Tagebücher

XXXIII

 

6. Juli – 20. August 1922

 

 

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 6. Juli 1922.

So muß ich also doch noch in diesem Loch ein neues Tagebuch beginnen (das, wie mir Zenzl, als sie es mitbrachte, erzählte, die Kleinigkeit von 30 Mark gekostet hat. Inzwischen ist der Dollar auf weit über 400 Mark hinaufgeklettert, eine bisher unerreichte Höhe). Die Überzeugung, daß Niederschönenfeld nun aber doch unmittelbar vor der Auflösung steht, ist aber jetzt schon fast zur Gewißheit gediehen. Zwar haben sich seit der gestrigen Eintragung keine neuen Kenntnisse eingefunden, aus denen Endgiltiges entnommen werden kann. Aber die Indizien mehren sich zusehends, sodaß von den Genossen wohl kaum noch Einer im Ernst zweifelt und nur einige noch nach Gründen suchen, um sich eine vielleicht doch noch mögliche Enttäuschung nicht allzu nah gehn lassen zu müssen. Was ich aber als originellste Barometer-Beurteilung hier festhalten will, ist, daß August Hagemeister, unser größter Skeptiker von jeher, plötzlich etwas unternommen hat, was die Beseitigung auch der letzten Zweifel bei ihm dokumentiert. Als er vor bald 2½ Jahren von Ansbach hier eingeliefert wurde, begann er, sich Bart und Haar wachsen zu lassen und gelobte, daß kein Schermesser ihn berühren solle, bis er nicht heimfahren dürfe. So entstand aus dem elegant gescheitelten Haar eine riesige Tolle um die ständig sich breiter ausdehnende Glatze herum, und die Strähnen der Mähne fielen in §-ähnlichen Locken auf Nacken und Schultern nieder, während ein wahrhaft würdiger Kellermeisterbart ihm mächtig um die Lippen und Backen und vom Kinn auf die Brust wuchtete. Heut ist das Haupthaar gefallen, während der Bart in ganzer Pracht als Andenken mit heim und ins Parlament genommen werden soll. Es ist für die Stimmung in der Festung und für den derzeitigen Nervenzustand der Gefangenen bezeichnend, daß Hagemeisters Entschluß von allen – ich glaube ohne irgendwelche Ausnahme – als deutlichstes Kriterium bewertet wird, daß man nun tatsächlich mit dem Abbau beginnen kann. Sonst steht nach den Zeitungen – wieder bloß Fränkischer Kurier und Frankfurter Zeitung je eine Nummer, – nur der Miesbacher kam gestern abend noch (als einziges Blatt, das in 2 Nummern hereingelassen wurde!) – die Situation gegen gestern wenig verändert. Am Dienstag haben mächtige Demonstrationen im ganzen Reich stattgefunden (wobei sogar die bayerischen Bahnen auf Befehl Gröners 60 Minuten auf der Strecke liegen bleiben mußten), die ganz gewaltige Dimensionen angenommen zu haben scheinen; und die bayerische Regierung erläßt im Staatsanzeiger einen offiziösen Bericht über ihre Haltung im Reichsrat. Großartig ist darin, daß sie erklärt, das Gesetz zum Schutz der Republik ablehnen zu müssen, weil es zu reaktionär ist, weil es der Klassenjustiz Vorschub leistet und weil es zur höchsten Gefährdung der Verfassung führen müsse, da es nur so wirken könne wie einst die Karlsbader Beschlüsse, die die Metternichepoche der reaktionärsten Restauration eröffneten. Es werden wieder Zustände kommen wie unter dem Sozialistengesetz, über dessen schreckliche Verfolgungen nur noch ganz alte Sozialisten zu erzählen wissen, da seitdem derartige Freiheitsunterdrückungen ganz aus der Mode gekommen sind. – Es ist höchst amüsant, das als Ansicht der Regierung, die uns seit über 3 Jahren eingesperrt hält und um keinen Preis der Welt freiwillig wieder herausließe, ausgerechnet in diesem Hause gedruckt zu lesen. – Nun sind aber neue Ängste entstanden. Gestern ist das Gesetz zum Schutz der Republik dem Reichstagsplenum zur ersten Lesung zugegangen. Nach der Frankfurter Zeitung ist damit zu rechnen, daß von rechts und links soviel Zusatz- oder Ergänzungsanträge kommen werden (und in der Tat wäre es ein Skandal ohne gleichen, wenn die Kommunisten einem Gesetz zustimmten, das in aller Form jede Propaganda einer Monarchie oder einer Diktatur wahnwitzig bedroht, also auch der proletarischen Diktatur, will sagen der Räterepublik. Die Republik des Ebert mit der schwarzrotgoldenen Weimarer Verfassung soll geschützt werden, als sicherste Garantie fürs Kapital, – sonst nichts). Diese Abänderungsvorschläge werden dann voraussichtlich erst einer Kommission zum Durchkäuen vorgelegt, damit Überraschungen bei der Abstimmung vermieden werden. Sollte aber die Zweidrittelmehrheit – so oder so – für das Gesetz nicht zustandekommen, dann will Wirth den Reichstag, wie festzustehn scheint, auflösen. Jetzt meinen die ganz Besorgten: wieder eine Verzögerung! Wir müssen zurückstehn, bis – Gott weiß wann – die Ausschüsse ihr Kompromißchen fertig haben. Ich bin zwar nicht ganz vertraut mit allen Finessen des parlamentarischen Apparats. Soweit aber glaube ich den Geschäftsgang zu kennen, um zu meinen, daß bei Überweisung des Schutzgesetzes an eine Kommission der Reichstag sofort zur Erledigung des Amnestiegesetzes schreiten wird, für das ein besonderer Entwurf, losgelöst von der großen Vorlage, da ist, um den zweifellos garnicht lange gestritten werden wird und für dessen Annahme nur einfache – völlig verbürgte – Mehrheit nötig ist. Ich taxiere, da gestern die Beratung des Schutzgesetzes begonnen haben muß, daß morgen unsre Amnestierung Gesetz sein wird, sodaß in spätestens 3 Tagen (vermutlich Sonntag) die Heimreise wirklich vor sich gehn dürfte. Es handelt sich da nur noch um die Formalitäten der Verkündung des Gesetzes und um die Formen, in denen hier die Entlassung vorgenommen werden wird. Falls die endgiltige Liquidation den Anordnungen der Landesbehörden überlassen sein[bleibt], ohne daß einheitliche Direktiven vom Reich aus ergehn, dann wird womöglich noch zum Abschied allerlei bayerische Eigenart ärgerlich zutage treten. Aber das soll meine letzte und geringste Sorge sein. – Für die Beurteilung der Lage draußen und dafür, daß auf beiden Seiten die äußersten Anstrengungen gemacht werden, ist der Überfall charakteristisch, dem diesmal Maximilian Harden ausgesetzt war. Die zu seiner Ermordung erwählten Herren drangen einfach in seine Villa ein und bearbeiteten ihn durch Kopfschläge mit Gummiprügeln. Nach dem „Miesbacher Anzeiger“, dem ich die erste Nachricht entnahm, sei er erheblich aber nicht lebensgefährlich verletzt. Die „Frankfurter“ enthält nur einen Bericht, der schon die Kenntnis der Tatsachen voraussetzt und besagt nichts über Hardens Befinden. Einer der Täter ist verhaftet und scheint den andern angegeben zu haben. Der Verhaftete ist ein Wirtschaftsbeamter, der Flüchtige ein ehemaliger aktiver Oberleutnant, beide sind Mitglieder des Verbandes nationalgesinnter Soldaten, der sich offenbar als Mordorganisation ebenso qualifiziert wie die Organisation Consul der Ehrhard-Brigade. Der erste Vorsitzende des Soldatenverbandes aber ist Erich Ludendorff, der ja Übung hat in dem Geschäft, da er jahrelang an der Spitze der größten Mordorganisation der Weltgeschichte stand. – Das Attentat erhellte die Situation blendend. Die deutschen Nationalisten waren immer mordsdumme Politiker, aber exquisite Strategen, die wissen, daß Gegenangriff die beste Verteidigung ist und sich nun wohl ihren Rückzug durch „Abwehrsiege“ wie anno Große Zeit erleichtern wollen. Sie markieren also noch die Unerschrockenen und decken auf, daß man die tieferen Verästelungen ihrer großartigen Mordorganisationen noch absolut nicht ermittelt hat. Der Anschlag auf Harden ist als Menetekel für die Republikaner überhaupt zu deuten und heißt: Achtung: Ebert! Wirth! Radbruch! – Treibt ihrs zu weit – wir kriegen euch alle noch ran. – Allerdings ist diesmal das Proletariat auf dem Damm. (Das ist mein großer Trost in dieser Stunde, daß ich meine Befreiung nicht der Gnade in volle Sicherheit gelangter Bourgeoispolitiker zu danken haben werde, sondern tatsächlich dem Druck der Arbeiterschaft, ohne den ich meine ganze Zeit absolvieren müßte). Wüßten die Arbeiter, wer Maximilian Harden ist, und daß sie an ihm ganz anders als an Rathenau einen Freund verloren hätten, dann wäre zweifellos dieser Anschlag das Signal zu ganz gewaltigen Erschütterungen geworden. Aber dieser Mann wird nicht nur von rechts, sondern auch von links völlig verkannt, bzw. bewußt verkleinert. Das Ausland weiß, daß kein zweiter Politiker in Deutschland lebt, der so wie Harden die tatsächlichen Verhältnisse beurteilen kann, wie sie sich demjenigen darstellen müssen, der die bürgerliche Republik retten und dazu den Kapitalismus erhalten will, und der weiß, daß er beides nur kann, wenn er die kapitalistische Ausbeutung zu Abstrichen von ihren Profiten bringen kann. Dieser Politiker, der ehrlich ist und daher mit besserer Logik kämpft als die Advokaten der Parteitröge, ist für den radikalen Revolutionär die größte Gefahr, weil er den Weg, der zur völligen Zerstörung des Staats und zur Neuordnung der Dinge durch Sozialismus führen müßte, kennt und der Einzige ist, der bisher den Kapitalisten den einzigen Weg gezeigt hat, der von unserm abzweigt und Aussichten hat, zu einer Renaissance des Kapitalismus mit sozialistischen Zugeständnissen hinzuleiten. Hardens Tod wäre ein ungeheurer Verlust für die Zeitgenossen, die nicht ahnen, daß die „Zukunft“ dereinst das wichtigste historische Material über die Gegenwart der Zukunft vermitteln wird. Hardens Tod würde bedeuten: Unterbrechung der einzigen wirklich orientierenden Chronik in einer Zeit, die im Tempo einer einzigen Menschengeneration – und eben der Hardenschen – die Ära des Bismarxismus völlig bis zu Ende durchgemacht und die Richtung zu einer ökonomisch, politisch, ideell und kulturell absolut veränderten und neuen eingeschlagen und im Wollen sehr vieler Zeitgenossen schon in Kampf und Etappensiegen durchgesetzt hat. Ich hoffe, er wird mit dem Leben durchkommen. Ich will ihm nachher eine Karte schreiben. – Dagegen erfahre ich zufällig aus einer nachträglichen Notiz des Fränkischen Kuriers, daß die Leiche Georg v. Vollmars noch diese Woche nach München zur Beisetzung überführt werde. Der ist also tot. Wenn ich auf die These etwas hielte De mortuis nil nisi bene, dann würde ich über den Ritter v. Vollmar niemals meinen Mund öffnen dürfen. Ich finde aber, daß man über Tote reden soll wie über Lebende, nämlich Gutes oder Böses, – unter allen Umständen aber nur Wahres. Hätte Vollmar dieselbe Meinung gehabt, dann interessierte er mich wahrscheinlich überhaupt nicht genug, um mich bei seinem Tode mit ihm zu beschäftigen. Er war aber nicht der Meinung, – wenigstens nicht Lebenden gegenüber. Das habe ich im Jahre 1907 erfahren, als er meiner Polemik gegen eine seiner Wahlreden, worin ich zur Wahlabstinenz riet, entgegenhielt: es möge einer empfehlen, den Zentrums- oder den liberalen Kandidaten statt des Sozialdemokraten zu wählen, – mit dem ließe sich verhandeln; komme aber einer vor die Arbeiter und sagte ihnen, wählt garnicht! – so gebe es dafür nur eine Erklärung: dieser Mensch muß aus unsauberen Quellen gespeist sein. – Am Tage darauf denunzierte mich die Münchener Post auch schon als Lockspitzel – und Maximilian Harden gab mir in der „Zukunft“ Raum zu einer Protesterklärung gegen diese Gemeinheiten; und Harden wußte, gegen wen er mir half: er hatte Dresden 1903 erlebt. Die Jungbrunnenpisser, die sich damals gegenseitig anbrunzten – die Bebel und Genossen links, die Vollmar und Genossen rechts, hatten zwischen sich Harden gestellt, den „Bürgerlichen“, der heute blessiert auf dem Krankbett liegt als Opfer seiner aufrechten, gerechten und unbeeinflußten Gesinnung. Der „Sozialist“ v. Vollmar aber liegt eben jetzt auf der Totenbahre, von Altersschwäche hingestreckt, da es nirgends in der Welt einen Reaktionär gegeben hätte, der ihm einen heldischeren Tod gewünscht haben würde. – Was dieser Mensch durch seine antiproletarische Gemütsverfassung und mit seiner demagogischen Eitelkeitsregie dem Proletariat im Laufe der Jahrzehnte an Idealismus aus dem Herzen gerissen hat, ist nicht zu wägen. Was er als Mensch noch war, steht in der vorzüglichen Replik Franz Mehrings gegen Vollmars unqualifizierbare Niederträchtigkeit gegen diesen wirklichen Revolutionär (eben nach Dresden) im Kapitel „Georg“ seiner Schrift „Meine Rechtfertigung“. Wohin er die Arbeiterschaft politisch zu führen suchte, das habe ich in meinem „Kain“ wiederholt gekennzeichnet. Da sein Name nun schon mal „mit ehernem Griffel“ in die Tafeln der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie eingegraben bleibt, nehme ich wenigstens für mich den Vorzug in Anspruch, diesen Namen zur Bezeichnung derjenigen politischen Krankheit verwendet zu haben, die der deutschen Sozialdemokratie unter besonders tätiger Mitwirkung seines Trägers zu vollkommener moralischer Verrottung, zur Beseitigung ihres letzten sittlichen Halts, zur Aufweichung ihres Hirns und Verdorrung ihres Marks geführt hat: Vollmarasmus!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 8. Juli 1922

Allmählich fängt unsre Situation an, recht ungemütlich zu werden. Das System, uns alle Zeitungen vorzuenthalten, aus denen wir wirkliche Orientierung über unser eignes Schicksal ziehen könnten, wird mit täglich vollendeterem Raffinement fortgesetzt. Gestern wurde zwar nur die Beschlagnahme von 2 Blättern mitgeteilt, dann wurden aber trotzdem auch die andern nicht ausgegeben, und im ganzen Hause waren drei – seit mehreren Tagen veraltete – Nummern des Wiener „Abend“ die einzige Informationsquelle. Aus einer Notiz dieses Blatts war zu schließen, daß der Buchdruckerstreik von Berlin über das ganze Reich ausgebreitet sei; doch setzten heute die Konfiskations-Eröffnungen wieder im größten Umfang ein, und unsre Kenntnisse mußten wir aus dem „Fränkischen Kurier“ von Donnerstag abend und Freitag früh schöpfen, deren Inhalt ich eben beim Luttner vorgelesen habe. Die Blätter sind so ausgesucht, daß wir nach ihrer Lektüre gradeso unorientiert sind wie vorher auch. Nur soviel ist jetzt klar, daß sich die Berliner Kompromißmacher mehr Zeit lassen, als ihren eignen Absichten zuträglich sein wird. Über die Beratung des Gesetzes zum Schutz der Republik im Reichstag haben wir kein Wort gelesen. Doch enthält der übrige Pressebericht über die Verhandlungen in den Parlamenten allerlei, was Kombinationen zuläßt. Der Reichstag hat sich mit Interpellationen beschäftigt, die im Zusammenhang mit dem Republik-Schutzgesetz stehn und reaktionäre Reichswehr- und ähnliche Demonstrationen zum Gegenstand hatten. Ferner aber ist einem andern Umstand noch deutlicher zu entnehmen, daß dieses Gesetz augenblicklich in Ausschußbehandlung sich befindet. An 2 Stellen des Fränk. Kuriers ist nämlich von einer Aeußerung Radbruchs die Rede, worin er die beruhigende Zusicherung gab, daß das Gesetz keineswegs nur gegen rechts gerichtet sei sondern auch gegen links. Seine Freunde von allen 3 „sozialistischen“ Parteien werden einen schönen Schreck gekriegt haben. Das spricht man doch nicht aus; das werden die Arbeiter doch rechtzeitig merken, wenn es in Kraft gesetzt ist! – Immerhin: recht vertrauenerweckend! – Die im Hause am meisten ventilierte Frage ist die, ob die Unabhängigen in die Reichsregierung eintreten werden oder nicht. Ein Besuch, den gestern Männlein empfing, hatte mitgebracht, sie seien schon drin, und man war der Meinung, daß die Herren um Hilferding und Breitscheid gewiß nur mit festen Garantien für die Annahme des Schutzgesetzes und der Amnestie hineingegangen wären, um nicht etwa während eines Wahlkampfs gebunden zu sein und das Odium der Arbeiterfeindschaft auf sich zu laden, wenn bei den Wahlkämpfen Unruhen zu unterdrücken wären. Tatsächlich sehn die Mitteilungen des Fränk. Kuriers von Donnerstag abend auch keineswegs so aus, als ob das Wirthshaus schon verbreitscheidtet wäre. Im Gegenteil scheinen die Zentrumsleute und die Demokraten schon erheblich Angst vor der eignen Kurage gekriegt zu haben. Sie haben nämlich in einem Schreiben an die Deutsche Volkspartei die Frage gerichtet, ob sie nicht bereit sei, an der Regierung teilzunehmen. Als einzige Bedingung verlangen sie Verzicht auf Bekämpfung der republikanischen Verfassung. Voraussichtlich werden die Stinnesleute abwinken, daß man sie aber in diesem Augenblick anruft, ist bezeichnend genug für die Bravour unsrer republikanischen Reichsbetreuer, und es kommt mir vor, als sei Radbruchs Retirade als Lockruf nach dieser Seite gemeint gewesen. – In Preußen hat man ebenfalls parlamentarisches Theater aufgeführt, wobei allgemein gerauft wurde, und nur in Bayern ging es friedlich zu, als Niekischs Interpellation über Kahrs Vivat Rupertus rex-Rede besprochen wurde. Niekisch und die Seinen wurden von Schweyer belehrt, daß Bayern durchaus freiheitlich gesonnen sei und es nicht zulassen werde, daß seinen Beamten etwa in der Gesinnung nachgeschnüffelt werde. Wenn Herr v. Kahr Monarchist ist, so ist das sein gutes Recht, er darf bloß seinen Rupprecht nicht gewaltsam auf den Thron heben wollen. Übrigens sei die Organisation C ebensowenig bayerisch wie die Revolution eine bayerische gewesen sei (nur gibt man halt den Organisatoren des reaktionären Mordes in Bayern liebevoll Asylrecht). Das Gesetz zum Schutz der Republik lehne Bayern entschieden ab. Was man indessen zu tun gedenkt, wenn es im Reich beschlossen wird, bleibt ungewiß. Der „Fränk. Kurier“ verwahrt sich dagegen, daß behauptet werde, Bayern wolle es sabotieren und den Konflikt mit dem Reich herbeiführen, sagt aber keineswegs zu, daß hier die Beschlüsse des Reichs durchgeführt werden sollen, sondern läßt es vollständig offen, was geschehn wird: das werde sich dann schon zeigen! – Von Amnestie kein Wort. Es scheint in der Tat, als sollte das Schutzgesetz erst alle Ausschuß-Schwitzkästen passieren und vom Plenum entweder angenommen oder abgelehnt sein, bis man an[s] uns denken wird. Und bei der Ablehnung würde erst der Reichstag aufgelöst werden, sodaß erst die Neuwahl herum und das neue Parlament einberufen sein müßte, ehe wir drankämen. Man merkt, was für brave Bürger ohne psychologische Fähigkeiten und volkstümliches Empfinden als Gesetzgeber beisammen sitzen. Wären viele unter ihnen, die schon mal politische Gefangene waren, dann könnten sie sich eine Vorstellung machen davon, was für eine Erregung sie durch ihr Hinauszerren der Beschlüsse bei Menschen schaffen, die nicht wissen, ob ihre Qual noch nach Stunden oder nach Jahren bemessen sein soll. – Ich für meine Person glaube zwar kaum mehr an ein Scheitern der Amnestie – wenn ich auch damit rechne, daß man uns formalistischer Pedanterie wegen viel länger warten läßt als vorher zu vermuten war, aber nicht viele Genossen wissen ihre Nerven immer in Zucht zu halten, und es ist keine Kleinigkeit, alle Hoffnungen geweckt zu haben, endlich, endlich wieder Frau, Kinder und Freunde umarmen, endlich an die Arbeit für sich und die Seinen gehn zu sollen, endlich die Familie aus der Sorge und Bitternis erlöst sehn zu sollen und dabei fortwährend fürchten zu müssen: vielleicht gelingt es unsern Schergen doch noch, uns wieder – und dann für unabsehbare Dauer an die Kandare zu legen, und unsre armen Frauen völlig zur Verzweiflung zu bringen! Man spannt die Geduld ohnehin schwer überreizter und durch völlige Entrechtung und systematische Kujoniererei verbitterter Gefangener ohne Not zu fest auf die Folter. Bei manchen beginnt schon starke Depression platzzugreifen. Niemand kann bei dem Zustand, in den die Haftpsychose Menschen plötzlich versetzen kann, voraussehn, in was für Ausbrüchen sich die Depression entladen kann. Und dann stehn ja die „Märtyrer“ gleich bereit, um von neuem zuzugreifen und Menschen, die ihr Glück nicht erwarten konnten, ganz unglücklich zu machen. Ich will nicht jubeln und will nicht verzweifeln, bis nicht – so oder so – entschieden ist, wohin der Weg gehn soll. – Ich hoffe nur, daß der Körper standhält. Gestern hatte ich eine neue schwere Attacke, mußte mich zeitweilig in sehr üblem Zustand hinlegen und bedurfte der ganzen Anstrengung meiner Energie, um den willigen Geist über das schwache Fleisch siegen zu lassen. Es muß wohl das Herz sein, das wieder der furchtbaren Hitze von vorgestern und vielleicht der Wirkung des heißen Bades von gestern früh nicht standhielt. Ich hatte – urplötzlich bei Tisch – den Anfall, der mit Schweißausbrüchen und Schwindelgefühl einsetzte und meine Freunde, da ich scheußlich aussah in große Besorgnis versetzte. Weigand zwang mich ins Bett und machte mir Kaltwasserkompressen, Toller brachte Likör und Keks, Luttner und Condula sorgten für alles übrige, – und schließlich zwang ich’s und stand auf, ohne – auch jetzt noch – der Widerstandskraft des Willens gegen das rebellische Nervenbündel ganz zu trauen. – Gestern erschien Sauber wieder bei den Seinigen, sodaß zur Zeit mal wieder niemand in Einzelhaft sitzt. Ob das ein Zeichen ist, daß die Verwaltung abbauen will? Ich zweifle. Aber ich hoffe. Und weil meine Hoffnungen bis jetzt ungetrübt sind, bin ich umso eifersüchtiger bestrebt, den Corpus zu meistern. Ich will als gesunder Kerl zu Zenzl ins Bett!

 

Niederschönenfeld, Montag d. 10. Juli 1922.

Keine Neuigkeiten, die weiterhülfen. Täglich werden 25 – 30 Blätter beschlagnahmt und allenfalls 2 oder 3 ausgesucht inhaltlose hereingelassen. Heute 2 dünne Nummern der Frankfurter Zeitung. Man muß zugeben, daß die Herren Hoffmann und Gollwitzer ihr Geschäft verstehen. Ich zweifle nicht, das ihre Absicht ist, die Nerven der Festungsgefangenen zum Zerreißen zu bringen, um dadurch neues Material zur Bekämpfung der Amnestie für die Herren Schweyer und Lerchenfeld zu schaffen. Bis jetzt halten aber gottlob noch alle stand, wenngleich die Spannung ungeheuer ist. Die Verwaltung hat nun noch eine neue Methode erfunden, um uns Zeitungen, die auch garnichts enthalten, was dem Inhalt nach konfiskabel wäre, wegzunehmen. Jetzt begründet man die Zurückhaltung privat zugesandter Nummern irgendwelcher Zeitungen damit, daß eine „Sammelsendung“ nicht zulässig sei. Das ist nie bekannt gegeben, nie geübt worden und widerspricht gänzlich der Hausordnung. Macht nichts. Bis zur letzten Sekunde werden Rechtsbrüche begangen, um uns zu quälen und unsern Angehörigen zu schaden. Nun beginnt das bayerische System, auf dem diese Blüten sprießen, allerdings der Verachtung der ganzen Welt anheimzufallen. Es hat sich bei den Nachforschungen nach den Veranstaltern des Mordanschlags auf Harden hochinteressantes Material gefunden, das die Zensur wohl in der Frankfurter Ztg übersah. Die Spuren der Tat führten auf einen Herrn Grenz in Oldenburg, – und von da gradewegs natürlich nach München. Es ist festgestellt, daß die Organisatoren den Leuten, die Harden umbringen würden, als Belohnung die sichere Anstellung im bayerischen Staat in Aussicht stellten. Daß die Mörderzentralen hierzulande regierende Potenzen sind, überrascht natürlich keinen Menschen mehr, aber daß sie imstande sind, Beamte für den Staatsdienst aufgrund eines durch Meuchelmord erbrachten Befähigungsnachweises zu engagieren, mußte doch erst von ihnen selbst dokumentarisch festgelegt werden, damit man es benutzen kann. Als besonders kompromittiert in diesem Zusammenhang werden die Herren Frick und Glaser von der Münchner Polizeidirektion namentlich genannt, also gute alte Bekannte, denen Pöhner stets volle Handlungsfreiheit in der Richtung gegen die Republik, die sie alle besoldete und noch besoldet, garantierte. Der Chef dieser Kumpanei als Minister des Innern ist Herr Schweyer, derselbe Schweyer, der dem Reich gegenüber als Wortführer der bayerischen Eigenart auftritt und die Amnestie energisch bekämpft, da sie das Rechtsbewußtsein des Volks verletzt, und der sich als begeisterter Demokrat gegen jedes Ausnahmegesetz wehrt, nachdem er nach dem Erzbergermord – die Interessen der Mördercliquen verlangen halt von Bayern eine Politik mit auswechselbarem Ethos – mit dem gleichen sittlichen Schwung beteuerte, ohne Ausnahmegesetz zu leben, sei für Bayerns Lebensinteressen absolut unmöglich. – Wie weit die Verhandlungen über das Gesetz zum Schutz der Republik inzwischen gediehen sind, wissen wir nicht. Der Zeitung war nur soviel als sicher zu entnehmen, daß es Donnerstag im Rechtsausschuß des Reichstags durchgekaut worden ist und man hoffte, es Freitag spätestens dort abstimmen zu lassen. Ob es nun noch an weitere Gremien geht oder gleich ans Plenum – und ob es am Ende doch schon weiter kastriert ist, – hier bei uns kann’s niemand wissen. Kein Wort erfährt man aus den Spalten, die wir lesen konnten, von den Schachereien der Parteien. Die Frankfurterin bringt nur eine demokratische Zuschrift, die sich gegen die Erweiterung der Regierungskoalition nach rechts wendet. Die Stinnes-Männer scheinen demnach die Frage, ob sie nicht Lust hätten, noch nicht beantwortet zu haben. Demnach wird auch wohl die Breitscheid-Hilferdingsche Minister-Herrlichkeit noch Zukunftstraum (der Kommunisten) sein, und die fürchterliche Angst der Republikmänner, daß sie den Reichstag werden auflösen müssen, noch nicht behoben sein. Was aus uns wird, darüber scheint man sich bei den Wirthuosen sehr wenig Gedanken zu machen. Denn aus den Briefen, die wir kriegen, geht hervor, daß unsre Angehörigen diese Frage noch absolut nicht als geklärt ansehn. Mir ist das unverständlich. Da der Reichsrat sich schon vor über einer Woche für die allgemeine Amnestie entschieden hat, und sich Tag für Tag zeigt, daß die bayerischen Hoheitsansprüche keine Beachtung mehr finden, wüßte ich nicht, von wo – es sei denn, daß ganz unvorhersehbare katastrophische Ereignisse einträten – noch die Vernichtung unsrer Hoffnungen kommen könnte. Wird man so töricht sein, den Reichstag aufzulösen, ohne uns vorher freizulassen? Die bürgerlichen Parteien ließen sich dann einen feisten Brocken aus den Fingern gehn, der sie beim Proletariat (dem es doch in der Tat schnuppe sein kann, ob Wirth oder Bauer oder Hilferding) als sehr arbeiterfreundlich empfehlen würde. Allerdings: jetzt murksen sie schon zwei volle Wochen mit ihrem Gesetzchen herum und, da die Erinnerung an den Zweck der Übung darüber bald vergessen wird, wird das Kompromiß zum Schluß einfach eine neue – „in der Verfassung verankerte“ – Daumenschraube für die paar noch revolutionären Gruppen der Arbeiterschaft vorstellen. In diesem Punkt sind ja auch die beiden feindlichen Strafrechtslehrer Radbruch und Kahl ganz einig, daß, wer den Sozialismus aus der Theorie in Praxis umsetzen möchte, genau so gefährlich ist wie der, der den Hohenzollern das gesamte Nationalerbe wieder ausliefern will. Beiden gebührt das gleiche Ausnahmegesetz – und konsequent ist dieser Standpunkt ganz gewiß. Wer sich von der Bourgeoisie engasieren[engagieren] läßt, um die für sie nützliche Politik zu leiten, darf keine Seitensprünge zulassen, sondern muß reaktionäre Offiziere als Republikaner und revolutionäre Arbeiter als Nachtwächter des Kapitals züchtigen. Es scheint aber, als ob den republikanischen Bürgern sehr bald die Züchtigung hungriger Arbeiter wieder bedeutend wichtiger werden wird als die Verfolgung derer, die bisher für sozialdemokratische Regierungen noch immer die tüchtigsten Proletariermetzger gestellt haben. Die Markvaluta rast in einem Tempo abwärts, das uns mit Sicherheit vor die allergrößten Existenzkämpfe der Arbeiterschaft führen wird. Schon steht der Dollar auf 526 Mark: das ist eine Steigerung von über 100 Mark in einer Woche. Im Ruhrgebiet rumort es denn auch schon. Der Druckerstreik (der nur Berlin zu betreffen scheint) geht fort. Die politischen Demonstrationen, die unausgesetzt immer noch auf den Straßen vor sich gehn, „arten aus“; d. h. der knurrende Magen der Demonstranten verlangt sein Recht und es wird geplündert, und so kann man allgemein – auch ohne Kenntnis irgendwelcher wesentlicher Details – schließen, daß die Stagnation im Klassenkampf wieder kräftiger Bewegung zu weichen scheint. Gelingt es dabei dem Proletariat, die Bonzenpolitik abzuweisen, sich alle Moskauer Parolen zu verbitten, Parlamentarismus, Gewerkschafts-Kompromißlerei, marxistische und parteisozialistische Führerambitionen von Anfang an sich vom Halse zu halten, vermag es von den Betrieben aus seinen eignen Willen gegen Bürokratie und Tradition durchzusetzen, dann ist es möglich, daß ich mich beim Hinaustreten in die Freiheit gleich wieder in Reih und Glied werde stellen können und mein Rat mancherlei nützen kann, um neue Niederlagen durch Trägheit, Schwäche und Korruption zu verhindern. Gelingt’s mir, eine neue Revolution solange vom Parteigeist frei zu halten, bis die Gefahr nach Genua Einladungen anzunehmen behoben ist, dann mögen die „Kommunisten“, wenn sie schließlich den Rahm abschöpfen, mich getrost als Verräter auf den Sandhaufen stellen. Denn nach ¾ Jahrhundert Marxismus in Deutschland wird eine deutsche Revolution wohl erst den ganzen Leidensweg einer Parteidiktatur durchmachen müssen, bis sie aus theoretischer Verbohrtheit zur Selbstverständlichkeit des Freiheitwillens zurückfindet.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 11. Juli 1922.

Heute ist – wenigstens bei uns im II Stock keine einzige Zeitung ausgegeben worden, nachdem gestern abend noch ein paar inhaltsarme Blätter verteilt wurden. In ihnen war eine Nachricht enthalten, die einen Teil der Genossen wie mit der Keule in den Boden der Enttäuschung niederschlug. Im preußischen Abgeordnetenhaus nämlich wurde ein Amnestiegesetz beraten und angenommen, nach dem die politischen Verbrechen und Vergehn mit Ausnahme von Rohheitsdelikten und mit Ausnahme fast aller Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz amnestiert werden. Der Antrag, die Amnestie auch auf die gemaßregelten Eisenbahner vom Februarstreik auszudehnen, wurde charakteristischerweise von der bürgerlichen Mehrheit abgelehnt. Die Verzweiflung im Hause war groß. Nach dieser Meldung war es den meisten klar, daß das Reichsamnestiegesetz wieder wie 1920 nur gegen das Reich gerichtete Straftaten umfassen werde, sodaß alles übrige den Einzelländern überlassen bliebe und wir Bayern demnach selbstverständlich das Nachsehn hätten. Wir wenigen, die ruhig blieben, hatten es schwer genug, unsre durchaus optimistische Auffassung auch jetzt noch zur Geltung zu bringen. Da in einer Zeitung ein paar Vorbemerkungen zu dem Parlamentsbericht über das Entstehn des preußischen Gesetzes Aufschluß gaben, wurde uns das sehr erleichtert. Dort hieß es nämlich, das Gesetz sei nicht von der Regierung sondern aus der Initiative von Landtagsparteien selbst eingebracht worden. Die Regierung hätte dazu schon darum nicht die Möglichkeit gehabt, weil sie erst die Verabschiedung des Reichsamnestiegesetzes hätte abwarten müssen und weil ihr Entwurf erst den Staatsrat hätte passieren müssen. Nun vermute ich folgendes: Der Entwurf der Reichsregierung muß sehr lahm sein, was ja seinerzeit sogar Heilmann mit der Forderung betonte, er müsse durch Maßnahmen der Einzelländer verbessert werden. Schon daraus ist nicht etwa zu schließen, daß das Reich sich aus Rücksicht auf die Justizhoheit der Länder in deren Rechte nicht einmischen wolle, sondern im Gegenteil, daß es eine Amnestie erlassen möchte, die den Einzelländern Korrekturen ermöglicht, demnach eine solche, zu der teilweise auch die Länder aus eignem Willen berechtigt sind, und daß nur Ausnahmen sachlicher nicht zuständigkeits-bedenklicher Art vorgesehn sind, Ausnahmen allerdings, die große Unzufriedenheit erwecken müssen. Daher wird man in Preußen – wahrscheinlich von sozialdemokratischer Seite aus – die Reichsamnestie haben präjudizieren wollen, um im Reichstag sagen zu können: ihr dürft die bayerischen und bremischen Delinquenten am Ende nicht schlechter fahren lassen, als die preußischen gefahren sind, zumal diese alle erst seit höchstens 2 Jahren, die andern aber seit über 3 Jahren festsitzen. Es ist auch möglich, daß mit der preußischen Initiative ein moralischer Druck auf Bayern geübt werden soll. Wenn die Herren Lerchenfeld, Schweyer, Preger, Emminger wieder zetern: ihr greift in unsre Justizhoheit ein, wird man ihnen antworten können: Eure Justizhoheit ist unangetastet. Ihr hättet jederzeit das Recht gehabt, Eure bayerischen Gefangenen nach freiem Belieben zu amnestieren, wie es Preußen noch unmittelbar vor den Reichstagsberatungen getan hat. Aber nach der Weimarer Verfassung, die für Bayern ja auch noch Geltung hat, darf das Reich allgemeine Amnestieen erlassen und macht von diesem Recht Gebrauch, unbekümmert darum, daß ihr von euerm Amnestierungsrecht grundsätzlich keinen Gebrauch macht, – es sei denn für Nationalisten und deutschvölkische Mörder. Nachdem jetzt alle Welt weiß, daß bayerische Staatsämter als Mordprämien ausgeboten werden, wird die tragische Geste der verletzten bayerischen Eigenart wohl keinen allzu imponierenden Eindruck mehr machen. – Nach alledem scheint mir zu irgendwelchem Pessimismus bislang wenig Ursache. Wenn kein unvorhersehbarer Glücksfall den Lerchenfeldwebeln zuhilfe kommt, wird die Frage kaum mehr erörtert zu werden brauchen, ob wir herauskommen, und nur der Zeitpunkt wird zweifelhaft sein. Der hängt vielleicht noch ab von der Art der Regierungsumbildung, von der Dauer des Kuhhandels über das Gesetz zum Schutz der Republik und eventuell von einer Reichstagsauflösung (bei der die Wahlen jedenfalls auf das Äußerste beschleunigt würden). Die Stinnes-Stresemann-Leute sollen auf die Frage der Zentrums- und demokratischen Partei, ob sie nicht mit hineinmöchten zum Regieren, prinzipiell ja gesagt haben. Dagegen haben aber die Uspeleute auf die schämige Frage der Sozi auch ja gesagt und nun – nachdem die USP auch noch von den Kommunisten entschieden abgerückt ist (die haben in einem plötzlichen Rückfall von revolutionärem Pflichtgefühl die Zumutung zurückgewiesen, eine Warnung des DAGB, der Afa, der SPD und der USP an die Arbeiterschaft mit zu unterzeichnen, die sich gegen „Zuchtlosigkeiten“ bei Demonstrationen wendet. So ist die „Einheitsfront“ des Parteiopportunismus (Einheit, Breiheit, Lüderlichkeit!) für diesmal glücklich wieder abgewendet), – sabbeln sich die „Vorwärts“- und „Freiheit“-Schwarzrotgoldnen so liebevoll gegenseitig an, als hätten sie einander niemals Mörder und Verräter genannt. Also die „Erweiterung der Regierungskoalition“ – nach rechts oder nach links! – muß sich erst entscheiden, – damit sich unser Schicksal (für meine Person: 12 Stunden oder 12 Jahre!) ebenfalls entscheiden kann. (Allerdings glaube ich bis jetzt noch, daß Stresemann in der Regierung vorerst keine andre Politik treiben könnte als Breitscheid, und Hilferding keine andre als Becker). Gestern schrieb ich, die Herren Hoffmann und Gollwitzer betrieben ihre nervenpeinigende Politik gegen uns wahrscheinlich zu dem Zweck, um dem Grafen Lerchenfeld womöglich noch rechtzeitig von uns selbst geliefertes Material gegen die Amnestie zur Verfügung stellen zu können. Sie haben Grund, sich sehr zu freuen. Morgen verläßt uns Taubenberger, der Meistgemaßregelte des Hauses. Er hielt es für angezeigt, noch am letzten Tag seinen radikalen Revolutionarismus sinnvoll zu produzieren. Heute früh schlug er an die Innenseite der Hofplanke ein Flugblatt an, das irgendwie schwarz hereingekommen sein muß, und in dem eine Reihe der Schandtaten der Verwaltung gegen die Festungsgefangenen zusammengestellt und die Arbeiterschaft zu Solidarität mit uns aufgefordert wird. Unten drunter stand mit Blei geschrieben: „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut!“, also die Worte, mit denen Hoffmann sein Plaidoyer im „Geiselmord“-Prozeß abschloß, und das unterzeichnet: „O. C. Niederschönenfeld.“ Ich kam grade in den Hof, als zwei Märtyrer mit der Abnahme des Flugblatts beschäftigt waren und sah, daß dessen Rückseite ganz voll stenographiert war. Was der Esel da am letzten Tage, an dem ihm nichts mehr gefährlich werden kann, noch draufgesudelt hat, ist nicht abzusehn. Jedenfalls nichts, womit er uns Zurückbleibenden Gefälligkeiten erweist. Die Erregung vieler Genossen über die wahnwitzige Torheit Taubenbergers ist sehr groß, und bei der bekannten Skrupellosigkeit der bayerischen Justizbehörde ist die Gefahr ebenso groß, daß diese Geschichte noch mit dem ganzen Aufgebot Kühleweinscher Intrigantenkunst gegen uns alle öffentlich benutzt wird. Gewisse Angstmeier wollten mich schon veranlassen, eine Erklärung an die Verwaltung zu verfassen, worin wir davon abrücken würden. Natürlich habe ich das schroff zurückgewiesen. Ich habe mit den Lümmeleien und dem Pseudoradikalismus Taubenbergers und seiner Freunde nichts zu schaffen, aber noch viel weniger verbünde ich mich, um sie zu bekämpfen, mit meinen Kerkermeistern und Quälgeistern. Es gäbe eine „Aktion“, die die Lausbüberei einigermaßen kompensieren könnte: das wäre eine gehörige Tracht Prügel zum Abschied für Taubenberger. Dann könnte die Verwaltung mit der Geschichte mindestens nicht gegen die operieren, die deswegen losgeprügelt haben, und T. hätte einen Denkzettel darüber, daß man bei der Rückkehr in die Freiheit denen, die im Gefängnis zurückbleiben, keine Wanzenbrut in die Matratze einzuschmuggeln hat. Da ich übrigens selbst kein Raufbold bin, werde ich auch keinen andern auffordern, die Prozedur vorzunehmen. Aber die Atomsphäre könnte durch eine Tracht Prügel auf den Buckel eines dieser verantwortungslosen Krachbrüder nur gereinigt werden.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 12. Juli 1922

Am 12. Juli 1919 – heute vor 3 Jahren – wurde mir das Urteil gesprochen: 15 Jahre Festung. Meine Erwartung damals, in 15 Monaten werde es überstanden sein, hat allerdings getrogen. Nur, daß in der Tat nach jenen 15 Monaten grade die Amnestie-Absicht der bayerischen Regierung öffentlich bekannt gegeben wurde, mit der wir aber völlig genarrt wurden. Jetzt – 3 Jahre nach der Urteilsfällung stehn die Chancen zweifellos recht günstig. Nur macht das Auf und Nieder, die Unsicherheit der Situation den Nerven nachgrade schwer zu schaffen. Dazu tut die Verwaltung in offenkundiger Absicht ihr Aeußerstes, um die allgemeine Nervosität zum Explodieren zu bringen. Gestern wurde keine einzige Zeitung ausgegeben – und in der Bekanntgabe der Beschlagnahmungen – 43 Blätter der Höhepunkt des bisher an Konfiskationen Geleisteten erreicht (dabei erscheinen die bürgerlichen Blätter Berlins infolge des – inzwischen auf die Staatsbetriebe und die Notendruckerei ausgebreiteten Streiks – nicht einmal). Heute wurden nur ganz wenig Konfiskationen bekannt gegeben: mir z. B. nur die einer sogenannten „Sammelsendung“, bestehend aus Münchner nur bürgerlichen Blättern. Die bei der Austeilung der Post hochgespannten Erwartungen wurden indessen wieder getäuscht. Außer einer einzigen – völlig belanglosen und veralteten – Nummer der Wiener Roten Fahne wurde keine einzige Zeitung ausgegeben. Natürlich greift eine schauderhafte Erregung um sich, die ja zweifellos auch der Zweck dieser sinnlosen Infamie ist, um irgendetwas zu provozieren, was zur Stimmungsmache gegen uns zu verwenden ist. Dazu stimmt auch die zum ersten Mal heute geübte Schikane, daß plötzlich – selbstverständlich ohne irgendwelche Bekanntgabe der Neuerung vor ihrer Einführung – verboten wurde, Besuchern bei ihrem Fortgang aus dem Fenster nachzuwinken. Wenn Zenzl das nächste Mal herkommt – hoffentlich werden wir unser Wiedersehn aber endlich sehr anders feiern können –, dann wird sie sich vom Feldweg aus nach mir umsehn, und ich werde einen Aufseher hinter mir stehn haben, den sein Martyrium verpflichtet, den Ehemann zu hindern, seiner Frau Grüße zuzuwinken. Das ist „Ehrenhaft“; und das ist Bayern, das Bayern, in dem Staatsbeamtenposten an den Meistmordenden vergeben werden. Ob diese ungeheuerliche Tatsache wohl von den oppositionellen Kreisen genügend gewürdigt und ausgenutzt wird? Ich fürchte immer, daß die Regie gegen die Reaktion nichts taugt. Man müßte die Enthüllungen in der gegen Maximilian Harden gerichteten Attentatssache in den Vordergrund aller Agitation stellen, müßte die Geschichte zurücksuchen bis in die dunkelsten Tiefen der Renaissancezeit, um Parallelen etwa in Gebräuchen aufzuzeigen, wie sie in der Umwelt Rienzis zuhause waren. Denn diese Dinge stellen auch das heutige Ungarn in den Schatten, wo man den Bluthund Hejas doch endlich persönlich bei den Beinen zu fassen scheint (leider hat das Vorenthalten der Zeitungen mir die Orientierung über diese interessanten Vorgänge unmöglich gemacht). Ferner müßte die Wiederaufnahme der Nachforschungen nach den Gareis-Mördern unter dem Gesichtspunkt betrieben werden, daß alle seither in den bayerischen Staatsdienst eingestellten Leute auf die Verbindungen und Beziehungen hin kontrolliert werden, denen sie diese Staatsversorgung zu danken haben. Es ist ja eine ganz verwegene, aber angesichts der Ethik in dieser Ordnungszelle keineswegs absurde Idee, daß etwa wir politischen Gefangen unter unsern Schikaneuren Märtyrer haben, die sich diese Stellung mit der Waffe in der Hand, maskiert und aus meuchlerischem Hinterhalt „erkämpft“ haben. Daß sie damit einen Befähigungsnachweis der vorzüglichsten Qualität erbracht hätten, mit Revolutionären und Feinden teutscher Ludendorfferei umzugehn, steht fest. – Aber: wird man auch nur die persönlich kompromittierten Herren Frick und Glaser verhaftet haben, von Pöhner, geschweige denn von Ludendorff, Pittinger und Konsorten garnicht zu reden!? Nach den Nachrichten, die brieflich hereinkommen, muß man im Gegenteil annehmen, daß diese Sorte vorläufig noch keineswegs verzweifelt ist oder auch nur zu verzweifeln brauchte. Zenzl schreibt mir über die Amnestie-Aussichten: „es geht hin und her“ und rechnet noch damit, daß eines Tages „alles in den Dreck geflogen“ sein kann. Aus einer Karte August Fischers ist zu schließen, daß sehr erbittert um uns gekämpft wird, sodaß also auch im Reich noch nichts festzustehn scheint, und sonst überall nur: hoffentlich! Auf baldiges Wiedersehn! u. s. w. Stets noch bedingte Form. Hier drinnen wird hauptsächlich kolportiert und kommentiert, was gestern Gollwitzer bei einer gelegentlichen Unterredung mit dem Genossen Michel Fischer auf dessen direkte Frage geantwortet hat, was denn eigentlich los sei, da wir keine Zeitungen mehr erhielten und doch wenigstens ungefähr wissen möchten, ob wir mit einer Amnestie in der nächsten Zeit zu rechnen haben oder nicht. Gollwitzer, der stets den Wohlwollenden heraushängt, wenn man ihn bei der jovialen Seite packt, erwiderte: es sei noch alles ungewiß. Wahrscheinlich werde die Sache eben (also gestern) im Reichstag entschieden. Er für seine Person glaube, daß Bayern von sich aus nach preußischem Vorbild eine eigne Amnestie machen werde. Ich lege auf diese Orakelei sehr wenig Wert. Gewiß ist es nicht absolut unmöglich, daß der bayerische Landtag, um von den Reservathoheitsrechten noch einen Fetzen zu retten, und um womöglich das Aeußerste abzuwenden – daß man nämlich Leute à la Mühsam herauslassen soll – jetzt noch schnell nachholt, was im September 1920 wortbrüchig unterlassen wurde. Vorläufig meine ich aber, mit solchen Halbheiten können sich die Arbeiter – und diesmal sind ja sogar die Gewerkschaften und die Organisationen aller politischen Richtungen festgelegt – nicht abspeisen lassen. Von dem „Gesetz zum Schutz der Republik“ allerdings brauchen die Nationalisten nichts mehr zu fürchten. Es heißt ja schon, selbst die Deutsche Volkspartei werde mit dafür stimmen. Dies Gesetz wird eine „Diktatur der Mitte“ etablieren, die sich schlimmer als das Sozialistengesetz gegen links auswirken wird. Dies Gesetz annehmen und die Amnestie preisgeben – der Sozialdemokratie könnte mans gesinnungsmäßig gewiß zutrauen; aber ich glaube, sie können es nicht wagen. Dennoch sehe ich ein, daß wir den Weg in die Freiheit noch nicht allzu sicher offen sehn dürfen, und erst recht sehe ich, daß wenn „alles in den Dreck geflogen“ ist, das eine neue Verurteilung für eine neue sehr lange Reihe von Jahren bedeuten müßte. Denn dann hat das Proletariat bewiesen, daß es selbst in der günstigsten Situation und bei völliger äußerlicher Einigkeit gegen den geschlossenen reaktionären Willen der Bourgeoisie zu allem unfähig ist. Dann sind wir den bayerischen Mörderprotektoren auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Nun – hoffen wir, daß das Würfelspiel um unser Schicksal, das sich in diesen Tagen entscheiden muß, sich günstig wende. – Taubenberger hat es für seine Person nun also hinter sich. Er ist bis zuletzt seinem Charakter treu geblieben und hat die Rolle des enfant terrible durchgehalten. In die Einzelzelle mußte er geschleppt werden, da er sich weigerte, gutwillig hineinzugehn. Dort soll man ihm auch mit Gewalt die Kleidung zur Kontrolle ausgezogen haben. Nach der Entlassung umkreiste er heute vormittag noch lange den Bau und viele Märtyrer mußten aufgeboten werden, um das Zuwinken zu verhindern. Auch sah man Leute, denen der Ettstraßencharakter von fern anzumerken war, ihn draußen in gemessenen Abständen observieren. – Taubenberger war nicht der Übelste von der Gruppe Krach. Zweifellos meint er es mit Revolution und Kommunismus ehrlich, ist aber – hauptsächlich durch Elberts Einfluß – verdorben und politisch unklar und nicht ernst zu nehmen. Wo sollte er’s auch her haben? Jetzt ist er 28 Jahre alt. 1914 – 20jährig und noch Fortbildungsschüler – ging er kriegsfreiwillig ins Feld. 1918 war er im Gefolge Erzbergers und der Waffenstillstandskommission mit in Compiègne und kam als frischgebackener Revolutionär ins Gewirr der Rätebewegung und auf Festung, wo er sich radikalisierte, in dem Sinne, wie die Schwachköpfe um Sauber und Wiedenmann es verstehn. Ich rede nicht von der Arroganz, mit der Revolutionäre dieser Art unsereinem, der sein Leben lang in der Bewegung gekämpft hat, die Legitimation als Revolutionär bestreiten. Ich denke mir, dieser Taubenberger, der immerhin Tatendrang und ein gut Teil Auffassungs-Intelligenz – wenn auch garkeine eigne Kritik – hat, wird sich am Ende draußen im Lebenskampf noch zurechtfinden. Mag er zunächst nach Elbertschem Vorbild verleumden und übel tun. Findet er mal zu sich selbst, dann wird ihm sein starkes Temperament und seine subjektive Ehrlichkeit aus Lüge und Irrtum heraushelfen, und er kann der Sache des Proletariats eines Tages ein sehr nützlicher Helfer werden. Ich wollte, man könnte den Krach-Radikalen bei uns allen diese Prognose stellen. Leider ist das Gegenteil der Fall.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 13. Juli 1922.

Die für unser Schicksal bedeutungsvollen Dinge haben plötzlich – wenigstens für uns plötzlich – eine Wendung zum Schlimmen genommen, wenn auch die Verzweiflungsstimmung pessimistischer Genossen noch durchaus verfrüht ist. Gestern mittag war keine einzige Zeitung ausgegeben worden. Unsre in Verwaltungsdienst arbeitenden Genossen erklärten daher den Streik, bis sie wieder aus Zeitungslektüre etwas über die Lage erfahren könnten. Und Gollwitzer hatte Glück. Er konnte, ohne seine bisherige Übung, uns nur schlechte Nachrichten lesen zu lassen, zu verleugnen, noch gestern abend den Fränkischen Kurier von Dienstag abend heraufschicken und legte die ihm wohl belanglos scheinende Ausgabe von gestern früh mit bei. In der Dienstag-Abend-Nummer stand der Bericht über die Verhandlungen des Rechtsausschußes zum Amnestiegesetz. Groener bekämpfte die Ausdehnung der Straferlasse auf die Gemaßregelten des Eisenbahnerstreiks mit der amüsanten Begründung, ein solcher Gnadenakt würde auf die damals „treu“ gebliebenen Elemente verwirrend wirken. Dadurch würde der Disziplin und der Staatsautorität in einem Maße Abbruch geschehn, daß die Tendenzen, die Eisenbahn privatkapitalistischen Unternehmern auszuliefern, so gestärkt würden, daß das Ende des fiskalischen Monopols für die Verkehrsanstalten gekommen sei. So wurde denn also auch im Sinne Gröners gegen die Eisenbahner beschlossen. Und dann heißt es: der Antrag der Sozialdemokraten und Unabhängigen (die Kommunisten haben keinen Sitz mehr in den Ausschüssen, weil sie nach allen Rückläufen zu den Unabhängigen keine Fraktionsstärke mehr haben), politische Vergehn im ganzen Reichsgebiet zu amnestieren, wurde abgelehnt und der Regierungsantrag, gewisse gegen das Reich gerichtete politische Vergehn straffrei zu lassen, gegen Nationaldeutsche, Deutsche und Bayerische Volksparteiler angenommen. Daraus ergibt sich, daß die Regierung als solche in der Tat nur einen Amnestieentwurf vorgelegt hat, der das Gesetz von 1920 bis zur Gegenwart fortwirken lassen will, sodaß von hier jedenfalls nur die im Sprengstoffprozeß verurteilten Genossen und die Kuriere, deren Straftaten damit zusammenhingen – Thierauf, Schiff und Popp – auf grund dieser Amnestie frei würden; ferner daß gegen eine weitergehende Amnestie die gesamte bürgerliche Ausschußmajorität zusammenhielt. – Nun brachte aber die Mittwoch-Morgen-Zeitung den Bericht der Sitzung des Reichstagsplenums vom Dienstag, in der die Beratung des Gesetzes zum Schutz der Republik – offenbar also schon nach dessen Durchberatung im Ausschuß – fortgesetzt wurde. Dieser Bericht läßt uns viele Zusammenhänge in den Vorgängen der letzten Zeit erraten. Er beginnt mit einer Rede des Sozialdemokraten Wissell (das ist eine der kopfklarsten und zugleich reinlichsten Persönlichkeiten, die die Partei hat). W. polemisiert gegen die Verschlechterungen, die das Gesetz im Ausschuß erfahren hat, polemisiert gegen Bayern und kommt zum Schluß mit einer Drohung: in der zweiten und dritten Lesung werde das Gesetz von den Verunzierungen durch den Ausschuß gereinigt werden müssen, übrigen werden die Sozialdemokraten das Gesetz überhaupt nicht verabschieden, bis nicht entschieden ist, was aus der Amnestie, der Verpflichtung der Beamten auf die Republik und dem Gesetz über die Reichskriminalpolizei geworden sei. Dann zog der Deutschnationale Gräfe sehr aggressiv vom Leder und wurde vom Zentrumsmann Bell zugedeckt. Levi zog gegen Bayern los, und der Augsburger Staatsanwalt Emminger als Redner der Bayerischen Volkspartei scheint sehr unvorsichtig mit seinen Worten umgefuhrwerkt zu sein (der „demokratische“ Fränkische Kurier kachiert die Rede nach Möglichkeit), denn er rief sogleich den Reichskanzler Wirth selbst auf den Plan, der nun energischer als irgendeiner der linken Vorredner vorgegangen zu sein scheint. Er beantwortete zunächst das auch von Professor Kahl vorgebrachte Argument, das Gesetz sei überstürzt, mit der interessanten Feststellung, daß Wissell im Namen seiner Partei gesprochen und also die Verzögerung der Annahme durch ultimative Bedingungen angekündigt habe. Und dann nahm er sich Emminger vor, woraus man erfuhr, daß dieser Herr sich Arcos angenommen und bei dieser Gelegenheit leichtsinnig geäußert habe, solche Fälle werden den Staatsgerichtshof öfter beschäftigen. Wirth schloß durchaus geistesgegenwärtig, daß man also schleunigst Abhilfe gegen die von Emminger angekündigte Serie neuer Morde schaffen müsse. Wie sich aus den an diese Rede angeknüpften Bemerkungen der Zeitung ergibt, wurde der Reichskanzler von rechts her oft und erregt unterbrochen, und der Fränkische Kurier meint sogar, diese Provokation werde „Konsequenzen“ nach sich ziehen, die jedenfalls die Stinnes-Stresemann-Partei aus dem Liebesbund Wirth-Petersen-Scheidemann-Hilferding noch im letzten Augenblick verscheuchen werden. Dann wird unverhohlen angedeutet, Wirth werde wohl aus dem Fall Leoprechting die nötigen Lehren für seine Person ziehn wollen. So sind sie – die bayerischen „Demokraten“ der Richtung Müller-Meiningen. Noch etwas ist aus diesen Zeitungsblättern zu erkennen, nämlich daß die Deutsche Volkspartei sich tatsächlich positiv zum Eintritt in die „Große Koalition“ selbst auch mit den Unabhängigkeiten zusammen bereit erklärt hat, worob bei den Demokraten und dem Zentrum (soll wohl heißen dessen rechtem Flügel, in dem rheinische Industrielle dominieren) große Freude herrsche. Die Stresemänner erklären also, sie werden die republikanische Staatsform als Grundlage aller Reichspolitik anerkennen und die Annahme des Gesetzes zum Schutz der Republik fördern. Dabei denken sie ganz richtig: nur wenn wir die Finger in der Schüssel haben, können wir verhindern, daß etwas geschieht, was uns nicht gefällt. Vor allem, daß die Arbeiterorganisationen in die Politik dreinreden. Nun scheinen sich vorerst die Sozialdemokraten recht entschieden gegen die – doch von ihnen in Görlitz eingeladenen – Mitesser zu sträuben. Und vielleicht fallen sie diesmal wirklich nicht um, weil sie momentan mit den Unabhängigen in allen Fragen zusammengebunden sind und von denen doch wohl in diesem Augenblick keine derartige Preisgabe der Arbeiterrechte erwartet werden kann. Es steht demnach alles auf Spitz und Knopf, und da übermorgen schon über die ganzen Entwürfe entschieden werden soll – die Herren wollen in die Ferien und werden also wohl bestimmt keine sehr langen Verzögerungen mehr eintreten lassen – hat die Situation für uns jetzt wohl ihre höchste Spannung erreicht. Zenzl schreibt mir: „man kann weder ja noch nein sagen“. Aber; bis jetzt ist noch nichts verloren, denn „die Forderungen der Arbeiter stehn“, – und aus den Reden, die von den Herren rechts gehalten wurden, geht fortwährend die Angst vor dem Generalstreik hervor. So zweifelhaft die Festigkeit der Parlamentsparteien zu bewerten ist, so zweifellos ist, daß jetzt für uns alles allein davon abhängt, ob das Proletariat auf dem Damm bleibt (und dies buchstäblich). Ohne mich Illusionen hinzugeben – denn ich kenne die „Führer“ [–,] sehe ich doch aus dem Ultimatum Wissells, daß die Parlamentsparteien unter stärkstem Druck der Massen stehn. Bayern und damit alle Reaktionäre haben in den 2½ Wochen, seit die Erregung hochging, enorm Terrain gewonnen. Das Proletariat wird jetzt zeigen müssen, ob es sich wieder einmal von Advokatenkniffen um seine ganze schon gewonnene Position prellen lassen wird oder ob es endlich entschlossen ist, seine Macht zu gebrauchen. Wir gefangenen Räterepublikaner sind Spieleinsatz, aber es geht um mehr als um unsre Freiheit. Es geht um die Erprobung des Arbeiterwillens als maßgebende Potenz in der Politik dieses Staates und damit im gesellschaftlichen Geschehn allgemein.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 14. Juli 1922.

Ohne alle Orientierung. Weder gestern noch heute ist ein einziges Zeitungsblatt in unsern Besitz gelangt. Man kann wirklich gespannt sein, wie lange die Herrschaften noch so infam Schindluder mit uns treiben können. Vorerst scheinen sie sich noch recht sicher in ihrer Macht zu fühlen. Hier geht wenigstens alles im alten Stil weiter, die „Klavierstimmer“ sind seit früh am Werk und klopfen sämtliche Fenster ab, ob wir die Gitterstangen nicht inzwischen durchgesägt haben. Außer den täglich jetzt zu Dutzenden mitgeteilten Zeitungsbeschlagnahmungen (wir kriegen aber auch die nicht einmal, deren Konfiskation nicht bekanntgegeben wird) gehn auch ungewöhnlich viel Briefe und Postkarten zu den Akten. Und die Gerichte arbeiten mit Hochbetrieb an Ablehnungen von Gesuchen um Bewährungsfrist und Strafunterbrechungen. Seit 3 Monaten ist keine einzige Einzelbegnadigung mehr vom Ministerium oder einem Gericht bewilligt worden. Für Thierauf hatte der Münchner Stadtrat um Strafunterbrechung eingegeben: abgelehnt. Daudistel berief sich in einem Beschwerdeschriftsatz gegen die Ablehnung eines Bewährungsfristgesuchs darauf, daß in seinem Standgerichtsurteil falsche Tatsachen zu seinen Ungunsten dem Strafmaß zugrunde gelegt seien: er sei als Matrose wegen Meuterei nicht zu Zuchthaus, sondern zu Gefängnis verurteilt gewesen, ferner sei die Summe, die er als Beauftragter der Räteregierung in München requiriert habe, lange nicht so groß gewesen, wie das Gericht unterstellte. In der Antwort des Obersten Landesgerichts wird die Ablehnung der Beschwerde so motiviert: eine Entlassung auf Bewährung sei bei der Höhe des Strafmaßes (6 Jahre) noch verfrüht, an der auch die Tatsache nichts geändert hätte, daß Daudistel nicht Zuchthaus sondern Gefängnis als Kriegsmeuterer erhielt und daß das Gericht eine höhere als die requirierte Summe annahm. Die Leichtfertigkeit des Standgerichtsurteils bei der Aufstellung der die Höhe der Strafe begründenden Tatsachen wird also garnicht bestritten, aber da ja gegen Standgerichtsurteile Rechtseinsprüche nicht erhoben werden können, ist das Oberste Landesgericht in der angenehmen Lage „festzustellen“, daß – ganz gleich wie die Tatsachen lagen – die 6 Jahre Festung immer als „entsprechende Sühne“ verhängt worden wären. Meine alte Meinung bestätigt sich, daß wir nicht nach unsern nachweisbaren Straftaten, sondern nach dem Grade der Gefährlichkeit abgeurteilt worden sind, wie er nach Taxierung der deutschnationalen Richter und der Wittelsbachischen Offiziere, denen die „rein sozialistische Regierung“ Hoffmann uns auslieferte, zu schätzen war. In meinem Urteil ist das ja auch ziemlich deutlich ausgesprochen worden. Übrigens dürfte meine Denkschrift ans Reichsjustizministerium, die mir im Winter beschlagnahmt wurde, jetzt endlich in den Händen sein, die damit was anzufangen wissen. Hoffentlich bringt sie die Wahrheit noch zeitig genug an den Tag, um sie für unsre Befreiung nützlich verwenden zu lassen. Nach den paar privaten Postsendungen, die hereingekommen sind, scheinen unsre Kameraden und Angehörigen draußen das Spiel für verloren zu halten. Ich denke mir aber, daß bei ihnen die Entscheidung des Rechtsausschusses das Urteil trübt. Immerhin ist die Situation überaus kritisch. So sicher es ist, daß der geschlossene Wille des Proletariats unsre Amnestierung unbedingt erzwingen kann, so falsch wäre es, sich der Erkenntnis zu verschließen, daß die Organisation, die die wirkliche Macht der Arbeiterschaft repräsentiert, der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund ist. Und in was für Führerhänden sich dieser Bund befindet, – darüber gibt es keine Illusionen. Nur wenn politische Gründe zwingendster Art es unvermeidlich machen, werden sie sich für uns ihre Finger naß machen. Erzielen sie aber irgendwo einen politischen Vorteil durch unsre Preisgabe, so sind wir geliefert. Garnicht davon zu reden, daß starke Kräfte unter ihnen selbst sind, die sogar politische Vorteile andrer Art preisgeben würden, wenn sie damit unsre Befreiung verhindern könnten. Erhard Auer ist – selbst wenn er öffentlich jetzt Amnestie fordern sollte – heimlich ohne allen Zweifel für ihre Hintertreibung tätig. Und die Horde der Auerochsen ist nicht klein. Gelingt es dieser elenden Brut aber wirklich, unsre Eingitterung über die gegenwärtige Krisis hinaus zu verlängern, dann dürfen wir wohl für lange Jahre hinaus alle Hoffnungen begraben. Dann hat Bayern und die Organisation C, das System Pöhner-Kraus-Ludendorff-Helfferich gesiegt. Das Proletariat ist als lächerlicher Popanz erwiesen, und gegen uns tobt sich die dann ganz unkontrollierte und mit unbeschränkten Vollmachten ausgerüstete Maffia unsrer Peiniger ärger aus als je zuvor. Forderungen, uns freizugeben, aber werden nur noch dem Gelächter der Reaktion begegnen. Ihre Antwort bekamen wir schon einmal zu hören, als die Unabhängigen im Landtag das Verlangen aussprachen. Da meinte ein Mitglied der bayerischen Volkspartei in schöner Naivität: Mit den Amnestieen muß es endlich mal ein Ende haben! – Und da waren denn auch die Herren Sozialdemokraten überzeugt, und machten mit dem ein Ende, womit noch nie ein Anfang gemacht worden war.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 15. Juli 1922.

Es gibt allerlei Neuigkeiten, die die unser Schicksal bestimmenden Umstände aber eher noch verwickelter scheinen lassen als bis jetzt. Gestern bekamen unsre Landtagsabgeordneten das Stenogramm der Sitzungen vom 28. und 30. Juni, in denen man die Interpellationen der Bayerischen Volkspartei und der Mittelpartei zur Verordnung des Reichspräsidenten nach der Ermordung Rathenaus beriet. Wir kannten schon die Erklärung Lerchenfelds dazu, die sich ganz an die Auffassung der Bayr. Volkspartei hielt, und die selbstredend völlig reaktionäre Stellung der Regierung verriet. Von den Rechtsparteien sprach der Klerikale Stang in etwas milderer Tonart dasselbe wie nach ihm der Deutschnationale Hilpert. Von links sprachen in, der Parteischattierung gemäß abgetönter, Oppositionsrhetorik Ackermann für die Mehrheitssozie, Niekisch für die Unabhängigen und Graf für die Kommunisten. Dazwischen balanzierten der „Demokrat“ Pius Dirr und der Bauernbündler Städele (dieser in einer formulierten Parteierklärung) mit Einerseits-Andrerseits. Bemerkenswert in diesen Reden sind Einzelheiten, die uns gewisse Einblicke in bisher verschlossene Bezirke gestatten. Stang zitierte Radbruchs erste Aeußerung zur Amnestiefrage. Da hat er gesagt, die Amnestie sei als Ausgleich gedacht für die zahlreichen ungesühnt gebliebenen Morde von rechts, worüber der Bayer sich heftigst entrüstete. Danach wollte also die Reichsregierung uns zuerst tatsächlich mit einschließen, und die Verschleppungstaktik der von Bayern dirigierten Reaktion hat sie dann wieder zum Verzicht gebracht. Von den weiteren Mitteilungen der Redner interessiert besonders eine, die Dirr sozusagen herausgerutscht ist, nämlich, welche Maßnahmen die Regierung Kahr im vorigen Jahr vorbereitete, um etwaige Arbeiterunruhen oder Versuche, den Märzaufstand nach Bayern zu importieren, zu unterdrücken. Danach sollte Herrn Pöhner als Regierungskommissar absolute Vollmacht erteilt werden. Standgerichte sollten in Kraft treten, und die Ausnahmerechte, die man jetzt dem Reichspräsidenten als verfassungswidrig verwehren will, sollten in Bayern sozusagen der Organisation C zu beliebiger verantwortungsloser Verwendung zugebilligt werden. Was das bedeutet hätte, ist klar: ein grauenhaftes Gemetzel unter der Arbeiterschaft, eine Neuauflage der Blutorgie von 1919. In diesem Zusammenhang erhält der Angriff Otto Grafs gegen Schweyer besonderes Licht, dem Belügung des Landtags vorgeworfen wurde. Seinerzeit hat ein Dampfschiffrheeder in Regensburg Engleder von demselben Pöhner, den die bayerische Regierung zum Herrn über Leben und Tod der bayerischen Proletarier machen wollte, die Aufforderung erhalten, einen großen Waffen- und Munitionsschmuggel über die Donau nach Ungarn zu bewerkstelligen, das aber abgelehnt. Schweyer, darüber befragt, hat schon als Minister des Innern seinerzeit erklärt, Engleder sei darüber vernommen worden und habe die ganze Geschichte als unwahr bezeichnet. Graf behauptet nun, Engleder sei nie vernommen worden und heute noch bereit, die Sache in der behaupteten Darstellung zu beschwören. Die Regierung hat zu dieser Anklage geschwiegen. Auch Niekisch brachte in seiner – übrigens von seinem demokratischen Standpunkt ausgezeichneten Zusammenfassung der Vorwürfe gegen Bayern – ein für uns interessantes Detail. Er sagte, Graf Arco sei garnicht mehr im Landsberger Gefängnis, sondern auf einem Gut in der Nähe Landsbergs. Der Ministerpräsident widersprach zwar, aber offenbar nur mit einem Zwischenruf oder einem Kopfschütteln. Nun erhielt ich darüber gestern, als die Sache im Hof besprochen wurde, von einem Genossen, der kürzlich erst von Landsberg hierherkam, eine überraschende Erklärung. Danach habe Arco das betreffende Gut – etwa ½ Stunde von Landsberg entfernt – der Gefangenenanstalt dort geschenkt und wohne also offiziell tatsächlich in der Gefangenenanstalt oder doch deren Dependance, wohin täglich eine Anzahl Strafgefangene zu landwirtschaftlichen Arbeiten hinübergeführt würden. Stimmt das, dann hätten sich die Hüter des bayerischen Rechts wahrhaftig selbst übertroffen: ein Mörder schenkt dem Staat ein Grundstück und darf sich darin häuslich einrichten. Da die Klitsche als Gefängnis bezeichnet wird, ist allen Anforderungen der Gesetze Genüge geschehn, und da ja als Grundbesitzer nicht der Mörder sondern der Staat anzusehn ist, liefert der ihm gratis alle Hilfskräfte zur Bewirtschaftung seiner Domäne. – Die Sache ist zu abenteuerlich, als daß man sie ohne weiteres – selbst in Bayern – für wahr halten dürfte. Aber ganz sauber ist da sicher nicht alles, und die Herauskommenden haben Grund genug, der Wahrheit auf den Grund zu gehn. – Außer den Landtagsstenogrammen kam gestern noch brieflich ein Zeitungsausschnitt herein, nach dem wir uns genauer über den Verlauf der Amnestieverhandlungen im Rechtsausschuß des Reichstags orientieren konnten. Dieser Bericht enthielt nämlich neben der Rede Gröners auch die des bayerischen Regierungsvertreters, eines Herrn v. Nüßlens. Der verzapfte den Reichstagsabgeordneten dieselben statistischen Künste, mit denen der bayerische Landtag schon oft gefüttert wurde; die Zahl der Verurteilten nach offizieller Zusammenstellung, und die gnädige Weitherzigkeit Bayerns speziell gegen die Festungsgefangenen. Etwa ⅔ aller zu Festung Verurteilten sei auf dem Wege der Einzelbegnadigung freigelassen (selbstredend hat der Mann die Leute mitgerechnet, die man nachher, wegen krimineller Kleinigkeiten oder auch ohne besondere Rechtsgründe – Stahl – wieder zurückschleppte; selbstredend hat er von denen geschwiegen, denen die vom Gericht zugebilligte Bewährungsfrist, weil sie in der Festung mißliebige Freundschaften schlossen und sich Vollmannschen Erpressungen unzugänglich erwiesen, einfach wieder strich – Seppl, Weigand). Nur noch etwa 50 Festungsgefangene (von den 60 Zuchthausgefangenen wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls geschwiegen) räterepublikanischer Vergangenheit säßen noch, und das seien lauter Führer: Bindl, Seffert, Pfaffeneder, Pinkl – lauter Führer!! Ludendorff aber und Wangenheim waren beim Kappputsch laut Feststellung der höchsten Justizorgane des deutschen Reichs „Mitläufer“. Was man in Bayern als „Führer“ ansieht, dafür ist ein Dokument vorhanden, in dem einmal dem kleinen Vogl die Ablehnung eines Gesuchs begründet wurde. Da wurde die Führerqualität ausdrücklich betont und damit bekräftigt, daß Vogl in den Münchner Kämpfen tatsächlich 6 Mann „geführt“ hatte! – Jedenfalls hat der Rechtsausschuß des Reichstags Herrn v. Nüßlens Angaben Glauben geschenkt und unsre Festhaltung beschlossen, – und heute haben wir nun eine Reihe – zum Teil offensichtlich zerschnittener – Zeitungen erhalten, und zwar ich die nach dem Berliner Buchdruckerstreik zum ersten Mal wiedererschienene „Berliner Volkszeitung“ vom – Mittwoch, woraus Neues nur sehr spärlich zu entnehmen war. Dagegen kam auch die Frankfurter Zeitung wieder mal herein – und zwar eine Nummer von gestern früh. Man kann darin die Verhandlungen des Reichstags über das Gesetz zum Schutz der Republik weiter verfolgen und erkennen, daß die Reaktion von Tag zu Tag mehr Terrain gewonnen hat, sodaß Radbruch sich selbst ironisierend den Bayern sagen konnte: wir haben schon soviel für euch getan, daß uns zu tun fast nichts mehr übrig bleibt. Zum Schluß des Berichts der Sitzung, vom letzten Mittwoch, kommt dann der Speisezettel für Donnerstag nachmittag, und da als erstes: das Amnestiegesetz. Demnach wäre vorgestern für uns schon Stichtag gewesen, doch wissen wir, daß noch immer keine endgiltige Entscheidung gefallen ist. Die Frankfurter Zeitung bringt eine Bemerkung, aus der zu erkennen ist, daß die Gewerkschaften einen äußerst wichtigen Schritt unternommen haben müssen, um eine Niederlage der Arbeiterforderungen zu verhindern. Es handelt sich jedenfalls um eine ultimative Streikdrohung für den Fall der Ablehnung, und wie kritisch die Regierung die Lage auffaßt ergibt sich daraus, daß sie ihren Präsidenten Ebert aus der Sommerfrische, wohin er grade wieder zurückfahren durfte, schleunigst heimtelegrafiert hat. Was zur Vervollständigung des Bildes noch fehlte, zeigt ein Telegramm, das wir aus der Wiener Roten Fahne herausklauben konnten. Danach hat der Reichstag das Amnestiegesetz in der Ausschuß-Fassung – durch die wir also unberücksichtigt bleiben sollen – in zwei Lesungen, angenommen, – aber die dritte Lesung vertagt. Diese Vertagung geschah zweifellos unter dem Druck jenes Gewerkschafts-„Vorstoßes“, von dem die Sozialdemokraten und Unabhängigen kaum abrücken können. Es scheint jetzt ziemlich sicher, daß entweder unter diesem Druck die Demokraten und das Zentrum in der dritten Lesung noch nachgeben und unsrer Freilassung trotz Bayern zustimmen werden oder daß mindestens die Unabhängigen dem Gesetz für die Republik die Zustimmung versagen und es damit zu Fall bringen, was die Auflösung und die Vertagung der Amnestiefrage um 6 – 8 Wochen, aber mit erhöhten Chancen für uns bedeuten würde. Alles hängt nach wie vor davon ab, wie weit die Arbeitermassen Entschlußkraft aufbringen auf ihre Führerschaft zu pressen, damit nicht schon wieder der Umfall vor der Entscheidung kommt. Unsre Aussichten stehn daher wenn auch nicht besser, so doch nicht schlechter als vorher auch. Wenn überdies wahr ist, was der Wiener „Abend“ prophezeit, daß in Bayern ausschlaggebende Kreise im Falle der Annahme der Reichsgesetze die Lostrennung Bayerns vorbereiten, dann wäre die Frage, wenn auch um kurze Zeit verschoben, so doch tatsächlich entschieden. Denn dann tritt die Reichsexekutive wie 1919 unter Noske gegen uns, so jetzt unter Köster oder Severing gegen die Pfaffen- und Ludendorffregierung in Aktion, und daß die Tschechen dabei auch nicht müßig bleiben werden, indem sie mindestens die Grenzen sperren, unterliegt ebenfalls wenig Zweifeln. Wenn nicht also das Schutzgesetz angenommen und die Amnestie für uns abgelehnt wird, werden jedenfalls Verzögerungen eintreten, die dann nicht mehr der Reaktion, die bisher davon profitierte, sondern uns zugute kommen werden. Ein großer Stein ist mir vor allem vom Herzen gefallen durch die Meldung, wie der Prozeß der Sozialrevolutionäre ausgegangen ist: Die Hauptangeklagten sind zu 3 Jahren, die andern zu je 1 Jahr Zuchthaus verurteilt worden.* Also keine Todesverdikte. Von allem Menschlichen abgesehn – man kann den Sowjetregierern wenigstens wieder die Hand reichen – und auch abgesehn von der Freude über die politische Klugheit, die dieses Urteil eingab, kann es uns nützlich werden. Ich glaube nicht, daß die Russen zögern werden, diesem milden Spruch die volle Begnadigung folgen zu lassen, was den Widerstand der deutsch-menschewistischen Kreise gegen die energische Betreibung der Kommunisten-Amnestierung entwaffnen müßte. Daß die Russen gleichzeitig die Pfaffen, die die Nationalisierung des Kirchenguts sabotieren, zum Tode verurteilten, erhöht den Wert des Urteils gegen die Sozialrevolutionäre, das nun auch völlig über die Art der Prozeßführung tröstet (politisches Theater ist nicht immer falsch). Denn es zeigt, daß man in der Tat nach Klassengesichtspunkten unterscheidet und Revolutionäre respektiert, auch wenn sie ihre Rebellion gegen andersgerichtete Sozialisten wenden. Tschitscherin hat in Genua eine bevorstehende politische Amnestie für Rußland angekündigt. Möge sie bald kommen, möge sie vor allem endgiltig Schluß machen mit den widerwärtigen Verfolgungen der Anarchisten, Linken Sozialrevolutionäre und aller Maximalisten, selbst bolschewistischer Färbung. Damit könnte sich Rußland viel Vertrauen beim Weltproletariat zurückgewinnen. Und wir deutsche politische Gefangene könnten auf sie als wirkliche Helfer in der Not hoffen. Ich glaube, es ist meine unbeschreibliche Freude über den Beweis menschlicher Gesinnung in Moskau, daß ich nicht halb so trübe in die Wirrnis unsrer eignen Gegenwart und in die Entscheidungen dieser Stunden blicke wie fast alle meine Freunde. Die Revolution in Rußland hat wieder Herz – wie sollte sie da nicht wieder Leben wirken?!

 

* war leider eine Falschmeldung.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 17. Juli 1922.

Wir sind unwissender als je. Heute kamen wieder nur ein paar verhältnismäßig gleichgiltige Mitteilungen herein – ohne daß man sich bisher die Mühe genommen hätte, uns Kenntnis zu geben von den zahlreichen Blättern, die nicht hereinkamen. 2 Frankfurter Zeitungen und eine Vorwärts-Nummer – wieder sehr geschickt auf ihre Inhaltslosigkeit herausgesucht – liegen zu unsrer Orientierung vor. Es ergibt sich aus der Lektüre folgendes: die Sozialdemokraten und Unabhängigen haben sich im Reichstag zu einer „Arbeitsgemeinschaft“ zusammengeschlossen, sodaß sie von jetzt ab parlamentstechnisch als eine zusammengehörige Fraktion zu betrachten sind. Diese Tatsache beweist, wohin die Gewerkschaften drängen: die Arbeitervertreter sollen einig gehn! Natürlich ist es törichte Illusion, sich von solchen Manövern wie diese Reichstagsabgeordnetenverbrüderung irgendwas Ersprießliches zu erhoffen. Bei Verschmelzungen politischer Gruppen macht stets die radikalere Konzessionen an die opportunistische und das Ende ist die Preisgabe aller Prinzipien zugunsten der „Taktik“. Wir haben’s ja bei der Gründung der verflossen[en] VKPD erlebt. Ich zweifle nicht daran, daß binnen kurzem aus dieser Fraternität eine Kampfgemeinschaft gegen links erwächst und tatsächlich kündigt der „Vorwärts“ auch schon schärfsten Kampf gegen die Kommunisten an, die statt republikanisch-demokratische Politik sans phrase zu treiben, schon wieder von Moskau beredet seien, die Diktatur des Proletariats als ihr Ziel anzupreisen. Wie sich die Unabhängigen mit ihrer Verbrüderungssentimentalität jetzt ihre Leipziger Beschlüsse, in denen das Bekenntnis zur Diktatur unzweideutig ausgesprochen ist, vereinbar denken, das verschweigt des Sängers Höflichkeit. Wer die Unabhängigen kennt, weiß übrigens, daß sie sich mit diesem Zwiespalt leicht abfinden werden. Denn sie gleichen im Lager des Proletariats vollkommen den Parteidemokraten im Lager der Bourgeoisie: zum Umfallen sind sie jede Minute bereit, und ob sie nach links oder nach rechts kippen, ist eine Frage reiner Zweckmäßigkeit. Übrigens scheint mir im Augenblick dieser erste Schritt zur Verschmelzung für uns nicht bedeutungslos. Ich sprach gestern meinen Freunden gegenüber die Vermutung aus, daß die Mehrheitler und die Unabhängigen für den Fall einer Auflösung des Reichstags wohl mit verbundenen Listen in den „Wahlkampf“ ziehn werden. Die jetzt gegründete Arbeitsgemeinschaft sieht nun sehr nach einer Bestätigung dieser Vermutung aus, und was speziell die Unabhängigen betrifft, so wäre kaum einzusehn, was sie zu einem Schritt bewöge, der sie einen Haufen Prestige bei denen kosten muß, denen sie bis jetzt ihr Anti-Nosketum als einzig greifbaren Wert gegenüber den Scheidemännern vorzusetzen hatten, wenn sie nicht bei den Wahlen einen ungeheuren Stimmenausfall im Vergleich zu 1920 zu fürchten hätten – eben wegen ihrer Waschlappigkeit und Knochenweichheit. Da in gespannten politischen Verhältnissen die Stimmungen stets zu den Extremen kumulieren, hat aber die Mehrheitssozialdemokratie im Falle von Neuwahlen eine außerordentliche Stimmenverstärkung zu erwarten, da zugleich die Bürgerlichen in ihr ihren äußersten linken, wie die Proletarier ihren äußersten rechten Flügel zu sehn meinen. Zu der Vermutung, daß die beiden nun versöhnten Parteien auf ihre Versöhnung hin Neuwahlen tatsächlich riskieren möchten, stimmt aber ein Artikel, den der große Philipp Scheidemann in Person dem „Vorwärts“ geschrieben hat. Da vergleicht er die gegenwärtige Situation mit der nach dem Erzbergermord und findet richtig, daß die Reaktion nach der ersten Aufwallung republikanischen Massenzornes wieder recht selbstsicher ihre Schafe weidet. Er kritisiert den Reichstag und läßt kein gutes Haar an ihm. Da anzunehmen sei, daß ihm im Lauf der für sein normales Leben abgemessenen Zeit von 2 Jahren doch einmal die Luft ausgehn wird, fragt er, ob man es denn dem Zufall überlassen wolle, unter welchen Parolen die Wahlen ausgeschrieben werden, – kurz er wandelt den Gedanken an eine Reichstagsauflösung so intensiv ab, daß man als Vater dieses Gedankens ohne Gewaltsamkeit Philipps Wunsch ansehn kann. Jedenfalls aber droht er, die Sozialdemokraten und Unabhängigen würden nicht ohne weiteres das Republikschutzgesetz einfach annehmen, wenn nicht gewisse Forderungen in annehmbarer Form erfüllt wären, vor allen Dingen im Hinblick auf das Reichskriminalpolizei- und das Reichsbeamtenverpflichtungsgesetz (von der Amnestie sagt Philippchen kein Wort. Die scheint er – wohl nicht ungern – der Reaktion als Verzichtsopfer bereits hergeschenkt zu haben). Und nun noch die Notiz über die nächsten Beschäftigungen des Reichstags. Soviel zu erkennen ist, soll heute (Montag) das Kriminalpolizeigesetz aus dem Schoß des Rechtsausschusses zur zweiten Lesung dem Plenum in die Arme gelegt werden, und morgen sollen dann die endgiltigen Entscheidungen fallen: über das Gesetz zum Schutz der Republik und zugleich über die drei damit verbundenen Gesetze, also auch – in dritter und letzter Abstimmung – über die Amnestie. Daß bei dieser letzten Befragung dieser Reichstag uns freigeben wird, halte ich für nicht mehr wahrscheinlich. Wenn noch Hoffnungen bestehn, so können sie sich wohl nur mehr auf die Auflösung des Reichstags gründen, der kaum mit einer amnestiefeindlichen Mehrheit zusammentreten wird. Der ganze Regierungs-Beeinflussungs-Apparat arbeitet auf die Parole hin: Republik – nicht Monarchie! Und Wirth kann sich dafür nur dann eine Massengefolgschaft sichern, wenn er den populärsten Forderungen der Arbeiterschaft in den Regierungszusicherungen weit entgegenkommt. Die Regierung würde also m. E. unsre Freilassung schon vor der Wahl für den Fall, daß sie eine republikanische Mehrheit bekommt, garantieren. – Natürlich wird sie ja nicht mit Möglichkeiten rechnen, die ich – wenn auch kaum mit sehr großen Hoffnungen – in Betracht ziehe. Wird der Reichstag aufgelöst, so geschieht es unter dem Druck der Arbeiterschaft, und zwar handeln dann die Führer unter dem Druck des revolutionären Teils der Arbeiterschaft. Ganz aussichtslos ist es vielleicht also nicht, daß in der Hitze der Wahlkampagne, die ganz sicher Straßenaktionen und vielleicht noch größere Aktivunternehmungen mit sich bringen wird, das revolutionäre Proletariat auf wirklich revolutionäre Bekundungen verfallen kann, und daß dann der Reichstag überhaupt nicht wieder zu seiner Giftmischerei zurückzukehren brauchte. Dann wäre unsre Freiheit bald besser gewährleistet als durch Auszählungsbeschlüsse politischer Schacherer. – Aber ich weiß: das ist ein schöner Traum, dessen Verwirklichung zwar nicht unmöglich, aber doch leider recht unwahrscheinlich ist. – Eigentümlich ist, daß in den Briefen unsrer Frauen lauter sehr pessimistische Aeußerungen hereinkommen. Selbst Zenzl beginnt ihre Mitteilung: „Also die Aussichten auf Freiheit sind wieder in die Ferne gerückt“, und sie ist dessen so sicher, daß sie „auf 4 oder 8 Wochen, je nachdem“ in die Schweiz verreisen will. Mir scheint, ehe nicht über die Reichstagsentscheidungen von morgen Klarheit besteht, sind alle festen Angaben hinfällig. Allerdings kann man nicht wissen, ob nicht unsre Angehörigen über Vorgänge orientiert sind, von denen wir überhaupt nichts erfahren haben und die alle unsre Spekulationen über den Haufen werfen. – Die spärlichen Nachrichten andrer Art, die in den Zeitungen stehn – Haager Kongreß etc. – gestatten in den kurzen Ausschnitten, die uns zur Verfügung stehn, so wenig Einblick, daß ich mir Betrachtungen darüber versagen muß. Auch vom Häuslichen – mancherlei wäre über die Entwicklung der persönlichen Angelegenheiten im Mittelgang zu notieren – nichts Überflüssiges. Nur zur Bestandschronik ist zu bemerken, daß gestern der erst kürzlich von Amberg zum Nachexerzieren der letzten 10 Wochen (soviel hatte man ihm „geschenkt“, um statistisches Material für Bayerns Gnadenkoller zu schaffen) eingebrachte Genosse Jung seine Zeit hinter sich gebracht hat. Eine wenig bemerkenswerte Persönlichkeit: wieder ein „Führer“ weniger!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 18. Juli 1922.

Wenig Neues, was aus der einzigen Nummer der Frankfurter Zeitung entnommen werden kann, die uns zur Information dient. Der Rechtsausschuß hat das Reichskriminalpolizeigesetz weiter kastriert, ohne indessen den zahlreichen bayerischen Versuchen, es völlig abzuwürgen, bzw. es der Pöhnerschen Polizei zur beliebigen Anwendung gegen uns ausliefern zu lassen, völlig nachzugeben. Aus den Verhandlungen des Ausschusses ist aber deutlich ersichtlich, daß bei den bürgerlichen Parteien die nach festen Entschlüssen drängenden Elemente ganz zurückgeschoben sind, und daß das Zentrum nicht mehr von der Wirth-Richtung (Bell), sondern von der rheinischen Richtung (Marx) und die Demokratische Partei von Leuten à la Hamm-Bayern beherrscht wird. Man scheint in diesen Kreisen von dem Zusammenschluß der beiden sozialdemokratischen Fraktionen sehr bestürzt zu sein. Hauptgegenstand politischer Erörterungen ist nämlich der Plan, der sozialistischen „Arbeitsgemeinschaft“ eine bürgerliche gegenüberzustellen. Diese Arbeitsgemeinschaft soll alle Parteien mit Einschluß der deutschen Volkspartei und der Bayerischen Volkspartei bis zu den Demokraten umfassen, sodaß zwei in sich geeinte „Arbeitsgemeinschaften“ gegeneinander stehn würden, deren Außenseiten rechts von den Deutschnationalen, links von den Kommunisten flankiert wären. Kommt diese Verbindung der Bourgeoisie wirklich zustande, dann wäre der Reichstagswahlkampf auf ganz andre Parolen gestellt, als man beabsichtigt hatte: dann hieße es nicht mehr: Republikaner contra Monarchisten! sondern Bürger contra Arbeiter!, wodurch natürlich die Formen des Kampfes unermeßlich verschärft würden, gleichermaßen aber das revolutionäre Stichwort: gegen den Parlamentarismus überhaupt sehr an Resonanz gewinnen müßte. Denn es ist klar, daß die vereinte Bourgeoisie mit ihren kapitalistischen Propagandamitteln einen durchaus reaktionär gerichteten Reichstag gegen die Arbeiterparteien zusammenbrächte. Daraus ergeben sich nun für die heute stattfindende Generalabstimmung über die republikanischen Schutzgesetze durchaus neue Konstellationsmöglichkeiten. Man hat Ebert aus dem Bade heimgewinkt, einmal, um den nunmehr von der „geeinten“ Sozialdemokratie präsentierten neuen Minister (Hilferding, Breitscheid oder ähnliches Kaliber) einzusegnen, dann aber wohl auch, um auf die immer noch fordernden Gewerkschaften mäßigend einzuwirken. Der hohe Zweck einer Reichstagsauflösung, der vorgestern noch Philipp Scheidemann die Feder in die beinah verdorrte Hand drückte, kann, wenn die Bourgeoisie mit ihrer „Arbeitsgemeinschaft“ ernst macht, schon leicht umgeschlagen sein in den Wunsch, zu halten was man hat, zumal Zentrum und Demokraten immer deutlicher erklären, daß sie ein Übergewicht der „Sozialisten“ in der Regierung nicht dulden können und als Gegengewicht einen Stresemann ebenfalls im Kabinett haben wollen. Die Sozi, gegen die die Unabhängigen ja jetzt keine Opposition mehr machen können, weil sie in der gleichen Fraktion einfach überstimmt werden, können sehr wohl auf ein solches Kompromiß eingehn, wofür ihnen – wenn nur die Reichstagsauflösung abwendet wird – diese oder jene agitatorisch verwendbare Kleinigkeit in ihren Schutzgesetzen konzediert werden mag, während sie ebenfalls in einem Punkt nachgeben, der beiden Teilen nicht garzuviel Herzschmalz kostet: und da die Bayerische Volkspartei mit von der Partie ist, würde man die politischen Gefangenen wohl am leichtesten preisgeben. Gewiß liegt an unsrer Festhaltung an sich keinem mehr besonders viel. Aber die bayerische Volkspartei, die im Reichstag eine bedeutend gemäßigtere Politik treibt als im Lande selbst, braucht etwas, was sie ihrem reaktionären Anhang als Fraß vorwerfen kann: und dazu sind wir hervorragend geeignet. Die „Justizhoheit“ ist für die bayerischen Eigenartisten die zugkräftigste Formel, und wenn sie als einzige im ganzen Reich ihre Delinquenten von den Rätegreueln her im Kittchen behalten können, so haben sie zweifellos einen keineswegs geringen Prestigesieg erfochten. Kommt hinzu, daß die Forderung nach unsrer Befreiung von vielen, die sie nolens volens erheben, sehr wenig als Herzenswunsch empfunden wird. Daß Erhard Auer mit seiner Koppel in Partei und Gewerkschaften alle möglichen Quertreibereien inszeniert, um die Amnestie von Bayern abzuwenden, steht absolut fest; ebenso daß es allerhand ähnlich geartete „Arbeiterführer“ auch außerhalb Bayerns und im Reichstag gibt und daß wohl selbst mancher Unabhängige ganz gern in Fraktionskreisen mal beichten würde, was er höchstens mal im trauten Ehebett seiner Ilse, geborenen Eisner ins Ohr flüstert: Weißt du, Schatz, lieber wär’s mir schon, wenn uns die Bande noch ein paar Jährchen vom Halse bliebe! – (Übrigens ist Ilse, glaube ich, in diesem Punkt anständiger gesinnt als ihr Hansi). – So wird denn die Abstimmung heute (wenn sie nicht wieder um 24 oder 48 Stunden verzögert ist) 3 Möglichkeiten zu entscheiden haben. 1.) Zentrum und Demokraten und die „sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft“ kommen zu dem gleichen Schluß: die Reichstagsauflösung muß vermieden werden. Bei den Bürgerlichen gelingt es der Richtung Wirth-Bell vom Zentrum und der Richtung Nuschke von den Demokraten den Forderungen der Arbeiter – speziell in der Amnestiefrage – zur Annahme zu verhelfen, wofür sich die Vereinten zum Hinunterschlucken des verwässerten (und für Revolutionäre sehr gefährlich gewordenen) Republikschutzgesetzes entschließen. Dann wäre die Frage in dem für uns günstigsten Sinne gelöst. Ich halte diese Lösung für die unwahrscheinliche. 2.) Der Wunsch, die Auflösung zu vermeiden, ist infolge der Drohung mit der bürgerlichen Einheitsfront bei den Scheide-Dittmännern so mächtig geworden, daß sie annehmen, was sie kriegen können und uns preisgeben. Das würde für uns die neue Verurteilung zu unabsehbaren Jahren Niederschönenfeld bedeuten können. Obwohl die Arbeiterorganisationen bisher stramm auf ihren Forderungen bestanden haben und ohne Frage imstande sind, ihre Berücksichtigung zu erzwingen, müssen wir die nahezu unumschränkte Macht im Auge behalten, die noch immer bei der Bürokratie dieser Institutionen liegt. Fallen die Gewerkschaftsbonzen um, was ihrem Charakter nach jede Minute passieren kann, dann liegen wir unter den Rädern. Die Möglichkeit, wir könnten auf diese Weise noch um sämtliche Hoffnungen geprellt werden, ist größer als die unter dem 1. Punkt genannte. Doch scheint mir die größte Wahrscheinlichkeit bis jetzt noch bei Punkt 3 zu liegen: die Philippica (Scheidemannica) steht noch auf ihren Voraussetzungen. Man fürchtet die bürgerliche „Arbeitsgemeinschaft“ nicht, weil man weiß, daß ein großer Teil Demokraten, nämlich soweit er republikanisch-pazifistisch orientiert ist, der Parole: gegen links! nicht folgen würde, ebensowenig der Teil des Zentrums, der hinter Wirth und zwar bei den christlichen Gewerkschaften, aber in Opposition zu Stegerwald-Brauns steht (diese beiden Herren sollen übrigens die Hauptschieber bei der bürgerlichen Einheitsfrontmacherei sein). Ebert gelingt es nicht, die Arbeiter von ihren Forderungen abzubringen, die Führerschaft mag es auch für ihre Pöstcheninteressen inopportun finden, – andrerseits bleiben die Herren um Marx und Petersen fest, – und das Gesetz über die Amnestie wird in der Regierungsfassung zwar angenommen – also unter unsrer Ignorierung –, aber das Schutzgesetz für die Republik fällt unter den Tisch und der Reichstag wird aufgelöst. Dann haben wir gleich nach Wiederzusammentritt des Parlaments, wenn’s dazu kommt, sofort mit einer sehr aussichtsreichen Neuauflage der allgemeinen – ohne Rücksicht auf Bayern aufgebauten – politischen Amnestie zu rechnen und unsre Abreise eben 6 – 8 Wochen zu vertagen. – „So ist die Lage“, pflegt Auer seinen Auerochsen in allen seinen Reden zu explizieren, und wenn er das gesagt hat, haben sie meistens noch weniger Ahnung, wie die Lage ist, als vor der Belehrung. Und wenn ich mein Resumé heute mit den Worten schließe, mit denen Auervater stets von der Einleitung zur Ausführung und von der Ausführung zum Schluß überleitet, so geht’s mir dabei genau so wie seinen Zuhören: nur bin ich mir unsres Ignoramus bewußt. Und das ist auch ein Trost.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 19. Juli 1922.

Wieder garnichts Gewisses. Gollwitzer hat zwar mit anerkennenswertem Raffinement wieder ein paar Zeitungen zur Ausgabe herausgesucht, aber: es steht tatsächlich so gut wie nichts darin, was uns Aufschluß geben könnte. Vielleicht erfahren wir nachher ein wenig, wenn Hagemeister, dessen Frau unten ist, seinen Besuch verabschiedet hat. Günstiger haben sich unsre Chancen zweifellos nicht gestaltet. Darauf lassen folgende Daten schließen: Der „Abend“ berichtet, daß Ebert erklärt habe, er könne sein Amt als Reichspräsident nicht weiterführen, wenn ihm seine eigne Partei die Arbeit garzu schwer mache. Mit andern Worten: Fritz, der Dicke bremst auf Teufel komm raus und verlangt von den Parteien und Gewerkschaften Nachgiebigkeit gegen die Bourgeoisie mit ihren proletariatsfeindlichen Absichten. Daß sein Einfluß auf die Bonzen, die ganz aus demselben Ton geformt sind wie er, größer als groß, nämlich bestimmend ist, steht fest. Und wie weit die Führerschaft mit der Einwicklung der Arbeiterschaft schon gediehen ist, erhellt aus dem Leitartikel des „Kommunistischen Gewerkschafters“, der aufzeigt, wie sich die Haltung der MSP und USP nach und nach von der Opposition gegen die bürgerliche Reaktion zur Aggressivität gegen die Kommunisten gewendet hat. Es wurden 2 Aufrufe nachgedruckt, deren erster von den beiden jetzt verbündeten Parteien, der Afa und des A. D. G. B. in der Hauptsache nur Warnungen enthält, sich nicht „provozieren“ zu lassen und die allerschärfsten Verurteilungen der bei den großen gemeinschaftlichen Arbeiterdemonstrationen vorgekommenen Erregungsexplosionen und zwar unter deutlichem Hinweis auf die Kommunisten donnert. Der zweite ist der abgelehnte Gegenentwurf der Kommunisten, der viele Zitate aus dem früheren gemeinsamen Aufruf aufzählt, in denen die Entschlossenheit ausgesprochen wird, die Mindestforderungen des Proletariats im ursprünglichen Umfang, koste es was es wolle, zu erzwingen. In diesem Gegenentwurf wird aber schon recht eindringlich darauf hingewiesen, daß Mitunterzeichner der ersten Proklamation schon einen Teil dieser Forderungen bei Abstimmungen in Preußen und Sachsen preisgegeben hätten, indem sie abweichende Kompromißanträge einbrachten. Das läßt auf wenig Gutes schließen. Die „Frankfurter Zeitung“ zitiert aber gar einen Artikel der „Münchener Post“ (natürlich: Auer!), der klipp und klar den Gewerkschaften das Recht bestreitet, in politischen Dingen über eine vermittelnde Tätigkeit zwischen den Arbeiterparteien hinaus selbständig Forderungen aufzustellen. „Kein vernünftiger Mensch“ könne verlangen, daß etwa politische Forderungen mit gewerkschaftlichen Mitteln erzwungen würden. Das heißt nichts andres, als der bayerischen Arbeiterschaft den Gedanken ausreden, hinter ihre erregten Forderungen irgendwelchen Druck zu setzen, und der Kuli, dem Auer das diktiert hat, sollte selbstverständlich damit kundtun, daß die Sozialdemokraten der Ordnungszelle nicht daran dächten, in der Frage der politischen Amnestie der Regierung Schwierigkeiten zu machen. Diese Zusicherung ist umso bezeichnender, als sie zusammenfällt mit dem Beschluß der Bayerischen Volkspartei, die Gesetze zum Schutz der Republik (und dabei wird die Amnestie ausdrücklich mitgenannt) seien für Bayern absolut unannehmar (Fränkischer Kurier), wobei die Situation als „ernst“ bezeichnet wird. Dieser „Ernst“ soll wohl bedeuten, daß Bayern tatsächlich an Obstruktion denkt und andeutet, den Separationsbestrebungen, die schon bis in die Regierung selbst reichen sollen, nicht länger widerstehn zu können, wenn, wie Lerchenfeld sich kürzlich geäußert hat, das Reich Bayern in eine Verzweiflungsstimmung treiben will. Das sagte der Ministerpräsident (wir lasen es schon vor einigen Tagen in der „Süddeutschen Presse“, einem von der Frankfurter Richtung zu Hamm übergelaufenen Demokratenblättchen) bei Gelegenheit eines Interviews, bei dem er überdies das interessante Bekenntnis ablegte, ein Gesetz verdiene diesen Namen nicht, wenn es die auf es Verpflichteten nicht innerlich binde. Lerchenfeld spricht damit einen rein anarchistischen Gedanken aus (worauf ihn das Blatt auch hinweist), daß nämlich der Staat nur bestehn kann durch Zwangsgesetze, denen sich jeder zu fügen hat, ob er einverstanden ist oder nicht. Es ist immerhin wertvoll, die leitende Persönlichkeit dieser Ordnungszelle als Bundesgenossen grade in Bezug auf die Beurteilung des autoritären Staats festzustellen, auf den er sich allerdings sonst wie auf ein Sakrament beruft. Verträge – nicht Gesetze! – also auch das kann man in Bayern verlangen, und wir Anarchisten finden unsre oft verhöhnten Postulate da wieder, wo wir sie bei Gott noch nie gesucht haben. – Nun noch etwas aus dem dürftigen Informationsmaterial der heutigen Zeitungsausgabe. Der Leitartikel der Frankfurter Zeitung beschäftigt sich mit der Lage im Innern. Aus diesem sonst ziemlich belanglosen Artikel geht hervor, daß sich die bürgerliche Arbeitsgemeinschaft tatsächlich in der Konstituierung befindet, daß aber die Bayerische Volkspartei davon ausgeschlossen sei, weil sie zu einseitig bayerische Interessen vertrete und überdies zahlreiche ausgesprochene Monarchisten unter sich habe. Die Stinnespartei ist den Demokraten also republikanisch genug, was durch ein Telegramm des Grafen Lerchenfeld an Stresemann hübsch illustriert wird, worin diesem der Dank für seine Unterstützung des bayerischen Standpunkts ausgedrückt wird. Ich nehme die Ausschiffung der Bayern vorläufig nicht sehr ernst und halte sie für eine provisorische Konzession des Zentrums an die Demokraten. Ich habe nämlich das starke Empfinden, daß sich seit einiger Zeit eine starke Annäherung des Zentrums an die Bayerische Volkspartei vollzieht und zwar wahrscheinlich unter dem Druck Roms. Wirth mag sonst ein vortrefflicher Republikaner und Demokrat sein. Wenn aber die Kurie selbst pfeift, so wird er gewiß nicht nach andern Noten tanzen. Wie stark der Einfluß des Klerus unser ganzes öffentliches politisch-soziales Leben seit dem Kriege beeinflußt, das merken heute noch sehr wenige. Eines Tages wird es den Wirthuosen der Sozialdemokratie und andern schaudernd offenbar werden. – Aus dem erwähnten Artikel ist sonst nur noch herauszulesen, daß die Unabhängigen noch jammervoller allen Rest von proletarischer Verantwortlichkeit, Männlichkeit und Würde preisgegeben haben, als man es selbst von ihnen gewöhnt ist. Man kann nach allem heute ruhig sagen: die Einheitsfront ist gebildet. Sie reicht – nach rechts hin geöffnet für die Aufnahme der Helfferiche und Emmingers – vom Stinnes bis zum Breitscheid und wendet sich gegen das Proletariat. Wollen sehen, wie lange es den Kommunisten möglich sein wird, im Parlament ihren Charakter als proletarische Partei zu wahren. Ich glaube, über kurz oder lang werden sie ihrem Levi dahin folgen, wohin ihn die Konsequenz seiner Heidelberger Leitsätze gespült hat: ins Lager der Unabhängigen und von da in unabwendbarer Folgerichtigkeit zur Wiedervereinigung mit den Brüdern von ehedem: den Brüdern Ebert und Noske.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 20. Juli 1922.

Ausnahmsweise eine Eintragung am Vormittag, um nicht nachmittags mit zuviel Stoff gesegnet zu sein. Wir erhielten gestern abend noch Zeitungen, die wie es scheint Klarheit schaffen und zwar Klarheit darüber, daß wir tatsächlich geopfert sind, geopfert von den Sozialdemokraten, von den Unabhängigen und von den Gewerkschaften. Ebert hat gesiegt, will sagen: Lerchenfeld hat gesiegt. Die betreffenden Meldungen besagen: zwischen Sozialdemokraten und Unabhängigen ist eine neue Vereinbarung verabredet worden. Die Frage des Eintritts der Unabhängigen in die Regierung wird vertagt, bis sich im Oktober der Reichstag wieder versammelt. Die Unabhängigen verpflichten sich trotz schwerster Bedenken, dem verwässerten und reaktionär gewordenen „Schutzgesetz“ für die Republik zuzustimmen, ohne die Entscheidung noch von besonderen Bedingungen abhängig zu machen. Die Gewerkschaften haben dieser Vereinbarung zugestimmt, kurzum: vollständige Kapitulation der Arbeiterschaft in sämtlichen Punkten, und wir sind preisgegeben. Daß wir es sind, können wir aus einer Rede des Abgeordneten Leicht von der Bayerischen Volkspartei bei der Beratung des Amnestiegesetzes im Reichstag erkennen, die der „Fränkische Kurier“ isoliert abdruckt. Dieser christliche Herr versicherte, daß schon sein Priesterkleid ihn zu Milde, Gnade und Güte verpflichte. Daß aber in Bayern Milde, Gnade und Güte obwalte, das sei ja klar geworden aus der von Herrn v. Nüßlein im Ausschuß vorgetragenen Statistik über die Einzelbegnadigungen. Der Abg. Rosenfeld habe über harte Behandlung in gewissen Gefangenenanstalten geklagt, und es seien allerdings in einzelnen Anstalten Ausschreitungen vorgefallen. Aber, daß sie möglich waren, beweise das nicht, daß die Behandlung nicht gar so hart gewesen sei kann? (Man peinigt Gefangene bis aufs Blut und hat man sie endlich bis zu einer Handlung provoziert, gegen die man Rache in verstärktem Maße nehmen kann, sagt man: wenn’s so schlimm wäre, hätte der Mann ja niemals einen solchen Exzeß begehn können! – Christen! Pfaffen!) Der Reichsjustizminister habe das sehr bedenkliche Wort gesprochen, Amnestieen seien Meilensteine am Wege zur Beruhigung des Volks. Dieser Weg aber führe zum Friedhof und die Amnestieen würden in ihrer zu häufigen Gewährung Leichensteine. (Schon wieder! Wir sind, scheint’s, in diesen 3¼ Jahren unausgesetzt amnestiert worden. Und das sagen die Bayern, die noch keine einzige Amnestie erlassen haben, nur eine versprachen, wobei sie sich ihrer Sitte entsprechend begnügten, das Wort zum Wortbruch gedeihen zu lassen). Übrigens aber sei er (Leicht) erfreut von der Rede des demokratischen Abgeordneten Schücking, der zugegeben habe, daß in der Amnestiefrage die Justizhoheit Bayerns vom Reiche nicht angetastet werden dürfe. – Also die Demokraten stimmen gegen unsre, von ihnen selbst bisher geforderte, Befreiung. Und die beiden verbündeten Sozi-Parteien lassen sich halt Ebert zuliebe überstimmen. Wahrscheinlich ist vorgestern schon die Entscheidung gefallen und vermutlich so, daß man kein Gesamtamnestiegesetz für alles, was gegen das Reich unternommen ist, gemacht hat – man muß ja Jagow des Prestiges wegen festhalten –, sondern daß man einfach schematisch die gegen das Reich begangenen Vergehn amnestiert hat, die seit August 1920 begangen sind. Wir – und wohl auch die Gollnower Genossen sitzen schon seit 1919; das ist unser Pech: jetzt können wir sitzen bleiben, bis wir schwarz sind. Es scheint aber, als ob die Genossen, die hier wegen des Mitteldeutschen Aufstands sitzen – noch 16 – durch die Amnestie befreit werden. Der Vater des jungen Popp war gestern hier und sagte seinem Sohn zu, daß er nun doch vor der Zeit herauskäme. Nähere Angaben wurden ihm von der Aufsicht natürlich verwehrt. Sie hätten dem geordneten Strafvollzug abträglich sein können, der nur durchgeführt werden kann, wenn Ehrenhäftlinge nicht erfahren, was aus ihren Personen werden soll. Natürlich ist die Wut besonders über die Unabhängigen bei den Genossen hier drinnen grenzenlos. In der Tat: wenn irgendwo das Wort Verrat Geltung hat, so hier. Aus Angst vor der Bürgerkoalition, aus Angst, ein paar Mandate zu verlieren, geben sie Ehre und Überzeugung preis. Ebert hat gewinkt, – Breitscheid springt. Wir Niederschönenfelder haben bei alledem nicht zu lachen. Wir haben gehofft – und das weiß man. Jetzt werden wir erst spüren, was bayerische Christen vermögen, die nicht mehr fürchten müssen, von Berlin zur Ordnung gerufen zu werden. Wir werden gründlich erfahren, was das Wort bedeutet: Vae victis!

 

Nachmittag ½ 4 Uhr. Bisher ist heute noch keine einzige Zeitung ausgegeben worden, obwohl heute verhältnismäßig wenige als konfisziert bekannt gegeben wurden. (Ich habe eben die konfiszierten Blätter seit dem 19. Juni (wohlgemerkt: das war 5 Tage vor der Ermordung Rathenaus, als wir schon Anlaß fanden, Buch zu führen. Damals kamen die Alarmrufe, ein Putsch in Bayern sei für den 24ten Juni, den Todestage R’s, geplant) – also für 26 Tage addiert: 565 verschiedene Zeitungsnummern!). Viele Genossen fassen diese fortgesetzte Vorenthaltung aller Meldungen als gutes Zeichen auf. Ich kann mich vorerst nicht dazu entschließen, mehr dahinter zu vermuten als das Bestreben, die Genossen vom Sprengstoffprozeß und was sonst mit dem Mitteldeutschen Aufstand zusammenhing, über ihr Schicksal nervös zu halten, um vielleicht doch noch für Kühleweins nächste Verleumdungsrede im Landtag Material zu kriegen. – Immerhin ist ja die letzte Entscheidung über uns Räterepublikaner auch noch nicht in unsrer Hand, und so wollen wir denn am Grabe noch die Hoffnung aufgepflanzt halten. – Von andern Nachrichten ist die die interessanteste, die vom Ende der Jagd auf die beiden eigentlichen Mörder Rathenaus erzählt. Man schnoberte die beiden kühnen jungen Leute auf der verlassenen Burg Saaleck bei Kösen (ich kenne die Gegend gut, da ich dort mal mit Fritz Blau herumstrich) auf, umstellte das Refugium, hörte kräftige Worte gegen die Feiglinge, die die Jagd veranstalteten, ein Hoch auf Erhardt und zwei Schüsse. Dann öffnete man und fand die toten Freunde, wobei wohl in den Hirnen der Jäger die erste Betrachtung auf die Frage ging, ob die 2 Millionen Mark Kopfgeld von der Regierung auch für die Leichen gezahlt werden, von denen keine Geheimnisse mehr zu erfoltern sind. Ein Hundsfott will ich heißen, wenn ich je leugnen sollte, daß diese Burschen tapfere brave Kerle gewesen sind. Was sie taten, dazu verpflichtete sie ihr Ideal – das rückständig, dumm, grausam und alles mögliche sein kann, aber immerhin ein Ideal, für das es sie zu leben und zu sterben lohnte. Daß sie sich nicht lebend in die Hände polizeilicher Treibjäger gaben, um auch nicht in die Versuchung zu kommen, Kameraden preisgeben zu können, irgendetwas zu verraten, an dessen Zukunft sie noch glauben und vertrauen, das ehrt sie. Anarchisten könnten nicht edler und schöner handeln. Ich denke an die „Automobilapachen“ von Paris, die ebenso ihr Leben opferten – allerdings sogar erst, nachdem sie den Verfolgern große Verluste im Gegenangriff beigebracht hatten (aber die beiden Erhardtiner werden keine Kampfmunition gehabt haben), und nicht lebend den Triumph ihrer Verfolger vergrößerten. „Feige Mörder“! sagt man im ganzen Lande, und selbst hier drinnen. Ich wollte, ich hätte solche prachtvoll entschlossenen, totbereiten Menschen bei meiner Sache: damit wollte ich den Bürgern eine Revolution auf den Hals setzen, daß ihnen die Lust verginge, Sozialisten einzusperren. Aber ich verzweifle nicht. Das deutsche Proletariat hat einen Hölz hervorgebracht. Das zeigt, daß die Wurzel auch unsres Baumes nicht verfault ist. Soviel für heute. Ich mochte nicht Feierabend machen, ohne vor den braven toten Gegnern im Geiste den Degen gesenkt zu haben.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 21. Juli 1922.

Rum! – Die Amnestie für uns ist begraben. Es ist alles so bestätigt, wie es gestern schon sich andeutete. Über die Sache lohnt es sich kaum mehr zu reden. Amüsant ist nur zum Schluß noch, wie die beiden verbündeten „Arbeiter“-Parteien und die Gewerkschaften ihren Rückzugstrauermarsch komponiert haben, umso amüsanter als man weiß, daß Ebert auf Kommando der Industriellen gewinkt hat und seine Mannschaft von Scheidemann bis Crispien wie ein Taschenmesser zusammengeklappt ist. Aber das darf natürlich nicht gesagt werden. Vielmehr sagt man: wir konnten es leider nicht anders machen als annehmen, soviel geboten wurde. Sonst wäre der Reichstag unbedingt aufgelöst worden (was der große Philipp noch vor 3 Tagen verlangt hatte!), und dann wären wir ohne Schutz unsrer heiligen deutschen Republik gewesen, – die ganzen 4 Wochen lang, bis endlich ein neuer Reichstag zusammentreten könnte. Bis jetzt hat Eberts süße Verordnung genügt, Schutz und Sicherheit der angebeteten Weimarer Verfassung zu garantieren und selbst die beiden Leichen Kerns und Fischers auf Burg Saaleck gefangen zu nehmen.* Aber wenn jetzt nicht in zwei Tagen ein für die Ewigkeit gegründetes Gesetz fertig geworden ist, dann klappt das Haus zusammen, daß du, deutsches Proletariat, so trefflich gebaut hast, und das den Schiebern und Wucherern ein so gemütliches Wohnen gestattet. Der Schwindel wird tatsächlich den deutschen Arbeitern zugemutet, denselben Arbeitern, die man zu drei Demonstrationen mit einem für einheimische Begriffe unerhörten Massenzulauf auf die Straße rief, die man zweimal dabei generalstreiken ließ (was man halt bei den Marxisten so nennt, wenn man mal einen Nachmittag blau macht und die Parlamentsbonzen hochleben läßt) und denen man schwur, die aufgestellten Forderungen als Minimum mit eben auch außerparlamentarischen Mitteln zu erzwingen. Ebert erschien, – und siehe! nicht bloß seine Schäfchen, nein auch die Unabhängigen, die ihr Dasein dem Abscheu danken, den die Ebertpolitik zehntausenden sozialdemokratischer Arbeiter erregte, und die Gewerkschaften und Angestelltenverbände zeigten, daß sie auch anders können, machten keinen Finger mehr naß für ihre „Mindest“forderungen und nahmen die „unannehmbaren“ Gesetze an, wie die Bourgeoisie es verlangte. Und die Annahme war ihnen so wichtig, daß sie uns politische Gefangene darüber im Stich ließen und uns bedingungslos der verstärkten Brutalität weißblauer Monarchisten auslieferten. In ihrer Erklärung sprechen sie auch darüber und versichern, daß sie, – nein, ich will’s abschreiben, es ist zu schön, als daß ich es bei späterer Lektüre dieser Notizen nicht wörtlich finden möchte: „Schmerz bewegt uns, weil die politischen Gefangenen in Bayern der Freiheit auch jetzt nicht teilhaftig werden. Die bayerische Regierung verweigert ihre Freilassung aus Furcht vor dem monarchistischen Straßenterror. Die bürgerlichen Parteien im Reichstag sind vor der bayerischen Regierung schmählich zurückgewichen.“ – Zum Heulen! Die dieses Dokument verfaßt haben, sind vor garnichts zurückgewichen. Hätten die Unabhängigen, wollten sie schon das infame Ausnahmegesetz gegen Revolutionäre schlucken, um mit ungeminderter Stimmenzahl nach den Ferien wieder am „Königsplatz“ zu erscheinen, so hätten sie nur ultimativ unsre Freilassung als Bedingung stellen müssen. Dem Zentrum und den Demokraten war die Frage an und für sich nicht wichtig, und Stresemann-Stinnes hätten ein ihren Interessen so dienlich zugestutztes Gesetz deswegen auch nicht zu Fall gebracht. Sie haben auch das nicht getan. Sie haben, so wenig wie übrigens auch die Kommunisten, es in der letzten Lesung der Gesetze nicht einmal mehr für lohnend gehalten, den Antrag auf Ausdehnung der Amnestie auf uns noch mal einzubringen. Und plärren jetzt: die Bürgerlichen sind schmählich zurückgewichen, als ob die irgendwelchen Anlaß hätten, uns lieber zu mögen als die bayerischen Staatsbetreuer! Und die bayerische Regierung hätte Angst vor der Hitlergarde, und das sei der Grund, weshalb wir festgehalten würden! Das wird der deutschen Arbeiterschaft vorgemacht, – und die frißt’s! Während in Wahrheit wir für die bayerische Regierung einfach deshalb ein so wichtiges Kapital sind, als sie an uns dem Reich gegenüber dauernd bayerische Eigenart praktizieren kann, als sie uns braucht, um dem partikularistischen Spießer zu zeigen: seht, an denen haben wir wieder unsre Justizhoheit bewahrt, und wenn Radbruch erklärt hat, er werde für Einführung gesetzmäßiger Verhältnisse in Niederschönenfeld sorgen, so werden wir zeigen, daß er uns in garnichts dreinzureden hat. Jetzt werden wir sie erst recht weiter quälen. – „Schmerz bewegt uns“ – das ist das Stichwort geworden im ganzen Hause. Könnte Crispien einmal hier herumhören, würde er das bittere Gelächter im ganzen Hause über diese Tartufferie vernehmen – ich glaube, selbst er und seine übrigen abgefeimten politischen Schachermacher würden sich einmal richtig schämen. – Nun also, wir bleiben. Was aus den Genossen vom Mitteldeutschen Aufstand wird, ist noch nicht zu erkennen. Da wir den Wortlaut des Amnestiegesetzes nicht erfahren haben, bleibt die Frage für uns offen, ob alle gegen das Reich verübten oder nur von reichszuständigen Gerichten verurteilten Täter darin eingeschlossen sind. Herr Emminger hat erklärt, Bayern sei zwar gegen die Amnestie, werde sich aber in die Annahme finden. Das klingt ja, als ob es doch mit einzelnen eignen Gefangenen beteiligt wäre. Hoffen wir’s. Jetzt ist am Wichtigsten die Entwicklung der Dinge in Bayern selbst. Bis jetzt gibt man sich den Anschein, als ob man sich mit der Annahme der Schutzgesetze nicht abfinden wolle. Die Mittelpartei verlangt den Konflikt mit dem Reich und eventuell Auflösung des Landtags, damit das „Volk“ selbst entscheide. Die „Demokraten“, selbst die um den Fränkischen Kurier, bremsen auf Teufel komm raus und wollen den „Boden der gegebenen Tatsachen betreten“. Auf die bayerische Regierung und ihre B. Volkspartei kommt’s an. Möglich wäre die Erweiterung der Regierungskoalition durch Aufnahme Auers, damit man die Verantwortung für die Schrecklichkeit auf die Sozi abladen kann. Dann hätte dieser Tribun sein Ziel erreicht und wir hätten die absolute Gewißheit, daß unsre Befreiung für unabsehbare Zeit hinausgeschoben wäre. Denn dieser Mensch würde, um seine geliebtesten Freunde festzuwissen (hauptsächlich Hagemeister und mich) vermutlich einer Teilamnestie zur Annahme verhelfen und sich schließlich auch – faute de mieux – mit unsrer gesetzmäßigen Unterbringung und Behandlung abfinden, dann aber alles Erdenkliche tun, um uns die zuerkannten Jahre bis auf den letzten Tag zu sichern. – Wir wissen, wen wir am heißesten zu lieben Anlaß haben. – Zeitungen sind heute bis jetzt wieder nicht ausgegeben. Vom übrigen, was ich auf dem Herzen habe, das nächste Mal. Ich will an Zenzl schreiben. Das wird mir wohltun.

 

* die übrigens – wenigstens Kern – im Kampf gefallen sind!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 23. Juli 1922.

Ob die 16 Genossen vom Oster-„Hochverrat“ rauskommen oder als Erinnerung hier behalten werden, damit sie spüren, daß sie in Bayern sind und daß „alle Deutschen vor dem Gesetz gleich“ sind, ist immer noch nicht zu erfahren. Die Firma Hoffmann-Gollwitzer versteht das Geschäft, Menschen zu quälen. – Die Situation ist seit der letzten Eintragung unverändert. Der Landesausschuß der Bayerischen Volkspartei hat einen Kompromißbeschluß gefaßt, der ihr alle Wege offen läßt. Sie will mit allen „gesetzlichen und parlamentarischen Mitteln“ die Durchführung des Gesetzes in Bayern bekämpfen. Wenn die Herren klug sind, lösen sie ihren Landtag auf und befragen „das Volk“. Kommt eine ebenso reaktionäre Majorität heraus wie sie da ist, dann können sie ihre Opposition gegen das Reich getrost zum Konflikt treiben, und werden dabei siegen. Denn die Autorität einer Stimmenauszählung, die man doch von der Kanzel und im Beichtstuhl, im Besitz der Schulen, der Presse und des größten Teils der Beamtenschaft sehr wirksam beeinflussen kann, wird bei den Berliner Demokratie-Eseln unzweifelhaft den gehörigen Eindruck machen. Auch wird dann die Stimmung schon längst dafür reif sein, bayerische Eigenart auf reichsdeutsche Kosten zu praktizieren. – Kommt aber bei Neuwahlen dank der „Arbeitsgemeinschaft“ zwischen Auer und Niekisch eine „linke“ Majorität heraus, so retten die Schweyer und Konsorten ihr christbayerisches Prestige, indem sie überall erklären können, sie wären nie, um ihre Mandate in ganzer Unberührtheit zu retten, in Gesinnungsfragen zurückgewichen. Denn Parlamentssitze waren für ausgesprochen konservative Parteien niemals der wichtigste Machtfaktor, und die Mehrheit im Parlament kann ihnen, wenn sie Realpolitik treiben wollen, mitunter gradezu unbequem sein. In dieser Lage sind, wie mir scheint, jetzt die Klerikalen in Bayern. Behalten sie die endgiltige Entscheidung, dann entsteht für sie das Dilemma, entweder konsequent zu bleiben und eine Politik zu machen, die sie in die unangenehmste Verantwortlichkeit den wirtschaftlichen Kompetenzen gegenüber bringt oder sie müssen notgedrungen einlenken und verleugnen, was sie bis jetzt als absolut behauptet haben. Ich warte ab, ohne mich sehr darum zu sorgen, ob man die Herren Schweyer, Matt und Oswald gleich über den Graben hüpfen läßt und an ihre Stelle die Herren Auer, Lent und Müller-Meiningen oder derengleichen beruft, oder ob man lieber Wahllotterie spielt, oder drittens mit geräuschvoller Rückzugsmusik selbst das Unmögliche möglich macht und das Unannehmbare annimmt und das Unerträgliche ertragbar findet. Wir hier drinnen stehn vorläufig nicht mehr auf dem Programm der öffentlichen Erregungen. Und hier drinnen ist auch tatsächlich nichts verändert. Besonders gehn die Ablehnungen von Bewährungsfristgesuchen unverdrossen weiter. Der vom Stadtrat München angeforderte Thierauf muß bleiben, und der arme Bibs muß ohne erfahren zu können, worin die schlechte Führung besteht, die ihn die Ablehnung sämtlicher Gesuche vor und nach Ablauf der vom Gericht zuerkannten wirklichen Strafzeit gekostet hat, trotz der Berufung seiner Eltern auf Krankheit weiter „sühnen“. Man begnügt sich jetzt meistens mit der einfachen Versicherung: das Gesuch eigne sich nicht zur Berücksichtigung. Warum nicht? Was geht’s den Antragsteller an! – Draußen haben wir die Orientierung im letzten Monat ein wenig verloren. Es wird, wie es scheint, am meisten um die Markentwertung herumgefeilscht (Kurs momentan wieder etwa 530), und England und Frankreich, Belgien und Amerika rechnen und knobeln, wie man Deutschland einerseits die Schulden stunden, anderseits trotzdem zu dem von Deutschland geschuldeten Geld kommen kann. Die Haager Genua-Fortsetzung hat mit noch vollständigerem Klamauk geendet als Genua selbst. Die Russen haben nichts gekriegt, aber auch ihrerseits nichts bewilligt und angekündigt, sie werden jetzt die Geschäfte mit den Herrschaften einzeln abmachen. – Leider war die Nachricht, sie hätten den Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre nobel, frei von ordinärer Rachsucht und den Erwartungen des Proletariats der Welt entsprechend abgeschlossen, wie sich herausstellt, falsch. Die Hauptbeschuldigten haben immer noch um den Kopf zu kämpfen. Persönliche Anrempeleien Radeks gegen Gorki sollen die Köpfe zu Fall bringen. Eine üble Sache! Wenn die Bolschewiki noch einen Rest von Hirn haben – das ist dasselbe wie Herz –, dann bringen sie die Einsicht auf, daß sie den augenblicklichen Triumph über die Cordeliers unbedingt mit einem 9. Thermidore bezahlen müßten. Dabei haben sie einen moralischen Glücksfall erlebt, der ihnen bei guter Benützung viele Zurückeroberungen von Sympathieen bringen kann. Enver Pascha hat einen Aufstand gegen sie in Buchara unternommen und ist geschlagen worden. So hat diese kompromittierende Freundschaft mit einem der infamsten Wichte der Geschichte, dem Kompagnon des von Teilirian gerichteten Talaat bei der Armenier-Ausrottung ein Ende. Die Moskauer Genossen müßten erkennen, mit welcher Hingebung revolutionäre Proletarier aller Länder und Richtungen für die von der Hungerkatastrophe betroffenen Millionen von Russen arbeiten (meine Zenzl ist unermüdlich mit diesem guten Werk beschäftigt), weil Rußland das Land der Revolution ist. Sie sollten sich die Selbstverständlichkeit, daß man diese Hilfe nicht von ihrer politischen Methode abhängig oder beeinflußbar macht, nicht zunutze machen, sondern sagen: eine Liebe ist der andern wert. Das Proletariat soll sehn, daß wir das Böse, das uns vor 4 Jahren getan ist, an denen mit Gutem vergelten, deren Gesinnungskameraden in diesem Augenblick dem russischen Volk in seiner Not Hilfe leisten. Sähen die Menschen einmal ein, wie klug es ist, gütig zu sein, – die Welt wäre sauberer.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 24. Juli 1922.

Kaum ein Blatt ist ausgegeben worden, am Montag ein besonders mißlicher Zustand. Und doch gelingt es stets, aus den auf ihre Inhaltlosigkeit besonders geprüften Einzelnummern, die Gollwitzer durchläßt, irgendwas herauszupinzettieren, was zur Erkennung der Situation beiträgt. Heute tut eine Nummer der „Freiheit“ und zwei der „Frankfurter Zeitung“ diesen Dienst. Aus der „Freiheit“ ist ein Artikel hervorzuheben, der eigentlich garnicht hineingehört und sicher von einem opponierenden Kommunisten hineingeschmuggelt ist. Umso interessanter, weil ganz in revolutionärer Einstellung verfaßt, ist er zu lesen. Darin wird festgestellt und an amtlicher Statistik nachgewiesen, daß die Regierung Wirth ihre und des Reichstags Rettung – wem? zu danken hat: – den Kommunisten! Die Herren Wüteriche haben überall stramm Opposition gemacht, wo die Entscheidung auch gegen ihre Stimmen gesichert war. Beim Reichskriminalpolizeigesetz aber machten die Stinnesleute nicht mit, und so erhoben sich denn die Genossen Könen, Remmele, Wendelin Thomas (leider!) und der ganze „revolutionäre“ Treubund und entschieden die Annahme – des Gesetzes, das der Polizeigewalt des bürgerlich-kapitalistischen Reiches ungeahnte Machterweiterung verbürgt, mit Tamtam gegen die Monarchisten aus dem Mutterleib geschnitten, in wenigen Wochen schon bestimmt, dem revolutionären Proletariat alle illegale Tätigkeit zu unterbinden, entschieden zugleich die Erhaltung des Reichstags und des Kabinetts, gegen die sie in dröhnenden Proklamationen und unter tobender Entrüstung gegen die „Verräter“ bei den Unabhängigen Amok laufen, während sie in Wahrheit genau dasselbe tun, wie ihre gelästerten Brüder um Levi und Scheidemann. (Der alte Ledebour macht erfreulicherweise bei der Entwicklung seiner Partei unter Levis Führung zum Noskismus nicht mit. Er und Toni Sender machen Opposition und werden bestimmt die besten Teile der Arbeiterschaft in ihrer Partei aus diesem Sumpf herausziehn.) – Was die Frankfurter Ztg. betrifft, so war es schwer, etwas für uns Interessantes zu finden. Schließlich gelang es aber, und ich las eben den Genossen hinten beim Ferdl den Auszug der Rede vor, für die dem Finanzminister Kraußneck großer Dank gebührt. Er zog nämlich bei der Ausschußbesprechung der bayerischen Finanzverwaltung gegen das Reich in einer Form vom Leder, die an Klarheit nun schon garnichts mehr vermissen läßt, und den Standpunkt der bayerischen Regierung und der bayerischen Regierungspartei jedenfalls besser präzisiert als die verschnörkelten Drumredereien der offiziellen und offiziösen Auslassungen der Partei und ihrer regierenden Prokuristen sonst. Herr Kraußneck griff das Reich in schärfster Weise an; es halte seine gegen Bayern übernommenen Verpflichtungen nicht ein, für die Übernahme der Finanzverwaltung dem Lande keine Unkosten zu berechnen, die Bevormundung sei unerträglich und Bayern müsse seine finanzielle Selbständigkeit dem Reich gegenüber zurückgewinnen. Und nun kommt das Interessanteste: diese Wiedereroberung der Finanzhoheit sei umso notwendiger in diesem Augenblick der Spannung zwischen Reich und Bayern! – Das heißt doch offene Kampfansage von der berufensten Stelle aus. Jetzt erklärt sich leicht, warum man uns keinen Einblick gibt in die Presse. Nach der Annahme der Gesetze im Reichstag ist der Spektakel nicht erledigt, sondern erst eigentlich ausgebrochen, und offenbar läßt man die mitteldeutschen Genossen bei uns nicht heraus, weil man auch sie nötig haben könnte, um sie etwa bei einem Kompromiß als einzige Gegenleistung freizugeben. Es ist ja toll genug, daß diese Leute, deren zu langen Zuchthausjahren verurteilten Genossen aus der gleichen Sache schon alle in Freiheit sind, bloß weil sie das Pech haben, in Bayern zu sein, als einzige Mittäter (juristisch sogar nur „Beihelfer“) im ganzen Reich weiter geknechtet werden. – Und das geschieht auch jetzt noch in dauernd verschärftem Maße. Die Verwaltung hat grade heute neue Beweise ihres erfinderischen Geistes gegeben. Zunächst: Hans Köberl hat den Besuch seiner Frau und seines 13jährigen Sohns. Die Frau erlangte die Genehmigung, auch ihren Schwager Hagemeister ein paar Minuten zu sprechen (das ist eine besondere Vergünstigung, obwohl nach der Hausordnung generell „Verschwägerte“ zuzulassen sind). Anstatt Köberl wurde nun zuerst Hagemeister heruntergerufen, sodaß der Ehemann natürlich aufgeregt erklärte, wenn seine Frau das verlangt habe, so verzichte er darauf, sie zu sehn. Er erfuhr darauf, so sei es nicht von ihr verlangt, sondern von der Verwaltung angeordnet. Der Mann, der seine Frau monatelang nicht gesehn hat, muß also warten, bis sie ihr Gespräch mit dem entfernteren Verwandten beendet hat, ehe er zu ihr darf! Aber – der 13jährige Junge hatte keine Erlaubnis, seinem Onkel Hagemeister guten Tag zu sagen. Er wurde während des Gesprächs seiner Mutter mit ihrem Schwager aus der Besuchszelle gewiesen und mußte von einem Extra-Märtyrer bewacht in einer Zelle warten, bis er nur den Papa – natürlich wieder unter entsprechender Bewachung – sprechen dürfte. Es ist gut, daß Adolf Schmidt das grade noch miterlebt hat; er verläßt uns übermorgen früh, nicht ohne allerlei Erfahrungen am eignen Leibe. Man verweigert ihm die Herausgabe der beschlagnahmten Briefe, Schriften u. s. w., die alle ein „Bestandteil des Aktes“ geworden seien. Mit welchem Recht aber die Anstalt nach Beendigung der Strafe noch einen Personalakt über die Gefangenen führen darf, was in keinem Zuchthaus – wenig[st]ens außerhalb Bayerns – geschieht, erfährt man nicht. Überdies hat man ihm noch eine Seite aus einem Notizbuch herausgerissen, die er – der Landtagsabgeordnete „offenbar zu agitatorischen Zwecken“ mit einer Registratur seiner Disziplinierungen gefüllt hatte. Er wird’s hoffentlich draußen gut benutzen und auch die Sachbeschädigung an seinem Notizbuch nicht ohne Widerspruch hinnehmen. – Auch Klingelhöfers Frau ist da. Beide Besuchsempfänger hatten von der Verwaltung genehmigt bekommen, daß zur Bewirtung „eine Tasse“ Kaffee oder Tee oder Cacao gereicht werden dürfe. Wir haben das bisher stets so gehalten, daß das Getränk, um es recht appetitlich zu servieren, in eine Kanne gefüllt und so heruntergebracht wurde. Das war auch nie beanstandet worden. Heute aber wurden die beiden Kannen wieder heraufgeschickt. Es sei nur eine Tasse genehmigt, wieviel aber in der Kanne sei, lasse sich nicht kontrollieren. Im ganzen Hause zweifelt kein Mensch daran, daß Kühlewein bei Hoffmann wieder Material gegen die Festungsinsassen bestellt hat und daß nun in der nächsten Zeit Provokationen im größten Stil zu erwarten sind. Zum Glück ist die Methode schon veraltet, und wir fallen nicht mehr drauf hinein. Nur „die Kommunisten“ der reinen Prägung tun den Peinigern stets jeden Gefallen und immer zur rechten Zeit. Ihre Parteigenossen, die von ihnen als „Verräter“ angesehn werden, geben sich nicht mehr für eine lächerliche „Klassenkampf“-Komödie der Mäuse in der Falle her. Meine Freunde darunter tun mir heute leid. Die Feststellungen der „Freiheit“ haben wahrhaft niederschmetternd auf sie gewirkt, und da sie ehrliche Menschen sind, halten sie mit ihrem Urteil über die eignen Vertreter nicht zurück. Da sind die Charaktere Sauber, Wiedenmann, Schlaffer und ihr Troß gewiß anders geschult. Die Zentrale hat verfügt – der Name der Zentrale sei gelobt. Wenn aber die Stunde der Freiheit schlägt, wird auch ein Pöstchen in der Partei zu erwischen sein. Entproletarisierte Proletarier, Beamtenseelen in der Arbeiterschaft, Unteroffiziere der Gesinnung. Das ist die Krankheit der deutschen Revolution. Kann sie diese Parasiten nicht weglaxieren, so muß sie dran sterben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 25. Juli 1922.

Eine Richtigstellung: es handelte sich in dem Artikel des Oppositionskommunisten in der „Freiheit“ nicht um die Zustimmung der KPD zum Reichskriminalpolizeigesetz sondern zum sogenannten „Beamtendisziplinargesetz“. Da sind denn die Haus-Parteigenossen wieder getröstet, aber – ich glaube, der Unterschied ist nicht wesentlich. Eine Stärkung des vatikanisch-stinnesischen Regimes Wirth liegt alleweil in der Übertragung besondrer Machtmittel, Beamte mit der gegenwärtigen feindlichen Staatsauffassung rauszuschmeißen. Auch das wird sich bald genug in einer nach „links“ hin sehr spürbaren Weise äußern: wenn nämlich wie ehedem wieder jeder Nachtwächter oder Schutzmann auf räterepublikanische Sympathien hin beschnuppert wird. – Wenn aber die Kommunisten schon meinen, derartigen Staatsgesetzen um ihrer monarchistenfeindlichen Tendenz willen grundsätzlich zustimmen zu können (und zu solchen Halbheiten und Staatsbejahungen führt sie natürlich die einfache Konsequenz aus ihrer parlamentarischen Tätigkeit überhaupt), so hätten sie im gegebenen Falle doch unbedingt ablehnen müssen. Denn Revolutionären kann doch die Annahme des Gesetzes nicht so wichtig sein, daß sie es mit der Hinnahme von staatlichen Machtvergrößerungen erkaufen, die – wie die Bestimmung, die die Sprengung von Versammlungen unter härteste Bestrafung stellt* – sich notwendig gegen das Proletariat auswirken müssen. Bei der Auslegungsfähigkeit bürgerlicher Gerichte wird oft der Zwischenruf eines Arbeiters in einer Versammlung, wenn er von den Reaktionären geschickt zur Inszenierung eines Skandals benutzt wird, der die Auflösung der Versammlung zur Folge hat, genügen, um jahrelange Freiheitsstrafen zu verhängen. Da aber die Ablehnung des Gesetzes durch die Kommunisten nicht nur dies eine, sondern sämtliche reaktionären „Schutzgesetze für die Republik“ mit zu Fall gebracht hätte – und schon ihre Stimmenthaltung hätte dazu genügt –, so hätten sie dadurch die Auflösung des Reichstags oder den Sturz des Wirth-Kabinetts veranlaßt, was auf jeden Fall eine Kampfsituation herbeigeführt hätte, die – auch nur den sanftesten Fall der Reichstagsauflösung mit Neuwahlen angenommen – den „Revolutionären“ ja immer noch die Rettung monarchistenausrottender Disziplinargesetze in vierter Lesung ermöglicht hätte. Davon, daß die KPD in parlamentarisch-loyaler Aktion Reichstag und Regierung gerettet hat, beißt keine Maus einen Faden ab. Es scheint aber, daß es ihr auch auf die Rettung des Reichstags ankam. Die „bürgerliche Arbeitsgemeinschaft“ ist trotz allem Gehöhn der 3 Arbeiterparteien deren erwählten Bonzen schwer in die Knochen gefahren. Neuwahlen, die man am Tage zuvor mit allen Fasern des Herzens ersehnte, wurden plötzlich ein ungewisses Geschäft – und wer sich mal in die Parlamente setzt, der verfällt parlamentarischem Marasmus, ob er nun Demokrat oder Kommunist sei. Die ganz charakterfesten Revolutionäre bekamen es mit der Mandatsangst – und das wird menschlich noch erklärlicher, wenn man bedenkt, daß die letzte gemeinsame Tat des eben geretteten Reichstags die – natürlich einstimmige – Annahme der Diätenerhöhung für die Herren Abgeordneten selbst war, nämlich auf das hübsche Taschengeld von monatlich zehntausend Mark! Es lebe der Kommunismus! – Gestern bekamen wir im Hof noch eine weitere Zeitung zu Gesicht, die die Genossen im I Stock erhalten hatten: die „Augsburger Postzeitung“ (Bayerische Volkspartei) von gestern früh und darin die Bestätigung dessen, was zu erwarten war: daß der Konflikt Bayerns mit dem Reich ausgetragen werden soll. Die bayerische Regierungskoalition ist schon gesprengt. Hamm ist (jedenfalls nicht auf eignen Wunsch oder Betreibung seiner bayerischen Mitheloten von der Müller-Meiningen-Demokratie, sondern auf Befehl von Petersen) als Handelsminister zurückgetreten. Nun bleibt die Frage zunächst, ob der Bauernbund daraus auch seine Konsequenzen ziehn und Wutzlhofer ebenfalls zurückrufen wird, was ich nicht beurteilen möchte. Jedenfalls ist das akut, was man eine „Krise“ nennt. Die Klerikalen und die Schwarzweißroten sind also einig und zum Widerstand zum äußersten entschlossen. Die B. V.-Korrespondenz gibt indessen bekannt, daß es ihre Partei nicht auf Landtagsauflösung absehe, die sie weder für wünschenswert noch für notwendig halte. Aber es wird gleich deutlich genug gesagt, daß die Entwicklung sehr leicht trotzdem die Anrufung der Wähler notwendig machen könne. Inzwischen wird mobilisiert, – gegen das Reich und gegen das Proletariat. Die bayerischen Reichswehrtruppen sind von allen außerbayerischen Übungsplätzen zurückbeordert worden, um sie für den Fall eines Generalstreiks bei der Hand zu haben (der bayerische „Demokrat“ Geßler als ihr Chef hat selbstverständlich dem Ersuchen der Bayern, ihnen Reichstruppen zur Bekämpfung der Reichseinheit zu überlassen, sofort entsprochen). Zugleich hat man im Anschluß an den Theaterprozeß Leoprechting den Reichsgesandten in München Grafen Zech – und durch die Blume auch gleich den Reichskanzler Wirth – verdächtigt, sozusagen mit diesem „Hoch- und Landesverräter“ unter einer Decke gesteckt zu haben. Wirth hat vom Wolffbüro eine Erklärung ausgehn lassen, die feststellt, daß die Bayern genau soviel mit dem gestürzten Liebling zu tun hatten wie die Norddeutschen. Aber Lerchenfeld hat trotzdem der Reichsregierung „nahegelegt“, sie möchte Zech abberufen. Die Patrouillengefechte haben an den Grenzen also schon eingesetzt. Und dann noch was. Vor einigen Tagen schwuren die Emmingers noch „Reichstreue bis in die Knochen“ und die Correspondenz erklärte Separationstendenzen direkt als Verrat. Die könnten erst in Frage kommen, wenn sich im Reich der Bolschewismus breitmachen wolle. Da war also schon die Reservatio mentalis. Und siehe: die „Augsburger Postzeitung“ klagt denn auch schon in dick aufgetragenen Allarmmeldungen Stein und Bein über die besonders in Thüringen, aber auch schon im Ruhrgebiet und in ganz Mitteldeutschland eingerissenen Scheußlichkeiten, die schon durchaus an die Münchner Schreckenszeit „der Rätegewaltigen und Geiselmörder“ erinnere. Die Ausrufung der Räterepublik, die die schon selbständig verhaftenden und Zeitungen besetzenden Arbeiterkontrollorgane in Thüringen schon ankündigen, wäre überhaupt nur noch – ganz wie damals in München – Verwandlung eines de facto bestehenden Zustands in ein formell bescheinigtes Definitivum. Da haben wir denn also schon die intakte Lügenmaschinerie in Funktion, die unter anderm auch Russenhilfe für sich in Anspruch nimmt, indem sie Radek die dritte Welle der revolutionären Bewegung in Deutschland als unmittelbar bevorstehend ankündigen läßt. Wenn also die Weißblauen – ob sie schwarzweißrote oder ganz schwarze Unterwäsche haben – wirklich die Lostrennung Bayerns riskieren wollen, so scheitert’s nicht mehr an der volkstümlichen Parole. Sie brauchen nur die gegen uns verwandten, seit 1919 im Kasten verwahrten Klischees wieder vorzusuchen. Übermorgen wollen vielleicht schon Wirth und Radbruch die Frauen verstaatlichen, wenn nicht gar „verreichlichen“. Der zweifelhafte Posten in der Rechnung wäre nur die Haltung Frankreichs und Tschechiens zu einem solchen Unternehmen. Oder sollte man da schon beruhigende Zusicherungen in der Tasche haben? Die kleine Bedingung, Leoprechting aus dem Zuchthaus heraus – und in die Regierung hineinzunehmen, würde man ja am Ende befriedigen können. Dafür hat man ja in Niederschönenfeld noch Gefangene genug in Verwahrung!

 

* Diese Bestimmung ist noch nicht angenommen, aber das Gesetz gegen die „Beschimpfung der Staatsform“ bleibt schön genug.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 26. Juli 1922.

Vormittags-Eintragung. Denn es gibt große Dinge – und überdies ist eben mein guter Freund Adolf in die Welt hinausgegangen, und der verdient gewiß auch ein paar Worte, zumal mir das Nachwinken mit dem Taschentuch als verboten unterbunden wurde. – Aber das nachher. Gestern abend gabs noch ein paar Zeitungen. Die Gruppe Krach war auf den klugen Einfall gekommen, den Zensor zu interpellieren und ihm den Strafgesetzbuchparagraphen vorzuhalten, der denjenigen, der Staatsbürgern die Kenntnis von Gesetzen vorenthält, mit Zuchthaus bedroht.* Darauf gestützt verlangten sie die Aushändigung des Wortlauts aller der Gesetze, die der Reichstag in der letzten Zeit, während der uns alle Meldungen darüber beschlagnahmt wurden, verabschiedet hat. Gollwitzer versprach daraufhin, sie heraufzusenden und sagte überdies zu, er werde gleich abends noch mal die Blätter ausgeben lassen, die die bayerischen Verordnungen enthalten. Und so erhielten wir Kenntnis von der weltgeschichtlichen Dummheit, zu der sich die bayerische Staatsregierung zur Abwendung des Unheils, das die Anwendung der Republikschutzgesetze über Bayern bringen müßte, aufgerafft hat. Eine Verordnung also, die für Bayern bestimmt ist und sich spitzig „zum Schutz der Verfassung der Republik“ nennt, hebt das Reichsgesetz „zum Schutz der Republik“ auf: In der einleitenden Begründung wird speziell die Einsetzung des Staatsgerichtshofs als ganz politisches Tribunal abgelehnt, dann das Reichskriminalpolizeigesetz als unverträglich mit der bayerischen Polizeihoheit bezeichnet, und dann behauptet, das Gesetz und die Art seiner Annahme habe bei dem „bayerischen Volk in seiner überwiegenden Mehrheit“, eine derartige Erregung hervorgerufen, daß ... unmittelbar mit einer erheblichen Störung oder Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu rechnen ist, da das Gesetz ohne jeden Vorbehalt vollzogen wird. Es ist somit „Gefahr im Verzuge“. Und nun kommt’s herrlich. Der Artikel 48 der Reichsverfassung, der in seinem ersten Absatz dem Reichspräsidenten das Recht zuspricht, Einzelländer, die die ihnen nach der Verfassung obliegenden Pflichten nicht erfüllen, mit Hilfe der bewaffneten Macht dazu anzuhalten (was obwohl die Verfassung damals noch garnicht da war, gegen uns unternommen wurde und wozu jetzt zum ersten Male wirklicher Anlaß gegeben wird); der im zweiten Absatz 8 aufgezählte Verfassungs-Artikel dem Reichspräsidenten zur provisorischen Außerkraftsetzung für den Fall erheblicher Störungen und Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung preisgibt, – dieser selbe Artikel sagt in Absatz 4: „Bei Gefahr im Verzuge kann die Landesregierung für ihr Gebiet einstweilige Maßnahmen der in Abs. 2 bezeichneten Art treffen.“ Wenn also zur Anrufung Reichsexekutive keine Zeit mehr bleibt, kann die Landesregierung einstweilen eigne Vorkehrungen treffen und die ganz bestimmten Artikel als unwirksam erklären. Bayern beruft sich auf diese Bestimmung, um nicht einen dieser Artikel sondern ein ganz neues Reichsverfassungsgesetz von sich aus als für sein Gebiet unwirksam zu erklären; es wendet die Befugnisse des Artikel 48 Abs. 4 nicht zur Unterstützung der Reichsregierung sondern gegen sie selbst an, – ohne noch zu sagen, was es tun wird, wenn nun, was zweifellos erfolgen wird, der Reichspräsident sich auf den nächsten Satz des gleichen Absatzes bezieht, wonach „die Maßnahmen auf Verlangen des Reichspräsidenten oder des Reichstags außer Kraft zu setzen“ sind. Nun die Artikel der Verordnung selbst! Zuerst werden die Paragrafen des Reichsgesetzes aufgezählt, die in Bayern in Kraft gesetzt werden sollen. Dann kommen die Abänderungen, die nun die Absicht des Reichsgesetzes direkt auf den Kopf stellen. Was dem Staatsgerichtshof übertragen gehört, wird den bayerischen „Volksgerichten“ zugewiesen, deren Macht also, statt abgebaut, ungeheuer erweitert wird. Verbote von Zeitungen, Versammlungen etc erläßt anstelle des Reichs der bayerische Minister des Innern. Aber das schönste ist der Artikel 5, der lautet: „Nichtbayerischen polizeilichen Organen ist innerhalb des Geltungsbereichs dieser Verordnung die selbständige Vornahme von Amtshandlungen in Bayern verboten“. – Hofzeit. Fortsetzung folgt nachmittags.

 

Mittags ist wieder keine einzige Zeitung ausgegeben worden, sodaß ich an das Vorige anschließen kann, ohne durch neue Kenntnisse mein früheres Urteil getrübt zu sehn. Der Artikel 5 der Verordnung bedeutet also nichts andres, als die Drohung der Bayern, das Reich an der Ausführung eines rechtsgiltigen Gesetzes mit Gewalt zu hindern. Die Staatsregierung begeht damit einen blanken Verfassungsbruch, und wenn die Herren Ebert und Wirth, Radbruch und Köster andre Kerle wären als sie sind, könnten sie ohne weiteres das Reichsgericht kommandieren, sofort das Verfahren gegen sämtliche Minister dieses „Freistaats“ wegen Hochverrat einzuleiten und Haftbefehl gegen sie alle zu erlassen. Allerdings fragt sich, ob sie die Verhaftung vorzunehmen auch die physische Macht hätten. Der Versuch wäre jedenfalls interessant. Aber er wird nicht unternommen werden, einmal nicht, weil man sich in Berlin nichts traut und besonders nicht, weil man weiß, wie man einem solchen Befehl allein zur Durchführung verhelfen könnte, nämlich durch Beauftragung von Arbeitern, die man dazu erst bewaffnen müßte. – Doch: Betrachtungen mögen vorerst unterbleiben. Dazu sind der Tatsachen zu viele zu berichten. Ebenso interessant wie die Verordnung selbst sind dazu die vom Justizministerium erlassenen Spezialerlasse. Und die erhalten erst das richtige Licht in Verbindung mit der weiteren Meldung über die Umgestaltung des Kabinetts. Man hat nämlich Herrn Hamms Posten nicht neu besetzt. Ministerpräsident Graf Lerchenfeld übernimmt das Ressort für Handel und Industrie provisorisch und hat dafür seine bisherige Filialdomäne, die Justiz, abgegeben, und zwar an seinen Referenten für das Begnadigungswesen, Herrn Oberregierungsrat Gürtner, Mitglied der – Deutschnationalen Volkspartei. Das ist eine Provokation des Reichs, die keine Mißdeutungen zu befürchten hat. Damit ist die alte Kahr-Pöhner-Koalition wieder hergestellt, sogar noch gereinigt von den bei Gott überloyalen Demokraten. Was von Herrn Gürtner zu erwarten ist, – wir, die wir das Begnadigungswesen in Bayern in aller Schönheit an der Quelle studiert haben, wissen es. Und nun sein erstes, noch von Dr. Meyer i. V. gezeichnetes Werk: Die Hauptsorge dieser Ausführungsbestimmungen ist die, die bayerische Eigenart in allen Fällen, in denen sie das Reich zu beaufsichtigen wünschte, völlig sicherzustellen. Denn an zwei Stellen wird für den Fall vorgebaut, daß etwa ein Gericht verfassungsrechtliche Bedenken haben könnte, den Hochverrat gegen das Reich durch Befolgung der verfassungswidrigen Verordnung zu begünstigen und zu unterstützen. Dann geht die Sache ohne Weiteres ans Oberste Landesgericht Bayerns, und da sitzt ja Herr Pöhner selbst und der wirds schon machen. Denn er ist einer der Hauptinteressierten an der Sabotage der Reichsgesetze. Ihm werden Verbrechen, die ihn vor den Staatsgerichtshof bringen können, in wahrhaft üppiger Fülle vorgeworfen, und so liegen die Interessen Bayerns bei ihm wohl sicher geborgen. – Die Demokraten haben angstwimmernd eine Erklärung losgelassen, wonach sie die Katastrophenpolitik nicht verantworten können und ihren Hamm zurückziehn müßten – um der Demokratie willen natürlich, um derselben Demokratie willen, zu deren Rettung auch die deutschnational-bayerischpartikularistische Lerchenfeldwache die Demokraten aus ihrem Bau schmiß und sich mit dem Panzer der Eigenart umgürtnerte. Wichtiger als das Gewinsel vertatterter Peterseniler ist der Protest der 21 nordbayerischen Städte, der in einer Bürgermeister-Konferenz beschlossen wurde. Da wird ziemlich eindeutig mit dem Zaunpfahl gewinkt, daß es um die Alternative Bayern oder Reich gehe, und die Stadtoberhäupter selbst der schwärzesten Löcher, zum Teil selbst Mitglieder der bayerischen Volkspartei, lassen keinen Zweifel, daß sie sich nicht für Lerchenfeld entscheiden werden. Der Bauernbund hat sich aus föderalistischen Gründen für die Lerchenfeld-Politik entschieden, sodaß Wutzlhofer, unser Komplize der Räterevolution uns als Mitglied der Regierung erhalten bleibt. Die „Sozialisten“ „rüsten zum Kampf“. Sie machen das so, daß Auer zunächst die Parole ausgegeben hat, die „Entwicklung abzuwarten“, und daß die Landtagsfraktionen der MSP und USP in arbeitsgemeinschaftlicher Liebe zusammen diskurieren. Am Ende wird dabei sogar doch wieder die „Einheitsfront“ wie gleich nach Rathenaus Tod solange zusammenkommen, bis sich alle gegenseitig den Dreck kübelweise über die Westen gießen. Jedenfalls – davon bin ich überzeugt – kennen sie alle in diesem Augenblick kein höheres Ideal, als Wirth und Ebert in Liebe und Treue zu dienen und für sie zu verenden. Statt daß Arbeiter und Bauern sich einten, den Reaktionären die Parole „bayerische Eigenart“ wegnähmen und sich mit gleicher Kraft gegen die vom Vatikan und der Berliner Börse dirigierte Reichsregierung und ihrem schwarzrotgoldnen Leichentuch des Liberalismus wie gegen die vom Vatikan (Abteilung: Scheiterhaufen – im Gegensatz zur vorigen Abteilung Sündenablaß) und von Ludendorff dirigierten Scheinbayern mit schwarzweißroter Schärpe zu wenden und auf die Traditionen der bayerischen Geschichte zu verweisen, die den Bayern eine durchaus selbständige Haltung zuweist und zwar eine gegenüber Norddeutschland freiheitliche und kulturelle, verbünden sich die Arbeiter mit dem einen mehr kapitalistisch gefärbten gegen die andern mehr militaristisch-hohenzollerischen Preußen. Anno Räterepublik sind wir offen den Gaul geritten, den die Bauern sich nie haben entlaufen lassen, und ich erinnere mich, wie ich bei der ersten Landesversammlung der Räte – ich weiß nicht mehr bei welcher Sondergelegenheit – die Scheidemannbrut warnte, uns in die bayerische Revolution zu pfuschen. „Wenn die Herren in Preußen noch mal eine Partie 66 riskieren wollen, so mögen sie überlegen, ob diesmal die Karten nicht anders gemischt sein könnten!“ Damals haben mir die Bauern und mit ihnen die allerrevolutionärsten Arbeiter gradezu Ovationen bereitet. So begeistert waren sie von diesem Wort. Warum hält sich die ödeste preußisch-deutsche Reaktion in Bayern immer noch populär? Weil sie sich das einzige im tiefsten Gefühl jedes Bayern begründete echte Abwehrempfinden zunutze macht: gegen die stumpfsinnigen „Verreichlichungen“, gegen den schematischen Unitarismus, – und die „Kommunisten“ fördern diesen Unitarismus; diesen Staatsmachtzentralismus bismarckscher Auswirkung, ohne zu bedenken, daß das von ihnen bekannte Räteprinzip diesen Staatszentralismus völlig ausschließt. – Nun wollen wir sehn, was aus diesem aufregenden Abenteuer wird. Die Bayerische Volkspartei schlägt vorerst sehr kriegerische Töne gegen das Reich an. Aber ich glaube, sie wird vorläufig alles darauf anlegen, die Sache dilatorisch zu behandeln. Für den geordneten Rückzug scheint schon Sorge getragen zu sein. Denn, heißt es in der parteioffiziösen Auslassung, falls das bayerische Volk einen andern Weg für richtiger hält, dann mögen andre Männer und andre Parteien die Verantwortung übernehmen. Vielleicht sieht das Lerchenfeldlager also den Abbruch sowieso als unumgänglich voraus und macht nur das bengalische Feuerwerk, um in Schönheit zu sterben. Und dann – Glück auf, Auer! Dann ist’s geschafft. Daß hinter dem Va banque-Spiel der Regierung französische „Belange“ am Werk sind, kann ich mir nicht denken. Die ganz dumme franzosenfeindliche Politik der Bayern in der letzten Zeit, wie die von Müller-Meiningen betriebene Zurücksetzung im Sprachunterricht auf den bayerischen Schulen und die chauvinistisch inszenierten hochpolitischen Prozesse: Fechenbach und Leoprechting werden in Paris nicht grade bayernfreundlich gestimmt haben. Kommt hinzu, daß sich Frankreich niemals mit der Rolle abfinden würde, die Bayern als Treffpunkt monarchistischer Generäle und als Brutherd restaurationsfreudiger Organisationen, die es auf Revanchekrieg absehn, spielt. So sehr es Frankreich reizen könnte, die Pfalz zu kriegen, was als Aequivalent für alle Bayern treffende Reparationsschuld reichlich angesehn werden könnte – und man ließe um diesen Preis sogar auch Tirol und Salzburg für Bayern votieren (die im Westen wie im Osten nötigen Plebiszite bekäme man genau nach Wunsch), so sicher würde es das Geschäft nicht mit schwarzweißrot garnierten Regierungen abschließen, sondern im Gegenteil Bedingungen stellen, um die völlige Reinigung Bayerns von allen hohenzollerischen, wittelsbachischen und nationalistischen Organisationen besser zu sichern, als durch ein Reichsgesetz „zum Schutz der Republik“. Wie es kommt – nichts ist vorauszusehn. Daß Änderungen kommen, das allein steht fest. Für uns aber ist jede Änderung ein Grund zur Hoffnung. Bayern hat uns die Amnestie nicht gewähren wollen, das Reich hat uns zweimal der bayerischen Rachsucht geopfert. Jetzt reiten sich die bayerischen Eigenartisten in den Sumpf. Da werden Blasen aufsteigen, und wenn die platzen, können sie auch vielleicht die Tore von Niederschönenfeld aufsprengen, – und es dauert nicht garzu lange, daß auch wir andern dies liebe Schinderhaus von außen betrachten können, wie heute früh unser braver Adolf Schmidt. Da habe ich wieder den Treuesten ziehn lassen, der mir seit Seppls Abreise geblieben war. Zwar ist er seit 3 Monaten nicht mehr meine Kinderfrau gewesen – das haben Ferdl Luttner und Bibs treu übernommen –, aber innerlich hingen wir doch von Anfang bis zum Schluß fest zusammen. Vom ersten Tage in Niederschönenfeld ab datiert unsre Freundschaft. Ich kam durch Olschewski mit ihm in der Tscheka-Gruppe zusammen. Dann sprengten wir die Gruppe mit dem Seppl zusammen und etablierten uns selbständig. Und die Freundschaft hielt ohne solche Erschütterungen, wie sie sogar die Beziehung mit Hagemeister monatelang aushalten mußte. Nun ist auch der fort. Und die Verwaltung hat ihn gewiß ungern ziehn lassen. Abgesehn von seiner Abgeordnetenqualität, – der Mann weiß sehr viel, sehr Belastendes gegen sie und ist klug und gewandt genug, um es so zu benutzen, wie es den Herrschaften am unsympathischsten ist. Er wird draußen – dessen bin ich gewiß – unsre Rechte mit allen Mitteln und Kräften wahrnehmen, und niemals hat sich an den Fortgang eines Genossen soviel Hoffnung, soviel Vertrauen geknüpft wie an seinen. – Heut wird er bei Zenzl zu Mittag gegessen haben: er und der Seppl. Ich wollte, ich wäre telefonisch eingeschaltet und könnte zuhören, was sie sprechen. Ich glaube, da wird meiner mit der gleichen Liebe gedacht, mit der meine Gedanken von ihnen dort träumen.

 

* Ich finde allerdings den Paragraphen nirgends. Es käme wohl nur Amtsmißbrauch in Frage.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 27. Juli 1922.

Ohne jede Nachricht über die politischen Angelegenheiten. Das System Gürtner führt sich bis jetzt dadurch bei uns ein, daß man uns, scheint’s, überhaupt keine Zeitungen mehr gibt. Wenigstens ist gestern und heute kein einziges Blatt ausgegeben worden. Für Menschen, deren ganzes Interesse absorbiert ist vom Mitleben im öffentlichen Geschehn, ein grenzenlos quälender Zustand. Man ist also rein auf Vermutungen angewiesen, und nur die Blicke aus den Fenstern können insofern informatorisch wirken, als sie unzweideutig zeigen, daß – wenigstens in dieser Gegend hier – die Arbeiter keinen Generalstreik machen. Die Eisenbahnzüge verkehren wie immer, und auch die Zeitungen kommen an – bis zum Zensor, der uns dann mitteilen läßt, welche Blätter zum Akt genommen sind – ohne deswegen die nicht betroffenen aushändigen zu lassen. Die Beurteilung der Dinge ist natürlich sehr verschieden. Ich für meine Person komme immer mehr zu der Überzeugung, daß in Bayern von der Regierungspartei selbst eine Systemänderung herbeigeführt werden soll. Konservative Parteien – und die Bayerische Volkspartei ist typisch konservativ – können durch eine Überfülle von Macht in Fällen, wie dem gegenwärtigen, zu dem Wunsch gedrängt werden, Machtposten, wo sie mit der Verantwortlichkeit für das ganze Staatswesen verbunden sind, zu räumen, um das moralische Prestige intakt zu halten, das bei opportunistischem Verhalten, das bei der Ausübung und Bestimmung der Regierungspolitik unvermeidlich ist, in Gefahr gerät. Lerchenfeld und die Seinen sichern sich vor ihren Kirchgängern einen ausgezeichneten Abgang, wenn sie nur kämpfend weichen und die Kapitulation vor dem Reich andern – den Auerochsen – überlassen (und den Hamm-eln). Es wäre ja auch ganz töricht zu leugnen, daß die Bayern in diesem Konflikt die weit bessere Figur machen als ihre Gegner, wenn sie denen begreiflich machen, daß ihnen trotz allem jämmerlichen Krebsen vor der bayerischen Reaktion – völlige Verbiegung des Schutzgesetzes gegen unsereinen, Preisgabe der politischen Gefangenen etc. – doch zu tun noch allerhand übrig bleibt. Leute, die für ein Prinzip den selbst aussichtslosen offenen Kampf nicht scheuen, sind allemal mehr wert, als die armselig Beflissenen, die um Gottes willen auch Kupfermünze heimtragen, wenn sie das geforderte Gold nicht kriegen können. Selbstverständlich müßte jetzt die Arbeiterschaft sofort auf den Plan treten, vor allem in Bayern. Aber – da hat ja Auer schon vor 14 Tagen im entscheidendsten Moment die Parole ausgegeben: kein vernünftiger Mensch könne daran denken, gewerkschaftliche Mittel für politische Forderungen einzusetzen. Nun, die Eisenbahn fährt – lieb Lerchenfeld, magst ruhig sein! Ob der Deutsche Gewerkschaftsbund als solcher etwas Wirksames unternehmen wird, ist mir auch zweifelhaft genug, erst recht, ob die Gewerkschafts-Internationale in Amsterdam den Boykott gegen Bayern verhängen wird, wie man es einmal gegen Ungarn – kläglich genug – durchführte. Zeit wär’s längst zu Solidaritäts-Aktionen von draußen; aber die eignen Bundesgenossen derer, die sie unternehmen müßten, im Innern des zu unterstützenden Proletariats, versagen ja und sabotieren sicher, wenn’s drauf ankommt, jede Hilfe. Auer ist gewiß kein geistiges Licht, aber wenn es gilt, Arbeiterinteressen zu schädigen, ist er vielseitig gerissen und findiger als irgendwer. Ein Polizeihirn mit faustischer Herrschgier. Ein absolut gewissenloser Demagoge, der so sehr in seinem einzigen Ehrgeiz lebt, selbst regierender Mann zu sein, daß er schon jetzt in aller Welt keinen größeren Haß kennt als gegen Menschen, die gegen irgendwelche Regierung revolutionär gestimmt sein könnten. Vielleicht steht er nahe vor seinem Ziel. Was wir von alledem zu erwarten hätten, ist ganz ungewiß. Erfreulich ist, daß meine Denkschrift über die Entstehung der Räterepublik und der Antrag zur Nachprüfung der Rechtsgrundlagen unsrer Verurteilung an das Reichsjustizministerium, die mir seinerzeit hier beschlagnahmt wurden, draußen sind. Vielleicht ist Radbruch schon im Besitz des Dokuments, das ihm im Augenblick – wenn er ein Bißchen Schneid zusammenbringt – ausgezeichnete Dienste gegen die augenblicklich[en] regierenden Rebellen leisten könnte. Das Amüsante wird bei der Publizierung der peinlichen Aufklärungen sein, daß die Beförderung gelang, ohne daß ich dadurch auch nur hier drinnen in Ungelegenheiten kommen kann. Legal arbeiten – und doch den Willen durchsetzen: das ist die Aufgabe, deren Lösung in Niederschönenfeld am meisten reizt. – Was jetzt in München vorgeht? Ich wünschte, Zenzl machte ihren Entschluß, in die Schweiz zu fahren, recht schnell wahr. Sobald der Belagerungszustand verhängt wird, ist sie in dauernder Gefahr, in „Schutzhaft“ genommen zu werden, – und das wäre mir entsetzlich zu denken. Die Deutschvölkischen – ob sie auch in Bayern in Scheidung leben mit den Deutschnationalen, bezweifle ich, da die letzteren hierzulande wohl nie sentimentale Schwäche gegen Mordverbindungen gezeigt haben – werden wohl klar zum Gefecht sein für Judenpogrome und jegliche sonstige Staatsrettung schwarzweißroter Reichsfeindlichkeit. Der „Ordnungsblock“ hat seine Mannen schon zu äußerster Bereitschaft aufgerufen, und die nächsten Tage werden wohl die längst entschlafenen Einwohnerwehren, Zeitfreiwilligenverbände und Eschericheriche wieder quicklebendig und wohlbewaffnet den „Umsturz“ abwehren sehn. Die Heuchelei dabei ist ekelhaft. Ohne sie wäre mir das Rebellentum, das in alledem steckt, sympathisch. Vielleicht gibt’s heut abend noch eine Zeitung, der man irgendwas entnehmen kann. Aber viel Vertrauen habe ich nicht darauf. Bezeichnend für den „Geist“, der Bayern in diesem Augenblick die „Rechtspflege“ diktiert, ist eine Vorladung, die Wiedenmann zum 2. August vor das Volksgericht in München erhalten hat. Er soll sich da verantworten wegen „Amtsanmaßung“, weil er am 14. April 1919 Reqisitionen von Jagdgewehren vorgenommen hat. Die Tatsache ist in seiner Hochverratsverhandlung, bei der er zu 4 Jahren verdonnert wurde, zwar schon erörtert worden, – aber das Ne bis in idem ist in Bayern längst ein überlebter Grundsatz. Der arme Mairgünther, der wohl demnächst aus dem Gefängnis zu uns zurückkehren wird, weiß davon ein Lied zu singen. – Und die „Volksgerichte“ hat das Reich den Bayern ja noch immer nicht gelegt, sodaß kein Reichsgericht dazwischenpfuschen kann. Und, um dem Reich das Ärgste anzutun, hat man ausgerechnet die Justiz den Nationalisten überantwortet, den Posten, um den sich der ganze Streit dreht. Lange wird die Herrlichkeit jawohl nicht dauern. Aber inzwischen dürfen wir Niederschönenfelder vor allen sagen: wir sind gut aufgehoben!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 28. Juli 1922.

Zenzls 38. Geburtstag. Leider bin ich seit Tagen ohne Nachricht von ihr und daher etwas unruhig. Ob es das letzte Mal ist, daß wir den Tag getrennt verbringen müssen? Es ist garnichts vorherzusagen. Möglichkeiten stehn im Augenblick wieder nach allen Seiten offen. Eine einzige Nummer des Fränkischen Kuriers (von gestern früh) gibt nur sehr geringe Aufschlüsse. Der Konflikt zwischen dem Reich und Bayern ist in vollem Gange, und vorerst sieht es nicht danach aus, als ob mindestens Bayern kapitulieren wolle. Die Regierungserklärung über die Sache im Landtag haben wir zwar nicht gelesen, die wohl allerhand Klärung für uns gebracht hätte, besonders in der darauffolgenden Auseinandersetzung. Dagegen bringt die Zeitung den Bericht über die folgende Beratung einer Interpellation der Bayerischen Volkspartei und der Deutschnationalen wegen der Gesandten Dard und Zech und ihre Beziehungen zu Leoprechting. Die Antwort Lerchenfelds auf diese Anfragen klingt trotz einer geschickt gemäßigten Tonart ziemlich kriegerisch gegen das Reich. Was daraus zu entnehmen ist, ist, daß man schon jetzt den Spieß umgedreht hat und statt sich gegen den Vorwurf des Hochverrats zu verteidigen, durchsichtig genug, das Reich und seinen Vertreter recht intimer Beziehungen zu Hochverräter Leoprechting bezichtigt. Weißmann wird wieder in aller Form beschuldigt, Spitzel der Reichsregierung in Bayern zu unterhalten und jedem, der bei Spionage für „Berlin“ betroffen wird, Verhaftung angedroht. Von den Diskussionsrednern scheint Niekisch sehr kräftig losgegangen zu sein. Er bekam drei Ordnungsrufe, den dritten, als er seine Rede mit einem Vergleich zwischen der Regierung Lerchenfeld und Herrn v. Leoprechting beendet hatte. In München scheint als eigentliche Regierung die von den Nationalsozialisten okkupierte Straße zu herrschen. Daß Lerchenfeld von Xylander dirigiert wird, steht wohl außer Frage. Die Ernennung Gürtners zum Justizminister wird dementiert. Eine Erweiterung der Koalition werde zunächst nicht vorgenommen. Nur sei das Handelsministerium provisorisch vom Ministerpräsidenten mit übernommen, der sich darin vom Staatsrat Meinel, dem bisherigen Referenten, vertreten läßt. Die Reichsregierung berät inzwischen. Sie soll einig sein, daß die Verordnung Bayerns keinesfalls anerkannt werden könne, doch leitartikelt der Fränk. Kurier, der als ein von Stinnes ausgehaltenes Reptil nolens volens in Opposition machen muß – denn Stinnes hat durch den resoluten Rausschmiß aller Redakteure außer dem „sozialdemokratischen“ Lensch, bekundet, daß sein Chef in der Deutschen Allgemeinen Zeitung die von ihm gewünschte Meinung vertritt, daß sich die Großindustrie bayerische Solotänze nicht gefallen läßt – mit tränenerstickter Wehmut, man möge doch in München einlenken, da das Reich bereits geneigt sei, ein Kompromiß zu machen. Bis ich nicht etwas anderes sehe, glaub’ ich’s. Eine Notiz ist besonders interessant. Sie zitiert die Münchner Post und gibt also die Meinung Erhard Auers wieder zu Meldungen, daß die Arbeiterorganisationen die wirtschaftliche Sperre über Bayern verhängen wollen und die Gewerkschaften für Bayern den Generalstreik beschließen möchten. Herr Auer findet, daß dazu „nicht der mindeste Anlaß“ vorliege. Er bleibt sich treu. Doch ist ja nicht ausgeschlossen, daß die Arbeiter im übrigen Deutschland ungeachtet der persönlichen Wünsche des professionellen Klassenverräters ihre Maßnahmen beschließen könnten. – Toll ist, daß unsre Genossen von der mitteldeutschen Sache her immer noch nicht wissen, ob sie unter das Reichsamnestiegesetz gehören oder nicht. Der Wortlaut des Gesetzes ist uns bis jetzt vorenthalten worden. (Daß es einen Strafgesetzbuchparagraphen gibt, der diesen speziellen Amtsmißbrauch bedroht, scheint ein Irrtum zu sein. Ich habe keinen gefunden). Ich war von vornherein der Meinung, daß die Amnestie nach dem Willen des Reichs ihre Fälle mit umschließen müsse, daß aber Bayern den Konflikt auf alle Punkte der Beschlüsse wirken lassen werde, um im Falle eines Kompromisses seinerseits etwas zum Nachgeben zur Hand zu haben. Nun hat Männlein von Pestalozza Nachricht erhalten, daß die Amnestie die bayerischen Delinquenten von Ostern 21 mit umfasse, und daß er die sofortige Freilassung beantragt habe. Erfolg wird dieses Verlangen des Anwalts natürlich nicht haben. Denn wenn Bayern ohne weiteres zugibt, daß es in einem Punkt die Verpflichtungen des Gesetzes widerrechtlich gebrochen hat, dann muß es gleich noch mehr erfüllen, nämlich alles, worin es in der Verordnung nicht ausdrücklich sich gesträubt hat, und dazu gehört auch das Beamtendisziplinargesetz, dessen Anerkennung dem Reich erlauben würde, von sich aus die Absetzung Kahrs und Pöhners zu bewirken, also grade das, was unmöglich gemacht werden soll. Der Kampf, den die Bayerische Regierung führt und den Graf Lerchenfeld nominell kommandiert, ist der Kampf der Organisation C um ihren Bestand und um alle die Personen, die von ihr als Vorposten in die Bayerische Staatsverwaltung gestellt sind. Es ist der Kampf um Bayern als Aufmarschgebiet des schwarzweißroten Krieges gegen den „inneren Feind“, die Republik, und des preußisch-militaristischen Revanchekriegs gegen den „äußeren Feind“, die Entente und als Sammelstätte aller europäischen Restaurations-Bestrebungen. Hier ließ man die russischen Monarchisten tagen und zwischen hier und dem andern Kulminationspunkt der Reaktion, Ungarn, laufen die geheimen Fäden, die eines Tages die aus den Nachkriegs-Revolutionen entstandenen Republiken erdrosseln sollen. Daß sich die Bayern diese Gewebe nicht gern zerreißen lassen möchten – wobei sich viele ihrer prominentesten Persönlichkeiten verhängnisvoll selbst darin verstrickt zeigen könnten –, ist zu verstehn. Der Jesuitenkniff, jetzt den schon geopferten Leoprechting nochmal als Kugelfang vor ihre Schützengräben zu dirigieren, ist reichlich plump, wird aber wohl bei sehr vielen die Wirkung nicht verfehlen. Andre werden freilich doch wohl die Frage aufwerfen, ob der moralische Aufwand dieser Leute gerechtfertigt ist gegen die Zumutung, den von ihnen noch gefangen gehaltenen „Hochverrätern“ aus einer Zeit, in der noch garkeine rechtsgiltige Reichs- oder Landesverfassung bestand, doch auch mal eine Amnestierung zu gönnen. Was es mit ihren gerühmten „Einzelbegnadigungen“ auf sich hat, wird man draußen ja langsam erfahren. Heute hat Michael Gruber die Anstalt verlassen, seit langen Monaten der erste, der auf Bewährungsfrist in Freiheit kam, und dem wurde der Termin schon Anfangs dieses Jahres bekannt gegeben. Seit April ist niemand mehr „bewährt“ worden. Gruber ist ein subjektiv anständiger Kerl, mit hartstirnigem Charakter. Er ergab sich dem Einfluß Elberts und hat dessen verschiedene Wandlungen dann nicht kopiert: So ist er politisch auf dem Standpunkt der KAP geblieben, hält mich aber heute noch für den Hundsfott, der ihn seinerzeit bei der Verteilung von Geldern bestechen wollte und andern das stahl, was ihnen zukam. Und diese Überzeugung wird er wohl eines Tages mit ins Grab nehmen. – Ich kann’s nicht ändern. Übrigens ist Gruber gewiß keiner der Schlechtesten, die wir von hier haben weggehn sehn. Von einem gewissen Schmid aus München, der sich für einen Apotheker ausgab – er war wohl mal in einer Drogerie beschäftigt – erfahren wir, daß er schon wieder sitzt – und zwar wegen großer Betrügereien im Zuchthaus. Dieser Schmid (Adolf Schmid II hieß er hier im Hause) war der Mann, auf den sich Vollmann in seinen Verdächtigungen gegen mich und in der Anordnung stützte, Geldverteilungen hätte die Verwaltung zu überwachen. Es ist gut, die Entwicklung der Leute zu verfolgen, die hier mit der Verwaltung besonders intim waren, und ich habe speziellen Anlaß, diejenigen zu beobachten, die mich zum Lumpen zu stempeln versucht haben. – Da ich nun schon bei früheren Festungsgenossen bin, so ist auch über einen grundehrlichen Kerl eine nachträgliche Notiz am Platze. Wir erfahren, daß Schleußinger, nachdem er sein juristisches Schlußexamen und den Doktor gemacht hat, von der Münchener Anwaltskammer, als er sich dort als Rechtsanwalt etablieren wollte, abgelehnt wurde, weil er politisch vorbestraft sei: Eine saubere Gesellschaft. Sollte das Blatt sich doch einmal wenden – und sie brauchten ja bloß jetzt mit ihrer Reichssabotage auszurutschen, dann muß man sich alle diese Infamien der niedrigsten Rachsucht genau merken. Die Christlichen Rachegeister von heute werden nicht zu lachen haben, wenn ihre Sünden einmal zur Erörterung stehn. Ihre eignen Methoden anzuwenden genügt vollauf – und sie werden Kot brechen und jammern. Ob jetzt oder später – der Tag der Vergeltung wird nicht ausbleiben!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 29. Juli 1922.

Von Zenzl und überhaupt von daheim ist keinerlei Nachricht da – die ganze Woche hindurch. Ich bin ziemlich nervös infolgedessen, obwohl ich der Überzeugung bin, daß ein ganzer Haufen Post von der Zensur zurückgehalten wird, damit wir nicht erfahren, was uns vorerst verheimlicht werden soll. Auch von Adolf ist noch nicht das leisteste Zeichen zu hören, obwohl er versprach, sofort zu schreiben. Habe ich Montag keine Nachricht, werde ich mit Gollwitzer eine Unterredung zu erreichen suchen. Er soll sagen, ob Briefe da sind, wenn er sie mir auch nicht hergibt. – Die ganz spärliche Zeitungsinformation ergibt wenig Neues. Vorläufig verstärkt sich der Verdacht, daß ein Kompromiß zustande kommen wird, das natürlich unter allen Umständen eine glatte Niederlage des Reichs bedeuten würde. Der ganze Entschluß, bis zu dem sich das Berliner Kabinett aufschwang, war eine offizielle Erklärung zur Sache, die auf den Eindruck abzielt, als ob es die Herren mit dem suaviter in modo, fortiter in re hielten. Würdige Festigkeit! echot es aus ihren treuergebenen Sozi- und Börsenblättern. Der andre – diesmal ich – hört aus allem nur das Nein; nämlich die Abwesenheit von Energie, die jede dilatorische Behandlung der Sache ausgeschlossen hätte. (Ich vertrete hier nicht meinen Standpunkt, der durchaus nicht der gleiche ist wie ihn die Marxisten aller Richtungen einnehmen). Man hat von dem Recht, einfach die Aufhebung der rechtswidrigen Verordnung zu verlangen, keinen Gebrauch gemacht, sondern nur mit eben jenem Tone „würdiger Festigkeit“ die Erwartung ausgesprochen, Bayern werde sich selbst wieder auf den Boden der Verfassung stellen, ehe das Reich gezwungen würde, „Forderungen“ zu erheben. Das war die erste Preisgabe von Boden, und ihr ist sofort ein weiterer Schritt rückwärts gefolgt: ein Brief Eberts an Lerchenfeld, dessen Inhalt nicht bekannt ist (wenigstens uns noch nicht), und dessen Wirkung erst abgewartet werden soll, ehe irgendwelche politischen Aktionen unternommen werden sollen. Damit haben die Bayern Zeit genug gewonnen, und können das Kompromiß vorbereiten, mit dem sie – nicht sich, sondern dem Reich aus der Patsche helfen. Wie es ausfallen wird, ist schon ungefähr zu erkennen. Die „Augsburger Postzeitung“ berichtet von Vorschlägen, die Aussicht haben sollen, beiden Ansprüchen gerecht zu werden, derart nämlich, daß dem Staatsgerichtshof ein eigner bayerischer Senat und der Reichskriminalpolizei eine eigne bayerische Abteilung angegliedert wird. Die Justiz- und Polizeihoheit Bayerns wäre damit gerettet, vielmehr: die Reinigung des Augiasstalles wäre denen reserviert, denen sein Gestank Lebensbedingung ist. Die Kläfferei der Sozial- und sonstigen Demokraten gegen eine derartige Kapitulation Berlins vor München ist nicht sehr ernst zu nehmen. Auch von den Arbeitern ist nichts Entschiedenes mehr zu hoffen. Die Loyalitätszusicherung des Auer-Organs steift den Lerchenfeldwebeln natürlich den Rücken und lähmt zugleich jeden proletarischen Willensmut. Der Reichstag aber hat noch nie was andres zuwege gebracht als jammervolle Kompromisse und wird, wenn die ungeheuer revolutionäre Forderung der Unabhängigen, ihn gleich wieder zusammenzutrommeln, wirklich durchdringt, auch jetzt nichts besseres zustande bringen. Lerchenfeld aber hat erklärt, daß er zwar gegebenenfalls die Entscheidung den bayerischen Wählern überlassen müsse, hoffentlich aber dem Lande die Aufregung neuer Landtagswahlen ersparen könne. Wenn ich die Sprache dieses diplomatischen Seiltänzers recht deute, heißt das: wir wollten zwar die Verantwortlichkeit für alle prinzipwidrige Anpassung von uns abbürden, also denen den Platz räumen, die mit dem Reichsverfahren auch in Bayern einverstanden sind. Gelingt es uns aber wider die verstiegenste Hoffnung, für unsre prinziptreue Regierungsart den Boden zu schaffen, ohne uns beugen zu müssen, dann stehn wir fest, – und ersparen dem Volk die Aufregungen eines Wahlkampfs. – Jetzt war eben Genosse Glaßer bei mir, was zu einem ausführlichen Gespräch über revolutionäre Taktik führte. Das hat Zeit gekostet, und nun will ich nach Hause schreiben. Fortsetzung folgt morgen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag d. 30. Juli 1922.

Ich hatte gestern wieder einen schweren Herznervenanfall zu überstehn, der zum Teil aus der Aufregung wegen des Ausbleibens aller Nachrichten von Zenzl stammt (von der ich nicht einmal weiß, ob sie die beabsichtigte Reise in die Schweiz schon angetreten hat, wo sie also zur Zeit ist), zum Teil aber auch eine Aeußerung der natürlichen Periodizität; denn die Fließ’sche Theorie bestätigt sich an mir in erstaunlicher Weise, nur sind die Erscheinungsformen neuerdings sehr unangenehm; während früher an den betreffenden Tagen – es handelt sich um Abstände von 22 – 30 Tagen – nur erhöhte Reizbarkeit bemerkbar war, treten seit einigen Monaten zugleich physische Störungen der ekelhaftesten Art, verbunden mit Schwäche, Durchfall, Brechreiz und gelegentlichen Schweißentladungen auf. Heute ist die Sache wohl ziemlich überstanden, doch fühle ich mich noch angegriffen genug. – Im Hof las ich gestern noch die mittags im I Stock ausgegebene „Augsburger Postzeitung“ (Bayerische Volkspartei) von gestern morgen, die Eberts Brief im Wortlaut enthielt. Wieder ganz „würdige Festigkeit“. Sapienti sat; er gönnt den Münchnern Zeit zum „Rückzug“, der auf goldenen Brücken gestattet wird, sodaß – wenn ich mich in der Einschätzung der Energie im Reichskabinett nicht zum Nachteil Wirths und Radbruchs täusche – Bayerns Sieg, der mit lautem Gewinsel über die schier ungeheuerliche Selbstüberwindung unsrer Landvogte bei uns selbst vertuscht werden wird, das Ende sein wird. Höchst amüsant ist die Auslassung der Volkspartei-Correspondenz über das vorgeschlagene Kompromiß (bayerische Abteilungen im Staatsgerichthof und in der Reichskriminalpolizei), das eine katastrophale Kapitulation des Reichs wäre. Kein Mensch in Bayern, meint die parteioffiziöse Auslassung, könne einem so faulen Köder nachlaufen. Mit einer „weißblauen Extrawurst“ werde man sich nicht abspeisen lassen, es gehe ums Prinzip der Staatshoheit Bayerns schlechthin. Daher habe das Reich einfach zu billigen, was Bayern tut. So ungefähr. Natürlich griffe man mit beiden Händen zu, wenn das Reich auf den Zauber eingeht. Aber da ist eben schon vorgebeugt, um keine Begeisterung aufkommen zu lassen, sondern für weitere partikularistische Vorstöße schon die Tränen in der Drüse zu sammeln. Sie werden auf der ganzen Linie triumphieren und werden dabei plärren: wir sind betrogen, wir sind übervorteilt, man hat uns einen erbärmlichen Brocken hingeschmissen, und nur unsre fast sträfliche, aber so heiße Friedensliebe hat uns endlich doch vermocht, dieses schreckliche weitere Opfer unsrer staatlichen Selbständigkeit zu bringen. Aber, es war das letzte! Noch ein Versuch des Reichs, unsre bayerische Selbständigkeit zu beschneiden, wird uns eisern fest finden. Und da ist denn die Melodie gegeben, in der man jahrelang singen kann und sicher weiß, daß das Lied suggestive Kraft hat und nach und nach noch andre süddeutsche Länder zum Mitsingen veranlassen wird. – Die Taktik ist ja nicht neu. Als die Deutschen nach ihrer Agadir-Provokation von Frankreich durch Abtretung von Kongogebiet, das ihnen ihr Kamerun um über 1 Million Eingeborene vergrößerte, für ein paar Wochen zur Ruhe gebracht waren (man hatte das Gebiet als „Kompensation“ gradezu erpreßt), da ging das Gezeter der Alldeutschen los, als ob Deutschland in seinen „Belangen“ elend übers Ohr gehauen wäre, weil es nicht ganz Westmarokko gekriegt hatte, und die Tsetsefliege wurde zum Charaktertier der deutschen Diplomatie in allen Witzblättern, die keine Ahnung hatten, daß man in Frankreich sich nur für den Augenblick vom Kriegsvampyr an der Ostgrenze für einen überaus teuren Preis losgekauft hatte. Das Verfahren ist also bekannt, und da Bayern augenblicklich Exerzierplatz Altpreußens ist (das in köstlicher Ungeniertheit bayerische Eigenart drillt – und was in aller Welt ähnlichen Gemüts ist, lernt jetzt alles, alles hierzulande kraftbayerisch; die neueste Acquisition ist Großfürst Nikolai Nikolajewitsch) muß es als Kasernenhof dienen, wo es in Übung gehalten wird. – Im Landtagsausschuß hat Niekisch Anträge eingebracht, deren einer die Ausweisung der Wittelsbachischen Thronprätendenten aus Bayern, der andre die Übertragung der Untersuchung im Falle Gareis an einen besonderen Kommissar verlangt. Beide Anträge wurden abgelehnt. Zum ersten bemerkte der republikanische Minister Schweyer, er habe ihn mit Ekel gelesen, und auf die Frage warum er diese Äußerung des Ministers nicht gerügt habe, erklärte der Vorsitzende Wohlmut, dazu habe er keinen Anlaß gehabt, da ihn dasselbe Gefühl erfüllt habe. Herr Schweyer schloß aber seine Rede mit einem Dithyrambus der Treue zu seinem „angestammten Herrscherhaus“. Die armen Unabhängigen blieben ganz allein mit ihren Wünschen. Auch die Auerochsen stimmten dagegen. Sie bleiben sich treu, indem sie dem angestammten Herrscherhause der Wittelsbacher und den bayerischen Justizmethoden bei der Verfolgung reaktionärer Mordtaten treu bleiben. – In der „Roten Fahne“ stellt man indessen gute radikale Forderungen auf. Das Proletariat müsse über alle Parteischranken hinweg zur Einigung kommen, seine Kontrollkommissionen und Überwachungsorgane selbst ausbauen, und gegen alle Mächlerei der schwarzweißroten und schwarzrotgoldenen Reaktion seine eigne Diktatur aufrichten. Allerdings bin ich seit Ostern 1921 und Brandler mißtrauisch geworden. Wer garantiert, daß die Leute, die heute revolutionäre Parolen ausgeben, morgen nicht etwa diejenigen, die darauf hören und danach handeln, wieder als Spitzel und Provokateure und als Wirrköpfe und Verantwortungslose denunzieren, wie sie’s ja auch mit Hölz gemacht haben? Ihre Partei ist ihnen ja doch wichtiger als Proletariat und Revolution und Kommunismus und sie gehn auf Fischfang in die eignen Netze aus, wenn sie die Arbeiter aufrufen, über die Parteien hinweg zusammenzukommen. Sie meinen ja nur: über die andern Parteien hinweg! – Sie selbst aber treiben schon lange überhaupt keine proletarische Revolutions-, sondern russische Staatspolitik, und was es damit auf sich hat, erkennt man aus den Berichten über das Auftreten der bolschewistischen Staatskommissäre zur Genüge. Schon in Genua und dann im Haag haben die Russen alle andern durch ihre pompöse Lebensführung in den Schatten gestellt. Und auch jetzt gibt Tschitscherin zu unerquicklichen Holzbockereien in der Presse Anlaß, da er sich in Berlin in der russischen Botschaft bei einem „diplomatischen Empfang“ beweihräuchern ließ: Da waren die alten Diplomaten mit „Gemahlinnen“, die Grafen und Barone in grande toilette zur Stelle und ließen sich von den Vertretern der „Arbeiter- und Bauernregierung“ mit Sekt und Herrlichkeiten bewirten, die aus den kistenweise mitgeführten Gold- und Edelsteingeräten der expropriierten Kirchengüter bezahlt wurden. Dabei müssen proletarische Lakaien vor den dekolletierten Weibern der altpreußischen Aristokratie nach traditionellem Hofzeremoniell Honneurs und Männchen machen; – alles im Namen des revolutionären russischen Proletariats. Das ist sehr widerwärtig, sehr schändlich. Die Genossen der Sowjetregierung würden sogar bei der kapitalistischen Bourgeoisie guten Eindruck machen, wenn sie unter Hinweis darauf, daß sie die arme Klasse eines armen Landes vertreten, jede mit Frühstück verbundene Einladung zu einer politischen Besprechung ablehnten und sich ihrerseits entschuldigten, daß sie keinerlei „Empfänge“ veranstalten würden, wohl aber zu jeder Zeit für politische und wirtschaftliche Unterhaltungen ohne Speise und Trank zur Verfügung ständen. Das Proletariat der ganzen Welt hätte jedenfalls dafür mehr Verständnis als für die persönlich sicher angenehme Art der Anpassung an üble und korrupte Bourgeois-Beispiele. – Ganz zufällig verriet mir ein Blick in eine ältere Nummer – vom Donnerstag – der Münchner Neuesten Nachrichten den Tod eines Bekannten: des Professors Ludwig Sinzheimer in München, des Nationalökonomen mit der Spezialität des Fabrikwesens. Unsre Bekanntschaft war ziemlich fremd und oberflächlich, aber ein paar ganz interessante Gespräche über Sozialisierungsfragen werden mir das Andenken an den Mann lebendig halten. – Hier im Hause folgender neue Fall. Die 3 jüngsten Kinder Olschewskis – 13, 15 und 18 Jahre – kamen zu Besuch. Sie haben den Vater über 2 Jahre nicht gesehn, und die beiden Buben hatten den Samstag benutzt, um nur einen halben Arbeitstag einzubüßen; denn die Familie lebt in bitterster Armut und die Frau liegt schwerkrank im Spital. Herr Hoffmann hat die armen Kinder wieder heimgeschickt; es sei kein Besuchstag! – Der Fall verdiente, weltbekannt zu werden. Vielleicht begreift man’s dann, in wessen Händen wir sind.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 31. Juli 1922.

Ich hatte Besuch! Mein Bruder Hans war da, und wir waren 4 Stunden beisammen, nachdem wir uns 7 Jahre lang nicht gesehn hatten. Er ist inzwischen ein stattlich proportionierter, allmählich ergrauender und zu Embonpoint neigender Herr geworden und gefiel mir besser als jemals früher, viel freier im Wesen und toleranter in den Auffassungen, dabei sichtlich erschüttert von dem Eindruck dieses Gefängnisses. Zu seiner seelischen Weichheit mag wohl auch das Ergebnis der gründlichen Untersuchung beigetragen haben, der er mich unterzog und die sich auf Herz, Lunge, Bauch, Rückenmark, Nerven etc. erstreckte. Ich hatte den Eindruck, als ob er von meinem Zustand recht bedenkliche Empfindungen bekam und insbesondere mein Herz unerfreulich krank fand. Was die beabsichtigte Briefstellerei mit unserm Dr. Steindl für Ergebnisse haben wird, werden wir ja sehn. Große Erwartungen auf intensiver betriebene Heilmethoden hier drinnen hege ich einmal nicht. Hans hatte, was ich deutlich wahrnahm, von den Verhältnissen hier drinnen einen niederschmetternden Eindruck. Meine Erfahrungen aber, die er ja nicht hat, hätten ihm bestätigt, daß sein Besuch in ungewöhnlich entgegenkommender Art vor sich ging. (Ein studierter Mann hat hier, wo Klassenunterschiede bekanntlich nie gemacht werden, immer eine bessere Behandlung zu erwarten, als unsre Frauen oder Besucher weniger angesehener Berufszugehörigkeit). Krumbholtz überwachte und unterbrach kein einziges Mal, obwohl ich und noch mehr Hans in mancher Kritik ziemlich weit ging. Vielleicht ist der Mann nach dem Eingriff bei Zenzls Besuch, als er die Besprechung geschäftlicher Angelegenheiten verhinderte, so zusammengestaucht worden, daß er es jetzt vorzieht, lieber etwas zu überhören als nochmal vorbeizuhauen. – Nun, Hans sah die jammervolle Gefängniszelle mit der vergitterten Fensterluke, er sah die käfigartigen Verließe, in denen wir hausen müssen und sah, daß man Niederschönenfeld nennen kann wie man mag, nur nicht „Festung“ im Sinne des Strafurteils. Er versprach denn auch, alles mögliche zu unsern Gunsten zu versuchen. Er habe Beziehungen zu Wirth, werde auch zu Radbruch gehn (dem ich zu bestellen auftrug, er soll, nachdem er schon sonst nichts für uns erreicht habe, wenigstens das Reichsstrafvollzugsgesetz beschleunigt durchzusetzen suchen). Ferner hat Hans einen Reichstagsabgeordneten der Deutschen Volkspartei zum Patienten. Es kann natürlich nicht schaden, wenn auch so ein Mann mal Bescheid bekommt, was für Niederträchtigkeiten ihn seine politische Disziplin billigen lassen muß. Erfreut war ich von der Frage, die mir Professor Einstein stellen ließ, ob er sich in irgendeiner Form, bzw. in welcher, unsrer annehmen kann. Natürlich konnte ich nicht aussprechen, daß er ja nur eine öffentliche Erklärung mit seinem Namen unterzeichnet loszulassen brauche, um Niederschönenfeld neuerdings in den Mittelpunkt des Weltinteresses zu rücken. Ich hab’s, da sonst der Besuch in Gefahr geraten wäre, abgebrochen zu werden, so gut ich konnte, angedeutet. – Was Hans mir erzählte an persönlichen, prinzipiellen, allgemeinen und sonstigen Dingen, informierte mich wieder ein bißchen besser über die wilde Verwirrung aller Lebensbeziehungen draußen. So ist Einstein z. B. trotz seines Weltruhms, der ihm Einladungen in alle Weltgegenden einträgt, im eignen „Vaterland“ seines Lebens nicht sicher. Er ist Jude und Pazifist – infolgedessen droht ihm in dieser glorreichen Republik auf Schritt und Tritt der Tod. – Die Preise müssen ins absolut Aschgraue gehn (der Markkurs steht augenblicklich mit 630 – auf den Dollar bezogen – auf seinem vorläufigen Höchstpunkt). Was werden soll – niemand weiß es, und wie es scheint, steigt selbst in Bürgerkreisen die Hoffnung wieder, eine Revolution werde einmal mindestens Klarheit schaffen. Interessant war mir, was ich über die Entwicklung des Palaestinaproblems hörte, das den Zionisten natürlich vor allem andern erfüllt. Mich hätte es gefreut, wenn er mir von großen neuen Experimenten im sozialen Aufbau berichtet hätte. Aber die Damaschke-Dilettiererei, wonach statt Grundbesitz Grundpacht und überdies ohne Flächenlimitierung, mit zwar 50jähriger Neuverteilung des Bodens aber bei Optionsrecht der Pachtinhaber und Erbrecht tritt, scheint mir zu seiner zionistischen Begeisterung ziemlich wenig Anspruch zu geben. Die Ausbeutung durch das Verfügungsmonopol über den Grundbesitz bleibt unangetastet, – und das wird sich in der Folge schwer rächen, zumal es in dem neuen Kulturgebiet die soziale Revolution von den gleichen Ursprüngen aus notwendig macht wie in jedem andern Lande. – Hans ist inzwischen nach München weitergefahren, und ich freue mich, daß er gleich mit Zenzl über das weiterreden kann, was ich ihm besonders vortrug. Ich will aus der Mitbesitzerschaft der Berliner Häusergemeinschaft heraus, einmal weil sie mich in den falschen Ruf eines Kapitalisten bringt (und jeder politische Richter hat mir das noch ironisch zu verantworten gegeben), dann weil für mich dieser Besitz absolut wertlos ist, da er keinen Pfennig herauszinsen läßt, endlich weil mein Tod Zenzl von der Erbschaft aus diesem Besitz ausschließt. Erfreulicherweise will Hans weder bei der Streichung der Klausel, nach der nur Juden anteilsberechtigt sein dürfen, noch bei einem eventuellen Verkauf des ganzen Besitzes Schwierigkeiten machen. Es handelt sich jetzt darum, wie ein Verkauf bewirkt werden kann, ohne daß der bayerische Staat Einspruch erhebt, da er ja mit einer Grundbucheintragung über 40.000 Mark über meinen Anteil wacht. Das soll draußen unter den Interessenten und Juristen ausgekocht werden. Weiß ich Zenzl im Fall meines Todes sichergestellt, dann kann ich leichter sterben und infolgedessen auch fröhlicher leben. – Noch während des Besuchs wurde mir ein Brief von Zenzl gebracht, sodaß ich von der Sorge um sie wieder frei bin, und nachher sah ich kurz in die paar Zeitungen, die ausgegeben waren, ohne wesentlich Neues zu erfahren. Die Antwort Bayerns an Ebert wird noch von den Treuhändern der bayerischen Eigenart ausgekocht, und die Moratoriumsbewilligung für die Reparationszahlungen Deutschlands befindet sich ebenfalls noch unter dem Nudelbrett gerissener Finanz-Experten „landfremder Belange“. Alles übrige, was die Blätter füllt, ist irrelevant. Hier drinnen aber geht die Erregung hoch in der Frage, ob die 16 Verurteilten von 1921 amnestiert sind oder nicht. Heute ist nun das Gesetz- und Verordnungsblatt des Reichs mit sämtlichen Gesetzen vom 21. Juli hereingelassen, und danach unterliegt es nicht dem geringsten Zweifel, daß sie unter die Amnestierten gehören. Tatsächlich hat auch Hoffmann in einer Unterredung mit einem Beteiligten gesagt, er warte nur auf den Befehl und würde sie daraufhin sofort freilassen. Nun ist im Text gesagt: das Gesetz tritt mit dem Tage der Verkündung in Kraft. Tag der Verkündung, also Erscheinungstermin des Verordnungsblattes war der 23. Juli, sodaß die Genossen also schon eine volle Woche zu Unrecht hier festgehalten werden. Wahrscheinlich will die bayerische Regierung mit ihrer Herauslassung warten, bis der Konflikt mit dem Reich entschieden ist. Kommt es dabei zu offenem Streit, dann haben sie ja überhaupt nicht mehr nötig, sich um Reichsgesetze zu kümmern. Es wäre am Ende prinzipiell nicht das Schlechteste, da dann keine Auslegungskünste, sondern offene Rebellion bestände, und alle Welt feststellen müßte, daß die, die sie unternehmen, kein Recht haben, andre, die es vor 3 Jahren unternommen haben – und nicht mal gegen sie – wegen „Hochverrats“ zu malträtieren. – Vorerst ist aber wohl noch anzunehmen, daß die Mitteldeutschen in diesen Tagen freigelassen werden, und ich gönne ihnen die Freiheit herzlich gern. Daß unsereiner noch drinnen bleiben muß, weil wir schon ein Jahr früher eingesperrt wurden als die Ersten, die unter die Amnestie fallen, entspricht der Art Gerechtigkeit, die heute in Deutschland gilt. Damit muß man sich abfinden. – Noch ein Toter: der alte Jules Guedes, einer der bakunistischen Communekämpfer ist in Paris gestorben. Er ist später zu den Marxisten gegangen und lange Zeit in Frankreich deren Kopf gewesen. Seine gute revolutionäre Vergangenheit und daß er schließlich auch Franzose war, wird ihm geholfen haben, das französische Proletariat nicht so auf die schiefe Bahn geraten zu lassen, wie das deutsche schon unter Bebel geriet. Wie Guedes sich zu den gegenwärtigen Richtungen der Marxisten verhielt, weiß ich nicht sicher. Ich vermute, daß die Wiener Internationale seinen Auffassungen der letzten Jahrzehnte am ehesten entsprach. Sein hohes Alter – 77 Jahre – hat ihm von selbst die Lehre erspart, die nicht ausbleiben wird: daß Jules Guedes vor 50 Jahren auf dem richtigen Weg war, und daß seine Jugend über sein Alter siegen wird.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 1. August 1922

Jahrestag – zum 8ten Mal – des Beginns all der Schrecknisse, aus denen alles weitere, Niederlage, Revolution und das republikanische Affentheater entstand, in dem mir und meinen Leidensgefährten die tragikomischen Rollen übertragen sind. Ganz Deutschland demonstriert unter der schönen Parole: „Nie wieder Krieg!“ Ganz Deutschland – das sind nämlich die sozialdemokratischen Durchhalter und vaterländische Hilfsdienstbewilliger, die lieben Demokraten, die mit ihren Vettern vom linken Zentrum bis zum Verkrachen des Unternehmens Belgien behalten, das Minettegebiet okkupieren und die „Feinde“ bis zum Weißbluten zahlen lassen wollten; alle die vielen, die sich „ihr Eisern Kreuz“ erwarben, indem sie die Gewinne der Firmen Krupp und Thyssen mit Granaten und Giftgasen, mit Kriegsanleihe und Versäufung neutraler Handelsmatrosen erkämpften, die Dreckjournalisten, die mit der Konjunktur kriegsbegeistert, deutsch-stolz und dann auch wieder ebert-republikanisch waren, – und kurzum alle, die ihre Quittung für den verlorenen Krieg mit Beteuerungen ihrer unübertrefflichen Friedensliebe ausstellen. Oben und unten, – vorn und hinten, – links und rechts – Heuchelei, Unwahrhaftigkeit, rührseliges Theater. Ich freue mich, daß der „Freie Arbeiter“ die Dinge beim richtigen Namen nennt und die Arbeiter auffordert, sich nicht mit dieser Verfälschung guter Dinge gemein zu machen. Leider haben die Anarchisten sich längst zu tief in die pazifistischen Bourgeoisgaukeleien verstricken lassen – die Wiener Dreckschleuder, Pierre Ramus hat überhaupt keine engeren Gesinnungsgenossen als die Schmalzfriedriche bürgerlicher Pazifisten. Die Idee des Antimilitarismus wird dadurch völlig korrumpiert. Sie hat die Aufgabe, den Kapitalismus an seiner stärksten Position, nämlich in seiner organisierten Waffenmacht zu treffen. Den Krieg schafft man nur aus der Welt, indem man seine Wurzeln ausreißt, nicht indem man sentimentale Bekenntnisse schmettert. Das Gegengift gegen den Krieg ist die Revolution, und geht’s nicht anders, dann muß die Revolution kriegerisch geführt werden. Bakunin hat, und zwar mit Recht, den Bürgerkrieg als absolut notwendiges, und infolgedessen erstrebenswertes Revolutionsmittel nachgewiesen. Der „Freie Arbeiter“ sagt: „Wer den Krieg nicht will, der muß Antimilitarist sein“: Er sagt dann: „Wir Anarchisten sind Antimilitaristen, weil wir Gegner des Staats sind“. Aber er bleibt die konsequente Gedankenfolge schuldig: Der Staat zeugt den Kapitalismus, oder nach der marxistischen Auffassung – hier besteht Wechselwirkung, und so ist beides richtig – der Kapitalismus den Staat. Erhaltung des Staats und des Kapitalismus bedingt den Militarismus, die ungeheure Organisation seines gewaltsamen Schutzes, und daraus resultiert, was „der Freie Arbeiter“ richtig ausspricht „Solange der Militarismus besteht, wird es Kriege geben.“ Und so schließe ich rücklaufend: „Wer den Krieg nicht will, muß Antimilitarist sein.“ Wer Antimilitarist ist, bekämpft also zunächst nicht den Krieg, sondern den Staat in seiner wesentlichen Stütze, und zwar mit allen Mitteln, auch denen der Gewalt und des revolutionären Krieges. Die Besiegung des Militarismus erlaubt ihm die Revolutionierung der Gesellschaft in all ihren Institutionen und damit den direkten Angriff auf Kapital und Exploitation. Somit ist der Antimilitarismus nicht Selbstzweck sondern allerdings direktes und daher vorzügliches Mittel zum Zweck des Sozialismus, der seinerseits Bedingung des Friedens ist. So ist das Proletariat zu orientieren und nicht mit weicher Gefühlsbrühe zu füttern, die ihm ohnedies zuwider ist. – Während nun also alles vom Weltkrieg pflaumig Geschlagene „Nie wieder Krieg“ plärrt, scheint man hinten weit in der Türkei schon wieder was Frisch-Fröhliches vorzubereiten. Niemand wußte bis jetzt genau, was eigentlich aus dem ewigen türkisch-griechischen Krieg geworden war. Man hörte mal von Londoner Verhandlungen, kemalistischen Erfolgen, Angora-Projekten: ich bin nie genau ins richtige Bild gekommen bei der Geschichte. Nun scheint’s, daß sich die Griechen in London betrogen glauben und neuerdings anfangen wollen, ihr ausgeblutetes Volk auf die ausgebluteten Türkenvölker zu führen. Die große Balkanrevolution steht noch bevor. Vielleicht genügt der angeblich bevorstehende Marsch der Griechen auf Konstantinopel, um sie ans Licht zu fördern. – Bei uns geht alles einem beinah mathematisch sicheren Wirtschaftszusammenbruch entgegen. Der Dollar ist inzwischen auf 670 Mark gestiegen, die Mark demnach tief unter den Pfennigwert ihres Friedensstandes gesunken. Man hilft sich vorerst mit Schimpfen auf Frankreich und Poincaré, der Ansprüche anscheinend durch Pfändung von Nationalschätzen sichern will (Bergwerke, Wälder etc) und sich auf die verlangten 2jährigen Reparationsstundungen höchstens für 6 Wochen einlassen möchte. Da bei einer Sanierung der deutschen Finanzen das sanierende Weltkapital elend draufzahlen müßte, sträubt es sich vorläufig – und man kann hoffen, daß es sich nicht doch noch eines Tages zum Opfer etlicher Milliarden aufschwingen wird, um das Prinzip der Weltausbeutung durch privilegierte Einzelne zu retten. Jedenfalls ist die ganze Lage im Augenblick katastrophal und bis jetzt absolut unabsehbar, wie die deutsche Verwaltung aus ihr herauskommen will. Wir in Bayern werden ja von Dickhäutern regiert, die überhaupt noch nicht bemerkt haben, daß sie nur noch mit einer Hinterbacke in der Arche Noah hängen und ihre andre Seite schon in der Sintflut treibt. Sie beschäftigen sich mit ihren „Hoheitsrechten“, und zwar ziehn sie die Auseinandersetzung mit dem Reich in die Länge und pfeifen auf Eberts Bitte, ihm recht rasch zu antworten. Was dabei herauskommen wird, daran zweifle ich kaum mehr: ein Kompromiß, bei dem Ebert, Wirth und Radbruch die bayerischen Forderungen de facto akzeptieren, Bayern aber ein Konzessiönchen in der Form macht, das es den Feldlerchen in Schwarz und Blau ermöglicht, ihr Lerchenfeld als Verräter und ihr Bayerland als betrogen anzutrillern. Und die blamierten Mitteleuropäer in Berlin werden sich vor den Scheidemännern und Leviten mit Erfolg darauf berufen, daß sogar der Miesbacher Anzeiger ihnen das Zeugnis ausstelle, sie hätten gesiegt. Mundus vult decipi.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 2. August 1922.

Wieder garkeine Neuigkeiten. Ausgegeben wurde außer einer inhaltlosen Nummer der Berliner Volkszeitung und einer noch inhaltloseren der Berliner „Freiheit“ nichts. Es kann wohl daraus geschlossen werden, daß der Konflikt Bayern-Reich noch offen ist, bis entweder die „gemäßigten“ Elemente der Bayerischen Volkspartei siegen und etwa auf den schlauen Plan des früheren Reichsjustizministers Heinze von der Deutschen Volkspartei eine „Einigung“ gründen, die den absoluten Sieg Bayerns bedeuten würde – nämlich die Heranziehung des § 6 des Gesetzes zum Schutz der Republik, der es dem Vorsitzenden des Staatsgerichtshofs ermöglicht, jeden einzelnen Fall den ordentlichen Gerichten zuzuweisen und den Abschluß eines Sondervertrags mit Bayern, daß in allen bayerischen Fällen diese Möglichkeit generell benutzt werden soll – – oder bis die Intransigenten ihren Willen durchgesetzt haben, der offensichtlich auf die Separation Bayerns losgeht. Nach einer gestern im „Vorwärts“ hereingelassenen Nachricht sollen bei bayerischen Industriellen schon vertrauliche Anfragen gestellt sein, ob bei einer Separation die Kohlenversorgung Bayerns durch Sonderverträge gesichert werden könne. Es wäre die im Interesse der Konfliktverschärfung, die jeder Revolutionär wünschen kann, weitaus günstigere Entscheidung, wie Klarheit immer allem Verwaschenen vorzuziehn ist. Die bayerischen Aussichten sind für den Moment dem Reich gegenüber sicher nicht schlecht, und auf die Dauer gibts eine Pleite, wie es auch kommen mag: insofern sind unsre Aussichten – auch vom Standpunkt der politischen Gefangenen erst recht nicht schlecht. Die Patsche, in der die Reichsregierung sitzt, ist aber auf jeden Fall bitterlich genug. Nicht bloß in Hinblick auf den Kompetenzkonflikt mit Bayern. Man hat schon wieder eine unbeschreibliche politische Dummheit gemacht. Nämlich – hier kommt alles etwas post festum, da uns die Orientierung durch die dauernden Zeitungskonfiskationen immer erst durch nachträgliche Kompilation und Vergleichung möglich ist –: das Reich hat infolge der katastrophalen Geldentwertung von den Gläubigern neuerdings Nachlaß in den Reparationszahlungsbedingungen verlangt und angeboten, es möge ihm ein Moratorium in der Form bewilligt werden, daß [es] an Stelle der Monatszahlungen von 2 Millionen ₤ für zwei Jahre ein Nachlaß auf 500.000 ₤ bewilligt werde[n]. Die Aussichten dazu schienen allerlei zu versprechen, doch – so kombiniere ich aus den jetzt übersehbaren Meldungen – machte Frankreich gegen die entgegenkommenden Pläne der britisch beeinflußten Reparationskommission große Schwierigkeiten. Das ist begreiflich: Frankreich hat 90 Milliarden Franken für die Wiederherstellung der verwüsteten Gebiete schon ausgegeben, und wird von den Steuerzahlern gedrängt, das Geld von Deutschland einzutreiben, statt ihren Etat damit zu belasten. Die moralische Stütze erhält dies Verlangen durch die Tatsache, daß die Verwüstungen zum geringsten Teil von regulären Kriegsoperationen stammen, größtenteils aber aus der vandalenmäßigen Rückzugsstrategie nach der Somme-Niederlage, der der letzte Obstbaum der Picardie zum Opfer fiel und der planmäßigen Zerstörung aller Bergwerke und Industrieanlagen bei der Räumung des ganzen Kriegsgebiets 1918, gemäß dem preußisch-militaristischen Grundsatz, daß Frankreich beim nächsten Krieg nicht mehr verwundet werden dürfe, sodaß es wieder gesund werden könne, sondern getötet werden müsse. (Eisner sprach mir seinerzeit von einem militäroffiziell geförderten Buch, in dem lange vor dem Krieg, von einem hohen Offizier – anonym – dieser Gedankengang entwickelt sei. Ich habe es leider nie erlangen können, weiß auch den Titel nicht mehr). – Nun hat, scheint’s, die deutsche Reichsregierung besonders diplomatisch und gescheit zu handeln geglaubt, indem sie ihr Gesuch nicht an die Reparationskommission richtete sondern an Poincaré direkt, den sie damit wohl liebenswürdig zu stimmen hoffte. Das Resultat der Schildbürgerei hätte nun ein Dilettant wie ich vorausgesehn. Da man in Deutschland jedoch Zunftdiplomaten hohenzollerischer Herkunft trotz aller Débacles immer noch mit der Wahrung aller staatlichen „Belange“ beauftragt, bekam man zu löffeln, was man gekocht hatte. Poincaré nutzte die Situation, sich nun auch seinerseits über die Unbequemlichkeit der ständigen Bremsereien der Reparationskommission hinwegzusetzen und als Befragter selbständig zu antworten. Die Antwort ist vielleicht das Bitterste, was die Berliner Köche bisher überhaupt je in die Suppe geworfen erhielten. Unter – in nur oberflächlich höfliche Form gekleideten Vorwürfen über schlechten Willen, beabsichtigte Verzögerung von Rechnungslegungen u. s. w. erklärt Poincaré das ganze deutsche Anliegen für „null und nichtig“, verweist auf den gangbaren Weg, die Summen, mit denen kriegsgeschädigte Deutsche von ihren Verlusten entschädigt werden, für Reparationszwecke einzusetzen, erklärt nebenbei, daß die Pariser und Straßburger Behörden angewiesen würden, deutsche Entschädigungen erst zu bewilligen, wenn die gleichzeitig laufenden Ansprüche alliierter Staatszugehöriger befriedigt seien, verlangt Veröffentlichung der Namen der Deutschen, die Vorkriegsschulden an Alliierte nicht zahlen können oder wollen, bei welcher Gelegenheit die Haftpflicht des Reichs für solche private Schulden betont wird, lehnt nicht allein die Zahlungsermäßigung ab sondern verweigert jede Erörterung über das Abkommen vom Juni 1921, das eben die Höhe der Ratenzahlungen bestimmt hatte, fordert schließlich kategorisch und ultimativ binnen 10 Tagen die Erklärung des Deutschen Reichs, seine Pflichten zu erfüllen, widrigenfalls „bestimmte Maßnahmen“ sofort und automatisch in Kraft gesetzt werden, deren „eine Anzahl“ bereits beschlossen sei. – Das Wehgeschrei ist natürlich wieder in bekannter Melodie erhoben, und es heißt, die Reichsregierung habe beschlossen, mit Nein zu antworten. Möglich, daß man von britischer Seite den Rücken dazu gesteift bekommen hat, da Lloyd George Poincarés (von Deutschland immerhin herausgeforderte) Eigenmächtigkeit aus Prestigegründen gern wieder hinter die Kompetenzen der interalliierten Entscheidungsinstanzen wird zurückdrücken wollen. Aber ganz leicht wird das jetzt nicht mehr sein, und das Kabinett Wirth kann unter Umständen böse ausrutschen, wenn es wirklich Widerstand riskiert. Inzwischen verfällt die Geldstabilität zusehends, die Mark ist auf dem besten Wege, der versunkenen Krone in den Abgrund zu folgen, und dem verrollten Rubel lustige Gesellschaft zu leisten. Zugleich stockt die wichtigste Produktion, was besonders bei der Kohlenförderung offenbar wird. Das große Kohlenexportland Deutschland muß ungeheure Mengen von England importieren, die – ein bezeichnendes Bild kapitalistischer Wirtschafts-„Ordnung“ – im selben Ruhrgebiet zur Versorgung der deutschen Eisenbahnen eintreffen, von dem aus die nach dem Versailler Vertrag zu leistenden Kohlenmengen zugleich nach Belgien und Frankreich abrollen. Das Chaos ist also in wilder Aktualität. – Mit schöner Sorglosigkeit sieht nur unser bayerisches Heimatland an all dem Werdenden und Vergehenden vorüber und glaubt mitten im Wittelsbachischen Paradiese zu leben. Ein Kutscher, der sich herausnahm, in einer Versammlung, in der man Rupprecht ehrerbietig als „Königliche Hoheit“ begrüßte, dazwischenzurufen: es gibt keine Königlichen Hoheiten mehr! wurde von einem republikanischen Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt „wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Früher erregten in Republiken meistens die Königlichen Hoheiten Ärgernis, bei uns kämpft die Republik wie um ihre übrigen auch um ihre königlichen Hoheitsrechte. – Hier drinnen aber war uns gestern ein lang entbehrter, freudig begrüßter Anblick beschieden. Vor dem Gangfenster im Gemüsegarten trocknete Wäsche an den Leinen. Ganz im Vordergrunde aber, weit auseinandergebreitet, in ganzer Schönheit eine Fahne. Welche Farben sie hatte? Die Farben, die dem weißblauen Bayernlande im schwarzrotgoldnen gemeinsamen deutschen Vaterland allein gemäß sind: die von Dr. Sigl als Parvenue-Fahne gelästerte, von Ludendorff zum Symbol bayerischer Eigenart erhobene, von Preußen nach dem Siege 1866 über Österreich und – Bayern für den Norddeutschen Bund bestimmte und nach Deutschlands Verpreußung 1871 von Bismarck als Hohenzollernfahne erwählte schwarzweißrote Fahne. Hurrah!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 3. August 1922.

Bis jetzt erhielt ich heute noch keinen Bescheid, daß eins meiner Blätter, – ich kriege den Fränkischen Kurier, die Berliner Volkszeitung, den Wiener Abend, den Miesbacher Anzeiger und eine Reihe von Wochenschriften – zu den Akten genommen sei. Auch gestern wurde mir dergleichen nicht mitgeteilt. Gleichwohl habe ich weder gestern noch heute meine Blätter erhalten – außer gestern einer Nummer des Miesbacher und einer veralteten der Berliner Volkszeitung. Da andre von Konfiskationen verständigt wurden, werde ich spätestens morgen recherchieren lassen, ob nicht etwa die Post am Ausbleiben der Nachrichten schuld ist. Was heute aus dem wenigen Ausgegebenen zu ersehn ist, ist nur, daß vorläufig auf keinem Gebiet etwas Entscheidendes geschehn ist. Doch bekommt man den Eindruck, daß in der Bayerischen Volkspartei die radikale intransigente Richtung Oberhand hat. Schon fordert Dr. Tafel namens des „Ordnungsblocks“, für den Fall, daß Lerchenfeld seine Kompromißneigungen nicht aufgibt, seinen Rücktritt. Gleichzeitig wird die bayerische Separatverordnung schon ganz im Sinne ihrer Autoren angewandt: beide in Bayern erscheinenden kommunistischen Zeitungen sind für je 5 Tage, der unabhängige Nürnberger „Sozialdemokrat“ für eine Woche verboten, außer einem eintägigen Verbot für den Miesbacher bis jetzt die einzigen Betroffenen. In Berlin verbot man hingegen den Berliner Lokal-Anzeiger für 8 Tage, weil er einen – in Bayern unbeanstandet gebliebenen Verleumdungsartikel aus dem Bayerischen Kurier nachgedruckt hatte, in dem behauptet war, das Gesetz zum Schutz der Republik sei auf Betreiben Sowjetrußlands gegeben worden, um die Weltrevolution zu beschleunigen, und bereits seien russische Staatsbeamte in unauffällige Stellungen bei Reichsverwaltungen untergebracht. Der „Sozialdemokrat“ aber wurde konfisziert, weil er eine[n] im ganzen übrigen Reich unbeanstandet erschienenen parteioffiziösen Artikel der Unabhängigen-Correspondenz nachgedruckt hatte, und der Fränkische Kurier (Müller-Meiningen-„demokratisch“) versah die Meldung dieser bayerischen Eigenartstat mit der Überschrift „In der eignen Schlinge gefangen“. – Wahrlich: ein einiges Deutschland – von der Maaß – nein, das stimmt alles nicht mehr, dann die ist französisch, die Memel litauisch, die Etsch italienisch, endlich der Belt dänisch geworden, als die große Zeit sich wieder ins normale Maß zurückfand. – Vorerst sind keine Prophezeiungen zur bayerisch-deutschen Frage möglich. In München schiebt man systematisch alles auf die lange Bank – und ist auch gestern noch nicht zur Beantwortung des Ebertschriebs gekommen und es lassen sich höchstens an allerlei mehr oder weniger bedeutungsvollen Kundgebungen Schlüsse ziehn. Die bedeutungsvollste von ihnen ist ohne Frage eine Auslassung der Bayerischen Volkspartei-Correspondenz, die schon den mutmaßlichen Inhalt der Antwort andeuten zu können meint. Danach wird Bayern in großer Attitude als ganz uneigennütziger Vorkämpfer der deutschen Länder auftreten und Standpunkt wahren. Man will sich dem Reich als die sittliche Macht präsentieren, die berufen ist, vor allen Dingen zu verhüten, daß in der deutschen Rechtsprechung politische Gesichtspunkte Einfluß gewinnen! – Der Witz ist prachtvoll. Das Land, das die Prozesse gegen uns führte und in dem unser Komplize Wutzlhofer Minister ist, das hintereinander Lindner und Arco aburteilte – und man muß ihre Taten und ihre Schicksale vergleichen! –, das die Festungen Niederschönenfeld und Landsberg unterhält, das August Fischer wegen Hochverrat einsperrte und Heim, Pittinger, Tafel e tutti quanti ungeschoren läßt, das Pöhner und Kahr nach den unzweideutigsten Provokationen zum Umsturz der Verfassung auf höchsten Staatsposten sitzen läßt, dessen republikanischer Innenminister seine Treue zum angestammten Königshaus gelobt, das in seinen öffentlichen Gebäuden, selbst wo angebliche Verfassungsbrecher verwahrt werden, als einzige Fahne die verfassungswidrige der Hohenzollern vorhanden sein läßt, dies Land, das keinen reaktionären Mörder erwischt, das all denen Quartier gibt, die wegen verfassungswidriger Umtriebe von Republiken gesucht werden, das unbeliebte Politiker in Gefängnissen schärfer anfaßt als Gauner und Diebe – dieses Land spielt sich als Beschützer der unpolitischen Justizpflege auf. Die Leute, die es aussprechen – es sind dieselben, die im Landtage die Niederschönenfelder Gefangenen verleumden, die als Landtagsabgeordnete anstelle des Rechts gegen uns außerordentliche Verschärfungen verlangen, da wir nicht bloß strafbarer Handlungen sondern überdies verpönter politischer Gesinnung schuldig sind und die, auf Rechtsgrundsätze hingewiesen, denen ungeniert „völkische Belange“ als wichtiger entgegenstellen, – diese Herrschaften ersetzen tatsächlich durch Frechheit vollständig, was ihnen an Intelligenz und innerer Sauberkeit fehlt. Aber, ich leugne nicht, daß ich auch für Frechheit was übrig habe, und da mir Intransigenz allemal sympathischer ist als Schleim, so komme ich bei Überwindung des Ekels gegen ihre Heuchelei, den ich bei den Reichsgrößen aber ebenso überwinden müßte, schließlich doch persönlich zu einer München freundlicher als Berlin gesinnten Einschätzung der Situation, zumal – ungeachtet sich diese Tendenz im Moment schmerzhaft an meinem eignen Leibe auswirkt, mir jeder Partikularismus, Föderalismus und Separatismus mehr entspricht als irgendwelcher Zentralismus und Unitarismus. Es kann einmal umgekehrt kommen wie jetzt – und der Fall war ja 1919 da –, daß das Reich die Reaktion, Bayern den revolutionären Fortschritt verkörpert, dann werden die Unitaristen von heute, die Kommunisten und Unabhängigen besonders, noch einmal bedauern, daß sie von allerödestem Opportunismus getrieben, die Macht der Berliner Wilhelmstraße, die sich schließlich ganz sicher gegen das Proletariat kehren wird, systematisch und mit brauchbarsten Argumenten gefestigt haben. – Unsre Genossen vom Mitteldeutschen Aufstand her sind immer noch bei uns. Das Amnestiegesetz, das ihre Freilassung bedingt, ist am Tage der Verkündung – das war der 23. Juli – in Kraft getreten. Seitdem begeht die bayerische Regierung an ihnen das Verbrechen der Freiheitsberaubung. Auf meinen Rat haben sie ans Reichsjustizministerium eine dringende Eingabe gerichtet, in der sie ihre Befreiung verlangen. Man kann sehr neugierig sein, ob das Schriftstück befördert wird oder, wenn nicht, mit welcher Begründung die Beförderung verweigert wird. Daß es sich um eine rein bayerische Angelegenheit handelt, kann man kaum geltend machen, da es sich ja grade um eine Reichssache ohne Bayern handelt. Wertvoll wird es als rechtliche Handhabe jedenfalls sein, was – von wem es auch sei – auf den Versuch geantwortet wird. Bekommt tatsächlich Radbruch die Beschwerde in die Hand, so wird er natürlich in München anfragen, und Lerchenfeld wird gezwungen sein, Farbe zu bekennen, ob er wirklich nur die mitgeteilten Artikel des Gesetzes zum Schutz der Republik und das Reichskriminalpolizeigesetz oder auch die übrigen in der Verordnung mit Stillschweigen übergangenen Reichsgesetze für Bayern außer Kraft setzen will. Größere Klarheit wird jedenfalls geschaffen. Hält man das Schreiben aber gleich hier oder in München zurück, so wissen wir hier ebenfalls was die Glocke geschlagen hat – und auf die Dauer ist es unsern Blockadeorganen ja doch noch nie gelungen, der Außenwelt vorzuenthalten, was gegen uns getrieben wird. – Zum Fall Poincaré-Wirth nur soviel, daß das Reich entsetzt an Poincaré geschrieben hat, es habe sich ja mit der gleichen Bitte an alle Alliierten gewandt und müsse doch die Antwort auch der andern abwarten, ehe es Poincarés Forderungen anerkennen und gar auf ein Ultimatum reagieren könne. Herr Poincaré hat auch das schon abgewimmelt. Freilich sei das eine Sache, die alle angehe, denn die Vereinbarung vom Juni sei gemeinsame Arbeit aller gewesen und könne nur durch einstimmigen Beschluß geändert werden. Frankreich denke aber an garkeine Änderung und daran, dem deutschen Ersuchen näherzutreten. Es bleibe also dabei: ist bis zum 5. August nicht die Erklärung da, daß Deutschland bis auf den Ipunkt alles gemäß der Vertragspflichten erfülle und also am 15. August die fällige Rate in voller Höhe zahlen werde, so wird eingeschritten, – mit was für Maßnahmen, werde man erst sehn, wenn’s soweit ist. – Und so sitzen sie denn nun auf dem Nachttopf – und der Dollarpreis ist auf 700 Mark emporgestiegen; wozu auch das annoch deutsche Land Bayern fest mitgewirkt hat. – In Bayern, das die demokratischen Prinzipien in Politik und Justiz unverbrüchlich hegt, ist wie es scheint, aber wirklich Erhebliches in Vorbereitung. Denn die Regierung hat dem Landtag, zur Vertretung des Volks jenseits der Verantwortlichkeit, von morgen ab Ferien bewilligt. Parlamentarismus!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 4. August 1922.

Heute kamen etwas mehr Blätter, darunter auch die Nummern des „Fränk. Kuriers“, die ich in den letzten Tagen vermißte. Die neueste – von gestern abend – enthält nun das Antwortschreiben Lerchenfelds an Ebert. Es steht in vielen Worten absolut nichts drin, oder – wie es auf journalistisch heißt: es hält alle Wege zu weiteren Verhandlungen offen. Und weitere Verhandlungen ist ja grade das, was Bayern will und womit es seinen Erfolg sichert. Lerchenfeld schmiert Ebert Honig um den neuerdings modisch-englisch gestutzten Bart. Er danke ihm für die „staatsmännische“ Behandlung der Sache in seinem Schrieb und halte auch seinerseits die Ausschaltung alles Zwanges für die Vorbedingung einer Verständigung. Davon aber, daß Eberts Wunsch erfüllt werden solle, die Verordnung aufzuheben, damit die Aufhebung nicht gefordert werden müsse, kein Wort. Unsre naiven Kommunisten erkennen in der vorsichtigen Tonart dieser dilatorischen Note einen Sieg des Reichs über Bayern. Ich glaube vorerst ans Gegenteil. Denn neben dieser diplomatischen Aktion bereiten sich in Bayern selbst Neuerungen in der Koalitionspolitik vor, die deutlich zeigen, in welche Richtung der Hase gehetzt wird. Die Einbeziehung der in der „Mittelpartei“ zusammengeschlossenen Deutschnationalen und deutschvolksparteilichen Royalisten muß schon als prinzipiell beschlossen betrachtet werden. Der Bauernbund, an dem die Entscheidung hing, hatte zuerst die Erweiterung des Kabinetts nach rechts abgelehnt – wahrscheinlich war der kluge und vorsichtige Bauernpolitiker Eisenberger oder der Reichsminister Fehr für diesen Beschluß maßgebend, – allein gelassen hat dann wohl Wutzlhofer seine Freunde umgestimmt, die dann im Verlauf von 24 Stunden zum gegenteiligen Beschluß kamen. Sie finden sich also ab mit der Koalition von Roth bis Wutzlhofer, für deren Politik alle Richtlinien klar sind. Die „unpolitische“ Justiz soll angeblich in die Hände des Bayerischen Volksparteilers Meyer übergehn, über dessen Qualitäten wir hier drinnen ebenfalls Bescheid wissen. Er hat Kühlewein des öfteren vertreten und in allem ohne Unterschied so gehandelt, wie sein Kollege. Man will angeblich vorerst den Deutschnationalen nicht ganz soviel Sitze im Ministerium bewilligen wie sie verlangen. Aber da werden sich die Herren schon einigen. Was den Bauernbund anlangt, so wird immer klarer, daß die beiden Richtungen – rechts und links – in offenem Kampf zueinander stehn. Der als Revolutionär verschrieene Gandorfer wird von einem Tribunal zum andern überstellt und muß sich bald für dies, bald für jenes verantworten, was durch unermüdliche Schnüffeleien vorgezerrt wird. Jetzt will man ihm nicht mehr und nicht weniger als einen Meineidsprozeß anhängen und der Landtag hat, wie das in Bayern längst Regel geworden ist, wenn es sich um unbeliebte Abgeordnete handelt, die Immunität Gandorfers für diesen Zweck bereits aufgehoben. (Leider ist nicht ersichtlich, wie der Bauernbund gestimmt hat; die Demokraten und Sozialisten waren dagegen). Vielleicht findet man zu dieser Hinrichtung Geschworene, die die ärgerliche Entscheidung in Kempten, die ihn „nur“ etwa 1½ Millionen Mark zahlen ließ, kompensieren. – Das Reich hat aber momentan viel größere Sorgen als die bayerische Widerspenstigkeit niederzuringen (und ich vermute, diese größeren Sorgen werden den Vorwand für den großen Berliner Rückzug von München abgeben). Durch Poincarés Ultimatum ist die Geldkatastrophe in ein noch nie erlebtes Tempo geraten. Der Dollar steht bereits auf über 850 Mark, und die Reichsregierung hat daraufhin die Devisenkäufe zur Zahlung der Reparationen eingestellt, was in der Wirkung der Erklärung des Staatbankrotts gleichkommt. Frankreichs morgen ablaufendes Ultimatum scheint damit in der Tat schon so gut wie negativ beantwortet, und die Sanktionen werden also wahrscheinlich in Kraft treten, die ich mir nicht in der Form eines Einmarsches, etwa ins Ruhrgebiet, denke, sondern eher in der Art, daß im besetzten Gebiet die Staatseinnahmen für Post, Eisenbahn, Zölle etc. beschlagnahmt werden. Grade in diesem Augenblick nun, und grade am Tage vor der Begegnung Lloyd Georges mit Poincaré und den belgischen und italienischen Regierungsoberhäuptern in London, tritt Großbritannien mit einer Erklärung an die Regierungen dieser Länder, Yugoslaviens, der Tschechoslowakei und aller übrigen Alliierten hervor, die, wie mir scheint, in ihren Folgerungen die immenseste weltgeschichtliche Bedeutung haben wird, da es der erste ernsthafte Versuch einer der Siegermächte ist, aus der internationalen Verschuldung durch Verzicht im größten Stil herauskommen, demnach den Versailler Vertrag an seiner empfindlichsten Stelle anzubohren und dem Weltkapitalismus die Wege zu seiner Konsolidierung gegen die sonst unabwendbare proletarische Weltrevolution zu bahnen. England geht dabei aufs Ganze und schreckt nicht zurück, zunächst dazu die Verbündeten in die schwierigste Finanzkalamität zu versetzen. Es beruft sich auf den strikten Zahlungsbefehl der Vereinigten Staaten, die die den Verbündeten gepumpten Mittel zur Kriegführung von dem gemeinsamen Garanten, nämlich Großbritannien zurückfordert. Jetzt erklärt Britannien, es könne seinerseits daraufhin die aus Amerika bezogenen Summen nicht länger stunden, sei aber bereit, alles, was es darüber hinaus selbst den Alliierten vorgestreckt habe, zu streichen und zugleich auf seine eignen Reparationsansprüche an Deutschland vollständig zu verzichten. Das ist ein Akt staatspolitischer Einsicht, der grade von uns Revolutionären garnicht wichtig genug genommen werden kann. Wenn nicht die Angst vor den allernächsten Folgen, nämlich coûte que coûte Geld flüssig machen zu müssen, die „realpolitisch“ versimpelten England-Schulden die Durchkreuzung der verteufelt klugen Politik Lloyd Georges empfiehlt, schwimmen uns mehr Felle weg als jemals zuvor. Zuerst wird natürlich grade in Deutschland das größte Geschrei erhoben werden, weil die Reserveoffiziere, die bei uns immer noch den Ton angeben, von allem nur das Eine wittern werden, daß die Gläubiger Deutschlands, die zugleich Schuldner Englands sind, sich zunächst aus Deutschland die Deckung zu sichern suchen werden. Welche ungeheure Last aber in garnicht ferner Zeit schon von den Schultern grade unsres Volks genommen sein würde, werden sie schwerlich gleich begreifen. Übrigens weiß ich’s nicht gewiß. Möglich wär’s ja immerhin, daß Warburg oder andre gescheite Börseaner ihren Einfluß durchsetzen werden. Schließlich ist bei dem britischen Plan ja Deutschland wirklich das Land, das weitaus am meisten profitiert. Bis jetzt scheint man aber vorzuziehn, wie immer zu jammern, zu stöhnen, sich als edelstes Volk aller Weltgeschichte anzupreisen und nicht sich mit seiner vor 8 Jahren begangenen Wahnsinnsinfamie, ebensowenig die himmelhoch gepriesenen Vabanque-Politiker und -Strategen des irrsinnig geführten und durch seine Anlage und Führung von vornherein verlorenen Krieges zu verfluchen, sondern die Juden, die Revolution – wenn wir nur eine richtige gehabt hätten!, – den „Feindbund“ und die Ungerechtigkeit und den Sadismus derer anzuklagen und zu beschimpfen, die man frivol herausforderte und von denen man eben vernichtend verdroschen wurde. Nie hat ein Volk sich würdeloser im Unglück gezeigt als dieses. – Nur Bayern glaubt der Welt demonstrieren zu können, was wahre Würde heißt: nämlich diejenigen, die wirkliche Lösungen aus allen durch den Krieg heraufbeschworenen Verwirrungen anstrebten, noch viel sadistischer zu prügeln, zu schinden und zu entrechten im eignen Lande als es das Ausland je mit Deutschland getan hat. – Ich gehöre nicht zu denen, die Niederschönenfeld für den Nabel der Welt halten. Aber ich halte es für ein untrügliches Barometer bayerischer Eigenart. Darum registriere ich so gern Details vom Wirken der Reaktion gegen uns. Heute ist folgende Kleinigkeit zu vermerken. Tollers Anwalt hatte sich telegrafisch angemeldet, um heute mit ihm zu besprechen, was vor einem am 9. August stattfindenden Zivilprozeß in einem geschäftlich sehr folgenreichen Streit mit einem Verleger zu besprechen ist. Er kam nicht, statt seiner aber ein neues Telegramm: auf telefonische Anfrage sei ihm der Besuch nicht gestattet worden, da er sich schriftlich hätte anmelden müssen. Der Anwalt! –, dem die Hausordnung ausdrücklich das Besuchsrecht generell einräumt. Ob sich der Mann bis zum Termin noch einmal freimachen kann, ist sehr fraglich. Stellt Toller aber in Bayern Ersatzansprüche für erlittenen materiellen Schaden, dann ginge ein Höllengelächter los, das wesentlich seinem Judentum gälte. Das gäbe man aber nicht zu, sowenig wie daß seine fühlbare Schädigung ja der beabsichtigte Zweck der Übung ist. – Sie sind sehr stark, wenn sie sich im Besitz der Staatsmacht, im Besitz aller Waffen und im Besitz der Menschenkäfige wissen und solange die, die sie fürchten, in diesen Käfigen verstaut sind. „Ich bin kein Schlappschwanz!“ versicherte mir Herr Dr. Vollmann einmal feierlich im Gefühl solcher Besitzmacht. – Vor 3½ Jahren haben wir die Herrschaften durchaus als das gesehn, was sie als Schlappschwanz bezeichnen. Und wir hätten, im Besitz all der Machtmittel, die sie zur Ethik ihrer Methoden kühn macht, ebenso „stark“ sein können, wie sie sich wähnen. Wir waren’s nicht, weil wir sie nicht kannten. Wir waren gerührt über die Leichtigkeit, mit der wir sie entmachtet hatten, und die Rührung machte uns schwach und nachgiebig. Ihr Stern aber, der heute hell leuchtet, ist schon am Erlöschen. Ob er gleich dem unsern Platz machen wird, ist fraglich. Aber wir müssen damit rechnen, daß auch unser Stern wieder aufgehn wird, und dann müssen wir stark sein, anders stark als sie: nicht rachgierig und gehässig, aber rücksichtslos und unnachgiebig. Wie mit denen umzugehn ist aber, die sich heute „stark“ fühlen, damit sie’s merken, daß sie’s nicht sind, das werden wir nicht anders lernen als durch Beobachtung ihrer Methoden. Lernt von den Feinden! Das ist oberster Grundsatz für jeden, der Kämpfe bestehn soll. Sehn und hören – und nichts vergessen!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 5. August 1922.

Viel Neues steht heute nicht in den Blättern, zum mindesten nichts, was die Fragen der Weltpolitik berührt. Die Bedeutung der britischen Note an die Alliierten scheint bis jetzt von deutschen Zeitungsschreibern noch garnicht gemerkt zu werden; wenigstens fand ich bis jetzt darüber in keinem einzigen Blatt eine ernsthafte Auslassung, nicht mal in der Frankfurter, die doch manchmal etwas hellsichtiger ist als andre Zeitungen. Dagegen rauft man sich die Haare wegen des französischen Ultimatums, das ja heute nun in Aktionen Leben kriegen soll. Es heißt, Frankreich wolle sich und zwar in progressiver Steigerung an deutschem Privateigentum im Elsaß und im besetzten Rheingebiet schadenfrei machen: Wir werden ja sehn. – In Rußland geht nun der Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre endlich dem Ende zu. Der Ankläger Krylenko hat gegen Goz und zwei andre Führer Todesstrafe beantragt. Lunatscharski, den ich mit tiefer Betrübnis in seiner Rolle sehe, scheint sich bestimmter Anträge enthalten zu haben, aber in mehr allgemeiner Rhetorik den „Tod der Sozialrevolutionären Partei“ verlangt zu haben, und ganz übel finde ich das, was nach den Meldungen Klara Zetkin vorgebracht hat, die eine ganz gehässige richtige preußische Staatsanwaltsrede geschmettert haben soll. Die alte Frau hat sich da in eine häßliche Atmosphäre gestellt und ihr Auftreten in Moskau wird einmal ihr Andenken beschatten. Die Luxemburg hätte das nicht gemacht; die hat es nie verlernt, als Frau zu empfinden und zu handeln. Klara Zetkins Haltung fordert zu solchen Vergleichen heraus, und ich bin „Kleinbürger“ genug – um das von den Russen bis zur Ermüdung gehetzte Wort, das für schlechthin alles herhalten muß, was gegen ihre Politik eingewendet wird, zu gebrauchen –, um auch die eben im hohen Alter gestorbene bürgerliche Frauenrechtlerin Minna Cauer trotz ihrer sehr begrenzten Auffassung von dem, was die Frauen von Staat und Gesellschaft zu verlangen haben, als sittliche Persönlichkeit höher einzuschätzen, als eine Greisin, die in ihrem Geschlecht kein Hindernis findet, für Revolutionäre den Strick zu fordern. – Ich will von Bayern reden, da mir Rußland zur Zeit die Luft verschlägt. – Nach wiederholter Lektüre der Note unsres Lerchenfeld finde ich sie eigentlich jetzt noch massiver – und in gewissem Sinne also auch sympathischer als beim oberflächlichen Überfliegen. Nicht nur, daß Eberts Erklärung, die Sonderverordnung Bayerns sei reichsverfassungswidrig, bestritten wird – worin implicite gesagt ist, daß sie keinesfalls freiwillig aufgehoben werden wird, – tritt Lerchenfeld sogar noch als Fordernder auf, indem er „Vorschriften“ verlangt, die weitere Eingriffe in die Länderhoheit von Reichswegen verfassungsmäßig unterbinden. Die außerordentliche konziliante Form des Schreibens nimmt von diesem Inhalt nichts weg. Nun ist diese Forderung auf dem graden Gesetzgebungswege schlechterdings unerfüllbar, da sie eine neue Verfassungsänderung von Reichswegen bedingt, für die die Zweidrittelmehrheit weder im Reichstag noch im Reichsrat zu haben sein wird. Das Wolff-Büro teilt mit, Ebert und Wirth hätten Lerchenfeld zur persönlichen Besprechung nach Berlin geladen und er werde Sonnabend – also heute – dort sein. Dagegen meldet die Bayerische Staatszeitung von heute früh, es sei weder eine Einladung erfolgt, noch beabsichtige der Ministerpräsident nach Berlin zu fahren. Das alles sieht nach dem Willen zum Konflikt aus. So heftig nun auch Demokraten und Sozialdemokraten (im Reich, natürlich in Bayern, wo’s drauf ankäme, mit allen Vorbehalten: wir kennen doch Auer!) Energie von der Reichsregierung verlangen, so müßte ich die Berliner Herren doch sehr falsch beurteilen, wenn sie sich zu irgendwas Energischem aufrafften. Vorläufig glaube ich, suchen sie überhaupt keinen Weg, Bayern zur Anerkennung der Weimarer Verfassung zu zwingen oder auch nur zu überreden, sondern nur, sich selbst aus dem Schlamassel zu retten. Meine Meinung, die ich gestern meinen Freunden gegenüber vertrat und die heute schon in Zeitungszitaten als die Lösung gemeldet wird, die die „Tägliche Rundschau“ propagiert, ist die, daß das Reich sich unter Berufung auf die fürchterliche Lage Deutschlands angesichts des Marksturzes und der neuen französischen Repressalien, als[o] auf außenpolitische Gefahren, die es nicht gestatten, sich auch noch im Inland den Luxus eines Verfassungsstreits zwischen Reich und Ländern zu leisten, unter Wahrung aller Prinzipien, ohne also gradezu auf alle Rechte Bayern gegenüber formell zu verzichten, sich solange mit der separaten Verordnung für Bayern abfindet, bis die allgemeine Lage der Fortsetzung der Auseinandersetzung keine Hindernisse mehr stellt. Bayern würde das höflich quittieren, indem es den Erlaß der Reichsvorschriften für bayerische Eigenartistik ebenfalls solange vertagen läßt, bis der Franzos Ruhe gibt – und beide Auguren werden lächeln und wissen, daß das nicht eher eintritt, als bis aus Bayerns Ausschließung von der Anwendung unbequemer Reichsgesetze ein unantastbares Gewohnheitsrecht geworden ist. Übrigens hat man in München schon gleich für eine höchste Gerichtsentscheidung gesorgt, in der die Pflicht der bayerischen Richter, nur die bayerische Verordnung, nicht das Reichsgesetz anzuwenden, juristisch begründet wird. Auf die Beschwerde des Nürnberger „Sozialdemokrat“ wegen des Verbots, die natürlich zurückgewiesen wurde, hat das Oberste Landesgericht (dessen Zierden unter andern die Herren Pöhner und Müller-Meiningen sind) zu Recht erkannt: Die Verordnung ist giltig, da sie erlassen ist und bleibt giltig, bis sie von der bayerischen Landesregierung aufgehoben wird ohne Rücksicht darauf, was „allenfalls“ das Reich tun mag. Diese Entscheidung – wer eine andre getroffen hätte, wäre wohl die längste Zeit oberster Richter in Bayern gewesen – ist jedenfalls klar und wird die Kuscherei des Reichs noch blamabler gestalten. Meine ganze Hoffnung, daß der Konflikt in aller Schärfe zur Austragung kommt, ist nun Bayern selbst. – Wie jetzt bekannt wird, ist die Koalitionsfrage nun endgiltig entschieden, und die Mittelpartei hat sich mit der Übertragung nur eines Ressorts zufrieden gegeben, wenn es die Justiz ist (also das, auf das es in dem Verfassungsstreit allein ankommt). Herr Königbauer hat denn dem Landtag auch schon den neuen Mann vorgestellt: es ist – und jetzt unwiderruflich – der Gnadenspender Franz Gürtner. – Für uns wird dieser Wechsel jedenfalls so gut wie gleichgiltig bleiben. Vielleicht wird es ihm gelingen, in diesem und jenem Punkt Lerchenfeld zu überlerchenfelden, wie es dem gelang, Roth zu überrothen und diesem Müller-Meiningen zu übermüllermeiningern; aber der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, unser Spezi Dr. Kühlewein wird schon sein Referat behalten, bis seine Stunde zugleich mit der der bayerischen Eigenart schwarzweißer und schwarzweißroter Couleur geschlagen hat. Vielleicht ist von dem deutschnationalen Herrn als erste Tat eine captatio benevolentiae zu erwarten, wie Roth sie mit seiner beim Amtsantritt auf Müller-Meiningens demokratische Wange applizierten Ohrfeige vollzog, indem er den „Niederschönenfelder Hochverrat“, Müllers Bravourstück zur Rettung der Einwohnerwehr, glatt unter den Tisch schlug. Die Konservativen haben es oft so gemacht, daß sie zunächst mal dokumentierten, daß sie noch lange so liberal sein können wie ihre „freisinnigen“ Adversäre und dann erst ihre Muskeln spielen ließen. Wir sahen vorhin Hoffmann mit 4 Herren in der zweispännigen offenen Chaise von Rain herüberkutschieren. Möglich, daß sich der neue Herr gleich mal an Ort und Stelle orientieren will, wo’s bei der Verwaltung vielleicht noch an Forschheit fehlt. Möglich auch, daß man über die Amnestie für die Mitteldeutschen diskuriert, derentwegen sich draußen allmählich manches zu rühren scheint. Wenn sich in den Akten garnichts findet, was einen formalen Grund zur Sabotage des Amnestiegesetzes abgeben könnte, wäre ja die Öffnung der Tore für die 15 oder 16 in Frage stehenden Delinquenten eine hübsche Geste zur Einführung ins Amt. Dann aber wird deutschnational der Hemdärmel hochgekrempelt und in die Hände gespuckt. Es ist eine Lust zu leben – besonders in Niederschönenfeld!

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 7. August 1922.

Ein paar veraltete Zeitungsnummern, die hereinkamen, bringen keine belangvollen Neuigkeiten. Nach der Londoner Aussprache zwischen Lloyd George, Poincaré und den beiden Finanzministern Italiens und Belgiens wird man wieder vor neuen Ausblicken stehn. Ich vermute, daß dort ein Kompromiß der Art zustande gebracht wird, daß Frankreich die Forderungen Englands auf Rückzahlung der Alliiertenschulden an Amerika billigt, sich selbst vielleicht sogar entschließt, auch seinerseits auf die nach Serbien und Rumänien vorgestreckten Summen zu verzichten und dafür freie Hand erhält, die sofort nötigen Summen von Deutschland mit selbständigen Maßnahmen herauszuziehn. – Was ich sonst noch notieren wollte: die Weltbühne bringt einen kurzen Artikel von Aloys Pawlik, der ganz abenteuerliche Dinge über die Vorgänge nach dem Abzug der Besatzungstruppen aus Oberschlesien enthält. Was vom „befreiten“ Land wieder Besitz nahm, war nicht die Ebert-Republik, sondern der schwarzweißrote Golem, der wieder ausgezeichnete Parademärsche ausführt. Es muß ein toller Rummel gewesen sein, und – das ist das Bezeichnende bei der Sache – die „republikanische“ Reichswehr war mit schwarzweißroten Bändern dabei und ebenfalls die „sozialistischen“ Proletarier, ja, die Gewerkschaften zum Teil korporationsweise. Der sozialdemokratische Verein in Ratibor habe, um seine Schäfchen von der kompromittierenden Veranstaltung fernzuhalten, gleichzeitig eine Mitgliederversammlung mit wichtiger Tagesordnung einberufen, mit dem Ergebnis, daß dazu niemand kam und die Arbeiter lieber an dem patriotischen Klamauk teilnahmen (zu dem sie ja die sozialdemokratischen Führer seit 1914 selbst gedrillt haben). Daß alles rednerische Gewürz zu der Feier von Hohenzollern-Offizieren geliefert wurde, versteht sich eo ipso, und dann kommt das ganz Ungeheuerliche: die Mädels und Frauen, die sich mit Entente-Soldaten eingelassen oder auch nur mit ihnen gesprochen hatten, wurden öffentlich unter dem Beifallsgebrüll der Massen und unter ihr Jammergeschrei übertönender Blechmusik „vaterländischen“ Gepräges, gestäupt und im echten Wortsinne gebrandmarkt. Man schnitt ihnen „auf offener Straße die Haare ab, riß ihnen die Kleider vom Leibe, stahl ihnen Täschchen und Wertsachen, schlug und beschimpfte sie, tätowierte viele von ihnen an Stirn und Backe mit I. K. H. (Interalliierte-Kommissions-Hure). Bei allen diesen Taten fand die Orgesch die Unterstützung der Schupo“. Dabei natürlich unausgesetzt „Nieder mit den Juden“ – und so beginnt nun also die Erhebung des deutschen Volks zu neuem Idealismus, an den Gräbern der armen Weiber, die das Unsägliche, das ihnen angetan wurde, nicht überleben mochten und Selbstmord begingen. Oberschlesien ist wohl zusammen mit Bayern und vielleicht Ostpreußen der eigentliche Sammelpunkt aller Revanche-Desperados. So ist es kein Wunder, daß die beiden Heldenjünglinge, die Philipp, dem Scheidemann ohne Schwert, mit der Blausäurespritze ans verdienstvolle Leben wollten – diese Hornochsen begreifen ja nie etwas, wie sollten sie also begreifen, daß sie ihren eignen Bügelhalter umbringen wollten! –, denn auch dort – in Gleiwitz – erwischt wurden. Daß sie via München dorthin gelangten, wird sich wohl erst bei den genaueren Erhebungen erweisen. Übrigens führt einer dieser Teutonen den gut jüdischen Namen Wurm;* etwas für den Miesbacher Anzeiger, der krampfhaft behauptet, Rathenau sei von den Juden umgebracht worden, die den „Fall“ schaffen wollten, auf den hin sie ihr längst gebrauchsfertiges Schutzgesetz mit Beilagen in Szene setzen konnten. In Deutschland – speziell in Bayern – wird auch das gläubig gefressen. In Bayern aber wird’s auch in den Regierungsregionen täglich lustiger und besonders amüsant ist, einmal zu sehn, was der gute Wille von Richtern in einem Abenteurerstaat aus Recht und Gesetz zu machen versteht. Gneist hat einmal gesagt – ich fand die Stelle in Karl Liebknechts Reden zitiert – es sei allezeit die Eigentümlichkeit Preußens gewesen, daß die Verwaltung die Gesetze in ihr Gegenteil verkehrt habe. Zur Zeit lebt der eigentliche richtige Preußengeist ja nur noch in Bayern – allerdings angetan mit breiter weißblauer Schärpe, die aber die schwarzweiße und schwarzweißrote Hemdfarbe nicht vollständig zudeckt – und gibt sich ausgerechnet für „bayerische Eigenart“ aus. Aber der „Geist“ ist es vollkommen, von dem der wackere alte Gneist gesprochen hat. – Wir haben folgende neue Tatsache bayerischer Judikatur zu vermerken: Männlein hatte sich an die Staatsanwaltschaft in München gewandt, um die Freilassung auf Grund des Reichsamnestiegesetzes zu erlangen. Bescheid des „Volksgerichts“, unterzeichnet Neithart und Haß (nomina sunt omina): Die Voraussetzungen der Anwendung des Gesetzes treffen für Männlein (also auch für die übrigen Genossen von Ostern 21) nicht zu. Nur gegen das Reich begangene Straftaten werden davon berücksichtigt. Sie aber hätten sich gegen Bayern vergangen, da sie eine Sowjetrepublik errichten wollten (wo, wird nicht gesagt) und ihre Beihilfe zum Hochverrat nicht „unmittelbar gegen das Reich“ gerichtet war. – Das Reich ist „unmittelbar“ durch einen Hochverrat überhaupt nicht zu fassen, da es selbst nur die Zusammenfassung der Länder ist, also jeder Hochverrat zunächst in einem Lande des Reichs vor sich geht. Nach dieser Auslegung der bayerischen Preußen ist das ganze Reichsamnestiegesetz vollständig sinnlos, da kein einziger Delinquent bei der gleichen Beurteilung der Rechtslage im übrigen Reich sich „unmittelbar“ gegen das Reich vergangen hätte. – Die juristische Klügelei hier ist eine Absurdität, noch toller aber ihre Voraussetzung, die bedeutet, daß jemand zu einem Hochverrat Beihilfe leisten kann ohne daß er dabei den Angriff gegen dasselbe Objekt zu richten brauchte, gegen das der Hochverrat selbst begangen wird. Man kann also zu einer Straftat helfen, ohne daß diese Hilfe sich auf die gleiche Straftat bezieht. Diese Logik – echt weißblaue Preußenlogik – wird Leuten zugemutet, die zugleich glauben sollen, daß eben diese Richter, die so argumentieren, damals als sie Richter in der Sache waren – denn es waren dieselben Herren – bei dieser Auffassung angenommen hätten, daß das gegen Bayern verübte Reat nur Beihilfe gegen ein gegen das Reich verübtes sei. Im Urteil haben sie das aber ausgesprochen. – Ob das Reich auf Beschwerde gegen diese Rechtsverbiegung etwas unternehmen wird? Ich glaub’s vorläufig nicht. – Übrigens hat, wenn’s soweit kommt, Herr Dr. Kühlewein schon einen guten Kronzeugen für die Vertretung solcher Rechtsgrundsätze in dem Lager gefunden, wo er ihn wohl zuletzt gesucht hätte. Unser jüngster Genosse, der mitbetroffene Popp wandte sich zur Erkundung der Rechtslage an die juristische Auskunftsstelle seiner Partei (KPD). Eben erhielt er Antwort: wer von bayerischen Gerichten abgeurteilt sei, sei von der Amnestie nicht mitberührt. Davon steht im Gesetz kein Wort und die Männlein-Entscheidung bestätigt, daß sogar unsre Rupprechtshüter selbst zugeben, daß – sofern das Verbrechen nur gegen das Reich gerichtet war, kein Sonderrecht für Bayern gilt. Man sollte die Zentrale der KP veranlassen, ihrer Rechtsberatungsstelle das Gutachten, bei dem sie sich noch nicht mal den Wortlaut des Gesetzes gegenwärtig hielt, um die Ohren zu schlagen. Aber so werden unsre Interessen von denen gewahrt, die extra dafür eingesetzt sind. – Ich hatte pausiert und las inzwischen im Hof in der „Frankfurter Ztg“ eine Notiz, die ein Gerücht wiedergibt, wonach Frankreich als „Sanktion“ 80 000 Deutsche aus dem Elsaß ausweisen und deren Güter requirieren wolle. Ob man wirklich eine solche Schreckensmaßnahme beabsichtigt, bleibt abzuwarten. Vom Standpunkt jeder kapitalistischen Staatsauffassung bliebe sie eine Ungeheuerlichkeit – allerdings nicht ohne Beispiel. Die Deutschen könnten jedenfalls nicht aufrichtig in die Proteste der übrigen Welt einstimmen. Denn Bismarck hat es 1863 mit 60000 Polen nicht anders gemacht, und preußische Polen hat es damals weniger gegeben als heute deutsche Elsässer. – Freilich, wenn’s Bismarck tat, war es natürlich was andres, als wenn’s Poincaré ihm nachmacht!

 

* Nach den letzten Meldungen führt er tatsächlich den arischen Namen Hustler – also für den M. A. unverwertbar

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 8. August 1922.

Wieder nichts Neues von Wichtigkeit. Eine Nummer des Fränkischen, eine der Frankfurter sind die Quellen, aus denen wir heute schöpfen durften. Mir liegt jetzt der erste Erlaß der Poincaréschen Zwangsvollstreckungspolitik vor. Er nennt das Verfahren jetzt „Rétorsions“, was wohl etwa als „Umwendungen“, Retourkutschen also, zu übersetzen ist. Diese „Retorsionen“ haben bis jetzt ein ziemlich mildes Aussehn, doch sollen ihnen ja kräftigere Maßnahmen folgen, falls sie sich als zu schwach erweisen, um die Gefügigkeit der Deutschen zum Schuldenzahlen zu erpressen. Man beschränkt sich auf gewisse vorläufige Beschlagnahmungen deutschen Besitzes, besonders im Elsaß, die sich juristisch als Arrestpfändungen einordnen lassen, d. h. man verhindert Auszahlungen von Schadenersatzforderungen an Deutsche, und trifft Vorkehrungen gegen Verschiebungen von Werten ins Ausland, suspendiert auch zugleich die Rücklieferung von Möbeln und andern während des Kriegs requirierten und als Ersatz von der Regierung angekauften und schon bezahlten Utensilien und Gütern. Man kann kaum sagen, daß diese Sicherungen sonderlich hart wären (was hat denn der bayerische Staat gemacht, um meine Prozeß- und Haftkosten sicherzustellen? Mein Gesamtvermögen mit Arrest belegt und 40500 MK auf meinen Berliner Häuseranteil durch Zwangshypothek gepfändet). Konfiskationen bedeuten solche Sicherungen noch lange nicht, und das Geplärr unsrer Presse ist denn auch recht gezwungen und unecht. Während sich diese immerhin recht folgereichen Probleme zur Zeit auf dem Londoner Operationstisch befinden, wo man sich angeblich auch mit der ganz grotesken Wirtschaftslage Österreichs auseinandersetzen will, kuriert man bei uns zu Lande in beschaulicher Langsamkeit um den deutsch-bayerischen Verfassungsstreit herum. Das Verfahren der Bajuwaren, die Berliner Regierungsonkel an der Nase herumzuziehn, ist überaus lustig zu beobachten. Zuerst schob man schon die Antwort Lerchenfelds beinah eine Woche hinaus, mit der Begründung, Herr Matt müsse im Landtage seinen Ressortetat persönlich vertreten und auch andre Herren seien im Landtag unabkömmlich. Der Gedanke, Kultus und Schule in der Prannerstraße einen Tag auf das Rotieren der automatischen Bewilligungsmaschine warten zu lassen – da doch Ebert um schleunigen Bescheid gebeten hatte – kam, da man selbst offenbar weniger Eile hatte, den Regierungsmachthabern nicht in den Sinn. So blieb die Antwort liegen, und als Ebert sie in aller ihrer nichtssagenden Bockbeinigkeit hatte, ließ er das Wolff-Büro in offiziöser Form melden, er und Wirth hätten Lerchenfeld nach Berlin gebeten, der am – vergangenen – Sonnabend dort erwartet werde. Die Antwort des offiziösen Lerchenfeldbüros, Correspondenz Hoffmann – gab den Bayern die Auskunft, es sei weder eine Einladung ergangen, noch denke Graf Lerchenfeld im Entferntesten daran, nach Berlin zu fahren, – und er blieb. Dann klärte sich dieser Widerspruch so auf, daß Ebert einen inoffiziellen Weg der Einladung gewählt hatte, – wohl um das herzliche und freundnachbarliche Verhältnis, das er mit München zu haben glaubt, recht loyal zu dokumentieren – mit dem Resultat, daß man diese plumpe Vertraulichkeit in Bayern durch einfaches Ignorieren bestrafte, mit Zeitgewinn quittierte und sich dumm stellte. Ebert-Wirth mußten nun also noch einmal um den Besuch bitten, und beauftragten Herrn v. Preger, die Einladung offiziell an den Christenmann zu bringen. Darauf fuhr aber Lerchenfeld auch nicht nach Berlin. Man teilte mit, daß eine Vorbesprechung in München erwünschter sei – auch die deutsche Heeresleitung verhandelte mit Russen und Rumänen über Friedensschlüsse prinzipiell nur auf Territorien, die ihrem Machtbezirk zugehörten. Natürlich erkannte die Reichsregierung das Recht Bayerns an, als Vorgesetzter mit ihr umzuspringen und gab den grade zur Kur in Bayern „weilenden“ bayerischen Regierungsmitgliedern Geßler und Fehr Auftrag, zunächst mal in München zu versuchen, soviel Gesetzlichkeit zu retten, wie sich allenfalls noch retten lasse. Dann sollte die Fortsetzung der Beratungen mit dem also präparierten Lerchenfeld in Berlin vor sich gehn. Fritze Ebert hatte aber wieder die Rechnung mit dem Wirth aber ohne die Lerchenfeldwebel gemacht. Die stehn auf dem gesunden Standpunkt, daß Leute, die einen Streit miteinander haben, keine Verpflichtung zu freundschaftlichem Entgegenkommen haben, und daß jeder kleinste Vorteil, den man dem Gegner abzugewinnen weiß, als Trumpfpoint zählt. Sie betrachten demnach schon in den Präliminarien eine Kampfsituation als gegeben und halten auf Prestigeformalitäten, wie das zwischen feindlichen Mächten Brauch ist. „Bei uns“ wird verhandelt! – das war die erste Forderung, und man siegte. Aber auf Gegenseitigkeit läßt man sich nicht ein, das hieße ja den andern einen Stich gönnen. Daher: die Herren Fehr und Geßler sind wieder von München abgefahren, und „wie verlautet“, werden die ferneren Besprechungen nicht in München stattfinden. Nicht in München! – das bedeutet für jeden, der offiziöse Preßterminologie kennt: aber ganz sicher nicht in Berlin! – Man wird also einen „neutralen Boden“ für die Beratungen suchen, und der Besuch des badischen Staatspräsidenten Hummel, von dem in Bayern und in Baden oft genug versichert wurde, daß er ganz privater Natur gewesen sei, um jeden Politiker vom Gegenteil zu überzeugen, läßt wohl die Erwartung zu, daß sich Herr Ebert auf Lerchenfelds Pfiff prompt in Karlsruhe einfinden wird. Vielleicht lesen wir dann, daß er ohnedies unüberwindliches Heimweh gehabt habe – und er sowohl wie Wirth sind ja Badenser. Dann werden die Lerchenfeld, Schweyer und ihre preußischen Hintermänner in Weiß-Blau ein weiteres Stück Terrain gewonnen haben, das sie gewiß vortrefflich verteidigen und erweitern werden. Wahrscheinlich hat Herr Hummel – der Mann ist ja soviel ich weiß, sowieso Demokrat und somit zu nichts Verpflichtendem verpflichtet – in München schon das fertige Kompromiß mitbekommen, das den Bayern den vollen Triumph und obendrein die Möglichkeit sichert, sich als den unerträglich Vergewaltigten zu begreinen. Wenn Lerchenfeld händeringend erklärt: Das ist zuviel! Komme ich meinen Bayern mit dieser Zumutung nach Hause, dann hauen sie mich zum Tor hinaus!, – dann wird ihn der Hummel, mit dem alles schon ausgemacht ist, liebevoll umsurren, bis Ebert selbst überzeugt ist, daß er ein furchtbares Opfer von Bayern erzielt hat, das man zu trösten hat und das als Besiegter schonungsvoll zu behandeln ist. Ist’s mal soweit, dann werden sie außer ihre „Notverordnung“, die den Schutz weniger der Republik als der organisierten Mörder verbürgt, für alle Dauer verbürgt zu haben, auch noch den neuen Verfassungszusatz kriegen, den sie zur Staatsrettung der Einzelländer verlangen. Der arme Radbruch wird ihn schon weich kochen. Er hat sich als Küchenchef der spanischen und italienischen Reaktion so wohl bewährt, daß es erstaunlich wäre, gelänge ihm nicht auch, den Bayern den reaktionären Reichsbraten schmackhaft zu machen. Die Amnestiesuppen, die er ihnen schon zubereitet hat, indem er uns als Brocken drin versäufte, müßten ihm eigentlich schon jetzt bei Herrn Gürtner das Vertrauen gewonnen haben, daß der Chef der Reichsjustiz längst selbst so weich gekocht ist, daß ihn die zahnloseste Rechtshure kauen kann, ohne dran zu ersticken. Armer Radbruch! Das Katheder hätte grade die richtige Höhe für ihn. Der Riesenschwung auf den Ministerturm hat ihm die Seele verrenkt und Hirn und Herz auseinandergerissen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 10. August 1922.

Seit Dienstag hat sich nichts Nennenswertes nennenswert geändert, – es sei denn, daß es in den Zeitungen stehe, die wir nicht lesen dürfen. Dennoch sieht man etwas klarer und kann schon eine für beide interessierende Tagesfragen (Londoner Verhandlungen zwischen den uneinigen Alliierten Poincaré und Lloyd George und Berliner Verhandlungen zwischen den uneinigen Alliierten Wirth und Lerchenfeld) höchstwahrscheinliche Diagnose stellen, daß nämlich alles so enden wird, wie seit 1918 in Deutschland wie in aller Welt immer alles geendet hat, nämlich garnicht, nämlich mit einem Provisorium, mit Zeitgewinn für ein paar Stunden, Tage oder Wochen, nach deren Ablauf neuer Zeitgewinn das Problem aller Politik ist. – Die ersten Berichte von der Londoner Ministerkonferenz zeigen deutlich, wo Frankreich der Schuh drückt und daß es das Leder, um die Spanne zu erweitern, nur von Deutschland holen kann, daß aber England und Italien das stärkste Interesse daran haben, Deutschland als Kundschaft zahlungsfähig zu machen, wofür allerlei momentaner Verzicht nötig ist. Nachdem der Vertreter Japans die Sorgen des Weltkapitals in die erschöpfende These zusammengefaßt hatte, es komme nur darauf an, auf jeden Fall mal zu Geld zu kommen, scheint der Belgier Theunis als Vermittler angerufen zu sein und hat denn auch schon gefunden, was für ein Einerseits-Andrerseits zur verschnupften Zufriedenheit auf allen Seiten Chancen offen lasse. Die Franzosen wollen den Deutschen kein Moratorium bewilligen, die Briten und Italiener wollen gleich für 2 Jahre Aufschub gewähren: geben wir ihnen die Stundung für 2 Monate und setzen wir uns dann wieder zusammen. Heureka! – So spult sich der Bandwurm immer weiter aus dem Darm. Einmal muß der Kopf doch kommen. Aber während man drängelt und drückt, wird die nächste Mahlzeit aufgetragen, die man nicht versäumen möchte. Also schnell die Hose zugeknöpft und dem Tier, das unten ellenlang aus dem After hängt, oben neue Nahrung zugeführt, daß es Zeit und Kraft findet, der unbequemen Verknäuelung im Hosenboden durch Zurückziehen etlicher Zolllängen ins Innere des Leibes abzuhelfen, was nicht bloß vom Bandwurm sondern auch von seinem Quartiergeber als angenehme Erleichterung empfunden wird (sie drückt sich in leichter Besserung der Geldvaluta aus). Nach der Mahlzeit begibt man sich dann von neuem zu Stuhl und drückt das zurückgezogene Ende und einen Teil des durch die Fütterung angemästeten Parasitenbandes heraus, – bis es wiederum zum Essen läutet. So ad infinitum, – bis ein solides Abführmittel, verstärkt durch Santonin – will sagen: soziale Revolution – den ganzen Vampyr mit Kragen und Kopf zum Mastdarm hinausfeuert. Dies einzige Mittel soll ja aber grade von den interalliierten Wurmdoktoren in London verhütet werden, die die gemessene Weisung haben, lieber den Patienten krepieren zu lassen als ihm Radikalkuren zuzumuten, bei denen die Diarrhöewirkung epidemisch auftreten würde. – Die innerdeutschen Belästigungen stammen nun ja nicht grade von so einem parasitären Ungeheuer, sie kommen eher den Juckerscheinungen gleich, die von den lebhaften kleinen Madenwürmern, die den Stuhlgang begleiten, hervorgerufen werden. Man gibt dagegen rohe gelbe Rüben ein, und Deutschland krankt an solchen bayerischen Quälgeistern und zugleich an dem Dileamme[Dilemma], daß sie sich inbrünstig gegen die Aufnahme des Heilmittels wehren. Jetzt sind nun also doch in Berlin Arzt und Patient zusammengekommen; der erste kleine Mißerfolg der bayerischen Obstruktionschristen. In der offiziösen Mitteilung der Staatszeitung wird das so erklärt: Ebert habe telegrafisch eine beschleunigte Beratung in Berlin „vorgeschlagen“, und die Mitteilung, daß der Reichspräsident selbst die Verhandlungen leiten werde, habe den Ministerpräsidenten ohne weiteres verpflichtet, sich nach Berlin zu begeben, wohin er nun vorgestern abend in Begleitung der Minister Schweyer und Gürtner und der Ministerialräte Zetlmayer und Dürr abgereist ist. Was da hinter den Kulissen vorgegangen ist, wird schwer feststellbar sein. Das Reichskabinett hatte schon tapfer verkündet, daß es die Sache nicht als Prestigefrage behandeln wolle, was natürlich bedeutete, daß man auch nach München-Canossa gehn werde, um die Kapitulation dort zu vollziehn. Nun wird sich’s bei der Plötzlichkeit der Entschlußänderung in München doch wohl um das Nachgeben gegen einen Druck handeln, der nun recht euphemistisch mit „Vorschlag“ bezeichnet wird. Vermutlich hat Ebert angesichts des Drängens außergouvernementaler Kräfte es vorgezogen, in der dritten Woche, in der die bayerische Rebellionsverordnung in Kraft ist, ausgeübt wird und vom Obersten Gericht des Landes bestätigt ist, zu finden, daß er mindestens das Hinausschleppen der Angelegenheit endlich verweigern und in dem einen Punkt des Konferenzorts die Energie wenigstens markieren müsse, zu der ihm die Überlegenheit der andern an diplomatischem Geschick, an politischer Würde und an fester Gesinnung doch wohl so leicht keine Gelegenheit mehr geben werde. So mag er telegrafisch gedroht haben: wenn man die Sache weiter hinauszerre, müsse er von seinen verfassungsmäßigen Machtmitteln Gebrauch machen. Das aber bedeutet: Aufhebung der Verordnung kraft Aufforderung, die bei Nichtbefolgung durch Wirtschaftssperre, Zufuhrunterbindung oder dergleichen erzwungen werden könnte; bei Befolgung kampflose Niederlage mit Regierungs- und Koalitionssprengung und Auflösung des Landtags. So hat man denn erst mal in den sauren Apfel gebissen und dabei eine so faule Erklärung abgegeben. Denn daß mit Ebert persönlich verhandelt würde, war bisher allenthalben als selbstverständlich angenommen worden und kann daher garnicht für den Umstoß der Absichten maßgebend gewesen sein. Immerhin ist ja Lerchenfeld vor Akten politischer Einsicht durch seine Begleiter ausreichend geschützt, während Ebert von seinen Reichsministern umgeben ist, die ihn bestimmt vor Ausbrüchen von Energie behüten werden. Der erste Bericht über die Verhandlungen von gestern vormittag besagen denn auch schon, daß sie in versöhnlichem Geiste geführt werden, und wie versöhnlich die Reichsverantwortlichen gegen die bayerischen Aufständischen gestimmt sind, ergibt sich daraus, daß man sie gleich nach den ersten Erörterungen zu einem auf Kosten des Reichs, dessen Verfassung sie unterminiert haben, veranstalteten netten Frühstück eingeladen hat, bei dem man miteinander prostet und ulkt und zunächst mal in lustigem Plauderton da „Verständigung“ erzielt, wo’s am billigsten ist, durch Gewährung eines unkündbaren Freibriefs an Bayern, seine politischen Gefangenen einzusperren solange es will und wie es will, sodaß Arco seine Gutspächterrolle und Zenzl ihre Witwenschaft für lange Jahre hinaus gesichert wird. Nach dem Frühstück aber haben sich die Herren Ressortminister zur Beratung über alle einschlägigen Punkte zusammengesetzt: da wird denn der Reichsinnere Köster vom Schweyer mit der angestammten Königstreue und der Reichsrechthaber und -unrechtkrieger, der arme Radbruch, vom Gürtner mit der schwarzweißroten Gnadenhand beschmust und eingewickelt. Trotzdem: ganz wohl ist’s auch den Bajuwaren nicht mehr, nicht weil sie Angst vor Ebert oder den „Sozialisten“ hätten (Auer-Vater hat vor seinen Parteibetriebsräten eine Rede gehalten, die mit bloßem Auge gradezu mannhaft wirken könnte, sich aber unter dem Mikroskop nicht von anderm Geiste erweist als seine sonstigen Schwafeleien. „Kampf auf Leben und Tod“ – in den nächsten Tagen, aber bloß vielleicht, und dann nicht mal gegen die bayerische Regierung sondern gegen die Mörderorganisationen. Er hat also, da ihm durch den Eintritt der Mittelpartei in die Regierung die Felle weggeschwommen sind, das Maul recht voll genommen, aber nach vielem Gurgeln bloß lauwarmes Wasser daraus ausgespieen). Aber von der Pfalz kommen Nachrichten, die wohl recht bedenklich stimmen werden. Dort drohen die Arbeiterparteien offen mit Abfall von Bayern, – und erstens kann man die nicht à la Fischer-Gustl hochnehmen und in Niederschönenfeld mores lehren, weil das die französische Besatzung verhindern würde, und dann heißt es, daß sich für den Abfall die direkten Nachbarländer der Pfalz – vornehmlich maßgebende Kreise – in Herrn Hummels Baden interessieren sollen. Das wäre ein harter Brocken für unsre teure Ordnungsbestie. Möge sie dran verrecken!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 11. August 1922.

Zur Abwechslung mal wieder ein paar Niederschönenfelder Kleinigkeiten, die von beinah gänzlichem Fehlen neuer Nachrichten und von hohem Besuch bei der Verwaltung angeregt werden. Man sitzt vermutlich grade bei der Tafel, nämlich Herr Oberstaatsanwalt Kraus, Herr Oberregierungsrat Dr. Kühlewein und noch ein älterer Herr, auf den die Festartikel der Journaille zum 60. Geburtstag des – beinah Justizminister gewordenen – Staatsrats Meyer stimmen könnten. Vermutlich hat Herr Gürtner in Berlin allerlei Vorhaltungen über bayerische Festungsschweinereien gehört und schleunigst Bescheid verlangt: so mag sich der plötzliche Besuch der „zuständigen Stelle“ in ihrer ganzen Stufenleiter in diesem Moment der Berliner Verhandlungen erklären. Optimisten meinen schon, Bayern werde als Kompensation für die Unterwerfung des Reichs unter den Verfassungsbruch Bayerns sich auf ein paar Scheinkonzessionen beim politischen Strafvollzug eingelassen haben. Möglich ist ja viel. Aber von der Eigenart der ostelbischen Bayern wird schwerlich irgendwo etwas zu erreichen sein, es sei denn unter Aufbringung derselben Energie wie sie von der Isar mitgebracht wird. Das aber, was mein Freund Radbruch bei all seinen Tugenden ganz gewiß überhaupt nicht mitgekriegt hat, ist Energie. Wenigstens hat er in seinem Ministerwalten bisher noch nie den geringsten Gebrauch von einer solchen Fähigkeit gemacht. Die Verhandlungen aber werden – das ist die einzige Nachricht, die wir heute in den Zeitungen darüber fanden, von beiden Seiten in „durchaus entgegenkommender Weise“ geführt. Ich behalte also recht, denn wenn das Reich in irgendeinem Punkt den Bayern „entgegenkommt“, gibt es damit alles preis, und die sogenannte Verfassung ist der Willkür derer ausgeliefert, gegen die ihre neuen Bestimmungen gerichtet sind. Gestern abend kriegten wir noch ein paar Blätter, aus denen auch schon zu entnehmen war, was Bayern eigentlich vom Reich fordert. Der demokratische Pressedienst hat es indiskreterweise ausgeplaudert, was in dem sichtlich inspirierten Bericht scharf gerügt wird, jedoch mit dem Hinzufügen, die Mitteilung sei nicht erschöpfend (es ist also noch doller), doch sei richtig, daß sich die bayerischen Forderungen teilweise in der Richtung der Meldung bewegen. Danach soll sich der Oberreichsanwalt generell verpflichten, alle dem Staatsgerichtshof zugewiesenen Fälle, die sich auf Bayern beziehn, an die Landesgerichte zu überweisen, ferner sollen bayerische Fälle nicht von ordentlichen Gerichten weg an die Reichsstellen dirigiert werden können. Aufgrund des Reichskriminalpolizeigesetzes aber sollen keine Reichsbeamten ohne ausdrückliche Zustimmung der Landesbehörden in Bayern Amtshandlungen verrichten dürfen. Endlich soll eine Verfassungsbestimmung versprochen werden, die die Rechte der Einzelländer festlegt und Eingriffe in Länderrechte ohne deren Zustimmung unmöglich macht. Das wäre also die Legitimation der gesamten bisher als „ungiltig“ bezeichneten Verordnung. Darf man zweifeln, ob Ebert-Wirth-Köster-Radbruch auch das sanktionieren werden, ob die Arbeiter, oder die Kommunisten wenigstens, dann irgendwelche Maßnahmen dagegen ergreifen werden oder sich mit dem „flammenden Protest“ und allenfalls einem Spaziergang in der Tauentzienstraße begnügen werden, bei dem vier Nachmittagsstunden gefeiert werden und das ganze als „Generalstreik“ austrompetet wird? Ich las grade Liebknechts Reden und Aufsätze in dem Gumpertzschen Sammelbuch. Was haben seine Epigonen aus dem Vermächtnis dieses revolutionären Heros gemacht! – Ach, ich wollte ja heut vom Häuslichen berichten. Da habe ich nachzutragen, daß seit Anfang dieser Woche wieder zwei Sünder in Einzelhaft sitzen – nach einer Disziplinierungspause, wie wir sie seit 1½ Jahren noch nicht erlebt hatten: Schindlböck und Pfaffeneder. Daß die lange Verschonung mit Strafen nicht an der gemilderten Handhabung des Strafvollzugs liegt, ergibt sich aus dem Anlaß der Absonderung: die beiden hatten nach Gitterschluß (¾ 10 Uhr) noch im Gangkäfig ein Gespräch fortgesetzt. – Eine Kleinigkeit, die mich betrifft: die Eröffnung, daß eine Postkarte von Hans Gandorfer (dem kommunistischen Bauern aus Haslach, Zenzls Heimatdorf) beschlagnahmt sei – wegen agitatorischer Zeichnung. Ich sah zufällig die an die Eröffnung angeheftete Gefahr: es handelt sich um einen Sowjetstern und anscheinend eine rote Fahne, die die Karte zeichnerisch verzierten. Es ist klar, daß an diesem Anblick mein Gemüt Schaden erlitten und daß der „Freistaat“ Bayern bei der Aushändigung den Vernichtungsstoß bekommen hätte. Über die internationale Situation weiß ich zu wenig, als daß ich mich drüber verbreiten möchte. Die Behinderung des Zeitunglesens durch die fortgesetzten Konfiskationen hat mir in vielem den Überblick zerstört. Mancherlei sehr Wichtiges ist daher hier garnicht erwähnt worden, so der große Generalstreik und die Niederwerfung des italienischen Proletariats und die vielfachen Versuche in aller Welt, sich mit Streikkämpfen aus der kapitalistischen Misere zu helfen. Dazu kommen die von der rumänischen Militärpartei begangenen systematischen Kommunistenmorde und überall die gleichen Zeichen sittlichen Weltuntergangs vor der Erneuerung. – Schandbar ist, daß das russische „Revolutionstribunal“ – mit welchem Recht können die Leute, die nach Genua gegangen sind, eigentlich noch Revolutionstribunale arbeiten lassen? – gegen die Sozialrevolutionäre tatsächlich 15 Todesurteile gefällt hat. Es heißt, die Vollstreckung solle sistiert werden, bis sich zeige, ob die Sozialrevolutionäre – also andre Personen als die Verurteilten – nun Ruhe geben werden. Mithin: man behält die politischen Gegner als Geiseln, um sie, wenn sich revolutionäre Erhebungen zur Wiedereinführung des Sowjetsystems oder gegen die Konzessionen an den Privatkapitalismus ereignen sollten, zu erschießen. – Meine Empfindungen bei dieser Entscheidung sind hauptsächlich die einer großen Traurigkeit. Ich bin durchaus nicht aus sentimentalen Gründen für die Angeklagten – die sich übrigens prachtvoll tapfer vor das Gericht des Exekutivkomitees, dessen Mitglied der Jammerkerl Brandler ist, gestellt haben, – ich bin überhaupt garnicht für die Opfer, sondern soweit sie Kerenskileute und Verbündete der Sawinkowhorden sind, schroff gegen sie. Aber ich habe die Bewegung von 1905 zwar aus der Ferne, aber mit tiefster Herzensbeteiligung miterlebt, und mich kränkt die Demagogie, daß das Weltproletariat bewußt falsch informiert wird, indem man verschweigt, daß der linke und der rechte Flügel der Sozialrevolutionäre weniger miteinander zu tun haben als Menschewiki und Bolschewiki unter sich. Man wirft das alles zusammen, wie man ja Anarchisten und Maximalisten, die man gefangen hält, einfach als Konterrevolutionäre denunziert, grade weil sie revolutionäres Gewissen genug gerettet haben, um sich mit der Halbheit in Rußland nicht zufrieden zu geben. – Trotz alledem kann ich, so sehr ich den Drang hätte, mich öffentlich zu rühren – und einen Protest würde Gollwitzer am Ende durchlassen, um keinem Zwist zwischen Revolutionären Abbruch zu tun –, das keinesfalls probieren. Denn niemand kann einen so tiefen Ekel gegen die Proteste empfinden, die in der Sache von der Sozialdemokratie herausgeplärrt werden. Die Partei Noskes, die Liebknechts und Rosa Luxemburgs Ermordung begünstigte, die Leviné erschießen ließ, die in Berlin, Bremen, München, im Ruhrland – ach, wo in Deutschland eigentlich nicht? – Proletarierleichen über Proletarierleichen häufte, die uns, weil wir gegen ihre durch unsre Revolution ermöglichte Regierungserschleichung revolutionäre Mittel ergriffen, von den Offizieren der alten Armee zu vielen tausenden von Jahren Zuchthaus, Gefängnis und Festung verurteilen ließen, nach dem „Hochverratsgesetz“ der Monarchie!, – die nichts getan hat, um uns nach all den Jahren wieder freizubringen, – die in Bayern speziell sogar gegen jede, auch nur teilweise Amnestie ausdrücklich gestimmt haben und Roßhaupter die Bewilligung aussprechen ließen, man dürfe uns so rechtlos behandeln wie man wolle; nur Jämmerlinge könnten sich beklagen, wenn man sie infolge ihrer Taten mißhandle –, die Verräter an allem, was Revolutionären heilig ist, die Schleppenträger der Hohenzollern und ihrer Lakaien und die Erbschleicher der Revolution, die von ihr selbst sagten, sie sei „ohne ihr Zutun“ gemacht und also gegen ihren Willen (wozu hätte Auer sonst Militär gegen die Republik angefordert, deren Minister er 36 Stunden später war?) durchgeführt, die damit ausgesprochen haben, daß sie auch gegen die Republik waren, die sie heute als ihr Palladium ausgeben und mit ihren Amtsschurkereien vergiften, – sie sollen es nicht wagen, ihr Schmutzmaul aufzureißen für Revolutionäre, die andre zum Tode verurteilen und gegen Revolutionäre, die nicht um der Bourgeoisie gefällig zu sein wie sie, die Opfer wählen, die sie glauben fordern zu sollen. Man möchte glauben, sie seien neidisch, daß nicht sie diesmal wieder die Henker machen dürfen, da doch ihre Hände von Arbeiterblut so triefen wie nie die Hände eines Klassengegners davon getroffen haben. – Nein, – mit denen mache ich keine Proteste zusammen. Ihnen mein Ekel, mein Haß, meine Verachtung, und mein Wille zu Rache, zur Abrechnung. Mir ist Mord keine Freude und Hinrichtung keine Befriedigung. – Aber säße ich im Tribunal, das die Ebert, Scheidemann, Auer, Noske, Schneppenhorst e tutti quanti abzuurteilen hätte, ich käme mir als Verräter vor an der Sache der Revolution, an den Opfern der Revolution, stieße ich den Daumen nicht nach unten: Auslöschen!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 12. August 1922.

Die Parallelen, die die Verhandlungen in London und Berlin aufweisen, berühren fast komisch. Hier spreizt sich das Altpreußentum der Neubayern in der Rolle der Gralshüter deutscher Rechtswahrung und reist ab, den Sieg in der Tasche und das Entgegenkommen auf dem Papier, das sie unterschrieben; dort klammert sich der von den geängsteten französischen Steuerzahlern gedrängte Poincaré an den Versailler Vertrag in der Rolle des Prinzipienwächters und reist zurück nach Paris, wahrscheinlich ebenfalls mit einem schönen Sieg über die Verbündeten, nachdem er in der Form allerlei Abstriche auf dem Papier konzediert hat. Der Unterschied ist bei beiden Verhandlungen und auf beiden Seiten immerhin auch nicht gering: in Deutschland verhandeln weißblaue Muskelstiere, um sich ihr Recht auf Rechtsbrüche patentieren zu lassen mit der ganzen junkerlichen Robustheit des von keiner Zukunftserwägung beeinträchtigten Willens zur Zurückschraubung der Geschichte in die Niederung überlebter Despotie mit schwarzrotgoldnen Weichtieren, die die Kruste, die ihnen im Moment einer geängsteten Stunde brüchig genug um den Schleim gezogen wurde, und die sie in ihrer Jämmerlichkeit ein wenig zu behindern anfängt, wieder loszukriegen oder doch ihre Konsistenz den inneren Weichteilen anzupassen. In England ringt der geprügeltste Sieger des Weltkriegs mit den von den Prügeln nicht ganz so erschöpften Mitsiegern um das Vorrecht, sich aus der Haut des Besiegten seine Pelle zu erneuern und wo seine Siegespartner nachgeben, tun sie es nicht aus hoffnungsloser Schlappheit, sondern aus kluger Berechnung, welches Geschäft ihnen teurer zu stehn komme: Frankreich oder Deutschland zum Gegner zu haben. Es scheint, als ob in London das Kompromiß ziemlich fertig wäre, bei dem Poincaré allerlei Striche durch die Rechnung gemacht wurden, bei dem er aber gegen den ursprünglichen heftigen Widerstand der Alliierten doch mehr durchgesetzt hat, als zu vermuten war, darunter die Kontrolle der Domänen und Wälder im besetzten Gebiet, die Einrichtung einer interalliierten Vormundschaft über das gesamte deutsche Finanzwesen und die Sanktionierung seiner „Retorsionen“, zu denen inzwischen auch Ausweisungen aus dem Elsaß, angeblich bis jetzt etwa 500 Fälle, getreten sind. In Paris wird sich großes Getöse erheben wegen seiner viel zu großen Nachgiebigkeit und man wird froh sein, das Rasiermesser an der deutschen Kehle ganz gut geschliffen gekriegt zu haben. – In Berlin sind die Verhandlungen, wie schon bekannt gemacht worden ist, tatsächlich zu beiderseitiger Zufriedenheit abgeschlossen. Man erfährt den Inhalt des Abkommens vorläufig noch nicht, doch läßt schon das, was bis jetzt die Presse zu erzählen weiß, tief blicken. Mein Leibblatt, der deutschnational-demokratisch-unitaristisch-föderalistisch-schwarzweißrot-schwarzrotgold-weißblaue Fränkische Kurier mahnt schon ab, man dürfe nicht glauben, Lerchenfeld habe in Berlin eine Niederlage erlitten (sapienti sat; er hat einen Riesentriumph heimgebracht, aber die Völkischen werden gekitzelt, Schamade zu trommeln). Zwar wurde die Notverordnung zurückgezogen – selbstredend, man braucht sie ja nicht mehr, – und die Reichsgesetze bleiben in Kraft – selbstredend, sonst müßte ja wieder erst eine Zweidrittelmehrheit im Reichstag aufgeboten werden, die man zwar sicher haben könnte; aber die Wirthuosen der Rückgratlosigkeit glauben wohl kaum daran, daß ihre Parlamentsheloten ebensolche Schleimscheißer sind wie sie selbst, – aber: Bayern kriegt Garantieen, wie es sie nur wünschen kann. Man will „im guten Einvernehmen“ die Anpassung der Gesetzhandhabung an die speziellen Bedürfnisse der Frondeure bewirken, was also nur heißen kann, daß weder der Reichs-Staatsgerichtshof noch die Reichskriminalpolizei die Funktionen erfüllen darf, für die sie nach der Ansicht der naiven „linken“ Reichstagsschwätzer bestimmt waren, nämlich in den bayerischen Schweinestall hineinzuriechen. Die Verordnung wird demnach aufgehoben und ihre Bestimmungen bleiben in Kraft. Darüber hinaus: die Bayern – immerhin Leute, die wissen was sie wollen, hatten ja den Spieß umgedreht und traten nicht in der Rolle von Angeklagten auf, als die man sie vorgeladen hatte, sondern mit der positiven Forderung nach „Garantien“. Dafür hat man nun den „formalen Weg“ gesucht – auch da wäre ja die Einberufung des Reichstags und zu seiner Zustimmung die Chloroformierung einer Zweidrittelmehrheit nötig gewesen –, aber auch der scheint gefunden zu sein und zwar auf der Basis einer Reichsregierungsverpflichtung, daß alle künftigen Gesetze, die irgendwelche Punkte enthalten, die in die Staatshoheit von Ländern eingreifen, zuvor diesen Ländern zur Begutachtung vorgelegt werden sollen. Gott weiß, mit was für Geheimabkommen sich die Bayern diese Garantie noch haben bekräftigen lassen! Ich sehe aus dieser neuesten Niederlage des Reichs nette Konsequenzen auch für uns persönlich erwachsen: die angekündigten Justizreformen zur Herbeiführung eines einheitlichen Rechts in Deutschland werden, da sie den Bayern ihre völlige Willkür in der „Rechtspflege“ beschneiden könnten, natürlich unterbleiben, grade das also, um dessentwillen Radbruch schon so viele Klexe auf sein Führungszeugnis vor der Ewigkeit hingetropft hat. Mit der Vereinheitlichung des Strafvollzugs ist’s also wohl Essig. Man hat den Bayern plein pouvoir gegeben, ihre „Festungshaft“ ganz und gar ihrer „Eigenart“ entsprechend zu vollziehn. Wirth aber sprach zu Lerchenfeld: zu uns komme dein Reich! – Das heilige deutsche Reich bayerischer Eigenart, aber preußischer Nation ... In diesem Augenblick erlebt nun unser Lerchenfeld triumphans eine kleine Bitternis, die immerhin noch größere Bitternisse im Gefolge haben kann. Der Feind in Berlin ist geschlagen, da tritt eine neue Kröte auf den Plan, mit der vielleicht nicht ganz so einfach fertig zu werden ist; das ist die französische Regierung. Das Geplänkel hat auf beiden Seiten schon ziemlich massiv eingesetzt. Die bayerische Aggressivität auf allen möglichen Gebieten der französischen Empfindlichkeit muß dort schon lange den Wunsch nach Revanche geweckt haben. Müller-Meiningens stupide Plumpheiten gegen den französischen Sprachunterricht in bayerischen Schulen mit der anmutigen Begründung, die französische Kultur sei überlebt (und offenbar auf die bayerischen Demokratie-Müllerer übergegangen) war der erste Streich. Dann kam der Fechenbach-Coßmann-Prozeß und nach verschiedenen kleineren Landesverratsprozessen, die alle die Spitze des Teutonenspeers gegen die Vogesen kehrten, der Leoprechtingskandal mit dem ungeheuerlichen Urteil, das wiederum mit aller Deutlichkeit als Verurteilung des französischen Gesandten Dard aufgemacht war. Dieser Gesandte wurde denn auch sogleich im bayerischen Landtag auf die Gabel gespießt und auch der Regierungssprecher war eifrig bemüht, den Bissen in pikante antifranzösische Sauce zu tunken. Das genügte noch nicht. Die Auserwählten des Volks verlangten energische Schritte bei der französischen Regierung, Herrn Dards unerwünschte Tätigkeit in München zu beenden. War das sogar schon dem Gesandten des deutschen Reichs, Grafen Zech gegenüber nicht geglückt – auch den Schluck wird man in Berlin jetzt wohl bei einem der Freundschaftsfrühstücke zur Bekräftigung des Schmollis für die lieben Bayern hinuntergegossen haben –, so fand man am Quai d’Orsay schon garkein Mitgefühl. Herr Mayer, Mitglied der Bayerischen Volkspartei und als solches natürlich der ausgewählt geeignetste Vertreter des Deutschen Reichs in Frankreich, „wurde vorstellig“. Er erhielt vom Chef des Kabinettssekretariats folgende beruhigende Antwort: Herr Dard wird nicht abgerufen. Wenn Bayern sich durch seine Amtsführung beschwert fühle, so sei zu bemerken, daß Bayern infolge seiner Verfassungs- und Rechtszustände als halbzivilisierter Staat anzusehn sei und entsprechend behandelt werden müsse. Das ist saftig! und kann nicht mal dementiert werden, denn die Augsburger Postzeitung, die es einer Sozialistischen Korrespondenz entnahm, lief sogleich damit zum Auswärtigen Ministerium, das erklärte, über diplomatische Angelegenheiten zur Schweigsamkeit verpflichtet zu sein. Sehr diplomatisch! – Aber Bayern müßte nicht von Preußen bejunkert werden, ließe es seinerseits auf seine „Retorsions“ warten. Es schickte – im Augenblick, wo es beim Reich protestierte, daß man nordische Polizeisendlinge in Bayern Amtshandlungen ausführen lassen wolle, bayerische Kriminaler nach Halle in preußisch Sachsen und ließ dort Felix Fechenbach hochnehmen und nach München bringen – wegen „Landesverrat“. Erstens hat er in dem Prozeß, in dem er selbst als Kläger auftrat und wie ein Verbrecher behandelt wurde, nicht aufklären können, wie ein Bericht des Grafen Lerchenfeld (des früheren Bayerischen Gesandten in Berlin) an Hertling dem „Temps“ zugänglich werden konnte, und die „Staatszeitung“ hatte darüber schon mal Andeutungen gemacht, man wisse schon und werde noch in ein gewisses Nest hineinleuchten. Damit soll nun die Verhaftung in Verbindung stehn, was – wenn Fechenbach wirklich dabei in Frage kommt, die Rechtsauffassung der bayerischen Justizverwaltung ins Licht rückte, daß die Publikation historischer Kriegsdokumente der Hohenzollern-Wittelsbach-Epoche von dem „republikanischen Freistaat“ unsrer Epoche, der dauernd die Aktenöffnung aller Kriegsreminiszenzen verlangt, um Deutschlands Unschuld zu beweisen, als Landesverrat gegen sich betrachtet werden muß (daß Lichnowskys und Eckardtsteins Vernehmung im Fechenbachprozeß abgelehnt wurde, weil man an zuständiger Stelle deren Entbindung von der Amtsverschwiegenheit – gegen Wilhelm und Bethmann – verhindern ließ, gehört mit ins Bild). Es heißt nun aber, daß Fechenbach nicht nur diesen Landesverrat begangen habe, es liege noch mehr vor, und im Zusammenhang damit wurden nun in München auch noch die beiden weiteren Haupt-Eisnerianer, Kämpfer und Albert Winter nach einer angeblich nicht ergebnislos verlaufenen Haussuchung verhaftet. Das riecht stark nach großer Aktion. Offenbar will man als Antwort auf die Beschimpfung an Frankreich Vergeltung üben und einen neuen Leoprechting-Prozeß inszenieren, dem die Angeklagten sozusagen als Vertreter derer die Unterlage geben sollen, die man tatsächlich abtun möchte, – aber aus verschiedenen Behinderungen nicht kann. Der eine der wirklich Angeklagten ist nämlich wieder Herr Dard, der leider von einer noch stärkeren Kraft geschützt wird als sich seine Gegner zu haben einbilden. Die 2 weiteren Angeklagten aber kann man physisch nicht noch einmal tot machen, weil das schon in vollendeter Weise geschehn ist – von zwei Offizieren, die beide bayerische Eigenart in der leider für uns nicht geeigneten Anwendung sanfter Milde studieren: der eine, Graf Arco als Gutsvolontär, will sagen Festungsgefangener bald hier, bald da um Landsberg herum, der andre, Oberleutnant Schweickardt, dem man erst in München einen polizeilichen Auslandspaß der Pöhnerschen Sorte ausstellte und der dann, weil die Österreicher zu dumm waren, auf die nachbarlichen Intentionen einzugehn, von dort wieder ausgeliefert wurde und nun seit einem halben Jahr in ruhevollem Polizeigewahrsam, ohne daß irgendwer ein Verfahren gegen ihn einleitet, den Tag abwartet, da ihm ein neuer Reisepaß übergeben wird. Neben dem immunen Dard wird also der noch immunere Eisner – der ebenso immune Gareis, von Fechenbach, Kämpfer und Winter personifiziert, auf der Anklagebank Platz nehmen und was man den Leibern nicht mehr tun kann, wird man umso nachdrücklicher den Psychen zufügen. Soll mich nur wundern, ob die Franzosen nicht auch in dem Fall zurückschlagen werden, da sie es doch schon im Falle des keineswegs moralisch unantastbaren Leoprechting getan haben, und wer bei diesem fröhlichen Wechselspiel zwischen München und Paris der lachende Letzte bleiben wird. – Na, im Augenblick sind jedenfalls unsre Bajuwaren obenauf, – und wir können dessen noch erbauliche Zeugnisse erwarten. Ob und wie sich die neue Festigung und reichsamtliche Besiegelung der bayerischen Justiz„hoheit“ in Niederschönenfeld speziell in Erscheinung setzen wird, muß die Erfahrung lehren. Vielleicht begnügt man sich vorerst mit dem, was man bis jetzt schon aus der custodia honesta gemacht hat. Und das ist ja allerhand. Ein neues Beispiel unter vielen: Die Syndikalisten schicken mir regelmäßig die beiden Organisationszeitungen „Syndikalist“ und „Schöpfung“ in Abständen von ein paar Wochen zu, sodaß ich stets 3 – 4 Nummern beider Blätter zugleich erhalte. Eröffnung heute: die eingetroffenen Nummern soundso des „Syndikalist“ und der „Schöpfung“ wurden als Sammelsendung zu den Akten genommen. Die Münchner Genossen, die sie mir senden, sind lauter arme Arbeiter. Macht nichts, sie sollen gezwungen sein, für jedes einzelne Blatt 50 Pfennig extra als Porto aufzubringen. Ich habe mich deswegen zu Gollwitzer zu einer Unterredung gemeldet. Vielleicht gelingt’s mir, die Freigabe der Zeitungen zu erwirken oder wenigstens einen Grund von ihm zu hören, warum die Sicherheit des Strafvollzugs derartige Maßnahmen verlangt. Unser Normalverstand reicht ja nicht immer aus, bayerische Eigenart ohne Kommentar zu verstehn.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 14. August 1922.

Triumphaler Sieg Bayerns. Der Wortlaut der am 9. und 10. August ausgebratenen Bayern-Reich-Vereinbarung liegt jetzt vor. Es ist eine noch viel ungeheuerlichere Blamage für Berlin draus geworden, als der boshafteste Skeptiker vorausgesehn hat. Die Unterwerfung ist vollständig. Die Lerchenfelddiensttauglichen Ostelbier haben Escherichtlinien für die Anwendung der „Republik-Schutz“-Gesetze heimgebracht, auf die sie ehrlich stolz sein dürfen. Der Rathenau-Mord hat nach Aufbietung von Millionen feiernder Proletarier, nach Aufstellung von höchst gefährlich aufgemachten „Mindestforderungen“ der Gewerkschaften, Angestelltenverbände und „linken“ Parteien, nach Straßendemonstrationen von in Deutschland noch nie gesehener Beteiligung (denn sie waren von oben erlaubt und gewünscht), nach „politischen Massenstreiks“ (von 4 Stunden, die man dann als „Generalstreiks“ auffrisierte, und die die Unternehmerschaft keinen Pfennig kosten, da sie den Ausfall von den Arbeitern schnell wieder herausgepreßt haben werden) mit doppelter Wiederholung, nach Kanzler- und Ministerreden, die mit verschmiertem und öligem Danton-Pathos verkündeten: „Der Feind steht rechts!“ und endlich muß die Republik etwas Entscheidendes gegen die Reaktion tun!, – nach einem Aufwand von schwindsüchtiger Kraftmeierei, die schon nach 8 Tagen erst uns politische Gefangene, dann alles andre soweit preisgab, daß eben noch der äußere Schein gerettet wurde, – schließlich und endlich dazu geführt, daß die deutsche Republik den ersten entscheidenden Schritt zur Selbstauflösung getan hat und in optima forma unter das kaudinische Joch der Altpreußen gekrochen ist, die früher das schwarzweißrote Bismarckreich unumschränkt beherrschten und seit dessen Verebertung unter weißblauer Firmierung den alten Laden – mit bayerischer Eigenart in der Auslage – an der Isar neu etabliert haben. Die Verordnung wird aber aufgehoben, und die Reichsgesetze bleiben in Kraft: der Schein, der Schein ist gerettet! Im übrigen quälen sich aber die Berliner Berichte – Kommentare sah ich noch nicht, Gollwitzer wird auch wohl nicht alle zulassen – schon jetzt ab, den in republikanischen Furor gekitzelten Demokrähen mit sanften Erklärungen beizubringen, daß sie doch den verwirthen Staatsmännern deswegen nicht gleich die Augen auszupicken brauchen. Sie werden auch nicht; sie haben ja alles frühere auch geschluckt, um ihre Mandätchen mit 10.000 Mark Monatssalär – und allein die ganz echten Republikaner der SPD und USP haben zusammen deren 180 „zu verteidigen“ (macht 1 Million 800.000 Mark Diäten pro Monat) – zu retten, und so werden sie anerkennen, daß im Interesse der Wahrung der Reichseinheit die Herren Wirth-Köster-Radbruch nicht anders konnten, als ziemlich bedeutende Zugeständnisse zu machen. Diese Zugeständnisse hat man durch „Interpretation“ der Gesetze aus dem geplagten Mutterleibe deutscher „Rechtspflege“ ans Licht zu heben vermocht. Und – bei Gott! diese Gelenkigkeit hätte ich der alten Rechtshure mit der durchsichtigen Binde doch nicht zugetraut – wenn ihr auch das Kind schließlich aus dem Hintern gerutscht ist, sie gibt ihm die Brust, als wäre alles normal verlaufen. Kurz und gut: Bayern hat alles was es wollte und mehr als es zu kriegen je erwartet hat, darüber hinaus sogar noch die Geste des Großmütigen, mit so wenigem fürs Erste fürlieb zu nehmen. Auf Einzelheiten einzugehn, hat keinen Zweck. Man braucht wirklich nur die bayerischen Forderungen zu kennen um auch das vom Reich Zugestandene zu wissen. Die Verpflichtung, in keinem Fall und unter keinen Umständen bei der Anwendung der Gesetze Bayern wehzutun, d. h. irgendetwas aufzudecken, was Bayern verhüllt zu lassen wünscht, ist mit Brief und Siegel gegeben, und zwar in sämtlichen Punkten, in denen sie gefordert war. Nach dieser „Interpretation“, die Radbruch doch wohl hat mitunterzeichnen müssen, und die ihn endgiltig von der Tafel derer auslöscht, die ihr fiat justitia, pereat mundus! geschworen haben, erhält das Gesetz zum Schutz dieser unwahrscheinlichsten aller Republiken mitsamt den Zusatzgesetzen über die Beamtenverpflichtung und zumal über die Reichskriminalpolizei vollständig den Charakter von Ausnahmebestimmungen in kaum vorstellbaren Einzelfällen – „bei Gefahr im Verzuge“ –, mindestens Bayern gegenüber, wobei man noch soviel Einschränkungen und Konzessionen selbst für diese nahezu ausgeschlossenen Fälle bewilligt hat, daß die Herren Xylander, Ludendorff und Escherich, mitsamt ihren Schweickardts ruhig schlafen können, und Herr Gürtner wird wohl sogar von seiner eignen deutschnationalen Partei unter äußerlichem Geknurr und Geraunze und mit heimlichem Zwinkern und Händedrücken für seine erste Leistung als Justizminister Absolution kriegen, wenn auch der Miesbacher programmmäßig jammert: Gürtner umgefallen! Die Reichsregierung hat das gemeinsame Protokoll mit zwei langen Erklärungen gefüllt, in denen sie mit asthmatischer Anstrengung ihr Harakiri vollzieht, während die Bayern sich mit 3 Zeilen begnügen, in denen sie schroff und bündig erklären, sie werden ihre Verordnung zurücknehmen und sich nach den gegebenen Reichserklärungen auch mit den neuen Gesetzen abfinden jedoch auch das nur, weil deren kurze Befristung noch einmal ausdrücklich bestätigt worden sei. Inzwischen aber wenden sie noch immer kräftig ihre Verordnung gegen „links“ an, und haben erst jetzt in Regensburg das Organ der Partei, die dem Reich den Polizei- und den Justizminister gestellt hat, der Sozialdemokratie für 4 Tage verboten, weil es sich über das „Kasperletheater“ der Münchner Eigenartisten ausließ. Mit dem Miesbacher, der unglaubliche Töne anschlägt, geht man nicht so um: freilich, der ist ehrlich antirepublikanisch. Nun – mit der Aufhebung ihrer Verordnung verliert die bayerische Regierung nichts. Das „Gesetz zum Schutz der Republik“ – dessen Anwendung (laut Radbruch) nur gegen rechts völlig garantiert sei, bis er auf nationalistische Zitierung auch anders konnte, und die „unparteiische“ Anwendung nach allen Seiten versprach, dieses von den von Parteileithammeln verblödeten Arbeitermassen brüllend geforderte, dann von der Bourgeoisie klug für ihre reaktionären Zwecke zurechtgebogene und von den Leithammeln dann doch trotz wochenlanger Schwüre, fest zu bleiben, um der Diäten wegen akzeptierte Schandgesetz, das Minister zu höheren Wesen macht, kann ohne Umstände von unsern Rechtsgeistern in Bayern mit der größten Treffsicherheit gegen die Arbeiterschaft benutzt werden; es erfüllt diesen Zweck so gut wie das Sozialistengesetz seiner Zeit, und die „Interpretationen“ Radbruchs machen es unmöglich, den Ausübern dieser Art „Recht“ im Ernst auf die Finger zu sehn, schneiden überdies die Möglichkeit ab, daß jemals für uns eine Reichsamnestie erlassen wird oder daß der Strafvollzug mit den Gesetzen in Einklang gebracht wird. Diese Prügel auf den Buckel der Arbeiterschaft – das ist das Resultat des Mordes an Rathenau. Die Mörder sind die Sieger geblieben. – Ich will in den Hof und für heute schließen. Morgen ist Feiertag. Da will ich den beiden heute und gestern entlassenen Genossen – Schindlböck und Josef Schmid – die obligate Träne nachweinen und noch sonst ein paar Niederschönenfelder Spasseteln markieren.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 15. August 1922.

Um also mit dem gestern aufgestellten Programm zu beginnen. Vorgestern ging Schindlböck, einer von denen, die der bayerischen Eigenart der Gnadenerweisungen teilhaftig geworden waren und 10 ganze Wochen von seinen 15 Monaten bedingt gestrichen kriegte. Da er sich nicht „bewährte“, indem er nämlich in der goldenen „Freiheit“ seine Existenz nicht fand und stehlen ging, hatte er diese Wochen denn nach Absolvierung eines Jahres in Amberg hier nachzuknurren, und die letzte davon allein im Eiskeller. Der Grund war nicht genau so, wie ich neulich hier notierte: er hatte nur nach ¾ 10 Uhr bei Pfaffeneder noch eine Zigarette geholt, wofür beide eingekastelt wurden. Gleich nach Schindlböcks Entlassung durfte denn auch Pfaffeneder wieder unter die Leute. Zu einer Charakterfestlegung habe ich an dem, wie mir schien nicht sonderlich zart veranlagten Jüngling infolge der Kürze der Zeit seiner Nachübung nicht die nötigen Studien machen können. – Eine viel nähere Beziehung hatte ich zu Josef Schmid-Burglengenfeld, der nun gestern endlich von dem Drangsal erlöst wurde, mit dem unsre Landesgerechtigkeit ihn ärger als irgendwen kujoniert hat. Sein Fall ist hier schon festgelegt, auch draußen hinlänglich bekannt und wird nun, da er selbst die nötigen Aufklärungen endlich geben kann, hoffentlich zu kräftiger Erregung der immer noch viel zu wenig orientierten Arbeitermassen benutzt werden. Zudem ist die Präzedenz, daß die Bayern schon nach dem Kapp-Putsch an Schmid die Reichsamnestie einfach nicht anwendeten, geeignet, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Behandlung der in Bayern verurteilten Mitteldeutschen zu lenken, die jetzt vom „Volksgericht“ den Bescheid erhalten haben, ihr Vorgehn sei nicht gegen das Reich gerichtet gewesen, wenigstens nicht „unmittelbar“, sodaß die Bedingungen des Gesetzes auf sie nicht zuträfen. Bayerische Rechtslogik: wenn jemand das Reich antastet, ist es seine Sache. Hilft ihm dazu jemand, der sich dabei auf dem Teil des Reichs befindet, der Bayern heißt, so richtet sich seine Hilfe nicht mehr gegen das Reich sondern gegen Bayern. Besonderes schön nimmt sich diese Sorte von Gnadenrecht aus, wenn man gleichzeitig erfährt, daß der zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilte Verteidiger der Leunawerke bei demselben „hochverräterischen“ Unternehmen, Genosse Kempin auf Grund des Gesetzes amnestiert und schon auf freiem Fuß ist. Wer aber bloß 1½ Jahre Festung erwischt hat muß, weil er das Pech hat, in die Klauen bayerischer Gesetzlichkeit gefallen zu sein, den letzten Tag abbrummen. Man sollte meinen, daß schließlich und endlich bei dergleichen Betrachtungen doch mal den Arbeitern die Augen aufgehn müßten. Nun, Genosse Schmid wird es an Aufklärungstätigkeit nicht fehlen lassen, ist auch durchaus der geeignete Mann dazu, da er ein guter Revolutionär immer gewesen und geblieben ist und Qualen von der bayerischen Justiz erlitten hat wie kaum ein andrer. Nachdem er von Erlangen zurückgebracht war, steckte man ihn in die Zwangsjacke; – dann hatte er aber seine Ruhe und da er nichts befolgte, was man von ihm verlangte, sang, wann es ihm paßte, fluchte und schimpfte wie er wollte, verschaffte er sich dadurch schließlich einen Freibrief für alles. Zu einem öffentlichen Skandal hat man offenbar grade eine Affaire Schmid nicht anwachsen lassen wollen, weil dann der Rechtsbruch bei der Kapp-Amnestie zu klar geworden wäre, und so entschied man sich denn, ihn als Verrückten zu betrachten, ohne indessen darin einen Grund zu sehn, seine Haftfähigkeit zu bezweifeln. Es heißt, man habe bei Schmid Schmuggelbriefe gefunden, und es werden im I Stock Einzelhaftzellen in größerer Zahl hergerichtet. Das muß sich morgen herausstellen. – Ich kannte Josef Schmid schon vom Rätekongreß her, und war während der Revolutionszeit einmal in Burglengenfeld, wo er die unbestrittene Führung der Arbeiterschaft hatte, als Versammlungsreferent. Ich erinnere mich dieses Ausflugs zu den Maxhütten-Arbeitern gern, es war ein famoser Geist unter den Leuten, und in der kleinen Wirtschaft, die Schmid betrieb, ging es lebhaft her. Trotz seinem ziemlich engen Zusammenhalten hier drinnen mit der Gruppe Krach und trotz deren Bemühungen, ihn von meinem Verrätercharakter zu überzeugen, hat der Mann mir hier drinnen Freundschaft und Treue gehalten; wir haben uns gegenseitig gern gemocht und werden gute Kameraden fürs Leben sein, wann und wo wir auch wieder zusammenkommen werden. Selten habe ich eine so aufrichtige Mitfreude beim Scheiden eines Genossen empfunden wie bei ihm. Hoffentlich finden sich die hier arg zerrütteten Nerven bald wieder zurecht. Ich zweifle nicht daran, daß der kluge klare Verstand der Neigung zu Jähzornausbrüchen, die ihm hier so furchtbare Leiden verursachte, unter der guten Pflege von Frau und Tochter Herr werden wird. – Ein paar Kleinigkeiten aus den letzten Tagen. Meine Unterredung mit Gollwitzer fand gestern statt; sie führte nicht zu dem Resultat, daß ich die beschlagnahmten 8 Zeitungsnummern erhielt. Auch 10 Kuverts, die Zenzl mir mit je 6 Mark beklebt, für die Zeit ihres Schweizer Aufenthalts schickte, bekam ich nicht ausgehändigt. Doch will mir Gollwitzer einige noch herausgeben lassen. Das liegt ganz im Ermessen des Kriminalers. Prinzipiell aber heißt es: ob ein Brief an die Frau 6 Mark kostet oder 10 oder 20 Mark, – das ist egal: Du hast mit 5 Mark täglich dich einzurichten – basta! Arco wird bekanntlich ganz genau so behandelt. – Übrigens ist Zenzls Schweizer Reise leider sehr in Frage gestellt. Die Schweiz macht größte Schwierigkeiten mit der Einreise-Erlaubnis – und zwar wegen meiner Züricher Sünden in den Jahren 1905 und 6. Es geht nichts über freie Demokratieen! Hoffentlich kriegt sie den Paß schließlich doch noch. Sie hätte die Erholung in einem Lande, wo es alles gibt und sie sich, da sie von meinen Genossen eingeladen ist, um nichts zu kümmern braucht, recht nötig. – Noch ein paar Niederschönenfeldiana: dem Sandtner wurde sein Geld gesperrt, da er in der Anstaltswerkstatt Schuhe zur Reparatur hat, die erst bezahlt werden müssen. Einem Menschen, der doch regelmäßig von den Hilfsorganisationen Unterstützung erhält, ein paar Wochen Kredit geben, geht nicht: soll er halt auch die 5 Mark Taschengeld nicht haben. – Jetzt aber noch ein höchst amüsantes Stückchen. In unserm Hof stehn einige Apfelbäume, deren Fürchte wir umso freudiger reifen sahen, als sie im vorigen Jahre überhaupt keine getragen hatten, vor 2 Jahren aber von einigen gefräßigen Genossen vor der Reife geplündert waren. Besonders die Oberkommunisten taten sich in der Pflege einiger dieser Bäume, die im Revier des von ihnen übrigens recht hübsch und fleißig betreuten Gartens stehn, sehr hervor, fuhren von den Latrinen her selbstproduzierten Dung heran und stellten schließlich während der Hofzeit Wachen auf, um Langfingereien an den appetitlichen und sehr schönen fast reifen Äpfeln zu verhindern. Ach, sie haben wenig Freude von ihrem Eifer. Sie haben umsonst Dung gefahren, umsonst Schildwache gestanden. Nicht für sich und nicht für die, die sie mit Prügeln bedrohten, wenn sie einen Apfel hätten herunterschütteln mögen, haben sie sich geplagt, sondern – für die Verwaltung. Gestern mittag, während für uns der Hof geschlossen war, erschienen dort Strafgefangene mit Aufsehern, und als wir um 3 Uhr wieder hinunterdurften, war der letzte Apfel vom letzten Baum geerntet. Viele hatten sich gefreut, daß sie Weihnachtsobst haben würden. Man sprach von Muskochen und allem möglichen. Auf den Gedanken, daß man uns die Ernte nicht lassen würde, waren nur sehr wenige gekommen. Auch ich glaubte es nicht, da die Verwaltung einen prachtvollen großen Obstgarten hat und es ihr auf den Ertrag der paar Bäume unmöglich ankommen kann. Nun – wir haben uns getäuscht und wissen für alle Zukunft, daß der Begriff der Humanität im Bayern dieser gesegneten Zeit, das ein Christentum von wahrhaft überwältigender Moral praktiziert, ein überlebtes Vorurteil ist und daß in Niederschönenfeld Illusionen, die mit menschlichen Empfindungen zählen, keine Chancen haben, Recht zu behalten. – Schließlich: Adolf Schmidt hatte sich seit seinem Abgang – am 26. Juli – noch mit keiner Silbe was hören lassen. Das war für alle, besonders natürlich für mich eine schwere Enttäuschung und Erbitterung. Ich schrieb vorgestern an Zenzl, sie möge ihm einmal Bescheid zukommen lassen, wie groß die Verstimmung hier über seine Rücksichtslosigkeit sei. Jedenfalls als Wirkung dieses Briefs erhielt ich gestern mit der Post neben einer Münchner Karte von ihm, Seppl, Fischer Gustl und andern aus den letzten Tagen einen Kemptener Brief vom 30. Juli! Man hat diesen Brief also 14 Tage unten liegen lassen, ehe man ihn ausgehändigt hat, vermutlich, um etwaige Stichworte oder Merkzeichen, die verabredet gewesen sein könnten, um ihre Wirkung zu bringen. Auf meinen Brief hat man dann wohl gefürchtet, der Abgeordnete könnte draußen energisch aufmucken und ließ ohne ein Wort der Erklärung den Schmidtschen aushändigen. – Solche Bagatellen stets aufzuzählen, würde sehr weit führen. Aber manchmal kann eine Zusammenstellung nicht schaden, besonders jetzt nicht, wo nach dem großen Siege Bayerns über das Reich Häufungen und Steigerungen solcher Liebenswürdigkeiten mit einiger Sicherheit zu erwarten sind, damit dann nicht etwa bei künftiger Lektüre der Eindruck entstehe, als ob in der Zwischenzeit eitel Liebe die Verwaltung beherrscht habe. Nein, das ist nicht der Fall, und man kann tatsächlich die ganze Fülle ihrer Beweise davon garnicht immer zusammenhalten. So vergaß ich zu erwähnen, daß gestern der Sandtner Gustl auf die Anfrage, ob seine Braut – Hanna Ritter – zu Besuch kommen dürfe, da er mit ihr die letzten Notwendigkeiten für ihre beabsichtigte Verheiratung besprechen möchte, den kurzen Bescheid als Eröffnung bekam, der Besuch des Frl. Ritter könne vorläufig nicht zugelassen werden. Fertig. Gründe können ja die Betroffenen garnicht interessieren. Beschwerden haben natürlich überhaupt keinen Zweck, und auf öffentliche Anzapfungen hin und Parlamentsanfragen prasselt nur ein neuer Hagel von Kühleweinschen Beschimpfungen auf uns nieder mit der von allen Parteien rechts der USP lebhaft gebilligten These (ebenfalls Kühleweinsche Landtagsprägung): „Niederschönenfeld muß von der öffentlichen Diskussion verschwinden!“. Aber das wird ihnen kaum glücken, solange Niederschönenfeld nicht als Festung aufgehört hat zu existieren, und dazu hat Bayern offenbar keine Neigung, zumal jetzt nicht, wo es vom Reich aus Generalvollmacht zu xbeliebigen Rechtsbrüchen erlangt hat. In Baden will man sich mit den Nachbarländern in Verbindung setzen, um auch für die süddeutschen politischen Gefangenen eine Amnestie herbeizuführen. Da wird Herr Hummel beim Lerchenfeld-Gürtner schön ausrutschen! Sie bleiben beim ach so bewährten Prinzip der seit 4 Monaten nicht mehr angewandten Einzelbegnadigungen auf Bewährungsfrist. Die Statistik zeigt schon lange so imposante Zahlen solcher „Gnaden“-Bezeigungen, daß man sie ohnehin nicht mehr nachzufüllen braucht. Man macht was man gern macht und unterläßt was man nicht gern macht. Wirth, Köster, Radbruch, Ebert aber haben ihre Reichsverfassung gerettet, indem sie ihre Anwendung in Bayern durch „Interpretation“ eliminiert haben. Am Tage nach der Unterzeichnung dieses denkwürdigen Protokolls aber, stiegen dieselben Wirth, Köster, Radbruch und Ebert auf die Rednertribüne bei der Verfassungsfeier am 11. August und priesen mit begeisterten Worten die unnachahmliche Schönheit der in Weimar vor 3 Jahren ausgeschwitzten Angstgeburt, und das republikanisch ergriffene, demokratisch bewegte, verfassungsdurchtränkte Volk von hunderttausenden von Bürgern und Bürgerinnen aller Stände, schrie nicht: Runter mit Euch! Ihr habt gestern ja selbst diese Verfassung an die ostelbischen Junker in Bayern hergeschenkt! Ihr habt sie preisgegeben gegen den Willen von uns allen! Schert Euch zum Satan! – Nein das brave Volk war sehr beglückt von all den schönen Reden, so beglückt, daß es mitsamt den sozialdemokratischen Ministern und während vom Ministerium der republikanischen Reichswehr die Fahne schwarzweißrot herniederwehte, und während am Reichstag eine republikanische Ehrenkompanie unter den Klängen des schönen Liedes vorbeimarschierte: Das ist die Garde, die ihren Kaiser liebt! – daß es währenddes seinen republikanischen Gefühlen mit dem Intonieren unsres stolzen Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“ freien Lauf ließ. – Germania, mir graut vor dir! – Morgen werden wir wohl erfahren, was in London endgiltig beschlossen wurde. Die Engländer haben nachgegeben – das wissen wir, und sie haben Poincarés Forderungen so ziemlich im ganzen anerkannt. Aber sie haben nicht wie das Reich vor Bayern auf eigne Kosten Poincarés Rechnung bezahlt, sondern auf Kosten derer, die auch die Zeche mit Bayern zahlen müssen. Die linksrheinischen Wälder, die Staatskohlenbergwerke im Ruhrgebiet werden unter englisch-französische Zwangsverwaltung gestellt, die Reichsbank wird autonom gemacht, und noch weitere hübsche Dinge weiß man jetzt schon aus dem Bukett, dessen Blüten über unser teures Vaterland ausgestreut werden sollen. Dafür kriegt es ein Moratorium bis zum 31. Dezember – wir werden also von den Wirthsleuten zu hören bekommen, die ja auch die Zurücknahme der bayerischen Verordnung so heldenhaft „erzwungen“ haben: seht ihr wohl, wir sind die Sieger! Das Moratorium ist gerettet! – Wann wird dieses Schwindelgelichter endlich an den Blähungen seines Lügendarms explodieren? Deutschland steht unmittelbar vor der vollkommensten Pleite. Die Konkursmasse wird überhaupt nicht zu sehn sein – umso kräftiger wird man sie riechen können!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 17. August 1922.

In London ist es anders gekommen, als allgemein erwartet wurde. Die Konferenz ist ergebnislos abgebrochen worden. Der Dollar ist – bis Dienstag (neuere Berichte kennen wir noch nicht) – auf 1050 Mark gestiegen. Die Pleite macht also ungeheure Sätze, und wenn man bedenkt, daß noch vor einem Jahr der Dollar in Österreich auf 800 Kronen stand und daß der Marksturz jetzt in rapiderem Tempo vor sich geht, als es die Krone je erlebt hat, dann kann man leicht ermessen, wie rasch wir österreichische Verhältnisse erreicht und überholt haben werden. (In Wien kostet jetzt eine Zeitungsausgabe, z. B. eine nur 4seitige Nummer der „Wiener Roten Fahne“, 100 Kronen, das Porto, das die Drucksachenversendung des einzelnen Blattes erfordert, 20 Kronen, eine Trambahnfahrt 450 Kronen und in dem Stil weiter). Die Auswirkungen des Abbruchs der Londoner Konferenz sind noch nicht recht abzumessen. Zunächst muß Deutschland außer den schon erlegten 500.000 £ innerhalb von vier Wochen den fälligen Rest zu den schuldigen 2 Millionen £ zahlen. Ob und was für ein Moratorium für die Folgezeit bewilligt wird, entscheidet die „Repko“ (Reparationskommission), und die ist von den 4 Hauptsiegermächten (England, Frankreich, Italien und Belgien) bestellt. Unterstützt Belgien die französische Ablehnung jedes Moratoriums, so ist Englands Absicht, Aufschub zu gewähren, durchkreuzt und Frankreich wird dann wohl die „Freiheit des Handelns“ für sich in Anspruch nehmen und vorgehn. Das Scheitern der Verhandlungen war die Folge einer Meinungsdifferenz zwischen Poincaré und Lloyd George, die nicht ausgeglichen werden konnte. Poincaré machte die Gewährung eines Moratoriums an Deutschland abhängig von der inzwischen schon erfolgenden Beschlagnahme „produktiver Pfänder“, worunter vor allem die Pfändung der staatlichen Bergwerke und Forsten im linksrheinischen Gebiet verstanden werden sollte. Die Engländer lehnten das nicht etwa ab, weil sie – man tut nämlich bei uns so – ein liebevolleres Herz im Busen hätten, sondern weil sie diese Pfänder eben nicht für „produktiv“ halten, d. h. glauben, daß die Kosten der Maßnahmen in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen stehn. Daß sie sonst mit allen Operationen einverstanden wären, die harntreibend auf die deutsche Finanzblase wirken könnten, beweist ihre Zustimmung zur Konfiskation von 26 % des gesamten deutschen Exports und zur Beschlagnahme der Zölle. Unsre kluge Presse tröstet sich und ihre Schafe schon mit der Hoffnung, aus dieser Differenz zwischen Paris und London werde sich der endgiltige Bruch in der Entente ergeben. Vorläufig zweifle ich daran sehr entschieden. Jedenfalls ist man auch nach dem Abbruch der Verhandlungen über das deutsche Reparationsproblem nicht einmal auseinandergegangen, sondern hat sich noch mit der vollkommen und anscheinend hoffnungslos verfahrenen Wirtschaft in Österreich befaßt. Man wird auch da wieder mit einem Vorschuß-Pflästerchen für ein paar Wochen Weitervegetieren im Chaos sorgen und hat also was aller Staatsklugheit letzter Schluß ist: Zeit gewonnen. Und zu dieser Lösung ist ja auch die Deutschlandfrage in London geführt worden: im November treffen die Herren wieder zusammen, zur Abwechslung in Brüssel – und bis dahin sorgt Gott wieder für ein Programm, dessen Entscheidung neue Vertagungen ermöglicht. Zwischendurch reden die beteiligten Ministerpräsidenten den aufhorchenden Pressebengeln die Ohren voll: Lloyd George preist seine tiefe Einsicht in die diffizilsten Zusammenhänge der Weltwirtschaft, die ja in der Balfour-Note tatsächlich Fühler ausstreckt; Poincaré klagt Deutschland der Böswilligkeit an, zählt unausgesetzt die 90 Goldmilliarden vor, die Frankreich für die deutschen Reparationsschulden vorgestreckt hat, und von denen trotzdem in Deutschland auch die laut aufhorchenden Zeitungswanzen nichts wissen, – und beweist, daß der Wertschwund der Mark ein beabsichtigtes Manöver der deutschen Regierung sei, um sich vom Zahlen zu drücken und den Bankrott herbeizuführen (was nicht ganz stimmt. Denn die Regierungsonkels bei uns sind zu dumm zu solchen Finanzgaunereien; dagegen gehören diese Onkels mitsamt dem Ausland zu den von geriebenen Börseanern ganz im Sinne der Poincaréschen Behauptungen beschissenen Bescheißern). – Unser Kanzler Wirth aber (man könnte ihn nach dem eisernen Bismarck, dem halbseidenen Bülow, dem ledernen Bethmann wohl den papiernen nennen) artikelt in Reden und Ansprachen von unaufhörlichem Strom die Blätter voll mit allen Gemeinplätzen der politischen Impotenz, um Deutschlands guten Willen und schlechtes Können zu beweisen, während zugleich mit dem Niederbruch aller aus Arbeit resultierenden Entgelte der aus dem Wucher, der Schiebung, der Korruption, der Spitzelei, der Auslandsspionage, dem Diebstahl, der Zuhälterei, Hurerei, Päderastie, der Erpressung und dem Betrug in jeglicher Form entprossene Reichtum der in Armeekorps einteilbaren neuen Machthaber dieser Republik in tollstem Luxus vor den Augen der ganzen Welt Milliardärs-Orgien feiern und Sekt- und Likörströme, Parfums und Prassereien aufwenden kann, wie früher höchstens ein paar wegen Verschwendungssucht fürs Kuratel reife Fürstensöhnchen. Die nominellen Machthaber aber – wie der arme Wirth ahnen kaum, wessen Strohmänner sie eigentlich sind. – Daß sie in politischer Hinsicht jeden letzten Rest von Eigenwert hergeschenkt haben – und zwar zugunsten der von Bayerns Regierung dirigierten Fronde des gesamten deutschen Altpreußentums –, das werden sie wohl selbst schon wittern. Das Kompromiß von Berlin ist so, daß sich sogar die bayerischen Nationalisten damit abzufinden scheinen. Die Bayerische Staatszeitung wenigstens meldet, daß die Koalitionsparteien zugeben, daß die von Berlin zurückgekehrten Minister allerhand mitgebracht hätten, daß man demnach ein Auge zudrücken könne und erwarte, daß in einzelnen Punkten auch nachher noch mehr zu erreichen sei. Bescheiden waren sie ja immer, – und ihre Prätentionen sind einigermaßen gerechtfertigt, wenn man sieht, daß etwa Herr Auer auf die moralische Pleite des Reichs nicht mehr zu erinnern hat, als daß die bayerischen Koalitionsparteien sich doch jetzt zufrieden geben möchten, damit es keine weiteren Verwicklungen mehr gäbe. Die „Linken“ merken scheint’s noch garnicht, was für eine zerschmetternde Niederlage ihnen beigebracht ist; – die intransigenten Rechten aber schreien, um mehr zu kriegen, „Verrat“. Der Völkische Beobachter und der Miesbacher Anzeiger gehn gleich ganz rabiat vor. Sie drohen mit jener Gesinnungsvornehmheit, die die Deutschen in der Welt so beliebt gemacht hat, sie werden jetzt Lerchenfeld persönlich erledigen, indem sie mit Mitteilungen über Vorgänge in seinem Hause nicht länger zurückhalten werden. Vielleicht hat der Mann mal einer Zofe ein Kind gemacht – wehe! dann ist er auch als politisches Schwein gerichtet. Man will ihn also stürzen, und das wird wohl auch gelingen, und einer neuen Ära Kahr wären die Wege geebnet: Lerchenfeld ist den Herrschaften noch zu „radikal“. Sie dürfen sich ja auch wirklich jetzt alles leisten, und haben auch schon einen neuen „Fall“ geschaffen, um das den tapferen Reichsverwesern zu Gemüt zu führen. Es sind vom Reich aus „Richtlinien“ einer Umgestaltung des Geschichtsunterrichts in den Schulen im Sinne der republikanischen Neuordnung der Staatsverhältnisse an die Landesregierungen herausgegeben worden. Bayern hat bereits erklärt, daß es sich einen Teil der Anordnungen darin nicht zu eigen machen könne. Nu nu –: Herr Matt wird die Liebe zum angestammten Königshaus aus den Lesebüchern streichen! Kindsköpfe, diese Reichsrepublikaner! – Also wieder eine Unannehmlichkeit mit Bayern. Man wird sie rasch aus der Welt schaffen, indem man nach München die einzige „Richtlinie“ loslassen wird: macht, was ihr wollt! – Aber nun fangen die bayerischen enfants terribles auch noch an, außenpolitische Schwierigkeiten heraufzubeschwören. Nach der „Augsburger Postzeitung“ soll an die Reichsregierung eine Kollektivnote der Alliierten gerichtet worden sein, worin gegen gewisse Aeußerungen der bayerischen hohen Staatsbeamten Schweyer und Kahr Beschwerde geführt wird. An eine Beschwerde allein glaube ich dabei nicht, dazu würde kaum ein so großer Apparat aufgeboten. Kollektives Vorgehn der Alliierten bedeutet zweifellos Androhung schwerster Repressalien im Wiederholungsfall. Die Antwort von Bayern ist schon da: nämlich eine neue Rede desselben Kahr, worin er vom „Erbfeind“ gesprochen hat, dem es nur auf die Drangsalierung Deutschlands ankomme. Da wird sich Poincaré freuen. Sie mögen es nur so weiter treiben. Das Kotbrechen grade in Bayern wird schon nicht ausbleiben. Uns hier drinnen aber kann alles recht sein, was es beschleunigt. Ich wünsche durchaus eine neue Regierung Kahr-Roth-Pöhner. Mag hier drinnen auch manches Übel daraus vorquellen. Auf ein bißchen mehr oder weniger Schuhriegelei kommt’s ohnehin nicht mehr an. Tägliche Kleinigkeiten lassen uns sowieso nicht einmal vergessen, wo wir sind. Heute wurde mir eröffnet, daß eine „Richard“ unterzeichnete Postkarte an mich wegen „hetzerischer Zeichnung“ zu den Akten genommen sei. Sie war wahrscheinlich von Richard Östreich. Ich sah mit einem raschen Blick, welche Sündhaftigkeit begangen war: die Rückseite der Karte wies ein paar Gitterfenster auf und sollte so in seiner sonstigen Leere den Eindruck einer Gefängniswand hervorrufen. Das ist schon „hetzerisch“. Aber Hoffmann und Gollwitzer sind gute Menschen: sie denken jedenfalls, wenn ich die gezeichneten Kerkerluken nicht sehe, dann kann es mir nie zum Bewußtsein kommen, wo ich mich befinde. Sie tun ja sonst alles, um uns unser Los als Gefangene vergessen zu machen. – Habe die Ehre, in Bayern in Ehrenhaft zu sitzen! – In Bayern? Ehrloser Lump!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 18. August 1922.

Was ich kaum gehofft hatte, scheint doch noch Wahrheit zu werden. Heute ist der Termin, an dem Bayern seine „Notverordnung“ laut Berliner Protokoll aufzuheben hat. Diese Verpflichtung Lerchenfelds begründete ja die demokratische Gesichtswahrung der auf die Knochen blamierten Republikaner: das Reich hat gesiegt! – Nun ist dem geschmeidigen Hugo der von seinen Reklamerasslern präparierte Klamauk, als ob nicht Berlin sondern München nachgegeben hätte, anscheinend doch über den Kopf gewachsen. Den Nationalsozialisten und allen denen, die in Bayern das System der internationalen Restauration im Sinne der Entjudung Europas, der Retablierung des Feudalismus mit dem Mittel der militärischen Diktatur betreiben – und daß hier die engsten Zusammenhänge mit den Hejas-Banden in Ungarn und den Faszisten in Italien bestehn, wahrscheinlich hat die Organisation in Tirol ihren Zentralsitz, wird erst jetzt wieder deutlich durch ein von München aus betriebenes Werbeunternehmen für eine deutschnational-Horthy-ungarische Großbank, in der man vermutlich den Geldborn der Ehrhard-Organisation C ermittelt hat – diesen bayerischen Nationalen also ist offenbar jedes Mittel recht, um den Bruch mit Berlin und aller von dort stammenden Politik herbeizuführen. Sie legen sich ungeheuer ins Zeug, um die Regierung Lerchenfeld zu stürzen und die Intransigenz gegen das Reich zum leitenden Grundsatz Bayerns zu machen. Während der Fraktionsverhandlungen im Landtag erschienen dort Massendelegationen rechtsnationaler Organisationen, mit denen der Kultusminister Matt verhandelte. Sie verlangten in drohender Sprache die Aufrechterhaltung der bayerischen Separatverordnung, beziehungsweise Rücktritt der Regierung und Neuwahlen. Matt habe sie zu beruhigen versucht und erklärt, der Rücktritt der Regierung und die Auflösung des Landtags seien selbstverständlich, falls die Koalitionsparteien zu keiner Einigung kämen. Zugleich veranstaltete der „bayerische Ordnungsblock“ eine mächtige Demonstration auf dem Königsplatz. Hitler, der zwar Österreicher aber in Bayern durchaus trotz politischer Bestrafungen kein landfremdes Element ist, und andre zogen mächtig vom Leder. Der Umfall der Lerchenfeldregierung in Berlin mache Bayern zum Gelächter der Welt, kurz und gut: kräftige Hinweise auf ihre Fäuste und Waffen. Im Landtag beraten die Fraktionen unter extra aufgebotenem starken Polizeischutz und 25 vaterländische Vereine wie sie unter Escherich, Xylander, Tafel und den übrigen Ludendorffs Bayern im Spinnennetz halten, plakatieren gemeinsam Proteste. – Unter diesem Druck von außen stehn also Regierung und Parteien, um sich über ihr Verhalten einig zu werden. Es ist kein Zweifel, daß solche Mittel sich für eine entschlossene Minderheit gegen unentschlossene Mehrheiten und Machthaber als die allein richtigen empfehlen. Man kennt ihre Wirkung grade in München ja auch von früher her, denn wir haben sie, als wir im Februar im Rätekongreß die schwache Opposition gegen die Riesenmajorität der Partei- und Gewerkschaftsbonzen verstärken mußten, und dann erst recht nach dem Nürnberger Kompromiß also in den 14 Tagen der ersten Regierung Hoffmann kräftig gehandhabt. Ich war damals im Kongreß der eigentliche Vertreter des revolutionär entschlossensten Teils des Proletariats und hatte stets auf der Tribüne die wirksamste Hilfe gegen die Auerochsen – selbst früher schon gegen Eisners eigene Kerenskiaden. Als dann unsre Opposition – dank der freiwilligen Abdankung des Rätekongresses – ganz auf Versammlungslokale und auf Straßenkundgebungen beschränkt war, da haben wir erst recht die Prannerstraße unter Druck gehalten, der wir ja nicht mal das Recht zu Plenarsitzungen zugestanden. Wir erzwangen doch schließlich in der Zeit stets, worauf es uns ankam, und es zeigt sich, daß heute von der entgegengesetzten Seite mit ganz den gleichen Mitteln gearbeitet wird – denn: darüber täusche ich mich nicht, der größte Teil des Hitleranhangs besteht aus denselben Personen, die solange wir Erfolge hatten und stark auftraten, unser Anhang waren, und es sind zwar keine sehr gesinnungsfesten, aber ganz gewiß auch nicht die schlechtesten Elemente, deren Tatendrang sie instinktiv dahin treibt, wo sie wenigstens den Willen zu Taten sehn. – Während ich diese letzten Parallelen niederschrieb, kam Sandtner-Gustl herein und erzählte mir von einem Artikel der Münchner Post, den er mir dann bringen will, und worin aus Hitlers Rede Auszüge gebracht werden. Der habe offen auf die Zweckmäßigkeit des anarchistischen und syndikalistischen Standpunkts hingewiesen, der den Parlamentarismus prinzipiell ablehnt und alles öffentliche Handeln aus direkten Aktionen herauswachsen lassen will. Ich bin neugierig auf die Lektüre. – Wie die entgiltige Entscheidung in München aussieht, wissen wir noch nicht. Doch glaube ich, die Zigarre, um die ich mit Toller gewettet habe, daß die Verordnung heute nicht aufgehoben wird, schon sicher zu haben. Die Staatszeitung von gestern abend – unsre letzte Information – berichtet über die Entschließungen der von den drei Koalitionsparteien einberufenen Landesausschüsse. Danach habe die Mittelpartei das Protokoll direkt als unannehmbar bezeichnet, die – maßgebende – Bayerische Volkspartei habe mit allerlei freundlichen Wendungen für das immerhin schon Zustandegebrachte Fortsetzung der Verhandlungen mit der Reichsregierung verlangt, aber dabei erklärt, daß solange bis diese Verhandlungen nicht zu Erfolg in Form besserer Sicherungen der bayerischen Hoheitsrechte geführt haben die Verordnung auch in ihrem ganzen Umfang in Kraft bleiben müsse. Der Bauernbund sei für Annahme des Protokolls, aber mit weiteren Verhandlungen im Rahmen der Verfassung einverstanden. Damit ist wohl zunächst anzunehmen, daß die Regierung versucht, durch Einleitung neuer Verhandlungen Zeit zu gewinnen. Die Chiemgauer erreichen als erstes, daß die Verordnung nicht aufgehoben wird und das Reich damit eine Ohrfeige bekommt wie noch nie. Ein Blatt deutet schon an, wie man Ebert und Wirth zu neuem Nachgeben bringen kann: man soll 14 Tage weitere Frist verlangen, damit der inzwischen in München tagende Katholikenkongreß nicht gestört wird. Das wird – wenn Wirth den Schneid aufbringt, überhaupt dazu zu erscheinen – immerhin ein Akt kluger Vorsicht sein, wenn er die Brownings, deren Visier ohnehin längst auf ihn gerichtet ist, nicht grade jetzt noch selber lädt: das Abknipsen geschähe ja auf dem für Mörder sichersten Fleck Erde – und nachher hieße es: das war ja niemals ein politischer Mord, der gute Kanzler hat sich wahrscheinlich in Gschpusigeschichten eingelassen, – so hat man’s ja bei Gareis auch gemacht, und zwar ganz offiziell, denn mit dieser Begründung verweigert man seiner Witwe noch heute die Staatspension. – Ich glaube also vorläufig, daß man die Verordnung nicht aufhebt, daß das Reich auch diesen Brocken schlucken wird, daß neue Verhandlungen folgen und daß man Bayern dabei weitere und solche Zugeständnisse machen wird, daß unsre armen Partikularisten kaum mehr wissen werden, womit sie das nächste Mal ihre flammende Entrüstung über die neue unerträgliche Erniedrigung ihrer Hoheit, nämlich der bayerischen Justizhure – heizen soll. Radbruch wird dabei wieder „intransigent“ sein – denn er hat garnicht ran wollen an den bayerischen Senat beim Staatsgerichtshof, und alles wäre bloß seinetwegen in die Brüche gegangen, wenn nicht Ebert den geistvollen Plan ersonnen hätte, gleich einen süddeutschen 6Männer-Senat, von denen 3 ganz nach bayerischem Belieben aus München entsandt werden sollen, vorzuschlagen –, und Radbruch wird seine Intransigenz wieder den höheren Belangen seines Prinzipals lieber zum Opfer bringen als endlich das Prokrustesbett seines Amts zu zertrümmern. Ich gebe den Bayern vollständig recht. Leute, die sich kräftig fühlen, haben mit Schlappschwänzen nicht anders umzugehn als sie es mit der Reichsregierung tun. Sie haben alle Aussicht, dabei alles zu erreichen, was sie nur erreichen wollen, und wenn das Reich die verzweifelte außenpolitische Situation zum Vorwand nehmen sollte, um seine weiteren Kapitulationen den tapferen Republikanern und „Sozialisten“ mundgerecht zu machen, so haben die Bayern dafür das zwar weniger patriotische aber jedenfalls bedeutend praktischere Plus, daß kein Moment, den Berlinern innerliche Verletzungen beizubringen, geeigneter sein kann als eben der, in dem die äußeren Geschwüre am jammervollsten jucken. – Sollte aber wider Erwarten doch ein Konflikt akut werden, dann müßte Lerchenfeld zurücktreten – den man wohl jedenfalls dieser Tage wegekeln wird –, wir kriegen vielleicht Kahr wieder, und auch der Landtag wird hochfliegen. Wie seine Zusammensetzung beschaffen sein wird, wenn er wieder zusammengetischlert ist, interessiert mich wenig. Wenn Auer und die sogenannten „Linken“ eine Mehrheit kriegen, so wird die über kurz oder lang zwischen der programmatischen Reichstreue und dem Druck der Straße zu Dreck gemantscht sein (allenfalls käme ganz persönlich für uns eine Amnestie oder doch die Umwandlung unsrer Strafe in festungsähnliche Haft heraus) und Bayern rutscht einfach statt wie jetzt isoliert, dann mit dem übrigen Deutschland zusammen in die wirtschaftliche und politische Pleite hinunter. Was viel wesentlicher ist als der Ausfall von Wahlen ist die Wahlkampagne. Kahr, Xylander, Pöhner und Pittinger haben in Ungarn und Italien Beispiele, wie man bei solchen Gelegenheiten operieren kann, – und sie sind nicht die Leute, die von falscher Bedenklichkeit zurückgeschreckt werden. Kein Mensch weiß, was die nächsten Wochen nicht alles bringen mögen – und das ist der große Trost für uns hier drinnen, daß die „Krisen“ draußen einander derart jagen, daß wir uns sagen dürfen, gehn 10 solcher Krisen an uns vorüber oder verschlimmern unsre Situation noch, einmal – das kann noch Jahre dauern, und es kann morgen sein – schwemmt uns der Strom plötzlichen Geschehens, ehe wir’s gewahr werden, zum Kerker hinaus. – Ich will heut von allem übrigen was tagebuchfällig ist, absehn, und einen sehr merkwürdigen Todesfall – merkwürdig vom Standpunkt des subjektiven Erlebnisses aus – registrieren. Dazu eine Vorgeschichte: Vorige Woche schrieb mir Zenzl einen sehr geängsteten Brief: Ludwig Engler, dem in ihrer Wohnung ein großer Raum gehörte, und der seit vielen Monaten schon in Villingen wohnt, habe sich angemeldet, er werde mit Frau und Kind in diesen Tagen eintreffen und das Atelierzimmer wieder beziehn. Bei dieser Gelegenheit machte mir Zenzl Andeutungen über das Verhalten Englers während der Zeit, in der er vor einem Jahr mit seiner Frau in der Wohnung lebte, und ich ersah daraus, daß das Zusammenleben für Zenzl scheußlich gewesen sein muß. Engler quälte sie mit allen möglichen Nörgeleien, behandelte sie offenbar wie ein Dienstmädchen und setzte sie ostentativ vor seiner Frau herunter. In ihrer Erbitterung gab Zenzl mir zugleich – was sie in der ganzen Zeit unsrer Ehe nie getan hat – gewisse Einblicke in die lange Zeit, als sie als seine Frau mit Engler lebte, und – obwohl sie nichts Detailliertes schrieb – fühlte ich, daß diese 10 Jahre für sie ein wahres Martyrium gewesen sind. Ich schrieb darum an Engler einen sehr ernsten Brief und bat ihn dringend, die Absicht aufzugeben, nach München, mindestens aber wieder in Zenzls Wohnung einzuziehn. Ich war sehr nervös wegen der Ungewißheit, ob er mir – wenn schon nicht Zenzl selbst – den Gefallen tun würde. Mein Brief an ihn ging am 15ten August fort. Heute bekomme ich einen Brief, Poststempel 16. August vormittag, worin Siegfried mir mitteilt, am Nachmittag – also wohl jenes 15ten – sei Frau Engler in Trauerkleidung angekommen, um zusammenzupacken. Engler sei vor 8 Tagen am Herzschlag plötzlich gestorben, und zwar auf der Reise nach München, die er trotz Zenzl[s] wiederholten Bitten, nicht zu kommen unternommen hatte, unterwegs, als er bei Verwandten einen Zwischenbesuch machte, eine viertel Stunde nach seiner Ankunft dort. – Ich bin durch die eigentümliche Verquickung dieser Umstände außerstande, dem Mann hier die Worte zu widmen, die ich ihm gewiß zu widmen gehabt hätte, wäre nicht die Aufklärung gekommen, die mir sein Bild stark trübt. – Meine Gedanken sind bei Zenzl bei diesem Ereignis. Mögen die Toten ruhn!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 19. August 1922.

Sehr lange Zeit habe ich heute nicht zum Eintragen, da sich Genosse Fischer zur Durchsprechung verschiedener Angelegenheiten angemeldet hat, – hauptsächlich wegen einer Publikation, die wir zugunsten der Hungerhilfe in Rußland planen, und die nun beschleunigt beraten werden muß, da Fischer gestern überraschend – es lief nicht mal ein Gesuch – die Mitteilung vom Landshuter Volksgericht erhielt, daß er am 5. September auf Bewährungsfrist entlassen wird, ihm also wegen seiner „tadellosen Führung“ die Hälfte seiner Strafzeit erlassen wird. Das ist seit über 4 Monaten der erste Fall, daß das System der Einzelbegnadigungen wieder in Anwendung gebracht wird; aber es kommt ja nicht von München sondern von Landshut und trifft den Genossen, der an sich die kürzeste Strafzeit von allen hat und nur 4½ Monate profitiert. Ich werde aber mit Michel Fischer wieder einen meiner besten Kameraden gehn sehn. – Am Tage vor dieser guten Eröffnung erhielt Fischer die Zurückweisung seines Antrags, auf Grund des Amnestiegesetzes entlassen zu werden (er hatte Reichswehr und Sipo angegriffen, es wäre also noch zu entscheiden, ob Bayern das als ein gegen sich gerichtetes Vergehn ansehn darf). Daß hierzulande die Amnestie gegen niemanden angewendet werden soll, gleichviel wie der Fall liegt, tritt immer deutlicher zutage. Gestern erhielt Thierauf den ablehnenden Bescheid des Münchner Volksgerichts, der – in merkwürdigem Gegensatz zu den Entscheidungen bei allen andern, die doch allesamt politischer Beihilfevergehn bei derselben Tat schuldig gesprochen sind, – die These aufstellt, es habe sich im Falle Thierauf um Beihilfe zu einem „gegen einzelne mitteldeutsche Länder“ – also nicht „unmittelbar gegen das Reich“ – gerichteten Hochverrat gehandelt. Es ist klar, daß der Rechtsausschuß beim Reichsjustizministerium diese ganzen bayerischen Entscheidungen, die garnichts mehr mit Recht zu tun haben, sondern offensichtlich politischer Natur sind (das war aber das Hauptargument Bayerns gegen die Republikschutzgesetzgebung und für die eigne Verordnung, daß man politische Tendenzen aus der Rechtsprechung fernhalten wolle), aufheben wird. Neugierig darf man bloß darauf sein, ob man sich in Bayern in diese Entscheidungen der höchsten Instanz, die doch in Berlin etabliert ist, fügen wird. Das wird davon abhängen, wie sich die neue Reichssabotageaktion Münchens auswirkt. Meine Zigarre habe ich nämlich gestern abend noch von Toller gekriegt, da die Zeitung mit dem Beschluß des Kabinetts noch kam. Er entspricht meinen Erwartungen: es soll weiter verhandelt werden, und bis dahin bleibt die Verordnung aufrecht. Gut so. Klaus Eck, der die als Bauern verkleideten Studenten, die im Landtag vor Matt erschienen und drohten, angeführt hat, hat also zunächst seinen Zweck erreicht, und die 10 Tage, die man ihm sein Blatt wegen seines Gekollers über den Umfall der Lerchenfelder verboten hat, wird er ihnen schon heimzahlen. Sehr amüsant ist, daß zu den neuen Verhandlungen unsre Ordnungsblockierer schon durchgesetzt haben, daß Lerchenfeld daheim bleiben muß. Nur die forschen Ressortminister Gürtner und Schweyer läßt man hinauffahren, was die Staatszeitung unter empörter Zurückweisung des Vorwurfs, der Graf habe es abgelehnt, neue Forderungen zu vertreten, damit erklärt, daß auch Ebert grade von Berlin abwesend sei. Eine viertel Spalte tiefer passiert dem Blatt aber das Malheur, daß es berichtet, Ebert sei von irgendeinem Sportfez in Hamburg auf dem Wege nach Berlin. – Was jetzt aus dem Theater wird, ist ziemlich gleichgiltig. Die gesamte innere und äußere „Ordnung“ des Landes ist derartig zerrüttet, daß es ganz aufs gleiche herauskommt, ob Ebert es zum Konflikt kommen läßt oder, was natürlich viel wahrscheinlicher ist, sich zur Erheiterung der Welt weitere „Garantien“ abschwatzen läßt, aufgrund deren man in 14 Tagen von München aus mit neuen Pressionen aufwartetet. Wie gefügig man schon ist, zeigt sich an dem Umstand, daß die Berliner „Rote Fahne“ für drei Wochen verboten ist – ein so ausgedehntes Verbot ist aufgrund des „Nationalistengesetzes“ noch nie verhängt worden –, weil sie der bayerischen Regierung Hochverrat vorgeworfen hat: das hat der republikanische Richterbund in einer offiziellen Kundgebung auch getan. – Na, vorerst ist also die Regierung Lerchenfeld und die Koalition in Bayern gerettet (nachdem Wutzlhofer, unser Komplize der Räterepublik, seinen Bauernbund zum 3. Mal zum Umfallen dirigiert hat). Die Bayerische Volkspartei-Correspondenz aber kündigt in ihrem Kommentar zu den bevorstehenden Verhandlungen gleich mit der offenherzigsten Bravheit an, daß es sich dabei selbstverständlich nur um Teilzahlungen handeln kann und daß man immer weitere Zugeständnisse vom Reich herauszerren wird. Hinter alledem wartet der bayerische Faszismus seine Stunde ab, die mit Judenpogromen und allem übrigen Beiwerk schlagen wird. Für den Augenblick sammeln sich die Heerscharen zum Empfang Hindenburgs in München, der übermorgen vor sich gehn soll. Die Polizei wird wohl – wie bei der Protestkundgebung auf dem Königsplatz – wieder vom Münchner Stadtrat Order bekommen, rücksichtslos alle monarchistische Propaganda zu unterbinden und wird, wie bei dieser Gelegenheit, von sich aus erklären, daß sie dazu keinen Anlaß findet. Sie untersteht ja auch nicht den Befehlen Eduard Schmids, sondern denen Kahrs. – So haben wir denn jetzt in Bayern alle wünschenswerte Situationsklarheit, – mindestens bis übermorgen. Im Reich werden sich die Herren Konzessionsschulzes die Schädel zerbrechen, – und das wird uns nicht wehtun – mir schon sicher nicht. – Und so ein Wort noch von außerhalb der Grenzen. Enver Pascha soll in Turkestan von den Trotzkij-Truppen besiegt und selbst getötet sein. Dann hätte den letzten der drei Armenierhenker endlich auch das verdiente Los getroffen. Nach Teilirians heroischer Tat in Berlin, der den Halunken Talaat zur Strecke brachte und der vor etwa 14 Tagen in Tiflis erfolgten Hinrichtung seines Schurkensozius Djemal also auch Enver, dieser politische Abenteurer, dessen Laufbahn 1909 mit der schönen jungtürkischen Revolution begann und dann zu einer infamen Mörderkarriere auswuchs, deren Gipfel mit der Millionenausrottung der armenischen Christen erklommen wurde und die dann zur – für Sowjetrußland sehr unrühmlichen Bundesgenossenschaft mit der Roten Armee in Rußland und schließlich zum Verrat an diesen Bundesgenossen führte. Schluß, da Fischer eintritt.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 20. August 1922.

175 Wochen eingesperrt! – Das ist allerhand, und im Hinblick darauf, daß noch nicht ein Viertel der Gesamtzeit herum ist und im Augenblick wenigstens verflucht wenig Aussicht auf Änderung der Dinge zu bestehn scheint, ein wahrhaft tröstlicher Erinnerungstag. Allerdings bin ich ziemlich schwer klein zu kriegen. Die Erfahrungen dieser vierzig Monate haben gezeigt, daß an eine Beruhigung der Welt ohne allgemeine revolutionäre Abrechnung mit dem Staats- und Wirtschaftssystem überhaupt nicht zu denken ist. Die Wirtschaftskrisen häufen sich in immer kürzeren Abständen (der Dollar ist nach den letzten Meldungen schon bei 1150 Mk angekommen), und mit ihnen oder durch sie veranlaßt oder aber als Ausdruck der allgemeinen Verwahrlosung, die der Krieg zurückgelassen hat, folgen die politischen Wirren einander mit fast nicht mehr erkennbaren Pausen. Die von unsern kümmerlichen Republikanern immer wieder probeweise verordneten Palliativmittelchen helfen nicht bloß nicht, sie führen sogar dauernd das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung herbei: Nehmen wir den letzten Fall, den Mord an Rathenau. Die Einsicht, daß da etwas Rettendes geschehn müsse, hatten sie alle. Der Reichskanzler vorneweg erklärte: der Feind steht rechts! Sein Justizminister erklärte dasselbe. Die Massen – in gehorsamer Disziplin gegen die angesichts der Ermordung eines Multimillionärs regierungsfrommen Partei- und Gewerkschaftsbonzen „der drei“ sozialistischen Richtungen – liefen zu Hunderttausenden in den Straßen zusammen und forderten einen durchgreifenden Schutz „der Republik“ (nämlich derer, die wir haben, der schwarzrotgoldnen der Ebert und Noske, der Rathenau und Erzberger). Es konnte ihnen garnicht scharf genug sein, das Gesetz, das die Weimarer Verfassung mit Stacheldraht feien sollte. Es kam also. Die „Arbeiterforderungen“ wurden in den Ministerien der Herren Radbruch, Köster, Gröner – offenbar doch von deren von Wilhelm geerbten Geheimräten – gewälzt und genudelt und kamen dann als „Vorlage“ zum Reichsrat. Der strich und radierte, verschönerte und korrigierte, dann durfte der Reichstag selber ans Werk. Und der ließ erst seine Kommissionen dran wursteln, und so gerollt und verzuckert von Deutschnationalen, Großindustriellen, Klerikalen und Deutsch-Demokraten (was eine contradictio in adjecto ist), – auch bayerische Patrioten durften in den Teig spucken – konnte endlich das „Plenum“ annehmen, was übrig geblieben war. Und sie nahmen es an, die „Vertreter des Proletariats“, die Sozi und die Unabhängigen, – und die Kommunisten redeten dagegen und prophezeiten, was draus werden könne, wenn Reaktionäre damit operieren dürften (wer denn sollte in einem kapitalistischen Staat es handhaben wenn nicht Reaktionäre?), machten aber kein bißchen Obstruktion gegen die Annahme und ließen die Massen, die sie für die Regierung auf die Straßen gezerrt hatten – zu ganz sinnlosen Kundgebungen und indem sie die politische Massengaudi als Generalstreik ausbrüllten –, jetzt wo es gegen sie gehn sollte, gegen den tollsten reaktionären Anschlag, der denkbar ist, daheim sitzen, ja, weil ihnen das neue Gesetz, mit dem man die Beamten auf die Republik verpflichten will, so unbändig gut gefiel, vergaßen sie darüber das Arbeiterknebelungsgesetz im ganzen und retteten es, retteten Gröner und die Bayern vor der Gefahr, verurteilten Gefangenen die Freiheit wiedergeben zu müssen, um sich daran freuen zu können, daß die Polizisten und Gerichtssekretäre künftighin eine schwarzrotgolende[schwarzrotgoldene] Eidesformel sprechen sollen, damit sie garantiert Ebertrein seien. – Radbruch hatte inzwischen längst zugeben müssen, daß die Gesetze natürlich auch gegen links wirken müssen. Und dann war’s nun da – und was geschah? Die Bayern – gestützt von allem, was in Wahrheit noch immer ganz Deutschland regiert – traten als Fordernde auf den Plan und erreichten zunächst, daß man ihnen nicht in die patriotischen Organisationen zur Wiederherstellung alter Staatsformen riechen dürfe, erreichten, was man als erstes von ihnen verlangt hatte. Und nun geht’s weiter (es sind „Aktionen auf lange Sicht“ beabsichtigt, erklärt die Bayer. Volksparteikorrespondenz grade heraus und der Streitfall wird „nicht der letzte sein“). Jetzt ist man soweit, daß man Garantieen fordert, daß die Gesetze – zunächst nur für Bayern – überhaupt nicht nach rechts hin, sondern nur nach links schlagen können. Kein Mensch zweifelt, daß sie auch das erreichen werden. Und so haben wir das Ergebnis des Rathenau-Mordes: ein von der Arbeiterschaft selbst propagiertes und gefordertes Gesetz gegen die Arbeiterschaft! – Wir werden sehn, wie lange sich das Proletariat damit foppen läßt, und ob es erkennt, daß es seine Führer zum Teufel jagen muß, um vorwärts zu kommen. – Herr Wirth aber versammelt ausländische Schornalisten um sich und bejammert vor ihnen unser Elend und preist ihnen unsre Tugend. „Am Sterbebett eines Volkes“ stehe er, und Schmöcke lädt er zur Leichenwäsche ein. Hier erzählt man, die Münchner Juden hätten solidarisch das Abonnement auf die Münchner Neuesten Nachrichten abbestellt und ihre Inserate zurückgezogen, sodaß das unter demokratischer Falschflagge segelnde Dreckblatt mit einem Defizit von 70 Millionen die Jahresbilanz abschloß. Das hätten die Juden dort gut gemacht, – wenn sie den Pakt halten. Am besten wär’s, alle Rassen und Konfessionen einigten sich zu einem Inserier- und Leseboykott gegen die gesamte Presse. Aber nein – die hohe Regierung steuert der „Not der Presse“ durch Extragaben. Wirth braucht halt eine Latrine für seine rhetorischen Exkremente.

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