Tagebücher

XXX

 

13. Dezember 1921 – 19. Januar 1922

 

 

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 13. Dezember 1921

Ich bin krank: Schwindelanfälle, Brustbeschwerden und noch allerlei, was ich auf meine Herzerweiterung zurückführe. Solange es irgend geht, werde ich dem Körper nicht nachgeben und alle Energie aufwenden, durch möglichstes Ignorieren der Störung, die mir sehr widerwärtig ist, Herr zu werden. Ich habe mich zum Arzt gemeldet, – wenn ich auch zu dessen gutem Willen, Festungsgefangenen zu helfen, nicht viel Zutrauen habe. Jedenfalls hört dieser gute Wille da auf, wo die Mittel zur Hilfe von der Strafvollstreckungsbehörde lästig empfunden werden könnten. Auf meine Anfrage an den Vorstand, ob Schreiben an die Aufsichtsbehörden verschlossen und versiegelt abgesandt werden können erhielt ich den bündigen Bescheid: „Verschlossene und versiegelte Briefe werden in keinem Falle und an keine Stelle befördert.“ Mit dem gleichen Bescheid erhielt ich heute das Schreiben an den Eingabe- und Beschwerdeausschuß des Landtags mit unverletztem Siegel zurück. Doch fehlte mein Begleitschreiben an den Landtagspräsidenten. Nun will ich den Vorstand zwingen, Farbe zu bekennen. Ich will diesen Zettel hinunterschicken: „An den Herrn Festungsvorstand. Die Beschlagnahme meines Schreibens an den Herrn Reichspräsidenten sowie der Postkarte an den Herrn Landtagsabgeordneten Niekisch veranlaßt mich, zwecks Information über die Grenzen der mir zustehenden Rechte um eine Unterredung nachzusuchen ...“ Bis dahin lasse ich die Sache an den Ausschuß liegen (die ich ohnehin noch einmal abschreiben will, damit die Verwaltung nicht dem Genossen, in dessen Handschrift sie jetzt vorliegt, etwa Unannehmlichkeiten machen kann), und gebe inzwischen die Denkschrift an das Reichsjustizministerium zur Zensur. Ich will auch die letzten Möglichkeiten ausprobieren, um auf legalem Wege die Wahrheit hinauszubringen. Je hartnäckiger und willkürlicher der legale Weg verbaut ist, umso besser offenbart die bayerische Justiz ihr Gefühl der Schwäche und des Unrechts, und das so geschaffene Dokumentenmaterial wird wuchtiger sein als alle illegale Orientierungen der Öffentlichkeit, die ja nebenher von andrer Seite ebenfalls unausgesetzt besorgt wird. Den armen Radbruch beneide ich nicht um sein Amt. Nachdem er im Reichstag aufgetrumpft hat, er werde Bayern zur Innehaltung der Reichsgesetze zu zwingen wissen, huft er jetzt vor Preger wieder einmal meilenweit zurück. Der beruft sich – statt auf die Reichsverfassung – jetzt auf Vereinbarungen vom Jahre 1897, wonach Bayern seinen Strafvollzug nach Belieben handhaben könne und „Mängelrügen“ vom Reich nicht entgegenzunehmen brauche. Und Radbruch erklärt schon ganz bescheiden, daß ihm Rügen fernliegen, und daß er nur um Informationen gebeten habe. Ein interessanter Aufsatz wird aber in der „Frankfurter Zeitung“ aus einer Berliner Zeitung der Deutschen Volkspartei zitiert, worin der bayerischen Regierung besorglich geraten wird, nun, wo sie doch nicht mehr sagen könne, der Reichstag vergewaltige Bayern, den Reichstagsausschuß selbst zur Besichtigung von Niederschönenfeld einzuladen. Die hartnäckige Weigerung, unparteiischen Stellen den Einblick zu gestatten, könne sonst leicht ins Gegenteil der in München beabsichtigten Wirkung umschlagen. – Man wird sich hüten. So weit, wie man die Lügenpolitik gegen uns und die Rechtsbeugungen jetzt schon getrieben hat, wäre das Bekanntwerden der Wahrheit die Katastrophe für die bayerischen Justizbehörden. Und das ist das Gute für uns. Der Pessimismus, der sich schon wieder überall im Hause eingenistet hat, findet bei mir keinen Boden. Niederschönenfeld ist heute ein Parolewort für reaktionäre Brutalität in der ganzen zivilisierten Welt. Die Vertuschungen der Regierungen können nur noch auf Details wirksam sein. Daß vertuscht wird, ist nicht mehr zu vertuschen und wird als ungeheuerer Skandal empfunden. Es heißt, Niekisch habe eine Broschüre über Niederschönenfeld erscheinen lassen, die großen Absatz finde. Mag sich das Gas nur weiterhin im Kessel sammeln. Je länger es dauert, bis die Explosion da ist, umso kräftiger wird sie ausfallen. – Interessant ist, daß man nun – was doch so kurz vor Weihnachten sehr nahe gelegen hätte – niemanden herauslassen zu wollen scheint (und die Herren haben das Glück, daß bis in den Januar hinein die Strafzeit bei niemandem abläuft). Der ganze Apparat ist auf den einen Zweck eingestellt, die Wahrheit zu unterdrücken. Dagegen hat man die Genossen in Erlangen freigelassen (wenigstens Wenisch und Rottenfelder, vermutlich aber auch Seidl und Retschmayer). Die wissen von nichts und ihre Entlassung rettet den Nimbus. – Von den „Genossen“ ist ein kleines Kuriosum anzumerken. Irgendein amerikanischer Gönner hat eine große Geldsumme zur Verteilung an die „aktiven und zuverlässigen“ Genossen gesandt. Die Herrschaften vom Mittelgang haben die Listen eingesandt. Bekommen haben fast alle je 292 Mark, – nur nicht die Mitglieder der USP und ich. Ich bin halt weder aktiv noch zuverlässig revolutionär. Es sind aber dieselben Leute, die so verfahren, die die schuftigsten Verleumdungen gegen mich in Umlauf gesetzt haben, und die dem Spitzel Weber die in Ansbach an mir verübten Spitzeleien als Verdienst anrechnen. Ich werde mir trotzdem erlauben, die Unfehlbarkeit jedes Menschen, der KPD-Marken klebt, auch fernerhin anzuzweifeln, und über das zu lachen, was mir lächerlich vorkommt. Das ist in diesen Tagen grade die Charakteraufwendung gegen die Unabhängigen in der Frage der Aufhebung der Umsatzsteuer. Die USP hat dagegen gestimmt, um – wie sie erklärt – den Kapitalisten kein Geschenk von 10 Milliarden in den Schoß zu werfen. Das wäre in der Tat die nächste Wirkung. Doch wäre es immerhin konsequent, grundsätzlich jede indirekte Steuer zu verwerfen und die prinzipiellen Wirkungen höher einzuschätzen als die zeitlichen. Was tut aber die KPD? Sie beschimpft die Konkurrenz wütend als Verräter – und beschränkt sich selbst darauf, die Herabsetzung der Umsatzsteuer auf ½ % zu verlangen! – Ich lese grade die Pickwickier. Die Schilderung, die Dickens da von einer Wahl in einer kleinen englischen Stadt vor 100 Jahren gibt, erinnert mich lebhaft an die Katzbalgereien im republikanischen Deutschland zwischen den Marxisten der verschiedenen Schattierungen. Sie tun überall genau das gleiche – nämlich sie treiben „Realpolitik“ für die Parteien, statt fürs Proletariat –; die Unterschiede – selbst zwischen alter Sozialdemokratie und Kommunisten – sind nur noch Quantitätsdifferenzen. Will man wissen, was sie trennt, so muß man die Gemeinheiten der Marxisten gegeneinander studieren, nicht aber ihre Stellung zur Bourgeoisie. Mit der gehn sie in die Parlamente, der liefern sie „Betriebsräte“ zur Förderung der kapitalistischen Produktion, der machen sie den Weg frei zur Unterdrückung des Proletariats, indem sie den Arbeitern weismachen, mit Disziplin gegen die Führer wird die Welt befreit; nur dürfe der Führer nicht von einer andern Partei gestellt werden als der grade brüllenden. Gebe Gott, daß ich für diese Menschen niemals ein „aktiver und zuverlässiger“ Genosse werde!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 14. Dezember 1921.

Abschrift: „An den Herrn Reichsminister der Justiz. Berlin. Die beifolgende Denkschrift „betr. Nachprüfung der Rechtsgrundlagen bei der Verhängung des Standrechts in Bayern am 25. April 1919 und der Anwendung des § 89, Abs. 2. R. St. G. B. gegen die bayerischen Räterepublikaner“ war fertiggestellt, ehe der Prozeß Jagow und Gen. in Leipzig begonnen hatte. Ich stelle anheim, bei der Beurteilung der von mir aufgeworfenen Rechtsfragen die Ergebnisse dieses Prozesses, soweit Parallelen vorhanden sind, zu berücksichtigen. – Sollte der Herr Reichsminister die beantragte Prüfung meiner Fragen durch eine Reichsgerichtsstelle nicht veranlassen zu können glauben, so bitte ich, meine Denkschrift als Material für die von Reichswegen angekündigte Nachprüfung aller politischen Verurteilungen anzusehn und nach zweckmäßiger Bearbeitung den zuständigen Behörden zu überweisen. N’feld, d. 14. Dz. 21     Erich Mühsam.

Folgende Antwort wurde mir auf das Gesuch um Unterredung zuteil: „Eine Unterredung wegen Beschlagnahme von Schreiben des F. G. Mühsam ist zwecklos. Über die Grenzen seiner Rechte gibt die Hausordnung Aufschluß.“ – – Tant mieux.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 17. Dezember 1921.

Mir fällt das Schreiben etwas schwer. Denn die Krankheit ist noch nicht behoben. Ich habe die ganzen Tage im Bett gelegen und bin auch jetzt gegen ärztliche Erlaubnis auf. Es ist die Grippe, und es liegen wohl 1 Dutzend Genossen daran nieder, wie es heißt, einige recht schwer. Ich glaube, ich bin mit dem Schlimmsten durch, fühle mich aber noch garnicht in Ordnung. Zu der körperlichen Depression ist eine seelische gekommen, die mich ganz böse mitgenommen hat. Die werten „kommunistischen“ Genossen haben sich eine neue Schurkerei gegen mich geleistet, die bis jetzt den Gipfel alles bisher gegen mich Unternommenen übersteigt. Ich schrieb das letzte Mal hier ein, daß eine Geldsumme von Amerika verteilt sei, wobei ich übergangen sei. Jetzt kursiert über dieses Geld die „Abrechnung“, und es stellt sich dabei erstaunlicherweise heraus, daß ich, der ich von dem ganzen Unternehmen keine Ahnung hatte, versucht haben soll, die übrigen Gefangenen fast um die ganze Summe zu betrügen. Bis jetzt ist noch garnicht klar zu sehn, was eigentlich los ist. Fest steht nur, daß man diesmal die Verleumdung nicht von hier drinnen hinaus, sondern von draußen hereinlanziert hat, und daß man zur besseren Wirkung meine arme gute Zenzl mit zur Betrügerin gemacht hat. Es handelt sich um 20 000 Mark. Wer der Absender ist, wird nicht gesagt, wer die KP, in deren Namen plötzlich Duske auftritt, mit der Verteilung beauftragt hat, auch nicht. Duske behauptet jetzt, ich hätte bestimmte Vorschläge über die Verteilung gemacht – wie ich dazu gekommen sein soll, ist Geheimnis –, die detailliert aufgezählt werden und die einen großen Schluck in den eignen Rachen zum Zweck hatten. Dann ist nun aber – von wem? – anders verfügt worden. Doch habe Frau Mühsam schon 3000 Mark allmählich von Rosa Aschenbrenner ausgezahlt erhalten – wie die Frauen zu dieser Privatdisposition gekommen sein sollen, wird nicht mitgeteilt – und es sei vergeblich versucht worden, das Geld von ihr zurückzuerhalten (worunter 700 Mark allein für eine Reise nach Niederschönenfeld angegeben sind). In die Verteilung seien dann die meisten Genossen einbezogen worden, außer denen, die vermögend sind oder die mit der Staatsanwaltschaft Verbindung unterhalten. Unter diesen Letzteren ist auch der arme Krüppel Renner, den man obendrein gegen mich aufhetzte; ich hätte es verhindert, daß er was gekriegt hätte. – Die Lumperei ist im ganzen so unerhört, daß ich noch garnicht recht weiß, wie ich mich darin zurechtfinden soll. Entsetzlich ist mir vor allem, daß Zenzl nun auch schon in den Schlamm dieser korrupten Parteiverbrecher gezerrt wird. Dazu die Krankheit, – ich habe sie jetzt zunächst gefragt, was sie überhaupt von der Sache weiß, und ob und was an den 3000 Mark Wahres ist. Da ein Teil des Geldes laut Duskes Abrechnung für Rechtsbeistandszwecke eingesetzt ist, nehme ich an, daß es sich um Geld von meinen Freunden in Amerika handelt. Denn ich habe seit Jahren die Sicherung des Rechtsschutzes für die politischen Gefangenen betrieben. Dann verstehe ich aber nicht, wie die KP zur Verteilung kommt. Ich stehe vor einem Rätsel. Nur eins weiß ich, daß hier eine Schuftigkeit verübt ist, die nur Spitzelwerk sein kann. Ich bin entschlossen, diesmal ganze Arbeit zu machen und die Kloake öffentlich auszuräumen. Sobald ich die Zusammenhänge kenne, werde ich ohne Rücksichten die Verleumder bloßstellen. Mögen sie sich bis dahin noch ihres Triumphes freuen, daß sie einen alten Revolutionär von neuem beschmutzt haben, daß sie die edelste und reinste Frau verdächtigt haben, daß sie den Gefangenen insgesamt das Weihnachtsfest vergiftet haben. Ich kenne den Zweck der Übung, der selbst den Handlangern des erbärmlichen Werks nicht klar ist. Ich bin der bayerischen Reaktion zur Zeit wieder äußerst lästig, und sie bedient sich des Geldbedürfnisses ihrer besoldeten Agenten und des intriganten Ehrgeizes derer, die sich überall wichtig machen müssen, um mich von „Kommunisten“ mit Kot zudecken zu lassen. – Heute erhielt ich die Eröffnung, daß meine Denkschrift ans Reichsjustizministerium beschlagnahmt sei, ebenso das Begleitschreiben dazu. Der Charakter des Reichsamtes als Aufsichtsbehörde wird, da es sich um eine bayerische Angelegenheit handle, einfach bestritten. Außerdem sei der Inhalt beleidigend. Es ist schlimm, daß ich körperlich nicht imstande bin, jetzt das Nötigste zu tun, nämlich sofort Beschwerde zu erheben und die Behandlung der Sache durch einen Rechtsanwalt zu verlangen. – Auch die letzte Sendung an den Eingabe- und Beschwerde-Ausschuß des Landtags, worin ich meine strafrechtliche Verfolgung wegen Beleidigung verlange, und die mir die Verwaltung verschlossen und versiegelt – aber ohne den Begleitbrief an den Landtagspräsidenten – wieder heraufschickte, liegt noch unerledigt da. – Ich kann mich kaum mehr aufrecht halten und will von weiteren Eintragungen absehn. Nur zur Erinnerung, welche Politik heute getrieben werden muß, wenn man als revolutionärer Kommunist dastehn will: im bayerischen Landtag haben die Kommunisten (Änderl) einen Antrag eingebracht, der die Unfallversicherung aller Abgeordneten auf Staatskosten bezweckt! Das sind die Antiparlamentarier. Wenn die Pfaffen Münsterer und Wohlmut, die bei den Beschimpfungen der Gefangenen stets die Lautesten sind, sich mal in einer Versammlung im Zorn über die Eingesperrten ein Gelenk auskugeln sollten, dann sorgen die Kommunisten jetzt dafür, daß die Steuerzahler es Ihnen wieder einrenken lassen, wofür eine private Kapitalistengesellschaft gut besoldet wird. Ich muß mich damit abfinden, für diese Sorte Revolutionäre mein Lebtag ein Verräter zu bleiben. – Mein Lebtag! Die Krankheit erinnert ans Sterben. Und wenn ich auch nicht glaube, obwohl der „Dolchstoß von hinten“ mich empfindlich trifft, – daß es mich unterkriegen wird, so haben mir die letzten Nächte, die ohne Schlaf dahingingen, doch vorgemalt, wie es zugehn könnte, wenn’s ans Abschiednehmen ginge. Zenzl würde ja wohl der Zutritt zu meinem Sterbebett – das in eine leere Parterrezelle geschafft würde, gestattet werden. Und dann dürfte ich meinem Weibe meine letzten Wünsche sagen – unter Aufsicht eines Polizeiwachtmeisters! Daß man es so machen würde, daran habe ich keinen Zweifel. Für die bayerischen Christen gilt der Satz: So du aber jemand einen Schlag auf einen Backen gegeben hast, so schlage ihm auch noch auf den andern und auf alle Backen; – denn das tut gut, so du jemand hassest. – Ich habe einen neuen Organisationsnamen gefunden für die Herren und Knechte der bayerischen Justiz, Polizei, Gendarmerie, Festungsstrafvollstreckung etc: „Mißhandlungsgehilfenverband“.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 18. Dezember 1921.

Ich glaube, die Krankheit habe ich ziemlich hinter mir. Ich hatte Stuhlgang und konnte schlafen. Mit dem Luftröhrenkatarrh werde ich schon noch fertig werden. Der Seppl war während dieser Tage ein Beispiel von Treue, Liebe, Aufopferung, Besorgtheit, daß ich weinen könnte, sooft ich den Jungen anschaue. Auch Adolf Schmidt, Weigand, Ernst Ringelmann (der jetzt selbst krank zu Bett liegt) waren treu und gut. Und dieses Gefühl, daß ich noch Menschen – wirkliche Menschen zu mir stehn habe, macht mich stark genug, viel von denen zu ertragen, die jetzt wieder die ganze Hölle in Aufruhr setzen, um mich zu vernichten. Die Weihnachtsoffensive der Kommunisten gegen mich hat in größtem Stil eingesetzt. Man ist bereits beim Dokumentendiebstahl angelangt, von dem nur die Behörde Vorteil haben könnte. Allmählich fängt mich der Großbetrieb in Anstrengungen gegen mich zu amüsieren an. Die ganz großen Kommunisten ahnen nicht, daß sie die Ochsen sind, die den Pflug der Reaktion ziehn. Ich halte es aber für ein ganz gutes Zeugnis für die Gefährlichkeit, die mir immer noch beigemessen wird, daß immer wieder die Gesamtanstrengungen der kommunistischen Polizeisöldner grade gegen mich gerichtet sind. Das spornt mich an, nun erst recht den regierenden und festungsverwaltenden Herrschaften so unangenehm wie möglich zu werden. Augenblicklich diktiere ich dem Seppl meine Antwort auf die Beschlagnahme der Denkschrift. Erst will ich eine Beschwerde deswegen an den Landtag machen, und dann diese Beschwerde kopieren für die Justizbehörden. Dabei ist auch die Beschwerde an den Landtag nur eine reine Orientierungsdarstellung, die ich zugleich mit einer Serie andrer Darstellungen – von denen eine eben als „Denunziation“ gestohlen ist – mit der ausdrücklichen Bemerkung abschicke, daß ich auch vom Landtag nach allen Erfahrungen keine Hilfe erwarte, aber vor der Geschichte die Dokumente liefern will, aus denen die Wahrheit zu sehn und zu erkennen ist, daß der Landtag, der die Verleumdungen gegen uns auf Staatskosten verbreiten läßt, die Wahrheit gekannt hat. Die Weisen von Zion im Mittelgang mögen mich nun als Verräter entlarven, soviel sie mögen – und je nach der Bezahlung ihrer Leithammel. Manchem von ihnen wird wohl einmal die Erkenntnis aufgehn, wessen Geschäfte er jetzt besorgt.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 22. Dezember 1921.

Mit der Gesundheit gehts wieder so leidlich. Doch liegt nun seit gestern der Bibs, und seit heute auch der Seppl. Einige sehr schwere Fälle sind im Hause, besonders Seffert und Seebauer. Diese Leute gehörten selbstverständlich ins Spital; sowas gibts hier aber nicht, und so bleiben sie in ihren Zellen und alle übrigen sind der Ansteckungsgefahr im höchsten Maße ausgesetzt. Ein Besuch der nächsten Verwandten, der Frau oder der Mutter, wird nicht zugelassen: bayerische „Ehrenhaft“. Der junge Baumann, der unter den entsetzlichsten Anfällen litt, ist nun endlich nach Erlangen geschafft worden (Haftunfähigkeit gibt es ja für bayerische Revolutionäre prinzipiell nicht). Eine Besserung unsres Loses ist für den Moment ganz aussichtslos. Im Reichstag haben die 4 sozialistischen Fraktionen (soviel sind’s ja nach Levis Sezession glücklich) beantragt, die bayerische Regierung solle aufgefordert werden, eine Reichstagskommission in Niederschönenfeld zuzulassen. Preger, der bayerische Gesandte hat erklärt, Bayern würde sich das nicht gefallen lassen, und der Reichstag hat den Antrag dann auch abgelehnt. Wir sind verraten und verkauft. Sehr eigenartig ist aber, daß grade jetzt der illegale Weg, der vom Mittelgang aus nach draußen führte und der den Herrschaften soviel Kopfzerbrechen verursacht hat, gänzlich verschüttet zu sein scheint. (Ich habe für meine Person immer vermutet, daß der Weg nicht ganz so illegal war wie er schien), und daß zu gleicher Zeit wieder der ungeheure Stank gegen die eignen Mitgefangenen von dieser Seite losgeht. Ich erinnere mich: vor einem Jahr die Westrich-Offensive gegen mich und der Spektakel gegen Toni Waibel, – und am 4. Januar kam dann der Menzel-Überfall mit den Sipoleuten. Zu Pfingsten der Generalkrach gegen die „Gruppe“ Mühsam – allgemeiner Boykott und fürchterliche Stänkereien, – grade in dem Augenblick, als Kraus seine Methoden hier einführte; und jetzt, wo die ganze Reaktion des Landes gegen uns Festungsgefangene zum Sammeln bläst, – der neue Vernichtungsfeldzug von den gleichen „Radikalen“ aus gegen die Mitgefangenen. Ich bin nicht mehr naiv genug dazu, in diesem Zusammentreffen Zufälle zu sehn, und auch Hagemeister sagte mir gestern, daß ihm diese Dinge sehr auffällig vorkommen. Ich habe jetzt zur Abwehr gegen die dauernden Ehrabschneidereien einen Brief an Sirch geschrieben, und er wird, denke ich, meine Andeutung verstehn, daß ich den Brief im „Syndikalist“ veröffentlicht wünsche. Zunächst habe ich da mal die Namen Graßl, Schwab, Duske, Elbert, Wiedenmann und Sauber – und natürlich Weber – genannt. Sollte man mich zwingen, die öffentliche Aktion zur Rettung meiner und Zenzls Ehre fortzusetzen, so kommen das nächste Mal weitere Namen dran – Rücksichten kenne ich nicht mehr –, unter denen dann auch Olschewski sein könnte, der jetzt durch die Gänge trompetet, daß man den Lumpen Mühsam erledigen müsse. Wenn ich dran denke, wie der Kerl mir mit seiner Freundschaft zugesetzt hat, solange ich jedes Paket mit ihm teilte und ihm xmal finanziell aus der Klemme half – und ich hätte das fortgesetzt, wenn er mir nicht damals diesen tiefen Blick in seine Seele eröffnet hätte, als er die Fundierung unsrer Freundschaft auf Paketangelegenheiten auch bei mir annahm und sich mit Rückzahlung von 20 Mark – von etlichen Hunderten – von mir loskaufte, – wenn ich daran denke und den Kerl heute in jede gegen mich angezettelte Intrige treibend verwickelt sehe, – dann schüttelt mich der Ekel vor soviel armseliger Verräterei. – In der Sache selbst ist zu bemerken, daß eine Klärung eingetreten ist insofern, als die Genossen Zäuner, Sandtner, Männlein und Luttner nun dem Beispiel Hagemeisters und Köberls gefolgt sind und mit den „Radikalen“ (in Wirklichkeit den von Agents provocateurs gegängelten Hysterikern) gebrochen haben. Ausgerechnet Karpf war es, der sie vor diese Alternative gestellt hat. Karpf, der sein kommunistisches Programm erst fand, als seinerzeit eine Liste umging, worin die Kommunisten sich einzutragen hatten, da nur sie bei Sendungen der Roten Hilfe etwas von dem Gesammelten abkriegen sollten. So wurden seinerzeit auch Egensperger, Gnad etc. zum parteiechten Kommunismus bekehrt. – Wegen der Duskeschen Verleumdung hat mir Zenzl jetzt soviel Aufklärungen geschrieben, daß ich ungefähr klar sehe. Das Geld stammt von anarchistischen Genossen in Amerika und sollte hauptsächlich dem Rechtsschutz für alle F. G. dienen. Meine persönlichen Gerichtsschulden – von der Müller-Beleidigung her – sollten zuerst in Ordnung gebracht werden, und Zenzl hatte Vollmacht, für sich selbst aus der Summe gewisse Verpflichtungen zu decken. Ihre ganze Ungeschicklichkeit bestand darin, daß sie das Geld, um sich freiwillig jeder Kontrolle zu unterstellen und jedem Vorwurf von vornherein auszuweichen, nicht an sich, sondern an die Adresse einer Parteistelle senden ließ, – und nun ist der Krach da. Duske hatte mit der Sache überhaupt nichts zu tun, hat sich garnicht orientiert und einfach hier hereindenunziert, was er vom Hörensagen aufgeschnappt hat (ich bin überzeugt, daß die ganze Schweinerei hier drinnen ausgeheckt worden ist und Duske auf Bestellung Elberts gearbeitet hat). Jetzt ist der Zweck – Rechtsschutz – nicht erreicht, Zenzl steht wie eine Betrügerin da – ich bin wieder einmal besudelt, der Skandal wird, weil ich kein anderes Mittel der Abwehr mehr weiß, zu einer öffentlichen Belustigung der Bourgeoisie, – und obendrein ist die Unzufriedenheit mit dem Verteilungsmodus ungeheuer, da man von der Beteiligung eine ganze Reihe höchst bedürftigter Genossen willkürlich ausgeschlossen hat. – Nun, wenn die Haft für viele sonst keinen Nutzen hätte; eins lernt man: Kommunisten bei Licht sehn und erkennen, wo der Idealismus dieser Welterneuerer anfängt und aufhört. Wo es um Geld oder um materielle Güter geht, werden sie leidenschaftlich. Die Agenten der Reaktion brauchen diese Kommunisten nur am Egoismus zu kitzeln – und sie können von ihnen haben, was sie wollen. Aber allmählich kommt von den Ehrlichen einer nach dem andern zur Erkenntnis. Lange werden sie ihr erbärmliches Spiel nicht mehr treiben könne. Meine Geduld ist zu Ende.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 23. Dezember 1921.

Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Der Stank im Hause frißt weiter und wird immer unappetitlicher. Gestern hatte Schwab im Speisesaal einen neuen Anschlag gemacht. Darin wird erklärt, daß die früher mitgeteilten Verteilungsvorschläge nicht von mir, sondern von Zenzl und Weigel stammen und dann der Wortlaut dieser Vorschläge mitgeteilt, wobei sehr klar durchschimmert, daß man die beiden des gemeinen Betrugs zu meinen Gunsten bezichtigen will. Ich habe an Weigel geschrieben und ihm erklärt, daß ich nicht wünsche, daß 1 Pfennig, der mir nicht zukomme, für mich verwendet werde; sei das aber geschehn, so müsse das Geld zurückbezahlt werden, und sollte dazu mein letztes Buch verkauft werden müssen. Interessant ist, daß Schwab seine Plakate stets als Referate faßt, aber nie den Briefwechsel selbst sehn läßt, über den er verfügt, und daß die Genossen dauernd in Unwissenheit darüber gehalten werden, von wem die Spende eigentlich stammte und was die Spender darüber bestimmt hatten. Jetzt hat sich Adolf Schmidt der Sache angenommen, ebenso will Sandtner bei der Bezirksleitung der KPD protestieren, daß unausgesetzt Unfriede von draußen hier hereingetragen würde, und daß die Denunziationen gegen mich stets im Namen der KP, aber nie mit Legitimation und Stempel von dort verbreitet würden. – Heute gab es Krach im Gang. Nickl stürzte plötzlich auf mich zu und wollte tätlich werden. Allmählich war aus ihm herauszubringen, ich hätte behauptet, er hätte bei mir Abbitte geleistet. Irgendein neuer, Gott weiß von wem ausgesonnener Klatsch: ich habe nie eine ähnliche Äußerung getan. Aber es kam leider zu einer sehr beschämenden Szene, bei der die Aufseher eingriffen. Die ganze „radikale“ Horde rannte zusammen und bombardierte uns mit Schimpfworten, wobei mir besonders Wiedenmanns nachhalliger Ruf „Judenbande“ interessant war; man erkennt, wo diese „Kommunisten“ selbst jetzt schon ihre Bundesgenossen suchen. – Inzwischen geht die Schuhriegelei von der Verwaltung kräftig weiter. Gestern rief man mich hinunter, und Staatsanwalt Hofmann eröffnete mir, daß die Oberstaatsanwaltschaft Augsburg verfügt habe, es werde mir erlaubt, auf eigne Kosten einen Ohrenarzt kommen zu lassen, und zwar den Herrn Sanitätsrat Dr. Hettinger aus Augsburg, und daß ein andrer Arzt nicht zugelassen werden würde. – Also der von mir verlangte Arzt darf nicht kommen; nicht einmal auf eigne Kosten kann ich mich von einem Arzt untersuchen lassen, der mein Vertrauen hat. Wie ich mich in der Sache weiter verhalten werde, weiß ich noch nicht. Die Hetze der „Kommunisten“ hat meinen Nerven elend zugesetzt. – In Leipzig ist das Urteil über die Führer des Kappputsches gesprochen worden. Jagow erhielt 5 Jahre Festung, – die Herrn Wangenheim und Schiele wurden als „Mitläufer“ betrachtet und demnach, da die Reichsamnestie zutreffe, das Verfahren eingestellt. Reizend! – Grade in diesen Tagen erhielt Männlein den Bescheid des Volksgerichts, München, daß sein Bewährungsfristgesuch abgelehnt werde, da er nicht etwa Mitläufer, sondern Führer sei. Dieser Männlein aber weiß selbst nicht, wessen er eigentlich schuldig sein soll. Übrigens wird ihm auch vorgeworfen, daß seine Führung am Strafort „ganz schlecht“ sei. Er hat nämlich mal eine Bewegung mit dem linken Fuß gemacht, die respektwidrig gewesen sein soll. – Im Landtag hat man schon wieder über uns geredet. Niekisch scheint gehörig ausgepackt zu haben, sodaß Müller-Meiningen in Besorgnis, der Eindruck könnte uns nützlich werden, den Verschleppungsantrag stellte, sein Material solle noch einmal an den Verfassungsausschuß zurückgehn und man solle jetzt die Debatte über die Sache abbrechen. Das wurde auch angenommen, aber erst lehnte man noch vorsorglich alle Anträge auf Amnestie und Straffreiheit ab, für uns Eingesperrte allgemein und für die Abgeordneten noch speziell. – Inzwischen berät man in London über die Reparationsfrage. Nachdem Wirth Deutschlands Insolvenz erklärt hat und den Aufschub der im Januar und Februar fälligen Reparationsleistungen verlangt hat, ist zwischen den Engländern und Franzosen untereinander und gegeneinander und den Deutschen (Stinnes und Rathenau) mit den Engländern und Franzosen mitsammen und einzeln ein Gemächel und Getuschel und Geschacher und Gerechne, daß sich keiner mehr auskennt. Die Pleite aber zieht beängstigend über unsern Häuptern daher. Zum 1. Januar tritt ein Posttarif in Deutschland in Geltung (der Brief wird von 60 Pfennig auf 2 Mark erhöht und in dem Stil gehts fort), daß die Verhältnisse immer deutlicher den österreichischen zu gleichen beginnen. In Bayern hat man gegen diese Erscheinungen des Zusammenbruchs ein überaus wirksames Mittel: die politischen Gefangenen peinigen! – Im Augenblick aber bin ich sehr gespannt. Es befindet sich nämlich ein Geistlicher Rat, namens Schneider, hier, der uns sagen ließ, jeder, der was auf dem Herzen hat – gleichviel welcher Religion – möge sich vormerken lassen. Er empfängt ohne Aufsicht. Ich habe mich zu ihm gemeldet, um ihm vor allem die Frage vorzulegen, wie es kommt, daß man mit ihm in einer Form reden kann, die unsern Frauen und unsern Rechtsanwälten verwehrt wird, und wem er Bericht zu erstatten habe. Der Mann soll offenbar als Beruhigungspulver dienen; und ich möchte ihn mir mal anschauen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 25. Dezember 1921.

Grauenhafte Weihnachtstage verlebe ich. Das Ärgste, was mir überhaupt widerfahren kann, ist geschehn. Die „Münchner Post“ hat einen Artikel gebracht: „Der Kommunismus der Kommunisten oder Erich Mühsam als praktischer Kommunist“, in dem Schwabs erster Anschlag abgedruckt wird und mir, Zenzl und Weigel nun ganz unverblümt der tollste Eigennutz auf Kosten der übrigen Gefangenen vorgeworfen wird. Zugleich wird Weigel nach den 2400 Mark gefragt, die ich ihm seinerzeit zur Verteilung unter Familien von Zuchthausgenossen sandte (und die, wie ich fürchte, von Pfeiffer unterschlagen worden sind, dem Weigel auf meinen Wunsch die Summe anvertraut hat). Der Artikel der „Münchner Post“ unterscheidet nicht zwischen mir und den übrigen Kommunisten, sondern schmeißt meinen „Betrug“ mit der Ungerechtigkeit der Verteilung zusammen: der Veranlasser ist offenbar Murböck, der ja jetzt offiziell der Mehrheitspartei beigetreten ist. – Entsetzlich ist mir das Hineinziehen Zenzls in diesem maßlosen Schmutz. Jetzt bleibt nichts mehr übrig, als öffentlich mit allen Mitteln die Wahrheit zu sagen, und auch vor Prozessen nicht zurückzuschrecken. Dazu habe ich mein ganzes Leben für die revolutionäre Sache geopfert, alles preisgegeben, was mir an bequemer Lebensführung geboten war, dafür von allen die an Zeit härteste Strafe auf mich genommen, um nun als Lump und selbstsüchtiger Gauner öffentlich durch den Dreck gezerrt zu werden: und meine arme, gute Frau mit ihrem ergreifenden Idealismus steht da wie eine Diebin am Gut der Armen. Ich bin sehr sehr unglücklich und habe nur den Trost, daß meine Freunde hier drinnen entschlossen zu mir stehn und selbst auch nach draußen meine Ehrenrettung energisch betreiben. – Aber es gibt sonderbare Zusammentreffen. Eben beginnt die Presse mit der Veröffentlichung der Auszüge aus der Regierungsdenkschrift gegen uns, die das gleiche Konglomerat von Verleumdungen und Fälschungen zu sein scheint, wie es von dieser Seite zu erwarten war (übrigens habe ich vorgestern vom Landtag die Mitteilung erhalten, daß über meine Eingabe „betr. Widerrechtlichkeit des Strafvollzugs und Amtsvergehen von Vollzugsorganen in der Festungshaftanstalt Niederschönenfeld“ – die Abschrift meiner Denkschrift an Lerchenfeld – zur Tagesordnung übergegangen sei). In dieser Denkschrift also, in der die Aufsichtsbeamten mal wieder wie die unschuldig geprügelten Schulmädchen bejammert werden und die besonders geziert ist durch den Brief eines Festungsgefangenen, der alle Verleumdungen gegen uns bestätigt und die Behandlung, der wir ausgesetzt sind, edel und gerecht findet (leider verschweigt man sowohl den Namen des Briefschreibers als auch die Belohnung, die er für das Heldenstück erhalten hat); – in dieser Denkschrift also figuriere auch ich mit einer ganzen Anzahl von Zitaten, die meine revolutionäre Fürchterlichkeit beweisen soll. Ich kann ja nicht nachprüfen, ob ich all das wirklich geschrieben habe – es scheint aus den mir weggenommenen Tagebüchern zu stammen –, jedenfalls ist nichts darin, was ich als Revolutionär nicht verantworten dürfte. Daß „Rache kalt genossen“ werden muß, lernen wir ja täglich hier drinnen von der andern Seite – ich wundere mich nur, daß ich für diesen ganz richtigen Gedanken keinen originelleren Ausdruck gefunden haben sollte. Aber man kann Rache ja auch heiß genießen, wie es die Weißgardisten in den Maitagen in München gemacht haben. Wenn ich geschrieben habe, ich will kein Führer sondern ein Aufwiegler sein, die Führer müßten von ihren Böcken herunter, das Volk gehöre auf den Kutschersitz etc. – so sage ich noch heute bravo! dazu, – und wenn ich ferner prophezeie, die nächste Revolution werde furchtbare Formen haben, so zeigt schon das Wort furchtbar, daß mich das nicht im mindesten freut, – aber was die Reaktion heute sät, kann ja nur schauderhaft aufgehn. Dies alles – und auch das Hölz-Lied kann und will ich vertreten und kompromittiert mich nicht. Aber im gleichen Augenblick, wo man mich dem erschrockenen Bürger in dieser blutigen Maske zeigt (denn daß die Tagebücher noch allerlei andres enthalten, woraus man entnehmen könne, daß ich am Ende kein schlechteres Herz im Leibe habe als andre Leute, verschweigt man natürlich), zerrt man mich von der andern Seite als Schwindler vor die Öffentlichkeit, und was da von den Kommunisten ausgegangen und von den Sozialdemokraten ans Licht gestellt ist, wird sich die Bürgerpresse natürlich nicht entgehn lassen, – und der Revolutionär Mühsam wird als Gauner um jeden Kredit gebracht und sein Radikalismus in dieser Beleuchtung natürlich wenig schön aussehn. Soweit ist es jetzt also wirklich mit mir gekommen; – weil ich bemüht war, für Rechtsschutz für alle politischen Gefangenen Garantien zu schaffen! – Dabei keine Möglichkeit, die Dinge mit Zenzl ungestört zu besprechen – der Polizeiwachtmeister säße ja zwischen uns und fände jeden dritten Satz beanstandbar, – und so muß es denn wohl getragen werden und alle meine Hoffnungen muß ich auf die Hilfe setzen, die mir von andern wird und auf das Vertrauen in meine Ehrlichkeit, das die, die mich wirklich kennen, doch wohl haben. Aber daß die Grauligmacherei der Staatsdenkschrift und die Dreckigmacherei der Kommunisten gegen mich in ihrer Gleichzeitigkeit zufällig seien, das macht mir kein Mensch weiß. – Es bleiben noch einige Eigentümlichkeiten festzustellen. Nach dem Spektakel vorgestern reagierte der Vorstand so, daß er die Genehmigung, die schon erteilt war, daß für jeden an jedem Feiertage (gestern abend, heute und Sylvester) eine Flasche Wein ausgehändigt werden dürfe, zurückzog und bestimmte, daß sich je 4 Mann in eine Flasche zu teilen hätten. Ich glaube auch da, daß die Ursache der Wirkung wegen arrangiert worden ist. Aber eine Kleinigkeit verlohnt der Aufbewahrung: die großen Kommunisten – beteiligt an dieser Infamie waren Taubenberger, Schiff, Karpf und wohl alle andern „echten“ Kommunisten – haben, um ihre Weinflaschen zu erhalten, für jede Flasche, die sie unten hatten, einfach 4 Mann als Mittrinker angegeben, darunter ihre Feinde und solche, die garnichts mit ihnen zu schaffen haben, wie Seebauer, Männlein, Sandtner etc. Das sind meine Verleumder! Sie selbst finden sich getrosten Herzens damit ab, wenn andere am Weihnachtsabend keinen Tropfen vor sich haben, wenn sie sich dafür nur den Wanst vollsaufen können! Die Empörung gegen diese Bande wächst zusehends. – Noch etwas Liebes: Bei dem Krach vorgestern plärrte Ibel von mir: „Mir ist er auch noch 75 Pfennige schuldig!“ – Ich glaubte, daß ich ihm vielleicht einmal vor Pfingsten für Haarschneiden die Bezahlung vergessen hätte und bat Rappl, ihm das Geld zu bringen. Den hat Ibel hinausgeschmissen: er wüßte nichts von einer Schuld, und ich könnte eher mal eine mit dem Stock übers Gesicht beziehn. Ich solle ihm lieber die 75 Mark schicken, die meine Frau ihm gestohlen hätte! – Das ist die Umgebung, in der ich leben muß. Aber umso dankbarer empfinde ich die Freundschaft der Freunde. Adolf Schmidt tut das Erdenklichste, besonders ist der Genosse Fischer sehr, sehr anständig; dann auch Köberl, Hagemeister, Sandtner, Luttner, Zäuner; Ringelmann, Weigand, – und vor allem ist der Seppl um mich besorgt und ohne ein Wort zu reden bemüht, mich die ganze Schweinerei möglichst nicht empfinden zu lassen. Eben höre ich nun, daß die amtliche Denkschrift sogar das Ulkgedicht von mir zu Seppls Geburtstag zitiert, – worin er als „Gruppenarsch“ gefeiert wird – und daß die Hallunken von staatlichen Soldschreibern daraus Verdächtigung machen, als seien da perverse Dinge gemeint. Es ist erstaunlich, bis zu welchem Grade sittlicher Verkommenheit politischer Haß Menschen bringen kann. Aber es wäre ungerecht zu verschweigen, daß da zwischen christkatholischen Justizbeamten und kommunistischen Eingesperrten kein Unterschied ist. Im Drecktrommelfeuer zwischen beiden zu sitzen – wie augenblicklich ich – ist kein erfreulicher Zustand.

 

Diese Erklärung habe ich abgefaßt, um etlichen Genossen, die für mich eintreten wollen, dazu die nötigen Unterlagen zu geben, soweit ich das, da ich vorerst selbst noch garkeine Unterlagen habe – Zenzl läßt jetzt die Briefe von Ackermann abtippen – jetzt schon kann: „Zu den gegen mich gerichteten Anwürfen – Anschläge Schwabs und Veröffentlichung der „Münchner Post“ erkläre ich: Mir ist die erste Nachricht von der amerikanischen Geldsendung erst zu Ohren gekommen, als hier im Hause deswegen Heim-Adressen eingefordert wurden. – Ich habe damals noch nicht gewußt, wer der Absender des Geldes ist und welche Bestimmungen der Spender darüber getroffen hatte. – Ich bin niemals um Vorschläge über die Verwendung ersucht worden und habe niemals Vorschläge darüber gemacht. – Erst jetzt weiß ich, daß das Geld von anarchistischer Seite kam, daß es im Wesentlichen dem von mir angeregten Rechtsschutz für sämtliche politischen Gefangenen dienen sollte und daß bestimmte Anweisungen zu meinen und meiner Frau Gunsten dabei gegeben worden sind. Es ist kein Pfennig über die Bestimmungen der Spender hinaus zu diesen Zwecken ausgegeben worden. – Meine weitere Auseinandersetzungen über den Gegenstand werden öffentlich erfolgen. Niederschönenfeld, d. 25. Dezbr. 1921     Erich Mühsam.“

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 27. Dezember 1921.

Langsam fängt die Geschichte an, sich zu klären. Die „Neue Zeitung“ und die „Rote Fahne“ haben Erklärungen gebracht – nachdem besonders der „Vorwärts“ einen noch gemeineren Bericht (von Murböck; er hat es selbst zugegeben) gebracht hat als die „Münchner Post“. Und allmählich hat die ganze bürgerliche Presse die Sache schon aufgenommen und hetzt jetzt gegen mich und meine Zenzl los. Ich bin nur deswegen in Angst, daß ich heute keine Nachricht von Zenzl bekam. Das in Verbindung mit der Meldung, daß Fritz Weigel wegen dringenden Verdachts, die Gelder zugunsten ihm nahestehender Personen verwendet zu haben, von all seinen Parteiämtern suspendiert ist, läßt mich fürchten, daß man die Frau wegen ihrer sorgenden Bemühung, hilfsfreudige Menschen für den Rechtsschutz der rechtlosen Gefangenen zu interessieren, auch noch von denen, die öffentlich für uns eintreten, leiden läßt. Die Bezirksleitung der KPD stellt zunächst mal fest, daß das Geld von Anarchisten kam und zum Teil für mich bestimmt war, ferner, daß ich mit der Verteilung nichts zu tun hatte. Die Patentkommunisten um Elbert und Saubert laufen daher etwas begossen herum. Inzwischen hat Weidner mir den „Vorwärts“-Artikel geschickt und mich aufgefordert, für die „Welt am Montag“ eine 50 Zeilen lange Rechtfertigung zu schreiben (die schon unterwegs ist), und Leon Hirsch hat mir das Plakat zu einem Mühsam-Abend geschickt, den meine Berliner Freunde als Antwort gegen die Pressehetze veranstalten. Aber der Schmutz, der nun gegen mich und Zenzl durch alle Länder der Erde gespritzt wird, ist schauderhaft und – semper aliquid haeret. Besonders ängstlich ist mir Weigels wegen zu Mute. Vielleicht hat der wirklich in freundschaftlichem Übereifer über seine Befugnisse hinaus für Zenzl und mich herauszuholen gesucht. Der arme Kerl. Nun schickt man ihn in die Wüste – ein Opfer der Treue. – Im Haus gibts weiterhin allerlei Lieblichkeiten. Am Weihnachtsabend kam Gnad aus der Einzelhaft herauf, heute ist Ibel schon wieder unten. Am Weihnachtsabend hatten die Unentwegten – trotz der Eindämmung des Alkoholverbrauchs mehrere Besoffene. Folge: es wird nur jeweils eine Flasche Wein fürs ganze Stockwerk ausgegeben(!), und erst wenn die leere Flasche wieder unten ist, kann eine neue geholt werden. Dies hat nicht gehindert, daß die Herrschaften schon wieder eine Alkoholleiche hatten; – jetzt wird uns womöglich auch der Schnaps entzogen. Ich bin mißtrauisch geworden und glaube überall an bestellte Arbeit. – Die Zeitungen bringen seitenlange Auszüge aus der Regierungsdenkschrift gegen uns. Das Weihnachtsgeschenk unsrer Peiniger. Ein Toter: Popper-Lynkeus, der „Realist“, der ja doch ein so reiner Idealist war wie wenige. Er ist 84 Jahre alt geworden. Da darf man schon sterben. Und doch spürt man einen Hohlraum, der entstanden ist. Ein Stück Freiheit aus der Zeit, als der Schieber noch nicht überall der vornehmste Typus war, ist tot.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 28. Dezember 1921.

Ohne Nachricht von Zenzl. Ich bin ganz rasend vor Angst und Nervosität. Die Presse badet sich förmlich in Glück, mich durch den Dreck ziehn zu können, und es war natürlich wieder einem sozialdemokratischen Blatt (dem Würzburger „Volksfreund“) vorbehalten, die Kühleweinschen Denunziationen gegen mich und meine Diebereien in Parallele zu bringen. Über das Arschgedicht entrüsten sich diese Banausen am ärgsten. Entweder sind sie solche Ferkel, daß sie sich einen männlichen Hintern nur in Verbindung mit päderatischen Gelüsten vorstellen können oder sie sind solche Pharisäer, daß sie von jahrelang zusammengepferchten Männern die Züchtigkeit eines Kongregationspensionats verlangen. – Aber meine Nerven sind dicht vor dem Versagen, – und wenn nicht bald Nachricht von Zenzl kommt, sehe ich Schlimmes kommen. – Aus dem Hause: Männlein hatte ersucht, man möge ihn um des Friedens unter den Gefangenen willen aus dem Mittelgang in einen Seitengang verlegen. Antwort: mit sofortiger Wirksamkeit Verlegung in den I Stock! – Heute ist Renner herausgekommen: offiziell nur Unterbrechung zur Herstellung der Gesundheit im Augsburger Garnisonlazareth. Aber er ist auf freiem Fuß dorthin entlassen. An dem ist der „Strafzweck“ erreicht. Er ist völlig gebrochen, körperlich, geistig, seelisch, wirtschaftlich und moralisch. Daß der arme Teufel Verhetzungen gegen mich zugänglich war und mich nun als Schurken haßt, nehme ich ihm nicht übel. Wenn es gelingt, ihm seine Gesundheit wiederzugeben und er findet für all sein Glück, das mit der Zersprengung seiner Familie in Trümmer ging, noch einmal Ersatz, dann wird auch er wieder lernen gerecht zu urteilen und einsehn, daß ich nie mit Bewußtsein etwas gegen ihn getan und ganz gewiß nie etwas Böses gegen ihn gewollt habe. – Ich bin sehr erschöpft und schließe für heute. Wären nur erst diese qualvollen Tage vorbei! So schlimm wie jetzt ist mir noch nie mitgespielt worden.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag. d. 29. Dezember 1921.

Zenzl läßt mich immer noch warten; ein schwacher Trost ist dabei nur, daß heute die Briefpost allgemein noch nicht ausgegeben ist (es ist bald ½ 6 Uhr). Dagegen bekam ich einen Einschreibbrief* von Fritz Weigel, der am 23. Dezember schon abgesandt wurde. Er enthält das ganze Korrespondenzmaterial zwischen ihm und Ackermann, und ich entnehme daraus einmal, daß meine Vermutungen über den Zusammenhang der Schweinerei richtig waren, daß aber in den intriganten Handel gegen uns (speziell gegen Zenzl und Weigel) überraschenderweise auch Rosa Aschenbrenner peinlich verwickelt ist. Daß die Bezirksleitung der KPD-München jetzt in der Neuen Zeitung eine Erklärung veröffentlicht, die eine verkappte Belastung von uns dreien bedeutet und von Duske und Rosa Aschenbrenner mit unterzeichnet ist, kennzeichnet die Situation. Erfreulich ist die Haltung der KP-Zentrale Berlin in der Sache, die der Münchner Bezirksleitung Vorwürfe deswegen macht, daß sie sich in die anarchistische Sache überhaupt eingemengt hat. Duske entpuppt sich als Ehrenmann ganz besondrer Art. Jetzt will er den Brief garnicht in der Form geschrieben haben, wie Schwab ihn bekannt gegeben hat. Also entweder ist Duske ein Lügner oder Schwab ein Fälscher. Die „Münchner Post“ (Auer!) wiederholt die Verleumdung gegen mich, ich hätte  von 20000 Mk 19500 für mich beansprucht. Ich habe Weigel Auftrag gegeben, Prozeß anzustrengen, auf jeden Fall gegen die Münchner Post, eventuell auch gegen Duske. Ich las den engeren Freunden das ganze umfangreiche Material vor und alle überzeugten sich, daß Zenzl, Weigel und ich sauber dastehn. – Nur um in der Reihe zu bleiben, noch die tägliche Nahrung des „Strafvollzugs“. Lederer hat mir zu Weihnachten einen Scheck über 500 Mark geschickt, und ich schrieb an Zenzl (am 25ten) einen Brief mit Einschreibporto, dem ich ihn beilegen wollte. Da ich das Ding bei der Verwaltung liegen lassen mußte, ersuchte ich gleichzeitig, mich den Scheck unterschreiben zu lassen und ihn dann dem Brief beizulegen. Vorgestern legte man ihn mir zur Unterschrift vor, und gestern wurde mir eröffnet: der Scheck werde nicht fortgeschickt, sondern bleibe hier in Verwahrung, bis entschieden ist, ob er zur Deckung von Haftkosten eingezogen werden soll oder nicht. – Wie die Entscheidung ausfällt, weiß ich schon jetzt. Die arme Zenzl! Ihr geht es pekunär garnicht gut, und diese 500 Mk hätten ihr grade jetzt bei der Abwehr dieser Schandoffensive gute Dienste geleistet. Lederer aber ist absolut nicht beizubringen, daß er mir keine Wertdinge hier hereinsenden darf: die bayerischen Christen nehmen armen Gefangen ihr Christkindl weg, – das hätte er sich selbst sagen können, besonders nachdem schon die Manuskripte, die er hereinsandte, zum Teufel gegangen sind. – Der Seppl hat den endgiltigen Bescheid bekommen, daß seine Braut nicht als Braut anerkannt wird und deshalb nicht zum Besuch hereingelassen wird. Unterschrieben: Staatsanwalt Mayer. Er und Marie erklären sich als Brautleute. Herr Mayer verfügt: nicht verlobt! Und dabei bleibt’s.

 

* durch Eilboten zu bestellen! Express! und nach 6 Tagen erhalten!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 31. Dezember 1921

Gestern kam endlich Nachricht von Zenzl, aber erst, nachdem die Zensur nachhaltig und unter Vorlegung von Telegrammen dazu [zu] bewegen war, endlich meine Post extra herauszusuchen. Als ich die Briefe hatte – 3 auf einmal – knickte ich erst richtig zusammen und hatte lange zu tun, um die Kraft zum Lesen wiederzugewinnen. Gottlob ist Zenzl stark und tapfer wie immer und hält auch diesen Schlag aus. – Inzwischen tritt deutlich zu Tage, wie hier drinnen gegen mich gearbeitet wird. 14 kommunistische Genossen hatten an die Münchner Bezirksleitung eine Ehrenerklärung für mich geschickt. Sie ist zu den Akten genommen worden. Eben erhielt ich den Bescheid, daß meine am 27ten aufgegebene Erklärung für die „Welt am Montag“, die von dort verlangt war, um mir zu helfen, ebenfalls zum Akt genommen wurde, da sie über die persönliche Rechtfertigung hinaus agitatorischen Zwecken dienen solle. Dabei ist die Erklärung absolut sachlich gefaßt. Murböck durfte die Verleumdung gegen mich, die der Zensur als Verleumdung bekannt war, unbeanstandet an die „Münchner Post“ und den „Vorwärts“ schicken. Mir aber wird die Verteidigung meiner primitivsten Ehre unmöglich gemacht. Es ist für mich jetzt kein Zweifel mehr möglich, daß die Freunde des Duske, Murböck und die Verwaltung hier zusammen arbeiten, um mich moralisch zu vernichten. Aber ich werde mich wehren. So ekelhaft es mir ist, Beleidigungen vor bürgerlichen Gerichten austragen zu lassen, – dieses Mal gibt es keinen andern Weg. Und ich habe vor, Klage zu stellen gegen Duske, die Münchner Post und ein deutschvölkisches Blatt. Man soll vor aller Welt sehn, wer alles gegen mich verbündet ist. – Inzwischen schreit sich die Pressebande die Kehle wund: ich bin überall der überführte Betrüger. Die guten Genossen hier drinnen tun alles Erdenkliche zu meiner Verteidigung. Auch unten ist man rührig, und ich muß es lächelnd ertragen, daß Tollers unersättliches Reklamebedürfnis sich weidlich an dieser Sache auslebt. – Ich habe eben an Weidner einen Eilbrief (5 Mark Porto!) abgesandt, in dem ich unter Verzicht auf Details nur die Behauptungen als Verleumdungen bezeichne und mitteile, daß ich Klage stelle. 1921 geht heute vorüber. Ich glaube, in summa war es wohl das ärgste Jahr in meinem nicht eben an argen Jahren armen Leben. Zenzl habe ich im ganzen 2mal, gleich 5 Stunden gesehn, – und unter was für schändlichen Umständen! Wie wird sich das kommende Jahr zeigen? – Für mich fängt es trübe an, das ist sicher. Aber mein Optimismus ist nicht klein zu kriegen; und im Rheinland streiken die Eisenbahner!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 1. Januar 1922.

Gott sei Dank! Das Jahr ist endgiltig herum, dieses Jahr, in dem die Menschen, die mit allen Machtmitteln gegen uns ausgestattet sind, unausgesetzt bemüht waren, jeden Tag, jede Stunde zur Pein zu machen, Schicksale zu verderben, unglückliche Menschen auch noch schlecht zu machen, Wehrlose zu Angreifern zu stempeln, um sie umso tiefer treten zu können, Gefangene gegen einander zu verhetzen, daß sie allen Haß gegen einander, alle Qual zur Rache unter sich selbst wenden sollen. Und das alles ist ihnen gelungen. Die Schändlichkeiten, denen ich jetzt ausgeliefert bin, – letzten Endes sind sie Regiekünste, die schon Vollmann in bewußter Absicht gegen mich in Szene gesetzt hat. Vor Gericht werde ich meine Feinde hier drinnen selbst verteidigen, um die wahren Schuldigen vor aller Welt aufzuzeigen. An Neuigkeiten ist zu vermerken, daß ein Brief Duskes an Adolf Schmidt eingetroffen ist, der sich bereits unter meinen Akten befindet, und der mir wertvoll ist, da er mir zeigt, welche Motive die Gegner für sich und gegen mich ins Feld führen wollen. Davon, daß die Unterstützung von Anarchisten kam, und gar die Adresse der Helfer von mir beschafft, und die Hilfe selbst von Zenzl veranlaßt ist, ist keine Rede. Man klammert sich an einen Irrtum Zenzls, die in den 4 Monaten, da ich ihr nicht schreiben konnte, glaubte, ich sei in Einzelhaft. 7 Monate hatten wir uns nicht gesehn, und diese 7 Monate sind irgendwie in Verbindung mit meiner Einzelhaft gebracht worden, sodaß in der Anweisung Ackermanns, wie das Geld verwendet werden sollte, eine bestimmte Summe zur Behebung der Schäden angegeben ist, die mir aus der Einzelhaft entstanden seien. Die Parteikommunisten haben dann einfach unter Ausschaltung Weigels und Zenzls verfügt, Mühsam ist nicht in Einzelhaft, sein Anspruch fällt daher weg und Frau Mühsam hat die 3000 Mk, die sie schon erhielt, zurückzugeben. Es ist ein ganzes Netz von Intrigen, das zerrissen werden muß. Eine interessante Kleinigkeit ergibt sich weiter aus dem Brief, nämlich daß Elberts Anschlag zur Feststellung der Heimadressen eine Eigenmächtigkeit war, ferner daß die Vertrauensleute der Parteiwachtmeister – als die nun namentlich bezeichnet sind Sauber, Elbert und Seffert, – die Namen derer, die sich damals weigerten, ihre Heimadressen anzugeben, eigenmächtig ausgefüllt haben, wobei sie bei Adolf Schmidts Parteizugehörigkeit einen Strich einsetzten, weshalb Adolf, wie Duske sich schön ausdrückt, „bemißtraut“ wurde. Eine recht wirksame Ergänzung dieses Schreibens gibt mir ein Brief Fritz Weigels, worin dieser Herr Duske in ein besonders liebliches Licht gesetzt wird. Der Mensch hat in der Bezirkssitzung seinen Freund Schwab glatt fallen lassen, ihn der Fälschung bezichtigt und bestritten, irgendeinen Vorschlag als von mir stammend bezeichnet zu haben. Ich werde alle Feststellungen darüber dem Gericht überlassen. Charakteristisch ist aber auch, daß Duske in dem Brief an Adolf die ganze erste verleumderische Aufstellung, wonach ich von 20.000 Mk 19 500 für mich begehrt haben soll, garnicht erwähnt. Fritz schreibt nun, die zweite Aufstellung sei von ihm persönlich als ganz unverbindlicher privater Vorschlag an Frau Aschenbrenner gemacht worden, von dieser akzeptiert, und daraufhin an Zenzl die Geldsumme (im ganzen also etwa 3000 Mark) ausbezahlt worden. Es ist alles so grenzenlos widerlich, daß ich kaum fähig bin, überhaupt zu übersehn, wie es in Wahrheit bestellt ist. Nun – ich habe keine Wahl. Ich muß öffentliche Reinigung meiner Ehre herbeiführen, und ich will, daß die Parteikommunisten hier drinnen allesamt als Zeugen gehört werden. Sie sollen auspacken, was sie gegen mich wissen. Aber es ist traurig, wie weit es gekommen ist. Als ich gestern mit der Botschaft heraufkam, daß meine Rechtfertigung für die Welt am Montag konfisziert sei, war ich sehr aufgeregt und erzählte laut, was mir passiert ist. Da haben sich die „Kommunisten“ ganz offen gefreut, daß die Verwaltung gegen mich arbeitet und sie in ihren Verleumdungen unterstützt. Gnad – grade er, dessen ich mich annahm, als alle ihn verließen – rieb sich die Hände und lachte ganz breit heraus. – Nun haben wir also 1922. Ich glaube, eine Steigerung der Qualen des verflossenen Jahres ist nicht mehr möglich. Es kann nur besser werden.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 2. Januar 1922

Ich bin mit Nerven und Körper fürchterlich auf dem Hund, will aber nicht umfallen und denke, ich werde mich schon wieder zusammenraffen. Die 5 parteikommunistischen Genossen Adolf Schmidt, Zäuner, Sandtner, Hagemeister und Luttner haben der Berliner Parteizentrale geschrieben, sie möge auf ihrem den Münchnern mitgeteilten Standpunkt beharren, daß die Bezirksleitung in die ganze amerikanische Geldgeschichte sich garnicht hätte einmischen dürfen, und daß ich das Opfer schandbarer Intrigen sei. Der Brief ist beschlagnahmt worden, weil er eine verbotene Kundgebung von mehreren gemeinsam sei. Er war am 29. Dezember geschrieben, heute kam die Mitteilung. Wenn jetzt jeder Einzelne von sich aus schreibt, so entstehn an Portokosten statt der 60 Pfennig ursprünglich 10 Mark. Die Verwaltung arbeitet also sehr rührig und zielklar an der Verhinderung meiner Ehrenrettung. – Inzwischen setzt die Regierung die Veröffentlichung ihrer Denkschrift gegen uns in der Presse fort. Es ist das gehässigste Elaborat, das mir je vor die Augen gekommen ist. Die dicksten Lügen – so auch die, daß wir nackt vom Zellenbau in den Hof gelaufen wären, wobei wir an badenden Frauen und Kindern vorbeimußten – werden einfach wiederholt. Unsre Behauptungen werden als „einwandfrei widerlegt“ bezeichnet (man hütet sich aber, sie zu spezialisieren), indem man einfach auf die Reden Kühleweins im Landtag verweist. Die Beschuldiger werden nicht gehört, die Beschuldigten beteuern ihre Unschuld: einwandfrei widerlegt! – Ich bin der Einzige, der bei der Aufzählung der Sünden ständig mit Namen genannt wird: und die Veröffentlichung kommt – rein zufällig natürlich – zusammen mit den Hundsföttereien der Murböck und Konsorten: daß ich nicht lache! Sehr interessant sind auch die Briefe, die von Festungsgefangenen selbst geschrieben sein sollen zur Verteidigung der Kraus, Hofmann und der übrigen Quälgeister: da wird dann auch die Äußerung des Tobiasch wegen Aufhängen des Staatsanwalts (wofür er 2 Tage im Eiskeller war!) zitiert, und zwar – da man ja einen anonymen Mitgefangenen reden läßt, kann man sich’s ja leisten – zugleich mit einer Beschimpfung gegen die polnischen Juden allgemein! Wer weiß, ob dieser Tobiasch selbst dem Briefschreiber ganz fernsteht. – Da fällt mir ein, daß ich in der Aufregung der letzten Tage ganz vergaß, die neuen Einzelhaftverhängungen zu notieren. Am 24. Dezember kam Gnad herauf. Seitdem sind wieder unten – alle 3 über Sylvester-Neujahr – Sauber, der beim Besuch seiner Frau dem Aufpasser grob gekommen sein soll, und – aus mir bis jetzt unbekannten Gründen Ibel und Podubetzky. – Ich war heut wieder beim Arzt. Unter anderem bat ich, wegen der vielen schlaflosen Nächte mir die Erlaubnis zu erwirken, abends Licht – Lampe oder Kerze – zu brennen. – Antwort: wenn ich ins Parterre ziehn will, kann ichs haben; also auf Kosten jeglichen geselligen Verkehrs auch am Tage! Wahrscheinlich soll diese Anordnung nachträglich die in der Denkschrift ausgesprochene Verdächtigung begründen, daß wir Blinksignale nach draußen geben. – Von dem was in der Welt draußen vorgeht, interessiert mich im Augenblick nur der Eisenbahnerstreik, der sich bis jetzt tatsächlich auszudehnen scheint. Doch habe ich nur äußerst geringe Hoffnung, daß es anders gehn wird als in Deutschland immer: Die Bonzen sabotieren den Kampf durch Verhandlungen, und die armen Arbeiter, die nie etwas andres als „Disziplin“ gelernt haben – und die ihre Kräfte schon jetzt in Resolutionsversammlungen und Teilaktionen verpulvern – werden, elend geschwächt, ohne irgend Beträchtliches erreicht zu haben, weiter hungern. Ein Eisenbahner-Generalstreik, geleitet von ad hoc bestimmten, an kein staatliches Gesetz geketteten revolutionären Betriebsräten, die frei von Gewerkschaften und Parteien handeln, könnte alles – ökonomisch und politisch – erreichen, was gefordert wird. Aber der Marxismus spricht anders, und solange seine Glaubensartikel vom deutschen Proletariat als Evangelien akzeptiert werden, werden die deutschen Kapitalisten nichts zu fürchten haben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 3. Januar 1922

Es wird alle Tage lustiger. Hätte ich nicht die guten treuen Freunde um mich, und – vor allem – hätte ich nicht eine Frau, deren großes reines Herz allem Schimpf standhält und deren herrliche Liebe selbst aus der Ferne aus ihrer Kraft eine reine Quelle von Kraft und Widerstandsmut für mich hier drinnen macht –, es wäre wohl kaum auszuhalten. Die „kommunistischen“ Ehrabschneider – ich habe für sie den Titel „Duskiden“ erfunden – erfreuen sich nach wie vor der regsten Unterstützung der Verwaltung bei ihrem Geschäft. Toller hatte jüngst eine Erklärung für mich verfaßt, worin er – in einer peinlich preziösen Form mit Lyrismen und etwas gewaltsamen Bosheiten – für mich eintrat. Sie sollte in der „Weltbühne“ und in sämtlichen Organen der USP erscheinen, und wurde – was nicht erstaunlich war und mir in gewisser Hinsicht ganz gut paßte – zu den Akten genommen als agitatorisch, hetzerisch etc. Darauf machte Toller eine andre kürzere Erklärung, die diesmal ganz sachlich und mir deshalb sehr willkommen war, weil ein USP-Abgeordneter in seiner Parteipresse klar und bündig aussprach was ist. Eröffnung: Zum Akt. Der F. G. Mühsam sei schreibgewandt genug, um seine „Belange“ selbst wahrzunehmen. Also die Verwaltung will mich zwingen, meine ganze Rechtfertigung darauf zu beschränken, daß ich selber in die Welt schreie: Ich bin kein Dieb! Wahrscheinlich, damit meine Verteidigung ebenso unglaubwürdig bleibt, wie die ihrige in der Regierungsdenkschrift, die sich ja auch auf die eigne Tugendversicherung beschränkt und keinen Beweis durch die Bestätigung dritter zuläßt: nur macht sie’s in beiden Fällen aus dem umgekehrten Grunde: in ihrer Sache würde das Zeugnis der andern alle ihre Behauptungen entkräften, in der meinen müßte ich durch das Zeugnis der andern gereinigt werden. Beides muß verhindert werden. Die „Kommunisten“ dekuvrieren sich derweil immer schöner. Heute war ich seit langem wieder mal im Hof und sprach mit Toller. Gleich tauchte neben uns Walter auf, der gleiche Walter, der durch seine geisteskranke Verräterei zu Pfingsten den Anlaß zum Krach gab, da wir uns damals schützend vor ihn stellten, und der nun einer der charaktervollsten Schreier gegen uns in den Reihen seiner damaligen Vernichter ist. – Völlig ungeniert hielt er sich die ganze Zeit in paar Schritte neben uns und zog dann zum Überfluß sogar ein Notizbuch vor, um das Ergebnis seiner Spitzelei festzulegen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, sehr laut zu sprechen und lauter Dinge zu sagen, die er für äußerst wichtiges Material halten mußte. Interessant war aber, daß wir auch noch von andern bespitzelt wurden: Kain ganz besonders kam uns fortwährend in die Nähe, und mich überraschte seine Ungeschicklichkeit, von der sich merklich die Art Schwabs unterschied, der ebenfalls möglichst viel von unserm Gespräch aufzufangen suchte und dann Olschewski an seine Seite holte, um es unauffälliger betreiben zu können. Ich sagte genau das und genau soviel wie ich wünschte, daß sie hören sollten, vor allem betonte ich fortgesetzt meinen Verdacht, daß sie mit der Verwaltung und Murböck im Bunde an meinem Verderben arbeiten. Die Duskiden sind aber jetzt in ihrer Offensive noch einen Schritt weiter gegangen. An Sandtners Tür waren Beschimpfungen angeschrieben wie Levit, Arbeitsgemeinschaftler, Verräter, Schurke und Verhöhnungen mit Bezug auf seinen Antrag an die Verwaltung, ihn ins I Stockwerk zu verlegen. Eine größere Erbärmlichkeit als die anonyme Schmähung gegen den braven Revolutionär kann man kaum ausdenken, der arme Mensch ist ganz zerschmettert. Auch Köberl hat von draußen Mitteilung erhalten, daß Duske von ihm behauptet habe, er habe sich während der Revolution in die eignen Taschen gearbeitet. Das System liegt klar am Tage: was in der Gefangenschaft ehrlich geblieben ist, muß durch infame Verleumdung unehrlich gemacht werden. Die Reaktion veranstaltet das und findet unter den „Radikalen“ im Hause ebenso wie unter den Murböcken dazu willfährige Agenten, die ihrerseits ehrliche Trottel finden, die sich von ihnen verhetzen lassen. So war August Hagemeister heute ebenfalls das Objekt einer Attacke. Er hat die Nervenruhe, als einziger der Antiduskiden mit den wahren Kommunisten zusammen im allgemeinen Speisesaal zu essen, was für diese Gesellschaft ein dauernder Ärger ist, und grade drum läßt sich Hagemeister nicht wegekeln. Nun hatte er vormittags dem sehr erregten Sandtner gesagt, er solle sich von dem Gesindel nicht provozieren lassen, und jetzt mußte der arme Nickl wieder heran und bedrohte ihn wegen dem „Gesindel“. Da Hagemeister sich nicht aus seiner Ruhe bringen ließ, wurde größerer Stank vermieden. Für mich ist es bitter, daß Sandtner und Luttner sich in den I. Stock hinuntergemeldet haben, was ihnen zweifellos bewilligt wird. Die Front meiner Freunde hier oben wird dadurch merklich geschwächt werden. – Wie ekelhaft, wie beschämend ist doch das alles! Wenn das Proletariat draußen wüßte, was für eine Rotte von Feiglingen, Spitzeln, Verbrechern und Lügnern hier immer den Kommunismus als ihr Privileg in Anspruch nimmt, wäre meine Rehabilitierung schnell genug herbeigeführt. Aber sie haben die Unterstützung der Reaktion, und grade drum gelingt es ihnen, sich als Revolutionäre zu gebärden und die wirklichen Revolutionäre als Reaktionäre anzuschwärzen. – Die Front der Duskiden hat eine Schwächung erfahren, da Wollenberg heute seine Festungshaft hinter sich gebracht hat. Aber seine Entlassung hat für sie vorläufig keinen Wert, da er gleich noch für 2 Monate nach Donauwörth ins Gefängnis muß. Übrigens halte ich Wollenberg für ehrlich, aber von Elbert und den Seinen vollständig eingewickelt. Er ist – was ich immer sympathisch gefunden habe – ein Fanatiker der Solidarität, aber – im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung über ihn, die sich auf seine intellektualistische Bildung stützt – halte ich ihn für dumm und urteilslos. – Zugleich mit ihm ist Tobiasch entlassen, über dessen Charakter kein Wort zu verlieren ist. Soviel ich weiß, muß auch er noch erst 14 Tage Gefängnis machen und kommt dann auf den Schub an die bayerische Grenze, da man ihn als polnischen Juden im christlichen Bayern natürlich nicht beherbergen will und seine Ausweisung schon verfügt ist. – Wann wird der Niederschönenfelder Sumpf einmal trocken gelegt sein?

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 4. Januar 1922

La vérité est en marche. Mein Brief an Weidner kam noch rechtzeitig an, um der „Welt am Montag“ die Feststellung, daß ich verleumdet werde, schon letzten Montag zu ermöglichen. Ich hatte diesen Brief ganz als Privatbrief fassen müssen, und so hat man auch vorn die Bemerkung passieren lassen, daß mir die Aufklärung für die Presse unmöglich gemacht werde. Bis jetzt ist aus den Zeitungen nur zu entnehmen, daß das Blatt auch das erwähnt hat. Zugleich wird berichtet, Weigel habe im Münchner Stadtrat die Erklärung abgegeben, die von der Zentrale eingesetzte Kommission der KPD habe ihn nach Kenntnisnahme der Urkunden aufgefordert, seine Funktionen weiter auszuüben, da alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe Verleumdungen seien, und endlich veröffentlichten die „Münchner Neuesten Nachrichten“, und wohl eine Reihe andrer Blätter ebenfalls eine Erklärung des Rechtsanwalts Dr. Loewenfeld, die eine volle Rechtfertigung für Zenzl, mich und Weigel und die schwerste Kompromittierung Duskes bedeutet, und aus der übrigens hervorgeht, daß Duske „bis vor kurzem“ Vorsitzender des Bezirks Südbayern der KP war, also inzwischen – wahrscheinlich auf Wink von Eberlein-Pieck, die sich sehr anständig – nämlich völlig korrekt – verhalten haben, abgehalftert ist. Die Duskiden hier oben schleichen recht bedeppt umher, und vor allem wird die Sache wohl für Elbert, der in der nächsten Zeit entlassen wird, höchst fatal sein, zumal inzwischen eine Reihe von Briefen hinausgehn, die – des Schutzes halber, den ihm die Verwaltung angedeihen läßt – in verschleierter Form seine Verräterqualität draußen bekannt machen. Meine Freunde sind ganz glücklich über die günstige Wendung, die die Sache anzunehmen scheint, und ich muß stark bremsen. Denn ich gebe mich keiner Täuschung darüber hin, daß der Weg durch den Kot noch nicht hinter uns liegt. Nur ist soviel gewiß, unsre Ehrabschneider werden schwerer durch den selbstgehäuften Dreck hindurchkommen als wir, die wir drin ersticken sollten. – Inzwischen ist die Regierungsdenkschrift nun fertig in der Presse erschienen. Ich bin der einzige, der stets namentlich genannt wird und zwar fast in jeder neuen Folge in neuem Zusammenhang. Sehr interessant ist da die Behauptung, ich hätte einmal in Ansbach von einem Mitgefangenen Prügel bekommen, habe auf Knieen um Gnade gebeten, und sei angespuckt worden. Die Szene trug sich, nachdem uns der tüchtige Graßl ja allein gelassen hatte, unter 4 Augen zwischen mir und Max Weber zu. Wahr ist, daß er mich in mein geschwollenes und von Zahnschmerz gepeinigtes Gesicht geschlagen, auch daß er mich angespuckt hat. Unwahr ist, daß ich vor ihm niedergekniet sei. Aber er hat es behauptet, und jetzt zeigt sich’s, vor wem er seine Behauptungen abgibt. Ferner wird in der Regierungsmache behauptet, daß ich in Ansbach einem Mitgefangenen geraten habe, dem Vorstand „ein paar Gescheite“ runterzuhauen. Das ist blanke Erfindung, – wenigstens habe ich nicht die leiseste Erinnerung daran, daß ich jemandem solchen Rat gegeben hätte. Offenbar hat Weber das wie alles gegen Bezahlung zu Protokoll gegeben. Er hat mir ja auch damals zugesichert, daß er nicht verfehlen werde, draußen nicht bloß die Wahrheit über mich zu sagen, sondern mich gründlich zu verleumden, was Graßl, Markus Reichert und Schwab billigend mit anhörten. Jetzt wissen wir also, vor wem sie mich verleumdet haben. Die Denkschrift ist insofern wertvoll, als eine Menge von Zitaten aus Briefen von Festungsgefangenen den Beweis dafür erbringen, daß wir von Spitzeln gradezu umstellt sind. – Ich bin überzeugt, daß die Regierung mit dieser haarsträubenden Publikation sich ebenso in die Nesseln setzen wird wie Duske und Schwab mit ihren Fälschungen. Jeder Mensch weiß, daß die gegen Gefangene und an ihrer Verteidigung Behinderte erhobenen Beschuldigungen von Leuten ausgehn, die selbst damit Beschuldigungen von sich abwehren wollen, deren Beweis sie mit allen Mitteln der List und Gewalt hintertreiben. Da muß ja der Dümmste stutzig werden, wenn er nicht selbst Partei ist. – Aus all dem Vielen, was in der Welt geschieht, nur die traurige aber selbstverständliche Meldung, daß der Eisenbahnerstreik von den Gewerkschaftsführern verraten wurde und mit einem sehr sehr kläglichen Kompromiß, in Wahrheit mit einer glatten Niederlage geendet hat. Aber warum bin dann ich Verräter und Konterrevolutionär? Weil ich den Arbeitern sage: solange ihr in den zentralen Gewerkschaften seid, werdet ihr immer betrogen sein. Das liegt am Apparat. Die Marxisten aber plärren nach wie vor: rein in die Gewerkschaften! Denn wer soll ihnen anders zu Beamtenposten helfen? – Armes deutsches Proletariat!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 5. Januar 1922.

Kurze Chronik: Die Verwaltung arbeitet mit Hochdruck gegen meine Reinwaschung. Ein Genosse Ziegler in Stuttgart hatte bei Adolf angefragt, was an den Behauptungen über mich sei. A. beantwortete den Brief, zum Akt, da er sich in Angelegenheiten andrer F. G. einmische. Die 5 Genossen, die der Berliner Zentrale zu meinen Gunsten Aufschluß gaben, erhielten damals für die Zurückhaltung die Begründung, daß gemeinsame Kundgebungen unzulässig seien. Sie schrieben deshalb einzeln. Zu den Akten wegen Einmischung in Angelegenheiten Dritter. Also nicht mal Anfragen dürfen von denen  beantwortet werden, die sie erhalten haben. – Die Absicht liegt klar am Tage, und da zumal Elbert in all diesen Briefen übel wegkommt, darf man sich besonderen Betrachtungen hingeben. Zugleich verhindert die Verwaltung von mehreren unterschriebene Danksagungen für Weihnachtsgaben an Arbeiterorganisationen; man wünscht diese Verbindungen nicht und konfisziert täglich Zeitungen en masse. – Jedoch kam heute die „Münchner Post“ (nachdem die Nummer von gestern zum Akt ging) und brachte die Erklärung Weigels im Münchner Stadtrat wörtlich. Daraus geht hervor, daß Duske zum Zweck meiner moralischen Erledigung Fälschungen im größten Stil vorgenommen hat und sogar in der Erklärung des Verteilungs-Comitees die Unterschriften der übrigen Mitglieder (Rosa Aschenbrenner, Auweck etc) ohne Vollmacht von diesen unter eine falsche Aufrechnung gesetzt hat. Nicht Weigel, sondern Duske hat seine Parteiämter niederlegen müssen. – Ich erhielt heute von Löwenfeld Bericht, ich dürfe unbesorgt sein, Zenzls und meine Ehre würden vollständig rehabilitiert werden. Trotzdem habe ich ihn gebeten zu klagen, damit auch die letzten Reste von Anwürfen abgewaschen werden. Ich bat ihn herzukommen, da ich schriftlich nicht alles sagen kann. Er wird wohl verstehn, was ich meine. – Von der Weltbühne kamen 2500 Mk zu meiner freien Verfügung an, etwas weniger an Toller. Ich lehnte die Annahme ab, da ich keine Geldverteilungen mehr machen will. Adolf Schmidt hat Jacobsohn den Vorschlag gemacht, die Summe der Familie eines sehr armen Genossen, der vor der Entlassung steht und sich damit eine Existenzgrundlage schaffen soll, zuzuweisen. Dummerweise hat Toller gequatscht, sodaß die Tatsache der Spende herumgesprochen wird. Unten sollen schon Westrich und Murböck geschäftig sein. Ich bin gespannt, ob man mir nun schon wieder einen neuen Strick dreht. Aber sie werden damit ebensowenig Glück haben wie mit den früheren Ehrabschneidereien. Allerdings wünschte ich mir endlich mal ein wenig Seelenfrieden in meiner Gefangenschaft. Man mutet mir denn doch ein wenig mehr zu als ein einzelner Mensch ertragen kann.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 7. Januar 1922.

Ich „feiere“ heute ein eigenartiges Jubiläum: es sind genau 1000 Tage verflossen seit jenem 13. April 1919, da ich morgens um ½ 4 von Zenzls Seite aus dem Bett geholt wurde. 1000 trübe, düstere Tage, deren Trübsal und Düsterkeit bis jetzt ständig gesteigert wurde – durch treue Zusammen- und Nebeneinanderarbeit der Reaktion und gewisser „Kommunisten“. Freilich ist die Düsterkeit dieser Zeit immer ausgeglichen worden durch lichte Erlebnisse im Herzinnern, und so ist es auch in der letzten allertrübsten Zeit meines Lebens gewesen. Der Gedanke an Zenzls Liebe, Treue und seelische Kraft hilft über viel hinweg, die hingebende Anhänglichkeit des Seppl hier drinnen, die Kameradschaftlichkeit der übrigen Freunde (Adolf, Clemens, Ringelmann, Weigand, Sandtner, Hagemeister, Köberl, Zäuner, Luttner), die Unbestechlichkeit des Urteils bei andern Genossen, die mir persönlich weniger nahe stehn (Fischer und der braven Rotgardisten, wie vor allem Rappl), dazu Kundgebungen von außen (so hat Léon Hirsch gestern in Berlin als Antwort auf die Niederträchtigkeiten einen Mühsam-Abend veranstaltet; ferner benehmen sich die Syndikalisten – Sirch, Groß – ausgezeichnet) ferner Briefe von Leuten, die einfach anständig sind (ein Brief des Herrn von Vegesack z. B., der heute eintraf, ist prachtvoll menschlich), – all dies gibt viel Tröstung, die ich auch gut brauchen kann. Grade heute kamen eine Anzahl von Zeitungsausschnitten voll abgründig schofler Gesinnung (vornedran der „christliche“ „Bayerische Kurier“ mit Verdächtigungen gegen Zenzl und Weigel noch andrer als materieller Art). Zugleich erhielt ich die Mitteilung, daß mehrere Ausschnitte als „hetzerisch“ zum Akt genommen sind, offenbar solche, die für mich eintreten. Jedenfalls ist die Absicht klar, daß ich über den Stand meiner eignen Sache kein klares Bild gewinnen soll. Auch die Briefpost trifft mit solchen Verzögerungen ein, daß ich überzeugt bin, daß meine Nerven absichtlich gepeinigt werden durch Vorenthaltung der für mich wesentlichsten Nachrichten. Inzwischen spitzt sich die neue Krakehlerei wegen der Weltbühnen-Sendung langsam zu. Toller wollte seinen Teil unter alle Mitgefangenen verteilen. Die Herrschaften des I Stocks unter Murböcks Führung verlangten aber, daß nur dies Stockwerk teilhaben sollte, da der II Stock ja von mir bedacht werden könnte. Darauf hat Toller seine Summe einfach der Frauenhilfe überwiesen, wofür ihn Murböck als „kracheter Jud!“ beschimpfte und erklärte, er sei genau so ein Lump wie der Mühsam. Solange die Herrschaften hofften, sie würden den ganzen Toller-Anteil erhalten, hatten sie mich höchlich gerühmt, weil ich die Annahme verweigert habe. Jetzt, wo sie finden, daß das auf ihre Kosten gehe, bin ich schon wieder ein Betrüger. Gestern erhielt Sandtner einen interessanten Besuch. Die Duskiden entsandten einen ihrer Charaktervollsten zu ihm, um ihn zu warnen und womöglich seine Seele für den wahren Kommunismus zu retten. Man warf ihm und denen, die die Verleumdungen verwerfen, „Mühsam-Fimmel“ vor und bezeichnete mich als „kleinbürgerlichen Anarchisten“, gegen den der Kampf mit allen Mitteln geführt werden müsse. Der Besucher – sozusagen (wenn man Sauber ausnimmt) das größte Rindvieh des Mittelgangs – ließ bei dieser Gelegenheit ein sehr interessantes Geständnis durch die Zähne. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Herren das Gesuch Sandtners um Verlegung in das I. Stockwerk im Wortlaut kennen. Einer von ihnen habe zufällig das Schreiben liegen sehn. Ein sehr merkwürdiger „Zufall“, wenn man bedenkt, daß es in den Briefkasten gesteckt, dort von einem Beamten mit der übrigen Post herausgenommen wurde und dann sofort an die Verwaltung ging. Mein Verdacht gegen einen Gewissen ist jetzt fast zur Gewißheit geworden. Die Esel um ihn herum aber glauben seiner Versicherung, daß er „zufällig“ Einblick habe nehmen können. – Vom häuslichen Geschehen ist nur noch zu bemerken, daß Podubetzky heute aus der Einzelhaft heraufgelassen wurde. – Ich rechne damit, eventuell hinunterzumüssen. Ich habe heute eine Reihe von Eingaben an den Verfassungsausschuß des Landtags zur Zensur gegeben, die der Verwaltung äußerst fatal sein müssen. Sie beschäftigen sich mit der Konfiskation meines Schreibens an den Reichspräsidenten, meiner Postkarte an Niekisch, meiner Denkschrift ans Reichsjustizministerium (die verdammte Füllfeder will garnicht mehr ihren Dienst tun!) und in einem kurzen Schriftsatz mit der Kühleweinschen Verleumdungsdenkschrift gegen uns. Ich verlange wegen verleumderischer Beamtenbeleidigung unter Anklage gestellt zu werden. Nun bin ich sehr neugierig, ob man diese Belastungsdokumente, die sich diesmal zum Teil gegen Hofmann direkt richten, durchlassen wird. Wenn nicht, so ist das ein neuer ungeheuerlicher Verfassungsbruch und ein bisher noch nicht gewagter Eingriff in unsre staatsbürgerlichen Rechte, und wenn man den schon begeht, kann man ohne weitere Umstände auch gleich mit Disziplinarmaßregeln vorgehn. Ich rechne damit, da ich bisher keine Erfahrungen gemacht habe, die mich Grenzen behördlicher Gewissenlosigkeit in Bayern hätten erkennen lassen. – Dann erhielt ich heute die Antwort des I Staatsanwalts München (gezeichnet Aubl und Kämmerer) wegen meiner Anzeige gegen Leutnant von Seefeld und unbekannte Genossen wegen Mordkomplotts. Natürlich ist das Verfahren wegen Mangel an Beweisen eingestellt. Arco hat erklärt, daß er von keinem Komplott wisse und Eisner ganz aus individuellem Entschluß umgebracht habe. (Soviel Anstand, daß er seine Komplizen nicht preisgeben werde, hatte ich von Arco auch erwartet). Über Lindtner steht in dem Schrieb kein Wort. Ich kann nun in der Sache natürlich nichts weiter tun und muß mich mit dem Bewußtsein begnügen, Dokumente geschaffen zu haben, die eine objektive Geschichtsforschung einmal auf Spuren führen müssen, die die Staatsanwälte im heutigen Bayern selbstverständlich nicht finden können. – Die Politik ist hier dank meiner persönlichen Erlebnisse in den vergangenen Wochen sehr zu kurz gekommen. Sie hat auch nicht viel äußerlich bemerkbare Änderungen gebracht. Im Kern gärt und kracht es aber unaufhörlich. In Cannes sind die europäischen Schicksalsmacher zusammengetreten, um zu beraten, wie man Deutschland zum Zahlen kriegen kann. Da man hierzulande jedoch noch nicht einmal die neuen Steuergesetze fertig gebracht hat und immer noch probiert, die Kapitalisten bei den Reparationszahlungen zu schonen, wird wohl kaum Definitives herauskommen. Nur könnte Wirth eventuell bei diesem Stoß vom Sitz rollen, und dann könnte ja auch die bayerische Regierung die Generaloffensive gegen mich abbremsen, da dann deren eigentlicher Zweck – Radbruch zu treffen – ohnedies erreicht wäre. – Ein Toter: Wilhelm Voigt, der Hauptmann von Köpenick ist in Luxemburg dahingegangen. Er war das Instrument tiefster Weltironie. Sein Gaunerstreich entlarvte der Welt den preußisch-deutschen Militarismus in groteskem Komödiengewand. Ein ernsteres Menetekel war dann Zabern, und ein halbes Jahr später öffneten sich die Höllenschlünde, deren Eingang der Schuster Voigt in seiner lustigen Maskerade den Zeitgenossen verraten hatte. – Eben kommt Adolf Schmidt zu mir. Er hat eine „Eröffnung“ erhalten, nämlich, daß ein langes Schreiben der Bezirksleitung der Kommunistischen Partei, München, an ihn wegen „propagandistischen Inhalts“ zu den Akten genommen sei. Jedenfalls die Antwort auf sein Schreiben in meiner Sache. Die bayerische Reaktion und die ihr gefälligen „radikalen“ Kommunisten in Niederschönenfeld arbeiten also weiter an der schönen Aufgabe, einem Verleumdeten seine Rechtfertigung abzuschneiden. Wir werden sehn, wer zuletzt lacht!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 8. Januar 1922

Clemens Schreiber, der alles kann, hat meine Füllfeder repariert und so kann ich mich ohne Ärger wieder vors Papier setzten. Heute nur die Abschrift eines Briefs an den Rechtsanwalt Dr. Philipp Loewenfeld in München – und zwar nur dessen mittleren Teils: „... Es ist mir außerordentlich fatal, daß die Presse der verschiedensten Richtungen jetzt, da man auf mich nicht mehr losprügeln kann, die Kommunist. Partei als solche zum Sündenbock macht. Zuerst wurde meine Schandtat der KP angehängt, indem man mich einfach als einen ihrer Parteigenossen behandelte, obwohl bekannt ist, daß ich außerhalb der Parteien stehe. Jetzt wird umgekehrt die Infamie des Duske und seiner Kumpane zu einer Niederträchtigkeit der Kommunistischen Partei gemacht. Ich bin es der Ehrlichkeit, ich bin es vor allem meinen zahlreichen kommunistischen Freunden schuldig festzustellen, daß sich sämtliche mit der Sache befaßten Instanzen der Partei, soweit ich informiert bin, vollständig korrekt und untadelhaft mir gegenüber benommen haben. Ganz besonders will ich betonen, daß sich auch hier in der Anstalt die Mehrzahl der Mitglieder der KPD, darunter fast alle führenden Funktionäre der Partei, von Anfang an schützend an meine Seite gestellt haben. – Meine Differenzen mit der Kommunist. Partei sind sachlich-theoretischer Art, und ihre Austragung ist von meiner wie von der andern Seite stets – in persönlicher Auseinandersetzung oder auch in gedrucktem Wort – mit aller Schärfe, aber frei von persönlicher Gehässigkeit geführt worden. Sie selbst waren vor 3 Jahren aber Zeuge, in wie herzlich enger Kameradschaft ich damals mit den Kommunisten verbunden war. Das ist trotz der Vermehrung taktischer Gegensätze im Wesentlichen so geblieben. Zumal hier in der Festung ist es nur eine kleine Minderheit von haftkranken Leuten, die von niemandem außer von sich selbst ernst genommen werden, die mir meine abweichende Überzeugung zum Verbrechen anrechnen und den Kampf dagegen mit persönlichen Intrigen führen zu müssen glauben. Alle meine nächsten Freunde hier drinnen sind Mitglieder der Kommunist. Partei und über die Hand[l]ungsweise des Duske-Klüngels nicht weniger empört als jeder anständige Mensch. – Vielleicht finden Sie Gelegenheit, diese Feststellung denen in irgendeiner Form zur Kenntnis zu bringen, die sie angeht. Ich möchte um keinen Preis, daß Personen oder Organisationen, denen kein entfernter Vorwurf gemacht werden kann, meinetwegen in falsches Licht gestellt werden ...“ – Wenn dieser Brief die Zensur passiert – und ob man wirklich ein derartiges Schreiben an einen Rechtsanwalt konfiszieren wird, bezweifle ich vorläufig noch –, wird mein Gewissen stark erleichtert sein. Zugleich hätte ich aber auch die Genugtuung, den Duskiden zu beweisen, daß man nicht nur unanständige Mittel anwenden muß, um politisch zu handeln.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 9. Januar 1922.

Meine Nerven sind immer noch reichlich müde, und der Körper entsprechend lahm, die alte Heiterkeit der Seele kehrt aber wieder, und ich denke den Anprall bald ganz überstanden zu haben. Schließlich hat die Sprache immer recht, wenn man ihr auf den Grund sieht. Welche rührende Selbstsicherheit des Gefühls hat das Wort erdacht: mir wird ein Leid „zugefügt“. Nur Leid, das ins Herz eingeboren ist, ist untilgbar. Mit dem „zugefügten“ muß man fertig werden, und ich bin entschlossen, es wieder abzufügen. – Zur täglichen Zusammenstellung kritischer Betrachtungen zu den Weltvorgängen fehlt mir’s noch an Sammlung, und weil ich mich nicht vergewaltigen möchte, beschränke ich mich vorerst noch auf die Registrierung der persönlichen und häuslichen Begebenheiten. Heute nur dies: die „Münchner Post“ bringt die Erklärung Loewenfelds und knüpft daran, wie von Auers Organ nicht anders zu erwarten, neue Verdächtigungen gegen die KPD, der ich weiterhin als Mitglied zugerechnet werde. Aber das ist unwichtig. Umso bemerkenswerter aber ist die beiläufige Erwähnung, daß die Abschrift des Duskeschen Verteilungsplans dem Blatt von der Festung aus mit 3 Unterschriften versehn zugegangen ist. Bei allen Versuchen meiner Freunde, mir beizustehn, griff die Zensur ein mit der Begründung: gemeinsame Kundgebungen mehrerer seien verboten (und erst dann, wenn man isoliert für mich eintreten wollte, wurden neue Vorwände entdeckt, um meine Rechtfertigung überhaupt zu unterbinden). Jetzt wissen wir also, daß auch diese Bestimmung, als es sich darum handelte, daß ich öffentlich verleumdet werden sollte – und der Verwaltung mußte bekannt sein, daß die Duskerei verleumderisch war – außer Kraft gesetzt werden konnte. – Ich will mit allen Mitteln versuchen, die Angelegenheit ins Rampenlicht forensischer Behandlung zu bringen, wahrhaftig nicht, um Haftgefährten bloßzustellen oder mich an Leuten zu rächen, die revolutionär zu handeln meinen, wenn sie mich kompromittieren und moralisch tot machen, – sondern um die ganze Aktion als Bestandteil der Kühleweinschen Verleumdungskampagne aufzudecken, bei der ich ja nur den Prügeljungen hergeben muß und die in Wahrheit ein Manöver der in Bayern dominierenden Militärpartei ist, um mit mir Radbruch zu treffen und mit Radbruch das Kabinett Wirth zum Sturz zu bringen. Wenn eine Anzahl Parteikommunisten als Helfershelfer bei diesem Geschäft – sei es als Spitzel, sei es als Esel – demaskiert werden, so kann die Partei selbst nur zufrieden sein, diese Tröpfe oder Schurken loszuwerden. Ich bin fest überzeugt, mit der öffentlichen Breitwälzung der Angelegenheit eine Pflicht an der Revolution zu erfüllen. Die mir dazu auch noch in der Gefangenschaft Gelegenheit geben, mögen in stiller Klause sich oder einander nachher den Kopf kratzen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 12. Januar 1922

Die Duske-Schwabsche Sauerei ist noch immer nicht zu Ende. Jetzt läßt Duske selbst in der „Neuen Zeitung“ eine lange Erklärung los, worin er nun plötzlich mich völlig aus dem Spiel läßt (ein „Vorschlag Mühsam“ sei ihm garnicht bekannt, er habe auch nichts gefälscht) und alles auf Weigel – nebenher aber auch auf Zenzl ablädt. Das Seltsame bei all diesen Erklärungen ist, daß über die eigentliche Angelegenheit, nämlich die erste Fälschung, nach der ich von 20000 Mk 19500 für mich beansprucht hätte, nirgends mehr die Rede ist. Man tut so, als ob der ganze Streit sich bloß um ein paar Differenzen in der zweiten und dritten Aufstellung bewege. Nun hatte Weigel in seiner Erklärung im Münchner Stadtrat gesagt, die Aufrechnung der Kommission in der „Neuen Zeitung“ sei von Duske allein verfertigt und die Namen, Aschenbrenner, Rolle und Auweck habe er eigenmächtig mit darunter gesetzt. Ich war also sehr bestürzt, als ich gestern die Proklamation dieser 3 als Eingang zu Duskes Rechtfertigung las, sie hätten ihre Unterschrift eigenhändig darunter gesetzt. Eben erhalte ich nun einen Brief von Zenzl, worin sie mir mitteilt, Auweck habe ihr und Weigel die bestimmte Versicherung gegeben, Duske habe ihre Namen ohne Berechtigung unter das Schriftstück gesetzt. Zenzl fragt ganz richtig, daß man nicht mehr wisse, ob man unter Verrückten oder unter Teufeln lebe. Zugleich bekam der Seppl einen höchst bemerkenswerten Brief von seiner Marie. Sie teilt mit, daß die Verleumdungen schon lange in München herumspuken, und zwar lese Hans Prell (ein Genosse, auf dessen mir freundschaftlich zugetane Kameradschaft ich Häuser gebaut hätte) in allen großen Betrieben und in Versammlungen Briefe seines Schwiegervaters Olschewski vor, in denen ich besonders wegen der 2421 Mk (Pfeiffer!) ganz bösartig verdächtigt und verleumdet werde. Sie – Marie –, der Genosse Tierauf (der am 1. Februar hier eintrifft) und dessen Tochter hätten gegen dieses Schlechtmachen eines Gefangenen, der sich nicht verteidigen kann, protestiert. Die Schurkerei meines „Freundes“ Olschewski ist unbeschreiblich. Bei dem großen Vertrauen, das ich seinerzeit allen Gliedern der „Gruppe“ entgegenbrachte, habe ich damals ganz offen über den Verbleib dieses Geldes gesprochen und die einstimmige Zustimmung gefunden. Olschewski war also mit der Verwendung ganz zufrieden, und jetzt benutzt der Kerl grade diese Sache, um mich draußen bei den Arbeitern in den Dreck zu ziehn. „Meinem unvergeßlichen Freund“ hat er mir rührselig auf seine Photographie geschrieben. Er ist hingegen, wie es scheint, ein recht vergeßlicher Freund. Der Seppl rennt ganz aufgeregt herum ob dieser unerhörten Infamie. Der arme Trottel hat bestimmt keine Ahnung, in wessen Dienst er eigentlich gegen mich arbeitet. Aber ich sehe immer deutlicher, ohne Prozeß können die Fäden, die vom Münchner Polizeidirektorium in den Mittelgang des II Stocks in der Niederschönenfelder Festungsanstalt führen, nicht zerrissen werden. – Die Sache an sich beunruhigt mich nur Zenzls wegen, obwohl sie wunderbar tapfer und überlegen ist. Ich selbst komme allmählich dahin, mein Selbstgefühl als starken Panzer zu begreifen. Ich darf mir wohl ohne Überhebung sagen, daß meine 20jährige Arbeit im Dienst der proletarischen Befreiung und alles, was bis jetzt an literarischem Ausdruck meiner Persönlichkeit da ist, vor späteren Beurteilern mein Andenken vor den Anwürfen der Dreckschleudern rein geblieben zeigen wird. Man wird nur den Kopf schütteln über das Maß von Niedertracht, das der Krieg den meisten Menschen als Souvenir hinterlassen hat. Meine kluge Frau hat recht, wenn sie diese Sucht zum Intrigieren, diese Unverhohlenheit des Neides und der Habgier, wie sie jetzt überall hervortritt – und in dieser Sucht liegt das Motiv der „Kommunisten“, die sich gegen mich verbündet haben, ob sie nun bewußt oder unbewußt in Polizeiinteressen arbeiten –, mit der Veitstanz-Epidemie nach dem 30jährigen Kriege in Vergleich stellt. – Für heute Schluß von diesem Schmutz. Zu notieren habe ich vor allem, daß meine Eingaben an die Landtagsausschüsse überraschenderweise die Zensur passiert haben. Die Verwaltung wird gedacht haben: jede Erschwerung der Verbindung mit dem Landtag gibt neues Material und neuen Anlaß zu illegalen Denunziationen. Der Landtag aber ist treu verbündet und wird die Wirkungen, die mit den Schriftstücken geplant sind, schon zu verhindern wissen. Übrigens ist Mühsam ja durch die Kühleweinsche Denkschrift bei der Bourgeoisie, also auch beim ganzen Parlament und durch die ausgezeichnete Hilfsaktion der teils bestochenen, teils verführten, Kommunisten beim bayerischen Proletariat zur Zeit derart diskreditiert, daß Kundgebungen von ihm ohne Wirkung – es sei denn mit Wirkung gegen ihn selbst – zur Kenntnis genommen werden müssen. Und nun noch etwas: Elbert war in den letzten Tagen sehr geschäftig. Er lief durchs Haus und verbreitete die Mär, er wisse, daß die Verwaltung einen neuen großen Coup gegen die Festungsgefangenen vorhabe. Nächsten Sonntag sollten wir alle in unsre Zellen eingesperrt werden, und dann, in der Nacht, werde ein bewaffneter Angriff auf uns erfolgen. Er habe genaue Kenntnis von dem Plan; ja, er besuchte sogar Hagemeister, um durch ihn auch uns zu einer Abwehraktion, sei es durch Hungerstreik, sei es durch andre noch verborgene Maßnahmen, zu bewegen. Unser Verdacht, daß E. ein ausgemachter Provokateur ist, der noch kurz vor seiner Entlassung eine Heldentat, die ihm nicht mehr sehr weh tun kann, inszenieren möchte, wurde sehr bekräftigt durch diese Geschichte. So ging auf unsern gemeinsamen Beschluß Genosse Fischer direkt an den Vorstand heran, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß beunruhigende Gerüchte im Hause umgehn und ihn zu fragen, was Wahres daran sei. Die Auskunft lautete natürlich: freie Erfindung, sodaß – selbst wenn etwas beabsichtigt gewesen sein sollte – für diesmal keine Befürchtungen mehr gehegt zu werden brauchen. Aber wachsam müssen wir bleiben. Die Gefahr, daß die Agenten der politischen Polizei, denen die großen Mittelgangkommunisten mit unbeirrbarem Zutrauen aus der Hand fressen, plötzlich eine „Aktion“ provozieren, die die scheußlichsten Repressalien gegen uns alle rechtfertigen würde, besteht jeden Augenblick. Und angesichts der Wahrscheinlichkeit, daß die Rückverweisung der Niederschönenfelder Dinge an den Landtagsausschuß doch zur Hersendung einer parlamentarischen Kommission führen dürfte, ist es sehr möglich, daß die Furcht vor unsern Enthüllungen das Bedürfnis nach neuem Material gegen uns wachruft. Zum Glück durchschauen immer mehr Genossen die Rolle, die die „Kommunisten“ des Mittelgangs tatsächlich spielen. Mir tun die Ehrlichen unter ihnen – besonders Podubetzky – in der Seele leid. – Alles in allem kann ich wohl sagen: wie es jetzt hier zugeht, ist nicht schön. Aber man kann Charaktere studieren: auch solche im I. Stock. Klingelhöfer, der ewig Gütige, spaziert grade jetzt mit besonderer Vorliebe mit den giftigsten Verleumdern gegen mich an mir vorüber. Murböck scheint sein allerintimster Intimus zu sein. (Übrigens: die Mitunterzeichner seiner Denunziation an „Münchner Post“ und „Vorwärts“ waren Hornung und Renner). Ich habe eine kleine Scherzfrage aufgeworfen, die die Runde durchs Haus macht: Wer ist der beste Christ in Niederschönenfeld? Antwort: Klingelhöfer; er verzeiht allen meinen Feinden!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 14. Januar 1922

Heute einmal ein wenig Politik. Es war die letzte Zeit äußerlich ziemlich ruhig, während aber unter der Oberfläche für den aufmerksamen Zeitgenossen die verhaltene Bewegung deutlich wahrzunehmen war. Die Konferenz von Cannes zeigte klaffende Gegensätze unter den herrschenden Weltmächten auf, einen Konflikt zwischen England und Frankreich, den Lloyd Georges kluge Konzessionspolitik (seine Denkschrift an Briand!) nicht zu überkleistern verstand, obwohl der Wille zum Konflikt zweifellos auf keiner Seite vorhanden ist und man gern überall zu so praktischen Lösungen käme wie ihn in Washington durch den Viermächtevertrag die Yapfrage gefunden hat. Aber das Deutschlandproblem ist ungeheuer schwierig und die Interessen Frankreichs und Englands stoßen bei seiner Behandlung aus tausend Gründen feindselig aufeinander. In England empfindet man die aus dem Krieg entstandene Wirtschaftslage, die Deutschland nicht etwa schlechter sondern günstiger stellt als die Siegerländer – die schlechte Valuta befördert das in Deutschland von jeher gewissenlos gehandhabte Dumpingsystem, erleichtert daher die Ausfuhr und bewirkt ein dauerndes Sinken der Arbeitslosenziffer im Gegensatz zu den Ländern mit hohem Geldwert, der den Export lähmt – in England also empfindet man diesen Zustand sehr peinlich und wünscht durch Hebung der deutschen Valuta – also Unterstützung der deutschen Finanz, besonders durch Entgegenkommen in den Reparationsforderungen – einen für alle erträglichen Zustand zu schaffen, während in Frankreich die Furcht vor dem deutschen Revanchenationalismus – die sehr begründet ist – alle andern Erwägungen zurückdrängt und in jeder Konzession Gefahren wittert, Deutschland werde – da die Mentalität unverändert geblieben ist – aus jeder Kräftigung Vorteile für seine Gewaltpläne herausschlagen. Bei dieser Diskrepanz zwischen politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten konnte der „Garantievertrag“ zwischen Frankreich und England, wie ihn Lloyd George anstrebt, bis jetzt keine Grundlagen finden. Es schien, als sollte die Canner Konferenz mit dem einzig wesentlichen Beschluß auseinandergehn, eine neue Konferenz – in Genua – solle sehn weiterzukommen. Nun sind da neue Verwicklungen entstanden und zwar hauptsächlich Rußlands wegen. Auch hier tritt der gleiche Interessengegensatz scharf hervor. Frankreich sucht sich zunächst einmal in seiner politischen Macht zu halten und perhorresziert deshalb jede, die Anerkennung vorbereitende Konzession an Sowjetrußland, wünscht demnach die Beteiligung Rußlands an den internationalen Besprechungen überhaupt nicht, während England die Handelsinteressen voranstellt und sich bereit zeigt, mit Rußland zu arbeiten wie es eben ist. Durch Tschitscherins Forderung, die Konferenz nicht in Genua sondern in London zu veranstalten, haben sich die Komplikationen weiter vergrößert, und Rathenaus Tätigkeit in Cannes und Paris scheint ebenfalls in London anders beurteilt zu werden als man in Paris wünscht. Briand sah sich durch all dies in der Politik, die er in Cannes betrieb – nämlich eine Linie des Ausgleichs zu finden und England in wichtigen Punkten entgegenzukommen, von der Poincarégruppe im französischen Senat stark behindert und unterbrach seine Arbeit in Cannes, um sich in Paris für seine Verhandlungsmaximen die nötige Autorität zu sichern. Er kam aber nicht zur Entfaltung seiner diplomatischen Vorsätze, sondern wurde einer ultimativen Resolution des auswärtigen Senatsausschußes (Poincaré) gegenübergestellt, die jedes Entgegenkommen gegen Deutschland in der Reparationsfrage zurückweist und ein durchsichtiges Mißtrauensvotum gegen Briands Konzessionspolitik bedeutet. Daraufhin hielt Briand in der Kammer eine Rede, die mit der Erklärung der Demission für seine Person und das Gesamtkabinett schloß. Die Tatsache, daß Briand, den man in unsrer Presse tagtäglich als bissigsten Deutschenfresser und sadistischsten Peiniger der Besiegten anprangerte, an seiner nicht hinreichend energischen Politik gegen Deutschland stürzt, wird wohl bei uns erhebliche Rückwirkungen haben. Die Möglichkeit von Neuwahlen für den Reichstag ist gewachsen, und ich würde es nur begrüßen, wenn endlich mal den Helfferichen, Stresemännern und Ludendörffern Gelegenheit gegeben würde, die Prinzipien, in denen sie Deutschlands Heil sehn, zu praktizieren. Vorläufig sind die tatsächlichen Vorgänge noch nicht klar, über die Konsequenzen, die aus ihnen resultieren werden, also erst recht noch nicht viel zu sagen. Eins glaube ich aber bestimmt: daß die Ebbe des politischen – in Episoden sichtbaren – Geschehns jetzt einer neuen Flut von Ereignissen weichen wird. Der kritische März ist ja auch wieder nahe, und wer weiß, was bei allem für eine Neubelebung der deutschen Revolution abfallen mag. – Eben ist der Parteitag der USP in Leipzig wieder auseinandergegangen. Er hat keinen bedeutenden Eindruck hinterlassen. Mir kamen die ganzen Verhandlungen vor wie Übungen an der Kletterstange, um auf irgendeine Weise in die Reichsregierung hinaufzurutschen. Eine Kundgebung zur Amnestierung aller politisch Verfolgten und Gefangenen, einstimmig angenommen, mag nur platonischen Wert haben, wirkt aber demonstrativ, und wenn sie sonst nichts nach sich ziehn sollte, so hat sie doch das Gute bezweckt, daß Auers „Münchner Post“ durch die gänzliche Verschweigung dieses Beschlusses, mit dem der Parteitag seine Arbeit einleitete, von neuem manifestieren konnte, was für ein sauberes Arbeiterblatt dieses Organ der Lerchenfeldwebel und Auerochsen eigentlich ist. Sollte die Amnestie eines Tages kommen – und ich sehe die Aussichten keineswegs pessimistisch an –, dann will ich die Halunken am Altheimereck schon erkennen lassen, daß ihre Machenschaften zur Fortsetzung unsrer Qual wenigstens einer berechtigten Vorsicht ihres schlechten Gewissens entsprangen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 15. Januar 1922.

Liebknecht-Luxemburg-Gedächtnistag. Ich hatte dem engeren Kreis (unsre Gruppe; Hagemeister, Köberl; Sandtner-Luttner-Zäuner; Ringelmann-Weigand, wozu weiterhin noch Rappl, Fischer und Bindl zu rechnen sind, während Liebl und Schade aus Vorsicht bei allen gemeinsamen Erörterungen und Beschlüssen grundsätzlich abseits stehn) vorgeschlagen, zum Zeichen der Trauer demonstrativ zu fasten, wie wir es vor 2 Jahren in Ansbach gemacht haben. Aber ich fand aktive Zustimmung nur bei Hagemeister (der nach seinem Zurückfinden von der aus Disziplin verursachten Verirrung im Sommer meinen Verkehr wie ich den seinen sucht und mir wieder besonders nahesteht); sonst war die Sache nur noch dem Seppl sympathisch. Die andern hätten wohl mitgetan, aber nur der Solidarität wegen und ohne inneres Bedürfnis, und so unterblieb die Demonstration überhaupt. Ich hatte ein langes Gespräch mit Hagemeister über die Sache. Wir fanden dabei heraus, woran die Müdigkeit und Schwunglosigkeit eigentlich liegt, die bei den besten Genossen zu konstatieren ist. Es sind ja schließlich hier drinnen keine andren Menschen als die Arbeiter draußen auch. Dort ist man jetzt so weit, daß im Anschluß an die Duskesche Fälschung ungeheure Mißstimmung gegen die politischen Gefangenen herrscht, die von der „Münchner Post“ systematisch gesteigert wird. Dies edle Blatt hat wiederholt die Gewerkschaften scharf zu machen versucht, die Unterstützung der Frauenhilfe einzustellen – für die jeder Arbeiter wöchentlich fünf Pfennige herzugeben hat. Jetzt ist man soweit, daß man mit der Sprache herauszukommen wagt, daß auch diese 5 Pfennige zu viel sind für die Opfer der Revolution, sodaß die gesamte regelmäßige Unterstützung gefährdet ist. Bricht die Frauenhilfsorganisation zusammen – und Hagemeister berichtet, daß von hier drinnen auch schon gegen seine dort beschäftigte Frau intrigiert wird –, so wird es heißen: Mühsam hat euch sogar noch um die paar Pfennige gebracht, die ihr bisher als Taschengeld zur Verfügung hattet, – und das ist der Zweck des Ganzen. Schon arbeitet Elbert wieder an einer neuen Verleumdung gegen mich. Kürzlich erhielt ich 2500 Mark von der „Weltbühne“ „zu beliebiger Verwendung“. Da ich eine Verteilung wie ich sie wünsche, nämlich unter Ausschluß der Verleumder, nicht vornehmen darf – dank der Denunziationen ihrer feindlichen Verbündeten im I Stock vom vorigen Jahr –, eine Hilfeleistung durch Restituierung der Spesen mit eigner Mitwirkung aber nicht für ihre Gesellschaft wollte, verweigerte ich einfach die Annahme der Postanweisung. Jacobsohn wurde zugleich – und zwar nicht von mir, sondern von Adolf Schm., – der unverbindliche Vorschlag gemacht, er möge das Geld zur Verfügung halten, um einer Familie nach der Rückkehr des Vaters aus der Festung zur Schaffung einer Existenzmöglichkeit zugeführt zu werden. Es blieb dabei den Spendern überlassen, diesen Vorschlag gutzuheißen oder nicht. Sie haben jedenfalls das Geld wieder „zu beliebiger Verwendung“ in Händen. Jetzt schleicht Elbert durchs Haus und klagt mich an, daß ich über die Verteilung keinen Beschluß herbeigeführt habe (ich hätte also meinen Todfeinden die Verfügung überlassen sollen) und behauptet überdies, ich hätte Jacobsohn angewiesen, das Geld an einer Stelle zu deponieren, wo meine Frau nach Belieben Summen abheben könne. Diese Verleumdung ist natürlich zu plump, als daß sie auf Dauer gegen mich wirken könnte, und da ich rechtzeitig davon erfahren habe, kann ich die Schurkerei jawohl auch rechtzeitig durchkreuzen. Aber Elbert kommt nächste Woche hinaus, und mir wird von der ihm verbündeten Zensur (die von der politischen Polizei ausgeübt wird) jedenfalls die Abwehr sehr erschwert werden. – Aber so sind die Zustände hier drinnen, und grade die guten Genossen sind so degoutiert und deprimiert davon, daß sie an garkeine Manifestation ihrer revolutionären Gesinnung mehr heranmögen. Ich suchte sie mit dem Hinweis zu bereden, daß doch in unsrer Opposition gegen die lärmende Radikalenspielerei des Mittelgangs kein Verzicht auf jede Betätigung unsrer eignen Überzeugungen begründet sei, und daß grade der Verzicht auf ein ganzes Sonntagessen eine stille, aber sehr wirkungsvolle Demonstration als Ausdruck der Trauer um den schwersten Schlag sei, den die Revolution erlitten hat. Umsonst. Die Müdigkeit ist zu groß, und so haben wir uns damit begnügt, unsre beste Kleidung anzuziehn und auf lärmende Vergnügtheit zu verzichten. Die Elbertiner haben mittags eine Rede ihres zweifelhaften Anführers zu hören bekommen, haben Hoch! geschrien, die Internationale geplärrt und wieder Hoch! geschrien, und sind dann auseinandergegangen. Vielleicht wird unser Kreis abends noch zusammenkommen, obwohl August H. und ich uns gegen eine billige Bezirksvereinsdemonstration geäußert haben. Sollte das Bedürfnis sich aber noch stark geltend machen, so werde ich vorschlagen, daß wir uns mit einer Vorlesung aus Liebknechts Nachlaßschriften und mit dem Vortrag einiger Gedichte begnügen. – Nur noch einige Daten zur Chronik: Vorgestern kamen Sauber und Ibel aus der Einzelhaft wieder herauf. Sauber stolzgebläht – Adolf drückte es richtig aus: wie ein Schulbub, der zum ersten Mal eine Uhr trägt – und seine Freunde versichernd: „Jetzt habe ich den Marx vollständig studiert in den 4 Wochen da unten.“ (Diese Heuochsen büffeln alle in Marx’ Kapital oder in ein paar Kautskyschen Kommentaren dazu herum und bilden sich dann ein, sie seien „wissenschaftliche“ Autoritäten. Dabei haben sie keine Ahnung von den Vorläufern Marx’, auf die er sich immerfort bezieht, kennen weder Ricardo, noch wissen sie, wer Owen war oder was die Saint-Simonisten eigentlich gewollt haben). Dann: Es gab in der letzten Woche eine Affäre Westrich, die in mancher Hinsicht interessant ist. Dieser charaktervolle Herr, den wir ja in Ansbach in lichter Glorie kennen gelernt haben, kämpfte verzweifelt für seine Befreiung. Da er von Skrupeln nicht geplagt wird, schrieb er für amerikanische Blätter Artikel gegen die „Schwarze Schmach“ und Aufrufe für die deutschen Kinder. Diese Elaborate legte er einem neuen Bewährungsfristgesuch bei, auf das er große Hoffnungen setzte. Nach 17 Wochen Wartens – die lange Dauer bestärkte noch seinen Optimismus, – wurde ihm Ablehnung mitgeteilt. Diesen Schlag parierte er mit dem Hungerstreik, zu dem er sich gleich ins Parterre verlegen ließ. Jetzt ist der Mann – nach 2tägigem Fasten (nach den Erfahrungen unsres Ansbacher Hungerstreiks glaube ich allerdings nicht an Westrichs Heroismus in dieser Beziehung) – nach Erlangen fortgeschafft worden. Das hat er also erreicht, mehr als je ein andrer durch eine demonstrative Aktion erreicht hat. Denn Erlangen – von dort ist noch nie jemand zurückgekehrt – ist eine Etappe auf dem Wege in die Freiheit. Die gönne ich dem Mann von Herzen. Solange Leute seines Kalibers als politische Gefangene gehalten werden, ist es kein Ruhm, Revolutionsopfer zu sein. – Heute ist nach 8wöchiger Strafunterbrechung – zu seiner erkrankten Frau (eine ganz ungewöhnliche Ausnahme, mit der man wohl nur einen Fall von Großmut schaffen wollte, um im Landtag bei Gelegenheit damit zu paradieren – auch Dr. Mayer ist für 14 Tage zur Rehabilitierung seiner wirtschaftlichen Interessen beurlaubt worden) der Genosse Reutershann zurückgekehrt. Ich sah ihn den Feldweg herüberkommen. Bevor er sich zum Eintritt in die verhaßten Mauern entschließen konnte, stellte er erst noch einmal seinen Koffer in den Schnee und stand lange an eine Telegraphenstange gelehnt regungslos vor den Pforten dieses Marterhauses. Dann entschloß er sich endlich. Wieviel Trübsal, wieviel Bitternis und Gram wird hier in die Herzen gehäuft! Ich kenne meine Pflicht, wenn ich einmal herauskomme: der Generation der Zukunft Bilder von Niederschönenfeld zu malen, damit ihr das Wort Klassenkampf am Beispiel des Feindes in seinem ganzen Inhalt verständlich wird. Liebknecht-Luxemburg-Gedächtnistag! Vielleicht kann ich dem 15. Januar nicht besser gerecht werden als durch das Gelübde: Ich will gedenken!

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 16. Januar 1922.

Allmählich rundet sich mir das Bild meiner Verleumder immer anmutiger. Vor langem hatte ich schon mal gehört, es existiere hier im Hause eine ganze Broschüre gegen mich, als deren Verfasser ich Elbert nennen hörte. Genaueres konnte ich aber nicht erfahren, bemühte mich auch nicht darum. Gestern sprach mir nun im Hof Valtin Hartig von der Sache, doch blieb ihm das Wort in der Kehle stecken und er berief sich auf seine Diskretionsverpflichtung. Ich hielt ihm vor, daß es für mich nicht angenehm sei, immer grade soviel zu erfahren, daß ich stark beunruhigt sein müsse und dann im Unklaren und in der Unmöglichkeit belassen werde, mich zu wehren. Darauf teilte er mir dann folgendes mit. In der Zeit, als Vollmann (am 2. März 21) ganz willkürlich die ihm gefährlich scheinenden „Elemente“ vom I in den II Stock gelegt hatte, als also hier oben sich unter Zurückstellung aller persönlichen Gegensätze der Block der 28 Genossen bildete, als die Trennung der Stockwerke in allem – selbst in der Hofzeit – durchgeführt war, also in der Zeit zwischen der Vollmannschen Offensive (Schreib-, Besuchs- etc. Verbote) und dem Pfingstkrach hier oben, haben Elbert und Kain zusammen eine Broschüre gegen mich, mit dem beide wie die andern ganz freundschaftlich verkehrten, verfaßt, die gestrotzt habe vor Verleumdungen, Unwahrheiten und Niederträchtigkeiten und mich zugleich als Politiker und Ehrenmann vernichten sollte. Aber das Seltsamste: In diese Broschüre hat Elbert damals – als keinerlei Verbindung bestand schon aus technischen Gründen, nebenbei aber die Verpönung der „Unterschriftsteller“ und vor allen Niekischs bei uns allen ihren Höhepunkt erreicht hatte – grade damals grade Niekisch Einblick gegeben (wie? ist vorläufig nicht zu erkennen. Ich werde es zu ermitteln suchen), der dies Machwerk sofort entrüstet ablehnte, als äußerste Gemeinheit bezeichnete und daraufhin seine bis dato günstige Meinung über Elbert revidierte. Er hat seinem Freund Hartig diese Tatsachen unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, und nun weiß also auch ich davon. Daß der Maulwurf Kain an der Geschichte beteiligt ist, setzt mich heute nicht mehr so sehr in Erstaunen wie es früher der Fall gewesen wäre. Von ihm ging seinerzeit das intrigante Geschwätz aus, ich sympathisierte mit den konterrevolutionären Weißen in Rußland (weil ich die Anti-Machno-Politik in der Ukraine verurteilte und den Kronstädter Matrosenaufstand nicht als konterrevolutionäres Unternehmen erwiesen fand), und wahrscheinlich wird der Hauptinhalt der ominösen Broschüre eine auf dieser Entstellung fußende Denunziation an die russische Adresse sein. Kain hat mir seinerzeit im Falle Waibel kaltblütig erklärt, wen er für politisch gefährlich ansehe, den bekämpfe er mit allen Mitteln, und Elbert wird – vielleicht nach Verständigung mit den Auftraggebern Webers – das Verleumdungsmaterial gegen meinen Charakter geliefert haben. Wie das aussieht, kann ich mir nach allen Erfahrungen des vorigen Jahrs gut denken, zumal mir ja auch die von Lichtenau nach der Auflösung hierher gekommenen Genossen erzählt haben, wie Weber, als er von Ansbach gekommen war, dort in extra zusammengetrommelten Versammlungen gegen mich losgezogen hat: ich hätte ganze Lager von Liebesgaben – Zigarren, Tabak, Zigaretten, Eßwaren etc. –, die zur Verteilung bestimmt waren, in Ansbach in meiner Zelle zu Bergen gehäuft gehabt, ganz abgesehn von den Geldunterschlagungen; und in welche Wut gegen mich die armen Festungsgefangenen gerieten. Dabei erinnere ich mich nun des Besuchs, den Elbert Ende 1920 hier von Weber erhielt, an zwei Tagen hintereinander – außerhalb der Besuchstage und der Besuchsstunden und unter Formen der Beaufsichtigung, die Elbert selbst wegen ihrer ungewöhnlichen Toleranz laut pries, also unter Bedingungen, die keiner unsrer Ehefrauen eingeräumt wurden oder werden; und Weber galt doch offiziell als Gesinnungsgenosse, der nur revolutionär-politisch mit Elbert verbunden war. Schon damals wurden in unserm engeren Zirkel starke Verdächtigungen gegen Weber – noch nicht so gegen Elbert – geäußert, die ja dann ihre Bestätigung erhielten. Ich sehe mich nicht veranlaßt, die Hartigschen Mitteilungen so diskret zu behandeln wie sie mir mitgeteilt wurden. Ich will aufdecken, was für Schweinereien hier von den ganz „Radikalen“ verübt werden und habe keinen Anlaß mehr, die zu schonen, die so inbrünstig an meiner persönlichen, politischen und moralischen Vernichtung arbeiten. Ich halte Kain nicht für einen Spitzel, da er sich aber aus unsauberen Gründen mit einem gefährlichen Agent provocateur in so enge Gemeinschaft begeben hat, muß er es sich gefallen lassen, wenn seine Wühlerei nicht rücksichtsvoller behandelt wird als Elberts Halunkenstreiche. Ich will mir Ruhe schaffen von dieser Seite und das kann ich nur noch, wenn ich das ganze Geschmeiß in seiner vollen Lügenhaftigkeit und Erbärmlichkeit öffentlich bloßstelle. – Genug davon. Da noch keine neuen Zeitungen eingetroffen sind, kann ich mir politische Betrachtungen schenken. Nur eine bayerische Angelegenheit ist zu erwähnen: die Mittelpartei ist jetzt wirklich drauf und dran, aus ihrer „Opposition“ – die ja nur als Anstandsfrist für Kahr markiert wurde – herauszutreten und der Regierung Lerchenfeld ihre wertvolle Mitwirkung angedeihen zu lassen. So wird also die Justiz wieder an einen Deutschnationalen übergehn, mindestens an einen Nationalliberalen. Es wird keinen wesentlichen Unterschied mehr machen. Ob Müller-Meiningen, Roth oder Lerchenfeld, – bis jetzt ist es für uns nie anders, wenigstens nie besser geworden. Jeden Wechsel hat bisher der Referent für Festungsschikanen überlebt. Dieser ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht wird uns gewiß erhalten bleiben, und um die tüchtigste Unterstützung der tüchtigsten Kommunisten bei seinem Feldzug gegen den allgemeinen Liebling Mühsam braucht ihm fürder nicht bange sein: Der Elbert und der Wühle-Kain erfreun den Doktor Kühlewein.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 19. Januar 1922.

Zunächst eine Richtigstellung, bzw. Einschränkung der Eintragung vom 16ten. Hartig hat mir erklärt, es sei möglich, daß die Broschüre schon geschrieben war und Niekisch vorgelegt wurde, als wir noch im I Stock waren. Das würde die technische Seite der Sache – wie die Verbindung möglich war – aufklären, die Intrige selbst wird dadurch aber nicht besser. Elbert verkehrte damals noch freundschaftlich in unsrer Gruppe, wenn er ihr auch nicht mehr offiziell angehörte, und Kain kam oft vom II Stock herunter, wobei er meistens auch mich aufsuchte. Das war aber die Zeit, wo das Wort USP auf jeden Kommunisten wie der Inbegriff alles konterrevolutionären Planens aufgefaßt wurde (es war ja kurz nach der Spaltung in Halle), und daß ein wütender KAP-Mann, für den das Wort Spartakus den Inhalt hatte wie für die andern das Wort USP, zusammen mit dem VKP-Mann den Anarchistenfeldzug mit einem USP-Mann zusammen führen wollte, ist sehr verdächtig. Es steht für mich fest, daß die Broschüre eine Wirkung des Weberschen Besuchs gewesen ist, was ihren Ursprung mit Sicherheit auf Polizeieinflüsse zurückführen würde. Daß Elbert Niekisch zur Bundesgenossenschaft zu gewinnen hoffte, erklärt sich mir leicht aus der schiefen Vorstellung der deutschen Politiker von Ehrbegriffen überhaupt. Der Gedanke, „Gegner“ müssen persönlich vernichtet werden, wenn man sie sachlich unschädlich machen will, sitzt den Marxisten tief im Blut (das Beispiel ihres Meisters gegen Bakunin gehört mit zum Dogma). So nahm man an, daß der Demokrat, Opportunist und gewiß wenig in politicis bedenkliche Niekisch erfreut sein würde, sich einer Vernichtung Mühsams anschließen zu können, zumal ich zu jener Zeit gegen ihn äußerst erbittert war und gegen ihn scharf machte (allerdings ohne ihn zu verleumden). Daß sich Niekisch dem Angriff gegen mich ebenso gegenüberstellte, wie im umgekehrten Fall ich es zweifellos trotz der Gegnerschaft auch getan hätte, freut mich aufrichtig (wie ich denn, seit Niekisch frei ist, überhaupt zugeben muß, daß er viel wieder gut macht und sich als persönlich anständiger Mensch bewährt). Aber Kains Beteiligung bestürzt mich gradezu, und so sehr sich mein Gefühl sträubt, weiß ich nicht mehr, wie ich sein Verhalten bloß mit politischer Intrige erklären soll. Denn ganz gewiß hat er – mindestens noch zu jener Zeit – meine politische Haltung für nicht bedenklicher gehalten als die Elberts und für lange nicht so bedenklich wie die Niekischs. Immerhin könnte es ja sein, daß ihn die Freude am Intrigieren selbst zur Teilnahme an der Schurkerei bewogen hat (wobei eine lustige Aeußerung festgehalten werden soll. Kain pürschte sich in der letzten Zeit auch an Toller heran, um ihm in meiner Duske–Angelegenheit die Würmer aus der Nase zu ziehn. Dabei sagte ihm Toller, daß ich speziell ihn für einen bösartigen Intriganten hielte – der gute Toller ließ sich nämlich in seiner Naivität wirklich gründlich ausholen, bis ich ihn wegen seiner Geschwätzigkeit zur Rede stellte. Kain, der geschmeidigste Schlangencharakter, der mir je begegnet ist, gab darauf die seiner ganz würdige Antwort: „Das begreife ich nicht. Intrigieren liegt garnicht in meinem Charakter.“) – Diese ganze Angelegenheit wird sich vielleicht später mal aufklären lassen, und ich habe nicht die Absicht, sie ruhen zu lassen. Aber jetzt hoffe ich mit all diesen Widerlichkeiten, die dies Heft fast ganz ausfüllen, endlich mal Schluß machen und mich wieder mehr der Beschäftigung mit wichtigen Dingen zuwenden zu können. Es ist ja weiß Gott genug Wichtiges in der letzten Zeit passiert. Zwar glaube ich nicht recht daran, daß Briands Rücktritt und seine Ersetzung durch Poincaré den Lauf der Gegenwartsgeschichte in dem Maße beeinflussen wird, wie die geängstete deutsche Bourgeoispresse glauben machen will. Höchstens wird die Einrenkung der deutschen Nachkriegs-Hysterie in die Notwendigkeiten des gesitteteren Europas durch energischeren Druck sich beschleunigt vollziehn. Lloyd George hat bereits zu erkennen gegeben, daß er durchaus nicht Frankreichs Sicherungspolitik gegen den deutschen Revanchechauvinismus behindern will. Ob die – übrigens von den Siegerstaaten einstimmig beschlossene – Forderung auf Auslieferung unsrer Kriegsverbrecher nach dem Versagen der Leipziger Scheinprozessierungen schon auf Poincarés Berufung zurückzuführen ist, scheint mir zweifelhaft; dazu kam die Note wohl zu gleichzeitig mit seinem Amtsantritt. Übrigens hat Poincaré schon zu verstehn gegeben, daß er ebenfalls keineswegs einen Konflikt wünscht. Die in Cannes beschlossene Genueser Konferenz wird also jedenfalls zustandekommen und – die Möglichkeit muß trotz aller marxistischen „Entwicklungsgesetze“ jetzt als Wahrscheinlichkeit angenommen werden – zu einer Lösung des Problems kommen, den Kapitalismus neu zu konsolidieren. Rußland ist eingeladen worden und wird sich in Konsequenz der opportunistischen Bescheidung, einen harmlosen Staatskapitalismus als Sozialismus – ja, Kommunismus – auszugeben, auf alles einlassen, was von den Weltspekulanten gefordert wird, sodaß wir – wenn eines Tages wirklich eine neue Räterevolution in Deutschland siegreich sein sollte – noch nicht die Garantie haben, ob wir auf die Unterstützung Sowjetrußlands rechnen können, das durch Vertragsverpflichtungen an Händen und Füßen gebunden sein wird (bis dort, vielleicht doch von den Kronstädter Matrosen und ukrainischen Bauern bewirkt, die Parteiherrschaft einer wirklichen Räterepublik weichen muß). Die Internationale des Kapitals aber wird den Sozialismus – mit Hilfe der internationalen „Sozialisten“ – abzuwürgen suchen, indem er sich sozialistisch gibt. Man wird den Gewerkschaften nicht bloß politischen Einfluß im größten Maßstabe einräumen, man wird sie sogar – sei es durch „Kleinaktien“, wie Stinnes es plant, sei es durch anders organisierte Beteiligung zum Mitgewinner am kapitalistischen Profit machen. Ich habe das gestern August Hagemeister auseinandergesetzt und dabei fiel mir ein Vergleich ein: als im Mittelalter die katholische Kirche sich in vollem Verfall befand und ihre Auflösung und Ersetzung durch freie unkonfessionelle seelische Bünde (im Geiste Giordano Brunos) ebenso unaufhaltsam schien wie heutzutage die Ablösung des Kapitalismus durch sozialistische Wirtschaftsformen, da trat der Doktor Luther auf den Plan, schlug mit der Gerte des Reformators drein, und bewirkte die Verewigung des Katholizismus durch seine „Modernisierung“. – Spuren, die leider nicht schrecken.

 

 

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