das natürlich ohne zentrales Kommando), aber der Nachweis, daß Revolution keine Parteisache ist und sein kann, daß sie in den Betrieben entstehn und werden muß und sich erst von dort aus politisch fortsetzen kann, scheint auch mir erbracht. Amüsiert habe ich mich eben im Hof. Jedesmal, wenn ich lesend an ihm vorbeikam, machte Sauber dreckige Bemerkungen, die auf mich gemünzt waren, da man weiß, daß Pfempferts politische Haltung meiner sehr ähnlich ist. Ich fing auf: „Daß Pfempfert jetzt schon mit Levi einig ist, läßt doch tief blicken.“ Die vollgefressene Kompromißgeburt Sauber hat noch vor 4 Wochen auf jedes Wort geschworen, das Levi sagte. Seit er aber ausgeschirrt ist, folgt der große Parteiführer (der seinerzeit auch Graf und Thomas verteidigte, bis Levi sie fallen ließ) der neuen Parole der neuen Zentrale. Sein politisches Urteil ist immer fertig: er schlägt blos den neuesten Erlaß seiner Parteihirten nach, und wenn ich morgen eine Silbe gegen die mitteldeutsche Geschichte äußere, so bin ich Verräter. Man muß diesen Sauber nur in der Revolutionszeit gekannt haben. Einen größeren Bremser und Konzessionsschulzen hat es damals überhaupt nicht gegeben, und daß ihn die nationalistische „öffentliche Meinung“ als einen unsrer Gefährlichsten taxiert, ist von den grotesken Mißdeutungen der Wirklichkeit, die man so häufig wahrnehmen kann (Toller!), wohl die groteskeste. – Im Haus kaum Wesentliches. Es scheint aber, daß was geplant wird. Jedenfalls haben wir herausbekommen, daß unsre Zellen in unsrer Abwesenheit auf unsre schriftlichen Arbeiten hin kontrolliert und daß in den Abendstunden Aufseher-Horchposten an den Türen entlangschleichen, um Gesprächsfetzen aufzufangen. Vermutlich ein Resultat des Ministerbesuchs. Weitere werden sich wohl noch zeigen. Die Entlassungen im unteren Stock kann ich nicht mehr feststellen. In diesen Tagen soll der alte Pöltl entlassen sein, ob in die „Freiheit“ oder erst wegen krimineller Dinge ins Gefängnis, weiß ich nicht. Ein harmloser Mensch von über 50 Jahren. Hier drinnen hat er aus Opportunismus jede Schweinerei mitgemacht. Aber einer von den Proletariern, die im Moment der Aktion bestimmt würde lebendig werden und zur Latte greifen. – Heute früh hat Seffert seinen 6wöchigen „Urlaub“ angetreten, in das Gefängnis von Donauwörth wegen einer der beliebten Beleidigungen. Immerhin eine Erleichterung für ihn, da er ja schreiben darf im Kittchen. Ich hoffe, er wird bei seiner Rückkehr hierher schon sehr veränderte Zustände und keinen Vollmann mehr antreffen. Wer etwa noch Zweifel hatte, daß die Entente auch Bayern gegenüber und in der Entwaffnungssache aufs Ganze gehn wird, dem werden sie wohl durch die neueste Torheit unsrer Patrioten behoben sein. Die Volksabstimmung in Tirol ist tatsächlich vor sich gegangen und hat natürlich eine überwältigende Mehrheit des ausgehungerten Volks für den Anschluß an das immer noch nicht völlig bankrotte Deutschland gebracht. Deutschland und speziell Baiern, das ja bestreitet, die Abstimmung irgendwie offiziell begünstigt zu haben, gleichwohl aber Extrazüge dazu bereithielt, schwimmen in Begeisterung. Nationale Studierlümmel sind im Auto die baierisch-tirolerische Grenze langgefahren und haben die Grenzpfähle ausgerissen. Präsident Löbe (Sozialdemokrat) hat im Reichstag den vor Rührung stehenden Abgeordneten die tiefe Dankbarkeit für das Treuegelöbnis der Tiroler ausgedrückt. Die Presse berichtet von nationalen Hochgefühlen in Tirol mit Andreas-Hofer-Einschlag (vergißt aber dabei daran zu erinnern, daß der ja von den Franzosen in Mantua an die Mauer gestellt wurde), und der praktische Erfolg ist, daß Italien, das sonst der Entente gegenüber die früher vom Dreibund aus exekutierten Extratänze liebt, grade in dem Augenblick, wo es vor einem neuen Generalstreik steht gegen die Faszistenhetze, zu den Alliierten zurückkehrt und alles von Frankreich Gewünschte gegen Österreich und Deutschland mitmacht. Unsre lieben Patrioten! Gescheit werden sie wohl nie werden, – und das ist unser Glück.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 30. April 1921.

Seit gestern früh habe ich eine große Zelle (mit der ominösen und zu vielen Verulkungen provozierenden Nummer 175) und bin auch schon so ziemlich eingerichtet darin. Der ganze Gang, der zum Arbeitshof führt, und von dessen Fenster aus man ein- und ausfahrende Wagen etc. beobachten konnte, wurde – eben deswegen wohl – ausgeräumt: Adolf Schmidt, Kain, Ibel, Gnad und ich in den Mittelgang „mit sofortiger Wirksamkeit verlegt“. Einmal eine Maßregel, die meinen Wünschen entgegenkam. Ich fühle mich viel behaglicher hier drinnen, kann mich besser in der eignen Bude aufhalten und hoffentlich also intensiver arbeiten und habe den Seppl wieder in der Nachbarschaft. Vielleicht entwickeln sich daraus wieder die Abendunterhaltungen, die mir unten das Leben so erfreulich machten. – Sonst werden unsre Nerven durch die Behandlung der Frauenhilfesendung dauernd strapaziert. Vollmann hat – in folgerichtiger Fortsetzung seiner Amtsverbrechen gegen uns – verhindert, daß wir die Hilfsorganisation überhaupt von den Tatsachen und Gründen unsrer Ablehnung der Entgegennahme ihrer Spenden orientieren konnten und das selber besorgt, – wie, läßt sich denken, zumal jetzt Nachricht von der Frauenhilfe kam, sie sei mit der Verteilung unsrer Anteile unter die Herrschaften des I. Stocks einverstanden, falls wir auf der Ablehnung beharrten. Die armen Teufel, die bitter angewiesen sind auf die Unterstützung (20 Mk bar, Zigaretten, Margarine – abgesehn von den verderblichen und denen von den „Genossen“ unten schon in Vertretung gefressenen Wurstwaren), scheinen geneigt zu sein, nun nachzugeben und ihre Teile zu akzeptieren. Ich persönlich werde meinen Anteil unter allen Umständen verweigern. Die Frauenhilfe weiß nicht, weshalb wir ablehnen und Vollmann hindert uns an der Mitteilung über die Gründe und darüber, daß unsre Beschlüsse einstimmig und prinzipiell gefaßt wurden. Er hat uns durch Anschlag bekanntgegeben, daß die Frauenhilfe „angewiesen“ sei – als ob sie ihm Gehorsam schulde! – „die Pakete künftighin an die Verwaltung der Festungshaftanstalt zu schicken. Die Verwaltung wird auch(!) künftighin die Verteilung selbst vornehmen.“ Auch! ist hervorragend. Diesesmal hat sie die Verteilung durch Murböck vornehmen lassen und das war grade der Grund für uns, abzulehnen. Zwingt Vollmann uns, die Teilung unsres Eigentums durch Beamte zuzulassen, so ist es noch immer was andres, da wir zur Abwehr von Brutalitäten der Behörde als solcher zur Zeit überhaupt kein Mittel haben als die passive Resistenz des Protestes durch Duldung. Hier handelt es sich einfach darum, die Einrangierung von Zwischenmeistern aus den Gefangenen selbst zu verhindern, da die Herrschaften unten selbst nicht das Empfinden dafür haben, zu welcher Entwürdigung ihrer charakterfesten Leidensgefährten sie die Hand bieten. Ich werde, wenn die Sache nachher zur Behandlung kommen sollte (was allerdings vielleicht auch noch verhindert werden kann; einmal wurde uns schon eine Besprechung durch das Zwischentreten Fetschs gestört, der erklärte, er dürfe Versammlungen nicht dulden), den Antrag stellen, die Annahme des Restes der Sendung weiterhin zu verweigern, die Bande im I. Stock daran satt werden zu lassen und zu versuchen, eine Vertretung der Frauenhilfe zu einem Besuch zu veranlassen. Verbietet Vollmann diesen Besuch, so ist das wenigstens eine Orientierung nach draußen, daß man ihnen die Wahrheit mit aller Gewalt verschweigen will. Ob allerdings viel Aussicht besteht, wieder einen einstimmigen Beschluß zustande zu bringen, ist sehr zweifelhaft. Nach und nach wird doch mancher müde, – und auch das Schreib- und Besuchsverbot möchte mancher gern auf glimpfliche Weise loswerden. Ich hoffe, sie – speziell die jungen Leute scheinen ungeduldig zu werden, (als ob wir Familienväter nicht ganz anders drunter zu leiden hätten) – mit politischen Gesichtspunkten beruhigen zu können: es wäre ein großer Sieg für uns, wenn wir fest blieben, bis Vollmann von seinem Posten muß. Ich betrachte die Aussichten nach wie vor höchst optimistisch. Zwar heißt es heute, der französische Standpunkt, die Sanktionen sofort in Kraft zu setzen, scheitere an englisch-amerikanischen Widerständen, doch sind diese Behauptungen noch garnicht verbürgt und riechen stark nach Press- und Börsenspekulation, und selbst in dem Fall, daß auf Grund der Vorschläge an Harding zunächst unter Aufschub der Ruhrbesetzung verhandelt wird (es scheint mir ganz unglaubhaft trotz der Behandlung der Sache in den Zeitungen als Faktum) bleibt die Einwohnerwehrfrage Bayerns und mithin Bayerns Behandlung durch die Entente deswegen mitsamt ihren innerpolitischen Folgen davon unberührt. Betrachten wir aber alle Dinge vom engen Standpunkt unsres persönlichen Interesses hier drinnen, so dürfen wir sagen: entscheidend ist allein die Frage, ob entwaffnet wird oder nicht. Wenn ja, so ist Kahr, Roth und ihre Anhängsel à la Vollmann abgetan, wenn nein, so dürfen wir alle Hoffnungen auf Jahre zurückdrehen. Dann zeigt sich, daß auch die Entente nicht willens oder nicht fähig ist, den deutschen Militarismus zu bekämpfen. Dann haben die Alldeutschen recht und werden angesichts der Revolutionsmüdigkeit der breiten Massen und der Unfähigkeit der kommunistischen Parteien – die (Mitteldeutschland!) ihre Sprengfunken erst schmeißen, nachdem vorher ihre ganze Tätigkeit auf die Forträumung des Explosivstoffs beschränkt war – ihre Herrschaft wieder stabilisieren und den Versailler Vertrag durch neuen, durchaus aussichtsvollen Krieg zerfetzen. Daß die alliierten Kapitalisten nicht übersehn sollten, daß das die Wirkung ihres Entgegenkommens in der Entwaffnungsfrage sein müßte, kann ich nicht glauben. Und darum bin und bleibe ich optimistisch.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 2. Mai 1921.

Grade bin ich mit der Einrichtung und dem Bücherstellen fertig. Seppl hat mir alle wirkliche Arbeit dabei abgenommen. Jetzt bin ich endlich aus dem Provisorium heraus, in dem ich bisher in den kleinen Löchern lebte. Jetzt heißt es aber schon, Vollmann wolle in den nächsten Tagen alle Zellen neu weißen lassen (was er in der Zeit, wo die Buden leer standen, verabsäumt hat). Ähnlich sähe es ihm schon: in dem Falle würde ich darauf verzichten, da ich sonst die ganze Arbeit noch einmal hätte, abgesehn von den Kosten für Nägel, Klebstoff etc. Zwingen wird er einen jawohl nicht, wenn man sich bereit erklärt, zwischen verdreckten Wänden zu leben. Heut hat sich der Mann wieder in voller Glorie als Staatsretter bewiesen: er hat aus dem Gemeinschaftsraum die Bilder von Marx, Liebknecht, Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki, die dort über ein Jahr hingen, und vom Hauptgang die Bilder von Trotzki und Landauer entfernen lassen. Nun werden wohl diese Namen und die Erinnerung an ihre Bedrohung aus unsern Geistern gelöscht sein. Typisch alldeutsche Logik. Ob er sich dessen bewußt war, daß er diese Maßnahme grade am zweiten Jahrestage der Ermordung Landauers durchführen ließ, will ich nicht entscheiden. Zuzutrauen wäre es dem „starken Mann“, als der er sich geriert, ohne weiteres. – In der Frauenhilfesache haben wir den Wagen wieder eine Station weitergeschoben. Mein Antrag, auf der Ablehnung der Spenden für diesen Monat zunächst zu beharren und mündliche Verständigung zu suchen, für das Verfahren mit künftigen Sendungen die Entscheidung vorerst offen zu lassen, wurde mit allen gegen Weigands – des Jüngsten! – Stimmen und zwei Stimmenthaltungen – des zweitjüngsten(!) Walter und Adolf Schmidts (mit dem das Mitleid und das Mißtrauen gegen die Konsequenz der Genossen durchging) angenommen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß gegen mich wieder mal von Neid erzeugte Verleumdungen umgingen: das Gerücht war verbreitet und natürlich allgemein geglaubt worden, ich besitze 1000, nach andrer Lesart sogar 1600 Zigarren, von denen ich nichts abgebe. Ich habe dann Taubenberger zu mir gerufen und ihm anheimgestellt, meine Bude zu durchsuchen. Was er über 20 Zigarren fände, dürfe er behalten. Ich denke, ich habe diesem Geschwätz nun das Genick umgedreht. – Wir haben nun erfahren, wer im ersten Stock die Annahme unsrer Wurstanteile verweigert hat: ganze 5 Mann (allerdings zweifle ich vorläufig noch daran, daß wirklich Rudolf Hartig und Kullmann unter den Nutznießern des Vorteils gewesen sein sollten). Nach unsern Informationen soll aber eine Erklärung an Vollmann gegangen sein, deren Unterzeichner mitteilten, sie lehnen die Annahme der für uns Genossen im II. Stockwerk bestimmten Waren ab, und die von folgenden unterzeichnet gewesen sei: Toller, Klingelhöfer, Zammert, Regler und Kolbinger. Niekisch, Murböck, die Hartigs und alle übrigen hätten sich also gütlich getan an unserer prinzipiellen Charakterwahrung. Wohl bekomm’s! Kolbinger, der übrigens in den nächsten Tagen entlassen wird, soll allgemein eine sehr anständige Haltung zeigen und wird deshalb unten als nicht ganz normal angesehn. Toller und Klingelhöfer sind persönlich sehr gut gestellt, sodaß ihnen der Entschluß leicht gefallen sein kann. Von den drei andern, die nicht auf Rosen liegen, freut es mich. Übrigens soll der ganze untere Stock eine Eingabe an die Behörde losgelassen haben, worin korporativ eine Nachprüfung der Urteile und Freilassung auf Bewährung beantragt wird. Nur Kolbinger habe sie nicht unterschrieben. Kullmann scheint leider umgefallen zu sein und die gleiche Rolle zu spielen wie vorher Förster. Qui mange du pape ... Mir wärs schon recht, wenn die Hochbesteuerten, Blößl und Hornung mit je 10, Valtin Hartig mit 7, Westrich und Daudistel mit 6, Klingelhöfer mit 5½, Toller und Bedacht mit 5 Jahren ihren Zweck erreichten. Wenn es so kommen sollte, daß anläßlich der Entwaffnung und Demission Kahrs große Ausmistung erfolgt und etwa nur die ganz Hochbestraften drinnen bleiben sollen, wäre mir diese Gesellschaft – ausnahmslos – schon recht zuwider. Eine Gefahr für die Bourgeoisie bildet sowieso keiner von ihnen. – In der Politik geht das Rätselraten weiter. Harding scheint nicht geneigt, der Hinterhältigkeit der Fehrenbach-Simons Handlangerdienste zu leisten. Zur Zeit findet eine neue Besprechung der Herren Briand, Lloyd George etc. statt, die über die Angelegenheit weiter beraten. Eventuell wird ein auf etwa 7 Tage befristetes Ultimatum an Deutschland gerichtet werden, nach dessen Ablauf das Ruhrgebiet besetzt werden soll. Eine Meldung will wissen, daß „farbige“ Truppen nach dem rechtsrheinischen Bayern zu in Anmarsch seien, um jedenfalls den Maingau zu besetzen. Ich halte das für eine verfrühte Sensationsmeldung. Eigenartig ist übrigens, daß angesichts der verzweifelten Lage Deutschlands der Markkurs verhältnismäßig langsam fällt. Der rapide Sturz wird wohl einsetzen, wenn die Sanktionen in ihrer robusten Form in Kraft treten, – was ich immer noch für mehr als wahrscheinlich halte. Die innerpolitischen Konsequenzen werden wohl zunächst in einer Reichs-Ministerkrise zutage treten. Fehrenbach und Simons sollen Rücktrittsabsichten haben. Der „Vorwärts“ erhebt schon durch die Blume auf ihre Ersetzung durch Sozialdemokraten Anspruch. Ob Kain mit seiner Aufassung recht hat, sie würden als Bedingung die Reichsexekutive zur Entwaffnung Bayerns stellen, bezweifle ich noch. Ihr Ehrgeiz wird sie auch ohne derartige Belastungen des nationalistischen Geistes wieder regierungswillig finden. Jedenfalls ist die Möglichkeit, daß diese Leute wieder obenauf kommen, sehr groß, – und dann kommt der Konflikt zwischen Reich und Bayern zum offenen Ausbruch. – Ich las heute Levis Broschüre „Unser Weg. Wider den Putschismus“. Subjekt und Objekt erscheinen in der Schrift in gleich schöner Bestrahlung. Levi, der engstirnige, marxpfäffische Gernegroß, der den autoritären, disziplinnärrischen, nur auf ihre eigne Macht erpichten Zentralebonzen der VKPD (seinen Nachfolgern) Bakunismus vorwirft und das Wort schon als Beschimpfung braucht, der die Terrorakte dem „Lumpenproletariat“ in die Schuhe schiebt, das er wie Marx und Engels es sträflicherweise stets getan haben, durch den Dreck zieht ohne einen Begriff davon, daß eine soziale Revolution von vornherein gerichtet ist, der nicht die am tiefsten von der bürgerlichen Gesellschaft zermürbten ganz Ausgestoßenen sich begeisterungsvoll widmen, Levi kämpft – ganz in Übereinstimmung übrigens mit Lenins kläglicher Kinderkrankheitsbroschüre – für reformistische Revolutionsmethoden: er hat keine Ungeduld; er ist ein deutscher Rechtsanwalt und weiß genau, wie die „Entwicklungsgesetze“ alles beschlossen haben. Aber was er gegen die Macher des mitteldeutschen Aufstands sagt, was er von den Vorgängen in den Konventikelsitzungen der Zentrale verrät, ist zum großen Teil sehr ernst zu nehmen. Meine Beurteilung der Sache gleich anfangs erweist sich als richtig: diejenigen, die den Aufstand inszeniert haben, bekamen, als sie merkten, daß ihre Parolen aufgegriffen und befolgt wurden, Angst vor der eignen Kurage, bremsten ab, schoben die Schuld auf Spitzel oder auf die unverständigen Arbeiter, die ihre Haut zu Markte trugen und trugen am meisten dazu bei, daß das Feuer, das sie wie mit Streichhölzern spielende Kinder angelegt hatten, nicht um sich griff, und schließlich, als schon alles verloren war, schürten sie von neuem nach, damit ihnen keine Bremserei nachgesagt werden konnte. Wann wird das deutsche Proletariat endlich lernen, sein Schicksal selbst zu bestimmen? Wann wird es seine Parteien sprengen, seine Professionsführer zum Teufel hauen, seine Organisationen den Notwendigkeiten der Revolution anpassen und zuschlagen, wenn es die Stunde aus eigner Erkenntnis gekommen sieht? Was heute vor 2 Jahren geschah, – es kam aus denselben Fehlern, die immer noch, die immer von neuem gemacht werden. Levi bekämpft den Bakunismus bei den deutschen Kommunisten. An dem Tage, wo Bakunins Geist in Wahrheit in den deutschen Kommunisten lebendig wird, wird die deutsche Revolution ihren Sieg einleiten.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 3. Mai 1921.

Das Gewitter zieht sich dichter zusammen. Die ersten Tropfen fallen schon. In der Ferne zucken schon die Blitze. Noch ist man sich auf der neuen Londoner Konferenz nicht über alles einig. Es scheint, als ob die Engländer gern etwas Wasser in den französischen Wein gießen möchten. Doch steht – falls ich mir nicht ein ganz falsches Bild von der ganzen Situation machen sollte – fest, daß von den Grundforderungen der Alliierten an Deutschland keinerlei Abstriche mehr gemacht werden. Die Differenz scheint nur noch darin zu bestehn, ob – nach dem Wunsche der Engländer – noch einmal die ultimative Frage: Ja oder Nein? an Deutschland gerichtet werden soll, ehe die Keule niedersaust, oder ob die Nichtzahlung der geforderten 12 Milliarden bis zum 1. Mai, wie es die Franzosen wollen, schon als gegebener casus belli zu bewerten sei. Nach einer glaubhaft klingenden Meldung wollen die Franzosen sofort zur Besetzung der Ruhr schreiten und sind bereit, dann weiterzuverhandeln, aber auch nur, falls Deutschland 5 Punkte von vornherein zugibt. Darunter wird als erster genannt die sofortige Entwaffnung unter Aufsicht der Alliierten (mein guter Bonz glaubt immer noch nicht an den Ernst dieses Verlangens; er wird ihn noch bestreiten, wenn die Aktion schon mitten im Gange sein wird). Ferner müssen die 132 Milliarden Reparationsgeld unverkürzt anerkannt werden, und dann ist da noch ein ganz harter Brocken: die bedingungslose ehrliche Anerkennung, daß Deutschland den Weltkrieg entfesselt hat. Das ist nach dem Gekreisch der Alldeutschen, der Simons, der Zeitungen, der Scheidemänner, daß Deutschland unschuldig oder doch nur mäßig mitschuldig sei und nach der Anstrengung der Regierung, die ein 15bändiges Werk zur Entlastung Deutschlands von der Beschuldigung in Aussicht stellt (wer das wohl lesen soll?), ganz bitter. Aber sie werden auch das schlucken, wie alles andre. Außer der Besetzung des Ruhrgebiets soll die Blockade Bremens, Hamburgs, Lübecks und Stettins durch die englische Flotte vorgesehn sein. Das wäre eine noch gründlichere Absperrung als sie während des Kriegs durchgeführt wurde. Es wäre dadurch auch der Verkehr mit Dänemark, Schweden und Norwegen unterbunden. Für Bayern muß die Entwaffnungsfrage nun auch unmittelbar akut werden. Sobald das Ruhrrevier gesperrt ist, gibt es von dort keine Kohle mehr. Oberschlesien ist sowieso schon in den Händen der Entente (man erkennt jetzt erst, wie man über das Abstimmungsresultat wieder mal beschwindelt worden ist; das Land wird zweifellos mit Ausnahme weniger reindeutscher Bezirke an Polen fallen), Tschechien fällt eo ipso aus und Sachsen braucht seine Braunkohle für die eigne Industrie. Die hohen Töne der Herren Kahr und Konsorten werden also wohl bald übertönt sein von den kohlenhungrigen Sirenenklängen der betriebsunfähigen Fabriken, und dann wird auch der patriotische Bourgeois finden, daß besser die Einwohnerwehr heimgeschickt als der Profit unterbunden wird. Unsre Leidenszeit hier hört dann von selber auf, und die täglichen Eintragungen über Vollmannsche Kraftbetätigungen werde ich mir schenken können. Heute ist nur wenig davon zu vermerken: 5 Tage Hofentzug für Taubenberger, 10 Tage für Gnad, weil sie am 1. Mai ihre Sowjetsterne angelegt hatten. – Eine auch persönlich schmerzhafte Meldung fand ich in der Presse: mein Freund Fritz Weigel ist wegen einer Rede, die er zur Maifeier in Stuttgart hielt, aufgrund § 130 verhaftet worden. Ich fürchte sehr, daß Zenzl in der gemeinsamen Wirtschaftsführung mit ihm und Englers davon Nackenschläge haben wird. Nach der Enttäuschung wegen des Schadenersatzes für die Plünderung unsrer Wohnung – von den geforderten 26000 Mark sind 3000 als eventuelle Entschädigung einer Kommission des Münchner Stadtrats zur Entscheidung gestellt worden, – also wieder mal Aufschub, Vertröstung, weder Ja noch Nein – wäre akute Geldnot recht arg für sie. Hoffentlich passiert dem armen Fritz nicht zu viel. – Die Levi-Broschüre schlägt mächtige Wellen. Im Wiener „Kommunismus“ beschäftigt sich Josef Révai ausführlich damit. Die Begriffsakrobatik dieser „wissenschaftlichen“ Marx-Interpreten ist ekelhaft. Da springen einem die Vokabeln, die Temperament und Persönlichkeit ersetzen sollen, in jeder Zeile ins Gesicht: Phase, Stadium, Spontanëität, Gewinnung der Mittelschichten, Entwicklungstendenzen u. s. f. Am widerlichsten ist das Jonglieren mit der „Dialektik“. Kommt’s anders als es hätte kommen sollen, so beweist das grade, daß es nicht anders hat kommen können, und dann wird mit dem „dialektischen Prozeß“ Volte geschlagen, daß es nur so knallt. Es ist zum Kotzen, was da für Unfug getrieben wird – von denselben Leuten, die unsereinem „Ideologie“ vorwerfen. Und jedesmal, wenn man aus der Umdrehung der Dinge – (der „auf den Kopf gestellte Hegel“, den man wieder auf die Füße zu stellen hat, wird einem unausgesetzt vorgegrinst, wie denn überhaupt alle Terminologie wortwörtlich von Marx direkt bezogen wird), wenn man glaubt, mit dem Wort „historische Dialektik“ aus einer Widerlegung einen Beweis gekleistert zu haben, hat der Leser die Empfindung, als ob der Autor die Zähne bleckt, sich auf den Hacken umdreht und sagen möchte: seht ihr wohl, wie gescheit ich bin. Genau, als ob man Kindern ein Hokuspokus-Zauberkunststückchen vorgeführt hätte. Wenn das Proletariat nur mal begreifen wollte, welcher Humbug mit diesen „wissenschaftlichen“ Mätzchen getrieben wird und lieber auf Beobachtung und Temperamentserkenntnis als auf theoretische Redensarten vertrauen wollte. „Natürlich fehlten die ‚Voraussetzungen‘ für die Aktion“, schreibt Révai wörtlich, „aber grade darum war die Aktion unbedingt notwendig“. Das ist echt „dialektisch“. Endlich wird uns aber der ungeheure Gewinn aus der Niederlage in Mitteldeutschland verraten: Révail unterstellt, daß vielleicht technisch an der Aktion alles schlecht gemacht ist, der Zeitpunkt unrichtig gewählt, die Parolen falsch waren, aber „das eine ist sicher, daß sie organisatorisch nur nützlich sein wird“. Organisatorisch! Das Vereinsinteresse steht über dem des Proletariats und der Revolution! „Die Frage der kommunistischen Disziplin ist konkret und in lebendiger Gestalt gestellt worden“ – und die hunderte von Toten können daraus einen Trost schöpfen, daß sie gefallen sind, weil ein Klüngel bezahlter Bonzen die Probe machen wollte, ob auch alles tanzt, wenn sie pfeifen, unbeschadet der Blödsinnigkeit ihres gesamten Tuns. Und endlich konstatiert der Marxist zusammenfassend: „Die straffe Zentralisation der deutschen kommunistischen Partei, die auf revolutionärer Disziplin beruht, wird das Resultat dieses Kampfes sein.“ Nein, – wenn dieser Kampf mit allem herrlichen Heroismus, der darin Ausdruck fand, ein erfreuliches Resultat haben soll, so kann es nur das sein, daß alle „straffe Zentralisation“ von den Arbeitern durch ihn als Irrsinn erkannt, und alle „revolutionäre Disziplin“ aus dem eignen Gewissen statt aus erklügelten und widerruflichen Parolen gewissenloser „Führer“ entnommen wird. Die KPD hat sich bei der mitteldeutschen Aktion nicht weniger erbärmlich gezeigt als beim Kappputsch. Diese Erkenntnis ist das einzige Resultat, das bis jetzt von dieser Episode feststeht. Im übrigen sind die Akten über den ganzen Vorgang noch nicht geschlossen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch d. 4. Mai 1921.

Die politische Konstellation ist maßlos interessant – es ist seltsam, daß die meisten Mitgefangenen, die sich doch samt und sonders für große Politiker halten und sogar für ihre fernere Zukunft großenteils das „Führer“-Spielen als Beruf ausersehn haben – garnicht merken und den Argumenten, die ich ihnen bringe, auch nicht zugänglich sind, daß wir unmittelbar vor dem katastrophalsten Geschehnis sind, das seit November 1918 erlebt wurde. Ich verschlinge jetzt die Pressetelegramme mit derselben Gier wie seinerzeit in Traunstein die Nachrichten von den deutschen Rückschlägen nach dem 15. Juli und 8. August. Die Londoner Konferenz ist zu Ende. Das endgiltige Ergebnis wird wohl erst morgen vorliegen, heute ist soviel sicher, daß keine Ermäßigungen mehr für Deutschland herausspringen. Sehr wahrscheinlich ist ein 12tägiges Ultimatum beschlossen worden, wobei nur Ja oder Nein zu sagen ist. Ob Briand nun trotzdem gleich marschieren läßt oder erst nach Ablauf der Frist, ist wenig belangvoll. Denn die Annahme des Ultimatums wäre auch ohne Sanktionen („Sanktionen und ähnliche Annuitäten“, wie Sauber, unser großer Fremdwortkünstler kürzlich meinte) der Anfang vom Ende der derzeitigen Schandwirtschaft im Lande. Soweit bis jetzt verlautet, wird gefordert: völlige sofortige Entwaffnung unter unmittelbarer Aufsicht der Entente, Überführung des Goldbestandes der Reichsbank nach Frankreich, 132 Milliarden Goldmark für Reparation, wovon die schon seit dem 1. Mai fälligen 12 Milliarden sofort, weitere 35 Milliarden bis November dieses Jahres, die übrigen 85 Milliarden nach Deutschlands Leistungsfähigkeit gezahlt werden sollen. Außerdem 25 % vom Export. Als Sicherheit dienen die Reichseinnahmen insgesamt. Zu diesem Schrecken kommen weitere. Amerika hat die Weitergabe des deutschen Kompromißangebots als zu leicht befunden abgelehnt und empfiehlt gänzliche Kapitulation (natürlich durch die Blume), und gleichzeitig mit alledem schaffen die Polen in Oberschlesien ein fait accompli. Sie haben Kattowitz, Beuthen, Hindenburg etc. besetzt, sprengen Brücken und führen in aller Form Krieg. In Berlin ringt man nur noch die Hände; es heißt aber, die Ministerpräsidenten treten zu einer Erörterung der politischen Lage zusammen. Da wird sich dann nun das Wichtigste entscheiden, ob nämlich Bayern weiterhin Vormacht in Deutschland bleibt; dies würde die Ablehnung der Ententeforderung und also das Heraufbeschwören der Gewaltexekutive bedeuten, ob es zur Anerkennung der Reichspolitik, speziell in der Entwaffnungsfrage gebracht werden kann, das wäre jedenfalls das Ende der Kahr-Roth-Pöhner-Herrlichkeit, oder ob die Gegensätze zwischen dem Reich und Bayern zum offenen Konflikt führen werden; das würde die mir genehmste Lösung der Frage sein; denn dann würden sich die Zwangsmaßnahmen der Entente unmittelbar gegen Bayern wenden, die Gegensätze im Landesinnern würden sich unermeßlich verschärfen, die Not würde das Proletariat, das schon wieder – genau wie im Kriege – durch hohe Löhne, für die es Sekt saufen, aber keine Hosen kaufen kann – in korrupte Zufriedenheit gesunken ist, aufrütteln, und die Mehrheitssozi und Gewerkschaften würden selbst gegen die nationale Reaktion zum Kampf, d. ist Generalstreik rufen müssen. Tritt dieser letzte Fall ein, so verzögert sich für uns hier drinnen unsre Befreiung wohl um ein paar Wochen oder Monate, wir kämen aber dann auch heraus als Befreite durch den Willen unsrer Genossen; denn, stehen die Arbeiter erst wieder im geschlossenen Kampf, dann wird es den Auerochsen doch wohl nicht mehr gelingen, die ganze Aktion an irgendeinem Punkt, der ihnen paßt, abzubremsen. Dann könnte es möglicherweise wieder aufs Ganze gehn. Um diesen Preis halte ich’s gern noch eine Weile in Niederschönenfeld aus. Auch das Schreibverbot und die Besuchssperre, die heute 9 Wochen hindurch für uns Oberen durchgeführt wird – bei mir persönlich waren es gestern schon 10 Wochen – will ich gern weiter auf mich nehmen, wenn Vollmann dadurch die Möglichkeit schafft, uns einen äußerst eindrucksvollen Triumph der gesinnungsstarken Renitenz zu sichern. Wie wir hören, ist Wollenberg, der immer noch in Einzelhaft ist, seit gestern oder vorgestern in den Hungerstreik getreten. Da die „Absonderung“ befristet mit 4 Wochen ausgesprochen war, die morgen oder übermorgen abgelaufen wären, vermuten wir, daß Vollmann neue Schikanen gegen ihn ausgesonnen hat, wissen aber noch nichts. Mir tut das Ganze leid, und ich finde Wollenbergs Verhalten keinesfalls richtig. Unsre Verabredung ist, uns durch nichts provozieren zu lassen und alle Schweinereien mit schweigendem Protest zu quittieren. Wollenberg ist aber ein Hysteriker, auf dem Vollmann besonders gern herumreitet, weil er – ebenso wie Taubenberger – sehr leicht aus der Fassung zu bringen ist. Der Hungerstreik schwächt den armen Kerl natürlich fürchterlich, ohne daß er damit das Geringste erreichen wird. Vollmann und seine ministeriellen Vorgesetzten würden ihn ohne mit der Wimper zu zucken, auch draufgehn lassen. In diesem politischen Moment, wo das Thrönchen unter den Ärschen der Roth, Kühlewein, Menzel und des Schnösels sowieso wie noch nie wackelt, ist es ganz sinnlos, sich noch extra mit ihnen an Charakterstärke messen zu wollen. Ich hoffe sehr, daß die Angelegenheit schnell aus der Welt kommt. – Von einer Todesnachricht, die heute in den Blättern steht, bin ich sehr betroffen. Professor Jaffé ist in der Nervenheilanstalt Friedenheim gestorben. Wieviel durch seinen Tod in mir lebendig wird! 1907! Das „tolle Jahr“, wie er es nannte: Frieda, Otto, Else, er, ich, das „goldne Friedele“, Heidelberg, der Ammersee: wieviel Schönes, Lustiges und höchst Originelles lag in allen diesen Beziehungen und Erlebnissen. Und dann das neue Zusammentreffen in der Revolution! Edgar Jaffé war der beste Kopf und der revolutionärste Geist in der Eisnerregierung. Er sympathisierte offen mit uns ganz Linken, lud Landauer, Levien und mich privat zu sich ein, besprach mit mir den Plan der Einführung des Inseratenmonopols auf dem Wege einer einfachen Verordnung von ihm als Finanzminister – damals gab ich ihm die Idee ein, durch Übernahme der bestehenden Inseratenagenturen Mosse und Haasenstein & Vogler die Sozialisierung der Presse durchzuführen – daran, daß das nicht auf dem Verordnungswege ging, scheiterte der ganze Plan –, und wußte, verstand und wollte den Sozialismus ganz anders und sicher viel besser als Eisner, der nur pazifistischer Demokrat war. 55 Jahre ist Jaffé alt geworden und scheint in geistigem Verfall geendet zu haben. In der „Augsburger Postzeitung“ sowohl wie im „Fränkischen Kurier“ las ich die infame Unterstellung, Eingeweihte wüßten, daß seine Teilnahme an der Eisnerpolitik schon als Äußerung seiner Geisteskrankheit zu taxieren gewesen sei. Man druckt ja Zeitungen nur auf schäbigem Holzpapier. Ich möchte aber den sehn, der eine bedruckte Zeitung in deutscher Sprache für etwas andres ansehn wollte als Lumpenpapier.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 5. Mai 1921.

Himmelfahrt. Es ist elend stürmisch und kalt draußen. So gehe ich vormittags nicht in den Hof, sondern notiere, was schon wieder Neues zu bewundern ist. Gestern Nachmittag wurde ich ins Rapportzimmer hinuntergerufen. Ein Gerichtsschreiber oder dergleichen überreichte mir ein dickleibiges Dokument, die Abschrift einer Entscheidung der 4. Zivilkammer des Landgerichts München I, nämlich einen „Arrestbefehl und Pfändungsbeschluß“, in dem „dinglicher Arrest in das bewegliche und unbewegliche Vermögen des Schuldners hiermit angeordnet“ wird. Dies „zur Sicherung der Zwangsvollstreckung für die dem Antragsteller (Finanzamt München IV) gegen den Schuldner zustehenden Strafprozeß- und Strafvollzugskostenersatz-Forderung von 40.000 M ... sowie eines Zinsen- und Kostenanschlags von 500 M.“ Gepfändet werden meine Geldforderungen gegen den Reg. Bezirk Oberbayern, die Stadt München und das deutsche Reich „auf Zahlung der ihm bewilligten oder noch zu bewilligenden Aufruhrentschädigungssummen“, 2) mein Anteil an den Berliner Häusern. – Das ist lieblich. Natürlich ist es die Antwort auf meinen Anspruch, für die Plünderung meiner Wohnung entschädigt zu werden, gegen den die nationale Presse schon mächtig vom Leder gezogen war. Und nun rechnen sie mir gleich die ganzen 15 Jahre an mitsamt den Zinsen und beschlagnahmen drauf los. Ich bin in großer Sorge wegen Zenzl, da ich fürchte, daß meine Geschwister möglicherweise auf meinen Häuseranteil an sie keine Vorschüsse mehr auszahlen werden. Diese 500 Mark im Monat – unter den jetzigen Verhältnissen kaum das Existenzminimum – sind ihre einzige sichere Einkunft. Nun sorgt ja aber für den Hausstand wohl so ziemlich Weigel; aber der ist verhaftet, und so kann alles zusammenbrechen. Mein ganzer Trost ist die katastrophale politische Lage, die vielleicht die Feinde gegen mich nicht mehr zu Schuß kommen lassen wird. Verflucht trifft mich aber jetzt das Schreibverbot. Ich kann Zenzl nicht verständigen, sodaß sie womöglich völlig überrascht wird, wenn die Geschwister sie im Stich lassen. Zum Glück schreibt sie mir, daß Löwenfeld nächste Woche herkommen will. Vielleicht läßt sich die Sache wenigstens durch juristisch-dilatorische Behandlung in die Länge ziehn. Kommt er aber nicht – und mit Rechtsanwälten haben wir da üble Erfahrungen –, dann muß ich, da ich niemanden benachrichtigen kann, alles willenlos geschehn lassen. Mir macht die Sache böse Kopfschmerzen, aber lachen muß ich doch: diese kalten rachsüchtigen Politiker, die die Justiz zur Hure ihrer Sozialistenfeindschaft machen, sind dieselben, die die Entente als Shylok schmähen, weil sie auf ihrem formalen Recht gegen den besiegten Feind besteht. Und dabei wollen doch die Franzosen und Engländer nur die Kosten ersetzt haben, die schon entstanden sind durch die Zerstörungsorgien der deutschen Soldateska, während diese Leute ihrem Landsmann das Fell abziehn unter Anrechnung von 13 Jahren, die noch garkeine Kosten verursacht haben. Außerdem: 40.000 Mark – einfach eine Pauschalsumme ohne die geringste Andeutung, wie sie zustande kommt. Man muß für solches Material, das sie einem jetzt [liefern], wo sie sich noch ihrer Macht sicher wähnen, gradezu dankbar sein. Wir werden einmal unsre Gegenrechnungen mit dergleichen Unterlagen wirksam motivieren können. – Zugleich ein weiterer toller Fall, der Schmidt betrifft. Dem waren seinerzeit hier seine Landtagsdiäten zurückgehalten worden, die er an seine Frau weiterschicken wollte, da das Finanzamt in Kempten die Beschlagnahme für Strafvollzugszwecke verlangte. Nach langem Hin und Her ist jetzt vom Kemptener Gericht ein wunderschönes Urteil gefällt worden. Es sei allerdings richtig, daß Abgeordnetendiäten an und für sich nicht vom Empfänger gepfändet werden können. Da das Geld aber nicht in den Händen Schmidts, sondern in denen der Festungsverwaltung war, könne es von dort aus gepfändet werden. Also die Verwaltung behält das Geld gegen den Willen des Abgeordneten und gegen das Gesetz ein. Die Proteste dagegen werden von den Behörden zwar anerkannt, aber die Verwaltung ist stärker und gibt nichts frei. Dadurch schafft sie dem Gericht einen Rechtsgrund, das Gesetz über die Nichtpfändbarkeit der Diäten aufzuheben. Nett. Die Richter der deutschen „Republiken“ scheinen alle ihre Tätigkeit nur noch dem Nachweis zu widmen, daß Justiz nichts mit Recht zu schaffen hat. – Auch im Hause gibt es Neues. Wollenberg hat, wie wir erfahren, Vernunft angenommen und sieht vom Hungerstreik ab. Er hat wegen Beleidigung eines Aufsehers längere Zeit Hofverbot und 14 Tage Zulage zur Einzelhaft erhalten. Außerdem ist gestern Gesellschaft zu ihm hinuntergekommen, und zwar vom I. Stock. Kolbinger, der Sonntag entlassen werden soll, hat von Genossen hier oben allerlei zum Mitnehmen bekommen, und das hat man bei ihm gefunden. Vorerst ist er in „Absonderung“ gesteckt worden. Die „Sanktionen“ für die beteiligten Genossen hier oben stehn noch aus. Unten aber hatte man gestern aufgeregte Versammlung (die dürfen Versammlungen halten, wir nicht). Man hat sich sehr entrüstet, daß so etwas vorkommen konnte und sich in einer Resolution erneut zum Ehrenwort von früher bekannt. Eine Zusatzresolution von Klingelhöfer(!) wurde ebenfalls angenommen, nach der Schmuggel mit allen Mitteln unterbunden werden soll. Wer einen andern bei der Durchbrechung dieser Disziplin erwischt, soll ihn der Kommission anzeigen. Also organisierte Spitzelei, was aber kein Novum schafft. Auch Kolbinger ist durch Verrat hochgegangen: und einen Berufsdetektiv, der übrigens in der Versammlung das große Wort führte, haben sie ja ohnehin unter sich. Jetzt haben sie Bollen, daß ihr Vollmann, nachdem er dem ersten Ehrenwortbruch auf die Spur gekommen ist, keinem mehr glauben wird und ihnen ihre „Vergünstigungen“ wieder kürzen wird. Als ob er ihnen je ein Wort geglaubt hätte. Jammervoll und würdelos stehn sie da, vor uns, vor dem Proletariat draußen, und sicher sogar vor den Beamten und Vollmann selbst. Die Herren Toller und Klingelhöfer sollen es wagen, sich jemals wieder in revolutionären Arbeiterkreisen zu zeigen!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 6 Mai 1921.

Meine Absicht, nur belangvolle Tatsachen ins Tagebuch zu schreiben, könnte mich nicht dispensieren, täglich Eintragungen zu machen. Auch heute ist wieder Privates, Politisches und Häusliches zu registrieren, daß in weiter Perspektive gesehn, wohl von sehr unterschiedlichem Wert sein mag, für den, der selbst erlebt, aber alles seine Bedeutsamkeit hat. Das Private: Fritz Weigel ist wieder frei. Ich bin seinet- und Zenzls wegen heilfroh. Er teilt mir selbst das Nähere über Verhaftung und Befreiung mit: anscheinend haben einige Verse aus meinen Gedichten zu einem Spitzelbericht Anlaß gegeben, der von München aus bestellt gewesen zu sein scheint. Jedenfalls haben die Münchner Zeitungen schon Polizeiberichte über die Verhaftung gebracht, ehe in Stuttgart die Presse noch etwas wußte. Ich entnehme seinem Brief weiter, daß man in Arbeiterkreisen draußen allmählich über die Niederschönenfelder Vorgänge ziemlich genau unterrichtet ist und allgemein für uns Renitente Partei nimmt. Die Bande unten wird später einige Not haben, Vertrauen und Glauben beim Proletariat zu finden. Das führt mich gleich zum Häuslichen. Heute wurde folgender Anschlag unter das Tafelgitter gehängt: „An das II. Stockwerk. Da ich erfahren habe, daß einige Genossen die 20 M Frauenhilfegeld gern in Empfang genommen hätten, sich aber unter dem Druck andrer Genossen das nicht getrauten, so habe ich für jeden Genossen des II. Stockwerks die 20 M auf sein Konto übertragen lassen, damit jeder darüber verfügen kann. 6. V. 21. Murböck.“ Das ist der Gipfel der Lumperei. Dieser Murböck geriert sich schon vollständig als Verwaltungsbeamter: „Da ich erfahren habe“, – „so habe ich übertragen lassen.“ Wo der ganze Streit wegen der Frauenhilfsspenden eben darum geht, daß wir Murböck nicht als Mittelsperson anerkennen. – Ich werde zum Baden gerufen. –

 

Das hat wohlgetan. Überhaupt gehört die Badeeinrichtung (alle 8 Tage abwechselnd ein Brause- und ein Wannenbad) zu den wenigen Dingen, die hier zufriedenstellend geregelt sind. – Aber weiter im Text. Der Murböcksche Anschlag, durch die Verwaltung geleitet und vom Anstaltspersonal angeheftet, ist ohne Zweifel das Produkt gemeinsamer Beratung des Anführers Vollmann mit seinem Feldwebel Murböck. Vollmann weiß, daß die Not hier oben sehr groß ist – niemand hat mehr Geld, auch ich bin sogar das Zeitungsabonnement noch schuldig, was wohl erst bei der Abrechnung bemerkt werden wird –, er weiß, wie schrecklich viele besonders unter dem Tabakmangel leiden (ich merke ihn gründlich, in 3 Tagen ist mein Vorrat, der frisch ankam und etwa 1½ Pfund Pfeifentabak betrug, nahezu verbraucht worden). Da muß die Versuchung geschaffen werden. Hier ist Geld, zu eines jeden Verfügung; kauft, raucht, lebt! Wird angenommen, so ist damit Murböck als unser Sachwalter gegenüber der Frauenhilfe anerkannt und die beiden haben ihren Zweck erreicht. Wird aber abgelehnt – ja, in welcher Form können wir überhaupt ablehnen? Es wurde vorgeschlagen, eine Erklärung an Vollmann zu schicken, daß wir mit Protest zurückweisen etc. Dann hätten wir erstens schon wieder Unterhandlungen mit der Verwaltung, die unsre Passivität aufgeben hießen, zweitens würde sich die Verwaltung den Teufel um Erklärungen scheren, da sie sicher von sich aus schon über einzelne Posten verfügt hat, um Rückstände von Genossen bei der Verwaltung zu decken. Das hat sie noch immer so gemacht, daß für zerbrochenes Geschirr etc. die Deckung einfach aus dem Konto des Betreffenden entnommen wurde. Zurück-Überschreibung an Murböck empfiehlt sich ebensowenig, da auch darin eine Anerkennung dieses Kerls als in irgendwelcher Form Bevollmächtigter läge. Zurücksendung an die Frauenhilfe direkt? Erstens tät’s die Verwaltung nicht, oder wenn sie’s täte nur mit den Abzügen, die sie eben selbsttätig vorgenommen hätte und den Portospesen: dann hätten wir in den Augen der Helfer ja doch zum Teil akzeptiert, und da das Schreibverbot uns hindert, den Sachverhalt mitzuteilen, würde man draußen an Uneinigkeit im II Stock glauben, und die Sympathie der Arbeiter, die wir zu unsrer Haltung bitter nötig haben, ginge verloren. Ich vertrete, im Verein mit Kain und Adolf Schmidt den Standpunkt, den auch Seppl einnimmt, daß wir die Murböcksche Mitteilung einfach ignorieren sollen. Wir können Vollmann nicht hindern, die Überschreibungen vorzunehmen, aber quittiert wird nichts, und wenn Montag (dem Geldauszahlungstag) keiner etwas verlangt, so wissen die Herrschaften Bescheid und erkennen, daß sie ihre Absicht, uns in Verlegenheit, gegenseitigen Zwist und Widerspruch zum bisher gewahrten Standpunkt zu bringen, wieder nicht erreicht haben. Die freche Behauptung aber, daß Einzelne nur unter Druck verzichtet haben (gemeint ist wahrscheinlich, daß bei der Abstimmung Weigand und Walter abseits standen: aber die haben sich der Majorität gefügt und sind jetzt ungeheuer entrüstet, daß man sie benutzen will, um Terrorisierungen zu konstruieren), wäre glatt widerlegt: denn wir könnten keinen hindern und auch nur kontrollieren, der sich von dem Konto jetzt etwas abheben wollte. Die Empörung über diese neueste Schufterei des Murböck in unserm Stockwerk ist sehr groß. Er fühlt sich schon völlig als Strafvollstreckungsorgan. Alle Scham ist vor den Hunden. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß dieser Mensch so tief in den Dreck sinken könnte. – Und nun zur Politik. Da kann ich’s kurz machen, und doch sieht es nach Geschichte aus, was Neues zu buchen ist: Das Ententeultimatum ist da. Ein unheimlich klares und sachliches Dokument: 6 Tage Frist. Am 13. Mai treten die Sanktionen in Kraft, nämlich die Besetzung des Ruhrtals und weitere militärische Maßnahmen „zu Wasser und zu Lande“ (also auch Beteiligung der Flotte) – falls nicht die Bedingungen der Reparation, der Entwaffnung und der Aburteilung der Kriegsschuldigen „ohne Vorbehalte und Bedingungen“, wie es immer wieder in Verbindung mit dem drohenden Wort „unverzüglich“ heißt, mit einem glatten Ja angenommen werden. Unsre Teutonen stehn also vor dem vernichtenden Bankrott ihrer ganzen Politik, und sie haben ihrer Hilflosigkeit, ihrer Gottverlassenheit, ihrer Jammerbarkeit dadurch den ersten Ausdruck gegeben, daß die gesamte Reichsregierung mit Fehrenbach und Simons obenan demissioniert hat. Jetzt sitzt Fritz Ebert, der Monströse, auf Willys Thron und angelt nach neuen Männern. Wie die Deutschen noch immer das Blödsinnigste am liebsten tun, so scheints auch jetzt geplant zu sein. Man redet von einer Regierung Stresemann. Das wäre für uns das Erwünschteste. Es hieße Fortwurstelung im selben Stil wie bisher, Ablehnung des Ultimatums, Inkrafttreten der Sanktionen, rasende Beschleunigung der unerhörtesten Krise, die je ein Land gekostet hat, dadurch Neubelebung der Revolutionsneigung im Proletariat, wahrscheinlich bald von der mitgeschobenen Mehrheitssozialdemokratie und dem Gewerkschaftsbund arrangierter Generalstreik mit unabsehbaren, – auf jeden Fall aber der Revolution nur günstigen Konsequenzen. Annahme des Ultimatums aber müßte eine sofortige Systemänderung in der ganzen Politik mit sich bringen, die wahrscheinlich durch neue Parlamentswahlen (bei denen von oben her etwas nach links geschoben und vielleicht MSP und USP mit verbundenen Listen antanzen würden) schmackhaft gemacht wird. – Wie es auch gehn mag – unser Himmel klärt sich sichtlich auf. Zum vierten Mal habe ich jetzt die Knospenzeit unter staatlicher Bewachung zu verleben: 1918 in Traunstein in Zwangsaufenthalt, 1919 im Ebracher Zuchthaus in Untersuchung, 1920 im Ansbacher Strafgefängnis und 1921 in dieser liebreizenden Ehrenhaft, unter schlimmeren Vergewaltigungen als je. Ich ahne nicht nur – ich weiß, daß das Bitterste hinter mir liegt. 7 Jahre werden am 1. August verstrichen sein, seit das beschauliche Leben aufhörte. Für mich persönlich und für jeden Revolutionär waren es die 7 mageren Jahre. Bald – bald beginnen die 7 fetten Jahre. – Schon stellt sich auch arges Heimweh ein nach meiner Zenzl.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 7. Mai 1921

Die Staatspolitiker und ihre journalistischen Ausrufer schnappen nach Atem. Annehmen oder ablehnen? Eins fast so bitter wie das andre. Da ich diesen Leuten immer das Dümmste zutraue, rechne ich vorläufig auf Ablehnung, obwohl sich jeder halbwegs Denkfähige sagen könnte, daß deswegen doch bezahlt, abgerüstet und verurteilt werden muß. Vermutlich wird sogar alles noch erheblich teurer werden. Denn die Trotzgebärde, zu der man sich aufschwingen wird, muß zwangsläufig die Folge haben, daß man über die bisherigen Unterlassungen der Vertragsverpflichtungen hinaus Versailles Versailles sein lassen wird, was neue Sanktionen, neue Pressionen von der andern Seite heraufführen würde. Wie es auch werden mag, für die revolutionäre Belebung des deutschen Proletariats kann es nur günstig kommen. Zugleich dehnt sich die Bewegung der Korfantyleute in Oberschlesien täglich weiter aus, – und da wimmert man die Regierungen der Ententemächte an, sie möchten ihre Besatzungstruppen vermehren, und anscheinend soll sogar die deutsche Reichswehr in Trab gesetzt werden. Den Alliierten kann die Sache nicht übermäßig angenehm sein; es handelt sich da offenbar um eine Wiederholung der polnischen Taktik, die seinerzeit in Litauen eingeschlagen wurde. Wie man damals den betreffenden General offiziell desavouierte, ihn aber unter privater Verantwortlichkeit mit Augurenzwinkern wirtschaften ließ, so macht man’s jetzt genau mit Korfanty. Er ist seiner offiziellen Obliegenheiten enthoben und arbeitet nun auf eigne Faust weiter. Was endlich aus der Sache werden wird, läßt sich unmöglich voraussagen. – Im Hause gibts neue Komplikationen. Die Einheitsfront wackelt. Der Anschlag Murböcks sollte gestern nachmittag besprochen werden. Das wurde durch die Allarmierung Schneiders verhindert, der die Sitzung mit den Worten aufhob: „Versammlungen finden fei’ nöt statt.“ Vollmann verhindert also auch, daß wir uns über die dringlichsten Angelegenheiten gemeinsam aussprechen. Am Abend kam dann aber noch ein Brief an Schwab an vom Ausschuß der Frauenhilfe, unterzeichnet von einem gewissen Ruf, einem übel bekannten Mehrheitler, wie denn bei der „paritätischen“ Zusammensetzung des Ausschußes aus den 3 Parteien und den Gewerkschaften eo ipso eine Mehrheit für die Unterschriftsteller dort gegeben ist. Der Brief bedeutet eine glatte Absage an uns. Wenn wir uns nicht fügen, wird man die Unterstützung für uns ganz fallen lassen. Nun ist natürlich unter den weniger rückgratfesten Genossen Rückzugsstimmung. Eine Besprechung der Sache kam heute Mittag nicht zustande, da Schwab diktatorisch erklärte, er werde präsidieren, wogegen ich protestierte und dann mit Schreiber, Seppl und Adolf den Saal verließ. Jetzt soll sich ein „Fünferrat“ selbsttätig konstituiert haben, der uns wohl vor vollendete Tatsachen stellen will. Dann ist der Konflikt fertig. Ich bin der Ansicht, daß unsre einzige Haltung nur konsequente Passivität sein kann. Erst wenn die neue Frauenhilfesendung eintrifft, ist der Zeitpunkt gekommen, wo neu Stellung zu nehmen ist, und bis dahin kann sich viel geändert haben. Aber wir sind wenige, die das meinen, und ich bin nicht gesonnen, über meinen Kopf weg in meinem Namen Aktionen vornehmen zu lassen. Unsre ganz Charakterfesten (Elbert an der Spitze) haben schon für eine neue Parole gesorgt, um ihre „Disziplin“ (im Kompromißmachen) mundgerecht zu machen: wer sich der „proletarischen Diktatur“ der Schwab, Sauber, Wiedenmann und Olschewski (der schon ganz drüben ist bei den Parteigrößen) nicht fügt, ist einfach kein Kommunist. Während unsres Abgangs aus dem Speisesaal rief Elbert pathetisch: „Die Kommuniste bleibe“. Probatum est. Wollen jetzt sehn, wer den längeren Atem hat. – Wieder ein Toter: Alfred H. Fried, der pazifistische Nobelpreisträger. Ein ehrlicher und tapferer Kerl, wenn auch völlig befangen in bürgerlicher Ideologie. Er glaubte, die kapitalistische Staatsdiplomatie müsse mit Verträgen die Kriege aus der Welt schaffen können. Völkerbunds-Ethik. Er hat es wohl trotz aller Beweise der letzten Weltereignisse nicht eingesehn, daß der Versuch, den Völkerbund aufzurichten, der ja bisher nicht geglückt ist und dank der differierenden Interessen Amerikas und Europas vorerst nicht glücken kann, nur der Versuch ist, eine kapitalistische Internationale der sozialistischen gegenüber zu errichten. Verdienstlich bleibt Frieds Wirken deswegen immer. Er wird als einer, der Gutes ehrlich wollte, im Gedächtnis der Zukunft bleiben. – Meine persönlichen Beziehungen zu ihm waren lose. Ich gehörte für ihn wie alle Antimilitaristen, die den Krieg durch Weigerung der Kriegführenden, also der Soldaten und Arbeiter beseitigen wollten, zu den „Dilettanten“, und ich habe mit ihm bei verschiedenen Begegnungen – in Wien, Berlin und München – darüber gestritten, auch einmal in München in einer öffentlichen Versammlung (1910 oder 11). Alfred H. Fried und Edgar Jaffé – ein paar Tage hintereinander. Wer wird diesmal der dritte sein?

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 9. Mai 1921.

Noch keine Entscheidung über das Ultimatum, und da die Regierung erst aufgrund dieser Entscheidung gebildet werden kann, auch noch keine Nachfolger der Fehrenbach und Simons. Eigenartig ist, daß außer den Deutschnationalen, die mit ihrem intransigenten Nein!, mag es noch so dumm sein, doch immer noch die charaktervollsten Politiker in Deutschland sind, noch keine Partei sich zu einer klaren Parole aufgeschwungen hat. Eine wartet auf die andre, um dann wahrscheinlich das Gegenteil zu proklamieren. Inzwischen wächst sich die polnische Aktion in Oberschlesien zu unmittelbarer Kriegsgefahr aus. Fehrenbach hat am Freitag im Reichstag erklärt, daß die Reichswehr bereit gehalten wird. Bei der Beseitigung der Dienstpflicht und der Schwäche der deutschen Streitkräfte wäre der Ausgang eines kriegerischen Unternehmens kaum zweifelhaft, und um die Söldner, die statt auf unbewaffnete Arbeiter einmal auf besser bewaffnete Soldaten als sie selbst sind, schießen sollen, wärs nicht schade. Trotzdem halte ich die Parole der VKP, die zum Generalstreik ruft für richtig, ihren gleichzeitigen Ruf zur Wahl politischer Arbeiterräte dagegen für töricht. Politische Arbeiterräte bilden sich spontan, wenn die revolutionäre Situation sie erfordert. Hoffentlich haben die Herren wenigstens aus dem Osterunternehmen gelernt, daß man dergleichen Dinge nicht als interne Parteiangelegenheit behandeln darf, und daß es Irrsinn ist, Arbeitslose zur Besetzung von Bergwerken oder in Betrieb befindlichen Fabriken hetzen und dadurch statt den Kampf des Proletariats gegen das Kapital einen Kampf von Proletariern gegen Proletarier arrangieren zu wollen. – Häusliches: Gestern wurden Zettel zur Wahl einer Fünferkommission ausgeteilt, die die Frauenhilfssache erledigen soll. Ich schrieb statt Namen etwa folgende Erklärung darauf: „M. E. hat nichts zu geschehn, bis die nächste Frauenhilfssendung eingetroffen sein wird. Deshalb beteilige ich mich an keiner Kommissionswahl und gebe keiner Kommission das Recht, in meinem Namen irgendetwas zu unternehmen.“ Ähnliche Erklärungen gaben Adolf, Seppl, Schreiber, Gnad und Karpf ab, sodaß also mehr als der vierte Teil unsres Stockwerks in Opposition getreten sind, die vorläufig allerdings noch nicht zu Konflikten geführt hat. Dagegen macht es den Eindruck, als ob die Murböcksche Frechheit bei Einzelnen Erfolg gehabt hätte. Heute wurde Bargeld ausgegeben, wobei Weigand, Walter und Ringelmann sich ihre 20 Mark einkassiert zu haben scheinen. Das wäre die erste große Niederlage, die wir erlitten haben, und Vollmann könnte triumphieren, da er Murböcks Behauptung, einige Genossen hätten nur unter Druck auf ihr Geld verzichtet, bestätigt glauben könnte. Er setzt einstweilen seine täglichen Provokationen fort. So hat er seit einigen Tagen angeordnet, daß das Licht auf dem Gang abends statt um 12 schon um 11 Uhr abgedreht wird (das eine Mal, als ich diese Neuerung hier notierte, handelte es sich um eine Eigenmächtigkeit eines Unterbeamten). Gestern blieb die Beleuchtung bis ½ 12 Uhr, sodaß jetzt keiner weiß, woran wir eigentlich sind. Vorgestern abend mußte ein Aufseher plötzlich bei verschiedenen Genossen die Zellentür aufreißen, den Kopf hineinstecken und die Tür dann wieder zuschlagen. Wahrscheinlich hoffte man, Besprechungen über Verwaltungsdinge zu überraschen. Heut erhielt ich vom Malik-Verlag zwei Bücher, dazu einen Zettel: „An den F. G. Herrn Mühsam. Vier weitere beiliegende Bücher wurden gemäß § 17 Abs. 3 der Hausordnung an den Malik-Verlag zurückgesandt. Niederschönenfeld, den 9. 5. 21. Dr. Vollmann.“ Bisher war es einmal vorgekommen, daß eine große Büchersendung an Olschewski, die zur Verteilung bestimmt war, da es kommunistische Literatur war, zurückgesandt wurde. Daß nun auch die private Lektüre des Einzelnen betroffen wird, geschieht in meinem Fall zum ersten Mal. Dieser Vollmann ist tatsächlich erfinderisch in Provokationen und Schikanen. Heute früh ist Kolbinger nun wohl entlassen worden. Er hat die letzten Tage in Einzelhaft verbracht und von denen die ersten drei unter Kostentzug bei Kaffee (was man so nennt) und Brot als einzige Nahrung. Da der erste Stock ihn als Verräter und Ehrenwortbrecher schwer im Magen hat und tiefe Entrüstung gegen ihn mimt, bereiteten wir oben dem Genossen, der ja seine Unterschrift durch sein Opfer für uns gesühnt hat, eine originelle Abschiedsfeier. Im Speisesaal wurden bei offenem Fenster, sodaß er im Erdgeschoß gut hören konnte, revolutionäre Lieder (darunter auch meine verbotene Rätemarseillaise) gesungen und Hochs auf Kolbinger ausgebracht. Er reagierte mit brüllenden Zurufen. Im ersten Stock suchte man, unsre Ovationen durch Jodeln zu sabotieren. Nachher begann ein wüstes Geschimpfe unter uns aus dem offenen Fenster. Daudistel tat sich vor allem mit den unflätigsten Gemeinheiten gegen uns und Kolbinger hervor. Einzelne der Unsern reagierten entsprechend. Es war wahrhaft homerisch, – und der gute Alois kann eine schöne Erinnerung mit hinaus nehmen. Er ist ein guter Kerl, mehr Rebell vielleicht als klarer Revolutionär. Wenn mal wieder Not am Mann ist, wird er bestimmt einen guten Kämpfer stellen. Meine Bewunderung für ihn gründet sich auf die unbändige Körperkraft, über die er verfügt, wie ich von jeher für athletische Muskelstärke heillosen Respekt habe. Ich kann einem so starken Mann nie ernstlich böse sein, einmal weil ich immer gefunden habe, daß körperliche Mächtigkeit mit vortrefflicher Herzensgüte verbunden zu sein pflegt, und dann wohl auch, weil man das am Höchsten schätzt, was einem selbst am meisten fehlt. Daß Kolbinger vor seiner Entlassung noch gründlich mit Wut, Rachegefühl und Haß eingeheizt ist, wird seiner revolutionären Aneiferung draußen recht dienlich sein. So gehört auch Vollmann zu den Kräften, die stets das Böse wollen und doch manchmal das Gute schaffen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 11. Mai 1921.

Vormittags. Die Häufung des Materials veranlaßt mich, die Zeitungen mittags nicht wie sonst abzuwarten, sondern einige außerhalb des Weltgeschehens liegende Begebenheiten vorweg zu notieren. Ich habe den Gerichtsschreiber verlangt, um ihm ein Protokoll zu diktieren. Gestern früh wurde ich zu Schneider hinuntergerufen, der mich im Auftrage der Verwaltung fragte, worauf sich das Protokoll beziehn solle. Ich berief mich auf die Bestimmung, daß der Verkehr der F. G. mit den Gerichten keiner Beschränkung unterliege und verweigerte die Auskunft. Schneider schrieb meine Antwort auf, und nun bin ich neugierig, ob Vollmann wagen wird, mir die Möglichkeit, mich mit den Gerichtsbehörden in direkten Verkehr zu setzen, abzuschneiden. Das Protokoll, das ich diktieren will, lautet: „Gegen die Entscheidung der 4. Zivilkammer des Landgerichts München I vom 28 April 1921, wonach dem Antrag des Finanzamts München IV, zur Sicherung der Zwangsvollstreckung für die dem Antragsteller gegen mich angeblich zustehenden Strafprozeß- und Strafvollzugskostenersatz-Forderung von 40.000 M (mit Worten ...), sowie eines Zinsen- und Kostenanschlags von 500 M (mit Worten ...) stattgegeben und dinglicher Arrest in mein bewegliches und unbewegliches Vermögen angeordnet wird, erhebe ich hiermit Beschwerde. – Eine Begründung des Einspruchs muß ich zurückstellen, bis mir Gelegenheit geworden sein wird, die Angelegenheit mit meinem Rechtsbeistand, Herrn Rechtsanwalt Dr. Philipp Loewenfeld, München, Kaufingerstr. 30, mündlich zu besprechen und ihm zur Wahrung meiner Interessen Vollmacht und Aufträge zu erteilen. – Unter ausdrücklichem Vorbehalt weiterer Einwände, namentlich in Bezug auf die Art des angeordneten Pfändungsvollzugs, verwahre ich mich vorsorglich gegen die vom Finanzamt festgesetzte Summe der Sicherung. Die bisher erwachsenen Kosten für Strafprozeß und Urteilsvollstreckung können die Summe von 40.000 M auch nicht annähernd erreichen. Sollte der Arrest aber als Vorausdeckung der Kosten für meine Gesamtstrafzeit von 15 Jahren gedacht sein, so erblicke ich darin eine Unbilligkeit insofern, als die innere Unsicherheit der zur Zeit noch geltenden Staats- und Rechtsinstitutionen eine Verbüßung der ganzen mir zudiktierten Strafe oder auch nur eines beträchtlichen Teils davon im höchsten Maße unwahrscheinlich macht. Ebenso erblicke ich eine Unbilligkeit in der Pfändung der mir aus meinen Entschädigungsforderungen für erlittenen Tumultschaden zustehenden Ansprüche. Der Schaden, der mir durch die von den damaligen Regierungstruppen in den ersten Maitagen 1919 verübte Demolierung und Ausplünderung meiner Wohnung erwachsen ist, kann schon deshalb nicht als Pfändungssicherheit in Anspruch genommen werden, weil meine Ersatzansprüche sich auf Gegenstände beziehn, die als unentbehrliche Gebrauchsutensilien gesetzlich von der Pfändung ausgenommen sind. – Indem ich endlich unter Vorbehalt juristischer Motivierung gegen den gesamten Arrest- und Pfändungsbeschluß insgesamt und in allen Teilen Einspruch erhebe, bemängele ich insbesondere die Festsetzung einer Pauschalsumme für die beanspruchten Kosten selbst und für Zinsen- und Kostenanschlag und beantrage Aufschiebung der Maßnahmen und Anforderung einer spezialisierten Rechnungsauflegung vom Antragsteller. N’feld, d. ...    Erich Mühsam.“

Nachmittag. Ich hatte eben wieder Besuch. Der mehrheitssozialistische Münchner Stadtverordnete Ruf ist als Vertreter der Frauenhilfe hier, um die Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Er brachte mir von Zenzl ein Paket mit und die mich zum Teil erschreckende, zum Teil erfreuende Mitteilung, daß sie im Begriff ist, mit einer Delegation nach Rußland zu fahren. Ich solle Vigdor Kopps eingedenk sein; es handelt sich also um meine Befreiung auf diplomatischem Wege. Ihre Frage, ob ich einverstanden sei, habe ich natürlich so beantwortet, daß Zenzl ihre Entschlüsse selbst zu fassen habe. Aber daß ich vielleicht 6 Wochen ohne Nachricht von ihr bleiben werde, bedrückt mich im voraus schwer. Dazu kommen Bedenken gegen die Zuverlässigkeit der Hilfe, die meine Auswanderung nach Rußland für mich bedeuten würde. Die Unterdrückungen der Anarchisten dort scheinen sehr häßlich zu sein. Auch bin ich mit dem Reformismus Lenins garnicht einverstanden, der sich nach Meldungen bürgerlicher Blätter schon offen für Staatskapitalismus ausgesprochen haben soll. Also Preisgabe des ganzen kommunistischen Prinzips. Glaubhaft klingen infolgedessen auch die Mitteilungen, die [von Protesten?] Sinowjews und andrer Volkskommissare und den Rücktritt der Außerordentlichen Kommission (Tschega), die Lenins Politik nicht mehr mitmachen wollen, berichten. Meine Stellung wäre, falls ich nicht etwa bei Lunatscharski einen neutralen Posten auszufüllen bekäme, demnach im vorhinein bei der Opposition – und gewiß wäre mir die Opposition Sinowjews längst nicht genug, sodaß die Gefahr, in Rußland auch wieder ins Gefängnis gesetzt zu werden, keineswegs blos als Hyperbel aufzufassen ist. Trotzdem – Zenzl soll nur machen, was ihr recht dünkt. Sie ist mein guter Genius. Ihre Liebe findet gewiß den rechten Weg. Zu welcher Energie solche Liebe fähig ist, das zeigt sie jetzt. – Ich war im Hof. So entstand lange Unterbrechung. – In der Frauenhilfeangelegenheit hat Ruf – ich kenne ihn vom Münchner Arbeiterrat her, wo er die Trambahner vertrat – ein Kompromiß in die Wege geleitet. Danach ist Murböck nun ausgeschaltet, die Sendungen werden an die Verwaltung gehn und unter Zuziehung von Murböck und Schwab verteilt werden. Für unsern Standpunkt hatte der Mann sehr wenig Verständnis. Ich sagte ihm: „Wenn die Arbeiter uns zumuten, von der Reaktion Fußtritte und Demütigungen einzustecken, andernfalls bekämen wir keine Wurst, dann sage ihnen: wir scheißen auf ihre Wurst!“ Auf seine Entschuldigung der Unteren (er hat vor mir und Schwab Niekisch Klingelhöfer und Murböck gesprochen), sie handelten wie sie es ihren Familien schuldig seien, antwortete ich ihm: „Das tun wir auch. Unsre Familien gehören zum Proletariat. Wir tun, was wir als Revolutionäre dem Proletariat schuldig sind. Eine Unterscheidung zwischen unsern Familien und dem übrigen Proletariat geben wir nicht zu.“ Natürlich sind das Auffassungen, die ein Mehrheitssozi (er gab seine Zugehörigkeit zu der Partei nur zögernd zu. Die Leute schämen sich also schon ihrer eignen Organisation) niemals fassen wird. Der Besuch fand unter Aufsicht statt. Ich habe mich dadurch nicht hindern lassen, Vollmanns Verhalten als Verbrechen gegen § 343 StGB zu bezeichnen und meinen politischen Optimismus, daß die Regierung Kahr abgewirtschaftet hat, auszusprechen. Dieser Optimismus steigert sich mit jeder Zeitungsspalte, die ich lese. Die Annahme des Ultimatums scheint gesichert (die Großbanken haben also über die Großindustrie gesiegt). Es soll ein Ministerium Wirth im Reich gebildet werden mit Zentrum, Demo- und Sozialdemokraten. Die Deutschnationalen zetern, die bayerische Mittelpartei, die Auftraggeberin Roths verlangt von ihnen schärfste Opposition gegen jede Regierung, die sich dem Ultimatum fügt. Bayerns Verhalten ist noch nicht durchsichtig. Doch dementiert Kahr schon seine Absicht, zu demissionieren. Das bedeutet den Auftakt zur Demission. In Oberschlesien gehts hoch her. Korfanty beherrscht die Lage. Briand hat dem deutschen Geschäftsträger in Paris auf den Protest eine grobe Antwort gegeben: die Unruhen seien verschuldet durch deutsche Machenschaften und Falschmeldungen. Eine Hilfe deutscher Streitkräfte komme für die interalliierte Kommission überhaupt nicht in Frage. Möglicherweise werden nun die Deutschnationalen die Korfantymethode von der andern Seite her versuchen. Irgendein Kapp wird sich schon dafür finden. Dann ist der Hexenkessel explosionsreif. Frankreich hat durch die Presse angekündigt, daß deutscher Einmarsch in Polen unmittelbar die Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland nach sich ziehn würde. Zugleich schwenkt Amerika völlig in die Ententepolitik ein. Die Hoffnungen unsrer Patrioten, wegen Oberschlesien würden sich England und Italien mit Frankreich verkrachen, halte ich für ebenso illusionistisch wie die Behauptung, zwischen Amerika und Japan stehe der Krieg bevor. Wenn es irgendwo zum Kriege kommt, so nur in Mitteleuropa mit Deutschland als Schauplatz und Objekt. – Es ist in der Frauenhilfssache etwas richtig zu stellen. Die 20 Mark sind nur von Walter abgehoben worden, der nun von allen stillschweigend geschnitten wird. Ich freue mich sehr, daß Ringelmann und Weigand von jedem Verdacht frei sind. Besonders um Ernst hätte es mir bitter leid getan. So wenig der frühere Temperamentsjunge von Ebrach noch in ihm wiederzuerkennen ist – er ist mit seinen 23 Jahren alt, müde, orthodox und phlegmatisch zum Erschrecken –, ich komme von alten Sympathien nicht leicht los und es wäre mir schwer angekommen, mein Urteil über seine Solidaritätsauffassung so ändern zu müssen. – Heute nacht 12 Uhr muß die Antwort auf das Ultimatum in den Händen der Gläubiger sein. Dann kommt die Rutschbahn in Fahrt.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 13. Mai 1921.

25 Monate eingesperrt! – Ihnen werden keine 25 Wochen mehr folgen. Die Dinge gehn den Lauf, den sie gehn müssen. Das Ultimatum ist angenommen, die neue Regierung, ein Angstprodukt[,] konstituiert. Die bayerische Volkspartei hat durch Heim gegen die Annahme sprechen lassen. Heim erklärte dabei, daß in Bayern die Zustände wieder soweit konsolidiert seien, daß man an den Abbau der Einwohnerwehren denken könne. Doch müsse dabei vorausgesetzt werden, daß die Entente der Neuaufstellung von Sicherheitspolizei-Formationen keine Schwierigkeiten in den Weg legen werde. Das ist charakteristisch. Sie halten also die Entwaffnungsforderung immer noch nicht für ernsthaft und wollen im Gegenteil schon wieder neue bewaffnete Gebilde schaffen. Dazu stimmen auch Gerichtsurteile im übrigen Reich, die die Auflösung der Orgesch als ungültig erklärt haben. Bayern scheint Desperadopolitik zu planen, in der Weise, daß man sich offiziell fügen wird, unter der Hand aber den Widerstand gegen die Ablieferung der Waffen stärken wird. Dann kommen eben die Madagassen. Es wäre die Lösung, die ich als die unwahrscheinlichste, aber erwünschteste bezeichnet habe. Übrigens machen sich Differenzen schon innerhalb der bayerischen Koalition, sogar innerhalb der Bayer. Volkspartei selbst, bemerkbar. Herr Helds Zeitung in Regensburg trat für die Annahme des Ultimatums ein. Held selbst ist krank, wird aber wohl, wenn sich die linke Seite des Zentrums zeigen darf, schnell wieder gesund werden. In Oberschlesien scheint in der Tat Reichswehr eingesetzt zu sein (ob offiziell oder auf eigne Faust, ist noch nicht sicher). Das würde die ganze Situation ändern, da dann die polnische Regierung Korfanty nicht mehr allein ließe, sondern – und jedenfalls unbehindert von den Alliierten – die Truppen des Generals Haller aufmarschieren ließe. – Einige Kleinigkeiten: Herr Auer hat vom Landtag eine Erhöhung seiner Rente für Lindners Schüsse auf 24000 Mark erlangt. Eine Schamlosigkeit sondergleichen. Was bekommt Frau Eisner? Soviel ich weiß, nichts.* Und der arme Lindner sitzt im Zuchthaus! Landauer (den seine bürgerlichen Verfälscher zu einem öligen Versöhnungsmeier machen möchten) hat schon recht gehabt, als er mir auf meine Bemerkung, „Lindner hat der Revolution einen großen Dienst geleistet“, erwiderte: „Ja, er hätte nur besser treffen sollen.“ – Die Zeitungen bringen unter bayerischer Justizverwaltung interessante Personalnachrichten. Danach wird Schröder von hier als Direktor an das Frauengefängnis in Aichach versetzt, und hierher kommt ein gewisser Schmauser, zurzeit Zuchthausdirektor in Ebrach. Der Mann war eine Zeitlang Vorstand in Lichtenau. Er soll nicht so übel sein wie Vollmann. Doch wissen wir noch nicht, ob er etwa nur den Posten bekommt, den Schröder jetzt einnimmt: Wirtschaftsdirektor, oder ob er Vollmann mit ersetzen soll. Es wäre ja denkbar, daß man von der Quälerei gegen uns jetzt genug hat und keinen andern Weg findet, aus der Situation herauszukommen, als Vollmann in die Wüste zu schicken. Unten sind Konflikte. Wir hörten gestern im I. Stock Regler die „Bourgeoisknechte“, Schmidts Haßgesang gegen die Intellektuellen singen. Abends war dann Versammlung, bei denen wir neuerdings unbeobachtete Zeugen sind, indem wir uns im Speiseraum mit dem Ohr auf den Boden legen und dann von unten jedes Wort wie durchs Telefon verstehn. Man möchte 6 Untere gern los werden und zu uns hinaufschicken: Regler, Renner, Marschall, Zammert, Kullmann und Paulukum. Wir bedanken uns aber. Außer Zammert taugt das ganze Gschwerl nichts. – Heute ist Rudolf Hartig entlassen. Er meinte es noch am besten mit uns von den Unteren. Aber seine Feigheit und Jämmerlichkeit ließ ihn nie den Bekennermut finden. Ein differenzierter, feinfühliger Mensch, mit Einsicht in revolutionäre Notwendigkeiten, – aber eben ohne Rückgrat. – Unten ist auch ein Neuer eingetroffen. Ich weiß von ihm weder Namen noch Art.

 

Abschrift. „An die Verwaltung. Ich wiederhole mein Verlangen, einem Gerichtsschreiber ein Protokoll aufgeben zu können. Die Sache eilt. – Zu Auskünften über Zweck und Inhalt des Protokolls an die Verwaltung halte ich mich nicht verpflichtet, da nach § 17, Abs. 4 der Hausordnung Schreiben an die Gerichte keiner Beschränkung unterliegen. N’feld, d. 13. Mai 1921.      Erich Mühsam.“

 

* Doch. Die Hälfte.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 14. Mai 1921.

Heute mag die Politik ruhn. Die Zeitungen bringen ohnehin keine belangvollen Neuigkeiten. Bayern „wartet ab“: Warten wir auch ab. – Aber allerlei Bemerkenswertes ist auch heute da. Zunächst hatte ich gestern wieder Besuch: Rechtsanwalt Dr. Loewenfeld war da wegen meiner Vermögenspfändung. Die Sache wird nun ihren bürokratischen Schleichgang nehmen. Viel Neues erfuhr ich von ihm nicht, doch aber, daß ein gewisser Reichert – das kann nur Markus sein – seinen Austritt aus der VKP angezeigt hat und den Nationalsozialisten zugewandert ist. Das überrascht mich nicht sonderlich von dem kleinen fanatischen Hysteriker. Eine gewisse Sympathie für die Wolffheim-Laufenberg-Richtung des Kommunismus war immer bei ihm zu merken. Sein Weg wird ihn nun wohl ganz zum Antisemitismus, zu den Christlichen und von da aus an den Punkt zurückführen, von dem er ausging: zum Kloster. Aber ich erfahre durch den Weg, den die Ansbacher Herrschaften gehn, eine nachträgliche Rehabilitierung, wie ich sie mir kaum erhoffte. Graßl ist bei der Bourgeoisie gelandet, Markus Reichert bei den Nationalisten und Weber ist, wie eben bekannt wird – vorgestern wurde grade im ganzen Stockwerk drüber geredet –, bei unsern Kameraden draußen als Spitzel gekennzeichnet. Schwab fühlt sich demgegenüber garnicht mehr sonderlich wohl in seiner Haut. Er gab mir gestern eine gewundene Erklärung, daß er einsehe, sich in der Beurteilung der drei andern getäuscht zu haben. Ich habe nichts entgegnet. Mag er die Konsequenzen seiner Feigheit nur in seinem Gewissen austragen. Loewenfeld wollte auch wissen, daß jedenfalls neben Schröder auch Vollmann hier fort komme. Heute ist die Bestätigung da. Vollmann ließ heute „An die Festungsgefangenen des I und II Stockwerks“ eine Bekanntmachung ergehn, die ich abgeschrieben habe, und in der es heißt: I. ... Mit Wirkung vom 16. 5. 1921 an wird der I. Staatsanwalt beim Landgericht Augsburg Hermann Kraus bis auf Weiteres an die Festungshaftanstalt Niederschönenfeld abgeordnet und mit der Leitung dieser Anstalt betraut. Mit Wirkung vom gleichen Tage ab wird der als Leiter der Festungshaftanstalt abgeordnete Amtsrichter beim Amtsgericht München Dr. Hans Vollmann dieses Dienstes unter Anerkennung seiner Dienstleistungen enthoben und an seinen Dienstsitz zurückberufen. Der Regierungsrat beim Zuchthause Ebrach Dr. Karl Schmauser wird in gleicher Diensteigenschaft an die Festungshaftanstalt Niederschönenfeld versetzt ...“ Das Übrige bezieht sich auf die der Festungshaftanstalt (die „Gefangenen-Anstalt“ erhält erst jetzt offiziell diesen Namen) anzugliedernde Abteilung für Gefängnishäftlinge, als deren Leiter (unter Kraus) Badum bestimmt wird, dessen Funktionen also an Schmauser übergehn. – Das ist großer Sieg. So fassen es auch die Aufseher auf, deren einer mir vorhin sagte: „Sie haben es doch länger ausgehalten als Dr. Vollmann.“. Dieser Quälgeist ist nun also fort. Ob sein Nachfolger besser sein wird, kann niemand wissen. Daß er schlimmer sein könnte, halte ich für undenkbar. Für morgen und übermorgen (die Pfingsttage) sind den Unteren wieder Geschlechtsfreuden genehmigt.

 

Niederschönenfeld, (Pfingst)-Sonntag, d. 15. Mai 1921.

Während der Eintragung gestern unterbrach mich der Phraseur Elbert, der mir stundenlang die Ohren vollbrüllte und zwar – der große KAP Führer! – für die VKP-Politik. Ein Konjunkturmacher schlimmster Sorte, unehrlich, intrigant, falsch und für die Arbeiterschaft gefährlich wie nur Einer. – Heute und morgen also ist im I Stock wieder großer Betrieb: Besuch in besonderen Zellen des Stockwerks. Es ist ja nun wohl anzunehmen, daß der Eintritt des neuen Vorstands sofort die Aufhebung der Zwangsmaßnahmen mit sich bringen wird, sodaß ich hoffe, Zenzl vor ihrer Reise nach Rußland doch noch sprechen zu können. Über ein halbes Jahr habe ich die Frau nicht gesehn, ihr seit fast einem viertel Jahr nicht mehr schreiben können. Das wird Vollmann noch mal zu verantworten haben. Ich wurde gestern zu einer Erklärung aufgefordert, wie es mit meinen Vermögensverhältnissen stehe, da ich noch Prozeß- und Vollzugskosten für die Ansbacher Gefängniszeit zu zahlen habe. Ich erklärte zu Protokoll, daß ich mich um die Zahlung nicht kümmern könne, da mich die Verwaltung unter Verletzung des § 343 StGB verhindere, mich mit meiner Familie oder sonstwem brieflich zu verständigen. – Mein Verlangen nach dem Gerichtsschreiber (wegen der Pfändung meines Vermögens) wurde durch den Besuch Loewenfelds leider gegenstandslos. Ich hätte gewünscht, Vollmann noch zum Farbebekennen zwingen zu können. Der ist jetzt glücklich fort. Wir waren grade auf dem Hof, als er im Wagen abfuhr. Einige ironische Hurras, die er wohl richtig gedeutet haben wird, folgten ihm. – Sehr beunruhigt bin ich über Lederer. Ich erhielt gestern einen (nicht unterzeichneten) Brief von ihm, der mich fürchten läßt, er habe den Verstand verloren. Es ist ein sogenannter Glücksbrief, den ich 9mal abschreiben und weitergeben soll und um Gottes willen dürfe die Kette nicht abreißen. Abergläubische Naive mögen solche Scherze treiben; wenn ein immerhin differenzierter Mensch da mittut, kann ich mirs kaum anders erklären als mit Wahnsinn. Vielleicht werde ich ihm aber noch schreiben, daß infolge des Schreibverbots „die Kette“ bei mir abreißen mußte. Er möge Vollmann zur Rechenschaft ziehn. Jedenfalls werde ich zu erfahren suchen, ob sich bei Lederer sonst schon Anzeichen von Gehirnerweichung bemerkbar gemacht haben. – Ein Toter, der immerhin erwähnt sein mag: Arpad Schmidhammer, Karikaturist der „Jugend“. Bemerkenswert an seiner Leistung war kaum irgendwie besonderes Talent, wohl aber der Einfall seiner Zeichnungen zu den Glossen des „Neuen Plutarch“, die Köpfe der Porträtierten übergroß auf winzige Körperchen zu setzen. – Ich kannte ihn nur flüchtig von der Zeit meiner Mitarbeiterschaft bei der „Jugend“ her. Er sah aus, wie ich mir als Kind den Rübezahl vorstellte. – Mich erfüllt nur eine Frage: werde ich Zenzl herbestellen können oder nicht? Natürlich wird die Initiative zur Aufhebung der Zwangsmaßnahmen an uns dem neuen Vorstand überlassen. Da seine Berufung zweifellos die Absicht der Behörde verrät, aus der von Vollmann geschaffenen Lage herauszukommen, wird ihm ja nichts andres übrig bleiben als sich an uns zu wenden. Übrigens schließe ich aus Vollmanns Absetzung auch, daß in der bayerischen Staatspolitik allgemein der Rückzug angetreten werden soll. Niederschönenfeld war von jeher ein politischer Seismograph. Jede geringste Kleinigkeit hier drinnen – das haben wir immer beobachten können, – jede Veränderung der Behandlung und selbst der Umgangsformen des Personals war eine Spiegelung der Weltpolitik – wie sie von der bayerischen Reaktion beurteilt wird. Mein Urteil hat jedenfalls sehr an Achtung gewonnen, da ich schon vor 14 Tagen behauptet habe, Vollmann werde am 1. Juni nicht mehr hier sein. Sein Herr und Meister Roth wird ihn nicht lange im Dienst der politischen Justiz überleben – trotz aller Zeitungsbehauptungen, die Kahr-Regierung denke nicht an Rücktritt. Fügt Bayern sich in die Reichspolitik, so sind die Tage dieser Regierung gezählt. Ist sie aber in 14 Tagen noch da, so beweist das, daß sie die Reichspolitik sabotiert. In dem Fall wird ihr die „Schwarze Schmach“ auf die Beine helfen.

 

Nachmittag. Das Gebäude, auf das sich die Thesen stützen, mit denen ich die Abwirtschaftung der Kahr-Regierung als Prophezeiung zum Gegenstand eifriger Erörterungen unter den Genossen gemacht habe, beginnt zu wanken. Ich glaube zwar nicht, daß es ernstlich erschüttert ist, geschweige etwa, daß es ganz zusammenbrechen wird, aber die Zeitungen, die heute mittag ankamen, bringen verdächtige Meldungen. Es klärt sich auf, was Heim in seiner Reichstagsrede gemeint hat, als er die Hoffnung aussprach, die Entente werde Bayern keine Schwierigkeiten in der Aufstellung neuer Sipo-Formationen bereiten. Ein Pariser Blatt meldet, Heim habe den Auftrag erhalten, direkt mit den Alliierten, speziell Frankreich, zu verhandeln und den Vorschlag zu machen, die Einwohnerwehren in Bayern sollten unter unmittelbarer Kontrolle Frankreichs bestehn bleiben, wofür Bayern große Kompensationen anbiete. Das Dementi, mit dem die „Staatszeitung“ dieser Meldung entgegentritt, ist für jeden, der lesen kann, eine offene Bestätigung. Die bayerischen Nationalisten, die bisher am lautesten gegen die „Banditen“ (Kahr auf dem Odeonsplatz) geschrieen haben, die Deutschland versklaven wollen, sind also bereit, sich unter Aufsicht derselben Banditen zu stellen, um ihren Terror gegen das Proletariat fortsetzen zu können. Nun ist die Frage: werden die Franzosen sich darauf einlassen? Ich zweifle stark. Sie haben Ursache, ihren Sozialisten nicht das Argument zu lassen, daß sie sich nun doch mit Geld bezahlt erachten, in der rücksichtslosen Niederbüttelung der Proletarier aber mit den Besiegten gemeinsame Sache machen. Außerdem wird Briand von den Nationalisten Frankreichs schwer angefeindet, weil er das Ultimatum zugelassen hat, statt sofort ins Ruhrgebiet einmarschieren zu lassen. Weiteres Entgegenkommen würde ihm von seinen Chauvinisten – mit Recht – als Schwäche gedeutet werden. Dazu kommt, daß in England und Amerika in allen Schichten des Volks die Entwaffnungsforderung die einzig populäre im ganzen Versailler Vertrag ist und daß man sich sagen wird, von Bayern wird nie und nimmer ein Kriegsbeschuldigter vors Gericht zu kriegen sein, solange er sich hinter Maschinengewehren verbergen kann. Ich glaube also vorläufig nicht, daß Schmidt, der schon triumphiert, Ursache dazu hat und sehe in dem Manöver den letzten Verzweiflungsversuch der Kahr-Roth, sich zu halten. Sie wissen, was sie auf dem Kerbholz haben und daß nur die Kriegswaffen sie schützen, Rechenschaft geben zu müssen. Daher dieser würdelose Schritt, ihre Bewaffnung unter die Kontrolle der „Feinde“ zu stellen, die sie so abgründig zu hassen schienen. Die Angelegenheit wird wohl bald zur Entscheidung kommen. Fällt sie, was ich bestimmt annehme, negativ aus, so vermute ich, wird auch der Kleber Kahr nicht mehr anders können, als mit feierlicher Geste die Verantwortung für alles weitere von sich zu schieben und abzutreten. Behält aber Adolf Schmidt recht, dann haben wir hier drinnen nichts zu lachen. – Eine Überraschung: Albert Reitze schickt mir ein von ihm in Konstanz herausgegebenes anarchistisches Blättchen: „Die Seefackel“. Sehr munter und mit der kuriosen Tapferkeit, die seine Originalität ausmacht, geschrieben. Ich freue mich, daß der alte Freund, um den ich infolge der Berichte Findeisens in Sorge war, wieder Mut und ein Betätigungsfeld gefunden hat. Wann wird meine nächste Zeitschrift zur Welt kommen?

 

Niederschönenfeld, Pfingstmontag (16. Mai) 1921

Meine drei Freunde (Seppl, Adolf und Clemens) befinden sich bei einer Sitzung der VKP-Mitglieder und werden wohl das Gelüst der Schwab, Sauber, Wiedenmann etc, hier eine Parteidiktatur über alle Genossen zu verhängen, kaput machen. Walters Solidaritätsbruch und die Verhängung des Boykotts gegen ihn durch die Kommission, die wir nicht anerkannt haben, hat Konflikte lebendig gemacht, die endlich zum Ausbruch gebracht oder beigelegt werden müssen. Sie nennen es ja „Diktatur des Proletariats“, wenn sich ein Klüngel zusammensetzt und Dekrete erläßt. Außer dem Seppl wüßte ich im ganzen Hause keinen, der meine Auffassung von proletarischer Diktatur, als Diktatur der Klasse über die andre, sie jetzt ausübende, begreift. Darüber hinaus gibt es nur noch die Diktatur der Revolution selbst, nämlich den Terror der Aktiven über die Passiven als Mittel gegen die Sabotage proletarischer Saboteure, aber keine Zentralgewalt. Daß man gar hier unter uns Gefangenen eine Despotie einiger lächerlicher Oligarchen einführen will, zeigt die ganze Absurdität jeglicher Parteipolitik. – In den Zeitungen heute nichts Neues. Es gilt nur nachtragen, was im Drang der Ereignisse in den letzten Tagen hier zu kurz kam. Da ist vor allen Dingen das Sichtbarwerden der Differenzen zwischen den Alliierten in der oberschlesischen Sache. Lloyd George hat eine Rede gehalten, die bei den Franzosen starkes Unbehagen verursacht. Er hat sich heftig gegen Korfantys Gewaltpolitik gewandt und sogar zugegeben, daß Deutschland ein Recht hätte, sich mit Gewalt dagegen zu wehren. Das ist natürlich als Quittung für die Annahme des Ultimatums zu werten und bedeutet: jetzt braucht ihr nur noch guten Willen zu zeigen, euern Verpflichtungen nachzukommen, dann werden wir euch auf die Beine helfen. Bei den Franzosen ist das Bedürfnis, zum praktischen Herstellen der kapitalistischen Solidarität vorläufig noch geringer als das, den Trambahngästen Siegertriumphe vorzuführen, wozu die Polen gut zu brauchen sind. Natürlich werden diese Differenzen keineswegs zu nachhaltigen Konflikten oder gar zum Auseinanderfallen der Zusammenarbeit führen. Als Symptom sind sie aber interessant. In England scheint die Streikbewegung wieder einzusetzen, diesmal von den Eisenbahnern ausgehend. Hoffentlich gelingt es den Bonzen nicht wieder, das Proletariat um seinen Kampfpreis zu prellen. Häusliches: Vollmanns Nachfolger ist noch nicht in Erscheinung getreten. Doch scheint seine Ausschiffung im I Stock einige Verwirrung zu verursachen. Es wurde sogar schon der Versuch gemacht, sich anzubiedern, was kaum auf Gegenliebe stoßen wird. Jedenfalls bedeutet die Sache eine große Niederlage für Vollmann und die Unteren. Wahrscheinlich hat der Schnösel die Zustimmung seiner Vorgesetzten dadurch erwirkt, daß er ihnen versicherte, binnen ganz kurzer Zeit werde er uns zur Unterwerfung gebracht haben. Nachdem nun auch die Operation mit der Frauenhilfe mißlungen ist – da mußte er selbst noch den Rückzug antreten; Murböck ausschalten und unsre Sendungen, die inzwischen eingetroffen sind, ohne weitere Schwierigkeiten in der gleichen Weise, wie die Unteren sie kriegen, von der Verwaltung aushändigen lassen – hat man ihm wohl bedeutet, daß er uns falsch taxiert hat, sich auf seine Auskünfte nicht verlassen kann und angesichts der Notwendigkeit, den Rückzug anzutreten, ihn fortgeschickt. Grade die Wendung „in Anerkennung seiner Dienstleistung“ zeigt deutlich, daß es eine Strafversetzung ist. Früher gab es stets nur sachliche Mitteilungen bei Veränderungen. Das Bedürfnis zur Rehabilitierung wurde nie empfunden. – Eben war Karpf bei mir und erzählte einiges von der Parteiversammlung. Es handelt sich eigentlich um eine Offensive gegen mich. Man möchte mich gern isolieren, da ich mich dem Klüngelzwang nicht füge. Aber das wird nicht gelingen. Außer meinen drei Nächsten steht darin auch Karpf zu mir, und auch Hagemeister wird schwerlich zu einer gegen mich gewandten Attacke zu haben sein, obwohl grade er mit Wiedenmann Vertrauensmann der VKP ist. Gespannt bin ich, wie Kain sich verhält. Er ist ein kluger durchtriebener Rechner, der gewiß die Parteiinteressen übertrieben hochstellt, aber alle Chancen abzuwägen weiß und zu mir persönlich in guter Beziehung wird bleiben wollen. – Amüsant wird es werden, wenn eines Tages die Sowjet-Regierung mich anfordert. Dann werden die Splitterrichter hier Augen machen. Ich selbst bin nach den scheußlichen letzten Wochen in Ansbach recht gleichgiltig geworden. Ich tue was mir im Interesse der großen revolutionären Sache recht scheint und überlasse das Urteil über mein Verhalten dem Verlauf der Dinge.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, den 17. Mai 1921.

Krach. Die „Einheitsfront“ im zweiten Stock ist durchbrochen. Schon gestern beim großen Aufwaschen unter den Parteikretins muß es anmutig hergegangen sein. Tatsächlich hat die Bande all den alten Dreck, der von Westrich und dem Ansbacher Geschmeiß herrührte, wieder hergebracht und mir Unterschlagung, Diebstahl und Gott weiß was vorgeschmissen, – natürlich in meiner Abwesenheit. Sauber soll das Maul am weitesten aufgerissen haben. Dieser Hampelmann von Schneppenhorst und Dürr hats notwendig. Aber es ist die alte Methode: Marx„konfidentielle Mitteilung“ gegen Bakunin und der Ausschluß Radeks aus der alten Sozialdemokratie. Man vertritt hier ja das reizvolle Prinzip, gegen „politische Gegner“ ist jedes Mittel recht. Komisch ist nur, daß bei diesen Leuten immer nur der Revolutionär als politischer Gegner betrachtet wird, der ihnen Mangel an revolutionärer Tatkraft vorwirft. „Klassenkämpfer!“ Heut vormittag erschien auf dem Hof Schröder in Begleitung des neuen Vorstands, um ihm die Einrichtung zu zeigen. Der Mann macht keinen guten Eindruck. Das Äußere: ganz ancien régime, typischer Beamter im Offiziersrang, echte Staatsanwaltsvisage. Die Herren sahen sich nicht veranlaßt, uns zu grüßen. Hatten es auch nicht nötig, denn die großen Proletarierführer Sauber, Schwab und Olschewski zogen ihre Kopfbedeckungen tief herunter, Unteroffiziere, die vorm Vorgesetzten strammstehn. Und ihren Kerkermeister betrachten sie eben als Vorgesetzten. Augenblicklich ist Fortsetzung der Parteiwäsche. Meine drei Freunde haben unter Protest die Sitzung verlassen, so weiß ich schon, was vorging. Wiedenmann hat erklärt, in seinen Augen sei ich ein Dieb, was ihn bis jetzt nicht gehindert hat, unermeßlich freundlich mit mir zu reden. Dann hat Kain dem Seppl vorgeworfen, er habe gestern mit Walter geredet. Er mache also den Spitzel für Walter und demnach sei zu erwarten, er werde ihn auch beim Staatsanwalt machen. Ich hörte den guten Jungen rufen: „Leckts mich allesamt am Arsch da herin!“ Dann ging er hinaus, gefolgt von Adolf Schmidt und Schreiber. Als „Herr Wittmann“ wurde er betitelt – und nun werden wir also wohl den Boykott gegen die „Mühsam-Gruppe“ haben. Gespannt bin ich, wie Ringelmann und Weigand und auch wie Karpf sich verhalten werden. Bei Olschewski ist wohl kein Zweifel mehr; der springt jetzt auf jede Parole: Parteipostenpolitik wie bei den meisten. Sie glauben, von Parteiwegen terrorisieren zu dürfen, wie sie mögen. Da sie an mich mit ihrer „Parteidisziplin“ nicht herankommen, machen sie mich persönlich zum Lumpen, – meine Vergangenheit schützt mich also vor nichts, und der Gedanke, daß ich um des Kommunismus und der Revolution willen schon verfolgt wurde, als sie das Wort noch nicht einmal lallen konnten, stört sie nicht. Seppl aber belangen sie (weil er mein Freund ist) wegen Boykottbruchs, obwohl ausdrücklich auf Boykott verzichtet wurde. Unangenehm wird es ihnen sein, daß Schmidt bei uns ist, ihr Landtagsabgeordneter, ein „Funktionär“ also ihrer eignen Partei. Jetzt bin ich auf die Intriguen gespannt, die sie gegen uns aussinnen werden. Sie haben mit alledem nur gewartet, bis Vollmann fort sei. Jetzt trauen sie sich mit dem ganzen Schmutz vor: Solidarität halten sie für überflüssig geworden. Sie werden sich vielleicht täuschen. Der neue Mann macht nicht den Eindruck, als werde er entgegenkommen. Wir hatten vereinbart, daß von uns aus nichts geschehn soll, um mit der neuen Verwaltung in Verbindung zu treten oder Änderungen herbeizuführen. Wie das von den ganz Konsequenten durchgeführt wird, zeigte sich heute. Günther erhielt ein Paket. Er verlangte, bevor er es annahm, die Anfrage, ob die Durchsuchung und Rückbehaltung der Verpackung immer noch nach alter Methode vor sich zu gehn habe und wie der neue Vorstand darüber bestimmt habe. Natürlich kam die Antwort, es gehe vorerst alles weiter wie bisher. Als ob nicht durch solche Provokationen erst der Anreiz geschaffen würde, nichts zu ändern! Jetzt werden wir 4, allenfalls – wenn Karpf, Gnad, Ringelmann und Weigand zu uns stehn – höchstens 8 unsre Entscheidungen alleine treffen. Und etwas mehr Charakter als die Diktatur-Waschweiber werden wir wohl aufbringen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 19. Mai 1921.

Unsre Isolierung ist so ziemlich durchgeführt. Schon seit gestern Mittag sind wir aus dem Speisesaal ausgezogen und essen jetzt in meiner Bude zu viert. Inzwischen ist folgendes vorgegangen: Ich hatte schon durch Weigand und Ringelmann erfahren, daß beschlossen sei, mir eine Deputation, nämlich Hagemeister und Günther zu schicken, vor denen ich mich sozusagen rechtfertigen solle. Als Hagemeister mir diesen Beschluß bekanntgab, erklärte ich, daß ich bereit sei, mit ihnen zu sprechen, jedoch zur Bedingung mache, daß als mein Zeuge Clemens Schreiber dabei sei. Gestern um 2 Uhr begann die Konferenz, die fast 3 Stunden dauerte. Ich wurde zunächst orientiert, wodurch der ganze Stank aufgerührt sei. Seit einiger Zeit haben wir, um Spitzeleien der Verwaltung durch Durchschnüffelung unsrer Zellen und Behorchung der Gespräche abends vor den Zellentüren vorzubeugen, einen Wachtdienst eingerichtet, wobei in bestimmter Reihenfolge jeder während der Hofzeit und in den Abendstunden auf dem Gang zu bleiben hat. Nun war vor 3 Tagen Schwab an der Reihe. Nach den Erfahrungen in Ansbach habe ich wenig Ursache, diesem Mann besonders zu trauen. Überdies wird hier von etlichen, speziell von Elbert, der Grundsatz vertreten, die Bespitzelung von Genossen, gegen die man irgendwelchen Verdacht hat, sei erlaubt. Wir 4 beschlossen daher, für die Tage, wo einer, der diese Ethik billigt, Dienst hat, aufzupassen und lösten uns während der Hofstunden ab. Tags darauf (vorgestern) war Taubenberger dran, gegen den ich persönlich garkein Mißtrauen habe. Da er aber ein treuer Schüler Elberts ist, hielten die andern auch seine Beobachtung für nötig. Der arme Taubenberger glaubte nun, wir mißtrauten ihm in materieller Hinsicht und hielten ihn des Diebstahls für fähig. In der KP-Konferenz vorgestern hat Schmidt die Sache schon aufgeklärt und ich gab gestern den beiden ebenfalls ganz offen Auskunft, erklärte mich dann aber befriedigt, als mir der Beschluß mitgeteilt wurde, daß jede Beschnüffelung andrer Genossen in ihrer Abwesenheit verpönt werde. Diese Sache wurde also zum Vorwand genommen, um gegen die „Mühsam-Gruppe“ zu Gericht zu sitzen und nun jeden Dreck, den nur irgendwer wußte oder zu wissen glaubte, gegen uns, speziell gegen mich (der ich in Wirklichkeit keineswegs der Initiator war) aufzuwühlen. Und so mußten die alten Geldvorwürfe her: Wiedenmann erklärte, ich sei ein Dieb, Egensperger, der mich bis in die letzten Tage dauernd angeschnorrt hat, der von mir und durch mich alles mögliche erhalten hat, der mich bei jeder Gelegenheit seiner Freundschaft versicherte, schrie: wer mit Mühsam spricht, ist kein Kommunist; Kain, der jeden Abend mit mir den Gang auf und niederpatrouillierte, verlangte, ich müsse nicht blos bei den Kommunisten, sondern auch bei den Anarchisten und zwar international vernichtet werden, Schwab zog, da er die Konjunktur wieder für günstig hielt, mit Ansbacher Schweinereien daher (meine Briefe, die ich dort vorgelesen hätte, hätten immer mit „wir“ angefangen; darum eben habe ich sie ja vorgelesen!) und Sauber behauptete, er besitze überführende Beweise für meine Unehrlichkeit. Ich erklärte den beiden Abgesandten zunächst, daß eine Verteidigung für mich nicht in Frage komme, in die Lage eines Angeklagten ließe ich mich nicht bringen. Die ganze Sache habe politische Motive, weil ich nicht nach der Parteiflöte tanze und sollte etwas gegen mich unternommen werden, so würde ich mich mit allen Mitteln meiner Haut und meiner Ehre zu wehren wissen. Dann gab ich über die einzelnen Fälle kurz sachlichen Aufschluß mit dem Ergebnis, daß beide sich Punkt für Punkt für befriedigt erklärten. Gottseidank habe ich nie etwas ohne Rückendeckung getan: die Weltbühnensendung in Übereinstimmung mit Rudolf Hartig und Murböck verteilt, die Zurücksendung des amerikanischen Geldes nach München mit Murböck gemeinsam veranlaßt, und die von Rose Witcop an Zenzl und an Thekla Egl persönlich gerichteten Geldsummen, über die Petermeier an Sauber irreführend berichtet hatte, sofort von Petermeier als persönliche Gaben an Sauber direkt bestätigen lassen. Sauber besitzt diese Bestätigung, hat mir seinerzeit ausdrücklich zugegeben, daß die Sache geklärt und in Ordnung sei – und kommt jetzt trotzdem mit Anwürfen. Hagemeister und Günther gaben zu, daß nichts von den Vorwürfen übrig sei. Es kamen aber noch andre Beschuldigungen. Ich erhielte auffallend viel Pakete und es bestehe der Verdacht, daß ich unter Inanspruchnahme persönlicher Beziehungen für die Gefangenen überhaupt persönliche Vorteile erziele. Hagemeister war selbst verlegen, als er das vorbrachte und man ging, als ich darüber einfach lachte, schnell hinweg. Am Ende kam dann der eigentliche Punkt, der einzige, bei dem die Leute selbst glauben, was sie behaupten: ich beeinflusse mit meinen politischen Ansichten kommunistische Genossen, vor allem Wittmann, aber auch Schmidt und Schreiber, auch bei Ringelmann und Weigand sei schon mein disziplinstörender Einfluß bemerkbar. Ich antwortete, daß ich selbstredend meine Meinung vertrete wie sie ist, ohne hingegen – im Gegensatz zu andern – je Versuche gemacht zu haben, jemand von seiner Organisation abspenstig zu machen. Die Unterstellung, daß Schmidt und Schreiber politisch unter meinem Einfluß ständen, also kein eigenes Urteil hätten, kränke nicht mich, sondern diese Genossen, die sich wohl ihrer Haut selbst wehren könnten. Im übrigen sei es doch sonderbar, daß ich als Einzelner imstande sein sollte, durch einfache Wahrung meines Standpunkts die jungen Leute zu verderben, ohne daß die große Mehrzahl der Parteikommunisten mit ihrer Gescheitheit und ihrer unablässigen Agitation dagegen aufkommen könne. Ich verlangte am Ende der Konferenz eine schriftliche Erklärung, daß an meiner persönlichen Ehrenhaftigkeit kein Vorwurf bleibe, und zwar von allen denen, die Angriffe gegen mich gerichtet hätten, und von denen, die sie protestlos angehört hätten. Diese zweite Bedingung war den beiden sehr fatal und als Hagemeister Einwendungen machte, sagte ich ihm: wäre er in seiner Abwesenheit mit derartigem Dreck beworfen worden, so hätte ich es für einfache Pflicht gegen einen alten Freund gehalten, zu erklären, ohne vollgültige Beweise sei gegen einen bewährten Genossen jeder derartige Anwurf als Verleumdung anzusehn. Er sowohl wie Günther erklärten, daß sie eine mir zu leistende Ehrenerklärung befürworten würden. Je nachdem, wie diese Erklärung ausfällt, werde ich mein Verhalten gegen die Leute einrichten. Da Clemens unausgesetzt bei der Auseinandersetzung zugegen war, und sich Notizen gemacht hat, werden sie ja nun mit neuen Verdächtigungen in den alten Dingen sowieso kein Glück mehr haben. Ich erklärte aber ferner noch, daß ich keine Aktion, geschweige einen Boykott gegen den Seppl mitmachen werde und auch von dergleichen Beschlüssen mein ferneres Verhalten abhängig machen würde. Nun sollen noch Deputationen zu Schmidt und Schreiber kommen. Bis jetzt ignorieren wir das ganze Pack, haben auch den bisher geübten Austausch von Zeitungen mit Olschewski, Karpf und Podubetzky seit gestern verweigert, weil alle drei dem Beschluß zugestimmt haben, daß Wittmann aus allen Partei-Zusammenkünften hier ausgeschlossen sein soll. Daß Karpf aus Feigheit hierfür gestimmt hat, ist empörend. Der Beschluß wurde gefaßt, nachdem Seppl mit Adolf und Clemens die Versammlung unter Protest verlassen hatte. Er wurde mit allen gegen eine Stimme, bei einer Enthaltung angenommen. Der Einzige, der den Mut fand, dem Kain-Diktat zu trotzen, war – was mich riesig freut, Ernst Ringelmann. Sein Freund Weigand war der, der sich der Stimme enthielt. Die beiden Jungs nähern sich nun unserm verpönten Kreis, und gestern abend waren wir schon zu Sechst in meiner Zelle beisammen. Ernst Ringelmann ist ein schwerfälliger Geist – sein prachtvolles junges Temperament von Ebrach scheint ganz verschüttet; es dauert lange, bis er einen Gedanken erfaßt hat. Dann aber gräbt er ihn ganz tief in sich hinein, und ihn wieder heraus zu bringen, ist ganz schwer. So erklärt sich die halsstarrige Diszipliniertheit in den Parteidogmen, die ihm der unglückselige Bonze Ochel eingetrichtert hat. Weigand (der „Bibs“), unser Jüngster im ganzen Hause, er ist erst 20 Jahre alt, war als Matrose in die Revolution gekommen und einer von den blauen Jungens in der Luisenschule in München, unsrer besten Garde. Ein Mordskerl, voll Kraft und Vitalität. Kein komplizierter Mensch, aber ein klarer Kopf mit Mutterwitz und sicherem naiven Urteil. Ich freute mich gestern, als er über Walters Solidaritätsbruch aus seiner Kenntnis von dessen traurigen häuslichen Verhältnissen heraus ein psychologisch so sicheres verzeihendes Urteil fand, daß sich unsre geaichten Bonzen verstecken können, die mit ihrem Urteil je nach Opportunität und wie Kain es grade politisch braucht, gleich fertig sind. (So wird die ekelhafte Devotion vor dem neuen Vorstand von diesen „Kommunisten“, die der Verwaltung den „Klassenkampf“ angesagt haben – die Trottel! – mit den Pflichten des „kommunistischen Takts“ gerechtfertigt). Was die einzelnen dieser Leute selbst für Dreck am Stecken haben, will ich vorläufig hier nicht niederlegen. Wenn ich mich mal dazu veranlaßt sehn sollte, so werde ich viel Platz brauchen, und die Herren Sauber, Wiedenmann, Schwab etc. würden, wenn sie es zu sehn kriegten, wenig Freude haben, zumal ich nicht, wie sie, die Meinung praktiziere, daß man verleumden dürfe, wenn einem jemand nicht paßt. Ich habe genug Wahres zur Verfügung, um sie zu zerquetschen, wenn ich es für nützlich halte oder dazu gezwungen werde. Jetzt wird sich ja auch bald zeigen, wie lange sie den Zwang der Verwaltung noch tragen werden. Die Erwartung, der neue Mann werde sogleich abbauen (die ja auch ich geteilt habe) scheint schwer getrogen zu haben. Gestern wollte Gnad (der hier zunächst eine Mittelstellung einnimmt; er wird sich wohl aber entscheiden müssen) ein Telegramm wegschicken. Das ging bisher. Denn Vollmann stellte sich ja auf den Standpunkt, die Briefsperre sei eine Sicherungsmaßregel dagegen, daß wir etwa Nachrichten mit chemischer Tinte hinaussenden könnten, während Telegramme ja nicht in der eignen Schrift hinauskommen. Gnad erhielt nun den Bescheid, daß das Telegramm nicht befördert werde; auch zu depeschieren sei nur in allerdringendsten Fällen statthaft. Also statt Abbau Verschärfung. So sehr ich persönlich betroffen werde (ich leide bitter unter der Unmöglichkeit, mich mit Zenzl zu verständigen) freut’s mich doch. Jetzt können die Herren Charakter zeigen, wenn sie einen haben. Ich für meinen Teil vertraue auf die Entwaffnung, deren Durchführung nicht mehr zweifelhaft sein kann, auch nicht wenn Bayern noch zu sabotieren versucht. Die neueste Note Nollets über die Durchführung der verlangten Entwaffnung ist eindeutig und läßt keine Ausflüchte mehr übrig. Kahr aber steht und fällt – nach seinem eignen Ausdruck – mit der Einwohnerwehr, und Roth ist schon ganz unmöglich in einem entwaffneten Bayern. Die paar Wochen halte ich gern noch aus. – Eine große Überraschung: der neue Gefangene unten ist der Genosse Schmid-Burglengenfeld, einer meiner treuesten Gesinnungsgenossen aus der Zeit des Rätekongresses, einer der sich tapfer gehalten hat in der ganzen Revolutionszeit und dem ich persönlich bei Gelegenheit einer Volksversammlung nahetrat, die er in Burglengenfeld bei den Arbeitern der Maxhütte für mein Referat arrangierte. Jetzt sitzt dieser ausgezeichnete Revolutionär und rückgratfeste Kerl unten zwischen den Schleimscheißern und wird natürlich über die Zustände hier und unsern Kampf gegen die Verwaltung völlig einseitig und falsch informiert. Man muß hoffen, daß er durch Beobachtung selbst drauf kommt, mit wem er zusammengespannt ist. Übrigens scheint ohnehin unten die Atmosphäre nicht schöner zu sein als oben. Seit einigen Tagen hört man von der Opposition dort (vor allem Regler) doch sehr verpönte Lieder singen: Bonzens „Bourgeoisknechte“, ferner „die Internationale“ in meiner Übersetzung und die Rätemarseillaise. Vielleicht steht im Hause eine allgemeine „Umgruppierung“ bevor.

 

Abschrift. „An die Verwaltung der Festungshaftanstalt. – Der Oberwerkführer Schneider hat mir heute nachmittag eine Verfügung vorgelesen, laut der ein wahrscheinlich an mich gerichteter Brief mir nicht ausgehändigt werde. Es ist von einem „vorliegenden“ Brief die Rede, der aber nicht dabei war, sodaß ich ohne Kenntnis geblieben bin, wer der Absender war. Ich ersuche um Mitteilung darüber. Ferner heißt es, ich hätte meine Frau beauftragt, einen Reichstagsabgeordneten (es wird sich wohl um Herrn Prof. Dr. Radbruch handeln) über die Zustände in dieser Anstalt aufzuklären. Ich stelle fest, daß ich bereits seit über 12 Wochen infolge Schreibverbots außerstande bin, meiner Frau derartige Aufträge zu geben. Wahrscheinlich hat sie in sehr natürlicher Sorge und nach Rücksprache mit Herrn Rechtsanwalt Graf Pestalozza, der mehrfach hier war, um unsre Rechtsinteressen gegenüber den Behörden wahrzunehmen, sich aus eigner Entschließung an den betr. Abgeordneten gewandt, der mir persönlich befreundet ist. – Die Folgerungen, die aus ihrer Korrespondenz mit dem Abgeordneten auf meine Motive gezogen werden, fallen damit in sich zusammen. – Da es im übrigen schwer ist, aus einmaligem Anhören ein klares Bild von dem zu gewinnen, was die Verwaltung mir zur Kenntnis zu bringen beabsichtigte, ersuche ich um eine Abschrift der verlesenen Mitteilung. N’feld, d. 19. Mai 1921.    Erich Mühsam.“

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 20. Mai 1921

„Ersuchen als nicht sachdienlich abgelehnt.“ Das war die Antwort, die mir heute vormittag Schneider auf meinen Schrieb zur Kenntnis gab. Ich erfahre also nicht, wer der Absender des beschlagnahmten Briefs war (höchstwahrscheinlich Zenzl), noch was sie mir sonst noch zu sagen hat, noch den Wortlaut des Ukas. In meiner Erinnerung war er etwa so: „Aus dem vorliegenden Brief ist zu entnehmen, daß der F. G. Mühsam seine Frau beauftragt hat, bei einem außerbayerischen Abgeordneten Beschwerde zu führen über die Behandlung der Festungsgefangenen in Niederschönenfeld. Der Abgeordnete hat den Brief einem bayerischen Minister übergeben. Mühsam hat mit diesem Vorgehn die Absicht verfolgt, falsche Vorstellungen über die Verhältnisse in der Festungshaftanstalt zu erwecken und Unruhe ins Volk zu tragen. Der Brief wird ihm daher nicht ausgehändigt. Kraus.“ Das Schriftstück war länger, und ich kann auch nur ungefähr den Sinn wiedergeben. Offenbar handelt es sich also darum, daß Zenzl mit Radbruch korrespondiert hat – sie schrieb mir vor einiger Zeit schon darüber, daß R. Material eingefordert habe –, daß der das Material aber wieder dem Minister Hamm übergeben hat, der dann nichts besseres zu beginnen wußte, als zunächst mal zu denunzieren und eine Bestrafung dadurch zu erwirken, daß ich über den weiteren Verlauf der Sache ohne Kenntnis bleibe und das meiner Frau nicht mal mitteilen kann. Der Herr Kraus scheint ein sehr forscher Draufstürmer zu sein. Vollmann war Herrn Roth also wohl noch nicht scharf genug und mußte weg, da er keine Mittel mehr wußte, uns klein zu kriegen. Die Methode des neuen Vorstands ist anscheinend, überhaupt keine direkte Verbindung mit uns aufzunehmen, sondern alles telefonisch abzumachen. Allerdings hat er vorgestern auch schon eine Probe seiner persönlichen Umgangsformen gegeben. Tobiasch, einer der übelsten Burschen im ersten Stock lief auf dem kleinen Hof, der für die „Anständigen“ in der Zeit zur Verfügung steht, wo wir die einzige Hofzeit im großen Hof haben, mit entblößtem Oberkörper herum, als Kraus vorbeikam. Er soll – Wollenberg, der gestern aus der Einzelhaft, die Vollmann ihm mit Frist diktiert hatte – wieder heraufkam, hat es erzählt (nicht mir, denn er ist diszipliniert genug, uns 4 nicht zu begrüßen) – Tobiasch angefahren haben: „Schämen Sie sich nicht? Sofort kleiden Sie sich an und marsch! hinauf!“ Tobiasch habe gefragt, wer er überhaupt sei und auf die Antwort: „Ich bin der neue Direktor“, darauf aufmerksam gemacht haben, daß er Festungsgefangener, also Ehrenhäftling sei und sich einen entsprechenden Ton ausgebeten haben. Darauf habe ihn Kraus sofort in Einzelhaft führen lassen. Wahrscheinlich hat Tobias, den wir gestern schon abgesondert im Hof sahen, pater peccavi gesagt, denn heute ist er schon wieder aus der Einzelhaft entlassen. Immerhin hat er sich dem Mann gegenüber männlicher benommen, als die „Klassenkämpfer“ Olschewski, Sauber und Schwab, die ihn, als er uns im Hof völlig schnitt, ehrfurchtsvoll grüßten. Vielleicht hat Tobiasch auch seine rasche Befreiung einer Aufklärung Schneiders zu danken, daß er zu den Braven gehöre. Dagegen spricht aber der Umstand, daß heute auch Toller von der Forschheit des Herrn erwischt wurde. Die Kenntnis davon verdanken wir dem Zufall, daß Adolf Schmidt grade ein Paket in Empfang nahm, als Toller von Fetsch Aufklärung erhielt, die nämlich, daß Dr. Marcuse aus München ihn besuchen wollte, aber auf Anordnung des Herrn Kraus nicht vorgelassen wurde. Die Lehre gönne ich denen da unten, die glaubten, durch geschickte Ausnützung unsrer Notlage ihre Position verbessern zu können. Jetzt haben sie die Quittung für ihre Würdelosigkeit. Und noch ein weiterer Fall. Vor einiger Zeit wurde hier oben beim Herd das Eisenteil eines Bettes gefunden und daraufhin mehrmals alle Zellen durchsucht, wo das Trum fehlen könnte. Es war alles ergebnislos. Jetzt kamen vor ein paar Tagen die Matratzen zum Lüften hinunter und dabei fand man, daß das Stück zu Walters Bett gehörte, der zwar bestreitet, von der Sache zu wissen, aber ohne Verhör in Einzelhaft gesetzt wurde. Er soll nun dem Vorstand einen recht respektlosen Brief geschrieben haben, mit der Wirkung, daß ihm obendrein für 8 Tage das Lager entzogen wird. Es geht also hübsch los, wobei ich aber auch nicht verschweigen will, daß heute die Paketdurchsuchung in bedeutend konzilianteren Formen vor sich ging als bisher. Ob das daran lag, daß Fetsch die Aufsicht darüber führte, oder ob Kraus entsprechende Anweisungen gegeben hat, muß noch beobachtet werden. Indessen spitzt sich die Situation hier oben weiter zu. Gestern hatten Adolf und Clemens (gemeinsam) den Besuch von Hagemeister und Sauber. Dabei ging es weitaus temperamentvoller her als bei meiner „Vernehmung“. Man schien Verständigung zu suchen (wohl mit Rücksicht darauf, daß die Enttäuschung über den neuen Vorstand den Wunsch nach äußerlicher Einigkeit weckte). Der Hanswurst Sauber verlas jedoch die Direktive und wiederholte die Beschuldigung gegen mich in der englischen Geldsendung – obwohl er die Aufklärung darüber selbst in der Hand hat, die ihm Petermeier gegeben hat. Hagemeister – das ist ein arger Schlag für mich, zumal nach seiner Erklärung vorgestern, er betrachte die Sache als aufgeklärt – fand nicht nötig, zu protestieren und Schmidt nannte seinen Partei- und Fraktionsgenossen deutlich einen Verleumder. Die Besprechung endete ohne Ergebnis. Die verlangte Ehrenerklärung habe ich bisher nicht erhalten, und so schneide ich jetzt alle, die die Parteidisziplin höher stellen als Ehrlichkeit und Wahrheit. Wir haben hier oben jetzt also einen ganz ähnlichen Zustand, wie seinerzeit, als die Hetze gegen Toni Waibel inszeniert wurde – ebenfalls mit Kain an der Spitze. Damals erklärte mir Kain, als ich ihn darüber zur Rede stellte, ob er sich wirklich darüber entrüste, wenn wirklich die freundschaftliche Beziehung unter jungen Leuten mal erotische Formen annehme, ganz kalt: „Garnicht. Aber wer mir politisch nicht paßt, den bekämpfe ich mit allen Mitteln.“ Und so wird auf mich der Grundsatz angewendet: Wer den Bonzen trotzt, der stiehlt auch. Widerlich. Das einzig Erfreuliche ist die Bekehrung Ernsts von seiner frommen Gläubigkeit. Jetzt sieht er, wer die Leute sind, deren Autorität für ihn bis jetzt heilig war. Unsre persönlichen Angelegenheiten verdunkeln zur Zeit natürlich das Interesse an den Weltbegebenheiten, die immerhin interessant genug sind. In der Mitte des Schachbretts steht die starke Figur Korfanty und die Meister Briand und Lloyd George sind in harter Fehde um ihre Behandlung. Doch glaube ich immer noch nicht, daß der Konflikt dem Bestand der Entente ernstlich gefährlich ist. Wichtiger ist mir im Augenblick die Lage in Deutschland und speziell in Bayern. Die Offensive der Nationalisten contra Wirth und seine Regierung ist schon eröffnet, und es ist keineswegs ganz ausgeschlossen, daß man den Sturz dieses ententegehorsamen Kabinets durchsetzen wird, ehe die Bedingungen des Ultimatums erfüllt sind. Wahrscheinlich hofft man in Bayern noch auf diese Entwicklung und hängt eben drum – System Kraus! – die weiße Kampfflagge erst recht weit hinaus. Schon fordern die zur Entwaffnung verpflichteten Einwohnerwehren als solche und mit Namensunterzeichnung von Escherich zum Boykott aller Waren aus den „Sanktions-Ländern“ auf, also ein offen politischer Akt in dem Moment, wo erklärt wird, diese Organisationen seien weder politisch noch militärisch, und also überhaupt von dem Entwaffnungsdiktat nicht betroffen. Damit werden sie natürlich kein Glück haben, aber daß man es bis zum Nachgeben auf offnen Bruch mit dem Reich und auf unmittelbar auf Bayern konzentrierte Gewaltmaßnahmen der Entente ankommen lassen will, halte ich bei der Geistesbeschaffenheit der alldeutschen Bajuwaren durchaus für möglich. Der Ausgang ist klar: es fragt sich nur, ob die Desperados des gegenwärtigen Regimes gleich gehn müssen oder ob sie sich noch ein paar Wochen halten, um dann mit umso lauterem Krach aufzufliegen. Trotz der peinlichen Zeit, die dann hier im Hause zu erwarten ist, wünsche ich das Letztere. Denn das Proletariat wird von allen konfliktlosen Scheinbesserungen eingeschläfert. Katastrophale Ereignisse aber, besonders wenn sie von katastrophalen Dummheiten herrühren, leisten die vorzüglichste revolutionäre Aufklärung und Propaganda.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 22. Mai 1921

Wir haben also wieder mal die offene Spaltung, nicht blos mehr zwischen den Unterschriftstellern im I Stock einerseits (unter denen ebenfalls Verschiedenes brüchig zu sein scheint) sondern auch hier oben. Gestern war Versammlung der Parteischafe. Nachdem man schon vorgestern eine Kantinenversammlung, ohne uns zu verständigen, abgehalten hat (die doch keine Parteisache ist; dabei ist der Seppl sogar Kontrolleur, – aber man fürchtet wohl grade deshalb von ihm gewisse Anfragen über vernichtete Belege, die speziell Kain sehr unangenehm sein müßten), ließ man die oppositionellen Parteigenossen auch gestern ohne Einladung; Weigand und Ringelmann, die man wohl noch zu retten hoffte, erhielten auch eine. Nachher benutzten die Parteikommunisten als Kurier ihrer internen Parteiangelegenheiten an andre Parteiangehörige das Nichtmitglied der Partei, Gnad. Podubetzky und Kain teilten ihm mit, was man wissen lassen wollte. Man fand es opportun, eine Frontveränderung insofern vorzunehmen, als man die Verdächtigungen gegen mich als widerlegt zurückzog (doch scheint die von mir verlangte schriftliche Ehrenerklärung nicht beschlossen zu sein, und solange ich sie nicht habe, rechne ich damit, daß der Schmutz bei der nächst passenden Gelegenheit neu aufgerührt wird und betrachte das ganze Geschmeiß als Feinde, was ihnen noch bemerkbar werden wird). Die ganze Attacke richtet sich jetzt gegen Schmidt, gegen den Boykott verhängt wurde, ebenso gegen jeden, der weiterhin Verkehr mit ihm pflegt. Mitbetroffen sind also natürlich zunächst Clemens, Seppl und ich. Weigand und Ringelmann – die der Einladung, an der Gerichtssitzung teilzunehmen, nicht gefolgt waren – haben sich bis morgen zu entscheiden und haben jetzt schon ostentativ für uns Stellung genommen in einer Form, die fast auf eine Verschmelzung mit unsrer Gruppe hinausläuft: unsre Mahlzeiten nehmen wir jetzt in Bibs’ Zelle gemeinsam ein, was mit großer Wut bemerkt wird. Gnad hat Frist bis Dienstag erhalten. Es ist kaum mehr zweifelhaft, daß er ebenfalls auf unsre Seite treten wird. Wenn Walter wieder heraufkommt, werden wir ihn sofort wieder als Genossen behandeln, weil wir erstens sein Vorgehn als hinreichend gesühnt betrachten und zweitens aus folgendem Grunde: ich hatte seit geraumer Zeit den Verdacht, daß Walter nicht ganz normal ist. Nun haben mir seine nächsten Freunde Beobachtungen mitgeteilt, die diesen Verdacht sehr bestärken. Er leidet offenbar an Halluzinationen, sieht „Erscheinungen“, hat Angstvorstellungen und handelt häufig spontan gegen Einsicht und Charakter. Da er zudem selbst schon Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit geäußert hat und Zustände der Geistesabwesenheit letzthin erschreckend oft auffielen, habe ich gestern mit Rücksicht auf die Disziplinarmittel, die zur Zeit gegen ihn angewandt werden (ihm ist gesagt worden, er solle damit nur erprobt werden, ob er sich nicht fügen kann: hübsche Methoden!), dem neuen Vorstand unsre Wahrnehmungen mitgeteilt und anheimgestellt, ihn psychiatrischer Beobachtung zuzuführen. Der Bibs und der Seppl haben mit unterschrieben. Der arme Junge hat ja hier bei der völlig unpsychologischen Einstellung der Parteileute, die Gewissenlosigkeit zum politischen Prinzip erheben, keine gute Stunde mehr zu gewärtigen. Schon jetzt besteht dringend der Verdacht, daß man ihm die Festungszelle durchstöbert hat, um ihn zu kompromittieren. Ich bin nun neugierig, wie der Herr Kraus auf den Brief reagieren wird. Da gestern sein Adlatus, Herr Schmauser eingetroffen ist – sie zeigten sich miteinander auf dem Hof; wobei die Devoten sich ängstlich verkrochen, um weder uns noch den „Vorgesetzten“ Anlaß zu Kritik zu geben, – wird sich ja das neue System erst in den nächsten Tagen klar durchschauen lassen. Doch haben wir vom I Stock interessante Kundschaft erhalten. Die Kommission, die von diesen Helden zur Begrüßung an den neuen Herrn abgesandt wurde, ist übel abgefahren. Kraus hat zu verstehn gegeben, daß er auf die Versicherungen, die man abgegeben hat, garkeinen Wert lege, und schon haben 4 von ihnen Besuchssperre. Zugleich stehn Gruber und Marschall, die für die Verwaltung Schreinerarbeit leisten, wegen Lohnstreitigkeiten im Streik und Reichardt und Westrich werden von den übrigen geschnitten. Bei vielen scheint der lebhafteste Wunsch zu bestehn, wieder mit uns in Fühlung zu kommen, doch werden sie da wohl kein großes Glück haben, wenigstens bei uns Boykottierten nicht, die wir der Verwaltung gegenüber jedenfalls steiferes Rückgrat behalten werden als die übrigen, bei denen das Schreib- und Besuchsverbot schon manchen sehr nervös macht. Mir wäre es nur wegen Schmid-Burglengenfeld sehr lieb, wenn wenigstens Sprechmöglichkeit da wäre. Wir haben uns gestern flüchtig durch das Fenster begrüßt. – Hier oben haben die Bonzen keinen leichten Stand gegen uns. Mit Gnad und Walter wären wir 8 Mann gegen 16 (Seffert, der am 9. Juni aus dem Gefängnis zurückkommt und zur andern Partei zählen wird, mitgerechnet). Dabei wissen sie, daß wir in uns einiger sind als sie, peinlichstes Material gegen viele besitzen (wobei wir nicht zu Verleumdungen zu greifen brauchen) und daß sie unter sich selbst recht unsichere Kantonisten haben: Kain und Hagemeister sind nicht im Zweifel darüber, daß z. B. Podubetzky und Karpf innerlich zu uns stehn und nur aus Feigheit „Disziplin“ halten. Sie wissen, daß Olschewski nur Opportunist ist (damit, daß er trotz seiner genauen Kenntnis der Tatsachen Saubers Verleumdungen gegen mich ohne ein Wort zu erwidern – Karpf hat wenigstens einen schüchternen Versuch gemacht, die Sache aufzuklären –, angehört hat, ist er für mich ein für alle Mal erledigt), und daß sie eine Reihe von Anhängern haben, die nur wegen gewisser materieller Vorteile überhaupt Mitglieder der VKP geworden sind. Endlich kennen sie auch Leute wie Sauber ebensogut wie wir, haben sich uns gegenüber oft genug über seine zwerchfellerschütternde Blödheit und seine Arroganz, verbunden mit der Sucht, mit nicht vorhandener Bildung zu prunken (seine Fremdwörter: „Ist das eine Satyrik!“ – „Wir stehn eben unter dem Niveau – (statt unter der Fuchtel) – der Verwaltung.“ „Ich befinde mich grade im Aggregatzustande“ etc) mit uns lustig gemacht und erinnern sich schließlich auch der jammervollen Kompromißpolitik, mit der er als Landessoldatenrat die stärkste Stütze der Revolution, das Militär, korrumpieren half. Sauber hat mich verleumdet, hat Adolf gegenüber erklärt, einem „politischen Gegner“ (darunter verstehn diese Maulkommunisten immer nur Revolutionäre) dürfe man auch nicht verteidigen, wenn ihm offensichtliches Unrecht geschieht: damit hat er mich zum Feinde. Ich werde diesen hohlen Kerl, der von einer Parole gehorsam zur entgegengesetzten hüpft, der Thomas’ und Graf’s nationalistische Bocksprünge verteidigte und am Tage darauf, als die Zentrale sie fallen ließ, ihren Ausschluß aus der Partei verlangte, und dessen zweites Wort ist „Wir Kommunisten“, obwohl jeder weiß, daß er nach dem Halleschen Parteitag nur links wählte, weil sein Zellenumgang in der Festung grade aus Radikalen bestand, diesen durch seine Wahl in den Landtag – die er nur seinen 12 Jahren Festung dankt, wie einen Frosch aufgeblähten Servierkellner – nie sah ich einen Menschen, dessen Charakter ihn so zu seinem wirklichen Beruf prädestiniert hätte – diese Ziehpuppe in den Händen jedes halbwegs gerissenen Demagogen, – den Burschen werde ich in seinem eignen Gehirnkot in öffentlicher Exekution ersäufen. – Daß Hagemeister sich an einem Boykott gegen mich beteiligt, tut mir weh; ich werde es mir merken müssen. Ekelhaft ist Karpfs Teilnahme daran; dessen sympathischer Zug war früher seine lausbubenhafte Undiszipliniertheit, – und jetzt tanzt er gehorsam mit nach der Flöte, deren Bläser er ganz genau zu bewerten weiß. Alle übrigen sind mir wurscht, und ich bin weit entfernt, sie unisono als Lumpen anzusehn. Der Titel gebührt allenfalls Schwab, der nicht so ein Trottel ist wie Sauber oder Wiedenmann, aber feige, intrigant, verlogen und aus Ehrgeiz zu jeder Niederträchtigkeit fähig. Mit Kain in Feindschaft zu stehn, ist fast ein Genuß. Dieser kluge, scharfe, kritische Kopf freut sich daran, Menschen gegeneinander zu hetzen und dabei die Drähte zu führen. Wollen sehn, wer diesmal Meister bleibt. Daß er den „internationalen Hochstapler“ gegen mich schon widerrufen hat – vielleicht zieht er ihn in ein paar Tagen schon mit neuer Begründung wieder vor – ist schon ein Trumpf in meiner Karte. Schade um Kain. Sein gänzlicher Mangel an Verantwortungsgefühl verdirbt die ausgezeichneten Werte, die er sonst als Revolutionär hat. Bei den meisten übrigen kann ruhig gesagt werden: das dauernde Eingesperrtsein, das fortwährende Aufeinanderangewiesensein, dabei die ewige Unruhe jedes Einzelnen, die er doch dem andern nicht aufdecken kann, kurz alle die ursprünglichen Elemente der Gefängnispsychose bewirken das Bedürfnis zu gelegentlichem Kampf und zu Austragungen von Nervositäten, zu denen die Anlässe sich selber schaffen und von den Intriganten und politischen Strebern aufgestöbert, gesteigert und ausgenutzt werden. Der Mehrzahl derer, die jetzt gegen mich stehn und mich mit grimmigen Haß und Argwohn betrachten, bin ich daher garnicht im geringsten böse. Sie werden einander eines Tages auch wieder überdrüssig werden, werden sich als Lumpen betrachten und beschimpfen und dann nicht verstehn, was sie eigentlich gegen mich oder Adolf gehabt haben. Über dem Froschteich all dieser Stimmungen und Verstimmungen, aus dessen Quaken wir Beteiligten nur bei sehr nüchterner Beobachtung Charakterschlüsse – und auch nur auf Einzelne der immerhin gequälten Geschöpfe – ziehn dürfen, ziehn die Wolken des Weltgeschehns hin. Wie sie einander folgen, wo und wann sie sich entladen, wird zuletzt auch unter uns, die wir versucht sind, unsre Kerkerwände als Welthorizont zu betrachten, die Beziehungen des Einzelnen zum Einzelnen und zu Allen, Freundschaften und Feindschaften, Mißtrauen und Versöhnungen bestimmen. Im Augenblick aber hat die Annahme des Ultimatums, verbunden mit dem Polenaufstand in Oberschlesien, die Hochspannung zwischen Paris und London und die Kopflosigkeit der bayerischen Reaktion wegen der Entwaffnung, die sich zunächst in hysterischer Übersteigerung der Kahrschen Methoden äußert, eine so undurchsichtige und zugleich mit Elektrizität geladene Atmosphäre geschaffen, daß garkein Grund besteht, den geistreichen Beschluß der Parteikommunisten gegen uns feierlich zu nehmen. Parteimenschen sind eben genau wie Staatslenker und Kirchenpriester: für sie ist jede Opposition von vornherein Verbrechen. Das muß in Kauf genommen werden. Ich glaube aber, daß es mehr gegen die dogmatischen Disziplinen als gegen mich spricht, daß ich gegen die Autorität der Parolekommandeure aller Richtungen noch immer in Opposition gestanden habe. Und so fühle ich mich auch jetzt bei der Minderheit wohl und stark und keineswegs in der Defensive.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 23. Mai 1921.

Heute beginnt wieder eine Woche, in der uns am Nachmittag der Hof zusteht. Dadurch – weil nämlich in diesen herrlichen Frühlingstagen der Nachmittag – von 2 – ½ 6 – ganz ausgenützt wird, bleibt für private Beschäftigung nicht viel Zeit übrig. Jetzt ist’s ¾ 10. Seppl liest mit dem Bonz Mehrings Geschichte der Sozialdemokratie, und um ½ 11 beginnt der Gabelsberger Kurs von neuem, zu dem wir – Seppl und ich – den schon gut stenographierenden Clemens von heute ab zuziehen wollen. Die Zwischenzeit benutze ich, um die gestrigen Eintragungen über die häuslichen Angelegenheiten zu ergänzen. Gnad hat uns gestern mitgeteilt, daß er nach eingehender Besprechung mit Kain und Hagemeister zu dem Entschluß gelangt ist, sich der Mehrheit zu fügen, obwohl er keinerlei Vorwürfe gegen uns habe. Da er sich aber so oder so entscheiden mußte, habe er gefunden, daß Schmidt als Parteifunktionär jedenfalls verpflichtet war, Disziplin zu wahren und objektiv im Unrecht sei. In Wirklichkeit – und Gnad hat mir das auch zugegeben – war für ihn der Umstand maßgebend, daß sein Hauptverkehr Podu und Karpf sind, und ich hatte ihm selbst geraten, sich nur zu überlegen, ob ihm der Verkehr mit einem von uns oder mit diesen beiden lieber sei, wir würden ihm nichts übel nehmen. Interessant bei dieser Angelegenheit ist nun das Gespräch selbst, in dem ihm speziell Kain unsre Vorwürfe, die er alle schriftlich vorlegte, abtat. Wir stellten uns auf den Standpunkt, daß die ungeheure Strenge gegen Walter deshalb nicht am Platze sei, weil seinerzeit unser Beschluß, alle Weihnachtsbesuche abzubestellen, weil unsre der Verwaltung vorgelegten Wünsche über die Art des Empfangs nicht bewilligt wurden, von den Zionswächtern selbst nicht gehalten wurde: Wiedenmann, Murböck, die den Antrag selbst eingebracht hatten und auch Hagemeister erhielten die Besuche ihrer Frauen, und zwar unter immerhin noch recht angenehmen Bedingungen: ohne Aufsicht in von ihnen vorher ausgeschmückten Zellen. Jede Erwähnung dieser alten Geschichte wurde immer äußerst störend empfunden, und Hagemeister insbesondere suchte glaubhaft zu machen, daß seine Frau nicht an einem der Feiertage, sondern erst am Tage darauf gekommen sei. Doch wußte zufällig Gnad sicher, daß sie am 26ten hier gewesen war. Wie half man sich jetzt? Es wurde erklärt, Wiedenmann habe damals im Einverständnis mit vielen andern Genossen (nämlich Egensperger und Nickl, möchte ich bemerken) den Beschluß als Unsinn erkannt und deshalb ignoriert. Hagemeister habe sich dann auf denselben Standpunkt gestellt. Also erst setzen sie einen Beschluß durch, der für alle bindend ist. Dann finden sie selbst ihn unsinnig und brechen ihn, ohne daß die übrigen überhaupt ein Wort erfahren. Ich habe Zenzl seit Anfang November nicht mehr gesehn. Sie wäre Weihnachten gekommen, wenn ich ihr nicht von dem Beschluß Mitteilung gemacht hätte. Ebenso ist es Schmidt und Schreiber gegangen. Bis jetzt gehörte auch der mit hereingefallene Sauber zu denen, die gegen diesen Beschlußbruch sehr empört waren, jetzt ist er, wie Olschewski, Karpf und die übrigen, die damals angeschmiert waren, natürlich ganz einverstanden mit denen, die für sich so wacker Disziplin zu fordern wissen. Der arme Walter war gegen den Verzicht auf das Frauenhilfegeld und sprach das aus. Er hat zwar unsolidarisch gehandelt, aber gemäß seiner ausgesprochenen Überzeugung. Wiedenmann, Hagemeister und die andern Weihnachtsnutznießer haben noch viel unsolidarischer gehandelt und obendrein gegen die Überzeugung, die sie vorher als die ihrige erklärt hatten. – Aber aus Gnads Unterredung gehn noch weitere schöne Dinge hervor. Kain erklärt ehrenwörtlich, daß ich ihm die Nichtbeteiligung Schwabs an meiner Bespitzelung in Ansbach feierlich bestätigt habe. In Wirklichkeit habe ich gesagt, ich hätte keine vollgültigen Beweise für Schwabs Beteiligung. Nachdem mir Schwab seinerzeit unten bei Egensperger ehrenwörtlich versichert hatte, er sei nicht dabei gewesen, wollte ich die Aussagen des jungen Städeler nicht mehr gegen ihn ausspielen. Kains ehrenwörtliche Versicherung nehme ich nicht tragisch. Er wird sich vielleicht selbst einbilden, ich hätte gesagt, was er Gnad diktiert hat. Aber: Schwab gibt die ehrenwörtliche Erklärung ab, er hätte mich nie davor gewarnt, daß Graßl beabsichtige, hier meine Zelle zu durchschnüffeln. Ich kann vor jedem revolutionären Gericht jede beliebige Eidesformel dafür sprechen, daß an dem Tage, wo wir hier heraufzogen (2. März) Schwab mich beiseite nahm und mich vor Graßl und Renner oder sonstwem warnte (ich weiß nicht mehr ganz genau, wen er dazu noch nannte. Vermutlich findet sichs noch im Tagebuch. Ich will nachschlagen). Ebenso hat er damals mit Adolf Schmidt gesprochen und den aufgefordert, mich zu warnen. Jetzt bestreitet er das alles unter Ehrenwort. Nun weiß ich, was von seinem Wort zu halten ist, und daß Städelers Beschuldigung also richtig war. Den Kerl durchschaue ich jetzt. Er mag sich vorsehn. Er ist ein Lump, der zu den dreien in Ansbach paßte.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 25. Mai 1921.

Allmählich wird die Physiognomie des Herrn Staatsanwalts Kraus deutlich erkennbar. Was er in der Woche seiner jungen Amtstätigkeit schon alles geleistet hat, läßt Reizendes für die kommende Zeit erwarten. Ich persönlich habe gestern eine neue Visitenkarte dieses Herrn lesen können. Ich hatte vor einigen Tagen einen Zettel vorgeschickt, auf dem ich um Reparatur meiner privaten Filzschuhe ersuchte. Bei solchen Kleinigkeiten habe ich immer kleine Zettel von einem Abreißblock benutzt, was nie beanstandet wurde. Gestern wurde ich nun zu Fetsch hinuntergerufen, der mir von der Rückseite des Zettels folgende Proklamation verlas: „Abgelehnt. Wenn F. G. Mühsam noch einmal wagt, mir einen derartigen Fetzen Papier herunterzuschicken, so werde ich ihm eine fühlbare Belehrung zukommen lassen.“ – Sympathische Umgangsformen hat der Mann, das muß man sagen. Er fühlt sich also durchaus als Rekrutenschleifer und bildet sich gewiß ein, auf die Weise werde er uns den Kommunismus austreiben. Ob solche Leute wirklich niemals auf den Gedanken kommen, daß sich das Rad einmal wieder drehn könnte und daß dann die „fühlbaren Belehrungen“ auf sie selbst niederprasseln müßten? Es scheint nicht. Zur Aufhebung der Zwangsmaßnahmen – die bei mir schon über drei Monate in Kraft sind, für alle jetzt 12 Wochen – scheint nicht die geringste Absicht zu bestehn, auch nicht zur Wiedereinführung einer im übrigen gleichmäßigen Behandlung der beiden Stockwerke. Bis jetzt hat Kraus jedenfalls noch alles beim Vollmannschen gelassen. Unser Brief wegen Walters Geisteszustand hat hingegen eine höchst überraschende Wirkung geübt. Der Vorstand hat bis jetzt uns gegenüber garnicht reagiert; Walter aber, von dem er jetzt doch eine veränderte Vorstellung haben müßte, hat er dessenungeachtet – oder grade deswegen? – 8 weitere Tage Bettentzug zudiktiert, angeblich unhöflicher Briefe wegen. Vielleicht will er psychiatrische Versuche anstellen und denkt sich: ein ohnehin nicht mehr Zurechnungsfähiger muß durch derartige haarsträubende Quälereien doch wohl ganz wahnsinnig werden, – wenn nicht, hat Mühsam gelogen und die „fühlbare Belehrung“ kann einsetzen. Kraus hat sich aber, wie wir trotz aller Geheimniskrämerei und gegenseitigen Absperrung erfahren haben, einen würdigen Gehilfen als Zensor verschrieben: den Münchner Polizeikommissar Grundler, der – ob’s wahr ist, weiß ich freilich nicht sicher – in Person die Besuche der Unterschriftsteller überwachen soll. Dieser Beamte wurde seinerzeit im Zusammenhang mit dem weißen Terror in München viel genannt. Er soll in Giesing eine sehr trübe Rolle gespielt haben. Der I. Staatsanwalt, der Polizeikommissar, der Zuchthausbeamte (Schmauser) – wir sind in unsrer „Ehrenhaft“ wohl aufgehoben. Graf Arco – der ja allerdings nur einen Meuchelmord beging – lebt inzwischen wie Gott in Frankreich in der seinigen. Aber er ist einer der ihren und hat einen der unsern weggeräumt. Klassenjustiz? Ausgeschlossen. Ich glaube, sie bilden sich’s selber ein, es sei Gerechtigkeit. Die Zustände hier drinnen, die nun also, allem Anschein nach, auf die äußerste Spitze der Reaktion zutreiben, waren für mich, seit die Windrichtung zu konstatieren ist, ein Beweis dafür, daß sich die Kahr-Leute gegen die Entwaffnung wehren wollen. Die Behandlung à la Hundsfott bedeutet: denke ja nicht, daß wir schon am Abkratzen sind; wir haben noch alle möglichen Chancen, unsre Waffen und unsre Macht zu retten, – und dann wehe euch! In der Tat stimmt damit das ganze Verhalten dieser verwegenen Desperados vollständig überein: in München wird wieder frisch drauf los verhaftet. So in diesen Tagen u. a. Hanna Ritter, eine gute Genossin, von der besonders betont wird, sie habe mit Festungsgefangenen in geheimer Korrespondenz gestanden. Nun muß man sich fragen, auf welchem Weg man Bayern aus der Reichsverpflichtung zur Waffenabgabe und Auflösung der Organisationen loskriegen will. Ein direkter Affront mit offener Gehorsamsverweigerung scheint vorläufig nicht beabsichtigt zu sein, wenngleich eine Konferenz der Einwohnerwehrleitung durchblicken ließ, daß Escherich unter Umständen auch aktiven Widerstand leisten würde. Der Heimsche Plan, mit den Franzosen direkt zu verhandeln und die E.-W. unter Entente-Oberhoheit zu stellen, verschwand gleich wieder. In andrer Form scheint man ihn aber noch nicht ganz fallen gelassen zu haben. Es war von der Organisation rein lokaler Wehren die Rede und davon, daß Bayern nur durch die Reichsregierung mit der Entente verhandeln werde. Offenbar will man also durch das Reich versuchen lassen, für Bayern anstelle der aufzulösenden Orgesch, E-W. etc. lokale Bürgerbewaffnung zu erreichen, die rein als Mörderzentralen gegen das Proletariat gedacht, keine Bedenken hätten, sich unter die unmittelbare Aufsicht der „Schwarzen Schmach“ zu stellen. – Aber auch das wird ihnen nicht gelingen. Es beweist die ganze bornierte Kurzsichtigkeit dieser Politiker, daß sie den Versuch überhaupt wagen wollen. Über Bayern besteht im Ausland garkein Zweifel: Die Zeitungen, die von der ersten bis zur letzten Spalte nichts als Hetzereien bellen – die „demokratischen“ [„]Münchner Neuesten Nachrichten“ und „Fränkischer Kurier“ genau wie die alldeutsche „München Augsburger Abendzeitung“ und der klerikale „Bayerische Kurier“ und überdies die gesamte kleine Provinzpresse werden selbstverständlich in Paris und London aufmerksam gelesen und man zieht seine Schlüsse. Bayern hat also weniger Chancen für eine Extrawurst als sonst irgendein deutsches Land. Kommt hinzu, daß Briand im Augenblick ohnehin einen schweren Stand gegen seine Nationalisten hat, die ihn wegen der Zulassung des Ultimatums angreifen und die Unterlassung der Besetzung des Ruhrgebiets als Nachgiebigkeit gegen Deutschland betrachten. Außerdem aber ist in Oberschlesien insofern eine neue Wendung eingetreten, als deutsche „Gegenangriffe“ gegen die Korfanty-Banden eingesetzt haben, die die Entente – und hier scheint London und Paris wieder einig zu gehn – veranlaßt haben, ein Verbot von Freikorps-Operationen jeder Art von der Reichsleitung zu fordern, das auch schon da ist. Nun wird berichtet, daß vor ein paar Tagen in der Gegend von Neisse – also im unbesetzten Gebiet Schlesiens – das bayerische Freikorps „Oberland“ gegen die sozialdemokratische Presse gewütet hat, und in der Ententenote wird überdies das Korps Aulock – beide aus alten konterrevolutionären Aktionen traurig berühmt, ausdrücklich genannt. Dazu kommt ein Bericht des Dresdner Eisenbahnbetriebsrats, nach dem Orgeschleute Maschinengewehre und Handgranaten nach Schlesien gebracht haben und den Versuch, das zu verhindern, mit Prügeln quittiert haben. Lauter Dinge also, die die Bewilligung des jetzt modernen „Ortsschutzes“ nicht eben wahrscheinlich machen. Die Meldungen, daß die Verhandlungen zwischen Berlin und München ein beide Teile zufriedenstellendes Resultat erwarten lassen, nehme ich höchst skeptisch auf. Beruhigungspulver: Klebstoff für die Kahr-Roth-Pöhner-Leute. Bis zum 10. Juni hat die Kahrregierung Zeit, ihre Absichten endgiltig zu formulieren, und sie wird wohl alles tun, um bis dahin zu verschleiern, was sie will und wie ihre Aussichten sind. Bis zum 30. Juni muß sie ihre Bewaffnung auf den bewilligten Stand hinuntergesetzt haben. Tut sie’s nicht, so werden wir hier vorübergehend noch tolleren Bedrückungen ausgesetzt sein als bisher; aber die „Schwarze Schmach“ tritt in Aktion und es gibt für die Herrschaften ein Ende mit Schrecken. Es gilt also hier nur noch ein paar Wochen Ohren steif halten – und das Krausköpfchen wird keine fühlbaren Belehrungen mehr aushecken können.

 

Abends 7 Uhr 20. Ich sitze mal wieder in Einzelhaft. Vor einer halben Stunde wurde ich hinuntergerufen und mir ein längeres Elaborat des Herrn Kraus vorgelesen, dessen wesentlicher Inhalt etwa dieser ist: Der F. G. Mühsam wird bis auf weiteres abgesondert, da er versucht hat, in die gegen den F. G. Walter angeordneten Disziplinarmaßregeln einzugreifen und Behauptungen über dessen Gesundheitszustand aufgestellt hat, über den der ärztliche Befund das Gegenteil besagt. Er hat damit gegen § 22 der Hausordnung verstoßen. Die Absonderung wird verhängt, um dem F. G. Mühsam Zeit zu geben, Erwägungen darüber anzustellen, daß er nicht befugt ist, sich eine Führerrolle unter den Festungsgefangenen anzumaßen und jüngere Gefangene zu unbedachten Schritten zu veranlassen, wie er es durch die Bestimmung der F. G. Wittmann und Weigand mit zu unterschreiben getan hat. Sollte Mühsam die geringste Widerrede versuchen oder gar irgendwie sich widersetzen, so werden weitere Maßregeln folgen.“ – Das ist stark, – wenigstens hält man es wohl im gegenwärtigen Bayern für Stärke. Ich erfülle gegen einen jungen Menschen, den ich für krank halte, die simple Pflicht, meine Beobachtungen mitzuteilen, die unterschriftlich bekräftigt werden durch seine beiden nächsten Freunde und stelle anheim, ihn nach meiner Vernehmung durch den Vorstand oder den Arzt psychiatrischer Beobachtung zuzuführen – und darauf diese Antwort! Das sind ungarische Methoden, wie es ja schon aus den beiden Mitteilungen, die ich bisher von dem Mann erhielt, hervorging, daß er provozieren wollte und mich als sein erstes Opfer auserkoren hatte, Seppl und Bibs sind mit Verwarnungen davongekommen. Der gute Sepp kämpfte mit Tränen, als er mir half, meine Sachen zusammenzupacken. Nun bin ich gespannt, wie lange die Erwägungskur dauern soll. Ich rechne nicht damit, daß ich wieder zu meinen Genossen komme, bevor nicht Kahr und Roth und mit ihnen ihr Übervollmann aus ihren Ämtern entfernt sind. Ich denke daran, morgen ans Justizministerium einen Bericht zu senden, obwohl ich besorgen muß, daß dieser Gemütsathlet trotz des Rechts, unbehindert mit den Behörden zu verkehren, das zum Anlaß nehmen könnte, mir das Bett wegzunehmen oder noch ärgeres auszudenken, um mich zu quälen. – Die Einzelhaft wird mir in mancher Hinsicht ja auch gut tun. Sie gibt Gelegenheit zu innerer Sammlung. Auch werde ich wieder an meinen Roman gehn können, der seit Anfang Februar (der letzten Einzelhaft) brach liegt. Vielleicht bringe ich wieder 4 Kapitel zustande. Allerdings wird jede Schaffensfreude stark gelähmt durch die trüben Erfahrungen, die ich mit meinen Büchern machen muß. Der „Judas“ hätte schon draußen sein sollen und wird ja hoffentlich wirklich bald erscheinen. Von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ höre ich schon lange, lange nichts mehr. Doch wäre das gleichgültig. Daß aber meine Broschüre über die Einigung im Bolschewismus absolut verschollen scheint, regt mich dauernd auf. Seit 5/4 Jahren ist das Werkchen druckfertig. Pfempfert hat es seit etwa ¾ Jahren – und rührt sich nicht. Der Aktualitätswert geht ganz verloren und das Prinzipielle könnte in den Auseinandersetzungen dieser Zeit nur klärend und günstig wirken. Ich fange an, gegen Pfempfert den Verdacht zu hegen, daß er mich absichtlich schikaniert. Vielleicht findet sich hier unten auch gelegentlich meine Muse wieder ein. Meine lyrische Ader ist seit langem ganz ausgetrocknet. – Na, also mag geschehn, was da kommen will. Ich fühle es deutlich: die schlimmste Zeit meines Ausgeliefertseins an den Feind fängt jetzt an. Aber auch sie wird vorübergehn. Hoffentlich bald.

 

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