Tagebücher

XXIX

 

15. September – 12. Dezember 1921

 

 

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 15. September 1921.

Zur Eröffnung des neuen Tagebuchs ein Glückwunsch an mich selbst: Heute vor 6 Jahren – am 15. September 1915 – tat ich das Gescheiteste, was mir in meinem ganzen Leben vorher oder nachher je eingefallen ist: ich heiratete Zenzl. Sie hat selbst ihren Glückwunsch, den ich heut erhielt, in die für sie und ihre unsentimentale Art bezeichnenden Worte gefaßt: „Ich gratuliere Dir auch, daß Du mich geheiratet hast.“ Feierlich braucht man das Jubiläum ja auch nicht nehmen, aber die Erinnerung lohnt sich schon, auch die an den 15 September 1920. Heut vor einem Jahr hatte ich zum letzten Mal Zenzl bei mir in der Zelle in Ansbach, und wir konnten ohne Zeugen uns küssen und tun, was sich für Eheleute gehört. Ein volles Jahr Witwenschaft! Wie lange noch? – Die bayerische Krisis ist ungeklärt und ihr Verlauf noch völlig unübersehbar. Draußen und drinnen prophezeien viele einen Rechtsputsch zur Aufrichtung einer Militärdiktatur. Escherich und Xylander mögen wohl Neigung dazu haben, doch glaube ich, daß sie den Zeitpunkt verpaßt haben, und ich halte sie nicht für so dumm, daß sie das selbst nicht wissen sollten. Jetzt, wo grade gegen ihre ungarischen Geistes- und Gesinnungsgenossen Tschecho-Slowaken und Yugoslawen in Marsch gesetzt werden, werden sie sich doch sagen, daß sie Franzosen und Italiener (außer der Reichsexekutive) zu gewärtigen hätten, die den Spuk in längstens 3 Tagen beseitigt hätten, – und sie hätten erst mal alle ihre Waffen und Formationen offenbart. Dazu kommt, daß Kahr nicht allein dem Druck von Berlin, sondern der Bayerischen Volkspartei, seinen eignen Auftraggebern, weichen mußte, die in den letzten Tagen überhaupt umgeschwenkt haben und sich gegen die Deutschnationalen hinstellen. Augenblicklich ist allerdings noch garnicht zu ermessen, wie weit sie eventuell nach links entgegenkommen wollen. Pöhner ist noch im Amt, und das läßt allerdings darauf schließen, daß die Reaktion ihre bayerische Position vorerst noch nicht verloren gibt. Sie hat aber jetzt einen neuen schweren Schlag erhalten, der unter Umständen alles entscheiden kann. Die Mörder Erzbergers sind identifiziert, allerdings noch nicht ergriffen. Es handelt sich um 2 Leute, deren letzter Aufenthalt in München war, die nach der Tat noch einmal nach München zurückgekommen sind, und die, was zweifellos feststeht, in München mit andern Nationalisten im Komplott gehandelt haben. Eine badische Gerichtskommission führt in München die Untersuchung und hat bereits 7 Offiziere dort verhaften lassen. Die Mörder selbst – ein Kaufmann Schulz und ein Student Tillessen – waren früher in der Brigade Ehrhardt, und der politische Charakter des Unternehmens kann jetzt auch von denen, die bisher mit dergleichen Blödheiten gearbeitet haben, sowenig mehr bestritten werden wie die peinliche Tatsache, daß in München alle Fäden der Geschichte zusammenlaufen. Es fehlt jetzt nur noch, daß etwa festgestellt wird, daß die Beiden im Münchner Polizeipräsidium Auslandspässe bekommen hätten, – und die Katastrophe für die Pöhner-Gesellschaft ist fertig. Ich habe den Genossen angekündigt, daß ich mir in diesem Falle eine Kiste zum Einpacken kommen lasse. Vorerst rechne ich natürlich nicht mit meiner Amnestierung. – Häusliches: Nickl ist wieder oben. Vom I. Stock wurde gestern der Lichtenauer Genosse Steinhardt auf Bewährung entlassen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 17. September 1921.

Ich fange an, sehr optimistisch in die nächste Zukunft zu schauen. Die Feststellung der Mörder hat schon jetzt zu Enthüllungen geführt, durch die führende Persönlichkeiten der bayerischen Regierungs- und Verwaltungsinstitute schwer kompromittiert sind. Zuerst stellte sich heraus, daß Schulz und Tillessen 1 Jahr hindurch als Volontäre in der landwirtschaftlichen Genossenschaftszentrale in Regensburg unter Dr. Heim tätig waren, der sich dort eine Durchsuchung seiner Wirtschaftsgebäude durch badische Beamte gefallen lassen mußte. Ferner: weitere Verhaftungen haben ergeben, daß alle Fäden des Mordkomplotts bei der berüchtigten Marinebrigade Erhardt zusammenlaufen; und das Schönste: im Reichstags-Überwachungsausschuß wurde vom Reichskanzler ein Schreiben des Staatskommissars Weißmann verlesen, durch das Pöhner und Roth direkt als Begünstiger der Kapputschiner Erhardt, Bauer etc. überführt werden. Solche Feststellung, von dieser Stelle vorgetragen, wird den Leuten jawohl endlich das Genick brechen. Wie allerdings versucht wird, in Bayern selbst die Versumpfung, die sich allmählich zu einem Weltskandal ausgewachsen hat, zu vertuschen, zeigt die letzte Sitzung des ständigen Ausschusses des bayerischen Landtags. Dort hört man sich immer noch den unsäglichen Schweyer an, wenn Korruption in Recht verdreht werden soll. Dieser Mann hat sich – anscheinend ohne Widerspruch zu finden – die Dreistigkeit geleistet, zu behaupten, daß Erhardt überhaupt verfolgt werde, sei der bayerischen Regierung erst am 21. August dieses Jahres bekannt geworden. Seit diesem Tage – also seit nunmehr 3 Wochen – sei Erhardt nicht mehr zu Pöhner ins Polizeipräsidium gekommen. Jeder Schuljunge in ganz Deutschland weiß, daß Ehrhardt einer der belastetsten Führer der Kappiade war: das bayerische Ministerium und der Münchener Polizeipräsident wußten es bisher nicht: und die Landtagsabgeordneten schlucken diese Behauptung. Außer alledem ist nun aber noch ans Licht gebracht worden, daß einer der Mörder – Schulz – sich noch bis zum Freitag der vorigen Woche in München aufhielt, und daß er flüchtete, als er von dem Erscheinen der badischen Kommission Wind bekommen hatte. Daß dieser Wind nur aus der Ettstraße herauswehen konnte, sieht jeder. Somit stehn wir vor der klaren Tatsache, daß Bayern und insonderheit München unter der Regierung der Herren Kahr, Roth, der selbst auch in dem Weißmannbericht als besonders belastet genannt wird, und vor allem Pöhner als Schlupfwinkel verfolgter Hochverräter und Mörder offiziell entlarvt ist. Demgemäß hat Wirth denn nun ziemlich deutliche Töne geredet, erklärt, daß die Aufhebung des Belagerungszustands in Bayern vom Reich unverzüglich gefordert werden müsse, und daß der bayerische Kompromißvorschlag unannehmbar sei. – Am Mittwoch tritt nun der bayerische Landtag zur Wahl des neuen Ministeriums zusammen. Wie sich bis dahin die Verhältnisse weiter gestaltet haben werden, hängt von zahllosen verschiedenen Umständen ab, nicht zum wenigsten natürlich vom Verhalten der kompromittierten Deutschnationalen. Daß sie einen Putsch arrangieren werden, glaube ich auf keinen Fall. Zu einer Verzweiflungstat, als die in diesem Moment eine derartige Gewaltaktion gelten müßte, haben sie auch garkeinen Grund, da sie ohne Zweifel damit rechnen können, auch wieder günstigere Konstellationen zu erleben. Wirth hat erklärt, er besitze zwingendes Material, das auf Putschabsichten, die von Offizieren ausgingen, schließen lasse. Zugleich hat man in Schlesien Angehörige des bayerischen Freikorps Oberland verhaften lassen, die dort ganz andre Pläne verfolgten, als „Selbstschutz“. Hergt hat angesichts dieser Situation laut – und wie mir scheint, nicht bloß des Scheins wegen –, zum Rückzug geblasen: und die Meldung, daß zur Zeit Reichswehr unter Seekt in Bayern Manöver hält und um Grafenwöhr zusammengezogen ist, fasse ich als Vorbeugungsmaßnahme der Reichsregierung auf. Mag es also auch wahr sein, was die „Münchner Post“ behauptet, daß die Konterrevolution verschoppte Waffen vom Ammersee und sonstwo aus nach München hat dirigieren lassen, so wird man doch schwerlich jetzt losschlagen. Wir selbst haben freilich Beobachtungen gemacht, die der „M. P.“ recht geben könnten. Mehrere Nächte wurden wir durch recht lebhafte Bewegungen draußen gestört, man hörte gegen 2 Uhr Lärm, Stimmen und Wagengerassel. Auch am Tage sahen wir dann Lastautos hinausrollen, deren Inhalt mit Decken vollständig verhüllt war, und die von Zivilisten begleitet, in der Richtung nach der Donau zu, nicht gegen Rain hin, fuhren. Die Rückschlüsse stimmten bei allen überein. Aber, ich glaube bestimmt, daß die Absicht wohl bestand, aber aufgegeben ist, da der Zeitpunkt verpaßt wurde. Nun fragt sich’s also, welche Politik jetzt in Bayern gestartet werden soll. Für unser persönliches Los hängt davon vieles ab: allerdings meiner Überzeugung nach nur, ob es bei einer Teilamnestie bleibt oder ob wir alle herauskommen. Die Koalition von Roth bis Hamm ist wohl als gesprengt anzusehn. Möglich, daß man zuerst versuchen wird, eine Koalition wie bisher unter bloßem Ausschluß der Mittelpartei zustande zu bringen. Niekisch hat in München geredet und dies empfohlen, da bei einem Eintritt der Mehrheitler die Einigung von MSP und USP gefährdet würde. Auf jeden Fall wird eine Linksschwenkung in der bayerischen Politik versucht werden. Schon lassen die Demokraten ihr Nürnberger Organ mit seinen nationalistischen Kahriolen ziemlich im Stich, schon ruft Funke die Christlichsozialen mit ihrem starken Bauernanhang gegen die Nationalisten zum Sammeln, schon macht sogar das bisher reaktionärste Organ der regierenden Bayerischen Volkspartei, der „Bayerische Kurier“ eine ganz entschiedene Mauserung durch. Die Amnestiefrage ist natürlich von alledem nicht unmittelbar berührt. Die Sozialdemokraten haben ihre prinzipielle Abneigung gegen unsre Freilassung oft genug bewiesen. Die gestrige „Münchner Post“ enthüllt wieder aufs deutlichste, wie Auer diese Sache behandelt wünscht. Während wir aus dem „Bayerischen Kurier“ entnehmen konnten, daß Niekisch sich in seinem Vortrag sehr ausführlich mit den Zuständen in Niederschönenfeld beschäftigt hat, geht das Organ derer, denen wir unser Schicksal zu danken haben, stillschweigend über dieses peinliche Thema hinweg. Da nun aber die Verfolgung der Erhardt-Bauer-Pabst offenbar in ein kritisches Stadium getreten ist, glaube ich, daß die gesamte Bourgeoisie – und nicht zum mindesten die bayerische – zum Schutz dieser Herren einer politischen Generalamnestie, die uns diesmal nicht übergehn könnte, garnicht mehr sehr ablehnend gegenüberstehen werden. Jedenfalls stehn die Aussichten dafür günstiger denn je, und ich halte es heute keineswegs mehr für ausgeschlossen, daß ich im nächsten Monat schon meine Nächte an Zenzls Seite im eigenen Bett werde schlafen können. – Alles übrige – auch die Lächerlichkeiten unsrer „kommunistischen“ Ketzerrichter hier oben – ist nicht wichtig genug, um lange Auseinandersetzungen dranzuhängen. Von Häuslichem mag nur festgehalten werden, daß gestern wieder der „Vorwärts“ zu den Akten kam, wie man wissen will, weil darin Radbruch sich über seinen Besuch in Niederschönenfeld ausgelassen habe. Übrigens ist Herr Kraus immer noch im Hause. Mit meiner Denkschrift warte ich, bis er seinem Roth gefolgt ist: und dann eröffne ich die Offensive gegen Kühlewein, dem Verantwortlichen unter der Monarchie, unter Timm, Endres, Müller und Roth: womöglich sogar auch unter Kübler. – Sonst gibt es noch viel weltgeschichtlich Bedeutsames. Aber das Hemd juckt zu sehr, als daß ich den Rock lange absuchen will. Nur eine Notiz sei vermerkt: Stinnes soll nach Moskau gerufen sein, um mit der Sowjetregierung über die Ausbeutung des Donezbeckens und der Uralbergwerke zu verhandeln. Leider kann ich kaum zweifeln, daß die Nachricht richtig ist. Dazu haben also die armen russischen Revolutionshelden mit ihren Kapitalisten so herrlich aufgeräumt, um dem Häuptling der deutschen Blutsauger nun auch ihre Arbeit zur Ausbeutung zu überlassen. Eine Oligarchen-Diktatur, die mit ihrem marxistischen Doktrinenhumbug einen Reformismus praktiziert, der sie nun glücklich zur kapitalistischen Nothilfe der europäischen Börseaner gemacht hat. Ein Obrigkeitsstaat statt einer Räterepublik, eine Satrapie des Weltkapitalismus statt einer sozialistischen Gesellschaft, – das hat die Parteiverbohrtheit der Marxisten und ihr Verbalradikalismus aus dem revolutionären Rußland gemacht. Ich möchte weinen, wenn ich’s denke.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 19. September 1921

Kurz. 3½ Wochen ist Erzberger erst tot, und täglich bestätigt sich deutlicher meine Auffassung vom ersten Tage an: daß der Mord das Signal zur Generaloffensive der Monarchisten bedeuten sollte. Hätte Wirth nicht sofort die Gegenoffensive ergriffen, hätte er nicht sehr geschickt sofort die richtige Frontstellung genommen, die gegen Bayern, so wäre ohne Zweifel der bewaffnete Restaurationsversuch der Nationalisten schon da. Sie haben den Zeitpunkt für diesmal verpaßt. Auch die Arbeiter haben ihre Pflicht wieder einmal versäumt. In dem Augenblick, als die Parole da war: Aufhebung des Belagerungszustands in Bayern hätten sie unbefristet in den Generalstreik treten müssen mit den klaren Forderungen: Preß- und Versammlungsfreiheit; Abzug Kahr, Roth, Pöhner; Freilassung der politischen Gefangenen. Kommunistische Spezialforderungen hätten sie dabei garnicht aufzustellen brauchen. Hätte sich der Generalstreik zu seinen Möglichkeiten ausgewachsen, dann wäre es Zeit gewesen für die Kommunisten, das Steuer zu nehmen und das Schiff in den Ozean der Revolution hinauszulenken. Sie ließen, wieder einmal, alles gehn, wie es gehn wollte und meinten, der Kampf gegen die schwarzweißrote Fahne verpflichte sie, ihr rotes Tuch zusammenzurollen und für Schwarzrotgold zu Felde zu ziehn. Das Proletariat wird grenzenlos dumm und zaghaft geführt. Was soll man dazu sagen, daß Niekisch in der Riesenversammlung im Kindlkeller sozusagen dem Reich einen Treueschwur leistete und die Arbeiter allein auf Wirth vertröstete? „Einheitsfront“ – das ist der Ruf der Bonzen aller Richtungen, besonders der Kommunisten, und darunter verstehn sie die Verbrüderung der Kommunisten mit den Scheide- und Dittmännern in Gewerkschaften und in allen Organisationen, die den Klassenkampf auf dem Wege der Verhandlung mit der Bourgeoisie führen und den Sozialismus durch Tarifverträge verwirklichen möchten. – So haben wir denn für den gegenwärtigen Stand der Dinge vom Proletariat wahrscheinlich nichts zu hoffen, andrerseits von der Gewalt der Reaktion wenig zu fürchten und alles zu erwarten vom Ausgang der macchiavellistischen Mächlereien zwischen den verschiedenen Interessengruppen der deutschen Bourgeoisie, die nun um Bayern herum sich auswirken. Bei den Erörterungen über die politischen Vorgänge hier im Hause – die sich zumeist zwischen mir und den Münchner Genossen Luttner, Sandtner, Zäuner, Schlaffer, Köberl und Hagemeister, mit dem die alte Freundschaft wieder aufgenommen ist, abrollen – fällt mir immer wieder auf, wie unsicher diese Politiker im Urteilen sind und wie sie ihre Meinung nicht auf die Folgerungen stützen, die sie selbst aus Tatsachen ziehen, sondern vielmehr auf Zeitungsartikel, Reden politischer Persönlichkeiten, kurzum auf das Regieblendwerk, mit dem die indifferente Masse damisch gemacht wird. Ich predige ihnen immer wieder: glaubt nie Rückschlüsse andrer, zieht eure Rückschlüsse selber aus Tatsachen. Der Kampf, der gegenwärtig ausgetragen wird, kann nur nach der einen oder andern Seite hin eine Verschiebung der Aussichten bringen, wenn neue Ereignisse eintreten, die wir nicht voraussagen können, und die elementarischer Natur, beispielsweise ein neuer Mord oder ein Aufstand sein mögen oder die auf der Stärkung oder Minderung einer der Kampfparteien durch Abfall oder Zustrom von Kräften beruhen können (nur unter diesem Gesichtspunkt darf man die Regietätigkeit der Parteien betrachten). Nun ist zur Zeit die Lage etwa diese: Wirths große Offensive durch die Verlesung der Weißmannschen Feststellungen bewirkte zunächst in Bayern große Verlegenheit, der man von den Deutschnationalen durch einfaches Ableugnen und wüste Hetze gegen Wirth, von der klügeren Bayerischen Volkspartei durch völlige Änderung der Gesamttaktik zu begegnen sucht. Man hat zwei Anträge an den Landtag formuliert, die den ganzen Konflikt auf ein andres Gleis schieben sollen. Im ersten verlangt man die Schaffung eines Staatspräsidenten, im zweiten eine Einwirkung aufs Reich, dem föderalistischen Charakter Bayerns durch Verfassungsänderung mehr als bisher Rechnung zu tragen und die einzelstaatlichen Hoheitsrechte zu erweitern. Das ist mitten in der lärmenden Rückzugskanonade in der Frage: für oder wider Kahr? ein sehr geschickter Gegenstoß. Man darf den spießbürgerlichen und ländlichen Wählern gegenüber natürlich nicht die ganze bisherige eigne Politik verleugnen. So muß man Kahr, obwohl man seine famose Unmöglichkeit als Bestimmer der bayerischen Politik natürlich einsieht, nachdem man ihn nun mal als den rettenden Engel für Bayern auffrisiert hat, nach außen hin treu bleiben: andernfalls verlöre man zuviel Sympathie verblödeter Royalisten unter den breiten Massen an die Deutschnationalen. Ich glaube also, man wird nicht, wie es bisher hieß, Kahr wieder als Ministerpräsidenten vorschlagen, sondern gleich auf den Posten des Staatspräsidenten setzen wollen, wo er – als Platzhalter Rupprechts I – politisch einflußlos, aber für die Kirchgänger als Ölgötze aufgebahrt wäre. Ob man selbst damit rechnet, den Antrag durchzubringen, weiß ich nicht; jedenfalls demonstriert man geschickt, und gelingt das Manöver, dann kann man getrost die „Linkspolitik“ einschlagen, um die man doch nicht mehr lange herumkommt und die Sozi mit in die Regierung aufnehmen. Freilich kann auch aus dem Theater etwas Ernsteres herauskommen: falls nämlich das Proletariat die Gelegenheit benutzt und unter der Parole: die Republik in Gefahr! gegen diesen Antrag zum Sturm aufs Ganze vorgeht. Leider kann man aber dazu wenig Zutrauen haben. Inzwischen hauen sich die Minister und Würdenträger Deutschlands einander mit rhetorischen Bratschlegeln um die Köpfe. Herr Oswald, der bayerische „Sozial“-Minister und treuester Kahriot, hat eine äußerst aggressive Rede gegen die Reichsregierung geschmettert, worin ihr Verschacherung der bayerischen Interessen in allen möglichen Fällen vorgeworfen wird. Wirth antwortet durch das Wolffbüro ebenso robust und bezichtigt den bayerischen Minister „tendenziöser Verleumdungen“. Der Ministerpräsident Preußens hingegen, Herr Stegerwald, benutzt die Gelegenheit, um seinen Kollegen im Reich ein Gehöriges auszuwischen, indem er vor Bayern höfliche Verbeugungen macht und dem gestürzten Kahr seinen Weißmann nachzuschicken im Begriff scheint. Dieses Beinstellen Preußens gegen Wirth macht das Bild jetzt völlig verworren: alles haut auf alle los; und in Wirklichkeit ist schon alles entschieden: Bayern muß seinen Belagerungszustand aufheben und in etwas gemilderter Form Politik gegen das Proletariat treiben. Der Hunger und das Elend, das mit dem herannahenden Winter sich anmeldet, wird den Ereignissen der nächsten Zukunft erst ihre wahren Richtlinien weisen. – Ob keiner von uns politischen Gefangenen, ob noch wir „Prominenten“ diesen Zeitpunkt hinter Mauern und Gittern werden abwarten müssen, ist am Ende nicht sonderlich wichtig. Mir persönlich ist auch heute noch der Gedanke nicht sonderlich sympathisch, durch einen Akt der „Gnade“ frei zu werden, und ich bliebe gern ein halbes Jahr länger hier drin – wäre es selbst unter der Obhut des Herrn Kraus –, wüßte ich, daß danach das revolutionäre Proletariat, unter roten Fahnen gesammelt, mich herausholte.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 20. September 1921.

Morgen kommt Zenzl. Ob der Besuch sich in möglicheren Formen abspielen wird als der vorige vor 3 Monaten? Kraus ist noch im Hause (er ist etwas ruhiger geworden mit seiner Betätigung. In Einzelhaft ist nur Gnad, und im übrigen beschränkt er sich auf kleinere Schikanen und Provokationen: Beschlagnahmungen von Zeitungen und Broschüren und möglichst ausgedehnte Entziehung von Beleuchtung). Gestern war Schlaffers Frau da: 2½ Stunden unter Aufsicht des Kriminalers, der mein Zusammensein mit Zenzl das letzte Mal so anmutig zu gestalten verstand. So ist die Freude meiner Erwartung stark untermischt mit Befürchtungen, daß mein liebes Weib wieder „gelinde bedeppt“ von mir wird gehn müssen. Nun – es ist der letzte Tag der Amtswaltung des Herrn Roth. Morgen tritt der Landtag zusammen, um seinen Nachfolger zu ernennen: falls nicht doch noch alles anders kommt und die bayerischen Roth-Käppchen zur Tat schreiten. Gewisse Anzeichen sprechen dafür, obwohl ich mir sagen muß, daß eine derartige Dummheit in diesem Moment selbst Alldeutschen kaum zugetraut werden kann. Gewiß ist aber, daß unsre Monstre-Bajuwaren trotz ihrer offiziellen Abdankung noch unglaublich frech auftreten. Ihre alte, schon im Kriege bewährte Taktik heißt: Nun grade! – Und es scheint, als ob der Münchner Polizeipräsident, der doch wahrhaftig nur noch auf einem Stuhl mit mindestens 3 angesägten Beinen balanziert, und der ebenso wie Roth von allen deutschen Republikanern selbst der Hochverratsbegünstigung geziehen wird, seine Forschheit nun grade noch aller Welt durch extra robuste Taten demonstrieren will. So hat er grade jetzt wieder eine geschlossene kommunistische Delegiertensitzung von ungefähr 50 Personen ausheben und in Lastautos auf sein Präsidium bringen lassen, darunter den deutschen Reichstagsabgeordneten Remmele und die bayerische Landtagsabgeordnete Rosa Aschenbrenner. Sie mußten dann alle – mit Ausnahme des seinerzeit auf Bewährungsfrist von Niederschönenfeld entlassenen Genossen Schweiger – wieder entlassen werden. Aber die „Münchner Post“ berichtet gleichzeitig von Geheimversammlungen der Hitlerschen nationalsozialistischen Knüppelgarde in einer Münchner städtischen Schule, die von Herrn Pöhner unbelästigt tagen können, obwohl sie mit Gummiknüppeln bewaffnet antraten und – wie das Blatt zu wissen scheint – nur noch die Parolen für den schon festgesetzten „Stichtag“ – vermutlich morgen – beraten. Frech wie Pöhner geht auch Roth noch zuguterletzt ins Zeug. Gestern – also zwei Tage vor seiner endgiltigen Demission, zwei Tage vor Zusammentritt des Landtags – fand der Prozeß gegen den USP-Abgeordneten Fischer statt wegen seiner Aeußerung über die angeblich beabsichtigte Proklamation der Republik Franken; fand statt vor dem berüchtigten „Volksgericht“ I, München – während im ganzen Reich alles in Wallung ist wegen des bayerischen, die Volksgerichte erst ermöglichenden Belagerungszustands, inszeniert vom bayerischen Justizminister Roth aufgrund der Denunziationen des Polizeipräsidenten und Staatskommissars Pöhner, die beide unter dem dringenden Verdacht der Begünstigung von Hochverrätern stehn – und zwar des „Hochverrats“ angeklagt: Urteil 1 Jahr 3 Monate Festung. Dieser Prozeß ist der Gipfel der Unverfrorenheit, und ich bin nun wirklich gespannt, ob die Arbeiter auch diese Herausforderung quittieren werden, indem sie in Versammlungen eine Resolution annehmen und dann im Gefühl erfüllter Pflichten sich schlafen legen werden. Ist die Arbeiterschaft noch ein bischen rege, dann kann die Verurteilung Fischers für uns politische Gefangene das große Los bedeuten. Ein Abgeordneter, noch dazu Unabhängiger – also sehr gemäßigt – wird wegen Hochverrats verurteilt, weil er Maßnahmen nicht empfiehlt, sondern ankündigt, die dem bayerischen Hochverrat gegen das Reich entgegenwirken sollten. Das ist der Augenblick, wo der Konflikt Reich-Bayern am Entscheidungspunkt angelangt ist und eine entschlossene Aktion zugunsten Fischers unter der fördernden Sympathie des ganzen offiziellen Norddeutschland inszeniert werden könnte. Wird auch diese Gelegenheit verpaßt werden? Man muß es fürchten, obwohl die Massen selbst offenbar besten Geistes sind, aber leider, leider rettungslos führergläubig und also zur Passivität verurteilt. Niekisch hat seine Politik im Kindlkeller kaum vertreten können. Angehört wurde er nur, als er über die Schandwirtschaft von Niederschönenfeld sprach – da soll er gehörig ausgepackt haben –, im übrigen aber wurde er ausgelacht. Wird seine Zelle nun wirklich noch einmal einem seiner Landtagskollegen derselben Fraktion als Quartier dienen müssen? Werden wir Fischer und Schweiger noch hier erwarten sollen, oder habe ich recht mit meiner Behauptung, bis zum 1. November ist Niederschönenfeld mindestens von 4/5 der Insassen geräumt? Der allgemeinen Auffassung, daß wir mit einer Aktion derer um Xylander und Hitler zu rechnen haben, glaube ich noch immer nicht (meine Voraussage würde übrigens dadurch keineswegs tangiert werden). Dazu wird denn doch zu sehr von allen Seiten gebremst. So hat vor allem Heim in Tuntenhausen eine sehr bedeutsame Rede gehalten, nach der die Desperados jedenfalls nicht mehr auf die Unterstützung der um Heim gesammelten Bauernschaft rechnen können, die er zuerst gegen alles Linke, dann aber auch ebenso kraftbayerisch gegen die „landfremden“ Alldeutschen scharf machte. Kahr hat inzwischen in einem Schreiben, das er wahrscheinlich auf Diktat des Herrn Held schreiben mußte, auf die ihm von der Bayerischen Volkspartei neuerdings angetragene Würde des Ministerpräsidenten endgiltig Nein! gesagt. Wollen mal sehn, was mit dem Staatspräsidenten wird, von dem heute plötzlich wieder alle Flöten schweigen. In wenigen Tagen muß viel entschieden sein. Kommt der Landtag mit dem neuen Ministerium und den Forderungen der Reichsregierung nicht schleunigst ins Reine, dann wird der Reichstag, der am 27ten zusammentritt, wohl seinerseits entsprechende Beschlüsse fassen (und in diesem Fall, der sehr möglich ist, rechne ich eben auch mit der Generalamnestie, die auch wegen der Bauer, Erhardt, Jagow etc. den Rechtsparteien kaum unwillkommen wäre). Es steht im Augenblick alles auf Spitz und Knopf, – nur das Proletariat scheint sich wieder völlig als Objekt der Entschlüsse der verschiedenen bürgerlichen Kapitalistenkabbeleien zu betrachten und es dem Würfelspiel der drei christkatholischen Richtungen Wirth-Held-Stegerwald zu überlassen, was aus ihm selbst wird. Sein Schicksal ruht ja in den treffli[ch]sten Händen: denn gestern ist in Görlitz der sozialdemokratische Parteitag zusammengetreten und berät, ob man mit den Nationalliberalen in eine Regierung gehn darf oder nicht. Entscheidend aber dafür, ob ja oder nein dabei herauskommt, wird die Erwägung sein, ob die Unabhängigen auch nicht abgeschreckt werden, sich liebestoll in die weitgeöffneten Arme der Partei zurückfallen zu lassen. Liest man die „Leipziger Volkszeitung“ oder die „Freiheit“, so ist man im Bilde. Es ist nur noch ein neckisches Sprödetun, aber bald werden die Bedenken behoben sein und die Herren Ledebour und Dittmann, Crispien, Niekisch und Toller zeigen sich Arm in Arm mit den Noske und Auer in der Arena des „Klassenkampfs“. Armes deutsches, armes bayerisches Proletariat! Warte du nur auf die Auswirkung der „Entwicklungsgesetze“, durch die die Revolution und Freiheit kommen soll. Solange du an Führern hängst, die dich mit mechanischen Lehrgesetzen aus dem Sumpf ziehn möchten, kannst du dich begraben lassen. Schaffe Persönlichkeiten aus dir selbst heraus – und denen rufe du Mut und Tatkraft zu, dann kannst du ihnen folgen, wohin ihr Genie und ihre Verzweiflung sie treibt. So – aus dem Mute des Aufs-Ganze-Gehn, nicht aus Spekulationen und Erwägungen sind noch alle Revolutionen geleitet und gewonnen worden.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 22. September 1921.

Zenzls Besuch dauerte 3 Stunden und fand wieder unter Aufsicht des feisten Kriminalers – er soll Gehauf heißen, und wahrhaftig: schon körperlich ist er aufgegangen wie eine Dampfnudel und sein Anblick und seine Art ist wie der aufgehende Mond wittelsbachischer öder Polizeiborniertheit –, fand unter etwas besseren Formen statt als das letzte Mal, insofern wenigstens, als der Mann diesmal nicht zwischen Zenzl und mir, sondern auf der andern Seite des Tisches saß. Reden konnten wir natürlich nicht, was wir hätten reden mögen. Der Mann unterbrach schon eine Reminiszenz Zenzls an ihre Verhaftung am 1. Mai 19 „Mit Politik muß jetzt Schluß sein!“ – Wesentlich ist ja bei solchen Wiedersehn nur das Sichüberzeugen von der Gegenwart des andern; man gibt sich die Hände, man gibt sich die Lippen, das ist alles, was man schließlich will, solange denn diese brutale Rachewirtschaft in Bayern Bestand haben mag. Und wie immer wars auch gestern wieder so: Nachdem Zenzl weg war, fühlte ich erst wieder, wie ich dran bin, das Heimweh, die trostlose Leere dieser langen Jahre einer willkürlich und gesetzlos verschärften Abschließung. Aber ich glaube fest, daß die ärgste Zeit hinter uns liegt. Zwar scheint die bayerische Gemütsart noch keineswegs nachzugeben, aber die Zersetzung auch innerhalb der bayerischen Reaktion ist deutlich zu merken. Die Bayerische Volkspartei hat nun also einen neuen Ministerpräsidenten erkoren, den Grafen Hugo von Lerchenfeld, den Gesandten der bayerischen Monarchie am Berliner Hofe,* der während des Kriegs Polizeipräsident in Warschau war und neuerdings in Reichsdiensten hoher Verwaltungsbeamter war. Also wahrscheinlich einer, der eine Politik im Sinne Kahrs aber mit größerer Höflichkeit gegen das Reich treiben wird. Die Wahl der übrigen Kabinettsmitglieder wird wohl heute oder morgen vor sich gehn. Es scheint eine bürgerliche Koalition unter Ausschluß der Mittelpartei und der Sozialdemokraten bevorzustehn. Mir ist’s gleichgültig, und das Liebste wäre mir, die Deutschnationalen täten wieder mit, dann wäre die drohende Verkleisterung des Konflikts zwischen Berlin und München bestimmt verhütet. Herr Roth ist sich bis zu allerletzt treu geblieben. Heute mittag hat der Genosse Fischer schon bei uns seinen Einzug gehalten: zwei Tage nach der Verurteilung, – so rasch ist es noch bei keinem gegangen (Schweiger ist wieder aus der Haft entlassen). Über das, was gestern in München vorgegangen oder vorbereitet ist, haben wir noch keine Nachrichten; Hitler, der Führer der Nationalsozialisten, soll etwas gegen den Landtag geplant haben, ob das wahr ist, ob sich seine Verhaftung bestätigt, wir werden ja bald klarer sehn. Nur soviel ist sicher, daß ein Umsturz nach irgendeiner Richtung nicht stattgefunden hat, und daß die Eisenbahnarbeiter ihren eignen Gewerkschaftsführer Fischer ebenso willig hierhergefahren haben wie vor ein paar Wochen ihren eignen Betriebsratsvorsitzenden Schlaffer. Die Verhältnisse sind also vorerst noch recht unübersichtlich, besonders solange die Regierungsbildung noch nicht perfekt ist. Es genügt zur Kennzeichnung der Situation ein paar charakteristische Daten festzuhalten. Die Bayerische Volkspartei hat ihren wildesten Scharfmacher Dr. Zahnbrecher aus der Landtagsfraktion ausgeschlossen wegen seiner Rechtsopposition gegen Held, – das zeigt, daß einem der allerlärmendste Nationalismus in den eignen Reihen unbequem geworden ist. Mit den Angriffen auf Wirth wegen der Verlesung des Weismannberichts ist es merkwürdig still geworden. Anscheinend weiß Wirth noch viel mehr und man fürchtet die nächsten Enthüllungen; so wird denn jetzt auch nur noch hinter den Kulissen verhandelt, und es wird ein Kompromiß herauskommen (das aber auf jeden Fall eine Niederlage des Reichs bedeuten würde). Geschachert wird wahrscheinlich darüber, was für Extrawürste den Bayern noch nach der Aufhebung des Belagerungszustands konzediert werden: verlangt wird von hier aus wahrscheinlich Beibehaltung der Volksgerichte und der Schutzhaft, – und herauskommen wird ein ganz fauler Zwitter, – falls die Arbeiter sich immer weiter zu Zuschauern degradieren lassen. Die Amnestiefrage betrachte ich heute noch so wie vorher. – Eine gräßliche Nachricht kommt von Ludwigshafen-Oppau, wo das große Anilinwerk in die Luft geflogen ist. Es muß eine grauenvolle Katastrophe sein, und es kennzeichnet unsre ganzen Zustände, daß niemand daran denkt, einen Unglückfall zu vermuten, sondern jeder nur fragt: von welcher Seite mag das Verbrechen kommen? Ich hoffe, daß meine Freunde in Mannheim-Ludwigshafen nicht persönlich betroffen wurden. Angesichts dieses Ereignisses, von dem erst die allerersten Berichte vorliegen, sind die übrigen Zeitungsmeldungen Kleinigkeiten: so das „Attentat“ auf Stresemann, mit dem die Presse jetzt gegen links scharf macht. Man hat auf ihn während einer Versammlung geschossen, und zwar seltsamerweise in dem Augenblick, als er schon von der Rednertribüne abgetreten, der folgende Redner aber noch nicht oben war. Man sollte doch meinen, daß ein Schütze sein Ziel im Auge hat, während er abdrückt. So wurde das leere Rednerpult getroffen. Die Geschichte riecht verdammt nach bestellter Arbeit. Eben kriegte ich grade von Gumbel einen Brief, in dem er schreibt, seine Statistik der Morde habe jetzt die Zahl von 339 erreicht, wovon 16 linke. Denen wird man also in Zukunft immer den Namen des quicklebendigen Herren Stresemann entgegenhalten. Das ist „deutsche Art“. – In Preußen will man das Stegerwald-Ministerium nach links erweitern, als Justizminister soll Radbruch erwählt sein. Ob er wohl dann bei seinem nächsten Besuch hier mit mir auch über den Strafvollzug wird reden dürfen? Oder wird man den preußischen Minister als feindlichen Ausländer betrachten? – Die MSP hat in Görlitz beschlossen, auch mit der Deutschen Volkspartei in Koalitionen zusammenzuwirken. Warum auch nicht? Was trennt denn innerlich Stinnes von Scheidemann? Vermerkt mag noch werden, was Hermann Müller sich geleistet hat. Er hat jede Gewalttat von der Sozialdemokratie abgestritten. Hätte man mordgierige Instinkte, so wäre im November 1918 Gelegenheit genug gewesen, sie gegen die Hohenzollern und ihren Anhang zu befriedigen. Aber nichts dergleichen geschah, und die Gewalt blieb erst auf der einen Seite Kapp, auf der andern Hölz überlassen. Und keiner seiner Parteigenossen hat diesem Halunken den Namen Noske! entgegengerufen, keiner ihn an das Meer von Blut erinnert, das unter seiner eignen Kanzlerschaft in Deutschland geflossen ist. Allerdings: es war ja nur Arbeiterblut, – und Herr Müller, der „Proletarier“, ist Demokrat und vertritt „das ganze Volk“, indem er es seinen Feinden ausliefert. Das alles gehört zum Kapitel Arbeiterführer. Auch Zenzl wußte davon etwas zu erzählen. In der Niekisch-Versammlung hat sie und Rosa Aschenbrenner für die hungernden Russen gesammelt. Ich las schon in der „Neuen Zeitung“, daß sie dabei angerüpelt wurden. Sie erzählt, es sei ordinär gewesen, und zwar hätten sich die Arbeiter durchaus anständig gezeigt, aber ihre „unabhängigen“ Führer – vor allem der Herr Ferkel (nomen est omen) – haben sich hervorgetan, und um die Russenhilfe zu hintertreiben, Frauen beschimpft, die sich uneigennützig für sie verwendeten. – Zur Zeit soll sich Lunatscharski in Berlin aufhalten. Zenzl mochte über die Aussichten von dieser Seite nichts sagen. Ohne mir Illusionen zu machen, will ich aber auch diese Tatsache hier notiert haben.

 

* scheint nicht zu stimmen

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 24. September 1921.

Binnen 5 Wochen muß mindestens eine Teilamnestie in Bayern durchgeführt sein, soll nicht mein Prophetenansehn in diesem Hause einen argen Stoß erleiden. Ich habe aber noch keinen Anlaß, meine Ansicht umzustuken. Im Gegenteil. Die Regierungsbildung ist erfolgt. Die „Mittelpartei“ – repräsentiert durch den Jutizminister Roth – ist aus der Koalition ausgeschieden, die nun nur noch die Bayerische Volkspartei, die Demokraten und den Bayerischen Bauernbund umfaßt. Zahlenmäßig repräsentieren diese Parteien im Landtag nach dem Ausschluß Zahnbrechers nur noch eine Mehrheit von 1 Stimme, und wenn Herr Zahnbrecher noch Gefolgschaft nach sich ziehn sollte, so wäre die Tatsache einer Minderheitsregierung gegeben, die mit ihrer Koalition nur operieren könnte, wenn sie je nachdem mal die Stimmen der Nationalisten, mal die der Sozialdemokraten für sich gewönne. Ein einziges Mal, daß links und rechts gegen die Mitte stimmten, und die Regierung Lerchenfeld wäre ein Leichenfeld. Amüsant ist aber, daß schon die allererste Abstimmung des Landtags nach der Umgruppierung einen Bruch innerhalb der neuen Koalition selbst aufwies. Es handelte sich um den Antrag der USP, den Genossen Fischer freizulassen. Im Ausschuß, wo die Angelegenheit zuerst beraten wurde, fand der Antrag Annahme, da die Mittelpartei nicht vertreten war und Demokraten und Bauernbund dafür stimmten. Im Plenum beteiligten sich die Deutschnationalen, und sie in gewohnter Gemeinschaft mit den Klerikalen brachten den Antrag gegen die drei sozialistischen nebst den beiden „linken“ Koalitionsparteien zu Fall. Die Zusammensetzung unsrer neuen Schicksalsfabrik hat man sich recht bequem gemacht. Nämlich außer den Ressorts der beiden ausgeschiedenen Herren Kahr und Roth haben die früheren Vertreter der Parteien einfach ihre Plätze behalten: selbst die schwer kompromittierten Oswald, Matt und Wutzlhofer dürfen wieder regieren. An die Stelle Kahrs als Innenminister ist Schweyer getreten, derselbe Schweyer, der im Landtag wie im Reichstag immer wieder jede Pöhnerei, jede Kahriole und jede Rothise verteidigen mußte. Aber die jetzt ja oppositionelle München-Augsburger Abendzeitung, die ja hinter den Kulissen Bescheid weiß, jammert, daß innerhalb der Bayerischen Volkspartei die dem bisherigen Kurs abgeneigten Kreise durch Schweyers Berufung eine Stärkung erführen. Also, der Mann scheint die große Pauke nur für den Jahrmarkt geschlagen zu haben, im häuslichen Kreise aber abgewinkt. Die Justiz – ein sehr seltsamer Fall – ist vom Ministerpräsidenten selbst übernommen worden. Die guten Genossen kamen gestern gleich über mich: ob ich nun nicht endlich einsähe, daß alles beim alten bliebe (zumal Lerchenfeld in seiner Einführungsrede selbst erklärt hat, er werde die Politik in den bisher befahrenen Bahnen lassen). Ich sagte ihnen aber: ich finde alles bestätigt, was ich behaupte. Denn: Lerchenfeld fährt heute zu persönlichen Verhandlungen nach Berlin. Es dreht sich um die Aufhebung des großen Belagerungszustandes in Bayern zugunsten des kleinen nach der Reichsverordnung vom 29. August. Die wesentlichsten Punkte, in denen Remedur geschaffen werden soll, betreffen juristische Fragen: Volksgerichte, Schutzhaft, Amnestierungen, Verfolgungen des Erzbergerkomplotts und die besonders gegen Bayern gerichteten Vorwürfe der Klassenjustiz und des zweierlei Maßes in Beurteilung und Behandlung politischer Sünder. Somit fallen alle vordringlichen Fragen der Justizverwaltung Bayerns zur Zeit in den Bereich dessen, der die Richtung der Gesamtpolitik des Landes zu bestimmen hat. Lerchenfeld wird ohne Zweifel seine Haupttätigkeit zunächst darauf verlegen, die bayerische Politik – unter nach außen heilig entfalteter Fahne der bayerischen „Eigenart“ – den Wünschen der Berliner Wirthsleute nach Möglichkeit anzupassen. Er braucht dazu vor allen Dingen in der Justiz freie Hand, – und ich zweifle weniger als je, daß er die Rothschen Hinterlassenschaften schleunigst in tolerantem Geist zu korrigieren suchen wird. Dies umso mehr, als alle Anzeichen darauf deuten, daß die kläffende Feindschaft zwischen Bayerischer Volkspartei und bayerischer Sozialdemokratie nur noch als das Knarren von Kinderratschen zu werten ist. Die „Münchner Post“ zirpt schon sehr zahm, und der gemeinsame Antrag der drei Koalitionsparteien an den Landtag, Pöhner von seinem Despotenthron zu entfernen, zeigt wie emsig man am Werk ist, die trennenden Schranken zu beseitigen. Die Herren Sozi aber bewiesen ihre Bravheit und Koalitionsfähigkeit wieder einmal durch Betonung ihres unveränderten Desinteressements am Schicksal der politischen Gefangenen. Radbruch hat dem Görlitzer Parteitag das Justizreferat erstattet. Er hat dabei, wie wir der bürgerlichen Presse und dem Vorwärts entnehmen, sehr aggressive Worte gegen die Zustände in Niederschönenfeld gesprochen, die er als vollständig gesetzwidrig bezeichnete. Die „Münchner Post“, das Organ der bayerischen, also nächstbetroffenen, Arbeiterschaft, als das sie sich ausgibt, hat dies Referat zwar wiedergegeben, den auf uns bezüglichen Teil jedoch vollständig unterschlagen. Wieder einmal ein Beweis, wo unsere gehässigsten Feinde zu suchen sind, und wie diesen Lumpen in Wahrheit jede an uns verübte gesetzlose Grausamkeit der Reaktion ganz und gar nach dem Herzen ist. Gedächtnis!! – Im übrigen hat man in Görlitz äußerst kräftige Töne gegen Bayern gesprochen. Treu-Nürnberg hielt eine große Philippika und General Wels vom ersten Berliner Regierungskrieg gegen das Proletariat – Weihnachten 1918 – verkündete sogar Erzbereitschaft gegen alle, besonders bayerische, Reaktion. Recht verstanden drohte er mit Bergarbeiter- und Eisenbahnerstreik. Wenn man derartige Drohungen von dieser Seite, die, wenns ernst wird, immer bremst und der Bourgeoisie hilft, auch nicht sonderlich wichtig zu nehmen braucht, so ist doch nicht zu verkennen, daß er die Kapitalisten an ihrer kitzlichsten Stelle berührt hat, und die werden ja schließlich auch wissen, daß die sozialdemokratische Bremse im entscheidenden Augenblick von den Arbeitern selbst unwirksam gemacht werden könnte: wehe, wenn sie losgelassen! Am Dienstag tritt nun der Reichstag zusammen. Bis dahin muß Lerchenfeld sich mit Wirth irgendwie verständigt haben. Ich nehme an, am Montag schon wird der Belagerungszustand fallen, damit die schwersten Angriffe in Berlin rechtzeitig pariert sind. Aber es bleibt noch allerlei Peinliches übrig. Die Kommunisten haben die Gumbelsche Broschüre zum Gegenstand einer Anfrage gemacht. Die Beratung der Gesamtlage – schon am ersten Tag – wird eine Fülle von allerschwersten Geschossen gegen Bayern abfeuern lassen, der Amnestieantrag der Kommunisten wird speziell auch mit Material aus Niederschönenfeld verfochten werden, und alles, was im Anschluß an die Erzbergersache erörtert werden wird, kann die Stimmung zu unsern Gunsten nur fördern. Jedenfalls wird ja auch Arco nicht unerwähnt bleiben, da er sich, verglichen mit uns, zur Illustration der Wirthschen Forderung: gleiches Recht! ausgezeichnet eignet. Endlich werden die bayerischen Sozialdemokraten ihre unüberwindliche Abneigung gegen uns den eignen Genossen im Reich gegenüber ein wenig verbergen müssen, die dann doch zu sehr festgelegt sind, als daß sie der gesamten Arbeiterschaft in der Frage der politischen Gefangenen ohne weiteres vor den Kopf stoßen könnten. Die Annahme der Resolution in Görlitz, die ihnen die Gemeinschaft mit der Deutschen Volkspartei in Regierungskoalitionen eröffnet, hat ihnen die erstrebte Versöhnung mit den Unabhängigen schon sehr erschwert, jetzt können sie sich in einer hochpolitischen aktuellen Frage, an der die gesamte Arbeiterschaft brennend interessiert ist, keine reaktionäre Haltung leisten. – Dies alles vor Augen, so sehe ich die Situation an, reist Lerchenfeld nach Berlin in der Doppeleigenschaft als Dirigent der bayerischen Gesamtpolitik und als Vertreter des Ressorts, in dem in diesem Augenblick alle Anforderungen an diese Politik praktisch kulminieren. Er wird versuchen, für die bayerische Reservatreaktion zu retten was zu retten ist: und das höchste, was er meiner Meinung nach in der Amnestiefrage retten kann, ist die Zurückhaltung von uns Bürgerschreck-Revolutionären in der Gefangenschaft dadurch, daß er die Amnestie vom August 1920 auf Bayern ausdehnt und die Behandlung der Festungsgefangenen als Ehrensträflinge garantiert. Ich halte es viel eher für möglich, daß wir politischen Gefangenen allesamt frei werden – dafür spricht das Interesse der Nationalisten, die momentan stark bedrängten Kappisten, die durch die Gumbelschen Zusammenstellungen Kompromittierten und die in die Erzbergergeschichte Verwickelten loszueisen –, als daß hier alles beim alten bleiben sollte. Daß der Landtag gegen Fischer entschieden hat, betrachte ich durchaus nicht als Beweis des Gegenteils, sondern einmal als ein Zeichen der Kurzsichtigkeit der bayerischen Volksparteileute, die große Mühe haben, ihre Kahrgewohnheiten abzulegen – d. h. à tout prix alle Entscheidungen unter dem Gesichtspunkt zu treffen: wie ärgern wir die Arbeiterschaft; – andrerseits begrüße ich diese Dummheit, weil sie bei den Republikanern im Reich böses Blut macht und gewisse Nacken gegen die bayerischen Frechheiten steift. Daß man bis heute hier drinnen noch nichts von einer neuen Art spürt, liegt daran, daß bis jetzt nur noch Rothsche Anordnungen befolgt werden. Das Letzte dieser Art ist, daß heute der junge Genosse Fritz Stahl, der mit uns in Ebrach war, und nach 1 Monat (von im ganzen 6) Bewährungsfrist bekam, hier wieder eingeliefert ist. Er hat sich nicht bewährt. Er wird von den 5 Monaten nicht einen Tag länger abmachen müssen als die Dutzende, die noch Jahre vor sich zu haben glauben, von ihrer Restzeit, – und auch keinen Tag weniger.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 26. September 1921

Nach dem „Vorwärts“ hat Radbruch in Görlitz die „Festung“ Niederschönenfeld als „ein Mittelding zwischen Gefängnis und Zuchthaus“ bezeichnet. Die „Münchner Post“ hat nun den Bericht über Radbruchs Rede in ausführlicher Fassung wiederholt, und dabei wiederum diesen Passus ausgelassen. Wer also noch hätte zweifeln mögen, daß die Unterlassung absichtlich geschah, ist jetzt belehrt. Ferner: die sozialdemokratische Landtagsfraktion hat eine Interpellation eingebracht, die sich mit den Polizei- und Justizpraktiken in Bayern unter Roth und Pöhner befaßt und sehr entrüstet tut bei der Aufzählung der Fälle, die dieses System kennzeichnen sollen. Von den politischen Gefangenen ist auch in dieser Interpellation mit keinem Wort die Rede: nicht bloß von keiner Amnestie, – nein auch keine Silbe gegen die abscheuliche, gesetzlose und in der ganzen Welt als schändlicher Skandal empfundene Behandlung. Herr Auer wünscht da keine Änderung, mit dieser Tatsache haben wir zu rechnen, und mir ist heute sicher, daß wir es nur dieser Seite zu danken haben, daß bisher Bayern als einziges Land seit der Revolution überhaupt noch keine auch nur teilweise Amnestie erlebt hat, und daß unsre Hoffnung auf das Reich, die in diesem Augenblick die stärkste Begründung hat, nur von dorther ernsthaft gefährdet ist. Morgen tritt der Reichstag zusammen. Ich bin überzeugt, daß Auer alles in Bewegung setzt, um durch intrigante Machenschaften die Amnestierung seiner bayerischen Landsleute zu hintertreiben. Vielleicht gibt er seinen bayerischen Genossen im Reichstag Rhizinusöl ein, damit sie bei der Abstimmung, bei der es auf jede Stimme ankommt, den Drang nach Abwesenheit vom Sitzungssaal spüren. Dieser Lump kann sich dereinst auf die Kostenrechnung freuen, die wir ihm präsentieren werden. Lindtner, der arme Teufel, muß 14 Jahre als „ehrlos“ im Zuchthaus sitzen, weil er diesen Halunken zum Rentier geschossen hat (mir nimmt niemand die Überzeugung, daß die Schüsse, die am zweiten Weihnachtstage 1918 auf mich abgefeuert wurden, von Erhardt Auer gedungen waren). Der Kerl macht heute noch die ganze antiproletarische Schieberpolitik der bayerischen Sozialdemokratie und billigt die Vorzugsbehandlung Arcos, des Mörders dessen, der ihn – Auer – zur Macht berief, während er sich in der Wüste der verflossenen Herrlichkeit nach Militär zum Schutz der Monarchie umschaute. Allerdings hat Arco ihm die Mühe abgenommen, Eisner selbst um die Ecke bringen zu lassen, wovor dieser Patron gewiß nicht zurückgeschreckt wäre. Von Stahl hörte ich etwas sehr Interessantes. Der Junge war seit einigen Monaten in Landsberg in Schutzhaft (jetzt, vor der notgedrungenen Aufhebung des Belagerungszustands hat man ihm rasch seine Bewährungsfrist gestrichen und ihn in Festung zurückgebracht, obwohl er inzwischen keine neue Verurteilung erfahren hat. Wieder ein Fall tollster Willkür und Gesetzwidrigkeit). Stahl behauptet, positiv zu wissen, daß dem Grafen Arco seine lebenslängliche Festungsstrafe schon zweimal auf dem Gnadenwege befristet worden sei, zuerst auf 15 Jahre und dann auf 7 Jahre. Da die Behauptung gerüchtweise auch schon andern Genossen zu Ohren gekommen war, kann man sie nicht ohne weiteres als absurd abtun. Ich werde mich bemühen, ihr auf den Grund zu kommen. – Zwischen Berlin und München ist vorläufig ein Kompromiß zustande gekommen, das sich nach den ersten Mitteilungen darüber als eine böse Niederlage des Reichs gegenüber Bayern ausweist. Lerchenfeld hat zur Aufhebung des Belagerungszustands eine Frist bewilligt erhalten, ferner sollen die Bestimmungen über die Verfolgungen von hochverräterischen Preßerzeugnissen einen Wortlaut kriegen, der ihnen jede Spitze gegen die Deutschnationalen nimmt, und endlich soll das Reich nicht ohne weiteres das Verbot bayerischer Presseorgane aussprechen dürfen. In dubio soll ein Schiedsgericht darüber bestimmen. Das ist viel nachgegeben. Allerdings vermute ich, daß auch Lerchenfeld und Schweyer allerhand von ihrem Standpunkt nachgelassen haben, was man wohl mit Rücksicht auf die mimosenhafte Empfindlichkeit der bajuwarischen „Volkseele“ noch nicht öffentlich preisgeben will.

Mehrfache Unterbrechungen wollen mich heute garnicht zur Fertigstellung der Eintragung kommen lassen. So werde ich wieder Wichtigstes zurückstellen müssen, wie die Aufdeckung der riesigen Geheimbundorganisation der deutschnationalen Mörder durch den badischen Staatspräsidenten Trunk, deren Spuren nach München führen und im Anschluß daran die Amnestieaussichten im Reichstag, wie ich die Dinge kombiniere. Von den außerdeutschen Angelegenheiten – Westungarn, Rußland-Polen-Rumänien etc. ganz zu schweigen. Auch die Hausangelegenheiten verdienten mal wieder eine Behandlung, besonders da Kraus die Anstalt seit einigen Tagen nun wirklich verlassen hat (auch die grünen Möbelwagen sind seit gestern fort). Heut begnüge ich mich mit einer Personalregistratur. Der Genosse Heinrich Weber ist heute auf Bewährungsfrist entlassen. Er kam von der Lichtenau. Ein wirklicher Zigeuner – („Manischer“, wie er selbst sich nennt, denn diese Leute finden ihre gute Bezeichnung als Zigeuner, da die Proleten ein Schimpfwort draus gemacht haben, als kompromittierend). Ein köstlicher Kerl voll lustiger Einfälle, ohne theoretisches Wissen von der Revolution, aber sicher wieder da, wenn man ihn braucht. Ich gönne ihm die Freiheit, zumal der arme Teufel schwer nervenkrank ist (das Stahlbad des Krieges!) und sich selbst dermaßen freute, herauszukommen, daß er draußen, als wir ihm vom Fenster aus den Abschiedsgruß zuwinkten, auf der Landstraße einen Purzelbaum schlug. Ich hoffe, daß ihm bald die Mehrzahl der Genossen zu ihren Frauen und Bräuten folgen wird. In einer Woche werden wir über die Aussichten dazu schon mehr wissen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 28. September 1921.

Vom Hause ein paar Anmerkungen, aus denen sich ergibt, daß das Regiment Hoffmann bis jetzt von dem des Herrn Kraus in nichts unterschieden ist. Gestern ist Gnad aus der Einzelhaft wieder zum Vorschein gekommen. Die Ablösung ist sogleich in der Person Tollers wieder angetreten. Es heißt, ihm sei eine Beschwerde an Lerchenfeld wegen Verhinderung eines Protestes in den Zeitungen gegen die Unterstellung, Weismann habe verwandtschaftliche oder sonstige Beziehungen zu ihm, nicht durchgelassen worden. Bei der Mitteilung davon sei ihm der Gaul durchgegangen, Fetsch habe das zu Provokationen übler Art benutzt, – und so war die Maßregelung wieder mal fertig. Grade mit Toller, einem der Schuldigsten an unsrer scheußlichen Vergewaltigung von März bis Juni, habe ich in solchen Dingen wenig Mitleid, zumal ihn offenbar wieder seine krankhafte Wichtigtuerei in die Lage gebracht hat. Aber die grundsätzliche Bedeutung der Sache ist eben die, daß sich erweist, wie es mit unserm „Recht“ zur Beschwerde in Wirklichkeit bestellt ist. – Die Konfiskationen von Blättern gehn unentwegt weiter: „Neue Zeitung“, „Neue Zeit“, „Fackel“ – fast jeden Tag fliegt irgendein kommunistisches Organ zu den Akten. Die Begründungen dafür sind wörtlich so gehalten, wie sie Kraus verfaßt hat: geeignet, einen geordneten Strafvollzug zu stören; hetzerischer Artikel; agitatorischer Inhalt. Ich habe mich heute zum Rapport gemeldet, um zu versuchen, in den Verfügungen über die Nachtruhe Erleichterungen zu erzielen. Gestern war ich deswegen beim Arzt und setzte ihm auseinander, welche verheerenden Wirkungen der Zwang, von ¾ 10 Uhr ab in der dunklen Zelle sein zu müssen, auf meinen früher so gut geregelten Schlaf ausgeübt hat. Er versprach, mit der Verwaltung darüber zu reden. Ich fürchte aber, daß man womöglich zum 1. Oktober Winterordnung einführen und uns dann gar ¾ 9 Uhr schon Dunkelarrest geben wird. Dem will ich vorzubeugen suchen. So bemerken wir vorerst noch garnichts von einer „Neuorientierung“ im Justizwesen Bayerns: wenn auch jawohl die bisher sichtbaren Dinge wohl alle noch auf die Ära Roth zurückgehn, so auch der Bescheid, in dem das „Volksgericht“ Heinrich Weber seine Freilassung auf Bewährung bewilligte, da er nur „unerheblich vorbestraft“ sei (nämlich wegen krimineller Bagatellen auf seinen Zigeunerfahrten, die mit Politik garnichts zu schaffen haben) und somit Hoffnung bestehe, daß er sich noch bessern werde (das bezieht sich nun ganz auf sein politisches Verhalten; in Bayern ist Preisgabe der Gesinnung zugunsten des Nationalismus „Besserung“, – und Festungshaft ist Korrektionskur). – Allerdings muß ich zugeben, daß seit der Entfernung der Herren Kahr und Roth bis jetzt auch außerhalb Niederschönenfelds noch alles verdammt unverändert aussieht. Pöhner sitzt immer noch am Präsidium der Polizei, und die genaue Kenntnis des Berlin-Münchener Kompromisses entlarvt die Niederlage Wirths als noch viel größer als zu ahnen war. Der bayerische Belagerungszustand soll zwar am 6. Oktober mit Wirkung vom 15ten von Bayern selbst aufgehoben werden, doch bleiben die „Volksgerichte“ davon ganz unberührt, außerdem erhält Bayern bei „Gefahr im Verzug“ das Recht, ihn sofort wieder zu proklamieren. Es wird also ein Demonstrationszug von Arbeitern genügen, um den schönen Tanz wieder von vorn anzufangen. Das Organ der Münchner Sozialdemokratie hat indessen bis jetzt noch kein Wort der Kritik dieser grotesken Vereinbarung gefunden. Im Gegenteil: die „Münchner Post“ ist voll von Lobhudeleien gegen den neuen Ministerpräsidenten, ja sie wartet ihrer „proletarischen“ Kundschaft sogar mit liebenswürdigen Anekdoten aus dem Leben seiner aus Amerika bezogenen Gattin auf. Hat man die radikale Tonart bewundert, die man dort bis vor wenigen Tagen anschlug, so könnte man sich verwundert fragen, wie die Sozi, nachdem man sie grade wieder von der Regierungskoalition so brüsk wie möglich ferngehalten hat, plötzlich zu so milder Denkungsart umgestimmt werden konnten. Die Lösung des Rätsels ergibt sich daraus, daß Paul Kampffmeyer soeben an den Parteiverlag nach Berlin berufen ist, und die Leitung des Blattes an seiner Stelle Herr – Erhard Auer übernehmen durfte. Jetzt hat dieser verwegene Reaktionär also nicht bloß die Parlamentarier sondern dazu noch die Presse der Partei in seiner Hand. Was das bedeutet, enthüllt schon ein neuer Vorgang im Verfassungsausschuß des Landtags. Da haben die Unabhängigen die sofortige Aufhebung des bayerischen Belagerungszustands beantragt. Der Antrag wurde mit allen Stimmen der Bürgerlichen, mit Einschluß der Auerochsen, abgelehnt! Auer will halt doch noch Minister werden, – koste es was es wolle. Es kostet zunächst, was diesem Manne immer am billigsten galt: die proletarische Gesinnung, den Sozialismus und die politische Ehre. Gleich zu Anfang seiner journalistischen Auswirkungsmöglichkeit zeigt er das Mittel, mit dem er sich der Bourgeoisie empfehlenswert machen will: in den Höchster Farbwerken hat eine Lohnbewegung eingesetzt, die zur Schließung des Betriebs und seiner Besetzung durch Arbeiter geführt hat. Die Münchner Post nimmt schon in der ersten Meldung darüber Stellung gegen die Proletarier. Unter all diesen Umständen bin ich momentan wegen meiner Ansicht über unsre speziellen Aussichten unter dem neuen Kurs vielen Foppereien ausgesetzt, und es ist wahr: diese Aussichten haben sich verschlechtert. Bayern hat einen wahrhaft überwältigenden Triumph über die Reichsregierung davongetragen; man hat, um das System zu retten, Personen über Bord gehn lassen, die als Repräsentanten dieses Systems verschrieen waren. Der Reichskanzler wird also heute in seiner großen Reichstagsrede damit operiert haben, daß er das System selbst als besiegt ausgeben wird. Im übrigen hat er schon vorgesorgt, daß die bayerische Frage hinter die der Reichskoalitions-Erweiterung zurückgedrängt ist. Die „Deutsche Volkspartei“, Stresemann und seine Nationalliberalen sollen aufgenommen werden, und die Sozialdemokraten haben in Görlitz zu dieser Preisgabe des bisher von Wirth verfolgten republikanisch-demokratischen Kurses die Tore geöffnet: weil sie dadurch in Preußen – und, oh Sehnsucht! später vielleicht auch in Bayern – mit den Monarchisten zusammen zur „positiven Mitarbeit“ werden zugelassen werden. Es fragt sich nun, wie sich die Herren „Republikaner“ im Reich allgemein noch zur Amnestiefrage verhalten. Unsre Hoffnung sind heute eher die Deutschnationalen als die Sozialdemokraten, die sich höchstens wohl zu einer allgemeinen Kritik des Strafvollzugs in Niederschönenfeld herbeilassen werden. Aber die Aufdeckung der riesigen Mörderorganisation des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes mit dem Sitz in der Franz-Josef-Straße wird wohl der rechten Seite den Wunsch nach schleuniger Bestattung all dieser kompromittierenden Geschichten in einer mindestens teilweisen Amnestie recht nahe legen. Schließlich riecht denn doch der bayerische Saustall schon zu stark – und Unabhängige und Kommunisten werden allerlei Ventile öffnen, durch die die Schweinerei an die Luft dringen wird –, als daß man einfach alles als nicht geschehn betrachten und behandeln könnte. Es kommt nun noch ein Umstand dazu, der es allen deutschen Regierungen nahelegen wird, nach links etwas tolerantere Politik zu treiben als bisher: das ist nicht nur die bevorstehende Erörterung der Steuergesetzgebung, die unheimliche Erregung bewirken wird; das ist vor allen Dingen die von mir schon vor Monaten erwartete neue Offensive der Entente in der Entwaffnungsangelegenheit. Am 9. September hat Nollet der Reichsregierung eine neue Note in dieser Sache zugehn lassen, die diese charakteristisch genug bis zum 27ten liegen ließ, jetzt aber doch veröffentlicht hat. Darin wird besonders die Schutzpolizei als ein Widerspruch zu den Abmachungen denunziert. Sie sei als mobile Militärorganisation zu betrachten, zentralisiert, kaserniert und viel stärker bewaffnet als erlaubt sei; gefordert wird – allerdings noch in höflicher und nicht ultimativer Form – ihre Entmilitarisierung und Umformung zu lokalen Gebilden im Sinne der alten Stadtpolizeien. Das ist ein harter Bissen in diesem Augenblick, und die angekündigten Verhandlungen mit der Kontrollkommission werden nur das Mißtrauen steigern, das die Behandlung der bayerischen Sache in Frankreich und England sicher schon hervorgerufen hat. Kommt hinzu ein Artikel der „Times“, dessen „Unsinnigkeit“ die bürgerlichen Blätter natürlich greinend behaupten, der uns Sehenden aber nur zeigt, wie ausgezeichnet man im Ausland informiert ist. Da wird versichert, in Deutschland sei der bei weitem größte Teil der zur Zerstörung bestimmten Waffen nebst Munition nicht zerstört, ein Heer von 800000 Mann könne sofort bewaffnet, bekleidet und mit allem Nötigen kriegsmäßig versehen werden, Offiziere seien in unverhältnismäßig großer Zahl nicht demobilisiert, und in vielen Fabriken sei die Umstellung auf Kriegsindustrie kinderleicht zu bewerkstelligen und vorbereitet. Nichts Neues für jeden, der selbständig denkt und Zeitung zu lesen versteht. Aber peinlich für die Macher der deutschen Geschäfte. Der amerikanische Dollar kostet nachgrade 110 Mark, die Entscheidung des Völkerbundes (ein Chinese, ein Spanier, ein Belgier und ein Brasilianer kochen sie aus) über Oberschlesien soll demnächst fallen. Zur Zufriedenheit der deutschen Kapitalisten wird sie schwerlich ausfallen; wenigstens werden die es nicht zugeben. Rathenau soll mit Loucheur eine neue Planwirtschaft für Deutschland verabredet haben, um die Zinshörigkeit gegen die Sieger zu sichern: bei den Steuerstreitigkeiten werden sich die Besitzenden für ihre Goldwerte, die Besitzlosen für die Sicherung ihrer primitivsten Lebensführung bis auf Blut wehren, – und ungeschunden kann keiner herauskommen. Dazu die tollen Bloßstellungen der Erhardtbrigade, der Deutschvölkischen, der Pöhnerleute und der gesamten deutschen und speziell bayerischen Reaktion. Der für Mitte Oktober angekündigte Prozeß gegen Jagow und noch einen Kappisten. Wie will man den Hexenkessel denn anders beruhigen als durch das Markieren eines Versöhnungsrummels, dessen einzig wirksames Regiemittel Amnestie heißt? Sie werden sich sträuben und zieren, aber selbst wenn die nächsten Tage im Reichstag noch die bornierten Mittelmäßigen alles verhindern sollten, – so werden neue Detonationen des von Explosivstoff übervollen politischen Fasses nicht ausbleiben und werden den Herren Ebert und Lerchenfeld, die sich in Oppau beim Begräbnis der Opfer ihres kapitalistischen Systems in Klassengemeinschaft und -versöhnung überboten, Dampf unter den Arsch machen. Sie werden alle noch begreifen müssen, daß die Revolution nicht vorbei ist, sondern erst beginnen wird.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 30. September 1921.

Bis fast ½ 3 Uhr noch keine Post! Infolgedessen ist große Nervosität im Hause. Ich möchte aber vorläufig den Kombinationen, die die Verzögerung erklären wollen, noch keinen Raum geben. Es wird wohl verwaltungstechnische Ursachen haben. Für den Moment nur ein paar Anmerkungen über das, was seit vorgestern aktuell ist. Zunächst: Pöhner ist gegangen, – und zwar hat er selbst das in sehr aggressiver Form der Öffentlichkeit mitgeteilt. Bis zuletzt Frondeur, – immerhin ein erfreulicherer Charakter als die Herren Sozialdemokraten, die ihn im Mai 1919 auf seinen Präsidentenstuhl setzten und nun ihre eigne Kreatur beschimpfen, weil sich deren Forschheit auch gegen die eigne Jämmerlichkeit auswirkte. Pöhners letzte Amtshandlung war das Verbot der Berliner „Freiheit“ für Bayern, – also eine Aktion, zu der ihn nur der annoch geltende Belagerungszustand berechtigte. Eine reizende Ohrfeige für seinen Chef, Herrn Schweyer. – Die „Berliner Volkszeitung“ bringt einen höchst interessanten Artikel über den bayerischen Sumpf von einem offenbar intim orientierten Mitarbeiter. Darin kommen neue Tatsachen ans Licht, die vermutlich noch allerlei Gestank verbreiten werden. So z. B., daß die politische Polizei in München regelmäßige Subsidien von deutschnationalen Organisationen empfangen hat wie der „Orzentz“, hinter der die Kommerzienräte Zentz und Kannegießer und der Rechtsanwalt Mößmer stecken und ähnliche Anmutigkeiten. Über die sich anbahnenden politischen Wandlungen in Bayern wird behauptet, die Mittelpartei stehe vor der Spaltung, da die Mitglieder von der „Deutschen Volkspartei“ austreten werden. Dann wäre die Voraussetzung zur Verbreiterung der Regierungskoalition, wie sie jetzt im Reich und auch in Preußen betrieben wird, für Bayern ebenfalls geschaffen – und das Ziel des Herrn Erhardt Auer erreicht. – Inzwischen stürzt die Mark weiter: der Dollar kostet bereits 126 Mark.

Festungsdinge: der „Fall Toller“ schien sich gestern zu Krampfaktionen der Unentwegten auswachsen zu wollen. Tatsächlich hatte Toller vorgestern mit einem Hungerstreik eingesetzt, ihn aber gestern wieder abgebrochen (und damit unsre schwerste und ernsteste Waffe wieder einmal stumpfer gemacht). Marschall und Tobiasch sind, da sie Toller mit Erklärungen oder ähnlich, beizuspringen versuchten, ebenfalls abgesondert worden. Ich habe, da Toller nur das Opfer seiner ewigen Reklametuterei geworden ist, Solidaritätsaktionen in dieser Sache, besonders in der Form des Hungerstreiks, entschieden abgelehnt. Vor allem ärgert es mich, daß man sich über Vergewaltigungen hier immer nur aufregt, wenn Toller, Sauber, Klingelhöfer, Elbert oder irgendein „Prominenter“ davon betroffen wird. Daß sich Marschalls oder Tobiaschs wegen schon einer der Geschäftigen alteriert hätte, habe ich bisher nicht wahrgenommen. Was wirkliche Proletarier betrifft, ist den „Führern“ im Hause ganz unwichtig und vor sich selbst haben sie viel größeren Respekt, weil sie die 21 Punkte von Moskau gebüffelt haben, als vor einem der jungen Rotgardisten, die für Revolution und Räterepublik Hals und Beine riskiert haben. – Man wollte auch gleich jetzt mit ultimativen Forderungen die neue Situation versuchen, was ich gleichfalls für sehr verfehlt halte. – Das Eintreffen der Zeitungen ließ mich hier die Eintragung abbrechen. Die Lektüre hat wieder soviel Zeit gefordert, daß ich für heute auf weitere Darlegungen verzichte. Viel Neues ist aus der heutigen Presse nicht zu entnehmen. Die Aussprache über Bayern im Reichstag ist um einige Tage verschoben worden; die im bayerischen Landtag interessiert bis jetzt nicht. Die einzige politisch wichtige Meldung ist die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen von heute ab. Dagegen erregt mich ein Todesfall sehr tief (nachdem ich den Tod des Fürsten Philipp Eulenburg hier ganz übergangen habe und den Engelbert Humperdinks, dessen Werk zu kritisieren ich ja aber nicht kompetent bin, heute erwähnen wollte). Eugen Dühring ist gestorben. Der alte blinde Gigant, diese erschütternde Größe an Geist, Wissen, Erfindung, Temperament, Galle, Zorn und Kraft – konstruktiver wie destruktiver. Wenn je einem Schaffenden der Titel Universalgenie gebührt hat, so ihm. Die Deutschen aber haben ihn darben lassen, haben ihn seinem Ekel an ihnen preisgegeben, haben ihn erniedrigt und nie gewußt, welch ein Mensch ihres Blutes unter ihnen waltet und verzweifelt. Der Sozialismus weiß von ihm: aber nicht was er ihm an Ideen gab, nicht sein positives, – nein: er kennt seinen Namen. Weil sich Friedrich Engels ihm zum Kampf gestellt hat und zum Besten, was er geschrieben hat, eben durch seine Beschäftigung mit Dühring, gebracht wurde. Engels hat in seinem Anti-Dühring recht unangebrachte Töne der Ironie und Überlegenheit angeschlagen. Da man an ihn und Marx keine Kritik anlegen darf, hat er dazu beigetragen, den Großen zu verkleinern. Mir ist es aber noch lange nicht gewiß, ob das Gesamtwerk Dührings nicht doch schließlich das seines Kritikers überdauern wird. Mich erfüllt Dührings Tod mit dem Gefühl tiefer Ehrfurcht vor Größe und Duldung. Was er litt, ist so gewaltig wie was er leistete.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 2. Oktober 1921.

Internes: die große Aktion der Unentwegten im Mittelgang ist nun glücklich in Lauf gesetzt worden. Uns wurde durch Schlaffer – der erste, der von den Münchner Sprengprozeßbeteiligten zur Zentrale abschwenkt – eine Erklärung zur Unterschrift vorgelegt, die bis jetzt in amüsantem Durcheinander allerlei Namen von der „Gruppe Krach“ und von „Verrätern“ des I. Stockwerks aufweist. Darin wird ohne jede Begründung gefordert, es solle eine Kommission herkommen zur Untersuchung der Ungesetzlichkeiten und Amtsmißbräuche seit Erlaß der Müllerschen Hausordnung und zweitens, es sollen sofort die Beamten, die ihre Pflicht nicht gesetzlich erfüllt hätten, entfernt sowie die Vertreter der politischen Polizei aus Niederschönenfeld weggezogen werden. Ich war mit meinen engeren Freunden sowie mit den Genossen der Münchner Gruppe völlig einig in der Verweigerung unsrer Unterschrift. Dagegen arbeite ich zur Zeit eine eigne Eingabe an Graf Lerchenfeld aus, die ich zur Zeit den Seppl in täglichen Diktaten von 2 Stunden schreiben lasse. Ich hoffe damit in der Tat den Weg zur Verbesserung unsrer Lage freizumachen, – oder aber die neue Macht zu zwingen, ihr Gesicht, wie es wirklich aussieht, zu zeigen. – Vorgestern hatte ich Rapport beim Staatsanwalt Hoffmann. Große Aufmachung: Schmauser an der Schmalseite des Tisches, Fetsch mit zwei Aufsehern im Hintergrunde. Ich begründete mein Anliegen über die Wiederherstellung der früher gewohnten Abendbeleuchtung, nämlich 1.) Gangbeleuchtung bis 12, mindestens 11 Uhr; 2) Bis zum Abdunkeln der Gänge Bewegungsfreiheit in ihnen; 3) nachher ohne Zeitbeschränkung das Recht, auf eigne Kosten eignes Licht zu brennen und sich in den Zellen gegenseitig zu besuchen. Mein Gesuch wurde aufgeschrieben und ich erhielt den Bescheid, die Punkte dienten als Material (was ich dahin verstand, daß sie zur Entscheidung der höheren Instanz, also Herrn Kraus, vorgelegt werden sollten). Ich benutzte die Gelegenheit, über die Zurückhaltung und Rationierung alkoholischer Getränke zu interpellieren. Zenzl hat mir bei ihrem letzten Besuch eine Flasche Burgunder und eine Kruke Schnaps mitgebracht. Beides steht, da man mir die Herausgabe im ganzen verweigerte und ich mich bis jetzt nicht entschließen konnte, den Wein wasserglasweise mir vom Aufseher zuweisen zu lassen, noch unberührt im Gewahrsam der Anstalt. Ich forderte die Freigabe unter Zusicherung meinerseits, daß kein Mißbrauch damit getrieben werde. Herr Hoffmann sagte mir zu, darüber verfügen zu wollen und entließ mich. Heute wurde mir nun durch Verlesung die Antwort auf die Beleuchtungsgesuche zur Kenntnis gebracht. Alle 3 Punkte seinen ungeeignet, berücksichtigt zu werden, die „Ordnung und Sicherheit der Anstalt“ sowohl auch das Ruhebedürfnis der übrigen Festungsgefangenen (die alle gleichmäßig unter dem kasernenmäßigen Zubettschicken leiden) bedingten die Beibehaltung des gegenwärtigen Verfahrens (das erst seit 2 Monaten Ruhe und Ordnung sichert und die Ruhe der F. G. gewährt). Über die Wein- und Schnapsfrage habe ich noch keinen Bescheid erhalten. Dies alles sieht nicht grade nach Systemänderung hier drinnen aus. Auch die Absonderungen gehn in munterer Folge weiter. Zwar sind Tobiasch und Marschall schon wieder heraus (der Märtyrer und Kämpfer Toller muß sich zwar noch in Einzelhaft von seinen 36 Stunden Fasten erholen, hat aber Lager- und Hofentzug geschenkt bekommen; inzwischen bedauert ihn Herr Philipp Scheidemann im Reichstag, daß man „einem Toller das Schreiben verbietet“, was nie jemanden eingefallen ist; er hat ein paar Tage Briefverbot gehabt, das ist alles, von den 4 Monaten, die ich dank Tollers Solidarität diesen Zustand auszuhalten hatte, redet niemand: ist mir auch sympathischer). Vom 2. Stock sind wieder mal unten: Wollenberg, weil er einem Strafgefangenen eine Zigarette geschenkt hat und Egensperger und Gnad, weil sie sich vorgestern abend nach 10 noch auf dem Abtritt unterhalten haben. Nur der Wechsel ist beständig in dieser Musteranstalt. – An politischen Neuigkeiten sei für heute vermerkt, daß die „Münchner Post“ den Enthüllungen der „Berliner Volkszeitung“ sehr interessante und genaue Angaben über die Geheimorganisation der „Fahne Oberland“ und den „Münchner Nachrichtendienst“ folgen läßt. Wie die Regierung ohne Amnestie nun die Prozessierung der schwer belasteten Offiziere und hohen politischen Polizeiorgane (die Herren Fricke und Lang von der Abteilung VIa sind nunmehr Herrn Pöhner gefolgt) herumkommen kann, ist kaum zu erkennen: es sei denn, sie ließen es auf einen Skandal ankommen, der vielleicht alles zertrümmern würde. Herr v. Lerchenfeld und Herr Dr. Wirth haben ihre Programmreden im Land- bzw. Reichstag von sich gegeben. Lerchenfeld wie Wirth machen in Versöhnung, scheinen aber was verflucht Verschiedenes darunter zu verstehn, nämlich je nach dem, was die bayerischen oder die preußischen Christkatholischen grade in diesem Augenblick darunter verstanden wissen wollen. Unsre persönlichen Chancen sind nach diesen Reden weder größer noch geringer geworden. Auch was in Berlin und München an Bonzenkritik daran angeschlossen wurde, ist wenig bedeutungsvoll. Nur hat sich der in Gnaden wieder zur Ausübung seines Mandats berufene Otto Graf – die Kommunisten haben halt keinen Ersatz für ihn – zum ersten Mal wieder im Landtag vernehmen lassen. Er schimpfte – (sachlich natürlich mit Recht, aber vor welchem Auditorium?!) gehörig auf die Annahme des Entente-Ultimatums, mit Gründen, die ihm wiederholt die Zustimmung der Deutschnationalen eintrugen (die ihn hingegen einfach auslachten, als er die Freilassung der politischen Gefangenen verlangte) und erklärte gegenüber dem Wirth-Gradnauerschen Steuerprogramm als „kommunistische“ Forderung, das Reich müsse sich bis zu mindestens 50 % der Einnahmen der Großindustrie sichern, wobei natürlich der Mittelstand geschont werden solle. Also vollständige Preisgabe nicht nur des Kommunismus sondern selbst des Sozialismus überhaupt. Statt dessen Propagierung eines öden Staatskapitalismus, neben dem der kleinbürgerliche Privatkapitalismus unbelastet bleiben soll. Wundern darf man sich freilich über garnichts mehr, was einem von unsern sogenannten Kommunisten heutzutage geboten wird. Moskau hat sie in die Bourgeois-Parlamente hineinkommandiert; Moskau macht ihnen – faute de mieux, weil die deutsche Revolution versagte! – die Rückkehr zum Staatskapitalismus vor; sie halten alles, was in Moskau geschieht, für letzte kommunistische Weisheit und somit den Staatskapitalismus für das kommunistische Ziel. Wahrhaft tröstlich ist, daß die Parteigebilde sich im Zustande des Verfalls befinden. Das zeigt am deutlichsten die KPD selbst. Nachdem sie sich zum Zeichen ihrer inneren Einigung das V amputiert hat, das noch an die Herkunft der in Halle zugereisten Unabhängigen erinnerte, ist die Auflösung in vollen Gang gekommen. Jetzt sind die Reichstagsabgeordneten Adolf Hoffmann und Däumig aus der Fraktion ausgetreten. Zugleich legt Clara Zetkin „aus Gesundheitsrücksichten“ fast alle Ämter nieder, Levi mit einem Teil der Fraktion frondiert offen und unter den übrigen, der Zentrale ergebenen Mitgliedern quängeln noch mal so und soviele „Richtungen“ gegen einander. Natürlich machen sich die Rückwirkungen dieser Erscheinungen im Mitglieds- und im Kassenbestand der Partei erheblich geltend. Die andern proletarischen Parteien jubeln über diese Entwicklung, haben aber wenig Ursache dazu; denn bei ihnen sieht es kaum besser aus. Die MSP ist ja als proletarische Partei überhaupt nicht mehr zu betrachten; was sie in Görlitz zustandgebracht hat, den Koalitionsbeschluß und das neue Programm, sind keine Verfalls- sondern schon Verwesungs-Erscheinungen: und schon protestieren die Arbeiter, die noch aus fauler Gewohnheit die alten Marken kleben, gegen die Stinnesierung der Scheidemannschaft. Die USP schleppt sich schon lange auf Krücken weiter. Erst der Leipziger Beschluß: Anschluß an die III. Internationale, die man durch Beitritt kautskysieren wollte; dann der Refus von Moskau und die Spaltung in Halle: die linken zu Levi, die rechten zu Scheidemann; was dazwischen ist, streckt die Arme bald hier, bald dort hinüber und ist nun nach der Görlitzer Dekuvrierung ganz begossen. Endlich die KAP, die das „Sympathisieren“ mit Moskau wieder aufgesteckt hat und deshalb von dort her noch wüster beschimpft wird als vorher Lauffenberg und Rühle, die aber mit ihrem Zentrale-Klüngel und ihren ewigen Halbheiten ewig zwischen zwei Stühlen sitzt: alles – zuletzt wieder die spontane Besetzung der Höchster Farbwerke durch die ausgesperrte Arbeiterschaft deutet auf die fortschreitende Erkenntnis hin, daß nur Betriebsorganisationen imstande sind, proletarische Massenkräfte revolutionär zusammenzufassen. Grade die Durchkreuzung der Höchster Aktion durch die Wichtigtuer der Gewerkschaften muß die enttäuschten Proletarier auch dort zur Erkenntnis bringen, wie sie von den Bonzen jeder Farbe, politischen und wirtschaftlichen, Moskauern und Amsterdamern genarrt werden, und daß nur die Sammlung in den Betrieben selbst sie zur Einigung und zum ungestörten Kampf führen kann. Es ist nur ein Jammer, wie furchtbar teuer die deutschen Arbeiter jede neue Einsicht regelmäßig erkaufen müssen. – Als Nachtrag zur Hauschronik: Gestern ging der Lichtenauer Wilhelm Herrmann, einer den ich gern vermisse, verärgerter Spießer, der über „Rechts- und Linksbolschewisten“ schimpft und an dem die Revolution sowenig verliert, wie sie bis jetzt von ihm und seinesgleichen gewonnen hat.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 10. Oktober 1921.

Das Schreiben an Lerchenfeld hat mich bis gestern in Anspruch genommen. Heute habe ich es versiegelt, mit Marken beklebt und mit der Aufschrift: „Einschreiben. An den Herrn Staatsminister der Justiz, Exz. Graf Lerchenfeld, München Justizpalast. Zu eignen Händen“ der Verwaltung zugestellt und folgendes Begleitschreiben dazugesteckt: „An die Festungsverwaltung. Auf Grund § 17, Abs. 4 H.-O. ersuche ich um direkte Beförderung des angeschl. Schreibens an den Herrn Staatsminister der Justiz durch die Post ohne Bemühung der Zensur.“ Vorläufig warte ich nun, ob und wann ich die Postquittung kriege oder ob man den Versuch machen wird, vom Inhalt Kenntnis zu bekommen. Das Schriftstück hat 30 engbeschriebene Quartseiten Umfang und enthält in konzentriertester Zusammenfassung einen Überblick über das, was ich am Rande ausgedrückt habe: „Betr. Widerrechtlichkeit des Strafvollzugs und Amtsvergehen von Vollzugsorganen in der Festungshaftanstalt Niederschönenfeld.“ Anträge habe ich nicht gestellt, wohl aber dringend verlangt, daß eine Untersuchungskommission, der Angehörige proletarischer Organisationen beizuordnen seien zur Nachprüfung meiner Anschuldigungen hergesandt werde, ferner nahegelegt, daß sofort – vor irgendwelcher andern Entscheidung – die Wiederherstellung unsrer Ehen durch entsprechende Anordnungen über den Besuchsempfang bewirkt werde, und eine Verfügung komme, um „die absolute Machtvollkommenheit des Vorstands, die uns außerhalb aller Gesetze stellt, in die Grenzen des geschriebenen Rechts zurückzuverweisen“. Kraus habe ich übel hergenommen – auch Vollmann wird nicht gestreichelt, – habe die Verleumdungen gegen uns außerordentlich scharf beim Namen genannt und verlangt, mich evtl. wegen lügnerischer Beamtenbeleidigung vor Gericht zu stellen. Endlich habe ich Lerchenfelds Landtagsreden zitiert, worin er alle Kreise auffordert, ihn in der Behebung jedes Mißtrauens gegen die Rechtspflege zu unterstützen und gebeten, meine Eingabe dementsprechend aufzufassen. Nun werden wir ja sehn was folgt. Daß sich unter Herrn Hoffmann noch keine Änderung zum Besseren gezeigt hat, habe ich betont und damit begründet, daß Kraus als Oberstaatsanwalt von Augsburg „bestimmendes Aufsichtsorgan“ der Anstalt geblieben ist. Meiner Überzeugung nach kann der Justizminister auf das Schreiben nur zweierlei tun: entweder mich unter Anklage stellen oder Kraus fortschicken. Ich will das, was in der letzten Woche hier drinnen passiert ist, da[s] nichts Bedeutsames dabei ist, flüchtig streifen. Mein Ersuchen um Aushändigung von Wein und Schnaps wurde „aus prinzipiellen Erwägungen“ abgelehnt: das Prinzip datiert seit etwa 6 Wochen! In der Einzelhaft befinden sich zur Zeit noch (bzw. von neuem) Gnad, Egensperger und Taubenberger, die alten Stammgäste unten. Entlassen wurden in der letzten Woche auf Bewährung Strauß, der nur ungefähr ¾ Jahre eingesperrt war – ich kannte ihn nur ganz oberflächlich – und der junge Bauschke, für den im Sprengstoffprozeß gleich Bewährungsfrist nach 3 Monaten festgesetzt war, die nun abgelaufen sind. Seine Entlassungszeit war gestern vormittag „10 Uhr 8 Minuten“. Wäre er schon 10h 6 herausgelassen worden, so hätte der „Freistaat“ Bayern gewiß Schaden genommen. Unter den „Genossen“ gab es wieder allerlei Krakehl. Das Trifolium Elbert-Sauber-Wiedenmann inszenierte eine neue Verleumdungskampagne gegen mich, die aber vorerst abgeschlagen scheint, da die Münchner Kommunisten (Zäuner, Köberl, Sandtner etc., denen sich Hagemeister ganz angeschlossen hat – unsre alte Freundschaft hat sich erfreulicherweise wieder befestigt) mit Benachrichtigung der Organisation drohten. Wie ich höre, soll schon eine ganze Broschüre gegen mich hier drinnen geschrieben sein, vermutlich von Elbert, die vielleicht sogar schon draußen ist. Nun, ich weiß mein Gewissen sauber, während diese Burschen all ihre Sauberkeit aus dem Eigennamen ihres massivsten Komplizen schöpfen müssen. Ich hatte die Wut der Herrschaften offenbar dadurch erregt, daß ich ihre „Aktion“, – jene blöde Unterschriftssammlerei unter einen albern stilisierten Schrieb – nicht mitmachte und daher natürlich als Saboteur des ganzen Unternehmens galt. Tatsächlich haben sie nur so wenig Unterzeichner geworben, daß sie sich entschließen mußten, den Wisch zu verbrennen. Selbst die Schwab-Partei hat sich zumeist ferngehalten. Dagegen ging von Fischer eine Aktion aus, die wenigstens Hand und Fuß hatte, und die ich und meine Freunde deswegen mitgemacht haben, eine Eingabe an den Landtagsausschuß für Eingaben und Beschwerden, um Erfüllung des öffentlich gegebenen Teilamnestie-Versprechens vom vorigen Jahr (darauf wie auf den Fall Arco bin ich auch in meinem Brief an Lerchenfeld eingegangen). Gleichzeitig hat auch Murböck eine Art Denkschrift an den Landtag gerichtet, sodaß also jetzt ein wahres Trommelfeuer von Niederschönenfeld aus eingesetzt hat. Die Patentkommunisten aber wollten ihre Offensive im Juni unternehmen und mußten Schiffbruch damit leiden, und was sie jetzt, wo der Moment zum Handeln da ist, unternehmen wollten, war so blöd, daß sie es selbst wieder preisgaben. – In der Politik hat sich in der verflossenen Woche nichts ereignet, was entscheidende Wandlungen in sich schlösse. Der Reichstag hat sich nach einigen Redereien gleich wieder bis zum 3. November vertagt, sodaß ich den prophezeiten Termin für die Amnestierung des größeren Teils der Genossen wohl hinausschieben muß. Doch läßt der Beschluß – der sich auf die Mehrheit: M. S. P., U. S. P., K. P. D, Mehrzahl der Demokraten und Minderzahl des Zentrums stützte, – den Genossen Thomas aus dem bayerischen Gefängnis herauszufordern, darauf schließen, wie sich die Abstimmung über den wahrscheinlich erfolgenden Verordnungsantrag Radbruchs zum Amnestieantrag der Kommunisten gruppieren wird. In Bayern bleibt alles noch abzuwarten: Die Verordnung für die Aufhebung des Belagerungszustands zum 15. Oktober ist erschienen und vorerst sind diverse Zeitungen wieder freigegeben worden, darunter der „Kampf“. Pöhners Nachfolger heißt Nortz und scheint irgendein Verwaltungsbürokrat zu sein, der seine Physiognomie erst offenbaren muß. Sonst hätte hier nur noch dem Bilde meines Lieblings Erhard Auer ein neues Licht aufgesteckt gehört. Dieser Volksführer prozessiert wieder mal lebhaft gegen Leute, die seinen „vaterländischen“ Charakter nicht gebührend loben. Der Miesbacher Anzeiger hatte behauptet, Auer habe gegen die Einwohnerwehr gearbeitet und dabei „auf englischen Schreibmaschinen“ geschrieben. Klaus Eck ist deswegen jetzt zu 6 Wochen Kittchen verknackt worden. Denn in dem Prozeß bekundete der englische Konsul im Gegenteil: Auer sei bei ihm gewesen und habe ihm beweglich vorgehalten, daß Bayern ohne den Schutz der Einwohnerwehren nicht auskommen könne; nur deren Paraden auf dem Königsplatz habe er verurteilt. (Natürlich! Damit die Rüstung der Bourgeoisie gegen das Proletariat nicht allzu provokatorisch sichtbar wird). Dieser Eid des Engländers vervollständigte das Bild dieses Lumpenkerls. Wie er am 8. November Militär gegen die Arbeiter mobil machen wollte, macht er sich heute noch zum Vorspann vor den Kanonen des Kapitals gegen den Sozialismus. Und heute noch folgen Arbeiter diesem Halunken und glauben ihm, dem zum Rentier geschossenen Großverdiener als Aufsichtsrat kapitalistischer Unternehmen und als Gehaltsempfänger proletarischer Pfründen seine Arbeiterfreundlichkeit. Gottseidank darf man aber doch wohl die Politik der Markenkleber nicht als Gradmesser des revolutionären Geistes allgemein nehmen. Sonst wäre es übel bestellt in Deutschland. Die MSP beschließt in Görlitz, mit den Nationalliberalen Regierungskoalitionen einzugehn (ganz konsequent: wenn schon, denn schon). Da ihre Arbeiter dagegen rebellieren, richten Sie die Anfrage an die U. S. P., ob sie bereit wäre, eventuell in Regierungskoalitionen mit Bürgerlichen einzutreten, und die standhafte USP sagt zur unbequemen Überraschung der Anfrager: ja (ganz konsequent: wer mit Noske gehn kann, kann auch mit Wirth gehn). Die KPD ist ebenso empört über den Millerandismus der USP wie diese über die Verstinnesierung der MSP, läßt aber im Reichstag Clara Zetkin erklären, die Kommunisten seien jederzeit willens, die „demokratische Republik“ gegen die Reaktion zu verteidigen, und in Thüringen, wo sich aus MSP und USP eine „rein sozialistische“ Regierung etabliert hat, hat diese ihr Zustandekommen dem Jasagen der Kommunisten zu danken, die dort über die „loyale Opposition“ hinaus ist und – mitsamt Kreditbewilligungen! – ausdrücklich sich zur „loyalen Unterstützung“ verpflichtet hat. (Ganz konsequent: wer schon im Parlament die kapitalistische Gesellschaft mitregiert, darf der kapitalistischen Gesellschaft auch Regierungen hinsetzen helfen, denen er die Mittel zum Regieren bewilligt). Alles in allem: Die Unterschiede der drei Parteien sind nicht mehr prinzipiell, sondern nur noch graduell. Der Klassenkampf ist von allen dreien aufgegeben. Das einzige, was dabei zu hoffen ist, ist, daß das Proletariat bald merkt, was für Vertretung es in den Parteien hat. – Heute übergehe ich alles, was sonst noch politisch erwähnenswert sein mag und gedenke zweier Toter: Marie Conrad-Ramlo, die feinste Schauspielerin der Münchner Bühnen ist gestorben – 71 Jahre alt. Ich werde, wenn ich einmal wieder ins Residenztheater gehn kann, dieser stillen Anmut ergrauter Frauenjahre oft denken müssen. Und Oskar Panizza ist tot, dieser wilde Rebell gegen alte Satzungen, denen er doch kein neues Revolutionsgroßes entgegenzustellen hatte. Aber ein Dichter – ein wirklicher Dichter. Er hat – ein Opfer des deutschen Philisters – im Irrsinn sterben müssen. Er ist erlöst vom deutschen Philister, unter dem er litt wie kaum einer. – Sie, die mir oft von ihm Persönliches erzählte, meine teure liebe Gräfin, ging vor ihm. Seit gestern steht vor mir ihr herrlich geratenes Bild, das mir Rolf Reventlow auf meine Bitte sandte. Diese Augen, dieser zauberhafte Mund! – – Ich lasse die Toten ruhen. Ich habe noch etwas anzumerken, was mein Leben und mein Werk betrifft. Der „Judas“ ist erschienen. Wieder ein Weg offen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 12. Oktober 1921.

Häusliches: Mein Brief an Lerchenfeld scheint statt auf den von mir verlangten graden Postweg auf ein Hürdenrennen geschickt zu sein. Ich warte bis jetzt vergeblich auf den Posteinlieferungsschein. Ob man es wagen wird, dem Adressaten das Schreiben zu unterschlagen? Ob man den Mut aufbringt, mich anzufassen und in Einzelhaft zu bringen? Unmöglich ist garnichts, und von einem Witterungsumschlag zum Guten kann man nur in der göttlichen Natur reden, die uns seit einer Woche wieder Tage beschert hat von einer sonnigen und sommerlichen Pracht, daß unsre Badehosen wieder für die täglichen Luftbäder in Aktion treten. Die bayerische Justiz aber: das Neuste: Gestern erhielt Mairgünther Bescheid, daß er heute zur Verbüßung seines Jahres Gefängnis abtransportiert wird, wohin, ist ihm nicht gesagt, wohl aber verboten worden, mehr mitzunehmen, als er an Kleidung und Toilettenutensilien unbedingt braucht, kein Buch, kein Schreibpapier. Das sind neue Erfindungen, politische Gefangene zu peinigen anstatt der erhofften Erleichterungen. Inzwischen gehn in München die Prozesse wegen der Beteiligung an der 1919-Bewegung ungeniert weiter. Vorige Woche wurde ein Genosse Glaser, der als Artilleriekommandant der Roten Armee gedient haben soll, zu 3 Jahren Festung verknackt, jetzt ein Genosse Zwesko wegen Bandenbildung – er verhaftete einen Sendlinger Pfarrer und 3 Kaplane – zu 6 Wochen Gefängnis. Vielleicht sind das grade Anzeichen, daß Remedur vorbereitet wird. Die Staatsanwälte wollen am Ende noch die letzten Möglichkeiten, ihr nationalistisches Gemüt auszutoben, rasch ausnützen. Viele Genossen sind dieser Anschauung, und ich halte sie nicht für ganz verkehrt. Auch daß man sich plötzlich für unsre Familienangelegenheiten interessiert und eine Liste aufgestellt hat, worin unsre Frauen und Kinder verbucht wurden, läßt darauf schließen, daß man an Unterlagen für eine Teilamnestie arbeitet. – Jedenfalls üben bis jetzt unsre politischen Feinde ihre Macht ungebrochen weiter aus. Reinheimer hat in der vorigen Woche an Lerchenfeld eine Beschwerde gerichtet. Sie ist zu den Akten genommen worden, weil der Dienstweg nicht eingehalten sei. System Kraus in lieblichster Blüte. Seit vorgestern bin ich mit Toller wieder „gut“ (äußerlich, ich konnte nicht mehr aus. Der betriebsame Dulder benutzte einen Auftrag, den ihm ein Besuch für mich gesagt hatte, um auf dem Wege über Valtin Hartig – mit dem ich schon seit einiger Zeit wieder rede – an mich heranzukommen). Toller erzählte mir von seiner letzten Maßregelung. Danach hat Fetsch ihn tätlich angegriffen, und er wurde diszipliniert, weil er daraufhin den Mann – „einen deutschen Mann“!, wie Herr Hoffmann entrüstet sagte – beleidigte. So sind sie: einen Engländer, Russen, Franzosen darf man als minderer Art kränken. Den Schergen der Klassenjustiz schützt sein deutsches Blut! Oder lag die Betonung des deutschen Charakters unsres teuren Fetsch etwa in der Rasse dessen, dem die Rüge zuteil ward? Wurde der deutsche Fetsch von der bayerischen Staatsgewalt etwa dem jüdischen Toller entgegengetrumpft? Wer kanns wissen! – Gnad ist wieder oben. Ob ich als Ablösung in den Eiskeller kommandiert werde? – – Am politischen Himmel ballt sich wieder allerlei Gewölk zusammen. Der „Völkerbund“ (diese edle Organisation, deren erste geschichtlich bedeutsame Kundgebung auf Frithjoff Nansens erschütternden Appell die Verweigerung jeder Hilfe ans hungernde Sowjetrußland war) scheint vor dem Urteilsspruch über Oberschlesien zu stehn. Da es von vornherein selbstverständlich ist, daß die „deutsche Lösung“ – nämlich die einfache Zuweisung des ganzen strittigen Gebiets an Deutschland – überhaupt nicht zur Diskussion steht, geht jetzt schon ein schmetterndes Hallali gegen Wirth an. Der übliche Rummel, der noch regelmäßig bei allen Nachentscheidungen des Versailler Vertrags da war, krakehlt durch die Presse: unmöglich, unerträglich, wir gehn zugrunde, wir können nicht. Die Patrioten werden nicht müde, immer dasselbe Lied zu singen, und die Sozi stimmen wie immer in die Melodie mit ein. In Wirklichkeit ist durch den Versailler Vertrag die Zufuhr der oberschlesischen Kohle nach Deutschland auch dann garantiert, wenn Polen das ganze Land kriegt, und in Wirklichkeit spielt bei dem ganzen Lärm nur das Interesse des Großkapitals eine Rolle und außerdem allerdings die demagogische Parole, die man gegen die Politik des Dr. Wirth nötig hat. – Ebenso wichtig wie dieser Sprengstoff im Eimer der deutschen Harmonie ist die Wiedererweckung der Tiroler Anschlußfrage. In Österreich sind nationalistisch-monarchistisch-militärische Putschpläne entdeckt worden. In Tirol scheint etwas dergleichen ernsthaft bevorzustehn. Man will zu Deutschland, und wenn das Reich Nein! sagt, will man zu Bayern! Die Herren Kahr, Kanzler, Zahnbrecher etc. sollen kompromittiert sein, und es wird wohl von der Ecke aus noch allerlei Stank kommen. Reizend ist dabei nur die Zärtlichkeit ausgerechnet der Tiroler zu Bayern. Untrennbar! Zusammengehörig durch Blut und Geschichte! Jawohl: 1809 waren die Schergen Napoleons in Tirol, die Besieger Andreas Hofers grad eben die Bayern, was man jetzt nicht mehr wissen darf. Und hüben und drüben läßt sich das Volk betrügen, und die Presse auf beiden Seiten lügt die Geschichte zurecht, wie ihre Geldgeber es für nützlich halten. Wer nicht mitlügt, ist Verräter! – – Die große Zeit will scheinbar immer noch nicht kleiner werden.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 13. Oktober 1921.

Abschrift. Postkarte an die Redaktion des „Miesbacher Anzeiger“, Miesbach. „Niederschönenfeld, d. 13. Okt. 21. Festungshaftanstalt. Lieber Miesmacher! Ich hab mich schon immer sehr für Geheimbünde interessiert, besonders für solche, denen ich selbst angehöre oder angehört habe. Nun finde ich am Miesbacher Eck so ein Ding plakatiert: die „Geheimloge Nr. 7“, unter deren Mitgliedern das „Heimatland“ mich ermittelt hat. Da ich zum ersten Mal von diesem „mystischen Tempeldunkel“ meiner freimaurerischen Geheimtätigkeit höre, wäre ich für nähere Aufschlüsse darüber und besonders über meine Beteiligung an dem Werke des Verderbens dankbar. Auch möchte ich gern wissen, was das für ein Wichtl ist, von dem das „Heimatland“ seine erschütternden Kenntnisse hat. Mit düsterem Ex „Großoriente“ lux! Erich Mühsam.“

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 14. Oktober 1921.

Die Postkarte an den Miesbacher war durch eine neue schauerliche Enthüllung veranlaßt, wonach Eisner einer freimaurerischen „Geheimloge Nr. 11“, Levien, Toller, Wadler, ich und andre der noch gefährlicheren „Nr. 7“ angehört haben sollen. Ein Herr Wichtl hat das verraten. Jetzt warte ich ab, ob und mit welcher Garnierung Klaus Eck meine Anulkung abdruckt. Wegen meines Schreibens an Lerchenfeld hatte ich vorgestern eine Reklamation an den Vorstand geschickt und um den Postschein bzw. Aufklärung ersucht. Gestern wurde mir solche zuteil in folgender Form: „Herrn Mühsam zur Eröffnung. (Man führt also die Bezeichnung „Herr“ wieder ein; unter Kraus hieß man nur „der F. G.“). Der Brief an den Herrn Justizminister ist auf dem Dienstweg amtlich weitergeleitet.“ Damit ist also festgestellt, daß die Garantie des unbeschränkten Verkehrs mit den Behörden nur in der Hausordnung steht, aber nicht praktisch ist, ferner aber, daß das Schriftstück ganz sicher bis zum Adressaten gelangen wird, wahrscheinlich wohl begleitet von einem Schrieb des Herrn Augsburger Oberstaatsanwalts Kraus und mündlich kommentiert von dem Mitangeklagten Dr. Kühlewein, dem Referenten für Festungs- und Gefängnisangelegenheiten im Justizministerium. Ob es denen gelingen wird, mein Geschoß auf dem Fluge zu entkräften, wird als Symptom für die „Neuorientierung“ unter Lerchenfeld gelten können. Bis jetzt geht alles im alten Stil weiter, in München ist schon wieder ein Genosse aus der Rätezeit wegen Requisitionen zu etlichen Monaten Gefängnis (Landfriedensbruch wird diesmal die Straftat genannt) verknackt worden. Dagegen weisen die amtlichen Versetzungslisten die interessante Tatsache auf, daß eine Große Zahl von Polizeiwachtmeistern mit teilweise recht bekannten Namen von der politischen Abteilung (VIa) in den Ruhestand versetzt wurden. Zugleich wird aber die Reichs-Ausnahmeverordnung schon kräftig nach links hin angewendet, so ist die Münchner „Morgenpost“, die grade erst freigegeben war, schon wieder für 14 Tage verboten und ebenso das christlichsoziale Blatt des Herrn Vitus Heller, dieses aus dem ulkigen Grunde, weil es die republikanische Gesinnung der Minister Oswald und Matt angezweifelt hat. Im Hause hat man etwa 10 Genossen Personalangaben über Herkunft und Wohnung in eine Liste eintragen lassen, darunter Bindl, Dosch, Weigand und noch etliche Harmlose, aber seltsamerweise sind auch Egensperger und sogar Hagemeister dabei, sodaß ich doch Zweifel habe, ob das mit Begnadigungsabsichten zusammenhängt. Ferner: Taubenberger und Egensperger sind nun auch wieder aus der Einzelhaft heraus, sodaß wieder mal niemand abgesondert ist. Das alles deutet auf eine gewisse Milderung des Gesamtverfahrens hin, besonders aber der Fall Marx. Der hat am 5. Oktober ein Bewährungsfristgesuch gemacht. Gestern – 8 Tage nachher schon – erhielt er die Mitteilung, daß er am 15ten, also nach 10 Tagen im ganzen, entlassen werde. Dabei ist kaum die Hälfte seiner 4 Jahre verbüßt. Der Mann ist zwar kränklich, aber das war doch bisher kein Grund, politische Gefangene in Bayern freizulassen. Immerhin bleibt jedes Urteil über das neue Regime noch zu vertagen. – Es wird vielleicht auch für uns manches von dem abfärben, was jetzt im Reich gesudelt wird. Der Oberschlesien-Rummel hat schon mit ungeheurer Vehemenz eingesetzt, und die Presse arbeitet großartig. Kein Mensch hat je annehmen können, daß Oberschlesien in Genf zu Deutschland geschlagen wird; jeder wußte, daß eine Zonenabgrenzung in irgendwelcher Form vorgenommen würde. Nach den bisherigen Berichten, die alle noch nicht offiziell sind, scheint nun ein Kompromiß zwischen der polenfreundlichen französischen und der deutschfreundlichen englischen Auffassung getroffen zu sein, das für das deutsche Volk im ganzen vollständig gleichgültig ist (wenn unsre „Revolutionäre“ bloß einmal einsehn wollten, daß der Lauf der politischen Staatsgrenzen das Proletariat garnichts anzugehn hat). Ha! welch ein Verrat! Die Abstimmung hat fast ⅔ der Stimmen für Deutschland gebracht, also muß ganz Oberschlesien deutsch bleiben! So plärrt der Wirth, so plärrt der Kellner, so plärrt der Gast, so plärrt der Hausknecht. Als die Abstimmung in Nordschleswig vor sich ging, sollte ursprünglich die Majorität über die Zuweisung des ganzen Abstimmungsgebiets entscheiden. Da ging das Geschrei bei uns los: das gibts nicht, das ist Vergewaltigung, es muß nach Zonen entschieden werden. Und man entschied nach Zonen, sodaß Flensburg deutsch blieb. Jetzt wird in Oberschlesien nach Zonen entschieden, und wieder schreit alles: das gibts nicht. Die Majorität war für uns – und was für eine! Kaum 60 % nach 700jähriger Herrschaft dort und wie mühselig zusammengetrommelt! -, nun beanspruchen wir das ganze Land! Vergeblich suchte ich in den Zeitungen irgendwelche Berichte aus Warschau über die Aufnahme der Genfer Aussichten. Kein Ton. Sehr wahrscheinlich heult dort die ganze Meute ebenso laut wie bei uns über die teufliche Vergewaltigung ihres göttlichen Rechts. Die Preisfrage – auch hier im Hause werden Wetten gemacht -, was aus dem Kabinett Wirth wird, was aus der Koalition mit den Stinnesleuten, was aus der mit Breitscheid und den Seinen mag entschieden werden wie sie will, die Entente wird schon wissen, wie sie ihren Willen durchsetzt, auch wenn das Großkapital seine Drohung wahrmacht, zu den Reparationszahlungen keine Devisen mehr zu beschaffen. In dem Falle wird das französische Kapital einen kleinen Druck geltend machen auf die deutsche Politik, es wird eine „rein sozialistische“ Regierung kommen, die die Erfassung der Sachwerte beschließen wird. Die Nationalisten haben einen neuen Text zur alten Melodie: sie haben das Land verraten, wie damals, als sie den Waffenstillstand schlossen, als sie den Versailler Vertrag unterzeichneten, als sie in Brüssel, in Paris, in Spaa eingeseift wurden und als sie das schändliche Ultimatum annahmen mit Entwaffnung, Prozessierung der Kriegsbeschuldigten und Reparationen. Aber die Hornochsen auf der linken Seite lassen sich immer wieder vor den Wagen spannen, statt einmal zu erklären: bitte nach Ihnen! und den Hergts und Westarps, den Stinnes und Stresemann die dankbare Aufgabe selbst zu übertragen. Unsre „Revolutionäre“ aber stehn nicht äußerlich lächelnd und innerlich rüstend abseits, sondern schieben mit an dem schwarzrotgoldenen Karren, daß er nicht aus dem Geleise kommt. Sie merken garnicht, was das für ein Geleise ist, und daß sie mit ihrer verrückten Opportunitätspolitik die einzige Kraft stellen, die den Kapitalismus noch hält und ihm Zeit gibt zur Restauration.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 15. Oktober 1921.

Vorgestern waren 30 Monate herum, seit ich von Zenzls Seite aus dem Bett geholt wurde. 2½ Jahre in Haft! Eine nette Spanne Zeit, die mir vom Leben gestohlen wurde. Heut aber ist ein Jubiläum, das auch nicht stillschweigend übergangen werden soll: 1 Jahr Niederschönenfeld! Der Teufel hol’s. Ein Jahr Daumenschrauben, immer fester, immer enger. Aber all diese Schändlichkeiten dieses Jahres werden mir aufgewogen durch die Erlösung von der Ansbacher Lügen-, Intriguen- und Verleumdungsweberei und durch die liebe Erinnerung an die nächtliche Herreise. Ich sehe den Seppl noch vor mir, mit der roten Korkarde an der weißen Pioniermütze, wie er mir breit grinsend die Hand hinstreckte im Treuchtlinger Wartesaal, und hinter ihm die guten Augen, den martialischen Schnurrbart des bebrillten Wilhelm Schmid und der übellaunige Kullmann. Wie kurz mir damals die Fahrt war, – und wie der Sepp mir in all der Zeit nicht von der Seite kam. Ein Jahr sind wir jetzt beieinander, ich sein Lehrer, Beichtiger, Berater, er mein Schüler, Helfer, Wächter. Vater und Sohn: so fühlen wir uns verbunden, so werden wir von allen respektiert. - Ich hole mir nachher ein Achtel Schnaps herauf aus der Kruke, die nun fast einen Monat – seit Zenzls Besuch – unberührt unten steht, um die Erinnerung mit dem braven Jungen zu begießen. (Den Wein lasse ich stehn. Die Schweinerei, ihn in 24stündigen Abständen wasserglasweise heraufzuholen, begehe ich nicht. Lieber soll die Flasche jahrelang nicht geöffnet werden, bis es möglich wird, ihn in Gläsern zu trinken, die Freunde gegeneinander klingen lassen). Ich will heute, zumal die Zeit drängt, alle Politik Politik sein lassen und nur beim Häuslichen bleiben. Da gibt es ein sehr interessantes Geschehnis festzuhalten. Gestern war Männleins Mutter bei ihrem Sohn. Mit ihr im Zuge war Rechtsanwalt Graf Pestalozza hergefahren, was wir dadurch erfuhren, daß Männlein den Besuch hatte. Er hatte unterwegs als seine Absicht geäußert, er wolle zu uns hinaufgelassen werden und sich an Ort und Stelle orientieren. Konzessionen werde er unter keiner Bedingung machen. Den Erfolg erkennen wir daraus, daß wir den Anwalt nicht zu sehn bekamen. Das ist ausgezeichnet. Damit hat er den Beweis, daß hier viel zu verheimlichen ist, und es ist sicher, daß er dem neuen Justizminister entsprechend einheizen wird. Ich habe heut einen Brief an Pestalozza geschrieben: ich hätte gehört, daß er hier gewesen sei. Aus der Tatsache, daß wir einander nicht gesehn haben, zöge ich meine Schlüsse, wie wohl auch er die seinigen daraus ziehe. Für die Mühe, die er an den Versuch gewandt habe, spreche ich ihm Dank aus. Dann teile ich ihm mit, daß ich an den Minister geschrieben und dabei wiederholt auf das in seinen (P’s) Händen befindliche Material verwiesen habe, das ich ihn bäte, dort zur Verfügung zu stellen. Ebenso solle er versuchen, Einblick in mein Schreiben an Lerchenfeld zu bekommen. Zum Schluß gebe ich der Hoffnung Ausdruck, daß sein Besuch bei uns, auf den viele Genossen Wert legten, doch bald möglich werde. – Diesen Brief wird er wohl richtig verstehen. Sollte die Zensur versuchen, seine Beförderung zu verhindern, so gehe ich den Beschwerdeweg bis zur letzten Instanz und erreiche jedenfalls, daß das Justizministerium von dem Inhalt Kenntnis bekommt. – In der Angelegenheit der Sauberschen Verleumdungen gegen mich hat heute Adolf Schmidt im Einverständnis mit Hagemeister einen Brief an die Genossin Aschenbrenner gerichtet, sodaß nun die ganze kommunistische Fraktion des Landtages in die Sache gezogen ist. Es ist zu hoffen, daß die Firma Elbert-Sauber-Wiedenmann nun endlich von draußen das Handwerk gelegt bekommt, die Geschäfte des Spitzels Weber hier drinnen und von hier aus nach draußen zu besorgen. Herr Elbert soll schon eine ganze Broschüre gegen mich geschrieben haben. Doch weiß ich nicht, ob sie schon hinauslanziert ist oder nicht. Vor einigen Tagen kam Fischer, um mich zu fragen, ob ich nicht Elbert meinen Brief an Lerchenfeld lesen lassen wolle, er sei deswegen bei ihm gewesen. Ich habe ihn gebeten zu antworten, daß Elbert die Lektüre zur Verfügung stehe, sobald er mir Einblick in seine Broschüre über mich gegeben habe. – Spazierhof!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 18. Oktober 1921.

Die politische Lage ist kaum verändert. Die Genfer Beschlüsse über Oberschlesien sind bis jetzt nicht offiziell mitgeteilt. Die zweifelhaften Indiskretionen halbbeteiligter Diplomaten und unbeteiligter Presseorgane oder sonstiger Horch- und Riechposten genügen natürlich im ganzen Lande den Schmöcken und Parlamentsweisen, um „flammenden Protest“ zu erheben. In München hat eine Massenkundgebung von Nationalisten gegen die Unterzeichnung des „Schanddokuments“ stattgefunden, von deren Tonart der anschließende Demonstrationszug Zeugnis gibt. Er bewegte sich zum Altheimereck, wo der „Münchner Post“ die Fenster eingeschlagen wurden. Dabei war aber Teilnehmer an der Versammlung der derzeitige Hauptleiter dieses Organs, unser ehrenwerter Auer. – Wahrscheinlich tritt unmittelbar nach Bekanntgabe der Entscheidung des „Völkerbundrats“ der Reichstag zusammen. Es ist ein großes Gezeter in der „öffentlichen Meinung“: Soll Wirth gehn oder darf er bleiben? Es ist natürlich völlig müßig, da Wahrscheinlichkeiten postulieren zu wollen. Es handelt sich um eine reine Regiefrage, und die Treiber zur „Krise“ benützen nur den außenpolitischen Vorwand, um innenpolitisch die alten reaktionären Praktiken wieder einführen zu können. Gelingt es ihnen, die derzeitige Regierungskoalition zu sprengen und ein nationalistisches Kabinet aufzurichten, so kann das auch nicht um die Erfüllung der Ententeforderungen herum, es kann bloß provisorisch versuchen, das Ultimatum zu sabotieren, was neue Sanktionen, voraussichtlich wieder militärischer Art und bald genug ein Abwirtschaften dieser Leute zur Folge hätte. Ich denke mir eher, daß wir mit einer neuen „Koalition der Mitte“ unter Einschluß der Nationalliberalen und unter Führung des andern Zentrumsflügels genau so „erfüllen“ werden wie Wirth, nur unter lauterem Gestöhn. Dafür werden sie aber die republikanische Staatsretterei aufgeben und weiterhin so arbeiten wie früher – unter den sozialdemokratischen Firmenträgern Müller, Bauer und Konsorten. Herr Gradnauer könnte dabei getrost auf seinem Stühlchen sitzen bleiben. – Wichtiger als all dies ist die Tatsache, daß der Dollar heute 192 Mark kostet, – das ist Rekord! – Wie sich die politische Lage für uns bemerkbar machen wird, ist schwer vorherzusagen. Der Arzt hat gestern, falls Köberl die Wahrheit sagt (er war früher Geschäftsreisender), Andeutungen gemacht, wonach Dinge bevorstehn, die manche Herren staunen machen werden. Dem habe der Sanitäter sogar noch deutlichere Anspielungen folgen lassen: es daure nicht mehr lange. Die Frage, ob eine Amnestie bevorsteht oder nicht, bzw. wann, ist immer noch Hauptinhalt aller Gespräche. Übrigens – der Arzt. Ich bin jetzt bei ihm in Behandlung wegen meines Ohrenleidens, habe aber natürlich nicht das Vertrauen, daß seine Bauerndokterei imstande ist, auch nur die richtige Diagnose bei einer so komplizierten Sache zu finden. Deshalb verlangte ich spezialärztliche Behandlung. Der Mann war augenscheinlich beleidigt, wenn er es auch bestritt. Er machte auf die Kosten einer Konsultation aufmerksam, wenn der Spezialist extra herkäme und erklärte mir auf die Frage, ob er die Spezialuntersuchung befürworten werde: er könne nicht einsehn, wieso die von mir befürchtete Taubheit mir als Schriftsteller in meiner Berufstätigkeit Abbruch tun könne. Darauf meldete ich mich zum Rapport zum Vorstand, der heute stattfand. Herr Hoffmann schien in der Sache weit entgegenkommender zu denken. Er forderte mich auf, nach Verständigung mit meiner Frau über die Person des Arztes, die Art der Konsultation (ich verlangte Transport zum Spezialisten: sei es nach Augsburg, Ingolstadt oder München) und die Kostendeckung in einer schriftlichen Eingabe an ihn, meine Wünsche und Anträge zu fixieren; er werde tun, was ihm möglich sei. Ich träume also schon davon, daß ich womöglich nach München fahren werde und da am Ende sogar erlaubt kriege, meine Wohnung zu besuchen und mit Zenzl ein paar Stunden allein zu sein. Das Beste hoffen! – Ich benutzte die Gelegenheit, um gleich wieder auf meine Weinflasche zu sprechen zu kommen, und es gelang mir, das treffliche Getränk ausgehändigt zu erhalten: „versuchsweise“. Der Standpunkt sei der: man müsse verhindern, daß Gelage veranstaltet werden. Wenn das auch bei einer einzelnen Flasche nicht zu befürchten sei, so könne es doch vorkommen, daß mal alle F. G. über eine Flasche Wein verfügten, und dann sei eben das Übel da. Ich muß nun die leere Flasche abliefern, damit festgestellt wird, daß sich kein Vorrat geistiger Getränke ansammelt, der zu Mißbrauch führen kann. Bis die Flasche nicht zurückgegeben ist, darf mir auch kein Schnaps mehr ausgeschenkt werden. Ich verkniff es mir, in ein Kindergelall auszubrechen, wie es diese Bevormundung gerechtfertigt hätte. – Der Genosse Marx ist also am 15ten freigelassen worden. Vielleicht hat er das wesentlich dem Umstand zu danken, daß er einer der Augsburger ist, denen seinerzeit vertraglich von der Regierung Hoffmann volle Straffreiheit zugesichert wurde, wenn sie dem Einzug der Regierungstruppen keinen Widerspruch entgegensetzen würden. Dieses Übereinkommen ist dann von Bamberg einfach gebrochen worden, und grade die Augsburger Urteile, an denen ja der Staatsanwalt Kraus erheblichen Anteil hat, sind berüchtigt geworden (Blößl 10 Jahre, Olschewski 7 Jahre Festung, Böhrer 12 Jahre Zuchthaus etc.) Ich hatte eigentlich nur am Schachbrett die Möglichkeit, Marx kennen zu lernen und vermisse jetzt im Hof den einzigen Schachspieler des Hauses, der meiner Mittelmäßigkeit „kongenial“ war. Alle andern patzen zum Steinerweichen. Tote: Max Bewer, der patriotische Schreckenslyriker ist dahin. Gott hab ihn selig! Ein zweiter Gestorbener berührt mich näher. Ich fand zufällig in den Familiennachrichten des Berliner Tageblatts die Todesanzeige des Antiquars Edmund Meyer, den ich schon aus der Neuen Gemeinschaft kannte. Wenn ich nach Berlin kam, habe ich nie versäumt, sein schönes Antiquariat in der Potsdamerstraße aufzusuchen, wo sich mein bibliophiles Herz an alten schönen Drucken weiden konnte. Die wenigen Schriften von Panizza, die in meinem Besitz sind, hat mir Edmund Meyer sehr billig überlassen; so kam es, daß ich seiner grade in der letzten Woche, als ich Panizzas Tod erfuhr, seit langem lebhaft gedachte. Und dreier weiterer Toten mußte ich denken, mit denen ich in Meyers Gesellschaft manchmal beisammen saß: Felix Poppenbergs, Paul Lindaus und Friedrich v. Schenniß’. Vorüber ... vorüber ...

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 19. Oktober 1921.

Es ist großes Treiben auf dem Gang. Ein Groß-Reinemachen hat begonnen, wie wir es hier überhaupt noch nicht erlebt haben. Jede Zelle wird innen und außen gesäubert, die Bettstellen abgeschrubbt, die Fenster gewaschen und jeder Einrichtungsgegenstand extra geputzt. Das hat natürlich Gründe. Entweder hat sich Lerchenfeld angemeldet oder Pestalozza hat den Verdacht geäußert, seine Verhinderung, uns in den Zellen zu besuchen – was den Rechtsbeiständen in Gefängnissen und Zuchthäusern erlaubt wird – lasse auf grobe Verwahrlosung unsrer Unterkünfte schließen. Vielleicht ist der Vorstand auch durch die Lektüre meiner Eingabe besorgt geworden und bereitet vorsorglich alles für die möglichen Eventualitäten vor. – Ganz langsam lockern sich einige Bande im Strafvollzug. Heute ist Schiffs Frau hier, obwohl die offizielle Verehelichung nicht erfolgt ist. Ebenso erwartet Ertl seine Lebensgefährtin, und der Seppl will nun beantragen, daß man auch seiner Marie den Besuch gestattet. Dagegen werden die Besuche selbst noch kaum besser behandelt als unter dem Regime Kraus. Zwar ist die Besuchszeit jetzt meistens auf 3¾ Stunden limitiert (was damit begründet wird, daß der Zug von Rain nicht versäumt werden soll, sodaß nun ¾ 5 Uhr abgebrochen werden muß; und um 1 Uhr läßt man die Zusammenkünfte erst beginnen, damit die Mahlzeiten nicht gestört werden). Die Bewirtung der Gäste bleibt weiterhin verboten. Kaffee, Tee etc., was die Genossen heute schon heruntergetragen hatten, mußte wieder hinaufbefördert werden. Wenn die Frauen in der Kälte den weiten Weg von Rain hergegangen sind und dann in der spärlich gewärmten Zelle unten frieren, darf man ihnen beileibe kein warmes Getränk vorsetzen. Warum nicht? Offenbar will man keine Besuche und ekelt die, die man nicht verhindern konnte, mit allen Mitteln weg. Graf Arco braucht über derartige Schmälerungen seiner Gastgeberfreuden nicht zu klagen. – Außer unsern Mauern ist alles Wesentliche weiterhin im Stadium des Werdens. Vielleicht wird der Tod Ludwigs III, der gestern in seinem ungarischen Tusculum die Augen schloß, in München wieder allerlei monarchistischen Mummenschanz aufwecken. Hat man doch erst vorige Woche dort eine Feier für die Max-Josef-Ritter mit allem Pomp verschollener Pracht veranstaltet: mit Stechschritt vor ehedem königlichen Hoheiten, mit Schuporeitern auf Schabracken mit Kronen und wittelsbachischen Initialen, mit Ludendorff in eigner Person und mit Beteiligung der „republikanischen“ Reichswehr (der der demokratische Reichswehrminister Geßler die Genehmigung dazu ausdrücklich erteilt haben soll). Jeden Sonntag aber demonstrieren die Monarchisten in München bei der Promenadenmusik auf dem Odeonplatz mit Offiziersuniformen, -epauletten und -feldzeichen gegen das Reichsverbot des Uniformtragens. – Was noch? In Berlin haben Stadtverordnetenwahlen stattgefunden, und alle unsre wildwütigen Kommunisten zählen die „sozialistischen“ Stimmen (derer um Noske, derer um Hilferding und derer um die Zetkin) in einen Topf, die „bürgerlichen“ in den andern, und müssen betrübt konstatieren, daß keine „rote“ Mehrheit mehr bestehn geblieben ist, da von über 800.000 Stimmen für jede dieser Sammelgruppen bei den Bürgern etwa 20.000 Stimmen mehr zu zählen sind. Mich interessiert bei dieser Wahlstatistik nur, daß etwa 30 % der Wahlberechtigten zuhause geblieben sind, und daß die „revolutionären“ Blätter selbst entrüstet feststellen, daß sich die Nichtwähler zumeist aus Bewohnern rein proletarischer Reviere rekrutieren. Die Einsicht, daß die ganze Wählerei ein trüber Schwindel ist, bei dem nie den Arbeitern, wohl aber einem Klüngel von proletarischen Bürokraten und Postenjägern geholfen wird, scheint sich also trotz aller demagogischen Künste der Kommunisten, das Proletariat vom Klassenkampf abzuziehen und den alten sozialdemokratischen Sumpfmethoden wieder gefügig zu machen, bei dem revolutionären Teil der Massen nicht mehr beseitigen zu lassen. – Ich werde gerufen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 21. Oktober 1921.

Vormittag ½ 10 Uhr. Das ist eine ungewohnte Zeit zum Tagebuchführen. Aber es gibt immer wieder Neues in diesem grauen Hause, was einen zwingt, seinen eignen Willen den Verhältnissen anzupassen. Wir haben schon früher, besonders in den Wintermonaten, die Erfahrung gemacht, daß die elektrische Beleuchtung recht kümmerlich funktioniert. Alle Augenblicke eine Störung, sodaß wir den halben oder den ganzen Abend eignes Licht brennen mußten und die Korridore mit Petroleumlampen trübe erleuchtet wurden. Jetzt haben wir solche Störungen 3 Abende hintereinander gehabt, mit dem Unterschied aber gegen früher, daß das Brennen eignen Lichts, wenn auch nicht vor Eintritt der Nachtruhe offiziell verboten, so doch de facto insofern für die meisten unmöglich gemacht wird, als die Anschaffung von Kerzen, Petroleum oder anderm Brennmaterial nicht erlaubt wird. Einige wenige haben noch Lampen und Petroleum von früher (die meinige wurde mir aus der Einzelhaft weg konfisziert), die sind bis jetzt nicht gestört worden, aber Olschewski erhielt auf sein Gesuch, sich auf eigne Kosten Beleuchtungsmaterial anschaffen zu können, ablehnenden Bescheid mit folgender Begründung: das Brennen eignen Lichts könne aus Gründen der Sicherheit nicht gestattet werden, (bis in diesen Sommer hinein war die Sicherheit dadurch nicht gefährdet); für den Fall des Versagens der elektrischen Beleuchtung sei für ausgiebigen Ersatz Sorge getragen (die Zellen bleiben nämlich dunkel, der Besuch des Abtritts ist mit der Gefahr des Beinbruchs verbunden und auf den schmalen Gängen drücken sich bei Funzelgeruch und Dämmerschein Dutzende von Festungsgefangenen herum), und übrigens sei das Elektrizitätswerk angewiesen(!), derartige Störungen nach Möglichkeit zu vermeiden. (Die Überlandzentrale ist in Neuburg oder Donauwörth. Man scheint aber in der Niederschönenfelder Festungsverwaltung zu meinen, die ganze Menschheit durch Befehle und Anweisungen derart schuhriegeln zu können, wie uns an Armen und Beinen festgebundene Gefangene. „Über den Direktor der Überlandzentrale wird verfügt ...“ Wenn dann das Licht noch nicht brennt, dann ist die Weisheit am Ende. Privatlicht kann aber nicht bewilligt werden). Natürlich ist durch diesen Zwang, von ½ 6 Uhr ab – dann wird es jetzt schon dunkel – weder lesen noch schreiben zu dürfen, alle wirkliche Ordnung – das ist die, die man sich selbst auferlegt – über den Haufen geschmissen. Wenn die Verhängung von Dunkelarrest durch das Versagen der Beleuchtung zur Regel werden sollte, sind wir alle entschlossen, etwas sehr Energisches dagegen zu unternehmen. In diesem Fall würde ich mich eventuell auch mit Hungerstreiken einverstanden erklären. – Die Frauen Schlaffer und Schiff haben bei ihren Besuchen berichtet, Pestalozza sei außerordentlich aufgebracht wegen der Behandlung, die man ihm hier zuteil werden ließ, habe bereits Rücksprache mit Lerchenfeld deswegen gehabt und werde demnächst, auf bestimmte Zusagen gestützt, wiederkommen. Übrigens rechne man draußen allgemein mit einer nahe bevorstehenden Teilamnestie für politische Gefangene in Bayern und gebe die zweite Novemberhälfte als Zeitpunkt dafür an. Auch Niekisch und der andre unabhängige Abgeordnete Neumann sollen bei Lerchenfeld gewesen sein. Eine Reihe von Nichtauslieferungen von linken bayerischen Zeitungen in diesen Tagen werden mit diesen Besuchen in Zusammenhang gebracht. Mir wurde gestern ein von Schustermann gesandter Zeitungsausschnitt aus der „Freiheit“ zu den Akten genommen: über mich selbst also. Es wäre nicht auszudenken, welche Gefahr für Bayerns Sicherheit erwüchse, wenn ich erführe, was in Berlin eine Zeitung über mich schreibt. Alles in allem habe ich den Eindruck, daß Kraus noch ganz Herr im Hause ist, und daß Hoffmann nur seine Befehle vollstreckt mit dem Unterschied, daß er sich einer immerhin höflichen Tonart im Verkehr mit uns befleißigt. – Wollenberg ist mal wieder in Einzelhaft, wieder wegen einer Zigarette, die er dem Hausl zugesteckt hat. – Ein weiterer Fall, der die bayerische Justiz in lichtem Glanz zeigt, ist folgender: Blößl war 1914 in Rumänien und stellte sich ordnungsgemäß zum Militär. Als Rumänien in die Entente eintrat, verlor er seine ganze Habe, etwa 1500 Mark im Wert. Er hat nun Entschädigungsansprüche gestellt und das Gericht hat entschieden: die Angaben Blößls seien als richtig anerkannt, auch die Höhe seiner Forderung werde nicht bestritten, an und für sich sei also sein Anspruch berechtigt und müsse bewilligt werden. Trotzdem werde er abgewiesen und zwar deshalb, weil er im Jahr 1919 wegen Hochverrats zu 10 Jahren Festung verurteilt wurde! Das sind Juristen, die das Urteil gefällt haben. Sie sind jetzt schon soweit, daß sie alle rechtlichen Gesichtspunkte offen ignorieren und sich fröhlich zu Entrechtungen von Klassengegnern mit rein politischen Begründungen bekennen. – Über die politischen Tagesereignisse will ich wieder kurz hinweggehn, da die „Krisis“, wie man die Zeiten des Schacherns hinter den Kulissen nennt, noch andauert. Die „Münchner Post“ setzt inzwischen ihre Veröffentlichungen über die „Oberland“-Mörder fort und nennt dabei Opfer, Mörder und Helfer bei den oberschlesischen Hakenkreuzfahrten der bayerischen Vaterlandsbefreier mit Namen, Orten und Daten, verschweigt auch nicht, daß bei den Mordtaten nicht überall bloß das patriotische Motiv maßgebend war, sondern daß in manche dieser dunklen Unternehmungen auch stark materielle und sogar gelegentlich sexuelle Interessen hineinspielten. Zugleich werden aber die Nächsten der „Münchner Post“ selbst vom „Miesbacher Anzeiger“ recht offen der Korruption bezichtigt. Das Blatt hat – offenbar auf Informationen von Amtsstellen gestützt (worauf die „M. P.“ die Entrüstung abzulenken sucht) – sehr detaillierte Angaben über die Wucherverdienste der „Viehjuden“ gemacht, die vorsichtig genug waren, den sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Sänger zu ihrem Anwalt zu machen (er soll fast eine viertel Million Gebühren von dieser Seite in seine Kanzlei geleitet haben), und deren „Wohltätigkeit“ auch dem Oberbürgermeister Eduard Schmid und – natürlich – erst recht unserm Erhardt Auer die Finger beschmiert hat. Die deutschen Sozialdemokraten insgesamt werden zurzeit auch noch durch einen Artikel des „Manchester Guardian“ arg kompromittiert. Danach haben sie ihren Görlitzer Beschluß vorher mit den Herren von der deutschen Volkspartei, Stresemann und Konsorten, geschoben, ohne daß Wirth davon eine Ahnung hatte. Also eine reguläre Intrigue der Sozialdemokraten mit den Nationalliberalen gegen das demokratisch-republikanische Kabinett Wirth. Das ist umso interessanter, als sich der Vorwärts und die ganze Sozipresse in Vertrauenskundgebungen für Wirth überschlägt. Und jetzt kommen wir drauf, daß wahrscheinlich Stresemann erklärt hat: in ein nationalistisches Kabinett trete ich ein, in ein republikanisches nicht: deshalb schiebt den Zentrumsmann Wirth weg und setzt dafür einen der Euren hin. Mit Müller und Bauer konnten wir Reaktionäre arbeiten – also! Schon nennt man auch den Namen des Reichstagspräsidenten Löbe als Reichskanzler des Kabinetts, in dem Stresemann wohl die Auslandspolitik zu machen hätte. – Herrgott, ist Politik ein schmutziges Gewerbe! – – Entlassen wurde gestern der Genosse Meister nach Ablauf seiner ganzen Strafzeit. Einer der Lichtenauer, von dem nichts Besonderes zu bemerken ist. Er hatte sich vor ein paar Wochen ins Parterre verlegen lassen, weil er soviele Genossen angepumpt hatte, daß er sich vor Gläubigern nicht mehr retten konnte. Er hat aber dann von unten nach Kräften zurückgezahlt. Über den Politiker, den wir mit ihm verlieren, ist kein Wort zu sagen; ein richtiger Proletarier, der draußen schlecht und recht, in oder außer der Partei sein Auskommen suchen wird und im Augenblick des Kampfes zum Gewehr greifen und seinen Mann stellen wird. – Hoffentlich kann ich bald den Massennekrolog schreiben für alle Rotgardisten und die meisten Übrigen, die noch das Haus bevölkern. Wir sind jetzt noch 75 Mann in der Anstalt: 2½ Jahre nach dem Zusammenbruch!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 23. Oktober 1921.

Inneres: die Beleuchtungsmisere scheint kontinuierlich zu werden. Am Donnerstag setzte der Strom 9 Uhr 35 ein, 10 Minuten vor dem Kommando zum Schlafengehn, brannte also ganze 25 Minuten. Am Freitag lagen wir schon im Bett, als 5 Minuten nach 10 plötzlich das Licht aufflammte, und natürlich gleich wieder abgedreht wurde. Gestern schien die Sache wieder in Ordnung zu sein, denn die Lampen wurden um ¾ 6 angedreht. Punkt 6 Uhr versagte der Apparat wieder, bis es um ¾ 9 überraschend hell wurde. Vorgestern war die Stimmung infolge der Verurteilung zu Dunkelarrest außerordentlich gereizt. Die Weigerung der Verwaltung, in den Zellen Ersatzlicht zu stellen oder auch nur das Brennen von Privatlicht zu gestatten, wirkt höchst erbitternd. Auch ich war wütend, meldete mich im Rapportzimmer und verlangte, daß sofort der Vorstand herübergerufen werden solle, um sich von der schweren Unsicherheit persönlich zu überzeugen, die in Folge der rigorosen Anordnungen für uns eingetreten sei. Natürlich kam er nicht. Dagegen wurde uns gestern erlaubt, uns auf eigne Kosten Kerzen zu beschaffen, wogegen das Brennen von Petroleum und Karbid verboten blieb. Vor einigen Monaten kam eine große Sendung Kerzen von der Frauenhilfe an, die Kraus einfach zurückschickte. Jetzt darf man sich, wenn man 1 Mark 20 für das Stück übrig hat, welche kaufen! – Eine ganz haarsträubende Begründung des Verbots, Gäste zu bewirten, wird jetzt bekannt. Hofmann hat die Erlaubnis, Besuchern Tee, Kaffee oder dergleichen vorzusetzen (sogar Schlaffers kleines Kind, das seit 5 Uhr morgens unterwegs und sehr ausgelaugt war, durfte nicht mit etwas Warmem erfrischt werden) mit dem Hinweis darauf verweigert, daß keine Frühstücksstunde zulässig sei, denn sonst bekäme die Anwesenheit der Angehörigen den Charakter eines Besuchs. Besuch gäbe es aber in der Festung grundsätzlich überhaupt nicht, es gäbe nur „Sprechgelegenheit“. Dieses Prinzip hebt nun auch formell unser Anrecht auf die uns selbst in der ungesetzlichen Müllerschen Hausordnung zugebilligten Besuche auf. Die gänzliche Umwandlung unsrer Festungshaft in Militärgefängnis ist damit besiegelt. Ich habe nicht die Absicht, die Sache passiv über mich ergehn zu lassen, und werde nun meine Offensive, die ich mit der Eingabe an Lerchenfeld begonnen habe, systematisch fortsetzen. Ein Brief von Pestalozza, den ich gestern erhielt, gibt mir dazu willkommene Handhabe. Er hat über seine Besuche in Niederschönenfeld darin genaue Mitteilung gemacht in der Form einer „Vormerkung“, die ich jetzt im ganzen Hause kursieren lasse, und die uns sehr interessante Tatsachen mitteilt. Als Pestalozza im Juni hier war, bewog ihn Kraus wieder abzureisen, ohne einen von uns gesprochen zu haben, indem er erklärte, er habe grade veranlaßt, daß die Vollmannschen Verschärfungen aufgehoben würden und möchte den Anschein vermieden wissen, als geschähe das unter dem Druck des Anwaltsbesuchs. Kraus bat dann P., etwa 2 Monate auf weitere Besuche zu verzichten, da er bis dahin gesetzmäßige Zustände in Niederschönenfeld wieder einführen werde. Der gute Graf glaubte ihm. Er weiß wohl heute noch nicht, daß Kraus diese 2 Monate benutzt hat, um die Schraube fester zu drehen, als unsre verwegenste Phantasie es für möglich gehalten hatte. P. kam dann erst in diesem Monat dazu, seine Reise hierher zu unternehmen, nachdem ihm die Genehmigung zum Besuch telegraphisch erteilt war. Dann hatte er mit Hoffmann und Schmauser eine 3stündige Besprechung, um die unbehinderte Aussprache mit jedem Einzelnen von uns zu bewirken. Man erlaubte ihm aber nur, ohne Aufsicht über Dinge mit uns zu sprechen, die der Verwaltung schon bekannt sind. Für alle neuen Beschwerden über den Strafvollzug müsse er sich die Aufsicht Schmausers gefallen lassen. Diese Zumutung hat Pestalozza abgelehnt und ist einfach wieder abgereist. Ich werde ihm nun durch die Zensur schreiben, daß wir alle dies Verhalten durchaus billigen und daß mit ihm speziell neue Fälle zu besprechen seien, die in der Zeit nach seinem Junibesuch akut geworden sind, daß es sich aber vor allem darum handle, die gesetzwidrigen Prinzipien des gesamten Strafvollzugs mit ihm ungestört zu besprechen, wobei alle Einzelfälle nur illustrativ herangezogen werden müßten. Eine Beaufsichtigung dieser Aussprache mit dem Recht der beschuldigten Verwaltung, unsre Anklagen sachlich zu begrenzen, mache die ganze Unterredung illusorisch. Diesen Brief will ich schreiben, sobald die „Vormerkung“ allen Festungsgefangenen bekannt ist. Behindert die Zensur ihre Beförderung, so schicke ich eine Kopie direkt an das Justizministerium mit dem Ersuchen, Pestalozza den Inhalt bekannt zu geben. Glaubt man, mich wieder durch Einzelhaft oder noch tollere Dinge zum Schweigen bringen zu müssen, so werde ich das auch noch auf mich nehmen. Es ist Zeit, daß wir wieder für unsre Rechte den Kampf aufnehmen, nachdem Niederschönenfeld allmählich ein Thema der öffentlichen Erörterung im Zusammenhang mit der bayerischen systematischen Rechtsvergewaltigung geworden ist. – Dem Willen der Reichsregierung (geschweige der bayerischen) zu Recht und Anstand traue ich allerdings verdammt wenig zu. Das neuste Beispiel deutscher Justizpflege zeigt deutlich genug, wieviel wir zu hoffen haben. Am 27. Oktober sollte der Hochverratsprozeß gegen die Kapputschiner Jagow und Wangenheim vor dem Reichsgericht anfangen. Inzwischen hat man nun auch noch deren Komplizen Egon Schiele festgenommen, (die andern sind auf freiem Fuß). Jetzt wird plötzlich der Termin abgesetzt aus dem abenteuerlichen Grunde, daß sich die übrigen Herren – Erhardt, Bauer und Papst – vom Ausland (Österreich) her gemeldet haben, sie würden sich ebenfalls zur Verhandlung stellen. Tatsächlich hat sich die Anklagebehörde und das Reichsgericht in Verhandlungen mit den von ihnen steckbrieflich verfolgten Kapphengsten eingelassen, hat ihre Bedingung, freies Geleit zu gewähren akzeptiert und zunächst haben die Herren mal erreicht, daß der Prozeß am 27. Oktober nicht stattfindet. Es wird immer amüsanter in dieser Republik! Auch anderswo zeigen die Monarchisten recht lebfrische Aktivität. In Portugal haben sie gleich ein halbes Dutzend Minister auf einmal kalt und noch eine Anzahl lauwarm gemacht. Die näheren Daten über diese neueste Aktion des internationalen Dynastengeschmeiß fehlen noch. Oberschlesien ist in Deutschland immer noch das Stichwort. In der Tat ist die Entscheidung des Völkerbundrats außerordentlich tolerant ausgefallen. Kohle und Erz muß aus den an Polen gefallenen Gebieten zollfrei und zu gleichen Preisen wie an die Polen nach Deutschland geliefert werden (wodurch das Geplärr, Deutschland könne die Kohlenentschädigungen aus dem Versailler Vertrag danach nicht mehr leisten, als Schwindel erwiesen wird); die deutsche Sozialgesetzgebung bleibt in Geltung, bis Polen in den betreffenden Landesteilen entsprechende Gesetze erlassen hat (wodurch alles Jammern über die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen gegenstandslos wird); – – ich mache für heute Schluß, da mich eine Auseinandersetzung über die ekelhaften Verleumdungen, die gegen mich im Gange waren und immer noch sind, derart aufgeregt hat, daß ich am Ende meiner Kräfte bin. Über diese Unterbrechung morgen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 24. Oktober 1921.

Statt der sehr drängenden Briefe will ich doch heute wieder die Chronik hier festlegen, und zwar zunächst nur über die Vorgänge unter den „Genossen“ selbst. Ich erinnere mich an die Lektüre von Fritz Reuters „Festungstid“. Dieser Humorist, der das beneidenswerte Talent hatte, alles – auch seine bittersten Erlebnisse – in einem wahrhaft idyllischen Licht zu sehn und zu beschreiben, kannte trotzdem auch das Gefühl des Ekels und des unversöhnlichen Grolls. In all seinen Werken aber ist nur in der „Festungstid“ dieses Gefühl mit dem schreibenden Reuter durchgegangen – und das auch nur, wo ihm die Erinnerung an die Intriguen, Bosheiten und Verrätereien seiner eignen Leidensgenossen aufstieg. Und doch war all das, was ihm in der Festung passierte, lappalienhaft, wenn ich es an den Infamieen messe, die hier in Niederschönenfeld die Kameradschaft überdunkeln. Meine Eintragung wurde gestern durch den Besuch des Bibs unterbrochen: er hatte sich verpflichtet, mich wissen zu lassen, was über mich neuerdings geredet werde. Ich solle versucht haben, Ertl mit 50 Mk und einer Flasche Wein zu bestechen, daß er nicht mit den Kommunisten der sogenannten Hauszentrale verkehren soll. Ich war natürlich sehr erstaunt und bat um nähere Auskunft. Darauf holte Bibs einen Brief, dessen Schreiber er nicht nenne wollte (ich erkannte die Handschrift aber auf den ersten Blick). Er war von Walter, dessen Geisteskrankheit mir ja schon lange kein Geheimnis ist, und der mir seit einiger Zeit in einem Zustand zu sein scheint, daß man den unmittelbaren Ausbruch von Wahnsinn alle Augenblicke erwarten kann (eine Benachrichtigung der Verwaltung ist ja aber nach meiner Maßregelung deswegen nicht möglich). Walter hat mit seinem Freund Bibs kürzlich einen Krach gehabt, bei dem er sich ganz exzentrisch benahm – den Grund weiß ich nicht – und der zum völligen Bruch zwischen den beiden führte. Jetzt scheint er mit dem Brief eine Versöhnung bezweckt zu haben. Ich las nur einen mehrfach unterstrichenen Satz der etwa lautete: „Du verkehrst auch noch mit Mühsam. Das ist der Herr, der den Genossen Ertl mit einer Flasche Wein und 50 Mark bestimmen (also: bestechen!) wollte, nicht mehr mit den Genossen im Mittelgang zu verkehren!“ Da Bibs mich dringend bat, seinen Namen nicht zu nennen, wenn ich der Sache nachgehn wollte und mir selbst den Briefschreiber nicht bezeichnen wollte, war es schwierig, das Richtige zur Aufklärung zu tun. Jedenfalls war es mir absolut unklar, auf was für Tatsachen – in solchen Fällen ist ja immer irgend etwas wirklich Geschehenes dahinter – sich diese Verdächtigungen beziehen könnten. Umso klarer war mir von der ersten Sekunde an, daß der arme Unzurechnungsfähige nur als Werkzeug der bekannten Hintermänner benutzt wurde. Ich zog zuerst den Seppl zu Rate, der sofort meinte, ich müsse Ertl zur Rede stellen. Zufällig kam grade auch Zäuner herein, und so wurde Ertl sofort zitiert und ich fragte ihn in Gegenwart der beiden Jungen, ob er mir Aufschlüsse über das Entstehen eines derartigen Gerüchts geben könne und ob er mir bestätigen wolle, daß ich niemals den geringsten Versuch gemacht habe, ihn in der Auswahl seines Verkehrs zu beeinflussen, geschweige seine Entschlüsse zu erkaufen. Ertl gab nun zwar zu, daß eine Bestechung von mir nie gemacht sei, zeigte sich aber doch so verlegen, daß der Eindruck entstand, irgendwas wäre doch dahinter. Und nun rückte er endlich heraus mit einer Geschichte, die ich schon vollständig wieder vergessen hatte. In der ersten Zeit nach seiner Ankunft, als er noch jeden Abend bei uns saß und seinen derzeitigen Busenfreund Wiedenmann als Lumpen beschimpfte, mit dem nur Lumpen verkehren könnten, erhielten plötzlich beide Adversäre zugleich die Zustellung einer Anklageschrift in eben der Diebstahlssache, in der Ertl sich uns als Zeugen für Wiedenmanns Täterschaft in täglichen ausführlichen Schilderungen des Tatbestands hingestellt hatte (ich habe keinen Anlaß, die Sache selbst hier zu behandeln, da ich unmöglich beurteilen kann, was wirklich dran war; auch interessiert sie mich nicht aus bürgerlich-kriminellen Erwägungen, sondern höchstens aus revolutionärer Beurteilung heraus, – da jedoch will mich schier bedünken, daß Rabbi und Mönch – –). Ertl kam damals zu mir und schüttete mir sozusagen sein Herz aus. Ganz besonders klagte er darüber, daß er grade erst in zwei Fällen seine Anwaltsschulden habe zahlen müssen, und daß seine Gefährtin, an der hingebend hängt, nun schon wieder Geld für diese Zwecke aufbringen müsse. Er wisse garnicht mehr, wie er es schaffen solle. Ich hatte damals grade etwas Geld im Tischkasten und bot es ihm mit dem Bedauern an, daß es nur 50 Mark seien. Er lehnte die Annahme aus Grundsatz ab, auch als ich meinte, er könne es ja als geliehen betrachten und mir nach Wunsch in Raten oder im ganzen zurückgeben. Ich habe von der Sache nie geredet und sie auch selbst bald ganz vergessen. Und nun erfahre ich also, daß Ertl weniger diskret war, daß er es demselben Wiedenmann erzählt hat, der zu jener Zeit für ihn der Ausbund aller Niederträchtigkeit war, und daß der – wahrscheinlich nach Elberts Zuziehung und sicher ohne von Ertel berichtigt zu werden, meine Eigennützigkeit daraus abgeleitet hat: ich habe das Geld ausgesetzt, um uns mit allen Mitteln die Gesellschaft Ertls zu retten und seine Versöhnung mit dem Feinde zu hintertreiben. Und nun die Flasche Wein! Zu der gleichen Zeit ungefähr luden wir einmal Ertl, der sich noch ziemlich vereinsamt fühlte, ein, um mit uns Knödl zu essen: ich glaube, es war zu Clemens Schreibers Geburtstag. Das tat er auch. Dann – so stellte er gestern den Vorgang selbst dar – habe ich ihm eine Zigarre angeboten und einen Likör, über den ich zufällig grade verfügte. Aus diesem Likör ist inzwischen die Flasche Bestechungswein geworden. Ertl selbst ist aber derjenige, der alle diese Indizien nach seinem Anschluß an die Hauszentrale angegeben hat, aus denen nun der neue Strick gegen mich gedreht wird. Der Mensch – der an sich garnicht bösartig ist, aber ein Schlappschwanz, wie ich noch keinen getroffen habe, trotz seiner athletischen Körperkräfte – hatte die Stirn, mich bei dieser Gelegenheit noch zur Rede zu stellen, wo die 2000 Mark geblieben sind, die ich seinerzeit zur Verteilung an die Familien der Zuchthausgenossen angeblich nach München geschickt hätte. Die Genossen hinten hätten bei verschiedenen Frauen angefragt, von denen sie die Anwort erhalten hätten, sie hätten kein Geld davon bekommen. Jetzt ging mein Gaul durch. Ich erklärte ihm, daß ich den Lumpen, die zu feige seien, mich selbst zur Rede zu stellen, und die statt dessen hinterhältig durch die Zensur die niedrigsten Verdächtigungen und Verleumdungen gegen mich verbreiteten, Verleumdungen, die sich auf die Informationen des der Spitzelei in Polizeidiensten überführten Max Weber stützten, keinerlei Auskünfte gebe. Er möge ihnen sagen, daß ich sie für feige erbärmliche Lumpen erkläre, und daß sie mich nacheinander allesamt kreuzweise am Arsch lecken könnten. Ich regte mich derartig auf, daß meine laute Stimme sogar einen geängsteten Aufseher in der Zellentür erschienen ließ, den ich grob abfertigte, während Ertl vor ihm lächelnd kratzbuckelte. Ich war gestern den ganzen Tag total zerschlagen von der Erregung. Der Gedanke ist entsetzlich, daß ein selbstverständlicher Solidaritätsakt, daß ein Genosse, der zufällig helfen kann, dem andern, der Hilfe braucht, die Unterstützung, soweit er kann, anbietet, überhaupt nicht begriffen wird, daß der in Not Befindliche sich nach dem Hilfsangebot nur fragt, was kann der Mann für einen persönlichen Zweck mit seiner Kameradschaftlichkeit verfolgen? Es stimmt aber damit überein, daß hier im Hause, grade von jenen Obermarxisten ausdrücklich erklärt worden ist: Es gibt keine Solidarität; es gibt nur Disziplin. Das sind die einzig wirklichen, richtigen, zuverlässigen Kommunisten! Arme deutsche Revolution!

 

6 Uhr nachmittags. Das Licht, das gestern bis 6 Uhr funktionierte und dann den ganzen Abend nicht mehr, brennt zur Zeit (übrigens wurden heute sämtliche beschlagnahmten Petroleum- und Karbidlampen zurückgegeben). Da will ich versuchen, über die politische Lage, die sich plötzlich ungeheuer verschärft hat, ein paar Worte niederzulegen und vertage die Auslassungen über die Annehmlichkeiten des häuslichen Lebens auf ein andres Mal, obwohl Material genug auch noch über dies Thema da wäre. – Also: Karl von Habsburg ist mit seiner Zita per Aeroplan über die Alpen nach Ungarn geflogen und in Oedenburg gelandet. Er soll bereits an der Spitze von 60.000 Mann im Kampf mit den „Republikanern“ des Admirals Horthy stehn (der wohl auf eine ungarische Bonaparte-Karriere spitzt) und die Absicht haben, seine Truppen auf Budapest zu führen, wo bereits ein karlitisches Präsumtiv-Kabinett der Renaissance der Habsburger Herrlichkeit wartet (daß sich in diesem Kabinett auch ein Sozialdemokrat befindet, kann nur noch Kinder in Erstaunen setzen). Die österreichische proletarische Volkswehr steht aktionsbereit, um das Übergreifen des Restaurationsversuchs nach Deutsch-Österreich zu verhindern, die „Kleine Entente“ (Yugoslawien, Rumänien, Tschechoslowakei etc) ist auf dem Sprunge zum Eingreifen, die Schweiz ist entrüstet über den kaiserlich-königlichen Wortbruch; – und in Tirol rüsten die Herren Steidele und General Dankl den monarchistischen Generalappell durch allgemeine Mobilisation ihrer Orka- und ähnlichen Gebilde, während die proletarischen Parallelorganisationen ebenfalls zum Sammeln blasen. Vor einer Woche aber fand sich bereits Herr Pöhner in Innsbruck ein, sodaß anzunehmen ist, daß zwischen ihm, Kanzler, Kahr und Ludendorff ebenfalls alles in Ordnung ist. Am 1. November soll mit mächtigem Theater die Beisetzung Ludwigs III mitsamt seiner Frau in der Frauenkirche stattfinden. Der Nachfolger ist also aus einwandfreiestem Anlaß gleich zur Stelle. Die Dynastien Wittelsbach und Habsburg scheinen schon einig zu seien, daß Tirol an Rupprechts Bayern fallen und sich Karlchen vorerst mit Ungarn bescheiden soll. Die Situation im Reich ist günstig genug für die Herrschaften. Wirth hat mit seinem Kabinett unter dem Druck der Stresemänner tatsächlich noch vor dem Zusammentritt des Reichstags demissioniert, sodaß diese Waschküche in der selben Lage ist wie bei Fehrenbach-Simons’ ruhmlosem Abgang, wo man Hals über Kopf zu ultimativen Forderungen der Entente Ja oder Nein sagen und das dazugehörige Kabinett aufzustellen hatte. Der Oberschlesien-Rummel hat den furor teutonicus bei Deutschnationalen und „revolutionären“ Arbeitern in gleichem Maße hochgetrieben – und es ist nicht abzusehn, was die allernächsten Tage und selbst Stunden bringen werden. Vielleicht ist morgen alles wieder in Ordnung. Dann wird die heute ach so ungebärdige Presse, die heute das Geschehen der Welt mit dem Toben des in den Tiefen erregten Ozeans vergleicht, wieder das Lied anstimmen: Still ruht die See. Aber sie ruht nicht still. In Frankreich rüstet sich das Proletariat, Irland macht dauernd den Engländern zu schaffen, allüberall regt sich revolutionärer Geist und unterirdisch gärt weit und breit die Erde. Bei uns aber legen sich die proletarischen Parteien gegenseitig den Marx aus. Das Bild, das Niederschönenfeld im Kleinen bietet, zeigt sich draußen in der Arbeiterbewegung im Großen. Und in der Bourgeoisie, wo man zwar klüger, aber nicht anders ist, kaum minder. Ich habe mal in der Kriegszeit wütend ein Geibelwort variiert, mit dem damals die deutschen Professoren den Amerikanern jede letzte Sympathie für dieses Land austrieben. Diese Variante bezeichnet heute wieder mein stärkstes Ressentiment: Vom deutschen Wesen muß einmal die Welt genesen!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 26. Oktober 1921

Karl der Apostilische ist mit seiner Zita von den Horthyleuten gefangen genommen worden. Seine Truppen sind geschlagen und er soll nun gezwungen werden, endgiltig für sich und seine Erben abzudanken. Einige hundert Soldatenknochen sind mal wieder für einen Thronjäger entzwei geschossen worden. Der Mann selbst wird natürlich mit hohen königlichen Ehren interniert und hat schwerlich zu fürchten, von der Zunft seiner Besieger so behandelt zu werden wie die Proletarier, die eine Verfassungsänderung in Ungarn für nötig hielten. Mögen ihm die bleichen Gebeine dieser tausende Gemordeten im Traume erscheinen und ihn zu Vergleichen anregen zwischen ihrem Hochverrat um der Freiheit und der Gerechtigkeit willen und seinem um des Ehrgeizes und der persönlichen Vorteile willen. Wieviel Anteil die bourbonische Frau an dem immerhin verwegenen Unternehmen hatte, wird die Nachwelt ermessen müssen. Ich habe keinen Zweifel, daß der Versuch ohne Ermutigungen von Frankreich her nicht gewagt worden wäre. Wahrscheinlich haben französische Royalisten für gewisse Garantien gesorgt, daß dem Mann bei Gelingen des Werks die Restauration nicht erschwert werden solle, und es ist nicht unmöglich, daß die Deutsche Allgemeine Zeitung richtig informiert ist, indem sie folgende Bedingungen für Frankreichs Einwilligung nennt: deutschfeindliche Politik, Anschluß an die „Kleine Entente“, Zulassung französischer Offiziere als Militärinstrukteure. Da der Hase anders lief als vorgesehn war, pfiffen die Franzosen natürlich ihre Hunde zurück. Jetzt sind sie einig mit der Gesamt-Entente, daß die Habsburger nie wieder in dem bankrotten Laden hökern dürfen. – Ich hatte die Absicht, hier noch einige persönliche Prognosen zu stellen, speziell über die Möglichkeiten für Horthy, einen 18. Brumaire zu inszenieren. Aber inzwischen kam noch eine Nachlese von Zeitungen, die mich eine Stunde aufhielt und mich auf das Tatsächliche zurückführt. Nach der neuesten Meldung soll Karl in Ungarn erschossen worden sein. Da die Nachricht ohne irgendwelche näheren Angaben erscheint, halte ich sie vorerst noch für zweifelhaft. Bestätigt sie sich, so ist wohl anzunehmen, daß die Hinrichtung nicht durch offizielle Verurteilung zustande kam, sondern daß der Mann in die Hände von Revolutionären gefallen ist, die sich gegen neue Schurkereien des gewissenlosen Burschen die garantierteste Sicherheit verschaffen wollten. Was aus seiner Frau dabei geworden ist, wird garnicht erwähnt. Die Gründe, die die Habsburgerin 1793 als Bourbonengespons aufs Schaffott führten, träfen für die Bourbonin als Habsburgergespons ganz zu. Die Frau ist hübsch und hat kleine Kinder, da sträubt sich das Herz gegen den Gedanken, – aber unzählige Kinder, unzählige hübsche Frauen waren bisher schon Opfer ihrer herrschgeilen Intrigen und werden ihre Opfer sein, solange der Quell ihrer Energie nicht beseitigt ist. Wenn aber dieser Quell das Leben selbst ist, so muß es gelöscht werden, und wenn der Friede des Volks durch das Leben der Habsburger überhaupt bedroht ist, dann muß der Gedanke an die Millionen unschuldiger Kinder des Volks auch das Mitleid mit den unschuldigen Kindern dieses schuldigen Hauses ersticken: man muß weinen, wenn man die Bilder der getöteten Zarentöchter sieht, aber unter Tränen muß man sagen: es war recht, durfte nicht anders sein und müßte wenn Ähnliches sich wiederholt wieder so sein! Das ist grausam gedacht, aber vielleicht ist im Charakter der Menschen das der versöhnlichste Zug, daß der seelische Zwang, um der Milde willen grausam zu denken, uns als schmerzlichster Antagonismus bewußt wird, und daß wir den Drang des Herzens, das Grausamste in passiver Milde geschehn zu lassen, um nicht der Milde aktiv ein grausames Opfer bringen zu müssen, nur mit dem kältesten Verstand überwinden können. – Zurück zum Zeitgeschehn: mag nun die ungarische Operette die Wendung zum Drama genommen haben oder nicht – oh, daß wir immer nur das Tragische sehn, wo ein Einzelschicksal betroffen wird; wie leichtfertig habe ich da von der Operette gesprochen, wo die armen Teufel von verführten Söldnern und möglicherweise selbst bewußte proletarische Kämpfer tot am Platze geblieben sind! -, mag es wahr sein oder nicht, daß bayerische Ehrhardt-Kompagnien für den Habsburger ihre Haut zu Markt getragen haben, – in Deutschland selbst entwickelt sich das politische Geschehn von Tag zu Tag mehr zur Affenposse. Glücklich hatte man erreicht, daß Wirth abtreten mußte, weil er nicht gegen das Diktat der Welt ankonnte, was auch kein andrer gekonnt hätte – und dann stritt man sich um die Form, in der das Unabänderliche abgeändert werden sollte. Die Deutschnationalen und die Deutsche Volkspartei haben immerhin noch soviel Kurage, dem was sie als unmöglich hinstellen offen ein Nein entgegenzustellen. Aber die Demokraten, deren einziger Ewigkeitswert einmal in ihrer Fähigkeit gefunden werden wird, um jedes ernsthafte Geschehn in möglichst lächerlichen Sprüngen herumzutanzen, haben wieder einmal die Lösung der Frage gefunden, wie man als Clown auftreten kann, wo man sich als Mann bewähren soll. Sie verlangen, daß man sich zwar mit der Regelung der oberschlesischen Grenzziehung nolens volens zufrieden gäbe, daß jedoch die löbliche Unterwerfung begleitet sein soll von einer höchst energischen „Rechtsverwahrung“. Dieser Fetzen Papier wird nun also das Unerträgliche erträglich, daß Unmögliche möglich und das Unerfüllbare erfüllbar machen. Und nun das Schönste: Die Demission des Reichskabinetts hatte aller Welt bewiesen, daß dieser Wirth das Land ins Unheil hinein regiert hat; der war erledigt! Aber nun die neue „tragfähige Koalition“ schaffen, – wo im Hintergrund schon die Entente mit der Vollstreckungsordre in der Hand auf Benennung der Kommission zur Regelung der polnisch-deutschen Fragen lauert. Jetzt haben sie tagelang beraten und gemächelt und Herr Ebert hat über den Wassern geschwebt, daß man ihn bibbern hörte – und nun? Nun hat Herr Dr. Wirth den Auftrag gekriegt und übernommen, selbst wieder ans Werk zu gehn und eine neue Pleiteregierung aufzustellen. Wahrscheinlich wird sie wieder so aussehn wie die alte auch. Aber es war schrecklich aufregend. – Was Bayern betrifft, so wollen die Unabhängigen im Landtag einen Amnestieantrag beraten lassen. Niekisch hat einen entsprechenden Gesetzentwurf eingebracht, und wird bei der Beratung wohl mit seinen Niederschönenfelder Kenntnissen auspacken. Jetzt hat der Mann Gelegenheit, wieder gutzumachen, was er hier gesündigt hat. Er möge. Dann werde ich mich auch gegen ihn nicht unversöhnlich zeigen. Schließlich ist er an den Halunken Elbert und Sauber gemessen ein einwandfreier Zeitgenosse. – Heute früh haben wir wieder einen Mitgefangenen verloren: Paulukum, der die 2½ Jahre, die ihm auferlegt waren, hinter sich gebracht hat. Als Volksbeauftragter für das Verkehrswesen hat er Gutes geleistet, war als Organisator ausgezeichnet – ein paar Tage war er ja direkt mein Vorgesetzter im Demobilmachungsamt (1. – 4. April). Nur der persönliche Charakter entspricht leider nicht der Begabung. Vor Gericht hat der Mann eine trübe Haltung eingenommen, und hier drinnen ließ die Kameradschaftlichkeit auch allerlei zu wünschen übrig. Wollen sehn, wie er draußen weitermacht. Aber ich muß lachen über den Lauf der bayerischen Gerechtigkeit. Nacheinander jetzt Niekisch – Reichardt – Paulukum, die Führer und Exponenten werden entlassen, die Rotgardisten bleiben eingesperrt! – Wie ich höre, soll im I. Stock wieder ein Genosse eingeliefert sein (ich glaube Schöpflin), ich habe ihn noch nicht kennen gelernt. – Leider gibt es auch wieder einiger Toter zu gedenken. Aus meiner frühesten Cabaretzeit eine Reminiszenz: der Komponist Ludwig Mendelssohn starb in Berlin; er hat auch mal ein Couplet von mir vertont. Ich habe seine Person in ganz freundlicher Erinnerung. Ferner: der Bildhauer August Gaul ist tot. Einer der Sezessionisten um Liebermann, König, Kardorff, Kruse, Leistikow etc. etc. Die Modernsten von damals, inzwischen längst durch neue, auch schon überholte „Richtungen“ verdrängt, und nun allmählich zu der Generation aufgerückt, die wir nach und nach sterben sehn müssen. Daß August Gaul einer der Allerersten von ihnen sein muß, ist schmerzlich; tröstlich nur, daß die herrlichen Tierskulpturen, die er geschaffen hat, nicht sterben werden. – Und nun noch ein persönlich fühlbarerer Verlust. Zenzl schreibt mir, daß die Frau von Hans Ammon, dem ehemaligen Cooperator und jetzt Münchner Freidenkerführer, Fanny, geb. Schmid, auf einer Reise in Österreich gestorben ist. Ich lernte Fanny Schmid schon kennen, als ich noch in der Junggesellenpension in der Akademiestraße wohnte. Sie war nicht schön, die Lehrerin mit dem spitznäsigen Indianergesicht. Aber ein heißes und freiheitliches Herz hatte sie, ein kluger Kopf wars und Temperament hatte sie auch als Weib, und ich denke aus jener Zeit gern auch einer zärtlichen Stunde mit ihr. Vor kurzem erst hat sie Ammon ein Kind geboren, sie hat brav in der freidenkerischen Bewegung mitgearbeitet und zu ihrem Teil geholfen, Aufklärung und freie Denkart in die Menschen zu bringen. Gute Nacht, liebe Fanny! – Ich habe noch eine Art Nachruf zu schreiben, nämlich auf eine von mir eingeleitete Aktion. Vorhin wurde mir ein Schreiben der Münchner Staatsanwaltschaft „eröffnet“. Auf Grund meiner Angaben vor dem Amtsrichter von Rain in Sachen Däubler und Lindner seien Vernehmungen „gepflogen“ worden. Deren Ergebnis könne jedoch der Staatsanwaltschaft keinen Anlaß geben, dem Justizministerium die Begnadigung des Lindner zu empfehlen. – Die Leute täuschen sich, wenn sie meinen, jetzt werde ich still sein. Jetzt werde ich die Einleitung des Verfahrens gegen Leutnant v. Seefeld und unbekannte Genossen wegen Mordkomplotts beantragen, in Verbindung mit der Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Arco. Mein armer Freund Lindner soll noch merken, daß er nicht ganz vergessen ist.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 27. Oktober 1921.

Abschrift. I. An R.-A. Graf Pestalozza, München. „N’feld d. 27. Okt. 1921. Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt! Ihre Vormerkung vom 15. Oktober habe ich sämtlichen Festungsgefangenen des Hauses zugänglich gemacht. Soweit ich feststellen konnte, wird Ihre Haltung von allen Genossen wie von mir dankbar gebilligt. Die Fälle, die mit Ihnen zu besprechen wären, beziehn sich fast durchweg auf Vorgänge bzw. Strafverschärfungen, die erst nach Ihrem Besuch im Juni, also grade in den Monaten aktuell geworden sind, in denen die früheren Beschwerden abgestellt werden sollten. Es handelt sich mir – und wohl auch allen andern – hauptsächlich darum, die Grundlagen des gesamten Strafvollzugs, deren Rechtszulässigkeit wir bezweifeln, mit Ihnen zu besprechen. Die Einzelfälle müßten dazu nur illustrativ herangezogen werden. Es ist klar, daß eine derartige Erörterung unter allen Umständen ungehindert und nicht unter dem Druck einer Überwachung stattzufinden hätte. Eine Verpflichtung, jeden einzelnen Gegenstand unsrer Beschwerde zuvor der Verwaltung bekanntzugeben, ehe wir mit Ihnen darüber reden dürften, würde den Zweck, uns Rechtshilfe zu schaffen, illusorisch machen. – Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Ihre Vorstellungen beim Herrn Justizminister den erwünschten Erfolg haben werden, sodaß Ihr nächster Besuch hier uns die Anbringung unsrer Anliegen ohne Beeinträchtigung gestatten wird. Hochachtungsvoll Ihr ergebener     Erich Mühsam.“

II. „Beschwerde. An den Herrn Oberstaatsanwalt beim Oberlandesgericht München. Betr. Nachprüfung bzw. Einleitung eines neuen Strafverfahrens in Sachen Arco wegen Mord und Lindner wegen Totschlag. Aus einer Vernehmung durch einen Richter in Sachen Oscar Däubler wegen Begünstigung, die hier am 5. August ds. J. stattfand, ersah ich, daß die Staatsanwaltschaft den Vorgängen, welche sich im Februar 1919 in München abspielten, auch jetzt noch – nach 2½ Jahren – ihre Aufmerksamkeit zugewendet hält. Da ich meinerseits in der Lage war, bisher den Behörden offenbar unbekannte Tatsachen anzugeben, die geeignet sind, die Mordtat des Grafen Arco vom 21. Februar als die – allein zur Ausführung gelangte – Teilaktion eines umfassenden Mordkomplotts zu erweisen, welcher Beweis meiner Meinung nach nicht nur die Grundlagen des Urteils im Prozeß Arco sondern auch die im Prozeß Lindner erschüttern müßte, beantragte ich am 6. August meine richterliche Vernehmung zu dem Gegenstand. – Diese Vernehmung fand am 7. September vor einem Oberamtsrichter statt, dem ich zu Protokoll gab, was ich zu sagen hatte. Aus dem Protokoll geht hervor, daß stärkster Anlaß zu dem Verdacht besteht, daß im Februar 1919 außer dem Ministerpräsidenten Eisner auch noch drei andere Personen ermordet werden sollten, nämlich der später ermordete Schriftsteller Gustav Landauer, der zur Zeit im Ausland wohnhafte Privatgelehrte Max Levien und ich. Da ich sogar den Namen des Offiziers angeben konnte, dem meine Beseitigung anvertraut wurde, glaubte ich, die Staatsanwaltschaft werde aus meinen Angaben die Folgerung zu ziehn haben, im Anschluß an die – wie der Fall Däubler zeigt – immer noch fortgesetzten Bemühungen um die Aufklärung der Vorgänge in jenen Tagen, ein Ermittlungsverfahren (§§ 158 und 159 Str. Pr. O.) gegen den von mir benannten Leutnant z. S. v. Seefeld (bzw. die sich hinter diesem Namen verbergende Persönlichkeit) und unbekannte Genossen wegen Beihilfe zum Mord einzuleiten und nachzuprüfen, ob die Annahme der Gerichte in den Prozessen Lindner und Arco, es handle sich um eine Individualhandlung des Grafen Arco, nicht irrig war. In diesem Falle, nehme ich an, wenn also Lindners Initiative der zutreffenden Auffassung entsprang, Eisner sei einer verzweigten Verschwörung zum Opfer gefallen, würde die Staatsanwaltschaft genötigt sein, zum mindesten die Voraussetzung seiner Verurteilung zu Zuchthaus, nämlich die Auffassung, daß seine Tat ehrloser Gesinnung entsprungen sei, erneut in Erwägung zu ziehn. Da ich nicht aus rachsüchtigen Beweggründen, sondern hauptsächlich aus Mitgefühl mit meinem Freund Lindner, dessen lauteren Charakter ich kenne, meine Kenntnisse der Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellte, fügte ich dem Protokoll die Erklärung bei, meinem persönlichsten Rechtsbedürfnis sei Genüge geschehn, wenn meine Hinweise nur dazu führten, den Fall Lindner unter dem Gesichtspunkt der Begnadigung oder Umwandlung der Zuchthaus- in Festungsstrafe nachzuprüfen. Damit habe ich zum Ausdruck bringen wollen, daß es meinem Rechtsbedürfnis unerträglich ist, Lindner im Zuchthaus zu wissen, während der Mörder Kurt Eisners in Landsberg eine Festungsstrafe verbüßen darf, der Mann, dessen Tat Lindner erst zu seiner Spontanhandlung hinriß, eine Festungsstrafe obendrein, die durch Vergünstigungen erleichtert ist, von denen wir übrigen politischen Festungsgefangenen keine Andeutung verspüren. – Am 25. Oktober wurde mir hier eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft beim Landgericht München I durch Verlesen zur Kenntnis gebracht, wonach die im Anschluß an meine Angaben gepflogenen Erhebungen keinen Anlaß gegeben hätten, eine Begnadigung Lindners zu empfehlen. Von einer Strafverfolgung der Komplizen Arcos oder der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens in der Mordangelegenheit ist nicht die Rede. – Mit diesem Bescheid kann ich mich nicht beruhigen. Ich habe nur für den Fall auf eine Weiterverfolgung des Komplottverbrechens von meiner Seite verzichtet, daß das Urteil gegen Lindner auf dem Gnadenwege revidiert wird. Da das von der Staatsanwaltschaft nicht empfohlen wird und da ich aus dem Bescheid entnehme, daß auch ein Eingehn auf meine Anzeige nicht beabsichtigt wird, mache ich von meinem Recht auf Beschwerde (§ 170 Str. P. O.) als Verletzter – da der Mordplan sich auch auf meine Person bezog – Gebrauch, und ersuche nunmehr den Herrn Oberstaatsanwalt, die Staatsanwaltschaft beim Landgericht München I zur Einleitung des Ermittlungsverfahrens gegen den vermutlichen Marineleutnant v. Seefeld und unbekannte Genossen wegen Beihilfe zum Mord an dem Ministerpräsidenten Eisner und Vorbereitung weiterer Mordtaten in Tatzusammenhang mit Geheimbündelei zu veranlassen. N’feld, d. 27. Oktober 1921.  Erich Mühsam.“

Außer diesen beiden Schreiben habe ich heute noch eine Beschwerde an das Oberste Landesgericht verfaßt für Weigand, dem gestern vom Volksgericht die unglaubliche Mitteilung zuging, die ihm bei seiner Verurteilung zu 3 Jahren Festung vom Gericht zugesprochene Bewährungsfrist nach 2 Jahren werde versagt. Gründe: „Sein Vergehn war schwer. Die Führung des Verurteilten am Strafort ist schlecht.“ Dabei ist der Bibs einer der Bravsten im ganzen Hause, und sein Vergehn war ja in all seiner Schwere dem Gericht bei der Urteilsfassung bekannt! – Außerdem schrieb ich einen Brief – und zwar neben sachlichem Inhalt über meine Entschädigungsangelegenheit Glückwünsche und gewisse Andeutungen – an den neuen Reichsjustizminister im Reichs-Kabinett Wirth, welcher kein andrer ist als mein Freund Radbruch.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 28. Oktober 1921.

Vormittag, da das Wetter den Aufenthalt im Freien nicht empfiehlt. Nur ein paar Ergänzungen zur gestrigen Eintragung. Zunächst im Hause: der neue Genosse, den ich gestern kennen lernte, heißt Schüpferling, war in München in der 2. Räterepublik in der Propagandaabteilung tätig, deswegen zu 4 Monaten Festung verurteilt und hatte gleich Bewährungsfrist bekommen. Inzwischen ist er „rückfällig“ geworden, d. h. nicht, daß er wieder was Hochverräterisches gemacht hätte, sondern er mußte aus andern Gründen 5 Monate Gefängnis machen. Jetzt hat er die hinter sich gebracht und ist nun auch noch für die 4 Monate politischer Gefangener geworden. – Dann: Walter ist seit gestern wieder in Einzelhaft. Wahrscheinlich hat er, wie jetzt alle Augenblicke, wieder einem Aufseher oder dem Arzt – wie manche wissen wollen – Krach gemacht. Meine Befürchtungen für Walters Verstand haben sich in der letzten Zeit sehr verstärkt. Er ist fast immer in Kampfstimmung, wenn er nicht grade ganz geistesabwesend und wie verstört umherläuft und dann bei einer Anrede völlig sinnloses Zeug redet. Zufällig brachte ich nun vorgestern heraus, daß der Brief an Bibs mit den neuen Verleumdungen über mich (die Bestechungsversuche bei Ertl) nicht von Walter geschrieben war, sondern von Wollenberg. Ich hatte längst erwogen, mal mit dem Arzt wegen Walter zu sprechen, auf die Gefahr hin, wieder diszipliniert zu werden. Meine Meinung, Walter sei der Verleumder gegen mich, hatte mich davon zurückgehalten, weil ich fürchtete, man könnte aus meinem Eingreifen einen Racheakt konstruieren. Eben habe ich, nachdem dieses Bedenken nicht mehr bestand, den Arzt gepackt und ihm meine Beobachtungen mitgeteilt. Als ich von meinem Brief an Kraus im Mai sprach, merkte ich, daß der Mann davon Bescheid wußte. Er erklärte dann auch kaltblütig: „ich habe derartige Beobachtungen nicht machen können.“ Mein Einwand, daß er ihn ja auch nur im Sprechzimmer sehe, während wir ihn den ganzen Tag um uns haben, machte keinen Eindruck. „Das ist ein aufgeregter junger Herr, – das ist alles.“ Also jede Hilfe wird abgelehnt, und jetzt ist mir sicher, daß dieser Arzt den Mut gehabt hat, dem Vorstand den psychiatrischen „Befund“ wirklich vorzulegen, aufgrund dessen ich wochenlang in Einzelhaft saß. Sowenig der Mann mich in der Forderung unterstützt, mein Ohrenleiden einem Spezialisten zur Behandlung zu überlassen, so wie auf Grund seines Gutachtens der Vorstand Adolf Schmid die notwendige Augenbehandlung durch einen Spezialisten verweigert hat (sogar auf dessen eigne Kosten), so hält sich dieser Dorfdoktor sogar für Kapazität genug, um – ohne den ständigen Verkehr des Patienten überhaupt zu hören, jemanden einfach für geistig gesund zu erklären und ihn, wenn er „aufgeregt“ ist, disziplinieren zu lassen. Dieser Dr. Staedle ist ein besonderes Kapitel in der Festungsanstalt Niederschönenfeld! Es soll dermaleinst nicht vergessen werden. – Was die beiden Briefe betrifft, die ich gestern hier einschrieb, so sind sie nur zwei reproduzierte Granaten aus dem Trommelfeuer, das ich gegen die Behörden in Schwung gesetzt habe. Vorgestern schrieb ich an Niekisch, den ich (nach der Erklärung, daß ich die persönlichen Differenzen als Festungsangelegenheiten und somit mit seinem Strafende als erledigt ansehe) von meinem Schrieb an Lerchenfeld benachrichtigte und anfragte, ob es sich empfehle, eine Abschrift davon auch an den Landtag oder einen seiner Ausschüsse zu senden (der Seppl kopiert das Dokument schon wieder zu dem Zweck). Außerdem gab ich Loewenfeld Vollmacht, das Justizministerium auf Herausgabe meiner Tagebücher zu verklagen. Die Idioten im Mittelgang machten im Juni, zu einer Zeit, wo jede Handbewegung ins Wasser ging, ihren blödsinnigen Vorstoß. Jetzt, wo der psychologische Augenblick da ist, rühren sie sich nicht. – Radbruchs Berufung zum Reichsjustizminister macht natürlich im Hause einen Mordseindruck. Viele schon ermüdete Hoffnungen sind wieder lebendig, – und momentan bin ich es, der den zügellosen Illusionen die Bremse einhängt. So geht es doch nicht, daß der zweifellos vorhandene gute Wille des Mannes ganz einfach aus dem Handgelenk die Reaktion aus der deutschen Justiz ausmistet. Die Widerstände sind so groß, daß ich starke Zweifel habe, ob Radbruch die Brutalität des Willens aufbringt, um sie zu brechen. Schließlich kann er ja garnicht tun, was wir in revolutionärem Zugreifen tun könnten: die unbequemen Leute einfach beim Kragen nehmen und rausschmeißen. Er muß den Apparat übernehmen mit allem Gerümpel von ehedem, wie es seine Vorgänger Landsberg und Schiffer unangetastet gelassen haben. Und will er etwa die monarchistischen Staatsanwälte und Richter beseitigen, so steht der Finanzminister da und plärrt wegen der Pensionen. Und dann die Geheimräte direkt um ihn herum! Die sabotieren ja noch alles was er Gutes machen möchte – und erst recht die Herren Justizminister in den Einzelländern, die ausführen sollen, was von Berlin kommandiert wird. Trotzdem kann manches besser werden. Radbruch ist in mancher Hinsicht persönlich festgelegt. Seine Görlitzer Worte über Niederschönenfeld im Anschluß an seinen Besuch bei mir, dann im vorigen Jahr seine Rede zum Amnestiegesetz und jetzt sein Appell an die Richter, sie müßten mindestens Verstandesrepublikaner sein, – das alles verpflichtet ihn. Leider sind die Hoffnungen auf eine unmittelbar bevorstehende Generalamnestie durch die Dummheit der Kommunisten arg niedergedrückt. Die haben – wie das kürzlich aus der Rede der Zetkin hervorging – nur für links Amnestie verlangt und wollen die Kappisten und Erzbergerschen Mörder etc. bestraft wissen. Trottel! Damit machen sie aus der ganzen Sache eine leere Demonstration ohne den geringsten Nutzen für uns Inhaftierte, da sie natürlich alles gegen sich haben werden. Hätten sie erklärt: Die Gerichte sind mit kapitalistischen Justizsöldlingen besetzt, alle unsre Erfahrungen zeigen, daß der kapitalistische Staat weder den Willen noch die Fähigkeit hat, reaktionäre Verbrecher gegen das Proletariat zur Rechenschaft zu ziehn. Um unsrer leidenden Genossen entbinden wir Euch diesmal von dem Theater, uns das zum 100ten Mal praktisch vorzuführen. Laßt Eure Leute, die Kapp und Ehrhardt, die Schulz und Tillessen, die Arco, die Vogel und wie sie alle heißen, laufen; nur: laßt auch die Unsern frei! – hätten sie so gesprochen, dann wäre die größte Aussicht auf Annahme einer Generalamnestie. Vielleicht ist Radbruch gescheit genug, den kommunistischen Antrag entsprechend zurechtzubiegen. Nun ein „ganz linkes“ Kabinett da ist – die Demokraten, mit Ausnahme von Geßler, sind draußen und Sozi und linkes Zentrum machen alles allein, – mit loyaler Unterstützung der Unabhängigen natürlich – wäre es gut möglich, etwa zum 9. November mit erhabener Geste sowas zu Wege zu bringen. Schiffer hinterläßt soviel zum Himmel stinkenden Dreck, daß sich der neue Minister seine Aufgabe durch sowas sehr erleichtern könnte. Das Neueste ist diese Überraschung: die alldeutsche Presse enthüllt, was es mit der freiwilligen Meldung der Kappisten auf sich hat. Die sei schon vor einem halben Jahr angeboten worden, damals sei keine Antwort erteilt worden. Jetzt, wo plötzlich Freigeleit zugesichert wird, fühlen sich die Herren ihrerseits nicht mehr genötigt, zu kommen. Aber mit der Motivierung, daß alle auf einmal abgeurteilt werden sollten, wurde der Prozeß gegen Jagow und Wangenheim abgesetzt! – Was in Bayern los ist, ist schwer zu durchschauen. Solche herausfordernden Frechheiten wie der Bescheid des Volksgerichts an Weigand lassen trübe Schlüsse zu. Andrerseits bekommen wir neuerdings wieder kommunistische Zeitungen, wie die Zensur überhaupt fühlbar lockerer geworden ist. Nun ist die neueste Münchner Sensation: Auf Erhardt Auer ist geschossen worden: nachts um ½ 12 Uhr vom Südfriedhof aus zwei Revolverschüsse, die Auer sofort mit 5 Schüssen aus seiner Waffe erwiderte. Weder er noch sein Mörder wurde getroffen. Als man es hörte, sagte fast jeder zuerst: Bestellte Arbeit! (Stresemann hat’s ja vorgemacht). Ich will darüber nicht urteilen. Aber wenn auch nicht die Reklamesucht Auers den Anlaß zu den Schüssen gab, so wird sie zweifellos daraus erhebliche Nahrung ziehn, und Auer als Märtyrer ist wieder aktuell. Als er noch Minister war, schoß ihn Lindner zum Rentier; jetzt schießt ihn ein Unbekannter im Duett mit ihm selbst wieder zum Minister. Möglich ist immerhin, daß die Angelegenheit dem Niekischschen Vorstoß im Landtag nützlich wird. Jedenfalls bin ich froh, daß Auer diesmal nicht getroffen ist. Den Heldentod als Revolutionär hätte ich diesem Bourgeoislakai zuletzt gegönnt.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 30. Oktober 1921.

Keiner kennt sich mehr aus in der Politik. Vorgestern, als Radbruchs Berufung die Illusionen wie Nebelschwaden hochtrieb, sah man mich scheel an, weil ich die Macht der Bürokratie für größer hielt als die des einzelnen gutwilligen Ministers. Gestern verspottete man meinen unverwüstlichen Optimismus, da mich die neue Rede Lerchenfelds in meinen Erwartungen nicht beirrt. Der hat in Augsburg vor dem Bayerischen Volksparteitag gesprochen, sich mit Herrn v. Kahr verglichen, dessen guten Kern er auch habe, sich gegen den Verdacht verwahrt, seine Politik werde „linksorientiert“ sein, die Aufrechterhaltung von „Ruhe und Ordnung“ als seine Hauptaufgabe bezeichnet, wobei er auf die Gefahren für Ruhe und Ordnung durch Arbeitslosigkeit, Hunger und ökonomische Krisen hinwies, gegen die man nichts tun könne (außer natürlich auf ihre Opfer feuern lassen), alsdann die Räterepublikaner als die Schuldigen an der Unsicherheit der Verhältnisse hinstellte, um dann die Amnestiefrage zu berühren: diese Leute, die in Gefängnissen und Festungen schon wieder auf Umsturz und Rache sännen, müsse man weiterhin in Gewahrsam halten, da dürfe man nicht dem guten Herzen nachgeben; was dagegen ihre Behandlung anlange, so müsse Gerechtigkeit walten und die christliche Gesinnung müsse zu Rate gezogen werden; er werde daher eine mittlere Linie zwischen Strenge und Verständigung zu finden suchen. Ich überraschte, als ich das gelesen hatte, die Genossen mit dem Kommentar, daß ich in dieser Rede alles bestätigt finde, was ich erwartet habe. Meine Ansicht ist von jeher, daß die bayerische Regierung garnicht daran denkt, von sich selbst aus von der Kahrpolitik abzuweichen. Der Unterschied werde nur darin liegen, daß sich Lerchenfeld ohne den lauten Oppositionsspektakel des Vorgängers vom Reich zu allen Schritten drängen lassen werde, wahrscheinlich in der Hoffnung, durch intrigantes Verhandeln hinter den Kulissen mehr zu erreichen als Kahr durch sein Gepolter erreicht hat. Bei der Beurteilung der Rede dürfe man nicht übersehn, wo sie gehalten wurde. Vor diesen Leuten, denen ihrer Wählerschaft wegen die reaktionäre Pauke die liebste Musik macht, randaliert Lerchenfeld bayerische Eigenart. Vor Sozialdemokraten könnte er ungefähr dasselbe sagen, wenn er sich statt negativ positiv ausdrückte, – nämlich: Amnestie machen wir natürlich, – nur dürfen wir die gefährlichsten Elemente noch nicht rauslassen. Daher zunächst sinngemäße Anwendung des Reichsgesetzes vom August 20 auf Bayern – und natürlich gründliche Reform des Strafvollzugs. – Das habe ich aus der Rede herausgelesen, jedoch ohne mir einzubilden, daß Lerchenfeld die geringste Sympathie mit uns empfände. Aber er kann nichts tun und nichts unterlassen, als was die äußeren Bedingungen ihm vorschreiben. Seine Sorge ist einfach die, eine Generalamnestie zu verhüten. Ehe das Reich sie erläßt, muß er also versuchen, die stärksten Anlässe dazu, soweit Bayern sie schafft, zu entkräften. In dem Augenblick, wo er die Teilamnestie bei uns durchführt und durch eine Änderung der Gefangenenbehandlung dem ungeheuren Skandal von Niederschönenfeld die Resonanz nimmt, hat er Radbruch die besten Kugeln aus dem Lauf geholt. Eine andre Politik hätte auch Roth nicht treiben können, wenn er im Amt geblieben wäre (deshalb bin ich garnicht so erschrocken über die Ankündigung Pestalozzas in einem Brief, den Wiedenmann erhalten haben soll, daß das Justizressort in Bayern wieder an einem Mann der Mittelpartei – wohl der Deutschen Volkspartei nach ihrer Amputation von den Deutschnationalen – übergeben werden soll). Und wenn die Auerochsen wieder in die Regierung eintreten und die Justiz übernehmen sollten, so hätten wir auch von ihnen nicht mehr zu erwarten: Generalamnestie kommt nur durch das Reich oder garnicht. Chancen, daß sie kommt, sind da (besonders durch die fürchterlichen Einzelheiten, die der Untersuchungsausschuß des preußischen Landtags über das Wüten der Sipo und Schupo zur Zeit des Osteraufstands in Mitteldeutschland zutage fördert. Ich las grade Victor Panins eindringliches Buch über das zaristische Rußland. Es ist gradezu entsetzlich, wie sich die die Greuel der Autokratie in Rußland seit der Beseitigung der Autokratie in Deutschland wiederholen. Die wahren Segnungen des Zarismus hat erst Herr Ebert das deutsche Volk kennen gelehrt). Aber es ist unmöglich, das Plus und Minus dieser Chancen gegeneinander abzuwägen. Der Kuriosität halber will ich noch einen Hoffnungsstrohhalm, an den sich unter der Maske verschämter Ironie doch dieser oder jener anhängt, dem Untergehn entziehn. Männleins Mutter ist sterngläubig. Sie ließ ihrem Sohn das Horoskop stellen, und die Astrologin hat erklärt, der 11. und der 19. November dieses Jahres werden für die politischen Gefangenen von freudiger Bedeutung werden. Die Sterne lügen nie! sagt Wallenstein; und an ihren Einfluß auf das Menschengeschlecht und auf ein jedes Individualschicksal glaube auch ich, – nur habe ich die größten Zweifel, ob er unter den Milliarden andern Einflüssen zur Geltung kommt und vor allem, ob irgendeine Möglichkeit für uns kleine Menschenleute existiert, diese Einflüsse zu kontrollieren. Aber: ich bin ein zu überzeugter Skeptiker gegen alle wirkliche Wissenschaft, als daß ich nicht für möglich halten sollte, was die Wissenschaft leugnet. Wir werden ja sehn. – Auf die Rede Lerchenfelds zurückzukommen, so hat sie einen merkwürdigen Passus gehabt, nämlich eine ziemlich scharfe Absage gegen das Walchenseeprojekt der Elektrifizierung der bayerischen Gesamtindustrie. Wenn er auch seine Abneigung mit dem Hinweis auf das trübe Beispiel des Kruppwerks begründet, das die revolutionären Kräfte erst nach Bayern zog, so läuft der Mann immerhin Gefahr, daß er sich das Finanzkapital und die Schwerindustrie bös auf den Hals zieht. Das Werk würde Bayern in bedeutendem Maße von der Kohle Preußens unabhängig machen, ist überdies eine äußerst lukrative Unternehmung mit großen Spekulationsaussichten, – und eigentlich das Werk der Partei, vor der er es suspekt machte. Held selbst ist sogar zweiter Aufsichtsrat des Werks. Da kann sich der Herr Präsident leicht beim ersten Spatenstich seiner neuen Tätigkeit das eigne Grab angelegt haben. Die Ereignisse in der übrigen Welt sind indessen nicht weniger dramatisch als bei uns im Lande. Nach Karlchens Restaurationsputsch will es im Südosten nicht mehr still werden. Zwar haben die Horthy-Truppen vollständig gesiegt, und Karl mit seiner Zita ist in Gewahrsam – verräumt haben sie ihn nicht – und soll möglicherweise nach Malta oder sonst auf ein Inselchen gebracht werden (warum nicht nach Elba? von da ist der Rückweg ja schon von einem Größeren entdeckt worden). Aber nun muckt die kleine Entente gegen die große Schwester auf. Die Gelegenheit, den in Venedig stark zugunsten Ungarns zurechtgebogenen Vertrag von Trianon wieder herzustellen, ist günstig. Tschechien, Rumänien, Yugoslawien, Bulgarien und sogar Albanien mobilisieren, obwohl Italien, England und Frankreich mit Hochdruck bremsen. Österreich hat sich seine Neutralität verbürgen lassen und sie selbst zugesichert, wofür es das ganze Burgenland bekommt, – und nun kann die Kriegsfurie gleich wieder lostoben. Ein schauderhafter Gedanke. Dabei aber erst recht schauderhaft, daß man das neue Blutmeer beinah ersehnen muß, weil es das ungarische Proletariat aus der grauenhaften Qual des Horthy-Hejas-Regiments zu erlösen verspricht. Man muß fürchterlich hart werden gegen das eigne Herz, um nicht vor den Konsequenzen zu erschrecken, denen sich der Wille unterwerfen muß, will er sich selbst und seinen idealen Zielen treu bleiben. – Noch ein paar Worte über Interieur-Begebenheiten. Niekischs Landtagsplädoyer wirft seine Schatten voraus. Alles deutet darauf hin, daß man Provokationen versucht, um Herrn Kühlewein seine Verteidigung durch neues Anklagematerial gegen uns zu erleichtern. Außer Wollenberg und Walter ist nun auch Schiff wieder in Einzelhaft, weil er Wollenberg per Bindfaden Zigaretten hinabzulassen versuchte. Auch Taubenberger sollte wieder dran glauben. Er war denunziert, nachts einen Zellenbesuch verübt zu haben, konnte aber glaubhaft machen, daß er nur auf dem Abtritt war. Es zeigt aber – wie jeden Tag Dutzende von Beispielen – wie jeder Subalterne beflissen ist, uns zu schaden und unaufhörlich spitzelt, ob er nicht irgendwas melden kann. (Unsre allein echten Kommunisten aber ziehn daraus nicht die Konsequenzen wie wir andern, diese Leute völlig zu ignorieren und sie unsre kalte Schulter deutlichst sehn zu lassen, nein – sie unterhalten sich durchs Gitter freundnachbarlich mit den Aufsehern, denselben, vor denen sie sich – Wiedenmann, Nickel, Ertl – täglich nach der Arbeit mit ausgespreizten Armen hinstellen, um sich willig abfühlen zu lassen, ob sie auch nichts gestohlen haben. Die „Verräter“ Schreiber, Mayer u. s. w. haben diese Entwürdigung abgelehnt und lieber aufs Arbeiten verzichtet. Gestern nachmittag wollten sie zur letzten Hofzeit (5 – ½ 6 Uhr) hinuntergehn und warteten – 4–5 Mann - mit Stiefeln, Mützen, aufgeschlagenen Rockkragen vor dem Gitter, bis es geöffnet würde. Endlich – nachdem es längst 5 geschlagen hatte, machten wir die Aufseher aufmerksam, die uns bis dahin seelenruhig hatten warten sehn. Jetzt bekamen wir die Antwort: die Hofzeit von 5 – ½ 6 sei aufgehoben. Irgendeine Mitteilung war weder angeschlagen noch sonstwie erfolgt. Das war die Form der Eröffnung. Natürlich war die Absicht, es sollte jemand laut werden darauf; dann hätte man wieder zugreifen können. Wir beherrschten uns aber. Man lacht nur noch über dergleichen. – Toller ließ vor einiger Zeit anfragen, ob er nicht ein paar seiner Kartons (das Packmaterial wird uns ja bei Eintreffen von Paketen vorenthalten) bekommen könnte, um alte Zeitschriften verstauen zu können. Das wurde ihm abgeschlagen, und er gab darauf die Drucksachen der Verwaltung zur Verwahrung in seinen Kartons. Jetzt ersuchte er um Herausgabe einiger dieser Schriften, die er zur Arbeit brauche. Das Gesuch wurde abgelehnt. Die schikanöse Absicht ist offensichtlich. – Alle diese Dinge täglich zu notieren würde mich den dreifachen Raum in den Tagebüchern kosten. Aber die Häufung in den letzten Tagen (auch mir wurde gestern wieder Reitzes „Seefackel“ wegen „agitatorischen Inhalts“ zurückgehalten) merkt jeder und keiner zweifelt an der Absicht, für Kühlewein neue Argumente zu konstruieren. Ob das zur Zeit herumgetragene Gerücht, Wollenberg sei gestern in der Einzelhaft mißhandelt worden, auf Wahrheit beruht, will ich nicht entscheiden. Die Möglichkeit ist ja durch Fetsch schon mehrfach bewiesen worden. Aber die Hysteriker des Mittelgangs habe ich mir abgewöhnt als kompetente Quelle zu betrachten. – Sie betreiben ja übrigens die Kritik der Verwaltung nur im Nebenamt. Ihre Hauptaufgabe sehn sie darin, die eignen Mitgefangenen als Verräter zu überführen. Jetzt haben sie August Hagemeister „in der Reiß’n“. Nachdem sie erst kolportierten, er lasse aus dem Überfluß seiner Paketsendungen Fleisch und Wurst pfundweise verderben und schmeiße es dann auf dem Gang in den Müllkübel, von wo es sich arme hungernde proletarische Genossen wieder herausklauben, schreiten sie jetzt zur Offensive gegen die Frau. Die ist im Büro der Frauenhilfe tätig, und da man immer findet, daß man von dort zu wenig kriegt, (daß auch die Familien, besonders die der gefallenen Genossen und unsre Zuchthausbrüder berücksichtigt werden müssen, wird nicht anerkannt) soll jetzt der Umstand die Schuld tragen, daß die „bürgerlichen Damen“ – also Frau Hagemeister und ihre beiden Kolleginnen – monatlich 2100 Mark Gehalt einstecken (sie wissen immer sehr glaubhafte Detailziffern zu nennen, wie damals, wo ich ausgerechnet 38 000 Mark unterschlagen haben sollte). Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis die selbstlose aufopfernde Arbeit meiner Zenzl für die Russenhilfe (sie ist Vorsteherin der Nähstube in München) von diesen Jauchespritzen verschmiert wird. Sie haben ihre Verleumdungen allmählich derart übersteigert, daß sie nirgends mehr Glauben finden. Bei vielen bewirkt auch der Haftüberdruß, vereint mit den privaten Sorgen und Nöten, die Kritiklosigkeit in der Aufnahme und Weitergabe des bodenlosesten Blödsinns. Ich bin mit der Zeit sehr nachsichtig geworden; – allerdings auch sehr vorsichtig.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 31. Oktober 1921.

Über das Zustandekommen der „Regierung der Persönlichkeiten“ unter Wirth wird nachträglich eine interessante Einzelheit bekannt. Während der kritischen Tage erschien der General Seekt beim Reichspräsidenten Ebert und erklärte, das Militär verlange unbedingt das Verbleiben des Reichswehrministers Geßler auf seinem Posten. In der Tat erhielt dieser Herr von seiner „demokratischen“ Partei die Ausnahmeerlaubnis, in diesem Kabinett zu bleiben, und er blieb. Wenn eine Spur Charakter da wäre, hätte das Revolverknacken des Generals natürlich die Wirkung haben müssen, daß grade dieser Geßler unter keinen Umständen bleiben dürfte. Jetzt hat der sozialdemokratische Präsident mit seinen republikanischen Vertrauensmännern wieder mal bestätigt, daß auch jetzt noch zuerst die monarchistischen Generäle kommandieren; – danach kann man dann republikanisch sein. Geßler ist ja danach, daß die Anhänglichkeit der Säbelträger an ihn begreiflich ist. Wäre nicht Noske sein Vorgänger gewesen, dann würde wohl dem seither etwas stilleren aber nicht weniger intensiven Treiben der Royalisten in der Reichswehr etwas mehr Beachtung gewidmet werden, als bei den Arbeitern geschieht. – Besondere Neuigkeiten habe ich heute in den Blättern nicht gefunden. Doch hat Wirth, wie es scheint, in diesen Tagen einen neuen Stoß auszuhalten. Es soll eine gemeinsame Note des Botschafterrats an Deutschland bevorstehn, worin mitgeteilt wird, daß die „Rechtsverwahrung“, mit der die Ernennung des Bevollmächtigten zu den Verhandlungen mit Polen (ihr Vorsitzender ist Schiffer!!) vor sich ging, von den Mächten als nicht geschehn ignoriert werde, da Deutschland keine Kritik zu üben, sondern zu erfüllen habe. Ferner heißt es, die militärischen Sanktionen sollen solange in Kraft bleiben, bis die nächste Goldmilliarde, von der die Hälfte im Januar fällig ist, bezahlt sei. Da hingegen die Stinnesleute, um Wirth zu ängstigen, keine Devisen beschaffen, will man Aufschub erbitten: was dann natürlich wieder den Druck verschärfen muß. Auch von der bayerischen Seite her bedrängt man die Reichsleitung. Heim hat auf dem Landestag der Bayerischen Volkspartei sehr gejammert und geweint, wenn ein Mann wie Radbruch in die Regierung kommt, dann sehe er einen Radbruch nahe voraus. Natürlich: die Justiz ist – außer dem Militär – der sicherste Halt der Reaktion. Wird da ernstlich durchgegriffen, dann bekommt die bisherige Politik einen heillosen Knacks. Man wird also dem neuen Exponenten dieses Ressorts die Knüppel zwischen die Füße schmeißen, die in Deutschland noch immer jeden sachlichen Kampf ersetzt haben: persönliche Verunglimpfung, und ich bin neugierig, wann man Radbruch seine Freundschaft mit mir aufmutzen oder ihm gleich die politische Abhängigkeit von mir beweisen wird. Da die Verwaltung hier über die persönlichen Beziehungen zwischen uns unterrichtet ist, zweifle ich nicht, daß der Weg an die Öffentlichkeit schon gebahnt ist. – Es scheint überhaupt, als sollte Radbruch sozusagen den Mittelpunkt des politischen Streits abgeben. In der Linkspresse – mit Einschluß der Roten Fahne – wird ihm Vorschußlorbeer bewilligt wie noch keinem Minister. Ob das politisch klug ist glaube ich schwerlich. Das Sonderbarste ist, daß die neue Regierung – wenigstens im Reichstag – überhaupt keine linke Opposition zu fürchten hat. Zwar haben sich die „Vereinigten Kommunisten“, die sogar zum Beweis ihrer vollständigen Vereinigung wieder den bloßen Namen KPD angenommen haben, nun ganz veruneinigt, und im Reichstag hat sich von den 26 Fraktionsmitgliedern unter Levi eine Sezession von 8 Mann – darunter Däumig, Adolf Hoffmann etc – abgespalten, die sich „Kommunistische Arbeitsgemeinschaft“ nennt. Aber der prinzipielle Unterschied zwischen den Richtungen ist für den Außenstehenden kaum zu erkennen. Die „Kommunisten“, die – wie sie später selbst zugaben – mit der Empfehlung „loyaler Opposition“ der „rein sozialistischen“ Regierung gegenüber, die sie nach dem Kapputsch haben wollten, in den Sumpf gerieten, sind inzwischen solchen „rein sozialistischen“ Regierungen gegenüber – z. B. in Thüringen – bis zur loyalen Unterstützung gediehen und üben praktisch jetzt schon die loyale Halbunterstützung im Reiche selbst sogar der bürgerlichen Regierung Wirth gegenüber. Es ist weit gekommen mit den „bewußtesten“ Vormännern der Revolution! Aber diese Entwicklung ist ganz selbstverständlich für eine Partei, die darauf angewiesen ist, Massen an sich zu ziehn. Sie bekommt Massenzulauf nur durch Entgegenkommen an Masseninstinkte, muß also schon vom Prinzip abweichen in der Werbung. Dann hat sie die schwankenden Gestalten als Majorität in den eignen Reihen, - und die Majorität bestimmt ja nicht bloß die Taktik sondern auch die Grundsätze. Daß die demnach immer opportunistischer werden, ist danach nur selbstverständlich; zumal Rußland leider dauernd das Beispiel gibt, daß man auch anders kann. Hier ist der dunkelste Punkt in dieser dunkeln Zeit. – Ich persönlich wundre mich über nichts mehr, was „Kommunisten“ heutzutage noch kommunistisch nennen. Seinerzeit, als die Sauber und Olschewski vor dem neuen Kerkermeister ihre Mütze bis in den Dreck zogen, sollten wir das ja schon als „kommunistischen Anstand“ begreifen. Jetzt hat Ertl diese Anstandslehre ins wahrhaft Phantastische hinein fortentwickelt. Vor einigen Tagen ließ ein Aufseher sein Schlüsselbund fallen. Der große Kommunist sprang hinzu und hob die Schlüssel höflich auf, mit denen er selbst eingeschlossen wird. Worin unterscheidet sich so ein Mensch noch von dem Foxterrier, der seinem Herrn wedelnd die Hundepeitsche apportiert, mit der er in Räson gehalten wird? – Dieser Musterkommunist, der mit uns den Verkehr abbrach, weil wir ihm nicht charaktervoll genug sind, grüßt jeden Aufseher zuerst und tritt beim Arzt in soldatischer Rapporthaltung ein – Hacken zusammen, Hände an der Hosennaht. – Da ich grade bei unsern Hauskommunisten bin: seinerzeit – im Juni – lösten sie ohne Beschluß die Kantine auf und zahlten uns „Verrätern“ die Einlage heraus. Vorher hatten wir mehrfach scharfe Auseinandersetzungen hauptsächlich mit Elbert, der von Wiedenmann und Sauber assistiert wurde, da er sich auf den Standpunkt stellte, an den Überschüssen dürften nur die Inhaber von Kapitalseinlagen profitieren, wogegen ich mich damals mit der äußersten Schärfe wandte, unterstützt von Schreiber, Günther, und manchen von denen, die heute mit ihnen gegen uns halten. Jetzt haben sie die Kantine wieder aufgelöst und diesmal tatsächlich die Überschüsse nicht an die Gesamtkundschaft sondern nur an sozusagen Aktionäre verteilt. Mit andern Worten: die armen Proletarier, die auf die 20 Mark von der Frauenhilfe monatlich angewiesen sind, tragen das Geld in die Kantine, die ihnen das Zeug mit eignem Nutzen verkauft. Den Nutzen aber schieben die paar Leute in die Tasche, die in der Lage waren, aus eignem Besitz dem Unternehmen das Nötige zum Einkauf vorzuschießen: also regelrechter Unternehmerprofit auf Kosten der Konsumenten, der armen Genossen, die die Zinsen aufbringen müssen. Kommunisten von 1921!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 1. November 1921.

Allerheiligen. Es sind, da Herr Hoffmann hier die Sonn- und Feiertagsruhe im Zeitungslesen eingeführt hat, keine Presseneuigkeiten seit gestern zu verzeichnen. Dagegen ist aus dem Hause nachzutragen: vorgestern schon kam Walter aus der Einzelhaft herauf; Wollenberg und Schiff, die noch unten sind, sollen im Hungerstreik stehn. Die Gründe weiß ich nicht. Vielleicht hängt es mit den Mißhandlungen zusammen, denen Wollenberg ausgesetzt gewesen sein soll. Natürlich ist der Hungerstreik – besonders, wenn ihn nur 2 Gefangene unternehmen, ohne daß die übrigen genaues wissen und ohne daß zumal nach außen die nötigen Mitteilungen dringen können, die den Demonstrationscharakter erst verbürgen würden, ein kompletter Unsinn. Aber diesen aufgeregten Leuten ist der Erfolg der Breslauer Genossen in die Glieder gefahren, die in der Tat durch Hungern ihre Befreiung bewirkt haben. Aber Bayern ist – auch unter Lerchenfeld – die Domäne barbarischer Willkür, selbst noch im Vergleich zu Schlesien; und außerdem ist bei uns in der Anstalt der Hungerstreik leider durch viel zu unüberlegte Anwendung um allen Kredit und somit um alle Wirkungskraft gebracht worden. Hoffentlich werden die beiden Jungs noch gescheit, ehe sie sich kaput gemacht haben. Heute ist nun der 1. November, bis zu dem meine Prophezeiungen erfüllt sein sollten: ich hatte im April diesen Termin gestellt. Aber das Prophezeien ist eine brenzliche Sache. Zwar ist sachlich ungefähr alles eingetroffen, was ich voraussah, nur habe ich regelmäßig die Daten zu früh angesetzt. Der Mittelgang glaubt jetzt einen großen Trumpf gegen mich in der Karte zu haben, und schon ist mir ein Urteil eines Entrüsteten zugetragen worden: Mühsam demoralisiert mit seinem Amnestiegeschwätz das ganze Haus. Selbst angenommen, ich solle in allen Kombinationen Unrecht gehabt haben, so bezweifle ich doch entschieden, daß dadurch jemand „demoralisiert“ werden kann, daß er sich falsche Hoffnungen macht. Vorfreude ist ein Glück, das einem nie wieder weggenommen werden kann. Das Prinzip, immer nur Pessimismus auszusäen, damit Enttäuschungen vermieden werden, scheint mir völlig verkehrt. Warum denn die Bitterkeit zum Dauerzustand der Seele machen? Enttäuschung ist nicht das Ärgste; sie bewirkt akute Wut, die ganz gewiß gesünder ist, als chronische Vergrämtheit. Übrigens glaube ich fester als je, daß meine Prophezeiung nur wieder den Termin, nicht aber die Sache verfehlt hat. Es sprechen zahllose Anzeichen für nahe bevorstehende Wandlungen großen Kalibers. Vor einigen Tagen wurden Bedacht (5 Jahre) Ernst Ringelmann (6 Jahre) und Hartig (7 Jahre) benachrichtigt, es sei von draußen ein Bewährungsfristgesuch für sie eingereicht worden, und sie wurden gefragt, ob sie sich dem anschließen wollten. Von wem das Gesuch ausgegangen ist, erfuhren sie nicht. Heute wiederholte sich der gleiche Vorgang – und zwar bei unserm Seppl. Wir glauben alle nicht, daß für alle diese Leute wirklich unbekannte Gönner in Aktion getreten wären, die die Beteiligten von ihrem Vorgehn – in soviel Fällen! – ohne jede Kenntnis gelassen hätten. Vielmehr vermuten wir, daß man mit möglichst wenig Aufheben möglichst schnell möglichst viele Festungsgefangene entlassen möchte, um vor dem Landtag die Angriffe Niekischs mit einem Bündel mildtätiger Werke parieren zu können. Überdies wird man dem sicher bevorstehenden Drängen des Reichs schon irgendwelche Scheinleistung entgegenstellen wollen. Ich glaube freilich nicht, daß sie jetzt noch mit solchen Mätzchen viel erreichen werden. Übermorgen tritt der Reichstag nun zur Aufnahme der Dauersitzungen zusammen, – und da mag womöglich schon zu unsern Gunsten etwas geschehen sein, ehe der bayerische Landtag – am 8ten – überhaupt beisammen ist. Ohne mich der Illusion hinzugeben, daß mir selbst schon in allernächster Zeit die Freiheit winkt, sehe ich diese Möglichkeit immerhin als größer an, als die, daß garnichts geschehn sollte. Schon ist ein neuer Umstand eingetreten, der außerordentlich allarmierend wirkt und Radbruchs Tätigkeit sehr befeuern muß, will er sich nicht die ganze Arbeiterschaft mit der Wut der Enttäuschung zu Gegnern machen. Die „verfolgten“ Kappisten leugnen trotz der Beteuerung der Behörden entschieden ab, daß sie sich erst vor wenigen Tagen zur Verhandlung freies Geleit ausbedungen hätten. Erhardt erläßt eine Erklärung, worin er höchst unbefangen meint, die Behauptung sei wohl nur aufgestellt worden, um den Prozeß gegen Jagow, Wangenheim und Schiele unter irgendeinem Vorwand zu verschieben. Jetzt, wo man gegen ihn und seine Kameraden „Kopfprämien“ ausgesetzt habe, sei nicht daran zu denken, daß sie sich stellen würden. Hübsch ist, daß Erhardt bei dieser Gelegenheit – übrigens mit vollem Recht – auf die großen praktischen Erfolge des Kappunternehmens pocht, unter denen er ausdrücklich auch „die Beseitigung der bayerischen Regierung Hoffmann“ hervorhebt. Nun kommt aber das Schönste: die Nachricht, daß der kürzlich verhaftete Herr Egon Schiele gegen Stellung einer Kaution von 100.000 Mark wieder auf freien Fuß gesetzt ist. Der Reichsanwalt erklärt, er habe es nicht veranlaßt, aber es könne sein, daß die Tatsache stimme. Das ist prächtig: auf der einen Seite setzt man Geldsummen aus, um die Kerle zu kriegen, auf der andern nimmt man Geldsummen an, womit sie sich wieder freikaufen. Unmittelbar vor dem Zusammentritt des Reichstags ist das in Verbindung mit den Aufdeckungen der Sipogreuel in Mitteldeutschland und der Besprechung der schandbaren Klassenjustiz gegen proletarische Rebellen ein saftiger Brocken, und Radbruch wird zeigen können, ob er robust genug ist, um seinen Absichten die praktische Verwirklichung zu sichern. Hauspersonalia: heute früh ist Heinrich Mayer – auf Bewährungsfrist – gegangen, der „Schreiner Mayer von Starnberg“. Ein guter braver Genosse, unaufdringlich und dem Terror der Radaubrüder völlig abgeneigt. Er war einer der Begleiter Gustav Landauers auf der Todesfahrt von Starnberg nach Stadelheim und Augenzeuge der grauenvollen Brutalität, mit der dort die Offiziere und Weißgardisten den großen Mann empfingen. Mayer war noch dabei, wie Landauer von Schlägen und Stößen gequält zu Boden fiel. Die Schüsse hat er gehört, als er selbst schon ins Haus geführt war. – Die Tat ist völlig ungesühnt geblieben, Herr Graf Lerchenfeld aber legt 2½ Jahre später sein Bekenntnis zur bayerischen Christlichkeit ab, erklärt, daß alle Erzählungen von reaktionären Machenschaften in Bayern von Berlins Nachrichtenfabriken ausgehn und daß man die „Ruhestörer“ von links beileibe nicht aus dem sicheren Gewahrsam herauslassen dürfe. Wir wissen jetzt wenigstens, daß der Herr uns nicht gern die Lebensfreuden wieder erschließen wird. So wird er es ungern tun; um so süßer werden sie schmecken.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 2. November 1921.

3¼ Uhr. Durch die Unmenge Zeitungen, die heute nachträglich ankamen – und die alle noch keine entscheidenden Neuigkeiten enthalten – (ich nehme den Rücktritt der preußischen Regierung und den Ausfall der badischen Landtagswahlen weniger feierlich als andre) – komme ich erst über eine Stunde später als gewöhnlich an den Schreibtisch. Dort kann ich mir – trotz des schönen Herbstwetters – meine Zeit für 8 Tage bequemer einteilen als sonst: ich bin nämlich heute zur Strafe von einer Woche Hofentzug verdonnert worden. Und das ging so zu: gestern abend – ich saß bei Hagemeister in der Zelle – ertönte plötzlich der Ruf: ¾ 9 Uhr! – Man hatte, gemäß der üblich gewordenen Methode, uns neue Lieblichkeiten des Strafvollzugs durch ihre praktische Anwendung zur Kenntnis zu bringen, wieder darauf verzichtet, einen Anschlag an die erst unter Kraus angeschaffte und dann kaum je benutzte vergitterte Tafel zu machen oder uns in irgendeiner Form die Änderung anzukündigen. So war niemand vorbereitet zum Schlafengehn, alles wurde ohne Rücksicht von der Arbeit oder aus der Geselligkeit aufgeschreckt, und draußen auf dem Gang drängten die Aufseher – unter Führung eines gewissen Reiner, der scheinbar vor der Beförderung zum Oberwerkführer steht – schon in der bewährten Schutzmannsmanier die Genossen vor sich her in die Käfige, deren Gitter hinter ihnen geschlossen werden sollten. Die ganze Art war derartig tierbändigermäßig, daß ich in Wut kam und ein paar kräftige Bemerkungen über die widerliche Methode unsrer Behandlung machte. Reiner replizierte wie ein Pedell gegen einen Schuljungen und drohte mit Meldung. Auf meine Bemerkung: „Gut! Jetzt haben sie mich glücklich provoziert, jetzt können Sie mich getrost auch denunzieren!“ erwiderte er: „Ich denunziere niemand.“ Es wurde dann noch in drohendem Ton durch die Gitter verkündet, daß um 9 Uhr alles dunkel sein müsse – und es gab von allen Gängen auch im I. Stock, Proteste und Skandal. Daß man wie die Säuglinge um ¾ 9 einfach ins Bett geschickt wird, und dann auch die Kerzen löschen muß, die von Punkt 9 Uhr ab die Haussicherheit gefährden, während sie vorher, wenn die Elektrizität nicht funktioniert, keine Gefahr bilden, macht alle rebellisch – und bei den Auseinandersetzungen mit den Aufsehern, an denen sich außer mir und einigen von unserm Gang auch Olschewski, Ibel, Egensperger u. s. w. beteiligten, hatte man seit langer Zeit zum ersten Mal die Empfindung, als ob sich gegen die Verwaltung wieder eine Art „Einheitsfront“ gebildet hätte. – Heute früh beschied man mich ins Rapportzimmer, wo die Herren Hoffmann und Schmauser mich empfingen und mein Ankläger Reiner die Komparserie machte. Ich hätte diesen Mann laut Meldung „Denunziant und Verräter“ geschimpft, ob das stimme. Ich erklärte, daß man doch niemanden Verräter nennen werde, der garnichts mit einem zu tun habe und wiederholte, was ich gesagt hatte sowie die Antwort, er denunziere niemand. „Da hat er auch recht“, meinte der Staatsanwalt, und auf meinen verwunderten Hinweis, daß ich doch eben auf Anzeige dieses Beamten hier sitze: „Der Mann hat sie pflichtgemäß gemeldet, das ist keine Denunziation.“ Auf meine Proteste gegen die Überraschungstaktik in der Publikation neuer Strafverschärfungen ließ sich der Staatsanwalt überhaupt nicht ein, er habe sich bloß mit meiner Beleidigung des Aufsehers zu befassen. Ich erinnerte dann an meinen ersten Appell wegen der Lichtentziehung und begründete meine Aufregung damit, daß ich erst recht jetzt meinen Schlaf gefährdet sehe und mit dem Erstaunen darüber, daß immer noch neue Erschwerungen unsrer Festungshaft eintreten. Die Erregung wurde mir dann zugute gehalten, aber die Benennung der „pflichtgemäßen Meldung“ als Denunziation mit 8 Tagen Hofverbot gesühnt. Ich habe nun wenigstens eine unvergeßliche sprachliche Belehrung empfangen: kein Fremdwort, für das, was gut deutsch ausgedrückt werden kann; denn Fremdwort ist Beleidigung! – Der Stil der Strafvollstreckung hat sich also bisher nicht verändert, wofür auch das Beispiel zeugt, daß Adolf Schmidt heute eröffnet bekam, daß ein Brief seiner Frau wegen beleidigenden Inhalts (wahrscheinlich hat sie gemault, weil ihrem Gatten die augenärztliche Behandlung verweigert wird) sowie eine Postkarte beschlagnahmt wurde, deren Absender ihm trotz Frage nicht genannt wird. Dagegen läßt die Zeitungs- und Bücherzensur merklich nach. Ich erhielt in diesen Tagen wieder den „Syndikalist“, den „Freien Arbeiter“ und den „Allarm“ und vom Malik-Verlag allerhand Schriften, die unter Kraus bestimmt nicht ausgeliefert worden wären. Auch Gumbels mehrfach referierte Broschüre „Zwei Jahre Mord“ wird neuerdings durchgelassen. – Inzwischen arbeitet die bayerische Justizverwaltung mit Eifer und entschiedenem Raffinement an der Abwieglung der Stimmung, die man bisher durch die Behandlung der politischen Gefangenen erzeugt hat. Man will offenbar auch das Alleräußerste versuchen, um um eine Teil- oder gar Vollamnestie herumzukommen. Das will man dadurch erreichen, daß man auf dem Wege der Einzelbegnadigung noch vor dem Tage der Rechenschaft für besseres Wetter sorgen möchte. Außer dem Seppl hat man gestern noch Hörath (6 Jahre) und Tanzmeier (4Jahre) befragt, ob sie sich einem Bewährungsfristgesuch, das wieder von einer nicht erkennbaren Seite ausgegangen ist, anschließen wollen. Und heute hat sich das Gleiche sogar bei dem 10jährigen Blößl wiederholt, der darauf drang, den Antragsteller benannt zu wissen, worauf ihm gesagt wurde, das Justizministerium habe bei der Oberstaatsanwaltschaft angefragt. Vermutlich will man sich nun also von allen, die man glaubt, ohne Gefahr für Sicherheit, Ruhe und Ordnung herauslassen zu können, die Bitte und die Zusicherung des Wohlverhaltens verschaffen, um bei der Beratung von Niekischs Antrag im Landtag in der Pose des Wohltäters aus freier Initiative antreten zu können. Nicht dumm, – aber wahrscheinlich zu spät; es sei denn, daß man gleich so viele Gefangene auf diesem Wege entläßt, daß die Aktion einer umfassenden Teilamnestie gleichkommt. Das werden nun die nächsten Tage zeigen müssen. Denn daran zweifelt keiner mehr, daß in diesen Befragungen System und eine ganz bestimmte Absicht steckt: nämlich genau so weit entgegenzukommen, wie man irgend muß, um noch möglichst viel von der erprobten Praxis retten zu können. – Inzwischen arbeite aber auch ich weiter. Heut erhielt ich von Niekisch Antwort: er rate mir, dem Landtagspräsidium eine Abschrift meiner Eingabe an Lerchenfeld zuzustellen. Das wird heute geschehn. Eben habe ich diesen Begleittext geschrieben: [„]An das Präsidium des Bayerischen Landtags, z. H. Herrn Landtagspräsidenten Königbauer. Betr. Beilage 1879. Herr Präsident! Beiliegend übersende ich Ihnen in verschlossenem und versiegeltem Umschlag die Abschrift einer von mir am 9. Oktober 1921 an den Herrn Staatsminister der Justiz übersandten Eingabe, mit dem höfl. Ersuchen, sie als Material zum Antrag Niekisch – Beilage 1879 – sinnentsprechender Behandlung zuzuführen. N’feld d. 2. November 1921.     Erich Mühsam.“ Gleichzeitig damit wird eine Mitteilung darüber an Niekisch abgehn. – Am 5. November wird das tote Königspaar in München mit ungeheurem Prunk in der Frauenkirche beigesetzt. Von rechts und links wird also gleichzeitig noch einmal alle friedliche Energie entwickelt, um den Boden vorzubereiten, auf dem das Turnier früher oder später mit dem Aufwand minder friedlicher Energie ausgefochten werden muß. Für unsre Personen hier drinnen werden schon in den nächsten Tagen weitreichende Entscheidungen fallen. Ich bin auf alle Eventualitäten gefaßt.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 4. November 1921.

Keine wesentlichen Neuigkeiten. Gestern ist der Reichstag zusammengetreten; wann er sich mit Justizpolitik beschäftigen wird, weiß ich nicht. Möglicherweise kommt wirklich der Landtag mit seinen Bremsabsichten noch vorher dran. Allerlei Anfragen der Unabhängigen wegen der Geheim-Organisationen, den Mörderzentralen, der Pöhnerei und der Aktenverschleppungen aus dem Polizeipräsidium werden jawohl den Lerchenfeldwebeln einigen Schweiß austreiben, zumal grade Herr Lipinski, der unabhängige Innenminister Sachsens neue Enthüllungen über eine Schwesterorganisation der Escherichtung mit dem poetischen Namen „Die Brüder vom Stein“ in Sachsen ausgekramt hat, denen engste Beziehungen zu den Münchner konterrevolutionären Kreisen und zur Ehrhardt-Truppe nachgesagt werden. Das Netz zieht sich dicht zusammen um die Rechtsrebellen, die meiner Ansicht nach schleunigst losschlagen müßten, wollen sie nicht alle Chancen einbüßen. Vielleicht gibt ihnen morgen die Leichenfeier in München Anlaß zu mannhaften Taten. Nachdem der sozialdemokratische Oberbürgermeister von München Eduard Schmid einen feierlichen Nekrolog im Stadtrat gehalten hat, nachdem die Trauerbeflaggung aller Staatsgebäude dieser bemerkenswerten „Republik“ angeordnet ist, nachdem sogar festgestellt worden ist, daß die Beamten im Justizministerium regulär kontrolliert werden, ob sie zu Ehren des Königs und seiner Frau persönlich mitdemonstrieren wollen, – sind die Monarchisten ja einigermaßen gesichert gegen eine Behinderung ihrer Gefühle; und eine Andeutung der Neuen Zeitung, daß die Kommunisten mit dem Plan einer Gegendemonstration umgehn, wird im Miesbacher Anzeiger mit einem Artikel beantwortet, der schon in der Überschrift die deutliche Parole führt: „Bauern – die Dreschflegel zur Hand!“ – Bayerns großer Bruder ist ja seit 2½ Jahren Ungarn, und es wirkt gradezu symbolisch, daß man den toten Exfürsten aus diesem Lande holen mußte, um ihm die würdige Totenfeier zu veranstalten. Dort hat sich Karlchen eine böse Niederlage geholt. Zwar ist noch nicht recht zu erkennen, ob die „kleine Entente“ sich jetzt mit dieser Niederlage zufrieden geben wird. Aus Tschechien, Yugoslawien, Bulgarien, Albanien kommen immer neue Meldungen über Kriegsvorbereitungen (zugleich aber auch über großen Widerstand gegen die Ausmusterungen, besonders in Böhmen, der teils von deutschgesinnten Reaktionären, teils aber wohl auch von Kommunisten ausgeht). Die Horthyregierung war krampfhaft bemüht, Karl zum Verzicht auf die Krone zu bewegen, wodurch man einer Verfassungsänderung aus dem Wege gegangen wäre. Aber der junge Mann – vermutlich aber wohl seine liebe Zita – war zur Preisgabe seiner Gottesgnadenansprüche nicht zu haben: lieber sollen noch ein paar Hunderttausend Arbeiter und Bauern sich gegenseitig totschießen, als daß so ein Repräsentant überlebter Herrschaftsprinzipien seine „Rechte“ hergäbe. Nun ist die „große Entente“, die ihren kleinen Ableger um des Himmels Willen nicht wachsen sehn will, – in Aktion getreten und hat Ungarn ein Ultimatum gestellt, wonach es die Absetzung der Habsburger von Gesetzes wegen zu veranlassen hat. Die Horthyleute haben sich dieser Forderung unterworfen und dabei ein wahres Meisterstück reaktionärer Demagogie fertig gebracht. Die Habsburger werden als abgesetzt erklärt. Die pragmatische Sanktion, die uralte Thronfolger-Garantie der Habsburger wird aufgehoben. Dagegen wird nicht nur nicht von irgendwelcher republikanischen Staatsform gesprochen, sondern ganz offen erklärt, daß die „traditionelle Staatsform“ bleiben und nur vorübergehend außer Kraft gesetzt werden soll. Das ungarische Volk habe freie Hand, den Königsthron neu zu besetzen. Damit scheinen sich die Entente-Demokraten tatsächlich zufrieden zu geben, ihre kleine Schwester-Entente aber wird gezwungen, die Pille zu schlucken und sich mit den Entscheidungen von Venedig, die den Vertrag von Trianon zugunsten Ungarns und zuungunsten Österreichs umschmeißen, abzufinden. Allerdings kann bezweifelt werden, ob das Theaterstück damit zu Ende ist. Jedenfalls ist es für Bayern ein schöner Ansporn, es als Vorlage zu einer großen Oper zu benutzen. Geht somit die Konterrevolution mit langen Schritten ihren Zielen entgegen, so verliert die Revolution dafür Posten um Posten. Der Fall Rußland wird immer bedenklicher. Schon hat Lenin in einer Rede die Rückkehr zum Kapitalismus in aller Form als einzige Rettung für „Sowjet“-Rußland bezeichnet, und zwar in der Form, daß er die internationalen Finanzkonsortien direkt zur Ausbeutung der russischen Naturkräfte einlädt. Er meint einfach, es sei jetzt an den Bauern, sich zu entscheiden, ob sie den Kapitalisten auch die politische Macht wiedergeben wollen oder nicht. Marxisten scheinen also auch anders zu können, als ewig Marx anzurufen. Sonst könnte sich Lenin aus seinen eignen Propheten die Kenntnis holen, daß die politische Machtausübung von den wirtschaftlichen Umständen abhängt. Zugleich erläßt Tschitscherin eine Note, worin Rußlands Vorkriegsschulden an die kapitalistischen Mächte – in diesem Fall England – unter gewissen Kautelen anerkannt werden. Die rückläufige Bewegung der sozialen Revolution in Rußland wird also immer sinnfälliger. Es ist klar, daß sie die Folge des Versagens des europäischen, speziell des deutschen, Proletariats ist. Aber dies Versagen besonders der Deutschen hat ihren Grund nicht zum kleinsten Teil in der verrückten Prinzipienformulierung der Moskauer Internationale, die mit den 21 Punkten jede rüstige Revolutionsbewegung unterbunden und das opportunistische Paktieren mit Massenfaulheit und Bourgeoisdemokratie zum Grundsatz erhoben hat. Alle Energie in dem – an sich unverzeihlich dummen – Hineinreden in die proletarische Bewegung Deutschlands wird gegen die „Kinderkrankheit“ des Radikalismus aufgewendet, und bei sich selbst haben die Bolschewiki nichts Besseres zu tun, als Anarchisten einzukerkern und gegen die rätekommunistischen ukrainischen Bauern Krieg zu führen. Die tiefere Ursache aller dieser Fehler liegt in der marxistischen Theorie selbst. Wenn ich frei werde, so bin ich entschlossen, meine Hauptkraft der Zerstörung des Aberglaubens an die Lehren von Marx zuzuwenden; auf die Gefahr hin, daß mein Bild von der Märtyrermauer des Kreml wieder entfernt wird und ich als „Konterrevolutionär“ geächtet werde. – In Berlin ist es der Kriminalpolizei dank der Aussetzung einer Prämie von 1 Million Pesetas (24 Millionen Papiermark) gelungen, zwei Mörder des spanischen Henkerministers Dato zu verhaften (während die Mörder von Gareis, Erzberger etc. etc. etc. absolut nicht erwischt werden können). Erfreulicherweise beabsichtigen die Kommunisten gegen die Auslieferung der revolutionären Genossen (es sind Syndikalisten) zu demonstrieren. Solche internationalen Solidaritätskundgebungen, wie sie auch die Protestaktionen des europäischen Proletariats gegen die Hinrichtung der amerikanischen Genossen Sacco und Vanzetti zeigen, die man – wie die Anarchisten 1887 und die Ettor und Giovannetti 1912 – wegen ihrer revolutionären Agitationstätigkeit einfach als Mörder zum Tode verurteilt hat, lassen einen doch noch nicht an allem verzweifeln. – Im Hause geht das stereotype Rätselraten über: Amnestie oder nicht oder in welchem Umfang? ununterbrochen weiter. Wenn’s auf die Absichten der bayerischen Behörden ankäme, wären alle Rätsel längst gelöst: heute ist der Genosse Schleussinger, dessen Strafe seit einem Jahr eine Unterbrechung erfahren hatte, zur Abbüßung des Restes wieder eingetroffen. Aber jetzt beginnt der Ringkampf zwischen Reich und Bayern. Wer ist stärker: Radbruch oder Lerchenfeld?

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 6. November 1921.

Keine Post, keine Zeitungen,- diese zur Regel erhobene Sonntagsruhe ist die einzige grundsätzliche Neuerung, die Herr Hoffmann bis jetzt eingeführt hat. Im übrigen habe ich den Eindruck von dem Mann, daß er selbst nicht bösartig ist und daß sein Bestreben sich darauf richtet, quieta non movere. Die Zensur funktioniert wesentlich liberaler als bisher: so ist auch mein Schreiben an das Landtagspräsidium ohne Umwege und ohne Beanstandung wegen der zugesiegelten Beilage prompt befördert worden. Auch meine Verurteilung zu Hofentzug ist ja ein Zeichen, daß da, wo Hoffmann nach persönlichen Entschließungen handelt, er nicht allein von der Absicht geleitet wird, zu schikanieren. Es ist seit Vollmanns Fortgang der erste Fall einer Disziplinierung ohne Absonderung: übrigens für mich peinlich genug, da meine Schlaffähigkeit durch die Entbehrung der Bewegung im Freien noch mehr als bisher beeinträchtigt ist. Im übrigen ist der Staatsanwalt viel im Garten zu sehn, wo er anscheinend eifrig und interessiert den Gemüsebau überwacht. Der korpulente Mann will sich sein Leben hier offenbar so bequem wie möglich gestalten, und überläßt deshalb Entscheidungen von irgendwelchem Belang seinem Vorgesetzten in Augsburg. Daher dauerte seinerzeit die Antwort auf meine Anträge über die Beleuchtung so lange, und mit der Ablehnung kam jedenfalls gleich die Anordnung, daß jeder Verstoß in dieser Richtung mit Einzelhaft zu ahnden sei: Wie ich höre, ist momentan Josef Schmid (Burglengenfeld) abgesondert, weil er nach 9 Uhr noch Licht gebrannt hat. Wo Kraus entscheidet, und wo überhaupt die alten Vollzugsorgane noch die Hand führen, prasseln die Niederträchtigkeiten immer noch hageldicht auf uns nieder. Nachdem vor kurzem die Bräute mehrerer Genossen zugelassen waren, fragte der Seppl an, ob er nun nicht auch die seinige wieder empfangen dürfe. Da er bis vor etwa 8 Tagen keine Antwort hatte, fragte er nochmals an und wurde vertröstet. Heute – für solche Freundlichkeiten wird auch die Sonntagsruhe unterbrochen – ward ihm der Bescheid: Abgelehnt. Gründe: die Verlobung wird von ihren Eltern nicht anerkannt und das junge Mädchen verkehrt nicht im Hause der zukünftigen Schwiegereltern! – Ich habe dem Sepp sogleich eine Beschwerde ans Justizministerium aufgesetzt, die vor allem die Volljährigkeit des Bräutigams betont und die Einmischung in seine Familienangelegenheiten angreift. Es ist schon haarsträubend: bei der Versagung von Entlassungen auf Bewährungsfrist wird dauernd betont, daß der Behörde Familienrücksichten ganz gleichgiltig sind und sie nur das Staatsinteresse im Auge hat. Wo man einen jungen Menschen aber quälen kann, dringt man in intimste Familienverhältnisse ein,- um die Entstehung neuer Familien zu verhindern! Natürlich regt sich der gute Junge wieder schwer auf, und ich fürchte törichte Auslassungen über die Geschichte in seinen Briefen, die ihm neue Ungelegenheiten zuziehn und ihn womöglich die baldige Freilassung kosten können. – Sollte meine Eingabe an Lerchenfeld ihre Absicht erreichen, daß eine Kommission zur Untersuchung der Zustände in Niederschönenfeld herkommt (und ignorieren kann man die Aktion nicht mehr, da Paulukum eben in der unabhängigen Presse seinen offenen Brief an den Ministerpräsidenten veröffentlicht hat, worin er ausdrücklich auf meine Schrift verweist), dann werde ich ihr alle diese kleinen und kleinlichen Mittel der Provokation besonders eindringlich schildern müssen. Besonders muß sie von der Gegensätzlichkeit des Verfahrens zwischen Bayern und dem Reich einerseits, zwischen Monarchisten und Sozialisten andrerseits überzeugt werden. Vor kurzem las man, daß der Oltwig v. Hirschfeld – nachdem er in Anbetracht der Erregung wegen des Erzbergermords von seinem fröhlichen Urlaub ins Gefängnis zurückgeholt werden mußte – neuerdings in klinische Behandlung genommen sei, – weil er an „Haftpsychose“ leide. Als ob es bei uns einen Einzigen gäbe, der nicht daran litte! Und als ob je einer von uns aus Gesundheitsgründen überhaupt haftunfähig erklärt oder wenigstens in leichtere Verhältnisse überführt würde! Der arme Bibs ist wirklich sehr krank. Seine Nerven machen ihm furchtbar zu tun, und oft muß man drei, viermal an einem Tag zum Sanitäter schicken, um ihm bei Anfällen, bei denen es ihn direkt hochwirft, die nötigste Hilfe zu schaffen. Aber nicht einmal die ihm verordnete Milch bekommt er ganz regelmäßig, und bleibt sie mal aus – einen um den andern Tag wird sie ihm ohnehin nur gegönnt – bekommt er keinen Ersatz dafür. Der Arzt ist völlig unempfänglich für Klagen irgendwelcher Art; allenfalls ein tüchtiger Bauerndoktor, hier drinnen wirkt er nur als Beamter. Untersuchungen durch Spezialisten hält er grundsätzlich für unnötig, Erkundigungen nach dem Verhalten ihm als nerven- oder geisteskrank bezeichneter Gefangenen ebenso. Anscheinend richtet er seine Praxis nach dem Grundsatz ein: hältst du’s aus, wirst du gesund; hältst du’s nicht aus, geh zu Grund! – Ich hoffe, bald Nachricht von München zu bekommen, welcher Ohrenspezialist für meine Behandlung in Frage kommt. Das Auspusten der Gehörgänge durch die Nase, daß der Arzt hier alle paar Tage vornimmt, ist völlig wirkungslos. Das Hörvermögen des rechten Ohrs nimmt weiterhin ab, und die Geräusche im Ohr nehmen zu. Ich gebe mich aber sehr wenig Hoffnungen hin, daß die Spezialbehandlung genehmigt wird. Vor allem weiß ich so gut wie sicher, daß der Doktor sich dagegen aussprechen wird. – Von der Politik heute nichts, da keine Zeitungsneuigkeiten für uns vorhanden sind. Der Landtag tritt übermorgen zusammen, und der Reichstag beschäftigt sich, ehe er an unsre Angelegenheiten herantritt, mit dem neuen Steuerentwurf des Herrn Hermes (Rezept: wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß). Nur noch eine kleine persönliche Notiz; die Registrierung einer Träne, die gestern auf einen Brief von Zenzl tropfte. Sie berichtet von der großartigen, einzig schönen Hilfsleistung für die Hungernden und Frierenden in Rußland. Sie selbst ist als Leiterin der Münchner Nähstube hervorragend und überaus erfolgreich für das Werk tätig. Kürzlich hat sie in einer Versammlung die Proletarierfrauen aufgerufen, ihre übrige Kinder- und Babywäsche herzugeben, und berichtet nun, wie die Frauen, die selbst hart genug zu ringen haben, um das Allerdringlichste herbeizuschaffen, heranschleppen, was sie können, und wie viel Solidarität und menschliche Liebe auch sonst im Volke sichtbar wird. So hat Schollenbruch ein ganzes Besteck für Geburtshilfe gespendet, und vor einigen Tagen erschien der alte Vater unseres Eglhofer und brachte die Militärstiefel seines toten Rudolf als sein Russenopfer. Als ich das las, gingen mir die Augen über. Wir brauchen nicht zu verzweifeln, wir müssen auch nicht alle unsre Zuversicht auf das weitere Sinken der Markvaluta (die am amerikanischen Dollar gemessen schon bei 245 angelangt ist) heften. Wir dürfen noch an ein internationales Klassengefühl glauben, das nicht auf nacktem materiellem Interesse ruht, sondern eine idealistische Basis in der Volksseele selbst hat. Der Gedanke, daß so, wie meine Zenzl in München arbeitet, tausende von Frauen in allen Ländern der Welt arbeiten, daß so wie dieser Vater eines gefallenen Revolutionärs hunderte von Hinterbliebenen der Opfer der Weltsache denken und handeln, – und daß Millionen arme arbeitende und sorgende Menschen, ungeachtet ihrer eigenen Nöte in allen Erdteilen für die Brüder in Rußland opfern, selbstlos und nur dem Ziele hingegeben,- dieser Gedanke scheucht alle Fragen zurück, ob all dies nützt, Millionen und Abermillionen zu retten. Hier ist die motorische Kraft der Hilfsbereitschaft groß genug, um wirksamer als alles Geld und aller materieller Wert, erlöschende Kräfte neu zu befeuern, träges Empfinden in aktives Tun zu verwandeln. Morgen ist der 7. November. Wir werden ihn ohne Heftigkeit begehn. Aber mein Vorschlag, daß wir alle demonstrativ unsre beste Kleidung anlegen wollen, findet allgemeine Zustimmung.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 8. November 1921.

Tage der Erinnerung! – Wir hatten, da natürlich eine gemeinsame Feier mit Leuten, die uns als Verräter, Schurken, Diebe, Hochstapler verleumden, nicht möglich ist, in Adolfs Zelle unsre kleine Privatfeier. Grade war von Ines Mai eine prachtvolle Kiste eingetroffen, sodaß wir schön belegtes Brot bei einer Flasche Bordeauxwein genießen konnten. Die festliche Kleidung tat das übrige, ein gehobenes Bewußtsein den ganzen Tag wachzuhalten. Als erfreuliche Überraschung ist zu notieren, daß die in den Werkstätten Arbeitenden ohne Ausnahme feierten. Die Verwaltung mischte sich nur einmal ein, als im Hof Männleins hübsches Lied von der Roten Armee gesungen wurde. Allerdings gab es auch zwei Arretierungen in Einzelhaft: Karpf und Olschewski. Die beiden haben einen Offenen Brief an Radbruch, den sie mit ihren vollen Namen unterzeichnet hatten, schwarz hinausbugsiert, und der muß jetzt erschienen sein. Eine schöne, tapfere Tat von den beiden, die mir – wenn sie wieder an mich herantreten sollten, die Aussöhnung sehr erleichtern würde. – Mir wurde eröffnet, daß ein Brief von Schollenbruch – vom 31. Oktober: also eine ganze Woche Laufzeit; die Entscheidung dürfte demnach vom Oberstaatsanwalt in Augsburg getroffen sein – nicht ausgehändigt werde. Auch die Einleitung: „Über den F. G. Mühsam wird verfügt“ ist Kraus-Produkt. Dann aber was Neues: die nicht zu beanstandenden Teile des Briefes durfte ich erfahren. Sie wurden mir von Fetsch aus dem Schrieb der Verwaltung vorgelesen und bestanden nur in allgemeinen Beteuerungen der treuen Gesinnung und einigen Worten über die Notwendigkeit, mein Ohrenleiden spezialärztlich behandeln zu lassen. Das übrige soll alles „beleidigend“ gewesen sein. – Kraus macht also in allem weiter wie bisher. Dafür zeugt auch eine von der „Bayerischen Volkspartei-Korrespondenz“ verbreitete Denunziation gegen Radbruch, dem sein Besuch in Niederschönenfeld aufgemutzt wird. Natürlich war er nur bei mir und Toller, um sich von uns Informationen über die bayerische Justizpflege einzuholen. Daß die Korrespondenz nur durch Diskretionsbruch der Festungsorgane zu ihrer Kenntnis gekommen sein kann, ist klar, und nach allen früheren Erfahrungen kaum verwunderlich. Radbruch kann sich ja, wenn er mag, wehren. Er wird dabei schwerlich verabsäumen, zuzugeben, daß er durch seinen Besuch hier wirklich über bayerische Justizgepflogenheiten gut informiert wurde, grade dadurch, daß jede Information bei den Gesprächen unterbunden wurde. Der Krieg zwischen Berlin und München in der Frage der politischen Inhaftierten hat also eingesetzt. Heute beginnen im Landtag die Verhandlungen. Ob die Anträge Niekischs schon gleich auf der Tagesordnung stehn, weiß ich nicht. Jedenfalls wird der deutsche Reichstag und der bayerische Landtag in diesen Tagen eine recht interessante Kontroverse über die Behandlung der Festungsgefangenen halten (wobei unsre Situation durch die Flucht Brandlers von Gollnow verschlechtert ist). Natürlich ist man draußen viel weniger mit dieser Angelegenheit beschäftigt als bei uns drinnen. Im Vordergrund der politischen Diskussion steht im Augenblick die Neubildung der preußischen Landesregierung, die nun die „große Koalition“ zur Tatsache werden ließ. Der Sozialdemokrat Otto Braun Präsident, Inneres und Handel in sozialdemokratischer Obhut, und Finanzen und Kultur(! die Schule!!) der deutschen Volkspartei (Nationalliberalen) überantwortet. Dazwischen Demokraten und Zentrum. Die Überbrückung der Klassengegensätze perfekt! Scheidemann und Stinnes endlich offiziell vereinigt! Ich begrüße diese Entwicklung sehr vergnügt und finde die Parole der Parteikommunisten, die mit fürchterlichem Pathos die Verhinderung einer „Stinneskoalition“ als höchste Aufgabe des Proletariats ausgeben, mehr als albern. Je weniger maskiert die kapitalistische Gesellschaft ihr Klassengesicht zeigt, umso besser fürs Proletariat und für die Aussichten der Revolution. Bayern hat keine derartigen Sorgen mehr. Die Regierung Lerchenfeld tut von sich aus nichts, was ihren reaktionären Charakter beeinträchtigen könnte. Die Beisetzungsfeier in München war eine grandiose, offiziell und offiziös geförderte Kundgebung für die monarchistische Staatsidee. So offen werden die dynastischen Pläne gefördert, daß man die Schulen schloß und ein Spalier von 40.000 Schulkindern aufstellte, an denen die toten Ehegatten vorbeifuhren. Herr Rupprecht aber erließ eine Proklamation, sozusagen an „sein“ Volk, die ohne jede Schminke auf den Anspruch auf die traditionellen Thronrechte hinausläuft, während der Kardinal Faulhaber in seiner Trauerrede in der Frauenkirche rückhaltslos sein – also das vatikanische – Bekenntnis zur Wittelsbacher Monarchie ablegte. 3 Jahre nach jenem 7. November! Was Eisner damals durch seine Halbheiten gegen rechts und sein Frontmachen gegen links gesündigt hat, das müssen wir bitter bezahlen. – Das Schicksal der spanischen Genossen, die man in Berlin gefangen hat, beschäftigt mich stark. Ich hoffe stark auf große proletarische Demonstrationen, um die Auslieferung an ihre Henker zu verhindern. Manchmal kann man ja tatsächlich wieder Hoffnungen fassen auf die Solidarität der Arbeiter. So wurde jetzt der langwierige Berliner Kellnerstreik dadurch zugunsten* der Streikenden zu Ende gebracht, daß die Arbeiter ganz Berlins mit dem Solidaritätsstreik drohten. Plötzlich verstanden sich die Unternehmer zu dem Schiedsgerichtsurteil, das ihnen noch am Tage zuvor unannehmbar schien. – In Ungarn hat man nun also mit der 1000jährigen Habsburgerei Schluß gemacht. Herr Horty hat freie Bahn – und heute ist der 18te Brumaire. Was wird übers Jahr sein? In Ungarn, in Deutschland, in Bayern, in Sowjet-Rußland? Und Niederschönenfeld? Wie und wo werde ich dann fragen müssen?

 

* Das war ein Irrtum. Die Gewerkschaftsbonzen haben wieder einmal die Arbeiter betrügen können.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 10. November 1921.

Im Hause: Gestern früh ist Rheinheimer entlassen worden, wieder ein 4jähriger. Er erfuhr sein Glück erst am Abend vorher. Es heißt, die Ludwigshafen-Oppauer Arbeiter haben die Freilassung Rheinheimers, der ihr Unabhängiger Stadtverordneter ist, bei Lerchenfelds Besuch in Oppau ultimativ verlangt und durchgesetzt. Ein wohlmeinender Schwachkopf. – Heute hat man Schwab in Einzelhaft gesetzt: warum, habe ich noch nicht erfahren. Sonst nichts Wesentliches, höchstens, daß uns durch Änderung der Hofzeit nachmittags (½ 3 – ½ 5) jetzt offiziell eine halbe Stunde frische Luft täglich abgezogen ist: natürlich wieder ohne jede schriftliche oder mündliche Vorankündigung. – Sonst interessiert die Hausgenossen am meisten Lerchenfelds Reise nach Berlin, die zuerst als ganz unpolitisch ausgegeben wurde, bis jetzt die Bayerische Volkspartei-Korrespondenz das Visier gelüftet hat. Neben andrer „Fühlungnahme“ (man möchte Bayern gern auch zur Bildung der „Großen Koalition“ bewegen, wie sie in Preußen und Württemberg jetzt gedacht ist und im Reich, wo man ebenfalls die Finanzen einem Stinneskommis geben möchte, wiedermal vorbereitet wird) soll der Bayer mit dem Reichsjustizminister reden und ihn davon überzeugen, daß sich Bayern absolut nicht in die Justizpflege hineinreden lasse und ganz besonders nicht daran denke, die Methoden der Behandlung der politischen Gefangenen im geringsten zu ändern. Der Kampf, der da um unsre Haut ausgekämpft werden soll, kann ja lustig werden. Radbruch wird außerordentliche Not haben, mit den Herrschaften in München, die ihm ihr unzweideutiges Mißtrauen aussprechen, fertig zu werden. Man droht schon wieder mit gespannten Beziehungen und es scheint, daß man alle Register ziehn will, um sich nicht darin stören zu lassen, Leute, die man seit 2½ Jahren in Fesseln hält und die man als schwarzen Mann fürs Volk braucht, zu quälen, wie es einem beliebt. Herauskommen wird natürlich ein faules Kompromiß, bei dem wohl Bayern in der Form und das Reich in der Sache Recht behalten wird. – In diesem Zusammenhang ist eine Rede interessant, die der betriebsame Müller-Meiningen in einer demokratischen Versammlung in Fürth gehalten hat. Der Mann möchte, coûte que coûte wieder, Minister werden und hat nun sein politisches Herz offenbart, d. h. bekannt, auf welchem Wege er sein Ziel zur Zeit für erreichbar hält. Im Gegensatz zu allem, was er bisher gesagt und getan hat, behauptet er, der bayerische Ausnahmezustand hätte längst aufgehoben gehört (er hat stets gegen die Aufhebung gestimmt). Die Reichsausnahmeverordnung sei aber erst recht überflüssig und müsse schleunigst verschwinden. Ein Putsch sei von keiner Seite mehr zu fürchten, und man müsse eine „Politik der Mitte“ treiben (so nennt man jetzt die organisierte Gesinnungslosigkeit). Da es immer wieder heißt, Lerchenfeld sei im Justizministerium nur Platzhalter, und Müller-Meiningen kandidiere wieder für das Ressort, so übersetze ich mir die Worte des Gschaftlhubers (der Volksmund nennt ihn „Pimperl Wichtig“), den seinerzeit seine eignen Gesinnungsgenossen wegen zu reaktionärer Amtswaltung vom Thrönchen gestoßen haben, so, daß er seine Beweglichkeit nach allen Seiten dokumentieren will. Seine Äußerung, man könne sich den Luxus einer reichsfeindlichen Politik nicht gestatten, unterstreicht noch kräftiger seine Gesinnungselastizität. Im ganzen sehe ich meine allgemeine Auffassung über das derzeitige Verhältnis zwischen Bayern und dem Reich durch all diese Dinge bestätigt und ziehe daraus trotz allem reaktionären Trompeten auch die notwendigen Schlüsse auf die Änderung in unsrer Lage. – Auf dem Gebiet der allgemeinen internationalen Politik gehts dauernd wild zu. Der unglaubliche Niederbruch der Markvaluta führt die größten Ängste der Siegerländer vor der deutschen Pleite herbei, und in Frankreich scheint man schon drauf und dran, sich für die Reparationsleistungen Pfände zu sichern ... Vielleicht denkt man an die Zwangsverwaltung der Eisenbahnen – etwa unter dem Vorwand, die strategischen Linien besetzen zu müssen -, und die Bemühungen der Großindustrie, die großen Verkehrsanstalten der Privatindustrie zuzuführen, mögen mit dergleichen Befürchtungen zusammenhängen. Zwischen Frankreich und England wird grade ein neuer Konflikt akut wegen des französisch-türkischen Angoravertrags, der wohl in England als eine Überschreitung der den Franzosen bei der Genfer Schiebung über Oberschlesien zugewiesenen Kompetenzen betrachtet wird. Einen rechten Einblick in diese Zusammenhänge habe ich bei der miserablen Information durch die Presse, die immer fertige Urteile – nach Interessengesichtspunkten -, aber nie eindeutige Tatsachen hinsetzt, noch nicht gewinnen können. Gleichzeitig geht wegen albanischer Dinge eine Kabbelei zwischen Serbien und Italien los. Allgemeine Räuberei, – aber in Washington setzen sich die Auguren zusammen, und verhandeln über die internationale Abrüstung der Staaten. Die pazifistischen Kinder in aller Welt erfreuen sich gegenwärtig der Sympathie der Erwachsenen, die ihre Singtexte geschäftlich vorzüglich brauchen können. Morgen aber demonstrieren diese Kinder überall mit Fähnchen, auf denen ihr neues Parolewort steht: Nie wieder Krieg! ... Aber den Staat wollen sie erhalten, – auch die Kommunisten, die sich in den Parlamenten eifrigst an seiner Verwaltung beteiligen. – Ich habe eine Entdeckung zu verzeichnen, nämlich ein Wort, in das ich glaube, die ganze politische Empfindungssumme unsrer Staatsbürger, besonders der deutschen, eingefangen zu haben: Parlamentalität.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 11. November 1921.

Alle Häupter sind gesenkt, und die Amnestieaktien sinken im Wert rapider als die deutsche Mark. Erst bekamen heute früh die Würzburger Antwort auf ihr ihnen abgerungenes Bewährungsfristgesuch: Abgelehnt. Bei Ernst Ringelmann wird das begründet: er sei einer der „Hauptführer“ in der Bewegung gewesen (in Wahrheit war er Zensor, hat diesen Posten einfach übertragen bekommen, ohne je eine Rede gehalten oder sich agitatorisch betätigt zu haben); habe erst einen kleinen Teil seiner Strafe abgebüßt (31 Monate!) und lasse durch seine jugendliche Urteilslosigkeit und „leidenschaftliche Einseitigkeit“ befürchten, er werde wieder Aufwiegler werden. (Die Festung soll also reiferes politisches Urteil und leidenschaftslose Vielseitigkeit erzeugen). Valtin Hartig wird seine gute Führung ausdrücklich bestätigt, aber seine „Heißblütigkeit“ berge die Gefahr in sich, seine Enthaftung werde dem Bayerischen „Freistaat“ gefährlich sein. Es ist nicht zu leugnen, daß diese Methoden die erziehliche Wirkung haben, die Kaltblütigkeit der Betroffenen auf die höchste Probe zu stellen. Es ist grotesk: Unbekannte reichen Gnadengesuche ein, die Behörden fragen bei den Beteiligten an, ob sie frei werden möchten, sodaß – bei der Massenhaftigkeit dieses seltenen Vorgangs der Verdacht überaus nahe liegt, die Behörde entlockt den Gefangenen Gnadengesuche, – und dann kommt die Ablehnung mit solch provozierenden Begründungen. Wahrhaftig: die Lehren, die wir aus unsrer Ehrenhaft mit hinausnehmen werden, sind garnicht zu bezahlen. Von selbst wäre keiner von uns so phantasiebegabt gewesen, derartige Neckereien gefangener politischer Gegner zu erfinden. – Diese Würzburger Verhöhnungen waren die Morgenüberraschung. Die Zeitungen sorgten dann mittags für die völlige Zertrümmerung schöner Hoffnungen (bei allen außer mir). Im Rechtsausschuß des Reichstags hat man über den kommunistischen Amnestieantrag beraten, und dabei hat Radbruch sich dagegen ausgesprochen, und zwar unter besonderer Betonung der Bedenklichkeit, vom Reich aus in die bayerischen Hoheitsrechte einzugreifen. Also die gleichen Argumente wie die Rechtsparteien und das Gegenteil von dem, was er vor einem Jahr bei Beratung des Amnestiegesetzes und was er vor 8 Wochen in Görlitz gesagt hat. Wem Gott ein Amt gibt, dem nimmt er auch den Verstand, – oder vielmehr die Überzeugung. Übrigens bin ich garnicht erstaunt: er stand da als Vertreter der Reichsregierung und kann keine andre Meinung äußern als die des gesamten Kabinetts, – und das ist beeinflußt von den Verhandlungen mit Lerchenfeld. Ich glaube heute noch wie gestern, daß Lerchenfeld bei diesen Verhandlungen ebenso große Zugeständnisse gemacht hat wie Radbruch und Wirth und daß bei der Behandlung der Niederschönenfelder Klagen im Reichstag wie im Landtag – nächste Woche – verkündet wird: das Reich kann sich nicht einmischen, aber Bayern ist von sich aus bereit, jedes Entgegenkommen zu beweisen; es wird die Einzelbegnadigungen in beschleunigtem Tempo durchführen, bis nur eine ganz kleine Zahl Rädelsführer in Haft ist und wird die Behandlung der politischen Gefangenen unverzüglich mit den Gesetzen in Einklang bringen. – Zunächst aber werde ich jetzt von allen Seiten sehr scheel angesehen wegen meiner Hoffnungsmacherei, – und weil Radbruch mein Freund ist. Hat er also Püffe auszuhalten gehabt wegen dieser Freundschaft, so hat er schon seine Revanche.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 12. November 1921

Abschrift: „An den Herrn Festungsvorstand. Vor einigen Wochen trug ich persönlich den Wunsch vor, mein Ohrenleiden von einem Spezialarzt behandeln zu lassen. Ich konnte erst jetzt die Adresse des Arztes in Erfahrung bringen, der bereit ist, eine Untersuchung hier in Niederschönenfeld vorzunehmen; es ist der Ohrenspezialist Herr Dr. Laubinger, München, Lindwurmstraße 71/I. Wie der Herr mir mitteilen läßt, kann er nur an einem Donnerstag kommen. Da die Behandlung des Leidens bisher ohne jeden Erfolg geblieben ist, da ferner die Diagnose des Herrn Bezirksarztes, auf die sich die Behandlung stützt, mit den Annahmen der drei Ärzte, die früher mit dem Fall befaßt waren, nicht übereinstimmt, ersuche ich um Zulassung des Herrn Dr. Laubinger zur spezialärztlichen Untersuchung an einem Donnerstag. Die entstehenden Kosten werden auf privatem Wege aufgebracht. N’feld, d. 12. Nov. 21   Erich Mühsam

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 13. November 1921.

Außer Ringelmann und Valtin Hartig hat inzwischen auch Bedacht die Ablehnung seines – ohne sein Zutun veranlaßtes – Bewährungsfristgesuches erhalten. Grund: schlechte Führung – 2 Monate Gefängnis, die er sich zur Zeit der Vollmannschen Prozeßoffensive zugezogen hat. Aber die Verhöhnung der Würzburger steht nicht allein: auch Tanzmaier, dem man auf die gleiche Weise sein Gesuch abrang, hat den gleichen Bescheid aus München erhalten: die Schwere der Verfehlung, die Zahl der Vorstrafen und – die schlechte Führung am Strafort geben den Vorwand ab. Tanzmaier schlechte Führung vorzuhalten, ist das Abenteuerlichste von allem. Der Mann – der seinerzeit mein Hörer in der Gruppe Tat war, dem aber trotz der kriminellen Vergangenheit das Standgericht die Uneigennützigkeit bei der politischen Straftat ausdrücklich bestätigt hat – führt sich hier beispielslos zahm auf, hat sogar – um am Ende etwas von der Strafe nachgelassen zu kriegen – mancherlei Dinge gemacht, die wir ihm als Genossen schwer übelnehmen durften (ich persönlich trage ihm nichts nach; er ist im Grunde ein braver Kerl und steht ganz unter dem Einfluß Murböcks), arbeitet im Schweiße seines Angesichts gegen schundige Entlöhnung und unter den entwürdigenden Umständen, die dabei zur Bedingung gemacht sind, für die Anstalt, kommt niemals in Konflikt mit der Verwaltung oder dem Personal, – tut nichts: schlechte Führung am Strafort! – Man macht die Zahmsten wild hier drinnen, – und das ist das Gute dabei: Wie wenig sich bis jetzt in Bayern geändert hat, dafür zwei neue Beweise. Gestern ist im ersten Stock wieder ein Mann einquartiert worden – seinen Namen weiß ich noch nicht -, der ebenso wie Schüpfinger „rückfällig“ geworden sein soll und daher den ihm früher geschenkten Rest der Festungsstrafe, deren ersten Teil er in Lichtenau hinter sich gebracht hat, nachexerzieren muß. Ferner: in München wurde dieser Tage der Genosse Max Schwaiger, der Bezirksleiter der KPD, neuerdings zu 1 Jahr 3 Monaten Festung verknallt, weil er zur Zeit der mitteldeutschen Unruhen ein Flugblatt verbreitet hat. Wie ich höre, wird er ebenfalls damit zum Nachsitzen verurteilt, da auch seine Freilassung aus der Festung auf Bewährungsfrist geschah. – Und trotz alledem habe ich noch nichts von meinen Ansichten über die notwendige Fortentwicklung der Dinge preisgegeben. Im Rechtsausschuß des Reichstags hat nach Radbruchs Bremsrede ein sozialdemokratischer Redner namens seiner Partei erklärt, „dem kommunistischen Antrag“ auf Amnestierung aller proletarischen politischen Gefangenen könne die Fraktion nicht zustimmen (man muß doch Hörsing, der alle Brutalitäten in Mitteldeutschland veranlaßt hat, decken), sollte jedoch ein Antrag kommen, der die Befreiung der bayerischen Räterepublikaner verlangt, dann würden die Sozialdemokraten dafür stimmen. Dieser Fraktionsbeschluß ist sicherlich nicht in Radbruchs Abwesenheit gefaßt worden, und ganz gewiß nicht gegen seinen Willen (wäre zwischen der Partei und ihrem Vertrauensmann im Kabinett eine Meinungsdifferenz in einer so prinzipiellen Frage wie der der Anerkennung der bayerischen Staatshoheit in dieser Sache gegenüber dem Standpunkt des Reichs, so würde der Minister doch sofort abtreten müssen). Ich glaube eher noch, daß sogar Radbruch selbst den Rat gegeben hat, die Partei möge gegen ihn stimmen, der als Vertreter der Regierung nicht nach seinem Herzen kann. Daß der angeregte Antrag im Plenum kommen wird, daran zweifle ich garnicht. Allerdings glaube ich nicht an seine Annahme, da schwerlich anzunehmen ist, daß auch die Herde der übrigen Minister so instruiert ist wie die sozialdemokratische. Was bei dem unappetitlichen Geschäft – es ist mir tief widerlich, einen so von Herzen anständigen Menschen wie Radbruch darin verstrickt zu sehn – herauskommen wird, ist ein faules Kompromiß: entweder beschließt der Reichstag in irgendeiner Form die Ausdehnung des Gesetzes vom August 1920 auf die Einzelländer, oder – was mir wahrscheinlicher vorkommt – der Vertreter Bayerns gibt dem Reichstag die bindende Zusicherung, daß die Bayern von sich aus für die politischen Gefangenen eine Teilamnestie (evtl. in der Form massenweiser Einzelbegnadigungen) und Erleichterungen des Strafvollzugs bis zur Übereinstimmung mit den Gesetzen durchführen würden. Ich hoffe nur, daß man in Berlin nicht vergißt, auch die Genossen in Straubing in das Werk einzubeziehen. Für mich stellt sich die Differenz zwischen Berlin und München keineswegs als grundsätzlich dar; ich sehe einfach eine taktische Meinungsverschiedenheit, die eigentlich auf psychologische Dinge zurückführt. Einig ist man in Nord und Süd darin, daß die ungeheure Steuerlast, die jetzt aufgebracht werden muß, dem arbeitenden Volk aufgepackt werden soll. Die Rede des Herrn Hermes über die Steuerpläne der Regierung sowie die Besetzung der Finanzministerposten in Preußen und Württemberg und die Vorbereitungen dazu im Reich durch Bevollmächtigte des Stinnes, lassen garkeinen Zweifel über diese Absichten. Die Erfassung der Sach- und Goldwerte wurde von Hermes mit keinem Wort erwähnt und soll mit allen Mitteln verhindert werden. Das Abkommen zwischen Loucheur und Rathenau in Wiesbaden stärkt überdies die Hoffnungen des Finanzkapitals, die staatlichen Verkehrsanstalten – Post und Eisenbahn – zur privaten Ausbeutung ausgeliefert zu bekommen; so muß denn die gesamte Politik auf diese Interessen hin arbeiten. In Bayern sagt man sich nun, die unglaubliche Zumutung ans Proletariat wird die Erregung unermeßlich steigern. Um sie niederzuhalten, muß man der Arbeiterschaft die Faust autoritärer Staatsmacht um die Kehle legen: dieser Standpunkt kam in Lerchenfelds Rede vor der Bayerischen Volkspartei zu deutlichem Ausdruck. Daher um Gotteswillen nirgends ein Nachlassen des politischen Drucks! Im Reich dagegen findet man, daß die Wirkungen der ökonomischen Peitsche, deren Schnur man auf den Rücken des Proletariats zielt, mit Zuckerbrot in der politischen Behandlung gemildert werden müssen. Das Reich hätte wohl für seine Auffassung das Beispiel Österreichs auf seiner Seite, wo die tollen wirtschaftlichen Verhältnisse durch das Ventil der republikanischen Staatspolitik, der Toleranz gegenüber dem Spiel mit einflußlosen Arbeiter- und Soldatenräten, der weitgehenden Schimpffreiheit etc. alle revolutionären Explosionsgase dauernd ausströmen lassen. Aber ich glaube, daß Bayern vom staatskapitalistischen Standpunkt doch eher recht hat. Die Österreicher haben garkeine wirkliche Revolution kennen gelernt, zum mindesten keine Konterrevolution. In Deutschland haben über 20.000 Proletarierleichen eine ungeheuer eindringliche Belehrung des Proletariats vollbracht, die Erkenntnis, daß das Profitinteresse der andern Klasse vor keinen Opfern haltmacht, und daß die unendliche Schraube der Auspressung nur durch unerbittlichen revolutionären Kampf gelockert und zerbrochen werden kann. Ich finde es daher auch konsequent von den bayerischen Kapitalswächtern, daß sie den Sozialdemokraten nachhaltig den Zutritt zur Regierung sperren, den sie hier heißer als irgendwo begehren, und obwohl – oder grade weil die bayerische Sozialdemokratie die korrupteste Bourgeoishure von allen ist. Man sagt sich mit Recht, daß die Auerochsen in der Regierung zwar durchaus nichts sabotieren würden, daß sie aber doch gelegentlich in Nebensächlichkeiten eine unbequeme Demonstrationspolitik entrieren könnten, um vor ihrem übrigen Rindvieh den imaginären Einfluß auf die Geschicke des Volkes real erscheinen zu lassen. In der Opposition aber leistet diese Kumpanei der Reaktion ganz andre Dienste. Denn das hat sich hundertmal gezeigt, daß ihre Opposition niemals über Fuchteleien mit dem Maulwerk hinauskommt, daß aber bei Aktivwerden der Massenwut allemal die Sozialdemokraten und Gewerkschafter die Bremser sind. Es ist klar, daß Bremsen im Glied wirksamer ist als von draußen her. Ich für meinen Teil fürchte auch die Sozi nur, wenn sie in der Opposition gegen die Regierung sind, da sie dann noch immer diejenigen, die mit ihnen Arm in Arm gehn, korrumpiert und betrogen haben. Sind sie aber selbst Regierer, präsentieren sie sich offen als die, die sie in Wirklichkeit sind. Ein Beispiel aus diesen Tagen. Augenblicklich ist ja die bayerische Sozialdemokratie stramm „oppositionell“. Wie ehrlich sie es meint, zeigt sich in dem Bericht der (von Auer redigierten) „Münchner Post“ über jene Sitzung des Rechtsausschusses des Reichstags. Aus diesem Bericht hat das Blatt jedes Wort gestrichen, das sich mit Bayerns politischen Gefangenen beschäftigt, ebenso Radbruchs Hinweis auf die bayerischen Hoheitsrechte wie die Ankündigung der Fraktion, sie würde für die Amnestierung der Räterepublikaner stimmen. Ich werde mich später mal der nützlichen Aufgabe unterziehn, aus diesen Tagebüchern die Beweise für das Totschweigesystem der bayerischen Sozialdemokratie gegenüber den Festungsgefangenen zu exzerpieren. Vielleicht würde eine Zusammenstellung des Materials nur über diesen einen Gegenstand doch manchem Arbeiter die Augen darüber öffnen, daß solange kein Schimmer einer Hoffnung auf Erlösung aus dem schauerlichen Dunkel dieser Zeit winkt, wie noch zukunftgläubige Sozialisten den egoistischen Lügen dieser Spekulanten und Seelenverschacherer glauben, dieser Gaukler, Mörder und Verräter, deren repräsentative Namen Ebert und Noske sind, und deren schäbigster Typ Erhard Auer heißt.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 14. November 1921.

Die Peiniger der bayerischen Festungsgefangenen hätten nun fast ihr Werk durch den Tod eines ihrer Opfer gekrönt. Vor einigen Tagen hörten wir kurz nach 9 Uhr – also nachdem schon alles dunkel war – vom I. Stock herauf lautes anklagendes Reden. Wir erkannten die Stimme Marschalls. Es handelte sich offenbar darum, daß der an Magenkrämpfen schwer leidende Mann, der sehr häufig noch abends Morfiumspritzen bekommt, wieder von schrecklichen Schmerzen gequält war, und daß sein Verlangen, den Sanitäter zu holen, nicht berücksichtigt wurde. Der Wortwechsel zwischen ihm und Fetsch, dessen brutale Kommandostimme wir unterscheiden konnten, dauerte ziemlich lange und wurde sehr heftig geführt. Solche Dinge sind keine Seltenheiten, und so enthalten meine Aufzeichnungen nicht viele dieser Szenen. Man legt sich danach ärgerlich wieder im Bett zurecht mit dem Gedanken, daß so ein armer Mensch jetzt gezwungen ist, mit seinen Schmerzen die Nacht zu überstehn, und daß die Erleichterung, die er sich auch nur durch das Anbrennen einer Kerze verschaffen könnte, mit Absonderung geahndet würde. Haftunfähigkeit, Haftunterbrechungen wegen Krankheit, sonstwelches Entgegenkommen gibt es nicht, da ja hier niemand auf einen adligen Namen hört oder Mordtaten gegen Revolutionäre ausgeführt oder versucht hat. – Ich dachte schon nicht mehr an den Vorgang, bis ich gestern erfuhr, was daraus nachher noch geworden ist. Am nächsten Morgen steckte man Marschall, da Fetsch sich von ihm beleidigt fühlte, in Einzelhaft. Auf dem Wege hinunter soll er – die genauen Details sind ja gewöhnlich etwas anders als sie berichtet werden – einen Brief in den Holzbriefkasten geworfen haben, an dem er vorbeikam. Da ein Aufseher aus irgendwelchem Grunde Verdacht schöpfte, öffnete er den Kasten außer der Zeit und fand darin einen Brief Marschalls an den Staatsanwalt mit dem Vermerk „Nach meinem Tode zu öffnen“. Der Brief wurde sofort der Verwaltung überbracht, dort geöffnet und gefunden, daß er letztwillige Verfügungen enthielt. Natürlich rannte man schleunigst in Marschalls Absonderungszelle und fand ihn dort schon mit durchschnittener Pulsader – wie es heißt bewußtlos – auf. Er wurde nun verbunden und sogleich aus der Einzelhaft herausgelassen. Törichterweise scheint man in der Freundesumgebung Marschalls den Fall totschweigen zu wollen, statt ihn zum Anlaß zu nehmen, die Öffentlichkeit gegen die fürchterlichen Methoden zu allarmieren, die den in Niederschönenfeld inhaftierten Politikern sogar das Leben selbst hassenswert machen. Das Thema „Ehrenhaft in Bayern“ muß solange das Gewissen aller Menschen erschüttern, die noch eins haben, bis ihre Phantasie an der Vorstellung dessen, was hier wirklich vorgeht, nicht mehr feige vorüberflüchten kann. Es scheint ja, als ob das Publikum zur Zeit wieder kräftiger als seit langem an uns erinnert wird. Heute wurden außer etlichen Arbeiterblättern, auch die nationalistische München-Augsburger-Abendzeitung und die Münchner Neuesten Nachrichten nicht ausgeliefert wegen Artikeln, die sich mit Festungsangelegenheiten befassen. Worum sie sich drehen, läßt sich aus einem offiziösen Dementi schließen, das alle Mitteilungen, wonach Lerchenfeld in Berlin über Justizdinge verhandelt hätte, als falsch zurückgewiesen werden. Es treffe keineswegs zu, daß etwaige Pläne Radbruchs, in die bayerische Justizpflege einzugreifen, erwähnt worden wären. Man scheint also über solche diskreten Verhandlungen, wie ich sie annehme, in Münchener Nationalistenkreisen Ta[t]sachen erfahren zu haben. Dementi bedeutet im Amtsdeutschen schon immer modifizierte Bestätigung. Da im bayerischen Landtag die Niekisch-Anträge schon am Mittwoch zur Besprechung kommen sollen,* kann man die Zeitungsschwätzereien wohl als strategisches Vorgeplänkel gegen uns bewerten. Selbstredend werden wir erst urteilen können, wenn auch der Reichstag öffentlich über diese Dinge hergeht, und da haben wir die ulkige – wenn auch geringe – Möglichkeit zu berücksichtigen, daß bei Annahme des von den Sozialdemokraten angekündigten Antrags wir Räterepublikaner ohne Ausnahme frei werden, während die kleinen Sünder aus dem Sprengstoffprozeß in Niederschönenfeld zurückbleiben. Sie würden uns hier drinnen nicht lange überleben, darum könnten wir uns mit einer solchen Lösung zufrieden geben. Jedenfalls wäre eine gesetzliche Amnestierung schon deswegen für uns unendlich wertvoller als die Zusicherung – ihre Ausführung vorausgesetzt – umfassender Einzelbegnadigungen, als die erste uns auch von den Haftkosten entbürdet, während im zweiten Fall der Staat unausgesetzt die Finger seiner Zwangsorgane in unserm pfändbaren Besitz hätte. Jedenfalls ist meine Zuversicht, daß die nächste Zeit schon durchgreifende Veränderungen in unser gekettetes Dasein bringen wird, bis heute noch völlig unerschüttert. Die ganz großen Politiker und allein echten Kommunisten freilich (über deren neueste Clownsprünge als Zentralexekutivkomitee eigner Prägung ich schonend hinweggehe) betrachten mich als Illusionenmacher und warnen die naiven Genossen mit diesem Argument, sodaß ich von etlichen Eseln schon gradezu für Radbruchs Versagen (das ja auch erst noch festgestellt werden muß) verantwortlich gemacht werde. Ich kann’s tragen. Heute verschwindet ein Mitgefangener aus dem Hause, der wohl draußen – vielleicht in Kompagnie mit Max Weber – den Lumpen Mühsam – immer mal wieder – entlarven wird: der Herr Hans Dosch. Er ist auf Bewährungsfrist entlassen worden. Hier zweifelt kaum einer, daß dieser sehr ehrenwerte Polizeipräsident der Räterepublik zu seinem Ressort zurückkehren wird, wenn auch wohl in etwas bescheidenerer und weniger sichtbarer Stellung – sogar nach Möglichkeit unsichtbarer. Ich gönne dem Mann sein Glück und bilde mir nicht ein, daß mit ihm die einzige Informationsquelle der Behörden unter den F. G. selbst versiegt ist. Ich habe sehr viel prominentere, rührigere und talentiertere Leute in Verdacht, recht aktiv und nicht ohne eigne Produktion von interessantem Material im Hause tätig zu sein. – Ich verzichte heute auf alle Betrachtungen zur politischen Situation und erwähne nur wieder eine Todesnachricht, die ich eben in der Zeitung fand: Marx Möller der teutonenbärtige Blauveilchenlyriker, ist gestorben. Auch einer, der meinen Weg vor bald 20 Jahren mal gekreuzt hat und der mich nur wegen seiner platten Auffassung vom Leben und allen wesentlichen Dingen verblüffte. Ich erinnere mich an seine Bemühungen, mich zur Anerkennung der herrlichen Lyrik einer der süßlichsten Dichterinnen jener Zeit, – wer war’s gleich? Sie wurde damals gern mit Anna Ritter und ähnlichen Gartenlaubenschmalzlerinnen genannt** – zu bewegen, indem er mir das greulichste Gesäusel aus deren Versen vorsalmte. Er hats, wie ich aus der Todesmeldung ersah, inzwischen bis zum Professor gebracht. Gott weiß, was der arme Mensch während der Kriegszeit an Begeisterung ausgeträufelt hat. Gott verzeihe ihm und hab ihn selig!

 

* stimmt nicht

** Nach vielem Nachdenken ist mir der Name in einer meiner häufigen schlaflosen Nächte eingefallen Es ist Frieda Schanz.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 16. November 1921.

Meine Beurteilung des offiziösen Dementis über Lerchenfelds Mission in Berlin ist überraschend schnell bestätigt worden. Gestern lasen wir nämlich einen zusammenfassenden Rechenschaftsbericht über die Reise, und da stand dann drin, daß Lerchenfeld selbstverständlich die Verbindung mit allen Reichsressorts aufgenommen hat, und im Einzelnen wird dann gleich seine Unterredung mit Radbruch erwähnt (in dem „dementierenden“ Bericht war nämlich nur behauptet, er habe mit Wirth nichts über Justiz und über Radbruchsche Pläne geredet. Wie man halt Dementis fabriziert). Bei dieser Unterredung also zwischen bayerischem und Reichs-Justizminister sei „die Sache der Niederschönenfelder Festungsgefangenen“ sowie die bayerischen Sondergerichte behandelt worden. Die Frage der Beseitigung der Volksgerichte sei bis zur Erledigung der Novelle zum Reichsgerichtsverfassungsgesetz zurückgestellt worden. – Alsdann begab sich der Ministerpräsident – -. Über das Was in der Sache der Niederschönenfelder Festungsgefangenen kein Wort. – Das Fehlen der Details darüber übersetze ich mir: was Lerchenfeld von Radbruch Positives erreicht hat, war die Vertagung der Reichsexekutive gegen die bayerischen Volksgerichte. Und das plakatiert er natürlich in seinem Bericht. Das Schweigen über den andern Punkt ist sehr beredt. Da hat sich Lerchenfeld jedenfalls zur Kapitulation gezwungen gesehn. Radbruch wird ihm den § 17 R. St. G. B. sehr nachdrücklich kommentiert und ihm erklärt haben, daß laut Reichsverfassung die Landesgesetze sich dem Reichsrecht zu unterwerfen haben. Er wird dementsprechende Zusicherungen zweifellos erhalten haben, und so bin ich nur noch darauf neugierig, ob nun in einigen Tagen der Herr Minister mit seinem Stabe in Person bei uns anrücken wird oder ob er einfach in Form einer Ministerialentschließung die Anwendung der Gesetze gegen uns verfügen wird. Hat die betreffende Unterredung etwa am 11. November stattgefunden, so hätte ja Frau Männlein mit ihrem astrologischen Glauben zunächst recht behalten, und wir müssen nun aufpassen, ob das Horoskop am 19ten (Samstag) wieder stimmt. Draußen gehn die Diskussionen über uns erregt weiter. Durch eine Unachtsamkeit der Zensur kam heute die Berliner „Freiheit“ mit dem Vorabdruck eines für die nächste Nummer der „Weltbühne“ bestimmten Artikels von Niekisch herein, der außerordentlich krasses Material über unsern Strafvollzug wirkungsvoll zusammenstellt. Lästig ist mir nur die tränenfeuchte Behandlung meiner persönlichen Fälle. „Der arme schwächliche Mühsam“, der in Einzelhaft kam und auf dem nackten Holz schlafen mußte, wird derart mitleiderregend hingewälzt, daß ich die unangenehme Empfindung habe, ich solle – wie Toller es für sich selbst ja systematisch tut – dem lieben Leser wieder mal als „Intellektueller“ und demnach vor den proletarischen Genossen erhöhter Dulder propagiert werden. – Bei dieser Gelegenheit gleich die weiteren Hausintermezzi: Heute ist Sauber in Einzelhaft gesteckt worden. Er soll ein draußen herausgegebenes Flugblatt, das die Befreiung der politischen Gefangenen fordert, mit unterzeichnet haben. Wie lange man die übrigen – Olschewski, Karpf, Schiff, Wollenberg, Schmid – noch unten behalten will, ist nicht abzusehn. Selbst unter Kraus war die Dauer der Einzelhaft nie so ausgedehnt worden, wie der neue Vorstand, dem Beispiel Vollmanns und Schröders folgend, es praktiziert. Zeitungsbeschlagnahmungen sind immer noch täglich an der Ordnung. Ich wurde heute von der Konfiskation des angeblich anarchistischen, de facto pazifistischen Organs des Wiener Schmalzdemagogen Pierre Ramus betroffen („Erkenntnis und Befreiung“). Gestern wurde ein Brief des Genossen August Merges, Braunschweig, zu den Akten genommen wegen „hetzerischen Inhalts“. Ich hatte ihn angefragt, wie die Wohn- und Lebensverhältnisse in Braunschweig sind, da ich für den Fall einer plötzlichen Änderung der Dinge stark mit dem Gedanken umgehe, mich dort anzusiedeln: Mitteldeutschland, mit ausgezeichneter revolutionärer Arbeiterschaft – grade dank Merges’ vorbildlicher Tätigkeit, besonders in den Novembertagen, – ferner Sitz der linken, von Moskau gelösten, aus der KAP ausgetretenen Unionisten, dabei, was Zenzls wegen wesentlich für mich ist, keine eigentliche Großstadt, die aber als ehemalige Residenz mir alle Kulturansprüche gewährt: und München ist mir verleidet und Zenzl ist damit einverstanden, daß wir nach dem Norden gehn. – Weiter im Haustext: während einesteils nicht die geringste Änderung wahrzunehmen ist – beispielsweise erhielt der Seppl ohne jede Begründung die Ablehnung seiner Beschwerde gegen die Nichtzulassung des Besuches seiner Marie -, gehn die Anfragen weiter, ob man sich dem Bewährungsfristgesuch eines Unbekannten anschließen wolle. Da hat der junge Genosse Rappl – ein Prachtkerl, der als Rotgardist nicht nur in Bayern, sondern nachher auch im Ruhrgebiet gekämpft hat – zuerst auf Drängen des Sekretärs unterzeichnet, dann aber seine Unterschrift mit der Begründung zurückgezogen, die höhnische Verwerfung derartiger von Unbekannten veranlaßten Gesuche bei 4 Genossen bewege ihn, sich einer derartigen Enttäuschung lieber nicht aussetzen zu wollen. Was für „Revolutionäre“ dagegen teilweise unter uns sind, zeigt die Unterschriftsverweigerung eines Mannes im I. Stock, der erklärte, er bleibe lieber hier, da er im Winter draußen keine Arbeit und keine Lebensmöglichkeit fände. Soll mich wundern, ob das nicht gegen uns ausgespielt wird, wenn die Dinge im Landtag zur Sprache kommen. Zum Glück ist der Betreffende Kriegsleutnant gewesen, und wir können replizieren, daß nur ein Bourgeois jede Erniedrigung auf sich nimmt, wenn er dadurch um Unterhaltssorgen herumkommt. Endlich ist ein typischer Fall von Bruch der Amtsverschwiegenheit zu vermerken. Als Schleussinger ankam, wurde er gefragt, ob er eine Braut habe. Der bejahte das mit dem Bemerken, daß seine Mutter nichts von diesem Verlöbnis wissen dürfe. Vor einigen Tagen überraschte ihn nun ein Brief seiner Mutter, in dem er empört darüber zur Rede gestellt wird, wie er sich ohne ihr Wissen verloben könne. – Das mag für heute genügen. Was über die Beziehungen der werten F. G. untereinander zu sagen wäre – und das ist nicht wenig – sei vertagt, bis das Gewitter, das sich wieder mal zusammenzieht, losbricht. – Die Welt draußen ist in so bewegtem Zustand, daß ich kaum weiß, wie ich neben der Niederschönenfelder Chronik auch nur oberflächlich zu allem Position gewinnen soll. In Washington berät man über die Weltabrüstung, wobei der Amerikaner Hughes überraschend weitgehende Vorschläge zur Einengung der Flottenbestände gemacht hat. Die Schacherei darüber ist im Gange, und die Japaner und Engländer suchen nach Möglichkeiten, den Plan unter begeisterter Zustimmung zu sabotieren. Bei uns in Deutschland hauen sich die „Sozialisten“ darüber, ob die „große Koalition“ in Preußen unter dem Sozialdemokraten Braun zusammenkommen durfte oder nicht. Man hat für die Posten des Finanz- und des Kultusministers zwei ausgesucht reaktionär-monarchistische Mitglieder der Deutschen Volkspartei hineingesetzt, sodaß es sogar einem Teil der Mehrheitler selbst zu dumm geworden ist und der Krach da ist, der sich hauptsächlich gegen den neuen Kultusminister Bölitz wendet, einen als Mucker bekannten Oberlehrer, dem also nun die preußische Schule überantwortet ist. Was von dem nationalliberalen Finanzminister (Richter) zu erwarten ist, zeigen die Vorschläge, mit denen die Großindustrie an die Reichsregierung herangetreten ist, und deren Erfüllung sozusagen erpresserisch als Bedingung gestellt wurde, damit das Kapital die Devisen zur Zahlung der Reparationsschuld beschafft. Man verlangt ungeniert die Auslieferung der Eisenbahnen zur Privatausnutzung und stellt dabei – glaubwürdig – die Behauptung auf, daß man durch die Möglichkeit, vielen tausenden von Beamten zu kündigen, bedeutend billiger wirtschaften könnte. Natürlich ein furchtbares Spektakel bei Gewerkschaften und Arbeitern überhaupt; damit diese Tausende nicht brotlos werden. Welche fabelhafte Illustration zu der ganzen Gegenwartswirtschaft, zu deren Rettung – unter Leitung von Sozialdemokraten – seit 3 Jahren die Ordnungskanaille gegen das Proletariat wütet. Der Staat als Arbeitgeber arbeitet so unpraktisch, daß er zum Betriebe der großen Verkehrseinrichtungen viele tausende von Kräften mehr verwendet als nötig sind, infolgedessen arbeitet er völlig unlukrativ, erzielt ungeheures Defizit, das durch wahnwitzige Steuern auf den Konsum gedeckt werden soll. Wenn private Schwerausbeuter die Geschichte in die Hand nähmen, so verpflichten sie sich, den Apparat zu lohnendem Funktionieren zu bringen, nur müßte dabei der Gesamtgewinn – also der ganze Preis, für den das ganze Volk von den Einrichtungen Gebrauch macht, in ihre Taschen fließen. Nicht dies ängstet aber dieses Volk, sondern die Aussicht, daß Tausende von Eisenbahnarbeitern- und Angestellten brotlos würden, – obwohl Deutschland nichts braucht als arbeitende Hände, um für das Volk die einfache Existenzmöglichkeit zu schaffen. Was also nach dem Verlust von über 2 Millionen im Kriege verloren gegangener Produktionskräfte noch da ist, muß – auf Kosten des Volksganzen – unproduktiv beschäftigt werden, weil das Profitinteresse der Kapitalisten ihre produktive Verwendung nicht erlaubt. In Deutschland fehlt das Nötigste auf dem Markt, und die Preise steigen ins Irrsinnige (ich habe eben für die Heimsendung eines Bücherpakets 17 Mk Gebühr zahlen müssen). Dabei hat Deutschland, verglichen mit den „Siegerländern“ relativ wenige Erwerbslose. Denn die Produktion überflüssiger Exportware nach dem durch die Valuta begünstigten Dumpingsystem bringt ungeheure Profite. Wer aber fürs eigne Land Nützliches schaffen könnte, kann nicht beschäftigt werden, was nicht hindert, daß das Kapital mit aller Macht auf die Verlängerung der Arbeitszeit zur noch besseren Ausnützung schlecht entlöhnter Arbeitskraft hinstrebt. – Das räuberische Attentat der Industriellen ist vorerst abgeschlagen: Nicht, weil die Regierer nein! sagen – die würden gegebenenfalls nachher auch ja sagen -, nicht weil die Arbeiter toben und fluchen – für deren Beruhigung gibt es ja Noskepillen -, sondern weil die Entente ihr Veto einlegt, in der richtigen Erkenntnis, daß durch die Transaktion der Verkehrsanstalten ein sehr schätzbares Pfändungsobjekt des deutschen Schuldners dem Zugriff des Gerichtsvollziehers entzogen würde. – Ich aber bin seit 31 Monaten hinter Schloß und Riegel, weil ich in solchen Zuständen nicht für alle Zeiten die Ruhe, die Ordnung und Sicherheit der Menschheit garantiert sehe.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 17. November 1921.

Einige Kleinigkeiten. Sandtner wurde ein Brief als „hetzerisch“ beschlagnahmt, in dem er sich über den toten König Ludwig III. ausließ: man möge den alten Herrn hochselig ruhen lassen. Majestätsbeleidigung darf man nicht mehr sagen, so geht’s unter der Maske hetzerisch! Eine feine Republik – dies Bayern. – Klingelhöfer hatte wegen des seit vielen Monaten bestehenden Besuchsverbots gegen seine Frau neuerlich Beschwerde erhoben und nun vom Justizministerium die Antwort erhalten, er könne beim Anstaltsvorstand die Zulassung neu beantragen. Er ließ sich deshalb zum Rapport melden. Über die Auseinandersetzung höre ich (von Dritten): Klingelhöfers Frage, ob die Frau wieder herein dürfe, beantwortete Hoffmann sehr barsch und schneidend kurz mit Ja!, wobei er zu verstehn gab, daß er damit die ganze Unterredung beendet wissen wolle, nachdem er sehr gegen seinen Wunsch auf höhere Weisung zugestimmt habe. Aber der Ehemann war noch nicht zufrieden und verlangte Auskunft, in welchen Formen die Überwachung vor sich gehn werde. Falls ein Polizeibeamter zwischen die Gatten gesetzt werde, verzichte er lieber auf ein Wiedersehn. Schmauser erklärte, das werde immer so gehandhabt, damit müsse auch Kl. sich abfinden. Als der was von Rücksicht auf Empfindungen sprach, fuhr ihm Hoffmann in die Parade: „Sie haben in der Räterepublik auch keine Rücksichten genommen.“ Leider war Klingelhöfer nicht schlagfertig genug, um das mit dem Hinweis darauf zu widerlegen, daß die Gruppierung bei dieser Unterredung – der Räterepublikaner als Gefangener, der Deutschnationale als Kerkermeister – nur deswegen nicht umgekehrt sei, weil die Räterepublikaner in den 3 Wochen, die vor diesen 2½ Jahre liegen, überall – selbst wo es ganz falsch war – Rücksichten genommen haben. Es ist jedenfalls wichtig, festzustellen, daß der Festungsvorstand politische Vergeltungsmotive für die Gesetzwidrigkeit des Strafvollzugs geltend macht. – Die Absonderung Saubers soll mit einem (von ihm und wie es heißt auch Wollenberg mitunterzeichneten) Flugblatt zusammenhängen, das sich an die Kriegsbeschädigten gewandt habe, sie an die Bewegung zugunsten der in Frankreich zurückgehaltenen deutschen Gefangenen erinnerte, und den Titel geführt habe: „Avignon in Deutschland“, womit Niederschönenfeld gemeint war. – Recht schön: solche Erinnerungen an die Außenwelt können grade jetzt garnicht genug kommen. Niekisch gibt ein Blatt heraus, das „Umschau“ heißt. Er soll darin, wie aus einer dem Zensor entwischten Nummer hervorgehe, mit der Veröffentlichung einer Denkschrift über die Ungesetzlichkeit des bayerischen Festungsvollzugs begonnen haben, in der er Müller-Meiningen als Lügner anprangert. Gut so. Ich rechne bestimmt damit, daß die reife Frucht ganz kurz vorm Abfallen ist. Bis Weihnachten, denke ich, werde ich Zenzl wieder in den Armen gehalten haben. – Daß man Toller ein Telegramm an seinen Anwalt nicht befördert hat, worin er den auffordert, seine Überstellung nach München zu dem von ihm (blödsinnigerweise) gegen den Redakteur des Miesbacher Anzeigers angestrengten Beleidigungsprozeß zu verlangen, ändert an meiner Auffassung vom bevorstehenden Wandel der Dinge nichts. Mich wundert nur die Dummheit des Zensors, mit solchem Eingriff Tollers Reklamebedürfnis neue höchst verwendbare Unterlagen zu schaffen. – Vom Zeitungsgemächel nur Weniges. Mich interessieren davon – ohne daß ich schon Revolutionsdonner darin vermute – am meisten die Symptome der neuen Krise, die in mächtigen Streikbewegungen, zum Teil aber auch in Hungerrevolten (Neu-Cölln) mit Plünderungen von Lebensmittelgeschäften und ähnlichem in Erscheinung tritt. Berechnungen ihrer Auswirkungen versage ich mir. Die verheerende Opportunitätspolitik der Parteikommunisten läßt für den Augenblick nichts erhoffen, was einer geschlossenen proletarischen Aktion nahekäme. Zwar schreit die „Rote Fahne“ in allen Tönen nach einer politischen „Einheitsfront“, – aber der Boden, auf dem sich das Proletariat einigen soll ist ganz der des kapitalistischen Staats; – der „Boden der Tatsachen“, wie ihn nun die Reaktion geschaffen hat. Wir politische Gefangene haben unsre Befreiung fürs erste höchstens von der Einsicht der Bourgeoisie und ganz gewiß nicht von einer Erhebung des Proletariats zu erhoffen. Die Marxisten – seit 50 Jahren die Totengräber jeder Revolution – haben das Grab geschaufelt für die deutsche proletarische Revolution; gelingt es nicht rechtzeitig, sie mitsamt ihrer Theorie hineinzustoßen, dann wird es ihnen gelingen, unsre Sehnsucht unter den Klängen eines Entwicklungs-Trauermarsches mit Resolutionen und Leitsätzen darin zu verschütten.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 19. November 1921.

Im Landtag hat die große Quasselei über den Staatshaushalt – wahrlich, ein Staats-Haushalt! – eingesetzt, bei welcher Gelegenheit alle Parlamentarierseelen sich aller Herzensqualen redenreich entledigen können. Der Kommunist Aenderl hat denn auch die Niederschönefelder Schweinerei erwähnt und die Behauptung Saubers, Kraus habe ihm gesagt: „Mit dem Landtagsabgeordneten Sauber werden wir ebenso fertig werden, wie wir mit Gareis fertig geworden sind“, zitiert. Stürmisches Hört! Hört! Lerchenfeld ruft dazwischen: [„]Unwahr! Völlig unwahr! Das will ich jetzt schon feststellen!“ Und Niekisch: „Es ist wahr, wird auf Eid genommen!“ – Änderl hat dann gefragt, ob man Kraus wegen Mitwisserschaft oder Mittäterschaft an der Ermordung Gareis’ verfolgen wird. Man wird nicht. – Heute bekamen wir nun die erste Fortsetzung dieser Debatte zu Gesicht. Lerchenfeld hat sich ins Zeug gelegt. Abgesehn von dem Fall Sauber: es ist überhaupt alles nicht wahr. Er sei ein Freund der Freiheit (aber nicht unsrer), und die Festungsgefangenen sind die Schuldigen, nicht die pflichttreuen Beamten à la Kraus, die nur in Abwehr stehn und sich „fortgesetzt“ als Henkersknechte, Mörder, Bluthunde etc. beschimpfen lassen müssen. Kurzum: der neue Herr hat genau dieselbe Trompete geblasen wie vorher Roth und Müller-Meiningen. Unschuldige Lämmer, der Kraus und alle seine Beamten; was die Festungsgefangenen sagen, Verleumdung und Lüge. Selbst Marschall wurde durch den Dreck gezogen, und sein Selbstmordversuch lächerlich gemacht. Dann hat Herr Held noch erklärt, daß sich Bayern vom Reich nicht an seine Justiz tippen lasse, – und nun soll also wohl Niekisch loslegen. Allem Anschein nach ist es wieder darauf abgesehn, alle Anträge auf Untersuchung der Dinge niederzustimmen und Gott einen guten Mann sein zu lassen, der sich in Niederschönenfeld von den Herren Kraus und Hoffmann vertreten läßt. Es kommt jetzt darauf an, wie Niekisch mit seiner Aufgabe fertig wird, vor allem, ob er den Grafen Arco illustrativ heranzuziehn wissen wird. Gestern war der Rechtsanwalt Hirschberg aus München hier, der – in Vertretung Loewenfelds – auch mit mir konferierte. Ich wüßte gern, ob bei Besuchen eines Anwalts in Landsberg auch ein Beamter (gestern wars Schmauser) zur Überwachung dabeisitzt und ob sich der Herr Graf und Mörder vor dem Besuch seines Rechtsbeistandes ebenfalls von Aufseherfingern den Leib abtasten lassen muß. – Natürlich ist heute im Hause ob der Lerchenfeldschen Rede wieder tiefe Niedergeschlagenheit, und ebenso natürlich wird morgen, wenn wir die Antwort Niekischs darauf werden lesen können, wieder helle Siegesstimmung sein. Das ist mal so bei den Politikern mit dem weiten Blick marxistischen Wesens. – Lerchenfeld hat schon erklärt, daß er die Taten der Krausköpfe nur als Abwehrmaßregeln gegen unsre Herausforderungen betrachte. Damit hat er auf der einen Seite schon die Unterschiede gegen die Behandlung Arcos juristisch begründet, auf der andern Seite aber – was unsre großen Kommunisten nicht merken – der unabwendbaren Remedur des Strafvollzugs eine Brücke gebaut. Übrigens wird man genügend Verstand in München haben, um zu wissen, daß die Maßnahmen des Reichs zu unsern Gunsten hauptsächlich davon abhängen werden, was man in Bayern in der Sache tut oder unterläßt. Ich habe bis jetzt in meinen Kalkulationen in dieser Sache nichts zu korrigieren, als höchstens wieder die Zeiten, bis zu denen sich was geändert haben wird. Inzwischen geht meine Offensive weiter. Zurzeit diktiere ich dem Seppl eine Eingabe ans Reichsjustizministerium, in der ich unter Darstellung der historischen Vorgänge, die zur Ausrufung der Räterepublik führten, beantrage, das Reichsgericht zu einer Nachprüfung der Frage zu veranlassen, ob die Rumpfregierung Hoffmann in Bamberg zu Recht bestand, ob es angesichts der labilen Verhältnisse überhaupt möglich war, gegen sie einen Hochverrat zu unternehmen, und ob sie berechtigt war den auf die Monarchie zugeschnittenen § 81 St. G. B. selbstätig zurecht zu stutzen und vor Erlaß einer definitiven Verfassung für sich in Anspruch zu nehmen. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, daß derartige Appelle an Behörden nur platonischen Charakter haben, aber ich finde, man soll keinen Versuch unterlassen, wenn er auch nur theoretisch die Möglichkeit zur Änderung unsres Loses enthält, und daß wir vor allem rechtzeitig Akten zu schaffen haben, die einmal als historisches, propagandistisches und – wenn unsre Zeit kommt – auch kriminalistisches Material Wert haben kann. Es scheint mir wichtig, dokumentarisch festzulegen, daß wir den ungeheuren Rechtsbruch, mit dem wir im Kerker gehalten werden, vollständig erkennen und daß keine Behörde und kein von uns Beschuldigter sich später damit rechtfertigen kann, daß er die wahren Verhältnisse nicht gekannt hätte. Wir werden einmal genötigt sein, revolutionäre Klassenjustiz zu treiben. Bei der Sentimentalität des deutschen Philisters wird es gut sein, für Unterlagen zu sorgen, die die Diktatur der Bourgeoisie unter Entrechtung des Proletariats und unter Verleugnung ihrer eignen Rechtsgrundsätze, wo es ihre „Belange“ forderten, beweisen werden. – Über die politischen Ereignisse ein andres Mal. Häusliches nur eine Richtigstellung: die Einzelhaft Saubers soll nun doch nichts mit dem Flugblatt zu tun haben. Er hat bloß nach 9 Uhr noch eine Kerze angezündet gehabt. Das genügt unter dem Regime Hoffmann schon zur Verhängung wochenlanger Gefängnisstrafe: „Abwehr!“

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 20. November 1921.

Ganz kurz. Nur zur Ergänzung des Vorigen: 2 Zeitungsmeldungen. In Lichtenburg (Sachsen) sind 124 Genossen in Hungerstreik getreten mit der Forderung der Freilassung; lauter Untersuchungsgefangene in der Mitteldeutschen Sache. Sie begründen ihre Aktion mit der unterschiedlichen Behandlung der Kappisten, die allesamt auf freiem Fuße sind. 30 von ihnen sollen schon das Bewußtsein verloren haben (was ich für eine Ente halte); aber es steht fest, daß alle möglichen Instanzen schon mit dem Fall beschäftigt sind: Gewerkschaften und Parteien, preußisches und Reichsjustizministerium, und während ich dies schreibe, wird sich wohl den Genossen das Kerkertor schon geöffnet haben. – Wie erfreulich ist diese tapfere Aktion, – und wie bitter müssen wir sie hier empfinden! Hier ist die Hungerstreikwaffe um alle Schärfe gebracht worden. Die Unentwegten haben damit sträflichen Unfug getrieben, und keine Behörde nimmt sie mehr ernst. Erst die wahnwitzige Demonstration der 17, zur ungeeignetsten Zeit, mit den albernsten und aussichtslosesten Forderungen unter Ausschließung aller andern Gefangenen. Dann die immer häufiger unternommenen Einzelaktionen von Wollenberg, Toller, Josef Schmid, die alle ganz ohne Wirkung waren und nach ein paar Tagen körperlicher Schwächung abgebrochen wurden. Man schämt sich in Grund und Boden, wenn man liest, wie anderswo – erst in Breslau und jetzt in Lichtenburg – solidarisch und konsequent gehungert wird, auf die Gefahr hin, das Mißlingen mit dem Tode zu büßen, wie es Genosse Lamp getan hat. Was für eine traurige Kumpanei sind diese „Radikalen“ hier, von deren Großspurigkeit Lerchenfeld seine Redereien gegen uns mästet. Dabei sind sie längst die Zahmsten im ganzen Haus und konzentrieren alle ihre Krachsucht auf Verdächtigungen und Beschmutzungen der eignen Genossen. Genug davon. – Der andre Fall, von dem zu reden ist, ist die Flucht des vor einigen Monaten verurteilten U-Bootleutnants Boldt aus dem Gefängnis. Radbruch hat kein glückliches Debut. Daß jetzt schon einer der unter Würgen und Drücken glimpflich verknackten Kriegsbeschuldigten auskneifen konnte, wird sehr wahrscheinlich diplomatische Folgen haben. Man wird sich in den Siegerländern nicht damit zufrieden geben, daß man einen Kerl, der auf Lazarettschiffe Torpedos abfeuerte, wehrlose hilflose Verwundete, denen eben der Leib kaputgeschossen war, denen grade Arm und Bein amputiert oder ihre Blindheit zum Bewußtsein gekommen war, in die Meerestiefen versenkte, gar in den Rettungsbooten, in die man sie auffischte, noch beschoß, – nach der Verurteilung zu 4 Jahren Gefängnis, die schon als Herausforderung empfunden wurde, auch noch nach ein paar Wochen überhaupt entwischen läßt. Ich bin überzeugt, daß jetzt die ganze Kriegsbeschuldigtenangelegenheit von neuem aufs Tapet gebracht werden wird, man wird die Auslieferung der Leute ins besetzte Gebiet verlangen, und die Nationalisten, die die Befreier ihrer Mordbrüder sein möchten, werden sie einem Gefängnis überliefern, wo sie sicher ihre Zeit ohne Abzug und ohne Erleichterungen werden absitzen müssen. Diese Nationalisten werden diese neue Schmach alsdann wieder den Republikanern anhängen, – und das liebliche Spiel, das uns nun 3 Jahre unterhält, wird eine neue Pointe erhalten. Radbruch aber wird den ersten Puff auszuhalten haben, – bitterer Weise wieder von links. Hoffentlich kommt er dadurch zur Einsicht, daß ein anständiger Mensch sich nicht mit dem Geschäft einlassen darf, in das er verstrickt worden ist. – Für uns hier drinnen sind alle diese Dinge vorteilhaft. Die Reichsregierung muß nun erst recht ihre republikanische Tendenz unterstreichen, und dazu wird ihr vielleicht doch der Antrag auf Amnestierung der bayerischen Räterepublikaner Gelegenheit geben, zumal die Begräbnisfeierlichkeiten in München, die hanebüchene Proklamation Rupprechts und deren Beschönigung als patriotisches Bekenntnis durch Lerchenfeld Wasser auf die antibayerischen Mühlen in Norddeutschland laufen lassen. – Von der Niederschönenfelder Folterkammer, deren beamtete Betreuer Lerchenfeld beweglich seines Mitleids versicherte, ist neu nur zu bemerken, daß gestern auch Ibel wieder in die Parterre-Filiale gesetzt worden ist. Er soll mit einem Aufseher zusammengerempelt sein. Diese Burschen provozieren wieder auffallend, offenbar, um die Drangsalierungen, die sie täglich neu gegen uns ersinnen, nachträglich als „Abwehr“ denunzieren zu können. Wenn die Akten von Niederschönenfeld einmal ans Licht gezogen werden, dann können sie, wie sie sind, jedem revolutionären Justiz-Beauftragten als Lehrbuch für die Behandlung politischer Gegner zum Studium übergeben werden.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 22. November 1921.

Weder gestern noch heute sind Zeitungen ausgegeben worden. Hätten wir nicht Erfahrungen, die soetwas harmlos erklären können – z. B., daß der Zensor mal einen blauen Montag gemacht hat -, dann wäre jeder phantasievolle Verdacht, der ausgesprochen wird, erwägenswert. Sonntag kam nämlich noch am Nachmittag Presse ins Haus, und seither sind die Amnestie-Aktien, die Samstag durch Lerchenfelds Landtagsrede unter Null gesunken waren, auf höchste Kurse emporgeschnellt. Dieses Wunder hat Radbruch bewirkt, der sich von einem Redakteur für die „Glocke“ hat ausfragen lassen. Da hat er denn sein Programm entwickelt und zugleich eine große Begnadigungsaktion angekündigt, dergestalt, daß zunächst sämtliche von Sondergerichten ausgesprochene Zuchthausstrafen nachgeprüft und alle „Mitläufer“ von Aufstandsbewegungen entlassen werden sollen. Alle übrigen Urteile sollen auf Antrag nachgeprüft werden, und diese Nachprüfungen sollen sich periodisch wiederholen, und zwar zum ersten Mal schon am 1. April 22. – Jetzt sehn wir also klarer, was das Ergebnis der Unterredung Lerchenfelds mit Radbruch war: Anerkennung der Staatshoheit, demnach kein Spezialgesetz gegen die Bayerische Regierung, dafür aber ein Reichsgesetz, um das kein Reservatrechtsbajuwar sich herumdrücken kann. Das Ausmisten scheint also endlich tatsächlich bevorzustehn. – Sehr anständig hat R. die Frage beantwortet, was er zu den Vorwürfen sage, die ihm wegen mir und Toller gemacht werden. Ich berichte nach dem, was mir Toller, der die „Glocke“ hat, erzählt hat: diese Anwürfe berühren ihn nicht, da[ß] er seinen Verkehr nicht in deutschnationalen Kreisen suche. Mit Mühsam sei er vom Katharineum in Lübeck her befreundet, und er werde ihm grade jetzt die Treue halten, Toller hat er dann anscheinend als „Dichter und Ethiker“ gepriesen. – Ich muß gleich ans Erledigen meiner Korrespondenzen gehn – habe lange dem Seppl diktiert -, daher nur noch das Haus-Übliche. Wollenberg und Jos. Schmid sind aus der Einzelhaft wieder heraus. Schmid erzählte mir, wie er zum Hungerstreik kam. Man hatte ihn wegen Kerzenbrennen zum Rapport gerufen, und er sollte eine Woche Hofentzug kriegen. Er benutzte die Gelegenheit der Aussprache, um seinen haarsträubenden Fall auszubreiten, daß er einfach von der Anwendung des Reichsamnestiegesetzes widerrechtlich ausgenommen wird. (Er wurde wegen Beteiligung an den Unruhen im Anschluß an die Kappgeschichte zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt und hat dies Jahr längst über die Verkündung der Amnestie hinaus im Nürnberger Zellengefängnis abgesessen. Dessenungeachtet hat ihn die bayerische Regierung danach noch zur Abbüßung seiner 15 Monate Festung wegen unsrer Räterevolution hierher geschleppt). Die Unterredung wurde ungemütlich, und Schmid vergaß sich und wurde grob, worauf er in Einzelhaft kam. Dort trat er mit der Forderung seiner Freilassung in den Hungerstreik, den er 8 Tage, ohne daß die Verwaltung oder der Arzt irgendwelches Interesse dran nahm, durchführte. Wir hier oben hatten keine Ahnung, wie die Sache liege, und daß Schmid diese unheimliche Zeit durchgefastet hat. Natürlich ist auch draußen nichts bekannt geworden, und so war die Protestaktion leider in jeder Hinsicht wirkungslos. Nur wissen wir jetzt sicher, daß man in Bayern einen Festungsgefangenen, der um sein Recht hungert, kaltblütig seinem Schicksal überläßt. – Mir hat man wieder mal 2 vom Schustermannschen Büro gefundene „Hetzartikel“ beschlagnahmt. – Niekisch hat im Landtag seine große Rede über Niederschönenfeld losgelassen. Die gut dressierten Zeitungskulis haben davon ganze 2 Zeilen mitgeteilt. Lauter Mitschuldige!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 24. November 1921

In der ganzen Woche haben wir noch keine Zeitung zu lesen gekriegt. Gestern wurde einer nach dem andern hinunterzitiert, und erhielt Bescheid, daß „die in den letzten Tagen“ für ihn bestimmten Zeitungen die und die, wegen hetzerischen (manchmal auch „agitatorischen“) Inhalts zu den Akten genommen seien. Für mich allein folgende: Fränkischer Kurier, Miesbacher Anzeiger, Schöpfung, Erkenntnis und Befreiung und Weltbühne. Außerdem für unsern Lesezirkel Frankfurter Zeitung, Münchner Post sowie sämtliche andern alldeutsche, unabhängige und kommunistische Blätter. Mut vor der Wahrheit! – Meine Annahme ist die: der Reichstag hat sich mit Justizangelegenheiten befaßt und wahrscheinlich schon die Teilamnestie, wie Radbruch sie angekündigt hat, beschlossen. Nun wird in Bayern der gleiche Spektakel im Gange sein wie bei der Entwaffnungsgeschichte und bei der Aufhebung des Belagerungszustands. Vor allem wird wohl der Krach um die Frage entbrannt sein, wer alles als „Mitläufer“ anzusehn sei. Daß die Offiziere beim Kappputsch fast samt und sonders als Mitläufer außer Verfolgung kamen, ficht ja sicher unsre lieben Nationaillen nicht an, harmlose Rotgardisten aus der Räterepublik als Führer mißhandelt sehn zu wollen. Natürlich wird aus der großen Plärrerei: wir können nicht! bayerische Eigenart! es geht nicht! Niemals! wieder das übliche Umschmeißen herauskommen. Man wird irgendwie noch einmal in der Form ein minimales Zugeständnis zu erreichen suchen, – und dann wird’s halt doch gehn. Ich rechne also bestimmt für die allernächste Zeit – es fragt sich mir nur, ob der 1. oder 15. Dezember vorgesehn ist als Termin, bis wann die Reichstagsforderung erfüllt sein muß – auf ein großes Abschiednehmen. Wenn ich den Seppl sehe, so muß ich immer das nasse Auge verbergen und das heitere zeigen, das von der Freude kommt, daß dem lieben Jungen die Freiheit winkt. Ich komme mir vor wie ein Vater, der seinen Sohn zum ersten Mal aus dem Hause in die Fremde entlassen soll. Übrigens soll aus ein paar Zeilen einer noch hereingelangten Nummer der „Germania“ – dieses Regierungsblatt Wirths gehört mit zu den wegen hetzerischen Inhalts beschlagnahmten – zu entnehmen sein, daß der Reichstag auch eine Kommission zur Untersuchung der Zustände in den Gefangenenanstalten für politische Delinquenten eingesetzt habe, die zuerst Lichtenburg, dann wohl auch Niederschönenfeld aufsuchen werde – Ein Zeichen, wie der Hintern der Verwaltung bereits mit Grundeis treibt, ist, daß – nachdem vorvorgestern Wollenberg und Schmid von unten wieder ans Licht kamen, vorgestern das gleiche bei Ibel, gestern bei Schiff, Sauber und Schwab geschah. Jetzt sind nur noch Olschewski und Karpf unten. Sie sind wohl jetzt auch jeden Moment zu erwarten. – Nur dieses Wesentlichste, da meine Zeit fast völlig vom Diktieren der Aufdeckung der Rechtsbrüche in Anspruch genommen wird, die die Regierung Hoffmann gegen uns begangen hat. Die Sozialdemokraten werden dereinst an diesem Schriftstück keine Freude haben.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 25. November 1921.

Immer noch keine Zeitungen. Nur kam vorgestern ein Nebenblatt der Frankfurter, heute eine Nummer des Fränkischen Kuriers herein. Aus ihnen, die sehr sorgsam ausgesondert sein müssen, ist nichts zu entnehmen, höchstens aus letzterem eine Notiz, daß die bayerische Mittelpartei wieder in die Regierungskoalition eintreten werde, indem sie das Justizministerium nicht mehr Roth, sondern einem höheren Regierungsbeamten (Kühlewein?) übergeben wollen. Wir sind also auf andre als Zeitungsaufklärungen angewiesen, um uns in der problematischen Situation, in deren Mittelpunkt offenbar wir selbst stehn, zurechtzufinden. Ein sehr interessanter Hinweis wurde mir selbst heute vormittag zuteil. Ich wurde zum Staatsanwalt gerufen: Rapport-Aufmachung. Ich sollte mich darüber äußern, ob ich damit einverstanden sei, wenn statt des Dr. Laubinger aus München der Ohrenspezialist Sanitätsrat Hedderich aus Augsburg käme. Da Dr. Mayer ebenfalls sein Gehör untersuchen lassen will, wurde er zu der Beratung zugezogen. Es drehte sich um die Geldfrage, und es wurde schließlich vereinbart, daß ich mit Mayer in besonderer Besprechung (die vorhin stattfand; in einer Besuchzelle in Parterre) beschließen solle, was für Anträge wir stellen werden. Während des Rapports verzog sich plötzlich das Gesicht des Staatsanwalts Hoffmann zu einem ganz gutmütigen Lachen und er meinte: „Vorausgesetzt ist dabei natürlich, daß bis es soweit ist, nicht vielleicht einer der Herren garnicht mehr hier ist.“ Der Regierungsrat Schmauser lachte ganz breit los, Mayer und ich lachten, Hoffmann lachte und auch der Oberwachtmeister lachte. Dann meinte der Staatsanwalt noch deutlicher: „Sie verstehn mich wohl, Herr Mühsam?“ und ich antwortete: „Ich verstehe Sie freilich, Herr Staatsanwalt.“ – Damit ist für mich entschieden, daß auch der Vorstand selbst mit einer Massenentlassung von Festungsgefangenen in nächster Zeit rechnet. Denn Mayer ist einer der schwersten „Hochverräter“. Er hat 6 Jahre Festung (Staatsanwaltsantrag wie bei mir 10 Jahre Zuchthaus). Ferner bekam ich einen Brief von Fritz Weigel. Er setzt alle Tatsachen als bekannt voraus und ahnt nicht, daß ich sie aus seinen andeutenden Folgerungen daraus erst konstruieren muß. Er schreibt: „... die Dinge sind ja augenblicklich im Rollen.“ Also: die Frage der Amnestie ist augenblicklich hochaktuell. „... man muß den Dingen jetzt ihren Lauf lassen.“ Bedeutet, daß ihre Laufrichtung noch nicht absolut feststeht. Dann ist von den „politischen Ereignissen der letzten Tage“ die Rede, über die ich wohl auf dem Laufenden sei. Es handelt sich scheinbar also um Dinge, die noch neben der bayerischen Spezialfrage nebenher laufen, wohl aber jedenfalls mit Radbruchs Politik zusammenhängen. „Die jetzigen Zustände werden mancherlei Veränderungen in nächster Zeit im Gefolge haben. Die Verhältnisse sind eben stärker als der Wille mancher Regierungsleute, auch wenn sie noch so hartnäckig sind.“ Das bestätigt mir, was ich gestern hier vermutete: daß der Widerstand Bayerns gegen das Reich resolute Formen angenommen hat. „Wie immer wird auch diesmal die Einsicht zu spät kommen, alle Anzeichen deuten darauf hin. Den Ausgang können wir ja getrost abwarten.“ Dies, in Verbindung mit der Meldung des Fränkischen Kuriers lege ich so aus, daß Weigel annimmt, die „Eigenarts“-Bajuwaren werden sich mit ihrer Hartstirnigkeit den Schädel einrennen und statt des Deutschnationalen in der Koalition wird die Sprengung der Koalition Tatsache werden. – Eben kommt Männlein herein und berichtet mir über die Nachrichten, die er eben von seiner Mutter hörte – die zu Besuch hier war: der Reichstag habe tatsächlich die Kommission beauftragt, Niederschönenfeld zu besuchen. Lerchenfeld werde ebenfalls – wahrscheinlich schon morgen – herkommen. In München herrscht größter Kampf wegen der politischen Gefangenen. In Plakaten wird unsre Freilassung verlangt, in andern die Gefahr neuer Revolutionsgreuel für den Fall unserer Freilassung bejammert. Die Angehörigen der politischen Gefangenen werden zu Versammlungen und Protesten gerufen etc. (Wie verträgt sich damit die Absicht Zenzls, morgen nach Berlin zu fahren? Oder hängt sie grade damit zusammen?) Wie immer: die Entscheidung steht ganz kurz bevor. – Aber ein weiteres. Nachdem Mayer entlassen war, gab mir Hoffmann die Antwort Lerchenfelds auf meine Eingabe vom 9. Oktober zur Kenntnis. Meine Bestreitung der Rechtmäßigkeit der Müllerschen Hausordnung sei unzutreffend. Mein Antrag, eine Kommission herzusenden, wird so verstanden, als wollte ich diese Kommission zur dauernden Beschwerdeinstanz machen, was abgelehnt wird. Die Untersuchung der von mir angeführten Fälle von Vergehen beim Strafvollzug verspreche keinen Erfolg, da die meisten Fälle zu weit zurückliegen. Nicht berührt wird die Unterbringung in Gefängnissen und die Sonderbehandlung Arcos. Endlich wird den Festungsgefangenen anheimgestellt, in jedem Fall, in dem sie sich beschwert fühlen, gleich bei den zuständigen Organen Beschwerde zu erheben. – Also nichts. Und doch hatte ich die Empfindung, als ob dieses Nichts nur mir zur Antwort gegeben wird, daß aber meine Eingabe in den Amtsstuben allerlei Unruhe bewirkt hätte. – Zur Chronik: heute ist Josef Seidl, ehemals kommunistischer Sektionsleiter von München-Schwabing nach Verbüßung der stärkeren Hälfte seiner 4 Jahren Festung enthaftet worden. Eine Null. – Zur Totenlisten: Felix Philippi. Ich war, als ich’s las, etwas erstaunt, daß der noch einmal sterben konnte. Literarisch war er längst verwest.

 

Abschrift. „N’feld, d. 25. Nov. 21. An die Festungsverwaltung. Mein Ersuchen um Zulassung des Herrn Dr. Laubinger-München zu einer ohrenärztlichen Untersuchung ergänze ich durch folgende Erklärung: – Ich bin einverstanden damit, daß anstelle des Herrn Dr. Laubinger Herr Sanitätsrat Dr. Hedderich-Augsburg die Untersuchung vornimmt, falls dadurch eine Kostenersparnis für mich bewirkt wird. Sobald der Herr Festungsvorstand mir sein Einverständnis kundgegeben hat, werde ich meine Angehörigen veranlassen, zur Sicherstellung der Kosten 500.- M. (fünfhundert Mark) bei der Festungsverwaltung zu hinterlegen. – Mit dem F.-G. Herrn Dr. Mayer habe ich vereinbart, daß womöglich von diesem Betrag zunächst auch die Kosten seiner Behandlung gedeckt werden sollen, und daß die Kostenverteilung erst nachträglich zwischen uns vereinbart und sein Anteil alsdann meinen Angehörigen zurückerstattet werden soll. – Erich Mühsam“.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 26. November 1921.

Heute kamen wieder Zeitungen; wahrscheinlich nicht alle, aber eine ganze Anzahl. Der größte Spektakel scheint vorüber zu sein. Denn in den Blättern sind nur noch nebenbei Erwähnungen zu finden, die weitere Rückschlüsse ermöglichen. Der Krach scheint demnach durch die Justizdebatte entstanden zu sein, die im Reichstag zunächst nicht durch uns sondern durch die Aktion in Lichtenburg entstanden war. Dort sollen von den 124 Hungerstreikern nur noch 4 die Nahrung verweigern. Man hat die Genossen jetzt voneinander getrennt, und anscheinend hat sich Radbruch keine Freunde gemacht durch sein Verhalten, da er die Enthaftung der Leute nicht veranlaßt hat. Erst im Anschluß an diesen Fall scheint dann Niederschönenfeld aufs Tapet gekommen zu sein. Radbruch soll – dies ist aus Berichten zu entnehmen, die Besuche gestern durch die Überwachung anbringen konnten (auch Condula, der heute von Passau zurückkam – er hatte sich dort wegen der Flucht aus Oberhaus zu verantworten und wurde freigesprochen – wußte, obwohl man auch ihm keine Zeitungen gab, das zu bestätigen), Radbruch soll also im Reichstag sehr kräftige Töne gegen Bayern gefunden haben. Er habe verlangt, daß sich die bayerische Justizpflege den Reichsgesetzen anpasse und besonders den Niederschönenfelder Strafvollzug als reichsrechtswidrig angegriffen. Der Reichstag hat darauf – das geht auch aus den Blättern hervor – einen Untersuchungsausschuß beauftragt, die Anstalt hier zu besichtigen. In Bayern soll nun alles aus dem Häuschen sein, wobei origineller Weise Mehrheitler und Gewerkschaftler am meisten für uns lärmen. Jedenfalls handelt es sich darum, daß man in Bayern den gesamten reaktionären Apparat, zu dem auch die Regierung selbst gehört, aufgeboten hat, um mit einem Generalangriff gegen Radbruch den Sturz des Kabinetts Wirth – und also die Durchkreuzung der Reichs-Erfüllungspolitik zu bewirken. Wir sind, wie bei allem, nur Mittel zum Zweck und ganz zufällig die Exponenten des gegenwärtigen Konflikts, wodurch sich die plötzliche Sympathie der Bande, die uns selbst in diese Lage gebracht hat und nichts mehr fürchtet, als uns wieder bei sich zu sehn, zwanglos erklärt. In der Politik können die gewaschenen Intriganten so und anders. (Wenn meine Denkschrift, die jetzt in der ersten Niederschrift fertig ist, bekannt werden sollte, werden die bayerischen Sozialdemokraten und noch manche andern Leute ungemütliche Stunden haben). Wir wissen also heute kaum mehr als vorher. Zenzl telegrafiert mir, daß sie heute früh nach Berlin fahre. Sie soll dort morgen zur Konferenz für die Russenhilfe als Delegierte erscheinen. Aber der Hauptgrund ihrer Reise ist sicherlich ein andrer; auch meine geschäftlichen Angelegenheiten, die sie dort erledigen wird, reichen nicht aus, um einen solchen Entschluß zu erklären. Ich vermute bestimmt, daß sie mit Radbruch sprechen und auf ihn einzuwirken suchen wird. – Durch diese Woche Zeitungsdiät ist mir die Orientierung über die internationale Gesamtpolitik sehr erschwert. In Washington scheint Briand höchst temperamentvoll vom Leder gezogen zu haben. Er soll bei den Abrüstungsberatungen die Pläne der englischen Flottenexperten, für sich 500000 Tonnen Großkampfschiffe in Anspruch zu nehmen, ironisch gegen die Widerstände benutzt haben, die sich den französischen Absichten, eine große Unterseebootflotte zu schaffen, entgegenstellen. Er habe gesagt: da England mit Japan verbündet, mit Amerika befreundet sei, könne es die große Kriegsflotte, der ja keine deutsche mehr gegenübersteht, wohl nur zum Sardinenfangen brauchen wollen. Frankreich baue demgemäß seine Unterseeboote zum Erforschen der Meeresgrund-Flora. – Das ganze nennt sich „Abrüstungs“-Konferenz. – In Indien scheint es nun zu gären, doch weiß ich nichts Näheres. Aber soviel steht ganz fest, daß in Deutschland eine neue Krise akut ist, die sich bis jetzt schon in großen Streikaktionen kundgibt. Im Ruhrrevier scheint es zu brodeln, die städtischen Arbeiter in Berlin machen den Steuerleuten des lecken Staatsschiffes elend zu schaffen, – und zu alledem scheint die Kreditaktion zur Finanzierung der nächsten Reparationsrate – die nicht gestundet wird – tatsächlich von den Industrie-Magnaten gegen die Überlassung der Eisenbahnen übernommen zu werden. Das gäbe eine Erregung beim Proletariat, deren Konsequenzen überhaupt nicht abzumessen sind. Mein Wunsch wäre natürlich, daß es so käme. Allmählich werden wohl auch die Ruhebedürftigen verstehn, daß die Revolution ein Vulkan ist, der dauernd in Tätigkeit ist, und über dessen Ausbruch kein philiströses Ordnungsverlangen hinweghilft. Mir wäre es ganz gewiß lieb, wenn der Ausbruch, der den ganzen Krater ausräumt und der über kurz oder lang erfolgen muß, möglichst rasch da wäre. Möchte er mit der Korruption des Staates auch die der Parteien und Gewerkschaften begraben. Eine ist so ekelhaft wie die andre und längst stinkt die Partei der Kriegs- und Gewinnsozialisten kaum penetranter in die Welt als ihre kommunistische Schwester. Öffnet die nächste revolutionäre Explosion dem Volk darüber nicht die Augen, läßt es sich noch einmal von Bonzenklüngeln nach „Entwicklungsgesetzen“ und „wissenschaftlichen“ Traktätchen den Aufstieg verrammeln, - dann wird statt Freude und Sieg Trauern und Knechtung sein – und die Parasiten des Kapitals und der Parteitröge werden für lange lange Zeit als die Sklavenhalter der Menschheit triumphieren.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 27. November 1921.

Wegen des Sonntags keine Zeitungsneuigkeiten. Dagegen ein paar Ergänzungen, die das ganze Bild wieder etwas deutlicher machen. An einer versteckten Stelle der „Münchner Post“ fand ich - in einem Artikel über den Rhein-Main-Donau-Kanal folgende Tatsache gestreift: Niekisch habe am letzten Mittwoch die Entsendung eines Landtagsmitgliedes in den Aufsichtsrat dieser Kanal-Aktiengesellschaft gefordert. Das wurde mit der Begründung abgelehnt, dann könnte auch der Reichstag eine Vertretung im Aufsichtsrat fordern. Dieser Vorgang wird in Parallele gestellt mit dem Spektakel, den dieselben Herren am Vormittag desselben Tages dagegen erhoben haben, daß der Reichstagsausschuß den Einblick in Niederschönenfeld begehre. Darüber ist, wie sich aus der M-Augsburger Abendzeitung kombinieren läßt mit 6 Stimmen Majorität ablehnend beschlossen worden. Augenblicklich – so scheint es – wird nun zwischen Berlin und München verhandelt. Angeblich habe der bewußte Reichstagsausschuß schon auf dem Wege hierher Gegenorder gekriegt und ist vorerst wieder umgekehrt. Ich beurteile nun die Situation so: Bayern will à tout prix nach außen hin recht behalten, und dem Reich kein Kontrollrecht über seine Justiz zugestehn. (Hier wird Regierung und herrschende Partei von der tatsächlichen Mentalität der gesamten Bauernschaft und des größten Teils der Arbeiterschaft gestützt, die nur durch die Zeitungskläfferei unitaristisch zu fühlen glaubt. Gäbe es unter den Kommunisten gescheite Menschen und Volkspsychologen, so hätten die längst durch Übernahme der absolut richtigen partikularistischen Propaganda den Reaktionären den Wind aus den Segeln nehmen können. Es sind aber Ochsen). Man wird nun Zeit zu gewinnen suchen, um die Reichstagsbeschlüsse illusorisch zu machen. Das kann dadurch erreicht werden, daß Bayern von sich aus schleunigst eine Teilamnestie durchführt – siehe Hoffmanns Äußerung zu mir und Mayer -, der Reichstag fände demnach, wenn er energisch werden möchte, nichts mehr zu tun. – Eben – nach 8 Uhr – wird überraschend noch Post ausgegeben. Ich will daher jetzt lieber lesen als schreiben.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 28. November 1921.

Lerchenfeld ante portas. Das ist für uns hier die bemerkenswerteste Zeitungsnotiz. Er läßt offiziell verkünden, daß er eine Rundreise durch die bayerischen Gefangenenanstalten angetreten habe, Stadelheim und Landsberg schon besichtigt sei und nun – diese Woche – Niederschönenfeld auf dem Programm stehe. Sehr gerissen. Natürlich wird dieser ganze Reiseapparat nur wegen Niederschönenfeld aufgeboten und nur unter dem Druck Berlins. Aber – in der Form muß Bayern recht behalten, und so wird eine ohnehin vorgesehene Rundfahrt inszeniert, bei der – mittendrin – natürlich auch Niederschönenfeld berührt wird. Nun ist große Aufregung im Hause: wie soll man sich verhalten? Die Auffassung, daß Lerchenfelds Besuch dazu bestimmt ist, Radbruchs Absichten zu sabotieren, und daß es deshalb am besten wäre, niemand meldete sich zum Rapport, hat entschieden was für sich. Aber dazu wären einheitliche Entschlüsse nötig, und die sind grade dadurch unmöglich, daß die „Radikalen“ jeden Moment bereit sind, mit der Verwaltung zusammen gegen die zu arbeiten, die ihre „Politik“ nicht mitmachen. (Die Intriguen, die hier die Luft verpesten, die von hier nach draußen, von draußen wieder herein und zumal auch draußen durch die Bewegung wirken, stinken nachgrade zum Himmel). Ich veranlaßte gestern eine kleine Besprechung zwischen einigen nüchternen und klaren Genossen über die Sache, und setzte meinen eigenen Standpunkt auseinander, der dann auch die Billigung der andern fand. Da sicher ist, daß vom I. Stock die Mehrzahl ihre Wünsche vorbringen will, und das sicher in einer kriecherischen unwürdigen Form tun wird, besteht die Gefahr, Lerchenfeld wird dem Landtag oder der Presse berichten, es seien ihm nur von ganz Wenigen überhaupt Klagen vorgebracht worden, die er soweit möglich loyal abstellen wolle. Für uns übrige sei solcher Ausgang keineswegs erwünscht. Es müßte den Schleimdiplomaten Klingelhöfer und Konsorten das Monopol streitig gemacht werden, und der Minister müsse mit dem deutlichen Gefühl von hier fortgehn, daß auch Männer da sind, die sich nicht scheuen, auf ihr Recht zu pochen, ohne Gnade zu erbetteln. Demnach sollen möglichst viele hinuntergehn – falls der Empfang als Rapport auf eigne Meldungen geschehe – und als einzige prinzipielle Forderungen aufstellen: Herstellung gesetzlicher Festungshaft, im übrigen dann aber nach Bedürfnis seine eigenen Anliegen vorbringen. – Natürlich hängt der Verlauf ja ab von der Art, in der die Regie von der Verwaltung geführt wird.- Ich bin heute soviel aufgehalten worden, daß ich zum Schluß kommen will, auch ohne auf die wichtigsten Tagesereignisse einzugehn (wozu ich speziell die scheußlichen Enthüllungen über die Provokateur-Manipulation der Eberlein und andern Führer der KPD zur Inszenierung des Märzaufstandes rechne, die, wenn sie sich als Wahrheit herausstellen sollten, die moralische Vernichtung dieser Partei bedeuten müßten. Jetzt nehme ich noch an, der „Vorwärts“ hat von Weißmann das Material bezogen, um damit Verwirrung in die Arbeiteraktion zu bringen, die zur Zeit mit besonderer Kraft die Gefangenenbefreiung betreibt). Auch Festungsinterna gäbe es genug zu erwähnen. Ich will mich aber auf den Fall beschränken, deswegen ich grade eben wieder hinuntergeholt wurde. Etliche Zeitungsausschnitte sind schon wieder beschlagnahmt. Aber außerdem noch eine „Eröffnung“. Vor etlichen Wochen sandte mir der Malik-Verlag eine Anzahl Bücher und Broschüren, deren Passieren durch die Zensur mich überraschte (ich glaube, ich habe darüber hier auch eine Bemerkung gemacht), darunter „Das Gesicht der herrschenden Klasse“, die Sammlung der großartigen zeichnerischen Entlarvungen der Gesellschaft von heute von George Groß. Vor vielleicht 14 Tagen kam der Oberwachtmeister Rieblinger zu mir und bat sich das Buch für die Verwaltung aus. Er brachte mir dabei ein Schreiben zum Lesen, das Karpf aus der Einzelhaft an die Verwaltung gerichtet hatte und aus dem hervorging, daß man ihm das gleiche Buch beschlagnahmt hatte. Er hatte mein Exemplar, das ich ausgeliehen hatte, bei Männlein oder Luttner gesehn und berief sich darauf, daß es nicht angehe, ein Buch einem Gefangenen auszuhändigen und es einem andern zu beschlagnahmen. Gleichzeitig teilte er in einer Fußnote mir mit, daß die Verwaltung die Vorlegung meines Exemplars verlangt und ihm versprochen habe, falls ich es wirklich hätte, würde auch er das seinige bekommen. Ich mußte das Buch, das weiterverliehen war, erst durch Anschlag ausschreiben, erhielt es dann und brachte es hinunter. Ich hatte schon gleich, als Rieblinger es verlangte, gefragt, ob ich bestimmt zurückerhalten werde, was fest versichert wurde. Als ich es abgab, fragte ich von neuem: „Ich kann mich doch darauf verlassen, daß ich es wiederkriege?“ Rieblinger antwortete: „Natürlich, Herr Mühsam, kriegen Sie es wieder.“ Die Verwaltung wolle ja nur vergleichen. Vor einigen Tagen fragte ich gelegentlich Rieblinger, was mit dem Buch sei und erfuhr, es liege noch bei der Verwaltung, und neuerdings bekräftigte der Mann, daß es selbstverständlich an mich zurückgegeben werde. Jetzt erhielt ich nun die Eröffnung, das Buch werde beschlagnahmt, das ich dem F. G. Karpf geliehen hätte (in Wirklichkeit habe ich es der Verwaltung geliehen). Es könne nur durch ein Versehn die Zensur passiert haben. Sein Inhalt sei derartig aufreizend gegen die Reichsverfassung (die plötzliche Sorge der Bayern um das Reichswohl!), daß es nicht in den Händen eines Festungsgefangenen geduldet werden könne. Man hat mir die Schrift also unter Versprechungen abgelistet und bricht diese jetzt einfach. Natürlich lasse ich das nicht stillschweigend geschehn. Heute soll noch eine Beschwerde losgehn – und für den Ministerbesuch kommt mir die Sache grade zupaß.

 

Abschrift: „An den Herrn Festungsvorstand. Vor etwa 14 Tagen übergab mir Herr Oberwachtmeister Rieblinger die Abschrift eines Briefes des Festungsgefangenen Herrn Karpf an die Verwaltung, in dem gegen die Beschlagnahme der Broschüre „Das Gesicht der herrschenden Klasse“ von George Groß mit der Begründung Einspruch erhoben wurde, daß mir ein Exemplar dieser Publikation ausgehändigt worden sei. Die Abschrift enthielt eine besondere Bemerkung, die die Mitteilung an mich bezweckte, die Verwaltung habe die Auslieferung an Herrn Karpf für den Fall zugesichert, daß ein Vergleich mit meinem Exemplar die Identität des Druckerzeugnisses ergebe. Der Beamte erklärte auf meine vorsorgliche Frage bestimmt, daß die Verwaltung das Buch nur vorübergehend behalten wolle, es werde mir alsdann zurückgegeben werden. Ich suchte es daraufhin hervor und brachte es dem Herrn Oberwachtmeister. Ehe ich es ihm in die Hand gab, fragte ich noch einmal: „Ich bekomme es doch aber bestimmt wieder?“ und erhielt die Antwort: „Natürlich kriegen sie es wieder, Herr Mühsam, das hab ich Ihnen ja schon gesagt.“ – Vor mehreren Tagen erinnerte ich denselben Beamten und erfuhr, das Buch sei von der Verwaltung noch nicht durchgesehn. Auf meinen wiederum geäußerten Zweifel bekam ich zum dritten Mal die Zusicherung, daß das Buch mir wieder zurückgestellt werde. – Heute wurde mir eröffnet, es sei beschlagnahmt worden, da sein Inhalt Grund zur Beanstandung gebe und es nur durch ein Versehen der Zensur seinerzeit ausgehändigt worden sein könne. Dazu bemerke ich, daß die Drucksache mir vor etwa 6 Wochen vom Malik-Verlag, dessen Autor ich bin, mit einigen andern Büchern und Schriften zugleich übersandt wurde. Die Sendung trug ordnungsgemäß das Zensurzeichen. – Ich hätte, wie ich Herrn Rieblinger ausdrücklich vorher sagte, die Auslieferung der Schrift als Gefälligkeit verweigert, wenn mir nicht das Versprechen gegeben wäre, daß ich sie wieder bekäme. Die Angabe der Eröffnung, ich hätte sie Herrn Karpf geliehen, ist irrig. Ich habe sie der Verwaltung auf Wunsch zur Verfügung gestellt, allerdings nur, um Herrn Karpf dadurch gefällig zu sein. Ohne das Vertrauen darauf, daß das Herleihen meines Exemplars an die Verwaltung nicht bloß nicht die Konfiskation dieses Exemplars, sondern auch die Freigabe des an Herrn Karpf gesandten zur Folge haben würde, hätte ich es nur auf Befehl, dessen Ausführung erzwungen werden konnte, ausgeliefert. – Nach dieser Feststellung ersuche ich den Herrn Vorstand, die Beschlagnahme rückgängig zu machen. Sollte das nicht geschehen können, so bitte ich dieses Schreiben als Beschwerde zu betrachten und als solche weiterer Behandlung zuzuführen. N’feld. 28. Nov 21 Erich Mühsam“

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 29. November 1921.

Man will mal wieder einen Hungerstreik machen. Es zirkuliert ein Appell, worin eine Solidaritäts-Aktion mit den hungernden Genossen in Norddeutschland verlangt wird. Wer prinzipiell einverstanden ist, soll unterzeichnen, und wenn ⅔ aller Genossen bereit sind, soll’s losgehn. Soviel ich weiß, haben hier oben nur 14 unterschrieben; unten wird das Resultat natürlich noch negativer sein. Ich habe wie meine Freunde die Unterschrift verweigert. Aus vielen Gründen. Zunächst sehe ich keine Möglichkeit, in einem Hause gemeinsame Aktionen durchzuführen, die die innigste Solidarität aller Beteiligten untereinander voraussetzen, wo x Gruppen gegeneinanderstehn, die sich gegenseitig boykottieren und dauernd als Verräter, Gauner und Schurken beschimpfen und verleumden. Dann finde ich, daß die Waffe des Hungerstreiks hier drinnen – und grade durch dieselben, die ihn jetzt wieder inszenieren wollen – derartig diskreditiert ist, daß sie schlechterdings überhaupt unbrauchbar geworden ist. Bei dieser Aktion dürfte es nur ein Entweder-Oder geben. Ich habe aber die Pflicht, mich zu besinnen, ob ich meine Frau zur Witwe machen und meine Energie der Revolution für alle Zukunft um einer bloßen Demonstration willen entziehen darf. Es handelt sich aber nur um eine solche. Als Forderung soll aufgestellt werden: Freiheit oder Hungertod! Schon in Norddeutschland, wo das Proletariat hinter den demonstrierenden Genossen steht, hat sich der Heroismus der Lichtenburger als zwecklos erwiesen, und die neuerdings in Naumburg, Herne und anderswo in den Hungerstreik eingetretenen Genossen haben leider ebenfalls wenig Aussicht, etwas zu erreichen. (Radbruch hat sich, wie wir aus nachträglich eingetroffenen Mitteilungen entnehmen können, über die Lichtenburger sehr fatal ausgelassen. Auch er hat leider die Person dem Posten zum Opfer gebracht). Hier in Bayern steht das Proletariat durchaus nicht hinter uns, und die Bourgeoisie – das hat sie klar genug kundgegeben – ist entschlossen, uns verrecken zulassen, wobei sie, wie der Fall Lamp bewiesen hat, garnichts riskiert. Nach allen Erfahrungen wissen wir überdies, daß der „Hungertod“ leere Phrase ist, und daß, wenn die Wirkung des Fastens an Lungen und Herz spürbar wird, wieder gegessen wird. Wir haben ja schon in Ansbach nicht durchgehalten, und hier ist xmal der Versuch erneuert und nie zum Ziel geführt worden. Nachher ist das Fiasko da, das einen Triumph der Reaktion und für die Unterlegenen unter Umständen dauernde Bresthaftigkeit mit sich bringt. Kommt hinzu der Zeitpunkt. Sowenig Vertrauen ich auf den guten Willen Lerchenfelds setze – in dem Rundschreiben der Radikalköpfe heißt es sehr schön: Lerchenfeld will „beim Kuhhandel im Trüben fischen“ -, so finde ich doch, daß wir erst mal wissen müssen, was er bringt oder verweigert. Es besteht ohne Zweifel die Möglichkeit, daß die Entlassung der Mehrzahl in kürzester Zeit bevorsteht. Setzt grade jetzt ein Hungerstreik ein, so riskieren wir, daß die Regierung ihre Absicht um Wochen hinausschiebt, um keiner Pression gewichen zu scheinen. Und führt sie solches Programm durch, was wird aus uns 5 – 7 Übrigbleibenden? Sollen wir weiterhungern mit der Parole: Freiheit oder Tod? Gehn wir dabei mit Tode ab, so wärs ja die größte Gefälligkeit, die wir der Bourgeoisie überhaupt tun können. Etwas andres wärs, nach der Erkenntnis, daß trotz der Reichsunterstützung (Radbruch hat auch erklärt, daß er die Respektierung der Reichsgesetze in Niederschönenfeld erzwingen werde) alles beim alten bleibt, einen Versuch zu machen, die Forderung Herstellung gesetzlichen Strafvollzugs durch eine solidarische Kundgebung zu unterstützen. Angenommen, hier sei etwas Solidarisches überhaupt noch zu inszenieren, so hätte ich die Idee, die Sabotage des ungesetzlichen Strafvollzuges durch Ablehnung jeder Mitwirkung daran zu betreiben. Das wäre dadurch zu bewirken, daß wir grundsätzlich in allen Dingen nur strikten Befehlen folgen, also auf Anruf nicht kommen, die Zensur durch Verzicht auf jegliche Briefschreiberei nicht bemühen, uns zu „Eröffnungen“ holen lassen, auf Fragen keine Antwort geben, Passivität üben, bis die Verwaltung sich nicht mehr auskennt. Dabei dürfte um keinen Preis der geringste aktive Widerstand geleistet werden, damit den Herren die Freude versalzen wird, uns als Meuterer ins Zuchthaus zu bringen. Aber ich weiß wohl, daß dieser Plan, schon weil er neu ist – und wann wären Deutsche je für was Neues zu haben! – Theorie bleiben wird. Auch stellt er an die Opferfreudigkeit jedes Einzelnen ebenso große Anforderungen wie der Hungerstreik – Verzichte auf Besuche und Korrespondenz, Verweigerung der Paketannahme (wegen der schamlosen Durchsuchung und Zurückhaltung des Packmaterials) etc –, sodaß ich garkeine Hoffnung habe, dazu auch nur eine irgend erhebliche Anzahl von Mitgefangenen gewinnen zu können. Wie die Dinge hier leider liegen, ist garkeine Aussicht, von uns aus etwas Wirksames zur Änderung der Verhältnisse beitragen zu können. Überdies glaube ich, daß die Anstalt ebenso wie draußen die ganze revolutionäre Bewegung so von Spitzeln und Provokateuren durchsetzt ist, daß dauernd Gefahr für die Ehrlichen besteht, durch Verrat und Verführung in die schlimmsten Ungelegenheiten zu geraten. Grade jetzt ist wieder ein Fall da, der in dieser Richtung sehr zu denken gibt. Vorgestern, als mal wieder das elektrische Licht versagte, hängte man Lampen in die Gänge. Dabei machte ein Aufseher im I Stock die Bemerkung, ein Nagel halte nicht mehr recht fest. Tobiasch, einer der verdächtigsten Gestalten im Hause, stand dabei und sagte: „Um den Staatsanwalt daran aufzuhängen, sitzt er noch fest genug.“ Wenn das nicht – grade jetzt vor dem Eintreffen des Ministers, der natürlich Hetzmaterial gegen uns braucht – bestellte Arbeit ist, dann muß mindestens gesagt werden, daß man auf Bestellung keine der Reaktion erwünschtere Arbeit hätte leisten können. Daß Tobiasch in Einzelhaft gekommen ist, entlastet ihn nicht. Wärs nicht geschehen, dann hätte man ihn ja als Lockspitzel preisgegeben. – Ferner: der „Miesbacher Anzeiger“ veröffentlichte in diesen Tagen einen Brief von einem Festungsgefangenen aus Niederschönenfeld, in dem sämtliche Lügen des Kraus wiederholt und Kraus’ Wirken als von den Gefangenen selbst als befreiend begrüßte Wohltat herausgestrichen wird. Ich bin nicht, wie die meisten, überzeugt, daß dieser Brief draußen geschrieben sei. Ich vermute viel eher, daß ihn hier drinnen jemand gegen Barvergütung und gegen Zusicherung der Entlassung geliefert hat. Mein Verdacht richtet sich dabei gegen ein ganz bestimmtes Individuum, das uns[man] kürzlich – wohl auf diese Leistung hin – entlassen hat, und an dessen Verwendung in Polizeidiensten ich nie gezweifelt habe. – Diese Beobachtung im engsten Umkreis in Verbindung mit scheußlichen Schmutzereien, die draußen die ganze Bewegung durchziehn, könnte außerordentlich pessimistisch stimmen. Ich führe aber all dies darauf zurück, daß durch den Krieg das ganze Volk in höchstem Maße moralisch defekt geworden ist, und daß diese Kriegswirkung natürlich da am übelsten in Erscheinung tritt, wo man sie am stärksten empfindet und aus ihr herauszukommen bemüht ist. Die Parteien sind im Begriff, in ihrem eignen Kot zu ersticken. Dabei entwickeln sie ekelhaftere Dünste als je. Die vielfach bemerkbare Sehnsucht nach reiner Luft wird dadurch kräftig gestärkt werden, und das Proletariat wird endlich drauf kommen, daß die verfluchte marxistische Politik niemals aus dem Sumpf heraus- sondern nur noch tiefer in ihn hineinführen kann, und es wird seinen Kampf nicht mehr auf seelenlose „Wissenschaftlichkeit“, sondern auf die motorischen Kräfte des Willens und des Ideals gründen – und ihn so gewinnen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 2. Dezember 1921.

Alles nachzutragen, was intra muros et extra in den zwei versäumten Tagen vor sich gegangen ist, würde mehr Zeit und Platz brauchen, als ich zur Verfügung habe. Nur einige Merkpunkte. Lerchenfeld ist bisher hier nicht erschienen. Möglich, daß das von mir ausgesprengte „Latrinengerücht“, er sei am Dienstag schon hier gewesen und nach bloßer Besprechung mit dem Vorstand wieder abgefahren, wirklich stimmt. Ich habe mich an dem Sport, der neuerdings sehr im Schwange ist, Enten aufflattern zu lassen, aus dem praktischen Grunde beteiligt, um die unwürdige Diskussion, ob und wie mit dem Mann zu reden sei, endlich zum Schweigen zu bringen. Die Radikalmücken hatten nämlich schon wieder eine neue „Aktion“ in Schwung gesetzt, sie sammelten Unterzeichner eines Schriftstücks, mit dem Herrn Lerchenfeld kundgetan werden sollte, daß man ihm nichts zu sagen hätte und nur der Reichstagskommission Rede stehn wolle. Wir haben auch dieser Charakterbauchwelle die Mitwirkung verweigert. Zunächst: ich schließe mich keinen Proklamationen an, zu deren Beratung ich nicht zugezogen wurde. Zweitens: ich weiß ja garnicht, ob der Herr mich überhaupt sprechen will und mache mich also möglicherweise lächerlich, wenn ich ihm erkläre, daß ich seine Einladung ablehnen werde. Drittens: ich finde nicht, daß ich mir etwas Revolutionswidriges zuschulden kommen ließe, wenn ich als Gefangener dem zurzeit siegreichen Feinde ins Gesicht sage, was ich ihm zu sagen habe. Viertens: ich kann die Weimarer Verfassung nicht im geringsten als derartig heilig betrachten, daß mir eine Reichskommission als wertvolleres Kontrollorgan erschiene als die Beamten aus München. Unsre Freunde sind jene sowenig wie diese. – Welches Maß von Würdelosigkeit bei manchen ganz Gescheiten hier herrscht, haben die Herren Klingelhöfer und Murböck gezeigt. Sie schrieben eine Bitte an den Herrn Ministerpräsidenten, die ihm bei seinem Besuch übergeben werden sollte, daß er sie doch ja empfangen möge. Die andre Seite hat mehr Witz. Schmauser ließ ihnen eröffenen, daß laut Hausordnung Eingaben von mehreren Gefangenen gemeinsam nicht zulässig seien. Daher komme ihr Wisch zu den Akten. Zum Glück wird das Gerücht, Lerchenfeld sei schon dagewesen, ohne sich überhaupt in unsern Räumen zu zeigen, allgemein geglaubt, und so ist’s endlich still geworden von all dem Gemächel. Der Fall Tobiasch hat die interessante Wendung genommen, daß der Mann, dem wegen seiner Äußerung Einzelhaft mit Bettentzug zudiktiert war, nach zwei Tagen schon wieder zum Vorschein gekommen ist. Inzwischen hat man – am Dienstag – auch Karpf und Olschewski wieder heraufgelassen. Aber schon vorgestern ist Karpf und mit ihm Ibel und Gnad wieder festgesetzt worden. Grund: sie haben in Milchhafen, die der Verwaltung gehören, gekocht. Das hat selbst unter Kraus nicht genügt, um die „Festungshaft“ auf unbegrenzte Zeit in Gefängnis umzuwandeln. Und sie dürften kaum, wie Tobiasch, nach 2 Tagen schon ihre Strafe herum haben. Dann: meine Verwahrung gegen die Beschlagnahme von Groß’ „Gesicht der herrschenden Klasse“ hatte Erfolg. Gestern bekam ich das Buch ohne ein Wort der Erklärung wieder ausgehändigt. Ich möchte wissen, ob auch Karpf sein Exemplar bekommen hat. – Endlich ist die Verabschiedung zweier Genossen von hier zu notieren: gestern kamen auf Bewährungsfrist Hiltner und Mick heraus. Unverwischbare Spuren hinterlassen sie wohl beide nicht, wenigstens nicht in meiner Erinnerung. Über unsre Aussichten im allgemeinen wissen wir nach wie vor garnichts. Der Konflikt Reich-Bayern wegen uns scheint auf einem ziemlich toten Punkt angelangt zu sein. Radbruch soll dem bayerischen Gesandten in Berlin eine Note über Niederschönenfeld übergeben haben (also wieder Notenwechsel wie zwischen feindlichen Mächten), er soll aber den Beschluß des Reichstagsausschusses, uns zu besuchen, abfällig kritisiert haben, und es scheint, als ob dieser Besuch tatsächlich unterbleiben wird. Was von den Sozialdemokraten überhaupt für uns zu erwarten ist, dafür hat schon wieder Herr Auer Zeugnis abgelegt. Er hat in München über die Gesamtpolitik gesprochen. Die aktuelle Frage, die jetzt das ganze Volk als Parole aufgenommen hat: Amnestierung der politischen Gefangenen und speziell gesetzlicher Strafvollzug in Bayern, hat er nicht angeschnitten. Oder doch, in folgender Form: er warf den Deutschnationalen Inkonsequenz in ihrer Stellung zu den Einzelstaaten vor, zitierte ihre Kundgebungen von früher, wo sie die bayerischen Reservatrechte überhaupt abschaffen wollten und jetzt, wo sie sich gegen Eingriffe des Reichs in Bayerns Justizhoheit verwahren. Von dieser Verwahrung aber bemerkt er von sich aus, daß sie bei allen Landsleuten in Bayern wohl als völlig berechtigt empfunden werden müsse. Das heißt also: Auer desavouiert aus reaktionärem Haß gegen uns Räterevolutionäre die Gesamtpolitik seiner eignen Partei, die den Unitarismus doch bis zur letzten Konsequenz steigern möchte, und stellt sich auf den Standpunkt der weißbayerischen Racheterroristen, daß Revolutionäre keinen Anspruch auf gesetzliche Behandlung in der Gefangenschaft haben. Der „Sozialist“ Auer empfiehlt sich denen, die ihn nicht zur Regierung zulassen wollen, mit der neuerlichen Zusicherung seiner Bereitwilligkeit, sozialistischen Revolutionären, die es leider versäumt haben, den finsteren Burschen rechtzeitig unschädlich zu machen, die Reichshilfe gegen ihre Mißhandlungen zu verweigern. Es ist Hofzeit. Hoffentlich komme ich morgen dazu, anstatt des ewigen Auerlichts auch mal die Lampe anzustecken, die in den einfallenden kapitalistischen Weltstall hineinleuchtet. Stinnes lädt sehr zu einer Besichtigung ein.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 3. Dezember 1921.

Die Zeit ist wieder sehr knapp, da die Post sehr spät ankam (unser Eintreiben in die Zellen und das Auslöschen des Lichts erfolgt immer pünktlich). Will sehn, wie weit ich komme. Zur Chronik des Hauses: Müller (I. Stock) suchte gestern abend nach 9 den Abtritt auf. Nach einer Viertelstunde erschienen in dem nicht verriegelten Gemach 2 Aufseher, mit der Frage, was er da mache. Antwort: „Ich scheiße.“ „Das dauert aber lange.“ „Ich bin krank und bleibe sitzen, bis ich fertig bin.“ Die Aufseher sehen dem Mann längere Zeit bei seiner Beschäftigung zu und standen Posten vor dem Ort, bis Müller ihn verließ. – Zu sowas geben sich Menschen her! – Unten im Gang wurde ein Gespräch des Dr. Steidler mit Fetsch mitangehört. Es drehte sich um einen Strafgefangenen, der sich krank gemeldet hatte und deshalb keine Arbeit tat. Der Arzt: „Ich habe keine Krankheit bei dem Mann festgestellt. Er simuliert. Natürlich muß er arbeiten. Wenn er nicht arbeiten will, – ins Loch!“ Der Arzt als Schinderknecht. Er mag es genügend bedauern, daß wir nicht auch zur Arbeit gezwungen werden können. Aber mit der ärztlichen Diagnose „Simulant“ ist er auch bei den politischen Gefangenen sehr freigiebig. Unsre Strafe heißt: „Ehrenhaft“! – Leider stehn die Aktien, daß sich die Umstände bald ändern könnten, nicht mehr so günstig. Radbruch weicht Schritt für Schritt zurück und ermutigt seine Widersacher in Bayern dadurch zu umso frecherer Behauptung ihrer Methoden. In Berlin hat er einer sozialdemokratischen Versammlung erklärt, er sei garkein Minister der Justiz, sondern der Gesetzgebung. Dann benutzte er die Denunziationen des Vorwärts gegen die Kommunisten – eine sehr dunkle Geschichte, bei der man nicht weiß, ob man die Denunzianten oder die Denunzierten tiefer verachten soll, die aber die mitteldeutsche Aktion kaum deutlicher erhellt als bisher -, um sie der Verweigerung einer politischen Amnestie nutzbar zu machen. Sollte wirklich auch dieser anständige Charakter von der Politik schon ganz verdorben sein? Mir schrieb er seinerzeit, es sei ihm und seiner Partei leider nicht gelungen, unsre Amnestie durchzusetzen, und er hoffe, daß es doch bald gelingen werde. Das war ein halbes Jahr, ehe er Minister war. Jetzt ist er und seine Partei an der Spitze der Amnestiesabotage. – Ich bekam grade Gumbels erschütterndes Buch „Zwei Jahre Mord“, – ein grauenvolles Dokument deutscher Verkommenheit. Als Motto der neuen Auflage zitiert Gumbel Radbruchs Aufforderung im Reichstag an seinen Vorgänger Schiffer, die Einzelfälle nachzuprüfen. Ich bin gespannt, aber nicht überzeugt, ob er selbst das wenigstens energisch einleiten wird. Grade eben ist im Prozeß wegen der Ermordung des Buchholz, in dem die unglaublichen Zustände in der „Hundertschaft zur besonderen Verwendung“ zutage traten, das Urteil über die beiden Beschuldigten gesprochen. Natürlich Freispruch. Erst recht natürlich, daß die eigentlich Schuldigen, die Offiziere, nie vor Gericht gestellt werden. Und gleichzeitig die Nachricht, daß schon wieder ein Kommunist während des Transports „auf der Flucht“ erschossen worden ist: Ein Genosse Lohse, der die 66 Pfeiler-Brücke in Charlottenburg zu sprengen versucht haben soll. Ich las es in der „Münchner Post“ des Herrn Auer, wo selbstredend gegen den Ermordeten und für die Mörder Partei genommen wird. Dabei noch ein Wort zu Auers neuer Schweinerei. In der Rede im Löwenbräukeller hat er die politischen Gefangenen noch einmal gekitzelt, – auch nur hintenrum, wie es seine Art ist, indem er sich nämlich entrüstete über die, die sich jetzt über Leiden beklagen, nachdem sie selbst soviel Leiden geschaffen hätten. Das sagt der Bandit, der die Kugel, die ihm Lindner ins Eingeweide knallte, jetzt 2½  Jahre lang mißbraucht, um sich deswegen bedauern zu lassen und auf dieses Bedauern seine Geschäftsspekulationen gründet. – Daß er sich zur und von der Versammlung von Schützingerleuten begleiten und bewachen ließ, die jedem Störenfried vorher drohten und daß er jede Diskussion nach seinem Geschwafel unterbinden ließ, versteht sich von selbst. – In der Politik ist augenblicklich der wichtigste Gegenstand das bevorstehende Moratorium, das Deutschland bewilligt werden soll. Die Engländer sind dafür, nachdem Stinnes die Industriellen doch für Ausbeutungsideen in Rußland gewonnen zu haben scheint, die für alle ein ungeheures Geschäft zu werden versprechen. Zur Zeit verhandelt Rathenau in London, und wenn die Zeichen nicht trügen, wird sich Frankreich mit der Sache abfinden. Die erste Wirkung ist, daß der Markkurs mächtig zu steigen beginnt. Wir haben uns dieser Entwicklung, die den Reichsbankrott, der dicht bevorstand, noch einmal verhindert und – falls eine internationale Kreditaktion durchgeführt wird, möglicherweise ganz vermeidet, garnicht zu freuen. Das Proletariat wird wieder weiterkrebsen, und die Revolution verliert Boden. – Ich muß schließen, ohne für heute meine Absicht, auch mal meine persönlichen Angelegenheiten zu behandeln, ausführen zu können. Sonst käme ich garnicht ein wenig an die frische Luft.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 4. Dezember 1921

Abschrift: „An die Festungsverwaltung. Mein Bruder (Dr. med. Hans Mühsam, Berlin, Maaßenstr. 11), der die Kosten für die von mir beantragte ohrenärztliche Spezialuntersuchung tragen will, erklärt, daß er – ungeachtet des Kostenunterschieds – Wert darauf legt, daß die Untersuchung durch Herrn Dr. Laubinger-München, geschieht. Ich widerrufe daher meine Erklärung, daß ich auch mit der Konsultation des mir von der Verwaltung empfohlenen Augsburger Arztes einverstanden sei und bitte um Bewilligung der Zulassung des Herrn Dr. Laubinger. Da Herr Dr. Mayer mir erklärt hat, daß er sich anders entschlossen hat und zu den Kosten nichts beisteuern kann, erledigt sich diese Komplikation von selbst. Die Bezahlung des Herrn Dr. Laubinger würde ohne Bemühung der Verwaltung außerhalb der Anstalt bewirkt werden. N’feld, d. 4. Dez. 1921.  Erich Mühsam.“

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 5. Dezember 1921.

Die Post ist noch nicht da. Ich beginne heute, ohne sie abzuwarten. Denn was wir gestern aus den Zeitungen erfuhren, lohnt eine Extraseite in diesem Buch. Wir wissen jetzt, wessen wir uns von der bayerischen Reaktion zu versehn haben. Der Verfassungsausschuß des Landtags hat sich mit den Anträgen von Änderl und Niekisch wegen einer Amnestie und mit den verschiedenen Eingaben und Beschwerden aus Niederschönenfeld beschäftigt. Das Resultat zuerst: die beiden Anträge mit allen Stimmen außer USP und KPD abgelehnt, ebenso Niekischs Unterantrag, die Reichsamnestie vom August 1920 auf Bayern anzuwenden. Auch dagegen haben die Mehrheitler gestimmt: Gegen die Stimmen der drei „sozialistischen“ Parteien auch die Entsendung einer Untersuchungskommission abgelehnt. Dafür hat aber ein Regierungsvertreter eine neue Verleumdungsrede gegen uns gehalten, und der Ausschuß hat beschlossen, die „sensationellen Enthüllungen“ dieser Rede als Denkschrift auf Staatskosten zu verbreiten. Also – die ungeheuerlichsten Anschuldigungen von uns gegen die Justizbehörde werden grundsätzlich nicht geprüft, obwohl wir die objektive Prüfung unausgesetzt verlangen. Die Beschuldigten antworten mit rüden Verleumdungen, gegen die uns die Antwort unmöglich gemacht wird, – und diese Verleumdungen werden als Material gegen uns Gefangene vom Staat in die Welt hinausgeschickt! – Wie es gemacht wird, dafür zunächst dieses Beispiel. In meiner 32 engbeschriebene Seiten starken Eingabe verlange ich die Aufhebung der Ungesetzlichkeit des Festungsvollzugs in Gefängnissen und erkläre, daß wir den Einwand Müller-Meiningens, daß keine geeigneten Räume zur Verfügung ständen, schon in Ebrach mit dem Hinweis darauf beantworteten, daß ja die gefangenen feindlichen Offiziere auch untergebracht werden konnten, z. B. in den alten Königsschlössern. Was geschieht? Von meiner Anklageschrift, die das erdrückendste Material gegen die Strafvollstrecker enthält, wird das eine Wort „Königsschlösser“ herausgezerrt und der Lächerlichkeit ausgeliefert. Der Fränkische Kurier bringt in Riesenlettern die Überschrift: „Erich Mühsam verlangt die Unterbringung der Festungsgefangenen in den Königsschlössern.“ Dabei ist das nicht einmal wahr, und ich habe ausdrücklich betont, daß die Unterbringung Arcos in der Krankenabteilung des Gefängnisses Landsberg schon unsern Forderungen entsprechen würde. Aber ich kann diese Kleinigkeit schon auch noch auf meinem Buckel tragen. Sicher ist, daß die Unterbringung in den Schlössern nicht ungesetzlich wäre, unsre Unterkunft im Zellengefängnis es aber ist. – Dann hat der Herr Marterwerkzeuge demonstriert, um zu beweisen, daß hier Gewalttätigkeiten vorbereitet wurden, und zwar: ein eisernes Schlagwerkzeug, – offenbar das, das der geisteskranke Walter sich zum Schutz gegen seine damaligen Boykottierer – die uns boykottierten, weil wir den Boykott nicht mitmachten, und die uns jetzt noch, und zwar gemeinsam mit dem zu ihnen übergelaufenen Walter boykottieren – hergerichtet hat. (Ich mußte 4 Wochen in Einzelhaft, weil ich den Vorstand aufklären wollte). Dann den sogenannten „Totschläger“, den man bei Hagemeister gefunden haben will. (Natürlich nennt man öffentlich den Namen Hagemeister, – das ist System!). Es handelt sich um den Verbindungsdraht für die elektrische Lichtverlängerung, den Hagemeister in seiner früheren – meiner jetzigen Zelle schon vorfand, ohne davon Notiz zu nehmen. Erst ich habe die Lichtverlängerung anbringen lassen. Er selbst ist über die Sache, in der er völlig unbeteiligt ist, nie befragt worden. Ein Blick eines Sachverständigen würde überdies genügen, um zu beweisen, daß dies Ding ein zur Anstaltseinrichtung gehöriger Gegenstand ist, der garnicht präpariert ist und überdies bei der Nachgiebigkeit des Metalls als Schlagwaffe ganz ungeeignet wäre. Aber der arme Hagemeister ist wieder mal als Mörder „entlarvt“. Und dann noch eine dritte „Waffe“: eine Holzkeule. Wir fragten einander, was das wohl sein könne, und sind drauf gekommen: es ist offenbar der Schlegel, den sich die Jungen mal unten im Hof zum Deutschball-Spielen gemacht haben. Da sie dazu angeblich den Holzpflock einer Bank herausgerissen haben, kamen sie ein paar Tage in Einzelhaft (vermutlich gründet sich darauf die „schlechte Führung“ von Weigand). Die Erklärung der Beteiligten, daß die „Keule“ ein Spielzeug sei, ist selbst von Kraus nicht angezweifelt worden, zumal die grauenvolle Tat während des Spielens verübt wurde, nachdem der bisher benützte Schlegel entzweigegangen war. – Der Regierungsvertreter, der den Herren Abgeordneten diese Schauerwerkzeuge vorführte, erklärte dabei, das sei nur eine kleine Auswahl, er habe noch viel mehr zur Verfügung. Und dann gings weiter über uns her. Da man anscheinend schon garnichts gegen uns weiß, wurden Dinge, die fast 2 Jahre zurückliegen, aktuell auffrisiert und vorgeführt. Während des Kappputsches war die Lage hier so gefährlich, daß die Genossen sich fragen mußten, was sie tun sollten, wenn ihre Befürchtungen einträfen, und einige meinten wohl, dann müsse ums Leben gekämpft werden. Vor allem müsse man dann versuchen, Pferde und Wagen der Anstalt in die Hand zu bekommen, um die Verbindung mit der Arbeiterschaft draußen herzustellen. Dies wurde den Abgeordneten als neuesten Datums erzählt, ebenso die weiteren Ausbruchs- und Verteidigungspläne, die damals laut wurden. Wie bedroht die Gefangenen in Wirklichkeit waren, wie recht sie also hatten, alle Eventualitäten zu bedenken, zeigt sich daran, daß sich in jenen Tagen einige gewissenhafte Menschen mit Lujo v. Brentano an der Spitze zu einem Komitee zusammenschlossen, das sich den Schutz des Lebens der politischen Inhaftierten zur Aufgabe stellte. So sah also das Material aus, das Lerchenfeld seinen Vertreter (Kühlewein?) vorbringen ließ, und das die Diskussionsredner mit heller Entrüstung gegen uns erfüllte. Daß die Christkatholischen und die Treudeutschen der Besudelung wehrloser Menschen, denen man Hände und Füße gebunden und einen Knebel in den Schlund geschoben hat, freudig zustimmten, ist bei den Christen und Patrioten im „republikanischen“ Deutschland nicht erstaunlich. Selbstverständlich ist auch, daß Müller-Meiningen – der ja die Methoden unsrer Mißhandlungen erfunden hat – seinen Feinden noch extra einen „demokratischen“ Batzen ins Gesicht spuckte. Es soll deshalb auch nur der historischen Vollständigkeit wegen vermerkt werden, daß der Antrag auf Veröffentlichung des Verleumdermaterials – zu dem auch die Behauptung gehört, es sei in Niederschönenfeld niemals einem Gefangenen das Schreiben verboten worden!! – ohne den Verleumdeten Gelegenheit zur Rechtfertigung zu geben, eine Gemeinschaftsarbeit der Deutschnationalen und „Demokraten“ war. Aber die wahre Weihe erhielt die ganze Feier erst durch die Rede Roßhaupters, des Sozialdemokraten. Diese von Eisner aus dem Mist gezogene Null, den ich schon im Januar 19 öffentlich als Saboteur der Revolution bezeichnet habe, der die Soldatenräte an die Kriegsgeneräle verriet, der am 21. Februar angstschlotternd, jammernd und flehend unter einem Tisch herausgezogen wurde und dann von Mitgliedern des Revolutionären Arbeitsrats bei seiner Familie abgegeben wurde, dieser Rotzkerl hat sich herausgenommen, als Auer-Grammophon die Rede gegen uns zu halten. Man dürfe uns ja nicht herauslassen, seine Partei sei durchaus gegen jede Amnestie, und es wäre kläglich von uns, fortwährend der Öffentlichkeit vorzuklagen und zu winseln. Eine Untersuchungskommission wollte er aber herschicken, und man sollte auch die einzelnen Urteile auf Wunsch nachprüfen, und darauf Einzelbegnadigungen stützen. Was es damit für eine Bewandnis hat, zeigt sich aus den täglichen Ablehnungen von Bewährungsfristgesuchen. Man operiert jetzt schon bei Zurückweisung von Beschwerden wegen Ablehnung solcher Gesuche – die natürlich auch hektographiert erteilt wird – mit vorgedruckten Formularen. Ich schreibe einen Vordruck ab: „Beschw. Reg. II Nr[?]. ... Gebührenfrei Betreff: das Strafverfahren gegen ... Oberstes Landgericht II Strafsenat. Beschluß vom ... gefaßt auf Grund der Vorschriften in Nr. 15 der Bekanntmachung des Staatsministeriums der Justiz vom 11. Juli 1919, die bedingte Begnadigung betr. (J. M. Bl. S. 239) (in Schreibmaschinenschrift: „die Beschwerde des ... wird verworfen.“) Gründe: Das (Volksgericht) hat die Bewilligung einer Bewährungsfrist mit zutreffenden Gründen versagt. Auch nach der Ansicht des Senats liegen keine Umstände vor, die nach den Vorschriften im § 1 der Bekanntmachung des Staatsministeriums der Justiz vom 14. Dezember 1908, die bedingte Begnadigung betr. (J M Bl. S. 285), die Bewilligung rechtfertigen könnten.“ Folgen Unterschriften, Stempel etc. – Die „Ansicht des Senats“ liegt also jeweils schon vorgedruckt im Kasten und stimmt immer überein mit der des Volksgerichts. Das ganze heißt „Rechtspflege“. – Müller-Meiningen aber, der schon wieder alle seine Schmöcke in Betrieb gebracht hat, um ihn wieder als Justizminister zu empfehlen, hat grade einen Artikel gegen Radbruch veröffentlicht, wo er zum Schluß händeringend wehklagt, daß unter diesem Reichsminister auch das letzte Heil der Deutschen noch zum Teufel gehn wird: die objektive Rechtsprechung. Das schrieb der Mann, unter dessen Verantwortung selbst in diesem Deutschland der Schmach, der ungeheuerlichsten Korruption, die die Welt gesehn hat, der völligen Aufhebung jeder Sittlichkeit und jedes Gewissens, jeder Rekord an Klassenjustiz – durch Justizmorde gegen Proletariervertreter, durch Vertuschung gemeinster Verbrechen bei Müllers Klassengenossen – gebrochen wurde! – Was die Beschlüsse der Parlamentarier anlangt, so müssen wir nun sehn, ob wir von Radbruch und besonders von der Arbeiterschaft im Reich im Stich gelassen werden. Vorläufig kann ich es mir nicht recht denken. Die Brutalität der gegen uns gefaßten Beschlüsse, die Kraus und seinen Knechten jeden Freibrief geben, mit uns nach freier Willkür zu verfahren, liegt zu offen am Tage. Jedenfalls steht fest, daß ohne Eingreifen Norddeutschlands oder des Proletariats für uns eher Verschlimmerungen als Erleichterungen zu erwarten sind. (Ein Symbol: die Unterkunftsbaracke der grünen Polizeiwehr befand sich bis jetzt außerhalb des übrigen Anstaltskomplexes als Anbau an der Straße. Kürzlich riß der Wind die Umfassungsplanken der Baracke ein, und nun hat man das ganze Holzbauwerk abgetragen und richtet es im Innern der Anstalt, und zwar unmittelbar dem Eingang zu unserm Zellenbau gegenüber wieder auf. Für Wiederholungen von Übungen à la 4. Januar und 4. Juni sind die Gummiknüppel, Pistolen und Handgranaten jetzt also viel schneller bei der Hand). – Die Amnestieaktien scheinen jetzt wirklich vorderhand auf Null zu stehn. – Aber man kann nie wissen, was jeder Tag neues bringen wird. In Wien sind große Teuerungsunruhen gewesen, es soll das Standrecht verhängt sein. Die Streikbewegungen wachsen auch bei uns. In Düsseldorf z. B. sind große Sabotageaktionen von den Syndikalisten unternommen worden (die Kommunisten werden sie nun wohl als „Konterrevolutionäre“ denunzieren: Levis „Leitsätze“). Dabei ist es vom Moratorium wieder stiller geworden, und statt dessen hat sich eine Note der Reparationskommission eingestellt, die pünktliche Bezahlung verlangt, die Verantwortung auf die Zahlungsschwierigkeiten der deutschen Finanzpolitik zuweist, die Wirthsangestellten ermahnt, die ins Ausland verschobenen Devisen zu fassen und eine vernünftige Geldgebarung in Deutschland verlangt. Natürlich ist der Dollar gleich wieder gehörig teurer geworden. Meine Zenzl bewährt sich inzwischen herrlich. Sie ist in Berlin, nimmt dort an der Konferenz für die Rußlandhilfe teil, hat Pfempfert und dem Malik-Verlag die Köpfe zurechtgesetzt wegen der Nachlässigkeit – oder Sabotage? – in der Wahrung meiner Autoreninteressen, hat mit Harden und Krestinski Unterredungen und versäumt nichts, was helfen kann oder helfen könnte. So eine Frau – was kann mir eigentlich Arges geschehn? – Aber daß wir uns in diesem ganzen Jahr nur 5 Stunden haben sehn können – und mit dem politischen Kriminalwachtmeister neben uns – das soll denen nicht vergessen werden, die uns heute Unterricht geben, was Klassenkampf ist!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 6. Dezember 1921.

Ein paar ganz knappe Ergänzungen. Im Landtagsausschuß hat man sich auch mit Radbruch beschäftigt. Die bayerische Regierung hat erklärt, er habe ihr Material zugehn lassen, zu dem er auf verbotenen Wegen – also durch Schmuggel der Festungsgefangenen – gekommen ist. Selbstverständlich gehe man Beschuldigungen, die illegal aus der Anstalt kommen, nicht nach. Lebhafter Beifall bei der Mehrheit! Der Pfaff Wohlmut bemerkte dazu, es wäre von Radbruch „feiner“ gewesen, er hätte dieses Material gleich selbst in den Papierkorb geworfen. Dabei wissen diese Schurken, daß wir auf legalem Wege die Wahrheit nicht hinausbefördern können, ohne uns schwersten Gefahren auszusetzen, daß mindestens das Material nicht an die Adresse des Reichsministeriums, das als feindliche Macht betrachtet wird, gelangen würde. – Dann wurde der Brief eines als Hausbursche beschäftigten Strafgefangenen verlesen, der von dem schönen Leben der Festungsgefangenen schwärmt. So ein armer Teufel beneidet uns natürlich das Leben ohne Zwangsarbeit mit Raucherlaubnis etc., – und die Herren Abgeordneten sind entsetzt über die frechen Ansprüche dieser kommunistischen Verbrecher, die sich noch beklagen, obwohl sich ihre Haft immer noch etwas von gewöhnlicher Sträflingsbehandlung unterscheidet. Ich habe die Formel gefunden, die unsre Behandlung im Gegensatz zu der Arcos und der gesetzlichen Festungshaft so skandalös macht: tatsächlich ist mit Radbruchs Ausspruch vom „Mittelding zwischen Gefängnis und Zuchthaus“ noch keine präzise Definition gegeben. Die Festungshaft wird ganz militärisch aufgefaßt und muß auch so beurteilt werden. Dann ergibt sich dieser Unterschied: Arco und die übrigen Festungsgefangenen in Deutschland haben Casino-, wir haben Kantine-Behandlung. Das stimmt bis in die Einzelheiten. Z. B. das Personal im Casino – Unteroffiziere und Gefreite – sind die Untergebenen der von ihnen Betreuten, – in der Kantine sind sie die Vorgesetzten. Im Casino gibts Frauenbesuch, Gelage, Vergnügen etc., für Rekruten und „Gemeine“ existiert das alles nicht. Bei Disziplinwidrigkeiten aber kriegt der Offizier Stubenarrest (daher ist Hofentzug die einzige gesetzliche Disziplinarstrafe für Festungsgefangene), der Gemeine Arrest mit Verschärfung, wie wir hier. So ist der Unterschied – und daß er so ist, kennzeichnet vor allem die Klassenpsyche unsrer Peiniger. Sie unterscheiden aus ihrer Erziehung heraus militärisch: wer gestärkte Wäsche trägt, gehört ins Casino, wer den Proletariern helfen will, in die Füsilierkaserne mit ihrer Kantine. So ist ihnen die verschiedene Ausführung der Festungsstrafe ihrem militärischen Denken gemäß völlig natürlich. – Aber die Opfer dieser infamen Moral hier im Hause sehn längst nicht alle ein, daß nur die Verschärfung der Klassengegensätze im Bewußtsein der unterdrückten Klasse die Menschenwürde vor den Fußtritten retten kann, die sie unausgesetzt empfängt. Nicht Klassenversöhnung haben wir zu betreiben, sondern verschärften Klassenkampf mit dem Ziel der proletarischen Klassendiktatur als Voraussetzung der Klassenaufhebung. Die Sache ist zu einfach, als daß deutsche Spießer sie begreifen könnten.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 7. Dezember1921.

Eben ist ein Brief von mir „An den Herrn Reichspräsidenten“ in den Kasten gesteckt worden. (Vielleicht werde morgen ich deswegen in den Kasten gesteckt). In aller Kürze wird darin unsre völlige Entrechtung auseinandergesetzt und die Methode unsrer Drangsalierer gekennzeichnet, die einfach den Spieß umdrehen und uns – ohne Verhör – als die überführten Schuldigen auf Staatskosten vor die Öffentlichkeit zerren. Zum Schluß sage ich, daß alle Rechtsmittel für uns erschöpft sind, da wir nicht einmal freien Verkehr mit unsern Rechtsanwälten pflegen können, und so beschreite ich den letzten Weg, der mir gangbar scheint, mich an den Herrn Reichspräsidenten zu wenden „mit der dringenden Bitte: das Deutsche Reich möge den Festungsgefangenen in Niederschönenfeld Schutz gewähren gegen die bayerische Regierung, den bayerischen Landtag und die bayerische Justiz“. Ursprünglich wollte ich dieses Schreiben als Korporativaktion möglichst aller Genossen behandelt wissen, doch lehnten die Mittelgänger, denen ich es zuerst vorlegen ließ, die Beteiligung ab, wie mir der Mittelsmann betrübt begründete: weil’s von Mühsam ausgeht! – Ich bin nun sehr gespannt, ob man den Brief, den ich verschlossen und mit Einschreibgebühr frankiert aufgegeben habe, befördern wird, bzw. mit welcher Begründung man es nicht tun wird. Wird er beschlagnahmt, so gibt man mir gegen die Erklärung, illegale Beschwerden werden ignoriert, eine messerscharfe Waffe in die Hand, die ich zu gebrauchen wissen werde. Ob man es wirklich wagen wird, mich zu disziplinieren, glaube ich vorläufig doch noch nicht recht, obwohl man heute in Bayern über nichts erstaunt zu sein brauchte. – Die ausführlicheren Berichte über die Sitzung des Landtagsausschusses machen das Bild noch lieblicher. Niekisch hat alles getan, um die Verleumdungen gegen uns zurückzuweisen, der Regierungsvertreter (Kühlewein!) aber hat Dinge erzählt, die so aufgelegter Spitzelschwindel sind, daß man nur staunen kann, was alles geglaubt wird. Und Roßhaupter hat sich nicht bloß über unser „Winseln“ entrüstet, er hat erklärt, man könne nicht jedes Verbrechen von den ungeheuerlichsten Folgen, bloß weil es mit politischen Motiven ummäntelt wird, einfach amnestieren. Die Empörung über diesen jämmerlichen Patron ist im ganzen Hause groß. Sehr schön aber referiert die Münchner Post, Auers Organ, über die Sache: Es streichelt Niekisch und unterschlägt seinen Lesern vollständig die gemeine Haltung der eignen Partei bei der Geschichte, markiert also noch eine freundliche Gesinnung für uns! Das ist die letzte Vervollkommnung in der politischen Gaukelei und Verkommenheit der Sozialdemokraten. Pfui Teufel! – Aus dem Hause: die drei Milchkocher sind wieder oben. Heute wurde ich zu einer „Eröffnung“ geholt. Nämlich: „Es bleibt bei der Beschlagnahme des Buches „Das Gesicht der herrschenden Klasse“, da es mit dem Strafvollzug nicht vereinbar ist, wenn ein so hetzerisches Buch in noch mehr Exemplaren in den Händen der Festungsgefangenen ist.“ – Ich gab mit keinem Zeichen zu verstehn, daß mich das garnichts mehr angehe, da ich ja mein Exemplar schon wieder habe; entweder man hat mir damals das Buch versehentlich wiedergegeben, oder man hat mir heute aus Versehen eine für Karpf bestimmte Eröffnung vorgelesen. Dann sind mir wieder „mehrere“ Zeitungsausschnitte der Firma Schustermann zu den Akten genommen worden. Ich erfahre nicht mal mehr, wieviel. – Aus der Presse: Lerchenfeld läßt verbreiten, daß er nicht nach Niederschönenfeld reisen werde, damit nicht der Eindruck entstehe, er handle unter dem Druck Radbruchs. Die Kahrioten scheinen in Bayern auf der ganzen Linie gesiegt zu haben. Mürbe sollen sie mich gewiß nicht kriegen! – Aber einige harte Stöße werden ihnen grade im Augenblick versetzt. Vor allem: in Innsbruck hat man den Schweighart verhaftet, den „mutmaßlichen[“] Mörder der Sandmeier und Gareis’, und die Österreicher haben die Gemeinheit gehabt, den Kerl an Bayern auszuliefern. Was nun? Na – vielleicht gelingt es unserem Pimperl Wichtig doch noch, Justizminister zu werden – er läßt alle Minen dazu springen, sogar die Behauptung, daß die größte Schwierigkeit in seiner Weigerung liege, den Posten anzunehmen; – dann werden sich schon die Wege der „objektiven Rechtsprechung“ finden, die Herrn Schweighart ein fröhliches Los garantieren. – Heute soll nun auch in Leipzig der Hochverratsprozeß gegen Jagow und die 3 andern Kappisten anfangen, – wenn man ihn nicht wieder vertagt hat. Auch da kann man neugierig sein, wie anders deren Würfel fallen wird als der unsrige. Wirth hat die Presse um gutes Wetter gebeten. Aber die Steuergesetze müssen nun doch mal drankommen, und der Teufel weiß, wie man sich um diese Klippe noch herumwinden soll. Mit der ewigen Kommunistenhetze allein gehts doch auch nicht mehr (so blöd die Parteikommunisten auch immer im verkehrtesten Moment das Material dazu liefern). – Noch eine kleine Bemerkung als Zeitillustration: Unser Volksbeauftragter fürs Auswärtige, den uns wegen seiner Irrsinnspolitik die Kommunisten bis zum Übelwerden vorgeschmissen haben, ist in Ulm als bezahlter Regierungsspitzel entlarvt worden, – und zwar als Mitglied der KPD! Welche Wendung durch Gottes Fügung!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 8. Dezember 1921.

Mariä Empfängnis – und infolgedessen keine Post, was mir umso fataler ist, als ich nicht weiß, wo Zenzl ist. Sie wollte Montag von Berlin abreisen, unterwegs eventuell in Zörbig Quartier nehmen und erst dann heim. Die letzte Nachricht sind ein paar Karten vom Russenhilfs-Kongreß am Sonntag, an dem sie teilgenommen hat, und ich bin nun recht nervös, weil ich außer Verbindung mit ihr bin. In der Angelegenheit zwischen uns und der Regierung beabsichtige ich zunächst abzuwarten, was aus dem Brief an Ebert wird. Dann will ich an Pestalozza schreiben. Die Klingelhöferleute vom I. Stock haben eine neue Eingabe an den Beschwerdeausschuß des Landtags gerichtet. Meinetwegen. Es kann nicht oft genug aktenmäßig festliegen, welche Schandtat an uns begangen wird: daß man bei unsern Beschuldigungen gegen die unerhörten Verbrechen des Strafvollzugs nur die Beschuldigten hört, und daß man auf deren Gegenbeschuldigungen gegen uns nur die Beschuldiger hört; daß man gegen die von uns Beschuldigten keine Untersuchung führt, deren Lügen aber ohne Verfahren benutzt, um uns zum Pranger zu verurteilen; daß man unsre legalen Beschwerden nicht befördert, die illegalen ignoriert; daß man den Rechtsbrechern gegen uns Freibriefe ausstellt, uns noch über das Maß des schon Erlebten hinaus zu malträtieren (Kühlewein hat erklärt, daß der Strafvollzug noch garnicht die Form habe, zu denen die Behörden nach den Vereinbarungen das Recht hätten); daß man den Kraus zum Richter in eigner Sache macht und ihn jede Beschwerde gegen seine eignen Niederträchtigkeiten als unbegründet zurückweisen läßt; daß man Lügen gegen uns erfinden läßt, und sie von Instanz zu Instanz ungeprüft aufnimmt, deckt und weiterverbreitet, und daß man jetzt das ganze Lügenwerk als Pogromhetze gegen uns zusammenbinden läßt, um uns für den Fall, daß das Reich unsre Freilassung erzwingt, dem Haß der aufgepeitschten Massen preiszugeben. – Inzwischen enthüllt sich die Aktion vor einigen Wochen, als man ein Dutzend Gefangene anfragte, ob sie sich einem von unbekannter Seite ausgegangenen Begnadigungsgesuch anschließen wollten, als blanke Verhöhnung der Genossen. Einer nach dem andern erhält die Mitteilung, daß das Gesuch abgelehnt sei; so jetzt wieder mehrere, darunter Schiebel, der im ganzen nur noch 7 Wochen Strafzeit vor sich hat. – Daß die Aktion der Unabhängigen hier drinnen irgendwelchen Erfolg haben wird, ist natürlich ausgeschlossen, da sie sich ja an Menschen wendet, die längst mitschuldig geworden sind, da sie ganz genau wissen, was wir den Behörden vorwerfen und was wir gegen deren Verleumdungen anwenden, die aber jede Nachprüfung verhindern, um ihre politische Gehässigkeit zu befriedigen. – Die Haltung Lerchenfelds und der Seinen in der Sache freut mich eher als daß sie mich deprimieren sollte. Die Leute haben den Mut zu ihrer völligen Demaskierung in der Haltung Radbruchs und der Sozialdemokraten gefunden, die plötzlich den Eingriff des Reichs in Bayerns Justizhoheit ablehnen und sich gegen die Amnestierung der Räterepublikaner erklärt haben. Damit haben diese Desperados einen großen Sieg über das Reich davongetragen, den sie zu erweitern suchen. Deshalb erklären sie offiziell, daß sie illegal erworbene Kenntnisse des Reichsministers über ihre Verbrechen nicht anerkennen und lassen Berlin wissen, daß Lerchenfeld sich überhaupt nichts von ihnen sagen läßt, indem er sogar auf die Reise nach Niederschönenfeld verzichtet. Sie wollen also scheinbar den offenen Konflikt (um Stoßkraft zu haben für den Sturz der ganzen Wirthsbude, wozu sie gegen Radbruch anrennen und uns als Prellbock benutzen). Man wird in Berlin nicht so schwachsinnig sein, diesen Zusammenhang nicht zu erkennen, und der Konflikt, dem man bisher durch Nachgiebigkeit auf unsre Kosten aus dem Wege gegangen ist, wird ausgetragen werden müssen. Kommt es dazu – etwa in der Form, daß der Reichstag nun doch ermuntert wird, eine eigne Kommission herzusenden, und der womöglich der Zutritt zu uns versperrt wird -, dann kommts drauf an, wer tatsächlich stärker ist. Bisher hat aber Bayern bei all solchen Gelegenheiten doch noch den Kürzeren gezogen. Und diesmal kämpft man hier mit so schmutzigen Waffen, daß der Gestank davon selbst schon bürgerlichen Organen in die Nase zieht (z. B. der „Frankfurter Zeitung“, während der „Vorwärts“ Kühleweins Lügen als erwiesene Wahrheit weitergibt. Eine Richtigstellung Tollers an die Redaktion wurde zu den Akten genommen, ebenso eine Rechtfertigung Hagemeisters wegen seines angeblichen Totschlägers in einem ganz familiär gehaltenen Brief an seine Frau: wegen „agitatorischen Inhalts“. Aber Rechtsbeugungen sind das absolut nicht!). In meiner Beurteilung unsrer Aussichten habe ich Unrecht behalten, weil ich allerdings nicht vorausgesehn habe, daß die Lerchenfeld-Regierung, unterstützt von der Landtagsmehrheit, in ihrem Haß soweit gehn könnte, ohne Rücksicht darauf, daß die Wahrheit ja doch einmal ans Licht kommen muß, die Verbrechen der Kahr und Roth nicht bloß zu decken, sondern zum Zweck ihrer Deckung durch neue völlig unerhörte Verbrechen, Lügen und Gewalttaten noch zu vergrößern. Gut so. Ein Eitergeschwulst muß sich ganz auswachsen, bis es platzt oder geschnitten werden kann. Die Zugpflasterkuren, die bisher angewandt wurden, haben den Eiterherd intakt gelassen. Die Eiterbeule ist reif, die Frage akut: wird die Wunde ausgekratzt werden oder läßt man lieber den Körper des bayerischen „Rechtsstaats“ an Blutvergiftung zu Grunde gehn?

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 10. Dezember 1921.

Nach dem Ausbleiben der Zeitungen am Dienstag hatten wir gestern und besonders heute einen Berg von Blättern zu durchfressen, daß ich erst sehr spät zum Eintragen komme, zumal der Jagow-Prozeß zur Zeit tatsächlich verhandelt wird und mich schon im eignen Interesse – denn die Herren vom Kappputsch nehmen für sich Entlastungsgründe in Anspruch, die für uns bayerischen Räterepublikaner viel eher zutreffen – zwingt, die Berichte, die sehr ausführlich erscheinen, ganz sorgfältig zu lesen. Zugleich ist die Frage der Reparationsverpflichtungen in ein kritisches Stadium getreten: Rathenau und Loucheur sind in London, und es hängt viel davon ab, ob das Moratorium zustande kommt (was für die Aussichten der Revolution nicht gut wäre). Mit großer Spannung verfolge ich zugleich die Entwicklung der Verständigungsverhandlungen zwischen Großbritannien und Irland. Die Engländer sind sehr weit gegangen in ihrem Entgegenkommen, und der Staatsvertrag, den sie anbieten, böte den Iren gegen alles Frühere ungeheure Erleichterungen. Dabei sind die englischen Politiker klug genug – was ein deutsches Hirn nie ausdenken könnte –, um vor der Annahme durch de Valera schon die Freilassung sämtlicher verhafteter Sinnfeiner zu verfügen. Ob de Valera und die Seinen die Vorschläge, die ihnen staatliche Selbständigkeit unter dem Britenkönig, also etwa die Stellung eines freien Dominions innerhalb des großbritischen Imperiums, gewähren, annehmen werden oder nicht, hängt wohl einzig davon ab, wie stark sie ihre Kräfte einschätzen. Glauben sie die Macht zu haben, aufs Ganze zu gehn – und auch mit der schwierigen Ulster-Frage fertig zu werden – so werden sie es natürlich versuchen müssen. Die Zugeständnisse Londons sind einmal gemacht und für alle Zukunft beweiskräftig, daß die darin zugestandene Autonomie Irlands für Großbritannien akzeptabel wäre. – Ich komme aber auf die Hausangelegenheiten zurück, die ja doch wohl in nächster Zeit politisches Allgemeininteresse gewinnen werden. Gestern wurde mir eröffnet, daß mein Brief an Ebert „wegen propagandistischen und beleidigenden Inhalts“ zu den Akten genommen sei: Ich habe nun an den Eingabe- und Beschwerde-Ausschuß des Landtags auch meinerseits einen Schrieb verfaßt, der morgen wegsoll, und in dem ich zuerst erkläre, daß ich mir davon keine Wirkung erwarte, den Schritt nur tue, um vor der Geschichte dokumentarisch festzulegen, daß das Parlament von allem, was hier vorgeht unterrichtet worden ist, und dennoch ablehnt, in eine Untersuchung einzutreten und sogar Staatsgelder bereitstellt, um die gegen uns gerichteten Verleumdungen der von uns schwerer Verbrechen beschuldigten Beamten propagandistisch gegen uns zu verwerten. Zur Sache habe ich an Hand der Reichsverfassung nachgewiesen, daß der Reichspräsident oberste Aufsichtsbehörde auch des bayerischen Strafvollzugs ist, und daß also die Öffnung meines Schreibens an die Verwaltung schon gesetzwidrig war. Dann erkläre ich, daß es mir ferngelegen habe, auf den obersten Reichsbeamten propagandistisch einwirken zu wollen und fordere schließlich – nachdem ich nebenbei noch Kühleweins Verhöhnung meiner Forderung nach Unterbringung der Festungsgefangenen in Königsschlössern beantwortet habe – meine strafrechtliche Verfolgung wegen verleumderischer Beamtenbeleidigung durch die Eingabe an Lerchenfeld am 9. Oktober und den Brief an Ebert vom 7. Dezember. – Natürlich wird garnichts geschehn, höchstens daß auch dieser Schrieb zum Akt kommt und ich vielleicht dafür gemaßregelt werde. Einen ausgezeichneten Artikel bringt die „Berliner Volkszeitung“ wegen der bayerischen Antwort an Radbruch, worin zum Schluß darauf hingewiesen wird, daß die Verleumdungen gegen uns ganz den Eindruck machen wie die „Fluchtversuche“, die so häufig gegen unbequeme Leute zurechtgemacht worden sind. – Die Absonderungsräume sind seit gestern wieder bevölkert. Gnad spielte vorgestern kurz nach 8 Uhr noch Guitarre. Ein Aufseher verwies ihm das in gröbstem Ton, da um 8 Uhr keine Musik mehr sein darf. Seffert hielt sich vorgestern noch um ¾ 9 Uhr in einem andern Gang auf, als ihm zukommt. Ein Aufseher trieb ihn in gröbstem Ton hinaus. Beide beschwerten sich über den Ton der betreffenden Aufseher. Beide kamen infolgedessen in Einzelhaft. – Zenzl schreibt mir, sie werde mich vorläufig nicht mehr besuchen, da wir schließlich doch Menschen sind und nicht jede Qual ertragen können. Sie hat recht. – Wir haben uns seit über einem Jahr zweimal gesehn, einmal 2 Stunden, einmal 3 Stunden, – beidemal unter Umständen, die die tiefste Entwürdigung zum Zweck hatten. Wir werden uns über Weihnachten auch lieb haben können, ohne uns zu küssen. Möge Graf Lerchenfeld, der grade im Zusammenhang mit uns auf seine Pflichten als Christ selbst aufmerksam gemacht hat, mit beruhigtem Christengewissen unterm Christbaume plärren: Christ ist erstanden! – Ich beneide ihn nicht um seine Gewissensruhe.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 11. Dezember 1921.

Abschrift: „An den Herrn Festungsvorstand. Ich beabsichtige, in diesen Tagen einen längeren Schriftsatz an das Reichsministerium der Justiz abzusenden, in dem die staats- und strafrechtlichen Grundlagen der Vorgänge erörtert werden, die im Jahre 1919 den Anlaß zu meiner Verurteilung gaben. Es handelt sich nicht um ein privates Schreiben an den Herrn Reichsminister, sondern um eine Eingabe an das Amt, die in eine Reihe von staatsrechtlichen Fragen ausläuft. – Nach der Beschlagnahme meines Briefes an den Herrn Reichspräsidenten vom 7. Dezember habe ich Zweifel, ob die Anstaltsverwaltung meine Auffassung teilt, daß die Reichsbehörden Aufsichtsbehörden im Sinne § 17, Abs. 4 der Festungs-Hausordnung sind. Ich stütze diese Auffassung auf Artikel 15, Abs. 1 in Verbindung mit Artikel 7,3 der Reichsverfassung. – Ich hatte die Absicht, die Eingabe in verschlossenem und versiegeltem Umschlag einem der Zensur vorzulegenden Begleitbrief beizulegen und bitte um Mitteilung, ob die Beförderung in dieser Weise zugelassen wird. N’feld, d. 11. Dez. 1921.     Erich Mühsam.“

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 12. Dezember 1921.

Bilder aus der „Ehrenhaft“. Murböck teilte einem Sozialdemokraten, der ihn über die Organisationszugehörigkeit der Festungsgefangenen interpelliert hatte, darüber brieflich einiges mit. Der Brief ging zum Akt, weil er interne Verhältnisse von Festungsangelegenheiten bespreche. Darauf suchte Murböck Rapport nach. Abgelehnt: der Vorstand halte eine mündliche Auseinandersetzung über seine Entscheidung nicht für erforderlich. – Ein Paket, in dem Holzsäbel, Holzpistolen, eine Holzkanone und ähnliches Kinderspielzeug enthalten waren, wurde wegen Verdachts propagandistischer Absichten beschlagnahmt. Ich kann mir kaum denken, daß man bei der Verwaltung anders als durch Denunziation auf diesen scharfsinnigen Verdacht geraten sein kann. – Dann: Ein Brief Rosenfelds, des USP-Reichstagsmanns und Rechtsanwalts an Toller wurde wegen beleidigenden Inhalts nicht ausgehändigt. Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneter! – Endlich: Hartig wandte sich an den Vorstand mit der Bitte um Rat, wie er sich gegen die Anwürfe wehren könne, die Kühlewein im Landtagsausschuß gegen die F. G. gerichtet hätte. Er fühle dadurch seine staatsbürgerliche Ehre gekränkt, und er sei der Meinung, daß der Vorstand ihn nicht bloß zu bewachen, sondern auch zu schützen habe. Nachdem aber ein Brief an einen Parteifreund, in dem er nur wahrheitsgemäß die Aufklärung gegeben hatte, die Keule, die Kühlewein geschwungen hat, um die Mordabsichten der Festungsgefangenen zu beweisen, habe früher als Schlegel für die Blechpauke gedient, die bei dem Orchester des I Stocks benutzt wurde, wegen propagandistischen Inhalts zu den Akten genommen sei, wisse er keinen Weg mehr zur Rettung seiner Ehre und ersuche den Vorstand, ihm solchen Weg zu zeigen. Antwort: Im Landtag ist nicht von „den“, Festungsgefangenen schlechthin gesprochen worden, sondern nur von einem Teil. Nur wer sich getroffen zu fühlen hat, ist gemeint. Übrigens sei dem F. G. Hartig nahegelegt, auf seine Mitgefangenen in einer Richtung einzuwirken, daß durch deren Verhalten selbst derartig unliebsame Erörterungen nicht mehr nötig werden. Nun bin ich neugierig, was ich für einen Bescheid auf meine Anfrage kriegen werde. Ich habe die feste Absicht, im Fall der Ablehnung nach allen Richtungen hin Beschwerden loszulassen, im Fall der Zubilligung die Beförderung des Ebertbriefs zu verlangen. Daß für den Augenblick praktisch nichts erreicht wird, ist klar. Aber jetzt gilt es, Papiere zu schaffen, wo alles festliegt, sodaß nirgends ein Loch bleibt, durch das die Rechtsbrecher sich als Nichtorientierte flüchten können. Im Moment haben die Bayern in Sachen Niederschönenfeld schon wieder einen Sieg zu verzeichnen. Der Untersuchungsausschuß des Reichstags, der beschlossen hatte, nach Lichtenburg auch unser Pensionat zu besuchen, hat sich nach einer juristischen Belehrung des bayerischen Gesandten Preger, der behauptet, das Aufsichtsrecht erkenne Bayern zwar – mit Einschränkungen – für die Reichsregierung an, nicht aber für den Reichstag (der doch aber der Regierung übergeordnet ist), und daß Bayern die Besichtigung durch eine Untersuchungskommission nicht zulassen werde, tapfer zurückgezogen und beschlossen, angesichts der umstrittenen Rechtslage vorläufig von der Augenscheinnahme abzusehn. Also von allen Seiten im Stich gelassen. Die Reaktion darf sich, ungestört von Reich und Land, weiterhin zu unsrer Qual austoben. – Was von den Sozialdemokraten im allgemeinen zu erwarten ist, zeigt der Fall Eberlein im preußischen Landtag. Der Ausschuß, dem die Sache vorlag, hat sich mit Einschluß der SPD für die Aufhebung der Abgeordnetenimmunität wegen der sehr schäbigen Aufdeckung seiner Rolle beim Märzaufstand ausgesprochen. Das ist wohl die äußerste Stufe der sittlichen Verworfenheit einer „proletarischen“ Partei, – einen Klassengenossen für sein Verhalten in einem revolutionären Kampf gegen die Kapitalisten, unter Aufhebung der von ihnen als heiligste Garantien ausgeschrieenen demokratischen Verfassungsrechte, eben jenen Kapitalisten zur Rache zu überliefern. – Jetzt wurde ich eben herausgerufen und kann einen neuen „Fall“ buchen: Ich hatte an Niekisch in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter eine Postkarte geschrieben, worin nur die Mitteilung stand, daß ich am Montag – heute – ein Schreiben an den Landtagspräsidenten, dem ein Schriftstück an den Beschwerdeausschuß beiläge, absenden werde; er möge so freundlich sein, sich um die zweckmäßige und rasche Behandlung der Sache zu kümmern. Weiter nichts. – Jetzt die Eröffnung: „wegen propagandistischen Inhalts“ zu den Akten genommen. Das ist stark; aber es zeigt den Zustand, in dem sich jetzt schon das Gewissen unsrer Peiniger befindet. Mir ist’s recht. Jede Verschärfung eines Konflikts muß seine Lösung beschleunigen. Nun fehlt nur noch, daß die Eingabe selbst, die ich verschlossen und versiegelt einem der Zensur zugänglichen Brief an den Landtagspräsidenten beigelegt habe, ebenfalls nicht bestellt wird, daß also der Bundesgenosse der Gefangenenschinder in der Prannerstraße selbst nicht mehr für zuverlässig genug angesehn wird, sodaß man auch ihm gegenüber das Recht beugen muß – und es scheint doch, als ob die Konfiskation der Karte an Niekisch nur die Einleitung zu diesem Übergriff sein soll, – so ist auch eine Verletzung der bayerischen Verfassung gegeben. Ich wäre sehr zufrieden – und bin (obwohl ich mich körperlich garnicht gut befinde) sehr kampffroh gelaunt. – Das schönste wäre, man gäbe meinem Antrag statt, und stellte mich vor Gericht. Eine bessere Figur als jetzt die Kapputschiner vor dem Reichsgericht gäbe ich dabei ab. Das weiß ich sicher.

 

Ausblenden