Tagebücher

XXXV

 

3. Oktober 1922 – 10. Januar 1923

 

 

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 3. Oktober 1922.

Krieg oder Frieden – die Frage ist immer noch offen. Man liest von einem Ultimatum Englands an Kemal, dessen Abfassung dem britischen Oberbefehlshaber Harrington überlassen sei. Es wird also von dessen Forderungen abhängen, ob die Haubitzen losgehn oder nicht, und seine Forderungen richten sich natürlich nach den Berechnungen über die militärischen Aussichten. Man liest von einer völligen Einschließung der englischen Armee in der Tschanakzone durch kemalistische Truppen, und zugleich liest man von einer „Entspannung“ der Lage, indem Kemal die Seinen zurückgewinkt habe. Man liest ferner von der Annahme der Einladung zur Konferenz durch Kemal und von den Bedingungen, die er dafür aufstellt, worunter die Teilnahme Rußlands und Bulgariens und die Räumung Thraziens durch die Griechen und die eigene Besetzung des Landes vor Zusammentritt der Konferenz gefordert werden. Man liest von Kriegsparteien in allen nur irgend entfernt beteiligten Ländern und von Demonstrationen gegen einen neuen Krieg, und genau läßt sich garnichts übersehn. Nur soviel: wenn jetzt wirklich die Bombe platzt, dann wird eine „Lokalisierung“ des Krieges genau sowenig möglich sein oder auch nur versucht werden können wie 1914 bei der Brutalisierung Serbiens durch Österreich. Die irrsinnige Bündnispolitik ist trotz aller Schrecknisse des letzten Jahrzehnts noch nirgends abgebaut. Wenn England jetzt mit der Türkei in Krieg gerät, dann wird diese Bündnispolitik zu den allerabenteuerlichsten Verquickungen führen. Die Türken können mit der aktiven Hilfe Bulgariens und der westasiatischen mohammedanischen Irredenta rechnen, vor allem mit Aufständen zu ihren Gunsten in Arabien, Aegypten und Mesopotamien. Sehr wahrscheinlich ist, daß auch Rußland Hilfe leisten wird; schon jetzt soll die Hinüberbeförderung der kemalistischen Truppen auf russischen Schiffen zur Besetzung des Festlands von Rußland angeboten und von Kemal angenommen sein. Möglich ist, daß auch Persien und Afghanistan von vornherein zu den Türken stehn werden, – und bei längerer Dauer des Krieges, bei dem zumal Frankreich mit solchen Sympathien für die Kemalisten „neutral“ bleiben wird, die sich doch recht materiell ausdrücken – und daß dieser Krieg nicht in ein paar Wochen entschieden sein kann, liegt auf der Hand – kann man sicher mit revolutionären Erhebungen in Indien von ganz bedeutendem Ausmaß und mit einer Verschärfung des ohnehin immer noch akuten Bürgerkriegs in Irland rechnen. Großbritannien hat demnach mit einem sehr gefährlichen Kriege zu rechnen, der den bereits geborstenen Bau seines Weltreichs zum Einsturz und zur völligen Vernichtung bringen könnte (dieser Gedanke ist, unabhängig von allen Sympathien und Antipathien, die mir bei diesem Handel zwischen Volksaussaugern der verschiedensten Nationalität, für dieses oder jenes Land gänzlich fernliegen, für mich maßgebend, um mit aller Kraft des Herzens die vollständigste Niederlage Englands zu wünschen, die das Ende des Weltimperialismus überhaupt und die Befreiung aller Kolonialvölker einleiten müßte). Auf der andern Seite stehn England doch aber riesige Chancen zur Seite, die eine gewisse Zurückhaltung der Türken sehr begreiflich machen würden. Abgesehn von der eigenen Waffen- und Organisationsmacht, die noch verstärkt wird durch die sichere aktive Mitwirkung wenigstens eines Teils des Dominions, hat England im Balkan selbst wahrscheinlich alle aus dem Weltkrieg siegreich hervorgegangenen Staaten auf seiner Seite. Die militärische Niederlage Griechenlands ist nach der politischen Umwälzung im Lande kein Faktor mehr, der es zu einer hoffnungslosen Passivität verurteilt. Es ist durchaus möglich, daß ein so populärer Macchiavellist wie Venizelos imstande sein wird, eine nationale Volksarmee aus den Tiefen des Landes zutage zu fördern, bei der der Schutz und die Hilfe der großbritannischen Staats-, Geld- und Waffen-Machtmittel einem Gambetta-Unternehmen große Aussichten verspräche. Schon rührt sich’s aber auch wieder in Serbien. Die yugoslawischen Kapitalisten gelüstet’s scheinbar nach einem Hafen in der Aegaeis, und da ist Saloniki der auserwählte Preis, den die Griechen zahlen sollen, wenn ihnen von Belgrad und Agram aus Hilfe werden soll. Rumänien scheint im Augenblick am ersten bereit zu sein, den Kampf neu zu beginnen. Ein sehr heftiger Notenwechsel mit Sowjetrußland über Beßarabien und über die Demobilisierung Rumäniens macht da schon den Auftakt. Mit Rumänien und Yugoslawien wäre aber schon durch Kreuz- und Quer-Bündnisse die ganze „Kleine Entente“ engagiert. Freilich – ob Polen und die Tschechoslowakei sich in einen Krieg verwickeln lassen möchten, in dem Frankreich die Gegenseite unterstützt, ist fraglich. Ihr Verhalten wird sich sehr wahrscheinlich nach der Politik Ungarns richten. Je nachdem ob und auf welcher Seite Ungarn Partei nimmt, werden sie sich einrichten. Sich die weiteren Konsequenzen eines solchen Riesenfeldzugs auszumalen, der seine Funken ebenso wie der gewesene Weltkrieg immer weiter herumspritzen und bald genug die ehemals russischen Randstaaten in Innerasien angezündet haben würde – wenn er nicht auch noch Frankreich und damit wieder ganz Europa in Brand setzt – ist überflüssig. Alle diese Betrachtungen sind ja auch insofern rein spekulativ, als sie die Macht der kapitalistischen Staatsregierungen über ihre Völker für den ganzen Verlauf der Dinge als ungebrochen voraussetzen. Ob diese Voraussetzung praktisch richtig sein wird, ist hoffentlich noch nicht ganz ausgemacht. Was Yugoslawien vor allen andern betrifft, dessen Völker seit über 10 Jahren in immer wilderen Kriegen bluten und umkommen mußten, – so glaube ich zu stark an den angeborenen Heroismus grade des in Europa so verlästerten Serbenvolks, als daß ich das Vertrauen nicht haben sollte, es werde sich einmal für die eigne Befreiung und gegen seine Abschlachtung zugunsten einiger Wucherer erheben. – Der Krieg, der so drohend an die Pforten Europas klopft, wie er es im Juli 1914 tat, ist noch für keinen Teilnehmer daran und für keine Koalition entschieden. Er ist noch nicht einmal, selbst wenn er ausbrechen sollte, für sich selbst entschieden. Denn noch niemals hat es einen Krieg gegeben, der die Bedingungen zum Umschlagen in die allgemeine Revolution so in sich selbst getragen hätte wie der jetzt latente. Die Pfosten der europäischen Staatenwirtschaft stehn heute schon auf lockerem Grund. Ein neuer Krieg würde sie vollends zum Wanken bringen. Die soziale Revolution aber müßte sie umreißen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 4. Oktober 1922.

Seit dem 1. des Monats kommen wegen der bodenlos erhöhten Abonnementspreise viel weniger Zeitungen ins Haus als zuvor, sodaß die Orientierung (zumal dank der wieder blühenden Zensurtätigkeit Gollwitzers) sehr schwierig geworden ist. Der „Fränkische Kurier“ kommt nur noch einmal täglich. Die Berliner Volkszeitung, deren Chefredakteur ich in einem ausführlich begründenden Brief um ein Freiabonnement anging, worauf überhaupt keine Antwort kam, kriegen wir nicht mehr. Die „Welt am Abend“, die ich dafür bestellte, ist noch nicht eingetroffen. Die „Frankfurter Zeitung“, die ein andrer Lesezirkel hält, kursiert so lange, daß man ihren Spuren fast nie folgen kann und es ein reiner Glücksfall ist, wenn man sie mal erwischt. Der „Vorwärts“ und die „Münchner Post“ kommen ebenfalls nur in einem Exemplar, und die unabhängigen Zeitungen sind ja mit der Verschmelzung fast ausnahmslos eingegangen. (Die letzte Nummer der „Freiheit“ enthielt fast nichts andres mehr als lauter Pöbeleien gegen die Kommunisten und in der Mitte der ersten Seite in besonderer Umrahmung die schreiend aufgemachte Aufforderung an die Arbeiter, sich an den für letzten Sonntag von den Betriebsräten veranstalteten Berliner Demonstrationen nicht zu beteiligen). Dieses widerwärtige Dreckblatt ist nun also tot und sein – von Paul Levi produzierter – „Geist“ ergießt sich fürderhin in den „Vorwärts“, der damit nichts von der Seelentiefe einbüßt, die ihn auszeichnete, als er am Tage vor der Ermordung Liebknechts und Rosa Luxemburgs Zicklers Verhöhnung dieser Revolutionäre brachte, weil sie noch nicht zu den Opfern der vom Vorwärts täglich neu befeuerten Nosketiere gehörten und damit die Fährte dieser Hunde auf die richtige Spur – mit Erfolg nach kaum 24 Stunden – leitete, nichts einbüßt von der Gesinnung, die ihm, während er die Gagern und Hillers zur Ermordung Landauers nach München hetzte, die wahrhaft republikanischen Worte eingab: „Lieber Rupprecht I. als Mühsam I.!“ – Wo man aber jetzt in ein Blatt hineinsieht, da jammert einem das Pack, das mit Meinungen hökert wie der Trödler mit alten Stiefeln und verbogenen Vogelbauern, von der „Not der Presse“ vor und vom „Sterben der Presse“, indem die wachsende Zahl der in diesen Wochen selig entschlummerten Lügenpapageien vorgerechnet wird, wobei natürlich ängstlich verschwiegen wird, daß das Eingehn der USP-Presse mit mindestens einem Dutzend eigner Organe garnichts mit den Papierpreisen zu schaffen hat (nur das Eingehn der USP hat mit den Geldschwund in der Partei infolge Abmarsches enttäuschter Arbeitermassen zu schaffen), und daß anstelle der mit Tode dahingegangenen Blätter in derselben Zeit eine große Anzahl neuer entstanden sind. Da geht es einfach um gewisse Spekulationen großer Kapitalistenkonzerne, und wenn Stinnes kürzlich die Tägliche Rundschau verrecken ließ, so sagte er sich einfach, daß das Hungerleidergeschmeiß von Offizieren, Pastoren und Professoren, die an dies Reptil gewöhnt waren, keine besondere Berücksichtigung mehr wert ist und es genügt, wenn er sich von dem Mehringschüler Lensch die nächsten Milliardengeschäfte in der Deutschen Allgemeinen Zeitung zurechtkauen läßt. Die „Not der Presse!“ – und natürlich sollen Regierungen und Steuerzahler helfen, – den Verlegern, den Stinnessen, den Papierfabrikanten, allen, die in Überzeugungen spekulieren und damit in dieser Zeit ihrer angeblichen Pleite die dicksten Geschäfte machen. Sie rechnen jeden Tag ihren Lesern vor, wie entsetzlich ihre Ausgaben steigen, was sie an Papier, Löhnen für Drucker und Angestellte, Material an Druckerschwärze und was weiß ich ausgeben müssen, und wie mäßig demgegenüber der Prozentsatz der Abonnementserhöhung sei (die tatsächlich aber völlig mit der allgemeinen Teuerung Schritt hält). Was sie selbst indessen von den Inserenten mehr herausziehn, sagen sie natürlich nicht, und erst recht schweigen sie von der bodenlosen Infamie ihrer Auspowerung der freien Mitarbeiter. Kürzlich brachte unser Fachorgan „Der Schriftsteller“ die haarsträubende Mitteilung, daß zur Zeit in Deutschland über 90 % der freien Schriftsteller nicht mehr das Existenzminimum verdienen. Jetzt bringen die Tageszeitungen selbst einen Hilferuf der Schillerstiftung, in dem festgestellt wird, daß die Schriftsteller heute, wo alle Ausgaben etwa das 250fache gegen die Friedenszeit kosten, zum Teil noch nach den Friedenssätzen honoriert werden. Das können die Blätter ihren Lesern ruhig sagen, denn sie rechnen richtig, wenn sie sich sagen, daß sie die im Laufe der Zeit, da sie den Volksgeist kneten, ja längst kritiklos genug gemacht haben, um vor der Gefahr ganz sicher zu sein, ein Abonnent könnte sich beim Lesen dieser Tatsache und beim Überlegen, ob er der Aufforderung Folge leisten soll, für die armen Teufel von Schriftstellern 20 Mark zu spenden, daran erinnern, daß es ja die Presse ist, dieselbe Presse, die den Bettelsack umgehn läßt, die diese hundsföttische Niedertracht begeht, die Arbeiter, ohne die sie gänzlich aufgeschmissen wäre, weil sie unpraktisch und noch nicht zur proletarischen Solidarität erzogen sind, jetzt zu den Friedenssätzen zu entlohnen, sich selbst von dem dadurch Ersparten zu mästen und für die eigene „Not“ die Steuerzahler zu erpressen, während sie für die von ihr herbeigeführte Not gütig einem Verein 20 Zeilen Raum gewährt (für die sie da wieder auf Kosten der Bewohltateten Honorar spart), der da den deutschen Spießer um ein Almosen für die „geistigen Arbeiter“ anschnorrt. Aber es gibt derzeit garnichts Populäreres bei uns, als der Not der Verleger zu steuern. Die geeinten Crispiene und Welse spucken besonders hohe Bögen, um dem deutschen Volk durch eine Liebesgaben-Lex zugunsten Mosses und Ullsteins das hohe Kulturgut der Stinnesschen Börsenpapiere in ihren verkommenen journalistischen Ablegern für den Frühstückstisch zu erhalten. Lassalle sollte seine Nachfolger im Kampfe gegen geistige Korruption am Werke sehn, nein – das hätte er wirklich nicht verdient. Er möge ruhen und wir Lebenden wollen ihn glücklich preisen, daß es ihm erspart blieb, seine unsterbliche Anklage gegen die öffentlichen Meinungsmacher auf die Gesellschaft ausdehnen zu müssen, die immer noch gröhlt: Der Bahn der Kühnen folgen wir, die uns geführt Lassalle! – Ich will mich heute aller Betrachtungen über die allgemeine Politik enthalten, da die Zeitungen über die Orientereignisse nur ganz unübersichtliche und vage Telegramme von einer voraussichtlichen friedlichen Lösung bringen, die auch Hausse-Manöver von Börsenspekulanten sein können. Vom Hause ist zu berichten, daß gestern die 3 letzten Genossen vom unteren Stockwerk (Uhrmann, Pinkl und Pfaffeneder, von denen die beiden letzteren nur mehr 14 Tage hier vor sich haben) zu uns heraufverlegt wurden. Meine Meinung, das sei geschehen weil man heute mit dem Einheizen beginnen werde (ich war gestern wegen der Kälte beim Arzt vorstellig), war so zuversichtlich, daß ich deswegen eine Zigarre verwettet habe. Ich muß sie zahlen. Die Kälte rührt die Verwaltung nicht, und ich bin schon wieder belehrt, daß man nie, nie, nie in Bayern annehmen darf, es geschehe etwas, um die Qualen politischer Gefangener zu erleichtern. Immerhin hat die Tatsache, daß jetzt zum ersten Mal sämtliche Festungsgefangenen im gleichen Stock wohnen, die Wirkung der automatischen Aufhebung jener „provisorischen“ Maßnahme Vollmanns bei unsrer Strafverlegung in den II Stock, weil wir unsre Unterschrift nicht erpressen ließen, die die völlige Absperrung eines Teils der Gefangenen vom andern außerhalb der Hofzeit bewirkte. Die Lächerlichkeit, daß man, um einem unten wohnenden Genossen ein Buch geben zu können, bis auf den Hof hinausrennen muß, weil selbst das Überreichen am Gitter verboten ist, hört damit auf; eine Schikane weniger, was sich die Verwaltung wohl nicht überlegt hatte. – Aber was sollen wir klagen! Wieder einmal wird berichtet, daß Max Hölz in den Hungerstreik getreten sei. Es macht ganz den Eindruck, als ob man diesen herrlichen Menschen peinigt, um ihn kaput zu machen. Schon daß er von Münster nach Breslau verschleppt wurde, mußte Verdacht erregen, daß man ihn gern von den westfälischen Arbeitern entfernt und in einer bayernähnlichen Atmosphäre halten wollte. Wie es scheint, hat Hölz nun im Breslauer Zuchthaus speziell einen Arzt gefunden, der seine Kunst als Vorwand benutzt, um politische Vergeltung zu üben. Hölz soll ihn mit Schweinehund und ähnlichen Worten beschimpft haben und dafür in Zwangsjacke und Tobsuchtszelle gekommen sein. Wir wissen wie solche Exzesse provoziert werden können. Ehe wir die nötige Haftpraxis hatten, haben wir fast alle früher bei neuen Schurkereien der Schinder die Haltung verloren. Traurig ist nur, daß kaum ein Mensch, der es nicht erlebt hat, sich in Hölz’ Lage hineindenken kann, und daß die Verdächtigung, der Mann sie ein halbtobsüchtiger Narr, leicht auch bei Proletariern Eingang findet. Traurig aber ist erst recht, daß sich die „Arbeiterpresse“ nicht entblödet, der Regie der ärztlichen und juristischen politischen Rächer Vorschub zu leisten. Die sogenannte „Freiheit“ hat in einer ihrer allerletzten Nummern noch die offiziöse Auslassung der Justizbehörden gegen den wehrlosen Hölz nicht bloß ohne Zweifel daran zu äußern, abgedruckt, sondern die Gelegenheit wahrgenommen, ihrerseits noch gehässige Anwürfe gegen Hölz und seine politischen Freunde als Kommentar anzuhängen. Es war hohe Zeit, daß dieses „unabhängige“ Gesindel endlich in dem Pfuhl versoffen ist, dessen Korruptionsgestank zu überduften alle seine Anstrengungen in der letzten Zeit gewidmet waren, um sich der Aufnahme in die Partei der Proletariats- und Revolutions-Mörder würdig zu erweisen. Ein Symbol für das deutsche Erleben, seit die Sozialdemokratie Macht hat, ist das Wort, mit dem sich die „Einigung des Proletariats“ in ihrer Nürnberger Veranstaltung ausdrücken läßt: „Die Freiheit ist eingegangen!“ – Das ist das wahre Deutsch: was hierzulande wächst und der Erhaltung wert wäre, das korrumpiert zuerst und wird faulig – und schließlich stirbt es nicht, sondern geht ein.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 5. Oktober 1922.

Hundekalt ist’s in den Zellen, und auf den Gang zu flüchten hat keinen Zweck, weil der Steinboden dort die Temperatur noch unerträglicher macht. Wer sich erwärmen will, muß schon auf die Hofzeit warten. Trotz der Naßkälte des Wetters ist’s im Freien immer noch leichter auszuhalten als in diesem scheußlichen Eiskeller. Ich habe doppelte Weste und Wadlstrümpfe an, quäle mich aber doch schon wieder mit einem Darmkatarrh ab, und die Aussicht, daß das noch einen halben Monat mindestens so weiter gehn soll, ist wenig tröstlich. Soweit sind wir also jetzt in dieser Muster-Ordnungszelle, daß nicht einmal mehr Kohlen genug da sind, um die öffentlichen Betriebe zu erwärmen, denn wenn man heizen könnte, täte man’s, um die Aufseher nicht mit uns krepieren zu lassen. Der Gedanke, Menschen, denen man die Unterkunftsräume nicht mehr erwärmen kann, hinauszulassen, könnte wohl entstehn, aber nicht in Bayern, wo Christen von vollkommenster Heiligkeit am Werke sind. – Also nur ein paar Notizen, um einigermaßen im Bilde zu bleiben (da das neu abonnierte Berliner Blatt immer noch nicht gekommen ist und die Post letzthin überhaupt sehr unregelmäßig ausgegeben wird, wird die Orientierung täglich schwieriger. Leider hat auch der Miesbacher Anzeiger, der mir seit 1½ Jahren ein Gratisabonnement spendierte, diese freiwillige Liebenswürdigkeit jetzt aufgegeben). Vom Orient weiß man noch immer nichts Genaues, nur daß die Franzosen, die grade den Krieg dort garnicht brauchen können, am Balkan die Rolle des pazifistischen Weltversöhners spielen und händeringend den Briten vorwerfen, daß sie frivol mit dem Feuer spielten, wie die Engländer das den Franzosen in den europäischen Fragen vorwerfen. Augenblicklich findet eine Art Konferenz in Mudania (? vermutlich in Kleinasien) statt, bei der Kemal mit dem Gegengeneral sozusagen die Spielregeln für den nächsten Akt der Komödie verabreden will. In dieser ganzen Angelegenheit fehlt mir noch jeder Anhalt, um zu erkennen, was vom Zeitungsquatsch darüber zu glauben und was Börsenspekulation ist. Da der Dollar mal wieder gehörig steigt – gestern wurde der Stand auf 1900 verzeichnet – denke ich mir vorläufig, daß das Finanzkapital die angebliche „Entspannung“ und die Aussichten zum Ausgleich ohne Krieg sehr skeptisch bewertet. Im Lande aber steigt natürlich mit dem Dollar die Not; die Preise erhöhen sich in täglichen Multiplikationen, und der Winter steht bevor. Es wird sich ja bald zeigen müssen, ob das deutsche Proletariat weiterhin stillschweigend zusehn will, wie die Bourgeoisie aus der Not ein Wucherobjekt macht, oder ob sich einmal ernstlich etwas rühren wird. Bei der fürchterlich korrupten Führung, die in der Parteiwirtschaft begründet liegt und bei der maßlosen Enttäuschung der revolutionärsten Arbeiter durch die russischen Angleichungen an die imperialistischen Methoden der alten Staaten (die „Frankfurter Zeitung“ erfährt, daß soeben für Rußland die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht – Dienstzeit zwischen 18 Monaten und 4½ Jahren – beschlossen sei, und leider ist die Meldung glaubhaft), ist nicht allzuviel vom Elan des deutschen Proletariats für die nächste Zeit zu erhoffen. Es müßte denn schon wieder mal ein elementarer Zwischenfall alle Schläfer hochreißen. – Eine ganz erstaunliche Meldung bringt aber der eben eingetroffene Bayerische Kurier, den ich bei Toller einsah. Danach soll die Dritte Internationale halbamtlich der USP vorwerfen, sie habe noch kurz vor der „Einigung“ sich mit der Bitte um Geldunterstützung nach Moskau gewendet. Von dort sei ihr auch eine einmalige Unterstützung zugesagt worden, doch habe die Partei auf Subvention in regelmäßigen Zuwendungen bestanden und für den Fall der Ablehnung mit dem Anschluß an die Scheidemänner gedroht. – Ich notiere für heute nur die Behauptung, die denn doch eigentlich zu verwegen anmutet, als daß man sie ohne weiteres für wahr nehmen könnte. Bestätigt sich die Sache, so wäre ein ärgeres Zeugnis gegen das Gros der deutschen Arbeiterschaft nicht denkbar, von der ihre bezahlte Bonzenschaft, die doch Erfahrungen hat, einfach voraussetzt, sie könne je nach Parole der unbeaufsichtigten Instanzen im selben Augenblick zum Anschluß an Noske wie zum Anschluß an Lenin dirigiert werden; Kritik sei nicht zu erwarten. Bei dieser Gelegenheit: jetzt haben sich auch die bayerischen sozialdemokratischen Oberinstanzen mit dem Fall Auer beschäftigt. Sie haben seinen Rosenstrauß an Arco als politischer angesehn als die Münchner Kopfnicker und dem großem Erhard deswegen ihre Mißbilligung ausgesprochen, und damit zugleich den Fall Auer als „erledigt“ erklärt. Mit seinem Glückwunsch an Herrn v. Kahr – von allem übrigen, besonders meinem Brief, garnicht zu reden – scheint man sich lieber nicht beschäftigt zu haben. Denn wenn Auer fliegt, fliegt der ganze bayerische Parteivorstand mit hoch; denn auch Timm hat Dreck genug am Stecken, und man könnte auf eine Politik verpflichtet werden, die der Reaktion doch nicht mehr ganz so willkommen sein würde wie die unter Auers Leitung, die allen Bonzen sehr bequem ist, weil sie sie nie in Konflikte bringt, weder mit der Regierung noch auch mit der dank solcher Führung absolut passiv gehaltenen Arbeiterschaft. Ich weiß aber eins gewiß: für mich ist der Fall Erhard Auer nicht „erledigt“. Ich bin entschlossen, diesen gewissenlosesten Arbeiterverräter so gründlich zu entlarven, daß er dahin abrücken muß, wohin er gehört: zur bayerischen Volkpartei und zum katholischen Klerus. – In Leipzig hat der Prozeß gegen die Verschwörer zum Rathenaumord, in München der gegen Fechenbach und Genossen wegen „Landesverrats“ begonnen. Bis jetzt ist nur wenig zu erkennen, nur die Aufmachung der Sache beim Münchner Volksgericht ist vielversprechend. Fechenbach soll sich für die Benutzung der bekannten Erzbergerschen Annexionsdenkschrift, die er in Eisners Nachlaß fand und im April 19 veröffentlichte, verantworten. Überhaupt habe er mit einem Journalisten Payot vom Journal de Genève Beziehungen gehabt, um ihm Dokumente zur Kompromittierung Deutschlands und Bayerns zu liefern. Gargas (ein Rumäne polnischer Staatszugehörigkeit[)] und Lembke hätten ihren Beistand dabei geleistet. Das Ganze riecht von fern nach nationalistischer Tendenzmache. Übrigens ist Fechenbach (und die andern sind wohl auf dieselbe Weise hochgegangen) die Opfer einer Megäre. Seine eigne geschiedene Frau, die von Rachsucht birst, hat ihn denunziert und überall ganz offen erklärt, sie werde ihn ins Zuchthaus bringen. Da hat nun der arme eitle Judenjunge ein Weib ins Bett gekriegt, die studiert und den Doktor gemacht hat und obendrein einen adligen Russennamen trägt. Das ist so sensationell, daß natürlich geheiratet werden muß. Im Bett gibts keine Diskretion mehr, – und dann ist’s zu spät. Wer sich in revolutionäre Dinge einläßt, der möge ja seine Freunde sorgfältig prüfen und noch sorgfältiger seine Freundinnen; am sorgfältigsten aber die eigne Gattin. Wehe dem Revolutionär, der keine Zenzl gefunden hat; wehe dem, der nicht wagen darf, zu seiner Frau Genossin zu sagen!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 6. Oktober 1922.

Es ist so kalt, daß ich nicht weiß, wie lange es mich vor dem Schreibtisch hält. Es heißt, es müsse erst 10° im Freien sein, bis geheizt wird. Es ist ja möglich, daß die Luftwärme draußen noch zwischen 12 und 15° steht, aber im Hause ist’s viel kälter als draußen, und der Trost, man wolle lieber jetzt mit dem Einheizen warten, um nicht im Januar oder Februar damit aufhören zu müssen, macht nicht warm, umsoweniger als der Gedanke, daß inzwischen das Haus derart durchfriert, daß es Wochen intensiver Heizung bedürfen wird, um es warm zu kriegen, an sich ein Frösteln verursacht. – Also kurz. Der Prozeß Fechenbach entwickelt sich schrecklich peinlich schon beim ersten Verhör. Der Vorsitzende ist Haß und das sagt genug. Zunächst wurde Fechenbach eine Lüge nachgewiesen, die „zur Kennzeichnung der Persönlichkeit“ um und um gewälzt wird. Er hat als Kläger im Coßmann-Prozeß behauptet, Payot nie gesehn zu haben. Die edle Gattin hat das widerlegt. Sie hat ferner die Briefe, die sie von ihrem Felix in der wonnigen Verlobungszeit nach Heidelberg geschickt bekam, dem Staatsanwalt übergeben, und diese im Überschwang des Novemberglücks geschriebenen Jubelhymnen eines Begünstigten des Schicksals von damals werden nun vor die Öffentlichkeit hingehängt, um eine Seele zu bedrecken, einen unter die Räder Geratenen zu vernichten. Fechenbach erweist sich in diesen Briefen für einen Menschen, der sich ein wenig Objektivität gewahrt hat, als das, als was ich ihn stets angesehn habe, ein unbedeutender, eitler, renommiersüchtiger junger Mann, der gern mehr vorstellen möchte als er ist (und das ist für einen 24jährigen Liebesbriefverfasser wahrhaftig kein schwerer Vorwurf). Ich habe ihn schon zur Zeit als diese Briefe entstanden, als „Geheimrat Fechenbach“ verulkt, und nun stellt sich heraus, daß er der Braut erklärte, er habe bei Eisner die Funktionen zu erfüllen, wie bisher ein „Geheimer Legationsrat“. Auf solche jungenhaften Aufblähungen scheint jetzt der gerichtliche „Beweis“ gestützt werden zu sollen, daß Fechenbach in der Tat eine politisch eminent wichtige Persönlichkeit sei, unter deren Einfluß Eisner alle seine „Verrätereien“ begangen habe. (Wer Eisner gekannt hat, weiß, wie eifersüchtig der auf seine persönliche Initiative in der Durchführung dessen war, was er „Realpolitik“ nannte, und daß er grade deshalb nur Nullen wie Fechenbach, Joske und andre junge Ignoranten in seine Regierungsintimitäten hineinriechen ließ). In Wahrheit richtet sich dieser Prozeß wie damals der Coßmannsche wieder gegen Eisner, d. h. gegen das ganze Novembergeschehn und gegen die Republik. Gleichzeitig ist es ein neuer Akt der bayerischen Reservat-Revanche gegen Frankreich. Erreicht die bayerische Konterrevolution wirklich noch mal ihre eigentlichen Ziele, dann ist kein Zweifel, daß der Forderung der Völkischen: blutige Rache gegen die „November-Verbrecher“ entsprochen wird, und ich rechne durchaus noch damit, daß ich eines Tages wegen meiner Rede vor der Türkenkaserne am 7. November, in der ich als Erster die Republik ausrief, von einem „ordentlichen“ bayerischen Gericht abgeurteilt an der Mauer sterben werde, unter dem freudigen Gröhlen derselben Bourgeoisie, die damals nach unserm Zug zu den Kasernen das Erscheinen unsrer beiden Militärautos in der Dachauerstraße und vor dem Bahnhof mit Tücherwinken und Jubelrufen begrüßte. Die Amnestieen, die inzwischen erlassen sind, kümmern ja unsre Eigenartisten nicht. Die Eisnersche war für sie selbst ein Hochverrat, und die Reichsamnestieen gelten dank der Tapferkeit der Berliner Gesetzemacher für Bayern nicht; sowenig wie das letzte selbst in den Fällen, in denen die Lerchenfeldwebel sich damit „abgefunden“ haben. Das Erzbergermemorandum von 1914, von dem man 1922 behauptet, es habe 1919 nur unter Schädigung der deutschen Sache veröffentlicht werden können, könnte, wenn das selbst so richtig wäre, wie es Blech ist, und selbst wenn die Veröffentlichung, wie es der § 92 verlangt im Bewußtsein der schädlichen Wirkung erfolgt wäre, doch immer nur das Reich und kein Einzelland kompromittieren (wobei es lustig ist, die verstiegensten alldeutschen Kriegszielverkünder von ehedem heute als die Verkünder des Prinzips zu sehn, jene Kriegsziele, deren öffentliche Erörterung sie von Bethmann am lautesten verlangten und dann erreichten, zur Kenntnis der Welt zu bringen, sei nach Abschluß des Kriegs „Landesverrat“ gewesen; dabei sind Annexionspläne in der nationale Presse ausgebreitet worden, gegen die die Erzbergerschen Ratschläge Ramsch sind). Scheinbar hat die Verteidigung das noch garnicht gemerkt. Sie hätte vor Beginn der Verhandlungen gleich verlangen müssen, daß aus dem Prozeß alles ausgeschieden werde, was durch das Reichsamnestiegesetz vom 21. Juli ohne weiteres erledigt ist und garnicht mehr verhandelt werden darf. Dann hätte das Gericht wohl feststellen müssen, worauf die Anklage gestützt blieb, die sich nur auf Straftaten ausdehnen dürfte, die erst 1922 begangen oder, die sich nicht gegen das Reich, sondern gegen Bayern gekehrt hätten. Daß die Anklage mit diesem Protest gerechnet hatte, geht daraus hervor, daß sie behauptet, der Landesverrat sei sowohl gegen das Reich wie gegen Bayern unternommen worden. Wahrscheinlich wollte sie das Zweite auf das sogenannte Ritter-Telegramm stützten, über das die Verhandlungen geheim geführt werden. Aber daß man zugibt, auch das Reich sei „verraten“, hätte die Verteidigung in die Lage versetzt, auf Grund des Reichsgesetzes die Übergehung alles dessen, was darauf Bezug hat, also des Hauptteils des Prozesses zu beanspruchen. Ob man dem stattgegeben hätte, ist eine andre Frage. Wenn nicht, dann wäre der Reichsbegnadigungsausschuß anzurufen gewesen, mindestens aber eine neue schwere Bloßstellung der bayerischen Regierungsfronde gegen das Reich ausnutzbar geworden. Aber – was nützen mir alle diese Betrachtungen, mit denen ich den Rechtsanwälten in München doch nicht mehr helfen könnte, weil dazu, sowas zu verhindern, die Einrichtung der Festungszensur besteht. Und es ist eine alte Erfahrung, daß in politischen Prozessen fast alle Juristen immer versagen. Wenn einmal die Verteidigung politischer Delinquenten Laien überlassen würde, käme mancher Angeklagte besser von der Sündenbank weg als jetzt; und es brauchten nicht einmal nur Delinquenten zu sein, die die politischen Paragraphen verletzt haben. Ich habe im „Kain“ schon einmal die Zulassung von Laien zur Verteidigung generell verlangt. – Die wenigen Zeitungen, die wir lesen konnten, haben sonst wenig bedeutsame[s] Neues gebracht. Der Rathenau-Prozeß spult sich langsam erst auf. Die Mudania-Konferenz zeigt bis jetzt noch nicht, wohin sie führen wird. Die italienischen Faszisten rühren sich wieder und haben in Bozen und im übrigen Tirol ihr Heldentheater aufgeschlagen (während d’Annunzio der Welt Valet gesagt hat, um in einem Kloster Buße zu tun – und zwar nicht für seine kriegerischen Verrücktheiten und Patridiotieen, sondern für seine schönen Romane). In München – wo denn sonst? – haben Monarchisten einen internationalen Restaurationskongreß abgehalten und „beschlossen“, daß jede vertriebene oder entlaufene Dynastie ihr Land von ehedem wiederkriegen soll, und sogar die französischen Royalisten haben teilgenommen (vermutlich alle „Linien“, Orléanisten, Bonapartisten und Bourboneriche), aber deren Patriotismus ist mit dem der deutschen angestammten Königshäusler ins Gehege geraten wegen der elsaß-lothringischen Frage, und nun haben die übrigen Fridoline der Entthronten – besonders wohl Romanowscher Couleur – eine Kommission eingesetzt, die entscheiden soll. Es ist doch hübsch, daß nach allem Qualvollen dieser Zeit den Menschen ihre Kindlichkeit nicht verlorengegangen ist. – Endlich: Dittmann bezeichnet im „Vorwärts“ die halbamtliche Behauptung der Sowjetregierung über die Schnorrerei der Unabhängigen in Moskau als „erstunken und erlogen“. Wenn also die Russen nicht mit Beweisen kommen, wird wohl die ganze Meldung als Mystifikation anzusehn sein. – Der Dollar steht schon wieder über 2000!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 7. Oktober 1922.

Ich bin, abgesehn von der immer noch sich steigernden Kälte, nervös, weil Zenzl auffallend lange nicht geschrieben hat. Hoffentlich steckt nichts Ernsthaftes dahinter. Am 16. Oktober (seinem 20ten Geburtstag) kommt Siegfried, was „in stets widerruflicher Weise unter den üblichen Bedingungen“ genehmigt ist. Toller hatte heute den interessanten Besuch eines amerikanischen Schriftstellers, anscheinend eines Quäkers. Wie es der Mann fertig gebracht hat, die Eintrittserlaubnis – wenn auch nur für 10 Minuten Sprechzeit zu erwirken, ist beinahe rätselhaft. Vielleicht hat er sich an Mißtreß Lerchenfeld gewendet, die Dame, die man, wenn man deutschnationaler Student ist, öffentlich „die Hure als Landesmutter“ nennen kann, ohne vor Gericht gestellt zu werden und ohne daß deswegen ihr Gatte das Amt eines bayerischen Ordnungszellen-Ministerpräsidenten niederzulegen braucht. Frau Lerchenfeld wird jetzt aber durch eigne Tätigkeit noch interessanter, als Herr Esser sie schon gemacht hat. Sie veröffentlicht in den Zeitungen ihres Vaterlandes, nämlich den Vereinigten Staaten, hochpolitische Auslassungen über die bayerische Innenpolitik, in denen sie den Standpunkt des charaktervollsten Knallbajuwarentums vertritt, das ihrem Mann (dem legitimen) eben an den Kragen will, weil er diesen Standpunkt „verrate“. Die streitbare Dame fällt wuchtig über die Berliner Vertragspartner ihres Hugo her und droht – als Gattin des Ministerpräsidenten Bayerns und in einer amerikanischen Zeitung – durchsichtig genug mit der bayerischen Separation vom Deutschen Reich. Stünde sie nicht auf dem gesicherten Platz, der sie schirmt, wäre auch nur ihre Ansicht anders motiviert als es den Haßpolitikern im Richtertalar gefällt, dann hätte sie einen Landesverratsprozeß zu gewärtigen von der Sorte, wie wir ihn grade wieder erleben. Welche Hintergründe hinter dem Feldlerchengezwitscher verdeckt liegen, ist ungewiß. Vielleicht will sich unser Ministerpräsident einschmeicheln und schickt, da er es Berlin gegenüber nicht kann, seine liebe Frau vor, um sein wahres Herz zu zeigen und wieder Liebkind zu werden. Vielleicht auch will Madame Ruhe haben vor den Mit-Essern um der Mit-Schläfer willen, und beweist dazu den Ersten ihre treue Zugehörigkeit und ihre Fähigkeit, ihrem Mann nicht bloß im Boudoir, sondern auch in der Politik andre Leute vorzuziehn. – Also möglich wärs, daß Tollers rarer Besucher sich bei seiner regierenden Frau Landsmännin die Möglichkeit verschafft hat „den heiligen Ort, das deutsche Sibirien Niederschönenfeld“, wie er selbst sich ausdrückte, zu betreten. Da ihm der überwachende Herr Englert nicht gestattete, Toller auch nur seine Visitenkarte selbst zu geben, sondern sie an sich nahm, da er auf Anfrage erklärte, die Hereinsendung des Buchs des Gastes über Militärdienstverweigerung könne nicht gestattet werden, da der Mann ferner die elende Gefängniszelle, unsern Ehren-Besuchsraum und die zahllosen Käfiggitter, Schlösser, Riegel und bewaffneten Posten vor den Toren mit eignen Augen gesehn hat, wird er ja nun beurteilen können, ob seine Leser bisher von unsrer Seite oder von der unsrer Kerkermeister zutreffend orientiert sind. Interessant ist, daß der Mann erklärt hat, man habe ihm gesagt, die Öffnung der politischen Gefängnisse könne deshalb nicht in Frage kommen, weil davon neue Unruhen befürchtet werden müßten. Vermutlich hat er das im Justizministerium gehört, wo er sich die Besuchserlaubnis jedenfalls wird garantieren lassen haben. Ob die Regierungsräte tatsächlich so naiv sind, das zu glauben? Wer auch nur 10 Centimeter über die bayerische Grenze weg politischen Horizont hat, müßte sich doch sagen, daß unter den gegenwärtigen Umständen in Bayern unsre Freilassung die einzige Gefahr für die Nationalisten wegräumen müßte, die ihnen jetzt noch durch uns droht, nämlich die, die in der beständigen Reizung des Proletariats durch unsre Einschließung liegt. Ändern sich aber die gegenwärtigen Umstände – und das kann schnell genug kommen –, dann springen die Pforten hier ohne Weiteres auf, und politische Gefangene, die eben durch revolutionäre Akte befreit sind, werden jedenfalls beträchtlich bedrohlicher einzuschätzen sein, als hätte man selbst ihnen vorher mit jenem Lächeln die Begnadigung gewährt, in dem zu lesen ist: ihr seid uns nicht mehr gefährlich, eure Giftzähne tun uns nicht mehr weh! Zu dieser Überlegung gehört aber wohl mehr Verstand, als in Bayern derzeit zur Teilnahme am öffentlichen Gestalten der Dinge zugelassen wird, obwohl sich übrigens plötzlich hin und wieder Anzeichen bemerkbar machen, als ob einzelnen Bayern der Verstand wenigstens in Kleinigkeiten aufzugehn begönne. So stellt sich meine Vermutung, daß man Niederschönenfeld langsam abbauen möchte, als begründet heraus. Nach der überraschenden Bewährungsfristbewilligung an Huber folgte heute eine noch erstaunlichere Mitteilung. Hörath wird schon am 15. Oktober entlassen. Hörath hat 6 Jahre zudiktiert bekommen, und Kraus hatte ihn als Staatsanwalt lebenslänglich eingekastelt wissen wollen. Von 6jährigen ist bisher nur Rothenfelder heraus, der als Psychopath haftunfähig erklärt wurde, und wie wir hören, verläßt in diesen Tagen* auch Westrich Erlangen. Aber das dankt er seinen Charaktereigenschaften. Mit Denunziationen und Preisgabe aller Würde, überdies mit nationalistischen Artikeln in ausländischen Blättern (gegen die „Schwarze Schmach“!) und mit der Zweideutigkeit, die er schon in Würzburg in den Revolutionstagen zur Schau trug und bei der niemand wußte, ob er eigentlich auf Seiten der Roten oder der Weißen stand, kann man bei Westrich wohl sagen, daß der „Strafzweck“ so gut erreicht ist wie seinerzeit bei Reichhardt. Und auch dieser 6jährige kommt via Erlangen (Kolbsche Anstalt) ins Freie. Der Fall Hörath liegt da doch anders, obwohl zuzugeben ist, daß die Reaktion ganz gewiß bei ihm keine Gefahr läuft, eine Schlange sich an den Busen zu setzen. Der Mann hat aller Politik so gänzlich abgeschworen, daß kein Umsturz, er komme woher und wozu er wolle, ihn wieder von seinem Schneidertisch herunterbringen wird. Maßgebend für die für bayerische Begriffe fabelhafte Vergünstigung (obschon der arme Teufel seine 3½ Jahre immerhin abgesessen hat, also mehr als die Hälfte) dürfte aber der große Nutzen sein, den Hörath der Verwaltung durch seine unverdrossene Schneiderarbeit in ihrem Dienst geleistet hat. Ohne Zweifel deckt der von ihm gezogene Überschuß weitaus die Kosten seiner Haft, für die er ja aber trotzdem der Schuldner des Staats bleibt. Der Mann ist also vorsichtig genug ausgewählt, und der ungebrochene Rachegeist der Neithart-Entscheidungen zeigt sich gleichzeitig wieder grade in der Begründung der Ablehnung des Bewährungsfristgesuches von Köberl, worin es heißt: „Die Notlage der Familie ist kein Maßstab für die Würdigkeit des Verurteilten zur bedingten Begnadigung.“ Nach außen hin will man also nicht einmal den Anschein erwecken, als ob man etwa den Preußen und Badensern auf ihren Wegen in dieser Beziehung folgen will. (Hörath ist Junggeselle). – Man scheint dagegen Wert darauf zu legen, die Obstruktion gegen die Reichsgesetze noch kräftiger zu betonen als bisher schon. Gestern wurden alle im Mitteldeutschen Prozeß beteiligten Genossen vorgerufen, und ihnen die Photographie eines Mannes vorgelegt, der an jenem „Hochverrat“ von Ostern 1921 beteiligt gewesen sein soll und dem man also jetzt noch trotz der Reichsamnestie deswegen den Prozeß machen will. Mehrere Genossen hatte die Geistesgegenwart, dieser Provokation dadurch zu begegnen, daß sie jede Aussage mit der Begründung verweigerten, die Angelegenheit sei durch die Reichsamnestie erledigt und sie wollten der Verletzung dieses Gesetzes durch die bayerischen Behörden keinen Vorschub leisten. – Der Münchner „Landesverrats“-Prozeß Fechenbach-Gargas-Lembke nimmt täglich üblere Formen an. Herr Haß behandelt die Angeklagten wie überführte Verbrecher, und fällt politische Urteile über Vorgänge und (nicht angeklagte) Personen, als ob er für die deutschnationale Partei Rechenschaft zu fordern hätte von allen, die politisch andrer Meinung seien. Herrn Mühlon bezeichnet er – vom Richtertisch aus! – als Landesverräter. Über Frdr. Wilh. Förster sagt er: die persönliche Lauterkeit solle ihm nicht abgesprochen werden, aber er habe sich als kurzsichtiger Politiker erwiesen. Bernstein als Verteidiger Lembkes hat ihm schon vorgeworfen, daß er als Richter sich die Rolle des Staatsanwalts zuweise. In Wirklichkeit führt der Mann einen Tendenzprozeß und fühlt sich dabei als Vorsitzender eines politischen Tribunals. Die Angeklagten sind nur zufällige Objekte der Idee, gegen die der Haß als Mann des Hasses operiert. Das deutsche Reich soll gedemütigt, Frankreich wieder einmal bespuckt werden. Die „Schuldfrage“ ist für diese Leute im Sinne aller offiziösen deutschen Geschichtsklitterer entschieden, und wer darüber anders denkt, ist Landesverräter. Übrigens ist die Schuldfrage auch anderwärts wieder akut, und Herr Dr. Wirth war so ungeschickt, sie vor Korrespondenten ausländischer Blätter im Sinne einer neuen Publikation eines Herrn v. Romberg auszuwälzen, wofür ihm Viviani schon allerlei Grobes gesagt hat. Natürlich streiten sich die guten Leute stets nur um die Gleichgiltigkeiten der Formalitäten herum, mit denen man vom 29. Juli ab allenfalls noch etwas hätte retten können. Tatsächlich war damals garnichts mehr zu retten, und selbst auf die 12 Tage vorher kommt’s nicht in erster Linie an, deren Aufrollung im ganzen man im Auswärtigen Amt mit Grund vermeidet –, sondern auf die Politik Wilhelms und der Seinen überhaupt. Marokko und Serbien-Türkei-Bosnien und die ganzen alldeutschen Treibereien muß man untersuchen, und in Deutschland unterläßt man das besser, wenn man glaubt, es wäre vorteilhaft, wenn Deutschland auch als Republik alles verteidigt, was Deutschland als Monarchie herrliches geleistet hat. – Gottlob passiert bei alledem auch noch Versöhnliches. Man braucht bloß die Prozeßverhandlungen in Leipzig zu lesen, wo die Angeklagten mit Glacéhandschuhen angefaßt werden und vor allem vorsichtig über alles hingeglitten wird, was Aufschluß über die Mordorganisationen geben könnte. Naja – es sitzen unter den Richtern die Erwählten des Volks, sogar Sozialdemokraten und Unabhängige, und die müssen doch den Offizieren, die sie abzuurteilen haben, zeigen, daß auch sie wissen, wie man mit vornehmen Leuten umzugehn hat. – Daß sie auch wissen, wie man mit rebellierenden Proleten umgeht, hat sich grade in Berlin in einem Privatbeleidigungsprozeß gezeigt, in dem Georg Davidsohn auf seine Behauptung hin freigesprochen wurde, Erich Kuttner, der Vorwärtsredakteur, habe bei den Januarkämpfen 1919 als Führer einer Weißen Truppe „Reichstag“ mit eigner Hand einen wehrlosen Mann seines eignen Regiments erschossen, weil er ihn als Spar[t]akisten kannte. Das Gericht sah den Beweis als erbracht an. Kuttner aber ist und bleibt selbstredend Vorsitzender im Untersuchungsausschuß über die Weißen Greueltaten im Mitteldeutschen Aufstand. Oh deutsches Volk, verzage nicht!

 

* im November

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 8. Oktober 1922.

Wieder zwei Stunden mit Glaßer über einer Schachpartie vertrödelt (aber für meine Nerven ist diese regelmäßige Sonntagsunterhaltung sehr angenehm). Jetzt versuche ich zu schreiben, obwohl ich ganz durchfröstelt bin, – es wird von Tag zu Tag schlimmer mit der Temperatur im Hause. Was hier drinnen natürlich am lebhaftesten besprochen wird, ist der Fechenbach-Prozeß, dessen Führung ein ungeheurer Skandal ist. Nachzutragen habe ich vor allem die Belehrung, die den Journalisten gegeben wurde, als man ihnen gestattete, der Verhandlung trotz Ausschlußes der Öffentlichkeit beizuwohnen. Es ist ihnen, wie das „Berliner Tageblatt“ meldet, streng verboten, über irgendetwas zu berichten, was sich auf Geheimorganisationen oder auf Waffenlager bezieht. Die bayerischen Gerichte wachsen sich immer hübscher aus. Diese Vorschrift für die Presse kann in den Ententeländern ja garnicht anders aufgefaßt werden als als Vorschubleistung der Geheimbünde und der friedensvertragwidrigen Waffenverschiebungen. Es sollte mich wundern, wenn nicht eines Tages die Franzosen unvermutet die Klappe zufallen lassen und eine Repressalienpolitik gegen Bayern einleiten, bei der den Hassiten Hören und Sehn vergehn würde. (Sie haben ja noch tausend Möglichkeiten dazu offen, z. B. die Liste der Kriegsbeschuldigten, für die sie sich die Prozessierung selbst vorbehalten haben. Verlangt eines Tages Herr Poincaré die Auslieferung Rupprechts oder Ludendorffs, dann können die Herren sich bei ihren Wegbahnern im Justizpalast bedanken). – Übrigens ist Bayern nicht das einzige deutsche Land, in dem in der Politik absolute Ahnungslosigkeit Voraussetzung jeder Mitwirkung ist. Bayern zeichnet sich im Gegenteil vor seinen Konkurrenten durch größere Konsequenz in der Verfolgung einer bestimmten Linie der Ahnungslosigkeit aus. In Genf hat der Schweizer Motta und der britische Südafrikaner Lord Cecil mit dem Zaunpfahl gewinkt, Deutschland möge doch seine Aufnahme im Völkerbund beantragen. Die ganze Presse – einschließlich der Börsengazetten vom Schlage des Berliner Tageblatts und sogar die Frankfurter Zeitung windet sich in Humor über diese Zumutung. Das bedeutet nicht etwa, daß sie drauf gekommen wären, wie lachhaft ihre ganze westliche Orientierung von Hause aus gewesen ist und also eine Abkehr von der bisherigen Politik überhaupt, sondern sie meinen einfach, „es hat keinen Zweck“ und sie könnten am Ende irgendwo die Chance zu einer Schiebung à la Rapallo einbüßen. Kein Wunder, daß man in Frankreich, England und Amerika daraus schließt, es sind halt dieselben, die sie früher auch waren, als sie die Haager Konferenzen um jeden Ertrag brachten, um sich nicht die Möglichkeit zu erschweren, von heut auf morgen mit wem es grade paßt, Krieg anzufangen, dieselben, die 1912 Haldane heimschickten und bei dieser Gelegenheit die Phrase vom „aufgezwungenen“ Offensivkrieg erfanden, (ich habe das im Manuskriptfragment der „Abrechnung“ seinerzeit ausführlich dargestellt. Leider war dieser Teil noch nicht abgetippt, und das Manuskript fiel dem Maiheldentum der Weißen zum Opfer). Ein paar wenigstens ehrliche Demokraten wie Quidde vor allen Dingen propagieren nun eifrig die Annahme der Einladung, und in Augsburg hat Löbe von seiner Partei die Unterstützung dieser Quiddeschen Forderung erreicht, sodaß es möglich ist, daß sich die Reichsregierung nolens volens doch noch entschließt. Aber die hat Angst vor den Angriffen der Deutschnationalen und diese Angst beherrscht sie mehr als irgend eine klare Idee. Durch den Eintritt in die Völkerburg könnten die Herren sich immerhin ihre diplomatische Position sehr erleichtern, wenn auch die Idee verrückt ist, daß dieser Beitritt ihnen aus dem wirtschaftlichen Schlamassel hülfe. Der wird täglich grotesker. Schon steigen wieder die Tagespreise für Brot, Zucker u. s. w. um das 3 – 400fache, und ein Ende dieser Entwicklung ist selbstverständlich ohne Expropriierung im größten revolutionären Stil gänzlich aussichtslos. Auch das vor den Bankiers der Yankeebanken vorgetragene Projekt des Herrn MacKenna ist undurchführbar. Er setzt ganz richtig die Ursachen der Geldentwertung auseinander, indem er zeigt, wie sie sich aus sich selbst heraus dauernd potenziert. Der Weltexport nimmt Papiermark nicht mehr in Zahlung, wer also in Deutschland importieren will, muß Auslandsdevisen als Zahlmittel bereit halten. Bei der dauernd steigenden Notwendigkeit, den Import zu steigern, wird die Nachfrage nach Auslandswerten infolgedessen immer größer und der Preis steigt demzufolge. Also ein circulus viciosus. Kenna meint nun, es hätten genug Deutsche große Eigenwerte im Ausland. Gelänge es der deutschen Regierung, die gegen Sicherheit der Verkäufer für sich zu erwerben, und stellte sie sie der Reparationskommission zur Verfügung, dann sei das Reparationsproblem gelöst. – Spazierhof, und mich friert zu arg, um weiterschreiben zu mögen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 9. Oktober 1922.

Ich bin sehr unruhig, weil von Zenzl immer noch keine Nachricht da ist. Da mir Siegfried vor 6 Tagen aller Gesundheit bestätigte, führe ich diese nun fast 2 Wochen währende Schreibpause auf Not im Hausstand zurück und bin in der größten Sorge und Aufregung deswegen. Ich habe eben einen langen Brief an sie geschrieben und hoffe wenigstens endlich Aufklärung zu erhalten. Zu dem andauernden Frieren noch Depressionen und Ängste – das ist nicht schön, wenn man in Niederschönenfeld „Ehrenhaft“ hat. – Ich wollte gestern noch auf die Kennasche Idee eingehn und beweisen, wie undenkbar es ist, an ihre Durchführung zu gehn. Ohne Konfiskation gibt doch kein Privater sichere Werte gegen unsichere her. Das weiß Kenna auch und will Garantien geben, sagt aber nicht was für welche. Wie die Kapitalisten auch an das Problem herangehn, für sie bleibt es ewig unlösbar, weil sie ihre Privilegien nicht einbüßen wollen. Jetzt hat Loucheur das Problem, wie es sich für die Staaten darstellt, sehr treffend bezeichnet. Er sagt, die Erde verfüge nur über ein bemessenes Quantum Gold, und daraus folge, daß sie auch ihre Konsumtion quantitativ begrenzen müsse. Also: nicht die Ergiebigkeit der Erde ist maßgebend für die Ernährung der Menschheit, sondern die jeweilige Gold-„Deckung“. Wer das Gold besitzt, bestimmt über Produktion und Verbrauch, und Maltus bekommt recht, wenn er meint: die Erde wird niemals genug für alle Menschen hergeben. – Hier ist ein ganz wichtiger Punkt, an dem die Kritik an den kapitalistischen Zuständen für ganz naive Gemüter verständlich einsetzen könnte. Mindestens die Widerlegung des Geldbegriffs als Eigenwert kann von der Loucheurschen Folgerung vorzüglich abgeleitet werden. – Aber ich kann mich heute nicht in Theorien versenken, dazu gibt es zu wichtige Neuigkeiten. Die Kriegsgefahr im Orient ist wieder unmittelbar akut. Die Konferenz in Mudania wurde abgebrochen, warum – darüber werden je nach Interesse die verschiedensten Versionen verbreitet. Am wahrscheinlichsten klingt die, daß die Griechen sich geweigert hätten, den zwischen England und Frankreich einerseits, Kemal Pascha andrerseits unterzeichneten Vorpakt vom 23. September zu unterzeichnen, nach dem sie Ostthrazien mit Adrianopel sofort zu räumen hätten. – Es heißt aber auch, Herr Franklin Bouillon habe Kemal scharf gemacht, seine Forderungen bedeutend weiter zu stecken als in jenem Pakt vereinbart war, und nun sei die britisch–französische Entente so gut wie vor dem Zerspringen. Endlich heißt’s, Kemal habe die Konferenz gesprengt, weil Rußland nicht dabei vertreten war. Das scheint mir deshalb die unwahrscheinlichste Erklärung, weil sich augenblicklich grade ein politisches Idyll abspielt, nämlich in Moskau, wo Herr Herriot zweifellos im Auftrag des Quai d’Orsay mit den Bolschewiki techtelmechtelt, damit Herrn Urquhart doch nicht das Geschäft der Ausbeutung Rußlands allein in den Schoß fällt. (Ein Beispiel für die „neue Wirtschaftspolitik“ der Moskauer: Unser Genosse Dr. Mayer erzählte mir, er habe von Vorkriegszeiten russische Staatsobligationen liegen gehabt, die vollständig entwertet waren und als verlorenes Kapital gelten mußten. Jetzt hat er sie etwas über Pari verkauft). Es heißt in der Presse, die Stimmung in Moskau sei ähnlich der in den 90er Jahren bei Abschluß des Bündnisses zwischen Frankreich und Rußland. – Aber mag der Grund für das Fiasko in Mudania sein, wie er auch sei: die Dinge bekommen ein verteufelt ernstes Aussehn durch die Meldung, die Türkei habe der Entente ein Ultimatum gestellt, in dem die unverzügliche Räumung nicht nur Ost- sondern auch West-Thraziens verlangt werde. Jetzt verlangt England von Frankreich unbedingtes Farbebekennen, ob es auf dem Pakt vom 23. September stehe oder nicht. Prophezeiungen für die nächsten Tage wären ganz müssig, zumal bis jetzt die Situation zwischen den Beteiligten selbst noch nicht einmal in den prinzipiellen Standpunkten klar ist. Meine letzte Hoffnung, daß sich der Friede (was man so nennt) noch einmal retten läßt, gründet sich aufs Wetter. Es ist für die Offensive beim Kriegsbeginn reichlich spät geworden in der Jahreszeit, und falls an den Dardanellen die großen Regengüsse schon eingesetzt haben, mag das ein Umstand sein, der die Strategen beider Lager den Kriegsspekulanten zur Verständigung raten lassen könnte (Über den Einfluß der Witterung auf die Katastrophen der Weltgeschichte müssen noch einmal Untersuchungen getrieben werden. Kriegsanfänge und Revolutionen brauchen zwar nicht sommerliche Wärme, aber unbedingt Sonnenschein und Trockenheit). – Weiter: im Leipziger Prozeß mußte ausgesetzt werden: dem Angeklagten Günther, der von der Gesamtverteidigung als Prügelknabe auserwählte „Verräter“ unter den Verschworenen (ganz sauber scheint der von den Nationalen aus ihren Reihen gestoßene Jüngling gewiß nicht zu sein), wurde während der Verhandlung speiübel. Als Ursache stellte sich heraus, daß er Pralinés ins Gefängnis geschickt bekommen hatte, die wahrscheinlich vergiftet waren. Die Absicht seiner patriotischen Meuchler ist nun allerdings sehr fehl gegangen. Günther hat die Bonbons nicht in seiner Zelle verschluckt, sondern mit in den Gerichtssaal genommen und dort hat er immerhin auch 2 Mitangeklagte damit bewirtet, Warneke und den jüngeren Techow, die auch krank wurden, und zwar Warneke in solchem Maße, daß für ihn gefürchtet wird, während der Gemeinte selbst ziemlich glimpflich wegkam und wieder herumhüpft. – Die Fehme funktioniert also noch. In Bayern finden sich ja einfachere Mittel, um mit Leuten, die die deutschnationale Hurrah-Politik nicht mitmachen, fertig zu werden. Da fungieren beamtete Richter anstelle von vergifteten Pralinés und heißen Landesverrat alles, was sich erkühnt, an ihrer Fetzarbeit im Porzellanladen Kritik zu üben. Der Prozeß Fechenbach nimmt jeden Tag erstaunlichere Formen an. Zeugen, die die bayerische Politik je kritisiert haben, werden wie ein Haufen Dreck behandelt. Voraussetzung ist: was deutschnational ist, ist sakrosankt, was es nicht ist, ist – Landesverrat. Es wird nur diesmal zu plump getrieben, und ich frage mich, ob der Haß mit diesem Prozeß nicht seinen Tafeldeckern einen Bärendienst erweist, und ob nicht der Fechenbachskandal all das zerstören wird, was der Leoprechting- und Coßmannprozeß vorgearbeitet hatte. Die Zeit drängt. Es ist so verteufelt kalt, daß ich unbedingt bald in den Hof will, und da habe ich nur noch 5 Minuten zum Schreiben Frist. – Heut früh sind wieder 2 Genossen gegangen, beide auf Bewährung: Bay und Huber; der erste im Schub der kleinkalibrigen Mitteldeutschen, Huber dagegen als recht schwerer Räterepublikaner. Von beiden ist für mich nicht viel Anlaß zum Reden. Bay mag ein ganz ehrlicher Mensch sein, aber ein großes Schwätzmaul, und seinem Schwager und Athleten-Bundesbruder Reutershan als Charakter in jeder Weise unterlegen. – Huber hat das Verdienst, mit großem Eifer und viel Geschick hier die Theateraufführungen organisiert zu haben, was ihm als Berufskomiker Gelegenheit gab, zu zeigen, was er kann und im Ganzen als wohltuende Abwechslung stets seine gute Wirkung getan hat, darunter auch die, den Frieden im Hause zu heben. Das ist schon viel. Denn im Laufe der Zeit ist von Kameradschaft nur in kleinen Zirkeln noch etwas zu spüren. Alle andern sind froh, wenn sie als Nachbarn miteinander leben können. Où est le neige d’antant?

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 10. Oktober 1922.

Morgen sind zwei Wochen herum, seit mir Zenzl den letzten Brief geschrieben hat. Mir fehlt jede Lösung des Rätsels. Eben kam von Siegfried eine Karte, in der er mir Grüße von ihr ausrichtet mit dem Auftrag, ich solle ohne Sorge sein, wenn sie mir „zur Zeit etwas weniger schreibt“. Sie sei gesund und erhole sich ein bißchen. – Ich weiß nicht mehr, was ich von alledem halten soll, denn zwischen etwas weniger und garnicht schreiben ist doch ein Unterschied, und daß es zur Erholung Zenzls nötig wäre, mich vor Kummer und Aufregung zugrunde gehn zu lassen, geht mir schon garnicht in den Kopf. Zu dieser Sorge kommt die fürchterliche Temperatur, in der wir uns immer noch aufhalten müssen. Zwar hat der Arzt den sich beschwerenden Genossen versichert, die Heizung sei „auf dem Marsch“, aber wer kann wissen wohin sie marschiert oder wann sie bei uns angelangt sein wird. Ich denke stark daran, in den nächsten Tagen einfach im Bett zu bleiben und mich zu weigern, der Gefahr mir Lungenentzündung oder Rheumatismus zu holen, weiterhin in diesem eiskalten, zugigen Hause ausgesetzt zu bleiben. Solange es geht, will ich jedenfalls die Tagebucheintragungen fortsetzen. – Die Lage im Orient ist auch nach den neuesten Meldungen noch völlig unübersichtlich. Es soll zwischen England, Frankreich und Italien durch die Entsendung Curzons nach Paris neuerdings ein Übereinkommen getroffen sein, nach dem die Griechen aufgefordert werden, Thrazien innerhalb eines Zeitraums zu räumen, widrigenfalls den Türken freie Hand gegeben werde, sie rauszuschmeißen. Hierbei soll Venizelos anregend mitgewirkt haben (dem der eben verjagte König Konstantin die Schuld an der ganzen Katastrophe Griechenlands vor Zeitungshorchern aufpackt; genau wie sein Schwager, der Doorner Bräutigam Wilhelm in seinen eben erscheinenden „Erinnerungen“ gegen ein Honorar von 400 Millionen Mark die Schuld an all seinen Verrücktheiten seinen Beratern und Ministern, aber auch Bismarck, aufpackt). Die orientalische Kriegsfrage mag also zurückgestellt bleiben, bis freierer Ausblick möglich wird. Dagegen ist die Politik der Russen wert, mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt zu werden. Aus Moskau kommt (während Herriots Anwesenheit dort!) die überraschende Meldung, daß der Rat der Volksbeauftragten dem Vertrag Urquhart-Krassin die Bestätigung versagt habe. Es heißt, Lenin und Trotzki seien für die Unterzeichnung gewesen, jedoch von der Opposition überstimmt worden, die besonders an der langen „Pacht“-Dauer – nach beliebtem Muster 99 Jahre! – Anstoß genommen habe. Es ist wohl sicher anzunehmen, daß dieser Vorgang mit Erwägungen zusammenhängt, die garnichts mehr mit Wirtschaftsfragen, sondern nur mit der Politik zu tun haben. Die russische Gesamtmobilisation soll unmittelbar bevorstehn und Truppen in Massen nach dem Kaukasus unterwegs sein. Demnach scheint man in Moskau nicht bloß mit dem Krieg zu rechnen, sondern dazu zu treiben und die eigne aktive Teilnahme schon beschlossen zu haben. Die Verhandlungen mit Herriot werden doch wohl auch zum guten Teil auf der Basis des gemeinsamen Interesses Frankreichs und Rußlands an der Unterstützung der Türken geführt werden, und es ist leicht möglich, daß die Auslieferung der wichtigsten Bodenschätze Rußlands zur monopolisierten Exploitation grade an englisches Kapital ein Stein des Anstoßes war, dessen Beseitigung durch Hervorkehrung „radikaler“ Grundsätzlichkeiten mundgerecht gemacht wird. Vermutlich hat Herr Herriot schon ein französisches Konsortium an der Hand, das bereit ist, die Urquhartschen Verpflichtungen (und Rechte) bei „nur“ 49jähriger Laufzeit des Vertrags zu übernehmen. Mich amüsiert immer wieder die Haltung der deutschen Parteikommunisten. Als Krassin mit dem Vertrag aus London zurückkam, jubelte man über den großen herrlichen Erfolg, und die Rote Fahne wies sehr grimmig die Kommentare der Unabhängigen zurück, die feststellten, daß damit die letzte Spur sozialistischer Taten ausgelöscht werde, und das arbeitende Volk Rußlands einfach an das westliche Großkapital verschachert werde. Unsre guten Parteigläubigen hier drinnen plapperten alle „Widerlegungen“ gern nach. Heut waren sie wieder glücklich, da die Opposition gesiegt hat, und also gezeigt sei, wie unrecht wir haben, die wir den Russen die Preisgabe aller Prinzipien und das Abrutschen auf die Bahn des Minimalismus und Opportunismus bis zur Auslieferung der Revolution selbst an das internationale Kapital vorwerfen. Es werden ihnen einmal bittere Wahrheiten offenbar werden, besonders, wenn einmal die Ungeheuerlichkeit der Behandlung aller Anarchisten, Maximalisten und linken Sozialistenrevolutionäre um ihres revolutionären Gewissens willen zur Sprache vor dem Weltproletariat gebracht wird. (Was den Prozeß gegen die Rechten Sozialrevolutionäre betrifft, so muß man den Bolschewiki nur das vorwerfen, daß sie 2 Jahre nach Beendigung des eigentlichen Bürgerkriegs, nachdem sie selbst längst die Todesstrafe abgeschafft haben, als Partei sich über eine andere Partei zu Gericht setzen, deren Politik sie überdies schon längst übernommen haben und das der Arbeiterschaft der Welt als Tribunal der proletarischen Diktatur anpreisen: man tut gut, wie es in einer neuen Proklamation der linken Sozialrevolutionäre jetzt geschieht, dabei zumal des gegen diese geführten peinlichen Prozesses zu gedenken, der auf Befehl Berliner Reaktionäre die Beseitiger Mirbachs mordete.) – Ich will aber nie unterlassen, das anzuerkennen, was die Moskauer auch Gutes leisten. Jetzt haben sie der deutschen Regierung den Vorschlag gemacht, Timofejew nach Deutschland zu entlassen, falls man dafür Max Hölz für Rußland freigibt. Gebe Gott, daß Radbruch von guten Geistern beraten wird und diesen Akt der Klugheit und Menschlichkeit, wenn nötig sogar vom preußischen Justizminister erzwingt! – Wird Hölz’ Leben gerettet – und alles deutet darauf hin, daß man ihn im Zuchthaus zu Tode peinigen will –, dann ist für die deutsche Revolution mehr gerettet, als die „Dialektiker“ aus allen marxistischen Schmökern zusammen herauskochen können. (Versuche, uns Hochbesteuerten alle auf diplomatischem Wege nach Rußland frei zu bekommen, sollen seinerzeit von Krestinski ernsthaft unternommen worden, von der Reichsregierung aber – wohl infolge des Widerstands von Bayern – abgelehnt sein). Bayern muß man sich austoben lassen, ehe hier irgendeine Wendung zum Besseren erhofft werden kann. Doch ist zu hoffen, daß der Kessel nicht mehr viel braucht, um zu explodieren. Herr Haß versetzt jetzt im Fechenbachprozeß dem Ansehn der bayerischen Justiz in der Welt den allerletzten Stoß, und selbst der alte Justizrat Bernstein hat erklärt, daß an diesem Prozeß, in dem der Vorsitzende die Rolle des Ermittlungs- und Untersuchungsrichters und in Wahrheit auch die des Anklägers übernommen hat und in dem Angeklagte und Verteidiger dauernd im Unklaren darüber gehalten werden, worauf sich eigentlich die Anklage auf Landesverrat stützt, die bayerischen Volksgerichte sterben müßten. Der Haß rast geradezu in seinem blinden Eifer, nicht nur die Angeklagten, sondern zugleich deren Verteidiger, die Entlastungszeugen, alle möglichen Leute, die einmal gewagt haben, ein Wort der Kritik an den bayerischen Zuständen zu äußern, zu vernichten. Er hört, daß ein Korrespondent der „Augsburger Postzeitung“ sich einmal ungünstig über die bayerischen Volksgerichte ausgelassen hat; die Postzeitung ist eines der bedeutendsten Organe der Bayerischen Volkspartei – tut nichts. Knecht ist ein Lump; es wird ihm in seiner Abwesenheit von einem Richter im Amt bestätigt. Der Anwalt des Angeklagten Gargas hat sich in dessen Auftrag an die polnische Gesandschaft gewendet, damit sein Klient bei der Regierung seines Landes einigen Rückhalt finde, also der selbstverständlichste Schritt, den es gibt. Aber Herr Haß konstatiert: also ein deutscher Anwalt wendet sich in einer innerdeutschen Angelegenheit an die Regierung eines ausländischen Staats, und zieht dabei sogar die Zuständigkeit des deutschen Gerichts in Zweifel! Ballin, der Anwalt, verlangt daraufhin sofort Feststellung, ob er seine Pflichten der Verteidigung irgendwie überschritten habe: Das geht uns hier nichts an, meint Haß. Es genügt ihm, den Miesbachern den Mann schon als Landesverräter bezeichnet zu haben. Überhaupt wird er sehr erregt, wenn jemand etwas gegen die Institution der Volksgerichte überhaupt oder gegen seine Prozeßführung im besonderen sagt. Bernsteins Aeußerungen läßt er protokollieren, scheint also auch weitere Schritte zu planen. Kommt ihm irgendetwas für irgendeinen Zeugen belastend vor, fordert er den Staatsanwalt auf, sich damit zu befassen. Ja, er überweist einige Artikel Fechenbachs in aller Form der politischen Polizei, der berühmten Abteilung VI, die er also damit offiziell als höchste bayerische Instanz – über allen Gerichten, über ihm selbst – anerkennt. Den armen dummen Jungen, der da als Hauptangeklagter vor ihm steht, behandelt er unter der Lende. Leider wird ihm das durch sehr häßliche Dinge, die auf dem Konto Fechenbach stehn, erleichtert. So scheint die liebe Ehefrau ihr patriotisches Denunziationsherz erst eröffnet zu haben, als ihr Felix schon auch ihr mit Denunziationen an die Polizei und die Staatsanwälte gedroht hat. Und der Haß hält ihm Artikel aus englischen Blättern vor, in denen er während des Mitteldeutschen Aufstands die Münchner Kommunisten öffentlich denunzierte, sie suchten die Polizei zu provozieren. Haß markiert bei dieser Gelegenheit den ganz Objektiven und empört sich über den Solidaritätsbruch, da die Kommunisten doch selbst aufs Schärfste grade gegen diese Unterstellung protestiert hätten (und 18 kommunistische Genossen sind ja damals verurteilt worden; sie werden sich in der Tat dafür auch bei Fechenbach bedanken dürfen). Als Haß fragt: „Wo bleibt da Ihr Grundsatz: Proletarier, vereinigt euch!?“ meint der geängstigte Delinquent – und damit versalzt er sich seine Situation auch noch bei der ganzen Arbeiterschaft: „Die proletarische Solidarität hat gewisse Grenzen. Ich bin Sozialist, aber kein Bolschewist.“ – So sah Eisners nächster Helfer aus! Und Herr Haß nützt es aus, ohne Bedenken und stellt sich entrüstet, auch wenn sein Opfer das ihm Erwünschteste tat. – Aber dieser Prozeß wird, obwohl oder weil er seinen Spruch ohne Nach-Instanzen fällt, in der Revision Fiasko machen. Haß hat sich zu weit vorgetraut diesmal. Zuviele, und zu weit in sein eignes Lager reichende Dinge hat er berührt und gekränkt. Er hat die „Volksgerichte“ unmittelbar kompromittiert. Das wird ihm die Karriere, das wird der bayerischen Justizfronde ihr schärfstes Instrument kosten. Kracht aber erst ein einziger von den Strebepfeilern zusammen, auf denen die bayerische Eigenart ruht, dann wird es kein Halten mehr geben. Schwäche ist der einzige Luxus, den sich eine Gewaltherrschaft nicht erlauben darf. Die Schwäche aber ist die verhängnisvollste, die aus der Übertreibung der Kraftäußerungen resultiert. Die überdauert kein Tyrann. Der Haß, der uns vernichten will, dieser Haß wird uns retten!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 11. Oktober 1922.

Gott sei Dank! ein Brief von Zenzl. Ihr anhaltendes Schweigen erklärt sich anscheinend aus bloßer allgemeiner Verstimmung, und sie wird selbst die Tage nicht gezählt haben, die sie ohne eine Zeile verstreichen ließ. Alle diese Ängste und Nöte, all dies Witwenleid und seine Rückwirkungen auch auf mich werden die Anklage stützen müssen, vor der, wenn nicht mehr die leiblichen Personen vor den Tribunalen des Volks, so doch ihre Manen vor dem Forum der Geschichte sich die Hüter des bayerischen Rechts von heute einmal werden verantworten müssen. – Nun, im Augenblick ist meine Seele wieder sehr erleichtert, und auch sonst geht’s besser, da endlich eingeheizt ist. Zwar ist es deshalb, mindestens auf den Gängen, noch durchaus nicht warm. Das geht hier drinnen nicht so rasch, nachdem das nach allen Seiten offene, mit Steinfließen in den Gängen belegte Haus, das keine Türen vor den Treppen hat, um die Innenräume zu schützen, in das von allen Seiten durch Ritzen und Fenster Zugluft hineinweht, wochenlang keinen Sonnenstrahl gesehn hat und fürchterlich durchkältet ist. Bis jetzt ist also die Wohltat mehr durch schlechte Luft als durch Erwärmung fühlbar, doch ist schon das Bewußtsein, von einer durch Kohlendunst schlecht gewordenen Luft umweht zu werden, tröstlich, und endlich können wir damit rechnen, von jetzt ab der Gefährdung unsrer Gesundheit durch Mangel an Wärme überhoben zu sein. Wahrscheinlich hat der Arzt die Verantwortung für unsre Gesundheit bei weiterem Frieren abgelehnt; außerdem hatten wir aber in diesem Fall das ganze Märtyrerpersonal zu Bundesgenossen. Das ist der Vorzug der Zentralheizung, daß sie beim Streik auch die „lebenswichtigen“ Betriebe hernimmt, und die verfrorenen blassen Gesichter der Aufseher bezeugten deutlich genug, daß mit unsrer Erwärmung zugleich auch unsre Überwachung aufhören müßte. – Politische Neuigkeiten sind kaum zu vermerken. Die Orientfrage ist immer noch so kritisch wie sie war. Ob Krieg oder Provisorium wird, hängt von 1000 Faktoren ab, die durch die ohnehin gehemmte Zeitungslektüre nicht alle überblickt werden können. Die Russen erklären jetzt, alles Gerede über eine Links-Opposition, die gegen das Urquhart-Abkommen die Mehrheit für sich gewonnen habe, sei falsch. Vielmehr sei die Verweigerung der Unterschrift unter den Krassinschen Vertrag die Repressalie gegen Englands Stellung zur Zulassung Rußlands an der Türkenkonferenz. Ich bin noch nicht davon überzeugt, daß mit dieser offiziösen Erklärung, an die die Rote Fahne wieder mal dicke Sprüche über die Belehrungen knüpft, die England damit vom Wesen einer Sowjetmacht und von der Würde kommunistischer Staatsleiter erhalte, die Betrachtungen widerlegt sind, die ich gestern hier an die Geschichte anschloß. Man wird ja sehn. – Bei uns geht indessen der allgemeine Niedergang im rapiden Tempo ins Chaos hinein. Der Dollar hat zum ersten Mal den Stand von 3000 Mark erreicht. Die Reichsbank bietet für 20 Mark in Gold 6200 Mark in Papier (was ungefähr einen Maßstab gibt für die allgemeine Umrechnung der Preise. Doch hält sich im Einzelnen natürlich keine der Preisveränderungen an diese oder überhaupt eine Taxe. Manche Dinge sind erst um das 30 – 40fache, andere schon um das 1000- und mehrtausendfache ihres Friedenswerts gestiegen). Man sollte meinen, daß es der Arbeiterschaft allmählich klar werden dürfte, was unter solchen Umständen nötig ist: radikalstes Durchgreifen, Expropriation des Großgrundbesitzes für Kleinbauern und Landproletariat, Übernahme der gesamten Industrie durch die Arbeiter und Umstellung aller Produktion auf den Bedarf. Selbstverständlich rigoroseste Planwirtschaft, – und was zu alledem nötig wäre, Entmachtung der Mächtigen, Selbstbestimmung der Schaffenden, – also Revolution! Aber wir haben Volkswirtschaftler, und die salbadern und doktern an der verpfuschten Wirtschaftsorganisation herum, daß die Nachwelt einmal Tränen lachen wird, und wir haben vor allen Dingen als eigentliche Leiter und Bestimmer unsres Schicksals das, was sich immer noch „Sozialisten“ nennt. Und siehe, die neueste Rettung des Volks aus Elend und Untergang entstammt dem Bregen – wessen? Erhard Auers. Der Tribun, duftend vom Pulverqualm selbst geladener Pistolen, vom Blut gefallener Revolutionäre, vom Kot seiner ganz privaten Moral im Verhalten gegen Revolutionäre einerseits, gegen Reaktionäre andrerseits und vom Parfum der Renten, Tantièmen, Dividenden und Gehälter sowohl als auch der verschiedenen Blumensträuße an Arco, Kahr und Ludwig, den Millibauer – der Tribun, also duftend hat einen Rettungsplan ausgeschwitzt*, dem sein Organ – trotz Verbrüderung und Verschmelzung mit der Unabhängigen Morgenpost sein Organ noch immer, die Münchner Post, eine ganze zweiseitige Beilage und eine Aufmachung widmet, wie sie sonst nur Kriegsausbrüchen mit eigner Hurra-Beteiligung und Abonnements-Einladungen zuteil wird. Ein schmalziges Praeludium schildert beweglich die Not des armen Mannes, der seinen Kindern Kleidung und Schuhe kaufen möchte und die 40 000 Mark, die er dafür braucht, nicht hat und blauen Lappen um blauen Lappen zusammenhamstert, bis die Summe da ist. Aber, wenn das endlich zusammen ist, – wehe, dann kostet das Nötige schon 150.000 Mark. Und so nützt also dem armen Mann, – als welcher [er], wie Auer-Vater besonders bejammert, noch nicht mal immer ein Proletarier zu sein braucht, heutzutage nicht einmal mehr die größte Sparsamkeit, um den Bedarf seiner Familie decken zu können. Schaut’s – da muß was g’schehn! Und wozu ist Auer Sozialist, wenn er nicht wüßte, was g’schehn muß! Vor allem ist’s nötig zu wissen, woran der Jammer liegt, und der – denn Auer ist Sozialist! – der liegt – staunt und hört, was ein Sozialist und marxistischer Arbeiterführer sagt! – der liegt an der Entwicklung der Mark, durch die es nämlich so schwierig geworden ist, Devisen zu kaufen. Ja, wenn man mit Devisen bezahlen könnte, das wäre hübsch. Und so muß man eben mit Devisen bezahlen können, und dann ist’s rum, und der arme Mann kann seinen Kindern Kleider und Schuhe kaufen nach Herzenslust, wenn er nur schön spart! Und dann kommt nämlich das Hauptstück der rührenden Oper, und die ist gleich in Paragraphen zerlegt, fertig zubereitet für den Staat, der braucht alles nur in Kraft zu setzen, und die Not hat ein Ende. Der Staat soll nämlich eine Sparbank errichten, da soll nun der Arbeiter seine Groschen hintragen (unter Groschen versteht man längst 20- bzw. 50-Markscheine), und wenn’s genügend sind, die die ihrigen hingebracht haben, dann soll Vater Staat nach Vater Auers Plan gleich schleunigst Devisen kaufen, und das Spargeld erhöht sich wie der Dollar steigt. Der Nutzen für Staat und Volk wird dann im Finale mit rührenden Akkorden ausgegossen. – Die ganze Idee ist so spießbürgerlich, daß es sich nicht lohnt, mit einem Wort drauf einzugehn. Und wenn es mir nicht dran läge, dem Verfasser hier eine Charakteristik zu sichern, die ihn als repräsentativen Typus des Arbeiterbeamten in seiner ganzen Schönheit und in der ganzen Korruptheit der Partei- und Gewerkschafts-Proletariatsretterei unsrer Tage getreu für die künftige Forschung festhält, hätte ich mich mit der ganzen Sache nicht befaßt. So soll das arme Proletariat genarrt werden! Kein Wort weiß dieser „Sozialist“ von dem grauenvollen Elend, das die infame Kriegsschweinerei über dies Land wie über alle Länder gebracht hat. Kein Wort weiß er über die Ausbeutung zu sagen, über die Spekulation, über Schiebertum und Börsenjobberei, über die Stinnes-Truste oder die Besitzmonopole überhaupt, – das Wort Klassenkampf ist ihm verpönt: Spart von euerm Lohn, tragt’s zur Bank, damit das Kapital euern Schweiß zum zweiten Mal durchpressen kann. Ihr werdet herrlich belohnt werden! – Vielleicht wird sich der Staat wirklich auf den Plan einlassen. Mit Palliativmittelchen zu arbeiten, die nach Wohlwollen fürs Volk aussehn und ganz naive Leute hoffnungsvoll stimmen können, ist immer nach Staatsgeschmack gewesen. Der Gedanke kommt von einem hervorragenden Führer der sozialdemokratischen Partei. Warum soll man’s nicht machen? Der Zweck ist ja gewiß sehr schön. Denn die Bourgeoisie weiß, welches der Zweck ist: nicht, sie in ihren Besitzprivilegien zu stören, sondern im Gegenteil, sie der steten Geneigtheit der Sozialdemokratie zu versichern[,] ihren Büttel zu machen und die Noskes zu stellen, die dann mit der Motivierung „zupacken“: was braucht ihr Revolutionen zu machen, da wir selbst euch doch bewiesen haben, daß ihr bei Sparsamkeit und Vertrauen zu den bewährten Führern euch ganz schön mit den gegebenen Tatsachen hättet abfinden können! – Wenn wir, sofern wir die Zügel noch einmal in die Hand bekommen, den Auer und die Auerochsen nicht nicht bloß vom Wagen schmeißen, sondern ihnen nicht auch mit sämtlichen Achsen des Gefährtes die Rippen zu Brei mahlen, dann verdienen wir selbst, gerädert zu werden.

 

* nicht einmal! Er hat ihn zugeschickt bekommen und ist so begeistert davon, daß er ihn als Rettungsanker auswirft!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 12. Oktober 1922.

Es ist spät geworden. Denn ich habe mit dem jungen Popp und mit Hartig auf ihren Wunsch einen kleinen Kursus begonnen über das, was man im Verkehr mit Strafbehörden wissen muß. Mein alter Plan, draußen einmal Arbeitern ohne Unterschied der Organisation derartigen Unterricht zu geben, gewinnt so eine Grundlage. Bewaffnet mit Strafgesetzbuch, Strafprozeßordnung, Gerichtsverfassungsgesetz und Gesetz zum Schutz der Republik, das ja jetzt den Weg jedes mit Gesinnung begabten Menschen mit Fußangeln ohne Zahl garniert, suche ich die nötige Kenntnis über die Rechte, die man hat, zu vermitteln, damit nicht fortwährend wieder durch die eigene Dummheit, Geschwätzigkeit und vor allem Unkenntnis die Verfolgungswut der Polizei und der Staatsanwälte Nahrung findet und nicht wie im Münchner Mitteldeutschen Prozeß ohne bösen Willen einer immer den andern in die Bredouille bringt. Sowohl der Rathenau-Mord-Prozeß in Leipzig wie der Fechenbach-Prozeß in München liefert neues Material für die absolute Notwendigkeit gründlicher Rechtsaufklärung für jeden, der sich mit politischen Dingen befaßt. Es ist aber leider festzustellen, daß die jungen Leute in Leipzig, wenn auch nicht alle, im großen Ganzen bessere Haltung haben als die 3 „Landesverräter“ in München. Allerdings stehn diese 3 Sünder auch politisch in verschiedenen Lagern und brauchen weniger Rücksicht auf einander und auf Organisationen zu nehmen als die Komplottbrüder vor dem Staatsgerichtshof. Aber es zeigt sich wieder, daß die Unbekümmertheit um das Schicksal der Mitangeklagten keine bloße Solidaritätspflicht sondern auch das eigene Interesse verletzen heißt. Der junge Techow und seine Gefährten haben offensichtlich vorzüglichen Instruktionsunterricht genossen. Sie können schweigen und tun es überall, wo ihr Geheimbund durch Reden kompromittiert werden könnte. Die sozialdemokratischen Schmöcke beschimpfen sie deshalb als feige! Die Idioten. Sie sollten lieber den Arbeitern vorhalten, daß ein Mensch von Anstand niemals das Maul aufreißt, wenn er dadurch seiner ideellen Sache Schaden zufügen kann. In München reden die Beschuldigten viel zu viel, und Herr Haß täte sich erheblich schwerer, wenn die Angeklagten weniger bestrebt wären, ihm zu beweisen, daß sie „deutschfreundlich“ nach seiner Auffassung sind. Ich hätte dem Mann längst seine politischen Gesinnungsbekundungen zurückgewiesen und ihm erklärt, daß er nicht zur Beurteilung meiner politischen Überzeugung sondern zur Feststellung von Tatsachen berufen sei, die die Verletzung des § 92 in sich schließen. Bis jetzt hat das keiner riskiert, und jeder Zeuge bemüht sich ebenfalls, dem strengen Richter seine Loyalität gegen die deutschnationale Patridiotie zu Gemüte zu führen. Denn der achtet peinlich auf jeden Schritt vom Wege des in der München-Augsburger Abendzeitung vorgeschriebenen Patriotismus und hinter jedem seiner Worte droht ein neues Verfahren (mit ihm, dem Haß, als Kläger, Untersuchungs- und Erkennungsrichter in einer Person), wie er denn schon von seinem Richtertisch aus der Staatsanwaltschaft und der Polizei Material zu neuen Aktionen übergeben und selbst den alten Justizrat Bernstein angefahren hat, er habe objektiv die Unwahrheit gesagt und ihn, das Gericht, das bayerische und das deutsche Recht in einer Form beschimpft, die kaum mehr als objektiv angesehn werden könne und die er deswegen protokollieren ließ. Dem Anwalt des Gargas, Ballin, aber hat er sogar kaum verblümt, Begünstigung des Landesverrats vorgeworfen. Ja, als der Staatsanwalt selbst die Anklage in 8 Fällen fallen ließ, mußte er sich vom Verhandlungsleiter sagen lassen, daß ein andrer Staatsanwalt kaum auf diese Fälle verzichtet hätte. Sehr interessant ist auch der, von Bernstein abgelehnte, Rat, die Lembkesche Angelegenheit abzutrennen, die dem Vorsitzenden bei der politischen Rückständigkeit dieses Delinquenten selbst mulmig vorzukommen scheint, und die Äußerung Lembke gegenüber, wenn er zugebe, sein Bericht über die Münchner Monarchistenkonferenz sei von ihm aus den Fingern gesogen, dann könne man die Beschuldigung des Landesverrats gegen ihn nicht aufrecht halten. Das ist ziemlich deutlich. – Mitten in diesen Prozeß springt jetzt die Meldung, daß in München eine Serie neuer politischer Verhaftungen vorgenommen wurden, und zwar wird diesmal ganz rechts zugegriffen, und die Herren Hauptmann Römer, Fritz Endreß, Österreicher etc sind die Betroffenen. Man wirft ihnen vor, zu politischen Morden, Einbrüchen und Verbrechen ähnlicher Art Vorbereitungen getroffen zu haben. Das Erstaunen, daß in Bayern Nationalisten wegen dieser Delikte belangt werden, legt sich bald, wenn man sich die Verhafteten näher anschaut. Es sind lauter Zugehörige des Oberland-Korps. Daß sich im „Oberland“ allerlei innere Konflikte abspielten, ist schon lange bekannt, und als einmal die „Welt am Montag“ Intimes (ich glaube von Leoprechting geliefert) brachte, da war es der Hauptmann Römer, der diese Dinge bestätigte. Es trat also eine Spaltung ein. Und da auf der Mordliste der Verhafteten der Kapitänleutnant Erhardt stehn soll, ist es klar, daß Gegner der Organisation C, Gegner der Hitler und Xylander die neuen Objekte der bayerischen Rachegöttin sind, und niemand wundert sich mehr. Jedenfalls stehn also weitere hübsche Enthüllungen in Aussicht, und Bayerns Eigenart wird noch süßere Düfte ausströmen als bisher schon. – Aber eine Kleinigkeit muß ich noch weiter zum Fechenbachprozeß erwähnen. Als Zeuge wurde nämlich auch Erhard Auer vernommen, und er unterließ es nicht, sich auch beim Dr. Haß um ein Fleißbilletchen zu bemühen, indem er pathetisch erklärte, auch er halte Mitteilungen über innerdeutsche Dinge für so bedenklich, daß man sie nur mit sehr großer Vorsicht ins Ausland loslassen dürfe. Auch nahm er die Alpenvereine, diese bayerisch-tirolerische Brutanstalt hakenkreuzlerischer Wadenstrümpfe gegen den Vorwurf in Schutz, daß dort Politik getrieben würde. Er sei selbst Mitglied eines Alpenvereins, was aber, wie mir scheint, nur beweisen könnte, daß dort keine sozialistische Politik getrieben wird. Herr Dr. Haß hat übrigens auch seinerseits erklärt, er sei Mitglied eines Alpenvereins (was zusammengehört, findet sich halt zusammen), aber nur bestritten, daß dort Pogrompläne beraten sein könnten. Aber – „da kommt ein Pole daher“ (wörtlich) und behauptet dergleichen. Grade in Polen wird Herr Haß verdammt wenig imponieren mit dieser Art, den Angeklagten Gargas zu überführen, daß er Landesverräter sei. – Ich will noch eine halbe Stunde in den Hof. Daher nur eine kurze Anmerkung zur Hauschronik. Heute kam Ferdinand Mairgünther von Amberg aus dem Gefängnis zurück, wo er ein volles Jahr „Zuwag“ abbüßen mußte, weil er als Polizeipräsident der Räterepublik Befehl gab, alle im Präsidium in der Ettstraße gespeicherten Lebensmittel mitzunehmen, damit sie den Weißen nicht in die Hände fallen. Während akuter Waffenkämpfe also die selbstverständlichste Anordnung von der Welt. Aber das „Volksgericht“ entschied, daß das nicht zu dem mit 3 Jahren Festung schon bestraften „Hochverrat“ gehöre, sondern speziell als Aufforderung zum Diebstahl bestraft werden müsse. Und sein ganzes Plusjahr hat er absitzen müssen, und von seinen übrigen 3 Jahren hat man ihm erst recht nichts nachgelassen. Gerechtigkeit!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 13. Oktober 1922.

Ich habe bloß 20 Minuten Zeit, weil ich dann zu Hartig zur Fortsetzung meiner Rechtsbelehrung muß, danach an Zenzl, die ganz unglücklich ist, weil ich unter ihrem Schweigen so litt, einen langen Brief schreiben und endlich von 4 – ½ 6 in den Hof will, da heute plötzlich schönster Sonnenschein ist, vielleicht aus Bosheit des Himmels, vielleicht aus reiner Freude, daß es nun endlich auch in der Festung Heizung gibt. Zur politischen Lage ist hauptsächlich das nun doch zustandegekommene Mudania-Abkommen zu nennen, das den Türken – bis auf weiteres ohne Krieg – den Weg nach Thrazien freimacht, das von allen Mächten, und unter englischem Druck auch von der „revolutionären“ Generals-Regierung des unter Standrecht ächzenden Griechenland unterzeichnet ist. Ein triumphaler Sieg Kemals, eine Niederlage Englands, die Frankreichs Faschoda in den Schatten stellt. Aber der Bruch der Entente ist wieder einmal vermieden. Man kann sich’s nicht leisten, auseinanderzugehn, da die Konkursverwaltung über das bankrotte Mitteleuropa nicht leicht von verfeindeten Gläubigern zu fruktifizieren ist. Kommt hinzu die Ankündigung der Amerikaner, sie dächten nicht an Kreditgewährungen an irgendeine europäische Macht, die das Geld in Rüstungen anlege oder die außerstande wäre, ihre Finanzen in Ordnung zu halten. Das ist ein Schlag ins Comptoir, für England und Frankreich nicht lieblicher als für Deutschland und Österreich. Bei uns fängt man plötzlich an, schleunige Maßnahmen zu beraten, um den Marksturz aufzuhalten, und schon heute soll eine Notverordnung ergehn, um der Devisenspekulation das Genick umzudrehn. Ja, es soll sogar erwogen werden, die Milliarde Goldreserve der Reichsbank unter Ausgabe besonderer Papiere zur Stärkung der Valuta in Umlauf zu setzen. Nachdem weder das Pleitegeschrei mit anschließendem Quasi-Moratorium bei den belgischen Verhandlungen, noch die schönen Londoner Operationen des Herrn v. Havenstein mit der Englischen Bank noch selbst der Stinnes-Lubersac-Vertrag den Valutaverfall aufhalten konnte, wollen wir mal sehn, ob’s nun mit einer Ebertschen Verordnung gelingt, die viel zu spät kommt, um die schon in Devisen umgesetzten Hamsterwerte noch erfassen zu können. Vielleicht gelingt’s ja, die Mark vorläufig zu stabilisieren, ihren Kurs vielleicht auch etwas zu heben, aber es ist alles nur Schein, was dabei herauskommen kann. Denn in Wahrheit dreht sich’s bei allem Elend weder um die Währung noch um die Reparationen, sondern einfach um die falsche Organisation von Produktion, Konsumtion und Zirkulation. Man kuriert immer nur an den Symptomen herum, weil man an die Wurzel nicht herangehn kann, sofern man nicht das kapitalistische System selbst preisgeben will. Denn die substantiellen Unterlagen der Volkswirtschaft könnten nur konsequente Sozialisten der gerechten Verteilung unter die Menschen zuführen. Der Weltkrieg hat alle Werte umgewertet, sodaß mit ihnen nicht mehr gewirtschaftet werden kann. Der Bürgerkrieg muß kommen, um neue Werte zu schaffen, neue Beziehungen zu eröffnen, neues Leben zu ermöglichen. Und er wird kommen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 14. Oktober 1922

Ganz kurz einige Stichworte. Zunächst: wir haben wieder Zugang bekommen. Irgend ein Institut für nicht bewährte Bewährungsfristler hat einen gewissen Fritz Weber hierher zurückgespien, einen Jüngling, dem von der Plassenburg her der denkbar übelste Ruf anhaftet mit so starken und überführenden Argumenten, daß ich ihn à la Götz und Kurt Müller behandeln werde, mit denen ich zeit unsrer gemeinschaftlichen Haft kein Wort gewechselt habe. – Wegen der Zeitnot (5 Minuten!) unterlasse ich alle Kommentare zu allem, und begnüge mich mit ein paar Prozeßnotizen: der Reichsanwalt hat in Leipzig seine Anträge gestellt; für Techow Todesstrafe, für die übrigen Zuchthaus von 6 Jahren abwärts und ein paar Freisprüche. Unglaublicherweise verlangt er Aberkennung der Ehrenrechte und bestreitet die rein politische Wertung des Falls. In München hat der Staatsanwalt unter Beschimpfungen nicht bloß des toten Eisner und des ermordeten Erzberger (den er bloß als ihm keineswegs sympathisch ehrte) sondern auch Landauer, den er schlankweg einen Lügner nannte, gegen Fechenbach und Gargas je 15, gegen Lembke 14 Jahre Zuchthaus beantragt, für alle außerdem 10 Jahre Ehrverlust. – In Berlin wurde Carl Einstein und sein Verleger Rowohlt wegen „Gotteslästerung“ in einer literarischen Arbeit zu hohen Geldstrafen – und in Rudolstadt zum zweiten Mal Gustav Wyneken zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt. In diesen paar Zeilen bringe ich kein besseres Bild des deutschen Kulturstandes mehr zusammen.

 

Mir ist im Hof zu kühl geworden. So habe ich noch eine Viertelstunde fürs Tagebuch übrig. Zu den Prozessen ist ja kaum mehr viel zu sagen. Die Staatsanwaltsrede gegen Fechenbach und die beiden Mitangeklagten war eine einzige politische Scharfmacherei. Auch dieser Herr meint, journalistische Arbeiten, die auch noch bezahlt werden, beweisen Niedrigkeit der Gesinnung und „Geldgier“. Er scheint nicht befragt worden zu sein, ob er gratis arbeitet, wenn er Menschen, die die Weltordnung der Gegenwart weniger erbaulich findet[finden], als er und Herr Dr. Haß (der dasselbe Argument auch mehrfach anzog), ans Messer liefert. Da der Mann fand, daß die gesetzliche Höchststrafe von 15 Jahren (bei Fechenbach verlangte er 15 + 12 Jahre mit Reduzierung auf 15) für Fechenbach und Gargas eigentlich viel zu niedrig sei, und Haß’ Menschenliebe bekannt ist, ist aber zu fürchten, daß Herr Dresse seinen Willen bekommt, obwohl Bernsteins Plaidoyer dem bisher bekannten Anfang nach wuchtig genug gegen diese Art „Gerechtigkeit“ ins Zeug geht. Erwähnt werden muß hierbei der Beschluß des Münchner Journalistenvereins, Lembke aus der Organisation auszuschließen aufgrund des Prozesses. Vor dem Staatsanwaltsplaidoyer, vor dem Urteilsspruch! Das ist eine der schuftigsten Niederträchtigkeiten, die ich kenne. Das heißt, den Berufskollegen dem Haß gradezu fürs Zuchthaus zu empfehlen, um die eigne Loyalität in Glanz zu stellen. Welch ein Gesindel! Als ob nicht die Mehrzahl dieser Soldschreiber ihre Gesinnung seit 8 Jahren öfter gewechselt hätte als das Hemd! Bis 14 waren sie „liberal“, von 14 – 18 alldeutsch-patriotisch, dann republikanisch-eisnerisch und im April räterepublikanisch. Mit Kahr wurden sie kahrisch, mit Lerchenfeld lerchenfeldisch und mit Haß gehässig. Journalisten! Nicht daß sie für das Geschreibe Honorar nehmen, macht sie verächtlich sondern daß sie schreiben, wie es der Honorargeber verlangt und daß sie Gesinnung markieren, wo ihnen nichts fremder ist als eine Gesinnung, die grade offiziell unbeliebt ist. – Weiteres, und über die Sache des Leipziger „Staatsgerichtshofs“ nach Fällung der Urteile. – Interessant ist, daß grade jetzt Poincaré sich wieder an die Kriegsbeschuldigten erinnert und 2 Generäle in contumaciam aburteilen läßt, wobei die früheren Leipziger Prozesse als Parodie bezeichnet werden. Ich bin neugierig, ob der Fechenbachprozeß nicht die Wirkung haben wird, demnächst mal bayerische Objekte auszusuchen, um dieses – übrigens sehr wenig einwandfreie – Geschäft fortzusetzen. – Die Herren Ebert und Bauer haben nun also ihre „Notverordnung“ über die Devisenspekulation herausgelassen. Selbstredend ist es ein Tropfen auf einem heißen Steine, wenn auch zunächst der Dollar etwas fällt (2400 Mark). Soweit ich urteilen kann, werden hauptsächlich nur die kleinen privaten Spekulanten betroffen werden, die mehr aus Not als aus Geschäftsgerissenheit minimale Devisenschiebungen versuchen möchten. Das Großkapital wird nicht lange brauchen, um die etwa möglichen Umgehungen erwittert zu haben. Inzwischen aber beschäftigt sich das Ausland ebenfalls mit unsern Währungsnöten, und die Finanzkontrolle, die für Österreich schon in den Grundlinien vorgezeichnet ist, kommt auch bei uns. Dann werden wohl allerlei Generals- und Exminister-Pensionen und gar die „Abfindungen“ der abgehalfterten Potentaten erheblich gekürzt werden. Aber die Pariser Rechner werden auch das bißchen Gute, was wir haben, nicht verschonen, und ich sehe sie schon Museen, Theater und Bibliotheken zum Tode verurteilen. Denn unsere Ententisten sind Esel, wenn sie meinen, daß drüben die Rechner keine Barbaren wären. Sie sind alle einander wert.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 15. Oktober 1922.

Heute vor 2 Jahren traf ich in dieser Bastille ein, vorgestern vor 3½ Jahren wurde ich hinter Gitter gebracht – und bis jetzt kein Absehn, wie lange die Tortur noch dauern wird und die wenig erfreuliche Konstatierung, daß in all der Zeit unsre Lage nur schlimmer geworden ist, und daß die Feinde sich stärker fühlen als je zuvor. Man wird z. B. den Fechenbachprozeß durchaus als Kraftprobe der Reaktion ansehn müssen, die sich damit schon gradezu traumhaft weit vorgewagt hat. Der nun zum Parteigenossen des Reichspräsidenten Ebert gewordene Mann wird verurteilt – und wahrscheinlich zur furchtbarsten Strafe, die dem Haß zu Gebote steht, weil er vor Abschluß des Versailler Vertrags mit den Mitteln, die er für geeignet hielt – und nach dem Moralgezeter der demokratischen Weststaaten mußte sie jeder dem Wort von Regierenden Trauende für geeignet halten –, nämlich durch Bekundung, daß man in Deutschland eine neue Ethik einführt, die der Wahrheit, die der Preisgabe Schuldiger, weil er mit solchen Mitteln versuchte, günstigere Bedingungen für die „Erfüllung“ bewirken zu helfen. Man kann keineswegs behaupten, daß das Mittel, den Bevollmächtigten von Deutschland für die Verhandlungen zu entlarven als den Annexionisten, der er 14 gewesen war, durch die Tatsachen als untauglich erwiesen wäre. Denn Erzberger wurde ja trotz dieser Veröffentlichungen, gegen den Willen derer, die da veröffentlichten bevollmächtigt, und man könnte vom Standpunkt Fechenbach-Eisners wenigstens behaupten: hätte man statt Erzberger Eisner, Förster oder Harden delegiert, wären die Bedingungen vielleicht leichter ausgefallen (ich glaub’s freilich nicht, weil Staatsverträge nicht von Moral diktiert werden). Übrigens drehte es sich in dem Prozeß um ganz bestimmte politische Tendenzen. Einmal sollte die Erfüllungspolitik als solche getroffen werden, die Politik also, auf der das ganze Regierungssystem des Reichs beruht. Leute[n], die selber keinerlei Verantwortung tragen für die Politik des Reichs, die in Opposition dagegen stehn, verurteilen sie an einem zufälligen Objekt mit barbarischster Grausamkeit, weil ihnen in dieser sehenswürdigen Republik die Macht zum Urteilen und Richten von denen ausgeliefert ist, gegen die sich die „Rechtssprüche“ der Herren eben andauernd richten. Diese Leute sind auch insofern klüger als ihre Auftraggeber (die Selbstwähler ihres Metzgers), als sie wissen, daß die tatsächliche Macht nicht in der Ausübung der formalen Regierung besteht, sondern in der organisierten und auf Ideen gegründeten Tatkraft. Die eigentliche Macht in Deutschland aber liegt bei den nationalistischen Geheimbünden, denen es bis jetzt vollständig gelungen ist, die Reichspolitik der Erfüllung zu durchkreuzen und die offiziell Beauftragten unter Druck und Angst zu halten, sodaß effektiv garnicht erfüllt und „demokratisch“ regiert werden kann. Die Reaktionäre bei uns kennen diese Zusammenhänge sehr gut (das Proletariat wird durch seine Parteibeamtenwirtschaft und durch das irrsinnige marxistische Dogma, daß zwischen politischen und wirtschaftlichen Kämpfen grundsätzliche Unterschiede bestünden, an der Kenntnis leider verhindert). Den bayerischen „Volks“richtern kommt es deshalb darauf an, unter allen Umständen alle Tatsachen zu verbergen, die die wirklichen Zustände bestimmen. Daher der Befehl an die Presse, kein Wort laut werden zu lassen, das über die nationalistischen Geheimorganisationen bzw. über Waffenlager gesprochen wurde. Diese Geheimorganisationen haben nach Ansicht der Entente den Zweck, Kriegskadres zu sein für die Revanche, und die Waffenverstecke sind eo ipso in ihren Zwecken klar. Daher besteht beides gegen jede Erlaubnis und ist unvereinbar mit Erfüllungsabsichten. Der Prozeß in München wurde gerade darum arrangiert, um jedem „Erfüller“ die Lust auszutreiben, die Verhinderung der Erfüllung, die Sabotage der Ebert-Wirthschen Gesamtpolitik zu hintertreiben. Hilfeleistung zugunsten der Reichsregierung, ihre Versailler Verpflichtungen zu erfüllen, ist in Bayern Landesverrat und wird mit der Höchststrafe gesühnt. Die Illustration zu dieser These lieferte gleichzeitig der Rathenaumordprozeß, der nach dem Willen der Republikschützer dem Staatsgerichtshof zum ersten Mal Gelegenheit geben sollte, in die Tiefen der deutschen Maffia hinunterzuleuchten, um den Geheimbünden endlich mal an ihren Herden beizukommen. Und was ward aus dieser schönen Absicht? Der sehr republikanische Vorsitzende machte es wie seinerzeit der Präsident in Offenburg: man mußte sich ans Gegebene halten. Eine kräftige Untersuchung, von wo alle die Pilze emporschossen, wurde vermieden: es handelt sich hier nicht um Ludendorff, sondern um Günther! Und die Beschuldigten selbst hatten zumeist Anstand genug, nichts zu sagen, was ihre Leitung kompromittieren konnte. Und so verlangt dann der Oberreichsanwalt Ehrverlust für die Individuen, die um ihrer Überzeugung willen (die noch so blöd sein kann, aber doch ehrlich ist) die stärk[st]en politischen Mittel einsetzten. Ja, er erklärt, die Tötung Rathenaus sei als gemeiner Mord zu bewerten, wenn auch „politische Momente mitgespielt haben mögen“! Dies „mögen“ ist einzig. Wenn irgendwo der Begriff des politischen Verbrechens zutrifft, so hier. Das ist aber die Doppelzüngigkeit in unsern Zuständen. Der 17jährige Gymnasiast Stubenrauch heckt politische Mordpläne aus, seine Schule relegiert ihn nicht, weil er damit patriotische Gesinnung beweist (in der Republik! wo patriotische Gesinnung gleich monarchistischer Gesinnung ist), weil ihm also die politische Überzeugung zugute gehalten wird. – (Die Beurteilung dieser Milde gehört in eine Spezialkritik). Seine Freunde aber, die zur Tat übergehn, sind gemeine Verbrecher! Warum? Um den Organisationen beileibe nicht zu nahe zu treten, die nämlich auch über eine Rache-Feme verfügen. Das Vertrauen zur deutschen Justiz wird durch beide Prozesse, die einander wirksam ergänzen, gleichmäßig gehoben werden. Das monarchistische Bayern haut den Republikanern fürchterliche Strafen auf, damit sie in Zukunft die monarchistischen Geheimbünde ungeschoren lassen. Das republikanische Reich bestreitet den monarchistischen Mördern die politische Einstellung und läßt sie als Sündenböcke in die Wüste gehn (gemäß der ein wenig kultivierteren Zivilisation nicht ganz so roh), um die monarchistischen Mordbünde[n] als solche ungeschoren lassen zu können. Fiat justitia! – Heute ging Hörath. Es verlohnt sich nicht, über den durch Kriegsdienst und Festungshaft klein geriebenen armen Teufel viel Worte zu verlieren. Er wird sich „bewähren“ und ein guter Bürger bleiben, und wir können bestimmt erwarten, ihn nicht, wie leider so viele der auf Bewährung entlassenen eines Tages wieder hierzusehn. Es ist nämlich erstaunlich, was für verdächtigen Geistern die bayerische Gnadensonne meistens am frühesten leuchtet. Auch Herrn Dosch werden wir eines Tages wieder in unserer Mitte haben. Man hat ihn wegen Fahrraddiebstahls festgenommen. Wenn’s in dem Stil weitergeht, wird mir bis 1934 die Gesellschaft nicht mangeln.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 16. Oktober 1922.

Siegfrieds Besuch ist vorüber: 3 ganze Stunden bewilligt man gütig, damit sich Stiefvater und Stiefsohn „aussprechen“ können, nachdem sie sich ein Jahr nicht gesehn haben, 3 Stunden* unter Aufsicht von Subaltern Uniformierten, die unentwegt aufpassen, ob nicht über „Politik“ geredet wird, und die Entscheidung darüber, wo Politik anfängt und aufhört, bzw. wie weit man sie zulassen kann, liegt ganz beim Ermessen dieser ehemaligen Unteroffiziere. 3 Stunden! obwohl 6 nach der Hausordnung, selbst der Müllerschen, in der Woche genehmigt werden müssen, zumal es sich um Vater und Sohn – hier jedenfalls um Vormund und Mündel handelt. Aber wir sind in Bayern und Christen sind unsre Betreuer. Der Sandtner-Gustl hatte eingegeben, man möge seinem über 60jährigen Vater und seinem Bruder ausnahmsweise die Besuchserlaubnis an einem Sonntag genehmigen. Beide sind Arbeiter und würden den Lohnausfall schwer empfinden, der Vater aber ist krank und schreibt selbst, er hoffe nicht mehr, seinen Sohn noch in der Freiheit wieder begrüßen zu können. Abgelehnt – aus „betriebstechnischen“ Gründen (dem Siegfried wurde die Bitte, länger als 3 Stunden bleiben zu dürfen abgeschlagen, wegen Mangel an Aufsichtspersonal: Straferschwerung aus Sparsamkeitsgründen!). Bis jetzt sind mehrfach Ausnahmen gemacht und Sonntagsbesuche zugelassen worden, allerdings nur, wenn gewissermaßen gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen waren, sei es daß der Besucher oder daß der Besuchte sozusagen als „was Besseres“ angesehn wurde. Aber hier wo es sich um gewöhnliche Arbeiter handelt, da werden Rücksichten nicht genommen. Die Praxis zu der Theorie: nur die Arbeit kann uns retten! spart und steigert die Produktion! – Der Junge, der heute seinen 20ten Geburtstag feiert – und schon sein Wunsch, grade diesen Tag bei mir zu sein, hat mich sehr gerührt und erfreut – hat sich zu einem Prachtmenschen entwickelt. Er hat eignes Urteil, unbefangene Kritik, gute Auffassung. Er benimmt sich großartig gegen seine Mutter und mich, indem er von seinem Wochenverdienst uns jede erdenkliche Hilfe leistet und nur besorgt ist, daß die Mutter auskömmlich lebt, und daß ich ja nie ohne Kaffee und Zigarren bin. Er erzählte mir allerlei über die Verhältnisse draußen, in denen ich mich wohl recht schwer noch zurechtfinden würde. Er verdient als Lohnlistenschreiber in einem Baugeschäft 70 Mark in der Stunde, also 3000 Mark wöchentlich. Bei den Preisen, die überall gelten und ständig noch steigen, ist das nicht viel im Vergleich zu früher. Ein Beispiel: er bringt mir Tagebuchhefte mit, wofür er 150 Mark das Stück zahlte, 2 Arbeitsstunden also ungefähr. Früher verdiente ein Arbeiter stündlich etwa 35 Pfennige, und ebenso hoch war der Preis für so ein Heft, sodaß also, was allgemein stimmen dürfte, heute der Arbeiter für seinen Reallohn ungefähr halb soviel kaufen kann wie in Friedenszeiten, und schon damals kam niemand aus. Was mir der Junge über die Arbeiterorganisationen erzählte, ist wenig erfreulich: kein großer Zug, viel persönlicher Stunk. Sonst aber äußert er sich, was unser Schicksal betrifft, hoffnungsvoll, auch in der Bourgeoisie sei der Horror bei der Erwähnung politischer Gefangener geschwunden und die Teilnahme für uns wachse. Möglich wärs ja, daß Gürtner, der jetzt mit den Justizministern von Baden, Hessen und Württemberg bei Radbruch war, nicht lange mehr um eine mindestens teilweise Amnestie herumkommt. – Spazierhof!

 

* die Entwürdigung des Abtastens vor und nach dem Besuchsempfang muß auch wieder mal erwähnt werden

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 17. Oktober 1922

Das Urteil im Rathenau-Prozeß ist gefällt: der ältere Techow 15 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust, Günther 8, Niedrig und von Salomon je 5 Jahre Zuchthaus und Ehrverlust, der jüngere Techow 4 Jahre, Tillessen 3 Jahre Gefängnis, die übrigen geringe Gefängnisstrafen und zwei oder drei Freisprüche. In der Urteilsverkündung war höchst interessant die Erklärung des Vorsitzenden, warum die Angeklagten nach dem Strafgesetzbuch und nicht nach dem Gesetz zum Schutz der Republik bestraft wurden: weil nämlich der Nachweis nicht erbracht worden sei, daß sie an Vereinigungen oder Verabredungen teilgenommen hätten, zu deren Bestrebungen es gehört, Mitglieder einer republikanischen deutschen Regierung zu ermorden. Wer beobachtet hat, wie wenig geschah, um diesen Nachweis zu erbringen, um den es doch überhaupt in dem ganzen Prozeß nur gehn sollte, weiß jetzt Bescheid. Durch die Verhängung des Ehrverlustes wird darüber nicht hinweggeholfen, daß die erste Lebensäußerung des Staatsgerichtshofs den Beweis erbracht hat, daß diese Republik sich selbst weder die Kraft noch die Macht zutraut, gegen die Organisationen vorzugehn, die ihr an den Hals wollen. – Das Gezeter der Kommunisten über die unverantwortliche „Milde“ des Urteils ist grenzenlos dumm. Nein, milde ist das Urteil garnicht, und auch gerecht ist die Aberkennung der Ehrenhaftigkeit nicht. Selbstverständlich soll man dabei nicht verfehlen, kräftig an die Urteile gegen links zu erinnern – vor allem an das gegen Lindner und die „Geiselmörder“. Aber Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten werden dadurch nicht zu sanftmütigen Zärtlichkeiten, daß anderwärts noch viel größere Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten verübt worden sind. Die paar besoffen gepredigten Jungens werden nun also bis zur nächsten Amnestie ziemlich übel dran sein – wir werden sie aber wohl jedenfalls noch alle von unsrer „Ehrenhaft“ aus in die Freiheit zurückkehren sehn. Ihre Führung aber ist unbehelligt geblieben. Die Geheimbünde dürfen nicht kompromittiert werden. – Das Schicksal der dem Haß überantworteten Münchner „Landesverräter“ wird das erneut beweisen. Die Journaille nimmt sich inzwischen dieser Sache an, natürlich nicht, um Fechenbach und Genossen vor dem Zuchthaus zu bewahren, sondern aus Angst, man könnte die Münchner Auffassung überall aufnehmen, sodaß jedes Wort der Kritik gegen monarchistische Waffenschiebungen und dergleichen als „Landesverrat“ der Rache des Haß überantwortet werden könnte. (Daß der „demokratische[“] „Fränkische Kurier“ die Angelegenheit nur benutzt, um die 3 Angeklagten ins Zuchthaus hineinzuhetzen, ist bei der Ethik dieses für den deutschen Schmockgeist typischen Organs nur natürlich). Bernstein hat in seinem Plaidoyer gesagt: „wer die Tat (eben die verbotene Organisierung von Verschwörungen und die Waffenverschiebungen) begeht, schläft zuhause im Bett, wer sie meldet, schläft im Zuchthaus.“ Wir müssen jetzt sehn, ob das Urteil tatsächlich den Anträgen entsprechend ausfällt oder ob nicht etwa Gürtner in Berlin einen Wink gekriegt hat, zu bremsen. Das ganze Verfahren ist derartig frivol arrangiert und bedeutet einen derartigen Affront gegen die gesamte Erfüllungspolitik, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß Frankreich zu dieser plumpen Herausforderung, zu der direkten Verkündung, daß die Sabotage der Durchführung und die Förderung der Umgehung des Versailler Vertrags unter dem ausdrücklichen Schutz der Justiz Bayerns steht, stille bleibt. Die Antwort der französischen Regierung auf das bayerische Verlangen, Herrn Dard von München abzuberufen, war eine hinreichend klare Quittung für den Leoprechting-Prozeß. Diesmal wird der Haß mitsamt seinen Volksgerichten ausrutschen. – Übrigens muß den die Republik regierenden Herrschaften die Kompromittierung der reaktionären Kreise, die sich letzthin etwas gehäuft hat, allmählich peinlich geworden sein. Man braucht Entrüstung gegen links. Und was man nicht von selber hat, läßt sich ja inszenieren. In Berlin hat es Krach gegeben und zwar bei Gelegenheit einer Massenversammlung der bürgerlichen Vereinigung „für Ordnung und Freiheit“ im Zirkus Busch, der auf der Straße kommunistische Demonstrationen entgegengesetzt wurden. So hat es erst vor dem Zirkus, dann im Kastanienwäldchen Prügeleien gesetzt, und die Blätter meldeten 3 Tote und 160 Verwundete. Dann stellte sich heraus, daß beide getötete Schupoleute noch leben, und daß also nur ein Toter übrigbleibt, und zwar ein Arbeiter. Es scheint also, als ob die solideren Waffen bei der andern – vom Sozialdemokraten Richter als Polizeipräsidenten geschützten Seite in Gebrauch waren. Aber die ganze Sache wird in der Presse als ungeheures Ereignis aufgemacht, den Kommunisten vorgeworfen, daß sie vorher Gewalttätigkeiten beschlossen hätten und mitgeteilt, daß man massenhaft Verhaftungen vorgenommen habe und weiter betreibe. Die Rechtsparteien haben Interpellationen beschlossen, mit denen sie die Bestrafung von Versammlungssprengern mit Zuchthaus erreichen wollen. Da Xylander-Leute von dergleichen Bestimmungen ja doch nicht betroffen würden, wird’s also in der freiesten Republik der Welt noch freundlich werden. Die Aufbauschung der ganzen Geschichte durch die ungeschickt übertreibende Form schon der ersten Meldungen läßt ganz und gar auf Regie von rechts her schließen. Man organisiert derartige Vorfälle – und das ist sehr leicht – unter dem Stichwort „Ordnung und Freiheit“. Der wahre Grund aber, den Spektakel grade jetzt zu arrangieren, liegt darin, daß am 22. Oktober in Berlin der Betriebsrätekongreß zusammentreten soll, gegen den die Gewerkschaften und die in Schönheit vereinigte sozialdemokratische Partei mit allen Mitteln kämpfen, weil sie mit Recht fürchten müssen, von den dort versammelten Arbeitern in ihrer ganzen Jämmerlichkeit gestäupt zu werden. Es kommt mir also ganz so vor, als ob die lieben Sozi ihre schmutzigen Finger auch hier im Spiel hätten. Man braucht bloß ein einziges bisher „unabhängiges“ Blatt der VSP vorzunehmen, um zu sehn, was diese „Arbeiterführer“ unter Klassenkampf verstehn. Sie haben einfach keinen Platz mehr, sich mit den sozialen Angelegenheiten dieser Gegenwart zu beschäftigen. Alle ihre Spalten triefen über von Beschimpfungen der Kommunisten. Front gegen links! das ist die Richtschnur der wiedergefundenen Brüder. – Es wäre über diese und über andre Dinge noch sehr viel zu sagen. Aber trotz der täglichen Eintragungen komme ich nicht entfernt dazu, mich mit allem, was mich interessiert, auch nur andeutungsweise zu beschäftigen. Es wäre vor allem nötig, die Wirtschaftslage viel intensiver zu betrachten als ich es tue und z. B. die tolle Zumutung des Völkerbundsrats an Österreich für die „Sanierung“ mit lumpigen 650 Millionen Goldkronen zu behandeln und die Situation dort mit der hier zu vergleichen. Ferner habe ich die Zustände in Italien, wo, ehe die Revolution sich entwickeln konnte – sie wurde von den Parteien im Mutterleibe vergiftet – die Konterrevolution der Faszisten, noch provoziert durch Dumme-Jungenstreiche deutschnationaler Idioten in Tirol – sich in gradezu ungarischen Ausmaßen austobt, – noch kaum erwähnt. Dann wäre es notwendig, die Valutaschwindeleien in täglichen Betrachtungen zu verfolgen (nach der Devisen-Notverordnung ist der Dollar schon wieder in unentwegtem Steigen) und zu untersuchen, ob denn der Staat und die Industrie überhaupt ein Interesse am Rückgang der Devisenhausse hat. Ich glaube es nicht, denn je weniger die Mark wert ist, umso minimaler drückt die inländische Verschuldung (Kriegsanleihen, die schon fast ganz wertlos sind) auf die Staatsbilanz, und überdies verhilft der Tiefstand der einheimischen Währung zur dauernden Fortsetzung des Bettelmann–Spielens den Staatsgläubigern gegenüber. Aber zu alledem gehörte Zeit, und an der fehlt’s mir, obgleich ich außer diesen Eintragungen und meiner ziemlich geringfügig gewordenen Correspondenz kaum etwas zu tun habe. – Nun aber zur Hauschronik. Wir haben schon wieder einen Hausgenossen weniger: Hans Pfaffeneder, einer von denen, die nach der Entlassung auf Bewährungsfrist wegen eines Notgriffs in fremdes Eigentum ihren Rest nachsitzen mußten. Pfaffeneder ist ein naiver netter Bauernbursch, einer, der als Rotgardist seine Pflicht getan hat und auch hier drinnen keinem Menschen weh tat. Jetzt hat er’s hinter sich. – Ganz überraschend erhielt gestern der Genosse Condula die Mitteilung, daß ihm vom 1. November ab „bis auf Weiteres“ „Strafunterbrechung“ gewährt werde, da seine Angehörigen nachgewiesen hätten, daß er sofort Arbeit aufnehmen könne. Das ist dann in 2 Monaten der Elfte, der vor der Zeit entlassen wird, das ist ein Ausmisten, wie wir es in solchem Tempo noch nicht erlebt haben. Es kommt mir ganz so vor, als wollte man dem bevorstehenden neuen Strafvollzugsgesetz dadurch vorarbeiten, daß man uns nur zu ganz wenigen noch die Annehmlichkeiten der grundsätzlichen Änderung der Behandlung zuteil werden lassen will. Vielleicht hat Gürtner den Kollegen aus Darmstadt, Karlsruhe und Stuttgart, die doch Amnestieen durchführen wollen und mit ihm zwecks Beratung gemeinschaftlicher süddeutscher Justizangelegenheiten (Senat beim Staatsgerichtshof und andres) bei Radbruch waren, dieses Zugeständnis machen müssen, um wenigstens den bayerischen Grundsatz nicht preisgeben zu brauchen, daß sich wirkliche Gnade mit echtem Christentum nicht vereinbaren läßt. Hart wird es den Herren ja ankommen, unsre Strafe in Festungshaft umzuwandeln, und ich möchte auch noch nicht allzu optimistisch meinen, daß sie es über sich gewinnen werden proletarische Politiker als Menschen zu betrachten. Aber man kann nicht wissen, ob die Staatsraison nicht auch bayerische Christen in Ausnahmefällen veranlassen kann, etwas zu tun, obwohl es Recht ist.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 19. Oktober 1922.

Auch unser Lorenz Popp, unser grade 19 Jahre alt gewordenes Nestküken befindet sich nun in bayerischer Freiheit. Man hat ihm von seinen 21 Monaten ganze 3 erlassen, und zwar auch nur auf Unterbrechung, sodaß er keine Verurteilung braucht, um wieder hereingeholt zu werden. Dabei ist ganz sicher anzunehmen, daß der Begnadigungsausschuß beim Reichsjustizministerium erkennen wird, daß er ohnehin schon 3 Monate wider das Amnestiegesetz gebrummt hat. Aber diese Behörde arbeitet schmählich langsam. Die Herren machen sich halt keine Kopfschmerzen darum, wie denen zu Mute ist, die jeden von ihnen verzögerten Tag mit Einsperrung in Niederschönenfeld bezahlen müssen. – Popp war mir stets einer der liebsten Gefährten hier drinnen. Ein offener heller Junge, sehr lernbegierig mit ganz festem Willen, aus sich alles zu machen, was seine Anlagen erlauben. Ich las sein Volksgerichtsurteil und erkannte wieder einmal, was für Hirnen die Beurteilung begeisterter Menschen ausgeliefert ist. Popp stand mit dem 7 Jahre älteren Schiff vor den Richtern. In dem Urteil wird der 17jährige ganz von oben herunter als eitel, überheblich, anmaßend und ganz minder intelligent behandelt, und die Herren haben nicht bemerkt, daß in diesem Alter der Drang nach Leistung, soll er nicht von Hemmungen und Verdrängungen an aller Aktivität behindert werden, auf sehr starkes Selbstbewußtsein gestützt sein muß, das nur alten, von jeglichem jugendlichen Empfinden himmelweit entfernten Knackern verächtlich vorkommen kann. Deshalb kann ich auch das Geplärr der sozialistischen Presse über den ebenfalls 17jährigen Generalssohn Heinz Stubenrauch nicht mitmachen, dessen jugendlicher Überreifer freilich – und zwar unter dem Einfluß seiner eignen Eltern – in das schmutzige Bett nationalistischer Rachegier geleitet wurde. Dem aber hätten Münchner Volksrichter gewiß keine Vorwürfe aus seinem Idealismus gemacht wie Popp, der aus eignem Streben zu dem ihm gemäßen Zukunftswillen gelangt war. In jener Urteilsbegründung ist aber besonders auffällig die bodenlose Überschätzung des leeren Blenders Schiff, der, weil er schließlich von Hause her gelernt hat, Sätze richtig zu formulieren, wie eine hohe Intelligenz bewertet wird. Wir haben beide in der Nähe beobachtet, und der Vergleich schneidet in jeder Hinsicht für den Jüngeren besser ab. Ich hoffe sehr, daß Popp den Einflüssen bürokratischer Parteigeister zu entgehn wissen wird. In diesem Fall wird er bei seiner lebendigen Auffassungsfähigkeit und der Gradheit seines Charakters vielleicht zu guter Arbeit für die revolutionäre Bewegung berufen sein. – Ich will heute, da es häßlich kalt in meiner Zelle ist und ich überdies noch Briefe zu schreiben habe, nur weniges vom Geschehn in dieser schönen Welt erwähnen. Der Berliner Krach am Zirkus Busch erhält immer hübschere Lichter. Es handelt sich bei dem „Bund für Freiheit und Ordnung“ um etwas ähnliches wie den Xylanderschen „Ordnungsblock“ in Bayern. Die „Rote Fahne“ hatte auf die Versammlungsankündigungen aufmerksam gemacht, die ausdrücklich bewaffnetes Erscheinen verlangten, und die revolutionären Arbeiter aufgefordert, den reaktionären Verstoß durch vorzeitiges Besetzen des Zirkus zu sabotieren. Der Polizeipräsident Richter, Sozialdemokrat, traf seinerseits ebenfalls Vorkehrungen, natürlich nur gegen die Kommunisten. Er bot Schupo auf zur Absperrung der Straßen um den Zirkus mit der Weisung, diejenigen, die zur Versammlung wollten, zu kontrollieren (zur Illustration der Republik: der sozialdemokratische Präsident läßt nur passieren, wer sich durch ein schwarzweißrotes Bändchen oder durch ein Hakenkreuz als Monarchist ausweist!). Da die Schupoleute zu spät kamen, war die Keilerei nicht mehr zu verhindern, die von den mit Knüppeln und Schlagringen bewaffneten Hindenbourgeois gegen die unbewehrten Arbeiter vollführt wurde. Nun läßt Richter auf Teufel komm raus verhaften, und die Verfahren wegen Landfriedensbruch und verwandten Reaten „schweben“ schon zu Dutzenden – natürlich nur gegen Arbeiter, die ja auch das einzige Menschenopfer dabei brachten. Die Hakenkreuzschnäbel gehn frei aus, kein Richter ist ihr Kläger, und wo kein Kläger ist ist auch kein Richter. So geht’s im „bolschewistischen“ Berlin zu. In Bayern aber gedeihen Zustände, die allmählich ans Traumhafte streifen. Die Nationalsozialisten läßt der Ruhm der italienischen Faszistenhorden nicht schlafen und sie gehn nun auf fröhliche Abenteuer aus. Herr Hitler streift mit seinen stark bewaffneten Banden im bayerischen Oberland herum und wirbt Anhänger für Pogrome und gegen die brandrote Lerchenfeld-Gürtner-Regierung. Kürzlich hat er mit 180 Jüngern ein reguläres Kriegsbiwak auf dem Rosenheimer Marktplatz aufgeschlagen, von keiner Polizei, von keiner Regierung in seinem patriotischen Tun gestört. Jetzt hat er aber sein Hauptstück geliefert. Zu einem in Koburg einberufenen „Deutschen Tag“ berief er alle seine Mannen, die in gratis eingelegtem Extrazug (!) mit Gummiknüppeln und andern Schlagwaffen versehn und unter den Klängen der Wacht am Rhein und verwandter Lieder („Schmeißt die dreckige Judenbande, schmeißt sie aus dem deutschen Lande, jagt sie nach Jerusalem!“) ihre Reise antraten. Auf dem Bahnhof in Nürnberg ging der Krach schon los gegen die Reisenden des dort haltenden Schnellzugs Berlin-München. In Koburg selbst aber ging’s hoch auf. Man verprügelte mit den mitgebrachten Instrumenten friedliche Passanten und drohte den höflich mahnenden Behörden, wenn man sie störe, werde man ein Judenpogrom inszenieren. Und die bayerischen Behörden störten denn auch Herrn Hitler nicht weiter*. Und das Reich wird sich die Finger erst recht nicht verbrennen wollen wegen solcher Auslassungen bayerischer Eigenart. Die Noske-Exekutive darf grundsätzlich nur gegen Proletarier mobilisiert werden. Die war da, als in Bayern keine ähnlichen Zustände herrschten, sondern ohne Gewalt ein revolutionäres Regime aufzurichten versucht wurde, das ernstlich entschlossen war, mit Not und Elend, Schieberei und Wucherei aufzuräumen. Nun, die Bayern wollen diesem edlen Ziel jetzt auf ihre Weise näherkommen. Man hört von einer neuen Regierungsnote Bayerns an das Reich, in der bestimmte Forderungen zur Hebung der wirtschaftlichen Lage aufgestellt seien: Zuchthausstrafe für Devisenschiebungen und Stabilisierung der Mark – wahrscheinlich wohl auf dem Verordnungswege, und ich habe den Verdacht, daß die Emmingersche Gescheitheit (Teuerung aufgrund § xy verboten!) sich hier zu einer offiziellen Aktion der Münchner Regierer krystallisiert hat. Es heißt aber, die Note habe alle Merkmale eines Ultimatums. Bayern fordere größte Beschleunigung unter Fristsetzung, lehne andernfalls jede Verantwortung für die Folgen vor[ab] und behalte sich das Recht vor, selbständig zu handeln. Das kann also heiter werden. Robert Schmidt, der Berliner Wirtschaftsminister hat in seiner Angst zunächst die Bayern zu Besprechungen eingeladen. Auch hört man ein neues Schlagwort: man will – in den nächsten Tagen schon – ein „wertbeständiges Goldpapier“ ausgeben, das jeweils zum gleichen Kurs wie der Dollar zu haben sein soll. Wie damit geholfen werden soll – es sei denn, man ginge ans Reichsbankgold direkt heran – kann ich vorläufig nicht begreifen. Aber das kann auch an mir liegen. Auf jeden Fall scheint’s, daß wir wieder herrlichen Tagen entgegengehn.

 

* Im Gegenteil. Nach späteren Berichten von offiziösen Stellen haben sogar Hitlerleute zusammen mit blauer Polizei Arbeiteransammlungen im Sturm gesprengt. Man erteilt diesen Demonstranten also schon behördliche Rechte und Aufgaben.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 21. Oktober 1922.

Ich mußte einen Tag pausieren, weil es in meiner Bude derartig kalt war, daß jeder Aufenthalt ausgeschlossen war. Das Fenster, das nicht richtig schloß (das ganze Haus ist unglaublich leichtfertig gebaut), ist mit Filz gestopft worden, auch wurde heute zum ersten Mal die Heizung über Mittag in Funktion gelassen, während wir bisher nachmittags – gestern bei 6o draußen – im Kalten sitzen mußten. Überdies war mein Füllfederhalter in Streik. Dies seit Monaten defekte Biest läßt die Tücke des Objekts wieder mal ganz infam an meinen Nerven zerren. – Es gibt allerlei zu notieren. Die Reichspräsidenten-Komödie zunächst. Da war nach allerlei Gezottel und Gemächel endlich der Wahltermin auf den 3. Dezember festgelegt worden, und schon sollte der Werberummel für Ebert losgehn, denn kein andrer – dies las man in Sozi- wie in Bayernblättern – hat soviel Anspruch auf das Vertrauen des „Volks“ wie der durch seinen „Takt“ und durch sein vielfach bewiesenes Verständnis für Konterrevolutionäre und ausbeuterische Bestrebungen jeder Art hochbewährte Fritz. Aber plötzlich tauchten Schwierigkeiten auf. Die Stinnespartei, die bisher dauernd auf die Wahl hingedrängt hatte, fand, daß ihr Eintreten für Ebert am Ende doch auf einen Teil ihrer Gefolgschaft, der die Identität von Geschäft und Patriotismus noch nicht ganz begriffen hat, schlechten Eindruck machen könnte, fand andrerseits, daß jetzt grade nach der Einigung der Ditt- und Scheidemänner die Aufstellung eines Gegenkandidaten kaum aussichtsvoll sei, zumal eine bürgerliche Sammelkandidatur infolge der Nominierung Hindenburgs durch die Deutschnationalen nicht mehr möglich war, – und daß die Wahl Hindenburgs für ganz Stinnesien eine Katastrophe bedeuten müßte, mochten sie doch wieder ihren Getreuen nicht gradeheraus eingestehn, und so leiteten Stresemann und die Seinen eine Aktion ein, um die Verschiebung der Wahl auf einen für sie geeigneteren Zeitpunkt zu erreichen, gewannen auch Zentrum und Demokraten und Bayerische Volksparteiler dafür und mußten dann nur vor den Sozi zurück, die auf dem heiligen 3. Dezember bestanden und bei ihren 180 Reichstagssitzen mit den Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten die Mehrheit dafür gehabt hätten. Aber man fand wieder einmal ein wunderbares Kompromiß, ausgeheckt im Bregen Hermann Müllers, freudig aufgegriffen von den Stinnesmannen: es wird eine neue Verfassungsänderung mit ⅔ Mehrheit beschlossen; Ebert bleibt danach ohne Wahl Präsident bis zum 30. Juni 1925 und zwar „definitiver“ statt wie bisher als Platzhalter für sich selbst. Die gewaltige Mehrheit dafür – von Emminger bis Crispien – ist gesichert, und alle Ängste sind behoben. Die Deutschnationalen toben freilich und Escherich tritt trotz seiner Entthronung als der Retter in der Not mit einem offenen Brief an Ebert auf den Plan und ersucht ihn, sich zu dem Betrug nicht brauchen zu lassen. Er hat nämlich anscheinend nicht begriffen, worum das ganze Theater geht: um die endliche Herstellung der „großen Koalition“. Nachdem sie schon das wähleifrige „Volk“ um die schöne Aussicht, nach langer Pause mal wieder persönlich Politik machen zu dürfen, geprellt haben und somit schon ein unsauberes Geschäft miteinander besorgt haben, ist ja die Hauptschranke gefallen und die Regierung in die Lage versetzt, ohne das Eindringen von Grundsätzen gebundener Politiker befürchten zu müssen, sich zu vervollständigen, indem sie die Erweiterung nach „links“ etwa durch Hilferding durch die Übergabe einiger Ressorts an Stinnes-Beauftragte kompensiert. Bei dieser ganzen Groteskposse darf man auch das Verhalten unsrer lieben Parteikommunisten nicht übersehn. Man hätte vermuten können, diese rabiaten Gegner der bürgerlichen Gesellschaft, die den Ministerialismus der übrigen Sozialisten mit heißem Zorn verfolgen, würden sich nicht mit an die Krippe drängen, wenn der auf die Weimarer Verfassung zu vereidigende Präsident aller deutschen Koalitions- und Stinnes-Ministerien zu wählen ist. Aber – je nun: Charakter ist nur Eigensinn, sagt Paul Scheerbart. Sie benannten auch ihren Präsidentschaftskandidaten und zwar in der Person Clara Zetkins. Ich hätte nichts gegen eine Demonstrationskandidatur einzuwenden gehabt, um damit den ganzen eklen Lügenbetrieb dieser Republik zu kennzeichnen. Es wäre ein politisch kluges und menschlich anständiges, und dabei revolutionär wirksames Manöver gewesen, wenn die Kommunisten etwa Max Hölz aufgestellt hätten, grade weil er nicht wählbar ist als einer, dem die die Konterrevolution in Staatstribunalen „verfolgenden“ Herrschaften, weil er Revolutionär ist, für Lebenszeit die Ehre abgesprochen haben und weil Grund besteht zu dem Verdacht, daß man ihn, um ihn nicht eines Tages doch amnestieren zu müssen, im Zuchthaus zu Tode quälen will. Aber nein – es muß die gute alte Tante Clara sein, deren A und O das Parlamentsgeseich und das Zettelzählen ist. Wie dumm! Die Parteikommunisten tun wahrhaftig alles, um ihre Vergangenheit beim Proletariat auszulöschen, und wären nicht die „Republikaner“ dieses Landes unter sozialdemokratischer Führung solche Esel, daß sie – wie bei der Zirkus-Busch-Geschichte – immer wieder ihre eigne reaktionäre Zuverlässigkeit der Bourgeoisie durch Rotanmalen der Kommunisten bestätigen zu müssen glauben, – kein Arbeiter kröche mehr auf den Leim des von der Roten Fahne verhökerten revolutionären Quarks. Was diese Zirkus-Busch-Sache anlangt, so stellt sich das Verhalten der Berliner Polizei dabei immer hübscher heraus. Herr Richter ließ zunächst auf Teufel komm raus Verhaftungen an Kommunisten vornehmen, und zwar die führenden Leute der Partei, darunter Thalheimer, Brandler und eine Menge Funktionäre. Kein Mensch konnte im Zweifel sein, daß der für den 22. Oktober anberaumte Betriebsrätekongreß verhindert werden sollte. Und siehe: die Richterpraxis hat sich als richtig erwiesen: die tapferen kommunistischen Betriebsräte entdeckten technische Gründe, um den Kongreß zu verlegen, – worauf denn die Rädelsführer an den Zirkusunruhen plötzlich keine Rädelsführer mehr daran waren und größtenteils wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, darunter auch Rothe, der Vorsitzende des Betriebsräte-Ausschusses. Man könnte wirklich bald verzweifeln an dieser ewigen Kompromiß-„Taktik“ derer, die in Deutschland heute noch alles dirigieren, was der beste Teil des Proletariats unternimmt. Aber sie sind eben gelehrige Schüler der Bolschewiki, deren Opportunismus allmählich ja dahin geführt hat, daß man von irgendwelcher revolutionären, geschweige kommunistischen Politik in Rußland überhaupt nicht mehr sprechen kann. Über dieses bitter traurige Kapitel möchte ich mich ein andres Mal auslassen. – Heute ist die Presse voll von der Koalitionssprengung in England, die den Rücktritt der Regierung Lloyd Georges bewirkt hat. Der „Vorwärts“ nennt das eine „dramatische Wendung“; mich interessiert es nicht, ob die Partei, die die Ausbeutung des deutschen Proletariats für britische Börsen zu dirigieren hat, liberal oder konservativ, ob der Mann, der am Dirigentenpult steht, Lloyd George oder Bonar Law heißt. Warum in die Ferne schweifen? Wir haben ja im eignen Lande viel nettere Dinge. Bayern ist also mit einer richtigen Denkschrift an die Reichsregierung herangetreten, deren Hauptinhalt – zur Rettung unsrer Wirtschaft – mitgeteilt wird. Erster Punkt: „Sicherung von Ruhe und Ordnung im Innern“. In dem Augenblick, wo Hitlers Tätigkeit auf diesem Gebiet Gegenstand der kopfschüttelnden Erörterung in der ganzen Welt ist, ist diese von seinen Protektoren aufgestellte Forderung besonders nett. Dann will man – grade nach Schluß des Münchner Oktoberfestes, dessen alkoholische Glanzleistungen das Erstaunen Europas erregt haben – das Reich zu starker Beeinträchtigung jeder Schlemmerei und auch des Spirituosenverbrauchs veranlassen, und neben andern höchst oberflächlich vorgetragenen Ratschlägen wünscht man auch eine „Veredlung“ des Achtstundentags „bei grundsätzlicher Aufrechterhaltung desselben“. Wenn ich richtig verstehe, soll das wohl bedeuten: Wenn der Achtstundentag 10 oder 12 Stunden dauert, ist „derselbe“ „veredelt“. Schließlich kommt man dann auch wahrhaftig mit der Emmingerschen Albernheit daher, doch wird vorerst nirgends der ganze Wortlaut dieser Staatsaktion veröffentlicht, sodaß nicht zu kontrollieren ist, ob wirklich mit dieser Denkschrift eine Art ultimativen Drucks auf Berlin geplant ist oder nicht. Ich freue mich des neuen Vorstoßes der Bayern. Sie werden nachgrade komisch in ihrer „Eigenart“, und wenn sie schon sonst nicht kleinzukriegen sind mit ihrer randalierenden Betulichkeit, dann gehn sie vielleicht an ihrer Lächerlichkeit zugrunde. Zu dieser Lächerlichkeit trägt die Frau Gemahlin des derzeitigen Chefs der bayerischen Eigenartspolitik nicht wenig bei. Es stellt sich jetzt heraus, wessen Politik sie in den Interviews für ihre Heimatszeitungen verzapft: die des deutschnationalen Kraftbayern Fritz Behn (der genauso viel und genau sowenig Bayer ist wie ich: wir waren gleichzeitig in Lübeck auf dem Katharineum und haben als Quartaner mehr als einen dummen Streich miteinander gemacht). Dessen Ehefrau hat nämlich gegen ihn Scheidungsklage angestrengt wegen Ehebruch mit Frau Gräfin Ethel Lerchenfeld, Ministerpräsidentengattin. Daß Lerchenfeld in diesen Dingen anscheinend anständiger und unphiliströser denkt als Frau Professor Behn, ehrt ihn. Aber daß er seine Frau von irgendeinem Korpsbruder öffentlich als Hure beschimpfen läßt, macht die Ritterlichkeit der Passivität doch recht verdächtig, und daß er die Frau obendrein ihn kompromittierende Politik treiben läßt, ohne sie zu desavouieren, kennzeichnet ihn als Schlappschwanz. – Doch, darüber mögen sich andre Leute erregen. Mich interessiert nur rein psychologisch alles, was den Charakter von Leuten kolorieren kann, die auf unser persönliches Ergehn in bayerischer Ehrenhaft Einfluß haben oder hatten. Lerchenfeld hätte unsre Ehen wiederherstellen können, wenn er auch nur einen Wink dazu gegeben hätte. Es ist mir interessant zu wissen, daß seine eigne Ehe offenbar nicht ganz den Erwartungen entspricht, mit denen er sie einging. Denn er ist ja Christ von stündlich betonter Überzeugung und es ist daher sehr zweifelhaft, ob er seiner Frau aus ethischer Erkenntnis heraus Freiheiten gestattet, die mit der Moral, die er öffentlich vertritt, kaum vereinbar sind. – Genug für diesmal. Es wird den Bayern mit all ihren schönen Vorschlägen, die nur wertvoll sind als Eingeständnis, wie tief sie mit ihrer Ordnungszellen-Roheit die Bevölkerung ins wirtschaftliche Elend hineinregiert haben, die Stabilisierung der Mark so wenig gelingen können wie bisher den Reichsfinanzkünstlern. Der Dollar steigt und steht auf etwa 3200 trotz Devisen-Notverordnung und trotz täglicher Ankündigung, daß weitere entscheidende Schritte bevorstehn. Was die Reparationskommission verordnen wird und ob wirklich Pierpont Morgan eine Rettungsaktion plant, wird man ja erleben. Vorerst ist das Interesse hier im Hause ganz auf den Ausgang des Fechenbach-Prozesses gerichtet. Gestern nachmittag muß das Urteil verkündet sein, doch hat man uns heute mittag noch kein Blatt gegeben, aus dem wir darüber Aufschluß erhalten hätten. Ich will den drei Angeklagten sehr wünschen, daß man sie mit Festung davonkommen läßt, sodaß wir sie hierher als Gesellschaft bekommen würden (was allerdings für uns persönlich ein zweifelhaftes Glück wäre). Zunächst ist mal wieder ein Entlassener zu vermerken. Christian Pinkl, ein Rotgardist, der, ebenso wie Pfaffeneder, seine verscherzte Bewährungsfrist büßen mußte. Ein netter Kerl, ewig fidel, der mit seinem zwar nicht schönen aber gewöhnlich sehr lauten Gesang den ganzen Tag lang seine Anwesenheit bemerkbar machte. Ich hab ihn immer ganz gern gesehn und, ich glaube auch, er hat keinen einzigen Feind hier drinnen zurückgelassen. – Aber ist Einer fort, so steht neuer Zugang auch wieder in Aussicht. In den nächsten Jahren wird kaum völliger Stillstand darin eintreten, falls nicht der derzeitige bayerische Strafbetrieb einmal überhaupt eine Änderung erfährt. Jetzt hat man in München unsern Ansbacher „Genossen“ Riedinger wegen Begünstigung des Landesverrats zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt (wegen Begünstigung des Rathenaumords erhielt Tillessen in Leipzig 3 Jahre Gefängnis!). Außerdem wurde ihm die Bewährungsfrist aus der Festungsstrafe ausdrücklich wieder aberkannt. Also – wenn ich dann noch hier sein sollte – steht mir von 1927–29 die angenehme Gesellschaft dieses Herrn in Aussicht. Na, darum will ich mich heute noch nicht beunruhigen. – Ich muß aber noch einen Trauerfall erwähnen, der mir nahegeht. Wie die Presse mitteilt, läßt Maximilian Harden die „Zukunft“ wegen Geldmangel endgiltig eingehn. Seit dem Attentat – von dem man sonderbar wenig mehr gehört hat (Harden ist halt sehr unbeliebt und jetzt auch wehrlos) – sind nur 2 Hefte erschienen, von denen mir eins hier konfisziert wurde. Dann teilte Harden seinen Lesern in besonderer Zuschrift mit, daß die Ärzte ihm für Monate hinaus die Arbeit verboten haben, – und nun also diese Nachricht, verbunden mit der Anzeige, er ziehe von Deutschland weg in die Schweiz. Darauf gründet sich meine Hoffnung, er werde von dort aus seine Waffe wieder in Aktion bringen. Es wäre ein garnicht wägbarer Verlust für die politische Kritik, Hardens Stimme dauernd entbehren zu müssen. Was die 30 Jahre „Zukunft“ für Deutschlands öffentliches Leben bedeutet haben, das wird sich erst zeigen, wenn die Geschichtsschreibung der Zukunft ans Werk geht. Dann wird sie nirgendwo Quellen wissen – und es gibt auch keine – die so ergiebig von der Vergangenheit in die Gegenwart fließen wie eben die Quelle der „Zukunft“. Harden ist der einzige große Realpolitiker der Deutschen: groß, weil seine Realpolitik vom Ideal bedient wird. Kein Wunder also, daß dieser Mann in dieser Republik, die er errichten wollte und darum erst umkrempeln möchte, keinen Wirkungsplatz fand. Unsre Regierungsochsen wissen kaum, daß er, den sie für einen stänkernden Literaten halten, eine große geistige Macht ist trotz seiner Passivhaltung. Was für eine Macht er ist, wird sich erst den späteren offenbaren, die das Exempel Harden belehren wird, was aus einer Nation wird, die ihre Talente aus Stumpfsinn und Arroganz nicht verwertet. – Ich denke aber, zu einem eigentlichen Nachruf ist’s noch zu früh. Ins Ausland getrieben wird ein Mann wie Maximilian Harden für das Deutschland, das er hätte pflegen wollen, eine Geißel sein, unter der es sich winden wird. Es ist schade, daß Hardens Revolutionarismus beim Konstitutionalismus in der kapitalistischen Republik halt macht (obwohl manchmal schon seine Kritik bis zu Räte-Ideen vortastete). Mit einem solchen Geist als Gesinnungsfreund ließe sich wundervoll für die Revolution arbeiten.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 23. Oktober 1922.

Mich friert. Die Temperatur draußen steht auf 2°, in den beiden letzten Nächten gab es Frost (im Oktober eine derartige Witterung läßt hübschen Aspekten für den Winter Raum). Mit der Heizung aber hat man wenig Sorge in diesem Bau. Neuerdings läßt man zwar die Heizkörper bis 3 Uhr nachmittags warm, – was dann aus uns wird, interessiert die Verwaltung nicht mehr. Ich persönlich erfreue mich überdies einer Zelle, die sehr schwer Wärme annimmt, und so bin ich übel dran, möchte aber doch mein Tagebuch nicht verkümmern lassen, am wenigsten jetzt, wo alle Zeichen wieder auf nahen Sturm im politischen Leben deuten. – Wo anfangen? Was heute das ganze Haus fiebern macht, ist das Urteil im Fechenbach-Prozeß, das in der Tat schaurig genug ausgefallen ist und von dem, wie man doch wohl einmal hoffen darf, starke Erregungen in der Bevölkerung noch ausgehn werden. Es lautet für Fechenbach auf 11, für Lembke auf 10 und für Gargas auf 12 Jahre Zuchthaus nebst Ehrverlust von je 10 Jahren. Am Verblüffendsten in der Urteilsbegründung wirkt die Erklärung des Haß, worin die Ehrlosigkeit Fechenbachs bestanden habe. Er habe nicht aus Gewinnsucht gehandelt, auch sei die Veröffentlichung des Erzberger-Memorandums kein Landesverrat gewesen, sondern nur die des Ritter-Telegramms (das ich übrigens nicht kenne). Aber die Beweggründe, warum er grade während des Räte-„Terrors“ die Publikationen vornahm, beweisen seine Ehrlosigkeit. Das Gericht behauptet, er habe Sympathien für die Räterepublik gehabt und der ganze Tenor des Urteils zeigt, daß das für die endgiltige Rechtsprechung der Haßgerichte schon zur Feststellung der Ehrlosigkeit genügt hätte. Dann wirft es ihm seine „grausamen“ (weil objektiven?) Berichte vor, die er der Basler „Nationalzeitung“ geschickt hätte, und in denen hätte er auch an Eisners Vermächtnis Verrat geübt (!). Denn Eisner war ein konsequenter Gegner des Bolschewismus und das Gericht konstatiert fröhlich die „Tatsache“, daß Eisner eine ganz andre Politik getrieben „hätte“ als Fechenbach. – Hier kommt es mir natürlich nicht im geringsten darauf an, zu kritisieren, ob die Voraussetzungen des Gerichts richtig sind, das den eitlen, unbedeutenden und erst durch die reaktionäre Justiz zu einer mächtigen Persönlichkeit aufgepumpten Gernegroß, zu einem politischen Schicksalslenker machen will, und das Fechenbachs Stellung zum „Bolschewismus“ schon deshalb verkehrt einschätzt, weil er sowenig fähig war, diesen Begriff richtig zu deuten, wie es das Haß-Gericht heute noch ist. Aber die Offenheit, mit der hier politische Gesinnung bestimmter Färbung als ehren- oder unehrenhaft schlechthin gewertet wird, ist höchst bemerkenswert, garnicht zu reden von der gradezu ungeheuerlichen Höhe der Strafen, mit der das angebliche Sympathisieren mit der ehrlos erklärten Gesinnung „gesühnt“ wird. Die Linkspresse stellt natürlich in den Vordergrund der Kritik die Bedrohung der Presse überhaupt, die durch das Urteil der Gefahr ausgesetzt wird, für die Mitteilung irgendeiner Tatsache, die ein Jurist vom Schlage des Haß und seiner Kumpane als schädigend für Deutschland betrachtet, den Redakteur ins Zuchthaus zu bringen. Die Sozialdemokraten scheinen denn auch zu beabsichtigen, aus der Sache eine Art deutscher Dreyfus-Affaire zu machen, was ja ganz schön wäre, wenn sie selbst nicht – und grade in Bayern – soviel Dreck am Stecken hätten. Denn unter ihrer Aegide sind diese „Volksgerichte“ geschaffen worden, sie haben sie mit Haß-Nationalisten besetzt, sie haben sie zuallererst, nachdem die Wittelsbachischen Offiziere uns fertig prozessiert hatten, gegen Proletarier arbeiten lassen, die mit ihnen zusammen die Räterepublik gemacht hatten. An ihren Fingern hängt das Blut unsrer besten Genossen – darunter das Landauers, dem heute ein bayerischer Staatsanwalt nachsagen darf, er sei ein notorischer Lügner gewesen, was Fechenbach habe wissen müssen und gewußt habe. Sie, die Sozialdemokraten, saßen in Bayern an der Macht, als Herr Hoffmann den „Geiselmord“-Prozeß vor einem solchen „Volksgericht“ inszenierte, als Arco von einem solchen Gericht unter Verbeugungen vor seiner Ehrenhaftigkeit zum Tode verurteilt, dann aber unter dem Eindruck dieser Verbeugungen zu Gutsbesitzer-Klitsche begnadigt wurde – von ihnen, den Sozialdemokraten –, und als Lindner, der Rächer der Arcoschen Tat aus spontaner Wallung, ebenfalls vom „Volksgericht“ ehrlos erklärt wurde – und für ihn fanden sie keine Gnade. Unter ihrer Regierung sind die Todesurteile vollstreckt worden, die die Haßgerichte gegen Revolutionäre aussprachen; sie haben dem zweierlei Strafvollzug die Sanktion erteilt, der Arcos Landgut und Niederschönenfeld zugleich als „Festung“ gelten läßt. Diesen Leuten kann niemand ihre Entrüstung glauben, daß nun, da sie von der Reaktion, die sie nicht mehr nötig hat, ausgeschifft sind, diese die Praktiken fortsetzt, zu denen sie ihr die Handhaben geliefert haben. Wohl aber wird der Ausgang des Prozesses große Wirkung im Ausland tun, das sich sagen muß, wenn Bayern derartige Urteile fällt, weil Verstöße gegen den Versailler Vertrag denunziert werden, dann muß es ganz tolle Dinge vor der Welt zu verbergen haben. Und man weiß selbstverständlich in Frankreich, welche politische Gesinnung hinter diesen Urteilen steckt. Es handelt sich um das Verdikt von Patrioten, die in ihren Vorstellungen dauernd den Vergleich des Deutschland von heute mit dem von 1812 ziehn. Irgendein York von Wartenburg spukt in ihrer Phantasie, der, wie nach dem Frieden von Tilsit, die levée en masse organisieren wird, und jeder, der die Vorarbeiten zu diesem Unternehmen stört, ist eben ein „Landesverräter“. Freilich ist diese ganze Parallele zwischen damals und jetzt unglaublich primitiv (abgesehn von dem absoluten wirtschaftlichen Zusammenbruch, der Deutschland an jeder Aktivität verhindert und der Unlust der Deutschen, sich noch einmal vor die Kanonen treiben zu lassen, müßten auch Voraussetzungen gegeben sein, wie sie 1813 gegeben waren, als die in Rußland völlig zermürbten Reste der napoleonischen Heere von den Preußen, Österreichern und Russen in vereinter Waffenkraft und unter britischer Finanzierung in Leipzig, unter Überlaufen der Bayern zu den Siegern während der Schlacht, erledigt wurden, – während man heute kein Österreich, geschweige sonst einen Bundesgenossen, kein Geld und keine Waffen, dafür aber den, nur latenten Bürgerkrieg in Permanenz hat). – Das alles sieht man natürlich in Frankreich vollkommen klar und zieht überdies Vergleiche mit der Rechtspflege im übrigen Deutschland, die nirgends sehr viel schöner dasteht, als die „Republikaner“ sie in Bayern üben. In der Zirkus-Busch-Angelegenheit sind doch noch weitere Haftbefehle ausgegeben worden, – nur gegen Kommunisten. Die Bündler „für Freiheit und Ordnung“ aber blieben ungeschoren. Und dann muß man sich doch des Rathenauprozesses erinnern und ihn in Vergleich zum Münchener stellen. Hier das konzessionslose Walten einer ganz bestimmten politischen Tendenz, eben der, die in Leipzig unter Anklage stand. Und dort das kläglichste Kompromiß, das die Welt gesehn hat. Man vermeidet jede Aufklärung der Hintergründe des Mordes, um das Gesetz zum Schutz der Republik nicht anwenden zu müssen, das bei Feststellung der Tat als Ergebnis geheimbündlerischen Komplotts die Verhängung der Todesstrafe gegen fast alle Beteiligten bedingt hätte. Man findet also einfach die Beziehungen zur Organisation nicht und kann die Tat als Individualverbrechen ahnden. Um aber den enttäuschten Republikanern einen Brocken hinzuwerfen, behauptet man, diese Ermordung eines amtierenden Ministers sei keine rein politische Aktion gewesen und nimmt den Delinquenten die Ehre. Schlapp und brutal zugleich. Natürlich hat man sich die Wut der beteiligten Nationalistenkreise nun erst recht auf den Hals gezogen, und die letzte Sensation ist die Enthüllung Wirths im Reichstag, man sei soeben einem neuen Mordkomplott gegen die Person Wirths selbst auf die Spur gekommen, die man nun eifrig verfolge. Die Nachrichten, die über diese neue Verschwörung vorliegen, klingen noch ziemlich widersprechend. Die Verhaftung eines Jünglings, der sich selbst der Teilnahme bezichtigen soll (er sei zu „hohem Sold“ von den Rathenaumördern nahestehenden Nationalisten gedungen worden, Wirth umzubringen, habe aber Gewissensbisse gekriegt: ziemlich sagenhaft und fabelhaft klingt das zunächst, besonders die Gewissensbisse), besagt auch noch nicht viel. Verhaftete Komplottbrüder monarchistischer Couleur pflegen in dieser Republik der Freiheit nicht lange entzogen zu sein (so hat man denn auch in München außer Herrn Beppo Römer die ganze Gesellschaft der Oberländler, Endres und die Seinen von der antiwittelsbachischen Schwarz-weiß-rot-Firma, wieder rausgelassen). Also jedenfalls geht wieder allerlei vor, und die neuen Grundlinien der von Barthou der Repko empfohlenen Wirtschaftsmaßregeln zur Veranlassung Deutschlands, seine Reparationsschulden zu zahlen und seine Mark stabil zu machen, sind recht energisch gehalten und werden die Berliner Köche nicht fröhlicher stimmen, die nicht verhindern konnten, daß trotz Devisenverordnung und Geschrei, trotz Zahlungserleichterungen und Abkommen mit Belgien, mit Lubersac, mit der Bank von England, der Dollarpreis auf 3700 Mark hinaufgeklettert ist und allem Anschein nach unverdrossen weiter steigt. Sollte Barthou in der Repko über Bradbury siegen (was nach dem Sturz Lloyd Georges immerhin wahrscheinlich ist), dann wird wohl die Eisenbartkur der ausländischen Finanzkontrolle, wie sie Hermes im Frühjahr erschachert hatte, doch bald kommen und dann erst nachher die amerikanische Pumphilfe. Aber vielleicht greift man in Berlin in seiner Angst nun doch noch zu den bayerischen Denkschrift-Anträgen? Die stellen sich als ganz abenteuerliche Gescheitheiten heraus, und wenn in der Reichsregierung noch eine Spur von Humor vorhanden wäre, dann wäre die Antwort leicht zu geben und würde eine Blamage der Münchner bewirken, an der sie das Genick brechen müßten. Ich würde an Wirths Stelle schreiben: Ja, gewiß, meine Herren. Ihre Vorschläge sind überaus wertvoll, und wir verkennen nicht, daß Sie in Bayern besonderen Anlaß haben, rasche Hilfe zu erstreben. Wir würden auch gern bei Ihnen Ruhe, Ordnung und Sicherheit schaffen, würden gern, wie Sie es von uns fordern, eine starke Beschränkung der Schlemmerstätten–Konzessionen eintreten lassen. Aber dies ist durchaus nicht Reichs- sondern Angelegenheit der Einzelländer, und wir sind und waren stets bestrebt, den föderativen Charakter des Reichs zu wahren, sind sogar auf Anträge eines bestimmten Landes in mehreren Fällen im Verzicht auf die Ausübung der Reichsbefugnisse weitergegangen als uns die Weimarer Verfassung eigentlich erlaubt hätte, und nun fürchten wir sehr, die übrigen Einzelländer könnten, wenn wir den bayerischen Forderungen Rechnung trügen, Einspruch dagegen erheben, daß das Reich in seiner oft gerügten Tendenz, über die Notwendigkeit zu zentralisieren und zu unitarisieren, hier doch allzutief in die privilegierten Hoheitsrechte der Länder eingriffe. Wir empfehlen ihnen daher, sich noch einmal selbst um Ruhe und Ordnung in Ihrem Land zu bemühen und zu versuchen, ob Sie nicht mit eigner Autorität der übertriebenen Konzessionierung der Schlemmerlokale steuern können. – Aber so wird Wirth jedenfalls nicht antworten. Denn was heute in Deutschland in Republik macht, ist nicht nur außerstande, seine laufenden Aufgaben zu erkennen, geschweige zu lösen, es ist obendrein zum Sterben langweilig und von allen Musen hoffnungslos geflohen.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 24. Oktober 1922.

Der Dollar hat den Preis von 4500 Mark erklommen, kostet also mehr als das Tausendfache der Friedensmark. Ich hätte große Lust, die Gedanken (und Hoffnungen!), die mich bei dieser Entwicklung erfüllen, in aller Ausführlichkeit zu Papier zu bringen, fürchte aber, daß ich heute nicht weit damit komme. Denn es ist derartig kalt bei mir, daß meine Finger klamm sind, und die Verwaltung hat schon jetzt – um 2 Uhr mittags – die Heizung wieder abstellen lassen. Wie das im strengen Winter werden soll, ist nicht abzusehn. Da nicht zu erwarten ist, daß bayerische Christen sich sagen werden, daß man Menschen, die man nicht versorgen kann (und Wärme gehört zur Versorgung sogut wie Nahrung) nicht eingesperrt halten darf, werden wir wohl unsre Hoffnungen auf die Umstände lenken müssen, die vielleicht geeignet sind, uns trotz der bayerischen Christen die notwendige Erwärmung noch im bevorstehenden Winter am heimischen Herd zu ermöglichen. Der Dollarkurs allein, darüber gebe ich mich keiner Täuschung hin, wird nicht ausreichen, diese Wirkung hervorzubringen, obwohl ein derartig rapider Verfall der deutschen Währung grade jetzt, wo man zum ersten Mal versucht hat, ihn durch Eingreifen der Regierung aufzuhalten, ein eklatantes Symptom des unrettbaren Ruins ist, in den die ganze kapitalistische Staatswirtschaft hineintreibt. Aber Österreichs Beispiel zeigt, daß Hunger und Elend noch lange nicht genügen, um ein Volk zur Revolution zu veranlassen. Dort wird man die ungeheuerlichen Bedingungen des „Völkerbunds“ annehmen, die verlangt werden, um – vielleicht! – im Frühjahr(!) mit einer armseligen Anleihe (650 Millionen Kronen in Goldwährung) das Weiterwursteln für einige Zeit zu ermöglichen. Dafür muß sich Österreich nicht bloß gänzlichen Verzicht auferlegen, seinen Etat nach eignem Ermessen aufzustellen, nicht bloß alle seine Ausgaben und Einnahmen von einem (wie es heißt schwedischen) Kontrolleur bestätigen lassen, also alle Souveränität preisgeben und sogar sein heißgeliebtes Parlament um das Bewilligungsrecht prellen lassen (und die Rasselbande will tatsächlich dem jeweiligen Ministerium ein „Ermächtigungsgesetz“ geben, unter Ausschluß der „Volksvertreter“ den Staatsetat selbständig zu balanzieren), es muß sich überdies verpflichten, neue Steuerquellen zu erschließen, durch die die arbeitende Bevölkerung vollends bis aufs Blut ausgepreßt wird – und das ohne berechtigt zu werden, eine Preispolitik einzuleiten, durch die dem erschöpften Volk mindestens tägliches Brot garantiert würde. Selbstverständlich wäre die halbe Goldmilliarde durch eine Zwangserhebung beim Kapital mit Leichtigkeit in Österreich selbst zu haben. Aber gerade das will der regierende Pfaffe ja nicht, und die gesamte Bourgeoisie beweist ihren wahren Patriotismus, indem sie dieser jammervollsten Versklavung des eignen Volks bedenkenlos zustimmt, niemals aber auch nur der Konfiskation der den Habsburgern gehörenden Schlösser und Latifundien. Die Haltung der Sozialdemokraten bei dieser Krisis ist natürlich ebenso wenig erhebend wie immer, wenn’s ums Ganze geht. Nach vielem Hin und Her haben sie sich schließlich doch noch zur Opposition entschlossen und plärren: Niemals! und Nein! Nein! Nein! Aber wenn sich Sozialdemokraten einmal wirklich den Willen des Proletariats als Parole aufzwingen lassen, geschieht es stets nur, um die Sache des Proletariats nicht etwa dem Proletariat zu überlassen, weil dabei dem Kapital zu nahe getreten werden könnte – und wo bliebe dann die Arbeitsgemeinschaft, der sie ihre Beamtenstellung und ihre Pensionsberechtigung verdanken? – Ich bin also sehr skeptisch. Wird eine Opposition mit sozialdemokratischer Bundesgenossenschaft belastet, dann kann sie sich einsalzen lassen. – Die Verhältnisse in Deutschland treiben nun, was die Währungsfrage anlangt, ganz ähnlichen Verhältnissen entgegen, wie sie in Österreich bestehn, und die Denkschrift des Herrn Barthou zeigt deutlich genug, daß man in Frankreich durchaus entschlossen ist, die Zwangsverwaltung über Deutschland einzurichten, zu der die Herren Seipel und Segur die Genfer Weltversöhner selbst nach Wien eingeladen haben. Aber bei uns liegen die Dinge doch ein wenig anders und von meinem Standpunkt aus hoffnungsvoller als in Österreich. Dort haben die Renner und Adler die Arbeiterschaft um die Revolution geprellt, indem sie klug genug waren, ein paar Überbleibsel der Militärrevolte von 18 in ihrer Verfassung zu „verankern“, dank deren die wirtschaftliche Reaktion sich in einem Bassin tummeln kann, das sich den Anschein politischer Freiheitlichkeit gerettet hat. Bei uns ist das Gegenteil der Fall. Wir hatten – wenigstens in Bayern – tatsächlich ernsthafte Revolution, und haben, in ganz Deutschland politisch ebenso wie wirtschaftlich die brutalste Herrschaft der bösartigsten Reaktion. Infolgedessen sind alle Gegensätze zwischen den Klassen unendlich krasser ausgeprägt als in Österreich, und es ist nicht anzunehmen, daß sich das deutsche Proletariat die Steigerung der Not solange ruhig mit ansehn wird wie das österreichische. Nun kommt in diesem Augenblick das Verlangen der Landwirtschaft nach einer nochmaligen Vervierfachung des Getreideumlagepreises, und die Sozialdemokraten wie alle Marxisten schreien fürchterlich darüber, wie stets wenn das flache Land sich weigert, sich von der Volksbewucherung durch Gesetzmaßnahmen ausschließen zu lassen. Selbstverständlich haben die Bauern auch garkeinen stichhaltigen Grund, ihre Produkte unter dem allgemeinen Marktwert bezahlen zu lassen, und unsre klugen Marxisten täten gut, sich mal darauf zu besinnen, daß man durch ihre ständige Reizung den Bauern, dereinst, wenn man sie in der Revolution bitter brauchen wird, die Freude am Mittun stark beeinträchtigt haben wird. Es ist blanker Unsinn von ihnen zu verlangen, sie sollen ihre Lieferungen jetzt, wo der Dollar 4000 steht für den Preis betätigen, den man ihnen bei Zugrundelegung der Valuta 1000 vorschrieb, während sich alle ihre Ausgaben seitdem tatsächlich um das Vierfache erhöht haben. Natürlich ist die ganze Umlagepolitik bei vorheriger Preisfestsetzung ein dilettantischer Humbug. Wäre ich Parlamentarier, dann würde ich den Leuten vorschlagen, mit dem Lande grundsätzlich Naturalienaustausch zu treiben und etwa festsetzen: Leder für 1 Paar Schuhe = soundsoviel Scheffel Getreide, Maschinenöl pro Liter – soundsoviel Scheffel u. s. w. Dann wäre gleichgeartetes Interesse auf beiden Seiten, man gewönne die Kleinbauern zu viel freudigerer Arbeit und befestigte zugleich ihre Gegnerschaft gegen den Großbesitz. Das hätte Sinn, nicht aber die neue Hiobsbotschaft vom „wertbeständigen Goldpapier“, das m. E. die Wirtschaft nur noch tiefer ruinieren wird. Denn, macht dies Papier ohnehin schon die ganze schöne Devisenverordnung zu einer öden Farce – denn ob ich Dollarscheine habe, oder in Berlin gestempelte Papiere, die stets im Wert sich an den Dollar anpassen, ist völlig gleichgültig, und die Spekulation wird dann eben mit dem „Goldpapier“ gehn, ohne von Strafe bedroht zu sein. Außerdem muß es die Gesamtwirtshaft gradezu tötlich treffen, wenn gleichzeitig gedecktes Geld mit hoher Kaufkraft und ungedeckte Assignaten, die von jenen nur immer mehr entwertet werden, kursieren, wobei selbstverständlich ist, daß das kaufstarke Kapital mit dem Wertgeld, das kaufschwache arbeitende Volk mit den Dreckfetzen handeln wird. Wie man aus dem Schlamassel herauszukommen suchen wird, kann unsereinem natürlich einerlei bleiben. Das Proletariat sieht die Devisen bis zur Bewußtlosigkeit steigen und zugleich natürlich sämtliche Preise für seinen Bedarf an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Heizung, Vergnügung u. s. w. und sträubt sich mit Leidenschaft dagegen, dauernd der Leidtragende bei dieser Entwicklung zu sein. Hat man es mit der Verordnung ein paar Tage still gemacht, da es glaubte, nun würde der Dollar zum Sinken gebracht werden, so gibt ihm das nach diesem Scheinversuch erst recht gesteigerte Anziehn des Dollars nun die fast bis zur Sicherheit gehende Vermutung ein, daß die Verordnung gerade ein Manöver war, um die Valuta ganz und gar zu verderben. Tatsächlich behaupten die hanseatischen Handelskammern im Ton vollen Ernstes nicht weniger, als daß der ungeheuerliche Marksturz eben eine Folge der Verordnung sei. Die Regierung aber kündigt an, sie werde schleunigst noch schärfere Verordnungen erlassen. Ihre Hilflosigkeit ist vollkommen, – und ihr guter Wille hier Wandlung zu schaffen mehr als zweifelhaft. Wir haben also zu gleicher Zeit jetzt den Beginn des Winters mit unerlebt frühzeitiger Kälte und gänzlicher Desorganisation der Brennstoffverteilung, sodaß der Reiche über Bedarf, der Arme überhaupt nicht eingedeckt ist. Dabei eine von Tag zu Tag nicht nur, nein von Stunde zu Stunde fortschreitende Teuerung im Tempo sprunghafter und unaufhaltsamer Höherentwicklung; das nicht mehr zu bremsende Verlangen Frankreichs, endlich garantierte Schuldenzahlung zu sehn, unterstützt von der englischen Kabinettskrise (die ja eine Folge der britischen Griechenpolitik und also eine Teilerscheinung des französisch-türkischen Sieges von Mudania ist). Zu alledem eine durch die Prozesse in Leipzig und München und durch die Vorgänge in Koburg und am Zirkus Busch ungeheuer verschärfte Spannung der innenpolitischen Gegensätze bei gleichzeitiger Aufdeckung neuer nationalistischer Mordkomplotte. Alles dies berechtigt sicher zu der Annahme, daß die Windstille nach dem Abflauen des Rathenaurummels mit seinem blamabeln Rückzug in ein neues Sozialistengesetz und Preisgabe aller gemeinsamen Forderungen der Arbeiter, um die erhöhten Reichstagsdiäten nicht aufs Spiel zu setzen (jetzt haben die Herren am Königsplatz der Republik ihre monatlichen Bezüge auf 35000 Mark zu erhöhen beschlossen), daß die Windstille schon jetzt vorbei ist, und daß neue Erschütterungen des gesamten öffentlichen Lebens in naher Aussicht stehn, deren Wirkungen alle Möglichkeiten haben, die ausdenkbar sind. Unter diesen Möglichkeiten befindet sich zweifellos auch die unsrer Befreiung. Warum also verzagen? Ich bin fröhlich und voll Zuversicht und wenn auch meine Kniee ein bißchen schlottern angesichts der kalten Heizanlage, ich tröste mich mit den Versen meines Landsmanns Geibel: Und dräut der Winter noch so sehr – es muß doch Frühling werden!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 25. Oktober 1922.

Unser Zensor bestätigt meine Vermutungen. Er konfisziert wieder in stark erhöhtem Maßstabe. Das Gefühl, als ob wir wieder bei einer Wendung stehn wie im Juni, läßt mich nicht los, obwohl die unmittelbare „Krise“ wieder für 14 Tage hinausgeschoben scheint. Wenigstens hat sich der Reichstag, nachdem er in 3 Lesungen den dicken Ebert definitiv gemacht und die Getreideumlage mit der Vervierfachung der Preise angenommen hat, bis zum 7. November vertagt. Die Sozi haben es vorgezogen, einfach dagegen zu stimmen, ohne nach ihrer Überstimmung Neuwahlen zu erzwingen (die Regierung kennt die Mittel, derartige Entschlüsse zu stören: die 35000 Mark Monatsdiäten!) und selbstredend ohne aus der Regierungskoalition auszutreten. Minister spielen ist schön und einträglich. – Der Dollar aber ist, nachdem die Börse bewiesen hat, daß sie sich gegen eine Stabilisierung der Valuta zu wehren weiß, und nachdem ihr eine Abänderung der Verordnung, die die Mark heben sollte und sie in den Abgrund senkte, versprochen ist, in 24 Stunden wieder um 500 Mark gefallen und steht nach unsern letzten Berichten auf etwas über 4000. – Die Konfiskationen hier drinnen werden wohl hauptsächlich auf die Erregung zurückzuführen sein, die das Urteil in Fechenbachprozeß wieder mal gegen Bayern aufgewühlt hat. Es ist aber gut, sich zu erinnern, wie auch anderswo, und zwar von Geschworenen, judiziert wird. Das Schwurgericht in Mannheim hatte sich mit dem Bombenattentat in der Mannheimer Börse zu beschäftigen, und siehe, die Herren kamen zu dem Ergebnis, daß das Explodierenlassen von Handgranaten nicht unter das Sprengstoffgesetz falle, sondern nur als unbefugter Waffenbesitz zu ahnden sei. Auch billigten sie allen Beteiligten mildernde Umstände zu, mit Ausnahme des Uhrmachers aus München, der als Funktionär der Nationalsozialist. Partei die Handgranate zu dem freundlichen Unternehmen zur Verfügung gestellt hatte. Darauf verurteilte das Gericht die der Nationalsozialistischen Partei angehörenden jungen Leute zu Gefängnisstrafen von 4 – 9 Monaten, mit Ausnahme des besagten Uhrmachers, der nochmal verhandelt werden soll, weil die Berufsrichter die Überzeugung gewonnen hatten, die Geschworenen seien denn doch zu hart gewesen und hätten sich zum Schaden des wackeren Mannes geirrt, indem sie keine mildernden Umstände für ihn annahmen. Deutsche Justiz! – Nun aber im Reich die wilde Leidenschaft sich zum Revolutionsgedenktag vertagt hat (es ist wohl zu hoffen, daß die Ehrhardt-Leute nun auch den Mord an Wirth bis dahin verschoben haben), geht der politische Spektakel in Bayern wieder an. Es heißt, die wunderschöne Denkschrift an die Reichsregierung habe „Unstimmigkeiten“ innerhalb der Landesregierung selbst hervorgerufen, ja – ein Ressortminister des Kabinetts Lerchenfeld habe sogar nach Berlin einen eignen Schrieb losgelassen, worin er genau das Gegenteil von dem bekennt, was in der Denkschrift steht. Es soll also „kriseln“, und angeblich soll die Bayerische Volkspartei jetzt ohne Gürtnersche Mitwirkung das Geschäft ganz allein betreiben wollen, natürlich aber wohl unter Preisgabe ihres hinlänglich blamierten Lerchenfeld. Unter den Prätendenten fürs Präsidium nennt die Münchener Post neben Moritz v. Frankenstein auch den derzeitigen vollständig verpfafften Kultusminister Matt und den bei Gürtners Ernennung ausgerutschten Staatsrat Meyer. Dies alles braucht uns sehr wenig zu interessieren, nur die Divergenzen innerhalb der bayerischen Reaktion selbst können unter Umständen auch hierher zurückwirken, und wenn es grade die Denkschrift ist, die dem Reich und der Welt die bayerische überlegene Gescheitheit dokumentieren sollte, an der jetzt diese Gescheitheit sich das Hirn einrennt, so hat das immerhin einen gewissen Humor in sich. Bezeichnend ist jedenfalls, daß die Lerchenfeldwebel dieses ominöse Manifest immer noch nicht im Wortlaut bekannt gegeben haben, sondern ihr geliebtes Volk mit allgemeinen Zeitungsinformationen abgespeist haben. Jetzt aber verlangt die Presse selbst die Veröffentlichung des ganzen Salms und will dann „Stellung nehmen“. Man darf also hoffen, daß im gelobten Bayernlande demnächst ein fröhlicher Frosch-Mäusekrieg anhebt. Das Quaken und Quieken der kämpfenden Helden kann immerhin dazu beitragen, sie in ihrer ganzen Größe auch denen zu zeigen, die heute noch wirkliche Kraft hinter ihnen vermuten. – Für den „Geist“, der hier im Hause waltet – und wer wollte bestreiten, daß Gollwitzer-Hoffmanns Geist Geist vom Geiste Lerchenfeld-Gürtners ist! –, ein kleines Beispiel. Hartig erhielt die Eröffnung, daß die Schrift eines katholischen Literaten in Würzburg, Leo Weißmantel, „Brief eines Katholiken an einen gefangenen Revolutionär“ als „agitatorisch“ zu den Akten genommen sei. Ein katholischer Schriftsteller treibt Agitation für den Katholizismus, sollte man meinen. Dies ist also hier drinnen nicht zulässig. Denn offenbar hat der Mann die Lehren Christi mit Christentum verwechselt und womöglich gar in allem Ernst propagiert. Wäre er selbst „gefangener Revolutionär“ in Bayern, dann hätte ihm die Verwechslung nicht passieren können. Aber er sollte sich in Acht nehmen, daß ihn die Christen in Bayern nicht noch wegen seiner Agitation katholischer Religiosität zum gefangenen Revolutionär machen. Ich schreibe vielleicht mal einen „Brief an einen ehrlichen Katholiken über das Christentum, das gefangene Revolutionäre in Bayern gelehrt wird“. Und dann wollen wir vergleichen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 27. Oktober 1922.

Wann wird endlich mal die Verwaltung anfangen, unsre Zellen so zu heizen, daß man sich ohne ernstliche Gefährdung der Gesundheit drin aufhalten kann? Einmal in der Frühe wird Dampf in die Heizkörper gelassen, bis spätestens 2 Uhr ist auch die letzte Spur Wärme verbraucht, und dann können wir sehn, was aus uns wird. Wenn das das ganze Semester durch so fortgesetzt werden soll, haben wir hübsche Aussichten für den Winter! Ich warte noch den 1. November ab. Wenn dann der Zwang kommt, um ¾ 9 in die Zellen zu verschwinden und bis 7 Uhr früh im Dunkeln zu bleiben, ohne daß dem Winter gleichzeitig auch durch die Erwärmung der Zellen Rechnung getragen wird, werde ich irgendwelche Schritte von mir aus tun, um womöglich das öffentliche Interesse auf diesen Skandal aufmerksam zu machen. Man möge die Regierung zu einer Äußerung darüber ersuchen, ob sie auch den Grafen Arco frieren läßt. – Gestern unterblieb die Eintragung hier eben wegen der Hundekälte. Sonst hätte ich vielleicht heute mehr von der politischen Lage behandeln können als mir – da ich auch noch Briefe schreiben muß – jetzt Zeit dazu bleiben wird. Ich will aber das persönliche, noch so kleine Erleben, nicht zu kurz kommen lassen, da es sich leichter vergißt als die politischen Ereignisse, an die die Auswirkungen doch immer wieder erinnern. Gestern früh ließ mich der Arzt holen. Ich war erstaunt über seine besorgten Fragen, wie es mir gehe, – bis er mir auf meine Frage, woher die plötzliche Aufmerksamkeit rühre, mitteilte, er habe von meinem Herrn Bruder einen Brief bekommen. Ich wurde also untersucht, und der Doktor fand nichts, gewogen, wobei festgestellt wurde, daß mein Gewicht, das jetzt 58½ Kilo beträgt, seit der letzten Wägung 1 Kilo verloren hat, und dann folgte ein Gespräch, bei dem ich mal wieder ziemlich in Wallung kam, und das auch ins politische Gebiet hinübergriff. Auf die Frage, wie es meinen Nerven gehe, erwiderte ich, daß sich eine Einsperrung von 3½ Jahren unter Niederschönenfelder Formen natürlich geltend mache. Ich sei doch aber viel ruhiger geworden, meinte er, – und ich: Allerdings habe ich meine Energie soweit gebändigt, um nicht mehr bei jeder Gelegenheit hochzugehn und hoffe dadurch die Absicht, mich zugrunde zu richten, schließlich doch durchkreuzen zu können. Oh, niemand wolle uns zugrunde richten. Ich ging dann auf die Quälereien etwas näher ein und vor allen Dingen auf die Schandbarkeit, daß man wider Recht und Gesetz unsre Ehen auflöst, bei Besuchen jeden Kuß von einem Aufseher genau kontrollieren läßt (dabei fing der Doktor zu lachen an, was ich mit den Worten parierte: Den Frauen ist dabei nicht zum Lachen) und die Frauen hysterisch macht. (Mein armer Freund Hagemeister hat infolge dieser Schweinerei grade im Augenblick großen Kummer mit seiner Frau, die im Begriff scheint, die bisher durchaus glückliche Familie mit ihren hysterischen Vorwürfen gegen den Mann auffliegen zu lassen). Ich ging dabei auch auf die Behandlung Arcos ein, der ein Landgut zu seiner Verfügung habe, wo er Gelegenheit findet, mit seiner Braut Spaziergänge zu machen und zufällig unterwegs den Dr. Heim zu treffen. Der Arzt meinte, von dem Landgut wisse er nichts, er habe aber gelesen, daß Herr Auer dem Grafen ein Rosenbukett geschickt habe. Der Mann glaubte in seiner Ahnungslosigkeit wohl, Auer und ich zögen politisch am selben Strang und diese Geschichte müsse mir sehr unangenehm sein. Ich replizierte aber sofort damit, daß ich an Lindtner erinnerte, der im Zuchthaus sitze, weil ihm die Zusammengehörigkeit der Herren Auer und Graf Arco instinktiv klar war. Endlich kam ich auch auf den Ruf, den Bayern in der ganzen Welt genieße – mit Ausnahme Ungarns, fügte ich auf seinen Einspruch hinzu, und als er daran erinnerte, daß jetzt ein so großer Fremdenverkehr in Bayern floriere, daß die Verachtung doch noch nicht allzu tief ginge, erwiderte ich: Das Vollbier wird wohl ausgezeichnet sein. Aber Vollbier und Rechtszustand ist zweierlei. Da ich sehr in Eifer kam, faßte der Arzt noch mal an meinen Puls und stellte lächelnd fest, daß er plötzlich viel rascher gehe als kurz vorher, man spüre ordentlich, wie mein Blut in Wallung gekommen sei. Ich gab zur Antwort: Das ist kein Wunder. Man braucht nur dran zu denken, in wessen Händen man sich befinde[t], dann muß einem ja das Blut sieden. Ich forderte ihn schließlich auf, falls er für unsre Nerven etwas tun wolle, möge er sich dafür verwenden, daß unsre Frauen weniger gepeinigt werden und daß unsere Ehen wieder hergestellt werden. Natürlich meinte er sofort, daß er da kaum etwas werde machen können und brach das Gespräch, als ich ganz rückhaltlos von Gesetzbrüchen und von der Stunde sprach, wo die Rechnung präsentiert werden wird, das Gespräch ab. Allerdings glaube ich nicht, daß sich durch dieses Intermezzo etwas bessern wird, aber jedenfalls tut schon so eine gelegentliche Entladung wohl, und wenn der Arzt dem Staatsanwalt Bericht gibt, kann man nicht wissen, ob nicht doch gewisse Erleichterungen erwachsen könnten. Der Augenblick könnte passen. Die Fechenbach-Sache wächst sich aus. Im Reichstag ist eine Interpellation, im preußischen Landtag eine „große Anfrage“ in der Sache eingebracht worden. Herr Alwin Sänger, ein Auerochse freilich, der nicht viel besser ist als der Bulle selbst, hat einen Artikel über Justiz in Bayern unter seine Kälber geworfen, der das Umstuken dieses Geschmeißes nach der Nürnberger Harmonie-Komödie deutlicher als alles vorher beweist, und der sogar uns Räterepublikaner mit einer Träne im Auge besabbert. Inzwischen „kriselt“ es weiter in der Bayerischen Regierung und man erfährt, daß der Einspruch gegen die Lerchenfeldsche Denkschrift ans Reich aus demselben Handelsministerium stammt, das eben der Lerchenfeld im Nebenamt mit verwaltet. Auch Herr Held zieht gegen das Elaborat vom Leder, dem er nachsagt, es sei der Anfang vom „Staatssozialismus“, und der dürfe niemals Ereignis werden (welcher Ansicht auch ich bin). Der Dollar aber steigt schon wieder, und nun fährt die ganze Reparationskommission nach Berlin und wird natürlich ohne Zwang sowenig ausrichten wie bisher. Doch scheint nach dem Sturz Lloyd Georges in England allgemein die Auffassung durchzudringen, daß die britische Kontinentalpolitik in enger Zusammenarbeit mit den Franzosen betrieben werden müsse. Die Finanzkontrolle wird also wohl so oder so kommen und mit ihr ohne Zweifel der Sturm des Kapitals gegen den Achtstundentag, zu dem ein offener Brief des Schwerindustriellen August Thyssen den Reichskanzler direkt aufruft. Man müsse „das Volk“, eventuell gegen seinen Willen vorm Ruin retten (indem man es zu verlängerter Fron im Dienste des Großkapitals zwingt!). Von den Gewerkschaften haben die Herren gewiß wenig zu fürchten bei diesem Vorstoß. Die haben sich mit dem Stinnes-Lubersac-Vertrag längst abgefunden, der auf jeden Fall dem 8-Stunden-Tag ohnehin schon die Luft wegnimmt. Es ist also nicht garzu verwegen zu hoffen, daß das Proletariat endlich doch die Geduld verliert. Die bayerischen Extratänze in ihrer grotesken Talentlosigkeit im Regieren und im Verwalten tun das ihrige, um hier auch ohne Aktivität der Arbeiter die Dinge über kurz oder lang überschlagen zu lassen. Was es mit den bourgeoisen „Republikanern“ aller Richtungen auf sich hat, sieht man an den Urteilen überall, auch außerhalb der bayerischen Haßjustiz (der soeben ein beredter Verteidiger ersteht in der Person unsres Musterdemokraten Müller-Meiningen – der ja aber ihr Vater ist und auch sonst nur belacht wird). Der „Staatsgerichtshof“ läßt den Begünstiger Kerns und Fischers, der ihnen Kleidung auf die Burg Saaleck brachte, für 6 Monate im Gefängnis (Herrn Dr. Stein, den Besitzer der Burg, sprach man frei, da ihm wirklich nichts nachzuweisen war), „büßen“. In Berlin sprechen Geschworene auf Antrag des Staatsanwalts selbst 2 Noskesche Mordoffiziere frei, die im März 19 an der Leichenfabrikation en gros in 2 nachgewiesenen Fällen teil hatten. Der Noskesche Schießerlaß deckte ihren Mord und dieser Noske selbst erschien als Zeuge und erklärte, der Erlaß sei notwendig gewesen, er decke ihn mit seiner Verantwortung (als Oberpräsident von Hannover.) Allmählich müssen den Arbeitern die Augen doch wohl aufgehn. Allerdings lassen sich die meisten noch immer mit den alten Gewerkschaftsphilistern mitschleppen, und die Kommunisten arbeiten gegen die nur mit Worten, mit Taten aber gegen die wirklichen aktionsfähigen unionistischen Organisationen. Der Betriebsrätekongreß könnte allenfalls was bewirken, wenn nicht hinter ihm zuerst Partei- und dann erst Klasseninteressen ständen. Und wenn die KP jetzt zu ihren zahllosen Parolen eine bessere fügt als bisher, nämlich: schafft Kontrollausschüsse! – so weiß man doch nachgrade, wie standhaft diese „Kommunisten“ auf ihren eignen Parolen stehn bleiben und daß auch hier bloß Parteitaktik zugunsten vermehrter Parlamentsmandate getrieben wird. Die wirksamste Aufklärung der deutschen Arbeiterschaft kommt gewiß nicht von ihren beamteten „Führern“ in Parteien und Gewerkschaften. Sie kommt von den praktischen Beobachtungen, zu denen sie ihre eigene Lage zwingt und sie kommt von der unfähigen Faszistenkopiererei der Teutobanausen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 28. Oktober 1922.

Herr Gollwitzer hat heute mittag keine Zeitung ausgeben lassen. Da er in den letzten Wochen an Sonnabenden mehrmals noch abends Post freigab, ist’s möglich, daß wir uns später noch über die letzten Neuigkeiten orientieren können. Ich kann also manches nachtragen, wozu mir bisher keine Zeit blieb. Über den Faszistenkongreß in Neapel bleibt die Betrachtung besser zurückgestellt, bis zu sehn ist, ob die Sache bei den friedlichen Formen bleiben wird, in denen sie sich bis zu den letzten Meldungen gehalten hat – trotz des ungeheuren militärischen Apparats, den Herr Mussolini für seine Demonstrationsparade aufgeboten hat. Die Vorgänge in Italien sind deshalb so wichtig, weil sie als Vorbilder gelten können für das, was die verwandten Reaktionsorganisationen in ganz Europa, besonders in Deutschland und ganz speziell in Bayern, für Pläne haben. Es ist garnicht zu bezweifeln, daß die Mussolini-Bande, die Hitler-Garde und die Hejas-Horde längst in gegenseitigem Einverständnis miteinander arbeiten, und daß es sich um eine im Ausbau begriffene internationale Bewegung militärisch-antisemitischen Gepräges handelt. In Neapel haben sich die Faszisten zu vielen Tausenden eingefunden, und zwar schon in militärische Kadres divisionsweise eingeteilt. Diesem Treiben sieht die römische Regierung völlig machtlos zu, ja, sie muß dulden, daß die Rebellen – ganz ähnlich wie in Bayern – mit Extrazügen von faszistischen Eisenbahnern von Tirol abgeholt und durch ganz Italien an Ort und Stelle transportiert werden. Bis jetzt hört man, daß diese Krachnationalisten ihre Aufnahme in der italienischen Regierung verlangen und zwar gleich durch Inanspruchnahme etwa der Hälfte aller Ministerien, und es sieht durchaus nicht unwahrscheinlich aus, daß die nächste Regierungsbildung unter ihrer Beteiligung vor sich gehn wird. Die italienischen Arbeiter, gegen die diese Leute den schamlosesten Terror ausüben, werden furchtbar gestraft für das Versäumnis, sich rechtzeitig von ihren „Führern“ zu befreien, die ihnen noch jede notwendige Aktion sabotiert haben. Jetzt haben sie die Konterrevolution in ihrer scheußlichsten Gestalt, ohne überhaupt die Revolution gehabt zu haben. Einen großen Teil Schuld an der Passivität des Proletariats dort und überall messe ich übrigens dem nachgerade verheerenden Treiben der Moskauer Allerweltskommandeure bei. Die beschließen fern vom Schuß über Einigungen und Trennungen der Arbeiterorganisationen; sie wollen in Moskau entscheiden, ob Serrati die italienischen Arbeiter gängeln darf oder nicht und schreien ihn heute als Konterrevolutionär aus, während sie ihn morgen mit offenen Armen in die III. Internationale hineinlassen. Ihre revolutionären Erfolge 1917 und ihr prachtvoller Anfang im Kampf gegen die Konterrevolution und für kommunistische Organisation der Wirtschaft und der Zauberklang des Wortes Sowjetrepublik haben die revolutionären Arbeiter der ganzen Welt fasziniert, dann aber leider auch chloroformiert, sodaß sie gegen die ganze furchtbare Zurückentwicklung der russischen Revolution kritiklos wurden und zum sehr großen Teil auch heute noch nicht zugeben mögen, daß das was sich in Rußland breit macht als „Kommunismus“, als „Diktatur des Proletariats“, als „revolutionäre Internationale“ schon längst keine Ähnlichkeit mehr mit diesen Dingen hat. Der Kommunismus wird an kapitalistische Ausbeuter-Vereinigungen regelrecht verschachert, die Diktatur wird von ein paar Parteibeamten in den Formen der äußersten Brutalisierung derer ausgeübt, die das Proletariat wirklich zum Herren des Landes machen wollen, mit der Internationale, die ein einfacher Konkurrenzverein zu Amsterdam ist, wird der Unfug der Marxisten von 1872, mit ödester Autoritätswirtschaft jede Eigenregung der Arbeiter zu verhindern, in der rücksichts- und bedenkenlosesten Weise wiederholt und verschlimmert. Zwar bekämpft man die alte Partei, aber nicht um sie durch revolutionäre Prinzipien zu ersetzen, sondern um andre Parteimenschen auf die Bonzenpöstchen in den Parlamenten und überall zu erheben. Man bekämpft – nachdem man sie durch Hineinjagen der von ihnen längst angeekelten Kommunisten erst ungeheuer gestärkt hatte – jetzt die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, weil die überall die „kommunistischen Zellen“ auszuräuchern begann, statt aber die Unionen zu fördern, die das Proletariat in den Betrieben revolutionär zusammenfassen wollen, hetzt man im Gegenteil gegen diesen besten Teil des revolutionären Proletariats mit allen Mitteln der Verdächtigung und baut eine neue „Rote Gewerkschaftsinternationale“ auf, die sich von der andern nur dadurch unterscheidet, daß andre Beamte an ihrer Spitze stehn, die ihre Weisung nicht von Amsterdam sondern von Moskau beziehn. Dieselbe Organisationsform, die die Arbeiter – abgesehn von der jede Aktion lähmenden Zentralisation – nicht nach ihren natürlichen Arbeitsbedingungen zusammenfaßt, sondern nach dem Material, das sie verarbeiten, sodaß auch sie einverstanden sind, daß in irgendeiner Maschinenfabrik die Arbeiter, die zufällig darin mit Holzarbeiten beschäftigt sind, in Streik treten, während die mit Metallverarbeitung Betrauten weiterwursteln. Es darf nicht lange mehr so weitergehn. Es muß einmal der Entschluß gefaßt werden trotz aller Hemmungen, die einem die Liebe zu Lenin eingeben mag, rückhaltlos dem internationalen Proletariat aufzudecken, daß es von Moskau aus betrogen wird. Man darf nicht länger aus Sentimentalität zu allem schweigen, was da vorgeht und muß die Bolschewiki genau so erbarmungslos ihren Sünden gegenüberstellen wie sie es den rechten Sozialrevolutionären gegenüber gemacht haben, deren Verdienste 1905 unermeßlich waren, die dann aber vor den Oktoberaufgaben 1917 versagten. Vor allem muß man sie vor der Welt fragen: was berechtigt euch zur Verfolgung und Ausrottung der Anarchisten und revolutionären Syndikalisten im eignen Lande? Was ist das für eine „proletarische“ Politik, die jeden der das Katzbuckeln vor dem europäischen Finanzkapital kritisiert, für vogelfrei erklärt, und was ist das für eine Sowjetrepublik, die in kapitalistischen „Pacht“-Verträgen den Räten jede Macht nimmt? Was endlich ist das für eine sonderbare Revolutionspraxis, daß man nun auch noch die Rote Armee umwandelt in ein „Russisches Heer“ mit allgemeiner Dienstpflicht zum Zweck der Schützung türkisch-imperialistischer Ansprüche, sich fernerhin ungestört der Ausrottung der armenischen und griechischen Christen widmen zu können? Und dann überhaupt: was ist das für ein merkwürdiges „proletarisch-sozialistisches“ Revolutionsgebaren, das im Eifer, sich als Staat unter Staaten zu beweisen, soweit geht, an kapitalistische Regierungen Auslieferungsanträge zu stellen, die flüchtige sozialistische Revolutionäre betreffen? Die russischen Anarchisten und Syndikalisten veröffentlichen einen Aufruf an das internationale Proletariat zugunsten Machnos. Der war zuerst nach Rumänien geflüchtet, von wo es ihm gelang, als diese Monarchie ihn ausliefern wollte, nach Polen zu entkommen. Und nun erwecken alle Anzeichen den Anschein, daß die „Sowjet“-Regierung von der Pilsudski-Bande, die man sonst garnicht genug beschimpfen kann, mit Erfolg verlangt, daß sie ihr den großen Revolutionär an den Strick liefert, ohne den sie weder mit Denikin noch mit Wrangel hätte fertig werden können, der aber als wirklich revolutionärer Anarchist und als Räterepublikaner ohne Rückversicherung bei einer Parteizentrale, gegen die frechen Ansprüche der Moskauer, die ukrainischen Bauern müßten ihr Land parzellieren statt es in sozialistischen Genossenschaften zu bebauen, zu den Waffen rief, nachdem man ihm die von Bela Khun unterzeichneten Garantieverträge, daß Machno und die Anarchisten unbehindert in der Propaganda und Praktizierung ihrer Lehren bleiben sollen, als man ihre Hilfe benutzt und nicht mehr nötig hatte, gebrochen hatte. Kommt es tatsächlich zu der Auslieferung Machnos, die seine Hinrichtung zweifellos nach sich zöge (denn für diesen entschlossenen wahrhaft revolutionären Kämpfer für proletarische und bäuerliche Befreiung würden sich nicht die menschewistischen Hosenscheißer der ganzen Welt in Gerechtigkeitsparoxysmen winden wie für die Gotz und Timofejew), wird dieser Mann das Opfer der vereinigten Rachsucht der polnischen regierenden Sozialdemokraten und der russischen ebenfalls regierenden Kommunisten, dann wäre das der moralische Tod seiner Henker. Denn die Verleumdung hält auf die Dauer nicht dicht. Gewiß kann man den von offiziöser Regie hinlänglich benebelten Kommunisten in aller Welt, denen alles, was in Moskau vorgeht und von Moskau ausgeht, tabu ist, eine Zeit lang weis machen, Machno sei von Kerenski bestochen, mit Wrangel im Bunde, besolde selbst Mordcliquen gegen Lenin und Trotzki und was weiß ich für Moritaten. Aber hat man den infamen Mord an ihm eines Tages fertig gebracht (und den wird man nicht schonen wie die Sozialrevolutionäre, denn dieser ist wirklich für jeden Revolutionsverantwortlichen gefährlich, sobald er unverantwortlich handelt, auch weiß man sich dabei in stillschweigendem Einverständnis mit denen, die um ihre Kerenskianer plärren), dann wird, und das wird kein noch so rühriger Lügenapparat hindern, der Leichnam zu reden anfangen und bald wird er rufen und dann wird er’s in die Welt brüllen, daß in ihm die Revolution ermordet ist, und daß Marx jetzt nach 50 Jahren vollbracht hat, was er vor 50 Jahren einleitete: Bakunin physisch auszurotten. Aber Bakunins Zähigkeit wird fester sein als die Marxe glauben, und die Tötung seines größten Schülers von den größten Schülern Marx’ wird den Geist und die Seele Bakunins-Machnos zu neuem Leben erwecken. Das ist zur Revolution der Massen von unten auf, ohne Halt vor ihren bewährten Führern von Amsterdam und Moskau, ohne zaghaften Respekt vor denen, die einmal große Revolutionäre waren und die vom Wege abkamen und sich nach Genua und Angora verirrten, um schließlich als Abdecker der Revolution in ihrem eignen Schindanger zu ersticken. Es ist grenzenlos bitter, so schreiben zu müssen. Aber ich will die Augen nicht länger vor dem Unrecht derer verschließen, die ich so flehentlich gern Recht üben sähe. Wo Robespierresches Jakobinertum am Werk ist, muß der 9. Thermidor kommen, wenn die Héberts und Jacques Roux’ nicht schneller am Hebel der Guillotine sind als auf ihrem Block. Mögen die Charaktere der Revolution im Bolschewiken-Club, die Lenin und Lunatscharski ihre Seelen retten. Die Kronstädter Matrosen werden eines Tages auch an ihre Türen klopfen und Rechenschaft fordern. Wenn aber Machnos Kopf unter die Spähne der bolschewistischen Kapitalsrestauration fallen sollte, dann wird er seinen Geist umgehn lassen als ein Gespenst der Rache, und die proletarische und Bauernrevolution, die in aller Welt kommunistische Sowjetrepubliken etablieren wird, wird auch in Rußland ganze Arbeit tun und das Blut seiner besten und entschlossensten Vorkämpfer von denen zurückfordern, die es vergossen haben.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 30. Oktober 1922.

Ich hätte gestern gern einiges über Festungsinterna zu Papier gebracht, um mich heute mit wichtigeren Angelegenheiten zu befassen. Aber gestern gab’s Theater (wobei wieder festzustellen war, daß Bauer das Talent zu einem wirklichen Komiker hat, der bei ein wenig Schulung auf guten Bühnen herausgestellt werden könnte), und heute ist’s noch kälter als sonst, da man schon ½ 12 die Heizung abstellte. So will ich mich in beiden Dingen der Kürze befleißigen. Vom Faszistenkongreß kam uns am vorgestrigen Abend noch die Kunde, daß man plötzlich in Neapel alle Verhandlungen abbrach und nordwärts fuhr. Niemand wußte, was das bedeutete, die Presse orakelte aber schon von Putschabsichten. Und diese Orakel stellen sich heute als richtig heraus. Das Kabinett de Facta erhielt ein Ultimatum und verschwand prompt vom Regierungsthron. Die Faszisten haben alle großen Städte besetzt, sind ohne Abwehr Herren der Situation geworden und werden nun zeigen, was sie eigentlich vorhaben. Bis jetzt hieß es, sie wollten mit 4 oder 5 Sitzen im Ministerium vorlieb nehmen, und die Regierung habe ihnen 2 schon zugesagt gehabt. Es scheint aber jetzt so, als ob sie die ganze Macht im Lande ausüben wollen. Ob sie dabei die Monarchie bestehn lassen wollen, ist noch unklar; erst recht unklar ist, was unter der Behauptung, daß Gegenmaßnahmen im Gange seien, zu verstehn ist. Von Generalstreik ist nirgends die Rede und die Tatsache, daß unter den Putschisten sehr viele Arbeiter, ja ganze Gewerkschaften sind, läßt es fraglich scheinen, ob eine proletarische Gegenaktion großen Stils überhaupt zustande kommen kann. Nehmen die italienischen Arbeiter die Gegenoffensive nicht sofort mit den schärfsten Mitteln auf, so wäre das eine unermeßliche Gefahr auch für den Gang der Ereignisse bei uns. Die bayerischen Nationalsozialisten würden sich von dem Beispiel ebenso hypnotisieren lassen wie wir seinerzeit von dem Beispiel Budapests, aber das bayerische Gewerkschaftsproletariat würde den Dingen ihren Lauf lassen, entmutigt von der Tatenlosigkeit ihrer italienischen Genossen. Freilich ist auch die Aussicht da, daß diese Entwicklung – ebenso wie 1919 – trotzdem zur Katastrophe für die Angreifer führen kann, wenn nämlich die Unfähigkeit der neuen Machthaber in der Praxis zutage tritt, und wie damals in rascher Folge in Bayern wie in Ungarn dem Extrem der einen Richtung das der andern folgte und sich bis zur Stunde hält, so kann das Umkippen nach der andern Seite auch jetzt wieder für uns die Entscheidung bringen, und es käme dann nur auf uns an, ob wir unser Glück durch Klugheit, Festigkeit und freiheitliche Gerechtigkeit halten und vervollständigen können. – Es muß jetzt gewartet werden, was für Meldungen über diese Wendung weiterhin aus Rom eintreffen werden. Ich bin aufs höchste gespannt. – Viel weniger wichtig scheint mir die bevorstehende Veränderung in der bayerischen Regierung. Daß Lerchenfeld über die Behne seiner Frau stolpern würde, war längst zu erwarten, und daß man einen andern Vorwand brauchen würde, ebenfalls. Also die Denkschrift ans Reich muß herhalten, die so großspurig losgelassen wurde, und die heute keiner mehr decken mag. Als Nachfolger soll nun der Staatsrat Meyer vom Justizministerium ausersehn sein, der sich uns bereits öfter als Kühlewein-Ersatz bemerkbar gemacht hat. Er wird nicht besser sein als Lerchenfeld am Präsidium, wie Gürtner nicht schlechter ist als Lerchenfeld in der „Rechtspflege“. Was Lerchenfelds etwas kläglichen Abgang – der für Donnerstag angekündigt wird – ein wenig interessanter gestaltet, ist der Schub nach rechts, der gleichzeitig in seiner Partei vor sich geht. Herr Schäffer, vom ganz rechten Flügel der Partei übernimmt an Stelle des alten Speck die Führung, und so darf man erwarten, daß über kurz oder lang ein neuer Konflikt mit dem Reich da sein wird, den Herr Meyer dann im Stile Xylanders auszukämpfen haben wird. Dieser Konflikt deutet sich bereits lebhaft an. Er wird wohl wieder Justizhoheitsfragen betreffen und zwar im Anschluß an den Fechenbachprozeß. Da hat der „Vorwärts“ die Offensive ergriffen (Paul Levi scheint der Regisseur zu sein). Er behauptet, die Angelegenheit wachse sich immer mehr zu einer Dreyfuß-Parallele heraus. Du lieber Himmel! Levi und Stampfer als Zola und Scheurer-Kestner und Fechenbach: Geheimrat Dreyfus! (Von Lembke und Gargas redet kein Mensch. Als ob man denen weniger Schmach angetan hätte). Übrigens rühren sich auch nationalistische Blätter und, abgesehn von dem völlig korrupten Münchner Journalistenverein, der Lembke noch vor dem Staatsanwalt ehrlos erklärte, um recht dienstbeflissen zu sein, wenn es einen Kollegen ruinieren hieß, sind die Zeitungsschreiber aller Arten sehr nervös. Denn es ist auch kein angenehmer Zustand, jeden Augenblick wegen pflichtgemäßer Weitergabe einer Meldung, die irgendeinem Haß für die Organisation C gefährlich scheinen könnte, ins Zuchthaus geschickt werden zu können. Da die Reichsregierung in den nächsten Tagen schon sich wird äußern müssen – armer Radbruch! – brauche ich heute auch hieran keine langen Betrachtungen mehr zu knüpfen. Jedenfalls glaube ich nicht, daß bei dem ganzen Handel mehr als Theaterdonner herauskommen wird. Unsre tapferen Reichsrepublikaner werden sich doch nicht für ein paar politische Gefangene in Ungelegenheiten mit der monarchistischen bayerischen Eigenart bringen. – Ich hätte Lust gehabt, der Reichstagsschiebung zur Amtsverlängerung Eberts des Taktvollen noch ein paar Zeilen zu widmen. Aber Zeit und Temperatur wollen es nicht. Nur ein prächtiger Witz darf nicht verloren gehn. Herr v. Frankenstein, der alte Fuchs der bayerischen Volkspartei, hat in einer Rede verraten, warum sich seine Parteigenossen ebenfalls mit der Verlängerung Fritzens bis 1925 abgefunden haben. Das sei vollständig in der Ordnung gewesen. Hätte jetzt die Präsidentenwahl stattgefunden, dann wäre Ebert zweifellos wiedergewählt worden – und man hätte ihn bis 1929 genossen. Durch das Kompromiß des Reichstags dagegen habe man ihn nur bis 1925 zu ertragen. Das ganze nennt sich eine Vertrauenskundgebung. Für die Hausangelegenheiten wird mirs zu spät (ich muß den kleinen Lohnstreik unsrer Genossen bis morgen zurückstellen). Heute nur ein Nachruf, und die Persönlichkeit, deren gedacht werden soll, ermöglicht wohltätige Kürze des Gedenkens: Marschall. – Man hat das Empfinden, als ob mit ihm peinliche Dünste aus dem Hause gingen. Genaues nachzuweisen ist ihm, glaube ich, nie gewesen. Gezweifelt hat trotzdem kaum einer an der Qualität des Mannes. Seit seiner Rückkehr von Erlangen war er fast ganz isoliert. Erst seit Herr Fritz Weber im Hause ist, fanden sich die beiden schönen Seelen. Die Qualität dieses Zeit- und Haftgenossen steht nun auch fest. Sein Jahr hier wird kaum geselliger verlaufen als Marschalls letzte Monate. – Gott schenke diesen Leuten ein langes Leben, – aber recht fern von den Stätten proletarischer Bewegungen und Kämpfe.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 31. Oktober 1922.

Es wird ratsam sein, alle Prophezeiungen zu den höchst dramatisch gewordenen Ereignissen in Italien zu unterlassen und vorläufig nur die Vorgänge zu registrieren. Die neuen Tatsachen sind noch zu wenig entwickelt, um ein Urteil darüber zu ermöglichen, was draus entstehn wird. Die Besetzung fast des ganzen Landes ist so gut wie kampflos vor sich gegangen, ein Beweis dafür, daß die Regierungstruppen nicht viel gegen die Faszistenaktion einzuwenden haben. Nach allen Erfahrungen aber sind „unblutige“ Revolutionen die blutigsten. Ich habe keinen Zweifel, daß der Bürgerkrieg auf der ganzen Halbinsel nicht ausbleiben wird, nur fehlt mir jedes Urteil über die Chancen. Es heißt, die Sozialdemokraten und die Kommunisten hätten über gemeinsames Vorgehn beraten, und die Verhandlungen seien ergebnislos abgebrochen worden. Man scheint also in Italien jetzt ebenso weit zu sein wie in Deutschland, und proletarische Aktionen nach marxistischer Doktrin arrangieren zu wollen, – d. h. unter Ausschluß des Proletariats, das dazu nur Marionettenfunktionen zugewiesen bekommt und das Leben hergeben darf. Doch will ich die Hoffnung noch nicht verlieren, daß dennoch von den Betrieben selbst die Abwehr organisiert wird, und daß man diesmal das Notwendige tut, nämlich gleichzeitig durch bewaffnete Besetzung der Betriebe die Produktion okkupiert und den Kampf zur Entwaffnung der Reaktion und zur Besitzergreifung der Verwaltungsgebäude und Zeitungen auch außerhalb der Betriebe mit physischer Gewalt durchführt. Nur das, wie es die Marxisten predigen, bedeutet Halbheit, da die Bourgeoisie als Beherrscherin der Fabriken tatsächlich Herrin des Landes bleibt, – nur jenes, wie die Syndikalisten propagieren, bedeutet ebenfalls Halbheit, weil die politischen Machtposten sichere Maßnahmen zur Zurückeroberung der wirtschaftlichen erlauben. – Das Wort Generalstreik wird schon in den Telegrammen genannt. Wer ihn aber proklamiert und wie sich seine Chancen anlassen, ist noch garnicht zu übersehn. Daß nicht weniger als 800.000 Gewerkschafter faszistisch organisiert sind, gibt zu denken – und die suggestive Kraft temperamentvoller Draufgängerei wird ihnen noch sehr viele Ungeduldige – und das sind nie die Schlechtesten – gefügig machen. Bis jetzt sind die Erfolge Mussolinis ungeheuer. Die Provinz Bologna ist vollständig besetzt, im übrigen fast alle größeren Städte. In Rom selbst scheint es noch schwachen Widerstand zu geben. Die Umschließung der Hauptstadt soll aber schon beendet sein. Auch hat der König sich schon mit den Tatsachen abgefunden, nachdem man ihm seinen Thron zugesichert hat. Mussolini hat sich bereits zum Ministerpräsidenten ernannt und beruft in sein Kabinett lauter Gesinnungsgenossen, darunter General Diaz (Cadornas Nachfolger im Weltkrieg) als Kriegsminister, den Mann, der schon jetzt die militärischen Operationen der Faszisten geleitet hat. Die Verhandlungen mit Giolitti und Orlanda wegen Bildung einer Koalitionsregierung sind also inzwischen gegenstandslos geworden. Mussolini ist Diktator von Italien. Äußerst bedeutungsvoll scheint mir die Nachricht, daß zwischen den Faszisten und den Freischaren d’Annunzios, zwischen denen bis jetzt bittere Gegnerschaft bestand, ein Übereinkommen zu gemeinsamem Handeln perfekt sein soll. Damit würde die ganze Bewegung den Charakter einer nationalbolschewistischen Erhebung erhalten, – denn d’Annunzio (dessen Eintritt in ein Kloster wohl einer Schmockphantasie zuzuschreiben ist) hat mit seinem albernen Chauvinismus stets ein gutes soziales Verständnis verbunden und mehrfach seine Sympathie für sowjetrepublikanische Institutionen deutlich erkennen lassen. Ich fürchte daher sehr, daß wieder mal Moskau „realpolitisch“ in das Geschehn eingreifen könnte und viele gute Arbeiter, weil Mussolini und d’Annunzio so klug sein werden, – die russische Verfassung formell anzuerkennen, vom Nötigen zurückhalten wird. Dann wird unsereiner, der darauf bestehen wird, daß ein sozialistisches Beginnen zur ersten Voraussetzung die internationalistische Triebkraft braucht, wieder mal der Konterrevolutionär und „Ideologe“ sein. – Was die Absichten der Faszisten als Leiter der italienischen Politik betrifft, so scheinen sie ihr Hauptinteresse auf verwegenste imperialistische Außenpolitik zu richten. Mit der populären Redensart „Italien muß über das Mittelmeer herrschen!“ werden Händel mit andern Ländern gesucht werden, die Herrn Diaz’ Regsamkeit genüge tun werden und zugleich die Kriegshypnose bei der Bevölkerung wach halten, die für revolutionäre Bestrebungen im Innern die ungünstigste Atmosphäre schafft. Geht die Innenpolitik außerdem noch auf Befriedigung gewisser Arbeiterforderungen aus – etwa starke Anziehung der Steuerschraube beim Sachbesitz, dann halte ich eine Festigung der neuen Macht schon für möglich, nämlich solange, bis die kapitalistischen Interessen des Auslands den Eroberungsabsichten der Herren jenseit der italienischen Grenzen ihre Machtmittel entgegenstellen. Ob sie das schon tun werden, wenn sich etwa in Dalmatien die ersten „Schwarzhemden“ einnisten, ist zweifelhaft. Man hat auch Fiumes wegen nach d’Annunzios Handstreich keinen Krieg inszeniert. Sollte man aber die wohl nur renommistisch postulierten „Befreiungs“-Züge nach dem Schweizer Tessin und dem französischen Savoyen tatsächlich unternehmen – und werden sie die einmal angekurbelte Maschine der Begeisterung unter dem Druck ihrer Mannschaften wieder bremsen können? –, dann werden sie sich die Zähne ausbrechen. Vielleicht wird als erste Nummer in ihrem Programm schon in diesen Tagen ein Zug nach Tirol hinein unternommen werden. Die Besetzung Innsbrucks wäre jedenfalls schon eine Probe, wie weit sie sich vorwagen können. Garnicht ausgeschlossen ist übrigens, daß diese Besetzung das Signal für die bayerischen Nationalsozialisten wäre, ebenfalls aufs Ganze zu gehn. Das würde dann wohl unter der Parole Befreiung Tirols! vor sich gehn, – aber wer weiß, ob nicht Ludendorffs Besuch am Iselberg vor kurzer Zeit schon Übereinkünfte gezeitigt hat, wonach die „Befreiung“ zugunsten Bayerns geschehn dürfe, falls von München aus gegen Berlin und das Reich das unternommen würde, was von Neapel aus gegen Rom und Italien vorgemacht worden ist. Mit dem Faszisten-Aufstand ist ein furchtbares Novum in die Weltgeschichte getragen worden. Zum ersten Mal hat sich eine wirkliche Volksbewegung – es wäre albern, ihr diesen Charakter abstreiten zu wollen – gegen das arbeitende Volk der Sozialisten erhoben. Die Angelegenheit ist furchtbar ernst. Niemand kann voraussagen, ob die Aktion gelingt, zu welcher Konsequenz sie führen wird. Aber daß jetzt in Italien Schicksal entsteht, Schicksal für das europäische, zumal aber für das deutsche Proletariat, das steht fest. Die Weltrevolution hat einen ihrer verborgenen Krater geöffnet. Ein mächtiges Erdbeben hat eingesetzt. Wird es noch einmal zur Ruhe kommen oder wird der Lavastrom sich nun unaufhaltsam ergießen und die vom Krieg unterwühlte Weltordnung ganz niederreißen? Und wird es unter seine glühende Asche die kapitalistische Schandwirtschaft ersäufen oder müssen wieder die eignen Kinder der Revolution dran glauben? – In Italien geschieht jetzt, was Verhängnis oder Rettung werden kann. Alles was sonst jetzt vorgeht, ist fauler Zauber, ist das törichte Händebewegen von Leuten, die den Anschein erwecken möchten, sie täten was, da doch all ihr Wirken sich erschöpft in Kunststücken, um den in allen Fugen geplatzten Boden, auf dem sie stehn, als festen Erdgrund erscheinen zu lassen. Was die nach Berlin gereisten Herren der Reparationskommission mit dem internationalen Troß von „Sachverständigen“ ausrichten werden, um Deutschland gleichzeitig als Schuldner solvent zu erhalten, als Konkurrenten leistungsunfähig zu machen und trotzdem vor sozialistischer Gewaltkur zu schützen, – das ist sehr wenig wichtig. Daß die Zustände bei uns auf die Dauer nicht haltbar sind, wissen wir längst. Daß der Zusammenbruch nicht mehr lange auf sich warten lassen kann, spüren wir in jedem Nerv. Die Frage ist nur noch: nach welcher Seite wird der morsche Turm umkippen? Die Kräfte, die das bestimmen werden, sind in Italien ins Raufen geraten. Die Entscheidung dieses Ringkampfes wird bestimmen, was aus dem deutschen Arbeiter wird, und nicht zuletzt auch, was schließlich aus uns selber wird, die wir dem Lande durch rechtzeitige Magenoperation die Krämpfe ersparen wollten, die es heute durchmacht. Vielleicht verhilft uns die Faszisten-Erhebung dazu, daß wir noch einmal zum Schnitt kommen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 1. November 1922.

Allerheiligen. Infolgedessen keine Post, und ich kann mich einmal mit den häuslichen Dingen abgeben, die längst wieder in die Chronik eingereiht gehört hätten. Zuerst sei des gestern verabschiedeten und heute morgen abgereisten Genossen Max Condula gedacht, des vorläufig letzten in dem großen Schub der überraschend auf Bewährungsfrist Entlassenen. Ein sympathischer differenzierter Mensch, dessen kleine Schwächen, die sich in einer manchmal etwas komischen Selbstgefälligkeit verschiedenartig spiegelten, mit in Kauf genommen werden konnten. Ich vertrug mich gut mit ihm. Bei ihm wurde zum ersten Mal ein Verfahren praktiziert, das es der Eigenart erlaubt, entlassene Festungsgefangene für Lebenszeit unter der Gefahr zu halten, wieder hereingeholt zu werden. Man hat ihm „Strafunterbrechung bis auf weiteres“ gewährt, braucht also überhaupt keinen Grund, um ihn nach Belieben noch nach langen Jahren zurückzubeordern. Man kann nun neugierig sein, ob die Gnadenwelle, die so plötzlich daherflutete, jetzt abebbt und was als nächste Nummer für Niederschönenfeld im Programm Gürtners steht, der sich ja wohl jetzt dem System Meyer anpassen wird, der die schärfste Richtung der Christbayern – diesmal protestantischer Observanz verkörpert. Vor allem werden wir wohl schon in der allernächsten Zeit die Entscheidung über das Schicksal der schon längst amnestierten mitteldeutschen Genossen erfahren. Der Begnadigungsausschuß beim Reichsjustizministerium ist endlich zusammengetreten. Die Herren lassen sich viel Zeit. Daß Dutzende Eingesperrter, die ein Quartal länger festgehalten werden, als das Reichsrecht gestattet, auf ihr Wort wartet[n], das sie nur zu sprechen brauchen, um endlich viel Leid aus der Welt zu schaffen – und die Frage, ob die Amnestie auf sie anzuwenden ist, kann ernstlich garnicht bezweifelt werden, – das treibt den Eifer dieser Parlamentsheiligen, die jedenfalls das Gnadengeschäft nur ganz nebenbei betreiben, nicht an. Immerhin: sie sollen sich „bereits“ zu ihrer ersten Sitzung unter Vorsitz des bislang unabhängigen, nunmehr vereinigten Dr. Moses zusammengefunden haben. Ich erwarte für Zäuner, Luttner, Schiff und Liebl, außer für die schon entlassenen, die unmittelbare Freilassung, sobald der Fall den Ausschuß beschäftigt hat. Die sind nur wegen Hochverrat verurteilt worden, und man hat nur zu entscheiden, ob dieses Hochverratsunternehmen sich gegen das Reich oder gegen Einzelländer gerichtet hat. Entscheidet man im bayerischen Sinne, so hieße das, die Amnestierung aller durch das Gesetz vom 21. Juli befreiten Genossen im Reich desavouieren, und ich mag an diese Eventualität denn doch noch nicht glauben, so gering ich auch die Festigkeit aller Reichsinstanzen bayerischen Ansprüchen gegenüber einschätze. Was Sandtner, Köberl, Schlaffer und Beimler betrifft, so liegen die Dinge hier insofern komplizierter, als ihre Verurteilung sich auch auf § 6 des Sprengstoffgesetzes bezog, und die danach Verurteilten sind von der Begnadigung ausgenommen; doch soll der Ausschuß in Fällen, wo die rein politischen Motive außer Zweifel stehn, dem Reichspräsidenten die Amnestierung empfehlen, eine Bedingung, die in unsern Fällen – wie schon das Festungsurteil beweist (das möglich war, weil nach § 79 St. G. B. bei Tateinheit das Strafmaß des schwerer bedrohten Vergehens – hier Hochverrat – in Betracht kommt) – selbstverständlich erfüllt ist. Ich erwarte also bestimmt, daß der Ausschuß auch ihnen die Befreiung verschaffen wird – sofern nicht Ebert der Taktvolle auf einen Münchener Wink hin von seinem Recht diesmal keinen Gebrauch macht. Jedenfalls haben die 4 „Sprengstoffel“ keinen Anspruch auf Rückerstattung ihres durch die Freiheitsberaubung entstandenen Verdienstentgangs, während die 11 andern hoffentlich energisch prozessieren werden, um die Niederträchtigkeit, die an ihnen verübt wurde, öffentlich zu machen. – Was die Beziehungen unter den Hausgenossen selbst anlangt, so ist die „Gruppe Wuchtig“ immer noch recht rührig, um ja auf die Dauer keinen modus vivendi einreißen zu lassen. Anlaß zu ihren neuesten „kommunistischen“ Machenschaften bietet die Monatsunterstützung durch die Frauenhilfe. Früher hatte Huber die Verteilung der Gelder zu besorgen. Als er ging, drängte sich Schlaffer zu dem Posten und teilte der Frauenhilfe, nur von seinen 6 Männchen beauftragt, mit, man möge künftig ihm die Anweisung schicken. Wir andern, die wir die übergroße Mehrheit repräsentieren, wählten Hartig zum Vertrauensmann, sodaß die Frauenhilfe zwischen zwei Nominierungen stand und mitteilte, sie lasse sich grundsätzlich nur darauf ein, mit einem Genossen zu verhandeln und zwar dem, hinter dem die Mehrheit stehe. Natürlich machten unsre Schleimhuster Versuche, mit Schlaffer zu einem Ausgleich zu kommen, indem ihm angeboten wurde, das Geschäft noch hier so zu teilen, daß er mit Hartig Hand in Hand arbeiten soll. Nun liegt diesen Leuten natürlich nichts an der Ausübung der Geschäfte, sondern nur daran, durch die ständige Korrespondenz mit der Organisation draußen den werten Namen in Erinnerung zu halten. Und ebenso natürlich ließ man sich auf nichts ein und verlangte umgekehrt, die Sendungen sollten an Schlaffer gehn, und dann könnte Hartig hier drinnen für seine Freunde die Austeilung vornehmen. So gleichgiltig natürlich das Ganze ist, so charakteristisch ist doch das immer bei den belanglosesten Kleinigkeiten hervortretende Bestreben jener Ecke, Streit in die Festung zu tragen. Die Angelegenheit, die nun natürlich auch für uns prinzipiell geworden ist, da wir einen Terror irgendwelcher Art von den paar Randalierern nicht hinnehmen wollen, ist noch nicht zu Ende. In Vertrauenslisten wurde abgestimmt, wobei die Liste derer, die erklärten, Schlaffer als Bevollmächtigten für alle F. G. abzulehnen, die bedeutend längere war, als die, in der für ihn votiert wurde. Jetzt erklärt man hinten, man werde von Hartig nichts annehmen und begründet das damit, daß er nicht gewerkschaftlich organisiert ist. (Der Mann war als Student in den Krieg gegangen, stellte sich dann als Mitkämpfer in die Reihen des Proletariats und wurde wegen seiner Würzburger Führerrolle beim Räteunternehmen vom Standgericht, vor dem er großartig tapfer bestand, zu 7 Jahren Festung verurteilt. In welche Gewerkschaft sollte er sich wohl einreihen? – Schlaffer allerdings ist Eisenbahner, blieb aber während der Revolution uns allen unbekannt und stand endlich flennend wie ein Waschweib und seine Genossen belastend vor dem Volksgericht). – Spazierhof! Vielleicht fahre ich nachher noch fort.

 

½ 5 Uhr. Ich war eine Stunde unten und kann nur noch bis es richtig dunkel wird weiterschreiben. Man hat nämlich nun Winter gemacht und ankündigen lassen, daß die Hofzeiten und die Zubettgeh-Stunde entsprechend verlegt werden. Nur die Nachmittagsheizung ist immer noch nicht in Betrieb. Man wird sich also weiterhin an den Freuden der Kameradschaftlichkeit erwärmen können. Die Ablehnung der Frauenhilfe durch Vermittlung Hartigs soll nun in München zu der Drohung geführt haben, die Gewerkschaften werden ihre Tätigkeit für uns ganz einstellen, denn diese Proletenführer, die da bestimmen, spielen sich als Wohltäter auf und machen den Arbeitern ebenfalls vor, sie „opferten“ Gott weiß was, wenn sie wöchentlich ganze – 5 Pfennige für die Revolutionsopfer hergeben, genau so viel wie schon vor drei Jahren. Diese 5 Pfennige bedeuten bei einem Durchschnittslohn von 100 Mark die Stunde die Arbeitszeit von noch nicht 2 Sekunden, und davon kriegen nicht nur wir unser Taschengeld von 100 Mark im Monat – vom November ab*, bisher gab’s nur 80 –, sondern zugleich werden davon die Witwen und Waisen der Gefallenen und die Familien der Zuchthausgenossen unterstützt. Darauf also tut sich die Arbeiterschaft, die dem Kommando der Bonzen folgt, noch was zugute! und droht mit Entziehung. – Unser Taschengeld hier drinnen ist uns gnädig jetzt auf 100 Mark wöchentlich erhöht worden, 5mal soviel wie früher, als alle Preise auf mindestens einem Fünfzigstel der derzeitigen standen. – Und nun zu dem Lohnstreik! Die Arbeitenden bekamen auf ihr Ersuchen, sie wünschten mit dem Vorstand über neue Preissätze zu verhandeln, den bündigen Bescheid durch den Werkmeister, ihr Stundenlohn werde auf 2 Mk 50 erhöht, der Tageslohn demnach auf 15 Mk (bei 100 Mark stündlichen Durchschnittslohn für die Arbeiter draußen!). Darauf richteten sie schriftlich an den Vorstand die Forderung: Wochenlohn 100 Mark bei voller Auszahlung; außerdem in Anbetracht der körperlichen Anstrengung im Dienst der Anstalt Nahrungszusatz bestehend aus täglich ½ Liter Milch, ¼ Pfd. Speck und monatlich 1 Pfd. Zucker extra. Antwort, wieder ohne gehört zu sein: sämtliche Forderungen werden abgelehnt. Das Resultat ist natürlich, daß die Arbeit ruht. Herr Hoffmann als Arbeitgeber: jede Verhandlung mit Leuten, die bisher seiner Anstalt riesige Gewinne erarbeitet haben – nicht wegen der tollen Bezahlung, nicht mal wegen der Stellung von Anstaltskleidung, sondern einfach, weil sie sich regen möchten und nicht versimpeln und faul werden wollen – unter den scheußlichen Lebensbedingungen hier, die ihnen die Beschäftigung für sich selbst ohne jedes Recht unmöglich machen – wird abgelehnt. Er spricht nicht mal mit ihnen. Das soll der Chronik von Niederschönenfeld nicht fehlen. – So werden natürlich der Haftpsychose und den Nervositäten gegeneinander neue Anregungen geschaffen, und die Gruppe Wuchtig ist stets beflissen, sie aufzugreifen. Allerdings sind sie bloß noch 5 Mann eigentlich. Die Gruppe Kain, Schwab, Seffert hat sich völlig von ihnen losgelöst (mit dem harmlosen und ganz ruhigen Seffert habe ich übrigens die Beziehungen wieder angeknüpft; was soll ich dem guten Jungen alte Geschichten nachtragen?). Die Gefahr, die Frauenhilfe einzubüßen hat auch Blößl, diesen sehr zweifelhaften Heldencharakter bekehrt, und ich glaube, daß auch schon Olschewskis große Liebe ein wenig abgekühlt hat. – Es wird dunkel. Es sei daher nur kurz die neueste Gollwitzertat angemerkt. Von einer großen Broschürensendung eines Verlags, deren Porto allein 37 Mk 50 betrug, wurde eine einzige ausgehändigt. Die übrigen gehn zum Akt, sofern es nicht gelingt, die Rücksendung zuwege zu bringen, natürlich auf Kosten der Festungsgefangenen. So geht’s, wenn dem Polizisten unsre Bücher nicht gefallen. Na, vielleicht nimmt’s doch einmal ein Ende mit all der Schäbigkeit. Die Bayerische Volkspartei will nun doch einen Staatspräsidenten einsetzen, – wohl als Platzhalter für Rupprecht. Vielleicht wird’s Herr v. Kahr. Manche Genossen meinen, er werde eine Amnestie erlassen, wenn er sein Amt antritt. Das wäre aber ein Akt so großer politischer Klugheit, daß ich ihn bayerischen Staatsmännern nicht zutraue. – Endlich noch eine Neuigkeit: Herr Hoffmann soll aus dem Gerichtsdienst ausgeschieden sein und nun den Titel Oberregierungsrat erhalten haben. Welch ein Glück! Der Mann wird Ursachen finden, seine Staatsanwaltsperiode in Vergessenheit geraten zu lassen. Aber diese Ursachen sind zu stark, als daß wir das Gelingen seines Plans zulassen dürften.

 

* Irrtum. Es blieb auch im November bei 80 Mark.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 2. November 1922.

Um wieder im Hause selbst anzufangen: gerüchtweise verlautete, gestern abend habe Wiedenmann die Eröffnung erhalten, daß er zum 15. November auf „Strafunterbrechung bis auf weiteres“ entlassen werde. Bei den erbaulichen Kameradschaftsverhältnissen hier steht noch nicht ganz fest, ob’s wahr ist, oder ob es sich um eine gut lanzierte „Latrine“ handelt. Es heißt, die Krankheit der Frau habe die überraschende Bewilligung veranlaßt. Jedenfalls wäre es eine ganz merkwürdige Sache, da Wiedenmann, der 4 Jahre hat, von denen er noch nicht 3 absolviert hat, in seiner „Führung“ ganz gewiß keinen Grund gegeben hat, gegen ihn entgegenkommender zu verfahren als gegen soviele andre. Als Führer der stärksten KPD-Sektion zur Zeit der Räterepublik, als ein Mann, den man – erst durch die Polizeibemühungen, ihn in der Weinberger-Affaire zu belasten, dann durch den Versuch, ihm nachträglich, und erst vor ein paar Wochen, einen neuen Prozeß für Dinge aufzuhängen, die schon in seinem „Hochverrat“ einbegriffen lagen – fortgesetzt den „Führer“ aufmutzt, schließlich auch als einer der Haupt-Wuchtigen hier drinnen, der das Radikalismus-Markieren bis zum albernen Sport gefördert hat, wäre nach unserm Ermessen jeder andre eher für einen solchen „Gnadenakt“ in Betracht gekommen, als grade Wiedenmann. Man muß sich nur daran erinnern, daß Weigand, dem das Gericht schon bei der Urteilsverkündung das letzte seiner 3 Jahre geschenkt wissen wollte, noch immer hier ist (in 2 Monaten hat er’s überstanden), daß Bindl, dessen 3 Jahre in 10 Tagen abgelaufen sein werden und Tanzmeier, ebenfalls ein Rotgardist ohne Führerrechte mit seinen 4 Jahren auf alle Gesuche ablehnende Antworten erhielten, um sehr stutzig zu werden. Denn wenn wirklich die Krankheit der Frau – und Kinder sind nicht da – so bedenklich wäre, dann würde man doch einfach die Strafunterbrechung sofort angeordnet und limitiert haben. Doch hat man bisher überhaupt derartige Sentimentalitäten kaum je gelten lassen, und Köberl, dessen Frau auch krank und dazu in Not ist und der überdies einen Sohn hat, mußte sich ja erst ganz kürzlich mit dem Bescheid zufrieden geben, daß „die Not der Familie kein Gradmesser für die Würdigkeit des Verurteilten“ sei. Köberl aber hat im ganzen nur 2 Jahre und dabei ¾ dieser Zeit schon hinter sich. Wir werden ja aber sehn, ob Wiedenmann wirklich geht. Rückschlüsse können bis dahin unterbleiben. Unsre arme Gruppe Wuchtig wird allerdings ja eine betrübende Schwächung erfahren, und wenn gar noch jetzt der Amnestieausschuß die Entlassung Schlaffers und Schiffs ausspricht, dann würden als letzte hohe Säulen bloß noch Sauber und Egensperger überbleiben, vielleicht noch gestärkt durch die Sympathie Olschewskis. – Da das Gerede von Wiedenmanns Glück sehr bestimmt und zwar von Genossen ausgeht, denen nicht leicht ein Ulk dieser Art zuzutrauen ist, so scheint es nun also, daß die Ausräumung des Hauses systematisch fortgesetzt wird, sei es der Verbilligung des Etats wegen, sei es, um bei Inkrafttreten der Reichsjustizreformen nicht garzu reichsgefällig auszusehn. Man hat dann eben schon von sich aus die Änderung im Strafvollzug längst vorbereitet und war ohnehin stets entschlossen, eine Arco-ähnliche Behandlung der Ehrensträflinge einzuführen, wenn nur die große Zahl, die das unmöglich machte (Menzels Argument), gehörig reduziert wäre. Bis jetzt hört man freilich noch nichts davon, daß Radbruch wirklich, wie er’s versprochen hatte, schon im Herbst auch das Reichsstrafvollzugsgesetz verabschieden lassen werde, und viele Genossen glauben auch schon, wieder einmal gefoppt zu sein. Warten wirs geduldig und ohne Illusionen ab. Auch die Andeutungen, die mein Bruder in dem Brief macht, den ich heute als ersten ausführlichen Gruß seit seinem Besuch empfing, und der seine tiefe Erregung über das, was er hier gesehn hat, eindringlich durchscheinen läßt – ein übrigens sehr sympathischer und interessanter Brief – lassen mich noch nicht glückselig in die Höhe springen. „Wir“, schreibt er, „d. h. juristische Freunde und ich, sind bemüht, auf einem bisher noch nicht versuchten Wege Dein Los zu erleichtern. Aus begreiflichen Gründen kann ich Dir nicht mehr mitteilen.“ Ja, wenn Gesetze in Bayern Geltung hätten! Die gutmeinenden Helfer draußen haben ja garkeine Ahnung, wie absolut uns die Eigenartschristen als Ex-lex-Verbrecher ansehn und behandeln. Vorerst werden wir nun aber wohl noch einen neuen Konflikt Bayern-Reich durchmachen müssen, der sich – besonders seit der Parteikonferenz der Bayerischen Volkspartei – unverkennbar vorbereitet. Herr Staatsrat Meyer, der Verfasser der bayerischen „Verordnung zum Schutz der Verfassung der Republik“ und ihres juristischen, höchst aggressiven Kommentars, der Arrangeur der politischen Volksgerichtsprozesse (Leoprechting – Fechenbach) und also die eigentliche Seele der Justizreaktion in Bayern, hat nun zwar die Nachfolge im Amte Lerchenfelds abgelehnt. Was da im Schatten der Klüngelberatungen gesotten wird, können wir natürlich nicht wissen. Aber daß alles auf eine Generaloffensive gegen Weimar-Berlin hinzielt, scheint ganz sicher. Schon fordert die sozialdemokratische Reichstagsfraktion die bayerische Arbeiterschaft auf, wachsame Bereitschaft zu halten (Auer wird’s schon nach den Direktiven der Tafelrunde machen). Schon spitzt sich auch der Widerstand im Norden gegen die Hinnahme des Fechenbach-Urteils zu. Der Republikanische Richterbund hat einen Protest von ungewöhnlicher Schärfe erlassen, und Professor Thimme, der einzige im Prozeß gehörte Sachverständige, ein Historiker von internationalem Ansehn und Staatsrechtler läßt im Vorwärts einen sachlichen aber umso dringlicheren Artikel los, in dem er die Kompetenz des Volksgerichts, das stolz verkündete, der Haß und seine Helfer betrachteten sich selbst als sachverständig, kräftig widerlegt und in ungewöhnlich nobler Geste Fechenbach für einen Ehrenmann und das Urteil des Gerichts als empörenden Fehlspruch erklärt. Heute tritt der bayerische Landtag zusammen. Zum ersten Mal werden die Auerochsen mit den Niekischen gemeinsam Opposition machen müssen, und in diesen Tagen wird wohl auch auf Niederschönfeld die Rede kommen. Selbstverständlich hat das für uns nur einen recht platonischen Wert. Bayerische Volks- und Mittelpartei haben zusammen die absolute Majorität, und so können von den Auerochsen getrost Amnestieanträge oder Forderungen aufgestellt werden, unsre Strafe in Festung umzuändern, irgendeine Änderung wird sich dadurch nicht ergeben. Vielleicht aber werden schon in wenigen Tagen große Änderungen dadurch herbeigeführt werden, daß die Hitler-Xylander-Bande aktiv wird. Deren Lage bekommt durch die italienischen Vorgänge eine verzweifelte Ähnlichkeit mit der unsern nach Ausrufung der ungarischen Räterepublik. Sie stehn unter dem Druck ihrer Gefolgschaft, die Taten sehn will. Bis jetzt haben sie noch jede Gelegenheit vorübergehn lassen, die ihnen Chancen bot. Ich zweifle sehr, ob sie auch jetzt wieder mit verschränkten Armen die wenn auch reaktionäre, so doch in kritischen Momenten zaghafte Politik der Koalitionsregierung mitansehn werden. Ein Beispiel wie das faszistische, das in seiner wahrhaft großartigen Durchführung in der jüngsten Zeit kaum ein Vorbild hat – es sei denn der prachtvolle Zug der Jungtürken von Saloniki nach Konstantinopel 1909 – wirkt auf Gesinnungsverwandte unbedingt suggestiv, und der durchschlagende Erfolg Mussolinis muß ganz gewaltigen Eindruck auf die vor Tatendurst zitternden nationalistischen Studenten und Offiziere in München machen. Sie werden sich allerdings in die Nesseln setzen, da das Ausland, das dem verbündeten Siegerland Italien nicht leicht in die Parade fahren kann – es sei denn, wenn etwa der Krieg an Yugoslawien oder an sonst einen europäischen Staat erklärt wird –, in Bayern ganz bestimmt nicht den Sieg von Desperados dulden wird, die ihre ganze Politik, wenn sie sich bei den eignen Anhängern auch nur 14 Tage halten wollen, auf Boykottierung des Versailler Vertrags einrichten müßten. Grade im Augenblick aber wird – vorerst unverbürgt – bekannt, welche Forderungen die eben in Berlin angelangte Reparationskommission dem Reich vorzulegen beabsichtigt, um die Schuldenzahlung und zugleich die Stabilisierung der Mark zu bewirken (die inzwischen wieder über 4500 zum Dollar notiert). Danach soll eine durchgreifende Finanzkontrolle für Reich und Länder eingeführt werden, die keine Ausgaben ohne Zustimmung der Kontrolleure gestatten wird. Die Energie dieser Maßnahme soll dadurch verbürgt werden, daß die Kommission ihren Sitz dauernd in Berlin aufschlagen will. Ferner soll die Flüssigmachung des goldenen Bestandes der Reichsbank – 1 Goldmilliarde – verlangt werden, und wenn diese „Sicherung“ der Währung auch ganz gewiß keine Sicherung ist, so wird sie doch, zumal bei der gleichzeitigen Verfügung, daß nun Steuern in riesigem Ausmaß auferlegt werden müssen, die Atmosphäre noch viel schwüler machen, als ohnehin. (Ich komme immer mehr dazu, Silvio Gesells Währungstheorieen anzuerkennen und bedaure nur, daß er bestrebt ist, sie, die durchaus geeignet wäre, die Schwierigkeiten der Geldfrage im Stadium der Revolution zu beheben, dem derzeitigen Staat nutzbar zu machen. Doch werden die Bankiers gottseidank auch nicht gescheiter sein als die Marxisten aller Grade und auch fernerhin das Einfache und Richtige als das Hirngespinst eines träumenden Phantasten verlachen). Wohin man sieht, überall bilden sich Wetterwolken, und inzwischen steigt die Not. Auch wir hier spüren etwas von der Teuerung, vielmehr von dem Verfahren, durch irrsinniges Rotieren der Papiergeldpresse die Armen zugunsten der Reichen vollständig auszuplündern. Ich nehme seit langem als Medikament zum Frühstück das Lecithin-Malzpräparat „Ovomaltine“. Friedenspreis 3 Mark. Bis vor 3 Monaten zahlte ich für die Dose 45 Mark, vor 6 Wochen 80 Mark. Jetzt schreibt mir Hans, der künftig für meine Versorgung damit bereitstehn wollte, er müsse das aufgeben, da die Fabrik, also der Großlieferant, ihm mitteilt, sie könne die Dose nicht mehr unter 700 Mark abgeben. Der Preis im Detailhandel beträgt also mindestens schon 800 Mark. Sehr in Ängsten bin ich wegen meines Kaffeebedürfnisses. Ein Verzicht wäre für mich das Empfindlichste, was mein Herz treffen könnte. Aber der Preis für das Pfund ist in 14 Tagen von 500 auf 1500 Mark gestiegen, und daß mein guter Siegfried mir trotzdem wieder ein Pfund geschickt hat, rührt mich tief. Doch kann ich’s nicht lange mehr annehmen, zumal die Reparationsforderungen unzweifelhaft von neuem den Markkurs abenteuerlich senken werden, sodaß die Preise in den nächsten Wochen leicht wieder um das Zehnfache gestiegen sein können. Ein Trost ist ja in alledem. Unsre geistreichen Ökonomen, vornedran die Hilferdinge und übrigen Sozialdemokraten bauen Verordnungen über Verordnungen auf und suchen mit blödestem Pfuschwerk das Gerüst der deutschen Wirtschaft zu stützen. Aber das ganze Gebälk ist morsch und Palliative sind nicht mehr imstande, seinen Einsturz zu verhindern. Je länger sie daran herumpfuschen, umso krachender wird die Katastrophe erfolgen. Wer es aber gutmeint mit Volk, Sozialismus und Revolution, der muß innig wünschen, daß der Betrug des gegenwärtigen Systems in einem Zusammenbruch ende, der alle seine Stützen in Staub verwandelt. Die Zeit aber scheint nahe – wir dürfen hoffen!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 3. November 1922.

Unsre Zellen werden des Nachmittags immer noch nicht geheizt, und der Zustand ist sehr ungemütlich. Ob die Verwaltung beabsichtigt, das den ganzen Winter durch so zu halten? Zuzutrauen wär’s ihr. – Man muß also die fehlende Erwärmung der Luft durch die Hoffnung zu kompensieren suchen, daß diese bittere Zeit doch vielleicht in absehbarer Zeit abgelaufen sein könnte. Die wieder sehr fühlbare Labilität aller Zustände bewirkt in der Tat, wenigstens bei mir, einen dauernden Fieberzustand, der viel weniger von der Idee belebt wird, etwa bald wieder daheim bei Zenzl zu sein als von der Unruhe, es könnte sich etwas Entscheidendes ereignen, und unsereiner muß von der Welt abgeschlossen abwarten was draus wird. Der Geist ist voll von Plänen, von Kritik, von Ratschlägen und Warnungen – und das ganze Feld, um die eigene Produktivität fruchtbar zu machen, liegt brach. Das ist das Bitterste von allem. – Wir haben heute die Münchener Post nicht bekommen, erfahren aber aus dem Fränkischen Kurier den Grund. Er enthält die Aufdeckung verwegener Entschlüsse der Nationalsozialisten und gibt als Stichtag fürs Losschlagen den 11. November an (den Jahrestag der Waffenstillstands-Unterzeichnung). Natürlich bemüht sich das Müller-Meiningen-Blatt fleißig, die Aufmerksamkeit seiner Leser von den Mitteilungen der Münchn. Post ab- und auf das Dementi der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ hinzulenken, aus dem aber nur zu ersehn ist, daß man Herrn Stinnes anscheinend nicht ins Vertrauen gezogen hat. Nun, wir werden ja hoffentlich die nächste Woche noch erleben und werden’s dann wissen, was wahr wird. Mich überzeugt das Dementi nicht, sowenig wie die Beteuerung Rupprechts des Wittelsbachers, einem deutsch-volksparteilichen Politiker in die Hand, er stehe Putschplänen gänzlich fern und strebe weder nach der bayerischen Königs- noch nach der deutschen Kaiserkrone. Wahrscheinlich will man also noch nicht gleich bis zur Wiederaufrichtung der Dynastie gehn, sondern sich zunächst mit dem Staatspräsidenten begnügen, dessen Macht durch eine Militärdiktatur gesichert werden soll. Das Faszisten-Beispiel ist sehr verführerisch. Mussolini hat auf der ganzen Linie gesiegt, und es fragt sich nur, wie lange er seine Macht halten kann. Schon wird es ihm schwer, seinen Anhang von der Niederknüppelung der sozialistischen Arbeiterschaft zurückzupfeifen. Denn er sieht wohl schon, und als alter Avanti-Sozialist, der lange genug als Opponent gegen die Turati-Sippe im radikalen Flügel des Geschäfts gearbeitet hat, muß er es sowieso wissen, daß er seine Absicht, die sozialistische Revolution zu bremsen, am sichersten erreicht, wenn er sich ganz auf die „Arbeiterführer“ selbst verläßt. Schon haben die offiziellen gewerkschaftlichen Zentralverbände die Parole ausgegeben: kein Generalstreik! Schon haben Verhandlungen eingesetzt, um Turati zu bewegen, in das Mussolinische Faszisten-Kabinett als Koalitionsgenosse einzutreten. Schon haben die Kommunisten infolge des Verrats der andern Partei ihre Organisation gesprengt, offenbar um sich ganz auf illegale Arbeit einzurichten, – und während dieser Konfusion und allgemeinen Desorganisation hauen die Faszisten auf die Arbeiter ein, verbrennen in Rom die Bibliothek der proletarischen Zeitung auf offener Straße und benehmen sich – na, ungefähr wie die Weißen sich auch in München benommen haben, wenn sie auch wohl weniger dabei stehlen werden, als die heldenhaften Befreier unter Noskes Leitung. – Übrigens weist jetzt auch der „Vorwärts“ darauf hin, daß zwischen den nationalistischen Organisationen der verschiedenen Länder offenbar internationale Verbindungen bestehn. So soll erst vorige Woche in Berlin ein Faszisten-Offizier mit schwarzweißroten Kollegen verhandelt haben, bis ihn die überraschende Wendung bei sich daheim Hals über Kopf abreisen ließ. Mein Verdacht, daß Ludendorffs Besuch in Tirol ebenfalls mit derartigen Plänen zusammenhing, verstärkt sich. Man kann nur hoffen, daß die Herren jetzt endlich mal wirklich zur Aktion übergehn mögen, um so oder so zu einer klaren Situation zu kommen. Einen besseren Moment können sie garnicht erwischen. In Bayern zanken sich die Leute herum, wer Ministerpräsident werden soll. Man nennt den Fürsten Löwenstein, man nennt Schweyer und erklärt, daß sich vor nächster Woche keine Entscheidung erwarten lasse. In der regierenden Partei scheint also einige Kopflosigkeit zu herrschen. Zugleich wollen die Sozi auch in Bayern aus dem Fechenbach-Urteil die Gelegenheit zum parlamentarisch frisierten Oppositionsspielen nützen. Das wird natürlich zu nichts führen, am wenigsten zur Erfüllung ihrer Bravour-Forderung, sämtliche von „Volksgerichten“ gesprochene politische Urteile sollen von einer Reichsinstanz überprüft werden (von uns, die Standgerichte hatten, ist nicht die Rede). Aber die Eigenart wird natürlich hochgehn, wenn man sogar ihren Lieblingen in Straubing und Niederschönfeld Recht werden lassen will. Nun kommen aber gleichzeitig die Entscheidungsstunden über die Reparationsverpflichtungen. Die amtlichen Berichte über das, was da in Berlin jetzt gebraut wird, sind äußerst dürftig. Man hat zwar lesen dürfen, mit welchen Höflichkeiten der Wirth die Gäste, und die Gäste (Barthou) den Wirth bei der Begrüßung betropft haben. Was aber endlich bei den Verhandlungen herauskommen soll, wird ängstlich geheim gehalten. Zugleich mit der „Repko“ ist aber auch noch eine internationale Finanzkommission in Berlin, die ausrechnen soll, wie man die Mark stabilisieren kann. Herr Hermes muß sich fast die Beine ausreißen. Denn als Reichsfinanzminister muß er Barthou beweisen, daß Deutschland so pleite ist, daß es seine Schulden nicht zahlen kann, muß er den Herren Vissering und Cassel beweisen, daß die Geschichte nicht halb so schlimm ist, und daß Deutschland im höchsten Maße kreditwürdig ist, – und zwischendurch muß er noch als Zeuge vor Gericht stehn, um den Freiheit-Redakteur verknacken zu helfen, der gewagt hat zu behaupten, daß es für amtierende Minister nicht sonderlich schicklich ist, von Geschäftsleuten in Dingen, die seinem amtlichen Bezirk zugehören, in kaum bemäntelter Form Gratifikationen anzunehmen, wie Hermes es in der ominösen Weinangelegenheit (grade noch, ehe er Minister wurde) tat. Man wird den „Beleidiger“ jedenfalls wohl verknurren. Aber die Gäste werden sich trotzdem, wenn sie Hermes vis-à-vis sitzen, verständnisvoll gegenseitig zuzwinkern. Na – ich habe die „deutsche Würde“ nicht zu wahren. Das ist Eberts des Taktvollen Obliegenheit. – Die Finanzkontrolle nach Barthous Vorschlägen wird nun ja kaum mehr zweifelhaft sein (und das Geschrei darüber ist um so dämlicher, als sie bei den Pariser Verhandlungen im Sommer von Hermes ja schon zugestanden wurde). Dann sollen nicht nur in Berlin, sondern auch in Stuttgart, Dresden, München etc. eigne Kontrollorgane sitzen und die Ein- und Ausgänge in den Staatsetats überwachen. Daß da die in Bayern als Generalquartier privatisierenden und konspirierenden Generäle, Prinzen und Revanchisten zetern, wenn ihnen der „Erbfeind“ die Pensionen kürzt, wird man ihnen nicht mal arg verdenken können, ebenso wird man nicht erstaunt sein dürfen, wenn ihre Faszistensehnsucht umso inniger nach Taten dürstet. – Daß jetzt bei den Verhandlungen über die Geldprobleme wieder neue Aufschübe, wieder Moratorien mit irgendwelcher Verklausulierung herauskommen werden, glaube ich nicht mehr. Es wird Ernst gemacht werden. Denn die Franzosen und auch die andern Siegermächte müssen selbst einmal wissen, womit sie zu rechnen haben. So wie man jetzt in Lausanne auf der allgemeinen Orientkonferenz die Bilanz des Angora-Abenteuers ziehn will, um zur Aufnahme der Geschäfte zu gelangen, so will man in Berlin endgiltige Klarheit schaffen, über das, was von Deutschland zu erwarten, zu verlangen und zu erzwingen ist. Das bedeutet ein Hobeln, bei dem Spähne fallen werden. Und das Nein! Niemals! Unmöglich! Unerträglich! Komme was kommen mag! mit dem uns die patriotischen Schmöcke jetzt schon anfangen die Ohren vollzuplärren (bis sie aus Gründen der Staatsweisheit erklären werden, daß es das Richtigste war, alles zu schlucken) wird diesmal, wenn die Zeichen nicht trügen, von den Xylander-Patrioten auf die Straße getragen und zu einem italienischen Salat verarbeitet werden, den man auch als Bürgerkrieg wird bezeichnen können. Lassen sie die Gelegenheit auch jetzt wieder aus, dann können sie sich selbst in Essig und Öl sulzen. Dann sind’s Schlappschwänze wie die Demokraten aller Schattierungen auch. Ich glaube aber fest, daß wir vor Weihnachten noch schicksalhafte Ereignisse erleben werden.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 4. November 1922.

Während in Berlin um Währungs- und Reparationsprobleme geschmust wird und dem deutschen Zeitungsleser weisgemacht wird, es stehe dabei alles zum besten, hat der Dollarkurs im Laufe von 24 Stunden weitere 1000 Mark erstiegen und steht auf über 5700 Mark. Meine hier von den Genossen belachte Prophezeiung – ich glaube, es ist etwa 3 Wochen her –, bis Weihnachten werde der Dollar schon auf 10.000 stehn, gewinnt an Wahrscheinlichkeit. Dabei wird die Luft in Bayern unheimlich dick. Die Münchner Post (der Artikel „Höchste Wachsamkeit“ ist doch hereingekommen) wartet mit detaillierten Angaben auf. Die Trottel glauben, politisch geschickt zu handeln, wenn sie ihre ganze Kenntnis vorzeitig öffentlich auskramen. Als ob sie damit die Gefahr abwendeten! Wenn sie lieber für „höchste Wachsamkeit“ sorgen wollten, indem sie für den rechten Augenblick die Organisationen, vor allem aber die industriellen Betriebe in aller Stille zu Gegenschlägen rüsteten. Aber grade das wollen sie ja nicht. Sie meinen, die Nationalsozialisten werden sich immer wieder ins Bockshorn jagen lassen durch ihr vorzeitiges Geschrei. Tun sie’s aber nicht, tritt Hitler mit seinen Horden tatsächlich auf den Plan, dann wird – mag selbst das Gewerkschaftshaus, mag sogar das Haus der Münchener Post selbst nach italienischem Beispiel ein Schutthaufen sein – Auer händeringend erklären: wir haben keine Schuld, wir haben rechtzeitig gewarnt. Jetzt aber laßt euch nicht provozieren, nur keinen Generalstreik, nur keinen Bürgerkrieg! Abwarten! Wir können jetzt nichts machen! Unsre Zeit wird schon kommen! Ihre italienischen Schleimbrüder haben es schon ebenso gemacht. Daß also die Arbeiterschaft dank der genialen „Führung“, die sie sich bieten läßt – und die Kommunisten unterscheiden sich, da sie die Organisationsformen der alten Sozialdemokratie überall blind kopiert haben, nur der Nuance nach von den übrigen, wenn man sie freilich auch deswegen nicht so gering einschätzen darf, weil sie über die Hauptmacht der von revolutionärem Drang erfüllten Arbeiter verfügen –, daß von der Münchner Arbeiterschaft im Falle der Verwirklichung der nationalistisch-völkischen Pläne garnichts zu erwarten ist, damit werden wir uns wohl leider abfinden müssen. Ich halte den Augenblickserfolg der Rebellen für durchaus möglich – wenn ihnen das Wetter nicht das Programm stört –, und zweifle vor allen Dingen nicht im mindesten daran, daß der Regierung kaum ein Reichswehrsoldat Gehorsam leisten wird, wenn sie wirklich Widerstand versuchen sollte. Viel eher ist anzunehmen, daß Polizei und Reichswehr, deren Offiziere bekanntermaßen fast ausschließlich von Xylander-Kreaturen gestellt sind, von vornherein den Waffensieg Hitlers sichern werden. Wie die sozialistischen Blätter wissen wollen, stehn an der Spitze der ganzen Unternehmung – natürlich einstweilen hinter der Front – die Herren Ludendorff und Kahr, in dessen Hause die Verschworenen ein und ausgehn, darunter auch der Kapitänleutnant Ehrhard, der Gründer und Leiter der Organisation C, der vom deutschen Reich wegen Hochverrats verfolgte Kappist, dessen Ergreifung zu den Pflichten des Regierungspräsidenten von Oberbayern, eben seines Quartiersgebers Kahr gehört. Es heißt ferner, man plane den konzentrischen Vorstoß auf Berlin, für den bereits Etappen in Bayern und Ostpreußen eingerichtet seien. Morgen – am 5. November – werde das Unternehmen eingeleitet durch Aufstellung bezirksmäßig eingeteilter bewaffneter Bürgerwehren, – und daß dergleichen Schritte schon vorbereitet sind, und zwar durch systematisches Grusligmachen von Kleinbürgern, Handwerkern etc. in den Landstädten, denen neue „Bolschewistengreuel“ vorgeschwindelt werden, dafür haben wir durch Besuchserzählungen tatsächliche Beweise. Gelingen kann’s also, und es fragt sich nur noch zweierlei: erstens – wie lange der Zustand einer Diktatur Xylander, die außerhalb Bayerns wohl garnicht in Frage käme und im Gegenteil die Separation Bayerns vom Reich zur Voraussetzung hätte – vom benachbarten Ausland geduldet würde. Man würde sich in Frankreich doch jedenfalls dafür interessieren, wo die Waffen herkommen, mit denen die Geschichte durchgeführt wird, und eine Politik der Begünstigung Bayerns durch Frankreich, an die viele Genossen glauben, scheint mir mehr als unwahrscheinlich, da man in Paris selbstverständlich weiß, daß die Bewegung den Umfang, den sie hat, ohne die Parolen „Los vom Versailler Vertrag“, „Nieder mit der Schwarzen Schmach“, „Revanche“ und „Wiederherstellung unsrer Waffenehre“ nie hätte erreichen können. Daß Nollet mit der Forderung der Entwaffnung Ernst macht, sehn grade wir jetzt wieder vom Fenster aus und im Vorbeigehn zum Hof, wo immer noch die Grünen Wache halten, aber seit drei Tagen ohne Gewehre*. Somit wird der Erfolg der Hakenkreuzler ganz sicher nur solange dauern, bis Herr Dard mit dem Finger gewinkt hat, und er wird sehr rasch mit dem Finger winken, vielleicht freilich erst, wenn die erste Metzelei unter Juden und Arbeitern schon vorüber ist. – Die zweite Frage ist demnach die, ob die Herren überhaupt zur Tat schreiten werden. Alle psychologischen Momente sprechen dafür, und ich weiß aus unserer Situation nach Ausrufung der ungarischen Räterepublik aus persönlicher Erfahrung, wie stark der Kitzel ist, solchem unmittelbar wirkenden Beispiel nachzueifern. Die Leute müssen sich sagen, daß ein für ihre Pläne günstigerer Moment schwerlich wiederkommen wird. Mit dem Sturz Lerchenfelds haben sie jetzt auch noch einen „Erfolg im Vorfeld“ errungen, der ihr Selbstgefühl bedeutend heben muß, und die absolute Trostlosigkeit der wirtschaftlichen Lage sichert ihnen gewaltigen Zulauf grade von denen, auf die ein Revolutionär am meistens hoffen kann, von Verzweifelten, die sich von dem dumpfen Gefühl treiben lassen: es muß eine Tat geschehn!, von denen, die empfinden, daß sie nichts zu verlieren, alles zu gewinnen haben. Ich persönlich wünsche mit allen Fasern meiner Seele, daß der Kessel jetzt zum Explodieren kommt. Genau wie vor 4 Jahren verlangt das Gefühl nach Klarheit – so oder so!, und mit Angst denke ich mir Möglichkeiten aus, daß bei den Leuten der Verstand über das Gefühl siegen könnte und daß sie angesichts der völligen Aussichtslosigkeit, ihr Unternehmen der Entente gegenüber zu halten, resignieren. Vorerst aber scheint es mir viel wahrscheinlicher, daß sie handeln werden (selbst, wenn die vorzeitigen Veröffentlichungen sie zur Vertagung um ein paar Wochen veranlassen sollten). Denn sie persönlich riskieren dabei selbst garnichts. Sie wissen, daß die deutsche Republik ihnen, auch wenn es schief geht, nichts tun wird. Wie der Kapp-Putsch nur Proletarier getötet, nur Proletarier in die Zuchthäuser gebracht hat – Herrn v. Jagows Martyrium wollen wir doch nicht tragisch nehmen –, so würde es diesmal genau gehn. Schlimmstenfalls öffneten sich für ein paar möglicherweise des Dekorums wegen Verurteilte, die Gefängnistore nach 3 – 4 Monaten wieder durch eine Amnestie, – und vielleicht gelänge es dabei sogar, auch die wieder an uns Räteverbrechern vorbeizulanzieren. Wäre nicht meine Erregung mit einiger Sorge um meine arme Zenzl vermischt – denn ob man bei dem großen Plünderungsfest, das gewiß inszeniert wird, ihre Wohnung besser behandeln wird als 1919 die in der Georgenstraße ist umso unwahrscheinlicher, als dort auch Fritz Weigel wohnt, der sicher auf der Liste derer steht, an die man gleich herangeht. Daß Zenzl im Augenblick der Gefahr außerhalb der Mordzone sein wird, hat sie mir versprochen, und ich glaube ihr, hätte ich nicht diese private Sorge, dann könnte ich das hoffnungsvolle Erwarten, das mich erfüllt, noch ungetrübter durchkosten. Aber, wenn ich selbst sicher wüßte, Zenzls Leben ist gerettet, aber was unser Besitz ist, das geht zum zweiten Mal in Trümmer und in die Taschen patriotischer „Befreier“ – ich würde mich nicht einen Augenblick besinnen in meinen Wunsch: haut zu! besser heut als morgen! Endlich muß Klarheit werden (nur meiner Zenzl soll nichts geschehn, – das wäre mein Verderben). Zur politischen Zeitgeschichte ein paar kurze Daten: nach langem Suchen hat man für den abgehalfterten Lerchenfeld, der jetzt von seinen Vernichtern mit süßestem Syrup beschmiert wird – nun doch einen Nachfolger ermittelt. Nach dem Fränkischen Kurier soll es Herr Dr. v. Knilling sein, unter Ludwig III Kultusminister, also schwarz bis in die Nieren und als Reaktionär von ungewöhnlichen Maßen bewährt. – Wollen sehn, was unter seiner Aegide geschieht, und wen man als Rupprechtsersatz zum Staatspräsidenten über ihn setzen wird – wenn’s soweit kommt. Daß Bayern drauf und dran ist, sich nach ungarischem Vorbild zur Halbmonarchie zurückzumausern, steht fest und ist ein Symbol für den fortschrittlichen Schwung in diesem Lande. Grade hat man nämlich in der Türkei mit dem monarchischen System Schluß gemacht. Kemal Pascha hat seinen Sieg dadurch gekrönt, daß er seine Angoraregierung zur Herrin über die ganze Türkei gemacht hat. Das „Osmanische Reich“ existiert nicht mehr, das „Türkische Reich“, das nun ohne Sultan auskommen soll, ist begründet, ist also Republik. Dem Sultan bleibt nur, falls nicht auch dieses Refugium jetzt für ihn zusammenbricht, das Khalifat. – Reiche vergehn, Reiche entstehn: wir haben es verlernt, solche Ereignisse noch als weltgeschichtliche Vorgänge zu bewerten. Wir erleben – wenigstens in Deutschland – andre Dinge viel wichtiger, wie z. B. die Hochzeit in Doorn, die morgen mit hohenzollerischem Gepränge vor sich gehn soll. Da Wilhelm seiner lieben Braut außer seiner Verjüngung nach Steinachscher Methode auch ein beinahe 1 Milliarde kostendes Diadem aus Platin und Brillanten schenken will, haben unsre Republikaner Gelegenheit, sich als gewaltige Charaktere zu beweisen. Die Sozi haben nämlich im Reichstag die Anfrage an die Regierung gestellt, ob für dieses Geschenk auch die Ausfuhrgenehmigung erteilt ist und was die Regierung zu tun gedenkt, um die Verschleppung dieser immensen Werte ins Ausland zu verhindern. Hoffentlich erwidert man ihnen, daß sie es selbst waren, die unter Südekums Regie dem Flüchtling von Doorn aus den Mitteln der Steuerzahler die Riesenmittel bewilligten, die ihm die Noblesse gegen die Erwählte seines getrösteten Herzens gestatten. Sie haben Pech – unsre Scheidemänner: ob sich’s um Volksgerichte oder um Diademe handelt, – wo sie nur je versuchen, ihren republikanischen Wagemut zur Schau zu stellen, erinnern sie dabei ungewollt an die Schandtaten, mit denen sie den Zustand etablierten, den sie jetzt mit wirkungslosen Protesten berennen. Scheißkerls!

 

* Das war ein Irrtum. Man hatte nur ein paar Mal, wohl des Regens wegen, die Karabiner unter dem Mantel getragen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 5. November 1922.

Also man heizt jetzt wirklich durch, und wenn nicht der Koks im eisigsten Winter verbraucht ist, dürfen wir hoffen, nach dieser Richtung hin wieder gesichert zu sein. Eine andre Frage ist, wie man das arbeitende Volk über den Winter bringen will. Der Dollar wurde in den letzten Blättern, die wir gestern lesen konnten, mit 6200 Mark angegeben, wird also aller Voraussicht nach bis Weihnachten noch bedeutend teurer sein, als ich prophezeit hatte. Die Gewerkschaften aller Richtungen, A. D. G. B., Afa, Hirsch-Dunkersche, Christliche – kurzum, das ganze Bonzoleum ist der Reichsregierung und den Parteien mit einer Denkschrift voll guter Ratschläge unter die Nase gegangen. Das Ding liest sich wie Onkel Bräsigs Rede, deren Weisheit sich in der Feststellung erschöpfte: die Armut kommt bloß von der Powerteh her. So haben die Arbeiterführer gefunden, daß die Teuerung von der Markentwertung kommt. Vor allen Dingen drücken sich ihre „Forderungen“ in dem aus, was nicht geschehn soll. Die Notenpresse soll nicht mehr soviel Wische produzieren und Löhne und Arbeitsleistung müßten in ein geregeltes Verhältnis gebracht werden, – wie? das soll halt den Experten überlassen bleiben, zu denen sich die pensionsberechtigten Beamten der Gewerkschaften nicht zu zählen scheinen, – und da hätten sie Recht. Angstvoll warnen sie aber: die Markwährung müsse um jeden Preis für Deutschland erhalten bleiben. Warum? Gott allein mag es wissen. Den einzigen bescheidenen Vorschlag, den die Herren wagen, fand ich in dem Hinweis, man möchte doch bei der Einkassierung der Steuern auch an die Besitzenden denken, statt nur den Arbeitern ihre Steuern gleich vom Lohn abzuziehn. Sonst – nämlich, wenn man nicht für einen gewissen Ausgleich sorge, der vor allem eine halbwegs zu berechnende Lohnskala aufzustellen ermögliche, ohne die die Produktion ja auch nicht gesteigert werden könne (das ist ihre Sorge, die Profitproduktion zu steigern!), befürchten sie den „Zusammenbruch unsrer Wirtschaft“. Was bisher ist, sehn sie also noch nicht als einen Zusammenbruch an. Es ist wahrhaft erstaunlich, was für ein Dilettantismus ringsum am Werke ist, um Deutschland zu retten. Einer quatscht dem andern immer die gleichen Phrasen nach. Ein Bankier gibt die Parole aus: Stabilisierung der Mark! Sofort schreit die gesamte Bonzenschaft: Stabilisierung der Mark! Ein Nationalökonom findet, man müsse die Goldmilliarde der Reichsbank zu[r] „Stützung“ der Mark heranziehn. Sofort brüllt das ganze sozialdemokratische Geschmeiß, das keine Ahnung hat, inwiefern dieses Gold die Währung stützt: Her mit dem Reichsbankgold zur Stützung unsrer Währung! Ein Finanzgenie fordert „wertbeständiges Goldpapier“ – und wertbeständiges Goldpapier ist die Jonglierkugel aller marxistischen Schmöcke, mit der sie mit einer Leichtigkeit operieren, als ob ihnen ihre Ammen beim Schnullen schon das Lied vom wertbeständigen Goldpapier vorgesungen hätten. – Ich lasse mich über die Wirtschaftsverhältnisse gern durch den vortrefflichen Wirtschaftsreferenten der „Weltbühne“, der sich Morus nennt, informieren. Der Mann setzt in der letzten Nummer auseinander, was ich mir eh schon dachte: daß die Regierung, ganz besonders aber der Finanzverantwortliche Hermes, durchaus die Stabilisierung der Mark nicht wünschen. Hermes ist der Exponent des rheinisch-industriellen Zentrums und der deutschen Volkspartei, muß also Stinnes-genehme Finanzpolitik treiben. Nun weiß jeder Industrielle, daß die Festigung des Zahlmittels auch die Festigung der Arbeitslöhne – und zwar unter Angleichung gemäß der Vorkriegsverhältnisse – nach sich ziehn müßte. Morus stellt nun folgende Folgerung hin: „Der Landwirt, der heute sein Getreide zum Weltmarktpreis verkauft, entlohnt seine Arbeiter, wenn es hochkommt, mit 800 Mark am Tage; der amerikanische Arbeiter aber erhält wenigstens 4 – 5 Dollars täglich. Den Zwischengewinn zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Lohn, der für Mann und Tag rund 20 000 Mark beträgt, heimst der deutsche Landwirt ein. In der Industrie liegt es ähnlich. Daß diese Kreise kaum Gefallen an der Stabilisierung der Mark finden, ist verständlich: ihre Bedenken gegen die Goldwährung sind nichts weiter als die Angst vor Goldlöhnen.“ (Ich glaube allerdings nicht, daß Goldwährung überhaupt aus dem Schlamassel helfen kann. Die Wirkung der Goldunterlegung mit der berühmten Milliarde wäre doch nur die, daß dies Gold zum Ankauf von Auslandsware über die Grenzen geht – sofern es nicht überhaupt in privaten Tresors verschwindet – und eines Tages, wenn’s ausgegeben ist, der Zustand von heute mit dem einzigen Unterschied wieder einträte, daß eben die Milliarde nicht mehr da wäre, an der das Herz Havensteins hängt, die er um keinen Preis der Welt anrühren will, und wofür ihn nun sogar die Sozialdemokraten vom Amt ekeln wollen). Morus macht dann einleuchtend, daß die Berufung der Sachverständigen nach Berlin, die sich äußern sollen, wie man stabilisieren kann, ein Verschleppungsmanöver sei, um grade nicht stabilisieren zu müssen. Der Standpunkt der Herren – der sehr verschieden ist, ist in aller Welt bekannt, und ihnen wird doch nun nicht plötzlich eine neue Erleuchtung kommen. „Die Konferenz wird verlaufen, wie derartige Konferenzen immer verlaufen: jeder Experte hebt das Fähnchen hoch, das er schon hundertmal geschwungen hat, und damit basta!“ – Nun, die Börse zeigt ja deutlich genug, wie sie es mit der Stabilisierung hält. Die Arbeiter aber lassen sich immer noch mit all dem Dreck zum Narren halten, mit dem ihre Hypnotiseure von den kapitalistischen Interessenten hypnotisiert werden. Ob wirklich die Einberufung des Betriebsrätekongresses, der ja nun tatsächlich vor sich gehn zu sollen scheint, dazu führen wird, daß die Arbeiter den Parteischwindel mal erfassen und zu eignen Beschlüssen kommen, ist mir vorläufig noch äußerst zweifelhaft. Man muß leider alle Hoffnungen auf die Desperado-Entschlossenheit des Gegenparts setzen: ein entscheidender Schlag von rechts wäre die Pferdekur, die dem Proletariat die Augen öffnen könnte. Wenn sie dann weder nach Amsterdam noch nach Moskau spähen, was man ihnen vorschreibt, sondern tun, was ihr Lebensinteresse befiehlt, dann ist Aussicht, daß das Richtige geschehn kann. Andernfalls werden wir ein Proletariersterben erleben wie noch nie. Denkt man an jenes frivole Wort des Münchner raschen Niederkämpfers Professor Gruber: Deutschland hat 20 Millionen Menschen zuviel, dann sieht man entsetzt, wie die fürchterliche Wirtschaftsführung in diesem Lande diesen Zustand im Sinne des Volksfreundes repariert. Die Geburtenziffer sinkt, während das Sterben rapide zunimmt. Die Marxisten aber sind längst Malthusianer und empfehlen den Frauen auch noch die Konzeptionsverhütung. – Ich mag heute nicht mehr über dies und ähnliches abhandeln, zumal ich selber zwei Sterbefälle zu registrieren habe, die allerdings beide kaum auf das Konto des Hungers werden zu setzen sein. Aber zwei Männer, die noch recht weit von dem Alter entfernt waren, das zum Sterben auf natürliche Arten berechtigt. Ludwig Hartau, der bedeutende Schauspieler und Regisseur, und mir persönlich ein alter Bekannter, ist mit 46 Jahren am Herzschlag verstorben. Es ist menschlich und künstlerisch bitter schade um den Mann. – In der „Weltbühne“ aber finde ich einen Nachruf auf W. Fred, der schon mit 42 Jahren dahinging. Ein verbitterter, seine Bedeutung unendlich überschätzender, persönlich nicht sehr gewinnender Mensch, furchtbar fett, furchtbar autoritär, furchtbar selbstgerecht. Ich hatte im Schutzverband Deutscher Schriftsteller mit ihm zu tun. Unsre Beziehungen waren nie freundschaftlich; daß er sie schließlich, weil ich in seiner Beleidigungsaffaire mit Halbe für ihn keine Partei ergriff, zum Bruch trieb, hat mich niemals betrübt. Der Mann war ein Journalist, der dies Metier nicht mal aus Not betrieb – er war reich – und seine Leistungen reichten nicht aus, ihn seinem Ehrgeiz entsprechend über das Niveau eines geschmackvollen Allerweltplauderers zu erheben. Nach dem, was Jacobsohn ihm auf den Leichenstein schreibt, muß dieses Leben mit völligem moralischem Zusammenbruch geendet haben. – An Hartau ist gewiß unendlich viel tieferer Wert zur Ruhe gegangen. Er wird auch in meinem Gedächtnis das reinere Bild zurücklassen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 6. November 1922.

Prophezeien ist ein unsicheres Geschäft, und das Gefühl kann täuschen. Mein Gefühl sagt mir, daß Sturm im Anzug ist. Es wird verstärkt durch einen unerhört heftigen Schimpfartikel des „Fränkischen Kuriers“, in dem wutschnaubend festgestellt wird, daß garnichts los ist, daß in Bayern kein Mensch an Putsch oder dergleichen denkt, und daß man es satt habe, sich länger von den Berliner Schwächlingen willenlos gängeln zu lassen. Dieses „Demokraten“-Reptil preist die Verurteilungen Leoprechtings und Fechenbachs als Ausflüsse höchster Gerechtigkeit und proklamiert Bayern als Schirm von Ruhe und Ordnung, vor allem als Hort deutscher Würde gegen die Versklavungsabsichten des „Feindbunds“. Ich habe von diesem Artikel, der geschrieben ist, um alle Sorgen friedliebender Bürger als müßig zu verscheuchen, den zwingenden Eindruck, als ob er im Gegenteil den Zweck verfolge, der großen Aktion vorzuarbeiten, und als ob die Zeitung schon von den Nationalisten gewonnen ist. Heute vor 4 Jahren wußte ich: die Revolution muß kommen, und es geht um Biegen oder Brechen. Heute sind meine Empfindungen ganz ähnlich. So wie damals aus dem verlorenen Kriege die Konsequenzen zu ziehn waren, so haben Nationalisten, Separatisten und Völkische jetzt aus der Tatsache, daß Bayern ihre Wege längst geht, die Konsequenzen zu ziehn. Vielleicht bringt schon diese Woche auch die formale Auflösung des deutschen Reichs und die Unabhängigkeitsproklamation Bayerns, das ja ohnehin nur noch fiktiv ein Bestandteil des Reichs ist. Über die Aussichten des Unternehmens traue ich mich noch nicht zu urteilen. Die Tiraden der sozialdemokratischen Zeitungen, die Arbeiter wären parat, nehme ich nicht ernst. Die Politik der Auerochsen wird wie stets nur darauf hinstreben, auch einer Hitlerregierung ihre Mitwirkung wünschbar zu machen. Die Blätter berichten, daß neben Erhardt auch Lüttwitz an Ort und Stelle eingetroffen sei, und sicherlich ist militärisch-taktisch alles besser vorbereitet, als wir es im November und April fertig brachten. Es fragt sich nur, ob das Ausland, zumal Frankreich auch dabei noch zusehn wird. Falls es hoffen kann, durch den Abfall Bayerns die Okkupierung des linken Rheinufers fordern zu können, dann können vielleicht die wirtschaftlichen Vorteile den Ausschlag geben und die Bedenken gegen die militaristischen Ziele der deutschen Chauvinisten angesichts der großen Schwächung, die das gesamte Deutschland erfährt, zurückstellen. Daß losgeschlagen wird, ist auf jeden Fall für mich wahrscheinlicher als daß die Bewegung wieder mal abgeblasen wird. Der erwähnte Artikel enthält ja auch schon das Stichwort: die Berliner Verhandlungen mit der Repko: wir wollen los von Versailles! Wir lassen uns das ewige Diktieren nicht länger gefallen. Ehre, Würde, Kraft, Entschlossenheit! – Die Reparationsverhandlungen selbst sind eher komisch als wichtig. Die Herren Bradbury und Kollegen erklären: Anleihe – ja, aber vorher muß die Mark stabilisiert sein. Die Wirthsleute erklären: Markstabilisierung recht gern, aber vorher müssen wir eine Anleihe haben. Die deutschen Arbeiter aber suchen ihr Schicksal in unruhvoller Erwartung aus dem Ausfall der sächsischen Landtagswahlen zu erfahren, die gestern statthatten. – „So ist die Lage.“ Ich weiß heute nichts weiter zu ihr zu sagen. Aber ich bin geladen von Erwartung. Nun will ich aber doch noch nicht schließen, ohne eine Freude mehr persönlicher Art ausgedrückt zu haben. Aus einem Brief meiner Schwägerin Resl erfahre ich, daß Elsbeth Bruck keinen Selbstmord verübt, sondern gesund und vergnügt sei. Da ich es nicht mit Spießersprüchen halte: de mortuis nil nisi bene, sondern bestrebt bin von Lebenden und von Toten Wahres auszusagen, brauche ich meine gute Kritik an Elsbeth Bruck nicht zu revidieren. Könnte man sich an vielen Menschen so ehrlich freuen, weil sie noch leben!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 8. November 1922.

Herr Gollwitzer hat heute Mittag wieder sowenig Zeitungen ausgeben lassen, daß an Neuigkeiten nur die Eine zu vermerken ist, daß der Dollar, der sich mehrere Tage knapp über 6000 hielt, binnen vierundzwanzig Stunden wieder über 1000 Punkte gestiegen ist. Letzter uns bekannter Stand: 7272 Mark. Das zeigt deutlich genug, wie die Aussichten der Markstabilisierung stehn und daß die von Hermes vertretene Industrie bis jetzt bedeutend mehr vermag, als die Sozialdemokratie mit ihrem nervösen und hilflosen Getue. – Mir ist momentan die bayerische Situation interessanter. Heute soll der Landtag zusammentreten und die Ministerpräsidentschaft des Herrn Eugen v. Knilling bestätigen, – falls nicht in Gottes Ratschluß inzwischen anderes bestimmt ist. Die Regierung ohne Kopf hat indessen ihre Kopflosigkeit durch eine höchst eigentümliche amtliche Kundgebung zu erkennen gegeben. Sie dementiert in aller Form alle Putschgerüchte, von denen doch Polizei und Regierung Kenntnis erhalten haben müßten. Man verwechselt dort offenbar die abstrakten Behörden, – die selbstverständlich in Bayern niemals Kenntnis erhalten von dem, was an Hakenkreuzigungen geplant wird – mit ihren konkreten Beamten, – die an den bevorstehenden Aktionen aktiv beteiligt sind und grade darum für die Ahnungslosigkeit ihrer Abstraktionen zu sorgen wissen. Da Kahr keine Villa hat, könne ihn Ehrhardt auch nicht in seiner Villa besucht haben. Doch soll ja auch seine Behausung im Regierungsgebäude in der Maximilianstraße Eingänge haben. In getrennten Absätzen wird dementiert erst, daß Erhardt und Lüttwitz sich dauernd in München aufhalten, dann, daß sie sich dort auch nur en passant aufhalten (Präsensform). Die dritte Eventualität, daß die beiden steckbrieflich Verfolgten München von Zeit zu Zeit besuchen und nur grade im Augenblick der Abfassung des Dementis nicht dort waren (was von gutem Zusammenwirken zeugt) bleibt unerörtert. Man zieht empört gegen die Erfinder und Verbreiter der Putschgerüchte los, besonders gegen die „Vossische Zeitung“, ohne indessen zu erklären, wie denn Leute wie Heim, Escherich und soweiter erst vor ganz wenigen Tagen dazu kamen, in mächtigen Plakaten, die – was wir in uns konfiszierten Blättern bisher nicht lesen konnten – Patrioteska um Zurückhaltung zu bitten. Das Dementi macht ganz den Eindruck, als wäre es in gemeinsamer Redaktion der kopfsuchenden Regierung und der plänereichen Frondeure redigiert worden. Allerdings läßt es darauf schließen, daß man doch wieder vertagt hätte, welcher Rückschluß meinen Glauben an die Energie der Herren Hitler, Eck, Xylander und Genossen nachgrade doch ein wenig erschüttert. – Sehr interessant ist wieder das Verhalten des „demokratischen Fränkischen Kuriers“, der das Dementi in Riesenaufmachung bringt und sich speziell in Beschimpfungen des Münchner Correspondenten der „Vossischen Zeitung“ gefällt – des Schwesterorgans der eignen Partei – und ganz offen heraus den Staatsanwalt gegen den Mann aufruft, gegen den wegen Reichs- und Landesverrats vorgegangen werden müsse. Deutsche republikanische Demokraten: wer seine Kenntnisse über hochverräterische Pläne monarchistischer Diktaturapostel mitteilt, ist ein Landesverräter! Dazu haben wir vor 4 Jahren die Republik proklamiert! – Eine Feier des 7. November ist hier im Hause ja nicht möglich. Die meisten zogen sich nur festtäglich an, und ich verzichtete auch auf die tägliche französische Übungsstunde mit Hagemeister, um den Feiertag zu dokumentieren. Zum Sonntags-Schachspiel suchte ich statt Glaßer Mairgünther auf, mit dem sich dann ein seltsames Gespräch ergab. Der arme Kerl, der ja schon vor seinem Jahr Gefängnis hier auf allerlei eigentümliche Ideen verfiel, ist während dieses Jahrs zu einem Spintisierer geworden, für dessen geistigen Bestand ich gestern große Befürchtungen mit mir nahm. Er scheint mir hart an der Grenze zum Größen- und Verfolgungswahn angelangt, obwohl er äußerlich ruhig ist und auch seine Ideen an und für sich durchaus nicht verrückt sind. Der Mann hat in seinem ergreifenden Drang, sich zu bilden, schon immer eine Fülle für ihn ganz unverdaulichen Lesestoffs in sich hineingeschlungen, und wie er früher tagaus, tagein über Marx brütete, so hat er jetzt alle Werke von Kant um sich herum gebreitet und studiert sie durch, ohne sonst von Philosophie, von ihren Herkünften und Verschiedenheiten je einen Begriff erhalten zu haben. Da operiert er nun mit den schwierigsten Begriffen, die natürlich in seinem Hirn zu Schlagworten werden (so hat es ihm zum Beispiel besonders „die Idee als regulatives Prinzip“ angetan) und was von seiner Marxzeit her noch haftet, verquickt sich nun in seinen Überlegungen zu einem eignen System, in das trotz der Verstiegenheit der angelesenen Formeln die individuelle Not, das Schicksal des revolutionierten Proletariers wesentlich hineindoziert. Ich habe mit großem Respekt zugehört, wie er mir entwickelte, was für Gedanken in ihm entstanden sind. Soweit sie kritisch sind, sind sie zum großen Teil völlig klar und richtig, nur sind sie nicht neu, sondern mir als Anarchisten grade durchaus geläufig. Davon wollte er garnichts hören. Zweifel an seiner absoluten Originalität läßt er nicht aufkommen, bekennt wohl, daß er die Autoren, die ich berief, nicht gelesen hat, lehnt sie aber ab. (Und natürlich ist ja auch das selbstergrübelte Wissen subjektiv überzeugender als das angelernte). Ich merkte erst allmählich, wie gereizt er wurde, wenn ich ihn mit Fragen, Zwischenbemerkungen und selbst Bestätigungen unterbrach und hörte dann einfach zu, immer in der Hoffnung, das Positive zu erfahren, das er gegen das Rätesystem z. B. aufstellen würde. Er brachte denn schließlich auch ganz vage Hinweise auf eine neue Art proletarischer „Geselligkeit“, wie er es nennt (er meint etwa [„]Gemeinschaft“) und wollte durchaus nichts davon hören, daß ja z. B. die I. W. W. in Amerika und die Unionsbewegung bei uns schon das Prinzip verfolgt, das Proletariat, von unten auf organisiert, seine Angelegenheiten aus den Händen jeder Führerschaft in die eignen nehmen zu lassen. Seine Originalität darf nicht angezweifelt werden. Endlich kam er mit seinem Groll heraus: das ist der Intellektualismus, das Bürgertum, all das Unproduktive der Menschen, die sich überlegen dünken, – und ich beobachtete erstaunt, wie er, je mehr ich ihm grade in diesem Punkt beistimmte, gegen mich persönlich immer gereizter wurde. Dann kam’s: auch ich sei ein Bürger, einer, der mit dem Proletariat garnichts zu schaffen habe und sich sozusagen eindränge, ohne doch dabei auf meine Vorteile als Bürger zu verzichten zu wollen. Als ich ihn bat, doch die sachliche Diskussion nicht zu verlassen und meine Person beiseite zu stellen, wurde er ganz grimmig: da zeige sich grade der typische Bürger, der keine Wahrheit über sich selbst hören könne. Nun forderte ich ihn auf, da ich garnicht empfindlich sei, also ruhig auch auf mich persönlich zu exemplifizieren, und das war denn das Zeichen für ihn, einen Haß gegen mich auszuspritzen, der mich in äußerstem Maße verblüffte. Dabei kam denn nun das offenbar Krankhafte zum Vorschein: die unbeschreibliche Selbstüberhebung und zugleich die Angst, es könne ihm wer das Bild zerreißen, das er von sich selbst macht. Hier im Hause sind nur Bürger, er ist der einzige Proletarier, und er beschäftige sich mit Kant, um zu beweisen, daß die ganz unproduktive Beschäftigung mit geistigen Dingen den Bürgern weggenommen und, soweit sie überhaupt Sinn hat, von Proletariern übernommen werden muß und kann. „Du schreibst Deine Bücher“, giftete er mich an, „und glaubst, du wärst damit was. Aber ich kann so gut Bücher schreiben wie Du oder auch noch viel besser. Und das werde ich auch noch tun.“ Ich sei ein ganz unehrlicher Mensch, ja, ein Betrüger, da ich meine Existenz mit unproduktiver Arbeit sichere. Produktive Arbeit – und es stellte sich heraus, daß er darunter nur manuelle Arbeit versteht – leiste ich deshalb nicht, weil ich mir dazu zu gut sei. Mein Einwand, mir fehle die Eignung zur Handarbeit, und ich beneide jeden, der praktische Arbeit leistet, begegnete blutigem Hohn. So reden sich alle Bürger heraus, und daß ich proletarische Arbeit auch leisten würde, könnte ich es, sei einfach gelogen. Es blieb mir nichts übrig, als schließlich hinauszugehn, mit dem Gefühl, einen Feind zurückzulassen. Ich kam nicht mehr dazu, ihm sachliche Antworten zu geben. Mein Einwand, daß ich die Auffassung der meisten Intellektuellen, als ob ihre sogenannte Kopfarbeit mehr wert sei als Handarbeit – ich habe darüber schon einmal in einem Artikel „Die Intellektuellen“ geschrieben – als bürgerliche Überhebung ablehne, aber die umgekehrte Behauptung, als ob die Handarbeit an sich „produktiv“ und wertvoller sei als Kopfarbeit, fände ich genau ebenso bürgerlich, hatte ihn vollends aus dem Häuschen gebracht. So ist denn der arme Teufel durch zuviel intellektualistische Beschäftigung zu der tollen Idee gekommen (die übrigens vielen Proletariern instinktmäßig naheliegt), daß der Schreiber eines wissenschaftlichen Werks (Mairgünther bezieht die gesamte Wissenschaft ausdrücklich in die Kategorie des Unproduktiven ein) unproduktiv, und also unproletarisch und bürgerlich handelt – nur dem Proletarier, d. h. dem handwerklich schaffenden Menschen ist es gestattet, nebenbei auch die Funktionen der Belehrung zu versehn, – hingegen der Arbeiter, der für dies Werk das Papier produziert, der Setzer und Drucker, der es buchmäßig herstellt, der Buchbinder, der es herrichtet und womöglich auch der Händler, der es verschleißt, als produktive Menschen proletarisch wirken. – Mir tut Mairgünther bitter leid. Die ausgezeichneten Anlagen seines Verstandes bekamen infolge der sozialen Verhältnisse, in denen er Kindheit und Erziehung genoß, nicht die nötige Nahrung. Die geistige Selbstbeköstigung geschah ohne zulängliche Anregung, zwar überreichlich, aber völlig unbekömmlich, und dann tat der Staat diesem Charakter jede Gewalt, jede erdenkliche Ungerechtigkeit an und verdarb Geist und Gemüt des Mannes, ohne dafür irgendetwas andres als Aequivalente zu erhalten, als die Befriedigung der zügellosen Rachsucht eines vor Jahren unter Mitwirkung dieses Einzelnen in ihrer Bequemlichkeit gestörten Schicht von Ausbeutern und verpfafften Narren. Mairgünther ist – das sehe ich deutlich – für jede Revolution verloren. Als Opfer der Reaktion soll auch er auf unsern Tafeln stehn und dadurch dennoch der Revolution vorwärtshelfen, – und es gibt viele Mairgünthers, die der Vergeltung wert sind.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 9. November 1922.

Wieder keine Zeitungen heute mittag. Sobald etwas los ist, läßt man unsre Nerven zappeln und gibt die Blätter erst abends, nicht lange vor dem Schlafengehn aus (seit 1. November wieder ¾ 9), sodaß zu den erregten Diskussionen, die an die Lektüre anzuschließen pflegen, keine Zeit bleibt, dagegen der Schlaf sich noch langsamer einstellt als ohnehin. Die gestern abend ausgegebenen Zeitungen bestätigen nicht, daß die Hitler-Leute ihre Pläne aufgegeben hätten. Zwar geifert der Fränkische Kurier noch wilder los als die Tage vorher (das Blatt ist offensichtlich von den Putschisten schon gekauft), doch bringt es selbst Material genug, aus dem die Gespanntheit der Situation deutlich zu erkennen ist. Davon ist besonders bemerkenswert die Meldung, daß in Berlin die Gewerkschaften eine ad hoc einberufene Sitzung abhalten, in der aufgrund der sehr ernsthaften Alarmnachrichten aus München eine allgemeine Arbeiteraktion gegen Bayern besprochen wurde, ferner ein Zitat aus dem „Temps“, das mit der Warnung schließt: was in Bayern vorgehe, gehe nicht bloß Deutschland, sondern auch noch gewisse andre europäische Länder an. In München selbst aber haben sich die Gewerkschaftsfunktionäre ebenfalls über die Lage unterhalten und einen Antrag der Kommunisten, die Arbeiterschaft solle ohne Rücksicht auf die Richtung miteinander vorgehn, mit 9 Zehnteln der Stimmen abgelehnt, ein deutliches Zeichen dafür, daß die Auerochsen in ihrer Kampfbegeisterung sehr vorsichtig sind und um des Himmels willen sich die Möglichkeit, rechtzeitig auf den Boden Xylandrischer Tatsachen zu treten, nicht durch kompromittierende Bundesgenossen, die es mit proletarischen Interessen halten, zu verschütten. Heute feiern sie ja die Revolution, die wir „ohne ihr Zutun“ vorgestern vor 4 Jahren gemacht haben. Ich datiere vom 9. November ab den Beginn der Konterrevolution. An diesem Tage begingen in Berlin die Scheidemann-Ebert-Landsberg ihren eigentlichen Verrat am Volk, indem sie – und Ebert gar in der eben erlangten Würde eines kaiserlichen Reichskanzlers – die Revolution auf das Geleise schoben, das zu ihren Trögen führte; und am gleichen Tage lieferte Eisner unsre Revolution an Erhard Auer aus. Als ich 4 Tage später vor dem Landessoldatenrat stand und warnte, die Konterrevolution sitze schon wieder am Hebel des ganzen Apparats, da erklärte Roßhaupter: noch nie habe eine Revolution auf so sicheren Füßen gestanden wie diese! – (Der Fall Roßhaupter soll später noch mal von mir gesondert behandelt werden). – Zurück zum Text: Das Berliner Gewerkschaftsgeschmeiß hat die Gelegenheit zu ihrer Extrasitzung gleich auch benutzt, um zur Abbremsung der für den 9. November schon beschlossenen allgemeinen Arbeitseinstellung zu kommen. Man müsse angesichts der von Bayern her geplanten Dinge die Kräfte für die große Sache sparen. Daher: am 9ten alle Mann an die Arbeit: vertraut euern bewährten Führern! Sie werden, sobald es nötig ist, rufen – und inzwischen: laßt euch nicht provozieren! – Die „Belange“ des armen deutschen Proletariats sind wahrhaftig in netter Verwaltung! – Dabei kracht die Wirtschaft immer tiefer. Der Dollarstand hatte nach den gestrigen Morgenblättern 8700 Mark erreicht und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß er in diesen Tagen schon 10.000 überschreiten wird, falls diese Grenze nicht jetzt schon erreicht ist. Die Verhandlungen in Berlin nehmen den gleichen komischen Verlauf wie alle diese betulichen Ereiferungen von Konferenzen und Feilschereien. Die Deutschen sollten konkrete Vorschläge machen und machten, wie immer, ein Gewinsel, in dem sie ihre Not beteuerten. Die Repko antwortete, ohne daß sich die deutsche Regierung veranlaßt sah, mitzuteilen, was. Nur durfte der „Vorwärts“ verraten, daß die Antwort durchaus nicht so häßlich aussehe wie die französischen Blätter wissen wollten: der Markkurs, meine ich, könnte diese Kontroverse überflüssig machen. In der Reichsregierung aber soll es wieder „kriseln“. Hermes, der junge Mann der Stinnes-Klöckner Gruppe, soll unter der Hand sehr entgegenkommende Bedingungen an die Alliierten gemacht haben, die drauf hinzielen, die Industriellen direkt alle Geschäfte des Staats ausführen zu lassen, und man soll in Frankreich besonders sehr geneigt sein, Wirth zugunsten Hermes’ fallen zu lassen. Man spricht von einem Pump von 20 Milliarden Goldmark an Deutschland, für die die Privatindustrie selbst als Garant einstehn wolle, und die „Stabilisierung der Mark“ scheint ganz auf Eis gestellt zu sein. Alle diese Mächlereien sind so verworren, daß es ganz undenkbar ist, sich ein klares Bild zu machen. Die Regierung selbst erläßt nur allgemeingehaltene, verwirrende und betrügende Mitteilungen, wohl um zu verhüten, daß die Öffentlichkeit in die persönlichen und parteilichen Intrigen und Spekulationen und in die hilflose Situation des Reichs Einblick bekommt. Vielleicht planen die Wirthsleute und die Sozialdemokraten auch eine Auflösung des Reichstags – für den Fall, vermute ich, daß Hermes die Offensive zur Ersteigung des Kanzlerstuhls offen beginnt. – Bis jetzt hat man die Einberufung x mal vertagt, jedenfalls, um den Ausfall der sächsischen Wahlen abzuwarten und also zu wissen, wie tüchtig man sich stellen dürfe. Die Wahlen sind nun erfolgt und haben ergeben, daß alles fast ganz beim alten geblieben ist. Also eine „rote Mehrheit“, wie auch die Kommunisten glückselig feststellen. In Bayern ist der Landtag wahrscheinlich gestern zusammengetreten, um Herrn v. Knilling zu „wählen“. Es sieht aber nach allem weder danach aus, als ob Herr Wirth noch lang im Reich, noch als ob Herr v. Knilling lange in Bayern regieren wird. Das deutsche Reich ist grade durch den verrückten Militarismus innerlich schon so zerfallen, daß es schwerlich mehr repariert werden kann. Eine kleine Episode: Die Hessen gaben eine Verordnung heraus, aufgrund deren sie die Kartoffelausfuhr verboten und stützten sie auf Artikel 48 der Reichsverfassung. Ebert machte darauf aufmerksam, daß das doch nicht ginge und bat, die Verordnung wieder aufzuheben. Er bekam den Bescheid: Was Bayern erlaubt ist, muß auch Hessen erlaubt sein. Die Verordnung, die bis zum 4. November Geltung habe, bleibe in Kraft. Darauf ermannte sich Ebert zu einem ungeheueren Entschluß: am 3. November stellte er aufgrund seiner Befugnisse das formale Verlangen an die hessische Regierung, die Verordnung müsse außer Kraft gesetzt werden. – Eine hübschere Satire hätte sich schwer dichten lassen. Ebert, dem vor ein paar Wochen vor den monarchistischen Bayern das Herz in die Hose fiel, kriegt bei den Hessen Kurage, denn dort stehn ja seine eignen Parteifreunde an der Spitze, der großherzogliche „rote“ Ulrich als Präsident. Aber er sichert seine Tapferkeit auch da noch nach allen Seiten, indem der die schneidige Ordre erst am Tage vor der ohnehin vorgesehenen Aufhebung der Verordnung losläßt. Wenn sie das nächste Mal beim guten Tröpfchen beisammen sitzen – der Reichs- und der Staatspräsident –, wie werden sie, die alten Parteibrüder, sich in die Schlitzäugelchen lachen: das haben wir damals fein ausgeheckt zusammen, was, Fritze? Du befiehlst und ich guter Demokrat gehorche, und dabei kann ich meinen Hessen doch vormachen: Wir haben so wenig nachgegeben wie die Bayern; bis zu ihrem natürlichen Ablauf ist die Verordnung in Kraft geblieben! Prost, Fritze! – Prost, Ulrich, alter Hesse! Fiducit!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 11. November 1922.

Gestern nahm mich fast den ganzen Tag eine kleine „Aktion“ in Anspruch, da ich fand, daß unsre eignen Interessen lange genug nicht mehr zur öffentlichen Diskussion gestanden haben. Natürlich glaube ich heute so wenig wie früher, daß irgendeine Aussicht besteht, die bayerischen amtlichen Stellen zu einer Änderung ihrer Haltung gegen uns zu bewegen, noch gar, daß der Landtag plötzlich bereit wäre, für Anwendung der Gesetze in Niederschönenfeld besorgt zu sein. Trotzdem schien mir die Zeit gekommen, uns auf dem einzigen legal gangbaren Wege, gemeinsam zu demonstrieren, durch Eingaben an den Landtag, wieder bemerkbar zu machen. Wir haben Anlaß zu der Annahme, daß im Landtag demnächst wieder über Niederschönenfeld geredet werden wird. Da wird denn Herr Dr. Kühlewein genötigt sein, auf die Anklagen Niekischs, Fischer Gustls und Adolf Schmidts eine Erwiderung vorzubereiten, mit der er Niederschönenfeld programmgemäß aus der Diskussion verschwinden zu lassen hoffen kann, umso mehr als die Vereinigung der US mit der SPD seine früheren Helfershelfer, die Auerochsen, in puncto politische Gefangene aus taktischen Erwägungen auf die gegnerische Seite geführt hat. Er wird sich deshalb aller Erwartung nach die lange Pause in den akuten Konflikten zwischen Festungsgefangenen und Verwaltung zunutze machen wollen und meinen machen, da seit langer Zeit weder Disziplinierungen vorgekommen noch Klagen geäußert sind, stehe hier alles zum Besten, die F. G. hätten sich abgefunden und die Wahrer ihrer Interessen im Landtag trügen Eulen nach Athen und täten den Freunden in Niederschönenfeld, die ganz zufrieden seien, garkeinen Gefallen. Um solchem Schwindel vorzubeugen und auch, um uns in Erinnerung zu bringen, habe ich eine kurze Eingabe verfaßt, in der erklärt wird, die Ruhe im Hause sei nur der angestrengten Selbstbeherrschung der Festungsgefangenen zu danken, die der Regierung die Möglichkeit nehmen soll, die Anklagen wieder auf uns zurückzuwälzen und uns persönlich zur Rechtfertigung ihrer Brutalitäten in den Dreck zu ziehn. Tatsächlich hätte sich grundsätzlich nichts zum Besseren geändert. Die Hausordnung werde im Gegenteil noch immer weiter gebeugt und – obwohl sie selbst schon ungesetzlich sei – außer Kraft gesetzt. Das Material dafür sei in Überfülle vorhanden, doch solle man sich zunächst das schon längst vorliegende und zum Teil einfach unerledigt gebliebene ansehn. Wir begnügten uns mit der Wiederholung unsrer Forderung: Umwandlung der Strafe in Festungshaft! Sollte aber jemand das, was hier getrieben wird, als Festungshaft bezeichnen, so möge man endlich eine Untersuchungskommission herschicken. Dieser Schrieb ist gestern abend abgegangen (ich erwarte nun die Postquittung fürs Einschreiben). Er wurde außer den Patentkommunisten (Sauber, Wiedenmann, Schlaffer, Schiff, Egensperger, Olschewski, Blößl) und dem Weber allen Genossen vorgelegt und erhielt 17 Unterschriften, auch die der Gruppe Kain (K., Seffert und Schwab). (Übrigens bahnt sich allem Anschein nach ein modus vivendi zwischen Kain und mir an. Er macht unzweifelhafte Versuche dazu. Ich habe aber die Absicht, nur nach Klarstellung der ganzen Vorgänge von damals einen – natürlich auch nur konventionellen – Verkehr mit ihm wieder aufzunehmen.) Als Kuriosität noch folgendes: Nachdem der Brief schon im Kasten war, erschien Liebl bei mir, um ihn sich noch einmal für – Olschewski auszubitten, der ebenfalls unterschreiben wolle. Auch möchte die Gruppe dahinten überhaupt wegen einer „Aktion“ mit uns in Verbindung treten, und nach Beratung über den Inhalt auch wegen dieser Eingabe mit uns verhandeln. Ich erklärte, daß Verhandlungen absolut nicht nötig seien. Wer unterschreiben will, der tut’s, wer nicht, der läßt’s. Geändert wird nichts mehr. Sollte man aber Wert drauf legen, so würde ich mir den Brief bei der Kastenausnahme wieder ausbitten, doch bliebe er dann bis Montag liegen, was eine 48stündige Verzögerung bedeuten würde. Der Parlamentär hat darauf keinen Bescheid mehr gebracht, und das Schreiben ist also fort. – Zu einer „Aktion“ mit den Wuchtigen zusammen bin weder ich noch einer meiner Freunde zu haben. Etwa Hungerstreik? Diese Waffe haben sie unbrauchbar gemacht. Auch muß ich mir schwer überlegen, ob ich bei meiner Herzkrankheit, die eine solche Aktion für mich viel riskanter macht als für andre, überhaupt bei einem Hungerstreik mitwirken dürfte. Ob ich Zenzl zur Witwe mache und einer Geste wegen auf alle noch vor mir liegende Arbeit verzichte, ist schließlich eine Frage, deren Entscheidung ich nicht dem Gutachten andrer Leute unterbreite. Die müßte ich schon selber treffen. – Wir werden ja aber in diesen Tagen erfahren, ob überhaupt Anlaß für uns bleibt, grade jetzt besondere Schritte zu unternehmen. Heute ist nach den Ankündigungen „Stichtag“ der Nationalisten, von deren Plänen man bis jetzt weiß, daß die Zerstörung des „Münchner Post“- und des Gewerkschaftshaus-Gebäudes beabsichtigt sei. Wir können hier garnichts Sicheres voraussagen, wir können durchaus nicht wissen, ob und welche politische Faktoren die Xylander-Hitler-Mannschaften in ihren letzten Beschlüssen bestimmen werden. Möglich ist, daß der Allarmruf der Gewerkschaften schon genügt, um sie zu bremsen. Wahrscheinlicher allerdings ist, daß man solche Schlappschwänze nicht in den fanatisierten Studenten und Commis zu suchen hat. Trotzdem könnten aber politische Momente andrer Art sie noch zurückpfeifen. Bei der Regierung (als deren neuer Chef sich Herr v. Knilling in einer nichtssagenden Rede – reichstreu bis in die Knochen! wir lassen uns vom Reich unsre bayerische Eigenart nicht malträtieren! – Ruhe und Ordnung! Schlimmste Not etc. – dem Landtag vorgestellt hat) haben die Demokraten und die Sozi bewegliche Vorstellungen erhoben, man möchte doch die Nationalsozialisten zur Ordnung rufen. Die treiben’s inzwischen immer bunter. Im Fränkischen, wo eine Amerikanerin, Miß Ellendt, die Horden beleithammelt, bearbeiten sie sozialdemokratische Versammlungsbesucher mit Dolchen und Gummiknüppeln. Die Regierung steht ihnen umso hilfloser gegenüber, als die Herrschaften überall in den Behörden, besonders bei der Polizei den sichersten Stützpunkt haben. So werden also die „Vorstellungen“, zu denen sich sogar auch die Bayerische Volkspartei entschlossen haben soll, ebensowenig helfen wie die Interpellationen der Sozi im Landtag. Glaubt man, es gegen die organisierte, d. h. allarmierte Gesamtarbeiterschaft wagen zu können – und das wird man im Besitz aller Waffen und unter der sicheren Bundesgenossenschaft der Reichswehr und der Schupo bestimmt glauben –, glaubt man außerdem, vor militärischen Eingriffen des Auslands sicher zu sein – und hier fängt eben mein persönliches Versagen im Urteil an –, dann schlägt man gewiß los. Für nichts und wieder nichts war Ludendorff gewiß nicht am Iselberg. Für nichts und wieder nichts waren die Herren Pabst, Erhardt, Lüttwitz und Tirpitz nicht in der letzten Zeit in München. Für nichts und wieder nichts wird sicher kein, von allen Seiten gemeldeter, reger Autoverkehr zwischen Bayern und Italien eingerichtet. Vielleicht haben die sozialdemokratischen Zeitungen recht, die meinen, es sei zwischen den bayerischen Putschern und den Franzosen schon eine Verständigung erzielt gewesen, nach der Frankreich sich still verhalten wollte. So war’s ja auch mit Ungarn verabredet gewesen, als Karl seinen Restaurationsversuch machte. Als sich inzwischen eine veränderte politische Lage herausgestellt hatte, fanden sich die guten Franzosen plötzlich an ihre Verabredung nicht mehr gebunden und ließen den Gernekönig einfach in der Patsche. So könnte es jetzt auch den Bayern gehn. Die politische Situation hat sich über Nacht wieder recht wesentlich geändert, und der ganze türkische Problemkomplex ist wieder in Bewegung geraten. Die Kemalisten pfeifen auf das Abkommen von Mudania, sperren die Dardanellen, kündigen den europäischen Mächten – ohne selbst die Franzosen auszunehmen – die Aufsichtsrechte über die Zölle etc. und richten sich, wie es scheint, auf allgemeine „nationale Verteidigung“ gegen sämtliche „landfremden Elemente“ ein. Schon soll England wieder an Mobilisation – wenigstens der Flotte – denken, und die Franzosen sollen dieses Mal nicht mehr unbedingt hinter Kemal Pascha stehn, da der ihnen anscheinend die geplante pénétration pacifique in der Türkei zu eignen Gunsten zu versalzen droht. Nun ist die ganze kemalistische Erhebung und Bewegung vom gleichen Stamm und Wesen wie alle diese unabhängig von einander und doch eng in einander verknüpften Bewegungen des verärgerten, enttäuschten und endlich närrisch gewordenen Kleinbürgertums, das in Italien unter Mussolini zum endgiltigen Schlag ausgeholt hat. Die Franzosen mochten eine Zeit lang glauben, eine entsprechende Erhebung in Bayern werde nicht bloß das deutsche Reich in die Luft sprengen und daher auch Bayern selbst politisch und militärisch zu einem irrelevanten Faktor machen, sondern ihnen selbst die Rheinpfalz billig in den Schoß werfen und ihrer politischen Protektion über Bayern den Weg freimachen. Jetzt aber sehn sie eben in der Angora-Geschichte, daß der Erfolg die Kräfte bis zu einem Grade steigert, daß er die Gefahren, die der Protektor für sich beseitigen möchte, erst recht fördert. – Auch der weitere Verlauf der Reparations- und Valuta-Verhandlungen kann bestimmend auf die Politik Frankreichs für oder gegen Bayern einwirken. Die Repko ist wieder abgereist, nachdem die Finanzsachverständigen ihr gemeinsames Gutachten über die Markstabilisierung noch grade rechtzeitig zur Benutzung für die letzten Vorschläge der deutschen Regierung vorgelegt hatten. Danach soll ein allen Beteiligten gangbar scheinender Weg gefunden sein, von dem man nur Andeutungen erfährt, die allerdings nur zu bestätigen scheinen, daß selbstverständlich nur Palliative in Frage kommen. Der Markkurs soll mit etwa 3250 zum Dollar stabilisiert werden und auf dieser Grundlage eine neue Währungseinheit eingeführt werden. Doch ist noch garnichts Zuverlässiges bekannt gegeben. Vor allem haben sich auch die Siegermächte noch nicht geäußert. Da jedoch der Dollar plötzlich an einem Tage von über 9000 wieder auf 7400 Mark zurückgegangen ist, kann man annehmen, daß die Geldspekulanten ein halbwegs positives Ergebnis der Berliner Verhandlungen annehmen. Was immer bei diesen Schachereien herausgekommen sein mag: eine Rettung des Systems ist nicht mehr denkbar. Die Umwandlung der Gesellschaftsökonomie zu einem wirklichen Sozialismus braucht ja deshalb doch nicht „naturnotwendig“ zu kommen. Versuchen sie zu erzwingenwird man mit der ererbten Weisheit der Väter begegnen: das heißt mit Totschlage-Instrumenten und Zuchthäusern. Ob das Proletariat – selbst wenn es von Polizei-, Militär- und Justiz-Bestialität noch 10mal niedergeknüppelt wird, deswegen von den Versuchen ablassen wird, glaube ich nicht. Ich fürchte für den Sozialismus nur eines: Die „Sozialisten“, die Politikanten und hochstaplerischen Streber, die in Parteien und Zentralverbänden Verrat brauen. – Heute ist „Stichtag“ für die Nationalisten. Warten wir’s ab, ob und was sie unternehmen werden, ob sie Begeisterte oder Maulhelden sind. Wenn sie aber zur Tat schreiten – ich hoffe es inbrünstig – dann werden auch die Arbeiter zeigen, was aus ihnen geworden ist in diesen 4 Jahren, und ob auch wir Revolutionäre einmal wieder einen 7. November haben werden, an dem wir wissen: heute ist Stichtag!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 12. November 1922.

Ein Blick zum Himmel war mein erstes heute früh beim Erwachen. Er war blau und klar und ist heute den ganzen Tag so geblieben: ein frischer, wunderschöner Herbsttag bei 2 – 3° Wärme. Das Wetter ist also kein Hindernis. Haben sie nun losgeschlagen? Kracht’s heute? Wird’s überhaupt krachen? Nach den letzten Zeitungsmeldungen ist der Kessel zum Platzen reif. Die Münchner Post berichtet von Sonderzügen, in denen die Nationalsozialisten gestern von allen Seiten nach München transportiert werden sollten; also System Neapel. Es heißt ferner, Hitler habe in einer Versammlung diejenigen seiner Leute, die bereit seien, in Sturmtrupps zu gehn und zum Tode entschlossen seien, sich zu melden befohlen, daraufhin alle andern weggeschickt – auch die Presse –, um ihnen besondere Anweisungen zu geben; in München seien die Mitglieder aller verbotenen Organisationen – Schutz- und Trutzbund, Roßbach, Oberland e tutti quanti zusammengetroffen, ihre Korporationsabzeichen offen am Rock, selbst Einwohnerwehr-Binden am Arm und hätten eine begeisterte Zusammenkunft gehabt, an der auch die republikanischen Beamten des Staats und des Heers Kahr, Epp und Möhl teilnahmen. In den Cafés werde wieder wie 1914 Deutschland, Deutschland ... (Eberts Republikhymne!) und die Wacht am Rhein gegröhlt und Gummiknüppel sorgen dafür, daß jeder aufsteht. Kurzum: die Regierung hat alle Ursache, ein sehr erstauntes Dementi zu erlassen, ihr sei von geplanten Putschen nichts bekannt, im übrigen aber die Staatsanwaltschaft zu veranlassen, bei der Münchner Post zu haussuchen, der man wegen Landesverrat beiwill, der in einer kürzlich erschienenen Meldung über Waffenverschiebungen begründet sein soll. Nach andern Nachrichten sollen schon Landesverratsverfahren gegen alle die eingeleitet sein, die die Arbeiterschaft zum Selbstschutz und zur Bewaffnung aufgerufen haben. – Hier ist die Erregung groß. Ich gehöre zu denen, die die Offensive der Nationalisten in diesen Tagen erwarten. Es steht fest, daß sie von der Schwerindustrie finanziert und gefördert werden. Ich kann mir aber nicht denken, daß Stinnes seine Millionen ausgibt bloß damit Hitler das Maul aufreißt. Nun demaskiert sich aber in der Währungsfrage die Industrie ganz offen. Stinnes persönlich hat im Reichswirtschaftsrat eine höchst ausfällige Rede gegen die Sachverständigengutachten gehalten, sich gegen die Stabilisierung der Mark und für 10stündige Arbeitszeit ausgesprochen. Poincaré hat ebenfalls geredet und erklärt, die Stabilisierung drohe am Widerstand der Industriellen zu scheitern, und man werde sich den Stinnes-Lubersac-Vertrag noch mal ansehn müssen. Somit wüßte ich nicht, worauf die Leute noch warten wollten. Sie haben alle Waffen, unbegrenztes Geld, Bundesgenossen in allen Staatsämtern, die besten Strategen, vorzüglichste Organisation des ganzen und alle Aussichten, zunächst mal zu siegen. Wie lange? steht allerdings dahin. Aber mit Zukunftssorgen haben sich diese Köpfe nie beschwert, mit Psychologie erst recht nicht. – Morgen, vielleicht, werden wir mehr wissen. Für heute will ich keinen unfruchtbaren Spekulationen nachhängen. – Ich ziehe es vor, mich den letzten Hausangelegenheiten zuzuwenden. Heut früh ging Karl Bindl, der seine 3 Jahre bis auf den letzten Tag gemacht hat, obwohl er sich still verhielt und nie mit der Verwaltung in Differenzen kam. Sein „Führertum“ bestand darin, daß er als einfacher Rotgardist Ordonnanzdienst tat unter einem Genossen, der von seinen 3 Jahren 1½ auf Bewährung erlassen bekam. Die Wege der bayerischen Justiz sind halt seltsam. Über die Persönlichkeit Bindls ist nicht viel zu sagen. Ein harmloser, ziemlich einfältiger aber gutmütiger junger Mensch. – Da das Gerücht, Wiedenmann werde zum 15. November entlassen, allem Anschein nach falsch war, scheint nun also die Gnadensonne wieder erloschen zu sein. Dafür spricht auch folgender bezeichnender Vorgang. Köberl war ein Bewährungsfristgesuch mit der Begründung abgelehnt worden, seine Vorstrafen machten ihn unwürdig und die Not seiner Familie sei kein Maßstab für seine Würdigkeit. Darauf erhob er Einspruch mit der Feststellung, daß alle seine Vorstrafen in die Zeit vor seinem 17ten Lebensjahr zurückfielen und daß er die größere Hälfte seines Lebens – er ist jetzt 35 Jahre alt – straffrei sei. Er empfinde daher die Betonung seiner Kinderstreiche als Verweigerungsgrund für seine Bewährung als Unbilligkeit. Gestern kam die Antwort: abgelehnt! Die Angabe, Köberl sei seit seinem 17. Jahr nicht bestraft gewesen, sei unwahr. Er habe auch noch im Jahre 1913 eine Vorstrafe erhalten. – Die Sache stimmt. Er hat nämlich mal einen Polizeistrafzettel von 5 Mark bekommen, weil er mit dem Fahrrad auf dem Fußsteig fahrend betroffen wurde. Auf seine Berufung zum Schöffengericht wurde die Strafe wegen unbegründeten Einspruchs auf 9 Mark oder 3 Tage Haft erhöht. Er zahlte die 9 Mark. Das ist seine „Vorstrafe“, die ihn vor der bayerischen Gerechtigkeit jeder Gnade unwürdig macht. Wer mit seinem Fahrrad einmal aufs Trottoir gerät, dessen „Unwürdigkeit“ ist noch nach über 9 Jahren so evident, daß die Not seiner Familie kein Grund sein kann, Milde, Güte und Gnade walten zu lassen. Es geht nichts über wahres Christentum! – Der Fall muß ausgenutzt werden. So winzig er ist in dem Riesentrog bayerischer Gehässigkeiten und Schmutzereien, so drastisch bezeichnet er dieser finsteren Zeiten Schande.

 

Niederschönenfeld, Montag d. 13. November 1922.

Sicheres wissen wir noch nicht, und da Post eingetroffen ist und hier alles seinen gewohnten Gang geht, hätten wir Ursache gehabt zu glauben, es habe sich auch draußen noch nichts geändert, wenn auch die Presse voll ist von düsteren Hinweisen (Gebäude der Münchn. Post und des Gewerkschaftshauses in Verteidigungsstand; Beschwörungen der Nationalsozialisten in dem sonst mit ihnen sympathisierenden Fränkischen Kurier, sie möchten die Juden schonen etc.) und wenn auch alle Briefe, die ich bekam – von Zenzl, vom Adolf Schmidt, vom Seppl – darüber, daß man draußen den Angriff erwartet, keinen Zweifel übriglassen. Aber vor einer halben Stunde (gegen 1 Uhr) wurden wir plötzlich von unsrer Zeitungslektüre durch Hurrageschrei aufgeschreckt. Wir stürzten ans Gangfenster und sahen ein Militärlastauto mit Anhänger, beide Wagen voll besetzt mit Schupoleuten sich von der Anstalt weg nach Rain zu bewegen, die Grünen sichtlich hochgestimmt, lärmend und Tücher schwenkend. Daß es sich um eine einfache Ablösung unsrer Wache handelt, ist ausgeschlossen, da die regelmäßig beim Monatswechsel erfolgt, auch stets still und ohne Autofahrt vor sich geht. Die Wahrscheinlichkeit, daß der Tanz begonnen hat, ist also außerordentlich groß. Welchen Aufgaben die Schupisten dienen sollen, können wir natürlich nicht genau wissen. Vielleicht handelt sich’s um Straßenkämpfe in Donauwörth oder Augsburg, vielleicht zunächst um Bereitstellung für den Fall, daß die Hitlerleute nicht ohne republikanische Staatsbeamten-Unterstützung fertig werden sollten. Bayerns schwarzweißrote Eigenart mit Pickelhauben unterm Preußenaar kann sich also schon in die Tat umgesetzt haben, und ich vermute, daß unser Festungskollege Arco schon jetzt Gefangener a. D. ist. – Natürlich zweifeln bei uns hier auch jetzt noch die meisten an der Ernsthaftigkeit des Moments, geben für den Schupotransport harmlose Erklärungen und brillieren als lächelnde Skeptiker: da die Nationalisten bis jetzt nie Ernst gemacht haben, werden sie’s auch jetzt nicht. Die alte Logik. (Übrigens wird man in den Zeitungen ja sowieso lesen, daß es die Arbeiter waren, die angefangen haben, während sie wirklich alle Chancen dadurch von vornherein verschlechterten, daß sie sich ewig nur auf Verteidigung einstellen. Aber – es gibt nur Verteidigungskriege! Denn auch jeder Angreifer kommt durch jede Abwehr in Verteidigungsstellung. Da sitzt die innere Lüge der Pazifisten, die den Angriffskrieg verwerfen, den Verteidigungskrieg verfechten). – Ich denke mich bei der Beurteilung der Dinge doch in die Lage der Gegner hinein, und ich muß sagen: wäre ich einer der ihrigen, – ich würde rufen, schreien, schmettern: aller-allerhöchste Zeit! Ich wüßte wahrhaftig nicht, worauf sie noch warten sollten, da sie militärisch doch wohl bereit sind. Den Moment erwischen sie politisch im Leben nicht günstiger für sie, zumal im Augenblick zwischen den haufenweise verschiedenen Tendenzen im eignen Lager die Einigkeit zur gemeinsamen Aktion gesichert scheint. Vor allen Dingen ist das Großkapital – wenigstens soweit es in der rheinischen Montanindustrie repräsentiert ist – grade jetzt interessen-einig mit den verzweifelten Entwurzelten des ancien regime. Thyssen hat vor einigen Wochen grade heraus gesagt, der 8Stundentag muß beseitigt werden, und den gewaltsamen Kämpfen, die dazu nötig sein werden, dürfe man nicht aus dem Wege gehn. Stinnes Rede im Reichwirtschaftsrat ist eigentlich nur als Signal dazu zu werten. Die Zwecke dieses Magnaten liegen ja klar am Tage. Ein physischer Triumph über die Arbeiterschaft gibt ihnen den Stich in die Hand, einfach kommandieren zu können: 10 Stunden Arbeit bei Lohnzahlungen in Papiermark und gleichzeitiger Einstellung aller kaufmännischen Transaktionen auf Weltwerte. Zugleich aber können sie die Hand ausstrecken nach den Staatsbetrieben und vor allem die Eisenbahnen in ihren Besitz bringen. Denn die Lehre, daß der Staat die Exekutive der Besitzenden ist, ist zwar absolut richtig, aber ich glaube, der Zeitpunkt ist gekommen, wo die Besitzenden diese Exekutive nicht mehr brauchen, sodaß sie den Staat ruhig verfaulen lassen können. Die Marxisten aber, von denen die Maxime doch stammt, werden ihrer Gefolgschaft weiterhin predigen, daß der Staat vom Proletariat verwaltet werden müsse und werden nicht merken, daß sie, wenn sie wirklich ihre „Arbeiterregierung“ haben, bloß noch eine leere Mühle drehn werden, deren sich die Besitzenden nur noch für eine Gesetzgebung bedienen werden, um bequemeren Genuß ihres Wirtschaftsmonopols zu erzielen. – Daß bei dem nationalistischen Putsch jetzt mit größter Wahrscheinlichkeit das deutsche Reich endgiltig zerfällt, wird vorerst keine Teilnehmer zurückschrecken; auch die ehrlich Alldeutschen nicht, denen man begreiflich machen wird, daß vom „bolschewistischen“ Norden eine „vorübergehende“ Trennung nötig sei, und daß sich das Reich nun grade von Bayern aus neu konstituieren werde. Man wird im weißblauen Bayern eine Unmenge schwarz-weiß-rote Fähnchen aufstecken, und die naiven Hakenkreuzler, die Studenten und Offiziere werden beruhigt sein. Die Industrie aber braucht die staatliche Einheit nicht. Ihre Geschäfte gehn ohne das Reich auch und vielleicht besser. Die Frage ist nur, wie sich Frankreich verhält, wo vielleicht aber auch schon ein Hand-in-Hand-Arbeiten angebahnt sein kann. Der Frank fällt seit Wochen auf ein immer tieferes Niveau. Auch dort werden sich also bald Interessengegensätze zwischen Staat und Kapital herausstellen, und ich halte es für gut möglich, daß Stinnes-Thyssen etc schon mit französischen Großindustriellen einig sind, die ihrerseits den Staat im entscheidenden Moment ebenso ignorieren wie die deutschen auch. Es ist doch den Kapitalisten ganz einerlei, ob das Territorium, wo sie ihre Ausbeutung betreiben, staatlich so oder so betitelt ist. Ich habe die Überzeugung, daß die Separation Bayerns die des gesamten linken Rheinufers in kurzer Frist nach sich ziehn müßte. Das kann Frankreich sehr erwünscht vorkommen und infolgedessen zur gänzlichen Passivität allen bayerischen Vorgängen gegenüber veranlassen. Dagegen spricht allerdings alles, was in Bayern selbst geschehn ist, um den französischen Chauvinismus gegen den weißblau-ostelbischen zu erbittern. Erst kürzlich wurden in Passau ein englischer und ein französischer Offizier bei einer Kasernenkontrolle mit Beschimpfungen und Steinwürfen von einer zusammengepfiffenen Menge insultiert, worauf Herr Nollet schon zwei geharnischte Noten nach Berlin gerichtet hat. (Daß der Fränkische Kurier über die Kinderei in Passau vor Glück außer sich war, braucht kaum erwähnt zu werden. Unsere Demokraten sind schon so). – Ich warte mit fiebernder Erwartung auf das Kommende, will aber, solange es auf sich warten läßt, auch die persönliche Chronik nicht einschlafen lassen. Gestern war offizieller Friedensschluß – nämlich zwischen Kain und mir. Das ging so zu: ich merkte seit geraumer Zeit, daß er heftig auf eine Annäherung hinarbeitete. Gestern ergriff er die Gelegenheit eines zufälligen Nebeneinanderstehens am Fenster, um mich in ein politisches Gespräch zu ziehn. Ich ging flüchtig darauf ein, benutzte aber nach wenigen Minuten die Gelegenheit der Gitteröffnung, um in den Hof zu gehn. Abends besuchte ich ihn dann und sagte ihm ins Gesicht: ich wünschte klare Beziehungen. Unsre Beziehungen aber, so klar sie seit 1½ Jahren waren, seien in den letzten Tagen unklar geworden, und ich müßte Wert darauf legen, mich zunächst persönlich zu sichern, ehe ich mich auf neuen Verkehr mit ihm einlasse. Ich fragte ihn auf den Kopf zu, was es mit jener Elbertschen Broschüre auf sich habe, an der er mitgearbeitet haben solle. Er behauptete, nichts davon zu wissen, doch werde Elbert jedenfalls, wie auch in andern Fällen, hierbei seinen Namen mißbraucht haben. Ich erklärte mich damit befriedigt, da ich kein Untersuchungsrichter sei. Ferner bestritt er jede Beteiligung an den gegen mich gerichteten Verleumdungen. Er habe nie Ehrenrühriges von mir behauptet, noch traue er mir Ehrenrühriges zu. Meine Frage, wie er sich heute zu seiner mir seinerzeit im Falle Toni Waibel bekannten Maxime stelle, politische Gegner, die ihm gefährlich scheinen, mit allen Mitteln zu bekämpfen – und ich sei, da ich meine Überzeugungen in nichts geändert habe, sein politischer Gegner – beantworte er damit, daß er versicherte, er sei auch in diesem Punkt äußerst vorsichtig geworden, und ich brauche keine Sorgen zu haben, irgendwie persönlich von ihm etwas Verletzendes zu erfahren. Wieviel ich ihm glaubte, ist meine Sache. Natürlich beabsichtige ich nicht, mich mit ihm in irgendwelche Intimität einzulassen. Andrerseits bin ich froh, friedliche Beziehungen mit möglichst vielen meiner Mitgefangenen zu unterhalten. Ich sprach infolgedessen mit ihm auch nur von Wiederherstellung „korrekter“ Beziehungen und mit einem Händedruck gingen wir auseinander. Es geht ja auch mit Klingelhoefer so, der mir persönlich viel unsympathischer ist als Kain. Ich werde mißtrauisch sein, aber nicht hinterhältig. Und auf jeden Fall werde ich Gelegenheit haben, mit dem sehr gescheiten Menschen anregende Gespräche zu führen. – Vorhin wurde ich hinuntergerufen zum Empfang eines Pakets. Es enthielt allerlei Delikatessen, und sein Absender ist – Otto Rühle. Meine Freude ist grenzenlos, vorerst freilich etwas beklommen, ob ich den Brief, der beilag, wohl bekommen werde. Ich sah die Unterschrift an: „Ich umarme Dich, liebster Kampfgenosse“ war der letzte Satz, den mein Blick aufnahm. Wie lange habe ich schon nach Rühles Adresse gefahndet! Es ist der einzige deutsche Politiker, dem ich mich innerlich ganz verbunden fühle. Er weiß um die Revolution, um ihre Art, um ihre Ziele, und er ist Kämpfer und niemals Kompromißler. Vielleicht bringen die Ereignisse dieser Tage die Stunde der Befreiung näher heran. Dann sollte Otto Rühle sowieso der Erste sein, mit dem ich Verbindung suchen wollte. Wie froh bin ich, daß er sich mir ebenso verbunden zeigt. Einen Menschen gefunden, – ich bin wieder reicher geworden!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag[Mittwoch], d. 15. November 1922

Von heute ab ist wieder ein neuer Posttarif in Kraft: Brief 12 Mark, Karte 6 Mark u. s. f. Gestern ließ ich daher das Tagebuch liegen, um noch ein paar Postsachen zum alten Satz loszubringen. Das ging umso eher, als die ewig lächelnden Skeptiker tatsächlich noch einmal Recht behalten haben. Aus dem Hitler-Putsch ist nichts geworden. Dennoch haben die jetzt auf ihre sichere Voraussicht stolzen Genossen – sie brauchten nicht so sehr stolz zu sein, denn ihre Voraussicht ist stets die gleiche: es geschieht wieder mal nichts! – insofern nicht Recht behalten, als die Absicht zum Losschlagen offenbar bestand. Ob die Bremser um Escherich herum schließlich Oberhand gewannen oder ob – was mir wahrscheinlicher vorkommt, im letzten Augenblick ein Regiefehler bemerkbar wurde, der den strategischen Plan zertrümmerte, – bleibe dahingestellt. Jedenfalls war die Sache schon so weit gediehen, daß in der Münchner Post regulärer Arbeiter-Wachtdienst eingerichtet war, vielleicht so stark, daß den Angreifern die Sache zu riskant erschien. Und die bekamen ja genauen Bescheid über die Verteidigungsanlagen, und zwar direkt von der Polizei. Die Haussuchung – bei der nicht einmal das private Arbeitszimmer des immunen Auer-Vaters verschont blieb (er hat alle seine Protesterklärungen ad majorem suam gloriam in seinem Organ abdrucken lassen – geschah auf die kräftige Aufforderung des Miesbacher Anzeigers hin. Ein juristischer Grund war schlechthin garnicht vorhanden; aber die Staatsanwaltschaft sprang natürlich auf Ecks Pfiff. Ich habe keinen Zweifel, daß der Besuch der Polizei dort im Dienste der nationalsozialistischen Spionage geschah. Der Verzicht auf den Angriff kann auch darauf zurückzuführen sein, daß, wie die Münchner Post berichtet, das Reichsverkehrsministerium eingriff, indem es die angeforderten Sonderzüge für die Beförderung der Hakenkreuzsakra nach München verweigerte. Dadurch könnten mancherlei Berechnungen der Leitung über den Haufen gefallen sein. Sei dem wie immer, – ich sehe in dieser Verschiebung der Aktion eine böse Schlappe der eben zur V. V. V. (Vereinigung Vaterländischer Verbände) zusammengeschlossenen Faszingisten. Die Kräfte, auf die es am meisten ankommt – das sind nicht etwa die Parolegeber und „Führer“, das sind die „Mitläufer“ – werden, wenn’s immer bloß beim Maulheldentum bleibt, wenn nie etwas Durchgreifendes geschieht, eben nicht mehr mitlaufen, sondern sich enttäuscht zurückziehn. Erst recht wird die eben vollzogene Einigung, die ja nur ein Sammeln für den Kampf selbst war, keinen Bestand bis zur nächsten Aktion haben. Die Herrschaften haben den besten Termin verpaßt, – wie wir Ende Februar nach Eisners Ermordung, als der Rätekongreß meinen klaren Antrag auf Schaffung des Definitivums anstelle des Nürnberger Provisoriums ablehnte (welche Dummheit das war, erkennt man erst aus dem, was drauf folgte: 14 Tage später die ungarische Proklamation, der wir erst nachhinkten, als unsre revolutionsgewillten Kräfte schon zersplittert waren). Ich sehe die Lage der münchener Nationalisten heute ganz ähnlich an. Sie haben sich die letzte Woche unsres Februar entwischen lassen und werden dafür einen 7. April nehmen – dem ein 13ter April und ein 1. Mai sicherlich folgen werden. Eine wie günstige Situation sie aus den Händen gelassen haben, zeigt sich jetzt bei Betrachtung der politischen Vorgänge im Reich selbst. Da ist eine neue „Krise“ entstanden. Die Stinnes-Getreuen haben sämtliche bürgerliche Parteien um ihre Forderung geschart: „Große Koalition“, will heißen: Auslieferung der gesamten Verwaltung an die Großindustrie. Die Sozialdemokraten machen so etwas wie Opposition. Zwar hatten sie sich schon damit abgefunden, daß Vertreter großkapitalistischer Interessen, sofern sie nicht als offizielle Deutsche Volkspartei-Beauftragte kommen, in die Regierung hineindürften: als Außenminister sollte Herr Cuno, der Generaldirektor der Hapag ans Steuer gesetzt werden. Aber nun erklärt Herr Stinnes durch seine Prokuristen: auf Halbheiten läßt er sich nicht ein, und da sich nun auch Wirth von den Marxisten ab- zu den Marxeanern seiner Partei hinwendet, spricht man schon von der Möglichkeit der Reichstagsauflösung, (an die ich aber noch nicht glaube. Als sie die Pille des Republikschutzgesetzes in bayerischer Aufmachung zum Schlucken bekamen, wurde sie ihnen mit der Erhöhung der Diäten auf monatlich 10000 Mark versüßt, und sie schluckten sie; als sie wegen der Vervierfachung des Getreide-Umlagepreises Sperenzien machten, wurde die Zuckerschicht um die Pille mit 35000 Mark Diäten als richtig bewertet, um sie zum Fressen zu bewegen; sie werden auch die Koalition mit Stinnes genießbar finden, wenn die Diäten rechtzeitig bis zu einem Maße erhöht werden, das die Möglichkeit, das Mandat zu verlieren, jedem dieser „Sozialisten“ zu einem ganz schrecklichen Gedanken machen müßte). Übrigens sieht es nach den letzten Meldungen so aus, als ob die Sozi, um nur ja in der Regierung bleiben zu dürfen, sich auch schon ohne „Extra-Bestechung“ in die Regierungsgemeinschaft mit der gesamten Großausbeuterschaft gefunden hätten. Sie haben eine Resolution gefaßt, wonach sie nur mit Leuten zusammen regieren wollen, die die Stabilisierung der Währung wollen. Ich müßte Stinnes schlecht kennen, wenn er nicht antworten sollte: freilich doch! Natürlich will auch ich die Markstabilisierung – selbstverständlich! Wenn wir erst beisammen sitzen im Kabinett, werde ich Ihnen schon sagen, wie ich sie mir denke. Bis dahin wird keiner von beiden das Maul über die Arbeitszeitverlängerung auftun, deren Erhaltung auf 8 Stunden denn auch in der VSP-Erklärung (die auch die Namen Dittmann und Breitscheid trägt) mit keiner Silbe verlangt wird. – Interessanter als diese schäbigen Händel in den Bezirken der Berufspolitikmacherei sind die sich häufenden Nachrichten über Hungerkundgebungen in allen Teilen des Landes, die wohl jedenfalls ein klareres Bild von der Station geben, auf der wir halten, als der ganze Parlaments- und Revolutionsschwindel. In Düsseldorf z. B. ist bei der Firma Mannesmann ein spontaner Streik wegen unberechtigten Lohnabzügen der Unternehmer ausgebrochen, der äußerst rasch um sich griff und fast alle Metallarbeiter in seinen Kreis gezogen hat. Selbstverständlich arbeiten die Gewerkschaften wieder für die Industriellen gegen die Streikenden und schreien entrüstet „Wilder Streik“. Die Ausständigen selbst haben ein wirklich gutes Flugblatt verfaßt, worin sie sich weigern, sich fernerhin einen ganzen Tag müde zu quälen, um allenfalls ein Pfund Margarine kaufen zu können. Sie verlangen statt der Unternehmerparole: Wiederaufbau der Arbeit durch Überanstrengung der Arbeitenden – Wiederaufbau der Arbeiterkörper durch hinlängliche Ernährung und angemessene Lebenshaltung. – Der Winter bricht an. An Kämpfen wird’s ihm gewiß nicht fehlen, und wir dürfen uns immerhin an dem Gedanken freuen, daß diese Kämpfe zwischen verzweifelten und ihres Rechts bewußten arbeitenden Menschen und einer in Verfaulung übergegangenen auf sumpfigem Grund schwankenden Herrschaftsklasse geführt werden. Freilich ist diese Klasse physisch noch immer sehr stark, zumal sie sich auf Vertrauensleute eben der arbeitenden Bevölkerung stützen kann. All ihr Tun ist Vergewaltigen des Rechts zugunsten der Besitzenden, und ihre Sachwalter nennen sich Sozialisten. Ein kleines Symptom ist die Demonstration, zu der sich erfreulicherweise in Berlin einmal auch die Syndikalisten aufgerafft haben, um die preußische Justiz – oder geht auch dieser Skandal zu Lasten Radbruchs? – endlich zur Freilassung unsres italienischen Genossen Ghezzi zu bewegen. Die Italiener selbst haben die Anklage gegen ihn wegen des angeblichen Dynamitverbrechens fallen gelassen und verlangen die Auslieferung nur noch wegen Geheimbündelei, also eines offenbar rein politischen Delikts. Die „freieste Republik der Welt“ aber scheint entschlossen, den Mann den Schergen der italienischen Faszisten, den Foltern und Henkersbeilen Mussolinischer Sadisten auszuliefern. – Ich habe, da ich schon bei der „Rechtspflege“ der deutschen Republikaner bin, ein neues Stück bayerischer Gerechtigkeit zu notieren. Es betrifft ein Gesuch Tanzmaiers um Bewährungsfrist, und der Bescheid besagt: Abgelehnt. Der Sühnezweck der Festungsstrafe kann nicht hinter der wirtschaftlichen Not der Mutter des Verurteilten zurückstehn. Dessen Vorleben lasse übrigens kaum erwarten, daß die Lage seiner Mutter durch seine Entlassung tatsächlich gebessert werden würde. Tanzmaiers Führung am Strafort beweise noch keine Sinnesänderung und es bleibe auch sonst bei den Gründen der früheren Ablehnung. – Dazu ist zu sagen: Das ironisch erwähnte Vorleben Tanzmaiers war in der Tat überaus traurig. Dieser Mann ist zu einem Opfer der Armut im wahren Wortsinne von denen gemacht worden, die ihn heute noch verfolgen. Aber seit 11 Jahren hat er keine Strafen mehr erlitten, sodaß die Vermutung, er werde wohl gleich wieder den Juristen in die Klauen fallen, eine Infamie ist, zumal die große Strafe, die sein „Vorleben“ den Herren so verabscheuenswert macht, eine reine Leidenschaftstat war, für die er entsetzlich gebüßt hat – das Kapitel: Polizeiaufsicht lohnt einmal eingehender Würdigung. – Nun aber die früheren Gründe: da wurde die Not der Mutter mit der Bemerkung abgetan, sie sei noch nicht so alt, daß sie sich nicht noch durch eigne Arbeit weiterhelfen könnte. Die Mutter ist 63 Jahre alt und hat 16mal geboren. Außer dem Sohn leben noch zwei Töchter, die außerstande sind, der Mutter zu helfen. Das alles wissen die „Volksrichter“. Macht nichts: Die Gründe von früher gelten auch jetzt noch, – und übrigens was geht unsre Christen die Not der Mutter an! – Der „Sühnezweck“ der Festungsstrafe ist wichtiger. Dabei hat Tanzmaier von seinen 4 Jahren weit über 3 hinter sich und war Rotgardist ohne jegliche Führerqualitäten! – Herr Neithart hat seinen Namen schon unter viele derartige Dokumente geschrieben. Der Kulturhistoriker in 50 Jahren braucht nur seine Gnadenverweigerungen zu sammeln, um die Verkommenheit unsrer Bourgeoisie in ihrer ganzen hämischen Scheußlichkeit vor Vergessenheit zu retten. Hilfreich sei der Mensch, edel und gut; denn das alleine unterscheidet ihn vom –. Nein, ein Tier, das begreifen könnte, was hier vorgeht, würde sich wehren gegen die Gleichstellung mit Menschen, die einer 63jährigen Frau, die 16mal geboren hat, auf das Verlangen, ihr Sohn möge ihr helfen dürfen, den Hunger zu stillen, zur Antwort geben: Du bist noch nicht verbraucht genug! Arbeite!! – Aber ich bin ganz überzeugt, daß die Frauen dieser Richter, die Mütter ihrer eignen Kinder, auch wenn sie täglich ihren Gatten in den Akten blättern dürfen, gemächlich und bedenkenlos mit ihnen das Lager teilen. Was hätten sie gemein mit einer Proletariermutter! – Bei Gott, diese Klasse ist reif zur Ausrottung!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 16. November 1922.

Die „Regierung der Persönlichkeiten“, d. h. Herr Wirth und sein vatikanisch-demokratisch-„sozialistischer“ Anhang, ist zurückgetreten. Schrecklich! Die Sozi-Presse atmet schwer. Was nun? Grade diesen Augenblick, wo der Repko wieder so eine schöne Note zugeleitet ist, worin man ihr versprochen hat, ganz brav zu sein, die Mark zu stabilisieren – und daraufhin ist der Dollar denn auch schon „ganz tief“ gefallen, bis zu 7000! (Die „Krise“ wird die Devisenspekulanten wohl schnell genug wieder trösten), – und sogar auch praktische Vorschläge gemacht hat, wie man den verfahrenen Wagen wieder in die Fugen bringen will. Daß die Vorschläge tatsächlich blanker Dilettantismus sind, versteht sich am Rande, mindestens wird, wenn man wirklich eine Art Währungsstabilität damit erzielen sollte, dadurch der Not des Volks nicht im geringsten abgeholfen werden können, da die vom Mangel an Substanz und Fehlen jeder brauchbaren Einteilungsorganisation kommt. An den Orakeleien über die Neubildung der Reichsregierung beteilige ich mich nicht, weil es mir völlig egal ist, ob Herr Wirth oder ein andrer die gewichtigen Spießbürger Stinnesscher Wahl auf ihre Plätze setzt. Nur Radbruch will ich wünschen, daß die schimpfliche Episode seiner ministeriellen Tätigkeit endlich überstanden sein möge. (Es würde auch uns wie ihm die neue Enttäuschung ersparen, daß seine juristischen Reformpläne – u. a. die Strafvollzugsvereinheitlichung – doch nur in weißblauer Verpackung in den Handel gebracht werden dürften). Wenn hingegen aus dem Regierungswechsel Reichstagsneuwahlen entstehn sollten, würde ich das begrüßen, nicht wegen des Ausfalls, der mir egal ist, sondern wegen des Vorgangs der Wahlen, der erregte Massen auf die Straße und dadurch vielleicht zum Handeln bringen könnte. Der Gedanke an solche Möglichkeiten – der für die Sozialdemokraten der einzige Grund sein wird, Wahlen nicht zu wünschen; denn bei der Festigung ihrer Bürokratie durch die Einigung und nach dem Ausfall der sächsischen Wahlen brauchten sie für die Summe der Diäten für ihre Begnadeten keine Sorge zu haben – liegt angesichts der Vorgänge im Rheinland nahe. Was jetzt in Düsseldorf und Cöln, in Aachen, Hannover und Hamburg vorgeht, sieht stark nach beginnender Erhebung größerer Art aus. Die Bewegung wird, laut „Vorwärts“ besonders in Düsseldorf von Unionisten gefördert, und der Zug der Streikenden von Betrieb zu Betrieb, um die Arbeiter herauszuholen und der bedeutende Erfolg dieses Vorgehns, läßt erkennen, wie dieses Mal wirklich von unten, von den Werkstätten aus unter Ignorierung der Bürokratie gehandelt wird. Die Meldung, die Freien Gewerkschaften proklamierten ihrerseits den Generalstreik in Düsseldorf, zweifle ich zunächst an, obwohl möglich wäre, mit solchen Parolen versuchten die Bonzen die Bewegung in ihre Hände zu bringen, um sie zu erdrosseln. Charakteristisch ist folgender Vorgang: in Düsseldorf erbaten die Behörden von dem französischen Besatzungskommandeur die Herbeiziehung stärkerer Schupokräfte. Der General lehnte ab. In Cöln stellte die Polizei das gleiche Ersuchen an den englischen Kommandeur, der bereitwillig entgegenkam. Rückschluß: Frankreich hat nichts gegen heftige innere Erschütterungen in Deutschland, am wenigsten im Rheinland, die die Okkupationsträume reifen lassen könnten. England legt Wert auf Höchstleistungen der deutschen Industrie. Die Sozialdemokraten Köster und Severing aber erbitten von den militärischen Interessenhütern dieser verschiedenen Geschäftsberechner die gnädige Erlaubnis, deutsche Proletarier zu Klump schießen zu dürfen. Wahrscheinlich sind diese Spontanbewegungen entsetzlich verelendeter Massen noch nicht als Anzeichen des schon ausgebrochenen Bürgerkriegs anzusehn. Wohl aber sind sie Symptome, wie weit die Not schon gestiegen ist. Vielleicht werden wir noch mal erleben, wie die Bewegung sich ausbreitet und bald hier, bald dort über die Ufer tritt und von sozialdemokratischen Kapitalsschergen in Blut erstickt wird, bis einmal doch – von unten, von den Schraubstöcken her unter Überrennung der Gewerkschaftsbremser – die Sturmflut gleichzeitig über das ganze Land geht und aufräumt. Schon erklären bayerische Bauern, und ihr Beispiel wird Schule machen, zumal ihre Einbläser pommersche Junker sind, wenn die Regierung Umlagegetreide haben will, möge sie die Reichswehr zum Abholen schicken. Wenn bei uns die Arbeiterpolitik nicht in so strohdummen Köpfen bestimmt würde, könnte sich das revolutionäre Proletariat aus diesen rebellischen Bauern die besten Bundesgenossen machen. Sie müßten nur begreifen, wie stark das gemeinsame Interesse ist, aber um sie das begreifen zu machen, müßten es die Proletarier erst mal selber wissen. Die Bauern haben tausendmal recht, wenn sie sich weigern, ihre Arbeit ohne Aequivalent fürs „Vaterland“ leisten zu sollen, während niemand dran denkt, die lebensnotwendigen Produkte der Industrie ebenfalls dem Wucher zu entziehn und unter Zwangsrationierung zu bringen. Aufgabe proletarischer Agitation wäre es, den Bauern zu erklären, daß sie vom Kapitalismus genau so als Ausbeutungsobjekte behandelt werden wie die Arbeiter und daß sie, statt sich in den Haaren zu liegen, alle Energie zu gemeinsamem Handeln aufwenden müßten. Arbeiter- und Bauernkommissionen müßten über Behörden und Gesetze hinweg untereinander einen Naturalaustausch organisieren und damit wirkliche Rätewirtschaft vorbereiten, der die Wirtschaftsregulierung später anvertraut werden könnte. Allerdings müßten die Arbeiter sich selber zunächst von dem Wahnsinn der Marxisten befreien, als ob der Bauer der natürliche Feind des Arbeiters wäre. Grade in Bayern aber müßte man endlich vom Industrieproletariat aus den Bauern erklären, daß ihr Widerstand gegen den Unitarismus vollständig berechtigt ist, daß ihre Geschichte, ihre Geographie und ihre ethnologische Beschaffenheit sie durchaus auf die Betonung ihrer „Eigenart“ hinweist, daß sie Föderalisten zu sein alle Ursache haben und grade deswegen sich sowenig unter der schwarzweißroten wie unter der schwarzrotgelben Fahne zentralisieren lassen sollten. In Wirklichkeit ist die partikularistische Gesinnung jedem Bayern, Bauern wie Arbeiter, selbstverständlich. Die marxistischen Esel aber haben diese Gunst des Schicksals wie alles andre um elender Doktrinen willen vertan und den Arbeitern weisgemacht, ihr Glück lasse sich nur von Berlin aus gründen: der Unterschied ist bloß der, daß die einen die Kreuzberg-, die andern die Rosenthalerstraße für den Sitz der proletarischen Glückseligkeit ausgeben. Meine Unterhaltungen hier mit echt bayerischen Genossen bestätigen mir fortgesetzt die Richtigkeit der Auffassung, daß kein Bayer Reichsunitarist ist. Die besten Parteikommunisten geben mir von Herzen recht, werden aber immer wieder schwankend, wenn ihnen die Rote Fahne das Strammstehn vor den Berliner Befehlen kommandiert. Am stärksten inkliniert Zäuner für meine Ideen. Der aber ist selbst Bauer, und er ist schon überzeugt, daß er als Kommunist viel größere Chancen hat, die bayerischen Bauern zu gewinnen, wenn er sie mit Betonung das sein läßt was sie sind, bayerische, nicht preußische Bauern. – Eben werden mir noch Zeitungen gebracht, mit denen ich mich etwas befassen möchte. Ich könnte neue Tatsachen doch kaum mehr erörtern. Was aus der Lausanner Orient-Konferenz wird, ist sowieso noch im Stadium der üblichen Vorgeplänkel zwischen Frankreich und England. Die Brüsseler Konferenz hat sogar diese Vorgeplänkel noch vor sich. Und augenblicklich ist das Gefühl auch mehr bewegt von der fürchterlichen Erdbebenkatastrophe, die in Chile viele tausend Menschenleben vernichtet hat. Als ob die Menschen das Geschäft nicht allein zustande brächten. Auch die Elemente müssen noch helfen an dem Vernichtungswerk dieser Zeiten. Wir sind immerhin noch nicht ganz verdorben, scheint’s, da uns solche Naturschandtaten doch auch ans Herz greifen. Wenn wir uns erinnern, was 1914 – 18 an Menschenvertilgung geleistet wurde und wie selbst dann noch die Mörderei in dem zerschundenen Deutschland die einzige tugendhafte Weltanschauung geblieben ist, – dann muß man doch sagen: was ist Satan für ein Stümper gegen seine preußischen Kinder aus dem Kadettenhaus!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 18. November 1922.

Ebert der Taktvolle hat Herrn Cuno, Generaldirektor der Hamburg Amerika-Paketfahrt-A. G. gebeten, das neue Reichskabinett zusammenzustellen. Gott mit ihm! Ich finde die Wahl dieses Herrn ganz vernünftig. Er ist Geheimer Kommerzienrat und somit die gegebene Persönlichkeit, um sozialdemokratischen „Realpolitikern“ die richtigen Wege zur Befreiung des Proletariats von kapitalistischer Ausbeutung zu weisen. Der „Vorwärts“ ist denn zunächst auch ganz zufrieden und konstatiert, daß die VSP keine Einwendungen gegen diesen Kanzler erheben wird, und die „Münchner Post“ wird auch ein wenig getröstet sein. Auer-Vater hatte nämlich Stein und Bein gejammert, die Sprengung der Wirth-Regierung, bloß wegen der Kleinigkeit, daß Stinnes für seine Kulis mit hineinwollte, sei ein schwerer Fehler der Partei, der sofort repariert werden müsse. Ist also schon geschehn. Herr Cuno steht „über den Parteien“ und da wird’s wohl gehn, daß unter ihm die Strese- und die Scheidemänner friedvoll zusammenwirken können. Als ob sie’s nicht schon immer getan hätten. Grade die neue Reparationsnote ist mit Zustimmung der ganzen noch embryonalen „Großen Koalition“ zustande gekommen. Man ist sich also in allem Wesentlichen längst einig, und dieses Wesentliche ist eben die Lösung der Frage: wie dem arbeitenden Volk das Fell über die Ohren gestreift werden soll, ohne daß dabei die deutsche Industrie noch auch die Versailler Gläubiger zu kurz kommen. Die allen Politikern so bitter ernste Frage, ob wir nun unter Cuno eine „Links“- oder eine „Rechts“-Regierung kriegen werden, ist mir wurscht. Mag die Karre mit Bauer-Schmidt oder mit Stinnes-Hermes oder auch ohne eines dieser Brüderpaare weiter in den Dreck kutschiert werden – das soll meine letzte Angst sein. Unendlich viel bedeutungsvoller als diese lumpigen Zeitungsschwätzereien, bei denen besonders die Soziblätter die Möglichkeiten unter den Auspizien der noch ungewohnten parlamentarisch-demokratischen Schachermachei mit einer eiteln Geschäftigkeit vor dem erstaunten Bürger hinwälzen, mit der ein in die Sekunda versetzter Gymnasiast das Gesieztwerden in der Klasse zuhause preist, – ganz außerordentlich viel belangvoller dünkt mich das, was im Rheinland vorgeht. Der Generalstreik in Düsseldorf ist tatsächlich proklamiert und – nolens volens – von den Freien Gewerkschaften anerkannt worden, – woraufhin man leider seine Führung in ihre Hände gelegt hat. Es ist also mit größter Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß er schon in wenigen Stunden, höchstens Tagen verloren sein wird. Die Ursachen zu dieser großen Bewegung sind dabei ernsthaft genug. Eine von den Besatzungsbehörden gestattete Versammlung, die aber von den Polizeiknechten des Severing verboten wurde, fand statt, in der einfach die Bedingungen für die Weiterführung oder die Aufgabe des aktuellen Streiks besprochen werden sollten. Der ohne Rechtsgrund verweigerte Zutritt zum Saal wurde erzwungen, und als die Sitzung im Gange war, drang Schupo ein, die sofort tätlich gegen die Versammlungsleitung einschritt. Als die sich gegen die Knüppel und Plempen mit Stühlen zur Wehr setzten, schoß die dem Sozialdemokraten Grützner-Düsseldorf unterstellte Horde einfach in den vollbesetzten Saal hinein. Es entstand eine schauderhafte Panik, die Arbeiter flüchteten aus dem Fenster, zertraten einander und es gab eine Unmenge Verletzungen, nach kommunistischen Zeitungen auch Tote, nach den – den ganzen Vorgang verbreienden und beschönigenden – sozialdemokratischen Blättern soll das nicht wahr sein. Erst auf diese Infamie hin fanden sich denn auch die Gewerkschaften bereit, mitzutun, und die Behauptung, daß die Unionisten dort die Hauptkräfte stellten, scheint widerlegt, da sich die gewiß nicht leicht unter die Leitung der hundertmal entlarvten Zentralbonzen gestellt hätten. Doch scheinen hierbei die Kommunisten die Hauptschuld zu haben, die zuerst die „Einheitsfront“ verlangten, und als die Sozi die natürlich abgelehnt hatten, dann, als die nun aus der neuen Situation nach der Schupooffensive umgestukt hatten, denselben Opportunisten alle Führergewalt in die Hand gaben. Ich sehe infolgedessen dem Ausgang der Sache überaus skeptisch entgegen. Zugleich ist in Cöln das Niederschlagen der Teuerungsbewegung Ereignis geworden, und dabei sah man in schönem Bunde die deutsche Polizei des Sozialdemokraten Severing mit der Militärpolizei des „perfiden Albion“ den Profit der rheinischen Industriellen durch die Fütterung deutscher Proletarier mit blauen Bohnen schützen. Unsre bürgerliche und sozialdemokratische Presse, die sonst bei jeder Gelegenheit mörderlich schreit, wenn das Ausland sich in deutsche Dinge mischt, hat in diesem Fall noch nicht einen einzigen Ton des Protests gegen Übergriffe der Besatzungsbehörde gefunden. – Ich wende mich dem engeren Vaterlande zu. Im bayerischen Landtag hat man sich über alles Mögliche und so auch über die Nationalsozialisten unterhalten. Herr Schweyer hat dabei behauptet, man sei noch stets gegen jede Gesetzwidrigkeit auch dieser Kreise vorgegangen, was eine Neuigkeit ist für jeden, der die Verhältnisse in diesem Lande beobachtet. Er erklärte dann, daß Hitlergarden von der Regierung allerdings nicht gewünscht werden, aber ebensowenig „Auer-Garden“ (du lieber Gott!), und eine besondere Verordnung werde demnächst die Autorität der Regierung sichern. Da werden sich die Herren Xylander und Hitler freuen, denn da sie an Gesetze und Verordnungen ja nicht gebunden sind, werden sie unbequeme Selbstschutzmaßnahmen der Arbeiter gegen ihre Mordabsichten künftig nicht mehr zu sehr zu fürchten brauchen. Für die VSP ließ man Blumtritt reden, während zufällig grade Auer, der Vizepräsident, die Sitzung leitete. Und der Ex-Uspist wußte noch nicht recht, wie er sich zu benehmen hat, und legte gegen den Kriegsschuldlüge-Rummel los und dagegen, daß die Bejubler von Brest-Litowsk und Bukarest garso sehr jammern, weil man ihnen Versailles zugemutet hat. Das brachte Herrn v. Knilling selbst auf den Plan – da Auer-Vater nicht riskiert hatte, seinen neuen Parteisprößling selber an den Ohren zu ziehn, und Knilling erklärte, daß ihm die Röte der Scham und des Zorns hochgestiegen sei, weil jemand das Land dadurch geschädigt habe, daß er dem Ausland das Geheimnis verriet, daß 1914 nicht Österreich von Serbien überfallen war, sondern umgekehrt. Nachmittags aber ging der eigentliche Präsident Herr Königsbauer noch viel gründlicher mit Blumtritt ins Gericht, bedauerte dessen Immunität – ohne die zweifellos der Haß in Bewegung gesetzt worden wäre und meinte, es sei eine Schande für Deutschland, daß in einem deutschen Parlament das gesagt wird, was in der ganzen Welt jedes Kind weiß – abgesehn von den Offizieren und deutschnationalen Handlungsgehilfen dieser Republik, und fand es unter dem Jubel der bayerischen „Volksvertretung“ beschämend, daß es in dieser Republik Menschen gibt, die der Monarchie von ehedem nachsagen, sie hätte eine wahnsinnige und verbrecherische Politik getrieben. Die trefflichen Leute schütten unausgesetzt Wasser auf die Mühlen aller französischen Chauvinisten und bilden sich ein, dadurch der Wohlfahrt ihres Landes zu dienen. – Uns kann’s lieb sein. Je mehr sie mit Blindheit geschlagen sind, umso eher werden sie im Dreck liegen. Eine reizende Illustration zu den augenblicklichen Zuständen in Bayern bietet das Abenteuer, das dem Münchner Stadtrat passiert ist. Der beschloß angesichts der bedrohlichen Haltung der Hitler-Xylander-Bande, einen Aufruf zu plakatieren, in dem die Münchner Bevölkerung zur Wahrung von „Ruhe und Ordnung“ verhalten werden sollte. Aber es kam nicht zum Ankleben der Plakate, weil der Polizeipräsident Nortz das verbot – mit der Begründung, der Anschlag könnte „aufreizend“ wirken. Nortz ist Untergebener des Innenministers Schweyer. Der Mittelsmann zwischen beiden ist der Regierungspräsident von Oberbayern, Herr – v. Kahr! – In Nürnberg aber wollten sogar die Demokraten ebenfalls zu „Ruhe und Ordnung“ mahnen. Aber auch denen wurde es verboten – vom Regierungskommissar Gareis. Es wäre äußerst spaßhaft, alle diese Dinge so täglich Revue passieren zu lassen, wäre dabei die Komik nicht etwas gestört durch das Gefühl, daß wir hier in Niederschönenfeld den Klauen dieser selben Leute ausgeliefert sind, die derartig mit dem Elefantenrüssel die Teppiche des öffentlichen Wandels glattstreichen. Bei der Gelegenheit: ich habe meinen Zeitungsausschnitten einen Artikel des „demokratischen“ „Fränkischen Kurier“ (vom Dienstag, d. 14. Novemb. Nr. 506) einverleibt. „Herr v. Gerlach“, heißt es darin „von der Welt am Montag ... und alle die Herrschaften, die es ihm auf anderem Gebiet gleichtun ... müssen in dieser Tonart (!) aus dem öffentlichen Leben verschwinden, nicht durch Gewaltakte, nicht durch Zwang, sondern durch die einmütige Willenskundgebung der deutsch Fühlenden aller Richtungen und Konfessionen. Sie müssen ausgeschaltet werden wie Herr Maximilian Harden, der zusamt seiner „Zukunft“ in dieser traurigen Gegenwart spurlos verschwand ... ihre Giftnäpfe müssen verschlossen bleiben“ etc. etc. – Die Worte „nicht durch Gewalt oder Zwang“ sind sicher erst nachträglich eingefügt worden, damit die Aufforderung zum Mord nicht in Paragraphen gefaßt werden kann. Aber die Glorifizierung der widerlichen „Ausschaltung“ Hardens durch Gummiknüppelhiebe auf den Schädel ist hübsch genug. – Das macht in Deutschland öffentliches Urteil! und an diese Verbrecher wagt sich niemand heran. Und nun noch eine hübsche Enthüllung zur Kennzeichnung der Mittel, mit denen solche und ähnliche Meinungen fabriziert werden. In den „Münchener Neuesten Nachrichten“ wird verraten, daß Herr Otto Graf, damals Führer der kommunistischen Fraktion des bayerischen Landtags – der vor 3 Wochen kurzerhand den Sprung von dieser Fraktion in die VSP hinein tat – Anfang 1921 für seine berüchtigte Rede im Zirkus Krone, wo er gemeinsamt mit Otto Thomas die nationale Studentenschaft zu den Waffen gegen die Franzosen rief, die die Deutschnationalen und die Kommunisten in vereinigter Front besiegen müßten – daß er für diese Rede durch Vermittlung des Oberland-Hauptmanns Römer mindestens 350 000 Mark erhalten habe. So sehn die Leute aus, denen revolutionäre Arbeiter nachlaufen. Aber ich kann mich wohl erinnern, was für begeisterte Zustimmung Grafs nationalbolschewistische „Entgleisung“ damals bei unsern grundfesten Kommunisten fand. Sauber und Wiedenmann waren entzückt, und als ich Olschewski klar zu machen suchte, daß diese Parole bedeute: Preisgabe des Klassenkampfs und statt dessen Burgfriede! da hörte ich die gereizte Entgegnung: Natürlich, sobald du das Wort Krieg hörst, kommt der Pazifist in dir zum Vorschein! – Nun, sobald zwei Tage drauf die Entscheidung der Kommunistischen Parteizentrale ins Haus kam, daß Graf und Thomas aus der Partei ausgeschlossen seien (weitere zwei Tage drauf waren sie in Gnaden wieder zugelassen) da schrie Sauber wie Wiedenmann mit Olschewski im Chor: diese Verräter! Gut, daß man gleich reinen Tisch mit ihnen gemacht hat! – Das ist aber das Unglück: wie die Politik der Bourgeoisie von Sadisten, Wucherern und gewissenlosen Rechtsbrechern bestimmt wird, nach deren Pfeife jeder ihrer teilweise sicher ganz gutgläubigen Geschäftsführer tanzt, so ist das Proletariat von Lumpen und gerngroßen Strebern geleitet und läßt sich von denen immer wieder von allem für seine Befreiung Notwendigen zurückhalten. Und es müssen noch nicht einmal Schurken sein wie dieser National-Burgfriedrich Graf. Die Organisationen der Arbeiter sind so dumm eingerichtet, daß fast unvermeidlich ungeeignete Menschen die Dinge bestimmen, die zu entscheiden nur die Arbeiter selbst geeignet sind. Wir erfahren, daß Niekisch als Gewerkschaftssekretär im Zentralverband der Textilarbeiter nach Berlin berufen ist. Dieser Schullehrer kann natürlich keine Baumwolle von Barchent unterscheiden (ich übrigens auch nicht), aber er ist jetzt derjenige, der das letzte Urteil über alle die Berufsangelegenheiten fällt, die die wirtschaftliche Existenz der übergroßen Mehrzahl der deutschen Schneider, Strumpfwirker und Leineweber bestimmen. Niekisch geht bestimmt in völlig ehrlichem Glauben an seine Eignung an sein neues Amt. Die Arbeiter aber, die ihm folgen sollen als ihrem „bewährten Führer“ werden von vorn und hinten angeschmiert sein. Und es sind dieselben „Führer“, die das Proletariat eben mit der Redensart um ihr Selbstvertrauen prellen: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein! Wir werden noch harte Arbeit haben, bis wir den Arbeitern diesen Satz richtig ausgedeutscht haben werden, bis sie begreifen lernen, daß ihrer Befreiung von der Wirtschaftssklaverei diejenige vorangehn muß, die sie von Autoritäten und Vormündern freimacht. Und die kann erst recht nur ihr eignes Werk sein.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 20. November 1922.

In Berlin wird weiter geschachert um die eminent wichtige Frage, ob der Leiter der Stinnesfiliale Deutschland so oder so heißt, aus dem oder jenem Parteipferch kriecht. Allem Zeitungsgesabber nach wird genau das herauskommen, was Dr. Wirth verlangte und weswegen ihn seine Sozialdemokraten wegtraten: die „große Koalition“ mit Einschluß der Strese- wie der Dittmänner. Der Unterschied wird bloß darin bestehn, daß an der Spitze des Kabinetts nicht mehr der liebe Mann stehn wird, der mit seiner Betonung, er werde stets im Kampf zwischen Arbeitern und Ausbeutern auf der Seite der Arbeiter stehn (daher auch sein Sturz infolge seiner nahezu energischen conditio sine qua non – Stinnes muß seine Vertrauensleute in die Regierung setzen!), sondern Herr Geheimrat Cuno (oder seinesgleichen), der offen die Interessen der Börseaner repräsentiert und daß das Kabinett sich nicht mehr als eines der „Erfüllung“ sondern als „Kabinett der Arbeit“ etikettieren will. Daß Köster und Radbruch, gleich wie die neue Regierung aussehn wird, wieder darin das Proletariat verkörpern sollen, scheint auf jeden Fall festzustehn. Das Auerlicht der „Münchner Post“ wird also vor Gram nicht gleich zu verlöschen brauchen. Im Gegenteil wird es wohl in Anbetracht der Backpfeifen, die die bayerischen Sozi wieder mal in der Prannerstraße empfangen haben, die Flamme der entrüsteten Opposition so hell es ihm möglich ist aufschrauben (es wird dennoch nur ein trübes Tranfunzelchen bleiben). Die Blumtritt-Rede mit ihren Weiterungen hat im Landtag zu einer Kontroverse zwischen Timm einerseits, Königbauer und Held andrerseits geführt, und dabei hat Timm erklärt, die VSP nehme den Parteikampf auf, den Königbauer mit seiner Rüge gegen Blumtritt entfacht habe. Festhalten aber will ich folgende Kleinigkeit: die „Münchner Post“ wälzte die Sache breit auf und erklärte: die Gegenüberstellung Brest-Litowsk und Bukarest mit ihren vergewaltigenden Bedingungen gegen Versailles sei voll berechtigt, aber nur ein Sozialdemokrat dürfe sie sich erlauben. Denn die Sozialdemokratie habe diese Gewaltfriedensdiktate jederzeit verworfen. Das wagt der Auer seinen Arbeitern vorzusetzen! Dabei haben die Auerochsen sich beim Brest-Litowsker Vertrag, mit dem die russische Revolution zu einem deutschkapitalistischen Spekulationsunternehmen herabgewürdigt werden sollte, der Stimme enthalten (wobei grade die Münchner Post sehr stille sein dürfte. Denn wegen der infamen Politik der Partei damals legte der ehrliche Paul Kampffmeyer, der sie nicht mitmachen wollte, von Auer gedrängt, die Chefredaktion des Blattes nieder). Dem „Frieden“ von Bukarest aber stimmten die Sozi im Reichstag ausdrücklich zu, diesem Frieden, der mit der Drohung, den bewaffneten Vormarsch in das noch nicht besetzte Gebiet des armen Landes fortzusetzen, d. h. weiterhin Wüsten zu schaffen, zu „requirieren“ was an Pferden, Feldfrüchten, Ofentüren und Türklinken da war, erzwungen wurde. Der Vertrag von Bukarest aber riß ungeheure Landesteile von Rumänien ab, die an Ungarn, Bulgarien, Österreich etc angegliedert werden sollten („Grenzregulierungen“ nannte man das), nahm dem Land den Hafen Constanza, seinen einzigen Weltverbindungsplatz zur See und überließ alle Bodenschätze, die Waldungen und Quellen dem deutschen Kapital zu 90jähriger „Pacht“, wobei die Pachtsumme durch Reparationsansprüche bereits gedeckt war und sogar noch 1 Goldmilliarde extra von Rumänien geleistet werden sollte! Und dieser „Verständigungsfriede“ wurde von Alldeutschland noch nicht einmal bejubelt, sondern weil man den König auf seinem Thron belassen hatte – der Mann ist ein Hohenzoller – schrie die ganze Patrioteska verzweifelt auf: Das ist ja ein Friede, als ob wir den Krieg verloren hätten! – Es ist gut, sich manchmal zu erinnern, ganz besonders an die Verbrechen der Sozialdemokraten im Kriege, die – leider mit Erfolg – immer wieder auf die Vergeßlichkeit der Arbeiterschaft spekulieren. Tatsächlich sind ja auch die Arbeiterkreise, die sich noch auf Karl Liebknecht berufen, – weil sie die überlegene Größe dieses erhabenen Charakters noch nie begriffen haben – von ihren Führern der kommunistischen Phrase schon soweit gebracht worden, daß sie – zur Zeit in Sachsen und im Reich – mit diesen schuldbeladensten Verbrechern der Weltgeschichte zusammen in eine „Arbeiterregierung“ wollen und noch nicht einmal den gigantischen Betrug der Zentralverbands-Gewerkschaften durchschauen und bekämpfen. In Düsseldorf ist es schon jetzt so gekommen, wie ich selbstverständlich annahm. Nachdem die Betriebsräte den Gewerkschaften die Führung des Generalstreiks anvertraut hatten, haben die den Streik sofort abgewürgt. „Verrat! – Nicht Niederlage!“ zetert die „Rote Fahne“ und veröffentlicht zugleich den Aufruf der kommunistischen Betriebsräte Düsseldorfs, in dem die Gewerkschaftsbonzen fürchterlich beschimpft werden und der daran unmittelbar anschließend mahnt: Aber um Gotteswillen soll sich deshalb kein Arbeiter in den Sinn kommen lassen, in seiner Verärgerung aus den Gewerkschaften auszutreten. Nachdem der Rachen des Untiers eben zugeschnappt und ein gutes Stück Seele der revolutionären Hoffnungsträume der Arbeiterschaft verschlungen hat, schiebt ihm deren Führerschaft neuerdings Köpfe und Herzen vertrauender Proletarier hinein. Es ist unsäglich bitter mitanzusehn, wie das Proletariat immer wieder ausgeliefert und mißleitet wird. – Da ist’s kein Wunder, wenn auch alle ehrlichen Versuche, den Opfern der bürgerlichen Gesellschaft zu helfen, von der Bourgeoisie mit größter Leichtigkeit pariert werden können. Im bayerischen Landtag wurde der Fechenbachprozeß durchgehechelt. Der Auerhahn Sänger zog vom Leder, als ob’s ihm mit der Gerechtigkeit je ernst gewesen wäre, und Herr Dr. Gürtner replizierte. Natürlich war das Haßgericht eitel Recht und Milde. Aber man hetzt halt gegen Bayern, und besonders bekam der Sachverständige aus Berlin, Herr Thimme, aufs Dach. Aber wiedermal hatte der Reaktionär Gelegenheit, die Justizopfer seiner Reaktion an die Adresse zu verweisen, bei der sie sich zu bedanken haben, an ihre Sozialdemokraten. Gürtner stellte fest, daß schon 1919 wegen des Ritter-Telegramms gegen Fechenbach ein Landesverrats-Verfahren eingeleitet gewesen sei, veranlaßt durch den damaligen Ministerpräsidenten – Johannes Hoffmann! Nachher antwortete dessen Schwager Ackermann, indem er Fechenbach einfach preisgab, dessen Qualität als Arbeiterführer (womit er allerdings sachlich recht hat, aber in diesem Zusammenhang und vor diesem Forum Verrat beging) abstritt und feierlich jede Gemeinschaft mit jedem „Landesverräter“ von sich wies. – Auch Müller-Meiningen ließ sich vernehmen, pries höchlich das tolle Urteil und verlangte dann, daß man für Volksgerichtsurteile Revision zulasse, nämlich beim Obersten Landesgericht (dessen Mitglieder u.a. Pöhner, von der Pfordten und – Müller-Meiningen heißen!). Unser ehemaliger Stallmeister, Müllers Nachfolger im Justizministerium, Dr. Roth, fand die 11 Jahre Zuchthaus für Fechenbach viel zu wenig, und Graf Pestalozza, der Redner der Bayerischen Volkspartei, machte den Justizminister scharf, er solle gegen den republikanischen Richterbund vorgehn, der das Urteil kritisiert hatte. Die Tendenz war: wenn auch noch republikanische Richter in dieser Republik zugelassen werden, dann ist finis Bavariae. Adolf Schmidt aber konnte bei dieser Sache seine Jungfernrede loslassen, die recht temperamentvoll ausgefallen zu sein scheint und ihm einen Ordnungsruf eintrug. Er wird bald merken, auf wie wenig aussichtsreichem Posten der Revolutionär im Parlament steht. Jedoch will man die Skeptiker am Parlamentarismus jetzt durch ein einfaches Mittel bekehren. Im Reichstag wollen mehrere Parteien ein Wahlpflichtgesetz einbringen, das, wie mir scheint, ziemlich viel Chancen zur Annahme hat in einem Lande, in dem noch stets der tüchtigste Unteroffizier als tüchtigster Politiker geschätzt wurde. Ich werde den Anarchisten und Antiparlamentariern überhaupt in diesem Fall vorschlagen, keine weißen Zettel zur Urne zu tragen, sondern für ihre eigne Sache Kapital draus zu schlagen. Man soll eine gemeinsame Liste für alle revolutionären Parlamentsgegner aufstellen, schon um mal zu zählen, ob wirklich alle Nichtwähler, wie es die Kommunisten behaupten, „Indifferente“ sind. – Auf diese Liste würde ich auch meinen Namen zu setzen erlauben, und wenn ich dadurch „M. d. R.“ werden sollte, einmal praktisch vorführen, was ein wirklicher Antiparlamentarier zu tun hat, wenn ihm diese hohe Ehre zuteil wird. Mein Programm dazu habe ich im Kopf. Es ist ein Programm sehr konsequenten Klassenkampfs, und diejenigen, die das Zwangswählertum rekrutiert haben werden, sollten keine große Freude an ihrer Gescheitheit erleben. Näheres darüber schriftlich zu fixieren, wird Zeit haben, bis die Parlamentskretins ihren Dreck gesotten haben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 21. November 1922.

Da unsre erschreckliche Reichs-„Krise“ immer noch nicht behoben ist, kann der politische Teil heute kurz ausfallen. Herr Cuno hat dem Reichspräsidenten einen Brief geschrieben, der ihn immerhin als einen Mann erweist, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er erklärt, die Parteiführer quängelten an seinen Absichten mit Anträgen, Ansprüchen und Einmischungen aller Art soviel herum, daß er keine Hoffnung habe, ein Kabinett zusammenzubringen, mit dem er arbeiten könne. Seiner Auffassung nach sei ihm, wenn er Kanzler spielen solle, die Auswahl und die Platzzuweisung seiner Minister zu überlassen, und ohne die Möglichkeit dazu lege er seinen Auftrag in die Hände Eberts zurück. Der Taktvolle als gerissener Praktiker in allen politischen Schiebekünsten ist auf den ingeniösen Einfall gekommen, die Parteien sollten gutsagen, daß ihre von Cuno zu erwählenden Mitglieder freie Hand haben anzunehmen oder nicht und das Kabinett, das so zustande komme, brauche dann bloß noch ein Vertrauensvotum vom Reichstag, um dann regieren zu können, wie’s ihm paßt. Hermann Müller hat die Aufgabe übernommen, seine Sozi einzuwickeln, – die „Arbeitsgemeinschaft“ der Bürgerlichen ist natürlich hochzufrieden. Die im Augenblick offene Frage ist also, ob Hoch mit seiner Opposition auch diesmal wieder gegen das zu allem erbötige Geschmeiß aufkommt oder ob, wie der „Vorwärts“ laut weinend befürchtet, eine Minderheitsregierung gebildet wird wie zu Fehrenbach-Simons’ Tagen. Die Kommunisten und die Ledebour-Gruppe verlangen Sprengung des Reichstags und Neuwahlen. „So ist die Lage.“ Außerdem ist der Sultan unter dem Schutz Englands nach Malta geflohen – abdanken mag er halt nicht gern – und der türkische Sozialistenführer – er hat einen Namen, den ich mir nicht gemerkt habe – wurde in Konstantinopel ermordet. Die Hitlers sind überall rege, vermutlich auch in Preußen, obwohl man dort die „Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ verboten und alle von Roßbach begründeten Tochterorganisationen und „Sparvereine“ aufgelöst hat. In München können sie sich dafür umso ungenierter entfalten, während dort zugleich die Affaire Römer-Graf täglich übler zum Himmel stinkt. – Ich ziehe mich heute lieber mal wieder auf unsern Käfig zurück. Hier ist mancherlei nachzutragen. Für meine eigne Person, daß mir seit einer Woche das für meine Nerven als sehr wohltätig bewährte lauwarme Frühbad entzogen ist und zwar, wie mir auf meine Frage erklärt wurde, im Einverständnis zwischen Verwaltung und Arzt. Da die erste Begründung hieß, der Kessel müsse morgens extra meinetwegen geschürt werden, ist klar, daß die Verwaltung diese Form der Gesundheitspflege mißbilligte und infolgedessen der Doktor sie nicht mehr nötig befand. – Heute wurde mehreren Genossen, denen Zeitungsbeschlagnahmungen eröffnet wurden, in der üblich gewordenen merkwürdigen Art der Kenntnisgabe von Neuerungen an die Festungsgefangenen, die man zufällig vor sich sieht, mitgeteilt, daß das Fortsenden von übrigem Brot aus der Festung nicht mehr zugelassen werde. Herr Fetsch gab die Begründung dazu, daß man draußen schon darüber rede, wie gut wir verpflegt werden, und da sich nur wenige Menschen draußen solch gutes Leben gestatten könnten, gebe es böses Blut, wenn der Überfluß hier zu weiten Kreisen bekannt werde. Also die Gefangenen, die wissen, daß ihre Frauen und Kinder nichts zu essen haben, dürfen – grade weil die wissen, daß die Väter reichlich bekommen – den ihrigen das vom Munde abgesparte Brot nicht mehr schicken. Christenmoral! – Wie scheußlich die Not allmählich um sich greift, zeigt sich aus dem letzten Brief von Zenzl, worin sie erzählt, wie pensionierte alte Lehrer täglich treppauf treppab laufen müssen, um ein Stückchen Brot zu erbetteln. Wenns aber Lebensmittelplünderungen gibt – jetzt wieder in Dresden – wird geschossen und verhaftet. – Noch eine Kleinigkeit vom „Kampf“ unsrer Wuchtigen. Als Zenzl und dann Siegfried zum Besuch zu mir kamen, brachten sie im Auftrage von kommunistischen Parteigenossen, die Paketporto sparen wollten, für deren Freunde allerlei mit. Kain übergab ich seinen Teil – von da dann die Aufnahme der Beziehungen – ein für Wiedenmann bestimmtes Paket ließ ich ihm durch die Verwaltung übergeben. Kürzlich schrieb mir Zenzl, die betreffende Genossin – Oswald – habe ihr einen mit roter Tinte geschriebenen Brief gezeigt, in dem von hier drinnen – besonders gegen Kain gehetzt würde. Auf meine Bitte um nähere Angaben, die ja nachdem von jener Seite ohne Scheu die Zensur zur Zeugin der Stänkereien gemacht war, getrost gemacht werden könnten, erfahre ich heute, daß alle 5 da hinten – Sauber, Wiedenmann, Egensperger, Schiff und Schlaffer jedenfalls – den Brief unterschrieben hätten, in dem gegen die Übermittlung von Gaben durch den „Schwabinger Salon“ – das ist Zenzls Wohnung – aufgeregt protestiert würde. Weiter zu lesen als die ersten Sätze hat Zenzl abgelehnt, schreibt aber, daß die Arbeiter draußen, die ihren eingesperrten Genossen helfen möchten, ganz perplex seien, wenn sie derartige Dinge erlebten. Und die gute Zenzl selbst, die diesen Narren zuliebe schwere Bücherpakete von Rain den weiten Weg hierherschleppt, muß deswegen noch Frechheiten und Verdächtigungen in Kauf nehmen. Man muß sich wirklich bei jeder solchen Gelegenheit von neuem fragen: glauben die armseligen Burschen wirklich, mit solchen Bekundungen ihres Charakters der Revolution und dem Kommunismus zu nützen? Glauben sie, mich damit aus der Bahn werfen und diskreditieren zu können? Oder stehn dunkle Finanzquellen hinter ihrer Tätigkeit, die zu fließen aufhören würden, wenn sie aufhörten, der Reaktion Material zum Beweise der inneren Zerrissenheit und der ethischen Minderwertigkeit in den Kreisen der Revolutionäre zu liefern? – Gottseidank läßt sich Zenzl durch alle die Lumpereien nicht aus dem Gleichmut bringen. Am Freitag will sie mich besuchen. Da kann ich endlich wieder ihren lieben Mund küssen, – und ein uniformierter Märtyrer wird dabei den Voyeur machen.

 

Niederschönenfeld, d. 22. November 1922.

Cuno hat sich entschlossen, eine Minderheitsregierung aus den bürgerlichen Parteien zu bilden – Cuno hat vor, ein „Geschäftsministerium“ zu bilden – Cuno plant dies – Kurzum: Cuno will das. Cuno ist noch immer nicht weiter als vorher auch, aber die Sozi haben sich schmerzlich bewegt zum Verzicht entschlossen und wollen gegen jede „Große Koalition“ oder auch sonstwie ohne sie zusammengesetzte Regierung heftig in Opposition machen. Auflösen wollen sie den Reichstag aber nicht und zwar, wie sie offen verraten, weil das ein sehr kostspieliges Vergnügen wäre, die Stimmen derer, die nachher als der einmütige Volkswille ausposaunt werden sollen, durch die nötige Selbstanpreisung zu ergattern. Das Parlament ist halt so, wie es ist, schön genug, und vielleicht scheut man auch den Beweis, daß die Einsicht, was für ein Schwindel der ganze Parlamentarismus ist, immer weiteren Volkskreisen zum Bewußtsein kommt. Sehr interessanten Aufschluß gibt darüber der Ausfall der Wahlen, die jetzt in Oberschlesien stattgefunden haben, um die Reichstagssitze mit den Vertretern der an Deutschland gefallenen Gebiete zu ergänzen. Da sind von 747 000 Wahlberechtigten über 246 000 der Wahlurne ferngeblieben, viel mehr als das Zentrum, das mit 199 000 Stimmen die weitaus meisten Wähler aufweist (es folgen dann die Sozialdemokraten mit nur 73 000, die Deutschnationalen mit 69 000 und im weiteren Abstand die Polen mit 50 000 und die Kommunisten mit 35 000 Stimmen), im ganzen aufgebracht hat. Ob man wirklich wieder versuchen wird, die viertel Million Nichtwähler den Arbeitern in der marxistischen Presse als „Indifferente“ zu denunzieren? Der Roten Fahne sähe es so ähnlich wie dem „Vorwärts“. Nun bin auch ich weit davon entfernt, diese ganze Zahl für bewußte Revolutionäre zu halten. Aber für bewußte Antiparlamentarier halte ich ihren größten Teil allerdings. Die mögen sich nun verschieden verteilen. Die „völkische“ Bewegung ist zweifellos überaus stark in den in Betracht kommenden Bezirken, und erst auf dem deutschnationalen Parteitag in Görlitz hat Herr Hergt, der nicht zu der extremen völkischen Gruppe der Henning, Wulle etc. zu zählen ist, erklärt, der Parlamentarismus habe sich überlebt und man könne wirksam nur unter den Massen selbst politische Arbeit leisten. Ferner ist wohl die geringe Zahl der für die polnischen Kandidaten abgegebenen Stimmen eher mit der Einsicht großer Scharen von polnischen Arbeitern zu erklären, daß ihre Interessen im Reichstag ganz gewiß nicht zu ihrem Recht kommen können, als – wie es die Zeitungen tun – mit dem Nichtvorhandensein breiterer polnisch empfindender Volksmassen in Oberschlesien. Aber gerade die proletarischen polnischen Wahlabstinenten dürften zum guten Teil aus wirklich revolutionären Gründen nicht gewählt haben, und jedenfalls ist es wohl das erste Mal, daß nach einer in einem politisch in höchstem Maße erregten Landesteil, wo also allgemeine Gleichgültigkeit überhaupt nicht in Frage steht, die Wahlgegner singen dürfen: „Wir sind die stärkste der Partei’n!“ – Zu diesem Kapitel ist die Kammerrede Mussolinis in Rom zu erwähnen. Der hat dem Parlament Grobheiten gesagt, wie es noch nie von einem Staatsleiter gewagt wurde. Er erklärte mit schöner Überlegenheit, daß es ihm persönlich egal ist, ob die Kammer ihm das Vertrauen aussprechen wolle oder nicht und ob sie noch zwei Tage oder zwei Jahre versammelt sei. Er habe ja die Möglichkeit gehabt, aus dieser Aula der Geschwätzigkeit ein Biwak der Schwarzhemden zu machen. Das Parlament habe sich einfach seinem Willen unterzuordnen. Nach dieser Ohrfeige votierten die Ordnungsbürger des italienischen Parlaments dem Bramarbas ihr Vertrauen. Der Wille einer von Energie bedienten Minderheit hat sich also die Zahl der nicht von ihr bedienten Mehrheit untergeordnet. Um marxistisch-dialektisch zu reden: Qualität ist in Quantität umgeschlagen. Der Parlamentarismus sitzt auf dem absterbenden Ast. Eines Tages wird kein denkender Mensch mehr mit dem überlebten Unfug zu schaffen haben wollen, – und die Sozialdemokraten und Moskauer westeuropäischen Filialleiter, werden alleine bleiben und abstimmen, während Kapital und Bourgeoisie Staat Staat und Parlament Parlament sein lassen und tun werden, was ihnen gut dünkt. Der Trost dabei ist, daß langsam auch im Proletariat die Erinnerung daran erwachen wird, daß man, als die Revolution akut war, ebenfalls auf den Parlamentarismus pfiff und daß der Niedergang der Bewegung genau Schritt hielt mit dem wieder auflebenden Wahlhumbug. – Um die Hauschronik zu vervollständigen, muß notiert werden, daß Wiedenmann noch in ganzer Schönheit unter uns ist, daß sich also die seinerzeit sehr bestimmt zirkulierende Nachricht, er habe zum 15. November seine Entlassung zugesagt bekommen, als „Latrine“ herausgestellt hat. Ferner sollte nach Briefmeldungen am 17. November Karpfs Gefängnisstrafe in Lauffen abgebüßt sein. Bis jetzt ist er nicht wiedergekommen. Die Schlüsse, die im ganzen Hause daraus gezogen werden, mache ich mir vorläufig nicht zu eigen. Wer will sicher wissen, ob das Datum überhaupt richtig angegeben war? Sollte sich herausstellen, daß er frei ist, so würde das allerdings dem Verdacht sehr viel Nahrung geben, zumal behauptet wird, in einer Broschüre, die die KPD herausgegeben habe und in der alle in der Bewegung spukenden Spitzel mit Beschreibung und Bild angeprangert seien, befinde sich neben Theklas auch Eugen Karpfs Personale und Porträt. Doch kann auch das leeres Geschwätz sein, das – wie so vieles – aus schmutzigen Quellen entflossen ist. An eine gelungene Flucht aus dem Gefängnis oder vom Transport weg zu glauben, würde freilich auch mir schwer fallen. Einen Mann wie ihn, der 12 Jahre gekriegt hat und dessen Verschlagenheit, Geschicklichkeit und Waghalsigkeit man genau kennt, hätte man gewiß unter besonders scharfer Aufsicht gehalten. Auch wäre schwer anzunehmen, daß sein Entkommen ohne Steckbrief-Hallo und Zeitungs-Trara hingenommen würde, falls es nicht eben unter Beistand derer geglückt wäre, denen er entkam. Ich hoffe, daß sich über kurz oder lang die Überflüssigkeit aller Erörterungen über den Fall Karpf erweisen wird. Ich mag mein Gefühl, das sich mit aller Kraft gegen die Verdächtigungen sträubt, nicht gern widerlegt sehn.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 23. November 1922.

Morgen kommt Zenzl. Meine Stimmung ist wie immer vor diesem Ereignis aus Freude, Besorgnis, verstärkter Wut gegen die Rachepolitik der bayerischen Justiz und großem Mitleid mit Zenzl selbst zusammengesetzt. – Ich habe heute nicht sehr viel Zeit fürs Tagebuch, will aber den Tag doch nicht ungenutzt passieren lassen, da ich morgen höchstwahrscheinlich nicht zum Eintragen kommen werde. Im Bayerischen Landtag wurde eine sozialdemokratische Interpellation über die Hitler-Machenschaften verhandelt. Der Innenminister beantwortete sie und erwies sich dabei durchaus als das, was ihm ein Zwischenruf vorwarf: „Bezahlter Agent der Nationalsozialisten!“ – Es verlohnt sich kaum auf diese Rede Schweyers oder des Volksparteilers Schäffer einzugehn. Man drehte, wie immer den Spieß um und wies die Schuld an aller Ungemütlichkeit in Bayern den Sozi zu, während die Hitlerleute, wenn auch manchmal garzu temperamentvoll, der „Sehnsucht der Jugend“ Ausdruck geben. Die große Entgegnung auf diese nicht überraschende Verkündung der Seelengemeinschaft zwischen den bayerischen Monarchisten, Terroristen und Faszisten und der bayerischen Regierung wurde in einer Rede Auers geleistet, der den Hauptwert auf die Versicherung legte, daß die Sozialdemokratie schon wirklich garnicht revolutionär sei. Von dieser ganzen Katzbalgerei verwandter Seelen wäre wenig Aufhebens zu machen, wenn es nicht verlohnte, wieder einmal festzustellen, wieviel stärker die Position der Reaktion gegen die der Sozialdemokratie auch moralisch eben dadurch ist, daß es ja die Auerochsen waren, die sich die heute konkurrenzlos herrschende Epp-Pöhner-Gesellschaft zum Niederschlagen der Arbeiterschaft erst herbeigeholt haben. Herr Schweyer hat ihnen das auch diesmal wieder mit Recht ums Maul geschlagen, indem er ausdrücklich betonte, die Herren Interpellanten sollten doch ja nicht glauben, daß die „vaterländisch“ gesinnten Kräfte, die damals Bayern „befreiten“, das aus Liebe zu den Sozialisten taten. Wir Räterepublikaner wissen, was los ist und uns werden die Auerochsen durch kein noch so schneidiges Oppositionspielen mehr über ihre wahre Natur täuschen können. – Also im Reich werden sie sich jetzt auch in die Rolle der Oppositionshelden bequemen müssen. Das Cuno-Kabinett ist ziemlich fertig (nur der Innen- und der Außenminister muß noch gefunden werden). Stinnes kann vollauf zufrieden sein. Die besten Plätze sind von seinen jungen Leuten besetzt, so das Wirtschaftsministerium von Becker-Hessen. Radbruchs Nachfolger ist sein Vorgänger Heinze. Ich bin froh für Radbruch. Die Justiz in diesem Deutschland wird ohne ihn kein andres Bild bekommen als sie mit ihm hätte. Ihm persönlich wird aber wenigstens die Enttäuschung erspart bleiben, auch noch zu erleben, wie seine Reformversuche gescheitert, oder vielmehr, genau wie das Republikschutzgesetz ins Gegenteil seiner Absicht verkehrt, Ereignis geworden wären. So wird er wenigstens jammern können: ach Gott, was hat Heinze aus meinen Arbeiten gemacht! Und so wird das entsetzliche Odium, daß wahrscheinlich die italienischen Syndikalisten Ghezzi und Vacchi an die Mussolinihenker ausgeliefert werden – als Austauschware gegen einen der in Italien verhafteten Erzbergermörder und den am Rathenaumord beteiligten Herrn Küchenmeister (denen natürlich bei uns nicht viel Haare gekrümmt werden, während die armen italienischen Genossen ebenso natürlich zugrunde gerichtet werden) – dies Odium wird nicht nach den Fort-Conceptión-Boldrini-Fällen auch noch an ihm kleben bleiben. – Vielleicht wird nun sogar in der Justiz manches besser werden. Die Geheimräte, die seine guten Absichten wo es ging sabotierten, werden Heinze das Arbeiten nicht erschweren und der wird vielleicht klug genug sein, sich zu sagen, daß es einen sehr guten Eindruck machen muß, wenn er sich als durchaus keinen Reaktionär gegen Radbruch erweist und somit von dessen Vorschlägen mehr verwirklichen läßt als es Radbruch selbst je möglich gewesen wäre. – Seit es klar geworden ist, daß der neue Reichskanzler Cuno heißen und somit in Deutschland eine Reichsregierung nach Stinnes’ Befehlen wirken wird, ist der Dollarstand augenfällig zurückgegangen. Er fiel binnen 2 oder 3 Tagen von seinem Rekordstand von fast 10.000 auf 6.400 Mark, stieg dann nach einer neuen Rede Poincarés – die aber nur vorgeschoben wurde, in Wirklichkeit, weil das Cunokabinett beinahe wieder ausgerutscht wäre – wieder auf 7 – 8000 und steht jetzt auf knapp über 6000 Mark. An diese Erscheinung hängen die Blätter aller Richtungen tiefsinnige Betrachtungen aller Art. Die Wahrheit sieht, scheint’s niemand; daß nämlich die Finanzleute, die viel mehr als man wahr haben möchte, den Kurs willkürlich beeinflussen, aus dem Grunde das Devisenangebot steigern, um dadurch Vertrauen für die Cuno-Regierung zu schaffen, von der sie ihre Geschäftsinteressen am besten geschützt wissen. Sie üben also eine Pression auf die Gestaltung der politischen Verhältnisse und erreichen, daß sich die weitesten Kreise mit ihren politischen Kandidaten abfinden, um nur ja sonst nicht an der Verteuerung des Lebensunterhalts mitschuldig zu werden. Ich habe noch in keiner noch so „revolutionären“ Zeitung den Hinweis auf diese Schändlichkeit gelesen, daß es in das Ermessen einiger weniger gewissenloser Börsenspekulanten gegeben ist, das ganze Volk durch Hunger und Not zur Befolgung einer politischen Bahn zu pressen, die ihnen das sicherere Geschäft verspricht. – Ich möchte hinunter in den Hof, will aber nicht schließen, ohne ein einziges Wörtchen von dem zu sagen, was meine Gedanken – eigentlich erst seit gestern nachmittag – als Folge einer plötzlichen Eingebung, ganz beherrscht. Ich bin auf dem Wege zur Lösung der Frage, die mich seit vielen Jahren immer wieder ohne feste Richtung verfolgt hat, der Frage nach der religiösen Unterbauung der sozialistischen Gedanken. Ich sage für heute nur ein Wort – und ich behalte mir vor, seine Ausdeutung hier in gelegentlichen Betrachtungen oder in dichterischer oder aber essayistischer Form literarisch vorzunehmen. Das Wort heißt: „Ewiges Diesseits“.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 25. November 1922.

Zenzls Besuch war wie immer qualvoll und tröstlich. Sie ist hübsch und für ihr Alter erstaunlich jung im Aussehn und Wesen. Die Überwachung war diesmal anständig und als Neuerung dabei, woran wohl der Märtyrer keine Erfinderschuld trägt – ergab sich nur gleich zu Anfang das Verbot, meine Füße vor mich[mir] unter dem Tisch zu haben. Ich mußte seitwärts sitzen, damit der Mann auch meine untere Partie beobachten konnte. Ich fragte, ohne Antwort zu kriegen: „Sie fürchten wohl, ich könnte mit meiner Frau fußeln?“ Diese neue Verfügung zeigt wieder, mit was für phantasiereichen Vorstellungen sich unsre Hüter beschäftigen. Die Sittlichkeit bayerischer Christen! – Aber all das paßt zum Übrigen: daß um Gotteswillen nicht etwa ein Kännchen, sondern nur eine Tasse Tee serviert wird, daß ich meinen eignen Kaffee in Gegenwart des Besuchs nicht trinken darf, daß ich beim Fortgehn des Gastes nicht aus dem Fenster nachwinken darf, daß ich mir vor und nach dem Besuch verbrechermäßig den Leib von oben bis unten abtasten lassen muß. Und Hoffmann hat neulich Toller einige seiner Ansichten verraten: er habe ein Verbrechen begangen, das er eben als Verbrecher zu büßen hat. Die Strafe soll bitter empfunden werden und dergleichen. Der Spezialfall, den Toller mit Herrn Hoffmann abzumachen hatte, war unwichtig. So mag’s mit den allgemeinen Bemerkungen genug sein. Besonderen Unwillen zeigte der Mann über die „Hetze gegen Bayern“, die grade im Anschluß an Tollers Schicksal in der Öffentlichkeit betrieben werde. Man beschimpfe sein Vaterland etc. Diese Leute glauben immer, die Welt rege sich über „Bayern“ auf, während die Aufregung doch nur gegen die Personen geht, die seit Jahr und Tag jetzt den bayerischen Namen durch Rechtsbeugungen und unerhörte Parteilichkeit schänden. Kein Mensch meint das bayerische Volk, wenn die Schande von Niederschönenfeld oder die Haßurteile der „Volksgerichte“ angegriffen werden. Und was wirklich den Grund abgibt, warum die Mitwelt gegen Bayern „hetzt“, hat ja in Wirklichkeit garnichts mit Bayern zu tun, sondern ist echtpreußischer Import, ob’s auch wie Xylander und Kahr in Bayern geboren ist oder wie Hitler zufällig aus Österreich kommt. – Aber zu meinem Besuch: Ich habe wenig Lust, von meinen Empfindungen viel zu sagen. Die vergesse ich doch nie im Leben wieder. Es genügt, Tatsachen aufzuzählen, die ich neu erfahren habe. Sie betreffen Persönliches. Zum Beispiel: der Seppl war als Delegierter der von ihm ins Leben gerufenen Arbeiter-Union in München nach Berlin zum Unionistenkongreß gefahren. Dort traf er zu seiner Überraschung mit Elbert zusammen, der als „Flüchtling“ einen andern Namen führte, über den er aber hörte, daß er in Mitteldeutschland bei den besten revolutionären Arbeitern als Propagandist tätig sei. Dieser Provokateur mit seinem beweglichen Mundwerk redete auch auf der Konferenz gewaltige Töne, was den treuen Jungen veranlaßte, seine Kameraden aufzuklären und zu warnen. Das mag er nun wohl unbeholfen genug herausgebracht haben, und Elbert wird es nicht allzu schwer gehabt haben, die arglosen Proletarier von seiner Redlichkeit zu überzeugen. Wer das größte Maul hat, behält Recht und so zog es Seppl vor, unter Protest die Konferenz zu verlassen. Ich habe Zenzl beauftragt, sofort Rühle das Nötige zu schreiben, damit diesem gefährlichen Burschen, der in bayerischen Eisenbahnen Bankdirektoren seinen Namen verrät, dem aber der hinter ihm erlassene Steckbrief der überall gläubig aufgenommene Ausweis ist – hier nimmt kein Mensch diesen Steckbrief ernst – das Handwerk gelegt wird. – Gestern aber soll in München eine Versammlung der Nationalsozialisten angekündigt gewesen sein mit dem Thema: Vom Kommunismus zum Nationalsozialismus! – Referent: mein Freund von Ansbach – Max Weber! Dem habe ich diesen Werdegang prophezeit. Er wird nun jedenfalls den Hitler-Trotteln erzählen, was ich für ein Schurke sei, daß ich ungeheure Vorräte Kaffee, Zigarren und Lebensmittel gestohlen und bei mir aufgespeichert gehabt hätte, und daß ich vor ihm auf den Knieen herumgerutscht sei. Er möge. Bei diesem törichten Gesindel wird an meinem guten Ruf wohl sowieso nicht mehr viel zu ruinieren sein; vielleicht läßt sich Weber beikommen, auch öffentlich derartige Verleumdungen gegen mich loszulassen und ich kann ihn mal greifen, zugleich seine Charakteristik – als Gesinnungslumpen, als Lügner, Spitzel, Plagiator und Erpresser – publik werden lassen, und hätte danach vor all dem üblen Gerede endgiltig Ruhe; und schließlich ist die Selbstentlarvung der schäbigen Kreatur insofern wichtig, als viele ehrliche Arbeiter ihre auf seine Verdächtigungen aufgebauten Urteile über mich und über manchen andern noch von selbst revidieren werden. Von Hausgenossen erfuhr ich gestern auch, was aus Markus Reichert geworden sein soll: man sagt, er sei in ein Kloster eingetreten. Stimmt das, so habe ich mit meinen Prognosen über beide Ansbacher Nachbarn erstaunlich rasch recht behalten, wie ich mit Grassl, dem ich baldige reumütige Rückkehr zur Bourgeoisie voraussagte ja noch viel schneller recht behielt. Fehlt nur noch Schwab – und der wird wohl den bekannten Karriere-Weg zur Partei- oder Gewerkschaftsbürokratie, auf jeden Fall da gehn, wo er zur Zeit, wo die Frage an ihn herantritt, am meisten Wahrscheinlichkeit zum Aufstieg wittert. – Aber Weber hat, wie ich in der „Berliner Volkszeitung“ las, einen Kollegen, der den gleichen Weg wie er geht. Und das ist – Sepp Örter, der ehemalige Anarchist, den die 8jährige Zuchthausstrafe seelisch ruinierte, der zur Sozialdemokratie ging, im Kriege zur USP, danach Braunschweiger Ministerpräsident wurde, sich als korrupt erwies (als Plagiator war auch er schon lange überführt) und rausflog aus der Partei, und nun also sein nationalistisches Herz gefunden hat. Ein toller Weg! – Es fehlt jetzt nur noch die Aufdeckung der Elbertschen Schweinerei, der hier so hübsch vom Radikalski zum Parteihengst werden konnte, um sich draußen sofort den allerbesten Genossen heuchlerisch an den Hals werfen – und ich bin überzeugt, auch er wird, wenn er bei revolutionären Arbeitern kein Glück mehr hat, Anschluß bei den Nationalsozialisten suchen und finden. Die Ehrlichen unter diesen Leuten tun mir leid. Der Hitler soll selbst ein ganz übler Demagoge sein – doch kann man wohl annehmen, daß unter den Studenten und Offizieren genug wahrhafte Idealisten sind, und die müssen sich dauernd von Heilspredigern einseifen lassen, die in ihrem wahren Charakter schon dadurch gekennzeichnet sind, daß sie ihre „Überzeugung“ immer erst dann gewonnen haben, wenn sie aus einer andern Bewegung wegen schmutziger Dinge hinausgeschmissen waren. Viel Neues brachte mir Zenzl sonst nicht. Ob ihre Absicht, mit andern Frauen zu Gürtner zu gehn, um für Weihnachten Zellenbesuch zu erwirken, Erfolg haben wird? Ich zweifle. Sie selbst sprach davon, daß allgemein die Auffassung besteht, daß der aufgezwungene Coelibat unsrer Frauen den bewußten Zweck hat, die Frauen Versuchungen erliegen zu lassen, damit dadurch unsre Ehen zerfallen und so unsre Existenz an der Wurzel vergiftet wird. Ich habe an dieser Absicht unsrer Knechter schon sehr lange keinen Zweifel mehr. Es wäre immerhin denkbar, daß der Dr. Gürtner neben einem Deutschnationalen auch Mensch wäre, dem der Begriff Christentum nicht wie seinem Vorgänger eine bloße Agitationsphrase ist, hinter der man jede Niedrigkeit bequem verschanzen kann. Seine Verteidigung des Urteils gegen Fechenbach und Genossen im Landtag könnte ja von Kühlewein stammen, der Zenzl gegenüber einmal den Einwand, die Niederschönenfelder Zustände stehen im Widerspruch zum Gesetz, mit dem Aperçue begegnet ist: „Das Gesetz ist dehnbar.“ – Aus dem Weltgeschehn: in Lausanne schachern die Staatsbetrüger aller Länder um das Schicksal der Türkei. Anscheinend ist es den Engländern gelungen, die Franzosen von einer Abkehr ihrer à tout prix Kemal-freundlichen Politik zu gewinnen, wofür die neue britische Regierung ihre Vertretung in der Reparationskommission zur Unterstützung aller von Frankreich gegen Deutschland beliebten Maßnahmen angewiesen haben soll. Der weitere Verlauf in Lausanne wird wohl bald zeigen, ob die sehr energischen türkischen Nationalisten ihre weitreichenden Autonomiepläne durchsetzen werden, ob im nahen Orient doch Krieg werden wird, oder ob man auch dort die Rettung für ein paar Monate durch ein faules Provisorium finden wird, bei dem niemand – am wenigsten die Völker – zufrieden werden können. – In Berlin hat der von den Kommunisten mit einigem Getön propagierte, von der VSPD und vor allem den Gewerkschaften mit den äußersten Mitteln der Gehässigkeit sabotierte Reichsbetriebsrätekongreß begonnen. Ich setze keine Hoffnungen mehr auf ihn, da die den Kongreß beherrschenden Parteikommunisten keine bessere Parole auf den Markt zu werfen haben als „Arbeiterregierung“. Tatsächlich ist in Sachsen der üble Schacher zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten mitten im Gange, unter welchen Bedingungen die bereit wären, Ministerien zu besetzen. „Kommunistische Staatsminister“! Hätte Pfempfert nicht meine vor 2½ Jahren geschriebene Broschüre unterschlagen, dann wäre die Arbeiterschaft rechtzeitig gewarnt gewesen, zu welchen Konsequenzen sie die Heidelberger Beschlüsse führen müßten. Da stand’s drin. (Von dieser Sache kein Wort mehr. Die treibt mir die Galle hoch!) – Die Berliner Regierung ist also komplett: das Äußere hat ein hohenzollerischer Diplomat, Herr v. Rosenberg,* das Innere, Herr Öser, ein „Demokrat“ besetzt, dem sogar nachgerühmt wird, er sei Republikaner, in unsrer Republik allerdings ein Phaenomen auf dem Ministerposten. Die Zeitungsmeiner zermartern sich das Hirn, in welcher Form die Sozi dem Cuno-Kabinett ihre angekündigte „sachliche Opposition“ machen werden, und schon hat man sich zu der Auffassung entschlossen, sie werden beim Mißtrauensvotum der Kommunisten sich der Stimme enthalten; was bedeuten würde, daß sie zwar so tun, als ob sie in Opposition ständen, in Wahrheit aber nichts tun wollen, um den Herren in der Ausführung Stinnesscher Befehle Schwierigkeiten zu machen. (Mit diesen Gesellen zusammen wollen die Kommunisten gleich jetzt in Sachsen, und prinzipiell überall das kapitalistische Deutschland „regieren“. Sie sind halt alle Marxisten!) – Ein Todesfall: Dr. Iwan Bloch, der verständige und verdiente Klarheitsverbreiter über sexuelle Anomalien und Variationen. Persönlich kannte ich ihn, glaube ich, nicht. Doch war er der Herausgeber meiner ersten Broschüre über die Homosexualität, die in einer von ihm veranstalteten Sammlung kleiner Monographien erschien. Darum auch von mir eine Handvoll Erde auf sein Grab.

 

* dieser Rosenberg war einer der Macher von Brest-Litowsk und Bukarest.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 27. November 1922.

Die Regierung Cuno hat sich dem Reichstag präsentiert. Der Chef hat eine schöne Rede gehalten, die jeder auslegen kann wie er mag, und der von ihm erwählte Ernährungsminister, ein Herr Müller-Bonn ist bereits wieder Exminister, da er sich vorhalten lassen mußte, daß er 1919 einer der eifrigsten rheinischen Separatisten war, der seither übrigens heftigste republikfeindliche Propaganda getrieben habe. Korruption im ganzen lieben Vaterland – von oben bis unten. – Von Bayern speziell ist anzumerken, daß die Regierung Knilling (ich nenne sie im Hinblick auf ihre schießfreudigen Protégés die Regierung Knipperdolling) eine Verordnung losgelassen hat, worin das Tragen von Schlagringen und Gummiknüppeln, kurzum aller Arten Schlagwaffen verboten wird, – nämlich jetzt, nachdem zum ersten Mal die Arbeiterschaft begonnen hat, eine der Hitlerschen nachgebildete Selbstwehr zu organisieren. Bei wem man wohl die verbotenen Geräte immer und bei wem man sie wohl nie finden wird? – Die guten Vorzugskinder des Herrn Schweyer haben aber grade schon wieder vortreffliche Beweise ihrer Erziehung abgelegt. Wie kürzlich in Passau haben sie jetzt in Ingolstadt eine aus französischen und italienischen Offizieren bestehende und von einem deutschen Offizier begleitete Kontrollkommission ausgepfiffen und sind dann zum Sturm auf sie übergegangen, wobei sie das Entente-Auto total demolierten. Da wird Herr v. Rosenberg gleich hübsche Noten zu beantworten kriegen. – Inzwischen aber müssen sich vorweg die bayerischen und die Reichsbehörden schon wegen eines andern Vergehens entschuldigen und zwar bei viel ungemütlicheren Mahnern als es außerhalb der Grenzen gibt: bei den Münchner Nationalsozialisten. Die wollten vor etwa 10 Tagen per Sonderzug nach Regensburg fahren mit Coburger Programm. Nachdem man ihnen in München natürlich den Extrazug freudig zugesichert hatte, wurde ganz zum Schluß aus der Geschichte doch nichts, wie es hieß, weil die Reichseisenbahnverwaltung – und wir sind ja auch auf diesem Gebiet „verreichlicht“ worden – im letzten Moment Nein! gesagt hatte, wie dann aber bekannt wurde, weil die Eisenbahnerbetriebsräte sich geweigert haben sollen, die Hitlerhelden zu befördern (und diese Version wird wohl stimmen). Sehr lustig ist aber, wie die Landes- und Reichsbehörden wetteifern, für die Nichtbeförderung ex post harmlose Gründe zu erfinden; es hätten nicht genug Wagen zur Verfügung gestanden etc. Die Judenvernichter haben nun angekündigt, sie würden die Reise nach Regensburg trotzdem machen, und zwar auf Lastautos, die ihnen mit Benzin zur Verfügung gestellt seien. Angeblich sollte diese Reise, die die Regensburger Arbeiter zusicherten durch liebreichen Empfang zu würzen (daher wohl die schleunige Anordnung, damit die bewaffneten Gäste nicht bewaffneten Begrüßungen ausgesetzt seien), letzten Samstag vor sich gehn. Wir werden wohl heute oder morgen in den Zeitungen Näheres lesen. – In Lausanne sind die Vertreter Rußlands eingetroffen: Worowski als Führer, und die schon sichere Brüsseler Reparationskonferenz ist wieder unsicher geworden, weil die amerikanischen Bankiers die Herren Poincaré und Theunis schon bei den Vorbesprechungen verschnupft haben sollen. Clémenceau reist indessen mit seinen 80 Jahren fröhlich in Amerika herum und macht gegen Deutschland öffentlich – in Versammlungen und vor Pressehorchern – scharf und zwar so, daß er drüben einigen Business-Politikern, für die bei einer Neuauflage des europäischen Gemetzels kein Plus mehr herauskäme, erheblich auf die Nerven gegangen ist. Die Sache ist aber weit weniger wichtig als unsre Patriotenschmöcke meinen machen möchten. In Österreich hat der liebe Völkerbund durch ein ziemlich ultimativ gehaltenes Mahnen die Annahme der haarsträubenden Bedingungen erwirkt, unter denen man – vielleicht – und zwar erst im Frühjahr – dem Lande eine Summe pumpen will, die nicht entfernt [an] das Vermögen mancher zwar bei dem Revolutiönchen um die Würde, keineswegs aber um die Pfründen gekommener Habsbourgeois beträgt. Sie haben also nun in Wien einen holländischen Generalgouverneur gekriegt, als Sachwalter des „Völkerbunds“, und der einzige Trost bei dem Geschäft, den aber die armen Österreicher als ihr schwerstes Unglück empfinden, ist, daß das Parlament für 2 Jahre den Platz einem „Kabinettsrat“ räumen muß. Die Sozialdemokraten haben bei dieser historischen Sitzung ihren Schmerz sinnig in ein Lebehoch auf die reichsdeutsche Mutter- oder Schwester- – sagen wir Tantenrepublik gelegt, in der ihre Parteigenossen grade im Begriff sind, dem Cuno – nachdem die Demokraten, Gottlob und Dank! dafür die Formel gefunden haben – mit gehöriger Kühle ihr Vertrauen zu votieren. – Es kann sein, daß noch sonst irgendwas festzuhalten gelohnt hätte von den Begebnissen dieser Tage. Doch ist es wohl kein großes Unglück, wenn im Monstreprogramm des aktuellen Weltaffentheaters mal eine Nummer auf dem Pissoir verabsäumt wird.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 28. November 1922.

Zur Hauschronik. Die große Gnadenkanonade, die im September und Oktober auf uns niederging, hat seit Max Condulas Abschied wieder vollständig ausgesetzt. Für die demnächst im Landtag zu erwartende Niederschönenfeld-Debatte reicht’s vermutlich, – und was den Reichsbegnadigungsausschuß betrifft, so haben die 8 mitteldeutschen Sünder, die nun seit fast einem halben Jahr warten, immer noch keinen Bescheid, ob sie endlich herauskommen werden, oder ob Bayern vom Reich auch für dieses Gesetz als exterritorial anerkannt werden soll. Da grade in den letzten Tagen die Nachricht veröffentlicht wurde, daß ein in Lichtenburg büßender Genosse, der für ausgeführte Sprengungen 7 Jahre Zuchthaus bekommen hatte, jetzt auf Grund des Ausschuß-Gutachtens freigesetzt wurde, lernen diese meist urbayerischen Proleten ihr Vaterland immer heißer lieben. – Statt daß wir also endlich wirklich weniger würden, füllt sich das Haus wieder. Vor einigen Tagen wurde im Mittelgang eine Zelle hergerichtet und es ging ein großes Diskurieren los, wer der „Zugang“ wohl sein könnte. – Jetzt wissen wir’s. Denn die Genossen haben Recht behalten, – auch ich gehörte dazu –, die Karpfs Rückkehr vermuteten. Er traf gestern abend ein. Damit, scheint mir, ist das ganze Gerede widerlegt, das hier bei uns und auch draußen – Zenzl sprach mir auch von dem Gerücht – umlief: er sei frei und werde nicht wiederkommen. Die Quelle dieser Redereien suche ich bei Elbert, der ja wirklich, obwohl er in dieselbe Sache verwickelt war, frei in der Welt herumstreift und dem es offenbar gelungen ist, allen Dreck, von dem er selber klebt, auf Karpf zu schmieren. Mich hat K. noch nicht begrüßt, und ich glaube auch kaum, daß er kommen wird. Ich werde ihm natürlich erst recht nicht nachlaufen. So wenig ich ihn für die Lumpereien verantwortlich mache, die seine Frau sich geleistet hat, so nehme ich doch an, daß er von dieser Abenteuerin sehr stark beeinflußt ist, und ich will neuen Intrigen, zumal gegen Zenzl, keinen Vorschub leisten. Auch hat sein Verhalten seinerzeit – mag auch die ganze Pfingstoffensive 21 sonst mit dem Mantel der Vergessenheit überdeckt werden – mir das Bedürfnis getötet, die Freundschaft mit ihm fortzusetzen. Kommt er aber, so werde ich mich ihm nicht verschließen. Ich verkehre, wenn auch vorsichtig in meinen Äußerungen, mit Kain; ich verkehre sogar, was mir eigentlich schwerer fällt, sogar mit Klingelhöfer. Da könnte ich’s erst recht mit Karpf, der immerhin ein liebenswürdiger, fröhlicher Kerl ist und dem monatelang, während er scheußlich zu leiden hatte, schweres Unrecht geschah. Eine solche Kameradschaft, wie sie früher zwischen uns bestand, könnte gewiß nicht wieder werden. Auch hätte ich mehr Widerstände zu überwinden als etwa bei Hans Seffert, dem ich nie gegrollt habe, und der mir jetzt täglich lieber wird, zumal er mir immer eifriger zeigt, wie gern er die Zeit ausgelöscht wüßte, in der er aus einfältiger Disziplin gegen Leute, die er inzwischen durchschaut hat, sich an dem Boykott gegen mich und meine Freunde beteiligte. Die Genossen, die schon Gelegenheit hatten, Karpf zu begrüßen erzählen von seinen Berichten allerlei Interessantes. Sein Prozeß wurde in Augsburg unter möglichster Vermeidung aller die Behörden und ihre Helfershelfer kompromittierender Dinge geführt. Daraus erklärt sich wohl auch die Verheimlichung der ganzen Verhandlung in der Presse. Als Belastungszeugen gegen Karpf waren ursprünglich 3 unsrer Mitgefangenen genannt, die dann aber nicht geladen wurden. Genaues über ihre jedenfalls höchst zweifelhafte Rolle während der Voruntersuchung ist noch unbekannt. Immerhin ist’s gut, die Namen zu wissen, erst recht, da auch einer der Wuchtigsten der aufrechten Familie dahinten bloßgestellt ist. – Karpf hat im Lauffener Gefängnis keine guten Tage gehabt. Der Direktor begrüßte ihn gleich mit der Versicherung, er werde ihm schon ordentliches Verhalten beibringen und seine Niederschönenfelder Manieren abgewöhnen. Am 1. Oktober trat die christbayerische Neuordnung der Gefängnisbehandlung in Kraft, mit der Herr Dr. Gürtner sich als der Justizminister ausweist, den die Deutschnationalen brauchen, um deutsche Kraft an unglücklichen, gequälten Armen zu erproben. Alle 6 Wochen ein Brief, grundsätzliche Nichtaushändigung von Paketen, alle Besuche hinter Trennungsgittern, völliges Rauchverbot, kurzum: wie man proletarische Festungsgefangene zu Gefängnissträflingen degradiert hat, degradiert man proletarische Gefängnissträflinge zu Zuchthäuslern. Wie mag’s erst den Straubinger Genossen gehn? Schon seit einer Woche befindet sich Karpf in Niederschönenfeld. Da man keinen Festungsgefangenen mehr gefesselt transportieren darf, brachte man ihn noch rechtzeitig her, um ihn, mit Achtern geschlossen, als Gefängnissträfling einliefern zu können. Er war daher bis jetzt, ohne daß wir eine Ahnung davon hatten, vorn im Altbau. – Ich bin neugierig, ob seine „Freunde“ Olschewski und Konsorten, nun endlich ihr Geschwätz, Karpf sei im Bunde mit Polizei und Reaktion, einstellen und sich lieber im engeren Umkreis ihres Verkehrs umschauen werden. – Heute früh haben wir aber noch einen „Zugang“ bekommen, einen gewissen Ewald Fischer, den die von St. Georgen hergekommenen Genossen von dort kennen. Er soll noch 5½ Monate von seiner verscherzten Bewährungsfrist nachzumachen haben. Bis jetzt habe ich den Mann noch nicht zu Gesicht bekommen. Jedenfalls sieht es so aus, als ob man in München die Schindermethoden von Niederschönenfeld noch auf weite Sicht fortzusetzen gedenkt. Es wird am Proletariat liegen, ob die Absicht gelingt oder ob auch in Bayern einmal wieder menschliche Gesittung Geltung gewinnen soll.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 29. November 1922.

In der großen Politik keine neuen Entscheidungen. Aber mancherlei Intermezzi aus dem politischen Korruptionssumpf können vor Vergessenheit bewahrt werden, weil sie der Psyche dieser netten Zeit einprägsames Gesicht geben. Kürzlich deutete im bayerischen Landtag der Demokrat Hammerschmidt merkwürdige Kenntnisse an, die er vom Verhalten des führenden Kopfes der Bayerischen Volkspartei, Held während der dem Kriegszusammenbruch unmittelbar vorhergehenden Zeit habe, und die die immer erneut bekräftigte „Reichstreue“ dieses Herrn und der Seinen sehr zweifelhaft erscheinen lassen. Daran anknüpfend behauptete die „Münchner Post“, Held habe am 29. Oktober 1918 in einer gemeinsamen Sitzung zwischen Herren der damaligen liberalen und der damaligen Zentrumspartei eine von der liberalen Fraktion (Hammerschmidt) vorgeschlagene Erklärung, daß Bayern treu zum Reich halten wird, was auch geschehe, für seine Fraktion mit der Entgegnung abgelehnt, daß man „sich nicht an das Reich binden könne in einem Augenblick, wo man mit der Möglichkeit rechnen müsse, daß es auseinanderfalle“. Darauf hat Held vor einigen Tagen in einer öffentlichen Sitzung des Landtags die Erklärung abgegeben, die Behauptung der „M. P.“ sei „direkt erlogen und eine Fälschung, wie sie ihm im Leben noch nie vorgekommen sei“. – Jetzt läßt dazu die „Süddeutsche demokratische Korrespondenz“ eine Erklärung los, in der die Aufstellungen der „Münchner Post“ vollständig bestätigt und noch sehr interessant erweitert werden. Es wird ein längerer Auszug aus der in jener Sitzung von Herrn Held gehaltenen und protokollierten Rede gegeben, und darin zeigt sich, daß Held vor der Revolution über den Verlauf der Dinge noch pessimistischer urteilte als sich dann gerechtfertigt hat. Er stellte in Frage, „ob man es verantworten könne, Bayern in das Geschick Preußens mit hineinziehn zu lassen“ und begründete diese Frage mit der Aufzählung all der Wahrscheinlichkeiten, die sich aus der Lage nach dem deutschen Waffenstillstandsersuchen an Wilson ergeben hatten. Wenn Österreich einen Sonderfrieden schlösse könnten binnen 8 Tagen Italiener an der bayerischen Grenze stehn; die Westfront würde vom Süden her aufgerollt werden. Schon werde bei maßgebenden Personen erwogen, ob die bayerische Regierung in München bleiben könne, bzw. ob nicht Bayern einen Sonderfrieden anbieten solle. „Wir würden dann fraglos bessere Bedingungen erhalten.“ Dann prophezeit Held, was die Entente vorhabe: einen westlichen Pufferstaat von Basel bis Belgien mit dem ganzen linken Rheinufer zu schaffen, die zeitweilige Verfügung über die Ruhrkohlenbergwerke zu fordern, vor allen Dingen Preußen zu schwächen, indem Hannover die Selbständigkeit wieder erhalte (dazu ist anzumerken, daß grade zur Zeit in Noskes Domäne die Bewegung zur Volksabstimmung über die Lostrennung von Preußen lebhaft akut ist). „Oberschlesien mit den Bergwerksdistrikten würde an Polen kommen, ebenso Posen und ein Gebiet um Danzig.“ Man müsse vielleicht die süddeutschen Staaten mit Deutschösterreich zusammenzuschließen suchen, und kurz und gut: die Anträge der Liberalen müßten zurückgezogen werden. – Man wird nun also zu erwarten haben, ob sich Herr Held auch nun noch auf die Behauptung versteifen wird, die „Münchner Post“ habe gefälscht. In seinem Interesse liegt diese Behauptung sicher. Denn, ist das Protokoll echt, so beweist das, daß er einen ungeheuren Betrug seit 4 Jahren bewußt gefördert hat, nämlich die niederträchtige Lüge, ohne die Revolution wäre der Krieg nicht verloren gegangen, ohne sie wären die Waffenstillstands- und später die Friedensbedingungen nicht entfernt so schwer ausgefallen, als sie dann wurden. Das ganze Jammergeheul dieser Brut wäre als eitel Heuchelei erwiesen, da sie ja mit noch viel ärgeren Dingen rechneten. Auf jeden Fall wäre ihre „Dolchstoß“-Legende als ein ganz verwegener, demagogischer, frecher Schwindel entlarvt. Grade bei ihrem Besuch am Freitag sprach mir Zenzl davon, daß sie nachgedacht habe über diese Legende, die doch dadurch widerlegt sei, daß man uns politisch Internierte und Gefangene vor Ausbruch der Revolution freiließ und sie knüpfte daran den guten Gedanken, damit habe man den Ruf nach der „nationalen Verteidigung“, den man ausstieß, um im eignen Volke das Prestige zu wahren, da man seine Sinnlosigkeit natürlich selbst einsah, unwirksam machen wollen, indem man Idealisten die Stimme freigab, um ihn zu übertönen. Dann konnte man nachher sagen: wenn Liebknecht und Eisner und Mühsam etc. nicht für den sofortigen Frieden agitiert hätten, wäre alles anders gekommen. Nieder mit den Dolchstößern! Jetzt zeigt sich also, daß Held und die heutige Bayerische Volkspartei schon im Oktober – also als ich noch in Traunstein war – genau wußten, daß alles verloren war und durchaus geneigt waren, sich von dem Reich zu trennen, dem sie jetzt täglich versichern, sie seien „reichstreu bis in die Knochen“ und dem sie heute ihre Ergebenheit durch Leoprechting-Urteile zu beweisen suchen. – Bei der Klugheit, mit der in Deutschland alles Linke Politik treibt, ist natürlich nicht daran zu denken, daß aus der Enthüllung der „Südd. Demokr. Korresp.“ unsre Sozi oder auch unsre Kommunisten diese Rückschlüsse ziehn werden. Sie werden nur wie die Schulbuben in die Hände klatschen, weil Held „reingefallen“ ist. Daran aber ist noch weniger zu denken, daß sich die „Linken“ Gedanken darüber machen werden, ob nicht Held damals völlig recht hatte (mich haben dieselben Gedankengänge schon 1916 veranlaßt, die bayerische Staatsangehörigkeit zu erwerben). Der Sieg der liberalen Auffassung in Bayern im Herbst 18 hat in der Tat den unglaublichen Zustand heraufbeschworen, den die unitaristische Weimarer Tölpelei großgezüchtet hat: Bayern ist vollständig in das Geschick Preußens mit hineingezogen worden, so sehr, daß die preußische Hegemonie in Deutschland verstärkt wirken kann und zwar von Bayern aus, in dem man jetzt die schwarzweißrote Fahne, die früher im Lande als Preußenfahne verpönt war, als Ausdruck bayerischer Eigenart aushängt. Die Heldsche Rede vom 29. Oktober 18 sollte aber auch in Vergleich gestellt werden mit den gegenwärtigen Strömungen und die Frage zur Erörterung bringen, ob nicht nach der Erkenntnis, daß der Mann mit all seinen Prophezeiungen ziemlich recht behalten hat, jetzt noch von maßgebenden Personen in Bayern „der Sonderfriede“ betrieben wird, und ob nicht am Ende damit die erstaunliche Toleranz der Franzosen gegen die immer neuen Provokationen von Bayern aus zu erklären ist. – Die Beziehungen zu französischen Einflußkreisen scheinen aber auch über die bayerischen Grenzen hinaus auch die Preußen in ihrer eigentlichen Heimat mancherorts zu pflegen. Nachdem schon kürzlich davon die Rede war, daß gewisse Industrielle eine viel weitergehende „Erfüllung“ in Aussicht gestellt hätten, wenn das Kabinett Wirth nur beseitigt wäre, teilt jetzt das Pariser „Journal“ darüber Näheres mit. Herr Stresemann soll in Berlin mit Barthou Besprechungen gehabt haben, und die Großindustrie soll sich für 20 Milliarden als Garant verpflichtet haben. Nun tatsächlich Wirth gefallen und Cuno Kanzler geworden ist, drängen die französischen Kontrahenten auf Innehaltung des Versprechens. Verwunderlich wäre für mich an der Sache nichts. Wenn man den Begriff Korruption durch das Wort Geschäft ersetzen kann, findet kein Kapitalist darin etwas Belastendes. Und nun erleben wir denn auch die Bestätigung dessen, was mir als Erklärung für das plötzliche Sinken des Dollarkurses erschienen war. Die Mark steht schon wieder auf über 8000. Selbstverständlich ist das nur die Quittung darüber, daß der Cuno-Wechsel honoriert worden ist. Die Erpressung ist gelungen und so braucht man die gehamsterten Devisen nicht mehr zur Börse zu tragen und kann die Auslagen, die man sich machte, um eine Regierung nach den Wünschen der Herren Stinnes zu bekommen, durch neues Herauftreiben der Kurse wieder hereinbringen. Die sozialdemokratische Presse ahnt natürlich nichts von diesen Zusammenhängen und druckt gutgläubig die Erklärung der Börsenblätter für die Verteuerung des Dollars nach, daß nämlich die Rechnung Cunos im Reichsrat, wonach im Reichsetat ein Fehlbetrag von über 800 Milliarden Mark besteht, deprimierend gewirkt habe. Kinderseelen! – Stinnes hat bis jetzt erreicht, was er wollte, und sein Hauptwunsch, die Arbeiter wieder 10 Stunden am Werk für den Kapitalsprofit zu sehn, ist auf dem Wege der Erfüllung. Seppl schreibt mir, daß in seiner Fabrik die Unternehmer den Wunsch nach Überstundenarbeit ausgesprochen hätten. Darauf habe der „Betriebsrat“ den Herren erklärt, die Arbeiter wären froh, wenn sie durch Mehrleistung die Weihnachtskosten hereinarbeiten könnten, und in einer Betriebsversammlung sei dann tatsächlich beschlossen worden, 9¼ Stunden zu arbeiten. Viele Kollegen schinnageln aber sogar schon 10¼ Stunden. Das ist sehr praktisch für die Kapitalisten. Allmählich wird die Arbeitszeitverlängerung zum Gewohnheitsrecht und die Überstundenbezahlung wird sich bei der fortdauernden Geldentwertung einfach dadurch ausgleichen, daß längere Zeit keine Angleichung der Löhne an die Preise mehr erfolgen wird. So wird man das Ziel mit Hilfe der mißleiteten Arbeiterschaft selbst erreichen. – Ich sprach gestern abend beim Essen über den Fall und machte dafür die Korruption der Gewerkschaftsleute verantwortlich. Mögen die, was ich glaube, die Sache in dem besonderen Fall geschoben haben oder nicht, sicher ist, daß sie die Arbeiter gewöhnt haben, jede Nützlichkeit für den Augenblick allem Prinzipiellen voranzustellen, sicher ist erst recht, daß die fälschlich Betriebsräte genannten Belegschaftsausschüsse zur Verhandlung zwischen Arbeitern und Arbeitgebern völlig unter dem Einfluß der Gewerkschaftsbürokratie stehn. Ich geriet wegen meiner Angriffe gegen die Zentralverbändler mit Klingelhöfer aneinander, der mir den Vorwurf machte, sobald ich auf die Gewerkschaften zu sprechen käme, würfe ich mit Dreck. Ich replizierte: „Das liegt nicht an mir. Wo immer man sich mit den Gewerkschaften befaßt, greift man in Dreck.“ – Ich könnte zu dem Thema Korruption, das heute als Überschrift zu allen Fällen paßt, mit denen ich mich beschäftigt habe, noch sehr viel andres, Näheres und Ferneres, behandeln, etwa das Auftreten der Amerikaner bei den Lausanner Verhandlungen, das diese Konferenz urplötzlich als das zeigt, was sie ist, nicht etwa eine Vertrags-Besprechung zwischen den Ländern zur Herstellung des Friedens im Orient, sondern ganz nüchtern ein Schieberstreit zur Übervorteilung jener Kapitalistengruppen durch diese zwecks Erlangung des Monopols zur Ausbeutung der westasiatischen Petroleumquellen. Aber es mag genug sein für diesmal.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 2. Dezember 1922.

Mehrere Tage Unterbrechung bedeuten, wie ich grade diesen Moment deutlich sehe, einen Riß in der Chronik der Zeitgeschichte, der sich kaum ganz wird nachfüllen lassen. Hauptursache des Versäumnisses war Tollers Geburtstag, der mich vorgestern an die Muse kuppelte und gestern der Feier des Tages verpflichtete. Inzwischen ist soviel geschehn und am Bau der Zeit neu erschüttert, daß ich kaum weiß, wo anfangen. In Deutschland häufen sich die äußeren Symptome des Verfalls. Die Preise steigen ins Grenzenlose. (Das für uns hier fühlbare Beispiel dafür ist das Briefporto. Am 1. Oktober stieg es von 3 auf 6 Mark, am 15. November auf 12 Mark. Zum 15. Dezember ist nun die neue Steigerung auf 25 Mark beschlossen und zum 15. Januar auch dafür schon die Verdoppelung in Aussicht gestellt). Spontane Bewegungen wie in Düsseldorf, Cöln, Dresden, Braunschweig greifen um sich. Jetzt vor allem auch Streikbewegungen aus ungewöhnlichen Ursachen und in bemerkenswerter Ausdehnung. In Berlin ist ein Streik unter den Schauspielern ausgebrochen, dem sich – zum ersten Mal – die „Prominenten“ (also die außerhalb des Tarifs stehenden Berühmtheiten) tätig angeschlossen haben. Es besteht gute Aussicht, daß die Bewegung siegt, da die Bühnengenossenschaft die Gewerkschafts- und Angestelltenbürokratie diesmal nicht als Quertreiberin zu fürchten hat. Denn sie braucht den Streikenden keine Unterstützungen zu gewähren und hat’s dann billig, ihnen Sympathie zu erweisen. Erst wenn das Theater-Arbeiter-Personal tätig in den Kampf eingreift, wird die Gefahr akut, daß ihr Verband zu bremsen beginnt, wenn auch erwartet werden kann, daß auch dann die Kosten für die Organisation nicht hochkommen werden, da das Publikum – schon der Sensation wegen – für die Streikenden Partei nimmt und sehr viel Geld aus Privatkassen beigesteuert wird. – Ich habe gestern mit Toller zusammen eine Sympathieerklärung an Rickelt abgehn lassen. – Ungleich bedeutungsvoller als dieser Berliner Streik, der immerhin symptomatisch von hohem Wert ist, sind die Vorgänge bei den Anilinwerken der Pfalz, aus denen sich ein umfassender Machtkampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern der ganzen pfälzischen Großindustrie entwickelt hat. Die Sache ist umso wichtiger, als ihr kein gewöhnlicher Lohnstreit zugrunde liegt, sondern ein Konflikt von höchster prinzipieller Bedeutung. Aus den Ludwigshafener Anilinwerken waren 3 Arbeiter zum Berliner Betriebsrätekongreß delegiert. Die Fabrikleitung verweigerte ihnen den Urlaub und sie fuhren trotzdem. Nach der Rückkehr wurden sie kündigungslos entlassen. Die Arbeiter erklärten sich mit ihnen solidarisch und traten in den Streik. Darauf verlangten die Unternehmer befristet die Wiederaufnahme der Arbeit, widrigenfalls alle Streikenden endgiltig entlassen würden. Die Frist lief ab, die Entlassung trat ein, und der Kampf war da. Das große Oppau-Werk wurde von den Arbeitern still gelegt, eine Fabrik nach der andern wird in Mitleidenschaft gezogen. Schon hat sich die Bewegung über die ganze Pfalz ausgedehnt. Also ein Solidaritätsmassenstreik in der besten Form, der im Augenblick voll im Gange ist, der aber leider schon jetzt als verloren gelten kann. Selbstverständlich haben die Gewerkschaften wieder gegen die Arbeiter und für die Unternehmer Partei genommen, plärren über den „wilden Streik“ und sind wie immer bei den Feinden. Ein Glück ist immer noch, daß sie von Anfang an abseits stehn. Da besteht doch noch eine schwache Hoffnung, die von den Betrieben ausgegangene Bewegung könne auch von den Betrieben aus trotz des Kampfs gegen die Unternehmer und gegen die „Arbeiterführer“ zu gleicher Zeit fort- und durchgesetzt werden. Wären die Gewerkschaften wie in Düsseldorf dem Flehen der Kommunisten gefolgt und hätten die Bewegung selbst in die Hand genommen, dann brauchten wird uns schon jetzt nicht mehr um den Ausgang zu sorgen. Sie hätten die Frucht schon im Mutterleibe getötet. Trotz alledem propagieren die Kommunisten unentwegt: Hinein in die Zentralverbände. Sie wollen sie „von innen revolutionieren“. Diese geistreiche „Taktik“ wird das arme deutsche Proletariat noch in vielen furchtbaren Niederlagen bitterlich büßen müssen. Aber in Moskau wird es so gefordert, – und da ist’s eben sakrosankt. – Ich gehe zunächst über alles andre hinweg und komme zuerst auf das zu sprechen, was augenblicklich unsern Schmöcken Anlaß zu unermesslichem Schmalzverbrauch gibt. Der Regierungswechsel im Reich hat anscheinend nicht den hocherfreulichen Eindruck in der Welt gemacht, den sich etliche Interessierte davon erwarteten. Vor allem zeigt sich, daß – wie ich das schon oft beobachtet habe – die Beziehungen des Staats zum Großkapital in Frankreich erheblich andre sind als in Deutschland. Die auf die Wählerschaft von Kleinbürgern und Kleinbauern gestützte Regierung Poincaré kämpft augenscheinlich noch gegen die Prätentionen der Kapitalisten an, dem Staat allmählich auch die Exekutive in internationalen Angelegenheiten fortzunehmen, wie das in Deutschland schon so gut wie perfekt ist. (Hierzu ein Nachtrag, der schon vor etwa 14 Tagen angemerkt gehört hätte: auf eine Anfrage der Sozialdemokraten – oder waren’s die Kommunisten? – im Reichstag, welche Vereinbarungen Herr v. Havenstein bei seinem Besuch in London mit der Bank von England getroffen habe, gab die Regierung die Antwort, die Reichsbank sei ein Privatinstitut, und ihr Präsident demnach über seine Geschäftsverhandlungen keinerlei Auskunft schuldig: wo es sich um die wirtschaftlichen Lebensfragen des deutschen Volks handelte! – Dazu der Stinnes-Lubersac-Vertrag, – und man ist im Bilde). Wenn also die Stinnes-Koalition des Herrn Dr. Cuno den französischen Großindustriellen, die gewiß dicke Aktienbündel von großen deutschen Unternehmungen besitzen, sehr sympathisch sein mag, so will Poincaré die Ausbeutung der deutschen Arbeiterschaft doch nicht ohne weiteres einigen privaten Säckeln zugute kommen lassen, sondern dem französischen Staat direkt zur Eintreibung der deutschen Außenstände verhelfen, um die drängenden Steuerzahler aus der Provinz materiell und moralisch an seiner Seite zu halten. Für diese Tendenz charakteristisch war schon vor einiger Zeit eine Aeußerung Poincarés, nach der die französische Regierung sich vorbehalte, den Vertrag Stinnes-Lubersac noch einmal nachzuprüfen. – Nun kamen die Berliner Reparations-Erörterungen mit Barthou etc und mit den neutralen Finanzexperten und dann die Wirth-Note vom 13. November mit der Ankündigung von gewissen Maßnahmen zur Stabilisierung der Mark und der Forderung eines Moratoriums. Und dann stürzte Wirth und Cuno kam und stellte sich auf den Boden der Wirthschen Note, indem er zugleich die Bedingungen nannte, die dazu Voraussetzung seien: nämlich völliges Moratorium für Geld- und Sachleistungen für 3 – 4 Jahre und Vorstreckung von 500 Millionen Goldmark an den deutschen Schuldner durch die Gläubiger. Darauf bekam er das Vertrauensvotum der ungeheuren Majorität des Reichstags – von Hergt bis Levi, nur die 3 Deutschvölkischen, die Kommunisten und die Ledebourgruppe, der sich als einziger Sozialdemokrat der 75jährige Zubeil gesellte, stimmten dagegen – ein Vertrauensvotum, in dem die Vereinigten Sozi ausdrücklich billigten, was alles in jener Wirthnote stand: nämlich Verteuerung der Lebenshaltung des Volks und Preisgabe des 8Stundentags als absolute Norm, ferner auch Massenentlassungen von Beamten – obwohl die Erwerbslosigkeit auch bei uns allmählich bedenklichste Formen annimmt. – Man war nun also sehr optimistisch, wie beglückt man gewiß am Quai d’Orsay über die großartigen deutschen Pläne sein würde. Ach, man ist sehr enttäuscht. Ganz kühl veröffentlicht jetzt die französische Regierung ein Communiqué über einen wichtigen Kabinettsrat, der sich mit der nun geschaffenen Lage beschäftigt hat, und dem außer Millerand, Poincaré, Barthou etc auch die Generäle Buat und Foch assistiert haben. Ich überschlage das Gejammer über die ersten Gerüchte, die von diesem „Kriegsrat“ laut wurden. Das Dementi trug offiziellen Charakter und war eine Bestätigung. Es besagt etwa: Da die Brüsseler Konferenz über die Reparationsfrage unsicher geworden sei, auch nicht gesagt werden könne, ob bei ihrem Zustandekommen eine Lösung möglich wäre, hätte man sich mit dem Reparationsproblem erst mal allein befassen müssen. Cuno habe die übergroße Mehrheit im Reichstag dafür gefunden, daß er sich mit der Wirthnote identifiziere, sich also den Verpflichtungen des Versailler Vertrags entziehn wolle. Deshalb seien nun gewiße Maßnahmen in Betracht gezogen – d. h. noch nicht beschlossen worden, wie die Auslassung vorsorglich anmerkt –, die Deutschland vielleicht zur Erfüllung seiner Pflichten anregen könnten und zwar 1.) die vollständige Besitzergreifung vom besetzten linksrheinischen Gebiet, zumal durch Ersetzung der deutschen durch französische Beamtenschaft, 2) die Besetzung der Hauptteile des Ruhrkohlenbergwerkgebiets mit Einschluß von Essen und Dortmund. – Diese Drohungen bringen natürlich unsere Preß-Nationalisten außer Rand und Band. Es ist ein wahrer Paroxysmus einer markierten Verzweiflung, bei dem aber höchst amüsant die Beobachtung der Kurse ist. Ausgerechnet in diesem Augenblick, wo jeder, der meint, die Valuta paßt sich täglich einfach der politischen Lage an, unbedingt einen fürchterlichen Sturz der Mark erwarten mußte, hebt sich im Gegenteil der Markstand um etwa 1000 Punkte. Die Sache ist nämlich die, daß die Börse die Kurse eher macht, als daß sie die Kurse ihre Geschäfte ruinieren läßt. Vermutlich ist der Zweck die Beruhigung des Publikums, das bei einem zu rapiden Sprung der Geldkurse die Regierung Cuno zum Teufel wünschen könnte. Man will zeigen, daß Cuno durchaus fähig sei, mit der Kleinigkeit fertig zu werden und daß in Paris mit Wasser gekocht werde. Man will Cuno halten coûte que coûte, und läßt sich’s eben was kosten, genau wie in den Tagen, als man ihn auf Wirths Stuhl hinaufschob. Ich glaube übrigens, in diesem Vorgang schon die Wirkung des letzten Stinnesschen Manövers zu erkennen, der die Berliner Handelsgesellschaft überraschend durch Ankauf der Aktienmehrheit in seinen Einfluß brachte und so ein wesentlich bestimmender Faktor auch auf der Geldbörse geworden ist. – Selbstverständlich ist die französische Ankündigung keine leere Drohung – mag die Börse darauf reagieren, wie sie will. Ich glaube vielmehr, daß die Gefahr, daß Frankreich die Zange wirklich zukneifen wird, noch nie annähernd so akut war wie jetzt. – Es ist dumm: ich muß aufhören und werde, da morgen Theater gespielt wird, noch einen Tag aussetzen müssen. Daher ist noch unendlich viel nachzutragen. Aber jetzt gehe ich trotzdem in den Hof.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 4. Dezember 1922.

Massenhafte Neuigkeiten auch in der heutigen Zeitungsflut. – Die französischen Absichten, von denen vorgestern die Rede war, sind schon wieder auf die zweite und dritte Seite der Blätter gestellt und zum Teil schon überholt durch eine Mitteilung Poincarés an die belgische Regierung, in der er seine Pläne genauer präzisiert. Das hat für mich Zeit, bis die Dinge akut werden, was durch die beschlossene Zusammenkunft der Herren Poincaré, Theunis, Mussolini mit Bonar Law in London sehr bald der Fall sein dürfte. Heute genügt der kurze Hinweis darauf, daß Poincarés Chancen im Rat der interalliierten Regierungen kaum je so gut waren wie im Augenblick. Abgesehn von der Umstellung der englischen Politik nach dem Orient-Triumph der Franzosen, die durch die Parlamentswahl mit ihrem durchschlagenden Erfolg für die Konservation befestigt ist (jede Wahl bestätigt nur, was ist. Änderungen können nie durch Wahl erfolgen), abgesehn also davon, daß Poincaré die Widerstände, die ihm Lloyd George in den Weg stellte, nicht mehr zu fürchten braucht, hat er auch von Italien jetzt eher Hilfe als Hindernisse zu erwarten. Der von den Nationaldeutschen so begeistert empfangene Mussolini erweist sich als ein ganz andrer Mann, als man erwartet hatte. Er treibt – mit etwas mehr Geste und Stimme als üblich – solide Staatspolitik ganz unromantischer Art, womit er die Prophezeiungen, er werde keine 4 Wochen möglich sein, zwar widerlegen, jedenfalls aber seine nächste Anhängerschaft sehr rasch in Opposition treiben wird, wobei er leicht unter die Räder seines eignen Kraftwagens geraten kann. Die Patrioten bei uns aber hat er schwer enttäuscht, indem er den Versailler Vertrag zwar angegriffen hat, aber nur, weil er nicht scharf genug mit den Deutschen umspringt. Mussolini verlangt Steigerung der Reparationsleistungen von ihnen, besonders auch an Italien. – Ich lasse dies Thema also fürs Erste ruhn, bis deutlicher unterschieden werden kann, was los ist und ob etwa die schon auftauchenden Gerüchte zutreffen, daß das französische Großkapital, das zu einem weiten Entgegenkommen gegen Deutschland bereit ist, wirklich am Werk ist, Poincaré zu stürzen, was meine vorgestern hier notierten Auslassungen über das Verhältnis vom Kapital zum Staat bestätigen würde. – Durch die Verzögerungen in der Eintragung bin ich noch nicht einmal dazu gekommen, mich mit den hochdramatischen Ereignissen in Griechenland zu beschäftigen, wo man inzwischen 6 Minister des Exkönigs Konstantin, darunter Gunaris, Theotokis und Stratos nicht nur zum Tode verurteilte, sondern gleich auch erschoß. Viele Tränen braucht man um diese Burschen gewiß nicht zu vergießen, die – vom staatskonservativen Standpunkt aus, den sie ja vertraten, – eine Kriegspolitik betrieben, die Griechenland schon während des Kriegs um seine Chancen brachte. Sie gingen mit Schwager Tino durch Dick und Dünn und hinderten den genialen Macchiavellisten Venizelos so lange am Wirken, bis ein Revolutiönchen die vom deutschen Großen Hauptquartier aus dirigierte Regierung Konstantins zum Teufel trieb, die schwägerliche Majestät in die Schweiz verbannte, und Venizelos zur Durchführung seiner immerhin für die herrschenden Klassen Griechenlands sehr nützlichen Politik verhalf. Kaum war der Krieg zu Ende, bei dem der Kreter für das „neutrale“ Land einen bedeutenden Gewinn auf Kosten der Türkei und Bulgariens herausschlug, da veranstalteten die Herren Gunaris und Konsorten den Rummel für Konstantin, der mit Hurra und Tamtam nach Athen zurück – (mein Füllfederhalter macht mich bald närrisch!) – kehrte und den jetzt massakrierten Ministern die Möglichkeit schuf, durch Anzettelung des Türkenkrieges aus der Balkangroßmacht Griechenland wieder eine Balkanprovinz zu machen. Die Engländer, die dieses Geschäft entriert hatten, reagierten auf die in Mudania verunglückte Spekulation, indem sie Lloyd George in die Wüste schickten. Die Griechen machten eine scharf nationalistische Revolution, die von Generälen geleitet war und jetzt zeigt, daß man auch dort unten bei den Nationalisten weniger skrupelhaft ist als beim Volk. Die Hinrichtung der Minister ist ohne Zweifel ein politisch kluger Akt. Diese Intriganten, auf deren Konto Zehn- oder Hunderttausende gefallener Landsleute kommen, werden zu neuen Lumpereien keine Gelegenheit haben. Tino soll sich zu seinem lieben Willy nach Doorn begeben wollen, nachdem er seine Abdankung – der er gescheit genug war sofort die Flucht folgen zu lassen, – mit den Worten kommentiert haben soll: „Ihr könnt mich alle am Arsch lecken!“ – Jeder Zoll ein König wie sein sächsischer Kollege, der im November 18 die denkwürdigen Worte fand: „Macht euern Dreck alleene!“ Die Engländer (die aber ihren Cromwell hoch in Ehren halten) sind ob des „Mordes“ sehr böse, was ja begreiflich ist, da es ihre Politik in Griechenland war, die füsiliert wurde, und haben sogar die Beziehungen durch Abberufung des Gesandten gelöst, was man in Frankreich, wo man die Tinoleute nicht mag und Venizelos protegiert, keineswegs für nötig hält. Mussolini aber hat in einer Rede einerseits mißbilligend das Haupt geschüttelt über die robuste Manier, mit der man in Griechenland jetzt Politik treibt, andererseits erklärt, es gehe ihn schließlich nichts an, zumal in Lausanne grade im Augenblick unter Venizelos’ persönlicher Mitwirkung alle so gemütlich beisammen sitzen. Daß unsre „Demokraten“ aller Nuancen furchtbar empört sind über die entsetzliche Untat in Athen, ist nicht erstaunlich. Die Zehntausende, die sie haben seit 1919 in Deutschland massakrieren lassen, waren ja nur revolutionäre Arbeiter, aber keine königlichen Minister. Sie werden nun aber Gelegenheit finden, selbst wieder einmal vorzuführen, wie man mit Rebellen patriotischer Färbung verfahren muß. Es ist nämlich ein Wunder geschehn, so erstaunlich wie noch nie in dieser vorbildlichen Republik. Der Korvettenkapitän Erhardt ist in München verhaftet worden und sitzt schon in Leipzig, angeblich unter strengster Verwahrung, in Untersuchungshaft. Über dieses Ereignis hört man: Erhardt war, wie jeder Mensch außer der bayerischen Regierung und der Münchner Polizei wußte, meistens in Bayern. Als jüngst genaue Angaben über seinen Aufenthalt veröffentlicht waren, erklärte Schweyer, das wäre alles nicht wahr. Nun hat sich aber scheinbar Radbruch vergriffen und das Reichsgericht mit einigen Justizbeamten besetzt, die ebenso naiv wie er selbst, es mit ihrem republikanischen Bekenntnis ernst meinen. Kurzum, man beorderte von Leipzig aus einen Reichsgerichtsrat nach München, der sich den „Dr. v. Eschwege“ von Pasing in den Justizpalast kommen ließ und ihn dort als Erhardt verhaftete und unter großen Vorsichtsmaßregeln, damit die Münchner Polizei nichts erführe und etwa die grade in Massenversammlungen teutonisch vereinten Nationalsozialisten zu seiner Befreiung allarmierte, von Reichsorganen in den Schnellzug bringen ließ. Nun heißt’s, Erhardt wird nicht bloß wegen der Kappiade, sondern auch gleich vom Staatsgerichtshof wegen der Organisation C vorgenommen werden. Er wird sich nicht sehr zu ängstigen brauchen. Er wird einige Zeit Jagow in Gollnow Gesellschaft zu leisten haben, während ich ihn in Niederschönenfeld – als „Festungsgefangener“ etwas andrer Art – überdauern werde. Denn, hier gleich in Parenthese: der Verfassungsausschuß des bayerischen Landtags hat einen Antrag der Kommunisten auf allgemeine Amnestie für die politischen Gefangenen mit allen gegen die kommunistische Stimme abgelehnt. Auch die VSPD hat dagegen gestimmt! was in der „Oberfränkischen Volkszeitung“ (Hof) direkt wegzuschwindeln versucht wird. Mag’s denn hier vermerkt sein, daß die Auerochsen noch nie für unsre Freilassung zu haben waren, und es auch jetzt nicht sind, wo sie vor der Welt so tun, als wäre unser Schicksal ihr trübster Jammer und sie würden uns sofort erlösen, wenn sie wieder Minister sein dürften. Der arme Fischer-Gustl!, der da mitmachen muß! Er und seine paar ehedem Unabhängigen haben grade noch durchsetzen können, daß die Sozi einen eignen Antrag eingebracht haben, nach dem die Reichsamnestie von 1920 (!) jetzt auf Bayern anzuwenden sei. Natürlich ist das auch abgelehnt worden. Aber es ist bezeichnend für die Liebe dieser Brut zu uns, daß sie uns jetzt nach 4 Jahren – zum ersten Mal! – noch nicht mehr „Gnade“ zubilligen wollen, als die Bürger den Kappisten nach 4 Monaten gewährten. Und daß beispielsweise ich nicht wie Ludendorff, Traub und Schiele als „Mitläufer“ anerkannt würde, ist klar, zumal von ihnen selbst nicht, die eben deshalb keiner allgemeinen Amnestie zustimmen, um Leute wie mich, die ihre Verbrechen kennen und nennen werden, im Gewahrsam der ach, so reaktionären Regierung an Aufdeckungen verhindert zu wissen. Die Rechnung wird umso gepfefferter ausfallen. Ein entzückendes neues Schriftstück habe ich wieder mal in Händen: die Antwort des Landtags auf unsre letzte Eingabe, worin mitgeteilt wird, daß der Verfassungsausschuß über die Eingabe des Abg. Hagemeister und 16 Beteiligter (eigentlich ging das Ding unter meinem Namen) „vom 10. November 1922 um Umwandlung der Strafe der in Niederschönenfeld verwahrten politischen Gefangenen in Festungshaft“ beschlossen habe, zur Tagesordnung überzugehn. Das ist eine amtliche Bestätigung dafür, daß die an den zu Festungshaft verurteilten politischen Gefangenen vollstreckte Strafe in Festungshaft umgewandelt werden könnte, daß der bayerische Landtag jedoch kein Bedürfnis fühlt, sich mit dieser Forderung zu beschäftigen. Unsre parlamentarischen Freunde werden von diesem Dokument hoffentlich guten Gebrauch machen. – Ach, die Zeit drängt schon wieder, und ich habe noch nicht einmal von dem neuen politischen Ereignis gesprochen, das heute die Zeitungen füllt und grade für Bayern noch allerlei Folgen verspricht. Die interalliierte Botschafterkonferenz in Paris hat durch Poincaré dem deutschen Gesandten Mayer eine Note überreicht, die sich mit den letzten Fällen von Belästigungen ententistischer Militärkontrollkommissionen in Stettin, Passau und Ingolstadt befaßt. Die schon früher vom Reich geforderten Genugtuungen seien nur unzureichend gegeben worden, vor allem sei nicht um Entschuldigung gebeten sondern nur das Bedauern ausgesprochen worden(!). Auch sei die verlangte Sühne nicht gegeben worden. Dies bezieht sich auf Stettin und Passau. Inzwischen kam noch der Ingolstädter Fall dazu, und der veranlaßt die Entente jetzt, ultimativ und zwar von Bayern direkt Genugtuung zu verlangen. Der bayerische Ministerpräsident habe bis zum 10. Dezember den Alliierten einen Brief zu schreiben, in dem er um Entschuldigung bittet, ferner haben die Städte Ingolstadt und Passau je 500.000 Goldmark (das sind jetzt etwa 2 Milliarden Papiermark) Buße zu zahlen, widrigenfalls man sich in der Pfalz an den von dort nach Bayern zu leistenden Zahlungen, oder wenn das nicht ausreicht, im übrigen besetzten Rheinland schadlos halten werde. Knilling ist schon nach Berlin gereist. Das Geplärr ist fürchterlich, nicht gegen die Hanswurste, die die Autofenster eingeschmissen haben, sondern dagegen, daß man nachher noch Unannehmlichkeiten davon haben sollte. (Was hätten die Deutschen wohl an Sanktionen gefordert, wenn sie gesiegt hätten und im besetzten Nordfrankreich oder in Belgien wäre so was passiert?) Jetzt kann man sehr gespannt sein, wie Knilling sich aus der Affaire zieht. Natürlich muß er „erfüllen“ und den beschämenden Brief schreiben. Natürlich werden ihm die Völkischen dafür die Hölle fürchterlich einheizen, noch dazu im selben Augenblick, wo man in Bayern den entsetzlichen Verstoß gemacht hat, den steckbrieflich verfolgten Erhardt nicht vor einem Überfall reichsrepublikanischer Schergen zu schützen. Der „Miesbacher Anzeiger“ (der erfreulicherweise seit dem 1. Dezember wieder auf eine Postkarte hin ein Gratisexemplar schickt, – das einzige bürgerliche Blatt Deutschlands, das diesen Anstand aufbringt!) legt schon entsprechend los. Und grade jetzt soll sich auch der Landtag mit der Interpellation sämtlicher bürgerlicher Parteien befassen wegen der französischen Politik in der Pfalz, wo die Bevölkerung durch militärische Schikanen, Einquartierungen, Kasernenbauten, „Schwarze Schmach“ etc. schrecklich gepeinigt werde. Gleichzeitig ferner das Handausstrecken Poincarés nach dem linken Rheinufer überhaupt; – die Situation ist zum Bersten geladen. Ich hätte noch viel zu schreiben, vor allem auch noch Verschiedenes über Interna des Hauses. Ich mag nicht mehr. Der verdammte Füllfederhalter leistet mit Klexen und Wackeln andauernd passive Resistenz. Ob wenigstens Weihnachten diesem Leiden ein Ende macht? Gott geb’s.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 5. Dezember 1922.

Abschrift: „An den Herrn Festungsvorstand. Ich beabsichtige, eine Eingabe an das Justizministerium zu richten, die eine Anfrage über die Lebenssicherheit der Festungsgefangenen für den Fall bestimmter Ereignisse zum Gegenstand haben soll. Da ich keinesfalls den Verdacht aufkommen lassen möchte, in diesem Schritt könne ein Angriff gegen die Verwaltung beabsichtigt sein und im Gegenteil Wert darauf lege, die Formulierung der Eingabe zurückzustellen, bis ich mich dem Herrn Festungsvorstand gegenüber mündlich zur Sache geäußert habe, ersuche ich um eine Besprechung. N’feld 5. Dez. 22    Erich Mühsam

 

Mit diesem Schreiben an den Vorstand, das ich heut vormittag hier abschrieb und mittags einem Aufseher zum Abgeben übergab, hat es folgende Bewandnis. Wir haben erfahren – durch Andeutungen in Briefen, Versammlungsberichte in Zeitungen und Aeußerungen eines Besuchers –, daß Hitler seinen Leuten in einer Versammlung auch verraten hat, was er mit uns beabsichtigt. Er soll schauderhaft über uns geschimpft und dann erklärt haben, die Niederschönenfelder Revolutionäre würden einfach massakriert werden. (Vermutlich ist die Bereicherung seiner Schar durch den Ehrenjüngling Max Weber Ursache der Aufmerksamkeit, die uns seit bald 4 Jahren Eingeklosterte mit Morddrohungen beehrt.) Nun bin ich persönlich zwar von solchen Anrempelungen nicht leicht zu beunruhigen. Ich kenne die Atmosphäre erregter Volksversammlungen zu gut, um nicht zu wissen, daß dort viel leichter ein Wort gesagt als eine Tat veranlaßt wird. Trotzdem haben wir Ursache, uns um die Sache zu kümmern. Mag Hitler selbst nicht im Traum an die Ausführung seiner Ankündigungen denken, ich kenne doch auch die Menschen, die ihm zuhören, die sich von ihm begeistern lassen. Es sind bestimmt zum großen Teil dieselben Empörten, die 1919 uns nachliefen, und immer denen nachlaufen werden, von denen sie hoffen zur Betätigung ihrer urgesunden und durchaus achtbaren Aktionswut geführt zu werden. Das Unglück dieser naiven Rebellen ist, daß sie ganz unkritisch sind und garnicht überlegen, welche Konsequenzen aus ihrem Tun erwachsen können. Ich werde nie leugnen, daß im Anhang Hitlers – sowohl bei den verirrten Proletariern, als auch bei seinen Studenten und Offizieren, ein hohes Maß opferfreudigen Idealismus lebendig ist – Männer wie Fischer und Kern beweisen es eindringlich –, ja, daß sogar wirklich revolutionäres Gefühl in ihnen die treibende Kraft ist. Das bezeugt z. B. die scharfe Ablehnung des Parlamentarismus, die von Hitler, Xylander, Gräfe, Hergt etc. gepredigt wird, die Einsicht, daß Kampf die Einsetzung jedes einzelnen Körpers, jedes einzelnen Lebens bedingt und nie durch Wählerei, Abstimmerei und Vertretung durch Schwatz- oder Zählbonzen ersetzt werden kann. So heftig ich die Völkischen in sämtlichen sachlichen Aufstellungen bekämpfe, mit einer Gegnerschaft, die nirgends die geringste Möglichkeit zur Verständigung läßt, so erkenne ich in ihnen doch aufrechte Gegner an, die mit revolutionärem Schmiß gegen die bestehende Republik ankämpfen. Sie sind der Auffassung, es sei 1918 ein furchtbarer Umsturz erfolgt, der revolutionär eliminiert werden müsse; ich bin im Gegenteil der Auffassung, daß 1918 der Umsturz, wie er nach der Kriegs- und Niederlagenkatastrophe hätte sein müssen, nicht fertig gebracht wurde, und daß daher eine wirkliche konzessionslose Revolution noch erfolgen muß. Es wäre ganz töricht, sich in solchen Betrachtungen, die ganz natürlich eine gewisse instinktive Sympathie für den Gegner in sich schließen, beirren zu lassen durch die Erwägung, daß bei den Nationalsozialisten noch üblere Elemente zu finden sind als wir sie auch hatten (obwohl es die Frage ist, ob die Dosche etc. besser sind als die der jeunesse dorée entsprungenen Deklassierten ähnlichen Kalibers. Schließlich war ja Weber-Max unsrer Sache ein ebenso ergebener Vertreter wie jetzt der Hitlerschen. Wenn dort der Karren mal umkippt, wird er genau den Weg zurückgehn, den er gekommen ist, zuerst Spitzel bei den Nationalsozialisten machen und dann offen zu deren Feinden gehn, sofern die ihn nicht mehr kennen sollten). Der Idealismus der Völkischen ist unbeschreiblich töricht, schon weil er als Ziel einen Zustand proklamiert, der bereits der Vergangenheit angehört und fürchterlich Fiasko gemacht hat, und weil er seine Feindschaft nicht gegen die Vertreter von Einrichtungen und Grundsätzen schlechthin wendet, sondern sozusagen entpersonifiziert[,] und die Abstammung der Menschen, also Dinge, die von Natur wegen außerhalb der persönlichen Bestimmung liegen, zum Kriterium der Beurteilung macht. Dies alles darf aber nicht dazu führen, den Idealismus zu mißachten, der diese Menschen bewegt, mag er sie selbst zu Blödsinnigkeiten führen. Daß sie den von Hitler empfohlenen Irrsinn begehn werden, sich an wehrlosen Eingesperrten zu vergreifen, glaube ich kaum. Umso eher aber ist zu befürchten, daß ihre Lockspitzel so ein Wort aufnehmen und damit Geschäfte machen könnten; und nachher ist’s dann zu spät. Ich will nun Herrn Hoffmann sprechen, um ihm in aller Offenheit meine Bedenken zu sagen, ihm vor allen Dingen nahezulegen, die Schupo, die immer noch mit Gewehren um das Haus herumsteht, endlich wegzunehmen, um nicht fortgesetzt neue Beunruhigung zu schaffen. Die Hakenkreuzkundgebung der Grünen war ja bezeichnend genug, und die Antwort des Herrn Kraus auf meine Beschwerde erst recht: daß keinerlei Anlaß besteht, die Leute wegzuziehn und daß man Vorsorge getroffen hat, daß sie das Anmalen von Hakenkreuzen unterlassen. Mit andern Worten: sie werden zwar verhindert, ihre völkischen Absichten, die Juden zu erschlagen, vorher anzukündigen, aber die Gelegenheit, es zu tun, wird ihnen nicht gekürzt. – Ich wurde lange aufgehalten durch einen Besuch Sefferts, und ich bin nicht recht mehr gelaunt, weiterzuschreiben. Die Zeitungen, die hereinkamen – es sind eine ungewöhnliche Menge zurückgehalten – sind voll von der neuen Ententenote und von dem Pech Erhardts, beides Dinge, die die Aktionsfreudigkeit der Hitlergarden stark anzufeuern sehr geeignet sind. Ich werde jetzt abwarten, ob mich der Staatsanwalt rufen läßt und mich sehr vorsichtig dabei verhalten. Denn die Frauen beabsichtigen einen Besuch bei Gürtner, um uns zu Weihnachten unbeaufsichtigt besuchen zu können. Adolf Schmidt hatte schon eine Besprechung deswegen auf dem Justizministerium und sieht die Chancen als nicht aussichtslos an. Die Freude möchte ich weder uns noch unsern Frauen verschütten. Allerdings bin ich außerordentlich skeptisch und sehe bis jetzt keinen Anlaß, von bayerischen Justizbehörden, deren Kunst sich bisher völlig darin erschöpfte, nach links Rache, nach rechts Verzeihung zu üben, ausgerechnet gegen uns Menschenfreundlichkeit zu erwarten. Sollte Dr. Gürtner uns eines besseren belehren wollen, sollte es mich sehr freuen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 8. Dezember 1922.

Wenn ich jetzt weniger regelmäßig an mein Tagebuch gehe, so ist daran nicht allein die häufige Ablenkung durch Besuche (Seffert und – Karpf, mit dem ich nun doch wieder im Lot bin) oder Geselligkeitsfreuden (gestern wieder Bibs’ Geburtstag) schuld als der verdammte Füllfederhalter, der mich nur mit Ängsten vor ein Blatt Papier setzen läßt. Zenzl ist bemüht, Ersatz zu schaffen. Doch werde ich wohl bis Weihnachten mindestens warten müssen und solange wird dies Heft noch viele Klexe aushalten müssen. Alles Versäumte nachzuholen ist kaum möglich. Ich notiere zunächst das, was in den Zeitungen nicht steht und also nicht aus andern Quellen rekonstruiert werden kann. Vorgestern ließ mich der Vorstand vom Hof weg zum Rapport holen. Das Gespräch bewegte sich in den konziliantesten Formen. Von Hitlers Drohungen hatte Herr Hoffmann garkeine Kenntnis und war zu[nächst] sehr darauf aus, den Wortlaut kennen zu lernen. Ich empfahl ihm, mir die Garantie zu geben, daß ich meine Frau anfragen und sie mir völlig objektiv die Wahrheit schreiben könne, ohne daß uns die Zensur dazwischen käme. Aber das war ihm zu „zweischneidig“. Er könne nicht wissen, was vielleicht sonst noch in dem Brief stehn könne „von Rosen oder Vergißmeinnicht oder sechstes Wort oder achtes Wort oder groß geschrieben oder klein geschrieben“ – und bei diesem Auskramen seiner genauen Eingeweihtheit in unsere Geheimverständigungs-Methoden wurde hin- und herüber in der fröhlichsten Laune gelacht. Ich bestritt natürlich nichts dergleichen, dachte mir aber im stillen: Was nützt dir diese Kenntnis, da ihr garkeine Möglichkeit habt, zu kontrollieren, wann und wie diese Methoden benützt werden? – In der Sache selbst riet er mir, meine Absicht, ans Justizministerium zu schreiben, auszuführen und war sichtlich bestrebt, die Unannehmlichkeit, daß ich allen Argwohn auf die Polizeitruppe häufte, auf die höheren Instanzen abzuwälzen. Ich habe gestern die Eingabe an das Justizministerium abgeschickt. Da steht alles konzentriert drin, worum sich das Gespräch drehte. Von pikanten Einzelheiten der Unterhaltung mag bloß noch die Frage notiert werden, ob ich denn im Ernst für möglich halte, daß Hitler und Roßbach – der in München bevorstehende Taten der Nationalsozialisten in aller Form angekündigt hat, – wirklich losschlagen werden. Ich erklärte, daß ich die Leute die hinter Hitler stehn, doch genau kenne, da sie großenteils personengleich seien mit denen, die im März 19 hinter mir standen. Damals war in Ungarn grade die Räterepublik ausgerufen worden, jetzt habe Mussolini seinen Erfolg in Italien. Ich könne mich also bei der Parallelität der Fälle genau in die Situation hineindenken, in der Hitler ist, da ich selbst in derselben Situation war. Herr Hoffmann war sehr interessiert, meinte aber, er könne sich auf ein Gespräch über Politica natürlich nicht einlassen. – Wegen des Zeitverlusts der letzten Tage, und da ich auch heute nicht mehr viel Zeit vor mir habe, begnüge ich mich mit diesen paar Andeutungen und wende mich in aller Kürze der politischen Lage zu. Die wird innenpolitisch stark beherrscht durch die nach Erhards Verhaftung und durch die Ententenote geschaffene Atmosphäre. Beide Fälle konzentrieren die Aufmerksamkeit wieder auf Bayern, und der Prozeß gegen die Herren Hustert und Öhlschläger wegen des Blausäure-Attentats auf Scheidemann vor dem Leipziger Staatsgerichtshof hat die Luft in derselben Richtung noch kräftiger in Schwingung gesetzt. Beide sind zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. (Ehrlos ist nach dem Urteil jeder, der von hinten und in Gegenwart der Angehörigen das Opfer angreift. Arco schoß Eisner von hinten und zwar von der Seite der Frau weg. Ihm wurde die Ehrenhaftigkeit ausdrücklich bescheinigt. Lindner, der in der Erregung über den Mord von vorn auf Auer zutrat und ihn am Ort seiner politischen Wirksamkeit angriff, handelte ehrlos. Bayern!) – Die Deutsche Zeitung knüpft an die Verhaftung Erhards, bei der recht sonderbare Dinge bekannt wurden, nämlich, daß er vor garnicht langer Zeit in Berlin mit offiziellen Stellen über die oberschlesischen Verhältnisse konferiert und danach in Leipzig vernommen wurde, ohne hier oder dort behelligt zu werden, eine Frage, die auch mich stark beschäftigt. Werden seine Getreuen den Schlag, der gegen ihr Oberhaupt geführt wurde, ohne Gegenreaktion hinnehmen? Die Luft ist sicher wieder voll von Plänen, wenn es auch scheint, als gäbe es unter den Nationalisten einander bitter feindliche Strömungen, und einige argwöhnen sogar, daß die Verhaftung Erhards auf Machenschaften der andern Richtung (Römer) zurückzuführen sei. (Die Parallele mit unsern Tagen ist auch hier bezeichnet: aber hätten die Parteikommunisten damals nur rechtzeitig geäußert, daß sie die Aktion boykottieren würden!). Nun erfährt man aber weitere verblüffende Dinge. Mussolini war ganz kurz vor der Neapler Parade in München und konspirierte dort mit prominenten Nationalisten (Ludendorff?). Die sollen ihm in voller Vertrauensseligkeit alles erzählt haben, was sie meinen und beabsichtigen. Der alte sozialdemokratische Bonze aber war gerissen genug, die Rolle ihres Freundes vor ihnen durchzuhalten, um dann, als Ministerpräsident seine Kenntnisse haarklein seinen französischen Verbündeten zu verraten. Daher beschimpfen ihn die Deutschvölkischen jetzt auch als Judas – ferner wird gemeldet, Bayern habe jüngst beim belgischen Hof angeklopft, wie man sich zur Wiederherstellung der Monarchie der Wittelsbacher stelle (und die Königin in Belgien ist von der Familie). Darauf soll nicht Belgien, sondern Frankreich und die Tschechoslowakei geantwortet haben – und zwar sehr kräftig abwinkend. Zwar dementiert die Knilling-Regierung, daß derartige Noten bei der Regierung eingetroffen seien, woraus zu schließen ist, daß man eben nicht bei der Regierung, sondern bei deren vorgesetzten Stellen etwa beim Klerus, gewarnt hat. Die Regierung wird ja auch nicht selbst in Brüssel angefragt haben. Indessen läuft übermorgen der Termin ab, bis zu dem Knilling seine Entschuldigungsschreiben wegen Passau und Ingolstadt abgeschickt haben muß. Ganz Bayern ist wieder ganz nationale Würde und Knillings eigne Partei, sowie auch die Mittelpartei – also die Auftraggeber der Regierung – erklären übereinstimmend, daß sich Bayern nie im Leben derartig demütigen dürfe! Natürlich wollen sie auch die 2 Milliarden für die zerschmissenen Autoscheiben nicht zahlen. Da sie ja aber keine reichsdeutschen Erfüllungsminister gegen sich haben, werden sie bei einem Konflikt mit sämtlichen Ententeregierungen wohl eine ziemlich schwierige Position kriegen. Ihre Ausrede ist, daß die Kontrollkommission damals ankam, ohne daß die Stadtbehörden davon Kenntnis hatten. Die Fensterscheiben-Einschmeißer aber hatten merkwürdigerweise Kenntnis. Na – mir kanns’s ja egal sein. Möglich ist immerhin, daß Knilling schon nach den paar Tagen über die Sache stolpert, und Cuno sitzt nicht minder in der Patsche. Bleibt man renitent, dann macht die Entente Menkenke. Erfüllt man, bringt man die Völkischen hoch. – Soviel von Deutschland für heute. Auf dem politischen Theater der großen Welt interessieren am meisten die Vorgänge in Lausanne, wo die Türken und Engländer – die ersteren mit lautem Tamtam sekundiert von Tschitscherin – wegen der Meerengenfrage schroff gegeneinander stehn, sodaß die Sprengung der ganzen Konferenz möglich ist. In diesem Falle wäre die Kriegsgefahr fraglos wieder sehr groß. – In Griechenland scheint der neue König den Rebellionsgeneralen unbequem zu werden. Man spricht von der bevorstehenden Ausrufung der Republik. – Das kann fürs Erste genügen. Ich hoffe, mich bald wieder den Streikereignissen zuwenden zu können (sowohl der große Pfälzer als auch der interessante Bühnenstreik in Berlin ist noch im Gange). Über die Wirtschaftsverhältnisse wird die Londoner Besprechung neue Betrachtungen ermöglichen, wo wohl entschieden wird, ob man die Brüsseler Reparationskonferenz überhaupt noch machen soll, ober ob die Völker schon für fähig erachtet werden, den Schwindel all dieser Quatschereien zu beurteilen. – Von Niederschönenfeld ist die große Überraschung zu vermerken, daß Hartig zum 17. Dezember seine Bewährungsentlassung bekommen hat. Der erste 7jährige! und damit ist auch die Hoffnung neu belebt, daß die mit der Entlassung Condulas abgerissene Strähne der Entlassungen wieder fortgeknüpft wird. Noch viele hoffen, vor Weihnachten rauszukommen. Ich wäre für jeden froh. Je weniger wir zurückbleiben, umso eher werden menschenmögliche Behandlungsmethoden zu erhoffen sein.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 9. Dezember 1922.

Ein kurzes Nachwort noch zum Leipziger Klystierspritzenprozeß, in dem Philipp Scheidemann persönlich als Nebenkläger seine Sache vertrat. Dabei hielt er eine Verteidigungsrede gegen die Angriffe der beiden Giftspritzer, die sein Charakterbild prächtig vervollständigt. Er bestätigte im Ton tief gekränkter Unschuld, was wir von je gewußt haben: daß ihm mit der Behauptung, er habe an der Revolution Schuld, er habe an der Monarchie Verrat geübt, bitter Unrecht geschehe. Grade an der Monarchie hat er gewiß keinen Verrat geübt, wohl aber an alledem, was er den Arbeitern nur je als seinen Willen und seine Aufgabe vorgeschwindelt hat: am Sozialismus, an der Revolution, am Proletariat. Philippchen hat das jetzt selbst in überführender Weise zu Protokoll gegeben: Zunächst daß er ganz gewiß kein Republikaner ist, es auch niemals war. Er habe schon Ende Oktober 18 bei Max v. Baden Vorhaltungen gemacht: wenn der Kaiser nicht rechtzeitig für seine Person dem Thron entsage, dann werde „das Allerschimpflichste“ eintreten. Das Allerschimpflichste! Nämlich die Entthronung der ganzen Dynastie; die Errichtung der Republik! Und heute noch rühmt sich der erste Reichskanzler eben dieser Republik dieser Auffassung, um ein paar völkischen Jünglingen zu beweisen, daß sie ihm ganz mit Unrecht für einen Feind dessen hielten, was sie anbeten. Dann kam auch die Revolution selbst dran, und Scheidemann versicherte, wie sehr die ihm contre cœur gegangen sei. Als die Nachricht vom Ausbruch der Kieler Meuterei kam, da sagte er gleich zum Prinzen Max: „Sehn Sie! Da haben wir nun das furchtbare Unglück!“ Und dieser Bursche gilt heute noch den Deutschen als Repräsentant der Revolution, er, der dem „furchtbaren Unglück“ sofort dadurch begegnete, daß er Noskes Entsendung nach Kiel durchsetzte, damit der seinem angestammten Kaiserhause die aufsässigen Matrosen wieder zuführte. So begann Noskes Laufbahn als professioneller Oberhenker der kapitalistischen Konterrevolution. – Wenn aber die verrannten Gläubigen hysterischer Restaurationsprediger ihre Wut ausgerechnet an Scheidemann auszutoben versuchen, dann reden die „revolutionären“ Führer ihren Arbeitern ein, es handle sich um revolutionäre Solidarität und das Proletariat müsse auf die Schanzen. Statt zu sagen: Das sind reine Familienangelegenheiten der Reaktion unter sich. Mögen sie sich gegenseitig die Schädel einschlagen. Für uns kommt die Zeit dann, wenn ihr im Geraufe seid, nicht um Partei zu nehmen, sondern uns als lachende Dritte zu nehmen, was uns gebührt und worum ihr euch prügelt. – Morgen läuft das Ultimatum der Botschafterkonferenz wegen der Passau-Ingolstädter Affairen ab. Inzwischen hat der bayerische Landtagspräsident Königbauer gewaltig Protest eingelegt, und zwar mit keinem Wort gegen die Bübereien der Nationaille, wohl aber gegen die Erpressung der Alliierten. Die „Münchner Post“ ist dann auch sehr entzückt von der ruhigen Würdigkeit dieser Verwahrung. (Man steht nämlich in Opposition gegen die ganze bayerische Politik). Herr Knilling ist von Berlin zurück, wo Herr Cuno mit Hilfe sämtlicher deutscher Ministerpräsidenten beraten hat, was man tun könne, um einerseits die Alliierten nicht böse zu machen, andererseits erst recht Bayern nicht zu kränken. Bis jetzt ist noch kein sicherer Beschluß gemeldet. Es heißt nur, man wolle die Entschuldigung aussprechen, aber die Straf-Million nicht bezahlen, sondern deswegen einen Schiedsgerichtsspruch herbeiführen, will heißen Zeit gewinnen, womit denn wieder die letzte Weisheit deutscher Politik gefunden wäre. Aber wie der „Vorwärts“ wissen will, soll Knilling auch strikt bei der Weigerung geblieben sein, den Entschuldigungsbrief zu schreiben, und nun soll der Ausweg gefunden sein, daß die Reichsregierung ihm diese Aufgabe abnimmt. Damit würde man allerdings viel auf einmal erreicht haben, nämlich zunächst, daß die bayerische Regierung sich dick hinstellen könnte und rufen: zu dieser Selbstentmannung hätten wir uns natürlich im Leben nicht hergegeben, aber wir konnten das Reich doch nicht hindern, so jämmerlich zu sein wie es mag. Dann hätte man erreicht, daß den Ostelbien-Bajuwaren das Stichwort gegen die „bolschewistische“ Cuno-Stinnes-Regierung gegeben wäre, und drittens, daß die Alliierten sich, da beide Forderungen nicht in der gewünschten Weise erfüllt würden, unbefriedigt erklären und noch ganz anders auftreten werden. Es sieht also vorläufig noch durchaus nicht so aus, als ob der Fall erledigt wäre, und man kann noch eine ganze Menge von Komplikationen und politischen Folgerungen in Bayern und im Reich daraus erwarten. – Zugleich sollen sich die Herren in Berlin auch über eine Note verständigt haben, die das Reichskabinett noch vor Zusammentritt der Londoner Premier-Konferenz in der Reparationsfrage loslassen solle. (Übrigens: das parlamentarische System kennzeichnet sich nirgends hübscher als durch solche Regierungskonventikel wie jetzt das Berliner, die die „demokratischen“ Stimmidioten in allen wichtigen Angelegenheiten vor fertige Tatsachen stellen). Was man bisher von dieser Note hört, läßt darauf schließen, daß sie ganz und gar mit den Vorschlägen garniert ist, die für den Fall des Sturzes der Wirth-Regierung von der Stinnes-Gruppe in Aussicht gestellt waren. Es ist wieder von den 20 Milliarden Goldmark Anleihe die Rede, für die die Schwerindustriellen die Garantie übernehmen wollen. Cuno scheint also seine Rolle textsicher herunterspielen zu wollen. Wir werden sehn, was die nächsten Tage bescheren werden. Der Dollar hält sich zur Zeit merkwürdig lange auf ziemlich gleicher Höhe 8000 – 8500 Mark). Als Zeichen der wirtschaftlichen oder politischen Stabilität sehe ich das freilich nicht an, sondern, nur als Zeichen des Zweifels in den Spekulantenkreisen, ob sie auf Hausse oder Baisse wetten sollen. – Vom Hause: nach Hartig erhielt heute auch Bauer die Eröffnung, daß er am 20. Dezember entlassen wird. Er hat im ganzen 3½ Jahre und rettet 1¼ davon. Die Quelle, die schon ausgetrocknet schien, läuft also wieder. Weniger erfreulich ist, daß auch der Born der Einzelhaftdisziplinierungen, der seit Juli versiegt war, heute seine Schleusen zum erstenmal wieder geöffnet hat. Der Betroffene ist Schiff, die Gründe sind uns „Verrätern“, also allen außer der Gruppe Wuchtig, bis jetzt unbekannt. Vielleicht hat sich der Hanswurst von seinen Freunden wieder mal in eine recht blöde „Aktion“ hineinrennen lassen. Sie habens noch nie gemerkt, wessen Geschäfte sie mit ihren Charakterübungen eigentlich besorgen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 11. Dezember 1922.

Im Hause geht’s unruhig zu. Die Gnadenflut, die plötzlich wieder eingesetzt hat, ist noch mitten im Sprudeln. Die Begnadigung Hartigs bringt diejenigen, deren ganzes Erleben sich in der Qual des Heimwehs erschöpft – und das sind nicht wenige – ganz aus dem Häuschen: und nachdem heute auch noch Glaßer die Eröffnung erhalten hat, daß seine Zeit am 18. Dezember herum ist – der Titel seiner Begnadigung heißt, wieder mal neu: „Strafaussetzung auf Bewährungsfrist“ – sind natürlich manche Genossen in ihren Erwartungen ungemein nervös, so Bedacht, der mit Hartig zusammen vor Gericht stand und bloß 5½ Jahre bekam (anders als mein guter Ernst Ringelmann mit seinen 6 Jahren vom gleichen Prozeß, der sich nicht aus seiner unerschütterlichen Ruhe bringen läßt), und natürlich sind erst recht die mitteldeutschen Beteiligten in Spannung (Hans Köberl z. B., der überhaupt bloß noch 4 Monate vor sich hat, treibt’s ruhelos herum; so wie ihn habe ich nie einen Menschen unter der Haft leiden sehn). Die haben immer noch keine Nachricht, was der Reichsamnestieausschuß über sie verhängt hat, obwohl sie wissen, daß ihr Fall schon im Oktober vom Ausschuß erledigt wurde. Sie wissen bis jetzt nur, daß die Entscheidung jetzt beim Staatsministerium der Justiz in München liegt, was begreiflicherweise großen Pessimismus bei ihnen verursacht. Der Skandal des an ihnen verübten Rechtsbruchs stinkt allerdings täglich niederträchtiger zum Himmel. Sie lesen in den Zeitungen, daß sich im ganzen Reich selbst auch die Zuchthaustore für die Führer der Bewegung geöffnet haben, bei der sie nur als belanglose Mithelfer gewirkt haben, ja – auch die vom Amnestiegesetz nicht ohne weiteres mitbegriffenen Genossen im Reich, die unter Anziehung des Sprengstoffgesetzes verurteilt wurden, sind fast alle schon freigelassen worden, zuletzt auch die Beteiligten des Dynamitattentats auf die Berliner Siegessäule (in diesen Tagen soll sich entscheiden, ob auch Ferry, der Haupttäter dabei, amnestiert wird). Aber Bayern straft seine Landeskinder hart dafür, daß sie halt Bayern sind und züchtet dabei Gefühle, an denen die heutigen Drahtzieher dieser Narrenpolitik noch einmal bitter zu würgen haben werden. Gewiß gönnt hier – ich will mal sagen: fast jeder den Genossen, denen die Gnadensonne vorzeitig scheint, ihre Freude. Trotzdem ist die Erbitterung zu verstehn, die etwa die überraschende Entlassung Glaßers, der persönlich durchaus beliebt ist, erweckt. Glaßer war einer der wichtigsten Führer in den Aprilkämpfen. Er war Kommandant der roten Artillerie und blieb bis zum Zusammenbruch auf seinem Posten. Da er lange flüchtig war, und infolgedessen erst prozessiert wurde, als schon die wildeste Rachewut der Bourgeoisie verraucht war, bekam er nur 3 Jahre Festung, also weniger als viele einfache Rotgardisten. Dann gab man ihm Strafaufschub, wie kein Mensch zweifelt[,] wegen seiner gesellschaftlichen Position als Fabrikdirektor. Nun hat er von seinen 3 Jahren noch nicht 10 Monate gemacht, also weniger als ein Drittel seiner Zeit und kommt heraus. Was müssen da Menschen empfinden, wie unser Bibs, der ebenfalls 3 Jahre bekam, der keine großartige Führerrolle bekleidete, dem das Gericht selbst schon Bewährung nach 2 Jahren zubilligte, und dem dann die Justizbehörde das dritte Jahr ohne Urteil einfach wieder auflud, wegen „schlechter Führung“ am Strafort, deren Art niemals auf alle Anfragen anders bezeichnet wurde als mit der Behauptung, er zeige „keine Reue und keinen Besserungsvorsatz“, und der nun in 3 Wochen seine Gesamtzeit bis zum Ende gemacht haben wird. Keiner zweifelt, daß Glaßer – dem die Bewährung nicht vom Gericht sondern vom Justizministerium direkt bewilligt wurde und zwar nicht einmal in Genehmigung eines Gesuchs um Freilassung, sondern bloß um 4 Wochen Urlaub – nur weil er einen bürgerlich-geachteten Beruf hat[,] so erstaunlich bevorzugt wird. Sonst spielt nur die politische Gesinnung noch eine Rolle – und unter den Entlassungsbescheiden oder den Ablehnungen von Gesuchen spielt ja das Wort „Besserung“ stets im Sinn von politischer Staatsgefügigkeit in diesem eigenartigen Lande eine hervorragende Rolle. So ist also die Stimmung im Hause gemischt aus freudiger Erregung angesichts der erhofften Massenentlassungen vor den Feiertagen, und aus zorniger Kritik gegen die völlig gewissenlose Art, in der hier „Gerechtigkeit“ geübt wird. Nun, vielleicht werden die zahllosen Flüche, die her drinnen gegen die Bayerische Politik jeden Tag bald laut werden, bald still und dann noch kräftiger ausgelassen werden, nicht mehr sehr lange Zeit mit diesem Objekt zu tun haben. Die Passau-Ingolstadt-Geschichte ist, wenn nicht alle Zeichen trügen, noch lange nicht zu Ende. Was im Rat der Weisen in Berlin beschlossen wurde, ist immer noch ungewiß. Doch scheint sich die Nachricht zu bestätigen, daß das Reich von sich aus alles erfüllen will, sowohl die Briefschreiberei als auch die Bezahlung der 2 Papiermilliarden für zerbrochene Autofenster. Bayern aber will garnichts tun, und auch nicht einmal die Beamten entlassen, die die Entente als Opfer verlangt. Heute treten nun die Ministerpräsidenten der 4 Hauptsiegerstaaten in London zusammen, und es heißt, daß sie sich in erster Linie auch mit der Bayern-Note und ihren Folgen beschäftigen wollen. Ich glaub’s im ganzen Leben nicht, daß sie sich mit einem Brief Cunos oder Rosenbergs zufrieden geben werden, da sie ja diesmal gezeigt haben, daß sie grade von Bayern die Demütigung verlangen. Zudem lesen sie die bayerische Presse und so auch z. B. den Fränkischen Kurier, der in aller Form zu neuen Taten der Passau-Ingolstädter Art Stimmung macht. Er prophezeit, Ingolstadt werde nicht die letzte Station auf diesem Wege sein und beruft sich darauf, auch richtig prophezeit zu haben, daß Passau nicht die letzte Station bleiben werde. Zugleich macht das Blatt gegen die Tschechoslowakei scharf und verlangt Widerstand, was auch kommen mag. Das ist nur eine Stimme. In Bayern gibt es aber unter den einflußreicheren und unter den Provinzblättern fast keine andre. Da müssen sich ja die Ententediplomaten sagen, unter diesen Umständen, und wenn die Spesen aller bayerischen Unternehmungen einfach auf Reichskonto übernommen werden, sind ja die Kontrolloffiziere dauernder Lebensgefahr ausgesetzt. Ich sehe also voraus, daß die Gescheitheit, die in Berlin ausgesotten wurde, noch allerlei Kopfkratzen nach sich ziehn wird. Die Franzosen und Belgier werden sich ja erinnern, wie die Deutschen 1914 und 15 mit Franktireurs (und was sind diese steinwerfenden Nationalisten anderes?) umgesprungen sind und werden ihnen es entsprechend in Gegenrechnung stellen. Besuch. Schluß für heute.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 13. Dezember 1922.

So kurz wie möglich. Denn ich muß noch verschiedene Briefe zum „billigen“ Satz von 12 Mark erledigen. Was morgen mittag nicht aufgegeben ist, kostet schon 25 Mark, und die Postkarte z. B., mit der ich Margrit Faas für eine Obstsendung, die gestern ankam danken will, bringe ich heute noch für 24 Mark los, während sie morgen schon 50 kosten würde. Bis jetzt hat die Verwaltung noch nicht bekannt gegeben, ob sie auf diese neue Steigerung aller Portokosten das Wochengeld, das jetzt 100 Mark beträgt, hinaufsetzen will. Aber selbst wenn sie es verdoppelt, bedeutet das für uns bloß, daß wir unsre Briefe allenfalls weiter erledigen können. Für das uns nach der Hausordnung zustehende Recht, uns Nahrungszusatz zu kaufen, bleibt dank der Anordnung, daß Briefmarken nicht in Natur hereingeschickt werden dürfen, kein Geld übrig, was in der Wirkung eine fühlbare Schwächung unsrer Körperkräfte mit sich führt. Denn das Essen in der Anstalt ist in letzter Zeit, sowohl was die Qualität und Quantität wie auch die Abwechslung betrifft, ganz empfindlich reduziert worden. Sogar mit der täglichen Fleischspeise ist seit gestern Schluß gemacht worden. Gewiß hat es auch früher eine Zeit gegeben, wo wir manchmal bloß Suppe, Gemüse und Kartoffeln bekamen. Aber damals konnten wir uns noch Fett aufs Brot schmieren und hatten stets ein Stück Wurst oder andre „Brotzeit“ im Privatbesitz. So wird’s hier immer ekelhafter und die Verwaltung erfindet auch immer noch neue Verbote, ohne daß je ein altes beseitigt würde. Ein Beispiel: Toller heftete an seine Tür einen Zettel mit der Bekanntgabe, daß er seiner Arbeit wegen zu bestimmten Tagesstunden nicht gestört zu werden wünsche. Noch nie ist derartiges beanstandet worden. Heute bedeutete ihm ein Märtyrer, daß dergleichen Anschläge vom Vorstand „genehmigt“ werden müßten. Bei der Generalreinigung der Zellen verschwanden in diesen Tagen überall, selbst aus Kästchen und Schachteln, die Nägel und Schrauben, mit denen wird durch Zwischenstecken in die Türklinken-Löcher die Zusperrung der Zellen zu bewirken pflegen. Wahrscheinlich wird nun auch noch ein Verbot der Abschließung der Türen folgen, das jede Möglichkeit zu ungestörtem Arbeiten verschütten würde. – Zur politischen Lage. Die Antwortnote auf Poincarés – oder vielmehr der Botschafterkonferenz – Passau-Ingolstadt-Forderungen ist veröffentlicht. Das Reich hat gezahlt und sich entschuldigt, verweigert aber die geforderte Absetzung der Bürgermeister, weil die nicht von oben ernannt, sondern von den Stadträten gewählt seien, was die Herren in Paris wohl wenig interessieren wird. Knilling hat seinerseits im Haushaltsausschuß des bayerischen Landtags eine ausführliche Rede losgelassen, die bei aller diplomatischen Vorsicht in der Form drüben zweifellos als neue Provokation aufgefaßt und voraussichtlich als Vorwand benutzt werden wird, um der Reichsregierung eine grobe Zurückweisung zuteil werden zu lassen. Ich habe nicht die Empfindung, als ob mit der gegenwärtigen „Lösung“, die einen neuen Sieg des intransigentesten Bayerns bedeuten würde, die Angelegenheit behoben wäre. Die Londoner Konferenz ist schon wieder zu Ende. Cuno hat noch rechtzeitig neue Vorschläge unterbreitet, in denen er weitgehende Konzessionen macht und die Wirth-Note vom 14. November, deren Nichtannahme sämtliche in London versammelte Minister ja schon vorher verkündet hatten, sehr weitherzig zugunsten der Sieger „kommentiert“. Trotzdem heißt es in dem von den Herren beim Auseinandergehn erlassenen Communiqué, daß sie die Vorschläge des deutschen Reichskanzlers einstimmig als unzulänglich abgelehnt haben. Man hat sich nun erstmal bis zum 2. Januar vertagt. Dann soll unter allen Umständen eine Entscheidung getroffen werden, die feststellen soll, ob und wieviel Deutschland beim nächsten Zahlungstermin zu leisten hat (15. Januar) und ob, in welchem Umfange und für wie lange ein Moratorium bewilligt wird, bzw. auch was für Sicherheiten die Alliierten dafür verlangen werden. Dies alles kann ich weiterhin zurückstellen. Die Hauptsache ist, daß man mal wieder 3 Wochen alles hinausgeschoben hat. Fröhliche Weihnachten! Als recht bedeutsam aber kann schon jetzt konstatiert werden, daß die Vertrauensregierung der Patrioten sich als viel erfüllungsbereiter erweist als die verlästerte Wirth-Regierung, und daß die Hauptfeinde Wirths Cuno grade darum loben, weil er eine „aktive Außenpolitik“ treibt. Richtig ist dabei, daß der gewitzte alte Kaufmann Cuno zweifellos ein viel persönlicheres Gehaben an den Tag lebt, als irgendein Mitglied des Wirth-„Kabinetts der Persönlichkeiten“. Allerdings scheinen die Völkischen schon jetzt recht ergrimmt zu sein über die opportunistische Politik auch der neuen Reichsregierung, und vor allem plärren sie in Bayern heftig wegen des Entgegenkommens in der Passau-Ingolstadt-Sache und wegen der Verhaftung Erhardts. Unser früherer Justizminister Roth hat kräftig drauflosgeschlagen und eine „nationale Diktatur“ verlangt (Hitler ?). Amüsant ist, daß er damit nirgends so angefahren ist wie bei der Bayerischen Volkspartei. Bricht diese Freundschaft mal auseinander, dann wird in Bayern vieles möglich, – und vielleicht haben auch wir was davon. Zunächst sieht’s allerdings in Bayern nicht aus, als wollte man grade in Justizdingen mal das Gerechtigkeitsprinzip versuchen. Dafür ist aber jetzt aus dem Reich eine erfreuliche Entscheidung zu melden. Die Reichsregierung hat das italienische Auslieferungsbegehren für Ghezzi abgelehnt und ihn freigelassen. Jetzt: wo nicht mehr der Sozialdemokrat Radbruch, sondern der Deutsche Volksparteimann Heinze die Justiz unter sich hat! Der arme Radbruch, der das Schicksal der Genossen Fort, Conception und Boldrini auf seinem Ministerkonto lasten hat, muß doch bittere Empfindungen haben, wenn er sieht, wie plötzlich alles geht, mit denselben Geheimräten, die ihm alles verhindert haben. Er wird trotzdem überzeugt sein, daß die Tätigkeit eines anständigen Menschen im Dienst unanständiger Dinge als „kleineres Übel“ der Abstinenz von der „positiven Mitarbeit“ vorzuziehn sei. Seine Kinder werden ihn einmal dieses Wahns wegen bitter beklagen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 15. Dezember 1922.

Ich schreibe wider alle Gewohnheit mit einer gewöhnlichen Stahlfeder, nachdem mein Füllfederhalter anscheinend endgiltig in Streik getreten ist. Ich hoffe sehr, daß Weihnachten Ersatz für das invalide Monstrum bringen wird. Die Weihnachtsstimmung macht sich allmählich fühlbar, die ersten Pakete kommen an, und die Verwaltung hat auch ihrerseits ihr weihnachtschristliches Herz geweitet, nicht zwar dadurch, daß sie etwa Gelegenheit geschaffen hätte, unsern Freunden zu Weihnachten und Neujahr Grüße zu schreiben. Das Taschengeld reicht jetzt genau für 4 Briefe die Woche, und dann bleibt nicht ein Pfennig übrig (als ein Brief 30 Pfg kostete, hatten wir wöchentlich 35 Mark zum Ausgeben, konnten also 100 Briefe schreiben und hatten noch 5 Mark übrig, für die damals das gesamte Schreibmaterial dafür mit Leichtigkeit gekauft werden konnte, wobei dann obendrein noch was für Bier oder Zusatzkost übrigblieb). Aber die Verwaltung hat uns große Gnade verkündet: sie gestattet Weihnachtsbesuche! Herr Fetsch ging gestern zu allen Verheirateten (deren wir 19 sind) mit dieser Mitteilung: für die Verheirateten wird am 24., 25. und 26. Dezember Besuchserlaubnis gegeben und zwar je 3 Stunden für jeden. Auf die Frage, ob täglich 3 Stunden, hieß es: nein! Je nach den Anmeldungen wird die Verwaltung die Zeit festsetzen, wann jeder seine Frau empfangen darf. Auf die weitere Frage, ob die Besuche ohne Aufsicht zu uns gelassen werden, hieß es: nein! unter den üblichen Bedingungen! Dazu also sollen sich unsere Frauen in diesen eisigen Wintertagen für unerhört teures Geld in die Bahn setzen, um 3 Stunden dem Mann – der die Beine dem Märtyrer sichtbar zu halten hat – gegenüberzusitzen, nichts was sie auf dem Herzen haben, sagen können und mehr Stunden, als dies Vergnügen dauert, während dessen Herr Sauer sich hinter das Ehepaar stellt, um beim Küssen die Münder zu besichtigen, zwischen Niederschönenfeld und Rain in Frost und Schnee herumzustapfen oder in einer Wirtschaft für eine Tasse Kaffee allerübelster Qualität mehr Geld auszugeben, als man früher in 14 Tagen verbraucht hat. Ich habe Zenzl anheimgestellt, ob sie kommen will und ihr geraten, sich über die Formen des Besuchs bei der Behörde selbst zu erkundigen. Für wahrscheinlich halte ich’s nicht mehr, daß Herr Gürtner, der doch wohl auch nur seinen Namenszug unter Verfügungen setzt, die Kühlewein trifft, uns mehr bewilligen wird als seine Vorgänger. Er würde sich ja auch da Feinde schaffen, wo er sie am wenigsten wünschen kann, bei den Christen und Patrioten Bayerns, die grade eben im Landtag all das bestätigt haben, was der Verfassungsausschuß schon beschlossen hatte: Ablehnung sämtlicher Amnestie-Anträge. Die Sozi-Presse berichtet schon kurz und zurückhaltend über die Sitzung. Man erfährt jedenfalls, daß Adolf Schmidt und August Fischer gesprochen haben. Daß die Sozi den kommunistischen Antrag auf allgemeine Amnestie mit abgelehnt haben, steht nicht da, ist aber nach ihrem Verhalten im Ausschuß sicher. Ihr eigner Antrag wird auch nicht erwähnt. Doch wissen wir ja ebenfalls von den Ausschußverhandlungen her, daß er bloß die Anwendung des Reichsamnestiegesetzes von 1920 für Bayern verlangte, also daß nach ihrem Willen „Führer“ nach freier Auswahl des Dr. Kühlewein, hinter den Gittern bleiben sollen. Nicht einmal zu einem Antrag à la Preußen und fast aller übrigen Länder, wo sogar die bürgerlichen Parteien die allgemeine Amnestie in diesem Jahr beschlossen, von der nur Roheitsdelikte ausgenommen wurden, konnten sie sich aufraffen. Ich habe die Verbreitung dieser schimpflichen Tatsache und ihrer Gründe – die Auerochsen wissen doch, was für Aufklärungen über sie etwa meine Befreiung bringen müßte – dem Hans Seffert, der morgen geht, eindringlich ans Herz gelegt, damit man in Norddeutschland weiß, daß wir noch nicht einmal jetzt nach 4 Jahren von unsern Komplizen – weder den Sozi noch den Bauernbündlern – das geringste zu erhoffen haben. Wenn uns nicht die ganz „Rechten“ eines Tages die Tore öffnen, werden sie noch sehr lange geschlossen bleiben. Die Völkischen aber würden uns vielleicht wegen 1919 „begnadigen“, aber nur um uns wegen November 1918 an die Wand zu stellen. Manche Genossen knüpfen auch Hoffnungen an die neue große Staatsaktion, die in Bayern am Werden ist. Der Verfassungsausschuß hat beschlossen, die Regierung zur Vorlage eines Gesetzes zur Schaffung des Postens eines über dem Ministerium stehenden Staatspräsidenten aufzufordern, der Bayern außenpolitisch vertreten soll (also ein Affront gegen das Reich!) und dem neben andern besonderen Rechten auch das Begnadigungsrecht gegeben werden soll. Nun hat dieser neue Schritt zur Separation Bayerns vom Reich noch gute Weile. Da mit den „Arbeiterparteien“ auch Demokraten und Bauernbündler gegen die Neuerung gestimmt haben und nur mit der Betitelung des Ministerpräsidenten als Staatspräsident – à la Württemberg und Baden – einverstanden sind, wird die notwendige ⅔-Mehrheit im Landtag nicht zu haben sein, und die Regierung müßte schon, wenn sie ernstlich an die Geschichte heranwill, ein Referendum veranstalten, dessen Ausfall mehr als zweifelhaft wäre. Wenn aber die vox populi wirklich den Rupprechts-Ersatz will, dann muß sie als vox Dei noch mal ran und bestimmen, ob Kahr oder Hitler oder Xylander oder Auer oder Müller-Meiningen oder Pöhner oder Rupprecht selber an die Krippe darf. Wir können also wohl noch geraume Zeit ruhig schlafen, ohne von einem Staatspräsidenten aus dem bayerischen Ehrenkerker entlassen zu werden. Die Herren von der Bayer. Volkspartei sind ja auch sonst nicht übertrieben neuerungsbeflissen. So haben sie jetzt auch alle Anträge auf Abschaffung der Volksgerichte, sogar auf Ermöglichung der Revision ihrer Urteile niedergestimmt. Die bayerische Eigenart will also aus sich selbst heraus am Seienden ungern etwas ändern. Was aber in Bayern ist, zeigt zur Zeit wieder der Verlauf des Prozesses gegen die Knüppelhelden, die Maximilian Harden ans Leben wollten. Der Haupttäter, Ankermann, ist entwischt, wie Harden selbst glaubt, nicht ohne Absicht derer, die ihn hätten hochnehmen sollen. Verhandelt wird vor einem Schwurgericht, da Maximilian Harden als einziger bedeutender politischer Kopf dieser Republik selbstverständlich von ihr nie an Stellen gelassen wurde, an denen Hirn nötig war, sodaß er nicht zu den Geweihten gehört, für die der Staatsgerichtshof eigens reserviert ist. Was an diesem Prozeß bis jetzt bemerkbar ist, ist die offenkundig animose Gesinnung, die den Gerichtsvorsitzenden gegen den Politiker Harden erfüllt, und die diesen veranlaßt hat, auf sein Recht, der Verhandlung als Nebenkläger beizuwohnen zu verzichten und ostentativ den Gerichtssaal zu verlassen. Die Herren Grenz und Weichardt werden also wohl nicht das Schlimmste zu fürchten haben, und erst recht nicht „die Herren in München“, zu denen alle Spuren auch dieses Gerichtsverfahrens hinleiten. Diese Herren veranstalten, um ihre Leute bei der Stange zu halten, die nach dem Versagen bei bisher allen angekündigten „Stichtagen“ sonst wohl schon längst von den Sprüchemachern Hitler, Bauer, Xylander etc. abgewandert wären, weiterhin heldische Spritztouren, deren neueste direkt ins feindliche Ausland, nämlich nach Göppingen in Württemberg unternommen wurde. Als Sprecher der vaterländischen Schar sollte unser braver Max Weber fungieren, und zu seiner Unterstützung beim Sprechen wurde ihm eine trotz aller Gummiknüppel- und Schlagwaffenverbote wohl – und zwar auch mit Schießprügeln ausgestattete Hundertschaft aus München mitgegeben. Ferner fanden sich noch 2 Württembergische Hundertschaften ebenfalls auf dem auserlesenen Schlachtfeld ein. Die Schwaben hatten aber Angst und verboten die Versammlung, sodaß, Max mit den Stöckelschuhen voran, der Saal erobert und besetzt und erst wieder der Polizei freigegeben wurde, nachdem diese in freundschaftlichen Verhandlungen dazu geraten hatte. Danach zog man vor das Städtchen an den Fluß, von wo man die Einwohner-Häuser ausdauernd unter Feuer nahm. Es gab eine Menge Schwerverwundeter, besonders unter den Göppinger Arbeitern, die bald im Gefängnis darüber werden nachsinnen können, daß der Überfall bewaffneter Horden in dieser mit Recht von[vor] allen Kommunisten geschützten Republik auf friedfertige Einwohner harmloser Städtchen nicht gestört werden darf, wenn ihn Münchner Hakenkreuzler unter Führung eines Polizeispitzels in antisemitischem Überschwang ausführen. Die eigentlichen Bestrafungen im Zusammenhang mit dem Rathenaumord, nämlich die an Arbeitern, die sich dabei plötzlich für die Republik begeisterten, haben auch schon begonnen und in Heidelberg und Darmstadt etliche Jahre Gefängnis getragen. Der Feind steht rechts! nichts klarer als das. Man hat’s auch im Prozeß Hoppe gesehn gegen den im mitteldeutschen Aufstand tätigen Offizier, dem eine Serie von „Anregungen“ nachgewiesen werden konnte, Arbeiter „auf der Flucht“ zu erschießen und einen seiner getreuen Weißen, der so einen Befehl eingestandenermaßen ausführte. Der Vorgesetzte bekam ganze 2 Jahre Gefängnis, der Untergebene wurde freigesprochen. (Ob wohl unser Vorstand dies Urteil gelesen hat? Und ob er dabei wohl Vergleiche angestellt hat mit dem von ihm inszenierten „Geiselmord“-Prozeß?) So steht’s mit der Rechtsprechung im Lande, und die gibt uns ein treues Bild vom übrigen Deutschland auch. Mord, Totschlag, Raub, Notzucht – jede Art Tollheit und Wahnwitz füllt die Spalten der Zeitungen auch im nichtpolitischen Teil. Der gerade aktuelle Klante-Prozeß führt in die Lebensführung der Schieberwelt und der Kleinrentner ein, die mit abenteuerlichem Ausgleiten aus den traditionellen Spießerbahnen das Glück zu korrigieren versuchen. Die Preise überpurzeln sich, und die Politiker wissen nicht ein noch aus. Herr Cuno bekommt Fußtritte in Stinnes’ offiziöser „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, entschuldigt sich dann bei der Großindustrie, weil er die letzte Note nicht völlig nach ihrem Diktat gemacht hat, und die Stinnesfeinde der Industrie „stützen“ ihn und ihren Becker. Herr Poincaré scheint mit den Ergebnissen von London weitaus zufriedener als die deutsche Presse wahr haben möchte und droht mit „Pfändernahme“ (Essen und Bochum?). Welche Rückwirkungen die Zurückziehung der Balfournote und ihre Ersetzung durch das Anerbieten Englands, die französischen Schulden gegen Sicherungen zu streichen ohne Rücksicht auf die eignen Schulden bei Amerika, auf die Stabilisierungsoperationen der deutschen Valuta üben wird, sieht kein Mensch voraus, noch weniger was man beim Wiederzusammentritt der 4 Entente-Premiers am 2. Januar über Deutschland verhängen wird[,] noch gar, wie der deutsche Wirtschaftsetat auch nur halbwegs balanziert werden soll, nachdem die vereinigten Bourgeois-Fraktionen den Plan der Regierung, das Kapital zur Steuerleistung etwas mehr heranzuziehn, entschlossen zunichte gemacht haben. Die Arbeiter sollen halt weiter alles allein tragen. Daß das nur ganz konsequent kapitalistisch gedacht ist, begreifen natürlich unsre reformistischen Arbeiterparteien aller marxistischen Richtungen im ganzen Leben nicht. Sie schimpfen über die bösen Menschen, die nicht gern Steuern zahlen mögen und bremsen überall, wo Arbeiter aufs Ganze gehn wollen. Der Streik der Pfälzer Chemikalien-Arbeiter geht weiter. Die Sozialdemokraten und Gewerkschaften eifern bis jetzt mit allen Unternehmern um die Wette, das sei ein „wilder Streik“ und die Behauptung der Kommunisten, der 8Stundentag sei in Gefahr, sei Lüge. Nun haben die Unternehmer die Bedingungen veröffentlicht, die sie für die Wiedereinstellung der Arbeiter stellen. Das ist das Schamlosteste, was ich an Erpressungsschweinereien noch je gelesen habe. Jeder Satz beabsichtigt und enthält eine Demütigung für die Streikenden. Besonders toll ist folgendes: Jeder Wiedereingestellte gilt als Neueingestellter. Erst nach einjähriger Bewährungsfrist (wörtlich!) wird er wieder in seiner früheren Geltung anerkannt. Also Streikverbot auf Bewährungsfrist! Das ist immerhin neu. Die Arbeiter haben daraufhin – endlich! – auch die Notstandsarbeiten hingelegt, und die Rote Fahne tut das Dümmste, was sie tun kann, sie winselt die Gewerkschaftsbürokraten an, dieselben, die sie im selben Artikel x mal als Verräter beschimpft, doch endlich mit in den Streik aktiv einzugreifen. Als ob die Bewegung die 3 Wochen ja durchzuhalten gewesen wäre, wenn nicht die Gewerkschaften als offene Arbeiterfeinde dagegen gestanden wären! Sobald sie die Finger dazwischen haben, ist alles verloren. Die „Kommunisten“ werden ihren Schäfchen wieder Vertrauen predigen, damit sie nicht ihre „Zellen“ in den Zentralverbänden gesprengt kriegen, und die Sabotage der Bewegung von innen heraus wird den Gewerkschaften viel leichter und schneller gelingen als ihre Erledigung durch Frontalangriff, die sie bis jetzt erstrebten. Weil die Zentralisten dem Kampf den Charakter als föderative Bewegung aufzwangen – eben weil sie die Beteiligung ablehnten, ist er, in den Betrieben selbst fundiert, bis jetzt gehalten worden. Aber der 4 Kongreß der Moskauer III Internationale hat grade jetzt wieder befunden, die Arbeiterbewegung müsse straffer zentralisiert werden (Sinowjew[s] Welt-Klassenkampf-Diktatur!), und sogar die Delegation zu solchen Kongressen mit gebundenem Mandat dürfe nicht mehr geduldet werden, da dadurch die Verständigung erschwert werde. Mit andern Worten: die Proletarier haben überhaupt keine eigene Meinung mehr geltend zu machen. Sie haben bloß einen Vertreter nach Moskau zu schicken, und der wird dort schon hören, was gemeint werden muß. Überall scheitert in der ganzen proletarischen Befreiungsbewegung alles. Die Nationalisten aber, die sich nach föderalistischen Grundsätzen organisieren – und denen man schon deshalb nie an den Sitz ihrer Zentralen rühren kann – der Prozeß Erhardt wird das deutlich machen – haben stärkste Erfolge. Die V. V. V lassen jeden nach seiner Façon selig werden, aber im Handeln findet man sich zusammen. Jetzt muß ich schließen, da ich Seffert verabschieden helfen soll.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 16. Dezember 1922

Unser braver Seffert ist also fort. Man hat ihn seine 3 Jahre bis auf den letzten Tag machen, ihn die Freuden bayerischer Justizkünste bis auf den Rest ausschöpfen lassen. Einen Freund hat sich Bayern in diesem jungen Bayern nicht herangezüchtet. Man hat ihn schon im Kriege schandbar gequält; er war bei der Marine und man ließ ihn, da er widerspenstig war und Kritik verriet, die sogenannte Plem-Plem-Abteilung kosten, wo er durch ganz fürchterliche Barbareien, die an ihm verübt wurden, tatsächlich nervenkrank gemacht wurde und auch hier an schweren Anfällen litt, die erst vor etwa 1 Jahr aufhörten. Seffert ist ein grundehrlicher junger Kerl; ich kannte ihn schon draußen flüchtig, da er mir mal in einem kleinen Demonstrationszug von einer Versammlung zur andern, in seiner Matrosenuniform mit der roten Fahne voranging. Hier in Niederschönenfeld fand ich ihn, als ich von Ansbach kam vor. Unsre Beziehung trübte sich durch die verschiedenen „kommunistischen“ Offensiven gegen mich, aber er war persönlich an keiner der Nichtswürdigkeiten beteiligt, die man trieb. Zur Zeit des Pfingstkrachs im vorigen Jahr hatte er eine Gefängnisstrafe abzumachen, und als vor genau einem Jahr die Riesenlumperei begangen wurde, lag er schwer an Grippe krank in seiner Zelle. An dem Boykott gegen mich und meine Freunde beteiligte er sich einfach aus „Disziplin“ und auch aus seiner kritiklosen Gläubigkeit an die Unfehlbarkeit Kains. Ich kann sagen, daß Hans Seffert der Einzige von allen, die gegen mich standen, war, dem ich nicht einen Augenblick deswegen gram war. So kostete es mich vor einigen Wochen, als ich bemerkt hatte, wie sehr gern er mit mir wieder ins Reine käme, garkeine Überwindung, ihn anzusprechen, und ich habe große Freude davon erlebt. Der Junge hatte sich inzwischen sehr verinnerlicht. Sein entschiedenes Talent, sein Handwerk als Ziseleur künstlerisch zu vertiefen, hatte in ihm den Traum geweckt, Künstler zu werden, und als er sah, daß ich ihn ermutigte und er mit mir frei sich aussprechen konnte, gab er mir sein Vertrauen in rührend reichem Maße. Mir sprach er aus, was ich so stark und erquickend fühlte, daß er gutmachen wollte, daß er durch Anvertrauen seiner seelischen Erlebnisse, durch Ratholen in persönlichsten Dingen, durch eine Art bittendes Lächeln, selbst durch vorsichtige Zärtlichkeiten, indem er plötzlich den Arm um mich legte oder ganz verschämt meine Hand leise streichelte, immer wieder ausdrücken wollte: trag’s mir nicht nach, sei mein Freund. Nun, ich glaube, er ist darüber beruhigt. Ich habe ihm Briefe mitgegeben, die ihm vielleicht helfen können, den Weg zu seiner Sehnsucht zu glätten und ihn Menschen finden zu lassen, die dem armen Jungen, der – seit seine Mutter im Wahnsinn starb, vom 14. Jahr ab auf Gottes weiter Welt nicht einen Verwandten hat – Kunstschule und Anschluß ans Leben ermöglichen. Wir waren beide ein wenig benommen, als er gestern zum Adjösagen zu mir kam, und es war ein Abschied, wie ich ihn seit Seppls Fortgang von keinem Genossen nahm: mit Umarmung und Kuß. – Eins weiß ich: in Hans Seffert haben wir draußen einen fanatischen Verbreiter von Wahrheit und Empörung über Niederschönenfeld. Er hat eine brennende Wut im Herzen ebenso gegen die Justiz, die hier waltet, wie gegen diejenigen „Genossen“, die durch dauerndes Schüren von Zwist uns das Opfer unsrer Freiheit täglich neu durch Intrigen aller Art versüßen. Die Grundfesten da hinten wissen, daß sie Seffert draußen mehr zu fürchten haben als sonstwen, der bisher hinausgegangen ist. Denn er weiß sehr viel. Heute abend folgt ihm nun Hartig zunächst ins I Stockwerk, dann morgen früh in die Freiheit. Die Nekrologe für ihn, Glasser und Bauer mögen zurückstehn, bis sie nacheinander draußen sind. Aber die „Zeit der Gnade“, die Herr Hoffmann Glaßer pries, als er ihm als bisher letztem sein Glück verkündete, scheint wieder vorüber zu sein. Bis jetzt hat niemand weiter etwas erfahren, auch die Mitteldeutschen nicht, deren einer, Liebl, aber plötzlich so krank geworden ist, daß man ihn – vorgestern abend – mit einer Tragbahre fortschaffte, – da man in dieser Musteranstalt nach 3 Jahren immer noch die vorgeschriebene Krankenabteilung nicht eingerichtet hat, in eine Gefängniszelle im 1. Stock. Es heißt, er habe ein Magengeschwür, das aufgeplatzt sei und es gehe ihm schlecht. Da Liebl jedoch ein sehr, sehr zweifelhafter Charakter ist, der ohne Zweifel in verschiedenen Fällen allerbedenklichste Denunziantendienste für die Verwaltung erfüllt hat, begegnet sein Mißgeschick nirgends großer Teilnahme. Ich wünsche dem Mann meinerseits baldige Genesung, und womöglich außer dem Hause. Meine Sehnsucht ihn wiederzusehn ist sehr begrenzt. – Aus den Zeitungen ist wenig neues zu entnehmen. Die Herren Grenz und Weichardt haben erstaunlich milde Geschworene und Richter gefunden. Es steht jetzt fest, daß, wenn man (natürlich falls man deutschvölkisch ist) im Auftrag und gegen Bezahlung daran geht, einen alten Mann mit schweren Knüppeln aus Eisen und Gummi zu „erledigen“ und erst von ihm geht, wenn er sich nicht mehr rührt, in Deutschland keineswegs als Mordversucher betrachtet wird. Die beiden Herren wurden wegen „Beihilfe zur Körperverletzung“ verurteilt zu 4¾ bzw. 2¾ Jahren Gefängnis. Der Staatsanwalt hielt zwar für erwiesen, daß hinter Grenz in München Leute stehn, die alle diese nationalistischen Mordpläne organisieren und finanzieren, fand aber, nachdem das Gericht schon abgelehnt hatte, seine Bücher zur Feststellung der Geldgeber mit dem Femekreuz zu beschlagnahmen, daß die Aufdeckung der Hintergründe einem besonderen Prozeß vorbehalten bleiben müsse. Am Ende soll der in München steigen? Dort scheint man bereits neue derartige Aktionen vorzubereiten und zwar gegen die beiden als Republikaner entlarvten Einwohner dieser Republik, die Erhardts Verhaftung veranlaßt haben, einen Beamten des Finanzamts Marschall und einen Obergärtner, deren Namen der Miesbacher Anzeiger öffentlich bekannt gab, da hierzulande polizeiliche Geheimakten nicht nur der Polizei sondern auch allen verbürgt völkischen Kreisen zugänglich sind. Übrigens kann die Verhaftung Erhardts dem Reich noch unangenehm werden. In München waren 5 große sozialdemokratische Versammlungen, die Hitler mit 10 gleichzeigten[gleichzeitigen] der Nationalsozialisten wettmachte. Bei einer davon hat ein Redner (Hemmeter) erklärt, Schweyer, der bayerische Polizeiminister also, habe ihm erklärt, er werde wegen der Festnahme Erhards noch Schritte tun, um die Verletzung der bayerischen Polizei- und Justizhoheit zu rügen, falls man ihn von außen her dazu drängen sollte; also der Polizeiminister bestellt sich bei bewaffneten Horden mit prononziert antirepublikanischen Bestrebungen Kundgebungen, damit die bayerische Republik dem Reich unangenehm werden kann. Man kann sich es leisten. Die Passau-Ingolstadt-Note Cunos bewirkt, daß das deutsche Reich zur Zeit eine republikanische Satrapie des Königreichs Bayern mit seinem annoch verhinderten König ist. Wenn Knilling die Freilassung Erhardts befiehlt, so wird man schon Wege finden, die ihm die Freiheit eröffnen. – Ich wurde zu einer Eröffnung hinuntergerufen: meine Frau habe eine Anfrage an die Verwaltung gerichtet, ob sie mich Weihnachten besuchen dürfe. Die beigelegten Briefmarken im Betrage von 24 Mark seien dem F. G. Mühsam auszuhändigen, dem freistehe, seiner Frau zu schreiben, daß ihr Besuch am 1. Weihnachtsfeiertage für 3 Stunden Höchstzeit (!) und unter den üblichen Bedingungen (!) genehmigt sei. Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 18. Dezember 1922.

Valtin Hartig ist gestern früh in die Freiheit hinausgelangt. Er ist bisher derjenige, dem die meiste Zeit der verhängten Strafe – 3 Jahre 4 Monate – geschenkt wurde. Trotzdem ist er ein grundehrlicher, in jeder Hinsicht anständiger, seiner Sache und seinen Kameraden treuer Mensch. Er hat die Vergünstigung sicher keiner List, keiner Tücke zu verdanken, sondern vornehmlich wohl seiner sehr braven, reformistischen, christlich-ethischen Gesinnung, die ihn den Rechtsorganen Bayerns nicht mehr gefährlich scheinen läßt. Ich vertrug mich, abgesehn von der Zeit der Vollmannschen Sondermaßnahmen gegen uns 24 Genossen im 2. Stock, bei denen er unter Niekischs Einfluß, aber gewiß grade er nicht aus schlechter Gesinnung verwaltungsgenehme Hauspolitik trieb – stets sehr gut mit ihm, und hatte ihn im allgemeinen lieber als seinen Bruder Rudolf. Ein ausnehmend kluger, äußerst belesener und wissender Mensch, der mit dem Typ des Intellektuellen doch den Charakter dessen verband, der als Gleicher unter Gleichen bestand. Viele Genossen danken ihm die Vermehrung von Kenntnissen, da er den heiligsten Eifer im Abgeben von Wissen und eine rührende Geduld beim Lehren hatte. Politisch kommt er als Revolutionär wohl kaum noch in Frage. Unsre Niederlage hat ihm das Vertrauen ein für allemal geraubt. Er ist Pazifist und Demokrat, ohne sich noch recht mit Kampfsehnsucht und Hoffnung auf die Befreiung der Menschheit zu tragen. Ich konnte persönlich viel mit ihm sprechen, wozu mir jetzt kein Partner mehr zur Verfügung steht. Zumal die religiösen Ideen, die mich bewegen, und die erst ganz langsam in mir klarere Formen gewinnen, hätte ich sehr gern grade mit ihm noch durchgesprochen; doch blieb die Zeit dazu nicht mehr, da ich nicht mit halb durchdachten Gedankengängen andern Leuten Kritik abnötige. – Heute früh ist Glaßer ebenfalls gegangen. Das ist der Genosse, der relativ die profitlichste Gnade bewilligt bekam; er hat noch nicht ein Drittel seiner Zeit zu machen brauchen. Bei ihm war wohl nicht nur die für den Staat gewiß ungefährliche Gesinnung maßgebend, sondern noch mehr die großbourgeoisen Verbindungen, die er hat und seine sehr bürgerliche Führung. Aber auch ihm muß bestätigt werden, daß er als moralischer Charakter durchaus einwandfrei ist und bei ihm sowenig wie bei Hartig die Entlassung, wie sonst bei so manchem, als Prämie für Lumpereien gegeben wurde. Auch er gab gern und gutmütig ab von dem, was er vor andern voraus hatte, gab einen Mathematikkurs und vor allem mit unermüdlicher Geduld Turnunterricht, da er selbst Meisterturner ist und besonders am Reck Übungen vorführte, wie ich sie kaum je gesehn habe. Ich selbst verliere mit Glaßer hier den einzigen adäquaten Schachspieler. Gestern machten wir noch die letzten beiden Abschiedspartien. Diese Sonntagsfreude werde ich nun stark vermissen. Ob Glaßer draußen noch oft an uns denken, bzw. für uns zu wirken versuchen wird, bezweifle ich. Dazu ist’s ihm hier doch wohl zu gut gegangen, da er sich alles leisten konnte, sich in allem bedienen ließ, seine Frau die letzten Monate in Rain wohnen hatte, sodaß er sie an jedem Besuchstag sah, und sie brachte ihm regelmäßig Milch, Eier, Butter und alles Schöne, und zudem war die Zeit seines Hierseins zu kurz, als daß er nicht leicht über die Widerlichkeiten hinweggekommen wäre. Auch hat er nicht die tiefe Innerlichkeit wie Valtin Hartig, der ganz bestimmt, wo sich ihm Gelegenheit schafft, alle seine Kraft für uns verwenden wird. Ich wünsche beiden Gutes und wollte, es folgten in rascher Folge möglichst viele hinaus. – Zum Politischen. Der Prozeß Harden erregt die Gemüter ziemlich tief. Das hat besonders Hardens Auftreten vor dem Gericht als eigentlicher Ankläger bewirkt. Er hat sich als ganzer Mann bewiesen und der deutschen Justiz in aufrechter Haltung die Zähne gezeigt. Man möge erklären, es sei jedem erlaubt, jeden zu töten, der ihm als Schädling erscheint, wer aber einen Juden tötet, werde prämiiert. Wenn das Gesetz sei, werde man sich damit abfinden. Ferner verlas er den Brief eines ausländischen Politikers, der ihm schrieb, das Ausland werde die deutsche Republik solange nicht voll nehmen, wie sie sich mit ihren Mördern identifiziert. – Interessant ist, daß die prachtvolle Hardensche Rede in keiner sozialdemokratischen Zeitung zu lesen ist: es würden sonst Vergleiche mit Scheidemann gezogen werden, die für diesen Tribun nicht schmeichelhaft wären. Immerhin haben die Sozi im Reichstag, das hanebüchene Urteil gegen die Mordbrüder zum Gegenstand einer Interpellation gemacht. Man muß doch so tun als ob. Wenn Harden auf der Strecke geblieben wäre bei dem Überfall, wär’s grade ihnen bedeutend lieber gewesen. So wie er hat kein radikalster Kommunist die Herren Ebert, Bauer, Noske und ihre ganze Brut gestäupt. – Da ich gerade bei dieser Rastelbinderbande bin, gleich ein Wort von meinen Münchner Spezialfreunden. Die Münchner Post, die auf Auers Befehl die politischen Gefangenen mit ihren Nöten prinzipiell totschweigt, hat mal wieder eine Gelegenheit gefunden, sich da, wo es sich nicht um unsre Nöte handelt, an uns zu wetzen. Es ist von Max Weber die Rede, von dessen Spitzeltätigkeit das Auerlicht sicher weiß. Aber es paßt sich besser, diesen Schurken zum Vorwand zu nehmen, um die weit verhaßteren Leute in Niederschönenfeld nebenbei mit Dreck zu bespritzen. Diese marxistische Journaille weiß, wie man Gemeinheiten in harmlose Form bringt, um eine bestimmte Stimmung zu erwecken, zugleich aber die Möglichkeit offen behält, jede boshafte Absicht zu leugnen, wenn man drauf festgenagelt wird. Diesmal also macht man es so: man nennt den früheren Kommunisten Weber und verziert ihn mit dem Relativsatz, „der wohl in Niederschönenfeld zum Nationalisten geworden ist“. Will natürlich heißen: unter der Bande dort bleibt einem anständigen Menschen ja garnichts andres übrig, als sich von jeder revolutionären Idee zu kurieren und zu den Nationalsozialisten zu flüchten. Zum Akt. Die Auerochsen werden einmal, wenn ich wieder ans Licht kehren darf, meinen Koffer für die Aufklärung über sie nicht leer finden. – Die Zeit drängt. Die große Politik muß heute noch anstehn. Es gibt genug von ihr auszusagen: von den Reden Bonar Laws und Poincarés über die Reparationsprobleme, besonders über die Verlegenheit unsrer Nationalisten über Poincarés Rückzug in der Frage der Ruhrbeckenbesetzung und seine entlarvende Äußerung zur Cuno-Note, sie bezwecke, die unerhörten Gewinne der deutschen Industriellen zu konsolidieren. Ganz überraschend kommt jetzt aber die Botschaft, die Vereinigten Staaten von Amerika beabsichtigten ein riesiges Darlehen an Deutschland im Betrage von 1½ Milliarden Dollars, – natürlich gegen entsprechende Sicherheiten und Kontrollgarantieen, die unsern Xylandern immerhin den Atem nicht ausgehn lassen werden –. Kommt diese Finanzaktion zustande, dann fürchte ich einen schweren Rückschlag für die revolutionäre Bewegung. Dann ist der erste und wichtigste Schritt zur Internationalisierung der Kriegsschulden getan und die kapitalistische Reorganisation mit Arbeiterbeteiligung an der Ausbeutung in Form von Aktienpolitik der Führerorganisationen wird unter dem Namen „Sozialismus“ eingeleitet werden. Vielleicht rettet die Dummheit der bayerischen Reaktion unsre Hoffnungen, indem sie ihre Rolle als Kuh im Porzellanladen bis zu Ende spielt. Sonst ist Gefahr, daß wir die Revolution unsern Enkeln überlassen müssen.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 19. Dezember 1922.

Der Dollar ist in 2 Tagen von 8500 auf 5000 Mark gesunken, ein Zeichen dafür, daß es sich bei dem amerikanischen Kreditplan um Ernstliches handelt. Cuno hat durch geschickte Operationen mit amerikanischen Finanz- und Reederkreisen, die ihm den Wiederaufbau der Hapag in überraschender Weise ermöglichten, drüben einen vorzüglichen Namen als Kaufmann erlangt. Er zeigt sichtlich als Politiker, eben weil er ganz kaufmännisch vorgeht, eine geschicktere Hand als irgendeiner seiner Vorgänger. Er ist vielleicht der Mann, dem eine Scheinko[n]solidierung der Geld- und Kreditwirtschaft in Deutschland gelingen wird. Ob und wieweit der von Amerika zugedachte Kredit tatsächlich „die Mark stabilisieren“ wird, kann ich noch nicht beurteilen. Angenommen, es geht wirklich. Dann weiß ich immer noch nicht, wie die Herren weiter wollen. Denn die Industrie lebt ja vom niedrigen Stande der Mark, die ihr die billige Belieferung des Weltmarkts gestattet. Die Tschechen haben ihre Währung tatsächlich gefestigt, mit dem Erfolg, daß ihnen die Arbeitslosen in ihrer täglichen Vermehrung das Mark auskratzen. Österreich ist reguläres Kolonialgebiet geworden. Möglich, daß man mit Deutschland ähnliches beabsichtigt. Unsre Groß-Wucherer hätten gewiß nichts dagegen einzuwenden, da auch dabei alle Lasten auf die Arbeiterschaft abzuwimmeln sind. Vorläufig ist wenig zu der ganzen Überraschung zu sagen. Auf jeden Fall muß die plötzlich neu bekundete Aktivität amerikanischer Politik in Europa als wahrscheinlicher Anfang eines völlig neuen Systems betrachtet werden, um aus den Konsequenzen des Weltkriegs im Hinblick auf die wechselseitige Weltverschuldung einen Ausweg zu finden. Die schnelle Verbilligung einiger Lebensmittel (Fett um 80 Mark, Margarine um 120 Mark das Pfund) halte ich eher für eine geschickte politische Operation als für eine von der Devisenverbilligung bedingte Zwangsläufigkeit. Bis jetzt haben wir noch stets die Preise sich allmählich dem letzten Höchstrekord des Dollars anpassen sehn, ohne von Senkungen Notiz zu nehmen. Das Gesamtproblem ist mir zu schwierig, um nach den dürftigen und ignoranten Zeitungsnachrichten und -Artikeln ein Urteil fällen zu mögen. Überdies ist noch nichts definitiv, alles noch von politischen, geschäftlichen und psychologischen Imponderabilien abhängig und wird von den amerikanischen Bankiers, die das Geld geben sollen und der amerikanischen Regierung, die das Geschäft lanzieren will, selbst so verklausuliert behandelt, daß ganz gewiß noch nichts spruchreif ist. Die Angelegenheit mag also ins Rohr gestellt bleiben. Sie ist auch in den Zeitungen im Augenblick abgekühlt infolge der Schüsse, die von Warschau aus Europa erschreckt haben. Dort war vor knapp 14 Tagen Staatspräsidentenwahl, bei der als Nachfolger Pilsudskis der Demokrat Narutowicz siegte, wie behauptet wurde durch die Kampfgenossenschaft der „Sozialisten“, Deutschen und Juden (wie denn unsre Teutonen überhaupt das Pech haben, daß man sie überall, wo sie mit Juden oder andern Unterdrückten zusammen eine Minderheit bilden, völlig mit denen identifiziert, vor denen sie den äußersten Abscheu markieren). In Polen spielen die „Nationaldemokraten“ ungefähr die Rolle wie bei uns die Nationalsozialisten und Völkischen, in Ungarn die „Erwachenden“, in Italien die Faszisten, in der Türkei die Kemalisten und in Griechenland die „Revolutionäre“. Sie stießen gleich nach der Wahl fürchterlich in die Wuttrompete und der General Haller rief zum äußersten Widerstand auf. Ein paar Tage nach seiner Wahl ist Herr Narutowicz nun bei einer Besichtigung einer Kunstausstellung von einem Kunstmaler erschossen worden. Der schon 53 Jahre alte, als Chauvinist bekannte Mörder wird nun von seinen Freunden meschugge erklärt. Wollen sehn, wie Polen politische Justiz treibt. Die Arbeiterschaft dort scheint bei der Geschichte gradeso in Trauer zu machen wie unsre, als Rathenau dasselbe passierte. Solange sie, anstatt jede Verwirrung im Lager der Bourgeoisie ohne sentimentales Geplärr für sich auszunutzen, immer im entscheidenden Augenblick Partei nimmt für die sanftere Richtung der Kapitalsbourgeoisie, wird sie nicht weiterkommen in ihren Bestrebungen. – Heute mag alles Übrige übergangen werden. Die ewigen Kongresse werden täglich langweiliger. Was aus der Rederei in Lausanne herauskommt und wie die Gaunerei im Orient enden wird – vielleicht einigt man sich auf meine alte Ulk-Formel: gebt jedem Land eine Dardanelle, dann ist die Frage gelöst! – ist mir wurscht, mag Tschitscherin unsre Kommunisten enthusiasmieren wie er mag mit der Feststellung, daß Rußland eine Macht sei. Auch der Haager Friedenskongreß kommt mir albern vor. Plötzlich sind die Sozialdemokraten und Pazifisten, sind Wels und Quidde darin einig, daß Dienstverweigerung und Generalstreik zur Begegnung von Kriegsgefahr brauchbar sind. Wenn wir Anarchisten das früher gesagt haben, hießen wir bei den Sozialdemokraten Narren, Schwärmer oder Spitzel, bei den Pazifisten „Dilettanten“, und ich weiß noch, wie böse der gute Quidde wurde, als ich mal diese Mittel empfahl und die Diplomaten, die er und Fried zur „Verständigungspolitik“ begeistern wollte, als „professionelle Händelsucher“ bezeichnete. Wie die deutsche Sozialdemokratie aber auf allen internationalen Kongressen die Idee des Generalstreiks zur Verhinderung der Mobilisation, die von Franzosen, Engländern, Russen und Schweden propagiert wurde, niederredete, habe ich in meinem „Kain“ öfter als einmal bloßgestellt. – Vom Ludwigshafener Streik will ich heute auch noch nichts Endgiltiges niederschreiben. Er scheint dank Eingreifens der Gewerkschaften unter härtesten Maßregelungen gegen seine Förderer und mit vollständigem Unterliegen der Arbeiter so ziemlich am Ende zu sein. Die Kommunisten werden sich den Vorwurf, sie spielten bei all solchen Gelegenheiten eine für das Proletariat verhängnisvolle Rolle, den ihnen die Sozialdemokraten in allen Tonarten machen, nachgrade auch von den revolutionären Proletariern selbst gefallen lassen müssen, da sie trotz aller Verrätereien der Zentralverbändler ihre Anhänger immer noch da hineintreiben und die gesund organisierten Betriebsunionen überall schwächen und selbst verleumden, weil sie deren Mitglieder nicht in ihren Parteipferch hineindirigieren können. – Im Hause ist Vorweihnachtsstimmung, die sich außer in allerlei freudigen Erwartungen auch wieder in Empörung über die neuen Rigorositäten der Verwaltung ausdrückt, die immer wieder Mittel und Wege findet, die Behandlung trotz Wahrung des Scheins, als ob sie entgegenkommender geworden sei, fortdauernd zu verschlechtern. Wir erhielten 300 Mark jeder extra zu Weihnachten von der Frauenhilfe. Das ist dem Realwert nach viel weniger als die 90 Mark, die wir vor einem Jahr bekamen. Damals ließ man uns die Kleinigkeit bar auszahlen, sodaß wir statt über 35 in der Weihnachtswoche über 125 Mark verfügten. Dieses Mal, wo unser Wochengeld genau zum Ankauf von 4 Inlandspostbriefmarken reicht, kriegen wir nicht einen Pfennig darüber hinaus, wenigstens bekamen wir das Geld bisher noch nicht. Manche Optimisten glauben zwar, wir würden heute bei der Auszahlung unsrer Wochenzehrung die 300 Mark noch als Überraschung bekommen. Wenn das eintrifft, will ich meine Eintragung morgen mit Vergnügen mit einer Rektifizierung meines Urteils beginnen. Bis jetzt hat uns die Verwaltung noch nie Gelegenheit gegeben, unsre Erwartungen auf ihre pädagogischen Entschlüsse über uns zu ihrem Vorteil zu revidieren.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 20. Dezember 1922.

Ich brauche nichts zu rektifizieren: Wir haben unser Wochengeld gekriegt und nicht einen Pfennig mehr. Die Verwaltung hat aber noch ein übriges getan, um uns auch die übrigen noch gangbaren Wege, uns eine Extrafreude zu Weihnachten zu machen, zu verbauen. Einige bemittelte Genossen haben in einem Rainer Geschäft regelmäßig Geld liegen, für das sie dann nach Belieben Waren kriegen können. So auch Toller. Zufällig ist die Summe dort grade verbraucht und zugleich auch sein Konto hier unten erschöpft. Ich schrieb daher einen Bestellschein aus mit der Bitte, 800 Mark von meinem Geld für Toller an das betreffende Geschäft mitzuschicken, wohin der Bote von hier ohnehin täglich geht. Bisher sind Überweisungen dieser Art stets gemacht worden. Heute – in der Weihnachtswoche! – wurde mir erklärt, daß es damit aus ist. Falls nun die Besitzerin des Geschäfts nicht so tolerant ist – was sehr zweifelhaft scheint –, Toller ohne Deckung Kredit zu geben, dann ist der Verwaltung gelungen, was sie beabsichtigt, uns jede Anschaffung zur Bereitung einer kleinen Extramahlzeit am Weihnachtsabend zu hintertreiben, und wir dürfen auch an diesem Tag mit dem immer kläglicher werdenden Essen fürlieb nehmen, das neuerdings für uns als ausreichend betrachtet wird. Wehe uns, wenn wir’s je vergäßen! – Was den Besuch unsrer Frauen zu Weihnachten betrifft, so scheint auch da eine neue Schurkerei verübt zu sein. Aus allen Briefen, die wir erhalten, müssen wir schließen, daß Adolf Schmidt, der sich beim Justizminister unermüdlich für die Zulassung der Frauen zu Weihnachten ohne Aufsicht bemüht hat, von Gürtner oder Kühlewein Zusicherungen erhalten hat, die er als Bewilligung dieses Anliegens auffassen mußte. Und nun das Ergebnis: als besondere Gnade wird erlaubt, daß die Frauen der verheirateten Genossen an den Feiertagen kommen dürfen, bei Beschränkung der Besuchszeit auf 3 Stunden, im übrigen aber „unter den üblichen Bedingungen“: also mit Aufsicht in der kahlen Zelle unten, bei einer Tasse Kaffee oder Tee – beileibe keinem Kännchen! – Und bei Verbot, über irgendetwas zu sprechen, was dem ehemaligen Unteroffizier, der von den bayerischen Christen in unsre Ehen zwischengefügt ist, nicht paßt. – Grade aber geht die Nachricht durch die Presse, daß die Franzosen jetzt auch noch die letzten 18 deutschen Gefangenen in Toulon begnadigt [hat]haben, die alle noch vor Weihnachten daheim sein sollen. Ob wohl eine einzige deutsche Zeitung darauf kommen wird, diesen Entschluß der Franzosen unsern Christbayern zum Vergleich vorzuhalten? Das sind die in allen Tonarten verlästerten Sadisten, deren Rachsucht gegen alles Deutsche ohne Grenzen ist, – und die geben Deutsche frei, die wegen krimineller Straftaten verurteilt waren, – die schwersten, die sie aus der ganzen Kriegszeit haben, denn alle übrigen sind ja längst amnestiert. Aber obwohl das Räuber, Schänder und was weiß ich sind – ich habe das Recht, sie gleichwohl in Schutz zu nehmen, denn sie sind in Ludendorffs Schule gegangen, haben jahrelang gehört, daß Morden im Kriege tapfer sei, daß Rauben und Stehlen im Kriege bloß Requirieren, daß alles, was sonst als Verbrechen gilt, im Kriege im Gegenteil Heldenhaftigkeit heißt, – aber geben das unsre scheinheiligen Patrioten zu? – obwohl sie sich über alles, was gegen das geschriebene Recht geht, höchlich entrüsten, werden sie diesen Leuten festliche Empfänge bereiten, und hohe und höchste Behörden werden sie an den Bahnhöfen begrüßen und ihnen von Ehrenjungfrauen Wein und Schokolade reichen lassen. Wir aber werden, Deutsche von Deutschen, weiter gefangen gehalten werden, wir, die wir niemanden bestohlen haben, die wir eine Verfassung, die es garnoch nicht gab, verletzt haben sollen, noch dazu mit Gewalt, obwohl bei unserm Versuch, das Volk zu retten, keine Hand zum Schlag erhoben wurde. Und sie werden weiter die Franzosen Sadisten und sich Christen nennen. Aber schon äußern sich erste Zeichen, daß Bayerns Rohheiten eine Schranke finden könnten. In München veranstaltet Hitler reguläre „Truppenschau“ (es heißt, Ernst von Wolzogen habe sich nun auch zu seiner Schar gefunden; der arme alte Tropf!) und zieht, von Polizei und Justiz ungestört, innerhalb der „Bannmeile“ unter flatternden Hakenkreuzfahnen bedrohlich durch die Straßen. Zugleich wächst das Elend der Massen ins Unvorstellbare und der Luxus der Schieber und Gauner paradiert daneben immer herausfordernder. Bayern aber ist die „Ordnungszelle“, und wer etwas dran kritisiert, läuft Gefahr, dem Haß überantwortet zu werden, der mit seinem vor Nachprüfungen geschützten „Volksgericht“ schon einen „Landesverrat“ aus jeder unvorsichtigen Wendung herauskrystallisieren wird. Und wenn man die Zeitungen liest, dann meint man wirklich, daß jeder Widerspruch tot ist und Bayerns Macht durch diese Mittel hemmungsloser Gewalt dauernd steigt. Da kommt plötzlich jetzt die Meldung, daß die Koburger, die sich vor 2½ Jahren begeisterungsvoll an Bayern anschlossen – das Plebiszit ergab eine Riesenmehrheit für den Anschluß – die Nase voll haben. Schon ein paar Monate nach der Vereinigung – im September 21 tobte sich die Sipo des neuen Vaterlands gegen die neuen Landeskinder aus. Der völkische Besuch des Hitler mit seinen Gummiknüppelhelden vor etlichen Wochen mag wohl in den Koburgern die Galle zum Überlaufen gebracht haben. Eine Bewegung, von der man erst jetzt hört – die Zeitungen hatten wohl Anweisung, nichts darüber zu bringen und das Kuschen ist ihnen ja in der Kriegszeit zur Natur geworden – setzte ein, um eine neue Abstimmung herbeizuführen, die die Selbständigkeit des Ländchens wieder herstellen soll. Obwohl nur ein geringer Apparat aufgeboten wurde, bekam man die erforderlichen Stimmen zur Herbeiführung eines Referendums im Handumdrehn zusammen, und zwar in vielfacher Zahl – es heißt, von 26 000 Stimmberechtigten hätten schon 14 000 die Abstimmung verlangt, – sodaß das Resultat überhaupt nicht zweifelhaft sein kann. Vorerst üben die klugen Bayern ihr „Hoheits“-Recht in Koburg dadurch aus, daß sie die Flugblätter, die die Lostrennung propagieren, wegen geringfügiger Übertretungen der Druckvorschriften konfiszieren. Das „größere Bayern“, mit dem besonders Müller-Meiningen hausiert, indem er den Meiningern imputiert, sie ließe der Neid nicht schlafen, solange sie Koburgs Beispiel nicht gefolgt sind und auch Bayern geworden sind, wird also schneller ab- als aufgebaut. Die aufklärende Wirkung der Koburger Erfahrungen wird ohne Zweifel für das Bayern der Knillinger, Pittinger und Emminger noch katastrophaler und prestigetötender werden als die Abwanderung von Steuerzahlern wirtschaftlich empfindlich. – Im Hause bei uns interessiert man sich zur Zeit fast garnicht für die Politik. Man hat Heimweh und außer uns, deren Bleiben, solange die christkatholischen Prinzipien der ostelbischen Kernbayern noch wirksam sind, noch für lange gesichert ist, fragt jeder bei jedem, der geht: wann trifft mich die erlösende Stunde? – Gestern abend also verabschiedete sich Bauer. Es ist nicht viel von dieser Stütze unsrer Hausbühne zu sagen. Er ist in die revolutionäre Bewegung hineingerutscht ohne leiseste Ahnung, worum es sich handelte: als stellungsuchender Detektiv, der sich der Rätepolizei zur Verfügung stellte, wie er sich jeder königlichen oder Pöhnerschen Polizei ebenso zur Verfügung gestellt hätte, einfach um eine Existenz zu haben. Das hat er nie geleugnet und hat sich auch hier nicht mehr für Politik und Revolution interessiert als vorher. Von seinen 3½ Jahren, die er nie verstanden hat, und die einmal durch eine Flucht unterbrochen waren, hat er zwei Drittel gemacht. Abgesehn von seiner Theaterbegabung, die garkeinem Zweifel unterliegt, war mir der Mann, diese Kreuzung von Lakaien-Charakter und Bruchkavalier, durchaus gleichgültig. Heut früh ist er also gegangen. Heute kurz vor Tisch kam nun eine große Überraschung. Köberl bekam den Bescheid: sofort packen! Er hatte zwar schon am Sonntag, da ihn seine Frau ausnahmsweise besuchen durfte, Wind gekriegt, sie erwarte ihn noch bis Weihnachten daheim. Trotzdem war die Art der Entlassung, dieses Hals über Kopf-Hinausschmeißen, im höchsten Maße verblüffend. Die Erregung der Mitteldeutschen, ob sie alle nun in dieser Form folgen werden, oder ob nur Hans Köberl frei werde, ist natürlich groß. Obwohl ich noch immer glaube, daß die Reichsamnestie doch noch auch auf die bayerischen Beteiligten ausgedehnt werden wird, da ein endgiltiger Refus sonst wohl schon hier wäre, nehme ich doch an, daß diese plötzliche Entlassung Köberls ihm allein gilt. Der arme Kerl litt in der letzten Zeit unter schwersten Depressionen, verbunden mit Schmerzen im Hinterkopf, Ohrensausen und allerlei schlechten Symptomen. Er war schon früher wiederholt zur Beobachtung in psychiatrischen Anstalten und ist den Irrenärzten in hohem Grade Dementia precox-verdächtig, wurde auch seinerzeit nach der Rätegeschichte deshalb von der Strafverfolgung verschont und ist früher mehrmals haftunfähig erklärt worden. Der lustigste Kerl sonst im Hause, der erfinderischste Spötter und Unterhalter, war er seit Kurzem wie umgewandelt, schlich schlotterig herum und war im übrigen nicht von der Zither fortzubringen, auf der von früh bis abends unverdrossen und scheinbar geistesabwesend immer das selbe fade Zeug herunterklimperte. Erst in den allerletzten Tagen war er wieder etwas frischer, wenn auch noch immer das Gegenstück von sonst. Da er häufig zum Arzt ging, der doch seine Krankheitsgeschichten aus den Akten kennt, nehme ich an, daß der die Haftfähigkeit wieder bezweifelt und die Verantwortung abgelehnt hat. Die Hauptsache ist, daß er jetzt frei ist. So wie Hans Köberl habe ich noch keinen Genossen unter der Einsperrung Qualen leiden sehn. Sein ganzer revolutionärer Elan von früher ist zum Teufel gegangen unter dem ewigen Druck der Haft, und seine sonst so herrlich fröhliche Laune, die Köberl bei seiner hochentwickelten Intelligenz und bei seinem phänomenalen Talent, bestimmte Personen im Erzählen von ihnen durch Ton und Gesten zu lebendigen Gestalten zu machen, mir zu einem der liebsten Kameraden und Freunde machte, war sehr häufig die Flucht der Seele aus Melancholie und einer übertriebenen Sentimentalität. Zuletzt war er direkt leutescheu geworden, bis zu dem Maße, daß er sogar nicht mehr zu seinem Schwager Hagemeister hineinging und sich aus nichtigsten Gründen mit verschiedenen seiner allerbesten Freunde überwarf. Nun hoffe ich nur, daß er sich draußen bei Frau und Kind wiederfinden und die bitteren Wirkungen dieser Schandhaft von Niederschönenfeld verwinden wird. Und ich hoffe überdies, daß nun die übrigen Mitteldeutschen nicht in ihrer Erwartung wieder enttäuscht werden. Ob Liebl überhaupt noch im Hause ist, weiß niemand. Da man seinen Anzug geholt hat, er auch bestimmt nicht mehr im I Stock unter uns liegt, da andrerseits seine Zelle noch nicht ausgeräumt ist, nehmen wir an, daß er in ein Krankenhaus gekommen ist, ohne bisher aufgehört zu haben, Gefangener zu sein. Außer ihm warten noch 6 Genossen auf Bescheid, und viele meinen, es werde einer nach dem andern wie Köberl in plötzlichem Überfall an die Luft gesetzt werden. – Na, sie sollen dann alle hier ihren Nachruf kriegen. Heute habe ich nur noch eines Toten zu gedenken, mit dem mich sachlich sehr andere Interessen verbanden als mit meinen Leidensgenossen, mit dem mich menschlich wohl garnichts verband. Ich las in der Zeitung, daß der Theateragent Eugen Frankfurter gestorben ist. Ich kannte ihn ziemlich gut durch sehr häufiges Zusammensein im Kreise von Schauspielern. Mir war der Mann grenzenlos zuwider, obwohl sein Unsympatischstes vielleicht nicht in seiner Person sondern in seinem Gewerbe lag. Ein Menschenhändler im übelsten Wortsinn, und furchtbar peinlich war mir immer, wie die nettesten jungen Schauspielerinnen, um nur in seinem Warenkatalog in gutem Preise zu stehn, an ihm herumcharmierten, sich von dem alten geilen, schmierigen, häßlichen Kerl küssen, knutschen und betasten ließen und eigentlich niemand an dieser Prostitution Anstoß nahm. Daß der Agent mit künstlerischen Talenten, dem man übrigens allgemein die wucherisch[isch]ste Ausbeutung seiner Protégés nachsagte, seine Macht auch in dieser Richtung spielen ließ, macht die Erscheinung noch übler. Doch interessierte mich menschlich einmal die Beobachtung, ihn in Gesellschaft seiner Frau und seiner Kinder zu sehn. Da war er der aufmerksamste, zärtlichste, gemütvollste Mann und Vater, ein richtiger jüdischer Familiennarr. Das hat mir sein Bild etwas freundlicher erhalten. Dies war ein Reicher, den die irrsinnigen Zustände der Zeit schlecht gemacht haben. Ein Opfer der Gesellschaft auch er. Requiescat!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 21. Dezember 1922.

Der Streik der Anilinarbeiter in Ludwigshafen dauert, in der vierten Woche, noch an. Der Kampf wird auf beiden Seiten äußerst zähe geführt. Der ursprüngliche Anlaß – Ausstellung zum Betriebsrätekongreß gereister Arbeiter – ist inzwischen ganz in den Hintergrund getreten. Die Fabrikherren benutzten die Solidaritätsaktion der Arbeiter für ihre gemaßregelten Kollegen zu einem brutalen Vorstoß gegen die kümmerlichen Rechte, die denen als „Errungenschaften der Revolution“ geblieben waren, gegen die Rudimente der durch das reaktionäre Betriebsrätegesetz überholten wirklichen rätemäßigen Vertretung der Belegschaft in den Betrieben, gegen den 8Stundentag und gegen jede, in den Gesetzen nicht ausdrücklich vorgesehene Bewegungsfreiheit. Sogar die Akkordarbeit soll grundsätzlich wieder eingeführt werden anstelle des Zeitlohns. Unter diesen Umständen ist der Fall Ludwigshafen natürlich zu einer allgemein proletarischen Angelegenheit geworden. Geldunterstützung von allen in- und ausländischen Organisationen trifft reichlich ein, natürlich aber bei den Valutaverhältnissen und bei der großen Zahl der zu Unterstützenden zu wenig, als daß damit der Kampf bestanden werden könnte. Ich sehe dem Ausgang leidenschaftlich interessiert, aber nach wie vor sehr pessimistisch entgegen. Viel zu spät wurden die Notstandsarbeiten eingestellt. Dazu kommt der alte Unverstand, die Arbeit überall da wieder aufzunehmen, wo die Unternehmer von ihren Forderungen zurückgehn und die Belegschaft unter den alten Bedingungen wieder einstellen. Ein Streik ist nie zu gewinnen, solange das Kapital nicht Gefahr läuft, die Kundschaft zu verlieren. Die Gefahr besteht nicht, wenn eine Fabrik der andern aushelfen kann. Erst wenn in einem Lande alle Betriebe mit gleicher Produktion ruhn, ist, besonders die ausländische, Kundschaft genötigt, abzuspringen. Das sehn aber die von Unterstützungs- statt von Kampfverbänden erzogenen deutschen Arbeiter nicht ein, oder, wenn sie’s einsehn, rennen sie gegen den Eigensinn und die Postensucht der Berufsführer an, deren Angst um die Unterstützungskassen jedes Verständnis für Klassenkampfnotwendigkeiten immer überstimmt. Was sich aber jetzt die Gewerkschaften in Ludwigshafen leisten, stellt alles Erlebte in den Schatten. Daß sie abseits stehn, ist gewiß nicht schlimm, da jedes Eingreifen erfahrungsmäßig nur zum Schaden der Bewegung ausläuft. Man denkt bloß an die Kassen und übernimmt die Führung eben zu dem Zweck, den Barbestand nicht irreparabel zu erschüttern. Auch das Gegenarbeiten der Gewerkschaftsbonzen ist man seit 1918 schon so gewöhnt, daß sich das Proletariat bei jedem Kampf zugleich auf die Abwehr der eignen Bürokratie einzurichten gelernt hat. Diesmal stehn nun die Gewerkschaften vollständig außerhalb der Bewegung, die sie nur durch Beschimpfungen der Streikenden und durch offene Streikbruchpropaganda illustrieren. Von der Streikleitung sind sie bisher gottseidank ferngeblieben, obwohl z. B. die „Münchner Post“ schon grade heraus erklärt hat, man müsse die Leitung in die Hand nehmen, um endlich „glimpflich“ zum Schluß zu kommen. Offenbar waren die Ludwigshafener Arbeiter einsichtig genug, um diesen gedungenen Zutreibern des Kapitals diesmal diese aussichtsvollste Form die Sabotage zu verbieten. Nun aber liest man, daß sie auch ohne Auftrag als „Arbeitervertreter“ zu handeln wissen, wenn es gegen proletarische Interessen geht. Sie haben einfach mit den Anilinkönigen verhandelt und rücken jetzt mit den „Einigungs“-Bedingungen heraus, zu denen sie Ja und Amen gesagt haben. Abgesehn von geringen Lohnaufbesserungen, die natürlich nicht entfernt der inzwischen eingetretenen Verteuerung aller Waren entspricht, also eine Verschlechterung des Reallohns bedeuten, haben sie das ganze Unternehmerprogramm, mitsamt haarsträubenden Maßregelungen, Akkordlohn, Arbeitszeitverlängerung (verklausuliert), Vernichtung der direkten Arbeitervertretung in den Betrieben etc. geschluckt und empfehlen es den Arbeitern zur Annahme. Die Kommunisten toben vor Wut: Verrat, Niedertracht, Verknechtung geht’s in allen Tonarten; und weiter streiken, ausharren, Streikgelder sammeln! – Die Kommunisten sollten sich endlich selber an die Brust schlagen. Sie treiben ihre Leute in die Zentralverbände hinein und beschimpfen jeden, der sie vor diesem Wege warnt. Die verhaßten Führer werden also besoldet von den Beiträgen, deren richtiges Einlaufen die Kommunisten mit Enthusiasmus fördern. Sie bilden sich ein, wenn man anstelle der derzeitigen Führer ihre kommunistischen Bürokraten an die gleiche Stelle setzt, wäre etwas geändert. Das sind dieselben Marxisten, die sonst nicht laut genug verkünden können, daß der Mensch das Produkt seiner Umwelt sei. Dabei haben sie die Erfahrungen mit ihrem parlamentarischen Getue. Diesmal sind ihre Ministerkandidaten für Sachsen noch nicht zu Schuß gekommen, weil man noch gewisse arbeiterfreundliche Bedingungen stellte, die für die „rein sozialistische“ Buck-Regierung nicht annehmbar waren, weil sie der Bourgeoisie unbequem wären. Das nächste Mal werden Herr Brandler und Herr Böttcher sich schon noch besser anpassen. Die armen Arbeiter aber werden sich einbilden, mit einer „Arbeiterregierung“ werde der kapitalistische Staat plötzlich sozialistische Prinzipien entwickeln. Ich fürchte sehr, daß dem deutschen Proletariat die schwersten Enttäuschungen noch bevorstehn.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 22. Dezember 1922.

Eine Unmenge Besuche sind heute im Hause. Bis auf eine Frau, erfuhren wir heute früh, hätten alle Gattinnen die Weihnachts-„Vergünstigung“ abgelehnt. Diese einzige Frau, die an den Feiertagen zu erwarten wäre, sei Zenzl. Ich hatte es ihr überlassen, ob sie am 25 Dezember für 3 Stunden oder an einem Normal-Besuchstag für 5 oder 6 Stunden kommen wolle, nachdem die Besuchsformen in beiden Fällen unverändert die gleichen seien. Jetzt teilt sie mir mit, daß sie am Mittwoch kommen wolle. Damit hat also die Verwaltung die Antwort auf ihre Liebenswürdigkeit. Man dankt allgemein für bayerische Christengüte. Man zieht vor, die bewilligten Qualen auf sich zu nehmen, ohne ein besonderes Dankeschön dafür auszusprechen. Tun wir also auch das Festungsweihnachten 1922 in die große Sammelmappe, die der Zukunft einmal unterbreitet werden soll, damit die Geschichtsforschung unsre „Rätegreuel“ mit dem Segen vergleichen kann, der über Bayern flutete, als es „Ordnungszelle“ war. Unser Weihnachten sieht in jeder Hinsicht trüber aus als in den früheren Jahren. Abgesehn von den für das Fest extra ersonnenen Schikanen der Verwaltung durch die Beschränkung unsrer Ausgaben auf 4 Briefmarken, das Verbot der Geldüberweisungen und die Besuchssabotage, treffen auch Geschenksendungen unvergleichlich weniger ein als sonst. Das ist bei der fürchterlichen Teuerung draußen selbstverständlich. Aber es mag dazu auch die Hetze beitragen, die unsre vornehme Regierung im vergangenen Jahr gegen uns betrieben hat. Damals hat der Kühlewein dem Landtag erzählt, was die Pakete, die Toller zu Weihnachten erhielt, gewogen hätten. Daß dabei die zur Verteilung bestimmten Pakete mitgerechnet waren, daß Bücherkisten herhalten mußten, um das Gewicht zu vergrößern, daß endlich die Angaben selbst nach den zahllosen erbärmlichen Lügereien dieser Ehrenregierer über uns, mehr als zweifelhaft sind, nebenbei. Aber es mag sehr wohl sein, daß mancher hilfsbereite Freund sich in Erinnerung an diese Redereien gesagt haben wird, wenn die Leute ohnehin soviel kriegen, kann ich mir bei den schlechten Zeiten die Ausgabe sparen. Denn die Vorstellung, daß in Wirklichkeit eine Regierung aus politischer Rachsucht ihre gefangenen Gegner mit Dreck bewirft, um ihnen materiell zu schaden und ihnen die Haft noch über das Maß ihrer zahllosen rechtsbrecherischen Schindereien hinaus zu erschweren, ist für einen ethisch halbwegs normal entwickelten Menschen denn doch zu phantastisch, als daß er’s glauben könnte. Man muß schon in Bayern leben, um zu wissen, daß das tatsächlich die Moral der dazu hier maßgebenden Christen ist, und man muß zum Beweise der schädigenden Absicht sich zugleich erinnern, daß Kühlewein seine Gewichtsvorrechnungen mit dem ausdrücklichen Appell an die Arbeiter begleitete, sie möchten doch ihr Geld nicht länger für die Niederschönenfelder Gefangenen verschwenden. Da die Aeußerungen öffentlich getan sind, werden wir berechtigt sein, bei künftiger Rechnungslegung den dürftigen Ertrag des diesjährigen Festes den bayerischen Justizmächten aufs Konto zu setzen. Ihr Hinweis auf die Teuerung wird gegenüber ihren nachweislichen Intrigen gegen uns nicht fruchten dürfen. Vielleicht wäre auch ohne Kühleweins Eifer nicht mehr für uns gekommen. Möglich: das zu kontrollieren hat dieser Eifer verhindert. – Auch das Ausbleiben weiterer Bewährungsfrist-Entlassungen, auf die viele Genossen gehofft hatten, drückt auf die häusliche Stimmung. Die Angelegenheiten der Mitteldeutschen bei uns ist immer noch unentschieden, und ihr Optimismus wird auch tiefer gesenkt durch die Zeitungsnachricht, daß entgegen früheren Meldungen Ebert die Begnadigung Ferrys und der übrigen Siegessäulen-Attentäter verweigert hat. Der Amnestieausschuß dürfte also ihre Freilassung befürwortet haben, Fritz der Taktvolle aber hat sich, da es sich nicht um Barone handelt, anders entschlossen. Sein Gutachten über die bayerischen Genossen vom Osteraufstand hat der Ausschuß schon im Oktober abgegeben. Die letzte Auskunft teilte mit, daß die Sache jetzt beim bayerischen Justizministerium sei. Daß da bei den Beteiligten sehr pessimistische Gedanken erweckt werden, ist begreiflich. Mindestens lassen sich die Herren in München viel Zeit. Sie haben anscheinend jetzt grade auch eine viel wichtigere Aktion vor. Es scheint nämlich der Gedanke erwogen zu werden, gegen die Unterschriftensammler in Koburg wegen der Lostrennung den Staatsanwalt in Bewegung zu setzen: „Landesverrat“! Der „Fränkische Kurier“ plädiert schon lebhaft für solche Aktion, dasselbe Blatt, das gleichzeitig die Lostrennung Meiningens von Thüringen fordert. Die Thüringer sollen sich aber hüten, deswegen ihrerseits nach einem Volksgerichts-Haß zu verlangen. Auch war ja in Koburg vor 2½ Jahren die Propaganda für die Abtrennung des kleinen Landes von Thüringen auch kein Landesverrat sondern ein höchst patriotischer Akt politischer Intelligenz. Man kann sehr neugierig sein, was aus der Sache wird und ob die Reichsregierung sich wohl auch diese Brüskierung der Weimarer Verfassung gefallen lassen wird, die die deutschen Länder in jeder Hinsicht zu Faktoren von zweierlei Wert stempeln würde. Si duo faciunt idem, non est idem, sofern einer der Beiden Bayern ist. Aber man kann grade in dieser Angelegenheit auf alles gefaßt sein. Gewissen Bestrebungen in den Hansestädten zum Anschluß an Preußen werden, zumal auch bei den Sozialdemokraten – der Hauptmacher ist ja Südekum – ebenso löblich gefunden wie die Müller-Meiningenschen Bestrebungen zum Anschluß seines Wahlkreises an Bayern. Dagegen ist die Los-von-Preußen-Bewegung in den Rheinlanden, die verfassungsmäßig völlig legal ist und der ohne hinreichenden Beweis vorgeworfen wird, sie treibe die Geschäfte Frankreichs, ebenso verräterisch wie die Welfenbewegung in Hannover,* wo man die beantragten Abstimmungen mit allen Mitteln der Demagogie zu hintertreiben sucht. Was meine Stellung zu all diesen Autonomisten-Bewegungen betrifft, so wird meine grundsätzliche Sympathie für jede Selbständigkeitsregung regierter Menschen überall getrübt durch die Überzeugung, daß sie alle ja garnicht selbständig werden wollen, daß ihnen nur daran liegt, eine Regierung mit einer andern zu vertauschen und daß die Interessen, die dabei im Kampf miteinander liegen, überhaupt keine völkischen sind (ich gebrauche das Wort, wie ich’s vor Jahren schon getan habe, ehe es eine schlechte Sache bezeichnete, in seinem guten eigentlichen Wortsinn zur Charakterisierung des Volksgemeinsamen), sondern durchaus solche von Kapitalisten mit verschiedenen Geschäftsspekulationen. Die Tendenz Los von Preußen! ist natürlich überall auch psychologisch verständlich, und diese rein negative Argumentierung vieler Parteigänger der Separatisten im Rheinland und in Hannover darf bei der Beurteilung des Ganzen nicht außer Betracht bleiben. Aber wie die Dinge liegen, bin ich allen diesen Problemen gegenüber, solange die Staaten überhaupt bestehn, neutral. Gehts einmal um mehr, um Räterepubliken und Arbeiterentschlüsse, dann werde ich der entschlossenste Befürworter der Autonomie aller noch so kleinen Volksgebilde sein, aber dann werden politische Grenzen eben überhaupt nicht mehr sein. – Zur politischen Tageslage folgendes: Nachdem der Dollarstand von 5000 wieder bis auf 7300 Mark gestiegen war, ist er jetzt 6600, also neuerdings im Sinken. Die Nachrichten von amerikanischen Hilfsplänen hatten große Hoffnungen geweckt. Außer dem Geldstand machten sogar schon die Preise Versuche zu einer gewissen Anpassung und es wird erklärt, die Indexberechnung ergebe ein Sinken von 1,8 %. Zunächst kamen dann einschränkende Kommentare, und eine Rede Poincarés, in der er andeutete, die schöne Martinsgans von New York sei wohl von Berlin aufgelassen worden, zerschlug alle Hoffnungen. Soweit man sehn kann, ist aber an der Sache doch etwas, freilich viel weniger als vermutet wurde. Die Amerikaner wollen offenbar ihr Geschäft in Europa wieder selbst führen und haben den Wunsch, Deutschland durch Hilfsaktionen gründlichst zu schröpfen. Daher ist der Plan, eine von den Vereinigten Staaten garantierte Anleihe von 14 Milliarden Dollar zu geben, sicher vorhanden. Als Deckung dafür sind „erste Hypotheken“ auf alle deutschen Zölle und Abgaben und auf die Einkommensteuer beabsichtigt. Zugleich soll eine Privatanleihe von 750 Millionen Dollar gegeben werden, die ebenfalls durch „erste Hypotheken“ und zwar auf industrielle und kommunale Einrichtungen zu sichern wäre. Der Plan ist fertig, aber noch lange nicht die Absicht, ihn unbedingt zu verwirklichen. Dazu werden Bedingungen mitgeteilt. Deren erste lautet: vorher völlige Regelung der Reparationsfragen, also das Gleiche, was die amerikanischen Bankiers vor Monaten schon als Voraussetzung jeder Anleihe bezeichneten. Zweitens heißt es, daß ohne die Zustimmung Frankreichs nichts von Amerika aus geschehn werde. Nun ist bei den Franzosen schon angefragt, wie sie sich zu einer Neuaufrollung des ganzen Komplexes der Reparationsschulden stellen, und die Antwort darauf steht noch aus. Da sich die Yankees bereit zeigen, eventuell große Streichungen ihrer eignen Forderungen an die Kriegsverbündeten vorzunehmen, (ein Zeichen dafür, was man von den deutschen Arbeitern herauszupressen hofft), ist die Zustimmung Frankreichs sehr wohl möglich. Doch sollen sie umgekehrt auch politische Konzessionen machen, indem sie alle neuen militärischen Sanktionen gegen Deutschland, speziell den Einmarsch ins Ruhrgebiet, prinzipiell preisgeben und, wie es scheint, auch den Abbau der linksrheinischen Besetzung einleiten sollen. Qui vivra, verra. Wir werden jawohl schon bald erfahren, ob sich die Botschafterkonferenz mit der Cuno-Note über Passau und Ingolstadt abfinden wird, was ich sehr bezweifle und wie sie drauf reagieren wird. Daraus wird sich jedenfalls entnehmen lassen, ob man in Frankreich die nationalistische Revanchebewegung in Deutschland noch gefährlich findet oder nicht. Die ganzen Angelegenheiten sind völlig ungeklärt bis jetzt, und man sieht nur, daß stärker als bisher Tendenzen in der Welt wirken, die Deutschland à la Österreich mit seiner Arbeit dauernd dem anglo-amerikanischen Kapital tributpflichtig halten wollen. Die Sozialdemokraten werden, wenn das erreicht wird, den Arbeitern erklären, daß dies der Sieg der Vernunft über den Wahnsinn von Versailles sei. Und die Arbeiter werden es ihnen glauben. Vielleicht werden sie mit der Gewöhnung auch glauben lassen, daß das Werk, das diese „bewährten Führer“ jetzt in Ludwigshafen tatsächlich zustande gebracht haben, ein Sieg des deutschen Proletariats sei. Man hat dort also den Streik aufgegeben – das bevorstehende Weihnachtsfest mit der furchtbar drohenden Not für die Streikenden wird den Schurken ihren Verrat endgiltig ermöglicht haben, – und Bedingungen angenommen, entsetzlicher noch als man bisher voraussah. Eine geradezu militärische Subordination wird den Arbeitern zugemutet, die sich von besonderen Angestellten körperliche Durchsuchungen gefallen lassen müssen. Wer sich der geforderten Akkordarbeit nicht unterwirft, wird fristlos entlassen. Hunderte von Arbeitern sind aufs Pflaster gesetzt – und die Gewerkschaftler sind stolz, den „wilden Streik“ „glimpflich“ beendet zu haben. Die Fabrik als Militärstrafanstalt – das ist das Resultat von Ludwigshafen! – Das arme deutsche Proletariat kann sich fröhliche Weihnachten wünschen lassen. Es wollte einmal Revolution machen.

 

* Auch in Ostpreußen sind Bestrebungen zur Loslösung vom preußischen Mutterlande im Gange. Da sie aber von Deutschnationalen ausgehn, sind sie nicht landesverräterisch.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 23. Dezember 1922.

Ich schreibe wieder mit einem Füllfederhalter. Mein Vetter Walter Mühsam, jetzt Direktor einer Hartgummifabrik, hat zu Weihnachten einen neuen geschickt und ich bin von Herzen froh darüber. Auch sonst ist heute allerlei gekommen, was uns Dreien (Bibs, Ernst R. und mir) über die Weihnachtstage ohne Darberei hinweghelfen wird. Elsbeth Rupertus und ihre Freundin, Siegfried v. Vegesack, Zenzls Bruder Josef mit den Seinen sandten Eßbares, nachdem Adolfs Frau schon vor einigen Tagen ein Paket schickte. Auch von meinen Schwestern, von Berta Adler in Frankfurt, und noch verschiedenen Seiten kamen Kleinigkeiten, unter denen mich besonders eine Tabaksendung des alten Genossen Jakob Grimm, unsres Ebracher Festungsältesten, erfreute. Zenzl bringt nun noch am Mittwoch alles, was ich von den Meinen – ihr und Siegfried, Resl und meinem lieben Seppl – kriegen soll, mit. Von dem Buben kam ein prächtiger Brief heute an, der auch allerlei merkwürdige Aufklärungen enthält, die auf unsre „Gruppe Wuchtig“ neues bezeichnendes Licht werden. Der treue Junge, der ganz Überzeugung, ganz Begeisterung für seine Sache ist, rechnet mit seiner Ausschließung aus der Bewegung, der er sich angeschlossen hat, der Essener Richtung der A. A. U., – und zwar wegen seiner Aufklärungen über Elbert. „Er ist nämlich der beste, zuverlässigste, ehrlichste und revolutionärste Genosse und spielt die erste Flöte. Im Maul bin ich ihm unterlegen.“ Ich glaub’s. Das haben unsere Proleten halt noch nicht gelernt, zwei Menschen, die gegeneinander stehn, ins Auge zu sehn und dann zu wissen, wer ehrlich ist und wer unehrlich. Sonst hätten sie’s dem Seppl beim ersten Wort glauben müssen, was er sagt. Aber dem glauben sie nichts, weil er eben dem andern „im Maul unterlegen“ ist. Und dieser andre, der nun also wieder Antiparlamentarier spielt, ist dennoch den Parlamentaristen seelisch treu geblieben, die er ja früher selbst dazu dirigiert hat, mich, weil ich Antiparlamentarier bin, als Verräter und Betrüger zu „entlarven“ und zu boykottieren. Das A. A. U.-Organ, in dem Elbert seine marxistischen Sprüche klopft, der „Kampfruf“, bringt einen von ihm lanzierten Aufruf „für 5 arme, hilfsbedürftige Genossen bzw. für ihre unterstützungsbedürftigen Frauen“. Und die K. A. P.- und A. A. U.-Genossen sammeln also für die 5 armen Festungsgefangenen in Niederschönenfeld, den Landtagsabgeordneten Sauber, den Eisenbahner Schlaffer – für den seine Berufskollegen schon mehrmals Riesensummen aufgebracht haben, den Bourgeoisjüngling Schiff und die beiden von diesen ihren Freunden – und von auswärts – reichlich mitversorgten Grundfesten Wiedenmann und Egensperger. (Nach andern Versionen soll statt Egensperger der fünfte Olschewski sein, damit nur Verheiratete beteiligt seien. Egensperger wird mit durchgeschleppt). Tatsache ist, daß im ganzen Hause – außer Toller und Klingelhöfer – niemand so gut gestellt ist wie eben diese Gruppe, die aber bei sämtlichen Einzelorganisationen ausschließlich für sich herumschnorrt und, wie sich jetzt herausstellt, auch die Gaben der Antiparlamentarier, die denen unter falschen Angaben herausgelockt wurden, nicht verschmäht und für sich allein beansprucht, die man sonst hier nicht laut genug als Arbeiterverräter beschimpfen kann. Ich habe, da die ganze Korrespondenz dieser Leute, alle ihre Schnorrbriefe und alle ihre Beschimpfungen der übrigen Genossen von ihnen bedenkenlos durch die Hand Gollwitzers geleitet wird, keinen Anlaß mehr, diese Schmarotzereien hier zu unterdrücken. Sieht man sich im Hause um unter den zum Teil ganz bitter armen Genossen, wie Tanzmaier und andre, dann steigt einem doch die Empörung hoch über die schamlose Eigennützigkeit von Leuten, die sich als „die Kommunisten“ bezeichnen und allesamt ihre Zukunft auf dem Plan aufbauen, einmal pensionsberechtigte Partei- oder Gewerkschafts-„Führer“ zu spielen. Gottseidank sind sie allmählich nicht nur im Hause hier, sondern auch draußen vielfach durchschaut. Sehr nützlich zur ferneren Kenntnisnahme über sie wird das Wirken unsres Hans Seffert draußen sein, dessen Wut über sie erst dadurch bis zum äußersten gesteigert ist, daß er sich selbst Vorwürfe macht, weil er ihnen viel zu lange geglaubt und in seiner naiven Ehrlichkeit sich an Machenschaften beteiligt hat, die ihm von ihnen suggeriert waren und die heute an seinem Gewissen nagen. – Genug, genug. Aber die Erinnerung an das Weihnachtsfest im vorigen Jahr läßt zuviel Groll wieder aufsteigen. Ich kann viel, sehr viel vergeben, aber doch nicht ehe die Beleidiger selbst irgendwie zeigen, daß sie anders geworden sind. – Passons. Aus der politischen Chronik nicht viel, da ohnehin die Weihnachtswoche überall ein wenig stiller hingeht als normale Zeiten. Daß der Brotpreis gerade jetzt auf über 300 Mark das Pfund steigt, bringt jetzt keine erhebliche Aufregung mehr unter die Menschen. Die Kongresse – von denen, soviel ich weiß, nur noch der Lausanner zur Zeit tagt – sind so langweilig, daß ich sie unmöglich verfolgen kann, und die Reparations- und amerikanische Hilfsfrage ist weiterhin viel zu wenig zu übersehn, als daß Neues darüber zu sagen wäre. Interessant ist aber, daß gestern noch, nachdem ich hier die Erwartung eingeschrieben hatte, die Botschafterkonferenz werde sich wohl schwerlich stillschweigend mit der Passau-Ingolstadt-Entschuldigung zufrieden geben, mit den Abendzeitungen die Bestätigung dafür eintraf. Eigenartigerweise wird der Wortlaut der Antwort nicht mitgeteilt. Es heißt ganz kurz, die Zahlung der Goldmillion werde zur Kenntnis genommen, ebenso die Entschuldigung der Reichsregierung anstelle der bayerischen, diese jedoch unter dem Vorbehalt, daß bestätigt werde, das Reich handle ausdrücklich im Namen Bayerns und der Städte (diesen Vorbehalt unterschlagen die bayerischen Blätter). Ferner werden genaue Mitteilungen darüber verlangt, was man mit den gemaßregelten Beamten und Offizieren gemacht habe, damit klar werde, ob sie auch tatsächlich mit einer Strafe getroffen sind und endlich wird nochmals ausdrücklich die Abberufung des Passauer und des Ingolstädter Bürgermeisters und der bayerischen Beamten gefordert, die bisher von Bayern gedeckt worden sind. Die Eigenarts-Presse johlt vor Entrüstung und es geht in der alten Melodie: Niemals! Widerstand bis zum äußersten! Komme was kommen mag! – Die Geschichte muß dem Reich sehr unangenehm sein. Daß das Wolff-Büro die Note nicht zum wörtlichen Abdruck zugestellt bekam, wohl aber den Inhalt der deutschen Reichsantwort (auch nicht in extenso übrigens) läßt tief blicken. Die Angst vor Bayern! Zu der hat man offenbar letzthin allerlei Grund. Hitler macht sich wieder sehr mausig. Er fordert jetzt schon fast unverblümt zum Mord auf, etwa indem er seinen Leuten aufgibt, sich Notizbücher anzulegen, in die sie sich die Namen all derer vermerken, an denen die Rache nicht seinerzeit vorbeigehn darf. Nun bringt die Süddeutsche Demokratische Korrespondenz sehr interessante Erbaulichkeiten über die Herkunft der riesigen Geldmittel, mit denen die Hakenkreuzler herumschmeißen, und dabei stellt sich heraus, daß der Vorsitzende des Bayerischen Industriellenverbands, Herr Kuhlo, der Hauptvermittler der Finanzhilfe der Hitlerbewegung ist. Kürzlich hat schon der Kommunist Katz in einer Volksversammlung in Wannsee die Behauptung begründet, daß die „Großdeutsche Arbeiterpartei“ – eine Filiale der Münchner Hitler-Xylanderei – nicht bloß vom Großkapital, das man doch angeblich bekämpft, sondern sogar auch vom internationalen, besonders englischen und selbst von jüdischem Kapital finanziert werde. Solche Aufklärungen, die auf die Dauer kaum verborgen werden können, werden der Bewegung schweren Abbruch tun, wenn ihre Führer nicht bald zur Tat schreiten. Ob das aber nach dem mehrfachen Versagen noch Ereignis werden wird, scheint angesichts der wahrscheinlichen Gründe für dies Versagen – starke Gegensätze innerhalb der nationalen Bewegung selbst – allmählich auch mir zweifelhaft. Bröckelt aber die Anhängerschaft ab, dann verliert die bayerische Reaktion und ihre Regierung den haltgebenden Nimbus und wir dürfen in Bayern im Laufe des nächsten Jahres auf eine Umstellung der ganzen inneren Politik rechnen. Für uns persönlich wäre das ohne Zweifel eine Wendung in unserm Schicksal. Für das Proletariat als solches bliebe es natürlich unter Auerscher Leitung genau so wie unter Knillingscher. Das Gesamtbild würde nur unappetitlicher werden, da die Reaktion im demokratischen Mäntelchen spazieren geführt würde. Mögen sich über diese Fragen andre Leute den Kopf zerbrechen. Ich habe gelernt, als Zuschauer im Parkett zu sitzen und abzuwarten, bis das Stichwort fällt, das mich, wenn’s nötig ist, selbst wieder auf die Bühne springen läßt. Ich kenne meine Rolle und werde weniger zu improvisieren haben als in den früheren Akten.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 25. Dezember 1922.

Mein viertes Festungs-Weihnachten. Gestern – am Heiligen Abend – war ich ernstlich krank. Ob’s vom Herzen ausgeht, dieser Zustand vollständiger hilfloser Schwäche, bei dem die Füße nicht tragen wollen und die Därme nichts halten mögen, oder ob eine Darmvergiftung Voraussetzung ist für die übrigen Erscheinungen, die mit Fieber, Schweißausbrüchen, Gürtelgefühl, allgemeinem Versagen der Physis – den Durchfall und Brechreiz begleiten, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls war der Zustand gestern wieder mal recht arg und verleidete mir das Fest gründlich, das im übrigen angenehmer verlief als im vorigen Jahr, wo die Duske-Schweinerei grade in Flor war. Ein Krach-Intermezzo gab es auch. Wir hatten – die weitaus große Mehrheit aller Genossen – zusammen einen Weihnachtsbaum von der Verwaltung bezogen (die ihn „äußerst billig“ für 200 Mark lieferte). Da man uns vorgestern wieder den nach Rain zu liegenden Gang des Stockwerks abgesperrt hat – die dort noch untergebrachten Genossen wurden in die Zellen Hartigs, Glaßers und Liebls verstaut, dessen Sachen man in eine Zelle des gesperrten Ganges schloß (woraus zu schließen ist, daß dieser Mann mindestens nicht vor dem Abgang eines weiteren Genossen wieder unter uns zu erwarten ist), konnte der Baum nur am Ende des Mittelgangs einen guten Patz finden. Daran nahm aber Egensperger Anstoß, und es gab großes Geschrei, weil man die 5 nicht um Erlaubnis gebeten habe. Das Ende vom Liede – ohne Keile ist es glücklicherweise abgegangen – war, daß Egensperger zum Vorstand zitiert wurde, der ihm mit Einzelhaft gedroht haben soll, von der er nur wegen des Weihnachtsfestes absehe, (übrigens ist Schiff vorgestern von seiner Einzelhaft wieder heraufgekommen). So war diese Tragödie denn glücklich beigelegt. Da die Ergiebigkeit der Weihnachtsgaben diesmal nicht so reichlich war wie früher, mußten wir die Idee, im größeren Kreise eine Fresserei zu machen, aufgeben. Unsere Tischgesellschaft (Toller, Klingelhöfer, Ringelmann, Weigand und ich) vereinigte sich jedoch zu einer Mahlzeit, die wir zum guten Teil durch Barkäufe ermöglichten. Doch gab es überraschendes Nebenwerk, da Klingelhöfer gebackene Schnecken beisteuern konnte und auch ein guter Schnaps vorhanden war. Der Hauptgang war paniertes Schnitzel und Nudeln. Wir haben Tanzmaier zur Teilnahme zugezogen. Ich selbst war kaum imstande, etwas zu mir zu nehmen und ging bald – kurz nach 7 Uhr – zu Bett, um nicht die fröhliche Stimmung der übrigen durch meine Klakrigkeit und mein zusammengesunkenes Dabeisitzen zu trüben. Das war recht ärgerlich, da bis ½ 11 Licht und Betrieb war und ich grade am meisten sonst unter dem Zwang leide, schon um 9 Uhr ins Bett zu müssen. Die Verwaltung benahm sich im allgemeinen in diesem Jahr toleranter als früher. Die Schnapsflaschen wurden im ganzen hinaufgegeben, und es wurde gestern und heute sogar die Post ausgegeben. – Die Hoffnungen auf Weihnachtsentlassungen sind fast alle zusammengebrochen. Die Genossen vom Mitteldeutschen Aufstand sind nach wie vor ohne die geringste Nachricht, was aus ihnen wird. Hingegen erhielt Daudistel grade noch am Tage vor Weihnachten – zur Erhöhung der Festtagsfreude – wieder die Ablehnung eines Gesuchs unter Hinweis auf die früher geltend gemachten Gründe, worunter sich auch der befand, daß der Tatbestand, auf den sich das Urteil stützte, auch angenommen, er sei unzutreffend gewesen, nichts zur Sache tue, die Höhe der Strafe (6 Jahre) wäre auch sonst angemessen erschienen. – Aber eine „Begnadigung“ ist doch erfolgt. Bedacht erhielt gestern die Mitteilung, daß er am 17. Januar auf Bewährungsfrist bis 1928 entlassen wird. Er rettet dadurch 1 Jahr 11 Monate. Zu dieser Eröffnung hat Bedacht einen schriftlichen und einen mündlichen Kommentar erhalten, von denen gesprochen werden muß. Die Entscheidung des Würzburger Volksgerichts ist ein Dokument von eminenter Wichtigkeit für uns, da die wahre Gesinnung der bayerischen Justiz noch in keinem amtlichen Aktenstück so durchsichtig niedergelegt ist. Zunächst schon wird die Bewährungsfrist diesmal ausdrücklich vom Wohlverhalten draußen abhängig gemacht und an die Bedingung geknüpft, B. müsse sich jeden „politischen Heraustretens“ enthalten. Er hat also nicht erst dann das Nachbrummen zu gewärtigen, falls er eine Neuverurteilung von mindestens 3 Monaten Freiheitsstrafe verwirkt, sondern schon bei jedem öffentlichen Auftreten, und Herr Hoffmann hat ihm das unten noch extra dahin ausgelegt, daß er noch nicht einmal eine Festrede auch nur in einer Gewerkschaftsversammlung halten dürfe, widrigenfalls er auf der Stelle verhaftet würde. Das Volksgericht führt dann die Gründe an, die es zu seiner Gnadenbezeigung bewogen hat, und da sagt es ganz offen heraus: Es ist glaubhaft gemacht, daß Bedacht von seinen extrem-radikalen Ansichten zurückgekommen sei, der Strafzweck sei also erreicht. – Früher schon hatte Kraus erklärt, man möge sich „bessern“, wie etwa jener Reichardt, dann sei der Strafzweck erreicht und er könne für bedingte Begnadigung eintreten. Jetzt ist diese Auffassung in einem Amtsschriftstück beglaubigt, und wir haben die ungeheuerliche Tatsache vor uns, daß als Strafzweck für die zu Ehrenhaft Verurteilten in Bayern die Brechung ihrer Gesinnung ausdrücklich von einem Gericht bestätigt ist. Dadurch erklärt sich alles. Selbstverständlich ist der gesamte Strafvollzug dem Strafzweck untergeordnet und angepaßt. Die ungeheuerliche Brutalität unsrer Behandlung, die vollständige Loslösung unsrer Gefangenschaftsformen von jeder Gesetzlichkeit, von jedem geschriebenen Recht, ihre gänzliche Einstellung auf Qualen und physisches Leiden soll unsre Überzeugungen ändern. Man traut unsern Charakteren nicht zu, auf die Dauer all den Folterungen gewachsen zu bleiben, die in steter Steigerung über uns verfügt werden, – und eben diese ständige Steigerung und Vermehrung der Qualen erweist sich nun als Folgerichtigkeit in einem klar erdachten System. Unsre Strafe ist nicht mehr Vergeltung – obwohl dem Rachebedürfnis der ausführenden Organe weitgehende Erfindungsfreiheit gewährt wird; sie ist Unschädlichmachung von Feinden. Wir sind Feinde auch hier im Gefängnis noch. Und nun wird auch die Sonderbehandlung Arcos als logische Konsequenz dieser Auffassung klar. Der Mann, der in der bayerischen Republik seine monarchistische Überzeugung in seinem Meuchelmord aktiv genug bekundet hat, hat bei den Sachwaltern dieser Republik den Beweis erbracht, daß er die erwünschte Gesinnung hat. Es gibt also auch keinen Strafzweck bei ihm mehr zu erreichen, und so wird die Strafe, zu der er der Form wegen verurteilt bleibt, an ihm in Formen vollstreckt, die sie als Strafe eliminieren. Wir stehn da Rechtsbegriffen gegenüber, die schon im alten Rom überholt waren. Wenn diese eklatanten Beweise der Sittenverwilderung in Bayern propagandistisch nur richtig ausgenützt werden! Mir ist das Erstaunlichste an alledem nur immer die vollständige Sinnesgleichheit der Rechtshüter in diesem Lande, für die die tollsten Rechtsbeugungen allesamt die größte Selbstverständlichkeit sind. Sehr interessant ist, was Hoffmann Bedacht noch mündlich zu alledem hinzugesetzt hat, und was Bedacht in voller Naivität erzählt, ohne zu merken, was für Ungeheuerlichkeiten er damit aufdeckt. Die Gnade, die ihm erwiesen werde, sei unermeßlich. Grade er habe sich schon während des Krieges mit den Verrätern verbunden, die das Unglück Deutschland vorbereiteten, also das schwerste Verbrechen gegen das Vaterland begangen, das denkbar ist (Bedacht wurde zu einer hohen Strafe verurteilt wegen Meuterei im Kriege, die 1918 amnestiert wurde. Die Refus, die Daudistel dauernd bekommt, dürften auch damit in Verbindung stehn, daß er bei dem Reichpietschunternehmen 1917 in Wilhelmshafen beteiligt und verurteilt war). Er, Bedacht, habe später sich dann wieder der Umsturzbewegung angeschlossen und damit neue schwere Schuld auf sich geladen, unter diesen Umständen sei also seine Entlassung ein Beweis ganz außergewöhnlicher Gnade etc. – Die Auffassung, daß die Strömungen, die während der Weltmetzelei schon den hoffnungslos verfahrenen Krieg zuende zu bringen suchten, verbrecherisch waren, ist so sehr Axiom bei diesen Menschen, die doch objektiv sein sollen von Berufs wegen, daß kein entfernter Gedanke sie jemals daran zweifeln läßt. Sie setzen als selbstverständlich voraus, daß wir selbst ebenfalls finden müssen, daß wir Verbrecher waren, als wir unsre letzte Hoffnung auf menschliche Zustände in der Revolution suchten. Der Gedanke gar, daß die Lage des deutschen Volks unnennbar viel glücklicher wäre, wenn die Revolution früher gekommen wäre, wenn eine der Ordnungswidrigkeiten in der Armee oder der Flotte zu einer wirklichen Sabotage des Kriegs geführt hätte, wenn schließlich die Konterrevolution von 1919 bezwungen worden und die Revolution zur wirklichen Erneuerung des sozialen Lebens geführt worden wäre, – dieser Gedanke liegt ihnen viel zu fern, als daß sie überhaupt begreifen könnten, daß jemand anders ihn haben könnte. Wer ihn aber hat, der ist für sie ein Verbrecher, der zu dem ausgesprochenen Zweck bestraft werden muß, daß er sich bessere und daß seine Überzeugungen gebrochen, also seine Seele durch Quälereien am Körper abgestumpft werde. Das sind die Rechtsbegriffe, die zur Zeit in Bayern Geltung haben und sich rückhaltlos auswirken. Diese Aufklärung hat mir die psychologische Einsicht in die Mentalität unsrer Kerkermeister außerordentlich vertieft, infolgedessen auch meinen subjektiven Groll gegen die Einzelnen gemildert, indem sie die objektive Unversöhnlichkeit in ihrer ganzen Schärfe aufgedeckt hat. Das Kapitel Klassenjustiz – das bedeutet, daß Menschen einer Welt von solchen einer andern, die garkeine Berührungspunkte mit jener hat, gerichtet werden – hat einen neuen Kommentar erhalten. Ich weiß jetzt sicherer als je, daß der Kampf gegen den Staat mit allen seinen Rechtsinstitutionen – ein Kampf, der noch garnicht eigentlich begonnen hat – sich in den Formen abspielen wird, die sich aus der Erkenntnis ergeben, daß die Gegenseite für Logik und Überredungsgründe ohne jegliches Organ ist. Der Beweis dafür ist unser Schicksal. Solange die Reaktion uns physisch in der Gewalt hat, wird sie nicht nachlassen uns zu peinigen, damit wir ihr auch psychisch unterliegen. Diese Erkenntnis ist nicht eben erhebend, wohl aber so nützlich, daß ich mit ihrer Gewinnung mit dem Weihnachtsertrag 1922 zufrieden bin.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 28. Dezember 1922.

Zenzl war also wieder bei mir – und bei Herrn Märtyrer Sauer. Der Besuch war qualvoll wie immer, und so scheußlich es ist, es sich gestehn zu müssen: die Stunde des Aufbruchs wurde uns beiden zur Erleichterung. Die Nachwirkungen meiner Krankheit, die auch noch heute in Benommenheit und allgemeinem Unbehagen spürbar ist, kamen in übler Laune zum Ausdruck, die sich durch fortgesetztes Nörgeln an dem Verhalten der Genossen draußen und durch Schimpfen auf die Russen Luft machte. Ich habe mir nachher schwere Vorwürfe gemacht, da meine arme Zenzl doch wirklich unschuldig ist an all dem Widrigen und ihr Herz leidenschaftlich an das Rußland gehängt hat, das ihr heute noch als Land der aufgehenden Freiheitssonne erscheint. Freilich war meine Verstimmung gerade auch durch die Zeitungsnotiz vertieft worden, daß in dem neuen Verfahren eines „Revolutionstribunals“ in Petersburg gegen 25 Anarchisten und linke Sozialrevolutionäre 11 Todesurteile gefällt worden sind. (Natürlich nimmt unsre Menschewistenpresse hierzu garkeine Stellung, da es sich ja um wirkliche Revolutionäre handelt. Man erfährt nicht einmal, was ihnen vorgeworfen wurde, – vielleicht die Kronstädter Geschichte? Die „kommunistische“ deutsche Presse schweigt sich überhaupt aus, ein Zeichen, daß das schlechte Gewissen dieser Leute die stillschweigende Zustimmung der Bürger- und Sozipresse angenehm empfindet). – So brachte ich auch keine rechte Freude darüber auf, daß Trotzki Zenzl durch den eben von Moskau zurückgekehrten Genossen Eisenberger eine Schachtel Zigaretten mitgeschickt hat, und ich bin heute noch von dem Gefühl bedrückt, ihr das Weihnachten noch ärger gemacht zu haben, als es ohnehin war. Sie brachte mir einen ganzen Reichtum an Geschenken mit, von sich, von der Resl, vom Siegfried, vom Weigel, vom Seppl und von Münchner Genossen, die ihr Liebensgaben für mich gebracht hatten. Aber eine Überreichung von Hand zu Hand gibt es ja in unsrer Ehrenhaft nicht. Ehe man die Frau begrüßen darf, muß man die Gegenstände, die sie statt dem Mann dem Aufsichtspersonal übergeben hat, das sie geöffnet, durchgefilzt, aus ihren Umhüllungen gerissen und in eine Anstaltskiste verstaut hat, unten im Empfang nehmen, hinauftragen und gleich auspacken, um die Kiste sofort wieder abzuliefern. Da nimmt man sich nicht die Zeit, nachzusehn und sich zu freuen. Da denkt man bloß dran, rasch hinunter zu kommen, wo die Geliebte schon eine gute halbe Stunde in Gesellschaft eines Aufsehers in der kahlen Besuchszelle wartet, und so weiß man kaum, was alles eben rasch durch die Hände gegangen ist und wofür man sich bedanken soll. Wie lange noch? Wie oft noch diese unsinnige Qual? – Aus unsrer Unterhaltung nur wenig, was zu notieren wäre. – Vielleicht das Interessanteste war, daß sie mir von Eisenberger die Frage überbrachte, ob ich mich von der Kommunistischen Partei Bayerns bei den nächsten Reichstagswahlen als Spitzenkandidat aufstellen lassen würde. Ich habe selbstverständlich entschieden verneint. Man soll doch Hagemeister, der selbst Parteigenosse ist, auf diese Weise frei bringen. Offenbar hat man meine Anregung mißverstanden, Anarchisten und Antiparlamentarier sollten für den Eventualfall, daß die Parlamentskretins ein Wahlpflichtsgesetz erlassen, dagegen nicht durch weiße Zettel sondern durch Aufstellung einer eignen Kandidatenliste protestieren, deren Auswahl ein wirkliches Arbeiten gegen den Parlamentsschwindel garantieren würde. Aber auch Otto Rühle hat nicht verstanden, was ich meine. Er hat Zenzl besucht und sich scharf gegen die Idee geäußert. Als ob ich mit dem Vorschlag dem Parlamentarismus meinerseits Konzessionen machen wollte und nicht vielmehr beabsichtigte, die Konzession, die in der Abgabe weißer Zettel läge, zu verhindern. Bringt man etwa meine Wahl zuwege, so wäre damit kein Antiparlamentarier plötzlich parlamentarischer Mitarbeiter geworden, sondern die Wirkung wäre einfach die, daß ich frei würde, auf Staatskosten im Land zu antiparlamentarischer Agitation I Klasse umeinanderrutschte, die Diäten zugunsten antiparlamentarischer Propaganda verwertete und den Reichstag selbst Reichstag sein ließe, bei jeder Gelegenheit aber, wo man mir die Ruchlosigkeit dieser Parlamentssabotage – die eventuell, aber nur bei besonderen Anlässen und im Auftrag der antiparlamentarischen Mandatgeber, am Königsplatz selbst durch Akte geschäftslähmender Obstruktion zu verstärken wäre – entgegenzuhalten: warum macht ihr so blöde, reaktionäre und die Persönlichkeit vergewaltigende Gesetze wie das, das den Antiparlamentarier zur Urne zwingt? Hebt diesen Zwang wieder auf, und ihr könnt in euerm Redezirkus eure Clownstänze weiter ungestört von uns vorführen! Auch könnte man es machen, wie unlängst die Amsterdamer Anarchisten bei den Stadtverordnetenwahlen, die stadtbekannte Herumtreiber, Säufer und vertrottelte Spezialitäten aus den Bezirken des Kindergespötts zur Wahl stellten und tatsächlich durchbrachten. Freilich weiß man nicht ganz sicher, ob solche Gestalten im Deutschen Reichstag ihre Wirkung täten, da sie vielleicht unter den übrigen „Volksvertretern“ garnicht stark auffallen würden. Die Quatscherei solcher Anstalten zu vermehren, wodurch die Kommunisten sich einbilden, revolutionäre Leistungen zu verrichten, wäre allerdings nicht das Ziel meines Vorschlags. – Aber: um zu Zenzls Besuch zurückzukommen: wir haben in den 4 Stunden beide ganz gewiß all das ungesagt gelassen, was wir zu sprechen vorhatten, und es war wie immer ein überhetztes Sackgreifen in den Gedankennetzen, die unsere Gefühle umspannen. Vielleicht wird’s im Lauf des kommenden Jahres anders. Gewisse Symptome im Hause haben bei einigen Genossen die Vermutung geweckt, die augenblicklich eifrig diskutiert wird, daß man uns von Niederschönenfeld woanders hinverlegen und dort dann den Strafvollzug in gesetzlichen Formen einführen würde. Diese Vermutung gründet sich auf ebenso vage Anzeichen wie sie meistens hier zu den gewagtesten Schlüssen führen. Man kramt aus dem abgesperrten Gang die Schränke und Tische heraus und rumort viel über uns herum. Außerdem hat Herr Hoffmann verschiedenen Genossen bei Rapportgelegenheiten erklärt, die Festungsgefangenen kämen dem bayerischen Staat furchtbar teuer zu stehn, und endlich wurde gestern ein Fremder im Hause herumgeführt, der wahrscheinlich ein Architekt ist, – es ergab sich das aus den Aufzeichnungen, die er sich auf die Aufklärungen des Herrn Fetsch hin machte – und also – wie die Kombinationspsychologen wittern – einem bevorstehenden Umbau zu andern Zwecken bedeutet. Sogar über die Anstalt, die uns künftig aufnehmen wird, gibt es schon Kontroversen: Eichstädt und Landsberg werden genannt. Ich für mein Teil glaube zwar auch nicht, daß Niederschönenfeld unter allen Umständen unsre letzte Festungsstation bleiben wird, glaube aber noch weniger, daß wir eine Wegverlegung zu gewärtigen haben, solang noch mehr Gefangene da sind als nach den Projekten schließlich übrig bleiben sollen, und da denke ich höchstens an 10 Mann, während wir jetzt noch 32 sind. Allerdings kann die Reduzierung auf ein Drittel sehr schnell erzielt sein, besonders wenn die Entscheidung über die Mitteldeutschen plötzlich zu deren Gunsten fallen sollte. Wir haben feststellen können, daß im Laufe des Jahres 1921 von hier 35, im laufenden Jahre 42 Festungsgefangene entlassen wurden. Daß die Einzelentlassungen jetzt aufhören sollten, ist kaum anzunehmen, und ich vermute eher, daß man mit Beschleunigung auf die Verbilligung des Etats hinarbeiten und daher rasch hintereinander Luft machen wird. In diesem Zusammenhang ist die Antwort interessant, die mir gestern durch Herrn Fetsch (!) auf meine Eingabe an das Justizministerium wegen der Hitlerrede über seine Massakerabsichten mit uns eröffnet wurde. Sie lautet ungefähr so: Dem F. G. Mühsam ist zu eröffnen: für die Sicherheit der Festungsgefangenen in Niederschönenfeld ist in jeder Hinsicht Vorsorge getroffen. Auch für den Fall außergewöhnlicher Ereignisse besteht für die Gefangenen keinerlei Anlaß, für ihr Leben und ihre Sicherheit Besorgnisse zu tragen. Gürtner. – Indessen patrouillieren die Grünen schwerbewaffnet direkt um unser Haus herum und wir begegnen ihnen auch wieder hier und da auf dem Wege zum Spazierhof in unmittelbarem Vorbeigehn. Aber sie dürfen keine Hakenkreuze mehr an die Mauern malen, und da sie also etwaige Mordabsichten nicht mehr ankündigen können, ist die denkbar beste Garantie für unsere Lebenssicherheit geschaffen! Möglich wäre es ja, daß Herr Gürtner sich sagt: wir legen die Leute doch von dort weg, und bis dahin wird Hitler schon warten, wenn wir ihm gut zureden. – Die große Sensation des Hauses ist heute ein offizieller Brief der Münchner KP-Leitung an Sauber, dessen Abschrift zur Kenntnisnahme an alle Parteimitglieder des Hauses Hagemeister zuging. Darin wird den 5 Wuchtigen (Olschewski, Sauber, Schiff, Schlaffer und Wiedenmann, – Egenspergers Name ist also offenbar in den betreffenden Dokumenten nicht mitaufgezählt worden) ultimativ ihr unsolidarisches Verhalten verwiesen. Die Sache ist durch den Aufruf im „Kampfruf“ zur Explosion gekommen, und die Partei kennzeichnet dieses Betteln in die eigne Tasche und unter dem Anschein, als gäbe es in Niederschönenfeld, ja in ganz Bayern überhaupt nur diese 5 Kommunisten, schneidend scharf. Es stellt sich zugleich heraus, daß sie offenbar an zahllose Parteiorganisationen für sich geschrieben haben, und nun wird ihnen aufgegeben, die eingelaufenen Gelder aus diesen Sammlungen an die Rote Hilfe abzuliefern, das oppositionelle Verhalten gegen die übrigen Festungsgefangenen aufzugeben und die Geschäfte der Roten Hilfe hier drinnen, mit aller Korrespondenz und den Akten, die bisher in den Händen Olschewskis lagen, an Hagemeister zu übergeben. Andernfalls werde die Partei mit äußerster Schärfe vorgehn, was wohl besonders Sauber mit seinem Landtagsmandat angeht. Nun war gestern zugleich mit Zenzl auch Frau Sauber hier, bei der, wie aus dem Uriasbrief hervorgeht, alle auf die Schnorrerei eingegangenen Gelder zusammenliefen. Da sie erst letzten Freitag zum eigentlichen Weihnachtsbesuch bei ihrem Fritz war, ist anzunehmen, daß dieser Schlag ins Komptoir sie hergetrieben hat, und es scheint bei diesem ehelichen Zusammensein ebenfalls Gewitter gegeben zu haben. Denn die Frau ging vor der Zeit fort, und er kam nicht wie sonst von Besuchen, Neuigkeiten herumblasend herauf. Aber, warum ich von diesem Besuch der Frau starke Notiz nehme, der mich sonst wenig interessieren würde, ist um eines Witzes willen, der mir gestern noch meine schlechte Stimmung durch ein gesundes, den ganzen Körper eine Viertelstunde lang erschütterndes Lachen wieder aufrichtete. Unser dicker Landtagsgenosse schlägt sich nämlich in hoffnungslosem Kampf mit der deutschen Sprache herum, und ich habe ein eignes Buch angelegt, um der Zukunft ein paar Beeren vom Strauch seines Sprachgeistes zu erhalten. Unser Michel Fischer will draußen schon zugunsten der russischen Hungerhilfe Proben aus Saubers Ringkämpfen besonders mit der Muse der Fremdwörterkunst veröffentlichen. Gestern wurden nun während des Besuchs seine Freunde in Bewegung gesetzt mit dem erschütternden Auftrag, sie mögen ihm sofort das Buch hinunterschicken, in dem der große Marxist die Brocken aufsammelt, mit denen er hauptsächlich seinen dialektisch geschulten Geist pflegt: Liebknechts Fremdwörterbuch! – Er konnte sich mit seiner Gattin ohne dieses Hilfsmittel nicht mehr verständigen. Ich brachte die boshafte Version auf: Er hat halt seiner Frau seine neueste Erkenntnis mitgeteilt und mußte dann nachschlagen, was sie bedeutet! – Heute, nachdem der Parteifluch über sie niedergefahren ist, läuft Sauber ebenso wie seine Mitbetroffenen – vor allem der ebenso dicke Tapferkeitsleutnant, dem man sein Ehrenamt abgenommen hat, ziemlich bedeppt herum. Bei allen andern dagegen ist die Schadenfreude groß, und ich kann garnicht leugnen, daß auch ich von dieser Freude der Tückischen mit delektiert bin. Genau vor einem Jahr waren es hauptsächlich Olschewski, Sauber und Wiedenmann, die gegen mich ganze Waggons von Schmutz auskübelten. Und doch hatte ich nichts getan, was ein ehrlicher Mensch mir als Eigennutz hätte vorwerfen dürfen. Jetzt werden ihnen von ihrer eignen Parteileitung – deren Unfehlbarkeit ihnen selbst höchstens Dogma ist – die schlimmsten Handlungen des Solidaritätsbruchs und der eigensüchtigsten Geldpolitik vorgeworfen und nachgewiesen. Mögen sie mal eine Zeitlang daran kauen. Ein wenig leid tun sie mir ja bei ihrem Sturz aus den Höhen, aber daß ich ihnen die Lehre nicht gönnen würde – ein so guter Kerl bin ich nicht!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 30. Januar[Dezember] 1922.

Die politische Situation ist zu Ende des Jahres wieder mal bis oben hinauf geladen. Die Reparationskommission hat vor Zusammentritt der Pariser Konferenz am 2. Januar, die mit großem Aufwand, nämlich unter Beteiligung auch der Kleinen Entente, vor sich gehn soll, einen Beschluß gefaßt, der zu sehr weitreichenden Konsequenzen führen kann. Sie hat mit 3 gegen 1 Stimme (England) eine „beabsichtigte Verfehlung“ Deutschlands bei den vertragsmäßigen Holzlieferungen festgestellt. „Die Lage ist ernst.“ Diese Wendung, die sonst nur auf jeder Seite jeder deutschen Zeitung einmal zu finden ist, kann man jetzt in jeder Spalte dreimal lesen. – Die Lage scheint auch noch wegen der Passau-Ingolstadt-Affäre „ernst“ zu sein. Da hatte das Wolffbüro gleich, als die Mitteilung von der neuen Note kam, ankündigen müssen, deren Wortlaut werde tags darauf veröffentlicht werden. Das ist über eine Woche her, die Veröffentlichung ist bis jetzt nicht erfolgt. Ohne Zweifel hat die bayerische es der Reichsregierung verboten, und daß Cuno Subordination gegen die vorgesetzte Gewalt hält, kann erwartet werden. Vermutlich gehn in der Angelegenheit Noten en masse zwischen Berlin und München, und vielleicht wird man die Lösung versuchen, dem Willen der Entente zu gehorchen, ohne daß der süße Nationalmob was erfährt. Für erledigt halte ich die Sache keinesfalls, und schon die Verstärkung der in Bayern stationierten Kontrollkommission, die schon aufgelöst werden sollte, von 5 auf 10 Entente-Offiziere zeigt, wie entschlossen der „Feindbund“ ist, dem bissigen Köter in der frommen Meute Raison beizubringen. Unsre Hausparlamentarier erhielten jetzt die Landtagsstenogramme mit den ersten Reden Adolf Schmidts in der Prannerstraße. Er hat sich da sehr brav für uns ins Zeug gelegt und den frommen Christen, die ihm zuhörten, beweglich ans Gewissen getippt. Auch unser Fischer-Gustl ermahnte die Herrschaften zu ein wenig menschlicher Milde. Man antwortete ihnen garnicht und stimmte ohne weiteres ab, selbstverständlich mit dem Ergebnis, daß Empfindungen der Menschlichkeit nach wie vor in Niederschönenfeld keine Stätte haben dürfen, daß Gnade auch fernerhin im Lande der Eigenartsbayern nicht geübt werden dürfe, daß von einer Umänderung der Behandlung der Festungsgefangenen keine Rede sein könne und daß man durchaus ablehnt, sich von der Wahrheit zu überzeugen, da ja die Lügen nötig sind, um diese christlichen Entschließungen, die bei ihnen allen im vorhinein gefaßt sind, zu motivieren. Geärgert habe ich mich darüber, daß Adolf bei seiner Charakterisierung des Max Weber wieder auf den Ansbacher Angriff auf mich zurückkam und dabei auch seinerseits die blödsinnige Behauptung wiederholte, Weber habe mich zum Niederknien und zum Pardonbitten gezwungen. Das hat dieser Spitzel erfunden, um sich in Glorie zu setzen. Nur Kühlewein hat das Märchen dann in seine reizende Denkschrift hineingenommen, um mich möglichst jämmerlich zu machen, und allmählich ist es so zu einer historischen Wahrheit geworden, und wird wohl für alle Zeit an mir hängen bleiben. Muß es eben leiden. In Wirklichkeit geschah nichts dergleichen. Weber schlug mir in mein geschwollenes Gesicht, wobei mein Zwicker zerbrach, was mich vollständig wehrlos machte. Er spuckte mir auch ins Gesicht und brüllte mich an: „Knie nieder du Schuft!“ Aber er kam nicht einmal zu dem Versuch, mich mit Gewalt niederzudrücken, da es mir gelang an ihm vorbeizukommen und die Tür zu erreichen. Ich habe bei der ganzen Szene also nur passiv ertragen, was ich nicht abwenden konnte, mich aber in keiner Weise an dem anmutigen Wechselspiel aktiv beteiligt, auch nicht durch Niederknieen oder Bitten um Schonung und Verzeihung. Der eitle, pathologische Lügner und Renommist hat zur Erhöhung seines Ruhms diese Kitschpointe erdichtet, und es zeigt sich, daß die Aufnahme einer Lüge durch die Regierung so suggestiv wirkt, daß selbst dem besten und wohlmeinendsten Freund die Tatsachen nicht so in Erinnerung bleiben, wie sie der Hauptbeteiligte, dessen Wahrheitsliebe er kennt, berichtet, sondern so wie sie interessierte Tendenzschilderungen über den Markt schreien. Ich stelle hier noch einmal die Wahrheit fest ohne Hoffnung, dadurch in meinen Nachrufen dreimal die Prügel von Weber ohne Kniefall angerechnet zu bekommen. Dieser Kniefall wird mir genauso in der Biographie stehn bleiben wie die Annahme, ich selbst hätte mir den Titel „Edelanarchist“ zur rühmlichen Unterscheidung von Bakunin, Krapotkin, Tolstoj, Landauer beigelegt, was ich gerade jetzt wieder dem Herausgeber des Karl-May-Jahrbuchs ausreden mußte, der glaubte, meine Charakterisierung meinem Wunsch entsprechend durch dies blöde Schmockwort und Anführungsstriche verschönern zu sollen. Dabei greifen mich im Gegenteil viele Anarchisten selbst grade deshalb an, weil sie in mir – wenn auch nur teilweise mit Recht – den Vertreter des in Mißkredit geratenen Gewaltanarchismus sehn. Jedenfalls will ich 1000mal lieber mit Ravachol zusammengenannt werden als z. B. mit dem Wiener Schleimfetzen Rudolf Großmann, der die Frechheit hat, sich Pierre Ramus zu nennen und der bestenfalls ein weinerlicher Pazifist, im ganzen Leben aber kein Revolutionär ist. – Für heute mag’s genug sein. Ich muß an die Beantwortung der Weihnachts- und Neujahrsgrüße gehn, was mit großen rechnerischen Schwierigkeiten verbunden ist. Denn die Verwaltung denkt scheinbar garnicht an eine Erhöhung unsres Taschengelds. Wozu auch! Wenn sie mit solchen Mitteln die Aufhebung unsres Rechts zu beliebiger Briefschreiberei erzielt, kann sie dem Staat vielleicht bald eine neue Verbilligung der Ausgaben für Zensurkosten vorrechnen, wie sie sie zur Zeit in recht spürbarer Kürzung unsrer Kost erzielt. Zum 15. Januar aber wird das Briefporto auf 50 Mark erhöht. Wir haben Ursache, das Jahr 1923 mit hochgestimmten Erwartungen zu begrüßen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 1. Januar 1923.

Also es wäre wieder mal ein Gitterjahr hinter uns, und das neue hat begonnen. Gefühlvolle Betrachtungen kann ich mir ersparen, enthusiastische Hoffnungsarien ebenfalls. Immerhin beginnt das Jahr 1923 angenehm. Es ist herrliches Wetter, und obendrein ist mir heute früh nach einer so gut wie lange nicht durchschlafenen Nacht das Beste passiert, was ich zu erleben weiß und was ich seit Jahr und Tag nicht mehr erlebt habe: die Konzeption einer neuen dichterischen Arbeit, eines satirischen Lustspiels, das wahrscheinlich den Titel führen wird „Einerseits – Andrerseits“ und das in den gröbsten Umrissen zugleich mit dem Einfall und dem Titel sofort vor mir stand. Ich denke also, daß ich in diesem Jahr wieder mal etwas Literarisches zuwege bringen werde. Das verflossene Jahr war literarisch vielleicht mein ärmstes in 20 Jahren. Dies Tagebuch ist nahezu das Einzige, was davon übrig bleiben wird, außer ganz wenigen Gedichten, von denen das letzte, „Ewiges Diesseits“ auch bislang der einzige Ertrag des Religionsgedanken ist, mit dem ich mich seit mehreren Wochen herumtrage. Ich hoffe, mit dem Lustspiel bald soweit zu sein, daß ich an die ersten schriftlichen Niederlegungen denken kann, und habe ich mich überhaupt erst wieder ins Arbeiten gefunden, dann läßt mich hoffentlich der Furor nicht wieder los, und ich ermanne mich auch wieder zur Weiterarbeit am „Mann des Volkes“. Vier Kapitel liegen nun fast zwei Jahre da, und dann hat mich die 14monatige Schikane der Zensur zu keiner Neuanspannung der Energie mehr kommen lassen. – Mögen die günstigen Zeichen, unter denen 1923 sich anzeigt, nicht trügen. Wir begingen die Sylvesterfeier in etwas größerem Kreise mit Punsch, der zu wenig und zu sanft war, als daß er die Gemüter in Glut hätte setzen können, aber jedenfalls die Wirkung tat, daß ich gleich nach unsrer Polizeistunde (½ 11) einschlief und in selten ruhigem Schlaf die Sammlung fand, die mir heute das ungewohnte Wohlsein des Leibs und der Seele gibt, das mich auf ein Jahr der Arbeit hoffen läßt. Voraussetzung zu wirklicher ungestörter Arbeit wäre freilich die baldige Entvölkerung der Festung, da bis jetzt noch viel zu viel Menschen sich auf dem, nach der Absperrung eines Seitengangs noch erheblich verkleinerten Raum hier oben drängen, um ruhiges Arbeiten zu ermöglichen. Wir gehn mit 32 Mann ins neue Jahr; am 1. Januar 1922 waren wir 70. Im Laufe der nächsten 3 Wochen gehn 3 Mann, ferner ist ganz unsicher, ob Liebl überhaupt wieder unter uns erscheinen wird. Gehn die Entlassungen in ungefähr dem Stil weiter wie in den letzten Monaten (seit September), dann dürfen wir hoffen, daß wir in wenigen Wochen oder doch Monaten die Unrast des Abschiednehmens hinter uns haben und uns auf längere Sicht einrichten und Programme aufstellen können. Dabei rechne ich doch auch noch immer auf eine erfreuliche Entscheidung in der Amnestiesache unsrer Mitteldeutschen. Die haben jetzt von ihrem Anwalt den Bescheid erhalten, daß eine Verzögerung durch den Weihnachtsurlaub des Referenten im Justizministerium eingetreten ist, der bis zum 6. Januar fortbleibt. So sind die Menschen: der gute Mann geht seelenruhig auf Urlaub, feiert das Fest der Liebe und ist glücklich mit Weib und Kindern, obwohl er weiß, daß jede Stunde seiner Erholung für 7 Festungs- und einen Zuchthausgefangenen und für deren Familien Verlängerung ungerecht erduldeter schändlicher Qualen bedeutet, daß seine Eile, ein paar Stunden früher in Urlaub zu kommen, Dutzenden von Menschen das Weihnachtsfest, zu dem er gereist ist, zerstört hat. Aber das ist’s eben: ein wenig Vorstellungskraft, ein wenig Eifer, sich in die Empfindungen andrer Menschen hineinzuleben – und wir hätten eine unermeßliche Fülle von Jammer und Klagen weniger auf der Welt. – Von Juristen allerdings Psychologie zu verlangen, wäre in Deutschland verstiegen. Was wir an Prozessen dauernd erleben, zeigt, daß garkeine Möglichkeit besteht, der Klasse, die allein richtet, die Klasse, die allein gerichtet wird, als Wesen der gleichen Art verständlich zu machen. Wieder ist ein „Rechtsspruch“ gefällt, der einem das Blut in den Adern gerinnen macht. Ein Arbeiter, der im März 1920, als der Bürgerkrieg in Westdeutschland mit Roter und Weißer Armee in akutem Stadium war, einem Revolutionstribunal vorsaß, das einen Kappisten wegen Kriegsspionage zum Tode verurteilte, wurde jetzt von einem Schwurgericht wegen „Mord“ zum Tode verurteilt: nachdem eben das Schandurteil gegen den Leutnant Hoppe gefällt wurde, der ohne Gericht, ohne Urteil 2 Proletarier meuchlings umbringen ließ und dafür ganze 2 Jahre Gefängnis erhielt. Dabei sind alle mit der Kappgeschichte zusammenhängenden Vergehen schon seit 2½ Jahren amnestiert, außer den Taten der sogenannten Führer. Man hat ja eben gefunden, daß Ludendorff und Traub als „Mitläufer“ außer Verfolgung zu bleiben hätten, und Wangenheim und Schiele hat man als „Mitläufer“ freigesprochen. Der zum Tode verurteilte Mann in Essen aber ist ein Proletarier, – also ein „Führer“. Wir bayerische Festungsgefangene können uns über derartige Dinge allerdings schon lange nicht mehr wundern. Aber bitter genug ist es, daß die Arbeiterschaft selbst alle dergleichen Provokationen schweigend und widerstandslos hinnimmt. Wird das neue Jahr den Wandel bringen? Man muß einen Blick auf das alte werfen und wird dabei traurig gestimmt. An erregenden Ereignissen war 1922 gewiß nicht arm. Rathenaus Ermordung zog viel nach sich, was Hoffnungen erwecken konnte und was zu Enttäuschungen führte, die der größte Pessimist nicht für möglich gehalten hätte. Was jetzt noch Optimismus rechtfertigt, ist nur das, was jenseit der proletarischen Entschließungen liegt. Die Wirtschaftslage des Landes ist nahezu rettungslos verfahren, und wir dürfen nicht vergessen, daß erst seit ganz wenigen Monaten der Niederbruch die katastrophalen Ausmaße angenommen hat, die zu ermessen und zurückzubiegen sich die Experten des Weltkapitalismus zur Zeit vergeblich bemühen. Im August stand der Dollar auf 600 Mark, jetzt zu Neujahr ist man zufrieden, daß er sich schon ein paar Wochen um die 7000 herum halten läßt. Eine solche Entwicklung in so kurzem Zeitraum kann wohl die Hoffnung wecken, daß die endgiltige Pleite in raschen Sprüngen näherrückt. Die Konferenz, die morgen in Paris zusammentritt, wird daran kaum etwas ändern. Ihr Ergebnis wird das aller dieser Konferenzen der europäischen Staatslenker dieser Zeit sein: das Auseinandergehn mit dem Beschluß, einer neuen Konferenz die Lösungen zu überlassen, die man nicht gefunden hat. Und diese neue Konferenz wird dann dasselbe Resultat haben. Die gänzliche Unfähigkeit der Geschichte machenden Personen der Gegenwart und die gänzliche Zerfahrenheit der Zustände, aus denen diese Unfähigen Geschichte machen sollen, läßt die Hoffnung für uns nicht einen Augenblick schwach werden. Ob das heute beginnende Jahr sie schon reifen lassen wird, das ist wohl sehr fraglich, aber der Tag rückt näher mit jedem Umblättern des Kalenders, und das Weglegen eines Kalenders und das Inangriffnehmen eines neuen mag allem Ungemach zum Trotze wieder einmal Anlaß sein, der Zukunft die Hand zu reichen: Willkommen!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 2. Januar 1923.

Meiner Bilanz von gestern könnten einige Zutaten nicht schaden, besonders in Hinsicht auf die Juristerei der deutschen Republik, die in ihrer unmöglichen Parteilichkeit, Willkür, Ahnungs- und Rechtlosigkeit ein Spiegelbild des ganzen Jammers ist, in dem dieses Volk lebt. In die abenteuerliche Korruption der Zeit leuchtet der Klante-Prozeß hinein, der nun schon wochenlang sich hinschleppt und vor weiteren Wochen kaum zu Ende gebracht werden wird. Klante, der Mann mit dem Rennwettsystem, der jedem Einzahler in sein Geschäft 100 % Zinsen versprach, ist in seiner frechen, ordinären und zugleich erbärmlichen Wichtigtuerei vor Gericht das Prototyp jener „neuen Reichen“, die heute die Nutznießer des aus dem Kriege übriggebliebenen Elends, die wahren Schakale am Kadaver des deutschen Volks sind. Dabei hat der Kerl offensichtlich die Überzeugung, mit seinen Machinationen ein Wohltäter der Menschen gewesen zu sein, den nur der Neid und der Unverstand Dritter zum Betrüger an denen gemacht habe, denen er wohltun wollte, indem er zugleich selbst Geld schaufelte. Ein Stroußberg kleineren Formats, wie denn der Schwindel unsrer Tage sich auch der Art nach ebenso tief unter dem Niveau der Gründerjahre hält, wie alles in dieser Zeit gemeiner, roher, unappetitlicher und gedankenärmer gemacht wird als zu Beginn der Niedergangsperiode Deutschlands durch die Reichsgründung. Wenn so ein künstlicher Organismus entsteht und wächst, merken nur wenige Erleuchtete – Constantin Frantz und Nietzsche, – was man davon zu halten hat; geht er dann an seiner eignen Hohlheit zu Grunde, dann verbreitet er dabei Gestank genug, um seine Lebensunfähigkeit auch den schwächer Begabten sinnfällig zu machen. In den bislang herrschenden Volksschichten, die im Gefühl, daß ihre Herrschaft innerlich keine Berechtigung mehr hat, sich des Gestanks erwehren und ihn als Wohlgeruch der Weltgenesung ausgeben, strengt man sich aufs Erbittertste an, den Leichnam zu galvanisieren. Da ist die Justiz das geeignetste Mittel, um die Prinzipien, die im Leben abgewirtschaftet haben, in toten Paragraphen wirksam und bedrohlich zu erhalten. So war jetzt in München wieder ein Prozeß, für den Kulturhistoriker der Zukunft erbaulich genug, um Recht und Leben des Deutschlands nach 1918 in ihrer Wechselbeziehung wirksam anschaulich zu machen. In der Jugendfürsorge in Neuherberge tobte sich mit seinen untergeordneten Organen der katholische Priester Brandstätter aus. Über die armen Buben, die diesem Seelsorger anvertraut waren, wachte des Gebet zum Gekreuzigten und der Ochsenfiesel. Die Zöglinge bekamen so wenig zu essen, daß die Gutachten der Ärzte, die viel zu spät – nachdem eines der Kinder an Unterernährung zugrunde gegangen war – mit den Zuständen befaßt wurden, vernichtend ausfielen. Als im Münchner Stadtrat der Fall zu öffentlich gemacht war, als daß man ihn länger hätte totschweigen können – wobei das Verhalten der Christkatholischen interessant war, die von Anfang an das schändlichste aller Verbrechen, die Brutalisierung der Leiber und der Seelen anvertrauter Kinder, zu beschönigen und zu bemänteln suchten [–], mußte man den Herrn Brandstätter endlich doch vor Gericht stellen. In der Verhandlung arbeitete der Vorsitzende der Verteidigung so in die Hände, daß alles Belastende von vornherein wegeskamotiert, alles Entlastende zu transparenter Reklame an die Sonne gehängt wurde. Der Erfolg stand somit von der ersten Prozeßstunde ab fest und war tatsächlich: Freispruch für den Pfarrer, moralische Verurteilung aller derer, die mit dem Finger auf den Schweinestall dieser „Jugendfürsorge“ hingewiesen hatten, insbesondere des Münchner Stadtrats, moralische Verurteilung auch des kleinen zu Tode gepeinigten Kärl und seiner eben noch geretteten Kameraden. Klerikale, nationale und pädagogische Zeitungsschmierer aber jubeln, daß alle Behauptungen über Übelstände in Neuherberge als Verleumdungen erwiesen sind und Herr Brandstätter stolz erhobenen Hauptes weiterhin mit dem Ochsenfiesel als Zugabe zum Gebet auf die mißratenen Bengel seines Vaterlandes losmarschieren darf. Kaum ein Prozeß von öffentlichem Interesse zeigt ein andres Bild: nirgends entscheidet ein natürliches Rechtsbewußtsein, stets entscheidet die Solidarität der Richter mit dem Gesellschaftsmilieu der einen, die Animosität gegen das Gesellschaftsmilieu der andern Seite. Zwar mag das so im Charakter jeder Rechtssprechung liegen, da die menschliche Natur dem Anspruch auf gerechtes Erkennen von Gut und Böse widerspricht – nur das Christentum, in dessen geschändetem Namen in aller Welt „Recht“ gesprochen wird, hat das begriffen und verbietet jegliches Richten – aber früher ließen sich doch die Menschen von einem gewissen guten Willen leiten, unverfälschte Gewichte zu gebrauchen, um sträfliche Taten abzuwägen, heutzutage ist die Korruption so groß und so allgemein, daß selbst der Schein nirgends mehr gewahrt wird, – wobei, genau wie Klante, jeder Richter sicherlich der Überzeugung ist, bei seinem Wirken für die „völkischen Belange“, die ängstlich und auf Kosten der Gerechtigkeit gehütet werden, ein Wohltäter der Menschheit zu sein. Ohne Beispiel aber in aller bekannten Geschichte sind die Prozesse, die in Deutschland überhaupt vor kein Gericht kommen, wenn man sie mit denen vergleicht, die verhandelt werden. Schlägt man x beliebig ein demokratisch oder sozialistisch gerichtetes Blatt auf, dann betäuben einen darin die Berichte über Gewalttätigkeiten oder Provokationen der Völkischen, besonders der Nationalsozialisten in Bayern. Da schrieb das „Heimatland“ des Herrn Escherich jüngst, die Reichsregierung habe die Entente um Hilfe gegen Bayern gebeten. Man muß sich der Urteile gegen Leoprechting, Fechenbach, Gargas, Lembke etc entsinnen, um zu ermessen, was die umgekehrte Behauptung für Folgen gehabt hätte, Bayern konspiriere mit Frankreich gegen das Reich. Aber gegen das „Heimatland“ wurde kein Haß bemüht, um einen Landesverrat zu sühnen. Und eben wieder erfährt man von demselben Organ, es habe die Landsleute aufgefordert, wenn sie vor den Leipziger Staatgerichtshof zitiert werden, dem Ruf keine Folge zu leisten. Niemand brauche sich vor Hoch- und Landesverrätern zu rechtfertigen. Daß nun das „Gesetz zum Schutz der Republik“ oder der Strafparagraph über Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze oder die Gesetze über Beleidigungen angewendet würden, davon hört man nichts und das erwartet kein Mensch. Ebensowenig geschieht den Hitlerbanden etwas, wenn sie bewaffnete Umzüge veranstalten, Versammlungen sprengen, Mord propagieren. Dieser Tage hat in München Professor Quidde einer pazifistischen Versammlung Bericht erstattet über die Friedenskonferenz im Haag. Die Teutonen drangen ein, schlugen und fetzten um sich, es gab mehrere Verwundete, und schließlich, als alles vorbei war, kam Polizei. Wir werden wohl noch erfahren, daß sie einige Pazifisten verhaftet hat. Ein Gericht wird sich mit der Sache sicherlich nicht beschäftigen. Ein ganz toller Vorgang aber hat sich jüngst in der Georgenstraße in München zugetragen. Dort wurde um 11 Uhr abends ein Mann von Nationalsozialisten angehalten und aufgefordert, nachzuweisen, daß er kein Jude sei. Sein Paß, der ihn als Amerikaner auswies, genügte den Teutonen nicht, und der Mann mußte den Hosenladen aufknöpfen und nachweisen, daß er nicht beschnitten war. Was mit ihm passiert wäre, wenn etwa mal aus hygienischen Gründen eine kleine Vorhautoperation gemacht wäre, wie bei zahllosen Nichtjuden, ist nicht auszudenken. Nur was den Ferkeln dann passiert wäre, die ihr Deutschtum mit dieser Zwangsexhibition manifestierten, ist klar; dasselbe, was ihnen auch jetzt passieren wird: garnichts. Man wird erklären, daß man sie nicht habe ermitteln können, was auch wahr ist, da kein Mensch sie suchen wird. In Amerika wird man sich ja freuen über die Möglichkeiten, denen friedfertige Reisende in dem einst so gastlichen München ausgesetzt sind. Auch wir dürfen uns sagen: solche Dinge sind schon unmittelbare Vorläufer von Pogromen, bei denen arme Teufel von jüdischen Hausierern und Trödlern daran werden glauben müssen. Denn die reichen Juden werden von der Börse und der Industrie geschützt, denen sie in gemeinsamem Interesse die Ausbeutung der Armen finanzieren helfen, und eben von diesen Kreisen wird ja auch die Judenmordpropaganda finanziert. Zwischen Juden und Juden ist eben ein Unterschied, derselbe wie zwischen Reichen und Armen, zwischen Bürgern und Proletariern, zwischen Angeklagten von rechts und Angeklagten von links. Eine Hand aber schlägt der andern die Finger nicht ab, auch wenn ihre Träger der Hakenkreuz-Hitler und der Nationaljude Siegmund Fränkel sind. – Dies aber ist das Land der Hölderlin und Jean Paul, der Herder und Goethe, der Kant und Novalis. Die großen Geister von 1806 erlebten die Ereignisse von Jena und der bonapartistischen Usurpation und blieben was sie waren und halfen dem deutschen Volk zu bleiben, was es war. Sie erlebten auch den Patriotismus von 1812/13 und blieben was sie waren, und das Volk blieb gleichfalls was es war. Diese Zeit vor 100 Jahren aber lehrten uns die Historiker als Zeit der tiefsten Schmach und des höchsten Aufstiegs betrachten. Daß wir heute die Zeit der jämmerlichsten Schmach erleben, die ein Volk erleben kann, darüber sind wir einig: Patrioten und Revolutionäre, Adel, Bürger und Proletarier. Aber wer da auf „Aufstieg“ hofft und meint, er werde aus Kriegsgebrüll kommen oder aus politischem Geschwätz oder gar aus der starken Hand eines brutalen Diktators, eines Fürsten oder Generals, der wird sich täuschen. Der Aufstieg Deutschlands kann nur ein Wiederfinden des Geistes sein, den das deutsche Volk besaß und den es in materiellem Größenwahn verlor. Dieser Geist liegt verschüttet unter den politischen Abstraktionen des Bismarxismus, des Positivismus und Materialismus. Politisch ist nur noch eins nötig: Revolution vom Grunde aus, Aufruhr und Reinigung. Was der Umsturz aller Staatsinstitutionen, die Auflösung ihrer Verwaltung und ihrer Justiz an Splittern und Schutt nach oben befördern wird, das wegzuräumen wird die Aufgabe der kommenden Generation sein. Wenn sie sie löst, dann wird der deutsche Geist erlöst sein und sein Volk erlösen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 4. Januar 1923.

Man berät also wieder mal über die Sanierung der europäischen Wirtschaft, und die Herren, die sich zu diesem Behuf in Paris zusammengefunden haben, werden jeder ein Progrämmchen schwenken und versichern, daß nur ihre Lösung des Problems zu wahrem Heil führen könne. Die Sachwalter der amerikanischen Milliardäre, die Herren Harding und Hughes, lassen sich umwerben und hofieren, und erklären vorweg, daß sie gern bereit seien, mit Anleihen zu helfen, – falls sich das für sie als Profitgeschäft großen Stils machen läßt. Herr Cuno seinerseits hat in Hamburg eine große Rede gehalten und sich, hauptsächlich weil er von vornherein feststellen konnte, daß er diesmal im Einverständnis, will heißen im Auftrag, der Großindustrie spreche, bei den Pfeffersäcken eines „Ehrbaren Kaufmanns“ großen Beifall und allgemeine Zustimmung erworben. Zustimmung nämlich für eine Politik der „Erfüllung“, an die der verewigte Wirth mit seinem sozialdemokratischen Troß nicht von Ferne hintippen konnte. Ein weitgreifendes Programm mit deutschen Vorschlägen ist danach fertig zum Gebrauch und soll die Reparationen endgiltig ins Lot bringen. Denn, meint Cuno, wenn wir die Lasten der Reparationsschuld vom Halse haben, dann haben wir auch die deutsche Wirtschaft wieder in Gang gebracht. Da irrt er sich freilich. Die deutsche Wirtschaft ist nur in Gang zu bringen, wenn sie total umorganisiert wird, d. h. wenn nach Maßgabe der nach dem Kriege verbliebenen Substanz der Konsumtionsbedarf ins rechte Verhältnis gebracht ist zur Substanz an Arbeitskräften, Arbeitsgerät, Arbeitsmaterial. Solche Umstellung aber setzt voraus Stilllegung mächtiger Unternehmungen ohne Rücksicht auf ihre Lukrativität, Zusammenlegung von Betrieben, Neueinrichtung von Werken jeder Art unter Ausschließung privater Gewinn-Prosperität. Mit andern Worten: da sich die Heilung des Leidens schlechterdings nicht bewirken läßt ohne die Entmachtung des Kapitals, das wiederum nichts unternehmen wird und seinem Wesen nach nichts unternehmen kann, was die Institutionen seiner Macht berührt, so gibt es nur einen Weg zur Sanierung der Wirtschaft, den der proletarischen Revolution mit Expropriation und Sozialisierung der Produktionsmittel. Herr Cuno ist zuverlässig ein kluger Mann und guter Rechner. Sein Unglück ist, daß er keine Rechenexempel aufstellen darf, deren Lösung nicht genehm ausfallen. Das ist gerade die Quadratur des Zirkels, von der er selbst in seiner Rede sprach, nicht, wie er meint, bloß die Unausgleichbarkeit der Ansprüche der Sieger mit der Leistungsfähigkeit der Besiegten. So weit nun aber Cuno mit Industrie, Handel und Schiffahrt im Bunde jenen Ansprüchen entgegenkommen möchte, um nur endlich aus der ewigen Schraube der Versailler Verpflichtungen herauszukommen, so scheint man auf der Gegenseite noch keineswegs sehr überzeugt von dem Opfersinn des deutschen Kapitals und von der offenbar hier gehegten Zuversicht, diesen Opfersinn wieder ganz auf Kosten des ausgebeuteten Proletariats und unter Schonung der eignen Tasche betätigen können. Cuno verlangt die Zulassung des Staatssekretärs Bergmann zu den Pariser Beratungen, um die deutschen Vorschläge vorlegen und mündlich begründen und erläutern zu können. Die französische Presse meldet aber schon jetzt, daß man sich darauf nicht einlassen werde. Die Deutschen mögen ihre Pläne schriftlich so fixieren, daß sich mündliche Kommentare dazu erübrigen, und es herrsche der Eindruck, als suche man sich in die internen Verhandlungen der Alliierten einzuschleichen. Sehr freundlich klingt dieser Auftakt nicht. Wahrscheinlich hat Herr Cuno aber das Kraut bei den Franzosen schon durch eine Ungeschicklichkeit ausgeschüttet, die in der Tat selbst für deutsche Politiker märchenhaft naiv anmutet. Er berichtete den Hamburger Herren von einem Vorschlag, den die deutsche durch Vermittlung einer dritten Regierung der französischen gemacht habe. Beide Staaten sollten sich verpflichten, sich vor jedem Krieg gegeneinander erst durch ein Plebiszit des Kriegswillens der Völker zu versichern. Poincaré wolle aber leider von dieser Friedensgewähr nichts wissen. Das scheint dem Manne ganz unfaßbar zu sein, der heute politischer Leiter desselben Reichs ist, das sich 1914 die ganzen Kriegsvorteile der ersten Jahre im Westen dadurch sicherte, daß es die von ihm selbst beschworene Neutralität Belgiens – Not kennt kein Gebot! – brach, und das 1923 noch in allen politischen Ämtern leitende Persönlichkeiten und besonders Verwaltungsorgane beschäftigt, die damals schon mitwirkten, als die Welt erfuhr, wie hier beschworene Verträge gewertet werden, wenn die „Not“ sie als „Fetzen Papier“ zu deklarieren für praktisch hält. Übrigens heißt es, daß schon jene dritte Macht, angeblich Amerika, sich geweigert habe, den Vorschlag überhaupt nach Paris weiterzugeben, zumal der Versailler Vertrag bedeutend zuverlässigere Friedenssicherungen enthalte als dieser nicht einmal spezialisierte Plan. – Die Schacherei in Paris wird nun also mindestens soviel beschließen, ob Deutschland am 15. Januar den fälligen Betrag zahlen muß oder nicht. Vermutlich wird man einen Aufschub gewähren, ob gleich in Form eines mehrjährigen Moratoriums steht noch dahin, erst recht, welche Sicherungen für ein Entgegenkommen dieser Art verlangt werden sollen. Aber man wird ja jedenfalls doch gleich wieder eine neue Konferenz beschließen, und da kann man sich dann immer noch über die „Pfänder“ streiten, die Deutschland geben muß, da man den Regierern dieses Landes ohne Realdepots auf ihr Wort schon lange nirgends mehr glaubt. – In Lausanne steht man vor der Entscheidung, ob man die Verhandlungen abbrechen oder erst mal wieder eine neue Konferenz von ähnlicher Langweiligkeit zusammentrommeln soll, bei der dann unter dem Gähnen der Welt vielleicht doch die zweite Auflage des Weltkriegs herauskommt. Vorerst ist man in der Mossul-Frage so weit gekommen, daß niemand weiter weiß und die Engländer zunächst mal wieder ihre Kriegsschiffe flott gemacht und vor Konstantinopel dirigiert haben. Zugleich wird von Mobilisierungen in Griechenland, der Türkei und Yugoslawien berichtet. – Beruhigende Ausblicke. Im Vaterlande selbst dreht sich die Preiskurbel in immer abenteuerlichere Höhen und schon gärt es wieder in allen Schichten der Exploitierten, zumal wieder unter den Eisenbahnern, gegen die sich die Stinnes-Regierung natürlich jede Frechheit erlauben kann, nachdem ihre sozialdemokratischen Vorgänger, um sich das Regieren zu erleichtern, das Streikrecht der Beamten prinzipiell verneint haben. Trotzdem scheint bei den Eisenbahnern starke Stimmung für den Streik zu bestehn, und wir dürfen schon für die nächsten Wochen und Monate auf neue Kämpfe rechnen, die doch wohl einmal das Gerüst des noch schief auf den Pfeilern ruhenden Geländers der Kapitalswirtschaft aus den Fugen reißen könnten. – Heut früh ist im neuen Jahre die erste Entlassung von hier erfolgt: Andreas Heiß, der „Anderl“, hat seine „Zuwag“ hinter sich gebracht. Ich habe innerlich viel zurückzunehmen vor diesem Heiß. – Als er kam, wurden von ihm Gerüchte verbreitet – und ich glaubte sie, weil sie aus glaubhaften Quellen kamen –, die sein Verhalten in der Angelegenheit des sogenannten „Geiselmords“ in ein sehr schlechtes Licht stellten. Er hat alle die Behauptungen durchaus widerlegt und auch sonst bewiesen, daß in seinem allgemein beträchtlich weiten Gewissen grade die Unsolidarität keinen Raum hatte. Heiß ist typischer Lumpenproletarier, ein Kerl von verwegenster Vergangenheit, aber dabei von größter Ehrlichkeit im angeborenen Charakter, einer der sich nie schöner macht als er ist und dem all das, was er gegen die Moral der Moralischen tut und je getan hat, absolute Selbstverständlichkeit ist. Dieses Original – wir haben hier noch kein amüsanteres gehabt – hat uns mit seinen Erzählungen, seinen grotesken Gesten und Manieren, seiner, wenn auch unbeschreiblich rohen, so doch stets naiven Urwüchsigkeit viele vergnügte Stunden gemacht. Seine politischen Überzeugungen sind nicht weit her, aber die gesunden Revolteinstinkte des Lumpenproletariers sind in ihm, und manchmal gab er mir Ansichten zu Besten, die ich in ihrer revolutionären Folgerichtigkeit manchem Parteikommunisten als so natürliche Gedanken wünschte. Meine alte Auffassung, daß eine soziale Revolution keinesfalls am „fünften Stande“ vorbeigehn darf, daß hier vielfach tiefere Sehnsucht nach Befreiung und stärkere Opferbereitschaft ist als bei den Lohnarbeitern hat Heiß in mir von neuem gefestigt. Und er ist nicht der Einzige aus diesen Kreisen der bedenkenlosen Negierung bürgerlicher Anstandsbegriffe, die ohne extra gerufen zu werden, sich in unsre Reihen stellten und dem infamen Passus des Kommunistischen Manifests zum Trotz tapfer kämpften, niemanden verrieten und ihre Strafe auf den Buckel nahmen wie jeder andre auch. – Daß mir das Scheiden des Anderl innerlich schwer fiele, kann ich ja nicht behaupten. Dafür steht mir heut abend ein Abschied bevor, mit dem ich mehr zu tun haben werde. Unser Biebs wird frei, das wird eine empfindliche Verarmung des engeren Freundeskreises. Aber von ihm morgen. Er verdient eine Träne auf einem eignen Blatt. Und jetzt gehe ich zu ihm, ihm die letzten Stunden in Niederschönenfeld verkürzen zu helfen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 5. Januar 1923.

So ist also auch der Biebs fort von uns, nachdem ihm nicht nur alle Bewährungsfristgesuche abgelehnt, sondern auch noch 12 volle Monate über den Willen der Richter hinaus ohne den geringsten stichhaltigen Grund zudiktiert waren. Er wurde zu 3 Jahren verurteilt und sollte nach zweien auf Bewährung frei sein. Er hat die 3 Jahre bis auf den letzten Tag gemacht, warum, weiß weder er noch sonst jemand außer den Schergen der Noblesse und der Barmherzigkeit, die in Bayern das Christentum repräsentieren. Soweit wir urteilen können, hat der gute Kerl ein Jahr Niederschönenfeld nachexerzieren müssen, weil er zu den 25 Genossen gehörte, die Vollmanns Erpressungsrevers nicht unterschrieben, was den Mangel an „Reue und Besserungsvorsatz“ bewies, mit dem seine Unwürdigkeit amtlich motiviert wurde. Auch besteht Anlaß zu der Vermutung – und der Anstaltsarzt hat ihm gegenüber Aeußerungen getan, die das bestätigen –, daß sein freundschaftlicher Verkehr in der Festung die „schlechte Führung am Strafort“ in sich schloß, mit der das Volksgericht spätere Gesuche regelmäßig abwies. Der Arzt sprach von seiner Freundschaft mit Walter, die Verwaltung dürfte den Verkehr mit mir meinen, dem ja auch der Seppl die zweiten 15 Monate „Ehrenhaft“ zuzuschreiben haben wird. Als einmal im Landtag von einem Sozialdemokraten bemängelt wurde, daß Hitler von seiner kurzen Freiheitsstrafe den größten Teil erlassen bekam, erhielt er von der Regierung die Antwort, das Gericht habe ihm Bewährungsfrist schon bei der Urteilsfällung zuerkannt, sodaß die Freilassung vor der Zeit garnicht mehr im Ermessen der Justizbehörde gestanden sondern selbstverständlich gegeben sei. Die Vergleiche zwischen Rechtsübungen hüben und drüben dürfen einmal auch an diesen Fällen nicht vorübergehn. Eins haben die klugen Regierer grade bei Biebs sicher erreicht: daß die seiner ziemlich phlegmatischen Natur gemäße Ergebung in die Sache, die ihn bei normaler Entlassung bestimmt ein für allemal von fernerer Aktivität zurückgehalten hätte, durch das Jahr Freiheitsberaubung für nichts und wieder nichts in einen fanatischen Haß gegen seine Quäler umgeschlagen hat, wie denn der Abscheu dieser Christen gegen alles was an Menschlichkeit, Milde und Gefühl erinnern könnte, in zahllosen Menschen, die sehr leicht zur Versöhnung zu stimmen gewesen wären, fürs ganze Leben die Wut gefestigt hat, die man eben brechen will. Sie sind nicht einmal klug genug zu Menschentum. Sie sind nur erfüllt von Rachsucht, und sie werden einst die Quittung für ihre Schreckens- und Abschreckungspolitik mit sehr gemischten Empfindungen empfangen. – Der Fortgang des Biebs reißt wieder einmal eine tiefe Lücke in den Kreis der Geselligkeit, der mir hier die Luft zu Fröhlichkeit und Hineinfinden ins Peinliche gibt. Seit mein Seppl fort ist, ist mir kein Abschied so nahe gegangen wie gestern der von unserm Jüngsten. Dabei gibt es nichts verschiedeneres in Charakter und Wesen als den Josef Wittmann und den Josef Weigand. Während mir der Seppl ganz und gar der Sohn war, den ich mit ganz väterlichen Gefühlen liebte, und der mir als Schüler und Vertrauender, als der Jüngere anhing, der im Älteren die Erfahrung und das Wissen ehrt und mir meine Liebe mit der hingebendsten Treue und nie ermüdendem Eifer dankte, mir alle kleinen Handreichungen zu tun, mir jede praktische Unbequemlichkeit abzunehmen, während Seppl vor allem auch in den politischen und Weltanschauungsdingen fest bei mir stand, – war das Verhältnis zum Biebs ein völlig andres. Zur eigentlichen Intimität unsrer Freundschaft kamen wir überhaupt erst vor 4 Wochen. Ein kleines Zerwürfnis, vielmehr eine unbeabsichtigte Kränkung, die ich ihm zufügte, und die, als ich sie erkannte, mich sofort bestimmte, ihm Abbitte zu tun, führte uns ganz nah zusammen und seitdem sah ich ihn eigentlich erst richtig, nämlich auch mit seiner empfindsamen, weichen Grundstimmung, die sonst hinter dem kräftigen, vitalen Rationalismus des Charakters verborgen lag. Aber grade diese Vitalität, diese betonte Körperlichkeit des Wesens machte mir immer seine Gegenwart angenehm, die eine Atmosphäre unbekümmerter Bejahung von Leben und Umständen schuf und mir dann eben, als ich plötzlich auch die Tiefen und die Beseeltheit des Menschen erkannte, den jungen, selbstvertrauenden, klugen offenen Kerl zu einer wahrhaft erfreulichen Figur unter den übrigen Genossen machte. Sein guter Instinkt empfand sogleich auch die Umstellung meiner Empfindungen von sympathischer Gewogenheit zu wirklichem Gernhaben der ganzen menschlichen Erscheinung, was dann zuletzt noch aus der Kameradschaft eine echte Freundschaft machte und gestern nachmittag, als der letzte Besuch unter 4 Augen bei mir stattfand, einen etwas schmerzlichen und sehr zärtlichen Abschied verursachte. – Wahrhaft rührend war der Schmerz Ernst Ringelmanns, von diesem Freund, mit dem er fast 2½ Jahre alles Materielle, alles Geistige und Seelische geteilt hatte. Ich war seit mehreren Monaten ständig abends mit den Beiden zum Tee beisammen und erlebte da als Zuschauer eine vollkommene Wiederholung meines Verhältnisses zu Johannes Nohl (die beiden sind auch im Alter ungefähr grade so weit auseinander wie wir es vor 18 Jahren waren), nur daß der Biebs eine viel robustere Natur ist als damals Hans Nohl; aber in den Empfindungen des Ernst erkannte ich meine von damals mit gerührtem Erstaunen wieder. Und so war das Scheiden des Freundes für den guten Jungen, als ob der Tod zwischen die Menschen träte, und ich hatte nachher, als der Biebs glücklich unten in Quarantäne gegangen war, noch viel zu tun, um dem ganz aufgelösten Menschen den erfreulichen Anlaß zu seiner Trauer zu Bewußtsein zu führen, ohne doch seinem Bedürfnis, Tränen zu vergießen, wehe zu tun. – Wie wenige solcher Freundschaften gibt es heute noch! Unter den Deutschen, denen doch Jean Paul den Hesperus schrieb und die von Hyperion und Alabanda wissen sollten, ist mit der Nüchternheit des Wollens, mit der Pervertierung des Ideals vom Menschlichen weg zum Staatlichen, von der Menschenverbindung zum Buchstabenzwang aller Herzensrausch nüchtern geworden, der Eros zum Sexus, die schöne Brüderlichkeit zwischen Männern zum gesellschaftlichen Soziustum erniedrigt. Schaffen wir reine Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, – dann werden wir das Beste getan haben, um wieder zur Gesellschaft von Persönlichkeiten und damit zur Vorbedingung von Freiheit und starker Gemeinschaft zu gelangen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend. d. 6. Januar 1923.

Heilige Drei Könige, und damit gottlob das Ende der Feiertagsserie, die hier wegen des häufigen Ausbleibens der Post allgemein höchst peinlich empfunden wird. Die letzten Zeitungen sind voll von dem Pariser Konferenzklamauk, der nach den letzten Meldungen schon wieder herum ist. Man ist also schneller wieder von Paris abgereist als man zur Versammlung dort Zeit gebraucht hatte. Das war nach Kenntnis der verschiedenen Regierungsvorschläge zur Reparationsregelung nicht mehr verwunderlich, man konnte nur noch zweifeln, ob nicht etwa trotzdem eine „Zwischenlösung“ gefunden werden würde, wie ja bisher noch stets ein Provisorium für ein paar Wochen die gänzliche Unfähigkeit, ein Definitivum zu finden, bemänteln mußte. Bonar Law hatte einen Plan vorgelegt, nach dem Deutschland ein Moratorium für 4 Jahre bekommen sollte, das es inzwischen von allen Bahrzahlungen befreien und nur zu stark ermäßigten Sachleistungen verpflichten sollte. Das sollte ohne Pfänder gewährt werden gegen die Sicherung einer kräftigen Finanzkontrolle, – mit andern Worten: England wollte die ganze Kriegsentschädigungsfrage vom politischen Geleise weg- aufs nur wirtschaftliche schieben, wobei die Schuldenlast auf etwa 50 Milliarden Goldmark reduziert und deren Beitreibung etwa mit den Methoden vollstreckt werden sollte, mit denen man zur Zeit in Österreich die gewinnversprechende pénétration pacifique inszeniert. Nachdem die deutsche Kapitalistenpresse hierob schon ein großes Gewein intoniert hatte, mußte sie plötzlich umstuken. Denn Herr Poincaré publizierte seinen Reparationsplan, der im Gegensatz zum englischen das Problem von der politischen – bald möchte ich sagen „moralischen“ – Seite her anpackt. Was er positiv Neues bringt, ist die Zustimmung auch Frankreichs zu einem Moratorium, jedoch nur für 2 Jahre, in denen aber gewisse Zahlungen fortgesetzt werden sollten. Eine grundsätzliche Herabsetzung der Reparationsschuld lehnt er ab, solange die französischen Schuldverpflichtungen aus dem Kriege nicht herabgemindert sind. Ferner wird überhaupt jedes Entgegenkommen verweigert, das nicht durch „produktive Pfänder“ risikolos gemacht ist. Frankreich stellt sich – wie das Poincaré in seiner begründenden Rede scharf hervorhob – auf den Standpunkt, daß Deutschland, das 1914 unmotiviert ins Land eindrang, jahrelang darin vandalistisch hauste und 10 verwüstete Departements zurückließ – unter keinen Umständen in die Lage versetzt werden dürfte, seine ohnehin schon wieder mächtig aufblühende Wirtschaft – es wurde wieder an die skandalösen Gewinne der Industrie erinnert – schneller und vollkommener instand zu setzen als das siegreiche Frankreich folgen könne. Die elementarste Gerechtigkeit verlange, daß alles geschehe, um Deutschland zu hindern, sich zu einer industriellen Vormacht aufzuschwingen, indem es sich neuerdings seinen Verpflichtungen ohne Gefahr entziehn kann. Darum müssen produktive Pfänder genommen werden, als welche jedenfalls zunächst bestimmte Einnahmeposten zu beschlagnahmen wären und im Falle fernerer „absichtlicher Verfehlungen“ – Poincaré wies natürlich auf die schon festgestellte bei den Holzlieferungen hin – „Sanktionen“ auch in Form militärischer Operation in Kraft zu treten hätten. Ein dritter Vorschlag wurde von Mussolini beigebracht, der im wesentlichen vermittelnd zu wirken bestimmt war und deutlich den Zweck verrät, die Engländer zum Nachlaß der italienischen Verbindlichkeiten aus dem Kriege zu stimmen. Die Belgier hatten scheinbar keinen eignen Reparationsplan bei der Hand, und den genauen Inhalt der von Cuno in Hamburg verkündeten deutschen Garantievorschläge hat man nicht mehr erfahren, da der einzige Beschluß, zu dem die Konferenz überhaupt Zeit fand, der war, Herrn Bergmann nicht anzuhören sondern der deutschen Regierung anheimzustellen, ihre Anträge schriftlich und eines mündlichen Kommentars nicht mehr notwendig bedürfend vorzulegen. Dann setzten sich die Herren zur Durchkäuung ihrer eignen Weisheiten zusammen. Poincaré erklärte, Bonar Laws Plan biete keine Grundlage zu Beratungen; Bonar Law erklärte, Poincarés Plan ließe eine Erörterung überhaupt nicht zu, – und man fuhr wieder ab, von wo man gekommen war. Die deutschen Börsenblätter meinen jetzt freilich, der englische Plan hätte für die Cunoleute eine „Verhandlungsgrundlage“ bilden können, aber sie werden garnicht mehr gefragt, und wenn nicht etwa Großbritannien unter dem Druck der Orientkrise, in der es sich die Gunst der Franzosen nolens volens erhalten muß – schon sollen die Türken über Ostthrazien zum Vormarsch gegen Konstantinopel ansetzen, und was inzwischen in und um Mossul vorgeht, ist noch nicht recht zu erkennen, scheint aber nicht sonderlich beruhigend für die Engländer zu sein, die ohnehin in Irland immer noch alle möglichen Scherereien haben –, wenn also Bonar Law nicht mehr unter dem Zwang äußerer Rücksichten schließlich doch noch sehr weitgehende Zugeständnisse an Frankreich macht, dann kann man diesen Wochen jetzt wieder mal ein von jedem staatspositiven Standpunkt aus recht trübes Horoskop stellen. Dann treten mit dem 15. Januar automatisch die Verpflichtungen ein, die schon 1921 durch das Londoner Annuitäten-Ultimatum geschaffen wurden, und daß dann die Herren Poincaré und Foch doch einmal die oft annoncierte „Freiheit des Handelns“ in Anspruch nehmen und – trotz der Versicherung vor einigen Wochen, man denke garnicht an einen Marsch an die Ruhr – Dortmund und Essen okkupieren werden, ist nicht mehr ganz unwahrscheinlich. Die französischen Steuerzahler wollen ohne Frage mal etwas Dramatisches vor sich gehn sehn. Seit 3½ Jahren kündigt man ihnen an, daß Deutschland mit den rigorosesten Mitteln endlich gezwungen werden müsse, seine Schulden zu bezahlen und daß Frankreich entschlossen sei, seine Rechte eventuell auch allein wahrzunehmen, – und bis jetzt sind noch nie diesen Worten größere Taten nachgefolgt, als die ganz vorübergehenden Besetzungen von Frankfurt und Darmstadt und die Errichtung von Zollhäuschen zur Erhebung der 26 % Exportabgabe, beide Maßnahmen aber in Aktionsgemeinschaft mit den Ententegenossen, ohne also den Pariser Trambahngästen und den provinzialen Victoire-Schwelgern in ihren Prestigevorstellungen Genüge zu tun. Daß die Entente als solche noch nie so gewankt hat wie in diesem Augenblick, ist gewiß, daß sie deshalb aber auseinanderfallen werde, glaube ich vorerst nicht, umsoweniger, als die Briten offensichtlich bestrebt sind, unter großen Opfern der eignen Kapitalisten die Situation zu retten, die ein Weiterfunktionieren des Kapitalismus überhaupt ermöglicht. Man sieht bis jetzt, scheint es, noch nirgends sonst in ganz Europa den ungeheuren Bankrott eben jener Prinzipien, auf denen sich der ganze Komplex von Problemen aufbaut, die man in Konferenzen meistern möchte. Die Pariser war die 27te Reparationskonferenz – in 3 Jahren! – und das Ergebnis einmal übers andre: die Interessen der internationalen Kapitalisten sind nicht zusammenzubringen, und niemand sieht den Ausweg. Die menschliche Weisheit und die staatliche Politik versagt vor dem Problem, die Trümmer des Kriegs so zusammenzufügen, daß ein Bau draus wird, in dem sich die gleichen Bewohner räkeln können wie seinerzeit, als die Trümmer noch ein Bau waren. Jetzt verfolgen die Engländer aber von neuem die Idee, die in der Balfour-Note zum ersten Mal Gestalt annahm, und die bisher scheiterte, weil weder Amerika geneigt war, Abstriche von seinen Kriegsforderungen gegenüber den Garanten der kleineren Verbündeten, Frankreich und England, vorzunehmen, noch Frankreich vorzeitig einen Trumpf gegen Deutschland aus der Hand geben wollte, indem es die Schuldner entlastete, ohne der Gläubiger völlig sicher zu sein. Mit einem Wort: keiner wollte anfangen, etwas preiszugeben. Jetzt erklärt die britische Regierung aber, sie halte die Bedingung zum Balfourschen Vorschlag nicht aufrecht, daß Amerika sich zu großen Verzichterklärungen bereit finden solle, ehe von England aus etwas geschehe. Vielmehr werde man jetzt von London aus die Kriegsschulden an die Vereinigten Staaten ohne den geringsten Abzug bezahlen. Erst dann solle Amerika erklären, wie weit es bereit ist, Schuldnachlässe für die übrigen Alliierten zu bewilligen, und so werde man dann wohl zu einem Ausgleich der innereuropäischen wechselseitigen Verschuldung gelangen. Bis jetzt sah ich das Riesenprojekt, das die Engländer neuerlich als die weitaus klügsten und weitsichtigsten Rechner der Weltpolitik erweist, nur ganz kurz in einer Zeitung mitgeteilt. Vermutlich wird die deutsche Presse die grundsätzliche Bedeutung davon so wenig oder so spät erkennen wie die der Balfour-Note. Ob der Plan in absehbarer Zeit praktisch verwirklicht wird oder vorerst am Widerstande egoistischer Kapitalistenkurzsichtigkeit scheitert, ist dabei garnicht wesentlich. Wichtig ist die Konsequenz, mit der die englischen Kaufleute ihr auf weite Sicht berechnetes Interesse ungeachtet der immensen Anforderungen verfolgen, die zunächst an den eignen Risikobeutel gestellt werden. Uns Revolutionäre gehn solche Versuche zur Rettung des Kapitalismus unter internationaler kapitalistischer Kreditausgleichung immens viel an. Das ist der Weg, auf dem der proletarischen Revolution am aussichtsvollsten begegnet werden kann. Von hier aus droht dem Sozialismus Gefahr, nicht vom Versailler Vertrag und seinen eventuellen militärischen Auswirkungen. Sicherlich ist es sehr nett, daß in Paris die Kommunistische Partei Frankreichs, rednerisch verstärkt durch Frau Rosi Wolffstein aus Berlin, beschlossen hat, einem Einmarsch ins Ruhrgebiet mit dem Generalstreik in Frankreich und Deutschland zu begegnen. Gleichzeitig fand in Berlin ein syndikalistisch-unionistischer internationaler Kongreß statt, der zur Gründung einer neuen Internationale führte, die, wenn sie so klug bleibt wie sie sich den Namen gegeben hat – als „Internationale Arbeiter-Assoziation“, also den Namen der I Internationale, – wenn sie Bakunins Geist nicht nur in den Reden sondern in ihren Taten neu erweckt, große Hoffnungen rechtfertigen könnte. Auch dieser Kongreß einigte sich auf den Beschluß, dem Einmarsch französischer Kräfte ins Ruhrgebiet den Generalstreik entgegenzusetzen. Der Beschluß ist, weil seine Begründung falsch ist, selber falsch. Wenn die französischen Arbeiter der Expansion der Militärmacht, die sie selber zu stellen haben, jeden Widerstand bieten, ist das völlig richtig von ihnen. Wenn die deutschen Arbeiter aber dem Eindringen fremder Militärkräfte anstelle der eigenen Widerstand leisten, so besteht die Gefahr, daß nationalistisch-pazifistische Momente sie dazu bestimmen. Grade die anarchistischen Syndikalisten hätten den Beschluß in der Form nicht fassen dürfen, daß dadurch gegen einen neuen Krieg – um den handelt es sich garnicht – oder gegen den französischen Militarismus und Imperialismus protestiert werden solle. Jedes Land, das nicht in autonomer Verwaltung seines arbeitenden Volkes steht, ist an und für sich von feindlicher Gewalt besetzt und die bewaffneten Schergen einheimischer Kapitalisten sind nicht im mindesten weniger feindliche Gewalt als die des Auslands. Will man also den Franzosen in ihrer sehr berechtigten Unternehmung gegen die Okkupation des Ruhrgebiets durch eignen Generalstreik helfen, so mußte man das schon propagandistisch so begründen, daß der Streit zwischen den beiden den Ruhrarbeitern feindlichen Besatzungsmächten, wer dort die Ausbeutung besorgen soll, die Proletarier garnichts angehe, die jedoch die Situation benutzen, um in diesen Moment der Schwäche des Feindes als Dritter einzugreifen und durch sozialen Generalstreik die Befreiung vom Kapitalismus zu erkämpfen. Leider ist es sehr fraglich, ob in der nationalistisch verblödeten deutschen Arbeiterschaft, selbst der kommunistischen, diese jedem Internationalisten natürliche Logik Boden finden kann. Von Rußland aus ist in der Richtung zu internationalistischem Denken schon lange keine Unterstützung mehr zu erwarten. Was sich zur III Internationale zählt, weiß, daß man russisch-nationalistisch denken muß, um als Internationalist anerkannt zu werden. – Es mag für heute genügen. Einem kleinen Ärger will ich noch Raum geben, damit die Hauschronik nicht garzu kurz kommt. Ich erhielt diese Eröffnung: Eine Sendung von verschiedenen Zeitungen und einem Arbeiter-Kalender für 1923 von Fritz Weigel, München, wird als Sammelsendung beschlagnahmt. Es steht dem F. G. Mühsam frei, sie auf seine Kosten an den Absender zurückgehn zu lassen. Da ich nicht weiß, was alles in der Sendung ist, und ich prinzipiell dem Akt nicht meine Habe auch noch freiwillig überlasse – daß man auch nach der Entlassung nichts davon wiederkriegt, hat der Adolf erst jetzt wieder im Landtag konstatiert – werde ich natürlich von der großen Gnade Gebrauch machen und dem Fritz die Zeitungen wieder zusenden. Ich habe festgestellt, daß die Portokosten für die Drucksachen allein 45 Mark betragen, sodaß 90 Mark für nichts und wieder nichts hinausgeworfen sind, nur weil es Herrn Gollwitzer erspart bleiben soll, 5 – 6 bürgerliche Sckmockblätter durchzusehn, die nicht im regelmäßigen Posteinlauf in Abonnent sondern extra kommen. Wenn das Recht, das wir nach den Bestimmungen haben, uneingeschränkt Postverkehr zu unterhalten, durchgeführt werden soll, werden die Angehörigen gezwungen, unter den gegenwärtigen wahnwitzigen Portosätzen für jedes Zeitungsblatt ein eignes Streifband und eigene Briefmarken zu bezahlen. Da werden sie sich’s schon abgewöhnen; dafür hat man den Begriff der „Sammelsendung“ erfunden. Von Schikane in der Behandlung bayerischer Ehrensträflinge zu reden, ist bekanntlich nichts als niedrige und gemeine Hetze nordischer Sendlinge.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 7. Januar 1923.

Eigentlich wollte ich das Tagebuch heute ruhn lassen. Aber eine Aufregung, die wieder der Niederschönenfelder Ehrenbehandlung ihr Entstehn verdankt, soll abreagiert sein. August Hagemeister ist krank. Ein wahrscheinlich im Ursprung rheumatisches Leiden, das aber in irgendwelcher Beziehung zum Herzen steht, macht ihm schwer zu schaffen, und in den letzten Tagen trat das Leiden in noch nicht erlebter Heftigkeit hervor. August hat in den 3 Jahren, seit er in Niederschönenfeld sitzt, den Arzt noch nie in Anspruch genommen und meldete sich jetzt zum ersten Mal bei ihm, der denn auch anscheinend reges Interesse an seinem Zustand nahm und sogar gestern am Feiertag extra zum Besuch kam. Gestern abend ging’s dem Kranken erheblich besser, und wir hofften, die Sache wäre für diesmal vorbei, was umsomehr zu wünschen gewesen wäre, als die notwendigen Handreichungen hier drinnen manchen Schwierigkeiten ausgesetzt sind. Hagemeister hatte, da ihm das Liegen beständig furchtbare Schmerzen verursachte, mehrere Nächte im Korbstuhl zubringen müssen und erhielt ein gewärmtes Leintuch und eine Wärmflasche zur ständigen Temperierung von den Genossen Luttner und Sandtner besorgt. Schon die Erwärmung des Leintuchs wurde von den Märtyrern beanstandet, und mußte dann erst beim Arzt durchgesetzt werden. Eine Extradecke, die der Arzt verordnete, wurde nicht gebracht, weil Feiertag war, und ich mußte meine Privatdecken vom Lager nehmen und mich kümmerlich mit Mantel und Schlafrock behelfen. – Als ich heut früh zum August hineinkam, fand ich die beiden Freunde damit beschäftigt, ihm Leib und Hände zu halten, da er vor Schmerzen laut schrie und in einem entsetzlichen Zustand war. Der kalte Schweiß stand ihm vor dem Gesicht, der ganze Körper arbeitete konvulsivisch und die Augen hatten einen trüben kranken Ausdruck. Der Puls ging mit 110 Schlägen. Man hatte schon vor einer Viertelstunde nach dem Sanitäter gerufen, und ich lief sofort, um ihm Eile machen zu lassen. Aber es verging immer mehr Zeit, ohne daß jemand kam, und da ich tatsächlich große Gefahr fürchtete, regte ich mich heftig auf, verlangte, daß der Arzt und der Vorstand orientiert würden – und bekam die gemütsruhigsten Antworten von der Welt: ich solle mich nur nicht aufregen, und es würde schon jemand kommen etc. Die Leute hatten offensichtlich nicht das geringste Interesse dafür, ob etwa einer von uns stürbe sondern nur daran, daß sie nicht aus dem Dienstusus gebracht werden. Trotzdem hatten meine aufgeregten Vorhaltungen schließlich den Erfolg, daß der Sanitäter – der jede Minute zur Verfügung stehn soll – nach etwa einer halben Stunde kam, und daß schließlich auch der Doktor, der mit dem Wagen von Rain geholt wurde, eintraf. Wir waren während der Konsultation draußen. Sie fand statt, als August schon wieder die Attacke hinter sich und einigermaßen schmerzfreien Körper hatte. Der Arzt untersuchte und fand nichts. Gleichwohl ordnete er an, Hagemeister solle im ersten Stock isoliert werden. Der protestierte dagegen, ihm liege an der Gesellschaft seiner Freunde, die ihm auch helfen könnten. Seine Isolierung in einer kahlen Gefängniszelle auf hartem Strohlager könne keine Hilfe bringen. Aber er erhielt die Antwort, er sei nur nervös (der August ist der ruhigste Mensch der Welt) und seine Freunde ebenfalls, und andeutungsweise bekam er zu hören, es fehle ihm garnichts, sodaß ihm also sozusagen Simulation insinuiert wurde. August erklärte dem Mann, er habe ihn zum ersten Mal kommen lassen, in der Hoffnung, Vertrauen zu ihm haben zu dürfen, jedoch sehe er, daß die zahlreichen Klagen darüber, daß man ihm eben nicht vertrauen dürfe, berechtigt seien.* – Jetzt haben sie ihn tatsächlich hinuntergeholt, und der arme kranke Mensch, dem man mit keinem Mittel gegen seine Schmerzen half und der nur etwas Erleichterung erfuhr durch die Hilfe seiner Freunde, wird denen entzogen und als Heilmittel gegen Rheumatismus wird hier Einzelhaft gegeben! Dabei ist interessant, daß der Arzt über uns alle sehr abfällige Bemerkungen gemacht hat, des Sinnes als ob hier lauter Narren wären. Der Arzt hier – das bestätigt sich wieder – steht uns dem Gefühl nach als politischer Feind, dem Beruf nach als Strafvollstreckungsorgan gegenüber. Von seinem Wert als Arzt macht er jedenfalls den geringsten Gebrauch, und die Konstatierung, daß ein Mann, der vor wahnsinnigem Schmerz brüllt und sich windet, garnicht krank sei, – doch aber isoliert werden müsse, bestätigt, was man oft zur Charakteristik von Kriegsärzten gehört hat: man behandelt Kranke einfach als Simulanten und versetzt sie in möglichst quälende Situationen, dann werden sie schon wieder gesund werden! Wenn der Betreffende aber auch noch ein bayerischer Festungsgefangener ist, dann muß er als Sträfling extra niederträchtig kujoniert werden! Die Ordnungszelle Bayern liefert wahrlich in Niederschönenfeld täglich lieblichere Beispiele des christlichen Geistes, der darin herrscht. – Ich will diese Eintragung nicht beenden, ohne eine Trauernachricht zu erwähnen, die ich zufällig in der Frankfurter Zeitung las. Danach ist in München mit 70 Jahren Dr. Max Maas gestorben, einer der ständigen Gäste unsres Stammtisches in der Torggelstube. Was er als Gelehrter (Archäologe) geleistet hat, entzieht sich meiner Beurteilung. Als Mensch war er ein liebenswürdiger Gesellschafter und ein guter Helfer von Menschen, die sich ihm anvertrauten (Ich weiß das, ohne selbst je von seiner helfenden Güte Gebrauch gemacht zu haben). Im Kriege bekam er den üblichen Begeisterungsfimmel in beängstigendem Maße, und ich erinnere mich einer Kontroverse mit ihm auf offener Straße, vor dem Rathaus, bei der er alles, was englisch ist, in Hölle und Feuer verdammte und mich wie einen Gottseibeiuns betrachtete, weil ich ihm widersprach und mich als Freund des Friedens und der Revolution bekannte. Ich werde den freundlichen alten Herrn immer freundlich im Gedächtnis behalten.

 

* Der Doktor verließ im Sturmschritt Augusts Zelle. Ich konnte ihm gerade noch die Frage hinwerfen: „Ist es gefährlich?“ – „Nein es ist nicht gefährlich“, giftete er mich an und stob davon in heller Wut.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 8. Januar 1923.

Von Hagemeisters Ergehn heute wissen wir nichts, als daß er noch im Hause – also in einer Gefängniszelle ohne jeden Schmuck, herausgerissen aus seiner Umgebung, aller gewohnten Bequemlichkeit entzogen auf ebenso harter Strohmatratze liegen muß, wie wir auch. Daß die Hausordnung für die Anstalt eine Krankenabteilung verlangt, ficht niemanden an. Wir besuchten in Ebrach den kranken Genossen Michael Schmid in der Krankenabteilung des Zuchthauses, und ich kenne die Krankenabteilung des Gefängnisses in Neuburg, wo wir bei den Reisen zum Zahnarzt untergebracht waren. In beiden Anstalten waren große wohnliche Räume mit tiefgehenden, großen Fenstern, aus denen hinauszusehn war, dazu eingerichtet und die Betten waren weich, breit und bequem. Aber das war Zuchthaus und Gefängnis. Festungsgefangene haben in Bayern keinen Anspruch, selbst wenn sie krank sind, wie Menschen behandelt zu werden. Der Eindruck, als ob man den August strafen will, wird dauernd verstärkt. Augenblicklich kämpft der Luttner-Ferdl darum, ihm Zeitungen hinunterschicken zu dürfen, was die Aufseher bis jetzt verweigern. Auch ist noch niemand von uns zu seiner Gesellschaft hinuntergerufen worden, obgleich August gestern erklärte, er werde einen um den andern seiner Freunde, wenn er Langeweile habe, verlangen. Ein 44jähriger Mann erkrankt an einem durchaus körperlichen Leiden, wahrscheinlich rheumatischer Art. Behandlung: Einzelhaft mit Zeitungsentzug. Wie lange werden die Schergen dieses fürchterlichen Systems ihre Malträtierungen gegen gefangene politische Gegner noch fortsetzen können? Bis jetzt haben sie unsre Torturen in den 3¾ Jahren, seit sie uns in der Gewalt haben, systematisch kontinuierlich gesteigert. Jeden Tag fast wird was Neues erfunden: so jetzt seit einigen Wochen die Zurückbehaltung nicht nur des Packmaterials bei der Paketausgabe, sondern die Zurückforderung jedes Stücks steiferen Papiers, in das ein Buch eingepackt ist, das als Drucksache kommt, die Ausgabe der Blätter ohne Streifband und immer noch die kleinen ganz sinnlosen Ekelhaftigkeiten, wie das „Klavierstimmen“ an den Gitterstäben der Fensterluken, mindestens 2mal in der Woche. Es ist wahr: man gewöhnt sich an diese Kleinigkeiten mehr als man es tun sollte. Trotzdem erkenne ich immer wieder, daß ich noch garnicht heimisch bin. Denn immer noch – jeden Morgen, den Gott werden läßt, – regt mich das „Diebeln“ auf, jenes rhytmische Trommeln unter uns, mit dem sich die Strafgefangenen unten gegenseitig begrüßen. Ich wache fast täglich davon auf, und mein erster Gedanke, meine erste Empfindung ist dann: Verdammtes Gefängnis! – Natürlich nehme ich’s in Kauf. Eine Beschwerde würde in dem Fall natürlich sofort Abhilfe schaffen; aber auf Kosten der an sich doch harmlosen Vergnügung der noch ärmeren und gepeinigteren Strafgefangenen, die für meine Nervosität sicherlich nicht das geringste Verständnis hätten und mich als einen Extraschikaneur ansehn würden, der ihnen ihr bißchen Kinderunterhaltung auch noch mißgönnt. – Auf jeden Fall: die Sehnsucht aus diesem Haus der Greuel und der Rache ist dauernd vorhanden und sucht aus jedem Zeitungsblatt Worte zusammen, an die sie ihre Hoffnungen hängen kann. Und wahrhaftig, ein Trost versagt nie: völlige Sicherheit, daß nichts in dieser Zeit stabil ist, daß alles rutscht, daß keine Situation sich über den Tag hinaus retten kann. Was 1914 begann, ist heute noch so im Rollen wie von Anfang an, ohne auch nur entfernt irgendwo Aussicht auf Halt und Festigung zu finden. Nach der Pariser Konferenz ist diese Wirrnis und Hoffnungslosigkeit, diese Unmöglichkeit eines neuen Weltausgleichs auf den alten Wegen wieder allen Augen offenbar geworden. Was jetzt zunächst wird – und man kann ja immer höchstens einen halben Monat voraussehn und ist auch da auf Kombinationen und Spekulationen gestellt, die jede Stunde durch neue Ereignisse überholt sein können – scheint der Einmarsch der Franzosen ins Ruhrgebiet zu sein. Da sie sich auf Belgier und Italiener stützen können – die die englischen Pläne in Paris sehr schroff zurückgewiesen haben – wird die Ablehnung Englands, selbst wenn sie sich in Form eines ausdrücklichen Protestes äußern sollte, und selbst, wenn die Entente darüber endgiltig in die Brüche ginge (was ich nicht glaube), nur platonische Bedeutung haben können. Schon werden übrigens die Behauptungen, daß sich die Engländer aus der Reparationskommission zurückziehn wollen, dadurch widerlegt, daß deren Verhandlungen über die deutschen „Verfehlungen“ mit britischer Teilnahme begonnen haben. So bleibt der deutschen Regierung nur noch eine Hoffnung: Amerika. Es heißt, man beabsichtige in den Vereinigten Staaten eine Aktion bei Frankreich zugunsten Deutschlands. Vorläufig zweifle ich stark daran, daß, wenn überhaupt Schritte von dort geplant sind, sie sich etwa in Form von Druckmitteln auf Frankreich auswirken werden. Aus traditionellen und aus Interessengründen ist die Sympathie der Amerikaner für die Franzosen erheblich stärker als für die Engländer, – und für die Deutschen ist dort Sympathie nur soweit vorhanden, wie Geschäftsberechnungen sie vorübergehend opportun machen und wie sie von deutschen Börsenorganen aus handelsteil-redaktionellen Gründen bestellt werden. Daß im übrigen die während der Kriegsjahre dort durch einheimische Psychose-Erzeugung und durch deutsche Chemikalien und Torpedos entstandene Animosität gegen alles Deutsche noch lange keiner ruhigeren Beurteilung Platz gemacht hat und sie auch weiterhin fernhält, dafür sorgen in geschäftiger Regsamkeit vor allem die Bayern, deren Regierungskunst andauernd beweist, daß Haßkult in Justiz und öffentlichem Leben nicht bloß die Verirrung verzweifelter Einzelpersonen oder oppositioneller Verbände ist, sondern durchaus Inhalt und Wesen des Staats selbst. Bayern ist in aller Welt ein so wirksames Argument gegen eine von pazifistischen Erwägungen geleitete Politik der deutschen Ebertrepublik gegenüber, daß am allerwenigsten in dem von ideologischen Impulsen infizierten amerikanischen Volk eine Wandlung zugunsten Deutschlands und gar auf Kosten Frankreichs geduldet würde. Über kurz oder lang werden jawohl auch deutsche Kaufleute das begreifen und den Störenfried im Süden um des Geschäfts willen zur Raison bringen. Dann – das ist garkeine verstiegene Einbildung – wird auch uns die Stunde schlagen, – trotz der fanatischen Bosheit nicht zuletzt der Auerochsen, die bis jetzt noch stets alles sabotiert haben, was zu unsern Gunsten versucht wurde, und die ja schließlich auch Ursache dazu hatten, da sie den Tag fürchten müssen, wo ihre Schandtaten gegen die Revolution und gegen uns aufgedeckt werden. Aber Niederschönenfeld ist längst ein Symbol geworden für bayerische Eigen- und Christenart, und in allen Weltteilen wird der Name dieses schwäbischen Klosterdörfchens mit dem Abscheu ausgesprochenen, der einst Frankreichs Bevölkerung erfüllte, wenn von der Bastille die Rede war. Am 15. Januar kann mit dem Anfang der französischen Selbsthilfe-Politik auch die Einsicht in Deutschland beginnen, daß in Bayern zivilisierte Zustände eingeführt werden müssen, ehe sich Herr Cuno mit Aussicht auf Erfolg an die Hilfsbereitschaft zivilisierter Nationen wenden kann. – Heften wir also unsre Sehnsucht nach Freiheit getrost an die Ereignisse der nächsten 14 Tage. Vielleicht dringt die Erkenntnis der Wahrheit durch eigne trübe Erfahrung auch einmal in dieses mißleitete Land, daß, wer nicht mit schmutzigen Fingern angefaßt werden will, sich selbst erst reinlich halten muß.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 9. Januar 1923.

Ich muß wieder neue Scheußlichkeiten vom Hause notieren, die mir gestern noch große Aufregung und dann eine unruhige Nacht verursachten. Ich war gerade mit der Eintragung ins Tagebuch fertig und wollte meine Briefe schreiben, da wurde ich ins Rapportzimmer hinuntergerufen. Herr Fetsch teilte mir mit, daß Herr Hagemeister den Wunsch geäußert habe, mich zu empfangen, da er mir den Auftrag geben wolle, seiner Familie Nachricht zu geben. Der Vorstand habe genehmigt, daß ich zu ganz kurzem Besuch zu ihm dürfe und daß das Gespräch, das höchstens nur 5 Minuten dauern dürfe, sich ganz auf diesen Auftrag zu beschränken habe. Ich erwiderte garnichts, um nicht etwa durch eine unbedachte Aeußerung über eine derartige Rechtsverkürzung, weil jemand krank ist, einen Vorwand zu schaffen, die Unterredung überhaupt zu durchkreuzen, und wurde also zu ihm geführt und zwar in Begleitung des Herrn Werkmeisters Fetsch und des Herrn Sanitätswerkführers Bastian, die mich – einer links, der andre rechts von mir – umstanden, als sollte ich als Delinquent einem Untersuchungsrichter präsentiert werden. Der arme August sah entsetzlich schlecht aus, sehr bleich und mit Schweißtropfen im Gesicht und um die trüben Augen. Er saß nicht im Stuhl, sondern mit ausgestreckten Beinen auf dem Bett, das hinten mit Keilkissen so hoch gestützt war, daß der Oberkörper aufrecht sitzen konnte. Die öde Zelle machte einen trostlosen Eindruck. Er reichte mir zum Gruß die Hand, die kalt und feucht war. Dann wurde noch einmal erklärt, was zu sprechen allein zulässig sei. August zog nun einen Briefentwurf vor, den er stenographisch aufgesetzt hatte und bat mich mich vor den Klapptisch zu setzen, um das Diktat aufzunehmen. Gleich griff Fetsch ein. Das sei nicht erlaubt worden, Hagemeister dürfe mir nur kurz sagen, was ich der Frau schreiben solle. Natürlich war die Aufregung sofort da – August erklärte, und man sah ihm bei jedem Wort die schwere Anstrengung an, seinen Zorn zu meistern, – er habe vom Arzt keine Aufklärung über seine Krankheit erhalten können; da man ihn aber isoliert habe, ihm so vollkommene Ruhe vorschreibe, daß ihm auch das Zeitungslesen versagt werde (Luttner erhielt gestern noch den ablehnenden Bescheid) und er also offenbar als Schwerkranker behandelt werde, sich auch so fühle, müsse er mit seinem Tode rechnen, und da werde man ihm doch wohl nicht verwehren, können, seiner Frau genau das mitzuteilen zu lassen, was er für nötig halte. Der Herr Fetsch war ohne jedes Empfinden dafür, daß er einen Schwerkranken vor sich hatte, warf sich in Kommandeurspositur, brüllte wie ein Kasernenraunzer und hängte den jedem Gefängnisschinder geläufigen Tierbändigerblick ein, der mich schon oft bei dieser Art Leuten amüsiert hat und mit dem sie zu imponieren und jeden Widerspenstigen zur Raison zu bringen meinen. Hagemeister verbat sich energisch das Anschreien und das Drohen mit den rollenden Augen, während Herr Bastian dastand, als ginge ihn das Ganze nichts an, obwohl er als Vertreter des Arztes doch berufen gewesen wäre, den andern darauf aufmerksam zu machen, daß der Kranke eben Ruhe brauche und nicht à la Rekrut behandelt werden dürfe. Ein Wort gab nun das andre, wobei ich ausdrücklich festhalten will, daß August nicht eine Silbe sagte, die unsachlich oder persönlich gewesen wäre. Er protestierte bloß dagegen, daß man die Krankheit zum Vorwand nehme, um ihn augenfällig zu disziplinieren, während Fetsch, wenn auch nicht in beleidigenden Worten, so doch in der Tonart immer ausfälliger wurde und einfach die Unterredung abzubrechen drohte, dazu sogar schon die Tür aufriß, sodaß August, der ängstlich vor Zug geschützt sein soll, direkt kalt angeweht wurde. Erst als er scharf verlangte, daß die Tür geschlossen werde, ließ Herr Bastian sich dazu herbei. Ich war in größter Erregung und Empörung, beherrschte mich aber doch genügend, um den Versuch zu machen, eine Lösung des Konflikts herbeizuführen. Ich ersuchte Fetsch, er möchte doch noch mal zum Vorstand hinübertelefonieren, ob das Diktat nicht gestattet werden könne. Ich erhielt in gröbstem Ton die Antwort: „Nein, ich frage nichts mehr an. Ich hab eben erst angerufen“. Dabei blieb es trotz meiner wiederholten Anregung. August erklärte jetzt: wenn man ihn auf diese Weise hindere, seiner Frau die nötigen Mitteilungen schicken zu lassen, dann werde er von jetzt ab die ganze ärztliche Behandlung sabotieren, sich als geheilt erklären und die Verantwortung für alles, was daraus folgen sollte, selber tragen. Jetzt griff ich endlich mit dem Vorschlag ein, er solle mir den Brief langsam vorlesen, ich werde, da mein Gedächtnis recht stark ist, versuchen ihn mir einzuprägen und ihn dann eben schriftlich reproduzieren. Glücklicherweise gingen beide Teile auf dieses Kompromiß ein, sodaß dem armen Freund die abscheuliche Qual erspart blieb, sich an jeder Verständigung der Seinigen verhindert zu sehn. Da der Brief aber zu familiär gehalten war, als daß seine Übermittlung durch einen Dritten ohne die strikteste Textwörtlichkeit, die bei der Länge des Schreibens auf das einmalige Hören nicht möglich gewesen wäre, mir taktvoller Weise erlaubt schien, einigten wir uns dann darauf, daß ich von mir aus unter Anpassung an den Inhalt an Frau Hagemeister schreiben und sie vor allem auffordern solle, morgen zu ihrem Mann zu kommen. Kaum war der aufregende Besuch vorüber – bei dem ich auch noch konstatieren konnte, daß man den Kranken, den man nur mit völliger Ruhe behandeln zu können meint, über die Zelle gelegt hat, die im Parterre als Weberwerkstatt für die Strafgefangenen benutzt wird. Er hat also tagüber dauernd das Geklapper der Webstühle unter sich –, als Herr Fetsch schon auf mich losredete und sich im Bestreben, in mir einen Kronzeugen gegen Hagemeister zu werben, bitterlich beklagte, daß man ihm den Dienst so erschwere. Ich gab ihm kurz zur Antwort, er müsse doch soviel Verständnis haben, daß man einen Schwerkranken rücksichtsvoll behandeln müsse, was den Herrn sichtlich sehr verschnupfte. Ich schrieb darauf sofort den Eilbrief und brachte ihn selbst hinunter, um ihn Herrn Fetsch zu übergeben. Dabei ersuchte ich ihn, er möge das Schreiben sofort Hagemeister hineinbringen, damit er mir Bescheid geben könne, ob er Streichungen oder Änderungen irgendwelcher Art wolle. Ich würde solange im Rapportzimmer bleiben. Aber der tüchtige Beamte sah mich ganz entgeistert an. Das ginge nicht, daß ihn Herr Hagemeister zuerst bekomme. Er werde den Brief aber sofort zum Zensor bringen, und wenn der es gestatte, dürfe auch Hagemeister lesen, was in seinem Auftrag seiner Frau geschrieben wird. Und so geschah es tatsächlich. Die Isolierung wird so stramm als Strafe durchgeführt, daß der Verkehr mit uns, seinem ständigen Umgang, allen Zensurschikanen unterstellt ist, mit denen wir sonst an unsre Stellung als bayerische Ehrenhäftlinge erinnert werden. Herr Fetsch benutzte aber auch meinen zweiten Aufenthalt unten zu neuen Beschwerden gegen Hagemeister, dessen Verhalten er als „Provokation“ bezeichnete – er, der Kerkermeister, der da als Stellvertreter bayerischer Justizgötter den Schwerkranken wie einen Hundsfott angeschnaubt hatte, – und noch schöner! er klagte mir – ausgerechnet mir! – sein Leid, daß er dafür, daß er noch extra hinübertelefoniert hat, nicht einmal Dankbarkeit fände. „Aber Dankbarkeit! Die will man ja schon garnicht verlangen! – Aber so ein Betragen – –“ damit stob der gekränkte Gerechtigkeitssöldling mit dem Brief zu Tür hinaus zum Zensor. – Mich hielt Ekel und Wut über die unsagbar rohe Brutalität nicht bloß der Ausführung sondern schon der Anordnung all der Scherereien und Schändlichkeiten gegen einen kranken politischen Gefangenen und zugleich natürlich der Kummer über den wirklich recht besorglichen Zustand des Freundes bis zum Abend in der größten Erregung, und ich konnte lange keinen Schlaf finden. Hätte ich ihn aber immerhin gefunden, dann wäre er nicht von langer Dauer gewesen. Gegen 11 Uhr gab es ein lautes Poltern, Gitterschieben, Türenschlagen und dann hörte ich gellende Schreie, die ich natürlich für Zeichen eines neuen Schmerzanfalls beim August hielt, obwohl mich trotz der Akustik des Hauses, die jedes Geräusch durch alle Winkel treibt – und infolgedessen für einen der ungestörtesten Ruhe bedürftigen Kranken – nur glaubt bei uns keiner an einen andern Grund für die angeordnete unbedingte Ruhe als den der persönlichen Wut des Arztes und den Wunsch, den politischen Gegner zu schinden – den geeignetsten Aufenthalt schafft –, der Lärm doch etwas zu nahe zu sein [dünkte], als daß er vom Mittelgang des I Stocks bis zu meiner weit entfernten Zelle im Seitengang des II Stock so laut schallen sollte. Heut früh erfuhr ich, daß es nicht Hagemeister war, der geschrien hatte, sondern Amereller, den ein plötzlicher Anfall gepackt hatte. Immerhin für den kranken Hagemeister eine erbauliche Nachtunterhaltung, wenn er etwa mal Schlaf gefunden hatte. Aber die Ursache zu Amerellers Anfall gehört auch zur Chronik dieser Ehrenanstalt. Er hat sich einmal bei einem Selbstmordversuch einen Kopfschuß beigebracht, auf den diese Anfälle, die nach Aufregungen zu erfolgen pflegen, zurückgehn. Da Amereller gestern den Besuch seiner Frau empfing, war hier natürlich auch die Aufregung geschaffen. Er hatte sich nämlich in einer zärtlichen Wallung näher an die Seite der Frau gerückt als dem überwachenden Märtyrer gefiel und es gab eine Auseinandersetzung, die zwar beigelegt wurde, da Amereller dann eben wieder in die vorschriftsmäßige Entfernung von seiner Frau abschob, aber zu der Nervenerregung, die den Anfall bewirkte, ausgereicht hatte. Während er nun aber in seiner Zelle schrie und um sich schlug, liefen natürlich die Genossen, die auf demselben Gang wohnen, zu seiner Unterstützung herbei, darunter auch Schiff. Der regte sich seinerseits über den Vorfall auf und wollte sich durch eine Zigarette beruhigen, die er aus Schlaffers Zelle holte. Das hat ein Aufseher beobachtet und gemeldet, und Schiff sitzt schon deswegen in Einzelhaft. – So geht hier die tägliche Abwechslung nicht aus. Allem Anschein nach plant man neue Taten gegen uns Gefangene und kitzelt dazu bei uns erst einmal die Anlässe auf, die ein „Einschreiten“ für Ruhe und Ordnung rechtfertigen. Karpf wurde vorgestern zum Vorstand zitiert, der ihm mitteilte, daß ihm 10.000 Mark, die für ihn eingetroffen seien, beschlagnahmt würden für Haftkosten. Herr Hoffmann benutzte die Gelegenheit, um Karpf, der nicht den leisesten Grund gegeben hat, elend zurechtzustauchen und zu warnen. Bei dieser Philippika gab auch Herr Hoffmann in einer unvorsichtigen Äußerung die Ansicht preis, daß wir Niederschönenfelder Festungsgefangene ja doch nur Psychopathen seien. Nach dem, was vor einigen Tagen der Arzt Hagemeister angedeutet hat, und was vor 3½ Jahren schon in Ansbach der Staatsanwalt Edelmann den Aufsehern erklärte,* ist diese neue Kundgebung besonders bemerkenswert. Auch Müller-Meiningen hat ja früher schon im Landtag diese Walze auf seiner Drehorgel gegen uns politische Gefangene gehabt, und sie soll vielleicht nun offiziell vorgeholt und zu unsrer Erledigung dauernd benutzt werden. Die lieben Christbayern werden sich täuschen, wenn sie glauben, uns damit moralisch vernichten zu können. Dazu haben sie sich mit Verleumdungen gegen uns und mit ihren fortwährenden Widersprüchen über alles, was uns angeht, selber schon zu sehr um allen Kredit gebracht. Im übrigen haben sie uns selbst das beste Argument gegen diese Unterstellung in die Hand gegeben und geben es uns täglich wieder in die Hand: daß bei der abgründigen Brutalität, mit der man uns behandelt, es schließlich nicht wunderbar wäre, wenn einem oder dem andern mal die Nerven versagen, daß es aber recht erstaunlich ist, und für die starke Nervenbeherrschung der Festungsgefangenen zeugt, daß unsern Peinigern trotz aller Mühe, die sie darauf verwenden, noch nicht gelungen ist, mehr Opfer zu schaffen, daß sie es nicht fertig bringen, uns alle närrisch zu machen.

 

* hierzu auch Vollmanns Aueßerung zu Kiesewetter, er beneide ihn, daß er aus diesem Narrenhause herauskomme.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 10. Januar 1923.

Über all dem Hausärger ist die Politik wieder zu kurz gekommen, die sich doch wieder mal dramatischer anläßt als seit langem. Der Einmarsch ins Ruhrbecken scheint nicht mehr aufhaltbar zu sein. Die Franzosen haben an der Ostgrenze des bisher besetzten Gebiets (Düsseldorf) riesige Truppenmassen (man spricht von 9 Divisionen) zusammengezogen und die Belgier wollen ihnen augenscheinlich helfen und konzentrieren ihre Kräfte in Lüttich. Ob der 15 Januar, der Fälligkeitstermin der nächsten Reparationsrate (mit 500 Millionen Goldmark) noch abgewartet wird oder ob die Lieferungs-„Verfehlungen“ schon als ausreichende Begründung der Strafexpedition betrachtet werden, steht noch dahin. Die Opposition der Kommunisten und linken Sozialisten in Frankreich wird schwerlich mehr etwas bewirken, noch weniger das Schmerzgezeter von der Maaß bis an die Memel mit Hermesscher Revolutionsandrohung und Cunoscher würdevoller Verwahrung. Weder England noch Amerika werden Frankreich und Belgien mehr als Passivität in den Weg legen, und die Ereignisse werden steigen und mit ihnen der Dollar, der nach der letzten Meldung 9600 erreicht hatte und wahrscheinlich inzwischen die Höhe erklettert hat, die ich ihm nur um etwa 14 Tage zu früh, für Weihnachten vorausgesagt hatte. Das Heilmittel, mit dem das deutsche Volk getränkt wird, ist der gute Rat des alten Attinghausen: Seid einig! einig! einig! – und wir haben ja besonders gute Gelegenheit zu betrachten, wie die, die den Rat erteilen, seine Befolgung meinen. Seid einig, ihr Reichen gegen die Armen, rächt euch an den Volksgenossen, die diesen Gang der Ereignisse rechtzeig hindern wollten, schindet eure politischen Gegner in den Gefängnissen, entkleidet sie ihrer Rechte. Grade erhielt Zäuner die Ablehnung eines Bewährungsgesuches, weil er schon zum zweiten Mal hochverraten habe, wegen der Länge seiner Strafe (3½ Jahre Festung; im Reich sind die Genossen der gleichen Straftat mit lebenslänglicher Zuchthausstrafe längst frei) und wegen seiner erwiesenen „Gemeingefährlichkeit“! Die Vaterländischen Verbände aber haben in München eine Protestversammlung veranstaltet, worin die Einigkeit noch einmal beschworen und gefordert wurde und als Redner fungierten dabei u. a. der bayerische Ministerpräsident Knilling, Herr v. Kahr, Herr Erich v. Ludendorff und – Herr Adolf Hitler! Sie sind einig, und jeder Arbeiter versteht, was das bedeutet. In diesen Tagen aber gab es in München auch Besuch aus Berlin. Der Herr Heinze besuchte den Herrn Kollegen Gürtner und die Justizminister aus Darmstadt, Karlsruhe und Stuttgart waren auch da. Man sprach angeblich über den süddeutschen Senat des Staatsgerichtshofs und über andere Justizfragen, wobei jedoch, wie offiziös verzeichnet wird, der Prozeß Fechenbach mit keiner Silbe erwähnt wurde (daß auch über Niederschönenfeld, über die Amnestie und die bayerischen, vom Reich längst amnestierten Mitteldeutschen dem nordischen Sendling kein Wort erlaubt wurde, brauchte nicht extra versichert zu werden). Daß aber das schönste Einvernehmen zutage getreten sei, wurde lebhaft hervorgehoben, und Herr Heinze faßte seine Eindrücke einem Schmock gegenüber in das Urteil zusammen: die Justiz liege jetzt in Bayern in den besten Händen. Wir merken’s. Das Gutachten belehrt uns aber zugleich mit hinreichender Deutlichkeit, in was für Händen jetzt die Justiz im deutschen Reich liegt. – Schon konnte Herr Techow den ersten Fluchtversuch aus dem Zuchthaus unternehmen, der diesmal noch mißglückt ist. Auch soll Herr Erhardt noch nicht ausgekniffen sein. Wir werden ja sehn, wie lange die Republik die Unbequemlichkeit solcher Verhafteten noch verantworten will. – Sie wird zunächst jedenfalls mal mit der äußersten Strenge des Gesetzes vorgehn, um zu zeigen, daß sie sich nicht an die Wimpern klimpern läßt. Zum Prozeßführen in andrer Tonart als man sie gegen die Rathenaumörder in Leipzig und gegen die auf Maximilian Harden gehetzten Bravi in Berlin riskierte, wird demnächst in Halle Gelegenheit sein, wo ein unbeschreiblich gräßlicher Anschlag gegen das Allerheiligste verübt wurde: gegen ein Kaiserdenkmal, wobei Graf Moltke ins Brunnenbecken fiel (nämlich seine Statue). Man hatte schon 1 Million Belohnung ausgesetzt für den Spitzel, der die Blasphemie entlarve, und nun sind’s gar noch Syndikalisten gewesen! Und unsre Justiz liegt in den besten Händen.

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