Tagebücher

XXVIII

 

26. Mai – 14. September 1921

 

 

 

Niederschönenfeld (Einzelhaft), Donnerstag, d. 26. Mai 1921

Ich muß wieder einmal vor der Zeit ein neues Heft anfangen, und diesmal, da ich Zenzl nicht verständigen konnte, für eins zu sorgen, eines, daß nicht zu den andern paßt, obwohl es mich 15 Mark gekostet hat. Ob und wann ich oder ein späterer Leser den Inhalt dieses Buchs mit den früheren Aufzeichnungen zusammenflicken kann, läßt sich kaum entscheiden. Nachdem ich gestern wegen meiner Sorge um Walter und um Zeit zu erhalten „Erwägungen anzustellen“ in Einzelhaft gekommen bin, wurde mir heute nachmittag „auf Anordnung der Verwaltung“ alles Papierne herausgeholt, darunter das grade im Gebrauch befindliche (aber fast volle) Tagebuch und das gesamte Kladdemanuskript meines Romans, an dem ich grade anfangen wollte, weiterzuarbeiten. Also eine Wiederholung des ganzen Vorgangs vom 19. April 1920. Nur jetzt insofern schlimmer, als kein Grund da ist oder auch nur vorgetäuscht wird, irgendeine Untersuchung in einem Strafverfahren dadurch zu fördern. Außerdem kann ich mich an niemanden hilfesuchend wenden und stehe einfach dem von keiner Rechtsformalität mehr zurückgehaltenen Ausbruch eines, wahrscheinlich von Antisemitismus bedienten brutalen politischen Hasses gegenüber, der mich zum Opfer will. Ich rechne damit, daß der Inhalt der Tagebücher von Kraus zum Vorwand gemacht werden wird, neue Arten seiner fühlbaren Belehrungen zu entwickeln. Wie sorglos dabei sein Gewissen ist, zeigt, daß er Walter nun außer dem Zwang, unbedeckt auf der harten Holzpritsche zu schlafen, auch noch 3 Tage auf Wasser und Brot gesetzt hat. – Außer Walter und mir ist seit gestern abend auch noch Weigand in Einzelhaft, weil er gegen die Unterstellung protestiert hat, er sei von mir zur Unterschrift unter die Mitteilung verführt worden, daß wir Walter nicht für normal halten. Ich habe heute im Hof Walter nur soviel von den Gründen meiner Absonderung gesagt, daß ich auf seine Nervenüberreizung aufmerksam gemacht habe. – In der Verfügung gegen mich wird behauptet: Ärztlicher Befund – das Gegenteil. Tatsache ist, daß Walter auf seinen Geisteszustand noch garnicht untersucht ist, anscheinend ist der Arzt von unsrer Befürchtung nicht einmal verständigt worden. Interessant aber ist, daß Herr Kraus die alte Fiktion, bei Absonderungen handle es sich um „Sicherheitsmaßnahmen“, garnicht mehr respektiert und glatt zugibt, daß es sich bei allem um Disziplinierungen handelt. So wirft er mir ja ausdrücklich vor, daß ich mich in Walters Disziplinierung einmische und die ironisierende Zwecksetzung meiner Maßregelung läßt sich auch verdammt schwer als Sicherung der Anstalt ausdeuten. Die Hausordnung aber, auf deren § 22 sich Kraus extra beruft, kennt als Disziplinarstrafe nur Hofentzug, den der neue Herr grade nicht anzuwenden scheint. – Was der Haussuchung – (wie mir von oben heruntergeschrieen wurde, hat man auch oben meine Zelle ausgesucht) – für weitere Schritte folgen werden, ist nicht zu erraten. Gutes erwarte ich mir umso weniger, als die fanatische Wut, mit der Kraus ohne jeden stichhaltigen Grund und obwohl ich jeder Provokation sorgfältig ausgewichen bin, über mich hergefallen ist, doch offenbar nur den Zweck hatte, Vorwände zu schaffen, um mich mit ausgesuchten Martern zu verfolgen. Aber ich bin gefaßt. Mehr als umbringen können mich auch diese Leute nicht. Körperliche Qualen, die mir vielleicht angesonnen sind, können schließlich an mein Innerstes auch nicht heran, – und Zuchthausfälliges wird auch der erfinderischste parteinationalistische Staatsanwalt weder aus meinen Tagebüchern noch aus irgendwelchen andern Papieren herausdestillieren können. Schließlich aber ist alles, was jetzt auf meinen schwachen Kadaver niederfährt, ja nur Bestätigung meiner Erwartungen. Genau wie im Kriege die Zeit zwischen der strategischen Katastrophe vom 15. Juli und 8. August 1918 bis zur Kapitulation am 5. Oktober den alldeutschen Siegeswahn noch zu den wildesten Triumphgesängen auftrieb, so will man jetzt in Bayern durch superlativische Kraftentfaltung (ausgeübt gegen wehrlose Gefangene) den Eindruck erwecken, als fühle man sich seiner Sache noch sicher. – Nun werden wieder neugierige Reaktionäre in meinen Tagebüchern nach Verschwörungsspuren suchen und [so] wenig Glück damit haben wie mit den alten. So ehrlich ich meine Tagebuchaufzeichnungen mache – schließlich kann mich ja niemand verpflichten, in Selbstgesprächen in meiner Kritik sonderlich zurückhaltend zu sein – so würde ich doch, selbst wenn auch etwas zu sagen wäre, was besser diskret bleibt, niemals der historischen Pedanterie wegen andre Leute Gefahren aussetzen. Politische Münze werden sie aber wohl aus ihrem Fund nicht schlagen können. – Von meiner ursprünglichen Absicht, mich ans Justizministerium zu wenden, sehe ich vorläufig ab. Daß mir von da Hilfe käme, ist nach allen Erfahrungen nicht anzunehmen und da Kraus mich ohnehin außerhalb aller Gesetze behandelt, würde das vielleicht erst recht zu neuen Brutalitäten führen. Vorläufig sehe ich allem mehr interessiert als geängstigt zu und erkenne immer deutlicher, daß wir ungeheure Esel waren, als wir keinem unsrer politischen Feinde ein Haar krümmten, als wir dazu unumstritten die Macht hatten. Jetzt zeigen sie selbst uns, was Klassendiktatur bedeutet. Trotzdem: schämen kann ich mich nicht, kein Kraus, sondern ein Esel gewesen zu sein.

 

Einzelhaft, Freitag, d. 27. Mai 1921.

Der gestrigen Fronleichnamsüberraschung ist bis jetzt nichts weiter gefolgt. Außer dem Tagebuch und der Romankladde sind in den Händen der Verwaltung: mein von Schicksalen reichlich geprügeltes kleines Gedichtnotizbuch, das Taschenbuch mit den – meist ungedruckten – Liedertexten und Gelegenheitsversen, mein Adressenmaterial, sämtliche seit dem Schreibverbot eingetroffenen Briefe und Postabschnitte, und die Sammlung von Mitteilungen der Verwaltung an mich. Was mir oben weggeschleppt worden ist, weiß ich nicht. Doch höre ich, daß Herr Grundler dort die Aktion geleitet hat. Mein kleiner Tisch von oben kam heute auf mein Verlangen herunter. Seine Schublade, die außer Papiervorräten und ähnlichem auch zwei volle Tagebücher enthielt, war vollständig ausgeräumt. Ich bin neugierig, ob ich wenigstens eine Quittung über die beschlagnahmten Dinge kriegen werde. Erst dann, oder wenn weitere Kräuslichkeiten über mich verhängt werden, will ich mich telegrafisch an Pestalozza oder Loewenfeld wenden. Von Zenzl kam ein herrlicher Brief, der mir unendlich wohl tat. Wie seltsam ihr Gefühl sie immer ahnen läßt, wenn mir Böses widerfährt! Es ist für mich in allem Elend eine unendliche Erquickung, soviel Liebe um mich besorgt zu wissen. Daß sie nicht weiß, wie ich grade dran bin, ist mir nur lieb; denn erst vorgestern schickte ich ihr ein Telegramm, da sie mich ängstlich fragte, ob es wahr sei, daß ich ihre Briefe nicht mehr erhalte, ihre Besorgnis sei grundlos. Das hat man natürlich durchgelassen – und dann abends meine Absonderung durchgeführt. Aber ich frage mich, wie sie auf den Verdacht kommen konnte. Es scheint doch, als sei ihr über die Zurückhaltung des Briefes, in dem von Radbruchs Bemühungen die Rede war, etwas zu Ohren gekommen. – Ihre übrigen Briefe, die fortgeholt wurden und die ja alle schon die Zensur passiert haben, werde ich wohl zurückbekommen. Der Verlust würde mich schmerzlicher treffen als alles übrige. – In der Politik geht alles jetzt etwas gedämpfter weiter. Die englische Regierung läßt offiziös verkünden, daß sie ebensowenig wie die Alliierten eine Verzögerung in der Entwaffnung durch Bayern keinesfalls dulden werde. Von München wird dauernd betont, daß noch keine endgiltigen Beschlüsse gefaßt seien, daß aber unter den Koalitionsparteien Einigkeit bestehe und mit der Reichsregierung jedenfalls eine zufriedenstellende Lösung gefunden werde: was natürlich bedeutet, daß zwischen Berlin und München die Spannung so groß ist wie nur möglich, da man dort die Pflicht erfüllen, hier sie umgehn will. In Oberschlesien gehts weiterhin drunter und drüber. Da die Berichte à la Kriegspressequartier gefärbt sind, läßt sich ein klares Bild schwer gewinnen. Doch hat Briand in der Kammer eine neue Rede gehalten, in der er vor Lloyd George so ziemlich kapituliert, ohne indessen nach Berlin hin Konzessionen zu machen. Die naiven Deutschen also, die glaubten, von dem Streit profitieren zu können, haben sich wieder mal verrechnet. Die Regierung Wirth hatte bis jetzt ziemlich gute Chancen bei der Entente, doch ist die Berufung Rosens zum Nachfolger von Simons eine schwere Belastung dieses Vertrauens. Rosen war ein Hauptexponent der Bülowschen Marokkopolitik und zur Zeit der Tangerreise Wilhelms und der Algeciras-Konferenz vornedran. Das wird man in Paris kaum vergessen haben. Daß nun auch noch Walter Rathenau Wiederaufbauminister werden soll, wird heute widerrufen. Es wäre auch eine Gescheitheit desselben Kalibers gewesen, zumal sich Rathenau noch vor 4 Wochen gegen die Annahme des Ultimatums ausgesprochen hat. Die guten Leute suchen beständig nach „neuen Männern“, womöglich nach Unkompromittierten. Solange sie das alte System nicht von Grund aus umgeschmissen haben, werden sie sich nicht wundern dürfen, nur „Kompromittierte“ zu finden, die sich weiterhin zu kompromittieren Lust haben. Daß die Firmenänderung nicht genügt, zeigt Bayern. Was zur Zeit in Niederschönenfeld vorgeht, geschieht ja auch offiziell im Namen einer „demokratischen Republik“, die noch dazu von uns erkämpft wurde, gegen die es geschieht. Nun – die Herrlichkeit ist nicht mehr weit vom Abrutschen. Die kapitalistische Generalkrisis läßt sich von keinem noch so forschen Augsburger Staatsanwalt zurückräuspern, und die Tatsachen, die sich daraus schaffen werden, werden keinen Boden mehr haben, auf den sich die Hakenkreuzsappermenter stellen können.

 

Einzelhaft, Sonnabend, d. 28. Mai 1921.

Zehn Tage ist der neue Kerkermeister nun im Amt, und schon sitzen 5 Mann in Einzelhaft. Vom I. Stock ist aus mir unbekannten Gründen Reinheimer heruntergekommen, der, wie es scheint, auch nicht in den Hof darf, und heute mittag folgte vom II. Stock nun auch der Seppl: Absonderung bis auf Weiteres und Hofentzug für 8 Tage. Die Gründe kennt er selbst nicht genau, Schneider hat ihm ein langes Schriftstück vorgekaut, aus dessen Inhalt er nicht klug wurde. Vormittags hatte man schon seine Zelle gründlich durchstöbern lassen. Der arme Kerl muß es büßen, daß er mir einmal das Leben gerettet hat. Der Hofentzug hat doch wohl nur den Sinn, ihn nicht mit mir zusammenkommen zu lassen; und die Durchsuchung dankt er keinem andern Umstand, als der Freundschaft mit mir. Aber was will man mit dem allen? Vielleicht hofft man, irgendwelches Material zu finden, aus dem – wie im vorigen Jahr – schnell ein Verfahren wegen Hochverrats konstruiert werden kann, wie damals: zum Bangemachen vor der Entwaffnung. Wie es damit steht, ist immer noch Geheimnis. Nach der letzten Meldung soll nun zwischen Berlin und München Übereinstimmung in der Sache erzielt sein, die als „befriedigend“ angesehn würde. Für Bayern? Dann wäre wohl noch sehr die Frage, ob man in London und Paris die gleiche Befriedigung empfinden würde. Wahrscheinlich hat Kahr mit Wirth eine Regelung vereinbart, bei der nach außen hin die Einwilligung Bayerns zur Auflösung der Einwohnerwehr und zugleich die Erwartung ausgesprochen wird, die Entente werde „Ortsschutz“-Organisationen gestatten, womit dann die Möglichkeit für ein paar Tage gesichert wäre, weiterhin dilatorisch zu verfahren und zugleich den inneren Widerstand gegen die Erfüllung der Bedingungen zu stärken. Liest man die bayerischen Blätter, so müßte man glauben, die heiligste Aufgabe sei jetzt nur, die Regierung Kahr unter allen Umständen zu retten: als wenn das möglich wäre, sobald sie nicht mehr auf ihren Maschinengewehren sitzt. Ich habe den Eindruck, als ob sie selbst dem Klebstoff, mit dem sie an ihren Posten hängt, keine rechte Haltbarkeit mehr zutraut. Was jetzt gegen uns unternommen wird, ist Angstprodukt. Man mimt den ganz Starken, weil man die Muskelkraft schwinden fühlt. Und muß denn schon gestorben sein, so will man dieses anmutige System wohl nicht verrecken lassen, ehe es nicht seine ganze Schönheit unter gewaltigem Gestank ausgegast hat.

 

Einzelhaft, Sonntag, d. 29. Mai 1921.

Diesmal geht die Einzelhaft nicht ganz so kurzweilig herum wie im Januar. Damals schrieb ich meine 4 Romankapitel, bei denen es bisher geblieben ist, und diesmal hat man mir zuerst einmal das schon Geschriebene genommen, und ohne das noch einmal sorgfältig nachzulesen, kann ich nach so langer Pause natürlich nicht weiter schreiben. Dagegen bin ich fleißig. Da ich grade den 4. Teil von Nexös prachtvollem „Stine Menschenkind“ erhielt, war das eine sehr angenehme Zwischengabe. Ferner las ich Ludwigs Heitereitei nach langen Jahren wieder und bin jetzt bei Tolstojs herrlicher „Auferstehung“, die ich auch vor mindestens 12 Jahren zuletzt las. Außer dieser Unterhaltungslektüre beschäftigt mich das große dreibändige Werk von Ludwig Kulczyski „Geschichte der russischen Revolution“. Ich hoffe aber, daß ich von den konfiszierten Papieren wenigstens den „Mann des Volkes“ bald wiederkriege. Dann möchte ich versuchen, wieder in Gang zu kommen mit der Arbeit. Bei Weigand war gestern ebenfalls Durchsuchung. Er und Seppl haben ihre Briefschaften schon wieder; ich noch garnichts und ich erwarte, daß die Zurückhaltung eines Teils davon mir gleich wieder mit neuen Donnerkeilen des Festungsgewaltigen mitgeteilt werden wird. Der Grund für Reinheimers Disziplinierung soll auf einen Zettel zurückzuführen sein, worin er Kraus dringend um eine Unterredung bat. Das habe er übelgenommen, da Anliegen von Gefangenen an ihn nie dringend sein könnten. Vorläufig nehme ich noch an, daß doch wohl noch irgendwas andres vorliegen wird, was gleich zu der doppelten Maßnahme der Einzelhaft und des Hofentzugs Anlaß geben konnte, obwohl freilich die Bestrafung von uns drei andern, weil wir in der Besorgnis um die Gesundheit Walters den einzig gangbaren Weg gegangen sind, von diesem Prachtexemplar alles erwarten läßt. Ein Paragraphenschuster, der sich dämonisch vorkommt, wenn er der politischen Borniertheit seiner Amts- und Parteibefehlshaber durch gewissenlose Frivolität sich diensteifrig erweist. Ich schrieb heute ein paar Verse nieder, die mir eine große Gemütsaufheiterung bewirkten. Da mein Versbüchelchen wieder einmal in den Pfoten der bajuwarischen Rachegeister ist, will ich sie hier niederlegen. Der „Fetzen Papier“, auf dem ich sie festhielt – er ist von derselben Qualität, die Kraus’ Entrüstung schon einmal wachgerufen hat, könnte ja doch leicht verloren gehn, und wenn man mir dieses Tagebuch auch wieder einmal wegnehmen sollte, so wird ja doch die Zeit kommen, wo spätestens meine Erben es aus den Akten der Erben Roths und der Seinen wieder vorangeln werden. Also:

Menschen, die heiße Herzen nicht kennen,

wittern Gefahr von ihrem Schlag

und sinnen, ihr Sehnen auszubrennen,

auf neue Qualen an jedem Tag.

Lang schon hat man den Draht mir zerrissen,

der Grüße träge zur Liebsten fort.

Länger schon muß ihren Kuß ich missen,

ihre Hand, ihren Blick, ihr zärtliches Wort.

Jetzt auch getrennt von den Kerkergenossen,

allein, meiner Schriften und Beichten beraubt,

sitz ich in einsame Zelle geschlossen,

weil ich Leidenden helfen zu sollen geglaubt.

Die Tür mit Schlössern und Bolzen verriegelt,

ein Spähloch darin, durch das Haß mich bewacht;

die Füße gehemmt, die Stimme versiegelt,

Stickluft und Fliegen bei Tag und bei Nacht.

Und draußen ein Rasseln und Klirren und Poltern:

das mahnt, daß des Feindes Trachten nicht ruht.

Ein Froschhirn bastelt an Seelenfoltern –

und dringt mit keiner doch bis ans Blut ...

Strengt euch nicht an, ihr armen Beamten!

Niemals schlägt mir ins Herz euer Blitz,

vergeudet ihr doch mit euern gesamten

Peinigungen nur Tintenwitz.

Glaubt ihr, ihr könnt die Liebe verwunden,

trennt ihr mit List die Frau vom Mann?

Herzen bleiben immer verbunden,

auch wenn die Lippe nicht küssen kann.

Glaubt ihr, umschlossen von kalkigen Mauern

dorre mir Geist und Seele ein?

Ach, ihr wißt nichts von heiligen Schauern.

Wer sie kennt, der ist niemals allein.

Kommt nur heran mit Martern und Plagen!

Nehmt mir das Lager und kürzt mir die Kost!

Heißes Herz kann Hunger ertragen.

Heißes Herz erfriert nicht in Frost.

Arme Teufel, ihr Bürokraten!

Tötet mich doch, befiehlt’s eure Pflicht!

Ihr könnt den Leib des Rebellen braten, –

das Herz und die Seele versengt ihr ihm nicht!

 

Einzelhaft, Montag, d. 30. Mai 1921.

Abschrift: „An die Oberpostdirektion, München. Das Schreiben der Oberpostdirektion, München, betr. meiner rückständigen Schuld für Fernsprechgebühren wurde mir heute zur Kenntnis gebracht. – Ich bin, da ich zur Zeit der Entstehung des Anspruchs bereits in Haft war, nicht in der Lage, die Schuld anzuerkennen. Meines Wissens besteht ein Rechtsstreit darüber, ob ich zur Zahlung der Gebühren angehalten werden kann, nachdem staatliche Organe am 2. Mai 1919 die Fernsprechleitung durchschnitten hatten und demnach ohne mein Verschulden die Leistung ausblieb, deren Vergütung jetzt von mir verlangt wird. – Da ich seit über 3 Monaten verhindert werde, mich mit meiner Frau brieflich in Verbindung zu setzen, bin ich auch nicht imstande, mich über den Stand der Angelegenheit zu informieren. Auf meinen Anspruch zur Ersetzung des mir zugefügten Aufruhrschadens sowie auf mein übriges Gesamtvermögen hat bereits das Finanzamt München zur Deckung von Prozeß- und Haftkosten Arrest gelegt. – Ich stelle jedoch der Oberpostdirektion anheim, sich direkt an meine Ehefrau, Kreszentia Mühsam, München, Adalbertstraße 37III, zu wenden. Sie ist berechtigt, in meinem Namen zu entscheiden. Sollte sie die Forderung durch Ratenzahlung zu tilgen bereit sei, so erkläre ich mich damit einverstanden. Hochachtungsvoll – N’feld, d. 30. Mai 1921.   Erich Mühsam“.

 

Alles will Geld von mir. Vor etwa einer Woche war ein Sekretär aus Rain bei mir, um mir den Pfändungsbeschluß über mehr als 400 Mark anzuzeigen wegen des Ansbacher Prozesses, wovon 300 Mark allein auf Transportkosten kommen: also blos die Autofahrt vom Gefängnis zum Gericht. Dabei kann das nur die Hälfte sein, da durch Hagemeisters Freispruch ja sein Teil auf Staatskosten übernommen wurde. Jetzt verlangt die Oberpostdirektion 72 Mark für rückständige Fernsprechgebühren und teilt mit, daß, falls ich nicht annehmbare Vorschläge mache, um Ratenzahlungen zu leisten, mein Anspruch für Aufruhrentschädigung gepfändet werden soll. Bei alledem keine Möglichkeit, Zenzl zu orientieren, – na: ich glaube zuversichtlich, der Hochdruck wird bald nachlassen, wenn auch Kahr immer noch – 3 Wochen nach Annahme der Verpflichtungen – die bayerische Stellungnahme zur Entwaffnung hinausschiebt. Die Wirksamkeit des Herrn Kraus hat seit gestern diese Blüten gezeitigt: dem Seppl ist ein Stoß Briefe beschlagnahmt worden, die er im voraus für seine Marie geschrieben hat: man darf Briefe also nicht blos nicht abschicken, sondern nicht einmal zur Beruhigung des Gemüts schreiben. Heute ist oben eine Verfügung angeschlagen. Früher waren solche Erlasse überschrieben: An die Herren Festungsgefangenen. Unter Vollmann wurde das „Herren“ gestrichen. Jetzt heißt es in der sympathischen Tonart des Herrn Kraus: „Befehl des Festungsvorstands!“ Unterschrift: „Kraus: I. Staatsanwalt und Vorstand der Festungshaftanstalt“. Inhalt des „Befehls“ ist, daß Sonnenbäder nur noch im großen Hof genommen werden dürfen. Auf dem Wege hin und her hat man voll bekleidet zu sein. Draußen ist das Nacktgehn verboten, Badehosen – Mordsdinger aus gröbster Sackleinwand (ich habe mir auch eine geben lassen) – sind ausgeteilt worden. Die gute Sitte ist also gerettet ... In den Zeitungen wenig Neues. Die Kriegsbeschuldigtenprozesse in Leipzig haben begonnen. Vorläufig 2 Fälle von Mißhandlungen in Gefangenenlagern. Die „öffentliche Meinung“ wickelt sich in beklommenes Schweigen ob der Schweinereien, die dabei zum Vorschein kommen. Mich überrascht da nichts, da ich in Traunstein solche Dinge ja in der Nähe beobachten konnte. Die Tobsucht der Schmöcke wird erst beginnen, wenn statt der Kleinen die Großen drankommen: die „U-Boot-Helden“, die Generäle und die pour le mérite-Heroen. Natürlich haben die deutschen Patrioten recht, wenn sie behaupten, daß Kriegsschurkereien bei allen Nationen vorgekommen sind und es ist elende Tartufferie der Entente-Patrioten und ihrer deutschen Anhängsel, wenn sie allgemeine Kriegsbestialitäten als typisch deutsch denunzieren. Nur ist es jammervoll, über solchen Betrachtungen die eignen Verbrecher freisprechen zu wollen. Hätte man sie aus eignem Antrieb und ohne die Siegerlisten abzuwarten, abgeurteilt, so stände man nicht als Hehler und Begünstiger da und hätte vor dem Ausland solange ein moralisches Plus, wie die ihre Verbrecher im Dunkeln laufen ließen. – In Salzburg hat gestern trotz des Protestes der Entente und der österreichischen Regierung eine Volksabstimmung über den Anschluß an Deutschland stattgefunden, natürlich ungeheure Mehrheit dafür. Die armen Teufel in aller Welt glauben immer noch, der Lauf von Staatsgrenzen habe Schicksalsbedeutung (dieser Aberglaube wirkt bis tief in kommunistische Reihen). Für Österreich wird die Umgehung des Verbots wahrscheinlich sehr üble Folgen haben, die sich zunächst in der Verhinderung des Anschlusses Westungarns zeigen werden, möglicherweise sogar – und wenn die beabsichtigte Auszählung auch in Steiermark erfolgen sollte, sicher – in der Sperrung der Lebensmittelunterstützungen. Die Berliner Regierung hatte – gehorsam den Befehlen von Paris und London – die Einstellung von Extrazügen nach Salzburg verboten. Von München aus gingen natürlich Sonderzüge. Ob die Herren Kahr und Roth noch lange Sonderzüge werden fahren lassen können, bezweifle ich mehr als je. Ihre Geleise glänzen zwar noch blitzblank in der Sonne, aber unter ihren Bohlen nagt der Wurm.

 

Einzelhaft, Dienstag, d. 31. Mai 1921.

Weigand wurde gestern benachrichtigt, daß bei der Durchsuchung seiner Sachen gefundene Briefe, die ihm Wollenberg aus seiner Einzelhaft im Sommer 1920(!) geschrieben hat, beschlagnahmt seien. Bei Wiederholung illegalen Verkehrs mit Abgesonderten wurden ihm strengste Maßregeln angedroht. Dabei haben diese Briefe die Zensur passiert. – Ich bin nur gespannt, in welcher Form ich meine Schriften zurückerhalten werde, bzw. mit was für Blüten die Zurückhaltung dieses oder jenes Stücks garniert sein wird. Man möge es nur so weiter treiben. In Wirklichkeit arbeitet dieser Kraus für uns Revolutionäre. Viele der Gefangenen sind im Laufe der Zeit ermüdet, haben sich ins Unvermeidliche gefunden und denken kaum mehr an Revolution. Sie erhalten jetzt wirksame Kampferspritzen. Ich habe es an vielen Kriegsteilnehmern beobachtet: die furchtbaren Anstrengungen, Gefahren, Nöte in Dreck und Schützengraben, in Kämpfen und Strapazen haben sie trotz der Andenken in Verwundungen oder Nervenschäden verwunden. Sie denken mehr an die besseren Stunden unter den Kameraden, in Lazaretten oder auf Urlaub, selbst auch an Heldentaten. Der Krieg als solcher hätte sie also auf die Dauer nicht zu erbitterten Kriegsgegnern und Antimilitaristen gemacht. Aber das Gedächtnis an ihre Leuteschinder, an Offiziere und Unteroffiziere, die sie schikanierten, an die Ärzte, die die Kranken und Verwundeten vernachlässigten und den Dienst über die Menschenpflicht stellten – das haftet. Der einfache Mensch denkt nicht abstrakt und seine Lust- und Unlustgefühle halten sich an Tatsachen, an Konkretes und Erlebtes. So hätten sich die meisten politischen Gefangenen mit der Haft ausgesöhnt, wenn sie in irgend menschlichen Formen vollstreckt würde, selbst auch, wenn überall der Wille bemerkbar wäre, die rechtswidrigen Buchstaben, die Müller-Meiningen diktierte, sachlich anzuwenden. Vollmann war noch raffiniert genug, seine Schikanen zu verschleiern, indem er Unfrieden unter den Gefangenen selbst stiftete und dann eingriff. Kraus aber zeigt mit allem was er unternimmt, die gehässige Absicht, die Sucht wehrlose Menschen zu quälen, Politik zu treiben statt Recht anzuwenden. Das geht ins Gedächtnis ein. Damit züchtet er Haß, der nicht vergeht und gegen den, wenn einmal die Stunde schlägt – und sie wird früher oder später schlagen: die wirtschaftliche Katastrophe, die zur politischen wird, hält keine Macht der Welt auf – selbst wir ohnmächtig sein werden, die wir das Vertrauen beim Proletariat haben und persönliche Rache nicht zur Richtschnur unsrer Handlungen machen möchten. Was jetzt hier an Leidenschaften geweckt und aufgerührt wird, das wird einmal furchtbar niedersausen auf die, die es tun oder auf die, die ihresgleichen sind. Das System Roth zeigt uns, was Klassendiktatur ist. Ich hätte die Lehre nicht gebraucht, aber daß die jungen Leute sie erhalten, ist für die Wucht der Revolution günstig. Die Fehler, die wir 1918/19 durch Sentimentalität gemacht haben, werden bestimmt vermieden werden: wir werden genug zu tun haben, das Überkippen nach der andern Seite abzubremsen. – So leistet denn dieses System noch in ihren letzten Zuckungen bessere Agitationsarbeit für unsre Sache als wir sie selbst draußen leisten können. Es sind letzte Zuckungen. Die Kahr-Regierung windet sich immer noch um endgiltige Entscheidungen herum. Heute ist nun der Tag, an dem die Entente die Liste der aufzulösenden Organisationen verlangt. Der Reichskanzler, heißt es, komme selbst nach München, um wegen der Entwaffnung gut zuzureden. Ob’s ihm helfen wird? Es heißt, die Widerstände gingen von den Unterführern der E. W. selbst aus. Aber ich habe den Eindruck, diese Widerstände werden „oben“ nicht ungern gesehn. Die rechtsliberalen Blätter stöhnen: wenn nur Kahr nicht gehn möchte. Aber es scheint, daß all sein Kleben ihm nicht lange mehr helfen wird. Er wird entweder gleich gehn, um die Geste zu wahren, daß er die Verantwortung nicht tragen könne, oder er wird aus Liebe zum Herrscheramt die Verantwortung übernehmen und dann gehn, weil sein Thron nicht mehr von dem Munitionslager geschützt ist, das ihn bis jetzt gedeckt hat. Oder aber, er läßt es, indem er andre vorschickt, zum Konflikt kommen und wird dann nicht gehn, sondern fliegen. Das alles ist eine Frage von Tagen, höchstens von wenigen Wochen. Bis dahin halte ich die Foltern des Herrn Kraus schon noch aus. – Harden verlangt in der letzten „Zukunft“ allgemeine politische Amnestie von Wirth. Er meint, Bayern habe doch von Mühsam und Toller nichts mehr zu fürchten. Das ist auch richtig. Von Toller abgesehn, der sich jedenfalls zu seinem literarischen Rühmchen zurückziehn wird, – fürs erste ganz sicher auch nicht vor mir. Unsereiner kann der Revolution dienen, wenn sie da ist, und sonst weder in der Freiheit noch im Kerker; es sei denn durch Nachdenken über das Richtige für den Moment. Dazu bietet aber der Kerker bedeutend mehr Muße als die Freiheit, in der die Hauptzeit von Existenzsorgen in Anspruch genommen ist und wo auch kein Kraus stündlich an die revolutionäre Pflicht mahnt. Ist aber die Revolution da – und diesen Zeitpunkt bestimmt nicht das Hirn irgendeines Revolutionärs, sondern der Verlauf der Weltdinge –, dann hört die Einkerkerung automatisch auf. Trotzdem bezweifle ich stark, daß die Generalamnestie sehr bald da sein wird: ich rechne da kaum vor dem Herbst. Die Berufung Rosens als Außenminister und die Rathenaus für den Wiederaufbau, die nun tatsächlich bestätigt wird, deutet darauf hin, daß das Kabinett Wirth bei der Politik bleiben wird, mit der es faute de mieux begann. Außerdem wäre der Erlaß einer Reichsamnestie, die eine stagnierende Wirkung auf die revolutionäre Arbeiterschaft haben müßte, so klug vom Standpunkt der Bourgeoisie aus, daß man ihr solchen Entschluß schon deshalb nicht zutrauen kann. Unsre Tätigkeit für die Revolution wäre grade deswegen gelähmt, weil ihr die Widerstände fehlten und die Massen infolgedessen keine Notwendigkeit zu Aktionen sähen. Erst die neuen Steuerlasten, die damit verbundene weitere Preissteigerung, die fortschreitende Arbeitslosigkeit und die Versuche, den Achtstundentag zu verlängern und zugleich auf die Löhne zu drücken, lauter Folgen der Reparationspflichten, die zwangsläufig eintreten werden, werden das Proletariat hochbringen, ob wir da sind oder nicht. – Jetzt dauert die Pein über 2 Jahre und hat sich von Woche zu Woche zu ganz ungeahnten Formen gesteigert. Die allernächste Zeit wird nun wohl die Brutalität der bayerischen „Rechtspflege“ auf ihren Gipfel führen. Das muß noch überstanden werden. Dann wird der Abstieg rasch vonstatten gehn.

 

Abends nach 6 Uhr. Ich wurde zu Schneider zitiert und zwar zu dieser „Eröffnung“: Der Festungsgefangene Mühsam erhält zu seiner Absonderung als Verschärfung: eine Woche Hofentzug und die gleiche Dauer hartes Lager. Grund: ich habe seinerzeit dem F. G. Wittmann eine Abschrift meines Max Hölz-Liedes gegeben. Darin werden die Taten Hölz’ verherrlicht, die Arbeiter zum Verlassen der Fabriken, zum Aufstand und zu Gewalttaten aufgereizt u. s. w., was sich mit dem Strafzweck durchaus nicht vertrage. Aus Gründen der Sicherheit werde ich also gemäß § 22 der Hausordnung mit Hof- und Bettentzug bestraft. Sollte diese Maßregel nicht den beabsichtigten Zweck erreichen, so werden mir weiterhin die allerschärfsten Disziplinierungen in Aussicht gestellt. Man hat mir sofort das Bett mitsamt Kissen, Decken und Matratzen herausgeholt und einen Holzkasten in die Bude gestellt, auf dessen Latten ich frieren und wenn ichs fertig bringe, auch schlafen darf – und das eine ganze Woche hindurch. Ich erwarte nun auch noch Kostentzug – ein Grund wird sich schon noch in meinen alten Sünden finden, die ja offenbar zu diesem Zweck jetzt durchgesucht werden, zumal Walter heute zum letzten Mal auf Wasser und Brot gesetzt war: in 3 Tagen bekommt er auch wieder sein Bett, das ihm übrigens nach je 3 Tagen Konfiskation für 24 Stunden belassen wurde. Bin gespannt, ob man das bei mir 43jährigem Mann auch tun wird. Die körperliche Folter wird mich wohl gehörig hernehmen, was natürlich die Absicht ist: langsamer Mord. Aber was hilfts? Beschwerde hat garkeinen Wert, da sie an die Auftraggeber und Mitschuldigen zu richten wäre. An Pestalozza telegraphieren? Er würde die Sache nicht für so dringlich halten, um sich gleich auf die Bahn zu setzen, ihm die Gründe schreiben könnte ich schon nicht wegen des Briefverbots und weil Gefahr wäre, daß ich wegen Mitteilung der Wahrheit extra diszipliniert würde. Ich denke an Benachrichtigung des Rainer Gefangenenbeirats, glaube aber kaum, daß der sich um einen berüchtigten Kommunisten sehr annehmen würde. Ich werd’s also vorläufig mal in Geduld auf mich nehmen. Man muß schließlich alles selbst durchgemacht haben, um mitreden zu dürfen. Und die 8 Tage werden ja auch einmal herumgehn.

 

Einzelhaft, Mittwoch, d. 1. Juni 1921

Die Nacht war nicht schön, wenig Schlaf, dauernder Schmerz durch den Druck der harten Holzbretter, der Kopf zu niedrig gebettet, dabei Frösteln und bei der mechanischen Bewegung, die Bettdecke heraufzuziehn die schreckhafte Erinnerung, daß keine da war. Ich fühle mich arg zerschlagen. Noch 6 Nächte auf diese Art: in Gottes Namen! – Heute ist auch Klingelhöfer in Einzelhaft gesetzt worden, ebenfalls mit Lagerentzug. Gründe unbekannt. Der arme Kerl ist sehr verwöhnt und wird’s schwerer tragen als ich, zumal er mit seiner weltschmerzlichen Abgeklärtheit die in solcher Lage wahrhaft tröstenden Ressentiments nicht aufkommen lassen wird. – Ich habe neuen Ärger. Im Auftrag Lederers wurde mir aus Mannheim ein Paket mit Manuskripten gesandt. Lederer sei noch krank (ich fürchte sehr, es sitzt im Gehirn). Die Arbeiten seien an Petermeier geschickt worden und als unzustellbar zurückgekommen (Karl ist verreist); nun schicken die Hornochsen sie statt an Zenzl hierher. Es handelt sich um das Kriegsbuchfragment, das ich heute ausgeliefert erhielt und um meinen Rechenschaftsbericht an Lenin über die Münchner Räterepublik, der – als „Druckvorlage“ bezeichnet – „wegen agitatorischen Inhalts“ zu den Akten genommen wurde. Es ist kein agitatorisches Wort drin, eine nüchterne sachliche Darstellung der Tatsachen. Muß es eben leiden. – In der bayerischen Entwaffnungsfrage ist nun so eine Art Entscheidung gefallen, die aber alles eher als endgiltig zu sein scheint. Kahr hat im Finanzausschuß des Landtags eine langatmige Erklärung abgegeben: man müsse sich halt fügen. „Wir sind wehrlos, hoffnungslos wehrlos“ (diese Stelle fehlt bezeichnenderweise im Bericht der alldeutschen München-Augsburger Abendzeitung). Hingegen hält die Regierung daran fest, daß zwar die Waffenablieferung, nicht aber die Auflösung der Einwohnerwehren durch den Versailler Vertrag erzwungen werden kann. Man lasse das durch die Reichsregierung der Entente mitteilen. Die Leitung der Einwohnerwehr sei durchaus loyal und stehe auf demselben Standpunkt wie die Regierung. (Kahr hält es also für nötig, Escherich als Kronzeugen aufzurufen: das zeigt, wer in Bayern den Ton angibt). Die E.-W. aber läßt von sich aus noch eine eigne Proklamation hinausgehn: das Entgegenkommen Kahrs gehe bis zur äußersten Grenze des Möglichen, – läßt also durchblicken, daß sie die Auflösung ihrer Organisationen jedenfalls nicht durchführen werde. Zugleich wird eine neue Äußerung des Herrn Briand veröffentlicht: die Bayern, bei denen ein „beunruhigender Geisteszustand“ bemerkbar sei, müßten unter allen Umständen zur Auflösung der E.-W. gezwungen werden. Herr Wirth wird nun also wohl der Liste der aufzulösenden Organisationen, unter denen Orgesch und bayerische E.-W. ausdrücklich genannt sind, eine Note beigeben, die den Kahrschen Standpunkt mitteilt. Darüber wird die Entente zur Tagesordnung übergehn. Das Reich wird die Auflösung verlangen, und der Skandal wird dann erst richtig losgehn. Daß die Deutschnationalen Widerstand planen, geht schon daraus hervor, daß sie schon ankündigen, die Auflösung der Orgesch würde bei ihrer Ausbreitung kolossalen Schwierigkeiten begegnen. Übrigens scheint man allgemein die Lebensmöglichkeit des Koalitionskabinetts Kahr vom Ausgang der jetzt gestellten Probleme abhängig zu machen. Das beweist die Erklärung der E.-W., worin ihr Opfer als letzte Rettung ausgegeben wird, um die Regierung Kahr dem Lande zu erhalten. Die Kahr-Roth aber wollen offenbar zeigen, daß sie, solange dieser Hoffnungsanker nicht gerissen ist, garkeinen Grund sehn, ihre stramme Politik zu ändern: dafür zeugt nicht nur der Dreiquartel-Nero in Niederschönenfeld, sondern auch die Ausdehnung des bayerischen Ausnahmezustands auf das erst vor ein paar Monaten eingegliederte Koburg, dem die Respektierung seiner spezialen Landesinteressen garantiert wurde. Ich finde meine Prognosen durch die Bank bestätigt und vertraue auch auf die weitere Erfüllung meiner Erwartungen: die Entente wird glatt Nein! sagen und mit Sanktionen drohen, zumal Kahr nur von einer „möglichsten“ Erfüllung der Verpflichtungen gegen das Reich und von der „tunlichen“ Innehaltung der gesetzten Termine gesprochen hat, und zumal die bayerische Separat-Freikorps-Politik in Oberschlesien, die noch keineswegs aufgehört zu haben scheint (schon erscheinen mit eisernem Kreuz versehene Heldentod-Inserate für Gefallene vom Korps „Oberland“) vermutlich das Mißtrauen gegen die Münchner Herren noch täglich steigert. Die Vorgänge in Oberschlesien selbst sind immer noch so verworren, daß aus den mit dicker Tendenzfarbe aufgetragenen Presseberichten kein Bild zu gewinnen ist. Es geht um nationalistisch-kapitalistische Interessen und da kann einem Revolutionär und Kommunisten bei allem Mitleid für die betroffenen Anwohner höchst gleichgültig sein, ob die Korfantysche Räuberbande, ob die deutschen Söldner oder ob die „schlichtenden“ Alliierten ihren Jobbern den Profit retten. Interessant ist von den neuen Meldungen nur eine: daß nämlich die VKP in den beteiligten Gebieten ihre Mitglieder in die Reihen des deutschen Selbstschutzes schickt. Die Befürchtungen unsrer Patrioten, sie möchten auf diesem Wege in den Besitz von Waffen kommen, die der Revolution dienen sollen, halte ich für ganz unbegründet. Es sind halt Parteipolitiker, die „in der Stunde der Not das Vaterland (der Kapitalisten) nicht im Stich lassen“. Die deutschen Bürger werden es nie begreifen, daß sie vor der Partei, wie sie sich auch nenne, niemals Angst zu haben brauchten. Wenn nur die Arbeiter endlich zu der Einsicht kämen, daß sie von Leuten genasführt werden, die nicht die Sache des Proletariats sondern die eines ehrgeizigen Klüngels betreiben.

 

Einzelhaft, Donnerstag, d. 2. Juni 1921.

Heute früh gleich nach dem Aufstehn (das harte Lager erzieht zum Frühaufstehn) hatte ich eine große Überraschung. Es erschien ein Aufseher mit 2 Gefangenen, die die Holzklappe entfernten und das Eisengestell des normalen Betts wieder an die Wand schraubten. Das Bettzeug, hieß es, werde ich erst am Abend bekommen. Ich dachte schwer nach, was Herrn Kraus zu diesem plötzlichen Entgegenkommen bewogen haben mochte, kam auf alle möglichen Einfälle und entschied mich zu der Meinung, ich hätte mich beim Verlesen des Ukas verhört, nur der Hofentzug solle eine Woche dauern, die Bettlosigkeit nur 2 Tage. Die Aufklärung kam aber schon nach einer halben Stunde. Da kamen die Besucher wieder, montierten das Gestell ab und stellten die Holzklappe wieder auf. Es war ein Versehn gewesen. Soviel ich weiß, ist heute Walters Folterzeit abgelaufen. Vielleicht hat man auch Klingelhöfer nur mit einer derartigen Torturnacht bedacht. Das Ertragen dieser Pein ist sehr schwer. Ich bin elend auf dem Hund und alle Glieder schmerzen; dazu die Übermüdung durch die vielstündige Schlaflosigkeit infolge des Drucks, der Durchfröstelung und der Unbequemlichkeit, in den Kleidern zu liegen. Der Zustand wirkt auch auf die Beschäftigung zurück. Es fällt mir schwer, beim Lesen konzentriert zu bleiben und beim Schreiben spüre ich, daß ich Fieber habe. Die Genugtuung, mich durch körperliche Mißhandlung geistig und seelisch abzustumpfen, will ich aber dem den Schreckensmann mimenden Bürokraten nicht gönnen. Ich werde meine ganze Energie sammeln, um die Nerven nicht unterliegen zu lassen. Widerstand irgendwelcher Art ist natürlich ganz nutzlos. Durch das Schreibverbot hat der Mann ja für sich die Garantie, daß vorerst nichts bekannt wird. Auf die Dauer wird sein unbeaufsichtigtes Treiben ja doch nicht verborgen bleiben können. Mit einer Verschlimmerung meines Herzleidens und bösen nervösen Nachwirkungen muß ich ja rechnen, – aber der Gedanke, daß die Grenze der Rothschen „Rechtsübungen“ schon sichtbar ist, hilft über viel hinweg. Der neue Reichskanzler Wirth hat sich dem Reichstag präsentiert und in seiner Rede als captatio benevolentiae den Dank für Kahrs Entgegenkommen nebst der Zusicherung ausgesprochen, daß die bayerischen Sonderwünsche der Entente mit der zur Auflösung bestimmten Liste mitgeteilt werden. Dabei hat er aber den Wunsch oder auch nur die Möglichkeit, daß der Partout berücksichtigt werden möchte, nicht einmal angedeutet. Also eine reine Formalität. Die Eventualität, daß in Bayern neben Escherich ein Kanzler wirkt, der mit den „unpolitischen“ Einwohnerwehren die Reichspolitik noch sehr nachhaltig beeinflussen kann, wollte dieser Kanzler wohl nicht bemerken. Auf diese annoch aktivste Macht in Bayern gestützt, hat denn die Regierung Kahr vor ihrem Ende wieder mal den Geist leuchten lassen, den sie bis zu ihrem letzten Atemzug in Bayern erhalten will. In Reichenhall findet nämlich zur Zeit ein Kongreß russischer Konterrevolutionäre statt: deren Teilnehmern sind die Einreisepässe bereitwillig ausgestellt worden. – Im übrigen sind die Zeitungen dauernd voll von Oberschlesien. Es erscheinen Kriegsbulletins ganz wie in der großen Zeit. Die Sache scheint sich aber jetzt zu komplizieren. Der Kommandeur der deutschen Selbstschutzwehren, General Höfer, wurde von der Alliierten-Kommission zu Waffenstillstandsberatungen und zwar unter Teilnahme der Polen aufgefordert. Er hat es abgelehnt, mit den polnischen Insurgenten sich an einen Verhandlungstisch zu setzen und die Gleichstellung seiner Formationen mit den Rebellenhaufen Korfantys anzuerkennen. Auch weigert er sich, der Aufforderung, seine Mannschaft zu entwaffnen nachzukommen. Welche Rückwirkungen das auf die Ententepolitik gegen Deutschland haben wird, bleibt abzuwarten. Ich nehme an, daß das Eintreffen starker britischer Truppenkörper vom Herrn Höfer als überzeugendes Argument begriffen werden wird. Die ganze oberschlesische Verwirrung soll in den nächsten Tagen in Boulogne vom „Obersten Rat“ gelöst werden. Dabei wird jedenfalls der innere Konflikt zwischen England und Frankreich klarer als je zum Vorschein kommen, aber auch notdürftig überbrückt werden. – Aus der Wirthschen Rede ist zu erwähnen, daß ihn die Kommunisten dauernd durch den Zuruf Amnestie! unterbrochen haben, worauf der Reichskanzler nicht einging. Ich glaube nicht, daß in den nächsten Wochen schon mit einer Amnestie gerechnet werden kann. Daß man aber auf die Dauer, um die Arbeiterschaft freundlich zu stimmen, nicht drum herum kommt, ist sicher. Nur den Sommer werden wir noch überstehn müssen.

 

Einzelhaft, Freitag, d. 3. Juni 1921.

Es geht mir schlechter als ich wahr haben möchte, und der Gedanke, daß den drei überstandenen Holzklappennächten noch vier folgen sollen, ist nicht erfreulich, umsoweniger, als ich von den gestern vor einer Woche beschlagnahmten Papieren noch nichts wieder gehört habe und kaum einen Zweifel habe, daß der willige Sucher darin neue Vorwände zu weiteren Peinigungen finden wird. Mein Herz macht mir große Sorgen. Ich habe das Gefühl, daß es jetzt den Stoß empfängt, der es völlig kaput machen wird. Das Ohrensausen, das mich stärker als je plagt, deutet auch auf nichts Tröstliches, nur der Wille ist ungeschwächt und wird es bleiben. Die Hilfsmittel, mit denen ich die unangenehmsten Wirkungen des Bettmangels auszugleichen suche, haben sich bis jetzt als unzulänglich erwiesen: alte Zeitungen sollen das Leintuch ersetzen, ein Papierstapel unter dem dünnen Sofakissen das Kopfkissen sein, Wäsche und Kleidung, wovon ich sehr wenig da habe, Matratze und Bettdecke. Trotzdem will kein rechter Schlaf kommen, gelegentlich nur ein Erschöpfungszustand, der mir kurze Zeit über das Wachliegen und die Druckschmerzen weghilft. Bringt die Übermüdung endlich wirklich das Bewußtsein weg, so führt das harte Liegen schwere Träume her und ich wache durch mein eigenes Stöhnen und Schreien auf, total kaput und zerschunden. Den Arzt möchte ich nicht zu Hilfe rufen. Er würde wahrscheinlich sagen: das halten Sie schon aus oder auch dem Vorstand die Konsultation wieder als Belästigung denunzieren, und ich hätte erst recht Schlimmes zu erwarten. Ein Mann, der auf die Frage, ob ein Gefangener nicht etwa geisteskrank sein könnte, ohne die Genossen zu hören, die es befürchten und ohne selbst daraufhin irgendwelche Beobachtungen anzustellen, einen negativen „ärztlichen Befund“ konstatieren läßt (ganz aus den Tiefen seines souveränen Wollens wird doch Kraus nicht diese Begründung meiner Absonderung hochgepumpt haben) ist Strafvollstreckungsorgan, aber kein Arzt. Hilfe wird mir also nur von der ferneren Gestaltung der politischen Lage winken. Die muß sich jetzt unmittelbar entscheiden. Kahrs Erklärung hat ungemein rasch ihre Wirkung auf die Ententebehörden ausgeübt. Natürlich hat kein Mensch im Ausland diese Erklärung so aufgefaßt, wie die Zeitung den Lesern suggerieren wollen: als ob sich Bayern nun unterwerfe. Man weiß dort, was Kahrs „möglichst“ und „tunlichst“ bedeutet, und man weiß erst recht was Escherich und Kanzler mit der Versicherung meinen, daß sie alle Forderungen bis zu der von Kahr gesteckten äußeren Grenze ohne Widerstand erfüllen wollen, da nämlich die Grenze vor der Auflösung der Organisationen läuft. Die Reichsregierung hat sich verpflichtet, daß die Erfüllung der Forderungen bis zum 25. Juni durchgeführt sein wird, und Bayern hat anscheinend den Heimschen Plan, direkt mit der Entente zu konferieren und die Stellung der E.-W. unter französische Kontrolle zu stellen, doch noch nachträglich zu verwirklichen versucht. Mit dieser Wirkung: Am 1. Juni erschien bei Kahrs Stellvertreter, dem Kultusminister Matt, der englische Botschaftsrat Seeds (Kahr selbst hatte grade einen Hapagdampfer zu taufen) und erklärte auf Befehl seiner Regierung zu der Erklärung beauftragt zu sein, daß die Anwendung der Sanktionen nur vermieden werden kann, wenn die Bedingungen des Ultimatums auch von Bayern restlos erfüllt werden. Diese verpflichteten nicht nur zur Entwaffnung sondern auch zur Auflösung der Einwohnerwehren. Die gleiche Kundgebung ist auch durch den Gesandten Dard von der französischen Regierung erfolgt, und eine ähnliche anscheinend auch von der italienischen. Zugleich kommt die Meldung, daß Barthou im besetzten Rheingebiet einen Kriegsrat abgehalten habe, der sich mit den Maßnahmen befaßte, die gegen Bayern zu treffen seien, wenn es, was Frankreich fürchte, renitent bleibt. Also kocht Wasser in Kübeln. Was nun? Ich halte den sofortigen Rücktritt der Kahrregierung für sehr möglich. Erfolgt er nicht, so wäre das ein Zeichen, daß die Desperadopolitik zur Katastrophe getrieben werden soll; d. h. daß man versuchen wird, das Reich an den Aktionen zu hindern, die zur Erfüllung des Ultimatums nötig sind und daß die Herren Kahr, Roth und ihresgleichen zur äußeren Deckung der Escherich-Diktatur das legitime Feigenblatt abgeben wollen. In diesem Falle sitzen wir hier auf einem sehr gefährlichen Platz. Als Geiseln werden wir ohnehin betrachtet, je länger man aber der Entente trotzt, umso mehr wird das Bedürfnis wachsen, an uns zu beweisen, wie notwendig dies Trotzen ist. Ich werde für alle Fälle, falls nicht in den nächsten Tagen schon der Sturz der Regierung erfolgt, meinem Testament einige nun letztwillige Verfügungen hinzusetzen. Rücken erst die Senegalesen ein – und ich denke mir, nach den letzten Erscheinungen werden die Sanktionen nicht das Ruhrgebiet, sondern Bayern direkt treffen, – dann kann die Luitpoldgymnasium-Stimmung sehr leicht auf die übergreifen, die mit Seidels Geiselmord die bajuwarischen Vollbierspießer immer noch ängstigen.

 

Ich hatte gestern früh Zahnschmerzen, die mich veranlaßten, den Arzt um Zulassung zum Zahntechniker zu ersuchen. Seitdem hat der Schmerz nachgelassen (es handelt sich vermutlich wieder um eine Wurzelreizung), und nun will ich morgen früh dem Arzt diesen Brief schicken: „An den Herrn Anstaltsarzt. Ich verzichte vorläufig auf die Zulassung zum Dentisten. Nach 4 Nächten Lagerentzug, der auf 1 Woche festgesetzt ist, sind Nerven und Herz derart überanstrengt, daß ich mich einer Zahnbehandlung zur Zeit nicht gewachsen fühle. N’feld, 4. Juni 1921.   Erich Mühsam.“

 

Einzelhaft, Sonnabend, d. 4. Juni 1921.

Merkwürdige Dinge gehn im Hause vor. Schien es gestern, als ob Herr Kraus sich eine Pause gönnte, so war das nur Schein. Gegen Abend wurden Günther und Hagemeister, dann auch Ibel in Einzelhaft gebracht. Aus den Unterhaltungen konnte ich nur soviel entnehmen, daß scheinbar Günther und Hagemeister im Auftrag der übrigen eine Forderung – was gefordert wird, weiß ich nicht – an den Vorstand übermittelt haben. Ich verstand, Kraus habe antworten lassen, er könne nicht nachprüfen, ob wirklich alle Gefangenen des II Stocks die beiden beauftragt haben, im übrigen hätten die Gefangenen nicht zu fordern, sondern zu bitten: daher für die beiden Absonderung und Hofentzug. Ibel scheint dann einen Zusammenstoß mit Fetsch gehabt zu haben. – Heute vormittag sind nun sämtliche Genossen des oberen Stocks in ihre Zellen eingesperrt worden, und augenblicklich – es ist kurz vor 1 Uhr – sollen 25 Sipoleute, ein Offizier und 6 Aufseher mit aufgepflanztem Bajonett draußen aufmarschiert sein. Auch heißt es, Menzel sei im Hause. Also eine Wiederholung der Vorgänge zur Zeit des Kappputsches und dessen, was heute vor 5 Monaten stattfand. Was bedeutet das? Wenn die Zeichen nicht trügen, ist das die Ankündigung des bayerischen Widerstands gegen das Reich, die Entente und das eigene Volk, das zweifellos im Falle ernsthafter Konflikte wegen der Bewaffnung in den Generalstreik eintreten wird. Was der bewaffnete Aufmarsch gegen uns bedeutet, muß sich ja rasch zeigen. Die kritischsten Tage für uns sind jedenfalls gekommen. – Zum Glück habe ich eine etwas bessere Nacht hinter mir als die vorigen drei. Die furchtbare Übermüdung tat das ihrige, um mich wenigstens ein paar Stunden schlafen zu lassen. Natürlich war es unbequem genug, und besonders die beiden 5 Centimeter breiten Lücken in dem Brett, auf dem ich liege, gruben ihren Druck verflucht in die Rippen. Nun warte ich das Weitere ab.

 

Abends ½ 7 Uhr. Ich sitze erstaunlicherweise im II. Stock in meiner richtigen Zelle, allerdings eingesperrt und bei nackter Holzklappe. Gegen ½ 5 wurde ich plötzlich von der Zeitungslektüre aufschreckt: ich solle sofort zusammenpacken. Inzwischen sind auch die übrigen (mindestens der Seppl und der Bibs) wieder oben, und hier oben ist allgemeines Durcheinander. Soweit ich die Situation jetzt übersehe, liegt folgendes vor: nach der Disziplinierung der Kommission (um eine solche hat es sich zweifellos gehandelt) haben deren Auftraggeber eine solidarische „Proklamation“, wie sich heute mittag schon ein Aufseher, den ich fragte, ausdrückte, an den Vorstand geschickt, der von allen mit Ausnahme der Boykottierten, also Schmidt, Schreiber und Ringelmann, unterschrieben war. Die Wirkung war die Verhängung der Einzelhaft über alle Unterzeichner. Daraufhin hat Ringelmann für sich extra noch eine Erklärung vorgeschickt, die ihn ebenfalls hinter Verschluß brachte. Jetzt befinden sich also hier oben alle, mit Ausnahme von zwei ganz ausgezeichneten Genossen in Einzelhaft. Daraufhin ist ein großer Umzug angeordnet worden. Die sämtlichen Anwohner des Seitengangs (ehemals: Wahnsinnsgang) sind in die leeren Zellen des Mittelgangs und Schmidt und Schreiber hinüber in den Seitengang quartiert worden, als Einzige, die sich frei bewegen können, wenn man davon hier sprechen darf. Natürlich werden sie von den übrigen wie Verräter angesehn und ich hörte bereits versuchte Anbiederungen an meine Adresse. Die werden nicht helfen. Offenbar war die „Proklamation“ eine Aufforderung zur Aufhebung der Zwangsmaßregeln. Wir hatten wiederholt beschlossen, in keiner Form von uns aus deren Beseitigung zu versuchen. Die politische Lage ist aber im Augenblick so, daß grade jetzt der Bruch mit dieser Passivität heller Wahn ist. Kraus ist hier, um den in Schönheit sterbenden Roth noch in seiner Glanzrolle als wilden Mann zu repräsentieren. Je weniger provoziert er das tut, umso besser. In der durchaus lebensgefährlichen Situation aber, in der wir uns befinden, ohne Not seine Pistole zu laden, finde ich kindisch. Kommt hinzu, daß die Boykottierten gar nicht um ihre Ansicht gefragt, noch ihnen das Schriftstück vorgelegt wurde, ehe es abging. Ringelmanns Schritt verurteile ich durchaus. Da ist die verdammte Disziplin wieder mal mit dem guten Jungen durchgegangen, und da der Bibs mit seinem wohltätigen Phlegma nicht auf ihn einwirken konnte, gab er der Regung nach, – leider ohne den beiden andern ein Wort zu sagen. Die sind jetzt in der fatalen Lage, Vergünstigungen zu genießen, und als brave Kinder angesehn zu werden, weil sie um ihrer Charakterfestigkeit willen von den Parteioberhirten in Verruf erklärt sind. Ich hoffe sehr, daß Seppl die Sache mit den gleichen Augen betrachtet. Es ist dumm, daß ich bis Mittwoch Hofentzug habe (er geht seit heute wieder hinaus) und ihm bis dahin meinen Standpunkt nicht erklären kann. Ich für meine Person habe nicht die geringste Absicht, dem Machtwillen einiger Gerngroße zuliebe, die zuvor alles taten, um mir die Ehre abzuschneiden, da Solidarität zu mimen, wo ich eine aufgelegte Dummheit sehe. Es ist mal wieder so gekommen, wie vorauszusehn war: den Leuten ist die Schreib- und Besuchsentbehrung zu lang geworden, und sie schmeißen den xmal wiederholten Beschluß um. Die aber, die sich dran halten, sind die Lumpen und Verräter. Wie auf jede raffinierte Parole fallen recht gute Genossen auf sowas hinein. So hörte ich Ibel, der ein grundbraver Kerl ist, rufen: Das sind keine Kommunisten mehr! Und: Jetzt lernt man sein Leute kennen, alles wegen der Bewährungsfrist! Eine Gemeinheit ist’s von Kain, den ich hinter der ganzen Sache vermute und der die beiden, die ihm politisch nicht in den Kram passen, durch die Verschweigung des Vorhabens bewußt in die unangenehme Position gebracht hat, um hintennach gegen sie hetzen zu können. – Meine Bude war nicht so durcheinandergeschmissen, wie ich nach der Durchsuchung erwartet hatte. Sogar eine sehr angenehme Überraschung ward mir zuteil. Ich fand das Meiste der Papiere unversehrt vor, die mir weggenommen waren: alle Briefe, sämtliche Notizbücher, das Romanmanuskript und sogar ein Tagebuchheft. Es fehlen mir also nun noch zwei Tagebücher und zwar vom 26. Januar bis zum 25. Mai dieses Jahres. Auf die wird nun wohl die Jagd wie auf die vier früheren veranstaltet werden müssen. Angenehm ist auch, daß ich hier meine sämtlichen Sachen beisammen habe, sodaß ich mich auch des Nachts bei der Möblierung meines „Bettes“ besser versorgen kann. – Schmerzlich wärs aber, wenn die Übung, die heute eingeführt wurde, Bestand hätte, daß nämlich kein Austauschverkehr stattfinden darf. So kam ich heute auch schon um meinen geliebten Kaffee. – Die politische Lage ist nach den letzten Zeitungen nicht mehr verändert. Aber eine große Freude hatte ich doch. Ein Berliner Schwurgericht hat den tapferen Armenier Teilirian, der die Menschheit von dem Scheusal Talaat Pascha, der auch der Mörder seiner Eltern war, befreite, freigesprochen. Das kann einem wahrhaftig wieder Vertrauen zu den Mitmenschen einflößen. – Und morgen, hoffe ich, gehe ich an die Arbeit.

 

Einzelhaft, Sonntag, d. 5. Juni 1921.

Das ganze Stockwerk ist in größter Erregung. Morgen soll ein Hungerstreik inszeniert werden – mit welchen Zielen, ist mir noch nicht ganz klar. Ich werde mich nicht daran beteiligen, auf die Gefahr hin, als Verräter und Streikbrecher angesehn zu werden. Als ich unter fadenscheinigen Gründen festgesetzt wurde, rührte sich kein Mensch deswegen. Der Boykott blieb in Kraft, und die schamlosen Verleumdungen sind – trotz der Überzeugung Hagemeisters und Günthers von ihrer Grundlosigkeit nicht zurückgenommen worden. Die Aktion, die zur gegenwärtigen Situation geführt hat, ist ohne unsre Verständigung und gegen den früheren gemeinsamen Beschluß inszeniert, also mag sie auch ohne uns fortgesetzt werden. Soweit ich mich orientieren konnte, ist Seppl, Walter, Bibs und, wie es scheint, auch Ringelmann derselben Auffassung. Ich habe keine Solidarität mit „Genossen“ die mir die Solidarität unter hergeklaubten Vorwänden aufgesagt haben. Im übrigen ist Hungerstreik in diesem Augenblick ungefähr das Dümmste, was überhaupt gemacht werden kann. Einen größeren Gefallen kann man ja den Herren Roth, Menzel und Kraus garnicht erweisen. Die Leute, die ihn durchführen wollen – es sind meiner Rechnung nach 16 oder 17 – haben in der Mehrzahl noch keinen mitgemacht. Da sie zumeist Lebensmittel in ihren Schränken haben, haben sie keinerlei Kontrolle, ob sich nicht mancher das „Durchhalten“ sehr erleichtern wird. Von den übrigen wird einer nach dem andern in drei, vier, fünf Tagen abfallen, und die paar Konsequenten werden vielleicht kaput gehn, wonach kein Hahn krähen wird oder aber, was viel wahrscheinlicher ist, den Hungerstreik ergebnislos abbrechen, was die Position der Verwaltung nur festigen würde. Bei der gegenwärtigen politischen Lage ist mit einer Änderung des Systems ohnehin in allernächster Zeit zu rechnen. Man braucht also gegen Kraus noch keine Mittel anzuwenden, die die eigne Gesundheit untergraben müssen. Natürlich wird unsre Stellung zwischen den übrigen jetzt noch viel ekelhafter werden als sie schon vorher war. Aber weder das noch die Erwägung, daß möglicherweise die Regierung in den allernächsten Tagen schon stürzt und sich die Hungerer die dadurch automatisch eintretenden Besserungen hier innen auf ihr Verdienstkonto schreiben werden, kann mich veranlassen, etwas mitzumachen, was ich für verkehrt halte und denen – ohne die Zusammenhänge zu kennen, Solidarität zu erweisen, die mich geächtet haben. – Es heißt, das Briefverbot gegen Adolf und Clemens sei aufgehoben, was natürlich erneut Grund zu hysterischer Lästerung gibt. Für den Fall, daß es zutrifft (ich zweifle noch), so wäre mir das nur ein Beweis, daß Kraus die Vollmannsche Politik fortsetzt, Spaltungen unter den Gefangenen zu vertiefen. Zu einer Ablehnung der Erlaubnis besteht meiner Ansicht nach garkein Grund. Das Prinzip der Passivität gegenüber Kraus bedingt nicht nur die stillschweigende Hinnahme seiner Schikanen, sondern selbstredend Hinnahme aller seiner Anordnungen, auch wenn sie für einzelne oder alle erwünscht sind. Worauf es allein ankommt, ist, daß die beiden nicht nachgesucht haben, daß etwas geändert wird. Wenn sie aber schreiben oder gar Besuche empfangen können, ist es klar, daß sie dadurch allen Gefangenen unendlich mehr nützen können als durch Selbstquälerei, die den Quälgeistern doch ganz in ihren Plan paßt. – In den Zeitungen heute nichts von Bedeutung.

 

Einzelhaft, Montag, d. 6. Juni 1921.

Heut vor 2 Jahren um diese Zeit genau (3 Uhr) wurde Eugen Leviné auf dem Bluthof in Stadelheim erschossen. Es wäre würdig gewesen, den Tag hier in irgendeiner ernsten Form gemeinsam zu begehn. Das soll nicht sein. Unter all dem Geschrei von Zelle zu Zelle habe ich heute noch keinen Ruf vernommen, der dem toten Genossen galt. Statt dessen wüstes Schimpfen auf uns, die wir den Hungerstreik ignorieren. Wir sind größere Lumpen als die unten – natürlich! Und da nun auch noch der Bibs und der Seppl sowie Walter auf den Seitengang verlegt sind und für die fünf sämtliche Beschränkungen aufgehoben sind – Schreib- und Besuchsverbot und halbe Hofzeit –, so ist die Wut grenzenlos. Es ist richtig, daß viel Ursache zur Empörung gegen die Verwaltung vorliegt. So hat Taubenberger Lagerentzug bekommen, weil er den Vorstand – bei welcher Gelegenheit weiß ich nicht – „von oben bis unten herausfordernd gemustert“ habe. Wiedenmann soll beim Empfang eines Pakets eine ungehörige Bemerkung fallengelassen haben: ebenfalls hartes Lager. Aber deswegen allgemeiner Hungerstreik? Die Gründe für meine Festsetzung in Einzelhaft waren doch viel toller – einfach, daß ich meiner Sorge für einen vermutlich Kranken Ausdruck gegeben habe, – und Lagerentzug habe ich schon 6 Tage hinter und noch eine Nacht vor mir, dieselbe Zeit auch Hofentzug. Walter hatte Einzelhaft, Bettentzug, Hofentzug und mehrere Tage Kostschmälerung auf Wasser und Brot. Seppl und Bibs schwere Disziplinierung wegen ihrer Mitunterschrift unter dem Walter-Brief. Davon haben die Patentkommunisten überhaupt keine Notiz genommen. Wie liegt denn der Fall? Ich halte es für nötig, ihn zu fixieren, um später jeder Fälschung entgegentreten zu können. Es bestand der strikte Beschluß, mit der Verwaltung über die Aufhebung der Zwangsmaßregeln in keiner Form zu verhandeln, in völliger Passivität den Moment abzuwarten, wo sie entweder von selbst aufgehoben würden oder die politische Lage eine Änderung herbeiführe. Ausdrücklich wurde bei Vollmanns Abgang betont, daß eine Änderung unsres Verhaltens deswegen nicht in Frage komme. Am schroffsten haben wir von der „Schmidt-Gruppe“ diesen Standpunkt vertreten, obwohl wir sahen, wie stark das Verlangen bei vielen war, aus der Situation, die uns gewiß nicht bequemer war, durch Nachgeben herauszukommen. Grade dieser unser intransigenter Standpunkt hat am meisten zu unsrer Isolierung beigetragen, für die dann Gründe konstruiert wurden. Zuerst setzte man mir zu und brachte die Westrichschen Verleumdungen wieder aufs Tapet. Ich wurde als internationaler Hochstapler, als Dieb und was weiß ich beschimpft – natürlich hinter meinem Rücken. Lange ging das nicht und man steckte zurück (nur Sauber, der die Beweise für die völlige Korrektheit jeder meiner Handlungen in den Händen hat, verleumdete mich auch dann noch). Dann nahm man sich zur Abwechslung Seppl vor, der mit Walter, über den ausdrücklich kein Boykott verhängt war, ein paar Worte geredet hatte: also war er Spitzel. Das genügte nicht. So gings gegen Adolf Schmidt los, der sich herausnahm, eine Diktatur seiner Parteigenossen hier drinnen nicht anzuerkennen. Unsre Vorsicht, gewisse Leute bei ihrem Alleinsein oben nicht unbeaufsichtigt zu lassen (sie war sehr berechtigt, denn Walters Zelle ist tatsächlich von ihnen durchstöbert worden) gab dann den Anlaß, den allgemeinen Boykott über Schmidt und alle zu verhängen, die weiter mit ihm und seinen Freunden verkehrten. Weigand und Ringelmann gingen die Augen auf, und sie kamen zu uns. Die andern – alle: mit Einschluß von Hagemeister, Olschewski, Podubetzky, Karpf und sogar Gnad unterwarfen sich den Befehlen der Kain, Schwab, Wiedenmann, Sauber. Dies alles zu einer Zeit, wo sich infolge der Entwaffnungsfrage die innenpolitische Situation in Bayern ungeheuer zuspitzte und wo das erste Auftreten des Herrn Kraus den Wind schon anzeigte, der durchs Haus wehen werde. Aber das sahen die großen Politiker nicht. Sie hielten es für ihre erste Aufgabe, die Spaltung unter den Genossen zu betreiben. Dann kamen 3 von den 6 Verfehmten hinunter in Absonderung. In diesem Moment hielt man es für richtig, aus der beschlossenen Passivität herauszugehn und dem Vorstand Forderungen vorzulegen, und zwar ohne den drei oben gebliebenen der Gruppe davon Mitteilung zu machen oder sie grundsätzlich um ihr Einverständnis zu befragen. Die Folge war – absolut im Stil dessen, was seit 14 Tagen Usus geworden ist – die Maßregelung des oberen Stockwerks, selbstverständlich mit der Ausnahme derer, die man ausgeschlossen hatte. Welche Konsequenzen aus dieser Maßregelung zu ziehn sind, ist selbstverständlich Sache derer, die davon betroffen sind. Ganz abgesehn davon, daß der Hungerstreik jetzt gradezu unsinnig ist, ist es eine unglaubliche Zumutung, von denen, über deren Köpfe weg man den Beschlußbruch begangen hat, zu verlangen, die Folgen dieser Solidaritätsverletzung mit auf sich nehmen. So hörte ich vorhin Kain die Parole ausgeben: jetzt zeigt es sich, wie recht wir hatten, sie zu boykottieren! Demagogen – und damit soll das Volk zur Revolution geführt werden! Wie gänzlich verschroben die ethischen Begriffe auch sonst guter Genossen schon sind, dafür ein Beispiel: Heute früh entstand ein Streitgebrüll zwischen unterem und oberem Stock. Ibel rief Marschall hinunter: „Zahl du nur erst das Geld zurück, das du der Parteikasse gestohlen hast!“ Darauf ein Brief von Marschall, den Ibel verlas und worin M. ihn aufforderte, mitzuteilen, was für Gelder er gestohlen hätte. „In den Papierkorb!“ schrieen die andern, und keiner kam darauf, zu fragen, was denn Wahres daran sei. Nachher fand unten Versammlung statt und grade Ibel hörte einiges und erstattete Bericht, es spreche grade Marschall, und zwar so anständig, daß er seinen Angriff eventuell zurücknehmen könne. Also ob einer gestohlen hat oder nicht, entscheidet sich danach, ob seine Haltung bei irgendeinem späteren Anlaß gebilligt wird oder nicht. Meine Unterschlagung wird demnach wohl gleich nach Ablauf meiner Disziplinierung, besonders, wenn auch gegen mich die Beschränkungen aufgehoben werden, wieder Tatsache sein. – Sehr sonderbar ist nun aber, daß zur Zeit die Frauen von Sauber und Hagemeister im Hause und ihre Männer unten bei ihnen sind. Die Tatsache gibt doch zu denken. Ich habe meine geliebte Zenzl seit 7 Monaten nicht sehn können, die Landtagsabgeordneten aber, die auf diese Würde so ungeheuren Wert legen, finden Mittel und Wege, bei aller Charakterfestigkeit um die Verbote herumzukommen. – Na ja: Weihnachten! – Trotz alledem ist mir garnicht wohl in meiner Haut. Rings um mich Menschen, Genossen, die die Nahrung verweigern, die größtenteils doch in völlig ehrlicher Überzeugung, damit einen revolutionären Kampf auszukämpfen, schwerste Schädigung ihrer Gesundheit, sogar Gefährdung ihres Lebens auf sich zu nehmen, und ich sitze dazwischen und beteilige mich nicht an der Aktion und werde deswegen von diesen ehrlichen Genossen für einen Lumpen und Verräter gehalten. Aber ich kann nicht etwas tun, was gegen meine Überzeugung geht, vor allem kann ich meine nächsten Kameraden, die die meiner Ansicht nach richtige Haltung einnehmen, nicht um der solidarischen Geste willen desavouieren. Ihnen bin ich vor allem Solidarität schuldig. Aber mein Essen will mir garnicht schmecken. – In der Politik ist eine Zwischenpause eingetreten. Die bayerische Regierung scheint keinen Finger rühren zu wollen und alles dem Reich zu überlassen. Bis zum 25ten muß die Entwaffnung und die Auflösung der Organisationen aber durchgeführt sein. – Im Reich hat Wirth mit Ach und Krach ein halbes Vertrauensvotum gekriegt und kann jetzt weiterwursteln. Lange wird die Herrlichkeit wohl nicht dauern. Mit der Amnestie wird es natürlich zunächst nicht. Auch die Herren Sozialdemokraten haben durch Herrn Wels starke Bedenken dagegen geäußert und sich zu einem eignen Antrag aufgeschwungen, die Urteile der Sondergerichte einer Prüfung unter dem Gesichtspunkt der Begnadigung zu unterziehn. Währenddem hat das preußische „Haus der Abgeordneten“ einen Antrag auf Aufhebung der Sondergerichte abgelehnt. Die „Neuorientierung“ in der deutschen Politik sieht also bislang recht windig aus. Mit der Durchführung des Ultimatums wird auch da wohl nolens volens Schmiß hineinkommen, wenigstens bei uns in Bayern. – Ein Toter. Als ich die Nachricht las, fiel mir auf, wie fern mir die nächsten Interessen meines früheren Lebens gerückt sind. Harry Walden hat sich in gemeinsamem Entschluß mit seiner Familie vergiftet. Dieses Ende war bei dem armen Mann nicht überraschend. Er hat eine Reihe eigenartiger Erlebnisse in halben Dämmerzuständen hinter sich und auch Versuche, sich das Leben zu nehmen, waren m. W. dabei: Wie hätte mich früher der Tod dieses Schauspielers, den ich so oft auf der Bühne sah – am besten immer in Paraderollen minderwertiger Stücke – bewegt. Ich erinnere mich deutlich, was für einen Eindruck seinerzeit der Selbstmord Victor Arnolds auf mich machte. Dabei stand mir persönlich Arnold kaum näher als Walden. Bei dem ist es fast nur die Tragik des persönlichen Schicksals, was meinen Geist bei seinem Ende anhalten läßt. Die Kunst, – ich denke und fühle nicht mehr als Kritiker. Und ich glaube, das ist gut so.

 

Einzelhaft, Dienstag, d. 7. Juni 1921.

Ernst Ringelmann ist heute früh nun ebenfalls unter Aufhebung aller Beschränkungen zu den „Verrätern“ versetzt worden, – und ich bin nun der einzige „Lump“ zwischen den übrigen. Eine ungemütliche Situation. Gestern abend wurde mir mein Bett zurückgebracht, einen Tag vor Ablauf der mir zudiktierten Lagerentziehung. Damit bin ich zum ersten Mal auch als „brav“ anerkannt, – was mir recht widerwärtig ist. Aber ich bin entschlossen, Regen und Sonnenschein nach Belieben des Himmels über mich ausströmen zu lassen. Morgen habe ich wieder Anspruch auf Hofgang. Das ist sehr erfreulich. Die ganzen 7 Tage mit dem Stinkkübel in der kleinen Zelle – das war nicht schön. Zudem spüre ich die Nachwirkungen des harten Lagers in allen Knochen und besonders im Schädel. Meine Erwartung, ich werde auf der Matratze und mit Kissen und Decken wunderbar schlafen, hat sich in der ersten Nacht nicht erfüllt. Nach den 6 bitteren Nächten konnte ich mich mit der Süßigkeit des Bettes garnicht zurechtfinden, schlief sehr spät ein und wachte sehr früh auf. – Höchst ärgerlich ist mir, daß mit der Einsperrung der Mehrheit nur noch Zeitungen zu mir geschickt werden dürfen. Den gewohnten Bohnenkaffe, der mir so wohl täte, muß ich entbehren, und Hartspiritus, mit dem ich ihn mir selbst bereiten wollte, war in Rain nicht zu haben. – Aus den Gesprächen zwischen den Hungernden ging hervor, daß Frau Hagemeister – die mir übrigens ein Packetchen von Zenzl mitbrachte – mit dem Vorstand gesprochen hat, der scheinbar seine Bereitwilligkeit zu Verhandlungen ausgesprochen hat. Das war gestern abend. Die Stimmung war die, daß jede Verhandlung abgelehnt werden soll, solange die Absperrung daure. Hagemeister schien seinerseits weniger intransigent zu denken: er hat schon zwei Hungerstreiks mitgemacht und wird sich gedacht haben, besser mit einem blauen Auge aus der Geschichte herauskommen als einen blamablen Ausgang erleben. Dann wäre das Ergebnis der ganzen unsinnigen Aktion, daß verhandelt wird, also das durch wilde Maßnahmen erzielt wird, was wir eben als unser nicht würdig unter Vollmann abgelehnt haben. Denn das war ja die allgemeine Auffassung: daß wir jeden Tag die Liquidation der Maßregeln haben könnten, wenn wir uns nur auf eine Aussprache kaprizierten, und daß die Justizbehörde nur darauf warte, um als nicht garzu Blamierter aus der Situation herauszukommen. Tritt jetzt der Fall ein, daß Kraus aufgrund des Hungerstreiks verhandelt und womöglich die Beschränkungen aufhebt, dann kann er mit Befriedigung seiner vorgesetzten Behörde gegenüber erklären, daß die strengen Maßregeln, die er ergriffen hat, endlich die erwünschte Regelung der Angelegenheit bewirkt haben. Unsre Kommunisten aber werden weiß Gott wie stolz auf ihren „Sieg“ sein. – Was die nächsten Tage an politischen Neuigkeiten speziell in Bayern bringen werden, liegt ganz im Dunkeln. Der „Landeskommissar für die Entwaffnung der Zivilbevölkerung“ Bayerns erläßt einen amtlichen Befehl zur Ablieferung, in dem mitgeteilt wird, daß die bayerische Einwohnerwehr beschlossen hat, die Entwaffnung freiwillig durchzuführen. Von der Auflösung der Organisation verlautet nichts. Die bayerische Volkspartei, die ja die ganze Politik des Landes bestimmt, nimmt jetzt energisch Stellung für strikte Durchführung aller Bestimmungen, versichert aber gleichzeitig Herrn v. Kahr ihres unerschütterten Vertrauens. Gleichzeitig aber wird bekannt, daß Herr Dr. Kanzler, Escherichs Gehilfe, der Hauptschreier für die Weigerung bis zum Äußersten, aus der bayerischen Volkspartei ausgeschieden ist. Da wäre es doch sehr merkwürdig, wenn Roth in der Regierung bliebe. Selbst wenn Kahrs Sitzfleisch soviel Klebstoff enthält, daß er in eleganter Schwenkung alles das täte, was er bisher als unmöglich erklärt hat, sind doch die Deutschnationalen festgelegt, und Roth und Pöhner werden kaum länger möglich sein. Dann aber tritt ein, was ich die ganze Zeit behaupte: Linkswendung der gesamten Innenpolitik – und für uns politische Gefangene gewiß leichtere Zustände. – In Oberschlesien neue Verwirrungen. In Beuthen Kämpfe des deutschen Selbstschutzes gegen französische Truppen, bei Kandrzin ein von der patriotischen Presse triumphierend verkündeter Sieg der Deutschen im Angriff, zugleich eine Note le Ronds an Höfer, worin die Räumung des gewonnenen Gebiets gefordert wird und schroffe Ablehnung Höfers, was wohl die Ausführung der angedrohten Räumung des von den Alliierten gehaltenen Industriegebiets, also dessen Auslieferung an die Insurgenten zur Folge haben wird. Im großen Ganzen haben diese Dinge keineswegs die Wichtigkeit, die ihnen beigemessen wird. Aber in der illustrierten Beilage der „Vossischen Zeitung“ ist ein sehr interessantes Bild: die große Demonstration für Oberschlesien im Berliner Lustgarten. Da werden Plakate mit allen möglichen nationalistischen Aufschriften herumgetragen. Außerdem sieht man Parteiplakate, denen ihre Schäfchen folgen, und zwar nebeneinander: Zentrum, Deutsche Volkspartei, Deutschnationale Volkspartei und – Kommunistische Partei Deutschlands. Soweit hat es diese Partei jetzt gebracht, daß sie für deutsche Kapitalsinteressen Arm in Arm mit den Deutschnationalen demonstriert. Für ihre Markenkleber hier in der Festung aber bin ich der Konterrevolutionär. – Wäre es den Ludendörffern gelungen, die Entente zu dupieren und sie riefen eines Tages zum Revanchekrieg auf, – ich zweifele keinen Augenblick, daß die Kommunisten als erste auf die nationale Parole gehüpft wären – natürlich das Maul voll revolutionären Redensarten. – Sonst siehts in der Welt wieder bunt aus. England scheint ernstlich im Begriff, gegen die türkischen Kemalisten zu Felde zu ziehn, und die fühlen sich offenbar stark genug, den Krieg gegen Westeuropa wieder aufzunehmen. Schon heißt es, sie wollen eine Offensive gegen die Franzosen unternehmen, und sie aus Syrien hinausschmeißen. Ihr Enver Pascha, den leider noch kein Teilirian erwischt hat, kämpft inzwischen für die bolschewistische Sowjetrepublik, und dort sieht sich Lenin allmählich in der eignen Partei einer starken Opposition unter Trotzky und Bucharin gegenüber, denen die Konzessionen an den europäischen Kapitalismus doch endlich auf die Nerven gehn. Man scheint die Mißstimmungen in der eignen Familie durch vermehrte Bedrückung andrer revolutionärer Richtungen wettmachen zu wollen. Die Sozialrevolutionäre und Anarchisten wenden sich in lauten Hilferufen an das Weltproletariat. Die russischen Bolschewiki haben namenlos Großes getan und begonnen: es wäre schrecklich, wenn sie ihr Werk in den Schmutz fallen ließen.

 

Einzelhaft, Mittwoch, d. 8. Juni 1921.

Ich war 1½ Stunden im Hof und lüftete aus. Das tat gut, aber trotzdem fühle ich mich krank. Die Wirkungen des Brettlagers werde ich wohl noch lange spüren. Die Nerven sind in ganz schlechtem Zustand. Den schwarzen Kaffee, der ihnen aufhelfen könnte, kriege ich nicht. Eine Änderung meiner Lage scheint vorläufig nicht beabsichtigt zu sein; so brauche ich wenigstens den ersten Brief an Zenzl nicht mit schlechtem Gewissen zu schreiben. Die armen Teufel ringsum hungern heute den dritten Tag: das ist der empfindlichste nach meinen Erfahrungen. Morgen, fürchte ich, werden sich bei manchem schon die körperlichen Folgen deutlich zeigen, und wenn der fünfte Tag erfolglos vorübergehn sollte, sind böse Dinge zu erwarten: deren günstigste noch die Kapitulation wäre. Natürlich wird man dann uns als „Streikbrechern“ die Schuld geben. Die Leute sehn in ihrer Verblendung ganz falsche Motive bei uns. Während von uns sieben vier unten in Einzelhaft waren – von ihnen keiner – haben sie über unsre Köpfe weg unter Umstoßung gemeinsam verabredeter Beschlüsse – dem Vorstand bestimmt formulierte Forderungen überreicht, die wir also garnicht kennen. Jetzt brechen wir also die Solidarität, wenn wir zur Durchsetzung dieser unbekannten Forderungen nicht mithungern! Es ist ziemlich still geworden in den Zellen. Gelegentlich hört man noch den schwer hysterischen Wollenberg schreien, das wilde Bramarbasieren der letzten Tage hat aufgehört. Zwischen all den leidenden Menschen zu sitzen, ohne ihr Leiden zu teilen, ist mir schrecklich. Wäre ich wenigstens bei Freunden, dann hülfe die Gesellschaft einem doch über die Gewissensbisse weg. Ich glaube aber kaum, daß meine Befreiung aus der Absonderung geplant ist. Heute wurde mir „eröffnet“, daß eine Beilage zu dem Paket, das Zenzl mir durch Frau Hagemeister schickte, zu den Akten genommen ist: es handelt sich um ein Flugblatt der von Freksa herausgegebenen Zeitschrift „Phosphor“. Titel: „Erich Mühsams Dichten und Trachten“. Also eine Verulkung meiner eignen Person von alldeutscher Seite darf mir „wegen agitatorischen Inhalts“ nicht ausgeliefert werden. Nachdem mir vor einigen Tagen das abgetippte Manuskript meiner eignen Arbeit (über die Entstehung der Räterepublik) mit derselben Begründung zurückgehalten wurde, ist ja dergleichen nicht mehr besonders überraschend; nur daß die Agitation diesmal von der Rothschen Partei selbst stammt, macht die Geschichte pikant. – Ein Brief von Pfempfert gibt nun auch Aufschluß über die Tragikomödie meines Buchs aus dem Ansbacher Gefängnis. Wegen der hohen Druckkosten hat es nicht eher erscheinen können. Nun wird es aber in diesem Monat fertig – falls ich mit der Zurückschraubung des Honorars noch tiefer als ursprünglich angesetzt (das war 10 % vom verkauften Exemplar) einverstanden bin. Ich habe zustimmend telegrafiert, damit das Ding endlich mal wirklich herauskommt. – Hier sind gestern 3 Genossen von Lichtenau eingetroffen, 24 kommen im Ganzen. Die werden Augen machen! – In den Zeitungen garnichts. Richtigzustellen ist nur, daß der Herr Kanzler nicht aus der Bayerischen Volkspartei ausgetreten ist. Trotz alledem glaube ich, daß in den nächsten 14 Tagen die innenpolitische Krise fertig ist. Zeit wird’s auch. Ich muß mehr als je Energie aufwenden, um Körper, Geist und Nerven zusammenzuhalten.

 

Abend. Nach 9 Uhr. Es ist ein entsetzlicher Zustand. Die armen Menschen, die nun 3 Tage lang nichts im Leibe haben, lärmen vor Wut und Qual. Und ich sitze mitten dazwischen, gelte ihnen als Verräter und leide furchtbar unter diesem Zwiespalt. Wenn ich morgen nicht zu den Freunden komme, werde ich bitten, die Absonderung wieder im Parterre absitzen zu dürfen.

 

Einzelhaft, Donnerstag, d. 9. Juni 1921.

Mir ist totelend zu Mute. Der Kaffee wäre die nötige Medizin. Ohne jeden Anlaß, ohne jede Begründung ist es verboten, daß ich ihn kriege. Heute mittag, als ich vom Hof heraufkam, standen die Freunde am Herd. Der Kaffee war fertig. Die Aufseher verhinderten, daß ich ihn mitnahm. Mich verläßt die Empfindung nicht, daß Kraus es mit allen Mitteln darauf absieht, mich leiden zu lassen. Das Telegramm an Pfempfert, dessen ganzer Inhalt war: „Mit Honorar einverstanden“, also diese rein geschäftliche Antwort auf einen Brief, der mir durch die Zensur zuging, scheint er nicht passieren lassen zu wollen. Wenigstens erhielt ich heute ohne ein Wort der Aufklärung das Geld zurück, das ich für das Telegramm mitgegeben hatte. Ich habe Adolf gebeten, einen Eilbrief an Pestalozza für mich zu schreiben, der, soviel ich weiß, auch von den andern erwartet wird. Es sind ja gradezu tolle Zustände. Das Hungern der 16 Genossen scheint garkeinen Eindruck zu machen. Einige haben überdies – außer Einsperrung und Hofentzug – auch noch hartes Lager. Und ich bin mit meinen Nerven ziemlich am Ende. Schließlich ist’s keine Kleinigkeit, was ich ausstehe. Seit 7 Monaten habe ich Zenzl nicht gesehn, seit 3½ kann ich ihr nicht schreiben. Das Briefverbot fügt mir schweren wirtschaftlichen Schaden zu: ich kann mich nicht um meine Arbeiten kümmern, muß Zenzl in allem ohne Rat lassen, bekomme natürlich auch keine Pakete mehr von vielen, die auf Antwort warten – so schreibt mir Genosse Steiner aus Amerika einen gradezu entrüsteten Brief, daß ich ihm seine verschiedenen Sendungen nicht quittiert habe usf. Meine Tagebuchaufzeichnungen sind beschlagnahmt, mein Gesamtvermögen gepfändet, darunter gleich der eventuelle Ersatz für die Plünderung vom Jahre 1919. Dazu die qualvollen Maßregelungen. Die 6 Tage Bettentzug haben mir furchtbar zugesetzt. Mit 43 Jahren, nach über 2 Jahren Einsperrung ist das für einen, der kein Soldat war, keine Kleinigkeit. Über die bei der Durchsuchung konfiszierten Sachen habe ich noch keinen Bescheid, und so hängt – womöglich wegen meiner Tagebuchaufzeichnungen – das Damoklesschwert unbekannter neuer Peinigungen ständig über mir. Dabei die Sorge um Zenzl – die kritischen Tage des Jahres – Mitte Juni, die ihr so oft schon Krankheiten brachten, stehn wieder bevor – und, wie es scheint, keine Hoffnung irgendwelcher Besserung; es sei denn, daß Herr Roth von seinem Posten muß. Das ist allerdings eine Hoffnung, die kaum trügen wird, – aber es kann noch Wochen dauern, bis es soweit ist, und meine Kräfte nehmen rapid ab. Was am meisten an den Nerven zehrt, ist der Konflikt mit den Genossen. Ich denke selbst stark an Hungerstreik, möchte ihn aber nicht von heute auf morgen beginnen, sondern ultimativ eine Frist stellen, bis zu der ich mit den nächsten Kameraden gleichgestellt sein will, um dann erst mit der Aktion, die – das erkenne ich klar – bei meiner geschwächten Gesundheit Selbstmord sein kann, zu beginnen. Solange ich noch irgend andre Möglichkeiten sehe, will ich denn auch warten. Zenzl rät mir im letzten Brief zu Fatalismus. Gewiß: mich hat noch immer der Gedanke getröstet, daß kein Zustand Dauer hat. Aber der Körper läßt nach, das ist das Verfluchte. Hat die Entwaffnung die Folgen, die ich annehme, dann ist ja zu erwarten, daß auch unter den Genossen selbst wieder Kameradschaft und Versöhnlichkeit einkehrt. Die Parteibesessenheit derer, die mal Funktionäre werden wollen, wird wohl in verträglichere Bahnen geleitet werden können, wenn hier durch Wiederherstellung gesetzlicher Zustände die Atmosphäre behoben ist, die sich in hysterischer gegenseitiger Beargwöhnung und fanatischer Gehässigkeit gegeneinander entlädt. – Über die Lage in der Politik weiß ich noch nichts, da ich die neuen Zeitungen heute noch nicht bekommen habe.

 

Einzelhaft, Freitag, d. 10. Juni 1921.

Abschrift: An Oberwerkführer Fetsch. „Geehrter Herr Oberwerkführer! Seit einigen Tagen ist es meinen Freunden nicht mehr gestattet, mir wie bisher mit den Zeitungen auch Lebensmittel zu senden. Für mich ist das insofern eine schwere Strafe, als ich seit mehr als 20 Jahren an schwarzen Bohnenkaffee nach dem Essen gewöhnt bin. Auch während meiner Untersuchungshaft und selbst während meiner 2monatigen Gefängnisstrafe im vorigen Jahre in Ansbach wurde mir gestattet, täglich den Kaffee zu bekommen, der für meine Nerven gradezu Medizin ist und dessen Entbehrung sich in Erschöpfungszuständen und Verdauungsstörungen fühlbar macht. Sie wissen, daß ich den von der Anstalt gelieferten Nachmittagskaffee, der mir widersteht, stets unberührt zurückschicke. Ich besitze genügend Bohnenkaffe, der sich in den Händen meiner Freunde (der Herren Schmidt, Schreiber u. s. w.) befindet, und diese sind gern bereit, ihn mir jeden Tag zuzubereiten. Wenn erlaubt würde, daß mir der Kaffee regelmäßig mit den Zeitungen geschickt wird, wäre auch keinerlei Mehrarbeit für das Aufsichtspersonal damit verbunden. – Ich wäre Ihnen also sehr dankbar, Herr Oberwerkführer, wenn Sie veranlassen könnten, daß das Verbot, mir mal etwas hereinzuschicken, aufgehoben würde, oder doch, daß erlaubt würde, mir einmal täglich meinen Kaffee zukommen zulassen. Hochachtend   Erich Mühsam.“

So muß man winseln, um wenigstens – vielleicht! – die schandbare Tortur ein wenig erleichtert zu kriegen. Fetsch selbst, der heute früh in einer gleichgiltigen Sache bei mir war, gab mir auf meine Beschwerde wegen der Kaffeeentziehung den Rat, ihm einen Brief zu schreiben, den er der Verwaltung vorlegen werde. – Dann wurde mir mitgeteilt, daß im Rapportzimmer ein Gespräch zwischen Herrn Wittmann und mir stattfinden dürfe. Wir waren vor einer halben Stunde unten. Seppl übermittelte mir den Rat der Gruppe, ich solle – wie er (Seppl) und Weigand es auch getan haben, dem Vorstand schreiben, daß ich mit der Aktion der übrigen garnichts zu tun habe. Sobald er wisse, daß ich nicht mit ihnen solidarisch bin, werde er auch die Zwangsmaßnahmen gegen mich aufheben. Ich habe das glatt abgelehnt. Die andern haben eine namentlich unterzeichnete Proklamation hinuntergeschickt, dafür sind sie diszipliniert worden. Ich habe mich an der Aktion nicht beteiligt, bin nie unserm Beschluß auf passives Verhalten untreu geworden. Der Vorstand weiß genau, daß ich keinen Anteil an der Sache habe. Diszipliniert er mich gleichwohl dafür, so ist das nur ein neuer Beweis dafür, daß er es darauf abgesehn hat, mich mit oder ohne Gründe zu quälen und womöglich zugrunde zu richten. Ich habe dem Seppl gesagt, daß ich weiterhin passiv bleiben will, was allein schon jeden derartigen Schritt ausschlösse, daß ich aber in diesem Augenblick garnicht daran denken könne, so etwas zu unternehmen. Die andern sind heute am fünften Tag im Hungerstreik. Ich beteilige mich nicht daran, weil ich das ganze Tun für falsch halte. Wenn ich jetzt aber extra für meine Bravheit Beweise anböte, dann hätte ich das Gefühl, als ob ich den andern in den Rücken fiele. Das tu ich nicht. Mich ärgerts auch, daß Adolf nicht selbst soweit gedacht hat. Säße er in meiner Lage, er hätte es ganz gewiß auch nicht getan. Die Bevorzugung wegen Wohlverhaltens, wofür man, wie in unserm Fall, manchmal garnichts kann, trägt immer die Gefahr in sich, zur Korruption zu führen (Fall Murböck und Gefährten). Davor werde ich mich hüten. Ich benutzte die Gelegenheit, Seppl zu bitten, an Zenzl wegen Geld zu schreiben, und ihr dabei mitzuteilen, daß auch das Telegrafieren jetzt verboten sei. Ich wurde nämlich gestern heruntergerufen und erhielt Bescheid folgender Art: das Telegramm an Pfempfert werde nicht befördert. Einmal stehe dem das Schreibverbot entgegen, ferner sei Telegrafieren generell nur in allerdringlichsten Fällen gestattet. Das Formular sei mir daher zurückzugeben. Hingegen wolle er (Kraus) mir ausnahmsweise gestatten, den Inhalt des Telegramms – „kein Wort mehr!“ – zu schreiben. – Ich habe darauf eine Postkarte an Pfempfert geschrieben, der vom Schreibverbot keine Ahnung zu haben scheint, deren ganzer Text lautet: „L. Pf., Mit Honorar einverstanden Gruß. EM.“ – Ob er intelligent genug sein wird, eine Erklärung für diesen lakonischen Stil zu finden? – Nun, vielleicht kommt Pestalozza bald – ich habe dem Seppl eingeschärft, daß unbedingt und unverzüglich ein Anwalt hermuß –, dann wird jawohl draußen einmal ein wenig Zug in die Menschen kommen, die doch wohl nur zu erfahren brauchen, wie es jetzt hier zugeht, um aus der Haut zu fahren. Oder muß man auch daran schon verzweifeln? – Jetzt ist’s erst 11 Uhr am Vormittag. Will abwarten was der Tag weiterhin bringt.

 

Nachmittag. In den Zeitungen oben und unten: Oberschlesien. Die Kämpfe gehn weiter, doch hat die „Säuberungsaktion“ der Alliierten begonnen, die ihre Truppen zwischen die Parteien einschieben. Höfer soll von Berlin aus aufgefordert werden, die Forderung le Ronds zu erfüllen. Ob es helfen wird? – Die Preßschimpfereien sind übel. Sehr ärgerlich sind Äußerungen Przybyszewskys, der in polnisch-nationalistischen Paroxysmen gegen die Engländer tobt. Der Dichter der „Satanskinder“ sollte auf seinen Ruf halten. Schon im Kriege, nach der wahnwitzigen Aktion vom 5. November 16 ritt er den politischen Schimmel und pries die deutsche Lösung der Polenfrage wie eine Heilstat. Als ich mal mit ihm über die Anwendung von Terror in Polen sprach (das mag bald 15 Jahre her sein), wurde er ganz scheu vor dem Gedanken. Es ist wohl das Schicksal der Dichter, daß sie immer erst rabiat zu werden wagen, wenn’s oben beliebt ist. – In der Entwaffnungsfrage insofern was Neues, als Lloyd George angeblich geneigt sein soll auf Grund von Münchner Versprechungen die Frist zur Auflösung der Organisationen hinauszuschieben. Ich glaube vorläufig, daß da der Wunsch der Vater des Gedanken ist, aber diese noch nicht zerstörte Hoffnung erklärt die ungeschwächte und noch gesteigerte Brutalität der bayerischen Rechtshüter. Wegen der Räterepublik wird munter weiter verurteilt. Ein gewisser Uhrmann (oder Ullmann) ist jetzt wieder zu 3 Jahren Festung verknackt worden. Er wird ja nach der Auflassung Lichtenaus (das ganze Haus – unten natürlich blos – wimmelt von Ankömmlingen) jedenfalls hierher kommen – und sich wundern. Die preußischen Sondergerichte arbeiten ebenfalls wie verrückt. Sie kennen nur Zuchthaus, – am 13ten beginnt der Prozeß gegen Hölz. Ich bin sehr in Sorge um ihn. – Zu Bayern und seiner Herospolitik zurückzukommen. Escherich hat sich einem Schmock gegenüber freigeredet. Er ist mächtig gegen Wirth vom Leder gezogen und scheint keineswegs geneigt, seine Orgesch fallen zu lassen. Wollen sehn, wie heute in 3 Wochen die Aktien stehn. – Noch etwas: Levien soll in Wien wieder mal verhaftet sein, peinlicherweise im Zusammenhang mit einer Mädelgeschichte. Er hatte sich unter falschem Namen in einer Pension eingemietet. – Häusliches: Seffert ist aus dem Gefängnis zurückgekommen. Er wohnt auf dem kleinen Gang – ob seine Verbote aufgehoben sind, weiß ich nicht – und boykottiert meine Freunde und mich: ohne Ahnung von dem, was vorgegangen ist, ohne selbst betroffen zu sein – Parteidisziplin! Von den 16 Hungerstreikern scheint noch keiner umgefallen zu seien. Sehr tapfer – alles was recht ist. Ich fürchte aber, sie werden nichts erreichen.

 

Abend 9 Uhr. Vor einer Stunde etwa wurde aufgeschlossen. Die Herren seien alle im Gemeinschaftsraum und berieten. Ob ich teilzunehmen wünsche? Ich verzichtete natürlich. Jetzt erst habe ich Klarheit über den Erfolg der Besprechung: es ist lebhafte Konversation, – die Zellentüren scheinen offen zu sein, bis das Nötige geregelt ist –, Seffert kocht Tee, und man ißt also wieder. Ob sie irgendwas beim Vorstand erreicht haben? Ich zweifle stark. Die ganze Gaudi war für die Katz. Um 5 Uhr nachmittag bekam einer Schreikrämpfe, – es war entsetzlich: jetzt ist man bester Laune. Gottseidank daß dieser Krampf vorüber ist. Der ist mir ärger ans Herz gegangen als meine eigenen Nöte. Bin neugierig, ob morgen die Zellen aufgemacht werden.

 

½ 10 Uhr. Eine freudige Überraschung: eben bringt mir ein Aufseher mein heißgeliebtes Emaillekännchen mit schönstem starken schwarzen bitteren Bohnenkaffee. „Weil die andern Herren Thee gekriegt haben –, es ist aber bloß eine Ausnahme.“ Ich habe erst einen Schluck genommen, und fühle schon junge Lebensgeister aufwachen. Welch herrliches Getränk!

 

Einzelhaft, Sonnabend, d. 11. Juni 1921.

Abschrift: „An den Herrn Vorstand der Festungshaftanstalt. Mit Rücksicht auf meine schwer angestrengten Nerven und in der Hoffnung, mein Vergehn nunmehr gesühnt zu haben, bitte ich um Aufhebung meiner Absonderung. Ich schließe hieran die Bitte an, zugleich meine Verlegung in den Seitengang anordnen zu wollen, in dem meine persönlichen Freunde (die Herren Schreiber, Schmidt, Wittmann u. s. w.) untergebracht sind, da ich unter den unerquicklichen Geselligkeitsverhältnissen zwischen den Mitgefangenen des Mittelgangs und mir auf die Dauer peinliche Weiterungen befürchte. N’feld, 11. Juni 1921. Hochachtungsvoll.“

Das ist mir sauer geworden. Aber ich habe mich wohl oder übel dazu entschließen müssen. Vor einer halben Stunde – ich lag noch im Bett – kam Clemens Schreiber zu mir herein, gefolgt vom Oberwerkführer Schneider und Herrn Kagerer. Er riet mir dringlichst dazu, einen solchen Schrieb loszulassen, da das Leben hier im Mittelgang allein unter den andern für mich eine unausgesetzte Qual werden müsse. Heute gehn die übrigen in den Hof; ich dürfe natürlich keinesfalls zugleich hinausgehn, da ich gewiß Drangsalierungen ausgesetzt sei. Außerdem kommen jetzt die Lichtenauer, die Buden werden verteilt, und für mich bleibt kein Platz mehr bei den Freunden. Obendrein hat der Vorstand jeden Nahrungsmittelaustausch endgiltig abgelehnt; ich kriege also keinen Kaffee runter und selbst ein Stück Brot, um das ich bat, wurde abgeschlagen. Das mir nach § 10 der Hausordnung ausdrücklich zugebilligte Recht auf Zusatznahrungsmittel ist, sofern irgendeine Zubereitung dabei nötig ist, für die Abgesonderten also aufgehoben, was auf eine ungeheure Verschärfung der Maßnahme, nämlich höchst empfindliche Kostschmälerung, hinausläuft. An den Tagen, wo es amerikanischen Speck gibt – ein sehr häufiges Essen –, der mir seines Thrangeschmacks wegen bis zum Erbrechen widersteht, bin ich einfach auf Hungern gesetzt. Ganz plötzlich, ohne jegliche Begründung. – Alle diese Erwägungen, dazu besonders noch mein schwer derangierter Nervenzustand und die täglich fühlbarer werdende Unregelmäßigkeit der Herztätigkeit hat mich dann zu der Überwindung vermocht, den ekelhaften Brief zu schreiben. Zu meiner Rechtfertigung vor mir selbst kann ich immerhin sagen, mit Verhandlungen über die Behandlung habe nicht ich angefangen, sondern die, die mich als Verräter betrachten; solange sie im Hungerstreik waren, hätte ich mich nicht gerührt, um nicht in solchem Augenblick mein Wohlverhalten ihrem Benehmen empfehlend gegenüberzustellen. Nachdem sie die Aktion abgebrochen haben, habe ich gegen sie, die hinter meinem und der Freunde Rücken ihren Vorstoß unternahmen, die Verwaltung also erst daraufstießen, daß unter uns selbst keine Einigkeit herrscht, keine große Rücksicht mehr zu nehmen. – Aber scheußlich wärs, wenn der Appell an den Vorstand erfolglos wäre. Nach dem, was Clemens sagte, ist damit allerdings kaum zu rechnen, da ihm nahegelegt worden zu sein scheint, mich zu einer Bitte um Aufhebung der Absonderung zu veranlassen. Sonst wäre auch wohl kaum jetzt an zwei Tagen hintereinander eine Aussprache mit mir aus demselben Grunde zugelassen worden. Immerhin: mir ist die Sache recht, recht widerwärtig. Wenn ich freilich Zenzl nun wieder schreiben und sie nächste Woche endlich bei mir sehen könnte, werde ich ja wieder getröstet sein.

 

Mittags. Aus München kommt eine höchst allarmierende Nachricht. Der Unabhängige Abgeordnete Gareis ist nach einer Versammlungsrede, in der er gegen die Verkirchlichung der Schule sprach, vor seiner Wohnung erschossen worden; und eben riefen mir die Genossen vom kleinen Gang herüber, es sei der Generalstreik in Bayern schon ausgebrochen. Die Irrsinnigen von der nationalistischen Seite glauben also immer noch mit Mord arbeiten zu müssen. Der „Miesbacher Anzeiger“ und ähnliche Organe fordern ja auch andauernd ungestraft dazu auf. In Kulczyckis Geschichte der russischen Revolution lese ich ständig vom Terror derer, denen alte Rechte genommen sind und Vorwürfe, daß er nicht nachhaltig genug angewandt wurde. In Bayern und Deutschland überhaupt üben den Terror die, die alle Macht haben gegen die, denen sie sie geraubt haben. Wenn sich die Nachricht von proletarischen Massenaktionen bestätigt, so ist in kürzester Zeit mit sehr starken Änderungen zu rechnen. Die Forderung wird lauten: Rücktritt der Kahr-Regierung, vor allem von Roth und Pöhner, Freigabe der politischen Gefangenen, Aufhebung des Ausnahmezustands. Daß man gleich jetzt weitergehn wird, bezweifle ich, umsomehr als naturgemäß diesmal die Führung zunächst bei den Unabhängigen liegen wird. Ich halte es übrigens für gut möglich, daß der Mord deswegen inszeniert worden ist, um große Arbeiterbewegungen hervorzurufen und für deren Niederwerfung die Orgesch und Einwohnerwehr als unentbehrlich zu erweisen. – Ich habe erst eine kurze Notiz in Händen und erwarte dann weitere Blätter. Hoffentlich läßt sich das Proletariat nicht auch in diesem Falle wieder von der Reaktion und den ihr verbündeten Sozialdemokraten einschläfern und einwickeln. Es ist ein Attentat gegen die Arbeiterklasse selbst, genau wie im Fall Eisner. Ich will mich keinen Illusionen hingeben, aber dem toten Gareis wäre zu wünschen, daß sein Blut auf bereiteten Boden fiele. Die Möglichkeit besteht, daß ein solches Ereignis alles Stagnierende zu neuem Leben aufpeitscht und eine große fruchtbare Bewegung daraus entsteht. – – Über dieser Tragödie ist alles kleinlich, was um uns herum vorgeht. Ich wills nur der Vollständigkeit wegen niederschreiben, wie es zur Zeit steht. Die Einschließung der 16 bleibt weiter bestehn, doch ist das Schreib- und Besuchsverbot für sie aufgehoben. Ich bin also der Einzige, für den es noch besteht. Auf meinen Brief von heute früh ist noch nichts erfolgt, doch erfuhr ich, daß Schneider gesagt hat, ich brauchte nur ein gutes Wort zu geben, und ich käme sofort aus der Einzelhaft. Wollen sehn. Endlich: das Verhalten der 16 gegen uns ist jetzt völlig geklärt. Nachdem Ringelmann sich ihren Forderungen angeschlossen hatte, sagte man ihm, daß man darauf garkeinen Wert lege, sonst hätte man uns ja verständigen können. Also eine beabsichtigte Provokation gegen uns, natürlich zu dem Zweck, nachträglich einen Grund für unsre Ächtung zu schaffen. Da läßt sich freilich nichts mehr sagen. Da muß man resigniert seinen Trost bei sich selber suchen. – Der Fall Gareis wird den Eseln vielleicht bald schon die Gelegenheit geben, sich zu schämen.

 

4 Uhr. Also sie haben den Generalstreik beschlossen: M. S. P., U. S. P., V. KP., Gewerkschaften, Betriebsrätezentrale – alle miteinander; nur die Christlichen machen nicht mit, – und der Generalstreik soll 3 Tage dauern – drei ganze Tage, und ein Sonntag ist auch dazwischen, und die „lebenswichtigen Betriebe“ werden natürlich schaffen, damit der gute Bürger möglichst wenig davon merkt, daß das Proletariat sich einmal seiner Haut wehren will. Der einzige Trost bei diesem Unfug ist, daß die Arbeit bei den bürgerlichen Zeitungen entgegen dem Beschluß schon am Freitag nachmittag stillgelegt wurde. Vielleicht greift die Bewegung doch etwas weiter als die Bonzen sie kommen lassen möchten. Im übrigen große Entrüstung: Ruchlose, bübische, gemeine Tat. – in der reaktionären Presse und in Kundgebungen des Landtags und der Regierung. Zugleich aber klingt’s schon durch: eigentlich war er selbst mit schuldig. Den Täter hat man natürlich nicht, und Herr Pöhner ist nobel und bietet 10.000 Mark für seine Ergreifung: er wird schon helfen, sie nicht auszahlen zu müssen. Solange man den Mann aber nicht hat, verlangt man für sein fluchwürdiges Verbrechen schonungslose Sühne. Denn politische Gewalttaten sind besonders in so kritischen Zeiten durchaus unentschuldbar und verdienen keinen Pardon. Läse man jetzt die bürgerliche Presse nach dem 21. Februar 1919, – da klangs genauso, und als der erlauchte Mörder vor Gericht stand, pries ihn alles über den Klee für sein heldenmütiges Werk, ohne mehr an Lindner zu denken, dem man unmittelbar vorher für die Reflexbewegung auf diese Heldentat 14 Jahre Zuchthaus unter Absprechung der Ehre aufgeladen hatte. Graf Arco aber „sühnt“ die Tat als Ehrenhäftling – wenn er nicht grade auf Urlaub ist – und wird mit Glaceehandschuhen bewirtet, während wir hier, die keinen Mord begingen, nur unsrer Überzeugung wegen als gemeine Verbrecher angesehn und behandelt werden. Aber es kommen doch wieder andre Tage!

 

Einzelhaft, Sonntag, d. 12. Juni 1921.

Jeden Tag neue Seltsamkeiten. Heute früh brachte mir Schneider diesen Bescheid auf mein Gesuch: die Absonderung könne noch nicht aufgehoben werden, mein Verhalten müsse erst noch einige Tage geprüft werden. Dagegen wurde mein Gesuch um Verlegung in Gang I sofort genehmigt. – Jetzt hocke ich also wieder in einer winzigen Zelle (und ich habe ja selbst noch drum bitten müssen, aus der bequemen großen Zelle in das Loch verlegt zu werden) –, habe nur das Notdürftigste meiner Effekten bei mir, muß abends und morgens von einer Zelle in die andre Umzug halten, da das Bett ja beim besten Willen nicht auch noch hier untergebracht werden kann, darf – als Einziger von allen, obwohl bei mir die Beschränkungen schon 10 Tage vorher eingesetzt hatten – keine Briefe schreiben und keine Besuche erhalten, – und fühle mich überdies krank. Die 6 Nächte ohne Bett haben mich entsetzlich zugerichtet, gestern abend flog das Herz derartig, daß ich fürchtete, es werde explodieren. Zum Glück hatte ich von Ansbach her noch ein Veronal-Morphium-Pulver, auf das hin ich dann ruhig und gut schlief. Für morgen früh habe ich mich zum Arzt gemeldet. Es hat nicht viel Zweck, da dem Mann zuerst der dem Vorstand genehme Strafvollzug und dann erst die Gesundheit des Patienten kommt. – Auf jeden Fall – trotz aller großen Unbequemlichkeit in dieser Lage bin ich heilfroh, rings um mich gute Freunde zu wissen, mit denen ich auch mal ein Wort durchs Guckloch sprechen kann. – Am 15ten hat Zenzl ihren Namenstag. Ich muß ihr durch Kameraden meine Glückwünsche schreiben lassen. Daß man mit allem sie straft statt mich, das ist mir ärger als alles andre. Wie lange noch?

 

Nachmittag. Ich habe zwei angenehme Stunden hinter mir. Während der Hofzeit (½ 1 – ½ 3), die ich nicht benutze, um Renkontres mit den 16 Fürchtenichtsen zu vermeiden, hatte ich Erlaubnis, mich im Gang aufzuhalten, war also mit den Kameraden beisammen. Dabei erfuhr ich mancherlei mir bis jetzt Neues. Z. B.: die Forderung der 16 bezog sich nicht nur auf die Aufhebung der Maßnahmen vom 2. März, sondern verlangte zugleich Entlassung von Schneider, Kagerer und Fetsch und noch allerhand andres. Der Abbruch des Hungerstreiks (den Hagemeister schon eine Stunde vorher aufgegeben haben soll) erfolgte, nachdem Olschewski Herzkrämpfe bekam und Kraus daraufhin zu ihm hineinging. Die Genossen haben gesehn, wie O. sich mit tiefen Dienern von dem hohen Besuch verabschiedete. Der Sieg, der errungen wurde, ist also sehr mäßig. Von allen Forderungen wurde nur die eine (Aufhebung der Einschränkungen vom 2. März) zugestanden, jedoch außer der Ablehnung alles übrigen die Absonderung, die den Hungerstreik veranlaßte, aufrecht erhalten. Über die Amtsführung des Herrn Staatsanwalts hörte ich ebenfalls Erbauliches: Seppl darf trotz der Aufhebung des Besuchsverbots seine Marie vorläufig nicht wiedersehn, da seine Führung nicht einwandfrei gewesen sei. Grundsätzlich werde nur der Besuch von Ehefrauen und allernächsten Angehörigen gestattet. Briefe sollen nur 4 Seiten lang sein und nichts über die Zustände in der Anstalt enthalten, auch keine politischen Dinge berühren. Die Disziplinierungen Klingelhöfers und Rheinheimers seien erfolgt, weil sie – gemäß dem ihnen nach der Hausordnung zugebilligten Recht – Beschwerden an die Oberstaatsanwaltschaft zu richten versuchten: diese seien nicht befördert worden. Kraus habe erklärt, die Hausordnung anerkenne er überhaupt nicht, er habe für Ruhe und Ordnung hier drinnen zu sorgen und tue das mit den ihm geeignet scheinenden Mitteln. Jeder Besuch wird überwacht und dauert nur 4 Stunden. Kommissionen erkennt er nicht an, einmal monatlich werde er Rapport entgegennehmen. Und so noch allerhand. Ob der Mann hier alt werden wird? Ich bin mehr als je überzeugt, daß seine Wirksamkeit hier die augenblickliche Geistesverfassung der annoch in Bayern herrschenden Kreise spiegelt, die offenbar immer noch in der Hoffnung leben, ihre reaktionären Terrororganisationen retten zu können. Escherichs Offenherzigkeiten sagen ja genug. Schon heißt es aber – die „Münchner Post“ (das einzige bayerische Blatt, das wir heute bekamen, die übrigen feiern wegen des Generalstreiks) zitiert es nach Helds Organ, dem klerikalen „Regensburger Anzeiger“, – daß selbst Herr Kahr der Reaktion zu schlapp sei und daß eine Diktatur Xylander-Escherich geplant werde. Die Protestaktionen gegen den Mord Gareis’ scheinen trotz der Bremserei der Bonzen die Gegensätze außerordentlich zuzuspitzen. Auer wurde eine Versammlung im Freien verboten und ihre Unterdrückung mit Gewalt angedroht, da möglich sei, daß die Massen „wie im November 1918“ den Führern entgleiten könnten. Die von den Sozi erhobenen Forderungen sind kläglich: statt Amnestie verlangen sie Nachprüfung der von den Stand- und Volksgerichten gefällten Urteile, falls die Betroffenen es wünschen! Von den Arbeitern selbst soll Pöhners und Roths Entfernung verlangt werden. Doch steht all das außerhalb der ja von vornherein befristeten Generalstreikaktion. Von Gareis’ Mörder fehlt vorläufig jede Spur, was den Rechtshütern dieser Ordnungszelle kaum Kopfschmerzen machen wird. Daß nach dieser Aufrüttelung aller Dinge in Bayern nun alles wie bisher weitergehn wird, bezweifle ich. Die Arbeiterschaft scheint wirklich erregt zu sein. Vor kaum einer Woche wurde erst der Mehrheitler Sänger nach einer Rede auf der Straße überfallen und verprügelt, – jetzt der Meuchelmord, – es ist viel, und die Beherrscher des Staats werden kaum anders können, als entgegenkommen – das hieße Roth und Pöhner zu opfern, was Kahrs Stellung unhaltbar machen würde, oder ganz offen vorzugehn, was die Escherich-Diktatur bedeuten würde. Dann wäre der Moment zu unverhülltem Kampf gegeben, der mit einer Katastrophe für die Kraftdeutschen enden müßte. Denn einmal würde die Entente da nicht untätig zusehn – deren Eingreifen wegen der offensichtlichen Sabotage der verlangten Maßnahmen ich ohnehin erwarte –, zweitens aber wäre die innere Front der Ordnungsstützen kaput: die linke Seite der „Bayerischen Volkspartei“ würde schlank umsatteln. Ihre Vorstöße gegen die deutschvölkischen Blätter „Mießbacher Anzeiger“, Münchner „Völkischer Beobachter“ etc. deuten schon auf derartiges hin. Prophezeien ist in diesem Augenblick müßig. Gareis’ Tod hat scharf formulierte Fragen aufgeworfen. Ihre Antwort werden wir in einigen Tagen wissen.

 

Einzelhaft, Montag, d. 13. Juni 1921.

Ich konnte mich über die Entwicklung der Dinge in München nur nach dem (leider) erschienenen „Fränkischen Kurier“ von Sonnabend abend und der „Vossischen Zeitung“ von Sonnabend und Sonntag orientieren. Die Nachrichten sind voller Widersprüche. Einmal heißt es, der Generalstreik sei gleich zusammengebrochen, nur die großen Betriebe (Maffei, Krupp etc) feiern, dann wieder, der Streik sei verschärft und auch – mit einigen Ausnahmen – auf die lebenswichtigen Betriebe ausgedehnt worden. Die Streikleitung soll unter ihren Forderungen auch die Freilassung der politischen Gefangenen genannt haben. Im Münchner Stadtrat habe es Lärm gegeben, die Amtsentsetzung Pöhners sei verlangt, aber von der Regierung abgelehnt worden. Ehe nicht ein genauer Überblick über die Tatsachen möglich ist, muß natürlich auch jedes Urteil zurückgestellt werden. Wichtig scheint mir, daß die Pariser Presse die Ermordung Gareis’ als Beweis anführt, daß in München die Hauptkräfte tätig sind, um Restaurationsbestrebungen mit terroristischen Mitteln zu fördern. Die Nachricht, daß die Entente für die Auflösung der Wehrorganisationen Fristverlängerung bewilligt habe, wird zugleich dementiert. – Sonstige Neuigkeiten wenig: der Hexenkessel in Oberschlesien scheint langsam auszubrodeln. Englische Truppen räumen nach und nach die Scherben beiseite. – In Leipzig wird weiter gegen die Kriegsbeschuldigten prozessiert. Jetzt wurde ein Student der Rechte, der in Belgien Kinder unter 10 Jahren in Gefängnisse steckte und ihnen Geständnisse über Eisenbahngefährdungen herausgeprügelt haben soll, auf Grund eines non liquet freigesprochen. Der Reichsanwalt hatte 2 Jahre Gefängnis beantragt. Ob sich die Sieger mit diesem Urteil zufrieden geben werden, bezweifle ich. Die Erregung bei unsern Landsleuten über diese ganze Prozessiererei finde ich begreiflich. Ob die Zeitungen aber durch die Publikationen von Schweinereien ausländischer Gefangenenschinder gegen Deutsche was erreichen werden, bezweifle ich sehr. Wirksameres geschähe, wenn man endlich anfinge, deutsche Quälgeister gegen deutsche Gequälte anzuprangern. Beim gegenwärtigen Stande der deutschen „Rechtspflege“ käme allerdings wohl wenig dabei heraus. Der eine Prozeß Hiller-Helmhake hat ja aller Welt gezeigt, wohin es mit der deutschen Justiz allgemach gekommen ist. – Entsetzt bin ich über eine Notiz des „Freien Arbeiters“, der vor Heinrich Pfeiffer warnt. Der berufe sich auf mich und begaunere so alle anarchistischen und kommunistischen Organisationen. Ich denke mir vorerst, daß ihn seine langwierige Arbeitslosigkeit zu Verzweiflungsschritten treibt. Daß Pfeiffer ein Hochstapler der Revolution sein sollte, kann ich noch nicht glauben. – Was in Rußland vorgeht, ist garnicht zu erkennen. Radek soll in der Wiener „Roten Fahne“ eine vernichtende Bilanz der bolschewistischen Politik gezogen haben, – von welcher Seite her er sie angreift, ist nach den Notizen der bürgerlichen Presse unklar. Andre Nachrichten sagen, die Sowjet-Republik gehe offensiv gegen Rumänien vor und fordere die ukrainischen Aufständischen auf, proletarische Solidarität zu üben. Nach den Erfahrungen, die Machno mit Moskau gemacht hat – erst half er den Sieg gegen Wrangel erkämpfen, entschied ihn sogar, dann verurteilte man ihn zum Tode, weil er sich der Parteidespotie nicht unterwarf und brachte tausende seiner Anhänger um, – wird man für einen rumänischen Feldzug – der doch ein Angriffskrieg zu sein scheint – kaum mehr Begeisterung bei diesen Opfern des eignen Machtwahns wecken. Ich habe das Gefühl, als ob die Trotzky-Bucharin-Bewegung das Symptom der völligen Zersetzung der bolschewistischen Parteidiktatur überhaupt ist. Parallel damit läuft der Zerfall der kommunistischen Partei in Deutschland, die – wenn ich von hier aus noch halbwegs urteilen kann – nur noch die Bedeutung eines gleichgültigen politischen Vereins hat. Daß sich in diesem Augenblick hier im Hause die Herren Kain-Sauber-Schwab-Wiedenmann sozusagen als omnipotente „Zentrale“ zu etablieren suchen, zeigt die grenzenlose politische Naivität dieser großen Politiker. Sie merken nicht, daß das Rohrgeflecht ihres Stuhls schon völlig zerfressen ist und daß sie gewissermaßen mit dem blanken Hintern in der Luft hängen. Wir aber, die das Gefühl dafür haben, sind halt „Verräter“. Es ist schlimm, daß Lenins Fiasko, das seinen Grund eben darin hat, daß er aus der Sowjetrepublik wieder einen Obrigkeitsstaat gemacht hat, dessen Hauptkampf gegen revolutionäre Proletarier, die nichts von Bonzenherrschaft wissen wollen, gerichtet ist, – daß diese Enttäuschung weithin das Vertrauen zur Räterepublik überhaupt erschüttern muß. Nur wenn die neue Revolution, die allem nach kurz bevorsteht, eine konsequent räte-kommunistische ist, kann die Resignation des westeuropäischen Proletariats verhindert werden. In Deutschland gibt es für den Revolutionär nur eine Forderung: Zertrümmerung der Parteien und Gewerkschaften, Aufbau der Betriebsorganisationen! Wenn mein Buch – dem, wie mir Pfempfert schreibt, Rühle und er Vorreden beigegeben haben, bald herauskommt, kann es auch jetzt noch zur Klärung manches beitragen. – Heute war der Arzt bei mir. Er fand mein Herz in Ordnung und führte die Störungen der letzten Tage auf die Reaktion der Organe gegen die erzwungene Kaffee-Abstinenz zurück. Es geht mir auch, infolge des Gangspaziergangs in der Hofzeit, währenddem ich nun meinen Kaffee bekomme, merklich besser. Ich hoffe nun wirklich bald von der Absperrung und besonders von der Trennung von Zenzl erlöst zu sein. Aber wer weiß, was das Schicksal weiter brauen mag!

 

Einzelhaft, Dienstag, d. 14. Juni 1921.

Abschrift: „An den Herrn Zensor. Im Februar dieses Jahres legte ich der Zensur 2 Kapitel meines Romans „Ein Mann des Volkes“ vor, die ich meiner Frau, deren Besuch damals in Aussicht stand, mitgeben wollte. Inzwischen sind zwei weitere Kapitel (48 Manuskriptseiten) fertig gestellt. In der Hoffnung, daß das Schreib- und Besuchsverbot nun auch für mich bald aufgehoben werden wird, frage ich an, ob ich diesen neuen Teil der Arbeit nunmehr ebenfalls vorlegen darf, ferner ob die Freigabe der ersten beiden Kapitel bewilligt ist. In diesem Falle bitte ich, das Manuskript weiterhin solange bei der Zensurstelle aufbewahren zu wollen, bis meine Frau mich besucht, was nach Aufhebung des Verbots zweifellos in allerkürzester Zeit der Fall sein wird. N’feld, d. 14. Juni 21.“

 

Die Streiktage haben anscheinend keine wesentlichen Resultate hervorgebracht. Da die Parolen nur schwach befolgt wurden, fühlt sich die Bourgeoisie im Gegenteil jetzt sicherer als zuvor. Trotz allem sehe ich die Lage nicht pessimistisch an. Es hat sich gezeigt, daß die Mehrheitssozialdemokratie – ganz gewiß gegen ihre Neigung – aus politischen Gründen gezwungen war, sich an der Aktion zu beteiligen und sogar zur Stilllegung der lebenswichtigen Betriebe aufzufordern. (Wieviel der Auervater hinten herum an der Sabotierung der eignen Maßnahmen beteiligt war, kommt dabei nicht in Betracht). Daß ungeheuer viel Streikbruch und Indifferenz in Erscheinung trat, ist kaum verwunderlich. Die Schläge, die das bayerische Proletariat zwei Jahre hindurch aushält, ermüden und erschlaffen. Sicher ist mir aber, daß diese erste kräftigere Regung ihre Wirkungen erst nachträglich zeigen wird. Der aus festem Schlaf Aufgeschreckte findet sich erst allmählich ins Wachen. Bleibt jetzt die reaktionäre Gesellschaft am Ruder – und sie scheint durchaus nicht zu beabsichtigen abzutreten –, so wird jede ihrer Brutalitäten neuen Groll wecken, der rasch genug die Betroffenen völlig ermuntern kann. Herr Pöhner hatte auf alle natürlichen Spontanäußerungen gegen den Mord von der ersten Stunde ab nur Verbote, Drohungen, Unterdrückungen und Sipo-Aufmärsche bereit. Das geht in die Gemüter ein und zieht langsam innere Umstellungen nach sich. Genau wie hier drinnen: das Regime Kraus ist sehr nützlich für uns; es belebt durch seine Demütigungen und die hemmungslosen Reaktions-Praktiken in den träg gewordenen Geistern das revolutionäre Temperament wieder. Wie die Kahr-Leute die Angelegenheit politisch ausmünzen wollen, zeigt sich in einem amtlichen Erlaß über den Generalstreik. Da wird gestöhnt, daß nun die Entwaffnungsfristen womöglich nicht eingehalten werden können, woran nur die Linksradikalen schuld seien. Die Entente, die Gareis’ Ermordung genau so beurteilt wie bei uns die Sozialisten, wird schwerlich Verständnis für diese Argumentation aufbringen, die nur bekräftigt, was mir aus dem Verhalten unsrer Machthaber schon seit 3 Wochen klar ist, daß man unter dem Vorgeben, alles erfüllen zu wollen, in der Tat Sabotpolitik treibt. Die USP hat im Reichstag eine Interpellation über den Fall Gareis eingebracht, die einen Vorstoß gegen das bayerische Revanche-Regiment bedeutet. Natürlich haben solche Parlamentsaktionen nur Demonstrationswert, aber es ist meine Überzeugung, daß den Kahr-, Roth- und Krausköpfen die Haare schon auszufallen beginnen. – Rosa Aschenbrenner hat am Sarge Gareis’ einen Kranz für die politischen Gefangenen niedergelegt und die Arbeiterschaft aufgefordert, für unsre Befreiung zu kämpfen. Die tapfere Frau hat auch trotz des Verbots der Versammlung im Ausstellungspark dort gesprochen, – und Herr Erhardt Auer mußte erst kommen, derselbe, der als Referent angekündigt war, um unter Hinweis auf anrückende Sipo die Arbeiter heimzuschicken. Bei dieser Gelegenheit: Rosa Aschenbrenner hat an ihre 3 kommunistischen Landtagskollegen Hagemeister, Sauber und Schmidt ein Telegramm geschickt, das zu den Akten kam, ohne daß den dreien die geringste Aufklärung über den Inhalt zukam. – Nachfolger Gareis’ im Landtag wird Toller, also wieder ein „Verhinderter“. Dadurch kann er wenigstens propagandistisch nützlich wirken. Wären die bürgerlichen Parteien boshaft und ließen ihn sein Mandat ausüben, dann hätte sein Märtyrer-Glorienscheinchen bald ausgefunkelt. – Zenzl wird nun wohl Bescheid wissen, daß ich als Einziger noch nicht schreiben und keine Besuche haben darf. Aber ich denke, bald wird auch das hinter mir liegen.

 

Einzelhaft, Mittwoch, d. 15. Juni 1921

Zenzls Namenstag. Meine Freunde haben ihr einen Glückwunschbrief geschickt, der vom Seppl geschrieben war. Er scheint nicht, wie der erste, den der Junge ihr zur Orientierung senden wollte, beschlagnahmt zu sein. – Ich sitze heute 3 Wochen in Absonderung, – und bei meinem Nervenzustand wird mir die Zeit viel länger als im Januar; zumal ich nicht imstande bin, an meinem Roman weiterzuarbeiten, was mich recht bedrückt. Erst muß in die ganze Lage etwas Klarheit hinein, dann wirds wieder vorwärts gehn mit allem. – In den Zeitungen der übliche Knatsch. Die „Münchner Post“ markiert heftig Radikalismus. Aber es ist recht charakteristisch für diese Sorte „Sozialisten“, daß sie die Forderung der aus allen Parteien und Organisationen zusammengesetzten Streikleitung auf Freilassung der politischen Gefangenen nicht gebracht hat. Ebenso verschweigt sie das Auftreten Rosa Aschenbrenners im Ausstellungspark und auf dem Friedhof und ihr Eintreten für uns. Daraus schließe ich, daß die Sozialdemokratie für den Fall der Sprengung der gegenwärtigen Regierungskoalition auf den Posten des Justizministers spekuliert, den sie um Gotteswillen nicht auf unsre Freilassung festlegen will. Man wird sich in dem Falle begnügen, die im August vorigen Jahres angekündigte Teilamnestie für die „Verführten und Mitläufer“ durchzuführen und im übrigen Nachprüfungen der Stand- und Volksgerichts-Entscheidungen auf Wunsch veranstalten. – Das Haus hat sich seit etlichen Tagen mit Lichtenauern angefüllt. Doch ist in den Transporten plötzlich eine Unterbrechung erfolgt. Vermutlich hat die Gendarmerie abgeraten, größere Transporte politischer Gefangener vorzunehmen, solange die politische Erregung draußen noch so stark ist wie grade jetzt. Dagegen traf heute der erst in der vorigen Woche in München zu 3 Jahren verurteilte Genosse Uhrmann ein und wurde bei uns einquartiert. Er konnte sich so lange unter falscher Flagge halten, und verdankt sein Hochgehn, wie er erzählt, einem U-S-P-Mann, den er bei der Reklamation der ihm von den Weißen „beschlagnahmten“ gesamten Kleidung und Effekten in seine Personalien einblicken ließ. Während meiner „Hofzeit“, die ich jetzt täglich, um nicht mit den Offizial-Kommunisten in Auseinandersetzungen zu geraten, die ja auch noch in Einzelhaft sind und zu gleicher Zeit Hofgang haben, auf dem Korridor in Gesellschaft meiner Kameraden zubringe, lernte ich den Mann kennen, der einen etwas verschüchterten, aber ganz guten Eindruck macht; ich riet ihm, um sich über die Verhältnisse hier drinnen nicht einseitig von uns „Verrätern“ orientieren zu lassen, auch mit Hagemeister oder Podubetzky zu sprechen und dann nach eignem Urteil Stellung zu nehmen. – An die von Lichtenau Eingetroffenen werde ich mit viel Vorsicht herangehn. Die Herren Dosch und Hörath sah ich schon aus der Ferne. Ich wollte, ich brauchte sie – und manchen andern – nie mehr in der Nähe zu sehn.

 

Einzelhaft, Donnerstag, d. 16. Juni 1921.

Die bayerischen bürgerlichen Zeitungen benutzen die aus der Ermordung Gareis’ entstandene Massenerregung zu maßloser Hetze gegen das Proletariat. Der Kampf geht mehr oder weniger um Entfernung oder Festigung des Polizeipräsidenten Pöhner. Ich erwarte sehr bald Schritte der Entente gegen Bayern, da man allem Anschein nach die Entwaffnung nicht nur verzögert, sondern sogar aus den Depots schon abgelieferte Gewehre „zur Abwehr putschistischer Bestrebungen“ wieder zurückgibt. Das Reich scheint sich der bayerischen Selbstherrlichkeit gegenüber völlig hilflos zu fühlen. Inzwischen versteift sich auch der Konflikt zwischen der Interalliierten Kommission in Oberschlesien und dem General Höfer, der es strikt ablehnt, die Forderung auf Zurückziehung der deutschen Selbstschutztruppen zu erfüllen. Man scheint nun tatsächlich die Einstellung der sogenannten „Säuberungsaktion“ beschlossen zu haben, was offene Parteinahme für die polnischen Insurgenten bedeuten würde. Auch da ist die Wirth-Regierung unfähig, ihren Willen durchzusetzen. Aller Voraussicht nach wird also der 30. Juni, der Endtermin der Entwaffnung und Auflösung der Armee-Restbestände in Form von Einwohnerwehren, Orgesch, Sipo etc., das Signal zu Sanktionen werden. Schon originell wirkt die Mitteilung der „Münchner Post“, daß in diesen Tagen in München noch ein Preisschießen der Einwohnerwehr veranstaltet wird, – mitten während ihrer angeblichen Auflösung! Heiter sind auch die Berichte über den Massenaufwand von Polizeitruppen bei Gareis’ Bestattungsfeier. Nach der akzeptierten Bedingung der Entente darf das ganze deutsche Reich bis zum 1. Juli nur 150.000 Mann Polizei halten, einschließlich der Kriminaler. Wie Herr Pöhner das im Laufe von 14 Tagen schaffen will, wird interessant sein zu beobachten. – Sehr erregend sind die Berichte über den Hölzprozeß in Berlin. Hölz benimmt sich prachtvoll tapfer. Sollte, was zu fürchten ist, der Ausgang dieser Gerichtsverhandlung – es handelt sich natürlich um ein „Sondergericht“ mit unwiderruflicher Entscheidungsbefugnis – sein irdisches Ende bedeuten, so darf er mit dem Bewußtsein in den Tod gehn, seine revolutionären Taten durch ihre wahrhaft revolutionäre Vertretung vor der Bourgeoisie zu einem unvergänglichen Abschluß gebracht zu haben. – Im Hause keine wesentlichen Neuigkeiten. Podubetzky und Schwab sind aus der Einzelhaft entlassen worden; die Gründe für diese auffällige Sonderbehandlung weiß ich nicht. Wann ich aus dem Käfig heraus darf und im übrigen mit allen andern gleichgestellt werde, ist ebenfalls noch Geheimnis. – „Noch einige Tage“ hieß es. Fünf sind schon wieder herum.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 17. Juni 1921

Vormittag. Um 9 Uhr wurde mir vor meinem Bett von Herrn Schneider etwa folgendes vorgelesen: „Über den F. G. Mühsam wird verfügt. Die am 25. Mai über ihn verhängte Absonderung wird aufgehoben, da Mühsam durch sein Verhalten Sinn für die Ordnung des Strafvollzugs an den Tag gelegt hat.“ – Allmählich amüsiert mich der Ton. Man wird wie ein Klippschüler behandelt. – Immerhin: zunächst kann ich wieder freier atmen und habe Hoffnung, daß man auch bald die Maßnahmen vom 2. März (bei mir vom 22. Februar in Kraft) aufgehoben werden. Die Tagebucheintragungen werden nun wohl etwas rarer werden.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 18. Juni 1921

Herr Staatsanwalt Kraus sorgt dafür, daß ein gewissenhafter Chronist auch nicht einen Tag pausieren kann, will er seine Notizen mit den häuslichen Ereignissen einigermaßen auf dem Laufenden halten. Es ist also folgendes seit 24 Stunden festzuhalten. Gestern hatten Schreiber und Schmidt Besuch von Frauen und Kindern. Gleichzeitig war Seppls Braut gekommen. Das arme Mädel wurde nicht zu ihrem Liebsten gelassen. Sie hat Kosten und Anstrengung der Reise umsonst gemacht. Unser Junge war natürlich tottraurig, hielt sich aber sehr tapfer und männlich. Adolfs Frau erzählte von ihrem Empfang. Herr Kraus riet ihr, auf den Gatten einzuwirken, um ihn gefügig zu machen. Also offene Bekundung von Korrektionsabsichten. Wie muß es um die Gesinnung von Leuten stehn, die glauben, andern die ihrige durch Brutalitäten austreiben zu können! – Übrigen[s] war auch Frau Olschewski gestern da, der ihr Mann gegen mich eingeheizt hat, was aus ihren Äußerungen gegenüber Frau Schmidt hervorgeht. Was soll man zu dieser traurigen Intrigue sagen? Ob Olschewski denn nicht das Gefühl dafür hat, daß seine perfide Verdächtigung, ich hätte ihm „aufgekündigt“, weil er nicht genügend Pakete bekommt, nach außen kolportiert, schließlich gegen ihn selbst zeugen muß, dem ich monatelang jedes meiner Pakete zur Verwahrung anvertraute? – Seppl erhielt gestern einen Brief von Zenzl, die inzwischen erfahren hatte, daß ich in Einzelhaft war und auch von Verschärfungen wußte. In ihrer Angst wollte sie Montag (übermorgen) herkommen, damit sie wenigstens den Seppl spräche und sich nach mir erkundigen könne. Er solle ihr telegraphisch Bescheid geben, ob sie vorgelassen würde. Darauf schrieb er an den Vorstand, die Frau Mühsam habe ihm das und das geschrieben. Er bitte um sofortige Auskunft, ob und was er ihr telegraphieren dürfe. Heute früh erhielt er – natürlich wieder durch den Oberwerkführer – Antwort. Zu telegraphieren werde ihm nicht gestattet. Da er sich jedoch in die Disziplinierung eines andern Gefangenen eingemischt habe, würden alle seine Zuschriften an die Verwaltung bis zum 1. Juli unerledigt bleiben. Das ist eine ganz neue Strafe, die dieser rührige Staatsbetreuer da erfindet. Wenn also Seppls Mutter stürbe, er selbst in Lebensgefahr geriete – gleichviel, was sonst passierte: als Organ zu seinem Schutz schaltet sich der gesetzlich dazu berufene Vorstand selbst aus. Man lernt täglich Neues in dieser Anstalt. Gradezu toll aber ist, daß die Anfrage, die sich auf einen Brief an ihn und auf einen ihm zugedachten Besuch bezieht, als Einmischung in meine Disziplinierung betrachtet wird (wobei besonders interessant ist, daß die Aufrechterhaltung des Schreib- und Besuchsverbots allein gegen mich, für die garkeine Begründung versucht ist und das seinerzeit bei der Verhängung gegen das ganze II Stockwerk nicht als Bestrafung sondern als Erpressung – lies: Sicherung – in Erscheinung trat, jetzt ausdrücklich als Disziplinierung bezeichnet wird). Der Mann kennt Zenzls Brief, weiß, daß sie auf Antwort wartet, daß sie ohne Antwort wahrscheinlich die Reise unternehmen würde. Er sorgt dafür, daß sie vergeblich wartet, um mit einem Schlage drei ihm völlig fremde Menschen schwer treffen zu können, Zenzl, mich und Seppl. Zum Glück konnte Zenzl durch Frau Schmidt von meinem Wunsch benachrichtigt werden, vor Aufhebung der Verbote nicht zu kommen. Sonst hätte es entsetzliche Aufregungen und in deren Gefolge für mich wahrscheinlich schwerste Nackenschläge gegeben. Ich habe viele Jahre in der Überzeugung gelebt „der Mensch ist gut“, böse Menschen gebe es nicht, Schillersche Teufelsmenschen, die nur sinnen, Böses über Nebenmenschen zu bringen, könne es nicht geben. Die Sachwalter Kahr-Bayerns belehren mich eines andern. – Man kann in der Tat dem Karlsruher Staatsanzeiger nicht unrecht geben, der die Wut der Nationalbajuwaren und sogar diplomatische Aktionen zwischen Bayern und Baden heraufbeschworen hat, indem er schrieb, es sei in weiten Kreisen Bayerns eine derartige Roheit eingerissen, daß man heute die Ashantineger zivilisatorisch höher werten müsse als die Bayern. Ich nehme in der Tat an, daß dieser – im Anschluß an Gareis’ Ermordung geschriebene Artikel – trotz der Ableugnung, die natürlich erfolgen wird – von der badischen Staatsregierung selbst souffliert ist. Es steht heute schon absolut fest, daß Bayern die Auflösung der „Selbstschutz“-Organisationen nicht durchführen wird. Es werden also in 14 Tagen die Sanktionen bestimmt einsetzen. Das ganze übrige Deutschland hat das stärkste Interesse daran, von diesen Sanktionen verschont zu bleiben, und ich bin überzeugt, daß auch schon von Berlin her Winke nach Paris gehn, um Herrn Barthou vom Ruhrrevier weg lieber zum Maingau zu dirigieren. Im Reichstag wurde über den Fall Gareis verhandelt, wobei es zur Keilerei zwischen Kommunisten und Deutschnationalen kam. Dabei hat der Reichskanzler Wirth sehr vorsichtig und zurückhaltend zwar, aber doch recht deutlich Partei genommen gegen die nationalistische Hetze, speziell in Bayern. – Soviel steht mir fest: wir werden hier drinnen noch kurze Zeit recht Ekelhaftes aushalten müssen, aber das Fiasko der Kahr-Roth-Kraus-Pöhnerei ist unabwendbar. Schlimm genug, daß es nicht durch das Proletariat herbeigeführt werden wird, sondern durch spekulierende Auslandsmächte, die dadurch viele Arbeiter – die ganze USP unterliegt diesem Wahn – zu der Überzeugung verleiten werden, ihr Heil werde durch Demokratie, Völkerbund und pazifistische Klassenverbreiung heraufgeführt werden. Die Neubelebung der Revolution in diesem Lande wird noch viel Zeit, noch viele Opfer kosten. Aber auch sie wird kommen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 19. Juni 1921.

„Über den F. G. Mühsam wird verfügt: Die Maßnahmen vom 2. März, betr. Schreib- Besuch- und Paketverbot werden aufgehoben, da zu hoffen ist, daß Mühsam von seiner hetzerischen Schreibweise absehn wird, widrigenfalls er sofort Erneuerung des Schreibverbots zu gewärtigen hat.“ So ungefähr lautete der Ukas, den mir Herr Fetsch heute früh an meinem Bett vorlas. Gottseidank. Einen Eilbrief an Zenzl habe ich schon aufgegeben. Über Ton und Inhalt der Krausschen Schreibübungen rege ich mich nicht mehr auf. Seit ich hier bin, wurde mir noch nicht ein einziger Brief zurückgehalten; er selbst hat noch keinen von mir gelesen. Macht nichts. Er dekretiert: hetzerische Schreibweise. – Gestern kamen zu uns oben eine Anzahl Genossen von Lichtenau. Auf meinem Gang liegt Wilhelm Ertl, der mir gut gefällt. Unten lernte ich inzwischen Dr. Meyer kennen, ferner Max Huber und andre, deren Namen mir längst bekannt waren. Mit ihrer Absicht, die Neugekommenen zum Anschluß an den Boykott gegen uns zu bewegen, haben die Kain, Schwab, Wiedenmann, Sauber garkein Glück. – Aber sehr amüsant ist, von den Neuen die Berichte über ihre Begrüßung durch Kraus zu hören. Der Mann hat sie angebrüllt wie ein Major. Er wird hier bald ausgebrüllt haben.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 20. Juni 1921.

Nur um in der Reihe zu bleiben: Die Frauen von Schreiber und Schmidt wollten heute wiederkommen. Das ist ihnen nicht erlaubt worden, weil sie die Besuchserlaubnis mißbraucht hätten. Inwiefern? Das ist ihren Männern bis jetzt ein Rätsel. – Die für mich eingetroffene Zeitschrift von Albert Reitze „Die Seefackel“ wurde mir „wegen agitatorischen Inhalts“ nicht ausgehändigt. – Heut hatte Weigand Besuch von seinem Bruder, den er seit dreiviertel Jahren nicht gesehn hat. Da der Besuch – so erklärte ihm Kraus – nicht 14 Tage vorher, und zwar bei der Verwaltung, angemeldet war, durfte er bloß eine Stunde bleiben. Ein derartiger Erlaß ist uns aber nie zu Gesicht gekommen. Die Bestrafung erfolgt also, ehe das Gesetz da ist. Der Besucher wurde gleich mit einem Bericht über das äußerst schlechte Verhalten seines Bruders empfangen, ihm auch gesagt, er möge ja nicht denken, er werde nun in kurzer Zeit gleich wiederkommen können. – In dem Stil gehts jetzt hier täglich, stündlich. In den Gemütern der Festungsgefangenen speichert dieser Staatsanwalt einen Haß, einen fanatischen Erbitterungszustand, den ich nicht in meinem Gewissen mit mir herumtragen möchte. Psychologisch ist es mir ein Rätsel, daß diese reaktionären Berserker die Möglichkeit, sie könnten einmal für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden, garnicht in Betracht zu ziehn scheinen. Was in den Geistern hier ganz eingeschlafen schien, hat Herr Kraus in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit hier furchtbar wach gemacht: den Gedanken an Vergeltung. Wenn wir später einmal haltlosen Racheakten werden entgegenwirken wollen, – ich glaube heute nicht mehr, daß es noch gelingt. Herr Kraus tut alles, um jede Aussicht dazu zu verschütten. – Was andres. Seit langem stellen mich gewisse Leute, allen voran der widerliche Demagoge Pierre Ramus in Wien und ein Neffe Landauers in Heidelberg, Walter Landauer, wie einen Lügner hin, weil ich den toten Freund gegen die verruchten Versuche in Schutz nahm, ihn zu einem Schwarmchristen zu machen, dessen revolutionäre Gesinnung vor allen revolutionären Taten halt mache. Trotz Landauers Unterschrift unter den Proklamationen der Räterepublik, worin die Bewaffnung des Proletariats als erste Forderung aufgestellt war, behaupten diese Gesellen dreist, er sei strikter Gegner jeder Waffengewalt gewesen. Um Beweise fürs Gegenteil wäre mir nicht bange, wenn man mich nicht als völlig unglaubwürdig und tendenziös voreingenommen verschriee, – und ich bin ja durch die Zensur verhindert, mich zu wehren und den Toten zu schützen. Jetzt aber erfuhr ich gestern etwas, was mir völlig neu war und ungeheuer charakteristisch für Landauers wahres Wesen ist. Ertl, ein durchaus zuverlässiger* Genosse, erzählte mir ganz zufällig von dem Sturm auf den Bahnhof in München am 13. April 1919 nach meiner und meiner Kameraden Festsetzung beim Palmsonntagsputsch. Damals hat Landauer persönlich an dem Versuch, uns zu befreien – wir waren ja aber schon verschleppt – teilgenommen und zwar mit dem Gewehr in der Hand und hat kräftig daraus geschossen. Ich bat Ertl, sich ganz genau zu besinnen, ob kein Irrtum möglich sei, was er als vollständig ausgeschlossen bezeichnete. Landauer habe in der Bayerstraße im Eingang zum Café Glaßner gestanden. Er sei in der Lage, mindestens 20 Augenzeugen dafür zu benennen. – Ich glaub’s unbesehn. Landauer hat immer betont, daß man wohl wünschen darf, die Revolution möge möglichst unblutig verlaufen; ich habe ihn aber auch einmal gradezu zornig gesehn, als er gegen die Phrase „kein Blutvergießen!“ loszog. Er sagte damals wörtlich – ich erinnere mich sehr deutlich –, „Kein Blutvergießen ist Unsinn! Wer Revolution will, muß sie ganz wollen und in Kauf nehmen, was sie mit sich bringt. Bis jetzt hat es noch nie eine unblutige Revolution gegeben, wir müssen sehen, möglichst wenig Menschenleben zu opfern.“ – 1909 in Zürich in der Versammlung in der „Eintracht“ gab Gustav Landauer das Signal zum gewaltsamen Hinausschmeißen der Sozialdemokraten, bei der ersten Sitzung des Münchner Arbeiterrats, als wir die Gewerkschaftsbonzen aus dem Deutschen Theater rausfeuerten, hat Landauer fest mit den Fäusten zugegriffen.** Sein angeblicher Kampf gegen die Bewaffnung der Arbeiterschaft beschränkte sich auf die Warnung, man möge um Gottes Willen nicht die Maschinengewehre unter die Verfügung der Gewerkschaftsfunktionäre stellen. Ich könnte eine ganze Serie von Äußerungen Landauers zur Gewaltfrage feststellen, lege mir aber mit Rücksicht auf die latente Drohung, daß dieses Heft den Weg seiner Vorgänger gehn könnte, Zurückhaltung auf. Daß ich jetzt weiß, Landauer hat seinerzeit, um mich und die übrigen aus den Fäusten der Aschenbrenner-Sippe zu befreien, selbst am Straßenkampf teilgenommen, verschönt mir sein Bild unbeschreiblich. Ich werde dafür sorgen, daß der Vorgang durch Augenzeugen in genügender Zahl allen Fälschungen dieses großen Revolutionscharakters zum Trotz bleibend für die Geschichte festgelegt wird. Das bin ich meinem Lehrer, Freund und Kampfgenossen schuldig.

 

* dies Urteil mußte revidiert werden. Doch bleibt grade die Angabe über Landauer glaubhaft. (Durchsicht im Mai 22).

** als es am 7. April hieß, Studenten wollten das Wittelsbacher Palais stürmen, nahm L. eine Handgranate zur Abwehr in die Hand (Zeugen Toller, Niekisch etc).

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 22. Juni 1921.

Wieder ein paar Kleinigkeiten. Im I Stock ist man sehr empört, weil Niekisch seine Frau nur 2 Stunden sprechen durfte (übrigens unter persönlicher Aufsicht des Herrn Regierungsrats Schmauser). Das ist wenigstens ein besserer Zug des Herrn Kraus, daß er im allgemeinen keine großen Unterschiede in der Behandlung macht, wie Vollmann. Niekisch hat seine Frau alle 14 Tage hier gehabt, gewöhnlich ganz ohne Aufsicht, – da macht mir seine Entrüstung jetzt Spaß. Ich feiere heute das 7monatige Jubiläum, seit ich meine Zenzl zum letzten Mal sehen durfte. Nun erwarte ich allerdings sehnlich ein Telegramm mit ihrer Anmeldung. Ob man uns 6 Stunden gönnen wird? Und ob nichts arrangiert wird, was aus der Freude eine neue Aufregung und Erbitterung machen wird? – Von Lichtenau sind wieder etliche Genossen gekommen. Zu uns oben sind bis jetzt folgende gelegt worden: Wilh. Ertl auf unsern Seitengang, auf den gegenüberliegenden: Heinrich Weber (ein Unikum, Typus: Jahrmarktsausrufer oder Karussellfritze), Andreas Gruber (Bruder des Michael Gr. im I Stock, anscheinend ein sehr harmloser Mensch), Johann Seidel (gefällt mir nicht, Sprüchereißer), Bindl, Baumann, Rankl (über die noch garkein Urteil möglich ist), ferner Ellenbeck (gegen den ich seines sehr zweideutigen Verhaltens in der Affaire wegen, die Seppl vor Gericht brachte, starkes Mißtrauen empfinde) und Kurt Müller (ein Mann, dem ein sehr übler Ruf vorausging, vor dem schon öffentlich gewarnt worden ist, der aber offenbar Paralytiker ist und schwerkrank. Wir sind schon beim Arzt vorstellig geworden, damit jeder Ansteckungsgefahr durch Bettwäsche, Abtritt oder Eßbesteck vorgebeugt wird). – Die „Zentrale“ (die 16 Kernfesten im Mittelgang) scheinen in der Tat so blödsinnig zu sein, daß sie die Lichtenauer vor die Alternative stellen, entweder mit ihnen oder mit uns zu verkehren. Sie werden erreichen, daß sehr bald sie, nicht wir, die Boykottierten sein werden. Übrigens: von den 16 befinden sich noch 12 in Absonderung. Nach Podubetzky und Schwab, die wegen Wohlverhaltens gleich nach Abbruch des Hungerstreiks herauskamen, sind jetzt auch schon seit 5 oder 6 Tagen Elbert und Olschewski herausgelassen. Von Podu, der ja immer ein ruhiger Mensch war und nichts andres markiert hat, abgesehn, ist es sehr bezeichnend, daß grade die nach außen Rabiatesten, Schwab, Olschewski und Elbert die ersten waren, denen Wohlverhalten bestätigt wurde. Die ehrlich innerlich aufgeregten armen Teufel, wie Ibel und Taubenberger werden die Hauptleidtragenden sein bei der Blödheit, die ihnen die Schwabgesellschaft eingebrockt hat. – Von einem Brief von Fritz Weigel erhielt ich blos eine Hälfte, die andre wurde „wegen agitatorischen Inhalts“ zum Akt genommen. Doch geht aus dem mir ausgehändigten Teil hervor, daß Hölz in Besitz meines Liedes ist und sich sehr darüber gefreut hat. Das tröstet mich völlig über die 6 „harten“ Nächte hinweg, die ich dieses Liedes wegen aushalten mußte. Der Hölzprozeß geht immer noch weiter und ist eines der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit. Hölz steht wundervoll tapfer vor seinen Richtern: ganz als Ankläger, als Entlarver, als Kämpfer. Sein Leben ist aller Erwartung nach verloren, und er selbst nennt das Verfahren eine Affenkomödie. Vor ihm stand Ferry (Häring) vor dem Sondergericht wegen des Anschlags auf die Siegessäule, dieses ekelhaften Symbols militaristischen Größenwahns. Auch er stark, schön, mutig – und natürlich bis zuletzt von den Patentkommunisten als Spitzel und Provokateur verdächtigt: 8 Jahre Zuchthaus hat man ihm aufgeknallt. – Zwischendurch aber war Herr Brandler angeklagt, der „radikale“ Nachfolger Paul Levis in der VKP-Zentrale als Vorsitzender. Er verleugnete seine ganze revolutionäre Tätigkeit, ließ Bourgeois antanzen, die bestätigten, daß er nie für Gewalt gewesen sei und kam denn auch mit 5 Jahren Festung davon (für die irrsinnige Inszenierung des mitteldeutschen Aufstands mit der anmutigen Abwechslung der Parolen: „An die Gewehre!“ und „Laßt euch nicht provozieren!“), während die Proletarier, die aus revolutionärem Instinkt und Willen dieser Zentrale folgten, für lange, lange Jahre ins Zuchthaus mußten und weiter müssen, denn die „Sondergerichte“ tagen munter fort und kennen – außer gegen den Herrn Funktionär – nur Zuchthaus und Ehrloserklärung. Und jetzt hat der Münchner Sprengstoffprozeß begonnen. Meine Freunde Köberl und Luttner, ferner Sandtner und der alte Wiedemann, den ich im Polizeigefängnis kennen lernte, sind unter den Angeklagten. Nach dem ersten Bericht erhält man ein ganz trübes Bild. Die Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig und suchen sich auf Kosten der Kameraden reinzuwaschen. Bis jetzt scheint keiner die Haltung gefunden zu haben, die einem Revolutionär zukommt. Lauter Funktionäre! Lauter allein richtige Kommunisten! Wann wird einmal dem Proletariat der Blick klar werden? Wann wird es erkennen, daß Partei korrumpiert, verwässert, dekuragiert, zu Kompromiß und Gesinnungsverrat führt? Vielleicht sind die Prozesse dieser Wochen nützlich. Vielleicht lassen sie die Arbeiter erkennen, warum die Leute der Redensart und der „Disziplin“ wie Brandler und die Nymphenburger Funktionäre als Jammerkerle, die Männer der Tat und der verwegenen Entschlossenheit aber wie Hölz und Ferry als Rebellen und Helden ihre Sache vor der Bourgeoisie vertreten. Aber schrecklich ist es, wie teuer die deutschen Arbeiter jede selbstverständliche kleine Einsicht regelmäßig bezahlen müssen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 23. Juni 1921.

Morgen will Zenzl kommen! Ich erhielt das Telegramm, in dem sie es mir mitteilt, gestern abend nach 7 Uhr. Aufgegeben hat sie es vorgestern 6 Uhr 30. Aber es lag gestern im Ratschluß der Verwaltung, uns die gesamte Post, einschließlich Zeitungen, die sonst regelmäßig Mittags gegen ½ 1 Uhr ausgegeben wird, 6 Stunden länger vorzuenthalten und zur Aushändigung telegrafischer Mitteilungen außer der Zeit sieht man sich offenbar nicht veranlaßt. – Also meine Freude ist groß, wenn sie auch untermischt ist mit allerlei Befürchtungen, daß der süße Trunk des Wiedersehns von denen, auf deren Mitwirkung als Kredenzer ich leider angewiesen bin, vergiftet werden wird. Denn Kraus, der jeder einzelnen Gruppe der von Lichtenau Eingetroffenen, die Hand auf der Brust, beteuert hat, daß er ein warmes Herz für die Festungsgefangenen habe, ja, teilnehmender mit ihnen empfinde, als es ihm eigentlich erlaubt sei, – um in unmittelbarem Anschluß daran die ganz Verdatterten ohne jeden Grund wie ein Tobsüchtiger anzuschreien: „Ich befehle – und Sie haben zu gehorchen!“ –, einmal hat er sogar gesagt: „Solten Sie irgendwelche Widersetzlichkeit wagen, so werden Sie zum Tode –“ (hier unterbrach er sich) „– äh, zum Scheitern verurteilt sein“; – dieser Herr Kraus, seines Wesens ein von Tropenkoller ergriffener Feldwebel, – hat gestern einen Brief an Adolf Schmidt von seiner Frau „wegen verleumderischen Inhalts“ zum Akt genommen, worin die Frau jedenfalls die Gründe und die Art mitteilte, womit ihr das Wiederkommen letzten Freitag verboten wurde; eben aber wurde unserm Seppl der Bescheid, daß ein Brief von ihm an Zenzl „wegen versteckter Drohungen“ konfisziert sei. Er hatte darin geschrieben, über die Verhältnisse im Hause dürfe er nichts laut werden lassen, sie werde schon noch mal alles erfahren. Daß diesem Vorstand der Gedanke, was unter seiner Verantwortung hier vorgeht, könnte einmal draußen bekannt werden, als Drohung erscheint, ist sehr begreiflich. Von den 16 allein echten Kommunisten des Mittelgangs haben wieder 3 Hofentzug, angeblich wegen brieflicher Äußerungen; soviel ich weiß: Taubenberger, Nickl und Egensperger, dagegen sind heute wieder drei aus der Absonderung heraus: Günther, Wiedenmann und Kain, – die Reihenfolge, in der diese Befreiungen erfolgen, wirkt immer überraschender. Genug von unserm Pferch. Es gibt auch von draußen genug anzumerken. Die Interpellation im Bayerischen Landtag über den Mord an Gareis hat natürlich zu einer völligen Niederlage der Linken und zu einem verstärkten Vertrauen zu Kahr-Roth-Pöhner geführt. Das Maß an Heuchelei, das in der gemeinsamen Erklärung der Koalitionsparteien, in den Reden der Herren Kahr, Roth und Schweyer und ganz besonders in den Ausschleimungen der Presse, deren abgründige Verworfenheit nie so schamlos zur Schau gestellt wurde wie jetzt in Mordbayern, ist widerlich. Ein politisch besonders verhaßter Mann, auf den die Brachialteutonen wochenlang mit der Pistole gezeigt haben, wird in einer politisch ungeheuer unruhigen Zeit auf dem Rückweg von einer von ihm selbst als Referenten veranstalteten öffentlichen politischen Versammlung ermordet, nachdem ungezählte Morde seiner Richtung nahestehender Politiker in Deutschland seit 2 Jahren an der Tagesordnung stehn, die fast ausnahmslos ungesühnt geblieben sind (nach einer Gumbelschen Statistik sind bis März 1921 314 Morde von rechts in Deutschland verübt worden, wovon 6 zur Aburteilung gelangt sind (1 lebenslängliche Festung – Arco – und 31 Jahre 3 Monate Einsperrung), denen 15 Morde von links gegenüberstehn, von denen 14 abgeurteilt sind mit 8 vollzogenen Todesurteilen – sämtlich in Bayern, unsre sogenannten „Geiselmörder“ – und 176 Jahren 10 Monaten Zuchthaus und Gefängnis), – ein ganz vorn sichtbarer Politiker also wird unter solchen Umständen ermordet, – da wagt es die Regierung, das Parlament und die Journaille zu behaupten, daß für die Annahme, es handle sich um einen politischen Mord, nicht der Schatten eines Beweises vorliege. Herr Dr. Roth aber hat noch besonders unter dem Applaus des Hauses, dem auch die „Demokraten“ beistimmten, versichert, daß die Handhabung des Rechts in Bayern so rechtschaffen betrieben würde wie nirgends in der Welt. Klassenjustiz? – Gibts ja garnicht. Wir in Niederschönenfeld sind nun völlig beruhigt, da es der Justizminister ja selbst gesagt hat. – Eine Zeitungsnachricht aber ist heute ein Quell großer Freude für mich. Man hat es nicht gewagt, Hölz zum Tode zu verurteilen. Wahrscheinlich ist ein Wink von oben gekommen, daß sonst Herr Ebert in eine fatale Lage komme. Bestätigt er das Urteil, so müßte er fürchten, die Arbeiter könnten rebellisch werden und womöglich die Vollstreckung verhindern; begnadigt er aber, so wäre von rechts her ein ungeheurer Spektakel entstanden. Indem das Gericht selbst den einen Mordfall, auf den der Staatsanwalt seinen Todesantrag stützte, als nicht erwiesen annahm und auf Grund der übrigen „Straftaten“ – die der Verteidiger mit vollem Recht neben die Taten Garibaldis stellte – zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilte, ist man um diese Klippe herumgesegelt. Das ist ein Zeichen für die Angst, die dieser herrliche Kerl der Bourgeoisie noch in Ketten einjagt. Uns aber ist dies kostbare Leben erhalten. Möge es sich noch recht lebendig zeigen!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 24. Juni 1921.

Zenzl war hier – 2 ganze Stunden! Unter der Aufsicht des Herrn Grundler*, der mit am Tisch saß. Über Politik oder Vorgänge in der Anstalt zu reden, war uns verboten, – letzteres ist sehr verständlich. Sie sah etwas angestrengt, aber sonst ganz gesund aus. Diese Konstatierung war die ganze Freude, die mir von dem Besuch blieb. Auch sie war tapfer und weinte nicht. Nach 7 Monaten 2 Stunden unter solchen Beschränkungen! Herrn Kraus hat sie garnicht zu sehn bekommen; das wenigstens ist ihr erspart geblieben. – Ich war zuerst sehr deprimiert, bin aber schon etwas ruhiger. Eine einzige Pflicht erwächst uns allen, die wir das jetzt ausstehn: Nie – nie – nie vergessen! Vom Feinde lernen und ohne große Worte aber mit heißem Gefühl der Stunde harren, wo das Gelernte verwertet werden kann!

 

* Gehauf.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 26. Juni 1921.

Festungs-Interna. Von den Oberkommunisten sind noch 4 abgesondert: Gnad, Nickl, Taubenberger und, wenn ich nicht irre, Hagemeister*. Welche Gesichtspunkte für die Festhaltung, bzw. Loslassung maßgebend sind, ist Geheimnis. Seffert ist seit vorgestern im Erdgeschoß in Einzelhaft, Walter und Weigand seit gestern. S. soll sich in irgendeinem Schreiben an den Vorstand im Ton vergriffen haben, die beiden W. haben im Hof einen Stecken von einer Holzbank abgelöst, um einen Schläger für ihr Ballspiel draus zu machen. Weigand, der mit Kraus persönlich sprach, hat nur 3 Tage. Der arme Walter, für dessen Zustand ich ernste Befürchtungen habe, anscheinend wieder für unbestimmte Zeit. Hoffentlich hält er sich ruhig. – Seppl erhielt einen Brief von seiner Marie nicht ausgehändigt, weil er Mitteilungen über Festungsangelegenheiten enthielt, also wahrscheinlich den Bericht über ihren Empfang beim Staatsanwalt, als er das arme Mädel nicht zu ihrem Schatz vorließ. Jetzt wollen sie heiraten, um sich wenigstens mal sehn zu können. So werden Ehen gewaltsam gestiftet, deren Ausübung gewaltsam gehindert wird, wie glückliche Ehen gewaltsam zerstört werden. Das Verfahren, so dumm und kurzsichtig es in Absicht und Wirkung sein mag, wird jedenfalls mit raffinierter Konsequenz gehandhabt: Geistige Zermürbung (dazu gehört die Entziehung des Handwerkzeugs für Arbeitende, die nun allerdings zu intensiver Beschäftigung mit politischen Fragen gedrängt werden), seelische Qualen, Zertrümmerung des Familienlebens, Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz. Bei Zenzls Besuch erfuhr ich nebenbei durch den Überwachenden (der übrigens nicht Grundler gewesen sein kann, denn der wird im Münchner Sprengstoffprozeß – einer grauenvollen Illustration der gegenwärtigen Zustände, wo außer Sandtner alle Angeklagten ganz traurige Figur machen – als Zeuge beschäftigt), daß mein Roman-Manuskript, nachdem es schon freigegeben war, einer nochmaligen Prüfung unterliegt, weil ich in meinen Tagebüchern so tolle Dinge stehn habe (auch eine Begründung!). Ich erwarte demnächst Dr. Löwenfeld hier und will womöglich einen Vertreter des Schutzverbands kommen lassen, da es augenscheinlich beabsichtigt ist, mir die letzten Möglichkeiten beruflicher Betätigung abzuschneiden. Ob diese Herren allerdings vorgelassen werden? Graf Pestalozza war hier und mußte wieder umkehren. Damit ist also zum Prinzip gemacht, daß wir außerhalb alles Rechts stehn, – Beschwerden sind ja ohnehin schon verboten. Sie gelangen nur bis zum Zensor, also bis zu der Instanz, gegen die die Beschwerden gerichtet sind und werden mit Disziplinierung beantwortet. – Zu erwähnen ist noch, daß seit einiger Zeit verboten ist, abends eignes Licht zu brennen. Mir wurde schon während der Einzelhaft unten meine Petroleumlampe konfisziert, und die von der Frauenhilfe gesandten Kerzen wurden beschlagnahmt. Gründe? Gehn uns ja nichts an. Was in Bayern im Laufe von 2 Jahren aus der „Ehrenhaft“ gemacht ist, ist schon grotesk. Aber ich glaube, daß die hinlänglich gespannte Saite kurz vor dem Reißen ist. Die Entwaffnung nebst Auflösung der Formationen muß bis 1. Juli – also innerhalb der nächsten vier Tage durchgeführt sein. Angeblich soll morgen eine entsprechende Regierungsverfügung herauskommen. Herr Dr. Peters, der Reichsentwaffnungskommissar, war in München und behauptet, die Erfüllung der Verpflichtungen werde auch in Bayern innerhalb der Fristen durchgeführt. Übrigens seien nicht 320 000 Gewehre, wie Schweyer seinerzeit im Landtag angab, vorhanden, sondern „bloß“ 240.000. Sehr glaubhaft klingt es nicht, daß der Regierungsvertreter die Zahl übertrieben haben sollte. Wahrscheinlich sind die 80.000 andern Latten nach Tirol verschoben, von den inoffiziellen verborgenen Waffen garnicht zu reden. Aber daß nun in 3 Tagen kein Sipo-Mann mehr in Bayern zu finden sein wird, bezweifle ich höchlich. Wir haben nichts davon gemerkt, daß die Grünen, die uns betreuen, verschwunden sein sollten. Ich vermute, daß man offiziell die Erfüllung der Forderungen behaupten will in dem naiven Glauben, die Entente werde nichts spannen. Ich rechne also vorläufig noch mit Akutwerden der „Sanktionen“ und zwar wahrscheinlich solchen, die ihre Spitze direkt gegen Bayern richten werden. In der Zeit ihrer Pression wird für uns wohl noch das Höchstmaß Roth-Krausscher Tyrannis zu ertragen sein – und dann wird die Eiterbeule der Kahrregierung mit Gestank platzen, – leider wohl ohne jede Mitwirkung des Proletariats und es wird ein halbwegs gesetzliches Regime hier in Kraft treten. Wie lange der Druck der Sanktionen von Bayern ertragen werden kann, ist nicht leicht abzuschätzen, jedenfalls wäre eine Kohlenblockade nur wenige Wochen auszuhalten, die militärische Besetzung aber – besonders, wenn man etwa in München Truppen einquartierte, – müßte die Kahrwirtschaft in Stunden schon auffliegen lassen. – Im Landtag hat man wieder mal einen Antrag auf Haftentlassung von Niekisch, Toller, Hagemeister, Sauber und Schmidt abgelehnt. Recht so. Mögen die Arbeiter nur erkennen, was es mit der „Demokratie“ in diesem Lande auf sich hat. Übrigens kommt Niekisch sowieso in wenigen Wochen heraus. Es mag noch arme Teufel unter uns geben – die Lichtenauer, die jetzt alle eingetroffen sind, kennen ihn ja nicht –, die Hoffnungen auf diesen „Volksmann“ setzen. Sie werden wohl erst über ihn und seinesgleichen Klarheit gewinnen, wenn Niekisch einmal als Minister in einer Auer-Regierung seine Geistesverwandtschaft mit den Hoffmann und Schneppenhorst öffentlich enthüllt.

 

* Nur noch die 3 andern.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 30. Juni 1921

Heute ist also der bedeutsame 30. Juni, der als Endtermin für die völlige Durchführung der Entwaffnungs- und Demobilisierungsbedingungen gesetzt war. Die Durchführung der Waffenablieferung in Bayern wird also behauptet (und niemand lacht). Die Auflösung der Orgesch, der Einwohnerwehren etc. erfolgte in der Form einer Reichsverfügung, die einfach besagt, diese Organisationen sind hiermit aufgelöst, wurden im Vereinsregister gelöscht, und wer dennoch dabei bleibt, wird mit Geldstrafe bis zu 50.000 Mk, mit Festung bis zu 3 Monaten oder mit Gefängnis bis zur gleichen Dauer belegt. Eine Mindeststrafe wird nicht vorgesehn. Gefängnis kommt natürlich für die Sünder garnicht in Frage. Der Gesetzbrecher riskiert also eine „Strafe“ von ein paar Mark oder Festungshaft (und gewiß nicht Niederschönenfeld) von ein paar Tagen. Sehr interessant ist, daß Bayern von sich aus garnichts zur Auflösung getan hat. Nur die Reichsverfügung wurde durch die Hoffmannkorrespondenz veröffentlicht, und heute erläßt nun die Regierung dazu eine erste amtliche Erklärung, die keineswegs eine Mahnung zur Durchführung des Befehls enthält, sondern nur die Verordnung dagegen, daß man etwa die bayerische Regierung für ihn verantwortlich machen sollte. Nur das Reich habe alles veranlaßt, und Bayern habe es ausdrücklich abgelehnt, von sich aus etwas zu tun. Jetzt bin ich in der Tat sehr gespannt, ob die Entente sich wirklich mit dieser rein formalen Erledigung der Sache zufrieden geben wird. Die Weigerung Briands, die seit der Londoner Konferenz wirksamen Sanktionen (Zollgrenze, Besetzung der Ruhrhäfen) aufzuheben, deutet nicht darauf hin. Vermutlich wird man aber noch greifbare Beweise der Sabotage Bayerns abwarten, um vorzugehn. Doch halte ich auch unmittelbare Aktionen, die morgen schon einsetzen können, durchaus noch für möglich. – Der Gedanke vieler doktrinärer Genossen, die Form sei gewahrt, der internationale Kapitalismus werde jetzt die Augen zudrücken, ist absurd. Die Erklärung, in der Escherich sein Ehrenpräsidium bei den Einwohnerwehren niederlegt, ist so herausfordernd und droht so offen mit der künftigen Ernte des gesäeten „Geistes“, daß sie allein schon genügt, die wachsamen Franzosen die Absicht erkennen zu lassen. Erstaunlich genug ist es immerhin, wie es die bayerischen Nationalisten fertig bringen, ihre Gnadenfrist immer wieder ein Stückchen hinauszudehnen, angeblich um die kommunistische Gefahr fernzuhalten; in Wahrheit, um sich in dem Porzellanladen völlig austoben zu können. Denn die kommunistische Gefahr ist leider sehr klein geworden. Das jammervolle Bild des Münchner Kommunistenprozesses, in dem sich zeigt, daß die VKPD bis in ihre Spitzen hinein von Pöhnerprovokateuren durchsetzt ist, sagt genug. Man kann auch sonst heulen, wenn man sieht, was aus dieser Bewegung geworden ist. Der Chemnitzer „Kämpfer“ kommt wieder herein; die Verwaltung hat jedenfalls erkannt, daß dieses Kommunistenblatt zur revolutionären Anfeuerung der Festungsgefangenen gänzlich ungeeignet ist. Es bringt einen Artikel über Hölz, der wie ein unartiges beim Spielen mit dem Feuer zu Schaden gekommenes Kind behandelt wird. Der Inhalt dieses Elaborats läßt sich, ohne ihm viel Gewalt anzutun, in den Satz komprimieren: „Hölz ist kein Kommunist; denn er ist Revolutionär.“ – Der eben eröffnete dritte Kongreß der III. Internationale in Moskau hat eine verlegene Sympathieresolution für Hölz losgelassen, mit der feierlichen Einleitung, die kommunistische Internationale verwerfe jeden Individualterror und alle Freischärleraktionen; jedoch andrerseits – Hölz ist halt eben ins Zuchthaus gesetzt. Es ist schon merkwürdig: die VKP schmetterte in allen Tonarten: zu den Waffen, und einer der wenigen, die die Parole aufgriffen und befolgten, ist nun Individualterrorist. Im übrigen scheinen die Russen ihre eigne Revolutionsgeschichte schlecht zu kennen. Sonst würden sie wissen, daß sie ohne die terroristischen Vorarbeiten der Anarchisten und Sozialrevolutionäre in den 70er und 80er und in den Jahren von 1905–8 ihren Oktobersieg 1917 nie erlebt hätten. Die allein echten Revolutionäre und Kommunisten säubern sich also die Ärmel von der Berührung mit Hölz (von den „Vorwärts“- und „Freiheit“-Halunken, die niedriger als irgendein Kapitalistenklüngel über ihn herziehn, nicht zu reden). Der bürgerliche Schriftsteller Harden dagegen hat in der „Zukunft“ eine großartige Apologie für Hölz geschrieben. Er beschämt schon lange an Wahrheitsmut und innerer Aufrechthaltung alle unsre Parteikommunisten. – Die Mittelgänger hier oben scheinen schon wieder eine Offensive gegen mich vorzuhaben. Übermorgen wird der junge Rankl, der von Lichtenau kam, auf Bewährung entlassen. Der arme Kerl hat ein schmerzhaftes offenes Beinleiden, und ich gab ihm meinen alten Stock, der mich, ich weiß nicht wieviel Jahre, durch alle Länder und alles Elend begleitet hat, zur Stütze. Außerdem gab ich ihm auf sein eignes Anerbieten ein paar Aufträge zum Ausrichten für draußen. Gestern abend kam ich an sein Bett, um mich nach seinem Befinden umzusehn. Da erklärte er mir, er hätte keine Besorgungen für mich entgegengenommen, wenn er gewußt hätte, was er jetzt wisse. Er müsse auch ablehnen, meinen Stock mitzunehmen. Er hoffe, er brauche nicht deutlicher zu werden. Ich sagte ihm, ich könne ja nicht wissen, wer ihn über mich aufgeklärt hat und was ihm erzählt worden ist, wenn er es für richtig halte, zu glauben, was ihm hinter meinem Rücken über mich erzählt wird, so sei das seine Sache. Ich muß nun also annehmen, daß man neuerdings ehrenrührige Anwürfe gegen mich richtet, die gut genug erfunden zu sein scheinen, um sie so harmlosen jungen Leuten unbesehn glaubhaft zu machen. Was es ist, weiß ich nicht, kann mich also auch nicht wehren und muß es ertragen, daß der Erpresser und Wortbrecher Schwab, der Hysteriker Wiedenmann, der demagogische Intrigant Kain und die von ihnen besoffen geredeten Esel um sie herum den Vernichtungskampf gegen mich, der ihnen hier immer vorläufig mißlungen ist, nach außen zu tragen. Sie wissen ja nicht, daß sie sich direkt zu Zutreibern der rüdesten Reaktion hergeben. – Sonst ist hier drinnen zu erwähnen, daß Peter Regler gestern freigelassen werden sollte, aber – er erfuhr es erst am Abend zuvor – gleich nach Donauwörth abtransportiert wurde, um die 3 Monate Gefängnis für die Beihilfe zu Karpfs Fluchtversuch im vorigen Jahr, die noch nicht mal rechtskräftig sind, abzumachen. Offenbar also eine Wiederholung des Falls Duske, zwischen Urteil und Revision die Untersuchungshaft neu zu verhängen. Regler hat leider die Murböckpolitik hier oben unterstützt und mitbetrieben. Seine an sich rührende Freundschaft zu Renner hat ihm völlig den Blick für das unverzeihliche oder doch nur durch Krankheit entschuldbare Verhalten Renners benommen; so kam er selbst zu Dingen, die er von sich selbst aus gewiß nicht getan hätte. Er hat draußen als tapferer Rotgardist seinen Mann gestanden, und für den Fall, daß die Sache ihn wieder braucht, wird er auch wieder seinen Mann stehn. Mich mochte er garnicht, aber das hindert nicht, ihm den Genossencharakter trotz allem zuzuerkennen. – Mir wurde heute eröffnet, daß ein Brief, der einem Paket an Elsbeth Rupertus beilag zum Akt kommt „wegen unwahrer Behauptungen über den Strafvollzug“. Wollte ich versuchen, wahre Behauptungen über den Strafvollzug hinauszuschreiben, würde mir wohl eine höchst „fühlbare Belehrung“ zuteil werden darüber, daß sie unwahr seien. Genosse Ertl erhielt Nachricht, daß seine Frau ihn nicht besuchen darf. Es ist nämlich nicht seine standesamtlich gestempelte Frau. Daß er mit der Offiziellen keine Gemeinschaft mehr hat und mit der Geliebten nur deshalb nicht verheiratet ist, weil die andre sich bei unsern reizenden Ehegesetzen nicht scheiden lassen will, daß er mit der Illegitimen seit 6 Jahren zusammenlebt und ein Kind von ihr hat, daß die beiden Menschen einander lieben, – was geht das eine Staatsbehörde an? Die erste Pflicht zur Durchführung von „Ehrenhaft“ in Bayern scheint zu sein: persönliches Glück der Gefangenen muß, wo es bemerkt wird, zerstört, wo es zu entstehn droht, im Werden erstickt werden. Von republikanischem Rechts wegen!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 1. Juli 1921.

Internes: Gestern kamen Ibel und Wiedenmann wieder in Einzelhaft nach unten. Die Gründe bei Ibel kenne ich nicht. Wiedenmann soll bei der Eröffnung, daß am 9. Juli gegen ihn ein neuer Prozeß verhandelt wird, vor dem Regierungsrat Schmauser nicht respektvoll genug dagestanden haben. Neben der Einzelhaft wurde hartes Lager über ihn verhängt. Stimmt die Darstellung, dann wären wir jetzt glücklich so weit mit unsrer „Ehrenhaft“, daß wir die Verwaltungsbeamten als militärische Chargen anzusehn und zu behandeln haben. Am 9. November 18 war ich sozusagen Kommandant des Kriegsministeriums; so begann meine militärische Laufbahn. 2½ Jahre später bin ich Rekrut vor Kerkersergeanten: eine stolze Karriere. Vom ersten Stock wurden gestern Tanzmaier und Mairgünther in Einzelhaft gesetzt. Sie sollen beim Holzhacken Streit gekriegt haben. Heut hat man Gnad und Nickl aus der Einzelhaft hier oben herausgelassen und den letzten Abgesonderten, Taubenberger, ins Parterre gesetzt, und morgen wird Fritz Walter zur Abbüßung seiner 2 Monate Gefängnis wegen der Flucht von der Festung Oberhaus vor 2 Jahren nach Donauwörth geschafft. Angenehmer als hier in Einzelhaft wird er dort immer noch leben. Soviel zur Registratur der häuslichen Begebenheiten.

Politisches: In Oberschlesien ziehn sich die polnischen Insurgenten auf Befehl der Interalliierten Kommission zurück, ebenso der Höfersche Selbstschutz, sodaß das Intermezzo nun wohl dem Ende entgegengeht. Die nationalistischen Hetzereien werden natürlich auf beiden Seiten fortgesetzt. Im nahen Orient ist unübersehbarer Wirrwarr. Es scheint, als ob zur Zeit wieder Griechenland von den Alliierten protegiert wird, daß das – mir sehr widerwärtige – Bündnis zwischen den Kemalisten (türkischen Chauvinisten) und der Sowjetrepublik Griechenland zur Kriegserklärung an Rußland veranlaßt hat und daß England aus den Händeln die Dardanellen als Profit gewinnen möchte. (Ich machte schon während des Kriegs den Witz: man gebe jedem Lande Europas eine Dardanelle, und die Balkanfrage ist gelöst). Im fernen Osten stehn die Bolschewisten gegen die Japaner im Krieg. Es geht um Wladiwostok und Ostsibirien. In Belgrad aber wurde der Regent von Serbien am Jahrestage von Serajewo 1914 mit einer Bombe beworfen, die nur bis zu einer Telegrafenstange gelangte und daher ihr Ziel verfehlte. Es steht nicht fest, ob der Sprengstoff in einem bolschewistischen oder in einem ungarischen Laboratorium gemischt war. Mir scheint die zweite Hypothese die wahrscheinlichere. Die Engländer haben mit ihrer Iren-Unterdrückung schwer zu schaffen. Wie stark die Irredentisten sind, beweist der Umstand, daß Lloyd George ihren republikanischen Präsidenten de Valera zur Verhandlung nach London gebeten hat, der aber nur in Dublin verhandeln will. Der ungeheure Wirtschaftskampf der Kohlenarbeiter in England scheint nach 8wöchiger zäher Dauer nun durch Verhandlungen zum Abschluß gebracht zu werden. Hätten nicht die verruchten Proletarier-„Führer“ den Solidaritätsstreik der Transport- und Hafenarbeiter, vor allem der Eisenbahner sabotiert und dadurch die Ausweitung der Aktion zum Generalstreik verhindert, dann wäre die Weltrevolution um einen mächtigen Schritt vorangekommen. Über die Moskauer Tagung liegen fast keine Berichte vor. Aber daß der Kongreß Herrn Brandler, der eben vor dem Berliner Sondergericht die kläglichste Figur abgab, zum Ehrenpräsidenten ernannte, beweist eine immer noch betrübend falsche Einschätzung der deutschen KP als Faktor der Revolution. An Stelle von Sinowjew ist Bucharin zum Präsidenten des Zentral-Exekutiv-Komitees gewählt worden. Das bedeutet einen Sieg der Richtung Trotzki über Lenin, also der Opposition gegen den Opportunismus der Konzessionen an den Kapitalismus. Doch fürchte ich, wird dabei eine noch gesteigerte Zentralisationswirtschaft herauskommen und die Parteidiktatur die des Proletariats erst recht nicht aufkommen lassen. Daher sehe ich meine persönlichen Chancen, durch Schritte der Sowjetregierung nach Rußland entlassen zu werden, ganz und gar pessimistisch an. – In einer illustrierten Zeitschrift fand ich zufällig das Bild Taddäus Rittmers als gestorben. Ich kannte ihn nicht persönlich, schätzte aber seine dichterische Begabung. Er gehörte in vielfacher Hinsicht in die Linie Carl Hauptmann –, der ihm vor kurzem im Tode voranging. Auch hier wieder die Duplizität der Fälle.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 3. Juli 1921

Extra muros: Wenig Wichtiges. Die Interalliierte Kommission in Oberschlesien hat eine Generalamnestie für alle Gesetzesverletzer beider Parteien in dem Korfanty-Höfer-Handel erlassen. Darob ungeheure Entrüstung bei unsern Patrioten, die so gern für möglichst viele Polen Galgen hätten ragen sehn, die ungefähr dasselbe taten, wie vor 5/4 Jahren Kapp und seine Freunde. Von denen hat man bisher keinen abgeurteilt, und zur Zeit tobt ein sehr komisches Ringen der republikanischen Demokratie gegen die gesetzliche Verpflichtung, Herrn von Jagow, Berlins verflossenen Polizeipräsidenten („Ich warne Neugierige“) dingfest zu machen. Herr Schiffer, der demokratische Reichsjustizminister hat sich vorerst bös in die Nesseln gesetzt in dieser Affaire. Man muß immer wieder die schonungsvolle Behandlung der Hochverräter von rechts mit den Verfahren gegen uns Linke vergleichen, um die ganze Schönheit der gegenwärtigen Verhältnisse in Deutschland zu erfassen. In Bayern zumal ist es ganz üblich geworden, die längst Verurteilten noch einmal vor Gericht zu ziehn, um das Pauschalurteil wegen „Hochverrat“ durch Bestrafungen von Einzelhandlungen, die darin einbegriffen lagen, zu ergänzen, in Wirklichkeit, um die Spießer das Gruseln vor der Räte-„Schreckenszeit“ nicht verlernen zu lassen. Wie man vor Monaten Mairgünther zu seinen 3 Jahren Festung noch 1 Jahr Gefängnis zulegte wegen „Anstiftung zum Diebstahl“, weil er als Polizeipräsident dafür sorgte, daß die ihnen anvertrauten Lebensmittel nicht in die Hände des Feindes fielen, (seine Revision ist jetzt vom Reichsgericht verworfen worden), so stellt man jetzt wieder Wiedenmann und Ertl vor Gericht wegen „Diebstahl und Amtsanmaßung“. Es handelt sich um eine Waffenbeschlagnahme. Am 9ten ist in München die Verhandlung. Wir können demgegenüber nichts tun, als aufmerksam zuzuschauen, was für ein verwendbares Instrument die Justiz in der Hand bewußter Klassenkämpfer ist. Obs nun kürzer oder länger dauert, – daß einmal wir diejenigen sein werden, die die Justiz werden für unsre Klasse einspannen müssen, ist sicher. Ich bin durchaus gegen nutzlose Grausamkeiten, sollte sich aber das Verfahren der Bourgeoisie als zweckmäßig erweisen, so werden wir es unbedingt anwenden müssen, und die Methode, längst begrabene Dinge durch jahrelanges, immer wiederholtes Prozessieren und öffentliches Ausbieten perpetuierlich aktuell zu erhalten, scheint mir bei der entrüstungsfreudigen Seelenbeschaffenheit des deutschen Bürgers psychologisch nicht dumm zu sein. – Ob die Entente sich mit der Erledigung der Einwohnerwehrfrage in Bayern zufrieden geben wird, wie sie jetzt von den Kahrleuten markiert wird, wird wohl aus der nächsten Rede Briands hervorgehn. Ich glaubs nicht; und ich glaube nicht mal, daß die Bajuvarier es selbst wünschen. Ihre provokatorischen Quertreibereien bis zu allerletzt noch lassen darauf schließen, daß sie mit einem offenen Krach, von dem sie im Reich wohl den Sturz des Wirth-Kabinetts hoffen mögen, weiterzukommen glauben als mit Reichs- und Vertragstreue. Tatsache ist, daß in ganz Deutschland bis weit in Bürgerkreise hinein offene Gegnerschaft gegen die bayerische Horthypolitik besteht, und daß die frankophile Politik Wirths den Kahrioten Bayerns sehr unbequem ist. Daher glaube auch ich, daß resoluter Bruch mit dem Reich den Leim, mit dem die Desperados bei uns an ihren Posten kleben, fürs erste versteifen würde. Umso tiefer werden sie bei der Pleite dieses Systems in den Dreck fallen. – Intra muros: Gestern ist Karpf in Einzelhaft geflogen. Gründe unbekannt. Nachmittags wurde seine Zelle durchsucht. – Dem Daudistel wurde ein Roman, nachdem er längst die Zensur passiert hatte, als das Tippmanuskript zur Korrektur an ihn geschickt wurde, zum Akt genommen. Dabei soll Kraus ihn verwarnt haben, wenn er weiterhin solche Sachen schreiben sollte (es handelt sich um die Geschichte eines Kriegsmeuterers), so werde er ihn mal ein Vierteljahr in Einzelhaft schicken. Niederschönenfeld als Kulturregulativ! Was aus meinem Bröschke-Manuskript wird, kann ich mir jetzt wohl einigermaßen ausrechnen. Nachdem ein Polizeiwachtmeister sein literarisches Urteil schon in der geheimnisvollen Behauptung zusammengefaßt hat, daß diese Arbeit einen Zusammenhang mit meinen Tagebüchern habe, bin ich auf alles gefaßt. Gestern wurde mir „eröffnet“, daß der „Freie Arbeiter“ nicht mehr ausgehändigt wird, da ein derartiges Organ den geordneten Strafvollzug zu stören geeignet sei. – So wird hier täglich für Abwechslung gesorgt. Die von Vollmann so liebevoll gestreichelten Unterschriftsteller sind ganz verzweifelt ob des konstanten Gewitters, das über Gerechte und Ungerechte losdonnert – denn den Vorzug hat Herr Kraus wenigstens, daß er keine Unterschiede macht und seinem „warmen Herzen“ keinerlei Zwang auflegt, wenn es sich auch um Klüngelhöflinge und Murböcke handelt; jeder Festungsgefangene ist für ihn ein Festungsgefangener und sonst nichts und infolgedessen wie ein Verbrecher niedersten Grades zu behandeln: es sei denn, daß er ein adliger Meuchelmörder wäre und in Landsberg säße. Aber hier drinnen ist mir ein hemmungsloser Wüterich wie dieser Staatsanwalt weitaus sympathischer als der intrigante, falsche, verlogene, gerissene und heimtückische Vollmann. Ob Kraus’ Klotzigkeiten mir selber auch schon körperlich, geistig, seelisch, materiell und professionell schwer zugesetzt haben: ich habe vor primitiven Naturen immer einen gewissen Respekt empfunden. Die robuste Vitalität eines Niggerboxers hat für den differenzierten Europäer unbedingt etwas Imponierendes, und solange ich das beschämende Gefühl zurückdränge, daß hier die brutalste Willkür der mit physischer Gewalt ausgestatteten politischen Parteilichkeit im Namen eines schändlich mißbrauchten „Rechts“ gegen wehrlose Gefangene nur ihrer ehrlichen Überzeugung wegen sich austobt, erfüllt mich die so in der Nähe und am eignen Körper genossene Produktion dieses Athleten kraftdeutschen Gemütsaufschwungs eher mit Heiterkeit als mit Schrecken. Leid tun mir nur die armen Teufel da drinnen, die im Grunde der Seele den Exekutoren der neubayerischen Staatsgesinnung garnicht so unähnlich sind. Ihnen sitzt die Überzeugung hart unter der Epidermis, und so tun ihnen die Prügel da weh, wo sie spürbar werden sollen. Bei ihnen wird erreicht werden, was garnicht mehr eingebläut zu werden brauchte, der feste Vorsatz, in Zukunft die Finger von brenzlichen Dingen zu lassen. Bei uns andern erreicht man das Gegenteil der Absicht: durch die systematische Zerstörung alles privaten Glücks eine gesteigerte Leidenschaft für die Sache, der wir es opferten, eine viel größere Gleichgiltigkeit gegen unser Leben selbst, die alles was wir hier erleben leichter ertragen läßt und für die Zukunft schwerste Hemmungen in der Erfüllung tragischer Pflichten beseitigen wird und eiserne Konzentration aller Gefühle vom Privaten weg zum Allgemeinen, zur Überzeugung, zur politischen Kritik, zur Revolution. Daß das System Kraus das hier schon bei vielen bewirkt hat, bei denen man das revolutionäre Temperament schon für völlig verschüttet halten mußte, rechne ich ihm – trotz der diametral entgegengesetzten Absicht – entschieden als mildernden Umstand an.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 5. Juli 1921.

Chronik des Hauses: Das „warme Herz“ des Staatsanwalts heizt uns täglich kräftiger ein. Gestern waren zwei, zuvor angemeldete Besucher da, Ehefrauen, eine mit Kind, die von Friedrichshafen extra hergefahren war. Im andern Fall vorherige Bitte, 6 Stunden zu gewähren mit ausführlicher Begründung dieses Wunsches. Grobe Antwort: der Staatsanwalt entscheide von Fall zu Fall. Nutzlose Schreibereien seien zu unterlassen. Der Besuch fand statt: in beiden Fällen 2 Stunden mit Aufsicht am Tisch! Nur weiter so; was unsern Frauen angetan wird, läßt sich wenigstens draußen nicht geheim halten. Die Ansicht mancher Genossen, Warmherz müsse geisteskrank sein, teile ich garnicht. Möglich ist immerhin, daß er auf Anweisung Menzels handelt, dessen Adlatus er ja in Augsburg bisher war, und dessen Zustand ist mir ja längst verdächtig. Im übrigen ist es alte Übung kurzsichtiger Kraftmeierei, grade in dem Augenblick, wo alles wackelt, durch brutale Gesten den starken Mann zu mimen. Und Neudeutschland hält es ja für Tapferkeit, Stärke und Männertugend, Angebundene zu ohrfeigen, worauf das ganze Verfahren hier drinnen hinausläuft. – Eine für mich persönlich sehr lästige Vorschrift ist seit gestern durchgeführt: Die abendliche Gangbeleuchtung, die Vollmann erst vor kurzem um die Stunde von 11 bis 12 gekürzt hat, hört jetzt zugleich mit dem Zellenlicht um 10 Uhr auf. Danach darf unter Androhung sofortiger Absonderung sich niemand mehr im Gang aufhalten. Da man keine Kerzen oder Lampen mehr brennen darf, läuft das auf äußerste Beschränkung der bisher noch geübten Rechte hinaus. Ich bin gewohnt, mich abends – häufig noch nach Dunkelwerden im Gang dort durch Hin- und Hergehen müde zu machen, und unten in Einzelhaft litt mein Schlaf sehr durch die Entbehrung dieser Bewegung. Jetzt bin ich generell dazu verurteilt, stundenlang wach im Bett zu liegen, ehe ich einschlafen kann. Es heißt, unten habe sich einer beschwert, daß es nach 10 Uhr zu laut bei uns oben zugehe. (Hörath soll es sein). Also schon wieder die trübe Erfahrung, daß wir die ärgsten Schikanen durch die Jämmerlichkeit der Mitgefangenen aufgehalst bekommen, die bei jedem Scheißdreck mit der Verwaltung gegen die Genossen arbeiten. – In den Zeitungen nichts Besonderes. Doch soll die serbische Regierung wegen des Anschlags auf den Regenten ein Ultimatum an Österreich gerichtet haben. Warum an Österreich und nicht an Ungarn ist mir schleierhaft. Jedenfalls eine boshafte Revanche für das Ultimatum des Habsburgers vom 25. Juli 1914, ähnlich dem „wohlmeinenden Rat“, mit dem Japan 1914 im Ultimatum an Deutschland Wilhelms Liebenswürdigkeit beim Frieden von Shimonoseki quittierte. Die Folgen des serbischen Ultimatums werden jedenfalls weniger tragisch sein als die des österreichischen waren. Zu meiner Überraschung erhalte ich neuerdings gratis den „Miesbacher Anzeiger“ zugeschickt, das berüchtigte antisemitisch-bayerisch-partikularistische Skandalblatt, das neuerdings im Reichs- und Landtag sehr häufig zitiert wurde. Es liest sich sehr amüsant. Was aber da im Arizonakickerstil an Aufpeitschung niederster Instinkte geleistet und von der Regierung Kahr schmunzelnd toleriert wird, ist grotesk, wenn man die hysterischen Verfolgungen aller linksradikalen Aeußerungen damit vergleicht. Eine Atmosphäre aufs Höchste gesteigerter Leidenschaften ist augenblicklich in Bayern wirksam, die eine katastrophische Entladung zur absoluten und unumgänglichen Notwendigkeit macht. Ihre Auswirkung ist nur noch eine Zeitfrage. So überheizt wie jetzt war der Kessel nicht einmal in der letzten Kriegszeit. Die ihn aber schüren und zur Explosion bringen werden, bei der sie selbst zerrissen werden müssen, rühmen in alle Welt hinaus: Bayern ist das Land der Ruhe und Ordnung, die deutsche Gesundungszelle. Das glauben sie ganz ehrlich. Wen Gott verderben will, schlägt er mit Blindheit.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 8. Juli 1921.

Aus der warmherzigen Betätigung ist seit zwei Tagen nur verhältnismäßig wenig des Aufbewahrens wert. Vorgestern wurde „eröffnet“, daß die Unabhängigen-Zeitung „Freiheit“ nicht mehr ausgehändigt wird (sie in x Exemplaren für je 10 Mark monatlich zu abonnieren, war zum Juli-Ersten noch gestattet gewesen); gestern, daß die letzte Nummer der „Aktion“ beschlagnahmt sei, bei der aber vorher schon eine Anzahl Exemplare ausgegeben waren. Wahrscheinlich war ein Panegyrikus auf Hölz an der Spitze des Blatts die Ursache, da fürs nächste Mal eine Spezial-Hölz-Nummer angekündigt ist, werden wir wohl die auch nicht kriegen. Herr Kraus, der als I. Staatsanwalt in Augsburg für Olschewski und Hörath lebenslängliche Festungshaft beantragte – und was er unter „Festungshaft“ versteht, demonstriert er ja jetzt ad oculus – und den Olschewski pathetisch als „anständigen Gegner“ rühmte – scheint zu glauben, daß er mit solchen Nadelstichen – er hält solche Lächerlichkeiten ja vielleicht für Pädagogik – uns das revolutionäre Hoffen und Denken austreiben kann. Es wird aber wohl die Zeit auch noch kommen, wo er verwundert vor den Wirkungen seiner Warmherzigkeit stehn wird. Ich erhielt heute von Paul Adler aus Prag im Namen der „Prager Presse“ die Aufforderung, einen Beitrag für das Blatt zu senden, das weit in Ententeländern Verbreitung finde. Ich denke nach, was ich schicken oder schreiben kann. Aber keine meiner Arbeiten hat Aussicht, die Zensur hier zu passieren. Das Zurückhalten des Romanfragments beweist ja, daß es darauf abgesehn ist, durch Verhinderung jeder Verdienstmöglichkeit vor allem auch meine Familie ins vollständige Elend zu bringen. Die diese Blockade durchführen, sind aber die Gleichen, die das „perfide Albion“ anspucken wegen seines – immerhin im Kriege – befolgten Aushungerungsverfahrens. Kürzlich war ungeheure Empörung in den bayerischen Zeitungen, weil den Anwohnern des besetzten Gebiets nicht einmal der ungestörte Briefverkehr mit ihren Frauen garantiert sei. Die Aufhebung der Gesetze über Festungshaft gegen eigne Landsleute, die den Wunsch haben, dem staatlich organisierten Betrug das Handwerk zu legen und Arbeitende dem Hunger zu entziehn, um ihre Ehen systematisch zu zerstören und ihre gesamte Existenz für alle Dauer zu ruinieren, wird aber von den Machthabern dieses „Freistaats“ und ihren journalistischen Schnallentreibern christlicher und demokratischer Observanz als Weisheit und Recht gepriesen. – Die neueste Klugheit der Kahr-Regierung ist die Ausweisung des russischen Finanz-Volkskommissärs und seines Sekretärs aus Gmünd, wo sie sich zur Kur aufhielten. Man hat diese Vertreter eines Landes, mit denen grade eben die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen werden sollen, auf dem Schub nach Berlin befördert, nachdem man sie photographiert und daktyloskopiert hatte. Natürlich hat die Sowjetregierung energisch protestiert und in Berlin kratzen Wirth und Genossen sich die Köpfe und möchten die Geschichte wieder einrenken. Der „demokratische“ „Fränkische Kurier“ erklärt aber schon, daß die Forderung, die Ausweisung aufzuheben und die photographischen Platten und Fingerabdrücke zu vernichten, in Bayern nur einen Heiterkeitserfolg haben werden. Lauter Öl in unser Feuer. – In Frankreich, England und Belgien helle Empörung wegen der dauernden Freisprüche und lachhaft sanften Strafen in den Leipziger Kriegsbeschuldigtenprozessen (der letzte Prozeß Stenger + Crusius macht besonders böses Blut), überdies die Ermordung eines französischen Majors in Beuthen und eine neue nationalistische Großhetze wegen Oberschlesien, das mit der Entwaffnung des Höferschen Selbstschutzes so ziemlich als verlöschendes Feuer betrachtet werden konnte: bei alledem traue ich dem äußeren Frieden noch garnicht, habe vorläufig sogar noch erhebliche Zweifel, ob Frankreich sich wirklich mit der Regelung der Entwaffnungs- und Formationsauflösungs-Forderung speziell in Bayern schon zufrieden erklärt hat. Die Behauptung, General Nollet habe alles als erfüllt bezeichnet, wird neuerdings durch die Meldung abgelöst, Nollet habe noch garkeinen Bericht erstattet. – Im Innern ist auch nicht alles in Lot: Herr Dr. Wirth hat seine Steuerpläne im Reichstag aufgewickelt. Wenn gezahlt werden soll, ist niemand sehr erfreut (die opferfreudigsten Patrioten, die Deutschnationalen, sind denn auch die Ersten, die furchtbaren Spektakel anstimmen), und wenn der Jahresetat mit 80 Milliarden ins Bild tritt, ist die Begeisterung schon recht gedämpft, zumal beim Proletariat, das wie immer auch dabei am intensivsten geschröpft werden soll. Bei den Berliner städtischen Fuhrarbeitern ist ein großer Streik ausgebrochen, der sich, wie die Zeitungen entrüstet melden, auch auf die „lebenswichtigen“ Arbeiten ausdehnen soll (das Streiken unter Ausschluß alles dessen, was den Streik fühlbar und wirksam macht, nach dem Prinzip „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“, kennt man nur in Deutschland; es ist echt sozialdemokratisches Gewächs). Diese Fuhrarbeiterbewegung nimmt, wie es scheint, ausgedehnte Dimensionen an, insofern als bei den übrigen städtischen Arbeitern Berlins, Gas-, Elektrizitäts-, Straßenbahnarbeitern etc, große Neigung zur Inszenierung eines Solidaritätsstreiks besteht. Nach den bisherigen Urabstimmungen sollen sich 75 % für den Solidaritätsstreik ausgesprochen haben, sodaß immerhin mit seinem Akutwerden zu rechnen ist. Illusionen habe ich mir nach allen Erfahrungen seit 2 Jahren gründlich abgewöhnt. Noch reden die Gewerkschaftsfunktionäre in derlei Angelegenheiten hinein, und solange sich die Arbeiter das gefallen lassen, ist an keine aussichtsvolle Aktion zu denken. Aber als Stimmungssymptom nehme ich den Berliner Stadtarbeiterstreik außerordentlich ernst. Mögen Lohnforderungen zunächst das Motiv abgeben; in Wirklichkeit sind solche Erscheinungen als Wetterzeichen für den Groll zu bewerten, den die ungeheuerlichen Justizschweinereien nebst ihren Ursachen bei den Massen schon bewirkt haben. Mag das Gewölk sich noch ein Dutzend Mal verziehn, – einmal wirds loskrachen, daß das ganze Gefüge dieser „Staatsordnung“ auseinanderbirst. Mag es selbst noch ein paar Jahre dauern, umso gründlicher wird die Reinigung sein. Die ewig Gestrigen aber merken nichts von dem Dynamitlager, über dem sie sitzen. Sie glauben, wenn sie unsre kleinen Personen martern, ruinieren sie die Instrumente, die das Gerüst ihrer Throne ansägen. Sie werden noch aufwachen aus ihrem Traum und erkennen, daß das Fundament ihrer ganzen Herrlichkeit geborsten ist und daß sie ihre eignen Personen nur retten können, wenn sie noch rechtzeitig von der Bildfläche zu verschwinden verstehn. Mir gehts nicht gut hier drinnen. Man hat Quälereien gegen uns ersonnen, die zu raffiniert sind, um uns nicht wirklich treffen zu müssen. Aber mit denen tauschen, die meine Schinder sind – der Himmel bewahre mich!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 9. Juli 1921.

Gestern wurden mir zwei „Eröffnungen“ gleichzeitig zu teil: ein Brief Kurt Offenbergs ist wegen „beleidigenden Inhalts gegen die Verwaltung“ zu den Akten genommen, und ein dem Brief von Paul Adler beigefügter Zeitungsausschnitt, nämlich eine Rezension meiner Gedichte wegen „agitatorischen Inhalts“ ebenfalls. Wahrscheinlich sind Zitate meiner eignen Verse drin, und wenn ich die zu Gesicht kriegte, könnte ich am Ende agitatorisch beeinflußt werden. Tapfer sind sie wenigstens, die bayerischen Rechtsbetreuer. Sie fürchten nicht einmal das Gelächter der Nachwelt. Sonst ist der Gewissenhaftigkeit wegen zu notieren: Der Prozeß Ertl-Wiedenmann ist vertagt. Heute hätte er stattfinden sollen, Ertl wurde aber kein Wort von der Vertagung mitgeteilt, er erfuhr es durch Wiedenmanns Behandlung, dessen Disziplinierung auf sein Ersuchen unterbrochen war, da er nach dem Hungerstreik die Strapazen der Einzelhaft und des Bettentzugs nicht vor der Verhandlung ausstehn wollte. Es kam die Vertagung, die man nur ihm bekannt gab, um ihn sofort wieder abzusperren und ihm das Lager wegzunehmen. Tanzmaier und Mairgünther laufen wieder „frei“ herum, in Einzelhaft sind also meines Wissens „nur“ noch: Seffert, Ibel, Karpf, Taubenberger und Wiedenmann. – Heute bekam ganz überraschend Andreas Gruber, Bruder Michael Gr’s, einer der Lichtenauer, die Mitteilung, daß sein Bewährungsfristgesuch genehmigt und er sofort entlassen wird. Sonst wird gewöhnlich, wenn eine Freilassung erfolgt, eine längere Frist gesetzt und ein Datum, bis zu dem noch Wochen hin sind, bestimmt. So haben Götz, Vogel, Langenegger in nächster Zeit ihre Entlassung auf Bewährung zu erwarten. Gruber hat monatelang auf Antwort auf sein Gesuch warten müssen, umso erfreuter wird er gewesen sein, so plötzlich ein freier Mann zu werden. Ich hatte keine Gelegenheit, ihn genauer kennen zu lernen. Er machte einen harmlosen, anständigen Eindruck. – Im politischen Leben einiges aus der Fülle: Frankreich hat seine Juristen, Regierungsvertreter und die für die weiteren Prozesse schon angelangten Zeugen von Leipzig zurückberufen, um an der Gerichtsfarce dort nicht mehr mitzuwirken. Wahrscheinlich wird Belgien, und wohl auch Großbritannien, dem Beispiel folgen. Die politische Folge wird über kurz oder lang das Begehren nach Auslieferung der Beschuldigten an die Sieger sein, und ein neuer Jammerspektakel Alldeutschlands. Die erste Wirkung ist vermutlich die, daß die Ruhrhäfenbesetzung nebst den übrigen Sanktionen unter Berufung auf die ungenügende Erfüllung der Aburteilungsbedingungen des Friedensvertrags fortdauern wird. – Ich denke viel nach, wie es sich in Wirklichkeit wohl mit Bayerns Entwaffnung verhalten mag. Ich nehme an, daß die registrierten Waffen in der Tat abgeliefert und die Formationen formell aufgelöst sind. Beruhigen sich dabei die Franzosen, die zweifellos sehr scharfe Kontrolle üben, so wäre das ein Zeichen, daß die Kraft Bayerns physisch gebrochen sein muß, und wir hätten eine Tatsache zu vermerken, die in meinen Kalkulationen allerdings nicht in Betracht gezogen war. Alle meine Berechnungen fußten darauf, daß das brutale gesetzlose Gewaltregime, das die bayerische Verwaltung zur Zeit kennzeichnet, nur solange möglich sei, wie es sich auf äußerst starke Waffenmacht stützen könne. Eine Zeitlang kann ja eine Regierung wirklich auf Bajonetten sitzen. Die Fortdauer und Steigerung der Kahr-Pöhner-Roth-Kraus-Wirtschaft nach der Entfettungskur würde aber den Beweis führen, daß bei der Geistesbeschaffenheit der von Sozialdemokraten und Levi-Thomas-Graf-Kommunisten entmannten mißleiteten bayerischen Arbeiter ein Markieren physischer Überlegenheit schon genügt, um die krasseste Klassenwillkür der Bourgeoisie gegen das Proletariat zu praktizieren, d. h. daß im Bayern von 1921 eine monarchistisch-militaristische Republiksregierung sogar auf imaginären Bajonetten eine ausreichende Sitzgelegenheit findet. Allerdings wird wohl der nächstbeste Anlaß, irgendein politischer „Zwischenfall“, wie er nie vorauszusehn ist, aber immer in gewissen Zwischenräumen wiederkommt, genügen, um alle Welt erkennen zu lassen, daß das Postament der Münchener Herren ein Luftgebilde ist. Zum Verzweifeln ist noch lange kein Anlaß.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 10. Juli 1921.

Im Hause ist allgemeiner Gesprächsstoff ein Artikel des „Vorwärts“, der zunächst dem wachsamen Auge des Zensors entgangen war (der eine liebliche Nase gekriegt haben wird), betitelt „Aus einer bayerischen Festung“. Da wird das Reichsjustizamt aufgefordert, in Niederschönenfeld nach dem Rechten zu sehn und sofort gesetzmäßige Zustände herzustellen. Leider enthält der Artikel nur verhältnismäßig gleichgiltiges Tatsachenmaterial, nämlich vornehmlich Übergriffe einzelner Beamter, die mit Erregung entschuldigt werden könnten (die Äußerung des Bademeisters, er werde, wenn es losgehe, 7 Spartakisten eigenhändig mit dem Spaten totschlagen und Fetschs Bedrohung Hagemeisters, mit dem Revolver am 6. Juni), dagegen werden die Ungeheuerlichkeiten des Systems als solche kaum berührt: 4 Monate Besuchs- und Schreibverbot, die systematische Zersprengung der Familien und der wirtschaftlichen Existenz durch die Art der Besuchszulassung und die Handhabung der Zensur etc. – Man muß hoffen, daß auch diese Dinge nicht auf die Dauer geheim bleiben können. Hin und wieder kommt ja doch ein Gefangener in Freiheit und wir haben Anlaß zu glauben, daß viele Aufseher ebenso verbittert sind wie wir. Kraus hat für das Personal einen vollständig militärischen Dienst eingeführt; sie müssen die Haare kurzgeschnitten frisieren, müssen kasernenmäßige Ehrenbezeugungen machen und Meldungen erstatten wie in den schönen Tagen Ludendorffs jeder Unteroffizier vor dem Oberen. Das paßt ihnen natürlich sehr wenig, und ich schließe aus manchen Zeichen, daß wir in ihnen mehr und mehr Bundesgenossen großgezüchtet kriegen. – Der Vorstand hat gestern noch die ausgegebene Vorwärtsnummer wieder einsammeln lassen; er erhielt aber, wie man erzählt nur 2 zurück, und zwar – höchst interessant – von Murböck und von Elbert. – Seit gestern ist Hörath in Einzelhaft. Herr Kraus hat nämlich gestern während der Hofzeit beide Etagen mit einem Besucher* inspiziert und dabei hier und da mal in eine Zelle hineingeschaut. Bei Hörath entdeckte er, daß kein Türgriff da war. Der arme Kerl kam grade vom Lokus und hatte die Klinke in der Tasche. Das Urteil: Gefängnis für unbestimmte Zeit war sofort fertig und wurde exekutiert. Bei Westrich wurden in dessen Abwesenheit bei Gelegenheit dieser Stichprobenvisite zwei Frauenakte als Wandschmuck entdeckt, als Schweinerei bezeichnet, und während der Besitzer ahnungslos im Hof spazieren ging, entfernt. – Was die Dauer des warmherzigen Verfahrens anlangt, das uns allmorgendlich erwachen läßt mit der Frage: was heute?, so fand ich heute in der Augsburger Abendzeitung unter allerlei Gleichgiltigem eine ganz harmlos aufgemachte Notiz folgenden Inhalts. Die Nachricht, Nollet habe sich über die Erfüllung der Entwaffnungsforderung in Bayern zufriedenstellend geäußert, werde von Italien aus (genannt war glaube ich der „Secolo“) als falsch bezeichnet. Vielmehr enthalte Nollets vorgestern in Paris eingetroffener Bericht über Bayern „Vorbehalte und Einwürfe“, über die der Reichsregierung in den nächsten Tagen Mitteilungen gemacht werden dürften. Also doch! – Wenn sich die Meldung bestätigt, woran ich nicht zweifle, so ständen wir vor einer neuen Situation, die in Bayern wahrscheinlich doch noch die Kahr, Roth und Pöhner erledigen wird. Ich fasse auch die plötzliche Sorge des „Vorwärts“ für das Wohl der Festungsgefangenen als Anzeichen für die wacklige Stellung der bayerischen Koalition auf. Bis jetzt haben sich die Herren Mehrheitler den Teufel um uns gekümmert, obwohl ihnen der Niederschönenfelder Skandal durchaus nichts Neues ist. Wenn sie jetzt plötzlich ihr Herz für uns schlagen fühlen, so bedeutet das, daß sie mit einer binnen kurzem bevorstehenden Regimeänderung in Bayern rechnen und sich für die Übernahme des Justizministeriums nun auch nach links anbiedern möchten, wie sie es mit Auervaters beruhigenden Vorschlägen, die keine Amnestieneigungen bei den Herren befürchten ließen, nach rechts schon eingeleitet haben. Da zur Zeit mit Hochdruck an der Einigung der beiden sozialdemokratischen Parteien gearbeitet wird – Kautsky von links, Scheidemann von rechts haben schon die Lippen zum Bruderkuß gespitzt – haben die Vorwärtsleute grade jetzt besonderen Anlaß, sich den eingesperrten Opfern ihrer Verräterei und Genossen ihrer Einigungsträume von der liebevollen Seite zu zeigen. Unsereiner aber liegt im Streckbett ihrer verruchten Konjunkturpolitik und amüsiert sich mit der Beobachtung der Krampfzuckungen des eignen gepeinigten Leibes.

 

* Es war angeblich der Abgeordnete der bayer. Volkspartei Emminger, M. d. R. und Augsburger I. Staatsanwalt.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 13. Juli 1921.

Heute enthalten die Blätter eine Erwiderung auf den „Vorwärts“-Artikel „von zuständiger Seite“. Diese Reinwaschung ist das schamloseste Produkt gewissenloser frecher Verleumdung, das ich je vor Augen hatte. Die Festungsgefangenen werden mit Dreck beworfen, daß es ringsum stinkt. Die im „Vorwärts“ behaupteten Tatsachen werden dreist abgeleugnet, unverfrorene Lügen uns angedichtet. Die Gemeinheit dieser Reinwaschung, die man im Vertrauen darauf wagt, daß die Verleumdeten ja durch die Zensur und durch gesetzlose Zwangsmittel verhindert sind, sich zu wehren und eine Verleumdungsklage weder einen Staatsanwalt noch einen Richter fände, daß also die Wahrheit von der Lüge nicht zu fürchten sei, strahlt am hellsten in der Behauptung, die F. G. seien splitternackt von ihren Zellen in den Garten gegangen (was nie vorgekommen ist), wobei sie an Besuchern, Frauen und Kindern vorübermußten (!) (als ob es hier nur so von Besuchern wimmelte, diese Unterstellung ist eine der niederträchtigsten Lügen in dem Bukett), und hätten überdies den wahren Zweck dieser Nacktkultur durch allerlei Gebärden deutlich zu verstehn gegeben. Pfui Deubel! Man kann ja über den Verfasser dieser gehässigen Nichtswürdigkeiten höchstens Vermutungen haben, treffen aber diese Vermutungen zu, wie sie laut genug ausgesprochen werden, dann muß man sich vor Ekel schütteln, daß es Menschen gibt, die wehrlos gemachten Gesinnungsgegnern rein aus den Fingern gesogene Schmutzigkeiten öffentlich und geschützt vor jeder Gegenwehr an den Hals schmeißen mögen. Übrigens wird weiterhin die „Gesetzmäßigkeit“ des Strafvollzugs betont (von den zahlreichen Anwürfen und erfundenen Beschuldigungen gegen die Gefangenen rede ich garnicht) und bedauert, daß wir nicht zu Arbeit gezwungen werden können (daß man denen, die arbeiten wollen, die Werkzeuge wegnimmt, daß man uns Schriftstellern belletristische Manuskripte konfisziert, daß man alles tut, um den Beschäftigungsdrang in uns zu ertöten – cf. die Erledigung meines Planes zur organisierten Einzelarbeit durch den Einwurf, die seelische Kräftigung der Arbeitenden, auf die ich hinwies, bedeute die Absicht, den Geist des Umsturzes zu fördern, kann der Leser dieser Schurkerei ja nicht wissen). Natürlich wird auch so getan, als ob die toleranteste Behandlung hier geübt werde und nur die völlig unsinnigen Forderungen der Festungsgefangenen nicht berücksichtigt würden. Dazu paßt die neueste Verfügung, die gestern bekannt wurde (Herr Kraus hat seinerzeit alle Kommissionsvertretungen der F. G. abgelehnt. Er selbst führt aber das Delegationswesen in der Form wieder ein, daß er Mitteilungen an alle nicht anschlagen läßt, sondern einzelne Genossen nach eigner oder eines Oberwerkführers Auswahl rufen läßt und denen anheimstellt, die Verordnung den übrigen mitzuteilen. Natürlich weigern sich die meisten, derartige Aufträge zu übernehmen, und so werden wohl Konflikte auf die Dauer nicht ausbleiben). Also gestern wurde bestimmt, daß von jetzt ab die Scherengitter schon um ¾ 10 geschlossen werden, sich um 10 Uhr jeder in seiner Zelle zu befinden hat, und daß auch die Bewohner des I Stocks von diesen Maßnahmen betroffen werden, denen nun auch die Verpackungsmaterialien bei Paketempfängen nicht mehr ausgeliefert werden. Grund: Man hat im Hof neuerdings eine Strickleiter gefunden. Welcher Idiot sie da hingelegt hat, weiß ich vorerst nicht. Eins aber weiß ich: hätten sich die Unteren seinerzeit nicht mit der Verwaltung zu unsrer Schikanierung verbündet, dann wären die ganzen Quälereien sehr bald wieder beseitigt worden. Jetzt haben die Herrschaften es: ihre „Vergünstigungen“ werden alle aufgehoben, tatsächlich ist die gleichmäßige Behandlung mit dieser neuesten Verfügung hergestellt, die allein für uns bestimmten „Sicherungen“ aber, die sie schadenfroh genug begrüßt hatten, bleiben, und sie dürfen sich nun selber an deren Erquicklichkeiten erbauen. Vom Charakter der Festungshaft aber bröckelt fast täglich ein neues Trumm ab. – Zu der Notiz über Nollets Entwaffnungsbericht aus dem „Secolo“ findet sich heute – wieder nur in der alldeutschen „München-Augsburger-Abendzeitung“ – eine interessante, aber ebenso unscheinbar aufgemachte und plazierte Ergänzung. Danach berichtete die „Times“ aus Paris (man ist also von Rom über London langsam an den Brennpunkt gelangt), Nollets Bericht, der zu der neuen Beschwerdenote geführt habe (so – nur so! – erfährt man, daß in Berlin schon eine derartige Note ist), werfe Bayern vor, es habe ¼, Ostpreußen, es habe ⅓ der bekannten Waffenmengen nicht abgeliefert. Jetzt wird das Geschwür also wohl bald zum Aufstechen reif sein, dann: adjö Kahr, Roth, Pöhner, Kraus! – Mancherlei sehr Bedeutsames bereitet sich neuerdings in aller Welt vor. Besonders scheint ein schwerer Konflikt zwischen Polen und Sowjetrußland akut zu werden, Oberschlesien ist noch lange nicht entgiftet, die unübersehbare kemalistische Bewegung wird immer weniger übersichtlich, die irische Bewegung hat insofern einen sehr interessanten Punkt erreicht, als ein regulärer Waffenstillstand zwischen de Valera und der Londoner Regierung zustande gekommen ist, womit also die irischen Republikaner als kriegführende Macht in optima forma anerkannt sind, der Berliner Stadtarbeiterstreik ist abgebremst worden, nachdem erfreulicherweise durch die Drohung mit dem Solidaritätsstreik und trotz dem Bremsen der Bonzen aller Schattierungen, die Forderungen der Fuhrarbeiter so ziemlich erfüllt worden sind, und in Bulgarien soll eine bolschewistische Revolution ausgebrochen sein, die ihren Hauptherd im Landvolk haben soll. Doch bleiben darüber genauere Meldungen abzuwarten. Für uns ist die Orientierung in solchen Dingen jetzt ungeheuer schwer, da kommunistische Organe überhaupt kaum mehr in unsre Hände kommen; so haben wir auch garkeine Informationen über den Gang der Verhandlungen des III. Kongreßes der Moskauer Internationale. – Bei alledem wäre eine gewisse Einigkeit zwischen dem revolutionären Teil der Festungsgefangenen mehr als notwendig. Aber die ist ein frommer Wunsch. Das Zentralexekutivkomitee im Mittelgang hält es für richtiger, Genossen, die nicht ihre Wapperl kleben, als die Reaktion zu bekämpfen, – und gegen „politische Gegner“ sind bekanntlich alle Mittel recht. Doch ist die Eintracht zwischen den 16 ganz wirklichen Kommunisten auch schon rissig. Wenigstens hat es schon Watschen gegeben, deren Geber Gnad, deren Empfänger Kain war: man spricht von Briefdurchschnüffelungen. Das Vertrauensverhältnis scheint also unter den Braven selbst nicht ganz idyllisch zu sein. Wollen sehn, ob es nach dem großen Zustrom, den wir erwarten, anders wird im Hause. Das Urteil im Münchner Sprengstoffprozeß ist inzwischen nämlich verkündet worden. Außer dem alten Wiedemann (ich glaube, es ist der, mit dem ich im Polizeigefängnis Bekanntschaft machte), der zu 4 Jahren Zuchthaus verknallt wurde und seiner Frau, die mit 4½ Monaten Gefängnis davon kommt und 3 Freisprüchen, sind 14 Festungsurteile von 15 Monaten bis 3½ Jahren gefällt worden. Von meinen alten Bekannten ist dabei: Sandtner (3½), Luttner (3), Köberl (2 Jahre). Ferner ist der Münchner Stadtrat Tierauf zu 15 Monaten Festung verknallt, aber vorerst auf freien Fuß gesetzt, zusammen mit Hanna Ritter. – Mit der Übung, politische Delinquenten prinzipiell nur noch zu Gefängnis und Zuchthaus zu verurteilen, scheint also wieder gebrochen zu sein. Es gibt wieder Festungsstrafe, und man hilft sich damit, daß man daraus zuchthausähnliche Gefangenschaft macht. Bayern sei’mer, Bayern blei’mer!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 14. Juli 1921.

Gedenktag des Bastillesturmes. Wir haben reichlich Ursache, revolutionärer Großtaten eingedenk zu sein und daraus Mut und Zutrauen zu schöpfen. Die Vorgänge in Niederschönenfeld mahnen täglich kräftiger zu Standhaftigkeit und Entschlossenheit im Ausharren. – Mein Karton mit Briefen, die aus der Zeit der Sperre noch zu beantworten sind, ist noch fast bis oben voll. Aber ich will über Briefschreiben doch nicht das Tagebuch vernachlässigen, solange hier drinnen der Wind weht, der zur Zeit alles durcheinanderschüttelt. Mag auch das Tagebuch gleich seinen sechs Vorgängern wieder in die Hände derer fallen, deren Wirken darin der Zukunft erhalten bleiben soll (mit meinem Willen wird niemals jemand einen Blick hineintun; nicht einmal Zenzl habe ich je in das Vertrauen dieser allerpersönlichsten Aufzeichnungen eingeweiht, die ich durchaus als Selbstgespräche betrachte, und die ich, wenn ich’s erlebe, später einmal auf ihren zeitgeschichtlichen Inhalt selbst exzerpieren will, um nur soviel davon zu retten, wie mir für die Kenntnis der Späteren ratsam scheint. Gegen gewaltsamen Eingriff in diese privateste Privatangelegenheit bin ich machtlos; [(]habe ich doch auch nichts dagegen tun können, daß die Beauftragten der bayerischen Regierung, die Weißgardisten, die meine Wohnung demolierten und ausraubten, sogar mein versiegeltes Testament aufgebrochen und vernichtet haben); mag also dies Buch wieder verloren gehn, das schriftliche Abreagieren ist mir zur Nervenberuhigung und zur Klärung der Gedanken Bedürfnis, und so übe ich es vorläufig weiter. Vielleicht wird es nicht mehr lange nötig sein, denn ich kann mir kaum vorstellen, daß eine derartig überheizte Maschine nicht sehr bald auseinanderbersten sollte. Also seit gestern: Kullmann (von denen, die am 2. März nicht mit hinaufverlegt wurden, der Charaktervollste, der sich dadurch auch seine Bewährungsfrist, die ihm für den 1. April schon zugesagt war, versalzte) und Adolf Schmid II aus München (dem alle Denunziationen – ihm dankte ich Vollmanns so außerordentlich erfolgreiche Offensive gegen meine Ehre – keinen Tag von der vollen Verbüßung seiner Strafe gerettet haben) haben heute früh ihre Zeit hinter sich gehabt und sind auch heute morgen entlassen worden. Gestern verlangten sie gemäß der allgemein giltigen Übung ihr Reisegeld. Es wurde ihnen rundweg – vom Herrn Schmauser – verweigert, sodaß sie nun also sehn müssen, wie sie weiterkommen. Natürlich gab es dabei erregte Auseinandersetzungen, in deren Folge Kullmann auch für den letzten Nachmittag in Einzelhaft kam bei allen Verschärfungen, Kostentzug und hartem Lager. Er wird’s die paar Stunden ausgehalten haben, und jedenfalls wird diese Schlußbelehrung seinen Eifer, einige Wahrheit über die Wirtschaft hier zu verbreiten, kräftig belebt haben. Es heißt aber, Herr Kraus habe die Scheidenden noch verwarnt und ihnen angedroht, die bayerische Regierung werde auf einen bloßen Wink von ihm, dem Staatsanwalt, jeden entlassenen Festungsgefangenen, der die Verwaltung zu kompromittieren suche, in Schutzhaft stecken lassen. Das hat Schmid erzählt. Überdies soll sich Kraus Niekisch und Murböck haben kommen lassen und ihnen gegenüber die gleiche Drohung ausgesprochen haben. Vor allem habe der große Niekisch wegen einer ans Justizministerium gerichteten Beschwerde böse Sachen zu hören bekommen, darunter die Versicherung, daß man vor ihm weder als Abgeordnetem noch sonstwie die geringste Angst habe, und als sich N. den Schnurrbart zwirbelte, den militärischen Befehl, dem Vorgesetzten ins Gesicht zu sehn oder er werde ohne weiteres exemplarisch gemaßregelt. Ferner sei den beiden erklärt worden, daß sie gegenüber den Gefangenen oben auf garkeine Vergünstigungen Anspruch hätten und ihre Demagogie auf Kosten der Mitgefangenen ohne Eindruck auf die Verwaltung bleibe. Wie weit diese Darstellung richtig ist, bzw. wieviel davon durch die Übermittlung durch dritten und vierten Mund entstellt ist, ist bei den erquicklichen Geselligkeitsverhältnissen hier nicht leicht zu untersuchen. Wohl aber hat sich gestern abend noch gezeigt, daß die vorgestern auf so merkwürdigen Umwegen an uns gelangte Verfügung noch ekliger ist als sie schien. Fetsch erschien hinter den eben geschlossenen Innengittern und verkündete, jeder habe bereits um ¾ 10 in seiner Zelle zu sein und dürfe sie nur verlassen, um den Abtritt aufzusuchen. Die Art seines Auftretens – eine bloße Frage beantwortete er schroff: „Ich habe mit Ihnen nicht zu verhandeln“, – zeigte deutlich genug, daß eine Provokation beabsichtigt war, die aber mißlang. (Dieser Mann, der sich früher gegenüber seinem Kollegen Schneider durch ein gewisses menschliches Gebaren auszeichnete und höchstens mal gereizt sein cholerisches Temperament schießen ließ, zeigt unter dem Schutz des neuen Herrn und in der Zuversicht, daß jetzt nichts mehr hinausdringen könne, wohl auch erbittert durch die Nennung seines Namens im „Vorwärts“, und aufgeblüht durch die Machtbefugnisse, die dieser Staatsanwalt den Subalternen gegen uns einräumt, jetzt erst sein wahres Gesicht). – Heute erfolgte nun eine weitere Beschränkung unsrer geringen Freiheiten. Bis jetzt konnten sich einige Genossen, die eignes Handwerkszeug besitzen, damit beschäftigen. Nur wurden hier oben den Betreffenden diese Instrumente abends in Verwahrung genommen, ihnen aber am Tage auf Verlangen ohne weiteres ausgehändigt. Unten behielten sie bis vorgestern ihr Zeug überhaupt, was erst durch die neue Verfügung der Gleichstellung aufgehoben wurde. Heute nun verlangte Clemens Schreiber seinen Hammer und erhielt die Antwort, das Handwerkzeug dürfte überhaupt nicht mehr benutzt werden. Wir können uns also nicht einmal mehr einen Nagel in die Wand schlagen, um ein Bild aufzuhängen, wenn wir von dem Recht Gebrauch machen wollen, die Zellen auszuschmücken und ihnen nach Möglichkeit den Charakter von „Festungsstuben“ zu geben. In dem Verleumdungsartikel aber hieß es, daß man „leider“ die Festungsgefangenen zu keiner Beschäftigung zwingen könne. Jetzt ist ihnen, sofern sie nicht die entwürdigende Arbeit für die Verwaltung bei schlechter Bezahlung und unter gefängnismäßiger Überwachung – Holzhacken oder Kiesschaufeln – tun wollen, jede Möglichkeit zur Beschäftigung überhaupt geraubt. Die Absicht kann nur im Zusammenhang mit allem andern verstanden werden: Wir sollen durch die systematische Zerstörung unsrer Familien, durch Verhinderung, unsre wirtschaftliche Existenz zu erhalten und durch Entwöhnung von jeder Arbeit, ferner durch dauernde Reizung unsrer Nerven, durch unablässige Provokationen und durch öffentliche falsche Beschuldigungen, gegen die uns die Antwort unmöglich gemacht wird, so zermürbt werden, daß die ständige Behauptung, wir seien Verbrecher, durch die Zerrüttung unsrer seelischen Kräfte nach dem manchmal doch nicht zu verhindernden Freiwerden eine nachträgliche Stütze erhält. Denn wer draußen garnichts mehr vorfindet, was ihn moralisch hält und obendrein nicht mehr systematisch arbeiten kann, wird ja wohl dem Verbrechen verfallen und kann dann im Zuchthaus dauernd kaput gemacht werden. (Christlicher Geist! der sich auch darin zeigt, daß man in den Zellen, wo sich zu unsrer Freude Schwalben angebaut haben, plötzlich die Nestchen entfernen ließ). – Heute findet sich nun ein neuer Artikel gegen die Niederschönenfelder Gefangenen in der Presse ohne Bezeichnung der Herkunft (in der Augsburger Abendzeitung heißt es übrigens vor dem gestrigen: „Amtlich wird bekanntgegeben“). Neue Lügen, neue Beschimpfungen. Z. B. wir hätten nach dem Verbot der Sowjetsterne die Abzeichen noch wochenlang getragen und das Sipo-Aufgebot als Beweis dafür, wie notwendig es war: ich habe dich von hinten niedergestoßen, daran mußt du doch erkennen, wie notwendig es war, dich unschädlich zu machen. – Ich bin gespannt, wie lang die Beine der bayerischen Offiziallügen sein werden.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 16 Juli 1921.

Eben kamen die ersten 7 Genossen aus München an. Sie wurden oben bei uns einquartiert. Köberl ist dabei, Luttner, Sandtner und Zäuner. Bis jetzt war nur kurz Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen. Sie werden wohl erst vom Zentralexekutivkomitee eingewickelt werden und belehrt werden, was für Schweine wir sind. Allerdings glaube ich bemerkt zu haben, daß Hagemeister die Gelegenheit benutzen möchte, wenigstens mit mir die Sache einzurenken. Sein Schwager und mein Freund Köberl scheint ihm dazu den Anlaß zu geben. Ich wäre ganz froh drum: grade der Bruch mit meinem alten August tut mir weh. Mit Olschewski allerdings und noch manchem würde ich von mir aus keine Freundschaft mehr aufkommen lassen. – Karpf ist seit heute wieder oben, dafür ist Sauber in Einzelhaft gekommen. Er soll mit dem Staatsanwalt zusammengerempelt sein (die im Hause kursierende Behauptung, Kraus habe dabei geäußert „mit Herrn Sauber werden wir ebenso fertig werden, wie wir mit Herrn Gareis fertig geworden sind“, glaube ich nicht. Offene Mordandrohung wäre doch zu dumm). Allerlei Kleinigkeiten sonst: mir wurden 2 Nummern des Hamburger „Alarm“ zu den Akten genommen, „wegen eines darin enthaltenen Hetzartikels“. Unten hat der Reichardt eine Nase bekommen, weil er für seine Bohnenpflanzen im Garten Stangen erbat. Ihm würde bei Wiederholung derartiger Bitten eine fühlbare Belehrung zuteil werden. Valtin Hartig bat um Tabakpflanzen für seine gärtnerischen Arbeiten. Sie wurden verweigert als mit dem Festungsstrafvollzug nicht vereinbar! So kommt bei allem der Humor zu seinem Recht. Die amtliche Verleumdung gegen uns erschien auch im „Miesbacher Anzeiger“, versehn mit einer Einkleidung, die das Robusteste an Beschimpfungen enthält, was ich je gelesen habe. Unsre „schlampigen Weiber“ werden bespuckt, und Toller, „der rotgefärbte Samotschiner Judenbube mit seinem ewigen Zahnweh“ als venerisch krank hingestellt (zugleich mit Köberl und Levien, der geschmackvoll als „filzlausiger Hurenhengst“ bezeichnet wird). Toller soll einen Anwalt mit der Klage gegen das Blättchen beauftragt haben. Ich hatte die Absicht gehabt, beim I. Staatsanwalt in Nürnberg Strafantrag gegen den verantwortlichen Redakteur des Fränkischen Kurier zu stellen – und zwar wegen des offiziösen Schriebs selbst; doch raten mir meine Freunde ab mit der beschämenden, aber nicht von der Hand zu weisenden Begründung, daß ich mich nicht auf die „Genossen“ als Zeugen verlassen kann, die ja ihre „Gegner“ immer nur links von sich zu finden wissen. – Die neue Schikane des Zellenarrestes von ¾ 10 ab stellt sich täglich mehr als Provokation heraus. Erst werden die Gitter abgeschlossen, und dann patrouillieren zwei Aufseher die Gänge ab, um zu kontrollieren, ob wir alle brav in die Zellen gegangen sind. Es ist natürlich darauf abgesehn, uns so tief wie möglich zu entwürdigen. Ich finde aber, daß es im Kannibalenland nicht der Missionar ist, der weil er im Kochtopf schmort, entwürdigt wird, sondern eher der Anthropophage, der seinen Leichnam frißt. – Wie wir von Zäuner hören, sind die Genossen aus dem Münchner Kommunistenprozeß hochgegangen durch den Verrat und die Spitzelei des – Max Weber Ansbacher Angedenkens. Mich überrascht das nicht. Erzählte mir doch Zenzl bei ihrem letzten Hiersein, der Kerl habe mit den Abschriften ihrer Briefe an mich – dem Erfolg der niederträchtigen Spitzeleien gegen mich, an denen alle 4 „Genossen“ (mit Einschluß Schwabs) teilgenommen haben, – bei ihr selbst eine Art Erpressungsversuch gemacht. Daher die Ohrfeigen, die sie ihm verabreichte. Nach ihrem Empfang fing er an zu winseln und um Verzeihung zu flehn und wurde, als er trotzdem hinausgeschmissen wurde, außerhalb der zugeknallten Tür erst richtig frech. – Eben waren Köberl und Luttner bei mir. Die Vorstellung und Unterhaltung mit den neuen Genossen hat lange aufgehalten. Daher über das Politische – es gibt genug – das nächste Mal. Außer den genannten 4 Genossen wurden bei uns oben noch untergebracht: Schlaffer, Liebl und Männlein. Die harmloseren, die wohl morgen eintreffen werden, müssen wahrscheinlich unten Quartier nehmen. Man hat auch hier die Böcke von den Schafen getrennt. Und das ist nicht schade.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d, 17. Juli 1921.

Das Neueste vom warmen Herzen: Einzelnen Genossen sind unten im Parterre Arbeitszellen hergerichtet worden, wo sie ihren Beruf handwerklich ausüben können. Das wäre so weit ganz gut; aber der Teufel hat auch da einen Huf: Bedingung zur Erteilung der Arbeitserlaubnis ist, daß die Betreffenden während der Arbeit eingeschlossen werden.* Die Meisten haben es natürlich abgelehnt, sich auf diese Weise vollständig zu Zuchthäuslern degradieren zu lassen. – Ich bin für meine Person auf eine neue Disziplinierung gefaßt. Während meiner Einzelhaft wurde mir bei der Durchsuchung die Petroleumlampe konfisziert, die in der Absonderung nicht benutzt werden dürfe. Oben erfuhr ich von den Genossen, daß auch andre – nicht abgesonderte F. G. verhindert worden seien, Licht nach 10 Uhr zu brennen. Da mir das Einschlafen sehr schwer ankommt, wenn ich nicht zuvor eine halbe Stunde lese, brannte ich seit kurzem bei verdunkeltem Fenster Kerze. So auch gestern – ich verhängte das Fenster mit meinem Schlafrock. Nach etwa einer viertel Stunde erschienen zwei Aufseher und holten den Leuchter mitsamt Kerzenstumpen fort. Ich berief mich darauf, daß mir ein Verbot nie mitgeteilt sei, was auch stimmt. Erst heute früh erkundigte ich mich, ob und in welcher Form ein solches Verbot erfolgt sei und erfuhr, daß seinerzeit, während ich unten hockte, Herr Fetsch eine entsprechende Verfügung mündlich mitgeteilt habe. Wenn die Aufseher mich melden, zweifle ich kaum an einer „fühlbaren Belehrung“. Einzelhaft wäre mir sehr fatal, da sich meine Nerven dank des kameradschaftlichen Verkehrs mit den Freunden und der neuen Eindrücke durch die Ankunft früherer Freunde grade im Augenblick ganz erfreulich zu kräftigen beginnen. Unten würde mir mein Kaffee entzogen sein, den ich so nötig brauche wie ein Alkoholiker sein Bier. Außerdem hat man das früher als ganz selten angewandte Extraverschärfung geübte Kantinenverbot jetzt generell durchgeführt; ja, die Frauenhilfsendungen – darunter schnell verderbende Fleischwaren – werden nicht mehr an die Abgesonderten ausgefolgt. Der Gedanke, wieder hinunterziehn zu müssen, hat also wenig Verlockendes. Hoffen wir, daß sich das Gewitter diesmal noch verzieht. Von den Münchner Ankömmlingen erfuhr ich mancherlei Interessantes über die Stimmung bei den Arbeitern, die bedeutend günstiger eingeschätzt wird als ich glaubte annehmen zu müssen. Optimistisch bin ich aber in dieser Hinsicht auch jetzt noch garnicht. Viel mehr Wahrscheinlichkeit als eine neue revolutionäre Linksbewegung hat für mich die Annahme, daß Herr von Xylander und sein Troß etwas plant, denen ja selbst Kahr noch zu schlapp ist. Letzthin wird in Pariser Zeitungen immer wieder der Verdacht ausgesprochen, daß die von Oberschlesien heimgesandten Selbstschutzgebilde sich nicht aufgelöst hätten, sondern den Aufmarsch gegen Berlin planten. Ob das Gespensterseherei oder doch Ernsthafteres ist, kann von hier aus nicht entschieden werden. Sicher ist nur, daß im Falle Kahr vorübergehend von noch weiter rechts abgelöst wird (ein solcher Versuch hätte zweifellos den Einmarsch der Franzosen unmittelbar zur Folge), für uns in Niederschönenfeld jeder Anlaß bestände, die Umfassungsmauern auf den Fleck hin zu betrachten, an dem unser Hirn am Dekorativsten als Spritzer kleben könnte. – Die angebliche „restlose“ Erfüllung der Entwaffnungsforderung durch Bayern erhält immer geheimnisvollere Beleuchtung. Jetzt kursiert eine neue, angeblich von Havas ausgegebene Notiz, die aus England stammen soll (die Abwechslung in der Herkunft all dieser Meldungen ist besonders reizvoll) und die diesmal von allen Blättern nachgedruckt wird; danach soll die Waffenablieferung in Bayern „befriedigende Fortschritte“ machen. „Wia dös?“ pflegt Ibel zu fragen. Bis zum 30. Juni sollte ja schon das letzte Maschinengewehr abmontiert sein. Und jetzt, Mitte Juli, macht die Entwaffnung noch „befriedigende Fortschritte“? Ich glaube immer mehr an die neue Ententenote. Der brave Zeitungsleser aber – und wenn er auch Kommunist ist – riecht den Braten noch immer nicht. Die Regierung Kahr kann immer noch über diese Schwierigkeit stolpern, und daß sie das selber fühlt, zeigt deutlich genug das ganze politische System, das jetzt geübt wird und das wir hier an der Quelle zu spüren kriegen. Denn die Methoden, mit denen uns das Krausen gelehrt wird, sind sicher keine Zeichen von Stärke, sondern angstschlotternder Schwäche, die sich einen furchterregenden Mantel umhängt. So borniert werden jawohl auch die Regierer Bayerns nicht sein, zu übersehn, daß grade in diesem Augenblick, wo Harding zur internationalen Abrüstungskonferenz einlädt, und wo antimilitaristische Vorstöße der eignen Soldaten den Franzosen die Notwendigkeit, sich solcher Einladung nicht zu entziehn, sinnfällig vor Augen führen, der Gedanke, in Deutschland gefährdeten geheime Rüstungen die eigne militärische Überlegenheit, die Vorsicht aufs Äußerste steigern muß. Ob allerdings nüchterne, an das Wirkliche anschließende Überlegungen in schwarzweißroten Gemütern noch Raum haben, ist eine Frage für sich. – Soviel für heute über die politische Situation. Als eine Art Familienanzeige mag noch gebucht werden, daß die Herren Schneider und Kagerer, die eifrigsten unsrer Schikaneure, uns verlassen haben. Viele Tränen werden ihnen nicht nachweinen. Ob aber ihre Versetzung – wahrscheinlich auf günstigere Posten – mit Rücksicht auf unsre zahlreichen Beschwerden erfolgt ist, möchte ich stark bezweifeln, mehr noch, daß es dadurch hier in irgendeiner Beziehung erträglicher werden wird.

 

* Sie müssen sich sogar beim Verlassen der Werkstatt jedesmal abtasten lassen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 18. Juli 1921.

Wenig Bemerkenswertes im Hause; sogar etwas Erfreuliches: Wiedenmann, Ibel, Taubenberger und Seffert sind aus der Einzelhaft herausgekommen, sodaß nur noch Sauber unten sitzt. Die Gefahr meiner Disziplinierung scheint diesmal überstanden. Mir wurde vorhin die Kerze wieder zurückgegeben, diesmal mit dem ausdrücklichen Verbot, sie abends zu brennen. Genosse Männlein erhielt eine Verwarnung für ein Gedicht, das er in Neudeck im Gefängnis gemacht hat. Solche Verse hetzerischen Inhalts dürfen von den F. G. nicht gemacht werden. Also auch unsre privatesten Gefühle, soweit wir sie für uns ganz persönlich zu Papier bringen, werden schon als strafbare Exzesse behandelt. Ob man es wagen wird, mich etwa zu disziplinieren, wenn man auch dieses Heft in die Finger kriegt? Da würde ich denn doch versuchen, auf irgendeine Weise richterliche Entscheidung herbeizuführen. Der Schutzverband deutscher Schriftsteller würde, sobald derartiges bekannt würde, bestimmt Spektakel schlagen. Männleins Gedicht wurde natürlich zu den Akten genommen und zwar zugleich mit einem Brief vom Genossen Schweiger, den er im Gefängnis erhielt und der dort die Gefängniszensur anstandslos passiert hat. Solche Kleinigkeiten kennzeichnen die Methode Kraus besser als alles andere. Einem Genossen hat er die bekannte Leviné-Broschüre, die in x Exemplaren längst im Hause ist, also die frühere Zensur dutzendfach passieren konnte, beschlagnahmt, als sie für ihn eintraf. – Soviel von der „Innenpolitik“. Die äußere läßt sich bedeutend bewegter an. Frankreich hat in der oberschlesischen Sache neue unbequeme Forderungen an die Reichsregierung gestellt, bei welcher Gelegenheit klar wird, wie vorzüglich man im Ausland informiert ist. Es wird nämlich festgestellt, daß die Auflösung der Freikorps und ihre Entwaffnung durchaus nicht den Abmachungen entspricht und recht empfindliche Feststellungen über die deutschpatriotischen Studentenpraktiken in jenen Gebieten gemacht. Die Zeitungen sind natürlich über die völlig verlogenen Behauptungen der Franzosen höchst empört, wie immer. Ich glaube den Chauvinisten westlich der Vogesen wahrhaftig auch nicht viel, bin aber längst darüber belehrt, daß sie niemals so dumm lügen wie die Unseren, bei denen stets die moralische Entrüstung im gleichen Verhältnis wächst, wie die Grundlagen ihrer Erregung sich von der Wahrheit entfernen. Das Telegramm über die „befriedigenden Fortschritte“ der Entwaffnung in Bayern, das jetzt in allen Preßmistbeeten als Fanal aufgesteckt wird, ist ein sehr interessantes Produkt. Es wird vom Havas-Büro verbreitet als ein „englisches Telegramm aus München“. Wer es abgesandt hat und an wen es gerichtet war, wird nicht gesagt. Und auf solche plumpen Manöver fällt in Deutschland jeder gewitzte Politiker hinein. – In Moskau hat der dritte Kongreß der dritten Internationale ausgetagt, ohne daß wir hier drinnen über Verlauf, Beschlüsse oder Kundgebungen irgendwas erfahren konnten. Nur daß Sinowjew wieder zum Vorsitzenden gewählt wurde, ist bekannt geworden, was wohl auf Fortsetzung der bisher geübten Politik – nämlich engherzigen Parteistumpfsinns – schließen läßt. Ich wüßte gern, ob man sich dort über meinen Briefwechsel mit Pannekoek unterhalten hat. Es wäre zweifellos nützlich gewesen. Dank der verrückten Bonzenpolitik hat man es in Rußland denn jetzt auch zuwege gebracht, daß dem Kapitalismus Türen und Tore zum Wiedereintritt geöffnet sind. Bankhäuser machen sich wieder auf; Privatkapital ist wieder zulässig und vom Grundsätzlichen ist verdammt wenig übrig. Natürlich liegt das am Versagen des westeuropäischen Proletariats. Aber das liegt am Ausschalten der Linken von der Verbindung mit Moskau, und die Erfahrungen in Rußland bringen weder dort noch sonstwo die Herren Kommunisten auf den doch immerhin marxistischen Gedanken, ob denn nicht die angewandten Methoden überall an den Mißerfolgen mehr schuld tragen, als die Personen, die man zu ihrer Praktizierung berief. Nein! Parteipolitik, Zentralismus, Obrigkeitspraxis haben seit 70 Jahren die Arbeiterbewegung stets in den Dreck geführt. Aber eine andre Methode versuchen, d. h. die Räteidee für den revolutionären Kampf zu beleben, ist konterrevolutionär, kleinbürgerlich, verräterisch! Hegels Wort: Wenn Theorie und Praxis miteinander in Widerspruch geraten, umso schlimmer für die Praxis! wird uns von den Marxisten tagtäglich illustriert. Sie sind nicht zu belehren.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 20. Juli 1921.

So voll wie jetzt ist das Haus noch nie gewesen. Ich schätze auf 85 – 90 Mann, seit gestern das Nymphenburger Sprengkommando – die „Versager“ in dem nach Inszenierung und Verlauf sehr eigentümlichen Kommunistenprozeß – eingetroffen sind. 4 Mann (Bay, Baimler, Bauschke, Reutershann)sind im I. Stock, 2 (Schade und Seebauer) bei uns oben untergebracht worden, wozu man sogar die sonst als Werkstätten oder Kantine benutzten Einzel-Halbzellen als „Festungsstuben“ in Benutzung genommen hat. Da morgen von unten 2 Entlassungen bevorstehn (Langenegger und Götz), wird wohl der augenblickliche Rekord der Belegung auch nicht wieder geschlagen werden. Wir erwarten nur noch Thierauf zum Strafantritt, dagegen stehn im laufenden und nächsten Monat wieder etliche Entlassungen bevor. Mag auch der Rekord der Kraus’schen Schuhriegelungen allmählich gebrochen sein! An Neuem ist zu notieren: Egensperger sitzt wieder in Einzelhaft, weil er einem Gefängnissträfling (Hausl) Zigaretten zugesteckt hat (die erste Disziplinierung aus diesem Grunde. Selbst Vollmann hatte nur gewarnt, den armen Burschen etwas – und sei es nur Brot – zu geben, da sonst sie – nicht wir – bestraft würden). Warmes Herz ist also Verwaltungsmonopol. – Hörath wurde die Einrichtung einer Schneiderwerkstatt verweigert, wie es heißt, mit der Begründung, die Festungsgefangenen seien nicht zum Arbeiten hier, sondern zum Büßen. Öffentlich aber wird darüber geklagt, daß man keinen Arbeitszwang auf uns ausüben kann. Kraus’ Drohung gegen Sauber, mit ihm grade so fertig zu werden wie mit Gareis – worin also die Identifizierung mit politischen Mördern offen ausgesprochen wird, wird jetzt von so vielen bestätigt – er soll wieder derartig geschrien haben, daß man draußen jedes Wort verstand, daß man es bei aller Verwunderung doch wird glauben müssen. Demgegenüber ist eine Nachricht sehr interessant, die heute in Zeitungen zu lesen ist. Danach hätte der Auervater in einer ländlichen Versammlung erklärt, jene Mordtat gegen Gareis sei durchaus nicht als politischer Akt erwiesen, und er glaube auch nicht an ihren politischen Charakter. Ob diese Meinungsänderung am Ende damit in Zusammenhang steht, daß sich Auer jetzt seine Staatsrente für Lindners Schüsse auf 24000 Mark im Jahr – mit rückwirkender Kraft – hat erhöhen lassen, während man Eisners Witwe nebst Waisen auf ihre 3000 Mark nichts draufgelegt hat und der Witwe Gareis jede Rente verweigert hat, eben weil das politische Motiv nicht erwiesen sei? – Ein würdiger Volksmann, dieser Erhardt Auer! Ich habe seinen Anhang schon im Revolutionswinter als Auerochsen bezeichnet. Es gibt aber immer noch Proletarier, die diesem zum Rentier geschossenen Bourgeoislakai vertrauen. Jetzt hat seine Partei den Entwurf eines neuen Programms anstelle des Erfurter veröffentlicht. Darin nennt sie sich selbst nicht mehr die Partei des revolutionären Proletariats, sondern des „arbeitenden Volks“ – und zu denen rechnen die Herren ja auch die Staatsanwälte und Gefängnisbüttel bei politischen Verurteilten. Das Wort Klassenkampf ist in dem Programm überhaupt nicht mehr zu finden, selbst die marxistischen „wissenschaftlichen“ Theorien scheinen preisgegeben zu sein, jedenfalls ist von keinem „historischen Materialismus“ noch von „Mehrwert“ oder ähnlichen Garnierungen der opportunistischen Schlappheiten irgendwelche Rede, und der „Sozialismus“ wird ohne Ausdeutung des Begriffs als nebelhaftes Zukunftsgebilde der „realpolitischen“ Tätigkeit im Dienste bürgerlicher Demokratie geopfert. Es ist zu begrüßen, daß diese Gesellschaft, die sich ja heute schon fast ausschließlich auf das Kleinbürgertum und die gesamte niedere Beamtenschaft stützt – daher ihre numerische Stärke – selbst den Schleier fallen läßt. Das Proletariat wird wissen, seine Konsequenzen daraus zu ziehn. Die USP mag sich jetzt mit diesen Apostaten vereinigen, das gäbe eine noch größere Klärung der Situation, und wenn es wahr ist, daß Moskau der KAP ein Ultimatum gestellt hat, sich in limitierter Zeit mit der VKPD zu vereinigen, so ergäbe sich wahrscheinlich folgende Lage: Die Mehrheitler und Unabhängigen würden eine große Zahl Indifferenter an sich ziehn, die sich vom Wort Einigkeit verlocken ließen, bei Parlamentswahlen dorthin ihre Stimme zu legen. Die Opposition im legalen politischen Tagesstreit erhielte also eine bedeutende Stärkung, für die Revolution natürlich ein ganz bedeutungsloses Ergebnis und eher schädlich als fördernd, weil es die Klassengegensätze abschleifen würde. Viele USP-Arbeiter würden natürlich dabei nach links abfallen und in ihrer Mehrzahl nicht zu den Parteikommunisten gehn sondern über kurz, über lang Anschluß an die syndikalistische oder Unionsbewegung finden. Die Einigung der beiden kommunistischen Parteien aber würde einen Massenabfall von KAP-Proletariern nach links mit sich bringen, für die die Gründe, die sie im März 1920 zum Abfall von der KPD bewogen haben, ja in vollem Umfang weiter bestehn bleiben. Es wäre also eine außerordentliche Stärkung des rechten opportunistisch-reformistischen Flügels sowohl wie des äußersten linken antiparlamentarisch-revolutionären – von Moskau abgelehnten – Flügels der Rühle-Richtung und eine außerordentliche Belebung des Unionsgedankens zu erwarten. Zwischen diesen beiden Kräften – das nehme ich bestimmt an – werden sich die Parteikommunisten, deren Stellung ja heute schon gänzlich verworren ist, kaum lange als führende Macht halten können. Die VKP wird zermalmt werden und dem Lose aller Parteien verfallen, ein politischer Verein unter allen andern zu sein, der sich im bestehenden Staat recht und schlecht einrichtet und an seinem eignen Vegetieren mehr Interesse hat als an Proletariat und Revolution. Vielleicht irre ich mich; ich möchte aber nicht sagen: umso besser: denn, soweit ich erkenne, könnte eine Klärung der Verhältnisse, wie sie durch die Kulminierung der proletarischen Kräfte erzielt würde, nur nützlich sein. Natürlich stehe ich hier mit diesen Ansichten ziemlich isoliert. Die jetzt von München eingetroffenen führenden Genossen (Zäuner, Schlaffer), kluge ruhige Leute haben von ihrem frommen Parteiglauben noch nichts abgegeben. Die Zeit wird lehren, wer richtiger urteilt. Erfreulich ist, daß diese Genossen sich von den Splitterrichtern im Mittelgang nicht im Geringsten beeinflussen lassen. Meine alten Freunde vom Revolutionären Arbeiterrat Luttner und Köberl sowenig wie Sandtner, der genau derselbe brave überzeugte Mensch geblieben ist, als den ich ihn schon seit November 1918 kannte, wo er als junger Matrose einer meiner ersten Getreuen in der Vereinigung revolutionärer Internationalisten war. Ich glaube (und hoffe), daß die ruhige Einwirkung dieser Genossen allmählich wieder eine erträgliche Atmosphäre mindestens hier oben im II Stock schaffen wird. Solche Lächerlichkeiten wie die grußlose Fremdheit etwa zwischen Hagemeister und mir können dann aufhören, wobei es immer noch jedem freisteht, jeden zu schneiden, mit dem er nichts gemein haben will. Der kommandierte Serienboykott, wie er jetzt geübt wird, kommt nur unsern Peinigern zugute. Langsam wird man das wohl auch bei der „Zentrale“ begreifen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 21. Juli 1921.

Krausiana: Gestern wurde wieder eine Nummer des für mich eingetroffenen „Alarm“ ihres agitatorischen Inhalts wegen zu den Akten genommen. Und heute vormittag wurde ich zu einer „Eröffnung“ ins Rapportzimmer gerufen, die etwa diesen Wortlaut hatte: „Die am 19. Juli vom F. G. Mühsam aufgegebene Postkarte wird beschlagnahmt und zu den Akten genommen, weil es nicht zulässig ist, daß aus der Festungsanstalt in offenbar agitatorischer Absicht die Behauptung verbreitet wird, eine im politischen Leben bekannte Persönlichkeit sei ermordet worden. Sollte Mühsam einen derartigen Versuch wiederholen, so wird sofort Briefsperre über ihn verhängt werden.“ Ich wußte erst überhaupt nicht, worum es sich handelt, bis sich herausstellte, daß eine seit Jahren im Handel befindliche, von hier aus in Dutzenden von Exemplaren hinausgesandte Postkarte mit dem Porträt Gustav Landauers und dem gedruckten Text: „Geboren 7. April 1870, ermordet am 2. Mai 1919 in Stadelheim b. München“ und nicht etwa meine schriftlichen Mitteilungen den Zorn unsres Nero domesticus erregt hat. Über den toten Landauer „wird verfügt“: er ist nicht ermordet! Wer die Behauptung fernerhin verbreitet, hat dabei „offenbar agitatorische Absicht“ und wird bestraft. Wie ein Staatsanwalt die Geschichte korrigiert! Wenn seine Äußerung Sauber gegenüber wirklich gefallen ist, daß „wir“ mit ihm fertig werden wie „wir“ mit dem Gareis fertig geworden sind, so ergibt sich jedenfalls aus diesem neuen Ausbreiten staatlich schirmender Fittiche über die ruchlosesten Meuchelmörder eine anerkennenswerte Konsequenz des Standpunkts, und wir wissen immerhin ziemlich genau Bescheid, wessen Händen unser Leben anvertraut ist. – 2 Entlassungen: Langenegger, der Rosenheimer Schneidermeister ist nach 2 Jahren Verbüßung seiner 3jährigen Strafe auf Bewährungsfrist hinausgekommen. Er hat sich zwar damals im März den Ehrenwortgebern angeschlossen, aber gewiß nicht aus intriganter Gesinnung. Eine kranke Tochter, schwere wirtschaftliche Sorgen, dazu fast groteske Unfähigkeit, die sexuelle Enthaltung zu ertragen, – so tat der Mann alles, nur mit dem Gedanken: heraus aus dieser Pesthöhle! Ich habe ihn immer ganz gern gesehn und gönne ihm seine Freiheit herzlich. Er wird wohl für die revolutionäre Bewegung vorerst nicht mehr in Frage kommen, gehört aber zu denen, die es bei Akutwerden der Revolution bestimmt nicht auf dem Werkstatttisch hält. Der zweite Entlassene ist der Herr Götz, der uns schon bei seiner Ankunft als verdächtig von außen avisiert war. Ich habe Zeit seines Hierseins kein Wort mit dem Mann gewechselt, sein unsympathisches Äußeres hätte allein dazu genügt, mich fernzuhalten. Da er schwer anrüchig ist, wird er wohl draußen keinen Schaden mehr anrichten können. Hier drinnen sind wir froh, ihn nicht mehr sehn zu müssen. – In der Politik ist alles in Gärung. Der Reichskanzler Wirth wird von den Alldeutschen wöchentlich 7mal als erledigt gemeldet, und in der oberschlesischen Sache scheint es, daß er sich insofern wirklich verrannt hat, als er eben den Alldeutschen zuliebe eine Politik treibt, die sich die Franzosen und Polen nicht bieten lassen wollen. Die Leipziger Urteile haben eine ungeheure Empörung in Frankreich hochgetrieben, die 4 Jahre Gefängnis (selbst der Reichsanwalt hatte Zuchthaus beantragt) für die U-Boot-Leutnants Boldt und Dithmar, die nach der Versenkung eines Hospitalschiffs auch noch die Rettungsboote vernichteten, haben dem Faß völlig den Boden ausgeschlagen, und man schreit wieder nach der Besetzung des Ruhrbeckens. – In der bayerischen Entwaffnungsangelegenheit hat sich inzwischen nichts Neues ergeben. Doch glaube ich noch lange nicht, daß die Sache im Reinen ist. Im Reich selbst ist die Mißstimmung gegen Bayern außerordentlich groß. Dazu trägt jetzt vor allem der Fall Krestinsky-Deutschmann bei, der die eben angeknüpften Handelsbeziehungen Deutschlands zu Rußland schwer gefährdet. Nun stellt sich heraus, daß die Kahr-Regierung den Verlauf dieser Ausweisungsangelegenheit in vollständig erlogener Fassung der Öffentlichkeit dargestellt hat, und es scheint, als ob in München kein Mensch daran denkt, Photographien und Fingerabdrücke der beiden Russen zu vernichten, wie es Moskau und Berlin verlangen. Alle diese Kabbeleien sind aber unwesentlich gegenüber der immer näher anrückenden wirtschaftlichen Riesenkrise. Jetzt hört die Brotrationierung auf, und der neue Preis für das Kilo Brot wird etwa 7 Mark betragen. Schon ist Milch und Fleisch für Proletarier und Mittelstand nicht mehr zu erschwingen – Brotkrisen haben aber von jeher außer dem realen Schrecken auch noch eine Stimmungsbetonung, die der kapitalistischen Klasse wohl recht unbequem werden wird. Allmählich werden sich auch die Zahlungsverpflichtungen des besiegten Landes jedem Einzelnen durch unheimliche Steueranforderungen persönlich fühlbar machen. Diese Entwicklung aller Dinge zur Explosion hält kein sozialdemokratisches Gegreine und kein alldeutsches Gepolter auf. Daher verläßt mich auch niemals die Geduld. Was bedeutet ein Jahr für den Gang der Weltgeschichte? Mag sich die vertausendfachte Kraft des totwunden Kapitalismus mit allen Mitteln der Lüge, der Wut, der Waffengewalt oder der nachgiebigen Elastizität dem rollenden Rade entgegenwerfen, – es läßt sich wohl kurze Zeit bremsen, – aber die Kraft, die sich inzwischen in ihm sammelt, wird umso rasender losbrechen, und dann wird das Chaos entstehn, aus dem allein wir das Neue werden aufrichten können. Wir brauchen die Revolution nicht zu machen. Sie kommt zu uns, und dann haben wir ihr zu dienen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 23. Juli 1921.

Wenig Bedeutsames. Heute wurden je eine Nummer des „Vorwärts“ und der „Leipziger Volkszeitung“ zu den Akten genommen. Vermutlich beschäftigt man sich jetzt draußen doch mehr mit Niederschönenfeld, als gewisse Herrschaften wahr haben möchten. Gestern war Rechtsanwalt Philipp Loewenfeld hier, und ich sprach etwa eine halbe Stunde mit ihm, unter Aufsicht jenes Kriminalers, der auch mein Wiedersehn mit Zenzl so reizvoll gestalten half. Ganz so aufdringlich saß er gestern nicht neben uns wie damals. Er machte es sich an der andern Seite des Tischchens bequem. Ich erfuhr das Nötige über den Stand des Prozesses gegen den Fiskus wegen der Vermögensbeschlagnahme. Loewenfeld hofft, wenigstens den Arrest über die Entschädigung für Demolierung und Plünderung unsrer Wohnung durch die Noskiden beseitigen zu können. Wäre nicht meine Sorge um Zenzl, dann wäre mir der Ausgang all dieser Geldangelegenheiten ganz wurscht. Ich habe das Interesse an meinen Vermögensrechten völlig verloren. Wenn ich einmal hier herauskomme, hoffe ich denn doch, meinen Hunger auf andre Weise stillen zu können als mit den gesteigerten Mieten armer Bewohner „meiner“ großväterlichen Erbhäuser. – Ich benutzte die Gelegenheit, um Loewenfeld darauf hinzuweisen, daß ich gern noch über andre Rechtsfragen mit ihm sprechen würde, die den Strafvollzug betreffen, und die natürlich unter Überwachung nicht verhandelt werden könnten und ersuchte ihn, sich an geeignetem Ort zu bemühen, daß auch das ermöglicht würde. Hier unterbrach der Beamte: Das Thema dürfe nicht behandelt werden, Gespräche über den Strafvollzug seien verboten (mit dem Rechtsanwalt! Die Verwaltung muß ein sauberes Gewissen haben!). Wir klärten ihn auf, daß wir nicht über den Strafvollzug sprächen, sondern über die Möglichkeit, wie wir darüber sprechen könnten. Hierbei erfuhr ich, daß in München schon seit über einem Jahr eine Kommission zu unserm Schutz existiere, geleitet vom Geheimrat Lujo Brentano. Charakteristisch für den Eifer dieser Kommission ist, daß wir hier drinnen bisher kein Wort von ihrem Vorhandensein gewußt haben. Der Anwalt will also den alten guten Professor auf unsre Nöte aufmerksam machen. Ich mußte lächeln. – Natürlich habe ich auch von meinen Tagebüchern und dem Romanmanuskript gesprochen und dringend verlangt, daß endlich der Schutzverband Deutscher Schriftsteller deswegen in Aktion trete. An Erfolg glaube ich selbstverständlich solange nicht, wie Bayerns Rechtspflege in den Händen politischer Desperados liegt. Zugleich habe ich Garantien verlangt, eine Ergänzung meines Testaments niederlegen und herausschaffen zu können, ohne der Hauszensur auch in diese privateste Willensäußerung Einblick geben zu brauchen. Soll mich wundern, ob das möglich wird. Loewenfeld riet, einen Notar kommen zu lassen, aber erstens kostet das viel Geld, zweitens habe ich nicht die geringste Garantie, daß Kraus mich mit dem allein ließe, drittens müßte ich vor seinem Eintreffen die Bestimmungen schriftlich fixieren und niemand garantiert mir, daß nicht vorher eine Durchsuchung meiner Taschen (auch gestern mußte ich eine Abtastung über mich ergehn lassen) vorgenommen und mir das Testament abgenommen wird, sodaß dann doch Herr Kraus und sein Polizeigehilfe zuerst prüfen würden, ob sich meine Verfügungen für den Todesfall mit der Sicherheit und Ordnung der Festungshaftanstalt in Übereinstimmung befinden. Nachdem die von der Regierung Hoffmann beauftragten Weißen, als sie nichts mehr stehlen konnten, mein früheres Testament aus dem versiegelten Umschlag gerissen haben, möchte ich für fernere letztwillige Verfügungen vor den bayerischen Staatsrettern doch halbwegs gesichert sein. – Die Politik mag heute pausieren; da gleich Hofzeit ist. Aber eines Toten soll gedacht werden. In Jacobsohns Zeitschrift finde ich einen Nachruf auf Willi Handl, von dessen Tod ich in keinem andern Blatt ein Wort der Erwähnung fand. Über seine literarischen Qualitäten fehlt mir das Urteil, da ich außer tagespublizistischen Gleichgiltigkeiten nichts von ihm glaube gelesen zu haben. Aber als Mensch war er mir lieb und wert. Einer von denen, die in jungen Jahren mit geschwellten Segeln in die anarchistisch-soziale Bewegung eingefahren waren, um dann müde und resigniert irgendwo ihr literarisches Talent gegen kümmerliche Diäten zu verhökern. Aber keiner von denen, die sich ihrer Vergangenheit nachträglich schämen oder gar – wie der unsägliche Stefan Großmann – zu journalistischen Causerien zerhacken, sondern der sie zärtlich und in rückwärts gewandter Sehnsucht hegte und unsereinen beneidete, der am Ideal festhielt. Ich hatte viele Jahre nichts mehr von Handl gehört, nun da mich die Nachricht von seinem Tode so eigenartig nahe berührt, weiß ich, wie wertvoll er mir im Leben war. R. i. p.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 25. Juli 1921.

Der Verfassungsausschuß des bayerischen Landtags hat sich wieder einmal mit uns beschäftigt. Die Kommunisten hatten beantragt, aufgrund der Behauptungen des „Vorwärts“ über unsre Behandlung und die unmöglichen Zustände hier einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß zu wählen und herzusenden. Herr Kühlewein verteidigte die Zustände – mit andern Worten sich selbst gegen den Vorwurf ungesetzlichen Verfahrens mit den bekannten Mitteln: Verbrecherisch ist nicht der Strafvollzug, sondern unser Verhalten. Die Lügen, die kürzlich in der Presse gegen uns losgelassen wurden, wurden wiederholt; daß wir splitternackt an Frauen und Kindern vorbeigelaufen wären, dem Staatsanwalt den Arsch präsentiert hätten, um ihn sozusagen zur gefälligen Benutzung einzuladen u. s. f. Prachtvoll ist die Äußerung, beim Justizministerium seien seit Kraus’ Regierungsantritt außer einer einzigen keinerlei Beschwerden von Niederschönenfeld eingelaufen. Daß Beschwerdeführen hier mit Einzelhaft und weiteren Lieblichkeiten bedroht ist und daß das der Grund ist, warum keine hinausgehn, hat Herr Kühlewein nicht verraten. Der II. Stock wird wieder mal beschuldigt, den I. fürchterlich zu terrorisieren. Wie? und wodurch? ist Geheimnis. Oder ist das von uns ausgeübter Terror, daß unsre Disziplinierung (14 Wochen Schreib- und Besuchsverbot) den Unteren dazu diente, die Hofzeit auf unsre Kosten auszudehnen und Ostern und Pfingsten ihre Frauen und Bräute in den verschlossenen Zellen zu empfangen? Außer unserm Hof, versicherte Kühlewein, hätten wir noch einen Garten zur Verfügung (wir wissen nur von einem einzigen Platz im Freien), dessen herrliche Schönheit damit glaubhaft gemacht wurde, daß allein der Zaun 20.000 Mark gekostet habe. Also der scheußliche Lattenzaun in 4 Meter Höhe mit seiner Stacheldrahtverzierung ist hergesetzt worden, um den ästhetischen Reiz unsrer Aufbewahrung zu erhöhen. In diesem Stil ging die Orientierung der Herren Volksvertreter weiter. Auf die neuerlichen Beschuldigungen des „Vorwärts“ (die wir nicht zu sehn bekommen haben), habe der Vorstand telefonisch erklärt, sie seien von oben bis unten erlogen. Der Beschuldigte also hat selbst gesagt, er sei kein Verbrecher; die Mehrheit des Landtags hat daraufhin selbstverständlich beschlossen, keine Untersuchungskommission einzusetzen. Gelogen haben halt wir, das steht fest, auch ohne daß wir gehört werden. Zu erwähnen ist auch die Klage Kühleweins über die Kassiber, mit denen sich Niederschönenfeld nach außen zu verständigen sucht. Es habe ein eigenes Laboratorium eingerichtet werden müssen, um Blindschriften zu ermitteln. Freilich: solange der Strafvollzug halbwegs gesetzlich geübt wurde, solange unsre Ehen nicht zerstört waren, und solange wir wenigstens versuchen konnten, gegen Übergriffe unser Recht zu suchen, waren Laboratorien nicht nötig. Dann war auch die Versicherung interessant, Graf Arco werde ganz hausordnungsmäßig behandelt. Die klugen Volksvertreter kamen nicht auf den Rückschluß, da erwiesenermaßen seine Behandlung eine von der unsern in allen Dingen völlig unterschiedene ist, daß also unsre Behandlung nicht hausordungsmäßig sein könne. Zwar haben die Sozi aller Couleurs für den Untersuchungsausschuß gestimmt, doch fand es der Mehrheiter (Roßhaupter!) wie der Unabhängige (Neumann) richtig, zuzugeben, daß ein Teil der Schuld auch bei den Gepeinigten selbst liege. Auf den Gedanken, daß sie angelogen werden könnten, kamen sie nicht. Behörden verleumden doch nicht! Proletariern freilich darf man nicht glauben, – das ist diesen Volksvertretern ebenso Evangelium wie ihren bürgerlichen Kollegen. Wir sind hier drinnen die Ausgeschmierten. Wenn das die Genossen nur einmal richtig begreifen wollten. Die kapitalistische Bourgeoisie deckt in ihrer Gesamtheit jeden Rechtsbruch gegen uns und steht in vorbildlicher Klassensolidarität zusammen, wenn es gilt, die Wahrheit über Rechtsbrüche gegen politische Gegner zu unterdrücken. Ich kann mich über den Vorgang nicht entrüsten, er imponiert mir, und ich wünschte nur, die proletarische Klasse lernte daraus. – Heute habe ich den Herrn Staatsanwalt Kraus in Person kennen gelernt. Er ließ mich am Vormittag hinunterrufen und empfing mich im Rapportzimmer in Gegenwart des Regierungsrats Schmauser. Vor ihm lagen Corpora delicti, die bei der Durchsuchung am 26. Mai konfisziert waren. Zuerst das Tagebuch. Beim Blättern drin wurden dicke rote Striche unter ganzen Zeilen sichtbar. Meine Erwartung, es werde nun gleich ein heiliges Donnerwetter niedergehn, erfüllte sich jedoch nicht, wie denn der Ton im allgemeinen zwar scharf und entschieden akzentuiert, aber ziemlich beherrscht blieb. Ich hatte mir schon vor Eintritt vorgenommen, möglichst wenig zu sprechen, um nicht für nichts und wieder nichts in Einzelhaft zu müssen, und verlor auch keinen Augenblick die Ruhe und die Überlegung, daß vor mir ein Mann sitzt, der über große physische Machtmittel verfügt und oft gezeigt hat, daß er sie recht unbedenklich anzuwenden weiß. Ferner wollte ich mehr beobachten als mich der Beobachtung aussetzen. Also das Tagebuch wurde zuerst vorgenommen, wobei mir die bemerkenswerte Frage vorgelegt wurde, ob ich im Kopf hätte, was alles drinstehe. Auf meinen Einwand, daß derartige Aufzeichnungen völlig private Selbstgespräche seien und daß niemand je einen Einblick darein erhalte, ging man nicht ein. Es seien schwere Beleidigungen gegen Dr. Vollmann drin, und das Heft gehe daher zum Akt (meines Wissens müssen es aber 2 Hefte sein). Dazu eine Predigt: es sei gegen das Führen von Tagebüchern garnichts einzuwenden. Aber es gebe genügend Stoff dazu und ich habe mir stets bewußt zu halten, daß ich Festungsgefangener sei, – andernfalls – –. Dann kam das Hölzlied noch einmal dran. Derartige Gedichte zu machen sei mir hier durchaus verwehrt, ich hätte mich in meinen Gedichten jeder politischen Hetzerei zu enthalten etc. Eine Abschrift der Rätemarseillaise, die dutzende Mal gedruckt ist und in ganz Deutschland gesungen wird, wurde gleichfalls beschlagnahmt, ebenso mein Aufruf vom vorigen Jahr über die Gründung einer Festungsproduktivgenossenschaft, den Herr Kraus ironisierte. Obwohl ich versicherte, dieses Manifest habe der Hauszensur, dem Oberstaatsanwalt und dem Ministerium bereits vorgelegen, erhielt ich ihn doch nicht wieder. Endlich kam das Heft dran, in dem Adolf Schmidts und mein „Krippenspiel“ „Die Mörderzentrale“ steht, das wir zum letzten Weihnachten verfaßt hatten und das dann wegen der peinlichen Geschichten im oberen Stock unaufgeführt blieb. Dieser harmlose Ulk erregte den starken Unwillen des Vorstands, weil darin die Heilige Familie in ganz unzulässiger und geschmackloser Weise persifliert werde. Bei alledem immer wieder dringliche Verwarnungen, keine Gedichte zu machen und nichts zu schreiben, was der Verwaltung nicht gefällt. Ich beabsichtige, meine Tagebücher wie bisher zu schreiben, objektiv und wahr, und wenn der Geist über mich kommt (was leider selten genug noch der Fall ist) und gibt mir Verse ein, dann sei’s drum: muß ich deswegen „büßen“, – ich kann’s nicht ändern. – Spazierhof!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 26. Juli 1921.

Kein Tag ohne neue Festungsfreuden! Heute wurden mir zwei Eröffnungen zuteil. Eine Nummer der „Leipziger Volkszeitung“ wurde wegen eines „Hetzartikels“, eine Nummer des rechtsdemokratischen „Fränkischen Kuriers“ wegen eines „innere Verhältnisse der Festungshaftanstalt“ behandelnden Artikels beschlagnahmt. (Der „F. K.[“] enthält überhaupt nur Hetzartikel, zumal wenn er sich an uns wetzen kann. Aber die Bezeichnung wird nur beliebt, wenn unsre Interessen vertreten werden). Wahrscheinlich waren in dem Nürnberger Blatt Zitate aus dem „Vorwärts“ und der „Leipziger Volkszeitung“, aus denen wir ersehn hätten, daß die Wahrheit doch langsam öffentlich bekannt wird. Gestern wurde auch der „Vorwärts“ wieder nicht ausgehändigt. Man scheint sich also in Norddeutschland (die „Münchner Post“, das Organ Auers, schweigt beharrlich) doch allmählich mit unserm Schicksal zu beschäftigen. Ob’s was helfen wird? Gewöhnlich ist die Wirklichkeit viel phantastischer als die Berichte, die sie zu rekapitulieren versuchen. Die Idee, daß einem Lyriker verboten wird, Gedichte zu „machen“, wie die Eingebung sie diktiert, würde wohl keinem Menschen, der nicht selbst aus Paragraphen zusammengesetzt ist, beikommen. – Was andres: meine Nerven hatten sich in den letzten Monaten schön gekräftigt, vor allem erfreute ich mich eines gesunden Schlafs. Die plötzliche Verfügung, daß nach 10 Uhr kein Licht mehr gebrannt werden darf, sodaß meine alte Gewohnheit, vor dem Einschlafen zu lesen, zerstört wurde, in Verbindung mit dem Zellenarrest von ¾ 10 ab verursachte mir bittere Nächte der Schlaflosigkeit, da ich auch das Herumlaufen im Gang des abends einstellen mußte. In den letzten Tagen hatte ich nun ein Mittel gefunden, die Nerven schlafwillig zu machen, indem ich vor dem Zubettgehn auf dem Lokus eine gründliche Abwaschung des ganzen Körpers vornahm – bei der Hitze jetzt, die der im Sommer 1911 kaum nachsteht, ein großes Labsal. Gestern kam Herr Fetsch dazu und verbot es: man könnte das vor ¾ 10 erledigen. Das eben kann man nicht, da dann das Örtchen so reichlich frequentiert wird, daß es ganz unmöglich ist, sich längere Zeit dort aufzuhalten. Überhaupt kann ich nicht vor der Zeit zu Bett gehn, da um ¾ 10 die Zellentüren mindestens einmal aufgerissen und wieder zugeschlagen werden, um zu kontrollieren, ob wir „daheim“ sind, und bei meinem lockeren Schlaf schrecke ich dabei auf und kann stundenlang keinen Schlaf mehr finden. Mich an den Arzt zu wenden, wäre nach allen Erfahrungen vergeblich. Der Mann hat noch immer gezeigt, daß er keine sanitären Anordnungen trifft, die irgendwie dem kommandierten Strafvollzug unbequem wären. Mit meiner Nervengesundheit wird’s nun also wohl ein Ende haben. Die Ordnung und Sicherheit des Strafvollzugs bedingt meine Schlaflosigkeit. – Allen Trost muß man aus dem Tohuwabohu der politischen Wirtschaft draußen schöpfen. Die Franzosen schimpfen über die Sabotage ihrer Polenpolitik in Oberschlesien durch die Deutschen und wollen neue Truppenmassen dorthin dirigieren. Auf ihre Anklage- und Drohnote nach Berlin hat Herr Dr. Rosen, Wirths Auswärtiger, ein Diplomat der Hohenzollernschule von bemerkenswerter Talentlosigkeit, eine Antwort verfaßt, die genau so tolpatschig ist wie alles, was wir von Simons und seinen übrigen Vorgängern gewöhnt waren und – wieder einmal – besenstieldick den Hintergedanken verrät, Frankreich mit England in Gegensatz zu bringen (Selbstredend wird die Wirkung, wie noch immer, die sein, daß der in der Tat vorhandene Gegensatz grade infolge dieser Berliner Machenschaften verklebt wird). Nachdem eben die Leipziger Urteile in Paris bösestes Blut gemacht haben, sorgt man also schon wieder für Auffütterung des Antibochismus dort. Es ist halt das Wesen des Deutschen, daß er seine eignen Fehler immer wiederholt in der Überzeugung, sie hören dadurch auf, Fehler zu sein. (So erklärt sich auch die Rückkehr der Kommunisten zu allen sozialdemokratischen Traditionen). Natürlich geht über solche Tapsigkeiten die ganze Wirthsche „Erfüllungspolitik“ in die Brüche. Die Sanktionen hören nicht auf, und über kurz oder lang – ich habe noch lange nicht aufgehört, das zu erwarten – wird die bayerische Orgeschfrage urplötzlich wieder akut sein. – Der Zeitungsleser erfährt ja grundsätzlich alles Unangenehme erst, wenn’s nicht mehr verheimlicht werden kann. Inzwischen füttert man ihn reichlich mit Schreckensnachrichten aus dem hungernden Rußland. Gorki hat an Gerhart Hauptmann (ausgerechnet!) einen Hilferuf gesandt, den dieser bei jeder Kundgebung in öffentlichen Dingen von allen guten Geistern verlassene Repräsentant intellektueller Hilflosigkeit als neue Gelegenheit benutzte, sein gutes Herz in olympischer Gemessenheit literarisch zu stilisieren. Offensichtlich ist Rußland von einer schweren Mißernte betroffen worden und bei der internationalen kapitalistischen Verfehmung des Landes sind die Folgen furchtbar, woraus die deutsche Presse Kapital schlägt, um den Kommunismus zu widerlegen, – als ob wir im Fett schwömmen. Ich bin mit Rußlands Politik gewiß schon lange nicht mehr einverstanden. Die Kaltstellung der Sowjetverfassung zugunsten der Parteidiktatur scheint mir verderblich, und die Verbündung mit den türkischen Nationalisten für ein proletarisch verwaltetes Land ungeheuerlich. (Übrigens scheint die russische Hilfe für Kemal-Pascha ohnehin den Sieg der Griechen nicht mehr verhindern zu können; allerdings stehn Meldungen gegen Meldungen und wie in jedem Krieg will jeder der Sieger sein). Aber es hat in letzter Zeit auch viel Erfreuliches gegeben, was aus Moskau zu uns drang. So mußten die ungarischen Volkskommissare auf den Druck Moskaus hin amnestiert werden, so daß der Pester Blutjustiz hunderte von Kommunisten entronnen sind. Und unser teures Bayernland erlebt ebenfalls eine peinliche Niederlage durch das verachtete Bolschewistenreich. Der Fall Krestinskij ist noch nicht erledigt, und Bayern – der stolze Herr Kahr – wird wohl genötigt werden, bescheiden um Entschuldigung zu bitten, da Rußland schwere Repressalien gegen Bayern in Aussicht gestellt hat. – Augenblicklich beschäftigt man sich hierzulande hauptsächlich mit dem Fall Frauendorffer. Der frühere Wittelsbachische, später Eisnerische, dann Hoffmannsche und endlich Kahrsche Verkehrsminister soll in numismatischem Eifer Münzfälschungen vorgenommen haben. Eine Untersuchung wurde eingeleitet, er bekam seinen Abschied und hat sich nun in den Geiselgasteiger Anlagen erschossen. Der Mann war zweifellos ein tüchtiger Verkehrstechniker. Daß Eisner ihn deswegen im November 18 aus der Versenkung vorholte, haben ihm Landauer und ich damals schon vorgeworfen, da Gesinnung unsrer Meinung nach kein ganz überflüssiges Attribut auch bei einem Verwaltungsbeamten sei. Herr v. Frauendorffer hat es Eisner schlecht gedankt. Im Arco-Prozeß hat er seinen toten Ministerchef widerlich in den Dreck gezogen. Dieser Verrat – nicht die bürgerliche Verfehlung, die ihm jetzt den Hals gebrochen hat – wird sein Bild vor der Geschichte kennzeichnen. Aber die Nekrologe, die man ihm jetzt in den Organen der Schandbande nachrülpst, die in den Zeiten seines Einflusses nicht bucklig genug hinter ihm dienern konnten, sollte man sammeln, um sie dem Museum zu retten, das anständigere Geschlechter einmal der journalistischen Dreckschleuder als Schandmal dieser Zeit errichten werden.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 27. Juli 1921.

Unsre kleine Hausfamilie hat einen schweren Schlag erhalten: Adolf Schmidt und Clemens Schreiber sind heute vormittag in Einzelhaft gekommen, dazu 3 Tage Hofentzug und Schreib-Besuch-Paketverbot bis auf weiteres. Über die Gründe haben wir vorerst nur Vermutungen, da die beiden nach dem Verhör, dem sie anscheinend unterworfen waren, nicht mehr hinaufgelassen wurden. Daß man dem armen Clemens verwehrt hat, seine Flöte, seine täglich-stündliche Unterhaltung im Eiskeller zu blasen, ist besonders hart für ihn. Für Seppl und mich ist’s auch empfindlich. Der Boykott macht unsern kleinen Kreis sehr aufeinander angewiesen. Dazu kommt die Unterbrechung unsres Stenographiekurses und die Notwendigkeit, uns räumlich umzuordnen, da sonst Adolfs Zelle unser Gemeinschaftsraum war, wo wir Zeitung lasen und „Brotzeit“ einnahmen, deren Ingredienzien auch immer in Adolfs Verwahrung waren. Hoffentlich dauert die Trennung nicht lange. Ferner ist heute Männlein in Einzelhaft gesetzt worden. Der gute Junge war, noch ganz Neuling, so leichtsinnig, ein von ihm verfaßtes Lied der Roten Armee einem Brief nach außen einzulegen. Heute hatte er Besuch seiner Mutter. Wegen des Liedes wurde die Besuchszeit von 2 auf 1 Stunde reduziert. Nachher wurde er noch einmal zum Staatsanwalt hinuntergerufen – und kam nicht wieder. – Wie lange dieser Wutbetrieb hier noch weitergehn wird, – wer kann es taxieren? Sicher ist, daß man sich draußen jetzt intensiv mit Niederschönenfeld befaßt. Gestern wurde außer den genannten Zeitungen auch noch die „Frankfurter Zeitung“ und heute auch die „Münchner Neuesten Nachrichten“ beschlagnahmt. Zwar wird Herr Dr. Roth sich um Zeitungsgewäsch wenig kümmern, aber die ewigen Kompromittierungen der bayerischen Regierung sind zweifellos auch nicht geeignet, ihre Stellung zu festigen. Daß die Mehrheitssozi jetzt mit in der Opposition sind, ist allerdings für mich kein Grund zum Jubel. Die „Münchner Post“ zwar hält über alles, was die politischen Gefangenen angeht, das Maul. Die Herren wissen, warum: nicht die Kahr und Roth haben uns einsperren und wegen „Hochverrat“ prozessieren lassen, sondern die Hoffmann und Endres, und die gesetzwidrige Hausordnung, deren § 22 jede Aufhebung des Festungscharakters tatsächlich deckt, stammt vom Justizminister der „sozialistischen“ Regierung Hoffmann, Herrn Dr. Müller-Meiningen. Wir wollen das nie vergessen, und wenn es einmal zu einer Umwertung aller Werte kommt und unsre Kerkermeister unsre Gefangenen, unsre Ankläger unsre Delinquenten sein werden, dann werde ich jederzeit den nationalistischen Superlativisten dieses Verfahrens mildernde Umstände in weitem Maße zusprechen, da sie ja nur die Bahn befahren haben, die ihnen die Nosketiere und Auerochsen geschaufelt haben.

 

Spätnachmittag. Bei Adolf und Clemens ist durchsucht worden, und ich habe unter Umständen „eine sehr peinliche und fühlbare Belehrung“ zu gewärtigen, die mir Herr Kraus am Schluß der Eröffnung in Aussicht stellte, die mir vorhin vorgelesen wurde. Sie bezieht sich auf das, was mir schon mündlich mitgeteilt worden ist und entwickelt noch einmal einzeln meine Verfehlungen, wie sie die Durchsuchung vom 26. Mai zutage gefördert hat. Tagebuch, Rätemarseillaise, Aufruf zur Festungsproduktivgenossenschaft, Krippenspiel. Dies alles wird zum Akt genommen und „bis zum Ablauf meiner Strafzeit, nicht etwa bis zu einer möglichen früheren Entlassung“, verwahrt. Der Staatsanwalt ist also der Meinung, daß seine und der Seinen Allmacht auch 1934 noch in Geltung stehn wird. Ich bin andrer Auffassung. – Jetzt frage ich mich aber, ob man bei den Durchsuchungen heute nicht wieder Ulkverse von mir gefunden haben wird aus der Zeit, als die Versfüße noch nicht nach der Marschmusik eines Staatsanwalts Stechschritt zu machen hatten, und ob die Verfügung „über den Festungsgefangenen Mühsam“ also dann mit rückwirkender Kraft in Erscheinung treten wird. Die Belehrung, mag sie noch so peinlich und fühlbar ausfallen, wird mir auch nichts andres mehr beibringen können, als was ich schon weiß: daß das differenzierteste Hirn von einem Klosetdeckel blöd geschlagen werden kann und daß es schwer ist, gegen eine Fuhre Jauche anzustinken.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 28. Juli 1921.

Zenzls Geburtstag: der vierte, den ich mit der Staatsfaust im Genick verleben muß. 1918 in Traunstein, Zwangsaufenthalt bei dreistündlicher Meldung im Lager, also sozusagen Festungshaft in wesentlich erleichterter Gestalt. 1919 Ebrach, Festungshaft in gesetzlicher Form nach der Verordnung von 1893. 1920 Ansbach verschärfte Festungshaft mit Müller-Meiningenschen Raffinements und Entwürdigungen; immerhin noch unter Wahrung gewisser Rechte als Ausübung des Berufs ohne wesentliche Behinderung, Besuche ohne Aufsicht, Fortbestand der Ehe. 1921: Niederschönenfeld, „Festungshaft“ à la Roth-Kraus bei absoluter Vernichtung jeder Eigenbetätigung, Auflösung der Familie, ständiger Bedrohung. Eine anmutige Entwicklung. Nun bin ich gespannt, wie sich der Tag 1922 anlassen wird. Geht’s im bisherigen Stil weiter, dann brauche ich mir wohl keine Gedanken mehr darüber zu machen, dann hat Herr Xylander wohl schon dafür gesorgt, daß ich den Platz zwischen den Mauern mit kurzem Aufenthalt an der Mauer mit einem Dauerplätzchen hinter der Mauer vertauscht haben werde. Oder aber Niederschönenfeld ist überhaupt schon eine Erinnerung und ich erwache am Morgen von Zenzls Geburtstag fröhlich in ihrem Bett. – Die Vorgänge hier machen offenbar zur Zeit die Runde durch die Welt. Die „Vossische Zeitung“ wurde zum Akt gelegt, die „Oberfränkische Volkszeitung“ und sogar heute die „Münchner Post“, die wohl nicht mehr recht drum rum konnte. Da es den Argusaugen des Zensors doch nicht gelungen ist, jede Ecke aller Zeitungen zu durchspähen, ist uns aus dem „Vorwärts“-Artikel, der den Anlaß zu der allgemeinen Erregung gegeben hat, doch mancher Auszug zu Gesicht gekommen. In diesen Auszügen war an Tatsächlichem nur nachweisbar Wahres enthalten. Der Mehrheit des Parlaments aber genügte die telefonische Versicherung des Beschuldigten, es sei alles erlogen, um jede weitere Prüfung für überflüssig zu halten. Von Bayern aus haben wir selbstverständlich nicht die geringste Hilfe zu erwarten. Aber im Reich wird die Sache große Wellen aufspülen und ich müßte die französische Presse schlecht kennen, wenn sie sich die Gelegenheit entgehn ließe, den deutschen Jeremiaden über die Behandlung der Deutschen im besetzten Gebiet, über die Festhaltung in Frankreich verurteilter deutscher Soldaten und über die Behauptungen unsrer Patrioten in ihren „Gegenrechnungen“ gegen Leipzig über Brutalitäten in französischen, serbischen, rumänischen oder sonstigen Kriegsgefangenenlagern das Verfahren der bayerischen Regierungs-„Demokraten“ gegen eigne Landsleute, die sich erlaubt haben, eine in dieser Musterrepublik augenblicklich nicht erwünschte Gesinnung zu betätigen, gegenüberzustellen. Wir haben augenblicklich keine guten Tage. Aber das sichere Bewußtsein, daß die gegen uns beliebten Rachemethoden unter allen Umständen den Geist tötlich treffen müssen, der sie ausgeheckt hat, gibt Kraft genug, sie auszuhalten und guter Dinge dabei zu sein. – Unten ist gestern der Genosse Condula eingeliefert worden, einer von denen, die vor 2 Jahren mit aus Oberhaus durchbrannten und nun, grade wieder in Passau ergriffen, die 2 Jahre, zu denen er verurteilt war, und die er jetzt hinter sich hätte, hier absitzen soll. Er erinnerte mich heute im Hof daran, daß er zu denen gehörte, die am 6. Dezember 18 mit mir den „Bayerischen Kurier“ besetzten (wobei Eisner zum ersten Mal Gelegenheit fand, sich offen zum Protektor des Kapitalismus gegen die Revolutionäre zu betätigen). – Über die Gründe, die Adolf und Clemens in Arrest gebracht haben, wissen wir jetzt soviel, daß sie auf illegaler Korrespondenz erwischt sein sollen. Ob ein- oder auslaufende Post sie verraten hat und ob das berühmte „Laboratorium“ ihnen zum Verhängnis wurde, werden wir wohl noch erfahren. Soviel aber weiß ich jetzt schon, daß alle Gewaltmittel, die die Entlarvung des Niederschönenfelder Schreckensregiments verhindern sollen, nur immer wieder ihre weitere Bloßstellung bewirken werden. La vérité est en marche, rien ne l’arrêtera.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 30. Juli 1921.

Veränderungen im Gefangenenbestand: Gestern früh hat Günther die Anstalt verlassen, ohne Abschied von mir und den Freunden. Nur die Unentwegten vom Mittelgang gaben ihm das Geleit zum Gitterausgang unter dem Gesang der „Internationale“, die daraufhin auf den Hausindex kam. Ich weine keine allzubittern Tränen um den Verlust hier oben. Ein Kriegsleutnant, der das Gefieder seiner bourgeoisen Herkunft nur mit einem recht künstlichen Rot überfärbt hat. Einer von den Vielen, die den Kommunismus als Versorgungsgelegenheit betrachten. Sollte es ihm nicht gelingen, einen Parteiposten zu ergattern und seinen Ehrgeiz dereinst in einer militärischen Führerstellung in der Roten Armee zu befriedigen, – und er wird wohl bald genug merken, daß es dazu gute Wege hat –, so sehe ich ihn den Weg Graßls gehn – zurück zur Wohlanständigkeit, zur Familie, und von der heroischen Beteiligung an Revolution und Weltbefreiung bleibt am Ende die rückschauende Behaglichkeit und die genügsame Erinnerung für Kinder und Enkel: ja, wir waren auch dabei und litten in Niederschönenfeld für den Traum jugendlichen Höhendrangs. Ich hatte Günther persönlich nicht ungern. Aber ich konnte das Gefühl nie loswerden, daß er doppelzüngig sei. Sicher hat er von proletarischem Empfinden keinen Hauch verspürt (so hat er mal Sauber erklärt, er hätte es nur seiner Satisfaktionsunfähigkeit zu danken, wenn er – G. – ihn nicht fordere). Ob er nun draußen daran arbeiten wird, mich zu „erledigen“ – was ihm wohl von unsrer „Zentrale“ aufgetragen sein wird – ist mir recht egal. Die armen Teufel hier drinnen haben jedes Augenmaß für ihren Einfluß verloren, und ich selbst habe all den Vorwürfen gegenüber, die hier anscheinend noch gegen mich erhoben werden, ein völlig reines Gewissen. Übrigens bezweifle ich, daß diese Vorwürfe sich noch auf materielle Dinge beziehn – Günther selbst hat mir ja seinerzeit bei der Pfingstoffensive erklärt, daß in dieser Hinsicht nichts gegen mich zu sagen sei. Und wenn man mich bei der VKPD als Parteigegner denunziert, so mit Recht: ich habe nicht 18 Jahre lang die alte Sozialdemokratie fanatisch bekämpft, um ihre Methoden jetzt, wo sie von sogenannten Kommunisten kopiert werden, plötzlich gut zu finden. – Die Lücke in der Belegung des II. Stockwerks ist schon am gleichen Tage, an dem Günther ging, ausgefüllt worden: gestern wurde der Genosse Schiff eingeliefert, der vor einigen Tagen zu 3 Jahren verurteilte Führer der kommunistischen Jugendbewegung in München. Er ist ein Sohn des Schiff, den ich in der Neuen Gemeinschaft in Schlachtensee kannte, und macht einen klugen Eindruck. Natürlich muß man jedes Urteil zurückstellen, bis man seine Leute leidlich kennt. Zur Zeit ist die Luft im Hause wieder ziemlich dick. Die von Lichtenau herversetzten und die von München neu eingerückten Genossen suchen allmählich ihren Platz in den Parteiungen und Lagern zu finden, und so sieht man wieder alte Freundschaften in die Brüche gehn und spürt allerlei Elektrisches in der Atmosphäre. Zugleich machen etliche Verfehmte im I. Stock krampfhafte Versuche, sich wieder beliebt zu machen, indem sie sich vornehmlich an uns oben Boykottierte heranpürschen. Ich verhalte mich demgegenüber ziemlich zugeknöpft. Aber ich unterscheide natürlich und verweigere harmlosen jungen Kerlen, die draußen im Kampf tapfer ihren Mann gestanden haben, wie Vogel und Anreither oder Schafsköpfen wie Rheinheimer nicht den Gruß. Nur sollen mir diejenigen, die zu der übeln Intrigue vom März den Anlaß gaben, wie Niekisch, Murböck etc und die „Intellektuellen“, die ihr Urteil so hoch überlegen wähnen, daß ihnen kein Entlastungsmoment zugute kommen kann, wie Klingelhöfer oder Toller, vom Leibe bleiben. Aber einen Generalboykott lehne ich prinzipiell ab. Ich verkehre mit wem ich mag, lasse jeden verkehren, mit wem er mag und gehe aus dem Wege, wer mir nicht paßt. Den Boykott gegen uns 7 ertrage ich umso leichter, als damit das Zentralexekutivkomitee bei den Neuen sogut wie garkein Glück hat. Mit Sandtner, Luttner, Schlaffer, Köberl etc. komme ich ausgezeichnet aus, trotz der verschiedenen politischen Anschauungen. Ekelhaft ist mir bei dem allen nur, daß die Verwaltung durch die innere Zerrissenheit eine festere Position gegen uns alle hat, als notwendig wäre. – Spazierhof!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 31. Juli 1921.

Hauschronik: gestern ist auch der zweite im Prozeß Schiff – zu 21 Monaten – verdonnerte Jugendgenosse Popp eingetroffen und im I. Stock einquartiert – ad majorem Kahri gloriam. Die Zeitungsbeschlagnahmungen gehn weiter. Gestern z. B. wieder die „Leipziger Volkszeitung“ wegen eines Artikels, der „einen geordneten Strafvollzug zu stören geeignet“ ist. Mich wollte meine Schwägerin Resl besuchen, um eine Reihe persönlicher Angelegenheiten zu besprechen, zum Teil recht wichtiger Art, z. B. über die Zukunft ihres Töchterchens. Auf ihre Eingabe um Besuchserlaubnis – diese neueste Erfindung für die bayerische Ehrenhaft – erhielt sie, anscheinend ohne Begründung, ablehnenden Bescheid, und heute wurde mir „eröffnet“, daß ein „Resl“ unterschriebener Brief zum Akt genommen wurde, weil er Maßregeln der Verwaltung kritisiert und obendrein aufreizenden Inhalts sei. Wahrscheinlich hat das ganz unpolitische harmlose Mädl in ihrer ewig vergnügten Laune über die Verweigerung ihres Besuchs bei mir ein paar dreckige Anmerkungen fallen lassen. Herr Kraus hat den jüngst eingetroffenen Genossen erklärt, sie müßten sich bewußt bleiben, daß sie hier nicht bloß gefangen gehalten werden, sondern Strafe erleiden sollen und das Wort Strafe immer wieder betont und unterstrichen. Nach unsrer Verurteilung zu Festungshaft besteht aber die Strafe nur in „Freiheitsentziehung mit Beaufsichtigung der Beschäftigung und Lebensweise“ (§ 17 Str. G. B.) Es bezeichnet den Geist, der heutzutage in diesem unglückseligen Bayern den Ton angibt, daß es der Willkür eines einzelnen von politischer Feindseligkeit gegen die Gefangenen herausgesuchten und ganz von politischer Feindseligkeit gelenkten Beamten überlassen bleibt, über die vom Gericht erkannte und vom Gesetz vorgezeichnete Strafart hinaus grundsätzliche Verschärfungen zu ersinnen und durchzuführen, nur, um den Gefangenen das Gefühl, daß sie Bestrafte sind, furchtbarer bewußt zu halten, als es selbst die Richter beabsichtigten. Viele Genossen erwarten eine Erleichterung unsrer Lage durch die wahrscheinlich im Herbst beginnende Beratung des neuen Strafrechtsgesetzes im Reichstag. Wenn es stimmt, daß mit dem neuen Strafgesetzbuch auch ein Reichsstrafvollzugsgesetz geschaffen wird (für Festung soll einfache „Einschließung“ vorgesehn sein, wobei eine Art Verpflichtung der Gefangenen geplant sei, sich nach Maßgabe ihrer Neigungen und Fähigkeiten selbst zu beschäftigen, – was man hier ja grade systematisch verhindert), wäre natürlich ein Ende der gegenwärtigen Zustände zuverlässig gewährleistet. Aber bis so etwas Gesetz geworden ist, wird wohl wenigstens in Bayern kaum mehr eine Erinnerung an custodia honesta übrig sein; oder aber äußere Ereignisse – ob von links oder von rechts herbeigeführt, tut nichts zur Sache – haben von sich aus eine Lage bewirkt, daß uns der Kraussche Strafvollzug nicht mehr weh tun kann. Die Wirthsche Reichsregierung hängt kaum mehr an einem dickeren Faden als die Kahrsche Landesdiktatur. Die entente-genehme Politik des Reichskanzlers selbst, der ein immerhin gescheiter Kopf zu sein scheint, wird durch die Mitglieder seines Kabinetts Schiffer und Rosen, die auf Popularität mehr zu schauen scheinen als auf Dauererfolge, nachhaltig sabotiert, sodaß das Vertrauen im Ausland auf die „Erfüllungs-Bereitschaft“ schon stark erschüttert ist. Außerdem kommen nun die neuen Steuergesetze dran, bei denen entweder der Grund und Boden und der Immobilienbesitz überhaupt oder aber der Verbrauch des arbeitenden Volks dermaßen hergenommen werden muß, daß Konflikte absolut unvermeidlich werden. Die legalen Folgen werden entweder der Rücktritt der halblinks gerichteten „Wirth“schaft oder die Auflösung des Reichstags sein. Im ersten Fall käme eine nationalistische Regierung ans Ruder mit der Konsequenz, daß Deutschland neuerdings von Frankreich elend gezwickt würde – Gründe hat man ja drüben hinlänglich in Reserve, und für diese Eventualität spätestens ist jawohl auch die bayerische Entwaffnung ins Rohr gelegt worden. Wird der Reichstag aufgelöst, so wird einmal durch den Rummel beim Wählen ungeheuer viel Leidenschaft auf beiden Seiten rege – wären doch unsre Kommunisten diesmal so gescheit, gegen das Wählen zu arbeiten und sich dadurch ihre revolutionäre Position zu retten! Aber sie werden nicht, – sie sind schon zu tief im Sumpf –, und wenn das nicht zum offenen Zusammenprall, dessen Initiative ich von den Hergt-Helfferich im Norden, von Xylander bei uns erwarte, führt, so wäre nachher, da mit einer großen Mehrheit der Sozialdemokraten zu rechnen ist, die die Hilflosesten von allen sind, der Kuddelmuddel ganz fertig. Auf alle Fälle ist die politische Lage im Norden und Süden des Landes absolut unfest. Änderungen müssen kommen – so oder so (wobei ich für gewisse Fälle mein Leben auch nicht mehr einen Groschen hoch einschätze). Die Spannung zwischen Paris und London hat sich in der Tat beträchtlich vergrößert. Der Ausgleich wird aber trotz allem erfolgen, da das Triumphgeheul unsrer klugen Alldeutschen dafür sorgt. Der Anlaß ist äußerlich gering: Frankreichs Absicht, neue Truppen nach Oberschlesien zu werfen (Note an Deutschland vom 16. Juli) wird in England als Störung der Aktionsgemeinschaft empfunden, da kein gemeinsamer Beschluß vorliegt. Lloyd George will erst die Konferenz des Obersten Rats, Briand vorher schon die Zustimmung Englands und droht mit separatem Vorgehn. Natürlich liegt der Grund tiefer. Man ist auf Kombinationen angewiesen, und ich kombiniere so: Frankreich hat England in den orientalischen Fragen erhebliche Konzessionen gemacht, besonders im Hinblick auf Syrien, Angora, ferner aufs Khalifat (Englands Hedschas-Politik) und jedenfalls sich desinteressiert erklärt für den Preis, die Politik gegen Deutschland bei britischen Desinteressement führen zu können. Was Oberschlesien anlangt, so wird Frankreich das Land zu der Sphäre rechnen, wo ihm die Initiative überlassen ist, während England die oberschlesische Frage als eine schon internationale, von der deutschen losgelöste betrachtet. Die französisch-polnische Lösung dieser Frage käme auf eine französische absolute Kontinentalhegemonie hinaus, die England natürlich nicht zulassen kann. Hinc illae lacrimae. Die tapsige Schadenfreude unsrer Germanomanen wird vermutlich das Kompromiß auf der Basis eines Provisoriums herbeiführen, sodaß eine vorläufige Regelung durch Zwangsverwaltung ähnlich wie im Saargebiet zu erwarten ist. – Über die Hungersnot in Rußland kommen allarmierende Meldungen. Die Unabhängigen sogar rufen das deutsche Proletariat auf, den Verdienst eines Tages monatlich herzugeben. Ob die Meldungen stimmen, daß die Bolschewiki mit Sozialrevolutionären beraten, um die Regierung abzugeben, muß abgewartet werden. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht mehr. Am richtigsten täte die Partei, wenn sie statt aller Verhandlungen mit Konkurrenzparteien einfach die Sowjetverfassung in Kraft setzte. Dann wären die großen Persönlichkeiten Lenin, Trotzki, Bucharin, Lunatscharski für das Gesamtwohl zu retten und die Verantwortung wäre, wie es sich für eine Räterepublik ziemt, auf die arbeitende Bevölkerung als Ganzes übertragen. Die Bürokratie wäre gebrochen und damit einem der stärksten Gründe für die gegenwärtige Not die Wurzel abgeschlagen. – In Deutschland aber fördert man nach wie vor konterrevolutionäre Organisationen – wie die des Obersten Freyberg in Berlin, dessen Bestrafung nun von Moskau verlangt wird – und damit die vollständige Auslieferung des russischen Volks an Hunger, Elend und Sklaverei. In Bayern aber prozessiert man lustig weiter gegen Beteiligte an der Räterevolution vom Frühjahr 1919. Wieder sind in Miesbach 2 Arbeiter wegen Landfriedensbruch verurteilt worden, zu 1½ Jahren und zu 6 Monaten Gefängnis. So wird dem Spießer die Erinnerung an unsre „Schreckenszeit“ unentwegt lebendig erhalten, ohne Zweifel ein völlig richtiges Verfahren. Wir werden es uns dereinst merken müssen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 1. August 1921.

Siebenjähriges „Jubiläum“ der Großen Zeit! Welche gespenstisch-schauderhafte Epoche! Welten sind untergegangen in diesen sieben Jahren, und der Prozeß der Auflösung dauert fort, fängt eigentlich erst an. Wir stehn mitten in der scheußlichsten Phase dieser grauenvollen Entwicklung, die nun volle 7 Jahre gekennzeichnet ist durch Krieg, Mord, Raub, Betrug, Diebstahl, Lüge, Verwahrlosung, Treulosigkeit, Verrat, Größenwahn, Irrsinn, Heimtücke, Elend, Jammer, Not, Krankheit, Tod und Grauen, und noch lange, lange nicht am Ziel des entsetzlichen Weges ist, der am 1 August 1914 mit Hurra und Begeisterung beschritten wurde. Alles Persönliche ist völlig gleichgiltig, mein Schicksal ist eins von Millionen und nicht entfernt eins der schlimmsten. Aber verzweifeln kann man bei dem Gedanken, daß die Schicksale der Menschen, Völker, Länder immer noch bestimmt werden von denselben Wahnwitzigen, die Europas Jammer vorbereitet und inszeniert haben, deren Verblendung oder Eigennutz die Todesorgie dieser 7 Jahre geschuldet ist, und deren wilder Aberglaube heute noch, heute wieder entfesselt zügellos Rache übt an denen, die versuchten, die Welt zu retten. Fürchterlich sind die Wirkungen dessen, was sie taten, am Schrecklichsten in dem Lande, das sittlich die reinste Läuterung aus dem Weltunglück zog, in Rußland. Die Dürre dieses Jahres, die dem in 7 Jahren geschändeten Boden die Fruchtbarkeit völlig nahm – erst stiegen verheerend deutsche Soldaten über die blühendsten Gegenden, dann als das Volk sich von ihren Ausbeutern befreit hatte, einigten sich deren Sinnesbrüder in Freund- und Feindesland zur Verhinderung der Erholung von Krieg und Zerstörung, verweigerten dem Lande den Austausch und blockierten seine Bewohner –, jetzt fand die Dürre den Boden reif zur gänzlichen Vernichtung. An 20 Millionen russischer Menschen sind am Verhungern, an 20 Millionen russischer Menschen sind auf der Flucht vor ihrer Heimat, die ihnen kein Brot mehr trägt. Eine Völkerwanderung hat begonnen, größer, schrecklicher, gewaltiger als je eine vor ihr, – sie wird das Bild der Welt entscheidender wandeln als Krieg und Revolution es bis jetzt gewandelt hat. Wir sind nicht am nahen Ende, wir sind am ersten Anfang der tiefsten Umpflügung, die je die Erde erlebt hat. Wie wenige Zeitgenossen spüren das! Was wissen selbst unsre Kommunisten von Weltrevolution! Sie sprechen das Wort und wissen nichts von seinem Sinn. Sie ahnen kaum, daß es um die grundstürzende Änderung aller menschlichen Beziehungen geht, daß das Chaos in der vollen grauenhaft-großartigen Bedeutung des Begriffs Bedingung dieser Änderung ist und glauben in komischer Philisterei, durch Anbauten ans alte stürzende Gebäude die neue Welt der neuen Menschen schaffen zu können. Und das Groteskeste in dem Satyrspiel unsrer Weltuntergangstragödie ist der feierliche Affentanz der internationalen Erretter der Vergangenheit. Man tanzt um die Gräber alles dessen, was der Krieg zerstört, für alle Zeit ausgerottet hat, – läßt es hochleben und meint, dadurch werde es lebendig werden. Beim Himmel! dies ist eine große Zeit, und ihre Größe zeigt sie am Mächtigsten durch den Kontrast des Geschehens mit der Armseligkeit des Menschengeschlechts, das ihre Komödianten stellt. – Soll ich aus diesen Betrachtungen hinüberrutschen in die Alltäglichkeit unsres Gitterlebens? Ja. Alles wird interessant sein, was künftigen Zeiten Material gibt zur Beurteilung der Methoden, mit denen das ungeheure Geschehen des Werdens einer neuen, im Innersten gewandelten Menschheitsperiode von denen, die das Tote für lebend halten, Ruinen für ragende Tempel halten und die Vergangenheit als Zukunft anbeten, verhindert werden soll. Je knirpsiger sich diese Methoden anlassen, umso deutlicher wird einmal die Verblendung erkannt werden, von der heute die physische Macht sich lenken läßt. Also das Häusliche von Niederschönenfeld wie immer: Gestern kugelte sich Seffert auf dem Hof einen Fuß aus. Er liegt bei uns im Gang, also zwischen lauter von ihm selbst Boykottierten. Darum trugen ihn seine Freunde zu sich in den Mittelgang. Abends erlitt er einen Nervenanfall, sodaß der Rücktransport in die kleine enge Zelle nicht möglich war und mit Genehmigung des wachhabenden Personals ein Lager in einer der großen Zellen für ihn hergerichtet wurde. Heut früh kam der Arzt, fand Seffert nicht in seiner Zelle und erklärte kategorisch, woanders suche er ihn nicht auf. Herr Fetsch kommentierte dann noch diesen Standpunkt mit den Worten: „Der Arzt braucht doch wohl den Gefangenen nicht nachzulaufen“. Selbstverständlich nicht! Ein Patient, sofern er sich in bayerischer Ehrenhaft befindet, muß, wenn er behandelt werden will, mit ausgerenktem Fuß hinter dem Arzt herlaufen. Dann: Männlein (er ist seit gestern, Sauber und Egensberger seit heute aus der Einzelhaft heraufgelassen) hat ein Paket bekommen, in dem 1 Flasche Wein und 1 Flasche Schnaps enthalten war. Dabei trat die Neuerung in Kraft, daß er nur 1 Glas täglich sich von beiden Getränken holen darf. Die Freude, mal mit ein paar Freunden gemeinsam ein Gläschen Wein zu trinken – eine unendlich seltene Freude – ist uns also gelegt. Dabei hat es alkoholische Exzesse oder auch nur Andeutungen davon noch niemals gegeben. Kommt die Sache aber an die Öffentlichkeit, so werden wir wohl Artikel in den Zeitungen zu lesen kriegen, die sich mit unsrer rohen Aufführung beschäftigen, mit dem Unterschied, daß dabei nicht unsre schamlose Nacktkultur sondern unsre ständige Besoffenheit Betrachtungsgegenstand sein wird. Endlich: der Seppl schickte für Schreiber einige Zigaretten in die Einzelhaft hinunter und zwar durch die Zensur. Eröffnung: sollte er den Versuch wiederholen, Abgesonderten etwas zukommen zu lassen, so werde er selbst abgesondert werden. – Es ist kein Zweifel: wenn garnichts hilft, den Weltuntergang abzuwenden, dem Strafvollzug der bayerischen „Festungshaft“ wird es gelingen. O sancta simplicitas!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 2. August 1921.

In der Viertelstunde, bis der Hof aufgeschlossen wird, ein paar Kleinigkeiten. Wie immer haben die drei aus der Einzelhaft ans Licht Zurückgekehrten gleich wieder Nachfolger im Eiskeller erhalten. Heute wurden folgende in Absonderung gesetzt: Karpf, Olschewski, Bindl, Wollenberg und Elbert. Warum? ist noch nicht bekannt. Seit der neue Vorstand hier ist, also seit reichlich 10 Wochen, ist noch nicht eine Stunde verlaufen, ohne daß er schärfste Quarantänemaßregeln verhängt hätte. Der Versuch, mit der einfachen Festungshausordnung auszukommen, wurde von ihm überhaupt nicht unternommen. Er arbeitet nur mit dem § 22, der Maßnahmen für den Fall vorsieht, daß zur Sicherheit der Anstalt die allgemeinen Vorschriften nicht ausreichen sollten. – Ist das wirklich die Politik der Stärke, die ihr Nicht-Auskommen mit der üblichen Gewalt gegen wehrlos Gefesselte stündlich dokumentiert? – In der Politik ist Wesentliches nicht zu registrieren. Die Zeitungen plärren seit Wochen täglich über den unmittelbar bevorstehenden „4. Polenaufstand in Oberschlesien“. Er kommt aber nicht. Vielmehr ist das Kompromiß zwischen Frankreich und England jetzt fertig: die Alldeutschen haben es mit ihrer Polterpolitik tatsächlich zustande gebracht. England schließt sich der französischen Forderung an die deutsche Regierung an, daß die Reichsregierung Truppentransporte nach Oberschlesien zu erleichtern habe, wobei offen bleibt, ob und wann diese Transporte stattfinden. Frankreich stimmt dafür dem Zusammentritt des Obersten Rates in dieser oder der nächsten Woche zu. Der Riß ist also fürs erste verpflastert und unsre Nationalbanden haben wieder einmal bewiesen, was für geistvolle Psychologen sie sind. Die bayerische Volkspartei hetzt inzwischen gegen die Wirthsche Wirtschaft und kündigt zugleich an, daß nach dem Sturz des Reichskabinetts selbstverständlich die Erfüllung des Ultimatums als erwiesenermaßen verfehlt nicht fortgesetzt werden dürfe. Gelänge doch, was sie erstreben! Es brächte eine Beschleunigung des Zusammenbruchs, die trotz allem bälder als wir hoffen konnten, die Sonne aufgehn ließe, die unsern Tag bestrahlen wird.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 3. August 1921

Inneres: Die Absonderung gestern erfolgte, weil man einen von Olschewski geschriebenen – wohl nur geschriebenen, kaum verfaßten – neuen Artikel über die Zustände hier beim Schwarzpassieren erwischt haben soll. Nach dem, was darüber gesprochen wird, scheint es sich um einen sehr kräftigen Angriff gegen Kraus zu handeln. Wie Elbert, Karpf und Wollenberg an der Sache beteiligt sind, bzw. woraus ihre Mitbeteiligung geschlossen wird, ist noch unklar. Bindl soll nur hinuntergesetzt sein, weil er sich von oben mit den Abgesonderten durch Zurufe zu verständigen versuchte, desselben „Verbrechens“ wegen kam auch Taubenberger hinunter, der aber dann 3 Wochen Aufschub erhielt, weil er grade einen Kurs in technischen Dingen zu geben begonnen hat. Das ist auffällig. Will man es plötzlich auch mal mit Entgegenkommen versuchen? Jedenfalls wird aus der Möglichkeit, Absonderung zu vertagen, klar, daß hier von einer „Sicherheitsmaßregel“ überhaupt nicht geredet werden kann, sondern, daß ganz offen eine Strafe verhängt wird, die mit Festungshaft nach der eignen Auslegung Müller-Meiningens in dieser Form unvereinbar ist (Hausordnung). Bei Bindls Einschließung hat es großen Skandal gegeben, bei dem sich schon wieder der Herr Fetsch hervortat. Genaueres wissen wir nicht über den Vorgang. – An neuen Maßnahmen ist zu erwähnen: Gefangenen, die kurz vor der Entlassung stehn, wird jetzt kein Taschengeld aus ihrem Eigentum mehr ausgezahlt, sondern für ihr Reisegeld aufgespart. Selbst dem großen Abgeordneten Niekisch, der nächstens frei wird, wurde mit dieser Begründung die Auszahlung des wöchentlichen Taschengeldes verweigert. – Ich erhielt heute die Eröffnung, daß der „Allarm“ schon wieder beschlagnahmt wurde und daß die Aushändigung dieses Blatts bis auf weiteres überhaupt verweigert werde. So gehts Schritt für Schritt weiter zurück mit unsern Rechten. – Große Bewegung ist im Hause über einen Artikel im Wiener „Kommunismus“, der sich mit den Zuständen bei uns beschäftigt und große Informiertheit beweist. Dem Zensor muß der außerordentlich allarmierende „Hilferuf“ entgangen sein. Übrigens haben wir Boykottierte merkwürdigerweise diese Zeitschrift nun schon zum zweiten Mal nicht erhalten. Wir nehmen an, daß wir das einer Intrigue unsrer „Zentrale“ zu danken haben und werden uns nun an die Redaktion wenden. Den Herren langen die Schikanen der Verwaltung noch nicht. Sie müssen diesen Nadelstichen noch ihrerseits ausgesuchte Bosheiten hinzufügen. In Anbetracht der Entdeckung von Geheimschriften, die die Situation hier m. E. bald sehr brenzlich werden lassen kann und der Überzeugung, daß wir uns ins eigene Fleisch schneiden würden, wenn wir hier oben nicht geschlossen allen Möglichkeiten gegenüberstehn, habe ich gestern eine Unterredung mit Köberl herbeigeführt und ihm meine Meinung eindringlich auseinandergesetzt. Ich habe weder Lust, über meinen Kopf weg Beschlüsse von feindselig gesinnten Leuten oder intriganten Autoritären à la Kain, Schwab, Wiedenmann, Olschewski, Elbert, Sauber zu akzeptieren, noch mich ein zweites Mal durch deren ekelhafte Manöver in eine verkehrte Stellung der Verwaltung gegenüber drängen zu lassen. Herr Kraus ließ bei seinem Speech an mich die Bemerkung fallen, ihm wurde berichtet, daß ich in der letzten Zeit „ruhiger“ geworden sei (als ob ich je Krach gesucht hätte). Aber mir war es bitter genug, von dieser Stelle aus eine Art Belobigung für Wohlverhalten zu kriegen. Da Köberl mir schon öfter gesagt hat, daß viele der alten Genossen den Konflikt gern beigelegt sähen, so habe ich ihm mein Einverständnis erklärt unter folgender Bedingung: 1). Der Boykott wird gegen alle Betroffenen aufgehoben, nicht etwa nur gegen mich. Ich sei mit Wittmann, Ringelmann, Weigand, Schmidt und Schreiber absolut solidarisch (der Fall Walter scheidet ja, da er auf andern Gründen beruht und W. zur Zeit seine 2 Monate Gefängnis absitzt, eo ipso aus). 2). Keine Feindschaft; aber deswegen auch keine Freundschaft nicht! Ich will nichts weiter, als der Verwaltung gegenüber eine geschlossene Front herstellen, die die Möglichkeit ausschließt, daß dort ein Teil gegen den andern ausgespielt wird. Verkehren will ich weiterhin, mit wem ich umgehn will und weiterhin meiden, wessen Verkehr mir nicht genehm ist. Nun bin ich gespannt, ob dieser Schritt, den ich ganz eigenmächtig unternommen habe – nicht einmal Seppl habe ich Mitteilung davon gemacht – zu dem erwünschten Ziel führt. – Vom Personenbestand ist zu verzeichnen, daß der Lichtenauer Genosse Hans Seidel gestern wegen Krankheit weggeschafft wurde. Niemand weiß, ob er hier im Lazarett liegt, ob er nach Donauwörth ins Krankenhaus oder vielleicht nach Erlangen in die Nervenheilanstalt gekommen ist. Da es das erste Mal ist, daß einer nicht hier in seiner Zelle behandelt wird, muß der Fall wohl sehr schwer liegen. Der arme Teufel leidet unter den Nachwirkungen eines Kopfschusses, und trägt im Schädel eine Silberplatte. Sein böser Nervenzustand war natürlich kein Anlaß, ihn nicht in „Festung“ zu setzen. Das dankbare Vaterland. – Äußeres: Über den Verlauf des dritten Kongresses in Moskau waren wir dank der Hauszensur völlig ohne Kenntnis. Allmählich kommen zusammenfassende Betrachtungen, aus denen sich gewisse Schlüsse ziehn lassen. So enthält das letzte Heft von Herzogs „Forum“ einen Aufsatz des „linken“ Parteizentrale-Kommunisten Friesland, der allerlei Einblicke gestattet. In sehr verlegenem Ton wird da von „Thesen zur Taktik“, die beschlossen wurden, geredet, die offenbar einen weiteren entscheidenden Schritt nach rechts, zum blanken Opportunismus und Reformismus und zur Vertagung der Revolution ad calendas graecas bedeuten. Auch geht aus diesem Artikel und Zitaten, die die „Leipziger Volkszeitung“ aus der „Kommun. Arbeiter-Ztg“ abdruckt, hervor, daß es jetzt selbst der KAP leid geworden ist, zu „sympathisieren“. Es scheint wahr zu sein, daß man ihre Vertreter von roter Polizei rausschmeißen ließ, und es wird jetzt von denen, die Rühle, Pfempfert etc. bisher Parteiverrat vorschmissen, in noch robusterer Melodie gegen Lenin und Trotzki „radikale“ Fanfare geblasen. Ich bin neugierig, was unser gewaltiger Stratege Elbert jetzt beginnen wird. Ich denke mir, er wird seiner KAP-Überzeugung lieber abschwören, als von den Zionswächtern des Mittelgangs selbst auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, den er am eifrigsten von allen geschichtet hat. Ob die entsetzliche Hungerkatastrophe jetzt nicht doch die Katastrophe der bürokratischen „Scheinsowjet-Republik“ herbeiführen wird? Tschitscherins offiziöse Dementis über Unruhen und Kämpfe werden kaum irgendwo noch geglaubt. Die Hilfsaktionen – alle – sind lächerlich. Sollen wirklich in Europa 50 Millionen Arbeiter auf den Tagesverdienst einmal im Monat verzichten – ein Gedanke, der phantastisch ist –, so wären 50.000 000 hungernden russischen Arbeitern und Bauern für einen Tag im Monat geholfen. Geldspenden sind Unsinn bei dem Ausmaß der Not. Harden macht den besseren Vorschlag, Maschinen und Waren im größten Stil und in internationaler Zusammenarbeit nach Rußland zu schaffen und Ingenieure, Ärzte, Medikamente hinzuschicken. Aber das von kapitalistischen Organisationen zu verlangen, ist ebenso phantastisch wie die Idee, das internationale Proletariat könne durch Sammlung die Rettung der russischen Hunger- und Seuchenopfer bewirken. Nur der Zwang des Proletariats, die von ihm geschaffenen Werte nach seinem Willen zu gebrauchen, könnte Hardens Idee fruchtbar machen: d. h. die Revolution, – und die scheint von der „Kommunistischen Internationale“ selbst preisgegeben. – Die predigt den Wahnsinn der Massenparteien, mit denen einmal die Macht erobert werden soll. Ich denke da ein wenig blanquistisch. Gestern habe ich Zäuner und Sandtner eine kleine Rechnung aufgemacht. In München waren – von beiläufig 400.000 erwachsenen Proletariern, Männer und Frauen – allerhöchstens 20.000 während der Zeit des Umsturzes revolutionär aktiv, also 5 % der „Masse“. Von diesen 20.000 waren mindestens 17.000 erst durch die akut gewordene Bewegung selbst in Bewegung gesetzt worden. Es waren also – höchstens! und das ist meiner Beobachtung nach noch viel zu hoch gegriffen – 3000 Personen, die vor Ausbruch der Revolution wirklich revolutionären Willen gehabt haben: noch nicht 1 % der „Masse“. Die Masse selbst aber besteht aus Spießern, auch die proletarische, die antibourgeois nur in dem Sinne sind, daß sie die Bourgeois beneiden und selbst gern Bourgeois sein möchten. Das Wesen des Spießers äußert sich im Wesentlichsten in Erfolgsanbetung. Das Gros sympathisiert mit absolut allem, was Erfolg hat. Landauer hat den ausgezeichneten Satz gesprochen: Wir brauchen keine Revolutionäre; wir brauchen Revolution! Ist die Zeit reif zur Revolution, so muß das erste Prozent sie veranstalten: 5 % werden sogleich geweckt werden und die Tatsache der Revolution befestigen. Sie genügen gegenüber der stagnierenden passiven Masse vollauf zum Erfolg, und haben wir den, so haben wir – außer dem 1 %, der auf der andern Partei den Willen zur Tat hat und den 4 %, die sich denen beim Akutwerden der Tat zugesellen würden, die 90 %, die sich „auf den Boden der Tatsachen stellen“. Als ob wirs im August 14, im November 18 und im April 19 nicht handgreiflich vor uns gesehn hätten. Die Kommunisten aber predigen jetzt wie ehedem die Sozialdemokraten: zählt Stimmen, und wenn wir die „Mehrheit“ haben, ist die Zeit reif zur Revolution. So buhlt man denn um die Bannausen, die Philister, die Passiven und Indifferenten, und – sehr natürlich – man macht Konzessionen an Ihre Banalität, Philistrosität, Passivität und ihren Indifferentismus. Elan und Temperament, Entschlossenheit und revolutionäre Kraft – alles ist hin. Vom revolutionären Ziel, vom Kommunismus, von der Räterepublik, – was ist übrig? Schlagworte, Versammlungsklischees. Die „Kommunisten“ haben den Kommunismus preisgegeben. Man erlöse ihn aus der Partei – und wir werden wieder Kommunisten haben.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 4. August 1921.

Die Gründe für Männleins Absonderung neulich erfuhr ich heute. Der Besuch der Mutter wurde nach 1 Stunde unterbrochen und M. zum Staatsanwalt gerufen, der ihn wegen des Liedes der Roten Armee elend zusammenstauchte. Darauf wurde auch die Mutter vorzitiert und ihr weiterer Aufenthalt beim Sohn verboten. Männlein kam wieder herauf, wurde aber nach kurzer Zeit neuerdings gerufen. Herr Kraus ließ ihn in Einzelhaft setzen, weil er nach der ersten Unterredung beim Verlassen des Zimmers eine Bewegung mit dem linken „Fuß“ gemacht habe, die als Ausdruck der Verächtlichmachung angesehn wurde. – Dieser Vorfall scheint in Olschewskis Kassiber geschildert gewesen zu sein, denn Männlein wurde nach dessen Konfiskation neuerdings zum Staatsanwalt zitiert, der in höflicher Tonart versucht hätte, die Sache anders zu deuten. – Heute lernte ich den Zensor der Anstalt kennen. Man rief mich und ein Herr stellte sich vor: „Polizeikommissär Kolbitzer, ich bin der Zensor.“ Es handelte sich um eine Aufklärung ziemlich gleichgiltiger Art. Der Mann war sehr höflich und sprach mir die mich sehr belustigende Anerkennung aus: „Ihre Briefe sind ja immer sehr nett.“ Ob er das literarisch, inhaltlich oder der Tendenz nach meinte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich gefällt es ihm, daß ich stets so schreibe, daß er keinen Grund zu Konfiskationen sieht; was natürlich den Grund hat, möglichst nicht für die Voluminosität meines Personalakts, sondern für die Unterrichtung des Empfängers Papier, Tinte, Zeit und Hirngrütze zu verschwenden. Aber auf ein so leutseliges Lob eines leibhaftigen Polizeikommissärs bin ich doch stolz. – In der Politik nichts Neues. Gestorben ist Enrico Caruso, der überschwänglich gefeierte Heldentenor. Ich verstehe nichts von seiner Kunst, die durchaus nur auf der Trainierung einer körperlichen Veranlagung beruht. Darin liegt keine Wertabmessung: mir persönlich sind die Künste, die auf geistigen Fähigkeiten ruhen, innerlich näher. Doch zeigt sich ja grade an der fanatischen Verehrung der Tenöre, die nur von der Begeisterung für die Kunst überboten wird, die ihre körperliche Grundlage am unverfälschtesten zur Schau trägt, das Boxen, daß die Erbauung des Genießers von seiner subjektiven Veranlagung abhängt. Ich erleide also für meine Person durch Carusos Tod keine Verarmung; umsoweniger als die Art, in der unsre Beziehung zu einander bis jetzt einzig gepflogen wurde, keinerlei Änderung zu erfahren braucht: sie beschränkt sich aufs Grammophon.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 6. August 1921.

Abschrift: „An den Herrn I. Staatsanwalt beim Landgericht I. München. Bei Gelegenheit einer richterlichen Vernehmung in der Sache Oskar Däubler wegen dessen angeblicher Beihilfe zur Flucht meines Genossen und Freundes Alois Lindner im Februar 1919, versuchte ich gestern Angaben zu Protokoll zu geben, die sich auf die der Flucht Lindners vorausgegangenen Ereignisse beziehen sollten. – Der vernehmende Richter erklärte mir die Unzulässigkeit meines Verlangens, da die von mir beabsichtigten Mitteilungen in keinem Zusammenhange mit der Angelegenheit Däubler ständen. Er verwies mich auf den Weg, den ich hiermit beschreite. – Da ich glaube, daß die Angaben, die ich über die Vorgänge vom 21. Februar 1919 zu machen habe, geeignet sind, die Voraussetzungen, auf denen sich später die Urteile in zwei Prozessen aufbauten, zu erschüttern, ersuche ich um meine Vernehmung in dieser Angelegenheit durch einen Richter. Erich Mühsam, Schriftsteller, z. Zt. Festungsgefangener.“

Anlaß zu diesem Schreiben, das jetzt fortgehn soll, gab mir der Umstand, daß gestern ein Richter von mir hören wollte, was ich von der Flucht Lindners wisse, da Oskar Däubler, den man deswegen in Innsbruck festgesetzt hat, der Begünstigung verdächtigt sei und mich, und außer Hagemeister noch Gustav Landauer als Zeugen angegeben habe. Ich erklärte, als es beim Namen Landauer hieß: „der Zeuge soll gestorben sein“: „Nein! der ist von den Regierungstruppen nach seiner Verhaftung ermordet worden.“ – Ich bin seinerzeit weder in der Sache Lindner noch in der des Grafen Arco vernommen worden, hatte also bisher keine Gelegenheit, meine Kenntnisse zu verwerten. Jetzt ärgerte mich die Tatsache, daß man nach 2½ Jahren alle alten Schmarren wieder ausgräbt, um womöglich noch einen Proletarier unglücklich machen zu können, derart, daß ich mir dachte: die Gelegenheit muß ergriffen werden. Die Leute sollen gezwungen werden, auch der Ermordung Eisners noch einmal nachzuspüren oder wieder einmal einzugestehn, daß die Justiz nur ein Auge verbunden trägt in diesem unserm bayerischen „Freistaat“. Immer noch prozessiert man gegen Arbeiter, die vor mehr als zwei Jahren für die Befreiung des Proletariats gewirkt haben. Da will ich versuchen, auch vom Kerker aus aufzudecken, was der andern Klasse peinlich sein muß. Gelingt es dabei, den Fall Lindner noch einmal in seiner ganzen Gräßlichkeit ins Bewußtsein der Zeitgenossen zurückzurufen, noch einmal zu zeigen, wen man als Ehrenmann und wen als Ehrlosen „zu Recht“ erkannt hat, so könnte das doch vielleicht die Stimmung der Öffentlichkeit zugunsten Lindners bewegen, und vielleicht fände sich auch Gelegenheit, den doppelten Strafvollzug gegen „Ehrenhäftlinge“ einmal unter den Scheinwerfer zu bringen, wenn man den Strahl dieses Mal nicht auf uns in Niederschönenfeld, sondern auf den Meuchelmörder in Landsberg fallen läßt. Daß ich keine Hoffnungen auf diese neue Aktion setze außer der, die Zöpfe wackeln zu lassen, ist selbstverständlich. Auf jeden Fall gibt es eine neue Gelegenheit, die Klassenjustiz sich so oder so dethronieren zu lassen. – Sonst heute nur zur Hauschronik: Gestern ist Schiebel vom I. Stock in Einzelhaft gekommen, weil er sich nach 10 Uhr, da er keinen Schlaf fand, noch auf dem Abtritt wusch. Heute folgte unser Ernst Ringelmann, weil er sich nachts mit Bibs in dessen Zelle unterhalten hat. Daß Fetsch die beiden im Gespräch überraschen konnte, ist nur möglich durch Denunziation vom I. Stock. Ein sauberes Geschmeiß! – Beide Schwerverbrecher sind obendrein mit Hofentzug bestraft. Der selige Drako kann sich verstecken vor dem unseligen Kraus. – Im Mittelgang ist eine geschäftige Bewegung im Gange, um mit uns Geächteten wieder in Lot zu kommen. Schwab (der mit Kain der Hauptförderer dieser pazifistischen Richtung sein soll) hat heute früh bei Ringelmann und Weigand angebohrt, zunächst mit dem Versuch, die beiden allein hinüberzulotsen, was völlig mißlang. Er verriet dabei, daß etwa ⅔ Majorität bereits für die Wiederaufnahme der Beziehungen sei, vor allen August Hagemeister und Wollenberg. Die Opposition werde hauptsächlich von Sauber, Elbert und Egensperger und sonderbarerweise von Gnad gestellt. Der Streitpunkt sei eigentlich nur noch Mühsam. Gegen die andern liege ja eigentlich garnichts vor. Also über mich scheint was „vorzuliegen“. Allem Anschein nach handelt es sich tatsächlich nur darum, daß ich „kein Kommunist“ bin, d. h. nicht ihre blöden, zu sozialdemokratischem Reformismus verpflichtenden Marken klebe. Nun – ich kann die Dinge getrost an mich herankommen lassen. Bis dahin werde ich hoffentlich auch ohne die Freundschaft Saubers, Wiedenmanns und Egenspergers auskommen, selbst, wenn ich auch Elberts Rückgratsverbiegungen dazu noch entbehren muß. – Der Witz, daß ich als „Nichtkommunist“ boykottiert werde, entschädigt mich für alles.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 7. August 1921.

Morgen soll der „Oberste Rat“ in Paris zusammentreten, um hauptsächlich die oberschlesische Angelegenheit zu regeln. Ob das definitiv gelingen wird, ist sehr zweifelhaft, daß aber die Haltbarkeit des Kabinetts Wirth einer gefährlichen Belastung ausgesetzt wird, ist unzweifelhaft. Dem Schein nach hat dieses Kabinett – wenigstens sein Chef – eine Politik getrieben, die man im bescheidenen Deutschland nach der „Revolution“ eine „linke“ nennt, insofern als mitunter, wo es billig war, eine Lippe gegen die Chauvinisten und Revanchebolde riskiert wurde. In Wirklichkeit hat man, grade aus lauter Rücksicht auf die Deutschnationalen, in der oberschlesischen Frage die Desperadopolitik fortgesetzt, die alle Vorgänger Wirths bei den Ententeregierungen in Mißkredit gebracht hat und die auf der absoluten Verkennung der eignen Situation und der psychologischen Einstellung des gesamten Auslands gegenüber den Deutschen beruht. Im Versailler Vertrag war ursprünglich das ganze strittige Gebiet den Polen zuerkannt worden. Erst bei den später konzedierten Milderungen der Bestimmungen (die den ahnungslosen Zeitungslesern regelmäßig als Vervollständigungen der Vernichtung Deutschlands durch die Gegner denunziert wurden) wurde die Volksabstimmung gewährt, wobei ausdrücklich das Recht der Siegerstaaten vorbehalten wurde, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Das Plebiszit sollte dabei nur mitbestimmend wirken, wo „in“ (nicht „um“) Oberschlesien die künftigen Grenzen zwischen Deutschland und Polen laufen sollten. Wenn jetzt die Reichs- und Landesregierungen, die Parteien und Parlamente, die Volksversammlungsresolutionen und Zeitungssalbadereien unausgesetzt plärren: die Volksabstimmung habe 60 Prozent deutsche Stimmen ergeben, die Mehrheit des seit 700 Jahren deutschen Landes habe also entschieden, daß es bei Deutschland zu bleiben wünsche, und „der Versailler Vertrag“ (daß es sich um eine spätere Korrektur des Vertrags handelt, wird überall verschwiegen) gebiete somit, daß Oberschlesien „ungeteilt“ bei Deutschland zu verbleiben habe, so fragt man sich wirklich, ob nur noch Schwindler und Narren in Deutschland zur Politik zugelassen werden. Wenn es wahr wäre, daß man Oberschlesien als „rein deutsches Land“ ansehn müsse, dann wäre es doch ein tolles Zeugnis für die 700jährige Wirtschaft der Preußen dort, daß sich bei der Abstimmung vier Zehntel aller Einwohner für Polen entscheiden, obwohl man aus Deutschland und Österreich jeden verborgenen Oberschlesier aufgabelte und zur Abstimmung in die Heimat schaffte und obwohl die polnische Valuta noch außerordentlich viel schlechter steht als die deutsche. Es ist garkein Zweifel, daß das Industriegebiet, das überwiegend für Polen votiert hat, von Deutschland abgetrennt wird. Dann hat die Regierung des Herrn Dr. Wirth ausgepfiffen, sehr wahrscheinlich werden die Stresemänner die Erbschaft übernehmen, was zur Folge hätte, daß die „Erfüllungs“-Politik abgestoppt würde und demnach die Entente zu neuen „Sanktionen und ähnlichen Annuitäten“ (eine Sprachblüte des großen M. d. L. Fritz Sauber) schreiten würde, die sehr wahrscheinlich dieses Mal Bayern in hervorragendem Maße zu spüren bekäme: denn die bayerische Entwaffnungskomödie nimmt in Frankreich kein Mensch ernst, und sie wird so oder so in absehbarer Frist wieder auf dem Erpressungsspielplan erscheinen. Vermutlich wird man sich in Paris nicht nur mit Oberschlesien befassen, sondern mindestens auch die Leipziger Prozeßfarce behandeln. Dabei wird wohl beschlossen werden, daß die Kriegsübeltäter künftig vor einem Gerichtshof der Alliierten zu erscheinen haben, und dann wird’s erst recht wieder nationalistisches Hallo geben bei uns. – Ob man sich an die brenzlichen Fragen des internationalen Kuddelmuddels herantrauen wird? Die russische Hungerkatastrophe wird wohl mit einigen scheinheiligen Phrasen berührt werden. Das griechisch-türkische Kriegsspiel, bei dem man Sieger und Verlierer noch immer nicht recht auseinanderkennt, wird wohl nach Kräften ignoriert werden, und das spanische Debacle in Marokko wird man jedenfalls zunächst gern die Spanier selbst ausfressen lassen, bis die Lage wieder soweit konsolidiert ist, daß man die „pénétration pacifique“, d. h. die schmutzige Auspowerung der armen, aber selbstbewußten Berbervölker wieder in Konkurrentengemeinsamkeit beginnen kann. – Die Vorbereitungen zum Zusammenbringen des „Obersten Rats“ haben diesmal sehr lange gedauert und viel Gestank entwickelt. Die europäische Politik – an der sich Amerika nur mit Glacéhandschuhen befaßt – gleicht heute mehr als je einem bedrohliche Schwefeldünste ausströmenden Vulkan, der jede Minute zur Entladung kommen kann. In welcher Form das geschieht, ist ganz ungewiß. Leicht möglich, daß der nächsten Revolution in einem Lande Europas erst noch ein neuer Krieg vorausgehn wird, und sehr möglich, daß – wenn beispielsweise dieser Krieg ein deutsch-polnischer sein sollte – der Schauplatz das deutsche Reich sein wird. Von „konsolidierten“ Verhältnissen zu reden, bringen unter solchen Umständen nur bayerische oder preußische Kahrioten fertig, die sich durch Aufrechthaltung und ständige Verschärfung der Vergewaltigungspolitik gegen politisch Andersgesinnte selbst Lügen strafen. – Von der Niederschönenfelder Innenpolitik ist heute wenig zu vermerken: nur daß die Disziplinierungen Ringelmanns und Schiebels von vornherein auf 3, bzw. 2 Tage limitiert waren. Das geht ganz militärisch vor sich: 2 Tage Mittel! – ferner: Ringelmann ist tatsächlich auf Grund einer Denunziation vom I. Stock reingefallen. Als Denunziant wird Dosch genannt, der also hier die gleiche Rolle spielt, auf der wir ihn schon vor 1½ Jahren in Ansbach ertappt hatten. – Im Hof stehn zwei Möbelwagen. Daraus schließen manche, daß Kraus nach den Bloßstellungen in der gesamten Weltpresse gehn muß. Möglich. Ich halte aber solche Kombinationen für ganz müssig. Solange die Kahr-Roth-Regierung überhaupt noch die Geige in diesem Lande spielen darf, kann es uns hier ganz egal sein, ob unser Kerker in Vollmannscher oder Krausscher Methode verriegelt wird. Auf gesetzliche Behandlung oder auch nur auf Respektierung als Menschen haben wir nicht zu rechnen, solange kein Wille zur Gerechtigkeit, sondern statt dessen die Rücksicht auf „völkische Belange“ unser Schicksal bestimmt. Ich glaube heute noch, daß die Kahr-Regierung nur an einem Faden hängt, der stündlich reißen kann. Solange er hält, interessiert mich der Name des Vorstands, der uns schinden darf, sehr wenig. Überdies ist nach allen unsern Erfahrungen hier etwas Schlechtem noch nie etwas Besseres gefolgt.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 8. August 1921.

Clemens und Adolf sind heute wieder oben erschienen, ebenso Ernst Ringelmann, bei dem ja von vornherein nur 48 Stunden Absonderung verhängt waren. Für die beiden andern dauert Schreib-, Besuchs- und Paketverbot fort. – Sonst hier innen nichts von Belang. – Was außen in aller Welt vorgeht, ist so mannigfacher Art, daß die Beschäftigung damit immer nur wie eine Art Würfelspiel im Glückshafen betrieben werden kann. Häufig merke ich, wenn ich nachträglich durchlese, was hier steht, daß ich die allerwichtigsten Ereignisse kaum oder garnicht gestreift habe. Beispielsweise bin ich noch nie dazu gekommen, die Weltwoge des weißen Terrors im Zusammenhang zu betrachten. Denn schließlich ist ja Bayern nur für Deutschland in dieser Hinsicht charakteristisch, weil es zum Unterschied der übrigen Reichsstaaten, ohne die Klassendiktatur noch demokratisch zu bemänteln, ganz brutal die eigne Verfassung ignoriert, wo sie den Nationalathleten im Wege ist. So geht man jetzt trotz der prinzipiell ausgesprochenen „Trennung von Kirche und Staat“ daran, die Bezüge des Klerus auf Staatskosten um weit mehr als das Doppelte zu erhöhen. – Sehr eigenartige Vorfälle haben in den letzten Tagen die Aufmerksamkeit nach Danzig gezogen. Dort hat man aus der Sitzung des „freistaatlichen“ Parlaments weg zwei kommunistische Abgeordnete einfach verhaften lassen durch einmarschierende „Schupo“ und andre für den Kapitalismus Bewaffnete. Der Versuch eines Generalstreiks wurde natürlich durch technische Nothilfe und gewerkschaftliche Sabotage erstickt. Noch viel toller ist, was sich zur Zeit in Serbien begibt. Dort hat man ein Gesetz gegen die Kommunisten beschlossen, das an offenherziger Klassenbrutalität das deutsche Sozialistengesetz und alles, was je an Ausnahmegesetzen da war, völlig verdunkelt. Es handelt sich um ein blankes Vogelfreierklären jedes Kommunisten und bedeutet offenbar die gesetzliche Sanktionierung der in Ungarn unter Ausnahmezuständen geübten Methoden für Serbien als Regel. Das Erfreuliche bei dieser Sache ist, daß den 50 kommunistischen Abgeordneten einfach ihre Sitze im Parlament genommen wurden. So werden wohl die Arbeiter langsam merken, wie weit sie damit kommen, daß sie ihre Mandatare in die bürgerlichen Parlamente schicken. Die „Kommunistische Internationale“ freilich weiß immer noch keinen besseren „revolutionären“ Rat als trotz Bayern (wo von 6 kommunistischen Abgeordneten 4 eingesperrt sind – außer 2 Unabhängigen), Danzig, Ungarn, Serbien das allgemeine, gleiche, geheime, direkte, proportionale Wahl„recht“ für Männer und Frauen auszuüben. – Die „Münchner Post“ befaßt sich heute in einem Leitartikel mit dem Weißen Schrecken in allen Ländern und schlägt ein Kreuz nach dem andern über die schreckliche Diktatur der bevorrechteten Klasse. Etwas Widerlicheres als diese sozialdemokratische Entrüstung ist mir nicht ausdenkbar. Wem verdanken wir denn alle diese Greuel? Wenn die Münchner Sozi vom natürlichen Zusammenbruch beispielsweise der Münchner Räterepublik plärren, dem notwendig der Weiße Schrecken habe folgen müssen, so wollen diese Schufte vergessen machen, daß dieser „Zusammenbruch“ ein Zusammenhauen des Proletariats war durch außerbayerische, viehisch verhetzte, von Verleumdungen und jeglicher Tücke entsetzlich fanatisierte Landsknechte, die niemand anders ins Land geholt hatte als eben sie, die Sozialdemokraten, die auch die ganze Mordhetze gegen uns systematisch organisiert haben, der Landauer neben vielen braven Genossen zum Opfer fiel. Die infame Behauptung, Landauer und ich verlangte die „Verstaatlichung der Frauen“, war z. B. sozialdemokratische Erfindung. Und es gibt noch Nummern des „Freistaats“ und Hoffmann-offiziöser Flugblätter genug, die die Schandtaten dieser „Proletarier“-Partei für alle Zukunft aufbewahren. Damit stimmt das Verhalten der Sozialdemokraten im Ausland völlig überein. In Serbien haben sich bei der Abstimmung über das niederträchtige Antikommunistengesetz im Parlament die „Sozialisten“ der Stimme enthalten(!) und in Danzig war der Polizeisenator, der die konterrevolutionären Bewaffneten herbeirief ein früherer Gewerkschaftssekretär. – In Sachsen – das sich einer „rein sozialistischen“ Regierung erfreut, hat der Mehrheitler Harnisch als Justizminister eine Rede gehalten, in der er in den chauvinistischsten Tönen an Deutschlands „Waffenehre“ appellierte, und man braucht ja bloß an die Namen Noske, Hörsing, Heine e tutti quanti zu denken, um das Geschmeiß, das diese Halunken immer noch als „Genossen“ unter sich duldet, richtig zu bewerten. In meinem alten „Kain“ fand ich dieser Tage, als ich dem Seppl und dem Ringelmann und Weigand draus vorlas, folgenden Satz, den ich im August 1912 veröffentlicht habe: „Wären die deutschen Behörden nicht so vernagelt, den sozialdemokratischen Staatspositivisten den Eingang zu den Verwaltungsämtern zu versperren, so hätten sie längst die Erfahrung gemacht, daß sie in ihnen die pflichttreuesten Hüter der kapitalistischen Einrichtungen besäßen.“ – Wie wenig gehörte dazu, das zu erkennen. Heute aber, wo die „Revolution“ die erschütterndste Probe auf das Exempel gemacht hat, muß sich der Einzelne, der es erkannte und der damals als Verrückter und Verräter geächtet wurde, wie ein Prophet anstaunen lassen von denen, die inzwischen gelernt haben. Da er sich aber das Prophezeien banaler Selbstverständlichkeiten noch nicht abgewöhnt hat und findet, daß die Wiederholung alter Sünden auch die Wiederholung ihrer Strafen nach sich ziehn wird, hört er nicht auf, Verrückter und Verräter zu sein. Man muß sich damit abfinden.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 10. August 1921

Für die kurze Zeit, bis „Spazierhof“ gerufen wird, ein paar häusliche Kleinigkeiten. Zuerst aber ein privates Ereignis: heute mittag hatte ich Besuch von Siegfried: 2 Stunden mit Aufsicht, die von einem Aufseher geübt wurde und in jeder Hinsicht erträglicher war als damals bei Zenzls Besuch. Ich hatte den Jungen über 2 Jahre nicht gesehn und fand einen erwachsenen Menschen, der für seine nicht ganz 19 Jahre verständig und ernst genug ist. In den zwei Stunden konnte natürlich alles Interessierende kaum gestreift werden, und es hat wenig Zweck, Gäste unter diesen Umständen kommen zu lassen. Im allgemeinen bestätigt Siegfried das Bild, das ich mir sowieso von der Arbeiterschaft draußen gemacht hatte: völlige Apathie, unentwegtes Vertrauen zu den „Führern“, die – mögen sie sich MSP, USP, VKP oder KAP betiteln, mit mehr oder weniger radikalen Sprüchen die große Bremse ölen. – Gestern wurde mir wieder „eröffnet“, daß ein neuer Brief von der Resl, da er „ebenso beleidigende wie unbegründete Kritik der Verwaltung enthält“ zu den Akten kam. Ich habe dem Mädel jetzt sagen lassen, daß sie künftig nicht für den Zensor, sondern für mich schreiben möge. – Personalia: Heut früh ist Vogl auf Bewährungsfrist entlassen worden, ein junger Rotgardist, der in den Maitagen in München tapfer seinen Mann im Straßenkampf gestanden hat und dem ich deshalb seine Solidarität mit den „Intellektuellen“ unten, die es verstanden, diese harmlosen Burschen einzuseifen, nicht übel nahm. Vorgestern schon erhielt ganz überraschend Ellenbeck seine Entlassung auf Bewährung. Er war mit den Lichtenauern hergekommen, ursprünglich im 2. Stock untergebracht, hatte sich aber bald hinuntergemeldet, hatte sich zu jeder Verwaltungsarbeit verstanden, die ihm angetragen wurde, – und das sind hier die Mittel, eine „gute Führung“ bestätigt zu erhalten. Mit ebensolchen Mitteln hat auch Anreither es erzielt, daß man ihn morgen laufen läßt. Alle drei haben vom Gericht je drei Jahre zudiktiert erhalten. Seppl aber, der bloß 2½ Jahre hat und dem obendrein das Gericht selbst Bewährungsfrist nach Ablauf der Hälfte zuerkannt hat, muß, weil er Charakter gezeigt hat, die ganze Strafzeit absitzen. Die vielen kranken Genossen im Hause müssen aushalten. Nervenanfälle, schwere Herzleiden, alle möglichen Folgen von Kriegsverwundungen und -Verschüttungen helfen nichts. Nur durch Unterwürfigkeit hilft man sich heraus. So hat Murböck, dem jedes Mittel recht ist, sich jetzt dazu hergegeben, mit dem Dosch gemeinsam Weberarbeiten für die Anstalt zu machen, unter den entwürdigenden Bedingungen, die jetzt eingeführt sind. Mögen sie glücklich werden dabei, – aber mögen sie sich in Zukunft von der revolutionären Arbeiterbewegung fernhalten!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 11. August 1921.

Neuerdings in Einzelhaft: Schmid-Burglengenfeld und Reutershann wegen einer Rauferei, für beide gleich auf 2 bzw. 3 Tage limitiert. – Ferner: Die „Aktion“, das letzte wirklich revolutionäre Blatt, das wir noch zu lesen bekamen, ist uns nun auch gesperrt. Interessant ist dabei, daß mit der Nummer, die ihres „hetzerischen“ Charakters wegen dieses Verbot verursacht hat (eine Spezial-Hölz-Nummer) auch gleich der Bücherkatalog beschlagnahmt wurde, den der Verlag in Heftform beigelegt hatte. Wir dürfen also nicht mal mehr erfahren, welche Schriften man beim „Aktion“-Verlag bestellen kann. Für mich ist das insofern unangenehm, als ich mich gern überzeugt hätte, ob endlich meine Einigungsschrift erscheinen wird oder nicht (möglicherweise war aber grade diese Orientierungsmöglichkeit über mein Buch der Anlaß zu der seltsamen Konfiskation). – Von den Weltereignissen erfahren wir nur Fragmentarisches. Da nun sämtliche anarchistische und kommunistische Blätter uns entzogen sind (die sich anarchistisch nennende Zeitschrift des „Pierre Ramus“ in Wien, die einen ledernen Allerweltspazifismus und eine Halbwissenschaft verzapft, daß es einem Kotfresser übel werden kann, zähle ich nicht), müssen wir uns über die uns am nächsten angehenden Angelegenheiten aus sozialdemokratischen oder bürgerlichen Blättern informieren, erfahren also so gut wie überhaupt nichts. Eine kleine Notiz, die ein bürgerliches Depeschenbüro verbreitet, läßt Kombinationen zu. Danach habe die KAP das Ultimatum Moskaus, sie müsse, wenn die III. Internationale sie weiterhin als „sympathisierende“ Partei anerkennen soll, die Einigung mit der VKPD vollziehn, will sagen, in diesem neusozialdemokratischen Opportunitätsbrei aufgehn, abgelehnt und rufe jetzt zur Gründung einer neuen, alle oppositionell gegen Moskau stehenden Revolutionsparteien und -verbände umfassenden Internationale auf. Ob man auf den Vorschlag zurückkommen will, den ich seinerzeit in meinem Brief an Pannekoek machte und alle Gruppen und Individuen, die sich auf dem Boden der Rätediktatur zusammenfinden können, föderativ vereinigen will? Hoffentlich macht man nicht die Dummheit, den Kampfruf „Gegen Moskau“ als Hauptparole zu schmettern. Die revolutionäre Tat der Russen ist ewig groß. Der revolutionäre Instinkt müßte es verbieten, das Gefühl der besten Revolutionäre der Welt dadurch zu kränken, daß man die Meinungsverschiedenheit, die den Anschluß an Moskau verbietet, zur Vorlage hysterischer Haßfanfaren macht. Man muß sich in einer Form föderieren, die es der Moskauer Internationale möglich macht, sich korporativ darin einzufinden, – auch wenn Sinowjew zunächst allen seinen Hohn über das neue Gebilde ergießen sollte. – Ich wollte, ich wäre jetzt draußen und könnte die internationale Räteföderation organisieren helfen. Tröstlich ist mir, daß wenigstens mein Vorschlag rechtzeitig veröffentlich ist. – Jetzt möchte ich gern wissen, ob Pannekoek immer noch mit der III Internationale „sympathisiert“ oder ob er die Haltung der KAPD billigt. Und recht lustig wird es sein, hier drinnen zu beobachten, wie sich der KAP-Gewaltige Elbert mit der Kratzbürstigkeit seiner Partei abfinden wird. Ich taxiere, er wird sein Ansehn im Mittelgang – wo man nach einem seiner eignen Lieblingsworte verlangt, daß in Reih und Glied marschiert wird – über die bisher gepredigte Gesinnung stellen und alles, was er gegen Spartakus gesagt hat – und das war nicht wenig und nicht sanft – gehorsam abschwächen. Charakter war nie die stärkste Seite unsres Hans Elbert. – August Sandtner erzählt, aus Rußland zurückgekehrte Genossen berichteten, daß am Kreml die Bilder der gefallenen und gefangenen bekannten Revolutionäre aus aller Welt außen an einer Mauer verewigt seien, und unter den Deutschen sei da auch neben den Bildern Liebknechts, Luxemburgs, Landauers etc. das meinige angebracht, da kein Unterschied der Richtung hervortrete. Wie unangenehm für unsre Patentkommunisten hier, wenn sie es erfahren. Sie werden sich gewiß beeilen, an Lenin zu berichten, daß ich inzwischen für konterrevolutionäres Verhalten boykottiert werden mußte. Wenn diese guten Leute nur einmal begreifen wollten, wie albern sie das macht, was sie für ihren Charakter halten!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 12. August 1921.

Außer der „Aktion“ wurde gestern abend auch noch der „Kommunismus“, die Wiener theoretische Zeitschrift, verboten, sodaß uns nun auch die Kontrolle des akademischen Meinungsaustauschs unter den Kommunisten entzogen ist. Ich erwähnte hier schon, daß ich und meine Freunde diese Revue plötzlich nicht mehr erhielten. Auf meine Reklamation in Wien erhielt ich nun von den drei letzten Nummern je 5 Exemplare zugestellt, die Nummern also, die den übrigen schon ausgehändigt waren. In einer von ihnen war ein Brief aus Niederschönenfeld enthalten, der dem Zensor entgangen war, und den er jetzt jedenfalls entdeckt hat. Ohne die Gemeinheit der Patentkommunisten gegen uns (an der ich nicht zweifeln kann) hätten wir seinerzeit mit allen übrigen die Hefte erhalten, und der betreffende Artikel wäre dem Zensor nie mehr vor die Augen gekommen. Jetzt wurde ich gestern nachmittag noch einmal hinuntergerufen und mir eröffnet, daß die 15 Hefte „Kommunismus“, die für mich eingetroffen seien, wegen agitatorischen Inhalts nicht ausgeliefert, sondern an den Verlag in Wien zurückgesandt werden; ferner, daß die Zeitschrift wegen ihrer „mehr und mehr ins hetzerische Fahrwasser geratende Schreibweise“ (sie enthält fast nur theoretische Auseinandersetzungen) an die Festungsgefangenen in Zukunft nicht mehr ausgehändigt werde. Die Müllersche Hausordnung bewilligt uns das Lesen von Büchern und Zeitschriften ohne Unterschied der politischen Richtung. Um unsre Rechte ist es wunderbar bestellt! – In Paris knobeln die Herren vom „Obersten Rat“ immer noch um das Schicksal Oberschlesiens. Zu welchem Resultat man kommen wird, ist noch nicht klar zu erkennen. Daß man die französisch-englischen Wirtschaftsdivergenzen angesichts der deutschen Spekulationen darauf verwischen und zu irgendeinem für alle Teile unbefriedigenden Kompromiß kommen wird, ist zweifellos sicher. Jedoch scheint [sich] meine Annahme, daß man sich mit einem Provisorium behelfen werde, nicht zuzutreffen. Man will offenbar zu irgendeinem Definitivum, sei es auch auf Kosten der Aufrechterhaltung der natürlichen Wirtschaftseinheiten, kommen. Der blödsinnige Glaube aller „Staatsmänner“, daß man durch politische Grenzen Völker gegen einander interessieren oder gegen einander interessierte Wirtschaftsgebiete zu einander zwingen müsse, dieser Glaube, der die Hauptursache aller Kriege ist und bleiben wird, bis ihn die Völker als Aberglauben erkannt haben werden, wird jetzt auch Oberschlesien in neue Wirren und Schlägereien verwickeln. Vorläufig sitzt der Wahn allerdings noch allgemein fest, und ich besitze eine photographische Wiedergabe einer Berliner Lustgarten-Demonstration für Oberschlesien, das ungeteilt deutsch bleiben müsse – durch den Dreifarbenanstrich von Grenzlatten! –, worin friedlich nebeneinander Plakate der deutschnationalen und der kommunistischen Partei getragen werden. Das Proletariat müßte endlich zu der Einsicht gebracht werden, daß das Ziehen oder Verändern von Staatsgrenzen seine Interessen überhaupt nicht berührt und daß seine revolutionäre Aufgabe dahin geht, die zukünftigen, von Räten geleiteten Arbeits- und Austauschgebiete mit ihren verschwimmenden politischen Grenzen durch Unionsverbände zu bestimmen und miteinander zu verknüpfen. Solange freilich die Leidenschaften der Ausgebeuteten auf parlamentarische Aktionen gelenkt werden, die kapitalistische Staatsgrenzen voraussetzen und bedingen, ist auch bei den revolutionärsten Kommunisten kein Verständnis für solche Selbstverständlichkeiten vorauszusetzen. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, um auch nur die Grundkenntnisse vom Sozialismus den deutschen Revolutionären beizubringen. Der Weg zu den Köpfen und Herzen der revolutionären Massen führt durch die Phrasenexkremente ihrer bisherigen „Führer“. Welcher Herkules räumt diesen Augiasstall einmal auf?

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 13. August 1921

Häusliches: Bindl erschien heute wieder an der Oberfläche (der Mensch, der mit den Lichtenauern eintraf, und dem ich im Leben nie etwas getan habe, verachtet mich abgründig aus mir unbekannten Gründen; – helf er sich!). Dagegen soll Toller heute in Einzelhaft gekommen sein, was aber noch der Bestätigung bedarf. Sicher ist, daß er zum mindesten mit Schreibverbot und den üblichen Nebenstrafen diszipliniert ist. Gründe: er hat seinem Partei-Anwalt Rosenfeld geschrieben, er möge die vom Reichstag beschlossene Nachprüfung der Sondergerichtsurteile wegen der Osteraktion auf die im Anschluß daran in der Sprengstoffgeschichte verurteilten Münchner Genossen auszudehnen versuchen. (Die Begnadigung des Genossen Franzke von Sangerhausen, dessen 6 Jahre Zuchthaus in 2 Jahre Festung umgewandelt wurden bei seiner gleichzeitigen Haftentlassung, veranlaßt Tobsuchtsausbrüche der Nationaille, besonders in Bayern, wo man schon fürchtet, uns eines Tages wiedersehn zu können). Toller hat sich also in Angelegenheiten Dritter eingemischt und damit den Zorn des Allmächtigen erregt, dessen warmem Herzen ja beim Gelingen solcher juristischer Auslegungskniffe eine ganze Reihe zu schleifender Strafobjekte entgehn könnte. – In der „Münchner Post“ steht eine andre Kleinigkeit, an der der zensierende Argus vorbeigesehn hat. Danach ließ sich Klingelhöfer alte Nummern der „Münchner Post“ und der „Neuen Zeitung“ vom Jahre 1919 kommen, die er zu einer Arbeit über die Entwicklung der Betriebsrätebewegung brauchte. Sie wurden der Betriebsrätezentrale, die die Blätter besorgt hatte, von dem Festungsvorstand mit dem Bemerken zurückgesandt, daß diese Schriften geeignet seien, den „Betrieb“ der Anstalt zu stören. – Seit langem ist mir in Aussicht gestellt, daß sich der Schutzverband Deutscher Schriftsteller darum kümmern werde, daß uns durch den derzeitigen Vorstand jede Eigenbeschäftigung unterbunden wird. Aber das Interesse der „geistigen“ Deutschen für Behördengewalt und deren Mißbrauch ist nie sonderlich groß gewesen. Im übrigen wird die Arbeit im Dienste der Anstalt neuerdings mehr gefördert. Aber wenn auch jetzt die tollste Entwürdigung dabei, die Einsperrung, aufgehoben ist, bleibt diese Arbeit doch recht unschön: gegenseitiges Besuchen in den im Parterre eingerichteten Arbeitsräumen ist nicht erlaubt, und das Ganze hat völlig Gefängnisstil. Dazu kommt die Entlohnung in der Höhe der landesüblichen Arbeitslosenunterstützung (6 Mark täglich), was auf Unterbietung der Arbeiter draußen und also auf unsaubere Konkurrenz hinausläuft. Bis jetzt sind 7 Mann von den F. G. in den Anstaltswerkstätten beschäftigt, darunter auch unser Bibs (in der Schneiderei). Ich kann’s verstehn, aber nicht billigen. Die Entrüstung unsrer Oberzentrale im Mittelgang werde ich aber, wenn sie sich gegen den Bibs bemerkbar machen sollte, zu dämpfen wissen: Schwab hat schon vor einem Jahr in Ansbach eifrig für die Verwaltung Holz geschnitten; ich war damals von uns fünfen der einzige, der nicht mittat. – Im übrigen sollen hier 45 Vormeldungen für Beschäftigung in den Werkstätten bei der Verwaltung liegen. Der Vorstand entscheidet, wem die „Vergünstigung“ zuteil werden darf! – Die Pariser Konferenz hat einen überraschenden Ausgang genommen. Die oberschlesische Frage zeigte allmählich doch soviel Kanten, daß eine Einigung zwischen dem britischen und dem französischen Standpunkt unmöglich schien. Lloyd George wurde überdies zu einer schleunigen Konferenz in der irischen Angelegenheit nach London zurückberufen (bestellte Arbeit?) – und so schien die Konferenz gescheitert und die Entente cordiale schwer geritzt. Im letzten Moment hat man einen sehr geschickten Ausweg gefunden, der die moralische Position der Streitenden gegenüber Deutschland ungeheuer festigt – selbstverständlich suchen unsre Schmöcke grade den entgegengesetzten Eindruck zu suggerieren und finden sich teils ironisierend teils jammernd ab –: man übergibt die Angelegenheit dem Völkerbund zur Regelung. So hat man erst einmal Zeit gewonnen, die zu unterirdischem Intrigieren verwendet werden kann, nachher wird sich schon alles finden. Die Wirkung für Deutschland ist die, daß das Kabinett Wirth verschnaufen kann, sodaß also wohl in den nächsten Wochen weder ein neuer Regierungswechsel im Reich noch etwa die Auflösung des Reichstags zu erwarten ist, (die kommt zuverlässig bei den Auseinandersetzungen über die neuen Steuern, die nach dem Entwurf wieder mal von den Konsumenten beinah allein getragen werden sollen. Darüber ein andres Mal.) – Solange aber die Regierung Wirth da ist, scheint die Entente Deutschland möglichst ungeschoren lassen zu wollen. Wir haben daher das größte Interesse daran, den Alldeutschen Erfolge zu wünschen. Mit dem Augenblick, wo eine rechtsorientierte Reichsleitung kommt, setzen automatisch neue Ententeschikanen ein, wird für Bayern speziell die Entwaffnungsfrage wieder akut, – und alte Blütenträume haben Aussicht zu reifen, da Eingriffe von außen das beste Mittel sind, Arbeiter und Bauern ernsthaft rebellisch zu machen. – In Bayern selbst geht’s lustig genug zu. Die Juden-Pogrome werden kaum mehr lange auf sich warten lassen. Der Krawall in Memmingen war ein vielversprechender Auftakt. Ich gönne dem Schieber, der für die Volksbelustigung herhalten mußte, die Lehre von Herzen; es ist nur kläglich daß er nicht für die Wuchereien gezüchtigt wurde, sondern für seinen jüdischen Namen und daß man befürchten muß, die verhetzten Bajuwaren werden das nächste Mal nicht einen Käsespekulanten demütigen, sondern sich auf arme jüdische Trödler stürzen, die auf Schutz der Regierung Kahr-Roth selbstverständlich nicht zu rechnen hätten. Was gegen Juden oder Revolutionäre geschieht, ist in diesem „Freistaat“ sakrosankt: siehe den Grafen Arco!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 14. August 1921.

Heute vor 8 Tagen erhielten wir statt der Zeitungen, die sonst auch Sonntags ausgegeben wurden (nur Briefe erhielten wir Sonntags nicht) überhaupt keine Post. Da sie auch heute wieder ausgeblieben sind, ist anzunehmen, daß ein neuer Usus eingeführt ist. Neuigkeiten in der Politik habe ich daher heute nicht zu notieren und kann mich häuslichen Angelegenheiten zuwenden, deren es seit den 3 Monaten, die Herr Kraus uns nun betreut, nie ermangelt. Also Toller ist wirklich in Einzelhaft, und zugleich wurde auch Tobiasch „abgesondert“. Er soll einen Aufseher mit „Lackl“ tituliert haben. Wahrscheinlich wird er Gründe gehabt haben, sich über den Mann zu ärgern, und wir sind ja jetzt allmählich so weit, daß diese subalternen Kerkerhüter von oben herunter jedes Schutzes sicher sein können, wenn sie uns schikanieren und provozieren. Ich habe hier von den Kleinigkeiten, mit denen unsre Nerven Tag für Tag gereizt werden, nie besonders Notiz genommen. Man wird sie völlig gewöhnt und denkt nachher kaum mehr dran. Aber hier ist ein Beispiel: Neuerdings wird das Eßgeschirr zu jeder Mahlzeit mit einem lächerlichen Aufwand von Personal auf die verschiedenen Tische verteilt, wo gegessen wird. Die Strafgefangenen von der Gefängnisabteilung kommen nur noch mit starker Aufseherbedeckung in unsre Domäne. Dann werden Teller und Bestecke mit sorgfältigster Pedanterie gezählt und notiert. An unserm Tisch im Seitengang essen 9 Genossen: wir 6 Boykottierten, ferner Uhrmann und die beiden Münchner: Seebauer und Schade. Als das Essen verteilt wurde, stellte sich heraus, daß je 1 tiefer und 1 flacher Teller fehlte. Der Aufseher behauptete, es seien je 9 hingestellt worden, da es so notiert sei. Demgegenüber stellte Uhrmann fest, daß er bei der Auszählung zugehört habe und genau gehört habe, daß es hieß: 8 tiefe, 8 flache Teller. Das stimmte also auch mit der tatsächlichen Zahl der Gedecke überein, und da wir 9 allesamt erklärten, daß keiner von uns einen Teller fortgetragen habe, war es klar, daß der Aufseher sich verschrieben haben mußte und daß der Irrtum bei ihm läge. Aber ein Aufseher kann sich nie irren, auch wenn 9 Festungsgefangene es beweisen und die Tatsache ebenfalls gegen ihn spricht. Die einzige Möglichkeit für seine Behauptung war die, daß einer von uns die beiden Teller gestohlen habe. Und siehe da: diese Möglichkeit wurde uns auch sofort als viel wahrscheinlicher dokumentiert als etwa ein Irrtum eines Beamten. Ohne weiteres suchten, während wir noch bei Tisch versammelt waren, drei Aufseher Zelle für Zelle ab, ob wir die Teller nicht doch geklaut hätten. Ein Versuch uns das energisch zu verbitten, eine Beschwerde gegen eine so niedrige Beleidigung, ein Wort der Entrüstung den eignen Genossen gegenüber, würde mit wochenlanger Einzelhaft geahndet werden. Man muß es sich einfach bieten lassen. Außerdem aber haben wir zu gewärtigen, daß man uns die beiden fehlenden Teller, die heute mindestens 10 Mark kosten, auch noch bezahlen läßt (und unser Geld befindet sich ja in Obhut der Verwaltung). Denn nicht der tatsächliche Bestand des Geschirrs steht fest, sondern bloß die tägliche schriftliche Aufzeichnung des betreffenden Aufsehers, und macht der Mann einen Schreibfehler – was allerdings, scheint’s, bei einem bayerischen Beamten niemals passieren kann, – und er hat beim Aufdecken 9 Teller notiert und findet beim Abdecken nur 8 vor, so werden eben die Festungsgefangenen des betreffenden Tisches haftbar gemacht. Derartige Fälle sind schon unter Vollmann vorgekommen. – Ich habe den Fall, der an sich garnicht bedeutungsvoll ist, bloß als einen von Dutzenden festgehalten, um mir später mal die ganze Entwürdigung, die hier systematisch gegen uns betrieben wird, und bei der die Kleinigkeiten am leichtesten vergessen werden, rekonstruieren zu können. – Natürlich vergißt man die Nadelstichverletzungen leicht, wenn man durch tiefe Narben fortwährend an schwere Verwundungen erinnert wird. – Sonst ist nur noch zu erwähnen, daß die Zeitungsverbote dauernd fortgesetzt werden. Für den von Pöhner unterdrückten „Kampf“ erscheint seit kurzem in München ein andres Unabhängigen-Organ „Morgenpost“. Seit vorgestern wird auch dieses Blatt hier nicht mehr geduldet, und zwar hat Kraus zur Begründung des Verbots einige neue Aeußerungen seines Abscheus zum Ausdruck gebracht. Das Blatt ist nicht nur „verhetzenden“ Inhalts wie sonst alle Blätter, die andre politische Meinungen vertreten als unsre Justizbehörde, sondern es ist auch „landesverräterisch“. Der Herr Staatsanwalt findet es. Fände er es wirklich, würde er wohl die §§ 84 – 93 seines geliebten deutschen Reichsstrafgesetzbuchs wetzen – denn wozu ist er sonst Staatsanwalt! – Aber in diesen Zeiten hält man es nicht so genau. Wer sich nämlich erlaubt zu finden, daß z. B. der Versailler Vertrag, der Deutschland nur die Reparationen seiner eignen Zerstörungen und Kontributionen, jedoch keinen Pfennig Entschädigung für die Kriegskosten seiner Gegner auferlegt, ein Dokument sanfter Nachgiebigkeit gegenüber den sogenannten Verträgen von Brest-Litowsk und Bukarest darstellt (unsre geistreichen Unabhängigen und Pazifisten bilden sich das wirklich ein und sehn nicht, daß die Regressionsforderungen der Entente nur faute de mieux bei der Leistungsfähigkeit Deutschlands halt machen mußten); wer die Deutschen mahnt, ihre beschworenen Verträge zu halten, wenn nicht aus moralischen Gründen, so doch um sich nicht völlig den Hals zuschnüren zu lassen; wer aus Gründen der Volkswirtschaft, des Friedens, der Ruhe vor allen Experimenten warnt, Revanchegelüste zu fördern und Waffenverschiebungen für eine Gefahr für das Land hält; wer ausspricht, daß Hindenburg und Ludendorff den Krieg verloren haben, daß die Alldeutschen seit 1905 auf Krieg bewußt hingesteuert haben, daß die Armut und das Elend des Landes daher kommt, daß 5 Jahre lang keine Werte geschaffen wurden, dafür aber zerstört, vernichtet, gemordet, vergeudet wurde was unwiederbringlich ist, – den bezeichnen die Deutschnationalen als „Landesverräter“. Das ist jetzt so üblich. Herr Kraus aber, der hier vorgeblich eine objektive Behörde repräsentiert, übernimmt die Phraseologie der Rechts-Umstürzler, um die entmachteten Links-Revolutionäre zu kujonieren. – Niederschönenfeld ist eine großartige Schule für Revolutionäre!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 16. August 1921.

Eine Richtigstellung: Die Münchner „Morgenpost“ ist nicht von Kraus für Niederschönenfeld, sondern von Pöhner überhaupt verboten worden, und zwar mit den angegebenen allgemeinen Begründungen. Die Rückschlüsse, die ich für den besonderen Fall zog, sind also hinfällig; als Konstatierungen bleiben sie bestehn, auch ohne Rückschlüsse zu sein. Die eigentlichen Ursachen für die Unterdrückung des Blatts gehn aus der „Leipziger Volkszeitung“ hervor. Es standen nämlich in der letzten, der Beschlagnahme anheimgefallenen Nummer, Artikel in dem Blatt, die in dieser Republik als vaterlandsverräterisch angesehn werden, weil sie monarchistische Umtriebe aufdecken. Es wird festgestellt, daß höchst eigenartige Fäden zwischen München (bzw. Miesbach) und Paris laufen, und daß die Bestrebungen, Bayern mit einem Rupprecht I. zu beglücken, Hand in Hand gehn mit solchen, die Frankreich zu einem Philipp VIII. verhelfen möchten. Der „Miesbacher Anzeiger“ wird in diesem Zusammenhange erwähnt und seine Hintermänner Georg Heim und – Ludwig Thoma! Zugleich wird berichtet – und da hat man wohl die nervöseste Stelle der Kahrioten getroffen –, daß im Mangfalltal an 500 „heimattreue“ Oberschlesier marschbereit auf ihr Signal warten. Die Herren in der Maximilian- bzw. Ettstraße bilden sich ein, jetzt, wo sie die „Morgenpost“ konfisziert haben, könne niemals mehr ein Ententespitzel etwas von diesen militärischen Machenschaften erfahren. Sonderbare Leute. Ob sie sich bei der Lektüre der Schlußverhandlungen der Auguren vom Obersten Rat in Paris keine Gedanken machen? Da hat man sich prinzipiell dahin geeinigt, zwar die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Deutschland aufzuheben, die militärischen aber vorerst noch weiterwirken zu lassen. Warum wohl? Das ist aus dem weiteren Beschluß zu erkennen, mit dem man den Fortbestand der Kontrollkommissionen in der Abrüstungssache geregelt hat. Der Abbau dieser Kommissionen ist zwar in Aussicht genommen, aber man hat sich dahin geeinigt, sie, wenn sie auch in Berlin überflüssig geworden sein sollten, in Städten beizubehalten, wo sich ihre Arbeit noch als unentbehrlich erwiesen hat. Ob man sich wirklich in München dabei garnichts denkt? Was man sich dort denkt, geht aus einer Notiz hervor, die ich seltsamerweise bis jetzt in keiner einzigen bayerischen, aber in der „Neuen Hamburger Zeitung“ fand. Ein Telegramm aus München an das Berliner Büro dieser Zeitung berichtet von einem Aufruf, den der „bayerische Ordnungsblock“ – dieses reaktionäre Konglomerat aus deutschnationalen, klerikalen, „demokratischen“ Bourgeois aller Farben zur Verhinderung des Rechts in Bayern – losgelassen hat und zwar „angesichts der unausbleiblichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Katastrophe“. Die Einsicht ins Unausbleibliche reicht allerdings bloß vom Hors d’oeuvre bis zur Suppe. Denn man richtet doch noch ein Menu zusammen, um wenigstens für Bayern der „unausbleiblichen Katastrophe“ auszukommen. Es enthält zwei Gänge, die recht interessant sind, nämlich 1) die Forderung, in der Versorgung mit Lebensmitteln Bayern selbständig zu machen und falls das Reich darauf nicht eingeht, durch Landesmaßnahmen jede Lebensmittelausfuhr aus Bayern zu verhindern; 2) die Fremdenkontrolle in Bayern zu verschärfen dergestalt, daß der Aufenthalt nur noch solchen „Fremden“ gestattet wird, „die sich um das Gesamtwohl verdient machen oder verdient gemacht haben“. Diese interessanten Forderungen laufen auf nicht mehr und nicht weniger hinaus als auf die Separation Bayerns vom Reich. In der „München Augsburger-Abendzeitung“, einer wütend nationalistischen Stinnes-Maitresse, fand ich gleichzeitig einen Artikel gegen die Reichsregierung wegen der Lebensmittelversorgung Bayerns, der in die durch Fettdruck unterstrichene offene Forderung an die Kahrregierung ausklingt, sich um keine Reichsverordnung zu scheren und – im Sinne der Forderung 1 des Blocks – zu tun, was das Wohl des Landes verlange. Die Folgen träfen diejenigen, die dieses Sondervorgehn Bayerns notwendig gemacht hätten. Das ist deutlich: denn unter den Folgen kann nur gemeint sein der offene Konflikt mit dem Reich auf die Gefahr der Lostrennung hin. Daß das alldeutsche Blatt nun schon bei der Spaltung angelangt ist, erklärt sich aus der in der Einleitung der Blockresolution ausgesprochenen Auffassung, daß für Norddeutschland nichts mehr gehofft werden kann, daß Berlin und alles was in seine Sphäre gehört, rettungslos dem Bolschewismus verfallen ist. Wir können mit dem Umsichgreifen dieser Tendenz zufrieden sein. Wird die Frage der Trennung vom Reich akut, so explodiert das ganze Pulverlager der differierenden Meinungen in der Bourgeoisie selbst, die Kapitalisten geraten sich gegenseitig in die Haare, Nordbayern, das von Sachsen und Preußen vital abhängt, steht gegen Südbayern, Katholiken gegen Protestanten, Bauern gegen Städter. Wenn dieser Moment da ist, dann ist auch unsre Stunde da, – und dann wäre es unsre erste revolutionäre Aufgabe, die gesunde und vollauf berechtigte partikularistische Gesinnung der Bayern zu benutzen und zu pflegen, ohne deshalb mit Norddeutschland 66 zu spielen. Hätte man in dieser Beziehung Ende 18 und im Frühjahr 19 auf Landauer und mich gehört, anstatt dauernd Berliner Direktiven abzuwarten, hätte man speziell den Bauern jede territoriale Selbständigkeit zugesichert, statt sie von neuem ans 71er Parvenuedeutschland festzubinden, dann wäre unsre Revolution in Bayern im Gegensatz zur Berliner nicht das lächerliche Kino-Intermezzo geworden, als das es uns die aus ihren Angstwinkeln wieder vorgekrochenen Sklavenaufseher von ehedem von Tag zu Tag deutlicher erkennen lassen. Erst wenn sie auch ihren letzten Schlag noch geführt haben, wenn sie aus Päpsten der „Republik“ erst Herrgötter der Monarchie zu werden versuchen, werden sie völlig ausrutschen, und das Proletariat wird, wenn es sich nach dem Fischer umsieht, dessen Angelhaken ihm heute wie bis 1918 im Schlund hängt, befriedigt feststellen können: „Hei sitt all wedder in’n Pißpott.“

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 18. August 1921.

Olschewski „feiert“ heute seinen 50. Geburtstag. Mir ist der Mann, dessen superlativischen Freundschaftsversicherungen ich lange geglaubt habe, uninteressant geworden, da er mich erkennen gelehrt hat, daß alle die Eigenschaften, die mir früher an ihm auf die Nerven gingen, z. B. seine Wehleidigkeit (mir jammerte er xmal vor, daß er 7 Jahre eingesperrt bleiben solle und fand mich gefühllos, wenn ich ihn lachend damit tröstete, daß – angenommen, wir müßten wirklich unsre ganze Zeit absitzen, mir nach seinen 7 Jahren noch 8 bevorständen, ebenso beweinte er vor mir, dem die Weißgardisten ein ganzes Vermögen weggeschleppt haben, immer wieder den Überzieher, der ihm geklaut wurde), seine grenzenlose Eitelkeit, seine unausstehlichen Renommistereien und alle die schlechten Sitten, die ihm aus seiner verflossenen Tätigkeit als Weinreisenden noch anhaften, – daß alle diese Eigenschaften nicht, wie ich glaubte, kleine Schwächen eines im Ganzen ehrlichen anständigen Genossen seien, sondern im Charakter selbst begründet sind. Über seine dumme Behauptung, ich hätte ihm die alte Freundschaft gekündigt, weil er nicht genug Pakete erhalte, konnte ich noch achselzuckend hinweggehn. Aber seine Denunziationen nach außen, seine Bemühungen, die Frauen gegen uns aufzubringen, ohne Scheu davor, den Hauszensor zum Zeugen dieser Häßlichkeiten zu machen, finde ich infam. Seppls Marie, die gelegentlich Olschewskis Frau sieht, hat Briefe gesehn, die gegen uns „voll von Gehässigkeiten und Verleumdungen“ waren. Das kann auch durch weibisches Sich-Beleidigtfühlen und durch angeborene Dummheit nicht mehr verzeihlich gefunden werden. – Aber heute bin ich doch voll Mitgefühl für den armen Kerl. Bei seiner Sentimentalität und seiner egozentrischen Weltbetrachtung muß er es schon recht bitter empfinden, daß er den 50. Geburtstag unten in Einzelhaft zubringen muß, statt, wie er sich den Tag monatelang geträumt hat, als Jubelgreis – er ist den Jahren nach der älteste Festungsgefangene seit Pöltls Fortgang – von der „Gruppe Krach“ (unser Münchener Zugang hat die Mittelgangszentrale so getauft), die er seit meinem „Verrat“ ebenso heiß liebt wie er sie früher beschimpft hat, mit Reden und Hochs, Gesang und Festschmaus gefeiert zu werden. Er ist halt ein Pechvogel (dessen einzige wirkliche Tragik die ist, daß er sein Pech immer für Tragik hält). Aber die Wut, die er hoffentlich neben seiner Selbstbemitleidung heute empfindet, ist berechtigt. Die Verwaltung weiß bestimmt von seinem Jubiläum (er kriegt doch Briefe, wenn er auch keine schreiben darf). Wie leicht hätte Herr Kraus es, bei solcher Gelegenheit einmal zu zeigen, daß er nicht bloß aus Paragraphenpedanterie und politischer Ranküne zusammengesetzt ist; und wie geschickt wäre es von ihm, eine derartige Gelegenheit zur Bekundung seines „warmen Herzens“ zu benutzen. Grade bei Olschewski könnte er da den Glauben an die Unerbittlichkeit des Klassengegners erschüttern (ich für meine Person wäre allerdings kein geeignetes Objekt für dergleichen Rührsamkeiten). – Nun – Herr Kraus hat vielleicht nicht einmal den Ehrgeiz, Psychologe zu sein. Mag er machen, was er gern macht. – Die Hoffnung der Illusionäre im I. Stock auf sein baldiges Verschwinden – am 15ten sollte seine Frist von vornherein begrenzt gewesen sein, und die beiden grünen Möbelwagen bestätigten ja anscheinend die beglückendsten Erwartungen – hat zunächst einmal getrogen. Der Augsburger Wüterich ist noch da, die beiden Möbelwagen allerdings auch. Ich gehöre zu denen, die ihre rätselhafte Untätigkeit in Zusammenhang bringen mit der erquicklichen Neuerung, die uns von ¾ 10 Uhr ab zum Zellenarrest verurteilt. So können wir nicht kontrollieren, ob die Wagen nicht in der Nacht aus ihrer stillen Beschaulichkeit aufgestört und in geheimnisvolle Tätigkeit gesetzt werden, von der wir „Landesverräter“ besser nichts erfahren, da man im Quartier des Herrn Nollet keinesfalls etwas erfahren darf. Da die ungeheuerliche Verschärfung unsrer Haft durch die ganz plötzliche Verhängung des nächtlichen Dunkelarrests ohne jeden besonderen Anlaß, ohne jede Begründung und ohne die Etikette einer Disziplinarmaßnahme kam, ist die Kombination wohl kaum ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß die Erwartung der grünen Wagen sie verursacht hat. Ob dies ganze Verfahren besonders klug ist, bleibe dahingestellt. Klugheit ist ja nicht das Wesen der bayerischen Politik von heute, sie wird durch Forschheit auskömmlich ersetzt. Wie lange sich das Kahrussell noch drehen wird, muß abgewartet werden. Ich glaube kaum, daß das Kugellager noch lange funktioniert. In München hat man es in diesen Tagen – anläßlich des „Leibertages“, also einer ausgesprochen militärischen Veranstaltung – zum ersten Mal gewagt, den Exkönig mit Rupprecht und dem ganzen Marionettentheater vergangener Tage persönlich auftreten zu lassen. Proben zur Aufführung werden also schon öffentlich riskiert. – Aber innerlich hält der Leim schon nicht mehr ganz. Vielleicht ist der Konflikt mit dem Reich wegen der Extrawurst für Bayern in der Getreidefrage schon der Anfang vom Ende der Kahr-Regierung. Vor einigen Tagen hat Kahr an Wirth ein bewegliches Telegramm gerichtet, worin er angesichts der Riesenaufkäufe von Getreide in Bayern nach der Freigabe der Wirtschaft für Bayern ein Ausfuhrverbot bewilligt haben will. Dieses Telegramm hatte meiner Ansicht nach die Bedeutung beinahe eines Ultimatums, zumal es hieß, daß der bayerische Gesandte in Berlin die Forderung mündlich zu unterstützen habe. Die Ablehnung ist schon da. Da die freie Einfuhr von Nahrungsmitteln allgemein gestattet werde, falle der Grund zu einer Ausnahmebehandlung Bayerns fort. Jetzt wird sichs herausstellen, wer nachgibt: der bayerische „Ordnungsblock“ (den natürlich Kahr geschoben hat) oder das Reich, wo gegen die täglich neuen Pöhnereien allmählich eine ungeheure Mißstimmung gegen das Kahrland zutage tritt. Die „Ordnungszelle“, scheint mir, ist nicht mehr weit vor dem Zerplatzen. Sie stinkt schon, daß man sich in der ganzen Welt die Nase zuhält.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 20. August 1921.

3 neue Zeitungsverbote seit gestern für mich allein: Reitzes „Seefackel“, der holländische „Jonge Communist“ und der Wiener „Rote Soldat“. Die speziellen Exemplare wegen agitatorischen Inhalts zu den Akten genommen, die Blätter allgemein von jetzt ab für die Festungsgefangenen überhaupt gesperrt „weil ihr Inhalt einem geordneten Strafvollzug Nachteile bereitet“. Unsre vollständige Nichtinformation über alles, was unsre eigenen Angelegenheiten betrifft, wird nun wohl so ziemlich garantiert sein. Dafür wird aber der „Mießbacher Anzeiger“ keineswegs als Hetzblatt betrachtet – hetzt er doch nur zum Mord gegen alles, was uns nahesteht und hetzt er doch nur zum Hochverrat von der andern Seite, von der Seite, deren Verfassungsbrüchen die Herren Kahr, Pöhner, Roth, Kraus e tutti quanti ihr[e] von keinerlei Rücksicht auf Gesetze beeinträchtigtes Walten sowieso zu danken haben. Ich hatte und habe besorgte Stunden durch die Mießbacher Dreckschleuder. Man begnügt sich nicht mehr mit Verleumdungen, Beschimpfungen, Beschmutzungen der Personen selbst, die man die teutsche Kraft seit dem Moment, wo sie sich nicht mehr wehren können, gewaltig spüren läßt, – man darf auch ihre Frauen und Kinder nicht in Ruhe lassen, will man vor den Teutonen und Bajuwaren wahrhaft heldenhaft bestehn. Ein kraftbaierisches Schwein hat jetzt seine schmierigen Borsten für ein entsprechendes Zeilenhonorar an meiner lieben armen Zenzl gerieben. Zum ersten Mal seit fünf Jahren ist sie zu ihrer Erholung aufs Land gegangen – nach Gotzing bei Thalham, einem Örtchen im Wirkungsbezirk des Mießbacher gesetzlich geschützten und behördlich geförderten Totschlageblatts. In Zenzls Begleitung ist mein treuer Fritz Weigel und Zenzls Schwester Resl. Der Aufenthalt dieser gefährlichen Gesellschaft ist von den Heim-Thoma-Eckschen Treibjägern (für entsprechendes Zeilengeld) aufgespürt worden, und unter dem Titel „Ein Idyll am Taubenberg“ wird in der antisemitischen Kloake gegen die 3 Menschen neubayerischer Gestank aufgerührt. Es wird von einem Beobachter erzählt, daß sie im Gotzinger Hof zu essen pflegen, daß es Dampfnudel gegeben habe, welche Bemerkung Zenzl im echten Dialekt München-Ost (sie ist aber aus der Hollerdau, – und angeblich doch „landfremdes Element“) dazu gemacht hat, daß die Schlemmerei 31 Mark gekostet hat (zu Dritt! Ich möchte wissen, ob der Mießbacher Mordhetzer weniger für seine Mahlzeiten ausgibt als 10 Mark in diesen Zeiten). Dann wird verraten, um wen es sich handelt und natürlich eine schmutzige Anspielung auf Weigels Trösteramt bei Zenzl hingezotet. Ich habe, da ich fürchte, Zenzl könnte das Ganze als eine belanglose Gesinnungsäußerung dessen ansehn, was heute im „Freistaat“ Bayern allein als Gesinnung respektiert wird, ohne die Gefahr zu sehn, sofort einen Eilbrief an sie geschrieben mit der Bitte, die Gegend schleunigst zu verlassen. Zum wenigsten beweist mir der Artikel, daß die Spitzel dieser gewissenlosen Mordbuben ihr und Fritz unausgesetzt auf den Fersen sind und ihre kleinsten Bewegungen beaufsichtigen. Vorläufig versucht man, die Bauernlümmel der Gegend gegen den Kommunisten und das Revolutionärs-Mensch aufzuputschen. Gelingt das nicht, so ist vielleicht dieser oder jener Held selbst bereit, ihnen den „Gareis“ zu machen: daß den Betreffenden nichts passiert, ist ja im vorhinein garantiert. – Mit diesen Halunken verbündet, ihr getreuer Schildhalter und Förderer ist Ludwig Thoma! Er ist bereit, jeden Mord gutzuheißen, der an einem Menschen (oder dessen Angehörigen) verübt wird, der zur Obrigkeit, zu Pfaffen und Offizieren, zur Reaktion und Gesinnungsunterdrückung heute noch so steht, wie Thoma 25 Jahre lang dazu gestanden hat. Ein solches Maß von Verlumpung ist doch wohl ungewöhnlich. Wedekind hat den Mann, auf dessen Redlichkeit ich geschworen hätte, richtig beurteilt. – Eben kommen Zeitungen, die ich erst lesen will, ehe ich zu ihrem wahren und erlogenen Inhalt übergehe.

 

Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Beginn der Hofzeit, und ich weiß kaum, wo ich anfangen soll, über die politische Lage in aller Welt zu schreiben. Der Tod des Serben-Peters ist nicht sonderlich wichtig, es sei denn, die Version sei wahr, daß er vergiftet worden sei. Dann könnte man den Fall mit der Kommunistenverfolgung in Verbindung bringen. Doch ein 77jähriger Mann kann ja auch mal, selbst wenn er König ist, eines natürlichen Todes sterben. Im Zusammenhang mit serbischen Angelegenheiten wäre die sehr interessante Entwicklung der Dinge in Fünfkirchen zu betrachten, wo das Proletariat alles versucht, um die Anerkennung als selbständige Republik zu finden, um – nach der Räumung durch die serbischen Truppen – unausdenkbaren Racheinfamien der ungarischen Horthybande zu entgehn. Die Haltung der alliierten Großmächte zu der Frage ist noch garnicht recht zu erkennen. Trotz allen Sprüchen vom Selbstbestimmungsrecht der Völker und ähnlichem ist man anscheinend allen Freiheitsregungen gegenüber außerordentlich mißtrauisch. Die Engländer selbst machen ja auch recht trübe Erfahrungen in dieser Hinsicht mit den Iren. Denen war Lloyd George recht weit entgegengekommen, indem er de Valera die Anerkennung Irlands mit allen Rechten eines britischen Dominions anbot. Es ist zu spät. Man verlangt die Selbständigkeit als freie Republik und scheint zum äußersten gewaltsamen Widerstand entschlossen. Die Engländer werden jetzt die Rechnung für den verhungerten Bürgermeister von Cork zu bezahlen haben. Das ist Einer. In Deutschland werden andre Rechnungen präsentiert werden, und auch sie werden ins Reine gebracht werden, – wenn es auch sehr teuer kommen wird. Wann es soweit ist, welche äußeren Momente den Zeitpunkt herbeiführen werden (ein Beschluß einer Parteizentrale freilich nicht; man erfährt jetzt, daß in Moskau in der Tat die „sympathisierende“ KAP völlig ausgetreten wurde, und daß zwischen den „Radikalen“ der Zentrale und den „Leviten“ – die Levi selbst in die Wüste schicken mußten – ein „Friedensvertrag“ zustande kam), das bleibt der Zukunft anheimgestellt. Immerhin beginnt augenblicklich grade eine sehr kritische Zeit. Die Not wächst rapide, der Markkurs fällt ebenso rapide (ich habe mir allerdings abgewöhnt, Valutaschwankungen feierlich zu nehmen; alle darauf gesetzten Hoffnungen haben noch immer getrogen). Der Herbst rückt näher und kündigt sich schon durch allerlei Konflikte auf dem Arbeitsmarkt an. Streiks überall, weil die steigende Teuerung ein ungleich schnelleres Tempo einhält als die steigenden Löhne, die übrigens stets durch horrenden Preisaufschlag wettgemacht werden (nie sind derartige Dividenden ausgeschüttet worden wie jetzt). Die Unternehmer werden dabei immer frecher – und das irrsinnige Bremsen der Gewerkschaftsbürokratie ermutigt sie ja dazu (daher die Parole der Kommunisten: Rein in die Gewerkschaften! Statt: Betriebsorganisationen und Zertrümmerung der Zentralorganisationen). In München sind in vielen Betrieben die Bauarbeiter ausgesperrt worden. Die Bonzen geben nun nicht die Parole aus: Solidaritätsstreik ordentlicher Bauarbeiter, sondern fordern ausdrücklich auf, weiter zu arbeiten, wo die Gelegenheit noch gegeben ist. Ob die Arbeiter nicht endlich selbst merken werden, wie sie betrogen werden? – Jetzt wird also der Brotpreis auf 1,90 Mk gesteigert und das scheint nur der Anfang der Wirkung der Freigabe der Wirtschaft zu sein. Bayerns Versuch, die Grenzen schließen zu lassen, ist gescheitert. Der Fanfare, die zu bedeuten schien: Bruch mit dem Reich! – folgt heute schon eine ziemlich jammervolle Schamade. Wahrscheinlich ist irgendeinem erleuchteten Geist in der Nähe unsres großen Landwirtschaftsministers Wuzelhofer klar geworden, daß Bayern als Selbstversorger vorn und hinten nicht auskäme, und daß die Ausfuhrsperre die automatische Wirkung einer Einfuhrsperre für Zucker, Kohlen, Kali und noch allerhand guten Dingen hätte. Möglicherweise hat sogar eine kleine parlamentarisch ganz geschickte Aktion des Münchener Stadtrats den Kahrschen Feuergeist ein wenig abgekühlt. Doch hat die USP ein Pronunziamento an die Reichsbehörden und den Reichstag eingebracht und mit Hilfe der „sozialistischen“ Bundesgenossenschaft rechts und links durchgedrückt, worin unter beweglicher Schilderung der unglaublichen Zustände unter Kahr-Roth-Pöhner das Reich aufgefordert wird, einzugreifen und den Ausnahmezustand in Bayern durch ein Machtwort aufzuheben. Es ist klar, daß ein Konflikt zwischen Bayern und dem Reich in der Getreidefrage die sozusagen links gestimmte Reichstagsmehrheit gekitzelt hätte, den Kahrioten da unbequem zu werden, wo sie am empfindlichsten sind. Beschließt der Reichstag die Aufhebung des Ausnahmezustands in Bayern, so wäre das ganz sicher das Ende der nur noch an einem dünnen Fädchen baumelnden derzeitigen Koalition, und es käme entweder eine Regierung Held mit demselben Charakter ungefähr wie das Reichskabinett oder die Auslösung der Rechtsaktion unter Xylander, was sehr bald die Entente zum Einschreiten veranlassen würde. Die fatalistische Überzeugung der meisten Hausgenossen, daß die gegenwärtige Wirtschaft noch jahrelang so fortgehn wird wie augenblicklich, teile ich garnicht. Ich glaube unbedingt an eine gründliche Wandlung in absehbarer Zeit, die auch auf die Verhältnisse in Niederschönenfeld wohltätig einwirken und mit „Mitläufern und Verführten“ gehörig ausmisten wird. Da käme ich nun aber auf ein Thema, das mich heute zu weit führen würde, auf die „Umgruppierung“, die sich unter den F. G. beider Stockwerke anzubahnen scheint. Da noch nichts Wesenhaftes davon in Erscheinung tritt, sondern sich alles noch mehr stimmungsmäßig vorbereitet, ziehe ich vor, alles lächelnd abzuwarten und feste Formen gewinnen zu lassen. Bis dahin registriere ich nur die von Kraus veranlaßten Maßnahmen und Tatsachen, und schließe für heute mit der erfreulichen Feststellung, daß die Disziplinierung Schmidts und Schreibers durch die gestern erfolgte Aufhebung auch ihres Schreib-, Besuchs- und Paket-Verbots für dieses Mal zu Ende ist. – Die Möbelwagen stehn noch immer vor der Hauseinfahrt. Honny soit qui mal y pense.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 22.August 1921.

Interna: Marschall und Renner unterhielten sich noch nach ¾ 10 Uhr. Am nächsten Tage Vorladung vor den Allmächtigen selbst („Ihr Schicksal habe ich ganz in meiner Hand“, erklärte er beim Empfang der Münchner Genossen und: „Ich habe unbeschränkte Macht,* Sie fühlen zu lassen, daß Sie zur Strafe hier sind“). Er verdonnerte die beiden Sünder zur Abschließung ihrer Zellentüren während der Nacht. Auf den Einwand der beiden, daß sie krank sind und sich ihr Gespräch auf die Krankheit bezogen habe, nahm er die Anordnung zurück, jedoch mit der Drohung, daß bei Wiederholung derartiger Dinge der nächtliche Verschluß von ¾ 10 ab für alle eingeführt werde. Also auch diese bodenloseste aller Quälereien mit dem ewigen Gerassel von Schlüsseln, Riegeln, Zapfen und Bolzen steht wieder in Aussicht. Als der Zellenarrest nach Dunkelwerden verhängt wurde, war es mein erster Gedanke, daß das die Einleitung zur Abschließung, dem wesentlichsten Schritt zur Assimilierung an Gefängnisstrafe sei. Jetzt ist also die Drohung direkt ausgesprochen, und wir haben hier noch nie eine Verschärfung unsrer Lage in erwägender Form nennen hören, ohne daß sie bald als Faktum in Erscheinung trat. Wahrscheinlich wird man durch die Absperrung jede Möglichkeit verhindern wollen, daß etwa einer vom Ostflügel grade dann am Fenster vorbei auf den Lokus geht, wenn sich die Heinzelmännchen mit den Möbelwagen beschäftigen. – Heute, als wir bei Tisch saßen, wurde uns eine neue Verfügung mündlich überbracht: Tanzen ist ein für allemal verboten. Dies Verbot trifft zwar uns im zweiten Stock garnicht, da ich mich nicht erinnere, daß hier oben einmal getanzt worden wäre. Aber gute Laune ist zur Gefahr geworden, – das steht fest. Angenommen, es faßt in einer fröhlichen Stimmung einer den andern um den Leib und schwenkt ihn im Takt herum und einer der Aufseher meldet es, – so ist Einzelhaft fertig. Im ersten Stock wird man das Verbot bitterer empfinden. Man veranstaltet dort wöchentlich Rezitations-, Aufführungs- oder musikalische Unterhaltungen (obwohl dort die Einigkeit keineswegs größer ist als oben), bei denen auch häufig getanzt wird. Bedenken der inneren Haltung gegenüber dem Vorstand sind dort wenig vorhanden, und ich habe mich oft genug darüber geärgert, daß nach dem vor einigen Wochen erfolgten Gebot, musikalische oder andre Vorträge nach 8 Uhr bedürften der besonderen Genehmigung der Verwaltung, kein Mensch unten darauf verfallen ist, unter diesen Umständen zu verzichten, sondern man sich brav regelmäßig die wohlwollende Erlaubnis erteilen läßt. Die Einmischung in die allerprivatesten Dinge wird dadurch gradezu herausgefordert. Das Tanzverbot wird aber wohl veranlaßt sein durch einen Anschlag, den Dosch vor einigen Tagen unten gemacht hat, nämlich die Ankündigung, daß er einen Kurs für Tänze der neuesten Mode veranstalte. Dr. Mayer erzählte es mit der bezeichnenden Anmerkung: „Dafür ist Liebknecht und Rosa Luxemburg“ gestorben“; und man hat das bedrückliche Gefühl, daß die Intellektuellen nur deswegen nicht bei einem notorischen Lumpen, Spitzbuben, Hochstapler und Spitzel Yazz-Band oder wie das Beineschmeißen und Bauchwippen sonst heißen mag (und was für andre als Schieber-Tänze sollte man wohl von Dosch lernen können?), studieren, weil der Herr Staatsanwalt es verboten hat.** – Im zweiten Stock spitzen sich die wechselseitigen Beargwöhnungen merklich zu. Unser altes Zentral-Exekutivkomitee ist bereits auseinandergeplatzt. Die von München eingetroffene Funktionärszentrale – lauter wirklich nette Kerle – hat auf die Zumutung, gegen uns mitzumachen, vollständig sauer reagiert. Jetzt ist der Konflikt zwischen beiden Richtungen akut. Sandtner und Zäuner sind von der Rumpfzentrale, die noch von den 17 Gewaltigen übrig geblieben ist, boykottiert, wegen „Provokation“ – sie haben nämlich den Mut gehabt, ihre Meinung gegen die allein geaichte zu vertreten. Schlaffer und Liebl sind aus dem von Taubenberger veranstalteten technischen Kurs rausgesetzt worden, und selbst Kain wurde von Taubenberger die Freundschaft gekündigt, weil – o schauderbar! – er im Hof im Gespräch mit Klingelhöfer gesehn wurde. Ibel hat mit Taubenberger anstelle von Kain und Schwab die Führung der wahrhaft richtigen Kommunisten übernommen (der Kreis setzt sich zusammen aus diesen beiden, Egensperger, Sauber, Nickl, Wiedenmann und erstaunlicherweise Ertl, der als Todfeind Wiedenmanns herkam, seinen besten Freunden das Ehrenwort abnahm, nicht mit ihm zu verkehren – die haben es auch gehalten – und jetzt selbst Arm in Arm mit Wiedenmann diese seine besten Freunde boykottiert; wie lange man es Ertl noch erlauben wird, mit uns Verrätern den Gruß zu wechseln, wird sich wohl bald zeigen). Hagemeister hat sich ganz zu seinem Schwager Köberl und den Münchener Genossen verzogen – Klublokal: Luttners Zelle –, und deren Bestrebungen, uns beide zusammenzubringen, wird wohl, da wir beide garnichts gegeneinander haben, in dem Moment Erfolg haben, wo August sich entschließt, aller „Disziplin“ zum Trotz zu tun, wozu es ihn drängt und den Boykott gegen uns 6 aufzugeben. Kain und Schwab möchten gern einrenken, was einzurenken geht, am liebsten aber den Boykott gegen mich allein fortsetzen (Schwab weiß genau, warum), – und wie mir scheint, wartet man nur noch das Erscheinen der in Einzelhaft hockenden Elbert, Olschewski, Karpf und Wollenberg ab, um dann endgiltige Regelungen zu vollziehn. Mir wäre der nur noch durch Hagemeister gehinderte engere Verkehr mit Sandtner, Luttner, Zäuner, Männlein, Köberl, Schlaffer recht erwünscht. So wenig mir Seppl je auf die Nerven gehn kann, so ist mir doch der sonst völlig auf Adolf Schmidt beschränkte Umgang zu wenig und zu eintönig. Ich sehne mich nach Diskussion, Meinungsverschiedenheit, politischer Spekulation, Ulk, und hätte gern ein Refugium, wohin ich gelegentlich mit dem Seppl das Abwechslungsbedürfnis flüchten kann. – Im Augenblick ist mir die Rolle des Neutralen in den sich ankündenden Auseinandersetzungen (schon hat Ibel Schlaffer einen „Menschewisten“ geheißen, und schon hat Liebl mir sein Leid geklagt, daß er als einfacher Prolet von den aufgeblähten Intransigenten nicht als Kommunist anerkannt werde) durchaus erwünscht. – Über die politische Lage morgen. Es ist über den Quatsch im Hause Hofzeit geworden.

 

* Wörtlich: „Die Wahl der Mittel ist mir völlig freigestellt.“

** Der Unterricht hatte schon angefangen, und unter den Schülern Doschs befand sich auch Klingelhöfer.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 24. August 1921.

Schlechtes Wetter, – ich werde den Hof heute mal Hof sein lassen und trotz der Briefe, die ich heute schon erledigt habe, meine Eintragung hier besorgen. Die politische Lage ist ziemlich ungeklärt. Die Kahr-Regierung hat sich mit ihrem Rückzug vor dem Reich in der Angelegenheit der Sonderbehandlung bei dem Lebensmittelverkehr die schwerste Schlappe zugezogen, die sie seit der Entwaffnungsgeschichte erlitten hat. Daß diese Politik der Abwechslung zwischen Klosetdeckelathletik und Kuschen vor den Notwendigkeiten nicht mehr von sehr langer Dauer sein wird, ist klar. Ich traue mir nicht mehr, irgendeinen Termin zu behaupten, bis zu dem Kahr ausgeröchelt haben wird, aber ich sehe doch zu deutlich, wie jede Lebensbetätigung des bayerischen Kabinetts nur noch den Zweck verfolgt, wieder ein klein wenig Zeit zu gewinnen: genau wie die deutsche Kriegspolitik unter Ludendorff. In den Zeitungen nimmt das Gewäsch um Oberschlesien immer noch unendlich breiten Raum ein. Die Unkenrufe: „Unmittelbar vor dem 4. Polenaufstand!“; „Übermorgen schlagen die Insurgenten los“ etc. haben – nachdem sie monatelang den Bürger beim Frühstück erschreckt haben, noch immer nicht ganz aufgehört. Ich kann mir aber nicht denken, daß noch viele Leute damit zu schrecken sind. Wie der Völkerbund entscheiden wird, ob sich Frankreich seinem Verdikt unter allen Umständen fügen wird, ob und in welcher Form die Interessengegensätze bei den Alliierten sich weiter ausweiten oder verkitten werden, – dies alles ist noch viel zu sehr im Stadium der Vorbereitung, als daß feste Urteile möglich wären. Und so steht es in der politischen Konstellation im In- und Ausland zur Zeit mit allem. Im Werden scheint eine Vereinbarung zwischen England, Japan und den Vereinigten Staaten über gemeinsame Interessen im Stillen Ozean; was mich aber mehr bewegt als dies alles, ist, was in Deutschland im Werden ist: eine Teuerung, die alles bisher Erlebte verdunkelt und – wahrscheinlich schon in der allernächsten Zeit, dementsprechende Kämpfe der Arbeiterschaft um die nackte Existenz. – Wie weit diese Kämpfe auf die unmittelbare Lage Einfluß üben werden, ist abzuwarten. Ich gebe mich keinen Illusionen hin, bin aber auch keineswegs pessimistisch. – Hier im Hause geht’s im gewohnten Stil weiter. Taubenberger mußte vorgestern seine gestundete Absonderung antreten, durfte aber gestern schon in den Kreis seiner Getreuen zurückkehren (Wie es heißt, hat die kurze Einkehr genügt, um ihn seine Haltung im Meinungskampf zwischen den Kommunisten ändern zu lassen. Er soll für die Auseinandersetzung über Boykott der Münchner oder Wiederaufnahme der Beziehungen zu uns – heute erwarten die Münchner ein „Ultimatum“ – seine Neutralität erklärt haben. Wahrscheinlich hat der immerhin gescheite und anständige, nur sehr aufgeregte Mensch gemerkt, mit was für Leuten er zusammenwirkt). – Seit vorgestern ist Rheinheimer – aus mir unbekannten Gründen – schon wieder in Einzelhaft. In diesem Zusammenhange ist eine hübsche Hausanekdote zu notieren: Bei einer Unterredung mit ihm vor wenigen Tagen hielt R. dem Staatsanwalt vor, daß seit seinem Amtsantritt nur Verschärfungen, keine einzige Erleichterung für uns eingetreten seien. Antwort: Keineswegs; z. B. sei die Anordnung, durch die die F. G. gehalten sind, um ¾ 10 schlafen zu gehn, ein großes Entgegenkommen, da das auch nach Ansicht des Arztes für die Nerven eine höchst segensreiche Bestimmung sei. – Dieser Hohn! Die quälendste aller Maßnahmen, die beispielsweise meine Nerven aufs Schlimmste alteriert, dient zum Beweise des „warmen Herzens“. – Die Neugruppierung der Gesellschaftsbeziehungen unter den F. G. ist noch im Gange. Eine Kuriosität ist aber grade jetzt akut. Die 3 kommunistischen Landtagsabgeordneten Sauber, Hagemeister und Schmidt stehn augenblicklich in verschiedenen, einander feindlichen Lagern und boykottieren sich allesamt gegenseitig. Die Repräsentation des einigen revolutionären Proletariats! O Ironie des Schicksals!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 25. August 1921.

Ich habe einen großen Ärger. Adolf – und natürlich auch die übrigen Landtagsabgeordneten – hat gestern das Stenogramm der Sitzung erhalten, in der der Klerikale Speck Bericht erstattete über die Verhandlungen des Ausschusses, der sich mit den Niederschönenfelder Vorgängen befaßt hat. Im Plenum sprach nur dieser Herr, empfahl im Auftrag der Ausschußmehrheit die Ablehnung des Antrags, eine Untersuchungskommission herzusenden, – was dann ohne weiteres – da ja Herr Kraus selbst am Telefon mitgeteilt hatte, daß hier alles gesetzlich zugehe – auch von der Hauptversammlung der „Volksvertreter“ als überflüssig eingesehn wurde. Das Stenogramm bestätigt, was seinerzeit schon aus den Zeitungsberichten zu ersehn war: daß der Regierungsvertreter, dessen Mitteilungen Speck wiedergab, lauter Lügen aufgetischt hat, Entstellungen, Fälschungen, Verleumdungen, Verdächtigungen, die ohne Schwierigkeit als solche erwiesen werden könnten, – wenn nicht die herrschende Klasse mit vorbildlicher Interessensolidarität darauf bedacht wäre, die Wahrheit über die Gefangenenbehandlung in Niederschönenfeld zu unterdrücken und die politischen Gefangenen selbst dem Publikum in möglichst karrikierten Linien hinzuzeichnen. Auch vom Hungerstreik und den Anlässen dazu war – natürlich ebenfalls in völlig verlogener Darstellung – die Rede. Bei dieser Gelegenheit aber hieß es, daß die „vernünftigen Elemente wie Mühsam“ sich nicht daran beteiligt hätten. Das ist eine miserable Art, einen unbequemen Gegner zu kompromittieren, umso miserabler, als mir natürlich jeder Versuch einer Richtigstellung durch die Zensur unterbunden würde. Ich kann niemanden darüber aufklären, daß meine Passivität damals durchaus nicht Mangel an Solidarität war – was sicher denunziert werden sollte –, sondern die von der Verwaltung durch meine schon seit 3 Wochen wirksame Absperrung in Einzelhaft und von den Patentkommunisten durch ihre blödsinnige Boykott„politik“ veranlaßte Ausschließung von allem, was im Juni hier zwischen dem Vorstand und dem Mittelgang überhaupt vorging und wovon der Hungerstreik ja nur eine Teilaktion war. Wer draußen den Bericht des Herrn Speck liest, muß mich ja nun für einen Streikbrecher halten – und das hat Kraus ja sicher damit bezwecken wollen, daß er grade meinen Namen als den eines „Vernünftigen“ nennen ließ. Die Sauber-Gruppe ist selbstverständlich glücklich, mich derartig bloßgestellt zu sehn: erst bringen sie einen mit künstlichen Machenschaften in eine schiefe Lage, – um dann plärren zu können: da seht, was für ein Kerl das ist! Meine tröstliche Hoffnung ist nur, daß die Herrn Kraus, Speck, Roth und Kühlewein mit ihrem Ausspielen meiner Person als „Vernünftigen“ gegen die wilden Parteizentralisten nur bei denen selbst Erfolg haben. Zäuner, Sandtner, Schlaffer, Luttner haben mich in dieser Hinsicht sehr beruhigt. Es ist aber bezeichnend, daß Kraus noch nach der Hungerstreikgaudi für den Besuch Zenzls bei mir Anordnungen traf, die weitaus quälender waren als die, die etwa Sauber über sich ergehn lassen mußte. Daß die Aufsicht von einem Polizeibeamten geübt wurde, und daß der sich in einer Entfernung von uns niederließ, die nicht größer war als die zwischen mir und Zenzl, sodaß jeder Händedruck zur Pein wurde, hielt man bei keinem der „Unvernünftigen“, nur bei mir für nötig. Vielleicht kommt die Zeit doch noch, wo ich dafür werde Rechenschaft verlangen können, daß man mich hier wegen meiner Gefährlichkeit in Ausnahmebehandlung nimmt – das Schreib-, Besuch- und Paketverbot wurde ohne jede Grundangabe gegen mich ebenfalls 10 Tage länger aufrechterhalten als gegen jeden andern (dem Landtag wurde aber erzählt, die Aufhebung der Maßnahme sei schon unterschrieben bereit gewesen, als die Deputation mit der Forderung kam) – und zugleich mich vor der Öffentlichkeit als verwaltungsgenehmen „Vernünftigen“ herausstellt. – Bei der gestrigen Eintragung vergaß ich die neuesten Zeitschriftenverbote zu erwähnen. Die „Freie Jugend“, das Organ der jungen Anarchisten, und die „Fackel“, das der Braunschweiger Opposition gegen die AAU werden nicht mehr ausgehändigt. – Da seit geraumer Zeit auch der „Syndikalist“ und der Genfer „Reveil“ nicht mehr bei mir eintrifft – die ausdrückliche Mitteilung ihrer Zurückhaltung wird man halt im Drange der Geschäfte vergessen haben – ist nun wohl das Ziel erreicht: alle Quellen zu verstopfen, aus denen uns Informationen über den Verlauf der sozialen Dinge, ungetrübt von kapitalistischen Verschmierungen – zufließen könnten. Wir müssen also unsre Rückschlüsse, aus dem, was die Bourgeoisie selbst nicht geheim hält, ziehn. Und das ist, wenn wir auch die Fühlung mit den aktuellen Ereignissen innerhalb der Arbeiterbewegung ziemlich verlieren, ganz gut möglich. Ein als Symptom ziemlich wichtiges Moment zur Zeitbeurteilung ist z. B. die ungeheuerliche Korruption, die sich in der schon direkt industriell organisierten Ausnutzung der Spiel- und Wettwut der Bourgeoisie ausdrückt. Die Namen Klante und Köhn – und natürlich auch der des von Scheidemann, Ebert und Noske vielgeliebten Großschiebers Sklarz treten mit ihren „Konzernen“ in den Vordergrund der Aufmerksamkeit. Die Umsätze bei Börsenspekulationsvermittlungen, Rennwett-Totalisatoren etc. gehn in die Hunderte von Millionen und die Frage aller Fragen ist zur Zeit in diesen Kreisen die, ob bei Entschädigungsklagen der Begaunerten – die sich aus deklassierten Rentiers und Kleinbürgern rekrutieren, die von Arbeit und Papierverzinsung nicht mehr wie ehedem leben können und mit Wetten und Spekulationen nachhelfen möchten, wobei natürlich meistens alles zum Teufel geht – ob man also in Prozessen den Spiel- und Wetteinwand machen solle und könne. Das sind unmißverständliche Zeichen einer unglaublichen Unsolidität des gesamten Gesellschaftslebens, zu denen dann auch eine vor dem Kriege völlig unbekannte Steigerung der Vergnügungsgelegenheiten und der Schlemmerei trotz der wahnwitzigen Teuerung und auf der andern Seite kaum faßbares Elend, allgemeine Massennot, Sittenverwilderung – Kinderprostitution etc. – und fatalistisches Gehenlassen der Dinge zu zählen sind. Die Wohltätigkeit überseeischer Edle-Leute-Vereine wird für Speisung und Bekleidung hungernder Kinder in unheimlichem Maße in Anspruch genommen, während doch trotz aller Opferfreude der Quäker, deren Riesenhilfsleistungen im Jahr nicht die Summen erreichen, die Berlin monatlich verpraßt. – Ich las kürzlich Bulwers „Letzte Tage von Pompeji“. Man bekommt den Eindruck, als ob der Vesuv aus inneren Notwendigkeiten sich entladen mußte, um eine Kultur völlig zu verschütten, die an ihrer Verdorbenheit sowieso verrecken wollte. Aber obwohl im Augenblick ein Gewitter tobt, wie ich hier noch nie eins mit solchen Schlägen erlebt habe, glaube ich doch, daß in Deutschland der große Lavastrom nicht vom Himmel geschüttet werden wird, sondern daß er sich in den Herzen des gehundsfotteten Proletariats ansammelt und in der Wirkung seines Ausbruchs keinen Zweifel an seinem elementaren Charakter Raum geben wird. Wer den kapitalistischen Narrentanz für den Ausdruck der Welt hält, der wird bald genug den Weltuntergang erleben.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 27. August 1921.

Erzberger ermordet! In einem badensischen Kurort hat ihn die Hand erreicht, mit deren Bewaffnung und Führung sich die Bürgerpresse aller Schattierungen außer der linksklerikalen und republikanisch-demokratischen seit mehr als zwei Jahren – ja man kann behaupten: seit der Friedensresolution 1917 – ganz besonders aber wieder in der letzten Zeit intensiv beschäftigt hat. Er wurde am helllichten Mittag mit 12 Revolverkugeln im Leib tot aufgefunden, ist also „vermutlich erschossen“ worden, wie das Alarmtelegramm des „Fränkischen Kurier“ mit feinsinnigem Kausalschluß folgert. Sein Parteigenosse Dietz, der bei ihm war, soll schwer verwundet in einem Spital liegen: was er zum Hergang des Verbrechens zu sagen hat, ist noch unbekannt. Den Täter hat man noch nicht, doch sollen 2 elegant gekleidete junge Herren gesichtet sein, die man nun aufzufinden hofft – oder auch nicht hofft. Sicher ist, daß, wenn der Mörder nicht erwischt wird, das Gareistheater wiederholt wird, nämlich die Behauptung, es sei auch nicht der Schatten eines Beweises dafür erbracht, daß es sich um einen politischen Mord handelt. Dabei ist der Nachruf in dem „demokratischen“ „Fränkischen Kurier“, der erste, der mir bisher zu Gesicht gekommen ist, eine einzige Bemühung, die Freude am Erfolg der Hetzarbeit, an dem grade auch dieses Blatt beträchtlichen Anteil hat, nicht garzu deutlich werden zu lassen. Aber der Ermordete kommt auch jetzt noch nicht gut weg: „Erzverderber“, Schuldiger an der deutschen Niederlage, am Versailler Vertrag, und kurz und gut der größte Lump des Landes, den man nur „angesichts der Majestät des Todes“ etc. ... Diese neue Mordtat kann ungeheure Folgen haben. Die Nationalbestie hat mit Erzberger – der ja schon früher einmal von dem jungen Oltwig von Hirschfeld als Revolverziel ausersehn war – ihren Bestgehaßten weggeräumt. Die Bedeutung der Tat liegt aber darin, daß hier deutlich die Grenze gezeigt wird, wie weit der Hakenkreuzfahrer auf der linken Seite den „Verrat“ sieht und rächt. Wir haben die interessante Feststellung zu machen, daß die konterrevolutionäre Kampfbewegung sich schon vortraut bis zur bürgerlichen Novembergruppe, mit einem Wort, daß die Grenze heute nicht mehr bloß gegen den Sozialismus gezogen ist, sondern direkt gegen die Republik. Die monarchistischen Restaurateure fühlen sich stark genug, Patrouillengefechte gegen die unmittelbaren Sachwalter der offiziellen Regierungspolitik zu arrangieren. Denn, was grade neuerdings die maßlosen Beschimpfungen gegen Erzberger veranlaßt hat – der „Miesbacher Anzeiger“ z. B. hetzte noch vor einigen Tagen gegen ihn als „ehrlosen Lumpen“, als Meineidigen, als Landesverräter etc. –, das ist sein Einfluß auf die Politik Wirths, der ja grade als Exponent und Prokurist der Erzberger-Richtung im Zentrum auf den Kanzlerposten gesetzt ist. Es liegt also ein Attentat gegen die derzeitige bürgerliche Reichsregierung vor, mit andern Worten: die Ermordung Erzbergers ist der „völkische“ Alarm gegen die Republik und gegen die Steuerpolitik dieser Republik, die, obwohl sie die Arbeiter maßlos belastet, den wahrhaft deutschen Idealisten immer noch zu teuer für ihren Geldsack ist. Erzberger aber war der erste deutsche Finanzminister, dem es klar war, daß die Bezahlung der Kriegsschulden nicht länger mit Gauklerkunststücken wie die Kriegsanleihe-Taschenspielereien umgangen werden könnte, und Wirth sitzt in Berlin als Vollzieher des Erzbergerschen Programms. Sie haben mit diesem Mann zweifellos den bedeutendsten Kopf der bürgerlichen „Linken“, soweit sie zur politischen Aktivität überhaupt zugelassen sind (die besten Köpfe wie Harden, Gerlach, Gumbel, Förster kriegen ja in dieser demokratischen Republik keine Gelegenheit zur Mitwirkung) weggeschafft, und wir können sehr gespannt sein, was nun geschehn wird. Wird die Nationaille gleich weiter vorstoßen, um den Körper, dessen Kopf sie zerschossen hat, ebenfalls unschädlich zu machen? Oder wird sie warten, bis man etwa den Mörder verurteilt, um dann an Kundgebungen, wie man sie seinerzeit für den Mörder Arco arrangiert hat, Größeres anzuschließen? Oder wird man „links“ zur Gegenoffensive vorgehn? Vielleicht sehn die Sozialdemokraten eine gute Gelegenheit, um – diesmal in Gemeinschaft mit den direkt betroffenen Christlichen – irgendetwas zu versuchen, was ihnen und den Gewerkschaften ein bischen den ramponierten Ruf reparieren könnte? Bei der ungeheuer gereizten Stimmung der gesamten deutschen Arbeiterschaft ist es durchaus möglich, daß die Ermordung dieses bürgerlichen – und keineswegs in allen Lebenslagen politisch einwandfreien Zeitgenossen die eigentliche revolutionär-proletarische Bewegung in Wallung bringen kann. – Schon haben sich selbst in München die müden Arbeiter wieder gerührt. Sie haben trotz provozierendster Gewaltdrohungen des Pöhner eine Riesendemonstration gegen die Teuerung veranstaltet. Aus den ersten Zeitungsnotizen ist zu entnehmen, daß Zusammenstöße mit den Grünen vorkamen, und 1 Toter und 1 Schwerverletzter sollen als Opfer geblutet haben. – Unsereiner hier drinnen spürts in Nerven und Knochen, daß der Kampf sich wieder zu akuten Formen zu steigern beginnt. Unser Schicksal ist zu eng in diesen Kampf verflochten, als daß wir seine Zeichen verkennen könnten.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 28. August 1921.

Ich brachte die Eintragung gestern eher zum Abschluß, als meine Absicht gewesen war. Heut trifft sich’s, daß bis zum Mittagessen noch eine Viertelstunde frei ist, die zum Nachholen benutzt werden kann. Die Absicht allerdings, über die Intimitäten der Genossengruppen Notizen zu machen, schiebe ich für ein andres Mal auf. Nur ein paar Kleinigkeiten also: Weigel schreibt mir, daß ihn Leon Hirsch auf eine Anpöbelung der KAZ (des Organs der KAP) aufmerksam mache, die gegen mich gerichtet sei und die er mit der Anmerkung „Lumperei!“ versehn habe. Ich habe W. gebeten, mir das Blatt zu verschaffen. Was kann dies Blatt plötzlich dazu veranlassen, mich anzugreifen? Ich habe nur eine Deutung: das muß von Elbert ausgehn. Der sitzt jetzt noch unten mit den andern wegen pipigraphischer Briefstellerei. Ich werde kaum in der Annahme irren, daß der Kerl es nicht verschmäht hat, Gelegenheiten zur Kassiberei gegen Mitgefangene auszunutzen. Komme ich ihm mit Bestimmtheit drauf, kann er sich freuen. Grade seine Haltung der eignen Partei gegenüber, deren Organ sich also für solche Lumpereien zur Verfügung stellt, wird mir Anlaß bieten, ihm da mit wahren Gründen die Gurgel umzudrehn, wo er mir jedenfalls mit schäbigen Verleumdungen zusetzt. – Was andres: Der Hausarzt ist seit vorgestern in Urlaub (ich erfuhr es, da ich mich grade an diesem Tag wegen meines Ohrenleidens meldete und von ihm an den Vertreter gewiesen wurde). Der hat also gestern sein Amt angetreten. Zufällig wurden gestern früh Brote ausgegeben, die zum großen Teil Schimmel angesetzt hatten. Viele gaben ihr Brot zurück und Schreiber meldete sich zum Arzt, um ihm die verdorbene Eßware vorzulegen. Er erhielt die Antwort: Schimmliges Brot sei nicht gesundheitsschädlich, das sollte man nur ruhig essen! Für bayerische Festungsgefangene ist es also gut genug. Legt’s zum übrigen; aber fein führt sich der neue Mann der Wissenschaft gleich wieder ein! – Mein Ohr hat er angesehn. Meine Forderung, Gelegenheit zu spezialärztlicher Behandlung zu erhalten, lehnte er glatt ab, versicherte mir aber, daß ich damit rechnen müsse, das Ohrensausen nie loszuwerden und das Gehör des rechten Ohrs in absehbarer Zeit völlig zu verlieren. Morgen soll ich wiederkommen. Ich werde mein Verlangen nachdrücklich wiederholen. Kann ich schon nicht die Behandlung haben, die ich brauche, dann will ich wenigstens die Verantwortung rechtzeitig den Ärzten zuschieben, denen ein „geordneter Strafvollzug“ im Sinne Kahr-Roths wichtiger ist als eine geordnete Therapeutik für den Patienten. Es ist Zeit zum Mittagessen.

 

Nachmittag. Die Luft ist so bewegt von den Ereignissen, daß ich heute nicht stillschweigend an der Politik vorbeigehn mag. Wir sind ja allmählich derartig mit weltgeschichtlichen Begebenheiten überfüttert, daß die Unterscheidung zwischen großem und kleinem Erleben kaum mehr möglich ist. Die erdrückende Fülle völkererschütternder Tagessensationen wird klar, wenn ich mir vorstelle, daß hier, wo ein politisch nicht ganz ungeschulter Mensch fast täglich politische Aufzeichnungen macht, die ungeheuren Veränderungen im Orient, wie die Aufstandsbewegung in Indien, die wechselvollen Schrecknisse in Rußland, die Vorgänge in Irland, Marokko, Mesopotamien, der langwierige Krieg zwischen Griechenland und der Türkei, ja selbst der Friedensschluß zwischen den Vereinigten Staaten und Zentraleuropa überhaupt nicht erwähnt oder nur nebenbei gestreift wurden. Und diese Aufzählung ist ja nur ein Sackgreifen. Ob das Verschwimmen der Perspektive an meiner persönlichen Lage liegt, also daran, daß mir die Kerkermauern den Blick verstellen oder daran, daß sämtliche Grundpfeiler des gewohnten Weltgebäudes so geborsten und verrückt sind, daß man sie im Einzelnen garnicht mehr auffinden kann, will ich nicht entscheiden; daß ich die Empfindung habe, das Letztere sei der Fall, mag ja ebenfalls auf die Verschiebung meines besonderen Blickfeldes zurückzuführen sein. Ich will mich also weiterhin vornehmlich mit solchen Vorgängen befassen, die sich hier drinnen – vielleicht aus subjektiven Gründen – am bewegtesten abzeichnen. Augenblicklich nimmt natürlich die Ermordung Erzbergers in den Auseinandersetzungen und Spekulationen den vordersten Platz ein. Viele Genossen sehn daraus schon unmittelbare Folgen für unser eignes Schicksal erwachsen und meinen, daß ein so heftiger Stoß nach links davon zu erwarten sei, daß eine allgemeine Volksbewegung – mit Amnestie und weiteren Konsequenzen – durchaus wahrscheinlich sei. Ich habe es mir abgewöhnt, politische Ereignisse unter dem Gesichtspunkt des eignen Schicksals zu betrachten. Im akuten Falle teile ich aber auch objektiv nicht die Erwartungen der Illusionisten. Nach meiner Kenntnis der deutschen Spießerseele ist eine rasche und energische Gegenoffensive von links schwerlich zu erhoffen. Man wird wohl den Reichstag zusammentrommeln, wird pathetische Entrüstungsdeklamationen zum besten geben, wird der schwarzrotgoldenen Republik unverbrüchliche Treue und Anwendung „aller Mittel“ gegen ihre Feinde geloben – und wird die Initiative weiterhin denen überlassen, die sie bisher allein geübt haben. Wahr ist, daß durch terroristische Akte durchaus nicht die leidende Seite gekräftigt wird, wie moralische Schwärmer glauben machen möchten, sondern immer die angreifende Partei. (Deshalb ist auch das Dogma der Marxisten, Individualterror wirke konterrevolutionär, da er die moralische Position der Gegner festige, lächerlicher Unfug; die „Propaganda der Tat“, die man den Anarchisten so übel nahm, hat – von aller Ethik abgesehn – sich ihren Betätigern überall und stets nützlich erwiesen; die Deutschnationalen haben das begriffen). Ich vermute also viel eher, als daß von „links“ – wenn ich diesen Begriff bis in Regierungsregionen hinein ausdehnen will – etwas Beträchtliches unternommen wird, eine Fortsetzung der Offensive von rechts in dem Sinne, daß jetzt zum Generalangriff gegen die gesamte Wirth-Politik, zum Sturz des Kanzlers, eventuell sogar des dicken Ebert und zur Errichtung von Kahr-yatiden in Reich und Einzelstaaten vorgegangen wird. Mit der Parole gegen die geplanten Steuern, vor allem der starken Belastung des Grundeigentums – wäre die Sammlung der kapitalistischen Rechtsfront leicht zu bewerkstelligen. Die Aeußerungen der nationalen Presse zum Griesbacher Mord lassen auch darauf schließen, daß die Situation ausgenützt werden soll. Zwar findet man selbstredend den politischen Mord prinzipiell verwerflich – nur die Anstiftung dazu ist verdienstlich –, aber der Leichnam Erzbergers wird, ehe er noch unter der Erde liegt, derart durch den Kot gezogen, daß die Haß- und Rachestimmung auch nicht einen Moment von sentimentalen Regungen überschattet werden kann. Die „Linken“ schnauben natürlich mächtig. Der „Vorwärts“ kündigt „Kampf“ bis aufs Äußerste gegen die gesamte Rechte an. Aber wie stellen die Leute sich den Kampf vor? Vielleicht wird man versuchen, allmählich – aber für allmähliche Dinge haben sie ja garkeine Zeit – die Vertreter der adligen Reaktion aus den wichtigsten Amtsstellen zu entfernen. Da man das – übrigens Eisner ebenso wie Scheidemann – im November 18 unterlassen hat, wird man damit heute gewiß kein Glück haben. Vielleicht wird man auch die Arbeiterschaft (unter der Leitung der Herren Bauer und Stegerwald) in Bereitschaft stellen, um etwa eintretenden Rechtsangriffen eine geschlossene Phalanx gegenübertreten zu lassen (gebe Gott, daß die kommunistischen Gschaftlhuber nicht wieder mal die Situation verkennen, die „Phase“ der Entwicklungsgesetze austrompeten und im verfehltesten Moment eingreifen. Die Revolutionäre haben Gewehr bei Fuß zu beobachten – und durch eignes Generalstreik-Kommando mitten im Kampf die Entscheidung herbeizuführen, die über die Parteien und Gewerkschaften hinweg unter Ablehnung jedes Kompromisses in der klaren Erkenntnis, den Kampf gegen die dadurch wieder geeinten feindlichen Brüder von Helfferich bis Dittmann, auskämpfen zu müssen, eine wirkliche revolutionäre Entscheidung werden muß). – Im gegenwärtigen Fall bin ich leider nicht imstande zu glauben was ich hoffe, wiewohl ich die Möglichkeit nicht verkenne, daß Erzbergers Tod sehr viel lebendig machen kann, was mindestens scheintot war. Und das wäre schon beträchtlich. – Eine eigenartige Konstatierung legt dieser neueste Mord nahe. Alles was von den Monarchisten als links gewertet wird, hat deren Jüngern Ziele ihres Blutdurstes stellen müssen: vom alten Spartakusbund an (Liebknecht, Luxemburg u. s. w.), Unabhängige (Eisner, Haase, Gareis), Anarchisten (Landauer), bürgerliche Pazifisten (Paasche) bis jetzt zu dem Zentrumsmann Erzberger hin: nur eine „sozialistische“ Partei ist verschont geblieben und hat im Gegenteil als Hauptträgerin des reaktionären Kurses den spontanen Racheäußerungen des revolutionären Proletariats die repräsentativen Objekte liefern müssen: Auer und Neuring. Wenn diese Leute heute in Opposition machen, dann wird man sehr gut tun, sich dieser Tatsache und ihrer Gründe zu erinnern, die sich in den Eigennamen Ebert, Scheidemann, Noske, Landsberg, Hörsing, Heine, Auer, Timm, Schneppenhorst, Hoffmann etc. etc. etc. am sichersten kennzeichnen lassen. Lese ich zur Zeit die „Münchner Post“ mit ihren Wutausbrüchen gegen das Regime Pöhner-Roth, so quillt mir immer die Galle auf und ich frage mich: wer hat diesen Leuten den Weg gebahnt, den Weg durch das Blut unsrer besten Genossen? – Momentan schlägt das Blatt Purzelbäume der Entrüstung nicht bloß wegen der Mordtat am Erzberger, sondern vor allem auch wegen der in der Tat recht robusten Reaktion Pöhners auf die riesige Teuerungsdemonstration in München, wobei wie verrückt mit Gummiknüppeln gearbeitet wurde. Aber die Herren Mehrheitssozi haben auch heute noch keinen Anlaß, sich als Vertreter von Proletariern aufzuspielen. Aus Sachsen kommt eine sehr bezeichnende Meldung. Da hat eine Hundertschaft der „Schupo“ sich geweigert, in Stahlhelmen zu einer Übung auszumarschieren, da dieses Kleidungsstück von der Bevölkerung als Provokation gehaßt wird. Auf den Alarm eines Generals gegen diese Unbotmäßigkeit griff der sächsische Ministerpräsident ein, erklärte die gesamte Hundertschaft für entlassen und ließ es dabei sogar auf einen Konflikt mit den Kameraden ankommen, da sich die 5 übrigen Hundertschaften mit den Gemaßregelten solidarisch erklärten. Der Konflikt, in den auch die Beamten eingegriffen haben – zugunsten der streikenden Polizei – ist noch in der Schwebe. Der Ministerpräsident aber heißt Buck und ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 30. August 1921.

Ich hätte von Rechts wegen eine Menge Korrespondenz zu erledigen. Eine Reihe zu beantwortender Briefe lagert, dann kam gestern überraschend ein Paket von Mila – seit langer Zeit mal wieder eine Lebensäußerung – und endlich muß ich fortgesetzt mit dem Rechtsanwalt diskursieren wegen der Vermögensbeschlagnahme, die unheimlich viele Instanzen bewegt und bei jeder dieser Bewegungen neue Kosten verursacht. Ferner habe ich die Absicht, Harden einen Brief zu schreiben, dessen „Zukunft“ mir jede Woche eine Fülle von Anregungen und eigentlich die einzige Möglichkeit gibt, zu den Tatsachen eine unabhängige Einstellung zu gewinnen. Die Journaille hatte triumphierend verkündet, Harden, der demnächst zu einer Vortragstour nach Amerika fährt, werde seine Zeitschrift eingehn lassen, und ich wollte ihm mein Bedauern darüber in einem Dankbrief aussprechen. Jetzt erfreut er mich in der letzten Nummer mit der Ankündigung, daß er garnicht daran denke, künftig zu schweigen und daß die „Zukunft“ im Erscheinen nicht einmal eine Unterbrechung erleiden werde. Das veranlaßt mich erst recht, ihm zu schreiben, da ich durch die vorzeitigen Nekrologe seiner haßgeifernden Todesprediger erst recht zum Bewußtsein der außerordentlichen Bedeutung dieses Mannes, seiner Urteilskraft, Kenntnisse und Charakterfestigkeit gekommen bin. – Alle diese Korrespondenzen mögen aber zurückstehn, da fürs Tagebuch denn doch zu viel Material zu registrieren ist. – Um die Tagespolitik vorweg zu nehmen – sie soll trotz ihrer gehäuften Fülle nur in Stichworten markiert werden, – so ist zu sagen, daß in Deutschland die Folgen des Griesbacher Mordes alle übrigen Ereignisse im öffentlichen und privaten Interesse zurückdrängen, obwohl – oder weil diese Folgen noch nicht zu übersehn sind. Die Täter hat man noch nicht (sie werden gescheit genug gewesen sein, ein Auto bereit zu halten, das sie über die bayerische Grenze gefahren hat: wenn sie irgendwo in der Welt in Sicherheit sind, so in Bayern). Aber die Reichsregierung hat 100.000 Mark für ihre Ergreifung ausgesetzt – und sie hat noch ein weiteres getan: eine Verordnung erlassen, um die terroristische Offensive gegen die republikanische Verfassung abzuwehren. Da wird der § 48 der Verfassung, der bisher nur gegen Kommunisten Geltung hatte und auf den sich z. B. Bayern in der beharrlichen Konservierung des Belagerungszustand stützt, nun also gegen die Deutschnationalen gewetzt. Hetzartikel und Hetzreden werden durch Beschränkung der Preß- und Versammlungsfreiheit und Androhung hoher Strafen zu parieren versucht, und wenn auch aus dem Wortlaut der Verordnung und dem Sermon des Herrn Wirth dazu die nach rechts gekehrte Spitze des Pfeils nicht zu verkennen ist, so wird die Wirkung natürlich doch nur die verschärfte Tendenzpolitik gegen links sein. Denn die Anwendung der Verordnung bleibt ja in den völkischen Händen derer, gegen die sie beschlossen ist, der Pöhner, Kraus und ihrer nationalen Geistesverwandschaft in den Polizeidirektionen, Staatsanwaltschaften und Richterkollegien in Bayern, Preußen und überall. Wenn es heißt, die Mehrheitler und Unabhängigen (die sich in dieser Sache ganz zu gemeinsamem Tun zusammengefunden zu haben scheinen) verlangen die Reinigung der Verwaltungsämter und Justizreservoirs von Vertretern des alten Regimes, so ist doch sehr stark zu bezweifeln, nicht nur ob sie damit Glück haben werden, sondern selbst, ob überhaupt mehr als eine resolute Geste damit beabsichtigt ist. Immerhin ist eine sehr starke Erregung, ganz besonders in Arbeiterkreisen – und das günstige ist, daß diesmal die reaktionären Christlichen die nächstbetroffenen sind – sicherlich vorhanden, und wenn es heißt „die Lage wird als sehr ernst angesehn“, so ist das diesmal doch vielleicht nicht mehr bloß eine journalistische Klischeephrase, sondern ein wirklicher Ausdruck von Angst. Aller Prophezeiungen enthalte ich mich. Aber die Tatsachen sind: eine außerordentliche Verschärfung der politischen Gegensätze, die – so oder so – ihren kämpferischen Ausdruck finden muß bei einer gleichzeitigen außerordentlich schwierigen objektiven Situation durch die akut werdenden Zahlungsverpflichtungen, die Aktualität der Steuernöte, die höchst kritische wirtschaftliche Lage des gesamten Proletariats – die sich im September ohne Zweifel in ungeheuer umfangreichen und hartnäckigen Streikaktionen Ausdruck schaffen wird und zugleich ein – durch die Erzberger-Bescherung noch gesteigerter – Baisseverlauf der deutschen Goldkurse. Die Markvaluta, die seit einigen Wochen schon sprungweise sinkt, hat jetzt ihren bisher überhaupt tiefsten Wert erreicht. Im Zusammenhang mit allen diesen Erscheinungen muß man doch die Massendemonstration in München als recht wesentlich ansehn. Auch auf konterrevolutionärer Seite wird zugegeben, daß 100.000 Menschen in Bewegung waren, das ist für die Stadt, deren Proletariat durch seine völlige Lahmheit die Verzweiflung aller deutschen Revolutionäre ist, enorm und muß im ganzen Reich die Hoffnungen stark beleben. Daß die bayerische Reaktion auch darauf wieder nichts besseres weiß als den Mann, den die kapitalistische Presse als Opfer verlangte, – Freyberger, den Vorsitzenden der Betriebsrätezentrale – zu verhaften („Aufreizung“: 2 Jahre Gefängnis, – hier ist Maximum Norm, siehe Eisenberger und Wendelin Thomas) – bezeichnet gewiß nicht die Stärke ihrer Position und kann eventuell sogar zu für sie peinlich überraschenden Konsequenzen führen. Die Riesenbeteiligung in der vorigen Woche gibt vielen Arbeitern neuen Mut, und so kann die für morgen angesetzte Demonstration gegen den politischen Mord – die gleichzeitig in ganz Deutschland vor sich gehn soll – zusammen mit der Empörung über Freybergers Verhaftung (auch der Führer des republikanischen Reichsbundes, der Mehrheitler Schmalix war verhaftet und unter Mißhandlungen zur Polizei geschleppt) möglicherweise bedeutungsvoll und wenigstens ein guter Auftakt werden. – So ist die Situation draußen, und es ist klar, daß man sie in Niederschönenfeld großenteils unter recht subjektiven Gesichtspunkten erörtert. Auf dem kommunistischen Parteitag in Jena (der im großen Ganzen in Familienzank und streitbaren Leichenreden auf den Märzputsch dahinging) hat man auch eine Resolution für die politischen Gefangenen angenommen, und die Amnestiestimmung ist links überall deutlich zu merken. Aber wir stehn augenblicklich im Hause vor einem wichtigeren Ereignis: Herr Kraus verläßt uns. Schon vorgestern hieß es, er sei fort, ein andrer Staatsanwalt nehme bereits Rapport entgegen etc. Doch war all das unsicher. Gestern brachte nun die Augsburger Postzeitung die Mitteilung, der Oberstaatsanwalt Menzel werde unter Anerkennung seiner außerordentlichen und hervorragenden Leistungen „wegen nachgewiesener Dienstunfähigkeit“ dauernd pensioniert (seine Dienstunfähigkeit hat der Mann freilich nachgewiesen) und an seine Stelle trete der I. Staatsanwalt Hermann Kraus. Ich habe mich gebogen vor Lachen, als ich es las. Die Herren Roth und Kühlewein haben tatsächlich Humor. In der ganzen Welt ist der Name Kraus durch die Methoden, die er hier praktiziert hat, berüchtigt geworden; was Vollmann noch übrig ließ, um die Begriffe „Weißer Terror“ und „Niederschönenfeld“ für das Proletariat aller Länder identisch zu machen, hat Kraus vollendet. Rechtsbrüche und Brutalitäten aller möglichen Art kamen in Verbindung mit seinem Namen an die Öffentlichkeit. Bis in Bürgerkreise hinein machte sich der Abscheu gegen diese Behandlung politischer Gefangener bemerkbar. Und was tun seine Vorgesetzten? Sie befördern ihn – und zwar nicht irgendwohin, wo er seinem bisherigen Wirkungskreis entrückt ist, nein, sie befördern ihn zum unmittelbaren Vorgesetzten seines Nachfolgers, befördern ihn zu der Instanz, wo wir unsre Beschwerden gegen die Behandlung durch seinen Nachfolger, der sich nach seinen Anweisungen zu richten hat, anbringen können. Das ist so lustig, daß ich absolut keinen Zorn darüber aufbringe. Allerdings teile ich auch nicht den Optimismus vieler Leidensgefährten, speziell im I. Stock, daß nun alles besser werden würde. Den lahmen Schwälbchen, die den Festungsfrühling bisher ankündigen sollen, traue ich noch nicht recht: wie wir zuverlässig erfahren, geht am 1. September auch der derzeitige Zensor, Herr Polizeikommissar Gollwitzer, der uns die Lektüre aller unsre Interessen vertretende Blätter dauernd entzogen hat, – aber weiß ich denn, wer nach ihm kommt? Ferner sind heute die Abgesonderten wieder heraufgelassen worden: Elbert, Wollenberg, Toller und Tobiasch, sodaß „nur“ noch 3 unten sind: Karpf, Olschewski und Rheinheimer. Aber weiß ich denn, wer in diesen Tagen wieder hinunterfliegt und aus was für Gründen? – Jedenfalls habe ich Zenzl gebeten, mal wieder einen Besuch zu riskieren: enttäuscht können wir nach unserm letzten Erlebnis kaum mehr werden, und vielleicht werden wir durch ein wenig „Rücksicht“ überrascht. – Ein Nachruf auf Herrn Kraus, – von dem ich übrigens höre, er sei die nächsten Tage noch hier – erübrigt sich in diesem Heft, das, falls es erhalten bleibt, als sein bleibendes Denkmal zeugen mag. Dagegen sind zwei andre Nachrufe nötig, die nach dieser umfänglichen Schreiberei kürzer ausfallen sollen, als eigentlich recht wäre. Der erste für einen Mann, der gestern diese heilige Stätte verlassen hat, um sie mit dem bayerischen Landtag zu vertauschen: Ernst Niekisch. Er scheint die Absicht zu haben, draußen eine Offensive zugunsten der Festungsgefangenen einzuleiten, vielleicht um den Gestank, den sein allgemeines Verhalten hier drinnen ausgebreitet hat, nachträglich ein wenig zu parfumieren. Er hätte es nötig, draußen etwas davon wieder gut zu machen, was er hier drinnen angerichtet hat. Ohne seine Schandbarkeiten gegen die radikaleren Genossen wären die ganzen Niederträchtigkeiten gegen uns nicht gewagt worden. Er war der spiritus rector der Ehrenwortinfamie, der wir die monatelange Schreib- und Besuchssperre zu danken hatten, während er und seine Herde zu Ostern und Pfingsten ihre Frauen in den verschlossenen Wohnzellen empfingen. Er war der eigentliche Inspirator der Trennung zwischen den politischen Parteizugehörigkeiten hier und der, der nach außen kolportierte, die „Gemäßigten“ würden von uns terrorisiert, – ein Humbug, mit dem im Landtag jetzt noch gegen uns gearbeitet wird –, und der Erfinder dieser Lüge (der uns „Mörderzentralen“ und „Prügelkommandos“ angedichtet hat) soll nun also dort unser Sachwalter werden. Ich bin neugierig, und wenn ich auch glaube, daß Kraus, der wenigstens eine einheitliche Mißhandlung aller F. G. durchgeführt hat, von Niekisch nicht sonderlich zart kritisiert werden wird, und daß er um seiner persönlichen Freunde und Anhänger willen mancherlei Besserungen energisch verlangen wird – wobei er kaum umhin kommen wird, auch Fälle, die z. B. mich betreffen, mit als Anklagematerial heranzuziehn, so meine ich doch immer, daß er es nicht wird unterlassen können, die Schuld gerecht zwischen der Verwaltung und uns Linken zu verteilen (die er wohl auch in Kenntnis der Zwistigkeiten hier oben gegeneinander ausspielen wird). Gott hab ihn selig. Möge er froh daran werden, daß er, der eigentliche Inszenierer der Räterepublik und ihr erster Zentralratsvorsitzender wegen „Beihilfe“ mit 2 Jahren Festung davonkam. Nun aber zum zweiten, der des Nachrufes harrt. Das ist Ludwig Thoma, der überraschenderweise vor einigen Tagen gestorben ist. In mir kämpfen die sentimentalen Empfindungen, die mir der Tod eines Mannes erregt, mit dem ich doch in ganz freundschaftlichen Beziehungen stand mit denen der Abkehr von einem Renegaten. Ich verzichte darauf, diesem Seelenkampf heute noch hier eine Stätte zu bereiten. Ich bin müde vom Federbewegen und überlasse mich für heute geselligeren Beschäftigungen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 31. August 1921.

Kritischer Tag allererster Ordnung. Ich fühle meine Nerven so gespannt von Erwartung, Zweifeln, Spekulationen, Kalkulationen und Kombinationen, daß ich wieder unfähig bin, meine Briefverpflichtungen dem Tagebuch vorgehn zu lassen. Heute also soll im ganzen Reich gegen Erzbergers Ermordung und für die Republik demonstriert werden. Das bedeutet: man möchte den zweifellos beabsichtigten weiteren Aktionen der Deutschnationalen, die auf den Sturz der Wirth-Regierung und ihre Ersetzung durch eine der Kahrschen nachgebildeten (demnach auf ver„kappte“ Militärdiktatur) abzielt, noch in letzter Stunde zuvorkommen. Wirklich in letzter Stunde. Denn morgen beginnt in München(!) der deutschnationale Parteitag, der 3 Tage dauern soll, also über den Sedantag hinaus. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Gelegenheit benutzt werden soll, ist außerordentlich groß – und es wird alles von den Ereignissen heute abhängen, wie der Verlauf weiterhin sein wird. Ich müßte unsre Nationalisten recht schlecht kennen, wenn sie die ungeheure Erregung, die sie durch die Beiseiteräumung Erzbergers geschaffen haben, nicht sofort zu eignen Gunsten auszubeuten verständen. Aber man weiß diesmal offenbar, wo der Feind steht. Die Unabhängigen Dittmann und Rosenfeld haben die Einberufung des Reichstags-Sonderausschusses zur Sicherung der Verfassung verlangt, der sich ausschließlich mit bayerischen Verhältnissen zu befassen hat. Wenn ich richtig sehe, so hat der Kampf des Reichs gegen Bayern eingesetzt und wird sich nun zu Handlungen auswirken, die auch auf unser persönliches Schicksal hier von entscheidender Bedeutung werden können. Rechts wird man – das ist gewiß – die Kahr-Roth-Pöhner-Wirtschaft mit den äußersten Mitteln verteidigen, und da schon nach der Demonstration der vorigen Woche die „Münchner Post“ berichtete, es habe in der Mühle an der Belgradstraße in München eine Abteilung der (aufgelösten!) Einwohnerwehr in Bereitschaft gestanden, kann man sich vorstellen, welche Mittel angewendet werden können und sollen. Ich ahne, daß es jetzt ums Ganze geht, wenn ich auch noch nicht, wie mancher Genosse, die endgiltige Entscheidung bei dieser Ouvertüre schon erwarte. – Unsre Erregung, die sich wohl den meisten schon mitgeteilt hat, ist besonders geschürt dadurch, daß heute Mittag die Briefpost ausgegeben wurde, ohne daß wir unsre Zeitungen erhalten hätten. Umgekehrt war es schon mehrmals da, so noch nie, und die Erklärungen dieser höchst auffälligen Tatsache sind auf ihre innere Haltbarkeit schwer zu prüfen. Vielleicht hat die Deutung am meisten für sich, daß die Erregung der Öffentlichkeit in allen Blättern so stark zum Ausdruck kommt, daß man uns vorläufig nicht zuviel Einblick in die Lage geben möchte. Möglich ist auch, daß ein Buchdruckerstreik die Ursache ist, jedoch wären dann kaum auf einmal nord- und süddeutsche Zeitungen ausgeblieben. Ganz unwahrscheinlich ist mir vorerst die Meinung, es handle sich um einen bayerischen Verkehrsstreik; da hätten wir doch durch die Aufseher schon was gemerkt: auch würde das große politische Ereignisse voraussetzen, die schwerlich schon eingetreten sein werden. Am einfachsten wäre es jedenfalls anzunehmen, daß der Zensor – etwa angesichts seiner Abschiedsvorbereitungen noch nicht dazu gekommen ist, die Blätter freizugeben. Doch spricht dagegen, daß er Zeit genug gefunden hat, uns auch heute mittag die Beschlagnahme zweier Zeitschriften mitteilen zu lassen: mir die der letzten Nummer des „Forum“, Schiff der „Perspektive“, des Augsburger linkssozialistischen Organs, aus dem wir uns bei aller Dürftigkeit und ängstlichen Redigierung noch wöchentlich ungefähr einmal ein wenig über die Hauptangelegenheiten der revolutionären Kreise orientieren können. Ich sah, daß noch der Name Kraus die Verfügung zierte, – seine letzte Amtshandlung hier: ein Verbot. – Die „Gruppe Krach“, über deren heldische Lebensäußerungen ich hier lange nichts notiert hatte, hat ihre alte Taktik, regelmäßig die erregtesten politischen Situationen draußen und die einschneidendsten Änderungen im Hause zur Betätigung ihrer kriegerischen Gesinnung gegen die eignen Genossen zu benutzen, wieder hervorragend zur Geltung gebracht. Man hatte Elberts Wiedererscheinen aus der Einzelhaft noch abgewartet, um den Münchner Genossen jetzt mit einem regulären „Ultimatum“ unter die Nase zu gehn: sie sollen sich entscheiden, ob sie lieber mit ihnen, den allein echten und gesetzlich geschützten Kommunisten, oder mit den „Menschewisten“ (wozu auch ich gerechnet werde!) verkehren wollen. Natürlich haben sie eine entsprechende Antwort erhalten, und nun ist also der Boykott über sämtliche Münchner Funktionäre verhängt (über Sandtner, Zäuner etc, die populärsten Arbeitervertrauensleute! Die Leute, die sich da von dem KAP-Mann Elbert, der nicht mehr weiß, welcher Partei er überhaupt im Augenblick angehört, einseifen lassen, machen sich unglaublich lächerlich). Hagemeister hat die Konsequenz gezogen und wir haben uns vorhin die Hände gereicht, – diese „Feindschaft“ ist also zu Ende. Mit Podubetzky wird die Aussöhnung wohl auch leicht und rasch vor sich gehn. Die übrigen „Menschewisten“ hier oben, zu denen ja ulkigerweise diesmal auch Kain und Schwab gehören, werden es nicht ganz so leicht haben, ihre Beziehungen zu uns wieder einzurenken. Von Kain werde ich eine ausdrückliche Ehrenerklärung verlangen. Zu ihnen gehört noch Seffert, und wahrscheinlich werden auch Karpf und Olschewski sich gegen die Gruppe Krach stellen. (Doch habe ich keinerlei Absicht, mit Olschewski je wieder in engere Verbrüderung zu geraten). Der Boykott wird nun also von 10 Charakterfesten gegen etwa 65 Charakterlose eröffnet. Man soll niemanden um seinen Ruhm kürzen. Die Namen der zehn starken Männer, die ihre Gegner nur im eignen Lager glauben suchen zu dürfen, sind: Elbert, Wiedenmann, Sauber, Ibel, Taubenberger, Gnad, Wollenberg, Ertl, Egensperger, Nickl. Es sind nicht alles Lumpen, die Mehrzahl sind Esel und einige sind nur aufgeregt und verrannt. – Ich wollte auch diese häuslichen „Ereignisse“ noch markieren, da ich nicht weiß, ob nicht die politischen Ereignisse mich morgen schon nicht mehr dazu kommen lassen. Wohl diesen „Kommunisten“! Sie haben noch nicht bemerkt, daß sich außerhalb ihres Konventikelchens Geschichte vollzieht.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 3. September 1921.

Zwei Tage habe ich das Heft ruhen lassen, und so wird manches hier zu kurz kommen. Der Grund für die Schreibabstinenz lag eigentlich nicht in der Beanspruchung meiner Zeit durch Korrespondenzen, sondern in der ungeheuren nervösen Spannung, die die politische Lage des Augenblicks verursacht. Es ist kein Zweifel: der kritischste Punkt, den wir bisher in unsrer Gefangenschaft erlebt haben, ist da. Zwar sind die Demonstrationen ruhig und sogar schlapp verlaufen (in der Münchner Auer-Versammlung würgte man die Absicht einiger linker Teilnehmer, in die vorgelegte Resolution die Forderung nach Freilassung der politischen Gefangenen aufzunehmen, durch Verhinderung der Diskussion ab. Die Sozialdemokraten bleiben halt immer dieselben). Doch hat die Reichsregierung offensichtlich erkannt, daß Erzbergers Ermordung das Signal zur Schlacht der gesamten Rechten gegen die gesamte Linke war – in diesem „Revolutions“-Deutschland zählt ja Erzbergers Partei auch heute noch zur Linken! – und hat rasch und geschickt die Gegenoffensive aufgenommen. Dem Erlaß über den „kleinen“ Ausnahmezustand folgten sofort etliche Zeitungsverbote, die die deutschnationale Presse trafen, und eine Verordnung gegen das Tragen von Uniformen bei politischen Kundgebungen und die Beteiligung von Reichswehrkapellen daran. Damit wurde die Situation geschaffen, die heute das Bild bezeichnet: offener Kampf, – nicht bloß der betroffenen Partei gegen Wirth und (sozialistisches) Hilfspersonal, sondern vor allem akuter Konflikt zwischen Kahr-Bayern und dem Reich. Unter den verbotenen Zeitungen waren „Miesbacher Anzeiger“ und „Völkischer Beobachter“. Beide erschienen munter weiter und wurden unter den Augen der Pöhnermänner in München massenhaft verkauft – trotz ihrer wilden hysterischen Unflätigkeiten – oder grade deswegen. Die bayerische Presse tobt gegen Berlin und schreit gegen die „Einseitigkeit“ des Erlasses, die die Rechte zum Paria mache. Reizend: die Linkspresse ist in ganz Bayern fast vollständig unterdrückt, das Ausnahmerecht drückt entsetzlich auf der gesamten Bevölkerung, in der „Festungshaft“ hat man zweierlei Handhabung eigens erfunden, um den gräflichen Meuchelmörder hätscheln, die proletarischen Propagandisten mißhandeln zu können – und da jammert man über ein einseitiges Ausnahmerecht gegen die Monarchisten! Die korrupte Heuchelei kommt am Tollsten zum Ausdruck in der Entschließung sämtlicher Koalitionsparteien – „Demokraten“ und Bauernbund feste mit dabei! –, die dagegen protestieren, daß das Reich über den Kopf der Länder hinweg so einschneidende Verfügungen treffe. Man hätte unbedingt erst mit Bayern beraten müssen (um der Mördergesellschaft Zeit zu lassen, ihre Früchte zu ernten). Die größte Angst aber – das ist offen ausgesprochen – erregt die Absicht, der Aufhebung des Belagerungszustands in Ostpreußen und Mitteldeutschlands von Reichswegen die in Bayern folgen zu lassen. Die Herstellung gesetzlicher Zustände, meinen – mit Recht! – alle Organe der lieblichen Faustrechtskoalition, müsse die Kahrregierung zu Fall bringen, deren Stehaufmännchen-Eigenschaften wohl die Entwaffnung und sogar den blamabeln Rückzieher in der Getreideversorgungsangelegenheit dank ihrer Ungeniertheit zu überleben wußten, an der Lockerung der Volksfesseln aber schwerlich vorbei käme. Nun hat sowohl der Reichskanzler wie der Reichsinnenminister (Gradnauer) garkeinen Zweifel darüber gelassen, daß das Reich – zunächst mit Verhandlungen, wenn nötig aber unter Anwendung von Druckmitteln Bayern zur Aufgabe der Sonderpolitik gegen das Proletariat bringen werde. So stehn die Dinge jetzt auf Spitz und Knopf: und ich persönlich glaube, daß garkein andrer Weg mehr offen ist als der: entweder die Regierung Kahr stürzt und in Bayern wird eine dem übrigen Deutschland angepaßte Regierung gebildet (was für die politischen Gefangenen wahrscheinlich eine beträchtliche Teilamnestie und für uns Zurückbleibende große Erleichterungen im Vollzug zur Folge hätte) oder das Wirth-Kabinett kracht zusammen und im Reich wird ein Regime à la Kahr etabliert, was die revolutionäre Stimmung ungeheuer verschärfen und zweifellos die Entente zu neuen Repressalien veranlassen müßte. Wie es also auch kommen mag: zu verlieren haben wir nichts dabei, eventuell aber viel zu gewinnen. – Was außer dieser innenpolitischen Spannung zur Zeit an wichtigen Ereignissen vor sich geht, soll mich, solange diese Siedehitze herrscht, die die Situation in der Tat interessanter macht als sie je seit dem Kappputsch war, nicht beschäftigen. Erzbergers Mörder hat man natürlich noch nicht, obwohl der Häscherlohn allmählich auf insgesamt etwa 125 000 Mark erhöht ist. Aber charakteristisch für das republikanische Deutschland ist jedenfalls, daß unter den Verdächtigen sich auch der Fähnrich Oltwig von Hirschfeld befindet, der nach 4 Monaten Verbüßung seiner 1½ Jahre Gefängnis für die nächsten 4 Monate beurlaubt wurde und möglicherweise den Urlaub dazu benützt hat, das Werk zu vollenden, dessen Versuch ihm die 1½ Jahre eintrug. Sollte sich der Verdacht gegen den Jüngling nicht bestätigen, dann brauchte man sich wohl nur mal die Buchführung über Auslandspässe bei der Münchner Polizei anzusehn. Es wäre erstaunlich, wenn die jungen Herren nicht so praktisch gewesen wären, sich da mit allem zu versehn, wo sie am sichersten hilfsbereite Sympathie gefunden hätten. – Die häuslichen Ereignisse will ich über diesen Betrachtungen nicht ganz vernachlässigen. Ob Herr „Oberstaatsanwalt“ Kraus noch da ist, wissen wir nicht. Vorgestern – also nach dem Monatsersten – hat er sich noch in gewohnter Schneidigkeit betätigt. Er hat nämlich dem Genossen Schiff den Antrag, er möge seine Eheschließung mit der Mutter seines Kindes hier im Hause veranlassen, glatt abgelehnt. Ich bin neugierig, wie die Verhinderung der selbstverständlichen Rechte jedes mündigen Bürgers, die man selbst den Gefängnissträflingen nicht kürzen kann, von den Behörden gedeckt werden wird – daß sie gedeckt wird, ist im heutigen Bayern selbstverständlich. Sonstiges: Olschewski ist wieder oben, Karpf also der einzige der Pipigraphen, der weiter „sühnen“ muß. Ferner: Der Volksbeauftragte für Militärische Angelegenheiten in unsrer „Schein“- und in der „echten“ Räterepublik Wilhelm Reichardt, verurteilt zu 4 Jahren Festungshaft mit Bewährungsfrist nach 2 Jahren, zugebilligt vom „Volksgericht“, wurde bereits nach 1½jähriger Verbüßung von hier entlassen, obwohl selbst diese 1½ Jahre schon einmal durch einen Urlaub unterbrochen waren. Nun ja: der Mann wurde sogar im unteren Stockwerk als „Festungsjudas“ bezeichnet und war seit Wochen schon auf eignen Antrag ins Erdgeschoß gezogen, um seine Bravheit vor allem der Verwaltung zu dokumentieren. Der Kerl hat jede Lumperei gegen seine Mitgefangenen gemacht, um hinauszukommen. Nachdem er früher den wütenden Radikalen markiert hatte, – er war bei dem „Hochverratskomplott“ mit verwickelt und benahm sich renitenter als irgendein andrer – schwenkte er plötzlich um und gab sich zum willfährigen Hilfsorgan der Verwaltung, zum Spitzel und Zuträger her. Dem hat er also seine Entlassung zu verdanken. Herr Kraus aber hat Genossen, die sich zum Rapport zu ihm gemeldet hatten, gesagt, wenn sie sich entsprechend benähmen, sodaß der „Strafzweck“ erreicht werde, könnten sie genauso auf ihre Entlassung rechnen, wie sie jetzt Herrn Reichardt bewilligt worden sei. Also das ist der „Strafzweck“ für Ehrenhäftlinge in Bayern: sie zu Halunken gegen die eignen Genossen zu erziehn. – Daß dieser Reichhardt, der – bisher Mitglied der KPD – bereits in Karlsruhe als Beamter der Gastwirtsgehilfen-(„Zuträger“-)Gewerkschaft untergekrochen ist, nicht mehr zu sehn ist, wird von allen angenehm empfunden. Im übrigen könnten noch ein paar Zeitungsbeschlagnahmen erwähnt werden: einzelne Nummern mehrerer Blätter und zwar nicht bloß „der Leipziger Volkszeitung“ und ähnlicher, sondern amüsanterweise auch der „Germania“, des eigentlichen bürgerlichen Regierungsorgans des Reichskabinetts; natürlich, weil es die Rechtswidrigkeiten in Bayern entsprechend ans Licht gehalten hat. Der bayerische Justizbeamte aber beschlagnahmt das Blatt, während er nationalistische Hetzblätter wie die München Augsburger Abendzeitung, die wütend gegen die Berliner Regierung anbläfft, getrost ausliefert. Übrigens haben wir im Laufe dieser Woche viele Blätter – darunter die „Münchner Post“ und auch den „Miesbacher Anzeiger“ überhaupt nicht ausgehändigt erhalten. Die Kopflosigkeit der Herren Bayerns zeigt sich mit großer Deutlichkeit. Und jeder Nerv bestätigt, daß große Entscheidungen bevorstehn.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 4. September 1921.

Viel will ich heute nicht schreiben, zumal meine Nerven in sehr schlechtem Zustand sind. Heut früh habe ich schon bei einer politischen Diskussion in Adolfs Zelle dermaßen gebrüllt, daß das ganze Haus davon Notiz nahm. Doch war natürlich diese Erregung nicht die Ursache meines jetzigen schlechten Zustands, sondern jedenfalls schon der Ausbruch einer entsprechenden Disposition, die wohl auf die Spannung der letzten Tage und im Persönlichen auf die dauernde Unruhe wegen meiner Arbeiten, die alle nicht erscheinen, zurückzuführen ist: die Einigungsbroschüre bei Pfempfert, das Lustspiel in der Wiener Werkstätte, der Judas im Malik-Verlag – alles liegt dort, und ich erfahre nichts, von Herauskommen ist trotz aller Zusicherung keine Rede. Der Anfang meines Romans liegt hier unten bei der Verwaltung, und der Schutzverband Deutscher Schriftsteller, den Zenzl zu allarmieren versucht hat, rührt sich nicht. So fühle ich mich verraten und verkauft und meine Arbeitslust ist ganz zum Teufel. Vielleicht hilft mir Radbruch, der mich erfreulicherweise demnächst besuchen will. Auch Zenzl will bald wieder herkommen. Aber die Furcht, man wird unser Wiedersehn wieder nur zur Qual machen, läßt eine Freude natürlich nicht bei mir aufkommen. – Herr Kraus soll jetzt wirklich weg sein. Nur – bedeutende Änderungen merken wir bisher nicht. Da er ja Vorgesetzter seines Nachfolgers ist, haben wir wohl auch keine Erleichterungen zu erwarten, solange nicht die ganze politische Atmosphäre geklärt ist. Die Sachlage ist jetzt die, daß das Reich gegen die bayerische Sonderpolitik offen Front macht und daß die Kahr-Regierung, der keinerlei Charakterbedenken im Wege zu stehn scheinen, um unter allen Umständen auf ihren Sesseln klebenbleiben zu dürfen, auf dem Wege ist zu kapitulieren. Das soll angeblich wieder mal in der gleichen Weise geschehn wie bei der Entwaffnungsgeschichte, daß sie nämlich „von sich aus“ den Belagerungszustand aufhebt (ihr bleibt ja dann immer noch das Reichsausnahmegesetz, das sie schon gegen die zu wenden wissen wird, zu deren Schutz es erlassen wurde). Ich bin nun gespannt, ob das bayerische Proletariat sich die Herren Kahr, Roth und Pöhner auch dann noch gefallen lassen wird, wenn sie ihre vollständige, nur durch starke Gesten markierte Machtlosigkeit auch noch durch diese dritte Niederlage manifestiert haben wird. Bei der Führung, die sich die bayerische Arbeiterschaft heute noch in ihren eignen Organisationen bieten läßt, kann einen ja die demütige Passivität der Staatsgewalt gegenüber auch nicht wundern. – Häusliches: Unser Walter ist (vorgestern schon) nach Absolvierung seiner 2 Monate Gefängnis von Donauwörth zurückgekommen – Kraus ist also fort, die beiden Möbelwagen aber sind noch da.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 6. September 1921.

Nein, Kraus ist nicht fort. Er betreut uns immer noch mit seinem warmen Herzen. Ob er bis zum 1. Oktober, also bis zum Antritt seines neuen Postens, hier bleiben wird oder ob ihn vielleicht das Stürmchen, das nun wirklich schon recht hörbar zwischen Berlin und München pfeift, mitsamt seinem Prinzipal Roth noch vorher von der Niederschönenfelder Kommandobrücke weht, muß sich ja bald herausstellen. Die politische Situation ist in der Tat außerordentlich interessant geworden und die Möglichkeiten eines Verfassungskonflikts zwischen Bayern und dem Reich größer als je. Wirth hat im „Überwachungsausschuß“ des Reichstags dem Regierungsvertreter Bayerns Preger und dem Koalitionsparlamentarier Beyerle von der Bayerischen Volkspartei in einer Form geantwortet, die ungewöhnlich scharf war und den Willen zur Durchsetzung der republikanischen Politik schroff herauskehrte. Er sprach von zweierlei Maß in der Anwendung des bayerischen Ausnahmezustands zugunsten der monarchistischen Reaktion, bemängelte sogar – er, der christkatholische Reichskanzler gegenüber der von Christentum tropfenden Kahrregierung – das „unchristliche Wesen“, das in Bayern herrsche und meinte dann, seine Versöhnlichkeit betonend, daß er natürlich von der Reichsexekutive garnicht sprechen wolle, womit er ja schon von ihr gesprochen hatte. Die Neigung Bayerns zum Einlenken scheint bei den ganz Rabiaten nicht günstig aufgenommen worden zu sein. Denn plötzlich werden zwei neue Tatsachen herangezogen, um die Wirthsleute zu beschuldigen, sie arbeiteten auf den Konflikt hin und man könne ihre Herausforderungen nicht mehr ruhig hinnehmen. Erstens hat Gradnauer als Reichs-Innenminister von Kahr das Verbot der „München-Augsburger Abendzeitung“ verlangt wegen eines Artikels „Auf dem Wege zur Sowjetrepublik“, in dem Ebert angegriffen wird, weil er durch Hochverrat und Eidbruch auf den Präsidentensitz gelangt sei. Ferner verlangt Gradnauer von der Kahrregierung Untersuchung der Vorfälle in Coburg. Dort wurde wie überall eine Protestversammlung gegen Erzbergers Ermordung und für die Republik arrangiert. An sie schloß sich ein Demonstrationszug an, gegen den Sipo aufgeboten wurde, mit dem Erfolg, daß geschossen wurde und ein Toter am Platz blieb. Also die Regierung, die die Anordnungen der Reichsregierung so befolgte, daß sie die Zeitungsverbote erst nach wiederholter Mahnung verfügte, daß sie nach dem Uniformverbot zuließ, daß Oberst Xylander auf dem Parteitag der Deutschnationalen in voller kriegsmäßiger Aufmachung erschien und sprach – wobei auf Kahr und die Seinen begeisterte Hochs ausgebracht wurden –, und daß nach dem Verbot, Reichswehrkapellen für politische Veranstaltungen zu engagieren, bei der Münchner Sedanfeier eben die Reichswehrkapelle die Musik machte, – diese Regierung läßt ihre bewaffneten Organe los, um in Demonstrationen für die giltige Reichsverfassung hineinzuknallen, – und das noch dazu in Coburg, wo man sich wohl wegen der etwas übereilten Einbayerung manchmal schon den Kopf gekratzt haben wird. – Die Sozi innerhalb und außerhalb Bayerns – in schöner Eintracht MSP und USP – ballen indessen die Männerfäuste und schwören eherne Treue der Regierung des Herrn Dr. Wirth (den man, weil er seine Politik nicht ungeschickt den Wünschen der Siegerstaaten anpaßt, für eine Art Freiheitsbringer hält), wobei sie gleichzeitig ihre Front gegen Kommunisten und „Putschisten“ vereinen, gegen alle die also, die möglicherweise mehr anstreben könnten als die Aufhebung des Belagerungszustands in Bayern (und seinen Ersatz durch einen neuen Ausnahmezustand, dessen Anwendbarkeit gegen links auch Herr Gradnauer durch mehrere „kommunistische Zeitungsverbote“ (so drücken sich die deutschen Zeitungsschreiber aus: reitende Artilleriekaserne!) praktisch schon bewiesen hat). Dabei ist bemerkenswert, daß – nachdem (ich glaube, ich erwähnte das hier) die Mehrheitler in München Versuche, die Stimmung zugunsten der politischen Gefangenen zu benutzen, abgewürgt haben, die Unabhängigen sich zu der Forderung aufgeschwungen haben, das Reichsamnestiegesetz vom August 1920 solle auf Bayern ausgedehnt werden: mit andern Worten – die gefangenen „Führer“ sollen eingesperrt bleiben! – So wird es jawohl wahrscheinlich auch kommen. Herr Roth braucht nur zu verwirklichen, was er vor einem Jahr als unmittelbar bevorstehend offiziell ankündigen ließ und braucht sich dann nicht mal vorwerfen zu lassen, er habe unter Zwang gehandelt. Die Leithammel des bayerischen Proletariats haben es ja das ganze Jahr hindurch unterlassen, ihn an sein Versprechen zu erinnern, so kann er es getrost mit dem Lächeln des Schenkenden erfüllen. Prophezeiungen sind in diesem Augenblick völlig verfehlt. Es ist ebensogut möglich, daß zunächst die Rotte Kahri siegt, wie daß die Wirthuosen von Berlin den Platz behaupten. Ihre Chancen sind nicht schlecht und sie operieren bis jetzt recht klug, indem sie eine bisher – auch unter sozialdemokratischer Oberleitung – ungekannte Arbeiterfreundlichkeit zur Schau tragen und zur wirksamen Illustration der unerträglichen Reaktion in Bayern, mit Hochdruck an einer Linkskomplettierung der Stegerwald-Regierung in Preußen arbeiten. Aber es ist nicht zu vergessen, daß auf der andern Seite die seit Jahrhunderten geübten Traditionshüter stehn, denen wahrscheinlich, falls es zur brachialen Entscheidung kommen sollte, die gesamte bewaffnete Macht treu bliebe. Dann müßte erst die Entente mit Sanktionen eingreifen, um ihrerseits eine energische Wirthpolitik zum Erfolg zu führen, – und zwar mit kurzem Aufenthalt zum Erfolge für uns. – Hier im Hause ist noch nichts von der Umwertung aller Werte zu spüren. Zwar ist Rheinheimer aus der Einzelhaft heraus, aber inzwischen war Bedacht schon wieder 2 Tage unten, und Schiff ist für 5 Tage abkommandiert, um Karpf unten Gesellschaft zu leisten. Gründe: Bedacht hatte gegen die neue Anordnung Mißvergnügen geäußert, daß jetzt nicht mehr dann Licht in den Buden gemacht wird, wenn es dunkel wird, sondern Punkt 7 Uhr 15, sodaß wir, – obwohl wir abends schon um 10 Uhr zur Nacht verurteilt sind und kein eignes Licht brennen dürfen, nun auch noch am Tage von Sonnenuntergang bis 7 Uhr 15 Dunkelarrest haben. Schiff soll die Disziplinierung einer Beschwerde über sein Heiratsverbot, bzw. dem Ersuchen zu danken haben, daß Kraus wegen Mißbrauch der Amtsgewalt zur Verantwortung gezogen werde. Stimmt das, so läge offenkundig ein neues Vergehn der gleichen Art vor. – Rheinheimer hatte unten alle Verschärfungen, als Lager- und Kostentzug, Rauch-, Zeitungs-, Kantinen- und Hofverbot: allerdings nur die ersten 3 der 17 Einzelhafttage, die er hinter sich hat. Er hatte, wegen einer Kleinigkeit vorgeladen, dem Autokraten von Niederschönenfeld in einem Ausbruch seiner Galle alle Schande ins Gesicht gesagt und ihn dabei einen Sadisten genannt. – Gestern wurden unheimliche Mengen von „Eröffnungen“ verlesen: auf 4 großen Quartseiten waren die Zeitungen aufgezählt, die im Lauf der letzten Woche beschlagnahmt wurden: Es waren Organe aller Richtungen dabei, sogar der Miesbacher Anzeiger. Daß die Reichsregierung diesen Triumph sogar an dieser Zentrale der Konterrevolution erzielen konnte, zeigt immerhin, daß sich die weißblauen Prätorianer im Rechtstalar doch nicht mehr ganz unverwundbar vorkommen. Die allernächsten Tage sind voll wichtiger Entscheidungen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 8. September 1921.

Zwischen den Fristen, in denen der Konflikt Berlin-München ausgeglichen oder zum offenen Ausbruch gekommen sein muß, mag die Betrachtung darüber hier schweigen. Vorläufig hat es wenig Zweck, die Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abzumessen und das Gewicht der sozialdemokratischen Eventualbeschlüsse – die Nürnberger drohen mit Separation Nordbayerns mit Anschluß ans Reich, bzw. unbefristetem Generalstreik – zu ergründen. – Zudem habe ich Grund, hier meinem Gedächtnis in einer besonderen Angelegenheit rechtzeitig Hilfsmittel zu schaffen. Gestern hatte ich nämlich das richterliche Verhör, um das ich den Staatsanwalt in München in meinem Brief vom 6. August ersucht hatte. Es erschienen als „Gerichtskommission“ ein Oberamtsrichter und ein Schreiber, und ich diktierte, nachdem ich mich mit dem Richter darüber verständigt hatte, daß ich das Protokoll selbständig machen werde und er mir Einblick in seine Anweisungen gegeben hatte, aus dem Stegreif alles, was ich zum Falle Arco-Lindner auf dem Herzen hatte. In dem Begleitschreiben des Münchner Staatsanwalts stand, es werde zu prüfen sein, ob meine Mitteilungen eventuell als Grundlagen für eine Begnadigung anzusehn wären. Darauf richtete ich mein Diktat ein, da mir an einer „Aufklärung“ des Offizierskomplotts vom Februar 1919 durch die heutige Justiz verdammt wenig liegt, unendlich viel aber an einer Hilfe für den armen Lindner aus seiner scheußlichen Lage. Ich begann mit einer Motivierung, wieso ich bis jetzt geschwiegen habe: ich sei seinerzeit weder in der Sache Arcos noch Lindners verhört worden. Die Termine seien beide überraschend angesetzt worden, und die unumstößlichen Urteile gefällt worden, ehe ich mich äußern konnte. Inzwischen habe mich aber das Schicksal Lindners unaufhörlich beschäftigt, und die Vernehmung in der Sache Däublers sei mir als gute Gelegenheit erschienen, endlich auch meinerseits aus der Reserve herauszutreten. Ich schilderte dann den Besuch des Soldaten bei Zenzl am 20. Februar, der als Ordonnanz in einem Offizierskasino gehört hatte, daß am folgenden Tage Attentate gegen Landauer, Levien und mich stattfinden sollten, daß zu mir der Marineoffizier von Seefeld in gewöhnlicher feldgrauer Uniform kommen werde, und wie dann diese Anschläge unterblieben, während das auf Eisner, von dem der Soldat jedenfalls nichts wußte, sodaß E. nicht gewarnt wurde, geschah. Ich knüpfte daran die Begründung an, inwiefern mir diese Tatsachen im Hinblick auf Lindner wesentlich schienen. Nämlich: die Ermordung Eisners wurde von der Masse sofort als Wirkung eines reaktionären Komplotts angesehn, zu dem die Politik des Innenministers Auer erst die Möglichkeit geschaffen hätte. Dieser Gedankengang habe auch Lindner zu seiner spontanen Wuthandlung getrieben. Ich nähme an, daß das Gericht zu einer andern Einschätzung seiner Motive gekommen wäre, wenn es gewußt hätte, daß die Voraussetzung, es handle sich um eine Verschwörung, zutreffend gewesen sei. Als Zeugin benannte ich Zenzl und fuhr dann fort: Über die Persönlichkeit des Herrn v. Seefeld werde jedenfalls Graf Arco nähere Angaben machen können, ebenso über die Personen, die zur Ermordung Landauers und Leviens ausersehn waren. Ich schloß dann mit einem deutlichen Wink, worauf es mir ankam, etwa so: „Sollten meine Mitteilungen die Justizbehörde veranlassen, den Fall Lindner unter dem Gesichtspunkt einer Begnadigung oder Umwandlung seiner Strafe nachzuprüfen, so wäre dadurch meinem Rechtsempfinden jede gewünschte Befriedigung geschaffen.“ – Nun habe ich also diese Pflicht erfüllt. Ob dem armen Lindner damit aus dem Zuchthaus herausgeholfen wird, ist natürlich mehr als zweifelhaft, aber keineswegs ganz ausgeschlossen. Der Zeitpunkt ist der Aktion erdenklich günstig, und man kann mir nicht mal vorwerfen, daß ich ihn aus politischer Demagogie grade jetzt, wo die Reichsoffensive gegen die bayerischen Volksgerichte eingesetzt hat, herausgesucht hätte; denn mein Antrag zu der Vernehmung geschah lange vor dem Aktuellwerden der Spannung. Nun wird also wohl zuerst Zenzl verhört werden, die natürlich bestätigen wird, was ich ausgesagt habe. Dann wird man Arco fragen, der selbstredend seine Kameraden nicht verraten wird und bei seiner Behauptung beharren wird, sein Mord sei seiner individuellen Initiative entsprungen, und dann wird man den Akt entweder beiseite legen – oder man wird sich sagen: Mühsam weiß mehr als uns lieb sein kann. Er ist nicht der Mann, der eine einmal aufgenommene Fährte nach dem ersten Mißerfolg aufgibt, hat aber erklärt, daß ihm die Umwandlung der Zuchthausstrafe Lindners in Festung auf dem Gnadenwege befriedigen würde: eine bei den Arbeitern höchst populäre Maßnahme wäre es bestimmt: in Gottes Namen dann! – Ziehn die Herren nicht diese Konsequenz, dann können sie sich darauf verlassen, daß der Name Seefeld den Arcos noch recht oft in den Ohren gellen soll; andernfalls lasse ich die Geschichte ruhen und begnüge mich mit der Rettung Lindners, die mein einziger Zweck in dieser Aktion ist. – Fürs übrige ist nur noch zu Stichworten Zeit: Angora soll von den Griechen genommen sein. Damit wäre der Krieg wohl so ziemlich zuungunsten der Türken entschieden – trotz der Verbrüderung mit Trotzki: die Idee ist eben nur stark, wenn sie für ihre eignen Zwecke eingesetzt wird. Mit Diplomatie vertragen sich keine Weltideale. Gegen Sowjet-Rußland hat schon wieder eine infame Hetze eingesetzt. Man ist dem Hilfskomitee in Petersburg, das sich aus Intellektuellen aller Richtungen zusammensetzte und die Gaben an die Hungernden aus aller Welt zu verteilen hatte, draufgekommen, daß es sich zum Herd konterrevolutionärer Verschwörungen hergab, die schon sehr weit gediehen gewesen sein müssen: denn es sollen 61 Hinrichtungen erfolgt sein. Natürlich kläfft jetzt die ganze deutsche Preßmeute gegen die Bolschewiki los, sie ermordeten diejenigen, die der Hungersnot abhelfen wollten und verhinderten also jede Hilfe, um ihres rohen Despotismus willen. Miserable Bande, – aber die Journaille kann nicht anders als miserabel sein. Ihre Ausrottung ist allererste Pflicht der Kommenden.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 9. September 1921

Die kurze Zeit bis zum Mittagessen für ein paar häusliche Kennzeichnungen, da ich nachmittags Briefe schreiben will und ich für Politik heute wohl keine Zeit mehr finden werde (es gibt auch wenig, was neu zu vermerken wäre: höchstens eine Betrachtung des ungarischen Theaters im Burgenland). Also: Karpf ist gestern wieder heraufgekommen, und wenn nun – heute abend wahrscheinlich – auch Schiff aus der Versenkung steigt, so wäre zum erstenmal, seit Kraus uns betreut, kein einziger F. G. in Einzelhaft. Nous verrons. Vielleicht verschwindet heute doch noch erst einer nach unten. Kraus’ neueste Methode ist, den Besuchern schön zu tun, um sie zu überzeugen, ein wie wohlwollender Mann er ist. So hat er Männleins Mutter erklärt, wenn die Herren sich gut führten, habe er garnichts dagegen, auch mal mit ihnen einen Spaziergang in die Umgebung zu machen. Das könnte hübsch werden: 70 Mann und 150 Aufseher mit Gummiknüppeln, Revolvern und Achtern und der Herr Oberstaatsanwalt als Befehlshaber an der Spitze, unausgesetzt Disziplinarstrafen verhängend, – so ungefähr stelle ich mir einen solchen Ausflug vor. Einen Eisenbahner, der Schlaffer besuchte – meiner Schwägerin verwehrt er den Eintritt, ebenso allen Bräuten – ließ er wissen, daß er sich bei guter Führung der Herren von München, dafür einsetzen werde, daß sie bald auf Bewährungsfrist entlassen würden: Leute, die vor 6 Wochen mit Strafen bis zu 3½ Jahren herkamen! Was er unter „guter Führung“ versteht, wird er dem Besucher wohl nicht gesagt haben. Wir wissen’s vom Falle Reichardt her. – Also neue Zusammenstöße mit der Verwaltung hat es nicht mehr gegeben. Dagegen gärt es unablässig im zweiten Stock. Für welchen Klüngel Karpf sich entscheiden wird, steht noch nicht fest. Er wird wohl seinem alten Freunde Olschewski zur „Mittelpartei“ Kain-Schwab-Podubetzky etc. folgen. Inzwischen hat aber die Elbert-Sauber-Gesellschaft eine neue Aktion unternommen, nämlich den Münchnern eine Art Denkschrift übersandt, worin der Boykott gegen die Verfehmten oben und unten unter Aufzählung von Einzelgreueln begründet wird. Da ist denn jetzt höchst interessant, was gegen mich behauptet wird. Meine Ehrlichkeit in materiellen Dingen lassen sie diesmal unangetastet, sie haben die Erfahrung gemacht, daß sie da übel anlaufen. Jetzt muß die Politik her. Und zwar: Ich hätte im Frühjahr den Kronstädter Matrosenaufstand „verherrlicht“ und den General Wrangel als größten Revolutionär gefeiert(!). Donnerwetter! Tatsächlich habe ich meine Auffassung über die Kronstädter Erhebung dahin präzisiert, daß ich durch offiziöse Istwestija-Berichte allein nicht davon überzeugt werden könnte, daß es sich um Konterrevolution handle. Da die Matrosen bei allen großen Umwälzungen die besten Kämpfer gestellt haben, nehme ich eher an, daß die Nachrichten zutrafen, nach denen sie die Ersetzung der Parteidiktatur durch tatsächliche Rätegewalt verlangten und dafür kämpften. Die Behauptung, ich hätte Sympathien für Wrangel geäußert, ist so grotesk, daß ich jedes Wort der Verteidigung überflüssig finde. Zu meiner Freude beurteilen die Münchner Genossen die Sache sehr vernünftig und lassen sich nicht dumm machen. Das Schriftstück, das natürlich von Elbert verfaßt ist – die Verleumdungen stammen jedenfalls zum besten Teil von Sauber – ist von Wiedenmann unterzeichnet. Dieser Mann reitet sich noch ins Verderben. Wir brauchten bloß draußen bekannt zu machen, was uns Ertl über ihn erzählt hat – und der muß ihn genau kennen – und kein Hund, der proletarisches Empfinden hat, nimmt einen Knochen von ihm an. Daß Ertl jetzt sein intimster Freund ist, kann ihn kaum reinwaschen. Es ist nur von Wert zur Charakterbeurteilung auch des Freundes. Diesmal rauben mir die werten „Genossen“ mit ihren Perfidien nichts von meinem Schlaf.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 10. September 1921

Aufhebung des Belagerungszustandes? Amnestie? Generalstreik? Lostrennung Nordbayerns? – So lauten die aktuellen – höchst aktuell gewordenen Fragen, und hier drinnen nimmt natürlich die nach der Amnestie den vordersten Platz ein. In der Tat ist die politische Spannung auf einem Punkt angelangt, daß man schon den Pulverqualm der Explosion zu riechen meint, – und das Zentrum aller Erwartungen und Ereignisse ist Bayern. Die Verhandlungen zwischen den Herren Wirth, Gradnauer und Genossen einerseits, der Delegation der bayerischen Koalition mit den Herren Schweyer von der Regierung und Held und Dirr von den Parteien werden wohl nichts andres gebracht haben als ein Kompromiß, wobei Kahr sich zur Aufhebung des Belagerungszustands verpflichtet, wofür das Reich die Ausführung der Verordnung vom 29. August ganz ins Ermessen der Landesbehörden stellt, – was einfach bedeuten würde, daß so ungefähr alles in Bayern bliebe, wie es augenblicklich ist, daß man dafür nur eine andre „Rechts“grundlage hätte, – aber zweifelhaft im höchsten Maße scheint es heute schon, ob sich das Proletariat eine neue Dupierung ruhig gefallen ließe. Die Resolution der beiden sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften in Nürnberg hat offenbar beim Proletariat größere Wirkung getan, als ihre Verfasser vielleicht selbst beabsichtigt hatten. Vor allem ist die Drohung mit der Proklamation der fränkischen Republik von den nordbayerischen Massen als höchst populäres Pronunziamento aufgenommen worden, und schon hat in einer Münchner öffentlichen USP-Versammlung der Abgeordnete Fischer ausgesprochen, der Akt der Autonomerklärung Frankens stehe unmittelbar bevor. Wie ernst die Sache bei der reaktionären Bourgeoisie genommen wird, zeigt sich im „Fränkischen Kurier“, der in krähenden Aufrufen „Bürger heraus!“ tutet und den Kahrioten Treue für alle Eventualitäten (heißt also auch für den Fall des Kampfs gegen das Reich) zusichert. Die Münchner Arbeiterschaft hat Fischers Ankündigung mit frenetischem Jubel aufgenommen, und so könnte man diesmal wirklich damit rechnen, daß es zu Entscheidungen kommen könnte, wenn nicht diese Hoffnung durch einen Namen stark reduziert werden müßte, der unter den Aufrufen gegen das Kahrregiment steht: es ist der Name Erhardt Auer. Unter dieser Führung ist das Proletariat von vornherein verraten und verkauft. Es bleibt jetzt zu beobachten, wieviel Energie die Nordbayern gegen die Mordbayern aufbringen und wie stark der Druck des übrigen deutschen Proletariats auf die Reichsregierung sein wird, um gegen Kahr Stange zu halten. Kahr und seine Leute scheinen sich kräftig genug zu fühlen, um unter scheinbarem Nachgeben den äußersten Widerstand zu leisten. Das wirkliche Nachgeben besorgt ja die Reichsbehörde des Inneren, der Sozialdemokrat Dr. Gradnauer. Sein Verlangen, die München-Augsburger Abendzeitung zu verbieten, ist sowenig erfüllt worden wie die Verfolgung der Koburger Affaire. Der „Miesbacher Anzeiger“ erscheint unter dem Titel „Miesbacher Tagblatt“ fröhlich weiter (leider schickt man es mir nicht mehr her). Herr Kahr aber führt Besprechungen mit dem Exkronprinzen Rupprecht über die bayerische Politik, – „republikanische“ Politik! So steht jetzt alles auf Spitz und Knopf, und die nächsten Tage können Entscheidungen bringen, die unsre Lage – um vom Persönlichen zu reden – mit einem Schlage von Grund aus verändern können. Im I. Stock packen die Herrschaften schon eifrig ihre Koffer, und ich glaube fast, sie werden sie – wenn auch die Parole: Donnerstag kommen wir raus! vielleicht verfrüht ist, – diesmal nicht wieder auszupacken brauchen. Ich denke mir folgendes und die meisten Genossen (sofern sie nicht etwa die geistreiche Argumentation bringen: mir hams scho so oft glaubt und san no nie rauskemma!) geben mir recht. Die Kahr-Regierung wird nach außen hin bedeutende Konzessionen machen, die sie in Wahrheit sehr wenig kosten werden, nämlich zunächst den Ersatz des Belagerungszustandes durch das Reichsausnahmerecht (unter ausschließlicher Anwendung gegen links), dann aber auch – um einem Reichstagsbeschluß vorzubeugen, der diesmal die größte Aussicht auf Annahme hätte, und sämtliche politische Gefangene in Freiheit brächte – eine partielle Amnestie nach der Art, wie sie im August 1920 beabsichtigt war. Da die Auerochsen alles tun, um die Freilassung von uns Prominenten zu verhindern, hätte Roth zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die sozialdemokratischen Opponenten zum Schweigen gebracht und uns weiterhin für längere Zeit „unschädlich“ gemacht. Ich erwarte solche Teilamnestie in der Tat sehr bald (falls ihr nicht wirklich die Ausrufung Nordbayerns zur autonomen Republik zuvorkommt, – was ich aber noch nicht zu hoffen wage). Zu diesem Thema ist ein Vorgang recht interessant, den mir gestern der Genosse Marx (ein Augsburger) mitteilte. Dessen Braut war bei dem Staatsanwalt Memminger, dem Augsburger Justizgewaltigen und Reichstagsabgeordneten der bayerischen Volkspartei und fragte ihn, ob ein neues Bewährungsfristgesuch für Marx jetzt Aussicht auf Erfolg habe. Emminger soll geantwortet haben: die Einreichung eines neuen Gesuchs habe garkeinen Zweck mehr, da die Freilassung aller politischen Gefangenen in Bayern in ganz kurzer Zeit ohnehin erfolgen werde. Eine solche Äußerung von dieser Stelle, die obendrein brieflich durch die Zensur mitgeteilt worden ist, darf man nicht ganz unbeachtlich finden, wenn auch die Illusionen im I. Stock etwas zu unvorsichtig sind. Welche groteske Phantasien die Sehnsucht nach Hause gebären kann, geht aus der Erklärung hervor, die ich heute für den geheimnisvollen Wartestand der beiden grünen Möbelwagen geben hörte: sie ständen bereit, um die Kisten und Koffer der Festungsgefangenen selbst bei der Öffnung der Gitter und Tore nach Rain zu befördern. So scheint sich jetzt also die bayerische Frage – deren charakteristischstes Merkmal ist, daß sie ganz selbstverständlich durch Erzbergers Ermordung akut wurde, aus einem Konflikt Berlin-München zu einer schwersten innerbayerischen Krisis zu transformieren. Es ist keine Frage, daß damit die Möglichkeit des Endes auch meiner Festungszeit für allernächste Zeit gegeben ist. Ich sehe allen Wendungen des Schicksals kühl entgegen. Ich bin bereit, jeden Tag draußen meine Arbeit aufzunehmen; ich bin auch bereit, hier drinnen abzuwarten, bis meine Stunde schlägt. Das einzige, was ich aus den Entscheidungen der nächsten Tage oder Wochen wirklich erhoffe, ist ein Ende der Formen, in denen die Festungshaft zur Zeit in Bayern vollstreckt wird, die Wiederherstellung der Ehe mit Zenzl und die Möglichkeit, ohne stündlich den Zugriff einer Polizeifaust erwarten zu müssen, für mich, für die Meinen und für meine Aufgaben zu arbeiten.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 12. September 1921.

Ganz überraschend wurde ich gestern vormittag vom Hof hereingerufen: Radbruch war da. Als Besuchsdauer waren 3 Stunden genehmigt, die Überwachung wurde von dem neuen Staatsanwalt persönlich besorgt, den ich bei dieser Gelegenheit kennen lernte; er heißt Hoffmann. Gespräche über politische und Festungsangelegenheiten wurden von vornherein verboten; der Hinweis darauf, daß ein Jurist und Politiker der Besucher ist, und daß Rechtsfragen zu besprechen seien, nützte nichts. Übrigens war die Überwachung nicht rigoros. Soweit nicht die aktuellen Tagesfragen von uns direkt angeschnitten wurden, ließ der Mann prinzipielle Auseinandersetzungen auch politischer Art, auch Erwähnungen vergangener politischer Ereignisse zu. In der Form war er durchaus höflich, und ich hatte im ganzen keinen schlechten Eindruck, sodaß es mir schwer fällt die Behauptung zu glauben, dieser selbe Herr Hoffmann sei der Staatsanwalt des monströs grauenvollen, – sogenannten „Geiselmord“-Prozesses gewesen, der 7 arme junge Menschen, die nichts anderes taten als die Weißgardisten, die auf Kommando Leviné erschossen, an die Mauer brachte. Das Wiedersehn mit Radbruch, doch wohl meinem ältesten Freund, freute mich herzlich. Er ist der alte ehrliche prächtige bescheidene kluge Mensch geblieben, der er immer war. So kam ich denn auch rasch über die erste Unbehaglichkeit hinweg, die mir das Gefühl seiner übeln Parteizugehörigkeit eingab. Er selbst hat wohl die Empfindung dafür, daß er in unsauberer Gesellschaft ist und erzählte mir auch, daß Frau Sonja Liebknecht sich deswegen von ihm zurückgezogen hat. Ich kann es von ihr verstehn, aber mir liegt es doch nicht, einen Menschen, den ich kenne, ohne weiteres mit dem Gesindel Noske, Heine, Landsberg, Scheidemann, Hoffmann, Schneppenhorst, Auer, Hörsing etc. zu identifizieren, bloß weil er die Notwendigkeit solcher widerlichen Charaktere als Resultat der Parteitradition nicht erkennt. Die Gespräche bewegten sich vielfach im Privaten, und ich erfuhr manches über Lübecker Konpennäler, die mir ganz aus dem Gesicht entschwunden waren, so, daß Friedrich v. Brutzer Offizier im Reichswehrministerium ist (ob dieser baltische Adlige republikanisch gesinnt ist?), daß sein älterer Bruder Gustav im Kriege gefallen ist, und daß Arnold Brecht es schon bis zum Chef der Reichskanzlei gebracht hat; von seinem älteren Bruder Gustav Brecht, – wir waren als Quartaner Intimi – wußte Radbruch nichts Genaues; grade dem hatte ich stets eine bedeutende Beamtenkarriere prophezeit – vermutlich in der Eisenbahnverwaltung. Leider hat Radbruch in München Zenzl verfehlt, doch wird er im Oktober, um als Schiedsrichter meine Interessen gegen die Staatsverwaltung wahrzunehmen – der Termin ist verlegt – dahin zurückfahren. Wenn auch die Auseinandersetzungen nicht möglich waren, auf die wir am meisten Wert gelegt hätten, so war doch der Besuch sehr günstig. Radbruch, der auf dem Wege zum Juristentag in Bamberg und zum sozialdemokratischen Parteitag in Görlitz war, und der tags zuvor Niekischs Gast war und von dem ja schon nützliche Aufklärungen erhalten haben mag, ist ja klug genug, um aus der Unterbindung jedes Worts über den Strafvollzug selbst richtige Schlüsse zu ziehn, und ich denke, er wird sie verwerten. Über die Amnestiefrage konnten wir auch nicht reden, doch hatte ich die Empfindung, daß er vor jeder Illusion in dieser Hinsicht warnen möchte (er hat das Toller, den er nach mir noch 20 Minuten sprechen konnte – wir brachen die Unterredung als erschöpft nach 2 Stunden ab, heimlich gesagt, wie man erzählt). Dennoch halte ich alles, was ich gestern darüber schrieb, noch für richtig; vielleicht täuscht sich der Politiker, der mitten drin steht, manchmal leichter, als der, der die Ereignisse aus der Entfernung miterlebt. Die Dinge stehn nach den gestrigen Zeitungen auf Spitz und Knopf. Die „Münchner Post“ plärrt: die Nationalisten stehn vor einem Putsch, die Nationalen plärren: die Arbeiter wollen losschlagen; und ich finde, daß die Situation nicht verglichen werden kann mit der des Kappputsches sondern mit der vor dem 7. November. Beim Kappputsch handelte sichs bloß um den Handstreich einiger verwegener Verschwörer; heute frondiert der zweitgrößte Staat offen gegen das Reich. Wie im Herbst 18 die Meinungen einander gegenüberstanden: Frieden à tout prix – und Nationale Verteidigung bis zum Verbluten! so sind es heute die Prinzipien Republik und Erfüllungspolitik – bzw. Restauration und Schluß mit Versailles! Nur die Machtverteilung ist heute eine wesentlich andre als 1918. Hinter Kahr steht die Mehrheit des bayerischen Bürgertums und der von den Pfaffen bearbeiteten Bauernschaft, außerdem alles, was im übrigen Reich deutschnational gestimmt ist. Hinter Wirth steht die Arbeiterschaft und vor allem die Entente, da seine Politik die Zahlungen verbürgt. Entscheidend wird aber schließlich sein, hinter wem die bewaffnete Macht und der Verwaltungsapparat steht, und es ist weder sicher noch aussichtslos, daß Offiziere und monarchistische Geheimräte die Entscheidung über den Willen ihrer untergeordneten Organe haben werden. Ich faßte von Anfang die Situation auf: Kahr oder Wirth. Jetzt scheint mir – mag zwischen den Regierungen kompromisselt werden, was will, jede andre Möglichkeit ausgeschlossen. Siegt Kahr, so wäre das gleichbedeutend mit neuem Aktivwerden Frankreichs. Schon veröffentlicht die „Münchner Post“ einen Geheimerlaß Kahrs, worin er die Gründung eines Einwohnerwehr-Ersatzes unter dem schönen Namen „Notbann“ ausdrücklich billigt. Das ist eine gute Waffe für Wirth. Aber, worauf kein Blatt aufmerksam geworden ist: ist es nicht auffällig, daß der in Baden erfolgte Mord an dem Württemberger Erzberger sofort die Fronten schuf: Bayern – Deutsches Reich? Daß nicht der geringste Zweifel bei irgendwem entstehn konnte, daß die Regierung Wirth nun die Partei des Ermordeten, die Regierung Kahr die des Mörders nehmen werde? – Wenn jetzt die Kämpfe ausbrechen werden, so kann niemand voraussehn, zu welchen Konsequenzen sie führen können. Eine der Eventualitäten ist die soziale Revolution. Jedenfalls befördert in diesem Augenblick alles katastrophale Entladungen. Die wirtschaftliche Lage ist vollständig grotesk. Der Dollar kostet über 100 Mark und die Börse führt Spekulationskapriolen von einer Irrsinnigkeit auf, die man bisher doch noch nicht gekannt hat. Überall ausgesprochene Katastrophen-Atmosphäre. – Daß all dies auf unser kleines Schicksal hier drinnen ohne Einfluß bleiben sollte, macht mir niemand weis. Selbstverständlich ist es Torheit, die Umkrempelung von heute auf morgen zu erwarten. Es kann getrost noch ein paar Wochen dauern, bis was geschieht. Inzwischen soll Zenzl wieder herkommen. Der Staatsanwalt hat es mir gestern selbst mitgeteilt, daß sie sich für den 21. September angemeldet habe. – Wann wird unser Zusammensein mal wieder in Freude stattfinden können? Wenn ich den bayerischen Reaktionären alles verzeihen könnte, die brutale, sinnlose, niederträchtige Zerstörung unsrer Ehen, das Austoben ihrer politischen Rachsucht an unsern Weibern verzeihe ich ihr nie.

 

Abends. Die Herren Kahr und Roth sind zurückgetreten. Näheres morgen. Herr Kraus hat mir soeben noch mal gezeigt, daß er noch da ist und seine Macht nicht als gebrochen betrachtet. Er hat einen Brief von Zenzl zu den Akten genommen – wegen agitatorischen Inhalts! – Ich gebe mich nicht der Einbildung hin: Nun muß sich alles, alles wenden. Aber über die Wut, mir sogar die Briefe Zenzls entziehn lassen zu müssen, tröstet mich doch das starke Gefühl: Das Ärgste liegt hinter uns.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 13. September 1921

Mit Kahr und Roth ist das Gesamtkabinett zurückgetreten. Ausschlag gab das Mißlingen des letzten Versuchs, den Ausnahmezustand Bayerns mit Hilfe des ständigen Ausschußes im Landtag zu retten. Der Ministerrat – bei der Abstimmung sollen Wutzlhofer und Hamm als einzige in Opposition gestanden haben – schlug vor, die – schon durch Kompromiß bayerisch verdünnte – Reichsverordnung vom 29 August für Bayern zu akzeptieren „sobald es die Verhältnisse erlauben“. Diese Frechheit ging sogar der „Bayerischen Volkspartei“ zu weit. Sie wurde im Landtagsausschuß mit 23 von 28 Stimmen abgelehnt, sodaß die Konsequenz gezogen werden mußte. Was jetzt wird, ist schwer zu sagen und wird im wesentlichen vom Proletariat abhängen. Gibt sich das mit der bloßen Abdankung der Blamierten zufrieden – denen bis jetzt noch nicht einmal Pöhner gefolgt zu sein scheint –, so gibt es kaum viel mehr als einen Personenwechsel, und wir können ein sogenanntes „Fachministerium“ erleben, etwa mit Held als Präsidenten, Kühlewein als Justizminister und einem Geheimrat wie Schweyer als Polizeichef. Ich halte eine Koalition wie zur Zeit vor der Kahrära – also mit Sozialdemokraten, aber wohl unter klerikaler Führung – vorerst für die wahrscheinlichste Lösung. Natürlich erregen sich die Geister hier drinnen ungeheuer. Jeder hat seine eigene Prophetie, – die aber zumeist ganz von der eignen nächsten Zukunft und den Wünschen und Befürchtungen dazu abgeleitet wird. Ich glaube nach wie vor an Teilamnestie, um dem Reichstag, von dem eine Generalamnestie befürchtet wird, zuvorzukommen. Für uns wenige, die zurückbleiben würden, bräche dann ohne Zweifel eine bedeutend angenehmere Zeit an. Jedenfalls will ich eine Denkschrift vorbereiten, um die Instanzen rechtzeitig auf unser Dasein hinzuweisen und zum mindesten gleiche Behandlung mit dem gräflichen Mörder in Landsberg zu fordern. Heute soll Kühlewein hier gewesen sein. Was er mit Kraus ausgekocht hat, wird sich ja bald genug zeigen. Wie ich Kraus taxiere, sind für die Dauer seiner Machtgeltung Erleichterungen nicht zu erwarten (obwohl jetzt tagelang niemand unten in Einzelhaft sitzt; die Zeitungsverbote gehn aber weiter). Offenbar ist die Nervosität bei der Verwaltung nicht geringer als bei den Gefangenen. Ein Aufseher hat heute seine Schlüssel verloren. Die Genossen bildeten sich ein, das sei Mache, um Vorwand zu Maßnahmen gegen uns zu haben, und es wurde schon mit Einschließung gerechnet. Wirklich konnten wir vormittags nicht auf den Hof, und es wurden Zellendurchsuchungen angedroht, da die Verwaltung denkt, wir hätten uns der Schlüssel bemächtigt, um angesichts der politischen Lage auszubrechen. Ich vermute, daß der arme Teufel die Schlüssel verloren hat, weil der 13te des Monats ist. An diesem Tage sind abergläubische Leute immer nervös und zerstreut, haben dadurch natürlich stets am 13ten Pech und können schweißperlend über ihre Beobachtungen mit der Unglückszahl berichten. – Das mag für heute genügen. Die kommenden Tage werden klarere Konturen zeigen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 14. September 1921.

Keine Neuigkeiten. Kombiniert wird auf Teufel komm raus – von den Genossen und in den Zeitungen. Die amüsanteste – und keineswegs die unmöglichste – der Kombinationen nennt als Roths Nachfolger Herrn – Müller-Meiningen. Sieht das Proletariat ruhig zu, wie die Bourgeoisie ihre rückwärtige Stellung neu befestigt, dann kann mit allem gerechnet werden. Ich lasse heute also die bayerische Krise beiseite. Es gibt ja in der Welt noch außerdem Ereignisse. Z. B: man kann Österreich-Ungarn mal wieder mit einem Bindestrich zusammenschreiben, allerdings nicht verbunden zu einer österreichisch-ungarischen Monarchie, sondern ineinanderverfilzt durch einen österreichisch-ungarischen Konflikt, der nicht mehr weit von einem österreichisch-ungarischen Krieg ist. Da hingegen die Österreicher das Burgenland zunächst geräumt haben und der Entente die Durchführung des Vertrags von Trianon überlassen, haben sie erreicht, daß sie wahrscheinlich mit heiler Haut aus den unzarten Hieben der Hejias-Horthy-Mörder herauskommen, denen die Alliierten eine bewaffnete Demonstration, exekutiert von Tschechen und Serben, eventuell auch Italienern, auf die Füße treten lassen wollen. – In Genf tagt in zwischen der „Völkerbund“ und wird nicht mit Oberschlesien fertig. Ich las von den Verhandlungen, die entsetzlich eintönig zu sein scheinen, ganz wenig, aber darunter die Äußerung des Vertreters Persiens: die oberschlesische Verwirrung sei allmählich ein europäischer Skandal, der endlich zu Ende gebracht werden müsse. Unsre armen Deutschpatrioten müssen sich doch die Haare raufen, daß man jetzt in Persien die Probleme entscheiden hilft, die man bei uns so gern als „rein deutsche Angelegenheiten“ bezeichnet. Aber rein deutsche Angelegenheiten gibts auch: z. B. die Verhaftung Klantes, dessen Kundschaft ungefähr 60 Millionen Mark zu beweinen haben soll. Nach 1870 kamen die „Gründer“ Stroußberg und Konsorten. Wie solide sehn die gegen unsre Schieber von heute aus. Alles – auch die Gaunerei – ist in die Dimensionen des Weltkriegs gewachsen. – Noch ein paar häusliche Anmerkungen: Seit gestern ist das Verfahren der Absonderung wieder praktisch geworden. Nickl und Gnad mußten dran glauben. Es heißt, sie hätten Anstaltseigentum beschädigt, um sich ihre Zellen auszuschmücken. Möglich ist aber auch, daß die recht haben, die ihre Disziplinierung mit der Schlüsselgeschichte in Zusammenhang bringen. Eigenartig war die neue Art der Mitteilung an die Betroffenen. Man holte sie einfach aus den Zellen heraus und schloß sofort hinter ihnen ab. Die „Eröffnung“, die bisher derartige Zeremonien einleitete, scheint also erst nachträglich gekommen sein. Jedenfalls sah ihr Abtransport nach unten einer Verhaftung verzweifelt ähnlich. Der neue Herr präsentiert seine individuellen Methoden. Ob er noch lange Gelegenheit haben wird dazu? – Und noch etwas Heiteres zum Schluß des Buches: „die Sektion Niederschönenfeld“ der KAPD hat „geschlossen“ ihren Übertritt zur KPD vollzogen. Die „Sektion“ bestand meines Wissen aus den beiden Größen Elbert und Gnad. Heil!

 

 

 

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