Tagebücher

XXXIX

 

28. September – 18. Dezember 1923

 

 

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 28. September 1923

Ich kann dies Tagebuch mit einer Eintragung neu beginnen, die viel Hoffnung in sich trägt, es werde das letzte Heft sein, das noch in bayerischer Ehrenhaft angelegt wird. Der Stein ist im Rollen. Endlich. Ich habe das Gefühl, wie wenn nach langem lähmenden Druck, nach schwüler Windstille, während dessen sich Gewölk schwarz zusammenzog und die Atmosphäre mit Elektrizität füllte, der erste Blitz aufgezuckt wäre, und nun horchen wir gespannt auf den dumpf heranrollenden Donnerschlag. Knilling ist von Berlin zurück, und während die Reichsregierung eine merkwürdig lahme Proklamation losläßt, die die Aufgabe des passiven Widerstands verkündet, und das weitere Verhalten davon abhängig macht, ob kein Stück von Deutschland losgerissen wird (was nie in Poincarés Programm gestanden hat) und ob Amnestie und Rückkehr der Verurteilten und Vertriebenen zugestanden wird, – erläßt die bayerische Regierung eine eigne Kundgebung. Knillings Zustimmung zur Preisgabe der bisherigen Methode wird zugegeben, zugleich berichtet, was er statt dessen und zwar ohne Unterstützung von irgend einem Kollegen gefordert hat: Auch weiterhin keine Verhandlung mit dem Feinde, Nichtigkeitserklärung des von Frankreich gebrochenen Versailler Vertrags etc., das ganze ABC der Deutschnationalen. Die Erregung über den Ausgang der Ruhraktion sei so groß, daß außerordentliche Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Bayern erforderlich seien. Daher wird über Bayern der Ausnahmezustand verhängt (merkwürdig: sooft ein bayerischer Ministerpräsident nach Berlin fährt, muß über Bayern der Belagerungszustand erklärt werden), und zwar dergestalt, daß ein Generalstaatskommissar über das ganze Land eingesetzt wird, dem die gesamte vollziehende Gewalt übertragen ist, wobei alle verfassungsmäßigen Rechtsgarantieen, die in Reich und Bayern Pressefreiheit, Freizügigkeit, Postgeheimnis etc verbürgen, aufgehoben werden. Der Erwählte aber ist – Herr Dr. v. Kahr. Kahr Diktator Bayerns: Kahr Befehlshaber über jede Behörde, Chef Schweyers und der Polizeimacht – omnipotent. Das ist eine so völlige Kapitulation der bayerischen Regierung vor den Vaterländischen Verbänden, daß dagegen die Retirade des Reichs vor Poincaré wie ein Siegesmarsch aussieht. Also der zweite Kahr-Putsch. Wieder ein „trockener“ Putsch wie der vom März 1920, bei dem der Schein der Legalität gewahrt werden soll. Es ist kaum zu zweifeln, daß dieser neue Putsch nicht „trocken“ bleiben wird. Ich fürchte, er wird außerordentlich blutige Formen annehmen. Man muß die Ultimata der Vaterländischen kennen und dazu die Rolle, die Kahr, ihr Vertrauensmann als Propagandist ihrer Forderungen bis zum letzten Tage gespielt hat. Grade eben wird der Wortlaut einer Rede veröffentlicht, die er letzten Sonntag vor den Vaterländischen Verbänden in Aschaffenburg gehalten hat, und die man also als das Programm der jetzt in Bayern einsetzenden Politik betrachten kann. Da hat er gegen die neuen Steuern in einer ganz unzweideutig zum Steuerstreik auffordernden Weise scharf gemacht, zugleich erklärt, daß man bei aller Liebe zum großen Deutschland für das Reich „Weimarer Struktur“ keinen Finger rühren werde und gegen die Marxisten in einer Weise vom Leder gezogen, die einem offenen Kampfruf gleichkam, zumal zugleich die Wehrhaftmachung aller nationalen Kreise verlangt wurde. In diesem Zusammenhang müssen alle die Vorgänge betrachtet werden, die unmittelbar vorausgingen: die Erklärung der bayerischen Verkehrsbeamten (angeblich hat Radbruch deswegen Hochverratsverfahren anhängig machen lassen), die Sezession der Lent-Franken von der Deutschen Volkspartei und zumal die Ernennung Hitlers zum politischen Führer aller Kampfverbände der Vaterländischen, die bereits eine eigne Hitlersche Proklamation zur Folge hatte, worin er die Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei auffordert, bei Vermeidung des Ausschlusses binnen 10 Tagen aus allen übrigen Kampforganisationen aus- und in seine Reichsflagge bzw. Oberland einzutreten. Interessant ist auch die gleichzeitige Kundgebung des bayerischen Industriellenverbands, also derer, ohne deren Finanzierung sich die ganze Herrlichkeit keine 24 Stunden halten könnte. Die stellen sich noch in der Sache selbst ganz unschuldig, bekennen sich zum Deutschen Reich und verlangen – hier enthüllt sich alles – von den Arbeitern Opfer, die bisher nur die Unternehmer getragen hätten(!), nämlich Beseitigung des „schematischen“ 8Stundentags, höhere Leistung und verminderte Löhne. – So sieht die Situation aus, soweit wir sie im Augenblick übersehen können. Das Weitere kommt erst, und da man die Befehle der Vaterländischen an die Knillinge kennt – ist es nicht schwer vorauszusehn, womit ihr Vertrauensmann Kahr, also der Willensvollstrecker der vom Professor Bauer redigierten Programme, beginnen wird. Das ist zunächst Auflösung aller proletarischen Hundertschaften und der sozialdemokratischen Sicherheitsabteilungen. Werden sie sich auflösen lassen? Werden sie den Generalstreik wagen? Was wird Auer tun, um ihn zu verraten und wie weit wird es ihm diesmal gelingen? Man kann nichts davon prophezeien, und nur soviel sehn wir, daß Post und Eisenbahn bis jetzt noch funktionieren, also bis jetzt kein Generalstreik da ist. – Wie weit sich die politischen Ereignisse in unserm eignen Erleben auswirken werden, muß ebenfalls erst beobachtet werden. Die Briefzensur wird seit einiger Zeit äußerst rigoros gehandhabt. Vielleicht werden wir von morgen ab auch wieder mit Zeitungen so dran sein wie nach der Ermordung Rathenaus. Folgender Vorfall aber zeigt, daß die Verwaltung schon jetzt kein Geheimnis vor uns daraus macht, daß die politische Lage für Extramaßnahmen maßgebend ist. Hanna Ritter hatte sich beim Gustl Sandtner für Montag angemeldet, nachdem ihr der Besuch zugestanden war. Heute bekam er die Eröffnung, die Besuchslaubnis werde „mit Rücksicht auf die Verhältnisse im Reich und den Ausnahmezustand in Bayern“ widerrufen. Wir haben uns also auf böse Dinge gefaßt zu machen. Aber zunächst haben wir garkeine Ursache, pessimistisch in die Zukunft zu sehn. Die Ernennung Kahrs zum Diktator, die zweifellos als vorbereitender Schritt zu seiner Erhebung zum Staatspräsidenten gedacht ist, stellt das Reich unmittelbar vor Entschlüsse. Zeigt es gegen Bayern Energie, so ist kein Zweifel, daß die Gewerkschaften ihre bayerische Gefolgschaft zum Kampf zwingen. Gibt das Reich nach – und 4 Sozialdemokraten in der Regierung lassen das eher vermuten als bezweifeln, dann werden die Völkischen ihren Exponenten zu außenpolitischen Dummheiten treiben, und – wenn das nicht schon früher kommt – Frankreich und die Tschechoslowakei werden mit der bayerischen Großmachtspielerei Schluß machen. Leider ist das Einzige, was unsereiner wünschen muß, die Erhebung der bayerischen Arbeiterschaft, dasjenige, worauf wir am wenigsten zu rechnen haben. Aber was auch wird; daran, daß dieser Ausnahmezustand tatsächlich ein Ausnahmezustand und nicht wieder eine Eingewöhnung sein wird, dürfen wir diesmal schon glauben. Das Gewitter ist ausgebrochen. Seine Schwere, seine Einschläge, seine Dauer sind zweifelhaft. Nicht zweifelhaft ist, daß es vorbeigehn wird und klare durchsichtige Luft anstelle der jahrelangen finsteren Schleier zurücklassen wird. Der letzte Akt – auch unsrer persönlichen Qualen – hat begonnen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 29. September 1923.

Bis jetzt hat sich die Situation folgendermaßen gestaltet: Auf die Proklamation Kahrs und der Münchner Regierung folgte die Veröffentlichung der Verordnung selbst, die sich zwar wieder auf den Artikel 48 der Reichsverfassung stützt, aber die bemerkenswerte und garnicht mehr zweideutige Anordnung enthält, daß – außer den Gerichten, Verwaltungsgerichten und Militärbehörden – sämtliche Landes-und Reichsämter in Bayern den Befehlen des Generalstaatskommissars unterworfen sind, der auch die gesamte Wehrmacht umstandslos anfordern kann. Das ist also die provokatorische Ignorierung der Reichsverordnung, daß alle Reichsbeamten nur Reichsbefehlen nachzukommen haben. Die erste Frage war nun, wie sich die Reichsregierung zu der bayerischen Aktion verhalten werde. Sie proklamierte zunächst gleichfalls den Ausnahmezustand über das ganze Reich, und in der ersten Proklamation wurde zugegeben, daß der überraschende Schritt der bayerischen Regierung dazu den letzten Anlaß gegeben hätte, daß sich das Reich jedoch seit Tagen schon darauf vorbereitet habe. Dann folgt die Verordnung im Wortlaut. Das ist eine Provokation von ganz ungeheuerlichem Ausmaß. Um sich „stark zu machen“ werden die dieselben Artikel der Reichsverfassung außer Kraft gesetzt wie in Bayern. Zugleich werden Strafbestimmungen zur Sicherung der glorreichen Ebert-Republik erlassen, die an die Zeiten der wüstesten Barbarei erinnern. Zuchthaus schon für geringfügige Kleinigkeiten, aber für Brandstiftung, bewaffneten Aufruhr, Sprengstoffvergehen etc. die Todesstrafe. Radbruch gibt sich dazu her, Ausnahmegerichte nach Muster der von März 1921 einzusetzen und als Diktator wird ausgerechnet Herr Geßler eingesetzt. In den Landesteilen aber regieren die Reichswehrgeneräle – zum Schutz der Republik! Die Verordnung trägt ausgesprochen antiproletarischen Charakter, die vorgespiegelte Tendenz gegen die Nationalisten oder gar gegen Bayern ist von weitem als verlogene Maske zu erkennen. Dazu stimmen die Zeitungskommentare zur bayerischen Verordnung. Die kühnsten Demokraten – natürlich den „Vorwärts“ eingeschlossen, sind darin einig, daß Herr v. Kahr nur zur Beruhigung der Gemüter eingesetzt ist, und man sieht schon einen „Sieg“ darin, daß er die für Donnerstag einberufenen 14 Münchner Hitlerversammlungen als erste von dem Versammlungsverbot betreffen ließ, das er verkündet hat. Wie es in Wirklichkeit mit der Gegnerschaft Kahr-Hitler steht, ist jedoch aus einigen sehr charakteristischen Vorgängen dieser Tage zu erkennen. Kahrs erste Tat war die Befragung Hitlers, wie er mit seinem „Kampfbund“ sich zu der Neuregelung stelle. Antwort: ein Brief mit der beleidigten Rüge, daß man ihn nicht zuvor befragt hat. Wie sich die Kampfbünde zu Kahr verhalten würden, werde davon abhängen, wie sich Kahr zu den Kampfbünden verhalte. Den Vaterländischen gegenüber hat Kahr erklärt, er werde „gegen links“ regieren und bedauere, daß Hitler sich noch nicht untergeordnet habe. Wie nahe aber die feindlichen Brüder verwandt sind, zeigt sich auch daran, daß die Verbände sich jetzt in einem eignen Schrieb ausdrücklich das Ultimatum des Kampfbunds auf Entfernung des Polizeiministers Schweyer angeeignet haben und darüber hinaus auch die Wutzlhofers verlangen. Es soll mich wundern, wenn nicht in diesen Tagen schon anstelle Schweyers etwa Pöhner oder Roth berufen wird und anstelle Wutzlhofers der „Ernährungsdiktator“ Schlittenbauer (Heim-Ersatz) kommt. Das Reich sagt kein Wort zu diesen Dingen, macht von dem Recht, in einzelnen Bezirken Zivilkommissare einzusetzen zwar sonst, aber grade in Bayern und in Sachsen nicht Gebrauch und freut sich, mit Bayern in schöner Duldung nebeneinander „Ordnung“ zu halten. Die bayerischen Sozialdemokraten und Gewerkschaften bremsen wie immer. Laßt euch nicht provozieren! Vertraut den berufenen Führern! Haltet Bereitschaft! Wartet ab! Inzwischen kann Hitler unter dem Schirm der den Arbeitern drohenden Todesstrafen aufs Ganze gehn. Wie wenig selbst bayerische Justizbehörden dem angeblich gesicherten Frieden trauen, sehn wir am Verhalten unsrer Festungsverwaltung. Schlaffer hatte, nachdem Sandtner seiner Hanna hatte abtelegrafieren müssen, Fetsch gefragt, ob er seine Frau, die Montag kommen wollte, ebenfalls umorientieren solle. Gegen Abend bestellte man ihm, wegen des Ausnahmezustands in Bayern und im Reich könne der Besuch nicht stattfinden. Da mehrere Genossen für die nächste Zeit ebenfalls Besuch erwarteten, schrieben sie, es sei Besuchssperre verhängt, die Frauen sollen nicht kommen. Wir mußten heute bis 11 Uhr die Korrespondenz fürs alte Porto (250.000 Mark der Brief, 100.000 die Karte; vom 1. Oktober ab 2 Millionen Brief und 800.000 Karte) aufgeliefert haben. Gleich nachher kamen die Eröffnungen. Alle Briefe und Karten, in denen von Besuchssperre die Rede war, gingen zum Akt. Jedoch wurde toleranterweise gestattet, daß die Ersatzschreiben doch noch zu gleichem Satz weggehn könne[n], und zugleich wurde die Formel bekanntgegeben, die die Verwaltung wünschte, damit Beunruhigung vermieden würde: „Bei der durch die Ausnahmezustände im Reich und in Bayern gekennzeichneten Lage ist die Zulassung von Besuchern in der nächsten Zeit fraglich. Es empfiehlt sich daher, nicht ohne vorherige Anfrage Besuche kommen zu lassen.“ Das illustriert die Unsicherheit der Situation klar genug: Bis jetzt ist kein eigentlicher Grund zur Besuchssperre, aber jede Stunde kann, und die nächsten Tage werden ihn sehr wahrscheinlich schaffen. Das scheint die Auffassung hier unten zu sein, die doch wohl vom Justizpalast oder von Augsburg aus dirigiert wird. – Soviel kann man sehn: Die katastrophale Niederlage an der Ruhr – bei der die Aufhebung der Verordnungen über den passiven Widerstand ungefähr der Einstellung des UBootkriegs nach dem Friedensangebot an Wilson entspricht – hat für den Bestand des staatlichen Gefüges ganz ähnliche Gefahren geschaffen wie der Zusammenbruch 1918. Damals ließen die Regierer die Dinge laufen wie sie wollten und gaben dadurch uns Revolutionären freie Bahn. Jetzt, wo zugleich von links und rechts gegen die unmöglichen Verfassungsgebilde in Reich und Bayern Sturm gelaufen wird, versucht das Reich, Weimar zu retten – mit Noskeschen Methoden natürlich, in Bayern dagegen – ehrlicher und vielleicht auch klüger als in Berlin, gibt man dem Fallenden selbst den Tritt von oben und hilft den Restaurateuren gegen die Revolutionäre und die Konservativen von links. Erfolg oder Mißerfolg ist von vielen Imponderabilien abhängig. Die wahnwitzige Teuerung spielt dabei die größte Rolle. Gelingt es den Kahrs und Schlittenbauern, vorübergehend Brotgetreide zu billigeren Preisen auf den Markt zu werfen – was ja durch große Getreideankäufe vorbereitet sein soll, – so haben sie sehr große Chancen, obgleich eine derartige Politik der Weißwurstverteilung ans Volk natürlich nach kaum 14 Tagen zum Extrem führen müßte: die Vorräte wären verbraucht, und die Agrarier wollen die Kosten hereinbringen. Aber bei raschen Schlägen auf die Arbeiterschaft könnten solche psychischen Einwirkungen viel entscheiden. Das Reich versuchts mit der Helfferich-Hilferdingschen Währungsregelung, die in statu nascendi schon zur Pleite verurteilt ist. 4 verschiedene Zahlungsmittel sollen aus der Not retten: reine Devisen für die Mammut-Ex- und Importeure, auf Warenwechsel gestütz[t]e Reichsbanknoten für das Großkapital secundum ordinem. Die neue „Bodenmark“ der neuen „Währungsbank“; – zweifelhafter Qualität, da auf hypothekarischer Belastung des sehr schwankenden immobilen Besitzes fußend – für den Reichsbedarf und die bisherigen Dreckwische als „Scheidemünze“ für die misera plebs. Die neue Inflation – das erkenne sogar ich Laie, dem grade für die Beurteilung aller arithmetischen Künste das Talent bedauerlich abgeht – ist also schon wieder unzweifelhaft vorbereitet, und Hilferdings letzte Manöver, die den Dollar von seinen gigantischsten Höhen wieder auf 120 bis 150 Millionen heruntergedrückt hat[haben] und seit einigen Tagen dazwischen hält[halten] – machen doch nur ganz naive Seelen zufrieden. Dem ersten Blitz ist also noch kein weiterer gefolgt, und der Donner ist noch nicht verrollt. Tausend Möglichkeiten sind offen. Vielleicht gehören zu den den Lauf der Dinge beeinflussenden Imponderabilien auch die Ereignisse in Bulgarien, von wo widersprechende, aber soweit sie auf Wahrheit beruhen, recht allarmierende Nachrichten kommen. Nachdem vor etwa einem halben Jahr die Kommunisten der Bauernrevolution ganz passiv zusahen und dafür von Moskau elend gerüffelt waren, scheinen sie jetzt in Verbindung mit den damals niedergeworfenen Anhängern des getöteten Stambulijski gemeinsam gegen die Zankow-Regierung aktiv geworden zu sein. Es werden allerlei zweifelhafte Berichte gebracht und dementiert. Wenn sich aber nur das bestätigt, daß in Teilen des Landes sowjetistische Gegenregierungen etabliert werden konnten, und daß 15000 revolutionierende Arbeiter und Bauern gegen Sofia vorrücken, dann kann man viel erhoffen. Ein Sieg der Arbeiter in Bulgarien hätte vor allem die garnicht zu überschätzende moralische Wirkung, daß nach der Kette von konterrevolutionären und militaristischen Triumphen in Ungarn, Italien, Türkei, Spanien, Bayern dem europäischen Proletariat wieder einmal durch das Beispiel einer siegenden Revolution der Druck fatalistischer Resignation von der Seele wiche und neuer Mut neue Taten erzeugen könnte.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 30. September 1923.

Aus den paar Zeitungen, die gestern abend noch ausgegeben wurden, waren wichtige Veränderungen noch nicht zu erkennen. Heute kann sich jedoch viel entscheiden. In Bayern werden die von den vaterländischen Verbänden arrangierten „Deutschen Tage“ nicht verboten und also mit größtem Tamtam stattfinden. Ob dabei Zusammenstöße à la Neuburg schon zu großen Konsequenzen führen werden, ist an sich ungewiß. Wenn aber eintrifft, worauf etliche Zeitungsmeld[ung]en hindeuten, daß nämlich heute die rheinischen Separatisten zur Tat schreiten, dann wäre das wohl das Signal zum allgemeinen Kladderadatsch. Die Lostrennungsbewegungen dort werden dank der durch und durch verlogenen Presseinformationen im ganzen Reich vollkommen falsch beurteilt. Zunächst werden niemals die Bestrebungen zur Schaffung eines unabhängigen Zwischenstaats zwischen Frankreich und Deutschland von denen unterschieden, die nur auf die Befreiung von der preußischen Herrschaft, also auf Konstituierung eines Bundesstaats im Rahmen des Reichs abzielen. Ferner werden den Franzosen und Belgiern dauernd Förderungen einer völligen Separation von Deutschland nachgesagt. Ich glaube, mit Unrecht. Entsteht jetzt wirklich eine rheinische Republik mit eigner Zentralverwaltung, so hätte Frankreich dabei garnichts zu gewinnen. Es müßte die Bevölkerung nicht nur sehr poussieren, sondern sie könnte dies Gebiet nicht einmal mehr als Zahlungspfand für die aus dem Versailler Vertrag erwachsenen Ansprüche behandeln. Ganz anders, wenn nur die preußische Herrschaft abgestreift wird. Dann bleibt das Rheinland haftfähiges Pfand für Deutschlands Schulden, überdies aber ein politischer Stützpunkt der Alliierten innerhalb des Deutschen Reichs, demnach in jeder Hinsicht für die französische und belgische Politik verwendbarer als bei gänzlicher Loslösung. Hier scheint aber auch der Widerstand gewisser kapitalistischer Kr[e]ise in Deutschland aufzuhören. Vor 5 oder 6 Tagen brachte der Bayerische Kurier einen Artikel – der nicht an leitende Stelle gesetzt war –, worin mit offenkundiger Sympathie von den Autonomietendenzen innerhalb des Reichs gesprochen wurde, die im Rheinland immer weitere Kreise zögen und auch gewisse rechtsrheinische Bezirke umfasse. Es wurde behauptet, daß die Bewegung, die ganz klein anfing, allmählich auch in gut deutschen Kreisen Anklang finde, und daß sich ein Teil der rheinischen Großindustrie – ausdrücklich genannt wurde Hugo Stinnes – wohlwollend dazu stelle. Das bayerische Föderalistenblatt spricht da zum ersten Mal offen aus, wo das einigende Moment ist, auf dem die Antipreußen in Bayern und im Rheinland sich treffen. Aus den Zeitungen war leider nie sicher zu erkennen, ob die Dorten- und Smeets-Bestrebungen für die innerhalb oder außerhalb des Deutschen Reichs autonome Republik arbeiten. Vermutlich sind beide Richtungen vorhanden. Ich selber glaube viel eher an eine wirkliche große Volksbewegung antipreußischen Charakters als reichsfeindlicher Tendenz. Ich weiß doch sogar von meiner Heimat Lübeck, wie heftig die Abneigung gegen Preußentum nicht bloß in Bayern ist. Ich erinnere mich meines Eintritts ins Parchimer Gymnasium, wo ich zunächst, weil ich das mecklenburgische eu nicht sprach, für einen Preußen und daher sehr scheel angesehn wurde, bis ich als Hanseat völlig rehabilitiert dastand. Selbst die Leute im Fürstentum Lippe waren, als ich 1900 in Blomberg Apothekergehilfe wurde, zuerst dem Preußen gegenüber mißtrauisch, ließen sich aber den Lübecker durchaus gefallen. Als ich in München dann zum ersten Mal ein Zimmer suchte, klappte eine Wirtin, als sie in meiner norddeutschen Sprache ihre Antipathie gereizt fühlte, mir die Tür vor der Nase zu mit der unverblümten Erklärung: „An an Preißen vermiet i nöt!“ – So ist die Stimmung im ganzen außerpreußischen Deutschland, und sie richtet sich natürlich keineswegs gegen das preußische Volk als solches, sondern vor allen Dingen gegen die preußischen Verwaltungsmethoden, für die man dann – weil sie sich anscheinend damit ohne Widerspruch abfinden – die Bewohner Preußens verantwortlich macht. Ohne Zweifel ist diese Auflehnung gegen ein System, das aus den Menschen Marionetten macht, ein gesunder Instinkt, der leider bei der deutschen Arbeiterschaft künstlich durch den Zentralismus marxistischer Observanz von dem gleichen Kasernenhofgeist plattgedrückt ist wie die altpreußischen Junker ihn zur Züchtung von Unteroffizieren und Rekruten jahrhundertelang gepflegt haben. (Bismarxismus!). Es ist klar, daß die Idiosynkrasie gegen diesen Ladestockdrill da am stärksten sein muß, wo sich dieser Drill selbst betätigt, aber noch nicht so lange auswirkt, daß er in den Charakter des Volks selber übergehn konnte. Daher ist die hannöversche Welfenbewegung nie wirklich zu bändigen gewesen, daher haben die Abstimmungen in Schleswig und in Oberschlesien Resultate ergeben, die nur mit ganz verwegenen Manövern der Pressebeeinflussungsstellen zu Erfolgen umgedeutet werden konnten. Daher hat ganz besonders in den historisch und kulturell vielfach mit Frankreich verbundenen linksrheinischen Bezirken und in Hessen-Nassau die Einbeziehung dieser Gebiete in die preußische Hoheitszone dort den instinktiven Haß besonders wachgehalten und gesteigert. Jetzt ist der Reichstag zusammengetreten, der – dies Jammergebilde bleibt sich wenigstens in seiner Jämmerlichkeit treu – in der gegenwärtigen Situation keinen Grund sah, die „Tagesordnung“, die die politische Aussprache erst für nächsten Dienstag vorsah – umzuändern. Immerhin gab es eine Geschäftsordnungsdebatte und dabei kam es zu einer bemerkenswerten Auseinandersetzung zwischen einem Deutschnationalen, der auf die drohenden Dinge im Rheinland hinwies und dem großindustriellen rheinischen Zentrumsführer Marx, der erwiderte, die preußischen Konservativen und heutigen Deutschnationalen hätten am wenigsten Ursache, sich über die Separationstendenzen im Rheinland zu entrüsten, da sie mit ihren Methoden dort erst den Preußenhaß gezüchtet hätten. Diese Aeußerung – ich konnte sie nur dem Sinne nach zitieren – bestätigt ganz und gar die Angaben des Bayerischen Kuriers, und nun trauen sich ja langsam die Blätter, die bis jetzt die ganze Bewegung als das Sektentheater einiger von französischem Gelde bestochener Halunken hinstellten, zu bekennen, daß schon überall lokale Verwaltungsorgane geschaffen seien und daß allem Anscheine nach heute der große Schlag erfolgen soll. Dank der geistreichen Politik der Sozialdemokraten, die – die Herren Braun und Südekum an der Spitze – seit 5 Jahren ihre ganzen Kräfte dafür einsetzen, Preußen, auch innerhalb des Reichs, jeden Fetzen gestohlenen Landes gegen den Bevölkerungswillen zu erhalten (cf. Südekums glorreiche Tätigkeit Hamburg gegenüber), glauben die Proletarier in Deutschland, sie verrieten ihre Sache, wenn sie sich nicht mit allen Mitteln gegen die Bestrebungen irgendwelcher Föderalisten irgendwo wendeten, und die Kommunisten haben ja jetzt überhaupt die Führung, wo es um Vaterlandsretterei geht. Infolgedessen sieht niemand mehr recht, was für ein Unterschied zwischen einer Selbständigmachung des Rheinlands innerhalb und jenseit des Reichs ist, und grade dadurch erhält die zweite Möglichkeit erst Wahrscheinlichkeit. Angenommen, diese Eventualität wird Tatsache. Dann sehe ich gewaltige Erschütterungen voraus, vor allem glaube ich, daß Bayern eine radikale Schwenkung der offiziellen Politik vornehmen würde, und zwar eine solche Schwenkung, daß dadurch der Konflikt zwischen der Bayerischen Volkspartei und den Großdeutschen, der augenblicklich durch Kahrs Berufung einigermaßen überpflastert scheint, klaffend aufrisse. Heim und die Seinen hätten sofort Oberwasser und man würde die „öffentliche Meinung“ tropfenweise zu der Auffassung zu bringen suchen, daß mit der Loslösung des Rheinlands das Deutsche Reich nicht mehr existiere, und Bayern an keine Weimarer Abmachungen mehr gebunden sei. Es wäre der allerletzte Tropfen in das Maß des Reichsüberdrusses etc, der das Überlaufen zur unmittelbaren Folge hätte. – Beschränken sich die Rheinlande hingegen auf eine Bundesstaatsgründung innerhalb des Reichs, so hingen wohl die Folgen davon ab, welche Teile darin einbezogen würden: Rheinprovinz, Rheinhessen zum Teil und vielleicht die bayerische Rheinpfalz. Im letzteren Fall wäre die Stellung Bayerns natürlich anders als wenn die Pfalz nicht mitmachte. Vorläufig begnüge ich mich damit, diese paar Möglichkeiten aufzustellen. Für eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeit fehlt es dank der Verlogenheit der Presse an Tatsachenkenntnis. Was wir, ohne Prophetie zu treiben, für die nächste Zukunft als gewiß voraussagen können, ist, daß Tage und vielleicht lange, lange Wochen allerblutigsten Bürgerkriegs bevorstehn. Die Generäle haben von dieser „Republik“ plein pouvoir erhalten und die Arbeiter haben nur noch zu wählen, ob sie ihre Massenabschlachtung wie die Hammel erdulden oder die Abwehr wagen wollen. Es handelt sich leider um Arbeiter, die ihre „Führer“ noch nicht fortgeprügelt haben.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 1. Oktober 1923.

Alles ist noch im Brodeln. Was gestern vor sich gegangen ist, können wir hier noch nicht wissen, kann auch aus den heute eingetroffenen Samstag- und Sonntagfrühblättern nicht mit einiger Wahrscheinlichkeit gefolgert werden. Das Thema des Tages ist: Bayern und das Reich, und was das Konkurrieren dieser beiden in die Diktatur geflüchteten Demokratieen betrifft, so stimmt ganz gewiß, was mit fröhlicher Unverfrorenheit der „Bayerische Kurier“ schreibt: Die Behauptungen, das Reich habe Bayern aufgefordert, seinen Ausnahmezustand aufzuheben und sich dem vom Reich verhängten unterzuordnen, seien falsch. Man könne dem Reich dazu auch nicht raten. Die Verfassungsmaxime, wonach Reichsrecht Landesrecht bricht, könne Bayern nicht veranlassen, seine Staatsnotwendigkeiten zu vernachlässigen, und im übrigen falle ein Vergleich zwischen der Machtstärke der beiden Partner augenblicklich nicht zugunsten des Reichs aus. Das ist deutlich und wird noch unterstrichen durch das Abwiegeln der Reichsregierung selbst, die Ausnahmeverordnungen könnten sich ja völlig reibungslos auch nebeneinander auswirken. Im übrigen richte sich die Ebertsche „mindestens“ in ebensolchem Grade gegen die „unhaltbaren Zustände“ in Sachsen und Thüringen wie gegen völkische Bestrebungen. In Sachsen und Thüringen regieren nämlich nur Sozialdemokraten, und da begreift sich’s, daß die Ebert, Schmidt, Hilferding, Radbruch und Sollmann, die doch wenigstens eine gewisse Rückendeckung bei Stresemann, Brauns, Geßler u. s. w. haben, die Zustände dort für gänzlich verrottet halten müssen. So haben sie denn auch grade in Sachsen keinen Zivilkommissar eingesetzt, sondern der Zeignerregierung just den General Müller als Diktator vor die Nase gesetzt, der im Konflikt Geßler-Zeigner das Karnickel war, nämlich jeden Verkehr mit der Regierung in Dresden verweigerte. Was jetzt noch von Berlin aus an Energie gegen rechts zu markieren versucht wird, wird keine lange Täuschung bewirken können. Geßler hat den Völkischen Beobachter, Hitlers Organ, für das ganze Reichsgebiet verboten. Falls dies Verbot nicht etwa auch Herrn Kahr ganz willkommen ist, – und das wird sich ja jetzt zeigen – glaube ich kaum, daß er sich viel drum scheren wird. Kahr selber aber ist – so eindeutig bis jetzt sein Verhalten war, plötzlich zu einer chamäleonähnlichen Persönlichkeit geworden. Und sein Charakterbild schwankt ganz erstaunlich in der Beurteilung seiner verschiedenen bayrischen Freunde und Halbfreunde. Die Vaterländischen Gruppen der verschiedensten Sorte „stellen sich geschlossen hinter ihn“ als den Wahrer der Bismarckschen Traditionen des schwarzweißroten Deutschlands. Die Bayerische Volkspartei, der Kahr offiziell angehört, läßt ihre Organe den Mann für sich, das ist ausgesprochen gegen die Großdeutschen und für Echtbajuwarien in Anspruch nehmen. Ein Artikel des Bayerischen Kuriers, überschrieben „Weißblau“ postuliert diese Couleur als die einzige, für die zu kämpfen ist und erwidert den Münchner Neuesten, die darob schwarzweißrot anlaufen, man wisse ja sonst garnicht, welchen deutschen Reichsfarben man den Vorzug zu geben habe: den Wilhelmschen oder den Ebertschen. Das Blatt greift zugleich mit großer Heftigkeit die Politik Hitlers und zumal auch Ludendorffs an, kurzum: die Kahrioten sind schon mitten im Raufen untereinander. Nun will es auch noch das Pech – oder war es nicht nur Pech? –, daß die Hitlerschen in der Schellingstraße einen Passanten, der es vergaß, vor ihrem nationalen Gegröhl den Hut zu ziehn, die Brille von der Nase schlugen – das scheint jetzt die allgemeine Umgangsform auf den Straßen Münchens zu sein –; dieser gezüchtigte Landsmann aber war kein andrer als der Abgeordnete Schäffer, der Führer des extremsten rechten Flügels der Bayerischen Volkspartei. Während nun also die Schwarzweißroten und die Weißblauen, indem sie einander von seitwärts anspucken, den Diktator liebevoll umschwärmen und jede Partei ihn für sich reklamiert, umwirbt gleichzeitig Kahr inbrünstig den immer noch spröden Hitler, der sich seinerseits sehr reserviert verhält, aber verkündet, daß wenn anders regiert werden sollte, als es ihm paßt, „Explosionen“ erfolgen würden. Der gegen den drohenden Putsch der Völkischen nötig gewordene Belagerungszustand hält es aber schon jetzt nicht mehr für nötig, mit den wahren Absichten hinter dem Berge zu halten. Es wurden nämlich sogleich Haussuchungen vorgenommen, nämlich im Gewerkschaftshaus, in der „Münchner Post“, beim Gastwirt Hoffmann, Stadtrat der Landeshauptstadt und in etlichen andern von Sozialdemokraten bevorzugten Wirtschaften. Ergebnis: in der Münchner Post fand man Gewehre, Maschinengewehre, Munition und Gummiknüppel (da ja der Sturm auf diese „revolutionäre“ Anstalt schon verschiedentlich geplant wurde). Der Polizeibericht erklärt dazu, daß, da sich herausgestellt habe, daß alle Reibereien der letzten Zeit immer nur von Sozialdemokraten ausgegangen seien, die den friedlichen Völkischen durchaus ihren Frieden nicht lassen, diese Durchsuchungen nötig gewesen seien und freut sich des „sehr guten“ Erfolges. Die Gegendemonstration der Arbeiterschaft aber besteht darin, daß die Herren Auer und Dr. Landauer beim Polizeipräsidenten vorgesprochen haben, um „ihren Standpunkt darzulegen“. – Auf die bayerische Arbeiterschaft ist also kaum zu rechnen, wenn wirklich die bewaffnete Auseinandersetzung kommen sollte. Im übrigen Deutschland hingegen scheint die allmählich ganz fürchterliche Verelendung doch die Geduld straff gezogen zu haben. Die Zahl der Erwerbslosen erklimmt unglaubliche Ziffern, massenhaft stellen die Betriebe Arbeiter aus oder beschränken sich auf Kurzarbeit (wobei zugleich die Beseitigung des prinzipiellen 8Stundentags ihre vornehmste Forderung ist), und die Teuerung, der Geldschwund durch Überproduktion an Papierlappen, die Knappheit an Waren und die grenzenlose Ungewißheit über die eigne physische Fortexistenz tut das Übrige. Ich glaube, man kann der nächsten Zeit etwa diese Prognose stellen: Der Bürgerkrieg wird akut, ein Anlaß zur Auslösung kommt irgendwie oder wird geschaffen; wie dabei die Gruppierungen im Einzelnen sein werden, ist noch nicht zu sagen, und zweifelhaft ist, ob die Auseinandersetzungen gleich in deutlicher Klassenscheidung vor sich gehn werden, und wie in Bayern speziell sich alles entwickeln wird. Aber ich verhehle mir nicht, daß sich auch über unserm privaten Schicksal allerlei Wolken bilden. Damit will ich mich abfinden, doch jedenfalls Zenzl warnen, daß sie sich mir erhalten soll.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 2. Oktober 1923.

Trotz des Dienstags, dem zeitungsärmsten Tage der Woche, haben die wenigen eingetroffenen Meldungen genügend Inhalt, um bedeutend klarer als gestern durch die Gitter sehn zu lassen. Es ist vor allen Dingen die sich vorbereitende Winkelstellung der vielfachen Barrikaden ungefähr zu bestimmen, von denen aus um Macht, Gewinn und Bestimmung gekämpft werden soll. Die eigentliche Auslösung wird vielleicht noch einige Zeit auf sich warten lassen, da im Rheinland der entscheidende Schlag, der automatisch den Funken auch ins bayerische Pulverfaß werfen müßte, am Sonntag noch nicht erfolgt ist. Zwar haben in Düsseldorf, Hamborn und noch einigen Orten separatistische Kundgebungen stattgefunden, und in Düsseldorf hat es Straßenkämpfe zwischen Sonderbündlern und Schupo gegeben. Der ausgegebene deutsche Bericht ist so offenkundig tendenziös redigiert, daß man den ganzen Verlauf selbst kombinieren muß. Er liest sich wie eine Münchner Polizeiapologie für die Nationalsozialisten. Auf beiden Seiten gab es Tote und viele Verwundete, und schließlich wurde die grüne Polizei von französischem Militär umzingelt und entwaffnet. Ich kann daraus nicht folgern, daß also Frankreich die Ausrufung der Rheinischen Republik gewaltsam unterstützen wollte, denn es ist doch nicht daran zu zweifeln, daß man das mit französischen Waffen mühelos erzielen konnte. Man hat also wohl einfach Kämpfende getrennt und dabei diejenigen entwaffnet, die Waffen trugen. Wie dem auch sei – die rheinische Bewegung scheidet im Augenblick aus der Beurteilung der innerdeutschen Kriegslage aus, die sich auf Bayern und das übrige Reich, ferner auf das Reich und Sachsen, endlich auf Kahrs hohenzollerisches und wittelsbachisches Bayern konzentrieren kann. Die Tendenzen Kahrs werden nun völlig klar. Er greift mit aller Energie an, und zwar mit gleicher Schärfe das Reich und die Arbeiterschaft, begnügt sich hingegen den Hitlerschen gegenüber mit duldsamer Defensive. Den Waffendurchsuchungen ist bereits das Verbot der sozialdemokratischen Sicherheitsabteilungen gefolgt, und aus der Münchner Post, die nichts als ein würdeloses Weimern hat, kann man erkennen, daß die Auerochsen sich tatsächlich dem Verbot fügen wollen. Sie sind immer noch ein bißchen erbärmlicher, als sie schon ohnehin schienen. Die Münchner Post meint, Kahr möchte sie gern zum Kampf hervorlocken, um dann noch brutaler werden zu können. Als ob nicht widerstandsloses Geschehnlassen für die Tyrannen aller Zeiten der kräftigste Ansporn gewesen wäre, die Ketten immer fester zu wickeln, um die ungehemmte Macht zu erweitern. Sollte also nicht von den Betrieben aus spontan eine proletarische Abwehrbewegung in Gang gebracht werden, so ist anzunehmen, daß Kahr von den „Marxisten“, dem bayerischen Wauwau, nichts zu fürchten hat. Da ist nun umso interessanter das heftige Losbrechen der inneren Gegensätze innerhalb der reaktionären Kreise in Bayern. Wer darf Kahr mit Recht für sich proklamieren, die Bayerische Volkspartei, deren Mitglied er ist und die ihn als Diktator eingesetzt hat oder die Völkischen um Hitler und Ludendorff, die in heftigste Opposition gegen ihn getreten sind? Sie werfen ihm vor, daß er sich in einem Privatgespräch selbst als Platzhalter für Rupprecht bezeichnet hat, und Kahr hat, darüber befragt, pythisch geantwortet: seine Stellung zur Monarchie sei allgemein bekannt. Seine Zeit sei aber zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich mit Presseäußerungen auseinandersetzen könnte, die mit seiner Aufgabe als Generalstaatskommissar nichts unmittelbares zu tun hätten. Hätte er einfach Ja oder Nein oder meinetwegen Es kommt auf den Verlauf an – gesagt, so hätte von[er] von seiner kostbaren Zeit weniger zu opfern gehabt. Der bayerische Kurier aber dreht den Spieß um und wirft Ludendorff ebenfalls eine Privatäußerung vor, nämlich die, daß eine Wittelsbachmonarchie in Bayern oder dem Reich gefährlicher wäre als die Herrschaft der radikalen Linken. Beide Äußerungen dürften stimmen. Daß Kahr selber jedoch nicht wünscht, von seinen bajuwarischen Auftraggebern ohne weiteres für sich und gegen die Völkischen, die ihn bekämpfen (wenigstens so tun als täten sie es) in Anspruch genommen zu werden, zeigt sein Verhalten, das gleichzeitig den Feind klarstens bezeichnet, gegen den er den Offensivkampf in erster Reihe aufnehmen will: das Deutsche Reich „Weimarer Struktur“. Er hat nämlich sich nicht nur mit dem Verbot der S. A. (Auergarde) begnügt und die bewaffneten Kampfverbände ungeschoren gelassen, er erlaubt nicht nur die „Deutschen Tage“ in Lauf und Bayreuth und läßt die – im Reich verbotene – Roßbachorganisation anstelle einer öffentlichen Versammlung eine „familiäre“ Zusammenkunft machen, wobei die Redner die Forderung herausschreien: Heraus mit Roßbach (aus dem Leipziger Gefängnis des Staatsgerichtshofs), während er zugleich die wöchentlichen „republikanischen Morgenfeiern“, die das Gelöbnis zur Reichsverfassung betreiben, verbietet, – er führt auch Geßlers Verbot des „Völkischen Beobachters“ nicht aus, beschränkt sich vielmehr auf eine mündliche Aussprache mit dem Redakteur, dem er die fortgesetzte Hetze gegen seine Person vorwirft und ihn mit einer Verwarnung entläßt. Der General Lossow, der vom Reich eingesetzte bayerische Gegen-Diktator hat also keine Macht, vielleicht ja auch keine Neigung, ein im ganzen Reich verbotenes Blatt auch da zu verbieten, wo es erscheint, und die Nachgiebigkeit Kahrs seinem energischsten Bekämpfer gegenüber würde kaum so weit gehn, wenn er mit dem Verbot des Blattes nicht einem Gebot des Reichs nachzugeben schiene. Bei dieser Herausforderung läßt es aber Kahr nicht bewenden. Die offene Fehde sagt er der Stresemannregierung mitsamt dem Reichstag dadurch an, daß er als ersten Regierungsakt das Republikschutzgesetz, auch in der Abschwächung des Berliner Protokolls für Bayern außer Kraft gesetzt erklärt. Damit ist die Unabhängigkeit Bayerns von der Weimarer Verfassung tatsächlich erklärt, denn das Gesetz ist als Bestandteil der Verfassung beschlossen und verkündigt worden. Nimmt die Reichsregierung und der Reichstag das hin, so folgt ohne Zweifel binnen kurzem die brockenweise oder auch zusammengenommene Nichtigkeitserklärung der Gültigkeit der Reichsverfassung für Bayern und der Zerfall der Reichseinheit ist fertig. Unternimmt hingegen das Reich etwas gegen die Aktion, so ist der Konflikt da, der ausgetragen werden muß und der je nach den Machtmitteln, die gegen die Bayern eingesetzt werden, – vorerst darf man sehr bezweifeln, ob überhaupt Machtmittel, wie etwa die Blockade gegen Bayern aufgeboten werden – zum Sturz der bayerischen monarchistischen Reaktion oder zur Niederlage des Reichs und damit zum Ziele der Kahrioten führen muß. Was Stresemann tun wird und ob Stresemann überhaupt noch lange Zeit haben wird etwas zu tun, steht dahin. Vielleicht drängen ihn seine Parteifreunde unter dem Druck ihrer natürlichen Verbündeten, der Deutschnationalen, sich von dem Ballast der Sozialdemokraten zu befreien und ein verschärftes Cunoregiment kommt an die Macht, das sich genau so lange halten kann wie das Ausland ihm Lebenszeit bewilligt. Vielleicht tritt auch er selber zurück und läßt den Dingen den Lauf, den sie nehmen wollen. Hierzu könnte ihn vor allem die Entwicklung der Verhältnisse in Sachsen bestimmen, wo – wenn die Meldung bestätigt wird, der Eintritt der Kommunisten in die Zeigner-Regierung unmittelbar bevorzustehn scheint. Das könnte nur heißen, daß das sächsische Proletariat sich mit den Mitteln, die ihm als Machtmittel proletarischer Politik geläufig sind und die – rebus sic stantibus – vielleicht im Augenblick tatsächlich Zweck haben könnten, der Generalsdiktatur der Geßlerkreatur widersetzen will. Das Chaos, das sich bei der unmittelbaren Nachbarschaft eines dreiviertelmonarchistischen Bayerns und seines sowjetistisch beeinflußten Sachsens als Bild des „einheitlichen“ Reichs gestalten müßte, wäre kaum mehr unitaristisch zu meistern. Dem Reich bliebe kaum etwas übrig, als sich entweder für Bayern oder für Sachsen zu entscheiden, und wenn auch die Neigung jedenfalls dabei für Bayern stimmte, so identifizieren doch eben in Bayern selbst die Hohenzollerischen wie auch die Wittelsbachischen längst Berlin und Dresden in solchem Maße, daß die Neigung hinter die aufgezwungene Notwendigkeit zurücktreten müßte. Falls im Augenblick nicht schon ganz neue Tatsachen alle Programme umgeworfen haben – mit dieser Möglichkeit muß jetzt jede Stunde gerechnet werden. – eröffnet heute der Reichstag seine politische Generaldebatte. Dabei werden die Anträge der Völkischen und Deutschnationalen gegen Sachsen und die der Sozialdemokraten und Kommunisten gegen Bayern schon einigermaßen zeigen, was die annoch regierenden Herren im Sinne haben, und danach wird man sich – mag der Reichstag noch so schöne Einigungsformeln und Versöhnungsresolutionen beschließen – in Dresden und in München richten. Und in Paris! Die ungeheure Dummheit, aus Angst vor der deutschen Patrioteska die Preisgabe des Ruhrkampfes wieder einmal in Formen zu fassen, die die komplette Kapitulation verschleiern sollen, führt natürlich zu einer Verschleppung aller Verhandlungen. Poincaré fühlt kein Bedürfnis, um der deutschnationalen Empfindlichkeiten willen die Größe seines Triumphs zu mindern und läßt grade die Bewilligung der „Ehrenpunkte“ – Amnestie der Verurteilten und Rückrufung der Ausgewiesenen – noch nicht zu, weil Deutschlands naive Bevölkerung durch die Fassung der Regierungsproklamation in den Glauben versetzt wurde, als habe Stresemann diese Punkte doch als Bedingung aufgestellt, sine qua non. Poincaré zieht daraus die logische Konsequenz: solange ihr eure völlige Unterwerfung nicht selber zugebt, habe ich keinen Grund, sie als vollzogen anzusehn, und mehr Zeit hat jedenfalls Poincaré als Stresemann. In Paris – und übrigens auch in Prag – findet Kahr-Bayerns Politik aber ebenfalls ihre stachligste Hürde. Jede revolutionäre Bewegung – und von verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten aus ist die in Bayern eingeschlagene Praxis fraglos revolutionär – hat die Tendenz zur Radikalisierung solange in sich, wie sie Erfolg hat. Je mehr Kahr im Kampf gegen das Reich durchsetzt, umso nachdrücklich[er] wird er genötigt werden, alle die Programmnummern aufzuführen, die er – und hier in Übereinstimmung sowohl mit den weißblauen Klerikalen als auch mit den schwarzweißroten Völkischen, Juden-, Marxisten- und Franzosenfressern aller Schattierungen – selbst x mal vor aller Öffentlichkeit verkündet hat. Dazu gehört vorneweg die ja jetzt von Knilling selbst in Berlin verlangte Aufkündigung aller aus dem Versailler Vertrag stammenden Verpflichtungen, daneben aber auch die „Wehrhaftmachung“ des ganzen Volks durch Einführung der allgemeinen Wehrpflicht! Da muß sich zeigen, was man für Waffen hat – und sobald man hier Licht ins Dunkel gelassen hat, werden Franzosen und Tschechen die Alternative stellen: Ablieferung des Kriegsgeräts, Auflösung der Formationen, Unterwerfung unter alle Vertragsbedingungen, beziehungsweise unter die Bedingungen, die das Ausland Bayern für den Fall eines endgiltigen Ausscheidens aus dem deutschen Reich auferlegt (die aber ganz sicher auch keine Revanchevorbereitungen ermöglichen würden) – oder Krieg! – Vielleicht glaubt man einen Revanchekrieg tatsächlich schon wagen zu können. Gut. Auch das wäre eine Entscheidung und Klärung. Ohne Zweifel aber eine solche, die der bayerischen Eigenart, wie sie sich jetzt jahrelang ausgetobt hat, ebenfalls ein Ende machen müßte. Der Stein rollt. Wohin er auch fallen mag – wir sozialistischen Revolutionäre werden immer den Vorteil davon haben – wenn auch erst in Jahr und Tag.

 

Ich lese grade (aus der letzten Spende meiner Frankfurter Lektürhüterin Berth Adler) die Briefe von und an Michael Bernays, des Münchner Literaturphilologen, dessen politische Bemerkungen mir im allgemeinen aufs ärgste gegen den Geschmack gehn, dessen außerordentlich empfänglicher Geist und wundervoll gepflegter Sprachstil aber großen Respekt abnötigt (Herausgegeben von Hermann Uhde-Bernays, Berlin, B. Behrs Verlag 1907). Da finde ich unter den Anmerkungen einen zum Tode Treitschkes an Erich Schmidt gerichteten Brief mit dieser Stelle: „Jede Sitzung des Reichstags muß uns zu einem peinigenden Schamgefühl stimmen, und in Bayern rühren und tummeln sich die alten Schürer des Verderbens und sehnen sich offenkundig nach den Tagen alter Schmach zurück.“ 1896 geschrieben!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 3. Oktober 1923.

Meine Erwartung, daß die Ereignisse sich, nachdem einmal der Fluß ins Treiben geraten ist, Zug um Zug abspielen werden, bestätigt sich anscheinend in noch stärkerem Maße als ich voraussah. Kahr geht aufs Ganze. Er verweigert die vom Staatsgerichtshof verlangte Verhaftung des Hauptmanns Heiß und geht zugleich in seinen Verordnungen über die Befugnisse hinaus, die der § 48 der Reichsverfassung den Einzelländern als vorübergehende Maßregeln erlaubt „bei Gefahr in Verzug“. Danach darf er die Rechtsgarantieen des Bürgers zwar in weitem Maße außer Kraft setzen, was auch geschehn ist, aber nicht das Koalitions- und Streikrecht der Arbeiter antasten, – und auch das ist jetzt geschehn: Streik, Aufforderung dazu, Förderung von Streik und natürlich erst recht die Behinderung von „Arbeitswilligen“ wird mit Strafen bedroht, die bis zur Todesstrafe gehn und unlimitiert, also in die Willkür bayerischer „Volksgerichte“ gegeben sind. Auch für „Landesverrat“ wird Todesstrafe angedroht, und jeder weiß, was in Bayern unter diesen Begriff gerechnet wird. Die Auerochsen fügen sich wie die Hammel in alles. Der Ausruf an die S.-A.-Leute, die Organisationen gehorsam aufzulösen, ist ein beispielloses Dokument von Schlappheit und Ehrvergessenheit. Herr Kahr hat also nach dieser Seite leichtes Spiel, und was er den um ihn versammelten Presseheloten neuerdings über seine Absichten erklärt hat – die armen Münchner Posteriore bemühten sich vergebens um Zulassung, und müssen es nun von der Kuhhaut abschreiben, daß Kahr die reinliche Scheidung zwischen rechts und links postuliert, jeden Mittelweg geleugnet hat – was mir sehr gefällt und meiner eignen Auffassung völlig entspricht – und damit den nur gegen links gerichteten Kampf nochmal und ganz unmißverständlich proklamiert hat. Die „marxistisch-materialistische“ Weltauffassung soll nun also zum ersten Mal in Bayern von der „christlich-völkischen“ widerlegt werden, – natürlich mit den Mitteln physischer Gewalt. Zugleich bestätigt Kahr, was ich gestern schon annahm, daß er die völkische Opposition sehr gern in Anhängerschaft verwandeln möchte. So lud er den „Völkischen Beobachter“ denn auch zu der Aussprache ein, und die Strafpredigt, die er ihm gehalten haben soll, scheint in Wahrheit eine brünstige Liebeswerbung gewesen zu sein. Der Erfolg dieser Politik ist klar. Man fordert bereits, – und zwar gehörig: unter den Hitler-Forderungen eine der ersten – und im Augenblick vielleicht von Kahr am leichtesten zu erfüllende, betrifft die Abrechnung mit den Novemberverbrechern. Da können wir also vielleicht recht bald das schöne Lied anstimmen: Es geht bei gedämpfter Trommeln Klang ––. Aber diese Dinge sind im Moment weder interessant noch wichtig genug, um sich lange dabei aufhalten zu müssen. Was passiert im Reich? Wie reagiert die Regierung Stresemann, wie die Parteien des Reichs auf die bayerischen Provokationen? Was wir bis jetzt wissen, ist folgendes: In Küstrin wurde ein Putsch versucht, – und zwar nach den Zeitungsberichten von den Völkischen, nach Geßlers Amtsbericht von „National-Kommunisten“. Bei der lächerlichen, verächtlichen und idiotischen Schwenkung der KPD zu den Radaupatrioten hinüber kann man wirklich nicht wissen, wer da gemeint ist, und es scheint mir nicht einmal unmöglich, daß die Reventlöwen und Scholemmer in holder Eintracht den Coup unternommen haben, der, wenn er gelungen wäre, ohne Zweifel für weitere Aktionen außerordentliche Vorteile gehabt hätte. Die Berlin zunächst gelegene Festung von der dann alle Operationen hätten ausgehn können. Nach Geßlers Bericht sei der Putsch völlig niedergeschlagen, die 400 Bewaffneten, die die Festung schon besetzt hatten, entwaffnet und gefangen genommen worden, die Entsatzabteilungen der Aufständischen geschlagen und die von andern Orten zur Unterstützung der Reichswehr zugezogenen Truppen schon wieder an die Standorte zurückgebracht worden. Zugleich mit diesem Siegesbericht aber gibt Geßler einen für die Lage charakteristischen Befehl aus. Die Presse darf über alle mit dem Ausnahmezustand zusammenhängenden Ereignisse keine eignen Nachrichten mehr bringen und muß sich auf das amtlich Bekanntgegebene beschränken. Wir haben 4 Jahre Kriegspresseamt erlebt, wir brauchen also um wahrhaftige Berichterstattung nicht mehr besorgt zu sein. – Aber bis jetzt scheint es wirklich, als ob das lähmende Beispiel der bayerischen Arbeiterschaft auch im Reich ansteckt und das Proletariat der bekannten sozialdemokratischen Parole „Abwarten“ folgt, mag die Situation längst so sein, daß jeder Wartende einfach überfahren wird. Die Berliner Regierung mitsamt den Koalitionsparteien sind offenbar in gänzlicher Ratlosigkeit. Zwar kann man den vorläufigen Berichten durchaus noch kaum andere Bedeutung beilegen als die von sensationellen Gerüchten, und ich glaube vorerst weder an die Sprengung der Koalition noch erst recht an die unmittelbar bevorstehende Übergabe der Regierungsgewalt im Reich an eine Persönlichkeit, bei gleichzeitiger Auflösung der verfassungsmäßigen Organe. Glaubhaft ist aber fürs erste die Übertragung weitgehender Vollmachten an das Stresemannkabinett, und die einzige tatsächlich handgreifliche Meldung aus Berlin ist die von der Demission des Wirtschaftsministers v. Raumer, also eines rechten Parteigenossen Stresemanns, woraus zu schließen ist, daß Stresemann selbst mitsamt Zentrum und Demokraten keinesfalls einen politischen Frontwechsel in Deutschland wollen und wahrscheinlich den Sozialdemokraten mancherlei Zugeständnisse in ihren Forderungen gemacht haben. Unter diesen Forderungen wird in den Zeitungen der Kampf gegen Bayern vorangestellt, und zwar scheint man sich diesen „Kampf“ in der Weise zu denken, daß der Reichstag die Aufhebung des Ausnahmezustands in Bayern und die Unterordnung Bayerns unter die Reichsgesetze und Verordnungen verlangen soll. Ob irgendjemand harmlos genug ist, zu glauben, Bayern würde einem derartigen Befehl nachkommen, kann ich mir nicht recht vorstellen. Daß aber im Falle der offenen Fehde das Reich mit seiner Exekutivmacht, die es, ohne noch eine Verfassung zu haben, gegen die sozialistischen Arbeiter 1919 einsetzte, auch 1923 gegen antirepublikanische Diktatoren in Bayern einschreitet, wird auch nur eine höhere Tochter unabhängiger Herkunft für möglich halten. Morgen bekommen wir ja hoffentlich zu lesen, was die „Volksvertreter“ heute und gestern gesotten haben, (falls sie dazu noch gekommen sind). Wenn man den Leitartikel des „Vorwärts“ zur Lage gelesen hat, wird man sich brünstigen Erwartungen auf die Energie dieser von Gott verlassenen Partei nicht hingeben, und da grade auch der Auervater in Berlin war, kann man mit Sicherheit annehmen, daß er seine Parteifreunde kniefällig gebeten hat, ihn nicht durch Ultimata an Kahr in Unbequemlichkeiten zu bringen. So unklar demnach noch alles ist, was gegen Bayern unternommen werden wird, so klar ist die Haltung der Bayern selbst, die wirklich zielbewußt aufs Ganze gehn. Die durchaus glaubhafte Meldung, daß die bayerische Staatsgewalt sich bereits mit der Württembergischen Regierung in Verbindung gesetzt hat – wo die maßgebende politische Macht das dort vom Feudaladel repräsentierte Zentrum, also eine von Bedenklichkeiten moralischer Art gewiß nicht geplagte Partei ist, – gibt die allerinteressantesten Ausblicke auf Hoffnungen und Pläne der bayerischen Reichsgegner. Erzielt Bayern mit Württemberg eine Einigung gegen Berlin, so sitzt Baden in der Zange zwischen rechts- und linksrheinischen Separatisten und der Süden und Westen steht geschlossen gegen den Norden und Osten des Reichs. Die Entente sieht dem allen wie es scheint, ohne jede Nervosität zu. Die Rheinlandkommission hat sämtlichen in den besetzten Provinzen tätigen Beamten verboten, Befehle von irgendwelchen außerordentlichen Gewalten aus dem nichtbesetzten Deutschland, namentlich aus Bayern auszuführen. – Dollarstand 330 Millionen Mark. Dafür kriegen wir nun aber auch die „Bodenmark“, die als „Neumark“ getauft wird, wahrscheinlich, da das ein jüdischer Familienname ist, um den völkisch-antisemitischen Zorn gegen Hilferding auf dessen Kind zu leiten, das doch die exceptio plurium in Anspruch nehmen kann, da Helfferich verdächtig ist, seine teutonischen Säfte mit auf den Schatz-Wechselbalg ergossen zu haben. Sieht ihm auch ähnlich.

 

Nachträglich: Zäuner ist nach 14tägiger Einzelkur wieder bei uns oben.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 5. Oktober 1923.

Zwischen Mittwoch und heute sind noch keine Umwälzungen eingetreten. Umso wackliger und brüchiger ist aber der ganze Bau geworden, der sich jetzt noch Deutsches Reich nennen darf. Die Ordnungs-Kahrikatur in Bayern hat in Berlin alle Glatzen hochgesträubt und der Reichstag, dieses Parlament der hilflosen Gehduvoran-Helden, hat sich bis jetzt noch nicht einmal getraut, überhaupt zusammenzutreten. Statt dessen rennen sich die Parteihäupter und die Regierungskretins die Stiefelsohlen schief, fordern und verwerfen, wehklagen und mimen Charakter, verhandeln und streiten untereinander, gegeneinander, für einander, – kurzum betätigen sich in Vaterlandsretterei. Stresemann sieht sich plötzlich in seiner eignen Partei – es ist die ehedem nationalliberale, und so ist sie auch heute noch – von x Richtungen umdrängt, von denen nur eine wirklich weiß, was sie will, nämlich die der Großindustriellen. Die sehn, wie pünktlich die Arbeiter nachgeben, wenn man einfach kommandiert, und daß derselbe Auer, der vor wenigen Wochen 300 Bewaffnete aufmarschieren läßt und dabei verkündet, man könne diese Schar auch in 8000facher Vervielfältigung vorführen, die bayerische Sozialdemokratie werde jeden Versuch einer Diktatur von rechts zurückschlagen, nicht bloß widerspruchslos seine Abteilungen auf bloße Aufforderung hin auflöst, sondern noch eigens nach Berlin fährt, und dort die „Lage“ in Bayern so darstellt, daß sogar der „Vorwärts“ verwundert fragt, ob Auer nicht garzu optimistisch urteile. Wer den Mann kennt weiß was los ist, daß er nie etwas andres geplant hat als im Augenblick der Not seine sicher gemachten Arbeiter zu verraten, und anstatt des Generalstreiks, der rechtzeitig proklamiert – und es hätte sich am 27. September keine einzige Arbeiterorganisation außerhalb einer solchen Aktion befunden – die ganze Diktaturherrlichkeit Kahrs samt der Regierung Knillings binnen 3 Tagen über den Haufen geschmissen hätte, das einzige Ziel zu betreiben, jede Solidaritätsaktion für das bayerische Proletariat vom übrigen Deutschland aus zu verhindern. Bis jetzt ist es diesem ärgsten Arbeiterfeinde, der je Gelegenheit hatte, auf Arbeiter einzuwirken, stets geglückt, in kritischen Lagen das Proletariat an das Ausbeutertum zu verkaufen, und es ist charakteristisch für den Patron, daß ihn nicht einmal die Fußtritte, die er selber andauernd mit schmerzlichem Nachdruck von denen bekommt, denen er die Gefälligkeiten erweist, um sich als Ministerkollegen für bessere Zeiten empfohlen zu halten, wenigstens zur passiven Einstellung seiner übeln Anbiederungen bewegen. Natürlich kriegen durch ein solches Beispiel die Unternehmerkliquen auch im übrigen Reiche Mut; und so wirft jetzt die Stinnespartei die Handgranate gegen den 8Stundentag, erhebt dessen Beseitigung zur ultimativen Forderung und zur Bedingung für ihre fernere Unterstützung des Stresemannkabinetts und für ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz. Raumer ist, wie es jetzt heißt, von seiner eignen Partei gestürzt worden, die nun auch gleich gegen Hilferding anrennt, und zwar eben wegen der Frage der „Produktionssteigerung“ durch verlängerte Arbeitszeit (während gleichzeitig täglich weitere Betriebe überhaupt still legen, andre zur Kurzarbeit übergehn und die Erwerbslosenarmee ganz erschreckend wächst). Durch diese Forderungen der Deutschen Volkspartei ist ein heilloses Kuddelmuddel in die ganze Reichspolitik geraten. Der Zusammentritt des Reichstags wird von einem Tag auf den andern verschoben, und immer neue Konflikte zwischen den Parteien und innerhalb der einzelnen Parteien klaffen auf. Stresemann laviert zwischen all den Meinungen und Tendenzen herum und scheint bereit, mit dem Herrgott und des Teufels Großmutter gleichzeitig zu regieren, wenn man nur ihn weiterregieren läßt. Der Volkspartei ist aber dadurch der Mut gewachsen und sie fordert die Erweiterung der Koalitionen durch Hereinziehung der Deutschnationalen. Da jedoch die bürgerlichen Demokraten mit denen nicht paktieren wollen, mußten die Sozialdemokraten auch noch so tun, als ob das für sie nicht möglich wäre. Was aber für sie möglich ist, das erfährt man doch. Sie taten sehr energisch und stellten an die Spitze ihres Programms, von dessen Annahme sie alles abhängig machen wollten, die Nichtantastung des 8Stundentags und die Unterstützung des kommunistischen Antrags, Bayern zur Aufhebung des Separatausnahmezustands zu zwingen. Nach den neuesten Meldungen heißt es nun, daß sie schon beschlossen haben, wegen Kahr keine Unbequemlichkeiten zu machen, zugleich aber auch dem Arbeitsminister Brauns erklärt haben, in der Arbeitszeitfrage werde sich schon ein Kompromiß finden lassen, sodaß es scheint, als ob das Stresemannkabinett in etwas veränderter Zusammenstellung erhalten bleiben wird, da die Sozi in allem kapitulieren und wohl schlimmstenfalls auch ihren Hilferding aus dem Finanzministerium abtreten lassen. Bedenkt man, daß der nationale Kampf gegen die „Marxisten“ – das ist gegen diese Schlappschwänze und Jammerlappen – als höchste sittliche Aufgabe in Kahrbayern zum Heldenkampfruf erhoben ist, so erkennt man zugleich die groteske Lächerlichkeit dessen, was sich eben jetzt in Kahrbayern vollzieht. Wie im Reich die Zersetzung der demokratisch-republikanisch-realpolitischen Gruppen mitten im Gange ist, so sind die Symptome derselben Zersetzung in Bayern innerhalb der monarchistisch-separatistisch-ideologischen Gruppen ebenso unverkennbar. Die Völkischen Großdeutsch-Protestantischen, finden in ihrer Opposition gegen die Bayerischen Separatistisch-Katholischen immer stärkeren Zulauf aus deren eignen Reihen. Schon haben die Vaterländischen Verbände ihren Vorsitzenden, den Dr. Pittinger davongejagt, um freie Bahn zur Vereinigung aller unter Hitler zu schaffen. Die stärksten Abteilungen von „Bayern und Reich“ (des Hauptstützpunkts von Kahr und den Seinen) treten offen zu dem Hitlerschen Kampfbund über. Roth tritt aus der Bayerischen Mittelpartei aus, um einen bayerischen Wulleladen im Landtag aufzumachen. Kahr selbst poussiert die Völkischen derart, daß Ludendorff schon seine Zufriedenheit mit ihm aussprechen konnte. Der Bayerischen Volkspartei aber, die den Generalstaatskommissar eingesetzt hat, geht ob dieser Gescheitheit der Hintern mit Grundeis. Zwar beschließt sie bis jetzt noch einstimmige Vertrauensresolutionen, aber der „Bayerische Kurier“ weimert doch schon arg und haut auf Hitler los, indem Kahr gemeint ist. Der geht aufs Ganze. Der Völkische Beobachter erscheint weiter, denn der General Lossow, der den Befehl, das Blatt zu unterdrücken, von Geßler erhielt, übergab ihn einfach an Herrn v. Kahr, der seinerseits erklärt haben soll, dieser „undeutschen“ Zumutung könne er nicht Folge leisten. Das tollste Stück ist aber dies: die Deutsche Bank in Nürnberg sollte 60 Goldmillionen an die Berliner Zentrale der Reichsbank überführen. Herr Gareis, dem man die gesamte Polizeigewalt dort übertragen hat, um den Republikaner Luppe kaltzustellen, hat diese Ausfuhr ins feindliche Ausland verboten. Das läßt tief blicken. Das zeigt, wie weit der Zerfall des Deutschen Reichs schon gediehen ist, und daß dies Gebilde in allerkürzester Zeit aufgehört haben wird zu existieren. Ob nun erst die Rheinrepublik da sein wird, ob Bayern den Anfang machen wird oder ob die Revolution der Schwarzweißroten und Hakenkreuzler es zuwege bringen werden, ist einerlei. Aufzuhalten ist es kaum mehr. Zur Beschleunigung des Verfahrens gibt man nun in Berlin auch wieder jenem teutonischen Bardengeheul nach, das die Unterwerfung an der Ruhr keine Unterwerfung zu nennen erlaubt. Schon hat die Deutsche Volkspartei eine Resolution verfaßt, die erklärt, den passiven Widerstand aufgeben heiße nicht alle Bedingungen Frankreichs blindlings annehmen. Keine Reichsregierung könne und dürfe kapitulieren, und Stresemanns nächste Rede soll denn auch schon auf diesen Ton gestimmt sein. Poincarés Absichten aber sind unzweideutig genug. Da er Sieger ist, will er diktieren (Was taten denn die Deutschen in Rumänien?) und sagt – wobei er sich auf tatsächliche Unterlagen stützen kann: Ich kann warten. Die Esel, die in Deutschland auf England rechnen, hauen schon ganz vorbei. Sie haben auch während des passiven Ruhrkampfs nicht erkannt, was Englands Politik bedeutet, nämlich: Ausnutzung der kontinentalen Wirren zur Retablierung ihrer eignen Wirtschaft. Diese Politik der „Schwäche“, wofür man sie in der deutschen Presse ausgab, hat bewirkt, daß die englische Kohlen- und Stahlproduktion, die gegen Deutschland und Frankreich stark ins Hintertreffen gedrängt war, sich wieder riesig gestärkt hat und die Erwerbslosengefahr fast ganz behoben werden konnte. Je länger also der Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland dauert, um so besser ist das englische Geschäft. England hat demnach noch viel mehr Zeit als Frankreich. Wer keine Zeit hat, ist allein Deutschland. Wie wenig Poincaré bereit ist, sich Bedingungen stellen zu lassen, zeigt seine Behandlung der Eisenbahner, die sich als erste bedingungslos unterworfen haben. Er hat die Ausgewiesenen nicht wieder einstellen lassen, meiner Meinung nach nicht, um sie auf die Länge zu strafen, sondern um den Anschein zu vermeiden, als buhlte er um deutsche Versöhnlichkeit. Sobald sich das Reich unterworfen hat, wird er von sich aus (wo es nichts kostet) entgegenkommen. Also man will bei uns noch nicht verhandeln. Dadurch kann die äußerste Katastrophe wieder mal kurze Zeit hinausgeschoben werden, aber ihr Krach wird um so heftiger sein. Schon kriecht der Dollar in die Höhe, nachdem man ihn eben eine Weile glaubte gefesselt zu haben. Letzter Kurs: 440 Millionen Mark. Was wird werden? Krieg im Innern sicher. Ließe man doch die Kahrioten auch im Reich sich auswirken! Aktiver Widerstand gegen Frankreich! Aeußerste Gewalt gegen das gesamte arbeitende Volk! Allgemeine Wehrpflicht! Befreiungszug nach Sachsen, Thüringen, Berlin! Das vollkommene Chaos, das doch nicht mehr vermeidbar ist, käme so schnell und so gründlich, daß auch die Heilung und Vernarbung der Operationswunde schnell und gründlich möglich wäre. Oh, dürfte ich noch selber teilnehmen am Kampf und Triumph der proletarischen Revolution!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 6. Oktober 1923

Jetzt scheint es schon so weit zu sein, wie ich es gestern erhoffte. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat mit geringer Mehrheit (61 zu 54) beschlossen, über die schon angebotenen Zugeständnisse nicht weiter hinauszugehn und den 8Stundentag nicht preiszugeben. (Es ist klar, daß sie ohne den Druck der Straße und der Betriebe den Verrat noch weiter getrieben hätte). In der Deutschen Volkspartei drückten die Deutschnationalen durch Scholz, im Zentrum durch Stegerwald auf Sprengung der „Großen Koalition“, und den armen Sozi-Ministern[und die armen Sozi-Minister], denen ihre angebliche „Zufallsmehrheit“ in der Fraktion auch noch Aktivität gegen Bayern auferlegen wollte, mußten geknickten Herzens Herrn Stresemann ihre geliebten Portefeuilles zur Verfügung stellen. Darauf trat das ganze Kabinett zurück, und Stresemann ließ sich von Ebert dem Taktvollen den Auftrag zur Bildung eines neuen übertragen, darin will er nun auch die Bayerische Volkspartei aufnehmen und nach rechts und links, also mit Deutschnationalen und Sozialdemokraten „Fühlung“ halten. Also das Ende – nicht bloß der „Großen“ Koalition, sondern zugleich des ganzen parlamentarischen Schwindels, denn was jetzt kommt, ist die Diktatur in irgendwelcher Form, vermutlich zunächst übertüncht mit dem Lack eines befristeten Ermächtigungsgesetzes an die Regierung, dann aber, da das Proletariat nicht zu allem schweigen wird, die offene Diktatur eines „starken Mannes“. Wie bald und mit welchen Mitteln sich die Arbeiter wehren werden, steht dahin. Daß der General Müller in dem Augenblick, wo die Kommunisten in die sächsische Regierung zu gehn im Begriff sind, sämtliche kommunistische Zeitungen Sachsens verbietet, zeigt, daß die Nationalisten die Entscheidungskämpfe gern rasch eröffnet sähen, und ich glaube und hoffe, daß sie auch rasch losgehn werden. Vorerst wird aber wohl noch eine kurze Wartezeit kommen, bis die endgiltige Liquidation des Ruhrkonflikts nicht mehr umgangen werden kann. Im Augenblick gibt sich Herr Poincaré alle Mühe, den deutschen Patrioten Oberwasser zu schaffen, die den Widerstand wieder „versteifen“ möchten. Nach den harten Bedingungen, die den Eisenbahnern gestellt wurden, sind jetzt den andern Beamten die Forderungen Degouttes vorgelegt worden. Sie bedeuten die haarsträubendste Provokation, die man arbeitenden Menschen überhaupt bieten kann und beweisen, daß die Exekutoren des Weltkapitals einander alle gleichen und sich nur selbst voneinander dadurch zu unterscheiden bestrebt sind, daß jeder alle andern an Brutalität und Infamie zu überbieten sucht. Degoutte verlangt: Beseitigung sämtlicher Betriebsräte, 10stündige Arbeitszeit, Übernahme jeder aufgetragenen Beschäftigung und droht bei Weigerung irgendwelcher Art mit Ausweisung, bei Widerstand mit Waffengewalt.* Die verprügelten Beamten, vertreten durch Gewerkschaftsbonzen, werden wohl nach einigem Geplärr unter das Joch kriechen. Aber die neue Stresemannregierung, die kaum etwas andres sein wird als eine Kahrexekutive, wird, um sich die Nationalaktiven warm zu halten, in irgendeiner agitatorisch wirksamen Form den Ruhrkampf auch ohne Bezahlung der ganzen Bevölkerung für Nichtstun nun in Schwung setzen. Der Dollar, der inzwischen die halbe Milliarde überklettert hat, wird den Himalaya überwachsen, das allzugeduldige deutsche Proletariat wird endlich doch zur Tat rufen, der Bürgerkrieg wird entbrennen, in bisher unerlebter Heftigkeit und vielleicht in deutschen Staatenkrieg übergehn. Der Zerfall des Reichs ist sicher. Der Eingriff Frankreichs und der Tschechoslowakei ist wahrscheinlich. Der Parlamentarismus und jede Art bürgerlicher Demokratie ist erledigt, und die Diktatur, die als Ablösung kommt, wird entweder eine militärische monarchistische und völkische sein, und in diesem Fall vom Ausland leicht erledigt werden, da das deutsche Proletariat für die deutsche Restauration keine Stütze sein kann, oder es wird die proletarische Diktatur sein, wobei es drauf ankommt, die wahre Räterepublik gegenüber einer zentralistischen Parteihierarchie durchzusetzen. Cura posterior? Ich habe das starke Gefühl, als ob dies Probleme sind, die schneller akut sein werden als das deutsche Volk wieder zu Atem kommt. Mein heißester Wunsch seit ich Gefangener bin, ein Wunsch, den ich schon resigniert beiseite geschoben hatte, wacht neu und mit hoffnungsbunten Umrissen in mir auf, daß die Stunde der Befreiung aus den Händen der Schergen mir das höchste Glück des Rebellen bringen wird: vom Kerker in den Kampf!

 

* Dies alles hat sich als eine ganz infame Verleumdung der deutschen Stinnes- und Hugenbergpresse entpuppt.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 7. Oktober 1923

Scheußlich kalt ist’s im Hause. Die Übergangszeit vor dem Winter ist hier die schlimmste im Jahr. Es zieht auf den Gängen, in den Zellen, man heizt nicht und der offene Haftraum, die kalten Zementfußböden im Gang, die dünnen Mauern setzen einen der Gefahr scheußlichster Katarrhe oder noch ärgeren Übels aus. Immerhin tröstet der Gedanke sehr, daß dieser Herbst doch wohl der letzte in dieser Lage ist. Ich rechne – obwohl ich bisher mit Datenberechnungen immer Pech hatte – daß bis Weihnachten doch wohl alle Qual herum sein wird. Allerdings ist im Augenblick die „Krise“ im Reich noch ungelöst, und der weitere Verlauf wird stark von der nächstfolgenden Regierungsform abhängen. Kommt tatsächlich eine deutschnationale Parteiherrschaft oder auch gleich eine vormonarchistische Diktatur im Reich, – dann ist Deutschland eine Filiale Bayerns, wobei aller Voraussicht nach außenpolitisch derartige Dummheiten gemacht werden – bleiben sie aus, dann bleibt ja kein Patriot bei der Stange –, daß Frankreich, Belgien und die Tschechen sich einmischen, und die Politik im Innern verläuft in der Richtung, die das Ausland vorschreibt; Bayerns bisherige Reaktionsmethoden brechen also von selbst zusammen. Nun heißt es aber, daß Stresemann mit plötzlicher Erleuchtung doch wieder versucht, die „Große Koalition“ zu retten. Daß die Sozialdemokratie ihren überraschenden Charakterbauchaufschwung dabei wieder zurückrevidieren würde, hat sie selbst schon dokumentiert. Hilferding wird von ihr geopfert, und die Regierung kriegt Blankovollmacht nicht bloß für politische sondern auch für finanzielle und soziale Angelegenheiten, wobei nur der 8Stundentag nicht unmittelbar und offen beseitigt werden darf, sondern in weniger auffälliger Form allmählich hergeschenkt würde. (Darauf kommt das ganze zweideutige Gemächel heraus, womit sie ihre infame Jämmerlichkeit zu bemänteln suchen). Ob trotz dieses neuen Verrats der Kerle die Industriellen der Deutschen Volkspartei ebenfalls wieder umfallen werden, bzw. ob sie es überhaupt noch können, ist zweifelhaft. Ich stelle mir den Verlauf der Handlung der letzten Tage hinter den Culissen etwa so vor: Man hielt mit dem Widerruf aller Verordnungen über den passiven Widerstand die Liquidation des Ruhrkampfes für abgeschlossen und also die Zeit für gekommen, den Dolchstoß auf diejenigen abzulenken, denen man die Hand dazu geführt hatte. So begann man im Bunde mit den Revanchepatrioten Mordio gegen die „Marxisten“ zu schreien und ein reaktionäres Schreckensregiment bayerischen Systems einzuleiten. Nun kam zuerst das Küstriner Fiasko, bei dem übrigens die Geßlerschen Berichte – von den „Nationalkommunisten“, von den seltsamen „Zivilarbeitern“ im Zeughof u. s. w. deutlich genug zeigen, daß man Inland und Ausland über den Charakter der Sache, die von einem der Kapputschiner, Buchrucker, inszeniert war, und deren aktive Organisation der Stahlhelm war, täuschen möchte und den Verdacht fördern will, daß es sich um eine kommunistische Aktion handelte. Jedenfalls aber ging diese Sache gründlich schief. Der Reichswehrgeneral blieb sonderbarerweise „treu“ (vermutlich übersah er sofort die Ungeschicklichkeit der strategischen Operation und wollte sich in keine hoffnungslose militärische Situation verwickeln lassen). Dadurch mag bei den Nationalisten ein Mißtrauen gegen die Reichswehr überhaupt entstanden sein, das ihren Schneid wohl dämpfen kann. Aber zugleich zeigte ihnen Poincaré mit der verrückten und degouttanten Generalspolitik gegen die Arbeiter im Ruhrgebiet, daß er mit der Aufgabe des passiven Widerstands allein den Widerstand überhaupt keineswegs als eingestellt ansieht, und daß die Situation dort genau so gespannt ist wie vorher auch. Wenn nun Stinnes tatsächlich seine Scholz, Maretzky, Stegerwald etc. vom Angriff auf Stresemann zurückpfeift und diesen an und für sich den Schwerindustriellen wegen seiner französischen Orientierung wenig bequemen Kanzler noch einmal mit den Sozi zusammen weiterwursteln läßt, so deute ich mir das so, daß gewartet werden soll, bis die Kapitulation, um die man doch nicht herumkommt, tatsächlich vollkommen besiegelt ist. Stresemann soll dann als zweiter Erzberger angeschwärzt werden, die Schmach von Compiègnes und Versailles soll sich erneuern und den armen Betrogenen hinter Hitler und Wulle das Opfer schlachtfertig präsentiert werden. Fragt sich nun bloß, ob Stinnes, Scholz und Genossen zum Umstuken überhaupt noch Zeit haben. Die Völkischen und ein Teil der Deutschnationalen sind ja wenigstens ehrlich, indem sie sofort aktiven Widerstand, Aufkündigung des Versailler Vertrags kurzum all das verlangen, was unweigerlich zur interalliierten Intervention führen muß. Es wäre natürlich die schnellste und daher die für uns wünschenswerteste Entwicklung, zumal sie die einzige positive Aussicht bietet, daß das Proletariat rechtzeitig dazwischentritt und den ekelhaften Anblick eines bewaffneten Einmarsches von französischen und böhmischen Zwangssoldaten doch noch hindert. Kommt hingegen noch einmal eine „demokratische“ Koalitionsregierung zustande, dann ist die Auseinandersetzung zunächst innerhalb Deutschlands zu Ende zu bringen, d. h. das Verhältnis Bayerns zum Reich muß sich klären. In welcher Weise diese Klärung erfolgt, ist ja jetzt zu sehn, da die bayerische Regierung sich zur Zeit noch einem Reich „Weimarer Struktur“ gegenübersieht. Kahrs gesamte Politik geht auf Brüskierung dieses Reichs hinaus, sodaß man heute sagen kann, daß Bayern nur noch de jure Bestandteil der Deutschen Republik ist, de facto ist es schon außerhalb der Reichsverfassung. Die tägliche Ohrfeige Bayerns gegen das Reich klatscht hörbar durch ganz Europa. Ein neues Beispiel: Geßlers Verbot des Völkischen Beobachters war für Kahr insofern eine große Unannehmlichkeit, als die Bayerische Volkspartei – bis jetzt ja immer noch seine Auftraggeberin – das Blatt aus weit unterschiedenen Gründen ebenfalls unterdrückt wünschte. Da es in einem Aufruf jetzt die Artilleristen sogar zur „Feuerbereitschaft“, nämlich gegen die „internationale“ (katholische) Bayerische Regierung aufforderte, mußte das Verbot wohl oder übel ausgesprochen werden. Kahr half sich so. Er verbot das Blatt für 10 Tage mit einer Begründung, die in keinem Wort auf das Reichsverbot Bezug nimmt, und zur Verstärkung dieser Unabhängigkeit verbot er zugleich das reichsfrommste Blatt Bayerns, die Nürnberger Demokratenzeitung (Organ Luppes) und zwar ohne Begründung und für 14 Tage. Damit nicht genug müssen tagtäglich von allen getreuen Verbänden, Vereinen, Organisationen Forderungen an ihn adressiert werden, worin die Nichteintreibung der nun beschlossenen Reichssteuern innerhalb Bayerns als Lebensnotwendigkeit des Landes begründet wird. Man läuft Sturm gegen die Finanz- und Eisenbahnhoheit des Reichs, und es ist garkeine Frage, daß Kahr alle diese nationalen Schreier befriedigen wird, – falls nicht eben auch im Reich etwas vorgeht, wie durch Verordnung (Eberts oder seines Wegschubsers) die Übertragung der Machtvollkommenheit auf jemand, der von Wulle und Graefe gewünscht und von Ludendorff bestätigt wird. Dann ist München Hauptstadt des Reichs und die Einigkeit ist da. – Ob freilich Kahr diktatorisch auch gleich den 8Stundentag abschaffen wird, muß bezweifelt werden. Da fürchten die Nationalsozialisten wohl den Stunk im eignen Hause. Außerdem aber haben sogar schon wegen des Streikverbots sich die Christlichen Arbeiter (Richtung Funke der Bayerischen Volkspartei) zu einem Protest aufgerafft, während die Auerochsen muckstill auch das hingenommen haben. In kürzester Zeit wird also das Reich verbayert oder Bayern separiert sein. In beiden Fällen ist Bayern pleite – finanziell, politisch und mit allen seit dem Kahrputsch 1920 praktizierten Methoden. Bis Weihnachten? – Ja.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 8. Oktober 1923.

Mich friert erbärmlich und ich fürchte für den Bestand meiner Gesundheit, die seit Monaten keinen Anlaß mehr zu Klagen mehr gegeben hat. Aber das teuflisch zugige, bei dem kalten Nebel, der diese Moosgegend an sich so bedenklich macht, immer noch gänzlich unbeheizte Haus muß ja die widerstandsfähigsten Körper unterkriegen. Und – da der Anstaltsarzt von seinem Urlaub zurück ist, sind wir eben ohne Arzt. Heute ist überdies draußen stürmisch und es regnet fortgesetzt, sodaß ich auch auf das stramme Herumgehn auf dem Hof verzichten muß. Immerhin will ich versuchen, die letzten Neuigkeiten noch zu registrieren, bevor ich die Korrespondenzen erledige, die noch vor der neuen Briefportoerhöhung auf 5 Millionen Mark, vom 10ten ab, fort sollen. Stresemann regiert also tatsächlich mit seiner alten Koalition weiter. Die tapferen Sozi haben alle verlangten Opfer gebracht: Hilferding muß das Finanzministerium räumen (sein Nachfolger wird ein Bankdirektor Schacht) und den 8Stundentag haben sie in kaum mehr verdeckter Form hergeschenkt. Nämlich: er soll aufrechterhalten werden, wobei gesetzliche und tarifliche Ausnahmen zulässig sind. Auch tarifliche! Damit ist den Unternehmern das Pressionsmittel, die Arbeiter zur völligen Sklaverei zu zwingen in die Hand gegeben worden. Und dieser äußerste, schmutzigste und widerlichste Verrat gegen die einzige Konzession der Stresemänner, die Ermächtigung nicht mehr auf diese Angelegenheit (die sie ja ohne besondere Vollmacht erledigt haben) ausgedehnt zu verlangen. Das alles nur, damit die Arbeiterausplünderung weiterhin von Herrn Schmidt, die Arbeiterniederprügelung von Herrn Sollmann und die Arbeiterentrechtung von Herrn Radbruch ausgeübt werden kann. Was wird das Proletariat nun tun? Ich fürchte nichts, da es bis jetzt auch nichts getan hat und anscheinend nicht mehr wagt, unter dem Ausnahmezustand gegen den Ausnahmezustand zu kämpfen. Daß der bevorstehende Eintritt der Kommunisten in die sozialdemokratischen Oppositionsregierungen von Sachsen und Thüringen von den Bourgeois und ihren Sozi-Lakaien nicht übermäßig gefürchtet wird, zeigt sich schon daran, daß das Verlangen Sachsens, einen Zivilkommissar anstelle des Oberbefehlshaber-Generals zu kriegen, einfach abgelehnt wurde. Um so mehr Angst erregt Bayern in Berlin. Es ist garnicht daran zu denken, daß der Reichstag sich zu irgendwelcher Energie aufraffen, geschweige Bayern vor Alternativen stellen wird. Es wird bei einer Resolution bleiben, worin man versuchen wird, der Regierung zu Verhandlungen Mut zu machen, um wenigstens nach außen hin noch die ärgerliche Tatsache zu verhüllen, daß Bayern sich nicht mehr zum Reich rechnet. – Ich muß zum Schluß kommen. Eben wurde uns folgendes eröffnet: Die Verordnung des Generalstaatskommissars (über die ich eben schreiben wollte), wonach für Bayern die Herausgabe aller kommunistischen Zeitungen, Zeitschriften, Flugblätter etc., ferner deren Verbreitung, Feilhaltung etc verboten wird, gibt Anlaß zu der Anordnung, daß in der Festung sämtliche kommunistischen Schriften, Bücher, Broschüren und Bilder bis Mittwoch, den 10. Oktober, nachmittags 5 Uhr abgeliefert, heimgeschickt oder vernichtet sein müssen. Es wird empfohlen, die Frachtsendungen bis morgen um 2 zu bewirken, da dann die Erhöhung der Frachtsätze eintritt. Jetzt ist die Frage: Was ist kommunistisch, – und wie kriegen wir die Sachen rechtzeitig weg? Ich werde alles stehn und liegen lassen müssen, um diese nette Aufgabe zu erfüllen.

 

Abschrift: „An den Herrn Festungsvorstand. Die Befolgung der Festungsverwaltungsanordnung, die kommunistische Literatur bis zum 10. Oktober fortzuschicken, begegnet technischen Schwierigkeiten, die eine Besprechung zur näheren Information und Ratserholung erwünscht scheinen lassen. Da für mich die Vernichtung von in Frage stehenden Schriften nur in wenigen Fällen in Betracht kommen kann, ich auch die Aushändigung zum Akt nur sehr ungern in Erwägung ziehe, bitte ich, mir oder einem der gleich betroffenen Festungsgefangenen Gelegenheit zu geben, den Vorschlag, die Drucksachen der Verwaltung zur vorläufigen Verwahrung übergeben zu dürfen, persönlich zu begründen. N’feld 8. Oktob. 23.   Erich Mühsam.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 10. Oktober 1923

Mit meiner Aussortierung von kommunistischen Schriften etc. bin ich glücklich fertig. Die Sache war nicht ganz einfach. Auf mein Schreiben an den Vorstand, neben dem auch noch von verschiedenen anderen Anfragen hinuntergingen, kam die Eröffnung, es werde wegen der materiellen Schwierigkeiten genehmigt, die Sachen bis zum 31. Oktober bei der Verwaltung in Obhut zu geben. Ich machte die Herren Fetsch und Rieblinger darauf aufmerksam, daß auch in rechtlicher Hinsicht Bedenken bestehn, da das Postgeheimnis aufgehoben und die Gefahr gegeben sei, daß die Sendungen geöffnet, beschlagnahmt und unsre Frauen womöglich unter dem Verdacht der Umgehung der Kahr-Verordnung verhaftet werden könnten. Das haben die Beamten dem Vorstand mitgeteilt, und der anerkannte die Berechtigung, da inzwischen eine neue Verfügung bekannt geworden war, die den Eisenbahnen ausdrücklich den Transport kommunistischer Drucksachen verbietet. So konnten wir also die Sachen ohne Zeitbegrenzung abgeben. Von mir sind weit über 60 Broschüren, Bücher und Flugblätter, daneben noch Zeitschriftennummern etc abgegeben. Nun habe ich noch mindestens einen halben Zentner alter Zeitungen da liegen, die bis 5 Uhr kleingeschnitten oder ebenfalls abgeliefert sein müssen. Ich werde es meinen Freunden überlassen, die Zerkleinerungsarbeit zu vollziehn, denn ich muß ein Hochzeitsgedicht für den Weigand-Biebs machen, der kaum aus dem bayerischen Ehrenkerker befreit, sich in Berliner Ehefesseln begibt. – Politische Neuigkeiten will ich so kurz wie möglich zusammenfassen. Stresemann hat sich mit seinem aufgewärmten Kabinett – auch Brauns ist drin geblieben und für Hilferding der bisherige Ernährungsminister Luther, für Raumer ein Dr. Köten oder so ähnlich eingetreten – dem Reichstag präsentiert. Seine Rede war das übliche Seiltanzen eines politischen Virtuosen, der selbst kaum verhehlen mochte, daß sein Seil so mürbe ist, daß es unmittelbar vor dem Reißen steht. Er warf der sogenannten „Wirtschaft“ vor, daß sie die „Krisis“ hervorgerufen habe und machte ihr zugleich die größten Konzessionen. In der bayerischen Sache vollführte er auf seinem schwanken Seil einen Jongleurakt, der sehr kunstvoll aussah und in Wahrheit ein ganz ordinärer Bluff war. Die Kapitulation vor Bayern ist noch kläglicher ausgefallen, als man vermuten durfte. Einerseits erlaube die Reichsverfassung nur provisorische Ausnahmemaßregeln der Länder, andrerseits dürfe man Bayern ruhig gewähren lassen und die beiden Ausnahmezustände neben einander bestehn lassen. Das verkündet das Reichskabinett, dem 3 Sozialdemokraten angehören, unter ihnen der Rechtsbetreuer Radbruch! Die Resolution, die ich vorgestern kommen sah, hat eine unglaublich zahme Fassung: die Regierung, deren Erklärung gebilligt werde, solle eine „Klärung“ herbeizuführen suchen! – diese Resolution ist von den Sozi selbst eingebracht und natürlich angenommen und damit der bayerische Skandal zu einer deutschen Rechtseinrichtung geworden. – Inzwischen amüsieren sich die Schwerindustriellen, an ihrer Spitze Herr Stinnes, mit einer ganz verwegenen Politik mit doppeltem Boden. Im Innern nähern sie sich der Deutschnationalen Partei, verlangen „nationale Verteidigung“ und bekämpfen den „Marxismus“ (der Herren Breitscheid und Löbe!). Das ist wegen der Gewinne aus der Valutamisere (die Milliarde ist beinah erreicht, Österreichs Krone kostet über 5000 Mark und auch der Sowjetrubel gehört schon zum Edelschein). Auf der andern Seite – wegen der solideren Einnahmen – geschieht dies: Herr Stinnes besucht im Gefängnis Herrn Krupp, arbeitet mit dem einen Wiederaufbauplan aus, begibt sich damit zum General Degoutte, mit dem er in Gesellschaft der Herren Klöckner und Vögeler verhandelt und einig wird – was schon offiziell bestätigt ist, und nun sind die Herren stark genug, um der Reichsregierung einen Befehl zuzustellen, den sie – gewappnet mit der ganzen Verantwortlichkeit der Ermächtigung – erfüllen muß – oder ...? Da verlangen die Herren einfach alles, sie sollen das Recht der direkten Verhandlung mit Frankreich und Belgien haben, ja sie, die sich an dem Ruhr-„Opfer“ maßlos bereichert haben, wollen Rückerstattung der Kohlensteuern, mit denen sie das deutsche Volk über alle Begriffe hinaus ohnehin betrogen haben. Selbstverständlich verlangen sie auch wieder Arbeitszeitverlängerung für die Bergarbeiter, nämlich 8½ Stunden unter Tag, 11 Stunden über Tag! – Warum denn nicht? Sie sehn an Bayerns Beispiel, daß man nur auf den Tisch zu schlagen braucht, um von diesen Jammerkerlen alles zu bekommen. Schon hat ja Stresemann den Bayern einen Brocken hingeworfen, der ein unheilbares Loch in die Weimarer Verfassung reißt. Er hat grundsätzlich die Rückgabe der Finanzhoheit an die Länder zugestanden. Die bayerischen Forderungen nach Rückgewinnung aller andern „Hoheiten“ sind natürlich schon da. (Ich persönlich bin sehr dafür. Wenn einmal der Wind von der andern Seite weht, werden wir an diesem übeln demokratischen Unitarismus und Parlamentsdemokratismus genau so wenig Freude haben wie heut die politischen Antipoden). – Meine guten Festungsgenossen sind nun zumeist wieder ganz niedergeschlagen und meinen schon, jetzt werde eine lange lange Reaktionsperiode einsetzen, bei der wir ohne Hoffnung versauern können. Ich teile diese Befürchtungen garnicht, sowenig wie die Illusionen, denen sich die gehorsamen Parteikommunisten im Hinblick auf den sächsisch-thüringischen Block hingeben. Herr Böttcher wird als Minister sowenig kommunistische Charakterpolitik treiben können wie Radbruch sozialistische. Dagegen liegt es in der Natur der Verhältnisse, daß sich sowohl in Bayern wie in Sachsen-Thüringen die Gegensätze verschärfen – und zwar grade die gegen einander gekehrten. Wie die Völkischen Herrn v. Kahr jeden Tag zu neuen Emanationen nationaler Energie, werden die revolutionären Arbeiter Nord- und Mitteldeutschlands ihre Funktionäre (zu denen die sozialdemokratischen Reichskabinett-Mitglieder nicht mehr zu zählen sind) zu Betätigungen antikapitalistischer oder doch echtrepublikanischer Gesinnungen zwingen oder aber sich selbst vom Betrieb aus schärfstens zum Kampf vorbereiten. Dieser Kampf kommt ohne Zweifel. Die Regierung Stresemann wird ihn weder mit noch ohne Belagerungszustand aufhalten. Eher möglich ist, daß über die westlichen und östlichen Grenzen her die Bremse einsetzt. Schon hat Nollet mitgeteilt, daß die alliierten Militärkommissionen wieder eingesetzt werden, und daß Bayern dazu am meisten mitgewirkt hat, unterliegt garkeinem Zweifel. Zwischenfälle werden grade hier nicht lange auf sich warten lassen. – Auch die Polen scheinen nur auf das Signal zu warten, um in Deutschland „einzugreifen“. Ostpreußen und Oberschlesien sind feiste Bissen. Aber von all dem ganz unabhängig wird Bayern unter allen Umständen seine antipreußische Bevölkerung durch dauernde Provokationen des Reichs bei der Stange halten müssen, Konflikte auch dann schaffen, wenn die Reichsregierung sich immer wieder und immer kläglicher unterwirft und so eine Situation schaffen, in der es doch schließlich zur endgiltigen Entscheidung zwischen der privatwirtschaftlichen Ausbeutung und den ausgebeuteten Proletariern kommen muß. Lange kann die gegenwärtige Situation keinesfalls währen und unsre persönliche Situation hier im Kerker ist nicht nur nicht hoffnungslos sondern war nie aussichtsvoller als gegenwärtig.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 11. Oktober 1923

Deutschlands Zustände werden täglich abenteuerlicher und unmöglicher. Der Dollar steht bei 2 Milliarden, und wir dürfen sogar hier drinnen damit rechnen, unser armseliges Wochengeld bald billionenweise zugescheffelt zu kriegen. (Anmerkung: Die Frauenhilfe für die politischen Gefangenen sandte uns unser monatliches Taschengeld in Höhe von – 350.000 Mark – Preis für eine Briefmarke 5 Millionen, das ist mehr als das Zwölffache, Preis einer Schachtel Streichhölzer 11 Millionen, – wir kriegen also von den Münchner Arbeitern als Monatsunterstützung den Wert eines einzigen Zündhölzchens). Die innenpolitischen Verhältnisse im Deutschen Reich charakterisieren sich durch diese Tatsachen: in Bayern unterdrückt man mit den Mitteln finsterster Despotie jede selbständige Regung der Arbeiterschaft und wendet speziell gegen die Kommunisten Methoden an, an die kein Metternich und kein Bismarcksches Sozialistengesetz heranreicht. Zugleich werden die Kommunisten im unmittelbar benachbarten, denselben Gesetzen verpflichteten Sachsen und Thüringen Mitregierer. Im übrigen Reich läßt sich eine Regierung jammervollster politischer Kastraten diktatorische Vollmachten übertragen, mit der Absicht, das Chaos dadurch zu ordnen, daß man sich blind dagegen stellt. Zugleich treiben die Großindustriellen Innen- und Außenpolitik auf eigne Faust und kümmern sich dabei nicht im mindesten um Erlaubtes und Unerlaubtes. Nicht Stinnes, sondern Otto Wolff (Phoenix-Konzern) hat die Franzosen zu einem Vertragsabschluß gewonnen, bei dem Frankreich nichts einbüßt. Was Stinnes selbst betrifft, so hat er sich nach den jetzt vorliegenden Meldungen beim General Degoutte eine schwere Abfuhr geholt, die im übrigen beweist, daß die angeblichen Bedingungen des Generals über die Wiedereinstellung der Ruhrarbeiter eine blanke Sensations- und Tendenzlüge unsrer öffentlichen Meinungsmacher waren. Er hat im Gegenteil so tolerante Bedingungen gestellt, daß kein Zweifel besteht, daß daraufhin die Arbeiter wieder antreten werden, und das Interessante dabei ist, daß er unmittelbar mit den Betriebsräten verhandelt hat, die er angeblich nicht dulden wollte. Dahingegen hat er Stinnes’ Verlangen, den 8Stundentag durch einen 10stündigen zu ersetzen, glatt abgelehnt, ebenso alle andern Forderungen des Herrn, der dann mit seinem Bergbauverein versuchte, durch Dekret aus eigner Machtvollkommenheit die Arbeiter zu unerhörter Mehrarbeit bei gleichzeitiger Lohnkürzung zu zwingen. Da haben nun sogar die Gewerkschaften – und zwar auch die christlichen und Hirsch-Dunckerschen, ohne die es die sozialdemokratischen ja nicht gewagt hätten, – zum Widerstand aufgerufen, und Herr Sollmann mußte im Reichstag eine Erklärung abgeben, in der er zwar die Forderung, gegen die Herren Klöckner, Stinnes, Vögeler etc wegen Hoch- und Landesverrat vorzugehn, „vorläufig“ ablehnte (natürlich um Zeit zu gewinnen, die Herren Zeit gewinnen zu lassen), aber immerhin eine Art Mißbilligung durchhören ließ, was für einen Sozialdemokraten in diesem Deutschland schon als Leistung gelten kann. – Es scheint, als ginge man in Berlin mit dem Gedanken um, da doch Energie nach irgendeiner Seite markiert werden soll, als Betätigungsfeld dafür Sachsen auszuwählen. Dort soll heut oder morgen der Landtag die ersten kommunistischen Minister begrüßen, und es heißt, man wolle gleich den Fall Zeigner-Geßler zur Sprache bringen. Nun soll der Oberkommandierende des Wehrkreises Müller dem Landtag ziemlich deutlich verboten haben, über diesen Gegenstand zu verhandeln, und da darf man sehr neugierig sein, ob der „Demokrat“ Geßler tatsächlich wagen wird, ein deutsches Parlament an der Erledigung der selbst verfügten Tagesordnung zu hindern, was in diesem Fall das Proletariat tun wird und ob nicht Sachsens „Arbeiterregierung“ lieber freiwillig zurückzoppen wird. Da die Kommunisten ja keine Opposition mehr machen können, halte ich das für garnicht unwahrscheinlich. Diese Paroleschuster haben, nachdem sie grade vor dem Resultat ihrer geistreichen Politik der Techtelmechtelei mit den Deutschvölkischen stehn (die ungeheuer gestärkt dastehn, während die Anschlußsucher kläglich geleimt sind), jetzt ihr „demokratisches“ Herz entdeckt. Sie haben ihre Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes durch Fröhlich damit begründen lassen, daß Stresemann damit eine Diktaturpolitik eröffne, und das Prinzip der Demokratie und des Parlamentarismus durchbrochen werden. So steht’s tatsächlich in allen Reichstagsberichten zu lesen. Sie sind weit gekommen, und die Sachsen-Thüringischen Dinge bestärken mich in meiner Voraussicht, daß die Auflösung in den Mutterarmen der Sozialdemokratie nicht mehr übertrieben lange auf sich warten lassen wird. – Aber in diesem Wirrwarr steht – ein ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht – Bayern, der Hort einer, wie man zugeben muß, wenigstens standhaften Desperadopolitik. Im Reichstag hat nicht nur die Bayerische Volkspartei gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, sondern auch Herr v. Preger namens der Regierung eine gegen die Strese- und Sollmänner sehr aggressive Erklärung abgegeben, und die nationale Presse kündigt schon an, daß sich Bayern nicht fügen werde. Mit andern Worten: Bayern nimmt die Unterwerfung der Reichsregierung und des Reichstags nicht an, und hält sich an seine Politik „aus eignem Recht“. Kahr wirbt indessen um Beliebtheit und erfindet dazu nichts Neueres als die zwangsmäßige Herabsetzung des Bierpreises. Das kann den Münchner Spießer freilich für den Augenblick sehr gewinnen, da aber die Brauereien ein wichtigerer Faktor sind als die Bierkonsumenten, wird sich diese populäre Geste nicht lange machen lassen, und der Preis wird erst recht und noch plötzlicher als gewöhnlich hochspringen. Ebenso ist es mit der Verordnung an die Kleinbauern wegen der Anlieferung von Milch. Grade das, womit die Kahrioten bisher stets die Bauern geködert haben, das Versprechen der Aufhebung der Zwangswirtschaft, wird nun hergeschenkt. Herr Kahr wird natürlich nur die kleinen Bauern, die ohnehin nicht leicht dran sind, zur Befolgung seiner Gebote zwingen. Die Folgen sind, was seinen Anhang betrifft, leicht zu ermessen. Im übrigen muß die Presse vorteilhafte Meldungen bringen – wie man’s von 1914 her gelernt hat: daß die Getreideablieferung wunderbar funktioniere, daß die Ernte gut und reichlich sei etc., während man gleichzeitig an weniger offiziös beeinflußten Stellen der gleichen Blätter einen Bericht vom Lande liest, daß z. B. in dieser Gegend hier die Kartoffelernte nur ein Viertel des normalen Ertrags ergebe. Mit Regie und Zeitungstamtam allein wird sich auf die Dauer keine Begeisterung halten lassen, und der Übertritt der verschiedenen Kampfverbände jetzt wieder zu Kahr – heute hü, morgen hott – bedeutet eher für Hitler eine Stärkung, der den Vorsitz über die Kampfverbände niedergelegt hat, als für die Kahryatiden. Denn Hitler hat jetzt die ausgesucht Festesten um sich, die schwankenden Gestalten sind allesamt fort und werden schnell die Zersetzung bewirken, die überall da entsteht, wo man aus taktischen Gründen Prinzipien vermengt. Der Übertritt der linken USP zur KPD 1921 war der letzte Stoß für die revolutionäre KPD in den haltlosen Opportunismus hinein. Die Intransigenten sind immer die Stärkeren, mag ihre Zahl noch so klein sein. Hitler hat alle Aussichten, zur vollen Entwicklung seiner Politik zu gelangen – wenigstens in Bayern. Es kommt drauf an, ob er dann nicht selbst Opportunist wird. In diesem Fall bricht die Politik moralisch zusammen, im andern Fall physisch an ihrer Auswirkung. Denn es ist dumme und kurzsichtige Politik. Da sie aber Charakter hat, wird Hitler, sofern er sich selbst treu bleibt, immerhin in Ehren Pleite machen. Was aber jetzt in Bayern den starken Willem spielt, wird in Lächerlichkeit und Verachtung zum Teufel gehn – und zwar sehr bald.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 12. Oktober 1923.

Keine belangvollen Neuigkeiten. Eine Allarmmeldung des Fränkischen Kuriers zeigt den Dollarstand mit 7 Milliarden an. Anderswo ist keine Bestätigung zu finden, doch melden die Münchner Neuesten Nachrichten, daß gerüchteweise 5,7 Milliarden genannt würden. Es bleibt sich gleich. Nachdem die erste Milliarde erreicht war, gehn nun die Sprünge milliardenweise weiter, und sobald – sicher schon in den nächsten Tagen 10 Milliarden überschritten sind, geht es eben dann 10milliardenweise täglich in die Höhe. Die Frage ist, ob das Publikum nicht die Annahme der Wische früher verweigern wird als die „Neumark“ heraus ist. Die Nachrichten von dem Abschluß einer ausländischen Anleihe (Holland) halte ich vorläufig für ein Beschwichtigungsmanöver. – Inzwischen halten die Separatverhandlungen der Schwerindustriellen mit den Franzosen die Politiker in Atem. Als Zeichen der Zeit ist festzuhalten, daß nicht die „freien“ (sozialdemokratischen) Gewerkschafter vorangehn, um Maßnahmen gegen Stinnes, Klöckner, Vögeler, Otto Wolff etc. zu verlangen, sondern ihren gelblichen Kollegen den Vortritt lassen. Ausgerechnet der Hirsch-Dunckersche Gewerkschaftsring verlangt Kündigung der Arbeitsgemeinschaft mit den Unternehmern, also grade die auf „Harmonie“ zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer eingeschworene bürgerliche Organisation. Die Christlichen aber fordern die Verhaftung der Zechenbesitzer wegen Hoch- und Landesverrat. Wenn das auch bloß eine Geste ist – als ob wir hier drinnen von Dr. Gürtner die Verhaftung unsres Festungsvorstands verlangen wollten –, so haben sich die „Freien“ – (ach Gott!) – noch nicht mal getraut, die Geste zu machen. Aber während sogar Herr Helfferich erklärt, die Anbiederung der Industriellen an die Franzosen habe ihn peinlich berührt, drehn die Beschuldigten selbst in schöner Unschuld den Spieß um und verlangen durch ihre Presse – zu der die bayerischen Kahrorgane ebenfalls gehören – das Landesverratsverfahren gegen die Redaktion der Vossischen Zeitung, weil die das Ultimatum der Industrie an die Reichsregierung – eben nicht gerichtet, sondern veröffentlicht hat. – Höchst interessant ist die Erklärung des offiziösen französischen Korrespondenzbüros Havas, wonach die französische Regierung die Bedingungen zur Aufnahme der Arbeit im Ruhrgebiet überhaupt nicht mit der deutschen Regierung erörtern werde, sondern als lokale Angelegenheit betrachte, die sie ebenso wie den Vertrag mit dem Phoenix-Konzern (der sogar die Bezahlung der Kohlensteuer an das deutsche Reich außerhalb der Gesetzgebung regelt) mit den örtlichen Behörden und den Privatorganisationen der Zechenbesitzer und der Arbeitnehmerschaft erledigen werde. Wenn so die Arbeit wieder im Gange sei, bleibe es der Regierung Stresemann unbenommen, wegen der Reparationsleistungen Anträge zu stellen, und zwar nur an die interalliierte Reparationskommission. Wenn diese Haltung Poincarés auch formal mit der dauernden Behauptung der Deutschen begründet werden kann, daß der passive Widerstand aus der freien Initiative der Rhein- und Ruhrbevölkerung entsprungen sei, so steht dahinter doch wohl der Gedanke, daß Deutschland schon jetzt derartig inmitten des Chaos ist, daß kein Vertrag mit irgendeiner Reichszentralinstanz die geringste Bürgschaft bieten kann, daß er auch durchgeführt wird. Und dieser Gedanke dürfte kaum fehlgehn. München – Dresden – Essen: die Leute, die diesen Knäuel in Berlin entwirren möchten, sind dabei nur eines Erfolges sicher, – des Hohngelächters der Welt.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 13. Oktober 1923.

4½ Jahre eingesperrt! Aber die Situation ist nun doch so, daß man auch ohne der Optimist zu sein als der ich verschrieen bin, als gewiß aussprechen kann, daß nicht nur keine 10 Jahre 8 Monate mehr zu absolvieren sind (die ich dem „Rechtspruch“ nach noch vor mir hätte), sondern daß diese lange Haft wenn nicht im letzten Quartal, so doch wohl im letzten Semester angelangt ist. Übermorgen erwarte ich den Besuch von Zenzl und Resl, der widerruflich für 3 Stunden genehmigt ist. Ich freue mich sehr drauf und werde im Gefühl hinuntergehn, ein Zusammensein in dieser Form das letzte Mal durchmachen zu müssen. Man kann sagen, daß jetzt eigentlich alle Fugen aufgerissen sind, die bisher noch, wenn auch nicht verklebt, so doch übertüncht waren. Das selbständige Vorgehn der Wirtschaftsfürsten deckt die tatsächliche Abdankung des Deutschen Reichs als Staat nackt auf. Anstelle der Entrüstung darüber sollten die Marxisten (das ist komischerweise jetzt das Schlagwort der vereinigten Reaktion für jede Art revolutionärer Tendenz – und selbst Stresemann hat die braven Marxisten schon dagegen in Schutz genommen) lieber mal diese Vorgänge „marxistisch“, nämlich als Ausdruck tatsächlicher Zustände werten. Ich habe das in meinen Tagebüchern schon mehrfach dahin ausgelegt, daß das deutsche Kapital den Staat als Sachwalter nicht mehr braucht und sich deswegen jetzt kurzerhand als selbständige Macht auch politisch etabliert. Wo ihm die Staatsgesetze nicht mehr passen und in seinem Profitverlangen im Wege stehn, schmeißt er sie mit einer Handbewegung beiseite, und das noch nicht auf diese Stufe der großkapitalistischen Omnipotenz gelangte Ausland zieht bloß die Konsequenz aus den wirklichen Verhältnissen, wenn es mit den schwerindustriellen Konzernen von Macht zu Macht verhandelt. Daß dabei die deutsche Industrie gewisse wesentliche Überschreitungen der gesetzlichen Befugnisse, wie die verlangte Aufhebung des 8Stundentags von der Gegenseite nicht bewilligt bekommt, beweist nur, daß die stärkste Macht in Deutschland die Kräftekonkurrenz mit der staatlichen Macht Frankreichs nicht aushält. Wenn in Deutschland jetzt noch versucht wird, den Stinnes, Vögeler und Wolff mit gesetzlichen Staatsmaßregeln ihre Macht zu beschneiden, so ist das einfach lächerlich. Es gibt nur ein Mittel, sie zu bezwingen: ihrer Macht, die auf dem Besitz der Produktionsmittel beruht, die Macht entgegenzusetzen, die in der Arbeitskraft selbst besteht, nämlich das Mittel der proletarischen Revolution mit dem Ziel der Enteignung und Sozialisierung (nicht etwa Verstaatlichung) der rentierenden Werke. Bis zu diesem Punkte der Entscheidung durch die letzten Mittel des Klassenkampfs ist bis jetzt nur die Lage im westlichen Industriebezirk gediehen. Im übrigen Deutschland sind noch politische Klärungen zwischen Staats- und Arbeiterinteressen zu gewinnen, die zwar sehr wahrscheinlich ebenfalls durch Revolution bewirkt werden müssen, wenn sie nicht über Jahr und Tag hinausgezögert werden sollen, die aber die revolutionäre Austragung noch nicht zwangsmäßig in sich schließen. Die Ereignisse der letzten Tage ergeben etwa dieses Bild. Die Reichsregierung erkennt die Unmöglichkeit, ohne Aufhebung aller demokratischen Formalitäten überhaupt noch die Wirtschaftsprobleme einigermaßen zu meistern. Sie verlangt deshalb durch ein Ermächtigungsgesetz in Stand gesetzt zu werden, hinter dem Rücken jeder Kontrolle mit den wirklichen Machtinhabern zu verhandeln – zu dem Zweck, den Staat als Fiktion noch für kurze Zeit zu retten. Diejenigen, die die Unmöglichkeit einsehn, dieses Ziel für die Dauer auch bloß weniger Monate zu erreichen, und die deshalb die unvermeidlichen Entscheidungen lieber gleich als später wollen, verweigern die Zustimmung zu der Ermächtigung, sodaß also jetzt die Entscheidung darüber fallen muß, ob eine Atempause erlangt wird oder nicht. Da die Ermächtigung einen Eingriff in die Verfassung darstellt, ist zu ihrer Bewilligung qualifizierte Zustimmung des Reichstags verfassungsmäßig erforderlich. Bei der Abstimmung muß das Plenum ⅔ der Gesamtabgeordnetenzahl als Frequenz aufweisen, und von den Anwesenden muß ⅔ zustimmen. Durch zwei Lesungen ging die Geschichte glatt, da sich alle Parteien an der Beratung beteiligten und auch zumeist Abänderungsanträge einbrachten. Erst die dritte Lesung, der die Generalabstimmung über Annahme oder Ablehnung des Ganzen folgt, entscheidet endgiltig. Nun wären die Koalitionsparteien an sich durchaus in der Lage, die nötige Stimmenzahl aufzubringen. Aber sowohl die Deutsche Volkspartei als die Sozialdemokratie haben in ihren Reihen mit der Opposition des rechten, bzw. linken Flügels zu tun. Stinnes mit seinem schwerindustriellen Anhang neigt zur intransigenten Haltung der regierungsfeindlichen Deutschnationalen; Levi, Aufhäuser und insgesamt etwa 30 – 40 Mann der Sozialdemokratie neigen der Ansicht des Gesamtproletariats zu, dem Kampf nicht auszuweichen. Geschlossen sind gegen das Gesetz die Deutschvölkischen, die Deutschnationalen, die Bayerische Volkspartei (mit Bauernbund?), die Ledebourgruppe und die Kommunisten. Vorgestern wollte Löbe die dritte Lesung und danach die Abstimmung erledigen. Während der Beratung stellte sich heraus, daß die Präsenz – gefordert sind 306 Abgeordnete – bei Fernbleiben der beiderseitigen Opponenten in den Regierungsparteien nicht ausreichen würde. Die Völkischen, Deutschnationalen, Ledebour und die Kommunisten erklärten, daß sie obstruieren, d. h. durch Abwesenheit die Frequenz unter das gesetzliche Niveau zu drücken versuchen würden. Da trat als Retterin die Bayerische Volkspartei in Funktion. Herr Leicht erklärte, daß seine Partei zwar gegen das Gesetz stimmen, aber anwesend bleiben (mit andern Worten ihm zur Annahme helfen) wollte. Wir dürfen also – wenn sie zustande kommt – die in Bayern als tückischsten Verrat verschrieene Diktatur der Reichsregierung als Werk der Partei betrachten, die am wildesten dagegen gerast hat, und die sogar ihren Regierungsmann Preger mit einer regulären Kriegserklärung in die Arena schickte. Konsequenz war halt nie die Leidenschaft dieser bayerischen Demagogen, sofern sie nicht gegen Schwächere betätigt werden konnte. Es ist aber bezeichnend, daß man sich trotz aller Sprüche dem Reich gegenüber doch noch nicht als Stärkerer zu fühlen scheint. Die Charakterbauchwelle der Bayern langte aber vorgestern noch immer nicht. Stresemann lief zu Ebert dem Taktvollen und ließ sich für den Fall der Ablehnung das Auflösungsdekret ausstellen, und als die tapferen Volksvertreter das erfuhren, kriegten sie Angst um ihre Diäten und Marx stellte namens der Fraktionen der Koalition den Antrag, die Abstimmung auf Sonnabend um 1 Uhr zu vertagen. Jetzt hat man also versucht, die „Volksvertreter“ vom Herde ihrer Gattinnen, vom Jagdvergnügen und vom Nachtstuhl weg ins Wallotbräu zu locken, und so bestehn gewisse Aussichten, daß jetzt – es ist kurz vor 3 Uhr – das Ermächtigungsgesetz als Säugling eben von der Nabelschnur gewickelt wird. Denn die Opposition der Sozialdemokratie wird kaum aus lauter standhaften Zinnsoldaten bestehn, und der Gedanke, daß bei einer Auflösung des Reichstags nicht bloß die Diäten für die 60 Tage bis zur Neuwahl wegfallen, sondern wahrscheinlich dauernd flöten gehn, weil im ganzen Reich wohl nur sehr wenige Naive glauben, daß danach überhaupt so schnell wieder ein Parlament in Betrieb gesetzt wird, – diese Opposition wird kaum auch der „Schicksalsfrage“ Sein oder Nichtsein – eben für die Quatschanstalt – Trotz bieten. Während so die Herrlichkeit der Reichsmaschinerie vor lauter Brüchigkeit ächzt, glauben die hellen Sachsen alle Fragen im Sinne proletarischer Freiheit gelöst zu haben. Dort sind jetzt die ersten kommunistischen Minister der Welt lebendig zu sehn. Es sind die Herren Heckert vom Parteivorstand, Böttcher vom Parteivorstand für Wirtschaft bzw. Finanzen und als „Ministerialrat“ Herr Brandler, ebenfalls vom Parteivorstand, der die Rolle sozusagen eines Chefs der Staatskanzlei übernommen hat. Nun muß sich alles, alles wenden. Wie sich alles wendet, zeigt die allererste Auswirkung der neuen „Arbeiterregierung“ (die letzte große Parole heißt freilich „Arbeiter- und Bauernregierung“ bei der Partei, aber die Bauernfängerei scheint den Kommunisten in Sachsen noch nicht gelungen zu sein). Seit Wochen und Monaten war der Konflikt Zeigner-Geßler das politische Thema Sachsens. In der Tat war dieser Konflikt für das ganze deutsche Proletariat von größter Wichtigkeit; denn Zeigner behauptete bekanntlich, den Nachweis dafür führen zu können, daß sich Herr Geßler zu antirepublikanischen Konspirationen mit den ihm unterstellten Reichswehroffizieren hergegeben hat (Erst vorgestern hat Fröhlich die Behauptung im Reichstag wiederholt, sogar dahin erweitert, daß die Niederschlagung des Küstriner Buchrucker-Putsches nur deshalb erfolgt sei, weil man dort nicht auf das gemeinsame Kommando gewartet hat. Der alte Ledebour beantragte, sofort Stresemann zur Verantwortung vor den Reichstag zu laden. Herrn Löbe gelang es aber, die Unterstützung des Antrags, die durch Zustimmung etlicher Deutschnationaler gegeben war, durch eine wiederholte Abstimmung wieder kaput zu machen.) Beim Wiederzusammentritt des sächsischen Landtags sollte Zeigner – das war die conditio sine qua non der Kommunisten für ihre Unterstützung des rein sozialdemokratischen Kabinetts – sofort über diese Dinge Auskunft geben, und Zeigner hatte es zugestanden. Jetzt sind die Kommunisten als Ministerkollegen in seinem Kabinett, ihre Fraktion ist Regierungslakai. So konnte denn ihre ersprießliche Tätigkeit mit der Verkündung der sächsischen Regierung beginnen, daß der Fall Zeigner-Geßler von der Tagesordnung des Landtags abgesetzt sei! Herr Geßler ist gerettet. Die Kommunisten – jetzt selber Staatsbetreuer – machen ein Auge zu, wenn der Reichwehrminister, jetzt Ausnahmezustandskommissar für das ganze Reich, hinter den Kulissen arbeiter- und republikfeindliche Verschwörungen unterstützt. Der Preis für diese Schimpflichkeit ist die Ernennung eines – sogar sozialdemokratischen – Zivilkommissars für Sachsen. Die bisher dem General Müller obliegende Energie wäre jetzt ja tatsächlich verschwendete Mühe. Hat so die nationalistische Militärreaktion in Sachsen einen Riesentriumph zu verzeichnen über das Proletariat, das – wieder mal von seinen Führern betrogen und beschwichtigt – sich einbildet jetzt wunderbar stark zu sein, da seine Funktionäre ja den Staat leiten, so hat sie gleichzeitig auch über die Reichsregierung in ihrer Verbindung mit Bayern einen schönen Sieg davongetragen. Letzthin gab es nämlich einen neuen Konfliktstoff, der von der kahriotischen Presse grade liebevoll angewärmt wurde, als auch schon die Kapitulation Berlins bekannt wurde. Geßler beauftragte bekanntlich seinen bayerischen Bevollmächtigten, den General v. Lossow den Völkischen Beobachter zu verbieten und zu unterdrücken. Trotzdem erschien das Blatt weiter bis zu dem Tage, wo der bayerische Diktator von sich aus das Verbot aussprach. Nun hieß es, Lossow solle von München wegberufen oder gar entlassen werden. Die sämtlichen nationalen Schmöcke – die schwarzweißroten ebenso wie die weißblauen, gerieten ganz außer sich und drohten mit Konflikten und Selbsthilfe. Sie sind zwar schon getröstet, da Herr v. Lossow bleibt, aber sie toben weiter. Freilich ist auch im Lande selbst noch kein reines Glück erkennbar. Zunächst hat die löbliche Unterwerfung des Vaterländischen Kampfbundes unter Kahr nicht verhindert, daß Hitler zwei Tage nach seinem Rücktritt den Vorsitz wieder übernahm. Denn es trat ein, was ich vermutet hatte: große Teile der übergetretenen Verbände spalteten sich und die charaktervolleren Teile blieben Hitler treu. Das ist ein Mißerfolg des Allgewaltigen. Ein zweiter, noch böserer, ist der schnelle Sieg der Brauereibesitzer in der Bierpreisfrage. Kahr hat nicht nur einen Preis bewilligen müssen, bei dem die Münchner Bierherzen brechen könnten, er hat auch überdies bestätigen müssen, daß den Brauern keinerlei Vorwurf, als hätten sie je gewuchert, zu machen sei. – Jetzt wird als nächster Rückzieher die Aufhebung der Milchverordnung fällig. Und dann müssen wir mal erwarten, was es mit der neuen Nolletschen Entwaffnungsnote auf sich hat, von der die Presse so geheimnisvoll tut. Für die bayerischen Kriegsrevanchisten wird schwerlich viel Erfreuliches drinstehn, und wenn Herr v. Kahr die wieder eintreffenden Militärkommissionen nicht des Landes verweist, wird er sich in seinem eignen Lager bittere Unannehmlichkeiten zuziehn, andernfalls aber –; nun der andre Fall wird nicht eintreten. Denn es regiert ja derselbe Kahr, der auch einmal die Einwohnerwehren auflösen sollte und – aufgelöst hat. Sähen die Proletarier nur einmal genauer hin, vor was für Leuten sie soviel Angst haben! Freilich: sie laufen hinter Erhard Auer her, und solange sie das tun, dürfen sie überhaupt nirgends hinsehn. Wie lange wird’s dauern, bis sie auf seinen Befehl auch den 8Stundentag hinwerfen! – Während sich so die Verhältnisse in Westdeutschland, in Mitteldeutschland, in Norddeutschland und in Süddeutschland so lieblich entwickeln, daß die Einheit des Reichs in immer rosigeres Licht kommt, gehn an der bayerisch-thüringischen Grenze sogar schon die ersten Grenzplänkeleien los. In Thüringen, wo jetzt die Kommunisten ebenfalls Minister werden sollen, ist die Nationalsozialistische Partei verboten, und in Hirschberg, einem Grenzort in der Nähe von Hof, waren Waffensuchungen bei Mitgliedern dieser Partei. Da kamen per Lastauto bayerische Hitlertruppen schwerbewaffnet an die Grenze gefahren und wollten eine Befreiungsaktion unternehmen. In Hirschberg wurde die Ortsarbeiterwehr allarmiert und Schupo herangezogen, während von Bayerisch-Hof aus ebenfalls Schupo kam – und sich auf die Seite ihrer Landsleute stellte, sie sogar „ablöste“. Man scheint da mit Verhandlungen eine Schlacht vermieden zu haben. Die Münchner Neuesten Nachrichten tun, als ob es sich um eine Karl May-Moritat handle, die das Berliner Tageblatt aufgebracht habe, um gegen Bayern zu hetzen. Aber es wird schon was sein – und genügend, um zu zeigen, wie weit die Präliminarien des Bürgerkriegs schon gereift sind.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 14. Oktober 1923

An der Annahme des Ermächtigungsgesetzes gestern im Reichstag ist kaum mehr zu zweifeln. Nach den gestern abend eingetroffenen Berichten, haben nicht nur das Zentrum und die übrigen Regierungsparteien alle schwänzenden Abgeordneten unter Fraktionsfluch herbeizitiert, die Sozialdemokraten hätten sogar von ihrer jahrzehntealten Übung, Fraktionszwang walten zu lassen und den Gewissenbedenklichen die unauffällige Abwesenheit freizustellen, eine Ausnahme beschlossen und den Opponenten erlaubt, im Saal zu bleiben und sich der Stimme zu enthalten. Daß jetzt Levi und die Seinen soviel Schneid aufbringen, trotzdem draußen zu bleiben, ist kaum anzunehmen, erst recht nicht, daß sie direkt gegen das Gesetz stimmen werden. – Man muß also vorläufig damit rechnen, daß der unmittelbare Ausbruch der Volkswut, der bei Auflösung des Reichstags wahrscheinlich gewesen wäre – schon wegen der Alternative, entweder um das Recht, nach 60 Tagen spätestens neu zu wählen, geprellt zu werden, oder unter dem Ausnahmegesetz, ihr heiligstes Recht, die eignen Metzger selbst zu bestimmen, ausüben zu müssen –, daß dieser direkte Explosionsgrund zurückgestellt ist und das Ermächtigungsgesetz zunächst ein Weiterwursteln ermöglicht. Da ist nun aber Bayern da. Die Kahrpresse deutet Pregers Erklärung schon jetzt als offizielle Weigerung Bayerns, die Anordnungen des Reichskabinetts zu befolgen. Man will den Konflikt unter allen Umständen und keine Schlappheit der Berliner Regierungslämmer wird ihn verhindern. Im Bayerischen Kurier, also dem eigentlichen Grammophon der bayerischen Regierungspartei stand gestern eine höchst beachtliche Polemik gegen Breitscheid, der Bayern warnend seine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Reich vorhielt: es erhalte seine Kohlen vom Reich, soundsoviel Getreide und sein Geld. Darauf antwortet das klerikale Blatt: Kohlen könne Bayern auch von seinen böhmischen Nachbarn bekommen, das vom Reich gelieferte Getreide beziehe das Reich selbst nicht aus eigner Produktion, sondern kaufe es vom Ausland, was Bayern auch direkt könne, und die Geldfabrikation sei Bayern sogut möglich wie dem Reich, dahingegen sei die bayerische Produktion für das Reich unentbehrlich, und es wird deutlich mit der Sperre für Fett, Käse und ähnliches gedroht. Hier wird also die Separation Bayerns in aller Offenheit als keineswegs ängstigende Aussicht dargelegt, im Gegenteil deutlich genug als vorbereiteter Zustand offenbart. Die Chancen Bayerns für diesen Fall scheinen mir jedoch reichlich optimistisch gesehn. Von der Erörterung des Verhaltens der Arbeiterschaft ganz abgesehn – da habe ich selbst Zweifel, ob eine so große Sympathie für den Weimarasmus besteht, wie die Sozialdemokraten und Kommunisten gern erzeugen möchten: ich für meine Person habe diesen Unitarismus stets als gänzlich unpsychologisch und auch prinzipiell falsch bekämpft –: ich glaube einfach, daß die Rechnung des Bayerischen Kuriers einen Posten wird streichen müssen, ohne den schlechterdings der ganze Traum in Trümmer geht: das ist die böhmische Kohle. Die politische Richtlinie der tschechoslowakischen Regierung gegenüber Deutschland ist sonnenklar. Man hat dort genug zu tun mit den deutschen Nationalisten und wird keinesfalls in unmittelbarer Nachbarschaft eine selbständige Macht dulden, bei der diese subversiven Kräfte des eignen Landes dauernd Nahrung und Unterstützung finden würden. Ich habe auch die Empfindung, daß seit der letzten Reise Beneschs nach Paris und London jede Spekulation der bayerischen Nationalisten auf französische Hilfe der Art, wie sie der Prozeß Fuchs-Machhaus aufgedeckt hat, verfehlt wäre. An einer Separation Bayerns allein ohne gleichzeitigen Abfall des Rheinlands nicht nur, sondern Hessens, Badens und Württembergs könnte Frankreich an sich kaum sonderlich interessiert sein, und eine Donauföderation mit Bayern, Österreich-Tirol und -Salzburg und Ungarn würde Frankreich selber nicht einmal erlauben, da solches Gebilde eo ipso antifranzösisch eingestellt wäre (daß dies der eigentliche bayerische Plan ist – nicht der Rheinbund, zeigt sich an der provokatorisch frankreichfeindlichen Politik der bayerischen Volkspartei, wenn auch gewisse Kräfte, zu denen Rupprecht Wittelsbach neigt, mehr der westlichen Kombination zustreben). Ich vermute stark, daß die Bekanntgabe der neuen Note über die Militärkommissionen volle Klarheit schaffen wird, wie Frankreich – und mithin die Tschechoslowakei, um deren Freundschaft willen Frankreich eben diese Politik bevorzugen dürfte – sich im Augenblick zu den bayerischen Solotänzen stellt. Diese Note hat ihre Geschichte, noch ehe sie bekannt ist. Ursprünglich hieß es, sie kündige die Wiederaufnahme der Arbeit der interalliierten Militärkontrollkommissionen an. Dann erschien in der „Deutschen Zeitung“ (völkisch) die Behauptung, sie fordere die Auflösung der Reichswehr und neue Entwaffnungsaktionen von ganz ungeheurem Ausmaß. Darauf wurde die Deutsche Zeitung verboten und die Regierung ließ die Versicherung ausgeben, die Mitteilungen des Blattes seien falsch. Der Eingang einer Nollet-Note selbst wurde nicht dementiert, ebensowenig bekannt gemacht, was denn eigentlich drinsteht. Der oft von sicherem offiziösen Wind geblähte Fränkische Kurier gab nun gestern zu verstehn, daß Stresemann mit dieser Note eine Art Pression auf den Reichstag auszuüben beabsichtige, um die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz auf die Weise zu kriegen, und das Blatt bemerkte dazu mit forscher Sicherheit, auch damit werde man Bayern nicht zur Unterwerfung bringen (der Artikel war übrigens noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Er ist ein Musterbeispiel für nationalistische Mordpropaganda, – als Opfer ist jetzt Herr Stresemann stigmatisiert). – Man kann also schließen, daß die Note einen für Bayern speziell peinlichen Inhalt hat. Hält man sich an die Meldung der Deutschen Zeitung und streicht soviel ab, wie grade nötig ist, um das Dementi zu rechtfertigen, so nehme ich folgendes an: Es wird natürlich nicht die Auflösung der Reichswehr verlangt, vielleicht aber ihre Loslösung von allen illegalen Verbänden durch Reinigung des Offizierskorps. Doch fragt sich auch das. Bestimmt aber glaube ich, daß unter speziellem Hinweis auf Bayern die Auflösung und Entwaffnung sämtlicher Vaterländischen Kampfverbände und Sturmtrupps gefordert wird. In diesem Fall bliebe der Reichsregierung nichts andres übrig, als nolens volens in Bayern Ernst zu machen, und Bayern hätte die Wahl zu gehorchen, wodurch das gesamte bisherige System zum Teufel ginge – und wahrscheinlich eine Koalition von Klerikalen und Auerochsen mit Müller-Meiningen-Kamelen die Einordnung ins Reichsganze zu arrangieren hätte –, oder den aktiven Widerstand aufzunehmen, den es nicht bloß gegen die Reichsexekutive, sondern gegen die Sperre oder auch den Einmarsch von Franzosen und Tschechen durchführen müßte. Das wäre in guter Geste der heroische Untergang. Wenn mich nicht alles täuscht, werden die Ereignisse sich jetzt in kürzester Folge abwickeln. Der November wird wie der vor 5 Jahren entscheidend sein für Deutschland, für Bayern und für unsre gleichgültigen Personen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 15. Oktober 1923.

Zenzl und Resl waren von ½ 12 – ½ 3 Uhr hier. Der politische Kurs, der jetzt in Bayern gesteuert wird, macht sich hier im Hause sehr stark geltend und trat auch bei der Besuchsbehandlung unangenehm in die Erscheinung. Vorher war mir schon mitgeteilt, daß nur 3 Stunden bewilligt würden; was bei der Art, wie heute die Aufsicht gehandhabt wurde, hinreichend genug war. Außer meinen Besucherinnen waren noch die Frauen von Schlaffer, Klingelhoefer und Zäuner da. Jeder von uns war endlich froh, als die Zeit herum war. Dabei hatte ich den höflichsten, ruhigsten und im allgemeinen beliebtesten Aufpasser. Doch müssen die Instruktionen derart gewesen sein, daß der Beamte bei jedem Wort in ordentliche Angst geriet, es könne etwas Diskretes dahinterstecken. Wir sprachen vom Café Stefanie, meinen Bekannten, die dort wieder wegen des billigeren Kaffees verkehren und den Wirtsleuten, die ihre Praxis von 1919 gern verleugnen möchten. Der Aufseher unterbrach: hinter diesem Gespräch stecke was, er könne nicht wissen, was, aber sein Eindruck sei, daß wir über Dinge redeten, die verboten seien. Bei jedem weiteren Satz wußte ich nicht, ob ich nicht wieder etwas falsch mache. Denn drei Stunden nur über „Familienangelegenheiten“ sprechen, ist ziemlich schwer. Schlaffer ist es viel ärger gegangen. Er sitzt schon in Einzelhaft. Sein Aufseher soll dreimal während des Besuchs nach dem Vorgesetzten geklingelt haben. Schon als ich hinunterkam, ermahnte Herr Rieblinger mich, ich dürfe nichts von Politik und nichts von Dingen der Verwaltung reden – „z. B. von Zeitungen und so“, erklärte er noch ausdrücklich, kurz und gut, man will ganz unkontrolliert sein bei allem, was man gegen uns unternimmt. Dazu hat man auch Anlaß. Denn was in den letzten Tagen die Zensur treibt, ist auch für uns nicht verwöhnte Leute reichlich stark. Der Anfang, der seinerzeit mit meinem Brief an die Liga für Menschenrechte gemacht wurde, ist jetzt als System erwiesen und in Form gebracht. Dankkarten oder Briefe für Geldspenden werden zurückgehalten wegen des Ausdrucks: wir freuen uns eurer Solidarität! Das sei über die bloße Danksagung hinaus agitatorisch. Ein Genosse bekommt eröffnet, daß ein Brief an einen Genossen, worin er um Zusendung von Tabak etc. bittet, zu den Akten komme, weil nicht gestattet würde, daß neue „politisch-agitatorische“ Verbindungen aufgenommen werden. Ein Betriebsrat, der bisher eine Zeitung für uns abonnierte, sollte gebeten werden, das Abonnement zu erneuern. Die Karte, und mehrere andre, in denen Hilfssendungen erbeten wurden gingen zu den Akten, da für charitative Sendungen nur die Angehörigen und die Frauenhilfe in München zugelassen seien. Das 2 Monate vor Weihnachten! Das nach 4½jähriger Haft! Das während zugleich die Anstaltsverpflegung täglich weniger und miserabler wird. (Gestern mittag gabs „Blumenkohlsuppe“. Man hatte den Blumenkohl in heißem Wasser gelöst, ohne auch nur ein minimalstes Quantum Fett zuzutun. Das Zeug war kaum genießbar. Abends gabs angegorenen Leberkäse. Ich spuckte den ersten Bissen wieder aus, um nicht am Besuchstag andauernd scheißen und kotzen zu müssen). – Es wäre über die derzeitigen Anstaltszustände noch viel Krasses zu sagen. Ich verzichte darauf, weil ich nicht durch Betrachtungen und Nervenauslassungen für den Fall, daß das Tagebuch mal den Weg zu seinen Vorgängern finden sollte, Material geben will, mich wegen andrer Vorwände zu maßregeln als für den wahren Grund, daß ich Tatsachen festgelegt habe. – Ich bin jetzt, nach dem Besuch, ohnehin nicht gestimmt, lange vor dem Heft zu sitzen. Was ich von Zenzl persönlich Interessierendes erfuhr, hat mich zum Teil sehr zufriedengestellt. Resls harmlose Fröhlichkeit hat mir wohlgetan – und der Rest ist wie immer nach einem Wiedersehn starkes Heimweh ... und noch sonst einige Empfindungen, que je ne dis pas ici. – Sie betreffen keine Familienangelegenheiten.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 16. Oktober 1923.

Die verdammte Kälte in diesem Jammerbau und die Sparsamkeit der bayerischen Justizverwaltung, die noch immer nicht mit dem Heizen beginnen läßt, präsentiert mir jetzt die Rechnung in Gestalt eines ganz nichtswürdigen und trostlosen Katarrhs. Vermutlich haben die 3 Besuchsstunden unten noch den Rest dazu besorgt, daß der mürbe Kasten heute einem jammervollen Wrack gleicht. Die Frauen, die von draußen hereinkamen und den schnellen Marsch von Rain hinter sich hatten, werden die Kälte kaum so stark empfunden haben, und ich hoffe, daß nicht auch sie üble Folgen davon mitgenommen haben. Es wäre wirklich zu wünschen, daß die Qual hier endlich mal aufhörte. Man kann sich ja garnicht ausdenken, bis zu welchen Formen sich übers Jahr der Strafvollzug verstiegen haben wird, da die 4½ Jahre bis jetzt doch das Eine zuverlässig bewiesen haben, daß ein Abbremsen der kontinuierlichen Steigerungen in der Schinderei in Bayern gegen Leute, die sich nicht wehren können, überhaupt nicht in Betracht gezogen wird, und daß die Erfindung neuer Schikanen für dazu berufene Bajuwaren nicht mehr Schwierigkeiten macht als für Zeitungsschwengel das Lügen. Jetzt ist ihnen ein neuer Freibrief ausgestellt worden für dieses Geschäft. Der Rechtsausschuß des Reichstags hat unsre Eingaben behandeln – wollen. Nach dem Bericht der Dtsch-Allgem-Ztg (in der ihn der Zensor übersehn haben dürfte), ging der Ausschuß mit Rücksicht auf die gespannte politische Lage auseinander, ohne sich auf eine Aussprache über die Eingaben einzulassen. Die tapferen Reichsverweser trauen sich halt auch da nicht an Bayern ran, wo sie gelegentlich schon mal eine Lippe hätten riskieren mögen. Na, Bedeutenderes habe ich mir nie von diesen Schriftstücken versprochen, und den Genossen auch stets als Zweck der Schreiberei den einzig praktischen genannt, daß die verschiedenen Beschwerden doch für alle Zeit sicher verwahrt und später zu finden sein werden. – Übrigens ist diese Kleinigkeit ein weiteres Symptom für den reaktionären Kurs, der jetzt eingeschlagen wird. Stresemann hat, wie zu erwarten war, die qualifizierte Mehrheit für sein Ermächtigungsgesetz durch die Drohung der Reichstagsauflösung zusammengeschreckt, und zwar aus den Koalitionsparteien selbst. Die Sozialdemokraten machten es wie im August 1914 und legten den Fraktionsmitgliedern die Pflicht auf, anwesend zu sein und für die Vollmachten zu stimmen. Heloten der Parteibonzen und Zeloten der Parteidisziplin, haben denn die „Opponenten“ tatsächlich dem Verlangen der Mehrheit gehorcht, und – Herr Crispien an der Spitze – eine Erklärung losgelassen, die als Protest gelten soll und nichts andres enthält, als das Eingeständnis, daß man Gewissen, Überzeugung, jegliche bis zuletzt für die Rettung des Volks selbst ausgeschrieene und in dem „Protest“ neuerdings bestätigte Ansicht, nach der die Auffassung der Mehrheit das Proletariat ins Verderben führen müsse veräußern muß, wenn „die Einheit der Partei“ in Gefahr ist. Mehrere Herren – ihre Namen werden nicht veröffentlicht, waren abwesend und wohl von Berlin abgereist. So findet man unter den Protestierenden z. B. nicht Herrn Hoffmann-Kaiserslautern, der ja schon früher das Talent hatte, bei unangenehmen Charakterproben auf unaufschiebbare Reisen zu gehn (Erschießung Levinés, die er niemals von sich wird abwälzen können). Dagegen teilt der Vorwärts mit, daß sich immerhin 2 Abgeordnete gefunden haben, die zwar im Hause, aber nicht im Saale waren. Ich vermute, daß es sich um Levi und Aufhäuser handelt, und man kann gespannt sein, ob bei dem starken Anhang der beiden in den Betrieben und in der großen Masse die Fraktion oder gar die Partei sie wegen Disziplinbruch zu maßregeln wagen wird. Möglich wär’s immerhin, daß die Rechten eine Spaltung eher wünschen als zu hindern suchen. Denn die Mitwirkung der Herren Sollmann, Radbruch und Schmidt an der Niederknüppelung der hungernden Arbeiter und besonders an der Entrechtung Sachsens, die schon in vollem Gange ist, wird durch eine starke Opposition in den eignen Reihen der Partei nicht erleichtert. Wir stehn folgenden Tatsachen gegenüber, die den Kurs der großen Koalition klarstens bezeichnen. Roßbach wird – kurz vor der Verhandlung gegen ihn in Leipzig auf freien Fuß gesetzt. Zugleich wird in Leipzig die Reichswehr durch Einkasernierung von 200 Mann „aufgefüllt“. Radbruch gibt zu den Küstriner Dingen bekannt, daß der Prozeß gegen 14 Führer Ende der nächsten Woche beginnen werde. Die übrigen Beteiligten werden aus der Haft entlassen und außer Verfolgung gesetzt, da ihnen nicht nachgewiesen werden könne, daß sie von den hochverräterischen Absichten der Führer gewußt haben (!) (Da ist es mir grade recht, daß jetzt endlich meine Denkschrift an den Reichsjustizminister vom Dezember 1921 über die Rechtsgrundlagen der Hochverratsurteile gegen uns Räterepublikaner als Broschüre erschienen ist. Man wird da sehn, wieviel die Bayern – unter Herrn Johannes Hoffmanns Regierung – danach gefragt haben, ob die Rotgardisten wußten, daß ihr Kampf ein „Hochverrat“ sei.) Mit alledem nicht genug. Nachdem man den Sachsen grade Herrn Meyer-Zwickau als Zivilkommissar bewilligt hat, zeigt General Müller, daß er ebenso auf ihn wie auf die Herren Zeigner mit seinen kommunistischen Kollegen pfeift. Er fordert sie mitsamt der sächsischen Arbeiterschaft offen zur Entscheidung heraus. Zeigner hat grade erst erklärt, daß Sachsen sich ganz auf die Arbeiterschaft stützen werde, und daß das Instrument dieser gemeinsamen Tätigkeit proletarische Hundertschaften seien. Jetzt hat in einem unglaublich anmaßlichen und provozierenden Erlaß der General Müller die proletarischen Hundertschaften für ganz Sachsen verboten, hat ihre Auflösung und Entwaffnung angeordnet und Strafen angedroht. Ein Betriebsrätekongreß für Sachsen und Thüringen, der über die zu ergreifenden Maßnahmen beraten wollte, wurde ebenfalls verboten, mit einem Wort: Herr Geßler läßt jetzt durch seinen bevollmächtigten General die Quittung dafür überreichen, daß Zeigner unter dem Druck seiner arbeiterfeindlichen Parteigenossen den Rückzug vor ihm gemacht hat. „Der Feind wird verfolgt“, – immer die richtige Methode, – in Bayern allerdings nur dem völlig Wehrlosen gegenüber, aber da um so konsequenter, gebräuchlich. Was jetzt geschehn wird, ist schwer zu sagen. Ich fürchte sehr, daß die Kommunisten, als Minister und als Regierungspartei in einem kapitalistischen Staat – obwohl eben ihr Besetzen dieser Plätze der Reaktion den Vorwand zur Generaloffensive gegen Sachsen gibt – sich ihrer „hohen und schweren Verantwortung bewußt“ sein – und abbremsen werden, wenn, was zu erwarten ist, das Proletariat sofort zum Generalstreik und, was der Versorgung wegen unvermeidlich ist, zum bewaffneten Aufstand schreiten wird. Es hängt alles ab von der Selbstverantwortung und Entschlußkraft der sächsischen Arbeiterschaft und der Solidarität, die ihr beim deutschen Proletariat über die thüringischen Grenzen hinaus zuteil wird. Der stärkste moralische Aktivposten für die Sachsen steht in Bayern. Hier löst man sogar die unbewaffneten proletarischen Formationen auf und läßt die offen gegen das Reich aufrufenden nationalistischen Verbände unangetastet. Bayern ist für die „Große Koalition“ tabu. In Sachsen geht es ja nur gegen Arbeiter, aber nicht gegen Kapitalisten. Bis jetzt haben es die dummen Arbeiter den Sozialdemokraten ja tatsächlich immer wieder vergessen, daß sie sie seit fast 5 Jahren ohne die geringsten Hemmungen menschlicher oder gar sozialistischer Art hinmetzelten. – Wenn nicht das Ausland eingreift und die Kriegsbewaffnung und Kadrebildung der Patrioteska verbietet, dann wird die „proletarische Einheitsfront“ von Ebert bis Brandler der Tod aller proletarischen Revolution sein. Bis jetzt ist über die neue Nolletnote nichts bekannt gemacht worden. Aber es ist unendlich trübe, tatsächlich auf derartige feindselige militärische Eingriffe alle Hoffnungen bauen zu müssen, – wenn auch keineswegs etwa die, daß Herr Nollet im geringsten geneigt wäre, die Arbeiter bei Kräften zu lassen. Die müssen schon auf eigne Kraft bauen und hauen. Es wäre auch gut, sich noch andre Illusionen aus dem Kopf zu schlagen, vor allem die russische. Dort hat man allem Anschein nach die deutsche Revolution schon aufgegeben und treibt angesichts der gänzlichen Zerfahrenheit der KPD durch sie einfach russische Staatspolitik in Deutschland. – Wie mir Zenzl versichert, sei mein Pessimismus im Hinblick auf die Austauschgeschichte ganz unberechtigt. Die Angelegenheit wird zur Zeit von der Liga für Menschenrechte mit dem Vatikan durch den Mittelsmann Prinz Alexander Hohenlohe verhandelt. Dieser Pazifist und orthodoxe Katholik mag wohl der geeignete Mann zu solchen Dingen sein. Gelingt es ihm, den Petersburger Erzbischof und mich aus unsern verteufelten Lagen loszueisen, dann hoffe ich, den Genossen in Rußland, indem ich ihnen mal garnicht historisch-materialistisch, sondern einfach menschlich-psychologisch komme, begreiflich machen zu können, daß ihre sämtlichen Parolen in den Händen der deutschen Kommunisten das Gegenteil von dem erwirken müssen als beabsichtigt wird. Denn es ist etwas andres, ob eine Einsicht von Russen marxistisch begründet wird, um sie dem eignen Temperament gegenüber, eben zu temperieren, oder ob sie deutschen Parteibonzen imputiert wird, bei denen kein Temperament zu mäßigen ist, dagegen kein größeres Glück bereitet werden kann als für die Ausschaltung jedweder Temperament heischenden Verpflichtung auch noch Gründe geliefert zu kriegen. Bei Sinowjew und Radek werden derartige unwissenschaftliche Betrachtungen wohl kaum auf Verständnis stoßen, aber ich müßte mich in Lenin täuschen, wenn er nicht bereit sein sollte, theoretische Vorurteile vor den praktischen Gegebenheiten kapitulieren zu lassen, auch wo es einmal nicht um die Preisgabe sondern um die Aufstellung revolutionärer Prinzipien geht.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 17. Oktober 1923.

Bloß ein paar Andeutungen zur politischen Situation. Stresemann, der den deutschen Thiers zu spielen den Ehrgeiz zeigt, regiert also nun auf dem Verordnungswege. Er läßt seine Ministerkollegen auf der einen Seite an Rhein und Ruhr die verlangte vollständige Kapitulation vollziehn (Herr Öser z. B. hat den Eisenbahnern schon empfohlen, den Diensteid für die Ententeregie zu leisten), auf der andern Seite läßt er sie, um den belfernden Nationalisten in ihrem Verrats-Geheul einen feisten Happen zur Beruhigung vorzuwerfen, im Innern die haarsträubendste Gewaltpolitik gegen die Arbeiterschaft betreiben und Bayern in allen Provokationen, deren täglich neue und krassere da sind, freie Bahn und gefällige Rechtsgründe schaffen. Auf eine Anfrage Ledebours an die Reichsregierung, was es mit der Verbindung bayerischer Regierungskreise und dynastischer Interessenten mit Frankreich auf sich habe, die Fröhlich im Reichstag näher bezeichnet hatte, erläßt jetzt das Wolff-Büro eine offiziöse Antwort, daß eine Untersuchung dieser Dinge als eine Beleidigung Bayerns überhaupt nicht in Betracht komme. Recht wohl ist den Reichsregierern bei alledem anscheinend doch nicht, und Stresemanns Organ, die „Zeit“ sucht immerhin die Bayern durch gutes Zureden – z. B. in der Lossow-Affäre – bei der Stange zu halten, warnt sogar vor dem schlechten Eindruck, den man habe, daß es den Bayern mit ihren Treueversicherungen gegen die deutsche Einheit garnicht mehr ernst sei. Liest man irgendeine bayerische Zeitung kahriotischer Richtung, dann sieht es allerdings ganz so aus, als ob man unmittelbar vor der Kündigung stehe und übermorgen ein eigner bayerischer Laden aufgemacht werden soll. Daß man sich sehr stark fühlt und nicht damit rechnet, daß noch einmal irgendeine Gesetzlichkeit außerbayerischer Art hierzulande werde mitreden können, merken wir Versuchskaninchen der bayerischen Eigenart recht deutlich am eignen Leibe. Vielleicht hat auch das Kneifen des Reichstags-Rechtsausschusses die letzten Hemmungen beseitigt, um den Vorstand hier heute zu ermutigen, in der Serie der Haftverschärfungen im Hinblick auf unser Selbstbeköstigungsrecht gleich zwei äußerst einschneidende Eröffnungen von sich zu geben, der die erstrebte Anpassung der bayerischen Festungsstrafe an Gefängnishaft wesentlich fördert. Genossen, die finanziell besser gestellt waren, ließen dauernd Geld bei einem Rainer Geschäft deponieren, wovon sie dann ihre laufenden Bedürfnisse deckten. Das ist heute verboten worden, nachdem es jahrelang unbeanstandet geschehn ist. Sämtliche Einkäufe dürfen nur noch aus dem Wochengeld bezahlt werden. Dieses Wochengeld beträgt 3 Goldmark (Berechnung nach dem Reichsindex bei Abrundung nach unten). Damit haben also Käufe über den allerminimalsten Bedarf (Briefmarken, Papier, gelegentlich etwas Zucker, ein Ei oder dergl) aufgehört. Das uns nach der Hausordnung garantierte Recht, uns Zusatznahrung nach Belieben zu kaufen, das durch die Taschengeldpraxis schon sehr lange weit eingeschränkt war, hat ganz aufgehört. – Ganz toll ist aber folgender Fall. Toller hatte die Absicht, eine Anzahl Genossen mal zu etwas wirklich Gutem und Nahrhaftem einzuladen. Er bat Zäuner, seiner Frau zu schreiben, sie möge auf Tollers Rechnung 2 Gänse herschicken, 8 Genossen sollten daran partizipieren. Zäuners Karte ist zu den Akten genommen: die Not des Volkes läßt es nicht zu, daß sich ein Festungsgefangener 2 Gänse bestellt. Damit ist auch das Prinzip postuliert, daß Familienbriefe der Zensur verfallen, wenn sie die Gefahr in sich schließen, daß mit ihnen die Hebung des körperlichen Wohlseins bezweckt wird. Die empfindlich spürbare Verschlechterung und Verminderung der Anstaltsverpflegung, die ungeachtet der katarrhalischen Erkrankungen der meisten Festungsgefangenen (die überdies fast alle den Arzt boykottieren) zähe Verweigerung der Heizung, jetzt auch noch die Entscheidung, daß die Not des deutschen Volkes es bedingt, daß wir sie für unsre Personen nicht abstellen dürfen und untereinander keine Hilfe schaffen dürfen, weder durch Speisungen ärmerer Kameraden, noch dadurch, daß wir der bäuerlichen Familie eines Mitgefangenen etwas zu verdienen geben – dies alles zusammengenommen läßt unser Schicksal in dem Fall, daß sich die bayerischen Verhältnisse nicht gründlich und sehr bald ändern, außerordentlich trübe erscheinen. Daß dem gegenwärtigen Vorstand Rücksichten allgemein menschlicher Art von seiner Politik gegen Leute abbringen könnten, gegen die der Haß wohl das einzige Moment ist, das diesem Bonvivant trotz aller Not der Zeit gelegentlich das zufriedene Gemüt in Wallung setzt, – das zu hoffen wäre eine Illusion phantastischer Art. – Man muß schon auf andre Dinge hoffen, um mit dem Leben davonzukommen. – Die Zeitungen bersten von Meldungen über Teuerungs- und Hungersnotkrawalle. Das Brot wird zum unerschwinglichen Luxusartikel für die Arbeiterschaft. An diesen Erscheinungen ändern auch Koalitionsverbote und Schießerlässe nichts, und Bayern kommt trotz der Schneidigkeit von Niederschönenfelder Beamten an der Not des deutschen Volkes nicht vorbei. Es wird der Tag kommen, wo sich auch in dieser Domäne der Ordnung und der Energie verschiedene Fäuste vor die Hirne schlagen werden, ohne sich erklären zu können, wie sie einmal so verblendet hätten sein können. Es sind ja erst 5 Jahre her, seit man derartiges – auch in Bayern – erlebt hat.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 18. Oktober 1923.

Mein Katarrh befindet sich dank einiger Schnäpse, die zufällig ein Kamerad zur Verfügung hatte, dank einer Kur mit Schnupftabak und Wasserstoffsuperoxydgurgelei, dank doppelter Strümpfe, Halstuch, Leibbinde und durch Wetterkragen-Überlegung erhöhter Bettwärme auf dem Wege der Besserung. Doch fürchte ich sehr, daß die elende Kälte im Hause, der Zug und die Unmöglichkeit sich dagegen zu schützen, Rückfälle herbeiführen könnte, und solange die Verschleimung der Luftwege nicht wirklich beseitigt ist, muß ich erfahrungsgemäß mit Herzattacken rechnen. Ich weiß, was die zu bedeuten haben. Nun, der Wille des Vorstands ist hier nicht nur suprema lex, sondern unabwendbares Schicksal, und sein Wille uns frieren zu lassen scheint festzustehen, vielleicht grade, um uns der Notwendigkeit auszusetzen, die ärztliche Behandlung des Dr. Steindl in Anspruch zu nehmen. Da das jedoch nicht schicksalsmäßig verhängt werden kann, braucht es auch nicht als oberstes Gesetz anerkannt zu werden. Muß schon gestorben sein, so will ich das Ende lieber ohne Verschärfung durch Steindlsche Methoden über mich ergehn lassen. Aber ich will mich zusammennehmen, um womöglich doch einmal noch lebendig hier fortzukommen. Schließlich wird die Kahrpolitik, die hier zu so anmutigen Reflexen führt, ja doch wohl einmal ein Ende nehmen, und ich habe von meiner Überzeugung noch nichts verloren, daß das recht bald der Fall sein wird. Die Zensur hier drinnen nimmt täglich reizvollere Methoden auf. Abgesehn von den hemmungslosen Zeitungskonfiskationen (in diesen Tagen wurde auch von den kahriotischen Zeitungen je eine Nummer zu den Akten genommen, was darauf schließen läßt, daß eine bestimmte uns sehr interessierende Neuigkeit verbreitet wird) werden auch Briefe in immer steigendem Maßstab beschlagnahmt. Besonders zu erwähnen ist das nun eingeführte Verfahren, aus Paketen, deren Inhalt zur Verteilung bestimmt ist, die beigelegte Mitteilung zu konfiszieren. Wir sollen nicht erfahren, welche besondere Verwendung der Spender für seine Gaben wünschte, sollen bei unsern Dankäußerungen behindert werden, sollen womöglich untereinander in Streit geraten und sollen vor allem neue Schwierigkeiten in den Weg gerollt bekommen, überhaupt Unterstützung zu erhalten. Die Stimmung unter den Genossen ist natürlich sehr gereizt, doch haben wir ja Gott sei Dank langsam bei allen Genossen die Einsicht erreicht, daß Ausbrüche der Wut in irgendeiner Form der Verwaltung die erwünschteste Gelegenheit gäben, weitere Quälereien zu motivieren und überdies der Öffentlichkeit über uns neue Anwürfe hinzuschmeißen, die irgendwie doch mit Tatsächlichem in Beziehung stehn. – Während man uns hier also täglich schroffer zu Gemüte führt, daß wir politische Geiseln sind, wird draußen der Kampf gegen das wehrlose Proletariat weitergeführt. Zunächst hat Herr v. Kahr jetzt für Bayern sämtliche kommunistische Jugendorganisationen aufgelöst und verboten. In der Verordnung werden nicht nur Schüler und Lehrlinge an Freiheit und Vermögen bedroht, falls sie auch nur an Schuleinrichtungen etc. Kritik üben, es werden sogar Eltern, Lehrherren etc. mit schweren Strafen gewarnt, falls sie den Besuch verbotener Veranstaltungen bei ihren Zöglingen „dulden“. Die Denunzianten werden also in Bayern wieder ein gutes Leben bekommen. Nun, diese ganze Gewaltpraxis wird sich sehr bald stumpf gelaufen haben, denn mit der Geste im Inneren allein werden sich die nationalen Auftraggeber Kahrs nicht lange zufrieden geben, und sobald unter ihrem Druck außenpolitische Sonderaktionen Bayerns begonnen werden, wird die ganze Herrlichkeit in sich zerbrechen. Übrigens wird auch in Bayern der Punkt erreicht werden, an dem die Arbeiter nicht mehr passiv den Hals freimachen für die Exekution. Schon der Protest der Christlichen Gewerkschaften, die unter dem Bayerischen Volksparteiler Funke stehn, beweist, daß Auer nicht bloß mit seinen ergebenen „Freien“ zu rechnen hat, sondern mit der Gesamtarbeiterschaft, in der heute die Gelben radikaler zu denken scheinen als die „marxistischen“ Sozialdemokraten. Dieses groteske Parteigebilde erlebt augenblicklich unangenehme Schwierigkeiten. Die größte Unannehmlichkeit, die den Bonzen passieren konnte, ist der Eintritt der Kommunisten in die Regierungen in Sachsen und Thüringen (wo jetzt ebenfalls 2 „kommunistische“ Minister in Tätigkeit getreten sind). Besonders Sachsen ist unbequem, weil dort der Ministerpräsident Dr. Zeigner die Rolle eines sozialdemokratischen Parteiführers ganz falsch auffaßt. Dieser Mann meint es nämlich ehrlich mit seiner proletarischen Politik (deren Richtigkeit damit nicht in ihren Ausdrucksformen behauptet werden soll). Der Mann ist kein gelernter Bonze, sondern (amüsanterweise aus der Staatsanwaltskarriere) erst 1918 überhaupt in die Arbeiterbewegung hineingesprungen – ein „Novembersozialist“, aber ebenso wie z. B. Wadler einer, den das Erlebnis an der Seele packte, und der grade darum von denen, denen so etwas nie passieren kann, als Chamäleon verschrieen und angespuckt wird. Nun ist die Situation infolge des Müllerschen Erlasses gegen die proletarischen Hundertschaften in Sachsen sehr prekär. Das Kabinett Stresemann kann natürlich sein Mitglied Geßler nicht desavouieren, der auf der widerspruchslosen Befolgung des Gebots besteht. Zeigner mit seinen Kommunisten versuchen die Sache dilatorisch zu behandeln und bestreiten die formale Berechtigung Müllers, einen derartigen folgenschweren Befehl herauszugeben zu einer Zeit, als die Ernennung Meyer-Zwickaus zum Zivilkommissar unmittelbar bevorstand. Müller erklärt seinerseits, er habe von Meyers Ernennung offiziell keine Mitteilung erhalten, und es bleibe bei seiner Verfügung. Nun ist natürlich dieser Streit um die Formalitäten so bedeutungsvoll wie eben ein Streit: Müller oder Meyer sein kann. Der Ernst der Sache liegt erst darin, daß die Arbeiter Sachsens erklären, sie würden dem Gebot Müllers äußersten Widerstand entgegensetzen, und daß die Arbeiter Thüringens, Mitteldeutschlands überhaupt, Groß-Berlins u. s. w. bereits den Generalstreik ankündigen für den Fall, daß gegen Sachsen etwas geschieht. Wie weit die Dinge dort sind, wissen wir bis jetzt nicht. Es scheint aber, als ob mindestens Stresemann und Geßler mit dem General eines Sinnes seien, denn es heißt, daß starke Reichswehrverstärkungen nach Sachsen gelegt würden. Nun sitzt die Regierungspartei Sollmann und Genossen im Reich angesichts des Verhaltens ihres Parteigenossen Zeigner, der doch nicht ohne weiteres verleugnet werden kann, in einer Zwickmühle, und ich finde die Situation nicht ganz unähnlich der vom April 1919 in Bayern. Die Hoffmänner saßen schon in Bamberg und regierten gegen uns drauf los, die wir ihre eignen Parteigenossen mit in der Regierung hatten. Wenn es zwangsläufig war, daß von diesen „Genossen“ infamster Verrat gegen uns geübt werden mußte, dann würde ebenso zwangsläufig auch die Zeignerregierung die sächsische Arbeiterschaft an die Berliner Drahtzieher ausliefern müssen. Ich fürchte sehr, daß das trotz Zeigners anständigem Charakter und trotz der linken Verstärkung durch die Kommunisten aus „taktischen“ Gründen geschehn wird – sofern das Proletariat es nicht verhindert. Jedenfalls aber möchten die Sozialdemokraten oben und unten liebend gern aus dem ganzen Schlamassel heraus, und das wollen sie dadurch erreichen, daß sie mit allem Stimmaufwand nach der Aufhebung des Belagerungszustands schreien; dann hat Müller nichts mehr zu sagen, Meyer braucht garnicht anzutreten und alles wäre in schönster Ordnung. Aber ach, das geht wieder nicht wegen Bayern. Mag das Reich hundertmal seinen Belagerungszustand aufheben, den es doch erst als Antwort auf den – gegen die Nationalsozialisten gerichteten! in Bayern erlassen hat, – in Bayern denkt man nicht daran, ein gleiches zu tun, erst recht natürlich nicht daran, einem etwaigen Befehl des Reichspräsidenten Folge zu leisten. Man steht also in Berlin einfach vor der Wahl: Konflikt mit Sachsen und Thüringen und mithin mit dem gesamten deutschen Proletariat, oder Konflikt mit den bayerischen Kahrioten. Ob es jemanden gibt, der zweifelt, wie die Reichsregierung mitsamt ihren sozialdemokratischen Mitgliedern in solcher Alternative entscheiden wird? Man wird zunächst ein Kompromiß suchen und vielleicht tatsächlich den Reichsausnahmezustand aufheben und Bayern weitermachen lassen was es gern tut (den Fall Lossow wird man ja keinesfalls von Berlin aus weiterschwelen lassen). Dann hat Bayern denselben Zustand wieder, den es auch früher stets gehabt hat, solange Kahr Meister der bayerischen Politik war. Aber dieses Mal ist Kahr auf Dinge festgelegt, von denen er nicht mehr so einfach weg kann wie von seiner Verpflichtung: Er stehe und falle mit der Einwohnerwehr. Er wird – nicht den Berlinern – aber erheblich stärkeren Mächten weichen müssen, und das rasch, und mit ihm wird die ganze Krafttuterei, die seit März 1920 von Bayern aus in die Welt dröhnt, die nicht zu hören scheint, wie hohl der Lärm klingt, ausgeblasen haben. Wenn nicht die bewaffneten Verbände eines Tages vor der Frage stehn sollten: auflösen oder kämpfen – und in beiden Fällen ist Bayerns Kraftmeierei zu Ende –, so wird die endgiltige Liquidierung der Ruhrgeschichte Bayern zwingen, sich dem Reich unterzuordnen oder die Separation zu vollziehn, ohne dabei von Frankreich aus die geringste Konzession bewilligt zu bekommen. Auf dem Reichskongreß des britischen Imperiums sprachen es die Vertreter der größten Dominions klar aus, daß Deutschland zwar ein Moratorium, aber zugleich eine Finanzkontrolle kriegen muß, die weit schärfer sei als die über Österreich. Die Bayern werden sich doch nicht einbilden, davon befreit zu bleiben. Nun soll sich zunächst mal erweisen, was aus Herrn Luthers Währungsreform Ersprießliches kommt. Die Verordnung über die „Zwischenlösung“ ist heraus. Man hat alle Hilferdingschen Absichten wieder umgestoßen und sich ganz an Helfferichs Pläne gehalten. Wir kriegen also jetzt die „Rentenmark “, – nein, wir misera plebs behalten die Papiermark wie sie ist. Falls ich als Laie den Plan richtig beurteile, wird er nur die eine Wirkung haben, daß die Landwirtschaft – die besonders begünstigt wird – tatsächlich angereizt werden wird, Produkte zu liefern, daß aber eine Preisherabdrückung vorläufig keinesfalls erzielt werden kann. Außerdem bietet die Hypothekensicherung auf den immobilen Besitz (ausgenommen ist der städtische Hausbesitz) keinerlei Gewähr für eine dauernde Verhinderung neuer Inflation. Aber man hat wieder mal ein Provisorium in Deutschland, und da dieses Volk schon Zufriedenheit spürt, da der Dollar von seinem Höhensprung auf 9 Milliarden wieder auf 4 Milliarden heruntergedrückt werden konnte – was dieses Manöver an Volksvermögen gekostet hat, danach fragt ja kein Mensch – wird es sich wieder eine Weile beruhigen lassen. Aber – und daß die Herrschenden das nie sehn, ist das Glück der Völker – die Geschichte vom Kruge, der solange zu Wasser geht, bis er bricht, ist doch wahr. Ich meine, ihn schon klirren zu hören.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 19. Oktober 1923.

Ich hatte mit Zenzl verabredet, daß eine Gönnerin, die mir etwas besonders Gutes antun wollte, zu diesem Behufe eine Gans stiften solle (diese Abrede geschah unabhängig von dem Tollerschen Gänseauftrag an Zäuner). Da hätten wir zu 4 Mann 2 wunderbare Mahlzeiten gehabt, überdies Schmalz für lange Zeit und Federn zum Pfeifenputzen. Die Frage war nur, ob eine Bratpfanne da sei, in der wir den Vogel selber braten könnten, oder ob ihn Zenzl schon in gebratenem Zustand herschicken solle. Da darüber die Ansicht des befragten Aufsehers und die meinige auseinandergingen, sollte ich Zenzl schriftlich orientieren. Ich schrieb ihr also auf einer Karte, sie könne das ganze Tier ungerupft herschicken. Eröffnung: Die Karte des F. G. M. an seine Ehefrau wird zum Akt genommen. Er bestellt darin eine Gans. Die Zulassung einer Gans widerspricht der Hausordnung § 10, letzten Absatz, da dadurch die Grenzen der Einfachheit und Mäßigkeit überschritten würden. – Ich habe mir lange überlegt, was ich machen soll, um vor allem zu vermeiden, daß etwa eine Gans herkäme, die ich wieder wegschicken müßte, wobei die Ware verderben könnte. Schließlich sprach ich mit Herrn Rieblinger, der mich beruhigte: ich dürfe dergleichen bloß nicht bestellen (als ob ich bei meiner Frau etwas „bestellte“!). Wenn es käme, erhielte ich es natürlich. Zenzl wird sich natürlich wundern, daß ich ihr die ausgemachte Mitteilung nicht zukommen lasse. Aber nicht einmal, wenn sie extra noch mal anfragte, könnte ich antworten, denn das gute Gewissen unsrer Bändiger läßt es nicht zu, daß Verwaltungsmaßregeln draußen bekannt werden. So wird jetzt jeder Brief zu den Akten genommen, in dem nur mitgeteilt wird, daß man ein Schreiben des Partners nicht erhalten habe und gebeten wird, unter Vermeidung agitatorischen Inhalts die Nachricht zu wiederholen. Eine Bitte nach Sachsen, anstelle der in Bayern verbotenen sächsischen kommunistischen Blätter die Sächsische Staatszeitung herzuleiten, kam zu den Akten als Versuch, verbotene Verbindungen anzuknüpfen. Toller erhielt eine Verwarnung wegen des Umfangs, den seine Korrespondenz angenommen habe. Die Zeitungskonfiskationen häufen sich fast bis zu dem Maße wie nach der Rathenau-Ermordung. Da von allen großen bürgerlichen Blättern jetzt 2 – 3 Nummern hintereinander einbehalten wurden, ist anzunehmen, daß entweder der sächsische Konflikt in das akute Stadium eingetreten ist (was jedoch noch kaum der Fall sein wird, da sich bis jetzt zwischen Müller und Zeigner der Wortkampf – allerdings schon durch ein Müllersches Ultimatum zugespitzt – weiterentwickeln konnte) – oder daß wir wieder mal im Mittelpunkt allgemeiner Diskussionen stehn, sei es wegen unsrer Eingaben über den Strafvollzug an den Rechtsausschuß des Reichstags, sei es wegen meiner Broschüre über die Gründe unsrer Verurteilungen. – Mich friert jammervoll. Ich will in den Hof, mich wärmen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 20. Oktober 1923.

Es wäre verlockend, über die Auswirkungen der politischen Hochspannung in den Verwaltungs- und Zensurmaßnahmen hier drinnen im Einzelnen Buch zu führen. Das würde aber zu viel Platz im Tagebuch erfordern, und mich zu den höchst dramatisch werdenden aktuellen Vorgängen überhaupt nicht mehr kommen lassen. So mögen ein paar besonders hübsche Zensurkleinigkeiten genügen, die das System der Art und der Absicht nach immerhin kennzeichnen. Eine Karte, in der die Erwünschtheit von Unterstützungen angedeutet war, wurde wegen „agitatorischer Sende-Wendungen“ beschlagnahmt. Folgender Bescheid wurde Karpf eröffnet, der gegen die Beschlagnahme einer Broschüre über die neue Wirtschaftspolitik in Sowjetrußland eingewendet hatte, daß das keine kommunistische, sondern eine bürgerlich-kritische Studie sei: „Mit der Beschlagnahme hat es sein Bewenden. Es steht dem F. G. K. frei, sich in der Festung mit andern als sowjetrussischen Verhältnissen zu befassen. Auch könne er sich zur Arbeit melden.“ (Holzhacken bei 3 Goldmark Wochenlohn unter Aufsicht und Abstreifung). Eine Postanweisung – wahrscheinlich von einem Betrieb zur Verteilung bestimmt –, an Toller adressiert, ging bei Annahmeverweigerung durch die Verwaltung zurück, da der Begleittext zeige, daß die Absender revolutionäre Zwecke damit verfolgten. Das ist auch früher schon passiert, nur wird jetzt ja nicht einmal mehr die Verständigung der Spender zugelassen, die im Glauben gelassen werden, der Festungsgefangene verschmähe ihre Gabe. Außerdem wird darauf hingewiesen, daß für charitative Sendungen nur die Frauenhilfe berechtigt sei, die sich allmählich nicht mehr als Hilfsinstitut für uns, sondern eher als Hilfsbehinderung charakterisiert, zumal sie den Nichtmünchnern oder den Genossen, die einmal der Bewährungsfrist verlustig gingen, nicht einmal die 350.000 Mark Monats-„Unterstützung“ zuweist, die wir bei jetzt 10 Millionen Mark Inlandsbriefporto als Taschengeld bekommen. – Unsre Erfahrungen lehren uns schon seit Jahren, daß entscheidungsvolle politische Zustände draußen an uns in einer Weise zum Ausdruck kommen, die Standpunkt und Sicherheitsgefühl der bayerischen Staatsmacht zuverlässig erkennen läßt. Wenn jetzt die Kandare wieder besonders fest angezogen wird, so zeigt das, daß sich Bayern vorläufig noch stark fühlt und entschlossen ist, gegen Sachsen-Thüringen und wenn nötig auch gegen das Reich seine „Hoheit“ mit allen Mitteln zu wahren. Gegen das Reich wird es sich kaum zu wehren brauchen. In der öffentlichen Diskussion steht überhaupt Bayern augenblicklich – seit Jahren zum ersten Mal – nicht vornean. Dagegen ist das Kesseltreiben gegen Sachsen in ein Stadium getreten, daß man meinen muß, die offene Austragung von bewaffneten Kämpfen wird nicht mehr zu umgehen sein. Das ungeheuerliche Ultimatum des Generals Müller an Dr. Zeigner wegen einer Rede des kommunistischen Ministers Böttcher, er habe bis 18. Oktober vormittags 11 Uhr zu erklären, ob die Regierung hinter Böttcher stehe oder nicht, und im letzteren Falle seine Erklärung im Amtsblatt bekanntzugeben sowie die Maßnahmen mitzuteilen, mit denen die sächsische Regierung Wiederholungen solcher Ministerreden vorzubeugen gedenke, diese Forderung, eine gesetzliche Landesregierung habe sich mitsamt ihrem demokratischen Parlament dem Befehl des Haudegens zu unterstellen, ist nicht beantwortet worden. Dagegen hat Zeigner im sächsischen Landtag erklärt, daß sich seine Regierung dem Militär nicht unterwirft, und Müller hat darauf zuerst verfügt, daß die Landespolizei dem Befehl der Regierung entzogen werde und seinem Kommando zu unterstellen sei, dann erklärt, er werde die Auflösung und Entwaffnung der proletarischen Hundertschaften und Kontrollausschüsse unter allen Umständen durchführen und zwar mit der Schupo und erst, wenn das nicht gehe, die Reichswehr einsetzen. Die Haltung der Regierung Stresemann ergibt sich aus einer amtlichen Erklärung, die der zum Verwechseln ähnlich sieht, mit der Cuno seine Absicht, Zeigner festzusetzen, einleitete. Auch jetzt wieder erklärt das Reich – ohne sich über Bayern mit einem Ton zu äußern –, es werde in Sachsen für „verfassungsmäßige Zustände“ jedenfalls zu sorgen wissen. (Dabei ist noch nie erklärt worden, inwiefern eigentlich in Sachsen keine verfassungsmäßigen Zustände bestünden). Die Arbeiterschaft ist offenbar in der größten Aufregung wegen dieser Dinge, und nicht nur haben in Sachsen sogar die Hirsch-Dunckerschen Verbände ihre Zustimmung zum Generalstreik gegeben für den Fall, daß das Reich etwas gegen Sachsen unternehme, sondern auch in Berlin haben die Vorstände der „freien“ Gewerkschaften samt Beamten- und Angestelltenverbände unter dem Druck ihrer Mitgliedermassen einstimmig den selben Beschluß fassen müssen. Dessenungeachtet scheint die Reichsregierung zum Kampf gegen Sachsen entschlossen zu sein, da es sich dem Einfluß des Großkapitals, Bayerns und der nationalistischen Kampfverbände trotz all ihrer Sozialdemokraten nicht entziehen kann. Die allgemeine rüde Pressehetze gegen Sachsen im ganzen und Zeigner speziell hat eingesetzt. Genau in der selben Façon, wie wir sie in München gegen uns erlebt haben. Bis jetzt vollzieht sich grade in Sachsen alles ganz ruhig und nirgends sind die Lebensmittelkrawalle so zahm wie dort. In den Gazetten aber liest man von „Schreckensnachrichten“ aus Sachsen, die man jedoch vergeblich in denselben Gazetten zu finden hofft. Zeigner aber wird des „Landesverrats“ geziehen, weil er verschiedenes von den „schwarzen Reichswehrverbänden“ im Landtag erzählt hat, wobei er bemerkte, daß die Entente darüber genau Bescheid wisse und falls nicht vom Reich aus dieses Unkraut ausgejätet würde, werde man von Frankreich her die allerunangenehmsten Diktate erhalten. Die Nationalisten bestreiten seine Angaben durchaus nicht, verlangen aber, daß man den Mann als Landesverräter hängen soll. Jetzt wird aber bekannt, daß der General Müller in allen seinen Handlungen von Geßler, Stresemann und der Reichsregierung völlig gedeckt werde. Seine letzte Mitteilung an Zeigner bezieht sich auf das Ausbleiben einer Antwort auf sein Ultimatum und erklärt, er habe bei Geßler Direktiven verlangt. Die sollen schon dasein und dahin gehn, daß die proletarischen Formationen sofort durch Schupo aufzulösen seien, und daß im Notfall Reichswehr eingesetzt werden solle. Auch der – nun offiziell zum Zivilkommissar bestellte Herr Meyer soll mit Herrn Müller einverstanden sein, ebenso soll Ebert die von seinen Parteibonzen von ihm verlangte Vermittlung abgelehnt haben (was vom Taktvollen wohl schwerlich anders zu erwarten war). Der „Vorwärts“ weint und sieht das größte Unglück kommen, wenn etwa das Vorgehn gegen Sachsen die Herren Sollmann, Radbruch und Schmidt zwänge, ihre Ämter zu verlassen, weil ihre Parteiarbeiter (sofern noch welche da sind) sie an der Staatsretterei in Sachsen hindern. Aber ich sehe die Furcht nicht ein: bis jetzt war die Partei doch noch nie zimperlich, wenn es galt Kapitalisten-Interessen gegen Proletariernot mit Offizieren und Studenten zusammen kriegerisch zu verteidigen. (Man sollte Noskes Buch über seine antiproletarische Generalissimustätigkeit „Von Kiel bis Kapp“ in Millionen Exemplaren unter den Arbeitern Deutschlands austeilen, – so aufklärend kann keines von uns Opfern dieser Bande deren Gesicht malen). – Daß in dieser Treibjagd gegen Sachsen Bayern das ganz große Hifthorn bläst, versteht sich von selbst. Die Regierung Bayerns – ob das Knilling ist oder Kahr, weiß kein Mensch genau – hat jetzt offiziell die diplomatischen Beziehungen zu Sachsen abgebrochen. Die Komik dieser Geste wird leider kompensiert dadurch, daß jeder weiß, daß starke bewaffnete Horden in Bayern bereit stehn, in Sachsen einzufallen. Eine einzige Tatsache charakterisiert, was los ist. Vor einigen Tagen verfügte der Staatsgerichtshof die Freilassung Roßbachs aus der Untersuchungshaft in Leipzig. Sowohl die sächsische Regierung als auch das Wehrkreiskommando des Herrn Müller (Geßler mußte den Schein wahren) verhängte die Schutzhaft über den Mann. Aber der war schon weg. Jetzt wird öffentlich angekündigt, daß in München die – im übrigen Reich aufgelöste – Roßbachorganisation zusammenkomme, wobei Herr Roßbach persönlich sprechen werde. Weder Kahr verbietet das, noch läßt Geßler den Mann durch Lossow verhaften und in Schutzhaft nehmen, der trotz des Geschreis der Sozialdemokraten und der immer wieder gemeldeten Energie der Reichsregierung, er werde von seinem Posten abberufen werden, bei der Konfliktandrohung der bayerischen Regierungspresse natürlich als Commis des Kahr auf seiner Stelle bleibt. – Zeigner bleibt übrigens den Bayern nichts schuldig. Er spricht im Landtag von der bayerischen Gefahr und erklärt einem englischen Journalisten, diese Gefahr, die nicht nur innerdeutsch, sondern international sei, werde von der Entente unterschätzt. So ist also jetzt der Bürgerkrieg so unmittelbar vor uns, daß wir uns wohl fragen dürfen, ob wir auch nur im nächsten Monat noch gefangen oder auch am Leben sein werden. Denn was an Spannung in der Beziehung zwischen Reich – Sachsen – Bayern noch fehlt, das wird durch die zum Sieden erhitzte Erregung durch die Teuerung und Hungersnot ergänzt. Die Preise für die geringsten Dinge gehn in die Milliarden, ohne daß dringlichster Lebensbedarf überhaupt noch überall auch für Geld zu haben wäre. Jene „Repudiation“ der Papierwische scheint da zu sein, ehe die neue Rentenmark in Funktion treten kann. Große Unruhen werden aus allen Teilen des Reichs gemeldet. In Berlin haben Demonstrationen zu Plünderungen vieler Bäckereien geführt, in Schöneberg ließ der sozialdemokratische Polizeipräsident Richter Erwerbslose mit der Waffe auseinanderschieben und zog sich dadurch die Rüge des deutschnationalen Bürgermeisters zu, der seine Maßnahmen rigoroser fand, als die Sachlage erfordert hätte (sie sind immer und überall die Rohesten von allem). Auch in Mannheim gab es bedeutende Revolten mit schweren Blutopfern, über die nähere Nachrichten noch ausstehn. Von Hamburg und Gelsenkirchen – überhaupt aus dem Ruhrgebiet – werden Not- und Brotunruhen gemeldet, und das Mittel, das der Reichsinnenminister Sollmann, der preußische Innenminister Severing (beide natürlich Sozialdemokraten) wie alle andern ihresgleichen zur Sättigung des betrogenen Volks täglich frisch ausgeben, heißt blaue Bohnen. Aber vielleicht täuscht diesmal der Eindruck doch nicht, daß dieses Mittel nicht mehr wirkt, daß Proletariat und proletarisches Kleinbürgertum endlich grade der blauen Bohnen satt sind. Sterben müssen sie doch, – trifft sie der Tod im Kampf, so entgehn sie dem Hungertod. So sieht es zur Zeit im Innern aus. Die Reichsregierung bildete sich scheinbar bis jetzt ein, mit der Liquidation des passiven Widerstands an der Ruhr werde sie nun die Hände frei kriegen, um mit Schupo, Reichswehr, Roßbach und Sozialdemokratie die hungernden Massen kaput zu schlagen. Aber auch diese Rechnung hat ein Loch. Poincaré verweigert nach wie vor jede direkte Verhandlung mit der Regierung, da er sich nicht durch Versicherungen, sondern erst durch Tatsachen davon überzeugen werde, daß der Zustand von vor dem 11. Januar 1923 wiederhergestellt sei. Bis jetzt seien diese Tatsachen nicht gegeben (was glaubhaft ist, da in der ganzen nationalistischen Presse weiterhin Sabotage und Obstruktion gepredigt wird. Verboten wird jedoch die Presse, die für Fügung eintritt). Nun hören von heute ab die Ruhrunterstützungsgelder zu fließen auf, und die Großindustrie – an der Spitze Stinnes und Klöckner – erklären, daß die dann keine Löhne mehr zahlen können (sie sind jetzt soweit, daß sie eine völlig klare Scheidung zwischen den Funktionen des Staats und ihrer selbst im Geschäft fordern: sämtliche Einnahmen für sie, sämtliche Ausgaben für den Staat, der auch die Steuern ausschließlich vom Proletariat herauszudrücken hat). Sie drohen, ihre Betriebe stillzulegen und Poincaré erwidert kalt, er sehe in dieser Drohung, daß die Reparationen nicht geleistet werden könnten, nur eine neue Maßnahme des Widerstands. Woher Deutschland das Geld nehme, gehe ihn nichts an. Die Reichsregierung, völlig hilflos eingeklemmt zwischen den Notwendigkeiten der Wirtschaft und den Desperadoansprüchen der Nationalisten, die in Deutschland den stärkeren Faktor ausmachen – wimmert schon, Poincaré werde Deutschland zwingen, alle Reparationslieferungen überhaupt zu sperren. Ob sie sich einbilden, ihn damit einzuschüchtern? – Machen die Stinnes etc. mit der Drohung ernst, die ganze Industrie stillzulegen, dann wäre die soziale Lage da oben derartig, daß die Verzweiflung der Bevölkerung garkeine Wahl mehr hätte als die Produktionsmittel durch Aufruhr in die eignen Hände zu bringen und in brotsichernde Tätigkeit zu setzen. Auch die Rheinland-Separation (und in ihrem Gefolge die Bayerns) wären fast sicher die Folge. Das Pulverfaß ist also bis oben hinauf mit den entzündlichsten Explosivstoffen geladen, und von allen Seiten her zugleich nähern sich die glimmenden Zündschnüre seinem Inhalt. Was vor 5 Jahren vermieden wurde, der blutige Kampf – und daß er vermieden wurde, ließ der Konterrevolution die Möglichkeit, das Blutvergießen nachher ganz einseitig zu unternehmen – wird jetzt nachgeholt werden. Ich glaube, daß die Auseinandersetzungen, denen Deutschland augenblicklich entgegengeht – vielleicht haben sie schon begonnen, – ganz erbarmungslose Formen annehmen werden. Es ist das Schicksal aller Revolutionen: je friedlicher und unblutiger sie anfangen, umso gräßlicher ist der endgiltige Geburtsakt ihrer Triumphe. In Deutschland steht noch der ganze Kampf bevor. Was 1918/1919 geschah war ein leises Praeludium. Jetzt erst beginnt die Musik ihr Thema.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 21. Oktober 1923.

Seit gestern wird geheizt, vorerst nur von Nachmittag 3 Uhr ab. Es war höchste Zeit. Alles hustet, nießt, spuckt und spricht heiser und durch die Nase. Die Steinwände schwitzen große Tropfen aus, ein Zeichen, daß es im Hause bedeutend kälter war als draußen. Wir können damit rechnen, daß wir den Winter durch noch viel frieren müssen, denn, wie mir gestern der Oberverwalter sagte, ist nur ganz wenig Koks vorrätig und keiner mehr zu beschaffen. Die Heizanlage läßt aber Kohlenfeuerung nicht zu. Trotzdem glaube ich weniger als je an die Notwendigkeit, noch lange frieren zu müssen. Erstens macht einem schon der Gedanke an die Vorgänge in Deutschland warm, und zweitens deuten alle Zeichen darauf hin, daß eben diese Vorgänge in kürzester Zeit auch unser Schicksal wie das des ganzen Volkes bestimmt haben werden. Zwar bekommen wir zur Zeit sowenig Zeitungen, daß wir aus den ausgesuchten, aus denen grade die wichtigsten Tatsachen nicht fest zu erkennen sind, alles Wesentliche mehr oder weniger kombinieren müssen. Meine eignen Kombinationen nun lassen zwar viele Möglichkeiten zu, aber solche, die eine weitere Verschleppung des Entscheidungskampfes bedeuten könnten, ist nicht dabei. Der bürgerliche Brei – zu dem als Hauptkontingent die ganze führende Sozialdemokratie gehört – versucht natürlich, die ganz unhaltbar gewordenen Zustände doch weiter zu halten, aber dieser Sumpfbrei hat wohl vorderhand ausgespielt. Irgendwelche Neuordnung kann erst geschaffen werden, wenn entweder eine rechts- oder eine linksorientierte Gewalt alles Widerstrebende so gründlich niedergeworfen hat, daß eine feste, einheitliche Politik geführt werden kann. Das Rezept der Sozialdemokratie ist offenbar dies: man hofft, durch Aufhebung des militärischen Belagerungszustands den Konflikt mit Sachsen auf die Weise unterbinden zu können, daß man die Auflösung der proletarischen Formationen hinausschiebt, bis man das Proletariat durch freundliches Zureden zur Nachgiebigkeit gewonnen hat. Da Bayern selbstverständlich keinen Schritt zurückweicht, wird man – wie 1921 – Herrn Kahr eben Herrn Kahr sein lassen und denkt sich halt, über kurz oder lang wird sich alles von selber machen. Aber auch das doppelte Kneifen – vor Sachsen und vor Bayern – rettet nichts mehr. Denn es war lange genug „fünf Minuten vor zwölf“. Die Stunde ist da. Die Not ist zu groß und gerät grade durch den – viel zu späten und überdies ganz unzulänglichen Versuch, die Finanzfrage durch eine Zwischenwährung zu regulieren, in ein Stadium, in dem der – schon wieder auf 10 Milliarden hochgeschnellte Dollar keine mehr durch Notendruck auszugleichende Sache ist. Es ist jetzt soweit, daß die Teuerung der krassesten Hungersnot Platz gemacht hat. Das zwingt die Arbeiter, sich ohne langes Besinnen auf die Folgen eines möglichen Mißlingens zum Entscheidungskampf aufzustellen. Wenn also auch wirklich die politische Situation zwischen dem Reich und Sachsen einerseits, dem Reich und Bayern andrerseits noch einmal in der Schwebe gehalten werden könnte, so verlangt die wirtschaftliche die unverzügliche Austragung – einmal von der Arbeiterseite her, ebenso sehr aber auch von der kapitalistischen. Die Großindustrie sieht, daß der Kampf unvermeidlich geworden ist. Ihr liegt natürlich daran, als Angreifer mit den besseren Chancen hineinzugehn. Daher grade jetzt trotz aller Kurzschichten und aller Betriebsstillegungen das Geschrei nach Aufhebung des 8Stundentags. Als nächste Aufgabe soll der Reichstag das Arbeitszeitgesetz erledigen, das „Ausnahmen“ vom „schematischen“ 8Stundentag postulieren soll, und zwar zunächst tarifliche; falls aber das Tarifdiktat der Unternehmer von den Belegschaften abgelehnt wird, soll auch der Verordnungsweg gangbar sein. Diesem ruchlosen Entwurf hat die sozialdemokratische „Arbeiter“partei zugestimmt. Nun ist zwar kaum mehr anzunehmen, daß der Reichstag überhaupt noch zusammentreten kann. Tut er es doch und nimmt, was dann außer Zweifel steht, ein solches Gesetz an, dann ist der Arbeiterschaft die letzte Erinnerung an das, was sie vor 5 Jahren durch revolutionäres Dekret errungen hat, auch beim Teufel, und ich bezweifle doch, daß sie das grade jetzt auch noch widerstandslos hinnähme. Auch diese Provokation zeigt also, daß es die Stinnesleute auf den offenen Konflikt absehn. Es soll endlich Klarheit geschaffen werden. Zweifellos beurteilt auch das offizielle Frankreich die Sachlage so. Wenn Herr Poincaré dem deutschen Geschäftsträger Hoesch so unsanft jedes Verhandeln mit der deutschen Regierung verweigerte, so tat er das ohne Frage nicht bloß aus dem formalen Grunde, den er vorschützte, sondern aus der Überzeugung, daß Stresemann voraussichtlich in einigen Tagen schon von einer Regierung oder einer Diktatur abgelöst sein wird, die sich an seine Abmachungen in keinem Punkt gebunden fühlen würde. Der französische Vertragspartner wäre dann geprellt. Daß Stresemann selbst die Situation ebenfalls erkennt und die Konsequenz daraus zieht, sich Stinnes’ Befehlen zu unterwerfen, ist mit der Erklärung bewiesen, daß es die Reichsregierung bei der Halsstarrigkeit von Poincaré eventuell auf einen Bruch mit Frankreich bzw. der Gesamtentente ankommen lassen werde. Die Konsequenz dieser Konsequenz ist aber die Aufnahme des Kampfes gegen Sachsen-Thüringen, – die mit oder ohne Sozialdemokratie gezogen werden wird (hoffentlich mit; dann weiß die Arbeiterschaft Bescheid und die Burschen können nicht den Kampf von innen heraus sabotieren; auch beunruhigt nichts mehr als die revolutionären Sprüche der Gewerkschaftsbonzen, die auch nur zeigen, daß sie einsehn, den Kampf nicht mehr bremsen zu können, deshalb seine Führung anstreben, um ihn in den Tod zu führen). Möglich, daß die Reichsminister der Partei von der Opposition gezwungen werden, auszutreten und selbst Opposition markieren müssen. Dann träte fraglos sofort eine rein nationalistische Leitung in Aktion und ein Reichs-Kahr würde eingesetzt. Es wäre, solange die Zeigner-Richtung in der Sozialdemokratie des Verrats der Mehrheit Herr würde, die gnädigste, weil klarste Lösung. Heute ist Zeigner der populärste Mann in Deutschland. Er führt seine Sache mit großem Mut, mit viel Temperament und doch ohne jede Desperado- und Hazardeur-Pose. Daß er um seinen Kopf spielt, weiß er natürlich, aber er scheint nicht der Mann, ihn billig zu verkaufen. Bei dem – von mir als sicher angenommenen – Angriff des Militärs bzw. auch der Polizei (bei der jedoch dank Schützingers Leitung anzunehmen ist, daß starke Abteilungen für die Zeigner-Regierung kämpfen werden) gegen die sächsische Arbeiterschaft ist der Generalstreik in ganz Mitteldeutschland und großen Teilen Nord- und Westdeutschlands beschlossene Sache. Die Ernährungsnotwendigkeit bringt ohne weiteres die Ausweitung des Generalstreiks zum bewaffneten Aufstand mit sich. Viel kommt in diesem Fall auf die Haltung des bayerischen Proletariats an. Daß Auer gegen die Arbeiter und für das Kapital Stellung nehmen wird, kann überhaupt nicht bezweifelt werden. Wie weit wird seine Macht noch reichen? Was – vor allen Dingen – werden die bayerischen Eisenbahner tun? Wie sehr das Reich grade mit Bayern rechnet, zeigt sich in einer Notiz, nach der im Falle des Konflikts zunächst die gegen Südwesten liegenden gefährlichen Gegenden Sachsens „gesichert“ werden sollen: nämlich Chemnitz und Plauen: das sind also die an Bayern grenzenden Bezirke. Roßbachs Entlassung nach Bayern – und Ehrhardt dürfte auch längst seine Mannen formiert haben – zeigt, wie zielklar man operiert. Die Dinge sind also vollständig reif. Die Haltung des Auslands dazu, die unter den Genossen hier besonders lebhaft diskutiert wird – die begeisterten Marx-Kommunisten nehmen naiverweise als sozusagen naturgeschichtliche Tatsache hin, daß Frankreich und alle kapitalistischen Staaten der Sache der Nationalisten als der der Kapitalisten mit größtem Wohlwollen beistehn werden –, wird m. E. erst dann überhaupt zu einem Faktor werden, wenn der bewaffnete Kampf im Innern entschieden ist. Siegt Bayern – denn dieser Bürgerkrieg wird von Anfang an den Charakter eines Staatenkrieges – Bayern-Sachsen – tragen, dann glaube ich allerdings an ein Eingreifen: und zwar durch Sperrung der Grenzen und durch ultimative Forderungen nach Entwaffnung u. s. w. Siegt die Arbeiterschaft, so wird das Siegerausland erst dann eingreifen, wenn wir Räterepublikaner unsre Tendenzen zu verwirklichen suchen oder gar tatsächlich an die Macht kommen. Kains Meinung, die Entente, zumal Frankreich und die Tschechoslowakei würden schon eingreifen, um den Bürgerkrieg zu verhindern, halte ich für völlig verfehlt. Man wird die Fetzerei gewähren lassen, ohne einen Finger zu rühren, und dem Sieger die Versailler Rechnung präsentieren. Nachher kommt die Finanzkontrolle und wahrscheinlich eine interalliierte Gendarmerie zur Aufrechterhaltung hinlänglicher Ruhe, um die Zahlungen zu gewährleisten. Jetzt haben wir aber erst die Revolution vor uns, eine wirkliche, echte und große Revolution. Daß es 1918 keine geworden ist, lag daran, daß sich den Revolutionären kein Gegner stellte, und daß die Revolutionäre, dadurch sicher gemacht, dem Gegner gestatteten, sich unbehindert zu retablieren für 1923. Jetzt stellt sich der Gegner in ganzer Front, mit allen wohl aufgefrischten Kräften und mit verzweifelter Entschlossenheit. Der Kampf wird furchtbar hart und blutig werden, aber sein Ausgang ist mir nicht zweifelhaft. Ich wünsche mir, ihn noch mitzufeiern.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 22. Oktober 1923.

Ich habe eine sehr ärgerliche Angelegenheit persönlicher Art zu regeln. Heute früh wurde ich mit einer Eröffnung des Justizministeriums überrascht, das mir laut Ministerialentschließung Nr. soundso mitteilen läßt: das Gesuch des Dr. Hans Mühsam, Berlin um bedingten Straferlaß, Urlaub oder Strafunterbrechung zur Krankenhausbehandlung eigne sich nicht zur Berücksichtigung. Danach hat mein Bruder über die mir mitgeteilte Absicht hinaus, ein Gesuch um meine Überführung in ein Krankenhaus einzureichen, gleichzeitig um Bewährungsfrist für mich gebeten. Etwas Fataleres konnte mir schlechterdings nicht zugefügt werden. Ich habe die Höchststrafe mit der Begründung erhalten, ich sei die treibende Kraft bei der Errichtung der Räterepublik gewesen; ich habe dem Standgericht den ganzen Prozeß hindurch versichert, daß ich keine Milde beanspruche und mir Strafart und -ausmaß gleichgültig seien. Ein Gesuch um Gnade für meine Person kompromittiert mich entsetzlich, zumal schon jetzt, wo noch 1½ Dutzend (wenn die Zuchthaus-Genossen zugerechnet werden, noch viel mehr) wegen bloßer Beihilfe Verurteilte festsitzen. Die Behörde hat bezeichnenderweise über das Gesuch Beschluß gefaßt, ohne mich, wie es sonst stets gehandhabt wurde, vorher zu befragen, ob ich mich anschließe. Man wußte natürlich, daß ich es nur für den einen Punkt getan hätte, der meine Überführung ins Krankenhaus verlangt. Da ich bestimmt vermute, daß man die Gnadenbitte öffentlich gegen mich zu benutzen suchen wird, werde ich meinerseits Gegenmaßregeln ergreifen. Ich denke zunächst an einen Brief an meinen Bruder, in dem ich meinen Standpunkt mit einer Präzision zum Ausdruck bringen will, die die Beschlagnahme zu den Akten wahrscheinlich macht. Läßt man den Brief – vielleicht durchschaut man ja meine Absicht – trotzdem durch, dann folgt eine Klarstellung an das Justizministerium direkt.* Auf jeden Fall will ich dafür sorgen, für eventuelle Fälle auf ein Dokument bei meinem Personalakt hinweisen zu können, das mich rechtfertigt. Ausgerechnet in diesem Augenblick kommt mir die Geschichte ganz scheußlich in die Quere. Beim Rechtsausschuß des Reichstags liegen eine Fülle von Eingaben, die sämtlich so schroff wie möglich die bayerischen Justizmethoden angreifen, meine Autorschaft verraten und überdies weitere Eingaben ankündigen, als deren nächste die Behandlung des von der bayerischen Regierung so gepriesenen Bewährungsfristverfahrens schon als Thema gestellt ist. Die ärgerliche Geschichte regt mich abscheulich auf und kränkt mich umso mehr, als ich glaube, die kompromittierende Eingabe kommt grade noch vor Torschluß, und ich werde demnächst die Freiheit wiedersehn und als erste Arbeit die Aufgabe vor mir finden, meinen durch den Übereifer meines Bruders erschütterten Ruf wieder reparieren zu müssen, – bei der Sympathie, der meine spezielle revolutionäre Richtung überall – und die KPD ist da nicht außer der Reihe der andern – begegnet und bei den in Deutschland allgemein üblichen und mir ja nicht einmal in der Gefangenschaft erspart gebliebenen Methoden, dem Gegner Dreck anzuhängen, eine verteufelt undankbare Sache. – Meine Überzeugung, daß das Wiedersehn der Freiheit in kurzer Zeit Tatsache sein wird, ist allerdings auch durch die heutige Zeitungslektüre – bei der allerdings die letzten Blätter von Sonnabend sind – keineswegs zweifelhaft geworden, wenn auch ein Teil meiner Freunde wieder tief deprimiert ist. Es heißt nämlich, Zeigner gebe nach. Er habe mit General Müller eine Unterredung gehabt, und das Resultat sei, daß die sächsische Regierung einer Auflösung der proletarischen Hundertschaften keinen offenen Widerstand entgegensetzen werde. Die Frage, was nun die in der Regierung sitzenden Kommunisten tun werden, interessiert mich natürlich weniger als deren Parteigenossen. Wer Minister wird, muß Regierungspolitik machen, da hat er wohl keine Wahl. Aber ich kann zunächst mit den vagen Berichten nichts anfangen, die weder von Berliner noch Dresdner Seite kontrasigniert sind, dann weiß ich auch garnicht, was „offener“ Widerstand heißen soll: ist das tatsächlich volle Kapitulation? oder bedeutet es Neutralitätsverpflichtung oder auch inoffizielle Unterstützung der Arbeiterschaft für den Fall des vom Proletariat ausgerufenen Generalstreiks? Hier wird Abwarten am Platze sein. Was mich beunruhigt, ist jedoch die plötzliche Energie der Reichsregierung Bayern gegenüber im Falle Lossow. Soweit ein Überblick da möglich ist, ergibt sich folgendes. Lossow habe dem Befehl Geßlers und Seekts nach Unterdrückung des Völkischen Beobachters die strikte Weigerung entgegengesetzt. Man habe ihn daher, um ihn nicht ohne weiteres als Meuterer abtun zu müssen, durch Vermittlung des Generals Kreß von Kressenstein nach Augsburg zu einer Unterredung gebeten, wo schon Geßler auf ihn wartete. Er sei aber nicht erschienen. Geßler habe sich infolge dessen zu dem General geäußert, wenn die bayerische Regierung, die ja offensichtlich hinter Lossow stand, den Konflikt wolle, so könne man Bayern von Geld, Eisenbahn und Telegrafen abriegeln. Diese Drohung nun – und es ist die einzige tatsächliche Meldung, an die man sich halten kann – hat die bayerische Regierung zu einer Kundgebung an die Reichsregierung veranlaßt, in der erklärt wird, daß sie fortab jede Beziehung zum Reichswehrminister und zum Reichswehrkommandeur (Seekt) verweigert und deren Demission verlangt. Nach der letzten Meldung sei nun Lossow endgiltig von seinem Posten in München abberufen worden. Der Konflikt ist also fertig. – Was mich an all diesen Dingen beunruhigt, ist dieser Gedankengang: die Reichsregierung sucht sichtlich mit Sachsen zu einem Kompromiß zu kommen, sie markiert zugleich Energie gegen Bayern. Kann das nicht bedeuten, auf Sachsen den Eindruck machen zu wollen, als nähme man ihm in Bayern den eigentlichen Anlaß, der zum Aufbau der proletarischen Schutzformationen geführt hat? Bereitet sich hier nicht ein neuer Betrug gegen die Arbeiter vor, wie er von der Sozialdemokratie seit 9 Jahren wieder und immer wieder verübt worden ist? Die Entsendung neuer Reichswehrtruppen in die Chemnitz-Vogtländer Industriebezirke Sachsens, die als Schutz gegen kommunistische „Terrorakte“ – keineswegs aber als Maßnahmen der Reichsexekutive! – angekündigt werden – beweisen klärlich, welche Gesinnungen die Stresemänner gegen das sächsische Proletariat hegen. An die Unnachgiebigkeit des Reichs gegen Bayern glaube ich dagegen im Leben nicht. – Freilich, ob Zeigner sich dupieren läßt, ob er sich dazu hergeben wird, den sächsischen Arbeitern zu sagen: Ihr seht ja, daß das Reich jetzt gegen Bayern vorgeht, seid ihr also die Nachgiebigen und zeigt, daß nicht Lust am Soldatenhandwerk euch leitet, – löst euch auf! – das bleibt abzuwarten. – Die revolutionären Arbeiter links der Regierungsparteien scheinen lebhaft am Werk zu sein. Die Festnahme Otto Rühles auf Befehl des Generals Müller ist ein Zeichen dafür. Sonst ist bis jetzt kaum zu erkennen, welche Entwicklung die Dinge im Inneren genommen haben und wahrscheinlich zunächst nehmen werden. Die „Entspannung“, von der die zahme Presse redet, ist kaum sehr groß, zumal die außenpolitische Situation anscheinend vor ganz neuen Ereignissen steht. Stresemanns „Zeit“ plärrt gegenüber Poincarés Forderungen: erst zahlen, anerkennen, arbeiten, den Zustand vor dem Ruhreinmarsch an Dienstleistungen, Sachlieferungen, Reparationen jeder Art wiederherstellen, – vorher wird nicht verhandelt, erst recht kein Moratorium bewilligt –: Nein, nein, und abermals nein! Man droht: Bruch mit Frankreich! Man orakelt über England (das stets zufrieden ist, wenn auf dem Kontinent Chaos herrscht) und Stresemann selbst läßt eine neue Rede ankündigen, worin er Frankreich mit aller Verantwortlichkeit für das was folgt belasten will. Und wenn schon! „Der nicht mehr überbietbare Ernst der Lage“ wird offiziös beweint, – und wir stehn vor Tagen, die die äußerste Nervenprobe stellen werden. Möglichkeiten, aus denen auch auf unser persönliches Los geschlossen werden kann, tauchen zu Dutzenden von Spekulationen auf – eine der wahrscheinlichsten ist die, daß Bayern, was aus zahllosen Anzeichen entnommen werden kann, im Moment der Explosion die Separation vom Reich vollziehen wird –, welche von ihnen schließlich auch Tatsache werden mag, – die Niederschönenfelder Sanduhr läuft ab. Die einzige Möglichkeit, die zu anderm Resultat führen würde, weigere ich mich in Betracht zu ziehn. Es wäre der vollkommene Sieg des Großkapitals, der Nationaille und der gesamten Reaktion über die gesamte deutsche Arbeiterschaft. Er ist unmöglich – trotz der Sozialdemokratie!

 

* Ich habe es vorgezogen, gleich eine prinzipielle Erklärung ans Justizministerium zu senden.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 23.Oktober 1921[1923].

Bayern hat den Schnitt riskiert: am 21. Oktober hat das Deutsche Reich Bismarckscher Herkunft und Weimarer Taufe aufgehört zu existieren. Es ist also jetzt soweit: das Gebälk brennt, das Gebäude kracht zusammen, sobald die Flamme das Sprengstofflager erreicht haben wird – und das ist eine Frage von Stunden, höchstens von Tagen. Was grade Bayern veranlaßt hat in diesem Moment das Odium der Reichszerstörung auf sich zu nehmen, wird wohl später mal in aller Klarheit ans Licht kommen. Ich habe die feste Vermutung, daß die Nolletsche Entwaffnungsnote, von der man erstaunlicherweise von keiner Seite mehr eine Silbe gehört hat, hier entscheidend mitgewirkt hat. Der äußere Verlauf der Sache ist der: Die Entwicklung des Konflikts zwischen Seekt und Lossow, wie ich sie gestern angedeutet habe, wird so ziemlich bestätigt. Ein letzter Versuch der Reichsregierung, zu einem Kompromiß zu kommen, war die Reise des Arbeitsministers Brauns nach München, der dem renitenten General gut zureden sollte, doch freiwillig seinen Abschied einzureichen. Lossow weigerte sich, irgendwelche Befehle, die nicht von Kahr kommen, überhaupt zu erwägen, und so bekam er die Entlassung von Berlin dekretiert, von wo zugleich Kreß von Kressenstein mit der vorläufigen Übernahme der bayerischen Reichswehrführung beauftragt und die bayerische Regierung ersucht wurde Vorschläge zur Neubesetzung des Lossowschen Postens zu machen. Jetzt beschloß Bayern offen in Fronde zu gehn und in einer unter Kahrs Vorsitz gehaltenen Kabinettsberatung, zu der Lossow und Ludendorff zugezogen waren, vollzog man den Bruch mit dem Reich. Man erklärte die Abberufung Lossows als Eingriff in die bayerischen Hoheitsrechte und ernannte von sich aus den meuternden General zum Kommandeur des bayerischen Teils der Reichswehr. Die dazu erlassenen Proklamationen Kahrs und der Staatsregierung lassen keinen Zweifel, daß alle Konsequenzen gezogen werden sollen. Man erklärt Bayern als die Hochburg alles dessen, was deutsch ist, beschimpft das gesamte übrige Deutschland als undeutsch und stellt barrikadenmäßig die Gegensätze auf: Christlich-national und international-marxistisch. – Diese Pronunziamenti scheinen sogar der Berliner Regierung zu grob gewesen zu sein. Sie reagierte mit einer sehr langatmigen und reichlich weinerlichen Entgegnung (grade in diesem Augenblick! – natürlich: ich habe noch nie einen Augenblick erlebt, der nicht von allen Hosenscheißern für jede Aktion als der ungeeignetste und unmöglichste bezeichnet worden wäre!), schwang sich aber zum Schluß ihrer Erklärung zu überraschend energisch klingendem Protest auf, nämlich zu einer Art Aufruf zum Widerstand gegen den bayerischen Verfassungsbruch. Allerdings wird nicht einmal angedeutet, ob man diesem Widerstand etwa die von Geßler in Augsburg angedrohten Formen geben oder gar die Arbeiter zum Generalstreik und zum Boykott gegen Bayern auffordern wolle. Tatsächlich scheint Herr Stresemann zur Zeit des Erlasses dieses Protestschreis noch immer an die Möglichkeit einer Verständigung mit Bayern geglaubt zu haben. Denn die Telegrafen-Union mußte eine Meldung ausgeben, wonach die Vereidigung der bayerischen Reichswehrtruppen auf Bayern und seine Landeseinrichtungen verschoben wurde, um einen Ausgleich nicht völlig zu verbauen. Die Antwort jedoch, die die bayerische Eigenart auf diesen Wink mit dem Laternenpfahl gibt, ist die offizielle C. H.-Meldung, daß die Vereidigung der Truppen heute vormittag stattfinde. – Was jetzt das Proletariat unternehmen wird, ist natürlich die einzig wichtige Frage. Da die Reichsregierung selbst von Landesverrat spricht und zum Widerstand ruft, wäre am Ende die Entscheidung selbst für bayerische Auerochsen nicht schwer zu finden. Aber –? Es hat keinen Zweck mich hier mit allen weiteren Folgen zu befassen. Die sind von sovielen andern Umständen abhängig, daß man die Tatsachen nebeneinanderstellen kann und einfach zusehn, nach welcher Seite alles zusammenbrechen wird. Furchtbar ernst sieht die Sache allmählich in Sachsen aus. Es ist aus den letzten Meldungen noch nicht deutlich zu erkennen, ob der Einmarsch der Reichswehr dort schon erfolgt ist. Wohl aber veröffentlichen die Blätter die Proklamation Müllers an die sächsische Bevölkerung, worin er unter heftigen politischen Ausfällen – speziell gegen Böttcher – die Notwendigkeit begründet, starke militärische Kräfte in Sachsen zusammenzuziehn. Wie die Zeigner-Regierung darauf reagiert hat ist zweifelhaft, doch behauptet die Frankfurter Zeitung erstens, daß Müller den Aufruf überhaupt nicht zuerst der Regierung vorgelegt hat, sondern daß Zeigner ihn erst durch die Plakatsäule kennen lernte, zweitens aber, daß dieser Aufruf nicht in Dresden, sondern in Berlin und zwar, unter sozialdemokratischer Mitwirkung entstanden sei. Die Herren Ebert, Sollmann und Meyer (der eben ernannte Zivilkommissar) werden wohl gemeint sein. Die Sache klingt glaubhaft, denn die rechte Sozialdemokratie ist jetzt soweit, daß sie vor Noske-Politik auch gegen die eignen Parteigenossen linker Richtung nicht mehr zurückschreckt. Die Fragen: sind die Reichswehrverstärkungen tatsächlich schon an Ort und Stelle? Haben die norddeutschen, sogar die sächsischen Arbeiter und Eisenbahner ihnen den Transport ermöglicht? Finden sich die Arbeiter in ganz Deutschland, in Sachsen und Thüringen selbst mit dieser ungeheuren Provokation ab? – diese Fragen muß man sich mit großer Sorge stellen und leider kann man sie nicht mehr mit frohem Wahrheitsbewußtsein verneinen. Ich habe den stärksten Verdacht, daß die bayerische Angelegenheit von allen Flaumachern benutzt wird, weniger um dem Reich seine Exekution gegen die mitteldeutschen Arbeiter als den Sachsen und Thüringern ihren Widerstand dagegen auszureden. Auch da wird man auf das Eintreffen neuer Tatsachenmeldungen warten müssen. Wenn jetzt aber die Allarmmeldungen vom Rheinland stimmen, so ist dort – als selbstverständliche mittelbare Konsequenz der bayerischen Kündigung – die Separation mitten im Gange. In Aachen sollen die öffentlichen Gebäude besetzt sein von den Separatisten, in Bonn sei die Schupo von den Sonderbündlern entwaffnet und überall seien die Kämpfe im Gange. Und dies alles „in diesem Augenblick“! Grade hat Stresemann unter dem Druck der Schwerindustrie die Bedingungen Poincarés für Aufnahme der Arbeit unter der Regie abgelehnt – und so ist also auch der Konflikt mit Frankreich wieder offen. Es ist viel auf einmal für die armen Schwachköpfe, die Deutschlands Geschicke regieren sollen: jetzt sind sie aus lauter Schlappschwänzigkeit in die Rolle des ganz Starken geraten, der zugleich den Bruch mit Sachsen, Bayern und Frankreich auf sich nimmt. – Aber es wird ein Ende mit Kotbrechen geben, in Berlin sowohl wie in München. Eben ist Benesch aus Paris nach Prag zurückgekehrt, und das Übereinkommen, das dort geschlossen wurde und ein ähnlich bündnishaftes Verhältnis wie es zwischen Frankreich und Polen besteht auch mit der Tschechoslowakei geschaffen haben soll, wird kaum an der Frage der deutschen Nationalistengefahr, speziell in Bayern, vorübergegangen sein. Ich glaube nicht, daß die Franzosen noch Neigung haben, ihre Leoprechting- und Fuchs-Machhaus-Politik fortzusetzen. – Der Dollar ist inzwischen glücklich über die 20 Milliarden gestiegen und bewegt sich munter weiterhin aufwärts. Vom 1. November ab wird eine Inlandsbriefmarke 50 Millionen Mark kosten. Meine Absicht, mir ein Quantum Brusttee von Rain kommen zu lassen, wie man es früher für 5 Pfennige bekam, – ich gab zur Vorsicht 40 Millionen Mark mit – scheiterte an der Auskunft, daß die geringste Menge, die überhaupt abgegeben werden könne, 300 Millionen Mark koste. Ich kann infolgedessen meinen Katarrh, der immer noch nicht weg ist, nicht wirksam behandeln – und zum Anstaltsarzt schleppen mich keine Pferde – und so bleibt die allerdings angesichts der Entwicklung aller Dinge überaus berechtigt scheinende Hoffnung, daß finis Niederschönenfeld jetzt doch nicht mehr lange dauern wird. Meine „Drehscheibe“ für die Genossen läuft mit Sicht Weihnachten – und zwar schon seit Wochen. Ich habe garkeinen Anlaß, ihr einen länger funktionierenden Motor einzubauen; im Gegenteil – der meine wird voraussichtlich nicht bis zum Ende laufen müssen. Zeit wärs. Gestern war Saubers Frau zu Besuch da. Er kam überhaupt nicht mehr wieder herauf. Dabei sind die Nerven des Mannes vollständig ruiniert und er hat nicht die Gabe, sich mit ruhigem Humor in die Lage zu finden. Nun, diese letzten Wochen hier werden sich besonders tief ins Gedächtnis prägen. Und das ist gut so.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 24. Oktober 1923.

Heute mittag ist uns keine einzige Zeitung gegeben worden. Unsre letzten Neuigkeiten haben wir daher aus den wenigen gestern abend – nur bayerischen – hergelangten Blättern. Unsre großen Hauspolitiker machen mir bei jeder neuen Zeitungsausgabe das Vergnügen den Sturz vom himmelhohen Jauchzen zum zu Tode-Betrübtsein oder den Aufstieg in umgekehrter Richtung zu verulken. Es ist wahr: wenn das was die Gazetten schreiben, alles Wahrheit wäre, und wenn anders das, was schon an Wahrheit drin steht, die ganze Wahrheit wäre und wenn überdies wir hier die Organe aller politischen Richtungen ungesichtet in die Hände bekämen und nicht nur eine nach den politischen Bedürfnissen der bayerischen Kahryatiden getroffene Auswahl, dann dürften wir manchmal recht verzweifelt in Gegenwart und Zukunft schauen. Aber wenn mir aus mehreren Dutzend Zeitungen grade zwei besonders bayerisch-regierungsgefällige herausgesucht werden, die ich lesen darf und bekomme aus diesen beiden Zeitungsnummern einen schlechteren Eindruck von der Gesamtsituation als ich ihn mir wünschte, so tröste ich mich mit den mehreren Dutzend mir vorenthaltener Blätter und denke mir, sie wären mir kaum vorenthalten worden, wenn auch ihr Inhalt mich pessimistisch stimmen müßte. Und noch etwas. Von allzu großen Erwartungen auf die Arbeiterschaft Deutschlands habe ich mich, glaube ich, von Anfang an freigehalten, vor allem habe ich den Eintritt von Parteikommunisten in die sächsische und thüringische Regierung ganz gewiß niemals als eine Garantie dafür betrachtet, daß das Proletariat nun seine Politik treiben werde oder nur könnte, wenn ich auch durch die jammervolle Schlappheit aller auf Führer vertrauenden Arbeiterorganisationen immer von neuem überrascht und betrübt werde. Was aus den gestern ausgegebenen Zeitungen als Tatsachen angesehn werden kann, ist einmal, daß die Reichswehrverstärkungen tatsächlich in Sachsen eingerückt sind und zunächst Leipzig mit Infanterie, Kavallerie und Artillerie besetzt haben. Von da soll es nach Chemnitz und anderswohin gehn, um „Ruhe und Ordnung wiederherzustellen“, während zugleich sogar bürgerliche sächsische Blätter gegen die Tatarenmeldungen über ein Tohuwabohu in Sachsen protestieren. Vorläufig wissen wir allerdings weder, ob die Truppen mit der Eisenbahn befördert worden sind oder ohne Inanspruchnahme ziviler Arbeiterschaft nach Sachsen dirigiert wurden, ob das Proletariat der beteiligten Gebiete und des übrigen Deutschlands es sich wirklich auf die Dauer ruhig gefallen lassen wird, daß man die Nationalisten allerorts hätschelt und die Sozialisten als quantité négligeable behandelt, – und ob die Zeigner-Böttcher-Regierung selbst – wofür freilich verschiedene Anzeichen sprechen – sich den hanebüchensten Vergewaltigungen der Reichsregierung bescheiden unterwirft und die ihr vertrauende Arbeiterschaft von jeder Abwehr zurückbremst. Bis jetzt ist ein Urteil über die sächsische Angelegenheit noch kaum möglich, da wir nicht wissen, welche Aktionen die Arbeiter beschlossen beziehungsweise eingeleitet haben. Gegen die Annahme, sie werde Sachsen in völliger Passivität seinem Schicksal überlassen, spricht die Meldung, daß in Berlin scharfe Maßregeln zur Säuberung der sozialdemokratischen Partei von der Funktionärssitzung über die Köpfe der Führer weg beschlossen wurden. Der Berliner Vorstand wurde mit lauter Oppositionsleuten neu besetzt, Stampfers Austritt aus der Vorwärtsredaktion verfügt, weil er die Politik der Reichswehrleitung gegen Zeigner gestützt habe (Stampfer bestritt das und behauptete, Zeigner habe den Vorwärts selbst gebeten, die Angriffe auf die Reichswehr einzustellen. Hier ist die Ursache des plötzlich unter meinen Freunden erkennbaren Pessimismus), ferner gefordert, daß im Falle eines Einschreitens gegen Sachsen die sozialdemokratischen Minister sofort aus der Reichsregierung auszutreten hätten. Wie weit die Macht der Berliner Funktionäre reicht, ist für unsereinen nicht zu übersehn, aber man wird ja erfahren, was nun angesichts der eingeleiteten Operation des Militärs geschehn wird und ob man der Arbeiterschaft wirklich einreden kann, der Einmarsch bedeutender Truppenformationen in Sachsen bedeute keine Exekutivmaßnahme des Reichs gegen das Land, oder gar, wegen Bayern müsse man in Sachsen stille halten, sonst würde die Einheit des Reichs gefährdet. Wessen Hirn noch nicht völlig von offiziösen Phrasen verschmiert ist, der sieht das klare Gegenteil: die bayerische Angelegenheit ist nur deshalb so fatal, weil sie die in Sachsen eingeleitete General-Offensive des Kapitals gegen das revolutionäre Proletariat stört. Aber trotz aller bayerischen Herausforderungen versucht man doch, die Sache in irgendeiner Form aus der Welt zu diskurieren, um die bayerische Hilfe gegen das sächsische Proletariat zu gewinnen. Darauf läßt alles schließen, was man über die Fortentwicklung des bayerischen Konflikts liest. Die bürgerlichen Mittelparteien Bayerns (Demokraten und Deutsche Volkspartei, Richtung Schoch) flehen Reichs- und bayerische Regierung winselnd an, sie möchten sich doch um Gottes willen vertragen. Herr Hieber, der Württembergische Staatspräsident beruft den Reichsrat ein, der die Geschichte irgendwie überkleistern soll, Stresemann selbst aber läßt in seiner „Zeit“ verkünden, daß man jeden Weg gehn muß, um zur Einigung zu gelangen und nennt sogar selbst den als möglich, der in Bayern von Anfang an als Verhandlungsbasis gefordert wurde – in der Überzeugung, daß er überhaupt nicht gangbar ist: nämlich die Abänderung der Weimarer Verfassung im Sinne der partikularistischen Ansprüche Bayerns. Daß eine derartige Reform der Verfassung, die die Abänderung weit über die Reservatrecht-Konzessionen des Bismarckwerks hinaus beanspruchen würde, bei der abergläubischen Unitaristerei aller deutschen Parteien außer der kirchenpolitisch geschulten, niemals auf legalem Wege zustande kommen wird, weiß Herr Dr. Stresemann gewiß so gut wie ich. Man scheint also schon bereit zu sein, sich Bayern auch unter Preisgabe der Legalität dieser Selbstkastration zu unterwerfen, und anzuerkennen, was die Münchner Garnison in ihrem Treueid am Montag anerkannt hat, daß die bayerische Staatsregierung die „Treuhänderin des deutschen Volks bis zur Wiederherstellung des Einvernehmens zwischen Bayern und Reich“ sei. Mit dieser komischen Phrase wird jetzt der Burgfriede zwischen den weißblauen und den schwarzweißroten Frondeuren gegen das Reich gekleistert, und es ist rührend, im Bayerischen Kurier nicht ein Wort gegen den Völkischen Beobachter, gegen Hitler oder gegen Ludendorff zu finden. Alles wird auf den Eindruck hin arrangiert, als ob in Bayern selbst nicht die geringste Meinungsverschiedenheit über das Theaterstück bestehe. Aber daß dem nicht so ist, ja daß sogar bis in konservative Reichswehrkreise die Begeisterung nicht so ganz einmütig ist, zeigt der Rücktritt Kreß von Kressensteins, zeigen die angstvollen Erklärungen der der Industrie nahestehenden Parteien, zeigt ein Blick ins Münchner Stinnesorgan, die Neuesten Nachrichten, die sonst das Maul nicht voll genug nehmen können und jetzt alle Nachrichten über den Konflikt, bayerische und Reichserklärungen kommentarlos wiedergeben. Selbst die Kahrioten scheinen also nicht alle von dem Enderfolg der bayerischen Eigenartisten überzeugt zu sein. Aber selbst, wenn sie dem schlappen Reich gegenüber und der Passivität der Arbeiterschaft gegenüber (in München hört man kaum je noch etwas von Kommunisten; nur gestern, als berichtet werden konnte, daß man gleich 32 von ihnen bei einer Sitzung überraschte und festnahm; es ist also immer noch dasselbe: Die Proletarier lassen ihre „Führer“, die garnichts mit den Betrieben zu tun haben beraten bis entweder alle im Gefängnis sitzen oder der Kampf überhaupt verpaßt ist und trauen sich selbst keinen kleinsten eignen Entschluß zu), – selbst also, wenn die Kahr-Bayern sich völlig gegen alle Widersacher durchsetzen, so kann ihr Erfolg nicht bestehn, weil die preußischen Großdeutschen so sehr das Gegenteil von den bayerischen Föderalisten wollen, daß überhaupt nicht an eine Einigung bei der Erfolgsauswertung zu denken ist. Hier stehen 2 Weltanschauungen einander gegenüber, die katholische und protestantische, die kirchlichchristliche und die staatlichheidnische, die zentralistische und die föderalistische. Zudem aber hat die ganze Herrlichkeit bei beiden Richtungen die Einlösung gewisser Versprechungen zur Voraussetzung: da ist zunächst die „Wehrhaftmachung“, die – und hier hat sich speziell Kahr festgelegt – die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht bedingt. Ganz abgesehn davon, daß Arbeiterschaft und auch Bauernschaft sicher keineswegs auf neuen Militärdrill erpicht ist, wäre hier der Eingriff von außen und zwar in der Form der bewaffneten Intervention garnicht mehr zu bezweifeln. Zweitens aber müßte man, um sich treu zu bleiben, uns „Novemberverbrecher“ herankriegen, und da käme man diesmal nicht bloß mit uns ganz Linken davon, es müßten auch die Auer, Timm und Roßhaupter, die Gandorfer und seine Freunde und die bürgerlichen Pazifisten vorgeholt werden – und da glaube ich denn doch, daß sie sich schwer tun werden. Denn wenn es den Auerochsen selber ans Fell gehn soll, da wissen sie ja auch ihre Wahlkälber zu allarmieren, die sie, wie es scheint, in der gegenwärtigen Situation noch immer nicht zur Abwehr aufrufen zu wollen scheinen. Um die Tapferkeit des Auervaters nach einer andern Seite als gegen die Arbeiterschaft zu erwecken, reicht noch nicht einmal der Appell Stresemanns: „Im Kampf um die Erhaltung der Reichseinheit fordern wir alle Deutschen auf, den Erregern der Zwietracht entgegenzutreten im Kampf für das Einzige etc. etc., – für das Reich und die deutsche Einheit.“ – Jedenfalls ist nicht anzunehmen, daß das Ausbleiben unsrer Post heute auf Generalstreik in Bayern oder Reichssperre gegen Bayern zurückzuführen ist. Ich werde mich freuen, wenn die Tatsachen mich eines andern belehren sollten. – Aber auch ohne alle Illusionen sehe ich die Verhältnisse heute nicht im mindesten anders als gestern. Für die „Realpolitiker“, die das allgemeine Durcheinander, die absolute Auflösung aller geregelten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen immer noch mit Verordnungen, Beschwichtigungen, Verhaftungen, blauen Bohnen und Phrasen ordnen wollen, existiert keine Hoffnung mehr. Die Separation des Rheinlands scheint festes Ereignis zu sein. Der Dollar steht bei 50 Milliarden, die Not im Lande ist grenzenlos. Die Ausbeuter des Volks verzichten auf kein kapitalistisches Privileg und verlangen auf Grund ihres Besitzes an den natürlichen Produktionsmitteln den Gesamtertrag der deutschen Grundrente und die absolute Gewalt über sämtliche Arbeitskräfte des Reichs. Die Auslandsgläubiger des Staats verzichten ebensowenig auf irgendeinen Anspruch, den sie aufgrund des gewonnenen Krieges garantiert erhalten haben. Hunger, Verzweiflung, vollständigste Verelendung und Versklavung sind die Aussichten, die sich dem deutschen Volk nach allen Seiten in unmittelbarster Nähe auftun, – und jeder naivste Arbeiter sieht die Alternative, vor der er steht: sich willenlos in den Abgrund zu stürzen oder für Leben und Zukunft, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Die Furcht ums Leben ist bald kein Grund mehr, ihn vom Kampf abzuschrecken. Die Furcht vor dem Tode wird ihn im Gegenteil zum Kampf zwingen. Was diese endliche Notwendigkeit noch verzögert, ist die gesamte Führerschaft der Arbeiter, ist die Enthebung der Proletarier von eigner Verantwortlichkeit durch die Einrichtung der beamteten Vormünder, ist die Erziehung des deutschen Proletariats durch die Sozialdemokratie bis 1914 und die Nachäffung der ganzen organisatorischen Einrichtungen der Sozialdemokratie durch die Kommunisten seit 1919/20. Was aber die Entwicklung der Dinge ungeheuer beschleunigt, ist die Unfähigkeit und Hilflosigkeit der Reichslenker und die gewalttätige Dummheit der Bayern, die beide mit jedem Versuch, die drohende Katastrophe aufzuhalten, ihren Eintritt beschleunigen und ihre Intensität steigern. Stellt man mich noch vorher an die Wand – was leicht passieren kann; wenn in Bayerns Eigenart die Stützen brechen, dann wird in Niederschönenfeld der Geiselmord fällig –, dann sterbe ich ohne Sorge um die Aussichten der Revolution. Wenn ihre Zeit gekommen ist, kommt Sturm und Sintflut. Kleine Barometerschwankungen irritieren den Metereologen, aber nicht das Wetter.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 25. Oktober 1923.

Wenig Neues und nichts, was mein Urteil ändern könnte. Zwar steht jetzt fest, daß der Einmarsch in Sachsen mit 4 Divisionen (die wohl mindestens den vierten Teil der gesamten Militärmacht des Reichs, das wären 25 000 Mann stark sind) erfolgt und vorerst von den Arbeitern unbeantwortet, von der Zeigner-kommunistischen Regierung mit einem lahmen Protest hingenommen ist, – doch sind daraus keine Rückschlüsse für den weiteren Verlauf zu ziehn. Mindestens bezweifle ich noch, daß die Durchführung der Absichten der Reichsregierung und besonders des schneidigen Generals Müller, in Sachsen und Thüringen eine Arbeitermetzelei im Stil der Münchener „Befreiung“ 1919 zu veranstalten, von der deutschen Gesamtarbeiterschaft zugelassen würde. Daß die Absicht bestand, ist aus den Erlassen Müllers und der Pressehetze gegen Sachsen, die sich ganz an die Tatarenmethoden von dazumal gegen uns hielt, klarstens zu erkennen. Es fragt sich aber jetzt, ob nicht der bayerische Konflikt Herrn v. Seekt dazu bestimmt, sich in Sachsen nach Möglichkeit auf die Demonstration zu beschränken, zumal aller Anschein dafür spricht, als ob die zuvor bekundete Absicht, die Auflösung und Entwaffnung der Hundertschaften der Landes- und Schutzpolizei zu überlassen, nicht durchführbar ist, weil die Polizei regierungstreu und demnach mit der Arbeiterschaft Sachsens solidarisch ist, solange bis sie von der sächsischen Regierung selbst verraten wird (welche Eventualität mir nicht wegen Zeigners und seiner Mitarbeiter Charakter möglich scheint, sondern wegen der traurigen Erkenntnis, daß die Verhältnisse stärker sind als die Personen, die sie nicht selber geschaffen haben und daß im kapitalistischen Staat nicht anders als kapitalistisch und daher im entscheidenden Fall antiproletarisch regiert werden kann). Über die Beschlüsse der sächsisch-thüringischen Regierungen und der Arbeiter in ganz Deutschland wissen wir Dank der regen Zensurtätigkeit im Hause fast nichts. Nur von einer Rede Zeigners erhielten wir einen Auszug, und da ist wirklich die Naivität doch auch dieses Mannes erstaunlich. Ein Reichsminister hat ihn nämlich über den Einmarsch der Truppen beruhigt und ihm versichert, daß die im Grunde garnichts gegen die Sachsen im Sinne haben, sondern im Gegenteil die Aufgabe hätten, die sächsisch-thüringischen Grenzen gegen Bayern zu schützen. Danach kam dann der Einmarsch und Müllers Proklamationen, die dem Ministerpräsidenten die Augen öffneten. Der Einmarsch selbst ging glatt und schnell vonstatten. Die Bevölkerung scheint überall in verbittertem Schweigen dem Vorbeimarsch zugesehn zu haben. Nur in Meißen wurde Kavallerie beschossen und es gab, wie es scheint, einen Begrüßungskrach. Amüsant ist, daß die bayerische Regierungspresse die Besetzung Sachsens ebenso kommentiert wie Zeigner, der den Schwindel jetzt begriffen hat und gegen die Täuschung protestiert, sie ursprünglich verstand: als Aufmarsch gegen Bayern. Besonders, daß im Raume von Hof württembergische Reichswehr zusammengezogen ist (die der Karte nach übrigens nur durch bayerisches Gebiet dorthin befördert sein kann), regt den „Fränkischen Kurier“ schwer auf. Eine Thüringer Meldung besagt, daß man dort Landespolizei an die bayerische Grenze gelegt hat und nach der „Frankfurter Zeitung“ sollen umgekehrt Hitlersche Sturmabteilungen als „Grenzschutz“ nach dem Norden Bayerns abgegangen sein. Die beiden Konfliktsfälle Bayern und Sachsen-Thüringen spielen somit überall in einander, und wenn wir auch zunächst nur die offenbare Tatsache sehn, daß die Reichsexekutive, die nicht so genannt sein will, ihre Energietaten bis jetzt bloß gegen die Länder kehrt, wo Arbeiteransprüche laut werden, mit dem Lande aber, das in offener Unbotmäßigkeit ihre Regierung als „Treuhänderin des deutschen Volks“ proklamiert, alle andern Deutschen nichtdeutsch und „marxistisch“ heißt und einem meuternden General die bewaffnete Macht überträgt, in ängstliche Kompromißverhandlungen tritt, – so scheint doch die bayerische Fronde in Berlin auf stärkeren Widerstand zu stoßen, als den Berlinern selbst erwünscht sein mag. Gestern soll der Reichsrat die Sache zu regeln versucht haben. Ich glaube nicht an einen Erfolg, da Herr v. Lossow selbst eine so provozierende Proklamation erlassen hat, daß dadurch jeder Rückweg abgeschnitten zu sein scheint. Er haut da auf die Marxisten los und bläht sich als eigentlicher Politikmacher auf, nachdem doch grade Kahr und Knilling den Standpunkt vertreten haben, daß man dem General keine politischen Befehle hätte erteilen dürfen und darauf den ganzen Streitfall vom Zaune gebrochen haben. Überhaupt ist die bayerische Haltung so widerspruchsvoll wie möglich. Als Kahr die Leitung übernahm, wurde ihm die Diktatur über alles übertragen, ausgenommen Justiz und Militär, und Lossows Gehorsamsverweigerung gegen Seekt bestand grade darin, daß er gleichwohl einen militärischen Befehl von der Entschließung des politischen Generalkommissars abhängig machte. Nun ergibt sich trotz alles Geschreis auch der norddeutschen Nationalisten zugunsten Kahrs und Lossows, daß Seekt alle übrigen Generale der Reichswehr bei der Stange hält. Sie haben ihm ein klares Vertrauensvotum übersandt, und auf ihr Verlangen hat, nachdem Lossow seinen Aufruf durch Funkspruch an die übrigen Teile der Reichswehr weitergab, nun die Meuterei der bewaffneten Macht auf ganz Deutschland zu übertragen, Geßler technische Anordnungen befohlen, die den Funkenverkehr der Reichswehr mit Bayern unterbinden sollen. Dies alles deutet darauf hin, daß eben das Militär im Reich nicht mit Bayern geht, und die Wahrscheinlichkeit bleibt mir die, daß die immer noch unbekannte Nollet-Note das Reich zwingt, auf Bayern starken Druck auszuüben. Daß hier Druck mit bewaffneter Macht ausgeübt werden soll, daran zweifle ich sehr. Aber die Abriegelung vom Verkehr halte ich für sehr möglich, falls Preger im Reichsrat nicht einen entscheidenden Rückzug antritt. – Die Nachrichten aus dem Rheinland zielen auf eine Beruhigung ab; sie sind derartig widerspruchsvoll, daß kein Bild zu gewinnen ist. Angeblich sind in Aachen, Mönchen-Gladbach, Bonn, Wiesbaden etc. die Separatisten wieder zurückgehauen worden, doch stehn diesen groß aufgemachten Siegesberichten andre Meldungen gegenüber, die ihren Erfolg auf der ganzen Linie ahnen lassen. Ganz zweifelhaft ist die Haltung Belgiens und Frankreichs, doch habe ich den Eindruck, als ob die von ihnen verkündete Neutralität auch mehr oder weniger beobachtet wird. Sei dem wie immer: die wirtschaftliche Not ist fürchterlich, und zum 1. November hat die Rhein- und Ruhrindustrie als Antwort auf die Einstellung der Geldsendungen die Schließung der Betriebe und die Ausstellung aller Arbeiter verhängt. Das ist die Verurteilung riesiger Volksteile zum Hungertode. Die Selbsthilfe der Bevölkerung ist unvermeidlich. Hungerkrawalle brechen ohnehin schon überall aus. In Berlin werden Tag für Tag Bäcker- und Fleischerläden gestürmt und in Hamburg gab es Besetzungen von Polizeistationen, Straßenschlachten und Barrikadenkämpfe. Der Dollar soll schon auf 90 Milliarden Mark stehn, und Angehörige eines unsrer Genossen schreiben, daß sie schon betteln gehn müssen, um einen Laib Brot zu erhalten. – Eine Eröffnung, die uns, während dieser Eintragung, nach der neuen Methode der Verlautbarungen in den Speisesaal berief, betraf eine Ministerialentschließung, laut der unsre Verköstigung nicht mehr mit der allgemeinen Notlage des Volkes in Einklang stehe, demnach die Verabreichung von Fleischspeisen nur noch dreimal wöchentlich zulässig sei, und auch die Wurst-Abendbrote jetzt stark eingeschränkt werden sollen (was mir überaus lieb ist). Ginge nicht Hand in Hand damit die Unterbindung unsres Rechts auf Empfang jeder Art von Nahrungsmittelsendungen, so wäre ich ganz damit einverstanden, daß die Verpflegung, sofern sie an Qualität und an Quantität genügt, vereinfacht wird. Die Behinderung von Bitten um Paketsendungen aber läßt den unangenehmen Verdacht nicht unterdrücken, daß nicht wirtschaftliche, sondern politische Gründe nach bald 5 Jahren Strafvollzugsrache deren Steigerung durch Festerschnüren des Hosengurts empfohlen haben. Aber die Symphonie hat schon mit dem Finale eingesetzt.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 26. Oktober 1923.

Aufregungen über Aufregungen. Unter den Genossen herrscht große Depression. Heute vormittag wurde Sauber unten die Zwangsjacke angelegt. Wir hörten ihn wimmern und stöhnend seine Bändiger beschimpfen. Nachdem er an den ersten beiden Tagen seiner Einzelhaft die Nerven völlig verloren hatte, war er seitdem recht still geworden. Gestern wurde nun seine Zelle durchsucht, und da er den Schlüssel zum Schrank nicht herausgab, die Säge angesetzt. Wahrscheinlich sind dabei Dinge gefunden worden, die zu Disziplinarverschärfungen Anlaß gaben. Heute früh wurde ein kurzer Krach zwischen Sauber und dem Personal gehört, – keinesfalls aber ein Tobsuchtsanfall, worauf die Zwangsjacke – wieder einmal lediglich als Disziplinarmittel – angelegt wurde. Ich bin selbst so erregt über die Tatsache selbst und über das Ächzen des Gequälten, daß ich kein kommentierendes Urteil in dieser Stimmung niederlegen will. – Zu der Eröffnung über die Beköstigung (bei der ich gestern vergaß, den künftigen Entzug des Nachmittag-Kaffees zu erwähnen) erfuhr ich von den im Dienst der Verwaltung arbeitenden Genossen, daß Herr Fetsch ihnen die Entschließung separat beim Holzschneiden verlas und die Bemerkung beifügte, das komme von dem letzten Mühsamschen Schreiben an den Reichstag. In dieser Eingabe war nämlich erwähnt, daß uns die Paketsendungen in dem Augenblick zum ersten Mal behindert würden, in dem die Hauskost sich in jeder Beziehung zu verschlechtern beginne. Nun hat zwar der Vorstand schon vor mehreren Wochen erklärt, daß unsre Unteroffizierskost demnächst auf Mannschaftskost reduziert würde – übrigens auch die gleiche Kost der ledigen Aufseher, die auch in der neuen Entschließung ausdrücklich genannt werden – aber die liebenswürdige Absicht, die Genossen gegen mich scharf zu machen, ist so offenkundig noch kaum je zutage getreten. Nur wurde sie natürlich sofort durchschaut und blieb wirkungslos – ausgenommen wahrscheinlich bei dem verbitterten und ergrimmten Daudistel, dessen Feindschaft aber ohnehin kaum mehr gesteigert werden konnte. Man kann aber sicher annehmen, daß die Erklärung auch den ledigen Aufsehern gegeben wurde, – und deren Empörung kann sich allerdings leicht einmal unangenehm in Erscheinung setzen. Sobald Kahrs Sturz perfekt ist – bis dahin ist uns selbstverständlich der Weg zum Reichstag versperrt, – werde ich die Wirkungen der bisherigen Eingaben – zu denen auch die systematische Beschneidung unsrer Hilfssendungen zu rechnen sind – in einer neuen Eingabe feststellen und mich dabei auf Herrn Fetsch berufen, wobei dann ja festgestellt werden kann, ob er aus eignem Antrieb oder auf höhere Weisung gehandelt hat. Ich glaube kaum, daß die Voraussetzungen für neue Eingaben noch lange auf sich warten lassen werden. Die Verhandlungen im Reichsrat sind allerdings garnicht zustande gekommen. Um den Bayern nichts Unerwünschtes zuzufügen, zog man es vor, eine Sitzung von Ministerpräsidenten und Gesandten an deren Stelle zu setzen. Im Reichsrat sitzen ja jetzt auch die kommunistischen Sachsen Böttcher und Heckert, und vielleicht war Zeigner nicht selbst in Berlin, mit dem an einem Tisch zu sitzen man Herrn Preger jedenfalls auch nicht gern zumutet. Stresemann hat zahllose Verbeugungen vor Bayern gemacht, dann aber so getan, als wenn das Reich bis an die äußerste Grenze des Entgegenkommens gekommen sei und weiterhin verfassungsmäßige Änderungen der Weimarer unitarischen Beeinträchtigungen der Landeshoheitsrechte in Aussicht gestellt. Übrigens hoffe er durch Aufhebung des Ausnahmezustands dem Konflikt überhaupt bald die Grundlage entziehen zu können (ob er sich einbildet, Bayern werde auf Stresemanns Wunsch den Kahrzustand beenden?). Die tapferen deutschen Minister haben dann einstimmig (also mit Preger) eine Entschließung angenommen, die so mit Einerseits und Andrerseits garniert ist, daß ihre Annahme für alle möglich war und keinen verpflichtet. Der Fall selbst ist also an sich unverändert, kann aber durch ein neues Ereignis, das plötzlich eingetreten ist, sehr rasch in ein gänzlich verschiedenes Stadium gelangen. Vor ganz kurzem las ich eine offenbar garnicht verbürgte Nachricht, nach der die Franzosen den Pfälzer Behörden eine Willensäußerung darüber hätten zugehn lassen, daß angesichts der Vorgänge in Bayern die staatlichen Beziehungen der Pfalz neu geregelt werden müßten. Die Notiz war so wenig glaubhaft und überzeugend aufgemacht, daß ich sie für eine der bayerisch-nationalistischen Tartarenmeldungen hielt, mit denen die Kahriotenpresse über und über verschmiert ist. Zudem kam auch keine Bestätigung in irgendeinem andern Blatt (es sei denn, daß die vielen Zeitungskonfiskationen eben uns die Kenntnis entzogen). Nun kommt aber eine Meldung, die ganz merkwürdige Perspektiven eröffnet, und die bis jetzt in so widersprechenden Formen mitgeteilt wird, daß ein deutliches Bild noch garnicht zu gewinnen ist. Soviel steht allein fest: im Pfälzer Kreisrat hat der Vertreter der Rheinlandkommission, der französische Major Louis den Willen der Alliierten dahin ausgesprochen, daß die Pfalz als autonomer Staat weiterbestehen, und in bestimmter Weise als Kriegsschuldner haftbar bleiben soll. Begründet wird das mit den „beunruhigenden Ereignissen“ in Bayern. In einem Blatt wird die Kundgebung als Aufforderung hingestellt, anderswo als „Antrag“(?) und übereinstimmend wird nur erklärt, der Kreisrat habe eine Art Treugelöbnis (aber anscheinend nur fürs Reich) abgelegt, das wieder einmal als einstimmige Ablehnung des Antrags, das andre Mal als Unzuständigkeitserklärung des Kreisrats dargestellt wird. Interessanterweise hat diese Angelegenheit zu einem Austausch von Höflichkeitstelegrammen zwischen Knilling und Stresemann geführt, da die Reichsregierung erklärt hat, das Reich sei unter keinen Umständen mit einer Abänderung der staatlichen Verhältnisse der Pfalz einverstanden, auch nicht mit der Errichtung eines selbständigen Pfälzer Landes innerhalb des Reichs. Dies scheint aber die Lösung zu sein, mit der die Sozialdemokraten, an ihrer Spitze Johannes Hoffmann-Kaiserslautern Frankreich zu einer Einwilligung darein zu bewegen versucht haben, wenigstens einen eignen Pfälzer Staat bei Deutschland zu dulden. Die „Münchner Neuesten Nachrichten“, schon stets ein schäbiges Verleumderblatt übelster Sorte, verleumdet denn auch schon in der Überschrift über den ganzen Vorfall die „Sozialisten“ und stellt die Sache so dar, als ob diese „Sozialisten“ sich zuerst als „Hoch- und Landesverräter“ bemüht haben und den General de Metz dann erst für ihre Teufelei als Komplizen gewonnen hätten. Ich habe den starken Verdacht, daß hier eine Repressalie der Rheinlandkommission gegen Bayern einsetzt in einer Angelegenheit, die man der Öffentlichkeit vorenthält, und die sehr wahrscheinlich ebenso mit der Nollet-Note zusammenhängt wie die Kahrdiktatur und die Lossowmeuterei. Qui vivra verra. Der hier gegen Bayern geführte Schlag ist äußerst wuchtig. Es gibt nun zweierlei: entweder Kahr zieht gleich die Konsequenz abzutreten und eine Regierung übernimmt in Bayern die Leitung, die sich in die Reichspolitik einordnet, oder der bayerische Nationalismus zieht die andre Konsequenz und setzt mit Hilfe ihrer Freunde im übrigen Deutschland die Vertreibung der Reichsregierung und ihre Ersetzung durch eine nationale Diktatur durch, die den aktiven Widerstand gegen die Entente riskiert. Ich wünsche inbrünstig die letztere Konsequenz. Dann könnten wir singen: C’est la lutte finale!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 27. Oktober 1923

In meinem Schlußplädoyer vor dem Münchner Standgericht sagte ich, ich sähe den Tag voraus, in dem Herr Ministerpräsident Hoffmann, der sich an die abgehalfterten Mächte der Monarchie wende, um Revolutionäre von ihnen aburteilen zu lassen, selber an meiner Stelle sitzen werde und von diesen Mächten des Hochverrats beschuldigt ins Gefängnis geworfen werde. Jetzt ist es soweit, daß die bayerische Regierung gegen Hoffmann-Kaiserslautern die Anschuldigung des Hoch- und Landesverrats erhebt mit der gleichzeitigen Ankündigung, daß ihm die Aberkennung seiner Ämter als Abgeordneter des Reichstags und des Pfälzer Kreisrats und die Todesstrafe drohe. Zwar liegt dem Mann und seinen pfälzischen Parteigenossen sicherlich alles ferner als ein Einverständnis mit den Franzosen, und es ist völlig klar, daß er einfach den Versuch macht, den feststehenden Beschluß der Rheinlandkommission, aus der Pfalz einen autonomen Staat zu machen, zu dem Zugeständnis zu reduzieren, diesen Staat innerhalb des Deutschen Reichs bestehn zu lassen, – aber die bayerische Presse läßt sich den saftigen Brocken nicht entgehn, Hoffmann und die pfälzischen Sozialdemokraten, endlich die „Marxisten“ überhaupt (ich liebe Marx nicht, aber daß ihm diese liberalen Spießer dauernd als seine Brut angehängt werden, hat er denn doch nicht verdient) als die Urheber der ganzen Geschichte anzuprangern und damit den blöden deutschen Zeitungsabonnenten von einer Kritik der bayerischen Verstöße gegen die Reichsverfassung und die Reichseinheit zur Empörung gegen die Leute hinzulenken, ohne deren unitaristischen Aberglauben das schöne Werk von Weimar längst beim Teufel wäre. Kostbar ist die Haltung der übrigen Sozialdemokraten. Der „Vorwärts“ schmetterte zuerst voller Entzücken in die Welt hinaus, Hoffmanns Aktion sei die einzig mögliche Antwort auf die bayerischen Verfassungsbrüche, und von der Pfalz aus werde das deutsche Reich gerettet. Inzwischen erkannte man jedoch an der Tatsache, daß die von 3 Parteigenossen bestückte Reichsregierung ihren großen Bann gegen jede Änderung der staatlichen Verhältnisse auch innerhalb des Reichsgefüges schleuderte und schon fiel man um und beklagt jetzt die „Ungeschicklichkeit“ der Pfälzer Genossen, die neue Wirrnis und neue Gefahr über das Vaterland heraufbeschwöre. Die Münchner Post, feige und gesinnungslos wie stets, wenn der eigne hochnationalistische Charakter Anzweiflungen begegnet, plärrt die amtlich intonierte Melodie von Hoch- und Landesverrat mit, und Herr Sollmann versichert einem Ausfrager, die Verüber dieser Tat, mögen sie noch so guten Glaubens gehandelt haben, müßten energisch von den Rockschößen der sozialdemokratischen Partei abgeschüttelt werden. Der Fall ist aber erst im Werden. Gestern um 4 Uhr nachmittags, hatte der General de Metz verlangt, müsse sich der Kreisrat entschieden haben. Die Pfälzer Sozialdemokraten erklären ihrerseits, daß sie die Lostrennung von Bayern unter allen Umständen herbeiführen wollen und fordern die bürgerlichen Parteien auf, in ein Pfälzer Kabinett Hoffmann einzutreten. (Trotz allem Geschrei: ich halte es für gut möglich, daß wir am Montag lesen werden, sie hätten sich „auf den Boden der Tatsachen“ gestellt). Der General soll seinen festen Beschluß verkündet haben, die Autonomie einer überhaupt autonomen Pfälzer Republik durchzusetzen, da der bayerische Verfassungsbruch die Besatzungsmacht in der Pfalz zum Beteiligten in dem Konflikt mache, und so sieht denn alles danach aus, als ob diese zujüngst aufgestiegene Blase den überhitzten Kessel vollends zum Platzen bringen wird. Sich sein Bild von den Absichten der Rheinlandkommission zu machen, ist nicht einfach. Keinesfalls wird der Vorgang außerhalb der Separatistenaktionen im übrigen Rheinland betrachtet werden können. Da hatten zuerst die Sonderbündler offenbar doch übel abgeschnitten, und zwar waren die Gewerkschaften, die gegenüber den von Bayern und den gegen Sachsen unternommenen reaktionären Gewaltmaßnahmen gegen das Proletariat völlig hilflose Passivität übten, dort, wo es nicht um Arbeiterinteressen geht, sondern zwei Ausbeutertendenzen nationalistisch gegen einander zum Kampf antreten, überall diejenigen, die die Arbeitermassen für Stinnes und Stresemann gegen Loucheur, Schneider und Poincaré auf die Beine brachten, und wie 1914 streicheln sie sich auch jetzt wieder selbst mit dem Brögerschen Spruch, „daß Deutschlands ärmster Sohn auch sein getreuester war“. Die deutschen Industriegewaltigen aber lassen ihnen von ihren Über den Strich-Jungen in der Presse die Kastanien, die sie ihnen aus dem Feuer geholt haben, mit Sprengstoff geladen an die Köpfe schmeißen. Der schlechte Ausgang der Aktion mag nun doch die Rechnung der Franzosen und Belgier einigermaßen durchkreuzt haben, sodaß nicht möglich ist, daß an einer Stelle ein fait accompli geschaffen werden soll, wozu sich die Pfalz deshalb eignet, weil jetzt Bayern durch die Priorität in der Auflösung der Reichseinheit den Rechtsvorwand abgibt, noch dazu sehr wahrscheinlich auch durch Nichtbefolgung der Entwaffnungsnote Nollets für die offene Auflehnung gegen Siegerbefehle gestraft werden soll. (Je mehr ich drüber nachdenke, umso sicherer wird mir die Annahme, daß diese geheimnisvolle Note bei allen Vorgängen der letzten Wochen einen Hauptanteil hat: auch beim Reichswehrheldenzug nach Sachsen und Thüringen, da wahrscheinlich außer dem Verlangen nach Auflösung und Entwaffnung der bayerischen Kampfverbände und Sturmtrupps auch die proletarischen Hundertschaften von Herrn Nollet proskribiert worden sind). Zu dieser Annahme stimmen die Nachrichten, die nun ganz zuletzt wieder aus Aachen, Mönchen-Gladbach, Düren, Koblenz, Wiesbaden etc. kommen, die samt und sonders von neuen erfolgreichen Vorstößen der Sonderbündler berichten und fast alle die Anklage enthalten, daß das französische und belgische Militär aus seiner Neutralität zu einer kaum verhüllten Unterstützung der Separatisten übergegangen sei. Man muß zwar alle Nachrichten von dort außerordentlich zweifelnd aufnehmen, da sie ganz und gar nach den Wünschen der Fabrikbesitzer der öffentlichen Meinung aufgemacht sind, trotzdem ist aus mancherlei Anzeichen zu erkennen, daß die Westmächte eine Klärung erzwingen wollen, da ihren Unternehmern die Verzögerung einer wirtschaftlichen Unterstellung der Kohlen- und Koksproduktion im Ruhrgebiet unter die Stahlproduktion im Minettegebiet zu lange dauert. Dazu stimmen auch die politischen Ereignisse der letzten Tage. Die Versuche der Stinnes, Klöckner und Genossen, mit den französischen Behörden zu einem Ausgleich zu kommen, wurden zurückgewiesen (weil Herr Schneider in Creuzot dabei nicht zu seinen 60 % käme). Die Streseeunuchen haben eine neue Note an die Reparationskommission gerichtet, worin sie erklären, sie möchten gern die seit Januar eingestellten Sachlieferungen wieder aufnehmen, wissen aber nicht, wie sie sie finanzieren sollen und bitten um Feststellung der deutschen Leistungsfähigkeit gemäß Art. 234 des Versailler Vertrags, um daraufhin Nachlässe bewilligt zu kriegen. Nun steht aber in diesem Artikel – ich habe ihn eben aufgeschlagen –, daß die Kommission ohne besondere Ermächtigung der verschiedenen in ihr vertretenen Regierungen auf keinen Betrag verzichten kann; – und alle Zitate aus französischen Blättern, den offiziösen eingeschlossen, zeigen, daß man in Frankreich nicht dran denkt, derartige Ermächtigungen zu gewähren. Das Geheul der Deutschen über die Brutalität der Franzosen ist furchtbar dumm und auch unehrlich. Wer mit dem Prinzip der Machtstaatlichkeit übereinstimmt, muß die Konsequenzen dieses Prinzips auf sich nehmen, auch wenn sie sich gegen ihn richten. Wer aber von einem Sieger in einem machtstaatlichen Kampf verlangt, er solle im Augenblick, wo der Sieg für ihn entschieden ist, auf dessen Früchte verzichten, und er soll nicht so gemein sein, seine Ansprüche zu diktieren, – der sollte kein Brest-Litowsk und Bukarest hinter sich haben, nicht einmal einen Frankfurter Frieden. Die Entrüstung über die Siegerpraktiken der Franzosen müßten die Patrioten, wenn sie ehrlich wären, schon uns Internationalisten überlassen, die wir ein Werk schön oder häßlich finden, gleichviel wer es verrichtet. – Während nun in Deutschland die Folgen all dieser chaotischen und ganz unlösbaren politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sich überall steigernd in Aufständen, Teilrevolten, Streiks, Plünderungen, Erregungen auszuwirken beginnen, während in Hamburg eine in großem Stil angelegte Erhebung blutig niedergeschlagen wird, während die „sozialistischen“ Parteien und Gewerkschaften allüberall sich als die ärgsten Volksbetrüger und -verräter erweisen und den hungernden Arbeitern täglich zugunsten der Bourgeoisie in den Arm fallen, – hat Herr v. Kahr in Bayern die Rettung aus allem Ungemach in einem einfachen Mittel gefunden, das er einem Ausfrager anvertraut hat. Das Reich muß den Einzelländern freie Entwicklung lassen und darf nicht dulden, daß Sachsens Ministerpräsident Zeigner ist. – So sind sie, die deutschen Politikmacher, und so sind sie, die deutschen Zeitungsleser, daß sie solche Weisheiten (ich habe sie nur zum Extrakt konzentriert, ihren Inhalt keineswegs entstellt) aussprechen und hinnehmen. Schon aber muß der Reichskanzler auch von Bayern erfahren, daß sein Kabinett durch die Parteigenossenschaft von 3 Mitgliedern mit Herrn Hoffmann-Kaiserslautern überhaupt unmöglich ist. Und dabei sind sie ja so zahm! Man braucht bloß die Berichte vom Kottbuser Sondergerichtsprozeß gegen die Küstriner Putschisten zu lesen (die aber nur zum geringsten Teil veröffentlich werden dürfen), dann weiß man genug, und da Radbruch gegen die Hamburger Arbeiter auch bereits ein Ausnahmegericht bewilligt hat, wird man sehr bald vergleichen dürfen, wie Nationalisten, die die Hohenzollern wieder einsetzen wollen, geschont werden, und wie Proleten, die das fürchterlichste Elend auf die Barrikaden treibt, nicht geschont werden: „Marxisten“! – Zu retten ist natürlich nichts mehr an „Ruhe und Ordnung“ in diesem kapitalistischen Deutschland, auch dann nicht, wenn überall die Böttchers, Brandlers und Korschs in die kapitalistischen Regierungen hineingehn und sich „Arbeiterregierung“ nennen. Nun versuchts der südafrikanische General Smuts Europa aufzubügeln. Er verlangt eine Weltkonferenz, die alle Beziehungen neu regeln soll, und allem Anschein nach wird diese Konferenz, für die England sich ins Zeug legt, und der die Vereinigten Staaten trotz der Monroe-Doktrin gewogen sein sollen, zustandekommen. Es kann nichts besseres dabei herauskommen als in Versailles, nichts besseres als allenfalls ein neuer ständiger Betrüger-Konzern à la Völkerbund. Der Knoten ist zu dick und zu hoffnungslos vermuddelt: auch Alexanders Schwert ist nicht mehr scharf genug, ihn zu zerhauen. Er muß gesprengt werden. Er wird gesprengt werden. Die proletarische Weltrevolution wird ihn sprengen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 28. Oktober 1923.

Ohne neue Nachrichten seit gestern mittag. Daher ganz kurz ein paar Ergänzungen, die gestern zu kurz kamen. Die wichtigste davon ist der in den sächsischen Montanwerken ausgebrochene Braunkohlenarbeiterstreik, der nicht nur mit wirtschaftlichen Forderungen gestützt wird, sondern sich ausdrücklich auch gegen die Reichswehrexekutive in Sachsen wendet. Hier liegen Möglichkeiten zu großen Weiterungen. Ferner ist noch ein Wort zu dem Beschluß der Ministerpräsidenten zu sagen, der sich bei sorgfältigerer Lektüre da doch deutlich gegen Bayern wendet. Stresemann hatte erklärt, die Berufung Kahrs zum Generalstaatskommissar hätte die Rechtsputschisten im übrigen Reich zu der Ansicht verleiten können, daß auch ihre Stunde gekommen sei, und die Ministerpräsidenten erklärten in ihrer Entschließung ihre Solidarität mit der Reichsregierung und wünschten in erster Reihe eine „Regelung der Personalfragen“, was nur heißen kann, daß Kahr weichen soll (denn, wenn sie auch zunächst nur Lossow gemeint haben sollten, so hängen doch diese beiden Rebellen zusammen wie siamesische Zwillinge). Endlich verlangen sie die Ersetzung des militärischen Belagerungszustands durch den zivilen, und Stresemann bekannte sich daraufhin zu der Auffassung, daß ihm die völlige Aufhebung des Ausnahmezustands noch viel erwünschter sei. Somit scheint die Alternative gegeben, daß entweder Bayern sich wieder ins Reichsganze einordnet, was ganz unwahrscheinlich ist, ohne daß von Berlin – etwa unter französischem Druck – kräftige Druckmittel angewendet werden, oder daß im Reich die Herren Hergt-Helfferich und Genossen die bayerischen Methoden zur Geltung bringen, d. h. die Regierung stürzen und unter Entfernung aller gesetzlichen Faktoren eine nationalistische Diktatur errichten. Ich wünsche diese Entscheidung, einmal weil die Herausarbeitung klarer Gegensätze immer den endgiltigen Lösungen von Problemen günstiger ist, zweitens, weil ich der Überzeugung bin, daß dann die endgiltige Lösung in schnellstem Tempo und zwar zu Gunsten der Arbeiterschaft bewirkt werden muß. Ich gehöre nicht zu denen, die dabei alle Hoffnung resigniert auf die Siegermächte setzen, sondern ich denke und hoffe, daß eine solche Entwicklung auch ein Proletariat zur Aktion treiben würde, das sich bis jetzt von bezahlten Bürokraten der gewerkschaftlichen Organisationen und der Parteien mit demokratischen Schlagworten immer noch hat bremsen lassen. Wahrscheinlich würde die Entente übrigens auch zunächst abwarten, ob sich nicht in Deutschland selbst Widerstand erhebt, wenn auch mit dem Vorgehn der Herren de Metz und Louis für eine Einmischung in innere Verhältnisse Deutschlands der Präzedenzfall geschaffen ist, und zwar, was meiner Auffassung, die ich seit jeher gegenüber der nach dem Schema: hier Kapitalisten – hier Proleten – urteilenden Genossen vertrat, unzweifelhaft recht gibt, gegen die Nationalisten. Falls allerdings das deutsche Volk wie das bayerische seit 1920 ein Kahr-Regime im ganzen Reich ruhig hinnehmen sollte, würden sich zweifellos binnen kurzem äußere Konflikte ergeben, die mit widerstandsloser Unterwerfung oder mit einem Aufgebot Muster 1813 – einem im gegenwärtigen Zeitpunkt gänzlich aussichtslosen Unternehmen – enden würde. Denn Deutschnationale und Bayerische Kahrioten sind absolut festgelegt auf eine Politik, für die sie sich stets öffentlich verbürgt haben: nämlich Nichtigkeitserklärung aller aus dem Versailler Vertrag bestehenden Verpflichtungen, „Wehrhaftmachung“ des deutschen Volks und offensive Abwehr der französischen Ansprüche. Sie würden also sehr schnell auf ultimative Befehle vom Westen reagieren müssen. Erfüllen sie sie, so können sie sich vor ihrem deutschen Anhang nicht eine Woche länger halten, verweigern sie sie, so treten Repressalien in Kraft, denen sie keinen Tag länger standzuhalten vermögen. Die nächste Frage betrifft die Pfalz. Vom Ausgang dieser Angelegenheit hängt wohl im Augenblick das Meiste ab. Ich unterhielt mich gestern mit Schwab über den Fall (gegen dessen Charakter ich ja allerlei Einwendungen zu machen Veranlassung habe, der aber unzweifelhaft ein gescheiter Kerl und selbständiger Kopf ist). Seine Ansicht möchte ich deswegen aufschreiben, um später vergleichen zu können, wem die Entwicklung recht gibt. Sie hat sicherlich große Chancen, gegen die meinige, die ich gleichwohl noch nicht ändere, zu bestehn. Er meint, Hoffmann denke im Ernst garnicht daran, die Pfalz von Bayern zu lösen. Sein Vorstoß erfolge nicht etwa infolge der Louisschen Forderungen, sondern habe die Priorität, und die Rheinlandkommission verfolge grade den Zweck, ihm durch ihre extreme Autonomie-Forderung den Rücken zu steifen. Hoffmann wolle die Bayern und zugleich das Reich vor die Entscheidung stellen, indem er verlangt: entweder Bayern gibt nach und stellt verfassungsmäßige Zustände her, indem es sich der allgemeinen deutschen Politik einordnet, oder wir machen einen eignen Laden auf. Dem französischen Verlangen auf gänzliche Abtrennung werde er – und hier stimme ich mit Schwab überein – den allerschroffsten Widerstand entgegensetzen. Im übrigen glaubt Schwab überhaupt nicht an ein putschistisches Vorgehn Hoffmanns, sondern rechnet mit einer der Weimarer Verfassung entsprechenden Aktion in Form eines Plebiszits, was mir aber den bisher unternommenen Schritten nicht zu entsprechen scheint. Wir werden sehn, da sich Herr Hoffmann im Reichstag, der diese Woche zusammentreten soll, ja zweifellos rechtfertigen wird. – Endlich bleibt ein Leitartikel zu erwähnen, in dem sich die „Frankfurter Zeitung“ mit der Haltung der Kommunisten beschäftigt. Da man dort hervorragend gut informiert zu sein scheint, gewährt der Artikel die interessantesten Einblicke in die unerquicklichste Episode der gegenwärtigen deutschen Arbeitergeschichte. Meine Vermutung, daß die kommunistische Beteiligung an den Regierungen in Sachsen und Thüringen sowohl bei den proletarischen Parteikommunisten als auch in Moskau mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet wird, erweist sich als richtig, und allem Anschein nach wird sich da bald allerlei ändern. Gleichwohl halte ich alle Vorwürfe für falsch, die der KP gemacht werden, soweit sie sich auf die Ministereinsetzungen beziehn. Die Vorwürfe haben bei den Parolen zu beginnen, mit denen die Arbeiter – sei es auf Moskauer Weisung, sei es aus eigner Weisheit, umschmeichelt wurden, ehe es soweit kam. Man hat ihnen seit Jahr und Tag weisgemacht, eine Arbeiterregierung bringe alles Heil, dadurch hat man die sächsischen Arbeiter direkt dazu gehetzt, den Eintritt von Kommunisten in die sächsischen und thüringischen Regierungen zu verlangen, und diesen Forderungen konnte man sich nicht mehr entziehn. Jetzt erwarten die geprellten Proleten von den Ministern kapitalistischer Staaten die ja ihre Parteigenossen sind, Hilfe und Taten und der Bankrott der gesamten opportunistischen Taktik wird offenbar. Wenn die deutschen Arbeiter daraus lernen sollten, wie ihnen nicht geholfen werden kann, dann ist dieser Verlauf zu begrüßen. Denn sie werden dann auch wissen, wie sie es besser machen können, vielleicht sogar, daß Parteien sie immer in den Sumpf führen müssen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 29. Oktober 1923.

In der Pfalz ist Abfall und Revolution plötzlich von der Tagesordnung abgesetzt worden. Die Sozialdemokraten erklären, was sie gewollt haben: es stimmt genau mit meiner Annahme überein. Sie wollten in einem Moment, wo die Separatistenbewegung im gesamten Rheinland aufs Ganze gehe und wo die Kahr-Knilling-Lossow-Politik in Bayern den Pfälzern jedes Vergnügen an bayerischen Verwaltungsmethoden benahm, mit der Separation des Landes innerhalb des Deutschen Reichs retten, was zu retten sei. Da sie hingegen bei keiner bürgerlichen Partei auf Gegenliebe stießen, haben sie jetzt ihren Antrag zurückgezogen und überlassen den übrigen Patrioten die Verantwortung für alle Folgen, als welche sie die Separation und Angliederung an die rotweißgrüne Rheinlandrepublik unausgesprochen an die Wand malen. General de Metz hat daraufhin persönlich erklärt, dieser Entschluß der Herren Hoffmann, Klefoth und Wagner veranlasse ihn, auch seinerseits den Zustand von Montag voriger Woche als unverändert anzuerkennen und zu versichern, daß er, wie er es im Laufe von 5 Jahren gehalten habe, sich nicht in die Politik Deutschlands einmischen wolle. Zugleich aber legte er bestimmte auf die Währung bezügliche Fragen zur Unterschrift vor, die auf die Schaffung neuen Geldes für die Pfalz hinauslaufen und schließlich die Verpflichtung für die Landwirte enthalten, die Lieferung von Kartoffeln für „falsches Geld“ (Papierwische des Reichs) zu verweigern. Tatsächlich haben die befragten Landwirte diese Erklärung unterzeichnet, die für die Konsumenten natürlich außerordentliche Gefahren für die Versorgung in sich schließt. Deshalb sind aber diese Leute bei den Journalisten keineswegs Verräter, ebensowenig der gesamte übrige Kreisrat, der die andern Vorschläge de Metz’ akzeptiert hat, während man sonst doch liest, daß schon das Verhandeln Verräterei und undeutsche Würdelosigkeit sei. Was die Patrioten nun erreicht haben, wird ja bald genug offenkundig am Tage liegen. Sie kriegen natürlich dasselbe „eigne“ Geld, wie das übrige Rheinland auch, statt der „Rentenmark“, deren erste Stücke eben ausgegeben wurden, und da jetzt alle Nachrichten darin übereinstimmen, daß die Sonderbündler nach den ersten Schlappen jetzt überall Erfolg haben (wobei es äußerst gleichgültig ist, ob mit oder ohne Hilfe der Besatzungstruppen) und daß man mit dem Trost von „örtlichen“ Ereignissen kein Geschäft mehr machen kann, so hilft auch das, daß man die völlig konstituierte Regierung in Anführungsstriche setzt und ihren Präsidenten Matthes mit dem stereotypen Beiwort „der Lump“ schmückt (ich hätte keinen Zweifel, daß diese Kennzeichnung stimmen kann, wenn sie nicht eben von der Presse aufgebracht wäre). So scheint die Preisgabe des „Landesverrats“ den Herren Hoffmann und Genossen (an der wohl das nachträgliche feige Kneifen ihrer außerpfälzischen Parteigenossen, besonders der rechtsbayerischen, den Hauptanteil hat) das Schicksal der Pfalz im Sinne der Herren Louis und de Metz zu besiegeln, denen sogar noch die hübsche Geste bleibt, ihr Desinteressement zu betonen. Den Reichsregierern und ihren Sozialdemokraten bleibt nun aber doch die Freude versagt, auf diese Weise eine „Entspannung“ zwischen Bayern und dem Reich und eine Verschleimung der Gegensätze zu erleben. Auf den Ministerpräsidentenbeschluß hin ließ Stresemann stolz verkünden, es seien bereits Verhandlungen zwischen den Berliner und Münchner Regierungen eingeleitet. Aber schon ließ Kahr ein Gegenpronunziamento hoch: er lehne mit der gegenwärtigen Reichsregierung durchaus jede Verhandlung ab und es sei durchaus nicht wahr, was Stresemann behauptet. Der sucht seine Rettung jetzt in dem Versuch, eine Diskrepanz zwischen Kahr und Knilling zu behaupten, denn verhandelt werde tatsächlich schon mit Herrn v. Preger. Zugleich nimmt aber die Knillingregierung grade Herrn v. Preger gegen den Verdacht in Schutz, er könne bei den Verhandlungen in Berlin zu schlapp aufgetreten sein. Das sei durchaus nicht der Fall, und bei der Abstimmung der Ministerpräsidenten sei er garnicht mehr dabei gewesen. Die Reichsregierung gibt nun amtlich einen Protest zum Besten, der sich heftig gegen Herrn von Kahr wendet, und mich soll nun wundern, ob Herr Stresemann wirklich das Knillingkabinett zum Bündnis gegen die Kahr-Hitlerei gewinnen wird, oder ob nicht endlich der Vorwurf der falschen Information der Öffentlichkeit schließlich wieder statt in München in Berlin hängen bleibt. – Inzwischen werden die Ereignisse in Sachsen immer aufregender. Die Bulletins des Generals Müller lesen sich genau wie die der deutschen Obersten Heeresleitung, als sie den Heldenzug in die Ukraine und nach Friedensschluß nach Rußland hinein vollführte und immer sicherer wird der Eindruck, daß die Reichswehr unter allen Umständen provozieren soll. Der Streik in den Braunkohlenbezirken scheint von den Gewerkschaften abgewürgt werden zu sollen, wie überall auch im übrigen Reich diese Bande der Arbeiterschaft in den Rücken fällt. Ihre eigenen Größen in Sachsen stehn unter der ständigen Bedrohung des Militärs. Die Sozialisten werden aus den Ämtern heraus verhaftet, in denen sie als Organe der Regierung amtieren, Zeigner läßt vergeblich öffentliche Proteste los, seine Parteigenossen aber und die Gewerkschafter sorgen für „Ruhe und Ordnung“, wo irgend das Unternehmertum gegen hungernde Proleten schießen lassen will, und ihr Oberbonze Ebert, der Taktvolle, depeschiert seinen innigen Dank der Schupo in Hamburg – die mit den „marxistischen“ Gewerkschaften im Bunde – ein entsetzliches Blutbad unter verzweifelten Arbeitern angerichtet hat. Sein Parteigenosse Sollmann erläßt Streikverbote für lebenswichtige Betriebe und amüsiert darin die Welt durch die Feststellung, daß es keinen lebenswichtigeren Betrieb gegen Streiks zu schützen gibt als die Notenpresse, deren ungeheure Produktivität es erreicht hat, daß der Liter Milch für einen Säugling 3 Milliarden Mark kostet. Aber so ist es deutsche Auffassung und niemand hat in dem Maße für deren Befestigung gewirkt als Sozialdemokratie und Gewerkschaften –, daß das Proletariat nur eine wichtige und seines Schweißes würdige Aufgabe hat: die Werke bei Kraft und Leben zu erhalten, zu stärken und zu vermehren, deren Betrieb dem Kapital die Ausbeutung, der Staatsmacht die physische Übermacht, der Bourgeoisie die Quellen des Reichtums und das Monopol über alle Güter am besten sichert. Erst dann ist Hoffnung auf Zusammenfassung der proletarischen Kräfte, wenn sie sich an den Stätten der Arbeit vereinigen und den ersten Schlag gegen die eignen Parteien und Bürokratieen führen – und zwar solchen Schlag, daß der ganze Apparat endgiltig zum Teufel geht.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 30. Oktober 1923.

Mit unheimlicher Rapidität treiben die Dinge der Katastrophe zu. Täglich sind neue Ereignisse da, die – mögen sie dem äußeren Anblick nach noch so unerwartet sein – doch immer genau in die Linie passen, die mir für die weitere Entwicklung in Deutschland gesteckt scheint. Kahr hatte bei einem Interview erklärt, seine Hauptforderung vom Reiche sei, daß in Sachsen die Regierung Zeigner beseitigt werden müsse. Ich habe das am letzten Sonnabend erst hier erwähnt. Die Stresemann-Regierung hat seinen Befehl bereits ausgeführt. Sie richtete an Zeigner ein Ultimatum mit der Forderung, die sächsische Regierung habe bis Sonntag abend zurückzutreten, sonst werde das Reich Ordnung zu schaffen wissen. Die Zeignerregierung lehnte ab, worauf der Taktvolle eine Verordnung erließ, die Zeigner und die übrigen Minister abgesetzt erklärt, einen Reichskommissar bevollmächtigt und dem die Auflösung auch jeder andern Behörde sowie die Auflösung des Landtags nebst Ausschreibung von Neuwahlen gestattet. Als dieser Kommissar wurde selbstverständlich wieder ein Parteigenosse Zeigners erwählt und bereit gefunden, Herr Schulze, der Amtsvorgänger Brandlers als Chef der sächsischen Staatskanzlei. So regiert denn jetzt in Sachen das Triumvirat: Müller, Meier, Schulze, und das sächsische Proletariat wird von ihnen zur Ader gelassen. Es ist kaum noch überraschend zu erfahren, daß das Reichskabinett den Beschluß gegen Sachsen, der die völlige Verzichtleistung auf das sonst so gepriesene Gerechtigkeitsprinzip der parlamentarischen Demokratie bedeutet, einstimmig also mit Einwilligung der 3 „Marxisten“ Radbruch, Sollmann und Schmidt gefaßt hat. Ja, es heißt, daß Radbruch und Sollmann zuerst in Dresden waren, um Zeigner einzuseifen, er möchte doch freiwillig zurücktreten. Hübsch ist, daß gleichzeitig, weil doch der Schein gewahrt werden soll, auch an Bayern eine Note der Reichsregierung gesandt wurde. Da wird nun keineswegs verlangt, daß die Regierung, die – und nicht zum ersten Mal – die Verfassung offen gebrochen hat, zurücktreten soll, da wird nicht einmal die Entfernung Kahrs gefordert, der die letzte Regierungserklärung mit einer Schulterbewegung zu einem Journalisten hin abtat, er habe besseres zu tun als sich mit einer Regierung in Zeitungsunterhaltungen einzulassen, die in ihrer Mitte Parteigenossen des Johannes Hoffmann dulde, – nein, da wird nur in höflicher Form ersucht, Bayern möge durch die Wiederherstellung der Einheit der Reichswehr verfassungsmäßige Formen schaffen, und diese bescheidene Forderung wird nicht befristet gestellt, sondern geduldig dem Belieben der Knillinge überlassen, ob und wann sie ihr Rechnung tragen mögen. Die demokratischen Esel haben noch stets geglaubt, Leisetreterei sei die sicherste Gangart um zu den schmackhaftesten Disteln zu gelangen. Daß ihnen die nationalistischen Brennnesseln dabei erst recht die Waden ritzen, begreifen sie trotz aller Erfahrungen nicht. Die Bayern werden sich jetzt erst recht hüten, auch nur äußerlich nachzugeben. Sie haben ja den Vergleich mit den nachgiebigen „Marxisten“ vor sich, gegen die jede Entschlossenheit riskiert wird und ihr eignes Beispiel: je mehr man fordert, je frecher man auftritt, um so kläglicher kriecht Berlin. Jetzt ist die Frage, ob die Arbeiterschaft noch immer nicht genug hat, ob sie nicht endlich über alles Ermessen, Erwägen und Bremsen der „verantwortlichen“ Partei- und Gewerkschaftsbeamten hinweg zur Tat schreitet. In Frankfurt ist Generalstreik beschlossen, und in Berlin wird stark nach solchen Beschlüssen gerufen. Aber leider ist es der Aberglaube unsrer Proleten, daß die Gewerkschaften zustimmen müssen und daß ohne sie nichts unternommen werden könne. Sie werden noch furchtbare Erfahrungen brauchen, um einzusehn, daß kein revolutionärer Akt, Streik oder Aufmarsch möglich ist, der nicht nur nicht ohne, sondern der nicht gegen die Leipart, Quessel, Bauer und Sassenbach geführt wird. Diese Bande wird stets versuchen, die Bewegung dann zu übernehmen, wenn sie sie nicht haben verhindern können, um sie dann von innen heraus abzuwürgen, was ihr leider in Deutschland noch stets bei großen und bei kleinen, bei Lohn- und bei politischen Bewegungen gelungen ist. Die Meldung, daß in Sachsen die Arbeiter die Munitions- und Dynamitbestände der Bergwerke herausgeholt haben, läßt immerhin die Hoffnung zu, daß man die Herausforderung nicht auch wieder völlig passiv hinnehmen wird. Die Haltung der rechten Sozialdemokratie ist für mein Empfinden besonders erfreulich, da hier wieder einmal die nackte Arbeiterfeindschaft wie sie unter Noskes Zepter so aufklärend zutage trat, ans helle Licht tritt. Ich möchte nur wünschen, daß die Stresemannregierung nicht garzu schnell gestürzt wird. Solange die Sozialdemokraten mitregieren, können die Arbeiter sie besser kontrollieren, als wenn sie vorspiegeln, daß sie in Reih und Glied mit dem Proletariat marschierten. – Die Kommunisten haben mit der Stresemannschen Politik ein Mordsglück. Hätte man sie als Minister in Sachsen einfach weiter wursteln lassen, so wäre ihre harmlose Oppositionsposse sehr bald allgemein erkennbar zutage getreten, und wenn die Berliner Regierer etwas politischen Blick gehabt hätten, so hätten sie Sachsen Sachsen sein und alle Energie gegen Bayern wenden müssen. Vor wirklicher Energie hätten die Knillinge genau so Leine gezogen wie die Stresemänner es schon vor dem Schein davon tun, Sachsen wäre ungemein brav geblieben und hätte die Hungernden lange Zeit die Beruhigungspastille lutschen lassen, daß ja ihre selbstgewählten Vertrauensleute dort für Ordnung und Ruhe sorgen müssen, denen man doch das Leben nicht sauer machen dürfe. Aber die Revolution hat keinen besseren Bundesgenossen und keinen besseren Freiwerber als die unglaubliche Dummheit derer, die sie verhüten wollen. – Es ist spät geworden, und ich muß, da das Briefporto von übermorgen ab statt 10 100 Millionen kostet (vom 5. November ab ist eine neue Erhöhung schon angekündigt) an meine Korrespondenz gehn, und die Erörterung über die außenpolitische Situation, die nicht ganz übergangen werden darf, aufschieben. Wie ich meine Briefe überhaupt noch länger werde erledigen können, wird immer zweifelhafter, und die Verwaltung sieht es unzweifelhaft darauf ab, uns auch nach dieser Richtung ganz lahmzulegen. Heute kamen 110 Milliarden zur Verteilung aus Leipzig an Luttners Adresse. Die Annahme wurde verweigert und es wird kaum möglich werden, den Absender davon zu verständigen, daß das kein Nichthabenwollen von uns bedeutet. – Die Frauenhilfe aber, die einzige Organisation, die für charitative Sendungen zugelassen wird, teilt uns mit, daß sie ihre Auflösung beschlossen hat. Sie wird nur noch eine Kommission zur Weitergabe von anderwärts gesammelten Gaben bestehn lassen. Aber selbst das ist unten unbeliebt. Eine Karte, in der die Frauenhilfe gebeten wurde, ein Zeitungsabonnement zu vermitteln, indem die Belegschaft irgendeines Betriebes dazu angeregt werde, kam „wegen Anknüpfung neuer Verbindungen“ zu den Akten. So wird es hier täglich ungemütlicher – das Essen ist tatsächlich schon ganz unzulänglich –, aber das ist leicht zu tragen in der Erwartung, daß wir kurz vor Sonnenaufgang stehn. Wie vor 5 Jahren wird der November Schicksalsmonat werden. – Inzwischen ist der Küstriner Putsch abgeurteilt worden. – Der Haupttäter Major Buchrucker bekam 10 Jahre Festung, die übrigen kurze Gefängnisstrafen und sind fast alle gleich auf freien Fuß gekommen. Die Herren Krupp und seine 3 Mitdirektoren aber haben einen Urlaub aus dem Gefängnis erhalten, und ihre eigne Presse erklärt dazu, sie brauchten kaum mehr ins Loch zurückgehn. Ja, die Franzosen sind Menschenfresser, – es leben die humanen Bajuwaren!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 31. Oktober 1923.

Jetzt habe ich die Zehnmillionen-Briefe aufgegeben – und kann die kurze Zeit, bis der Hof sich öffnet, noch ein paar Bemerkungen eintragen. In der Innenpolitik ist nach dem einzigen Blatt, das uns heute gegeben wurde, noch keine entscheidende Wendung zu erkennen. Für Sachsen ist nicht Herr Dr. Schulze, sondern Herr Dr. Heinze als Regierungsersatz vom Reiche bestellt worden, der bisherige Reichsjustizminister, der seine sächsische Gerechtigkeitspraxis damit begann, daß er den Herren Zeigner und Mitregierern ihre Verabschiedung mitteilte und die einzelnen Regierungsressorts allgemein der provisorischen Besorgung durch Herren übertrug, die nicht erst unter Zeigner, sondern schon teilweise unter Lipinski wegen reaktionärer Gesinnung ihre Posten hatten verlassen müssen. Sein militärischer Henkerskompagnon Müller geht inzwischen gegen die Arbeiter direkt aufs Ganze, provoziert sie aber zugleich auch auf politischem Boden. Das Kabinett Zeigner hatte in seiner ziemlich lahmen Erklärung, daß es sich Eberts Verordnung nicht fügen werde, erklärt, es werde sofort den sächsischen Landtag einberufen, damit der Beschluß fassen könne. Das hieß auf Deutsch: wir werden die Brücke bauen, auf der wir legal zurücktreten können, ohne uns dem Reichsbefehl zu unterwerfen. Denn die rechte Sozialdemokratie hätte zweifellos ein Vertrauensvotum für das Kabinett zu Fall gebracht, was dann den Rücktritt eo ipso bewirkt hätte. Aber eben das will man ja in Berlin nicht. Man will in Sachsen siegen, den Feind, das ist das Proletariat, auf die Kniee zwingen, um die ekelhafte Kläglichkeit gegen Bayern durch möglichste Brutalität gegen Sachsen aufzuwiegen. General Müller hat einfach bestimmt: bevor ihn nicht der Reichskommissar Heinze einberufen hat, tritt der Landtag nicht zusammen. Alles hängt jetzt davon ab, wie weit sich das Proletariat diese ungeheuerlichen Dinge gefallen lassen wird. Die sächsischen Arbeiterorganisationen geben einen ziemlich dürftigen Protest zum Besten: in Sachsen habe Ruhe und Ordnung geherrscht, solange das Reich sich nicht in die Dinge eingemischt und Militärgewalt habe eingreifen lassen. Das ist ganz richtig, auch daß die wenigen Hungerrevolten grade in Sachsen trotz der engbevölkerten Industriegegenden viel schwächer waren als im übrigen Reich. Aber warum sprechen diese Organisationen nicht aus, was jedes Kind sieht: daß man Sachsen, eben weil dort eine gewisse Einigkeit unter den Arbeitern erzielt war, als Operationsgebiet ausgesucht hat, um den Drang der Arbeiterschaft ganz Deutschlands, das furchtbare Elend loszuwerden, anstatt es nach den Plänen des Kapitals durch immer schroffere Gesetze zur Unterlage dauernder Zustände und unabsehbarer Ausbeutung werden zu lassen, an einer Stelle in einem Meer von Blut zu ersäufen. Die Konterrevolution war mal wieder schneller schlagfertig und schlagbereit als die Revolution, – die ja dank der marxistischen Doktrin auf die „Phasen“ zu warten hat, die die Bonzen mit immer demselben Resultat ausrechnen, daß sie noch nicht da seien. – Daß es immer noch Leute gibt, die die Haltung der Sozialdemokratie hierbei überrascht, ist erstaunlich. Radbruch, der mit Hilferding und Schmidt in Dresden war, um seinen Genossen dort den „Ernst der Lage“ vorzustellen, hat ja in seiner Naivität beim Antritt seiner ersten Justizministerlaufbahn in der Angelegenheit des Lichtenburger Hungerstreiks ausgesprochen, was ehrlicherweise alle seine Genossen sagen müßten: wir können doch nicht unsern geschworenen Feinden nachgeben! Das waren nämlich Arbeiter, und er sprach rechtens im Namen der Bourgeoisie. Die Herren sollen jetzt in Dresden mit der Spaltung ihrer Partei gedroht haben. Mag die kommen oder nicht, mag eine neue „Krise“ in der Reichsregierung kommen oder nicht, – auf die eine oder andre Art muß der Austrag der Klassengegensätze jetzt gewaltsam sich vollziehn. Wenn meine Wünsche in Erfüllung gehn, so müßte sich dazu erst noch in Berlin eine Regierung oder besser noch eine Diktatur Wulle oder Hergt oder Ludendorff etablieren und ganze Arbeit versuchen. Dann gibt es kein Parlamentieren und Paktieren mehr, denn gibt es nur das Eine: Kampf! Tausend Gründe sprechen dafür, daß ein solcher Kampf auf beiden Seiten eine Radikalisierung herbeiführen würde, bei der die Gewerkschafts- und Parteibürokratie unter die Räder kämen. Außerdem aber müßte endlich einmal auch das Ausland die Karten auflegen und zeigen, ob man wirklich Entwaffnung, Frieden, „Demokratische“ Bürgschaften etc. in Deutschland wünscht oder ob man das Militär dazu hält, für Stinnes und Schneider das Proletariat, wo es eignes Leben äußert totzuschlagen. Trifft das Zweite zu, so wäre die Aufklärung dieser Tatsache ein unfehlbares Moment, endlich auch die Proletariate der Siegerländer auf die Beine zu bringen, und das Wort „Weltrevolution“ hätte neue und aktuelle Bedeutung gewonnen. Vorerst will man in einer neuen Konferenz à la Genua die Reparationsfrage noch einmal überprüfen. Herr Curzon und Herr Coolidge sind halbwegs einer Meinung, während Herr Poincaré fürchtet, man wolle Deutschland gegen Frankreich stärken. Es wird nichts besseres aus alledem herauskommen als bei allen früheren Versuchen auch. – Über Bayern wäre wohl auch noch manches zu sagen, selbst auch darüber, daß für uns eine Aktion im Gange zu sein scheint. Es machen sich nämlich unter den Festungsgefangenen wieder allerlei Intriguen bemerkbar, wie stets, wenn die Reaktion ein Interesse daran hatte, uns öffentlich im Dreck herumzuwälzen. Sie richten sich schon wieder gegen mich und schließen an an die Fetsch’sche Bemerkung, die Verkürzung der Kost habe man mir zu danken. Da die Verwaltung erreicht hat, daß jetzt kaum mehr einer etwas zum Zusatz hat, ferner daß große Not an Rauchwaren da ist, gehn schon wieder Gerüchte um, daß ich dauernd Spenden von Organisationen erhalte und von meinen Reichtümern bloß meinen Freunden, die in Wirklichkeit meine Dienstboten seien, abgebe. Die Intrigen gehn von den Holzarbeitern aus, die die einzigen im Hause sind, die über Geld verfügen und finden bei manchen Leuten Nahrung, die sich bisher sehr freundschaftlich gestellt haben. Aber ich bin recht vorsichtig geworden, und diesmal wird das Ziel nicht erreicht werden.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 2. November 1923.

Gestern war mir der ganze Tag von dem widerwärtigen Stunk vergiftet, der da gegen mich neu angerührt worden ist. Olschewski hat versucht, die alten Geschichten neu aufzuwärmen und es gelang ihm, Fuchs gegen mich zu verhetzen, den ich mir gestern vor Zeugen vornahm. Der ganze Quark von vor 2 Jahren war plötzlich wieder da, und diese Leute begreifen garnicht, in wessen Geschirr sie laufen, wenn sie sich immer wieder vor den Wagen spannen, aus dem sie hoffen, mich in den Mist der moralischen und politischen Verachtung stürzen zu können. Ich hoffe, durch die Offenheit, mit der ich sprach und warnte, vorerst Ruhe geschaffen zu haben. Aber was da wieder an Nervenkraft verpulvert worden ist, wäre besserer Dinge würdig. Und das Ganze kommt darauf hinaus, daß die schlechte Laune, die durch die Zurückschraubung unsrer Verpflegung auf Gefängniskost, die jetzt fast vollständig erreicht ist und durch die Maßnahmen der Verwaltung, die die Unterstützung von außen fast ganz verhindern, da sie woanders kein Ventil hat, sich gegen Mitgefangene ausleben will; und da ich keine Parteimarken klebe, bin ich für jeden „disziplinierten“ Marxisten Freiwild, und ein einziges andeutendes Wort des Herrn Fetsch erreicht, was bezweckt wird, Unfrieden, Nervenreizung, Skandal, – Material und womöglich ein halb Dutzend Disziplinierungen. Ich hoffe sehr, daß die energische Gegenoffensive für diesmal und für lange den Burgfrieden gerettet hat, den wir dringender als je unter uns brauchen. – Hier ist jetzt die Winterordnung eingeführt: veränderte Hofzeit und Nacht von 9 Uhr ab, für mich so ziemlich das quälendste Erschwernis des ganzen täglichen Lebens. Man kann’s nicht ändern und muß sich mit der Tatsache trösten, daß nun der November da ist, den ich mit fast abergläubischer Erwartung auf entscheidende Ereignisse ersehnt habe. Und ich glaube auch nicht, daß die großen Erwartungen getäuscht werden. Zwar sieht es zur Stunde so aus, als sei in Sachsen bereits alles vorbei, der Verrat von Sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaft geglückt und das Proletariat stille gemacht. Denn das Verbot des Zusammentritts des Landtags wurde mit der Einschränkung rückgängig gemacht, es sei ihr – der souveränen Behörde – „gestattet“, zu dem Zweck der Regierungsbildung zusammenzutreten, außerdem aber nichts zu verhandeln. Die Herren Parlamentarier aller Schattierungen haben das protestlos hingenommen. Sie sind zusammengetreten und haben eine genehme Regierung gewählt, natürlich eine „rein sozialistische“, unter dem Präsidium des Herrn Fellisch, des „gemäßigten“ Wirtschaftsministers des Kabinetts Zeigner I, der dann dem Kommunisten Heckert den Platz räumen mußte. Im Reich trösten die Sozialdemokraten die Arbeiter damit, daß sie erklären, die Kommunisten hätten gegen Treue und Glauben gehandelt, und mit Kommunisten gemeinsam sei keine Politik zu machen, andrerseits habe Stresemann und Geßler irgendwie inkorrekt gehandelt – wobei allerlei nicht klar wird, vor allen Dingen ganz und garnicht, wie nun eigentlich die Arbeiter mit ihren hervorragendsten Parteibonzen, den Stresemannschaften, dran sind. Die Behauptung, daß die Seecktoffensive gegen Sachsen mitsamt dem Ebert-Ultimatum auf einstimmigen Kabinettsbeschluß erfolgt sei, wird so widerspruchsvoll und halb dementiert und die Entrüstung, von der die Kabinettsozialdemokraten gegen Stresemanns und Geßlers Eigenmächtigkeiten erfüllt sein sollen, so unbestimmt begründet, daß man deutlich spürt: da stinkt etwas. In Cöln hat nun Herr Sollmann gesagt, er verstehe ganz und gar die allgemeine Empörung darüber, daß man gegen Sachsen die schwersten Kanonen auffahre und scheinbar gegen Bayern garkeine Energie aufbringe. Aber, wenn man selber Minister sei, dürfe man nicht sagen, welcher Druck das Vorgehn gegen Sachsen erzwungen habe (was ich mir so denke, daß die Reparationskommission darauf hingewiesen haben kann, daß Stresemann zunächst Garantieen dafür schaffen muß, daß nicht in Sachsen und Thüringen plötzlich Streiks oder sozialrevolutionäre Unruhen entstehn, die alle wirtschaftlichen Abmachungen über den Haufen werfen, die man etwa treffen möchte). Übrigens – sagt Sollmann – würden die sozialdemokratischen Reichsminister dafür sorgen, daß auch in Bayern verfassungsmäßige Zustände und Einordnung in die Reichseinheit geschaffen würden. Vorerst ist aber noch ganz fraglich, ob es morgen noch sozialdemokratische Reichsminister gibt. Darüber hat wohl inzwischen die Reichstagsfraktion entschieden. Die Berliner Funktionäre verlangen nicht nur Austritt aus der Regierung, sondern haben sogar beschlossen, Eberts Ausschluß aus der Partei zu fordern. Hier zu prophezeien wäre mehr als müßig, da die Konzessionsbesessenheit der Parteisozialisten auch das Natürlichste von der Welt zweifelhaft macht. Selbst in Sachsen konnte man sich den ungeheuerlichsten Gewaltakten gegenüber zu keiner andern Tat aufraffen als zur Proklamation eines dreitägigen Generalstreiks, der am Lohnzahltag beginnen sollte und am zweiten Tag auf einen Feiertag (Reformationsfest am 31. Oktober) fiel. Also die Radikalsten aller Radikalen proklamieren nur einen befristeten Proteststreik und veranstalten ihn in einer Weise, daß auch seine demonstrative Wirkung kaput gehn mußte. Es ist daher durchaus kein Wunder, wenn es jetzt heißt, der Streik wurde an vielen Orten garnicht durchgeführt. – Liest man den „Vorwärts“ über diese Dinge, dann ist überhaupt klar, daß alles geschoben war. Die Kommunisten, die ich ja gewiß nicht für politische Heroen halte, kriegen alles aufgepackt, und man muß schon bürgerliche republikanische Zeitungen aufschlagen, um kräftigere Töne gegen die in Sachsen verübte Niederträchtigkeit zu hören. Die „Berliner Volkszeitung“ nannte die Prozedur offen einen Staatsstreich, was ihr 8 Tage Verbot durch ihren Parteigenossen Geßler eintrug. Und auch was Bayern anlangt, wird man leichter in bürgerlichen Blättern als in sozialdemokratischen, deren Gerede niemand ernst nimmt, auf „öffentliche Meinung“ stoßen. Da nehmen nun die linken Zentrums- und Demokratenblätter eine ziemlich energische Haltung ein, vornedran die „Germania“, sodaß man sehr neugierig sein kann, wie die Geschichte sich auswachsen wird. Zunächst nehme ich an, daß tatsächlich die Sozi aus der Regierung herausmüssen, nicht weil die Opposition der Levi, Crispien etc. das von sich aus durchsetzen könnte, sondern weil Kahr, nachdem ihm die Bedingung erfüllt war, Zeigner müsse fort, die weitere Forderung erhoben hat, mit einer Reichsregierung, in der Parteigenossen „des Johannes Hoffmann“ sitzen, werde er nicht verhandeln. Es ist nun aber deutlich zu erkennen, daß die bayerischen Bedingungen je mehr ihnen entsprochen wird, umso weiter gestukt werden, und daß es Kahr absolut darum zu tun ist, den Konflikt auszutragen. Zunächst ist seine Verordnung da, die den Landwirten und Arbeitnehmern[Arbeitgebern] verbietet, die Ruhrabgabe nach den reichsgesetzlichen Bestimmungen abzuführen (nur die Arbeiter müssen alles zahlen – für Bayern und Reich, wie’s kommt). Dann werden von Bayern eigne Schatzanweisungen als wertbeständiges Geld ausgegeben, nachdem Kahr erklärt hat, die Währungsreform des Reichs genügte nicht und man warte sie nicht ab. Jetzt veranstalten die Hitlerschen Verbände mit Kahrs Einwilligung bewaffnete Geländeübungen, und zwar zugleich mit „Bayern und Reich“, den Knilling-Treuen, aber unter gesonderter Führung. Sie durften vorher mit Musik und Hakenkreuzfahnen durch München ziehn. Auch hatten sie wieder eine erlaubte große öffentliche Propagandaversammlung im Zirkus Krone. Hinzu kommt die offizielle Aufkündigung der Gültigkeit des Republikschutzgesetzes für Bayern, und nun hieß es in der letzten Nummer der Berliner Volkszeitung, Schweyer habe die Technische Nothilfe aufgerufen, da „ernste Ereignisse“ für Anfang November wahrscheinlich seien. (Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ und „Frankfurter Zeitung“, die darauf Bezug hatten, passierten nicht die Zensur). Die „Münchner Post“ ist verboten, ebenso alle oder fast alle andern bayerischen Soziblätter. Der Ministerrat hat beschlossen, sich auf die Forderung des Reichs, Lossow zu opfern, nicht einzulassen und besteht auf der Rechtmäßigkeit aller Maßnahmen, die auf Grund des § 48 der Reichsverfassung von Bayern getroffen wurden, indem ihnen der Staatsrat Meyer stets jede erwünschte juristische Auslegung liefert. – Daß dicke Luft in München gespürt wird, schloß ich schon daraus, daß Zenzl merkwürdig plötzlich und ohne mich vorher zu verständigen, daß sie eine Reise vorhätte, nach Berlin gefahren ist, von wo aus sie in ein Sanatorium soll, was äußerst erfreulich wäre, auch wenn keine Vorsichtsmaßregel der tiefere Grund ist. – Aber weiter. Die Münchner Neuesten bringen kommentarlos (sie flüchten ihre Tendenzentstellungen jetzt meist in die Titelüberschriften) eine Alarmmeldung des Sozialdemokr. Parlamentsdienstes, wonach sich große illegale Truppenmassen mit schwerster Angriffsbewaffnung an der thüringischen Grenze sammeln, um nach einem weitreichenden strategischen Plan die Besetzung Thüringens und Mitteldeutschlands mit Erfurt und dem Saalegebiet zu vollziehn und also Deutschland für Bayern zu erobern. Es heißt zu der Meldung nur, daß die Reichsregierung die tatsächlichen Unterlagen zur Zeit überprüfen lasse, um danach Maßregeln zu ergreifen. Wir dürfen also wohl auf jeden Fall mit der Fortsetzung der seit 4 Wochen einander täglich abwechselnden Überraschungen rechnen, – und für uns kann es ja eigentlich persönlich kaum noch andre als günstige Überraschungen geben. Alle andern Möglichkeiten – außer der einen, die dann für dieses Dasein ohnehin die letzte wäre – werden jawohl nachgrade erschöpft sein. Wenn ich daran festhalte zu glauben, daß ich Weihnachten bei Zenzl sein werde, so braucht das noch nicht einmal zu bedeuten, daß die Niederschönenfelder Gitter mich selbst noch diese 7 Wochen zu umschließen haben. Vor 5 Jahren ging auch alles so plötzlich, daß einen das Licht blendete, ehe man die Augen aufgetan hatte.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 3. November 1923.

Infolge der veränderten Zeiteinteilung in den Wintermonaten habe ich heute nur noch eine kleine Viertelstunde Zeit vor dem Hofgang. In der politischen Lage ist wohl weitere Verschärfung, aber noch keine Veränderung zu verzeichnen. Ob sich die Fellisch-Regierung bei der parlamentarischen Vertrauenskomödie am 6ten halten wird, ist den Zeitungen wichtiger als mir. Die Kommunisten haben ihre äußerste Opposition gegen das neue Gebilde proklamiert, aber es wird wohl wieder bei den großen Tönen bleiben. Mit dem Maul sind sie ja tatsächlich die rabiatesten Revolutionäre in Deutschland. Herr Heinze hat sämtliche sozialdemokratische Zeitungen in Sachsen verboten, also die gesamte offiziöse Presse, und ist darauf befriedigt nach Berlin zurückgekehrt. Dort hat die sozialdemokratische Reichstagsfraktion beschlossen, daß die 3 Stresejünglinge unter der Bedingung Minister bleiben dürfen, daß der militärische Ausnahmezustand beseitigt, die Verfassungsbrüche Bayerns abgestellt und in Sachsen gewisse Extravaganzen der Reaktion wieder geglättet werden. Um Zeit zu gewinnen, ist Stresemann prompt erkrankt, und so weiß man noch nichts Sicheres. Dagegen scheinen zwischen Thüringen und Bayern die Vorpostengeplänkel schon zu beginnen. – Interessant ist ferner, daß eine neue Nollet-Note gemeldet wird, worin auf die Zulassung der Militärkontrollkommissionen „gedrängt“ werden soll. Sonst erfährt man vom Inhalt nichts als finanzielle Mehrforderungen für die Kontrolleure. Aber ausgerechnet die „Times“ blasen Alarm wegen des Heldenzuges Deutschlands gegen Sachsen und fragen, ob da auch alles mit den Versailler Verpflichtungen übereinstimme. Man redet von 60.000 Mann Reichswehrtruppen, die in Sachsen stehn sollen, und die Reichswehr hat doch nur 100.000 Mann im Ganzen – sagt sie. Man erinnert sich aber an Zeigners Reden über „schwarze Reichswehr“. Nous verrons. Spazierhof. – Über Externa ist ohnehin nichts mehr zu sagen, und die Niederschönenfelder Interna können bis morgen vertagt werden.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 4. November 1923

Kain machte mir heute folgende hübsche Berechnung auf. Eine Briefmarke kostet von morgen für den Inlandbrief 1 Milliarde Mark. Der gesamte Papiergeldumlauf wird jetzt ungefähr eine Trillion (eine Million Billionen) betragen. Demnach kostet das Porto eines Briefes den milliardensten Teil des Gesamtgeldumlaufs. Bis 1914 betrug der Geldumlauf 5,5 Milliarden Mark. Danach hätte beim gleichen Prozentsatz damals eine Briefmarke 5,50 Mark kosten müssen. Sie kostete aber nur 10 Pfennige, ist also heute 55mal so teuer wie vor dem Kriege. – Soweit Kains Rechnung, die zweifellos richtig ist. Nun ist aber die Briefmarke im Gegensatz zu fast allen andern Dingen bis jetzt noch nicht „wertbeständig“ berechnet. Der Dollarstand war nach der letzten Zeitung, die wir bekamen, 130 Milliarden Mark (inzwischen wird er wohl weiter kräftig gestiegen sein), die Goldmark hätte demnach heute einen Wert von praeter propter 30 Milliarden, 10 Pfennige also etwa 3 Milliarden Mark, woraus zu folgern ist, daß eine durchschnittliche Verteuerung um das 150fache eingetreten ist, wenn das Preisniveau am Wertmaßstab des Geldumlaufs in Vergleich mit der Vorkriegszeit gestellt wird. Diese Überlegung deckt den ungeheueren Schwindel auf, (überdies den Stumpfsinn der Nationalökonomen, die zur Zeit die deutsche Politik bestimmen), der bei uns die Finanzverhältnisse dirigiert. Man rechnet aus, daß der Gesamt-Wirtschaftsumsatz im Reich so und so viel hundert Goldmillionen beträgt, dividiert die kursierenden Zahlungsmittel hinein und findet natürlich, daß deren zuwenig sind. Resultat der Weisheit: es muß mehr Wischgeld fabriziert werden! Daher denn auch die geistreiche Erhebung der Banknotendruckereien zu lebenswichtigen Betrieben. Der alte Oxenstierna würde selber staunen, wie seine Theorie in unsrer Zeit Recht behält. Über den Verstand, mit dem das Deutsche Reich allgemein und Bayern im Besonderen regiert wird, wird morgen wohl neues Material vorliegen. Vorerst fragt sich ja noch, ob Ebert-Stresemann die wackeren Soziminister abmarschieren lassen, was wohl eine Rechtsregierung im Reich – oder eine offene Diktatur Marke Ludendorff – zur Folge hätte, eine sehr zu wünschende Folge, schlösse sie nicht die Gefahr in sich, daß die Arbeiter die Sozialdemokratie, wenn sie in Opposition brillieren, wieder als Bundesgenossen ansehn, sich der „Disziplin“ der Gewerkschaftsbürokratie unterwerfen und dadurch unrettbar zur Unterwerfung unter das Industriekapital verurteilt würden. (Denn – was auch unsre Kommunisten nicht begreifen wollen: die Gewerkschaften können garnicht anders als mit allen Mitteln – auch denen der reaktionärsten Gewalt – den Kapitalismus erhalten helfen. Sie haben die einzige Aufgabe – und danach sind sie organisiert und konstruiert –, innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung die Interessen der Arbeitnehmerschaft gegen die Arbeitgeberschaft zu vertreten, und ihre Tarifpolitik und Arbeitsgemeinschaftstaktik bewegt sich innerhalb dieser Aufgabe konsequent nach konservativen Grundsätzen. Eine revolutionäre Bewegung, die dem Kapitalismus selber ans Leben will, die auch nur soviel erreichen würde, daß der Klassenkampf zu seinen schärfsten Formen zugespitzt würde, wäre das Ende der gewerkschaftlichen Ausgleichstätigkeit, und sofern die Herren Leipart und Konsorten soweit denken könnten, wie sie wahrscheinlich nur einem vagen Instinkt nachtasten, müßte man ihnen zubilligen, daß sie subjektiv ganz ehrliche Leute sein mögen, die wirklich fürchten, wenn sie keine langfristigen Tarife mehr abmachen dürfen, leidet das Proletariat Schaden, die aber insofern Verräter sind, als sie sich Sozialisten nennen und daher die Arbeiterschaft betrügen und zu Hoffnungen auf Befreiung vom Kapitalismus verleiten, die ihnen selber nur Befürchtungen sind). – Möglich ist andrerseits, daß man die Herren im Kabinett gehalten hat, indem man ihnen die Erfüllung der Bedingungen zugesagt hat. Das halte ich bis jetzt für das Wahrscheinlichere, nicht jedoch, daß nun wirklich gegen Bayern vorgegangen wird. Man braucht sich ja nur an das Bielefelder Abkommen zu erinnern, um zu wissen, daß in unserm Vaterlande selbst die armseligsten Kompromisse nur versprochen zu werden brauchen, um jede Stirnfalte zu glätten, daß aber kein Versprechen gehalten zu werden braucht. Wenn ich trotzdem glaube, daß auch in Bayern die Bäume nicht nur nicht in den Himmel wachsen, sondern sogar überaus rasch gefällt daliegen werden, so gründet sich dieser Glaube auf alles eher als auf das Vertrauen auf Parteimachenschaften. Die Situation selbst – und diese Tatsache ist mir so interessant, – stellt ein Maß von chaotischer Verworrenheit dar, wie es die verwegenste Phantasie sich nicht hat träumen lassen, und grade diese absolut hoffnungslose Wirrnis – im Politischen und im Ökonomischen – ist nicht durch revolutionäre Aktionen sondern nur und ausschließlich durch das Unterbleiben und Vermeiden jeder Art von revolutionärer Aktion entstanden. In Sachsen, wo die Konterrevolution den ersten großen Schlag wagen wollte, ist die Arbeiterschaft dank der famosen Parteiführung ihm wieder passiv ausgewichen, und in Bayern, wo die Konterrevolution alle Triumphe hat, ohne einen Schlag dafür getan zu haben, findet sich kein Gegner, der sich zum Kampf stellt, sodaß überall alles Unmögliche Tatsache geworden ist, ohne deswegen möglicher zu werden. Wie der Zusammenbruch vor sich gehn wird, läßt sich nicht voraussagen, höchstens, daß auch die KPD ihn nicht veranstalten wird. Da wird jetzt wieder bekannt, wie der Hamburger Aufstand zustande kam. Der war nicht spontan, sondern auf Befehl von der Rosenthaler Straße ausgebrochen, und zwar 1½ Stunden bevor der Kurier eintraf, der die Revolution wieder abbestellen sollte. (Obgleich der „Vorwärts“ diese Darstellung ausgibt, hat sie nach den Erfahrungen von 1921 doch alle Wahrscheinlichkeiten für sich). Die großen Volksbewegungen sind eines Tages da, wenn sie reif sind, und Vereine, die sich einbilden, soziales Wetter machen zu können, haben in ihrer Wirksamkeit keine andre Möglichkeit auf solches Wetter Einfluß zu nehmen als die, die falschen Leute drin umkommen zu lassen. Ich weiß nicht, ob Genosse Thorell, den ein Radbruchsches Sondergericht zum Tode verurteilt hat, vom Taktvollen zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe „begnadigt“ ist. Jedenfalls kann er sich bei den kommunistischen Hanswursten bedanken, die das Leben aus Theorieen weissagen, das Prophezeite in der Retorte anblasen, und wenn wirklich ein Funke kommt, die Courage verlieren, und die Glasröhre ihrer Schicksalskunst entzweischlagen, wobei regelmäßig die reinsten und besten, die opferwilligsten und tapfersten Kameraden dran glauben müssen. Man kann schon fast hoffen, daß in Bayern kein „Sozialist“ und kein „Kommunist“ die stagnierende Passivität des Proletariats aktiv zu machen versucht. Dann wird am ehesten aus den eignen Tiefen die Verzweiflung kommen, – und wir werden eines Tages dies Haus verlassen, ohne Besinnung, wie das plötzlich möglich war. Bis dahin wird allerdings noch mancherlei ertragen werden müssen. Ich notiere eine mehr heitere Kleinigkeit: ein Bücherprospekt des Schmiede-Verlags wurde wegen agitatorischen Inhalts zu den Akten genommen, weil er eine Reklame für ein Leninsches Buch enthielt! – Eine Sentenz (ohne Zusammenhang mit dem Vorigen selbstredend): Je mehr ich mich unter Menschen umsehn und ihr Treiben und Verhalten zu einander beobachten konnte, ohne Unterschied der Klassen und der Nation – fand ich eine Tatsache bestätigt: Bornierte Spießbürgerangst und brutale Bosheit wachsen am gleichen Strauch. Beide sind gewöhnlich nur verschiedene Ausdrucksformen desselben Charakters.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 5. November 1923.

Wieder einmal die Zeitungsmisere, die nun fast regelmäßig nach dem Monatswechsel eintritt. Die Verkehrsorganisationen des Staats funktionieren ebenso schlecht wie alles andre, was früher der Stolz jedes Deutschen war: Alles, ausnahmslos alles ist in diesem Lande regellos, faulig, bequem, schlapp und korrupt geworden. Es wird also wieder viel Schreiberei (die Postkarte zu ½ Milliarde) notwendig werden, damit wir die Frankfurter Zeitung (für Karpf) und die Münchner Neuesten Nachrichten (für mich) neu zugewiesen kriegen. Die Berliner Volkszeitung, die mir ein dauerndes Gratisabonnement bewilligt hat, ist zur Zeit von Herrn Geßler verboten, die sozialdemokratischen Zeitungen läßt, soweit sie überhaupt noch herauskommen dürfen, der Vorstand nicht zu uns gelangen – mit ganz wenigen gelegentlichen Ausnahmen – und so war heute die Deutsche Allgemeine Zeitung, die Schiff bekommt, das einzige Blatt, das wir überhaupt lesen konnten, und zwar die Freitagausgabe. Denn der Fränkische und Bayerische Kurier kommt auf Saubers Namen, und nach einer neuen Hausbestimmung ist die bisherige Übung, daß ein Abgesonderter, der auch Zeitungsverbot hat (was jetzt schon lange stets verbunden wird) seine Blätter inzwischen einem Kameraden geben ließ, als unzulässig verboten worden. Wir müssen uns also zunächst mit den Kenntnissen aus dem 3 Tage alten Stinnes-Moniteur begnügen. Daraus ist zunächst nur soviel zu entnehmen, daß die sozialdemokratischen Forderungen von Stresemann abgelehnt sind. Die Folgerung, daß die 3 Stützen des Marxismus demnach aus der Reichsregierung ausscheiden werden, dürfte inzwischen wohl gezogen sein, und Herr Stresemann kocht jedenfalls zur Zeit mit Herrn Ebert zusammen sein drittes, diesmal sozialistenreines Kabinett im Krisentiegel. Über die Entwicklung der Dinge in Sachsen erfährt man aus dem Blatt, daß Ebert zwar die Verordnung, die den Heinze einsetzte, zurückgezogen habe, daß sonst aber alles weitergehe wie vorher: die sozialdemokratische Presse bleibt verboten, die sächsische Spezialverordnung, die den Unternehmern die Massenaussperrungen aus den Betrieben und die plötzlichen Stilllegungen erschweren wollte, bleibt außer Kraft, und General Müller setzt seinen Siegeszug mit schwarzer oder weißer Reichswehr fort und gibt in täglichen Feldzugsberichten bekannt, wo die letzten Arbeitermetzeleien stattgefunden haben. Die tapferen Regierungssozialdemokraten aber hufen vor den Ansprüchen der Industriellen immer weiter zurück. Die Abgeordneten der „Deutschen Volkspartei“ (seit 1918 heißen sämtliche gegen das Volk verschworene Parteien „Volks“-parteien: die Stinnessche „deutsche“, die bayerische und die deutschnationale) haben gefunden, daß Herr Fellisch noch einige Zeigner-verdächtige Gestalten um sich hat, und so werden anstelle der Herren Liebmann, Graupe u. s. w. ausgesprochen „rechte“ Sozialdemokraten Minister in Sachsen werden. Da die Stinnesen sich jedoch sehr stark fühlen und ja jetzt gesehn haben, daß von den Arbeiterparteien auch die tollsten Provokationen hüstelnd hingenommen werden, verlangen sie die Auflösung des Landtags überhaupt und Neuwahlen. Sehr schlau: denn dadurch erreichen sie, daß alle revolutionäre Tatkraft, die noch in den sächsischen Massen übriggeblieben sein könnte, auf die ungefährliche Spielleidenschaft einer Stimmzettelzählerei gelenkt wird, und in Deutschland gibt es keine Wahl, deren Ausgang nicht von jedem Beteiligten als sein Sieg in Anspruch genommen wird. Die D. A. Z. nimmt übrigens in diesem Zusammenhang Bezug auf ein Flugblatt der K. P. D., und man kann aus dem leicht ironischen Ton des Industriellenorgans entnehmen, daß darin schon wieder resigniert wird, und daß das Proletariat von der berufenen Revolutionspartei auf bessere Zeiten vertröstet wird, wo es dann um Leben oder Sterben gehn wird. Die KP-Zentrale wird die „Phase“ bestimmen, wo das soweit sein wird und die Führung übernehmen. Lieb Vaterland, magst ruhig sein! Sehr auffällig ist, daß die betreffende Nummer nicht eine Silbe über den Konflikt Bayern und Reich enthält. Die Entscheidung der Reichsregierung, die sozialdemokratischen Forderungen abzulehnen, deren wichtigste doch die Erzwingung der Unterwerfung Bayerns war, zeigt, daß man in Berlin vor Angst vergeht und immer noch meint, auf dem Verhandlungswege zum Ausgleich zu kommen. Ich glaube an die Möglichkeit nicht. Die Richtung Kahr, Hitler, Ludendorff, die ohne Zweifel jetzt die absolute Direktion in Bayern hat, will den Konflikt unter allen Umständen austragen, und ich rechne stark damit, daß nach dem alten Prinzip, daß derjenige, der offensiv vorgeht, die besten Trümpfe für sich gewinnt, losgeschlagen wird (vielleicht schon ist). Ludendorff kann in Mazedonien und Palaestina, in der Krim und am Kanal keine Fronten mehr aufstellen, so tut er es eben in Thüringen (wo die Sozialdemokraten und Kommunisten immer noch „regieren“, daß ihnen die Augen übergehn vor lauter Freude an der eignen Herrlichkeit). Man wird „nationale Verteidigung“ schreien, wird den Staatspräsidenten Kahr proklamieren, wird (wie wir seinerzeit) dem Zusammentritt des Parlaments zuvorkommen, die Regierung Knilling entthronen und eine Kommissariatsverwaltung mit Professor Bauer oder Du Moulin-Eckart einsetzen und wird Bayern als Deutschland verkünden und das übrige Reich für Deutschland zu erobern beginnen – solange bis man merkt, daß man (wie wir dereinst) den Verrat im eignen Pelz hat und daß das Ausland plötzlich die Rechnung schwingend dazwischen tritt. Der Sandtner-Gustl setzte mir gestern seine Kombination auseinander, die dahin geht, daß die Bayerische Volkspartei den Kahrioten gegenüber die gleiche Rolle spielen wird wie seinerzeit die Sozialdemokraten sie uns gegenüber gespielt hat[haben]: mitmachen, um durch Verrat die eigne Position zu retten. Diese Kombination hat viel für sich, vor allem Psychologieträchtiges. Aber der Preis, der von der Bayerischen Volkspartei vom Reich verlangt würde, wäre sehr teuer. Sie müßten auf viel „Eigenart“ verzichten und womöglich gar ihrer „Hoheit“ das Opfer bringen, Recht wieder Recht sein zu lassen. Jedenfalls sind alle Entscheidungen sehr nahe vor uns, und ich lebe im Fieber froher Erwartungen.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 6. November 1923.

Wenn man die augenblickliche Situation unbefangen betrachtet, dann kommt man zu einem höchst merkwürdigen Ergebnis: es beginnt der Bürgerkrieg, und das Proletariat, das doch als sein Opfer bestimmt ist, erklärt sich gewissermaßen desinteressiert und macht nicht mit. Tatsächlich hat zuerst die KPD-Zentrale die Losung ausgegeben: es ist noch zu früh, und dann hat – wir bekamen gestern abend noch Zeitungen – Liepmann (linker SPD-Mann) erklärt, die Arbeiterschaft sei zu schwach, um sich in eine gewaltsame Auseinandersetzung einlassen zu können. Resultat der marxistischen Verelendungstheorie: die Verelendung, wenn sie wirklich da ist, schwächt das Proletariat so, daß es keine Revolution mehr wagen kann! Bevor die Verelendung so weit gediehen war, bestand ja aber für dieselben Volksführer kein Anlaß zur Revolution. Folgerung: solange das Proletariat Partei- oder Gewerkschaftsführern nachläuft, wird keine soziale Revolution sein. Problem: wie lange wird sich das Proletariat noch von den Führern betrügen lassen? – Also: Sollmann, Radbruch und Schmidt sind wieder Exminister. Gegen 19 Stimmen (sogar diese 19 fanden sich!) beschloß die Reichstagsfraktion ihre Zurückziehung aus dem Stresemannladen. Sollmanns letzte Tat war ein Telegramm an Knilling wegen der militärischen Operationen an der thüringischen Grenze, die somit also nun offiziell zugegeben sind. Die Knillinge sollen beschlossen haben, die Fragen des inzwischen abgehalfterten Sollmanns nicht zu beantworten. Die bayerische Offensive gegen die Rudimente der deutschen Republik ist also im Gange und nicht mehr aufzuhalten. Stresemann will vorläufig mit dem Rumpfkabinett weiterregieren. Seine Hoffnung, nachdem er die Bedingung Kahrs: mit einer von „Marxisten“ gezierten Reichsregierung wird nicht verhandelt, erfüllt und die 3 Größen hinausgeschmissen hat, werde man ihm gnädiger gestimmt sein, dürfte kaum berechtigt sein. Schon verlangen die Nationalisten auch die Beseitigung Stresemanns, die Auflösung des Reichstags, die Entfernung Eberts und die extreme Diktatur auch fürs Reich. Es ist nur noch fraglich, ob ihnen, wenn der Vormarsch über Thüringen nun endgiltig beginnt, überhaupt noch Widerstand entgegengesetzt wird (meine eigne Berechnung, daß das Proletariat dann doch aufsteht und das ganze Führungsgeschmeiß beiseite tritt, will ich mal jetzt beiseite lassen). Wie Seekt und die Reichswehr sich verhalten werden, bzw. ob Seekt nicht sofort einen preußischen Nachfolger bekommt, kann ich unmöglich entscheiden. Somit ist die dramatische Entwicklung überhaupt aus der Kalkulation auszuscheiden und der Blick auf reale Verhältnisse zu richten. Die deutsche unnachahmliche Organisationsfähigkeit hat in wirtschaftlicher Hinsicht Zustände von so grotesker Unmöglichkeit geschaffen, daß dadurch allein das Interesse aller Gläubiger in Anspruch genommen wird. Der Dollarstand ist ungefähr bei einer halben Billion angelangt, und die letzte Ebert-Verordnung (auf Grund des Ermächtigungsgesetzes, das mit dem Austritt der 3 Größen außer Kraft gerät, aber auf Grund des allmächtigen § 48 der Reichsverfassung praktisch doch in Wirksamkeit bleibt) hebt das Verbot, ausländische Devisen als Zahlungsmittel im inländischen Verkehr zu verwenden, auf, mit der Einschränkung, daß dennoch die Papierwische überall als Zahlungsmittel angenommen werden müssen. Die Wirkung ist natürlich die, daß für Lohnempfänger das durch den Aufdruck von Milliardenziffern völlig entwertete Papier gilt, für alle bevorrechtigten Sterblichen gedecktes Geld zirkuliert. Nun behauptet die Leipziger Volkszeitung, daß der Dollar-Schlußkurs am 2. November in Neu-York auf 1 Billion 400 Milliarden gestanden habe, gegenüber dem amtlichen deutschen Kurs des gleichen Tages von 320 Milliarden (ich zweifle noch, ob hier nicht doch ein Irrtum vorliegt). Nun werden aber kaum die ersten „wertbeständigen“ Stücke der Goldanleihe ausgegeben – die reizvolle „Zwischenlösung“ –, da werden diese Dollarschatzanweisungen auch schon in unheimlichem Maße gehamstert, um im Januar – natürlich mit Riesengewinnen – gegen die Rentenbankscheine umgetauscht zu werden, sodaß also das Mittel, mit dem die klugen Finanzenheilkünstler der Inflation entgegenwirken wollen, der Inflationsspekulation erst recht zu ungeahnten Möglichkeiten weiterhilft. Natürlich sieht das Ausland immer verwunderter den Sprüngen der deutschen Organisationsgenies zu, die es fertig gebracht haben, ein Land in einem Zeitraum von 5 Jahren in ein Chaos hineinzuwirtschaften, das ohne jedes Beispiel in der Weltgeschichte ist und die dabei noch dem Volk weismachen können, daß nur die hemmungslose Auswirkung ihrer Genialität das Glück für Gegenwart und Zukunft sei. Da ist nun in der letzten Zeit speziell Amerika auffällig geschäftig geworden. Auf die Curzonnote wegen Einberufung einer Konferenz antwortete Hughes in dem Sinne, daß sich Amerika indirekt – nämlich durch Privatinteressenten (Morgan) beteiligen würde, vorausgesetzt, daß die deutschen Schulden der Höhe nach nicht revidiert würden und daß keine Versuche gemacht werden, die auf die Verquickung der deutschen Verpflichtungen mit den interalliierten Schulden hinausliefen. Endlich war eine internationale Finanzkontrolle für Deutschland angeregt. Jetzt geht man weiter und zwar wird die Schaffung von Kommissionen im Ausland erwogen, die die vom deutschen Kapital ins Ausland verschobenen Kapitalwerte feststellen und den Reparationsleistungen zugänglich machen sollen. Zugleich winkt Herr Poincaré in seinen Denkmalsenthüllungsreden deutlich genug wegen der Entwaffnungsforderungen des Vertrages herüber. Es ist also keineswegs wahrscheinlich, daß der beginnende Bürgerkrieg sich lange der bloßen Zuschauerschaft der Siegerländer erfreuen wird. Offenbar sieht man die Auflösung des deutschen Reichs in der ganzen Welt schon als perfekt an. Wenn auch die Nachrichten aus dem Rheinland dank der ungeheuerlichen Lügenhaftigkeit der Presse überhaupt nichts Wirkliches erkennen lassen (jetzt gibt das offiziöse Wolffbüro eine melodramatische Darstellung über die Vorgänge in der Pfalz, wonach der General de Metz erklärt haben soll – und zwar tränenden Auges – daß seine Frau die Präsidentschaft des Marxisten Hoffmann nicht gewünscht habe, weil sie eine gute Katholikin sei. Die gesamte Presse gibt den Bierulk ohne Kommentar und Zweifel wieder), – so ist zum mindesten das ersichtlich, daß dort alles eher als stabile Verhältnisse herrschen. Jetzt wird aber auch eine Erklärung der englischen Regierung veröffentlicht, die mit Bezug auf Bayern den Anspruch postuliert, bei der Separation Bayerns über Formen und Bedingungen ein Wort mitzureden. Bis jetzt soll sich also noch keiner der Retter des Vaterlandes einbilden, sein Gaul werde das Rennen machen, – und eines Tages wird jawohl auch das deutsche Proletariat noch drauf kommen, daß es die gesamte Bourgeoisie ist, die sich da um die Verteilung seiner Haut rauft. – Die Dinge sind jetzt im Lauf, und eine Pause wird nicht mehr eintreten. Die nächsten 14 Tage werden nicht weniger ereignisvoll sein als die vorigen. Wir stehen vor der Wendung. – Eine Nachricht privater Natur, die uns Festungsgefangene dennoch stark angeht, traf gestern ein. Unser Genosse aus Würzburg, Franz Wenisch, mit dem ich in Ebrach zusammen auf Festung war, ist bei seinen Eltern gestorben. Er war damals schon nur ein Bündel kranker Lebensfasern, was Herrn Dr. Müller-Meiningen natürlich nicht hinderte, ihn über ein Jahr in Gefangenschaft zu halten. Wenisch war ein glühender Enthusiast für die Idee, die er gefaßt hatte, und solange ich ihn kannte, war das die Idee der Räterevolution, für die er tapfer gekämpft hatte. Er war innerlich ganz Flamme und Leidenschaft, und ich habe ihn in guter Erinnerung als einen braven Kameraden und einen durch Krankheit verschönten und verinnerlichten Menschen. Er schrieb mir früher häufig nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft. Leider trat dann dadurch, daß er durch Sauber über den Verleumdungsfeldzug gegen mich unterrichtet worden zu sein scheint, eine Entfremdung ein. Er fragte auch mich und als ich ihm die Sache von meinem Standpunkt klargemacht hatte, erwiderte er: Qui s’excuse, s’accuse. Darauf brach ich die Korrespondenz ab, – ohne jedoch böse zu sein. Ich wußte, wo die Schuld lag. Für mich wird Franz Wenisch als freundliche Erscheinung im Gedächtnis leben, und ich wünschte, einst im Kampf lauter so unbedingte Begeisterte um mich zu wissen, wie er es war.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 7. November 1923.

5 Jahre seit einmal die Sonne hell und warm über diesem Lande zu leuchten begann (die Konterrevolution begann schon am 9. November, als in München Auer, im Reich Ebert, Scheidemann, Landsberg zur Wegebauung der Noskeschandtaten zugelassen wurden). Nur ganz wenige Genossen noch haben außer mir Feiertagskleidung angezogen. Die Müdigkeit an allem macht sich auch hier bemerkbar, was mich jedoch nicht hindern kann, meine Gesinnung auch fernerhin an den Gedenktagen äußerlich zu manifestieren. Eine neue Maßnahme des Herr v. Kahr wurde uns gestern offiziell von der Festungsverwaltung eröffnet: der Herr Generalstaatskommissar habe die Zulassung folgender Zeitungen für Bayern verboten: Börsen-Courier, Berliner Tageblatt, BZ am Mittag, Frankfurter Zeitung, Vossische Zeitung und Vorwärts. Diese Zeitungen würden also fortan hier drinnen ohne weiteres zurückgehalten werden, auch wenn ihr Inhalt sonst ohne Beanstandung sei. (Eine kleine Zensurtat in Parenthese: Theodor Lessings „Europa und Asien“ ein philosophisches Werk wurde nicht ausgeliefert mit der Begründung, daß aus dem zu den Akten genommenen Reklamestreifband ersichtlich sei, daß es eine Verherrlichung von Umsturzideen enthalte). Diese Kahrsche Maßnahme ist im Gegensatz zu dem vorangegangenen generellen Verbot für alle kommunistischen Zeitungen als Kriegsfanfare zu deuten. Er schlägt diesmal auf ausgesprochene Börsenblätter los, auf die Zeitungen, die sein Anhang als die eigentliche und typische „Judenpresse“ ansieht. Außer dem Vorwärts sind sie politisch samt und sonders bürgerlich-demokratisch und republikanisch, sind also Regierungsorgane. Natürlich wird sich ein großes Geschrei erheben, weil das gesamte Bankkapital sich getroffen fühlen wird und die Vossischen und die Mossischen werden jammern und schluchzen, weil ihre Inseratspalten Einbuße erleiden werden. Mögen sie es nur gründlich spüren und sich an die eigne und an die Nase ihrer sozialdemokratischen Helfershelfer fassen, wenn sie ergründen wollen, wie die Reaktion dermaßen erstarken konnte, daß sie jetzt über die impotent geschlagene Arbeiterschaft hinwegsteigend, schon den Knüppel auf die Börsendemokratie sausen läßt. – Wir sind zur Zeit so schlecht gestellt mit Zeitungen, daß wir z. B. diese Nachricht nur durch die Verwaltungsbekanntgabe im Speisesaal erfuhren. Die Stinneszeitung (D. A. Z.) ist das einzige Blatt, das noch regelmäßig in unsre Hände kommt, denn, wenn auch die Berliner Volkszeitung von Geßler wieder freigegeben ist, so war ihre Aushändigung an mich schon bisher eine Ausnahme und wird nun wohl erst recht rar werden. So ist nicht viel Neues da. Nur eine Erklärung offiziöser Natur zeigt, wie weit die Dinge gediehen sind. Da versucht das Wolffbüro eine Warnung vor übertriebener Nervosität wegen des bayerischen Vormarsches an der thüringischen Grenze. Für den Fall eines bewaffneten Angriffs ständen genügend starke Kräfte zur Abwehr an Ort und Stelle bereit und es handle sich nur um Formationen der bayerischen Vaterländischen Verbände (also anscheinend keine Reichswehr Lossowscher Couleur). Gleichzeitig aber wird erklärt, außer in Bayern seien auch in Schlesien, Pommern, Brandenburg ähnliche Bewegungen im Gange teilweise separatistischen Charakters, die jedenfalls zunächst die Einsetzung einer scharf rechts gerichteten Diktatur im Reich zum Ziel hätten. Stresemann tut gegen diese Dinge das Klügste, was er tun kann, wenn er die Absicht hat, ihnen rasch und sicher zum Ziel zu helfen. Er läßt die Geßlerschen Generäle die reaktionärsten Maßnahmen treffen, mit denen, besonders in Sachsen, auch die letzten Spuren republikanischen Geistes ausgetilgt werden (am 9. November darf in Sachsen keine Feier stattfinden; Schützinger ist abgesetzt worden etc); er erfüllt von sich aus eine bayerische Forderung nach der andern, selbst solche, die mit der ersichtlichen Absicht gestellt sind, negativ beantwortet zu werden: zuerst der Staatsstreich gegen die Zeigner-Regierung, dann der „Marxisten“-Schub aus der Reichsregierung und jetzt eine Verordnung, die die Einstellung der im Bemelmann- und den übrigen Sachlieferungskontrakten festgesetzten Leistungen bestimmt, wobei die Kontrahenten (also zunächst die französische und belgische Regierung) an die Industriellen direkt verwiesen werden. Das ist, wenn man die äußerliche Geste betrachtet, die Erklärung des Staatsbankrotts, denn als Begründung wird die Unmöglichkeit angegeben, bei Fortsetzung der Lieferungen die eigne Wirtschaft weiterzuführen; auf ihre innere Bedeutung bezogen, ist es eine neue Konzession an die bayerisch-großpreußischen Desperados, die man mit einzelnen Zuckerstücken zu sättigen glaubt, während man natürlich grade dadurch ihren Hunger erst recht anreizt. Es verhält sich schon so, wie die Herren Hilpert und Dr. Gürtner (unser Justizminister) vor den bayerischen Deutschnationalen ausgesprochen haben: Bayern hat den Rubicon überschritten; es gibt keinen Rückweg mehr, und das Ziel – auch das wird offen erklärt, – ist die Außerkraftsetzung der Weimarer Verfassung. Daß man die nicht auf verfassungsmäßigem Wege erreichen kann, wissen doch die Unternehmer der Sache, also werden sie auch wissen, zu welchen Konsequenzen sie greifen müssen, um nicht doch noch über den Rubicon zurückzumüssen: zum Bürgerkrieg, den sie durch Niederschlagung der Arbeiter in gemeinsamer Arbeit beider dazu aufmarschierenden Parteien, – also wirklichen „Bürger“krieg – Bourgeois gegen Bourgeois – leichter hoffen erledigen zu können (falls ihre Rechnung nicht eben den Fehler hat, daß die Arbeiter durch die tatsächlich erfolgte Mattsetzung ihrer gesamten Führerschaft gerade Lust kriegen, selbständige Entschlüsse zu fassen). Wenn es nach meinen Wünschen geht, so erreichen die Kahr-Hitler-Ludendorff-Politiker zunächst ihr Ziel. Kommt es dann erst zum Kampf, wenn in Berlin eine nationalistische Zentralgewalt über ganz Deutschland mit der ganzen Rücksichtslosigkeit des wieder zu Atem gekommenen Junkertums sich entfaltet hat, dann wird dieser Kampf nach Klassenscheidungen vor sich gehn und daher sozialrevolutionär geführt werden. Die irrsinnige Finanzgebarung hat grade im Augenblick wieder eine Verzweiflung hochgetrieben, die kaum geeignet ist, dem Verrat der Parteien und Gewerkschaften Vorschub zu leisten. In Berlin kostet ein 3Pfund-Brot 140 Milliarden Mark. Die Belagerungen und Plünderungen von Bäckereien haben wieder begonnen, und der Sozialdemokrat Richter läßt die Hungernden wieder mit blauen Bohnen füttern. Je krasser der Wahnsinn tobt, ehe man sich an die Exstirpation des Gehirns herantraut, um so vollständiger wird die Kur sich auswirken. Und all dies ist gegenwärtigste Zukunft.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 8. November 1923

Immer noch nichts endgiltig Klares. Augenblicklich soll ja von den Rettern des Vaterlands der 9. November als ihr Jubiläumstermin der Deutschen Republik zum großen Schlag gegen sie und zur Eröffnung des Entscheidungskampfs ausersehn sein. Die Innehaltung vorausbestimmter Daten bei Inszenierung historischer Ereignisse wird aber nur selten möglich sein. Im Augenblick scheint allerdings alles überreif für Entscheidungen, doch werden die metereologischen Verhältnisse wohl eine Verschiebung großer Entschlüsse erzwingen. Es ist dreckigstes Dreckwetter, und bei Regen und Pfützen bleiben Völkische wie Proleten mit ihrer Begeisterung lieber daheim als auf der matschigen Theresienwiese. Immerhin mögen die Witterungsverhältnisse für die Einleitung militärischer Operationen weniger zu bedeuten haben, und so wird man vielleicht die Grenzüberschreitung der bayerischen Kampfverbände nach Thüringen hinein doch in diesen Tagen vornehmen. Ein Aufruf Eberts und Stresemanns an das deutsche Volk beweist die Angst, die in Berlin vor den kommenden Dingen waltet. Zwar wird behauptet, man sei gegen jeden Putsch stark genug, aber das – wie üblich jammervoll stilisierte und ganz schwunglose Manifest verursacht selbst die stärksten Zweifel daran. Dieser Maulenergie gegenüber steht immerhin auch der Beginn von Taten, die sich aber nicht gegen die gefürchteten Putschisten sondern gegen das Proletariat richten. Da in Thüringen die erhofften kommunistischen Ministerreden ausblieben, mit denen man in Sachsen den Staatsstreich begründete, schickt man jetzt Reichswehrverstärkungen in das Land, das sich von allen deutschen Gebieten bis jetzt am ruhigsten verhalten hat, um dem General Reinhardt die Auflösung der proletarischen Hundertschaften zu erleichtern! Also eine neue Krebserei vor Bayern, dem Stresemann auch darin entgegenkommt, daß er die freigewordenen Ministerplätze mit außerparlamentarischen, „nationalen“, aber nicht „deutschnationalen“ Herren besetzt. Als Erster durfte ein patriotischer Oberbürgermeister aus dem Rheinland, Jarres, den Sollmannschen Sessel im Innenministerium besteigen. Ich bezweifle aber, ob Herr Stresemann tatsächlich das Opfer seiner eignen Tüchtigkeit wird vermeiden können, obwohl in der Augsburger Postzeitung Herr Beyerle für die Bayerische Volkspartei versichert, daß sie ihn nicht stürzen wolle. Aber Herr v. Kahr hat da mehr zu sagen (und hinter dem schiebt Ludendorff), und da als conditio sine qua non die absolute Diktatur im Reich verlangt wird, die die Weimarer Verfassung durch einfachen Machtspruch beseitigen soll, wird dem Duedez-Bismarck kaum die Wahl erspart bleiben: den Wulle-Ludendorff den Platz freizumachen oder den Kampf aufzunehmen. Nun haben unsre republikanischen Helden vom Zentrum und der Demokratischen Partei beraten, ob man nicht am Ende doch, zur Rettung des Reichs (das tatsächlich schon kaput ist) Freischärler-Korps auf die Beine stellen soll, um den Taktvollen und die Hosenvollen zu unterstützen, und die Demokraten lassen sogar schon einen Aufruf los, der Freiwillige dazu ködern will. Dieser Aufschwung hat jedoch nicht nur bei den übrigen bürgerlichen Verfassungstreuen Widerspruch gefunden, sondern dagegen wenden sich auch die Sozialdemokraten, die der Meinung sind, wer die Republik verteidigen will, soll sich den regulären Wehr- und Polizeitruppen einordnen: die sozialdemokratisch organisierten Arbeiter werden also von ihrer Partei aufgefordert, die Truppen der Generäle, die in Sachsen und Thüringen auf die Arbeitsbrüder losprügeln und die Richterschen Schutzpolizeihorden, die in Berlin mit Panzerwagen gegen die Hungernden eingreifen, aufzufüllen. Dabei wird das Elend immer wüster. Der Dollar steht in New-York über 2 Billionen während der amtliche Kurs in Berlin ihn auf 420 Milliarden festhält. Nur kümmert sich in Deutschland kein Teufel um den deutschamtlichen Kurs, und die Preise werden mit fröhlichem Eifer dem New-Yorker Kurs angepaßt, und wenn auch die Reichsregierung mit Verordnungen, die sich förmlich überpurzeln, heute den Brotpreis von 140 wieder auf 80 Milliarden senkt, und morgen versucht, eine „Relation“ zwischen dem amtlichen und dem wirklichen Kurs zu finden, so bleibt für den Arbeiter die Tatsache bestehn, daß er sich als Familienvater von 8 Köpfen mit dem Wochenlohn noch keine 6 Brote kaufen kann, geschweige irgendwelchen Aufstrich dazu oder gar Getränk zum Frühstück und Bezahlung der Wohnung, des Gasverbrauchs etc. Daß nun die Plünderungen in Berlin, die offenbar großen Umfang angenommen haben, zunächst unter antisemitischer Führung und mit pogromähnlichem Charakter vor sich gehn, und daß natürlich die Zeitungen nur halbwüchsigen Janhagel als Demonstranten bemerken, beweist nichts gegen den Hunger als Antrieb und den sozialen Aufruhr als Folge der Unruhen. In welcher Reihenfolge jetzt die Ereignisse sich abspielen werden, ist gleichgültig. Einige Stationen sind deutlich erkennbar, die angelaufen werden müssen: das Rheinland kann schon jetzt als losgelöst betrachtet werden, obgleich die Pressemeldungen derartig widersprechend lauten, daß sich kein Mensch auskennt, wer grade in Aachen und sonstwo die Macht hat, wie sich die belgischen und französischen Truppen verhalten, wie stark der Anhang der Separatisten überall ist, welchen Erfolg der Angriff auf Kaiserslautern hatte, bei wem über das ganze Gebiet die Regierungsgewalt liegt etc. Aber grade daß man da nur aufs Raten angewiesen ist, beweist, wie schwach die Position der reichstreuen Parteien schon sein muß, und die letzten Pfälzer Meldungen lassen speziell erkennen, wie töricht es von den Deutschen war, die Übernahme der politischen Gewalt durch eine selbständige deutsche Bundesstaatregierung, die schlechterdings das einzige Mittel gewesen wäre, die völlige Separation zu vermeiden, abzulehnen. Mit Bayern steht es nahezu ebenso. Der Rubicon ist tatsächlich überschritten und die Reichseinheit infolgedessen auch vom Süden her gesprengt. Ich nehme bestimmt an, daß weitere Separationen, sei es aus dem Reichsganzen – Ostpreußen, Schlesien, – sei es aus Preußen (da vermute ich wird sich zuerst Hannover rühren) schnell folgen werden. Möglich auch, daß Bayern beim Vormarsch nach Mitteldeutschland gleich Einverleibungen (Meiningen) versuchen oder durch Machtspruch realisieren wird. Jedenfalls ist das Gebilde von 1871 de facto nicht mehr vorhanden, und der Flicken, der es 1919 heilen sollte, hat das Zerreißen erst recht beschleunigt. Das Ende vom Liede kann nur sein die Selbstbefreiung des Proletariats oder die endgiltige Unterwerfung durch den westlichen Imperialismus und die Verwandlung Deutschlands in eine koloniale Satrapie der Sieger, die sich um die Verteilung der Beute in einem neuen Kontinentalkrieg selber zu Tode raufen würden, der sich auf deutschen Kriegsschauplätzen abspielen müßte und den Nationalisten erst recht nichts andres eintrüge als die verspätete und darum umso gründlichere proletarische Revolution.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 9. November 1923.

Ich habe eben beim Ferdl den täglich nach Tisch dort versammelten 6 Genossen die Zeitungen vorgelesen, wie wir das jetzt täglich machen. Da heute mal wieder 3 Blätter da waren – Deutsche Allgemeine Zeitung, Berliner Volkszeitung und Münchner Post (die Kahrs Bedingung für die Aufhebung des Verbots, sich höflich zu entschuldigen, tatsächlich erfüllt hat und nach dieser Selbstkastration wieder erscheinen darf), und da wir jeden Winkel in den Blättern absuchen müssen, um ein möglichst umfassendes Bild von der politischen Gesamtlage zu erhalten, brauchte ich über 1½ Stunden, und kann, um um ½ 3 in den Hof laufen zu können, nur ein paar kurze Sätze notieren. Die Situation ist etwa so wie vor dem eigentlichen Kriegsbeginn 1914. Die „öffentliche Meinung“ wird mit Lügen, Drohungen, Appellen, Beschwichtigungen, Scharfmachereien und Hinterhältigkeiten gefüttert und alles in eine verschwommene Nebelatmosphäre gehüllt. Stresemanns Direktorium, von dem niemand weiß, ob es überhaupt schon konstituiert ist, ob es sich zu einer Regierung erweitern will, auf welcher Seite es steht, versucht noch, sich in Aufrufen, von denen man nicht recht erkennt, ob sie sich gegen rechts oder links wenden, über der Oberfläche des brodelnden Chaos zu zeigen. Man erfährt diese Aufrufe nicht immer, da die bayerische Presse schon verschiedene von ihnen nicht abdrucken durfte. Die Sozialdemokraten tun so, als wollte außer den paar völkischen Unholden kein Mensch in Deutschland etwas Unrechtes; dabei jammern sie, als seien ihnen schon die Rippen zerbrochen. Die Gewerkschaften und angeschlossenen Verbände rufen „Republikaner heraus!“ – und zwar sollen sie die Berliner Schupo – unter Richter! – mit 2500 zuverlässigen Verfassungsschirmern auffüllen. – Während die Republikaner plärren, handeln die Nationalisten. Vielleicht wird morgen über die Art ihres Handelns schon Genaueres zu notieren sein. – Spazierhof! – Nachher habe ich noch an Zenzl zu schreiben, die für die deutsche Hungerhilfe arbeitet, im Berliner Schloß kocht, in Hamburg Kindergruppen zur Auffütterungsreise ins Ausland zusammenstellt und in diesen Tagen mit einem Rudel Kinder selbst die Fahrt nach Holland machen soll. Da ist sie in ihrem Element: helfend arbeiten, arbeitend helfen! Ich bin glücklich, sie so glücklich in Tätigkeit zu wissen, und meine Theorie, daß solche Palliative der Wohltätigkeit der Revolution nicht förderlich sein können, wird von meinem Gewissen und von meiner Freude umgestoßen, daß da gute Menschen mit der Begeisterung, die meine Zenzl ausstrahlt, entsetzlich leidende, der Zukunft gehörende Kinder der Sonne und dem Leben zuführen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 10. November 1923.

Vor einigen Tagen berichteten die Blätter, die verschiedentlichen Gerüchte über eine angebliche neue Entwaffnungsnote Nollets seien samt und sonders falsch. Es sei keine Note eingetroffen, und erst jetzt sei eine solche unterwegs, die sich auf die Wiederzulassung der Militärkontrollkommissionen beziehe. Aber 2 Tage nach dieser Ableugnung erfuhr man von der neuen Note mehr, wenn auch noch nichts Authentisches. Wenn die Meldungen stimmen, so verlange die Botschafterkonferenz von der deutschen Regierung eine Erklärung, ob sie die Kommissionen zulassen werde unter Fristsetzung der Beantwortung, da die früheren Noten unbeantwortet geblieben seien. Danach wäre es also doch wahr, daß schon früher darüber Noten eingelaufen sind – und zwar mehrere; aber dem deutschen Zeitungspublikum kann man ohne weiteres derartig widersprechende Offiziösenkundgebungen vorsetzen, in berechtigtem Vertrauen darauf, daß es darüber kritiklos hinwegliest, und daß die paar Leute, die die Lügerei merken, sie wahrscheinlich für ausgezeichnete Politik halten. Nach dem „Intransigeant“ soll nun die neue Note konkret verlangen, daß zunächst eine Kommission in Bayern einzuquartieren sei, für deren Sicherheit sich die Reichsregierung verbürgen soll, und zwar soll sie aus französischen Offizieren bestehn, die ihre Tätigkeit in Uniform ausüben werden. Ich habe kaum Zweifel, daß die Meldung stimmt. Man muß sagen, daß sie dann von einem gradezu diabolischen Raffinement diktiert worden ist. Denn der latente Konflikt München-Berlin müßte dadurch zu offenem Ausbruch kommen. Heute soll nun sowohl der Nolletsche als auch der deutsche Antworttext veröffentlicht werden. Ich glaube, Stresemann wird versuchen, die Sache zunächst dilatorisch zu behandeln und etwa erklären, durch die Fronde der bayerischen Reichswehrdivision sei es der Reichsregierung unmöglich, die verlangten Sicherheitsgarantieen für Bayern zu geben. Dann müßten die Botschafter sich ja entschließen, entweder noch einmal zuzuwarten, was unwahrscheinlich ist, oder aber ein Ultimatum zu stellen, in dem vielleicht gedroht würde, daß die Mächte im Falle der Nichterfüllung den Schutz ihrer Kommissionen durch Entsendung eigner bewaffneter Detachements selbst übernehmen müßten. Daß Bayern sich mit Nägeln und Zähnen gegen eine neue Beaufsichtigung wehren würde, ist selbstverständlich, da die kriegerischen Vorbereitungen hier sicher schon soweit vorgeschritten sind – die „Times“ berichten von großen Munitions- und Waffenfabrikationen in Bayern –, daß eine Täuschung der Kontrolleure kaum mehr möglich sein wird. Möglich ist auch, daß Stresemann einfach ablehnt, was jedenfalls sofort zu außenpolitischen Weiterungen führen müßte. Seine Politik in den letzten Tagen ließe eine solche Antwort mindestens nicht mehr als inkonsequent erscheinen. Denn alle seine Bemühungen scheinen doch darauf hinauszulaufen, die Deutschnationalen durch immer weiteres Entgegenkommen an ihre Forderungen für sich zu gewinnen. Schon drängt seine eigne Partei offen zur Bildung einer Rechts-Regierung, und schon ist auch, wie es scheint das Zentrum dazu gewonnen, einer Ergänzung des Reichskabinetts durch Deutschnationale und Bayerische Volksparteiler zuzustimmen. Die „Germania“, das Zentralorgan der Partei, das bis jetzt stramm republikanisch war, ist durch eine Neuverteilung der Aktien in die Bestimmungsgewalt der Richtung Klöckner übergegangen (so wird in Deutschland „öffentliche Meinung“ korrigiert, wobei aber von Korruption beileibe nicht die Rede ist). Die einzige Schwierigkeit für Stresemann liegt bloß noch darin, daß weder Deutschnationale noch Bayerische Volkspartei mit ihm als Kanzler zusammen arbeiten wollen. Sonst hätten die Bayern das Justizministerium besetzen dürfen, und wir hätten den sonnigen Ausblick auf eine Ergänzung der Methoden Gürtners in Bayern durch eine Ära Emminger im Reich! Die Deutschnationalen haben zwar ihren Hergt zu Stresemann geschickt, der ihm in persönlicher Information die Forderungen seiner Partei kundgetan hat, aber in ihrer Presse – speziell auch der der bayerischen „Mittelpartei“ verlangen sie ohne Umschweife die „nationale Diktatur“, die wohl auch, wie ich sicher hoffe, sehr bald Tatsache sein wird. Dann – aber erst, wenn die Reaktion die Spitze ihrer Ziele erreicht hat – ist der Zusammenbruch in Abgründe die Frage allerkürzester Zeit, mag der nun durch das deutsche Proletariat auf revolutionärem Wege oder durch Franzosen und Italiener auf militärischem Wege bewirkt werden. Zur Zeit arbeitet Stresemann, um sich halten zu können, weiter als „republikanischer“ Vollstrecker des Wollens der Monarchisten. In Thüringen vollzieht sich genau das Gleiche, was sich zuvor in Sachsen vollzogen hat. Es wird als Feindesland behandelt; Weimar ist besetzt, die Polizei den Generälen unterstellt, die mit den allmählich üblich gewordenen Provokationen die Arbeiterschaft vor die Flintenläufe zu bekommen versuchen. Gegen Bayern wird jede Unfreundlichkeit vermieden, und die Presse bringt geschickt in Vergessenheit, daß da überhaupt irgendwie außerordentliche Verhältnisse bestehn. Während Herr Geßler dem thüringischen Ministerpräsidenten Fröhlich seine Beschwerde über die Besetzung Thüringens damit beantwortet, daß er treuherzig versichert, der Einmarsch beabsichtige ja „auch“, das Land gegen etwaige Angriffe vom Süden her zu schützen, wobei aber bewaffnete Formationen privaten Charakters hinderlich seien (gemeint sind die proletarischen Hundertschaften, die jedoch unbewaffnet sind), läßt er zugleich die Presse erklären, die Nachrichten von der bayerisch-thüringischen Grenze seien Sensationslügen, und der General Horn als Oberkommandant von Berlin läßt 2 Journalisten (Oehme und Kames) einsperren, weil sie durch Erwähnungen eines drohenden Bürgerkriegs das Publikum und das Ausland erschreckt hätten. Dabei hat die Reichsregierung in ihren verschiedenen Aufrufen selber dauernd von dieser Gefahr gesprochen. Sehr interessant liest sich jetzt die Deutsche Allgemeine Zeitung über die Vorgänge, das offiziöse Organ Stinnes, das in kurzer Zeit die radikalste Schwenkung zur deutschnationalen Politik vollzogen hat. So brachte das Blatt gestern einen Leitartikel über die Notwendigkeit, alle Maßnahmen unter dem Gesichtspunkt zu treffen, daß die Landwirtschaft zufriedengestellt wird, unter der das junkerlichste Großagrariertum verstanden wird. Die Argumentation ist diese: Die Hungersnot ist veranlaßt durch die Abneigung der Landwirtschaft gegen „Falschgeld“ zu liefern (Westarps kürzlich im Reichstag gesprochenes Wort: „Das deutsche Volk muß bei vollen Scheunen verhungern“). Man könne es den Landleuten auch nicht zumuten, gegen wertloses Entgelt die Städte zu ernähren; vor allem aber sage sich jeder Bauer, der täglich 14 – 16 Stunden arbeite: wie komme ich dazu, mich für das städtische Proletariat abzurackern, das nur höchstens 8 Stunden arbeiten will. Also: Verlängerung der Arbeitszeit, die ohne Rücksicht auf Gesetzgeberei eventuell von der Industrie oktroyiert werden müsse, – oder das Land hungert die Städte aus! Nun scheint die Allianz: Industrie, Landwirtschaft und Militär tatsächlich geschlossen zu sein, wenigstens nennt die Berliner Volkszeitung als die Träger der geplanten nationalen Diktatur die Namen Stinnes-Ludendorff-Wangenheim (der freigesprochene Kapputschiner: „Mitläufer“ Jagows und Kapps). Ich frage mich: wie denkt sich Hugo Stinnes die Wirkungen seiner Politik, da er doch wissen muß, daß sich die Versailler Vertragspartner eine solche Diktatur schwerlich auch nur eine Woche gefallen ließen, und da er doch geschäftlich nichts verlieren, sondern im Gegenteil weiter profitieren will? Man kann doch diesen gerissensten und gewissenlosesten Raffer und Volksauspowerer des Kontinents nicht ohne weiteres für einen phrasenbesoffenen völkischen Narren halten oder im Ernst glauben, er sei als Politiker ein von seinen eignen Zeitungsknechten düpierter Schwachkopf, – so bliebe denn eine Hypothese offen, die allerdings einen ganz verwegenen Kerl voraussetzen würde, und die ungefähr das krasseste an Macchiavellismus wäre, was je im politischen Höllenpfuhl ausgekocht wurde. Diese Hypothese wäre: Bismarcks Reich ist nicht mehr zu retten. Im Rheinland weht schon die grünweißrote Fahne von fast jedem öffentlichen Gebäude – und die Nichtanerkennung von den Westmächten ist nur noch Ziererei; in der Pfalz ist ungefähr derselbe Zustand erreicht, nachdem das Verrätergekreisch gegen Hoffmann nun anstelle der bösen Marxisten die noch böseren Separatisten zu erheblich weiter gesteckten Operationen herangelockt hat. Der äußerlich noch haltende Faden, mit dem Bayern schon sehr kümmerlich mit dem Reich zusammenhängt, droht stündlich zu reißen und läßt sich nur noch einmal durch die Errichtung von Kahryatiden im Reich für 14 Tage oder noch kürzere Zeit befestigen; er würde schnellstens durch innere oder äußere Gewaltkuren zerrissen werden. Einen Tag, nachdem ich hier die Vermutung geäußert hatte, daß die hannoverschen Autonomisten ihre Stunde wohl auch bald für gekommen halten werden, stand in der Zeitung, die Deutschhannoveraner hätten das Plebiszit über die Trennung von Preußen beantragt. Die Gewaltstreiche gegen Sachsen und Thüringen, wo die Generäle jetzt sozialdemokratische Beamte massenweise „beurlauben“, hat auch in diesen festesten Domänen des militaristischen Aberglaubens das erzeugt, was man früher Reichsverdrossenheit nannte. Der Zerfall des Ganzen ist mitten im Geschehn. Die Gefahr einer proletarischen Revolution wird dadurch ganz gewaltig gefördert, – und eine solche Revolution müßte diesmal alle Schranken der Wirtschafts- und Staatsordnung niederreißen, Stinnes’ Privilegien geraten in allerschwerstes Schwanken. Da hat er etwas zu fürchten, sonst nirgends, am wenigstens von einer grundsätzlichen Umgestaltung der staatspolitischen Verhältnisse im kapitalistischen Deutschland, gleichviel wohin sie tendieren mögen. Wäre es nicht also möglich, daß er einen solchen Zusammenbruch der Staatlichkeit durch Protegierung der irrsinnigsten Desperadopolitik beschleunigen will in der bewußten Absicht, den kriegerischen Konflikt mit Frankreich herbeizuführen, der ja in der Form seiner Auswirkung lediglich in der militärischen Besetzung Deutschlands bestehn würde? Steht der Feind bewaffnet in Berlin und an allen Eisenbahnlinien, dann ist es sehr fraglich, ob sich das Proletariat – besonders unter der Führung der Gewerkschaften und marxistischen Parteien – auch nur rühren würde. Stinnes aber bleibt der Mammut-Ausbeuter, der er ist, und seine Verträge mit den Schneider-Creuzot und Konsorten kann er abschließen, ohne einen Pfennig zu verlieren, inzwischen aber die infame Inflations-Ausbeutung, die ihn zum reichsten Mann der Welt gemacht hat, weiterhin für lange hinausdehnen, während sie grade im Moment aufhören zu sollen scheint, das Euter des Volks zu sein. Ohne noch ein Wort über den Wert der Maßnahme sagen zu wollen, bleibt immerhin eine neue Erklärung der Reichsregierung zu erwähnen, worin erklärt wird, daß der Notendruck nun am 15. November aufhören würde. Bis dahin soll genügend wertbeständiges Geld hergestellt sein, um sofort die Einlösung der laufenden Papierscheine zu einer bestimmten Relation zu beginnen. Die Beschaffung der notwendigen Devisen dazu aber soll durch eine Wiederholung der Brotabgabe und durch Export von Zucker bewerkstelligt werden (den man dazu sicherlich nicht den Schlemmer-Konditoreien, sondern den hungernden Proletariern entziehn wird). Gelingt der Plan, so wird zwar gewiß keine „Sanierung“ der deutschen Finanzen und Sättigung des hungernden Volks erreicht werden, aber die Spekulation wird neue Erfindungen machen müssen, um weiterhin den letzten Mündelpfennig in ihre Taschen zu leiten. Zur Zeit sei der Dollar „stabil“. Er steht nämlich schon 3 Tage auf 630 Milliarden Mark, – nach dem amtlichen deutschen Kurs. Liest man aber sorgfältig den Börsenteil der Zeitungen nach, so findet man, daß er inzwischen in New York schon 4 und mehr Billionen kostet, – und nach dem deutschen Kurs richten sich nur die Löhne und Gehälter, nach dem New-Yorker aber die Preise der deutschen Lebensmittel und Waren. Nun – das Wetter ist wieder schön geworden. Der Regen hat aufgehört, die Sonne scheint und das Thermometer zeigt knapp über 0°. Der Himmel scheint also entschlossenen Menschen keine Schwierigkeiten mehr bereiten zu wollen.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 11. November 1923.

Ein kleines Episödchen, das sich vor einer viertel Stunde zutrug. Die Zellenreinigung geschieht Sonntags nach Tisch zu der Zeit, wo wir bei Kaffee oder Thee am Alltag Zeitung lesend, am Sonntag in Gesprächen beisammen sitzen. Während des Auskehrens beim Ferdl setzten wir unsre Unterhaltung im Speisesaal fort. Sie drehte sich um ganz Prinzipielles, und ich war mit Schiff in lebhaftem Wortwechsel darüber, ob man mit Marx den Zentralismus als die höhere Organisationsform fordern müsse, auf der jede höhere Kulturform beruhe, oder – wie ich behaupte – durch Föderalismus, Individualisierung und Autonomisierung dem ursprünglichen Bedürfnis der Persönlichkeiten und der Kommunen gerecht zu werden habe. Schiff eiferte dagegen, daß man statt dauernd höher zu entwickeln, die Rückkehr zum Mittelalter anstrebe, und ich höhnte: Diese Angst vor dem Mittelalter! Als wenn wir die lichteste Höhe aller Kultur erreicht hätten und die höhere Jahreszahl die höhere Entwicklungsstufe bezeichnete! Wenn Euch, rief ich, jemand von Föderalismus spricht, so assoziiert ihr Mittelalter und seht ihn schon rothaarige kleine Mädchen als Hexen verbrennen! – Natürlich redeten wir nicht eben im Flüsterton und die lauten Stimmen lockten denn auch den Aufseher Stubenvoll herbei: Er öffnete die Tür und sprach: „Meine Herren, ich mache Ihnen (so!) darauf aufmerksam, daß politische Gespräche nicht geführt werden dürfen!“ – Natürlich protestierten wir – und zwar nur mit der Betonung, daß wir kein Wort von Politik geredet hätten. Herr Stubenvoll aber wiederholte seine Warnung und verschwand. Eine Beschwerde hätte natürlich garkeinen Zweck. Da wir unleugbar über Kultur gesprochen haben, deren Erwähnung unter der gegenwärtigen „Organisationsform“ und Entwicklungshöhe wahrscheinlich schon als Umsturzabsicht gedeutet würde, fände jedenfalls die Behauptung, unser Gespräch sei nicht über Politik geführt worden, keinen Glauben. Herrn Stubenvolls generelles Verbot aller politischen Gespräche wollen wir doch vorläufig seinen Vorgesetzten lieber vorenthalten. Sie könnten es von oben herunter noch ausdrücklich legalisieren, und dann gäbe es ein nettes Leben hier drinnen. Immerhin ist zum ersten Mal das Prinzip ausgesprochen, und wir haben Erfahrungen übelster Sorte mit solchen Anfängen. Es wird immer schöner, auch jetzt noch nach 4½ Jahren Ehrenhaftvollstreckung in Bayern. Bis zu welchen Gipfeln wird sich das System noch entwickeln lassen, wenn ich wirklich 1934 erst entlassen werden sollte! – Neue Nachrichten sind seit gestern Mittag nicht mehr gekommen. Vom Verlauf des 9. November, der ja als Jubiläumstag des „Novemberverbrechens“ gilt und von vielen als Termin für die Hitleroffensive angenommen wurde, wissen wir noch garnichts. Aber ein heiteres Intermezzo in der Kahrschen Regierungstätigkeit soll erwähnt werden. Kahr erließ eine neue Verordnung, worin er außerordentlich scharfe Bestimmungen für die Festsetzung von Preisen traf, und mit der unleugbar dem Konsumenten große Erleichterungen auf Kosten des Zwischenhandels geschaffen würden. Die ganze Art der Verordnung verrät deutlich ihren nationalsozialistischen Ursprung. Der Verkäufer von Waren wird bei der Handhabung der Reichsindex-Multiplikation so stark beeinträchtigt – in bezug auf die Höhe des anzusetzenden Grundpreises und besonders durch das Verbot, irgendwelche Umsatzverluste in Rechnung zu bringen, – daß die Absicht klar wird: dem Verbraucher soll verbilligte Ware geschaffen werden, ohne daß der Erzeuger getroffen wird und so, daß der Handel – der ja nach antisemitischem Dogma das Judentum ist – möglichst empfindlich geschädigt wird. Es geschah natürlich, was geschehn mußte: die bayerischen Vertreter der Handelsinteressen – die Handels- und die Handwerkskammer traten auf den Plan und protestierten gegen die Verordnung, die ganz aus marxistischem Geiste geboren sei! Herr von Kahr hat gegen diese Behauptung die „schärfste Zurückweisung“ erhoben. Herrlich! Der „Marxist“ Kahr! Natürlich ist der Vorwurf der Handelskammer dummes Zeug. Es ist ein typisch einseitiger kleinbürgerlicher Konsumentenstandpunkt, der in der Verordnung zum Ausdruck kommt, der mir als Anarchisten, der mit Proudhon die sozialen Fragen ebenfalls gern unter dem Konsumentengesichtspunkt betrachtet, aber deswegen ganz gegen den Strich geht, weil er die Identität des Erzeugers und Verbrauchers nicht sieht und die Zirkulation nicht beim ausbeutenden Großhandel, sondern gerade beim Kleinhandel, beim Mittelstand trifft, der doch angeblich geschützt werden soll. Es ist der unlösbare Widerspruch in der unglaublich oberflächlichen Theorie der Nationalsozialisten, daß sie nach dem Grundsatz mit dem Kapitalismus verfahren wollen: wasch mir den Pelz und mach mich nicht naß! Die Unterscheidung zwischen Leih- und Werbekapital, die sie aufstellen, um den Handelswucher vernichten, die Produktionsausbeutung aber unberührt weiterwirken lassen zu können, ist Schwindel, und die Schwerindustrie weiß, warum sie diesen „Antikapitalisten“ nichts tut. Das Proletariat täte besser, selber als Konsument zu denken und für den eignen Verbrauch zu – arbeiten, als sich von marxistischen Maximen um die Erkenntnis der eignen Interessen prellen zu lassen.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 12. November 1923.

Wir haben heute keine einzige Zeitung ausgehändigt erhalten. Unter den als konfisziert mitgeteilten befinden sich alle bürgerlichen Blätter, die sonst eintreffen, auch die D. A. Z. Natürlich bewirkt diese absolute Kenntnislosigkeit der Vorgänge seit dem 8ten – noch dazu an einem Montag, dem Tage, der sonst die meisten Blätter bringt, große Nervosität und ein wildes Aufflattern von Vermutungen, Kombinationen und „Latrinen“. Man wird im allgemeinen bei Konfiskationen von Zeitungen immer annehmen können, daß die spezielle Nachricht, die die Verwaltung uns ganz vorenthalten will, eine solche ist, die ihr nicht lieb ist, während sie Meldungen, durch die unsre Hoffnungen gedämpft werden können, freigiebig ausliefert. Diese Erfahrung bewirkt also an einem Tage wie heute großen Optimismus, und keine Nachrichten bedeuten für uns stets gute Nachrichten. Worin diese Nachrichten bestehn, das werden wir allmählich aus den Blättern, die wir später kriegen, nachkonstruieren müssen. Möglichkeiten sind ja genügend vorhanden. Die nächstliegende ist natürlich die, daß am 9. November doch eine Bewegung ausgebrochen ist, die über das übliche lokale Getöse hinaus als Anfang des deutschen Bürgerkriegs anzusehn wäre. Dagegen spricht aber das Funktionieren von Post und Eisenbahn, und, gleichviel wer den ersten Schlag geführt hat, ist wohl ein allgemeiner Streik auch nach den fürchterlichen Niederlagen der Arbeiterschaft in Sachsen und Hamburg für den Fall des offenen Waffenkampfes selbstverständlich. Möglich ist jedoch auch, daß die Wiederholung der sächsischen Infamie von den Thüringer Arbeitern nicht ebenso still hingenommen wird und daß sich dort revolutionäre Widerstände ausbreiten. In diesem Fall – oder auch als primäre Erscheinung – kann auch mit dem Ausbruch der offenen Feindseligkeiten zwischen den bayerischen Verbänden und den Thüringischen Arbeitern und Schutzpolizisten gerechnet werden. Endlich kann – und wieder eventuell im Kausalzusammenhang damit – auf die Veröffentlichung der Nolletnote geschlossen werden, die ja bestimmt versprochen war, und deren Inhalt möglicherweise doch so pfundig sein mag, daß dadurch entweder der furor teutonicus im ganzen Reich aufgepulvert werden soll oder, falls Stresemann noch am Ruder ist und anders will, Bayern und alles Deutschnationale zum endlichen entscheidenden Bruch mit denen treiben, die noch mit Poincaré verhandeln wollen. Schließlich mögen auch die neuen Wirtschaftskonfusionen ihr Teil beitragen, um katastrophische Wendungen zu beschleunigen. Man las schon davon, daß den Leuten, die jetzt in Dollarschatzanweisungen bezahlt werden, die Valutaschieber auf der Straße ihren Verdienst abschachern (wobei der Arbeiter, wenigstens seiner Vorstellung nach, ja noch gewinnt. Denn wenn der Dollar 630 Milliarden Mark amtlich notiert wird, und der Händler zahlt ihm, meinetwegen 700 oder 800 Milliarden oder gleich 1 Billion, so glaubt der Lohnempfänger natürlich ein Geschäft zu machen. New-Yorker Wert des Dollars ist aber gleichzeitig 4 – 6 Billionen Mark, was der Prolet nicht, der Händler umso besser weiß, – das wirkliche Geschäft macht er). Die intelligenteren und besser geschulten Arbeiter wissen ja auch, was es mit der bevorstehenden „Sanierung“ der Finanzen auf sich hat. Ich für meinen Teil verstehe ja nicht viel von all den Dingen, die schwierige arithmetische Gehirnoperationen verlangen. Aber – auf die Gefahr hin, eine Dummheit festzulegen, schreibe ich auf, was ich mir denke, wenn ich die neuesten Finanzpläne der Reichsregierung ansehe: gewiß, sie werden durch die Zuckerausfuhr (die ohne Frage auf eine ungeheure Liebesgabe für die Agrarier hinausläuft) die Rentenmark einigermaßen decken können zusammen mit den übrigen Devisenbeschaffungsmaßnahmen; aber ich sehe bei alledem immer nur die Mittel zur Thesaurierung des neuen Geldes, das mir garnicht übertrieben wichtig scheint. Wie sie aber die Zirkulation des also thesaurierten Geldes ohne die äußerste Beraubung des arbeitenden Volks ins Werk setzen wollen, – das weiß Gott allein – ich jedenfalls nicht. Und ob die Rechnung der Stinnesleute richtig ist, daß die Arbeiterschaft schon bloß noch als Objekt ihres Raffgeistes behandelt werden darf, das mag ich trotz all meiner Geringschätzung der gesamten Führerschaft doch noch nicht annehmen. Einmal wird sich die misera plebs ja wohl auch selber drauf besinnen, daß nur Selber-Sterben tot macht und daß der Mensch doch irgendwo anfängt, sein Leben als sein Eigentum zu betrachten.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 13. November 1923.

Keine einzige Zeitung auch heute. Da aber etliche Blätter als zurückgehalten mitgeteilt sind, darunter solche von Norddeutschland und sogar eine Thüringer (das sozialdemokratische „Volk“, Jena), so steht jedenfalls soviel fest, daß weder Generalstreik noch Grenzsperre zwischen Bayern und dem übrigen Reich besteht. Hat also der Bürgerkrieg begonnen, so ist er offenbar weiterhin ein sehr einseitiger, nämlich ein bürgerlicher Unterjochungskrieg gegen das Proletariat, wie er in Sachsen ja für den Angreifer siegreich schon durchgeführt ist. Man will augenscheinlich die Arbeiterschaft politisch vollkommen erledigen, um ihr dann den 10, 12Stundentag aufoktroyieren zu können. Der Bürger- ctra Bürgerkrieg wird bis zur Beendung dieses Kriegs vertagt werden sollen. Das einzige Problem ist dabei, ob die Arbeiterschaft wirklich die Passivität auf die Dauer bewahren wird, die es den Großindustriellen bis jetzt gestattet hat, ihre absolute Versklavung immer weiter zu erzwingen. Leider ist diese Frage nicht ohne weiteres zu verneinen. Die jahrzehntelange Gewerkschaftserziehung des deutschen Proletariats, ergänzt durch die demagogischen Praktiken der politischen Parteien, die einer Berufsbürokratie alle Initiative, den Arbeitern selbst den Kasernengehorsam ohne Willen und Widerrede auferlegen – und die KPD ist darin um nichts besser als die Sozialdemokratie –, hat nach allen schlimmen Erfahrungen mit den Noske, Hörsing, Ebert, Severing, Richter etc und mit den kommunistischen Sprüchklopfereien beim Kapputsch, beim mitteldeutschen und vogtländischen Aufstand, bei der Rathenaugeschichte und dem Ruhrabenteuer, schließlich jetzt in Sachsen und Hamburg das Vertrauen der Arbeiter zum Prinzip des Zentralismus und der Obrigkeitsdirektion unkontrollierter beamteter Führer noch nicht erschüttert. Wir lasen jüngst einen glaubhaften Bericht der D. A. Z. über eine kommunistische Funktionärssitzung in Berlin, bei der die Frage der jetzt zu beobachtenden Taktik erörtert wurde. Danach hätten die Hamburger bitter geklagt, daß sie von der Partei im Kampf im Stich gelassen worden seien, die Sachsen, Thüringer und Rheinländer – also grade die Vertreter der Bezirke, die unmittelbar vom Kampf bedroht sind, hätten sofortige durchgreifende revolutionäre Beschlüsse – allgemeiner Generalstreik etc. – gefordert, seien aber gegen die entschiedene Weigerung der Zentrale mit ihren Forderungen in der Minderheit geblieben. Die Zentralbonzen haben also wieder mal ausgerechnet, daß die „Phase“ noch nicht erreicht ist und die „objektive“ Situation der subjektiven nicht entspreche oder wie die marxistischen Hohlredereien alle lauten. Inzwischen kann das Proletariat in seiner Hoffnung auf das Signal der Thalheimer und Brandler sich von Stinnes’ Rasiermessern die Gurgel durchschneiden lassen, falls es sich nicht doch noch besinnen sollte und mit der gleichen Keule, mit der es seine kapitalistischen Eisenspangen durchschlägt, den ganzen Troß berufsmäßiger Führer zu Boden haut, der sich als Schicksalslenker des Sozialismus und der Zukunft aufspielt. Ein kommunistischer Genosse, aber Prolet von natürlichem Wuchs, meinte, als wir jenen Bericht vernahmen, über seine eignen Parteihäupter mit bitterer Ironie: Also muß die Revolution solange warten, bis sie die Sozialdemokraten zur Diktatur des Proletariats bekehrt haben! – Ich lese eben Otto Rühles Buch „Das proletarische Kind“, ein furchtbar eindringliches Memorandum unsrer entsetzlichen sozialen Zustände. Tatsachen, Tabellen, Ziffern, die erschütternd aufzeigen, wie elend das deutsche Proletariat dran ist, und wie grauenhaft sein Elend erst durch den Krieg und seine Folge – die niedergeworfene Revolution – gesteigert ist. Da steigt die fürchterliche Frage auf, ob nicht die kapitalistischen Sklavenhalter erreicht haben mögen, worauf es ankommt: durch die körperliche, geistige und sittliche Lähmung, Vergiftung und Abstumpfung des Proletariats mit den Mitteln der allergrauenhaftesten Entmenschung schon der Kinder durch Ausbeutung, Prostituierung, durch Wohnungselend, Hunger und alle Übel der hygienischen und geistigen Demoralisierung die gänzliche Widerstandsunfähigkeit den Versuchen gegenüber herbeizuführen, aus dem arbeitenden Menschen wie Pferde und Ochsen gezähmte Tiere zu machen, die mit ihrer Brut für alle Zeiten die willenlosen Vollstrecker des Willens der öffentlichen Gewalten, d. h. der besitzenden Klassen sind. Stinnes und seines Gleichen halten den Zeitpunkt für gekommen aufs Ganze zu gehn. Auch die Sozialdemokraten haben ihnen jetzt 9 Jahre lang die Lakaien gemacht bis zu einem Grade, daß man sie jetzt nicht mehr braucht und ihnen – vorläufig auch noch durch Verwendung Eberts zu diesem Geschäft – den Tritt vor den Hintern gibt. Die armen Arbeiter glauben leider, daß dieser Tritt ihnen Bundesgenossen wegstößt und werden auf einen Wink der Depossedierten für sie dastehn. Nicht so für sich selbst, denn ihre „Vertreter“ werden sie gewiß nie für proletarische Interessen aufrufen. Das Interesse, das Gefrage richtet sich bei der Masse der deutschen Arbeiter heute noch darauf, wie weit Sozialdemokraten und Kommunisten als Hüter demokratischer Einrichtungen zugelassen werden. Von diesen Jammerkerlen wird Brot und Freiheit erhofft. – Aber ich mag und will und kann den Glauben nicht verlieren, daß eines guten und sicherlich nahen Tages von unten herauf, aus Fabriken, Viehställen, Herbergen und Kohlengruben groß und plötzlich – und am plötzlichsten für die ahnungslosen Berufsführer des Proletariats – der Sturm aufbraust, der dem deutschen Volk freie, gesunde Luft zum Atmen zuträgt, der unsre Kerkertore aufreißt und der die Macht der Mächtigen zugleich mit der Kläglichkeit der Machtstreber und mit Junkern, Schlotbaronen, Pfaffen, Partei- und Gewerkschaftsbonzen auch den ganzen öden Spuk des in Revanche- und Restaurationsgeist verirrten Getriebes des immerhin von Idealen revolutionierten Großteils der deutschen Jugend wegfegt. Die proletarische Jugend muß die Jugend einer unschädlich gemachten Bourgeoisie bald für sich gewinnen können!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 14. November 1923.

Wieder und noch immer kein Zeitungsblatt. Unsre letzten Kenntnisse nahmen wir am Samstag auf, und sie betrafen die Vorgänge bis zum Mittwoch, höchstens Donnerstag der vorigen Woche. Was in den letzten 8 Tagen passiert ist, davon wissen wir bis jetzt nichts. Nur wissen wir soviel, daß wir in so kritischer Zeit leben wie seit Anfang 1919 noch nie, und daß demnach die Konfiskation schlechthin aller Nachrichten nichts anders bedeuten kann, als daß an einem der Glockenstränge gerissen ist, an denen die vielen von Ereignissen umdrohten Sturmglocken hängen. Welcher ist[es] ist, das können wir nur vermuten, und solche Vermutungen durchschwirren das Haus in einer Fülle und Phantasie, daß einem himmelangst davon werden kann. Ich neige am meisten zu der Annahme, daß die Nollet-Note den Konflikt zwischen Bayern und dem Reich breit aufgerissen hat und daß wir nicht die Freude genießen sollen, etwa doch noch Seekts Heldenscharen gegen Lossows Löwen in Marsch gesetzt zu sehn. Soweit wird es freilich bis jetzt nicht gekommen sein, da die Absperrung Bayerns vom übrigen Reich, mindestens von Norddeutschland ohne weiteres damit verbunden wäre. Es wird also zunächst noch das homerische Geschimpfe in den Gazetten vor sich gehn, die ernsthaftere Auseinandersetzungen einzuleiten oder zu ersetzen pflegen. Nicht unwahrscheinlich klingt auch die Vermutung, daß inzwischen in Bayern größere Unruhen und Hungerrevolten ausgebrochen sind, und daß man uns die Siegesberichte der auf die Hungernden losgelassenen bewaffneten Horden nicht lesen lassen will. Die Wirtschaftslage muß allmählich derartig kraß geworden sein, daß wir uns schon keine Vorstellung mehr davon machen können. Wir wissen nicht mehr wie der Dollar steht. Was wir wissen, ist nur, daß vorgestern – und zwar ohne vorherige Mitteilung (die Verwaltung versicherte, daß sie es selbst erst an diesem Tage erfahren habe, und daß die Poststelle Niederschönenfeld noch bis Mittag des Tages in Zweifel war: die deutsche Musterorganisation!) – das Briefporto von 1 auf 10 Milliarden Mark erhöht wurde. Man will ja auch das Postporto „wertbeständig“ machen; d. h. also wohl Briefmarken mit dem Aufdruck 5, 10, 20, 50 Pfennige herausgeben und nach dem jeweiligen Valutastand gegen Milliarden und Billionen Mark verkaufen. Aber ich sehe nicht ab, wie das nicht in kürzester Zeit zu neuer Inflation führen sollte. Wer es irgend kann – alle Kaufleute vor allem – werden sich natürlich mit Briefmarken für lange Zeit eindecken – zu einem Dollarstand von beiläufig 1 Billion. Während sie die gehäuften Vorräte verwenden, steigt aber der Dollar meinetwegen auf eine Trillion oder Quatrillion, – und die Post soll die Briefe befördern, für deren Erledigung sie nur einen milliardensten Teil davon bezahlt erhalten hat, was die Spesen heute wert sind? Sie wird sehr schnell genötigt sein, auf die Marken statt 5 Pfennig 50 und statt 50 Pfennige 20 Mark, dann 100, 1000 und 1 Million und weiterhin wieder die 10 Milliarden, die wir heute und die 100 Billionen, die wir vermutlich in wenigen Wochen zahlen müssen, aufzudrucken. Tatsächlich sieht es ganz so aus, als ginge beim Warenhandel die Entwicklung der Inflation im selben Augenblick schon wieder an, wo eben die ersten Preise „wertbeständig“ erhoben werden. Toller erzählt mir, daß er sich in Rain Zigaretten kaufe für dort deponiertes wertfestes Geld (Dollarschatzscheine). Da verlangte man vor 14 Tagen von ihm für 1 Zigarette 1 Goldpfennig; vorgestern verlangte man für die gleiche Zigarette schon 3 Pfennige (dies übrigens trotz der schönen „marxistischen“ Verordnung Kahrs, der meint, man könne ökonomische Wirkungen ökonomischer Ursachen einfach verbieten, – und der Welt ist geholfen). Wenn jetzt die Rentenmark ausgegeben wird, wird sie kaum eine andre Laufbahn haben als die Mark seit 9 Jahren, nur wird der Wertzerfall viel rascher vor sich gehn. Allerdings ist wohl so gut wie sicher zu erwarten, daß – falls keine soziale Revolution alle Werte umwertet – die Finanzkontrolle der Gläubigerstaaten, über deren Einsetzung alle Sieger einig sind (deren Konflikte gehn nämlich überhaupt nirgends um Deutschland; im Gegenteil: wo sie wirklich Konflikte haben, tritt regelmäßig das solidarische Interesse an Deutschland als vermittelnder Faktor auf), eine Neuordnung in die deutschen Finanzen bringen wird, die ganz anders sein wird als die Stinnes-Westarp-Helfferich sie sich vorstellen. Es würde zunächst eine neue Steuerpolitik oktroyiert werden, bei der auch der Unternehmer zahlen müßte und überdies den Steuerprofit vom Arbeitnehmer einbüßte, den er durch die Zurückhaltung des 10%igen Lohnabzugs bis zur völligen Wertlosigkeit dieser Summe extra erzielt. Die Engländer werden hauptsächlich darauf drücken, daß der Besitz kräftig herangezogen wird. Sie können sich dabei auf ihre eigne Finanzpolitik berufen, da sie die Hauptkriegskosten schon während des Krieges selbst durch Besteuerung der Kriegsgewinne bis zu 75 % aufbrachten, während man bei uns das fröhliche Karusselspiel einrichtete, Kriegsanleihe immer wieder von neuem als Kreditpapier für die Kriegskosten anzunehmen und zu verzinsen, wobei als wirklicher Wert das gesamte Mündel-, Renten- und Sparvermögen der Deutschen verpulvert wurde, verpulvert bis zu dem Maße, daß heute die 300 Milliarden, die für Kriegsfinanzierung von den breiten Massen hergeliehen wurden – und die das Reich nicht vom Goldbestand, in dem sie einbezahlt wurden, zum heutigen Valutastand umgerechnet hat – noch nicht dazu ausreichen, einen einzigen Arbeitslosen mit seiner Familie auch nur einen einzigen Tag lang zu sättigen. So ist Deutschland durch völlige Ausplünderung der Sparkassen und der Arbeitenden nach innen schuldenfrei geworden, hat durch die Inflationsgewinne der Spekulanten die Handelsflotte wieder aufbauen lassen, die Industrie mehr als jemals in früheren Prosperitätszeiten konkurrenzfähig machen und (in Thüringen z. B.) kolossale Neuanlagen industrieller Unternehmungen erst schaffen können: alles nur durch Inflationsspekulation. Ob man demgegenüber außerhalb Deutschlands einen einzigen Menschen findet, dem man weismachen kann, daß die Reparationsschulden für Deutschland untragbar und fürchterlich seien? Sicherlich nicht die Regierungen der Siegerländer, und am allerwenigstens die Engländer, die jetzt amüsanterweise über den grünen Klee als unsre Freunde gelobt werden, – und zwar von bayerischen und preußischen Kahrioten am allerlautesten. Ach, grade sie werden die Besteuerung des Besitzes und darüber hinaus beträchtliche Lohnerhöhungen für die Arbeiterschaft erzwingen, – weil die Erwerbslosigkeit bei ihnen zum guten Teil auf der Konkurrenz beruht, die Deutschland als Lohndrücker leistet. Und an ihrem Veto wird auch die Abschaffung des 8Stundentags scheitern – aus den gleichen Gründen, und es wird garnicht mehr lange dauern, dann wird Alldeutschland anstelle des sadistischen Frankreichs wieder das perfide Albion im Kot der Stinnes- und Hugenbergpresse wälzen: Gott strafe es!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 15. November 1923

Jetzt wissen wir endlich ungefähr Bescheid. Ungefähr: denn alle Ereignisse einer ganzen Woche müssen wir aus einer einzigen, gestern abend ausgehändigten Nummer der Deutschen Allgemeinen Zeitung heraussuchen, bzw. zurechtkonstruieren. Als das Ereignis, das unsre Nerven fühlten, ohne es zu kennen, ergibt sich: Hitler hat losgeschlagen! Der Hitler-Ludendorff-Putsch ist gestiegen – und ist mißlungen! Und alles war anders als man es erwarten konnte, und die Situation ist so verändert, daß ganz neue Konstruktionen notwendig werden, um für den Verlauf im weiteren eine Richtschnur zu finden. Nach dem, was in diesem einzigen Dienstagblatt stand, haben sich ungefähr folgende Dinge abgespielt. Am 8ten (heute vor einer Woche) fand abends eine Versammlung im Bürgerbräukeller statt, wahrscheinlich von den Vaterländischen Verbänden einberufen und wahrscheinlich zu dem Zweck, Kritik an der Kahrpolitik zu üben und ihn, Lossow und Seisser (den Kommandanten der Polizeitruppen) persönlich zu hören. Denn die 3 Herren waren anwesend. In diese Versammlung muß plötzlich Hitler mit einer Anzahl Bewaffneter eingedrungen sein, vermutlich mit „Hände hoch!“ und gezückten Revolvern. Kahr, Lossow und Seisser wurden – man muß das alles aus einer ganzen Serie von Reden, Erklärungen, Berichtigungen, Urteilen zusammenkombinieren – in ein Zimmer gesperrt, wo man ihnen – die Pistole vor der Brust und das ganz wörtlich – ein Ultimatum stellte, das offenbar die Forderungen betraf: Absetzung der bayerischen Regierung, Kahrs Diktatur als Garantie für nationalsozialistische Politik mit allen Konsequenzen, sofortiger Vormarsch über Thüringen, Saaletal, Halle auf Berlin etc. Die Antwort der 3 Köpfe der politischen, militärischen und polizeilichen Gewalt beruhigte anscheinend die Hitlerschen. Aus einer halbamtlichen Darstellung werden die verschiedenen aus der Lage erwachsenen Möglichkeiten für Kahr und die beiden Gefährten als deren 4 aufgeführt und in ihren verschiedenen Wirkungen ausgemalt. Daraus erfährt man, daß von folgenden 3 Möglichkeiten kein Gebrauch gemacht wurde: sofortiger physischer Widerstand, sofortige Ablehnung und bedingungslose, sofortige Unterwerfung. Es heißt dann als vierte Möglichkeit, die gewählt wurde: Wiedergewinnung der Bewegungsfreiheit unter allen Umständen auch auf Kosten der allgemeinen Mißbilligung bei Freund und Feind. – Was sich nun an diesem Abend noch abgespielt hat, das heißt, wie weit die Versprechungen der 3 Herren gingen, steht für uns noch nicht fest. Jedenfalls wurden sie wieder in Freiheit gesetzt und jedenfalls müssen die Großdeutsch-Völkischen Kahr, Lossow und Seisser als für ihre Pläne gewonnen betrachtet haben. Am Freitag bewegte sich eine Demonstration durch München, über deren Absicht oder Ursache wir noch garnichts wissen. Nur das Ende ist klar: am Odeonplatz trat den Demonstranten Schupo und Reichswehr entgegen und forderte sie, an deren Spitze Hitler und Ludendorff gingen, auf, sich zu zerstreuen. Hierauf wurde in die Demonstration hineingeschossen, und 18 Nationalsozialisten blieben tot auf dem Platz. Die Zahl der Verwundeten wissen wir noch nicht. Auch von den Namen der Toten erfuhren wir nur den eines nachträglich in der Klinik verstorbenen Studenten (v. Pape) und einen mir besonders interessanten Namen im Zusammenhang mit einer Aufklärung. Da heißt es nämlich, der Oberstlandesgerichtsrat von der Pfordten habe keine Schußverletzung gehabt, er sei zufällig ins Kampfgedränge geraten und vor Schreck und Aufregung am Herzschlag gestorben. Das ist mein Traunsteiner Lagerhauptmann, ein Mann, dessen Andenken bei vielen hunderten Zivilgefangenen russischer, französischer, serbischer, rumänischer und italienischer Landsmannschaft in furchtbaren Träumen fortleben wird. Über meine eigne Beziehung zu ihm steht genügend in meinen Traunsteiner Erinnerungstagebüchern vermerkt. Das Letzte, was mir ihn ins Gedächtnis brachte, waren seine Unterschriften unter Ablehnungen von Bewährungsfristgesuchen. Daß ein Mann von so robuster Gewissenskonstitution, wo er selber mal Pulverdampf riechen muß, gleich vor Angst und Schreck hinfällt und stirbt, verschönt sein Heldenbild nicht eben vor meiner Kritik. Nun, ich gönne auch ihm die ewige Ruhe und möchte nicht gern mit einem Lebenslauf wie dem seinigen in dem Glauben diese Welt verlassen müssen, daß nach dem Tode der armen Seele noch seine Rechenschaftsbilanz vorgelegt werde. – Was unmittelbar nach der Schießerei am Odeonsplatz erfolgt ist, bleibt wieder für uns fraglich. Wir müssen uns mit folgenden Tatsachen begnügen: Hitler wurde am Staffelsee verhaftet, war also nach verlorener Schlacht getürmt. Die Gerüchte, daß Ludendorff Selbstmord versucht oder begangen habe, werden dementiert; er sitze in seiner Wohnung in Ludwigshöhe. Er ist demnach nicht verhaftet und es wird ihm nahegelegt, sich umzubringen. Auch aus einer englischen Korrespondenz geht ähnliches hervor. Dort wird bemängelt, daß Ludendorff freigelassen sei, was heißen könnte, daß man ihn schon verhaftet hatte. In Schutzhaft genommen sind unter andern Herr Pöhner, Fürst Wrede, Dr. Weber, Dr. Frick, Hauptmann Röhm etc. (von den kleineren Geistern, Max Weber etc. lasen wir nichts). Was am besten aufklärt über die Lage, wie sie durch den Vorfall geworden ist, das sind die Erklärungen der Herren Kahr und Lossow selber. Kahr erläßt einen Aufruf, dessen Veröffentlichung allein beweist, mit was für Hirnen in diesem Lande Politik und Stimmung gemacht wird. Ich erinnere mich nicht, je etwas Abgeschmackteres gelesen zu haben, ein Gemisch grotesken Größenwahns und schmalzigster Sentimentalität. Auf seinen Schultern und auf seinem Herzen allein ruhe das Schicksal Bayerns und dadurch des ganzen deutschen Volks. Fürs Vaterland habe er seinen Namen und seine Ehre preisgegeben, aber er habe richtig abgeschätzt, was möglich sei und was nicht. „Ehre den Toten, aber Deutschland über alles!“ Schließlich ruft er alle Deutschen und Bayern auf, sich um ihn und um die schwarzweißrote Fahne zu sammeln und variiert Bülows Parlamentsphrase von der Stellung Preußens zum Reich in der Form: „Bayern in Deutschland voran!“ – Ferner hat er und Lossow im Standortskasino vor Presseleuten eine Rechtfertigung versucht. Jetzt bespucke man sie als Verräter, er habe das hohe Glück verscherzt, angejubelt zu werden, und die Haltung der Reichswehr, rühmte Lossow, sei „über alles Lob erhaben“ gewesen. Also: Kahr hat den Nationalsozialisten gegenüber offenbar ein Versprechen gebrochen, und die Reichswehr hat Ludendorffs bestimmte Erwartung, sie werde bei seinem Anblick sofort zu ihm übergehn, enttäuscht, da der General Lossow es mit Kahr hielt. Gegen Kahr finden immer noch Demonstrationen von Studenten und Vaterländischen statt, man lehnt ihn als den größten Verräter an der nationalen Sache ab, und auch die Bayerische Volkspartei hält sein Fortwirken für unmöglich. Kahr hingegen sucht sich dadurch zu retten, daß er angesichts seines Schneppenhorstsieges gegen rechts nach links schlägt. Unter dem Vorgeben, aus einem Gebüsch beim Schillermonument sei von Kommunisten auf Schupo geschossen worden, hat er die Kommunistische Partei verboten und für aufgelöst erklärt (vermutlich hat man die Flinten am Knacken als kommunistische erkannt), ferner hat er sämtliche sozialistische Tageszeitungen in Bayern verboten, nachdem die Völkischen am Tage des Krachs noch schnell die Münchener Post-Räume gründlich demoliert und ausgeraubt hatten. Es wird ihm nicht mehr helfen. Sein Sturz ist besigelt und wird in spätestens wenigen Tagen erfolgen. Für die Rechten ist er selbstverständlich absolut suspekt geworden, und ich begreife sehr gut die allgemeine Wut gegen ihn. Der Bayerischen Volkspartei hingegen – da hat unser Sandtner einen sehr klugen politischen Blick gehabt – scheint die Zeit gekommen, die ihr allmählich viel zu stark gewordene schwarzweißrote Richtung endgiltig zu erledigen. Die merkwürdig vielen Reisen Pregers von und nach Berlin in der letzten Zeit, dazu einige öffentliche Kundgebungen des Kardinals Faulhaber, die ihre Spitze deutlich genug gegen den unchristlichen Geist des Antisemitismus kehrten (womit aber nur die Protestanten gemeint waren), ähnliche Anzeichen verschiedener Art ließen darauf schließen, daß die Klerikalen in ihrer eignen bajuwarischen Ordnungszelle der Dinge nicht mehr recht froh waren, und daß man wünschte, den Beelzebub, mit dem man den Teufel austreiben wollte, nämlich Kahr, auf irgend manierliche Weise wieder los zu werden. Nun ist die Niederschlagung der Hitlerleute erstaunlich glatt gegangen, und Kahr, der jetzt seine Schuldigkeit getan hat, kann gehn. Rupprecht hat den Sieg über Ludendorff, weißblau über schwarzweißrot erfochten, – Kahr, der den Schlag gegen die Extremen als noch scheinbar Gemäßigter geführt hat, ist aber selbst viel zu Ludendorffisch, viel zu schwarzweißrot, als daß man ihn über diese Dienstleistung hinaus gebrauchen könnte. Mit ihm, vermute ich, wird Lossow gehn, und damit hat man den eigentlichen, für unüberbrückbar gehaltenen Konflikt mit dem Reich aus der Welt geschafft und zwar in einer Form, daß man prinzipiell in nichts nachgegeben hat. Nur Lossows Person geht, – aus bayerischen Gründen, eine andre Persönlichkeit wird – von Bayern an seine Stelle gesetzt und von Seeckt anerkannt: Preger macht es schon. Den Putschisten wird nicht viel passieren, wenn auch jetzt geschrieen wird, an Amnestie sei nicht zu denken. Man wird ein Auge zukneifen, wenn das Reich sie und uns zusammen amnestiert, und als Belohnung wird man die Eisenbahn- und Finanzhoheit zurückbekommen. Allmählich aber wird man via Müller-Meiningen sich auch wieder mit den „Marxisten“ anbiedern. Wenn jetzt vermutlich an Kahrs Stelle Schweyer das Generalkommissariat übernimmt, wird er den Auerochsen wieder etwas mehr Bewegungsfreiheit geben, und mit heftigen Kommunistenbedrückungen Bourgeoisie und Sozialdemokratie gleicherweise zufriedenstellen, bis langsam die Atmosphäre geschaffen ist, wo man den Auer-Vater als Repräsentanten gesinnungsvollsten Demokratismus an den heißersehnten Ministerposten zulassen kann. Denn Demokratie wird trotz allem in Deutschland wieder nächste Mode sein. Poincaré hat seinen Botschafter zu Stresemann geschickt (der immer noch Rumpfkanzler ist) und ihm sagen lassen, natürlich sei die innere Einrichtung der deutschen Verwaltung Deutschlands eigne Sache, immerhin sei man in Frankreich beunruhigt, da es heiße, gewisse Leute strebten eine Rechtsdiktatur an, wollten den Versailler Vertrag zerreißen und sogar einen Revanchekrieg vorbereiten. Ferner hat Poincaré selber erklärt, Frankreich werde sich in die inneren deutschen Verhältnisse zwar nicht einmischen, aber es[er] sei natürlich jeder demokratischen Regierung gewogner als jeder andern. Das ist deutlich. Aber es sprechen noch andre Argumente dafür, daß in Bayern wieder Wasser zum Kochen verwendet werden soll. Wir haben zwar leider die Nollet-Note und die deutsche Antwort darauf nicht kennengelernt. Aber man kann aus gewissen Notizen schließen, daß diese Sache keineswegs erledigt ist. Die Botschafterkonferenz wird dieser Tage zur deutschen Antwort Stellung nehmen, und es scheint, als ob Stresemann versucht hat, die Unmöglichkeit der Wiederaufnahme der Kontrolle zu beweisen. Es würde ihm wenig nützen, umso weniger, als im Augenblick grade ein neuer Fall akut geworden ist, der sowohl in diese Kontroll- wie in die bayerische Rechtsfrage hineinspielt. Der preußische Kronprinz hat bei der Reichsregierung nachgesucht, nach Deutschland zu seiner Familie zurückkehren zu dürfen. Das haben die Ententemächte erfahren und sehr beunruhigt beim Auswärtigen Amt anfragen lassen. Das hat bestätigt, daß Wilhelm der Jüngere einen Paß zur Einreise erhalten hat. Jetzt soll die Botschafterkonferenz auch diese Angelegenheit prüfen, und schon heißt es, die holländische Regierung solle gebeten werden, den Mann zu internieren. Denn die Vermutung liegt ja nicht weit – der Hitlersche Versuch, Berlin zu erobern und zugleich zufällig die Wiederkehr des Feste-Druffen ins Vaterland mag nicht ganz ohne Kausalnexus sein. Schon aber erheben sich in Frankreich Stimmen, die nebst Wilhelm dem Preußen auch Rupprecht den Bayern internieren möchten. Die Weißblauen werden also allerlei Interesse haben, das gesträubte Löwenfell der letzten Jahre etwas glattzukämmen. Ob und welche Folgen der Verlauf des Putsches für uns persönlich haben werden, mag heute unerörtert bleiben. Ich kann nur soviel sagen, daß – nicht des eignen, sondern des proletarischen Interesses zuliebe mir ein Gelingen des Hitler-Ludendorffschen Unternehmens viel viel erwünschter gewesen wäre. Daß wir hier drinnen nicht mehr allzu lange die Freuden bayerisch-eigenartiger Ehrenhaft werden erdulden müssen, glaube ich so und so. Ja, ich glaube, daß Schwab, der heute die Anstalt hinter sich gebracht hat, der letzte Genosse war, der seine Zeit bis zu Ende abgesessen hat: 4 Jahre, von denen 2 ihm schon vom Gericht geschenkt waren, aber am Strafort wieder flöten gingen. Einen langen Nekrolog auf Schwab kann ich mir ersparen. Ich habe ziemlich viel Unerfreuliches erlebt, was seinem Charakter zur Last fällt. Vor etwa einem halben Jahr leistete er formell Abbitte, und so lebten wir seitdem, wenn auch nicht als Freunde, so doch als verträgliche Nachbarn miteinander. Er ist ein sehr intelligenter Mensch, mit viel Verständnis für Finanzangelegenheiten und Wirtschaftstheorien. Ich ließ mich gern von ihm über die vielen Währungsfragen der letzten Zeit belehren. Wenn ihn nicht sein unberechenbarer Charakter persönlich unmöglich machen sollte, glaube ich, daß er seiner Partei wertvolle Arbeit wird leisten können. – Gestern, gleich nachdem Schwab in Quarantäne hinuntergekommen war, erschien Schlaffer wieder aus der Einzelhaft, die zeitweilig durch Verweigerung der in Paketen eintreffenden Nahrungsmittel, durch Entziehung eines beweglichen Stuhles und besonderer Auswahl der gewünschten Lektüre – Beschränkung auf bloße Unterhaltung – ferner Verweigerung von Beleuchtung noch weiter ungeheuer verschärft ist. Die Zwangsjacke, die Sauber zweimal zu kosten bekam, wurde durchaus als Disziplinarstrafe angelegt. Er erhielt sie, weil er mit Schlaffer laut von Zelle zu Zelle gesprochen hatte. – Über vieles andre morgen. Denn die Welt ist groß und ein einziges Zeitungsblatt ist nach einer Woche Lesefasten nicht schnell ausgeschöpft.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 16. November 1923

Seit der einen Zeitungsnummer vorgestern ist keinerlei neue Botschaft mehr zu uns gelangt. Leider ist für mich diesen Monat kein Nachabonnement der Münchn. Neuest. Nachr. erfolgt, und in Berlin ist Buchdruckerstreik, sodaß auch die Berliner Volkszeitung nicht kommt. Der Fränkische Kurier, das vierte bürgerliche Blatt kommt auf Saubers Namen, und seit einigen Wochen hat der Vorstand das bisher übliche Verfahren, daß ein Abgesonderter, der Zeitungsverbot hat, sein Blatt inzwischen einem andern Festungsgefangenen übergeben läßt, verboten. Sozialdemokratische, kommunistische, anarchistische, pazifistische Blätter kriegen wir aber überhaupt kaum mehr ausgeliefert, jedenfalls seit 1½ Wochen in keinem einzigen Exemplar. Die eine Dienstagnummer der D. A. Z. war Frankfurter Ausgabe – die Zeitung hat seit kurzem neben der Reichsausgabe noch eine süddeutsche. Wahrscheinlich war während des Berliner Streiks versucht worden, die Leser der Reichsausgabe durch Verstärkung der Frankfurter Ausgabe zu versorgen, was von den Arbeitern jedenfalls nach dem Erscheinen des einen Blattes verweigert worden ist. Wir sind infolgedessen ohne irgendwelche Neuigkeiten und in starker Nervosität. Ein einziger Anhaltspunkt findet sich in einer heute eingetroffenen Postkarte an einen Genossen, der mit einem Paket vertröstet wird, das schon hergerichtet aber wegen der unsicheren Lage noch nicht abgeschickt worden sei. Das läßt darauf schließen – die Karte ist datiert vom 14. November und aus Berlin –, daß in Bayern noch keine Beruhigung eingetreten ist. Natürlich werden Kombinationen verwegenster Art laut. Keineswegs unwahrscheinlich ist die, daß die Nationalsozialisten und Vaterländischen Verbände ihre Sache noch nicht verloren geben und, sei es bei der Beerdigung der am 9ten Hingeknallten, sei es mit der Forderung: heraus mit Hitler und den übrigen! erneut zum Kampf mit der Waffe angetreten sind. Wir wissen ja auch nicht, was inzwischen aus den verschiedenen nationalen Truppen geworden ist, die an der thüringischen Grenze zusammengezogen waren. Ich denke mir, daß sie unter der Leitung Roßbachs oder Ehrhardts versuchen, die Hitlersache noch zu retten. Ob sie nun die Bezirke unsicher machen, wo sie sich grade befinden, um sich den Rücken frei zu machen, oder ob sie direkt nach München dirigiert worden sind, ob Landespolizei und Reichswehr ihnen unterwegs zu dem Versuch entgegentreten, ihnen die Waffen abzunehmen, oder ob diese Mannschaften, wenn man sie schon zum offenen Kampf gegen Hitler haben konnte, vor einem Angriff auf die Vaterländischen Verbände doch zurückschrecken, schließlich auch, ob nicht die Soldaten und Polizisten – es gibt ja auch für solche Wendungen Beispiele – selber ängstlich geworden sind, daß ihnen Lossows Lob ihres über jedes Lob erhabenen Verhaltens nicht überall gespendet wird und bei erneutem Kampf zur andern Seite übergehn, – das alles sind Probleme, die wir nur aufwerfen, aber in keiner Weise lösen können. Es bleibt ja dabei auch noch ganz ungewiß, ob die Passivität, die das Proletariat bei dem Zusammenstoß ohne Frage geübt hat, weiterhin vorhält, ob nicht eben die Konsequenzen dieser Passivität: alle Repressalien statt gegen die Völkischen gegen sich gerichtet zu sehn, zu einer starken aktiven Protestbewegung der Arbeiterschaft geführt haben. Doch ist diese Annahme rein hypothetisch. Post und Eisenbahn funktionieren, sodaß wir auf eine größere proletarische Aktion zu schließen kein Recht haben, wozu ja auch angesichts der Schwerfälligkeit grade der bayerischen Arbeiterschaft, sich von dem Kommando der allerkorruptesten Führerschaft in Partei und Gewerkschaften freizumachen, kaum Anlaß besteht. Über die Folgen des Freitagkrachs muß also jedes Urteil zurückgestellt bleiben, bis neue Nachrichten vorliegen. Zu erörtern bleiben aber noch einige Tatsachen aus dem Blatt, das gestern zur Unterlage diente und die beim ersten Betrachten der Ereignisse zu kurz kamen. Da ist zunächst der Berliner Druckerstreik, der ja schon lange in der Luft lag und den also die Berufsbremser doch nicht verhindern konnten. Er wird wohl neben den wirtschaftlichen Forderungen auch gewisse politische durchsetzen wollen, vor allem die Aufhebung des Verbots der kommunistischen Presse. Seekt – nicht Geßler! – erläßt ein dezidiertes Verbot des Streiks der Notendrucker, mit dem Erfolg, daß trotz der angedrohten hohen Strafen doch nur ein minimaler Prozentsatz des Personals der Reichsnotenpresse zur Arbeit angetreten ist. Sehr besorgt muß einen aber die Meldung stimmen, daß die Leitung des Streiks bei der Gewerkschaftsbürokratie liegt, und das Stinnesblatt ist zu dem Optimismus nur zu berechtigt, der es hoffen läßt, diese Führerschaft werde die Arbeiterschaft schon zu der „Vernunft“ bringen, die die Kapitalisten brauchen. Die Reichsfinanzärzte benutzen natürlich den Ausstand, um ihre Unfähigkeit, die Sanierung auch nur halbwegs anzudeuten, mit Gründen zu polstern. Die alles rettende Rentenmark kann nun also wieder nicht rechtzeitig ausgegeben werden (nachdem vor 14 Tagen der Reichskunstrat die Ausgabe verhindert haben soll, indem er die Entwürfe nicht schön genug fand!). In Wahrheit kann man sie einfach deshalb nicht ins Publikum werfen, weil die ungeheure Differenz der amtlichen deutschen Marknotierung (noch immer „nur“ 630 Milliarden) und dem wahren in New-York notierten Stand die Berechnung der „Relations“-Ziffer unmöglich macht. – Denn wie soll ein Einheitswert gefunden werden, wenn das Zirkulationsmittel – unser künstlerisch unbeanstandetes fürchterliches Wischgeld – nach dem deutschamtlichen Kurs für jeden Kauf in Zahlung genommen werden muß, während die Import-Einkäufe selbstverständlich nach dem richtigen Kurs bezahlt werden müssen? Nun scheint man zwar durch kolossale Devisenabgabe ans Ausland die Valuta von dem Höchststand von 8 – 10 Billionen wieder bis auf die Hälfte oder noch weniger heruntergedrückt zu haben, was der Steuerzahler erst recht jammervoll zu spüren haben wird, – aber der Abstand bleibt immer noch immens, und eine Möglichkeit, wirklich die Relation herzustellen kann ich für meine Person überhaupt nicht erkennen. Zudem wird man ja auch in Berlin wissen, daß – kommt die Rentenmark wirklich heraus – die Hoffnung der Hungernden auf Stabilität ihrer Geldmittel derartig rasch in Nichts zerfallen werden[wird], daß dann doch wohl mit größeren Plagen als den täglich sporadisch aufgärenden Hungerrevolten zu rechnen wäre. Von solchen Unruhen ist das Blatt wieder voll genug. Arg scheint es besonders auch im Ruhrgebiet zu sein, wo das Stoppen der täglichen Geldzufuhr zu tausenden von Billionen die Industriellen – Krupp ist ja dazu extra fristlos aus dem Gefängnis beurlaubt worden – zu Massenaussperrungen und dadurch zur ungeheuerlichsten Steigerung der Not veranlaßt hat. Bis jetzt sieht also alles nach allem andern als nach „Sanierung“ aus. Kommen hinzu die erfolgreichen Aktionen der Separatisten im ganzen Rheinland. Sie scheinen – und zwar wird behauptet mit aktiver Unterstützung der Franzosen – jetzt auch in der Pfalz überall das Heft in der Hand zu haben. Auf Kaiserslautern und Neuburg ist auch Speyer gefolgt, und ich glaube, viele Deutschpatrioten bedauern schon jetzt, in das Verrätergebrüll gegen Johannes Hoffmann mit eingestimmt zu haben. Das ist umso mehr anzunehmen, als schon vor einiger Zeit Herr Professor Lensch, der amüsanterweise das Pseudonym Odysseus führt, in die D. A. Z., deren Chefredakteur er ist, einen Artikel schrieb, worin er unverblümt aussprach, da man die Separation des Rheinlands doch nicht verhindern könne, sollen die deutschen Industriellen wenigstens versuchen, den Banditen (sie sind nämlich, wie dazumal auch wir Räterepublikaner samt und sonders Verbrecher und Gesindel letzter Sorte) die Initiative aus der Hand zu nehmen und das Geschäft selber machen! Daß der ehemalige orthodoxe Marxist eine derartige Ketzerei nicht ohne Einverständnis mit Hugo Stinnes publiziert, liegt am Tage. – Vielleicht macht man noch nachträglich solchen Versuch, – oder aber, und das glaube ich vorläufig – man greift auf den Plan Hoffmanns zurück, die Pfalz von Bayern zu trennen, um sie für Deutschland zu retten. Hoffmann wird überhaupt kaum lange der Spucknapf aller Gutgesinnten bleiben. Ich glaube, daß seine Zeit erst noch kommen wird und daß er, der jedenfalls einer der klügsten Köpfe der deutschen Republikaner ist, binnen kurzem in der Sozialdemokratie einen sehr maßgebenden Einfluß ausüben wird. Jetzt, wo die Franzosen zum ersten mal offiziell einen Wunsch in Bezug auf die Regierungsrichtung bei uns ausgesprochen haben, wäre er ganz der Mann, um den Karren in die gewünschte Bahn einzulenken. Er gilt als „Linker“, ist dabei – das haben wir gespürt – Demokrat sans phrase und hat den Blick für politische Konjunkturen. Sind erst alle fälschlich für Sowjetisten gehaltene Regierungsanwärter überall kaltgestellt, und Stresemann hat für die Deutschnationalen keine Hausknechtsfunktion mehr zu erledigen, dann kann sehr wohl die Zeit für die Zeigner, Levi und Hoffmann im Reich gekommen sein. Man muß nur erst noch mit den Rechtsdiktaturschwärmern fertig werden. Mit den KPD-Einheitsfrontlern und Arbeiterregierungs-Parolytikern ist man’s wohl. In Thüringen hat sich das sächsische Theater in etwas andrer Form wiederholt. Die kommunistischen Minister sind von ihren Posten zurückgetreten, – natürlich unter Tamtam und Protest. Was dem vorausging, ist für uns nicht erkennbar; wahrscheinlich haben die Herren Fröhlich und Genossen auf Befehl der Wels und Müller-Franken vor Geßler, Seekt und Stresemann kapituliert und dürfen ihrerseits auf den Posten bleiben, die die deutschen Proletarier für ihre Vorposten zu halten noch immer dumm genug sind. Die zählebige kommunistische Parole „Arbeiterregierung“ aber wird nach den Resultaten, die sie in Sachsen und Thüringen nach ihren praktischen „Siegen“ erzielt hat, jetzt auf Moskauer Wink ebenso ad acta gelegt werden wie die noch geistreichere Parole: „Ans Vaterland, ans teure schließ dich an“, – und „kein Fußbreit deutschen Bodens“, die eine ungeheure Zerrüttung in den revolutionären Empfindungen der Arbeiterschaft hervorrufen mußte. Hier drinnen scheint man bei den Patentkommunisten die nationalpatriotischen Bocksprünge schon vergessen zu haben, mit denen man noch vor wenigen Wochen meinen Internationalismus und Klassenkampfstandpunkt als Verräterei an der Revolution beiseite schubste. Ob aber draußen das Gros der kommunistischen Arbeiterschaft auf einfaches Umdirigieren der Zentrale hin ebenso schnell bereit ist, die eigne Weisheit von vorgestern einfach zu vergessen wie hier die haftkranken Nervenpolitiker, möchte ich bezweifeln. Die Auflösung der Kommunistischen Partei in Bayern kann ein Glück für diese Partei sein, wenn sie es verstehn sollte, aus der verlorenen Sache Nutzen zu ziehn und aus einer Niete den Gewinn des großen Loses zu machen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 17. November 1923.

2 Uhr nachmittags. Eben fängt man an zu heizen, und ich hoffe, die Durchwärmung der eiskalten Zelle wird schnell genug gehn, um die klammen Finger beim Schreiben etwas gelenkiger zu machen. Heute haben wir wieder eine D. A. Z. (Frankfurter Ausgabe) erhalten; datiert vom 16ten, sodaß wieder ein Überblick einigermaßen geschaffen ist. Um mit Bayern anzufangen: ein neuer Versuch der Nationalsozialisten, die Niederlage auszugleichen, ist anscheinend nicht erfolgt. Im Gegenteil: man erfährt, daß Kahr die ganze Partei aufgelöst hat, ebenso die ihr angeschlossenen beiden Verbände (Reichsflagge und Oberland), deren Waffen und Gelder für den Staat beschlagnahmt hat und denen, die den Neuaufbau der Organisationen versuchen sollten, Zuchthaus androht. Ferner ist die Rede von den Verhafteten, die jetzt dem Volksgericht München überstellt werden, das über die Haftfrage entscheiden soll (nur darüber?). Dann: Die Opfer vom 9. November wurden bestattet, und zwar scheinbar nicht demonstrativ, sondern einzeln. Ludendorff habe, aus der Untersuchungshaft entlassen – er war also verhaftet gewesen – an der Beerdigung seines Dieners und an der von Scheubner-Richter (einer ersten Kraft der Hitlerbewegung) teilgenommen und an dessen Grab gesprochen. Seine wenig belangvollen, aber ganz würdigen Worte werden in der D. A. Z. wiedergegeben. Dann wird eine Polemik des Herrn v. Kahr gegen Herrn von Graefe bekanntgegeben. Kahr wehrt sich gegen die Behauptung, er hätte Graefe oder den übrigen norddeutschen Völkischen das Versprechen gegeben, sie bei einem Umsturz im Reich zu unterstützen.* Er habe mit Lossow zusammen nur erklärt, eine nationale Regierung im Reich könne sich auf die militärische Hilfe Bayerns verlassen (Sapienti sat.) Graefe muß sich schließlich von Kahr „humoristisch“ veräppeln lassen: er sei grade etwas zu spät zu einem mißlungenen Putsch in München eingetroffen. In Bayern scheint sich somit in den letzten Tagen nicht viel geändert zu haben. Dagegen erfährt man aus dem Reich etwas mehr. Sozialdemokraten und Deutschnationale haben die Zusammenkunft des Reichstags gefordert, und am Dienstag sollen also die Halbseidenen und Ganzbaumwollenen sich am Königsplatz (den man vorsichtigerweise nicht umbenannt hat) zusammentreten und sich über Leben oder Sterben der Stresemannregierung schlüssig werden. Der Kommentar der D. A. Z. zu dieser Nachricht ist interessanter als ihr Inhalt. Da wird – von dem Organ seiner eignen Partei – Herrn Stresemann vorgerechnet, daß er solange immer Mittelwege gesucht hat, bis er sich sowohl die Sozialdemokraten als auch die Deutschnationalen gründlich verfeindet hat. An ein Vertrauensvotum für sein Rumpfkabinett sei also garnicht zu denken, die Auflösung des Reichstags sei wahrscheinlich, und im übrigen habe in Deutschland kein Mensch mehr Lust, sich das parlamentarische Geschwätz und Getue überhaupt noch einmal gefallen zu lassen. Stresemann werde seine Absicht, wie bisher ohne Ermächtigungsgesetz auf Grund von Verordnungen nach Artikel 48 der Reichsverfassung weiterzuwursteln, nicht ausführen können, und – was das Wichtigste ist, – die militärische Diktatur besteht schon! Die gestern hier schon angemerkte Auffälligkeit, daß die allgemeinen Anordnungen an die Reichswehrgenerale nicht mehr von Geßler sondern von Seeckt gezeichnet sind, klärt sich auf. Ebert, der schon jede Hemmung verloren hat, hat Seeckt zum Reichs-Kahr ernannt, und daß ein General seiner Sorte immerhin tatkräftiger zufaßt, als ein demokratischer Bürgermeister-Parvenue, zeigt sich auch gleich in einem in dem Blatt abgedruckten Erlaß an die Kommandanten, worin die Beschlagnahme von Dielen, Schlemmergaststätten, Tanz- und Luxuslokalitäten für Unterkunft frierender Proletarier, für Wärmehallen etc. angeordnet wird. Da werden hochsoziale Töne angeschlagen, warmes Herz für Hungernde und Frierende, zumal Frauen und Kinder zur Schau gestellt und natürlich vielen Naiven beruhigende Pillen eingegeben. (Wadler, der – als es noch Zweck hatte – dasselbe tat, muß deshalb in Straubing büßen). Heute, bei der Überfülle von Erwerbs- und Obdachlosen, bei dem furchtbaren Elend überall bleibt das Mittel ein bemäntelndes charitatives Stückwerk – wobei auch noch sehr fraglich ist, ob die anempfohlene Rücksichtslosigkeit gegen die Schlemmerwirte und ihre sektsaufenden und mit Juwelen behängten Gäste auch nur einigermaßen schneidig durchgeführt wird, und ob nicht einige wenige Kupplerpensionen und Halbweltsdielen die einzigen Opfer der Maßnahme bleiben werden. – Die Wirtschaftslage im Reich erhält ebenfalls einige illustrierende Lichter. Der Dollar ist in 2 Tagen auf 2 Billionen 520 Milliarden Mark gesprungen! Die Mittel, die Lenkung der Devisen auf den Außenmärkten zu finanzieren, scheinen also wieder erschöpft zu sein, und nun läßt sich der Zwangskurs auch im Innern nicht mehr halten. Aber man hat auch da schon das Beschwichtigungspulver für Lohn- und Gehaltsempfänger parat: Die Rentenmark ist fertig. Es wird eine ungeheuer komplizierte Rechnung aufgemacht, aus der vorerst zu entnehmen ist, daß staatliche Zahlungen damit überhaupt nicht erfolgen sollen (das ganze Unternehmen ist ja auf Privatspekulation gegründet und vom Großgrundbesitz in der Hauptquote, zum übrigen von Industrie und Handel finanziert) und daß vom 1. Dezember ab Löhne und Gehälter allerdings nach Rentenmark berechnet, aber bloß bis zu 30 % in Rentenmark ausgezahlt werden sollen. Die übrigen 70 % werden weiterhin in Papierwischen bezahlt, wobei die problematische Umrechnungs-(Relations-)Ziffer trotz der Ernennung des Herrn Hjalmar Schacht zum Währungskommissar immer noch nicht gefunden ist. Mit welchem Vertrauen das neue Geldmittel – eines von Vieren – begrüßt wird, zeigt sich daran, daß die Wirtschaftsführer der Pfalz bereits mit General de Metz in Verbindung getreten sind, um gegen die Absicht zu protestieren, der Pfalz eine eigne Währung zu oktroyieren. Sie will eine gemeinsame haben, – allerdings nicht mit Deutschland, sondern mit dem Rheinland. Und sie werden sie kriegen. Eine wirksamere Beleuchtung dessen, was am linken Rheinufer tatsächlich vorgeht, ist nicht zu erfinden. Eben läßt Herr v. Knilling im Namen der bayerischen Regierung eine neue rührselige Proklamation an die Pfälzer Bevölkerung los, dankt ihr, daß sie erst den Verrat „des“ Johannes Hoffmann zurückgewiesen und nun auch gegen die von den Franzosen unterstützten Separatisten Rückgrat gezeigt habe etc. im bekannten Stil „Bayern und Pfalz – Gott erhalt’s“ (so schloß die erste Proklamation Knillings an die Pfälzer tatsächlich), – da zeigen die Pfälzer Kapitalistenführer den Treue um Treue-Bajuwaren nicht bloß die kalte Schulter, nein – gleich den die Einladung Götz von Berlichingens bezeichnenden nackten Körperteil. In der gleichen Nummer aber, in der Knillings Behauptung von der französischen Hilfe an die Separatisten steht, findet man auch Berichte darüber, daß eben die Franzosen in eben der Pfalz eben die Separatisten entwaffnen und abschieben. Ich kann nicht entscheiden, was da stimmt und was erlogen ist. Wahrscheinlich werden den Separatisten für ihre Aktionen bestimmte Bedingungen gestellt, bei deren Innehaltung die Besatzungstruppen sich neutral verhalten. Werden diese Bedingungen verletzt, so greifen sie gegen die Separatisten ein, tun umgekehrt die Deutschen Unerlaubtes, so kriegen sie auf den Kopf. Es sollen auch schon wieder die üblichen Differenzen zwischen Frankreich und England da sein, indem die Engländer meinen, daß der Versailler Vertrag durch die Neuschaffung eines Rheinstaats tangiert werde. Daß da höchstens formaljuristische Auseinandersetzungen stattfinden, ist kaum zweifelhaft. Inzwischen ist nun aber der Herr von Oels auf seiner Klitsche eingetroffen, und die Schmöcke ängstigen sich, wie die Botschafterkonferenz sich dazu verhalten wird – daher wieder mal: Riß in der Entente. Noch größere Angst bewirkt die Stresemannsche Antwort auf die Kontrollnote, die man jetzt mit einiger Sicherheit zurechtkonstruieren kann. Sie war offenbar ausweichend gehalten, konnte den Nationalisten als Ablehnung, den Erfüllern als halbe Zustimmung – mit der einzigen Einschränkung plausibel gemacht werden, daß man nur noch etwas Zeit gewinnen möchte und wird ungefähr besagt haben, daß der augenblickliche Zeitpunkt der Garantieleistung für die Sicherheit der Kommissionen außerordentliche Schwierigkeiten in den Weg lege und man möge doch noch warten. Dazu scheint indessen bei den Alliierten – und hier waren die Briten noch immer mit den Franzosen und Italienern einig – sehr wenig Neigung zu bestehn. Die Gewalten der deutschen „Republik“ sind also augenscheinlich sehr übel dran. Sie haben sich den Magen schrecklich überladen und leiden an Verstopfung. Kein Klystier hilft, der Stuhlgang stellt sich nicht ein. So schlägt die Darmkalamität nach innen, und läßt sich nach außen nur mit geräuschvollen und übelriechenden Winden gehn. Was aber im Innern – um den poëtischen Vergleich wieder abzubrechen – tatsächlich vorgeht, sind schandbare Arbeiter- und Kommunistenverfolgungen. Überall kommt man „Verschwörungen“ auf die Spur und der Eindruck ist garnicht zweifelhaft: man will nach der Unterwerfung Sachsens und Thüringens, deren Arbeitern weisgemacht werden soll, die „Kommunistenherrschaft“ habe bei ihnen die Ernährungsnöte veranlaßt, – wie in Bayern so auch im übrigen Deutschland die KPD unter irgendwelchen Vorwänden verbieten. Ja, man traut sich auch im Norden schon an die Gewerkschafter selber heran. Im Zusammenhang mit dem Druckerstreik – der vor dem Ende stehn soll, wenigstens funktioniere die Notenpresse dank der Technischen Nothilfe und des Wiedererscheinens vieler Streikender schon wieder – sind eine Reihe von Funktionären des Buchdruckerverbandes verhaftet worden. Die Proteste des ADGB werden nicht viel helfen, mögen sie ein wenig in ihrer Vergangenheit stöbern, dann werden sie schon drauf kommen, wer solche Arbeiterunterdrückungen in Deutschland erst zur legalen Übung hat reifen lassen. Der Winter naht, die Gefängnisse sind überfüllt, die Wirtschaftslage, die Versorgung, der Gesundheitsstand des Proletariats ist trostlos. Aber Alldeutschland glaubt an das Heilmittel der Maschinengewehre. Das Schreckensregiment der Seekt und Kahr wird nicht von langem Bestand sein, und die Niederschönenfelder Reflexe davon, die in einer selbst hier noch nicht erlebten Handhabung der Zensur zu täglichen Sensationen wird, werden es nicht überleben. Kurze Zeit noch heißt es die Zähne zusammenbeißen. Es kommt der Tag, wo das heilige Ilion dahinsinkt. Vielleicht bedarf es dazu garkeines hölzernen Pferdes.

 

* Genauer: eine nationale Regierung im Reich einzusetzen

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 18. November 1923

Zur Ausgabe der Rentenmark. Ich habe mir die Zeitung noch einmal genauer angesehn und fand heraus, daß ich gestern nicht überall ganz richtig geurteilt hatte. Die ersten Zahlungen von 30 % Lohn bzw. Gehalt an Beamte, Arbeiter und Angestellte des Reichs haben schon stattgefunden, und der Umrechnungskurs zur Papiermark sollte dann zugleich mit dem Kurs der Goldmark veröffentlicht werden. Dagegen wird die Bekanntgabe der eigentlichen Relationsziffer, an der noch gerechnet wird, für den 1. Januar 1924 prophezeit. (Ob man sie bis dahin gefunden hat? Ich halte es für wenig wahrscheinlich, daß man überhaupt je ein bestimmtes Verhältnis wird errechnen können). Der Neudruck ungedeckter Schatzanweisungen soll damit eingestellt werden und, heißt es in dem Artikel, „es kommt auf diese Weise die Inflation zum Stillstand[“]. Wer’s glaubt! Ich habe verteufelt den Eindruck, als ob einfach ein neuer Inflationskanal dem Spekulationsverkehr übergeben werde, der mit 1 anfängt und viel rascher als die alte Markeinheit die Leiter auf 100, 1000, auf Millionen, Milliarden und Billionen ersteigen wird. Das Bild von einem eine Leiter ersteigenden Kanal ist allerdings falsch, aber die ganze Rechnung wird’s wohl auch sein, denn ich zweifle sehr, daß dem neuen Geld trotz der Schnelligkeit seines Verfalls die Muße bleiben wird, eine Wiederholung des Schicksals des alten vorzuführen. Allem Anschein nach geben sich Arbeiter und Beamte ganz der süßen Hoffnung hin, die Rentenmark werde allem Übel abhelfen, werde die deutschen Finanzen „sanieren“, werde jedem Bürger wieder möglich machen, Rücklagen aus seinem Einkommen zu machen, die ihm ersehnte Einkäufe gestatten, ehe für das Ersparte nicht einmal ein solcher Papierfetzen ohne Aufdruck erstanden werden kann, wie er für den Ankauf einer Wohnungseinrichtung zurückgelegt war. Sie werden sich alle täuschen. Sie werden genauso beschissen dastehn wie mit ihren Reichsbanknoten und ihren Kriegsanleihen auch. Zunächst werden die 3200 Millionen „Goldmark“, bis zu welcher Höhe Rentenmark im ganzen ausgegeben werden darf, wie Butter an der Sonne zerschmolzen sein, bevor die Zirkulation noch viel von ihnen gemerkt hat. Die Händler und Hamsterer werden sich ihrer mit blitzartiger Geschwindigkeit bemächtigen und sie in allerbeste Papiere verwandeln. Denn für die misera plebs bleibt ja nach wie vor das ungedeckte Wischgeld, das nicht eingezogen, sondern nur nicht weiter verrechnet wird, im Umlauf. Nur wird sehr bald eine gewaltige Ebbe in Zahlungsmitteln fühlbar werden, und die betrogenen armen Teufel werden dumm schauen, fluchen – oder auch rebellisch werden. In diesem Falle aber werden auch die Reichswehrsoldaten, die Schutzpolizisten und die übrigen beamteten Stützen dieser liebreichen Gesellschaft zu den Betroffenen gehören, und dann hilft Jammern und Trösten nichts mehr, dann kann die Rentenmark doch noch das Heil bringen. Vielleicht sieht die Rechnung auf solche Entwicklung etwas phantastisch aus, das mag ja sein, daß noch einmal eine „Zwischenlösung“ als Vertröstung wirkt (denn vor nichts haben die deutschen Machthaber größere Angst als vor definitiven Entscheidungen, die den ganzen Bruch aufdecken müßten). Aber auf die Dauer hilft die glitzerndste Chimäre nicht über die Katastrophe hinweg. Bis dahin freilich werden die Rentenmark-Veranstalter größere Profite aus der Not des Volkes ziehn als ihnen bisher mit allen ihren Machenschaften vergönnt waren. Wenn ich den Grundplan der Rentenbank recht verstehe, so liegt folgendes vor: Das gesamte Großkapital hat sich vereinigt, um dem Staat das Währungsmonopol aus der Hand zu nehmen und das Geld einerseits zur gewinnbringendsten Kapitalanlage der Wirtschaft zu machen, andrerseits mit der Übernahme des Münzgeschäfts in eigne Hände die Privatisierung des gesamten öffentlichen Verkehrs zu inaugurieren. Man verwirklicht also die alte Stinnessche Forderung, Eisenbahnen, Post, Forsten etc. aus der staatlichen in private Bewirtschaftung zu überführen, um so der Exekutive der Besitzenden nach getanem Dienst ihre Funktionen abzunehmen, von einer andern Seite her. Die 3,2 Milliarden Rentenmark, die die Bank fundieren, werden durch Grundschuldvermerke in Höhe von 4 Prozent des Wehrbeitragswerts aller land- und forstwirtschaftlichen Grundstücke gedeckt, und diese Deckung mit 6 % verzinst. Es ergibt sich, daß also die Inhaber der Bank sozusagen ihre eignen Hypothekengläubiger werden, während die Verzinsung ihres auf die eigne Bank überschriebenen Kapitalanteils der Zirkulation selbst entfließt, also vom Publikum aufgebracht werden muß. Die Erinnerung an die Kriegsanleihe wird wach, und beider Vater ist ja identisch: Herr Dr. Helfferich. Ich bin leider finanztechnisch nicht versiert genug, um das ganze Problem, besonders auch im Zusammenhang mit seinen vielfachen Verstrickungen in die übrigen Währungsregelungen – das Reich als solches und die Wirtschaftsmagnaten ihrerseits betätigen ja ihre Zahlungsverbindlichkeiten weder in Renten- noch in Inflationsmark, sondern in Devisen, Schatzanweisungen, Goldzertifikaten und ähnlichen Weltbörsen-Obligationen – überblicken zu können. Jedenfalls sehe ich soviel: die Rentenmark kann wohl wieder einen Aufschub des allgemeinen Krachs bewirken. Sie kann ihn aber nicht verhindern und wird ihn unfehlbar vergrößern. Zeitprognosen für das Ausbrechen des Krachs daraufhin zu stellen, ja, – wie es hier Genossen tun, die Hoffnung auf die eigne baldige Befreiung auf diese unbefristete Chance zu gründen, fällt mir nicht ein. Meine Zuversicht in den eignen Dingen gründet sich auf sehr viel Näherliegendes. Allerdings muß ich aus meiner Rechnung wohl endgiltig den Austausch nach Rußland streichen, auf den ich ja nie sehr viel gegeben habe. Ich lese nämlich von Verhandlungen zwischen Rußland und Polen über den russischen Transit durch Polen nach Deutschland. Rußland soll 30 Millionen Goldrubel für das Recht angeboten haben, besonders Getreide über Polen nach Deutschland zu exportieren für den – unausgesprochenen – Fall, daß revolutionäre Ereignisse in Deutschland stattfinden. Diese Verhandlungen seien einerseits wegen der ablehnenden Haltung der Polen (Seyda) dann aber auch wegen der Enttäuschung Rußlands über das Ausbleiben der deutschen Revolution abgebrochen worden, obwohl die Russen (Vigdor Kopp) den Polen auch die Auslieferung des Petersburger Erzbischofs Cieplac angeboten hätten. Damit scheint man in Moskau also den Austauschhandel Cieplac-Mühsam nicht mehr in Erwägung zu ziehn, und der Prinz Alexander von Hohenlohe wird sich nicht weiter zu bemühen brauchen. – Nun frage ich gern bei ganz naiven Proletariern herum, wie sie sich den Verlauf der künftigen Dinge vorstellen und hatte heute darüber eine Unterhaltung mit Mayr. Das Urteil solcher theoretisch ganz ahnungslosen Arbeiter, die meistens den Fragen der möglichen vorzeitigen Befreiung äußerst skeptisch gegenüberstehen, ist mir im allgemeinen bedeutend wertvoller als das der von wissenschaftlichen Phrasen berstenden Marxisten, die einem dauernd mit ihren dialektischen Entwicklungen etc. schwindlig machen. Mayr und mit ihm sicher viele andre, meint ganz einfach: der Hitlerputsch ist unser Glück. Man muß die Leute vor Gericht stellen und muß sie dann verurteilen, natürlich zu Festung. Nach Niederschönenfeld wird man sie nicht bringen, andrerseits auch Bedenken haben, ihnen sans façon die Behandlung Arcos angedeihen zu lassen. Ludendorff wird man aus Angst vor allen Patrioten überhaupt kaum zu prozessieren wagen und also froh sein, mit einer Amnestie um alle diese Fragen herumzukommen. Und von dieser Amnestie wird man uns denn doch nicht wieder ausschließen können, um sich nicht im Reich und in der ganzen Welt um den letzten Rest von moralischem Kredit zu bringen. Daß solcher Gedankengang in all seiner Einfachheit einleuchtend ist, kann garnicht bezweifelt werden. Wir wissen nur noch nicht, welche Ereignisse weiterhin in den nächsten Tagen und Wochen in München und in Berlin den Absichten und Wünschen der annoch maßgebenden Gewalten in die Quere kommen können. Auf diese unbestimmten, noch garnicht faßbaren, aber an allen Nervensträngen zerrenden künftigen – vielleicht auch schon gegenwärtigen – Ereignisse gründen sich meine Hoffnungen mehr als auf jedes erkennbare Wissen. Der Wagen der Geschichte fährt, das fühle ich, und ich fühle auch, der Tag ist nahe, an dem ich aufsteigen und mitfahren darf.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 20. November 1923.

Für eine Inlandbriefmarke müssen von heute ab 20 Milliarden Mark, für eine Karte 10 Milliarden aufgewendet werden. (Um meine fälligen Korrespondenzen noch für die Hälfte davon loszubringen, mußte ich das Tagebuch gestern ruhn lassen). Dabei ist das Porto so ziemlich noch die billigste Ausgabe. Die Einzelnummer der D. A. Z., die vor mir liegt trägt z. B. oben den Vermerk: Preis 90 Milliarden Mark. Vom 1. Dezember ab soll nun auch „wertbeständiges“ Porto eingeführt werden, und ich beabsichtige, dann bei der Verwaltung zu beantragen, für mich einlaufendes Wischgeld stets sofort in Postwertzeichen umzuwechseln, damit es bis zum Auszahlungstermin einmal wöchentlich nicht gänzlich unbrauchbar geworden ist. Ob sich die Verwaltung darauf einlassen wird, ist freilich zweifelhaft. Es scheint ganz so, als wollte sie durch täglich rücksichtsloseres Verfahren uns ihre Ansicht eindringlich ad oculos führen, daß jeder Optimismus, es könne einmal wieder anders werden gänzlich verfehlt sei, und im Gegenteil die Zeit da sei, wo man ohne vom „Norden“ Kontrolle und Kritik fürchten zu müssen, die Qualen der Gefangenschaft ad libitum steigern könne. Schlaffer berichtete mir von den Verschärfungen, die er und besonders Sauber in der Einzelhaft haben ertragen müssen (sie mögen das selber schriftlich festhalten). Zumal in der Zensurausübung wird es immer ärger. Die Brief- und Zeitungsbeschlagnahmungen folgen in immer rapiderem Tempo (unglücklicherweise ist gerade in diesem ereignisreichen Monat kein kahriotischen Blatt in unsre Hände gelangt; auch die Meinigen haben leider versäumt, die Münchener Neuesten Nachrichten zu abonnieren, und so sind wir auf das eine Stinnesblatt angewiesen, das infolge des Berliner Buchdruckerstreiks ebenfalls eine Woche lang wegblieb). Die Briefverbindung mit hilfsbereiten Genossen wird ganz unterbunden. Dem Ferdl als unserm Vertrauensmann ist es nicht möglich, der Roten Hilfe auf Fragen zu antworten. Schon die Anrede W. G. (Werter Genosse) ist Anlaß zur Beschlagnahme gewesen, da darin ein Bekenntnis zur aufgelösten KPD gesehn wurde. Wir müssen uns damit abfinden, in diesem Jahr zu Weihnachten sehr wenig Liebesgaben zu bekommen. Aus der Überfülle von Einzelfällen sei einer aus der jüngsten Zeit festgehalten. Enzinger ist einer der allerärmsten Genossen. Er bekommt von keiner Seite Unterstützung und seiner Familie (Frau und Kind) geht es schrecklich schlecht. Vor einigen Tagen erhielt er die Eröffnung, daß ein Brief eines seiner Bekannten zu den Akten genommen sei. Die gleichzeitig von demselben Freund eingetroffene Postanweisung gehe an den Absender zurück, weil aus dem Brief zu entnehmen sei, daß das Geld propagandistischen Absichten dienen solle. Enzinger bat, das Geld statt an den Spender an seine Frau zu senden, deren Not so groß ist, daß sie mit ihrem 5jährigen Buben um ein Stück Brot betteln gehn muß, was ja dem Zensor aus der Korrespondenz bekannt ist. Abgelehnt. – Diese fortgesetzten Provokationen vermehren aber nicht nur die Nervosität im Hause sondern auch die kritische Beschäftigung selbst wenig Interessierter mit den Angelegenheiten der Politik. Jeder sieht, welchen Weg der Stein der politischen Pleite in den allerletzten kurzen Wochen auf seinem Absturz schon heruntergekollert ist. So hält sich jeder an die Überzeugung, daß er in seinem Rollen auch weiter nicht aufzuhalten ist. Einer verläßt sich auf dies, der andre auf das, und wohin man auch blickt, kann man sehn, daß sich die politische Situation für ihre bisherigen Betrachter nirgends klärt und immer düsterer wird. Heute steht im Reichstag die Frage zur Entscheidung, ob er aufgelöst wird, ob er den Stresemännern und ob die Stresemänner ihm nachgeben werden oder ob die Generäle für die Dauer regieren sollen. Die Erörterungen dieses fossilen Gebildes werden zwar nicht so wichtig sein wie sie genommen werden. Größere Bedeutung kommt auch den Beschlüssen praktisch garnicht zu, zu denen man sich allenfalls aufschwingen wird. Denn mag die „Volksvertretung“ so oder so dekretieren, – es sind immer 3 Faktoren da, die sich um kein Gesetz, kein Dekret, kein Geschwätz kümmern: erstens die Industriellen, zweitens die Bayern, drittens die Alliierten. Was die Industriellen anlangt, so haben sie augenblicklich eine außenpolitische Niederlage erlitten, die sie bestrebt sind, durch innenpolitische Siege auszugleichen. Auf das Ultimatum hin, das sie vor einigen Wochen der Regierung stellten – nachdem sie auf eigne Faust mit der Entente in Verhandlungen über die Ruhrliquidation getreten waren (es ist bei aller Streiterei darüber nicht entschieden worden, ob es Landesverrat war oder nicht; sie selbst behaupten, es ihnen vorzuwerfen sei Landesverrat), – und worin sie verlangten direkt anstelle der Regierung verhandeln zu dürfen, ließ man ihnen selbstverständlich freie Hand. Jetzt erfährt man das Resultat, wobei auch die „Micum“ plötzlich unsern Zeitungsjargon bereichernd in liebliche Erscheinung trat. Die „Micum“ – das ist die „Mission Interalliée de Contrôle des Usines et des Mines“ – also der interalliierte offizielle Verhandlungspartner hat nämlich jetzt die Verhandlungen schroff abgebrochen, weil sie keine politischen Besprechungen zu führen habe sondern nur wirtschaftliche. Die Industriellen aber verlangten, daß die von ihnen anstelle des Reichs zu leistenden Kohlenlieferungen auf Reparationskonto anzurechnen seien, was selbstverständlich die Anmaßung eines Auslegungsrechts der Versailler Bestimmungen bedeutet. Kurz und gut: man ist jetzt mit der Ruhrgeschichte soweit wie vorher auch. Die Schwerindustrie ergreift natürlich Repressalien, – und zwar ebenso natürlich gegen die deutschen Proleten. Sie erklären, unter diesen Umständen nicht mehr produzieren zu können, und haben daher zum 1. Dezember ihren Arbeitern gekündigt. Bei der ungeheuren Not im Ruhrgebiet, die ohnehin unvorstellbare Dimensionen angenommen hat, steht nun also ein Elend bevor, das mit Sicherheit kein andres Ventil finden wird als den Aufstand der Massen: Was tut nun die Reichsregierung? Sie wirft alle ihre Währungsberechnungen in die Ecke, bei denen der wichtigste Faktor der war, daß die Ruhrhilfe ohne Zusammenbruch der ganzen Reichswirtschaft nicht länger geleistet werden kann und läßt von 900 Millionen Goldmark, die ihr von der Rentenbank als Gesamtkredit zugewiesen sind, sofort 100 Millionen zur Fortsetzung der Reichszuschüsse ans Ruhrland bereit stellen. Also die trübe Quelle der Finanzmisere wird zunächst gleich beim Beginn ihrer angeblichen Verschüttung wieder zum Fließen gebracht. Zugleich aber zeigt sich auch, aus welchem Material der Stoff ist, der das Gewässer zum Stehn veranlassen soll. In ihrer Samstag-Nummer berichtet die D A Z schon, natürlich im Börsenteil, von Machenschaften in Amsterdam, „die auf eine Minderbewertung der Rentenmark hinzielen“, und in der Sonntagsnummer erklärt sie in ihrem eignen Wirtschaftsartikel die Unvermeidlichkeit der Gefahr, „daß die Rentenmark von vornherein einer Unterbewertung unterliegen könnte“. Die Industrie weiß also recht wohl, welche „Stabilität“ den deutschen Finanzen durch die Rentenmark-Einführung beschieden sein wird. Die Inflation dieses Zahlungsmittels beginnt schon, ehe die Zirkulation in Gang gebracht ist. Natürlich schreit das Unternehmertum, um rechtzeitig den Sündenbock zu haben: Verrat der Gewerkschaften! Bei Differenzen in der Kaliindustrie erklären sie von vornherein, daß sie erst dann über die Lohnfragen weiter verhandeln wollen, wenn ihnen Zusicherungen über die Verlängerung der Arbeitszeit gegeben sind. Der Innsbrucker Universitätsprofessor Günther aber schreibt in das Blatt einen langen Artikel, in dem er den Gewerkschaften ihre absolute Überflüssigkeit nachweist. Das Ende der „Arbeitsgemeinschaft“ wird den Unternehmern nahegelegt, die also künftig, nachdem durch die Gewerkschaftspolitik eben der Arbeitsgemeinschaften jede Kampfneigung ohnehin erloschen ist, einfach von sich aus Arbeitsbedingungen, Zeit wie Lohn, diktieren sollen. Diese Entwicklung zur gänzlichen Erledigung der nicht mehr über volle Kassen verfügenden Gewerkschaften ist schon jetzt zielbewußt in Gang gesetzt. So haben die deutschen Bischöfe in Fulda beschlossen, Arbeitern, die in Gegenden, wo sie Gelegenheit haben, sich in christlichen Gewerkschaften zu organisieren, anderen Verbänden angehören, nicht mehr zum Empfang des Abendmahls zuzulassen. Die Sozialdemokraten hatten aber stets im Programm den Toleranzgrundsatz: Religion ist Privatsache. Für die von den heutigen Christen sogenannte Religion ist aber Partei und Organisation nicht Privatsache. So kriegen sie ihre im Laufe von 50 Jahren „sieggekrönte Taktik“ von allen Seiten her ums Maul geschlagen. Mögen sie dran verrecken! Die Arbeiter werden dann doch am Ende drauf kommen, daß sie sich in ihren Betrieben Interessengemeinschaften schaffen müssen und von dort aus rätemäßig organisiert Politik und Wirtschaft meistern können. Denn ganz so sicher wie die Industriellen tun, ist die Unterjochung des Gesamtproletariats in Deutschland doch wohl noch nicht. Vor allem ist noch keinesfalls von einer Einigkeit auch nur der deutschen Reaktion selbst zu sprechen. Z. B.: Bayerns Herr v. Preger treibt auch nach der Besiegung Hitlers und der Kaltstellung Geßlers die bayerische Eigenart jedem Reichsbeschluß in die Quere. Im Reichsrat wurde das aufgrund des Ermächtigungsgesetzes erlasse[ne] Beamtenabbaugesetz besprochen. Preger erklärte, in Bayern werde die Rechtsverbindlichkeit eines solchen Gesetzes nicht anerkannt, dort werde man für sich selbst die nötigen Abbaumaßregeln treffen. Zugleich wird auch die Einführung einer eignen bayerischen Währung angekündigt. Das alles sieht nicht danach aus, als ob man sich mit halben Zugeständnissen abfinden lassen wolle. Man geht zielbewußt auf völlige Autonomie los. Im Übrigen findet man wenig Neues über Bayern. Von Interesse ist nur, daß Dr. Christian Roth, unser ehemaliger Justizminister, verhaftet ist, weil er von Bamberg aus eine Hitlerei unternehmen wollte. Der Mann also, der gegen uns die allerschlimmsten Vermehrungen unsrer Leiden angeordnet hat, der die Herren Kraus und Hoffmann als die geeigneten Bändiger für uns ausgesucht hat, sitzt jetzt selbst wegen Hochverrat und Verfassungsbruch fest. Der Unterschied ist nur, daß wir eine Verfassung gebrochen haben sollen, deren Rechtsgültigkeit wir von vornherein bestritten haben, die nie in Kraft gesetzt wurde, und die längst der Vergangenheit angehört, während er die gegenwärtige, seit 4 Jahren giltige Verfassung, als deren Hüter er selbst das Recht betreute, zu stürzen unternahm, – und zwar mit Gewalt, ebenfalls im Gegensatz zu uns. Ob aber diese Parallele auch von denen gezogen werden wird, die unsre Peinigung – das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht – als Ausdruck ihrer Weltanschauung brauchen, das steht freilich dahin. Immerhin: Hitler, Pöhner, Roth sind eingesperrt, ein Wunder ist’s auf jeden Fall. Recht wohl mag aber Herrn Dr. Kahr und den Weißblauen um und gegen ihn dennoch kaum sein. Eben jetzt schwimmt die Pfalz davon, und das scheint endgiltig zu sein. Die Rheinlandfrage wird zur Zeit überhaupt merkwürdig genug. Nachdem kürzlich mal die D. A. Z. den Plan enthüllt hatte, die Rheinische Republik, da sie schon nicht zu verhindern sei, sei von den Industriellen auf eignes Risiko zu schaffen, scheint man jetzt schon zu seiner Realisierung übergegangen zu sein. Man liest von einem 15er-Ausschuß, dem Hugo Stinnes persönlich angehört, und der dort an Stelle der Reichsregierung alle Funktionen ausübt und vergibt. Demokratie hin – Demokratie her: die Wirtschaftsmagnaten haben sich selber erwählt und sind jetzt die öffentliche Gewalt im Rheinland, – sofern ihnen nicht die Alliierten das Geschäft verderben. Die sollen zwar wieder vollkommen uneinig sein, und besonders in der Kronprinzensache garnicht einig werden können über Sanktionen oder Nichtsanktionen, ebenso wegen der Militärkontrolle. Ich meine immer noch, daß das Ende der Botschafterkonferenz über diese Fragen den ewig hoffenden Deutschen wieder eine Illusion rauben wird. Daß zwischen Frankreich und England Differenzen vorhanden sind, steht fest, aber die deutsche Frage wird schwerlich darin viel Platz zu beanspruchen haben. Die weltpolitischen Vorgänge, mit denen ich mich leider seit geraumer Zeit fast garnicht mehr beschäftigt habe, müßten mal besonders betrachtet werden. Jetzt ist das englische Parlament aufgelöst worden (wegen der Schutzzollfrage), die damit zusammenhängenden Probleme, das Scheitern der Sachverständigenkonferenz durch die Absage Amerikas, Mussolinis geschickte Politik, Poincarés letzte Kammerrede, der polnische Generalstreik (Krakauer Eisenbahner!), das Fiume-Abkommen etc. – das alles und noch vieles mehr ginge ein politisches Tagebuch stark an. Aber man kratzt sich, wo einen die Haut juckt, und mich juckt sie am meisten da, wo ich die Nähe der deutschen Katastrophe fühle: So kommen die weiteren Zusammenhänge zu kurz. Aber bald wird größere Klarheit sein. Was schon geschehn ist, zeigt wieviel geschehn muß, fast hätte ich gesagt, „naturnotwendig“. So ähnlich ist’s auch. Heut haben wir einen kalten Herbsttag. Die Luft ist dünn und rein. Außer dem hellgrauen Gewölk deuten verirrte Schneeflocken darauf hin, daß vielleicht, wahrscheinlich morgen früh der erste Schnee über den Feldern liegen wird. Ich spüre es, ich weiß es, er kommt über Nacht. Und da soll ich aus dem Gewölk am politischen Himmel, aus den Schneeflocken der Teuerungsrevolten, der Plünderungen (Düsseldorf!) und Hungerunruhen, aus dem Hagelschauer des Hitlerputsches nicht folgern dürfen, wie das Wetter sich in nächster Zeit gestaltet? Ich traue mir schon zu zu erkennen, was ich wissen will: es ist das Gegenteil von dem, was die Machthaber in Berlin, München und Niederschönenfeld meinen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 21. November 1923.

Ganz langsam füllen sich durch nachträgliche Ereignisse, Reden oder Kommentare einige der Lücken im Bilde der allerjüngsten Vorgänge, die in unsrer Kenntnis durch das Ausbleiben von Zeitungen entstanden sind. In Innsbruck wurden viele Hitlerleute verhaftet. Also nicht nur der Putsch-Oberste sondern noch viele seiner tapferen Mannen haben sich gedrückt. Ob sie ausgeliefert werden? Die Räterepublikaner fanden dagegen keine Bedenklichkeit drüben, allerdings regierten dazumal in Österreich Sozialdemokraten, und es waren Proleten, denen sie das Asylrecht verweigern konnten. Si duo faciunt idem –! Überhaupt die lieben Sozialdemokraten! Augenblicklich hat die Bourgeoisie an Dr. Zeigner ein wundervolles Objekt moralischer Entrüstung. Nachdem er schon vor einigen Tagen unter dem Druck einer mehr als üblen Hetze sein Landtagsmandat hatte niederlegen müssen und als kürzlich ernannter Oberlandesgerichtsrat – wegen angeblicher Rechtsbeugungen als Justizminister seiner Maßregelung entgegensah, wird jetzt gegen ihn die Ehrabschneiderei im größten Maßstabe betrieben. Er soll als Justizminister Begnadigungen gegen Naturallieferungen in Butter, Fett, Fleisch, Kleidungsstücken, Juwelen für seine Frau und Bargeld verfügt haben. Diese Anklagen entsprudeln einer Quelle, deren Trübheit von altersher notorisch ist: den Leipziger Neuesten Nachrichten und der Kanal, aus der sie in die Weite geleitet werden, ist die Telegrafen-Union, das stinkige Nachrichtenreservoir des Hugenbergkonzerns. Die sozialdemokratische Presse erklärt die Anwürfe zunächst als noch nicht erwiesen, was aber den „Vorwärts“ nicht hindert, schon jetzt voll sittlicher Empörung seinen sächsischen Genossen vorzuwerfen, sie hätte[n] diesen politischen Neuling viel zu schnell in hohe Ämter eingesetzt. Ich halte vorläufig mal alle diese Schmutzhäufung für blanke Verleumdung, die die Ehrlichkeit Zeigners nicht diskreditiert sondern beweist. Es soll mich garnicht wundern, wenn eines Tages als Urheber dieser Nichtswürdigkeiten seine Parteigenossen entlarvt werden, denen bei Fehlen von Gründen Charakterbesudlungen noch immer als Mittel gedient haben, unbequeme Politiker loszuwerden. Neu ist dabei nur, daß sie die Dreckschleuder jetzt gegen ihre eignen Parteimitglieder richten, was aber auch nicht mehr überrascht, nachdem sie ihre Spitzeldienste für Bourgeoisie und Kapital längst auf die eignen Reihen erstreckt haben. – Herr Dr. Stresemann hat vor versammeltem Parteivorstand und Reichstagsfraktion seiner Partei eine Rechenschaftsrede über seine 3monatliche Wirksamkeit gehalten, wobei er auch seine sächsische Politik in Vergleich zur bayerischen gestellt hat. Der Unterschied habe sich dadurch ergeben, daß man ja in Bayern nicht wie in Sachsen direkten Gefährdungen von Leib und Leben gegenübergestanden habe! (Ob man wohl andern als deutschen Zeitungslesern diese Frechheit bieten könnte?) Stresemann befleißigte sich überhaupt der größten Zurückhaltung gegenüber Bayern. Er scheint immer noch die Hoffnung zu haben, die Niederschlagung der Hitlerei mache Kahr zu seinem Bundesgenossen. Allgemein ließ er sich über das Prinzip der Diktatur aus, tat so, als sei seine Regierungsart etwas andres und bekannte sich entschieden zur Aufrechterhaltung der demokratischen Fiktion. Seine Parteifreunde stellten ihm ein Vertrauensvotum aus, gegen das sich von 220 Leuten nur 11 Stimmen fanden, die jedenfalls den Stinnesherrschaften gehören. Denen bestätigte Stresemann, daß sie die eigentlichen Befehlsgeber im Reich seien, er fand sogar für ihre Tätigkeit als Oberregierung den treffenden Ausdruck: – „innere Finanzkontrolle“. Die äußere hofft er durch sie zu umgehn. Tatsächlich ist das Reich jetzt vollständig abhängig von den Magnaten des Großkapitals. Die Rentenbank, die deren privater Besitz ist, finanziert nämlich Herrn Stresemanns Reich sämtliche Staatsausgaben, wofür sie das ausdrückliche Recht erhalten hat, das Budget mit- will sagen vollständig zu bestimmen. Vom deutschen Reich werden sie also als omnipotent anerkannt. Nicht so vom Ausland. Poincaré hat in einer sehr wirksamen Rede festgestellt, daß Deutschlands Proletariat von seinen eignen Industriellen ungeheuer ausgeplündert werde, und jetzt hat General Degoutte die Aussperrung der gesamten Industriearbeiterschaft des Ruhrgebiets, die zum 1. Dezember verhängt war, durch einfache Verordnung verboten. (Deswegen, weil die Zeigner-Regierung solche Verordnung für Sachsen erlassen hatte, war ja die Reichsexekutive dorthin gesandt worden – mit Zustimmung der Sozialdemokraten, wie Stresemann auch jetzt wieder festgestellt hat). Über die bayerische Währungsreform hört man noch nichts Genaues. Es war einmal die Rede davon, daß das Walchenseewerk an ein englisches Konsortium verpfändet werden sollte, was immerhin eine gesündere Grundlage für den bayerischen Gulden schaffen würde, als sie die Rentenmark hat. Jedenfalls wäre eignes bayerisches Geld der stärkste äußere Ausdruck für eigne bayerische Staatlichkeit – außerhalb jeder Bevormundung vom Reich. Sie wird kommen. Die Politik der Franzosen gegenüber den Alliierten, nämlich die Politik des unbeirrbaren Eigensinns, treiben die Bayern gegenüber dem übrigen Deutschland, – genau so – nur dümmer.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 24. November 1923

Vorgestern begann plötzlich im Hause ein derartiges Durcheinander, daß die regelmäßige Beschäftigung und mithin auch das Tagebuch seitdem ganz aus der Reihe geraten ist. Ob ich die Eintragung heute über den Anfang weit hinausbringe ist angesichts des Umstands, daß meine derzeitige Zelle noch der geschickten Hand des Ferdl harrt, um auch nur halbwegs wohnlich zu werden, recht ungewiß. Am Mittwoch nachmittag bemächtigte sich vieler Genossen große Unruhe. Im inneren Hof unter unsern südöstlichen Fenstern begann plötzlich rege Arbeit. Man zog mit großer Eile Stacheldrahtzäune, schloß den kleinen Hof (der seinerzeit der braven Hälfte unter Vollmann, um uns 25 Bockbeinige zu ärgern, als Extrahof neben dem großen eingeräumt war) nach beiden Seiten ab, schüttete Kies ab und errichtete auch noch einen Zaun, der den Blick vom Eingang zum großen Spazierhof in die neue Absperrung verbaute. Gleichzeitig begann man die Kastanienbäume zu fällen, die neben der Hofplanke entlang eine Allee zur Landstraße hinauf bilden. Einige Genossen hatten an diesem Tage die Herren Kühlewein und Kraus bei der Inspizierung beobachtet. Die plötzliche Umgestaltung wurde zuerst damit erklärt, daß man uns den großen Spazierhof nehmen wolle, um ihn mit den Äckern der Anstalt zu verbinden, von denen diesen nur die Planke und jene Kastanienbäume trennten. Da alle Momente diese Vermutung zu bestätigen schienen, hat kaum je eine solche Depression unter den Genossen geherrscht wie an diesem Nachmittag. Denn den Hof lieben wir alle mit seinen Apfelbäumen, die die Verwaltung erntet, mit seinem einzigen Weg ringsherum, mit seiner sonderbaren Vertiefung, in die wir Lauben eingebaut haben, und mit seinen winterlichen Erdhaufen, die die Erinnerung an die von den Genossen liebevoll betreuten gärtnerischen Anlagen des Sommers wachhalten. Statt dessen sahen wir nun den armseligen Kiesboden zwischen Gefängniswand und Steinmauer ohne Gras, ohne Baum, ohne das Wetterhäuschen und ohne Bänke und Turngeräte und höchstens ein Viertel so groß wie unser schöner Spazierhof als künftige Oase in unsrer Wüste herrichten. Die Nacht zum Donnerstag, in der wir alle in dieser Einbildung einschliefen, war wohl für keinen von uns ohne düstere Gedanken. Am Donnerstag aber wandelte sich die Stimmung sehr rasch. Wir merkten, daß die Seitenzellen hergerichtet wurden und zwar trug man Seifennäpfe, Teller etc. hinein, also erwartete man keine Kriminal- sondern Festungsgefangene. Von all den aufgeregten Vermutungen, die teils weit weggingen vom Tatsächlichen, teils auch das Richtige trafen, braucht hier nicht Notiz genommen zu werden. Gegen 11 Uhr sahen wir Schupo – etwa 20 Mann stark – von der Anstalt weg nach Rain hin abmarschieren. Inzwischen war schon allgemein die Bedeutung des Ganzen klar: daß Schutzhaftgefangene kommen würden. Gegen ½ 1 Uhr rollte der uns Münchnern wohlbekannte Stadelheimer Autobus von Rain her heran (in dem ich zum Schneppenhorstprozeß und dann von Stadelheim zum Polizeigefängnis befördert wurde). Die neuen Einwohner langten in mehreren Fahrten mit diesem Vehikel an. Mittags wurde uns eröffnet, daß wir samt und sonders am selben Nachmittag noch in den I. Stock hinunterverlegt würden, und zwar beziehe jeder die unmittelbar unter der seinigen gelegene Zelle. (Ich wohne auf Nr 104, der neben der Sterbezelle August Hagemeisters gelegenen Zelle). Es ging alles so Hals über Kopf, daß das Ganze offenbar für die Verwaltung eine ebensolche Überraschung war wie für uns. Mit der Einräumerei habe ich jedenfalls noch tagelang zu tun und bin froh, daß wenigstens das Mobiliar jetzt am Platz ist, die Bilder hängen und die Beleuchtung funktioniert. Das Gerümpel muß noch untergebracht und das Penibelste – die Bücher und Papiere geordnet werden. Während man sich noch die Köpfe zerbrach, ob die neuen Hausnachbarn unsre Genossen oder „Nazi-Sozi“ seien, gab es für uns mehrere peinliche Überraschungen. In unserm Gang wurde zunächst das innere Scherengitter geschlossen, sodaß wir nun den Haftraum um mindestens ein Drittel seines ohnehin sehr engen Umfanges verkleinert und zum Trinkwasserholen nur die Closetwasserleitung zur Verfügung haben. Dann hat man noch einen Vorhang vor das Gitter gemacht, der bei jedem Hofgang der Oberen zugezogen wird, damit wir nicht einmal sehn können, wenn sie – durch zwei Gitter von uns getrennt – die Treppe hinauf- oder hinunterlaufen. Dann wurde uns im Auftrage des Vorstands eröffnet, wir hätten uns jedes Versuchs mit den Schutzhaftgefangenen in Verbindung zu treten, zu erhalten[enthalten], sie nicht vom Fenster aus zu begrüßen, sie anzurufen etc. Andernfalls werde man uns in den Nordbau verlegen – (also in das eigentliche Gefängnis vorn?) Der Speisesaal wird während der Hofzeit der Neuen zugeschlossen, und unsre Hofzeit täglich um 1 Stunde – die beiden halben Stunden vor- und nachmittag – gekürzt. Außerdem war von heute ab das Bad, für das sonst – auch als wir 90 Mann waren – eine halbe Stunde angesetzt war, auf 20 Minuten beschränkt und wie Toller vorläufig inoffiziell erklärt wurde, soll das wöchentliche Bad nur mehr 14tägig gegeben werden; nach 4½ Jahren eine sehr peinliche Verschärfung. Da wir von unsern Zellenfenstern aus in den Hof der Schutzhäftlinge hinuntersehn können, war die Frage, ob Nazi oder Kommunisten, schnell entschieden: es sind natürlich nur Kommunisten, und zwar scheinbar der ganze Münchner Bezirksausschuß, die Führer der Jugendbewegung, kurzum alle, denen man Initiative zutraut. Die Hitlerleute, die doch die Revolte tatsächlich gemacht haben, wird man schon woanders und anders als in Niederschönenfeld unterbringen. Sind sie doch, wie ihnen Kahr und alle Patrioten vorrühmen, „vaterländische“ Männer und in diesem Bayern ist nicht die verbotene Betätigung einer Überzeugung strafbar sondern die Richtung einer Überzeugung, was seit der Inquisitionszeit in den „zivilisierten“ Ländern Europas als überlebt galt. Aber daß man im 20. Jahrhundert lebt, gilt den Trägern der heutigen bayerischen „Kultur“ als vollgiltige Legitimation ihres Fortschritts. – Über die politischen Neuigkeiten heute nichts mehr. Dank Siegfrieds und Resls Eingreifen erhalte ich zwar wieder die Münchner Neuesten Nachrichten (seit dem 16. November sind alle Nummern nachgeliefert; doch ergab sich keine wichtige Aufklärung zu den Ereignissen vom 9ten und den folgenden ersten Tagen, die in wichtigen Punkten für uns ungeklärt sind), jedoch hat die Verwaltung uns gestern und heute überhaupt keine Zeitung mehr aushändigen lassen, die Deutsche Allgemeine Zeitung heute zu den Akten nehmen lassen und uns infolgedessen wieder Spekulationen aller Art überantwortet. Daß neue Ereignisse größeren Kalibers eingesetzt haben, ist allerdings wahrscheinlich, zumal der Vorstand selbst Genossen gegenüber, die wegen Besuchen mit ihm konferierten, erklärt hat, es herrsche in Bayern nicht nur Belagerungszustand sondern Standrecht. Freilich wissen wir nicht, ob das Standrecht etwa noch vom 9. November her weiterwirkt,* oder ob es neuer Vorfälle wegen erst jetzt verhängt ist. Das Barometer meiner Nerven läßt auf neue Erschütterungen schließen. Aber ich bin erst recht optimistisch, da ich sehe, wie pausenlos die Lawine sich zu Tal bewegt – ist mir auch bis jetzt noch der Ausblick auf die Dörfer versperrt, die sie zuletzt begraben hat. Meine Überzeugung, daß die Pein von Niederschönenfeld kurz vorm Ende steht, ist fester als je. Die Genossen im oberen Stock werden, statt lange unsre Leidensgefährten zu sein, bald genug unsre Eskorte beim Einzug in die Heimat bilden.

 

* diese Annahme war richtig

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 26. November 1923

Allmählich kommt wieder Regelmäßigkeit ins tägliche Leben. Mit der Zelle bin ich ungefähr fertig, allerdings noch nicht mit dem Ärger, über die sehr empfindliche Raumverengung, die verkürzte Hofzeit und das übrige. Mit den Schutzhaftgenossen fand gestern eine Art Begrüßung statt in einer sicher erlaubten Form, die mich in ihrer naiven Sentimentalität tief rührte. Die Mehrzahl unsrer Genossen hat unter Schlaffers Leitung seit langem einen Gesangszirkel gebildet, der regelmäßig alle Sonntage abend ein paar Lieder vorträgt, natürlich, da ja alle unsre Bekenntnislieder verboten sind, volksliedhafte und dem Geschmack einfacher Menschen zusagende, in den Gesangvereinen übliche Weisen. Während Schlaffer in Einzelhaft saß, waren die Vorträge unterblieben, und gestern zum ersten Mal seit 5 Wochen stiegen die Lieder wieder auf, diesmal auf dem Gang. Kaum war das erste Lied „Sonntag ist’s“ verklungen, kam vom II Stock die Antwort, irgend ein populäres Wanderlied, und nun folgten abwechselnd von den beiden Chören die Vorträge, bis sich von oben eine prachtvolle, wenn auch unausgebildete Baritonstimme mit einem Sololied vernehmen ließ, das aber leider mitten im Satz abbrach, wahrscheinlich vom Aufsichtspersonal unterbrochen. Nach einem von unserm Stock gesungenen Schlußlied war das Konzert zu Ende, das mir, obwohl das Ganze nicht ohne Komik war, seit langer Zeit die ersten Tränen hochdrängte. – Wir schätzen die Zahl der Genossen oben auf über 40 Mann, und es scheint als sollten noch mehr kommen. Denn die Kahr-Diktatur ist noch genauso rührig wie zu Anfang und kann insofern einen neuen Triumph verzeichnen, als Herr v. Seekt jetzt, dem bayerischen Beispiel folgend, die KPD, die kommunistische Jugendinternationale und alle Organisationen der III. Internationale und ebenso die Nationalsozialistische und die Völkische Freiheitspartei für das Reich verboten und aufgelöst, ihre Gelder und sonstigen Besitztümer für dem Staat verfallen erklärt und die Werbung und jegliche Betätigung für sie unter schwere Strafen gestellt hat. Über die Münchner Vorgänge vom 8. und 9. November erhält man nach den seit Sonnabend eingetroffenen Blättern jetzt auch mehr Klarheit. Zunächst ist aus einer amtlichen Darstellung der Zweck des Putsches ersichtlich. Es sollte von München aus nicht etwa Bayern, sondern das Reich revolutioniert werden. Die Diktatur Hitler-Ludendorff war als Reichsregierung gedacht, die zunächst in Bayern etabliert, den Kriegszug nach Norden und den Sturz der Reichsverfassung ausführen sollte. Noch nicht klar ist, was eigentlich alles in der Nacht zwischen 8. und 9ten vorging, sicher aber, daß ein Teil des Plans schon gelungen war, das Wehrkreiskommando (außerdem wahrscheinlich das Regierungsgebäude) war besetzt, die ersten Erlässe – z. B. über die Banken – veröffentlicht (für die Finanzen zeichnete Herr Gottfried Feder, der Leihkapitals-Antisemit, dem aber jetzt nachgewiesen wird, daß er sein eignes Bankdepot rechtzeitig abhob), auch Roßbach muß aktiv tätig gewesen sein (vermutlich auch Ehrhardt), und bei den bewaffneten Zusammenstößen muß Reichswehr und Polizei sehr vorsichtig zu Werke gegangen sein. Man verteidigt sie nämlich gegen den Vorwurf der frivolen Rigorosität mit der Feststellung, daß sie mit den Gewehren nicht schossen, sondern quergehalten die Demonstranten zurückdrängten, bis von einem Hakenkreuzler der erste Pistolenschuß abgegeben wurde. 1919 war man gegen unsre Genossen weniger zartfühlend, ebenso jetzt in Sachsen und Thüringen, wo die Reichswehr nach den von den beiden Ministerpräsidenten Fellisch und Fröhlich gegebenen Darstellungen gradezu widerlich gehaust hat (sodaß jetzt sogar General Müller eine rügende Verwarnung veröffentlicht). Nun ist inzwischen das Kabinett Stresemann, Nr. 3 im Laufe von 3 Monaten, vom Reichstag gefällt worden und das Deutsche Reich zur Zeit ohne Regierung – nur Ebert der Taktvolle und Seekt, sein Schützenkönig – halten sich noch neben der bayerischen Eigenart (die „ Ordnungszelle“ ist nunmehr von Herrn Leicht selber preisgegeben worden). Aber die Konflikte sind reichlicher vorhanden und in Reserve als je, und man muß den Bayern das eine lassen: daß sie begriffen haben, wie man allein etwas erreichen kann; nämlich indem man über das Erreichbare hinaus alles Erwünschte fordert und sich mit Teilerfolgen nie abspeisen läßt. Hätten die „Marxisten“ diese Einsicht gehabt, statt mit ihrer faden „Realpolitik“ dauernd den Enthusiasmus des Proletariats zu lähmen und eine „Taktik“ nach „Phasen“, „Etappen“ und „Entwicklungsstufen“ auszurechnen, bei der ihnen im Laufe der Zeit alle Giftzähne ausgefallen sind (die Kommunisten folgen dabei nur dem Beispiel der alten Sozialdemokratie, und die wurde schon bei der Rivalität gegen Bakunin und die Seinen von Marx und Engels selber so erzogen), – dann könnte die deutsche Bourgeoisie kein Verfahren üben, das auf der widerstandslosen Niedertrampelung der gesamten Arbeiterklasse beruht. Also zur Zeit haben die Bajuwaren – wenn ich keine auslasse – folgende Zunder zum Glimmen gebracht. Nach Dr. Stresemanns letzter großer Kanzlerrede, worin er gesagt hat, daß die Herren Hitler, Ludendorff etc. für ihren Putsch vom Reichsgericht abgeurteilt werden müssen, hat es große Aufregung gegeben: diese ganze Angelegenheit gehe das Reich nichts an – das ja nur umgekippt werden sollte –, die Sache sei beim Münchner Volksgericht schon anhängig und es werde ein schwerer Konflikt entstehn, wenn Berlin bei seiner Meinung bleibe. Dann: im Reichstags-Ausschuß wurde die Aufhebung des militärischen Belagerungszustands verhandelt. Herr von Preger gab im Namen Bayerns die Erklärung ab, das gehe das Reich nichts an. Man habe für Bayern nicht zu befinden, wann es seine Ruhe und Sicherheit als garantiert betrachte, und falls nicht jeder Versuch unterbleibe, Bayern zwingen zu wollen, sei ein ernster Konflikt unvermeidlich. (Kürzlich schon erklärte Herr v. Preger, das Reichsbeamtenabbaugesetz gehe Bayern nichts an, das sich ja ohnehin gleich gegen das Ermächtigungsgesetz gewendet habe und auf dessen Grund beschlossene Gesetze nicht für sich maßgebend halte. – Ich finde oft von diesen Staatlichkeitsfanatikern Grundsätze betätigt, die ganz mit meinen anarchistischen übereinstimmen. Daß niemand gehalten werden soll, Gesetze zu befolgen, die gegen seinen Wunsch und sein Interesse erlassen sind, ist völlig vernünftig, aber ganz anarchistisch gedacht und als Bekenntnis, von Staatsmännern – Kahr (oder wars Lerchenfeld?) hat einmal ganz dasselbe gesagt – völlig paradox). Herr Schäffer von der Bayerischen Volkspartei hat die Wünsche der Seinen kräftig formuliert und dabei ganz besonders die eigne bayerische Wehrmacht gefordert; und endlich hat die Reichstagsfraktion derselben Partei einen umfassenden Antrag zur Änderung der Reichsverfassung eingebracht, der wirklich aufs Ganze geht. Alles wird zurückgefordert, was Weimar Versailles geraubt hat und darüber hinaus noch allerlei mehr als Bismarck 1871 bewilligen wollte. Außer Finanz- und Verkehrshoheit, wird Justiz- und Schul-Selbständigkeit gefordert, und nicht einmal wir sind vergessen. Im letzten Satz des letzten 8ten Punktes heißt es, daß das Reich auch das Recht verlieren soll, für die Länder Amnestieen zu erlassen. Ja, das Reich soll alle diejenigen Verfassungsbestimmungen, die noch nicht „ausgeschöpft“ oder in ihren Auswirkungen festgelegt sind, preisgeben – und den Ländern überlassen, womit aber (stellenweise direkt angesprochen) immer Bayern gemeint ist. Dies sind Forderungen – jede geladen mit Konfliktstoff, zugleich aber unternimmt Bayern auch schon Aktionen, die nur deswegen nicht zu neuen Konflikten führen, weil das Reich sie nicht als Grund dazu annimmt. Mit der Begründung, daß das Reich mit der Rentenmark zurückhalte, publiziert die bayerische Regierung die Ausgabe von eignen auf Dollarwert beruhenden Schatzwechseln, für die der Staat mit seinem Gesamtvermögen und seinem Gesamteinkommen bürge. Näheres über das Ausmaß dieser Sonderaktion ist noch nicht zu erkennen. Doch soll das Walchenseewerk offenbar die Hauptbasis der Fundierung bilden. Vorläufig habe ich den Eindruck, als ob eine ganz dilettantische und keineswegs sichere Popularitätshascherei dahinter steckt. Zugleich wird jedoch die Ausgabe eines „wertbeständigen Notgeldes“ (schon das in der ganzen Wirtschaft bei uns üblich gewordene Wortgebilde ist ein Gallimathias) mitgeteilt, zu der diesmal das Reichsfinanzministerium die Konzession erteilt hat, und das – was immerhin eine gewisse Solidität beweist, ausschließlich für Milchlieferanten und, sofern ein Rest bleibt, für Müllereibetriebe gelten soll. (Das arme Volk meint bei jedem Papier, daß statt einer Billionenzahl wieder eine im kleinen Einmaleins rechnende Aufschrift trägt, es sei „wertbeständig“. Dabei ist jetzt, wo mit Fest- oder Goldmark gerechnet wird, der Schwindel noch größer als je vorher. Denn jetzt multipliziert man zuerst die Grundzahl mit der kleinen Ziffer aus dem Einmaleins, und dann das Resultat davon mit der Billionenzahl des geltenden Tageskurses). Über das Geldchaos ein andres Mal mehr. In der Politik selbst wäre noch viel Wichtiges festzuhalten. Ich übergehe das Meiste und halte mich nur an das, was für Deutschland unmittelbar bedeutungsvoll ist. Das ist zunächst das Ergebnis der Pariser Botschafterkonferenz. Da war es mit der zum 1000ten Mal austrompeteten Pleite der Entente wieder nichts (wenn auch der amerikanische Zuhörer von einer englischen Drohung nach dieser Richtung ausplaudert). Frankreich bräuchte im Gegenteil, um den Zusammenhalt zu retten, nicht mal viel von seinen Forderungen preiszugeben. Allerdings mußte es die Absicht, als neue Sanktionen Hamburg und Bremen, und eventuell Frankfurt und davon östliche Gebiete (das Maintal!) zu besetzen, zurückstellen. In der Kronprinzenangelegenheit wurde entschieden, daß Deutschland ja nun erklärt habe, daß es die Verantwortung für das Verhalten des Herrn auf sich nehme. Das wird mit ganz ironischen Worten konstatiert und daraus geschlossen, daß infolgedessen Deutschland auch für alle seine eventuellen Taten verantwortlich gemacht würde. Was hingegen die Militärkontrollkommissionen anlangt, so fährt die Stresemannregierung übel ab. Nollet wird bevollmächtigt, „unverzüglich“ die erforderlichen Schritte zur Wiederaufnahme der Arbeiten zu treffen und für den Fall begründeten Verdachts erhalten Frankreich und Belgien als unmittelbar benachbarte Länder Vollmacht, von sich aus mit beliebigen Maßnahmen vorzugehn. Zugleich erklärt Poincaré, er betrachte nunmehr das Ruhrgebiet als Pfand für Frankreichs Sicherheit und Benesch warnt im Prager Parlament deutlich genug, daß die Rückkehr der Hohenzollern auch für die Tschechei keine Gleichgiltigkeit sei. Wegen einer Anrempelung von Kontrolloffizieren in Leipzig stehn neue Zwangsmaßregeln bevor, und wegen der Ermordung des Leutnants Graff kündigt Belgien, da Deutschland die geforderte Genugtuung nicht geleistet habe, Selbsthilfe im besetzten Gebiet an. Bequem ist also die Situation für Stresemanns Nachfolger nicht. Mit den Orakeleien darüber, ob das eine Rechts- oder Links-, eine große oder kleine Koalition sein wird, beschäftige ich mich nicht. Es ist eins wie das andre. Entscheidend ist der Hunger, die Not, die Wut, der Wirrwar und die Unhaltbarkeit aller Dinge auf der einen, auf der andern Seite die Entschlossenheit der Reaktion und die Schlappheit der immer noch auf „Führer“ vertrauenden Arbeiterschaft, bzw eine Änderung dieser Faktoren. – Gestorben ist der Reichsbankpräsident Havenstein, der mit seinem Tod seinen Sieg in dem Froschmäusekrieg um seinen Sturz vom Amt endgiltig und ewig macht. Für mich von schmerzlicherem Interesse ist der Tod des ausgezeichneten Berliner Schauspielers Guido Herzfeld, der mir als Mensch und als Künstler sehr wert war. Wieder Einer!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 27. November 1923

In einer viertel Stunde ist Hofzeit. Da heut keine Zeitungen ausgegeben worden sind, kann ich einmal eine Privatfreude notieren. Zenzl, die so schwer Freundschaft mit Frauen schließt, hat in Berlin eine Freundin gefunden, mit der sich eine wirkliche Innigkeit und Harmonie ergibt, und das ist niemand anders als meine Jenny. Zenzl wohnt bei ihr und beide schreiben mir entzückt von dem Gefallen, das sie aneinander finden. Ich bin ganz glücklich über diese Fügung und dazu stolz, daß die beiden einzigen Frauen, mit denen ich je entschlossen war, mein Lebensschicksal zu vereinigen, jede ihren Wert mit der andern vergleichen kann; ich brauche mich wahrhaftig vor beiden nicht zu schämen. Jenny berichtet in einem langen Brief über die tollen Zustände in der täglichen Lebensführung in Berlin, dem unglaublichen Betrug mit allen Zahlungsmitteln, und als ich diese Stellen gestern meinen Freunden vorlas, meinte Zäuner treuherzig und ganz aufrichtig: „Sei’mer froh, daß mir eing’sperrt san!“ – Nun, seien wir froh, daß draußen Zustände herrschen, die uns berechtigen, die Hoffnung zu teilen, die beide Frauen zuversichtlich aussprechen: nicht mehr sehr lange eingesperrt zu bleiben. Was die Reaktion jetzt in Deutschland treibt, ist so verwegen, daß man ruhig glauben darf: sie steht kurz vor dem Ende ihrer Herrlichkeit. Draußen aber wartet meiner Freude und schönste Liebe.

 

Wieder oben, und zu tun habe ich kaum etwas. Daher will ich die einzige gestern abend noch in der Zeitung gefundene politische Neuigkeit feststellen. Es handelt sich da um eine möglicherweise überaus bedeutungsvolle, vielleicht sogar die europäische Politik von morgen bestimmende Sache: Poincaré hat in der Pariser Kammer, als er auf einen Angriff Tardieus hin ein Vertrauensvotum forderte (das ihm mit außerordentlich großer Majorität gegeben wurde), kurz vor der Abstimmung die überraschende Mitteilung gemacht, Stinnes habe vor der Micum „kapituliert“. Diese völlig plötzliche Schwenkung der Schwerindustrie, in deren Namen als Sekretär des Bergbau-Vereins Herr Vögeler den Vertrag unterzeichnete, bedeutet, wie Poincaré selbst bestätigt hat, das von Frankreich anerkannte definitive Ende des passiven Widerstands. Die Reparationen in Kohle etc. werden genau dem Diktat der technischen interalliierten Ruhrmissionen geleistet und von den deutschen Schwerindustriellen garantiert. Der französische Sieg ist so vollkommen wie die deutsche Niederlage. Ob sich dieses Ereignis gleich jetzt bei der Neubildung der deutschen Reichsregierung in Erscheinung setzen wird, hängt wohl davon ab, ob Stinnes und die Seinen die Absicht haben, sofort die innenpolitischen Konsequenzen zu ziehn, was ich für wahrscheinlich halte. Doch kann ich noch nicht übersehn, welcher Art diese Konsequenzen zunächst sein werden. Die Möglichkeit besteht, daß jetzt, wo der Diktatfriede geschlossen ist, bei den besiegten Magnaten der Wunsch Ausdruck finden wird, den vom französischen Botschafter – vorher schon auch von der britischen und der italienischen Regierung – ausgesprochenen Anregungen zu entsprechen, nämlich den Erfüllern eine neue „demokratische“ Erfüllungsregierung zu schaffen. Jetzt wird es ja den Herren selbst genehm sein, eine Währungsregelung – von deren Sabotage sie seit 10 Monaten ganz ungeheure Gewinne dem deutschen Volk aus den Taschen gezogen haben –, tatsächlich herbeizuführen. Daß darunter nur die Zulassung einer interalliierten Finanzkontrolle verstanden werden kann, ist klar. Übt irgend ein Zimmermann, Keynes oder Cassel solche Kontrolle aus, – d. h. wird durch Dekret sachverständiger Personen, – die in Deutschland selbst solange nicht zu finden sind, wie man sie nicht finden will (sonst hätte man längst Sylvio Gesell berufen) –, der ganze Rentenbankschwindel mit einem Tritt beseitigt, jede „Zwischenlösung“ ein für alle Mal erledigt, der Etat von Reich und Ländern rigoros umgewälzt, Preise und Löhne aufs Weltmarktniveau gebracht, und eine fundierte internationale Goldanleihe aufgenommen, – alles Dinge, die – sofern die proletarische Revolution weiterhin ausbleibt – ganz bestimmt nicht ausbleiben werden, dann wäre die „Sanierung“ der Finanzwirtschaft tatsächlich in die Wege geleitet – auf Kosten der ohnehin längst fiktiven Souveränität Deutschlands –, und mit der ganzen monarchistisch-militaristisch-reaktionär-bayerischen Phrasendemagogie wäre Schluß. Sozialdemokratische Nullen würden als Marionetten der Entente die deutsche Politik verantwortlich zeichnen, – und unsre Revolutionsträume müßten Träume bleiben, bis Frankreichs und Englands Proletariate der deutschen Arbeiterschaft vorangingen, während allerdings unsre persönliche Kerkerqual wohl in allerkürzester Zeit vorbei wäre. (Die Herren Krupp v. Bohlen und seine Mitverurteilten sind samt und sonders frei!). – Ich hoffe aber noch, daß doch erst der nationalistische Quark zu voller Reife gebracht werde und womöglich eine Desperado-Diktatur Wulle-Ludendorff sich durchsetzte. Dann erst wäre der Zusammenbruch dieses gespenstischen deutschen Reichsrudiments zuverlässig gesichert. Schon wächst sich grade der Rentenmarkbetrug zu einem riesigen Skandal aus. Die am 15. November „stillgelegte“ Notenpresse speit seitdem fröhlich weiterhin Papierassignaten ohne Deckung aus, es ist garkeine Rede von Aufhören der Inflation, und – bei der irrsinnigen Praxis, einen amtlichen Dollarkurs unabhängig vom wirklichen zu oktroyieren – wobei die Schieber fabelhafte Raubzüge machen – vervielfältigen sich die Preise schon in den Grundzahlen von Tag zu Tag unermeßlich. Die Rentenmark[Rentenbank] hat, wie ich in der heute ausnahmsweise ausgegebenen „Weltbühne“ lese, dem Reich die Summe von 100 Millionen Rentenmark für Erwerbslosenunterstützung übergeben, jedoch unter der Bedingung, daß die Empfänger nicht in Renten- sondern in alter Papiermark auszuzahlen sind. Das bedeutet das Inumlaufsetzen neuer 250 Trillionen Papiermark, also eines Vielfachen des bisher schon laufenden Mahlstroms von Wischen. Schon jetzt – 14 Tage nach Verkündigung der neuen Zeit, beschäftigt sich die deutsche Finanzwelt wieder mit der Frage, wie man mit der Rentenmark-Inflation fertig werden kann. Betrug, Lüge, Kanaillen-Praktiken allüberall. Der Gestank dieser Jauche verpestet Deutschland. Aber ich denke, diese Jauche ist bestimmt, den Boden für unser Werk zu düngen. Wir werden darauf ackern, und Brot und Beglückung werden des deutschen Volkes Ernte sein.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 28. November 1923

Wieder nur kurz, obwohl das Wetter mich vom Hof zurückhält. Der Schnee ist, wenn auch erst ein paar Tage später als ich ihn erwartete, gefallen und die Landschaft ringsum ist seitdem weiß. Aber heute haben wir Tau, Regen und Dreck. Dabei ist die Stimmung bei uns allen gedrückt – nicht aus politischen Gründen, sondern aus öder Entbehrung der hier so nötigen Tonica. Wir haben keinen Thee, keine Spur Pfeifentabak, keinen Zucker, – nichts mehr, auch kein Fett, keinerlei Zusatz zu der spärlichen Anstaltskost – und kein Geld, mit dem sich was anfangen ließe. Nun ist das Briefpostporto auf 80 Milliarden erhöht, doch kriegt man – dies alles nennt sich „Wertbeständigkeit“ – für seine 80 Milliarden eine 20Milliardenmarke, und wer noch Marken zu diesem Satz für den ursprünglichen Preis gekauft hat, kann sie bis zum 1. November[Dezember] noch aufbrauchen. Infolgedessen muß ich 9 Briefe bis übermorgen erledigen und kann mich nicht lange bei diesem Heft aufhalten. Es sind wenig Zeitungsneuigkeiten überhaupt da. Als Reichskanzler soll Herr Albert, früher, bis zur Auflösung dieses Ressorts, Reichsschatzminister, sein Heil versuchen, und falls es ihm nicht gelingt, im Reichstag „Vertrauen“ zu finden, die „Volksvertreter“ heimschicken und das Stimmvieh aus den Ställen an die Urnen rufen. Herr Albert soll ein persönlicher Vertrauensmann des Taktvollen à la Cuno und auch ungefähr von dessen politischer Beschaffenheit sein. Man kann also das Weitere vertrauensvoll abwarten, niemand vertrauensvoller als unsereiner, der diesem ganzen Staatsbetrieb mit offenem Abscheu gegenübersteht. Die erste Regierungstat des neuen Herren muß die Sanktionierung des Düsseldorfer Abkommens sein, und die außenpolitischen Konflikte melden sich bereits damit an, daß jetzt das unmittelbar bevorstehende Eintreffen der Nolletschen Kontrollkommissionen und zwar grade in Bayern angekündigt wird. Die (Hugenbergsche) T. U. kommentiert diese Absicht damit, daß Poincaré bewußt einen Joanina-Fall in Bayern schaffen will, um dann mit der Besetzung Münchens zu antworten. Natürlich wird in allen Tonarten in Franzosenhaß gemacht. Aber daß die Franzosen eben ihre deutschen politischen Gefangenen freigelassen haben, während die Bayern sich nach fast 5 Jahren weiterhin sträuben, ihre deutschen politischen Gefangenen freizulassen, wird so wenig erwähnt, wie daß die deutsche Hungerhilfe gerade zur Zeit 500 deutsche Kinder zur Pflege und Gesundung nach Frankreich schickt, wo man sie liebevoll aufnimmt. Man ereifert sich furchtbar über den Satanismus der Franzosen und Belgier an Rhein und Ruhr. Wer aber in Deutschland daran erinnert, was erst vor ganz wenigen Jahren in Nordfrankreich, Belgien, Serbien, Polen, Rumänien und Gott weiß wo überall an Beispielen gegeben wurde, der ist ein Vogel, der sein eignes Nest beschmutzt. Denn noch immer wird von jedem Deutschen verlangt, daß er als sein Nest das Gebilde der Hohenzollern und Wittelsbacher, der Junker und Pfaffen, der Unterdrückung und Ausbeutung betrachte und verehre, das man 1918 nicht abriß, um ein Neues zu bauen, sondern mit brüchigem Lack zu übergolden versuchte. Nun ist der Lack verbröckelt, und das alte Bild, widerlicher als je, steht vor uns und heischt fetischistische Anbetung. Vor der Geschichte wird es als tragisches Moment im Leben des deutschen Volks verzeichnet sein, daß es die Komik dessen, was mit ihm geschieht, nicht erkannt hat. Ein gewaltiges Gelächter des ganzen Volks über die Ambitionen seiner Knechter von ehemals wäre die Erlösung von jahrzehntealter Qual. Das respektvoll-feierliche Oppositionsspielen dagegen gibt dem ganzen fratzenhaften Anachronismus der Ebert-Stinnes-Kahr-Seeckt-Wirtschaft erst eine Art Lebensrecht. Ich glaube aber, auch dieser Anachronismus wird bald einer tatsächlichen „Wertbeständigkeit“ weichen müssen. Die „Zwischenlösungen“ versagen nachgrade auch hier ihren Dienst.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 29. November 1923

Zenzl hat Tabak geschickt, und so ist der Druck von den Nerven, der tagelang drauf gelastet hat. Man muß eingesperrt gewesen sein, um derartige Entbehrungen und die Wirkungen ihrer Abstellung ganz würdigen zu können. Gestern hatten wir z. B. im Rapportzimmer beobachtet, daß viele Pakete für die Schutzhäftler oben angekommen waren. Sie hatten also inzwischen ihre Angehörigen von ihrem Aufenthalt verständigen können. Später hörten wir dann von oben herunter ein so vergnügtes Gelächter, Fotzhobelmusik u. s. w., daß wir wußten: aha, jetzt haben sie zu rauchen, haben ihre Bücher, Instrumente, Brotzeit etc erhalten, und sind jetzt erst halbwegs „daheim“ in ihrer Gefangenschaft. Ach, sie haben auch noch die Enttäuschungen zu überstehn, die sie aneinander erleben müssen. Jetzt sind’s ja erst die Flitterwochen. Man kennt sich freilich aus der Bewegung, vom Wirtshaus, teils auch von alter Freundschaft her. Die erste Zeit, vielleicht 4 – 6 Wochen, werden sie es noch glauben, einander zu kennen, werden einander trauen und miteinander leben, leiden, teilen und hoffen. Und dann wird das Unausbleibliche eintreten: man wird sich vor einander gehn lassen, sich zeigen wie man ist mit seinen Fehlern und Schwächen, mit seinem Eigennutz und seinem Neid, man wird die erotischen Entbehrungen des Leibes an den Nerven spüren, ohne zu wissen, woher die Reizbarkeit kommt, die Charaktere in ihrer Verschiedenheit werden gegeneinander ausplatzen, diejenigen, die materiell besser gestellt sind oder deren anhänglichere Liebe draußen bessere Opfer bringt, werden die „Sympaketisierenden“ um sich sammeln, und dabei werden alle Jämmerlichkeiten der menschlichen Seele zum Vorschein kommen, – es werden Verdächtigungen laut werden, Streitereien werden entstehn, vielleicht Prügeleien, – und tiefe Bitterkeit wird die Herzen befallen über verratene Kameradschaft und intriganten Klatsch. Und daneben werden sich in jedem Herzen Denksteine bauen für die wenigen echt und treu befundenen Seelen, und man wird wissen, was Kameradschaft ist und daß man das bisher noch nie hat wissen können. – Jedoch, wir wollen nicht hoffen, daß die Genossen im II Stock wirklich so lange in Niederschönenfeld werden bleiben müssen, um noch die Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln, die sich in uns Gewohnheitsgefangenen gespeichert haben. Und ich glaub’s wahrhaftig nicht, daß ihr – und auch unser eignes – Verbleiben in diesem Kerker noch nach soviel Monaten zählen wird, wie zur Gestaltung eines kritischen Bildes erforderlich wären. Der Anzeichen gibt es genug, die großen Optimismus begründen können. Um mit Bayern zu beginnen, so sieht es ganz so aus, als ob speziell die Bayerische Volkspartei langsam in eine reguläre Katzenjammerstimmung ihrer eignen Forschheit gegenüber geriete. Die „Münchner Post“, die nach Aufhebung des generellen Verbots aller sozialdemokratischen Blätter wieder erscheinen darf und so vorsichtig auftritt, daß sie sogar heute bei uns ausgegeben wurde, zitiert eine Nürnberger Zeitung der Bayerischen Volkspartei, die ganz aufgeregt feststellt, daß die Vaterländischen Verbände, die doch bisher von der Partei aus gefördert wurden, und deren Gründer und Führer Kahr wahrscheinlich garnicht wisse, was dort getrieben werde, daß besonders ihr Vorsitzender Bauer zu einer politischen Aggressivität gegen den Katholizismus, gegen den Kardinal Faulhaber, gegen jede echtbayerische Art übergegangen sei – erinnert wird an die Forderung der Beseitigung der bayerischen Minister Schweyer, Wutzlhofer und Matt, die ausgesprochener separatistischer Neigungen verdächtig sind –, sodaß die bayerische Volkspartei Ursache habe, aus diesem Verhalten die Konsequenzen zu ziehn und also die letzten Verbindungen mit den Kreisen zu lösen, die offenbar bei Hitler und den Nationalsozialisten viel eher ihre Nächsten finden werden als bei den als ultramontan verschrieenen bayerischen Weißblau-Katholiken. Ganz ähnlich, wenn auch weniger dezidiert klingen auch Aeußerungen, die aus dem „Bayerischen Kurier“ zitiert werden, wo man besonders um den Kardinal Faulhaber besorgt zu sein scheint. Dies alles läßt darauf schließen, daß – nach dem Mißlingen des Hitler-Putsches – vergleichsweise jetzt der Zeitpunkt herannaht, der nach der Niederwerfung der Räterevolution dem Unterkriechen der USP unter die Fittiche der verfassungsmäßigen Gewalten entspricht. Die Bayerische Volkspartei – Inhaberin der Regierungsgewalt und Hüterin der „Ordnung“, wie sie sie versteht – spielt die gleiche Rolle wie die Bamberger Sozialdemokratie damals. Ein Teil – Richtung Schäffer – machte fröhlich den ganzen Tanz vorher mit. Kahr, – mutadis mutandis – der linke USP-Mann kat exochen, bekam Ordre, die Sache so zu schmeißen, daß die die Kommunisten repräsentierenden Nationalsozialisten vertrauensvoll den letzten Schritt wagten, um dann die Maske ihres Verbündeten auf Tod und Leben abzunehmen und als Schneppenhorst von rechts – um der Sache willen natürlich; – mit falschen Versprechungen und Beruhigungen das selbst gezeugte Kind zu abortieren. Wie damals viele Sozialdemokraten und Unabhängige mit der Haltung ihrer Vertrauensleute in den Entscheidungsstunden garnicht einverstanden waren, so wenden sich auch jetzt viele Bayerische Volksparteiler und Vaterlandsverbändler (USP!) gegen Kahrs sehr odiose Politik, und die letzteren scheinbar so energisch und so einmütig, daß es der Volkspartei (SPD) an der Zeit scheint, sich jetzt von dem ganzen protestantisch-schwarzweißrot-großpreußischen Teil der Halbseidenen (USP), die nur nicht den Schneid hatten, offen mit Hitler-Ludendorff zu gehn, zu scheiden. Ohne erheblichen Krakehl unter den bayerischen Kahryatiden wird das nicht abgehn, und ganz gewiß wird bei diesem Krakehl Herr v. Kahr selbst als Opfer fallen, das von beiden Seiten willig gebracht werden wird. Die bayerische Volkspartei aber wird, abgesehn von einer leichten Änderung in ihrer innerbayerischen Politik – man wird zu den Demokraten hin Ministerplätze freimachen, um nach einer Anstandspause auch die Auerochsen in großer Koalition aufzunehmen – als Vorbereitung einer solchen Anpassung der bayerischen Politik an die der übrigen Länder zunächst die Anpassung der Reichspolitik an die bayerische mit allen Kräften herbeizuführen suchen. Gelingt ihr die, wodurch ihr für das bayerische Publikum unzweifelhaft ein paar prächtige Reklamekonzessionen im Hinblick auf föderalistische Reparaturen der Weimarer Verfassung auf den Tisch fallen würden, dann ist die moralische Grundlage für eine ganz neue Politik gewonnen, die dann stark unter der Rücksicht aufgenommen würde, nie wieder unter die Fuchtel des verhaßtesten Gegners, des großpreußischen, evangelischen, hohenzollerischen Unitarismus zu geraten. Die gegenwärtige Krise im Reich könnte den Bayern unter Umständen sehr schnell auf die gewünschte Bahn helfen. Herr Albert hat keine Unterstützung bei den Parteien gefunden und dem Taktvollen den Auftrag zur Kabinettsbildung zurückgegeben. Der verhandelt nun mit den Parteihäuptern der ausgesprochenen Reaktion und es scheint, als sollte der „Bürgerblock“ zustandekommen, dem unter Führung Stegerwalds oder Jarres’, neben Zentrum und Deutscher Volkspartei, die Deutschnationale und die Bayerische Volkspartei zugehören würden. Allerdings soll das Zentrum noch zögern, ob es einer Gruppierung beitreten dürfe, von der sich die Demokraten fernhalten. Doch ist es bei dem resoluten Charakter derer, die sich in Deutschland Demokraten nennen, noch keineswegs zweifellos, daß die nicht noch umfallen können, und außerdem kann sich ja auch das Zentrum noch besinnen, die Demokraten Demokraten sein zu lassen. Die Sozi sollen beschlossen haben, überhaupt nicht wieder in eine Koalition mit Bürgerlichen einzutreten. Ich bezweifle, ob’s wahr ist. Und wenn, – so ist so ein plötzlicher Charakteraufschwung bei dieser Rasselbande nur komisch zu werten. Denn ein Verzicht der Müller-Franken, Wels, Löbe e tutti quanti auf irgendwelche Bettgemeinschaft, die für anständige Menschen noch so kompromittierend wäre, ist nur zu erklären mit dem Bewußtsein kompletter Impotenz. Man war ja bisher nicht zimperlich, sich jeder letzten Scham zu entblößen, um nur mit den Stresemann, Geßler und Brauns nicht in Konflikt zu kommen, und man hat ja den Bourgeois noch stets die Noske, Hörsing, Wels, Severing, Sollmann etc. gestellt, wo es galt Proletarier niederzuknallen. Sei das aber wie es sei: jedenfalls scheint die Bayerische Klerikerpartei drauf und dran zu sein, das Steuer des Reichs soweit nach rechts zu werfen, wie das Steuer zuhause bei sich nach links hinübersoll. Es kommt drauf an, ob all dies Gemächel zu Rande kommt, da ja außerhalb der Grenzen Mächte sitzen, die stärker sind als aller Jesuitismus innerhalb. Jedenfalls werden diese Außenmächte in vielen Dingen erhebliches Zurückstecken von Pflöcken erzwingen, nicht nur, was die „Wehrhaftmachung“ und ähnliche Dinge betreffen, sondern auch in Beziehung auf wirtschaftliche Knechtungspolitik gegen das Proletariat. Daß die Ingenieurkommission an der Ruhr jetzt offiziell feststellt, daß bei 8stündiger Arbeitszeit die Kohle dort um die Hälfte billiger geliefert werden kann, als Stinnes „ausgerechnet“ hat, läßt die Absicht der Franzosen, die Abschaffung des 8Stundentags in Deutschland nicht zuzulassen, deutlich genug erkennen. Herrn Stinnes wird aber diese Anprangerung als Betrüger überall, nur nicht in Deutschland schaden. Die Entrüstung des deutschen Proletariats wird von seinen Schreibsöldnern erfolgreich gegen Herrn Dr. Zeigner gewendet, der leider wirklich allerlei Dreck am Stecken zu haben scheint, und von seinem Parteigenossen und als Justizminister im Amt nachgefolgten Herrn Neu bereits ins Gefängnis geworfen ist. Was wir – nachdem seit jetzt 2 Monaten sich die Auflösung des deutschen Reichs unaufhaltsam vollzieht – in der nächsten Zeit an völlig umwälzenden Ereignissen erleben werden, werden wir ja sehn. Zunächst wird jetzt mal die Separation des Rheinlands, nachdem sie nicht mehr verschwiegen werden kann, auf dem Boden der Tatsachen vom deutschen Kapital in eigner Regie betrieben. Herr Erkelenz predigt einen „Zweckverband“ unter einem „Direktorium“ und Herr Tirard fragt schon offiziell an, wie man sich zu einer Separation eventuell innerhalb des Deutschen Reichs stellen würde. Herr Hoffmann-Kaiserslautern wird also der Idee nach jedenfalls einen großen Triumph erfahren, – aber natürlich persönlich der Lump bleiben, der er aus agitatorischen Gründen zu sein hat. – Soweit für heute die Politik. Zur Personalchronik sind zwei Tote einzusargen: Herr Cajetan Schmederer, der kaufmännische Direktor des Münchner Schauspielhauses, mit dem ich öfter beim Weinglase zusammensaß, und wie meine Schwester Grethe aus Lübeck berichtet, Dr. Ignaz Schlomer, der sozialdemokratische Lübecker Arzt, der während des Krieges mehrfach als Gast bei uns in München war. Ein braver, anständiger Mensch, den ich seit meiner Kindheit flüchtig kannte. R. i. p.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 1. Dezember 1923.

In der deutschen Schicksalsapotheke am Königsplatz haben alle Versuche, ein Abführpulver für die Regierungsverstopfung zu mischen, noch zu keinem Resultat geführt. Ebert empfängt die Parteiführer und schickt sie wieder weg, er versucht’s mit Vertrauensleuten à la Albert, mit denen keiner arbeiten will (wegen dieser Eigenmächtigkeit wollen die Deutschnationalen sogar den Taktvollen in die Versenkung stürzen). Mit Stegerwald ist’s auch nichts gewesen, weil sich zu allseitiger Bestürzung und Überraschung herausstellte, daß die Deutschnationalen und die Demokraten sich nicht einig werden konnten, ob die Sozialdemokraten aus der preußischen „Großen Koalition“ gleich rausgeschmissen oder im Verlauf der nächsten Wochen herausgedrängt werden sollten: Kurzum, es gehn die gewaltigsten Dinge vor. Zur Stunde (der letzten Datierung unsrer Orientierungspapiere) scheint es, als sollte die große Marxisten-Ausräucherung insofern humaner durchgeführt werden sollen, als es die Großpreußen von Bayern fordern, als man sie dem Zentrumsführer anvertrauen will, der den wackeren Sozialdemokraten wenigstens die Genugtuung gewährt, Marx zu heißen, und die Guten sollen denn auch bereit sein, einem Kabinett Marx (mit Stresemann als Außenminister: da der sich nämlich in seiner Kanzlerschaft in den letzten Wochen durch cunödische Phrasen jedes Vertrauen bei der Entente verscherzt hat, hat er es bei sämtlichen deutschen Politikern als einzig geeigneter Mann für Verhandlungen mit dieser Entente gewonnen!), – „wohlwollende Neutralität“ zu gewähren, was die Deutschnationalen, die dazu mehr Grund hätten, veranlassen wird, Opposition zu markieren und Charakter zu mimen. Kommt aber auch das Marx’sche Antimarx-Kabinett nicht zustande, so wird wohl, was ebenfalls „erwogen“ wird, ein „Auflösungs-Kabinett“ v. Kardorff mit der einzigen Aufgabe berufen werden, den Reichstag heimzuschicken, und bis der neue da ist, „die Geschäfte zu führen“. Das werden aber die Sozi jetzt nicht gern wollen, weil ihre geistreiche Finanzpolitik seit 5 Jahren auch die Gelder ihrer Partei- und Gewerkschaftskassen den Stinnesiern in die Taschen geleitet hat, und sie mit Neuwahlen warten möchten, bis der Aufruf Friedrich Adlers und Tom Manns an die Londoner Internationale, für die deutsche und französische Partei zu sammeln, ihren Kassen wieder die Anschaffung des Wahlschwindelpapiers gestattet. Denn die Reichskassen, die sie 1919 und 1920 für ihre Parteiagitation in Anspruch nehmen konnten, werden ihnen von denen, die jetzt an der Krippe sitzen, nicht mehr geöffnet werden, und sie brauchen doch Geld, um ihre sittliche Entrüstung darüber werbefähig an die Wähler zu bringen, daß die Kommunisten ihren Geldbedarf zumeist aus Moskau gedeckt kriegen. Auch die übrigen Parteien des Justemilieu möchten nur aus dem Grunde zur Zeit keine Reichstagsauflösung, weil sie starken Stimmenverlust fürchten und ihre politische Einsicht immerhin soweit reicht, daß sie annehmen, daß die „extremen“ Parteien, worunter man in Deutschland schon die KPD rechnet! – starken Zulauf haben werden. Hat man also teilweise nun begriffen, daß der Reichstag sich in den nahezu 4 Jahren seiner glorreichen Tätigkeit als ein Instrument vollkommenster Unfruchtbarkeit, absoluter Ahnungs- und Hilflosigkeit erwiesen hat, so zieht man daraus – und zwar in allen Parteien, den geistreichen Schluß, daß man halt einen neuen wählen muß, – nach demselben blödsinnigen Wahlsystem, das dem Wähler noch nicht einmal erlaubt, die ihm von den Wahlmännern (lies Parteischiebern) vorgelegten Namenslisten, irgendwo zu ändern und sie zwingt, ihre Stimme für fremde, öffentlich unerprobte, teilweise ihnen selbst durchaus zuwidere Personen abzugeben, bekanntlich das gerechteste aller Wahlsysteme. Was alle Welt interessiert, ist, ob diese oder jene Partei 6 Mandate gewinnen oder 2 verlieren könnte. Und unter diesen schon listenweise gewählten, nur als Nummern präsentierten Herrschaften will man dann die „Persönlichkeiten“ – und zwar auch parteimäßig in arithmetischem Verfahren herausangeln, die als Regierung eines ganzen Volks gleichzeitig über sanitäre wie über militärische, über wirtschaftliche wie über kulturelle Angelegenheiten sachkundig entscheiden sollen. Das ganze heißt „Demokratie“, wobei die ausgezählte Majorität der Parteibeamten, die da das Volk „vertreten“, der höchsten Weisheit letzter Schluß ist. Wenn die Kommunisten aber jetzt plötzlich, nachdem sie die Arbeiter nun jahrelang mit der Parole „Arbeiter- und Bauernregierung“ blöd geredet haben, ihre „Diktatur des Proletariats“ herzerren, so meinen sie damit ja auch keineswegs die Selbstbestimmung der Arbeitenden als Klasse, die – in Räten organisiert – vorübergehend als Diktatur über die Minderheit der Ausbeuterschaft bis zur Beseitigung der Klassen selbstverständlich ist, sondern einfach die Diktatur ihrer speziellen Parteibürokratie, nämlich der Esel, die – als „Antiparlamentarier“ durch oppositionelle Aufgeregtheit immer wieder Leben in die Quasselbude bringen und gerade dadurch verhindern, daß dieser Irrsinn nicht an der Öde seiner Wesenheit verreckt. Kürzlich mußte Remmele ein Krachtheater aufführen, das Löbe zu seiner Entfernung aus dem Reichstag für 20 Sitzungen bestimmte (die andern Parteiabgeordneten üben dessenungeachtet ihre Mandate unbekümmert weiter aus); aber vor einigen Tagen fand auch im Lustgarten eine größere Demonstration statt, die sie arrangiert hatten. Ich hatte mich schon drüber gefreut, daß sie der Polizei trotz der Auflösung noch Scherereien zu machen wagen. Jetzt aber wird ein Brief Karl Radeks an die KPD-Zentrale veröffentlicht, worin der sie wie ein Sergeant anschnaubt, sie völliger Unfähigkeit zeiht, ihnen jede Aktivität abspricht – dies alles gewiß mit Ursache, jedoch mit einer Selbstherrlichkeit, die für jeden Außenstehenden nur ekelhaft ist, und worin er endlich strikte Befehle erteilt: man habe sich vom Reichstag rausschmeißen zu lassen, habe mit den und den Parolen (wörtlich vorgeschrieben!) Demonstrationen zu veranlassen und über alles noch Moskau Rechenschaft zu geben. Das sind nun die Patentmarxisten, die stets erklären, Revolutionen ließen sich nicht beliebig „machen“ und die dann in ihrer Praxis dekretieren: am Donnerstag, nachmittags 3 Uhr 20 findet in Deutschland die soziale Revolution statt! Man könnte kotzen über die Arroganz, die Frivolität, den Mangel an Verantwortung und vor allem über den Mangel an Ernst im Willen, wirklich für die Revolution statt bloß für das Prestige eines armseligen Wahlvereins zu wirken. Als die Reichswehr auf Betreiben der angriffsfertigen Bourgeoisie in Sachsen einmarschierte und dort toller wütete, als je ein Spahidetachement an der Ruhr, da saß die Zentrale mit feuchten Hosen in den Clubsesseln und traute sich nicht, zur Abwehr aufzurufen, sondern ließ überall die spontan aufstehenden Arbeiter bremsen. Jetzt, wo sie dem Feinde die volle Entwicklung seiner Kräfte gestattet haben, sollen sie aus heiler Haut im Reichstag dumme Mätzchen machen und ein paar Tausend Erwerbslose vor die Polizeiknüppel und -schießgewehre führen, und von Generalstreik, dem einzigen Mittel, das aussichtsvoll wäre, ist auch dabei keine Rede. Das einzig Erfreuliche dabei ist, daß, wenn wirklich einmal das Proletariat seine Ketten zerreißt, diese Partei mit dem Anspruch, ihre talentlosen und ignoranten Maulaufreißer als Despoten über Volk und Land „regieren“ zu lassen, die Wut und das Gelächter aller denkenden Arbeiter sie zum Teufel jagen wird. Was aber inzwischen ihre eitle Hirnweichheit schon an Elend, Blut, Verzweiflung, Müdigkeit und Indolenz bei den Massen an der kommenden Revolution verbrochen hat, wird leider nicht wieder voll ausgeglichen werden können. Deutschland braucht Männer wie Bakunin und Proudhon, die die Freiheit wollen, weil sie wissen, was Freiheit ist!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 2. Dezember 1923.

Kahr hat Pech. Jetzt hat er wieder eine[n] seiner ehernen Erlasse aufs Papier gehämmert, die den Wucher abstellen sollen. Die Grundpreise aller Waren seien zu hoch angesetzt, wodurch neuerdings die Gefahr der Inflation hervorgerufen werde. „Ich will“, erklärt das als vox Dei aufgedrehte Grammophon, daß dieses Verbrechen am Volke abgestellt werde, und sogar gegen die Trusts, die Unternehmerverbände furcht er seine Diktatorstirne. Aber Kahr hat Pech. Denn kaum ist ihm das Wort entfahren, hat er schon eins aufs Maul. Der bayerische Industriellenverband, dem dies keine Zensur erschwert, erläßt seinerseits eine Proklamation mit der schlichten Feststellung, daß die Preisfestsetzungen ohne Rücksicht auf die Friedenspreise gerechtfertigt seien. Es bleibt also bei der Überteuerung, und die Strafen, die Kahr androht, schrecken die nicht, die, wie sie es 1921 schon einmal taten, Kahr auch jetzt wieder, sobald er nicht nach ihrer Pfeife tanzt, an die Luft setzen können. Der Ukas wird also ebenso ins Panoptikum kommen, wie seinerzeit der, der die Bierkönige treffen sollte, und Herr v. Kahr wird trachten müssen, sein Herrscherschwert an weniger widerborstigen Objekten schneidig zu halten. Gottseidank eignet sich dazu immer noch die Sozialdemokratie am besten, und es ist nicht zu leugnen, daß Bayern seine christliche Nächstenliebe an ihnen recht wirksam zu betätigen versteht, ohne deren Gesinnungslosigkeit es niemals den Kahriotismus zum leitenden Prinzip seiner Politik hätte machen können. Kahr hat das Wiedererscheinen der sozialdemokratischen Zeitungen bedingungsweise erlaubt, und es seinen Unter-Kahrs freigestellt, welche Blätter und unter welchen „Auflagen“ von dieser Gnade betroffen werden sollen. Nun ist also das Auerlicht zunächst wieder erschienen, und es ist so sanft und milde, daß wir bis jetzt noch jede Nummer der Münchner Posteriora sogar hier drinnen erhalten haben. Diese Sanftmütigkeit hat Herr Mantel nach dem Winde, der Polizeipräsident, durch die von den braven Auerochsen tatsächlich erfüllten Bedingungen erwirkt, daß das Blatt unter Vorzensur gestellt ist, die Verpflichtung übernehmen mußte, nichts zu drucken, was die Bevölkerung „verhetzen“ könnte und zur Sicherheit 5000 Goldmark hinterlegen sollte (nur das Geld tat den Edlen weh, und da hoffen sie auf Nachlaß). Man sieht also wieder: fortiter in re, suaviter in modo. So leimt Kahr sein brüchig gewordenes Ansehn wieder, und es wird sich nun fragen, wie lange ihm die Bayerische Volkspartei dazu noch Gelegenheit geben wird. Erreicht man den „Bürgerblock“ im Reich – mit Emminger als Justizpfleger (er wird tatsächlich schon genannt) –, dann geben ihm die Knillinge so sicher den Tritt wie die Klerikalen ihn noch stets jedem gegeben haben, dessen Dienste sie nicht mehr benötigten. Schließlich geht der Vorwurf des Verrats, gegen einen Exponierten erhoben, doch auch denen auf die Nerven, denen zuliebe der Verrat geübt wurde, und daß Kahr, der Protestant, von seinen katholischen Auftraggebern als ihresgleichen anerkannt würde, glaubt er wohl selber nicht. Aus einer nachträglich eingetroffenen isolierten Nummer der München-Augsburger Abendzeitung, dem Organ der rechten Deutschnationalen, Richtung Professor Bauer, Chefredakteur D. Traub, können wir einiges für uns Neue von den am 8., 9. November passierten Dingen entnehmen. Danach war Knilling mit seinem ganzen Ministerium in Schutzhaft, und es ist die Rede von einem Funkspruch Kahrs, von dem man sich noch streitet, ob es, wie Kahr es scheinbar verficht, vor 1 Uhr oder nach 3 Uhr morgens erlassen sei – woraus zu schließen ist, das seine Haltung nicht nur unter Hitlers Revolvermündung, sondern auch noch nachher für zweideutig gehalten wird; ferner von einer Erklärung der Knillinge, worin der Preuße Ludendorff unter den partikularistischen Dreckkübel gehalten wird. Hiergegen wendet sich der Pfarrer Traub, der sich überhaupt gewaltig dagegen aufpumpt, daß man jetzt in Bayern zwischen eingeborenen und zugewanderten Bewohnern unterscheidet. Ich erinnere mich allerdings, daß dasselbe Blatt damals gegen uns Nichtbayern am lautesten herzog und die „landfremden Elemente“ gewaltig anbrunzte. Aber daß wir – wenn ich z. B. von mir sprechen will – längst in Bayern ansässig waren und die Revolution da mitmachten, wo wir eben wohnten, während Herr v. Ludendorff nach München zog, weil dort das reaktionärste Lüftchen wehte, daß er also ad hoc nach Bayern kam, spielt für den Pfarrer keine Rolle. Man kann nun gespannt sein, was eigentlich aus dem ganzen Putsch noch wird. Das Reichsgericht und der Staatsgerichtshof scheinen, nachdem ihnen Kahr fest draufgeklopft hat, die Finger von der Sache lassen zu wollen. Auf eine Meldung, Hitler sei nach Eglfing gebracht worden, kam die Berichtigung, das sei erfunden, Hitler sei auf „Festung“. Man kann also wohl annehmen, daß er mit den Seinen vorläufig als Schutzhäftlinge verwahrt werden, etwa in Landsberg bei Arco, so wie hier im II. Stock die wegen des Aufstands ihrer Feinde internierten Kommunisten bei uns (und wohl auch mit entsprechend unterschiedener Behandlung). Von den Nazi sollen 155 Mann eingesperrt sein; an Kommunisten dürften hier oben bis jetzt etwa 50 hausen, doch ist bis gestern noch fortgesetzt Zuzug gekommen (darunter auch unser Popp und überhaupt sehr viele Jugendliche). Im Ständigen Landtagsausschuß, dem – im Gegensatz zum ganzen Parlament – der Zusammentritt gütigst wieder gestattet ist, wurde eingehend beraten, ob das Mitglied des hohen Hauses Exjustizminister Roth fernerhin in Schutzhaft gehalten werden dürfe, was Bayerische Volkspartei und Demokraten in schöner Eintracht befürwortet und fürs Erste erreicht haben. Von der fürs ganze Reich aufgelösten KPD aber wird behauptet, sie habe sich unter einem im Ausland wirkenden Direktorium illegal konstituiert und eine Fehme gegen Spitzel errichtet. Ob das wahr ist? Ich traue den braven Schreihälsen soviel Entschlußkraft schon lange nicht mehr zu. – Soviel aus dem München-Augsburger Nachzügler. Da im übrigen die Zeitungen so bodenlos lügen, daß man absolut außerstande ist, Wahrheit von Erfindung zu unterscheiden, läßt sich über vieles Wichtige nicht urteilen. Im Rheinland soll „der Lump Matthes“ entthront und an seine Stelle ein Mann getreten sein, dessen Namen Eberhard König und Axel Delmar nicht schöner hätten erfinden können: Hektor Erz. Überhaupt hätte die ganze Zentralregierung demissioniert, weil sie selbst gefunden habe, daß zuviel moralisch Defekte darunter seien, und triumphierend verkünden die Gazetten, der ganze Spuk der Rheinischen Republik sei jetzt vorbei. Aber dieselben Gazetten bringen im selben Blatt Meldungen über die Eroberung von Pirmasens und aller möglichen Orte in der Pfalz, in der Rheinprovinz und in Westfalen durch die Separatisten. Kein Mensch kennt sich mehr aus. Dann soll wegen des Düsseldorfer Abkommens mal wieder die Auflösung der Entente gewiß sein. Die Engländer würden es nie und nimmer anerkennen. Jetzt heißt es schon nur noch, England protestiere gegen die Bestimmung, daß die Gelder großenteils für Besatzungskosten verrechnet werden sollen und verlange die Abführung an die Reparationskommission, die die Aufteilung durchzuführen habe. Da England ja die Ruhrbesetzung nicht mitgemacht hat, ist das glaubhaft. Man will also einfach an dem Geschäft mit partizipieren – ½ 3 Uhr. Ich gehe in den Hof.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 3. Dezember 1923

Schon wieder eine Neuordnung unsrer Spazierhofzeiten. Man hat uns vormittags die halbe Stunde von ½ 11 – 11 abgezwackt und sie nachmittags der Zeit von ½ 3 vorgehängt, sodaß also heut schon um 2 Uhr „Spazierhof“ gerufen werden wird. Ich werde mich also entweder an eine Umlegung meiner Arbeitszeit oder an die Unterbrechung der Tagebucheinzeichnungen während täglich einer halben Stunde gewöhnen müssen. Da heute die Zeitungen ausnahmsweise schon vormittags ausgegeben wurden, hat es für diesmal nichts zu bedeuten, zumal ich ohnehin nicht sehr viel zu notieren habe. Also die Kanzlerschaft des Herrn Marx ist perfekt, und sein Kabinett sieht nach den vorläufigen Meldungen etwa so aus: Sein Vizekanzler – und wahrscheinlich zugleich wieder Innenminister – ist Herr Jarres, bei dessen jüngst erfolgter Berufung zum Nachfolger Sollmanns alles Demokratisch-Republikanische die Hände rang: so ein Reaktionär! (immerhin hat er bis jetzt keine solche Lumpereien im Amt verübt wie der „Sozialist“ Sollmann). Außenminister: Stresemann (der gefeierte Windbeutel, – wie Simons nach London). Finanzen: Luther (obwohl er erst vor einigen Tagen Ebert vor die Peinlichkeit stellte, ihm während des Interregnums dies Amt vor die Füße zu werfen). Brauns (der Stürzer seiner Sozikollegen im zweiten „Großen Koalitions“-Kabinett Stresemann) bleibt als Arbeitsminister weiter auf seinem Posten. Wirtschaft: Herr Hamm (bayerischer „Demokrat“, Cunos Kanzleichef, – also vielfach als Trottel bewährt), Herr Kanitz war den Agrarjunkern scheinbar als Ernährungsminister noch nicht arbeiterfeindlich genug, ihm soll der Deutschnationale Schiele folgen, der Bruder des Kappisten (gleiche Brüder, gleiche Kappisten), wenn es ihm nämlich seine Partei erlaubt. Hiervon macht auch die Bayerische Volkspartei es abhängig, ob sie ihren Emminger für den Justizminister-Posten freigibt.* Es ist aber kaum noch zweifelhaft, daß sowohl Hergt wie Leicht ein Auge zudrücken werden, und so hätten wir denn jetzt die Regierung, die uns zum wahren Glück für das ganze Reich noch gefehlt hat. Was die Herren Hitler und Ludendorff putschend herbeiführen wollten – die bayerische Eigenart dem ganzen Deutschland zu bescheren, – jetzt ist es auf kaltem Wege legale Tatsache geworden. Die republikanische Berliner Volkszeitung ächzt beklommen, – dafür ist aber der „Vorwärts“ ganz zufriedengestellt. Da wird Herr Marx gestreichelt und belobt, weil er ein sehr anständiger Mensch sei, und Emminger zwar als „Belastung“ der neuen Obrigkeit angeknurrt, aber keineswegs die Opposition gegen das ganze Gebilde angekündigt. Wenn die Londoner Gelder erst eingetroffen sind, wird man sich plötzlich darauf besinnen, daß Emminger stets die bayerische Obstruktion gegen sämtliche Reichsjustizansprüche geführt hat, daß die Sabotage der Republikschutzgesetze, die Nichtdurchführung der Reichstagsbeschlüsse in der Sache der Volksgerichte, der Fechenbachaffäre, der übrigen vielen Streitfragen immer von ihm begründet wurde. Uns nannte dieser Herr die „roten Lumpen in Niederschönenfeld“, – kurz, er verdient jedes Vertrauen der Sozialdemokraten, und mich freut seine Ernennung, die ich vor wenigen Tagen noch hier als Witz in Aussicht stellte. Nun brauchen die Hitler-Ludendorffs auch nicht mehr zu fürchten, daß der Staatsgerichtshof sie aburteilen wird. Emminger sorgt schon dafür, daß das ihm unterstellte Reichsressort keine Machtansprüche erheben darf. Man erfährt übrigens jetzt wieder einzelne weitere Kleinigkeiten zu dem Putsch. Fellisch hat im sächsischen Landtag erzählt, Stresemann habe am 9. November die sächsische Regierung gebeten, dem Reich gegen Bayern Hilfe zu leisten. Um das zu widerlegen wurden Auszüge aus den Reichszirkularen an die Länder veröffentlicht, woraus man entnehmen kann, daß die erste Tat der in München ausgerufenen neuen Reichsregierung ein Aufruf war, der nicht nur von Hitler und Ludendorff, sondern auch von Kahr und Lossow unterschrieben war. Daraufhin bekam Seekt dann die diktatorische Gewalt übertragen. Die Rolle Kahrs und Lossows bleibt also für uns immer noch recht zweifelhaft. Nun heißt es in einer Notiz, Ludendorffs Verhaftung stehe bevor, weil er sein Ehrenwort gebrochen habe, und man bereite schon für ihn ein Quartier in Landsberg vor, was also meine gestern geäußerte Vermutung bestätigt, daß Hitler und die Seinen dort untergebracht sind. Roßbach, der die Militärschüler in München für den Putsch gewann, ist flüchtig; von Ehrhardt wissen wir garnichts. Aber jetzt soll das Münchner Volksgericht mit den Prozeßvorbereitungen soweit sein, daß Angaben gemacht werden können. Man will 25 Herren vor Gericht stellen; vor 4½ Jahren prozessierte man über 2000 Räterepublikaner! Und heute noch sitzen von den damals Verurteilten (über 400!) noch mehr Staatsverbrecher in Niederschönenfeld und Straubing als man diesmal überhaupt anklagt! Heute grade, bei der Lektüre von Proudhons Bekenntnissen eines Revolutionärs, exzerpierte ich diese Stelle: „O politische Gerechtigkeit! Du Trödlerin mit falschen Gewichten! Wieviel Infamie hängt an deiner Wagschale!“

 

* Ich vergaß noch, den ewigen Geßler zu nennen, der natürlich Militärminister bleibt, da Noske noch immer nicht zurückkann, um den Arbeitermord noch besser zu betreiben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 4. Dezember 1923.

Marx, der Marxtöter, hat seine Mannen nun endgiltig beisammen. Herr Schiele bekam die Erlaubnis seiner Partei nicht, und so bleibt Kanitz, der sich von ihm unterscheidet wie – sagen wir wie Cognak von Weinbrand; das Etikett ist etwas anders. Herr Emminger aber durfte trotzdem die Reichsjustiz in die Hände nehmen, also unter die Füße treten. Seine Partei hat sich sehr diplomatisch als unbeteiligt proklamiert, und es ihrem Mitglied nur freigegeben, als „Fachminister ohne parteipolitische Bindung“ Herrn Marx beizuspringen, der zugleich als persönlich angenehmster Mann der Welt und mustergültiger Katholik mit Schleim besprengt wird. In der Bayerischen Volkspartei hat übrigens allem Anschein nach jetzt die durch den Hitlerputsch herbeigeführte Verwirrung sich auszuwirken begonnen. Held hat gleich anfangs zu verstehn gegeben, daß Kahr sich unmöglich gemacht habe, und heute soll nun Herr v. Knilling dem Ständigen Landtagsausschuß den ganzen Hergang erzählen. Da soll denn nun angeblich so etwas wie eine Innen-„Krise“ in Bayern zutage treten, und es heißt in äußerst zweideutig dementierten norddeutschen Berichten, daß auch Knilling selbst und damit die ganze Regierung dabei ins Abrutschen geraten werden. Man nannte sogar schon den neuen Mann, und zwar den Bamberger Oberbürgermeister Wächter, und an dessen Stelle, da der aus Gesundheitsrücksichten nicht könne, seinen Regensburger Kollegen Hick. Wer Hick (oder Hipp?) sonst ist, weiß ich nicht. Wächter aber hat schon früher mehrfach als Wortführer der fränkischen Städte recht energisch den Standpunkt der Reichstreue gegenüber partikularistischen Tendenzen, auch gegenüber der Kahr-Roth-Pöhner Herrlichkeit von ehedem vertreten. Mir scheint hier also eine Andeutung dafür gegeben, daß man eine Art Linkswendung der ganzen bayerischen Politik vorhat, natürlich nur bis zu dem Maße, wie die Vereinheitlichung der Politik mit der nach rechts gewendeten im Reich erforderlich macht. Ich glaube zwar kaum, daß gleich heute die Abdankung Kahrs und Knillings erfolgen wird (der sich die Öffentlichkeit während seiner Rede bezeichnenderweise verbeten hat). Aber die Vorbereitung wird wohl jetzt soweit gediehen sein, daß man die Anstandspause einleitet, nach der die Herren Meindl und Gürtner abtreten, die Herren Knilling und Matt gemäßigteren Parteigenossen – Probst? – weichen und die Koalition mit Demokraten – womöglich kriegen wir den Müller-Meiningen wieder als Peinigungshäuptling – ergänzt werden soll. Ob und wann daraus für uns politische Gefangene ein Vorteil ersprießen kann, hängt wohl von Umständen ab, die außerhalb Bayerns liegen. Daß die neue Reichsregierung sich länger halten wird als auch nur eine der 3 Stresemannschen ist nicht anzunehmen. Die Sozialdemokraten winden sich zwar um jede Ablehnung von vornherein herum – ob ihnen aber ein Ausweichen auch jetzt noch möglich sein wird, nachdem als erste Tat der Herren ihr letztes Palladium, mit dem sie noch ein paar Proletarier hinter sich halten können, umgestoßen wird? Auf dem Verordnungswege wird nämlich den Beamten und Staatsarbeitern ihr Recht auf die 8stündige Arbeitszeit genommen, und die Berichtigung der Meldung, daß sie 10 Stunden schuften sollen, stellt fest, daß man „nur“ eine Wochenleistung von 54 Stunden dekretiert hat, das heißt also 9-Stunden-Dienst an den 6 Arbeitstagen noch dazu ohne Anrechnung der Pausen! Da die Sozi ohnehin einen sehr schweren Stand mit der Opposition in der eignen Partei haben, – gegen die sie schon, wie 1916 gegen die Haaseaten, mit Bannbullen des Parteiausschusses vorgehn, diesmal aber wissen, daß die breiten Wählermassen in ungeheurer Majorität hinter Levi, Crispien etc stehn, so werden sie wohl bei der Entscheidung über das Ermächtigungsgesetz, das die Herren Marx und Jarres beanspruchen, selber den Schritt vollziehen müssen, den sie wie die Hölle fürchten, nämlich die Ablehnung und damit die Auflösung des Reichstags herbeiführen, in den sie nie wieder mit der stolzen Zahl von 180 Mandataren zurückkehren werden. Ich wünsche diese Entwicklung, weil ich zwar nicht vom Ausgang, wohl aber von der Tatsache der Wahlerregung, besonders wenn der Ausnahmezustand die Agitation behindert, Entschlüsse der revolutionären, besonders der antiparlamentarischen Arbeitermassen erhoffe. Spazierhof. Vielleicht fahre ich in einer halben Stunde fort.

 

¾ 4 Uhr. Ich war von 2 – ½ 3 im Hof und habe jetzt an Zenzl geschrieben, die in München bei der Resl wohnt und mit der Vorbereitung der Übersiedlung nach Berlin zu tun hat. Ich werde also unsre Behausung der letzten 3 Jahre überhaupt nicht mehr kennen lernen. Im allgemeinen ist mir Berlin als künftiger Wohnsitz ganz recht. München ist passé für mich, und nur C. G. v. Maaßen und die Familie Schollenbruch werde ich wohl vermissen. Schmerzlich ist, daß Zenzl 3 Zähne ihres wunderschönen Gebisses opfern mußte. Eine Wurzelerkrankung machte es notwendig, und sie hat nun vorne einen Goldzahn. Ihr wird es sehr bitter sein, diesen ersten Tribut an die Jahre entrichten zu müssen. Ja, nach den 5 Jahren Trennung – wenn’s dabei bleibt – werden wir beide nicht mehr so jung sein wie zuvor. Unsre Chancen hängen natürlich vollkommen von der Entwicklung der politischen und sozialen Geschehnisse ab, und die bayerischen sind vom Reich, die des Reichs vom Ausland abhängig. Ausgeschlossen ist es keineswegs, daß es grade unsre intimsten Freunde, im Reich der Herr Staatsanwalt Emminger, in Bayern der Erfinder unsrer „Festungshaft“ Müller-Meiningen sein werden, die uns die Tore werden öffnen müssen. Gelingt es einer Regierung tatsächlich, die Finanzen wenigstens vorübergehend und scheinbar soweit zu festigen, daß sich ein gewisser ökonomischer Ausgleich herstellt, d. h. daß das Land die Städte beliefert, Löhne und Gehälter den Preisen halbwegs angeglichen werden, ein einigermaßen festes Zahlmittel die Zirkulation in neuen Gang bringt, dann wäre das Bedürfnis nach einer inneren „Befriedung“ zweifellos grade bei denen da, die das Geschäft dabei machen wollen. Und da ja jetzt die Rechten auch etliche Parteigänger der Erlösung harren haben, wäre die Aussicht nicht gering. Viel hängt jedoch vom Verlauf der internationalen Dinge ab. Die Reparationskommission hat jetzt einstimmig den Beschluß gefaßt, zwei Unterausschüsse einzusetzen, deren einer die verschobenen Kapitalien feststellen, der andre die deutschen Währungsverhältnisse und die Etats von Reich und Ländern prüfen soll. Das bedeutet nichts andres als den ersten Schritt zur interalliierten Finanzkontrolle. Mit diesem Beschluß ist eine starke Annäherung zwischen England und Frankreich evident geworden, sodaß die Spekulationen unsrer Patrioten auf deren Entzweiung vorerst ins Wasser gefallen scheinen. Daß Spannungen zwischen Paris und London da sind, ist freilich nicht zweifelhaft. Doch hat sich bisher England immer dem auf dem Kontinent stärkeren Frankreich in der Deutschlandpolitik angepaßt, und nun, – da sich die Umstände etwas gewandelt haben dürften, – wird eben Poincaré, ohne die Gesamtlinie seiner Pfänder- und Garantiepolitik zu verlassen, in gewissen Formen nachgeben. Diese Wandlung kommt neuerdings besonders im Verhalten Italiens und Belgiens zum Ausdruck und wird zum guten Teil zurückzuführen sein auf die Annäherung Italiens an Spanien, bei der Großbritannien den Kuppler gemacht haben dürfte. Mussolini und Rivera haben ihre Könige in Rom Männchen voreinander machen lassen und scheinen selber Übereinkommen getroffen zu haben, die auf einen Mittelmeerkontrakt mit der Spitze nach Frankreich hinauslaufen. Frankreich gerät durch dieses Ereignis in die Gefahr, ohne Deckung gegen England zu bleiben, und Belgien scheint rechtzeitig gewittert zu haben, daß es stärker ist, wenn es sich von England als Pression gegen Frankreich brauchen läßt, als wenn es blindlings überall hin mitläuft, wohin Herr Poincaré es haben möchte. Doch sind alle diese Vorgänge dank der unbeschreiblichen Verlogenheit der deutschen Journaille noch so wenig zu übersehn, daß man sein Urteil kaum früher kontrollieren kann, als nicht unverrückbare Tatsachen zeigen, was tatsächlich los ist. – Schimpflich genug ist’s ja gewiß, daß man seine privaten Hoffnungen fast ganz nur auf die schmierigen Machenschaften politischer Intrigenschieber setzen muß. Das deutsche Proletariat zwingt einen dazu, weil es in dem Aberglauben lebt, es müsse regiert werden und dürfe selbst nur auf Befehl Revolution machen. Und dennoch, – auch diesen Betrogenen werden die Augen noch aufgehn.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 5. Dezember 1923

In Bayern und im Reich werden wohl schon Entscheidungen in dem politischen Gaukelspiel, von dem sich die Völker noch immer Dunst vormachen lassen, gefallen sein, die darüber bestimmen, nach welchem Pfuscherrezept in den nächsten paar Wochen Zeit gewonnen werden soll. Offenbar sind diese beiden Entscheidungen von einander abhängig, mindestens die Münchner von der Berliner. Nach den letzten Berichten über die bayerische „Krise“ – deren Vorhandensein nirgends ernstlich geleugnet wird, ist der Rücktritt Kahrs und Knillings noch nicht gewiß. Im Gegenteil wäre deren Stellung nicht nur gefestigt, sondern ihre Basis – d. h. also auch die ihrer beiden deutschnationalen Ministerkollegen – dadurch ganz sichergestellt, daß statt ihrer die Herren Schweyer und Wutzlhofer gehn müßten. Deren Rücktritt war ursprünglich die Programmforderung der Kamp[f]verbände Hitlerscher Couleur und wurde dann von den Vaterländischen Verbänden mit übernommen. Tritt dieser Fall ein, so wäre das als eine Niederlage Helds bemerkenswert, der bis jetzt noch stets seine Politik in der Bayerischen Volkspartei durchsetzen konnte. Zugleich bedeutete aber die Erfüllung des Verlangens der Kreise um Professor Bauer (dessen Politik sicherlich wesentlich von Kahr bestimmt wird) eine völlige Durchkreuzung der Annäherungspolitik an die Reichseinheit und eine neue Bekräftigung der nationalistischen Intransigenz für die ganze bayerische Politik. Eine solche Lösung ist dann wahrscheinlich, wenn, wie es anscheinend jetzt bevorsteht, die Marx-Regierung ihr Ermächtigungsgesetz nicht bekommt, was sie zwingen würde, den Reichstag aufzulösen. Die Sozi sollen sich entschlossen haben, die Zustimmung zu verweigern, falls Marx sich nicht zur Aufhebung des militärischen Belagerungszustands und zur Regelung der Beziehungen zwischen Reich und Bayern verpflichtet. Marx hat sich nun zunächst mit dem General v. Seekt beraten, und der hat – wahrscheinlich zur Überraschung der Sozi – erklären lassen, daß die Aufhebung des Belagerungszustands, also seiner Omnipotenz, angesichts der öffentlichen Unsicherheit gänzlich undiskutabel sei. Auf diesen Experten gestützt wird also die Regierung Marx wohl ebenfalls finden, daß das Volk nicht brav genug ist, um ohne Gefahr für Leib und Leben ausgebeutet zu werden. Und was das Verhältnis Reich und Bayern betrifft, so gibt die Tatsache Emminger ja an und für sich jede wünschenswerte Klarheit. Bleiben die Sozi also fest, wozu sie die Angst vor Paul Levi und Toni Sender und vor der Mißtrauenserklärung Sachsens und Thüringens, die bereits ausgesprochen ist, wohl diesmal nötigen wird, so kommt die ⅔-Mehrheit für die Ermächtigung nicht zustande, und Marx ist dadurch ermächtigt, bis zum Zusammentritt des neuen Reichstags, der unter Seekts Herrschaft gewählt wird und somit eo ipso bayerngenehm zusammengesetzt sein wird, zu tun, was er gern tut. Ergo: die Bayerische Volkspartei-Korrespondenz wird ihre pythische Erklärung, daß zwischen Regierung und Generalstaatskommissariat keinerlei Kompetenzstreit bestehe, daß das Generalstaatskommissariat nicht am Ende sondern am Anfang seiner Aufgaben stehe (wobei interessanterweise der Name Kahr nicht ein einziges Mal genannt wird; man behält sich also Personenwechsel anscheinend vor) und daß Knilling das größte Vertrauen seiner Partei habe, im gegebenen Augenblick so auslegen können, wie es den Vaterländischen Verbänden erwünscht ist. Hitler erlebt noch in der Untersuchungshaft einen großen politischen Triumph, und Münchner Pflaster hallt denn auch jetzt schon wider von nationalsozialistischen Demonstrationen und der Denunziant, der die Schupo zwingt, dagegen scheinbar einzuschreiten muß sich vor den Augen eben dieser Schupo deswegen verprügeln lassen. In Nürnberg aber hält Herr Streicher öffentliche Propagandareden für die „aufgelöste“ Partei, ohne daß ihm ein Leid geschieht; die Vaterländischen brunzen ihren Ehrenvorsitzenden Kahr weiterhin öffentlich an, weil Hitler und Ludendorff von ihm aufs Glatteis geführt wurden, und in Niederschönenfeld ist bald der II Stock mit den täglich frisch eintreffenden kommunistischen Schutzhäftlingen ausgefüllt. Bayern scheint also drauf und dran zu sein, sich wieder als die gewohnte Ordnungszelle, wo das übrige Deutschland seine Gesundung findet, zu etablieren. Inzwischen arbeiten die Neomarxisten an der Ausstattung des Films: Potemkinsche Dörfer. Man hört von Preisen, die 50 % unter die bisherigen gesunken sind, von Verbesserungen des Markkurses (Stand 4,2 Billionen pro Dollar seit ein paar Wochen schon, und nun heißt es sogar, daß in New-York dieser amtliche deutsche Kurs schon unterboten sei), – und kein Mensch glaubt an den Ernst und an den Bestand dieses Glücks. Denn zugleich geht der Beamten-Abbau im größten Stil weiter, wobei nicht die schmarotzenden Verwaltungsbürokraten, sondern hauptsächlich die republikanisch verdächtigen Lehrer betroffen werden. Zugleich oktroyiert man für Beamte und stellenweise auch für die Arbeiter (im Ruhrgebiet mit Zustimmung der Gewerkschaften!) den 9- und 10-Stundentag, indem man die Gesetzlichkeit des Erlasses der Volksbeauftragten von 1918 bestreitet und ihm nur den Charakter einer Richtlinie geben will, – und zugleich sperrt man die Arbeiter in den großen Betrieben (jetzt grade in München die Metallgroßindustrie) scharenweise aus oder setzt sie auf Kurzarbeit bis zu 24 Stunden wöchentlich, – wobei als Opium für die unglückliche Zeitungsleserschaft andauernd die Lüge herhalten muß, daß Frankreich und England sich Deutschlands wegen übermorgen in den Haaren liegen werden, daß Coolidge den Plan einer Finanzkontrolle über Deutschland zerstören werde, daß das Rheinland noch nie so reichstreu war wie grade jetzt und daß das deutsche Proletariat keinen Feind habe als Poincaré. Die Sozialdemokraten machen diesen ganzen Schwindel mit, und wenn es dem Proletariat doch einmal zu dumm werden wird, dann wird sich die Bourgeoisie – Marx, Stresemann, Cuno, es ist alles dasselbe, auch wenn’s Hergt, Helfferich und Wulle hieße – schleunigst wieder an sie wenden, und sie werden – zum zehnten Male in fünf Jahren, den Kapitalismus da retten, wo er schon hoffnungslos verloren schien, werden zum fünften Mal in drei Jahren nach getanem Dienst den Tritt vor den Arsch hinnehmen, der sie als Retardiermaschine in die Opposition zurückbringt, von wo aus sie neuerdings sklavisch und gottergeben zu den kapitalistischen Mächten emporschielen werden, ob die sie nicht doch einmal wieder nötig haben könnten, um den Befreiungsdrang der Arbeiterschaft mit Flugbomben und Giftgasen zu Brei zu schlagen. – Und die Kommunisten? Auch sie sind Staatsanbeter. Mögen sie auch jetzt noch ehrlich an ihr revolutionäres Wollen glauben, – ihr Weg ist vorgezeichnet. Sie sind autoritär und regierungssüchtig. Der zukünftige Noske wird ihrem Lager entsteigen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 6. Dezember 1923

In Bayern ist die Krise da, aber noch nicht in ihrer Tendenz sicher zu erkennen. Überraschenderweise hat als erster Minister der Finanzmann Dr. Krausneck demissioniert. Die Erklärung dazu sagt, er habe für das bayerische Ermächtigungsgesetz – jetzt macht jedes Ländchen in Deutschland diesen Demokratie-Ersatz für sich alleine – weitgehende Vollmachten für sich oder höchstens daneben noch für den Ministerpräsidenten gefordert. Die Herren von der Mittelpartei und vom Bayerischen Bauernbund hätten aber erklärt, sie hätten ihre Leute dazu in die Regierung geschickt, damit sie darin selber nach dem Rechten schauen – also grade das Gegenteil von dem was die Mittelparteiler sonst über das parlamentarische Regime sagen –, und Krausneck mußte abtreten. Ich kenne mich nicht recht aus. Krausneck gilt als der treueste Schildhalter Knillings in der Regierung, also als Mann der Vaterländischen Verbände. Sein Anspruch sieht doch aber verdammt so aus, als führe er eine Attacke gegen Kahr. Daß Knilling bleibt, wenn Krausneck geht, ist unwahrscheinlich. Aber es heißt, daß der Rücktritt Schweyers und Wutzlhofers trotzdem beschlossen sei und auch Gürtner demissionieren werde. Es sieht demnach ganz danach aus, als wollte Held die ganze Herrlichkeit umbauen. Da seine Haltung – gegen die Anmaßungen der Verbände – ganz zweifelsfrei aus mehreren Artikeln des Regensburger Anzeigers, seines Moniteurs bekannt ist, und die Krise selbst mit seinem Besuch bei Knilling begann, so wird jetzt doch wohl die sanftere Richtung der Bayerischen Volkspartei die Zügel in die Hände kriegen, und vielleicht tritt Schweyer nur aus der Regierung aus, um das Kahrsche Erbe im Generalstaatskommissariat zu übernehmen. Daß dieser Verlauf bevorsteht wird noch wahrscheinlicher durch die merkwürdige Wendung in der Reichsküche. Marx hat seine Kanzlerschaft eingepredigt und dabei die beiden Fragen der Sozi, wie ers mit Bayern und dem Belagerungszustand halte, beantwortet: nämlich so wie es zu erwarten war. Die Länder sollten so wenig wie möglich geniert werden und das Reich werde von seinen Verfassungsrechten gegen Bayern ohne zwingende Not keinen Gebrauch machen, auch solle die Weimarer Verfassung gemäßigt werden im Sinne föderalistischer Ansprüche, und was den Belagerungszustand anlangt, stellen sich einer Änderung die ganzen Nöte des Volks entgegen. Seekt bleibt also, und die Politik des Deutschen Reichs wird unter Marx wie unter Stresemann weiterhin vom Bajonnett der Reichswehr geleitet. Nachdem die Sozialdemokraten diese doch eigentlich recht deutliche Antwort auf ihre Fragen hatten, beschlossen sie, – dem Ermächtigungsgesetz zuzustimmen! Als Pflästerchen wünschten sie ihren Schafen ein Versprechen der Regierung vorzuzeigen, keine Beschlüsse ohne Zustimmung eines Reichstagsausschusses zu fassen. Aber Marx gab nur zu, daß er seine Ermächtigungstaten einem Ausschuß zum Anhören vortragen werde, und auch dafür fand sich in der Fraktion die Majorität. Wenn keine weiteren Plötzlichkeiten eintreten – etwa die Obstruktion der Opposition gegen ihre Parteibeschlüsse innerhalb der eignen Reihen –, so ist also jetzt damit zu rechnen, daß Marx ohne Reichstag regieren wird und dazu, ohne den Reichstag heimzuschicken. Die Angst der Sozi vor Neuwahlen, zu denen sie das Geld vom Ausland noch nicht haben, ist so groß, daß ihnen auch die letzte Jämmerlichkeit nicht zu jämmerlich ist, um nicht zu vielen ihrer Sinekurgäste die schönen Diäten entwischen zu lassen. Die bürgermarxistische Reichspolitik wird sich aber nun wohl darauf einstellen, ihre Proletarierentrechtungen unter süßlichem Grinsen zu den Sozialdemokraten hin zu verüben, und in Bayern wird, wenn meine Meinung richtig ist, daß Held, um die Vaterländischen Verbände stillzulegen, eine Angleichung an das Reichsregime herbeiführen will, eine Koalition gebildet werden, aus der die schärfsten Eigenartisten à la Knilling durch frömmere Parteigenossen (Faulhaberscher Auswahl) ersetzt werden und die Deutschnationalen den Demokraten weichen müssen. Man wird das in Bayern eine „Links“-Regierung nennen, und die Auerochsen werden beglückt blöken und Morgenluft wittern. Ob eine solche Entwicklung uns persönlich zugute käme, ist mir sehr fraglich. Unmittelbar vermute ich zum mindesten garnichts. Es müßten schon neue Ereignisse kommen, die es den Drahtziehern nahe legen, um den Hitler-Ludendorff-Pöhner nicht zu weh zu tun zu brauchen, ausgleichende Gerechtigkeit nach allen Seiten zu markieren. Zum Glück ist aber soviel gewiß, daß es an neuen Ereignissen, die jede Möglichkeit in sich tragen, für Jahre hinaus nicht fehlen wird. Auch Niederschönenfeld wird nicht ewig währen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 7. Dezember 1923

Mir wurde vorhin eine Eröffnung etwa folgenden Inhalts bekanntgegeben: „Der Fest.-Gef. Mühsam läßt in seiner Postkarte vom 6. Dezember an Herrn Richard Oestreich, Berlin, deutlich erkennen, daß er ihm für die Übersendung von 1 Billion Mark als dem Vertreter seiner anarchistischen Genossen agitatorisch dankt. Es ist dem F. G. M. bekannt, daß für charitative Sendungen außer den Familienangehörigen nur die Frauenhilfe für die politischen Gefangenen in München zugelassen ist. Die Karte wird daher zum Akt genommen.“ Über 4 Jahre erhalte ich jetzt jeden Monat eine Geldunterstützung von den Berliner anarchistischen Genossen. Das ist der Verwaltung bekannt, und sie hat meinen Dank dafür, der stets für alle Spender als Quittung diente, nie beanstandet. Ich stecke jetzt eine neue Karte in den Kasten, deren Abfassung, wie ich hoffe, den allmählich sehr schwierig zu befriedigenden Ansprüchen genügt. Da der Verwaltung bekannt ist, daß Zenzl sich finanziell recht hart tut, rechne ich natürlich damit, daß die Erleichterung, die mir die treue Solidarität meiner engeren Kameraden gewährt, verhindert werden soll. Ich habe es mir abgewöhnt, mich über dergleichen Dinge noch aufzuregen, nur das Wundern verlernt man nicht so leicht. Und erstaunlich ist es ja immerhin, daß den Peinigern nach fast 5 Jahren immer noch neue Drangsalierungen einfallen, wo wir naive Leute doch schon vor Jahr und Tag meinten, schlimmer könne es nicht werden. Aber es gibt tatsächlich recht viele Hebel, wo eingesetzt werden kann, z. B. jetzt auch beim Bad. Als wir über 90 Gefangene waren, gab es für jeden wöchentlich ein Bad, und jeder durfte sich ½ Stunde lang der Reinigung widmen. Jetzt, wo wir 20 Mann sind, diente das Eintreffen der Schutzhäftlinge dazu, uns die Badegelegenheit nur noch alle 14 Tage zu geben und die Badezeit dabei auf 20 Minuten, inclusive Aus- und Anziehn, zu beschneiden. Die Hetzerei beeinträchtigt natürlich stark die Erholung, die in den 4½ Jahren bisher zu den wenigen Köstlichkeiten unsres Gefangenenlebens gehörte. – Über die politische Situation ist wenig zu sagen. Herr v. Knilling hat seine große Rede gehalten, in der er die gesamten Konflikte, die vom 26. September ab mit dem Reich offen sind und die Geschichte des Hitler-Putsches von seinem Standpunkt aus entwickelte. Viel Neues ist dabei nicht zum Vorschein gekommen. Interessant war seine Erörterung der Forderung nach einer Generalamnestie: erst muß verurteilt werden, dann wird man wohl mit sich reden lassen. Natürlich wolle man nur die Führer des Unternehmens strafen, und keinesfalls in ewigen Monsterprozessen die vielen Leutchen herankriegen, die zumeist ohne Überblick über die Tragweite der Sache mittaten. Bei unserm „Hochverrat“ gegen die illusionäre „Notverfassung“, die kein Mensch kannte, war man weniger zimperlich, prozessierte jeden Rotgardisten, jeden kleinsten Helfer im Amt irgendeiner Nebenfunktion, sperrte die Mädchen ein, die eine räterepublikanische Schreibmaschine bedient hatten, und hat im Laufe von 5 Jahren noch keine Amnestie, nicht einmal für Mitläufer erlassen. Vielleicht kriegen wir aber durch die Nachfolger der Knillinge – der Miesbacher Anzeiger (der seit dem 1. Dezember bei mir wieder eintrifft) nennt als Schweyers Ersatz Herrn Schäffer, als Wutzelhofers Herrn Fehr – unsre Freiheit doch zurück. Denn daran, daß man die Hitler, Ludendorff, Pöhner, Roth etc nach ein paar Wochen amnestiert und uns weiterhin im Kittchen läßt und unsre Qualen dabei weiterhin „sukzessive“ wie bisher steigert, glaube ich trotz allen Erfahrungen nicht eher, als ich’s erlebe. Irgendwo, sollte man meinen, müßte doch auch beim wa[s]chechtesten Ordnungschristen der Mensch anfangen.

 

Abschrift. An den Herrn Herausgeber des Miesbacher Anzeigers. „Nsch. d. 7. Dezember 1923. Sehr geehrter Herr! Seit dem 1. Dez. trifft der „Miesb. Anz.“ wieder pünktlich bei mir ein, nachdem meine Freunde und ich ihn ein paar Monate lang mit großem Bedauern entbehrt haben. Sie dürfen mir glauben, daß der Entschluß, das Gratis-Abonnement für mich zu erneuern, hier als Ausdruck großer Anständigkeit gewürdigt wird, die auch in der stärksten Gegnerschaft keinen Anlaß findet, dem gefangenen Feind Unterhaltung und Anregung zu versagen. Der „Miesb. Anz.“ ist das einzige uns prinzipiell gesinnungsfeindliche Blatt, das von sich selbst aus so handelt. Übrigens ist ja die Lektüre Ihrer Zeitung auch so kurzweilig, daß der Ärger über die Tendenz durch die Freude an Witz und Bosheit wohltätig kompensiert wird. Ich bin also mit meinen Freunden der Ansicht, daß man vor Ihnen den Hut ziehn muß. Was hiermit geschieht.     Erich Mühsam.“

 

½ 5 Uhr. Vor zwei Stunden ist unser Lorenz Popp aus der Schutzhaft entlassen und wieder in Festungshaft zu uns eingereiht worden. Da er nur „Strafunterbrechung bis auf weiteres“ hatte, konnte diese Maßregel ohne juristische Formalitäten verhängt werden. Er hat genau 3 Monate nachzuexerzieren. Unsre Zahl aber erhöht sich wieder auf 21 Mann.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 8. Dezember 1923.

Katholischer Feiertag (Mariae Empfängnis), daher keine Post und einige Umstellungen der Tagesordnung. Ich werde wohl in der nächsten Zeit das Tagebuch etwas weniger eifrig führen, falls nicht grade ganz bedeutsame Ereignisse eintreten. Denn ganz plötzlich fängt die elektrische Batterie im Hirn an, in Tätigkeit zu treten, – und die Produktivität des Dichters will Bahn haben. Am 1. Januar dieses Jahres legte ich ein Heft an, das bis jetzt nur die Worte enthält: „Einerseits – Andrerseits“, Lustspiel. Konzipiert am 1. Januar 1923“. An diesem Tag war mir der Gedanke gekommen, dem Bröschke eine dramatische Parallele zu geben, sozusagen in Form eines Lustspiels eine Skizze zu einem späteren Teil des Romans zu antizipieren. Damals kam die Krankheit und der Tod Hagemeisters und zerriß die Konzeption, ehe auch nur der Ansatz zu einem Embryo da war. Aber das ganze Jahr hindurch verfolgten mich immer wieder Einfälle, und jetzt ist ein neuer Plan in mir soweit gereift, daß ich glaube, an die Arbeit gehn zu können. Er ist vom ursprünglichen, wenn auch der Idee nach unverändert, in der Disposition so verschieden, daß wahrscheinlich sogar der Titel des Stücks anders lauten wird. Ich denke etwa: „Die Regierungskrise“ oder bloß „Regierungskrise (-sis?)“ oder auch „Ministerkrisis“, und ich hoffe, eine satirische Komödie zustande zu bringen, die den ungeheuren Schwindel des Parteibonzentums, der Unfähigkeit und Hohlheit alles dessen, was heutzutage Politik gewerbsmäßig betreibt, vorführen soll, um im Hintergrunde die Zukunft eines von jeder Art Regierung durch die Revolution befreiten Volks in der Person eines derben, gradlinigen, von Ironie geladenen, der Orthodoxie in jeder Façon von Natur feindseligen Proletariers aufdämmern zu lassen. – Möge es gelingen! – Von Popp (der übrigens nicht Strafunterbrechung, sondern Bewährungsfrist unter der Bedingung, keine 3monatige Strafe zu verwirken und „gute Führung“ zu zeigen, hatte; wodurch er die gute Führung verletzt hat, ist ihm nicht gesagt worden), – also von Popp erfuhren wir Näheres über den Hitlerputsch, unter anderm auch, daß am 9. November in München Plakate angeschlagen waren, die die Einsetzung eines „Nationalen Tribunals“ verkündeten, das die Verbrechen von 1918 sühnen sollte. Das Volk wurde aufgefordert, die Novemberleute, – Ebert, Scheidemann, Auer, Wels, Bernhard etc waren namentlich aufgeführt, „tot oder lebendig“ in die Hände der neuen Reichsgewalt (Kahr hatte sich tatsächlich in jener Bürgerbräuversammlung als Statthalter für die bayerische Monarchie proklamiert; Hitler war als politischer Lenker Deutschlands, Ludendorff als militärischer Oberbefehlshaber, Lossow als Reichswehr-, Pöhner als Polizei-Chef für das ganze Reich proklamiert) zu liefern und dann hieß es ungefähr so über unser Schicksal: Diejenigen, die schon hinter Schloß und Riegel sitzen, harren ihrer Aburteilung, und damit kein Zweifel sei, was das bedeute: Auf Schuldig steht der Tod, auf Nichtschuldig die Freisprechung. Die Urteile werden binnen 3 Stunden vollstreckt. Was dabei mir selbst geblüht hätte, ist klar, erst recht, daß sich hier im Hause kein Finger geregt hätte, uns zu retten. Die Meinung, daß nun, nachdem Kahr sich schließlich doch zum Justemilieu zurückfand, die Nazi-Sozi ein für allemal erledigt wären, ist kindlich. Sie waren zwar, als sie schießen hörten, kläglich feige, aber niemand weiß, ob sie das nächste Mal wieder überhaupt schießen hören werden und ob bis dahin nicht, die Reichswehr- und Polizeitruppen auf ihrer Seite mittun werden. Ergo: 5 Jahre Einsperrung in bayerischer Ehrenhaft, zwischen dicken Mauern, Drahtverhauen und spanischen Reitern sichern noch nicht einmal unser nacktes Leben. Diese Einsicht mahnt, was noch getan werden soll, bald zu tun. Die Komödie soll geschaffen werden. An die Arbeit!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 11. Dezember 1923

Angefangen habe ich. Ich hoffe, die Arbeit wird durchgehalten werden, wenn auch leider plötzlich ein Hindernis droht. Seit gestern spüre ich wieder mal den gebrechlichen corpus. Ich versuche mit Herztropfen und erheblicher Einschränkung des Rauchens der Geschichte Herr zu werden, ehe sie ernsthaft wird. Aber es ist recht bedrücklich, nachdem ich seit der letzten Einzelhaft fast ganz frei war von dieser Qual, die Attacke neuerdings in Anmarsch zu fühlen. Bis jetzt hält der Darm noch stand, aber das leichte Schwindelgefühl im Schädel, die kalten Wellen, die plötzlich durch die Glieder laufen, die Leere im ganzen Organismus, die ähnlich wie bei Hunger oder nach sexueller Überanstrengung fühlbar ist, – alles das zeigt mir, daß ich meine Energie stark machen muß, um gegen den Angriff anzugehn. Ich möchte nun mal in diesem infamen Käfig nicht sterben, oder wenn es schon sein muß, dann lieber wirklich auf die Weise, die beinah Wirklichkeit geworden wäre, die eines Revolutionärs würdig wäre und die keinen Zweifel über die Todesursache offen ließe. So gewiß es ist, daß meine Krankheit durch die Festungsquälereien verursacht ist, so sicher ist es, daß die Schuldigen ebenso wie bei Hagemeister die Verantwortung von sich weisen würden. Ich möchte also schon recht gern noch aushalten, bis ich, wenn auch nur für kurze Zeit wieder bei Zenzl sein kann, und ich glaube auch jetzt noch, daß das recht bald der Fall sein kann, wenn auch noch nicht in diesem Kalenderjahr. Herr Marx mit seinem vierten Stresemann-Kabinett hat tatsächlich sein Ermächtigungsgesetz bekommen. Die ⅔-Mehrheit im Reichstag hat sich dank der unglaublichen Jämmerlichkeit der Sozialdemokraten zusammenbringen lassen. Sie haben aus Angst vor den Neuwahlen und dem Entgang der Diäten jeden letzten Rest von persönlicher Würde preisgegeben und zunächst beschlossen, demselben Kabinett, das sie vor 14 Tagen selbst gestürzt hatten, nachdem es einfach durch einen neuen Chef einen neuen Namen bekommen und durch einen bayerischen Justizminister als die reaktionärste aller bisher erlebten Regierungen im Reich gekennzeichnet war, mehr diktatorische Macht zu bewilligen als selbst dem früheren Kabinett Stresemann, in dem sie selber noch mitreden durften. Dann haben sie ihre Opponenten auf die Weise unschädlich gemacht, daß sie das Prinzip, im Falle von Gewissenskonflikten dürften Abgeordnete den Abstimmungen unauffällig fernbleiben, dahin änderten, daß durch die Abwesenheit dieser Leute keine Durchkreuzung der Fraktionsbeschlüsse herbeigeführt werden dürfe. Also de facto dieselbe Geschichte wie beim ersten Ermächtigungsgesetz: Fraktionszwang, gegen das Gewissen zu handeln. Die „Opposition“ hat sich denn auch gefügt, mit der einen Ausnahme des Abg. Hoffmann-Schmargendorf, der gegen das Gesetz stimmte und aus der Fraktion ausgeschlossen wurde. Herr Marx hat also was er braucht, und der Reichstag mit geretteten Diäten hat sich bis Ende Januar vertagt. Angesichts dieser Glättung der Wogen in Berlin ist man auch in Bayern wieder vernünftig geworden und hat die Krise vertagt. Die Demission Krausnecks, mit der Held seine Aktion begann, ist dadurch vor weiteren Konsequenzen behütet geblieben, daß der Minister plötzlich seine Demission zurückgezogen hat. Man will mit diesen Knillingen und anscheinend auch mit diesem Kahr noch so lange auskommen wie man mit diesem bayerischen Landtag auskommen muß. Demnach: es wird trotz der „Ermächtigung“ im Reich erwartet, daß bald Reichstagsneuwahlen kommen und will dann – wie 1920 – in Bayern zugleich wählen und erneuern. Inzwischen freut man sich links und rechts an dem Sieg der Labour Party in England, links, weil man doch irgendwo einen Erfolg von proletarischen Wahlmätzchen zu erkennen glaubt, rechts, weil man meint, nun werde sich Poincaré ärgern. Die Karl-Marxisten und die Stresemann-Marxisten unterscheiden sich verteufelt wenig von einander. Sie werden sich alle täuschen. Im Ständigen Ausschuß in München aber haben sich die Parteihäupter und Regierungsgrößen gewaltig großgetan – und als Opponent fungierte neben 3 sozialdemokratischen Recken – Herr Dr. Ernst Müller Meiningen, der fand, die Hitlerschen Aufrufe hätten ihn an ähnliche „eines Herrn Landauer“ aus der Rätezeit erinnert. Es ist gut, daß Herr Müller-Meiningen sein schönes Buch „Aus Bayerns schwersten Tagen“ geschrieben hat. In 100 Jahren wird man mal die Geschichte der bayerischen Revolution in wahrhaften Dokumenten nachlesen können. Da wird der Name Gustav Landauer allein als Beweis für die Güte und Reinheit jener Bewegung gelten, und als Kuriosität wird man das Werk seines Kritikers aufheben und, nach dem Autor gefragt, erwidern: ein Herr Müller, berüchtigt geworden durch seine Rechtsbrüche gegen politische Gefangene.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 12. Dezember 1923

Es geht wieder ein wenig besser, und ich habe Hoffnung, ohne direkten Zusammenbruch an der Krankheit vorbeizukommen. Ganz vorüber ist die Gefahr noch nicht, was sich auch darin zeigt, daß ich nicht bei der Arbeit aushalte, weil das Sitzen zur Hemmung der Blutzirkulation beiträgt. Ich werde trotzdem jeden Tag ein wenig vorwärtszukommen trachten, um nicht den Faden der Arbeit zu verlieren. – Das Politische muß darüber hier ein wenig vernachlässigt werden. Es wäre sonst am Platze, die merkwürdig verworrenen Finanzverhältnisse zu erörtern und die Gründe zu suchen, warum sich der Markkurs so auffällig lange auf der gleichen Höhe hält und sogar auch die Preise zu sinken beginnen (die Meinung des Publikums, nun seien wir bei der Peripetie angelangt und die Rentenmark habe tatsächlich die Sanierung herbeigeführt, ist eine Fata morgana). Für heute nur eine Anmerkung zum Hitlerputsch. Der Anwalt Hitlers, Pöhners und Fricks hat der Presse eine ausführliche Darstellung der Vorgänge vom 8. November abends und dem folgenden Morgen gegeben, und Kahr erlaubte den Abdruck unter der Bedingung, daß die Glossierungen, die das Generalstaatskommissariat dazu gesetzt hat, mit gedruckt würden. So ist ein sehr interessanter Dialog entstanden, der grade für unsereinen, der bisher noch wenig wußte, ein Urteil ermöglicht. Dieses Urteil fällt für die Herren v. Kahr, v. Lossow und v. Seisser einfach vernichtend aus. Die Rolle Hitlers, Ludendorffs, Pöhners etc erhält – und ganz besonders grade durch Kahrs Glossen – ein viel günstigeres Licht als man hätte denken sollen. Hitler hat im Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit der Partner gehandelt, hat sich auch in Ludendorff nicht getäuscht. Kahr jedoch – und mit ihm Seisser und Lossow – haben ein widerwärtiges Spiel mit ihm getrieben. Ein Treubruch liegt vor, der eine ganz seltsame Ähnlichkeit hat mit dem, dem seinerzeit wir zum Opfer fielen, und die Segitz, Schneppenhorst und Konsorten haben ihre ebenbürtigen Kopisten gefunden. Kahr hat offensichtlich bis zuletzt geschwankt (während Lossow und Seisser unbedingt für Hitler waren), und allem Anschein nach – das geht aus seiner eignen Verteidigung hervor, – hätte er auch am Morgen des 9ten noch mitgetan, wenn nicht nachgeordnete Stellen schon, ehe er andre Befehle erteilt hatte – wahrscheinlich aufgrund von Rückfragen bei den Offizieren der nördlicheren Truppen oder bei Rupprecht, der die Hände über den Kopf zusammengeschlagen haben mag –, so gehandelt hatten, daß Kahr es für ratsamer hielt, seine Mitverschworenen im Stich zu lassen, – und daraufhin werden auch Lossow und Seisser lieber Vorsicht als Treue geübt haben. Was für Menschenexemplare! Herr v. Kahr, der große Staatsmann, läuft im Nebensaal des Bürgerbräukellers, die Zigarre im Mund, herum und sträubt sich, der Versammlung nebenan selber Bescheid zu geben von der Verpflichtung, die er eben übernommen hat, Leiter der bayerischen Politik zu werden, was er unter der einzigen Bedingung zugesagt hat, als „Statthalter seiner Majestät des Königs“ zu regieren. Und warum zögert er, die Versammelten zum Treueschwur aufzurufen – für sich und Hitler, wie es dann ja geschah –? Er sei und noch dazu am Anfang seiner Rede „hinauseskamotiert“ worden, und was für einen Eindruck wird das auf die Versammelten machen?! – Was werden die Leute denken!! – das ist der erste und einzige Gesichtspunkt, unter dem der Diktator Bayerns in einer historisch entscheidenden Situation seine Lage betrachtet! Wahrhaftig, – diese Leute sind noch viel dürftiger, als wir sie uns vorgestellt haben. Nach dieser Veröffentlichung wären der Mann und seine beiden Bundesgenossen in jedem Lande, wo die Politik noch nicht die letzten Ansprüche an Ethik und Ehrenhaftigkeit vernichtet hat, für alle Zeit erledigt. In Bayern jedoch haben ja auch die Vorgänger Kahrs ihren Verrat gegen uns so lange in Amt und Würden überdauert, bis eben Kahr kam und sie davon jagte. Ein Zufall will, daß in derselben Nummer der „Münchner Post“, die die Aufklärungen des Rechtsanwalts Roder bringt, unter den eingelaufenen Druckschriften meine Broschüre vom Viva-Verlag angekündigt wird: die Denkschrift ans Reichsjustizministerium über die Rechtslage bei unsern Verurteilungen. Die Broschüre trägt, wie ich dabei erfahre, den Titel „Standrecht in Bayern“. Die Parallelität der gegen uns begangenen Infamie mit dem, was Hitler und die Seinen jetzt erlebt haben, muß jeden, der sie liest, frappieren. Vielleicht hilft die zufällige Aktualität der Schrift mir und meinen Festungs- und Zuchthausgenossen mit aus unsrer Lage. Allerdings wär’s traurig, alle Hoffnungen auf solche Karte setzen zu müssen, – und gottseidank ist das nicht der Fall. Durchaus nicht.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 14. Dezember 1923

Leider bin ich noch immer nicht soweit im Lot, daß ich sagen könnte: überstanden; und leider macht sich der ungünstige Allgemeinzustand besonders darin geltend, daß ich das kaum begonnene neue Werk fast garnicht fördern kann. Es reicht eben zu Tagebuchnotizen und Briefen aus, wobei ja eine bedeutende Hirnanstrengung nicht nötig ist. Dennoch will ich die Arbeit soviel es irgend geht, zu fördern suchen, um, wenn Glieder und Eingeweide wieder gehorchen, ohne Verzug und hintereinander weiterschaffen zu können. Langsam melden sich ja nun auch bei uns die ersten Weihnachtsboten. Meine getreue Frankfurter Gönnerin, die Gärtnerin meines Lesebedürfnisses, Berth Adler, hat den Segen eröffnet, und wie wir aus einer dem Zensor entgangenen Notiz in einem sozialdemokratischen Blatt lasen, wird öffentlich für unsre Bescherung geworben, wobei die neuen Eingriffe in die Zusendungen, die Annahmeverweigerungen von Geldern durch die Verwaltung etc. bekannt gemacht werden und die Münchner Frauenhilfe als Sammelstelle angegeben wird. – In den Zeitungen erfordern die Finanzkalamitäten den meisten Platz. Der Kredit der Rentenbank an das Reich (etwa 1200 Millionen Goldmark) ist so gut wie verbraucht. Weitere Hilfe von dieser Seite in Anspruch nehmen, hieße die kaum erst vorgetäuschte „Stabilität“ des Geldes vor der Zeit als Schwindel entlarven und die Inflation neu in Schwung setzen. Der (angebliche) Stillstand der Notenpresse bringt also schon jetzt das ganze Gefüge ins Schwanken, da man nicht mehr weiß, womit die Beamtengehälter gezahlt werden sollen. Nun will man die Notmaßregeln, die man volle 5 Jahre verabsäumt hat, heidi! in ein paar Tagen durchführen und fängt mit dem Beamtenabbau und der Arbeitszeitverlängerung bei gleichzeitiger Lohnkürzung an, also weiter am verkehrten Ende. Jetzt freilich heißt’s, man wolle auch sofort Geld durch Einnahmen schaffen, ja die neuen Quellen sollen bei der Besitzsubstanz erschlossen werden. Wer’s glaubt! Viel wahrscheinlicher ist, daß im Gegenteil jetzt der alte Plan der Großindustrie, die Eisenbahnen in ihre privaten Hände zu bringen, verwirklicht werden wird. Nun hat man ja, um die Kritik zu töten geschickt operiert, hat – natürlich mit Hilfe der Sozialdemokraten – der Reichsregierung jede Vollmacht, die man für die gänzliche Ausplünderung des Proletariats braucht, verschafft, und nun soll statt dessen 3 Ministern eine Extravollmacht gegeben werden, also ein Direktorium eingesetzt werden, das allein über die gesamte Wirtschaft entscheiden wird. Es sind das der Arbeitsminister Brauns, der Pleiteminister Luther und der Polizeiminister Jarres, 3 extrem nationalistische und ganz von der Schwerindustrie abhängige Herren, denen die Aufgabe zufällt, den Rest der „Errungenschaften“ von 1918, vor allem den 8Stundentag zu erledigen. Bei den Beamten hat man das durch Verordnung schon bestimmt, und natürlich hat die bayerische Regierung – sogar noch bevor sie ein Ermächtigungsgesetz hat – die des Reichs weit übertrumpft und einen Versklavungserlaß gegen die Beamtenschaft herausgegeben, von dem wir Revolutionäre sehr Gutes erwarten können. Da wird der 8Stundentag ausdrücklich aufgehoben, eine Zeitbegrenzung nach oben überhaupt nicht festgesetzt, die Dienstpausen nicht mit eingerechnet, und nur bestimmt, daß mit den Dienstpausen das 1½fache der bisherigen Arbeitszeit als normal gelten solle, – das wären also durchschnittlich 12 Stunden täglich, die die Leute ihren Familien und persönlichen Angelegenheiten entzogen werden, wobei gleich erwähnt wird, daß die Zeit der Umstellung wohl noch größere Anstrengungen erfordern werde, und daß ein Anspruch auf Mehrzahlung durchaus nicht erwächst. Natürlich ist die Stimmung der Beamten entsprechend, und es war immerhin schon ein beachtliches Symptom, daß bei der Schlußsitzung des Reichstags, der auseinanderging, ohne noch die Beamtenangelegenheiten zu besprechen, Eisenbahnbeamte von der Tribüne herunter einen Protesttumult veranstalteten, gegen den der Präsident nicht mal eine Rüge wagte. Augenblicklich streiken in Österreich die Bundesbeamten, Post und Telegraph funktioniert schon nicht mehr, das Übergreifen auf die Eisenbahnen scheint unvermeidlich, und schon haben sich mit denen auch schon die Chauffeure solidarisch erklärt. Seipel und die Bundesregierung sollen infolgedessen vor dem Rücktritt stehn und in ihrer Not die Vermittlung Zimmermanns (des Finanzkontrolleurs des Völkerbunds) angerufen haben. Dieser österreichische Vorgang wird grade im Augenblick in Deutschland beispielgebend wirken können, und die Tatsache, daß Reichswehr, Polizei etc. ebenfalls Beamtenformationen sind, läßt recht versprechende Ausblicke sehn. Sehr beachtlich scheint mir auch die Tatsache, daß man den österreichischen „Sparkommissar“ nach Berlin geladen hat, wo er einen Vortrag über die Erfahrungen mit den österreichischen Sanierungsmethoden gehalten hat. Dazu die Meldung, in dieser Stunde höchster Not wolle die Reichsregierung einen Appell an den Völkerbund gelangen lassen, da die Reparationskommission und die Botschafterkonferenz nicht helfen können, – und man ahnt, was die Glocke geschlagen hat: man erbittet für Deutschland einen ähnlichen Vormund wie ihn Österreich in Herrn Zimmermann hat. Da hinter diesen Plänen ja doch stets die Stinnes und seine Stinnesel stehn und demnach die nationalistische Journaille die Preisgabe der deutschen Staatssouveränität (die in Wirklichkeit schon seit 1919 nicht mehr existiert) nicht wird bemerken dürfen, wird’s wohl gelingen und das Proletariat mitsamt der Beamtenschaft werden unter internationaler Kontrolle geschröpft und skalpiert werden, – solange sie noch stillhalten mögen. Die Weihnachtstage werden wohl keine großen Ereignisse mehr zulassen, – da möchte jeder sich noch einmal der Familie widmen, – aber schon im Januar werden wohl die unvermeidlichen Auseinandersetzungen zwischen den Klassen beginnen, und es ist ein wahres Glück, daß die Sozialdemokraten durch ihre Erbärmlichkeit beim Ermächtigungsgesetz ihre Verantwortlichkeit für die letzte Entrechtung der Arbeiterschaft so offenbar gemacht haben, daß sie bei neuen Kämpfen zu neuen Verrätereien kaum mehr zugelassen werden dürften. Die Reaktion hat jetzt scheinbar alle ihre Trümpfe in der Hand, aber ich glaube, es ist nur scheinbar. Sie werden – das ist menschlich – übermütig werden nach allen Erfolgen und nicht mehr sehn, daß ihre eigne Kampffront brüchig geworden ist. Das ist grade da der Fall, wo sie bisher den stärksten Rückhalt hatte, in Bayern. Die Kompromittierung Kahrs als Ehrenmann, der innere Zerfall in den Reihen der Hakenkreuzler und Vaterländischen, das Aufbrechen der Differenzen zwischen Protestanten und Katholiken, dazu der Widerstand der bayerischen Bauern gegen die neuen Forderungen des Reichs – und Bayern hat dem Ermächtigungsgesetz im Reichsrat zugestimmt – das sind Konfliktsflächen, an denen bestimmt binnen kurzem Funken angerieben werden. Zur Zeit ist der Münchner Kardinal Faulhaber in Rom beim Papst. Ich habe keinen Zweifel, daß seine Reise zur Information über die Vorgänge im November und zur Entgegennahme von Anweisungen über die jetzt in Bayern erforderliche Politik unternommen ist. Die Münchener Katholikenhetze, die Krachs in der Universität, die Beschimpfungen gegen Faulhaber, gegen die der Katholikenbund eben eine sehr eingehende Protesterklärung in der Presse veröffentlicht, die ebenfalls mit der Reise zusammenhängen dürfte, – all dies wird den Vatikan stutzig gemacht haben und ihm den Wunsch nahelegen, die als antiklerikal entpuppten Vaterländischen zu entmachten. Ich meine doch, daß das Blatt sich jetzt wirklich wendet. Das 5te Weihnachtsfest als bayerischer Ehrenhäftling wird zuverlässig das letzte sein.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 17. Dezember 1923

Ich fange mit starker Verspätung an zu arbeiten, mit so großer, daß es mir mit dem Anfangen von Wichtigerem nicht mehr lohnt. Übrigens steht der Wind zur Zeit auf unserm Südflügel, und da nützt keine Heizung, die Kälte dringt durch Fenster und Wände und langer Aufenthalt am Schreibtisch ist nicht möglich. Allmählich macht sich auch die Weihnachtsstimmung geltend, von Zenzl ist schon ein Paket gekommen, doch fürchte ich, daß ich die zahlreichen Zeitungen von 1919 und alten Nummern der Mostschen Freiheit, die sie beigelegt hat, nicht bekommen werde, und die Zurücksendung wird wieder viel Geld an Porto kosten, das man jetzt zwar nach Friedenspfennig berechnet, das aber doch in Hundertmilliarden-Scheinen bezahlt werden muß. (Für die Besohlung eines Paars Stiefel mußte ich heute 3 Billionen 300 Milliarden Mark bezahlen und bin daher wieder völlig blank). Das finanzielle Chaos beherrscht auch in der öffentlichen Diskussion alles. Die Regierung rückt nun mit dem Eingeständnis heraus, daß kein Mittel gegen den völligen Zusammenbruch mehr da ist, daß die von der (privaten) Rentenmarkbank vorgestreckten Summen, die bis Frühjahr reichen sollten, verbraucht sind, und daß der Staat schon jetzt seine Beamten nicht mehr voll auszahlen kann. In dem Augenblick, wo die unerhörten Ausstellungen in der Beamtenschaft erfolgen, wo die verbleibenden Beamten gezwungen werden, ungeheure Mehrarbeit bei gleichzeitiger Gehälterkürzung zu leisten, knapp vor Weihnachten, wird ihnen mitgeteilt, daß ihnen nur ein Bruchteil ihres Hungergehalts überhaupt bezahlt werden kann. Nun will man durch überstürztes Einziehn der Rhein- und Ruhrabgabe, der Brotabgabe und sonstiger Notsteuern dem verreckenden Staat Kampferspritzen einflößen; aber schon ist auch Bayern da, und erklärt erstens mit feuriger Pathetik (im gleichen Moment, wo es die Beamten vollständig versklavt – allerdings in eigner Regie), die Proletarisierung der Beamtenschaft, wie die Reichsregierung sie plant, könne man in Bayern nicht mitmachen, und schon erklärten die Bayerischen Wirtschafts- und Handelskreise in öffentlichen Aufforderungen, daß niemand dem Reich mehr Steuern zahlen soll, als er ohne unmittelbare Schädigung leisten kann. Das ist offene Steuerrebellion, und die Wirkung ist klar, – sie kann nicht erwünschter sein von meinem Standpunkt aus. Das große Publikum wird kaum begreifen, was eigentlich vorgeht. Herr Schacht rühmt, daß ihm die Stabilisierung der Mark gelungen sei – die sich in der Tat jetzt bald 4 Wochen auf 1 Billion hält, – aber zugleich kracht nun doch die ganze Finanzherrlichkeit zusammen, und – siehe da! – in der Berliner Volkszeitung, die in wirtschaftlicher Hinsicht eben doch ein Mosseblatt ist, findet sich auch schon der Schrei nach dem Finanzkontrolleur. Herr Marx entsendet Herrn v. Hösch zu Poincaré mit „Vorschlägen“, und es ist wohl kaum fraglich, daß diese Vorschläge darauf hinausgehn werden, dem „Sadisten“ Poincaré den Hintern hinzuhalten, – nicht zum Küssen, sondern zum Prügeln. Nun muß ja zweifellos sehr bald der Tag da sein, wo die Rentenmark ihren wahren Charakter zeigen wird, d. h. wo auch sie ihren Wert verliert. Was dann? Ich glaube, dann reißen die letzten Fäden von „Ruhe, Sicherheit und Ordnung“, die ja ohnehin nur noch mit dem Belagerungszustand vorgetäuscht werden können. Der General Müller wütet in Sachsen immer toller. Jetzt hat er auch die KAPD, ferner die AAU und die (syndikalistische) FAU aufgelöst und verbietet allen verbotenen Parteien die Aufstellung von Kandidaten für die Kommunalwahlen. In Sachsen ist die Regierung Fellisch auf parlamentarischem Wege abgesetzt worden, in Thüringen hat sich der Landtag aufgelöst (während sich in Bayern die Nationalsozialisten unter andern Namen wieder sammeln). Der Kleinbürger sieht garnicht was rings um ihn vorgeht. Er weiß nur, daß die Preise sinken und ist selig darüber. Selbstredend jauchzen auch die Sozialdemokraten über dieses Glück. Diese auf ihre Wissenschaft stolzen Marxisten denken noch nicht einmal weit genug, um grade aus der Verbilligung der Waren die unvermeidliche Konsequenz der vollkommenen wirtschaftlichen Katastrophe vorauszusehn. Der Warenkäufer wartet bei sinkenden Preisen selbstverständlich mit Käufen, bis der Tiefstand der Preise erreicht ist. Dadurch entsteht Stockung der Produktion, Erwerbslosigkeit in unbeschreiblichem Umfang, die Vollendung der Verwirrung, die durch die irrsinnige Verteuerung der Preise herbeigeführt wurde. Fragt also jemand, was man denn machen könnte, und man spricht von Gesells Freigeldtheorie, dann erfährt man: so ein Blödsinn. Es ist nämlich in der Tat kein Marxismus, den Gesell propagiert, sondern klare Vernunft, also das Gegenteil von Marx’ abstrakten Doktrinen. Nur machen unsre guten Freiwirte einen schweren Fehler. Sie bilden sich ein, man könne Gesells Ideen mir nichts dir nichts in die Wirklichkeit dieser Republik einführen. Du große Güte! Als ob sich’s die Stinnesel gefallen ließen. Die haben doch wohl im Ruhrgebiet und in Sachsen und Thüringen gezeigt, daß sie die Herren im Hause und ihr Profit das oberste Gesetz in Deutschland sind. Ohne Revolution kein Freigeld, keine Freiwirtschaft, kein Freiland, noch sonst was, was mit Freiheit zusammenhängt. Sonst noch: Frankreich kündigt die Massenentlassung der im Zusammenhang mit dem Ruhrkrieg verurteilten deutschen politischen Gefangenen an. Frankreich hat auch für Weihnachtsbesuche deren Angehörigen große Erleichterungen gewährt. Jeden Nachmittag dürfen die Besucher kommen und den ihrigen Weihnachtsgaben „übereichen“. Meine Frau hat mir seit Jahren nichts mehr überreichen dürfen. – Na, dafür werden es die Herren Hitler und Genossen in Landsberg umso besser haben. Herr Roth ist ehe schon beurlaubt. Ja, Bayern! – Dafür ist aber auch hier von oben bis unten alles einig, daß Frankreich die Brutstätte jeder Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit ist, und das Gebet aller Knillinger und aller Müllinger lautet: Herr Gott, wir danken dir, daß wir nicht sind wie jener Poincaré und seine sadistischen Henkersknechte!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 18. Dezember 1923.

Meine Nerven sind plötzlich in schwere Unruhe versetzt worden. Eine Resl betreffende Nachricht, die mir ganz zufällig zur Kenntnis kam, hat das bewirkt. Bei den Gefahren, denen diese Hefte ausgesetzt sind, kann ich über den Fall selbst kein Wort niederschreiben. Doch sind meine Sorgen um sie nicht nur sondern auch um Zenzl groß. Ich sehe mit größter Ungeduld dem längst angemeldeten nächsten Besuch Zenzls entgegen, der wahrscheinlich eben aus dem Grunde, der ihn mich jetzt so dringend wünschen läßt, so lange auf sich warten läßt. – Darüber kein Wort weiter. Das Ende aller Sorgen und Qualen solcher und andrer Art kann nicht eintreten, solange Niederschönenfeld nicht ein überstandener Albdruck geworden ist. Die Frage, wann das sein wird, ist untrennbar von der Frage, wie die Erlösung kommen wird. Leider muß unsereiner ja immer wieder das ganze politische Tagesgemächel um- und umwälzen, um eine plausible Prognose zu finden, statt zu wissen: das Proletariat wird Tag und Stunde bestimmen. Gewiß sage ich nicht: das Proletariat wird diese Stunde nie begreifen, nie ergreifen. Ich glaube und hoffe auf seine Erhebung wie am ersten Tage. Und ich weiß auch, daß die Stunde schlagen kann, wenn niemand es denkt, ja ich weiß sogar, daß die Revolution plötzlich, spontan und mit mächtigem Schwung da sein wird, – aber darüber darf ich nicht verkennen, daß der äußere Anschein in diesem Moment völlig andre Entwicklungen erwarten läßt als Abwehr durch Angriff. Noch haben die Sozialdemokraten ohne Frage Einfluß auf die Massen, noch können die Gewerkschaften ihre ruchlose Helotenpolitik gegenüber dem Ausbeutertum treiben und, gestützt auf ihre Vollmachten als „Führer“ mit dem deutschen Proletariat wie mit einer zur Schur bestimmten Schafherde Schacher treiben. Die diktatorischen Vollmachten, die dem Marx-Stresemann-Klüngel mit Hilfe der Sozialdemokraten erteilt sind, und die in Wahrheit diktatorische Vollmachten für die Schwerindustrie sind, zeitigen schon jetzt ihre Konsequenzen. Die Montanherren haben – natürlich mit Hilfe der Gewerkschaftsbonzen – die quälende Not und die Zwangslage der Arbeiter grade vor Weihnachten benutzt, um den 8Stundentag auch für die Bergarbeiter tatsächlich aufzuheben. Bis jetzt werden den „vorläufigen“ Übereinkommen noch Mäntelchen umgehängt, aber die Arbeitswoche von mindestens 54 Stunden ist de facto da, und bis jetzt sieht es noch nicht danach aus, als ob die betroffenen Proletarier endlich ihre Führer zum Teufel jagen und von sich aus ihr Recht verteidigen wollten. Sie werden das Fest vorübergehn lassen wollen, um doch ihren Kindern nicht auch den Schatten einer Weihnachtsfreude rauben zu müssen, der immerhin von den Hungerbrocken, die ihnen hingeworfen werden, abfallen könnte. Beamte und Arbeiter stehen gleichzeitig jetzt vor den Trümmern ihrer Hoffnungen. Ob sich nicht das Gefühl regt, daß die Infamie ihrer besoldeten Funktionäre die Ursache all ihrer Pein ist? In Österreich haben die Bundesangestellten die Arbeit wieder aufgenommen, nachdem sie einen schönen Erfolg erzielt haben. Man sollte hoffen dürfen, daß das Beispiel doch auch in Deutschland beachtet wird. Vorerst muß man allerdings feststellen, daß äußere Anzeichen dafür verflucht wenig vorhanden sind, und daß immer noch das Heil von Wahlen erwartet wird. So widerlich es ist: auch unser persönliches Heil wird am Ende vielleicht keine bessere Chance haben als durch parlamentarische Schiebungen. Marx war so vorsichtig, den Reichstag bis zum 1. Februar sich selbst vertagen zu lassen. Danach wird wohl die Auflösung kommen. Offenbar hat man auch in Bayern die wieder eingerenkte „Krise“ bis dahin verschoben und will dann jedenfalls gleichzeitig auch den Landtag heimschicken. Inzwischen soll (angeblich) im Januar der Prozeß gegen die Hitlerleute kommen. Die verschiedenen Minister, die sich mit den „vaterländischen“ Forderungen, sie zu amnestieren, befaßt haben, waren der Meinung, vor der Verurteilung komme keinerlei Amnestie in Betracht; aber davon, daß endlich mal mit den „ewigen Anomalien“ Schluß zu sein habe, sprach keiner. So liegt die Vermutung nahe, daß man ihnen erst ein paar Jahre Festung aufbrummen wird, um dann den neuen Landtag – etwa im April oder Mai – gleich als erste Lebensäußerung die Generalamnestie beschließen zu lassen. Da werden dann wohl auch wir beteiligt werden, um so eher, als schon jetzt zu lesen ist, daß in der Bayerischen Volkspartei die „linke“ Seite zu Schuß zu kommen drängt: man spricht von „Jungen“ (und scheint die Richtung Schweyer zu meinen! Sowas gilt hierzulande schon als „Links“!). Diese Leute sollen in der vaterländischen Suppe ein Haar gefunden haben – wegen der anti-ultramontanen Tendenzen, – und auch den wütenden Marxistenrummel mißbilligen. On verra. Daß die Auerochsen in einem Regiment Schweyer schon die Erlösung aus allen Nöten feiern würden, ist gewiß. Die ängstigt nur eins: die Möglichkeit der Revolution, – bei der sie ja in der Tat nicht zu lachen hätten. Man würde sie jedenfalls ohne Pension aus Ämtern und Pfründen jagen. Aber vorerst können sie sich damit trösten, daß sie ja in Deutschland leben, nicht in Mexiko, wo wieder mal der Bürgerkrieg in vollem Gang ist, und der Kampf für Volksrechte um Petroleumquellen und Herrschgelüste geführt wird. Aber – trotz alledem!

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