Tagebücher

XXXI

 

21. Januar – 22. April 1922

 

 

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 21. Januar 1922

Wir waren schon wieder einmal Erörterungsthema im Verfassungsausschuß des bayerischen Landtags. Nachdem Niekischs Antrag, eine Untersuchungskommission herzuschicken, an den Ausschuß zurückverwiesen war, bekam Kühlewein Gelegenheit, noch einmal über uns loszuziehn. Und das hat er gründlich getan. Unsre Anklagen sind ja durch seine früheren Lügen „widerlegt“ – tatsächlich ist er nie auf sie eingegangen – und er ist nun dem alten Verfahren treu geblieben, mit umgedrehtem Spieß uns zu attackieren. In der Weihnachtswoche hat sich der I. Stock mit einem Fest amüsiert, das als „Lumpenball“ bezeichnet wurde und den Leutchen unten Veranlassung gab, tagelang in Verkleidung herumzulaufen. Das mußte heran, um zu zeigen, was für ein herrliches ungebundenes Leben wir führen. Toller, den man diesmal an meiner Stelle in den Vordergrund der Betrachtung stellte, – Wiedenmann sagt „Judenbagage“, Murböck „kracheter Jud“, Kühlewein drückt sich vorsichtiger aus – sei als „Edelknabe“ angezogen gewesen. Dann kommen Statistiken, wieviel Geld wir ausgeben und wieviel Pakete eingetroffen seien (Toller habe allein über 3 Zentner erhalten, wobei verschwiegen wird, daß die zur Verteilung an alle an seine Adresse gesandten auf seine Verfressenheit gerechnet werden und daß alle Büchersendungen einfach als Lebensmittel vorgerechnet werden). Niekisch wurde persönlich mit in den Dreck gezogen, und die Mehrheit stand natürlich hinter Kühlewein. Müller-Meiningen erklärte, jetzt sei auch er für eine Untersuchung, jedoch nur um feststellen zu lassen, was alles bei dem harmlosen „Lumpenball“ passiert sei. Solche Sachen seien früher – als er Justizminister war – unmöglich gewesen. Herr Schäffer (ein Klerikaler) forderte die Regierung nachdrücklich auf, endlich mal in Niederschönenfeld eine strengere Disziplin einzuführen(!), ein Bauernbündler meinte, wenn die Wähler wüßten, mit was für Zeug sich der Landtag abgeben müßte, würden sie die ganze Bande zum Teufel jagen (sollte heißen: macht doch mit den Festungsgefangenen was ihr mögt, wir haben die Beschwerden satt und von uns braucht ihr auch, wenn ihr sie umbringt, keine Vorwürfe zu fürchten). Endlich hat noch der Doktor Sänger sich für die Sozialdemokraten geäußert. Man solle doch die Kommission herfahren lassen, daß mal Ruhe wird, übrigens liege es ihm fern, sich für das Gelichter ein Bein auszureißen (das war der Sinn des Geschwafels). Niekisch fiel der Verachtung aller anheim. Herr Kühlewein bekam nicht nur die gewünschte Ablehnung des Ausschusses, sondern dazu noch die Weisung, viel forscher vorzugehn, uns die Kost zu schmälern und Kleidung und Wäsche zu entziehn (er hatte uns ja als schwerreiche Schlemmer hingestellt und die Arbeiterschaft ausdrücklich aufgefordert, ihr Geld lieber für sich selbst zu verwenden als für uns zu sammeln) und endlich die Anregung das Protokoll dieser Verhandlung der Reichsregierung zuzustellen. (Fragt sich nur, ob die Herrschaften nicht dabei ausrutschen, denn was für ein erbärmliches Spiel da gegen Eingesperrte gespielt wird, merkt man nur in Bayern nicht, sonst ist die ganze Welt drüber empört). Wieder wurde behauptet und aus Briefen „bewiesen“ (hier drinnen beruft man sich gern auf die Amtsverschwiegenheit, die Preisgabe unsrer privatesten Korrespondenz in der breitesten Öffentlichkeit gilt aber als erlaubt), die Beamten würden andauernd von uns „zermürbt“ und der Terror der Minderheit sei eine Plage für die Gesamtheit der Gefangenen, man verlange den Mandatsverzicht der kommunistischen Abgeordneten, kurzum, jeden Dreck zwischen den Gefangenen, der zum guten Teil von Spitzeln und Provokateuren erst geschaffen ist, läßt Kühlewein aufmarschieren, um uns zu verleumden. In Wirklichkeit läuft alles das auf ein ordinäres Manöver des Mannes heraus, seine Stellung und Existenz zu retten. Er hat sich auf Lügen festgelegt, die von einem Kontrollausschuß sofort entlarvt werden müßten. Deshalb kämpft er mit allen Mitteln, die Kontrolle zu verhindern, beruft sich dazu bei jeder neuen Denunziation gegen uns auf seine früheren Lügen und bekräftigt sie durch weitere, durch Fälschungen, Entstellungen und Verleumdungen übelster Sorte. Die bayerische Reaktion aber – die durch die laue Zweideutigkeit der Sozialdemokraten von jeder wirksamen Arbeiteropposition befreit ist – unterstützt grundsätzlich alles, was uns schaden kann, aus Furcht, wir könnten doch noch einmal gesund und tatkräftig wieder ans Licht treten und vollenden, was uns vor 3 Jahren mißlang. Könnten sie uns ohne Gefahr für sich selbst abschlachten, sie täten es gewiß liebend gern; aber da fürchten sie das Reich. So begnügen sie sich mit dem Kühleweinschen Verfahren, das immerhin den Reiz der Neuheit hat und tatsächlich – gegenüber allen zaristisch-russischen und hortystisch-ungarischen Methoden – als Manifestation der berühmten „bayerischen Eigenart“ anerkannt werden muß: daß eine Staatsregierung mit Aufwand all ihrer Autorität einen planmäßigen Verleumdungsfeldzug gegen gefangene politische Gegner führt, der nun jahrelang gesteigert wird, für den man das Parlament mit eingefangen hat und gegen den den Verleumdeten jede Möglichkeit der Abwehr unter Verletzung von Recht und Gesetz abgeschnitten wird. – Nun haben sie also Vollmacht bekommen, uns noch tiefer zu entwürdigen und zugleich die Garantie, daß ihre Rechtsbeugungen künftighin jeder Kontrolle entzogen werden sollen. Das kann nett werden. – Es wäre noch mancherlei in diesem Zusammenhang zu notieren, vor allem über die Rede, die Niekisch im Dezember im Plenum gehalten hat, und die jetzt im Stenogramm vorliegt, ferner über Herrn Murböck, dessen trauriger Niedergang durch die nun vorliegenden amtlichen Dokumente erschreckend bestätigt wird – passons! – In den Zeitungen wird wie immer, wenn wichtige Entscheidungen nahe sind, um das Unwichtigste orakelt, und ich kann mich noch nicht in allem so zurechtfinden, daß ich der Kannegießerei entgehn könnte, wollte ich den internationalen Ereignissen vor der Klärung der allernächsten Tage Prophezeiungen widmen. Ich bleibe daher für heute in Bayern. In München hat heute der Prozeß gegen 5 Rotgardisten begonnen, die während der Räterepublik in Miesbach den Verräter Lacher erschossen haben. Die armen Jungen werden wegen vorsätzlichen Mords prozessiert. Ihre Tat ist genau dieselbe wie die der Weißgardisten, die am 6. Juni 1919 Leviné erschossen. Das Revolutionstribunal, das ihnen den Auftrag zur Exekution gab, ist längst abgeurteilt worden, – seine Teilnehmer sind zu schweren Zuchthausstrafen verurteilt worden, mit Ausnahme des Vorsitzenden. Das war nämlich ein bürgerlicher Oberamtsrichter von Miesbach, und den haben seine Klassengenossen bis heute völlig unbehelligt gelassen. Bayerische Eigenart. – Inzwischen werden aber die Restaurationspläne der bayerischen Monarchisten immer kompromittierender publik. In einer Gerichtsverhandlung hat Auer ein Telegramm Königbauers an Kahr bekanntgeben, der sich in Berchtesgaden beim Rupprecht befand, als der royalistische Putsch in München vor sich gehn sollte. Durch dies Telegramm, das Kahr zurückrief mit der Begründung, als Minister des Innern müsse er die Revolution abwehren, sah man sich offenbar entdeckt und verschob die Sache. Dann hat sich herausgestellt, daß Rupprecht beim Begräbnis seines Vaters neben der Proklamation, die er tatsächlich losließ, noch eine weitere bei sich trug für den Fall, daß man gleich zur Aktion vorginge. Daß sich der Mann von seiner Umgebung „Majestät“ nennen läßt, ist bekannt, und nun werden genauere Vereinbarungen veröffentlicht zwischen Wittelsbach und Habsburg, wonach in Tirol und in Bayern gemeinsam gehandelt werden soll. Es sei eine bewaffnete Macht von über 200.000 Mann verfügbar. Österreich solle, mit Ausnahme Wiens, das à la Memel oder Danzig Freistaat werden würde, zu Rupprechts Bayern, Erzherzog Albrecht – also nicht Karl – solle sich mit Ungarn zufrieden geben. Die patriotischen Blätter, die den Aktionsplan wiedergeben, erklären natürlich, daß phantastische Reportage vorliege. Aber die Sache hat allergrößte Wahrscheinlichkeit. Möchten sie doch tun, wonach sies gelüstet! Dann müßten endlich die Reichsgewalten zeigen, wie weit ihre Macht reicht, und die Entente müßte sich demaskieren. Jede Klärung aber kann für uns in Niederschönenfeld Gefangenen erwünschter sein als der gegenwärtige Zustand, der uns als Geiseln einer gewissenlosen und rachgierigen Reaktion den Brutalitäten um ihr Amt besorgter Gerngrößen, den Verleumdungen mit Verbrechen belasteter Regierungsorgane und den Intrigen bestochener Provokateure in den eignen Reihen ausliefert. – Nächste Woche tritt der deutsche Reichstag zu großer Aussprache zusammen. Ob die Frage der Amnestie gleich wieder erörtert wird, bezweifle ich. Aber einschlafen wird sie nicht wieder, und in der intransigenten Haltung sämtlicher Faktoren in Bayern erblicke ich die beste Kräftigung der Bestrebungen im Reich, durch ein Machtwort von Berlin aus der Münchner Widerspenstigkeit in der Strafvollzugsfrage Herr zu werden. – Ich habe das bestimmte Gefühl, in garnicht langer Zeit Zenzls Witwenschaft zu Ende zu bringen. Zeit wärs wahrhaftig.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 24. Januar 1922

Zelle 181 (zum Schlafen 199); also wieder mal umgezogen, – aber nur für höchstens 14 Tage, da das ganze Haus neu geweißt wird und infolgedessen gangweise alles verlegt wird. Das hätte ich im Tagebuch schweigend übergehn können, wenn nicht die zufällige Gelegenheit für die Verwaltung Anlaß gewesen wäre, sich wieder mal beliebt zu machen. Da der Gang 1, den wir bisher „bewohnten“, während der Handwerkerarbeiten geschlossen bleibt, konnten nicht alle Genossen in den beiden übrigen Gängen untergebracht werden, 5 mußten in den I Stock hinunter. Nun gibt es genug Genossen, denen es gleichgiltig ist, ob sie oben oder unten wohnen. Mehrere haben sich sogar schon hinunter gemeldet. Es hätte also nahe gelegen, nach den Wünschen zu fragen. Doch gehört das schon lange nicht mehr zu den Usancen des Festungsstrafvollzugs in Bayern (es sei denn, daß man Graf Arco heißt). Früher teilte man der Verwaltung einfach die Tatsache mit, daß man von einem Stockwerk zum andern ziehe oder mit diesem oder jenem F.-G. die Zelle getauscht hätte. „Ordnung, Sicherheit und Ruhe“ hat darunter niemals gelitten. Jetzt bekommt man dagegen von der Verwaltung die Mitteilung, daß man Hals über Kopf die und die Zelle zu beziehn habe. Nach unten wurden also verlegt: Schade (der dies selbst gewünscht hatte), Rappl und Bindl (denen es egal war) und Schreiber und Köberl (für die es eine ungeheure Härte bedeutet). Uns hat man also unsern Clemens weggeholt, und das wird wohl auch der Zweck sein, da er in etwa 5 Wochen entlassen wird und man ihm jedenfalls zutraut, allerlei für die Verwaltung unangenehme Aufträge mit hinauszunehmen. Indem er seinem ständigen Umgangskreis entzogen wird, glaubt man wohl, dergleichen Absichten durchkreuzen zu können. So ist die Verlegung Schreibers immerhin erklärlich, wenn auch sehr ärgerlich. Die Versetzung Köberls nach unten ist jedoch garnicht aus technischen Erwägungen zu erklären, und es bleibt überhaupt nur die Annahme übrig, daß man damit einen Schlag gegen ihn selbst oder gegen seinen Schwager Hagemeister führen wollte. (Ich will aber nicht vorgreifen, da es ja noch immer möglich ist, daß er nach Beendigung der Arbeiten wieder heraufgelassen wird). Jedenfalls ist es toll, daß seine dringende Bitte, oben bleiben zu dürfen – (er hat bei Hagemeister und bei mir Unterricht im Deutschen, wo es ihm sehr fehlt) – ebensowenig berücksichtigt wird wie der Antrag Liebls, von oben hinunterziehn zu dürfen. Aber der muß oben bleiben, obgleich er auf demselben Gang wohnt wie Köberl. Interessant ist dagegen, daß Walter und Seffert, die auf unserm Gang wohnten, gestattet wurde, die beiden leeren Mittelgangzellen zu beziehn, was für uns auch erwünscht ist, da die ständigen Besuche der „Radikalen“ (die nämlich jeden als Verräter betrachten, der gegen die Wählerei und die „Zellenpolitik“ in den Gewerkschaften ist) in unserm Gehege nun aufhören und damit Reibereien vermieden werden. – Da ich schon bei solchen Hauskleinigkeiten bin, noch etwas Unwesentliches, aber Charakteristisches. Die Absperrung der beiden Stockwerke gegeneinander wurde ja eigentlich nur solange konsequent durchgeführt, wie die Hofzeit getrennt und damit jeder persönliche Verkehr verhindert wurde. Seit man sich draußen trifft und natürlich Bücher, Papiere etc. nach Belieben austauschen kann, wirkt die ganze Trennung ja nur noch als, eigentlich sinnlose, Verhinderung gegenseitiger Zellenbesuche. Aber so faßt die Verwaltung die Sache nicht auf. Sie hält streng darauf, daß jeder Austauschverkehr zwischen den Stockwerken streng auf den Hof beschränkt bleibt. Ein Beispiel. Ich sammle Marken für den Genossen Zammert, der sie einem Freund schickt. Gestern wollte ich ihm eine neue Kollektion in den Hof bringen, traf ihn aber dort nicht an. Beim Hinaufgehn rief ich am Gitter des ersten Stocks Schüpferling an und wollte ihm die Tüte durch das Gitter reichen. Das wurde vom Aufseher verhindert. Grade kam Toller herauf, der noch außerhalb der Absperrung stand. Dem durfte ich die Tüte geben, damit er sie den halben Schritt weit hineinbrächte. Schüpferling sah, die Hand noch zum Empfang durch die Gitterstäbe gestreckt mit an, wie ich die Briefmarken Toller überreichte, damit er sie zwei Sekunden später ihm geben könnte. Lachhaft? Gewiß; aber lehrreich. – Derselbe Geist, der im Falle Köberl-Liebl in der Gestalt bösartigen Eigensinns und im Fall dieser absolut sinnlosen Stockwerksquarantäne in der des lächerlichsten Bürokratismus zutage tritt, zeigt sich in einem weiteren aktuellen Fall noch in einer dritten, noch ekelhafteren Gewandung. Heute läuft die Strafzeit des Genossen Schiebel ab. Er kam also gestern, wie üblich, in die Absonderung nach unten und hielt sich für heute früh reisefertig. Inzwischen verständigte er seine Pflegemutter und seinen nächsten Freund, sie mögen ihn mittags in München am Bahnhof erwarten, und die Verwaltung zensierte diese Mitteilungen und ließ sie passieren. Erst tagelang nach ihrer Absendung, als keine Verständigung mehr möglich war, erst gestern abend wurde Schiebel eröffnet, daß er nicht in der Frühe, sondern erst nachmittags um 4 Uhr entlassen würde, und zwar deshalb, weil er bei seiner Verhaftung – er war nach der Verurteilung schon einmal flüchtig gewesen – noch einmal durchgebrannt war und dann erst nach 5 Stunden wieder erwischt wurde. Diese 5 Stunden würden ihm zugerechnet. Andernfalls – das wurde ihm noch besonders erklärt, um ihm die Maßnahme als Bestrafung fühlbar zu machen – wäre er bereits morgens um 6 Uhr herausgelassen worden. Nun, der Junge wird die paar Stunden schon aushalten, und wenn ihm auch die Freude, der er sich seit langem hingegeben hatte, auch gründlich versalzen wurde, so wird er in diesen Stunden gewiß soviel Wut fressen, daß man eine Verschüttung seines revolutionären Empfindens durch die versöhnliche Freude der Befreiung nicht mehr zu befürchten hat. So äußert sich also der „Geist“ Niederschönenfelds grade bei Kleinigkeiten in seiner dritten und häßlichsten Form. Schikane? Gibt’s ja garnicht, sagt Dr. Kühlewein, der Mann, der den Vorwurf schwerster Amtsverbrechen damit widerlegt, daß er berechnet, wieviel Pakete für die Opfer dieser Amtsverbrechen eingetroffen sind. – Mit Schiebel geht ein guter braver junger Rotgardist fort, der im Sommer mit den Lichtenauern hergekommen war, und der mir persönlich (obwohl wir infolge der Stockwerktrennung wenig in Berührung kamen) dadurch näher stand, als er der einzige syndikalistisch organisierte Genosse im Hause ist, und als ein Zufall ihn mir im Frühjahr 20 im Ansbacher Gefängnis in den Weg führte. Er war damals auf dem Transport nach Lichtenau und begrüßte mich im Gefängnisgang, als ich grade wegen der Zellenreinigung draußen stand. Daß er grade jetzt – auch ganz kurz vor der Entlassung Elberts – herauskommt, ist mir sehr lieb, da ich ihm allerlei an die syndikalistischen Freunde in München ausrichten konnte, um den Intrigen dieses verdächtigen Burschen vorzubeugen – Schluß für heute. Nur noch die Erwähnung, daß die Miesbacher „Mörder“ (der Staatsanwalt beantragte Todesstrafe für sie alle) wegen „Beihilfe zum Totschlag“ zu Gefängnisstrafen bis zu 3 Jahren verurteilt wurden. (Der Mörder Landauers wurde freigesprochen, da ein Leutnant, den man dann nicht ermitteln konnte, gesagt haben soll, Landauer müsse erschossen werden, der Kerl also, der dem schon am Boden liegenden, mißhandelten Mann den tötlichen Schuß in den Rücken feuerte, „auf Befehl“ geschossen hatte. Er erhielt aber, weil er dem Erschossenen die Taschenuhr gestohlen hatte, 5 Wochen Gefängnis wegen „Hehlerei“). – Ferner: Der Papst ist gestorben, und die „sozialistischen“ Präsidenten des Reichstags und der preußischen Landesversammlung haben ihm weinerliche Nachrufe gewidmet. – Endlich: der verflossene Polizeipräsident Pöhner wird beschuldigt, während seiner Amtszeit versucht zu haben, einen großen Munitionstransport nach Ungarn (wohin man jetzt die Mutter des Kronprätendenten Albrecht per Luxuszug von München aus hat reisen lassen) zu dirigieren. Die Frage, ob Herr Pöhner nun wegen Hochverrats prozessiert werden wird, erhebt sich natürlich emphatisch in sozialdemokratischen Blättern. Sie wissen, daß ihm nichts geschehn wird, sie weinen auch nicht drum. Ihre Anstrengungen gelten der Verhinderung von Reichsabsichten, uns bayerische Räterevolutionäre durch Amnestie frei zu bringen. Daß sie – während die Herren Wangenheim und Schiele als „Mitläufer“ freigesprochen wurden, gegen die Amnestierung sogar der Rotgardisten von 1919 gestimmt haben und nicht einmal soviel Mut aufbrachten, das ihrer Gefolgschaft durch ihre Presse einzugestehn, das müssen sie zu hören bekommen, bis ihnen das Trommelfell platzt. Herr Auer soll eine Rechnung vorgelegt kriegen, die ihm sogar den guten Abgang versperren wird, den ihm Lindners Schüsse beinah bereitet hätten. Nein – physisch soll er am Leben bleiben, aber moralisch will ich ihn zum Kadaver machen, daß kein Proletarier den Gestank verträgt; und dazu brauche ich nicht seine Mittel der Lüge und Verleumdung, sondern nur die Bestrahlung seines wahren Charakters. Er hat Grund, mich in den Fäusten der Reaktion zu wünschen. Nimmt man mir einmal den Knebel aus dem Mund, dann erhebe ich Anklage: und zuerst gegen Auer und die Auerochsen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 25. Januar 1922.

Heute ist wieder ein Genosse entlassen worden: Schüpferling, nachdem er seine 4 Monate erledigt hat, die er nachträglich herunterreißen mußte. Ich kannte ihn kaum. – Sonst ist über die inneren Angelegenheiten zu vermelden: gestern wurde Walter (der zur Zeit – bis man ihn wieder satt hat und von Neuem zum Verräter oder gar Spitzel macht – bei den „Radikalen“ Hahn im Korbe ist) zum Arzt geholt und auf seinen Geisteszustand geprüft, nachdem sich nämlich aus seinen Militärpapieren herausgestellt haben soll, daß er schon als Soldat im Verdacht gestanden habe, geisteskrank zu sein. Angeblich soll das Resultat dieser „Untersuchung“ (ich möchte wissen, wie sich unser Bauerndoktor als Psychiater benommen hat, nachdem er mir seinerzeit versichert hat, er kenne Walter aus seiner Sprechstube ganz genau, und meine Beobachtungen interessierten ihn garnicht) die demnächst bevorstehende Überführung nach Erlangen sein. In diesem Falle geht von mir eine Beschwerde gegen Kraus und den Doktor fort, die den Herren Kühlewein und Genossen nicht sonderlich angenehm sein wird, nämlich die Anfrage, wie man mir die 4 Wochen Einzelhaft vergüten will, die ich verbüßt habe, weil ich vor dem Arzt erklärt habe, woran es bei Walter fehlt. – Ferner: Der Vertrauensmann der KPD im I. Stock (oben ist es Schwab, der sich in Ansbach im Briefdiebstahl einarbeitete) ist Marschall, eine recht dunkle Erscheinung, die recht bemerkliche Flecken auf dem Charakter schon hat deutlich werden lassen und von vielen als Hauptstütze des reaktionären Informationsdienstes über Festungsinterna angesehn wird. Diese Persönlichkeit verkehrte freundschaftlichst beim Genossen Condula (ebenfalls KPD) und lungerte tagaus tagein als Mitesser und Sympaketisierender in dessen Zelle. Bei dieser Tätigkeit gelang es ihm, Einblick in einen Brief von Condulas Mutter zu nehmen, der wohl mit schlechtem Willen als kompromittierend für den „Freund“ ausgelegt werden konnte. Was tat Marschall? Er stahl den Brief und brachte ihn – Murböck, dem sozialdemokratischen Denunzianten. Nun mag diese Leuchte wohl erkannt haben, daß die Ermahnungen einer geängsteten und besorgten Mutter nicht dem Sohne als „Verrat“ zur Last gelegt werden können, und so zog er es vor, die verhaßten Kommunisten gegeneinander auszuspielen und zu verhetzen. Er hängte den Ehrenmann heraus und denunzierte Marschall bei Condula, daß jener diesen bei ihm denunziert habe. Natürlich war der Krach zwischen den beiden fertig. Für wen die „echten“ Kommunisten jetzt Partei nehmen werden, weiß ich nicht (den Briefdiebstahl dürfen sie ihrem Partei-Vertrauensmann ja schlechterdings nicht zum Vorwurf machen, da dies Verfahren politischen „Gegnern“ gegenüber geheiligt ist; und wer weiß, ob Condula nicht der mütterlichen Sorgen wegen als „Gegner“ entlarvt ist!). Jedenfalls haben wir die reizvolle Tatsache, daß ein Kommunist den andern – noch dazu seinen Intimus – bei einem als Denunzianten im ganzen Hause qualifizierten Sozialdemokraten anzeigt. – Leider kommt man nicht mehr damit aus, dergleichen Erscheinungen einfach als Haftperversitäten abzutun. Schon daß Duske gegen mich für seine Verleumdungen draußen Gehör und Unterstützung fand, zeigt, daß die politische Auseinandersetzung grade unter den sogenannten Revolutionären überall in einen stinkenden Sumpf geraten ist. Die Zersplitterung, die inzwischen in der KPD immer weiter geht, – Levi zieht immer mehr führende und bitter angeführte Parteigenossen nach sich (jetzt Friesland, Braß und die 128 neu Ausgeschlossenen) – und Moskau erläßt Bannbullen, deren letzte Weisheit alleweil Disziplin heißt. Mir persönlich sind gewiß die zur Zentrale haltenden Kommunisten um Eberlein und Pieck die sympathischeren, weil sie wenigstens glauben, konsequent zu sein und durch ihre Intransigenz die Revolution zu fördern; – aber die in Wirklichkeit Konsequenteren sind die „Verräter“ (deren Verrat übrigens ausschließlich darin gefunden wird, daß sie die Märzputschisten anzugreifen wagen). Sie ziehn nämlich die Konsequenz aus der Politik, die die ganze Partei seit der Annahme der Heidelberger Leitsätze unter Levis Leitung ursprünglich, und dann unter Brandler oder wie sie alle heißen mögen, sehr im Gegensatz zu Liebknechts starkem Wollen betrieben hat. Wenn die „KAG“ nun, wie es scheint, wieder Anschluß bei der USP sucht und gewiß auch finden wird, so kann man 100 gegen 1 wetten, daß sie nur den Weg derer ebnen, die ihnen heute noch fluchen und sich ohne alle Frage – schon aus parlamentarischen Rücksichten (denn der Parlamentarismus läßt keine andre als Fraktiönchenpolitik zu) – zur USP nachfolgen werden: was auch nur ein Schritt auf dem Wege zur „Einigung des Proletariats“ sein wird, – nämlich zur Einigung in der alten Sozialdemokratie. Schon jetzt wird mit dem Wort „Einheitsfront“ ein Krakehl gemacht, der besserer Dinge würdig wäre; und alle Parteien benutzen die schwindelhafte Parole, um sich als den wahren Jakob zu präsentieren, der diese Einigung allein zuwege zu bringen berufen sei. Ich wäre heute draußen ebenso einsam wie vor 1914 mit der Forderung, nur die Revolutionäre zu einigen – und zwar rätemäßig und dezentralistisch. (Wie mir Kocmata mitteilt, druckt Pfempfert jetzt meine Einigungsbroschüre in Fortsetzungen in der „Aktion“, natürlich honorarfrei, da Zenzl immerhin verhungern mag; hoffentlich wird doch dieser oder jener aus dem überlebten Inhalt das Bleibende herauszufischen verstehn). Aber die unentwegten Kommunisten wollen davon längst nicht mehr hören. Sie wollen die „Massen“ zu sich locken, müssen daher – wie früher die Bebel und Genossen – den Massen Zugeständnisse über Zugeständnisse machen, müssen sich ihre führenden Instanzen von den durch Zugeständnisse gewonnenen Massen nach Mehrheitsbeschlüssen wählen lassen und geraten in weiterer Folge immer mehr in Opportunismus und Preisgabe der Revolution hinein. Dieser Weg ist unentrinnbar und liegt im Parteisystem notwendig begründet. Er wird noch beschleunigt durch die Haltung und ewige Einmischung der Bolschewiki, die die kommunistische Parteipolitik in Deutschland nach den Interessen ihrer russischen Staatspolitik, und schon lange nicht mehr nach den Interessen der Weltrevolution dirigieren. Was aus der III. Internationale seit Annahme der 21 Punkte überhaupt geworden ist, – das kann einen Hund jammern. In Rußland amnestiert man die Weißen und kujoniert und martert in den Gefängnissen die Anarchisten und alle, die die Parteidiktatur durch die Rätediktatur – die nicht nur dem Wort nach zu herrschen hat – ersetzen wollen. Zugleich vollzieht sich die rückläufige Bewegung zum Kapitalismus mit immer wachsender Schnelligkeit. Mag sein, daß diese Konzessionspolitik die unvermeidliche Folge des Hungers und des Versagens der westeuropäischen Revolution ist, aber – warum hat die Revolution, speziell in Deutschland, versagt? Weil Moskau die echten Revolutionäre, die Rühle etc, zu Verrätern stempelte und die bakunistische Revolution, die sie von 1917–19 durchgeführt haben, in Marx-Gesetze, in Phasen und ähnlichen Humbug verrinnen ließ und dadurch preisgab. Jetzt werden sie nach Genua gehn und dort alle kapitalistischen Forderungen zur Selbstkastration bewilligen, ihre Naturschätze und ihre Proletarier der Ausbeutung europäischer und amerikanischer Spekulanten ausliefern und dafür die Legitimation der Sowjetrepublik offiziell ausgesprochen kriegen. Dies alles werden sie – und mit ihnen alle ganz unentwegten Kommunisten in Deutschland – als äußerst revolutionäre Taten rühmen und jeden für einen Verräter, Konterrevolutionär und „Kleinbürger“ erklären, der etwas dagegen einwenden möchte. Sie werden ihm die Frage vorhalten: ist es nicht großartig genug, daß wir ohne Konstituante, also ohne Mitwirkung der Bourgeoisie weiterregieren dürfen? Und sie werden nicht sehn oder nicht sehn wollen, daß die Bourgeoisie ihnen bereits ihr Gesetz des Handelns (im eigentlichsten Sinne) aufgenötigt hat und daß die Annahme dieses ersten Gesetzes sie notwendig zu dem weiteren Schritt führen muß, auch innenpolitisch die Konsequenzen zu ziehn, und dem Parlamentarismus alle Macht abzutreten, die sie ihm genommen hatten. Der Ring um die Ordnung der Welt, den der Weltkrieg gesprengt hatte – und das ist Revolution, das Herausdrängen aus dem gesprengten Kreise, und sie dauert, bis eine neue Peripherie sich gebildet hat – wird sich in Genua neu festigen – mit Hilfe Rußlands, und das wird das Ende der Revolution sein – für lange Zeit. Der Kapitalismus konsolidiert sich wieder, indem er dem Sozialismus Konzessionen macht. Was aber von der ungeheuren Tat der russischen Revolution übrigbleiben wird, wird nicht der Kommunismus sein und nicht der Sozialismus, sondern nur die ethische Kraft, das Beispiel und Vorbild und der Jammer um das Ende. Die Richtung und der Inhalt der Evolution Europas für die nächste Geschichtsepoche ist gegeben, genau wie die französische Revolution der Evolution der Welt vom 9. Thermidor ab, als sie rückläufig Bonapartes Epoche und der Restauration den Platz freimachte, Richtung und Charakter anwies. Die Mauer, die die „Kommunistische Internationale“ mit den 21 Punkten links von sich erstehn ließ, gab dem Gebäude Halt, das nun von den Finanzinteressenten der Welt in Genua fundiert werden soll: der kapitalistischen Internationale, der man den Wilson-Namen „Völkerbund“ geben wird. Rußland wird ihn – formell oder nur de facto – schaffen helfen: der Grundstein des Völkerbunds aber wird der Leichenstein der Sowjetmacht sein.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 26. Januar 1922.

Den 500 Mark-Scheck von Lederer sandte ich nach der Freigabe an Zenzl und bat sie, 350 Mk davon für sich verwenden und mir für 150 Mk Postwertzeichen zu senden, da unser wöchentliches Taschengeld – 35 Mk – bei den irrsinnig erhöhten Portosätzen für meine ausgedehnte Korrespondenz nicht mehr reicht. Heute kam von Resl der Brief, dem für 135 Mk Briefmarken, für 15 Mk Postkarten beigelegt waren. Die Postkarten erhielt ich, die Briefmarken wurden auf dem Umschlag als „vereinnahmt“ notiert. Man hat sie also offenbar meinem Konto gutgeschrieben und stellt sich offenbar auf den Standpunkt, ich wolle mit der Anhäufung von Marken die Limitierung der Barmittel „umgehen“. Obwohl ich das Vergebliche des Unternehmens voraussehe, habe ich mich doch zum Rapport gemeldet, um wenigstens zu versuchen, dem Staatsanwalt klarzumachen, daß das Verfahren nichts anders bedeutet, als eine unglaubliche Verschärfung des Strafvollzugs infolge der Portoerhöhung. Denn da die Briefkosten – abgesehn von allen andern Verteuerungen allein weit über das Dreifache gestiegen sind, bleibt, da ich schon bisher einen sehr großen Prozentsatz meines Taschengeldes in Porto anlegen mußte – für sonstige Anschaffungen und Erleichterungen auf eigne Kosten so gut wie garnichts mehr übrig. Übrigens sehe ich eine bedenkliche Präjudiz im Vorgehn der Verwaltung. Sie könnte ja eines Tages auch den Rauchern verbieten, sich Tabak oder Zigaretten von Angehörigen schicken zu lassen, da das als Umgehung der Taschengeldbeschränkung aufgefaßt werden könnte. – Da ich zugleich mit dem Vorstand über den bevorstehenden Besuch Loewenfelds sprechen will – ich will versuchen, die Unterredung unbeaufsichtigt zu erzielen – und diesen Grund als ersten auf das Rapportgesuch geschrieben habe, – wird mir die Unterredung kaum verweigert werden können, und dann werde ich ja hören, mit was für Argumenten das Höherhängen des Brotkorbs motiviert wird. Den eigentlichen Grund kann der Mann ja nicht zugeben, daß nämlich der Landtag die höchstgesteigerte Schikaniererei gegen uns verlangt; wobei zu erwähnen ist, daß sich die Gehässigkeit der parlamentarischen Kühleweinreisenden schon in ersten Maßnahmen bemerkbar macht. So hat die Verwaltung mit Ausnahme von 2 oder 3 sämtliche Rasierkarten der Genossen eingezogen, die bisher auf Anstaltskosten von dem Bader aus Rain rasiert wurden. Die übrigen seien imstande, den Barbier selber zu bezahlen. Sie sind’s aber nicht, und so blieb auf die Frage, wer auf eigne Kosten den Bader regelmäßig frequentieren wolle, das Resultat unter den zehn Mann, die notwendig gewesen wären, um dem Mann den wöchentlichen Gang hierher lohnend zu machen. Jetzt müssen also die Festungsgefangenen, die auf Schönheit Wert legen, sich entweder gegenseitig mit dem Rasiermesser an die Gurgeln fahren – sofern sie nicht selbst mit dem Geschäft fertig werden – aber die Selbstrasierer haben auch bisher schon den Mann aus Rain nicht gebraucht – oder sich Vollbärte wachsen lassen. In Gefängnissen wird stets Sorge getragen, daß jeder Gefangene Haar- und Bartpflege erhält; aber wir sind ja auch nur „Ehrenhäftlinge“. Die Herren in der Prannerstraße haben ja aber auch verlangt, daß die Festungsgefangenen in Zukunft für eigne Wäsche sorgen sollen. Da keine Gelegenheit besteht, Privatwäsche am Ort waschen zu lassen – und das Paket kostet an Porto jetzt mindestens 9 Mark – so scheint man im Sinne zu haben, uns systematisch verdrecken zu lassen, was Herrn Kühlewein für sein nächstes Pamphlet gegen uns schönen Anlaß zu neuen Beschimpfungen und Verhöhnungen (Toller und Mühsam haben Läuse! wäre ein schwungvolles Thema) gäbe und das bayerische Volksherz vor Mitleid mit dem Martyrium (das Wort findet sich in allen Zeitungsschmockereien über Niederschönenfeld) – der Aufseher (denn nur sie sind die Märtyrer) zerplatzen ließe. – So spitzen sich also allem Anschein nach die Verhältnisse von der Verwaltung aus von neuem gegen uns zu. Wie stets, wenn das der Fall ist, arbeiten die „Kommunisten“ im Mittelgang mit verschärftem Druck an der Schaffung neuen Unfriedens unter den Festungsgefangenen selber, – und offenbar bin wieder mal ich ausersehn, um der hohen Obrigkeit die Gefälligkeit eines Schlachtopfers zu erweisen. In den Verdächtigungen scheint man ja ein Haar gefunden zu haben, soweit sie sich auf meine Ehrlichkeit in Geldangelegenheiten beziehn (diese Form der Beschmutzung wird für spätere Gelegenheiten ins Rohr gestellt). Man will diesmal meine Vernichtung auf anderm Wege erzielen. Hagemeister – der zur größten Erbitterung der Charakterstarken seinen Platz bei den Mahlzeiten immer noch im Gemeinschaftsraum beansprucht (grade weil man es ihn fühlen läßt, geht er nicht, während wir andern längst unser Essen getrennt einnehmen, – aber August hat die Nervenruhe, die ständigen Anzapfungen nicht zu hören), berichtete mir heute folgendes. Walter war heute zum Vorstand gerufen worden und kam zu Tisch mit der Nachricht, seine Überführung nach Erlangen in drei bis vier Tagen sei ihm soeben offiziell mitgeteilt worden. Begründung: einige andre Gefangene fühlten sich beunruhigt. Worauf dann sofort die Parole da war: aha, selbstverständlich Mühsam, und interessant ist, daß Walter selbst gegen mich scharf machte. Hagemeister, der sich sonst an keinen Gesprächen seiner Tischgenossen beteiligt, hielt ihm sofort vor, daß er selbst seine Verlegung nach Erlangen gewünscht und sich deshalb seinerzeit grade mir gegenüber ausgesprochen habe. Aber die Herren Ibel, Taubenberger – und dahinter steckt natürlich Elbert, Schwab – und die andern Hysteriker fingen die Unterhaltung sofort auf und haben also glücklich die neue Formel zur Hand: Mühsam bringt andre Festungsgefangene aus politischer Gehässigkeit ins Irrenhaus! Wahrscheinlich wird Elbert gleich mit entsprechenden Intrigen draußen gegen mich losarbeiten. Er hat ja etwas sehr Geeignetes dazu zur Verfügung. In dem Kühlewein-Pamphlet (der sogenannten „Denkschrift“) war ein breiter Raum den Totschlägern und sonstigen Waffen gewidmet, die wir angeblich zu Meuterzwecken angefertigt und verbreitet haben sollten. Das einzige Instrument, das davon wirklich als Waffe gedacht und hergestellt war, war ein Schlagwerkzeug, das bei Walter gefunden war – und aufgrund dessen damals seine Einzelhaft mit den für mich so bitteren Folgen verhängt war. Diese Keule nun hatte er nicht etwa hergestellt, um Staatsanwälte, Aufseher oder Parlamentsbürger totzuschlagen, sondern um sich gegen diejenigen „Genossen“ zu wehren, mit denen er heute auf Tod und Leben gegen mich verbündet ist, und von denen einer ihm angedroht hatte, ihm die Knochen entzweizubrechen. Als von hier aus die Entgegnungen auf die Kühleweinschen Verleumdungen hinausgingen, verfaßte ich – im Einverständnis mit allen meinen Freunden auch einen Bericht an den Landtagsausschuß über diese, den Abgeordneten als Totschläger gegen die bayerischen Staatshüter vorgelegte Waffe. Soviel ich weiß, ist meine Darstellung von Fischer oder Klingelhöfer mit den übrigen Schriftstücken zur Widerlegung der Verunglimpfungen abgegangen, nachdem sie von allen mir nahestehenden Genossen zur Kenntnis genommen und gebilligt war. Man hatte zu allem Überfluß auch dem Mittelgang Einblick in das ganze damals losgeschickte Material gegeben, und mein Bericht über Walters Keule verschwand bei dieser Gelegenheit aus den Akten, welcher Diebstahl von allen Gefangenen schwer verurteilt, von den Dieben selbst dagegen jubelnd gebilligt wurde. Nun wird ja gewiß jeder Mensch, der das Ding etwa von Elbert vorgelegt bekommt, sofort sehn, daß niemandem damit geschadet wird und daß ein Verdacht, der sich gegen sämtliche Festungsgefangene richtete und gegen sie vorgebracht war, dadurch vollständig entkräftet wird. Auch wird jeder halbwegs selbständig Urteilende sich sagen, Mühsam wird doch nicht mit seinem Namen zeichnen, was er nicht jederzeit und überall verantworten kann. Aber – es hat sich ja gezeigt, was an Verdächtigungen möglich ist und geglaubt wird, und Elbert ist geschickt genug, um Walters Verbringung in die Heilanstalt als Folge meiner „Denunziation“, für die er die Unterlage ja vorzeigen kann, hinzustellen. Mir aber – auch das hat sich in der Duske-Sache ergeben, wird die Elbert eng verbundene, von der Polizei ausgeübte Zensur auch hier wieder die Rechtfertigung unmöglich machen. Besonders interessant ist mir aber, daß auch dieser Versuch, mich zu verderben, wieder nur die Aufwärmung einer schon in Ansbach von Weber verübten Schurkerei ist. Als ich dort meine Verlegung beantragte und dem Staatsanwalt natürlich den Grund dazu nicht verschweigen konnte (die Prügel), nahm ich Weber in Schutz, indem ich seine Haftnervosität hervorhob und erreichte auch die Zusage, daß nichts gegen ihn unternommen werden würde. Als Helmes Weber dann ganz unverbindlich vorschlug, ob er nicht für seine Nerven in ein Sanatorium gehn wolle, was ihm völlig freigestellt wurde – und nach Webers Ablehnung unterblieb ja auch jeder weitere Versuch dazu –, da hieß es dann: Mühsam arbeitet auf die Beseitigung seiner Festungsgenossen hin, indem er sie ins Irrenhaus bringen will. Dieser Weber ist ja inzwischen als Vertrauensperson der politischen Polizei entpuppt, und so weiß man, wo derartige Lumpereien gegen mich ausgeheckt werden. Daß man im Falle Walter, der selbst an seinem Geisteszustand zweifelte, der selbst von mir verlangte, ich möge ihm nach Erlangen helfen – zum Glück habe ich Zeugen dafür an der Hand – dieselbe Melodie präludiert, beweist klar genug, daß auch die Begeisterungen und Entrüstungen, die „Aktionen“ und die Verleumdungen der „Radikalen“ von Niederschönenfeld im Laboratorium der Münchner Ettstraße gebraut werden. Morgen abend verschwindet Elbert in die Quarantäne und übermorgen dampft er ab. Jetzt heißt’s aufpassen! Der Jaucheschlauch ist neu geladen und auf mich gezielt. Ich muß sorgen, daß sein Strahl auch diesmal wieder vorbeischießt. – Oh, arme deutsche Revolution!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 27. Januar 1922.

Eröffnung – als Antwort auf meine Rapportmeldung: Herr Mühsam wolle seine Bitten getrennt noch einmal schriftlich vorlegen und „zwecks einwandfreier Festlegung“ begründen. Ich muß also der unglaublichen Pedanterie dieses Herrn Hofmann wegen für 30 Pfennig Papier verschmieren und habe nun ganz brav folgende beiden Schriftstücke verfaßt, beide „An den Herrn Festungsvorstand“ überschrieben und ihrer ganzen Aufmachung nach auf die einwandfreieste Festlegung (wahrscheinlich, daß kein Wort geredet wird, das nicht auf dem Papier angekündigt ist) zugeschnitten. I. „Meinen Antrag, wegen des bevorstehenden Besuchs des Herrn Rechtsanw. Dr. Ph. Loewenfeld eine Besprechung zuzulassen, füge ich begründend hinzu: – Unter den verschiedenen Gegenständen, die ich mit meinem Rechtsbeistand zu verhandeln habe, befindet sich einer, über den ich unter Aufsicht nicht ungehemmt sprechen könnte. Ich beabsichtige daher, mündlich die Bitte vorzutragen und zu begründen, den Besuch des Anwalts für die ganze Dauer oder, falls das abgelehnt würde, während der Auseinandersetzung über den besonderen Punkt, unter 4 Augen zu gestatten.“ II. „Ich habe um eine Unterredung nachgesucht, um die Bitte anzubringen und zu begründen, brieflich für mich eingetroffene Postwertzeichen, deren Vereinnahmung mir mitgeteilt wurde, an mich aushändigen zu lassen. – Bei der außerordentlichen Erhöhung des Briefportos und bei meinem großen Bedarf an Postwertzeichen (der in meinem sehr ausgedehnten Bekanntenkreis und in meinem Wunsch begründet ist, während der vielleicht noch sehr langen Dauer meiner Haft – die Strafe läuft bis 1934 – meine persönlichen und beruflichen Beziehungen nicht verkümmern zu lassen) schließt für mich die Notwendigkeit, die Briefmarken von den 35 Mk Wochengeld zu kaufen, den Zwang ein, meine übrigen Bedürfnisse weit unter das Maß zu reduzieren, das ich bis zum 1. Januar innehalten konnte. Ich veranlaßte daher meine Frau, aus dem Erlös des kürzlich freigegebenen Schecks einen Teil für Postwertzeichen auszugeben und herzusenden, da ich glaubte, daß eine solche Sendung ebenso zulässig sei wie etwa die Versorgung mit Tabak durch Vermittlung der Angehörigen. – Ich bitte in Anbetracht der Umstände, mir die zurückgehaltenen Briefmarken (im Betrage von 135 Mk) aushändigen zu lassen, bzw. die Angelegenheit in mündlicher Auseinandersetzung als Erörterungsgegenstand zuzulassen.“ – Nun bin ich begierig, wie sich die Paragraphenwalze weiter bewegen wird und ob in dem Buchstabenbrei, den sie zusammenstampft, für den lebendigen Menschen etwas abfallen wird. – Im allgemeinen habe ich gefunden, daß sich Herr Hofmann von Herrn Kraus genau so unterscheidet wie Herr Lerchenfeld von Herrn Roth. Die Postenablösung an beiden Plätzen hat das System völlig unverändert gelassen, nur ist anstelle der brutalen Rauhbeinigkeit in der äußeren Form eine gewisse bürokratische Korrektheit getreten, die mit Langweiligkeit dasselbe, aber unter geringerer Reibung bewirkt, wie vorher mit Rüpelhaftigkeit und Forschheit bewirkt wurde. – Walter ist überraschenderweise schon gestern in den Eiskeller geholt worden und wird jetzt wohl schon unterwegs nach Erlangen sein. Er glaubte – und wurde von den Freunden wohl noch darin bestärkt, daß er nach seiner Anerkennung als Psychopathen einen Freibrief habe für allerlei Dummejungenhaftigkeiten. So beschimpfte er am Nachmittag einen Aufseher als Idioten, zerschlug dann in seiner Zelle die elektrische Birne und riß die Tapeten von der Wand, die dort von Männlein, der sich’s was hatte kosten lassen, geschmackvoll eingerichtet waren. Der „radikale“ Landtagsabgeordnete Sauber stand breit grinsend dabei, als das Vandalenwerk vom Aufsichtspersonal in Augenschein genommen wurde. – Ich bin froh, daß Walter auf diese Weise seinen Abtransport beschleunigt hat. Denn ich hatte einige Befürchtungen, ob man ihn nicht, da ihm doch keine Gefahr dabei drohte, zu Gewalttätigkeiten gegen mich scharf machen würde. – Ich habe gestern abend Hagemeister und noch einigen die Eingabe über Walters Schlagwaffe noch einmal vorgelesen. Wir kamen übereinstimmend zu der Überzeugung, daß ich das jederzeit überall verantworten kann. Es scheint, als ob grade dieser Schrieb an den Landtag, der höchst ausfällig – und zwar gegen Kühlewein und den Landtag selbst – abgefaßt ist, die Wirkung gehabt hat, die Walter selbst so sehnlich herbeigewünscht hat, und was er jetzt – um mich zum Schurken zu machen – ableugnet. Das wäre ein Beweis, daß derartige Schriftstücke doch nicht ganz so wertlos sind wie man gern tut. Vielleicht wird sich da noch mancherlei Überraschung zeigen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 28. Januar 1922.

Allmählich äußern sich die Wirkungen der Landtagsentrüstung über uns in Verwaltungsmaßnahmen sehr peinlicher Art, und der Spieß, der Herrn Kühlewein durchbohren sollte, wird in unsern Eingeweiden herumgedreht. Daß schon vor etwa einer Woche Verkleidungen allgemein verboten wurden, ist nicht wichtig. Wir hier oben feierten von selbst keine Maskeraden und für das Faschingtreiben im I. Stock hat es mir stets an Verständnis gefehlt. Wie weit die Fürsorge für anständige Gesittung aber getrieben wird, zeigt folgendes. Valtin Hartig hatte eine violette Papierhaube aus einem der Feste unten gerettet und trug sie, da er keine Mütze besitzt und gern den Kopf bedeckt trägt, den ganzen Tag im Hause und im Hof. Eine besondere Fröhlichkeit hat er damit weder von sich aus dokumentieren wollen noch bei irgendwem erregt. Bei unsrer Weltabgesperrtheit kommt es ja auf die Art unsrer Bekleidung absolut nicht an. Man hat ihm das Tragen dieser harmlosen Kopfbedeckung verboten. Inzwischen ist aber eine neue Aktion gegen uns in Gang gebracht worden. Gestern wurde Ringelmann hinunterzitiert. Er erhielt die Eröffnung, daß der F.-G. Ringelmann, Sohn des verstorbenen Oberbürgermeisters von Würzburg R. in der Lage sei, eigene Kleidung zu tragen und infolgedessen den ihm von der Anstalt gelieferten Anzug samt Holzschuhen wieder abzuliefern habe. Ernst R. ist einer der allerärmsten Genossen im Hause, seine Mutter muß mit ihrer engen Witwenpension auskommen und kann ihm nichts schicken. Aber das Wort Oberbürgermeister muß so faszinierend auf die Hirne unsrer Profossen gewirkt haben, daß sie den armen Ernst für einen reichen Mann hielten. Es bedurfte einer aufklärenden Bittschrift, um die ungeheuerliche Maßnahme rückgängig zu machen. Auch Schiff bekam denselben Auftrag, und nun habe auch ich eine Eröffnung erhalten (ich glaube, bis jetzt ist außer Schiff, der ja wirklich ziemlich was hat, und mir noch keiner weiter dazu aufgefordert worden; Toller trägt ohnehin eigene Sachen), die ungefähr so lautet: „Der F. G. Mühsam verfügt über genügend Geldmittel, um bei gutem Willen selbst für seine Kleidung sorgen zu können. Er ist zwar verheiratet, jedoch kinderlos. Die ihm von der Anstalt gestellten Kleidungsstücke – eine Wollhose, eine Wolljacke und eine Wollweste sowie ein Paar Holzschuhe – sind daher wieder abzugeben. Dagegen soll ihm die Anstaltswäsche weiterhin belassen bleiben.“ Reizend. Die Verwaltung weiß ganz genau, daß ich nur von Unterstützungen lebe (mein Taschengeld – 100 Mk im Monat – senden mir die Berliner Anarchisten), daß Zenzl mit 665 Mark im Monat auskommen muß; das ist bei der Geldentwertung weit unter dem Normallohn einer Arbeiterfrau, und daß ich nichts verdienen kann, weil ich daran von ihr selbst systematisch gehindert werde (meine ersten beiden Romankapitel liegen in diesen Tagen ein volles Jahr unerledigt bei der Zensur, und eine Anfrage ergäbe zweifellos nur das Resultat, daß zu meinen Ungunsten darüber entschieden würde. Der Schutzverband läßt mich leider völlig im Stich). Tut nichts: das ist Krauß’ Geschoß. Selbstverständlich werde ich nun nicht meinen einzigen manierlichen Anzug (den Lederer aus seinem getragenen Bestand gestiftet hat) hier drinnen auftragen, sondern – erst recht für den Rapport, zu dem ich wohl Montag gerufen werde – den Rock anziehn, der so in Fetzen ist, daß er buchstäblich auseinanderfällt, zumal es Kriegsware ist, d. h. der Stoff ist aus Papier und vollständig brüchig. Dazu habe ich eine durchlöcherte Hose – aus der Garderobe René Schickeles – und eine zerrissene Weste. Der Anzug aber, den die Anstalt von mir zurückfordert, besteht aus italienischen und englischen Uniformstücken, also Beuteware, die den Gefangenenanstalten eigens zu dem Zweck zur Verfügung gestellt worden sind, Häftlinge damit zu bekleiden. Der Haß der bayerischen Bürger aber bestimmt, daß das Zeug ungenutzt vermodert, um den Kommunisten zu beweisen, wie berechtigt die Empörung aller Gazetten darüber war, daß ich einmal in mein Tagebuch geschrieben habe, daß Rache kalt genossen werden soll. Daß sowas Politik genannt wird, ist ein Zeichen dieser lieblichen Gegenwart und ein Kulturdenkmal des „Freistaats“ Bayern. – Über Politik wäre noch sonst vielerlei hier einzutragen, speziell über das eben zustande gebrachte Steuerkompromiß, in dem die Strese- und die Scheidemänner sich nun doch endlich zärtlich zusammengefunden haben, und in dem die Arbeiterschaft so offen brüskiert wird, daß man wirklich staunen muß, wie geduldig sie sich auch das gefallen läßt. Eine kleine Zwangsanleihe und im übrigen eine Anspannung der Steuerschraube auf den Verbrauch, daß damit nun wohl wirklich erreicht werden wird, was den „Siegern“ in England und Amerika das Wichtigste ist: die Verteuerung aller Waren bis zu einem Punkt, der die unlautere deutsche Konkurrenz durch Dumping ausschaltet und die deutschen Waren auf den Weltpreis bringt. Wie man aber glaubt, mit diesem System die Entente-Forderung zu erfüllen, die die Papier-Inflation dämmen will, kann ich mit meinem ökonomischen Verständnis bis jetzt nicht begreifen. – Darüber und über Rußlands bevorstehende pénétration pacifique durch das Weltkapital ein andermal. Heute nur noch ein paar kurze Notizen. In Berlin hat man den Kommunisten Budich verhaftet, dessen Auslieferung von Bayern begehrt wird, wo er wegen Beteiligung an der Räterevolution und wegen angeblicher Mitschuld an dem „Geiselmord“ prozessiert werden soll. Budich ist identisch mit dem Genossen Dietrich, der im März 19 mit Leviné von der KP-Zentrale nach München geschickt wurde und im April die verhängnisvolle Haltung seiner Partei zu unsrer Aktion mitbestimmte. Hoffentlich gelingt es, die völlig absurde Behauptung, er habe an der Geschichte im Luitpoldgymnasium Anteil, so zu entkräften, daß nicht einmal ein bayerisches „Volksgericht“ damit etwas anfangen kann. Aber Zeit wär’s, daß endlich mal mit den ewigen Verfolgungen wegen 1919 Schluß gemacht und durch eine Amnestie ein Strich unter alles gezogen würde. Wenn Radbruch auch durchsetzen könnte, daß Jagow mit unsern Genossen in Gollnow sitzen muß, so weiß man doch, wie man an ihm das Urteil auch dort vollstreckt – ungefähr so, wie hier an Arco –, und wann er mal einen Stadturlaub zu einer kleinen Auslandsreise benutzen wird, ist nur eine Frage der Zeit. – Nun aber noch ein paar Nachrufe. Ich habe die Toten der letzten Zeit nicht alle vermerkt: Korolenko nicht, weil ich seine Werke nicht gelesen habe, Arthur Niekisch nicht, weil ich für musikalische Vermächtnisse nicht kompetent bin. Jetzt wird der Tod des Mehrheitssozialdemokraten Sindermann-Dresden gemeldet. Die unsympathische Politik, die der Mann getrieben hat, enthebt mich ebenfalls allen Seufzens. Ein Wort des Gedenkens verdient nur Luise Zietz, die im Reichstag von Westarp ohnmächtig geredet wurde und tags darauf verschied. Persönlich habe ich die Frau nicht gekannt, was ich aber von ihr weiß, spricht für sie. Sie ging frühzeitig von den Sozialpatrioten zu den Unabhängigen hinüber, und hat im Reichstag und überall eine Politik menschlicher Anständigkeit verfolgt, ohne dabei den von Haase abgegrenzten Horizont je überwinden zu können. – Endlich noch zu den Entlassungen im Hause. Nach Walters Abschied – den die „Führer“ im Mittelgang recht klanglos verstreichen ließen, obwohl Walter sich draußen als Rotgardist nach dem Zeugnis aller, die ihn sahen, sehr tapfer bewährt hat – wurde der Fortgang Elberts mit umso größerem Getöse begangen. Alles, was sich als wahrhaft revolutionären Charakter zur Geltung bringen wollte, stimmte gestern beim Verschwinden nach unten und heute am Fenster beim Dahingehn ins freie Land, mit Inbrunst die Internationale an. Auch Olschewskis Tremolo schmetterte mächtig, obwohl grade er es war, der den ersten Verdacht kundgab, daß Elbert ein bestellter Provokateur sein könnte (damals als bei der Sowjetsternoffensive am 4. Januar Elbert Olschewski noch rasch ein kompromittierendes Schriftstück in dessen Aktenmappe schob), und Gnad, dem Elbert mit besonderem Aufwand von revolutionärer Empörung lauter als irgendeiner seine Zuchthausvergangenheit nachtrug, war es, der dann Elbert zu Ehren das Hoch auf die Weltrevolution ausbrachte. Diese armen gefoppten Kerle! Gott weiß, was dieser Freund Webers draußen anstellen wird – noch geschickter vielleicht als Weber, aber immer noch nicht geschickt genug (so hat er seinerzeit über den Besuch Webers bei ihm unter den seltsam toleranten Umständen drei verschiedene Versionen im Umlauf gebracht: Uns erklärte er, er habe jetzt in Weber den besten politischen Kopf erkannt, der uns alle in die Tasche stecke; Hagemeister gegenüber erklärte er, er halte nach dem Besuch Weber für einen Spitzel; und seinen neuen Freunden – Wiedenmann etc – hat er, wie sich kürzlich herausgestellt hat, weisgemacht, er habe damals Weber überhaupt nicht empfangen). Was ich von dem Kerl halte, habe ich gestern meinen Freunden durch ein kleines Rätsel zu verstehn gegeben – allerdings zweifelt in unserm Kreis keiner an der Qualität Elberts –: Was fehlt dem Reichspräsidenten zu einem Polizeispion? Antwort: ein L. – Soweit es möglich war, sind die Genossen draußen gewarnt.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 29. Januar 1922.

Heute wird in Nürnberg, veranstaltet von der „Proletarischen Tribüne“ und unter der Regie Rolf Gärtners (meines Festungsgenossen in Ebrach) mit Kräften und im Hause des Nürnberger Stadttheaters mein „Judas“ aufgeführt. Ein Brief von Gärtner, den ich erst vor wenigen Tagen erhielt, war alles, was mit mir persönlich über die Veranstaltung verhandelt wurde und dieser Brief enthielt nichts über Regie, Besetzung oder Aussichten, Ansichten und Absichten, sondern nur die Bitte, ich möchte auf den Malikverlag einwirken, die Tantiemen möglichst billig zu berechnen. Wie immer: wo etwa mal ein bischen zu verdienen wäre, was Zenzls Lage erleichtern könnte, soll ich verzichten. Pfempfert zahlt nicht für das Einigungsbuch, mit dem er zuerst mal seine „Aktion“ füllt – mir ist es trotzdem lieber, daß die Arbeit wenigstens vor völliger Vergessenheit bewahrt wird –, der Kurt Wolff Verlag hat die Abrechnung über die „Brennende Erde“ vorgelegt, aus der sich ergibt, daß dies zum Massenvertrieb ungewöhnlich geeignete Buch in wenig mehr als 700 Exemplaren abgesetzt ist, sodaß noch längst nicht einmal der Vorschuß gedeckt ist; mein Roman ruht, da ich schon die ersten beiden Kapitel bei der Hauszensur einsargen und infolgedessen wegen der Hoffnungslosigkeit keine weiteren – nach den noch fertigen beiden folgende schreiben konnte; sonstige Arbeiten werden bestimmt ebenfalls nicht herausgelassen. Meine revolutionären Lieder und mein Rechenschaftsbericht über die Münchner Räterepublik lagern bei irgendwem draußen und niemand denkt daran, sie herauszugeben; mein Kriegsbuch, das als Fragment immerhin von Wert ist, wurde von Lederer, der es nicht anbringen konnte, hier hereingeschickt, der Versuch, es nun herauszuschicken, wäre Verlust der Arbeit, – und wo die weiteren Exemplare geblieben sind, weiß ich nicht, – nur daß die Weißgardisten bei der Plünderung meiner Wohnung das Manuskript selbst, von dem wichtige Abschnitte noch nicht abgetippt waren – über die Haldane-Aktion (der Beweis für Bethmann-Hollwegs schon 1912 feststehende Absicht, den Begriff des „aufgezwungenen Kriegs“ auch für einen deutschen Angriffskrieg in Anspruch zu nehmen) – daß die Plünderer dies Manuskript vernichtet haben. Die Wiener Graphische Werkstätte, die mein altes Lustspiel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ zum Verlag erworben hatte, ging plötzlich in nationalistischen Besitz über, und ich muß prozessieren. Meine Tagebücher – 5 oder 6 Hefte, die noch bis nach Traunstein (Oktober 18) zurückreichen, sind in den Händen des Oberstaatsanwalts von Augsburg (Kraus!!) oder auch beim Kühlewein selbst und erfüllen die schöne Pflicht, den Ordnungsblock der Bürger und Bauern in Angst und Wut zu setzen, wenn die bayerische Regierung gegen ihren verhaßtesten Gefangenen Stimmung zu machen wünscht (es werden sich wohl noch viele Brocken darin finden, die ohne Zusammenhang mit dem übrigen Text sehr schrecklich klingen). Herr Steinebach endlich, der meine früheren Arbeiten gegen Entgelt gedruckt und vertrieben hat (und er hat alles hoch über den Satz bezahlt gekriegt) hat nicht nur den Gewinn in die eigne Tasche geschoben und jede Abrechnung verweigert, sondern einen Teil meiner Bücher (die Kain-Kalender) einfach einstampfen lassen und auf Weigels Drohung mit Schadenersatzklage höhnisch geantwortet: „Herr Mühsam muß wohl viel Geld haben.“ Der Schutzverband Deutscher Schriftsteller, der seit 1½ Jahren aufgerufen ist, um meine dringlichsten Interessen zu verteidigen, rührt sich nicht, und niemand ist da, der der armen Zenzl ein wenig zur Hand geht, wenn sie in diesen schwierigen geschäftlichen Dingen Rat braucht. Weigel meint es gewiß recht gut mit mir, – aber von diesen Dingen versteht er nichts, und ich selbst bin so aus dem Bild über die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse draußen (Dr. Mayer, der von seinem 14tägigen Urlaub zurück ist, berichtet abenteuerliche Dinge), daß ich ganz hilflos bin. Mit Zenzl persönlich zu reden, ist mir unmöglich. Wir sind darüber einig, daß sie kein Geld mehr für einen Besuch verschwenden soll, solange unser Zusammensein zu einer derartigen Qual gemacht wird wie bisher, und in den 2 oder 3 oder 4 Stunden, die man uns unter Bewachung durch den Polizisten Gehauf gönnen würde, wäre des Anschauens und der persönlichen Verständigung doch kein Ende und wir würden gewiß nicht zu geschäftlich-nüchternen Gesprächen kommen. Die Justizbehörde aber, die mit einer solchen Ausdauer und mit solchem Erfolg diese Not geschaffen hat und unerbittlich steigert, teilt mir mit, daß ich über genügend „Einnahmen“ verfüge, um füglich auf fiskalische Bekleidung verzichten zu können. So feiere ich denn die Aufführung in Nürnberg heute in hängenden und dreckigen Lumpen aus der Ferne mit. Wenn die Proletarier wenigstens eine Darstellung vorgesetzt kriegen, die meinen Absichten gerecht wird, so soll’s mich nicht verdrießen. – Die Hoffnung, daß Zenzl von der Sache Erleichterungen haben wird, ist freilich gering; aber vielleicht kommt bei der Schiedsgerichtsverhandlung zwischen mir und der Stadt München wegen Entschädigung in der Plünderungssache irgendein Resultat zum Vorschein, das ihr nach den fürchterlichen [?]-Attacken, die wir den Herren Duske und seinen Niederschönenfelder Auftraggebern zu danken hatten, eine Erholung gestattet. Da Radbruch meine Vertretung niederlegen mußte, wird mich nun (am 2. Februar) der Münchner Gewerkschaftsmann Ruf vertreten, den ich persönlich für anständig halte. Die Frage, ob er den Rechtsstandpunkt den Gegnern und dem Schiedsrichter klarzumachen verstehn wird, kann ich nicht entscheiden. Hoffen wir das Beste. Zugleich tagt jetzt in München auch das von der Berliner KPD-Zentrale eingesetzte Parteigericht über die Verleumdungsangelegenheit. Als Zenzls und Weigels Vertrauensmann fungiert darin unser guter Dr. Schollenbruch. Weigel wird sich ja nun dem Spruch dieses Gerichts in strammer Parteidisziplin unterwerfen müssen, wie er auch ausfällt. Ich für meine Person habe keinen Zweifel gelassen, daß mich nur eine Entscheidung, die Zenzls und meine Ehre in breitester Öffentlichkeit ohne Einschränkungen vollständig rehabilitiert, von der Absicht abbringen könnte, die Sache gerichtlich auszutragen. Bis jetzt hat Duske das letzte Wort gehabt (zum großen Triumph der Niederschönenfelder Elbertiner und Duskiden. Ich werde aber Zenzls wegen und meiner eignen Sicherung vor neuen Schwabstreichen, Murböcksprüngen und Sauberkeiten wegen das letzte Wort den Verleumdern keinesfalls lassen. Läßt man es zum Prozeß kommen, dann soll die Kloake einmal auspesten, was sie an Spitzeldünsten in sich hat. Dem Ansehn der Festungsgefangenen vor der Allgemeinheit wäre damit gewiß nicht gedient – und mir wärs recht, wenn es vermieden werden könnte –, aber ich würde mir endlich Ruhe schaffen, und auch Zenzl aus der Gefahr befreien, neuerdings an meiner Statt besudelt zu werden. – Diese persönlichen Dinge mußten auch einmal notiert werden (sie gehören ja schließlich auch irgendwie zu meiner Biographie). Ich hoffe, bald einmal wieder dazu zu kommen, mich ausgiebig mit den politischen Weltereignissen beschäftigen zu können. Heute vertage ich es noch und schließe mit dem, was die Hauschronik noch bedingt. Nachdem – wie ich mir einbildete, auf Wink von oben, da einem doch trotz der Parlamentstruationen der Bauch von Schuldgefühlen schwanger gehn mag – seit Wochen keine Einzelhaft mehr verhängt war, sitzt seit vorgestern wieder einer unten: Tanzmeier. Grund: man bereitete im I Stock wieder eine Gaudi vor (Cabaret oder dergleichen). Dabei ging es etwas laut zu, sodaß ein Aufseher sich an seine amtlich bescheinigte Märtyrerrolle erinnerte, sich durch den Lärm gefährdet fand, zermürbt zu werden, und Einhalt gebot. Dabei soll Tanzmaier in Wut geraten und sogar ausfällig geworden sein. Man behauptet sogar, er habe die Faust geballt. Also Einzelhaft (Bedacht, der sich auch aufregte, kam mit einer Verwarnung davon). Wenn der Landtag sich wieder mal über Niederschönenfeld unterhält, wird nun wohl Tanzmaiers Faust in gewaltiger Vergrößerung dem Kühleweinschlauch entplätschern. Der Schäffer wird sich bekreuzigen vor dem räudigen Vieh, das im bayerischen Schafstall eingehürdet ist, der Müller (Meiningen) wird seine Gebetsmühle drehn, die ihn wieder an den Lenbachplatz zurückbitten soll – und es wird der Sänger mit dem Müller gehn. Ein neuer Beweis für die Schreckensherrschaft der Festungsgefangenen in Niederschönenfeld. Gott sei gelobt und gepriesen! Amen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 30. Januar 1922.

Toller hat mir heute eine große Freude gemacht: Er hat mir Hölderlins Werke in der vierbändigen Kiepenheuerschen Ausgabe geschenkt. Damit hat er mancherlei wieder gut gemacht – umsomehr, als das offenbar auch seine Absicht war. Ich war ganz gerührt und hatte Mühe, ihn das nicht merken zu lassen. – Ich werde jetzt mein Verhalten gegen ihn etwas ändern, denn ich hab’s ihm bisher bei jedem Gespräch zu fühlen gegeben, daß mir seine Unterschrift unter Vollmanns Erpressungsrevers, der uns monatelang die gräßlichste Pein verursachte, nicht aus dem Gedächtnis geraten ist. War aber die Spende von ihm als Wurst beabsichtigt, so soll die Speckseite ihr nicht mehr vorenthalten bleiben. – Folgende Eröffnung wurde mir heute zuteil: die schwedische Zeitschrift „Brand“ wird wegen „fremdsprachig-agitatorischen Inhalts“ zu den Akten genommen. Schon früher hatte Vollmann es eine Zeitlang in Ansbach eingeführt, fremdsprachige Blätter zu konfiszieren. Das war dann wieder außer Übung gekommen. Nun haben wir’s also von neuem. Herr Hofmann ist sehr beflissen, die Wünsche des Landtags zu erfüllen, daß uns keine Unannehmlichkeit erspart wird, zu der sich eine Handhabe aus der Hausordnung oder nachträgliche Rechtsbeugungen zu ihrer Ergänzung irgend konstruieren lassen. – Leider steigt auch schon wieder ein neues Krachwetter herauf, das zum Teil wieder gegen Zenzl Zündstoffe enthält. Adolfs Frau, die sich bei ihrem Besuch in München unlängst mit Zenzl sehr angefreundet hat, teilte ihrem Mann schon vor längerer Zeit mit, daß Thekla Egl, Karpfs Freundin, in Berlin unter Berufung auf mich Genossen und Bekannte angepumpt, bzw. für die politischen Gefangenen zu Spenden bewogen habe (ich glaube, daß Zenzl diese Tatsache in Berlin erfahren hat), während sie vorher in Kempten erklärt habe: Mühsam ist ein Lump, Frau Mühsam ein Mädchen für alle. – Wieviel davon wahr ist, weiß ich nicht. Ich habe Thekla stets gegen den Vorwurf, sie treibe Spitzelei, den ich oft gehört habe, energisch in Schutz genommen, aber nie gezweifelt, daß sie schwer hysterisch und in Folge davon bedenklich intrigant ist. Heute schreibt nun Anna Schmidt an Adolf, sie sei dieser Tage plötzlich wieder in Kempten aufgetaucht und bei ihr erschienen, um Rechenschaft zu verlangen. Anna hat es abgelehnt, sich vor ihr zu verantworten und ihr mit Hinauswurf gedroht, ihr aber den Brief gezeigt, in dem von ihrer Berliner Reisetätigkeit berichtet wird (es scheint, als ob dieser Brief von Zenzl geschrieben wäre). Schließlich habe Thekla angekündigt, sie werde Zenzl sowohl wie Anna vor ein Parteigericht laden lassen. Selbstredend werde ich Zenzl raten, sich nicht zur Angeklagten vor einem Parteigericht machen zu lassen, zumal sie kein Parteimitglied ist, Thekla ist Mitglied; sollte sie für sich selbst eine Entscheidung von der Partei aus fordern, so mag Zenzl immerhin als Zeugin aussagen, falls sie selbst will. Vorläufig habe ich natürlich keine Ahnung, was da eigentlich vorliegt. Aber ich kenne meine Frau zu gut, um nicht zu wissen, daß sie an Weibergeschwätz keinen Anteil hat und bestimmt nicht mehr gesagt oder geschrieben hat, als sie unbedingt verantworten kann. Nur sehe ich wieder alle möglichen neuen Hetzereien voraus, und Thekla wird schon dafür sorgen, daß Niederschönenfeld nicht als Arena dieser Tratschkämpfe verschont bleibt. Ihr blind verliebter Karpf, dem jede Versicherung seiner Braut unumstößliches Evangelium ist, wird sich willig benutzen lassen, um die Dreckschleudern des Mittelgangs mit neuer Munition gegen Adolf und mich zu versehn, – und die Reaktion wird neuen Grund zu großer Befriedigung bekommen. – Für Aufregungen, Ärgernisse, Widrigkeiten ist also mal wieder für lange vorgesorgt. Wenn es in den kommenden 12 Jahren 4½ Monaten so weiter anwächst, wie es sich in den 2 Jahren 9½ bisher progressiv gesteigert hat, dann brauche ich nicht zu fürchten, in meiner Festungshaft an Mangel an Unterhaltungsstoff zugrunde gehn zu müssen. Besser bekäme es mir aber wohl, wenn ich nicht ganz bis zum Juni 1934 der Arbeitsgemeinschaft der Kommunisten, Sozialdemokraten, Parlamentsnarren und Regierungsbüttel zur beliebigen Peinigung ausgeliefert bliebe. Aber auf Amnestie-Prophezeiungen lasse ich mich nicht mehr gern ein. Und die proletarische Revolution? – In 4 Wochen wird’s wieder März. Ob er mehr bringen wird als den Kalender-Frühling? Noch liegt alles im Winternebel. Noch braucht man also auch nicht zu verzagen.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 31. Januar 1922.

In meiner alten Zelle, die Seppl und Ferdl Luttner schön wohnlich gemacht haben. Es fehlt nur noch die Einordnung der Bücher, die ich aber auf morgen vertage, weil unsre Quälgeister mir sonst an Tempo soviel abgewinnen könnten, daß darunter die ständige Chronik litte. Und seit gestern ist schon wieder allerlei nachzutragen. Ich erhielt heute Mitteilung über meine beiden Rapportgesuche, und zwar mußte ich dazu (in eigenen Schuhen) zweimal – vormittag und nachmittag – die beiden Steintreppen hinunter und hinauf. Erste Eröffnung die Antwort auf mein Verlangen, meine Briefmarken ausgehändigt zu kriegen. Natürlich abgelehnt und zwar mit 1½ Quartseiten breiter schriftlicher Begründung, die, soweit ich den Inhalt nach dem einmaligen Hören im Gedächtnis habe, etwa dies enthält: Ich hätte „verschwiegen“, daß mir 15 Mk in Postkarten zugestellt sind (ich hätte, wenn ich’s erwähnt hätte, denen, die es veranlaßt haben, kaum etwas neues gesagt. Außerdem interessierte ich mich ja nur noch für die nicht zugestellten Marken). Das Taschengeld mit 35 Mk wöchentlich sei so bemessen, daß ich dafür meinen „ausgedehnten Bekanntenkreis“ (der Bürokrat als Ironiker) hinlänglich mit Briefen versehn könnte, zumal das Geld zur Anschaffung von Porto hauptsächlich dienen solle (aber es wird zweimal täglich Bier angeboten, und heute ist angeschlagen, daß der Liter von morgen ab auf 5 Mk erhöht ist). Komme hinzu, daß Herr Mühsam, obwohl Festungsgefangener (plötzlich!) nicht angehalten wird, seine Verpflegsgelder zu erlegen. Eine Besprechung sei unnötig. Was aus meinen Marken wird, weiß ich nicht. Ich werde versuchen, sie mir ratenweise ins Taschengeld hineinverrechnen zu lassen. Mein Bedarf an Marken ist etwa – einerseits die Postkarten, andrerseits Einschreib- und sonstige Briefe mit erhöhtem Porto zugerechnet – wöchentlich 13 Briefe. Das machte bis zum 1. Januar 7 Mark 20, seit dem 1. Januar 24 Mark, beides abgezogen von 35 Mk, wobei noch die Erhöhung aller übrigen Preise erschwerend einwirkt. – Grade hat im Verfassungsausschuß wieder ein Herr Fröhlich die „unerhörte Verschwendung“ der Gefangenen in Niederschönenfeld bemängelt, an der man auch die Regierung von Schuld nicht freisprechen könne. Der Regierungsvertreter hat kleinlaut versichert, die „letzten Vorkommnisse“ (welche?) hätten bereits zu Maßnahmen Anlaß gegeben. Ob wohl Arco auch mit 35 Mark wöchentlich auskommen muß und Briefmarken darüber hinaus sich nicht schicken lassen darf? Dem wird keine „unerhörte Verschwendung“ nachgerechnet. – Zweite Eröffnung: Der Besuch des Rechtsanwalts ohne Aufsicht in einer vor der Verwaltung geheim zu haltenden Angelegenheit (wer sagt das?) kann nicht in Aussicht gestellt werden. Gut. So werde ich auf jeden Fall die Gerichtsverhandlung herbeiführen, obgleich ich in der Duske-Angelegenheit heute recht beruhigende Nachrichten von Weigel und Schollenbruch erhalten habe (leider scheint jedoch Schollenbruch persönlich schwer leidend zu sein. Er schreibt sehr besorgniserregend). Es ist zweifelhaft, ob die Verwaltung dabei sehr gut abschneiden wird. – Und dann bekam ich noch eine dritte Eröffnung (wieder extra treppauf und treppab), die eine kleine Vorgeschichte hat. Vor etwa 2 Monaten gab Cl. Schreiber etliche Bücher, die er heimschicken wollte, zur Zensur. Bei ihrer Freigabe zur Absendung fehlte meine „Brennende Erde“ mit Widmung. Clemens reklamierte und erhielt nach geraumer Zeit den Bescheid, das Buch sei nicht zu finden (wahrscheinlich hat man damit zwecks Ermittlung von Geheimschriften experimentiert). Darauf verlangte Cl. Ersatz und nachdem ich nach dem Preis gefragt war, wurden ihm von der Verwaltung 11 Mk Entschädigung angeboten. Clemens erklärte, er habe nicht 11 Mk zur Zensur gegeben, sondern ein Buch. Außerdem habe er keinen Anlaß die Spesen für Bestellung, Porto etc. zu tragen. Nach längerem Warten wurde ihm vorgestern nun die „Eröffnung", das Buch sei da, werde ihm aber wegen ketzerischen Inhalts nicht ausgeliefert. Er könne eine Adresse angeben, wohin es gesandt werden solle. Darauf erklärte er, das verlorengegangene Buch habe eine handschriftliche Autorenwidmung gehabt. Man möge mir also Gelegenheit geben, eine neue hineinzuschreiben und es dann bis zu seiner Entlassung aufbewahren. Heute ließ man nun mich holen und Herr Gollwitzer, der Zensor, empfing mich und legte mir das Buch zur Eintragung einer Widmung vor. Ich erklärte, im ersten Exemplar hätten Verse gestanden, von denen ich keine Abschrift habe. Ich müsse also erst wieder ein Gedichtchen für den Zweck machen, man möge mir das Buch dazu einen halben Tag überlassen. Das sei nicht gestattet, daß ich’s mit hinaufnähme. Ich erinnerte daran, daß seinerzeit das Manuskript in Ansbach die Zensur passiert habe, daß durch die Zensur Korrekturen hin- und hergegangen sind, daß ich Dutzende von Exemplaren vom Verlag hereingesandt erhalten, viele wieder hinausgesandt und viele in der Festung verschenkt habe, sodaß vielleicht 30 Stück ohnehin im Hause seien. Herr Gollwitzer erwiderte, damals sei das was andres gewesen, die Herren hätten es sich selbst zuzuschreiben ... Ich antwortete: „Darüber unterhalte ich mich nicht mit Ihnen. Damals hatten wir eben Festungshaft.“ Endlich einigten wir uns, daß ich neue Verse machen solle und wenn ich sie in der Kladde fertig habe, soll ich mich hinuntermelden und könne sie dann unten einschreiben. Diese Schwierigkeit ist also wieder mal behoben, und ich kann mit Vergnügen vermerken, daß die Bemühungen, Ordnung, Ruhe und Sicherheit der Anstalt Niederschönenfeld und des Freistaats Bayern zu sichern, auch mal zu unsrer Erheiterung dienen können.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 2. Februar 1922

Was auch Wichtiges zu tun ist, bleibe zunächst liegen. Die Hausangelegenheiten lassen eine Vernachlässigung des Tagebuchs nun mal nicht zu. So will ich denn auch heute alles Allgemeine (selbst den Eisenbahnerstreik, der mich tief erregt und von dem ich nichts hoffe, da leider die Arbeiter immer noch den Gewerkschafts- und Parteiparolen folgen, – und die Sozialdemokraten treiben schon jetzt zu Anfang tollere und skrupellosere Streiksabotage als je ein kaiserlicher Beamter gewagt hätte) – unterwegs lassen. Zunächst Personalia: Statt daß die Festung sich entleert, füllt sie sich wieder. Vorgestern wurde im I Stock ein Genosse, namens Jung, einquartiert, der schon früher 10 Monate in der Plassenburg war, dann auf Bewährung freigelassen wurde, nachher ins Gefängnis kam und deshalb die restlichen 5 Monate Festung nachmachen muß. Ich habe den Mann noch nicht zu Gesicht bekommen. Bei uns im II Stock wurden gestern gleich zwei Genossen untergebracht, und zwar beide auf meinem Gang (sie müssen sich mit je einem der jämmerlichen Löcher begnügen, von denen wir doch wenigstens zum Wohnen und zum Schlafen besondere haben). Einer davon ist der im September zu 3 Jahren verurteilte Genosse Glaser, Artilleriekommandant der Rätezeit, Kriegsoberleutnant und, wie es heißt, Kapitalist (Fabrikbesitzer oder -direktor). Der andre ist Genosse Wolfgang Thierauf, der Münchener Stadtrat und Schneidermeister, ein prächtiger älterer Mann, der mir von Zenzl Bericht erstatten könnte, da er viel mit ihr zusammenkam. Ich freue mich sehr, daß er hier oben bei uns einquartiert ist. Sein Urteil über die Duskiden ist sehr scharf, und er versichert, daß das der KP-Instanzen dem entspricht. Duske selbst soll den stärksten Verdacht erregen, in Reaktionsdiensten zu arbeiten. Der Schiedsspruch in der Verleumdungsaffäre soll vollständig zu meinen Gunsten ausgefallen sein und wahrscheinlich schon in der Nummer der Neuen Zeitung, die heute hätte eintreffen müssen, veröffentlicht stehn. (Bis jetzt ist keine Neue Zeitung heute ausgegeben worden, woraus gefolgert werden könnte, daß die Zensur sie eben deswegen zurückhält, weil für mich Vorteilhaftes drinsteht. Eine für mich nachteilige Entscheidung hätte sie bestimmt ausgegeben; doch bleibt abzuwarten, ob das Blatt nicht noch kommt. In diesem Falle müßten wir es zur Lektüre erobern, da die Duskiden sämtliche Exemplare – ich glaube 6 Stück – für sich mit Beschlag belegen und alle, die – obwohl Parteimitglieder, von den Herren Sauber, Wiedenmann, Schwab etc nicht als Kommunisten ausdrücklich bestätigt sind, von der Mitbenutzung ausschließen). – Kleinigkeiten: in Einzelhaft kamen Schmid-Burglengenfeld und Pinkl, die nach 9 Uhr abends unter dem Tisch in einer Zelle bei Karbidlicht Schach spielten. Disziplinarstrafen – das ist der Weisheit letzter Schluß. Statt daß man sich sagte, solche Dinge beweisen, wie brutal und dumm der Zwang ist, uns 10 Stunden in absoluter Dunkelheit aufhalten zu müssen. Das geschieht der „Ordnung und Ruhe“ in der Anstalt wegen, – angeblich. In Wirklichkeit geht jeden Abend nach 9 Uhr, – wenn wir also zum Einzel- und Dunkelarrest verurteilt sind, ein Krach im Hause an, daß mindestens eine Stunde lang an Schlafen überhaupt nicht zu denken ist. Türen werden geschmissen, Schlüssel und Schlösser rasseln und die Aufseher führen die Gespräche dabei so laut wie sie’s beim Militär gelernt haben. Wir aber haben von 9 Uhr ab absolute Ruhe zu halten, die sogar durch das Anbrennen einer Kerze schwer gestört wird. – Meine Briefmarkenangelegenheit ist nun weiter gediehen. Ich verlangte gestern die Aushändigung von Marken davon gegen bar. Heute erhielt ich den Bescheid, die Kassenverwaltung könne nicht für Briefmarken eine besondere Buchführung einrichten. Sie habe deshalb bares Geld dafür eingelöst und auf mein Konto geschrieben. Ich müsse also meinen Markenbedarf aus Rain durch besondere Bestellung aus dem Wochengeld beschaffen. Man verkauft also, ohne mich auch nur zu fragen, meinen Markenbestand, und setzt mich dadurch der Gefahr aus, Geld auf meinem Konto über die 150 Mark hinaus liegen zu haben, die als nicht pfändbar erklärt sind, das übrige also eines Tags konfisziert zu bekommen. – Übrigens berichtete mir Thierauf etwas Lustiges. Der Lederer-Scheck von 500 Mk, aus dem die Marken bestritten wurden, war gleich, nachdem ich Zenzl von der vorläufigen Arretierung verständigt hatte, von Lederer gesperrt worden. Anscheinend wurde er erst daraufhin freigegeben. Die Geschichte ist durch die Presse gegangen (worauf wohl etliche Nichtauslieferungen von Zeitungen zurückzuführen waren). – Noch etwas: eine Eröffnung orientierte mich, daß ein Brief eines Herrn Rusche aus Braunschweig wegen „hetzerischen Inhalts“ zu den Akten genommen sei. Da ich den Mann nicht kenne, ließ ich nachsehn, ob er mich als Genossen oder Herren, mit Du oder Sie anrede. Dabei konnte ich sehn, daß der Brief mindestens 6 engbeschriebene Seiten stark war, von denen etwa 3 – 4 Zeilen auf der letzten Seite rot angestrichen waren. Früher übertuschte man anstößige Stellen, jetzt nimmt man das Ganze zum Akt, um einem armen Arbeiter draußen, der 2 Mark für Porto aufwendet und sich stundenlang in seiner knappen Freizeit der ungeübten Beschäftigung des Schreibens hingibt, noch außer dem verhaßten Juden einen Tort anzutun. Christen! – Heute soll das Schiedsgericht in München darüber befinden, ob meine arme Zenzl für die von den Noskiden gestohlenen Kleider etc. Entschädigung und wieviel erhalten soll. Daß für Luxuswaren – worunter alle Gold- und Wertsachen gerechnet sind, nichts ersetzt wird, ist schon generell bestimmt. Solche Dinge bei Revolutionären zu plündern, ist also den Beauftragten der Bourgeoisie ausdrücklich privilegiert worden. Wann wird der Retter kommen diesem Lande?

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 4. Februar 1922.

Eben war Loewenfeld da, und so kann ich meine Absicht, zu der das Heft schon hergerichtet war, nämlich Ausführliches über den Eisenbahnerstreik und die neuen Enthüllungen über die bayerisch-monarchistischen Putschabsichten einzutragen, nicht ausführen. Auch die neueste Schandtat der bayerischen Reaktion gegen einen unsrer besten Genossen, unsern Clemens Schreiber, nur in Andeutung. Clemens ist in Kempten als unehelicher Sohn einer Frau geboren, die als Tirolerin – schon ihre Mutter wanderte vor 50 Jahren ein – sich auch in Bayern nie als Ausländerin empfunden hat. Kempten ist sein Wohnsitz sein ganzes Leben lang geblieben, und nur der Krieg brachte ihm zum Bewußtsein, daß er Österreicher sei, da man ihn zu den treuen Verbündeten ins Militär gab. Heute erhielt er die Mitteilung vom Ministerium des Innern, daß er im Interesse des „Staatswohls“ aus Bayern ausgewiesen werde. Er habe das Land mit seiner ganzen Familie zu verlassen. Wahrscheinlich wird er also in 3 Wochen, wenn seine Zeit vorbei ist, gleich an irgendeine Grenze geschubt werden, und dann kann er die Seinen, die ganz ohne Geldmittel sind und Hals über Kopf ihr Heim abbrechen müssen, ohne zu wissen, wohin und was nun, in der weiten Welt suchen. Und das nach der Aufhebung des Ausnahmezustands! Sentimental ist man jedenfalls nicht in Bayern, und den derzeitigen Leitern des bayerischen „Staatswohls“ muß das zugebilligt werden, daß ihnen keine Teufelei und keine Erbärmlichkeit zu schwierig ist, um sie nicht ihrer Rachsucht gegen gefangene Revolutionäre dienstbar zu machen. – Der Besuch Loewenfelds war mir wertvoll und von Bedeutung. Zuerst war der neue Regierungsrat (der Nachfolger des wegversetzten Dr. Schmauser) zur Aufsicht dabei. Wir besprachen die Angelegenheit des Schiedsgericht, das noch zu keinem Urteil gekommen ist sondern anheimgestellt hat, daß die Parteien erst einmal versuchen sollen, durch direkte Verhandlungen zum Ziel zu kommen. L. meint, daß dazu gute Aussicht bestehe. In etwa 4 Wochen wird sich’s dann entscheiden, ob die Stadt München zahlt – oder ob noch der bayerische Staat verklagt werden muß, damit Zenzl für all ihre Wäsche und Kleider etc. doch noch ein paar tausend Papiermark Entschädigung kriegt, für die sie sich kaum den zehnten Teil des gestohlenen Zeugs wiederbeschaffen könnte. Dann orientierte ich mich über den Stand der Vermögenspfändung. Der Fiskus hat die letzte Gerichtsentscheidung, die die Freigabe aussprach, angefochten. Es ist also in der Schwebe, was geschehn wird. Ferner gab ich L. die nötigen Unterlagen, um Steinebach zum Zahlen zu bringen. Für die Besprechung der Duskeschen Verleumdungsangelegenheit hatte er doch durchsetzen können, daß dieses Thema unter 4 Augen erörtert werden durfte. Da ich bereits 5 Tagebuchhefte in den Händen bayerischer Justizorgane weiß, will ich die Gefahr nicht heraufbeschwören, durch dieses Memorial das zur Kenntnis der Herren Kraus und Kühlewein zu bringen, was sie eben nicht erfahren sollen. Auftrag zur Erhebung der Klage habe ich gegeben. Vor Gericht wird sich wohl weiteres finden. Über das Parteischiedsgerichtsurteil wußte L. soviel, daß die Verhandlung gegen Weigel sich auf die Beantwortung von 6 formulierten Schuldfragen zu beschränken hatten, die sämtlich einstimmig verneint wurden. Daß das Urteil in der Neuen Zeitung bisher nicht veröffentlicht wurde, erklärt sich daraus, daß deren Redakteur Graf ebenso wie der Geschäftsführer Aschauer aus der Partei ausgeschlossen sind, während die drei Parteigrößen Rosa Aschenbrenner, Auweck und Rolle, Duskes Schwurzeugen, selber ihren Austritt vollzogen haben. Sie sind zur KAG der Levi-Friesland-Gruppe hinübergeschwenkt. Ein bitterer Tropfen für unsre Duskiden im Mittelgang, die sich als Gralshüter des einzig wahren Moskauer Kommunismus aufspielen und jetzt ihre Stangenhalter zur Verräterei überlaufen sehn. – (Übrigens: ich bin jetzt – und zwar nicht durch Loewenfeld – auch zur Kenntnis der Antwort der Münchner KP.-Bezirksleitung an Adolf Schm. gelangt, die wegen agitatorischen und hetzerischen Inhalts zu den Akten kam. Es ist ein sehr ruhiger Brief, der die Festungsgefangenen ernsthaft zur Einigkeit mahnt und die moralische Skrupellosigkeit als politisches Kampfmittel nachdrücklich ablehnt. Die Konfiskation ist ein Beweis dafür, wie die Verwaltung alles hintertreibt, was die Harmonie unter uns fördern könnte. Wovon könnte denn Kühlewein noch leben, wenn wir uns vertrügen?) Vom übrigen also nun morgen. Der Eisenbahnerstreik, der trotz der Gewerkschaften losgebrochen ist und gegen ihre Sabotage um sich greift – außer Bayern (natürlich) hat er das ganze Reich erfaßt – wird wegen der Gewerkschaften vorzeitig und erfolglos zum Erliegen kommen. Aber der Leichnam regt sich wieder. Die „Sozialisten“ entlarven sich schamloser denn je (der „sozialistische“ Sattlermeister Ebert, der katholisch fromme Mathematiklehrer Wirth und der Hohenzollerngeneral Gröner haben den brutalsten Niederknüppelungserlaß herausgegeben, den Deutschland je gesehn hat, der „sozialistische“ Berliner Polizeipräsident Richter verhaftet auf Teufel komm raus und konfisziert sogar die Streikgelder); und schon greifen „wilde“ Solidaritätsstreiks um sich, sogar die Post- und Telegraphenbeamten und die Berliner Gemeindebeamten erklären sich solidarisch, und die Aktion gewinnt noch an Umfang. So wird sie trotz der kaum vermeidlichen Niederlage eine unermeßlich wichtige moralische Bedeutung behalten. Schon naht wieder der März, der angeblich die Rupprechtschen Blütenträume reifen lassen soll und Bayern, Tirol, Salzburg, Ungarn, Steiermark, Kärnten in zwei Königreichen auferstehn lassen wird. Die zwei Monate relative Ruhe, die den Genossen hier im Hause schon vorkam wie die endgiltige Stabilisierung aller Dinge – scheint endlich vorbei zu sein. Der Eisenbahnerstreik ist das erste Vorfrühlingszeichen. Im März 1917 stürzte der Zar, 1918 begann die deutsche Verzweiflungsoffensive bei Arras, – es war der Anfang vom Ende des Kriegs – 1919: Ungarn Räterepublik, die Berliner Märzkämpfe und -morde, in Bayern die entscheidende Wendung zur Räterepublik; 1920 Kappputsch, 1921 Hölz in Mitteldeutschland. März 1922 –? Ich horche atemlos in die nächste Zukunft – und ich glaube inbrünstig an nahe Ereignisse.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 6. Februar 1922.

Ein klares Bild über den Stand der Eisenbahnerbewegung ist noch kaum möglich. Soviel steht fest, daß die in der „Reichsgewerkschaft“ organisierten Lokomotivführer – früher das gottergebenste Element der ganzen deutschen Arbeiterschaft, jetzt als treibende Kraft wirkt. Grade weil sie noch keine jahrzehntelange Schulung zum „Vertrauen“ auf die bewährten Führer erzogen hat, grade weil sie erst jung überhaupt organisiert sind, begreifen sie die Notwendigkeit des selbstverantwortlichen Kampfes und pfeifen auf die Disziplinansprüche ihrer Bonzen. So sehn wir jetzt, wie sich die als die reaktionärste aller Organisationen verschriene Reichsgewerkschaft mit ihren aus der sozial gehobenen Beamtenschaft rekrutierten Mitgliedern rabiat außer der Reihe der übrigen Körperschaften stellt, die mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (Legienscher Färbung) und der Afa an der Spitze und in schöner Solidarität mit den Hirsch-Dunckerschen, mit den Christlichen und dem Allgemeinen Deutschen Eisenbahnerverband, dem „radikalsten“ Teil der Eisenbahner den Streik in einem niederträchtigen Aufruf abzubremsen versucht, indem sie als „Erfolg“ der bedingungslosen Kapitulation in Aussicht stellen, daß Ebert seine schamlosen Ausnahmeverordnungen – die selbstverständlich nur für den Streik gelten – wieder außer Kraft setzen werde. Auch werden – nach Wiederaufnahme der Arbeit! – die Forderungen der Streikenden noch einmal geprüft werden. So gehts zu im Deutschland der republikanischen „Errungenschaften“. Erfreulich ist, daß die Arbeiter selbst über die Köpfe ihrer Organisationen hinweg schöne Solidarität bekunden. Nur Bayern verhält sich passiv, als ob nicht die Arbeiter in Bayern mehr Grund als sonst irgendwelches Proletariat hätten, ihre Muskeln zu zeigen. Trotzdem hat der Streik im übrigen Deutschland in den 3 Tagen seit Beginn des Streiks einen Kohlenmangel in Bayern bewirkt, der eine sehr erhebliche Betriebseinschränkung im Personenzugsverkehr schon jetzt nötig gemacht hat. Gelingt es den Gewerkschaften also nicht, den Kapitalisten ihren Sieg über die Arbeiter zu retten, dann wird jedenfalls der Streik selbst gegen den Willen der bayerischen Eisenbahner auch ihre Arbeit hinfällig machen, einfach weil sie keine Betriebsmittel mehr haben. Die Bewegung steht vorzüglich und hätte die größten Chancen, – und mit Wut und Scham muß man zusehn, wie die „Führer“ des Proletariats sie gewaltsam niederzwingen werden. Die Kommunisten aber sind nach ihren 21 Moskauer Punkten verpflichtet, innerhalb der zentralistischen Gewerkschaften ihre „Zellen“ zu bilden, und wenn man ihnen zeigt, wohin diese Art der Arbeiterkoalitionen führt, bekommt man die Antwort: Ohne Gewerkschaften geht’s nicht. Als ob sich nicht ein halbes Jahrhundert lang gezeigt hätte, daß es mit den Gewerkschaften nicht geht, und daß der Zentralismus als solcher alles Unglück verschuldet. Sie – auch unsre besten Genossen hier – wissen auf alles nur die Antwort: Laßt uns nur erst die Führung in den Gewerkschaften haben. Sie meinen also, daß es am Kutscher liegt, wenn ein schwerfälliger Möbelwagen mit einem leichten Mercedes-Auto kein Rennen gewinnt. Dabei hört man doch sonst grade die Marxisten erklären, daß der Mensch sozusagen nur eine Schraube des Apparats sei, in dem er wirken soll; ja sie bestreiten einem sogar die Wesentlichkeit der Persönlichkeit sonst in dem Maße, daß sie – um im Bilde zu bleiben – eine Niederlage des Autos niemals dem Chauffeur zuschreiben würden, sondern in allen andern Fällen stets jedes Versagen von Personen mit der Unzulänglichkeit ihrer Apparate zu erklären suchen. – Ohne die verräterische Arbeit der Bonzen könnte der gegenwärtige Streik die allergrößten politischen Konsequenzen haben. Nach ganz wenigen Tagen schon müßte die Regierung den Beamten ihre Forderungen bewilligen, was eine Mehrbelastung des Gesamtetats noch vor Annahme der neuen Steuergesetze bedeuten würde, die das ganze schöne Kompromiß zwischen „Kapital und Arbeit“, in Wirklichkeit zwischen den Volkserpressern um Stinnes und den sozialdemokratischen Volksbetrügern, über den Haufen werfen müßte. Nun ist dieses elende Kompromiß, das völlig zu ungunsten des Proletariats ausgefallen ist, an und für sich schon wieder in Frage gestellt, und zwar haben – natürlich nicht die „Arbeitervertreter“, sondern die Großspekulanten um Stinnes herum ein Haar in der Suppe gefunden. Nachdem nun vor einigen Tagen Herr Dr. Walter Rathenau (von dem Radek sagt, er sei der beste Literat unter den Industriellen und der beste Industrielle unter den Literaten) zum Reichsminister des Aeußeren ernannt ist, benutzt die Deutsche Volkspartei, (die nationalliberalen Stinnesier) einen parlamentarischen Formfehler, um die „Freiheit der Entschließung“ wieder für sich in Anspruch zu nehmen, – eingedeutscht: um paktbrüchig zu werden. Denn daß die Ernennung Rathenaus wirklich nicht der Person des Mannes sondern der Art seiner Ernennung wegen angegriffen wird, kann nur glauben, wer politischen Stinnestäuschungen zugänglich ist. Tatsächlich ist die politische Animosität zwischen den beiden Herren, von der unsre Meinungsmacher faseln, eine sehr solid faßbare Anschauungsdifferenz, die weder mit Rathenaus Judentum noch mit sonst irgendwelchen moralischen oder geistigen Qualitäten zu tun hat, sondern auf verschiedenen Geschäftsspekulationen beruht. Stinnes, der höchst erfolgreiche Weltunternehmer, will als Gleicher unter Gleichen (mit dem Ausblick auf die Zukunftsrolle als Primus inter pares) das deutsche Kapital auf dem Weltkapitalmarkt repräsentieren und durch riesige Privatgewinne unter Beibehaltung der Dumpingmethoden (die durch die Papierinflation sozusagen moralisch legitimiert werden) die deutsche Konkurrenz sich so auswirken lassen, daß die Folgen des Zusammenbruchs von 1918 allmählich ausgeglichen werden. Rathenau dagegen glaubt die besseren Garantieen zum Zweck der Neukräftigung der deutschen Finanzen durch möglichst schnelle Abstoßung der Verbindlichkeiten, die der Versailler Vertrag geschaffen hat, also durch Übernahme der Rolle zu schaffen, die die Entente von Deutschland verlangt: für Zeit Werkmeisterdienste für die Interessen der Sieger-Kapitalisten zu übernehmen, um sich dadurch schuldenfrei zu arbeiten und dann den eignen Laden neu zu begründen. Für das Proletariat kann es einigermaßen gleichgiltig sein, ob die Stinnes-Ludendorff- oder die Rathenau-Wirth-Politik ihnen endlich das Fell über die Ohren zieht. Im Augenblick aber, wo der Konflikt zwischen den beiden Prinzipien in einer Existenzfrage aktuell wird, hätte die Arbeiterschaft sehr viel Ursache, sich über diese Probleme eigne Gedanken zu machen. Statt dessen aber erschöpft sie sich in Parteiraufereien und Wahl-„Kämpfen“ mit Stimmzetteln und läßt den aussichtsvollsten und bedeutungsvollsten Streik seit 2 Jahren, der durch die Parole „Generalstreik“ zu einer politischen Entscheidungsaktion ausgeweitet werden könnte, mit gefalteten Händen und betrübtem Kopfschütteln von ihren eignen Bürokraten in den Scheißdreck leiten. Ihre sämtlichen Zeitungsapostel beschuldigen sich gegenseitig der Gewerkschaftszertrümmerung, und versichern mit heiligen Schwüren, daß ihnen garnichts ferner läge als solche. Die Kommunisten aber schwören am feierlichsten, daß sie keine Gewerkschaftszertrümmerer seien. Ach, wären sie es doch!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 7. Februar 1922.

Voll Angst greift man zu den bayerischen Zeitungen, die (leider) noch eintreffen, während die Post von Norddeutschland her seit Freitag ausbleibt. Gottlob sind die Nachrichten bis jetzt recht erfreulich. Der schamlose Aufruf fast aller Gewerkschaften, obenan steht Leipart, der Nachfolger Legiens im ADGB (unter den Unterschriften fehlt originellerweise nur der christliche Gewerkschaftsbund, wohl weil die Reichsgewerkschaft der Eisenbahner ihm sehr nahesteht*, dieser klägliche Wisch hat als Hilferuf für den Hundsfott-Gröner bisher nichts erreicht. Im Gegenteil hat der Eisenbahnerstreik weiter um sich gegriffen. Die Badenser und Mecklenburger haben sich angeschlossen, die Württemberger den Anschluß in Aussicht gestellt (nur in Bayern rührt sich nichts). Was aber die Sachlage außerordentlich bedeutungsvoll macht, ist, daß sich in Berlin die städtischen Arbeiter mit eignen Forderungen den Eisenbahnern zugesellt haben. In Berlin ist infolgedessen alles gelähmt: die Gasversorgung, die Elektrizität, Telefonverkehr und sogar die Wasserleitung funktioniert nicht mehr (eine rührende Notiz geht durch die Blätter: nur ein Institut, nämlich das Aquarium, bekommt Wasser geliefert, – damit die Krokodile nicht eingehn: die armen Biester sind ja wirklich unschuldig). Das Reichskabinett ebenso wie die preußische Regierung verweigert jedes Verhandeln mit den Ausständigen, und wenn ich beten könnte, würde ich nur eine Bitte zum Himmel schicken: diesen Blinden die Augen verschlossen zu halten. Öffneten sie sie, redeten sie mit den Leuten, dann hätte die Leipartbande ihr Spiel gewonnen, es käme ein übles Kompromiß zustande und die großartigste Gelegenheit für das Proletariat wäre wieder einmal ungenutzt geblieben. Ich rechne immer noch mit dieser schwarzen Aussicht und zweifle kaum, daß die verworfene Lakaiengesellschaft die Bourgeoisie so gefällig bedienen wird, wie sie es nur wünschen kann, – aber jeder Tag, den das Fiasko noch hinausgeschoben wird, lockert den Boden weiter, auf dem sich der deutsche Kapitalismus nun konsolidieren möchte. Wie immer die Sache ausgehn mag – und trotz meines Pessimismus kann ich nicht verkennen, daß immer noch die allergrößten revolutionären Möglichkeiten in dieser Situation sich auswirken können –, überaus interessant sind die Beobachtungen, aus denen erkennbar wird, was für grundsätzliche Veränderungen sich in der Gruppierung der unterschiedlichen Arbeiterverbindungen im Moment des Handelns ergeben können. Nicht nur der Vertreter der nicht sozialistisch organisierten Berliner Privatangestellten, sondern sogar der der bürgerlich-demokratischen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine hat bei den Verhandlungen über den Berliner Streik erklärt, mit der Haltung des Allg. Dtsch. Gewerkschaftsbunds (der freigewerkschaftlichen sozialdemokratischen Verbände) nicht einverstanden zu sein, man werde Solidarität üben, und den Streik mindestens finanziell unterstützen. Dagegen jammert der „Vorwärts“ und ebenso entsetzt die unabhängige „Freiheit“, daß das Vorgehn der Eisenbahner und der Gemeindearbeiter unverantwortlich sei und als ganz ungewerkschaftlich angesehn werden müsse (womit sie recht haben, was aber nicht gegen den Streik sondern gegen die Gewerkschaften zeugt). Und wie es die traditionelle Streikbrecherorganisation der Christlichen ist, die allein proletarisch handelt**, so krächzen die sogenannten „sozialistischen“ Bonzen, Zeitungen und Regierungen (Sachsen!) am jämmerlichsten über die wirtschaftsschädigende Haltung der irregeleiteten Arbeiter, schreien nach „technischer Nothilfe“, Schutz der Arbeitswilligen (Bahnhöfe etc. sind schon besetzt, und wer weiß, wann Herr Lipinski Reichswehr anfordern wird?) und leisten sich das Tollste in Beschimpfungen der Streikenden („radikale Gesellen“ schreibt die Münchner Post heute). Als Hauptargument für ihr konterrevolutionäres Getue weisen sie auf die Nähe des Beginns der Konferenz von Genua hin. Nun ist aber dessen Nähe lange nicht so gewiß wie man scheinen läßt. Denn die internationalen Differenzen, die dem Zusammenkommen der Vertreter des Weltkapitalismus noch im Wege stehn – speziell die französisch-englischen, nicht bloß wegen der Reparationsfrage sondern auch wegen der Regelung aller Orientprobleme, Beendigung des griechisch-türkischen Kriegs, Angorafrage, Zulassung Sowjetrußlands etc etc, – sind nicht nur noch nicht behoben, sondern vermehren sich eher als daß ihre Beseitigung in Aussicht stände. Und da ist wieder höchst interessant, welche Haltung die „Feinde“ in der Streiksache einnehmen. Meine – hier fast isolierte – Ansicht, daß die Entente jede revolutionäre Bewegung in Deutschland, auch die radikalste eher zu fördern als zu bekämpfen geneigt ist, erfährt eine sehr lehrreiche Bestätigung dadurch, daß die interalliierte Kommission stellenweise offen Partei für die Arbeiter nimmt. So hat sie in Mainz verfügt, daß die Ebertschen Erlässe zur Disziplinierung der ausständigen Eisenbahner „im Interesse der öffentl. Ruhe“ außer Kraft gesetzt werden mußten, (ob das für das ganze besetzte Gebiet gilt, steht noch nicht fest) und daß in Frankreich offenbar Neigung besteht, das Ruhrgebiet zur Sicherung der pflichtgemäßen Kohlenlieferungen zu besetzen, richtet sich sicher eher gegen die Kapitalisten in Deutschland als gegen die Arbeiter. Aber abgesehn von dem allen, liegt es durchaus eher im Interesse des Proletariats, die Konferenz von Genua zu sabotieren als sie zu fördern. Doch wird man das deutschen Sozialdemokraten ewig vergeblich predigen. Eins ist gewiß: die Wochen der Windstille sind vorbei. Wie sich das in Bayern geltend machen wird – vielleicht im Losschlagen der Rupprechtsparteien – bleibt abzuwarten. Daß auch hier nicht alles ruhig bleibt, ist trotz der desperaten Haltung des stumpfen bayerischen Proletariats gewiß. Und so wird sich auch in Niederschönenfeld – dem Hohlspiegel der Politik dieses Landes – bald genug erweisen, wie das Wetter sich gestaltet. Ich glaube – trotz alledem! –, daß das Barometer steigt.

 

* Irrtum. Der Dtsche Gewerkschaftsbund, (Baltrusch) ist dabei.

** s. S. 49 [vorige] Fußnote. Aber die Reichsgewerkschaft selbst ist von Hause aus keineswegs revolutionär.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 8. Februar 1922.

Um nicht hinter den Niederschönenfelder Ereignissen zurückzubleiben, heute zunächst wieder Chronik des Hausgeschehens: Clemens Schreiber hat mir im Laufe der Zeit eine Menge handwerklicher Arbeiten und Reparaturen gemacht, und wir haben zur Ersetzung seiner Auslagen dabei eine Forderung von 58 Mk 45 an mich herausgerechnet. Da seine Entlassung in 3 Wochen bevorsteht, wies ich die Kassenverwaltung in der üblichen Form an, Herrn F. G. Schreiber „für geleistete Arbeiten“ diese Summe aus meinem Konto zu überweisen. Das ist bisher stets so gemacht und noch nie beanstandet worden. Ich erhielt aber den Bestellschein zurück, der vor dem Stempel „Genehmigt“ die handschriftliche Ergänzung „Nicht“ trägt und „Hoffmann“ unterzeichnet ist. Man hindert mich also nicht bloß beliebig Ausgaben von meinem Geld zu machen, sondern sogar meine Schulden zu bezahlen und setzt dadurch Clemens, der bitterarm ist, den äußersten Verlegenheiten bei seiner Entlassung aus. Ich habe Clemens geraten, er solle jetzt eine eigne Aktion bei der Verwaltung versuchen, seine Rechnung spezialisiert vorlegen und anfragen, wie er, da dem F. G. Mühsam die Begleichung seiner Schuld verboten würde, zu seinem Geld kommen könne. Wollen sehn, ob sie die Schikanen noch weiter treiben. Aber es scheint mir doch charakteristisch genug, daß dieses Verfahren wieder zum ersten Mal an dem verhaßten Mühsam probiert wird, zweifellos um Schreiber gegen mich aufzubringen und so auch einen Freund dazu zu bringen, nach der Entlassung draußen das Weberlied gegen mich anzustimmen, daß ich mich beim Abschied noch auch ihm gegenüber als der geldschmutzige Jude erwiesen habe, als der ich nach der mißlungenen Duske-Schwab-Murböck-Aktion unbedingt dastehn soll. – Die Zeitungskonfiskationen häufen sich in diesen Tagen wieder mächtig. Dabei ist interessant, daß die Bayerische Arbeiter-Zeitung (Augsburg) gestern und heute nicht kam, nachdem die letzte Nummer eine „Judas“-Kritik nach der Nürnberger Aufführung für den nächsten Tag angekündigt hatte. Höchst wahrscheinlich will man mich dadurch kränken, daß man mir jede Mitteilung über den Verlauf der Veranstaltung vorenthält. – Genosse Josef Schmid (Burglengenfeld) kämpft immer noch vergeblich gegen die ungeheuerliche Rechtsbeugung an, daß man das Reichsamnestiegesetz vom August 1920 auf ihn nicht anwendet. Er wurde nach dem Kappputsch wegen der Beteiligung an den Abwehrkämpfen zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt, die er vollständig verbüßen mußte. Alle seine Versuche, dieses Unrecht auf die 15 Monate Festung gutgeschrieben zu bekommen, die man ihm vorher für die Tätigkeit 1919 aufgebrummt hatte[n], scheiterten. Wiederholt hat er sich mit mir beraten, was er noch unternehmen könne, und ich riet ihm, sich unter genauer Darlegung des Sachverhalts ans Reichsjustizministerium zu wenden. Daß dieser Rat gut war, zeigte sich daran, daß die Verwaltung sein Schreiben von der Beförderung ausschloß. Auch ein zweites, in der Form gemildertes, ging zu den Akten, was ihm gestern früh eröffnet wurde. Schmid geriet darüber in große Erregung, die sich durch lautes Fluchen auf die Rechtsbrecher Luft machte. Natürlich denunzierten die Aufseher jedes Wort (oder nein: sie brachten es pflichtgemäß zur Anzeige – sonst diszipliniert man mich wieder) und gestern abend rief man Schmid ohne Erfolg hinunter. Ich weiß nicht, ob er selbst die Sache vorbedacht zum Äußersten treiben wollte, um die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf seinen Fall zu lenken, oder ob er bloß in der Erregung den Provokationen eines uns allen längst verdächtigen „Genossen“ gefolgt ist, kurz: als 5 Aufseher kamen, um ihn herunterzuführen, schloß er sich in seine Zelle ein. Man brach die Tür auf und trug Schmid hinunter, der sich aus Leibeskräften wehrte und einem Aufseher die Uhrkette zerriß, wobei die Uhr zum Teufel ging. Nun sitzt der arme gequälte Mensch natürlich wieder in Einzelhaft, und Gott weiß, was für neuen Peinigungen man ihn noch aussetzen wird. Zu wünschen wäre nur, daß man ihn vor Gericht schleppt. Dann käme doch endlich einmal die Niederträchtigkeit ans Tageslicht, die gegen ihn verübt wird. Ein objektiv urteilender Richter könnte ihn ja garnicht wegen Widerstands verurteilen, da die Verwaltung sich grade ihm gegenüber ganz gewiß nicht in berechtigter Ausübung ihrer Amtsbefugnisse befindet. Aber wo fände sich wohl in Bayern noch ein objektiv urteilender Richter? Außer den Zeitungsbeschlagnahmen konfisziert man auch wieder Bücher und Broschüren, was eine Zeit lang ziemlich aus der Übung gekommen war. Unter anderm jetzt eine Schrift: „Der Jude hat Schuld an allem!“ – Diese Beschlagnahme wird aber dadurch verständlich, daß sie nicht gegen Hakenkreuzler geht, sondern gegen Kommunisten. Es ist eine Abwehrbroschüre gegen den Antisemitismus. – Noch ein Wort über die „Kameradschaft“ der Gefangenen. Thierauf ist schon jetzt Verräter, weil er mit uns verkehrt, statt mit den „Führern“. Von denen hat, wie jetzt herausgekommen ist, einer der Alleroberprominentesten einen jungen Schafskopf im ersten Stock zu bestimmen versucht, Daudistl, der zur Zeit an einem Roman schreibt, in dem er seine Freunde in der Festung ziemlich unsanft schildern soll, das Manuskript zu stehlen. Der Schriftendiebstahl aus den Zellen der Genossen heraus ist bei diesen Herrschaften ja von jeher schöne „politische“ Übung, und ich habe Beweise gesehn, daß er von gewissen Leuten ausgiebig geübt worden ist. Es zeigt sich, wie recht wir hatten, als wir seinerzeit Wachen ausstellten, um sicher vor unangenehmen Überraschungen im Hof spazieren gehn zu können. Auf die Entwicklung dieser neuesten Affäre bin ich gespannt. Denn Daudistl ist nicht der Mann, eine solche Sache im Sande verlaufen zu lassen. – Soviel also vom Inneren. Daß mich dabei jeder Nerv nach außen hinauszieht, versteht sich von selbst. Doch scheint in der Streikbewegung noch keine entscheidende Wendung eingetreten zu sein. Der Verrat der Gewerkschaftsbonzen tritt immer deutlicher zutage, und das Erfreulichste an der gegenwärtigen Bewegung ist, daß die Arbeiterschaft in weitem Maße zur Einsicht kommt, wie sie von der Bande gefoppt wird. Die Sozialdemokraten treiben die reaktionärste Bremspolitik am tollsten. Sie decken halt ihren Ebert. Proletarische Solidarität ist für sie ein längst überholter Begriff. Ein Beispiel: wie die „Frankfurter Zeitung“ berichtete, fand in Stuttgart eine Besprechung zwischen den württemberger Eisenbahnern und der Regierung statt, wobei die Arbeiter zugleich im Namen ihrer badenschen und bayerischen Kollegen erklärten, dem Streik nicht mehr lange tatenlos zusehn zu wollen, wenn die Reichsregierung nicht einlenke und ihre verfassungswidrigen, das Koalitionsrecht zertrümmernden, reaktionären Ausnahmebestimmungen zurückziehe und mit den Streikenden Verhandlungen führe. Die Badenser haben sich ja inzwischen angeschlossen. Daß aber auch die bayerischen Eisenbahner an dieser Kundgebung beteiligt waren, wird von der bayerischen sozialdemokratischen Presse unterschlagen, deren ganze Politik dahin geht, sich bei der – jetzigen! – bayerischen Regierung Liebkind zu machen, damit Auer endlich doch Polizeiminister wird (wobei die Arbeiter noch weniger Grund zur Freude hätten als bisher schon). – Die Lokomotivführer halten sich bisher überall sehr gut. Nur in Bayern treten auch sie noch immer fast völlig zur Arbeit an, die sie allerdings nur recht eingeschränkt vorfinden. Der gesamte Schnellzugsverkehr ist bereits eingestellt und die Personen- und Güterbeförderung ist sehr reduziert. Dafür hat aber Lerchenfeld eine Rede gehalten, die Besonnenheit der bayerischen Arbeiter gelobt und gestreichelt und zugleich mit der Peitsche schneidigster Gewalt gefuchtelt, falls diese Besonnenheit sich auf die eignen Interessen besinnen sollte. – Ich vermute, daß bis morgen entschieden sein wird, ob den Führern ihr Verrat wieder gelungen ist oder ob der Streik sich zu einer großen politischen Aktion ausweitet. Prophezeien ist da zwecklos. Man kann nur hoffen und fürchten. – Kleinere Notizen. Budich (Dietrich) ist aus dem Polizeipräsidium in Berlin befreit worden und also der bayerischen Rachejustiz, die ihn sicher ins Zuchthaus geschickt hätte, entgangen. (Ich hätte längst notieren sollen, daß auch der Unterseebootheld Dittmar, dem man wegen der Massenermordung Verwundeter und Kranker 4 Jahre Gefängnis gab, entflohen ist, wie vor ihm sein Kollege Boldt. Die internationalen Beziehungen werden dadurch weiterhin kompliziert). – Und noch etwas Erfreuliches: Die Russen haben Max Hölz in ihren Zentralsowjet gewählt. Er ist somit Mitglied der russischen Regierung geworden, und das Deutsche Reich wird ihn jedenfalls freigeben müssen. Ich hoffe, daß man in Moskau bald auch an mich und einige andre Opfer der bayerischen Rachejustiz denken wird. Vor allen sollten sie sich Lindtners erinnern. Im Allgemeinen sehe ich unsre Aussichten wieder viel viel günstiger an als seit mehreren Monaten.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 10. Februar 1922.

Vorbei. Der Eisenbahnerstreik ist vollständig abgewürgt, die Niederlage ist vollkommen. Sozialdemokratie und Gewerkschaften haben erreicht was sie wollten. Nicht einmal ihre Forderung, daß Disziplinierungen unterbleiben sollen, haben die Beamten durchsetzen können. Ebert selbst soll erklärt haben, daß das Reich auf die Bestrafung der Streikführer, also der Klassenkämpfer, die nach den Grundsätzen handeln, die dieser Arrivist jahrzehntelang vertreten hat, nicht verzichten könne. Das Schwerkapital hat auf der ganzen Linie gesiegt, auch die Berliner Gemeindearbeiter scheinen wieder unters Joch gekrochen zu sein, und der Beschluß, der die „Spitzenorganisationen“ zur sofortigen Proklamation des allgemeinen Generalstreiks im ganzen Reich aufforderte (er wurde von den Berliner Betriebsräten gegen 30 von 600 Stimmen angenommen) wird natürlich wirkungslos bleiben. Der „Vorwärts“ hat ihn schon als nicht bindend erklärt, da er „unter dem Druck der Tribüne“ (wo doch wohl die Arbeiter selbst saßen) zustande gekommen sei. – So stehn wir mal wieder trauernd am Grabe einer starken, aussichtsvollen Bewegung. Das Resultat ist bitter. Die Lokomotivführer und die Eisenbahner überhaupt sind für lange Zeit geschwächt und in ihrem Vertrauen auf die Solidarität des übrigen Proletariats bitter enttäuscht (hier war die Gelegenheit, diese bürgerlich befangenen noch kampfungeübten Schichten der Beamtenschaft dauernd zu gewinnen). Die Rückschläge auf den Offensivgeist der Arbeiterschaft allgemein liegen auf der Hand. – Trotzdem sehe ich nicht nur negative Resultate dieser mächtigen Schlacht, die wir verloren haben. Der materielle Verlust, den der Staat erlitten hat, ist enorm. Der Verkehr wird noch lange nicht ganz in der alten Ordnung funktionieren, zumal die außerordentliche Kälte der letzten Tage die Weichen zum Einfrieren oder Bersten gebracht und auch sonst an Maschinen und Streckenmaterial eine Unmenge vernichtet hat. Auch die zahlreichen verschneiten Geleise überall werden nicht von einem Tag zum andern freigemacht werden können. Trotzdem verkehren schon jetzt wieder die wichtigsten Züge, und die materiellen Wirkungen des Streiks will ich nicht überschätzen. Dagegen glaube ich, daß es auch ideelle Wirkungen gibt. Vor allem ist die Haltung der Gewerkschaften noch nie so offen und brutal zutage getreten wie diesmal. Sonst haben sich die Bonzen wohl stets bemüht, Kämpfe zu hintertreiben, und wenn das nicht gelang, so schnell wie möglich abzubremsen. Aber so lange sie akut waren, tat man doch immer mit, „stellte sich an die Spitze“, wahrte den Schein, als ob. Jetzt hat man die Maske abgeworfen, vom ersten bis zum letzten Tage offen zum Streikbruch aufgefordert und die Hetze der Bourgeoisie noch überboten im Scharfmachen gegen die Streikenden. Diese Lehre wird nicht unvermerkt vorüber gehn, und wenn auch infolge der unglückseligen Leitsätze und der 21 Punkte die Kommunisten immer noch die Parole ausgeben: Rein in die Gewerkschaften, statt ihre Zertrümmerung zu predigen, – so werden die Arbeiter selbst doch zum Denken gelangen und von ihren kommunistischen Führern allmählich selbst eine vernünftigere „Einstellung“ (das ist das große Modewort der revolutionären Presse) fordern. Ich schließe die Betrachtung für heute, da die Temperatur in meiner Zelle mir das Aufsuchen wärmerer Orte im Hause nahelegt. Zur Hauschronik trage ich nach: Josef Schmids Zelle ist gleich nach seiner brachialen Verbringung nach unten ausgeräumt worden, und es heißt, er sei nicht mehr in Niederschönenfeld. Vermutlich ist er nach Erlangen transportiert worden, doch halte ich es auch für möglich, daß er in den Altbau oder nach Neuburg in Untersuchungshaft genommen ist. Wahrscheinlicher ist aber Erlangen. Seine Sache wird der Justizbehörde doch wohl auf die Nerven gehn. Da sie aber niemals Unrecht haben kann, ignoriert man alle seine Beschwerden und Gesuche und verschleppt ihn in die Irrenanstalt, die sich ja noch immer als Durchgangsstation zur Entlassung nach bestimmter Anstandsfrist bewährt hat. (Wie wir hören, ist auch der junge Baumann jetzt von dort rausgelassen worden). Möglich ist auch, daß man gern Festungsgefangene in die Heil- und Pflegeanstalt übergibt, damit der Öffentlichkeit von Herrn Dr. Kühlewein ein möglichst großer Prozentsatz von Psychopathen vorgesetzt werden kann, die die Arbeiterschaft mit verbrecherischen Irrlehren verseuchen. – Und jetzt gehe ich zum Luttner-Ferdl, dessen Zelle auf dem wärmeren Flügel liegt, um ein Schreiben an den Justizminister Lerchenfeld in Reinschrift zu übertragen, das die späte Einsicht der Festungsverwaltung und des Hausarztes im Falle Walter zum Gegenstand hat. Keine Beschwerde! Nur eine Anfrage, was man in dergleichen Fällen tun soll, um seiner Menschenpflicht genügen zu können, ohne sich gesundheitsgefährdenden Maßregelungen auszusetzen. In der Überschrift heißt es deshalb gleich: „Betreff: Ersuchen um Verhaltungsmaßregeln für die Fest.-Gef. in Niederschönenfeld im Falle besorgniserregender Beobachtungen im Verkehr mit Mitgefangenen."

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 12. Februar 1922.

Ich schreibe in Luttners (meiner ehemaligen) Zelle, da auf unserm Flügel eine unerträgliche Kälte herrscht. Nur in aller Kürze deshalb das Wichtigste. Der Reichstag ist wieder beisammen, und die „linke“ Regierung hat ihr liebes Gesicht in ganzer Schönheit enthüllt. Erst hat Herr Wirth selbst sich über den Streik geäußert, den er als „Revolte“ bezeichnete, während er den „Nothelfern“ das Zeugnis als Lebensretter ausstellte. Natürlich wurden auch wieder die Toten beklagt, die als Opfer des Licht- und Wassermangels in Berlin auf der Strecke geblieben sein sollen (über die Opfer der Reichswehr, Schupo, Sipo, Lapo, Popo etc schweigt des Sängers Höflichkeit) und dann das neue Prinzip verkündet, daß den Beamten generell das Streikrecht verweigert werde. Der Hundsfott-Verkehrsminister Gröner schlug noch dicker in dieselbe Kerbe, sodaß ihm sogar ein deutschnationaler Abgeordneter das Lob erteilte, diesmal habe er ihm und den Seinen aus dem Herzen gesprochen. Die Reihe der Staatsretter wurde aber erst perfekt, als der Sozialdemokrat Wels, Noskes großer Vorläufer (Weihnachten 18!) als Eideshelfer auftrat und proklamierte, die Reichsverfassung bestätige zwar das Koalitionsrecht der Staatsbeamten, das sei aber keineswegs gleichbedeutend mit Streikrecht! Die Beamten dürfen sich also zusammensetzen und schimpfen, vielleicht auch fordern, kriegen sie aber nicht was sie verlangen, so haben sie zu verhungern. Das Recht zu kämpfen wird ihnen von den „Sozialisten“ abgesprochen! Diese Enttarnung der Wirth-Regierung und ihres Trosses ist äußerst wertvoll, und den Arbeitern wird wohl allmählich die Einsicht kommen, daß die Regierung eines Klassenstaats aussehn kann wie sie mag, daß sie aber immer eine Klassenregierung bleiben muß. Die „unabhängige“ Freiheit konstruiert angstvoll zwei Hälften des Reichskabinettes, deren rechte – Gröner, Hermes – zu stürzen und deren linke – Wirth, Radbruch etc – zu stützen sei. Klägliche Bande, diese Kautskyniker. Genug davon. Diese Lokomotivführeraktion ist vorbei, ihre Lehren werden sich noch zeigen. Das politische Tagesbild wird wieder von andern Dingen gestellt und zumeist ausgefüllt von Vorbereitungen zur Konferenz von Genua. Das Intrigenspiel der Poincaré, Harding, Stinnes, die allesamt am liebsten die ganze Konferenz hintertreiben möchten und doch so tun, als ob sie alles Heil von ihr erwarten, ist sehr amüsant, aber auch ziemlich undurchsichtig, weil die Zeitungsorientierung immer da versagt, wo tiefere Zusammenhänge aufzudecken sind, und einen fortwährend bei episodischen Belanglosigkeiten aufhält. Diese Dinge, zumal die Haltung Rußlands dazu, bzw. der Kapitalsstaaten zu Rußland, mögen zurückgestellt bleiben. Trotzki hat in einer Rede kürzlich die Beziehung Rußlands zu den andern Nationen aufzuzeigen versucht, indem er das Bild eines Eisenbahnkupees heranzog, aus dem eine Gesellschaft die andre hinauszudrängen versucht, um allen Platz für sich in Anspruch zu nehmen. Man sei nun, da sich herausgestellt habe, daß das weder den Einen noch den Andern gelänge, übereingekommen, sich eben miteinander einzurichten, – so gehe eben Sowjetrußland nach Genua. Sehr hübsch. Nur hat Trotzki das Bild nicht ganz ausgemalt. Sonst hätte er sagen müssen, warum man es bisher als unmöglich ansah, miteinander im gleichen Kupee Platz zu nehmen: weil nämlich die beati possidentes die Fahrtrichtung des Zuges zu bestimmen haben. Die Russen wollten zum Kommunismus, die andern zum Kapitalismus, und das Kompromiß sieht – leider! – so aus, daß die Russen nun halt die Lokomotive fahren lassen ohne auf die Richtung weiter Wert zu legen: wenn sie nur mitfahren dürfen. – In Deutschland plärrt zwar auch alle Welt von Genua. Ich habe aber den Eindruck, als ob man die politischen und wirtschaftlichen Dinge genau wie bisher Gott und Lloyd George anvertrauen wird und abwarten wird, wie man sich nachher wieder als den bejammernswerten Prügelknaben Europas exhibitionieren kann, ohne deswegen mit dem ungeheuerlichen Vergnügungs- und Luxusbetrieb, der jetzt im Schwange ist, aufhören zu müssen. – Inzwischen gibt es wieder genug zu vertuschen und zu beschönigen und abzuleugnen. In den Enthüllungen des Herrn Abel, die Bayern speziell betreffen, beschimpfen sich nun die nationalistischen Hochverräter gegenseitig. Die Alldeutschen denunzieren die Separatisten wegen ihrer Techtelmechtelei mit Frankreich und müssen sich dafür vorschmeißen lassen, daß sie seinerzeit den ganzen Oberschlesienrummel für ganz andre Dinge inszeniert haben als sie vorgaben. Der „Bayerische Kurier“, hochoffiziöses Organ der regierenden Partei, hat das Visier sehr weit gelüftet und den Hauptmann Römer, der Rupprechts Pläne bestätigt hat, gefragt, ob er nicht mehr an die Pläne denkt, statt nach Oberschlesien oder doch von dort aus nach Berlin zu marschieren. Man kann jetzt gespannt sein, ob die für den März angekündigten bayerischen Ereignisse eintreten oder auch diesmal wieder wegen der frühzeitigen Enthüllungen aufgeschoben werden. Ich bedauere es sehr, daß die Aktion wieder in Frage gestellt ist. Kommen muß sie doch – da von links, besonders in Bayern, garnichts zu erwarten ist – von rechts, und ich liebe schon der Klarheit wegen die Schnelligkeit der Entwicklung. Ich wünsche sogar den Rupprechtsputschisten Erfolg. Käme es wieder so wie im Reich beim Kappputsch, dann wird wieder nichts Entscheidendes. Andernfalls kann Berlin nicht ruhig bleiben, und es erfolgt entweder die Diktatur des Proletariats oder die Escherichs, mag darüber aus uns hier werden was mag. Das ist viel weniger wichtig, als sich die egozentrischen Genossen einbilden. – Aber à propos – Oberschlesien. Dort sind wieder ganz eigenartige Dinge passiert, die eventuell noch Konsequenzen zeitigen können. In Annaberg und in Petersdorf bei Gleiwitz sind Gewalttaten von Selbstschutztruppen gegen französische Soldaten verübt worden, in Petersdorf wurde eine Turnhalle, in der die Besatzungstruppen lagen, mit Maschinengewehren und Handgranaten überfallen – es sollen 50 Tote und Schwerverletzte sein etc. Dazu kommen Waffenfunde in großem Maßstabe und natürlich Noten, Drohungen und das übliche Lamento der deutschen Zeitungen, die Polen seien an allem Schuld. Wollen sehn, was draus wird. Unsre lieben Patrioten sind solche Hornochsen, daß wir sicher sein können, daß sie der Revolution besser vorarbeiten als die verprügelte deutsche Arbeiterschaft. – Vom Hause nur eine neue Disziplinierung: Taubenberger ist mal wieder in Einzelhaft, weil er Petroleum aus Anstaltslampen „requiriert“ hat, als mal wieder das Elektrische nicht funktionierte. Nun wird Herr Dr. Kühlewein wieder mit Diebstahlmärchen operieren, obwohl es Taubenberger, wie ich ihn kenne, nur um die „Heldentat“ zu tun war. Aber so sind sie, unsre allein echten und konsequenten Kommunisten. Daran wird auch die Erklärung ihrer eignen Partei in der amerikanischen Geldaffäre wenig ändern, wonach Weigel, gegen den sich das Verfahren natürlich allein richten konnte, vollständig gerechtfertigt und gegen Duske ein besonderes Verfahren angekündigt wird. Aber ich habe jetzt hier drinnen meine Ruhe – und ich hoffe, es wird dabei bleiben.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 13. Februar 1922

Hausangelegenheiten. Meine Bemerkung zur Überführung Jos. Schmids nach Erlangen hat überraschend schnell eine Bestätigung erlangt. Gestern ist plötzlich auch Marschall abtransportiert worden, – wie alle annehmen, ebenfalls dorthin. Also jetzt in 14 Tagen drei politische Gefangene, und Kühleweins Liste wird bald länger werden, denn es gibt eine ganze Reihe Genossen, die recht gern via Erlangen frei werden möchten (ich nehme es auch keinem übel). Es wird unsre und der Genossen draußen Aufgabe sein Wasser in den (Kühle)wein zu schütten und die Statistik zum Belege dafür zu benutzen, wieviel Gefangene durch den bayerischen Festungsvollzug nervenkrank gemacht worden sind. Marschalls Entfernung ist kein schmerzhafter Verlust. Mir war der Mann von jeher nicht bloß unsympathisch, sondern auch höchst verdächtig, – und ich halte die Meinung der Genossen nicht für falsch, daß der Mann – auf dessen Provokation hin grade Schmid zu seinem Exzess gebracht wurde – als für die Zwecke der Reaktion nicht mehr verwendbar, da allmählich von zu vielen durchschaut, in plausibler Weise in Freiheit kommen soll. Ihn, der seinerzeit unter den von Murböck gekirrten Unterschriftstellern war, die ihre Versetzung in den I Stock dadurch erzielten, hatten die Patentkommunisten zum Vertrauensmann der KP-Mitglieder im I Stock erwählt. Sie haben Pech mit ihren Vertrauensleuten! – Mir wurde vorhin eine Eröffnung vorgelesen, die eine nagelneue Methode bayerischer Gefangenenschikanieren einleitet, nämlich: Eine an den F. G. Mühsam eingegangene Geldsendung von 1500 Mark von W. Arntz, Düsseldorf-Eller wurde an den Absender zurückgeschickt, weil das Geld propagandistischen und Umsturzzwecken dienen soll, wie aus dem Postanweisungsabschnitt klar ersichtlich ist. – Dr. Kühlewein hatte bei seiner letzten Verleumdungsrede gegen uns die Arbeiter offen aufgefordert, Unterstützungen für die politischen Gefangenen aufzugeben (mit Erfolg: denn die Frauenhilfsunterstützungen – 20 Mk monatlich für jeden nebst Lebensmitteln und andern Gebrauchsdingen – sind, offenbar als Wirkung der Auerschen Hetze in der Münchener Post, seitdem ausgeblieben). Da nun aber an manchen Orten die Arbeiter (im Düsseldorfer Fall handelt es sich wahrscheinlich wieder um Syndikalisten) trotzdem noch an uns denken, hindert die Verwaltung selbst nun die Genossen daran, zu helfen. Man muß es dem Staatsanwalt Hoffmann lassen: er versteht sich auf das Geschäft des brutalen Klassenterrors und operiert bedeutend geschickter als sein Vorgänger Kraus, den der primitive Haß einer subalternen Feldwebelseele dauernd zu kompromittierenden Blößen bei seinen Drangsalierungen verleitete. Wie ich dieser neuen Infamie begegnen werde, weiß ich noch nicht. Daß sie mir als Waffe noch gute Dienste leisten wird, weiß ich gewiß. – Öffentliche Angelegenheiten: Zum Eisenbahnerstreik: Massendisziplinierungen sollen nicht stattfinden, hatte das Reichskabinett proklamiert, nur Einzeldisziplinierungen. Jetzt zeigt sich, was darunter zu verstehn ist: die Reichsgewerkschaft berechnet die der Maßregelung Verfallenden auf 20 bis 30000 Mann! Also recht massenhafte „Einzeldisziplinierungen“. Schon aber gärt es wieder in den Reihen der Betroffenen. Wirth hat im Reichstag eine Vertrauenskundgebung für die Regierung gefordert. Zentrum, Demokraten und – Sozialdemokraten haben denn tatsächlich eine Vertrauenskundgebung für diese Gesellschaft (inklusive Gröner!) eingebracht. Die Unabhängigen haben aber gemerkt, wohin sie geraten und werden – da Ledebour zuletzt offenbar doch noch die bessere Tradition zu wecken verstand – jedenfalls dagegen stimmen, sodaß die Annahme sehr unsicher ist. Wenn aber abgelehnt wird, was dann? Entweder kommt dann ein Kompromiß zustande, wonach Gröner – und vielleicht Hermes – rausfliegt und dafür Breitscheid Minister wird, oder der Reichstag wird aufgelöst. Die „Linken“ jammern zum Erbarmen: Deutschland ohne Steuermann nach Genua schicken – das ist entsetzlich! – Ich habe meine helle Freude an dem allen. Sehe ich doch mit jedem neuen Tage, wie tief der Karren im Dreck steckt. Möge sich gern erst die konterrevolutionäre Gewalt daran versuchen, ihn herauszuziehn. Ich wünsche, wie die Dinge gediehen sind, daß die Esche- und Helfferiche erst abwirtschaften, ehe wir wieder ans Werk kommen. Umso besser wird uns vorgearbeitet sein.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 14. Februar 1922.

Kleinigkeiten: Im ersten Stock hatten ein paar Athleten einen Kurs zur Körpergewandheit und Kräftigung durch Jiu-Jitsu-Unterricht angefangen. Heute kam ein Aufseher dazu, dem auf seine Frage, was das bedeutete, wahrheitsgemäße Auskunft gegeben wurde. Er verschwand, aber statt seiner erschien der „Oberverwalter“ Rieblinger (diese Ober-Unterbeamten führen lauter verschiedene Titel, die ich auch nach Abbüßung meiner ganzen 15 Jahre noch nicht auseinanderzuhalten gelernt haben werde): Der Unterricht müsse sofort abgebrochen werden, diese Übungen seien streng verboten. Nach einer Weile erschien er wieder und forderte im Auftrage des Staatsanwalts die Herausgabe des Lehrbuchs, das seinerzeit anstandslos durch die Zensur hereingekommen war. Eine ungeheuere Gefahr ist also wieder vom „Freistaat“ Bayern abgewandt, und die schwer bewaffneten über 100 Mann zählenden Aufseher und Weißgardisten, die uns bewachen, können beruhigt aufatmen, da die 60 unbewaffneten Gefangenen nicht lernen dürfen, wie mit Faustkampf und Beinstellen der Sieg über Gewehr, Pistole und Handgranate errungen werden kann. – Toller erzählte mir folgende kleine Geschichte. Er hat sich einen neuen Hut gekauft. Um ihn zu schonen, bat er die Verwaltung um Herausgabe eines seiner Kartons, die beim Paketempfang nicht mit ausgehändigt werden. Antwort: im Interesse der Sicherheit der Anstalt (!) abgelehnt. Hut kann in Papier eingewickelt werden; falls überflüssig – heimsenden! – Ich notierte neulich das Verbot, beim Passieren des I Stockwerkes durch die Gitterstäbe etwas auszutauschen oder durchzureichen. Heute begrüßte ich im Vorbeigehn Stahl und fragte ihn, wann er herauskomme. Der wachehaltende Aufseher trat gleich herzu: hier dürfen keine Gespräche geführt werden! Einen Schritt weiter, nämlich diesseits der – überdies geöffneten – Gittertür bringt aber ein Gespräch zwischen den F. G. des I und II Stockes die Sicherheit der Anstalt nicht in Gefahr. – Dann: eine Menge Genossen haben in der letzten Woche die Eröffnung erhalten, daß sie die Anstaltsanzüge bis zum 1. April abliefern müssen. Belassen wird die Kleidung nur denen, die unten für die Verwaltung arbeiten – bei einem Stundenlohn von 1 Mark! Bei dieser Entlöhnung erreicht die sechsstündige Tagesleistung noch nicht Hälfte der draußen für die Stunde gezahlten Lohnhöhe. Aber: wer keine private Kleidung hat oder sein einziges Gewand hier nicht auftragen möchte (ein Anzug kostet zur Zeit etwa 2400 Mark), muß, um den bisher jedem Festungsgefangenen gelieferten Uniformanzug weiter tragen dürfen, Sträflingsarbeit unter den niedrigsten Bedingungen – Abtasten vor und nach der Arbeit, entwürdigende Aufsicht etc – leisten und zwar gegen eine Lohndrückerentschädigung, die jedes Solidaritätsempfinden mit den Arbeitern draußen empören muß. Die Arbeit der Festungsgefangenen auf eignes Risiko und für eigne Rechnung wird durch die Konfiskation des eigenen Handwerkszeuges unmöglich gemacht. – Heute liefen Aufseher durchs Haus zur Inventaraufnahme, in Wirklichkeit, um überall den zweiten Stuhl und den zweiten Tisch aus den Zellen zu holen, auch wo sich dergleichen in Doppelzellen anfand. Als noch 90 Gefangene da waren, war genügend Mobiliar für jeden da. Jetzt sind wir 63 Mann, da reicht’s nicht. Seht zu, wie ihr fertig werdet! – Lauter Kleinigkeiten, die ihren Zweck uns zu quälen und zu erbittern kaum mehr erreichen, da die Krampfhaftigkeit der Schikanebemühungen doch schon zu offen erkennbar ist, sodaß schließlich auch die Betroffenen selbst bei dem Hagel der täglichen Neuausheckungen von Ärgerlichkeiten den Ärger verlernen und nur noch als amüsiertes Publikum zusehn, was für Zeugnisse robusten Gewissens ein bayerischer Beamter heutzutage vorweisen muß, um auf eine lohnende Karriere rechnen zu können. Ich halte diesen Brutalitätsunterricht als Klassenkampfäußerung für überaus nützlich. Die sentimentalen Menschen hier drinnen (wir setzten nach Eisners Ermordung die verdächtigsten Kerle der Großbourgeoisie als Geiseln ins vornehmste Hôtel!) erfahren am eignen Leibe, wie bedenkenlos die jetzt herrschende Klasse ihre Gesinnungsgegner zwiebelt. Das vergessen sie im Leben nicht! Vorteilhaft zur richtigen Beurteilung ist dabei besonders, daß jeder genau weiß, wie absolut anders der Mörder Arco in Landsberg behandelt wird. Und weder die Ausrede des Oberstaatsanwalts Menzel, der mir seinerzeit sagte, es sei ein Unterschied ob in einer Anstalt bloß 1 Mann sei oder deren 70, ist stichhaltig noch die Erklärung der derzeitigen Regierung, der Graf habe eben bisher durch sein Verhalten keinen Anlaß gegeben, die Verschärfungen, die in Niederschönenfeld durch eigne Schuld der Gefangenen eingeführt werden mußten, auch für ihn anzuwenden. Denn – und das ist der weitere Vorteil der reaktionären Stupidität, die zurzeit Bayern verwaltet – unsre Genossin Hanna Ritter, die ganz alleine in Aichach in Festung sitzt, wird mit genau denselben Drangsalierungen gemartert, die wir auszuhalten haben – und zwar vom ersten Tage an, ohne noch Gelegenheit gefunden zu haben, Verschärfungen zu provozieren. Besonders amüsant finde ich bei alledem, daß es eigentlich erst so öffentlich und mit Posaunenbegleitung losging in der Mißhandlung der Festungsgefangenen, seit Radbruch im Reichstag erklärt hat, die Respektierung der Reichsgesetze in Niederschönenfeld werde er zu erzwingen wissen. Wie er das mache, solle man nur ihm überlassen. Der arme Kerl! Mit dem ausgezeichneten Ruf eines überaus fortschrittlichen, wahrhaft freiheitlich gesinnten Strafrechtsreformers und sozialistischen Juristen trat er sein Amt an. Jetzt ist sein Name bedreckt, da er – mit Recht – zur Verantwortung gezogen wird für seine Mitunterschrift unter den Verfassungsbruch seiner Ministerkollegen Wirth und Gröner durch Verweigerung des Beamtenstreikrechts, und seine guten Absichten hat er danach in kapitalistische Bedenklichkeiten einpökeln müssen – von seiner ersten Leistung ab, die die Verweigerung der Amnestie war, weil sonst die Hoheitsrechte Bayerns angetastet würden, bis zur Ablehnung der Strafverfolgung Ludendorffs nach dem Jagowprozeß –, daß er – wenn jetzt, was immerhin durchaus möglich ist, am Mittwoch Wirth mit seinem ganzen Geschmeiß abtreten muß – er, der erste sozialistische Reichsjustizminister in Deutschland – mit vollständig negativem Resultat auf seine kurze Amtstätigkeit zurücksehn kann. Er hat einer reaktionären Sache gedient und daher reaktionär wirken müssen. Schade um den Mann.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 15. Februar 1922

Hört man die „Realpolitiker“ im I Stock (besonders Toller und Hartig) reden, dann muß man meinen, daß heute nachmittag um 4 (jetzt in 2 Stunden) das Schicksal Deutschlands endgiltig entschieden wird – je nachdem, ob die Herren Wirth, Rathenau, Gröner und Kollegen das Vertrauen des „hohen Hauses“ ausgesprochen kriegen oder nicht. So bedingt es das demokratische System der einzig wahren Gerechtigkeit, daß die Zufallsabstimmung von etwa 400 Personen, die nicht nach ihrem von den Wählern geprüften Wert, sondern nach von Vorständen zusammengestellten Listen „gewählt“ worden sind, die Prinzipien ergibt, nach denen ein großes Volk möglicherweise jahrelang gegängelt werden soll. Wenigstens glauben das die Demokraten selbst. Sie sehn nicht, daß ein kapitalistischer Saat nur kapitalistisch regiert werden kann, ob vornedran nun ein Großkapitalist wie Rathenau oder ein Unabhängiger Sozialist wie Crispien sitzt (ich will nicht boshaft sein und Sepp Örter sagen). Mir ist also der Ausfall der gewichtigen Abstimmung in der Seele gleichgiltig. Amüsant fände ich es nur, wenn sich etwa – was keineswegs ausgeschlossen ist – eine Mehrheit für Wirth mit Hilfe der Bayerischen Volkspartei ergäbe. Die Koalitionsparteien und die Oppositionsparteien sind fast gleich stark, und – falls nicht die Unabhängigen oder die Nationalliberalen aus „nationalem Pflichtgefühl“ noch im letzten Augenblick umfallen und von der Opposition zur Loyalität abschwenken, werden die 20 Stimmen der bayer. Volkspartei den Ausschlag geben. Überraschenderweise haben diese Vendée-Frondeure gegen das Reich nicht eo ipso Aufstellung bei den Deutschnationalen genommen, sondern [es] scheinen ernstliche Bemühungen in ihrem Kreise zu betreiben, daß man das gegenwärtige Kabinett stützen soll. Diese Einflüsse sollen so stark sein, daß es heißt, die Partei lasse ihren einzelnen Mitgliedern Entscheidungsfreiheit. Spricht die B. V. nun den Reichsrepublikanern ihr Vertrauen aus, so gäbe es dafür allerdings eine sehr einleuchtende Erklärung, die nämlich, daß diese ausgesprochenen Royalisten und Reaktionäre für ihr gewalttätiges und rechtsbrecherisches Treiben bei sich in Bayern von keiner andern Reichsregierung so wenig und so wirkungslosen Widerstand fürchten wie von dieser Republikaner-und Judenregierung, die sie bisher als den Ausbund jeder zentralistischen und verräterischen Verworfenheit denunziert und beschimpft haben. Unsre treuherzigen Hausdemokraten erhoffen eine „Verbreiterung nach links“ als Resultat der heutigen Reichstagssitzung: also mit Einschluß der Unabhängigen in die Regierung. Möglich ist’s ja, auch daß dann unsre Amnestierung sehr rasch beschlossen würde – ich glaube freilich eher, daß die Rupprechtler grade dann wirklich mal losschlagen, – was ich nun meinerseits für höchst erwünscht hielte. Um meine Meinung genau zu präzisieren: es wird nicht, wie die Skeptiker behaupten, „alles beim Alten bleiben“, deshalb nicht, weil – außer den Menschen – bei uns garnichts unverändert ist, und das Quieta non movere, das jeder Deutsche instinktiv und schon um der allgemeinen Disziplin wegen hochschätzt, in Ermanglung irgendwelcher Stabilität der Dinge nicht tauglich ist. Aber die Übernahme der Regierungsgewalt aus dieser Hand in jene ändert an sich garnichts. Daß eine sogenannte „Krise“ da ist, ist nur als Symptom bemerkenswert, da sie aus dem wirtschaftlichen Kampf der Eisenbahner und der Berliner Stadtarbeiter hervorgegangen ist. Aus den Streikbewegungen der letzten Wochen, die keineswegs schon zu Ende sind, im Gegenteil nur Einleitung größerer Kämpfe waren, werden aber weitere „Krisen“ entstehn, die noch ganz andre Wirkungen haben werden als die Erschütterung, meinetwegen sogar den Sturz einer Regierung oder auch Reichstagsneuwahlen. Das sind nebensächliche Reflexerscheinungen. Was bleibt, ist die Radikalisierung der Massen der Proletarier und Halbproletarier, die Erkenntnis bei Arbeitern und Beamten, daß das ganze bürgerlich-demokratische System nichts taugt, um soziale Ziele zu erreichen, daß aus der Zerfahrenheit keine Parlamentspolitik und keine Gewerkschaftsmächelei hilft, daß auch die Führung der Arbeiterschaft durch Partei- und Gewerkschaftsbürokraten korrupt ist, und daß revolutionär gehandelt werden muß. Mag also die Abstimmung heute ausfallen wie sie will, mag „mit Rücksicht auf Genua“ Wirth bleiben oder ohne Rücksicht auf Genua (dessen Verzögerung bis in den April durch die Politik Poincarés und Hardings wahrscheinlich geworden ist) gestürzt werden, – nicht an der Spitze des Staats sondern in den Tiefen der Gesellschaft bereitet sich Neues, Großes und Wesentliches vor.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 16. Februar 1922

Also die „Krise“ ist mal wieder vorbei. Dr. Wirth und seine Kellner im Bräustübl zum Rathenau haben ihr Vertrauensvotum gekriegt, und der Wille des deutschen Volkes ist endlich dadurch zu unzweifelhafter Feststellung gelangt, daß die Bayerische Volkspartei sich der Stimme enthielt, die Unabhängigen mannhaft gegen das Vertrauen votierten, aber zwei Dutzend Mitglieder vor der Abstimmung aus dem Saal schickten, und die deutsche Volkspartei ebenfalls gegen die Wirthschaft stimmten, aber drei räudige Schafe sie billigen ließen. So sind denn etwa drei Dutzend Volksvertreter mehr aufgestanden als sitzengeblieben und das Reichsroß ist neu beschlagen worden. Ich möchte mal bei so einer Geheimkonferenz der feindlichen Brüder hinter der spanischen Wand stehn und zuhören, wie man dergleichen Rechenexempel vor der Entscheidung löst. Der Arithmetikprofessor-Reichskanzler und Dividendenmultiplikator Außenminister werden wohl mit derartigen Rechnungen besser fertig werden als mit andern, die ihnen die Politik stellt. Do ut des. Die USP wird vermutlich eine verbindliche Verbeugung von Gröner bekommen haben, daß er bei den Maßregelungen kleine Streichungen vornehmen will, und die Bayerische Volkspartei wird ein Geschäft abgeschlossen haben, um durch tapfere Passivität das Wirthgeschmeiß zu retten, bei dem als Objekt möglicherweise wir bayerischen Festungsgefangenen endgiltig an die bayerische Haßjustiz verschachert worden sind. Wer kann’s wissen? – Die Pleite dieser Reichsregierung ist vorerst aufgeschoben. U. S. P. und B. V. haben übereinstimmend erklärt, daß sie die Außenpolitik Wirth-Rathenaus nicht stören möchten, die ersteren, weil sie sie wirklich für richtig halten, die Bayern, weil sie die Blamage denen überlassen wollen, gegen die sie ihre Giftpfeile richten wollen, wenn sie wirksamer durchtränkt sind. Und das wird wohl bald genug der Fall sein. Denn die „Erfüllungspolitik“ dieses Kabinetts kriegt schon wieder neue Erfüllungsaufgaben zugewiesen. Zwischen Frankreich und Rußland ist ein Abkommen zustande gekommen, das wieder mal zeigt, wie man in aller Welt außer in Deutschland die rückläufige Wirkung der russischen Konzessionspolitik vom Sozialismus zum Kapitalismus erkennt und für eigne Geschäfte ausnutzt. Wenn ich die bis jetzt vorliegenden Berichte recht durchschaue, so wird Sowjetrußland von Frankreich in aller Form anerkannt werden, was durch kapitalistische Konzessionen erkauft werden muß: zunächst müssen alle unter dem Zarismus eingegangenen Staatsschulden anerkannt, verzinst und amortisiert werden, dann aber scheint Frankreich auch die aus dem Versailler Vertrag vorsorglich für Rußland reservierten Rechte gegen Deutschland für seine Zwecke ausnutzen zu wollen. Es scheint, als solle der Betrag von 800 Millionen Goldmark als Reparationsforderungen Rußlands an Deutschland als Garantiesumme auf Frankreich überschrieben werden, das dafür Warenlieferungen nach Rußland übernimmt. Mit andern Worten: Deutschlands Schuld an Frankreich erhöht sich um 800 Millionen Goldmark. Statt daß also Deutschland Rußland aus der Not hülfe als Vertragspartner in direktem Lieferungsverkehr – das habe ich vom November 18 ab schon in hundert Reden verlangt, allerdings dabei an ein sozialistisches Deutschland gedacht – darf nun Deutschland wenigstens das Geld hinlegen, mit dem die – leider korrumpierende – Hilfe geleistet wird. – Was heute in der Politik Rußland angeht oder mitbetrifft, ist alles unerfreulich zu erörtern. Mein ganzes Gefühl stemmt sich gegen Lenins Opportunismus, – und doch kann ich mit dem Verstand und mit dem Herzen nicht verurteilen, sondern nur klagen. Die Not ist gräßlich in dem Lande. Die furchtbaren Naturkatastrophen – alle Plagen Ägyptens scheinen sich potenziert über dieses arme herrliche Land ergossen zu haben, das allein aller Menschheitszukunft den rechten Weg gewiesen hat. Sonnenbrand und Frost, Heuschrecken und Seuchen – alles ist auf einmal gekommen und Millionen Menschen verhungern und verkommen, vertieren und verzweifeln. Die wundervolle Hingabe Einzelner, die Opferfreudigkeit des gesamten revolutionären Weltproletariats zur Rettung des schöpferischsten Volks aller Geschichte vermag leider sehr wenig Hilfe zu bringen, da der Weltkapitalismus darüber einig ist, daß man lieber ganze Nationen verelenden und im Kannibalismus versinken lassen soll, als eine Handbewegung zu ihrer Rettung zu tun, die sich nicht verzinst. Frithjof Nansen, der längst berühmt war als Polarforscher und der nun den besten Ruhm unvergleichlicher handelnder Menschenliebe erwirbt, hat schon in Genf der ersten Versammlung des „Völkerbunds“ das ganze Grauen der fürchterlichen Katastrophe aufgezeigt; er hat das Gewissen dieser Kapitalsvertreter rühren wollen, aber einsehn müssen, daß sie statt eines Gewissens nur einen Kassenrapport anerkennen. Rußlands Revolutionäre aber sind vom Proletariat Europas im Stich gelassen, zuerst und zumeist vom deutschen. Ich will nicht rechten, wieviel Schuld daran die eigne Politik, die marxistische Verbohrtheit, der Formalismus der III Internationale, die konterrevolutionär wirkenden Ausschlußbedingungen der 21 Punkte gegen links etc. trägt, wie die Dinge sich gestaltet haben, mögen die Bolschewiki heute garnicht mehr anders können als sie tun: die Zukunft der Gegenwart opfern, – einfach um Menschen zu retten. Grauenhaft ist der Gedanke, daß die einzig wirksame Hilfe, die dem armen Volk endlich zuteil werden soll, aus geschäftlichen Spekulationen kommt. Fürchterlich zeigt sich daran, was die deutsche Arbeiterschaft gesündigt hat, als sie die Revolution, kaum begonnen, preisgab. Sie hat die Zukunft der Gegenwart nicht geopfert, sondern verraten.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 17. Februar 1922.

Die „Drehscheibe“ ist wieder in Bewegung. Diesmal bin nicht ich es, der sie ölt, sondern vor allem Köberl. Die Presse berichtet nämlich, daß Radbruch ein neues umfassendes Amnestiegesetz fertig gestellt habe, mit dem nun also unsre Freiheit wiederhergestellt werden soll. Ich bin noch skeptisch, zumal es heißt, der Entwurf habe das Reichskabinett noch nicht passiert. Es ist freilich nicht zu leugnen, daß die Regierung wünschen muß, einigermaßen innerpolitisch Ruhe zu schaffen, ehe sie nach Genua geht. Die Amnestieforderung ist – außer bei der bayerischen Sozialdemokratie, die ihre ganze Energie gegen die Befreiung und selbst gegen die gesetzmäßige Behandlung proletarischer Revolutionäre aufwendet – in allen proletarischen Organisationen populär und kann jeden Moment zum ausschlaggebenden Schlagwort in wichtigen Kämpfen werden. Dazu kommt die andauernde Blamage der Justiz in der Behandlung nationalistischer politischer Sünder: nach dem Jagowprozeß, dessen rebellierenden Ausgang Radbruch nur dadurch halbwegs kompensieren konnte, daß er den allein verurteilten Jagow nach Gollnow zu den Kommunisten steckte und ihm trotz der angebotenen Kaution von einer halben Million den erbetenen Urlaub von 14 Tagen verweigerte, die Flucht Dithmars, besonders aber die Erledigung des Mechterstedter Massenmords durch die endgiltige Freisprechung der Marburger Studenten vor dem Reichsgericht durch Anwendung der Amnestie von 1920 für ihre Schandtat. Radbruch ist ein ehrlicher anständiger und kluger Mann, der ganz sicher fühlt, was für eine korrupte Justizwirtschaft er andauernd mit seinem Namen decken muß und gewiß alles versuchen wird, um den peinlichen Wortwitz: Justizminister Rechtsbruch von seinem Namen abzuwenden. Was nun die Annahme unsrer Optimisten, daß es diesmal ernst werden kann, wesentlich stärkt, ist eine höchst auffällige Rede, die Lerchenfeld im Münchner Kindlkeller gehalten hat und bei der er von den deutschnationalen Ladenschwengeln und studierenden Radaulümmeln derartig mit Pogromgeschrei und Judenberülpsung gestört wurde, daß er nicht zu Ende reden konnte. In dieser Rede hat Lerchenfeld die Reichstreue Bayerns dick betont – und die föderalistische Einschränkung war so gezwungen, daß man sie nur als Deckungsmanöver für eine vor einigen Tagen vom Innenminister Schweyer losgelassene reichsfeindliche Rede auffassen kann –, er hat darüber hinaus die „Erfüllungspolitik“ Wirths als „zwangsläufiges“ Ergebnis der Lage ausdrücklich gebilligt und einen ganz eindeutigen Rückzug in seiner früheren Ablehnung marxistischer Hilfskräfte für den Staat angetreten. Nun glaube ich nicht, daß Lerchenfeld, wie manche Genossen meinen, damit eine Einladung an die Auerochsen zum Eintritt in die Regierung hat richten wollen, sondern daß er vielmehr dem Reich gegenüber für Genua die Loyalität Bayerns bestätigen wollte. Vor allem fasse ich die Rede auf als Gegenwirkung gegen die kompromittierenden Enthüllungen Abels über die Treibereien Pittingers und der Seinen und demnach müßte sie als Absage an die Deutschnationalen sowohl wie an die bayerischen separatistischen Monarchisten gelten. Ist diese Auffassung richtig, dann müßte auch die Haltung der bayerischen Volkspartei bei der Vertrauenskundgebung des Reichstags als Frontwechsel verstanden werden, wozu auch eine Äußerung Roths passen würde, der erklärt hat, die Bayerische Mittelpartei strebe nicht nach Aufnahme in die gegenwärtige bayerische Regierung, da sie deren Politik nicht decken könne. Es ist daher nicht unmöglich, daß auch die Absichten der Reichsregierung in den Justizfragen nicht mehr dem Widerstand in Bayern begegnen werden, der die Konflikte im November herbeiführte. Trotzdem bin ich skeptisch. Der Eisenbahner- und Berliner Streik ist m. E. noch lange nicht erledigt. Bleibt es bei Gröners Disziplinierungen, dann ist ein neuer Kampf in kürzester Zeit unvermeidlich. Schon regt sich’s bei den Eisenbahnern wieder ganz merklich. Die Festlegung des Wirthkabinetts auf die Verweigerung des Beamtenstreikrechts kann nicht ohne schwerste Kämpfe hingenommen werden. Die steigende Teuerung wird sich notwendig in neuen Entladungen der hungernden Mägen – d. h. in Streiks – auswirken. Solange diese Kämpfe nicht ausgetragen sind, glaube ich kaum an Konzessionen und Nachgiebigkeiten ans Proletariat, wie sie eine Generalamnestie bedeutet. – Bei dieser Gelegenheit ein Wort zu der ganz blödsinnigen Haltung der proletarischen Parteien zum Beamtenstreikrecht. Emil Barth hat in der „Freiheit“ dies Recht nur bedingt zugestanden und versucht, die Stellung des heutigen Staatsbeamten mit dem der sozialistischen Gesellschaft zu vergleichen, der selbstverständlich nicht streiken dürfe. Die „Rote Fahne“ haut nun entrüstet auf Barth ein. Beide übersehen das Wesentliche: Streik ist die einzig wirksame Waffe jedes Lohnarbeiters, um sich als Entgelt für seine Leistung entsprechende Existenzmöglichkeiten zu sichern. Der lohnzahlende Unternehmer – ob er Privatmann ist oder der Staat ist ganz gleichgiltig – hat ebenso selbstverständlich das egoistische Interesse, seinen Profit zu heben, was er nur auf Kosten des Entlöhnten kann, wie dieser es hat, seinen Lohn den Preisen anzupassen, was er allerwege erkämpfen muß und nur durch Streik oder wenigstens seine Androhung – also Betonung seines Streikrechts – erzwingen kann. Demnach ist das Recht zum Streiken die selbstverständliche Wirkung des Lohnsystems schlechthin, und die sozialistische Gesellschaft jeder Konstruktion kann ihre Beamten erst dann als selbstverständliche Wahrer ihrer Funktionen betrachten, wenn die Einheitlichkeit der Lebenshaltung Wesen des gesamten Gesellschaftsbetriebes ist. Die Russen von 1917 hatten das begriffen. Mit der Anerkennung des Prinzips verschiedene Leistung verschieden zu entlöhnen, haben sie ihren Arbeitern und Beamten das Recht zum Kampf um erhöhte Bezüge von Natur wegen wiedergegeben. Die gewaltsame Unterdrückung dieses Rechts aber ist – gleichviel ob im kapitalistischen Staat oder in einer Sowjetrepublik – reaktionär. – Die Hausangelegenheiten stelle ich zurück. Ein paar nicht besonders wesentliche Dinge wären zu vermerken. Nur die Notiz, daß heute – wie mir eben Seppl berichtet (sie sind während ich hier schreibe, eingetroffen) Zuwachs von Amberg aus der Strafanstalt gekommen ist: 2 Genossen, die mit der kriminalen Bestrafung ihre Bewährungsfrist verschüttet haben. Einer davon ist im I Stock, der andre – namens Heiß, der nach 4 Monaten Amberg noch 10 Monate Niederschönenfeld absolvieren soll – bei uns oben einquartiert. Ich habe ihn noch nicht gesehn. – Gestorben sind in der letzten Woche der demokratische Reichstagsabgeordnete Conrad Haußmann – einer, der mit freiheitlichen Illusionen in die Politik sprang und – halt deutscher Demokrat wurde. Ich kannte persönlich weder ihn noch den Grafen Hoensbroech, den ehemaligen Jesuiten, der seine freiheitlichen Illusionen damit realisieren zu können glaubte, daß er seine Lehrer beschimpfte und selbst nationalliberal wurde – Die deutsche „demokratische“ Presse bejammert den Tod der beiden Freiheitsheroen schmerzlich. Eben erscheint Seppl wieder rapportierend: auch der zweite Ankömmling – Pfaffeneder – ist hier oben eingestallt worden.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 19. Februar 1922

Zur Amnestiefrage: Radbruchs Rede ist nun ausführlicher bekannt. Bemerkenswert darin ist die Feststellung, daß der Konflikt Bayern-Reich wegen Niederschönenfeld noch nicht beigelegt ist. Die bayerische Regierung sei zu einem Bericht über die Klagen wegen des Strafvollzugs aufgefordert worden, habe geantwortet, sie sei zu Auskünften an das Reich nicht verpflichtet und – unter Wahrung dieses Vorbehalts – nur die bekannte Denkschrift eingereicht. Die Reichsregierung habe darauf nach München mitgeteilt, daß sie auf ihrem Recht, Rechenschaft zu fordern, unbedingt bestehe und beispielsweise Bettentzug mit dem Vollzug der Festungshaft nicht vereinbar finde. Was die Amnestie betreffe, so werde dem Reichstag ein Gesetzentwurf zugehn, nach dem politische Straftaten, die nach dem 4. August 1920, also nach Erlaß der vorigen Amnestie, begangen sind, erledigt werden sollen. Es würde sich wohl also nur um die Begnadigung der mitteldeutschen Bewegung handeln – wobei jedenfalls auch die Führer ausgenommen werden sollen, sodaß Hölz, falls ihn die Sowjetregierung nicht loseist, im Zuchthaus bleiben würde, und wir bayerischen Räterepublikaner werden überhaupt wieder übergangen. Soweit Radbruch als Sprecher der Regierung. Höchst interessant wird die Geschichte aber erst durch den Verlauf der anschließenden Erörterung. Als Redner der Sozialdemokratie trat Johannes Hoffmann auf den Plan, unser ehemaliger Ministerpräsident. Er verlangte, daß „endlich einmal“ auch die bayerischen Räterepublikaner amnestiert werden müßten. Zwar habe seine Partei noch vor einigen Monaten dagegen gestimmt, doch hätten sich die Verhältnisse inzwischen geändert, vor allem liege der Jagowprozeß dazwischen, und so verlangen denn auch die Sozi diesmal unsre Freilassung. Dieser merkwürdige Vorgang verdient besondere Betrachtung, und ich habe meine bestimmte „Theorie“ zu seiner Beurteilung. Ich glaube folgendes: Radbruch wünscht ohne Zweifel aus ehrlichem Herzen unsre Befreiung. Als Minister darf er sich aber nicht weit vortrauen und nichts sagen, wozu ihn sein Kabinett nicht beauftragt hat, das mit Rücksicht auf die bayerische Reaktion nichts tun kann, was in München als unfreundliche Handlung aufgefaßt werden könnte. Hoffmann seinerseits hat immer Wert darauf gelegt, als Repräsentant des gewissermaßen „linken“ Flügels der alten Sozialdemokratie dazustehn. Sein Name nun ist mit unserm Schicksal auf engste verknüpft, sodaß seine Stimme, für uns erhoben, besondere Resonanz haben wird. Von der Haltung der bayerischen Sozialdemokraten im Landtag hat er vorsichtigerweise nicht geredet, und ich denke mir, er hat im Einverständnis mit seinen bayerischen Fraktionskollegen im Reichstag (Gruber etc, die alle eine etwas freiheitlichere Haltung einnehmen als die Auerochsen) die Gelegenheit benutzt, um Auer, gegen den er an Ort und Stelle nicht aufkäme, vor ein fait accompli zu stellen und ihn zur Umstellung seiner kompromittierenden Politik zu zwingen. Daß die sozialdemokratische Fraktion grade Hoffmann-Kaiserslautern die Forderung nach unsrer Amnestierung hat erheben lassen, fasse ich als diplomatischen Schachzug Radbruchs auf, der nicht als Initiator der Idee auftreten kann, als von seiner eignen Partei Geschobener aber im Kabinett die Nachgiebigkeit der Regierung leicht wird veranlassen können. Kommt hinzu, daß bei Annahme des Regierungsentwurfs nichts Positives zur Beschwichtigung der Gemüter erreicht wird, worauf es den Wirthsleuten doch hauptsächlich ankommt. Die bayerische Schweinerei bleibt bestehn, und überdies kriegen die Nationalisten ihren Jagow nicht heraus, noch öffnen sich den Erhardt-Bauer-Schnitzler etc. die Reichsgrenzen. Mithin hätte bei Einbringung des Entwurfs ein Antrag aus der Mitte des Hauses, wenn er obendrein von der stärksten Koalitionspartei kommt, deren Mitglied der Reichsjustizminister ist, große Aussicht auf Annahme. Wahrscheinlich wird man allerdings wieder Ausnahmen schaffen und etwa Gewalttäter weiterhin festhalten, um in Norddeutschland Hölz, in Bayern Lindner, die „Geiselmörder“ und die Gesellenmörder nicht in Freiheit setzen zu müssen. Doch würde dann jedenfalls auch Arco in Haft bleiben müssen, was wiederum grade den bayerischen Reaktionären nicht behagen würde. Ließe man aber ihn laufen und behielte Lindner zurück, so gäbe es erst recht böses Blut, und ich würde draußen alles in Bewegung setzen, um dem Rächer Eisners Genugtuung zu verschaffen. Die Dinge liegen also keinesfalls ungünstig, und Köberls Optimismus – er „garantiert“, daß im Mai kein einziger von uns mehr in Niederschönenfeld sitzt – ist keine leere Illusion. Trotzdem teile ich seine Meinung nicht unbesehen. Wir gehn Wochen entgegen, die kaum in vergnüglichem Landfrieden ablaufen werden. Das Frühjahr „kommt mit Brausen“. Da juckt es alle Kreatur, und ich habe weder den Glauben, noch die Hoffnung, daß das deutsche Proletariat, das bereits durch den Eisenbahnerkonflikt auf den Qui vive? gesetzt ist, den März und April in stiller Ergebung in die Weisheit der Rathenaupolitikasterei verträumen wird. Meine Hoffnung ist im Gegenteil – sei es auch auf Kosten des eignen Vorteils –, daß die Arbeiterschaft noch viel unternehmen möge, um vor allem das beabsichtigte Attentat auf seine Taschen in der Steuerdeckung abzuwehren, und ich bin nicht fromm genug, um bei der verrückten Opportunitätspolitik aller kommunistischen Parteibonzen zu erwarten, daß gleich aufs Ganze gegangen wird. Ich rechne – ohne einen solchen Ausgang verhängnisvoll zu finden; er gäbe vielmehr Kraft zu Sammlung und konsequentem Kampf – im Gegenteil auf einen Sturz der Regierung und Etablierung einer Hergt-Helfferich-Politik, die dann erst in weiterer Folge durch schwerste Reibungen im Innern und Eingreifen der Entente von außen die Situation herstellen würde, von der wir Wesentliches erhoffen können. Wie mir Hagemeister berichtet, ironisiert man im Speisesaal bei jeder Mahlzeit den wieder lebendig gewordenen „Amnestie-Fimmel“, und Kain, der keine Gelegenheit versäumt, gegen mich Stimmung zu machen, spitzt dabei seine kleinen Perfidieen beharrlich auf Mühsam zu (ich glaube übrigens, daß diese Monopol-Kommunisten selbst nicht ungern von einer Amnestie profitieren würden, freilich am liebsten, wenn sie mich für die ganzen 15 Jahre hier zurücklassen könnten). Ich teile weder ihre Ansicht, daß eine Amnestie, da sie bisher ausgeblieben ist, auch ferner ausbleiben müsse, noch die – die für Marxisten sonderbar genug ist, – daß eine bloße Auswechselung der Person des Reichsjustizministers jeden Moment alle Chancen vernichten würde (Olschewskis Weisheit). Der einzelne Ressortminister ist – der Fall des gegenwärtigen Justizministers beweist es schlagend – einfach der Exponent einer Politik, die „zwangsläufig“ ihren Weg geht, solange nicht wirkliche Persönlichkeiten einen treibenden aktiven Willen in den Gang der Dinge einfügen. Geschieht das aber, dann hätten wir an und für sich schon grundsätzlich veränderte Bedingungen des öffentlichen Lebens, und keine einzige Voraussetzung der gegenwärtig betriebenen Politik hätte noch Geltung. Die Sache ist die, daß Kraft und Persönlichkeit im derzeitigen Staatsbetriebe überhaupt keine Wirkungsmöglichkeit hätte, und also garkeine Aussicht da ist, daß beim friedlichen Fortgang der Ereignisse Personen oder Parteiverschiebungen irgend an der „Entwicklung“ etwas ändern könnten. Entweder revolutionäre (oder konterrevolutionäre) Erschütterungen schmeißen die Pläne der Regierer über den Haufen – und unsre Aussicht, etwas später vielleicht, aber umso schöner der Freiheit wiedergegeben zu werden, steigt, oder die „Entwicklung“ rollt weiter, und Radbruch – oder sein Nachfolger – muß ihr Rechnung tragen. Da ich immer Skeptiker bin, kann ich immer Optimist sein.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 21. Februar 1922

Dreijährige Wiederkehr des Abschlusses der Eisner-Ära, deren falscher Kurs uns in die Situation gebracht hat, in der wir heute sind. Grade ist im Auftrag des Landtags die von Dr. Pius Dirr besorgte Zusammenstellung der Dokumente aus der Eisnerzeit erschienen, und alle Welt kann sich nun über die erstaunliche Naivität informieren, mit der der Kerenskimann „Geschichte machen“ wollte. Arco hätte immerhin der Retter der Revolution werden können, wenn unsre Erfahrungslosigkeit nicht die Sentimentalität über die Klugheit hätte siegen lassen. Heute erleben wir es am eignen Leibe, wie man mit Leuten umzuspringen hat, die einem die Macht aus der Hand nehmen möchten. Wir setzten damals, statt alle Reaktionäre, mit Einschluß der sozialdemokratischen Bonzen sofort einzusperren und zu prozessieren, ein paar Leute als Geiseln in den Bayerischen Hof und ließen uns 8 Tage drauf im Rätekongreß von den Sozialdemokraten überstimmen, die ihre Freilassung durchsetzten. Ich bilde mir ja nicht ein, daß ich allein sehr viel hätte verhindern können, wenn ich am 21. Februar in München gewesen wäre. Trotzdem glaube ich, daß manches anders gekommen wäre. Der Revolutionäre Arbeiterrat verlangte nach meinem und Landauers Rat. Aber ich war auf Agitation in Mannheim und Landauer bei seinen Kindern in Krumbach. Mila sah meine Qual mit an, daß ich nicht dort sein konnte und hörte, wie ich zweifelte, ob die Genossen das Richtige tun würden, ob sie Geiseln festnehmen, die Zeitungen besetzen, das Standrecht proklamieren, den Zentralrat davonjagen und die Diktatur des R. A. R. ausrufen würden, bis ein neuer Rätekongreß auf Grund revolutionärer Betriebsratswahlen konstituiert sei. Sie hatten, als ich am 23ten früh eintraf, alles getan, – bis auf das Wichtigste. Der Zentralrat war unbehelligt geblieben. Dadurch unterblieben die neuen Rätewahlen, und so wurde die Kläglichkeit des Rätekongresses vom 25. Februar – 8. März möglich mit dem niederschmetternden Ergebnis des Nürnberger Kompromisses, der der Ursprung alles Unglücks war. Am 21. Februar wäre alles zu machen gewesen; die Sozialdemokratie hätte sich ebenso jämmerlich verkrochen wie die Bourgeoisie und wäre verkrochen geblieben, wenn sie nicht schon am nächsten Tage gesehn hätten, daß sie durch den Fortbestand des Zentralrats nach wie vor die Hand am Hebel hatten. Am 23ten wars schon zu spät zu energischem Durchgreifen. Das Proletariat ist zu allem zu haben, solange es in Zorn ist, aber sein Zorn verraucht in dem Augenblick, wo ihm gesagt wird, daß es als Machtfaktor anerkannt und nur sein Wille geschehn wird. Die es ihm zusichern, können dann ungestört und unbeaufsichtigt wursteln. So war der Termin verpaßt, der allein benutzt werden konnte, um sofort aufs Ganze zu gehn: der gefährlichste Servierkellner der Bourgeoisie, Auer, auf den Tod verwundet, der Landtag in wilder Flucht davongestoben, die sozialdemokratischen Minister Roßhaupter, Timm, Hoffmann froh, mit ganzen Knochen daheim zu sitzen, die Gewerkschaftsführer angstvoll auf ihre Sicherheit bedacht, – die, selbst nur vorübergehende (denn weiteres hätte unsre milde Gesinnung damals überhaupt nicht ausgesonnen) Verhaftung und endgiltige Absetzung des Zentralrats hätte genügt, um im Moment die revolutionäre Situation zu schaffen, die nicht so leicht wieder kaput gemacht werden konnte. Aber ich konnte weder ein Auto noch einen Flieger auftreiben, der mich auf dem schnellsten Wege nach München gebracht hätte, und als ich am Nachmittag des 22ten glücklich in Ulm war und kein Zug ging, flehte ich den Soldatenrat an, er möge mich im Auto hinbringen lassen. Ich mußte mit Albert Reitze lange auf Antwort warten, bis die Erklärung kam, daß kein Auto zur Verfügung stehe. Später habe ich erfahren, daß man im Soldatenrat garnicht darüber debattiert hat, ob man mir eins geben solle oder nicht, sondern darüber, ob man mich verhaften oder laufen lassen solle. Sozialdemokraten! – Nun, ich kann heute nicht wissen, was durch meinen Rat gewonnen worden wäre und ob wir nicht durch seine Befolgung den Bürgerkrieg vom April–Mai schon zwei Monate vorher gehabt hätten. Aber das eine weiß ich sicher, daß ich nicht – wie Levien, der immer versagte, wenn etwas zu tun war – in dieser Situation gebremst, sondern zum Äußersten angetrieben hätte. – Eisners Gedächtnis gerührt zu feiern, liegt – allenfalls am 7. November, gewiß nicht am 21. Februar – zwingender Anlaß vor. Er hat viel getan, um die Revolution hervorzurufen, aber er hat sie abgewürgt, als er seinen kleinen Zweck erreicht glaubte, und er starb auf dem Wege zum Parlament, dem er die Revolution ausliefern wollte. Bezeichnend für den Geist, den er seinen Verehrern hinterlassen hat, ist, daß Hornung bei der Verwaltung schriftlich die Bitte eingab, heute eine Eisner-Feier veranstalten zu dürfen. Man bittet die Reaktion, die Konterrevolution um Erlaubnis um eine Revolutionsfeier!! Natürlich kam prompt das Verbot jeder Feier. Ich kann die Empörung über dies Verbot nicht teilen. Aber ich muß lachen, wenn ich mir vorstelle, daß heute in Landsberg sehr wahrscheinlich eine sehr fröhliche Feier bei trefflichem Wein und in ungestörter Stimmung stattfinden wird. Der Mörder Arco wird dazu kaum erst besondere Erlaubnis erbeten haben. Sein Porträt hängt im Münchner Polizeipräsidium in Amtszimmern und wird in altbayerischen Städtchen auf Stadtgeldnoten gedruckt. Er wird von Freunden in Amtsfunktionen betreut und seine Schergen sind seine Verehrer und Bewunderer. Wir aber haben ihn in der teuersten Klinik aufpäppeln lassen, damit er der Regierung Rupprechts I. gesund erhalten werde, um ihr gegen uns Ordnung und Ruhe zu sichern. Die Satire zu schreiben, ist kaum mehr nötig. – Da wir bis jetzt keine Post erhalten haben – vielleicht ist der Zensor heute durch eine Arcofeier verhindert gewesen, unsre Briefe und Zeitungen durchzusehn – habe ich nichts wichtiges Neues zu vermerken. Ich erwarte gespannt Mitteilungen darüber, ob die ungeheuerliche Behauptung zutrifft, die preußische Regierung habe die Genossen, die der Ermordung Datos beschuldigt werden, um des Judaslohns willen wirklich im Saargebiet der französischen Polizei zur Weiterlieferung an die spanischen Henker ausgeliefert. Es wäre umso schändlicher, als eben bekannt wird, daß die Mörder Erzbergers in Ungarn ermittelt wurden, aber von den Horthyleuten durch falsche Pässe gerettet worden sind, und daß die zu ihrer Verhaftung hingeschickten deutschen Beamten aus Ungarn ausgewiesen sind. Reizende Verhältnisse, die sich in Europa etabliert haben, – das muß man sagen. – Auch die Hauschronik will ich auf Personalia beschränken. Heute ist Fritz Stahl nach Absolvierung nachträglich „gefaßter“ 5 Monate (ohne Verurteilung) wieder entlassen worden. Der kleine Tropf, der sich „Schriftsteller und Dichter“ tituliert, ohne auch nur über die Schreibgeläufigkeit mäßiger Elementarschüler hinausgekommen zu sein, hat sich in der letzten Zeit als nicht ganz reinlich verdächtig gemacht, und es ist nicht sicher, ob nicht die auffällige Tatsache, daß die Justizbehörde ihm 2 Tage geschenkt hat, durch Denunziationen erkauft wurde. – Wie ich vorhin erfuhr, hat gestern hier im Hause die standesamtliche Trauung zwischen Karpf und Thekla Egl stattgefunden. Trauzeugen Olschewski und Kain. Standesbeamter der Bürgermeister von Rain. Anstaltsbevollmächtigter: Regierungsrat Englert. Im Hintergrund: Fetsch. Es muß recht feierlich zugegangen sein. Die Trauzeugen hatten ihren Namen zu unterschreiben, doch wurde ihnen jedes Wort an die Braut verboten. Das junge Ehepaar durfte nach der Zeremonie noch eine Stunde beisammen sein – unter Aufsicht! – Was hat Lerchenfeld als seine erste Pflicht auch in der Behandlung politischer Gefangener bezeichnet: daß er vom christlichen Geiste getragen die Strenge erst bei den Erfordernissen der Staatspflicht über die Grenzen milder Versöhnlichkeit gelangen lassen wolle. Liebe Menschen, unsre Christen!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 24. Februar 1922.

Die spanischen anarchistischen Genossen Fort und Concepcion sind tatsächlich ausgeliefert worden, und die Verantwortung dafür trägt der Sozialdemokrat – Radbruch. Im Reichstag zur Rede gestellt, hat er erklärt, in Deutschland sei man zwar sehr fürs Asylrecht, aber noch mehr für Innehaltung der Verträge, zumal man doch selbst die Auslieferung solcher Verbrecher – wie im Erzberger-Fall – betreibe. Die Ermordung Datos wäre erst als rein politische Tat anzusehn gewesen, wenn sie in hochverräterischer Absicht begangen wäre. In diesem Falle hätten aber die Syndikalisten zu wenig getan, um als asylberechtigt angesehn werden können. Ihre Tat sei ein politischer Racheakt gewesen und als solcher unerfreulicherweise (wie Radbruch anerkannte) dem Auslieferungsvertrag unterworfen. Jedoch habe die Reichsregierung bei der spanischen Gesandschaft feierlich den Wunsch ausgesprochen, daß ein etwaiges Todesurteil an den Beiden nicht vollstreckt werde. – Das Ganze ist über alles Maß widerwärtig. Radbruch verschüttet sich in dem traurigen Amt, das er übernommen hat, jeden Rest von Achtung. Als gewöhnlicher Abgeordneter – selbst noch seiner üblen Partei – wäre grade er derjenige gewesen, der die Opposition gegen dieses schauerliche Verbrechen geführt hätte. Jetzt muß er, eingeschnürt in die Arabeskengewinde der Paragraphentype, die gehässigen Racheaktionen der Reaktionäre mit seinem Namen decken und mit seiner Logik begründen. Jetzt muß er das Odium tragen, revolutionäre Kämpfer den Ferrer-Mördern zur Rache auszuliefern, während gleichzeitig die konterrevolutionären Mörder in Deutschland die besten Tage haben, hunderte von ungesühnten Mordtaten von rechts nach Rache schreien und die ihm unterstellten Staatsanwälte und Justizorgane die haarsträubendsten Rechtsbeugungen begehn, um ihre Klassengenossen nicht in Ungelegenheiten kommen zu lassen. Die Bitte an die Maurabande ist ein Witz. Angenommen selbst, es kümmere sich in Spanien ein Mensch darum – es wäre ja möglich, daß man sich gewisse Zusicherungen hat geben lassen –, so weiß man doch, wie es in Italien Breszi, wie es in der Schweiz Luccheni gegangen ist; – da man sie nicht hinrichten durfte, ließ man sie quälen und martern, bis sie im Wahnsinn in ihren Kerkern verendeten. In Spanien wird es revolutionären Terroristen schon ganz gewiß nicht besser gehn. Der Name Radbruch aber wird in peinlichster Verbindung bleiben mit den inquisitorischen Schurkereien, denen Genosse Fort und Genossin Concepcion zweifellos entgegengehn. Gewiß bin ich mir vollkommen klar darüber, daß ihn sein Geschäft unausgesetzt vor die ekelhaftesten Gewissensprobleme stellt. Ich kenne seine ganze Verteidigung, die die aller Opportunisten ist: kein Reichsjustizminister wäre um die Auslieferung herumgekommen, und er könnte, wenn er den Platz räumte, ihn nur für einen Nachfolger freimachen, der seine beabsichtigten guten Werke – die Strafrechts-, Strafvollzugs-, Ehescheidungsreform und noch x wunderschöne Pläne nicht ausführen würde, sodaß er das „kleinere Übel“ ist, er heult solange mit den reaktionären Wölfen, bis er ihnen Maulkörbe vorgebunden hat. Mir ist diese Art „Realpolitik“ in der Seele zuwider. Sie verdirbt den Charakter, und mir ist um Radbruchs Seele bange. Er sollte Justiznovellen Justiznovellen, Amnestie Amnestie, Niederschönenfeld Niederschönenfeld sein lassen (grade hat er sich von der bayerischen Lerchenfeldgerichtsbarkeit wegen uns wieder eine schwere Abfuhr geholt), sich auf sein Kieler Katheder zurückbegeben und seinen in der Praxis ramponierten Namen wenigstens als Theoretiker zu reparieren suchen. – Radbruch hat mir die Freundschaft gehalten – das ist wahr, und das will ich ihm nicht vergessen. Aber, wenn ich eines Tages wieder mit ihm, von keinem Staatsanwalt bewacht, beisammen sein sollte, so will ich ihm doch wahrheitsgetreu erzählen, daß ich hier unter den Genossen ihn als Menschen zwar immer verteidige, daß ich aber dabei doch im Stillen mehr als einmal erröten mußte für ihn. – Über die politische Situation im allgemeinen ein andres Mal. Auch die Anstaltsdinge mögen zurückgestellt bleiben: nur die Kleinigkeit, daß Taubenberger aus der Einzelhaft wieder oben ist, und daß Schiff ihn unten abgelöst hat. – Im allgemeinen macht sich hier drinnen ganz die schwankende Stimmung geltend, die die gegenwärtige Politik Deutschlands und Bayerns ziemlich unübersichtlich macht. Aber die Preise steigen ins Unbegreifliche – und das Aufeinanderfahren der Klasseninteressen wird sich, je nachdem ob es zum Zusammenstoß oder zum Kompromiß durch nochmaliges Ausbiegen kommt, am untrüglichen Barometer der Behandlung hier drinnen rechtzeitig bemerkbar machen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 25. Februar 1922.

Morgen hat unser Clemens Schreiber seine Zeit hinter sich, wenigstens als Festungsgefangener. Die Wochen aber, die ihm bevorstehn, mögen ärger werden, als alles was ihm bisher geschehn ist. Weil seine Großmutter vor 50 Jahren vergaß, die bayerische Staatsangehörigkeit zu erwerben, sieht sich die Reaktion imstande, alle Schleusen ihres maßlosen Hasses gegen einen Klassengegner zu öffnen und ganz unsinnige Torturen gegen den armen Clemens auszuhecken. Alle Bemühungen, die Ausweisung rückgängig zu machen waren umsonst. Wie Loewenfeld schrieb, hat sogar Auer deswegen beim Ministerium des Inneren vorgesprochen (Sowas macht mein Freund Auer schon. Bei passender Gelegenheit präsentiert er dann die Rechnung: wie es ihm nicht zuviel war, sogar für einen Kommunisten eine Stunde seiner kostbaren Zeit zu opfern und extra einen Weg zu machen. Aber Auer-Vater wirft auch als barmherziger Samariter nur mit der Wurst nach der Speckseite). Vor ein paar Tagen hat der Vorstand Clemens kommen lassen und ihm verkündet, was ihm bevorstehe. Dabei hat der Staatsanwalt dann mal jede Maske fallen gelassen und sich ganz als der gezeigt, der er ist: der willige Büttel rachgieriger kapitalistischer Klassenherrschaft. Die Rücksicht darauf, daß der endgiltige Bescheid noch ausstand, den er durch die Zurechtweisung des Mannes noch ungünstig hätte beeinflussen können und somit die Angst um seine gefährdete Familie zwang Clemens, den Haßausbruch des Kerkermeisters ohne Replik anzuhören. Herr Hoffmann beschränkte sich nicht darauf, ihm mitzuteilen, daß falls keine Gegenordre käme, Schreiber von hier abgeschoben würde und daß er nicht vorher erfahren würde, ob er auf direktem Wege nach Österreich käme – auch die Station bleibt Geheimnis, wohin er gebracht wird –, ob er auf dem gewöhnlichen Schub von Ort zu Ort, von Kerker zu Kerker geschleppt wird, oder ob er zuerst in ein Konzentrationslager kommt, um dann zu warten, bis ein größerer Transport weggeht. Die Mitteilung, daß er keine Möglichkeit erhalten werde, sich mit seiner heimatlos gemachten Familie (Frau und Tochter sind schwer leidend) darüber zu verständigen, wo sie sich finden werden, genügt diesem Vertreter bayerischer Eigenart nicht; er glaubte ein übriges tun zu müssen, indem er seine subjektive Ansicht dem wehrlosen Revolutionär in Form einer echt staatsanwaltlichen Moralpredigt hinrieb. Schreiber habe das Gastrecht Bayerns (wo er geboren ist und sein ganzes Leben zugebracht hat) „schnöde mißbraucht“. Er habe ein Verbrechen begangen, das er büßen müsse. „Lästige Ausländer“ schaffe man sich überall vom Halse, und auch „wir“ (vorher hatte man Clemens gesagt, die Ausweisung gehe die Justizbehörde nichts an, sie sei Angelegenheit des Innenministeriums) – also auch „wir“ werden uns von solchen „Elementen“ befreien etc. – Auf Schreibers Frage, ob er denn nicht nach Württemberg geschubt werden könne, da er doch nur aus Bayern ausgewiesen sei, hieß es, er werde nach Österreich gebracht, ohne Rücksicht auf seine Wünsche. Die übrigen deutschen Länder würden „von uns“ schon verständigt werden, kurzum: der Mann nutzte die Wehrlosigkeit Schreibers gründlich aus, um Herz und Gemüt in ganzer Schönheit über ihn auszugießen. – Inzwischen ist nun also Anweisung an die Verwaltung ergangen, daß Aufhebungs-, Aufschubs- und Erleichterungsgesuche jeder Art zurückgewiesen seien, und heute ist das Clemens eröffnet worden mit der gleichzeitigen Mitteilung, daß es bei dem bleibe, was ihm der Staatsanwalt gesagt habe. Wir waren denn nun heute vormittag im Hof, um dem Freund für die vielleicht lange Schubreise gehörig Futter mitzugeben. Wir hatten dazu tagelang unsre Brote aufgespeichert, ich hatte noch ein schönes Stück Speck, Adolf einen ganzen Backsteinkäse etc. Auf der Treppe nahm Clemens uns das ganze Geschlepp ab und wollte es zu sich hineintragen – er ist ja vom I. Stock nicht wieder heraufgekommen bei der Weißerei. Das wurde ihm verwehrt. Das ganze Zeug mußte erst eine halbe Stunde im Hof herumgeschleppt werden, dann durfte er es ohne Gefährdung der Sicherheit des bayerischen Freistaats zu sich in die Zelle bringen. Zugleich aber erhielt er Mitteilung, daß ihm nur die Mitnahme von vier Laib Brot gestattet werde. Eine ganz unglaubliche Bestimmung, die garkeinen Sinn haben kann als den, daß der Mann unterwegs durchaus hungern und leiden soll. Denn wie wir unsre Brote einteilen, ob wir sie selbst essen oder einander schenken, geht doch gewiß die Verwaltung nichts an. Damit nicht genug wurde ihm auch erklärt, daß der Transporteur, der ihn morgen abholen wird, bestimmt hat, Schreiber dürfe nur höchstens ein Paket bei sich haben. Auch das ist eine völlig willkürliche, nur schikanöse Neuerung, wobei besonders interessant ist, daß der Gendarm, der ihn zu begleiten hat, eigenmächtig darüber bestimmt, wieviel der – nicht mehr unter Strafe stehende, lediglich administrativ verschickte Mann mit auf den Weg nehmen darf. Und endlich ist dem armen Clemens noch angekündigt worden, daß er nicht – wie es sonst geschieht – früh morgens entlassen, beziehungsweise abgeholt wird, sondern erst mittags 12h 25, genau zu der Stunde, zu der seine Strafe nach den Gerichtspapieren herum ist. Zweck dieser Übung ist, daß er auf diese Weise in Rain keinen Anschlußzug mehr erreicht und also die kommende Nacht im Rainer Gefängnis verbringen muß. – Wir haben alles getan, um dem tapferen, aufrechten Kameraden, dem man nur deshalb so niederträchtig zusetzt, weil er niemals den Nacken gebeugt, niemals das geringste Zugeständnis auf Kosten des Charakters gemacht hat, den schweren Weg in die Ungewißheit zu erleichtern. Ich habe ihm einen Brief an Hermann Bahr mitgegeben, den ich für einen unbedingt anständigen Menschen halte, und der ihm vielleicht in Salzburg oder von dort aus weiter auf den Weg zur Existenz hilft. Die Genossen draußen sind dringend gebeten, sich der armen Familie anzunehmen, sodaß zu hoffen ist, daß die schändliche Absicht der Reaktion, Schreiber zu vernichten, vereitelt wird. Aber wir werden uns den Fall als typisch merken müssen – im Großen wie im Kleinen. Wir müssen von den Feinden lernen, politische Justiz zu treiben und ihnen dereinst nicht nur die Brutalität des Verfahrens der Landesverweisung mit der Verweigerung jeder Menschlichkeit für den Delinquenten selbst und die Seinen nachmachen, sondern besonders auch die armseligen Teufeleien, die am meisten stechen, wie diese Schäbigkeit, das Brot zu limitieren und die Bündelzahl des Vertriebenen auf eines zu beschränken. Auf dergleichen Martern wäre gewiß nie ein Mensch verfallen, der nicht die Peinigung von Mitmenschen eifernd studiert und zur eklen Wissenschaft ausgestaltet hat. Da aber diese Methoden offenbar zweckmäßig sind, müssen wir sie mindestens rezeptiv in uns aufnehmen, um bei der Wendung der Dinge, ob sie nun bald komme  oder erst in Jahren, unsern Peinigern von heute nicht wieder als hilf- und talentlose Gefühlsdusler gegenüberzutreten. Dafür hätten sie noch in Ketten nur ein ironisches Lächeln und eine begründete Hoffnung mehr, daß wir die von ihnen übernommene Macht noch einmal unsres Instinkt-Christentums wegen aus der Hand lassen werden. Als bessere Menschen werden wir Bayerns politische Korrektionsanstalt nicht verlassen, das ist gewiß, aber gewiß als klügere Menschen, die von allen sentimentalen Illusionen geheilt sind, und die gelernt haben, daß allgemeine Menschenliebe nicht ist und nicht sein kann, ehe nicht ihre Bedingung durch sehr lieblosen Kampf geschaffen ist: Beseitigung der Klassen, soziale Gleichheit und individuelle Freiheit.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 26. Februar 1922.

Wieder ein „Jubiläum“. Heute bin ich 150 Wochen in Gefangenschaft, ist meine Zenzl seit 150 Wochen Witwe, und ist es mehr und mehr geworden: seit September des vorigen Jahres haben wir uns nicht mehr gesehn, seit genau noch einem Jahr vorher uns nicht unbeaufsichtigt sprechen, uns nicht in den Armen halten können. Neben dieser grausamen Gemeinheit des bayerischen Rachechors verblaßt alles übrige, was man uns antut, verblaßt freilich nicht, was man dem armen Clemens tut – in der gleichen Absicht, die Familie zu treffen, Glück und Zukunft völlig zu zerstören. – Immerhin: die Mauern dieses Hauses der Qual liegen nun wohl hinter unserm Freund, und lange können die Quälgeister Bayerns ihn ja doch nicht mehr in ihren Fäusten halten. Schreiber aber ist ein Mensch, den das Schicksal nicht leicht unterkriegen wird. Ist er erst mal wieder frei – wohin ihn auch der Zufall und die Staatsranküne verschlagen mag –, so wird ihn seine Handfertigkeit, seine Energie und seine realistische Lebensauffassung schon wieder für sich und die Seinen Boden unter den Füßen schaffen helfen. Eins ist gewiß: was die Reaktion grade diesen Mann noch zuletzt hat ausstehn lassen, das hat sie in keinen unfruchtbaren Boden gesät. Clemens ist der wahrhaftigste Mensch, der mir begegnet ist, zugleich aber auch der starrste, steifste Charakter, der nie vergißt, der imstande wäre, sein Leben zu opfern, um seinem Gerechtigkeitsbedürfnis, das Vergeltung heischt, Genugtuung zu schaffen. Kommt die Stunde der Abrechnung – dann wehe denen, die diesem Mann das alles zugefügt haben! – Wir hier verlieren in Clemens einen unsrer Allerbesten, einen ganzen Menschen, einen graden, eindeutigen Kerl und einen nicht bloß zu jeder Gefälligkeit bereiten sondern auch zu jeder Handreichung fähigen Freund. Es gab keine Arbeit, keine technische Schwierigkeit, vor der Clemens sich gefürchtet hätte. Er bastelte alles zurecht, leimte das Zerbrochene, rekonstruierte das Verschüttete, reparierte Uhren und Füllfederhalter, bearbeitete Haar und Bart der Genossen, schnitzte sich mit dem bloßen Taschenmesser ein schönes Schachspiel, mir einen Bilderrahmen und für Zenzl einen Fußschemel und nahm sich immer Zeit, zu helfen und für die Kameraden zu arbeiten. – Kein Wunder also, daß er für die „Kommunisten“ um Sauber, Wiedenmann wie wir ein Verräter, Menschewist und der Ächtung der Vollkommunisten würdig war. Arme Tröpfe! Ich wünschte, es wären viele solche Revolutionäre unter den „Führern“ wie Clemens Schreiber einer ist und wie er sich als Kämpfer und vor Gericht bewährt hat, dann stünde vieles besser. – Mit ihm ist nun aus unserm engsten Kreise der erste gegangen, nachdem er schon seit Wochen räumlich von uns getrennt einquartiert wurde. Heute in 50 Tagen geht unser Seppl, heut in 150 Tagen auch Adolf. Und ich? Die Amnestie kann inzwischen kommen, sie kann auch ausbleiben. Die Rede, die Johannes Hoffmann im Reichstagsplenum zum Justizetat seiner Ausschußrede hat folgen lassen, ist noch viel auffälliger als die erste. Am merkwürdigsten darin war eine chevalereske Verbeugung vor Toller und mir, die wir tapfer zu unsrer Überzeugung gestanden seien, im Gegensatz zu Jagow und den Kappisten. Daß Radbruch Beziehungen zu guten Revolutionären habe, mache seine Partei ihm nicht zum Vorwurf (Zurufe: im Gegenteil!). Man müsse dagegen protestieren, daß wir von der bayerischen Regierung mit Dreck beworfen würden, daß man uns verhöhne und schlecht behandle. Eine Justizreform sei mit Beschleunigung notwendig, ganz besonders in Bayern, wo die Volksgerichte aufgehoben werden müssen. Man könne heute zugeben: die Kommunisten sind revolutionär, die Sozialdemokraten und Unabhängigen waren es und die Rechtsparteien werden es sein. – Eine solche Rede von einem nachrevolutionären Sozialdemokraten war noch nicht da, und daß daran anknüpfend der „Vorwärts“ die Amnestierung der bayerischen Revolutionäre fordert, ist erst recht verblüffend. (Die „Münchner Post“ hat selbstverständlich Hoffmanns Rede in so dürftigem Auszuge gebracht, daß die bayerischen Sozialdemokraten völlig ohne Kenntnis bleiben, zu was für Taten ihr ehemaliger Ministerpräsident und Retter der Demokratie aufruft). Ich bin durch diesen Vorgang in meiner Meinung bestärkt, daß die Reichssozialdemokraten einen Druck auf die Auerochsen ausüben wollen, um sie zu einer Politik der Opposition gegen die Weißterroristen zu zwingen und sich ohne Rücksicht auf Auers Ehrgeiz, Lerchenfeldscher Minister zu werden, auf die Forderungen des Proletariats zu besinnen, und daß es Radbruch ist, der eine gewisse linke Fronde gegen seine eigene Politik, mit der er sich so fürchterlich kompromittiert, in seiner Partei wünscht und fördert. – Es ist herrliches Wetter, – und eben ruft man: Spazierhof! Also an die frische Luft.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 1. März 1922.

Aschermittwoch: für uns kein Ausnahmetag. – Gestern aber am Faschingsdienstag hatten auch wir fröhlichere Stunden. Seppl hatte seinen 23ten Geburtstag, und da machten wir im Kreise der nächsten und weiteren Freunde da oben einen kleinen Kaffeeklatsch mit Revolutionserinnerungen, und abends in noch engerem Zirkel ein „Festessen“, das auch[aus] Pichelsteiner und Pfannkuchen bestand. Noch 1½ Monate, und der Seppl, der verhätschelte Liebling unsrer Schar, geht fort, – und es wird sehr trübe und düster um uns sein. – Na, vielleicht hat der Optimismus derer recht, die für uns alle die Stunde der Freiheit schon in diesem oder dem kommenden Monat erwarten. (Ich gehöre nicht zu ihnen, glaube aber, daß es im Sommer, spätestens aber beim Antritt des neuen Reichspräsidenten, dessen Wahl die „Forderung des Tages“ ist, soweit sein wird.) – Vom Hause: Toller wurde ein Brief Romain Rollands, weil er in französischer Sprache geschrieben ist, erst zu den Akten genommen, dann Tollers Angehörigen übersandt. Eine Bestimmung, daß französisch geschriebene Briefe prinzipiell nicht ausgeliefert werden, ist uns nie bekanntgegeben worden. Nadelstiche! – Ich war von Ringelmann, der an Furunkulose leidet, um meinen Stock gebeten worden, an dem er wochenlang durchs Haus ging. Gestern bat ihn sich Hagemeister aus, der sich hier in Folge der ungesunden Baulichkeit Rheumatismus geholt hat. Ein Aufseher verbot ihm, mit dem Stock in den Hof zu gehn. Kurz nachher wurde der Stock eingefordert und beschlagnahmt. Drei Jahre lang hat mich das Gerät durch Gefängnisse und Festungen begleitet und bis jetzt noch nie die Sicherheit Bayerns gefährdet. Jetzt hat man endlich die Gefahr erkannt, die ein solcher Knüppel eines Einzigen für die Gewehre, Gummiknüppel und Handgranaten von 100 Aufsehern werden kann. Es ist amüsant, wie grade Bayern, das die Ordnungshelden im ganzen Reich als die gesichertste Zelle bürgerlicher Ruhe preisen, die schlotternde Furcht vor jeder Bewegung eines Revolutionärs am aufgeregtesten sichtbar werden läßt. Die Verfassungshüter in diesem Lande sehn ihre Aufgabe in der Tat hauptsächlich darin, den Pittingern für ihre verfassungstürzende Revolution – die der Miesbacher Anzeiger mit größter Offenheit und natürlich ungestört propagiert, – die Wege freizuhalten. Wenn sie sich bisher noch zurückhalten, ist das dem Unfrieden in den eignen Kreisen zuzuschreiben. Das Freikorps Oberland z. B. ist alldeutsch (großpreußisch, wie die Föderalisten sagen) orientiert, und wird vom Miesbacher deshalb schon als Judenorganisation bespuckt. Die Bayerische Königspartei hat ihren Namen in „christlich-föderalistische Volkspartei“ umgewandelt, und will bei den nächsten Wahlen mit eignen Kandidaten antreten (Arco wird als Abgeordneter wohl kaum um die Immunität geprellt werden). Aber eins ist sicher: wenn nicht die peinlichen Veröffentlichungen der Abel, Römer etc. die Rupprechtsverdreher kopfscheu machten, vor dem Proletariat hätten sie gewiß keine Angst, auch nicht vor den Kommunisten. Die sind jetzt soweit, wie ich sie schon vor 2 Jahren kommen sah, als ich in der von Pfempfert unterschlagenen Broschüre gegen die Heidelberger Leitsätze loszog. Darin schrieb ich, daß, wer ins Parlament geht, ebenso auch in die Regierungen gehn kann, das seien nur noch Unterschiede der Nuance. Jetzt haben tatsächlich die Kommunisten in Sachsen beschlossen, in die „rein sozialistische“ Regierung dort Aufnahme zu suchen. Wenn Noske heute mit seinen Hörsings und mit ein paar Kautskynikern das Kabinett zur Verwaltung eines kapitalistischen Staats bildet, so nennen die Kommunisten das eine „Arbeiterregierung“, in die sie unbedenklich eintreten können. Und, wenn nicht etwa die sächsischen Sozialdemokraten so dumm sind und nein! sagen, so werden wir das edle Schauspiel in kürzester Zeit erleben, daß „Bolschewisten“ das Kapital schützen und ihnen zu Nutz Gesetze ausschwitzen. Denn, das sagen doch auch die Marxisten, daß der kapitalistische Staat nur kapitalistisch regiert werden kann. Die Kommunisten in Sachsen werden brav den Etat bewilligen, und wenn die kommunistischen Arbeiter Revolution machen wollen, werden sie sich gegen die eignen Bonzen erheben müssen. Das ist das Werk Moskaus – leider! Von dort aus werden die Mitglieder der „kommunistischen Internationale“ dirigiert, russisch-nationalistische Politik zu treiben, und zwar die Politik, die der rückläufigen Bewegung Sowjet-Rußlands zum kapitalistischen Obrigkeitsstaat am wenigsten Hemmungen bereitet. Was sich heute bei uns Kommunisten nennt, sind Bebelsche Sozialdemokraten vom reinsten Wasser. Die Phrase der Revolution lebt noch, der Geist ist tot. – Lieb Vaterland, magst ruhig sein!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 3 März 1922.

Aus der Niederschönenfelder Kommunistischen Zelle im Mittelgang des II. Stocks: Auch Olschewski sitzt unten – angeblich wegen Schwarzschreiberei – und leistet nun also Schiff in der Hofstunde Gesellschaft, der aus dem Grunde in Einzelhaft kam, weil er, als ein Aufseher in seine Zelle eintrat, aggressiv einen lauten Furz von sich gab. So etwas wird dort hinten als revolutionäre Tat, als „Klassenkampf“ gegen die Verwaltung oder was weiß ich angesehen. Natürlich – darauf deutet ja schon die prompte Absonderung hin, wird dieser Furz in der nächsten Kühleweinrede im Landtag das Parfum liefern müssen, in das er Niederschönenfeld hüllen wird, und Niekisch gerät grade durch solche Dinge, auf die man schlechterdings nichts Beschönigendes sagen kann, in die peinlichste Defensive. Aber man glaubt hinten, daß möglichst häufige Einzelhaft – gleichviel aus was für Gründen – rühmlich sei. Hätte der angefurzte Aufseher dem Lausbuben eins hinter die Ohren geschlagen – was doch nur die Erwiderung einer tätlichen Beleidigung auf der Stelle gewesen wäre –, dann wäre ein mörderlicher Spektakel entstanden, bei dem auch in Proletarierkreisen die Ohrfeige weniger Entrüstung hervorgerufen hätte als der provozierende Gasangriff. Die Esel haben eben garkeine Perspektive. Was den Lümmel Schiff anlangt, so taxiere ich seine Rüpelei einfach als den Ausdruck seines Bedürfnisses, sich als klassenzugehörig zu legitimieren. Es wäre nicht das erste Beispiel von der Auffassung in die Arbeiterbewegung versprengter Bourgeoissprößlinge, möglichst unmanierliches Benehmen sei „proletarisch“. Meine ursprüngliche Vorliebe für Karpf z. B. erhielt den ersten Knacks, als er bei Vertilgung eines Geburtstagshühnchens die von uns schon abgenagten Knochen alle noch einmal abfieselte. Damals erkannte ich den Bourgeois in ihm: Mir graust’s vor garnichts! Das zeigt, wie vollständig fremd diesen Leuten das Wesen des Proletariers geblieben ist, der, wo es ihm an aesthetischer Kultur fehlt, selbst die schlechte Erziehung seiner geschundenen Klasse dafür verantwortlich macht, und ein dankbares vom Instinkt eingegebenes Gefühl dafür hat, wann man in seiner Gegenwart die Formen genau so wahrt, wie man das in „guter Gesellschaft“ für Pflicht hält. Darin zeigt sich Bourgeois-Charakter, wenn einer meint, sich dadurch mit Arbeitern gemein zu machen, daß man sich ordinär macht. Habe ich eine gute Kinderstube gehabt, weil sich meine Eltern eine Acht-Zimmerwohnung leisten konnten, die grobe Arbeit durch Dienstmädchen verrichten ließen und der Erziehung jede Aufmerksamkeit und jede Zeit widmen konnten, dann habe ich im Umgang mit Proletariern, die in Armut aufgewachsen sind und ihr Benehmen unter Mitmenschen im Selbstunterricht lernen mußten, durch mein Verhalten die Möglichkeit ihrer Fortbildung in diesem Selbstunterricht durch unaufdringliches Beispiel zu geben. Die „Anpassung“, die von versprengten Bürgerlingen durch Verleugnung ihres Bißchens erlernter Zivilisation versucht wird, wird von jedem Arbeiter, dem es um sein Inneres zu tun ist, als taktlose Beleidigung empfunden. Er fühlt die Verachtung daran, die in der Auffassung liegt: vor diesen Leuten brauche ich mich nicht zusammenzunehmen, das sind ungebildete Plebejer, und wenn ich mich recht schlecht aufführe, halten sie mich für ihresgleichen. Pfui Teufel! über diese Art Zulauf zum Proletariat! – Interessant ist aber, daß solche Spekulationen auf die Geschmacklosigkeit bei gewissen Proletariern ihre Wirkung tun, nämlich bei solchen, die Führerposten zustreben, bei den Beamtenseelen, die die Fühlung mit ihren Klassengenossen eigentlich schon verloren haben, die sich als „gehobene“ Arbeiter betrachten und infolgedessen zwischen die Klassen geraten sind, deren marxistische Lehrbücher sie aber doch immer wieder zur Betonung ihres proletarischen Charakters zwingen, und die deshalb Echtes nicht von Falschem unterscheiden können, und die Bourgeois nicht als Bourgeois erkennen, die ihnen durch forcierte Benehmensroheit klassenecht vorkommen. Hier ist der ganze Mittelgang von solchen zwischen zwei Stühlen hängenden Postenanwärtern gefüllt, und manchmal erschrickt man, bis zu welchem Grade ihre Überhebung und zugleich ihre Selbstkritiklosigkeit schon gediehen ist. In kommunistischen Zeitungen erschien dieser Tage eine Notiz, die Gruppe Friesland habe sich wiederholt an Sauber gewendet, ohne von ihm einer Antwort gewürdigt zu sein. Jetzt erklärt er zugleich „im Namen der Kommunisten“ in Niederschönenfeld, daß „die Kommunisten“ hier die Friesland-Levi-Politik auf das Schärfste verurteilen etc. Daß „sie“ mich nicht als Kommunisten anerkennen, obwohl ich es seit 20 Jahren bin, nehme ich ihnen nicht übel. Das wird ja von Moskau aus gelehrt, daß ein Kommunist Parteimarken kleben muß, sonst ist er keiner, – aber daß sie ihre eignen Partei-Abgeordneten Schmidt und Hagemeister, ihre Funktionäre Sandtner, Luttner, Zäuner, Thierauf, Köberl u. s. w. und alle die Rotgardisten und übrigen KPD-Revolutionäre, die hier miteingesperrt sind, überhaupt nicht mehr fragen, wenn sie die Öffentlichkeit aufklären, was „die Kommunisten“ in Niederschönenfeld wollen oder nicht wollen, ist stark. Aber Sauber und Wiedenmann erklären neu Eintreffenden mit schönem Bekennermut, daß man diese Leute nicht als Kommunisten ansehn könne, in ihren Augen wären das Konterrevolutionäre, Menschewisten und Staatsanwaltsverräter. Warum sie Verräter sind? Weil sie sich der „Disziplin“ nicht fügen, d. h. sich Saubers (von Kain diktierten) Direktiven nicht unterwerfen. Da kam kürzlich von Amberg ein äußerst zweifelhafter Mann, namens Heiß, der im Seidl-Schickelhoferprozeß eine erbärmliche Rolle gespielt und darauf seinerzeit Bewährungsfrist erhalten hat (die durch kriminelle Neu-Verurteilung kaput ging). Die KP-München hatte ihn ausgeschlossen. Da er sich jedoch den Warnungen vor uns zugänglich erwies, wurde dieser Mann, dem wir von Anfang an möglichst aus dem Wege gingen, von den echten Monopol-Kommunisten mit offenen Armen aufgenommen. Daß seine Feindschaft gegen uns nicht mehr zur Auswirkung kam, liegt jedenfalls daran, daß er – ebenso übrigens der mit ihm angelangte Genosse Pfaffeneder, ein braver, ruhiger junger Kerl, und vorher schon Uhrmann, ins erste Stockwerk verlegt wurde, wo erst durch Stahls, dann durch Schreibers und gestern nun durch Rappls Entlassung Platz geworden ist. Mit Rupert Rappl geht wieder einer unsrer besten Genossen fort. Ein ganz prachtvoller junger Mensch, der als Rotgardist seine ganze Pflicht getan hatte, dann entkam und im Ruhrgebiet von neuem in der Roten Armee kämpfte. Dort geriet er dann in Gefangenschaft und wurde den Bayerischen Schergen zugeführt. Bis vor kurzem war er bei uns hier oben, wendete sich in seiner unbestechlichen Natürlichkeit degoutiert von dem Gemächel der „Gruppe Krach“ ab, die ihn eifrig umworben hatte, und war uns ein guter Kamerad und im ganzen Hause einer der beliebtesten Genossen. Rappl ist einer von den stillen Aufrechten. Er wird draußen nicht als Leuchte der Politik lodern, aber wenn die Stunde ruft, wird er wieder da sein. Könnte man das von allen unsern „Kommunisten“ so sicher wissen, dann stände es besser um uns und um Vieles noch.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 6. März 1922.

Mancherlei Unerfreuliches ist anzumerken. Die Duske-Infamie ist leider noch nicht so erledigt, wie zu wünschen wäre. An einem der letzten Sonntage hat unter Leitung eines von Berlin entsandten Zentrale-Mitglieds eine Funktionärssitzung der KP stattgefunden, die über alle möglichen Stänkereien innerhalb der bayerischen Partei den ausgleichenden Weisheitsspruch zu fällen hatte. Die Niederschönenfelder Zensur hat uns die Beschlüsse dieser hohen Ratsversammlung durch rechtzeitige Konfiskation der Zeitungen, in denen sie standen, in Konsequenz des Grundsatzes, daß mir die Rechtfertigung mit allen Mitteln erschwert werden muß, vorenthalten. Aus Weigels Briefen konnte ich aber entnehmen, daß, nachdem die Münchner Bezirksleitung ihm eine vollständige Genugtuung gegeben hatte, die revisionistische K. A. G.-Gruppe, auf die sich ja komischerweise „die Kommunisten“ allein stützen können, die draußen in Duske, hier drinnen in Sauber-Schwab ihre würdigen Repräsentanten stellen, doch wieder Oberwasser bekommen hatte. Jedenfalls wurde der Ausschluß Grafs, Holzapfels und Aschauers, mit denen sich die Aschenbrenner, Auweck und Rolle solidarisch erklärt hatten, von jener Funktionärsversammlung wieder rückgängig gemacht; überdies hat man Rosa Aschenbrenner auch noch mit der Korrespondenzführung mit Niederschönenfeld beauftragt. Und was das Tollste ist: man hat nachträglich auch Duske wieder als Ehrenmann anerkannt, sodaß jetzt erst der Verleumdete, dann der Verleumder Recht bekommen haben. Offenbar waren anarchistische „Belange“ nicht wichtig genug, um Parteikonflikte deswegen auf die Spitze zu treiben. Partei! Partei! – wer sollte dich nicht nehmen! Was ist aus dem guten Dichterwort geworden! – Nun ist in diesen Tagen ein Brief der Aschenbrenner an Schwab eingetroffen, immerhin mit der Anordnung, ihn allen Parteimitgliedern hier zugänglich zu machen, und darin wird einigermaßen versteckt ein neuer Vorstoß gegen mich unternommen. Wahrscheinlich hat ihn Schwab als Antwort auf eine Frage erhalten, sodaß die Tücke wohl hier drinnen wird ausgekocht worden sein. Der Rest des Amerikageldes – wieviel nach der blödsinnigen Verteilung unter eine Auswahl übrig geblieben ist, weiß niemand – soll nun also doch noch für den Rechtsschutz verwendet werden, von dem die Idee, die Grundlinien, die Einleitung der Aktion, die Beschaffung der Geldgeberadressen und endlich die Zwecksetzung der Spende von mir herrührt. Plötzlich weiß man das nicht mehr, faßt alles als Parteisache auf – obwohl das Geld von Anarchisten kommt – und dekretiert jetzt in schöner moralischer Pose: selbstredend werde Rechtsschutz nur organisiert werden, wenn er allen Gefangenen zugute kommt, nicht etwa einem Einzelnen (gemeint ist natürlich Mühsam, und so erlebt Duskes Unterstellung eine hübsche Neuauflage). Ich habe gestern an Weigel einen kräftigen Protest losgeschickt, dessen Billigung ich von allen meinen Freunden einholte, und in dem ich bewies, daß die Frage, wie der Rechtsschutz zu organisieren sei, längst von mir beantwortet sei, und daß ich nie etwas andres gewollt oder betrieben habe, als Rechtsschutz für alle ohne Ansehn der Person oder der Richtung, und daß ich im Gegenteil seinerzeit Pestalozza kommen ließ, weil er nicht mein Anwalt in persönlichen Dingen ist. – Ich habe an dem ganzen Vorgang gesehn, daß man mir solange keinen Frieden lassen wird, bis ich die ganze Kloake dieser Parteiintrigen öffentlich bloßgelegt haben werde. Schandbare Bande! – Und nun weiter: heute erhielt ich Bericht von Zenzl über den Ausgang des Schiedsgerichtsverfahrens in der Plünderungssache. Das Gericht hat entschieden, daß wir von der Stadt München für die uns gestohlenen und vernichteten Sachen keinerlei Entschädigung zu verlangen haben. Die Weißgardisten haben auf der ganzen Linie den Freispruch davongetragen. Nicht nur ist keiner von den Räubern bestraft oder auch nur wirklich verfolgt worden, – auch der Verlust wird von niemandem vergütet. Das Tumultschadengesetz macht vor Revolutionären Halt. Denen darf das letzte Hemd und die letzte Hose aus dem Kasten geholt werden. Von Rechts wegen. So schmerzlich es mir ist, Zenzl um die Hoffnung geprellt zu sehn, sich einmal ein klein wenig ausruhen zu können (die Teuerung wächst unaufhörlich. Die Preise haben vielfach schon das 100fache des Friedensstandes erreicht und überschritten, und sie muß mit 600 Mark monatlich auskommen), so spüre ich doch zugleich eine gewisse Befriedigung dieser Selbstentblößung der bürgerlichen Klassenherrschaft gegenüber. Wir wollen es uns merken. Noch gebe ich die Zuversicht nicht verloren, daß wir noch einmal dazu kommen werden, unsre Gegenrechnung zu präsentieren, obwohl die Kommunisten in Deutschland und in Rußland eine „Realpolitik“ „auf dem Boden der Tatsachen“ exekutieren, die den größten Optimisten desparat machen kann. Aber ich glaube an die Revolution, und die wird über das Bündnis der deutschen Kommunisten mit Ebert ebenso hinweggehn wie über das Bündnis der russischen Kommunisten mit Stinnes.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 8. März 1922.

Jeder Tag dieser wahnwitzigen Epoche ist angefüllt von Ungeheuerlichkeiten, die in der Geschichte ihren bleibenden Platz finden werden; aber wir Mitlebende, zumal wir zwischen die Mahlsteine der Zeit Geratenen erkennen kaum in all dem Sterben und Werden, Schaffen und Zerstören die Drehpunkte des Weltgeschehns und müssen uns bei den täglichen Aufzeichnungen auf ein Sackgreifen beschränken, ohne zu wissen, ob wir nicht die allerbeträchtlichsten und umwälzendsten Ereignisse ganz übersehn. Vielleicht ist der neue Putsch in Fiume in seinen Folgen bestimmt, dies ganze italienische und yugoslavische Konfliktslager in Feuer zu setzen, den ganzen noch ungelösten Knoten der Balkanprobleme bloßzulegen und zu lösen. Vielleicht ist es ein gleichgiltiger Nebenvorgang in einem Komplex von Wirrnissen, die wir noch garnicht überblicken. Die Autonomerklärung Irlands innerhalb des British Empire bedeutet wahrscheinlich nicht den Abschluß des irischen Befreiungskampfes sondern einen Anfang. Darauf deutet die Homerule-Bill für Ägypten hin (die unsern zuhause in ihrer Freiheitlichkeit so bescheidenen Zeitungen nicht weit genug geht. Sie verlangen Amnestie – für die ägyptischen Verschwörer!). Irland – Ägypten: England hat sehr weit nachgegeben und steht in beiden Ländern vor weiteren schweren Erhebungen, – und dabei fühlt man, daß diese beiden Brandherde nur Leuchtfeuer nähren für die Brandstätte, auf der die Glut noch nicht zur offenen Flamme aufzuschlagen wagt, für Indien. Dort liegen die gewaltigsten Energieen der Weltrevolution in Reserve, aber wir ahnen nur die Kräfte, die der Entfesselung harren, wir ahnen nur die Art, in der sie früher oder später losbrechen werden. Wie weit wird bis dahin der erwachte Riese Rußland durch Waffen und Entkräftung, durch Hunger, Dürre und Frost, durch Betrug und Korruption wieder eingeschläfert sein? Davon hängt wohl alles ab – für Europa und fürs Proletariat, die Bauern, die Völker der Welt – für das Schicksal des britischen Imperiums hauptsächlich.

Hier wurden meine weltpolitischen Spekulationen unterbrochen, da mir höchst überraschend Besuch angemeldet wurde: mein guter Léon Hirsch war da, hatte ¾ Stunden Sprecherlaubnis, und mir wurde vorher vom Regierungsrat (ich glaube, der Mann heißt Englert) eingeschärft, daß nur 2 Punkte besprochen werden dürfen: ein Mühsam-Abend in Berlin und die Veröffentlichung von Liedern. Wahrscheinlich hatte der arme Léon in der Angst des Augenblicks, genötigt, genau vorher mitzuteilen, was er mit mir reden wolle, nichts andres zur Hand, und so mußte sich denn die Unterhaltung – unter Aufsicht eben dieses Regierungsrats – auf diese „genehmigten“ Themata beschränken. Natürlich ging uns dabei schon nach wenigen Minuten die Luft aus, und so saßen wir uns denn gegenüber in der krampfhaften Anstrengung, nur irgendwo wieder den Gesprächsfaden anknüpfen zu können. Nun – die Freude, einen von den Alten wieder lebendig vor mir zu sehn, war recht groß, und ein klein wenig Atmosphäre des Lebens drang bei jeder neuen Namensnennung in meine Seele. Der gute kranke Kerl sah zudem besser aus als bei den Besuchen in Ansbach, was wohl eine Wirkung seiner Verheiratung ist, die vor einigen Wochen unternommen wurde. – Meine Tagebuchnotizen müssen nun für heute zurückstehn. Ich merke nur an, daß Schiff nun als ausgelüftet wieder aus der Einzelhaft heraufgelassen wurde, und daß eine Todesnachricht in einem Berliner Blatt meine Erinnerung an die Tage Peter Hilles lebendig machte. Der unglückselige Volksdichter Matthias Weber, ein Berliner Original, das sein Gedicht „Welle, Welle, Kobold der Flut“ an allen Straßenecken vordeklamierte und dazu verkaufte, und der stolz war, wenn Peter und ich ihn ansprachen, ist in größter Armut, 70 Jahre alt, gestorben. Ich wüßte gern, was aus unsern andern Dichter-Kameraden aus jenen Tagen geworden ist, den viel ernster zu nehmenden Damm, der häufig in Peter Hilles Gesellschaft war und sich garzu bescheiden unter seinen wirklichen Wert einschätzte und nur dadurch in die unverdiente Linie mit dem armen Narren Weber geriet. Auch er müßte, wenn er noch lebt, ein alter Mann sein, ein stiller Enttäuschter vielleicht, der traurig den Planken seines gekenterten Hoffnungskahns nachschaut, vielleicht aber auch ernst lächelnd im Bewußtsein des reinen Poetenglücks, unzerstörbarer Dankbarkeit für die Zärtlichkeiten seiner sanften kleinen Muse.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 10. März 1922.

In der letzten Zeit habe ich viel vernachlässigt, was einen wohl beschäftigen konnte, ohne indessen zu einem ein Urteil gestattenden Abschluß gekommen zu sein. Passons. Das ewige Thema von Niederschönenfeld ist und bleibt natürlich die Amnestie, zumal die dünne Regierungsvorlage bald vor den Reichstag kommen dürfte (sofern nicht vorher noch das Steuerkompromiß, das nun neu geleimt ist, nachdem die Sozialdemokraten den Kapitalisten noch mehr Zugeständnisse gemacht haben als in der ersten Fassung, oder die bisher immer wieder verschobene aber doch wohl demnächst steigende Genua-Konferenz – ich nenne sie gerne „das Fiasko der Verschwörung in Genua“ – oder eine Reichstagsauflösung aus noch im Dunkel brodelnden Ursachen alle gereiften Blütenträume wieder eingehn läßt). In Sachsen, dem Lande mit der „rein sozialistischen“ Mehrheit und Regierung hat es eine Amnestievorlage für politische Gefangene gegeben. Sie wurde abgelehnt, da die Mehrheitler in ihrer Mehrheit im Augenblick der Abstimmung den Weg von der Parlamentsbierstube zum Parlament nicht fanden und dadurch die Mehrheit zur Minderheit machten. Im preußischen Landtag beschäftigte man sich mit demselben Thema: abgelehnt, da diesmal die Sozi mit den Bürgerlichen dagegen stimmten, wie in Bayern. Hübsch ist aber, daß bei dieser Gelegenheit das Reichsjustizministerium – ein Kommis desselben Radbruch, der Reichsamnestieen an den Hoheitsrechten Bayerns scheitern läßt –, wohl in Besorgnis, der preußische Landtag könnte womöglich von einer menschlichen Anwandlung befallen werden, erklären ließ, daß die Zuständigkeit für ein Amnestiegesetz nur beim Reich liege. Danach sähen unsre Aussichten jetzt wohl trüber aus als je (Radbruch erweist sich täglich mehr als vollständiger Versager. Die Auslieferung der Dato-Richter an Spanien hat seinem Ansehn den Rest gegeben, und der kommunistische preußische Landtagsabgeordnete Schultz nannte ihn den „Reichsjustiznoske“. Mir tut’s in der Seele weh). Dennoch bin ich guten Mutes. Alle diese Leute sind, grade weil keine Persönlichkeiten unter ihnen sind, absolut nicht die Herren über ihre persönlichen Beschlüsse. Ob der Reichstag und die Landtage Amnestie wollen oder nicht – und natürlich wollen sie sie nicht, da sie ihnen die unangenehmsten Kritiker auf den Hals hetzen würde – sie werden so handeln müssen, wie die stärkste Energie auf sie drückt. Solange die stärkste Energie beim Kapital liegt, haben wir nichts zu erwarten, sobald aber die Energie des Proletariats sich ernsthaft in Geltung setzt, werden sie beschließen, wie es uns nützt. Nun kündigen die Kommunisten für den 18. März umfassende Demonstrationen mit der Parole: Befreiung der gefangenen Revolutionäre – Amnestie – an, und mir ist soviel gewiß, daß unsre Lage in dem Augenblick ungeheuer aussichtsvoller wird, wo die Straße zum ersten Mal für uns aktiv wird. Als vor einigen Tagen der Seppl aus der Zeitung die Notiz vorlas, in der diese Demonstration zuerst angekündigt wurde, war mein erstes Wort: Dann gibt’s in den nächsten Tagen hier oben noch Krach! – Zehn Minuten später erfuhren wir, daß unter „den Kommunisten“ bereits eine neue Hetze gegen mich im Gange sei, da ich gesagt oder geschrieben haben soll, es bestehe eine Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Mittelgang und der Verwaltung. Taubenberger wollte mich deswegen „niederschlagen“. Hagemeister erzählte mir dann, wie man bei Tisch über mich losgezogen sei (man tut das in Augusts Gegenwart, eben damit er mir davon berichte). Lump, Schuft, Verräter, Konterrevolutionär, Antibolschewist sind gewohnheitsmäßige Liebenswürdigkeiten gegen mich. Dann kamen auch gleich die Racheschwüre für dereinst, wenn man die Macht haben würde. Denn alle diese armen haftkranken Tröpfe bilden sich wirklich ein, die Diktatur des Proletariats werde nur von ihnen ausgeübt werden, sie und nur sie werden frei nach ihrem Haßbedürfnis schalten können, die Aufgabe des Proletariats jetzt sei nur zu warten, bis sie draußen sind und mit dem Herumfetzen anfangen und später, auf ihr Kommando an die Wand zu stellen oder einzusperren, wer von ihnen dazu bestimmt wird, – vor allen aber Mühsam unschädlich zu machen. So hat der naive Gläubige Seffert geschworen, ein zweites mal werde ich nicht so glimpflich davonkommen wie am 7. April im Kindlkeller; die meisten haben verlangt, ich müsse ohne weiteres erschossen werden – die wildesten sinnen dazu sogar spezielle Foltern aus –, aber Kain hat dann milde beschlossen, daß ich „nur“ eingesperrt werden soll, aber bei Rauchverbot und Entzug des Bohnenkaffees. – Inzwischen scheint von den Drahtziehern die Richtung des Manövers, mit dem regelmäßig, wenn die Arbeiter sich für die politischen Gefangenen interessieren, ihre Mißstimmung gegen die Niederschönenfelder erregt wird, vorläufig wenigstens von mir abgelenkt zu sein. Man will scheinbar diesmal einen neuen Krach innerhalb der Krachgruppe selbst inszenieren. Im Laufe der Woche wird das wohl noch klarer werden. Aber eins weiß ich gewiß: kommt wirklich eines Tages die allgemeine Befreiung, und schlägt wirklich dann die Flamme der Revolution wieder hoch – und die heute in Niederschönenfeld delirierenden „Kommunisten“ kommen ans Ruder, was in dem Augenblick möglich wird, wo der Rückschlag kommt und die „Disziplin“ siegt über das revolutionäre Temperament und den Schwung der Begeisterung –, dann werde ich von der „Freiheit“, die das Regiment Sauber-Schlaffer-Wiedenmann-Schwab-Kain auszeichnen wird, nicht lange Gebrauch machen. Dann passiert mir all das, was die verhetzten Hysteriker jetzt gegen mich herbeiwünschen und noch Ärgeres. Nur eins weiß ich: möge mich schließlich an die Wand stellen, wer mag – erschossen kann ich immer nur von rechts werden.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 12. März 1922.

Es will Frühling werden. Die Sonne lockt in den Hof, und die Beschäftigung mit dem Tagebuch und mit andern Nützlichkeiten muß eingeschränkt und zeitlich verlegt werden. Nur eine knappe halbe Stunde ist noch Zeit bis zum Abendbrot, und ungestört wird wohl auch bis dahin das Schreiben nicht vonstatten gehn. Darum nur zwei innere Angelegenheiten, vor allem die, die mich selbst betrifft und mir vielleicht bald neue Arbeitslust und zugleich die Chance eröffnet, ihrer auch froh zu werden. Gestern fragte mich Fetsch beim Empfang im Rapportzimmer wie zufällig: „Herr Mühsam, ich habe da schon seit Monaten etwas für Sie in Verwahrung, was Sie immer einem Besuch mitgeben wollten, und das ist dann wohl vergessen worden. Was soll damit eigentlich geschehn?“ Und auf meine verwunderte Frage langte er mein Romanmanuskript aus dem Fach. Ich war so verblüfft, daß ich im Augenblick beinahe seiner Versicherung glaubte, das Zeug liege schon monatelang zur Verfügung für mich bereit. Es ist mir jetzt natürlich klar, daß es wohl erst diesen Tag oder höchstens einen vorher dorthin gelegt wurde. Wahrscheinlich ist entweder vom Justizministerium ein Wink gekommen, in der Freigabe literarischer Arbeiten etwas toleranter vorzugehn und man fand einen Modus, um mir für die lange Dauer der Beschlagnahme sozusagen die Schuld beizumessen, oder der SDS hat angefragt, und der Staatsanwalt hat nach Bericht verfügt, die Sache unauffällig aus der Welt zu schaffen. Mir ist die Hauptsache: das Manuskript ist frei, und ich hoffe, es morgen an Zenzl absenden zu können, denn mit hinaufnehmen durfte ich es nicht, und ich werde wohl unten das Kuvert schreiben müssen. – Der zweite Fall betrifft Thierauf. Nachdem ihm seinerzeit angeboten war, ihm für eigne Schneiderarbeiten unten eine Zelle einzuräumen, hatte er nachgesucht, daß ihm aus der Anstalt ein Bügeleisen und eine Maschine leihweise überlassen werde. Beides wurde abgelehnt. Zugleich aber wurde ihm „eröffnet“, daß er sich diese Utensilien auch nicht hereinschicken lassen dürfe, und daß ihm nicht gestattet werden könne, für eigne Zwecke zu arbeiten, da dadurch der Anstalt mit Hin- und Hersenden der Ware zuviel Umstände erwachsen würden. Es wurde ihm aber freigestellt, für die Anstalt Schneiderarbeit zu leisten (bei 6 Stunden für 6 Mark und bei Sträflingsüberwachung). Der Fall ist ganz toll, nicht bloß weil die Tendenz, die politischen Gefangenen in Zwangsarbeit zu bringen, wieder einmal deutlich bemerkbar wird, sondern vor allem auch, weil als Prinzip ausgesprochen wird, daß Paketsendungen nicht mehr nach freiem Belieben der F. G. abgesandt werden dürfen, sondern die Bequemlichkeit der Verwaltungsarbeiten auch dabei berücksichtigt werden muß. Einprägen! Vom Syndikus des Schutzverbands Dtsch. Schriftsteller ging mir gestern die Mitteilung zu, daß der Prozeß gegen die „Kulturliga“ entschieden ist, indem meine Honoraransprüche, die der SDS eingeklagt hatte, zurückgewiesen wurden. Das Gericht hat entschieden, daß die Broschüre „Erich Mühsam. Ein Edelanarchist“ eine „selbständige Arbeit von literarischem und wissenschaftlichem Charakter“ sei, in der es erlaubt war, zur Begründung ihres Beweisthemas aus meinen Gedichten beliebig viele honorarfrei abzudrucken. Also dieses hundsgemeine, verleumderische und gehässige politische Pamphlet, diese antisemitische Radauschrift ist eine „selbständige literarische und wissenschaftliche Arbeit“. Es gibt noch Richter in Deutschland!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 15. März 1922.

Privates: Die beiden ersten Romankapitel sind heute weggegangen, die beiden weiteren lege ich in den nächsten Tagen der Zensur vor. Mit dem Weiterarbeiten warte ich, nach den 14 Monaten, die inzwischen verplempert sind, noch, bis der Seppl fort ist. Bis dahin werde ich wohl die Sammlung zur Arbeit wiedergefunden haben, und wenn der Junge nicht mehr bei mir ist, muß ich ohnehin eine Neueinteilung meiner Tage vornehmen. – Dann: Loewenfeld hat mir die Begründung der Abweisung unsrer Entschädigungsansprüche mitgeteilt. Das Gericht hat es nicht nachgewiesen gefunden, daß die Plünderung im Zusammenhang mit den Tumultvorgängen geschehen seien. Im Gegenteil sei es wahrscheinlich, daß Soldaten im Dienste die Diebstähle ausgeführt haben. Ich habe von der bayerischen Rechtssprechung auch keine bessere Entscheidung erwartet. Lustig ist aber, daß mir zugleich L. den Schriftsatz des Finanzamtsvorstehers in der Arrestsache, eines Rechtsanwaltes Fick, zusendet, der das Urteil der Vorinstanz, die den Arrest über die Grundstücksanteile (40500 Mark) unberechtigt fand, angreift und nun fürchterlich gegen mich persönlich loslegt, um zu beweisen, daß mit Sicherheit anzunehmen ist, ich werde den Staat um die Gerichts-Prozeß- und Strafvollstreckungskosten prellen. Dazu zitiert er eine Verwahrung von mir gegen einen Forderungsanspruch, worin ich protokollieren ließ, daß ich Staatsansprüche gegen mich solange nicht anerkenne, bis der Staat nicht die von seinen Beauftragten gegen mich verübten Plünderungen ersetzt habe. Herr Fick ist ganz entrüstet darüber, daß ich von „Beauftragten“ des Staats rede, während zugleich meine Ersatzforderung grade damit zurückgewiesen wird, daß es Staatsbeauftragte waren, die im Dienste sich als Plünderer betätigt haben. Hübsch ist auch, daß Fick dem Gericht zur Kennzeichnung meines Charakters die Kühleweinsche Denkschrift eingereicht hat. Will ich nun deren verleumderischen Inhalt in meiner Rückäußerung behaupten, und das muß ich natürlich versuchen, so riskiere ich, daß hier die Verwaltung eingreift und „wegen beleidigenden Inhalts“ eine Verwahrung unmöglich macht, sodaß also die Chancen des Finanzamts wieder mal besser sind als die meinen, weil eine Staatsbehörde der andern hilft. Und zugleich teilte nun Loewenfeld mir auch Interessantes über den Stand der Duskesache mit. Pestalozza, der die Beleidigungsklage für mich führen sollte, hat sich entschieden geweigert. Jeder anständige Mensch wisse, daß ich vollständig rein dastehe, und ein Prozeß würde nur den ganzen Kot wieder aufrühren. Überdies sei es völlig ausgeschlossen, daß ich überstellt werde. So würden also die Verleumder als Zeugen aufmarschieren, neue Lumpereien vorbringen, und ich könnte nichts davon richtigstellen. Dieses letzte Argument veranlaßt mich denn auch, fürs erste auf die Austragung der Geschichte zu verzichten. Da die Justizbehörden schon ihre Maßregeln ergriffen haben, um unter allen Umständen die Verleumdungen an mir hängen zu lassen, indem sie dem Gegenpart einen ungeheuren Vorteil garantieren, müssen ohne weiteres meine Absichten, die Zusammenhänge zwischen den Verleumdungen und den Interessen der Reaktion aufzudecken, in sich zusammenfallen. Ekelhaft genug ist’s. Denn hier im Hause zumal sind trotz allem die Duskeschen Lügen immer noch Evangelium, wenn auch die Hetze hier oben zur Zeit weniger spürbar ist. Dafür wird im I Stock umso eifriger geschürt. Der Hauptmacher ist jetzt unten Blößl – natürlich wieder ein ganz „radikaler Kommunist“ –, der gestern dem guten Thierauf zusetzte, um ihm zu beweisen, daß Mühsam „ein Verbrecher“ ist. Auch Toller ist fortgesetzt Angriffen von dieser Seite – die sich von Murböck schieben läßt – ausgesetzt, und die Esel merken natürlich nicht, daß sie als Vorspann vor den Wagen der Antisemiten gespannt werden. – Allgemein hat man die Empfindung, daß sich im Hause wieder allerhand Krachstoff ansammelt. Vorgestern wär’s hier oben schon beinah zu einer Keilerei gekommen, wobei Nickl sich gegen Weigand und Ringelmann vorschicken ließ – aus ganz nichtigen, lächerlichen Ursachen natürlich. Meine Vermutung, daß man für die neu einsetzende Erregung des Proletariats für die pol. Gefangenen hier innen Material zur Gegenagitation provozieren läßt, erhält täglich Nahrung. „Die Kommunisten“, die sich alle paar Tage im Eßsaal versammeln, um sich an Marx das Maul zu zerreißen, sind vor die Alternative gestellt worden, entweder bei offener Tür zu verhandeln, oder unter Aufsicht eines Beamten. Sie haben das Letztere vorgezogen, offenbar, damit nicht etwa wir „Verräter“ von ihrer Weisheit profitieren. So hat denn gestern schon Schwab ein „Korreferat“ gehalten über die Taktik „der Kommunisten“ – das sind die 14 Männchen des Mittelgangs – in der Festung. Kühlewein hat Ursache sich zu freuen, und in Zukunft werden ihm die allerfürchterlichsten Gegner ihre Pläne für den Bürgerkrieg, den sie ja in dem Augenblick entfesseln werden, wo sie wieder draußen sind, sozusagen selbst ins Stenogramm diktieren. Die Verwaltung selber aber leistet inzwischen weitere Meisterstücke in der Vervollkommnung der „Festungs“-Methoden: Thierauf erhielt von seiner Frau eine Schere geschickt. Man hat sie beschlagnahmt, da „Handwerkszeug“ nicht im Besitz von Festungsgefangenen sein darf. – Die Nutzanwendung ein andres Mal: Spazierhof!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 17. März 1922.

Eine Geldsendung der „Roten Hilfe“ für die ledigen F. G. (für uns Verheiratete ging es an die Familien) wurde von der Verwaltung zurückgesandt, wahrscheinlich mit derselben Begründung wie vor einigen Wochen, als man mir das Geld von den Düsseldorfer Syndikalisten vorenthielt. Die Reaktion fühlt sich also immer noch obenauf und läßt uns von dem „Linkskurs“, der angeblich neuerdings in Bayern eingekehrt sein soll, nichts merken, sie verschärft vielmehr ihre Methoden in Niederschönenfeld noch nach Möglichkeit. Aber es ist doch so, daß Lerchenfeld sich vom Miesbacher Anzeiger und ähnlichen Zeitschönheiten wie ein Zutreiber der Revolution beschimpfen lassen muß. Das welterschütternde Ereignis, das die bayerischen Ashantipolitiker so heftig aus der Ruhe gebracht hat, ist das, daß sich die „erweiterte Koalition“, das heißt eine Wiederaufnahme der Deutschnationalen in die Regierung zerschlagen hat. Das große Wunder dieser Begebenheit liegt aber darin, daß die Demokraten in letzter Minute den Block der Ordnung und Sicherheit im Stich ließen und erklärten, mit der Mittelpartei nicht zusammenarbeiten zu können. Das erste Erstaunen über diesen mannhaften Entschluß legte sich bald. Denn was für diese Gesellschaft bestimmend war, hatte nichts mit politischer Gesinnung zu tun, geschweige mit oppositionellen Absichten. Man schob unhöfliche Reden Deutschnationaler gegen die demokratische Partei vor, aber jeder, der ein bißchen tiefer sieht, weiß, daß sich die Müller-Meiningen, Dirr und Hammerschmidt nur sehr gegen ihre Überzeugung dem Druck von Norddeutschland aus beugten, wo man ihnen wahrscheinlich mit Ausschluß aus der Partei gedroht haben wird, wenn sie das Programm, das für die neue Koalition schon fix und fertig war, unterwürfen[unterstützten?]. Dieses Programm sah in der Tat erbaulich aus und stellte in aller Eindeutigkeit eine einwandfreie Kundgebung für die vollständige Restauration im Sinne des antisemitisch-föderalistischen Monarchismus dar. Als Platzhalter für Rupprecht sollte der Staatspräsident seinen Posten besetzen, – und die Säuberung Bayerns von „fremdländischen Elementen“ sollte mit vermehrtem Eifer betrieben werden. Die Demokraten haben also dazu Nein! gesagt, nachdem sogar die Einigung über die Personalfrage erzielt war. Als Justizminister hatte die Mittelpartei einen Beamten des Justizministeriums, also einen „Fachmann“, präsentiert, Herrn Dr. Gürtner, den Referenten für das Begnadigungswesen. Kann man mehr verlangen? Politisch sei er ein „unbeschriebenes Blatt“ hieß es in den Empfehlungs-Waschzetteln, aber die Milde, von der in Zukunft die bayerische Justiz beseelt sein würde, war ja schon durch das bisher von dem Mann bestellte Arbeitsfeld verbürgt. Nun, wir in Niederschönenfeld haben einen Begriff bekommen von dem System, das der Referent für das Begnadigungswesen schon bisher geübt hat. „Gnade“ wird dem zuteil, der zum Verräter an der eignen Klasse wird, die Straferlasse aber, die die Gerichte selbst schon bei den Verurteilungen ausgesprochen haben, werden gestrichen, wenn jemand Charakter zeigt. Freilich kann Dr. Gürtner auch anders. Kürzlich wurde der „völkische“ Herr Hitler, ein Österreicher, wegen ganz toller Gewalttaten in einer pazifistischen Versammlung zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. 2 seiner Gesinnungsgenossen verknackte man zugleich für die Heldentaten, die jeden Kommunisten wegen Landfriedensbruch ins Zuchthaus gebracht hätten, zu 2, bzw. 6 Monaten. Diese 3 Leute haben von Gürtners milder Denkart Beweise erhalten: nachdem die deutschnationalen Radaubrüder ein unheimliches Getöse veranstaltet hatten wegen des Rechtsbruchs, den man an ihren Führern verübt habe, sind ihnen, ehe sie die Strafe auch nur angetreten haben, schon ⅔ davon auf Bewährung erlassen worden. Nun verlangen aber die tapferen Sozi sogar die Ausweisung Hitlers als lästigen Ausländer, und im Landtag wurde erklärt, daß diese Ausweisung „erwogen“ werde. Unheimlicher Lärm. Die Herrschaften drohen offen mit Gewalt, wenn „ihrem Hitler“ etwas passieren sollte, und die tapfere Regierung wird wohl in ihren Erwägungen, die sie in andern Fällen, wie Clemens Schreiber, nicht lange aufhielten, zu einem negativen Resultat kommen. Kein „Demokrat“ hat gegen diese Schweinereien bisher eine Silbe einzuwenden gehabt, und um jedes Mißverständnis auszuschließen, haben diese „Republikaner“ ihre Erklärung, daß sie ihren Vertreter im Ministerium, Herrn Hamm, daraus zurückziehn würden, wenn Herr Gürtner eintrete, mit der Versicherung begleitet, daß sie deswegen keinesfalls zur Regierung in Opposition treten würden, sondern sich Herrn v. Lerchenfeld nach wie vor als allerloyalste Bundesgenossen „gegen links“ empfohlen halten. Gegen links! Das sind nämlich die MSP-Leute unter Erhard Auer und Alwin Sänger. Und wie links diese Bande ist, das beweist sie grade jetzt wieder durch einen ganz niederträchtigen Aufruf gegen die Verhaftung ihrer menschewistischen Reaktionsgenossen in Rußland. Sie sind voll edler Entrüstung darüber, daß sich die Bolschewisten die Konterrevolutionäre, die das Land vollends wieder an die Bourgeoisie verraten wollen, vom Halse zu halten sucht, während sie die Inhaftierung wirklicher Revolutionäre, wie der freisowjetischen Anarchisten, nie interessiert hat. Hoffentlich antworten ihnen die russischen Genossen auf den schamlosen offenen Brief des Gewerkschaftsbunds so wie sich’s gehört und unter besonderem Hinweis auf die von ihnen selbst in Deutschland eingesperrten Revolutionäre, für die sie noch nicht einmal als „Opposition“ gegen die derzeitige bayerische Regierung einen Finger rühren, sondern ausdrücklich gegen ihre Amnestie stimmen. Allerdings ist ja der Unterschied der, daß wir von „Sozialisten“ Eingekerkerten den Sozialismus aufrichten wollten und also keine Schonung verdienen, während ihre „Sozialisten“-Märtyrer in Rußland dem Sozialismus ans Leben wollten und sich daher als gute Genossen der deutschen Noskiden bewährt haben. Der Protest dieser Leute in diesem Augenblick hat aber politische Zwecke, die mit dem Erbarmen für die Menschewisten wenig zu tun haben. Grade stehn die großen Kundgebungen für die Befreiung der politischen Gefangenen in Deutschland bevor, und da muß den immer noch von ihnen gegängelten Arbeitern gezeigt werden, was für Lumpenkerls die Kommunisten in Wirklichkeit sind, – und für die darf man doch nicht etwa auf die Straße gehn (sie wissen, daß eine Amnestie unvermeidlich wäre, wenn Massendemonstrationen ihren Parlamentsgesäßen Feuer zum Aufstehn unterlegen würden). Und gleichzeitig wird vielleicht durch die Erregung moralischer Entrüstung gegen die russischen Kommunisten auch der Eifer des deutschen Proletariats, dort den Hungernden zu helfen abgebremst. Mitleid erregen für Leidende heißt Sympathie für sie wecken – und das muß verhindert werden. Die Not des russischen Volks muß für die „Sozialisten“ der andern Länder als Reklame gegen Lenins Politik dienen, daher wäre es „unzweckmäßig“, ihr abzuhelfen. Es ist freilich traurig – aber so sind die deutschen Arbeiterbeamten wirklich. Und daß das im Wesen parteipolitischer „Taktik“ liegt und nicht in der speziellen Schlechtigkeit spezieller Personen, das sieht man an immer neuen Vorgängen in der kommunistischen Partei, von der hier im Hause ja allerlei Unschönes widergespiegelt wird. Gewiß sind revolutionäre Prachtkerle in dieser Partei – da sie ja glauben, dort sei allein der revolutionäre Gedanke lebendig geblieben, – aber die Saubers, Wiedenmanns, Kains etc. sind doch recht bedenkliche Gestalten, die irgendwie typisch genommen werden müssen. Augenblicklich scheinen sie eine neue Hauspolitik einzuschlagen – wohl als Ergebnis der überwachten „internen“ Zusammenkünfte. Man will eine „Einheitsfront“ schaffen, weil das grade die Parole der Partei draußen ist und somit auch mit unsereinem wieder anbandeln. Zum Glück ist grade jetzt im „Syndikalist“ mein Brief vom 20. Dezember an Sirch erschienen, worin ich das Verleumdungsverfahren der Elbert, Wiedenmann, Schwab, Sauber (mit diesen Namensnennungen) angeprangert habe. Man ist furchtbar wütend auf mich, da ich wohl die Pflicht gehabt hätte, mich und Zenzl widerstandslos unter ihre Dreckkübel zu stellen. So wird ihnen das Theater, Versöhnung oder doch Eintracht zu schaffen, an sich schon schwer werden. Wir alle – auch ihre Parteigenossen, die sie durchschaut haben – sind entschlossen, diese verdächtige Brut nicht wieder in die Nähe zu lassen. Denn was der wahre Zweck der Drahtzieher ist, darüber kann kaum ein Zweifel sein: Einheitsfront – gegen die Juden. übrigens haben sich kleine Veränderungen in den Verkehrsgruppierungen schon ergeben. So hat Gnad mich zu einer Schachpartie herausgefordert, die gestern im Hof gespielt wurde, und Ertl steht wieder mit den meisten unsres Ganges auf Grüßfuß. Ich habe auch nichts dagegen, mit den „Mitläufern“ und kritiklosen Schafsköpfen des Mittelgangs äußerlich wieder in korrekte Beziehung zu kommen, aber keine Freundschaft nicht! und die Intriganten und bewußten Verleumder zehn Schritt vom Leibe! – Taubenberger ist schon wieder in Einzelhaft. Er soll bei jener überwachten Beratung einen Aufseher verkohlt haben. Der arme Kerl wird auch nicht mehr gescheit. Aber die Sauber und Wiedenmann machen ja solchen aufgeregten Dummköpfen wie ihm und Olschewski immer wieder weiß, daß möglichst viel Einzelhaft die Anerkennung revolutionären Verhaltens in sich schließe. Einen Aufseher frozzeln – das halten sie für Klassenkampf!

 

Abschrift. An das Zentralkomitee der Roten Hilfe. Berlin. „N’feld, 17. III. 22. Werte Genossen! Mit Dank bestätige ich den Empfang Eures Schreibens vom 14. März, durch das ich erst Kenntnis davon erhalte, daß der Syndikalist meinen Brief an Gen. S. vom 20. Dezemb. veröffentlicht hat. Was die Bemerkung darin über die hier geübten Verteilungsmethoden bei Spenden der Roten Hilfe betrifft, so habe ich den Gen. Schmidt gebeten, Euch darüber die erforderlichen Aufklärungen zu geben, da mir daran liegt, von einem kommunist. Abgeordneten vor Euch gerechtfertigt zu werden, daß ich nicht etwa gehässig oder unüberlegt falsche Behauptungen verbreitet habe. – Übrigens hat mir jeder Vorwurf gegen die Rote Hilfe völlig ferngelegen. Ich hatte nach den hier angewendeten Gepflogenheiten die Überzeugung, daß die Beschränkung von Unterstützungen auf parteimäßig organisierte Genossen statutenmäßig vorgesehn sei und habe dagegen auch nie Einwendungen erhoben. Im vorigen Monat wurde ich zum ersten Mal veranlaßt, auch meinen Namen in eine der Roten Hilfe zu übersendende Liste einzutragen. Meine Übergehung in den früheren Fällen ist wohl auf ein Mißverständnis bei den Genossen in München zurückzuführen. – Daß die leitenden Instanzen der KPD sich in der Verleumdungssache gegen mich völlig loyal verhalten haben, habe ich mit dankbarer Freude vermerkt, und die Mitteilung, daß die Zurückweisungen in der komm. Presse auf das Betreiben der Roten Hilfe geschähen, quittiere ich mit lebhaftem Dank. Ich möchte hierbei ausdrücklich betonen, daß die Mehrzahl auch der parteikommunistischen Genossen hier in der Festung, darunter fast alle inhaftierten Funktionäre der KP, in der Angelegenheit treu und aufrichtig mir zur Seite standen und stehn. Ich habe keine Zeile zu meiner Rechtfertigung hinausgehn lassen, ohne mich vorher ihrer Zustimmung zu versichern, und ich lege daher auch jetzt noch den größten Wert darauf festzustellen, daß ich meine Abwehr nur gegen die Personen gerichtet wissen will, die sie notwendig gemacht haben und daß mir jede Verallgemeinerung auf die Partei als solche oder irgendeine ihrer Einrichtungen fernliegt – unbeschadet aller sachlichen Differenzen. – Die Schärfe meines Tons in dem Brief an S. war durch die Bosheit dessen, was ich erledigen mußte, geboten. Daß die Erklärungen der Roten Fahne noch nicht darin erwähnt werden, wird durch das Datum des Briefs selbstverständlich. Mit kommunist. Grüßen Erich Mühsam.“

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 19. März 1922.

Ein paar Anmerkungen nur, um Etliches nicht völlig zu ignorieren, was hier infolge der Häufung von Geschehnissen vergessen wurde. So versäumte ich von der Landeskonferenz der bayerischen Sozialdemokratie Notiz zunehmen, bei der man sich zwar mit Justizangelegenheiten beschäftigte, aber mit keiner Silbe die Amnestie oder die politischen Gefangenen überhaupt erwähnte. Auers Regie. Von der Höhe des sozialistischen Geistes dieser „Arbeiterführer“ gibt ein Passus Zeugnis, den die Schlußresolution der Veranstaltung ziert. Darin wird gefordert, daß zum Zweck der Beschaffung von Geldmitteln zu Lebensmittelzuschüssen das Eintrittsgeld für die Museen erhöht werden soll. München wird also wohl täglich 2 Mark 50 Mehreinnahmen zu diesem Zweck verfügbar haben, – die soziale Frage ist ihrer Lösung erheblich näher gebracht! – Leider muß, wenn von sozialdemokratischen Schmutzfinken geredet wird, jetzt stets der Name Radbruch genannt werden, der in dem knappen halben Jahr dirigierender Wirksamkeit aus dem eines angesehenen Rechtslehrers zu dem eines bösartig-philiströsen Bürgerlakaien und Rechtsentwürdigers herabgesunken ist. Der Regierungspräsident von Merseburg hat 28 im Zusammenhang mit dem Osteraufstand verurteilte Genossen zur Begnadigung benannt. Der Reichsjustizminister hat 24 davon tatsächlich begnadigt, es bei 4 Gefangenen abgelehnt. Er geht also noch nicht einmal soweit wie der unmittelbar beteiligte Staatsbeamte möchte. Überdies aber: Radbruch hat vor 4 Wochen öffentlich im Reichstag verkündet, daß die Amnestierung der mitteldeutschen Revolutionäre keinen Aufschub mehr dulde. Statt die Hoffnungen schnellstens zu erfüllen, die er mit dieser Äußerung erweckt hat, zeigt er jetzt, daß er garnicht mehr daran denkt, sondern mit Einzelbegnadigungen fortfährt, bei deren Auswahl er noch kleinlicher operiert als selbst der Regierungspräsident. – Endlich hatte ich vergessen, eine Reichsgerichtsentscheidung zu erwähnen, die der Revision in dem grotesken Rudolstädter Abderitenspruch gegen Gustav Wyneken stattgibt. Es bleibt also nicht dabei, daß Wyneken 1 Jahr ins Gefängnis muß; wohl aber wird die Schande sich wiederholen, den Pestalozzi unsrer Tage noch einmal als Angeklagten vor Gericht treten zu sehn, dem Liebe zu seinen Schülern als „Unsittlichkeit“ ausgelegt wird. Nichts kennzeichnet die tiefe moralische Verkommenheit dessen, was sich aus dem Weltkrieg in dieser deutschen Republik konserviert hat, krasser, als der Fall Wyneken. Weil die Menschen zur Liebe – in jeder Gestalt – unfähig geworden sind, glauben sie sie bei denen, die sie sich gerettet haben, da suchen zu müssen, wo sie bei ihnen allein noch gelegentlich spürbar wird, in den Hoden. Sie lieben so wenig die Menschen an sich, daß sie garnicht fähig sind, die Erotik als Ausdruck von Menschenliebe zu begreifen. Erotik – der Begriff ist für sie ohne Weiberfleisch nicht zu fassen. Bei Gott – ich würde mich auch vor Gericht nicht besinnen, das Bekenntnis abzulegen, daß ich Jünglingslippen mit nicht geringerer Freude zu küssen weiß als den Mund der schönsten Frau. Nur wer kein Herz hat, kann das nicht fühlen. Kein Herz haben aber – das nenne ich wirklich pervers!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 22. März 1922

Goethes 90jähriger Todestag. Wenn’s so weitergeht in Deutschland wie zur Zeit, kann man rechnen, daß er zum 100ten Todestag wirklich und endgiltig tot sein wird. Das Gemurkse und Gemächel in der Festung, im Lande, im Reich, in Europa, in der Welt verlohnt kaum mehr der Beschäftigung damit, und wenn ich demnächst, wie ich hoffe, wieder an die Arbeit gehe, um Jakob Bröschkes Lebenslauf weiter aufzubauen, werde ich mich im Tagebuch vielleicht ganz auf gelegentliche Notizen in ganz wichtigen Fällen beschränken und sonst nur die Hausangelegenheiten registrieren, damit irgendwo eine Chronik über bayerischen Rachestrafvollzug existiert. – Was soll ich heute von Weltereignissen vermerken? Die Genua-Konferenz soll am 10. April zusammentreten, falls nicht die Schachermachei der Staatsbetreuer noch einmal eine Verschiebung oder die gänzliche Aufgabe der Sache durchsetzt. Es ist nach Amerikas Absage ja ziemlich gleichgiltig, was aus der Geschichte wird: die Gefahr, daß die Lösung der ökonomischen Weltfragen im Sinne der Errettung des Kapitalismus gefunden wird, ist zum Glück für unsre Revolution vorderhand beseitigt. Die klugen Amerikaner haben das zeitig eingesehn und sich deshalb zurückgezogen, bis eine Konferenz möglich ist, die sich ganz auf die wirtschaftlich-kapitalistische Weltrestauration beschränkt. So bleibt das Interesse an Genua darauf beschränkt, wie die Russen ihren Wiedereintritt in die internationale Ausbeuterliga Europas äußerlich dekorieren werden. Das Kapitel Rußland kann ich von Tag zu Tag mehr nur mit bis zum Widerstreben gesteigerten Unbehagen erwähnen. Die Enttäuschung ist garzu schmerzlich. Es ist kein Zweifel mehr möglich, daß die obrigkeitliche Zentralgewalt, die sich fälschlich als Sowjetexekutive ausgibt, ihre ganze Innenpolitik nur noch auf die Erhaltung der eignen, der Parteimacht abstellt, daß ihr dabei jede Preisgabe der ursprünglich proklamierten Prinzipien gleichgiltig geworden ist, daß sie aus parteiegoistischen Gründen die letzten Spuren von Kommunismus, selbst von Sozialismus im weiteren Sinne und von Rätewesen auslöscht, dem westlichen Privatkapitalismus alle Tore der Exploitierung des russischen Volks öffnet und zugleich die wirklichen Revolutionäre, die sich natürlich in Opposition zu den herrschenden Bolschewiki befinden, denen sie in der Oktoberrevolution 17 beim Sturz der Kerenskischweinerei treu beigestanden haben, in einer Weise unterdrücken, die jeder Beschreibung spottet. Anarchisten, Syndikalisten, Maximalisten (das sind die Kommunisten, die heute noch so denken wie die Bolschewiki früher dachten), kurz alles was „links“ ist, wird in Rußland heute schlimmer behandelt als sonst irgendwo in der Welt. Die besten Revolutionäre werden in den Tscheka-Gefängnissen eingepfercht und gehn darin an Skorbut zugrunde – infolge von Hunger und Kälte –, sofern sie nicht überhaupt stillschweigend um die Ecke gebracht werden, sie können von Glück sagen, wenn sie nur außer Landes zu gehn brauchen, und es ist schandbar zu denken, daß wahrhafte Kommunisten in kapitalistischen Staaten Asyl suchen müssen und finden, das ihnen im „kommunistischen“ Rußland verweigert wird. Jetzt hat ein Verräter der Sozialrevolutionäre Einzelheiten über eine Mordverschwörung gegen Lenin und das bolschewistische Regime überhaupt aufgedeckt, die schon 2 Jahre zurückliegt. Daß die Sozialdemokraten aller Länder sich nun dagegen aufregen, daß die Sowjetregierung die kompromittierten Verschwörer halsrechtlich prozessieren will, ist albern und verlogen. Aber ebenso verlogen ist das Geschwätz der Kommunisten aller Länder gegen die „Hochverräter“. Die Menschewiki – speziell bei uns in Deutschland – haben sich mit dem Blut von Revolutionären besudelt wie nie eine monarchistische Gendarmenrotte und haben zu schweigen, wenn Revolutionäre gegen ihresgleichen ihrem Beispiel folgen. Die Rachezeterer auf der andern Seite aber haben alle Ursache zu fragen, ob denn zwischen den Verschwörern von damals – gesetzt es handle sich bei ihnen wirklich um Konterrevolutionäre, was ich bezweifle – und ihren als Opfer ausersehenen Gegnern heute noch solche Unterschiede des Prinzips bestehn, daß sie nur mit Blut ausgetragen werden können. Die beabsichtigte Anwendung des Individual-Terrors wird jawohl bei den kommunistischen Revolutionären an sich noch nicht als Zeichen konterrevolutionären Trachtens gedeutet werden können. Aber grade im Augenblick ist ja die große Verbrüderung der Bolschewisten mit den Menschewisten der große politische Coup eben der Bolschewisten. Das Geplärr von der „Einheitsfront“ des Proletariats ist glücklich soweit gediehen, daß sich vor den Augen der Welt zeigt, wie diese Einheitsfront gedacht ist: Als Einheitsfront gegen links! Am 2. April treten die 3 Internationalen (2, 2½ und 3) in Berlin zusammen, um die Verbrüderung zu bewerkstelligen. Was dabei herauskommen wird, ist klar: Kautsky der Sieger auf der ganzen Linie, – die Revolution wird ad calendas graecas vertagt, der Kampf gegen die „Wirrköpfe“ und „Quertreiber“ wird mit vereinten Kräften geführt werden und die gemeinsame Fahne wird auf ihrem roten Grunde die transparent schimmernde Allegorie zeigen: Noske und Trotzki Hand in Hand und über ihnen mit einer gelben Prinzipienerklärung im Schnabel flügelrauschend ein (Friedrich) Adler. – Ich ekle mich, das Thema weiter auszumalen. Eins weiß ich aber: wenn Niederschönenfeld mich eines Tages von sich gibt, dann werde ich die Propaganda der Revolution und der Räterepublik gegen nicht geringere Borniertheit der „Kommunisten“ fortsetzen müssen, wie in 18 Jahren gegen die ahnungslose Bosheit der Sozialdemokraten. – Wann es soweit sein wird? Auf dem Schloßplatz in Berlin hat eine schwächliche Demonstration die Amnestie der politischen Gefangenen gefordert. Sie werden weiterhin erklären, daß sie unsre Befreiung „mit allen Mitteln“ erkämpfen werden, und sie werden „alle Mittel“ für uns so wenig einsetzen wie für sich selber. Zur Zeit berät man im Reichstag die neuen Steuerpläne. Die haarsträubende Konsumentenbelastung wird dabei genau nach den Wünschen des Herrn Stinnes und der Seinen angenommen werden, und die Kommunisten und Unabhängigen werden auf die Straße gehn zu dem einzigen Zweck, ihre „Führer“ im Lustgarten berichten zu hören, wie sie im Reichstag „mit allen Mitteln“ gegen die Steuern gearbeitet haben. – Genug für diesmal. Ich habe noch eines Toten zu gedenken. Diesmal ist es einer meiner Schachpartner vom Café Stefanie, der sich davongemacht hat: Max Nonnenbruch. Ein wohlmeinender Philister, ein unbedeutender aber geschäftstüchtiger Maler, ein in keiner Weise produktiver Geist, nicht einmal ein durch weiche Güte ausgezeichneter Mensch, eher sogar ein robuster Egoist – und doch mir irgendwo im Herzen angenehm. Zum mindesten läßt mir sein Tod einen Brückenpfeiler verschwinden, der die wenigen schwachen Beziehungen zwischen mir und der Bourgeoisie stützte. Denn ein Bürger war Nonnenbruch in allen Stücken und ich habe oft vor dem Schachbrett sitzend und seine Weisheiten zur Politik, zum Krieg, zur Revolution, zum Leben überhaupt hörend, empfunden, wie bourgeoises Denken, auch wo kein dummer Mensch es in seinem Hirn produziert, dem unbürgerlichen Empfinden eine Fülle unterhaltsamer Komik liefert. Ich werde den Mann vermissen, wenn ich heraus komme. Ob das bald genug sein wird, um wenigstens noch die paar andern vorsintflutlichen Philister vorzufinden? Und werden die mir noch einen Platz an ihrem Tisch einräumen? – Tempora mutantur et nos in iis mutamur.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 24 März 1922.

23ter Todestag meiner guten Mutter. Sie könnte – mit 73 Jahren – noch gut leben. Aber ich glaube nicht, daß sie mein Wesen und Tun anders verstanden hätte als nur mit dem Willen, den Sohn nicht direkt schlecht zu finden. Ihr früher Tod hat ihr viel erspart, mir infolge der Verbitterung des Verhältnisses zum Vater, zwischen dem sie als Ausgleich fehlte, viel auferlegt. Mit all der Liebe, die mir so völlig abhanden gekommen ist, wenn ich an den Vater denke, pflege ich das Gedächtnis an die Frau, die mit endlos gütigem Herzen mich zu verstehn suchte, was ihr doch nie gelang und wohl auch nie gelungen wäre. – Vielleicht hätte sie Zenzl noch kennen lernen müssen, um mir ganz folgen zu können. Diese wunderbare Frau – in jedem neuen Brief wird sie mir schöner – hätte wohl vermocht, aus ihrer glühenden Frauenseele heraus der Mutter das Wissen des Herzens zum Erkennen des Verstandes zu erweitern. – Ich habe Zenzl gebeten, herzukommen. Trotz allem. Es ist wieder ein volles halbes Jahr herum, seit wir uns zuletzt sahen. Ich weiß im voraus, daß der Besuch unter den Umständen, die ihn begleiten werden, eine entsetzliche Depression hinterlassen wird, – aber das Heimweh verlangt einmal seinen Tribut. Ich erwarte nun ihre Antwort, ob sie es über sich zu bringen meint, unter der quälenden Aufsicht eines jedes Wort, jeden Handdruck belauernden Polizisten mit mir zu sprechen. Und dann kommt es noch drauf an, ob die Verwaltung nicht etwa einen Strich durch unsre Rechnung macht. Wie ich heute erfuhr, ist Klingelhöfers Frau heute hergekommen und hat keinen Einlaß gefunden. Das will ich meiner Zenzl ersparen. Ob Frau Kl. wirklich ohne jede Begründung abgewiesen ist – nachdem doch das generelle Besuchsverbot gegen sie längst aufgehoben ist – kann ich noch nicht recht glauben, aber zu wundern braucht man sich ja hier eigentlich über nichts mehr. Wir haben jetzt die Abgeordneten-Stenogramme des Landtags mit den letzten Debatten über Niederschönenfeld vom 9. März bekommen. Da hat Herr Schäffer über die Verhandlungen im Verfassungsausschuß über Niekischs Anträge und Hagemeisters und meine Eingaben berichtet. Kühlewein hat wieder alles abgestritten, was von hier behauptet wird, alles, was wir als Lügen festgestellt haben, neuerdings wiederholt, und Ausschuß wie Plenum haben nun, nachdem die Angeklagten wieder selbst erklärt haben, daß sie rein dastehn und ihre Ankläger Schufte seien, endgiltig entschieden, daß durch diese nochmalige Selbstreinigung der „einwandfreie Beweis“ für Kühleweins Behauptungen erbracht sei. Mein Wunsch, wegen Beamtenbeleidigung vor Gericht gestellt zu werden, bleibt unerfüllt. Herr Kühlewein hat gesagt, daß man den Eiden der Kommunisten nicht trauen dürfe und Herr Schäffer fand, daß es doch unmöglich angehe, den Herrn Mühsam auf der einen, den Staat auf der andern Seite sich als gleichwertige Faktoren gegenüberstehn zu lassen. Man ist also darüber zur Tagesordnung übergegangen und hat meine übrigen Anliegen – die Konfiskation der Schreiben an den Reichspräsidenten und an den Reichsjustizminister – garnicht erwähnt. So erfährt man’s halt in Berlin überhaupt nie – meinen sie. Mit besonderer Inbrunst wurde Toller durch den Dreck gezogen, und Herr Dr. Kühlewein hat es im Ausschuß nicht verschmäht, sogar meine Tagebuchaufzeichnungen über Toller zu verwenden. Niekisch hat dies Verfahren als das bezeichnet was es ist. Höchst ausführlich wurden Tollers Landtagskollegen auch über seine Samenstrangs-Krampfadern und über die Tatsache aufgeklärt, daß er viel an Pollutionen leidet. Im übrigen seien – immer mal wieder – die Aufsichtsbeamten die „Märtyrer“ und Pakete und Geldverbrauch wurde wieder in 70facher Multiplikation, multipliziert mit reichlich bemessenen Zeiträumen vorgerechnet, wobei Tollers Verfressenheit ins Licht gerückt wurde. Auch unser Bierkonsum wurde in Hektolitern aufgezählt, aber im gleichen Atemzug verkündet, daß Völlereien nicht vorkommen können, da nur 2 Flaschen täglich gestattet seien (daß dann die aufgerechnete Quantität garnicht herauskommen konnte, fiel keinem bayerischen Volksvertreter auf). Besonders schön war die Behauptung: „Die Festungsgefangenen trinken nur Vollbier“. Tatsache ist, daß zweimal täglich vom Aufseher Bier zum Verkauf ausgerufen wird, und daß die Festungsgefangenen genau das Bier nehmen müssen, das ihnen geboten wird. „Nachgewiesen“ wurde auch, daß wir es viel besser haben als die Genossen in Gollnow – die Stadturlaub haben, Besuche ohne Aufsicht empfangen und nach alten Festungsbräuchen behandelt werden, wovon aber nicht geredet wurde, man begnügte sich mit der Aufzählung einiger nie verwendeter Möglichkeiten des Strafvollzugs dort und vergaß natürlich die Aufzählung der hier möglichen – und täglich verwendeten und noch ins Märchenhafte gesteigerten exzeptionellen Möglichkeiten. Arco hat es genau so wie wir – darum ist er auch in einer eignen Anstalt untergebracht, während Jagow mit den Kommunisten in Gollnow lebt. Auch unser schweres Verbrechen – auf das alles von den Weißen vergossene Blut – unsrer Genossen ganz ausschließlich – kommt, mußte herhalten (um Arcos Extrawurst begründen zu können!), und endlich wurde versichert, daß nur noch „Führer“ in Niederschönenfeld sitzen: z. B. Uhrmann, Weigand, Seffert, Bindl, Popp, Pfaffeneder. Selbstverständlich wurden auch wieder Denunziantenberichte und -briefe verwendet, und in einem vorgebrachten Fall, in dem es ausdrücklich heißt, er sei dem Vorstand „berichtet“ worden, ist für uns der Denunziant genau feststellbar (es handelt sich um eine harmlose Aeußerung Fischers über die private Verwendung der Pferde, Wagen und Autos der Anstalt, die in falschem Zusammenhang und mit gründlich erlogenen Zutaten kolportiert wurde – wir wissen zufällig genau, wer der „Berichterstatter“ ist). – Genug von dem Dreck. Die Demaskierung dieser Justizbehörde und des Landtags ist vollständig, unsre Entrechtung absolut. Es werden wieder Tage des Handelns kommen. Haben wir da nicht von unsern Feinden gelernt, – dann verdienen wir noch Schlimmeres als uns jetzt widerfährt. – Die lange Ruhe im politischen Leben, die diesem März einen Ausnahmecharakter zu geben schien, wird wohl die längste Zeit gedauert haben. Alles war in Ordnung. Stinnes und die Seinen hatten schon die ihnen genehmen, ihre Taschen schonenden, ihre Einkünfte steigernden Steuerprojekte zum Siege geführt: die Sozialdemokraten waren mal wieder die Schnallentreiber des Kapitals und die Regierung hatte in einer rührsamen Note die Reparationskommission um ein Moratorium für dies ganze Jahr gebeten, sodaß wieder mal Zeit gewonnen wäre zum Vertuschen und Volksbetrug. Jetzt ist die Antwort da: Moratorium ist nicht, – nur ein nachsichtigerer Zahlungsmodus ist zugestanden, in bestimmten Raten zu durchschnittlich etwa 50 Millionen Goldmark muß geleistet werden, neben den Sachlieferungen von 1450 Millionen im ganzen über 700 Millionen in Geld. Aber dann kommt’s: das Steuerkompromiß geht nicht weit genug. Deutschland hat sofort weitere Steuern im Betrage von 40 Milliarden zu beschaffen und bis 1. Mai in Kraft zu setzen und zwar unter automatischer Angleichung an den Valutastand. Ferner ist Kapitalflucht zu verhindern und schon verschobenes Kapital nach Deutschland mit gesetzlichem Zwang zurückzuschaffen. Peinlich ist die Rechnung, daß die Finanzbetreuer Deutschlands den Wert der Goldmark auf 45 Papiermark ansetzen, während er 75 beträgt (in den letzten Tagen ist der Dollarkurs erst wieder von etwa 272 auf 307 hochgeschnellt). Die ganze Note hat ultimativen Charakter. Bei „Obstruktion“ wird binnen 14 Tagen Barzahlung verlangt, die mit Sanktionen (Neubesetzungen) zur Exekution kommt. Ferner wird bei Renitenz die alte Londoner Zahlungsverpflichtung – 900 Millionen – verlangt, und besondere Kontrollkommissionen werden der „schwachen“ Regierung den Rücken zu stärken. Das ist ein Fraß für die Nationalisten. Wirths „Erfüllungspolitik“ ist hoffnungslos blamiert. Es kommt immer noch toller, und allmählich muß jeder einsehn, daß die Alliierten garnicht dran denken, den Kriegsverlierern die Kriegsauslagen zu schenken. Tiefbetrübt reiben sich die Wirthsleute, vor allem die Sozialdemokraten, die Backe. Diese Ohrfeige sitzt. Trotz allem komme ich um den Gedanken nicht herum, als ob das Ultimatum bestellte Arbeit wäre. Die weitsichtigere Rathenausippe des deutschen Kapitalismus muß wünschen, aus der Pleite herauszukommen, wozu nichts andres hilft als bis zum Kotbrechen zahlen und dazu das Kapital selbst, die „Sachwerte“ heranzuziehn. Unsre Kommunisten glauben ja, das sei eine „revolutionäre“ Forderung, wenn deutsches Kapital französischem Kapital zugeführt wird. Die eigentliche Macht liegt dank der Novemberpolitik der Sozialdemokratie, die die Revolution eskamotierte, um alles zu retten, was sie zu beseitigen bestimmt war, wieder in den Händen der Großindustrie. Stinnes kann mit Regierung und Reichstag machen, was er will, und das Steuerkompromiß war eine Stinnesschiebung vom reinsten Wasser. Sehr möglich, daß nach Frankreich ein Pfahl gewinkt wurde: wir können nichts machen gegen die Stinnesmacht. Wenn ihr ein Ultimatum schicken würdet – ginge natürlich alles. Und so ist denn heute in aller Form Deutschlands Finanzetat eine Satrapie des Ententekapitalismus. Was aus dieser neuen Situation politisch folgen wird, ist noch nicht abzusehn. Wenn das Gekeif der Zeilenschinder mal ein bischen gedämpft sein wird, wird man besser sehn. Regierungs-„Krise“, Auflösung des Reichstags, „rein-sozialistische“ oder Helfferich-Regierung – alles ist denkbar und jedenfalls kommt Leben in die Bretterbude: für unsereinen stets das Erwünschte. Ich warte ab und überlasse die Dinge ohne Illusionen und ironisch zuschauend den politischen Schiebern. Meine Sympathie hat keiner von ihnen, – die Zukunft wird sie alle verleugnen. – Inzwischen haben uns wieder 2 Mitgefangene verlassen. Beiden fließen meine Tränen nicht nach. Gestern früh* ging Kurt Müller, ein schlimmer Bursche, der schon einmal auf Bewährung draußen war und als Industrieritter des politischen Martyriums die Organisationen abgraste, sodaß öffentlich vor ihm gewarnt werden mußte. Heute aber ist von hier oben Nickl – wieder einer der „echten“ Kommunisten mit seiner Zeit fertig geworden. Ein wüster Raufbold, aber sonst harmlos. Sein „Radikalismus“ war eigentlich ein Versehen. Wäre er nicht wegen einer Keilerei ein paar Wochen vor der kritischen Ehrenwortskrise hinaufgelegt worden, – unten hätte er bestimmt jede Erklärung unterzeichnet und wäre „Verräter“ geworden, wie so viele andre, die selbst kein Urteil haben. Der Umstand, daß er mit Wiedenmann gemeinsam arbeitete, hat ihn „den Kommunisten“ gesellt. Wie ich Nickl kenne, wird er draußen alles eher sein als ein radikaler Politiker. Aber vorerst wird er wohl noch seine Aufträge getreulich erledigen, die unsrer – der Verräter Entlarvung dienen werden. Er wird, im treuen Glauben, ein gutes Werk zu tun, Elbert Material bringen zu unsrer Erledigung. Denn dieser kühne Kommunist fährt, wie wir erfahren, in Bayern herum und hält in engen Kommunistenkreisen Referate „über das Gesindel von Niederschönenfeld“. Das sind wir. Wer’s ihm bezahlt? Nun – die Kommunisten für seine Bereitwilligkeit, bei ihnen zu reden, und – andre vermutlich für das, was er dabei vorträgt. Eine saubere Bande.

 

* Irrtum: M. ging erst am 26ten.

 

Niederschönenfeld, Montag d. 27. März 1922.

Abschrift: An die Festungsverwaltung. Es besteht die Möglichkeit, daß meine Frau mich aus Anlaß meines Geburtstags (6. Apr.) am Mittwoch, d. 5. April zu besuchen wünscht. Ich erwarte zur Zeit ihre Antwort auf meine Anregung dazu. – Da gegenwärtig in der Festung Gerüchte umgehn, wonach generell Besuchssperre verhängt sein soll und ich meiner Frau, die ich seit über 6 Monaten nicht mehr gesehn habe, die Kosten und die Aufregung einer vergeblichen Reise ersparen möchte, ersuche ich um Bescheid, ob der Besuch zugelassen würde und welche Dauer für unser Zusammensein in Aussicht gestellt wird. N’feld, d. 27. März 1922    Erich Mühsam.“

Ein nagelneuer Füllfederhalter – den mein Vetter Walter M. gestiftet hat, traf eben ein. Damit ist ein weiteres Hindernis für meine Arbeit an der Bröschke-Biographie beseitigt. Hoffentlich erfüllt das Ding seine Pflicht und bringt mich nicht wie der alte nach ein paar Wochen wieder zur Raserei, denn die Tücke des Objekts kann mich ärger schikanieren als selbst bayerische Justizorgane. – Der Brief an die Verwaltung ist veranlaßt durch sonderbare Vorgänge. Nach der Verweigerung des Einlasses der Frau Klingelhöfer kam Zammerts Vater. Er wurde für ganze 2 Stunden zugelassen und das mit Vorwürfen gegen seinen Leichtsinn, hergekommen zu sein, ohne die Antwort der Verwaltung auf seine Frage abzuwarten. Nur weil er die weite Reise von Elberfeld gemacht hatte, wurde er „ausnahmsweise“ seinem Paul zugeführt. Inzwischen sollen weitere Besuche zurückgewiesen sein: die Frauen von Bay und Bauer. Über die Gründe der Maßregel – die überhaupt nicht mehr verkündet wird, das zeigt, wie weit wir geraten sind; mögen die Proletenfrauen ihre 150 Mark für die Reise hinausschmeißen und sich vor Ärger und Gram krank machen, was schert das Bayerns „Rechts“pfleger? – laufen verschiedene Versionen. Nach der einen habe Blößls Frau einen Artikel in der Bayer. Arb-Ztg veranlaßt, der ihren Vorbesuch bei Kraus in Augsburg schildere. Kraus soll ihr dabei gesagt haben, Blößl brauche nur seine Gesinnung zu ändern, dann habe er dieselbe Aussicht, Bewährungsfrist zu erhalten wie kürzlich Marx, der sich bekehrt habe. Nach der andern Version soll man bei Nickl allerhand schriftliches Material, das er hätte hinausschmuggeln sollen – man redet von einer umfangreichen Gegendenkschrift gegen die Kühleweinsche – gefunden haben. Ja, es soll beobachtet worden sein, wie er statt frei davon zu gehn, von zwei Kriminalern abgeführt worden sei – und zwar ohne alles Gepäck. – Stimmt die Tatsache, daß man Nickl mit Konterbande erwischt hat – der Mann ist doch geschickt und erfahren genug, um beim Verstauen nicht leichtsinnig zu sein –, dann sollten sich „die Kommunisten“ wohl endlich mal fragen, ob nicht der Wind, der der Verwaltung die Kenntnis zutrug, wo und wie sie suchen mußte, aus ihrem intimsten Zirkel geblasen ist. Was es mit Nickls angeblicher neuen Verhaftung auf sich hat, ist mir unverständlich. Dazu müßte eine strafbare Handlung vorliegen, und Briefschmuggel ist doch wohl mit keinem Strafgesetzparagraphen zu fassen. Wir werden wohl noch das Nötige erfahren. – Über die Tagesereignisse ganz kurz. Das Reparationsultimatum weckt genau die gleichen Tobsuchts- oder Verzweiflungsanfälle, die wir nachgrade gewöhnt sind: so war es bei Versailles, Spaa, Brüssel, London und immer wieder: Nein! Niemals! Nieder mit der Entente! Nieder mit Wirth! Lieber tot als Sklav (wenn’s ihnen damit nur ernst wäre – zum Schluß krebsen sie ja aber doch wieder und schieben die andern dabei vor)! Morgen soll Wirth („Erfüllungs-Josef“ nennt ihn der Miesbacher Anzeiger hübsch und treffend) im Reichstag die für tragische Situationen übliche Rede halten. Sie wird darauf hinauslaufen: wir werden verhandeln! Vielleicht erzielen wir Abstriche! Selbstverständlich werden wir der Ehre Deutschlands gerecht werden (hierorts fühlt man immer nur dann die „Ehre“ bedroht, wenn gezahlt werden soll), bitte ruhig Blut und machen Sie uns das Geschäft nicht mieß! Es wird sich schon alles finden, und wenn wir wieder mal 14 Tage Aufschub gewonnen haben, dann wird noch alles gut werden: laßt uns nur erst nach Genua reisen. Rathenau macht alles. – In dem Heulkonzert wird diesmal aber auch eine neue Walze in Betrieb gesetzt: die Aufdeckung eines frischen Planes Frankreichs zur „Zerschlagung“ Deutschlands. Poincaré wolle Deutschland Unerfüllbares auferlegen (wenn diesmal noch erfüllt werden sollte, kommt’s bald noch viel dicker), um den Vorwand zu schaffen, militärisch einzurücken, das ganze linke Rheinufer zu annektieren(!) und rechts vom Rhein das Ruhrgebiet, die wichtigsten Städte und den Maingau zu besetzen. Dadurch soll der Rheinbund neu begründet werden und vor allem Bayern vom Reich gelöst werden, dem sich Württemberg, Baden und Hessen notwendig anschließen müßten. Für die Rheinpfalz, die natürlich zu Frankreich geht (und daß derartige Bestrebungen dort im Gange sind, stimmt, denn es ist natürlich) soll Bayern mit Tirol und Salzburg (und wahrscheinlich wohl auch mit einem König Rupprecht) entschädigt werden. – Dies alles habe ein Mitglied der Reparationskommission ausgeplaudert, der auch versichert habe, Frankreich könne das alles machen, ohne bei England oder Italien auf Widerstand zu stoßen. Und in diesem gesegneten Lande glaubt alle Welt jedes Wort von dem Schmarrn, der natürlich nichts andres bezweckt als den Druck auf die Regierung, das Ultimatum abzulehnen, da die Folgen davon ohnehin auf die Dauer nicht abzuwenden seien. Konsequenterweise müsse man also das Ende mit Schrecken lieber gleich kommen lassen (von dem man hofft, es werde den Furor teutonicus zu einem neuen 1813 wecken). Ich meine, unsereiner kann den Schrecknissen, die da ausgemalt werden (und die sich rechnerisch am Valutastand: der Dollar etwa 130 Mark, illustriert zeigen) mit Gemütsruhe entgegensehn. Die Industriellen, Börseaner, Monarchisten, Marxisten aller Schattierungen mögen sich ihre Parteischädel einschlagen. Dies alles wird das Proletariat nichts angehn, solange ihr Kampf nicht von der Idee der Freiheit bewegt wird, statt von historisch-ökonomischen Leitsätzen und Richtpunkten. Es heißt, Lenin sei schwer krank und werde sich von der politischen Bühne dauernd zurückziehn müssen. Wenn das wahr ist, dann wäre es ein tragisches Symbol. Lenin ist für die Welt die Idee der Revolution selbst. Mit seinem Abtreten wäre die Epoche „Kommunistische Internationale“ der Moskauer Richtung abgetan. Ich hoffe immer noch auf Lenin, daß er sich wiederfindet als der Mann von 1917. Möge er leiblich gesunden, um die revolutionäre Gesundung des Weltproletariats zu bewirken: Mag er mit der Krankheit seines Körpers die des Opportunismus überwinden, an der wir alle so schrecklich gelitten haben. – Eben lese ich in „Erkenntnis und Befreiung“, daß der alte Genosse Fritz Karmin gestorben ist. Ich erinnere mich seiner liebenswürdigen, aufrechten Persönlichkeit und vieler guter Gespräche mit ihm aus den Wochen meines Genfer Aufenthalts (1905), vor allem auch der interessanten Aufschlüsse, die er mir über die Beweggründe Lucchenis zu seiner Tat gab, die wir beide scharf ablehnten. – Wieder einer von der alten Garde des Anarchismus. – Dann erfahre ich, daß auch Professor v. Stieler tot ist, unser „Vater Rhein“ vom Schachtisch im Stefanie. Auch ihm ist ein gutes Andenken bei mir gesichert: unsre amüsante Kutschenfahrt am Tage der Beerdigung des alten Prinzregenten; und dann die Geschichte, die mir Zenzl einmal bei einem Ansbacher Besuch erzählte. Als die Weißgardisten im Mai 19 ins Café Stefanie kamen und die Wirtsleute ihnen alle Gäste denunzierten, die mit mir oder Levien dort verkehrt hatten, sprang der alte Herr wütend auf und rief: „Und hier – ich auch. Ich habe mit Mühsam 100mal Schach gespielt. Denunzieren Sie mich nur auch gleich! Ich bin der Syndikus der Kunstakademie Geheimrat v. Stieler – und jetzt geh ich, und mich sehn Sie hier nicht mehr wieder!“ Und damit verließ der prächtige Alte sein Stammlokal, in dem er fast 20 Jahre lang täglich gesessen hatte und kam nicht mehr wieder. Das will ich ihm nie vergessen. – Hier unterbrach ich das Schreiben. Eben komme ich vom Hof herauf und erfuhr folgendes: Bauers Frau wollte vor einer Reise nach Holland herkommen. Da man der Frau Bay den Besuch verweigert hatte, gab er ein Telegramm an sie auf, sie möge nicht kommen und legte einen Zettel für die Verwaltung bei, es solle nur befördert werden, wenn die Frau nicht kommen dürfe. Das Telegramm wurde abgesandt. Tags darauf erhielt Bauer den Bescheid, dem Besuch stehe nichts im Wege. – Heute aber ist Frau Schlaffer mit den beiden Kindern von Sauber hergekommen. Man hat sie wieder weggeschickt. – Was bedeuten diese ungeheuerlichen Provokationen? Diese Dinge lassen auf schlimme Absichten schließen. Hoffentlich läßt sich niemand aus der Ruhe bringen. Aber mir scheint, wir haben wieder allen Anlaß zu fürchten, daß wir von der Reaktion ausersehn sind, neue Schändlichkeiten auszuhalten. Cui bono? – Daß hinter diesen Gewaltakten ein politisches Motiv steckt, ist sicher. Wollen die bayerischen Monarchisten losschlagen? Wir werden bald klarer sehn. Genua, das Entente-Ultimatum, die angebliche Poincaré-Offensive – wir müssen mit tausend Möglichkeiten rechnen. Eine davon ist der Tod, eine andre die Freiheit.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 29. März 1922.

Große Aufregung ist im Hause. Gestern kamen fast alle Krach-Kommunisten in Einzelhaft: Sauber, Schwab, Schlaffer, Schiff, Ibel, Karpf, Podubetzky und Wiedenmann. Olschewski und Taubenberger sind sowieso schon lange unten. Ausgenommen wurden zunächst nur 4 Mann: Kain(!), Gnad, Egensperger und Seffert. Es heißt, bei Nickl sei eine Menge Konterbande gefunden worden, darunter eine „Gegendenkschrift“, die von drei Oberkommunisten (Schwab, Sauber, Wiedenmann) unterschrieben gewesen sei; die übrigen 5 hätten ihm nur Privatkorrespondenz mitgeben wollen (vermutlich Aufschlüsse über uns „Verräter“). – Heute folgten dramatische Szenen, als von den 4 andern auch Egensperger arretiert werden sollte. Der arme blöde Teufel hatte es sich offenbar schwer zu Herzen genommen, daß er nicht mit von der Maßregelung betroffen wurde, und er fühlte wohl dank der irrsinnigen Belehrungen, die er von seinen „Führern“ empfängt, sein Übergehn als ein Manko auf seiner revolutionären Ehre. So macht er in der Frühe gleich allerlei Krach, setzte sich vors Gitter auf den Boden, anscheinend um die Aufseher zu reizen (ich war nicht zugegen und habe den Bericht nur aus Erzählungen), und als er dann in Einzelhaft kommen sollte, verbarrikadierte er sich in seiner Zelle. Wir hörten plötzlich Hilferufe, die er ausstieß, als man natürlich sehr leicht die Hindernisse aus dem Weg räumte. Dann weigerte er sich mit hinunter zu gehn, und 6 – 8 Aufseher trugen ihn, der sich wie besessen gebärdete und gellend um Hilfe schrie, hinunter. Arzt und Staatsanwalt wurden allarmiert. Nachher hörten wir unten noch Geschrei und gewaltiges Poltern. Seitdem ist’s ruhig. Bei Egensperger scheint also das Maß tatsächlich übergelaufen zu sein. Er hat im Kriege einen Kopfschuß erlitten und ist seither ungeheuer erregbar. Einmal – schon in St.-Georgen – hat er diese Erregbarkeit mit Gefängnisstrafe büßen müssen. Nun werden sie ihn wohl nach Erlangen schicken und ihre Statistik – nicht darüber, wie viele politische „Ehren“-Gefangene man in Bayern schon zum Wahnsinn getrieben hat, sondern darüber, wieviele Psychopathen den wahren Charakter der revolutionären Bewegung kennzeichnen, vergrößern können. (Hierzu eine Episode der letzten Tage. Daudistel war beim Arzt und beschwerte sich über die Behandlung, die ihn außer Stand setze, seine literarischen Arbeiten fortzusetzen. Der Leibessorger antwortet gemütlich: „Dann hängen Sie eben die Schriftstellerei an den Nagel und sägen Sie Holz.“) Natürlich trifft ein gehöriges Teil Schuld an diesen Scheußlichkeiten die Führer der Mittelgangskommunisten: die Sauber, Wiedenmann etc. Aber auch sie sind provoziert und zu vernagelt, um es merken. Der Skandal ist nur, daß die Reaktion so tut, als tue sie alles, um „Ordnung und Ruhe“ im Hause zu erhalten, während sie ihre Agenten mitten unter die nervösen, jahrelang unter Rechtsbrüchen gepeinigten Leute setzen[setzt], um dauernd neues Material zu schaffen, mit dem sie ihre Brutalitäten öffentlich rechtfertigen kann. Daß man Kinder, die eine lange Reise machen, um den Vater zu sehn, bis ins Haus, aber nicht zum Vater läßt, ist so beispiellos grausam – gegen die Kinder, nicht gegen den Vater; denn die Kleinen wissen ja garnicht, was das bedeutet –, daß es dabei kein Parteinehmen nach Erwägungen mehr geben kann. Nun wundern mich zwar keine Gemeinheiten der Reaktion mehr; aber mich wundert die dumme Kurzsichtigkeit, die nicht bedenkt, daß in diese Kinderherzen ein Haß gesenkt wird, der niemals getilgt werden kann und der einmal fürchterlich aufgehn muß. Denn was gestern die Kinder Saubers hier erlebt haben, ist ja keine Ausnahmeübertretung eines pflichtwidrig handelnden Beamten, sondern nur ein besonders krasser Ausdruck des Systems, das im Landtag xmal ausdrückliche Billigung und Anfeuerung fand, und das jedes Kind eines politisch Unbequemen in dieser „Republik“ irgendwie zu spüren bekommt. Hat doch Kraus ausdrücklich als Prinzip bekannt, daß die Familien mit uns leiden müssen. Hoffentlich kommt für den armen verhetzten Egensperger, der hier drinnen binnen kurzem völlig kaput werden müßte, bei diesem Ausbruch wenigsten soviel heraus, daß er nach Erlangen kommt, von wo er bald als „lästiger Ausländer“ – er ist als Elsässer französischer Staatsangehöriger – aus den gastlichen Grenzen Bayerns abgeschubt wird. – Ob ich meine Zenzl nun bald erwarten kann, ist noch immer nicht sicher. Abgesehn davon, daß ich noch auf ihre eigne Mitteilung darüber warte, weiß ich nicht, ob nicht die Besuchssperre, die einige Tage tatsächlich bestand – ohne daß man es nötig fand, davon im Hause allgemein irgend Mitteilung zu machen – nach diesen Vorgängen wieder einsetzen wird. Immerhin habe ich, ebenso Köberl und Hagemeister, Bescheid bekommen, daß der Besuch unsrer Frauen „in stets widerruflicher Weise“ für den 5. April gestattet werde. Auf meine Frage nach der Dauer des Besuchs hat man nicht reagiert. – Über den Verlauf der politischen Dinge wegen der Reparationsnote haben wir noch keine Berichte. Wohl aber hätte ich noch eine weitere Note erwähnen sollen, die sich auf die Polizeifrage bezieht. Darin ist – mit deutlicher Spitze gegen Bayern – gesagt, daß ein Eingehn auf die deutschen Anliegen um Entgegenkommen solange nicht möglich sei, wie nicht die Entente-Forderungen auf Demilitarisierung der Polizei von „allen Ländern“ Deutschlands prinzipiell akzeptiert seien. Und hinzu gehört natürlich die weitere Meldung, daß zur Zeit Bayern von einer Entente-Kommission bereist wird, die sich über den Stand der Umorganisierung der Polizei und über Waffendepots etc orientieren soll. – Die Weltfragen – Rußland, Genua, Orient-Konferenz – mögen heute noch einmal zurückgestellt bleiben. Hingegen vollzieht sich in Deutschland langsam der von mir vorausgesehene Prozeß der Umgruppierung der sozialistischen Parteien, genau in der Art, wie ich ihn kommen sah. Die KAG (Levi, Ad. Hoffmann, Däumig etc) sind mit einem schmetternden Sammlungs-Pronunziamento zur USP zurückgekehrt. Die hat diesen reumütigen Schritt mit Opfern bezahlt, indem sie Hilferding und seine Leute aus der Redaktion der „Freiheit“ schob, um als „links“ gerichtet sich den Zulauf der von den Moskauer Methoden allmählich angeekelten Massen, der unzweifelhaft auch erfolgen wird, zu sichern. Die Hilferdinger werden ihrerseits wieder Anschluß bei der alten Sozialdemokratie suchen und finden, wozu ihnen Kautsky schon mit gutem Beispiel vorangegangen sein soll. Die KPD tritt damit, daß durch diesen Verlauf beide sozialdemokratischen Richtungen einen kleinen Stoß nach links kriegen werden, in den Zustand der völligen Zerkrümelung ein. Was sie „realpolitisch“, d. h. im Rahmen der legalen Gesellschaftsrechte, leistet, leistet die USP – unter Levis gerissener Anleitung erst recht – zweifellos besser. Und ihr revolutionärer Wille wird nachgerade bei dem ewigen Schwanken und Paktieren den wirklich revolutionären Arbeitern so verdächtig, zugleich aber auch der Grund für die Unfruchtbarkeit so deutlich als Konsequenz des Zentralismus und der Parteibindung erkannt, daß – nachdem die KAP den Prozeß der Auflösung schon nahezu überstanden hat – der Abmarsch nach links – zu Syndikalisten, Unionisten und Abwartenden (die keineswegs „Indifferente“ sind; das ist demagogischer Trick der Parteikommunisten) bald in größerem Stil einsetzen wird. Zugleich wird die Loslösung aus den zentralistischen Gewerkschaften in kurzer Zeit in größerem Umfang beginnen. Die Regierung des Reichs begnügt sich nicht damit, das Streikrecht der Beamten in einem eigenen Gesetz zu zertrümmern, sie bereitet auch schon den Schlag gegen den Achtstundentag vor; und schon haben die Gewerkschaftsführer sich darauf eingelassen, eine „Prüfung“ der Frage zuzulassen. Ja, Herr Kaliski hat sich bereits mit der Verlängerung der Arbeitszeit einverstanden erklärt: natürlich soll es nur ein Provisorium werden. Man will für fünf Jahre die Bindung auf 8 Stunden „suspendieren“. Was das bedeutet – das Ende des Maximalarbeitstages überhaupt – ist klar. Die Frage ist nur, ob das deutsche Proletariat seinen Leithammeln auch noch in diese Rückkehr in die Sklaverei folgen wird. Auf jeden Fall werden aus diesem Streitfall Kämpfe entstehn, die riesige Dimensionen annehmen werden. Und solange wir auf Kämpfe rechnen können, brauchen wir auch am Siege noch nicht zu verzagen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 31. März 1922.

Im Hause ist’s wieder still, hier oben sogar sehr still, da von den ewigen Randalisten bloß noch zwei Horchposten übrig geblieben sind: Seffert und Kain, die ja an und für sich nicht zu den Lautesten gehören (Gnad drückt sich viel bei uns herum; er scheint mit den andern nicht mehr zu harmonieren, doch beschränke ich grundsätzlich die Verbindung auf das Schachspiel und gehe jedem Gespräch sowohl über Haus- wie über politische Angelegenheiten mit ihm aus dem Wege). Über die Angelegenheit der Einzelhaft-Ursache und die Durchführung haben wir nichts mehr erfahren, auch nicht, was aus Egensperger wird. – Privat ist anzumerken, daß Zenzl mir für Mittwoch ihren Besuch angekündigt hat – nachdem ich tagelang wieder sehr in Sorgen war, weil kein Brief kam –; so wenig Anlaß zur Freude ist, wenn hier Besuch kommt, bin ich doch bei dem Gedanken ans Wiedersehn sehr erregt. Volle 6 Monate waren wir wieder ohne andre als schriftliche Verbindung. Da braucht man allmählich die persönliche Begegnung, um nicht von Sehnsucht kaput zu werden. – Aber zur Politik, von der ja schließlich mein persönliches Schicksal am meisten abhängt. Wirth hat die erwartete Rede gehalten: Einerseits „Unannehmbar“, andrerseits durch Verhandlungen zu retten suchen, was zu retten ist. Auch Rathenau hat seinen Mund aufgetan und Weisheiten verzapft, die ebenso wie die seines hohen Chefs am Kern des Problems vorbeigingen. Daß die 60 Milliarden Steuern nicht aufgebracht werden können, ist Unsinn, wäre auch an sich kein Grund für diese „Erfüllungs“-Regierung, Nein! zu sagen. Sie würde gern versuchen, auf den Wegen zu wandeln, die die Entente angibt – Erfassung der „Sachwerte“, wobei ja doch die ganze Last auf die Konsumenten abgewälzt würde (was nur die Marxisten nicht erkennen), wäre nicht das Entsetzlichste, wenn nicht ein Punkt in der Note enthalten wäre, der unmittelbar an die kapitalistische Seele der Deutschen von heute griffe: das ist die Forderung, die verschobenen Kapitalien vom Ausland wieder hereinzuwinken, – und da würden die Valutaspekulanten wirklich bluten müssen. Hinc illae lacrimae. – Immerhin ist die Situation im Moment nicht ganz einfach für alle Teile. Die Reichsregierung legt alles drauf an, ein wenig Zeit zu gewinnen – die alte Taktik aller Hilflosen. Man gibt sich der Hoffnung hin, in Genua werde unter Englands Führung der französischen Erpressungspolitik ein Riegel vorgeschoben werden. Ich glaube, diese Hoffnung wird trügerisch sein. Denn wenn Frankreich bares Geld haben möchte und darum schlechthin nichts anders tun kann, als den Versailler Vertrag zu Erpressungen an Deutschland zu benutzen, so hat England zugleich das denkbar stärkste Interesse daran, die deutsche Dumping-Konkurrenz zu ersticken, und die Note eröffnet den Weg für beide Ziele. Möglich ist immerhin, daß die Alliierten mit militärischen Maßnahmen noch bis nach Genua warten werden – und solange wird Wirth mit den Seinen jedenfalls noch bei Atem bleiben: denn Deutschland steht mal wieder „geschlossen“ hinter seiner herrlichen Regierung, wie dieses Land in seiner bestimmenden Mehrheit noch stets hinter dem hohlen prinziplosen Phrasentum gestanden hat. Die Nationalisten haben zwar ein Mißtrauensvotum eingebracht, das aber nur Demonstration sein kann: denn sie würden ja selbst die Politik nicht treiben, die sie von Wirth verlangen (Kapps erste politische Tat war das Versprechen, den Versailler Vertrag zu erfüllen), und die Kommunisten verlangen eine „rein sozialistische“ Regierung – mit den verlästerten Menschewisten zusammen, von der sie eine „revolutionäre“ und proletarische Politik erwarten: nach allen Erfahrungen mit Ebert, Scheidemann, Landsberg, Noske, Bauer, Müller, Radbruch, Köster, Severing, Hörsing, Wels, Hoffmann, Auer u. s. w. u. s. w. Als ob in einem kapitalistischen Staat die Zusammensetzung einer Regierung die Politik bestimmte! Man wird Rußland ein Bündnis vorschlagen, sobald die Börse davon ein Geschäft ohne zu großes Risiko zu machen meint – nicht früher und nicht später, ob der Reichskanzler Stresemann, Rathenau oder Wirth, ob er Helfferich, Breitscheid oder Remmele heißt. – Was nun also vorläufig aus den Forderungen der Entente wird, ist nicht leicht zu prophezeien. Alle Möglichkeiten bestehn, auch die, daß der Einmarsch der Franzosen unmittelbar bevorsteht. Eine sogenannte „Krise“ kommt unbedingt, entweder gleich oder in wenigen Wochen, und sehr möglich ist, daß diese Krise sich in Neuwahlen manifestieren wird. Damit scheint die sehr auffällige Tatsache in Verbindung zu stehn, daß die bayerische Sozialdemokratie sich plötzlich oppositionell gebärdet. Im Landtag hat Sänger – einer der übelsten Advokaten der Partei – zum Justizetat verwunderliche Radikalismen von sich gegeben. Ja, dieser Mensch, der vor 6 Wochen die Ablehnung jeder politischen Amnestie – auch nur für die Mitläufer – durch seine Partei begründet hat, findet es plötzlich „himmelschreiend“, daß die Räterepublikaner von 1919 immer noch hinter Schloß und Riegel sitzen (Sowas geht in Deutschland, und der größte Teil der Arbeiter leistet diesem Pack Gefolgschaft). Zugleich meldet der „Miesbacher Anzeiger“, daß die Chefredaktion der „Münchner Post“ am 1. April aus den Händen Auers (der vor einigen Tagen in einer Volkversammlung die Beibehaltung des § 218 St. G. B. gefordert hat, ohne von den tausenden Frauen, denen er das zu bieten wagte, gelyncht zu werden) in die des früheren Württemberger Ministers Heymann (früher Redakteur des „Wahren Jakob“) übergeben wurde. Das bedeutet Linksschwenkung der bayerischen Sozialdemokratie – und grade die Kommandierung eines außerbayerischen Redakteurs beweist, daß die Reichspartei die Auer-Schweinerei satt hat. Ich wittere hinter diesen Vorgängen die subversive Arbeit Radbruchs mit Hoffmann-Kaiserslautern. Für uns kann eine solche Schwenkung nur von Vorteil sein, da die große Masse der Gewerkschafter mehr als bisher auf die prinzipielle Bedeutung der Amnestiefrage für politische Gefangene, die Auer bisher mit allen Mitteln ihrem kritischen Interesse entzogen hat, hingelenkt werden wird. Zweifellos werden aber durch die augenblickliche Lage in den separatistischen Kreisen der bayerischen Monarchisten die draufgängerischen Tendenzen gefördert. Die in Aussicht geratene Besetzung des Maingaues (oder auch nur des Ruhrgebiets, das Bayern vor die unmittelbarste Kohlennot stellen würde) gäbe den stärksten Anlaß, die Trennung vom Reich durchzuführen, was ich nur begrüßen würde (die Marxisten, vornedran die Kommunisten, sind alldeutscher und zentralistischer als die Alldeutschen selbst. Für sie ist Bismarcks Reich die Voraussetzung alles Handelns. Ich sehe in der Zertrümmerung dieses Reichs die Voraussetzung aller sozialistischen Politik). Allerdings haben die bayerischen Monarchisten Pech. In jeden ihrer Pläne platzt eine inopportune „Enthüllung“. Diesmal hat das Pistolenattentat auf Miljukow in der Berliner Philharmonie die Aufmerksamkeit verfrüht auf Bayern hingelenkt. Es stellt sich heraus, daß die Zaristen, die es ausgeführt haben (schneidige Burschen übrigens, die für ihre Sache dastehn) direkt von München kamen. Man weiß vom Kongreß in Reichenhall, man weiß von der Rolle Bayerns in der Erzbergeraffaire – und Miljukow ist ein Hätschelkind Frankreichs, wo man grade die hier beteiligte Sorte bayerischer Partikularisten als Förderer der Pläne gegen Deutschland nicht zu Bundesgenossen wünscht und sich viel lieber auf Linke stützen würde. Säße in der USP Bayerns ein politischer Kopf – Niekisch ist es nicht, der hält Bayern für einen der Monde, die Preußens Trabanten in Ewigkeit zu bleiben haben –, so wäre da ein besseres Geschäft zu machen als sich je eins geboten hat: Eisner hätte es wahrscheinlich wahrgenommen. Eins ist klar: Für die politischen Giftpantscher aller Richtungen nahen goldne Zeiten, und mich dünkt, wie der April sich mit seinen metereologischen Absonderlichkeiten diesmal schon im März eingestellt hat, so wird der März, der stiller als seit vielen Jahren vorübergegangen ist, seine politischen Eruptionen auf den April vertagt haben. Es zittert wieder etwas unter der Oberfläche: es will Frühling werden.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 1. April 1922.

Ein paar Nachträge. Der große Metallarbeiterstreik, der sich hauptsächlich in Süddeutschland ausgebreitet hat und in Wirklichkeit schon längst eine reine Defensivaktion der Arbeiter ist, da die Unternehmer Aussperrungen im Großen vorgenommen haben, scheint dem Ende nahe zu sein: selbstverständlich einem für das Proletariat katastrophalen Ende. Der Streik war die Antwort auf die Zumutung, die 46Stunden-Woche preiszugeben und 48 Stunden zu arbeiten: die natürlich sofort als das erkannt wurde, was sie ist, als Versuch, dem 8Stunden-Tag selbst ans Leben zu gehn. Die Bewegung nimmt den Verlauf wie jeder ökonomische Kampf in Deutschland. Ein „Schiedsgericht“ wird eingesetzt, das zur Hälfte aus Arbeitgebern, zur andern Hälfte nicht etwa aus Arbeitnehmern, sondern aus deren „Vertretern“, aus Gewerkschaftsbonzen besteht. Das Resultat ist danach von vornherein bestimmt. So liegt jetzt auch der Schiedsgerichts-Vorschlag in der Metallarbeiterbewegung vor: und die „Arbeitervertreter“ präsentieren wieder mit fröhlicher Unbefangenheit ihren Auftraggebern den Vorschlag, sich mit den 48 Stunden abzufinden, wofür eine kleine Barkompensation geboten wird, die den Kapitalisten nichts kostet, weil sie sie wie immer auf die Konsumenten, also auf die Arbeiter selbst, abwälzen werden. Natürlich reagieren unsre Marxisten auf diesen Vorschlag mit ungeheurer Entrüstung, ebenso natürlich aber werden die Betroffenen nach kurzem Widerstand und durch den langen Ausstand physisch und psychisch ungeheuer geschwächt die Pille schlucken, und die Kommunisten, Unabhängigen und Sozialdemokraten werden sie weiter darüber belehren, daß es ohne die zentralistischen Gewerkschaften nicht geht und daß man nur Mitglied ihrer Partei sein muß, damit alles, alles gut werde. Wann werden die Arbeiter endlich mal einsehn, daß es mit den Gewerkschaften und mit den Parteien eben nicht geht? Es sind Deutsche und folglich besteht wenig Hoffnung, daß sie die eignen Fehler erkennen, zugeben und abstellen werden. – Zur Beratung des bayerischen Justizetats im Landtag gibt es auch noch einiges Interessante nachzutragen. Die Rede Sängers wird jetzt von der „Münchner Post“ ausführlich nachgetragen. Man erfährt alles Mögliche, was er gesagt hat. Die interessanteste Stelle aber, die sich auf die Kritik der Behandlung der politischen Gefangenen, auf die Amnestie etc bezieht und von der wir aus der bürgerlichen Presse Kenntnis haben, ist in Sängers eignem, parteioffiziellen Hauptorgan ausgelassen: am 31. März, dem angeblich letzten Tage Auerscher Redaktionstätigkeit. Der Mann geht wie er gekommen ist: unser heimtückischster, gehässigster, gewissenlosester Feind, keinem wildesten Alldeutschen an Revolutionsfeindlichkeit unterlegen, keinem Müller-Meiningen an Gesinnungslosigkeit, keinem Wucherer an Unbedenklichkeit, um die Ausbeutung zu schützen, keinem Gendarmen an Roheit, um Gefangene zu brutalisieren – alles in allem: ein deutscher „Arbeiterführer“. À propos Müller-Meiningen: der hat auch eine schöne Rede zu dem Thema gehalten und sich als Revolutions-Verherrlicher vorgestellt. Er hat nämlich den Vergleich zwischen „Mühsam und Genossen“ und den Revolutionären von 1848 zurückgewiesen, der eine Beleidigung für diese Patrioten sei. Ich bin überzeugt, daß sich in 75 Jahren die Nutznießer und Prostituierer unsres Kampfes, die im Jahre 2000 – armer Bellamy! – die Büttel unsrer weiteren Nachfolger abgeben werden, genau so empört wie unser Pimperl Wichtig gegen einen Vergleich dieser ihrer Opfer mit uns, den schuldlosen Wegbereitern ihres Verrats auflehnen werden. – Niekisch hat anscheinend wieder recht gut gesprochen und eine große Fülle von Urteilen einander gegenübergestellt, die die Schamlosigkeit beweisen, die heutzutage unter der Binde der Justitia nach der politischen Gesinnung blinzelt und jedem Delinquenten das „Recht“ spricht, das dem Klasseninteresse der bürgerlichen Gesellschaft entspricht. Natürlich hat der Regierungsvertreter – Herr Meyer – versichert, daß es in Bayern keinerlei Klassenjustiz gibt und niemals politische Motive ein Urteil bestimmen. Und ebenso natürlich hat der Landtag, der eben Dutzende von krassesten Beweisen vorgehalten bekam, Herrn Meyer höchst befriedigt zugestimmt: es gibt keine Klassenjustiz – Herr Meyer hat’s gesagt, Herr Meyer hats damit bewiesen: wie Kühlewein noch stets „bewiesen“ hat, daß wir Verbrecher und seine Strafvollstreckung in Niederschönenfeld einwandfrei moralisch und gesetzlich ist. Er hat’s nun schon ein Dutzend mal erklärt, – da bedarf es keiner Untersuchung mehr. Was wir aber aus dem Miesbacher Anzeiger erfahren – die andern Blätter sind (wahrscheinlich deswegen) konfisziert, ist, daß der Krach der letzten Tage von Herrn Meyer schon gegen uns ausgemünzt worden ist, und ferner, daß man 2 Hilfsaufseher wegen Durchstechereien (Briefschmuggel) in Untersuchungshaft gesetzt hat. Das erklärt jedenfalls die vielen Durchsuchungen in den Zellen der Abgesonderten. Wovon ich aber fest überzeugt bin, ist, daß die bestechlichen Beamten die Opfer desselben Kerls sind, der seine Opfer bisher unter den eignen Leidensgenossen gesucht hat. Er ist nicht mehr hier und wird sich mit der Auslieferung der Aufseher draußen noch besonders beliebt gemacht haben. Daß Niekischs Rede allen Zorn nicht gegen die Tatsachen entfesselt hat, die er vorbrachte, sondern gegen ihn, der sie mitgeteilt hat, versteht sich in Bayern von selbst. Er hat gesagt, wer den Brutalitäten von Niederschönenfeld seinen Segen gibt, hätte keinen Anlaß, sich über die Behandlung Deutschlands durch die Entente die Haare auszuraufen. Erst am nächsten Tage war es dem Landtagspräsidenten klar, was für eine unerhörte Beleidigung diese Selbstverständlichkeit sei, und Niekisch bekam vor Eintritt in die Tagesordnung Rüge und Ordnungsruf. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ aber (ein „demokratisches“ Blatt natürlich) empfiehlt ihn bereits als Schußziel für patriotische Mörder, indem sie erklärt, solches Verhalten könne mit parlamentarischen Mitteln nicht mehr geahndet werden. – Inzwischen häufen sich hier drinnen die Unglaublichkeiten in täglicher Steigerung. Bedacht hat angefragt, ob sich die Festungsgefangenen im Hof für eignes Geld eine Brause anlegen dürften. Antwort: Nein. Das Benehmen der Mehrzahl gebe keinen Anlaß, irgendwelche Vergünstigungen zuzulassen. Murböck sind eine ganze Menge Briefe konfisziert worden, worin er die Fragen der Münchner Frauenhilfe, besonders wegen der Bitten um Anzüge – infolge der Einziehung der Anstaltsanzüge – sachlich beantwortete. Nicht einmal die verlangte Liste der Gefangenen wurde durchgelassen, wahrscheinlich weil daraus zu entnehmen ist, wie es sich mit der Behauptung der Regierung verhält, daß nur noch „Führer“ eingesperrt seien. Man will augenscheinlich alle Hilfsquellen für uns zum Versiegen bringen, um uns Reue und politische Loyalität beizubringen. Denn Rachejustiz liegt jedem bayerischen Mann natürlich fern!

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 3. April 1922.

Allerlei Gerüchte gehn um, die im Einzelnen nicht nachzuprüfen sind. Es heißt, mehrere der Gemaßregelten hätten Lagerentzug (was eine hübsche Antwort auf Radbruchs „Note“ wäre, wonach die Reichsregierung Bettentzug als mit Festungshaft nicht vereinbar erklärt). Zuzutreffen scheint, daß mehrere Kostentzug für 3 Tage haben, darunter Ibel, der magenkrank ist und deswegen auf ärztliche Anordnung Kostzulage erhält; wenn er aber 3 Tage nur von Wasser und Brot leben soll, wird der Arzt überhaupt nicht gefragt. Unsre arme Hanna Ritter wird in Aichach gradezu systematisch dauernd siech gemacht. Sie ist magenleidend, der Arzt empfiehlt ihr viel Milch und leichte Kost, verordnet ihr aber das Notwendige nicht. Dabei klagt das arme Mädel über schlechte Heizung und hat nicht das Geld, sich Milch und leichtes Gebäck zu kaufen, – und noch ein volles halbes Jahr steht ihr bevor, ehe sie ins Spital gehn und sich ein wenig kräftigen kann. Es wird einmal ein dickes Buch zu schreiben sein über den Geist der christlichen Barmherzigkeit, von dem Bayern zur Zeit beherrscht wird. Das wird bei der Sentimentalität der breiten Massen unbedingt nötig sein, da sonst Gefahr wäre, daß bei einer Ablösung der Herrschgewalt das gleiche verständnisvolle Erbarmen, das uns schon einmal unter die Räder gebracht hat, wieder jede Energie entzweischlüge, – und dann würde die Bourgeoisie den einzigen Fehler reparieren, der sie heute wirklich reut: daß sie uns am Leben gelassen hat. Die Erziehungsarbeit zur erbarmungslosen Energieanwendung gegen die, die sie uns heute vormachen, wird umso schwieriger sein, als die Gefahr besteht, daß die zur Macht gelangten Arbeiter den Entmachteten auch den Fehler nachmachen könnten, an dem sie über kurz oder lang unbedingt verderben müssen: ihr unausgesetztes Entgleisen aus erbarmungsloser Machtanwendung in gehässige Infamie, wie wir sie ja grade hier Tag für Tag am eignen Leibe erfahren. Zeigen sich die Menschen fortwährend bestrebt, ihren niedrigsten Instinkten Befriedigung zu verschaffen, so werden sie nicht nur vor denen verächtlich, gegen die sie sie austoben lassen, sie werden auch in der Sache selbst kleinlich und dumm, wodurch sie den Anhang verlieren müssen, der die Grundidee, die ihre Rache bewirkt, billigt, dann aber ethisch abgestoßen werden muß, wenn die Peinigungen der Opfer nicht mehr um der Idee willen, sondern um der Peinigungen willen geschehn und daher nur noch denen, die sie unmittelbar ausführen, da sie ihre privaten sadistischen Anlagen befördern, Genüge tun können. Unsre Quälgeister – von Kühlewein angefangen, die ganze Stufenleiter der befehlsgebenden und exekutierenden Organe durch – treiben deutlich sichtbar immer tiefer in einen orgiastischen Selbstgenuß hinein, der nachgrade die politischen Beweggründe kaum mehr erkennen läßt und bald allgemein, auch in der Bourgeoisie selbst, als Sportübung machtbetrunkener Elemente erkennbar werden muß. Sobald sich aber dieser psychologische Prozeß zu vollziehn beginnt, wird automatisch eine Auswechslung der Sympathieen stattfinden, und die bornierten Menschenschinder werden allgemeiner Verachtung anheimfallen. Bis jetzt ist von denen, die man in Niederschönenfeld mit allen Vollmachten zu hemmungsloser Brutalität ausgestattet hat, keiner der Versuchung entgangen, an die Stelle zweckvoller Rücksichtslosigkeit das Privatvergnügen am gehässigen Quälen treten zu lassen – und sie werden die Folgen davon eines Tages sehr unliebsam bemerken; selbst wenn unsre Blütenträume niemals reifen sollten. Persönliche Bestrafung will ich garnicht für sie, – es sei denn, daß man sie um der Sicherung einer neuen Ordnung willen unschädlich machen müßte. Niederschönenfeld wird aber geschichtliche Wichtigkeit behalten, und es wird genügen, die Tatsache des „Ehren“-Strafvollzugs festzuhalten, um – unter jeder Gesellschaftsbildung – die damit verbundenen Namen Müller-Meiningen, Kühlewein, Vollmann, Kraus, Hoffmann etc. ihren künftigen Trägern als unerträgliche Bürde spürbar zu machen. Ich halte es für einen der vordringlichsten Aufgaben proletarischer Pädagogik, die Racheinstinkte unter den bewußten Willen zu meistern und in aller Vergeltungspolitik, so rücksichtslos sie immer betrieben werden mag, die Gehässigkeit auszuschalten. Wie weit die Bourgeoisie bereits auf der schiefen Bahn der Tobsucht geraten ist, zeigen täglich die Artikel des Miesbacher Anzeigers, der zweifellos in all seiner Hemmungslosigkeit den wirklichen Geisteszustand der in Bayern herrschenden Mächte wiedergibt. Gestern wurde der tote Erzberger in ganz unglaublicher Weise besudelt und zum Schluß die Vermutung ausgesprochen, er tanze wohl längst mit Rosa Luxemburg zusammen in der Hölle einen Foxtrott. Der heutige Leitartikel ist noch gemeiner und abgeschmackter. Kurt Tucholsky hat in der Weltbühne eine Reihe roh ermordeter Revolutionäre aufgezählt, deren Tod nicht gesühnt ist und sie als edle Menschen gerühmt. Daraufhin fordert der Miesbacher völlig unverblümt das Blut Tucholskys, indem er ausdrücklich die Offiziere und nationalen Studenten in Berlin angreift, daß der „Lumpenhund“ sich noch auf der Straße zeigen dürfe. Dabei werden Rosa Luxemburg, Liebknecht, Jogisches, Landauer, Eisner mit einem Zynismus beschimpft und mit den rohsten Bajuwarismen beworfen, wie ich es doch noch nicht gelesen habe. Selbstverständlich wird die krasse Aufforderung zum Mord, für die ein kommunistischer Arbeiter jahrelang ins Zuchthaus müßte, straffrei bleiben. – Klassenjustiz ist hierzulande ein unbekannter Begriff –, aber es wird Material geschaffen, dessen sich eines Tages die passiv Mitschuldigen schämen werden; und das garantiert den Zusammenbruch dieser „Politik“ an der Morschheit ihrer eignen Moral. Bayern stinkt vom Blute Ermordeter. Mörder sind Helden in diesem Land (Arco), alle Spuren des zaristischen Attentats in der Berliner Philharmonie laufen nach München, und die politische Moral der Beherrscher dieses Landes steht heute in der Weltwertung unter der Ungarns. Das kann nicht mehr lange Bestand haben, und so wird auch der Skandal von Niederschönenfeld einmal an sich selbst zerplatzen. Es ist ja schließlich nicht denkbar, daß man draußen nicht ebenso stutzig wird wie wir, daß schon wieder einmal unmittelbar vor der Beratung des Justizetats hier die „Unruhen“ losgegangen sind, von denen Herr Meyer dem Landtag erzählt hat. Diese Zwischenfälle treten denn doch regelmäßig garzu prompt ein, als daß an bestellter Arbeit gezweifelt werden könnte. Die Herren täuschen sich nur über die Länge der Beine ihrer Veranstaltungen. Da ein Prozeß gegen die bestochenen Beamten und ihrer Bestecher jawohl unvermeidlich kommen wird, hoffe ich, daß einmal ein wenig Licht in die dunkeln Verbindungswege zwischen Ettstraße, München und II. Stock Niederschönenfeld fallen wird. Ich habe das Gefühl als ob das Geschwür der Korruption, das da schwelt, reif ist und kurz vor dem Platzen steht. – Es ist Zeit zum Schlußmachen, wenn ich noch zum Briefschreiben kommen will. Nur die Reihe der Verstorbenen mag noch komplettiert werden. Die Zeitungen melden den Tod einiger Abnormitäten: der Schwestern Blaschek, der sogenannten Siamesischen Zwillinge, und des Exkaisers der k. k. weiland österreichisch-ungarischen Monarchie Karls I. von Habsburg.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 4. April 1922.

Morgen soll Zenzl kommen, übermorgen ist Geburtstagsfeier. So wird die Eintragung in diesen Tagen ruhen müssen. Heute nur die Hausneuigkeiten, die große Erregung verursachen. Gestern kam auch Seffert in Einzelhaft (es heißt, er habe vom Gangfenster aus Olschewski zugewinkt, der der einzige der Abgesonderten ist, der kein Hofverbot mehr hat). Kain ist also (neben Gnad, der kaum zählt) jetzt die letzte hohe Säule, die von entschwundner Pracht zeugt. – Heute aber erfuhren wir, daß ein Untersuchungsrichter im Hause sei mit einem Gendarmen, der heut vormittag die Abgesonderten vernommen habe, und jetzt sind Sauber, Schwab und Karpf als Untersuchungsgefangene in den ausgeräumten Seitengang des I Stocks gebracht worden. Soviel steht fest. Was an den Gerüchten ist, die im Hause sonst noch herumschwirren, ist abzuwarten. § 333 St. G. B.! Böse Geschichten.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 6. April 1922.

Abschrift: „An den Herrn Festungsvorstand. Meine Frau wünschte bei ihrem Besuch von mir Anweisungen über die geschäftliche Verwertung meiner literarischen Arbeiten zu erhalten. Als ich sie geben wollte, verbot das der aufsichtführende Beamte, Herr Krumbholtz, mit der Bemerkung, es sei nur die Besprechung familiärer Angelegenheiten gestattet. Meine Frau versicherte, sie habe vom Herrn Vorstand die Erlaubnis, auch über literarische und geschäftlichen Dingen zu sprechen, ausdrücklich erbeten und sie mit dem Wort „Selbstverständlich!“ erhalten. Der hinzugerufene Oberverwalter Herr Rieblinger entschied, daß es bei dem Verbot zu bleiben habe, da keine Anweisung gegeben sei, andre als nur familiäre Gespräche zuzulassen. Die auf mein Verlangen unternommenen Versuche, die Entscheidung der höheren Stelle herbeizuführen, blieben fruchtlos. Ich war also verhindert, mit meiner Frau die notwendige Auseinandersetzung über unsre wirtschaftlichen Interessen zu führen, obwohl nach meiner Auffassung die Familienangelegenheiten zwischen Ehegatten auch die geschäftlichen Möglichkeiten zur Hebung der Lebenshaltung umfassen. – Ich sehe von einer Beschwerde ab, da ich vom guten Glauben der beteiligten Beamten überzeugt bin, halte jedoch aus grundsätzlicher Erwägung die Mitteilung der Tatsache für geboten. N’feld, d. 6. Apr. 22    Erich Mühsam

 

Niederschönenfeld, Freitag. d. 7. April 1922.

Die Abschrift meiner Mitteilung an den Vorstand könnte ja genügen, um die Erinnerung an diesen Geburtstagsbesuch festzuhalten. Aber der Akkuratesse wegen noch ein paar Daten. Die Besuchsdauer war, anscheinend als besonderer Ausdruck des Wohlwollens, dessen ich mich peinlicherweise erfreue, auf 5 Stunden festgesetzt worden. (Daß man von der uns selbst noch in der Müllerschen Entrechtungshausordnung festgesetzten Zeit von 6 Stunden wöchentlich, bei einem Wiedersehn nach über 6 Monaten, „nur“ 1 Stunde stiehlt, ist ein Beweis ausnahmsweiser Gunst). Ich hätte diese Gnade gewiß nicht genossen, wären nicht gleichzeitig mit Zenzl auch die Frauen und Kinder von Hagemeister und Köberl gekommen, und zu verschiedener Behandlung fehlte jeder äußere Vorwand. Immerhin erhielt ich einen der übelsten Aufseher zur Bewachung hingesetzt (Krumbholtz), der zwar nicht unmittelbar zwischen uns saß wie Gehauf, aber höchstens zwei Schritte entfernt, und der – mit dem Zettel in der Hand, auf dem seine Verhaltungsmaßregeln genau vorgeschrieben sind – seine Tüchtigkeit in der ersten Minute damit bewies, daß er nicht erlaubte, daß wir unmittelbar nebeneinander saßen: er müsse zwischen uns hineinsehn können. Das Gespräch war sehr schwierig, da z. B. meine Frage, ob Clemens sich schon mal gemeldet habe, als nicht „familiär“ für unstatthaft erklärt wurde. Ich hatte, wie das jetzt verlangt wird, eingegeben, man möge mir die Bewirtung meiner Frau mit warmem Getränk gestatten. Es wurde „eine Tasse“ – ausdrücklich nur eine! – Thee oder Kaffee erlaubt. Meine Freunde wollten, als sie es hinunterschickten, ein Stück Kuchen beilegen: verweigert, weil keine besondere Erlaubnis dazu erteilt sei (Köberl und Hagemeister erlebten das Gleiche). Auch mir wurde versagt, mir meinen gewohnten Kaffee herunterschicken zu lassen, da das nicht extra genehmigt sei. Über die „Judas“-Verwertung und übrige Geschäfte durfte, wie aus meinem Schreiben erkenntlich, nicht geredet werden. Die telefonische Anfrage beim Staatsanwalt mißlang, weil er nicht mehr da war. Genug darüber, – ich erhielt jetzt die Begründung des Schiedsgerichtsurteils in meiner Plünderungssache (an den „Büßer“ E. M. adressiert), ein Prachtdokument, bei dessen Lektüre einem jedes Staunen über bayerische Möglichkeiten, und so auch über den Vollzug bayerischer „Ehrenhaft“ vergeht. – Trotz allem war dieser Besuch nicht so deprimierend wie die beiden früheren, zumal wir uns ohne jegliche Illusionen entgegentraten. Natürlich ist es eine widerwärtige Qual, bei jedem Kuß die Lippen der Frau von einem uniformierten Zuschauer interessiert beglotzt zu wissen, aber man weiß dabei sicherer als je sonst, daß man es nie vergessen wird, was hier an uns verübt wird. Zenzl hat sich hübsch und jung erhalten; aber daß sie unter der langen Witwenschaft leidet, ist doch erkennbar. Die 5 Stunden gingen trotz des ewigen Stolperns des Gesprächs über die Fußangeln der Themabeschränkung viel zu rasch vorbei, und der Wunsch, daß endlich – endlich einmal bessere Zeiten kommen mögen, bleibt lebhafter zurück, als er sonst fühlbar ist. Heut ist der 7. April! – Vor 3 Jahren – – welch ein Sturz aus Träumen und Plänen! Und doch: ich bin völlig gewiß, daß der Traum noch Wahrheit werden wird. Grade jetzt habe ich zum xten Mal meine Bibel gelesen: Krapotkins Werk über die Gegenseitige Hilfe. Das Buch ist geschrieben (es wird einmal das Lesebuch der Jugend in allen Schulen sein), der einmal ausgesprochene Gedanke hat seine Wirksamkeit in sich. In diesem Buch ist der Staat, der Zentralismus, die Partei, die Obrigkeit ein für allemal widerlegt. Unsre „Utopie“ war Wirklichkeit zur Zeit der Gilden und Brüderschaften im Mittelalter, – es wird an uns liegen, den zähen Willen aufzubringen, der allein sie wieder zum Leben bringen kann. Und die groteske Übersteigerung der nationalistischen Haßkapriolen zeigt mehr als alles andre, wie innerlich unwahr die Idee schon ist, die mit ihnen verteidigt werden soll. Eben bekam ich einen Brief von meinem Bruder Hans, in dem er mir eine neue Heldentat der Münchner Studentenschaft berichtet. Professor Einstein, mit dem er eng befreundet ist, war eingeladen worden, München zu besuchen, um über seine Relativitätstheorie zu sprechen. Der Rektor berief den Studentenausschuß ein und fragte, ob bei den Vorträgen Einsteins Ordnung, Ruhe und persönliche Sicherheit des Referenten zuverlässig verbürgt sei. Antwort: die Studentenschaft lehnt die Bürgschaft ab! – Der größte Gelehrte unsrer Zeit, der in Frankreich – grade jetzt – gefeiert wird, der nach Japan eingeladen ist, damit man ihn sehn, hören und feiern kann, darf sich im eignen „Vaterlande“, wo es am allervaterländischsten ist, 3 Jahre nach der Revolution nicht blicken lassen, ohne befürchten zu müssen, von den Jüngern der Wissenschaft erschlagen zu werden. Einsteins Kollege aber, der tapfere Professor Nikolai, befindet sich auf der Reise nach Argentinien, wohin ihn die Wissenschaft zur Gründung einer neuen Heimstatt eingeladen hat, da ihm in Deutschland Professoren und Studenten in schöner Gemeinschaft das Leben und den Aufenthalt unmöglich gemacht haben. In dieser Republik unter sozialdemokratischer Leitung und besonders im „Freistaat“ Bayern, wo man die Sozialdemokraten schon nicht mehr benötigt, so fest sie sich auch an die kapitalistische Bourgeoisie anklammern, darf nur atmen was hohenzollerisch gesinnt ist. So gerüstet geht man nach Genua, als gleich unter Gleichen – wie man sich einbildet, da man beabsichtigt, sich auf jeden Fall an der internationalen Generaloffensive gegen das Weltproletariat zu beteiligen, während man doch in Wahrheit nur als armer Kuli zugelassen wird, der unter den Prügeln der „Sieger“ Munition für die Offensive heranschleppen darf. In Berlin aber hocken die Vertreter der 3 Exekutiven der „Internationalen“ 2, 2½ und 3 beisammen. Reden sind dabei gehalten worden, daß man sich schütteln könnte vor Lachen, wärs nicht garso traurig. Herr Vandervelde, kgl. belgischer Minister, will nicht an den Versailler Vertrag tippen lassen, Radek hat vom Leder gezogen, daß es eine Art hatte – „schön hat er’s ihnen hingefahren“ rühmen die Kommunisten in Niederschönenfeld – und hat in Wirklichkeit russische Staatspolitik getrieben; Ramsay Macdonald hat sich als beredter Dolmetsch Lloyd Georges bewiesen, der den Schutz der kleinen Nationen verlangt (übrigens hat er, Radek und auch Bauer von der Wiener Arbeitsgemeinschaft – 2½ –, die bei der Kundgebung noch die sympathischste Rolle spielt, verwaschen aber nicht verlogen, – gute Worte für die politischen Gefangenen gefunden – und wir Bayern sind mehrfach ausdrücklich bezeichnet worden) – kurzum, ein jeder hat als Patriot seines Landes gesprochen, und ich hatte die Empfindung: in allem was I[nternationale]. II gegen I[nternationale] III, I[nternationale] III gegen II½, I[nternationale] II½ gegen II sagt, haben sie alle recht, und es fängt erst an brenzlich zu riechen, wenn sie auf die Güte der eignen Sache zu reden kommen. Wie denn auch anders? In einem sind sie ja alle einig: die Barrikade gegen links steht da, riesenhoch – und nur von der Elastizität der schwächlichen Barrikade nach rechts hin ist die Rede. Sollte doch zustande kommen, was die 2½er angedeutet haben, daß eine allgemeine Konferenz aller proletarischen Richtungen einberufen wird, in der auch die Anarchisten und überhaupt die Maximalisten vertreten sein werden – Vorbedingung wäre dazu natürlich die Preisgabe der fürchterlichen Politik der Russen gegen die Revolutionäre von links –, dann kann etwas werden, nämlich das, was ich vor 2 Jahren in der von Pfempfert verluderten Broschüre vorgeschlagen habe: eine Föderation proletarischer Revolutionäre ohne Preisgabe ihrer Organisationsform, aber in ständiger Fühlung zur gemeinsamen Verteidigung ihrer Rechte. Das wäre schon sehr viel – im Negativen, sowenig es positiv zur Verwirklichung der Revolution bedeutete. – Die Gedanken, die mich im Zusammenhang mit diesen Dingen beschäftigen, sind zu reichlich – und meine Schreibverpflichtung, zumal angesichts der vielen Briefe und Liebeszeichen zu meinem Geburtstag zu drängend, als daß ich mich länger in Betrachtungen über alles dies verlieren dürfte. Zudem darf ich die Hausangelegenheiten nicht vernachlässigen, die zur Zeit im Zusammenhang mit den öffentlich-politischen Angelegenheiten zu allerhand kleinen Beobachtungen anregen. Wie weit die Bestechungs-Affaire gediehen ist, wissen wir nicht recht. Ich kann aber aus den letzthin wieder sehr zahlreichen Zeitungskonfiskationen manches schließen, außerdem geht aus den Briefen meiner beiden Schwestern hervor, daß sie gelesen haben, es sei wieder Briefsperre über N’feld verhängt. Nun erfahren wir, daß zur Untersuchung der Sache der I. Staatsanwalt von Augsburg persönlich hier war, was darauf schließen läßt, daß man einen großen politischen Clou aus der Sache machen will. Das trifft sich nun eigenartig mit der letzten Entwaffnungsnote Nollets zusammen, die sich auf die Entmilitarisierung der Polizeiwehren bezog. Der Trick von 1920, als Müller-Meiningen die Auflösung der Einwohnerwehr („Wir können nicht!“) mit der Inszenierung des Niederschönenfelder Hochverrats-Komplotts verhindern wollte, wird also wiederholt, und der „Fränkische Kurier“, der Moniteur des Pimperl Wichtig und mithin eines der dümmsten, reaktionärsten und charakterlosesten Organe Deutschlands, hat tatsächlich schon, plump wie immer, ganz offen die Unmöglichkeit der Erfüllung der Schuponote mit den neuen „Unruhen“ von Niederschönenfeld zu beweisen versucht. Die Beweise selbst für die Machenschaften „der Kommunisten“ müssen übrigens wieder allerliebst sein. So hat Meyer dem Landtag erzählt, darin sei bereits das Regina Palast-Hotel in München als Sitz der künftigen Räteregierung bestimmt worden. Dann allerdings! Ehe man sich nicht über die Lokalitätsfrage geeignet hat, kann man freilich keine Revolution machen! Die Dummheit der Sauber-Leute und der bayerischen Staatsbetreuer finden sich immer wieder in den burleskesten Auffassungen zusammen. Man hat die in Untersuchungshaft Genommenen vom I. Stock wieder heruntergeschafft, aber, wie es heißt, in besonderen Zellen eines Parterre-Seitengangs verteilt. Was daraus werden soll, ist noch nicht deutlich. Sehr interessant ist aber – und vielleicht ist auch das nicht ganz ohne Beziehung zum übrigen –, daß der überaus verdächtige Marschall plötzlich von Erlangen hierher zurückgebracht ist. Es ist das erste Mal, daß von dort einer wieder auftaucht, und anzügliche Bemerkungen kann man genug hören. Was ich mir darüber denke, will ich mit Rücksicht auf das Schicksal früherer Tagebücher nicht ausführen. Vielleicht bald, falls Zenzl recht hat, die – so pessimistisch sie bisher in diesem Punkte stets war – jetzt mit erstaunlicher Präzision erklärt hat: „In einem halben Jahr bist du frei!“ Wenn sie sagen könnte, was sie wisse, könnte ich sehr erfreut sein. – Sie hat in Berlin mit Radbruch gesprochen, und sie war bei Krestinsky. Ganz gewiß würde sie keine Prophezeiungen wagen, wenn sie nicht gute Gründe zum Optimismus wüßte. Warten wir’s ab. Nun ich ihren Mund wieder an meinem gefühlt habe, wünschte ich umso stärker zu ihr ins Bett zu kommen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 8. April 1922.

Nur ein paar Hausangelegenheiten. Heute wieder eine Menge Zeitungsbeschlagnahmen, darunter „Augsburger Postzeitung“ und „Fränkischer Kurier“ und zwar sowohl „wegen agitatorischen Inhalts, als auch, weil die Aushändigung geeignet wäre, dem Strafvollzug Nachteile zu bereiten“. Die letztere Wendung, die stereotyp ist, bedeutet, daß irgendeine tatsächliche Meldung, die wahrscheinlich mit Niederschönenfelder Dingen zusammenhängt, nicht zu unsrer Kenntnis kommen soll. Das „Agitatorische“ werden wohl die redaktionellen Kommentare dazu sein. – Gestern abend wurden wir nach 10 Uhr noch durch lautes Klopfen und Bullern aufgestört. Heute erfuhren wir den Grund. Nach Marschall ist auch der arme Schmid-Burglengenfeld von Erlangen wieder hergebracht worden, und zwar, weil er auf dem Transport renitent gewesen sein soll, gleich wieder in Einzelhaft. Man scheint also in der Taktik, einen möglichst hohen Prozentsatz von geisteskranken Kommunisten zu konstruieren, bedenklich geworden zu sein, da wohl außerhalb der proletarischen Zone auch andre Leute die von Niederschönenfeld in die Heilanstalt überführten Gefangenen eher für die unerwünschte Statistik brauchbar fanden, wieviel Gefangene man hier schon durch die gemeine Behandlung zum Wahnsinn getrieben hat. Der Fall Schmid ist ja ganz besonders peinlich gelagert für die bayerischen Schinder. Ich kann es mir wohl denken, daß man ihn gern vollständig kaput machen möchte, ehe er in der Lage ist, den ungeheuren Rechtsbruch, der gegen das Reichsgesetz an ihm verübt wurde, draußen vors Volk zu bringen. Leider läßt sich Schmid stets provozieren und macht es den Henkern dadurch leicht, ihr Ziel zu erreichen. Er richtet sich zugrunde, ohne dadurch sein Schicksal zu ändern. Daß man ihn von der Erlanger Anstalt zurückgeholt hat und ihn hier, ehe er noch seine Genossen wiedergesehn hat, diszipliniert, ist mir überführender Beweis, daß man den Zeugen eines schweren Verbrechens vernichten will. Es wird aber auf die Dauer nicht verhindert werden können, daß Schmid – auch wenn er das halbe Jahr, das ihm hier noch bevorsteht, bei gesundem Geist überlebt – einmal Fürsprecher finden wird, die an seinem Beispiel Anklage erheben werden gegen das System „bayerische Ordnungszelle“. (Graf Lerchenfeld hat übrigens eben eine lange Rede im Landtag gehalten, in der er Reichstreue gelobt hat und für die er natürlich vom „demokratischen“ Geschmeiß sabbernd gelobt wird; bestellte Arbeit vermutlich, um in Genua ein einiges Deutschland zu posieren). – Eine heitere Kleinigkeit. Hagemeister, der am 5ten Geburtstag hatte, bekam die Eröffnung, daß der Geburtstagsbrief seines 14jährigen Sohnes, „wegen hetzerischen Inhalts“ zum Akt genommen sei. Der kleine Lehrling, der den eignen Vater, den zu 10 Jahren Festung verurteilten Landtagsabgeordneten politisch verhetzen könnte! Furcht vor Lächerlichkeit ist den bayerischen Ordnungsmännern jedenfalls fremd. – Ein Brief Valtin Hartigs ging zu den Akten, weil er darin geschrieben hat, man müsse die Kirche nicht etwa bekämpfen, sondern sie erobern! Das agitationsfeindliche Verwaltungsorgan hat offenbar nicht begriffen, daß dies von einem Sozialisten die Kapitulation im Sinne so völliger Toleranz bedeutet, wie sie selbst in dem Prinzip „Privatsache“ nicht erreicht wird. Der Mann weiß wahrscheinlich garnicht, daß die Kirche eine Einrichtung ist. Er versteht darunter eine Betanstalt und denkt nur an den Zwiebelturm, den man „erobern“ – also wohl stürmen will. – Gestern ist Fischer für 10 Tage nach Nürnberg beurlaubt (d. h. er hat Strafunterbrechung) worden, um an der Konfirmation seiner Tochter teilnehmen zu können. Politische Betätigung ist ihm natürlich inzwischen nicht möglich. Jedenfalls werden wir aber mancherlei Neues erfahren, wenn er wiederkommt. Überdies war die Freude des braven Kerls, als ganz unerwartet der Bescheid kam, so ungeheuer, daß wir alle davon angesteckt wurden, und ein wenig Sonne in jedem Herzen leuchtete. Deshalb will ich das Ereignis nicht ignorieren.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 11. April 1922.

Was eigentlich aus der großen Schmuggel- und Bestechungsaffäre geworden ist, ist uns völlig unbekannt. Die Zeitungen scheinen alles Mögliche darüber geschwafelt zu haben, denn ich erhielt Anfragen, ob man mir schreiben und Pakete senden dürfe, da in den Blättern gestanden habe, über die Niederschönenfelder sei Postsperre verhängt. Der Zensor hat aber sehr aufmerksam gearbeitet, sodaß wir den Verlauf der Dinge nicht verfolgen konnten. Erst heute in 8 Tagen, wenn Fischer wieder hier ist, werden wir klarer sehn. Die Untersuchungshaft über die 3 oder 4 Hauptsünder scheint jedenfalls aufgehoben zu sein, denn heute zum ersten Mal sieht man die ganze Gesellschaft wieder miteinander im Hof spazieren gehn (bisher hatte von ihnen allen ganz allein Olschewski Hoferlaubnis, dessen Einzelhaft nun wohl schon 6 Wochen währt). Aber die Zellendurchsuchungen werden immer noch fortgesetzt, erst heute stöberten 2 Aufseher lange bei Podubetzky herum*. Es wäre zwecklos, sich in weitläufigen Vermutungen zu verlieren. Über kurz oder lang werden wir schon merken was los ist. Nur eins steht fest, daß man in Bayern bis jetzt nicht die geringste Absicht hat, die Politik der aufreizendsten Arbeiterprovokationen zu ändern. Lerchenfeld unterscheidet sich von Kahr in der Tonart, sonst in nichts. Man hat nolens volens den Ausnahmezustand formell beseitigt, handelt aber, von den Parteien unbeeinträchtigt, genau so als ob er noch bestände. Kürzlich verbot man eine Freidenkerversammlung in München, jetzt hat Lerchenfeld in einer Rede in Ingolstadt berichtet, daß er auch eine Beamtenversammlung verbieten ließ, in der „nordische Sendlinge“ Kritik an der Unterdrückung des Beamtenstreikrechts hätten üben wollen. Irgendein verfassungsmäßiges Recht zur Verhinderung von Versammlungen hat die Regierung nicht – aber wen schert das in Bayern? Wie weit die Herrschaften mit dieser Politik der nackten Brutalität kommen werden, steht dahin. Die Beamten haben jetzt ihre Bundesversammlung gehabt, und da haben die Führer der Eisenbahner-Reichsgewerkschaft, die gemaßregelten Herren Menne und Scharfschwert erfreulich klare Reden für ihr Recht auf Kampf gehalten. Sind sie auch mit ihren Ansprüchen in der Minderheit geblieben, so hat sich doch gezeigt, daß ihre Anhängerschaft auch der Zahl nach keineswegs schwach ist – und bei Aktionen aller Art spielt niemals die Zahl die erste Rolle, sondern die Energie und die Zielklarheit. – Die bayerische Methode der Roheit und des Rechtsbruchs wird noch einige Zeit weitermachen können, da nirgends im Lande selbst tatkräftig organisierter Widerstand dagegen spürbar ist. Dagegen weitet sich durch die Solotänze bei allen Gelegenheiten trotz der Geschmeidigkeit des Landeschefs die Kluft zwischen Bayern und dem Reich zusehends, und die Franzosen beobachten die Seitensprünge mit so großer Aufmerksamkeit, daß bei passendem Anlaß – natürlich erst nach Genua – zweifellos von dorther ein energischer Schlag gegen alle die Großschnauzen geführt werden wird, die meinen, in der „Ordnungszelle“ Alldeutschlands Träume zur Verwirklichung führen zu können. Nur soviel steht fest, daß für uns hier keine Hoffnung besteht, durch politische Einsicht der derzeitigen bayerischen Machthaber jemals die Freiheit erlangen zu können. Eine schwere Enttäuschung in dieser Hinsicht hat auch zum Schluß noch die Internationalen-Konferenz gebracht. Die ist mit einer außerordentlich schwerfälligen und sichtlich gequälten gemeinsamen Kundgebung auseinandergegangen, in der schließlich ein paar Parolen zum 20. April herausgekocht worden sind, an welchem Tage eine „womöglich“ gemeinsame Demonstration des Proletariats in allen Ländern veranstaltet werden soll (nachdem man die „Einheitsfront“ für den 1. Mai schon als aussichtslos preisgeben mußte). In diesen Parolen fehlt die Forderung auf Freilassung der politischen Gefangenen, und der Verdacht, den ich daraufhin sofort meinen Freunden gegenüber geäußert habe, daß wir das den Kommunisten zu danken haben, hat sich bestätigt. Wie die Wiener Arbeitsgemeinschaft öffentlich erklärt, habe sie diese Forderung als besonders wichtig in die Kundgebung aufgenommen wissen wollen. Die Festhaltung der eingesperrten Sozialisten in Rußland sei jedoch den Kommunisten so am Herzen gelegen, daß sie dafür ihre eignen inhaftierten Genossen in den kapitalistischen Staaten lieber geopfert haben. Dieser Erklärung hat sich die 2. Internationale mit umso größerem Behagen angeschlossen, als nun ja die Sozialdemokraten – besonders in Deutschland – der Sorge überhoben sind, wie sie vor den Sozialisten der andern Länder ihre Lauheit in der Amnestiefrage begründen sollen: besonders Herr Auer wird von Dankbarkeit tropfen, daß ihn Radek instand gesetzt hat, dem Begehren der Arbeiter nach unsrer Befreiung die Weigerung der Bolschewiki entgegenzuhalten, diesen Punkt als eine internationale proletarische Prestigesache anzuerkennen. Natürlich stehe ich mit meiner sehr feindseligen Beurteilung dieses Sabotageaktes hier drinnen fast allein. Nur die Unabhängigen geben mir natürlich recht, und natürlich aus mehr oder weniger parteiegoistischen Gründen. Volles Verständnis habe ich für meine Ansichten immer fast nur beim Seppl zu erwarten – und der geht am Sonntag. Sonst sind die Kommunisten so tadellos autoritätsfromm, daß sie auch hier zu ihren russischen Seelenverkäufern stehn. Hagemeister, Köberl, Sandtner, Luttner, Zäuner, Thierauf – sie alle haben ihre Disziplin so sicher in der Gewalt, daß sie sofort 1000 Gründe bereit halten, um selbst diese schofle Rachepolitik als edle revolutionäre Taktik und Ausfluß überlegenster Taktik gutzuheißen. Nur Adolf Schmidt hat soviel innere Ehrlichkeit, daß er wohl fühlt, daß hier aus purer Interessenpolitik Verrat an Prinzipien geübt wird. Aber er vermeidet auch mit mir Gespräche darüber, da er fürchtet, in Gewissenskonflikte zu geraten. – Was die andern einwenden, ist ihre Entrüstung über die vor 4 Jahren von den Sozialrevolutionären geplanten Attentate. Daß die Sozialrevolutionäre finstere Menschewisten, Konterrevolutionäre von zaristischer Fortschrittsfeindlichkeit sind, das haben die kommunistischen Parteizeitungen ihnen so tief eingeimpft, daß jede Polemik dagegen fruchtlos ist. Sagt man ihnen, daß es diese Revolutionäre waren, die die heroischen Kämpfe der vorrevolutionären Zeit und in der Revolution von 1905 fast allein durchgekämpft haben, daß sie immer und immer wieder ihr Blut vergossen haben für die Revolution, daß ohne ihre terroristische Vorarbeit in den 80er und 90er Jahren und seither weiter ohne Scheu vor Tod und Opfern die russische Oktoberrevolution von 1917 nie möglich gewesen wäre, dann sympathisiert man eben mit den „Weißen“ und ist selbst kaum besser als ein Revolutionssaboteur. Daher muß ich mich darauf beschränken, meine Opposition mit der entsetzlichen Verfolgung der Anarchisten, Maximalisten und aller Linken zu begründen, wofür mir ja immerhin das Recht der Gesinnungssolidarität zugebilligt wird. Aber auch deren Brutalisierung wird verteidigt. Denn wenn man die Linksrevolutionäre, die reinen Sowjetisten etc. gewähren ließe, steigt ja die Gefahr, die Zaristen könnten dazwischen kommen und als lachende Dritte die ganze Beute forttragen. Mit diesem Argument ist jede revolutionäre Bewegung zu widerlegen. Mißlingt eine Revolution, so hat davon ohne Frage die Konterrevolution den größten Vorteil. Aber es ist traurig, Kommunisten für ihre Parteizwecke derartige Logik anwenden zu hören. Was in Rußland los ist, das kann ein unvoreingenommener Mensch aber sogar den Reden entnehmen, mit denen die Regierenden dort selbst ihre Politik verteidigen. Auf dem russischen Kommunistenkongreß hat Lenin es klar ausgesprochen, daß man auf dem Rückzug ist. Wer aber diesen Rückzug – als dessen Ziel der Staatskapitalismus ausdrücklich zugegeben wird – von Kommunisten! – zu hemmen versucht, (also die Maximalisten) wird vernichtet werden. Um also den Widerstand gegen die Preisgabe des Prinzips zu brechen, um die Kommunisten, denen der Kommunismus wichtig ist und nicht die Obrigkeitsverewigung einer opportunistisch gewordenen Partei, in Gefängnissen niederhalten zu können, läßt Rußland die Revolutionäre in allen Ländern ihrem Schicksal widerspruchslos preisgegeben. Die Parole „Einheitsfront des Proletariats“, die an und für sich Schwindel ist, weil sie nur auf dem Boden der Räte, also der Nicht-Partei, möglich wäre, wird durch das frivole Wegschmeißen der einzigen Forderung, in der wirklich ein gemeinsames Interesse des Gesamtproletariats aller Länder besteht, vollends zur Farce. – Nun haben sich die Russen gestern also auf ihrem Rückzug glücklich bis nach Genua verirrt, um an der Beratung der Bourgeoisieen teilzunehmen, wie die kapitalistische Internationale zur sinnreichsten Ausbeutung des Weltproletariats aufgrund der veränderten Weltwirtschaftsverhältnisse zuwege zu bringen ist. Mit Tschitscherin an der Spitze hocken sie um einen Tisch mit den französischen Börseanern, den englischen Imperialisten, den deutschen Industriellen und markten um „Anerkennung“. Da sie die Ausbeutung in Rußland wieder zulassen, wenn sie nur von ausländischen Spekulanten betrieben wird, da Wucher, Prasserei und Jobberei wieder blühen und das Land der vorrevolutionären Korruption die Dämme wieder entfernt hat, so wird wohl das Opfer gebracht werden, auch ein nicht konstitutionelles Staatswesen, wenn es Schulden zahlt und beweist, daß Volksbetrug auch ohne Demokratie möglich ist, in Gnaden in den Bund der Gerechten aufzunehmen. Die Russen werden in Genua als „Realpolitiker“ wahrscheinlich den bedeutendsten Erfolg heimbringen, den Deutschen werden dagegen wieder etliche Felle davonschwimmen, da man ihnen sagen wird, daß man sich die „Erfüllung“ durch Prellerei nicht länger gefallen lassen möchte. Auch werden die Herren wohl allerlei Liebenswürdiges zu hören bekommen, was sich auf die Umgehung der Entmilitarisierungsverpflichtungen bezieht. Das Gleiwitzer Friedhofattentat gegen waffensuchende Franzosen (das der „demokratische“ Fränkische Kurier ausdrücklich gutheißt) wie die Fortsetzung der Größenwahnspolitik gegen Polen in Oberschlesien überhaupt, und am Ende auch die bayerische „Eigenart“ wird Herrn Dr. Rathenau, unserm polyglotten Außenminister wohl ziemlich deutlich mit Namen bezeichnet werden, – und so wird, wenn sonst nichts, in Genua jedenfalls eine neue Suppe für nationalistische Krämpfe in Deutschland gekocht werden, auf deren Schaum am Ende für uns politische Gefangene doch ein paar Brocken schwimmen könnten. Die jetzt veröffentlichte Antwortnote der Wirthsleute auf das Reparationsultimatum ist eine solche Brühe von Einerseits-Andrerseits-Verlegenheit, daß man dieser reizvollen Regierung weder inner- noch außerhalb der schwarzrotgoldenen Grenzpfähle Erfolge davon prophezeien dürfte. – Mein Optimismus ist also ungeschwächt. Er stützt sich auf die nie versiegende Dummheit derer, die ihm die Argumente nehmen wollen. – Wieder ein Toter: mein alter Lübecker Landsmann Theodor Schwartz, der ehemalige Schiffskoch und langjährige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, ist in Lübeck gestorben. Ein braver alter Philister – ich kannte ihn auch persönlich –, der sich selbst immer zu den Radikalen zählte, und von dem das Wort für die Zukunft aufbewahrt gehört, mit dem er die erschreckte Lübecker Bürgerschaft über seine Wahl in dies friedsame Parlamentchen beruhigte: „Sie meinen immer, sagte er, wir Sozialdemokraten wollen allens umstürzen. Man nich! Wir wolln ja man bloß’n büschen mithelfen!“ – Der Alte soll (als Nebenfigur) in meinem Bröschke-Roman ein freundlich-boshaftes kleines Denkmal bekommen.

 

* Allerdings besteht die Möglichkeit, daß es auf sein Verlangen geschah, da er Bücher oder dergl unten gewünscht haben kann.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 12. April 1922.

Die ersten Berichte aus Genua liegen vor: man hat Begrüßungsreden gehalten, vor einander gedienert und komplimentelt, Lloyd George hat Tschitscherin, Tschitscherin Lloyd George gestreichelt, Frankreichs Vertreter Barthou hat vorsorglich allen Diskussionen über die Friedensverträge und über Abrüstung die Bremse vorgehängt und unser Reichswirth hat deutsche Biederkeit exekutiert. Unsre Hauskommunisten lesen einander strahlend vor Entzücken vor, daß die Bürgerpresse vom Auftreten Tschitscherins begeistert ist und daß er allenthalben mit größtem Respekt angehört und angestaunt wird. (Ebenso entzückt sind sie von Lenins großer Rede, die gewiß höchst interessant und ebensogewiß über die geniale Persönlichkeit des russischen Wirtschafts- und Staatskünstlers sehr orientierend ist, der die Richtigkeit seiner Politik stets überzeugend damit zu beweisen versteht, daß er verblüffend aufrichtig über ihre Mißerfolge spricht, und der zugleich den „Rückzug“ wie auch den jetzt proklamierten Stillstand im Rückzug mit der einfachen Erklärung verteidigt: Unsre Politik ist richtig; wer sie – von rechts oder links – öffentlich kritisiert, stört sie und gefährdet also diese Politik; wer unsre Politik gefährdet, wird erschossen). – Bis jetzt habe ich von der Genua-Konferenz im ganzen das Gefühl, als ob man einen großen Eiertanz aufführen wolle, um nur ja ein Fiasko zu vermeiden, und daß diesem negativen Ziel unter Umständen alle positiven Ideen bis zur nächsten Konferenz geopfert werden, die stattfinden wird, sofern es gelingt, bei diesem Reigen die Eier heil zulassen. Daß Tschitscherin in den Formen eines gut erzogenen Europäers gesprochen hat, scheint die Weltbeherrscher derartig überrascht zu haben, daß sie den Erfolg der Konferenz schon darin verbürgt sehn, daß Rußland nicht mit unflätigen Grobheiten auf ihre Nerven gefallen ist. Tschitscherin ist aber in der Tat ein ebenso gewaschener Diplomat wie sie alle – außer den Deutschen, die zwar wie alle andern auch sämtliche übrigen einseifen möchten, aber noch immer nicht wissen, daß ihre Roßtäuschermethoden außer von ihren Landsleuten von der ganzen Welt als verächtliche Lächerlichkeiten eingeschätzt werden. Das Geschäft des gegenseitigen Einwickelns, Übers-Ohr-Hauens und Beschnüffelns hat also nun begonnen. Was draus werden wird, kann niemand wissen. Doch besteht begründete Hoffnung, daß wahrscheinlich das, was die Herren Lloyd George, Wirth, Facta etc. wünschen, nämlich eine internationale Gegenseitigkeitsversicherung des Kapitals zur reibungslosen Abhäutung des internationalen Proletariats, nicht draus werden wird. Das hätte zur Voraussetzung eine im Politischen kluge und nachgiebige Politik gegen die Arbeiterschaft, und wenn selbst Ungarns und Yugoslawiens Machthaber mit ihrem plumpen Reaktionsverfahren diese Welttendenz, mit sozialistischen Floskeln und liberalen Palliativen kapitalistische Geschäfte zu machen, nicht aufhalten können, so ist Deutschland ein Faktor, an dem trotz alledem nicht vorbeizukommen ist. Und da Bayern nicht als quantité négligeable in Deutschland zu behandeln ist, hierzulande aber dank seiner unversöhnlichen „Eigenart“ grundsätzlich irgendwelche Einsicht in größere Zusammenhänge mit Ruhe, Ordnung und Sicherheit nicht verträglich gefunden wird und in Berlin lauter Leute an der Spitze herumwerkeln, die vor der robusten bayerischen „Eigenart“ fortgesetzt in die Hose machen, so können wir gewiß sein, daß die teutonischen Widerstände in Genua die Hindernisse schaffen werden, die es den pazifistisch geschminkten, aber sehr klug rechnenden Europäern unmöglich machen werden, die Quellen neuer sozialer Revolutionen zu verstopfen. Lerchenfeld hat in seiner Ingolstädter Rede ohne Furcht vor dem Gelächter der Welt die unmittelbare Gefahr einer neuen Revolution ausgerechnet in Bayern an die Wand gemalt. Wahrscheinlich muß das bei Nickl gefundene „Material“ zum Bangemachen dienen. Denn, wie es heißt, sei zwar die Untersuchungshaft gegen die Belasteten unten aufgehoben, doch gehe ein Verfahren gegen sie – und zwar gegen sie alle – weiter. Gestern erhielt überraschenderweise Ertl die Mitteilung, daß ihm – ohne daß ein Gesuch unterwegs war – zum 23. April Bewährungsfrist bewilligt sei. Bei dieser Gelegenheit warnte ihn der Staatsanwalt vor Schmuggel. Es könnte ihm sonst so gehn wie Nickl, der schon wieder sitze. Da man aus Briefschmuggel an sich doch wohl keine strafbare Handlung machen kann, ist also anzunehmen, daß man ihn wegen Beihilfe zur Vorbereitung von Hochverrat oder derartigem festgesetzt hat. Bezeichnend für die Stimmung in Bayern ist übrigens, das jetzt hier allerlei bauliche Arbeiten etwas sonderlicher Art vorgenommen werden. Der Drahtverhau um die Außenseite der Hofplanke ist mit „spanischen Reitern“ neu befestigt worden, und außerdem legt man jetzt, wie es scheint, in weitem Umkreis um das ganze Anstaltsgrundstück auf der nach Rain zu gelegenen Seite eine neue Befestigung an. Ich nehme an, daß man angesichts des unausweichlichen Zwangs, die Schupo zu entmilitarisieren, der es natürlich unmöglich macht, länger noch die grünen Weißgardisten mit Flinte und vollständiger soldatischer Ausrüstung ums Haus patrouillieren zu lassen, Gefahr markieren will. Ob sie mit dem Theater noch lange außerhalb des bayerischen Landtags, diesem muffigsten Eselstall der Welt, Eindruck machen werden? Liest man heutzutage die Zeitungen, so haben sie nicht den Platz, alle die Mordtaten, Räubereien, Zuchtlosigkeiten, Überfälle, Brandstiftungen, Familientragödien, Millionenbetrügereien, Elendsprozesse etc. unterzubringen. Korruption und Entartung stinken zum Himmel. In Bayern hält man aber an dem Dogma fest, alles das kommt nicht von Krieg und Niederlage, sondern von den revolutionären „Elementen“, und wenn man Politiker, die den Irrsinn der Staatspolitik dieses Landes kritisieren, eingesperrt läßt und sie in ihren Käfigen feste peinigt und schikaniert, dann müsse Ruhe und Ordnung binnen kurzem zurückkehren. Darum fördert man Judenhetze und Restaurationsbestrebungen jeder Art, besonders monarchistische, selbst wenn sie auf Kosten der nationalen Selbständigkeit und des deutschen Reichs gehn, schützt und verdunkelt die schwersten Verbrechen, wenn sie reaktionäre Hintergründe haben (so ist jetzt der Komplize der Schulz und Tillessen in der Erzberger-Affaire, Rechtsanwalt Müller in München, aus der Haft entlassen worden) treibt Klassenjustiz mit einer Brutalität und Offenheit, die noch nicht da war. – Herr Hitler, der öffentlich zu Mord und Pogromen auffordert, wird nicht ausgewiesen, obwohl er erst neuerlich aus Österreich zugewandert ist; cf. den Fall Schreiber! – wogegen man jeden einsperrt, der die Ungeheuerlichkeiten, von denen Bayern trieft, ein wenig ans Licht zerrt. So hat man jetzt den Enthüller der Separationsbestrebungen der Tafelgesellschaft, Frh. v. Leoprechting, verhaftet – als Delikt gilt immer „Landesverrat“ – und zugleich denunziert man täglich die eigne arbeitende Bevölkerung, sie sei rebellisch und man müsse sie mit Waffen und Zuchthäusern niederhalten. Graf Lerchenfeld wird von den Auerochsen trotzdem wie einer der ihrigen angeschmachtet. Insofern wohl nicht ganz ohne Grund, als ihr Leithammel Erhard fraglos einer der seinen ist.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 13. April 1922

Mag der Tag wenigstens angemerkt sein: 3 Jahre, seit ich von Heim und Weib weggeholt, von bayerischen Rachegeistern gepeinigt bin. Frage: bin ich noch im ersten oder schon im letzten Fünftel der mir auferlegten „Buße“? Niemand weiß es, und wenn alles wirklich nur auf den planmäßigen Verlauf der deutschen Reichspolitik ankäme, wäre das beste ein Strick. Im Februar hat Radbruch die Notwendigkeit einer neuen Amnestie beweglich verkündet (und wenn er auch bloß die Mitteldeutschen einbeziehen wollte, so wäre doch die Möglichkeit einer Ausdehnung auf alle politisch Inhaftierten nahe gerückt). Seither hat man nichts mehr gehört, auch davon nicht, daß vom April ab eine Nachprüfung der Urteile unter dem Gesichtspunkt der Einzelbegnadigungen systematisch vorgenommen werden sollte. Die 3 Internationalen, die sich nach ihrer Berliner Einigungskomödie wieder giftiger als je gegenseitig beschimpfen, haben uns aus höheren Erwägungen der russischen Staatsräson unserm Schicksal zu überlassen ausdrücklich beschlossen, und die „Münchner Post“ beschäftigt sich denn auch mal mit uns, – indem sie mit widerlicher Gehässigkeit die Frauenhilfe für politische Gefangene scharf zu machen sucht, politische Unterscheidungen zwischen den Gefangenen zu machen und die Mitglieder der KP von Unterstützungen auszuschließen. Natürlich aus lauter „Gerechtigkeit“, weil sie den Kommunisten besondere Bevorzugungen nachrechnen zu können glaubt, – in Wirklichkeit, um die Sammlungen für uns bei den Gewerkschaften totzuschlagen. Wie im Unterstützungswesen gearbeitet wird, um Mißstimmungen zu schaffen, erhellt aus einem Scheiben der Frauenhilfe an Murböck, worin erklärt wird, man werde für Pinkl, Jung und Pfaffeneder die Unterstützung einstellen, da diese Leute ihre Bewährungsfrist durch Diebstähle verwirkt hätten. Dagegen wird der Schnallentreiber Heiß ausdrücklich ausgenommen, woraus der Rückschluß zu ziehn ist, daß die – jetzt abgesonderten – „kommunistischen“ Moralhüter diesen Stunk angerührt haben. Wenn arme Teufel, aus der Festung entlassen, ohne Arbeitsmöglichkeit und von den bayerischen Rechtsbetreuern der Tätigkeit entwöhnt – nachdem man sie schon im Kriege das „Requirieren“ als patriotische Tugend gelehrt hat, bei Schiebern und Millionären lange Finger gemacht haben, dann muß man ihnen, nachdem sie schon außer der Gefängnisstrafe noch mal in Festung zurückmußten, auch die Gelegenheit zum Zigarettenrauchen und zu kleinen Erleichterungen ihres traurigen Lebens entziehn. Das ist „proletarische“ Auffassung – und „Kommunisten“ geben den Ton an. Nun gibt es aber wieder erstaunliche Neuigkeiten im Haus. Nachdem vorgestern Ertl die Mitteilung erhalten hatte, daß er – ohne daß ein Gesuch von ihm lief – auf Bewährung entlassen wird, erhielten gestern auch Schleussinger, Murböck und Zammert dieselbe Eröffnung; der erste für Mitte Mai, die beiden andern schon für übermorgen: alle 4 ohne eigenen Antrag. Mir scheint die Erklärung nicht schwer. Man erwartet Radbruchs Mahnung und will ihr mit selbstbestimmter Versöhnlichkeit zuvorkommen: unser bewährtes Verfahren der Einzelbegnadigung wird fortgesetzt geübt; so haben wir erst in den letzten Wochen wieder aus freier Initiative ein halbes Dutzend Festungsgefangene in Freiheit gesetzt! Die Nachprüfungen der Urteile durch Reichsbehörden lehnen wir ab, da wir selbst unentwegt mit der Nachprüfung beschäftigt sind. – Davon, daß sie sehr eingehende Unterstützung für die Nachprüfung in meiner konfiszierten Denkschrift an den Justizminister in ihren Händen haben, werden sie nichts erwähnen, da sie diese Denkschrift ja deshalb konfisziert haben, damit eine Nachprüfung an rechtlichen Handhaben nicht stattfinden könne. Man scheint die Frage, ob ich mich auf die Dauer mit dieser Erledigung der Sache abfinde, garnicht aufzuwerfen. Wenn man sich nur nicht in der frommen Meinung, Mühsam gezähmt zu haben, eines Tages peinlich getäuscht sieht! – Nach weiteren drei Jahren sprechen wir mehr darüber.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 15. April 1922.

Vormittag. Ich habe die Hofstunde trotz des schönen Wetters für die letzte halbe Stunde aufbewahrt, weil ich das Bedürfnis habe, allein zu sein. Die nun unmittelbar bevorstehende Trennung vom Seppl wirft mein Inneres ganz durcheinander. Die Mitfreude mit dem Jungen, die Rührung, mit diesen 1½ Jahren – heute auf den Tag –, seit wir miteinander diese Schwelle betraten und, selbst die Zeiten der Einzelhaft, alles stets miteinander ertrugen und erlebten, abschließen zu sollen, und doch auch ein wenig Angst, diesen Halt an einer unbedingt zuverlässigen Seele zu verlieren und viel Wehmut im Vorgefühl großer Vereinsamung. Den eigentlichen Abschied haben wir wohl schon hinter uns. Er kam heute früh zu mir ans Bett und ohne viel zu reden umhalste und küßte er mich, und er wird’s mir wohl ebenso angemerkt haben wie ich ihm, daß die Tränen nicht weit weg waren. – Gestern abend feierten wir Seppls offiziellen Abschied bei Kakao und Kuchen, da er heute abend ins Parterre verschwindet, und jetzt ist er im Hof, um noch Hände vom I. Stock zu drücken. – Heut in der Frühe sind nun 2 andre Mitgefangene herausgelassen worden, beide auf Bewährung: Zammert und Murböck. Zammert ist ein braver grundehrlicher Genosse, dessen Zeit schon vor 1½ Jahren abgelaufen war. Er war der Erste, dem die vom Gericht zuerkannte Bewährungsfrist – wegen der „Führung am Strafort“ entzogen wurde. (Der nächste war dann unser Seppl, den das Wort „Gründe!“ 1¼ Jahr Festung kostete). Zammert hat seine zum Akt genommenen Schriften etc. zurückverlangt. Er erhielt die kurze Mitteilung: „Was beim Akt ist, bleibt beim Akt“. Da er auf Bewährung herauskommt, kann er nichts unternehmen. Dagegen hat man auch dem Seppl seine Schriften nicht zurückgegeben und ihm sogar noch Papiere aus seinem Eigentum mit der Begründung konfisziert, sie seien geeignet, dem Strafvollzug „noch nachträglich“ Nachteile zu bereiten. Damit ist also festgestellt, daß in Bayern – wegingsten[wenigstens] bei „Ehrenhäftlingen“ der Strafvollzug nach Verbüßung der Strafe fortgesetzt wird. Ich habe dem Seppl Instruktionen gegeben, wie er seine Rechte draußen wahrnehmen soll. – Aber auch der Herr Murböck ist glücklich aus dem Hause. Gestern versuchte er noch, sich an mich anzuschmusen. Ich saß unten am Schachbrett, als er sich heranschlängelte und mich ansprach, ihm sei von der Zensur aus meinem Gedichtbuch, das ich ihm seinerzeit dediziert habe, die Widmungsseite herausgetrennt und zurückbehalten worden. Ich erwiderte „So?“ und wandte mich interessiert dem Schachspiel zu. Das Gespräch war verhindert. Die Sache selbst ist stark, da hier offenbar Sachbeschädigung vorliegt. Doch ist sie mir persönlich angenehm. So ist dem Kerl kein Beweis in den Händen, mit dem er mißbräuchlich mit der Tatsache renommieren könnte, daß ich ihm Bücher geschenkt habe, ehe ich ihn als Lumpen durchschaute. Dieser von Ehrgeiz zerfressene Gschaftlhuber mit den Feldwebelinstinkten eines nach Vorschrift auswechselbaren Gesinnungscharakters hat hier viel Böses gestiftet. Es heißt, er habe auch jetzt wieder die Schäbigkeit der Münchner Post inspiriert, und die gröblichen Lügen darin über die Bevorzugungen der Kommunisten in der Verteilung von Zuwendungen stammten von ihm. Ich kann’s nicht kontrollieren, aber es genügt ja, daß an der Möglichkeit, daß es Murböcks Werk ist, wohl nicht ein Einziger zweifelt. Was der Mensch speziell mir persönlich angetan hat, drüber könnte ich ein eignes Lied singen. Lassen wir’s. – für heute Schluß. Will in den Hof hinunter. Meine Nerven sind nicht im besten Zustand.

 

Niederschönenfeld, Ostersonntag, d. 16. April 1922.

Unser Seppl ist fort. Mit ihm sind meine Heinzelmännchen ausgezogen. Ich kann nun das Lied vom guten Kameraden singen: Einen bessern findest du nit – wahrhaftig nicht! Wohl ist der Ferdl Luttner, der es übernommen hat, mir bei meiner Unbeholfenheit die täglichen praktischen Arbeiten abzunehmen – Kaffeekochen, Bettüberziehen etc, wohl ist Adolf Schmidt noch da, und wird sein Teil tun, um mir die Trennung weniger fühlbar zu machen. Wohl ist der Weigand Bibs eifrig bemüht, mir gefällig zu sein, – und ich habe auch das Zutrauen, daß sie alle ihre treue Hilfsfreudigkeit auch dann noch einsetzen werden, wenn sie sich nicht mehr bloß als Testamentsvollstrecker des guten Jungen betrachten, der – wie mir scheint, ihnen die Sorge um mich ängstlich ans Herz gelegt hat. Aber so dankbar ich ihnen allen bin, – eines können sie nicht ersetzen: die tiefe innere Verbundenheit, die dies alles – im Geben und Nehmen – so selbstverständlich machte. Die Veränderung zeigt sich in meiner Zelle schon äußerlich dadurch, daß ich ein wenig habe umbauen müssen. Bisher befand sich mein Reisekorb beim Seppl, der meine Wäsche verwahrte, meine Kaffeevorräte waren in seiner Obhut, es gab so allerlei, wovon ich garnichts wußte, was er mir stillschweigend abnahm. Jetzt muß ich mich erst in die neue Situation einleben, und nur der eine Gedanke macht mich froh, daß der Junge vielleicht jetzt schon bei Zenzl zu Tisch sitzt und langsam zum Bewußtsein gelangt, jetzt tatsächlich sein freier Herr zu sein. Ach, wir hatten noch einen schweren Abschied gestern abend. Immer noch einmal hielt er mir den Mund hin, immer noch einmal hielten wir uns umarmt und sagten nichtige Worte, die ihre Bedeutung von den Tränen erhielten, an denen wir zu schlucken hatten. Eins habe ich im Zusammensein mit diesem treuen Menschen erfahren und besonders beim Abschied voll begriffen, daß zwischen Freundschaft und Liebe die Grenzen schwer zu ziehen sind, und daß es garnicht darauf ankommt, ob zwischen wahren Freunden ein gleicher Boden erlernten „Bildungs“-Wissens vorhanden ist, und auch darauf nicht, wieweit Alter und Erfahrung übereinstimmen, sondern ob die Beziehung von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele geht, ob ein Fluidum da ist, das ähnliche Naturen zu einander zieht, das das Wissen der Zusammengehörigkeit gibt, ohne zu fragen, ohne zu zweifeln und ohne – dies ist der Grundunterschied zu allen rein erotischen Verbindungen – Abhängigkeit und Präponderanz zuzulassen. – Mein Seppl! Wüßten die törichten Buchstabenmenschen nur immer, an wen sie ihre stets funktionsbereiten Maßstäbe anlegen. Dies war ein Rotgardist, – und nur soviel hat man gemerkt, um ihn von andern Rotgardisten zu unterscheiden, daß er einer der ganz wenigen einfachen Revolutionssoldaten war, den man die ganze Strafe durchmachen ließ, dem sogar die vom Gericht zugesprochene bedingte Begnadigung aus kaum erkennbaren Gründen wieder aberkannt wurde. Was hat der arme Junge von seinem Leben gehabt? Unverstanden von den proletarisch-spießbürgerlichen Eltern, von der Volksschule auf die Handelsschule, um „Kontorist“, Berufs-Büromensch zu werden – das seiner Natur Allerwidersprechendste –, mit 17 Jahren, vor Beginn irgendeiner geregelten Tätigkeit zum Militär geholt, in den Schützengraben gesteckt, zum Menschentöten abgerichtet; dann mit zerschossener linker Hand und dem üblichen Nervenchoc in eine Munitionskolonne kommandiert, bei der ihm auf dem Rückzug ein ganzes Gespann in einen Kanal geriet und ersoff, wobei er sich grade noch retten konnte, dann mit kranken Nerven auf der Fahrt durch deutsche Lazarette, als fahnenflüchtig gesucht, in tausend Abenteuer und Nöte verstrickt, endlich – völlig zum Landsknecht gemacht (dem nur eins, die Freude am „Requirieren“ fremd blieb, aber die Kriegsleidenschaft umso tiefer saß) – nach der Rückkehr in die Heimat sofort als Revolutionssoldat in die Münchner Republikanische Schutztruppe, wo er Wache im Landtag bezog, dort durch persönliche Berührung mit den im Revolutionären Arbeiterrat konstituierten aktivsten Revolutionären sich mit ganzem Herzen der Revolution verschrieb – bei dem Überfall der Dürr-Kreaturen am 28 Februar (seinem Geburtstag) zur Ermordung von uns Radikalen die militärische Disziplin der revolutionären Solidarität opferte und durch seine entschlossene Initiative – Auffahren von Maschinengewehren gegen seine eignen Vorgesetzten und Kameraden der andern Schutztrupp-Abteilungen – uns (Levien und mich vor dem Tode, Landauer, Wadler etc vor dem Verschlepptwerden) rettete, beim Palmsonntagsputsch mit seinem in den Mai-Kämpfen erschossenen Bruder zusammen als einzige Mitglieder der R. S. der Bestechung durch die Hoffmann-Regierung (jeder Mann erhielt 1500 Mark für den Eidbruch) widerstand, in den Kämpfen im April als einer der jüngsten die Führung von 80 Mann übertragen erhielt, unter denen sein eigner (älterer) Bruder war, schließlich weinend vor den Leichen seiner liebsten Freunde und des Bruders stand, selbst flüchtig wurde, nach Österreich entkam, in der Zeitung den Steckbrief gegen sich fand und daraus erfuhr, er werde wegen Mordes gesucht, von den Österreichern verhaftet, in Innsbruck unter schändlichem Hungern eingelocht, endlich von den „Asylgebern“ ausgewiesen – will sagen, an die bayerische Grenze und direkt in die Hände der bayerischen Gendarmen geschoben, prozessiert – der Staatsanwalt beantragte 8 Jahre Zuchthaus, da man ihn für die Erschießung eines Polizeiwachtmeisters verantwortlich machen wollte –, 2½ Jahre Festung mit den von Tag zu Tag neu ersonnenen Verschärfungen und Schikanen – und jetzt mit seinen 23 Jahren und einem Erleben, mit dem 100jährige Greise weder quantitativ noch qualitativ konkurrieren können – nach 6jähriger gewaltsamer Entziehung des eigentlichen Lebens hinausgestellt in den Kampf ums Dasein. Nach diesen fürchterlichen Kriegsjahren mag das äußere Erleben dieses Einzelnen wohl ausnahmsweise reichhaltig sein, aber typisch ist es auch – und grade darin liegt die Anklage gegen die Gesellschaft, die er hatte stürzen wollen und die sich so schandbar und erbarmungslos an ihrem eignen Opfer gerächt hat. Ihre Absicht aber, die ja grade hier in Niederschönenfeld überhaupt nicht mehr verschleiert wird, ihre unbequemen Gegner im Charakter zu brechen und also moralisch zugrunde zu richten, wird ihr grade bei unserm Josef Wittmann nicht gelingen. Die Lauterkeit dieses Herzens, die Unbestechlichkeit dieser Überzeugung, der kritische Naturverstand dieses im eingeborenen Charakter wirklich freien Menschen ist durch Tücken und Brutalitäten nicht zu besiegen, und wenn ich mir ein Verdienst zuschreiben darf im künftigen Erleben des Seppl, so mag es das sein, daß ich zeit unsres Zusammenseins bemüht war, die schönen Eigenschaften seines Gemüts und Charakters mit Erklärungen des Geschehens und mit Warnungen vor Kompromissen des Herzens mit der Tagespraxis zu befestigen. Schweren, aber reinen und im Grunde frohen Herzens sah ich dem lieben Kerl heute früh aus dem Fenster des Speisesaals nach, wie er auf dem Landweg stand, sein kleines Päckchen auf den Boden stellte und uns mit zwei Taschentüchern den Abschied zuwinkte. Ein treuer Mensch, – gibt es einen größeren Menschen? – Sollte ich je in Versuchung kommen, den Seelenleugnern zu glauben, die sich wie Weise vorkommen, weil sie nichts wissen von Güte, Menschentum, Kameradschaft, Unbestechlichkeit des Gefühls, und die Weltklugheit prätendieren, wenn eine Niederträchtigkeit ihre allgemeine Sentenz zu bestätigen scheint, daß der Mensch eine Kloake von Gemeinheit, Egoismus, Zweckinteresse, Gefräßigkeit, Geilheit, Neid und allen Todsünden sei, die nur vom Firniß konventioneller Erziehung, durch Reichtum erwerbbarer Maske von Wohlanständigkeit, Bildungsübereinkunft zur besseren Fruktifizierung der schlechten Eigenschaften auf Kosten der Armen im Geiste übertüncht sei, dann will ich an meinen Seppl denken, an den einfachen Proleten mit dem unkomplizierten, aber sicheren Verstand, da von keiner praktischen Kultur verfeinerten, von keiner Lernmassage mit Kunstgeist genährten Lebensart, und will lachend und stolz auf meinen jungen Freund zeigen: Ecce homo!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 18. April 1922.

Heute hätte ich anfangen wollen, mich langsam wieder zur Arbeit an meinem Roman zu rüsten: wozu ich zunächst Unterricht beim Luttner nehmen wollte, der als Berufstapezier mir beibringen soll, wobei ein Tapeziererlehrjunge sich von seinem Meister am Leichtesten die Ohrfeigen zuzieht, mit denen die Lehrjahre der Kleinhandwerker gemeiniglich garniert zu werden pflegen. Seinerzeit hatte schon Mühlbauer versucht, mich in die Mysterien der Tapeziererkunst einzuweihen. Aber es fehlte ihm an pädagogischem Talent, und ich hatte mehr Gelegenheit, seine rednerische Handfertigkeit in wilden Gesten zu bewundern als in die Kenntnisse, die er mir mit Worten zu vermitteln suchte, Einblick zu nehmen. – Ich muß die Absicht, nun beim Ferdl den Unterricht zu beginnen, wieder verschieben. Denn es ist plötzlich eine große Bewegung in unserem Stockwerk entstanden, und die Stille der letzten Wochen ist überraschend dem größten Lärm gewichen. Großer Umzug hat eingesetzt: fast der ganze I Stock wird zu uns heraufversetzt. Soweit wir bis jetzt gehört haben, sollen nur ein paar Leute, die noch verhältnismäßig kurze Zeit haben, unten bleiben. Von der „Gruppe Krach“ hat man die Zellen von Ibel, Taubenberger und Podubetzky schon ausgeräumt und neu beziehn lassen. Es scheint also, daß man die Einzelhaft bald wieder aufzuheben gedenkt und die Hochbesteuerten dann wieder heraufziehn lassen wird. Man wird gut tun, die Dinge abzuwarten. Eben erscheint Toller bei mir, entsetzt wie eine gnädige Frau, weil man ihn in zwei kleine Zellen steckt (wie ich sie auch habe), und zwar auf demselben Gang. Auch Dr. Mayer ist zu uns in den Gang gekommen und hat Seppls Zelle bezogen. Augenblicklich ist das Gewoge und Gerenne zu groß, um genau zu erkennen, welche Veränderungen im Einzelnen vor sich gehn. Doch fürchten wir, daß Adolf in den I Stock gelegt wird, da er nur noch 3 Monate vor sich hat. Nach dem Abgang meines Sepplbuben wäre das ein höchst empfindlicher Schlag für mich. – Bei dieser Massenzieherei ist es mir nicht möglich, selbst bei verschlossener Tür lange zu arbeiten. Über die politischen Ereignisse – die ziemlich vollständig von Genua beherrscht werden – gehe ich also hinweg und begnüge mich mit der Registrierung der letzten Hausschikanen, die in der neuerlichen Zurücksendung der eingelaufenen Unterstützungsgelder bestanden. Nachdem die Verteilung der von der Roten Hilfe eingegangenen Gelder vor einigen Wochen verhindert war, schickte man von Halle aus das Geld per Postanweisungen an die Einzelnen ledigen Genossen (die Verheirateten erhalten eo ipso nur Familienunterstützung). Auch diese Einzelsendungen sind refusiert worden, weil offenbar propagandistischen Tendenzen dienend, ebenso eine in Klingenberg-Odenburg[Obernburg] (Elberts Domäne) in einer Versammlung gesammelte größere Summe. – Es gibt kein besseres Mittel, um grade die unrevolutionärsten Leute rebellisch zu machen ... Eben kommt Adolf mit dem Bescheid, daß er sofort hinunterziehn muß. Jetzt heißt’s Schluß mit dem Schreiben und Programm entwerfen, wie sich das Leben hier weiter ordnen soll. – Mir ist bitter zu Mut! Gottlob, daß mir das beim Seppl erspart blieb.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 19. April 1922.

Die schöne Zeit der friedvollen Eintracht hier oben ist vorbei. Zwar gibt es bis jetzt noch keinen Krach, aber die Freunde sehn einander schmerzbewegt in die Augen und sehnen ihren „Griabigen“ wieder herbei. Das erste Opfer der großen Wanderung ist Uhrmann, der sich geweigert haben soll, zu uns heraufzuziehn und deshalb hinunter ins Parterre, in Einzelhaft, ziehn mußte. Im übrigen ist jetzt genau zu erkennen, nach welchen Gesichtspunkten die Einteilung erfolgt ist, und es bewährt sich wieder der überall bemerkbare Charakter des Staatsanwalts Hoffmann, der einen unbezähmbaren Taten- und Neuerungsdrang mit der peinlichsten bürokratischen Systematik vereinigt. Im ersten Stock ist alles vereinigt worden, was in den nächsten 6 Monaten entlassen wird, alle übrigen sind oben geblieben, bzw. hinaufversetzt worden. So geht Seebauer seinem Urteil zufolge am 14. Oktober, er blieb unten; Marschall, der am 28. Oktober seine Strafe verbüßt haben wird, kam herauf. Nun erklärt sich auch die plötzliche Hochflut von Einzelbegnadigungen und den Terminsetzungen dafür, und der Umstand, daß der gestern abend von seinem Urlaub zurückgekehrte Fischer, obwohl seine Strafe noch bis zum Dezember läuft, in den unteren Stock mußte, erkläre ich mir so, daß ein Termin zu seiner Entlassung auf Bewährung der Verwaltung schon bekannt ist. Ihn werde ich nächst Adolf Schm. am meisten hier oben vermissen, während ich die Entfernung des wenig zuverlässigen Gnad, des geistesschwachen Ertl und des scheinheiligen Schade aus meiner Nähe leicht verschmerze. Allerdings ist für sie Ersatz in Massen heraufgekommen, nach dem ich mich nicht gerissen hätte. Die Blößl, Hornung, Marschall etc. sind keine erfreuliche Nachbarschaft. Doch ist die Belegung meines Ganges erträglich, wenn auch – vielleicht in boshafter Absicht – alle literarische und jüdische Belegschaft des Hauses (mit Ausnahme von Männlein, der mit Ziel zum 9 Oktober unten einquartiert blieb) auf dieser Seite konzentriert ist: Toller, Valtin Hartig, Dr. Mayer, Daudistl, Klingelhöfer. Doch ist mein Trost, daß Ernst Ringelmann und der Bibs, ebenso wie unser Papa Thierauf (ein köstlicher, naiver alter Spießer, aber grundehrlicher Kerl) in ihren Zellen wohnen geblieben sind. Die alten Feindschaften müssen nun zum Teil abgebaut werden. Mit Toller und Hartig habe ich den Verkehr schon lange wieder aufgenommen, mit Hartig weil er mir persönlich sympathisch ist, mit Toller, weil viele gemeinsame Interessen da sind und er die immerhin gute Eigenschaft hat, die Wahrheit, mit der ich ihm gegenüber nicht zurückhalte, anzuhören. Daudistl hatte mich kürzlich schon mal in einer literarischen Angelegenheit um Rat gebeten, und seine vorzügliche Haltung in der Revolution läßt mich über manches hinwegsehn, zumal er durch allerlei Hetzereien, denen er – natürlich unter Saubers Führung – schon in Eichstätt ausgesetzt war, verbittert ist. Da Murböck gottseidank aus dem Hause ist, hatte ich heute früh auch nichts dagegen, mit Tanzmair, der ein unglücklicher, im Leben schrecklich herumgestoßener armer Teufel ist, ein paar Worte zu wechseln, und auch den Gruß Bedachts habe ich erwidert. Schließlich schleift sich ja jeder Ärger im Laufe der Zeit ab, und Nachträglichkeit war nie meine Art. Gestern abend kam als Parlamentär Klingelhöfers Hartig zu mir: da wir nun Gangnachbarn seien, wäre doch die Fortsetzung einer direkt feindseligen Haltung für uns selbst wie für die übrigen Nachbarn lästig, ob wir nicht also die äußeren Formen wieder innehalten sollten. Ich erwiderte: „Einverstanden. Stellen wir uns also auf Grüßfuß; aber deshalb keine Freundschaft nicht!“ – und so ist mit dem Reserve-Christus denn auch wieder ein verträgliches Verhältnis hergestellt. In seiner boshaften Ironie ist mir Mayer ein angenehmer Gesellschafter. Wir haben bereits die uns gemeinsame Gabe der Selbstverspottung benutzt, um für unsern Gang die Bezeichnung zu finden, die Charakterisierungen von andrer Seite, die nicht ausbleiben werden, durch Vorwegnahme den kränkenden Stachel abbricht: Boulevard des Intellectuelles, Judengasse, Ghetto etc. – Die zu meiner Betreuung nötigen Veränderungen vollziehen sich dank der Gefälligkeit meiner Freunde ganz erfreulich, und mir ist’s lieber, die Umstellungen sind jetzt nötig, wo Seppls Entlassung mich ohnehin ganz aus dem Geleise geworfen hat, als wenn ich erst nach 4 Wochen plötzlich durch Adolfs Verlegung zu einer neuen Regelung gezwungen worden wäre. Das Morgenfrühstück richtet mir der Bibs, den Mittagskaffee kocht der Ferdl, bei dem auch die Zeitungslektüre nach Tisch erledigt wird. Abends gehe ich dann zum Ernst und Bibs Tee trinken. So brauche ich auch nicht wie ein Hamster meine Paketsendungen verräumen und in stiller Klause allein vertilgen, und alles wird wieder allmählich in Gang kommen, wenn mir auch das treue, unmerkliche Walten meines guten Seppl noch lange fühlbar abgehn wird. – Einen Einblick in die Vorgänge, die zur Absonderung der ganzen Gruppe Krach geführt haben – von der jetzt nur noch Kain oben ist – hat der Staatsanwalt bei Gelegenheit einer Besprechung Männlein gegeben. Er hat ihm erzählt, man habe Material gefunden, das zu einem gerichtlichen Verfahren führen werde. Die Herren oben würden allesamt hochspringen, wenn sie eine Ahnung davon hätten, mit welcher Naivität die Kommunisten ihrer Partei Bericht erstatten wollten über alle einzelnen Mitgefangenen, ihre Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit für die Revolution und über Tatsachen, die den Behörden bessere Auskünfte gäben als die Prozesse, die stattgefunden haben. – Wir haben also erbauliche Dinge zu erwarten. Diese Esel, die sich von Provokateuren haben übers Ohr hauen lassen, haben sicherlich an uns „Verrätern“ keinen heilen Fetzen gelassen, und in Wirklichkeit damit Herrn Dr. Kühlewein die Gefälligkeit erwiesen, gestützt auf die ungeforderten Urteile der Festungsgefangenen selbst draußen eine neue Bürgergaudi zu inszenieren. Und der Ausblick auf eine Neuauflage des Sprengstoffprozesses etwa stimmt ebenfalls nicht grade erquicklich. Hätten doch diese Leute einmal die Empfindung dafür, welchen Bärendienst sie mit derlei verbrecherischen Torheiten ihrer eignen Sache leisten. Angenommen selbst, diese Schriftstücke hätten ihren Bestimmungsort erreicht, die führenden Leute draußen würden sich ja an den Kopf fassen, mit was für Blech sich die Niederschönenfelder Kommunisten befassen. Die vom Staatsrat Meyer mitgeteilte einzige Tatsache, daß bereits das Reginapalasthotel zum Sitz der künftigen Räteregierung ausersehn sei, genügte ja, um alles zu diskreditieren, was etwa sonst Diskutables in dem Gewäsch enthalten sein könnte. Für sowas brauchen sie illegale Wege! Die Personalstänkereien müßten natürlich erst recht draußen nur die Wirkung haben, ihre Übermittler zu allen Teufeln zu wünschen. Die KPD hat Unannehmlichkeiten genug gehabt von dem Quatsch, mit dem sie sich durch die Verleumdungen gegen mich befassen mußte, und die Veröffentlichung meines Briefs an Sirch im „Syndikalist“, der die Namen Sauber, Wiedenmann und Schwab vor der ganzen revolutionären Welt bloßstellt, wird Anlaß genug geben, sich auf neue Angebereien derselben Herrschaften gegen dasselbe und noch viele andre im besten Ruf stehende Opfer ganz gewiß nicht einzulassen. Sie selbst werden dabei von dem Thrönchen rutschen, das sie uns sperren möchten. – Meine Hoffnung ist nur, daß eine wohltätige Generalamnestie noch rechtzeitig den ganzen Mist auffressen wird, ehe er die proletarische Sache wieder in Gift und Stank ersticken läßt. Wir müssen allerdings unsre Amnestiehoffnungen – schlimm genug, daß wir andre Hoffnungen frei zu werden, überhaupt kaum mehr haben – von weit herholen. Augenblicklich kann man vielleicht davon etwas erwarten, daß Kapp – offenbar von seinen Freunden gedrängt, um den blamabeln Verlauf des Jagowprozesses zu kompensieren, – nach der Ablehnung seiner Forderung auf Freigeleit, sich bedingungslos gestellt hat und bereits bei der Landung in Saßnitz in Haft genommen sein soll. Da er wahrscheinlich seine Verteidigung etwa in der Art führen wird, wie ich seinerzeit die meinige vor dem Standgericht (Bestreiten einer Hochverratsmöglichkeit wegen Illegalität der verfolgenden Regierung), so wird er natürlich ziemlich kräftig verurteilt werden. Dann haben wir die Amnestieforderung von den Deutschnationalen zu erwarten, und die wird wirksamer sein als die der Kommunisten, und ob man dabei noch einmal uns in Bayern übergehn wird, das glaube ich vorläufig doch nicht recht, obwohl ich von Radbruch Willensstärke bayerischen Ansprüchen gegenüber ebensowenig erwarte, wie er sie bisher Bayern und Spanien gegenüber bewiesen hat. – Ginge Genua mit dem Ergebnis zu Ende, das die deutsche Börse davon erhofft, dann wäre ja vielleicht auch so ein „Markstein“ gesetzt, von dessen Erreichung Radbruch seinerzeit Amnestien abhängig machen wollte. Aber diese Aussicht ist – erfreulicherweise, denn sonst könnten wir unsre Revolution für Jahrzehnte einbuddeln – gering. Der Abschluß des deutsch-russischen Sondervertrags, den Herr Rathenau geistreicherweise ohne Verständigung der Versailler Vertragspartner in Rapallo unterzeichnet hat, – eine Illoyalität, die der ganzen Welt die unveränderte Sinnesart des offiziellen Deutschlands seit dem Treubruch gegen Belgien sinnfällig demonstriert – wird wohl, wenn nicht England und Italien noch einen Ausweg finden, die ganze Spekulation der Erfüllungs-Akrobaten über den Haufen werfen, und mir ist noch nicht einmal sicher, ob der Vertrag von Rapallo selbst, da er zweifellos die Bestimmungen des Versailler Vertrags über die russischen Angelegenheiten durchbricht, überhaupt in Kraft bleiben kann. – Über seinen Inhalt, bzw. über seine politische Wirkung, – zumal im Hinblick auf die Sowjetrepublik – der Name Tschitscherin unter dem Rathenaus peinigt mich schon beim Lesen – ein andres Mal. Ich fürchte, dieser diplomatische Sieg des kommunistischen Rußland über das kapitalistische Deutschland – durch Erzwingung eben der Politik, die Levi im Deutschen Reichstag dauernd gefordert hat: Bündnis Eberts mit Lenin – wird sich bald genug als ein Pyrrhus-Sieg ausweisen. Der Sieger über Tschitscherin sowohl wie über Rathenau wird Stinnes heißen: und wenn er wirklich endlich auch den Sieg über die britischen Kapitalisten im Kampf um das Monopol zur Ausbeutung des russischen Volkes davontragen sollte, dann wird er auch das nur erreichen durch vermehrte Auspressung des deutschen Volks für die Siegerstaaten des Westens, denen der Rathenau – eine Figur, die nur in Deutschland vor Lächerlichkeit geschützt ist – ja jetzt die Bahn frei gemacht hat, den Gerichtsvollzieher ohne Glacéhandschuhe amten zu lassen, da es einen Schuldner zu exekutieren gilt, der lieber zehnmal falsch manifestiert, als daß er einmal zahlen möchte. Morgen aber wird in aller Welt „für die Einigkeit des Weltproletariats“ demonstriert. Als ob sie nicht längst alle einig wären: einig im Sprüchemachen, einig im Bremsen!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 21. April 1922.

Ein paar Hauskleinigkeiten. Die Umgruppierung der Stockwerke ist dadurch zu Ende geführt worden, daß die Abgesonderten in die Seitengänge des I Stocks gebracht wurden. Die vollständige Trennung von den Übrigen wird durch dauernde Schließung der Scherengitter erreicht, sodaß die 15 Mann, die bis zum Oktober freiwerden, die alle im Mittelgang wohnen, nun nur einen recht engen Käfig zum Herumlaufen außerhalb der Zellen zur Verfügung haben. Den Herd hat man innerhalb des Gitters angebracht, und Wasch- Trink- und Kochwasser muß vom Scheißhaus geholt werden. Mit der Neuregelung der Dinge scheinen zugleich Anweisungen an die Aufsichts-Märtyrer ergangen zu sein, die genaueste Durchführung aller Schikanebestimmungen unter Aufwendung all ihrer subalternen Erfindungsgabe – denn jede Einzelschikane eines Aufsehers wird im Streitfall zur generellen Festungspraxis erhoben – zu beobachten. So nahm bei der Abpatrouillierung der Zellen, die unverändert rigoros allabendlich hinter verschlossenem Gitter stattfindet, ein Aufseher Anstoß, weil ein Genosse sich nicht „in seiner Zelle“, d. h. also mindestens unter der Zellentür, sondern einen halben Schritt vor der Tür befand. Dann wurde gerügt, daß mehrere F. G. sich statt in der Schlafzelle noch in ihrer Wohnzelle aufhielten, was noch nie verlangt war, aber jetzt peinlich überwacht wird. Vorgestern war ich, wie gewöhnlich am Abend, bei Hagemeister, zugleich mit Köberl, Luttner, Ringelmann, Popp (der sich unserm Kreis anzuschließen scheint) und Zäuner. Wir sprachen über das deutsch-russische Abkommen, und ich stand mit meiner Meinung allein, wodurch eine lebhafte Diskussion entstand. Plötzlich trat ein Aufseher ein und fragte, ob das Versammlung wäre, da es so lebhaft zugehe. Da wir mit Beschwerde drohten, daß man uns nicht einmal mehr unsre privaten Auseinandersetzungen beliebig laut führen lassen wolle, zog er sich zurück. Nachher erfuhren wir, daß der Mann schon vorher eine ganze Zeit an der Tür gehorcht hatte. Wahrscheinlich hat er wiederholt das Wort Sowjetrußland gehört, das er nur mit dem Begriff Verschwörung und Hochverrat in Verbindung zu bringen weiß. Solchen Dingen ist man ausgesetzt, und das nennt sich dann „unauffällige Überwachung“. Die Angst unsrer Behüter geht in vielem ins Burleske. So wird, wie wir beobachtet haben, neuerdings darüber Buch geführt, in welcher Zusammensetzung die Spaziergänge auf dem Hof vor sich gehn. Man will also wohl auf diese Weise für jeden eine ganz genaue Registratur seiner persönlichen Sympathien und Antipathien aktenmäßig niederlegen. Eine neue Vorsichtsmaßregel ist auch die, daß einige Male von Rain bezogene Kistennägel nicht heraufgelassen wurden. Als ich die Kiste heimsandte, die übrigens bei 120 Kilo Gewicht alles in allem 160 Mark Fracht und Transport kostete, – mußte sie unten zugemacht werden, und die übriggebliebenen Nägel wurden von der Verwaltung verwahrt. Man fürchtet vielleicht, sie könnten dazu mißbraucht werden, die vielen Lächerlichkeiten der bayerischen Ehrenhaft festzunageln. – Heute nacht um 4 Uhr gab es Aufregung im Hause. Schmid-Burglengenfeld, den man ebenfalls in den I. Stock und zwar auf dem linken Seitengang, wie es scheint, ganz allein untergebracht hat (die übrigen Abgesonderten liegen rechts) bekam einen Wutanfall und begann furchtbar zu schimpfen auf die ungeheure Gemeinheit, die man ihm antut. Gott weiß, welchen neuen Repressalien der arme aufs Blut gequälte Mensch nun ausgesetzt werden wird, an dem man das Amnestiegesetz nach dem Kappputsch einfach nicht angewendet hat (Herr Kapp selbst ist in Leipzig eingetroffen und dort sofort mit einem Attest eines schwedischen Augenarztes in eine Klinik gebracht worden – während man mir die Ohrenuntersuchung durch den von mir gewünschten Spezialisten auf eigne Kosten und hier in der Anstalt verweigert –, und Herr Jagow lamentiert in einer neuen würdelosen Denkschrift über das schreckliche Unrecht, das ihm zugefügt wird). Der Fall Schmid wird den bayerischen Herren noch einmal sauer aufstoßen. Nur fürchte ich für seine Person selbst eine Katastrophe durch die Aufregungen, in die er sich fortwährend treiben läßt. – Dann ist ein weiterer Abgesang anzustimmen. Ibels Zeit ist abgelaufen, und er hat heut in aller Frühe den Bau verlassen. Aus den verschlossenen Zellen der Abgesperrten johlte man ihm den Abschied zu und einer der echten Kommunisten rief: “Die Weltrevolution marschiert!“ – Ibel als Weltrevolution! Er wird sein früheres Geschäft wohl draußen schnell wieder aufnehmen, und das hatte wenig mit der Revolution zu tun, sondern brachte ihm wegen Schiebereien Gefängnisstrafen ein. „Die Weltrevolution schiebt“ Der Radikalismus von Niederschönenfeld aus imponiert nirgends mehr sonderlich. Die Leute sollen draußen zeigen, was oder wieviel sie wert sind. An diesem Ibel verlieren wir nichts Erfreuliches, mag er sich bemühen, draußen einen erfreulichen Gewinn zu bedeuten. – Was die Wortradikalen sonst angeht, so liegt ein neuer Fall Wiedenmann vor, der um nichts hübscher ist als die früheren Fälle Wiedenmanns. Unten spielte Männlein (Harmonium) und Gnad (Violine) miteinander das Ave Maria. Wiedenmann ersuchte die Verwaltung(!), den beiden ihr „Gewinsel“ zu untersagen, was dann auch geschah unter ausdrücklicher Berufung auf Wiedenmanns Wunsch. Das ist ein starkes Stück, daß man die Verwaltung um Verbote gegen Mitgefangene bittet. Hätte er hinübergerufen oder selbst durch einen Aufseher bitten lassen, aufzuhören, da er Kopfschmerzen habe oder seine Nerven malträtiert würden durch die Musik, hätte er seinen Zweck auch erreicht. Aber der Grund war ja garnicht, daß er sich gepeinigt fühlte, sondern pure Gehässigkeit. Dies ist derselbe Wiedenmann, der seinerzeit Niekisch denunziert hat, der von ihm Briefschmuggel verlangt habe und der (mit Hornung zusammen) einen Aufseher denunzierte, er lasse einem andern Gefangenen Vergünstigungen zuteil werden; derselbe aber auch, der bei jeder Verdächtigung gegen mich das Maul am weitesten aufgerissen hat und von den Sauber, Schlaffer e tutti quanti als eine Säule des einzig wahren Kommunismus ästimiert wird. – 2 Tote: Grete Meisel-Heß, die Sexualethikerin, mit der ich vor etwa 15 Jahren in Berlin verschiedene interessante Debatten über ihr Spezialthema führte; sie kam aus irgendeinem Anlaß zu mir, und, wenn ich mich recht entsinne, war ich auch einmal bei ihr. Eine kluge Frau, die mir aber sonst keinen Eindruck hinterließ. – Zweitens: Otto Huë, der Bergarbeiter-Führer. Ich habe ihn persönlich nicht gekannt, mich aber öfters sehr aggressiv in öffentlicher Polemik gegen ihn gewendet. Der Typus des opportunistischen Gewerkschafters, der die Bergarbeiterorganisation zu einem äußerlich höchst imposanten, aber ganz kampfunfähigen Gebilde machte. Die revolutionärste Arbeiterschaft Deutschlands, die des Ruhrgebiets wurde in allen Aktionen von Huë (und Sachse) um den Ertrag ihres Kampfes gebracht. Die Streikbewegungen der Ruhrbergleute von 1905 und 1912 sind die traurigen Wegzeichen des Huëschen Wirkens. Er hat als Regierungsmann des – dank seiner und seiner Freunde Tätigkeit immer noch stockreaktionären kapitalistischen Deutschlands geendet, (als Delegationsmitglied befiel ihn in Genua die tötliche Krankheit) und starb in Essen, dem Hauptsitz der Bewegung, die seine unheilvolle Methode der Arbeitsgemeinschaft des Proletariats mit den Unternehmern zerstören wird. Das endgiltige Fiasko seiner Lebensarbeit braucht Huë also nicht mehr mitanzusehn, aber vielleicht wird sein Tod dies Fiasko beschleunigen. Dann wäre zur Trauer keine Ursache.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 22. April 1922.

Ein Genosse Fischer aus Landshut ist heute eingetroffen und hat die beiden weit auseinanderliegenden kleinen Extrazellen unsres Ganges bezogen. Er wurde im Juli vorigen Jahres wegen eines Artikels in dem von ihm redigierten kommunistischen Gewerkschaftsblatt über Gefährdungen der Bevölkerung durch Sipo-Spielereien wegen Vorbereitung zu Hochverrat zu 9 Monaten Festung verurteilt, hatte bis jetzt Strafaufschub und mußte nun plötzlich antreten. Auf seine Vorstellungen bei der Münchner Oberstaatsanwaltschaft, ob denn nicht endlich eine Amnestie in Aussicht stehe, erhielt er den immerhin charakteristischen Bescheid: „Eine Amnestie kommt für Bayern nicht in Betracht!“ – Freilich: wenn die Meinung der bayerischen Berufsrächer Geltung behielte, dürfte ich mich getrost noch auf die ganzen 12 Jahre, 2 Monate einrichten, die mir nach dem Urteil noch zu absolvieren bleiben. Und daß man diesen Genossen tatsächlich noch antreten läßt, zeigt ja, daß man uns das Empfinden nicht gönnt, als ob unsre Freiheit schon irgend in die Nähe gerückt sein könnte. Ich glaubte in der Tat, daß allmählich der Zulauf hierher stocken würde und die Konzentration der Hochbefristeten im zweiten sowie die Quarantäne der Entlassungskandidaten im ersten Stock als Zeichen beginnenden Abbaus gedeutet werden dürfte. – Trotzdem: die Amnestieforderung wird nicht mehr zur Ruhe kommen – und die täglichen Konfiskationen der linken Zeitungen hier beweisen, daß sie täglich erhoben werden – und nach dem Fiasko der Verschwörung von Genua wird Radbruch um die Einlösung seines vor Monaten gegebenen Versprechens nicht mehr herumkommen. Ich bezweifle aber, ob es dann irgendwem gelingen wird, die Amnestie auf die Märzkämpfer von 1921 zu beschränken. Die Proletenschinder von Niederschönenfeld haben denn doch dafür gesorgt, daß die Befreiung der Räterepublikaner von 1919 populäreres Postulat in ganz Deutschland geworden ist, als sie bei gesetzlicher Festungshaft je hätte werden können. Bei dieser Gelegenheit: aus der Unterredung Hoffmann-Männlein werden noch Einzelheiten bekannt, die illustrativen Wert haben. Der Staatsanwalt soll gesagt haben – da Männlein im allgemeinen glaubhaft ist, notiere ich’s –, er für seine Person würde sich im gegebenen Falle stets zunächst an die „Hetzer“ halten und diese an die Wand stellen, dann erst die Mitläufer; leider sei es vor 3 Jahren umgekehrt gemacht worden, die Mitläufer seien erschossen und die Hetzer befinden sich in Niederschönenfeld. Eine nette Konfession, zumal sie aus dem Munde eines Mannes kommt, der im An-die-Wand-stellen Übung hat, da er – die Identität ist nicht mehr zweifelhaft – der geistige Leiter des Geiselmordprozesses war. Das Bekenntnis, daß er schon wochenlang vorher einmal einem andern Gefangenen gegenüber herausließ, dem er die mangelnde Subordination der jungen Leute von heute im Gegensatz zur guten alten Zeit vorhielt, vervollständigt das Bild. Als sich der Genosse darauf berief, er sei ja auch Soldat im Kriege gewesen, erfuhr er: Ach, ihr Soldaten von 1916! Ich sage Ihnen als alter Kompanieführer, wenn wir 1914 solche „Zitterer“ gehabt hätten, die wären einfach erschossen worden! – Man begreift, daß ein Mann von so robusten Ansichten im Freistaat Bayern als geeignete Persönlichkeit zur Schuhriegelung politischer Gefangener ausersehn wurde. Aber schmerzlich wird es ihn ankommen, wenn nun doch eines Tages von Berlin aus das Kommando käme: die Tore auf! Denn – und das ist der sympathische Zug an diesem Staatsanwalt –, er genießt hier seine Stellung als kleiner König in patriarchalischer Würde. Stundenlang sieht man ihn in den Gärten und Feldern des Anstaltsguts nach dem Rechten sehn, mit dem Spazierstock Anweisungen und Deutungen geben und die Neuanlagen, die jetzt durch den Bau einer neuen Zufahrtstraße und einer besseren Umzäunung geschaffen werden, persönlich überwachen, ja gelegentlich selbst mit Hand anlegen. Diese Freuden am Beruf des Kerkermeisters haben sich die Herren Schröder, Kraus und Vollmann entgehn lassen. Fragt sich nun, ob er recht hat, wenn er sich ihre lange Dauer verspricht. Wie die Genua-Geschichte ausgehn wird, ist noch schwer zu erkennen. Die Alliierten scheinen sich trotz allem mit dem Rapallo-Vertrag abfinden zu wollen, wobei sie natürlich auf Deutschlands Kosten Profit für sich herauswuchern werden, was aber doch beweisen würde, daß ihnen der Zwang, zu einer wirtschaftlichen Stabilität für ganz Europa zu kommen, auf den Nägeln brennt. Deutschlands moralisches Prestige hat wiedermal einen bösen Stoß bekommen, das steht jedenfalls fest. Und Rußland? Tschitscherin und Rakowski erweisen sich als überaus geschickte Diplomaten, was mich hingegen nicht wie sonst ganz Niederschönenfeld mit hellem Jubel sondern mit bitterer Trauer erfüllt. Denn ihre ganze Diplomatie ist Raketenfeuerwerk, um die Kapitulation vor dem Kapitalismus zu verdecken. Schon haben sie das Londoner Memorandum derart quittiert, daß sie für die Anerkennung der Vorkriegsschulden nur mehr ihre Anerkennung als legitime, gleichgeordnete Staatsregierung verlangen. Wer weiß, ob sie nicht sogar noch die Konsulargerichtbarkeit, die ihnen zugemutet wird, schlucken werden. Daß sie nicht anders können, als sich unterwerfen, gebe ich zu. Aber das ist ein schwacher Trost. Eines Tages wird das Weltproletariat sie fragen müssen: Warum könnt ihr nicht, was ihr verspracht? Warum habt ihr die Sowjetverfassung verleugnet um der Parteidiktatur willen? – Redet!

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