Tagebücher

XXXII

 

25. April – 5. Juli 1922

 

 

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 25. April 1922.

Vormittag. Ich bin übler Laune, da ich früh morgens zu einer „Eröffnung“ aus dem Bett gerufen wurde, die besagte, daß ein Brief von Zenzl wegen agitatorischen Inhalts zu den Akten genommen sei. Die Frau stiehlt sich von ihrer anstrengenden Hausarbeit die Zeit, um mir zu schreiben, was sie auf dem Herzen hat, kommt dabei auf irgendeinen Gegenstand, über den sie sich Gedanken gemacht hat und läßt ihre Gefühle frei heraus, ohne im Augenblick daran zu denken, daß wir im christlichen Bayern leben, wo für Menschen, die sich herausgenommen haben, das Grauen dieser Zeit durch wirksame Maßnahmen zu bekämpfen, auch das Sakrament der Ehe nicht gilt: haben wir doch nach halbjähriger Trennung beim ersten persönlichen Wiedersehn nicht einmal unsre geschäftlichen „Belange“ mit einander beraten dürfen. Außer der Zeit, die verloren ist und dem Ärger für uns beide sind auch noch die Kosten nicht knapp. 30 Pfennige kostet das Briefpapier mindestens und 2 Mark Porto. Möglich ist auch, daß der Satz, wegen dessen die Konfiskation erfolgte garnicht mal in Zenzls eignem Brief stand. Hat man früher einen Satz oder ein Wort einfach gestrichen und den Brief dann ausgehändigt, so führte Vollmann zuerst die Verweigerung des ganzen Briefs wegen eines Ausdrucks ein und man bekam mitunter den Bescheid, daß ein Brief von X zum Akt genommen und nur der beigelegte Zettel von Y ausgeliefert werde. Erst der derzeitige Vorstand vervollkommnete das Verfahren der Briefzurückhaltungen dadurch, daß er den von X geschriebenen Brief mit allen Beilagen zum Akt nehmen ließ, auch wenn nur ein Wort von Y auf einem besonderen Blatt Papier Anstoß gegeben hat. So halte ich es für sehr möglich, daß Resl oder Seppl einen Brief beigelegt haben mag, in dem eine Äußerung irgendeinen Vorgang ironisierte – und ich kriege nichts von allem zu sehn. – Vom Seppl habe ich bis jetzt nichts eigentlich Orientierendes gehört: nur in Anschriften an Zenzls und Resls Briefen bekundet er seine treue Anhänglichkeit. Ich vermisse den Buben allerorten und habe mich noch garnicht recht an seine Abwesenheit gewöhnt. – Aber es war garnicht meine Absicht, heute persönliche Betrachtungen anzustellen. Der Prozeß, der sich in Genua abspielt, wird immer interessanter. Die Franzosen haben das russische Memorandum glatt abgelehnt, und die Russen haben es darauf prompt zurückgezogen. Ihre Kapitulation ist also so vollkommen, daß sie sie nicht einmal mehr in gewisse prinzipielle Vorbehalte einzuwickeln wagen. Die Deutschen haben ihrerseits eine de- und wehmütige Rechtfertigungserklärung auf die gemeinsame Note der übrigen Länder wegen des Rapallo-Vertrags abgegeben, mit der Wirkung, daß Barthou sie öffentlich der Lügenhaftigkeit bezichtigt und nun Herr Wirth der Eingeschnappte ist. Inzwischen bemühen sich Engländer und Italiener krampfhaft, die alberne Komödie doch noch zu Ende spielen zu lassen, damit jeder irgendetwas, was als Erfolg gedeutet werden kann, mit nach Hause nehmen soll: für Deutschland ist ja in dieser Hinsicht schon gesorgt: sie haben den Vertrag mit den Russen und vorläufig stellt sich das gesamte öffentliche Geschmeiß so, als wäre das unvergleichlich herrlich. 4 Wochen wird man Zeit haben, zu jubeln. Dann fällt das letzte Wort über die Reparationsverpflichtungen: am 31. Mai hat Frankreich die Möglichkeit, Sanktionen anzuwenden, und was in Genua von den Deutschen geleistet wird, läßt die Möglichkeit, daß Frankreich von diesem Recht diesen oder jenen Gebrauch machen wird, sehr nahegerückt scheinen. Schon behauptet „l’Humanité“, daß große Vorbereitungen zu einem Einmarsch in Deutschland getroffen werden, und es ist keineswegs ausgeschlossen, hat sogar allerlei psychologische Wahrscheinlichkeit, daß in 6 Wochen bedeutende Teile des rechtsrheinischen Deutschlands militärisch besetzt werden. – Was aus dem Rapallo-Vertrag wird, ist noch nicht zu erkennen. Vielleicht existiert er schon heute nicht mehr, vielleicht ist auch heute schon die ganze Konferenz beim Teufel. – Was die Russen angeht, so genügt die Zeitungsmeldung, daß der König von Italien Vittorio Emanuele auf einem Kriegsschiff vor Genua zu Anker gegangen ist, und dort an Bord ein Fest gibt, zu dem auch Tschitscherin und Rakowski eingeladen wurden, die bereits akzeptiert hätten. Die Sowjetkommissäre als Hofgänger! – Realpolitik!!! – Gestern ist Ertl entlassen worden. Ich werde ihn nicht vermissen. Was er mir persönlich angetan hat, verzeihe ich ihm und habe ihm auch nicht die Hand verweigert, als er Abschied nahm. Er ist ein geistig minderwertiger Mensch, ein Schlappschwanz – trotz seiner athletischen Kraft –, wie mir noch keiner begegnet ist. Das gibt mir auch die Hoffnung, daß er sich von der revolutionären Bewegung künftig zurückhalten möge. Solche Halbseidenen pflegen, mögen sie’s noch so ehrlich meinen, ihrer Sache mehr zu schaden als zu nützen. Nur mit Charakteren ist Zukunft zu errichten.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 27. April 1922.

Wo anfangen? Niederschönenfeld und Genua, Haus- und Weltpolitik krachen von Geschehn. Bleiben wir zunächst daheim. In den letzten Tagen wurden diverse Abgesonderte wieder in ihre Zellen zurückgelassen, zuerst Uhrmann (der durch die Belegung der für ihn bestimmten Räume hier oben durch Fischer-Landshut, wenigstens seinen Zweck erreicht hat und im I Stock bleibt), dann kamen vorgestern Seffert und Olschewski wieder herauf und Podubetzky als Entlassungskandidat in den I. Stock, und nun hebt sich allmählich der Schleier über den Vorgängen, die zu den Massendisziplinierungen führten: Olschewski besucht einen „Feind“ nach dem andern, um in seiner Bedrängnis Beistand zu finden, und obzwar er allerdings mich nicht in Anspruch nimmt (ich würde ihn vierkantig zur Tür herausschmeißen), bin ich nun doch durch Klingelhöfers Vermittlung in seiner Sache mit zu Rate gezogen worden. Ihn, Toller und Hagemeister hat er zu Hilfe gerufen, und ihnen dabei erklärt, er habe nie etwas gegen sie gehabt, sie immer verteidigt (er war der lauteste Rufer im Streit gegen alle Intellektuellen dieser Art, der, der sie immer wieder, immer nur als Lumpen bezeichnet hat) und außer gegen Mühsam habe er eigentlich überhaupt gegen keinen etwas einzuwenden. Ich aber habe mein wahres Gesicht gezeigt, indem ich ihm seinerzeit auf dem Gange laut erklärt hätte, ich käme nicht mehr zu ihm, weil er nichts zum Essen habe, was er mir vorsetze. Armer Teufel! Man wird langsam sehr nachsichtig hier drinnen, und ich frage mich ernsthaft, ob er nicht möglicherweise diese ungeheuerliche Lüge selbst glauben könnte. Ich habe ihm überhaupt nie die Freundschaft gekündigt, wie er mir vorwarf, sondern nur – nicht seinet- sondern Karpfs wegen – unsrer Gruppe das Rückgrat gebrochen (mit Adolf zusammen) mit der ausdrücklichen Erklärung, daß das an den persönlichen Beziehungen nichts zu ändern brauche. Damals kam O. zu mir und warf mir vor, ich könne keine andern Motive haben, als daß er nicht genug Pakete kriege und ein armer Kerl sei. Ich habe ihm das in aller Freundlichkeit auszureden versucht, habe ihn trotz meiner Erbitterung über die absurde Unterstellung mehrere Male extra angesprochen, um ihm die Abenteuerlichkeit des Verdachts begreiflich zu machen. Jetzt ist es nun also soweit, daß er herumträgt, ich selbst hätte ihm seine Armut vorgeworfen und vor aller Ohren verkündet, daß ich meine Freundschaft von reichlichem Paketempfang abhängig mache. Da bleibt nichts übrig, als mitleidig das Pack zu tragen, das einem der alte Hysteriker aufhängt. – Wichtiger als dieses persönliche Geschwätz ist, was O. den bisherigen Verrätern und jetzigen Genossen von unten erzählt hat. Hierzu noch eins: Gen. Schmid-Burglengenfeld ist schon seit voriger Woche wieder unter den F.-G. des I. Stockwerks. Ich sprach ihn vor einigen Tagen, voll Entsetzen über sein fürchterliches Aussehn. Er ist vollständig krank, dürr und eingefallen und sieht um 20 Jahre älter aus als vor seinem Abtransport in die Irrenanstalt. Bei der Rückfahrt hierher hatte er mehrere Konflikte mit seinen Transporteuren, und als er ankam, behandelte man ihn derartig, daß seine zermürbten Nerven von neuem versagten und sich in einem Wutanfall Luft machten. Resultat: er wurde in die Zwangsjacke gesteckt, deren Gurten ihm von den Aufsehern umgeschnürt wurden, indem sie ihm ihre Kniee in den Leib drückten, sodaß er an den Einschnittstellen noch jetzt große blutige Striemen zurückbehalten hat. Auch Egensperger wurde, als er damals um Hilfe rufend hinuntergetragen wurde, gleich in die Zwangsjacke gezwungen, die man anscheinend anstatt des harten Lagers, das ja das Reichsjustizministerium als unzulässig beanstandet hat, für die der bayerischen Ehrenhaft angemessene Ersatzdisziplinierung gewählt hat. Bei Egenspergers Einsperrung wurden Rufe aus den andern Einzelhaftzellen hörbar, wie „Folterkammer“, was als so beleidigend empfunden worden zu sein scheint, daß Sauber, Schlaffer, Schiff und Taubenberger angeblich dafür je 6 Tage auf Wasser und Brot gesetzt wurden: was denn allerdings die Charakterisierung Niederschönenfelds als Folterkammer einwandfrei widerlegt. – Nun ist gestern – also nach seiner Entlassung aus der Einzelhaft, die volle 2 Monate gewährt hat, – Olschewski seine Anklageschrift zugestellt worden, die ich gelesen habe (da sich Klingelhöfer mit mir über die juristische Seite der Sache auszusprechen wünschte). Sie geht gegen Karpf und Olschewski wegen aktiver, gegen 2 Hilfsaufseher und die Frau des einen von ihnen wegen passiver Beamtenbestechung. Sehr merkwürdig mutet an, daß Olschewski eigentlich garnicht belastet scheint und wohl auch nicht beschuldigt würde, wenn nicht Karpf ihn arg und noch dazu unberechtigterweise kompromittiert hätte, und noch interessanter ist, daß Karpfs Frau, die, wie aus dem Schriftsatz hervorgeht, auch noch wegen Vorbereitung zu Hochverrat beschuldigt wird, bei ihrer Verhaftung in Schelldorf flüchten konnte und daß Johann Elbert, der in der Angelegenheit ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, laut Staatsanwaltsangabe gleichfalls flüchtig ist. Ich will mich hier aller Schlußfolgerungen enthalten und nicht mehr sagen, als schlimmstenfalls auch von neugierigen Kriminalisten gelesen werden kann, und so registriere ich nur und verzichte auf Anmerkungen. Was aber zu den registrierbaren Tatsachen gehört, ist u. a. der Umstand, daß Olschewski in Gegenwart des Anstaltsvorstands vom Richter verantwortlich vernommen wurde, wobei Herr Hoffmann wiederholt eingriff und bedrohlich an seine Eigenschaft als Vorgesetzter mit disziplinären Vollmachten erinnerte. Rechtsgarantieen im Bayern nach der Revolution! – Ich begnüge mich für heute mit diesen Notizen, da ich bis jetzt nicht erfahren habe, ob das Hochverratsverfahren gegen Thekla Egl etwa in Zusammenhang steht mit der Absonderung derer, die noch unten sind, und ob außer dem Bestechungsverfahren noch ein weiterer Prozeß gegen Festungsgefangene in Aussicht steht. – Und nun zur Politik. Die Genua-Konferenz ist bis jetzt nicht direkt geplatzt, obwohl kein Tag vergeht, der die Risse in allen Nähten dieses trostlosen Advokatengewebes nicht bloßlegte. Alle Welt sieht das Fiasko, nur in Deutschland ist lichte Seligkeit: die Einheitsfront – ist wirklich da. Von den Deutschnationalen bis zu den Kommunisten steht alles hinter dieser Tölpelregierung Wirth-Rathenau, und man kann feixend konstatieren, daß solche Einmütigkeit ganz Deutschlands nur möglich ist, wenn eine ganz gigantische Dummheit vorliegt. Die Presse zeigt sich in diesen Tagen schon ganz in Glorie, und ich frage mich bei jeder neuen Seite, die ich in einer Zeitung aufschlage – sei es eine nationale, sozialdemokratische oder „revolutionäre“ –, ob eigentlich die grauenhafte Blödigkeit des Publikums aus dieser Orientierung über die Dinge der Welt, oder ob die unverantwortliche Verlogenheit, Charakterlosigkeit, Doppelzüngigkeit, Verdrehungsakrobatik, Gewissenlosigkeit, Verleumdungs- bzw. Beschönigungsbeflissenheit und die schweinische Ethik der Zeitungen aus dem wirklichen Bedürfnis der Normalleser, belogen zu werden, um sich entrüsten, betrogen zu werden, um sich erbauen zu können, erklärt werden muß. Poincaré hat eine heftige Rede gehalten (in Bar-le-Duc), worin er gegen die Hinterhältigkeit des Rapallo-Vertrags polemisiert, Frankreichs Ansprüche aus dem – von den Deutschen doch unterzeichneten, also beschworenen Versailler Friedensvertrag nach dem Vertrauensbruch der Deutschen in Genua stark betont und die Innehaltung des Reparations-Ultimatums (Inkraftsetzung des neuen Steuergesetzes + 60 Milliarden weiterer Steuern etc.) bis zum 31 Mai nachdrücklich verlangt hat und deren Erzwingung – mit oder ohne die Alliierten in bestimmte Aussicht stellte. Selbstverständlich wissen die Schmöcke der deutschen Presse für diese Haltung des finanziell zerrütteten Frankreichs, das 90 Milliarden ausgelegt hat, auf die es von Deutschland laut Vertrag Rückzahlungsanspruch hat, keine andre Erklärung, als daß Poincaré ein sadistischer Berserker sei und niemand erkennt, in welcher Situation die Regierung des Landes ist, das einen großen Krieg gewonnen hat und dessen Kleinbauern nicht verstehn, daß die Lasten dieses Kriegs nun doch ihnen aufgebürdet werden sollen. – Daß die Note der 9 Signatarmächte zusammen die Behauptungen, mit denen die Herren Wirth und Rathenau den Betrug von Rapallo als fair begründen wollten, zwar nicht mit dem Wort der Lüge, aber mit der Feststellung kennzeichnet, daß sie auch nicht durch den Schatten von Beweisen gestützt würden, daß sie zugleich den Deutschen den Sitz in der russischen Unterkommission aberkennt und sie damit zu Teilnehmern minderen Ranges stempelt, schminkt die Presse – angefangen von der Frankfurter Zeitung, am dicksten aber die Sozialdemokraten – als „Entgegenkommen“ auf. Was aus dem Canossagang der Russen noch werden wird, ist schwer zu bestimmen. Es heißt, man wolle sie ultimativ vor die Alternative stellen, alle Vorkriegsschulden anzuerkennen und allen Privatbesitz wieder Privatbesitz werden zu lassen: doch ist bei der tendenziösen Aufmachung aller Pressenachrichten nichts sicher zu ermessen. Es scheint jetzt, als seien diese Forderungen noch nicht als Definitivpostulate gestellt worden, und als ob Rakowski und Tschitscherin sich noch dagegen sträuben. Die Tischgemeinschaft mit Vittorio Emanuele hat tatsächlich stattgehabt, und die Sowjetvertreter haben die Zivilisation der Kommunisten dadurch öffentlich manifestiert, daß sie dem König, in dessen Namen unzählige ihrer eignen besten Genossen verfolgt und niederkartätscht wurden, Elogen im Stil des Anti-Macchiavell Friedrichs II. von Preußen gemacht haben. Die italienischen Kommunisten haben daraus mit Recht die Konsequenz gezogen, einen Besuch bei ihren regierenden russischen Genossen zu unterlassen, während sich bei uns die Rote Fahne und die Niederschönenfelder Parteikommunisten die Gehirne verrenken, um das als „taktische“ Großtat zu preisen. Sie werden, wenn Radbruch es mit dem italienischen Genossen Boldrini wieder so macht wie mit den spanischen Genossen Fort und Conception, und ohne sehr kräftige Kundgebungen des Proletariats werden wir diese Schande sehr wahrscheinlich auch noch erleben, – es sich gefallen lassen müssen, auf ihre Proteste die Antwort zu hören: der Freund eurer russischen Unfehlbarkeitspäpste, mit denen wir eben in Rapallo Brüderschaft getrunken haben, verlangts. Die Auslieferung muß im Interesse des guten Einvernehmens mit Rußland erfolgen! – Es ist weit gekommen, mit den Bolschewiki, die nicht den Takt hatten, wenn sie schon die Entwicklung bis zu diesem Grade der kapitalistischen Restauration nicht aufhalten konnten, die Exekutive wenigstens Leuten zu überlassen, die im Prinzip billigen was jetzt vor sich geht. – Sie haben noch Ärgeres fast getan. Dem Papst selber haben sie sich unterworfen und nun wird Rußland alle Pforten der Kirchen den Jesuiten und Kirchenmissionaren öffnen müssen, während es die Revolutionäre mit Berufung auf die angebliche Diktatur des Proletariats um ihrer revolutionären Gesinnung willen eingesperrt hält. Man kommt nicht mehr drum rum zuzugeben, daß als Sieger des Weltkriegs auf der ganzen Linie der Katholizismus triumphiert: Klerikale Herrschaft in Deutschland (Wirth ist zuerst ultramonetan, dann erst allenfalls Republikaner und Demokrat), in Bayern und Polen ohne jede Schminke, in Frankreich Abbau der Freidenkerei und Techtelmechtel mit den Pfaffen; in Irland neben dem revolutionär-politischen Sieg über England, der Sieg der Klerikalen über die Ulster-Puritaner. Und nun die Erstürmung der Bastille von Rußland! Man sollte Zolas „Wahrheit“ jedem europäischen Politiker solange ums Maul schlagen, bis er begriffen hat, was dieser Sieg des Vatikans über die Staaten bedeutet. Allerdings: begreifen werden sie’s nie – und vielleicht ist’s nicht mal schade, da sie sonst am Ende doch noch Mittel fänden, die Staaten zu retten. – Also so steht’s ungefähr in Genua (denn ich steige eben aus dem Wannenbad und muß mich erst wieder im Weltgeschehn zurechtfinden). Lloyd George balanziert mit Heroismus auf dem schlapp gewordenen Seil, um das europäische Gleichgewicht wenigstens bis zum 2. Mai zu retten: dann will er die Delegierten heimschicken und die Geheimdiplomatie soll den Karren aus dem Dreck ziehn. Ob’s halten wird? Oder ob nicht noch in diesen 5 Tagen die ganze geballte Ladung unter Giftgasgestank in die Luft geht? Wenn nicht, dann wird gewaltiges Rühmen sein und jeder wird die eignen Taten als Vaterlandsrettung servieren (Rathenau hat ohnehin Übung in der Branche). Was die Russen angeht, so werden sie den Kommunisten der Welt beweisen, wieso erstens die Konferenz in Genua, wie sie dies ja den Demonstrationen vom 20. April für die proletarische Einheitsfront zu dokumentieren befahlen (diese Demonstrationen verliefen übrigens jämmerlich), ein fauler kapitalistischer Schwindel, zweitens aber eine „Etappe“ auf dem Wege zur Stabilisierung Sowjetrußlands gewesen sei. Radek wird an Hand von Marx’ Werken beweisen, daß die Beteiligung der Kommunisten an dieser Konferenz mit Hofgang und Konzessionen und – je nachdem – mit Erfolgen oder gänzlicher Pleite genau der gegenwärtigen revolutionären „Phase“ entsprach und als dialektischer Geschichtsprozeß von ungeheurer Bedeutung war. – Was ich immerhin für möglich halte, ist, daß für uns persönlich die Befreiung nahe gerückt sein kann, und zwar sehr bald – oder noch sehr lange nicht. Darüber mal extra ein paar Worte. – Auf Bewährung entlassen wurde Appler, soweit ich ihn beurteilen konnte, ein ruhiger, anständiger, zuverlässiger Genosse.

 

Niederschönenfeld Sonntag, d. 30. April 1922.

Zwischenbetrachtungen, zu denen der sonntägliche Zeitungsausfall Muße gibt. Der Seppl hat Arbeit als Hilfsarbeiter der Schlosserei eines großen Münchner Betriebs gefunden und verdient für die Stunde 15 Mark 35. Das wäre vor dem Krieg das Einkommen eines Millionärs gewesen (Eine Million Vermögen bei 4prozentiger Verzinsung macht etwas über 100 Mark täglich, Seppls Verdienst über 120 Mark: die Millionenzinsen x 7 und der Arbeitslohn x 6 laufen also wochenmäßig berechnet auf ungefähr die gleiche Summe hinaus). Nun sagen mir die Genossen hier, die die wirtschaftlichen Verhältnisse draußen genau kennen (Reutershann war kürzlich auf Urlaub in München), daß mit diesem Lohn ein lediger junger Arbeiter eben noch auskommen kann, daß es aber reichlich wenig ist. Zenzl bekommt von meinen Geschwistern noch immer bloß die 500 Mk monatlich, die wir schon während des Kriegs bekamen, dazu eine Unterstützung von etwa 150 Mk von der Stadt München. Zwar hilft ihr braver Junge ihr ein wenig weiter, und Weigel und Resl steuern zum Haushalt bei, aber ich bin doch angesichts solcher Löhne für ungelernte Hilfsarbeiter recht ängstlich geworden. Hier im Hause erleben wir die Eigentümlichkeit, daß sich die Umwertung aller Geldwerte nur in den Ausgaben geltend macht. Die Verwaltung hält mit eiserner Zähigkeit an der Limitierung des Taschengelds auf 5 Mark für den Tag und des Arbeitslohns auf 1 Mark für die Stunde fest. Zu was für komischen Konsequenzen das führt, dafür ein Beispiel. Der Bierpreis ist allmählich bei 3 Mark 80 für die Flasche angelangt. Nach der Hausordnung steht jedem Gefangenen das Recht zu, täglich einen Liter Bier (also zwei Flaschen) zu trinken. Tatsächlich wird zweimal am Tage Bier in Flaschen feilgeboten und von Aufsehern ausgerufen. Da niemand mehr als 5 Mark im ganzen täglich ausgeben kann (35 Mk wöchentlich) und das ihm zustehende Bier allein 7 Mark 60 kostet, ist das von der Hausordnung anerkannte Recht also illusorisch, zumal ja auch noch Bedarf nach andern Dingen (Briefporto, Papier etc) besteht. Die Arbeit aber, zu der bekanntlich die Genossen durch sanften Druck quasi gepreßt werden, wird so entlohnt, daß zum Erwerb einer einzigen Flasche Bier eine Arbeitsleistung von fast 4 Stunden erforderlich ist. Auch diese Tatsachen verdienen zum Thema Niederschönenfeld der Nachwelt aufbewahrt zu werden. – Ich habe grade die Lektüre eines Buchs beendet, das mich unsern derzeitigen Vorstand von seiner interessantesten Seite kennen gelehrt hat: die Zusammenfassung der Prozeßberichte in der „Geiselmord“-Angelegenheit. Der Eindruck ist grauenvoll – und zwar der Eindruck, den man von der Prozeßführung empfängt. Was die Tat selbst anlangt, die den Prozessen zugrunde lag, so bekommt man erst ein Bild, mit welch raffinierter Kunst die Greuelpanik in die Bevölkerung hineingetragen wurde. War die Erschießung der 10 Opfer von heute vor 3 Jahren wirklich Mord, so war die Erschießung der 8 Opfer der 3 Prozesse etwas, für das Wort Mord nicht entfernt den adäquaten Begriff gibt. Die Zuchthausurteile, die nebenbei fielen, treiben einem allein die Haare hoch. Aber es muß zugegeben werden, daß der Staatsanwalt Hoffmann – sein Porträt in dem Buch stellt die Identität mit unserm Kerkermeister endgiltig fest – als Vertreter seiner Klasse großartig und vorbildlich operiert hat und die bayerischen Kapitalisten- und Konterrevolutionären-„Belange“ mit einer Ungeniertheit allem Recht und aller Gesetzlichkeit vorangestellt hat, die sich jedes Revolutionsgericht, wenn es sich ganz auf das Prinzip der proletarischen Klassendiktatur stützen will, zum Muster dienen lassen kann. Ich will mich hier aller weiteren Erörterungen über die Lektüre enthalten, bin aber entschlossen, mich später intensiv mit der Geschichte der Stempelfälscherangelegenheit zu beschäftigen und ein Wiederaufnahmeverfahren vor andern als bayerischen „Volksgerichten“ in die Wege zu leiten, bei der unsre armen Genossen vom Luitpoldgymnasium am Ende doch noch besser abschneiden werden als die bei jenem Verfahren vom Vorsitzenden und vom Staatsanwalt ängstlich beschützte Thulegesellschaft und als die Herren, die als Ankläger und Richter mit der „Sühne“ beauftragt waren. – Daß man ausgerechnet den Staatsanwalt, der sich in diesen Tendenzprozessen als von keinen Gesetzesbedenken befangener Exponent der reaktionärsten politischen Justiz bewiesen hat, den bayerischen Ehrenhäftlingen als Vorstand mit unbegrenzten Vollmachten hingesetzt hat, vervollständigt das Bild, das die bayerische Justizpflege der ganzen Welt schon lange mehr als verdächtig macht. – Leider weiß man draußen trotz aller Allarmmeldungen von hier das Wichtigste und Charakteristischste noch garnicht. Immer hält man sich an kleine Symptome der Gehässigkeit im Strafvollzug. Der große prinzipielle Zug, der sich durch das Ganze zieht, ist noch nie richtig gezeichnet worden. Vorgestern muß in Berlin eine große öffentliche Versammlung stattgefunden haben, die die „Liga für Menschenrechte“ (bisher Bund Neues Vaterland) einberufen hat, die sich mit der deutschen Klassenjustiz im allgemeinen und wahrscheinlich mit der in Bayern besonders befassen wollte, denn der Ertrag wurde nach Zeitungsmeldungen für die Gefangenen in Niederschönenfeld bestimmt. Redner: Kuttner, Tucholsky, Gerlach, Gumbel und ein Jurist, Kammergerichtsrat Freymut. Radbruch sowie alle juristischen Reichstagsabgeordneten sind um ihr Erscheinen gebeten worden. Man darf gespannt sein, ob Radbruch hingegangen ist, bezw. ob er sich über die Amnestiefrage ausgelassen hat. Ich halte es für ausgeschlossen, daß er die im Februar gemachte Zusage, eine Amnestie für die Märzkämpfer von 21 vorzulegen, noch mit Hinterhältigkeiten ungeschehen machen kann oder auch will. Aber ich halte für sehr möglich, daß die Genua-Ereignisse – die Bettgemeinschaft mit Sowjetrußland besonders – auch der Regierung den Wunsch nahelegen werden, der Forderung einer allgemeinen politischen Amnestie nachzugeben. Die Sozialdemokraten haben sich ja seinerzeit schon durch Johannes Hoffmann auf die Befürwortung der Freilassung auch der bayerischen Räterepublikaner festgelegt (wobei ich nicht verkenne, daß sie auch kapabel sind, wieder nach der andern Seite zurückzukippen; Auer wird ja nicht untätig sein). Radbruch hat Amnestieen als Marksteine am Wege der politischen Geschichte bezeichnet. Bei der Regie, mit der man in Deutschland das Genuatheater für die öffentliche Meinung einrichtet, wird hier ein „Markstein“ wohl anerkannt werden. Alles kommt drauf an, ob sich das Proletariat endlich einmal zu energischeren Dingen als Resolutionen bewegen läßt. Jedenfalls ist die Aussicht auf Freiheit, vielleicht schon in ganz kurzer Zeit, keineswegs gering. Und ich kann nicht leugnen, daß ich herzlich froh drum wäre.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 1. Mai 1922.

Unsre „Maifeier“ hier drinnen vollzieht sich in der Form, daß fast alle Genossen in der besten Kleidung herumgehn. Vormittags waren wir im Hof und es wurde versucht, einige revolutionäre Lieder zu singen. Es stellte sich erschreckenderweise heraus, daß eigentlich niemand mehr imstande war, einen Text aus dem Gedächtnis zusammenzubringen. Durch die Hetzereien der „Radikalen“ ist also allmählich nur das eine erreicht worden, daß das bißchen revolutionärer Schmiß, das noch in jedem gesteckt hatte, infolge der systematischen Auflösung aller Solidarität auch noch kaput gegangen ist. Die Herren können wahrhaftig stolz sein. Früher dröhnte das Haus oft stundenlang von Gesang. Aber viele der Lieder waren von mir und mußten schon deshalb aus dem Repertoire verschwinden. Übrig blieb nach und nach nur die „Internationale“ und zwar in der grauenhaften Übersetzung, die offiziell verbreitet wird. Meine – ohne allen Dünkel darf ich behaupten, erheblich bessere – Fassung, die früher in den Festungen bevorzugt war, mußte, da ich ja Verräter und Betrüger bin, aus dem Gedächtnis gestrichen werden, und die Wirkung ist, daß nicht einmal das einzige von der Zensur der Patentkommunisten zugelassene Lied so sitzt, daß sein Absingen ohne Stolpern möglich wäre. Aber mir kam’s traurig zu Bewußtsein, bis zu welchem Grade der Zusammenhalt der Menschen hier als Kampfgenossen schon zerstört ist, da sie sich nicht einmal mehr im Gesang zusammenfinden können. Daß die meisten miteinander auszukommen suchen, ist nur Bequemlichkeit und modus vivendi; Gesinnungsbande gibt es über engste Zirkel hinaus überhaupt kaum mehr. Das ist eine trübe Maibetrachtung, und mir wird erst recht trübe zu Gemüt, wenn ich mir überlege, was der Weltfeiertag des Proletariats 1922 in Wahrheit bedeutet: die 2. Internationale mit ihren lächerlichen Forderungen – um demokratische Rechte innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft und um den 8Stundentag für die kapitalistische Ausbeutung – ist wieder vorne dran, und die „Einheitsfront“, die die Kommunisten als letzte und dauerhafteste Parole als höchste politische Weisheit postulieren, ist längst auf die Basis derartiger Hanswurstiaden begrenzt. In München – Seppl schreibt mir ganz aufgebracht drüber – trotten heute die Arbeiter, Sozi, Unabhängige und Kommunisten, alle Arm in Arm, von der Theresienwiese zum Ostfriedhof, wo ein Denkmal für die Revolutionsgefallenen enthüllt wird. Wer waren denn die Henker dieser Revolutionäre? Die sozialdemokratische[n] Bamberger Regierungsleute, die ihren Parteifreund Noske nach München riefen, wo genau am 1. Mai das fürchterliche Massenabschlachten der Spartakisten und aller, die der Sympathie mit ihnen verdächtig waren, einsetzte. Während aber die Revolutionäre in den Straßen Münchens die letzten Reste ihres Ideals und ihrer Hoffnungen mit Todesverachtung verteidigten, zogen zugleich die Auerochsen und Timmiden „maifeiernd“ durch die Straßen und demonstrierten für „Ruhe und Ordnung“ gegen die Rotgardisten: dieselben Leute, die heute im Ostfriedhof schmalzige Reden für die durch sie, wenn nicht von ihnen, getöteten Proletarier anhören. – Ach pfui – ich mag nicht weiterschreiben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 2. Mai 1922.

Allerlei Daten-Betrachtungen. Heut vor 3 Jahren schlachtete man Gustav Landauer ab: die Regierung Hoffmann trat ab, ohne für diese Untat Sühne irgendwelcher Art begehrt zu haben. Freilich hätten sich die Mörder auch auf die Flugblätter eben dieser Regierung und auf deren Presse (besonders der Bamberger „Freistaat“ aus jenen Tagen sollte der Geschichtsforschung als Material dienen) berufen dürfen und man hätte ihnen recht geben müssen, wenn sie behauptet hätten, daß ihnen ihre Opfer von diesen „Sozialisten“ mit Kommentaren bezeichnet wurden, die auch weniger primitiven Menschen als Aufforderungen zum Mord erschienen. Bei dieser Gelegenheit: Der Ministerpräsident Lerchenfeld hat mal wieder eine schöne (erstaunlich leere) Rede gehalten, und dann hat der ebenfalls zur Heerschau der Bayerischen Volkspartei geeilte Landtagspräsident Königsbauer eine recht wichtige Feststellung über die Vorgänge beim Sturz der Regierung Hoffmann im März 20 gemacht: Es heiße immer, diese mit Müller-Meiningen garnierte „sozialistische“ Regierung sei vor Nötigungen des Militärs zurückgewichen; in Wahrheit seien aber die sozialdemokratischen Herren keineswegs gepreßt worden sondern hätten sich selbst bereit gefunden, Bayern unter die Macht von militärischen Diktatoren zu stellen. Nach allen Leistungen dieser Bande ist die Behauptung Königbauers vollständig glaubhaft. – Drei Jahre ist’s heute her, seit Landauer, und am selben Tage Egelhofer und Sontheimer ermordet wurden. Vielleicht haben sie’s besser getroffen als unsereiner. Gewiß ist, daß Landauer, wenn er am Leben geblieben und dann natürlich nach Niederschönenfeld gekommen wäre, noch bittereren Nachstellungen ausgesetzt wäre als ich. Man hätte auch aus ihm einen Betrüger und Verräter gemacht, und er hätte vielleicht innerlich noch schwerer als ich gelitten, wenn er die Burschen, mit denen er die Gesellschaft wenden wollte, so im Tageslicht gesehn hätte. (Olschewski z. B. posaunt mich nicht bloß mehr als den Lumpen aus, der ihm als armen Teufel die Tür gewiesen hätte; er hetzt sogar gegen mich als Betrüger bei Verteilungen, obwohl er weiß, daß ich grade deswegen, weil er – der mir deswegen jedesmal die Bude einrannte, – wegen der Miesbacher Tragödie mit seiner Tochter besonders bevorzugt wurde, die schwersten Nackenschläge abbekam). Was hätte Kain wohl gegen den Mann unternommen, der in wiederholter Betonung geschrieben hat: „Der Marxismus ist die Pest unsres Jahrhunderts und der Fluch des Sozialismus!“? Da er tot ist, ist er Märtyrer und wird als Helden-Genosse gefeiert, von denselben „Revolutionären“, die ihn wenige Tage vor seinem Tod verhinderten, zu den Arbeitern zu sprechen, da er „sich niemandem verantwortlich“ fühle. Das war Leviens Erfindung und zum ersten Mal gegen mich gewandt worden (am 6. April, als ich der Generalversammlung der Kommunisten über meine berühmte Nürnberger Reise – mit Schneppenhorst(!) – Bericht erstattete). – Weiter zum 2. Mai: Heute feiert meine Schwester Margarethe die Silberne Hochzeit, immerhin wert zu vermerken, um sich des Älterwerdens recht deutlich bewußt zu sein. – Was den Tag für die Politik bedeutungsvoll machen sollte, ist vertagt worden. In Genua, wo am 2. Mai das Leichenbegängnis gefeiert werden sollte, hat man sich entschlossen, die Mißgeburt noch etwas zu konservieren, ehe man sie in ausgestopftem Zustand in den parlamentarischen Jahrmarktsschaubuden ausstellt. Das einzige positive Ergebnis der bisherigen Tätigkeit dieser ersten Konferenz der Sieger- und Besiegten-Welt nach dem Kriege ist immer noch der Vertrag von Rapallo, den auch Graf Lerchenfeld hoch gepriesen hat (nicht ohne – mit Seitenblick auf uns – die Bolschewisten einmal anzuspucken). Man weiß wirklich nicht recht, ob in Deutschland die Staatsmänner und die Pressepolitiker in der Tat so vollkommen vors Hirn geschlagen sind, daß sie nicht selbst wissen sollten, daß das, was in Genua von ihren Regierern gemacht wurde, von jedem staatsbejahenden Standpunkt aus eine katastrophale Dummheit und überdies von jedem moralischen Standpunkt aus eine erbärmliche Roßtäuscheroperation war, – oder ob in Deutschland immer noch die organisierte Lüge, der Volksbetrug als politische Pädagogik unter Beibehaltung des gesamten Kriegslügenapparats zum Wesen aller Staatskunst gehört. – Es scheint das zweite der Fall zu sein. Der Prozeß, der zur Zeit in München vor sich geht über die Eisnerschen Kriegsschuld-„Fälschungen“ gewährt einen Blick in die verbohrte Verlogenheit, mit der die „Republik“ die Wahrung des Prestiges der Monarchie als ihre heiligste Aufgabe schirmt. Als Kläger steht mein einstiger Verehrer Fechenbach vor Gericht, der Strohmann der U. S. P und der Pazifisten, die die Durchführung des Gerichtsverfahrens gegen Professor Coßmann und andre nationalistische Redakteure im größten Stil bewirkt haben. Was die Gegenseite an Sachverständigen und Zeugen antreten läßt, sind zumeist Leute vom diplomatischen Bau altadligen Schlages, und sie alle – und mit ihnen auch einigermaßen qualifizierte Historiker, wie Hans Delbrück (dem ich übrigens jüngst geschrieben habe, da ich zufällig in einer Broschüre von ihm ausgezeichnete Bemerkungen über die Demokratie fand, und den ich zugleich um seine Broschüre über Ludendorff bat – er reagierte sehr freundlich durch Übersendung zahlreicher Schriften) – Delbrücks Tick ist die „deutsche Kriegsschuldlüge“ – sie alle sind einig darin, daß Eisner, wo nicht bewußt gefälscht, so doch sich eines ungeheuren Verbrechens gegen alle Deutschen schuldig gemacht habe, und daß ohne seine Aktenpublikation Herr Clemenceau nicht hätte behaupten können, daß Deutschland den Krieg angezettelt habe. Selbst der alte Quidde ist sehr betrübt ob Eisners schrecklicher Verkennung aller Dinge, und der Mangel an Objektivität, der grade in den Kreisen der höchsten Wissensbildung bei der Beurteilung irgendwelcher politischen Frage zu Tage tritt, ist ganz verblüffend. Freilich war es albern von Eisner, zu behaupten, Clemenceau, Lloyd George und Wilson seien die größten Idealisten (nur bei Wilson glaube auch ich an subjektive Anständigkeit), – aber das Gelächter derer, die den Commis voyageur Wilhelm mit seiner imbezillen Selbstgefälligkeit als Motor seiner Machtinitiative heute noch vor aller Welt als Idealisten feiern, ist bedeutend alberner. Die Auseinandersetzung mit Eisner wird einmal erfolgen, aber sie wird anders aussehn als das was jetzt im Auer Gerichtshof in München vorgeführt wird. Sie wird als Beweisthema die These behandeln, daß seine verrückte, gegen das revolutionäre Proletariat gewandte, bourgeois-demokratische Regierungspolitik die Niederlage der Revolution bis zu dem Maße bewirkt hat, daß man heute ohne Übertreibung sagen kann, die einzige am Leben gebliebene „Errungenschaft“ der Revolution in Bayern ist die Institution der von Eisner geschaffenen – „Volksgerichte“. Das allerstärkste Instrument der Konterrevolution hat er ihnen in unglaublicher Verkennung der revolutionären Notwendigkeiten selbst in die Hand gespielt. Ich sehe in Eisner eine fast komische Figur. Er glaubte, seine Eroberung des Ministerpräsidiums sei das Ziel der Revolution und kämpfte statt gegen die Restaurateure der alten Herrschaft gegen uns an, die wir uns größere Zwecke gesetzt hatten. „Erschweren Sie mir die Arbeit nicht.“ „Was soll die Revolution nach der Revolution?“ „Es muß endlich einmal ein Ende haben mit der Revolutionsspielerei.“ Das waren seine Worte, als er im Januar 19 der Aufforderung des Revolutionären Arbeiterrats, sich persönlich zu rechtfertigen, folgte und ich ihm unsre Vorwürfe und Anklagen als Sprecher des R. A. R. unterbreitete. Die großen Staatsmänner, die für diesen „revolutionären Sozialisten“ den Inbegriff höchster politischer Weisheit darstellten, waren Clemenceau, Kerensky und – Kurt Eisner. – Was wird bei dem Fechenbach-Prozeß herauskommen? Die „gerichtliche Feststellung“, daß Deutschland am Weltkriege ganz unschuldig war, und ein neues Gelächter des Hohns und der Verachtung in aller übrigen Welt. – Aber das stört hierzulande die Tüchtigen nicht. Sie bilden sich auch wer weiß was drauf ein, daß sie jetzt – wo die fürchterlichste Hungerkatastrophe aller Weltgeschichte das arme Sowjetrußland als Partner wirtschaftlicher Verträge völlig leistungsunfähig gemacht hat – mit eben diesem Lande einen Vertrag abgeschlossen haben. Diejenigen aber, die die östliche wirtschaftliche Orientierung vor 3 Jahren, als sie für Deutschland ungeheuer ergiebig gewesen wäre, verlangt haben – ich habe kaum eine Rede gehalten vom November 18 bis April 19, in der ich nicht diesen Weg gezeigt hätte – hält man heute noch, eben deswegen, hinter Schloß und Riegel. Die Amnestie kann ja vielleicht bald Tatsache werden – selbst der Skeptiker Seppl schreibt mir darüber so optimistisch, daß man dran glauben müßte –, aber wenn sie kommt, ist sie kein Sieg für uns, sondern die traurige Bestätigung, daß die bürgerliche Gesellschaft sich schon so sicher mitten unter Kommunisten und Anarchisten fühlt, daß sie der hübschen Geste wegen das bißchen Spektakel, das wir allenfalls machen könnten, konzedieren wird. Traurig, aber wahr!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 3. Mai 1922.

Mal wieder Feiertag und keine Post. „Kreuz-Erfindung“ heißt der Anlaß im katholischen Kalender, und man begeht ihn nur in Niederschönenfeld, wo der gewissenlosen Gefangenenschinderei und der systematischen Rechtsbeugung wenigstens die außerordentliche Sorgfalt bei allen christlichen Kirchenobliegenheiten gegenübersteht. – Besondere Neuigkeiten sind nicht zu notieren. Nur betätigt sich die Konfiskationswut des Zensors seit einiger Zeit wieder gewaltig. Ein Aufseher ruft täglich, mit einem blauen Zettel versehn, die Namen derer herunter, die im Rapportzimmer die Eröffnung entgegenzunehmen haben, daß ihre Zeitung konfisziert ist. Einzelne Blätter kriegen wir überhaupt kaum mehr zu sehn, so z. B. die B. A. Z.-Augsburg, deren Redakteur Genosse Wendelin Thomas demnach nicht ausläßt, für die politischen Gefangenen und gegen die bayerischen Gepflogenheiten in der Gefangenenbehandlung Stimmung zu machen. Mir wurde gestern mitgeteilt, daß ein vom Bund Neues Vaterland an mich gesandtes Plakat nebst einer beigelegten Nummer des „Vorwärts“ zum Akt genommen sei, als geeignet, dem Strafvollzug „Nachteile zu bereiten“. Es handelt sich da jedenfalls um die Versammlung in der „Neuen Welt“, Hasenheide, die nach den Zeitungsberichten gut verlaufen ist. Die Redner – alle von jener Richtung, die zwischen bürgerlichem Pazifismus und U. S. P. pendelt, – hatten großen Beifall, nur der Sozialdemokrat Erich Kuttner mußte sich auspfeifen lassen. Radbruch reagierte auf die Einladung zu der Versammlung durch einen von Kuttner verlesenen Brief, in dem er zugibt, daß die Klassenjustiz in politischen Strafverfahren tatsächlich nicht bloß in Einzelfällen besteht, aber davor warnt, den Vorwurf gegen die deutschen Richter überhaupt zu verallgemeinern. Im übrigen werde er die Beschlüsse der Versammlung mit größtem Interesse verfolgen. Somit hat er sich durch ein Einerseits-Andrerseits aus der Affäre zu ziehn gesucht. Wäre er gekommen, so hätte er entweder die positive Zusage zu einer allgemeinen Amnestie geben müssen, was er offenbar nicht kann, oder gradezu Prügel gewärtigen können. Mit dem Brief ist er wenigstens dem Vorwurf direkten Kneifens ausgewichen, ohne sich indessen die verscherzten Sympathien damit zurückerobern zu können. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der die Gutmachung des Unrechts gegen die bayerischen Räterepublikaner gefordert wird, die 1920 bei der Reichsamnestie das Nachsehn hatten, und der Ertrag – über 1500 Mark – ist nach Niederschönenfeld abgeführt worden. (Ich habe mit Toller und andern neuen Stänkereien aus diesem Anlaß dadurch vorgebeugt, daß wir vorher mitteilten, man möge nicht einen von uns mit der Verteilung betrauen, sondern das Geld an die Verwaltung mit der Maßgabe schicken, es gleichmäßig auf sämtliche Konten zu verteilen. Soweit haben es die „Kommunisten“ hier drinnen getrieben, daß man die Vormundschaft des Staatsanwalts nach außen hin förmlich anerkennen muß, um vor schäbigen Anwürfen dieser „Genossen“ geschützt zu sein). – Was die Amnestie-Aussichten zur Zeit betrifft, so ist sicher, daß die Möglichkeit, sie könne in den nächsten Wochen Tatsache sein, sehr groß ist. Bringen die Reichswirthe den Vertrag von Rapallo noch heil nach Hause, dann halte ich es für zweifellos, daß man die ehemaligen Gesinnungsgenossen der (leider ebenfalls) ehemaligen Bolschewiken und jetzigen Vertragspartner freilassen wird. Es sei denn, unsre öffentlichen Meinungströpfe röchen inzwischen den Braten und merkten, daß der geniale Rathenau sich eine krepierte Katze für einen geschossenen Hasen hat aufschwätzen lassen. Jedenfalls darf die Konferenz sich nicht mehr zu sehr in die Länge ziehn, da bei aller Naivität der Deutschen dann doch vermutet werden muß, daß sie schließlich drauf kommen werden, zum mindesten, wenn sich am 31. Mai die ersten Rechnungen von Westen her präsentieren werden. Poincaré braucht ja nach dem Treubruch der Deutschen gegen die Abmachungen von Cannes mit dem Gerichtsvollzieher nicht mehr allzu rücksichtsvoll zu zögern. Möglich ist aber auch, daß die Herren Wirth und Rathenau schon an Ort und Stelle die Fetzen ihres Machwerks um die Ohren geschlagen kriegen, dann wäre das Ende von Genua auch das Ende dieser „Regierung der Persönlichkeiten“ – und ob und wann dann unsre Amnestie wieder in die Nähe rückt, hinge davon ab, ob ein Kabinett Stresemann oder ein Kabinett Löbe an ihre Stelle träte. Vorläufig hat sich der Reichstag mal wieder vertagt, um abzuwarten, wie der Riviera-Ozon schließlich riechen wird. Jedoch hocken die Kommissionen schon wieder beisammen und schwitzen Mist aus, darunter die Rechtskommission, die Radbruchs gewaltige Reform (Wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß) zu besehn, zu behorchen und zu kastrieren hat. Daß diese Gesellschaft von sich aus nicht amnestiefreudiger sein wird, als ihr „radikaler“ Reichsminister mit den vor Bayerns Justizhoheit respektvollen Hosen, braucht nicht bezweifelt zu werden. Kommt die Amnestie, so kommt sie nicht wegen, sondern trotz Radbruch, Sozialdemokratie und Reichstag. – In Genua selbst ist eine Pleite von erstaunlichem Umfang schon jetzt zu konstatieren. Zur Regelung der einzigen Frage, der eigentlich die Beratung überhaupt zur Lösung verhelfen sollte, des Währungsproblems ist bisher garnichts Brauchbares gefunden worden. Momentan stagniert alles, weil man sich die Grütze aus den Hirnen dünstet, um das Memorandum für Rußland fertig zu kriegen. Man läuft also offenbar zwischen Lloyd George und Tschitscherin hin und her, um die „Formel“ aufzustellen, mit der man die schrecklichen Bolschewiki erschrecken will und schachert um die Punkte, die nachher von den Russen als „unannehmbar“ abgelehnt und um das Kompromiß, das nachher zu allgemeiner Befriedigung als Resultat der Ratifikation zugeführt werden soll. Wenn kein unvorhergesehener Zwischenfall (vielleicht konstruiert man aber auch den schon) plötzlich die ganze Konferenzherrlichkeit in die Luft gehn läßt, wird man wohl also mit Augenzwinkern und der Versicherung auseinandergehn, daß höchst gedeihliche Arbeit geleistet sei, und daß man fürs nächste Mal, wo es noch schöner werden soll, die Wege prächtig chaussiert habe. Den Deutschen aber wird die Quittung für Rapallo inzwischen unter Ausschluß der Öffentlichkeit redigiert werden. Denn Geheimdiplomatie gibts bekanntlich nicht mehr. Dafür ein Beispiel. Im Fechenbach-Prozeß hat die Klägerpartei beantragt, den Fürsten Lichnowsky zu vernehmen. Da aber Lichnowsky der einzige unter den Zunftdiplomaten Wilhelms war, der die deutsche Kriegsschuld behauptet hat, erteilt ihm die republikanische Regierung nicht die Erlaubnis auszusagen; dieselbe Regierung, die andauernd in die Welt hinausbrüllt, daß sie im höchsten Maße bestrebt sei, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, wodurch dann „Deutschland“ – d. h. Eberts Vorgänger – von aller Schuld ein für alle Mal vor der Geschichte befreit würden. Die Kaiserdiplomaten aber, die Eisner als Fälscher entlarven werden, werden allesamt von der Schweigepflicht (gegen wen haben sie die eigentlich noch?) befreit. – In den M. N. N. findet sich ein Bericht über eine Gedächtnisfeier im Luitpoldgymnasium am 31. April zu Ehren der Opfer des „Geiselmords“, veranstaltet von den Deutschvölkischen und der – Thulegesellschaft (die gibts also noch). Dabei hat ein Gymnasialprofessor erklärt, die Opfer des schändlichen Verbrechens seien noch nicht gerächt. Die wahren Schuldigen lebten noch, (womit er jedenfalls die Propagandisten der Räterepublik, z. B. den Juden Mühsam meint), München sei noch nicht „entsühnt“, und man werde keine Ruhe geben, bis nicht volle Vergeltung geübt sei. – So spricht ein Jugendbildner dieser Republik! An den 8 „gesetzlich“ massakrierten Opfern ihrer Rachsucht und an den 1000 Proletariern, die von ihnen in den Tagen eben jenes „Geiselmords“ ohne Gesetz und Formalität hingemetzelt wurden, haben diese Blutsäufer noch immer – nach vollen 3 Jahren – nicht genug. Wenigstens belehren sie das Proletariat mit dankenswerter Offenheit über ihre Gemütsart. Ἓσσεται ἦμαρ ...

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 5. Mai 1922.

Vor dem Berliner Rathaus ist wieder mal Blut geflossen. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Richter hatte einen mit dem pour le mérite verzierten Polizeioffizier beauftragt, für republikanische Ruhe und Ordnung bei einer Demonstration städtischer Arbeiter für die Bewilligung halbwegs der Teuerung angepaßter Entlöhnung zu sorgen. Er tat’s, indem er mit Bajonetten in den hungrigen Bäuchen herumstochern ließ: 10 Schwerverwundete. Jetzt hat man einen auf 24 Stunden beschränkten Generalstreik beschlossen, aber da sogleich die „Technische Nothilfe“ zur Betreuung der „lebenswichtigen“ Betriebe allarmiert werden sollte, gleich erklärt, daß man die Wasser- und Gasversorgung selber sicherstellen werde. Damit ist dieser ganze Streik wieder mal ein bloßes Fuchteln mit gefesseltem Arm. Ganz töricht ist, daß man mit diesem befristeten Streik gleich wieder bestimmte Forderungen verbindet. Entweder man will demonstrieren und durch Stillegen der Arbeit das Kapital in bestimmten Grenzen schädigen, – dann darf man einen eintägigen Generalstreik machen, – oder man will mit Streik Forderungen durchsetzen: dann darf man ihn nicht befristen und geknickt wieder an den Schraubstock gehn, wenn die Gegenseite erklärt hat, von den 24 Stunden nicht überzeugt worden zu sein, sondern dann bedeutet der Streik ein Entweder-Oder und muß bis zum Erfolg oder bis zum Zusammenbruch in sich selbst durchgeführt werden. Aber wir leben halt in Deutschland, wo auch die Kommunisten kein höheres politisches Ziel wissen als die „Einheitsfront“ mit den Ebertinern und Noskiden. – Trübe sehn auch die Berichte über den Verlauf der Maifeier aus. Man hat, sowenig wie am 20. April eine einheitliche Aktion des Proletariats zustande gebracht. Wofür auch? Die Sozialdemokratie kennt heute für den Mai noch keine höhere Forderung als den 8-Stundentag. Alles andre „Gegen den Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus“ ist ja bei ihnen Phrase, da sie überall die Regierungssitze der kapitalistischen, imperialistischen, militaristischen Exploiteur-Staaten entweder schon mit ihren rötlich geschminkten Ärschen bedecken oder doch bedecken möchten. Aber auch Unabhängige und Kommunisten können sich zu keinen sozialistischen und revolutionären Forderungen aufschwingen, – und daß man in der Tat 3½ Jahre nach Einführung des 8Stundentags in Deutschland immer noch für diese Revolutions-„Errungenschaft“ zu kämpfen hat (also nötigenfalls auch demonstrieren muß) beweist ja der tatsächlich zähe Kampf, in dem die Arbeiter der süddeutschen Metallindustrie nun viele Wochen um die Erhaltung der Arbeitszeit sich abmühen. – Im übrigen prügeln sich im neuen Deutschland dauernd Proletarier und nationale Studenten um die Farben ihrer Fahnenlappen, wobei die Arbeiter zwischen schwarz-rot-gold und schwarz-weiß-rot einen viel größeren Unterschied sehn, als zwischen schwarz-rot-gold und rot. Auch das ist ein Zeichen, wohin es schon gekommen ist, und der Vorfall bei der Maifeier vor und in der Leipziger Universität, wobei selbstverständlich die Polizei der „rein sozialistischen“ – mit dem Unabhängigen Lipinski als Innenminister in diesem Ressort vertreten – Regierung für die Studenten Partei nahm und ihre Plempen auf die Proletarier sausen ließ. – Um bei dem „Geist“ der „neuen Zeit“ zu bleiben, bedarf es ja nur eines Umblicks in Bayern, das tagtäglich neue Beweise einer kernigen deutschen Gesinnung liefert. Jetzt war der Reichsbund der Republikaner in München generalversammelt (was immerhin Mut bewies). Zu dieser Tagung hatte man sich als Champion meinen alten Freund Grumbach verschrieben, der als Elsässer jetzt natürlich Franzose ist und von der Presse natürlich als „Verräter“ berotzt wird, weil er schon früher nicht fand, daß seine Heimat unter Zaberner Methoden am glücklichsten dran sei. Grumbach hat also den deutschen Republikanern Grüße aus Paris überbracht. Dann sollte er noch in München in einer Versammlung reden. Das wurde ihm aber von Herrn Nortz verboten, der in seiner Begründung durchblicken ließ, daß man den Mann gegen die Wut des beleidigten Teutonentums nicht wohl werde zu schützen brauchen. Da bricht man lieber die Verfassung und verbietet ihm das Reden überhaupt. Heut aber lese ich, daß er nun auch noch verhaftet sei, weil er gegen die Einreise-Bestimmungen verstoßen habe. – Ich bin gespannt, ob nicht von Paris her ein zarter Wink kommen wird, daß man gefälligst Grumbach wieder freilassen möchte. Dann wird sich Graf Lerchenfeld sofort selber bemühen, der schon wieder mal – diesmal im sozusagen feindlichen Ausland – nämlich in Karlsruhe geredet und sein christliches, reichsdeutsches und verfassungstreues Herz geoffenbart hat. Etwas Versöhnlicheres wie diesen Herrn, der für die Verhältnisse in Niederschönenfeld die Verantwortung hat, aber nicht herkommt, weil seiner milden Christenseele das Leiden der Mitmenschen, wenn sie auch bloß politische Verbrecher sind, zu weh täte (vermutlich ist das der eigentliche Grund seiner kühleweinseligen Passivität), hat es in der Welt noch nicht gegeben, aber auch kaum je einen vollendeteren Typus des Wortchristen, dem das Werkchristentum ein Greuel und ein Abscheu ist. Er hat in Wahrheit Staat und Kirche in seinem Innern getrennt, sodaß für die Praxis der Nutzen des Staats, für die Theorie der Buchstabe der Kirche seine Schritte lenkt. Bayern ist unter seiner Leitung wie vorher für alle Materialsammlung zur deutschen Mentalität die Quelle geblieben, aus der das aufmerksame Ausland am ergiebigsten schöpfen kann. Jetzt ist der Kriegsschuldprozeß – Fechenbach-Coßmann – auch glücklich soweit zu Ende gebracht worden, daß die Urteilsverkündung auf nächsten Donnerstag angesetzt wurde; sie wird das Bild dieses erstaunlichen Prozesses nicht mehr ändern. Der moralische Sieg ist auf der ganzen Linie von den Beklagten der monarchistisch-alldeutschen Richtung erstritten worden. Es hat sich herausgestellt, daß in der deutschen Republik als sachverständig in geschichtlichen Dingen nur gilt, wer die Untadeligkeit der dynastischen Politik in allen Punkten bekräftigt. Eisner (und mit ihm Förster und Harden) hat den Prozeß verloren. „Der tote Schuft“ sagt der Miesbacher Anzeiger bei diesem Anlaß und preist den „jungen Helden“, der für seine „nationale Großtat“ immer noch in Landsberg eingesperrt ist. Das Schönste bei der Verhandlung ist aber, daß die „deutsche Schuldlüge“ (von der zu reden richtig wäre, wenn man nicht das Gegenteil meinte) nun auch von der „beleidigten“ Seite de- und wehmütig als Irrtum zugegeben wurde. Fechenbach, der ein Commis ist und sich als Commis präsentiert hat, hat sogar die Stimme des toten Eisner aus der Aschenurne zu einem kläglichen Dementi bemüht, indem er – sozusagen im Namen Eisners – erklärte, wenn der seinerzeit gewußt hätte, was er – Fechenbach – jetzt weiß, hätte er seine Meinung, Deutschland sei allein am Kriege schuld – auch nicht aufrecht erhalten, und Loewenfeld, sein Verteidiger hat sogar nach den Ergebnissen dieses Prozesses – nämlich den Aussagen der „Sachverständigen“, die zumeist ihre Verteidigung für die eignen Taten führen mußten – jeden für einen Schuft erklärt, der jetzt noch Deutschlands Alleinschuld behaupte. (Als ob’s notabene auf die moralische Wertung ankäme. Man redet von „Schuld“. Ich hätte als Sachverständiger erklärt, die Schuld liegt im System, und wenn Frankreich, England oder Rußland für sich den Krieg für geschäftlich nützlich gehalten hätten, hätten sie nicht gezögert, ihn zu provozieren oder zu erklären. Beweisbar aber ist, daß man ihn dort nicht für zweckmäßig ansah, und daß er von Deutschland und Österreich, wo man diesen Kalkulationsfehler beging, verursacht, veranlaßt und veranstaltet worden ist). In diesem Moment, wo man in Genua angeblich die Konsolidierung der kapitalistischen Weltpolitik finden will, ist dieser Prozeß eine Belastung des deutschen Kontos im Bilanzbuch der Gläubiger, mit der jeder, der revolutionär denkt und also eine Festigung der alten Mächte fürchten muß, nur höchst zufrieden sein kann. Jetzt ist’s erwiesen, daß die deutsche Republik (die das Zeugnis Lichnowskys zur Aufklärung der Wahrheit verbietet) bewußt und bis in alle Volks- und Behördenkreise hinein garnichts andres sein will als der Nolens-volens-Ersatz für die gewesene Kaiserei. Dieser Beweis zugleich mit der Rapallo-Schiebung, zugleich auch mit dem Bekanntwerden der Wittelsbacher Ersatzansprüche an den bayerischen Freistaat (sie verlangen die Auslieferung von Milliardenwerten, darunter die sämtlicher staatlicher Kunstsammlungen – und werden natürlich alles kriegen) – das wird teuer kommen für die gescheiten Staatsbetreuer in München und Berlin. – Eine eingehende Betrachtung über die weiteren Vorgänge in und um Genua versage ich mir heute. Jeden Tag gibt’s eine neue „Krise“, und jeden Tag wird sie wieder verkleistert. Momentan machen die Franzosen große Schwierigkeiten wegen des Memorandums an Rußland, sie haben sich mit Belgiens Unterschriftsverweigerung solidarisch erklärt und verlangen anscheinend die absolute Rückerstattung alles verstaatlichten Eigentums an die früheren Privatbesitzer, bzw. deren Entschädigung zum vollen Wert. Ob Tschitscherin – der übrigens nun auch noch persönlich zum Papst fährt – auch das schlucken wird – wollen’s abwarten. Unmöglich ist garnichts mehr. Lloyd George scheint alle Kunst auf irgendwelche Rettung des Scheins zu verwenden. Die Franzosen – die man bei uns als Kannibalen auffrisiert – zeigen wenigstens einen klaren Willen, nämlich den, nicht unter allen Umständen x-beliebige Ergebnisse heimzutragen, sondern nur zu unterzeichnen, was ihnen aus ihrer Finanzklemme hilft; die Engländer streben auch gegen hohe Bezahlung die Erreichung eines modus vivendi an, um ihr Arbeitslosenheer zu vermindern und den deutschen Dumping zu kompensieren, – weshalb man sie hierzulande wie die Heiligen anbetet; die Italiener als Gastgeber unterstützen sie, um als Gastgeber nicht mit einem zu dicken Fiasko schlechten Eindruck zu machen, und die Neutralen, weil sie endlich mit beiden Parteien erträglich arbeiten möchten; die Russen – die ja nicht mehr als Vertreter des kommunistischen Prinzips sondern womöglich als pares inter pares betrachtet werden wollen, ducken sich unter bramarbasierender Rückzugsmusik unter jede Bedingung – schließlich werden sie auch den französisch-belgischen Artikel VII fressen –, um aus dem Schlamassel herauszukommen; – und die Deutschen „kämpfen“ um die hübsche Geste, mit der sich Herr Rathenau den Blödianen des Reichstags als erfolgreichster aller Politiker empfehlen kann. Europa schminkt sich wieder – das horizontale Gewerbe soll noch lange das Geschäft lohnen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, den 6. Mai 1922.

Zunächst eine im Haus zirkulierende Nachricht (der Niederschönenfelder terminus technicus für unverbürgte Gerüchte oder gewagte Rückschlüsse aus bestimmten Vorgängen heißt „Latrinen“-Gerüchte). Viele Genossen wollen gesehn haben, wie der Staatsanwalt Hoffmann einen Gast im Hausanwesen herumführte, der die Aufseher und Beamten mit Händedrücken beglückte und in dem man unsern früheren Vorstand Schröder (jetzt Vorstand in Aichach) erkennen wollte. Daraus werden allerlei Schlußfolgerungen gezogen, und jedenfalls entbehrt diejenige nicht der Wahrscheinlichkeit, daß Schröder wieder hierher zurück soll. Der 15. Mai war auch im vergangenen Jahr der Termin des Vorstandswechsels, Vollmann ging und Kraus kam. Inzwischen ist Herr Hoffmann hier schon länger auf seinem Posten als man bisher irgendeinen seiner Vorgänger behielt (8 Monate). Kommt hinzu, daß in den offiziellen Mitteilungen über Veränderungen im Justizdienst letzthin allerlei Interessantes zu lesen war, u. a. daß der Staatsanwalt Lieberich (auch eine der ruhmvollsten Gestalten im staatlichen Rachefeldzug gegen die Räterepublikaner) auf 6 Monate von allem Dienst dispensiert sei (er wird schwerlich wiederkehren), da mag man wohl den erfolgreichen Regisseur des „Geiselmord“-Prozesses als geeignetsten Nachfolger ansehn, wenn ich auch nicht glaube, daß Hoffmann die Regentschaft über sein Niederschönenfelder Königreich gern aufgibt, – es sei denn, daß er sich durch beträchtliche Ressourcen-Erhöhung bezahlt mache. Stimmt es also, daß er überhaupt ersetzt werden soll, so würde das Zurückgreifen auf Schröder als seinen Ablöser jedenfalls keine unwillkommenen Rückschlüsse zulassen. Schröder war unter den Vorständen, die wir hier kennen gelernt haben, persönlich zweifellos der sympathischste (wobei seine reaktionäre Gesinnung außer Betracht bleibt). Es wäre nicht ausgeschlossen, daß von Berlin her ein gewisser Druck geübt ist, um Lerchenfeld zu veranlassen, dem ungeheuren Skandal in aller Welt wegen des Strafvollzugs hier durch irgendein äußerliches Entgegenkommen Rechnung zu tragen. Seinerzeit sind gegen Schröder sicher nicht viel Beschwerden eingelaufen, da der Mann sich immer bestrebt gezeigt hat, nach schikanöser Absicht schmeckende Härten zu vermeiden, andrerseits aber (4. Januar 21!) den oberstaatsanwaltlichen Übergriffen doch nicht seine bessere Einsicht entgegensetzte. Stimmt also die Berufung dieses Vorstands, so hätten wir vermutlich mit einer gewissen Lockerung der Hausdisziplin zu rechnen, ohne daß dabei im Prinzip etwas geändert würde. Falls nicht zugleich Kraus als Chef des Chefs wegmuß, wäre also an die Einführung einer halbwegs gesetzlichen Strafvollstreckung – und wäre es nur im Sinne der Müllerschen Rechtsbeugungen – kaum zu denken, und nur ein etwas weniger qualvolles Verfahren etwa bei Besuchen oder beim Gitterverschluß abends oder dergleichen käme in Frage. Immerhin wäre auch das schon ein Fiasko Kühleweins (der übrigens neuerdings dem Staatsrat Meyer in der Landtagsbelügung den Vortritt zu lassen scheint). Wichtiger als alle diese Personenfragen ist jedenfalls die, ob die ganze Festungsherrlichkeit überhaupt noch lange Bestand hat. Zenzl macht in ihrem letzten Brief neue Andeutungen, als ob sie schon zu Pfingsten größere Dinge erwarte. Es geht aus dem Schreiben u. a. hervor, daß sie mit Krestinski weiterhin korrespondiert (ihre Energie und Initiative ist über alle Beschreibung großartig), und daß sie sogar mit unsrer Übersiedlung nach Rußland in absehbarer Zeit rechnet. Dazu würde die Antwort stimmen, die die Rote Gewerkschaftsinternationale Moskau durch Brandler dem A. D. G. B. auf die letzte Forderung gegeben hat, man möge die 47 Sozialrevolutionäre amnestieren. In dieser Antwort wird ausdrücklich erklärt, daß diese Delinquenten zum Austausch gegen deutsche Revolutionäre zur Verfügung stehn. Was vor 1½ Jahren schon einmal erörtert wurde, meine und andrer politischer Gefangener Auswechselung nach Rußland, scheint also jetzt wieder Gegenstand von Verhandlungen zu sein. Da ich dem Seppl genaue Instruktionen für diesen Fall gegeben habe, ist Zenzl erfreulicherweise grade jetzt orientiert, wie ich mich zu einer solchen Eventualität stelle, bzw. für wen ich außer mir Bemühungen nach dieser Richtung für wesentlich halte. Über mein eignes Verhalten den russischen Genossen gegenüber bin ich mir im Klaren und auch sie sind orientiert. Ich würde zu ihnen gehn, wenn mir keine Aufgabe zugemutet wird, die meiner Überzeugung widerstrebt, und ich würde mich verpflichten, nichts gegen die Sowjetregierung zu unternehmen und im Falle der inneren Unmöglichkeit, mit ihr zu arbeiten, mich zum Verlassen Rußlands zu bequemen. Außerdem müßte ich Zenzl mitnehmen dürfen (und hoffentlich auch Seppl, den ich nicht wieder von mir lassen möchte). Lieber als alle diese Eventualitäten wäre mir die Amnestie, aber von der ist immer noch nichts rechtes zu merken. Es hängt alles von Genua ab. Nach den heutigen Nachrichten ist da allerdings insofern eine Klärung eingetreten, als eine neue saftige Note der „Repko“ (Reparationskommission) nach Berlin gefeuert wurde. In dieser Note wird der Vertrag von Rapallo nun sozusagen anerkannt, d. h. die Kommission verzichtet anscheinend darauf, ihn einfach zu zerreißen. Sie fordert aber Deutschland zu einer klaren Aeußerung darüber auf, wie es sich die Vereinbarkeit des Vertrags mit dem von Versailles (§ 298) denkt und kündigt an, alle zwischen Deutschland und Rußland aus dem Rapallovertrag entspringenden Geschäfte genau auf die Rechte der Sieger aus dem Versailler Vertrag zu kontrollieren. Die Note ist trotz äußerlich konzilianter Formulierung eine knallende Ohrfeige für Rathenau und schiebt Deutschland mit aller Offenheit in die Rolle eines zu Gehorsam verpflichteten Vasallenstaats zurück. Man wird es fressen, wird einen Erfolg der hervorragenden Politik Wirths und Rathenaus draus machen und wird weiterwursteln wie bisher. Zunächst hat man ja bis zum 31. Mai Zeit – und hier heißt Politik treiben nichts andres als sich von 14 Tagen zu 14 Tagen vom Abrutschen ins Haltlose zu retten –, und da sich nun zeigt, daß man offenbar in Paris und Brüssel durchaus nicht böswillig alle europäischen Geschäfte sabotieren will, was allerdings jeder loyale deutsche Patriot glauben muß, will er nicht suspekt werden, so ist ja in der Tat nicht ausgeschlossen, daß noch vorher das abgelehnte Ultimatum zurückgezogen und durch andre Diktatbestimmungen für die Reparation ersetzt werden könnte, die dann natürlich – sie mögen aussehn wie sie wollen – angenommen und als neuer Erfolg plakatiert werden. – An innerdeutschen Ereignissen mag als symptomatisch konstatiert werden, wie in diesen republikanischen Zeitläuften ein einziger gerissener Mensch grundstürzende Änderungen in der Politik seines Landes bewirken kann. Der Fall hat sich in Braunschweig zugetragen und sein Namensträger ist mein einstiger anarchistischer Genosse Sepp Örter. Dem hat man seinen Ministerpräsidentenstuhl vor einigen Monaten unsanft unter dem Hintern weggezogen, weil er für den Fall seines plötzlichen Rücktritts ins Privatleben sich vorsorglich und unter Betonung seiner Amtsmacht ein Pöstchen im Dienst eines Kapitalisten zu sichern versuchte. Der belastende Brief ist aber nie abgeschickt worden, doch waren ja seine Angreifer „Sozialisten“ wie er und da wars natürlich, daß man den ganzen Gestank zur offenen Tür hinaus und in die Nasen aller moralischen Bürger hineinließ. Aber Sepp Örter ließ sich nicht geduldig den Interessen proletarischer Schieberführer zum Opfer bringen. Er ließ seinen Demaskierern ebenfalls die Hosen herunter und deckte von allen seinen Ministerkollegen der MSP und USP ebenfalls kleine Dreckereien auf, die selbstredend, wenn sie mal öffentlich sind, noch viel mehr stinken, als die größten Lumpereien. Man machte eine parlamentarische Untersuchung, die Herrn Junke, den Innenminister belastete, weil in der Schupo nicht alles sauber war, und nun wurde im Landtag über ein Vertrauensvotum für das „rein sozialistische“ Ministerien abgestimmt. Örter erklärte, er werde stets für ein sozialistisches Kabinett stimmen, nur für dieses, das ihm derartig verrucht mitgespielt hat, könne er nicht stimmen; er schloß sich also den bürgerlichen Gegnern des Kabinetts Antrick an und entschied mit seiner, der 30ten Stimme gegen die 29 vertrauenden Sozialisten den Sturz der Regierung, für die nun wahrscheinlich eine „große Koalition“ mit Stinnesleuten vortreten wird. Eine reizende Illustration zu dem ganzen parlamentarisch-demokratischen Humbugsystem. Aber auch höchst bezeichnend für die Vertreter des deutschen Proletariats. Die kleinen Schweinereien, die überall vorkommen – ich möchte mal Einblick kriegen in die Geheimarchive beispielsweise der Münchner Polizei unter Pöhner! – werden von den Parteisozialisten höchst feierlich vor die Öffentlichkeit gewälzt, wenn dadurch ein Parteisozialist der andern Fraktion schmutzig gemacht werden kann. Und dann brüllt alle Welt: da sieht man, welche Korruption in Sozialistenkreisen herrscht, – statt daß man viel verzeiht, grade weil die betreffenden aus kleinen und in Not lebenden Verhältnissen stammen. Die Bürger halten zusammen. Die recht kompromittierende Wein-Affaire des Herrn Hermes hat Herrn Ebert nicht zurückgehalten, diesen Mann grade im Augenblick, wo die Anwürfe gegen ihn laut wurden, zum deutschen Reichsfinanzminister zu erheben. Jetzt hockt er mit seiner bekleckerten Weste als offizieller Vertreter des Reichs in Genua und wird sogar als Anwärter für den Reichskanzlerposten genannt. Armes Proletariat! Du mußt erst lernen, was Klassensolidarität heißt!

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 8. Mai 1922.

Häusliches: Vorgestern ist Egensperger wieder heraufgekommen, sodaß jetzt nur die eigentliche „Zentrale“ und Taubenberger unten ist, also die, die in die geheimnisvolle Nickl-Angelegenheit persönlich verwickelt sind. Olschewski und Taubenberger waren schon vor dieser Geschichte unten, Egensperger, Seffert und Podubetzky waren aus andern Gründen abgesondert. Dem roten Luki ist es also nicht gelungen, via Erlangen freizukommen, wie man denn überhaupt von der Methode Erlangen zurückgekommen zu sein scheint, indem man – (Jos. Schmid und Egensperger) – mit der Zwangsjacke ja auch im Hause umzugehn versteht. Übrigens hat der Leiter der Erlanger Anstalt, der uns von der Ebracher Untersuchungshaft her bekannte Kolb kürzlich auf dem Psychiaterkongreß, ich glaube in Bremen, erklärt, fast alle politischen Verbrecher seien Psychopathen. Mir scheint, fast alle Psychiater, die über staatsfeindliche Personen irrenärztliche Gutachten abgeben, sind politische Verbrecher. – Ferner: seit einigen Tagen hat man hier oben die Wasserleitung zwischen den Gängen abgestellt mit der Begründung, die Scherengitter seien in Gefahr zu verrosten. Wir sind dadurch gezwungen, unser Wasch-, Mund-, Trink- und Kochwasser aus dem Abtritt zu holen, aus der Leitung, die über dem Abflußbehälter angebracht ist, in den die Nachttöpfe entleert werden. Veranlasser der Maßnahme ist wieder mal Herr Fetsch. Einwände bei der Verwaltung hätten natürlich keinen Erfolg, und beim Arzt, wo sie versucht werden sollen, selbstverständlich ebensowenig. Für den wahren Grund der Schweinerei halte ich auch nicht die Sorge um die Scherengitter (unsre nächtliche Gangabsperrung, die ganz sinnlos ist, ist natürlich wichtiger als appetitliche Wasserversorgung für Hochverräter) sondern die Gleichstellung mit dem I. Stock, wo man zur Verhinderung irgendwelcher Begegnung der in Einzelhaft abgesonderten und in der Entlassungs-Quarantäne gehaltenen Genossen die Abgangskandidaten den ganzen Tag im mittleren Scherenkäfig hält, sodaß sie an die allgemeine Wasserleitung nicht herankommen, und also auch die ganze Wasserversorgung aus dem Scheißhaus decken müssen. – Im übrigen geht alles wie immer. Konfiskationen von Zeitungen erfolgen täglich in großem Umfang, – heut wurden allein 7 Blätter vorenthalten, und das ist immerhin kein übles Zeichen, da man schließen darf, daß entweder die Amnestieforderung allgemein oder Aufklärungen des Arbeiterpublikums im besonderen über bayerische Justiz- und Festungsverhältnisse den Eifer des Zensors beflügeln. – Über die Ereignisse im politischen Geschehn heute nichts, da ich gestern den ganzen Tag aus meiner Zelle herausmußte, ohne meine Briefe schreiben zu können, was ich heut nachholen muß. Die vom I Stock heraufversetzten Genossen – der Berufskomiker Huber als Leiter – veranstalteten nämlich, mit eingeholter Erlaubnis der Verwaltung eine Aufführung von Ludwig Thomas „I. Klasse“ und die Bühne mußte grade vor meinen Zellen über unsern Seitengang gebaut werden. Die Aufführung selbst war eine kleine Abwechslung, die man sich wohl gefallen lassen konnte und ging ganz niedlich vor sich. Das anspruchslose Auditorium war sehr befriedigt. – Amüsant ist folgendes: man hatte eingegeben, die Verwaltung möge den Genossen vom I Stock für die Stunde der Vorstellung gestatten, als Zuschauer heraufzukommen. Bescheid: Abgelehnt – „aus Sicherheitsgründen“! Armes Bayern! Was diese „Ordnungszelle“ schon alles in Unordnung zu bringen droht! – Unsre von Rußlands Politik immer noch begeisterten Parteikommunisten (in unserm Kreis sind besonders Thierauf und Zäuner unerschütterlich davon überzeugt, daß was ein Sowjetmann macht, nie verkehrt sein kann) sind seit einigen Tagen gradezu besoffen vor Glück über Tschitscherins und Krassins große Genueser „Erfolge“, während in Wirklichkeit auch die allerletzten revolutionären Werke von 1917 in höchster Lebensgefahr sind. Vorgestern hieß es nun, England und Italien hätten Sowjetrußland „de jure“ als Rechtsstaat anerkannt (in das Wort „de jure“ ist man ganz verliebt hier, ohne dabei klar zu wissen, was es eigentlich besagt). Nun hat sich diese Nachricht noch garnicht bestätigt, wenn es auch möglicherweise nur noch ein paar Tage damit dauert – darüber morgen, ebenso über den reizenden Petroleumkonflikt England-Amerika –, bis man Sowjetrußland offiziell anerkennt – nämlich als revolutionär ungefährlich. ... Totenliste: man hat jetzt die Leiche des seit einigen Wochen nach finanziellem Bankrott vermißten Justizrats Anton Gänßler irgendwo in der Nähe von München aus dem Wasser gezogen. Seine 6 Millionen Defizit interessieren mich nicht. Geschäft oder Betrug – wer kennt die Grenzen? Aber er war ein hervorragender Anwalt – vor dem Standgericht verteidigte er in meinem Prozeß Wadler, und ich hatte mir vorgenommen: wenn ich mal wieder einen Rechtsbeistand in einer großen Sache brauche, sollte es dieser sein. Das Projekt ist also buchstäblich ins Wasser gestürzt. – Ach so, ehe ich schließe, fällt mir ein: Murböck hat irgendwem einen Brief geschrieben mit folgendem Bericht. Er war beim Auervater (das ist glaubhaft, ebenso daß er schon – wie mir auch Seppl bestätigt – ein Bonzenpöstchen bei einer Gewerkschaft erwischt hat). Der große Volksmann hat seinem Verehrer die verlangte Aufklärung gegeben, warum es in Bayern immer noch nicht mit einer politischen Amnestie vorwärts geht. Danach war schon alles im besten Lot, er, Auervater hatte schon die lange Liste der zu entlassenden Festungsgefangenen in der Hand – da kam das Verhängnis: nämlich Niekischs Vorstoß im Landtag, und da war natürlich alles verloren, und jetzt ist man so weit als wie zuvor. Ich bin vollkommen überzeugt, daß Murböck über Auers Mitteilungen die lautere Wahrheit berichtet hat. Aber die Lumperei dieses politischen Oberschiebers ragt doch schon ins Phantastische. Niekisch, der hier drinnen unter den Festungsgefangenen gewiß keine erquickliche Rolle gespielt hat, hat draußen alles wieder gut gemacht durch die wirklich famose offensive Taktik, mit der er unsre Interessen vertreten hat. Alle seine Bemühungen aber wurden durch das hundsföttische Verhalten der Auerochsen zuschanden, die sogar gegen eine Teilamnestie stimmten und ausgerechnet Roßhaupter zu unsrer Extrabeschimpfung vorschickten. Auers Münchner Post hat von Anfang an alles verschwiegen, was der Regierung gegen uns zum Vorwurf gemacht wurde, sie hat ihr Totschweigesystem soweit getrieben, daß sie ihren Lesern nicht einmal über die Haltung der Partei selbst in der Amnestiefrage die Wahrheit gesagt hat. Wir wissen, mit welchem Aufwand tückischster Demagogie speziell Auer alles in Bewegung gesetzt hat, um seine Parteigenossen im übrigen Reich von jeder Hilfe für die politischen Inhaftierten zurückzuhalten. Seine neueste Leistung zählt zu den hellsten Lichtern auf dem Bilde dieses Charakters. Zum Personalakt!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 10. Mai 1922.

Genua füllt immer noch alle Zeitungsspalten, und was Deutschland betrifft, so wird hier wieder dermaßen gelogen, daß man kein richtiges Bild gewinnen kann. Ausländische Blätter aber kann man sich teils wegen der Valutaverhältnisse, teils deswegen nicht kommen lassen, weil hier drinnen die Ordnung und Sicherheit durch jede französische Vokabel gefährdet wird. Der Vorgang der Konferenz verläuft in der stets abwechselnden Folge von „Krisen“ und Frühstücken. Es ist unheimlich, welche Rolle die Mahlzeiten und der Wein im Schicksal der Völker spielen. Bald speisen die Herren Wirth und Rathenau bei Herrn Lloyd George, bald die Herren Tschitscherin und Krassin bei Herrn Rathenau, bald Herr Barthou bei Herrn Schanzer und bald Herr Lloyd George bei Herrn Barthou: und jedes Mal knistern dazu die Papierservietten Europas und versichern, daß auf diese Weise historische Entscheidungen getroffen worden sind. In den letzten Tagen war die englisch-französische „Krise“ der große Schlager im Programm der Programmwidrigkeiten. Herr Barthou war in Paris bei Poincaré, und die Franzosen blieben dabei, daß das Memorandum an die Russen durch ihren Artikel 7 verschönt werden müsse, sonst täten sie und die Belgier nicht mit. Das soll nun den britischen Premier in die höchste Wut versetzt haben, und unsre Gazetten schäumten vor moralischer Entrüstung gegen die Westnachbarn, die – wie letzthin ein Patriot erklärt hat – nur durch Kreuzung von Tigern und Affen zustande gekommen sein können. Zugleich wurde Lloyd George zu einem Muster edler und gerechter Charakterstärke erhoben – das perfide Albion und das verräterische Italien nisten wieder tiefgeliebt in jedem treudeutschen Herzen, neben ihnen nur noch der ekelste Feind alles Menschentums, der verruchte bolschewistische Mörder und Menschenfresser –, und man las einen Ausbruch heiligen Zorns des trefflichen David [Lloyd George], wobei er Herrn Barthou die Entente cordiale gekündigt und seine ausgebreiteten Arme zu ewiger Brüderschaft den lieben Deutschen entgegengestreckt habe. Die Konferenz war schon gescheitert, aber da wir ja den Rapallo-Vertrag im Sack haben, konnte uns das grade recht sein: daß den Herren Wirth und Rathenau, die für ihre Auslandspolitik als bestimmenden Ratgeber den kaiserlichen Junker Maltzahn nach Genua mitgenommen haben, und der soll der spiritus rector der Gescheitheit sein – daß den deutschen Diplomätchen erst von den Franzosen allein lügenhafte Behauptungen, dann von allen 9 Signatarmächten Illoyalität und falsche Verdächtigungen, für die nicht der Schatten eines Beweises erbracht sei, vorgeworfen ist, daß Lloyd George sich geweigert hat, Rathenau zu empfangen, daß man die Deutschen – alles wegen des Rapallomanövers – unter alle Kongreßteilnehmer offen deklassiert und sie von der Mitberatung wichtiger Entscheidungen ausgeschlossen hat, – alles das weiß von 100 Deutschen höchstens noch einer. 99 lassen sich tatsächlich vormachen, daß Lloy[d] George in der Welt keine größere Sehnsucht kennt als sich mit Deutschland und Rußland gegen Frankreich zu liieren. Nun platzt in diesen schönen Traum die Erweckung: Lloyd George hat sich von Barthou öffentlich bestätigen lassen, daß er niemals etwas vom Bruch der Entente geredet hat, und beide überbieten sich in Versicherungen, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihren Ländern niemals an ihrer heißen Liebe tippen können, und daß wohl die Genua-Konferenz auseinanderplatzen kann, aber niemals die Entente England-Frankreich. Dieser Schwindel ist nicht besser als der andre, zeigt aber, wie grenzenlos blöde und gewissenlos die Schmöcke lügen. Wahr ist, was Franzosen und Engländer übereinstimmend versichern, daß der Fortgang der ganzen Gaudi von den Russen abhängt. Nehmen sie das Memorandum an – selbst ohne die belgisch-französische Zusatzklausel – so wird weiter gewurstelt. Andernfalls geht man auseinander und lügt, ein jeder nach seiner Melodie, dem andern die Schuld an. Wenn Voraussagen hier überhaupt Zweck haben, so nehme ich an, daß die Russen sehr weit entgegenkommen werden und sich alle erdenkliche Mühe geben müssen, durch dilatorisches Verfahren etwas Positives nach Hause zu bringen: nichts, was den Kommunisten interessieren kann – denn den haben ja Lenins Emissäre vorher ausziehn müssen, ehe sie sich auf die Reise machten –, aber was Rußland schnellstens zu großen Krediten hilft. Lassen sie es in Genua wirklich zum Scheitern kommen, was ich vorläufig sehr bezweifle, dann wäre das ein Zeichen, daß sie von Amerika aus Zusicherungen haben, die jedenfalls abhängig gemacht werden von der Überlassung der Ausbeutungsrechte in den Petroleumgebieten. Amerika hatte sich in Genua desinteressiert erklärt, da es sich um europäische Angelegenheiten handle. Man wollte also drüben nur beobachten, bis die europäischen Politiker ihre Geschäfte untereinander ins Reine gebracht hätten, und dann das Geschäft machen, wenn’s ans praktische Ausbeuten der Völker ginge. Die Petroleumquellen im Kaukasus haben ihnen den sauberen Plan vorzeitig bekleckert. Da man die Herren Rußlands schon mal als Tischgenossen um sich sah, zögerten die britischen Spekulanten nicht, mit ihnen außerhalb des offiziellen Programms – eben bei Austern und Portwein – im Jargon geriebener Geschäftsleute zu reden und zu zwinkern, und da wurden dann die desinteressierten Amerikaner plötzlich sehr interessiert und in den Handelsteilen der Zeitungen wird der Konflikt ausgekämpft, der sich zwischen amerikanischen und britischen Russenräubern herausgewachsen hat. Die Sache ist nur wertvoll als besonders typisches Beispiel für die Brutalität der Kapitalisten überhaupt, die von Rechtsgrundlagen reden und das Portemonnaie meinen und für die Schwierigkeit, die internationalen kapitalistischen Interessen mit einander auszugleichen, eine Schwierigkeit, die vom internationalen Proletariat nur begriffen zu werden brauchte, um den Vorteil der eignen Situation zu erkennen. Aber – und das gilt hauptsächlich wieder für Deutschland – damit hat’s gute Wege. Das Geschrei „Einheitsfront!“ ist das einzige, was unsre „Revolutionäre“ wissen. Was sie sich aber darunter vorstellen, ist grotesk. Die „drei Internationalen“ sollen die Einheitsfront machen, also die Bonzenvereine, die in einem Punkt ja wirklich schon einig sind, in der Ablehnung, mit Antiautoritären, Antiparlamentariern, konzessionsfeindlichen Klassenkämpfern gemeinsam zu handeln. Anarchisten und Syndikalisten werden nicht zugezogen zu der Gemeinschaft, zu der am lautesten die Kommunisten aufrufen. Ich würde ihnen aber auch abraten, sich in diese „Einheitsfront“ einzureihen. Worin soll ich mich denn mit den Leuten einigen, der[die] genau das nicht wollen, was ich will, nämlich Revolution, Kommunismus, Rätediktatur, Expropriation der Expropriateure; und die Dinge wollen, die für mich Greuel aller Greuel sind: Auszählungs-Demokratie, Geldsack-Konstitutionalismus, „Arbeitsgemeinschaften“ mit den Ausbeutern, Tarifschwindel, Arbeiter„kampf“ durch Verhandlungen, Disziplin unter pensionsberechtigte Partei- und Gewerkschaftsbeamte, Kleinrentnertum statt Sozialismus! – Im übrigen ist es mit der inneren Ehrlichkeit derer, die sich zur Einheitsfront bekennen und den andern die Sabotage davon vorwerfen, nicht sehr weit her. Zur Zeit inszeniert die III. Internationale eine Hetze gegen die 47 sozialrevolutionären Terroristen, deren Emphase ich wünschte einmal im Kampf gegen wirkliche Konterrevolutionäre aufgewendet zu sehn. Und selbst alle die Personen, die auch nur aus menschlichen Gründen oder als juristische Verteidiger (Theodor Liebknecht wird hauptsächlich mit Dreck beschmissen) ein Wort zugunsten dieser politischen Delinquenten zu sagen wagen, werden wie giftigste Volksverräter denunziert. Im Augenblick, wo der Marxismus in Genua-Rapallo an den höchstbietenden Kapitalisten verschachert wird, ist die Empörung über Sozialisten, die – mögen sie in mancher Hinsicht immerhin rückständiger sein als die ehemaligen Bolschewiki – eine prachtvolle revolutionäre Vergangenheit haben, die das was sie vor 4 Jahren taten, um ihrer – keineswegs verräterischen – Idee wegen taten, und die ganz gewiß die Räteidee nicht so korrumpiert haben oder hätten, wie es ihre Ankläger getan haben, – für den kritischen, einer tendenzpolitischen Suggestion nicht zugänglichen Beobachter keine erhebende Aufwallung sittlicher Stärke. Die „Rote Fahne“ ekelt mich an mit ihrer giftigen Ketzerrichterei gegen die Revolutionäre, die gegen die Machthaber von 1918 aufstanden, weil ihr revolutionäres Prinzip sich beleidigt fand (wer sachlich recht hat, steht garnicht zur Diskussion), und die in einem revolutionären Moment noch immer beim revolutionären Proletariat standen,* aber nicht heute „zu den Waffen“ und morgen „laßt euch nicht provozieren“ schrieen, die auch ihre Hölze weder je im Stich ließen noch verleugneten. Wenn sie aber schon gegen Revolutionäre ihre Blutrache haben müssen, dann sollen sie wenigstens nicht gleichzeitig ihre Opfer beschimpfen, weil sie mit ihnen keine „Einheitsfront“ stellen möchten. Aber so ist es deutsche Art – fluchende Entrüstung und zärtliche Bruderliebe; alles ist käuflich zu haben und wird eingeschaltet je nach politischem Bedürfnis. So machen’s die Bourgeois mit Genua in der Kapitalistenpresse; so machen’s die Kommunisten mit den 47 in der Roten Fahne.

 

* Dies Urteil ist nicht richtig und beruht auf Verwechslung mit den linken Sozialistenrevolutionären. Gotz und Genossen nahmen in der Oktoberrevolution einen traurigen Standpunkt ein. Das ändert aber nichts an der Kritik gegen ihre Richter.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 11. Mai 1922.

Einige Anmerkungen zur Hauschronik zuvor. Wiedenmann ist gestern als erster der eigentlichen Charaktergrößen wieder heraufgekommen. Man wird nun also wohl so nach und nach die Wiederansiedlung oben für alle erwarten dürfen – mit Ausnahme Taubenbergers. Der soll schon wieder in schwerer Disziplinierung sein. Man erzählt, er habe den Arzt rufen lassen und ihn ersucht, er solle ihn untersuchen. Das habe der Doktor mit der Begründung abgelehnt, T. sei ja ganz gesund. Darauf habe der verlangt, er solle seinen Geisteszustand untersuchen. Auch das wurde mit der Feststellung verweigert, daß kein Anlaß zum Zweifel an der geistigen Gesundheit bestehe. Darauf Taubenberger: „Dann sehn Sie mal nach, ob der da vorn (der Staatsanwalt) am Ende geisteskrank ist. Ich wollte bloß wissen, ob ich verrückt bin oder er.“ Folge: 6 Tage Wasser und Brot. Taubenberger scheint’s drauf anzulegen, die paar Wochen bis zu seiner Entlassung in Einzelhaft zu bleiben; der Mensch, der (trotz seiner unheimlichen Lügenhaftigkeit) ein im Grunde ehrlicher Kerl ist, der nur durch seine Aufgeregtheit auf jede Provokation hineinfällt, hat den Ehrgeiz, der radikalste zu sein, und bildet sich ein, möglichst viel Disziplinarstrafen ehren seinen revolutionären Charakter. Den Rekord an Disziplinierungen hat er längst aufgestellt, und ich bezweifle, ob er ihm noch je von irgendwem streitig gemacht werden wird. – Übrigens heißt es, daß die Konfiskation der Gegendenkschrift des Mittelgangs gegen Kühleweins Pamphlet nicht verhindert hat, daß sie doch draußen sei. Die Flut von Zeitungsbeschlagnahmen in diesen Tagen (seit vorgestern sind wieder 10 Zeitungen, außerdem mehrere Zeitschriften, mir z. B. die „Weltbühne“ zu den Akten gegangen) wird denn auch wahrscheinlich mit der neuen Enthüllungsoffensive über Niederschönenfeld aus dieser Denkschrift zu erklären sein. Allerlei Neues wird schon für das Publikum draußen darin stehn, und der Bericht darüber, daß Egensperger 22 Stunden in der Zwangsjacke steckte, ohne inzwischen irgendwelche Nahrung zu erhalten und seine Bedürfnisse in die Kleidung hinein verrichten mußte, ohne sich den ganzen Tag durch reinigen zu können, wird seine Wirkung kaum verfehlen. Ob aber die Wirkung die erstrebte sein wird, proletarische Großleistungen zu fördern, glaube ich nicht, wie meine Hoffnung, je durch die Anstrengungen der für uns auf die Beine gerufenen Arbeiterschaft herauszukommen, vollständig in Nichts zusammengebrochen ist. Kommt die Amnestie, so kommt sie ohne Zutun derer, die sie erkämpfen müßten. Daß sie aber kommt, ist immerhin möglich: entweder gleich nach Pfingsten, wenn die im Februar von Radbruch angekündigte Amnestievorlage der Reichsregierung, die ja von vornherein uns wieder übergehn will, wirklich überhaupt dem Reichstag vorgelegt wird, da werden natürlich von USP, K. A. G. und KPD Anträge zur Ausdehnung auch auf uns gestellt werden. Das Bedürfnis der Regierung, nach Genua triumphierend in Berlin einzuziehn – was durch Aufpflanzung des Radbruchschen Amnestie-„Marksteins“ sicher nicht ungeschickt bewirkt würde, und nach Rapallo den Russen eine Spezialgefälligkeit zu erweisen, käme derartigen Anträgen gewiß entgegen; es fragt sich nur, ob man im Zetkino nicht den Irrsinn wiederholen wird, der uns – das ist noch heute meine feste Überzeugung – im letzten Herbst unsre damals vorzüglichen Aussichten verschüttet hat, daß man nämlich wieder die Amnestie nur gegen links verlangen und die Rechtsopposition ausnehmen will. Dann wäre das ganze nur ein parteipolitischer Propagandafilm ohne praktische Wirkung, andernfalls besteht wieder größte Aussicht, daß die Deutschnationalen sich garnicht zieren werden und die Chance für die Kappisten und die Erzbergermörder wahrnehmen werden. Einen solchen Verzicht auf Revanche würde die Arbeiterschaft sehr gut verstehn, wenn man ihr die Aussichtslosigkeit richtig ausmalt, der das Verlangen nach Bestrafung der nationalen Sünder ohnedies begegnet. Grade jetzt wurden wieder Proletarier zu schweren Gefängnisstrafen verknackt, die bei den – von der Regierung protegierten – Erzberger-Demonstrationen mit den schwarzweißroten Fahnen der Gegendemonstranten nicht zart genug zu verfahren wußten: von den Antreibern zum Erzberger-Mord, von den Mördern und von den lobpreisenden Psalmisten des Verbrechens ist noch keiner bestraft worden (angeblich sollen einige Prozesse – einer in Offenburg, der andre in München(!) demnächst steigen). Aber auch darauf müßte man aufmerksam machen, daß in dieser Republik, die von den hunderten patriotischer Meuchelmörder nie einem etwas tut, die Rache gegen die Revolutionäre von 1919 immer noch weitergeht. Jetzt ist wieder ein roter Soldat der Münchner Maikämpfe, der – während der Kampfhandlungen – einen Weißen erschoß, zu 7 Jahren Gefängnis verdonnert worden. Will man Schluß machen mit dieser Racheorgie, dann muß man sich dazu entschließen, den Strich von links nach rechts durchzuziehn. Vorausgesetzt also, daß die linken Sozialisten einigermaßen geschickt operieren, sind unsre Chancen für die allernächsten Wochen gut. Gelingt es aber der – speziell bayerischen – Reaktion, noch einmal ihre Haßpolitik gegen uns zu behaupten, dann hätten wir uns wohl wieder für mehrere Monate bis zur nächsten Chance zu gedulden. Als diese Chance ist die Reichspräsidentenwahl anzusehn, die nun angeblich im September vor sich gehn soll. Ob sie sehr groß ist, hängt wieder von Umständen ab, einmal vom Proletariat, das ihrem Kandidaten die Verpflichtung abnehmen müßte, bei Amtsantritt die politische Amnestie zu machen, dann von der Richtung des Gewählten, und da würde ich eine Wiederwahl Eberts für unsre nahezu ungünstigste Chance insofern nämlich halten, als die Politik nach der Wahl ohne Spannung aufgenommen würde. Wenn dagegen ein Rechtsnationaler gewählt wird, so würde er wahrscheinlich die Klugheit haben, gemäß der fürstlichen Gepflogenheiten einen feierlichen Staatsakt mit der Gebärde der verzeihenden Großmut zu begleiten. Doch setze ich auf diese Reichspräsidenten-Eventualität keine übertriebenen Hoffnungen. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein bürgerlicher Demokrat den Posten besetzen wird (vielleicht ein Zentrumsmann) ließe eine Nüchternheit erwarten, wie sie unsre republikanischen Koryphäen allgemein auszeichnet – und zwar nicht aus gewollter oder natürlicher Schlichtheit des Wesens, sondern aus Armut an Kultur, Geschmack und Erfindung. Nimmt das bayerische Reaktionspferd auch diese Hürde, dann vertage ich meine Freilassung auf die neue Justizgesetzgebung. Die Vereinheitlichung des deutschen Strafvollzugs, die bestimmt kommt, und die unsre „Festungshaft“ bei ihrer gänzlichen Umstellung in die Formen gesetzlicher Ehrenstrafe als fortgesetzten groben und verbrecherischen Rechtsbruch entlarven müßte, wird in Bayern bestimmt nicht in Kraft treten, solange wir eingesperrt sind. Man wird uns lieber laufen lassen als uns gesetzlich behandeln, – oder ich müßte den Charakter meiner Peiniger falsch kennen. Jedenfalls aber wird Radbruch selbst wohl in Zukunft nie wieder Angriffsobjekt der Reaktion, auch der bayerischen nicht, werden. Selbst Müller-Meiningen hat ihm bestätigt, daß er sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Jetzt hat er der Schandtat gegen die Syndikalisten aus Spanien eine fast noch größere folgen lassen, indem nun auch der Italiener Boldrini an die Rachegeister seiner Heimat ausgeliefert ist: und wieder in aller Heimlichkeit, ohne daß seine Freunde vorher etwas erfuhren. Am 4ten wurde er von Hagen abgeschubt und an die italienische Grenze geschleppt, am 10ten erst melden es die Blätter. Man wußte also, daß man ein lichtscheues Werk tat, und Radbruch wird sich wohl wieder hinstellen und sein eignes Verbrechen (an dem er wenigstens als Mittäter schuldig ist) höchst unerfreulich finden und mit zerkauten Paragraphen verteidigen. Aber die Auslieferung Boldrinis ist noch schlimmer als die Forts und Concepcions; denn Spanien gegenüber konnte man immer noch Paragraphen aus alten Verträgen umdeuten und dann als Strick gebrauchen, die kein Krieg außer Kraft gesetzt hatte. Mit Italien aber hat Deutschland 3½ Jahre lang Krieg geführt. Der hat alle Verträge zerrissen. Aber jetzt sind wir ja wieder so zärtlich befreundet mit Italien, daß wir christlich vergessen und vergeben wollen – den Treubruch, den Meuchelmord aus dem Hinterhalt, auch den „Verrätersalat“ (mit dem die ganze Scheißbande angespritzt gehört) und zum Zeichen unsrer Zärtlichkeit liebevoll jeden Sozialisten an jeden italienischen Fascisten ausliefern. Der arme Radbruch! Sein Name als Ehrenmann ist zerstört, sein Ansehn ist vernichtet, er hat seine Unsterblichkeit errungen auf der Tafel, auf der neben seinem Namen Noske und Hörsing stehn. Ein scheußliches Schicksal und die fürchterlichste Bestätigung alles dessen, was ich je von der „Politik des kleineren Übels“ gesagt habe. Dieser Mann ist kein Krippensozialist, sondern stieg als Ehrenmann auf seinen Ministerstuhl mit der Absicht, seine schönen Ideen und was er für Gerechtigkeit hielt zu verwirklichen. Er ging nicht herunter von dem Platz, weil er meinte, ein andrer müßte all das Schimpfliche auch tun, wozu er gezwungen ist und könnte das Gute, das er beabsichtigt, nicht tun. Und bleibt, und tut, was immer Schmutziges ihm zugemutet wird und glaubt, es werde doch einmal auch gelingen, das Bessere zu tun, und gewöhnt sich an die Schändlichkeit des Amtes und bleibt im Amt, das ihm keine Möglichkeiten gibt, je andres als Schändliches zu treiben, mindestens keine, je eine der Schändlichkeiten zu verhindern, für die er seine Unterschrift zu geben hat. Es ist schon so: wer sich einen Saustall als Quartier aussucht und sich im Schweinekoben heimisch fühlt, der wird immer – ob’s ihn freut oder nicht – mit den Schweinen grunzen, mit den Schweinen stinken müssen. Aber mir tut’s weh um diesen Menschen, unsagbar weh.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 12. Mai 1922.

Ich habe vorhin eine kleine Andachtsstunde gehalten und den Abschnitt „Sonnenuntergang“ aus meinem „Wüste, Krater, Wolken“ gelesen: Friedels Geburtstag, und ich dachte an heute vor 15 Jahren, als sie 31 Jahre alt wurde, und an unser wildes Glück in dem Kämmerchen in der Türkenstraße. – Ob sie diese Liebe vergessen konnte? ... Ich habe meine Zenzl, die ich inbrünstig verehre und liebe; aber die wenigen Frauen, die ich vor ihr liebte, bleiben darum doch in meinem Herzen wohnen und Friedel behält den lichtesten Platz, – sonst käme ich mir selbst untreu vor. Und auch die vielen, vielen Frauen, für die das Wort Liebe zu pathetisch wäre, aber die ich gern hatte und die zärtlich zu mir waren, – sie sollen ihren Altar in meinem Herzen nicht verlieren. Solche Betrachtungen liegen mir jetzt, wo der Frühling trotz allem Aprilwetter an den Bäumen in unserm Hof, auf den Feldern vor unsern Gitterfenstern mächtig hervortreibt, wo die Schwalben in die Zellen kommen und paarweise die Fleckchen zum Nestbauen suchen (die armen Tierchen, sie wissen nicht, daß schon uniformierte Kerkerschergen bereit stehn, ihr liebes Bemühen, wenn es sichtbares Werk geworden ist, roh zu vernichten; sie wissen nicht, was alles um der Ordnung und Sicherheit wegen nötig ist, wenn Menschen Menschen quälen wollen) – da liegen mir solche Gedanken, Erinnerungen und Sehnsüchte nahe und ich empfinde bitter die Trennung von meiner guten Frau und habe arg Heimweh. Noch nie habe ich so stark den Wunsch empfunden, herauszukommen aus dieser unwürdigen Haft wie grade in den letzten Tagen, ist der allgemeine Gedanke hier, eine Amnestie sollte kommen, so stark in mir und für mich selbst lebendig gewesen. Gestern erwog ich die Chancen für die Verwirklichung des Wunsches. Schon heute schlägt die Zeitungslektüre eine von ihnen zu Boden. Und wieder ist Radbruch derjenige, der der Urheber der Enttäuschung ist, die heute tausende von Gefangenen bitter stimmt. Im preußischen Landtag haben in einer Ausschußsitzung Kommunisten angefragt, wie man das Ausbleiben der im Februar von Radbruch zugesagten Amnestie erklären will. Der Ministerpräsident Braun gab Antwort: das Versprechen sei längst eingelöst, und dann tat er, was in Bayern längst in Übung ist; er gab Zahlen an, wieviele Verurteilte aus den Märzkämpfen schon auf dem Wege der Einzelbegnadigung frei geworden sind: und auch, daß „nur noch“ etwa 200 von ihnen festsitzen. Wir kennen die Weise, wir kennen den Text. Jede nationalistische Mordtat, jeder Überfall deutschnationaler Flegel auf rot oder schwarzrotgolden geeinte Proletarier, jede Schamlosigkeit blutrünstiger Pogrombanditen bringt Proletarier, nur immer Proletarier ins Loch und niemals die Schuldigen von der andern Seite. Grade eben erfährt man wieder, daß der junge Mordbube Oltwig v. Hirschfeld, „wegen Geisteskrankheit“ in Freiheit gesetzt ist (Proletarier kommen, wenn sie wirklich geisteskrank werden, in die psychiatrische Abteilung des Gefängnisses, – aber wir leben eben in der freien Republik Deutschland und haben einen sozialdemokratischen Rechtspfleger). Auf die zahllosen unabhängig vom Osterputsch verurteilten Arbeiter wird also diese famose „Amnestie“ überhaupt nicht angewendet, und um die angekündigte Gesetzesvorlage drückt man sich herum, indem man die Humanität in heiligem Eifer sogar stillschweigend und ohne Rechenschaft abzulegen betätigt. Wir wissen hier, wie sowas gemacht wird: ein paar Wochen vor Ablauf der Strafzeit wird Bewährungsfrist gegeben, die Statistik der Warmherzigkeit sieht dann festlich aus, und niemand fragt danach, eine wie lange Zeit der Betreffende schon „gebüßt“ hatte, als ihn die „Gnade“ glücklich erreichte und in welchem Umfang er schon an Gesundheit, Glück und Gütern Einbuße erlitten hat, noch auch, was für Gegenleistungen von ihm verlangt wurden, daß man ihn bevorzugte. – Nun ist Radbruch schon bei diesen Methoden angelangt. Ob die Arbeiterschaft garnichts tut wird, um ihn wegen der Boldrini-Affäre zum Rücktritt zu zwingen? Es wäre ein Skandal, wenn er weiter auf seinem Posten bleiben könnte. Ich sehe sehr klar auch das, was ihn allenfalls entschuldigen könnte – Entschuldigungen dürfen aber nicht gelten. Mögen ihn die Herren Hermes und Rathenau vor ein in Genua geschaffenes fait accompli gestellt haben (was wahrscheinlich ist), mögen seine Geheimräte ihn hintergangen haben – gleichviel, er ist verantwortlich, solange er die Schurkerei deckt. Kein bürgerlicher Justizminister hätte sich getraut, dem Proletariat derartige Herausforderungen zu bieten. Grade das Bewußtsein der Regisseure dieser Politik, daß hier ein Vertrauensmann einer Arbeiterpartei sitzt, gegen den seine eigne sozialdemokratische Gefolgschaft nicht leicht etwas unternehmen wird, ermutigt sie zu derartigen Infamien. Radbruch aber merkt es wohl garnicht, daß er auf seinem Ministerstuhl bloß die Strohpuppe spielt, hinter der sich die finsterste Klassenroheit eines entarteten Geldinteressenklüngels austobt. Selbst bürgerliche Blätter, wie die Berliner Volkszeitung, sprechen mit höchstem Unwillen von der gegen Boldrini verübten Schweinerei. – Das wäre denn also der erste sichtbare Erfolg der deutschen Genua-Politik. Boldrini ist sehr wahrscheinlich von Hermes an Schanzer verschachert worden: und Deutschland (ausführendes Organ: Radbruch) gibt das jüngst laut gefeierte Asylrecht dieser Musterrepublik für einen dem Herrn Stinnes versprochenen Geschäftsvorteil preis. Hermes aber will nach Paris und bittet dort um gut Wetter. Man möchte doch mit dem Einmarsch der schwarzen Schmach ins Ruhrgebiet noch warten, wir sind natürlich zu allem bereit; nur können wir nach dem Bauchaufschwung bei der Ablehnung des Reparationsultimatums nicht gleich wieder mit heilen Knochen vom Reck herunter. Man hat denn nun glücklich wieder zu vertrösten gesucht und eine neue Note ausgeschwitzt mit Einerseits-Andrerseits, aus der Deutschland den eisernen Willen herauslesen soll (und wird), daß die 60 Milliarden Besitzsteuern und die Zulassung der Finanzkontrolle niemals in Frage kommen, während Frankreich und England den wahren Sinn von Herrn Hermes verdolmetscht kriegen: drängelt doch nicht so, wir leisten ja alles was ihr wollt. Daß gleichzeitig mit der Pariser Reise des Reichsfinanzministers über ihn sehr interessante Gerüchte in die Welt gestreut werden, wonach er in Genua die intrigantesten Machenschaften gegen Wirth und für seine eigne Reichskanzlerschaft betriebe, verschönt das Gesamtbild des Rivieratheaters. Die französische Presse aber will wissen, daß der Rapallo-Vertrag Deutschland und Rußland noch viel enger verbände als man offiziell zugibt; hinter dem Wirtschaftsabkommen stecke noch eine geheime Militärkonvention, und die Chauvins drüben rasseln schon sehr vernehmlich mit den Plempen. Ob was Wahres an den Alarmmeldungen ist, ist mir zweifelhaft. Doch läßt die notorische Blödheit der deutschen Diplomatie, Herrn Rathenaus komplette Urteilsunfähigkeit in politicis und das bisherige geschäftig-unverschämte Treiben der Delegation keinen Irrsinn ganz ausgeschlossen scheinen: übrigens traue ich den Russen kaum zu, daß sie das Bedürfnis haben werden, ihre von idealen Gedanken getragene Rote Armee ausgerechnet mit einer Militärmacht zu verkuppeln, die von nationalistischen Desperados aus heimlich gedungenem Landsknechtspack ohne Idee und Sehnsucht und nur aus dem Hang zum Plündern und Schänden zusammengelaufen, mit dem einzigen Ziel zusammengeschart ist, jede revolutionäre Regung im deutschen Proletariat in Blut zu erwürgen, um dann erst in zweiter Reihe Frankreich im Revanche- und Restaurationskrieg zu besiegen und zu versklaven. Allerdings ist die Sowjet-Armee leider auch im Bunde mit Enver Pascha und kämpft mit dessen imperialistisch begeisterten Türken gegen die unglücklichen Armenier. (Gestern hatte ich eine interessante Debatte mit Toller und Ringelmann über die russische Kriegspolitik. Jener redete „Freiheit“-, dieser „Rote Fahne“-Artikel. Meinen Standpunkt, daß allemal die revolutionäre Idee entscheidet, begriffen sie beide kaum. Ringelmann nicht, daß ich gegen die Angora- und besonders gegen die Ukraine-Kriegspolitik bin, Toller schon garnicht, daß ich den bewaffneten Kampf gegen die georgische „demokratische“ Republik durchaus gutheiße. Hier handelt es sich um das Zurückgewinnen eines für die Sowjet-Idee schon eroberten und dann durch Bourgeoiserhebung wieder verlorenen Postens, dort, für mein Empfinden wenigstens, um ein Abweichen vom revolutionären Grundprinzip). Eine Verbindung der Sowjetrepublik mit dem konterrevolutionären, ganz vom Hohenzollernkoller befangenen Deutschland zu militärischen Leistungen (auch wenn es sich im großen Ganzen nur um Lieferungsunterstützungen handeln sollte) wäre für Rußland ein Verzicht, ohne für uns deutsche Revolutionäre ein Gewinn zu sein. – Nun ist jetzt das lang erwartete russische Memorandum in Genua überreicht worden. Es entspricht vollständig dem, was ich vor einigen Tagen hier als meine Erwartung niederschrieb: kein Ja und kein Nein, aber viel mehr Ja als Nein. Frankreich stellt sich unbefriedigt, Lloyd George findet eine Verhandlungsbasis gegeben. Man schachert um Einzelheiten, und Tschitscherin scheint wenigstens zu erreichen, daß man Zeit gibt zu weiterem Feilschen. Daß die Franzosen die Konferenz auf diese Antwort hin unter Protest verlassen werden (für welchen Fall man angeblich ohne sie weitertagen will) glaube ich keinesfalls. Dagegen halte ich für sehr möglich, daß man aufgrund der Auseinandersetzungen mit Rußland die Konferenz im ganzen vertagen wird und inzwischen hinter den Kulissen mit dem Verfahren der verlästerten Geheimdiplomatie die Einseifung der Sowjetrepublik zu Ende bringen will. Der Vatikan hat seinen Erfolg schon so gut wie in der Tasche: Rußland verbürgt nicht bloß die Glaubensfreiheit für alle Kirchengemeinschaften sondern auch die unbehinderte Tätigkeit der katholischen und sonstigen Missionen. Nur die Herausgabe der ehemals kirchlichen Immobilien hat man denn doch verweigert. Aber diese Forderung ist vom Papst auch wohl nur aus dekorativem Bedürfnis gestellt worden. Er ist der Sieger. Wer es aber gut meint mit der Menschheit, hat wenig Grund erfreut zu sein.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 13. Mai 1922.

Hausangelegenheiten: Taubenberger ist aus der Einzelhaft zum Vorschein gekommen und mußte im I. Stock Quartier nehmen. – Die Zeitungskonfiskationen dauern an; ich persönlich bin mit „Syndikalist“ und „Schöpfung“ betroffen. – Politik: der Wortlaut des russischen Memorandums liegt vor. Es zeigt den ironischen Zug, der Tschitscherins Kundgebungen immer auszeichnet, der immer bis an die Grenze des allenfalls noch Höflichen geht und sie nie überschreitet und ist sehr geschickt abgefaßt, so nämlich, daß die internationalen Kommunisten hochbefriedigt den mannhaften Ton preisen können, ohne daß den internationalen Kapitalisten die Möglichkeit verstopft wird, in Geschäften weiter zu verhandeln. Die Schwächen des den Russen zur Beantwortung vorgelegten Memorandums wurden raffiniert aufgedeckt, hauptsächlich die, die dem in Cannes aufgestellten Prinzip: politische Fragen sollen in Genua aus der Erörterung bleiben – widersprechen. Ausgezeichnet ist, was über das aus Revolutionen entstandene Staatsrecht, speziell auch in Beziehung auf die Wirkungen zum Ausland grundsätzlich gesagt wird (mit vergleichenden Beispielen aus der Geschichte). Auch die Forderung, Rußland müsse sich revolutionärer Propagandaförderung im übrigen Europa enthalten, wird brillant abgetrumpft und sehr wirksam darauf hingewiesen, daß Rußland kein im Kriege besiegtes Land sei. Alle diese vortrefflichen Auseinandersetzungen aber sind für die Lösung des ganzen Problems irrelevant, – denn die Staaten, die Geschäfte machen wollen, werden sich hierbei nicht übertrieben lange aufhalten. Eine blanke Ablehnung, die Konfliktsstoff enthält, trifft nur den von Belgien und Frankreich geforderten Zusatzartikel VII, der die Rückerstattung des nationalisierten Vermögens für nichtrussische Betroffene verlangt. Hier ist der einzige Punkt, in dem sich das Memorandum an die sowjetistischen Grundprinzipien erinnert. Und nur von hier aus ist die lärmende Entrüstung der Franzosen über die herausfordernde Sprache und den unverschämten Inhalt des Dokuments zu betrachten. Der Ausweg, den ich gestern kommen sah – ohne noch zu wissen, daß er in manchen Zeitungen tatsächlich schon vorausgesagt wurde –, scheint wirklich beschritten zu sein, und zwar ohne daß die Franzosen sich von der Mitarbeit am weiteren Getue zurückzogen. Es heißt, das Russen-Memorandum werde erst einer Kommission von Sachverständigen zur Bearbeitung übergeben und inzwischen werden die übrigen zur Erörterung stehenden Fragen erledigt: der „Friedenspakt“ mit 10jähriger Verpflichtung zu friedlicher Begaunerung des Nächsten unter Verzicht auf räuberische Gewaltüberfälle. Die Russen waren so klug, sich von vornherein als begeisterte Anhänger dieser trenga Dei zu empfehlen und so wird wohl, da man die unlösbaren Probleme beiseite geschoben hat, das Theater endlich mit einer bengalisch beleuchteten Apotheose von Völkerglück und gerührter Versöhnlichkeit zum Abschluß gebracht werden können. Was allerdings aus der allerwichtigsten Frage wird, der Stabilisierung des europäischen Geldmarktes ist schleierhaft. Ich hatte gestern eine sehr lange Informationsbesprechung mit Klingelhöfer, der sich speziell mit Finanzwirtschaft befaßt und den ich daher um Auskunft über den Stand des Problems bat. Ich war von seinen prätentiös vorgetragenen Aufklärungen nicht sonderlich befriedigt. Schließlich ist mir damit wenig gedient, daß ich erfahre, es handle sich eigentlich nicht um die Deflation des Geldes sondern um die des Kapitals und mir schließlich versichert wird, die politische Machtbetätigung des Proletariats innerhalb des Gegenwartsstaats müßte zum Akutwerden der Krise führen, ohne die es keinen Ausweg gebe. Ich kann die ganze Trennung von Finanz- und Kapitalskrisen nicht anerkennen. Zum mindesten ist das sinnfällige Symptom der Pleite die Inflation, also die Überschwemmung des Marktes mit ungedecktem Geld. Worauf es mir zunächst anzukommen scheint, ist den Schaden zu kompensieren (ich meine natürlich vom Staatsstandpunkt aus), der sich aus dem Umlauf der Assignaten ergibt. Diese Assignaten wirken auf den Markt genau so verwirrend wie etwa in Falschmünzerwerkstätten fabriziertes Konkurrenzgeld. Da jedoch im gegebenen Falle die Falschmünzerei vom Staat selbst betrieben wird, wäre seine Aufgabe, um zur Stabilität zu kommen, das falsche Geld in echtes zu verwandeln, ihm also die fehlende Wertdeckung mit irgendwelchen Mitteln nachträglich zu schaffen. Ob das überhaupt möglich ist, ist eine Frage für sich. Das Problem aber muß so gestellt werden. Nun hat Klingelhöfer gewiß recht, wenn er meint, daß sich die Staatsinteressen hier in schärfster Antinomie zu denen des Privatkapitals befinden (ich habe das im Tagebuch schon einmal bei der Vergleichung der Tendenzen Stinnes’ und Rathenaus behandelt). Aber erstens teile ich garnicht seine Auffassung, daß das Obsiegen des Rathenauschen Standpunkts über den Stinnesschen im Interesse des Proletariats liege – mindestens liegt es nicht im Interesse der Revolution. Ferner aber fehlt ihm bei der Beurteilung des Gegenstands ganz der politische Überblick, und nur Marxisten können behaupten, daß alle politischen Faktoren nur aus der ökonomischen Perspektive bewertet werden dürften. (Die tatsächliche Angst der Franzosen vor einem deutschen Revanchekrieg ist ein politisch ganz entscheidender Faktor, der ganz unabhängig von allen akademischen Formeln der Nationalökonomie wirkt). Sollte es Hermes gelingen, eine große Kreditaktion für Deutschland flüssig zu machen – und die Reise des Herrn Pierpont Morgan deutet ja auf Möglichkeiten dieser Art hin, – so werden eine lange Serie politischer Fragen aufgeworfen werden müssen, ehe auch nur klar ist, ob Geldkredit tatsächlich ausreicht, um der Mark einen stabilen Wert, gleich in welcher Höhe, zu sichern. Denn es kommt ja auch auf den Verwendungszweck an, und Frankreich wird der deutschen Industrie zuversichtlich nicht gestatten, sich durch neue Waffenproduktion – auch nicht für russische Kundschaft – gesund zu machen, während England einer Steigerung des deutschen Exports jede mögliche Schwierigkeit entgegensetzen wird (drum eben die – englische! – Forderung nach den bewußten 60 Milliarden neuen Steuern auf den Besitz). Schließlich bleibt auch noch die Tatsache, daß es garnicht um ein deutsches, sondern um ein internationales Nußknacken geht, wenn auch wohl die Lösung jedem einzelnen Lande überlassen bleibt. Da z. B. Tschechien es verstanden hat, seine Valuta außerordentlich zu verbessern, wird das von Deutschland auch verlangt werden, und was die Berliner Börse, die am Tiefstand der Mark aufs Höchste interessiert ist, zur Sabotage der Rathenau-Hermesschen Versuche unternehmen wird, wird auf die weitere Gestaltung der Dinge noch großen Einfluß haben. Die Gefahr für die Revolution liegt in der zweifellos vorhandenen Eventualität, daß Klingelhöfers Hoffnungen sich erfüllen werden und „das Proletariat“ auf die Entscheidung Macht gewinnt. Es würde jene von mir schon sehr lange gefürchtete „Rettung“ des Kapitalismus kommen, die sich als „Sozialismus“ ausgeben würde, nämlich die Beteiligung der sozialdemokratisch verwalteten Gewerkschaften als Mitbesitzer an den Ausbeutungsunternehmungen. Die Gefahr wäre unermeßlich, da schon die Verfälschung der Genossenschaften durch die von August Müller organisierten Methoden in Rabatt-Unternehmungen die proletarischen Mitglieder schauderhaft korrumpiert hat. Die fühlen sich in ihrer Eigenschaft als Genossenschafter ganz als Kapitalisten und bei Streikaktionen von Genossenschaftsbeamten (ebenso bei Arztstreiken im Krankenkassendienst) haben wir schon Entrüstungsorgien bei den Proletariern erlebt, die mit jeder Unternehmerentrüstung bei andern Streiks den Vergleich aushalten. Ich wünsche – um der Revolution willen – den vorläufigen Sieg der Stinnespartei über die Staatsrathenaukes. Er würde die Enteignung der Staatsunternehmungen durch das Privatkapital bedeuten und damit zunächst geistig die gefährlichsten Trümmer beiseite räumen, nämlich die marxistischen Dogmen über die Kapitals-Akkumulation. Ist aber mal die Entkatechisierung der Marx-Lehren eingeleitet – durch die Beweiskraft der Praxis –, dann kann man der Arbeiterschaft zu sich selbst verhelfen und vom Buchstaben weg zur erlösenden Tat führen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 14. Mai 1922.

Bis zur Hofzeit – ein paar Mixed-pickles: Der Fall Radbruch zunächst, in dem leider zu konstatieren ist, daß die Brüchigkeit allmählich die Entwicklung vom Rad- über den Rechts- zum Wortbruch geführt hat. Im Reichstag hat Herzfeld die kurze Anfrage gestellt, was eigentlich aus der im Februar versprochenen Amnestie geworden ist. Die Antwort wurde von einem Geheimrat aus dem Justizministerium erteilt und stimmte mit der des Preußisch-Braun überein. Der Reichsjustizminister habe sich entschlossen, von der Amnestie ganz abzusehn und das bewährte Verfahren der Einzelbegnadigungen fortzusetzen. Dann kamen die dicken Zahlen, was nicht alles schon teils durch Begnadigung auf Bewährungsfrist, teils durch Verbüßung frei geworden ist, ferner, daß weitere 442 Fälle in Vorschlag gebracht sind und daß überhaupt nur noch etwa 200 Delinquenten aus den Märzvorgängen sitzen; also noch nicht die Hälfte der Zahl, über die noch entschieden werden soll: sonderbar. Von den bayerischen Verurteilten aus dem mitteldeutschen Fall ist noch keiner begnadigt. Aber es sollen ja nur die von Sondergerichten vorgenommenen Verurteilungen in Frage gestellt werden (so wird man das wohl mundgerecht machen) und unsre ruhmvollen „Volksgerichte“ sind nun wohl auch vom Reichs-Rechtspfleger als ordentliche Gerichte anerkannt, wie man denn aus dieser Antwort an die Frager klarer als aus allem übrigen erkennt, daß die bayerischen „Rechts“-Methoden auf der ganzen Linie gesiegt haben. In Niederschönenfeld wollte ja Radbruch die Anwendung der Gesetze erzwingen – wie, solle man ihm überlassen. Jetzt wissen wir’s wie: dadurch daß neben allem übrigen auch die Zwangsjacke als Ehrenstrafmittel eingeführt ist und das Hungern in die häusliche Disziplin als legitimes Kind aufgenommen wurde. Ob Radbruch sich nie überlegt, wieviel Flüche unglücklicher Menschen er sich in jeder Stunde seines Amtswirkens auf seine Seele lädt? Ob er noch immer nicht auf den Gedanken gekommen ist, daß seine Illusion, er könne seinen Posten zu einem Thron der Gerechtigkeit umbauen, Selbstbetrug ist und daß keiner seiner Amtsvorgänger derart traurig auf diesem Ministerstuhl ausgesehn hat wie grade er? Er hat’s erreicht, mit Noske zusammen als der Typus des sozialdemokratischen Büttels des Proletariats für kapitalistische Interessen seinen Namen zum Schimpfwort für jeden Sozialisten entwürdigt zu haben. Er ist unlöslich von seinen Opfern: Fort, Concepcion, Boldrini und sämtlichen politischen Gefangenen in Deutschland und prangt mit auf der Liste derer, denen die Niederschönenfelder die Schuld für ihr hoffnungsloses Schicksal beimessen. Nein – das ist kein guter Name, den die Lippen tausender gequälter Menschen mit Haß und Bitternis vor sich hinflüstern. Armer Radbruch! – Da ich bei der Justiz bin: das Urteil im Fechenbach-Prozeß ist nun da. Es erfüllt die kühnsten Erwartungen und ist dümmer, als selbst ich gehofft hatte. Das Münchner Schöffengericht stellt einfach fest, daß die Eisnersche Fälschung (Eisner ist „der durch die Revolution zur Macht gelangte Schriftsteller“ K. E.) die Versailler Formel, daß Deutschland als Urheber des Kriegs anzusehn sei, entscheidend beeinflußt habe und ohne Zweifel ohne sie – die als „Fälschung“ ausdrücklich stigmatisiert wird – eine prächtige Blume in Clemenceaus Bukett fehlen würde. Herrlich ist, daß die Mittelpartei im Landtag schon bei der Regierung antippt, sie müsse die Reichsregierung veranlassen, die Prozeßfeststellungen den „Feinden“ mitzuteilen, um dadurch eine Revision des Versailler Vertrags herbeizuführen. Ich höre schon das Gelächter der Welt. Übrigens bin ich gespannt, ob nicht Harden diesen Prozeß benutzen wird, um die Patrioteska zu stäupen. Eine geeignetere Notenunterlage wäre kaum zu finden. – Die angebliche an den Rapallo-Vertrag geheim angehängte Militärkonvention wird nun in Deutschland den Fälschungen des famosen Dr. Erich Anspach angehängt, bei dem ich nur noch wissen möchte, welchen Interessen er dienen wollte. Falls er nicht etwa für seine der Entente gelieferten Unterlagen für Noten etc., von dort in die eigne Tasche bezahlt gekommen hat, wofür noch kein Beweis besteht, glaube ich an revolutionäre Absicht, die zum mindesten erreicht ist, indem dauernd Konfliktstoff im internationalen politischen Verkehr geschaffen wurde. Dieser Anspach ist ein politisches Talent von ganz bedeutenden Qualitäten, und wird – da man in Deutschland wirkliche Talente immer verkommen läßt – wohl sehr lange ins Zuchthaus müssen. Über diesen Mann wird wohl noch mehr zu sagen sein. Jetzt ist’s Hofzeit.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 16. Mai 1922.

Erfreulicherweise kann ich heute mit einer Ehrenrettung Radbruchs beginnen – wenigstens was den Bruch des Amnestieversprechens anlangt. Offenbar hatte die Parlamentskorrespondenz die Antwort auf Herzfelds Anfrage falsch wiedergegeben. In einer besonderen Notiz – die auch mit dem Reichstagsbericht der Berliner Blätter übereinstimmt – wird gemeldet, der Regierungsvertreter habe erklärt, es seien jetzt 442 Fälle bei der Nachprüfung durch bedingte oder unbedingte Begnadigung erledigt. Weitere 200 Fälle seien noch zu prüfen, was bis in den Juni hinein währen werde, und dann könne man an die Erörterung der Amnestiefrage herangehn. Zwar ist mir nicht klar, warum man sich erst die Mühe der Einzelprüfungen nimmt, wenn man nachher doch alles herauslassen will; aber was versteht unsereiner vom Gang bürokratischer Geschäfte? Radbruch hat übrigens in einer öffentlichen Versammlung in Steglitz vor seinen Parteigenossen über sein Justizprogramm referiert. Bis jetzt haben wir nur den „Vorwärts“-Bericht, der nur R’s eigne Haltung dabei erwähnt (er sagte das schon mehrfach von ihm Gehörte: es bestehe in der Tat Grund zu Klagen über Klassenjustiz, doch treffe das nicht auf die Zivilrichter zu – (weil die selten Gelegenheit zu politischen Urteilen haben. Grade aber hat man Menne und die übrigen Führer des Februar-Eisenbahnstreiks gerichtlich verurteilt, nämlich zu Dienstentlassung ohne Pension. Ob das nicht ein Klassenurteil eines Zivilgerichts ist!), ferner wie er sich die Durchführung seines Reformprogramms denkt). Aus der Roten Fahne werden wir wohl mehr über die Versammlung erfahren, besonders, ob die – außer der Vertrauenskundgebung für Radbruch – angenommene Resolution, die allgemeine politische Amnestie fordert, von ihm selbst zustimmend oder ablehnend oder garnicht erwähnt und ob sie nicht vielleicht von den anwesenden revolutionären Arbeitern gegen den Willen der Versammlungsveranstalter erzwungen wurde. Hier drinnen hat – wie rührend sind doch die Menschen, wenn sie in Furcht und Hoffnung ganz von einem sehnsüchtigen Gedanken erfüllt sind! – infolge der Berichtigung des Reichstagsberichts und des in Radbruchs Anwesenheit gefaßten Versammlungsbeschlußes die Stimmung wieder vollständig umgeschlagen. Könnte der Mann – der doch stets ein wirklicher Mensch war – sehn, was ich beobachte, wie die neu belebte Hoffnung sich gleich in Herzensgüte umsetzt; könnte er an solchem Tage der Hochkonjunktur des Optimismus bei diesem herrlichen Maiwetter die Augen der Gefangenen sehn und ihr Lachen hören – er würde alle Anstrengungen vertausendfachen, um sein menschliches Wollen über seine Beamtenpedanterie allen Bayern und allen Bürobremsen zum Trotz siegen zu lassen. Ich hätte auch Ursache, mich zu freuen, wenn die Amnestie wirklich als Pfingstüberraschung käme. Die Pfändung, bzw. der Arrest auf meinen Häuseranteil (40500 Mark) ist nach der Berufung gegen das Urteil der ersten Instanz, das sie aufhob, vom Oberlandesgericht doch bestätigt worden und eben kam die Rechnung für Verhandlungs- und Entscheidungsgebühr, die die Kleinigkeit von 780 Mark beträgt. Zenzl bekommt im ganzen Monat über 100 Mark weniger als diese Summe, und wenn sich das Gericht nicht von der Pfandsumme selbst bezahlt machen will, wird man ihr womöglich auch noch an die Möbel gehn. Lauter neue Sorgen also. Kommt aber die Amnestie mit Streichung der Ansprüche des Fiskus für Strafvollstreckung und Prozeßkosten, dann wäre wohl auch diese neue Belastung von selbst abgebaut. Um keine Sonnenstunde im Hof zu versäumen und noch Zeit für einen Brief an den Seppl zu finden, lasse ich heute die Politik beiseite und erwähne das Wesentlichste, was zur Intaktheit der Hauschronik gehört. Wiedenmann ist von den „Schweren“ immer noch der Einzige, der sich wieder oben eingefunden hat. Via Kain-Klingelhöfer ist nun folgendes bekanntgeworden, was besonders im Zusammenhang mit dem, was der Vorstand kürzlich Männlein verraten hat, zu bewerten ist. Schwab teilte eines Tages unten in der gemeinsamen Hofstunde der Abgesonderten mit, der Staatsanwalt habe ihm bei einer Unterredung erzählt, unter den Nickl abgenommenen Schriftstücken habe sich auch ein Memorandum von 16 Seiten befunden, in dem u. a. Schwab von den eignen engeren Genossen als Spitzel bezeichnet und dieselbe KP-Zentrale, an die gleichzeitig die hauptsächlich von Schwab stammende Antikühlewein-Denkschrift abging, vor ihm gewarnt wurde. In den treu verbundenen Kreis der allein richtigen Kommunisten mit ihren gegeneinander intrigierenden Untergruppen und Konventikelchen leuchtet diese Mitteilung blendend hinein, – und wir können uns ungefähr ausmalen, welche Lichter uns von „den Kommunisten“ zu Verrätern, Menschewisten und Konterrevolutionären ernannten Außenseitern aufgesteckt worden sind. Ferner soll Hoffmann gesagt haben, das Material reiche auch aus, um dem Sprengstoffprozeß einen weiteren folgen zu lassen. Diese von Schurken gegängelten Idioten werden aber nie merken, daß sie die erwünschtesten Vertreter des revolutionären Proletariats sind, – nämlich für die Reaktion. – In diesem Zusammenhang. Wir erfahren, daß Thekla Egl nicht flüchtig ist sondern in Stadelheim in Untersuchungshaft sitzt. Damit scheint bewiesen, daß der schlimme Verdacht, der gegen sie immer wieder laut geworden ist, falsch ist; ich jedenfalls prüfe noch einmal und ich hoffe, sie sowohl wie Karpf wird – bei allem Häßlichen was in ihrem Charakter sonst gelegentlich hochdrängt – einer Gemeinschaft mit Elbert nicht schuldig befunden werden können. Der ist nach wie vor flüchtig und wird’s wohl bleiben, bis über die Sache Gras gewachsen oder er eine neue Fleppe geliefert bekommen haben wird. Im Reichstag wird die Freigabe Wendelin Thomas’ zur Prozessierung in der Sache verlangt. Da es sich um eine durchaus politische Angelegenheit handelt, wird man seine Verfolgung wohl verweigern. – Und nun schließlich noch etwas recht Erfreuliches: gestern abend um ½ 7 ließ der Staatsanwalt den Genossen August Fischer rufen und eröffnete ihm, daß er entlassen werde. Ihm wurde nur eine halbe Stunde Zeit zum Packen gegeben, dann kam er in den Eiskeller. Die Zensur seiner Papiere erfolgte noch gestern abend, da er sich weigerte, ohne sie zu reisen, und heute früh ist er fort. Also gänzlich überraschend für ihn und für alle (man weiß, warum). Damit hat uns einer der prächtigsten Kerle verlassen, die wir hier als Leidensgefährten kennen gelernt haben, ein ruhiger, grundehrlicher, gesinnungsfester, aufrechter, echter Prolet, der immer lustig war und sich mit jedem vertrug – außer natürlich mit den Rabiaten, auf die er bös zu sprechen ist. Jetzt hat Niekisch im Landtag eine viel stärkere Position, denn, wenn zwei Zeugen aus eignem Erleben sprechen, so wird man die Behauptung, sie lügen beide, und nur die von ihnen Beschuldigten sprechen die Wahrheit, selbstverständlich auch weiter in der Prannerstraße, aber sonst in der ganzen Welt nirgends glauben. Und aufs Maul gefallen ist dieser USP-Abgeordnete nicht. Seine naive Proletariersprache wird Niekischs geschliffene Dialektik wirksam ergänzen, und genügend Material bringt Fischer mit, obgleich man ihn gehindert hat, noch von uns Abschied zu nehmen und sich gründlich zu präparieren. Man wird ihn ungern laufen gelassen haben. Aber sein Fall war doch dem Reich gegenüber zu kompromittierend, als daß Lerchenfeld, nachdem er jüngst wieder recht entschieden von den Separatisten abgerückt ist, das Urteil nicht irgendwie hätte aus der Welt bringen müssen. (Er wurde wegen „Hochverrat“ verknackt, weil er für den Fall der Separation Bayerns vom Reich die Separation Frankens von Bayern, also für den Fall des Verfassungsbruchs der andern seine Treue zur Reichsverfassung proklamiert hatte.) Ich habe Fischers Rede, die ihn hierher gebracht hat, einmal in 4 Worte zusammengefaßt: „Südbayern – Mordbayern; Nordbayern – müd Bayern“. So einmütig wie diesem Genossen ist selten einem die vorzeitige Freilassung gegönnt worden. Der Optimismus aber, daß auch für die andern alle Sonnenaufgang werden kann, ist durch Fischers plötzliches Scheiden noch bestärkt worden. Mag er endlich einmal berechtigt sein!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 18. Mai 1922.

Weiteres vom Hause. Gestern wurde ein Brief Richard Östreichs an mich wegen „agitatorischen“ Inhalts, heute einer von Otto Lehmann-Rußbüldt (Bund Neues Vaterland) zu den Akten genommen, „da seine Aushändigung geeignet wäre, Ruhe und Ordnung der Anstalt zu stören“. Bei diesem Brief handelt es sich offenbar um Mitteilungen über die zugunsten der Niederschönenfelder bei Gelegenheit jener Versammlung gesammelten 1500 Mark, die man wahrscheinlich wieder nicht hereingelassen hat, und man will offenbar verhindern, daß wir von diesem neuen Rechtsbruch überhaupt erfahren. – Nun kann man uns aber nicht hindern, die Zusammenhänge zu kombinieren (auch Toller ist von dieser Briefbeschlagnahme gleichzeitig betroffen worden), und ich werde schon einen Weg finden, um den hilfsfreudigen Spendern Kenntnis zu geben, wie die Anstrengungen unsres lieben Betreuers, armen Gefangenen ein wenig Erleichterung ihres Lebens unmöglich zu machen, zu durchkreuzen sind. Die Tatsache dieser Anstrengungen, in denen Herr Hoffmann (siehe seine bis zum höchsten Grade ausgestaltete Vervollkommnung des gesetzlich absolut unzulässigen Kuratels über uns) alle Vorgänger übertroffen hat, hat jedenfalls wieder einen schönen neuen Beleg erhalten, und wenn wirklich eines Tages die Gitterpforten aufspringen, dann werde ich nicht verfehlen, sehr eindringliche Aufklärung über bayerische Rachejustiz an politischen Gefangenen zu verbreiten. Die Frage freilich, ob wirklich der Tag nahe ist, wird täglich verworrener. Nach der Hoffnungshausse vorgestern sanken gestern die Aktien wieder sehr tief. Valtin Hartig erhielt einen Brief von seinem Bruder Rudolf, der berichtete, Radbruch habe zwar die Absicht gehabt, ein Amnestiegesetz einzubringen, habe sich aber dann anders entschlossen, da er keine Unterstützung bei der Mehrheit des Reichstags finde und wolle sich deshalb weiterhin auf das System der Einzelbegnadigungen beschränken. Heute nun bringen die Zeitungen ein Wolff-Telegramm, es sei die Nachricht verbreitet worden, die Regierung wolle zu Pfingsten eine Amnestie erlassen. Es wird festgestellt, daß eine solche Absicht nicht besteht. – Bestätigt wird diese trübe Meldung durch den Bericht der Roten Fahne über die letzte Sitzung des Parteiausschusses der KPD. Da hat Rosi Wolffstein eine Rede gehalten, in der sie eine gesteigerte Tätigkeit zugunsten einer politischen Amnestie verlangte. Man müsse die schwache Regierung in dieser Frage stärken, nachdem Radbruch (eben in jener Steglitzer Versammlung) erklärt habe, er halte die Amnestie für notwendig, sehe aber keine Aussicht, sie im Parlament durchzusetzen. Ich lasse mich durch solche Schwankungen von einem Tag zum andern nicht aus der Ruhe und nicht aus meinen Kalkulationen werfen. Die Angelegenheit ist denn doch schon zu sehr Gegenstand der Erregung in der Öffentlichkeit, als daß man sie wieder in Vergessenheit bringen könnte. Freilich ist der „Markstein“ von Genua allmählich ein recht kümmerliches Marterl geworden. „Das Fiasko der Verschwörung von Genua“ ist noch vollständiger als man zeitweise erwarten konnte. Man geht in diesen Tagen ziemlich ohne Sang und Klang auseinander, um nach Pfingsten im Haag wieder zusammenzukommen, wo denn für Rußland das Heilsserum zurechtgebastelt werden soll. Zu dieser neuen Konferenz wird Deutschland von vornherein garnicht zugezogen, da es ja seinen Vertrag mit Rußland schon habe, und Herr Hughes aus Amerika hat die Einladung an die United States dankend abgelehnt. Der Glorienkranz, unter dem die kühnen Rapallofahrer sich zum ergrimmten Gelächter der Welt den deutschen Spießern nach ihrer diplomatischen Meisterleistung präsentierten, ist also schon stark angewelkt, ehe sie überhaupt wieder daheim sind, und die Herren Rathenau und Wirth haben einen umso ekelhafteren Stand vor dem Reichstag, als grade bekannt wird, daß Herr Hermes in Paris die deutsche Willfährigkeit, die Reparationsforderungen ziemlich ganz so zu erfüllen, wie man es dem Ultimatum gegenüber mit finsterem „Niemals!“ abgelehnt hatte, nunmehr stotternd bekundet habe. Natürlich werden Vorbehalte und Einschränkungen gemacht: man wolle die verlangten 60 Milliarden nicht durch neue Steuern (der Besitz darf doch nicht zahlen sollen: Erzberger mußte sterben, weil er es verlangte) herausholen, sondern durch eine vergrößerte innere Anleihe. Die Finanzkontrolle durch die Repko aber gibt man schon zu, wenn nur eine Form gefunden würde, die es den Zeitungslügnern erleichtern könnte, diese Demütigung, über die sie vor 4 Wochen so charaktervoll geurteilt haben, den Lesern schmackhaft zu machen. – Daß Hermes – der kein Dummkopf zu sein scheint (wer Weinquellen so billiger Art erschließen kann wie er – zum Privatgebrauch aufgrund seiner Amtsposition – und dabei glaubhaft zu machen versteht, daß in seinem Verfahren keine Spur eines unzulässigen oder gar korrupten Amtsmißbrauchs liegt, ist für einen deutschen Regierer außergewöhnlich gescheit) – daß dieser Hermes in seinen Zugeständnissen in Paris sehr weitgehn muß, unterliegt garkeinem Zweifel. Denn die Franzosen scheinen fest entschlossen, am 31. Mai von ihrem Recht zum Einmarsch in Deutschland Gebrauch zu machen, falls nicht nachgegeben oder doch Garantie geleistet wird, daß die Reparation tatsächlich von Deutschland durchgeführt wird. Der Treuebruch von Rapallo überhebt die Franzosen jeder weiteren Rücksicht, und die blöden Versuche unsrer Zeitungen, aus England und Italien in dieser Sache deutsche Bundesgenossen zu machen, werden sich rasch genug als das erwiesen was sie sind. Ich glaube nach alledem kaum, daß Rathenau als Triumphator in Berlin empfangen werden wird, und damit fällt auch für uns eine Amnestieaussicht im Augenblick über den Haufen; es sei denn, daß die Arbeiterschaft endlich mal mit Nachdruck für diese Forderung demonstriert. – Ich will die Affaire Anspach, von der noch allerlei zu sagen ist, wieder einmal zurückstellen, bis die Taten dieses wahrhaft Cagliostrohaften Kerls in Absicht, Umfang und Wirkung noch deutlicher zu übersehn sind. An kleineren Tagesereignissen verdient die Betätigung der Münchner „nationalen“ Rowdys wieder mal ein Lob. Zur Eröffnung der „Reichsgewerbeschau“, zu der man Eberten selbst eingeladen hatte, wurden in München zwei Reichsfahnen gehißt (schwarz-rot-senften, wie der Miesbacher sich ausdrückt), eine am Bahnhof, die andre am Ausstellungspark. Die am Bahnhof wurde nachts heruntergeholt und unter patriotischem Gesang und Petroleumdurchtränkung verbrannt. Verhaftet wurden zwei – Republikaner! – Die Fahne am Ausstellungspark war leider nicht gut befestigt und geriet sehr gegen die Absicht aller Leute ins Rutschen. Nachher wurde sie in den Dreck getreten. Und Ebert will sich’s jetzt noch mal überlegen, ob er nach München kommt. Vielleicht fährt er direkt nach Oberammergau, wo es zur Zeit Passionsspiele gibt (ich habe das Wort „Prassionsspiele“ dafür erfunden). Das Christentum wird dort zweckvoll in die Valutaverhältnisse hineingerechnet, und der einwandfreie Teutone darf am Profit teilnehmen, umso ergiebiger, je charaktervoller er die jüdischen Gauner zu berülpsen versteht. Im „Miesbacher Anzeiger“ wird zugleich das „Königreich“ Ungarn im Inseratenteil auf Aktien feilgeboten. Beteiligen dürfen sich nur „deutsche national gesinnte Kreise“, denen vorgerechnet wird, daß „deutsche Interessenten, die vor einem halben Jahre 200000 Mark angelegt haben, bis jetzt am Kurs allein nachweisbar 1600000 bis 180000 Mark verdienten.“ Zur Beruhigung der Wucherfeinde wird versichert, daß Ungarn ein Agrarstaat sei (der als solcher auf Aktien ausgeboten wird), „wo Ordnung und Recht herrschen, wo niemals mehr kommunistische oder sozialistische Experimente auftauchen, wo Frankreich seine Raubpläne nie verwirklichen kann, wo die Vermögensabgabe durchgeführt ist und nicht wiederkehrt, was jeden fremdstaatlichen Eingriff in Ihr Vermögen ausschließt.“ Ich habe mir das Inserat als eines der niederträchtigsten und schamlosesten reaktionären Wuchermanöver gegen ein unterdrücktes, furchtbar betrogenes und ausgepowertes Volk, ausgeführt im Namen des verbündeten deutsch-bayerisch-ungarischen Antibolschewismus und Antisemitismus. Man will gleichzeitig die Gelegenheit zu großen Verschiebungen von Kapital ins Ausland schaffen (wörtlich: „Die Möglichkeit, im Ausland Geld anzulegen, will die Entente neuestens auch verbieten. Es empfiehlt sich daher, derartige Wünsche baldigst auszuführen“) und offenbar auch materielle Unterlagen zur Aufstellung konterrevolutionärer Formationen gegen Entente und Revolution schaffen: „Verschwiegenheit zugesichert“. Sowas aber wird in Deutschland öffentlich gedruckt und niemand greift ein. Die Tröpfe wissen wohl kaum einmal, daß hunderte von Entente-Agenten tätig sind, um diese Dinge als Material zu sammeln, und daß nicht ein Wort dieser Art in den Archiven in Paris und London fehlt. – Mir als Revolutionär ist es natürlich grade recht, daß die Nationalsten aller Nationalen den Boden so gut für uns vorbereiten. Jedenfalls könnten wir selbst nicht besser desorganisieren, als es von dieser Seite geschieht. Aber die sittliche Gesinnung dieser Horde ist so widerlich gemein, daß einen der Ekel würgt, wo sie sich öffentlich breitmacht – und das ist überall. – – Es ist Zeit zum Abschließen für heute. Zur Hauschronik nur noch, daß heute Schiff und Schwab wieder zum Vorschein gekommen sind. In Einzelhaft sind demnach noch 3 Sünder: Karpf, Sauber und Schlaffer.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 19. Mai 1922.

Interna: Heut früh ist Genosse Schleussinger auf Bewährungsfrist entlassen worden. Ein harmloser braver Mensch (Jurist); einer von denen, die am 29. April in Starnberg mit dran glauben sollten. Er stand schon an der Wand, als der Gegenbefehl kam. Von diesen Minuten sind ihm graue Haare geblieben. (Hierbei: tatsächlich wurden 28 Rotgardisten an diesem Tage, die ihre letzte Munition verschossen hatten und sich dann nach Kriegsrecht ergeben hatten – unter ihn 2 Sanitäter, die an den Kriegshandlungen in keiner Weise teilgenommen hatten – von den Württemberger Weißgardisten erschossen. Diese Scheußlichkeit, und dann am Tage darauf die Erschießung des 65jährigen Bahnmeisters Taschinger in Starnberg, der sich ganz passiv verhalten hatte, aber vom Bürgermeister – ich glaube: Dresch – den Weißen denunziert war, weil er über allerlei diesem Herrn peinliche Schiebereien orientiert war – kam am 30ten April zur Kenntnis der Rotgardisten im Luitpoldgymnasium. Die Erschießung der Thule-Leute erfolgte als spontane Revancheaktion, – was im „Geiselmord“-Prozeß wohl erwähnt, aber nicht gewürdigt wurde). – Schleussinger war vielen Spöttereien ausgesetzt, weil er kirchlich-katholisch gesinnt ist und regelmäßig beichtete. Ich habe mich stets grundsätzlich jeder Kritik daran enthalten, wiewohl ich mich kaum in die Psychologie eines Frommen hineinversetzen kann, der nicht etwa Tolstojanischer Christ ist, was ich gewiß absolut verstehe, sondern bibel- und katechismusgläubig nach dem Buchstaben. Kann das aber jemand in Übereinstimmung setzen mit den Überzeugungspflichten des Revolutionärs, so halte ich mich nicht zu Vorhalten berechtigt. – Außerdem war Schleussinger – mit weitem Abstand – der beste Schachspieler im Hause. Vorgestern spielten wir im Hof die beiden Abschiedspartien, die ich – wie fast stets – verlor. Noch eine weitere Entlassung ist zu vermerken: gestern erhielt unser Sandtner-Gustl ein Telegramm von seiner Braut, unsrer Genossin Hanna Ritter, die ganz überraschend Bewährungsfrist erhielt und von Aichach entlassen wurde, nachdem sie genau 1 Jahr (von 15 Monaten) absolviert hatte. Der Gustl war so glücklich, daß er ganz aus dem Häuschen war, und wir alle freuten uns mit ihm, da Hanna da drüben in ihrem Käfig, in dem sie ganz denselben Quälereien unterworfen war, die wir hier angeblich nur unserm eignen Verhalten gegen das Märtyrer-Personal zuzuschreiben haben, von uns allen idealisiert und aus der Ferne verhätschelt wurde. Wenn Sandtner ein Paket abgehn ließ, trug man ihm von allen Seiten Kleinigkeiten dazu – und wie Reuter in der Festungstid von dem „Idachechen“ erzählte, das die schwarzrotgoldenen Sünder vor 90 Jahren zum Idol erhoben, so machten wir hier die Hanna zum Liebesengel par distance, ohne dabei die Vorrechte Gustls auch nur mit einem Gedanken anzutasten. Der will nun so bald wie möglich die Hochzeit mit ihr feiern, und wenn das noch hier drinnen nötig wird, bin ich als Trauzeuge ausersehn. – Die Amnestiefrage, deren Ausgang darüber entscheiden wird, ist nicht weiter geklärt. Doch unterläßt der „Vorwärts“ es nicht, die Richtigstellung des Wolffbüros so zu deuten, als ob von Radbruch nie ein Versprechen dieser Art gegeben sei. Ich vermute, daß Erhardt Auer bei der Reichstagsfraktion unausgesetzt gegen alle Amnestiepläne scharf macht, sodaß wohl Hoffmann mit seinen dem Gedanken gewogenen Genossen wieder in den Hintergrund gedrängt sind. Hätte Radbruch seine eignen „Klassenkämpfer“ hinter sich, dann brauchte er um die Mehrheit im Reichstag keinesfalls zu zittern, da USP und KPD eo ipso und ein großer Teil der reichsdeutschen Demokraten wenigstens momentan dafür sind. – Der Feind des Proletariats ist die Sozialdemokratie – diese Tatsache steht endgiltig fest. Die „Kommunisten“ aber haben noch immer keine höhere Sehnsucht, als eben mit diesen „Arbeitervertretern“ (Noske hat grade als Oberpräsident von Hannover wieder den Beweis erbracht, daß er mit den Deutschnationalen zusammen gegen alles wirkt, was republikanischer Tendenzen fähig sein könnte, – er ist der Alte geblieben) zur „Einheitsfront“ zu kommen, und die – von Rosa Luxemburg und Franz Mehring begründete – theoretische Wochenschrift „für Praxis und Theorie des Marxismus“ enthielt in der letzten Nummer einen Aufsatz von Paul Böttcher „Sozialdemokratisch-kommunistische Regierung?“, worin nun mit der größten Entschiedenheit die Preisgabe des bisher gültigen Prinzips, daß kapitalistische Staaten nur kapitalistisch verwaltet werden können verlangt und gefordert wird, die Kommunisten müßten grundsätzlich im Gegenwartsstaat an „Arbeiterregierungen“ aktiv teilnehmen. Jedesmal aber, wenn diese „Revolutionäre“ einen neuen Verrat am Proletariat, an Revolution und sozialistischer Idee begehn, salmen sie vom Beginn einer „neuen Epoche der revolutionären Bewegung“, den sie da entrieren. Spreche ich dergleichen aber aus, dann höre ich von den Unabhängigen – Toller, Hartig, Klingelhöfer – ironische Glossen, als ob ich nur aus Ehrgeiz, um etwas „linker“ zu sein als die äußersten Linken sonst – in Paradoxie brilliere, und die Kommunisten werden übellaunig und verteidigen das Tollste, indem sie mit einem Schwall radikal-revolutionärer Vokabeln einem Reformismus das Wort reden, vor dem es jedem konsequenten Revolutionär grausen muß. – Mein Junge aber, mein Seppl, der einzige Kamerad, der mich verstand – so tief verstand, daß sein heißes revolutionäres Herz stets meine Gedanken ebenso schnell produzierte wie mein kritisierendes Hirn – der ist nicht mehr hier. Ich hab’s schon bei manchen der jungen Genossen versucht, ihnen die Ideen, die mich grade beschäftigen, vorzulegen. Sie hören wohl zu und sagen ja ja –, aber diese klare Sicherheit, mit der Seppl ganz schweigsam – da er, was er empfand, in seiner naiven Sprache nicht zu äußern verstand – entweder „Stimmt!“ sagte oder nachdenklich knurrte oder mich mit seinem tiefblauen Auge fragend ansah, sodaß ich sofort wußte, wo in meiner Gedankenreihe ein Knacks oder ein Hohlraum oder eine Ungewaschenheit war – oh, wie vermisse ich die! Ich habe große, in aller Welt berühmte, bis zum Wunder differenzierte Geister kennen gelernt, und kenne schrecklich viele mit Bildung und trügendem „Wissen“ überpackte Proletarier und Intellektuelle der unterschiedlichsten Wesensart. Aber hoch über ihnen allen gilt mir der unverbildete, unkomplizierte Naturverstand des dem eignen Temperament vertrauenden – und darum stets um das Rechte wissenden – einfachen bescheidenen gradlinigen Menschen, der, weil er Mensch ist und Herz hat, der Freiheit und dem Kampf ergeben ist. So ist der Seppl: ein Revolutionär aus dem Grunde – tapfer auf den Tod, treu und über jeden Zweifel zuverlässig. Mein herrlicher Junge! – In seinen Briefen nennt er mich „Lieber Vater“. Nie hat mich eine Anerkennung so stolz gemacht.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 22. Mai 1922.

Genua ist vorüber und es wäre wohl Chronistenpflicht, einen Nekrolog zu verfassen. Ich schenke mir die Mühe. Nachdem die Herren Rathenau, Lloyd George, de Facta und sogar – mit leichter Ironie – Barthou sich ihren Erfolg bestätigt haben – sie sind nämlich zu einem „Gottesfriedens“pakt gelangt, der ganze 7 Monate Bestand haben, aber die Sanktionsrechte der Alliierten durchaus nicht berühren soll – schon liest man von Truppenzusammenziehungen um Koblenz herum – wollen wir ihnen den Erfolg gönnen, den – wenn ich recht urteile – grade der eigentliche Macher der ganzen Konferenz-Herrlichkeit, Lloyd George, nicht lange als Minister überleben wird. Hermes schachert in Paris, im Haag soll – ohne Deutschland – weiter um Rußland (d. h. um Rußlands Petroleum) geschachert werden; – aber am 25. Mai soll die deutsche Regierung ihre endgiltige Entscheidung über die letzte Polizei-Note (Dekasernierung, Lokalisierung, Entoffizierung der Schupo) getroffen haben und am 31. Mai läuft das Reparationsultimatum ab. Solange diese Nüsse nicht geknackt sind, hat’s wenig Zweck, politische Ausblicke zu veranstalten. – Ich habe heut bei dem schönen Wetter auch keine Lust, eine Hofstunde zu verpassen und begnüge mich mit ein paar interneren Dingen. Vom Hause ist anzumerken, daß Schlaffer als Drittletzter aus dem Eiskeller wieder heraufgelangt ist, und daß mir – zum großen Ärger die letzte Nummer von Ret Maruts „Ziegelbrenner“ wegen „hetzerischen“ Inhalts zum Akt genommen wurde (ich hätte gern gelesen, was dieser Prachtmensch nach einem Jahr, mindestens die Zeit ist seit der letzten Ausgabe des Blatts vergangen, zu sagen hat. Vielleicht wäre auch eine Bemerkung über seinen Aufenthalt oder sein Ergehn draus zu entnehmen). – Dann: ich bekam heute ein fabelhaftes Schriftstück, die Urteilsbegründung für die Entscheidung des Obersten Landgerichts (der letzten Instanz, die also endgiltig entschieden hat), daß der Arrest und die Grundbucheintragung über 40.500 Mk meines Vermögens für Prozeß- und Vollzugskosten bestehn bleibt. Das ganze Urteil beweist mit hervorragender Eindeutigkeit, daß Radbruchs Behauptung, die deutschen Zivilgerichte seien frei von politischer Tendenz, ein naiver Irrtum ist. Das ganze Schriftstück ist ein nur politisches, in dem ich persönlich durch den Dreck gezogen werde und dem – zum Beweise meiner Charakterfehler – die Kühleweinsche Denkschrift als Fanal der Wahrheit voranleuchtet. – Ferner: Ein Brief von Zenzl, in dem sie mich anfragt, ob es mir recht ist, daß sie ein armes kleines 7jähriges Mädel zu sich genommen hat. Wie bin ich glücklich über diese Frau. Ich hoffe nur eins: daß uns das Töchterchen bleibt. Da uns schon eigne Kinder versagt sind, (ob dieser Schaden noch mal kuriert werden kann, wird mir immer unwahrscheinlicher, denn in Bayern sind „Christen“ unsre Verwahrer), wollen wir uns den Drang, Eltern zu sein, doch nicht grundsätzlich verkümmern lassen: und wenn Zenzl sich so ein Ding aufzieht, wird sie in 6 – 7 Jahren, wenn sie doch allmählich das Bedürfnis nach Ausspannung fühlen wird, eine Hilfskraft haben, die aus Liebe, nicht aus Zwang bei ihr steht. – Auch von Seppl kam ein lieber Brief. Ich bin froh, daß er sich mit Zenzl ausgezeichnet versteht und ebenso mit Siegfried. So werde ich eine große und hoffentlich glückliche Familie antreffen, die mich als Vater erwartet, wenn ich heimkomme. Ich habe das tiefe Gefühl, daß Frau und Kinder nicht garzu lange werden warten müssen.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 23. Mai 1922.

In Bulgarien soll Revolution sein, die Kommunisten hätten die Herrschaft in der Hand und die Republik – also nicht die Räterepublik! – proklamiert. Die Meldungen sind bisher so unklar, daß sichere Schlüsse mangels sicherer Tatsachen noch nicht möglich sind. Doch hat die Nachricht einige Wahrscheinlichkeit. Fest steht, daß Wrangel seine weißgardistischen Truppenreste in Bulgarien zusammengezogen hat, um offenbar von dort neue Operationen gegen Sowjet-Rußland vorzubereiten, und daß Tschitscherin in Genua von den Siegermächten die Aufforderung an Bulgarien erreicht hat, diese Truppen zu entwaffnen. Jedenfalls ist die Sabotage der durch das Kriegsfiasko bedingten Landesverpflichtungen in Bulgarien ebenso reaktionäre Ehrensache wie in Deutschland, und daß speziell die Entwaffnung jeglicher Ausbeutungs- oder Restaurationsformation gegen das Interesse sämtlicher Kapitalisten und Revanchisten des Landes geht, ist klar. Da nun hingegen in Bulgarien Proletarier leben, die nicht wie die unsrigen durch ¾ Jahrhundert Sozialdemokratie und Zentralorganisation total korrumpiert sind, kann sehr wohl eine kräftige Aktion von unten herauf eingesetzt haben, um im gleichzeitigen eignen wie russischen Interesse und gestützt auf die Sicherheit, daß in diesem Falle die westeuropäischen Siegerkapitalisten nicht dazwischenfahren werden, zugleich die Gefahr der Wrangelmachenschaften wie den Koburger Boris zu beseitigen. Allerdings kann ich große Hoffnungen auf diese Revolution nicht setzen. Die bulgarischen Kommunisten, die also nun die Ruder zur Hand genommen zu haben scheinen, sind infolge ihrer dreijährigen parlamentarischen Praxis schon lange völlig reformistisch, was man deutlich aus den Manifestationen der Opposition innerhalb der KPB erkennen konnte. So werden sie wohl die Zeit für eine Räterepublik als noch nicht „reif“ befunden haben und sich mit einer „Arbeiterregierung“ zufrieden geben bei Auszählungs-Konstitutionalismus und allem schönen „demokratischen“ Drumrum, das den Kapitalisten alle realen Vorrechte (Stimmenkauf durch Alleinverfügung über Papier, Säle, Kirchen, Tradition, Beamtenbeherrschung etc) läßt und selbstverständlich über kurz oder lang auch alle politische Macht der Reaktion wieder in die Hände spielen muß. Wenn es soweit ist, wird natürlich die Rache der Bourgeoisie gegen die opportunistischen Kommunisten von heute nicht sanfter sein als nach einer Niederwerfung wirklich konsequenter Revolution, bei der die Niederwerfung nur weniger sicher ist (denn Ungarn und Bayern beweisen nichts gegen die Richtigkeit der revolutionären Bewegungen dort als solche sondern nur gegen die physischen und moralischen Kräfte, mit denen die unternommen wurden). Trotz allem: der Gedanke allein, daß irgendwo in Europa die Arbeiter sich in den Kampf gestellt haben, erfüllt das Herz mit Freude, und wenn es sich wirklich um Revolution im rechten Sinne des Wortes handelt, dann habe ich auch die Zuversicht, daß die alte Erfahrung, daß der Geist einer Revolution im Verlaufe sich immer weiter radikalisiert, sich jetzt wieder bestätigen wird: und dann kann der schwache Anfang zu starker Fortsetzung und zu endlichem Sieg führen. – Bei uns im Lande haben wir leider weniger Ursache uns zu freuen. Der Metallarbeiterstreik in Süddeutschland steht nach 12wöchigem überaus opfervollem Kampf vor dem Ende, – und da er von den Gewerkschaftsbonzen dirigiert wurde, selbstverständlich vor einem katastrophalen. Die Abwürgung ist von der Gewerkschaftsbürokratie, die bei der Erbitterung der Arbeiter einen schweren Stand hatte, in der Weise inszeniert worden, daß sie die Kampffront gespalten hat und ihr Haupttätigkeitsfeld von Frankfurt-Baden-Württemberg weg nach München legte. Ausgerechnet die bayerische Regierung machte den „Vermittlungsvorschlag“, die in Wahrheit die jämmerlichste Niederlage der Streikenden bei der (kaum mehr zweifelhaften) Annahme bedeutet. Statt der von den Industriellen geforderten 48stündigen Arbeitszeit soll für die 46 Stunden, die die Arbeiter verlangen, die 47stündige treten, jedoch soll die Betriebsleitung, wo sie es für notwendig hält nach Verständigung der Betriebsräte (ohne deren Zustimmung) 48 Stunden verlangen und dafür 1 Stunde nach dem Überstundensatz draufzahlen dürfen. In Frankfurt haben die Metallindustriellen den Belegschaften die Annahme dieses Kompromisses empfohlen, die es jedoch zurückwiesen. In München steht die Annahme so gut wie sicher bevor, wodurch dem Kampf natürlich das Rückgrat gebrochen ist. Wie die Gewerkschaften bei derartigen Konflikten operieren, hat sich bei dieser Gelegenheit auch sonst klarstens gezeigt. Hatte ein Betrieb sich mit der 46stündigen Arbeitszeit, wie bisher, abgefunden, dann schickten die Bonzen ihre armen Schafe einfach hinein, während die Unternehmer mit Aussperrungen im größten Stil arbeiten. In Frankreich[Frankfurt] soll nach der Ablehnung des Kompromisses die Aussperrung von 46000 Arbeitern über die Zahl der Ausständigen hinaus bevorstehn. Wäre sofort der Generalstreik aller deutschen oder doch süddeutschen Metallarbeiter und evtl. auch der verwandten Branchen (Transport etc) proklamiert, dann hätte das Kapital kein so leichtes Spiel gehabt wie jetzt, wo es bloß darauf ankam, welche Seite es finanziell länger aushielt – und da könnten den Gewerkschaften auch hunderte von Millionen nichts nützen –, denn dann hätten sie die Streikbrucharbeiten nicht geliefert bekommen, die die ehrlichsten Proletarier ihnen ohne zu wissen was sie tun leisten, indem sie den Produktenmarkt in den Fabriken, die ihre Forderungen bewilligt haben, aber mit den feiernden tausendfältig versippt und vertrustet sind, mit ihren fleißigen Händen versorgen. Die zentralistischen auf vollen Kassen basierenden Gewerkschaften, die ihr Soll und Haben in Ausgleich halten müssen, können sich natürlich auf umfassende Solidaritätsaktionen nie einlassen, weil die die Speisung so vieler Feiernden gleichzeitig aus derselben Kasse verlangen würden, daß selbst ein Vielfaches ihres mächtigen Geldvermögens in wenigen Tagen kaput wäre. So verlangen sie „Disziplin“ und treiben jeden Streik mit Rechenkunststücken und Kompromissen in den Sumpf. Die Kommunisten wissen das, – aber es hindert sie nicht, ihre blödsinnige Parole: „Zellenbildung“ innerhalb der gelben Gewerkschaften! als revolutionäre Weisheit auszutrompeten. – Seppl schreibt mir, daß er, nachdem er zuerst in der KP bleiben wollte und sogar sich ein kleines Pöstchen hatte zuschanzen lassen, jetzt, nachdem er den faulen Zauber ganz nahe gesehn und durchschaut hat, Kommunisten Kommunisten und Gewerkschaft Gewerkschaft hat sein lassen und zur Union hinübergegangen sei (wohl die syndikalistische F. A. U.) Ich bin froh drum. Wenn ihn wohl auch eine gewisse Halbseidigkeit und Verwaschenheit bei manchen der Genossen abstoßen wird – aber grade da hoffe ich Erfreuliches von Seppls Einfluß auf die weniger temperamentvollen Friedfertigen – so lernt er dort jedenfalls wahre Kameradschaft am Werke sehn, seine Persönlichkeit, Bewußtheit und Selbstverantwortlichkeit üben und dem eignen Urteil besser vertrauen als den Befehlen Dritter.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 25. Mai 1922.

Christi Himmelfahrt steht im Kalender. Also keine Post, keine Zeitungen und bis zur Hofzeit keine wichtigen andern Arbeiten. Heut ist also nun der erste der kritischen Entente-Termine, und die Polizeifrage soll heute entschieden sein. Da es ja das Reich ist, das darüber die Anordnungen zu treffen hat, ist die Annahme der Forderungen so gut wie sicher. Allerdings hat vor einigen Tagen der frühere kgl. bayerische Minister Knilling, jetzt eine strahlende Größe der bayer. Volkspartei, seine Parteifreunde öffentlich beruhigt, Bayern werde in der Frage der grünen Polizei niemals nachgeben. Man weiß, was „niemals“ in der Sprache der Politiker bedeutet. Nur sind neue Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten für die Reichsregierung zu erwarten, und ein Notenwechsel Paris-Berlin – Berlin-München wird schließlich einen etappenweisen Rückzug der bayerischen Eigenart bewirken. – Herr Lerchenfeld hat augenblicklich wohl keinen ganz leichten Stand. Vorige Woche war er zum großen Ärger der Patrioten in Ludwigshafen von den französischen Besatzungsbefehlshabern begrüßt worden. Jetzt hat er in München eine patriotische Versammlung gegen die „Schwarze Schmach“, weil sie „inopportun“ im Hinblick auf die Außenpolitik sei, verhindern lassen, weshalb er von den charaktervollen Zeitungen wie dem „demokratischen“ „Fränkischen Kurier“ wütend angekläfft wird. Die Herren Franzosen werden ihm wohl allerlei von den Archiven erzählt haben, die sich in Frankreich speziell mit bayerischem Material für die transvogesischen Chauvinisten häufen. Zugleich mag auch Herr Rathenau händeringend gebeten haben, das Hermes-Geschäft in Paris nicht zu stören, um nicht etwa die Schwarze Schmach grade mit ihrer Bekämpfung erst hereinzulocken. Ob Hermes das Geschäft zustande bringen wird, zu dem er ausersehn ist – und von dessen Gelingen vielleicht sein eigner Aufstieg zu Wirths Pöstchen abhängt – (sein billiger Wein wird ihm vergeben werden, wenn er sich auch für andre Leute auszahlt) –, darüber weiß bis jetzt kein Schmock mehr zu melden als was in solchen Fällen üblich ist: Unterredungen mit diesem oder jenem, streng vertraulich, man sei optimistisch, hingegen sei bis jetzt nichts bezweckt, – kurz und gut, man ist nach der Zeitungslektüre stets noch ein wenig unwissender als vorher. Nur weiß man schon jetzt – wenn man auch das grade nicht aus den Zeitungen erfährt –, wer in dem Kampf zwischen Loucheur und Hermes endlich der Sieger sein wird: nämlich Herr Morgan aus Dollarika. Dieser Valüterich soll mit einer Dollarmilliarde winken, die Deutschland haben soll, um sich gesund zu machen und um seine Schulden zahlen zu können, womit also beiden Roßtäuschern gedient wäre, für die aber Bedingungen nach beiden Seiten gestellt werden – und darauf kommt’s nun an. Zweifellos ist Herr Poincaré entschlossen (denn er muß um der französischen Trambahngäste willen), für den Fall des Nichtzustandekommens einer Zahlungsgarantie von Deutschland die „Sanktionen und ähnliche Annuitäten“ prompt in Schwung zu setzen, und er wird sich kaum daran hindern lassen durch die Talmudisten, die – besonders in Deutschland – auf den Redaktionen hocken und sich mit philologischen Bemühungen über die Frage abplagen, ob im Versailler Vertrag das englische Wort „respektif“ französisch „respective“ oder „respectivement“ zu heißen habe. Denn hiervon hängt augenblicklich Krieg und Frieden ab. Heißt’s „respective“ dann darf der Franzos marschieren, auch wenn sich der Brite die Haare darüber ausrauft, heißt’s aber „respectivement“, dann muß jener diesen erst um Rat und Erlaubnis bitten (es kann sich auch umgekehrt verhalten). Da ich nun vermute, daß Poincaré sich für einen besseren Übersetzer ins Französische schätzen wird als etwa Rathenau, und daß wohl seine Überzeugungskünste auch dem Geiste gerecht zu werden suchen, der ihn nicht bloß als Verehrer seiner Muttersprache sondern zugleich als Betreuer seines Vaterlandes beseelt, so scheint mir die Hoffnung unsrer Zuversichtsdeutschen, Hermes brauchte nichts zu bewilligen und wir brauchten nichts an Reparationen zu leisten wie bisher, denn dem einmarschfreudigen Madagassenheer türme sich an der Grenze eine redaktionelle Ungerechtigkeit des Versailler Vertrags entgegen, trügerisch zu sein. Da mir alles was geschieht zur Klärung der Dinge geeigneter scheint als alles, was nicht geschieht, hätte ich gegen den Einmarsch aus revolutionärpolitischen Erwägungen nichts einzuwenden, wenn auch mein Privatinteresse mir den entgegengesetzten Wunsch nahelegen müßte. Doch käme der Einmarsch nur auf eine kurze Vertagung der Freilassung hinaus – und ich habe nicht das Recht, meinetwegen zu wünschen, was ich um meiner Sache wegen nicht wünschen darf. Zudem ist die Aussicht, auch ohne „Schwarze Schmach“ frei zu werden, nicht übertrieben groß in diesem Augenblick. Eine Begeisterungsbesoffenheit über die „Erfolge“ von Genua ist selbst bei den deutschen Zeitungslesern, die sich doch sonst alles vormachen lassen, nicht zu erzielen gewesen. Dazu ist das Fiasko doch zu offenkundig (auch der Markkurs fällt schon wieder). Allerdings ist infolgedessen auch kein besonderer Katzenjammer zu spüren; man tröstet sich halt mit dem Rapallo-Vertrag. Gelingt es Rathenau, den 400 Eseln am Königsplatz beizubringen, daß er damit eine historische Großtat verrichtet hat, dann wäre allenfalls auf eine gewisse Bewilligungsstimmung für eine Amnestie zu hoffen; aber schon zeigt sich wieder, daß die Kommunisten ihre Chancen nie verstehn oder auszunützen wissen. Rosi Wolffstein hat im preußischen Landtag zu den Justizdingen geredet, dabei kräftig nach Amnestie gerufen und wieder mal erklärt: Selbstverständlich nur Amnestie für proletarische Revolutionäre, die von rechts müssen ausdrücklich übergangen werden! Damit klatschen die Aussichten wieder wie ein Eierkuchen zusammen. Ich muß oft wirklich zweifeln, ob diese Leute wirklich ernsthaft wollen, daß wir herauskommen, oder ob sie uns nicht als Märtyrer ebenso zu Agitationszwecken hinter den Gittern brauchen wie die Patrioten uns als Wauwau sitzen lassen wollen. Es ist schon eine unglaubliche Zumutung an die Koalitionsparteien, auf die es allein ankommt, daß sie uns als die sympathischeren Freunde betrachten sollen als die Opposition von rechts, der sie ja ohnehin nichts tun. Wem würde es denn etwas ausmachen, wenn die Herren Jagow, Oltwig v. Hirschfeld, Arco, Killinger – ich glaube, das sind alle, die von drüben drinnenhocken – mit den hunderten ihrer Mordkumpane die „Freiheit“ bevölkern, und wenn Herr Kapp sein angeblich amputiertes Auge wieder eingesetzt kriegte, nicht prozessiert würde und seine Schnitzler, Erhardt und Bauer wieder um sich sammeln könnte, die auch nicht mehr zu fürchten wären als Ludendorff, Pittinger, Escherich e tutti quanti. Aber es ist soweit, daß die „Revolutionäre“ von heute sich der Bourgeoisie schon derartig an den Hals geschmissen haben, daß sie glauben, Gegenleistungen für Wohlverhalten erwarten zu dürfen. Die Entscheidung wird einmal ausgefochten werden zwischen den revolutionären Kommunisten (zu denen die KPD nicht mehr zu zählen sein wird) und den Deutschnationalen. Beide Teile haben Interesse daran, es zu diesem letzten Kampf zu treiben. Dazu muß beseitigt werden, was zwischen ihnen liegt, und das zu beseitigen, ist gemeinsames Interesse und muß daher gemeinsame Arbeit sein. Ich würde – wenn ich mich schon politisch-taktisch betätigen sollte – jedes Zusammengehn mit den Sumpftieren aller Arten verschmähen, im Negativen aber eine Verbündung mit der Rechts-Opposition keineswegs ein für allemal ablehnen, am wenigsten, wenn es drauf ankommt, Kampfkräfte frei zu kriegen. Aber unsre „Kommunisten“ machen alleweil da „Taktik“, wo sie Charakter haben müßten, wo sie hingegen durch Taktik wirklich revolutionäre Erfolge erzielen könnten, begnügen sie sich mit Demonstrationsgesten. – Dieser Fehler hat uns im Herbst die Amnestie gekostet, er kann sie uns leicht auch diesmal kosten, jedenfalls sind unsre Chancen schon jetzt wesentlich verschlechtert, und wir können uns getrost auf etliche weitere Monate gefaßt machen, die Bayerns Ordnungskräften Gelegenheit schaffen werden, sich an uns zu trainieren. Eine kleine niedliche Begebenheit nach dieser Richtung ist mal wieder zu notieren. Gestern wurde während der brennendsten Sonnenglut einem unter der Wasserleitung duschenden Genossen dieses Vergnügen untersagt. Man müßte sich’s demnach also in Zukunft bei den Sonnenbädern genügen lassen, obwohl Wasser für eine Stunde wenigstens zur Verfügung steht, das dann nur noch zur Blumenpflege verwendet werden dürfte. Man muß nun abwarten, ob hier der Eifer eines einzelnen Aufsichts-Märtyrers sich individuell betätigt hat oder ob nicht mehr genügend Anlaß zu Absonderungen gegeben wird, sodaß neue Gelegenheiten geschaffen werden müssen. – Taubenberger steht mal wieder unter Disziplinierung: 14 Tage Hofverbot (bei dem herrlichen Wetter jetzt eine sehr empfindliche Sache), weil er, als vorgestern früh der Morgenkaffee schwarz heraufkam, einen Märtyrer fragte, ob der Staatsanwalt die Milch verbuttere. – So gehn die Unterhaltungen hier nicht aus. Unter den Genossen selbst herrscht tiefster Friede – wenigstens äußerlich. Ich habe mich für meine Person zu dem Kühlewein-System der Einzelbegnadigungen auf Bewährung entschlossen, sodaß ich jetzt mit Ausnahme der Gruppe Krach mit fast allen wieder in einem friedfertigen Verhältnis lebe. Nur bin ich in meinem unbesorgten Vertrauen ein wenig vorsichtiger geworden, – wodurch ich mich keineswegs glücklicher und ganz gewiß nicht bereichert fühle.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 27. Mai 1922

Sensationen verschiedener Art. Was meine Person betrifft, eine ekelhafte: ich wurde gestern abend plötzlich ernsthaft krank und ging nach fürchterlichen Entleerungen – besonders oben hinaus – völlig entkräftet zu Bett. Da noch mehrere Genossen ähnliche Erscheinungen hatten, wird wohl eine kleine Vergiftung vorliegen, deren Ursprung nicht mehr ermittelt werden kann. (Hierbei eine Parenthese. Vorgestern abend bekamen wir eine Wurst vorgesetzt, die so entsetzlich stank, daß – soviel ich weiß – kein einziger sie gegessen hat. Der Arzt, dem gestern Beschwerden deswegen zugingen, erklärte, es sei ausgeschlossen, daß uns verdorbene Wurst vorgesetzt sei. Es könne sich höchstens um den Geruch handeln, der vom Pökeltopf herrühre. Tatsächlich haben wir vorgestern ohne Abendessen bleiben müssen, da auf unsre Zurückweisung der Stinkwurst kein Ersatz geliefert wurde. Der Arzt aber wird niemals zugeben, daß die Verwaltung etwas hätte besser machen dürfen: man müßte ihm schon Leichen zeigen, die an Vergiftung gestorben wären. Da ich von dieser Wurst nicht einen Bissen gegessen habe – auch die übrigen, die gestern an Erbrechen und Bauchweh litten, nicht – muß also tags drauf gleich wieder was Verdorbenes auf den Eßtisch gestellt worden sein). Mir ist auch jetzt noch ziemlich kläglich zu Mut. – Aber ich wollte andre Sensationen behandeln. Gestern mittag wurde ich zum Zensor gerufen. Zenzl schrieb kürzlich, es sei ein Kriminaler bei ihr gewesen und hätte gefragt, ob ich Anzeige zu erstatten wünsche, da jemand auf meinen Namen Hochstapeleien verübt habe. Ich erwiderte, daß ich weder wissen wolle, wer überhaupt in Frage komme noch um was es sich handle, sondern daß ich grundsätzlich verbiete, daß die Polizei jemanden in meinem Auftrag verfolge. Hierum handelte es sich gestern. Ich wiederholte die Weigerung und erklärte auf Gollwitzers Einwurf, man könne ja auch ex officio einschreiten, daß ich auch dafür keine Handhaben bieten würde, zumal ich garnichts wisse, was er als Zensor nicht aus kontrollierter Post auch wissen könne. So war seine Bemühung ergebnislos. Ungefragt aber verriet er, um wen es sich handle: Frau Thekla Karpf, die unter Mißbrauch meines Namens in Berlin Betrügereien verübt haben solle. Ich antwortete auch darauf, daß mich das nicht interessiere und daß ich auch nicht daran glaube. – Gleich nach dieser Unterredung hörten wir, daß der Augsburger Untersuchungsrichter im Hause sei, der Olschewski vernehme und dann, daß Karpf eben nach Augsburg ins Untersuchungsgefängnis abtransportiert sei. Es ist klar, daß Gollwitzer deshalb von mir Auskünfte wollte, um eventuell gleich noch weiteres, außerhalb der res agenda liegendes Material gegen das Ehepaar Karpf beizubringen, und ich bin froh, mein Desinteressement grade in diesem Augenblick so unwiderruflich ausgedrückt zu haben. Den armen Karpf werden wir, fürchte ich, hier nicht wiedersehn. Man wird ihn in der Bestechungsgeschichte bös hernehmen, und man darf nur hoffen, daß in dem Augsburger Prozeß wenigstens die Erörterung der Gründe, die den Briefschmuggel hier als Notwehr begründen, in weitem Umfang möglich wird. – Über Einzelheiten der Vernehmung Karpfs und Olschewskis hört man allerlei, was aber, da es von Olschewski kommt, sehr vorsichtig aufgenommen werden muß. Jedenfalls will ich hier nichts davon in interessierte Hände fallen lassen. – Soweit die Hausangelegenheiten. Zugleich gibt es auch Sensationen in der politischen Giftbude. Im Reichskabinet soll es „kriseln“, da Hermes in Paris Zusicherungen gegeben haben soll, die viel weiter gehn als Wirth – der Erfüllungs-Josef – sie verantworten will. Schon vor längerer Zeit hieß es, Hermes säge den Kanzlerstuhl an, um ihn dann für sich selbst zurechtzuleimen. Es scheint nun also soweit zu sein, daß er ihn schon berennt, um Wirth herauskippen zu lassen. Die Finanzkontrolle (die wir uns doch „niemals“ gefallen lassen können!) soll er schon endgiltig den Franzosen konzediert haben, wofür dann eine Verlängerung des Moratoriums und ein entsprechender Aufschub der Sanktionen bewilligt wäre. Natürlich nimmt in diesem Lande der schlichten Sachlichkeit niemand für diese oder jene Meinung Stellung, sondern alle Welt nur für diesen oder jenen Minister, und wir haben die ganz interessante Beobachtung, daß die eifrigsten „Erfüller“ (die Unabhängigen und Pazifisten z. B.) sich jetzt hinter ihren Wirth mit seinem Non possumus stellen, während die Hüter der deutschen Ehre aller Couleurs treu zum Hermes stehn mit seiner „Entehrung“ Deutschlands. Der „Miesbacher“ behauptet sogar (indem er Wirth einfach mit dem Juden Rathenau identifiziert), der ganze Spektakel gegen Hermes käme nur daher, weil er Katholik sei. Das ist aber das Niveau der deutschen Presse überhaupt und die andern Zeitungen sind nur nicht so ehrlich wie der Miesbacher, daß sie zugeben würden, daß personale Politik wichtiger sei als sachliche (zu der sie ja auch garnicht fähig sind). Gäbe es in Deutschland noch öffentliche Vereinigungen, denen es nicht der Phrase sondern dem Geiste nach um Wahrheit zu tun wäre und die nicht selbst von der schmutzigen stinkenden Seuche der Presse-Lues infiziert wären, dann müßten sie alle ihre Mittel, alle ihre Kräfte auf den einzigen Zweck konzentrieren, die Pestwanzen der Lohnschreiberei, der bezahlten Gesinnung – mit einem Wort: des Zeitungsgewerbes mit Zucht und Brut auszurotten; vorher ist an keine Reinigung der Atmosphäre weder im politischen noch im privaten Leben zu denken. – Der Kampf gegen die Presse ist wichtiger als der Kampf gegen die Kirche, der nur ein Kampf gegen Heuchelei ist. Der Kampf gegen die Presse wäre ein Kampf gegen Heuchelei und Bestechung, Entsittlichung und Verdummung, Autorität und Verknechtung, Lüge und Betrug, Arroganz und Sykophanterie, gegen die Entartung von Geist, Seele und Moral, gegen die Korruption und das Verbrechen in jeder Gestalt und gegen die Ur- und Mutterkrankheit aller Leiden, unter denen dieses Zeitalter im Schlamm verreckt. Was es in unsrer schandbaren Gesellschaft an Schmarotzererscheinungen gibt: jede Art kapitalistischer Korruption, jede Begaunerung des Armen durch den Reichen, jede offene und verschleierte Prostitution, jeder schmierige Luxus, jeder verkommene Pseudogenuß – alles rankt an diesem vom Titelkopf bis zum letzten Inserat vergifteten Kulturbaume empor, die eigne Schäbigkeit von ihm mästend und ihm ausseits verseuchtes Blut zurückgebend. Wie glücklich ist ein Volk von Analphabeten! Die allgemeine Schulpflicht liefert, solange die Presse nicht desinfiziert ist – und dazu muß sie dekapitalisiert sein – dem Volk den Giftbecher, aus dem es sich den Wurmfraß der Seele antrinkt. Wäre die Revolution nicht aus allen Gründen notwendig, ja, gäbe es keinen andern Anlaß zur Revolution als diesen, die Existenz der politischen Inseraten-Zeitungen allein würde die fanatischste, blutigste, schonungsloseste, unbarmherzigste Revolution der Weltgeschichte rechtfertigen und selbst in alle Ewigkeit heiligen. – Da habe ich mich mit meinem Notizenwagen auf ein Nebengeleise verlaufen. Es macht nichts: einmal mußte die Galle heraus, die mich tagtäglich bei der Lektüre der Zeitungen juckt. – In der Sache Hermes-Wirth nehme ich einmal nicht Partei, es soll mir egal bleiben, unter welcher Firma wir betrogen werden. – Ich hätte aber noch eine weitere Sensation zu erwähnen: die Neunerkommission der 3 internationalisierten sozialistischen Wahlvereine ist in Berlin versammelt gewesen: MacDonald hat von rechts gestänkert, Radek hat von links gehetzt, Adler hat in der Mitte gesessen – und hätte sich mit der kümmerlichsten Kompromißgeburt freudig zufrieden gegeben, wenn sie nur die Einigungsformel gerettet hätte – und man ist dann ohne Resultat auseinandergegangen: die „Formel“ ist nicht gefunden. Der „Vorwärts“ schreibt, die Unabhängigen und Kommunisten hätten die Einigung verhindert, die „Freiheit“ schreibt, die Sozialdemokraten und Kommunisten hätten sie hintertrieben, die „Rote Fahne“ schreibt, die Sozialdemokraten und die Unabhängigen hätten sie sabotiert. Und Recht haben sie alle: denn jeder wollte die Einigung, wenn die andern sich nur unter ihre Führung begeben würden. Aus dem Weltarbeiterkongreß wird also fürs Erste nichts, – es sei denn, daß ihn die Arbeiter von sich aus machten, ohne nach Wahlverein I („Internationale“ Amsterdam), II („Internationale“ Wien) oder III („Internationale“ Moskau) zu fragen und sich von den Betrieben aus nach eignen, statt nach Klüngelinteressen zu ernstlichen Beratungen über ihre gemeinsamen Angelegenheiten in aller Welt zusammenfänden. Denn die „Einheitsfront“, für die die fraktionsbegeisterten Stimmjäger ihre Formeln suchen, ist längst da: sie hat sich grade im Schlußakt des großen süddeutschen Metallarbeiterstreiks wieder von der reizendsten Seite gezeigt: in München war Urabstimmung über das Kompromiß, das für die Arbeiter eine völlige Niederlage bedeutet. Das Resultat war vorauszusehn: über 5000 Stimmen für die Wiederaufnahme der Arbeit gegen eine Opposition von ein paar hundert Stimmen. Wie das Resultat aber zustande gekommen ist, obwohl in Baden, Württemberg und Hessen die Kampfstimmung bis jetzt ungemindert war? Nun – die Gewerkschaften haben die Parole zum Annehmen ausgegeben. Die Gewerkschaften aber bieten ja neuerdings einen leuchtenden Widerschein der proletarischen Parteipolitik. Seit sich die Kommunisten mit ihrer „Zellenbildung“  in die Zentralgewerkschaften eingenistet haben, geht ja alles so revolutionär zu, daß man die alten gelben Gebilde garnicht wiedererkennt. Und wenn gestreikt wird, predigen nicht mehr wie früher die gewerkschaftlichen Nur-Beamten, sondern der sozialdemokratische Gewerkschaftsmann redet, dann der USP-Gewerkschaftsmann und dann der KPD-Gewerkschaftsmann. Und so wars auch jetzt. Und als die 3 feindlichen Bürobrüder ihre Sauce ausgegossen hatten, wußten die Metallarbeiter Bescheid und brauchten sich nicht die Köpfe zu zerbrechen, wessen Parole sie am richtigsten finden sollten. Sie hatten alle 3 die gleiche ausgegeben; die Kommunisten auch, deren Blätter sich überall fürchterlich entrüsten über das schamlose Anerbieten der Arbeitgeber und die Schlappheit ihrer sozialdemokratischen und unabhängigen Gewerkschaftskollegen, und so hat man denn in München jetzt den Streikbruch gegen die übrigen süddeutschen Metallarbeiter beschlossen. – Was die Rote Fahne nun sagen wird? Sie wird sich räuspern und auf SPD und USP schimpfen. Denn viel besser als die Stinnes-Presse ist die Sinowjew-Presse auch nicht. Auch sie hat einen Inseratenteil. Non olet! – Herrgott, könnte ich doch bald die Ärmel hochstreifen!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 28. Mai 1922.

Eben komme ich – nachdem ich eine Nachmittagshofstunde schon verpaßt habe, von den Genossen Luttner und Sandtner, zu denen sich dann noch Thierauf und Zäuner einfanden. Es ging um die Frage der Organisationsform der Gewerkschaften, und wenn die wahrhaftigen echten und allein richtigen Kommunisten gehört hätten, wie ich unter lauter Parteifunktionären gegen das zentralistische und für das föderalistische, syndikalistische Prinzip geeifert habe und bis zu welchem Grade meine Argumente anerkannt wurden, – sie würden ihrer Parteizentrale den endgiltigen Beweis liefern, welch verheerenden Verrat ich hier im Hause übe und fördere und sich schleunigst an die Erfindung neuer Mühsamscher Unterschlagungen begeben. – Schließlich holte ich meinen „Kain“-Band und las einige Artikel, die auf die Arbeiterbewegung Bezug haben und vor 10 Jahren schon von mir veröffentlicht wurden, vor. Die Genossen waren perplex, und weil sie ehrliche Kerls sind, denen die Wahrheit doch nicht ein auswechselbares Anhängsel an der Kette der Zweckmäßigkeit ist, rieten sie mir dringend, ich solle den „Syndikalist“ veranlassen, jetzt die zum Teil wieder äußerst aktuellen Artikel aus der Vorkriegszeit abzudrucken. Wenn Zenzl mal wieder herkommt, will ich sie wirklich drauf hinweisen. Auf jeden Fall ist mir aufgegangen, daß die Veröffentlichung eines „Kain“-Breviers garkein schlechtes Unternehmen wäre und vielleicht sogar Verdienstmöglichkeiten in sich schlösse. – Na, ich will heute keine welterschütternden Dinge hier vermerken. Da sowieso keine Zeitungen gekommen sind, brauche ich mir auch keine Sorgen um die Politik zu machen. Aus der „Krise“ kann werden, was mag. Auch das Problem, ob der Reichstag, der die Berichte aus Genua in diesen Tagen entgegennehmen wird, von den Konferenzergebnissen beglückt oder entsetzt sein wird, ist nicht übertrieben bedeutungsvoll; wie auch das Urteil dieser edlen Körperschaft ausfallen mag, an meiner Freude wird es nichts ändern, daß der erste ernsthafte Versuch, die Weltinteressen des Kapitalismus gegen die des Proletariats nach dem Kriege organisatorisch neu zusammenzufassen, ein gewaltiges Fiasko erlitten hat. Es ist wahr, die Versuche des Proletariats sind bisher ebenso gescheitert, und die Aussicht, daß die Einigung des revolutionären Weltproletariats in absehbarer Zeit gelingen wird, ist infolge des Irrsinns der „Internationalen“ aller Schattierungen, von oben herunter mit „Punkten“, „Leitsätzen“, „taktischen Programmen“ etc. die Weltrevolution an ausgerechneten „Phasen“, „Entwicklungsstufen“, „Etappen“ etc „dialektisch“ zu kommandieren, leider sehr schwach. Immerhin ist auch die Schwäche des Feindes offenbar geworden, und wer zuerst die Sammlung der Kampfkräfte bewirkt hat und offensiv zu werden wagt, wird siegen. Die Aussichten sind aber sachlich bedeutend besser für die Arbeiter, die nur noch die Einsicht in die Art brauchen, wie sie sich zusammenzuschließen haben und dann gleich operieren können, während das Kapital technischen Schwierigkeiten gegenübersteht, deren Überwindung bei den sehr konträren materiellen Interessen unter ihnen selbst, von der bloßen Einsicht in die Zusammenhänge nicht bewirkt wird. – Aber ich will die zweite Gitteröffnung für den Hof nicht auch wieder verpassen und beschränke mich auf die neuesten Interna des Hauses. Nachdem gestern Karpfs Einzelhaft durch Schicksalsspruch von oben ipso facto zu Ende war, erschien heute früh als letzter der Abgesonderten auch der große Sauber wieder oben. – Dennoch ist kein Vacuum in der Aufeinanderfolge der Disziplinierungen eingetreten. Noch im rechten Augenblick konnte gestern nachmittag Podubetzky in Einzelhaft gesteckt werden. Er hat seine 3 Jahre in den nächsten Tagen hinter sich und gab nun schon seine Bücher und Schriften zur Zensur. Seine Tagebuchaufzeichnungen wollte er jedoch den Polizeiblicken des Herrn Gollwitzer nicht ausgesetzt wissen und versuchte, sie in Mimikry-Verbergung unter das Zensur-Material zu verstauen. Sie wurden aber erwischt, und Podu kann jetzt seine letzten Tage von Niederschönenfeld in ungestörten Betrachtungen über bayerische Eigenart dahinrollen lassen. Es ist ganz gut, daß unsre Bewacher so häufig noch Gelegenheit finden, in die Gedächtnissuppe der Abschiednehmenden noch einen Löffel Pfeffer hineinzuschütten, kurz ehe die Gitterpforten sich öffnen. Auch die Rechnung, die man ihnen später mal präsentieren wird für ihre Tüchtigkeit im Menschenschinden wird gepfeffert sein.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 30. Mai 1922.

Im Hause ist schon wieder Zuwachs: ein junger Rotgardist Schindelböck, der von der Festung aus Bewährungsfrist bekam und danach aus nichtpolitischen Gründen neuerdings eingesperrt wurde, muß die fehlenden 2½ Festungsmonate nachexerzieren, – was nicht hindern wird, daß er in den Statistiken über die Einzelbegnadigungen weiterhin zum Beweise der bayerischen Justiztoleranz bemüht werden wird. Radbruch hat ja dieses schöne Verfahren von Bayern fürs Reich übernommen. Es hilft ihm vorläufig um die Amnestiesorge herum, und in den Parlamenten hat ja niemand beobachten können, was wir wissen: daß der Anreiz der Bewährungsfrist ganz verheerende Wirkungen auf den Charakter vieler Leute ausübt. Der Fall Reichardt auf der einen, die Fälle Wittmann und Weigand auf der andern Seite beweisen ja, welche Korruption mit diesem System nicht nur verschuldet sondern sogar beabsichtigt wird. Weil sich die beiden Jungen auf Vollmanns schamlose Pressionspolitik mit dem Wohlverhaltensrevers nicht einließen, wird ihnen „schlechte Führung“ am Strafort vorgeworfen und die vom Gericht erkannte bedingte Begnadigung wieder gestrichen. (Dazu will ich eine gelegentliche Äußerung des Hausarztes Dr. Steidle oder Steidele oder Steinle oder wie er heißen mag, dem Bibs gegenüber festhalten. Der fragte ihn, ob er denn nicht bald heraus käme. Auf die Antwort, daß ihm die Bewährungsfrist aus undurchsichtigen Gründen wieder gestrichen sei, bemerkte der Doktor: „Na, Sie sind ja wohl auch grade kein Engel, und Sie verkehren jawohl auch viel mit dem Herrn Walter.“ Also dem Mann ist es ganz natürlich, daß die Auswahl des Umgangs eines „Ehrenhäftlings“ unter seinen Mitgefangenen von der Strafvollstreckungsbehörde als Kriterium seiner Führung bewertet wird, und daß die Wahl eines der Verwaltung nicht sympathischen Verkehrs mit jahrelanger Verlängerung der Strafe über die von den Richtern bestimmte Dauer hinaus zu sühnen ist. In der Tat glaube ich, daß der Seppl hauptsächlich seine Freundschaft mit mir mit 15 Monaten Einsperrungszulage büßen mußte). Die schauderhafte Auffassung von Kameradschaftspflicht hier drinnen ist zum größten Teil auf die Korruption und die Charakterverseuchung zurückzuführen, die mit dem ewigen Winken mit der Bewährungsfristlaterne verübt wird. – Nun, man kann grade jetzt äußerst neugierig sein, ob die Arbeiter mit ihrem Amnestieverlangen für die politischen Gefangenen tatsächlich mit diesem hanebüchenen Surrogat abgespeist werden sollen. Der Reichstag hockt schon wieder beisammen. Wirth hat – nachdem sich Hermes vorläufig mit dem Sieg der Idee über ihn bescheiden mußte und den Sieg der Person bis zur nächsten Gelegenheit vertagt hat – über Genua geredet, den Vertrag von Rapallo hochgepriesen und sich gehütet, auf die Pariser Verhandlungen, die „in der Schwebe“ seien, einzugehn. Er und sein Kabinett mögen also diesmal wieder mit einem Vertrauensvotum aus der Klemme kommen (denn eine so jämmerliche Leistung wie sie Rathenau in Genua-Rapallo hinter sich gebracht hat, indem er sich mit dem Odium der Illoyalität und Felonie der Lüge und der Nichteignung zum Vertragspartner vor den Vertretern von 9 Regierungen offiziell hat in die Ecke stellen lassen, macht es klar, daß man im Reichstag vor Ehrfurcht versinkt: sie haben ja noch nie aufs richtige Pferd gewettet). Morgen ist nun der Stichtag für die Reparationsentscheidung. Es scheint, als ob Hermes die Annahme tatsächlich gegen Wirth durchgesetzt hat, wofür er in Paris nur die glimpfliche Formel zu vereinbaren brauchte, und daß Morgan also die Anleihe abschließen wird (mit was für Neuleistungen das Proletariat sie wird verzinsen müssen, und welche Wirkungen das Stoppen der Wischgeldfabrikation auf die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter ausüben wird, kann die Phantasie sich vorläufig kaum ganz ausmalen: auf jeden Fall steht keine „Entspannung“ bevor, sondern eine ungeheure Verschärfung der sozialen Not). Für den Fall aber, daß die heute abgelieferte Antwortnote in Paris nicht befriedigen sollte, ist doch auch schon wieder ein Trost da, nämlich ein Telegramm in den Zeitungen, wonach man die Sanktionen nicht gleich, sondern erst nach einer Anstandspause von 14 Tagen in Kraft treten lassen werde. 14 Tage Zeit gewonnen! – das hieß ja schon den ganzen Krieg hindurch in Deutschland Siege erringen, und darauf konzentriert sich denn auch bei uns jede diplomatische Regierungskunst. – Zugleich aber wird geflötet, daß man eine Politik der „Versöhnung“ betreibt und ganz gewiß stets gern bereit sei, zu Vermittlungen aller Art freundschaftlich die Hand zu bieten. So ist denn wohl auch die Auslieferung Boldrinis, der jeden Tag die des Genossen Ghezzi folgen kann, als Akt der Völkerversöhnung zu betrachten, und da ist es konsequent, daß man sich auf die Versöhnung mit den Regierungskollegen der andern Staaten durch Herzlichkeiten kapriziert, die den heißen Willen der deutschen „demokratisch-sozialistischen“ Volks- und Freistaaten beweisen, das Kapital gegen die Begehrlichkeit von Hetzern und Rebellen zu schützen. Der Eifer der Versöhnlichkeit läßt denn auch sofort nach, wenn es sich um uns Eingesperrte handelt. Da gilt nur eins: Rache! 3 Jahre sitzen die Leute jetzt hinter Schloß und Riegel? Es müßten keine deutschen Sozialdemokraten sein, die es zu verantworten haben, wenn nicht das Echo auf jede Amnestieforderung hieße: nun erst recht! – Von Bayern braucht man da garnicht zu reden. Im Landtagsausschuß hat sich die wahre Vornehmheit der Gesinnung gegen politische Gegner wieder überwältigend kundgegeben. Den Abgeordneten ist dort eine neue erhebliche Teuerungszulage auf die Diäten bewilligt worden. Der Antrag aber, daß die eingesperrten Abgeordneten von dieser Vergünstigung ausgenommen sein sollen, fand natürlich die Mehrheit, zu der – natürlich – auch die „Sozialisten“ der Auerfärbung gehörten. – Und diese Politik treibt diese Gesellschaft in dem Lande, das offen den direkten Umsturz des Reichs durch die Monarchisten protegiert. – Die saubere Münchner Post, die noch nie ein Wort zu unsern Gunsten gefunden hat, wird von denen, denen sie dadurch die besten Dienste leistet, mit Hakenkreuzen beschmiert, und diese „Nationalsozialisten“ beschließen in ihren Versammlungen, die nicht verboten werden und in denen der Österreicher Hitler ungestört zu Mord und Totschlag auffordert, Resolutionen, in denen sie Ebert verbieten, seinen angekündigten Besuch in der Reichsgewerbeschau auszuführen. Das müßte als Provokation angesehn werden, die man sich nicht gefallen lassen werde, und dann wird mit deutlichem Hinweis auf diese Schlagfertigkeit auf die numerische Kraft der Nationalen verwiesen. Zugleich wird in Landshut eine Ententekommission gehindert, eine Polizeikontrolle vorzunehmen und muß unter dem Gejohl der nationalen Kommis wieder abfahren, worüber die bayerische Presse entzückt ist und Lerchenfeld muß im Landtag erklären, daß Bayern höchst beflissen ist, die Eisnerschen „Fälschungen“ als Grundlage zu Verhandlungen über eine Revision des Versailler Vertrags in Berlin zu empfehlen. Gleichzeitig aber bringen die Ententeregierungen Material in immer neuer Fülle bei zum Beweise, daß die Entwaffnung in Deutschland Schwindel sei (beispielsweise, daß man statt deutscher Waffen und Munition englische und russische verschrottet hat). Wer das aber in Deutschland erwähnt, wird als Denunziant und Verräter geächtet, da man ihm insinuiert, erst durch die Erwähnung werde er das Ausland aufmerksam machen. Die monarchistische Propaganda, verbunden mit den kreischendsten Haßgesängen gegen den „Feindbund“, übertönt in dieser Republik alles andre, und in dieser Atmosphäre preist man sich selbst an als geeignetsten Manager allgemeiner Versöhnung und Verständigung. Von den finsteren Flüchen gegen Erich Anspach hört man aber plötzlich wenig mehr. Es stellt sich heraus, daß die Franzosen doch nicht völlig auf das gefälschte Material dieses höchst amüsanten Amateurdiplomaten angewiesen waren, daß aber andrerseits der Mann seine Finger in vielen Töpfen gehabt hat und daß hochgestellte deutsche Regierungsleute sich seiner Dienste ebenfalls gern bedient haben. Es sollte mich nicht wundern, wenn man sich die Gelegenheit zur Entlarvung der heimtückischen Feinde, Deutschland zu kompromittieren und zu verdächtigen, noch entgehn lassen wird und Anspach eines Tags nach Dalldorf oder mit einem falschen Paß über die holländische Grenze geschoben wird. Wer aber von Korruption bei uns spricht, ist ein Schweinehund, und nur in einem Punkt muß man – leider – jedem Verteidiger des deutschen Vaterlands recht geben: daß es anderswo auch nicht viel anders zugeht. Die Nachrichten aus Rußland klingen immer weniger erfreulich. Der Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre steht unmittelbar bevor. Die als Verteidiger zugelassenen Vertreter der Internationalen II und II½ mußten sich in offiziellen Kundgebungen der Moskauer Regierung unbeschreibliche Grobheiten sagen lassen, und bei ihrer Ankunft in Moskau wurde demonstriert (was zweifellos von oben arrangiert war), und besonders Theodor Liebknecht mußte sich den Namen seines toten Bruders fast als ob er ihn ermordet hätte in die Ohren schreien lassen. Die Rote Fahne hetzt täglich in hundsgemeinen Artikeln gegen die Angeklagten und ihre Verteidiger, und es scheint als wolle man den Prozeß mutatis mutandis vom Ankläger Radek etwa in der Aufmachung bringen, wie unser Festungsvater Hoffmann den gegen die „Geiselmörder“ inszeniert hat. Mir steigt der Ekel zum Halse bei dieser Schweinerei, zumal die anarchistischen und syndikalistischen Blätter wieder von Anklagen gegen die Parteidiktatoren der Sowjetmacht bersten, die gegen unsre engeren Genossen eine Verfolgungs- und Ausrottungspolitik treiben, die ihr Regime vollständig auf das der zaristischen Ochranamethoden hinunterdrückt. Das alles wäre noch allenfalls zu verteidigen, wenn sich’s ihnen wirklich um die Rettung der Revolution handelte, die selbstverständlich über allen Bedenken stände. Aber sie haben ja die Revolution preisgegeben. Sie haben in Genua vor dem Kapital kapituliert, und ihr ganzer Kampf geht nur darum, daß statt des Prinzips ihre Partei gerettet werde und zwar unter gänzlicher Opferung des Prinzips. Jetzt haben sie in aller Form die Grundidee selbst preisgegeben. Sie haben den Privatbesitz (nicht bloß mehr die Privatpacht) an Immobilien „für 49 Jahre“ zugelassen, während welcher Zeit auch der freie Kauf und Verkauf von Immobilien gestattet wird. Für 49 Jahre! Wir wollen denn doch nicht die Hoffnung verlieren, daß bis 1971 die Revolution in Rußland ihre Fortsetzung erlebt haben wird, deren Ende wie in allen übrigen Ländern die freie von den Schaffenden, nicht von den Bürobeamten, geleitete Räterepublik sein wird. Das walte Gott!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 31. Mai 1922.

Mir geht es seit einigen Tagen nicht gut. Die Attacke vom letzten Freitag, die ich auf Vergiftung zurückführte, scheint eher von einer Art Sonnenstich auszugehn. Ich werde seitdem sehr gequält von Schwindelanfällen, Blutandrang zum Herzen und allgemeinen Schwächezuständen. Vorgestern schon war ich deswegen beim Arzt, der wohl feststellte, daß das Herz nicht ganz in rechter Ordnung ist und mir Tropfen verordnete, mir aber mit alledem bisher verdammt wenig geholfen hat. Eine höchst fatale und ekelhafte Geschichte. Krankheit ist in der Gefangenschaft ein kostspieliger Luxus, insofern als die Unfähigkeit, die körperliche Widerstandskraft die seelischen Torturen kompensieren zu lassen, einen garnicht zu regenerierenden Nervenverbrauch verursacht. Mein altes Mittel, gegen den Streik des Leibes die technische Nothilfe des Willens einzusetzen, „dagegen anzugehn“ will diesmal nicht verfangen, obwohl bis jetzt keiner meiner Freunde gemerkt hat, in welchem Zustand ich tatsächlich bin. Mitte Juni will Zenzl kommen. Es wäre recht scheußlich, wenn bis dahin der Angriff nicht zurückgeschlagen wäre. – Von der Anstalt habe ich zu notieren: die Genossen, die unten Gartenarbeiten machen, dürfen seit gestern plötzlich nicht mehr die Eimer aus den Zellen zum Blumengießen mit hinunternehmen. Das ist bisher stets ohne die geringsten Störungen geschehn, aber irgendein Märtyrer hat festgestellt, daß es „nicht erlaubt“ sei, was hierzulande bekanntlich gleichbedeutend mit „verboten“ ist, und ein Hinweis auf etwas, was die Festungsgefangenen ärgern und peinigen kann, wird vom Vorstand selbstverständlich sofort sanktioniert. Aber um keinesfalls hier mehr gegen die Verwaltung zu sagen, als vor dem strengsten Gericht verantwortet werden kann, muß ich richtigstellen, daß das Verbot des Abwaschens unten sich nicht bestätigt. Nur darf man auch zu dieser Prozedur die Badehosen nicht ausziehn. Es scheint, daß unsre Verbieteriche außerordentlich leicht zu geschlechtlichen Gelüsten angereizt werden können und von der Veranlagung bayerischer Eigenentarteter auf die ihrer Schutz- und Peinigungsbefohlenen schließen. Vielleicht ist die Fähigkeit, männliche Genitalien am nackten Körper zu sehn, ohne den Blick auf sie konzentrieren zu müssen und ohne zu fleischlich-päderastischen Begierden von ihnen angeregt zu werden, in der Tat ein Kriterium für „Landfremdheit“. Es wäre allerdings kein erfreuliches Zeugnis für die Wirkungen, die die Verpfaffung der Sittlichkeit schon auf die Gemütsbeschaffenheit des bayerischen Volkes ausgeübt hat. – Da ich schon beim Richtigstellen bin, kann ichs in der politischen Chronik gleich fortsetzen. Die ursprünglichen Mitteilungen über eine bulgarische Revolution haben sich nicht bestätigt. Doch scheinen die Kommunisten die Entwaffnung der Wrangelarmee und die Vertreibung ihrer Offiziere aus den bulgarischen Grenzen tatsächlich in einer Art revolutionärer Eigeninitiative zustande gebracht zu haben. Das wäre schon hohen Respekts würdig. Keiner Berichtigung bedarf es, was ich gestern über die deutsche Antwort auf die Reparationsbedingungen der Repko als wahrscheinlich voraussah. Die Note ist jetzt da. Sie bedeutet die glatte Unterwerfung und zeigt, daß Hermes in Paris nur über Formalitäten und Modulationen, aber über garnichts Grundsätzliches verhandelt hat. Das Entscheidende ist die blanke Annahme der vordem so emphatisch zurückgewiesenen Finanzkontrolle, die man nun zu parfümieren sucht, indem man die Voraussetzung betont, daß dadurch die deutsche Souveränität nicht angetastet werde. Natürlich werden Franzosen und Engländer mit fröhlichem Grinsen versichern, daß sie an einen Eingriff in die Souveränität Deutschlands nie gedacht haben und werden dann das Kuratel über die trefflichen Wirthsleute einführen. Schon heißt es, die Note habe in Frankreich einen guten Eindruck gemacht, und es wird ohne Besetzung des Ruhrgebiets abgehn. Auch werde Morgan und die Bankierkonferenz die Anleihe nun geben (in welchem Maß sie die tatsächlichen Herren über die deutsche Produktion werden, bzw. in welche direkte Abhängigkeit die gesamte deutsche Wirtschaft unter sie geraten wird, und ob Stinnes es fertig bringen wird, als ihr Prokurist einen Teil der deutschen „Finanzsanierung“ aus den amerikanischen in die deutschen Ausbeutertaschen zu eskamotieren, darüber machen sich die großen Ökonomiker bei uns anscheinend überhaupt keine Gedanken. Denn auch das Mißtrauensvotum der Deutschnationalen hat ja mehr politisch-demonstrativen als irgendwie wirtschaftlich-praktischen Charakter). Am meisten gespannt bin ich auf die Wirkungen der Stoppung der Assignatenfabrikation. Allerdings bleibt noch abzuwarten, ob man nicht zuerst versuchen wird, die Hintertür, die die Verpflichtung offen läßt – nämlich die Eventual-Retirade auf eine force majeure – solange zur Umgehung der Deflation zu benutzen, bis ein neues Ultimatum sie schließt. Sonst ist eine Konfusion im Zirkulationsprozeß zu erwarten, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Denn daß unsre Spekulanten weder an einen Preisabbau noch an eine Preisregelung mit irgend welcher organisierten Methodik denken, zeigt sich schon daran, daß alle Preise ungeachtet des Valutastands von einem Tag zum andern ganz ungeheuerlich anschwellen. Der Markkurs kreist nun schon seit vielen Wochen um den ungefähr gleichen Stand herum – 270–310 vom Dollarkurs aus: Aber die Preise gehn rapider in die Höhe als wir’s je gesehn haben. Die Zeitung, für die ich im Mai 24 Mark zahlen mußte, kostet vom 1. Juni ab 40 Mark. Meine Ovomaltine, die Kraftnahrung, die ich der Nerven wegen täglich zum Frühstück brauche (Friedenspreis 3 Mark) ist seit 6 Wochen von 35 auf 45 Mark gestiegen. Milch kostet – statt früher 10 Pfennig jetzt 10 Mark pro Liter. Mit Kartoffeln, Brot und allen wichtigen Nahrungsmitteln, auch Obst, sieht’s noch windiger aus. (Aber in diesem Hause hält man daran fest, daß mehr als 5 Mark Taschengeld für einen Festungsgefangenen die Ordnung und Sicherheit stören müßten. Da ein Pfund Kirschen 25 Mark kostet und ein Postpaket 9 Mk, so erhellt, daß jemand, der ein Paket heimgeschickt hat, sich in der gleichen Woche den Genuß von Kirschen versagen muß oder noch keine Postkarte schreiben kann. Das Recht, sich auf Bestellzettel von seinem Konto weg beliebig Käufe besorgen zu lassen, das früher bestand, ist ja auch schon lange aufgehoben. Daß die Festungsgefangenen jedoch unter Kuratel gestellt seien, wird schlankweg bestritten). – Der Staats-Etat wird jawohl unter der strengen Aufsicht der Gläubiger allmählich ins Balanzieren kommen. Aber die Wirtschaft des Landes wird darüber in unvorstellbare Abenteuer geraten. Indem sich die Preise mehr und mehr an den Weltmarktstandard angleichen, wird Arbeitslosigkeit in größtem Umfange einsetzen – und das Ende wird Kotbrechen oder Revolution sein. Ich bins zufrieden.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 1. Juni 1922.

Ich war wieder beim Arzt. Er verordnete mir kalte Wannenbäder – ein recht ungemütliches Vergnügen, das ich heut zum ersten Mal genoß (dabei ist meine Sehnsucht nach kalten Bädern, besonders nach Seebädern riesengroß. 14 Tage Ostsee – und die 3 Jahre bayerische Tortur wären überstanden). Ferner riet er mir, während der starken Sonnenglut den Hof zu meiden, was ich auch tun will. Hier drinnen ist wieder Aufregung. Sauber und Schlaffer sind in Einzelhaft, ersterer unter Kostenzug für 6 Tage. Er hatte gestern Besuch von seinem Bruder unter Aufsicht des Märtyrers, der auch mir und Zenzl die Wiedersehensfreude das letzte Mal versüßte, des Herrn Krumbholtz. Der Mann griff ins Gespräch ein, als Sauber auf die Frage des Besuchers, warum er solange nicht geschrieben habe, die Wahrheit verriet, daß er nämlich Schreibverbot hatte. So entstand Krach, und S. soll dabei auch verraten haben, daß unser Vorstand mit dem Staatsanwalt Hoffmann identisch ist, der dem Plädoyer gegen Seidel und Genossen den Text zugrunde legte: Auge um Auge, Zahn um Zahn! – Als der Staatsanwalt daraufhin Sauber heute kommen ließ, soll es einen Zusammenstoß gegeben heben, wobei Hoffmann klobig ausfallend geworden sein soll und Sauber einen „Verbrecher“ nannte (ich notiere nur, was berichtet wird. Kontrolle habe ich nicht). Darauf habe Sauber mit „Mörder“ geantwortet. – Schlaffer soll sich brieflich in Beleidigungen ergangen haben und deshalb diszipliniert sein. Auf jeden Fall ist die Erregung wieder groß, und der arme Josef Schmid – mir einer der liebsten Genossen im Haus, der seine Nerven leider garnicht in der Gewalt hat – tobte heute früh gegen die „Kapitalistenknechte“ – wie es heißt, dem Vorstand ins Gesicht hinein –, daß das Haus dröhnte. Man scheint ihm aber nichts mehr zu tun, da sein Fall, besonders nach dem Erlanger Intermezzo und der Zwangsjackenkur allmählich zu kompromittierend für die bayerische Justiz wird. So tut man, als ob man Schmid nicht mehr ernst nehme, läßt ihn gewähren und wird wohl im Landtag das Beispiel des einen bis zum Irrsinn gepeinigten Menschen als neuen Beweis für unser aller Verderbnis und für das Martyrium der Feldwebel, die uns malträtieren, aufparadieren lassen. – An einer von den Ober-Kommunisten propagierten „Aktion“ werde ich mich nicht beteiligen, schon deswegen nicht, weil sich Olschewski unter neuen Haßbeteuerungen gegen mich um eine mir ganz sinnlos scheinende Demonstration (die Forderung ans Justizministerium – also an Kühlewein! –, Herrn Hoffmann von hier abzuberufen) bei meinem Umgangskreis bemüht. Erstens kann ich Solidaritätsakte immer nur auf mich nehmen, wenn die Solidarität gegenseitig ist, und das ist bei Leuten, die mich draußen überall verleumden und durch den Dreck ziehn, nicht der Fall, dann aber scheint es mir durchaus lächerlich, zumal nach allen Erfahrungen, die hinter uns liegen, einen Kampf gegen die zufälligen Personen zu führen, die hier ein wohldurchdachtes reaktionäres Verfahren praktizieren. Will man gegen das System selbst etwas unternehmen und ich erfahre gescheite Vorschläge, in welcher neuen Form das geschehn soll, dann ließe sich allenfalls drüber reden. Aber leider haben ja diejenigen, die jetzt betroffen sind und die sich für sie einsetzen wollen, selbst jede Möglichkeit verschüttet, hier drinnen irgendetwas gemeinsames zu beschließen oder durchzuführen, wofür gegenseitiges Vertrauen und zuverlässiges Zusammenhalten Bedingung wäre. Olschewski aber ist der allerletzte, der noch Vertrauen zu seiner Ehrlichkeit beanspruchen könnte. Sein Verhalten gegen mich ist denn doch bei allen meinen zahlreichen bitteren Erfahrungen in dieser Hinsicht der höchstvorstellbare Gipfel von Treulosigkeit, Verlogenheit und seelischem Verrat. – Augenblicklich scheint eine ungeheure Hetze gegen Karpf und seine Frau Thekla im Gange zu sein, und nach der langen Freundschaft mit ihm ist wohl Olschewski auch da der betriebsamste Schürer. Es kommen Briefe von draußen herein mit Anfragen von der Roten Hilfe, ob es wahr sei, daß dieser oder jener Genosse – Bedacht, Huber und sogar Pfaffeneder wurden da genannt – mit Thekla Egl in intimen Beziehungen steht (wie sie das hier wohl machen sollen?). Thekla sei spitzeleiverdächtig, und natürlich wird der Verdacht gleich auch auf ihren Ehemann übertragen. Wendelin Thomas aber gerät ebenfalls in Verdacht, weil er sich für Theklas Ehrenhaftigkeit verwendet hat. Alle diese Intrigen gehn durch die Zensur, und der Herr Gollwitzer, der ein sehr tüchtiger Kriminalist zu sein scheint, benutzt jedes Wort, um damit die inhaftierten Verdächtigen besser zu belasten. Daher auch meine Befragung vor einigen Tagen. Es scheint mir im höchsten Maße unwahrscheinlich, daß Thekla Spitzelin sei. Solange man der Meinung sein mußte, sie sei mit Elbert zusammen flüchtig, war natürlich ein Verdacht gegeben. Aber jetzt, nachdem man sie festgenommen hat und in Stadelheim gefangen hält? Schließlich hat die Frau ihre 15 Monate Festung in Aichach bis auf den letzten Tag abgesessen, obwohl ihr Bewährungsfrist angeboten war. Und dort saß sie allein und es gab nichts zu spitzeln. Und Karpf? Das ist ein Windhund – meinetwegen; ein Lausbub – meinetwegen; aber Spitzel? Ehe man mir nicht Beweise vorzeigt, glaube ich’s im Leben nicht. Gegen mich haben sich beide Eheleute nicht nett benommen. Besonders Thekla hat höchst unschön gehandelt. Aber das ist eine Sache für sich. Sie ist zweifellos eine Hysterikerin und gefährliche Intrigantin eben aus Hysterie, – aber daß sie um Geld ihre Sache verrät – nein!! Ich glaub’s nicht. – Der Bestechungsprozeß wird jawohl steigen, und ich fürchte, sie und Karpf werden die Reparation ihrer Ehre mit langer Freiheitsstrafe bezahlen müssen, während Herr Elbert schwerlich zur Rechenschaft gezogen wird, – aber der gilt nach wie vor als Ehrenmann. Er muß wohl erst Taten vollbringen wie sein Freund Max Weber, bis man mal draufkommt, mit wem man es zu tun hat. Die deutschen Revolutionäre – vornedran die Kommunisten – sind nämlich ungeheuer intelligent. – Ja, die deutschen Revolutionäre! Im Reichstag hat die KPD zwar diesmal mit den Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei für das Mißtrauensvotum gegen das Wirth-Kabinett gestimmt. Dafür aber haben die Unabhängigen das Votum niederstimmen helfen. Sie haben also der Regierung ihr Vertrauen ausgedrückt, die den Beamten das Streikrecht versagt, die der spanischen und italienischen Reaktion gefangene Revolutionäre zur Rachejustiz überliefert und die ihr Versprechen, die eignen politischen Gefangenen zu amnestieren, kurzerhand bricht, um sich dafür das bayerische Verfahren der Bewährungsfrist-Korruption zu eigen zu machen. Es ist zum Weinen, wenn man die „Führer“ besieht, denen das deutsche Proletariat Gefolgschaft leistet. – Könnte man wenigstens den tränenvollen Blick nach Rußland senden, um dort Trost zu finden! Aber was dort vorgeht, das treibt einem die Schamröte ins Gesicht. Die Marxisten hüben und drüben haben entsetzlich versagt. Nur: wo bleibt der wahre Messias?

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 3. Juni 1922.

Böse Tage. Mein Zustand wird nicht besser, sondern eher schlimmer. Ich fühle mich krank, obwohl die eigentlichen Symptome der ersten Tage nicht mehr vorhanden sind. Die Übelkeit ist weg, aber ich bin so schwach, daß es mir schwer wird, mich auf den Beinen zu halten. Die vom Arzt verordneten Tropfen – anscheinend Anis-Aether mit ausgeprägtem Absinth-Geschmack haben insofern Wirkung, als akute Schwindelanfälle damit überwunden werden, doch fühle ich die Kräfte allgemein derartig schwinden, daß ich mich ernstlich fragen muß, wielange es mir noch gelingen wird, dagegen anzugehn, ohne mich hinzulegen. Die Sache beunruhigt mich insofern, als Zenzls Besuch bevorsteht, und wenn sie mich krank vorfindet – man muß mir das schlechte Befinden deutlich anmerken –, dann ist nicht bloß die Freude am Wiedersehn verdorben, sondern es bleibt vor allem nachher die ärgste Angst, die bei der Pein, garnichts zur Hilfe tun zu dürfen, auf ihre eigne Gesundheit schlimmste Wirkungen haben muß. Es ist klar, daß mein Zustand mir den Gedanken daran, daß ich in der Gefangenschaft werde sterben müssen, sehr nahelegt. Wenn ich auch nicht glaube, daß die Attacke jetzt mich gleich umbringen wird, so erkenne ich doch recht deutlich an ihr, daß es mit dem Herzen nicht zum besten bestellt ist. Jedenfalls habe ich die Erschöpfungsanfälle, die sich ja mitunter früher schon einstellten, noch nie in dieser Zeitdauer und auch noch nie in dieser Intensität erlebt, und täusche mich nicht über den Ernst der Sache, wenn die Festungskur noch lange genug dauert, um weitere Stöße dieser Art zu fördern. Daß die Befreiung aus der Haft für lange Zeit auch die Erlösung von der Krankheit wäre, steht wohl fest. Aber anders habe ich wohl bestimmt mit dem Tode in nicht sehr langer Zeit zu rechnen. Ich fürchte den Tod nicht, mache mir auch kein altruistisches Theater vor, indem ich mir einbilde, Zenzls wegen sei ich absolut notwendig. Sie verhungert nicht, wenn ich sterbe. Nicht einmal schlechter würde es ihr wirtschaftlich gehn, da ich ihr in den letzten 3 Jahren schon eher Kosten verursacht als ihr geholfen habe. Und im Gegenteil: bin ich tot, so werden meine Bücher plötzlich marktgängig werden, mein Nachlaß wird unendlich mehr einbringen als je meine Produktion, solange ich da bin. Trotzdem müßte ich lügen, wenn ich mich gegen den Gedanken an den Tod hier drinnen ganz gleichgültig stellen würde. So wenig Schreckliches der Tod an sich für mich hat, so habe ich doch durchaus noch nicht den Wunsch, das Leben hinter mich zu legen. Ich sehne mich unsinnig nach dem Leben draußen, und wäre es das Leben der größten Armut. Aber ich möchte die Liebe noch mal schmecken, ich möchte küssen – ohne daß ein Kühlewein-Märtyrer dabei Voyeur spielt –, ich weiß, daß Zenzl sich ebenso nach mir sehnt wie ich nach ihr, ich möchte zu ihr ins Bett, und erst wenn wir beide aneinander keine Lust mehr finden, mag mich der Teufel holen. Und dann möchte ich auch noch allerlei schaffen, wozu hier drinnen ja doch die Seelenruhe sich nicht einstellt: ich möchte meinen Bröschke-Roman fertig schreiben und noch allerlei Literarisches schaffen, – an Ideen mangelt’s mir wahrhaftig nicht, – vor allem aber – und hier ist der einzige Punkt, bei dem der Gedanke an den Tod mich ängstigt, – möchte ich meine große entscheidende Revolutionsidee, die mir für das Gelingen der Revolution wesentlich zu sein scheint, in geeignete Hände gelegt haben, ehe ich demissioniere: nicht auf die Herbeiführung der Revolution kommt es an, – die führt sich schon selber herbei, wenn ihre Stunde da ist (nur dürfen wir sie nicht aufhalten, indem wir mit der Konterrevolution langfristige Kompromisse schließen, uns in ihre Parlamente einnisten und anstelle des Kampfs die „Realpolitik“ treten lassen). Auch über die Formen der Revolution in ihrer destruierenden Periode brauchen wir uns nicht zu sorgen: die deutsche – ganz besonders die bayerische – Arbeiterschaft hat Anschauungsunterricht in genügendem Maße genossen, um zu wissen, daß Schwäche gegen den Feind Selbstmord ist. Aber das darf nicht wieder sein, was noch jede Revolution nach ihrer heroischen Gebärde in den Sumpf gestoßen hat: daß das Neue nicht vorbereitet war. Wir brauchen den rechtzeitigen Plan einer Revolutions-Mobilisation, sonst gehts uns genau wie den Franzosen, die nach dem 9. Thermidor nicht weiter wußten und das Direktorium – nach Baboeufs Erledigung – Bonaparte zum Konkursverwalter einer aus herrlichem Material bestehenden, aber nicht rechtzeitig zusammengefügten Masse machen ließen, wie uns selbst, als wir mit der richtigen Idee der Räterepublik und des Kommunismus eine planlose „Sozialisierungs“-Orgie nach revolutionärer Laune und Temperament einreißen ließen; wie den Russen, die die ganze Destruktionsperiode prachtvoll bewältigten und dann anstelle eines vorbereiteten Aufbauplans eine akademische Theorie praktizierten, als ob die Erneuerung der Gesellschaft sich um Parteirichtlinien scherte, und als ob es bei der Umgestaltung der gesamten Wirtschaft auf Buchweisheit und nicht auf ganz nüchterne Berechnungen statistischer und praktisch-detaillierter Art ankäme. Es ist zu errechnen, wie trotz der Zerschlagung des gesamten Funktionsapparats durch umfassende, ins Einzelne – sogar auch ins Personale gehende Wirtschaftsmaßnahmen – nicht gesetzliche Dekrete! sondern fahrplanartige Direktiven – die gesamte Produktion in Industrie, Landwirtschaft und Handwerk mitsamt aller Zirkulation in Bank und Handel, Warenbeschaffung und Austausch, Güterverkehr und Krediten – durch Abstellung und Umstellung von Betrieben, Vermehrung oder Verminderung von Personal, Beständen und Verarbeitungen, kurzum durch eine Art ökonomischen, revolutionären Aufmarschplan für die Arbeiter- und Bauernräte auf den Bedarf der Konsumenten einzustellen ist. Dann ist ein Knochengerüst der neuen Gesellschaft geschaffen und Aufgabe bleibt nur, ihm im eigentlichen Revolutionskampf mit Waffen und Begeisterung Fleisch und Blut zu geben; zu kämpfen, ohne fürchten zu müssen mit dem vollen Sieg über die Bourgeoisie den Abstieg von der Höhe antreten zu brauchen, indem man nach Genua und Rapallo geht, und des geordneten Rückzugs wegen die besten und konsequentesten Räterevolutionäre mit den inquisitorischen Mitteln der tückischsten Reaktion dem kapitalistischen Retter aufopfert. – Das ist also mein inniger Wunsch: nicht zu sterben, ehe ich die Idee der revolutionären Mobilisation der Wirtschaft nicht praktisch in Angriff genommen wüßte. Dazu müßte ich sie solchen Genossen entwickeln, die Kenntnis und Fähigkeit haben, ihr Unterlagen zu geben, und dazu müßte ich Niederschönenfeld im Rücken haben. Vielleicht wären Lauffenberg und Wolfheim die richtigen Männer, um die Sache organisatorisch in die Hand zu nehmen; sie wären jedenfalls nützlicher beschäftigt als mit dem Betreiben ihrer Kateridee eines Ludendorffschen Revolutionskrieges und die Idee wäre vor der größten Gefahr beschützt, einer halbrevolutionären Partei in die Finger zu geraten, die sie opportunistisch verbiegen und das Proletariat zugunsten einiger Bonzen von ihrer Realisierung ausschalten würde. – Nein, es wäre ärgerlich, wenn ich in diesem Hause sterben müßte. Die Revolution litte Schaden. Ich möchte noch leben!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 4. Juni 1922.

Mein Befinden hat sich wesentlich gebessert. Ich habe noch das Gefühl, als wäre ich besoffen gewesen; aber im ganzen fühle ich die Regelmäßigkeit des Blutumlaufs zurückkehren, sodaß ich denke, für diesmal den Angriff, den schwersten dieser Art, der mir noch zugemutet wurde, abgeschlagen zu haben. Heute ist Pfingstsonntag, und das ausnahmsweise gute Essen, das uns die Verwaltung vorsetzen ließ (Hammelbraten und Kopfsalat) hat mir geschmeckt. – In den letzten Tagen habe ich das öffentliche Geschehn etwas vernachlässigt. Was geschah, ist auch nicht besonders wichtig, mindestens ist in der großen Politik nichts Entscheidendes vor sich gegangen. Doch zeigen manchmal Ereignisse auf den Nebentheatern der Politik besser als die Vorführungen auf den Hauptbühnen, wo wir stehn. Eben hat ein Prozeß in Berlin wieder ein Blitzlicht auf die Situation unsrer Rechtszustände geworfen. Der Leutnant Krull ist wegen des Diebstahls der Uhr von Rosa Luxemburg zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt worden, die mit einer vor langer Zeit durchgemachten Untersuchungshaft schon verbüßt sind. Er ist also eigentlich als freigesprochen zu betrachten, – und das in dem Augenblick, wo der Sergeant Runge mit neuen Enthüllungen über die Ermordung Liebknechts und Rosas hervorgetreten ist, durch die eben dieser Krull als der eigentliche Mörder Rosa Luxemburgs aufs Schwerste belastet wird. Der Kerl hat sich nicht entblödet, sein Opfer vor Gericht infam zu beschimpfen, und das Gericht hat keinen Anlaß gefunden, ihm diese Schamlosigkeit zu verbieten. Es hat in mildem Verständnis angenommen, daß er den Leichenraub weniger der Bereicherung, sondern um sich eine „Trophäe“ zu sichern, also des Ruhmes wegen begangen hat, der ihm wegen seines gemeinen Meuchelmords an Gefangenen ohne weiteres zugestanden wird. Daran, ihn nach den Enthüllungen Runges festzusetzen, denkt natürlich kein Mensch. Er darf sich frei bewegen, – Radbruch schweigt dazu. Hübsch ist auch, daß man vor Krull noch besondere Verbeugungen deswegen machte, weil er im Kriege sein deutsches Vaterland mit seinem Leibe tapfer verteidigt habe. Hier drinnen war die überwiegende Mehrzahl der Inhaftierten als Frontkämpfer im Felde und von ihnen ist ein sehr großer Prozentsatz teils schwer verwundet gewesen. Das ist niemandem zum mildernden Umstand gediehen. – Augenblicklich ist Toller wieder mal Gegenstand öffentlicher Polemiken. Eine von politischen und literarischen Koryphäen (darunter Hauptmann, Fulda, Löbe, Scheidemann, Heine) unterzeichnete Petition erbittet von Radbruch die Bemühung bei den bayerischen Behörden, Toller für die Uraufführung seiner „Maschinenstürmer“ (am 20. Juni in Berlin) einen Urlaub zu gewähren. Die Konfiskation etlicher Blätter in den letzten Tagen, darunter Münchner Neueste Nachrichten und Bayrischer Kurier läßt vermuten, daß gegen diesen Gedanken in Bayern mächtig Stimmung gemacht wird. Ich habe auf Toller eingewirkt, daß er seinen Drang, dauernd Pronunziamenti zu verfassen, mäßigt und abwartet, was geschieht. Kriegt er den Urlaub – umso besser, und ich glaube, daß Lerchenfeld kaum die Dummheit machen wird, ihm durch Verweigerung eine neue Zacke in seine Dulderkrone zu schnitzen. Kriegt er ihn nicht, dann ist das der Agitation gegen die bayerische Reaktion recht förderlich. – Spazierhof!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 6. Juni 1922.

Einige Randbemerkungen zum Festungsleben werden heute genügen, da sich draußen im politischen Leben keine Ereignisse eingestellt haben, die näheres Eingehn verlohnen, mindestens keine, über die ich ein fertiges Urteil hätte. Die Unruhen in Italien scheinen mit der Niederlage der Fascisten in Bologna den Höhepunkt überschritten zu haben. Doch stehn dort andre Bewegungen gleichzeitig zur Entscheidung, so die Besetzung großer Mailänder Betriebe durch streikende und ausgesperrte Arbeiter, für die mir noch der Überblick fehlt. Aus Moskau wird eine neue schwere Erkrankung Lenins berichtet, der einen Schlaganfall erlitten haben soll. Litwinoff, Radek hätten daraufhin sofort Berlin verlassen und seien nach Moskau gefahren. Vorläufig ist nicht sicher, ob es sich nicht wieder um eine Skandalmeldung handelt, wobei der Gedanke peinlich naheliegt, das Gerücht könnte mit zur Prozeßregie gegen die – auf 22 reduzierten – angeklagten Sozialrevolutionäre gehören. Das wäre wohl fast so schlimm, als wenn es auf Wahrheit beruhte. Lenins Tod – das wäre das Symbol des Todes der russischen Revolution. Im übrigen sind die Blätter voll geheimnisvoller Andeutungen über die Morgan-Anleihe an Deutschland. Kommt sie zustande, unter welchen Bedingungen oder garnicht? Und welche Folgen wird das Scheitern haben? Ich habe nicht die Absicht, mir vorzeitig darüber den Kopf zu zerbrechen. Das ist Sache derer, die ihre faule Sache an diesem Faden hängen wissen. Daß der Faden so oder so über kurz oder lang doch reißt, dafür sorgen sie zuverlässig selbst durch Duldung oder selbst Veranlassung aller möglichen reaktionären Demonstrationen, so der neuen Oberschlesien-Hetze, die sie aus Anlaß der Übergabe der an Polen gefallenen Provinzteile zur Zeit wieder inszenieren und der Skagerrakfeier in Hamburg, die außer zu wüstem chauvinistischem Geschrei auch zu Dynamitanschlägen gegen die kommunistische Hamburger Volkszeitung und gegen ein Revolutionsdenkmal benutzt wurde. – Also all das mag beiseite bleiben. Es gibt genug häusliche Dinge zu notieren. Zunächst ein Abgesang. Gestern früh ist Podubetzkys Zeit – er war der erste, der volle 3 Jahre absolvieren mußte – abgelaufen gewesen und er verließ mit der Einzelhaft zugleich das rauhe graue Haus. Es hieß, er werde per Schub in seine Heimat (Karlsruhe) befördert werden. Doch sah man ihn ohne Begleitung seines Weges ziehn. Daß er aber als „feindlicher Ausländer“ aus Bayern ausgewiesen ist, dürfte sicher wahr sein. Er war mir von der Gruppe Krach stets weitaus der Liebste, und ich habe ihn nur mit großem Bedauern in der Gesellschaft dieser Radaubrüder gesehn, hinter deren Radau er in voller Ehrlichkeit aber fälschlich Gesinnung vermutete. Übrigens war durch Adolf Schmidt schon eine Verständigungsaktion zwischen mir und ihm im Gange, als seine Absonderung dazwischen kam und die Aussprache, die er wünschte, und die ich nicht ablehnte, verhinderte. So gingen wir unversöhnt auseinander, aber jedenfalls ging er so ohne Groll gegen mich wie ich ihm ohne Groll nachblicke. Ein anständiger ehrlicher, aber disziplinverbohrter Mensch, der erst in der allerletzten Zeit drauf gekommen zu sein scheint, auf was für ein falsches Geleise er seine Disziplinbereitschaft geschoben hatte. Diese Einsicht ist nicht bei ihm allein erwacht. Gestern war der 2te Pfingstfeiertag. Pfingstmontag 1921 war die große „Aktion“ der „Kommunisten“ explodiert, die mich und meine nächsten Freunde völlig isolierte (Es war grade vor dem Amtsantritt des Kraus). Gestern kam nun zum ersten Mal deutlich zur Geltung, daß sich die Isolierung inzwischen vollständig auf die damaligen Boykottierer „umgruppiert“ hat. Schon verlassen die ersten Ratten das sinkende Schiff. Und wer ist die allererste Ratte? Kain, ausgerechnet der Hans Kain, der Pfingsten 1921 das Schiff vom Stapel ließ und es nun dem Schiff und seinen Mitschiffern zur Verfügung läßt. Vor einigen Tagen schon erzählte man – damals als mal wieder große „Aktionen“ unternommen werden sollten –, Kain habe sich sehr wegwerfend darüber und zugleich über die ganze „Gruppe Krach“ geäußert (sogar mit dieser Bezeichnung hat er sich schon gegen sie gewendet). Nun gab es gestern wieder eine Theateraufführung. Seit 14 Tagen veranstaltete Huber Proben und die mitwirkenden Genossen aller Richtungen – außer den Kracheten natürlich –, Popp, Condula, Bedacht, Weigand, Bay, und die Musikkapelle Köberl, Reutershann und ihr Dirigent Fischer waren in ständiger Vorarbeit. Von gestern mittag an wurde die Bühne aufgeschlagen, und niemand plante oder ahnte Böses. Nachdem alles fertig war – etwa 1 Stunde vor Beginn der Aufführung begab sich plötzlich Schiff auf die Wanderschaft, besuchte Hagemeister und andere, lud sogar Toller zu sich in die Zelle (der denn auch ging), predigte hier und dort, man möge die Sache doch abblasen, Sauber sei in Hungerstreik und da zieme es sich doch nicht, ein Amüsement im Hause zu veranstalten. Die Wirkung war erstaunlich. Jeder einzelne hatte das Gefühl, hier werde eine Provokation gesucht, und kaum Einer hielt mit diesem Verdacht hinter dem Berge. Wir alle waren einig in der Auffassung, daß dieser Einspruch im letzten Moment keineswegs der Solidarität wegen erhoben wurde – sonst wäre ja tagelang Zeit gewesen, um Verschiebung der Vorstellung zu bitten (und dann wäre kaum Widerspruch erfolgt), sondern daß ein neuer Streit inszeniert werden sollte, und daß man unter keinen Umständen darauf eingehn dürfe. Überall hörte man Flüche gegen diejenigen, die nach draußen die schamlosesten Verleumdungen gegen uns alle verbreitet haben, die samt und sonders der Verwaltung in die Hände geraten sind; die selbst jede Solidarität in der Festung ständig untergraben haben und immer wieder für sich allein Solidarität in Anspruch nehmen. Besonders gegen Sauber selbst – der übrigens nicht 6 sondern 3 Tage Kostentzug zudiktiert erhielt und von dessen Hungerstreik wir jetzt erst erfahren (viele glauben garnicht dran) – wurden die erbittertsten Vorwürfe laut, und so erwarteten wir gespannt, wie die plötzliche Parole wirken würde und ob etwa die Aufführung durch Abspringen eines Beteiligten doch ausfallen müßte, beziehungsweise wer zum Zuschauen kommen und wer fernbleiben werde. Nun, die Aufführung fand statt. Die Mitwirkenden – lauter Mitglieder der KPD – waren samt und sonders da, und unter den Zuschauern fehlte die durch Blößl und Heiß verstärkte Gruppe Krach und von den übrigen nur Baimler – der sich gewinnen ließ: also Olschewski, Egensperger, Schiff, Wiedenmann, Schwab und die 3 Genannten (Sauber und Schlaffer sind in Einzelhaft, Taubenberger im I Stock). Aber zwei Abtrünnige fanden sich im Publikum ein: Kain (der gesagt haben soll: „Was geht mich Sauber an“!) und sein getreuer Adlatus Seffert. Schiff aber saß bei den Seinen in einer Zelle und erstattete wohl betrübt Bericht über die Antworten, die er sich geholt hatte und von denen eine gelautet hatte: „Schwing dich, oder ich schmier dir eine!“ Vielleicht denken die Charakterhelden jetzt einmal darüber nach, was sie mit ihren Stänkereien zu Wege gebracht haben: daß jede Solidarität mit einem von ihnen von allen andern abgelehnt wird und daß zudem niemand mehr bereit ist, das gewollte Provozieren dauernd hinzunehmen. Wenn sie es für „revolutionär“ halten, sich durch lächerliches Aufblasen vor der Verwaltung fortgesetzt disziplinieren zu lassen, so mögen sie es tun. Wir andern sind der Meinung, daß wir Beschwerden gegen unsre Behandlung ausreichend zur Verfügung haben, und garkein Bedürfnis besteht, sie künstlich zu schaffen, zumal sich draußen kein Mensch darüber in Wallung bringen lassen wird, wenn jemand, der den Vorstand Verbrecher nennt, deswegen gemaßregelt wird. Damit wird nur Kühleweins Akt verstärkt und die Protestaktion unsrer Genossen draußen erschwert. Bei solcher Gelegenheit aber in den Hungerstreik treten, ist eine Albernheit sonder Gleichen. Hält Sauber es trotzdem für richtig, so mag er tun, was er will, aber nicht von denen Solidarität verlangen, die er als Hauptantreiber ständig als Lumpen, Verräter, Spitzel und Konterrevolutionäre beschimpft und verleumdet. – Schlimm genug ist es trotzdem, daß keinerlei Solidarität besteht. Gelegenheit, sie zu betätigen, wäre ohne solchen Krampf genügend gegeben. Heute z. B. ist der Jahrestag der Erschießung Levinés. Ich – und viele andre – haben uns den Feiertagsanzug angezogen zum Zeichen des Gedenkens. Darüber hinaus ist leider kein gemeinsames Erinnern mehr möglich. Nicht einmal gemeinsamer Gesang kommt mehr zustande (was sich die Verwaltung erst vorgestern, wo abends zu Ehren des scheidenden Podubetzky, die Internationale gesungen wurde, zunutze machte und generell jedes „propagandistische“ Lied verbot. Bisher war nur meine Rätemarseillaise verpönt, solange aber täglich revolutionäre Lieder geschmettert wurden, traute man sich an ein völliges Untersagen, das furchtbare Erregung hervorgerufen hätte, nicht heran. Jetzt begegnet das Verbot schon der größten Gleichgültigkeit). Für die Art übrigens, wie kleinlich und gehässig man uns – ich behaupte dank der gänzlichen Auflösung revolutionären Zusammengehörigkeitsgefühls, das eben den Sauber etc. geschuldet ist – behandelt, ein kleines Beispiel. Im Hof wird täglich stundenlang Ball gespielt (Deutschball). Der Schläger dazu muß nachher stets beim Aufsichtspersonal abgegeben werden und wird vor der Hofzeit ausgehändigt. Manchmal fliegt nun der Lederball über die 5 Meter hohe Umzäunung, und dann wird der draußen patrouillierende Schupo-Soldat angerufen und schmeißt ihn stets wieder über die Planke. Gestern geschah es nun, daß der Ball an der schmalen Stelle über den Zaun flog, der zum inneren Gefängnishof führt, wo ein mit Gewehr behängter Märtyrer Wache hält. Der ließ sich auf kein Anrufen ein, und der „unauffällige“ Überwacher am offenen Fenster im Dachgeschoß der Anstalt, den man bat, die Öffnung der Hoftür außer der Zeit zu veranlassen, ebenfalls nicht. Man wollte sich also bis zum Ablauf der Stunde gedulden, wo die Tür ohnehin geöffnet wird. Aber der Aufsichtsmärtyrer war noch gewissenhafter. Er erteilte vom Fenster herunter den Bescheid, der Ball werde für den ganzen Tag beschlagnahmt, und auf die Frage, warum denn? erwiderte er: „Aus Sicherheitsgründen“. Natürlich antwortete ihm stürmisches Gelächter, aber das Ballspiel war für gestern vorbei. – Arme Teufel, diese Subalternseelen. Ihnen ist von ihren Vorgesetzten und von allen Regierungsstellen bis hinauf zum Ministerpräsidenten so oft versichert worden, sie seien unglückliche Märtyrer, daß sie es selbst glauben und ehrgeizig danach trachten, uns die Macht, die man ihnen daraufhin gegeben hat, gründlichst fühlen zu lassen. Selbst die Grünen Weißgardisten, die dazu da sind, uns wenn’s pressiert, die Bajonette in den Leib zu rennen (vorgestern war der Jahrestag der Kraus-Offensive auf nackte Kommunisten) haben doch nicht ein einzigesmal den Drang gespürt, Eingesperrten die Freude am Jungenspiel zu verderben. Wenn die Aufseher noch Grund hätten zur Rache! Aber kein Mensch redet mit ihnen, weder im Guten noch im Bösen. Der ganze Verkehr beschränkt sich auf den Dienst. Aber – sie müssen sich selbst und ihren Oberen beweisen, daß sie Märtyrer sind. Sonst empfänden sie doch vielleicht mal ein wenig Scham wegen ihrer traurigen Schergenrolle. Und wo bliebe die Ordnungszelle Bayern dann? Wir müssen gezwiebelt werden, damit bewiesen werden kann, daß wir es verdienen, gezwiebelt zu werden. Doch das gehört schon ins Gebiet der Psychologie, und Psychologie verträgt sich nicht mit der bayerischen Eigenart.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 7. Juni 1922.

Die Angelegenheit Sauber beginnt, sehr bedenkliche Gestalt anzunehmen. Gestern ist Schlaffer aus der Einzelhaft heraufgekommen, und nun bestätigt sich, daß Sauber – und zwar schon am 6ten Tage im Hungerstreik ist (er scheint mit der einzigen Forderung auf Aufhebung der Einzelhaft zu hungern; denn der Kostentzug muß ja ohnehin schon vorbei sein). Es heißt, es gehe ihm schon recht schlecht, und er sei bereits heute in die Krankenabteilung in den Vorderbau, also ins Strafgefängnis, transportiert worden, wo man heut abend beginnen wolle, ihn künstlich zu ernähren. Über all dies herrscht noch ziemliches Dunkel, doch wissen wir, daß Wiedenmann heute Zutritt zu Sauber gestattet wurde, der ihm letztwillige Aufträge übergab. Das ist sonderbar genug, da Frau Sauber – die von den Freunden ihres Mannes telegrafisch hergerufen sein soll, – lange weinend auf der Landstraße umherirrte und nicht zugelassen wurde. Die Erregung ist natürlich groß, und die Freunde Saubers überbieten sich in Beschimpfungen gegen uns und klagen uns des Solidaritätsbruchs und der Feigheit an. Worin sie selbst aber ihrem Freund mehr Solidarität bewiesen, ist nicht ersichtlich. Sie essen und verhalten sich wie immer, aber sie ereifern sich über alle Maßen über unsre Passivität. Im Hof wurde darüber gesprochen, und ich fragte meine umstehenden Genossen, was für Beweise von Tapferkeit denn die geben, die uns so entrüstet der Feigheit zeihen. Das muß der grade vorübergehende Olschewski aufgefangen haben. Er stellte Toller zur Rede (der sich leider immer wieder von jedem zur Rede stellen läßt) und behauptete, ich hätte gefragt, was denn Tapferes dabei sei, was Sauber tue. Das ist die Art, wie stets alles verdreht und entstellt wird, um Verdächtigungen und Verleumdungen draus zu machen. Es läßt einen auf die Dauer kalt. Was Saubers Aktion anlangt, so bin ich gewiß nicht derjenige, der die Leistung eines sechstägigen Hungerstreiks gering wertet. Nicht einmal Sauber, gegen den ich sonst allerdings sehr viel einzuwenden habe, versage ich in dem Moment, wo er dieses Opfer bringt, hohen Respekt, ungeachtet dessen, daß ich den Anlaß zu seiner Demonstration für höchst verfehlt halte und durchaus nicht finde, daß er etwas der gemeinsamen Sache Nützliches tut. Ich wäre auch unbedingt dafür zu haben, für den Fall, daß sein Tod unmittelbar droht, in eine allgemeine Solidaritätsaktion einzutreten, und zwar nicht, um uns in allem mit Sauber zu identifizieren, sondern um einen deutlichen Protest zu dokumentieren, daß hier ein Mensch kaltblütig zugrunde gehn darf, ehe man Festungsgefangene als Ehrenhäftlinge behandelt und dabei noch die Brutalität hat, seiner armen Frau den Zutritt zu ihrem Gatten zu versperren. – Aber wie kann hier eine Solidaritätsaktion zustande kommen? Mögen die, die uns jetzt des erbärmlichen Verrats bezichtigen, selbst anfangen! Schlaffer war die ganze Zeit selber in Einzelhaft. Er sah sozusagen zu, wie Sauber seine Aktion begann, und er, der die gleichen Gründe gehabt hätte, tat nichts dergleichen. Jetzt aber springt er in heller Empörung herum und beschimpft uns. Sollen vielleicht wir, die wir von Sauber und seinen Freunden seit einem Jahr boykottiert werden, die wir Verräter für sie heißen, was wir auch tun oder lassen mögen, die wir überdies von keiner Seite in die Geheimnisse der Vorgänge eingeweiht wurden, die zu allem Ungemach geführt haben und die wir es mißbilligen, daß man hier drinnen einen aussichtslosen und auf die Dauer lächerlichen „Klassenkampf“ gegen die reaktionäre bayerische Justiz führt, die uns in der Gewalt hat und von dieser Gewalt ohne die geringsten Skrupel den gewissenlosesten Gebrauch macht, überdies, unterstützt von Regierung, Landtag und sämtlichen Landes- und Reichsbehörden und allen bürgerlichen Parteien mit Einschluß der sozialdemokratischen das Proletariat systematisch über uns belügt, die wir finden, daß wir der Revolution besser dienen, wenn wir hier unsre Nerven schonen und uns bei Leben und Gesundheit erhalten, als daß wir der Bourgeoisie selbst noch die Gefälligkeit tun sollten, uns zugrunde zu richten, – sollen wir, die wir also den ganzen Vorgang grundsätzlich so taxieren wie er sich aus der Verteilung von Macht und Ohnmacht abzeichnet, denen mit einer Aktion vorangehn, die alles billigen, was Sauber tut, die seine Freunde sind, und die glauben, mit der Verwaltung einen aussichtsvollen Kampf führen zu können? Wird von ihnen zum Hungerstreik aufgerufen mit der Forderung, das Leben des Mitgefangenen unter allen Umständen zu retten und seine Frau an sein Krankenlager zu lassen, so werde ich diese Forderung unterstützen und mich bei einigermaßen imponierender Beteiligung trotz meiner Herzkrankheit und ohne jede Illusion, deshalb weniger Zielscheibe der Niedertracht des moralisch defekten Olschewski zu werden, daran beteiligen. Leider sehe ich indessen garkeine Aussicht, daß hier überhaupt noch einmal etwas Würdiges zustande kommt. Und Schuld daran haben eben die, die uns anklagen. – Ich hoffe, daß Sauber mit heiler Haut aus der Geschichte herauskommt. Es ist kaum zu erwarten, daß sein Tod andre Wirkungen hätte als die, die scheußliche Festungsatmosphäre noch fürchterlicher zu vergiften. Die Arbeiterschaft würde kaum ernsteres unternehmen als Protestresolutionen fassen (wie im Falle Lamp, der längst bei Kommunisten ebenso wie bei den andern allen, vergessen ist), Kühlewein würde die Geschichte vor dem Landtag so drehn, wie die Christen um ihn herum es gern hören, und das Ende wäre, daß die Wiedenmann, Schiff und die ganze hysterische Gesellschaft dort uns als die eigentlichen Mörder denunzieren würde. – Es ist traurig, solchen ernsten Fall so mit Achselzucken behandeln zu müssen. Aber es hilft nichts, sich selbst etwas vorlügen zu wollen. – Wenn nicht eines Tages doch die Amnestie kommt und all dem Schandbaren Ende und Vergessen bringt, haben wir nicht das mindeste zu hoffen, was unsre Situation bessern könnte. Die Amnestie aber ist noch immer hinter dichten Nebeln. Zwar ist die Nationaille wieder eifrig am Werk und scheint schon wieder auf den seit der Erzbergerermordung verlassenen Weg des Individualterrors zurückzukehren, – aber wird das die Arbeiterschaft endlich wirklich in die Höhe reißen? Jetzt ist sogar Herr Philipp Scheidemann Gegenstand eines Attentats gewesen. Man hat ihn mit Blausäure angespritzt, aber nach einer viertel Stunde Bewußtlosigkeit war der Casseler Oberbürgermeister wieder auf den Beinen. Ich bin neugierig, ob dieser mißglückte Versuch – grade in dem Augenblick, wo in Offenbach der Prozeß gegen Killinger in der Erzbergersache beginnt – das deutsche Proletariat in Harnisch bringen wird und ob die Deutschnationalen sich mit diesem Fehlschlag nun fürs erste zufrieden geben oder ob sie etwa bei dem für den 12ten angekündigten Ebert-Besuch die von den Nationalsozialisten in München angedrohte Lynchjustiz (wie sich der Mörder Krull, der Rosa Luxemburg massakrierte und dann fledderte, vor Gericht in der deutschen demokratischen Ebertrepublik ohne Korrektur ausdrücken durfte) fortsetzen werden. Jetzt sind sie also auf dem Wege über Kommunisten und Unabhängige, dann über Pazifisten und den Zentrumsmann Erzberger schon bei den Sozialdemokraten selbst angelangt, – immer weiter nach rechts trauen sie sich vor!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 8. Juni 1922.

Zum Fall Sauber (der, wenn sich die Behauptung bestätigt, daß er seit gestern wieder esse, eigentlich als erledigt angesehn werden kann): Ich war gestern doch in schwerer Unruhe und wendete mich an Klingelhöfer mit folgendem Vorschlag: Angesichts der Möglichkeit, daß ein Mitgefangener im Hause im Hungerstreik stirbt, einfach passiv zu bleiben, scheine mir aus menschlichen und politischen Gründen unmöglich. Eine gemeinsame Aktion sei rebus sic stantibus ausgeschlossen, ganz besonders können wir einen eignen Solidaritätshungerstreik absolut nicht veranstalten, weil nur ein sehr geringer Bruchteil sich beteiligen würde und weil wir zudem Saubers Forderungen garnicht kennen, mit denen wir uns doch identifizieren müßten. Übrigens ist der Hungerstreik an sich für ältere und schwächliche Leute ein viel größeres Opfer als für junge, gesunde und schon daher eine zweischneidige Waffe. Endlich aber könnte für uns eine Solidaritätskundgebung für die Handlungen Saubers überhaupt nicht in Betracht kommen, sondern nur ein Protest gegen die Handlungen der Verwaltung in der Angelegenheit. Da es sich nun um eine äußerst dringliche Sache drehte, bei der Zeit nicht verloren werden durfte, meinte ich, von irgend einer Kampfansage ganz abraten zu sollen, da die Verwaltung ihres Prestiges wegen bestimmt nicht gleich kapitulieren würde. So riet ich bei aller Peinlichkeit dieses Schrittes um der Rettung des Menschen willen zu dem Versuch, mal ganz vom Standpunkt des Menschen aus beim Vorstand zu interpellieren. Ich dachte mir die Sache etwa so, daß ein paar Genossen – und grade solche, die zu Sauber keine Freundschaft hätten – sich zum Rapport meldeten und Hoffmann vorstellten, welche Wirkungen ein derartiger Todesfall auf die Gemüter und die Nerven aller übrigen zum Teil seit 3 Jahren eingesperrten Gefangenen ausüben müßte. Es sei nicht die Absicht, auf die Ursachen des aktuellen Konflikts einzugehn, erst recht nicht, über die Disziplinarrechte und überhaupt über die strittigen Fragen des Strafvollzugs bei dieser Gelegenheit zu diskutieren, sondern einzig, die Nachgiebigkeit des Staatsanwalts im gegebenen Moment um der schweren Folgen wegen anzuregen, die für uns alle zu befürchten seien. Ich erklärte Klingelhöfer, daß ich eventuell bereit sei, über die Behandlung der Angelegenheit sogar auch mit Kain – natürlich nur unter Zeugen – zu reden, den ich Kl. über den Vorschlag zu interpellieren empfahl. Klingelhöfer selbst war ganz abgeneigt, sprach aber doch mit Kain und brachte mir dann auch dessen Meinung zur Kenntnis: er sei gegen jede gemeinsame wie individuelle Aktion, was auch die Auffassung Schwabs sei (der nun ebenfalls zu Kain hinübergeschwenkt zu sein scheint). Meine eignen Freunde rieten mir ebenfalls einstimmig auf das Dringendste ab, meine Erwägung zur Tat zu machen, ob ich nicht etwa völlig von mir selbst aus um eine Unterredung vorschreiten solle – meine Strafdauer würde jawohl zu meiner Legitimierung genügen –, und so scheußlich es ist: ich konnte mich ihren Gründen wirklich nicht verschließen. Sauber ist einer der Anführer derer, die meinen Namen seit Jahr und Tag im Kot herumwälzen. Grade seine Nächsten hier würden fragen: wie kommt Mühsam dazu, sich in Dinge, die ihn garnichts angehn, einzumischen? Ein derartiger Schritt beim Feind entlarvt ihn endgiltig als den Konterrevolutionär, als den wir ihn längst durchschaut haben. Sie würden mir imputieren, daß ich auf die Kompromittierung Saubers und auf die Durchkreuzung einer revolutionären Tat ausgegangen sei, endlich würden sie sogar die Schuld, wenn er draufginge, auf irgendwelche Art grade auf mein Vorgehn zu wälzen wissen. Leider ist all das wirklich zu befürchten. Der Einwand allerdings, daß jeder Versuch, den reaktionären Vorstand zu menschlicher Einsicht zu gewinnen, aussichtslos sei, hätte mich allein nicht von jeder Initiative abgeschreckt. Allerdings bin ich selbst überzeugt, daß der Mann, der die aufs Schwerste geängstete Frau einfach aus dem Hause treibt, in dem ihr Mann seit langen Tagen in der größten Qual leidet, auf Argumente ad hominem nicht reagiert (früher wäre es mir unmöglich gewesen, an eine derartige Verhärtung irgendeines Menschen zu glauben. Niederschönenfeld hat es mich gelehrt, – und ich kenne überdies den Prozeßbericht in der Stempelfälscher-Affaire und die Rolle des Herrn Hoffmann als Ankläger der armen Rotgardisten, die die Thule-Spione gerichtet hatten). – Aber mir schien, in einem Fall, wo es sich um das Leben eines Mitgefangenen handelte, mußte der Versuch trotz all seiner Aussichtsarmut unternommen werden, schon auch, damit Herr Kühlewein seinen christlichen Parlamentsschafen nicht erzählen könne, die eignen Mitgefangenen hätten in der ganzen Affäre nicht das allergeringste Interesse an Saubers Schicksal genommen. – Nun, ich mußte mich den Gründen der übrigen fügen, und wem ich auch mit der Anregung kam – überall war die Antwort ein Bedauern und der Hinweis darauf, daß die Gruppe um Sauber selbst jede Spur irgendwelcher Solidarität hier drinnen verschüttet hat; man könne halt nichts tun. – Wie richtig das ist, erfahren wir auch aus allen Berichten von draußen. Besuche erzählen von der schandbaren Hetze, die eben von jener Gruppe und von ihren schon entlassenen Genossen draußen in Betrieben und Versammlungen, speziell aber in der Kommunistischen Partei gegen uns inszeniert ist und wie tief wir dadurch bei einem großen Kreis der Arbeiterschaft schon diskreditiert sind. Auch gegen meinen Seppl hat draußen gleich Stänkerei und Verleumdung eingesetzt. Die „Duskiden“, schreibt er mir, hätten ihn bei der KPD als Spion der Syndikalisten angeschwärzt und speziell Nickl scheint sich in Verleumdungen stark hervorzutun. – Ebenso schreibt Hanna Ritter an ihren Bräutigam Sandtner, er, Luttner, Zäuner etc. seien völlig in Verruf, und vor einigen Tagen brachte die Rote Fahne im Zusammenhang mit einem an Radbruch abgegangenen und von vielen „prominenten“ Persönlichkeiten unterzeichneten Gesuch, sich für Tollers Beurlaubung zur Premiere seines neuen Dramas zu verwenden, einen höchst gehässigen und ganz persönlich gehaltenen Artikel gegen den „bürgerlichen Renegaten“ Toller, der hier allgemein Wollenberg zugeschrieben wird. In den nächsten Wochen kommt nun auch noch Taubenberger heraus, der auf Elbert als Vorbild aller revolutionären Herrlichkeit schwört, – und so ist kein Ende all der Lumpereien abzusehn. Damit wollen diese Unglücksmenschen nun die Revolution fördern! Und sie sind zu dumm, um zu begreifen, wessen Geschäfte sie besorgen. Ein Ekel aber packt einen bei dem Gedanken, wie leicht sich Arbeiter, die uns draußen gekannt haben, die wissen, wie wir vor Gericht gestanden haben und auch, was für Figuren unsre Ankläger früher gemacht haben, gegen wehrlose Inhaftierte scharf machen lassen. Das Unglück ist überall der Parteigeist. Statt die revolutionäre Mannschaft ohne sich um ihre Anzahl zu scheren, in den Betrieben zu organisieren, schreit man nach Massenparteien und baut die „Einheitsfront“, indem man die Vorsitzenden von drei internationalisierten Wahlvereinen Kompromisse schließen läßt. Das deutsche Proletariat ist arm dran. Ein Beispiel aus der Tagesgeschichte: Zum Protest gegen den Blausäureanschlag auf Scheidemann haben sich die Casseler Arbeiter zu einer gewaltigen Demonstration aufgeschwungen. Sie haben gestern eine Stunde lang alle Betriebe ruhen lassen. Und welche Stunde war das? Von 12 – 1 Uhr, wo sie jeden Tag „feiern“, nämlich Mittagspause machen. Wüßte ich nicht mit dem Herzen, daß die Revolution doch kommen wird, – die Sinne und das Hirn müßten mich das Gegenteil erwarten lehren.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 9. Juni 1922.

Heute jährt sich der Todestag des Genossen Gareis. Seine Partei, die von allen guten Geistern solchen Schlages, wie Gareis selbst, längst verlassen ist, macht in München eine Feier mit Scheiterhaufen-Theater, wozu die Mitglieder aufgefordert werden, monarchistische Bilder zum Verbrennen mitzubringen. All das geht heutzutage unter dem Namen „revolutionäre Kundgebung“. Dabei wird der Revolutionäre, die seit Jahren von den Gesinnungsgenossen der Mörder gefangen gehalten werden, allenfalls mit ein paar Rührworten gedacht, und wenn’s hochkommt, „flammender Protest“ in eine Resolution geschüttet und ins Erbbegräbnis der übrigen Resolutionen beigesetzt. – Die Mörder Gareis’ hat man bis zum heutigen Tage schon deshalb nicht gefunden, weil sie niemand sucht, während man die Rachejustiz gegen die Revolutionäre von 1919 immer noch fortsetzt und da jeden noch so unscheinbaren Mitläufer stets ausfindig macht. – Auch von dem Heldenjüngling, der Scheidemann angespritzt hat, scheint man noch keine Spur zu haben. Wahrscheinlich ist er längst in Bayern und also in verbürgter Sicherheit. Peinlich wird es den Treudeutschen immer erst, wenn sie sich vor andern als bayerischen Instanzen bewähren sollen. Den armen Killinger hat man nach Baden vors Gericht geschleppt, da offenbar die Zentrumspartei Wert darauflegt, daß die Ermordung Erzbergers bayerischen Richtern entzogen wird, die schon die Anklage wohl nur wegen Begünstigung erhoben hätten – wenn überhaupt – während der Offenburger Staatsanwalt eben deshalb wegen Beihilfe prozessieren läßt, um am Ort der Straftat selbst verhandeln zu können. Ganz billig wird der Mann demnach wohl nicht wegkommen, und seine hochbeamteten Gönner in München (Kahr, der Regierungspräsident von Oberbayern ruft öffentlich: Vivat Rupertus rex! – Rupertus rex selbst nimmt öffentlich Militärvorbeimärsche ab und beansprucht etwa 5 Milliarden Mark „Schadenersatz“ und Weiterzahlung der Zivilliste und der Paßfälscher Pöhner sitzt als Richter in der höchsten bayerischen Rechtsprechungsbehörde) werden sich wohl den Kopf kratzen und heimlich beraten, wie sie Killinger doch noch aus den Klauen der sie alle ernährenden bezaubernden deutschen Republik erretten können. – Auch ihr Sanitätsrat Dr. Pittinger sollte wegen irgendwelcher Reichsgesetze, die sein Delikt – Geheimbündelei – den bayerischen Gesinnungsfreunden in den „Volksgerichten“ aus den Fingern nehmen, nach Leipzig vors Reichsgericht. Der Mann – wegen derartiger Vergehn sperrt man in Bayern selbstredend nur Proleten in Untersuchungshaft – hat es vorgezogen, sich dünn zu machen. Er wird nun wohl mit den Franzosen an Ort und Stelle über die zweckmäßigste Methode verhandeln, wie man den Rheinbund wiederherstellen und dabei zugleich die Wacht am Rhein als Wahlparole retten kann. – Korruption in Deutschland? Unbekannter Begriff. Ich für meine Person freue mich daran, wie der Sumpf immer penetranter in die Welt stinkt. Da das Proletariat nun einmal den Willen zur Destruktion des absterbenden Staats nicht aufbringt, so kann man wenigstens konstatieren, daß er trotzdem in heillose Fäulnis übergegangen ist. Mögen die Arbeiter darin ersticken, wenn sie sich nicht entschließen können, den Ventilator aufzureißen! – Nur wir Gefangene dürfen die Aktionsträgheit der Massen und die Charakterlosigkeiten der Parteien ausbaden. Unsre Peiniger fühlen sich täglich kräftiger, wissen sich täglich weniger beeinträchtigt in ihren sadistischen Strafvollzugsmethoden. Und Handhaben zu immer neuen Brutalitätsübungen geben ihnen ja die charaktervollsten Kommunisten stets dann in die Hand, wenn sie welche nötig haben. Irgendein Provokateur pfeift und die „Kommunisten“ in Niederschönenfeld tanzen. – Die Sauber-Aktion hat wirklich mit der Blamage geendet, daß er weder seine Forderungen durchgesetzt hat – wir kennen sie nicht – noch gestorben ist, sondern sich einfach wieder entschlossen hat, nachzugeben. Dies aber, nachdem Töne geredet und Entrüstungen hochgetrieben waren, wie sie selbst für Niederschönenfelder Verhältnisse ungewöhnlich waren. Leider ist das Ergebnis der ganzen Gaudi einfach das, daß die Behörden einen neuen Beweis dafür haben, daß sie bei völliger Unnachgiebigkeit auch vom Hungerstreik keinerlei Nachteile zu fürchten haben, nicht einmal, wenn ihn ein Einzelner unternimmt. Wollenberg hat seinerzeit 9 Tage gehungert, konsequent solange, bis seine Forderung – Entlassung aus der Einzelhaft – bewilligt war. Man mußte ihn richtig zwingen, seinen Körper überhaupt zu erhalten, indem man ihn die letzten Tage künstlich ernährte. Sauber aber hat vorher nachgegeben – ohne dazu, wie wir damals in Ansbach – durch Mehrheitsbeschluß genötigt zu sein (damals waren August Hagemeister und ich für Weiterhungern – grade wir „Verräter“ von heute als Einzige). Damals habe ich öffentlich erklärt: wir haben verloren! – Wird Sauber das auch erklären? Bisher hat er gejammert, er fürchte, man werde ihn nicht mal sterben lassen (hier kursiert der Witz, er habe gesagt: „Das Einzige, was ich nicht überleben würde, wäre, daß man mich nicht sterben ließe“). Jetzt hat er kapituliert, ohne abzuwarten, ob die Verwaltung überhaupt, bzw. in welcher Form eingreifen werde. Aber seine Freunde sind schon jetzt um eine Ausrede nicht verlegen. Nämlich: wir – wir nämlich, die nicht einmal in die Forderungen eingeweiht sind –, wir Verräter und Konterrevolutionäre, Menschewisten und Staatsanwaltsspione – sind schuld. Wir haben Sauber die Solidarität gebrochen, sodaß es ihm unmöglich war, seine Absichten durchzuführen. Olschewski vornedran und Wiedenmann neben ihm plärren das herum. Sie selbst aber haben die ganze Zeit gefressen wie immer. Macht nichts. Wir haben Verrat geübt, sie werden’s schon auch draußen den Arbeitern glaubhaft machen. – Lassen wir ihnen den Spaß. – Mich dauern sie eher, als daß ich mich noch ärgern könnte. Das gelingt ihnen nicht mehr bei mir. Der Verwaltung selbst gelingt es freilich noch hier und da. So wurde mir gestern eröffnet, daß ein Brief von Elsbeth Rupertus zum Akt gegangen sei wegen „agitatorischen“ Inhalts. (Ein Pfingstpäckchen von ihr erhielt ich am Tage vorher ausgehändigt). Ein Brief grade von dieser lieben Frau, die in allem, was ich von ihr sehn kann, ein wundervoll reines und starkes Herz zeigt, gehört in meiner Gefangenschaft, seit diese Kameradschaft nach 20 Jahren wieder lebendig wurde, zu den ganz großen seltenen Freuden, die ich nicht missen mag. Als mir kürzlich – vorige Woche – ein Brief Richard Östreichs verweigert wurde, ärgerte es mich schon auch, aber ich begriff, daß der alte anarchistische Genosse seinen Gaul etwas leichtsinnig hat laufen lassen. Die Konfiskation von Briefen Zenzls füllen mich solange mit Gift, bis ich den nächsten Brief von ihr habe. So dauerts doch immer höchstens 3 Tage. Aber bei Elsbeth Rupertus bin ich für Wochen oder Monate gestraft. Es ist mir tatsächlich schwer gewesen, als mir Fetsch die Eröffnung vorlas, die gleichmütige Miene zu behalten, mit der ich grundsätzlich alles quittiere, was mir von den Subalternen ausgerichtet wird. Die Freude, daß sie mir auch noch die ohnmächtige Wut anmerken, gönne ich diesen armen Seelen nicht.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 13. Juni 1922.

Der Geburtstag unsres Festungs-Seniors Thierauf, der gestern 52 Jahre alt wurde, hat mir 2 Tage Zeit weggenommen, da wir den Tag zu einem sehr lustigen machen wollten und machten. Der naive gute alte Kerl – der amüsanteste Münchhausen, den ich kenne in der Hemmungslosigkeit seiner Renommistereien, in der Spießbürgerlichkeit seiner Ansichten und in der Harmlosigkeit, mit der er sich von allen und in allem ernst genommen glaubt – wurde gewaltig gefeiert, wobei das vortreffliche volkstümliche bajuwarische Schnadahüpfl-Talent des Genossen Michel Fischer sich in Erscheinung setzte. – Da übrigens für Thierauf ein Urlaubsgesuch des Münchner Stadtrats und ein Antrag seines Anwalts auf Wiederaufnahme des Verfahrens läuft, da außerdem wohl kein Mensch – nicht mal in Bayern – von diesem kommunistischen Ratsherrn und Schneidermeister staatsgefährliche Intrigen befürchtet, nehmen wir fest an, daß die Feier gestern gleichzeitig schon ein Abschiedsfest war. Schon mit den 5 Monaten, die man ihn hat sitzen lassen, haben sich die bayerischen Justizbehörden keinen Ruhm erworben. Woanders wäre schon das Urteil gegen einen Kurier, der den Inhalt seiner Botschaft überhaupt nicht kannte, unmöglich gewesen, als in Bayern, wo jedoch gestern der Reichspräsident selber gelobt hat, die Reichsregierung werde der bayerischen Eigenart immer verständnisvoll Rechnung tragen, und wo Lerchenfeld das noch unterstrich, indem er erklärte, Bayern erwarte auch fernerhin die zarteste Rücksicht auf seine verfassungsverbürgten Hoheitsrechte, besonders in den Gebieten der Verwaltung und der Justiz. Die Angst, uns könnte etwas Menschliches passieren, d. h. man könnte plötzlich verlangen, menschlich gegen uns zu verfahren, beherrscht diese Christenseelen demnach immer noch heftiger als alles andre. Im übrigen verlief der Besuch Eberts in München gemäß den Programmen sowohl der Gastgeber – der in diesem Fall verbündeten Lerchenfeldwebel und Auerochsen – als auch der Nationalisten. Die Sozialdemokraten hatten erklärt, sie hätten zum Schutz ihres Renommierbonzen Maßregeln ergriffen (sie werden sich wohl mit Maßkrügeln bewaffnet haben) und so mußten sich denn die Terroristen bescheiden, statt mit Bombenwerfen mit Pfeifen und Johlen ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Sie hatten aber noch vorher – und zwar eine ganze Anzahl hochpatriotischer Organisationen als Wortführer des Volks „in seiner großen Mehrheit“ in ihrer Presse proklamiert, daß sie in dem Besuch des Reichspräsidenten eine schwere Taktlosigkeit sehn, und dann haben sie am Tage des Besuchs – vornedran die Mittelpartei – am Sarge Ludwigs III Kränze mit schwarzweißroten und blauweißen Schleifen niedergelegt und das Lerchenfeld offiziell als demonstrativen Protestakt zur Kenntnis gebracht. Die tapfere Regierung des „Freistaats“ – bzw. der tapfere sozialdemokratische Oberbürgermeister von München – hatte aber die schwarz-rot-goldne Reichsfahne nur auf dem Bahnhof selbst aufziehn lassen, und um die Gefühle der Nationalisten zu schonen, auf dem Bahnhofsplatz die bayerische und die Münchner Fahnen gehißt. Trotzdem war es zu wenig. Denn die „Judenfahne“ wurde doch heruntergeholt und mit Benzin begossen. Aber da sich die Polizei überaus kühn erwies, gelang es ihr, die Anzündung zu verhindern und das Tuch, wenn auch in unheilverkündendem Zustand wieder aufzuziehn. Soweit bis jetzt die Berichte – und zwar aus dem Fränkischen Kurier, der gewiß nichts übertreibt, was seinen geliebten Radaustudenten nachteilig ausgelegt werden könnte. Aus der Arbeiterpresse werden wir wohl noch Erbaulicheres vernehmen. Man soll 12 Verhaftungen vorgenommen haben, doch wird den Nationalsozialisten nichts geschehn. Nur wenn Arbeiter etwa einer schwarzweißroten Fahne was zu Leide tun, gibts hohe Gefängnisstrafen. Diese Patrioten aber werden nicht mal prozessiert werden. Sollten aber Prügeleien zwischen ihnen und Ebertinern stattgefunden haben (auf dem Karolinenplatz scheint es Krach gegeben zu haben), dann sind Verurteilungen zu erwarten – natürlich gegen die Parteigänger des Gastes der bayerischen Regierung. Denn bis jetzt war es noch immer so, daß, wenn von rechts Landfriedensbruch getrieben wurde (Kappputsch, Erzbergermord etc) Arbeiter und andre Sozialisten dafür in Gefängnisse und Zuchthäuser gesetzt wurden. Das ist eben eines der Charakteristika des „republikanischen“ Deutschlands, Bayerns insbesondere. – Ja, gegen Antimonarchisten ist man unerbittlich und unvergeßlich. In der Wiener „Roten Fahne“ steht, daß in diesen Tagen in Linz der Prozeß gegen meinen Freund Oskar Deubler wegen Begünstigung stattfindet, weil er am 23. Februar 1919 Lindner im Auto von München nach Salzburg gefahren haben soll. Bayern pfeift und Österreich hüpft, das höchst republikanische, revolutionäre und sozialistische Österreich, das immer noch Arbeiter- und Soldatenräte hat (allerdings hat der Arbeiterrat die kommunistischen Mitglieder schon rausgeekelt), an dessen höchster Spitze jetzt aber der christlichsoziale Herr Seipel steht, ein Diener des Vatikans nicht bloß von der politischen Gesinnung her, sondern auch von Amts- und Berufswegen. Der Mann ist Pfaffe. Er trat sein Amt kürzlich erst an und steht jetzt vor einer Katastrophe, die nicht zu beschreiben ist. Die Entwertung der österreichischen Krone hat plötzlich so rapide Fortschritte gemacht, daß überhaupt kein Kurs mehr zu bewerten ist. Die meisten Geschäfte machen die Läden zu, weil sie die Waren nicht mehr für die ganz wertlosen Papierfetzen hergeben wollen, die das Publikum daherbringt. Es scheint aber nicht, als ob die Not die von Schleimscheißern dirigierten Proletariermassen nun endlich zu revolutionären Taten auf die Beine bringen würde. Nein, Friedrich Adler, der Mann, der einmal in einer kaum glaubhaften Erhöhung seines Geistes den Verderber Österreichs durch einen Pistolenschuß niederstreckte, – dieser selbe Mann weiß heute nichts besseres anzuraten, als vermehrte Anstrengungen, von den Ententeländern die Erlaubnis zum Anschluß Österreichs an Deutschland zu erbetteln, an dasselbe Deutschland, das dank der köstlichen Rapallo-Politik des Rathenau schon wieder vor der gänzlichen Pleite hoher finanzieller Erwartungen steht. Ich glaube nicht, daß das westliche Kapital die von den Wiener „Sozialisten“ erstrebte Lösung wünschen wird. Viel wahrscheinlicher ist, daß man Österreich in internationale Zwangsverwaltung nehmen wird, wobei vermutlich die Tschecho-Slowakei das Mandat als Konkursverwalter erhalten wird, obwohl auch dort allerlei eigne Wirtschaftssorgen aus Kohlenschachten und andern Betriebszweigen aufsteigen. Was aber Deutschland betrifft, so ist garnicht ausgeschlossen, daß die Entwicklung zu österreichischen Zuständen sich sehr rasch krystallisieren wird. Die Bankierkonferenz in Paris ist vorerst mal resultatlos auseinander gegangen. Die internationale Anleihe für Deutschland ist zunächst gescheitert – selbst die sogenannte „kleine“, die mit etwa 1 Milliarde Dollars die Zahlung der Reparationsschulden für einige Jahre sicherstellen oder doch mindestens Zeit gewinnen helfen sollte (bekanntlich das Ziel aller deutschen Staatsmannskunst). Morgan erklärte die Herabsetzung der Reparationslasten für Deutschland als Vorbedingung jeder internationalen Hilfsaktion und Frankreich erklärte, darauf nur einzugehn, wenn seine eignen Gläubiger ebenfalls Schuldnachlässe gewähren. Dazu sagt aber Amerika nein! – und Alldeutschland heult, daß Poincaré schon wieder aus reinem Sadismus alles sabotiert. (Bayern hat sich aber schon gerächt: Unser Müller-Meiningen – wer denn sonst? – hat im Landtagsausschuß seinem Antrag die Zustimmung erwirkt, wonach in den bayerischen Schulen fortan statt französisch englisch als erste und einzige obligatorische Lehrsprache eingeführt werden soll, und der Ausschuß hat mit Stimmenmehrheit beschlossen, daß, wie es in der Begründung des Gesetzentwurfs heißt, die französische Kultur ihren Höhepunkt überschritten hat!) Für die nächsten 3 Monate haben sich also die hilfsfreudigen Bankiers aller Länder und Welten achselzuckend empfohlen und für Deutschland tritt der Londoner Zahlungsmodus der Reparationen wieder in Kraft, was sich sofort durch einen Valutasturz der Mark bemerkbar machte. Die Preise wachsen inzwischen ins Aschgraue und das Arbeiterelend – und mithin die Unsolidität der Lebensführung in allen Volksschichten – nimmt erstaunliche Dimensionen an, ohne daß sich irgendeine proletarische Bewegung dagegen zu wälzen scheint. Man läßt die Pleite-Wirthe weiter rathenauen und hermessen. Die Hauptsache ist, daß „Disziplin“ herrscht, und daß die Parteien sich zu „Machtfaktoren“ anmästen. Es ist zum Kotzen. Unser Schicksal hinter den Mauern gerät dabei langsam in gänzliche Vergessenheit. Vielleicht wird man aber den Tod des Herrn Kapp benutzen, um wenigstens bei Gelegenheit von Demonstrationen an die Seltsamkeiten der deutschen Justiz unter Radbruch zu erinnern. Kapp ist als kranker Mann vom Ausland nach Deutschland gekommen, angeblich um sich tapferer als sein Jagow für seine Sache vor Gericht zu stellen, in Wirklichkeit, um sich kurieren zu lassen. Er wurde operiert, erblindete und starb. Rechts wird man ihm Scheiterhaufen errichten, und links? wird man so gescheit sein, jetzt endlich zu sagen: wir verzichten auf weitere Bemühungen gegen die Sünder von drüben – gebt uns endlich die Unsern frei!? Ich bin sehr skeptisch geworden. Und man kann skeptisch werden, besonders wenn man sich die üble Farce des Moskauer Prozesses gegen die Sozialrevolutionäre vergegenwärtigt: Die Lumpen von Renegaten und Verrätern, die zu den Bolschewiki gingen und ihre bisherigen Genossen der Dinge anklagten, an denen sie selbst teilnahmen, werden von den Kommunisten wie die Heiligen gefeiert, sind außer Haft und haben Extra-Verteidiger gestellt bekommen, Bucharin, Radek und die alte Zetkin* darunter, während man die Verteidiger der übrigen – der Verräter, weil sie eben ihre eigne Sache nicht verraten haben – als Mitverbrecher behandelt. Besonders bitter empfinde ich, daß sich ein Mann wie Lunatscharski in die Rolle des öffentlichen Anklägers hat drängen lassen. Möglich, daß die Angeklagten wirklich mit Petljura und den Weißgardisten gemeinsame Sache gemacht haben – mag man sie wie Konterrevolutionäre behandeln und hinrichten (wenn man nur aufhören möchte, sich über die Mordanschläge gegen Lenin und die Parteidiktatoren zu entrüsten. Wo wäre die russische Revolution, wenn der Individual-Terror ihr die Wege nicht freigelegt hätte? Mag es marxistisch sein, daß er unerlaubt ist – umsomehr müßten die Bolschewiki anerkennen, daß was sie als orthodoxe Marxisten nicht tun durften, die andern taten, die dafür unter der zaristischen Gewalt mehr leiden mußten als sie, die Bolschewiki. Sie sollten sich auch erinnern, daß sie auch die Oktoberrevolution 1917 ohne die Hilfe der Sozialrevolutionäre und Anarchisten nie gewonnen hätten, und daß keine Attentate gegen sie veranstaltet worden wären, wenn sie ihren Verbündeten die Treue gehalten und sie nicht statt dessen – und zwar nicht bloß solche, die Beziehungen zu konterrevolutionären Elementen hatten, sondern alle, die ihrer Personendiktatur Opposition machten, einsperren, martern und hinrichten hätten lassen). Lunatscharski zum Mindesten hätte seine Finger aus der Geschichte fortlassen sollen. Er hat unvergängliche Verdienste um Kultur und Erziehung, und um die russische Jugend: seine Stimme, die für Tolstoj gezeugt hat, sollte sich nicht für die Rache an politischen Widersachern erheben und nicht Menschen ihr sozialistisches Ideal abstreiten, die nur die Erreichung auf andern Wegen erstreben. – Lenin, der Kopf der russischen Revolution, scheint trotz aller Ableugnungen sterbenskrank zu sein. Was wird werden, wenn er tot ist? Und wenn gar noch Lunatscharski, der das Herz der Revolution ist, den Ehrgeiz bekommt, ihr Darm zu werden? – Ich bin nicht froh, wenn ich nach Rußland sehe, und die satte Zufriedenheit mancher Anarchisten, die jubelnd feststellen, daß das Prinzip der Autorität wieder mal als falsch und verderblich erwiesen ist – was gewiß richtig ist und hieran liegt alles Unglück, das über die russische Revolution gekommen ist – kann ich nicht teilen. Ich bin tief unglücklich, daß man, statt die prachtvolle Sowjetverfassung, die allen Zentralismus zugunsten der gesamten arbeitenden Bevölkerung preisgibt, durchzuführen, sich auf den verfluchten Marxismus besann und einen neuen Obrigkeitsstaat, eine Oligarchie von Opportunisten mit absoluter Autorität einsetzte. Man fürchtete „Kinderkrankheiten“ und überließ sich dem Marasmus. – Ich will nicht schließen, ohne noch eines Toten zu gedenken, von dessen Ende ich zufällig aus einem Zeitschriftennekrolog erfuhr. Das ist der Professor Eugen Ehrlich, der Soziologe und Rechtslehrer von Czernowitz (ich kenne seine vorzügliche „Soziologie des Rechts“). Im Jahre 1915 – ich glaube, wir waren noch nicht mal verheiratet, aber jedenfalls wohnte ich noch mit Zenzl in der Chambregarni-Wohnung in der Görresstraße) – lernte ich Ehrlich zufällig im Café Stefanie kennen, wo er sich in ein Gespräch zwischen mir und einem patriotisch gestimmten Andern (ich weiß nicht mehr, wer es war) einmischte und sehr temperamentvoll meine Partei in der belgischen Frage nahm. Die Entrüstung des lebhaften Herrn über die Verbrechen der Deutschen gegen die Belgier machte mir das Herz warm und ich nahm ihn einfach mit nach Hause, wo er sich in Zenzl gradezu vernarrte. Die kurze Zeit, die er in München blieb, war er dann fast täglich bei uns. Seitdem aber hörte ich nichts mehr von ihm, bis ich jetzt las, daß er gestorben ist. Er wird mir im Gedächtnis bleiben als ein sehr origineller Mensch, als ein ungewöhnlich feiner kluger Kopf, als eine durchaus liebenswerte Persönlichkeit mit Temperament, Humor und überlegenem Urteil. Auch Zenzl wird die Nachricht wehtun.

 

* falsch Cl. Z. wirkt als Staatsanwältin! Auch übel.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 14. Juni 1922.

Vom Hause ist nachzuholen, daß Taubenberger schon wieder in Einzelhaft sitzt (er glossierte die geistreiche Anordnung, daß wir vom II. Stock beim Vorübergehn am I. nichts durchs Gitter reichen dürfen, sondern mit dem Empfänger erst auf der Treppe in Austauschverkehr zu treten haben). Man hat gleich alles aus seiner Zelle ausgeräumt und damit also von vornherein die Absonderung bis zum Rest seiner Festungstage festgesetzt. Gestern hing denn auch aus der Einzelhaftzelle an der Fensterstange Taubenbergers Handtuch weit auf den Hof hinaus und daran ein Plakat mit der Aufschrift: Parole 30 Tage! – Schade um den Menschen, daß er so fanatisch bei den Mittelgangsidioten steht. Er ist von Natur ehrlich, leider jedoch gradezu albern in dem Ehrgeiz, sein Martyrium durch Forcieren der Verwaltungsbrutalität dauernd zu steigern. – Sonst nichts Besonderes hier drinnen, da die in den letzten Tagen wieder sehr zahlreichen Beschlagnahmungen von Zeitungen längst nichts Besonderes mehr sind. – Auch draußen ist alles noch in statu nascendi, wobei unter „alles“ die scheinbar bevorstehende Sommeroffensive der Deutschnationalen zu verstehn ist. Nach dem Attentat auf Scheidemann hat man – zur Feier der Anwesenheit des Reichspräsidenten in München – der Münchner Post eine Handgranate ins Fenster geschmissen, die aber offenbar einen feineren Instinkt für die Würdigkeit des Blattes für reaktionäre Angriffe hatte als die Veranstalter und sich weigerte zu explodieren. Ferner hat es, während in München die Nationalsozialisten Ebert anpfiffen, in Königsberg ebenfalls – und zwar kräftigeren – Besuchskrach gegeben. Dort empfing man Hindenburg zur Abnahme von Paraden. Er erschien – trotz des Uniformverbots – in der Kostümierung eines hohenzollerschen Generalfeldmarschalls, und die Reichswehr erschien trotz eines Verbots des Wehrministers Geßler in Gala und mit schwerer Waffenausrüstung zu seiner Begrüßung. Als Hüter der republikanischen Gesetzlichkeit traten die Kommunisten in Aktion, mit dem Erfolg, etliche Schwerverwundete und einen Toten (selbstredend nur auf ihrer Seite) vom Platz tragen zu dürfen. Der tapfere Geßler hat sein Verbot inzwischen schon so gedeutet, daß die Übertreter gerechtfertigt sind, und das Ende wird ein Prozeß gegen Kommunisten sein mit etlichen Jahren Zuchthaus oder Gefängnis. – Inzwischen blättert man in Offenburg die Erzberger-Akten um und um, aber ohne die Mörder zu haben. Wir erfahren nur was wir schon wissen und was für Heldengestalten die „Organisation C“, die die Herren Schulz und Tillessen wie den Herrn Killinger und die übrigen Freunde und Verbündeten von München aus umschlungen hielt, in sich barg. – Die Amnestie-Aktien stehn augenblicklich hier und, wie es scheint überall, sehr niedrig. Weigel schreibt mir pessimistisch, andre Genossen erhalten ganz desperate Briefe, und ich habe zu tun, die geknickten Seelen ein wenig aufzubügeln, indem ich ihnen sage: haben nicht dieselben Leute uns vor 4 Wochen prophezeit, daß wir in einem halben Jahr draußen sein werden? Momentan ist grade nichts los, was die Maschine ölt, und da sackt ihnen draußen genau wie Euch hier drinnen der ganze Schneid zusammen. In einer Woche sind sie vielleicht wieder optimistischer als je. Warten wir’s doch ab! – Trübe ist bei allem nur die Wurschtigkeit derer, auf die es ankäme. Die Arbeiter tun garnichts, und der Reichstag? Im Februar kündigte Radbruch eine Amnestievorlage als unumgänglich an. Vor ein paar Wochen ließ er die Frage danach mit der Vertröstung beantworten, im Juni werde man sich weiter unterhalten können. Nun sitzt der Reichstag wieder beisammen – 14 Tage lang, um dann in die großen Ferien zu gehn. Ich habe mir den Speisezettel angesehn. Von Amnestie ist mit keinem Wort darin die Rede. Es ist schmachvoll, tausende von Angehörigen inhaftierter Revolutionäre bangen und sorgen. Man macht ihnen Versprechungen, selbst Herr Joh. Hoffmann – dem wir alles Liebe hier zu danken haben – erklärt, daß man uns endlich aus der Qual befreien müsse – und dann hat man alles getan, um „den guten Willen“ zu zeigen, und ist völlig zufrieden, daß überhaupt nichts darauf geschieht. Und Radbruch läßt von seinem guten Namen als Mann der Rechtlichkeit den letzten Rest des Ansehns abfallen, dem er den Ruf dankte und verbeugt sich gehorsam vor den Schergen des knutogermanischen Reichs, deren Chef zu spielen ihn wichtiger dünkt als redlich zu bleiben in Überzeugung und Ehre. Und alles nur aus Schlappheit, aus Opportunismus, aus dem Wahn, man dürfe das Übel repräsentieren, wenn man es für das „kleinere Übel“ hält! – Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 15. Juni 1922.

Heute ist Fronleichnamstag und für mich persönlich noch ein katholischer Feiertag, da Zenzl ihren Namenstag hat (Vitus, Modestus und Kreszentia, drei Heilige, die miteinander in demselben Topf geschmort haben sollen). Zenzls Absicht, mich Mitte Juni zu besuchen, muß leider unterbleiben. Sie berichtet mir, daß sie kein Geld zur Reise hat. Mir ist’s schwer ums Herz. Sie mußte plötzlich für bereits bezahltes Gas noch 300 Mark nachträglich draufzahlen, was ihren gesamten Etat erschüttert zu haben scheint. In der Tat kann ich mir hier garkeine Vorstellung mehr machen von den ganz irrsinnigen Kosten draußen, – und München ist die teuerste Stadt in Deutschland, die Ordnungszellenpolitik, zu der auch unsre Dauerinhaftierung gehört, hat es so mit sich gebracht. In aller Welt aber wird vor München und Bayern überhaupt nachdrücklich gewarnt, da die Fremden schauderhaft geneppt werden und überdies den tollsten Polizeischikanen ausgesetzt sind. Die Fremdenkontrolle in Hotels und Privatwohnungen wird in wahrhaft grotesken Formen geübt, sodaß die empfindlichen Engländer und Amerikaner, die ihre Ehefrauen im Bett vorzeigen müssen, wenn der Wachtmeister aus der Ettstraße zum Paßvergleichen kommt, ihren Landsleuten in der Presse beweglich abraten, dies gastliche Land zu bereisen. Der erhoffte Fischzug auf die Taschen der „Feindbund“-Millionäre bei den Oberammergauer Passionsspielen und der Münchner Gewerbeschau scheint denn auch den Erwartungen der bayerischen Eigenarts-Christenheit nicht recht zu entsprechen. Dabei nimmt die Unsolidität der Wirtschaft immer mehr zu, und man kann fast ohne Übertreibung behaupten, daß die Mark heute in der Einschätzung der Menschen, auch der minderbemittelten, kaum soviel gilt wie früher 5 Pfennig. Aber – wer hat Schuld? Die Revolution! Und wenn die Mühsam und Genossen nicht ihre verbrecherische Tätigkeit entfaltet hätten, wäre alles in schönster Ordnung. Das ist nicht bloß die Meinung der deutschnationalen Beamten, sondern auch die vieler Arbeiter. Jedenfalls tut die Sozialdemokratie alles, um den Glauben bei den Massen zu befestigen. Gestern hatte Klingelhöfer den Besuch seiner Frau. Sie brachte einen Ausschnitt aus einer hier konfiszierten Nummer der „Münchner Post“ mit (der augenblicklich bei der Zensur liegt und zweifellos auch jetzt wieder konfisziert werden wird)*, den Kl. gelesen hat und worin in der niederträchtigsten Weise gegen uns scharf gemacht wird. Es sei unerhört, wie anspruchsvoll wir sind, und daß wir eine monatliche Unterstützung von 30 Mark von der Arbeiterschaft annehmen (in Vorkriegswert umgerechnet – die Reichsbank zahlt für ein 20-Markstück 1200 Papiermark – haben diese monatlichen 30 Mark eine Kaufkraft von 50 Pfennigen). Zur Zeit des Sozialistengesetzes hätten sich die politischen Gefangenen nicht um Unterstützungen gerissen, damals sei auch jeder mit Gefängniskost und mit Gefängniskleidung zufrieden gewesen. (Dabei wissen die Leute, daß wir die Anstaltskleidung viel lieber trügen als die eigne, und daß die Behörden sie uns auf ausdrückliches Verlangen des Landtags mit Zustimmung ihrer eignen Bonzen weggenommen haben). Daß sie aber noch extra Krach machen, daß wir, die wir zu Festungshaft verurteilt sind, wenigstens noch im Essen als Festungshäftlinge verpflegt werden, setzt all ihren Lumpereien die Krone auf. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß sie ihre Absicht, uns auf Gefängniskost setzen zu lassen, erreichen werden. Die Konfiskation des Auer-Organs, ebenso wie die der Münchner Neuesten Nachrichten, die die Wünsche der Sozialdemokraten befriedigt nachdruckten und der Neuen Zeitung, die dagegen polemisierte, beweist ja, daß man uns hindern wollte, durch Kenntnisnahme etwas zur Abwehr planen zu können. Nicht bloß, daß diese Schurken, die uns und alles, was sie früher gepredigt haben, schweinisch verraten haben, mit allen Mitteln die Bemühungen des Proletariats uns die Freiheit wiederzuverschaffen, durchkreuzen, – sie sind noch nicht einmal mit den ungeheuerlichen Rechtsbrüchen, unter denen wir seit über 3 Jahren in unausgesetzter Steigerung zu leiden haben, zufrieden und verlangen Schlimmeres, verlangen – von der deutschnationalen und großkapitalistischen Gesellschaft – gegen Arbeitervertreter absolute Rechtlosmachung, urteilslose Umwandlung ihrer Strafen, denen sie sich durch gemeinste Treulosigkeit entzogen haben, in Zuchthaus. – Man schreibt den Artikel dem Gewerkschaftssekretär Dichtl, einem Kerl zu, dessen Gehässigkeit gegen uns hier längst bekannt ist. Er ist ein Intimus des Murböck, und es besteht kein Zweifel, daß dieser Bursche der eigentliche Inspirator der Niedertracht war. Er weiß, warum und wem er sich gefällig erweist. Es galt in der Justizübung hier das Prinzip, daß kein Verurteilter mehrerer Vergünstigungen teilhaft werden solle, und es ist mehrfach Genossen auf Bewährungsfristgesuche geantwortet worden, sie hätten bereits – durch Strafunterbrechungen oder dergleichen – Vergünstigungen erfahren und auf weitere Gnadenakte keinen Anspruch. Im Falle Murböck wurde davon eine Ausnahme gemacht. Dem Mann wurden – als Einzigem – seine 4 Jahre Zuchthaus auf dem Gnadenwege in Festungsstrafe umgewandelt und zwar ohne Umrechnung, was 8 Jahre ergeben hätte; im Gegenteil wurden ihm die 8 Monate, die er in Straubing schon hinter sich hatte, mit 18 Monaten auf die 4 Jahre Festung angerechnet. Trotzdem erhielt er dann noch seine Freiheit auf Bewährungsfrist vor der Zeit wieder. So groß waren die Verdienste, die er sich bei der Festungsverwaltung erworben hat. Vollmann verwendete ihn ja direkt als Unterorgan bei der Durchführung des Strafvollzugs. (Ich habe ein Dokument selbst gesehn, in dem Vollmann einen Schrieb Walters an ihn hatte abtippen lassen, und unter dem stand: „Herrn F. G. Murböck zur Kenntnis“). Als Mehrheitsmann kam er unter die Räder (andernfalls wäre ja auch die Zuchthausstrafe niemals umgewandelt worden. Gegen den armen Genossen Schroll hatte der Staatsanwalt 2½ Jahre Festung beantragt. Das Standgericht verurteilte ihn zu 6 Jahren Zuchthaus. Er sitzt heute noch in Straubing). In der Festung mauserte er sich schnell zum Kommunisten und wurde in der Plassenburg bald Elberts getreuer Schüler und Mitglied der KAP. So kam er als ganz Radikaler nach Niederschönenfeld. Doch wurde schon immer von einigen hier behauptet, daß er immer noch während all dieser Wandlungen Mitglied der Mehrheitssozialdemokratie geblieben sei. Ganz zuletzt erst bekannte er sich zu dieser Parteizugehörigkeit, und kam denn auch – wie es heißt, auf Verwendung Auers persönlich – hinaus und wurde draußen sofort Gewerkschaftssekretär bei den Landarbeitern. Jetzt steht also neben dem Dichtl der große Auer selbst als Schutzengel hinter ihm, und Murböck hat denen, von denen er abhängig war, noch stets als treuer Knecht bewiesen, was für einen zuverlässigen Instinkt er für deren Wünsche hat. Er würde ohne die geringsten Bedenken selbst das Kommando zu unsrer Erschießung geben, könnte er damit sein Monatsgehalt nur um die 30 Mark steigern, die er uns jetzt als Taschengeld entziehn möchte. (Selbst wenn’s wahr wäre, daß nur Zigaretten davon gekauft werden, dann käme der Gefangene dabei grade auf 2 schlechte Zigaretten am Tage, dürfte dann aber nicht einen einzigen Brief im Monat schreiben). Solange er aber hier selber hocken mußte, konnte er sich nicht genug tun, um alle Welt in Bewegung zu setzen, sie möchten besser für uns sorgen. – Es würde mich interessieren, mal sein Standgerichtsurteil zu lesen, um zu erfahren, womit damals seine ehrlose Gesinnung begründet wurde. Sollten seine Richter etwa Psychologen gewesen sein? Bezeichnend für die bayerischen Justizchristen ist jedenfalls, daß sie von allen Zuchthausgenossen, unter denen so prächtige, grade, ehrliche Kerle wie Max Strobl und Kopp-Rosenheim sind, ausgerechnet diesen Einen herausgesucht haben, um nachträglich seine Ehre wieder zu bestätigen. – Den umgekehrten Weg wie dieser von Müller-Meiningen rehabilitierte Ehrenmann ist ein andrer Festungsgefangener nach seiner Entlassung gegangen. Gnad berichtete mir, daß von Günther Nachricht gekommen sei, er habe in die KPD-Zentrale in Berlin geblickt – mit dem Resultat, daß er sich von aller Parteipolitik abgewandt habe und in die Allgemeine Arbeiter-Union eingetreten sei. Übrigens arbeite er in Mitteldeutschland irgendwo in einem Betrieb als richtiger Proletarier. Seine Freunde und Genossen von hier Wollenberg und Ibel hätten ihn nicht von diesem Abwege zurückhalten können. Das ist überraschend und erfreulich, und ich möchte nur wissen, ob Günther sich jetzt manchmal an die Gespräche mit mir erinnert, in denen ich ihm die Organisationen von den Betrieben aus als die einzig revolutionär hoffnungsvollen aufzuzeigen suchte, – und ob er sich manchmal innerlich schämt, daß er entgegen seiner Überzeugung nach den infamen Verleumdungen gegen mich zu meinen Verleumdern hielt (da waren die ewigen Feinde unten und oben: Elbert, Wiedenmann, Sauber, Schwab – und eben Murböck ja treu verbrüdert), mich boykottierte und aus Parteidisziplin meine Vernichtung förderte. – Nun – über einen Sünder, der Buße tut, ist mehr Freude als über 99 Gerechte. – Und nun noch etwas Lustiges. Die schreckliche Depression, die in den Briefen hierher zum Ausdruck kam, hat durch den Besuch der Frau Klingelhöfer ihre Aufklärung gefunden. Wer ist schuld an der plötzlich eingerissenen Überzeugung, an eine Amnestie sei in Jahren nicht zu denken? Eine Münchner Kartenschlägerin. Die Frau eines unsrer Besten hier lief in ihrer Angst zur weisen Frau, die ihr die Karten auflegte und ihr – obwohl sie keine Ahnung haben konnte! – auf den Kopf zusagte: Sie sind verheiratet (wahrscheinlich war ein Trauring zu sehn). Dann: Ihr Mann ist aber von Ihnen getrennt (was hätte sie denn sonst bei der Pythia suchen sollen?) Die Trennung ist keine freiwillige (die arme Frau wird auf die vorige Frage betrübt genug genickt haben). Er sitzt in einem merkwürdigen unfreundlichen Hause (Psychologie zum Staunen!) Und nun wollen Sie wissen, wie lange er noch fortbleibt. (Was für eine gescheite Kombination!) Ja, das dauert noch lange. (Großer Schreck natürlich, und die Wahrsagerin darf schon wagen, ein Urteil auf noch sehr lange Sicht anzunehmen). Ich sehe das Jahr 1926! (Oh mei! Oh mei! – Ob Madame da nicht an ihrem Sowjetstern gezupft hat?) Aber seien Sie nicht trostlos. Grade das werden Sie mal sehr segnen. Denn dadurch entgeht Ihr Mann dem großen Blutvergießen, das seiner Befreiung vorangehn wird! – – So hat’s in den Karten gestanden. So erzählt man sich draußen von Haus zu Haus, wo Angehörige von politischen Gefangenen wohnen. Und der Quatsch wirkt in die Briefe weiter, mit denen man von draußen beglückt wird. Der gute Bürger und der Leser der Münchner Post aber glaubt, die armen Teufel, die auf solchen Stumpfsinn schwören, werden mit jedem Schritt, den sie unbewacht tun können, die Gefüge aller Ordnung und Zucht zerstampfen. Und sind doch fast alle selber nur arme abergläubische Ängstlinge, verhinderte Vereinsbanausen, Esel in einer schon vielfältig geplatzten Löwenhaut. Wäre unsre künftige freiheitliche Bewegung von denen abhängig, die hier im Hause die Mehrzahl bilden, dann sähe es wie mir scheint, noch trostloser um die Revolution aus als schon ohnedies.

 

* Nicht geschehn. Ich habe den Artikel jetzt gelesen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 16. Juni 1922.

Ein paar Blüten aus den Kulturbeeten der Radbruchschen Gerechtigkeitsplantage. Herr v. Killinger wurde von den Geschworenen freigesprochen. Alles Linke kratzt die Köpfe, alles Rechte rülpst vor Seligkeit. Die „Rote Fahne“ brüllt: ein Klassenurteil (was denn sonst? Sie verlangen ja aber selbst von den Klassengegnern die Aburteilung der eignen Sünder und lassen uns lieber noch bis zum Stinken in den Gefängnislöchern, als daß sie – die Kommunisten! – zugeben würden, daß die bürgerliche Justiz ganz gewiß keinem Monarchisten und Kapitalswächter ein Haar krümmen wird). Der „Vorwärts“ stöhnt, daß durch dieses Urteil das Ansehn der deutschen Rechtspflege noch tiefer sinken wird als vorher (dort scheint also der fromme Glaube zu herrschen, in der Verkommenheit der deutschen Justiz seien noch Steigerungen möglich. Stampfer entpuppt sich als Phantast!). Mir ist das Urteil lieb. Es beweist, daß die Freunde selbst der – aus „außerpolitischen“ Gründen – an der Spitze dieser herrlichen Republik marschierenden Herren, weil sie eben von Rücksichten auf die Politik des guten Wetters an den Vogesen nicht geschützt sind, von den Richtern und Bürgern der Monarchie keinen Beistand gegen Mord und Totschlag zu erwarten haben. Für die Aufklärung schwankender Leute sind alle solche Beweise nützlich. Je besser die Justiz das Mißtrauen gegen sich heizt, umso elementarer wird eines Tages die Aufräumungsarbeit in allen Ämtern vor sich gehn. Die Offenburger Geschworenen haben für uns politische Gefangene Verdienstliches getan. – Das Urlaubs-Gesuch der „Prominenten“ Deutschlands an Radbruch für Toller hat nichts geholfen. Da Toller selbst keine Eingabe gemacht hatte, hatte er natürlich auch keine Antwort zu erwarten. Er erfuhr aus einem Privatbrief die Ablehnung. Ferner wurden ihm 35 Zeitungsausschnitte, die sich zumeist auf diese Sache beziehn dürften, zu den Akten genommen. Aus einem – von der Zensur zur Hälfte zurechtgeschnittenen – erfuhr er jedoch, daß man die Ablehnung damit begründete, es seien von Tollers Freunden bei der Aufführung Ovationen für ihn zu befürchten. Allerdings ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß bei einer Theater-Uraufführung die Freunde des Autors applaudieren. Und wenn das – bei teuren Eintrittsplätzen – in Berlin passiert, kann sich die Ordnungszelle Bayern mit Recht in ihrem Bestand bedroht sehn! Wir leben in gesegneten Zuständen, wir sind in wahrhaft liebevollen Händen! – Ich vergaß, über etwas Persönliches zu schreiben. Im Hof machte mich – vorige Woche schon – ein Genosse darauf aufmerksam, daß sich an meinem linken Bein eine Krampfader zeige. Um ihre Vergrößerung womöglich zu verhindern, ging ich zum Arzt und fragte, was zu tun sei. Der Mann gab die trostreiche Auskunft: garnichts: das sind bloß gewisse Alterserscheinungen! – Das ist nett. Ich bin 44 Jahre alt und schon stellen sich Merkmale von Greisenhaftigkeit ein. Ich kenne die Ursache. Die Behinderung des Geschlechtsverkehrs ist an allem schuld, was uns vorzeitig altern und verkümmern läßt. Zur verhängten Strafe gehört sie durchaus nicht. Denn früher – und unter Helmes noch in Ansbach – gings ja auch anders. (Ich halte die Quälerei der sexuellen Zwangsabstinenz auch für Zuchthäuser und Gefängnisse für eine der infamsten Härten der „zivilisierten Rechtspflege“ und habe darüber schon vor Jahren in meinem „Kain“ geschrieben). Daß man in Bayern die politischen Gefangenen auch in der „Ehrenhaft“ systematisch zu Masturbanten macht und die Frauen draußen entweder in ein peinigendes und hysterieförderndes Witwenleben oder zu Ehebrüchen drängt, wodurch schon eine ganze Reihe Zusammenbrüche von Familien entstanden sind (denn unsre armen Revolutionäre können ihre Frauen nur mit Pfaffenmaximen als „treu“ ansehn; und die Moral meiner „Freivermählten“ scheint ihnen ganz roh und verdorben), – diese Niederträchtigkeit ist das Bösartigste, was uns überhaupt zugefügt wird. Wenn ich später einmal beruhigten Gemüts Sünden tilgen werde, die die Feinde begangen haben, dann kann ich sehr weitherzig sein und viel sehr Häßliches verzeihen und vergessen. Aber was diese Christen in direktem Angriff gegen die Liebe sündigen, indem sie sie mit jedem Mittel raffinierter Bosheit selbst zwischen Eheleuten auszutilgen suchen, das soll ihnen in den Höllen ihres ewigen Lebens als unauslöschlicher Feuerscheit in der Seele brennen. Wenn es denn schon himmelschreiende Sünden gibt, die nie verziehn, nie getilgt werden können, so sind es die Sünden wider den heiligen Geist der Liebe. Und nur kirchliche Säue, die zwischen der Liebe des Geistes und der Liebe des Fleisches Unterschiede sehn – und grade sie führen das Bekenntnis zur Dreieinigkeit im Munde! – konnten auf die verruchte Idee kommen, den Leib des Nächsten zu quälen, um den Geist zu treffen, – ohne zu ahnen, daß sie an die Seele nicht herankönnen und daß es ihre eigne Seele sein wird, die in Wahrheit zu Schaden kommt. – Mögen sie es zuwege bringen, daß mein bißchen Körper vorzeitig altert, und selbst daß der liebe Leib meiner Zenzl an sichtbaren Reizen vorzeitig Einbuße leidet –, von unsrer beider Seele können sie nichts stehlen, und so auch nichts von unsrer großen Liebe, die sie nicht kennen und deren Glut ihnen ewig fremd bleibt. Denn selbst ihr einzig aufrichtiges Empfinden, ihr Haß gegen das, was sie nicht verstehn, ist leer und kalt; – mag sie der Teufel holen! – Aber er hat sie schon.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 17. Juni 1922.

Vom Hause. In dieser Woche dürfte wohl an Zeitungskonfiskationen der Rekord gebrochen sein. Bis auf wenige große bürgerliche Blätter haben fast alle mal dran glauben müssen, natürlich stehn aber die kommunistischen Blätter an der Spitze (doch wurde ich heute auch wieder von der Konfiskation des „Miesbacher Anzeigers“ betroffen). Die B. A. Z. (kommunistisch) ist, glaube ich, in der ganzen Woche nicht ein einziges Mal hereingelassen worden. Die Stuttgarter kommunistische „Süddeutsche Arbeiterzeitung“ fast nie, und heute sind sicher über ein Dutzend Blätter im ganzen beschlagnahmt. Die Hausordnung sichert uns das Recht zu, Zeitschriften und Zeitungen ohne Unterschied der politischen Richtung regelmäßig zu lesen. Herr Gollwitzer von der („aufgelösten“) politischen Abteilung der Polizeidirektion München aber befindet unter den politischen Gesichtspunkten, die bei seinen Auftraggebern maßgebend sind, welche Ansichten „geeignet sind, dem Strafvollzug Nachteile zu bereiten“, und Herr Regierungsrat Englert bestätigt dem Polizisten, daß seine Auswahl den Wünschen der vorgesetzten Herren entspricht. Ob die Herren Gollwitzer, Englert und Hoffmann und erst Kühlewein und Lerchenfeld nicht geeignet sein sollten, einem geordneten Strafvollzug im Sinne ihrer Gesetze Nachteile zu bereiten? Es scheint, als ob man neuerdings nicht bloß Angriffe wegen uns gegen die bayerische Justiz beschlagnahmt, sondern auch Angriffe gegen uns, – die wohl inspiriert sind. Wenn wir sie nicht kennen lernen, können wir ja auch nicht auf die Idee kommen, uns dagegen zu wehren. Herr Dr. Kühlewein aber hat einmal im Landtag erklärt: „Niederschönenfeld muß endlich mal aus der Öffentlichkeit verschwinden.“ Sein Ziel wird er ja nicht erreichen, – immerhin aber wird er manche Verleumdung gegen uns alle oder einzelne vor Richtigstellungen behütet haben. – Daß man gegen mich draußen mit dem Hetzen noch nicht aufgehört hat, kann ich einem Brief von Zenzl entnehmen. Sie führt mir darin meine Unvorsichtigkeit zu Gemüte, mit der ich meine Überzeugung ausspreche. Es gebe Leute, die mich draußen als wüstesten Kommunistenfresser verschreien. – Nun, mögen sie. Wer mich als Dieb und Defraudanten denunziert hat, der darf mich getrost auch als Konterrevolutionär und Gesinnungslumpen verdächtigen, und wer ihm glaubt, da ja der Verleumder unbehindert reden kann, während mir, wie jeder weiß, das Maul zugebunden ist, auf dessen Anhängerschaft verzichte ich ebenfalls. Bin ich „Kommunistenfresser“, dann eben darum, weil ich denen, die sich als die einzigen Kommunisten ausschreien, vorwerfe, daß sie den Kommunismus vorn und hinten verraten und preisgeben. Was jetzt wieder im Namen des Kommunismus in Moskau vorgeht, das kann mir allerdings blitzwenig gefallen. Die angeklagten Sozialrevolutionäre vertreten gewiß eine sehr andre Politik als ich für richtig halte, und die, die sie vor 4 Jahren terroristisch bekämpft haben – und von der inzwischen kein Schatten mehr lebt – halte ich ganz gewiß für besser als die ihrige. Aber großartig stehn die Leute da, und Goz’ Erklärung, in der er sich zu allen Beschuldigungen bekennt und verspricht, bei sich irgend bietender Gelegenheit neuerdings mit denselben terroristischen Mitteln gegen die bolschewistische Parteidiktatur ankämpfen zu wollen, sollte Leute wie Brandler, der vor einem deutschen Gericht alle seine Taten jämmerlich verleugnete und die Idee selbst kläglich entstellte, um sich vor dem Zuchthaus zu retten, in dem seiner Parolen wegen hunderte tapfere Proletarier hocken mußten, wenigstens zum Schweigen bringen, statt daß sie sich moralisch aufs hohe Roß setzen vor diesen Menschen und statt dessen elende Überläufer wie den Semenow vor aller Welt als Helden anpreisen. Die Behandlung der Verteidiger der nicht zu Kreuz gekrochenen Angeklagten ist gradezu unglaublich, und die Abmachungen der Berliner „Einheitsfront“-Konferenz werden einfach nicht anerkannt, weil das Zusammenkommen des Weltarbeiterkongresses nachher am Widerstand der zweiten Internationale gescheitert sei. – Ich fürchte, dieses Gegenüberstehn der beiden Hauptrichtungen der nachzarischen revolutionären Bewegung in Rußland, wird für die augenblicklich herrschende Partei die furchtbarste moralische Katastrophe nach sich ziehn, selbst, wenn der Prozeß zunächst ganz ihren Wünschen entsprechend ausgeht. Die Jakobiner hätten den 9. Thermidore nicht erlebt, wenn Danton nicht zuvor der Herrschsucht Robespierres geopfert worden wäre. Denn Danton, obwohl – wie auch die Sozialrevolutionäre – opportunistischer als seine Widersacher, hätte niemals den Kampf der Jakobiner gegen die Hébertisten zugelassen, dem die Drangsalierungen der Anarchisten und Maximalisten im Rußland von heute vollständig entsprechen. Auch hier will man die eignen Sünden gegen die Revolution, die Inkonsequenzen und unkommunistischen Konzessionen, die einen zwingen, alles, was die Revolution fortsetzen will, zu unterdrücken, dadurch vertuschen, daß man als Rächer der Revolution gegen solche auftritt, die (früher einmal) eine nach der Bourgeoisie hin noch tolerantere Politik gefordert haben, und man gräbt nun des eignen Prestiges wegen 4 Jahre alte Geschichten aus, indem man die Amnestie von 1919 einfach als nicht geschehn betrachtet. Diese ganze höchst unmoralische Veranstaltung trifft nun noch zusammen mit der Krisis, die durch Lenins Krankheit eingesetzt hat. Was eigentlich Wahres ist an all den Gerüchten über seinen Zustand, ist bei den Lügereien von allen Seiten nicht zu übersehn. Soviel aber kann man als sicher annehmen, daß er vorerst nicht imstande ist, selbst am öffentlichen Geschehn mitzuwirken, und daß man seine Funktionen einem Triumvirat (Stalin, Rykow und Kamenew) übertragen hat, was schon beweist, daß die Eifersüchteleien zwischen den vielen Parteiführern, die nach der höchsten Gewalt trachten, künstlich – aber wie lange wird’s gelingen? – zugedeckt werden müssen. Ich sehe der Entwicklung der Dinge in Rußland mit großer Sorge entgegen und halte immerhin die Augen offen und lasse mich nicht darauf ein, was die „Kommunisten“ bei uns für die Verpflichtung jedes Kommunisten halten, jeden Bericht der Roten Fahne als unzweifelhafte Wahrheit und jede in ihr präsentierte Auffassung als revolutionär schlechthin anzunehmen. Ich sehe in dem Blatt nichts andres, als es ist: das offizielle Organ der russischen Regierung, und lese es deshalb mit derselben Bemühung, die Schale der amtlichen Suggestion vom Kern des inhaltlich Wahren zu lösen, wie ich etwa früher die Norddeutsche Allgemeine Zeitung gelesen habe. – Bin ich nun also bei den Duskiden und Elbertinern draußen ein Konterrevolutionär, so werd ich’s in Gottes Namen tragen. Haben mich doch vor 15 Jahren auch die Münchner Sozialdemokraten als bestochenen Verbündeten der Proletariatsgegner angeprangert. Die Angleichung der Parteikommunisten an die Sozialdemokratie vollzieht sich eben sehr rasch und in jeder Hinsicht. Und die moral insanity, die sich da zeigt, ist ja auch nur Symptom der ganzen Zeit. Man wundert sich heutzutage über nichts mehr, und selbst die Zeitungsnachricht, die jüngst aus dem Bayern des europäischen Südostens, aus Ungarn, kam, ging an mir wie an allen beinah ohne Eindruck vorbei, daß nämlich von dort aus aus den anatomischen Instituten heraus ein Leichenhandel im größten Stil betrieben wurde, – zu welchem Zweck? Zur Seifenfabrikation und wahrscheinlich auch zur Wurst- und Lebensmittelverarbeitung. Ich komme heute nur zufällig drauf, indem ich grade las, daß die unter dem Verdacht, die Schweinerei organisiert zu haben, Verhafteten, wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Fiat justitia! Pereat mundus! – Vivat negotium! Pereat justitia!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 18. Juni 1922

Bevor ich mit der Umstellung und Umordnung meiner Bücher beginne, zu deren Hilfe ich Weigand gebeten habe – ach, wie ich meinen Seppl-Buben bei all dergleichen Dingen vermisse! – soll die große Neuigkeit vermerkt werden, die das ganze Haus ausnahmsweise mal wieder aus politischen Gründen in Erregung hält und mit der möglicherweise die Massenkonfiskationen der Zeitungen zusammenhängen. In der „Augsburger Postzeitung“ wird aus einer – hier nicht ausgehändigten – „Freiheit“-Nummer ein allarmierender Artikel zitiert, in dem behauptet wird, die Konterrevolution stehe kurz vor dem Losschlagen. Die letzten Parolen würden am Johannistage (24. Juni) ausgegeben, und am 28ten sei Stichtag. Zugleich meldet die „Frankfurter Zeitung“, die Sozialdemokratische Partei habe eine Entschließung gefaßt, worin erklärt wird, am 28. Juni fänden im ganzen Reich deutschnationale Kundgebungen (am Erinnerungstag der Unterzeichnung des Versailler Vertrags) statt. Die angeschlossenen Organisationen werden zu Gegendemonstrationen und zu besonderer Wachsamkeit aufgerufen. Wenn die Freiheit recht unterrichtet ist, soll es diesmal aufs Ganze gehn, man wolle unter den linken Führern eine Bartholomäusnacht veranstalten und dabei weit nach rechts greifen – also offenbar soll es gegen die gesamte republikanische Richtung gehn, und der eigentliche Sitz der Verschwörung sei im Reichswehrministerium der Republik selbst. – Ich halte die Nachricht keineswegs für ohne weiteres unmöglich. Die Ereignisse der letzten Zeit lassen es viel eher glaubhaft scheinen, daß unsre Monarchisten die Entscheidung erzwingen wollen. Grade in diesen Tagen soll im Reichstag eine Interpellation verhandelt werden, die sich mit den Vorgängen in Königsberg und München und besonders mit den militärischen Paraden, Aufzügen und Heerschauen beschäftigen soll, die in letzter Zeit einen unglaublichen Umfang angenommen haben und deren monarchistischer Charakter garnicht bemäntelt wird. Reichswehrformationen sind gleichwohl zumeist daran beteiligt, und ganz speziell ist es Bayern, Ludendorffs und Xylanders Restaurationsdomäne, wo mit fabelhafter Ungeniertheit die Republik sich selbst verleugnet. Welche Rolle der Wehrminister Geßler selbst spielt, ist ja selbstverständlich. Wenn auch weniger offen als sein Vorgänger, der „Sozialist“ Noske, protegiert er die Generäle des alten Regimes mit soviel Hingabe, daß seinerzeit bei der Umbildung des Wirth-Kabinetts zu einem „Kabinett der Persönlichkeiten“ Herr Seekt sozusagen mit dem Säbel in der Faust von Ebert die fernere Erhaltung der Person Geßlers als Militärminister erpreßte. Jüngst aber konnte man lesen, daß er bei einem Aufenthalt in Lindau einen Reichswehrvorbeimarsch exekutieren ließ, wobei ihm zur Seite die königliche Hoheit z. D. Prinz Franz von Bayern „zusah“. Die republikanische Truppe übte also unter persönlicher Leitung des militärischen Verantwortlichen für die Sicherheit der deutschen Republik den Ergebenheitsmarsch des Stechschritts vor einem entthronten Repräsentanten des Königshauses Wittelsbach. – Ob sich die Deutschen je zu einer Reinigungsaktion à la Dreyfuß-Affaire aufschwingen werden? Es läge nicht in ihrer Natur, und ich setze alle Hoffnungen nur auf radikale Revolution. Deshalb wäre es auch ganz in meinen Wünschen, wenn der Krach durch eine neue und verbesserte Kappiade endlich mal perfekt würde. Selbst wenn der Erfolg bei den Nationalisten bliebe, wäre das immer noch eine klarere solidere übersichtlichere und für die Sammlung der Revolutionäre günstigere Lage, als wenn etwa wieder die Proletarier mit all ihren „revolutionären“ Oberschmusern ein paar Tage kämpften, bis die Ebert-Republik noch mal gerettet wäre und wieder durch Standgerichte, die aus Repräsentanten der Putscher zusammengesetzt wären, die besten Kämpfer für Jahre in die Zuchthäuser sperren würde. Denn ob man den Kommunisten diesmal mehr zutrauen könnte als im März 20, wo sie die Parole der „loyalen Opposition“ kreierten, ist mir leider sehr zweifelhaft. Es ist traurig genug, daß wir auf Aktionen überhaupt nur mehr rechnen können, wenn die Arbeiterschaft zum Defensivkampf gezwungen wird. Wenn man von der Notwendigkeit revolutionären Offensivgeistes spricht, ist man entweder ein Provokateur oder ein Phantast mit „bürgerlicher Ideologie“, versteht aber schon garnichts von Notwendigkeiten der „Taktik“ und vom Marxismus überhaupt. Ich bedaure, daß wieder die vorzeitige Veröffentlichung der Rechts-Pläne erfolgt ist. Viel geschickter und wirksamer wäre gewesen, bis in den letzten Betrieb hinein mobil zu machen, ohne bestimmte Kenntnisse zu verraten und losgehn zu lassen, was losgehn will. So ist die Gefahr vielleicht wieder für den Augenblick zurückgeschreckt – wir haben’s ja oft genug erlebt, daß die Nationalisten, wenn sie sich verraten sahen, im letzten Augenblick abbliesen. Inzwischen sammeln sie aber immer neue Kräfte um sich, und werden eines Tags so stark sein, daß kein Widerstand mehr sie zurückschrecken kann. Da sie ohnehin schon über die Mehrzahl aller von der Republik Bewaffneten verfügen, ist allerdings die Frage, ob sie sich diesmal überhaupt noch einmal werden zurückhalten lassen. – Amüsant ist die Angst, die im Hause um sich greift. Ich bezweifle, ob man uns überhaupt angreifen würde – wenn jedoch nach dieser Richtung tatsächlich etwas bevorsteht, so kämen doch höchstens Toller und ich als Bürgerschreck und Juden und sonst noch Sauber und Hagemeister zum Abschlachten in Frage. Und mit dem Tod kann man mich nicht mehr ängstigen. Er würde mir durch den Gedanken versüßt werden, daß seine Folgen meiner Idee überaus nützlich sein müßten. Vorläufig denke ich aber, auch den kritischen Johannisputsch 1922 gesund zu überleben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 20. Juni 1922.

Kein Zweifel: die Luft wird dick. Die Zeitungskonfiskationen gehn im allergrößten Stil weiter, und ich habe eine Registratur über die beschlagnahmten Blätter eingerichtet. Gestern waren es 12, heute, soweit ich bis jetzt feststellen konnte, 22. Selbst die harmlosesten Organe der Mehrheitssozialdemokratie wie „Münchner Post“ und „Oberfränkischer Volksfreund“, ebenfalls ein schmutziges Reaktionsreptil, sind darunter. Ich selbst wurde heute von 4 Konfiskationen betroffen: Wiener „Abend“, „Freier Arbeiter“, „Miesbacher Anzeiger“ und Escherichs „Heimatland“. Daß für diese oder die nächste Woche reaktionäre Anschläge, wenn nicht sicher in Aussicht stehn, so doch allgemein gefürchtet werden, ist zweifellos. Schon hat Scheidemann eine Rede geschmettert, in der er höllisch radikal tat und seinen alten Spruch, mit dem er die linke Walze zu schmieren pflegt, wiederholte: „Der Feind steht rechts!“, zugleich aber beweglich auch das Klischee von seiner rechten Walze brummelte: Die Sozialdemokratie hat niemals die Revolution gewollt! Denn man kann ja nicht wissen, ob der rechte Feind nicht doch siegt, und dann ist’s schon gut, gleich jetzt schon die konterrevolutionäre Überzeugung zu betonen, denn nicht die Sozialdemokratie sei revolutionär, versicherte unser Philipp, sondern nur ihre Wissenschaft. So haben wir wenigstens mal von einer berufenen Persönlichkeit erfahren, wieso jeder Marxist mit seinem „wissenschaftlichen Sozialismus“ eo ipso Revolutionär ist, auch wenn er Revolutionen in der Realität mit Emphase ablehnt. – Zu all den Ängsten, mit denen die Ebertiner zur Zeit geplagt sind, kommt nun auch noch eine neue „Krise“, die das vorbildliche Kabinett Wirth mit all seinen „Persönlichkeiten“ zu zerschmettern und sogar den Reichstag selbst zum Zerplatzen zu bringen droht. Es handelt sich um die Getreideumlage, mit der die Reichsregierung die Ernährungskalamität abzuwenden hofft. Die Landwirtschaft soll bestimmte Mengen des Ausdruschs zwangsweise abliefern, wobei der Brotpreis sich „nur“ verdoppeln würde (vorläufig!), während die Grundbesitzer mit aller Kraft für den freien Markt kämpfen, mit der – wahrscheinlich richtigen – Behauptung, grade durch unbehinderte Versorgung des Marktes nach Angebot und Nachfrage werde der Bedarf am sichersten ausgiebig befriedigt werden können; denn bei Zwangsablieferungen zu Zwangspreisen fehlt ja der Anreiz zum Produzieren, und in kapitalistischer Wirtschaft von einer bestimmten Gruppe von Kapitalisten das Opfer empfindlicher Profitschmälerung zu verlangen, ist absolut blödsinnig. Ich habe vor ungefähr 20 Jahren einmal in Berlin in einer sozialdemokratischen Wahlversammlung gesagt, es sei durchaus nicht Aufgabe der Arbeiterschaft, innerhalb des Kapitalismus möglichst billige Konsumpreise vom Markt zu verlangen. Es sei überhaupt keine proletarische Forderung, billig leben zu wollen, es sei vielmehr zu fordern, daß jeder Arbeiter gut und reichlich zu leben hat und so lange er schon unter dem Lohnsystem arbeitet, für Löhne zu sorgen, die ihm als Konsumenten genügen. Damals nannte Paul Singer mich einen „konservativen Sektanarchisten“, weil ich behauptet hatte, ein Großgrundbesitzer, dem seine Latifundien ohne übrige Ressourcen nicht soviel Ausbeuterprofit abwerfen, daß er sich täglich eine Flasche Sekt auf den Mittagstisch stellen lassen kann, hätte von seinem Kapitalistenstandpunkt aus recht, von einer Notlage der Landwirtschaft zu sprechen, und Aufgabe der Arbeiter sei es nicht, ihm von seinem Privatbesitz die Verzinsung zu kürzen, sondern ihm den Privatbesitz entschädigungslos zu expropriieren. Damals war ich ein junger Kerl von 24 Jahren, aber das war mir doch schon klar, was heute den „wissenschaftlichen“ Sozialisten der 3 marxistischen Parlamentsvereine noch völlig unbegreiflich zu sein scheint, so alt sie über ihrem „wissenschaftlichen“ Ulk auch schon geworden sind. So haben wir denn mit der Möglichkeit zu rechnen, daß „die 3 sozialistischen Parteien“ – so reden die feindlichen Brüder, wenn einmal eine Pause im gegenseitigen Anspucken eintritt, von sich selber – in schöner Eintracht für die Umlage und also für die Rettung Geßlers, Gröners und Radbruchs stimmen werden. Bei der Sozialdemokratie ist das eo ipso so. Die USP hat sich auch schon prinzipiell dafür entschieden, stellt aber Zusatzanträge, von denen sie ihre Zustimmung abhängig macht, und die KPD hüllt sich vorläufig in tiefes Schweigen – vielleicht redet sie auch für oder gegen – wir kriegen ihre Blätter ja nicht mehr zu Gesicht –; wahrscheinlich aber zankt man sich noch im Bonzenzirkel, was das „kleinere Übel“ sei. Sie lehnen nämlich ein für alle Mal jeden Opportunismus ab und sagen dafür „Taktik“. Die Schmöcke behaupten in ihrer blumigen Sprache, kein Mensch könne voraussagen, wohin sich „das Zünglein an der Wage“ neigen werde – dieses Zünglein bezeichnet aber die KPD. Denn: für die Umlage stimmt MSP, USP, Bauernbund, der größte Teil der Demokraten und eine Hälfte des Zentrums, dagegen, die andre Hälfte des Zentrums, einige demokratische Einzelgänger, die bayerische Volkspartei und die beiden unbedingten Rechtsparteien. So komme denn alles auf die Kommunisten an. Welche Seligkeit! Ich sehe es kommen, daß die Herrschaften, stets bestrebt, das denkbar Dümmste zu tun, diese Gelegenheit das Schleimscheißersystem in die Luft zu sprengen, vorübergehn lassen werden, weil sie fürchten werden, es käme dann, was „noch Reaktionäreres“. Als ob das nicht ein Ziel wäre, aufs Innigste zu wünschen, damit endlich einmal für jeden Arbeiter klar wird, daß er sich schon auf sich selber besinnen muß, um gründlich Ordnung zu machen. Aber die kommunistischen „Antiparlamentarier“ fürchten halt, daß sie bei den Wahlen zu wenig Stimmen kriegen werden, im ihre geistreiche Politik fortsetzen zu können, und so scheuen sie auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß bei Auflösung des Reichstags politischer Großbetrieb in Deutschland wird, der alle – und zwar auch sehr wenig parlamentarische – Möglichkeiten in sich birgt. Hoffen wir, daß sie diesmal nicht ganz so jämmerlich sind, wie man es ihnen leider mit Grund zutrauen muß. – Wenn aber der Reichstag und mit ihm noch allerlei andres auch ohne die „Krise“ in den nächsten Tagen auffliegen sollte, dann wäre das ein bedeutend kräftigerer Schritt vorwärts als all das öde Parteigemächle mit sich bringen kann, – wie auch der Putsch ausgehn sollte. Wird Xylander Herr von Bayern – womöglich gleich Rupertus rex! – und Ludendorff Statthalter in Berlin, dann müssen sie entweder wie Wirth „erfüllen“, und dann schnappt ihnen ihre ganze Gefolgschaft ab, – oder der Krieg 1914–18 läßt noch einmal den Vorhang hoch und es wird zu Ende gefilmt, was damals nur Schluß des Theaters schien. Mißlingt ihnen aber die Geschichte und die Arbeiterschaft bringt nicht fertig sich der Parteien zu entledigen und läßt sich wie beim Kappputsch noch einmal verlocken, Ebert und Auer zu retten und sich mit einem Bielefelder 8 Punkte-Abkommen, das nie erfüllt wird, heimschicken zu lassen, dann ist das Ende wie es bis jetzt immer war: die Rebellen werden ungeschoren gelassen und die Proletarier, die diese glorreiche Republik wieder mal gerettet haben, werden von eben ihr zu Tausenden niederkartätscht und in die Zuchthäuser zur Betreuung durch Parteigänger der „besiegten“ Putschisten verstaut. Jedenfalls gehn wir wieder mal bewegten Tagen entgegen, – und das ist schon etwas wert.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 21. Juni 1922.

Heute in 12 Jahren ist meine Strafzeit nach den beiden Urteilen vom Standgericht München und der Strafkammer Ansbach (2 Monate „Zuwag’“) herum. Ich darf ruhig sagen, daß mich dieser Gedanke nicht im geringsten schreckt. Selbst, wenn nicht in 12 Tagen schon ein neuer Rechtsputsch die Befreiung bringt (und das ist ja wirklich vorläufig unwahrscheinlich, wenn es auch tröstlich ist, daß immer wieder etwas Neues kommt, was es möglich macht) und wenn nicht in 12 Wochen die Reichspräsidentenwahl eine Amnestie nach sich zieht, noch auch Radbruch mit seiner Justizreform irgendwelche Hilfe für uns bewirkt; und selbst, wenn ich in 12 Monaten noch hier einschreiben müßte: „Heute in 11 Jahren ist meine Strafzeit herum,“ – selbst dann sehe ich keinen Grund zum Verzagen, solange nur der Leib standhält, ohne dem Geist und dem Willen den Halt zu nehmen. Im geschichtlichen Ausmaß gesehn, sind diese paar Jahre eine lächerliche Kleinigkeit, und wenn ich auch wirklich noch mit weiteren Jahren zu rechnen hätte, – ich will aushalten und es wird glücken. – Die Situation draußen ist bis jetzt ungeklärt. Der Reichstag hat in der Frage der Getreideumlage das getan, was deutsche Politiker vor schwierigen Problemen immer tun: Zeit gerettet. Er hat die ganze Vorlage zunächst einer Kommission überwiesen. Das Kabinett der Wirthuosen hat also wieder mal für 3 Wochen seinen Stuhl unterm Arsch. – Im übrigen ist wenig Neues passiert: der an Polen gefallene Teil Oberschlesiens ist mit Tränen und ähnlichen Kunstbetrübnissen – schwarzrotgelbem Halbmast und Ebert-Wirth-Braunschen Vergißmeinnicht-Erlassen – den neuen Besitzern übergeben worden, nicht ohne alldeutsche Manneskraftexekutionen in Kattowitz, – und die „unvergeßlichen“ Brüder, die uns kummervoll verlassen, werden vermutlich schon in wenigen Monaten so vergeßlich sein, daß sie sich gegen deutsche Irredenta-Missionare kräftig zur Wehr setzen werden. – In München steht Frh. Leo v. Leoprechting vor Gericht wegen „Hochverrat“, den er anscheinend gegen die präsumtive Regierung des von der Flucht zurückgekehrten Pittinger verübt hat (man wird ihn wohl kurze Zeit zu Arco als Billardpartner tun); und Preußens Sorge ist unter sozialdemokratischer Führung hauptsächlich die, von den Eroberungen der Hohenzollern-Könige nichts aus dem Staatsbesitz herausfallen zu lassen. Man erfährt unausgesetzt, daß alle Loslösungsbestrebungen aus der preußischen Staatseinheit in Hannover, dem Rheinland, Thüringen etc. nur Hirngespinste unernster Sekten seien, und sehr lustig ist dabei zu beobachten, wie patriotisch insbesondere die internationalen Kommunisten für die Erhaltung der preußischen Bismarck-Grenzen besorgt sind. Sie sind im Rheinland mit aller Entschiedenheit von den Autonomisten (sogar von denen, die beim Reich bleiben wollen) abgerückt, sodaß sie sich nun also schon in aller Form zu konservativen Staatsmachtprinzipien bekennen. Die Idee, daß es Internationalisten und Sozialisten nicht das geringste zu interessieren braucht, wo Staatsgrenzen laufen, und daß revolutionäre Arbeiter sich so zu organisieren haben, wie ihre gemeinsamen Interessen es verlangen ohne Rücksicht auf staatliche Abgrenzungen, ist für deutsche Sozialisten und Kommunisten zu schwierig zum Begreifen. Sie werden die Grenzen des Vaterlandes, wenn sie bedroht werden, genauso tapfer zu schützen wissen, wie ihre marxistischen Diözesevorgänger 1914. Gegen unsereinen, der zu kommunistischen Grundsätzen mahnen möchte, haben sie aber eine Abwehrvokabel, mit der wir prompt erledigt werden: Konterrevolutionär! Es ist aber noch nicht entschieden, wem Klio Recht geben wird.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 23. Juni 1922.

Montag steht Zenzls Besuch in Aussicht. Das wird wieder Wehmut und Freude sein, und Wut und Mut beleben ... Welche Überraschungen von der Verwaltung eventuell dabei bevorstehn, ist abzuwarten. Ich werde versuchen, alle möglichen oder doch voraussehbaren Schwierigkeiten vorher aus dem Wege zu räumen. Grade liegen wieder ein paar Besuchs-“Eröffnungen“ vor, die zu großer Vorsicht mahnen. Toller erwartete den Besuch seiner Freundin, die seinetwegen aus der Schweiz kommen wollte. Abgelehnt. Die Dame ist früher stets zugelassen worden, wurde dann aber im Landtag von Kühlewein öffentlich kompromittiert, weil sie als Cousine gelten wollte – und da sich nun eben die bayerischen Christen schon mal sittlich empört haben, weil eine Frau überhaupt mit politischen Gefangenen Beziehungen hatte und zur bloßen Zulassung unter der Aufsicht eines Märtyrers eine verwandschaftliche Beziehung vortäuschte, mußte dann nachher die Empörung sich natürlich in Maßnahmen derer auswirken, die sie zuerst künstlich herbeigeführt hatten. – Ein neuer Fall von Niederschönenfelder Schönheit ist aber heute aktuell. Klingelhöfer erwartete den Besuch seiner Schwester, die sich grade im Schwarzwald aufhält und hierher abstechen wollte. Er kam um Genehmigung ein. Bescheid: Der Zulassung des Besuchs kann vorerst nicht nähergetreten werden, da zuvor der Nachweis zu erbringen ist, daß Frau Hermine X tatsächlich eine Schwester des Herrn Klingelhöfer ist. Ob dieser „Nachweis“ in der Kürze der Zeit erbracht werden kann, welche Art Nachweis unsern Maltraiteuren überhaupt zur Feststellung der Identität genügt, bleibt natürlich ungewiß. – So geht’s dauernd fort, und niemand kann ausdenken, bis zu welcher Ausdehnung sich im Laufe der Zeit die Müllersche Hausordnung noch wird ausrecken lassen. Zur Zeit bilden die Zeitungsbeschlagnahmungen immer noch das große Rätsel des Hauses. Der Höhepunkt scheint nun freilich vorgestern mit 27 Nummern an einem Tag überschritten zu sein. Aber die Konfiskationen gehn immer noch in etwas gemäßigterem Tempo weiter, und wir wissen nicht, welch besonderes Ereignis vor uns verborgen gehalten werden soll. Ganz auffallend ist, daß manche Blätter, wie die „Frankfurter Zeitung“ garnicht betroffen wurden, während z. B. die linksdemokratische „Berliner Volkszeitung“ und „Welt am Montag“ und das Organ der Müller-Meiningen Auchdemokraten „der Fränkische Kurier“ dran glauben mußten. Ob es sich um Erörterungen der geplanten Ludendorff-Xylander-Rebellion handelt, wie die meisten glauben, scheint mir sehr zweifelhaft. Ich vermute eher, daß lebhafte Kontroversen über die politische-Gefangenenbehandlung bzw. ihre Amnestierung eingesetzt haben, in die man uns grundsätzlich keinen Einblick mehr geben will. Unsre „Drehscheibe“ läuft seit heute wieder etwas fixer, da die Meldung kommt, der Reichstag werde noch vor seinem Auseinandergehn in die Ferien das polnisch-deutsche Amnestieabkommen in Sachen der in Oberschlesien gefangenen und verurteilten Rebellen verabschieden: Es ist allerdings kaum anzunehmen, daß bei der Gelegenheit niemand Radbruch auf die Finger klopfen und ihn fragen sollte, ob er nur Polen begnadigen wolle und nicht am Ende auch Deutsche, die über 3 Jahre eingekerkert sind, sich mal seiner Aufmerksamkeit erfreuen dürften. Nur habe ich wenig Fiduz dazu, daß für uns etwas dabei herausspringt. Die bayerische Bourgeoisie wünscht in ihrer in Permanenz verlängerten Racheübung nicht gestört zu werden, und die „Sozialisten“ des Reichs werden sich gehorsam zeigen wie immer. Auch daß der Leipziger Gewerkschaftskongreß sich zur Annahme der Resolution aufgeschwungen hat, die die Amnestie verlangt, wird daran nichts ändern. Bemerkenswerter als die Annahme dieses kommunistischen Antrags ist die Tatsache, daß er nur eine knappe Majorität fand. Das zeigt, was wir von den Führern einer disziplinär geführten Arbeiterschaft zu erwarten haben. Schon bei einer platonischen Erklärung zu unsern Gunsten mögen sie nicht recht heran, – wenn’s ans Werk geht, versagen sie natürlich ganz. Mein Optimismus wird dadurch natürlich nicht im mindesten erschüttert. In der Frankfurter Zeitung las ich gestern eine hochinteressante Notiz. Die Preistreiberei bei uns hat trotz der Markentwertung letzthin Formen angenommen, die in vielen Dingen schon zur Erreichung der Weltpreise geführt hat. (Zenzl schickt mir die Kostenaufstellung für einen Kirschstrudel, wobei sie jeden Posten genau zusammengetragen hat: er kostete sie 118 Mark 70 Pf. Die Gegenaufstellung derselben Ingredienzien für 1914 ergab die Summe von 1 Mark 83 Pf.) Diese Entwicklung hat zur natürlichen Folge, daß die Auslandsaufträge bei der deutschen Industrie allmählich nachlassen und daß sogar schon auf dem deutschen Markt ausländische Produkte erscheinen, auf deren Export das deutsche Kapital angewiesen ist, darunter Kohlen, Glas- und Textilwaren und selbst Eisen. Hieraus erklärt sich die Abnahme der Arbeitslosenziffern in den Ländern mit hochwertiger Valuta von selbst. Es ist aber auch daraus abzunehmen, daß in absehbarer – vermutlich sehr kurzer Zeit bei uns die Arbeitslosigkeit in einem Umfang einsetzen wird wie sie Großbritannien und Amerika garnie erlebt haben. Und dann kracht’s. Denn die Geldentwertung und damit die Teuerung wächst gleichzeitig lawinenartig, und wir kommen notwendig zu österreichischen Verhältnissen, die bei unsern ohnehin nahezu explosionsreifen politischen Spannungen, die nicht wie dort die paar Novembererinnerungen wie Arbeiter- und Soldatenräte als Abzugsventile offen haben, unweigerlich zu mächtigen Entladungen führen müssen. Hoffentlich überrennt die Welle der Revolution die Parteien, Gewerkschaften und Bonzen aller Art so, daß sie nicht wieder aufstehn. Sonst ist’s um alles geschehn, und das Techtelmechteln mit der Bourgeoisie beginnt wieder, ehe sie noch ganz außer Atem ist. Dann erleben wir, was wir immer erlebt haben, daß nicht nur nach und nach die geringsten Erfolge wieder sabotiert werden, sondern daß man den Arbeitern selbst mit Erfolg weismacht, daß erst ihr Aufstand das ganze Elend, das er beseitigen sollte, bewirkt hätte. So wie man heute die Revolution für alle Wirkungen des Krieges verantwortlich macht, wird man dann argumentieren, ohne die Erhebung des Proletariats wäre niemals Arbeitslosigkeit in Deutschland entstanden. Habt ihr vorher nicht etwa soviel Arbeit gehabt, daß die Unternehmer sogar den 8Stundentag mit Leidenschaft bekämpfen mußten, nur damit alles Notwendige überhaupt geleistet werden konnte? – So wird’s kommen, oder es würde endlich mal reiner Tisch gemacht von den Arbeitern. Vielleicht ist das schmähliche Spiel, das die Russen heute schon mit den kommunistischen Prinzipien treiben, eine Lehre für das deutsche Proletariat, daß es mit den Parteien und mit den Marxisten nicht geht und daß man unter strengster Selbstverantwortlichkeit ohne Autorität oder nie im Leben zum Ziel kommt. – Ich lese grade den I Band der verdienstlicherweise vom „Syndikalist“ veranstalteten Gesammelten Werke Bakunins. Ach, ist das schön! Aber darüber ein andres Mal. Heute ist nicht mehr viel Zeit. Und es ist ein entlassener Gefährte zu bestatten: Martin Gnad hat dies gastliche Haus verlassen. Kein ganz einwandfreier Zeitgenosse, aber einer, dem viele mildernde, sogar entlastende Umstände zugebilligt werden müssen. Er hatte als junger Kerl als Führer einer leidlich romantischen Räuberbande 8 Jahre Zuchthaus erwischt, die er bis zum Januar 1919 fast zu Ende saß. Da kam die klägliche Eisner-Timmsche Scheinamnestie mit ihrer „Bewährungs“-Klausel. Gnad schloß sich der Revolution an und kämpfte in Bamberg tapfer für die Räterepublik. Resultat: 2½ Jahre Festung. In Ebrach waren wir 6 Wochen beisammen, und als dann die Verlegung in die verschiedenen Anstalten kam – um Müllers Hausordnungs-Ersatz zu exekutieren – blieb Gnad zurück. Müller fand, daß einer, der politische Gesinnung gezeigt hat, als rückfälliger Einbrecher anzusehn sei und ließ ihn gleich wieder ins Zuchthaus Ebrach verlegen (Ich habe über diesen Fall in den früheren konfiszierten Tagebüchern ausführlich geschrieben), und er mußte die ganzen 7 Monate, die ihm Timm „geschenkt“ hatte, nachmachen. Dann kam er nach Eichstätt, wo die ganz tüchtigen „Kommunisten“, Ochel und die Seinen, ihn als „Zuchthäusler“ deklarierten, wobei sein Charakter einen schweren Schaden litt. In Lichtenau wurde die Infamie fortgesetzt, und hier stand der würdige Duske vornedran in der kommunistischen Extraverurteilung eines Mannes, der der Bourgeoisie an der Börse Schaden getan hatte. Gnad hat inzwischen unglaublich fleißig an sich gearbeitet, aber was der Charakter nach 8 Jahren Gesellschaft mit Deklassierten und dann Verachtung von Proletariern gelitten hat, konnten seine Stunden im Französischen, Schachspiel, Stenographie, allgemeinen Wissen nicht ausgleichen. So lies er sich bei dem Pfingstkrach im vorigen Jahr gegen mich, den einzigen, der auch während seiner 7 Monate Zuchthausnachlese an ihn gedacht hatte, scharf machen und benahm sich Weihnachten bei der Verleumdungskampagne recht verächtlich. – „Die Kommunisten“ haben ihm dann aber gezeigt, daß sie ihn nur solange in ihrer Mitte duldeten, wie sie ihn zu ihren Machenschaften brauchen konnten, und so suchte er dann wieder Anschluß bei mir. Mit einiger Zurückhaltung duldete ich ihn seit einigen Monaten wieder um mich, denn solchem vom Leben verprügelten und gehundsfotteten Menschen muß viel vergeben werden. – Gestern haben wir nun noch unsre letzte Schachpartie ausgekämpft – jetzt habe ich nur noch Glaßer als Schachpartner; alle andern patzen zu unmöglich – und sind in Frieden geschieden. 11 Jahre Kerker liegen hinter dem armen Teufel. Ob es ihm gelingen wird, nicht wieder – jenseit der Politik – „rückfällig“ zu werden? Hoffentlich.

 

Abschrift. Niederschfeld d. 23. Juni 22. i. Sa. Hellingrath ctr. Eck. Herrn Justizrat Brinz. München. Aus Zeitungsmeldungen entnehme ich, daß der ehemalige kgl. bayerische Kriegsminister Herr v. Hellingrath Klage gegen Herrn Redakteur Klaus Eck angestrengt hat, wobei ihm um den Nachweis zu tun sei, daß er die Interessen der Monarchie bis zum letzten Augenblick zu wahren bestrebt war. – Ich bin in der Lage zu bekunden, daß ich am 9. Novemb. 1918 versucht habe, im Auftrage des damaligen Oberkommandierenden der Republikan. Armee die Festnahme Herrn v. H.’s zu veranlassen, weil er am Tage vorher Anstalten getroffen hatte, von Pasing aus an der Spitze zweier Bataillone einen bewaffneten Angriff gegen München zu unternehmen. Die Verhaftung mißlang. – Sollte Herr v. Hellingrath auf nähere Mitteilungen über die Vorgänge jener Tage Wert legen, die ich nicht als Parteigänger sondern im Gegenteil als Revolutionär zu dem Zweck anbiete, um den Ruf festzustellen, den der gewesene Kriegsminister in ganz besonderem Maße damals als Antreiber konterrevolutionärer Machenschaften genoß, so stelle ich anheim, mich als Zeugen benennen zu lassen. – Aus prozeßtechnischen Gründen würde sich zweifellos der Versuch empfehlen, mein persönliches Erscheinen am Gerichtsort zu beantragen, damit ich evtl. durch Befragung über Einzelheiten ergänzen kann, was in protokollarischer Darstellung zu kurz kommen könnte. Sollte der Versuch scheitern, so erkläre ich mich bereit – aber erst nach Ablehnung meiner persönlichen Vorladung – auch beeidete Aussagen über den Gegenstand zu Protokoll zu geben. Hochachtungsvoll     Erich Mühsam z. Zt. Festungsgefangener.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 26. Juni 1922.

Bloß ein paar Worte kurz vor dem Abendessen. Zenzl war hier. Es war sehr schön, es war sehr scheußlich. – Durch sie erfuhr ich die große Neuigkeit: am Samstag – also am Johannis-Tag – ist Walter Rathenau in Berlin ermordet worden. Näheres wissen wir fast noch garnicht. Die Aufregung draußen soll ungeheuer sein. Alle Urteile sind zurückzustellen, besonders über die Folgen. Ich bin entschieden der Ansicht, daß es sich – wie im Falle Erzberger – um ein Signal zum Losschlagen handelt, und wenn Wirth nicht diesmal außerordentlich kräftiger zuschlägt als damals, dann kann in diesen Tagen bestimmt mit dem Ausbruch des reaktionären Massenterrors gerechnet werden. Alle Möglichkeiten erheben sich wieder zu aktueller Geltung. Sollten die Arbeiter aus allen früheren Erfahrungen immer noch zu wenig gelernt haben, so ist die wahrscheinlichste ohne Zweifel die, daß am Ende auch dieser Affaire lange Freiheitsstrafen stehn werden, deren Objekte wie immer nur das Proletariat stellen wird. – Die nächsten Stunden müssen für unser persönliches Schicksal über mindestens die nächsten Monate entscheiden.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 27. Juni 1922.

Etwas Entscheidendes ist bisher nicht in Erscheinung getreten, – wenigstens noch nicht bei uns. Die Orientierung ist überaus schwierig, da vom Vorwärts ab nach links hin sämtliche Zeitungen konfisziert sind (zum Schutz der Republik, natürlich!). Was ich weiß, stammt aus einzelnen unzusammenhängenden Berichten der „Frankfurter Zeitung“, deren Montag-Morgen-Ausgabe noch nicht bei uns ist, obwohl wir die von gestern abend schon haben. Des Dienstags wegen kommen von Norddeutschland ohnehin kaum Zeitungen her, da die Sonntagsausgaben fällig wären, die die meisten Zeitungen abgeschafft haben. Vorläufig gleicht alles der Situation nach dem Erzberger-Mord. Nur die Ausnahmeverordnungen der Reichsregierung, die ja sehr gut gemeint sind, enthalten die schöne Bestimmung, daß für ihre Ausführung die Einzelländer einzustehn haben. In Bayern ist also von Anfang an der Bock zum Gärtner ernannt worden. Wirth hat kräftige Töne gesprochen und seine und Löbes Reden werden in ganz Deutschland öffentlich angeschlagen. Liest man heute die Zeitungen, dann meint man, ein so für die Republik enthusiasmiertes Volk wie das deutsche habe es noch nie gegeben. Solange es dauert: es ist noch keineswegs gewiß, daß sich die Deutschnationalen von dieser markierten Geschlossenheit aller Republikaner vom Zentrum bis zu den Kommunisten wieder werden bluffen lassen (ich müßte denn ihre Energie und ihre Leidenschaft überschätzt haben). Auf Wirths Frage an die deutschnationalen Reichstagsleute, ob sie endlich die Gemeinschaft mit den Deutschvölkischen Mördern aufgeben wollen, haben sie trotzig geschwiegen. Das zeigt, daß sie ihr Spiel nicht wieder gleich auf die erste Gegenbewegung der andern Seite verloren geben wollen. Warum auch? Die Mitteilung Dittmanns im Reichstag, die USP habe sichere Beweise, daß der erste ermordete Minister das Signal fürs allgemeine Losgehn bedeuten solle, ist höchst glaubhaft – und zweifellos haben diejenigen Unrecht, die meinen, ein Mord sei nicht das geeignete Mittel, für politische Erhebungen die Atmosphäre günstig zu beeinflussen. Die moralische Entrüstung – ohne die es in Deutschland nie abgeht – suggeriert nur solange, wie ihre Trompete von oben herunter tönt. Gelingt es den Angreifern, gleich wieder offensiv zu werden, dann wird ihre Trompete die Entrüstung auf die gleiche Linie umstellen, von der aus die Schüsse auf die „gottverfluchte Judensau“ abgefeuert wurden. Zwar sind die für morgen angesetzten allgemeinen Kundgebungen gegen den Versailler Vertrag von den Veranstaltern selbst wieder abgesagt worden, aber wer traut diesem Frieden? Außer den deutschen Republikanern doch wohl kein Mensch in Europa. Belagerungszustand – sehr schön. Wer führt ihn durch? Lauter „Schutz“organe der Republik, die aus ihrer monarchistischen Gesinnung garkein Hehl machen. Durchführung durch die Landesbehörden. Erster Erfolg: die bayerische Regierung, die bis vor wenigen Wochen jammerte, daß sie ohne ihren Ausnahmezustand nicht auskommen könne, meint jetzt, in Bayern sei alles ruhig, man weiß ja hierzulande tatsächlich garnicht, wie Republikaner aussehn – und grade ausgerechnet hier könne man auf die Durchführung der Verordnung verzichten! Das läßt tief blicken. Man war diesmal auch klug genug, die Geschichte in Berlin auszuführen, wo pünktlich die Herren Hindenburg, Ludendorff und Escherich eingetroffen sein sollen, und gleich nach Rathenaus Erledigung kam ein Bursche in den Reichstag, der Herrn Helfferich ein Bukett mit schwarzweißroter Schleife zu überbringen hatte. Unser Unterleitner-Hansi hatte das Glück, seinen ramponierten Ruf als Revolutionär zu polieren, indem er den Strauß dem hohen Haus vorlegen konnte. Das Proletariat mimt Einigkeit, indem die Vorstände „der 3 Parteien“ und der Gewerkschaften miteinander gewisse Forderungen aufgestellt haben (sie werden natürlich alles zugesichert kriegen, was sie verlangen und dann wird sich zwar die Regierung, aber nicht mehr die Zentralbonzenschaft an die Bielefelder 8 Punkte erinnern und verfahren, wie es ihr paßt). Für heut nachmittag ist sogar Arbeitsruhe beschlossen worden. Ich unterlasse vorerst alle Prophezeiungen, aber im Gegensatz zu allen meinen Genossen sehe ich die Offensive der Nationalisten noch lange nicht als gescheitert an und erwarte endgiltiges erst vom Verlauf des heutigen und der nächsten Tage. Ich habe Zenzl gebeten, im Moment, wo es anfängt, brenzlich zu riechen, ihre Wohnung zu verlassen und zu sicheren, unverdächtigen Freunden zu gehn (Hierbei wurde das Gespräch unterbrochen; das sei politisch! – Wenn man das Leben seiner Frau geschützt wissen möchte!). Übrigens liegen alle Möglichkeiten offen – und das hebt meine Stimmung ungemein, obwohl ich nicht verkenne, daß auch die Möglichkeit darunter ist, daß wieder alles beim alten, wir hier drinnen, Ebert-Wirth an der Spitze und die Deutschnationalen bis zum nächsten Mal mit dem Finger am Abzug bleiben. Jede andre Lösung des Konflikts wäre mir lieber und keineswegs die unliebste der Sieg der Angreifer, der mitten in der gefährlichsten Wirtschaftskrise die inneren Gegensätze zugleich mit schärfsten Auslandskonflikten auf die Spitze treiben und dadurch die revolutionäre Situation schaffen müßte, die nur noch revolutionär benutzt zu werden brauchte, um mit einem Schlage das Unterste zu oberst zu kehren und die ganze Arbeit möglich zu machen. Daß die Zeit bis dahin für uns hier drinnen schrecklich sein würde, ist mir klar. Darauf kann es aber nicht ankommen. – Unterliegen die Nationalisten, bzw. ziehn sie sich wie voriges Jahr zurück, so rechne ich schwerlich auf größere Wirkungen als auf weitere Verbreiung der proletarischen mit der bürgerlich-republikanischen Bewegung. Die USP wird vielleicht in die Reichsregierung einrücken. Die „loyale Opposition“ der Kommunisten wird uns als höchste Taktikerweisheit praktisch vorgeführt werden, etliche niedliche Reförmchen werden etwas schneller als man bisher dachte, wirklich kommen, – natürlich auch die Amnestie: und da stock ich schon. Denn wenn die Übertragung der Ausführung der gegenwärtigen Reichsverordnung an die Landesregierungen einen Sinn haben soll, ist es der, daß man die „Hoheitsrechte“ ganz besonders Bayerns selbst in diesem Augenblick nicht vergessen hat, wo Präsidium und Kanzlerschaft, Reichstag und Ämtchen in höchster Gefahr sind und diese Gefahr ihren beglaubigten Sitz in Bayern hat. – Selbstverständlich ist unter „allen“ Möglichkeiten, auch, die, daß übermorgen schon keine Festung Niederschönenfeld mehr existiert. Ich werd’s abwarten, frei von Illusionen und noch freier von Verzagtheit. Vorerst existiert Niederschönenfeld sehr real. Ohne die plötzlichen Ereignisse hätte ich heute vermutlich nur von internen Verhältnissen gehandelt. Im Fall Sauber hat es wieder Beunruhigung gegeben, und Taubenberger wurde aus der Einzelhaft in die Reihen der Gesitteten zurückversetzt, und zwar wahrscheinlich „aus Sicherheitsgründen“, nämlich damit ihm Sauber nicht noch in den letzten 14 Tagen von Einzelzelle zu Einzelzelle Aufträge zur Aufklärung draußen hinüberschreien könne. Über die neue Phase dieser Affaire, bei deren Erörterung die Verwaltung wieder in Glanzlicht erstrahlen wird, ein anderes Mal. In meiner Seele hüpft das ζϖον πολιτικόν zu lebhaft, als daß für Betrachtungen der nächsten Umwelt Geduld bliebe. Erst wenn Rathenau endgiltig tot ist, soll Hellingrath drankommen, dann soll auch die Lupe geschärft werden für den Helden des Gandorfer-Emanuel-Prozesses Herrn Wutzlhofer. Mich juckts in allen Poren nach Aktivität; ich fühle mich als junger Kerl, Zenzls Küsse haben mir wohlgetan – wenn ich auch den Aufseher hätte erwürgen mögen, – und meine Himmel haben blauere Tiefen, es ist wieder Leben unter der Erdoberfläche, und vielleicht gibt’s auch für mich zu tun in der Welt. Selbst die Kerkerhaft schmeckt heut nach Freiheit.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 28. Juni 1922.

Kritischer Tag höchster Ordnung. Heut – vermutlich in der Nacht von heut auf morgen wird die Entscheidung zu erwarten sein, darüber nämlich, ob die Völkischen nachstoßen oder das Feld wieder räumen werden. Das zweite – was meine Genossen fast ausnahmslos annehmen – kann ich schwerlich glauben. Nach dem Erzbergermord ließen sie sich von Wirths Entschiedenheit zurückschrecken. Aber niemand wiederholt seine eignen Dummheiten (jeder macht immer neue, indem er die Dummheiten andrer Leute nachmacht). Wenn mir entgegengehalten wird, dann hätten sie unmittelbar nach dem Mord losschlagen müssen, so überzeugt mich das nicht. Ich denke mir, die Schüsse auf Rathenau bedeuten: Klar zum Gefecht! (Die Sprache der Marine ist am Platze, weil fast immer nur Marineoffiziere an die gefährlichsten Posten geschickt werden. So ist jetzt auch in München(!) ein Kapitänleutnant Hoffmann verhaftet worden, der verdächtig sein soll, die Blausäurespritze gegen Herrn Scheidemann bemüht zu haben). Wahrscheinlich haben die Rebellen Mobilisationstage vorbereitet, die vom Abknallen des Ministers an zu rechnen sind – und eines Nachts (vermutlich eben heute), wenn alles an Ort und Stelle ist, die Waffen ausgegeben sind, die letzten Verbindungen und Parolen herum sind, klappt’s: Verhaftungen, Tötungen, Besetzungen der strategisch und politisch wichtigen Plätze etc. Ob’s gelingt, ist fraglich, aber keineswegs ausgeschlossen. Es käme darauf an, ob dem Generalstreik der Arbeiterschaft hinreichende Abwehrmaßnahmen entgegentreten können. – So ergeben sich eine Fülle von Möglichkeiten – auch für uns. Wird der Putsch unternommen und gelingt, dann haben wir persönlich allerlei neue Bedrückung zu erwarten. Dagegen teile ich die Furcht, man werde uns umbringen, durchaus nicht. Erst, wenn die Hakenkreuzler ihre Positionen eines Tages wieder räumen müssen – sei es durch Arbeiterrevolten, sei es, was eher zu glauben ist, durch Einschreiten ausländischer Militärs – wären wir gefährdet. Ich denke da an den Rückzug aus der Picardie 1916 und an den endgiltigen Abbruch der Front in Frankreich 1918; in der Verzweiflung – nicht im Siegen sind sie sinnlos brutal. – Wird der Putsch sofort niedergeschlagen wie bei der Kappiade, wäre unsre Freilassung wohl verbürgt. Verzichten aber die Völkischen tatsächlich auf weitere Versuche (ihr Absagen der für heute erwarteten Protestkundgebungen gegen Versailles ist dafür garkein Beweis; es kann durchaus zur Regie gehören und die Sicherheit der Regierung suggerieren sollen), – dann hätten wir wohl nächste Woche schon unsern Freibrief. Denn im „Fränkischen Kurier“, der grade noch kam, steht der Speisezettel des Reichstags. Morgen fällt wegen Peter und Paul die Sitzung aus (ein katholischer Feiertag, wo die Arbeit, speziell in Bayern, ohnehin ruht: sehr günstig für Xylanders Leute). Dann wollen aber die Herren am Freitag und Samstag tagen, und vor allem andern soll das Gesetz zum Schutz der Republik und „das Amnestiegesetz“ erledigt werden. Daß mit diesem Amnestiegesetz bloß die Ratifikation des oberschlesischen Polenabkommens gemeint ist, glaube ich kaum. Jedenfalls ist den Partei- und Gewerkschaftszentralen, die der Regierung Forderungen vorgelegt haben, die sofortige Amnestie der politischen Gefangenen zugesagt worden, und uns hat man nur die betreffenden Blätter vorenthalten. An der Annahme ist in diesem Augenblick überhaupt nicht zu zweifeln, allerdings daran, ob Bayern sich ohne weiteres fügen wird. Doch treiben Lerchenfeld und Schweyer mit aller Kraft auf grundsätzliche Vermeidung von Konflikten mit dem Reich hin, und ich glaube nicht, daß sie einen Reichstagsbeschluß sabotieren würden. Nur ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, Lerchenfeld und Schweyer könnten gestürzt werden, d. h. wie anno Kahr wird der Putsch bei uns ohne großen Widerstand und ohne wilde Erregung durchgeführt. Dann käme der Konflikt mit Wirth aber wuchtiger als nach der Erzbergersache; wir wären wieder das Objekt, und unsre Befreiung wieder um ein paar Wochen oder Monate verzögert. Die letzte Möglichkeit endlich, daß weder Xylander-Ludendorff etwas unternehmen, noch die Reichsregierung hinter ihre Erlasse größeren Druck setzt als im letzten Herbst, scheint mir diesmal die am wenigsten wahrscheinliche. Nach allem scheint Wirth diesmal genau zu wissen, daß er nicht nur mehr um seinen Kanzlerstuhl kämpft, sondern im realsten Sinne um seinen Kopf. Er hat im Reichstag in einer zweiten großen Rede offenbar außerordentlich scharf gesprochen. Nach dem Kommentar, den ich davon allein zu Gesicht bekommen habe, hat er mit den Worten geschlossen: „Der Feind steht rechts!“ Ferner hat Radbruch erklärt, die Ausnahmeverordnung sei ausschließlich gegen die Rechtsradikalen anzuwenden, und der Eindruck all dieser Reden soll ungeheuer stark gewesen sein. Hier aber sind sämtliche Blätter, die diese Reichskanzlerrede gebracht haben, beschlagnahmt worden. Herr Gollwitzer findet den deutschen Reichskanzler zu konfiskabel, als daß seine Worte sich mit dem Strafvollzug gegen bayerische Ehrenhäftlinge vereinbaren ließen. So hat er heute neben den ganz oder halb sozialistischen Blättern auch die Frankfurter Zeitung, den Fränkischen Kurier und den Miesbacher den Weg zu den Akten gehn lassen. – Ich bin wieder mal in meinem Element: für die nächsten Tage nicht wissen: wer wird in Deutschland regieren? wird der ganze Schweinestall endlich in den Dreck sinken und auf dem Schutt neue Revolution werden? werde ich selbst in der nächsten Woche noch hinter schwedischen Gardinen hocken oder schon bei Zenzl schlafen (denn so hoch, daß ich etwa gleich wieder selbst in den Kampf darf, versteigen sich meine Illusionen für diesen Fall kaum)? – alles dies nicht wissen, aber alles dies möglich wissen – das ist etwas für mein rotes Herz. Ich bleib gern noch etwas hier, – wenn’s nur draußen – so oder so – lebendig wird! – Die Toten von 1919 haben Anspruch darauf.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 29. Juni 1922.

Peter und Paul – und also wieder keine Post, nachdem Gollwitzer gestern abend nur ein paar belanglose Einzelnummern herausgeben ließ. Trotzdem sind gewisse Kombinationen und die Rückschlüsse daraus möglich. Aus folgenden Dingen lassen sich Folgerungen auf die Situation entnehmen. Die Deutsche Allgemeine Zeitung (Stinnes-offiziös) brachte, was den Blicken des Zensors entgangen zu sein scheint, den Bericht einer Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses. Der üble Heilmann sprach für die Sozialdemokratie, wobei er sagte: die Amnestieverordnung der Reichsregierung müsse schleunigst verwirklicht und von den Landesregierungen erweitert werden. Rufe von links: Hölz! Heilmann: Nein! Hölz wollen wir nicht freilassen, überhaupt keine gemeinen Verbrecher! – Das läßt trübe Ausblicke zu. Also der Amnestieentwurf der Herren Wirth und Radbruch ist so schmal, daß ihn die Einzelländer, wenn sie die Geschichte praktizieren, noch „erweitern“ sollen. Bayern!! – Und was unsre lieben Sozialdemokraten sich denken, geht klar genug aus der Hölz-Kontroverse hervor. Der beste Mann, den die deutsche Revolution hervorgebracht hat, ist für sie – weil er es mit der Revolution ernst meinte – ein „gemeiner Verbrecher“. – Weiter: Der Kommunist Meyer fragte an, wie es komme, daß gestern (also Montag) der Reichskanzler eine Amnestie verspreche und heute der preußische Innenminister Severing kein Wort davon erwähne. Antwort eines Regierungsvertreters: das Reich habe alle Maßnahmen getroffen, um die Verordnung in den Ländern publik machen zu lassen. Das ist alles, was neben dem allgemeinen Gegrein über die Mordtat und die fürchterliche Entrüstung über die Deutschnationalen (mit denen man übermorgen wieder vakante Gerichts- und Polizeipräsidenten besetzt) für uns von speziellem Interesse war. Die Amnestie-Hausse vom Vormittag sank sofort erheblich in allen Gruppen des Hauses, wozu auch noch beitrug, daß mehreren Genossen die Ablehnung ihrer laufenden Bewährungsfristgesuche mitgeteilt wurden. (Damit nimmts kein Ende, – überall heißt’s „schlechte Führung“, auch wenn absolut nichts vorliegt, „Staatswohl“ oder „Schwere des Vergehns und Gemeingefährlichkeit“(!) des X.Y). – Abends erhielt ich dann noch christliche Bedenklichkeiten der bayerischen Regierung zu Gesicht, die allerlei weitere Ausblicke ermöglichen. Die Correspondenz Hoffmann gab eine kurze, offensichtlich von Lerchenfeld diktierte bayerische Regierungsäußerung zum besten. Die Verordnung sei noch nicht bei der Regierung eingetroffen. Falls die Zeitungsberichte darüber stimmten, dann müsse man zugeben, daß die Lage günstiger sei als im Herbst vorigen Jahres, da alles den Landesbehörden überlassen werde. Da in Bayern bis jetzt keinerlei Anlaß bestehe, irgendwelche Erschütterungen zu erwarten, habe die Regierung auch von sich aus noch nichts unternommen. Die patriotischen Verbände hätten daher beschlossen, ihre Kundgebung gegen den Versailler Vertrag doch zu veranstalten und hätten die Zusicherung gegeben, es werde nichts passieren. Die Sozialdemokraten dagegen hätten die Absicht geäußert, äußerste Bereitschaft zu halten und hätten sich mit Unabhängigen und Kommunisten zum Schutz der republikanischen Verfassung verbündet. Vom übrigen – Amnestie etc – ist garnicht die Rede. Und der „demokratische“ Fränkische Kurier tadelt an dem, was da berichtet wird, nicht etwa, daß die Deutschvölkischen in diesem Augenblick vor ihrem Xylander aufmarschieren und Heerschau halten sollen, sondern nur den Übereifer der Sozialdemokratie. Vorerst stellt sich die bayerische Regierung also nach allen Seiten taub. Das wird aber nicht lange gelingen. Die Bayerische Volkspartei – also die Regierungspartei – hat im Landtag angefragt, was die Regierung gegen die unerhörte Zumutung des Reichs unternehmen werde, und Lerchenfeld wird wohl morgen darauf eine Erklärung von sich geben müssen. Nun liegt aber bereits eine parteioffiziöse Zeitungskundgebung von der „Bayerischen Volkspartei-Korrespondenz“ vor, die zwar wahrscheinlich vor allem nach Berlin zielt und Schreckschußwirkung haben soll, dem reichsfreundlichen Lerchenfeld aber doch ziemlich peinliche Nüsse zu knacken gibt. Da wird mit dem Klosettdeckel hauptsächlich auf den Reichsjustizminister losgehauen. Radbruch habe endlich die ersehnte Gelegenheit gefunden, mit dem ganzen Staatsrechtsapparat alles zu vernichten, was politisch auf einem andern Boden stehe als seine Partei. In der Verordnung heiße es nie „Schutz der Verfassung“, sondern überall „Schutz der Republik“ (Die Verfassung sagt aber im 1 Artikel: „Das Deutsche Reich ist eine Republik“). In Bayern sei die Mehrheit des Volks nicht republikanisch und verzichte nur äußerer Umstände wegen vorerst auf die Erörterung der Staatsform. Der verlangte Staatsgerichtshof bedeute einen schlimmsten Eingriff in die Hoheitsrechte der Staaten. Kurzum: Unerträglich, unannehmbar, schärfste Kampfansage. Für morgen und übermorgen steht nun also im Reichstag die Sache zur Beratung. Für das „Gesetz zum Schutz der Republik“ braucht die Regierung ⅔-Mehrheit im Reichstag. Es ist sehr fraglich, ob sie die zusammenbringen wird, wenn die bayerische Volkspartei – und natürlich die Stinnes- und Westarpleute – dagegen sind. Im Fall der Ablehnung sollen die Wirthuosen die Auflösung des Reichstags vorhaben: also Neuwahlen mit der Parole: Republik oder Monarchie! (Möglich ist, daß die Völkischen ihren Putsch – von dessen Verlauf oder Nichtverlauf noch nichts bekannt ist – bis dahin vertagen). Und was aus der Amnestievorlage wird? Wir kennen sie noch garnicht, und was Heilmann davon angedeutet hat, klingt elend. Anzunehmen ist freilich, daß der Reichstag – wenn selbst die Regierung der Rücksicht auf Bayern wegen – sehr zaghaft war – diesmal von sich aus Garantieen auch von Bayern verlangen wird. Die Sozialdemokraten sind festgelegt. Die Möglichkeit, daß ein neuer Konflikt Berlin-München unmittelbar bevorsteht, ist jedenfalls ziemlich groß. Geknobelt wird wieder mal um uns. Ob Radbruch diesmal siegen wird? Seine Position ist sicher günstiger als im Herbst. – Er könnte allerlei wieder gutmachen, wenn er Kraft aufbringt.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 30. Juni 1922.

So wie jetzt habe ich die Aufregung bei allen Genossen noch nicht erlebt. Die „Drehscheibe“ rast, und alles fast ohne Ausnahme ist von der äußersten Spannung ergriffen. Tatsächlich stehn die Chancen für uns im Augenblick zweifellos sehr günstig; nur kann sich jeden Moment irgend etwas ereignen, was eine neue, alles verändernde Lage schafft. Dazu rechne ich in erster Linie immer noch die Möglichkeit einer nationalistischen Erhebung in München, dann aber auch den Fall, daß etwa das Gesetz zum Schutz der Republik im Reichstag vor dem Amnestiegesetz zur Beratung und Abstimmung kommt und abgelehnt wird. Dann wäre die Auflösung zu erwarten, ehe unsre Freilassung verfügt wird. Ohne Frage aber ist der glatte Verlauf der Dinge nach den Absichten Wirths-Radbruchs bis jetzt als wahrscheinlicher anzunehmen als die Störung durch Katastrophen. (Ich sitze bei der Frage, welche Eventualität mir die erwünschtere wäre, in einer Zwickmühle. Offenbar wäre, politisch geurteilt, jede Programmwidrigkeit das von revolutionären Gesichtspunkten aus erwünschtere. Andrerseits müßte ich lügen, wenn ich mir selbst vormachen wollte, daß mich der Gedanke, in wenigen Tagen daheim bei meiner Zenzl zu sein, nicht verflucht kitzelte. Und jedenfalls könnte ich, wenn schon meine Wünsche nicht in Erfüllung gehn, in der Freiheit für ihre Ziele anders wirken als hier drinnen. Doch mag ich mir auch damit kein gutes Gewissen machen. Es ist schon so: ich möcht gern raus!) Wir müssen uns die Ereignisse täglich aus den ganz vereinzelten Zeitungen herausklauben, die Herr Gollwitzer für uns heraussucht. (Dieser Mann – von der politischen Abteilung des Münchner Polizeipräsidiums – teilt ganz entschieden die Ansichten der Reichsregierung durchaus nicht. Und bei uns hat nicht Herr Dr. Wirth oder Herr Ebert zu sagen sondern eben Herr Gollwitzer von der – aufgelösten – Abteilung VIa in der Ettstraße). Immerhin war aus dem „Fränkischen Kurier“ – alles andre war in meinem speziellen Lesezirkel konfisziert, aus einem andern Kreise waren gesichtete Nummern der Frankfurter Zeitung zu entleihen – zunächst die Rede zu ersehn, mit der Graf Lerchenfeld die Interpellation seiner Partei über die Verordnung des Reichspräsidenten beantwortete. Er sagte – nachdem für die Partei Herr Stang schwer vom Leder gezogen war und dann auch noch Herr Hilpert von den Deutschnationalen sich die Haare gerauft hatte, ungefähr das, was die Bayerische Volksparteikorrespondenz verlangt hatte; natürlich mit gedämpftem Organ. Aber auch er fand die Verordnung „einseitig“ – während doch unter seiner Justizverwaltung in Bayern noch niemals sowas wie Einseitigkeit zutage getreten ist und versprach bei der Besprechung der Ministerpräsidenten, die gestern in Berlin gestiegen sein soll, – die bayerischen Hoheitsrechte mit allergrößter Entschiedenheit zu verteidigen. Bei der Stimmung in allen deutschen Ländern außer Bayern wird er wohl mit seinem Protest allein bleiben, und die Reden der bayerischen Politiker im Landtag werden als so provokatorisch und reichsfeindlich empfunden werden, daß ich glaube, unsre Aussichten – wieder vom ganz privaten Standort aus – werden dadurch wesentlich gebessert. Man wird danach mit Bayern kaum mehr soviel Umstände machen wie im Herbst. Dann aber wird es an Bayern liegen, ob es sich einen neuen Konflikt auf die Gefahr hin leisten will, daß die Reichsexekutive in Kraft tritt. Denn meiner Überzeugung nach wäre die offene Auflehnung gegen Reichsanordnungen nur um den Preis einer wirklichen Staatsumwälzung zu haben; und aus Briefen, die heute an einige Genossen ausgegeben sind, geht hervor, daß man in weiten Kreisen Münchens tatsächlich noch die Ausrufung Rupprechts I erwartet. (Trotz der privaten Sehnsüchte: der Gedanke, so auf dem Wege einer wirklichen Revolution freizuwerden, wenn auch ein paar Wochen später, ist doch noch schöner als alles andre. Und die Tschechen würden uns bestimmt nicht sehr lange im Unklaren darüber lassen, daß sie durchaus vermögen, sich eine so unerwünschte Nachbarschaft wie eine Monarchie Wittelsbach vom Halse zu halten) Im Zusammenhang mit diesen Gerüchten ist die Zeitungsnotiz zu werten, laut der Rupprecht zum erstenmal seit November 18 ein Palais seines Hauses bezogen hat, und zwar in Berchtesgaden, und daß zugleich auch sein präsumtiver königlicher Ministerpräsident, Herr v. Kahr, in seiner Nachbarschaft Quartier genommen hat. Dies wird man in Berlin wohl alles beobachten, und dort wird man auch daraus richtige Schlüsse ziehn, daß im bayerischen Landtag die bayerische Volkspartei eine Erklärung zu der Reichsverordnung (deren Wortlaut wir noch garnicht kennen, weil eben Gollwitzer gegen sie ist) abgeben ließ, die das Gegenteil von dem besagt, was Herr Liborius Gerstenberger im Reichstag namens der Fraktion derselben Partei erklärte, daß er und die Seinen nämlich (auch hier kann ich nur nach indirekten Quellen zitieren, da der betr. Reichstagsbericht wiederum Gollwitzers Geschmack nicht entsprach) mit den Ausnahmebestimmungen völlig einverstanden seien. Demnach scheint man also in Bayern zunächst noch mit Wasser kochen zu wollen. Am Interessantesten war mir in der Zeitung die Zusammenfassung der von der Afa, dem DGB und „den drei“ sozialistischen Parteien aufgestellten Forderungen. Die klingen sehr radikal und verlangen viel Gutes: gründliche Säuberung der Ämter von konterrevolutionären Elementen, natürlich umfassende Amnestie für politische Delinquenten mit Ausnahme solcher, deren Vergehn Verstöße gegen eben diese Forderungen darstellen etc. – Aber – und hier ist ein dickes Aber! Die ganze Liste ist die Umrahmung eines wahrhaft rührenden Bekenntnisses zur Weimarer Verfassung und zu Eberts schwarzrotgoldner Republik! Wer diese Farben beschimpft, verhöhnt, bedreckt, wird mit Höllenstrafen bedroht, „die Verfassung“ über alles! Und die Kommunisten ziehn mit am Strick. Lenin selbst könnten sie nicht betrübter beweinen, als diesen Rathenau, dessen Staat sie sogar jetzt schon als den ihrigen reklamieren. Gestern sprach ich noch mit Genossen von der Partei darüber, ob sie wohl für den Verfassungsschutz stimmen würden. Michel Fischer hielt das denn doch für undenkbar, fürchtete aber Stimmenthaltung statt offenes Visier. Ich war der einzige, der sagte: ich traue ihnen sogar schon das zu. Und heut? – Heut wissen wir, daß sie sogar mit als Initiatoren auftreten, – nicht um für die Arbeiter Arbeiterrechte zu fordern – das geschieht eben so nebenbei –, sondern um die Verfassung des kapitalistischen Staats mit allerfestestem Stacheldraht zu garnieren, die sie bisher als höchst würdig der Vernichtung und durch Revolution zu bekämpfen bezeichnet haben. – Und doch: überlege ich’s mir – sie haben recht. Wer Opportunist ist, soll es ganz sein. Sie haben, da sie schon in den Parlamenten sitzen, recht, die Parlamente des bürgerlichen Staats und den bürgerlichen Staat selbst als ihr eignes Wohnhaus zu betrachten und gegen Angriffe zu schützen. Sie haben recht, genau wie die Sozialdemokraten recht hatten, als sie am 4. August 1914 für die Kriegskredite stimmten. Es war die klare Konsequenz ihrer „Realpolitik“. Nur hatte es bei der alten Sozialdemokratie 40 Jahre gedauert, bis sie sich soweit gemausert hatte. Bei den Kommunisten hat der Revisionismus bloß 4 Jahre gebraucht, um voll zum Siege zu gelangen. – Na, nun wird jawohl auch die Zweidrittelmehrheit für das „Gesetz zum Schutz der Republik“ gesichert sein, da „das Zünglein an der Wage“ zum Lecken der Ebertstiefel bereit ist. So dürfte also heut oder morgen in Berlin am Königsplatz unsre Freilassung ziemlich sicher beschlossen werden. Und die Frage ist nur noch, ob sich in Bayern jemand daran kehrt. Mir ist diese Frage zur Zeit interessanter als die Probleme, die man sonst hier wälzt. Den Genossen im allgemeinen geht am meisten die Frage nach, ob die USP, wie es den Anschein hat, in die Reichsregierung eintreten wird oder nicht. Sie machen davon die Amnestie für uns abhängig, was natürlich Unsinn ist. Die kommt jetzt, gleichviel wer in der Regierung sitzt, oder sie kommt mit Rücksicht auf Bayern nicht, dann könnte Herr Breitscheid daran auch nichts ändern. Ob die Namen der Mörder Rathenaus, die jetzt amtlich mitgeteilt wurden, die richtigen bezeichnen, ist mir ziemlich einerlei. Die Namen haben sie auch bei den Erzbergermördern erwischt, bloß nicht die Personen. – Alles was sonst in der Welt geschieht, tritt im Moment in den Hintergrund. Es geht was vor, – das ist die Stimmung, die mich beherrscht, die mich froh und lebendig macht. Mag schließlich draus werden, was mag: der motorische Schwung dieser Tage hat seinen Wert in sich selbst.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 1. Juli. 1922.

Die Genossen – beide Stockwerke und alle Gruppen – sind in fieberhafter Aufregung. Die allerdings große Wahrscheinlichkeit, daß wir die Niederschönenfelder Tortur hinter uns haben, wird – wenigstens im Herzen des Herzens – nicht mehr geleugnet. Hornung, der Hausbarbier, rasiert und verschönert auf Teufel komm raus! Viele mimen die Skeptiker: ich glaub’s nicht, eh’s nicht da ist – und dann fragen sie plötzlich, wann die Züge von Rain abgehn und wie man am gescheitesten den Transport seiner Utensilien bewirken kann. Auch ich glaube nachgrade an die unmittelbar bevorstehende Amnestie (wenigstens bezweifle ich nicht, daß der Reichstag sie heute beschließen wird); dennoch habe ich noch Bedenken. Kommt das Gesetz heute nicht zur Abstimmung, was aus irgendwie parlamentstechnischen oder regierungstaktischen Gründen möglich wäre, dann sind bis Montag Plötzlichkeiten möglich, die alle Voraussicht über den Haufen werfen könnten. Ferner ist noch keineswegs der Gedanke von der Erörterung entbunden, daß Bayern, wenn die Opposition nichts hilft, zur Obstruktion greift. Allerdings, Lerchenfeld und Schweyer sind nicht die Leute, die es auf Biegen und Brechen mit dem Reich anlegen werden. Hinter ihnen stehn aber vielleicht nicht die stärksten Kräfte ihrer Partei, und wenn es gelänge, Herrn Kahr plötzlich vorzuschieben, dann wäre allerlei zu erwarten. Selbstredend ist im Augenblick für die recht desparate Stimmung in Bayern nicht die Amnestie maßgebend. Die würde man schon fressen. Aber die Ergebnisse der Untersuchung des Rathenaumords (einer der Täter und ein Helfer sitzen bereits fest) haben schon jetzt Ursachen genug geschaffen, die die Angst der bayerischen Größen begründen. Der ganze Geheimdienst der Organisation C der Ehrhardt-Brigade (und alle in der Sache kompromittierten Leute gehören dazu) ist von Hamburg aus aufgedeckt worden, und sämtliche Fäden laufen nach München. Von Berlin aus sind die besten Kriminaler „nach Süddeutschland“ (lies München) abgereist, um Verhaftungen vorzunehmen. Es ist festgestellt, daß man ein ganzes Dutzend hervorragende Juden umbringen wollte: als nächster sollte Warburg an die Reihe kommen, dann Theodor Wolff u. s. w. – Bei der Ermordung Rathenaus muß irgendwas nicht richtig nach den Plänen funktioniert haben, – und nun hat noch einer der jungen Leute, die man verhaftet hat, geschwätzt. Natürlich wissen die Herren Ebert und Wirth, daß sie jetzt um ihre Köpfe kämpfen und da bringen sie plötzlich Energie auf (und die Arbeiterschaft, die vortrefflich auf dem Posten steht, trauert dem Multimillionär Rathenau nach wie sie noch nie für einen ihrer ermordeten Führer zum Trauern zu bringen war). Was daher den Bayern vor allem auf die Nerven geht, ist die Drohung, daß ein Staatsgerichtshof unabhängig von der Einzelländerjustiz dem Vergehen gegen das neue Gesetz zum Schutz der Republik mit rückwirkender Kraft nachspüren soll. Das wird Herrn Xylander, eventuell auch Herrn Kahr und ganz sicher Herrn Pöhner äußerst peinlich sein, der Paßfälschungen zur Begünstigung der Kappisten und eventuell auch der Erzbergermörder zu verantworten hat. Jetzt heißt’s also, die Nächsten schützen: die Gareis-Mörder sind gefährdet, kurzum man kann auf Riesenskandale gefaßt sein. Das Münchner Proletariat hat am Montag mit einer Beteiligung von über 100 000 Menschen demonstriert (in Berlin wurde die Lustgartendemonstration auf mehr als 600.000 Personen geschätzt); und die Patrioten brachten am Mittwoch nur 16 000 auf den Königsplatz, die ohne Fahnen demonstrierten und sich bloß über Eisners „Fälschungen“, den Grund des Versailler Schandvertrags, entrüsteten (dieser Irrsinn wird ernst genommen). Lerchenfeld ist in Begleitung von Schweyer und Dürr vom Justizministerium nach Berlin gefahren. (Dieser Dürr hat kürzlich auf dem Kriminalistentag vorgeschlagen, man solle Verbrecher in Hinkunft auf unbestimmte Dauer ins Zuchthaus stecken und ihre Entlassung auf Bewährungsfrist vom Führungszeugnis des Anstaltsleiters abhängig machen. Dieser Vorschlag, der natürlich nur aus Bayern kommen konnte, hieße die Korrumpierung unglücklicher Menschen zu einem sittlichen Prinzip erheben. Die Trottel von Kongreßteilnehmern haben die unerhörte Niederträchtigkeit des Plans gar nicht durchschaut, weil mein schon früher empfohlener Gedanke, zum juristischen Studium müsse 1 Jahr Zuchthaus mit allen Verschärfungen gehören, damit die Herren wissen, was ihre Berufstätigkeit für andre Menschen bedeutet, nicht praktiziert wird). Ich bezweifle, daß die 3 Reaktionsretter von der Isar an der Spree etwas Wesentliches erreichen werden. Man wird ihnen englische und französische Blätter unter die Nase reiben, in denen unausgesetzt Bayern als Hemmschuh für das Vorwärtskommen Deutschlands bezeichnet wird. Im „Manchester Guardian“ wurde geschrieben, man könne den guten Absichten die jetzt in Berlin offenbar vorhanden seien, nicht trauen, da man sich dort noch immer von Bayern habe schlapp machen lassen. Mit ihrer „bayerischen Eigenart“ dürfen sie kaum kommen, da sich die denn doch als ziemlich übelriechend erwiesen hat. So ist wohl kaum zu zweifeln, daß Wirth diesmal keiner Opposition von rechts nachgeben wird. Hier drinnen wissen wir zwar heute garnichts Neues, da Herr Gollwitzer heut Mittag überhaupt keine Zeitungen austeilen ließ, auch die nicht, die man uns nicht als beschlagnahmt „eröffnet“ hat (und das sind bis jetzt heut auch schon 27, darunter eine Sondernummer des „Vorwärts“, deren Ausgabe immerhin beweist, mit was für Hochdruck gearbeitet wird). Was wir wissen, konnten wir einzelnen Nummern bürgerlicher Organe entnehmen, die gestern abend noch ausgegeben wurden. Heute hat meines Wissens nur Schiff eine einzige Nummer der Deutschen Allgemeinen Zeitung (Verlag: Stinneskonzern, Chefredakteur der Sozialdemokrat Lensch) erhalten, und da muß ich abwarten, bis man herumerzählt hat, was wichtiges Neues drin steht. Vielleicht hat, während ich dies schreibe (3 Uhr nachmittag) der Reichstag inzwischen schon unsre Freilassung beschlossen. Vielleicht werden uns heute abend schon unsre Packmaterialien gebracht und die Abfahrt von Rain geht morgen mit dem Frühzug vor sich. Vielleicht kommt die Entlassung morgen im Lauf des Tages, vielleicht in 2, 3, 5, 8 Tagen. Oder aber die Sache verschiebt sich – wenn der Reichstag – sei es wegen des Gesetzes für die Republik, sei es wegen der Getreideumlage, um die noch gehökert wird – vor der Entscheidung über uns aufgelöst wird – um 2, 3 Monate (auch mit der Möglichkeit muß man rechnen, daß unsre Quälsorger sich auf den Standpunkt stellen, wir hätten keinen Anspruch auf die Amnestierung, weil die Räterepublik gegen die Reichsverfassung gekämpft und sogar die Loslösung vom Reich proklamiert habe (allerdings war das im April 19, als es noch garkeine republikanische Reichsverfassung gab. Aber was ist bayerischen Rechtshütern etwa nicht zuzutrauen?). Sollte aber die Hoffnung völlig ins Wasser fallen, sollte das Proletariat, das sich bis jetzt einig und geschlossen zeigt (um den Preis der Aufgabe aller revolutionären Grundsätze und unter Verzicht auf jede sozialistische Forderung), wieder umfallen und Bayern noch einmal den vollen Sieg erringen, dann dürfen wir uns für lange Zeit hier drinnen einrichten. Dann steht uns Trüberes bevor, als wir bisher je kennen gelernt haben. Denn die Haftpsychose wird bei vielen Geprellten hysterische Formen annehmen, unter denen die letzte Spur Kameradschaft in die Brüche gehn müßte; und die Reaktion würde sich ganz schauderhaft an uns rächen. Es würde unter den Hausbeamten ein Wetteifern an Brutalität und Nadelstechereien beginnen, um es uns ganz unbezweifelbar zum Bewußtsein zu bringen, daß wir weder bei dieser Berliner Republikanerregierung noch bei der Arbeiterschaft die geringste Hilfe gegen Rechtsbrüche und Amtsverbrechen finden können. Wäre nicht sehr viel Ursache, sehr golden zu sehn (leider ist zum Rot-Sehn bis jetzt noch keine Veranlassung) dann müßten wir unsre Blicke ins Tiefschwarze richten. Ich rechne mit allen Möglichkeiten; aber meine Stimmung ist freudig gehoben.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 2. Juli 1922.

Eben komme ich von Glaßer, mit dem ich eine Partie Schach spielte, was wir jeden Sonn- und Feiertag nach Tisch tun. Mit dem Aberglauben, dem wohl jeder noch so selbstsichere Rationalist in Momenten nervöser Hochspannung halb scherzend unterliegt, beschloß ich das Schicksal als Pythia zu befragen und aus meinem Sieg die Erlösung in dieser Woche zu schließen. Ich gewann die Partie und zwar mit einem für meine bescheidene Schachroutine selten gelungenen Endspiel. Na, wenn’s jetzt nicht klappt! Viele besonders nervös gewordene Genossen hatten erwartet, daß noch gestern abend oder in der Nacht das Entlassungsdekret bekannt gegeben würde und schlichen mit gesenkten Köpfen herum, als auch heute noch nichts kam. Das ist mir aus vielen Gründen nicht beunruhigend. Abgesehn davon, daß wir garnicht wissen, ob gestern überhaupt schon im Reichstag über die Amnestie entschieden wurde – die Nationalisten können mit Dauerrede oder andrer Obstruktion die Abstimmung verschleppt haben – kennen wir ja auch den Wortlaut der Vorlage nicht. Vermutlich heißt es darin, daß das Gesetz mit seiner Veröffentlichung im Verordnungsblatt oder im günstigsten Falle schon früher, nämlich nachdem der Reichsjustizminister die erforderlichen Anordnungen für die Ausführung bekannt gegeben hat, in Kraft tritt. Dann hätten wir frühestens morgen etwas zu erwarten, es kann aber auch noch 2, 3 Tage währen. Zeitungen haben wir seit vorgestern überhaupt nicht zu sehn gekriegt (eine teuflische Gemeinheit, jahrelang eingesperrte Gefangene völlig ohne Kenntnis von ihrem eignen Los zu lassen), sodaß man immer noch auf Kombinationen angewiesen ist. Die Verwaltung hat offenbar veranlaßt, daß alles seinen unveränderten Gang gehn soll. So erhielten wir gestern pünktlich unser Pfund Zucker abgewogen, das uns jeden Ersten für den ganzen Monat zugemessen wird. Und die Schikanen gehn ebenso unverändert weiter. So beschlagnahmte man Toller die Übersetzung seiner „Wandlung“ ins Jiddische, mit der Begründung, daß fremdsprachige Werke nicht hereingelassen werden. Dabei wissen die Herren, daß es sich um die Übersetzung von Tollers eignem Stück handelt. Jung erhielt von der Roten Hilfe 300 Mark, um für seine – ordnungsmäßig in 3 Wochen bevorstehende – Entlassung Reisegeld nach Berlin zu haben, zugeschickt. Die Verwaltung hat die Annahme für Jung verweigert, da das Geld „propagandistischen Zwecken“ dienen solle. Die Berliner Genossen werden diesen Fall hoffentlich noch zur Aufklärung über bayerische Ordnungsprinzipien im rechten Augenblick verwertet haben. Schlaffer hatte Besuch von seiner Frau. Ihr Gespräch drehte sich um freie Liebe – man weiß ja unter den scheußlichen Verhältnissen hier nie recht, worüber man eigentlich mit seiner eignen Frau reden soll. – Der Märtyrer unterbrach: das sei politisch. Der Oberwachtmeister Reiner wurde herbeizitiert und entschied als Sachverständiger dasselbe. Leider beruhigte sich das Ehepaar auch dabei nicht und der Staatsanwalt wurde telefonisch angefragt. Entscheidung: der Besuch ist sofort zu unterbrechen, Frau Schlaffer hat das Haus zu verlassen. So toben sich die Leute noch zum Abschied aus. Aus alledem pessimistische Schlüsse zu ziehn ist nicht nötig. Ich finde, es stimmt zur Psychologie der bayerischen Eigenart altpreußischer Couleur. – Dagegen erleben wir auch erfreuliche Kundgebungen. Gestern nachmittag sprang ein vor dem Flurfenster beim Heuaufladen beschäftigter Bauernknecht, als sich der Bauer mal entfernt hatte, bis zum Umfassungsgitter heran und rief den Genossen, die hinaussahen, durch die zum Schallrohr vorgehaltenen Hände zu: „Amnestie!“, winkte dann freudige Gesten, daß es hinausgehe und schlug schließlich bei der Abfahrt oben auf dem Heu einen Purzelbaum, worauf er von neuem mit den Armen winkte. Dann kam auf der Straße ein Eisenbahnbeamter vorbei, der ebenfalls beglückwünschende Gesten herüberwinkte und die Mütze schwenkte. Das beweist jedenfalls, daß man draußen sicher mit unser Freilassung rechnet, und daß wir auch hier in dieser schwarzen Gegend unter den Landarbeitern und Beamten Sympathien finden. – Natürlich ist die Stimmung hier sehr nervös und schlägt von tiefer Gedrücktheit plötzlich zu forcierter Fröhlichkeit um. Ich kann nicht leugnen, daß auch mich die langwierige Qual der Ungewißheit angreift, wenn auch nicht in dem Maße wie meinen alten Freund Hagemeister oder seinen cholerischen Schwager, den Stimmungsmenschen Köberl. Aber ich habe heute 168 Wochen Haft hinter mir, das sind 38⅔ Monate oder 1176 Tage. Mein Bedarf ist gedeckt. Das Versagen der gegenwärtigen Chance, die noch nie in diesen fast 3¼ Jahren ihresgleichen hatte, wäre für mich gleichbedeutend mit einer neuen langjährigen Verurteilung. Denn, wenn auch diesmal vom deutschen Proletariat ein Refus hingenommen wird, dann darf man seine Hoffnungen lange einsargen. (Die Vermutung einiger ganz Gescheiter aber, es werde als Kompromiß eine Verpflichtung Bayerns angenommen werden, die Reichsteilamnestie von 1920 hier durchzuführen und uns etwa 5 „Führern“ (man hört die Namen: Mühsam (15), Sauber (12), Hagemeister (10), Toller und Klingelhöfer (5 und 5½ Jahre) arcomäßige Behandlung zu geben, halte ich für ganz wenig wahrscheinlich). Vorläufig lasse ich mir den Optimismus nicht trüben, daß ich noch in dieser Woche bei Zenzl schlafen werde.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 3. Juli 1922.

Es ist tatsächlich kein Vergnügen, nicht zu wissen, ob man übermorgen daheim Mittag essen oder noch Jahre hindurch in diesem Schandhaus als Objekt für Märtyrersadismus dienen wird. Doch steigen die Aktien der Optimisten. Die Zeitungskonfiskationen gehn ins Aschgraue (was ich günstig deute). Heute wurde mir eröffnet, daß eine Sammelsendung von Blättern, die mir Zenzl sandte, beschlagnahmt sei, und zwar je eine Nummer der „Münchner Zeitung“, des „Bayerischen Kurier“, der „München Augsburger Abendzeitung“ und des „Bayerischen Staatsanzeigers“. Die letzte dieser Konfiskationen ist ein Witz. In einem bayerischen Staatsbetrieb wird Leuten, denen das Recht auf Zeitungslektüre nach eigner Wahl verbürgt ist, die amtliche bayerische Regierungszeitung vorenthalten! Das ließe den Rückschluß zu, daß unsre Peiniger neuerdings Verleumdungen über uns verbreiten, die wir nicht sehn dürfen, um nichts davon abstreiten zu können, und daß man damit die Amnestie abzuwenden hofft. Doch glaube ich eher, daß eine generelle Verfügung für den Zensor vorliegt, er dürfe uns nichts aushändigen, was ein Wort über Möglichkeiten einer Amnestie enthält. Zu dieser Vermutung führt mich die auffällige Tatsache, daß die „Frankfurter Zeitung“ heute in 2 Nummern freigegeben wurde, in denen zwar das Wort „Amnestie“ nicht vorkommt, die aber allerlei Einblick in die Gesamtlage gewähren, die Rückschlüsse zulassen. Wir wissen jetzt wenigstens, daß die entscheidenden Beschlüsse des Reichstags noch bevorstehn, da zuerst das Getreideumlagegesetz erledigt wurde. Es ist angenommen worden, sodaß das Parlament sich an dieser Klippe vorbeigerettet hat. Was aber für uns interessanter ist, ist die Gewißheit darüber, daß Bayern wieder das Karnickel ist und ein furchtbares Geschrei erhebt. Genau wie nach der Ermordung Erzbergers: das ganze Reich stellt sich auf die Seite des Gemordeten, Bayern in seiner Eigenart, steht stramm auf der Seite der Mörder. Man weiß warum: das Reich beansprucht die Oberaufsicht über alle Bewegungen, die dem republikanischen Verfassungsbau gefährlich sind. Der Staatsgerichtshof soll von Berlin aus bayerische Staatsverbrecher aus allen Ämtern wegfangen können, und die verlangte Säuberung der Behörden von monarchistischen Elementen soll von Reichswegen überwacht werden. Die Münchner Herren kämpfen also um den Stuhl, auf dem sie sitzen und mancher von ihnen gradezu um Freiheit und Existenz. Denn wird die Durchleuchtung gründlich vorgenommen, dann wird in der Polizei in München ein grauenhafter Dreck zum Vorschein kommen, und niemand kennt noch die Höhen, bis zu denen hinaufgelangt würde, um Kompromittierte herunterzuziehn. Ich denke mir, die Amnestie wäre an sich nicht das Schrecklichste für die Christen dieses Landes, aber sie ist eine Prestigefrage, und grade in ihr hat Radbruch seinerzeit erklärt, es sei bedenklich, in die bayerischen Hoheitsrechte einzugreifen. Es wäre also verständlich, wenn sie sich auf diesem Standpunkt besonders spreizten, um die Präjudiz für die ihnen viel dringlicheren Dinge zu behaupten. Daß man auf die Charakterstärke der Reichsgewalten keine Kirchen bauen darf, darüber bin ich mir allerdings im Klaren. Schon ist den knappen Berichten der aussortierten Frankfurterin zu entnehmen, daß man trotz allem wieder mit den Bayern in einer Form verhandelt, die ihnen schon jetzt Konzessionen in großem Ausmaße verheißt. Es scheint schon ein „zweiter Entwurf“ des Gesetzes unter sehr weitgehender Berücksichtigung der bayerischen Sonderwünsche von der Reichsregierung ausgearbeitet zu sein, worin schon nicht mehr vom Schutz der Republik à tout prix sondern von dem der Verfassung die Rede sei. Danach wäre also einfach für das Reich ein Beschluß des Parlaments mit Zweidrittelmehrheit erforderlich, um zu bestimmen, daß der Artikel 1 der Reichsverfassung abgeändert würde. Glauben aber die Bayern die Zeit gekommen, um ihren Rupprecht auf den Thron zu setzen, dann bedarf es nicht einmal dessen. Denn die Reichsverfassung verlangt von den Ländern nur eine „freistaatliche“ Verfassung. Und warum sollten die tüchtigen deutschen Rechtsgelehrten, die während des Kriegs den Einbruch in Belgien als völkerrechtlich zulässig „bewiesen“, nicht erst recht beweisen können, daß ein „Freistaat“ gradesogut mit einem König an der Spitze bestehn kann wie mit einem Kahr? (Und hätten sie nicht in Wahrheit recht?) – Nun nehme ich aber trotz allem Skeptizismus vorläufig noch an, daß es Bayern doch nicht gelingen wird, mit seiner Opposition in allem durchzudringen, – und Lerchenfeld wird nicht so töricht sein, um nicht selbst mit scheinbar sehr weitherzigen Angeboten aufzufahren. Dazu wird sicherlich eine von Bayern selbst durchzuführende Amnestie gehören, bei welchem Angebot er aber wohl versuchen wird, uns paar „Prominente“ zugunsten der Christbayern zu retten (und im Stillen wird er wünschen, daß ihm das mißlingen möge. Denn tausendmal lieber lassen uns diese Menschenfreunde frei herumlaufen ehe sie sich dazu verstehn würden, uns menschlich und gesetzlich zu behandeln, – was Radbruch wohl doch fordern würde). – Die Massenbewegung gegen die Mordpatrioteska geht inzwischen im ganzen Reich weiter. Nachdem neulich in Darmstadt ein Abgeordneter der deutschen Volkspartei verprügelt wurde und der Republik Treue zu schwören gezwungen wurde, haben sich anderswo Krawalle gleicher und ähnlicher Art abgespielt, worüber die Nationalisten ganz aus dem Häuschen sind vor Empörung. Und aus München erfährt man, daß am Tage der patriotischen Protestdemonstration gegen Versailles bewaffnete Bereitschaft der Arbeiterschaft organisiert war, allerdings in der sehr schwächlichen Form, daß die Mehrheitssozi (die Auerochsen! Jetzt mimen sie plötzlich wieder Revoluzzertum, weil sie sich selbst in Gefahr fühlen. Womöglich plärren sie jetzt sogar nach unsrer Amnestierung, die sie jahrelang verhindert haben. Aber sie werden sich täuschen, wenn sie meinen, ihre Schandtaten könnten wieder wie ehedem vergessen werden, wenn sie sich nachher dumm stellen.) mit der USP eine Schutzwehr* für alle Fälle zusammengestellt hatten, gegen die nun Herr Nortz, Pöhners – bekanntlich höchst objektiver und gerechter Nachfolger – die Bourgeoisie scharf macht, nachdem er gegen die Handgranaten der Hitlergarden niemals Einwendungen zu erheben fand. – Auch aus einem Brief von Zenzl, die außerordentlich vorsichtig und geschickt alle Zensurschliche zu vermeiden gelernt hat, kann ich entnehmen, daß man in München noch auf allerlei Überraschungen gefaßt sein darf. Die Erwähnung, daß unser treuer Seppl seit mehreren Tagen bei ihr wohnt, zeigt, daß sie auf alles gefaßt und auf ihren persönlichen Schutz und meine Beruhigung darüber bedacht ist. Tatsächlich bin ich recht froh, den Jungen um sie zu wissen, besonders solange Weigel verreist ist. Der soll am 5. Juli in Berlin zu einem Kongreß sein und mich vorher besuchen. Ich hätte ihn also eigentlich heut zu erwarten. Kommt er nicht herein, so werde ich das jedenfalls dadurch erfahren, daß ich das, was er mir mitbringt, ausgehändigt kriege. Da er mein Generalbevollmächtigter in Geschäftsdingen ist und in Berlin wichtige Missionen geschäftlicher Art für mich erfüllen soll, wäre es natürlich ein Skandal, wenn er abgewiesen würde. Und eine Dummheit ersten Ranges. Denn er brächte diesen Fall gleich an die richtige Adresse, und in diesen Tagen könnte das sehr weite Konsequenzen haben. – Was sonst noch im politischen Weltgeschehn aktuell ist, muß ich hier jetzt alles übergehn. Vom neuen Bürgerkrieg in Irland, der zwischen opportunistischem und intransigentem Sinnfeinertum entscheiden soll, ist noch nichts Abschließendes bekannt. Über den Fortgang des Moskauer Prozesses haben uns alle Quellen zur Orientierung gefehlt: ob und wie er entschieden ist – garnichts weiß man, und so ist es mit allem. Nur das sei erwähnt, daß der letzte Kursbericht den Dollarstand mit 399 Mark verzeichnet, ein Rekord fürs Erste. – So bleiben alle Interessen vorläufig ganz auf das konzentriert, was uns direkt angeht. Und da ist ein Faktor anzumerken, der mit entscheidende Bedeutung zu haben scheint. Eine Kundgebung von Industriellen aus Erlangen richtet an die bayerische Regierung die ernste Mahnung, sich nicht in einen Konflikt mit dem Reich zu verrennen. Das heißt also, die Kräfte, auf die es ankommt, wollen Nachgiebigkeit und fürchten andrerseits sehr schlechte Geschäfte, wenn Bayern obstinat bleibt. Die Nürnberger Industriellen werden da nicht lange auf sich warten lassen, und auch das südbayerische Kapital wird, falls Erschütterungen drohn, die Bremse kräftig anziehn. Es sind dieselben Kräfte, die schon einmal gegen die herrschenden bayerischen Mächte entschieden haben, als sie – nicht irgendwelche Politikastraten – Kahr zu Fall brachten. Kommt aber eine Enttäuschung für uns heraus, bleibt Bayern wieder Sieger, dann – gute Nacht! Dann wird das Gesetz zum Schutz der Republik dasein, das in 4 Wochen nur gegen Genossen angewandt wird, die für eine Räterepublik agitieren. Wir bleiben im Kerker, wo wir noch sehr viel Gesellschaft kriegen und die Kommunisten werden – zum Trost – an der Regierung teilnehmen, die das von ihnen verlangte Gesetz exekutiert. Vielleicht wird der nächste Noske Mitglied der KPD sein.

 

* Man hat dieser „Schutzwehr“ Spazierstöcke entrissen und sie infolgedessen als bewaffnet ausgetutet.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 4. Juli 1922.

Ich bin heute der Einzige, der eine Zeitung bekam: die Montagmorgenausgabe des Fränkischen Kuriers, in der an Nachrichten über die Stimmung im Lande zwar wenig zu finden ist (Berlin hat übrigens augenblicklich garkeine Zeitungen, da Druckerstreik ist: Lohndifferenzen), außer ein paar Meldungen über neue Verhaftungen in der Rathenausache, die aber doch einen für uns außerordentlich beruhigenden Bericht bringt – und zwar die regierungsoffizielle Darstellung der Hoffmann-Correspondenz über den Verlauf der Ministerzusammenkunft in Berlin vom letzten Sonnabend. Das ist keine Fanfare, sondern eine Schamade unsrer Machtchristen. Lerchenfeld, unterstützt von Schweyer habe den bayerischen Standpunkt analog seiner Rede im Landtag dargelegt und besonders auf die jüngsten Ereignisse in München hingewiesen (daher die Spazierstock-Nortzerei). Zur Amnestiefrage habe er erklärt, daß Bayern gegen eine gemeinschaftliche Behandlung dieser Sache mit dem Schutzgesetz für die Republik sei. (Das klingt nicht mehr nach großen Hoffnungen, uns festhalten zu können. Kein Wort des Protestes gegen eine Amnestie überhaupt und nur noch der ängstliche Versuch, am Ende durch Lostrennung – und also längere Verschleppung, bis zu der sich am Ende ein Linksputscherl provozieren läßt – doch noch was zu retten). Natürlich hat der Graf Bayerns eisernen Willen, am Zustandekommen der Sicherung geordneter Verhältnisse mit allen Kräften mitzuwirken, heftig versichert und dabei erklärt, man werde es auch an der ernsten Verhinderung solcher Organisationen wie der O. C. nicht fehlen lassen, wie man das ja auch schon vorher stets getan habe. (Ob da niemand gelacht hat?) Natürlich darf in so einem hochoffiziösen Bericht nicht verschwiegen werden, einen wie starken Eindruck die Rede des Bayern gemacht hat. Nun, da hat der Verfasser geschwitzt genug und hat den Landsleuten nicht erzählt, daß etwa Lerchenfeld und Schweyer allein auf weiter Flur standen, und daß Länder- und Reichsvertreter kopfschüttelnd zugehört hätten, wie dieses in der ganzen Welt als Hort aller Reaktion verschrieene Bayern selbst die Gelegenheit eines Meuchelmords an einem Reichsminister wieder benutzt, um seine Gesinnungsgemeinschaft mit den Hintermännern des Mords, denen es Quartier gibt und mit denen zu sympathisieren es allüberall beschuldigt wird, neuerdings zu betonen. Nein, das erfährt man nicht. Im Gegenteil, der Bericht weiß zu melden, daß der bayerische Standpunkt von „einigen“ Herren „gewürdigt“ und „in einzelnen Punkten“ sogar unterstützt worden sei. Das ist allerdings eine verteufelt dünne Mahlzeit, die die Minister bei ihrer Heimkehr in München servieren können. Sogar für die „Würdigung“ des Standpunkts fanden sich nur „einige“ Stimmen bereit, und auch die konnten ihre Unterstützung nur in „einzelnen Punkten“ gewähren. Angeführt wird aber nur ein einziger Punkt (und bei der Ausgabe dieses Berichts sind doch gewiß alle „Erfolge“ eifrig genug zusammengetragen worden), nämlich das Zugeständnis der Reichsregierung, die Vorlagen zunächst dem Reichsrat zur Beratung zugehn zu lassen, was man offenbar in dem alten Bestreben, Zeit zu gewinnen, verlangt hatte. Aber auch in diesen Wein fiel der Wermutstropfen. Der Reichsrat soll nämlich die Vorlagen unter „Beschleunigung der geschäftsordnungsmäßigen Fristen“ erledigen, sodaß noch im Laufe dieser Woche der Reichstag zur Behandlung der Angelegenheit kommt. Nach alledem ist es freilich nun höchste Zeit für die armen Bayern, ihre Gegenminen springen zu lassen, um die Unmöglichkeit zu erweisen, uns ins Freie marschieren zu sehn. – Was es mit jenem „zweiten Entwurf“ auf sich hat, von dem ein Umfallen der Reichsregierung nach der Frankfurter Zeitung zu vermuten war, ist aus dem vorliegenden Blatt nicht zu kennen. Ich denke mir, daß er von München kommt, und eben für die Verhandlung im Reichsrat bestimmt war, sodaß daraus kaum eine Gefahr für uns entstehn wird. Unsre Aussichten stehn zweifellos bis jetzt großartig, – wenn ich auch nicht verkennen will, daß sehr peinliche Enttäuschungen immer noch möglich sind. Bei den Patentkommunisten ist größte Desperation ausgebrochen, weil einer von ihnen sich bei einem Märtyrer erkundigt haben soll und die Auskunft erhielt, die Amnestie sei angenommen, aber Bayern sei davon ausgeschlossen. Also scheinen die Charakterathleten den prächtigen „Klassenkampf“, den sie hier gegen das Aufsichtspersonal führen möchten, vereinbar zu finden mit Privatunterhaltungen, die sie selbst mit diesen Leuten beginnen. Ich führe keinen „Klassenkampf“ mit den Aufsehern, aber ich beschränke meinen Umgang mit ihnen auf das durch meine Situation unbedingt gebotene Sprechen. Seit sie sich ein über das andre Mal von Regierungsvertretern öffentlich als „Märtyrer“ beklagen und weil sie ihren Dienst tun, als Opfer unsrer Schikanen hinstellen lassen, ohne in irgendwelcher Art sich dagegen zu wehren, für Verleumdungen wehrloser Gefangener vorgeschoben und selbst zur Materiallieferung dafür erzogen zu werden, danke ich für persönliche Beziehungen, zumal es auch meinem Geschmack widerspricht, Menschen, die mit umgehängtem Gewehr vor dem Hause stehn und an denen ich dann vorbei muß, sobald ich zum Hof oder von dort zurück will, und die dazu bewaffnet sind, mich bei einem Schritt, den ich durch eine zufällig offen stehende Tür ins Freie versuchen würde, zu erschießen und das unbedenklich täten, zur Einholung von Auskünften zu benutzen. „Die Kommunisten“ aber scheinen sich dabei nichts zu denken, scheinen auch nicht darauf zu kommen, daß so ein Mann, der doch tagaus tagein merkt, daß man ihm seines Gewehrs wegen keine sonderliche Hochachtung schenkt, die Gelegenheit, die Frager zum Besten zu halten, kaum vorbeigehn lassen wird und ihm die Hoffnungen zu zerstören sucht, um den politisch verhaßten Menschen wenigstens noch die letzten Tage die Stimmung zu verekeln. Indessen, – was soll ich mich mit den Torheiten aufhalten! Fritz Weigel ist, wie ich heute direkt durch einen Brief von Zenzl und ihm selbst erfuhr, von der Verwaltung die Erlaubnis zu kommen verweigert worden. Da er mit dieser Nachricht in Berlin jetzt wohl noch zur Zeit eintrifft, ärgert man mich nicht damit. Ich bin heute mehr als je davon überzeugt, daß mir das vergitterte Fenster die längste Zeit den Blick ins Weite vermittelt hat.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 5. Juli 1922.

Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt! Das anmutige Wechselspiel geht unter den Genossen unermüdlich weiter; und im Moment sind die Aktien grade wieder tief im Kurse gesunken, wenigstens bei den Räterepublikanern. Nämlich: eine Nummer der „Frankfurter Ztg“, eine des „Fränkischen Kuriers“ ist hereingekommen. Die Frankfurterin, obwohl sie einen ausführlichen Bericht über die Montagssitzung des Reichsrats und die Annahme der Regierungsentwürfe dort mit ⅔ Mehrheit bringt. In diesem Bericht steht Näheres über das Gesetz zum Schutz der Republik (was keineswegs beruhigend ist, da sich die Anwendbarkeit gegen Linksradikale daraus in einer Weise ergibt, die mich schon heute fürchten läßt, daß ich die Freiheit nicht für lange Zeit wiedersehn könnte). Die einzelnen Punkte wurden den Vorschlägen der Reichsregierung gemäß mit großer Mehrheit akzeptiert. Bayern stand fast überall als Staat allein und erfreute sich nur der Unterstützung der preußischen östlichen Provinzen und Hannovers, wo der Oberpräsident Noske sozialdemokratisch regiert. Dann die Amnestiefrage. Man beschloß, diesen Gegenstand vom übrigen losgetrennt vorzulegen – sodaß er im Reichstag also nur Stimmenmehrheit brauchen würde, um Gesetz zu werden. Nun ist aber an der entscheidenden Stelle des Berichts in der Frankfurter Zeitung ein Satzfehler entstanden, indem bei einer Druckfehlerberichtigung eine falsche Zeile entfernt wurde und demnach das Wichtigste für uns unlesbar wurde. Aus dem Stehengebliebenen könnte man entnehmen, daß Amnestie nur für politische Straftaten beabsichtigt sei, die erst nach dem Erlaß der Kapp-Amnestie begangen wurden. Daher die Niedergeschlagenheit im Hause, von der ich jedoch für meine Person nicht ergriffen bin. Es sprechen zuviel Anhaltspunkte gegen eine solche Annahme. Kaum anzunehmen ist erstens, daß die Arbeiterschaft, die in den dem ganzen Gesetzentwurf zugrunde gelegten Forderungen klar genug Amnestie für uns alle verlangt hat, sich mit einer solchen unerhörten Beschneidung zufrieden gäbe und daß im Reichsrat widerspruchslos eine derartige unerträgliche Halbheit hingenommen worden wäre (hat man doch in andern wichtigen Punkten Verschärfungsanträge nicht nur eingebracht sondern mit großer Majorität durchgedrückt.) Dann aber: Bayerns durch Schweyer vertretene Auffassung wird ausdrücklich mitgeteilt: Bayern verwahrt sich gegen jede Amnestie* und will wie bisher Freilassungen vor der Zeit nur auf dem Wege der Einzelbegnadigung zulassen (wie gut wäre es, könnte man den Herren jetzt die Antworten der bayerischen Gerichte auf Bewährungsfristgesuche vorlegen!). Und dann kam die Abstimmung, – gegen die Amnestie (außer den ostelbischen Provinzen?) als Länder ausgerechnet nur Bayern und Bremen, also die beiden einzigen Länder, die noch vom Revolutionswinter her Räte-Revolutionäre auf Festungen festhalten. Das zeigt deutlich genug, daß es in diesen Differenzen eben grade um uns Räterepublikaner geht. Für mich am wirksamsten ist aber das Argument: von allen Zeitungen, auch bürgerlichen, die über diese Reichsratssitzung Berichte enthalten haben müssen, haben wir ausschließlich dies eine Blatt mit dem verdruckten Text bekommen. Warum? Weil der Text verdruckt ist und den Optimismus niederdrücken kann. Man müßte doch die Leute schlecht kennen, die uns hier in den Fingern haben, und die grade in diesen Tagen durch Reparaturen wie für die Ewigkeit und durch gesteigerte Quälerei alles tun, um den Glauben bei uns zu erhalten, daß wir verlassen und ausgeliefert seien. Toller z. B. hat man alle Kritiken über die Uraufführung seiner „Maschinenstürmer“ vorenthalten, weil sie offenbar sämtlich auf seine Lage Bezug nehmen. Sein Gesuch, die „propagandistischen“ Stellen zu entfernen und ihm nur den sachlichen Teil auszuhändigen, wie es sogar unter Kraus geschah, wurde abgelehnt. Solche tückischen Kleinigkeiten vorn und hinten: bayerische Eigenart! Zu der gehört auch, was dem Fränkischen Kurier zu entnehmen ist. Da hat die Deutschdemokratische Partei sich in Nürnberg über die politische Situation unterhalten, wobei Handelsminister Hamm referierte und man den entgegengesetzten Standpunkt vertrat wie seine eigne Partei im Reichstag. Auch er sprach zur Amnestie. Es ginge nicht an, einseitig gegen rechts streng, aber gegen links milde zu sein. Er – der Demokrat! – meine, man müsse Gewalt gegen Gewalt setzen, aber nicht Gewalt gegen Idee! Deshalb(!) müssen die Linksrevolutionäre festgehalten werden (daß wir eine Idee vertreten, davon hat ein bayerischer Hamm ... keine Idee. Und daß Mord gewissermaßen etwas Gewaltsames ist, ist für eine bayerische Demokratenseele auch zu schwer zum Begreifen); den Rechten aber dürfe man nichts tun. In München hat Herr Hammerschmid den gleichen Geist spritzen lassen. Und der gesamte Ministerrat mitsamt den Führern der bayerischen Koalitionsparteien hat tapfer die Blamage der Regierung im Reichsrat zu ihrer eignen gemacht. Nach dem Blatt ist das Gesetz (das mit 55 gegen 11 Stimmen im Reichsrat angenommen wurde) heute zur ersten Lesung dem Reichstag zugegangen, der es noch im Laufe dieser Woche verabschieden soll. Wenn nicht also alle Spekulationen brüchig sind, können wir wohl rechnen, daß wir Sonntag diesen liebgewonnenen Ort verlassen werden; es sei denn, daß der Reichstag aufgelöst würde (was eine Verzögerung aller Dinge um etwa 2 Monate bedeuten würde) oder daß ein neues katastrophisches Ereignis alles über den Haufen schmeißt. Doch sind beide Eventualitäten unwahrscheinlich genug. – In Bayern tobt die Justiz aber noch in gigantischem Maßstabe gegen ihr politisch nicht genehme Leute. Der Freiherr von Leoprechting ist in München wegen Hoch- und Landesverrat zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt worden. Da uns die Zeitungslektüre in der letzten Zeit versagt war, bin ich nicht recht im Bilde, was Grauenvolles er eigentlich getan haben soll. Ich weiß nur, daß die Aufdeckung der Pittinger-Machenschaften von ihm besorgt wurde, und was auch sonst noch er an Sündhaftem begangen haben soll – daran ist wohl nicht zu zweifeln, daß seine Richter ihn nur deswegen nie im Leben wiedersehn möchten. Aber – vielleicht kommt er, mit uns, schon in 3 Tagen wieder!

 

* wobei Schw. ausdrücklich von „allgemeiner Amnestie“ sprach, was sinnlos wäre, wenn nur eine partielle gefordert würde.

 

 

 

 

Ausblenden