Tagebücher

XL

 

20. Dezember 1923 – 14. April 1924

 

 

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 20. Dezember 1923.

Also wieder mal ein Tagebuchheft voll. Wieviele werden noch folgen und in welchen Aktensack wird dieses Heft mit seinen letzten Vorgängern und den Nachfolgern endlich versinken? Was für Peinigungen werden noch deswegen über mich verhängt werden, daß ich mit diesen Aufzeichnungen eine Art Massage des Gedächtnisses, der Urteilskraft und des Mitlebens in der Welt, von der ich ausgeschlossen bin, pflege? Und kann ich Strafbarkeiten in den Eintragungen vermeiden, wenn ich wie bisher bestrebt bleibe, die Wahrheit zu notieren, wie ich sie unmittelbar und mittelbar erlebe? Ich muß mich fatalistisch damit abfinden, daß die Tatsachen, nüchtern festgestellt, weil sie überhaupt als Objekte von Feststellungen bewertet werden, Anlaß zu furchtbaren Vermehrungen festhaltenswerter Erlebnisse werden. Etwa: daß die Festungskost, genau seit der Zeit, wo die „agitatorischen Sendewendungen“ zur Zurückhaltung von Briefen und empfindlichsten Einschränkung des Rechts auf Zusatzkost geeignet befunden wurden, an Menge, Güte, Nährgehalt und Geschmack jedes auskömmliche Maß eingebüßt hat, oder: daß der arme Sauber nun schon in der 9ten Woche unter neu ersonnenen Qualen in der Einzelhaft gehalten wird, oder: daß in den letzten Tagen in allen Zellen die elektrischen Birnen auf die Kerzenstärke nachgesehn und wo die – von der Verwaltung gelieferten – Leuchtkörper als zu stark befunden wurden, durch so schwache ersetzt wurden, daß Lesen und Schreiben die Augen anstrengt, und das, nachdem beim Umzug vom oberen Stock zu den Lichtverlängerungen schon garnicht dazu taugliche, für Läute-Anlagen bestimmte Drähte benutzt wurden, die den Strom ungemein abschwächen. Von den andauernden Brief- und Zeitungskonfiskationen mit ihren erstaunlichen Begründungen garnicht zu reden. Vielleicht kommt morgen Zenzl – auf der Reise nach Berlin, wo sie sich nun eine Heimat schaffen will. In ihrer Begleitung wird die Braut meines jüngsten Schwagers Albert reisen. Ob man das Mädel zu Besuch zulassen wird? Hoffen wir’s. Vielleicht wird die Veranlassung der Reise, vielleicht auch eine gewisse weihnachtliche Milde ein wenig Entgegenkommen bewirken. Zenzl ist froh, ihr bayerisches Vaterland zu verlassen, und ich fühle es ihr nach. Auch mir fällt beinahe ein Stein vom Herzen, sie in München der ewigen Gefahr von Haussuchungen und womöglich Verhaftungen entrückt zu wissen, wenngleich der Gedanke schmerzlich ist, die Wahlheimat, in der ich im ganzen Großen glücklicher war als irgendwo sonst in der Welt, wenn ich frei werde, nicht mehr als meinen Wohnort wiederzufinden. Aber daß Zenzl ihre tiefe Abneigung gegen Berlin überwinden konnte, nur weil München, das vielgeliebte München ihr noch viel, viel unleidlicher gemacht worden ist, das zeigt ja, wie dort eine phrasennärrische Reaktion im Laufe weniger Jahre alle alte schöne Kultur mit Stumpf und Stiel auszurotten verstanden hat. Ich sehe Zenzls Besuch diesmal mit besonderer Spannung entgegen, wenn ich auch zum Glück aus ihrem letzten Brief schließen kann, daß die Sorgen, die ich hier das letzte Mal andeutete, gegenstandslos geworden sind. – So beginnt also wieder ein neuer Abschnitt in meinem Leben, der entgiltige Abschied von München, – und ich bin nicht einmal dabei, habe mein letztes Heim, das Zenzl mit soviel Liebe geschaffen und für mich gewartet hat, garnie kennen gelernt. Werden nun Zenzls Bemühungen in Berlin, mir eine freudige Heimkehr vorzubereiten, gelohnt werden? Oder werde ich auch unsre Wohnung am Lützowplatz (oder Lützowufer?) nur aus Beschreibungen und aus Photographien lieben müssen? Wird sich mir überhaupt noch einmal eine andre Wohnungspforte öffnen als die Käfigtüren von Niederschönenfeld? Das Ende, das uns Hitler zugedacht hatte, kann noch jetzt Schicksal werden. Daß daran auch die großmögenden Herren nicht zweifeln, die wegen des zu raschen „Tempos“ der Nazi aus deren Mitverschworenen zu ihren Scharfrichtern wurden, ist aus der heute groß in den Blättern verkündeten „Warnung“ zu erkennen, mit der die Herren v. Kahr, v. Lossow und v. Seisser neuen Umsturzplänen zu begegnen versuchen. Zuerst entschuldigen sie sich, daß ihnen bis jetzt die Abstellung der Volksnot noch nicht gelungen ist, wobei das Eingeständnis überrascht, daß diese Not überhaupt nicht von einzelnen Leuten und von heute auf morgen zu beheben ist. Wozu dann vorher die dicken Töne? Und dann kommt die Ankündigung, daß jede neue Unternehmung auch sogar für „Zuschauer“ lebensgefährlich sei, da man mit allen Mitteln und selbst mit Schußwaffen dagegen vorgehn werde. Endlich wird daran erinnert, daß das am 9. November verhängte Standrecht gegen Aufruhr und Landfriedensbruch Zuchthaus und Todesstrafe vorsehe. Daß diese Warnung ihre aktuellen Gründe hat, ist klar. Ist man einem Komplott zur Befreiung Hitlers und seiner Freunde oder einer neuen Verschwörung gegen Kahrs eigne Person auf die Spur gekommen? Daß Kahr, ohne das Kommando des Landtags dazu abzuwarten, die Schutzhaft des Dr. Roth jetzt ganz aufgehoben hat, läßt seine Stellung nicht grade stark erscheinen und riecht verteufelt nach Beschwichtigung (die immer die völlig entgegengesetzte Wirkung hat als beabsichtigt war). Vielleicht gibt aber eine sehr interessante Mitteilung Aufschluß, die der Vorsitzende der deutschnationalen Abteilung der bayerischen Mittelpartei bei Gelegenheit einer Versammlungsrede gemacht hat. Danach hätte Kahrs geheimnisvoller Umschwung in der Nacht zum 9. November ihre Ursache nicht in der Angst vor Reichswehrtruppen oder vor preußisch-sächsisch-thüringischen Widerständen, sondern darin, daß ihm von Herrn Dard selbst versichert worden sei, daß den gen Berlin marschierenden bayerischen Deutschlandrettern unterwegs französische Truppen begegnen würden, die sofort zum Maingau hin in Marsch gesetzt würden. Ist das richtig – und Herr Bärwolf, der Deutschbarde, scheint mir eine gute Quelle zu sein –, dann erklärt sich allerdings sehr vieles, erstens der plötzliche Frontwechsel des Diktator-Triumvirats, und dann jetzt die Wut der Teutonen wegen des Kuschens, ja womöglich der Techtelmechtelei mit dem „Erbfeind“, endlich auch der robuste Ton der heutigen „Warnung“. Kahr ist schließlich nicht so allmächtig wie er scheint. Es gibt eine Instanz, gegen die er nicht ankommt, das ist der Vatikan, den die Bayerische Volkspartei auch gegen Kahr und die ganze Vaterländische Heldenhaftigkeit stets zur Rückensicherung hinter sich hat. In dieser Partei ist aber die „Realpolitik“ immer noch die wirkliche Praxis, und nur was sich realpolitisch an Prinzipiellem verwirklichen läßt, wird verwirklicht. (Eben beweist Herr Emminger mit der ersten Maßnahme, die er auf Grund des Ermächtigungsgesetzes anordnet, daß sich viel verwirklichen läßt. Sein Vorgänger Radbruch wußte das nicht, er hatte auch keine Ermächtigung für dergleichen, die hat er mit seinen Parteigenossen erst den Marxern eingeräumt, nachdem man sie selbst aus jeder Mitbestimmung ausgeräumt hatte. Herr Emminger also löst – aus Ersparnisgründen natürlich! – fürs ganze Reich alle Schöffen- und Geschworenengerichte auf, sodaß die einzigen in Geltung bleibenden Laiengerichte die – bayerischen Volksgerichte sind!) Die bayerischen Klerikalen wissen aber – und wenn sie noch gezweifelt haben, wird’s ihnen wohl Herr Faulhaber aus Rom mitgebracht haben –, daß zurzeit ein Putsch, der Frankreich nach Bayern hinein zöge, realpolitisch äußerst unpraktisch wäre. Eben werden, nachdem Poincaré die Aufgabe des passiven Widerstands nun als einwandfrei bestätigt hat, die ersten Versuche gemacht, direkte Verhandlungen mit ihm zu bewerkstelligen, und die Antwort auf die Winselei des Herrn v. Hösch ist trotz vieler Vorbehalte keineswegs entmutigend. Nur meint Poincaré am Schluß – und die belgische Regierung meint dasselbe –, solange die Militärkontrollen in Deutschland nicht wieder überall zugelassen sind, könne von loyaler Ausführung des Versailler Vertrags nicht wohl die Rede sein. Stresemann aber, der tüchtige Reichsaußenminister, holte sofort die Presselakaien herbei und gab als deutsche politische Richtschnur das Bekenntnis zum Besten – um selber nicht etwa in den Verdacht zu kommen, er könne die Hindernisse beseitigen wollen, die den heißerflehten amerikanischen Krediten im Wege stehn (denn die nötigen Gelder in Deutschland selbst von denen zu holen, die sie haben, fällt niemandem ein) –, die Erregung des deutschen Volks sei berechtigterweise so groß, daß man den Kontrolleuren keine Sicherheiten für ihr Leben garantieren könne. Wie kühn! Wie dumm! Wie bayerisch! Aber die Knillinge haben für ihre schüchternen Versuche, Reichstreue zu markieren, einen neuen Grund. Und die Militärkontrollen mag in Bayern wirklich keiner, – und die Patrioten wissen wahrscheinlich, warum nicht. Ein zweiter Hitler-Putsch aber – und wer weiß denn, wie er zunächst ausgeht? Wer weiß denn, wie lange Herr v. Lossow die Reichswehr, Herr v. Seisser die Polizei bei der Stange hält? –, ein wirklich unternommener Versuch, unter Ludendorff nach Norden zu marschieren: dann haben sie die Militärkontrolle da – und zwar eine so zahlreich bestellte und so kräftig ausgerüstete, daß sie ihre Sicherheit selber garantieren kann, die Sicherheit der bayerischen Ordnungszelle aber verdammt wacklig aussehn würde. Kahrs Tage als Beherrscher Bayerns scheinen gezählt zu sein. Er hat links und rechts, oben und unten, vorn und hinten keine haltbare Stütze mehr. Die Frage ist nur noch: wer und was folgt ihm? Und das ist eine Schicksalsfrage auch für uns Vivisektions-Kaninchen von Niederschönenfeld.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 21. Dezember 1923.

Ich bin in Gala, – wegen Zenzls Besuch. Gegen 11 Uhr kommen gewöhnlich die Gäste von der Rainer Chaussee herüber. Ob Zenzl unter ihnen war, war nicht genau zu erkennen, und es begann das nervöse Warten, das ich kenne. Um ¼ nach 12 gab ich die Hoffnung auf. Um ½ 1 wurde die Post ausgegeben: für mich ein Telegramm: „Komme Montag. Grüße: Zenzl“. Aufgabezeit München 20. 12., um 6 Uhr nachmittags. Die Verwaltung muß also das Telegramm schon gestern abend gehabt haben. Aber sie hat keine Eile. Sie läßt mich alle Vorbereitungen treffen, liest auch seelenruhig mein Gesuch, auch die Begleiterin Zenzls zuzulassen, beide Frauen in der üblichen Beweise[Weise] bewirten zu dürfen und ihnen die einem Paket beigegebenen Zeitungen, die man mir, obwohl sie schon Montag eintrafen, ohne daß ich bisher eröffnet erhielt, daß sie beschlagnahmt seien, nicht ausgehändigt hat, mitzugeben. Der Zweck des überaus kostspieligen Telegramms, mir unnütze Mühe, unnütze Aufregung zu ersparen, wird also vereitelt. Zum Übrigen! – Den Tag, an dem Zenzl die bayerische Hauptstadt endlich im Rücken haben wird, werde ich als Erlösung begrüßen. Allen Anzeichen nach ist die Gefahr einer Wiederholung des 8/9 November wieder äußerst akut. Die Münchner Neuesten Nachrichten sprechen ganz unmißverständlich von der Furcht (die in ihrer eignen „demokratischen“ Redaktion wohl bei manchen Herren als Hoffnung erlebt wird; als am 8ten November Kahrs Beteiligung bekannt wurde, soll das Blatt panegyrische Wonnejauchzer ausgejubelt haben) vor neuen Putschen. Ebenso hat der zur Zeit sehr rührige Münchner Katholikenverein, aufgeregt durch die protestantischen Universitätskrawalle wieder eine Versammlung gehabt, bei der verschiedene Redner ihr videant consules zeterten. (Die ganz große Kundgebung dieses Verbandes in der vorigen Woche, die auch mit den Antisemiten Fraktur redete, zeichnete sich dadurch aus, daß sie von den Juden, die nicht einfach totgeschlagen werden dürften, mehrfach in schöner Zusammenstellung „Revolutionäre und Wucherer“ ausnahm. Die Frage, ob in ihren eignen Reihen auch die zweite Kategorie nicht zu finden wäre, scheint nicht gestellt worden zu sein. Dafür besteht die Sicherheit, daß bei der Abmurksung jüdischer Revolutionäre kein mitschuldiges Herz im Katholikenverein in Unruhe zu geraten brauchte). Endlich ist auch eine Anfrage interessant, die die sozialdemokratische Landtagsfraktion an die Regierung richtet: Wie es komme, daß die auf den 15. Dezember anberaumte Rektoratsantrittsrede in der Universität in letzter Stunde plötzlich abgesagt werden mußte. Das schmeckt allerdings bedenklich nach dem Pfropfen. – Nun, die Regierung des „Freistaats“ Bayern wird sich kaum über die Antwort noch schwere Gedanken zu machen brauchen. Denn, wenn nicht alle Zeichen trügen, hat die letzte Stunde des Landtags bereits geschlagen. Da Bayern ja überall und immer gern eignes Gebäck verkauft, um keine Berliner Ware nehmen zu müssen, verlangte die Knillingregierung vom Landtag auch ein eignes Ermächtigungsgesetz, und zwar eines, das ihr eigentlich unbeschränkt jedes Recht gäbe und das Parlament vollständig ausschaltete, gleichzeitig aber auch deutlich genug als Pflaume für Kahr gedacht war. Denn Herr Krausneck versicherte sehr deutlich, daß dem Generalstaatskommissariat durch diese Bevollmächtigung keinerlei Machterweiterung eingeräumt werden sollte, was natürlich, hieß, daß im Gegenteil seine Befugnisse abgebaut würden. Herr Krausneck gab aber auch dem Reich den üblichen Nasenstüber: die Verwaltung müsse – von wegen der Sparsamkeit – gründlich vermindert werden, und im Reich vor allen Dingen. Denn daß neben den Landesverwaltungen immer auch noch eine Zentralstelle besoldet werden müsse, sei doch eigentlich ein überflüssiger Luxus (womit der Mann auch von meinem Standpunkt aus recht hat, – nur wär’s auch um den ganzen bayerischen Verwaltungsapparat nicht schade). Das Ermächtigungsgesetz ist natürlich mit der Verfassung des Landes nicht zu vereinbaren, erfordert also auch in Bayern eine qualifizierte Annahmemehrheit. Da ist denn nun das Wunder Tatsache geworden, daß sich die ⅔-Mehrheit nicht gefunden hat. Da die „Demokraten“ – selbstverständlich – dafür stimmten, wären die Sozialdemokraten und Kommunisten zu schwach gewesen, um das nötige Drittel der Opposition zusammenzubringen, und so glaubten sie, Charakter betätigen zu können und trotz Neinsagens der Qual der Wahl zu entgehn. – Im Reichstag haben es beide Parteien gezeigt, wie sehr sie Neuwahlen zu scheuen haben. Die Sozi bewilligten den Marx-Stresemann-Stinneseln was sie nur verlangten, und die Kommunisten, die die erforderliche Präsenzzahl hätten verhindern können, wenn sie nur, wie die Völkischen, die Deutschnationalen, die Ledebourgruppe und selbst die sozialdemokratische Opposition nicht mitgestimmt hätten, was sie ja beim ersten Ermächtigungsgesetz taten, – sie blieben im Saal, stimmten charaktervoll mit Nein, was der Sache keinen Abbruch tat, und retteten so Reichstag, Marx und Marxismus mitsamt allem, was Stinnes und Vögeler über Arbeitszeit, Beamten- und Erwerbslosenschicksal, Steuern, Besoldungen, Mieterausraubung und Belagerungszustand zu befehlen für gut befinden. In Bayern jedoch glückte die Rechnung nicht. Da stellten sich wider Erwarten sehr unerwünschte Bundesgenossen ein, nämlich die Bayerischen Bauernbündler, die ihren armen Wutzlhofer, der allein mit Ja stimmte – der Gute bliebe halt so gern Minister! – im Stich ließen und das Gesetz zu Fall brachten. Herr Held verkündete daraufhin 1) daß der Bayerische Bauernbund sich mit seiner Abstimmung eo ipso außerhalb der Koalition gestellt habe (wird nun unser Komplize von der Räterepublik wirklich aufhören Minister zu sein oder wird er seinen vielfachen politischen Wechselzügen den großen Sprung aus seinem Bauernbund heraus folgen lassen?); 2) daß die Bayerische Volkspartei jetzt die Konsequenzen ziehn und durch den Antrag auf Auflösung des Landtags die Wähler selber entscheiden lassen wolle. Dieser Antrag, von dieser Seite eingebracht, ist ipso facto angenommen. Bis zum Wiederzusammentritt des Parlaments, der binnen 60 Tagen nach der Auflösung erfolgen soll, sofern es nach der Verfassung geht, kann nun die nichtbevollmächtigte Regierung überhaupt nach souveränem Belieben handeln, wozu der Artikel 48 der Reichs- und der § 64 der bayerischen Landesverfassung die Handhabe bieten. Man fragt sich nur noch, ob die Hitlerianer neue Wahlen überhaupt zulassen werden, d. h. ob Kahr, Lossow und Seisser bei der Stange bleiben werden oder dahin zurückhüpfen, wohin sie das Herz doch wohl noch zieht, und auch das ist wohl davon abhängig, was Reichswehr und Landespolizei möglicherweise trotz ihrer Chefs beschließen werden. Interessant wird’s jedenfalls in München wieder mal werden, so interessant, daß Zenzls Abreise von München mich wahrhaft beruhigen wird und daß für mich persönlich die große Alternative vielleicht sehr sehr bald wieder einmal gestellt sein wird: hinein ins Leben oder heraus aus dem Leben! Wat sall Einer dorbi dauhn?

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 22. Dezember 1923

Heute kann ich auch einmal mit einer Anerkennung für die Festungsverwaltung aufwarten, vielleicht daher, daß – wie man sagt – unser „Mussolini“ (so nennen ihn die Aufseher unter sich, für den Dreiquartel-Pascha ein wenig zuviel der Ehre) auf Urlaub und Herr Regierungsrat Badum sein Vertreter ist. Auf das Gesuch von vorgestern wurde mir eröffnet: dem kurzen Besuch der Braut meines Schwagers stehe grundsätzlich kein Bedenken entgegen. Ich bekenne, daß ich das nicht erwartet hatte, nach allen früheren Erfahrungen (mit Resls und der kleinen Kathl Besuch etc). So werde ich also übermorgen seit Ansbach das erste neue Gesicht zu sehn bekommen, noch dazu das eines jungen Mädchens, und ich bin ganz aufgeregt beim Gedanken an eine solche Aussicht. Ferner wurde in Bezug auf die Zeitungsblätter erklärt: es werde mir freigestellt und angeraten, die Zeitungen unzensiert mitzugeben, da die Beanstandung durch die Zensur die Beschlagnahme nach sich ziehn müsse. Es handelt sich um Nummern der Mostschen „Freiheit“ aus dem Jahre 1905 und etliche Zeitungen aus unsrer Münchner Rätewoche, Münchner Neueste Nachrichten etc. Ich war erschrocken, als ich sie im Paket sah und hielt sie für verloren. Wahrscheinlich hat Herr Badum sie zurückgelegt, um sie für den Vorstand selbst bereit zu halten. Die Entscheidung, die er jetzt getroffen hat, ist bei allem, was sonst üblich geworden ist, erfreulich tolerant. Weihnachts-Milde. Dem bevorstehenden Fest wird auch Sauber es zu danken haben, daß er gestern endlich nach vollen 2 Monaten Absonderung zu uns zurückkehren konnte. Er hat dafür, daß er dem Vorstand in sehr massiver Form – er duzte ihn dabei – seine Verachtung ins Gesicht geworfen hat, furchtbar leiden müssen. Ich halte grundsätzlich meine Taktik dem Manne gegenüber für richtiger, nämlich strengste Korrektheit, die sein eignes Anschreien und seine Formlosigkeiten umso krasser transparent machen; aber daß er einmal von einem seiner Opfer die ganze ungehemmte Wut über sein Treiben schonungslos hat austoben sehn, ist sicherlich auch nicht von Übel. Meine Begrüßung mit Sauber war bemerkenswert freundlich. Ich rief ihn an: „Grüß dich, Genosse Sauber!“ worauf er mir die Hand gab und kräftig schüttelte. Ich möchte sehr wünschen, daß das Gewesene wenigstens, solange wir verurteilt sind, miteinander das gleiche Los zu tragen, endgiltig überbrückt ist. Späterhin werden sich unsre Wege ja doch weit genug trennen, und wenn dann die Auseinandersetzung doch noch gewünscht wird, – ich habe sie gewiß nicht zu scheuen. – Vorläufig ist Sauber übrigens noch bayerischer Landtagsabgeordneter. Die Bayerische Volkspartei hat gegenüber der Wahlangst aller übrigen Parteien vorerst eine Niederlage erlitten. Es gelang den vereinigten Bemühungen sämtlicher Parteien gegen die Antragsteller, die sofortige Auflösung des Landtags zu verhindern, wobei einer noch mehr Charakter ausblies als der andre. Sämtliche Fraktionen brachten Auflösungsanträge ein, aber in jedem Antrag steckten soviel Kautelen, soviel Wenn und Aber, daß zunächst einmal weitergewurstelt zu werden scheint, – und nachher findet sich dann wohl noch ein Weg, die Diäten auch noch bis zum natürlichen Ende des Wolkenkratzers im Sommer zu retten. Die Sozi verlangen zuvor die Schaffung eines Landtagsvolumens, das der Vereinfachung des neuen Staatskurses angepaßt ist, also die Reduzierung der Abgeordnetenzahl auf die Hälfte, zugleich die Garantie der Wahlfreiheit durch Aufhebung des Ausnahmezustands. Mittelpartei, Demokraten, Bauernbündler – alle haben ähnliche Verschleppungsmanöver organisiert, und die Bayerische Volkspartei stand ganz allein* mit dem eindeutigen Verlangen: Schluß und Neuwahlen! Nun werden also zunächst die Ausschüsse tagen und ein wildes Gegacker um heilige Volksrechte wird losgehn – und jeder weiß dabei, daß alles ganz gleichgültig ist und daß die bayerische Politik so oder so dahin getrieben wird, wohin die bayerischen Interessen es verlangen, und die verlangen – so oder so – ganz andre Wege als das Reich sie geht und gehn kann. Der ganze Schacher geht um Aeußerliches – Kahr oder Held oder Müller-Meiningen oder Auer – es ist wirklich nur ein ganz äußerlicher Unterschied, – Herr Kuhlo und Herr Faulhaber sind weitaus wichtigere Faktoren als diese Zufallsexponenten kleinbürgerlicher Interessengruppen alle miteinander. Was Kahr anlangt, so wird seine Uhr wohl bald abgelaufen sein, – aber nur als Staatsretter. Die Annahme des Antrags Funke, der fordert, daß alle seine diktatorischen Maßnahmen von den gesetzlichen Faktoren nachgeprüft würden, bedeutet ein Mißtrauensvotum, und ich glaube, daß auch die Verhaftung eines jungen Nationalsozialisten Barthel, der ihm angeblich eine Kugel hat in den Pelz brennen wollen, den Boden unter den Diktatorsfüßen nicht für lange stabil machen kann. Daß der junge Mann der Ausgeloste einer Verschwörergruppe sei, wird nicht einmal von den Kahrioten selbst behauptet, und daß er noch nicht einmal im Besitz einer Schießwaffe war, erst vor 8 Tagen (aus Sachsen!) in München eintraf und bisher nur „Erkundungen“ eingezogen haben soll, macht die ganze Meldung etwas lächerlich. Das hat Auer immer viel besser verstanden. Diejenigen, die es wirklich ernst meinen mit ihren Absichten gegen Kahr werden ihn kaum abknallen, ohne zugleich aufs Ganze zu gehn, und der Putsch, von dem in diesen Tagen die Rede ging, wird jedenfalls auf die Besetzung von Landtag und Regierungsgebäuden abzielen, wozu zuallernächst Polizei und Militär zum Mitmachen oder mindestens zur Neutralität gebracht werden müßten. Ich bin überzeugt, daß auch nur derartige Pläne ernsthaft erwogen werden, bei deren Gelingen Kahrs Kopf ja ohnehin die längste Zeit am Kahr befestigt gewesen wäre. So siehts in unsrer Ordnungszelle aus. Im Reich gehn die Ängste immer noch um das alte Problem: wie „saniert“ man Finanzen, Etat und schließlich auch das nackte Leben des deutschen Volks, ohne daß dabei den Schwerverdienern das Noch-schwerer-Verdienen erschwert oder behindert wird? Daß dies Problem die Quadratur des Zirkels bedeutet, will man nicht gern erkennen, und das deutsche Volk läßt sich noch immer durch die erstaunliche Leistung blenden, daß die Mark bei 1 Billion zum Dollar „stabil“ ist und wieder mit Einern und Zehnern gerechnet werden kann statt mit Milliarden und Billionen. Tatsächlich ist die Leistung des Herrn Hjalmar Schacht ein Akrobatentrik. Ein gewandter Variétékünstler kann sich mit vorwärtsgestreckten Armen, auf einem im Knie gebeugten Bein manchmal erstaunlich lange auf freischwebendem Trapez im Gleichgewicht halten. Aber daß diese Haltung seine normale Sitzweise sei, wird auch der begeistertste Zuschauer nicht meinen. Aber ganz ähnlich balanziert die deutsche Mark. Der amtliche Dollarkurs wurde solange künstlich niedriger gehalten als der wirkliche, bis die Preise fast sämtlich hoch über das Weltmarktniveau gingen, und da die Rentenmark – das neue Wunderprodukt derselben Notenpresse, die bisher die Milliardenwische ausspie, vom gläubigen deutschen Volk als wer weiß was Gutes gehamstert wurde, sank in New-York naturgemäß der Dollar ein wenig und zwar zur gleichen Höhe wie er in Deutschland gehandelt wird. Natürlich werden, wenn die alten Wische nicht mehr so zahlreich vorhanden sind, die neuen Wische – „Goldanleihe“ (so steht’s auf dem Papier – und das genügt, um das Publikum glauben zu lassen, irgendwo sei Gold dafür gehäuft) und Rentenmark – aus den Hamsterkästen brechen – und wir werden das ganze Inflationstheater in zweiter Aufführung erleben. Das Geschäft der Geschäftigen blüht inzwischen wie nur je. Sie halten sich nach wie vor gegen jeden Steuerzugriff immun, und hetzen den Exekutor auf dieselben Arbeitnehmer, denen bereits durch die Notenpresse das Allerletzte genommen ist. Da von denen aber schlechterdings nicht mehr ganz soviel herauszuquetschen ist, wie für den Reichsbedarf nötig ist, so muß halt die Ernährung des Landes durch einen großen Auslandspump gewährleistet werden. Amerika soll Kredit geben, und die Reparationskommission soll sich einverstanden erklären, daß Deutschland diesen Pump aufnehmen darf, ohne daß die Sieger sich auf ihr Prioritätsrecht berufen werden. Natürlich denken die Weststaaten solange nicht an charitativen Verzicht zugunsten Deutschlands, wie sich Deutschland nicht eventuell selber helfen kann. Schon liest man französische und belgische – aber auch englische – Pressestimmen, daß die sequestrierten Vermögen in Amerika doch zunächst als Garantie gelten könnten, bevor neue Geldquellen erschlossen werden, – und dann kommt auch schon die indiskrete Frage, ob man vielleicht für die Auslandskredite Fett und Getreide beim deutschen Grundbesitz kaufen will, und ob man diese Dinge bei geeigneten gesetzgeberischen Maßnahmen auch ohne amerikanischen Kredit bekommen könnte. Alle diese Fragen scheinen bei der Arbeiterschaft überhaupt keine Rolle zu spielen. Die erfährt garnicht, worum es sich handelt, und da Sylvio Gesell kein Marxist ist, sondern auf Proudhon fußt, erfährt sie auch nichts von Möglichkeiten, die finanziellen Probleme durch Radikalmaßnahmen gegen die Kapitalisten tatsächlich zu lösen. Sie wird mit Wahlschwindel gefüttert – und auf die Arbeiterhilfe für das hungernde deutsche Volk vertröstet. Als Ausdruck internationaler proletarischer Solidarität ist diese Arbeiterhilfe gewiß wunderschön, – aber für das deutsche Proletariat selbst und für seine revolutionären Aufgaben bedenklich genug. Mögen wenigstens die Kinder, die statt durch den Kampf ihrer Väter durch die Almosen gerettet werden, die ja doch Ausdruck prachtvoller Weltgemeinschaft der ausgebeuteten Menschheit sind, – mögen sie wenigstens dereinst wett machen was heute durch Stumpfheit der Massen und Verrat der Führer an der deutschen Revolution gesündigt wird. An der gegenwärtigen Generation scheint man ja wirklich verzweifeln zu müssen.

 

* die 4 Kommunisten unterstützten den Antrag.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 25. Dezember 1923

Das Weihnachtsfest ist in der Hauptsache vorüber. Mir brachte es neben manchen lieben Aufmerksamkeiten (Elsbeth Rupertus und ihre Freundin, Leo v. König, Valtin Hartig etc) vor allem Zenzls Besuch, wobei natürlich auch ein reicher materieller Segen abfiel. Mit ihr kam die Braut meines Schwagers Albert, ein harmloses, unschönes, sicherlich sehr gutherziges Bauernmädel, die nun als Helferin Zenzl nach Berlin begleitet. Zenzl selbst hält sich wunderbar jung. Sie ist mit ihren fast 40 Jahren immer noch eine sehr schöne Frau, und ich verliebe mich bei jedem Wiedersehn von neuem in sie. Mein Gott, wann wird dieses treue Warten endlich belohnt werden? Sie selbst ist merkwürdigerweise auch jetzt noch in der Russensache optimistisch. Ich glaube an diese Austauschgeschichte längst nicht mehr. Von dem was sie sonst erzählte, interessierte mich natürlich am meisten das allgemeine Stimmungsbild draußen, das leider nicht übertrieben hoffnungsvoll aussieht. Dumpfe Verzweiflung, allgemeine Gelähmtheit, garkein Kampfgeist. Die Männer haben den Krieg noch nicht verwunden. Sie sind da um jede Individualität gebracht worden, haben jede Initiative verloren und ertragen scheinbar den Hunger, das Elend und den Übermut der Ausbeuter und wieder an die Oberfläche gelangten Reaktionäre so stumpf, wie sie 4 Jahre hindurch das Leben in Tod und Dreck und die Frechheit betreßter Schikaneure ertragen haben. – Für uns persönlich bedeutet der Umzug Zenzls natürlich viel. München, wo ich bestimmt dachte, meine Tage zu beschließen, ist Vergangenheit, unser neues Heim ist in Charlottenburg Am Lützow 10. Dort wird bei Zenzl wieder Weigel wohnen, ferner auch Willy Münzenberg, der Führer der Kommunistischen Jugend und der Organisator der Hungerhilfe. Ich bin, wie Zenzl berichtet, inzwischen Mitglied des Wjatkaer Sowjets geworden, und die Wjatkaer Kinder, die mich Onkel Erich nennen, haben mir rührende Liebesgrüße sagen lassen. Ich wollte, ich könnte einmal alle die Liebe vergelten, die mir zuteil wird. Den Pfeifentabak, den mir Zenzl brachte, hat ein Wjatkaer Arbeiter für mich gestiftet. Nun, wenn ich die Gelegenheit noch einmal bekommen sollte zu wirken, wie es die Revolution verlangt, so will ich’s in dem Geiste tun, der mich mit Freude und Ergriffenheit über alle Anhänglichkeit dankbar erfüllt, das heißt im Geiste getreuer Pflichtleistung, unbekümmert darum, ob die, die sich meinen Dank jetzt erwerben, mich in allem verstehn oder enttäuscht werden. – Hier im Hause verläuft das Weihnachtsfest still und begeisterungslos. Im allgemeinen treffen Gaben viel spärlicher ein als in den Vorjahren. Z. B. hat die Frauenhilfe noch nichts geschickt, obwohl sie öffentliche Sammlungen für die politischen Gefangenen veranstaltet hat. Es scheint, als ob die Schutzhäftlinge, da ihre Verhaftung in aller Erinnerung ist und sie zum ersten Mal Weihnachten daheim und in den Betrieben fehlen, bei vielen Leuten die Erinnerung an uns ganz ausgelöscht haben. Die Verwaltung tut auch wenig, uns festtäglich zu stimmen. Zum Mittag gab es heute zwar einen zähen Rindsbraten, aber dazu „Dotschen“ (Kohlrüben), das Universalnahrungsmittel von 1917. Wir haben das hölzerne Zeug samt und sonders zurückgewiesen. Nach den Vorschriften sollen wir „bürgerliche Kost“ erhalten. Ich glaube nicht, daß am 1. Weihnachtstage in irgend einem bürgerlichen deutschen Hause Dotschen auf den Tisch kommen. Ich glaube auch nicht, daß heute außer in Niederschönenfeld in irgendeinem Gefängnis der Welt Dotschen als Festtagsessen aufgetischt worden sind. Unter den Weihnachtsbüchern, die mir zugedacht waren, befand sich Nexös neues Buch „Dem jungen Morgen zu“, die Beschreibung seiner Rußlandreise. Sein Verleger Wöhrle-Konstanz schickte es mir. „Agitatorisch“. Ich konnte es gleich Zenzl mitgeben. Das fünfte Weihnachten – und von Jahr zu Jahr gesteigerte Qualen, verminderte Freuden! Ich feiere das Fest mit meinen nächsten Freunden, und der Galgenhumor, verbunden mit den Paketspenden – von der Resl und von Hartig erhielt ich je einen Spickaal, meine höchste kulinarische Leidenschaft – hilft uns über das Übel hinweg. Aber wenn sonst nichts, so zeigen die häufigen Reminiszenzen an unsern toten Freund August, der vor einem Jahr noch dabei war, wie jedem in Wahrheit zu Mut ist. Sollen wir wirklich glauben, daß dem 5ten noch ein 6tes und für mich womöglich noch volle 10 Weihnachtsfeiern unter solchen Umständen folgen werden? Als Zenzl mich gestern zum Abschied so warm und gut küßte, da hatte ich doch das starke Gefühl, daß unsre Trennung nun dem Ende entgegengeht, und daß der Haß und die Ranküne, die nun jahrelang meine ganze Lebensführung regeln und hemmen, binnen kurzem der besten Liebe Platz machen werden müssen, die mir in Kampf und Muße zur Seite treten wird.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 27. Dezember 1923

Am zweiten Weihnachtsfeiertage, gestern, ergoß sich überraschenderweise noch ein ganz außerordentlicher Paketsegen über uns: von der Frauenhilfe, vom Vater Thierauf, von Valtin Hartig trafen Rauch- und Eßwaren in Fülle ein, sodaß noch jeder zufrieden aussah und eine ganz hübsche Stimmung aufkam. Für mich persönlich kam auch noch einiges, (Vegesack! ) und heute folgten auch noch ein paar Päckchen, – Zigarren von Gumbel und Tabak von Kronsteins aus Karlsruhe. – In den Zeitungen ist nicht viel Veränderndes zu lesen, sodaß ich mich wieder ohne langen Verzug den Dank- und Neujahrsbriefen widmen kann, (die eben begonnene Komödie – deren endgiltiger Titel wohl „Die Krise“ bleiben wird – muß halt liegen bleiben bis der Trubel hinter uns liegt). Eine sozialistische Zeitschrift bringt eine Korrespondenz über die Wjatkaer Arbeiter und ihre wundervollen Solidaritätsakte für die deutschen politischen Gefangenen. Daraus erfahre ich zugleich, daß die Arbeiter einer Schuhfabrik dort für Max Hölz und mich je ein Paar große Kanonenstiefel gemacht haben, mit denen wir in die Freiheit marschieren sollen. Wie solche Liebeszeichen das Herz wärmen! – Zum Hitlerputsch erfährt man weiteres aus einer Erklärung Ludendorffs, durch die General v. Lossow bis zur völligen – auch menschlichen – Unmöglichkeit kompromittiert wird. Der Mann hat alles getan, um Hitler und die Verschworenen davon zu überzeugen, daß er mit seiner Reichswehrdivision – und zwar im Einverständnis mit Kahr und Seißer – fest entschlossen sei, gegen Berlin zu marschieren. Lossows eigne Worte Ludendorff gegenüber waren: man müsse in München ein „Angora“ errichten. Interessant ist, daß grade auch berichtet wird, der Reventlowsche „Reichswart“, in dem Ludendorffs Darstellung erschienen ist, sei von Herrn v. Seekt wegen Beleidigung der Reichswehr für 3 Wochen verboten, die eben in den Angriffen gegen Lossow gefunden wird. Während also der General ganz offen rebelliert, hält sein Vorgesetzter immer noch die schützende Hand über ihn, – wird doch sogar er und die frondierende Truppe immer noch aus Reichsmitteln besoldet! Aber das gehört zum Kapitel: deutsche Charakterpolitik überhaupt. Wohin man blickt – links, rechts und in der Mitte ein hohles Phrasentum, und nirgends auch nur die Fähigkeit, mit Phrasen und Vokabeln Feuer in den Gemütern zu machen. Vollkommene Talentlosigkeit und Stillosigkeit im Tun und im Ausdruck. Eben ist Maurice Barrès gestorben: unsre Pressköpfe orientieren die Deutschen über ihn als einen reaktionären politisierenden Literaten – und somit als eine einigermaßen paradoxe Erscheinung. Das sehn sie nicht ein, daß es ein Zeichen für die Zivilisation Frankreichs ist, daß dort die geistigen Führer nicht Spezialisten des Sprachstils sein sondern Wirkung ausüben wollen, und daß ebenso die politischen Wortführer dort den Ehrgeiz haben, ihre Ansichten in einer Fassung kundzutun, die ihnen dauernde Geltung verschafft. Daher ist in Frankreich auch die Literatur ein Gegenstand der Öffentlichkeit und nicht wie bei uns eine Liebhaberei für esoterische Zirkel, und die Politik ist dort Angelegenheit der Geistigen ebenso wie der Handwerker – und infolgedessen beides auf einem Niveau, von dem man in Deutschland nichts weiß. Barrès’ ungeheurer Einfluß auf die Politik ist die Folge seines Rieseneinflusses auf die Literatur – und umgekehrt. Und so wie es bei diesem übernationalistischen Reaktionär ist, ist es auch bei dem revolutionären Dichter Anatole France. Was hat Deutschland solchen Repräsentanten entgegenzustellen? Du große Güte!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 29. Dezember 1923

Als ob der Zufall anstelle der Duplizität der Fälle auch mal eine Karikatur im Wechsel der Ereignisse aufzeigen und damit meine letzten Bemerkungen von vorgestern illustrieren wollte, läßt er eben eine der wenigen deutschen Persönlichkeiten sterben, die bei uns versuchten, Politik und Kultur gleichzeitig zu repräsentieren. Der grade aus der Schutzhaft entlassene Redakteur des Völkischen Beobachters, Dietrich Eckardt, ist in Berchtesgaden gestorben. Ich habe ihn persönlich kaum gekannt, hörte aber durch Hardekopf, der mit ihm verkehrte, schon vor langen Jahren näheres über ihn. Damals hatte ihn nur der literarische Ehrgeiz, den Politiker hatte er noch nicht in sich entdeckt. Aber was ist schließlich von seinen Werken auch nur über den engsten Kreis hinausgedrungen? Seine Peer Gynt-Bearbeitung, also ein Mühen im fremden Geschirr, und wenn auch hier Eckardts Eigenwille stärker zum Ausdruck kommt, als das bei Bearbeitungen gewöhnlich der Fall ist, so ist grade das der größte Fehler seiner Arbeit; denn Ibsen hat es weitaus besser gedichtet als Eckardt es umgedichtet hat. Nach dem Kriege war Eckardt dann plötzlich als völkischer Politiker bemerkbar. Schon unter Eisner kamen vorsichtig gefaßte Flugblätter von ihm zu meiner Kenntnis, die uns Juden durch die Blume allesamt der Begünstigung der Finanz bezichtigte[n]. Nachher gab er die widerliche Köpfesammlung „Auf gut Deutsch“ heraus, in der wir bekannteren Revolutionäre – zum Teil recht gut karrikiert – waren und zu jedem Kopf gab ein Zweizeiler von Dietrich Eckardt einen – in der Regel strohdummen – Kommentar. Das Widerliche an der Publikation lag darin, daß auch unsre ermordeten Genossen – Liebknecht, Rosa Luxemburg, Landauer, Eisner, Haase u. s. w. beschimpfend glossiert waren, und daß mit größter Offenheit alle übrigen als Freiwild für weitere Morde gekennzeichnet waren. Mehrere von ihnen sind ja inzwischen auch noch gefallen: Erzberger und Rathenau, und daß Harden noch lebt, ist nicht die Schuld dieses Eckardtschen Mordbuchs, das zum Schluß eine lange Namensaufzählung von Stigmatisierten zusammenstellte. In der Hitlerbewegung fand Eckardt endlich Beschäftigung als Redakteur des offiziellen Hakenkreuzblattes, in dem er eine öde Denunziationshetze gegen Juden und Republikaner betrieb. Als ihn der Staatsgerichtshof prozessieren wollte, machte er den unbeugsamen Helden, den man nur holen sollte, wenn man Schneid hätte, und obwohl das genügt hätte, um ihm seine Ruhe zu lassen vor allen, die in Deutschland die Republik schützen, ließ ihn sein Heldenmut doch so im Stich, daß er sich auch noch hinter ein ärztliches Gutachten verkroch, das ihm denn auch, da er ja gewiß kein Freund des Proletariats war, die völlige Sicherheit seiner beleibten Person verbürgte. Im Fuchs-Machhaus-Prozeß wurde erzählt, daß Eckardt, der professionale Mordanreger, von den „vaterländischen“ Konkurrenten des gegnerischen Flügels selber schon zum „Umlegen“ vorgemerkt war, und nun ist er ganz solide und sein Leben ohne jede Prozeßbehelligung abschließend an seiner Arterienverkalkung verendet. Die bayerische Sicherheitsbehörde hat Glück, daß der Tod nicht noch in Landsberg eintrat. Das hätte mehr Lärm gegeben als die Umstände, die Hagemeisters Tod veranlaßt haben. Ich bin aber überzeugt, daß die Gesinnungsfreunde des Toten trotzdem die Kahrioten des Mordes an Dietrich Eckardt bezichtigen werden, und mich interessiert dieser Fall im Augenblick grade aus sehr persönlichen Gründen. Ich habe nämlich schon wieder sehr peinliche Beschwerden, die mich zwar noch nicht ängstigen, mir aber die haarsträubende Situation, in der wir uns in Hinsicht auf unser sanitäres Ergehn befinden, krass vergegenwärtigt. Ich habe seit mehreren Tagen Schmerzen beim Schlucken. Vorerst nehme ich an, daß ich nur die Speiseröhre geritzt habe; es könnte doch aber auch der Beginn einer Bronchitis sein, – und meine Lungen sind bestimmt nicht mehr sehr taktfest. Was dann? Überwinde ich meinen Abscheu dagegen, den Dr. Steindl zu Rate zu ziehn, so weiß ich aus den Erfahrungen vieler Genossen, daß zunächst seiner Diagnose kaum irgendein Wert beizumessen ist, findet er aber wirklich etwas Ernsthaftes, so droht mir das gleiche Schicksal wie August H. –, ich käme hinunter in die Einzelhaft, dürfte keinen Freund um mich sehn, und die Behandlung wäre eine Qual, die – wenn schon die Krankheit selbst nicht tötlich wäre –, durch sich selbst den Tod herbeiführen müßte, – wie es ja beim August buchstäblich gewesen ist. Liebliche Aussichten, die jede Kleinigkeit zur Tatsache machen kann. Ich gehe natürlich gegen die Störung an. Auf eine ärztliche Einwirkung auf ihren Verlauf lasse ich es, solange dieser Arzt und dieser Vorstand mein Schicksal sind, unter keinen Umständen ankommen. – Vielleicht bin ich doch binnen Kurzem draußen. Die Bayerische Volkspartei berät eben über die Umstellung ihrer Politik – und es scheint, als werde dabei von rechts wie von links die Kahrpolitik Stöße bekommen, die sie schnell ins Grab stoßen könnten. Man hat allmählich in der ganzen „vaterländischen“ Suppe ein Haar gefunden, selbst der Bund „Bayern und Reich“, der aus den Tiefen der bayerischen Volkspartei selbst entstanden ist, macht Schwierigkeiten und bekundet viel mehr Sympathie für Hitler und die putschenden Protestanten als für die katholische Mutterorganisation. Dazu kommen noch allerlei außenpolitische Unannehmlichkeiten. Die Entwicklung der Dinge in der Pfalz werden wohl manchen Parteiführern die Augen geöffnet haben, wohin die Kahrsche und Knillingsche Justament-Auftrumpferei führt und daß die „Verräterei“ „des“ Johannes Hoffmann jedenfalls von sichereren Instinkten eingegeben war als das Markieren einer bayerischen Hoheit in der Pfalz, die de facto längst nicht mehr bestand, und durch das den Separatisten erst die Möglichkeit zu der Machtentfaltung geschaffen wurde, die heute die Pfalz als schon vom Reich losgelöst erkennen läßt. Dann liest man davon, daß der englische Geschäftsträger bei der Münchner Regierung gegen die Kahrschen Judenausweisungen protestiert hat, nachdem vorher schon die Polen Repressalien gegen die dortigen Bayern ergriffen haben. Endlich die hoffnungslosen Figuren, die die Herren Kahr, Lossow und Seißer machen, nachdem ihnen die Brüder von gestern die Hülle heruntergerissen haben – und die Verweigerung der Ermächtigung an die Knillinge sogar durch dieses erbärmlichste Parlament der Welt. Hierzu auch noch der Ruf, den die bayerische Justiz durch ihre „Volksgerichte“ und durch ihre Strafvollstreckung gegen politische Gefangene sich zugezogen hat, – dieses alles könnte doch wohl auch den bajuwarischen Klerikalen den Gedanken nahelegen, nachzuprüfen, ob nicht am Ende hier oder da eine etwas weisheitsvollere Politik getrieben werden könnte. Eben wird von der Reichsjustizverwaltung (Emminger!) angeregt*, aus Ersparnisgründen, da die Strafrechtspflege nicht mehr zu bezahlen ist – sie war ja schon immer unbezahlbar! – minder gemeingefährliche Delinquenten aus den Gefängnissen freizulassen. Diese Erwägung, verbunden mit der Peinlichkeit, Ludendorff als Angeklagten vor Gericht stellen zu sollen und ihn dort Kahr vor aller Welt als den Schuldigen und Wortbrecher entlarven zu lassen, mag die Frage, ob man die Räterepublikaner auch nach 5 Jahren noch weiterhunzen muß, doch am Ende manchem bayerischen Staatsbetreuer nahelegen. Wenn nicht, dann dürfen sich die Herren auf eine neue Eingaben-Offensive von mir gefaßt machen, wobei speziell die Massenbegnadigungen der Deutschen in Frankreich in Parallele gestellt werden sollen zu der beharrlichen Verweigerung der bayerischen Christen, von ihrer Rache ein Gran nachzulassen. Ich will dieser Rache wenigstens kein Inkognito gestatten.

 

* Falsch. Die Anregung stammt aus dem preußischen Finanzministerium!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 2. Januar 1924.

Also das letzte Kalenderjahr in den Klauen der bayerischen Nemesis hat begonnen. Daß es das letzte ist, ist aus einer sehr großen Fülle von Anzeichen tatsächlicher und psychologischer Art zu schließen. Ich will noch garnicht mal die sehr große Möglichkeit in Betracht ziehn, daß die ungeheuerlichen politischen Zustände, mit denen das Jahr sich einführt, nun gleich die proletarische Revolution zur Konsequenz werden haben müssen. Solche Entwicklungen dauern mitunter viel länger als der Zeitgenosse es vorher für möglich hält. Allerdings sind die Voraussetzungen objektiv alle gegeben, die den radikalen Umsturz der ganzen Herrlichkeit unvermeidlich machen. Ich möchte aber nicht in den alten marxistischen Fehler verfallen, über diese objektive Unvermeidlichkeit die subjektiven Momente zu vergessen und zu verkennen, die für Zeitpunkt und Methode der Umsturzbewegung maßgebend sind. Die Situation in Deutschland ist momentan etwa diese: Das Schwerkapital hat durch die Inszenierung der Ruhrkatastrophe die Inflations-Ausplünderung des gesamten arbeitenden Volks bis zu einem so vollkommenen Maße durchgeführt, daß es nun die Politik völlig despotisch und ohne jede demokratische Schminke selbständig betreibt. Die Regierungsinstanzen – Reichstag etc – dienen ihm willig noch als Kulisse für seine hemmungslose Willkür. Äußerlich tritt dieses Verhältnis darin in die Erscheinung, daß die „demokratische Republik“ die Exekutive völlig in die Hände des Militärs gelegt hat – Seeckt herrscht unter dem militärischen Belagerungszustand (den die Weimarer Verfassung übrigens garnicht vorsieht) absolut, – natürlich unter der Kontrolle des Großkapitals, und wie er herrscht, beweisen die unglaublichen Brutalitäten, womit in Sachsen und Thüringen alle Arbeiter-Institutionen ruiniert werden, die Beamten von Offizieren Seekts ab- und eingesetzt werden, und die Massen hanebüchen geschuhriegelt werden, während zugleich in Bayern offener Hochverrat gegen die Reichsverfassung von der höchsten Spitze ausgeübt werden kann und der eigne Untergeneral Seekts in Rebellion gegen ihn steht, ohne daß das Geringste dagegen unternommen würde. Man verzichtet schon fast auch auf die Erfindung von Vorwänden für die Manipulationen der Reichswehr in Mitteldeutschland, und begründet die anscheinend jetzt bevorstehende Einsetzung eines Reichskommissars in Thüringen damit, daß die Regierung dort nicht imstande sei, ihre Finanzen in Ordnung zu halten. Natürlich ist der einzige Grund, dort und in Sachsen, Generale und konservative Landräte kommandieren zu lassen der, daß dort sozialdemokratische Regierungen bestehn, die unter dem Druck der Massen nicht ganz so offen konterrevolutionär arbeiten können wie es ihre rechten Parteigenossen seit 5 Jahren in der Reichsregierung noch immer getan haben. Daß das Kapital die politische Macht bis zu diesem Ausmaß in die Hand bekommen konnte, wird aus der Entwicklung der Wirtschaft ganz deutlich. Nach dem Abbruch der nationalistischen Gewinnpolitik an der Ruhr war die Inflationsbesteuerung des Volks nicht mehr in den früheren Formen durchzuführen, und da gelang es der verbündeten Landwirtschaft, Industrie und Börse das Münzrecht zu entmonopolisieren und in ihre Privathand zu überführen. Mit der Errichtung der Rentenbank hat der Staat aufgehört, gegenüber dem Großkapital noch eigne Rechte zu vertreten. Er hat nur noch seine Liquidation in bestimmten Etappen zu vollziehn, um der Privatwirtschaft allmählich seine sämtlichen Hoheitsrechte abzutreten (deren nächstes Ziel die Konfiskation der Verkehrsbetriebe, Post und Eisenbahn, ist). Gleichzeitig mit der Absetzung des Staats hat das Kapital seine Herrschaft natürlich erst recht über das in staatsabergläubischen Vorstellungen lebende Proletariat ungeheuer erweitern können. Das neue Jahr kennt tatsächlich keinen gesetzlichen 8Stundentag mehr. Während ein ungeheures Arbeitslosenheer tagtäglich mehr anschwillt, während die Entlohnung der Arbeit immer tiefer unter das Existenzminimum sinkt, zwingt das Unternehmertum die Arbeiter, die noch nicht ausgestellt sind, zu entsetzlich über das Maß ihrer Kräfte gehender Zeitvermehrung im Frohn, und die Unternehmerorganisationen künden ohne Scheu schon ihre weiteren Ziele an, die besonders ausgeprägt in einer Entschließung in Erscheinung treten, die eine bayerische Versammlung von Vertretern der verschiedensten Unternehmergruppen einstimmig gefaßt hat. In dieser – von Kuhlo, dem Handelsminister Mainl, Maffei und zahlreichen prominenten Kapitalisten und Verwaltungsführern unterzeichneten Kundgebung verlangt man u. a. den Abbau des Betriebsrätegesetzes, die Wiedereinführung der Akkordarbeit, die Kündigung aller entgegenstehenden Tarifverträge ohne Frist, – und bei sich ergebendem Widerstand die Hilfe der staatlichen Machtmittel: also das Recht der Ausbeuter, die Arbeiter beim kleinsten Verweigern des Hungerdiktats von Militär und Polizei zusammenschießen zu lassen. Um jede Schwierigkeit bei der Durchführung aller dieser überaus zielklaren Absichten, soweit sie sich aus der äußerlichen Respektierung demokratischer Formen ergeben könnten, zu vermeiden, mußten die Regierungen ihre Parlamente heimschicken, die dann ja auch im Reich und in den Ländern, außer in Bayern – mit Hilfe der Sozialdemokraten die Ermächtigung erhielten, diktatorisch alle vom Kapital ihnen befohlenen Maßnahmen als gesetzliche Verpflichtungen an die „Untertanen“ zu vermitteln, denen zugleich Opposition und Kritik verboten und mit militärischen Mitteln unterbunden wird. Daß dieser Zustand zur Dauereinrichtung werden kann, ist nicht gut möglich. Aber es wäre verstiegen, die Revolution dagegen als „naturnotwendig“ für heute oder morgen erwarten zu wollen. Niemand kann beurteilen, wie weit die Verzweiflung der Massen bereits in Apathie übergegangen sein mag und wann und wodurch die Apathie eines Tages in Raserei umschlagen wird. Niemand kann auch sicher voraussehn, welche Förderungen bzw. Hindernisse die Kapitalisten beim Ausland finden werden. Bis jetzt zeigt Frankreich den Anbiederungen und Verständigungsversuchen der von den Stinnes-Interessen bewegten offiziellen Reichspolitik die kalte Achsel, wogegen die entgegengesetzten Interessen der Rechberg-Leute, die den Profit mit der Unterordnung der deutschen Koks- unter die französische Erzförderung retten wollen, neuerdings bei Poincaré starke Sympathie zu finden scheinen. Diese Fragen sind noch so wenig endgiltig entschieden wie die, die das Verhältnis der – von Louis Hagens Spekulationen gezeugten Rheinischen Goldnotenbank zur Rentenbank betreffen. Nur ist soviel deutlich, daß das Land, das nun offiziell seine eigne Währung hat, doch unmöglich mehr dem deutschen Reichsverband zugehörig ist. Auch rein politische Ungeklärtheiten ergeben sich aus der außenpolitischen Situation. Die Wiederaufnahme der Militärkontrollen wird von Stresemann so beharrlich verweigert wie von der Entente gefordert. Die französisch-tschechische Bündnisverständigung, die eben abgeschlossen ist, wird ferner sehr erhebliche Einwirkungen bei uns mit sich bringen. Und nun endlich die große bayerische Frage! Die bayerische Volkspartei geht jetzt aufs Ganze. Sie will offenbar ihre durch die Ereignisse des vorigen Jahres stark kompromittierte Position endgiltig festigen. So hat die bayerische Regierung jetzt dem Reich eine detaillierte Vorlage zur Abänderung der Weimarer Verfassung in föderalistischer Richtung vorgelegt, während die bayerische Innenpolitik selbst durch Plebiszite auf ein neues Gleis geschoben werden soll. Die Parteikonferenz, die dieser Tage beisammen war, beschloß, durch Volksbegehren den Landtag sofort auflösen zu lassen (dann kann man ihn unter dem Ausnahmezustand neu wählen lassen). Gleichzeitig soll die Volksabstimmung darüber entscheiden, ob der neue Landtag die Verfassung von 1919 mit einfacher Mehrheit abändern darf, und so soll dann der Staatspräsident und eine zweite parlamentarische Kammer geschaffen werden, und die Bayerische Volkspartei hätte die Eingänge zur Wiederkehr der Wittelsbacher freigemacht. Kürzlich hat Frölich im Reichstag behauptet, der Vertrauensmann Rupprechts und Kahrs, Graf Soden, habe in Paris neue Separationsverhandlungen für Bayern geführt und sich um die Zustimmung Frankreichs zur Wiederaufrichtung der Monarchie bemüht. Ferner seien auch Verhandlungen mit Polen in dieser Richtung geführt worden, und liest man aufmerksam das partikularistische Wittelsbacher-Organ, den Miesbacher Anzeiger, so entsteht der Eindruck, als fühle man sich seiner Sache schon recht sicher. Vor einigen Tagen stand ein Leitartikel in dem Blatt, worin ein sehr versöhnlicher Ton gegen alle eingeschlagen war, die im Laufe der Jahre gegen die unmöglichen Zustände angerannt sind. Dann hieß es, die einzige Rettung liege in der Zurückführung des Königs, und das erste müsse sein: Versöhnung und Gnade nach rechts und nach links „von Niederschönenfeld bis Landsberg“, und erst wer sich später wieder gegen die neue königliche Gewalt auflehnt, der müsse erbarmungslos gepackt werden. Daß dieser Artikel bei uns hier die größte Sensation gemacht hat, versteht sich. Es ist das erste Mal, daß für uns in Bayern ein Fürsprecher auftritt. Das ist als Symptom nicht wichtig genug zu werten. Der Hitler-Prozeß steht bevor. Hitler und Ludendorff werden hoffentlich den Schneid aufbringen, den wir Räterepublikaner, denen Ernsteres drohte als ihnen, vor Gericht gezeigt haben. Dann werden die Herren v. Kahr, v. Lossow und v. Seisser womöglich noch trüber dastehn als in meinem Prozeß die Minister Segitz und Steiner. Ein paar Anstandswochen wird man die Herren dann wohl in der Festung lassen, um in dem Augenblick, wo der neue Landtag seine Tätigkeit beginnt, die Gnadensonne nach allen Seiten leuchten zu lassen. Ich habe keinen Zweifel mehr, daß das letzte Jahr, – ja, daß das letzte Semester im Kerker da ist. Mein Charlottenburger Heim wird nicht lange die Witwenklause meiner Zenzl bleiben. Im Frühjahr werden wir zum zweiten Mal Hochzeit halten.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 3. Januar 1924.

Allmählich renkt sich das Leben nach der Unrast der Feiertage wieder ein. Ich erhielt Pakete und Aufmerksamkeiten von allen möglichen Seiten, – so gestern noch eine Wollweste von Frau Hede Wahl, – und C. G. v. Maaßen, immer noch der treue Freund von ehedem, sandte Tiecks „Straußfedern“ in der von ihm veranstalteten prachtvollen Müllerschen Ausgabe der „Neuen Serapionsbrüder“. Ich hoffe, nun bald an meiner Komödie weiterarbeiten zu können, und in dem Jahr mehr zustande zu bringen als im vorigen. Da ich bestimmt mit dem Ende der Haft noch in diesem Quartal, spätestens im nächsten, rechne, werden wohl auch die Bedingungen zu systematischer Arbeit auch bald günstigere sein als hier drinnen. Mit dem Abbau beginne ich in diesen Tagen. Denn die Verwaltung verlangt wieder mal, daß wir „Überflüssiges“ heimschicken sollen. Der Grund für diese Verkündung war eigenartig. Tollers Mutter hatte den Sohn gefragt, wie es komme, daß seine Wäsche immer in so schmutzigem Zustand daheim eintreffe. Toller antwortete ihr, er habe in seiner kleinen Zelle sehr viel Sachen untergebracht, sodaß sich leicht Staub ansammle. Deshalb wurde er zum Vorstand zitiert und ihm befohlen, schleunigst alles Entbehrliche heimzuschicken, da das nach seiner eignen Erklärung aus hygienischen Gründen erforderlich sei. Und dann kam für uns alle die Verlesung einer entsprechenden Verfügung, die sich ausdrücklich auf den „Fall Toller“ berief. Man merkte allgemein die Absicht, und so blieb die Verstimmung aus. Ich will nun, sobald ich weiß, wie die Kostenfrage gelöst wird, eine größere Kiste mit Sachen an Zenzl voraussenden, um bei plötzlichen Wendungen Verlegenheiten enthoben zu sein. – Über die politische Situation gehe ich heute hinweg, weil ich eine Reihe von Korrespondenzen erledigen möchte. Aber die Münchner Neuesten Nachrichten brachten gestern zugleich zwei Todesnachrichten, die mich interessierten. Die erste betraf den Literaturprofessor Emil Sulger-Gebing von der technischen Hochschule, mit dem ich gemeinsam im literarischen Ausschuß des Neuen Vereins arbeitete. Ich beurteilte ihn als einen philologisch außerordentlich geschulten, dabei aber durchaus engen Geist, dem die typisch deutsche Gelehrtenpedanterie seine Grenzen steckte. Persönlich gab er sich stets liebenswürdig und wir hatten nie Konflikte miteinander, obwohl wir in jenem Gremium selbstverständlich fast immer diametral entgegengesetzte Ansichten vertraten. – Die andre Todesanzeige galt Max Langheinrich, der mir ja viel näher bekannt war. Diese Bekanntschaft datierte noch aus der Zeit der 11 Scharfrichter, und da Wedekind von damals her mit dem Architekten enger befreundet war, stand auch ich lange Jahre ganz gut mit ihm. Im Kriege wurde aus ihm einer der plötzlichen Schwerreichen, und in seinem Kropfmühler Graphitwerk häufte er Millionen. In unsrer Beziehung trat die Änderung erst während der Revolution ein. Nachdem er mir noch bei Beginn des Umschwungs ein größeres Kapital zur Begründung einer Zeitung angeboten hatte, das ich ausschlug, weil er sich ein Vetorecht vorbehalten wollte bei der Aufnahme von Artikeln, schlug dann sein Verhalten völlig um, als er merkte, daß ich es mit den Sozialisierungsideen ernst meinte und durchaus fand, daß auch das Kropfmühler Werk der Privatexploitation zu entziehn sei. Dann kamen recht üble Intriguen, zum Schluß die briefliche Aufkündigung der persönlichen Beziehungen, wobei er mich siezte und mir Gott weiß was für Schoflichkeiten vorwarf. Dieser Brief wurde dann vom Standgericht vorgezerrt, und Langheinrich als Zeuge geladen, um meine Beziehungen zum Lumpenproletariat feststellen zu helfen, da sein Hauptvorwurf darin bestanden hatte, daß ich einem schwangeren jungen Mädchen Unterkunft gegeben und sie auch dann nicht in ihrem Zustand an die Luft gesetzt hatte, als sie irgendwo lange Finger gemacht hatte. Dadurch, daß ich gegen die Hineinziehung dieses Schmarrens sofort protestierte, die ich als Manöver des Staatsanwalts bezeichnete, um mich coûte que coûte ins Zuchthaus zu bringen, unterblieb die Vernehmung Langheinrichs, und so blieb das übelste Wort dieser zerbrochenen Freundschaft zum Glück ungesprochen. Wie mir Zenzl bei einem Besuch erzählte, litt er zuletzt an einem Kehlkopfleiden, und so mußte er bei allem Prunk, den er um sich geschaffen hatte, ziemlich elend sterben. Ich hätte ihm gewünscht, er hätte den Zusammenbruch der kapitalistischen Herrlichkeit noch mit erleben dürfen, an die der arbeitsame Mensch von ehedem im Glück sein ganzes Herz verloren hatte. Für sein inneres Glück wäre es gewiß von größtem Segen geworden, wenn die zurückgekehrte Armut ihn den Ekel vor dem Protzentum der Neureichen gelehrt hätte, für die er selbst leider fast zum Typus geworden war. Jedenfalls habe ich nicht das Gefühl, daß der tiefe Groll gegen mich, den er wahrscheinlich bis ganz zuletzt in sich genährt hat, mir zur Schande gereicht. Wäre ich bestechlich gewesen, so wäre er mir erspart geblieben, und wo ich argen Verdruß erfuhr, wäre mir vielleicht reicher Nutzen beschieden gewesen. – Dennoch: als der alte Architekt der 11 Scharfrichter und als der Freund Frank Wedekinds, selbst auch als ein Original in seiner robusten Art, Leben und Kultur anzufassen, soll Max Langheinrich vor meiner Kritik auch seine Pluszeichen auf dem Gedenkstein bekommen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 5. Januar 1923[1924]

Unter den Genossen bestehn Meinungsverschiedenheiten darüber, ob und wie wir den Todestag Hagemeisters begehn sollen. Ich persönlich vertrete – diesmal im Gegensatz zu meinen Freunden – den Standpunkt, daß alle Bedenken wegen der Konsequenzen zurückgestellt und in irgendeiner Form demonstrativ unsre Gesinnung bekundet werden sollte. Meine engeren Genossen betonen die allerdings kaum vermeidlichen Repressalien für mein Gefühl etwas zu stark, sowenig ich auch mit Sauber, Olschewski etc in dem Gefühl übereinstimme, daß man eben deswegen eine Aktion unternehmen müsse, um sozusagen zum Kampf herauszufordern. Ich setzte bei den Erörterungen auseinander, daß hier die verschiedene Auffassung absolut keine Charakterfrage sei, sondern einfach vom verschiedenen Gefühl zu der besonderen Angelegenheit aus zu beurteilen sei. Man könne entweder sagen – und dies sei meine persönliche Stellungnahme –: Ich tue etwas, wozu mich die Pietät und die Idee drängt; eine Frage der Zweckmäßigkeit kommt dabei garnicht in Erwägung. Die Folgen müssen eben getragen werden, wie sie sich einstellen, – oder ich könne sagen, und dies ist der Standpunkt meiner Freunde: Unsre Situation ist so, daß wir der Willkür machtlos ausgesetzt sind. Die Wahrscheinlichkeit, daß schwere Repressalien ergriffen werden, ist sehr groß. Die davon Betroffenen werden wochen- wenn nicht monatelang abgesondert, müssen an der Gesundheit Schaden nehmen, erfahren nicht was in der Welt vorgeht und nach außen hin findet nicht die geringste Wirkung statt, da die revolutionäre Presse und Agitation unterdrückt ist und die Arbeiterschaft ohnehin kein sonderliches Interesse an den Festungsangelegenheiten nimmt. Überdies stehn in einigen Wochen diverse Entlassungen bevor, und daß man Absonderungen sehr gern ausdehnt, bis die Betreffenden aus dem Hause sind, das haben wir wiederholt erfahren. Ich selber finde alle diese Einwendungen sachlich absolut richtig und würdige sie in dem Maße, daß ich sage: läßt man die Erörterung von Zweckmäßigkeitserwägungen überhaupt zu, so muß eingestanden werden: eine Protestaktion ist durchaus unzweckmäßig. Ich persönlich stimme dessenungeachtet und in Bereitschaft, alle Konsequenzen zu tragen, für sie, lehne jedoch alle Einwendungen derer, die in der Sache meiner Meinung sind, ab, wenn sie die Gefahren abstreiten wollen. Mein Vorschlag, dessen Durchführung meiner Stimmung allgemein am meisten entsprochen hätte: nämlich eine schriftliche Protesterklärung dagegen, daß unsre Kundgebungen, Proteste und Forderungen vom vorigen Jahr völlig ignoriert wurden, daß keinerlei Untersuchung stattfand, bei der wir auch nur angehört worden wären, daß weder gegen den Vorstand noch gegen den Arzt Disziplinarverfahren eingeleitet wurden, daß uns der Dr. Steindl auch heute noch zugemutet wird, obwohl unser Verhalten ein ganzes Jahr hindurch beweist, wie tief unser Mißtrauen sitzt, daß der Tod Hagemeisters noch nicht einmal Anlaß gegeben hat, die für jede Gefangenenanstalt ausdrücklich vorgeschriebene Krankenabteilung einzurichten, – eine solche Protesterklärung, die eventuell ähnlich wie im vorigen Jahr durch Einlegung eines Fasttags zu bekräftigen wäre, fand keinen Beifall; Schriftstücke gebe es längst genügend und ein Tag Hungern sei eine Farce. Der Gegenvorschlag – wie im vorigen Jahr eine richtige Feier mit Ansprache, revolutionären Liedern etc. zu veranstalten – fand bei meinen Freunden keine Zustimmung (ich war auch damit einverstanden), und so wird wohl ein Kompromiß in der Form zustande kommen, daß eine Art Trauerfeier veranstaltet wird, deren Programm vor Beanstandungen und Repressalien gefeit ist. Für mein Gefühl eine sehr unbefriedigende Lösung, doch ist bei der künstlich überbrückten Uneinigkeit im Hause wohl keine andre Pietätskundgebung für einen am Kerker gestorbenen Kameraden möglich als eine solche, bei der die Rücksicht auf die Unzufriedenheit derer, denen wir die Schuld an diesem Tode in aller Form offen zugeschoben haben, das Programm bestimmt.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 6. Januar 1923[1924]

Heilige 3 Könige, infolgedessen wir – vermutlich weil der Tag auch noch auf den Sonntag fällt, ein besseres Essen vorgesetzt bekamen als an den vorangegangenen Feiertagen: am 1. Weihnachtstage Rindsbraten mit Dotschen, am 2ten überhaupt kein Fleisch, am Neujahrstage gewöhnliches Sonntags-Mittag; heute dagegen, wie vor der Herabsetzung der Kost jeden Sonntag: Kalbsbraten mit Kartoffelsalat und Rote Rüben, was doch auch notiert werden soll, um die Seltenheit, daß etwas Erfreuliches vorkommt, nicht zu ignorieren, zumal die Feiertagszeit trotz allem Ungeklärten auch dieses Jahr wenig erregende Ereignisse brachte. Allerdings fragt man sich bei jeder Zeitungslektüre, ob nicht unter der Despotie königlicher Generäle und Statthalter vieles nicht gedruckt wird, was vorgeht. Sonst ist es kaum zu fassen, daß die Ungeheuerlichkeiten, mit denen die völlig vom Großkapital dirigierten öffentlichen Instanzen die Arbeiterschaft brutalisieren, auf der Seite der Unterdrückten wirklich überall so ganz stumm hingenommen werden. Der Winter ist furchtbar kalt – 12° unter Null heute, wir hatten aber schon –17° hier. Der Gedanke an die zahllosen Familien, in denen weder warmes Essen auf den Tisch kommt noch die Wohnräume geheizt werden können, wo auch die armseligen Nachtlager nicht mehr so bedeckt sind, daß die armen Kinder im Bett notdürftig geschützt wären, und wo nun bei der krassen und täglich sich steigernden Erwerbslosigkeit auch Vater und Mutter die qualvollen Tage verleben müssen, – dieser Gedanke ist entsetzlich. Aber die Christenheit dieses Deutschlands hindert nicht etwa das Kapital, das Elend fortgesetzt zu steigern, statt für die Arbeitslosen Beschäftigung zu schaffen, denen, die noch schaffen, durch einfaches Diktat den 10- und Mehrstundentag aufzuzwingen und ihnen dabei einen Bettellohn zu zahlen, bei dem noch die letzte Widerstandskraft vom Hunger ausgedörrt werden muß (Beimler berichtet, er verdiene jetzt 20 Goldmark wöchentlich, womit er die Familie ernähren muß; das ist weniger als die Hälfte des üblichen Vorkriegsverdienstes, womit aber nur die Hälfte dessen gekauft werden kann, was man früher damit bezahlen konnte; – dabei darf man noch garnicht an die Millionen denken, die durch Betriebseinschränkungen noch viel knapper gestellt sind oder gar an die, die mit der erbärmlichen Arbeitslosenunterstützung auskommen sollen), – nein, man verhindert auch noch die Solidaritätsaktionen, mit denen dem wüstesten Grauen gesteuert werden soll. Herr v. Kahr erläßt einen Erlaß, durch den die Behörden aufgefordert werden, die Tätigkeit der Internationalen Arbeiterhilfe in Bayern mit allen Mitteln zu verhindern. Das wird damit begründet, daß es sich um eine kommunistische Organisation handle (was garnicht der Fall ist) und die Gefährlichkeit der Einrichtung wird noch dadurch bekräftigt, daß sie mit reichen Mitteln arbeite, sodaß also „befürchtet“ wird, es könne wirklich geholfen werden. Erstaunlich aufrichtig wird aber zur Motivierung auch bemerkt, daß durch die Arbeiterhilfe der Bayerischen „Notgemeinschaft“ Abbruch geschehn könne, wodurch freilich Vergleiche mit den charitativen Almoseneinrichtungen gefördert werden könnten, mit denen man hofft, die Volksausplünderer, indem sie von ihrem Riesenraub einen kümmerlichen Brocken „wohltätig“ in die von der Kirche präsentierte Sammelbüchse fallen lassen, als die wahren Freunde ihrer Opfer vorführen und jede Regung der Wut und Empörung als „Undankbarkeit“ erscheinen lassen zu können. Wären nicht fortwährend die Empfindungen des Erbarmens mit den Opfern all der Schändlichkeiten rege, dann müßte man sich über alle derartigen Aeußerungen des rücksichtlosen Klassenegoismus freuen. Sie werden eines Tages den Druck der Apathie, den sie vorübergehend schaffen können, selber lösen, und dann wird es kein Halten mehr geben; dann wird nachgeholt werden, was vor 5 Jahren dank des himmelschreienden Verrats der Sozialdemokraten versäumt wurde. Die erhalten jetzt erst einmal ihre Quittung von der andern Seite. Wir hatten die Stühle freigemacht, in denen sich die traditionellen Herren des Landes nicht zu halten gewußt hatten. Dann ließ das Proletariat es leider zu, daß die Sozialdemokraten, die doch im Kriege ihr Gesicht hatten erkennen lassen, sich breit in die Sessel der Vertriebenen hineinfläzten, von dort aus die Arbeiterschaft von neuem malträtierten und da ohne Hilfe der gelernten Proletarierknechter deren Unterdrückung nicht möglich war, zu allen Posten und Ämtern, die sie nicht als Pfründen für die eigne Gier besetzen konnten, die Vertreter der Bourgeoisie, des Feudalismus und des Ausbeutertums neu beriefen und bevollmächtigten. Es hat kaum 5 Jahre gedauert, bis die scheinbar Entmachteten sich wieder so stark fühlten, daß sie nach der vollständigen Lähmung und Ausraubung des Proletariats, nun auch die Beseitigung der Gerngrößen ausführen, die sie bisher als ihre Platzhalter geduldet und scheinbar unterstützt haben. Selbst dazu haben unsre vortrefflichen Sozialdemokraten das Schaffot selbst mit aufrichten helfen. Sie halfen mit zur Übertragung der gesamten Macht aufs Militär, sie lieferten die sächsische Regierung, weil dort die Ämter von den monarchistischen Reaktionären gesäubert wurden, den Reichswehroffizieren aus, ließen sie unter Militärmusik davonjagen, gaben ihren eignen Parteigenossen Zeigner, weil er mehr Charakter bewiesen hatte als in ihrer Partei zulässig ist, auf die Denunziation anrüchiger politischer Gegner hin preis, nahmen den Fußtritt hin, mit dem Stresemann sie aus seinem Kabinett stieß und gaben darauf dem Marx-Kabinett – dem gleichen, aus dem sie herausgeflogen waren, nur daß statt Sollmann Herr Jarres, statt Radbruch Herr Emminger darin Polizei und Justiz lenkt, die Ermächtigung, unter Fortbestand des militärischen Ausnahmezustands die Ermordungen, Verhaftungen, Verjagungen und Demütigungen des Proletariats nach Belieben der Generäle fortzusetzen. Jetzt geht die Bourgeoisie natürlich aufs Ganze. In Thüringen wiederholt sich das gleiche Spiel wie in Sachsen, obwohl dort die Sozi so vorsichtig waren, die Kommunisten schon von sich aus aus der „Arbeiterregierung“ hinauszusetzen. Aber das hilft garnichts. Die sämtlichen bürgerlichen Parteien des Landes fordern die Einsetzung eines Reichskommissars, und da man doch scheinbar zuerst Bedenken hatte, den Verfassungsbruch so ganz ohne den Schein eines formalen Rechts zu begehn, so hat man den Vorwand nun gefunden, indem man Amtsverfehlungen von sozialdemokratischen Regierungsbeamten nicht nur, sondern auch von deren höchsten Chefs feststellt, und nun befindet sich denn der sozialdemokratische Innenminister von Thüringen, Hermann, bereits in Untersuchungshaft. Der Reichskommissar wird also wohl schon in Weimar eingetroffen sein, um „Ordnung“ zu schaffen, d. h. zunächst alle Beamtenposten wieder mit Monarchisten und zuverlässigen Reaktionären zu besetzen. Die Empörung der Sozialdemokraten über diese Gewalttaten und darüber, daß man Bayern gegenüber nach wie vor jede Widersetzlichkeit, jeden Hochverrat, jeden Verfassungsbruch nachsieht, ist nur lächerlich. Sie sind schuld an allem Unglück, das über Deutschlands Proletariat seit 5 Jahren gekommen ist, und ich hoffe nur – so gleichgültig mir an und für sich die Zusammensetzung von Parlamenten ist –, daß sie mit ihren läppischen Proklamationen zum „Wahljahr 1924“ gänzlich Schiffbruch leiden mögen. Die Wahlen – in Bayern und im Reich –, soviel ist schon jetzt zu sehn, werden ziemlich bald und zwar unter dem Belagerungszustand erfolgen. Da die Kommunisten ihre außerordentlich günstige Situation, als verbotene Partei und unter den Behinderungen durch Unterdrückungen und Verfolgungen aller Art ihre Abkehr von der blödsinnigen Parlamentsspielerei für jeden revolutionären Arbeiter einleuchtend zu verkünden, jedenfalls garnicht erkennen werden – sie haben sich ja schon in jeder Hinsicht in den allgemeinen Parteiensumpf eingelebt –, so werden sie ganz sicher nur sehr wenig Kandidaten durch die Wahlen bringen. Für die Arbeiterschaft wäre nichts Glücklicheres zu wünschen, als die Tatsache, daß ihnen im demokratischen Parlament jede Vortäuschung der Illusion fehlt, als ob diese Einrichtung nicht unter allen Umständen nur ein Machtinstrument der Bourgeoisie wäre. Je weniger „revolutionäre“ Maulaufreißer in Reichstag und Landtagen sitzen, um so schneller wird der Arbeiterschaft die Erkenntnis aufgehn, daß sie sich nicht auf die Abstimmungs-Gesäße ihrer „Vertreter“ sondern auf die eignen Hirne und Fäuste verlassen muß. Der Anschauungsunterricht, den die kapitalistische Gesellschaft heute ihren Klassengegnern erteilt, ist von unschätzbarem Wert. Möge das Proletariat allen Parteilehrern endlich mißtrauen lernen, aber eifrig die Unterweisungen annehmen, die die Praxis der Bourgeoisie ihm täglich und stündlich, an Gliedern und Eingeweiden, erteilt.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 8. Januar 1924

In der Sozialdemokratischen Partei scheint sich eine ähnliche Zersetzung vorzubereiten, wie sie 1916 zur Abkehr der „Unabhängigen“ führte. Die in Parlamenten, Partei- und Gewerkschaftsämtern beherrschenden Funktionärsmajoritäten wollen natürlich immer das Gegenteil von dem was die große Majorität des Proletariats, mit Einschluß ihrer eignen Wähler will (diese Diskrepanz, die das Prinzip der Auszählungs-Demokratie schlechthin und überall charakterisiert, wird von den proletarischen Massen immer noch nicht als Konsequenz des falschen Systems erkannt). In der groteskesten Weise tritt das zur Zeit in Sachsen in Erscheinung. Die Verbündung der Sozialdemokratie unter Zeigners Führung mit den Kommunisten, die bis zur gemeinsamen Regierungsbildung führte, war allen alten Parteibonzen von vornherein ein so großer Greuel wirklich, wie die Bourgeoisie aus guten Gründen vortäuschte, daß sie ihr sei. Daher war die Einsetzung des Militärdiktators, für die ja Stresemann seine sozialdemokratischen Kollegen ausdrücklich mit verantwortlich gemacht hat, für sie fraglos eher die Befreiung von schwerer Sorge als die Belastung mit ernsten Befürchtungen. Vor der Aushebung der „demokratischen“ Regierung durch Wehrmänner waren ja auch die Herren Radbruch und Sollmann schon in Dresden gewesen, um ihre kompromittierlichen Genossen zu bewegen, gutwillig die Kommunisten rauszuschmeißen. Denn bei diesen Leuten sitzt die bürgerliche Erziehung so tief, daß ihnen allein bei dem Gedanken, der besitzgewöhnte Bürger möchte Unlustempfindungen verspüren, wofür sie etwa einen Teil der Mitverantwortung tragen sollen, ein ehrlicheres Grauen erregt als etwa Rühle mit seinem Buch „Das proletarische Kind“, worin mit erschütternder Sachlichkeit und mit furchtbar eindringlichem Tatsachenmaterial ein Bild grausigsten Jammers und schreiender Anklage gegen das System der Ausbeutung und der bourgeoisen Gleichgiltigkeit gemalt ist, ihnen abnötigen könnte. Bürger bleibt Bürger, mit welchem Stempel er auch firmiert. Die Herkunft des Bürgers aus dem Proletariat beweist an sich noch nichts gegen sein Bürgertum, sowenig wie die Herkunft eines Menschen aus der Bourgeoisie an sich sein Bürgertum beweist. Aber es gibt ein Erkennungsmittel für den, der Bürger ist und es demnach immer war und immer bleiben wird: wird ein Mensch vor die Entscheidung gestellt, einem wohlsituierten, wohlerzogenen, wohlgekleideten und wohlgenährten Mitbürger Ruhe und Sicherheit zu erhalten, sein Eigentum und seine soignierte Lebenshaltung zu gewährleisten oder rebellierenden Proleten auf Kosten der Gewogenheit jedes Besitzers die rote Fahne voranzutragen und wählt die Hoffnung auf das dankbare Lächeln des Mitbürgers oder auch ein Kompromiß, das ihn vor dessen Fluch schützt, – so ist er ein Bürger. Die sozialdemokratische Führerschaft in Deutschland aber empfindet sich so sehr als nur der Bourgeoisie zugehörig, daß sie sogar die Auslieferung jedes beliebigen Opponenten aus den eignen Bonzenreihen an die Schergen der Bourgeoisie der Eventualität vorzieht, auch nur einen Augenblick mit einem prinzipiellen Feind der bürgerlichen Gesellschaft auf eine Stufe gestellt zu werden. Was das Militär jetzt in Sachsen und Thüringen treibt, mit Einschluß der willkürlichen Entmach[t]ungen, Verhaftungen und Drangsalierungen ihrer eignen sogar selbst keineswegs „linken“ Genossen, begreifen Leute wie z. B. Radbruch, der ein privat durchaus anständiger Mensch ist, aber garkeinen Instinkt mit der Klasse teilt, die er „vertritt“, mit ihrem Gefühl viel besser als die Wut, die sich dagegen in rabiaten Formen ausläßt. „Wir können doch nicht unsre eignen Feinde freilassen“, mit diesem Bekenntnis, das sich gegen die hungerstreikenden Gefangenen in Lichtenburg wendete, und „unsre Feinde“ bedeutete dabei ganz unverkleidet die Klassenfeinde der Bourgeoisie – gab vor 2 Jahren Radbruch ja sein Debut als Reichsjustizminister. Ihre Empörung ist allenfalls – vorhanden, soweit sich die Maßnahmen der Generäle gegen die politische Gesinnung selbst sehr ordentlicher Bürger wandte, die die republikanische Staatsform bevorzugen, ohne dabei den leisesten Wunsch zu verspüren, die sozialen Grundverhältnisse anders gestaltet zu sehn als sie überkommen sind. Wo aber der Verdacht rege wird, auf der linken Seite ihrer Partei seien derartige gefährliche Tendenzen wirklich auch außerhalb politischer Propagandareden lebendig, und dagegen wird Militär und Polizei, Justiz und öffentliche Meinung mobil gemacht, da entscheidet zunächst die innere Stimme, gibt der „Gesellschaft“ recht und jeder Einspruch, den man aus parteipolitischen Gründen immerhin erheben muß, kommt sozusagen aus der unrechten Kehle. – Nun hat in Sachsen die Opposition der Partei von jeher starkes Übergewicht, ausgenommen natürlich in der Landtagsfraktion, die ja dank des indirekten Wahlsystems, das die Listenwahl mit sich bringt, einfach vom besoldeten Bonzenklüngel fertig serviert, „gewählt“ worden ist. Die Arbeitermassen, die noch hinter der Partei der Sozialdemokraten herlaufen, verlangen dort Kampf gegen die reaktionären Maßnahmen des Reichs und des Militärs. Nachdem nun die Demokraten aus der Regierung Fellisch wieder herausgegangen waren, stand die Fraktion vor der Wahl: Landtagsauflösung oder „Große Koalition“. Die Entscheidung sollte dem Landesparteitag überlassen bleiben, dessen Votum jedoch von vornherein feststand: unter keinen Umständen Gemeinschaft mit der Stinnespartei. Daher wartete die Fraktionsmehrheit den Parteitag nicht ab und ließ zwei Tage vor seinem Zusammentritt ihren bisherigen Finanzminister Heldt ein Kabinett der „Großen Koalition“ zusammenstellen. Darin hat man die Justiz und das Kultusressort (Gericht und Schule) tatsächlich den Vertretern der Schwerindustrie, der „Deutschen Volks“partei ausgeliefert. Nun ist der Parteitag also zusammengetreten, hat sich mit dem fait accompli nicht abgefunden, sondern Rücktritt der neuen Regierung und Auflösung des Landtags bzw. Referendum über die Auflösung verlangt. Die Fraktion erklärt aber, sich dem Beschluß nicht zu fügen, sondern die Entscheidung des Reichsparteitags, der kaum vor 2 Monaten zusammenkommt, abzuwarten. Dadurch ist denn nun der Konflikt in der Partei da, aus dem möglicherweise die Spaltung erwachsen wird. – Für mich bedeuten diese Vorgänge Symptome der Zersetzung in den proletarischen Parteien – auch innerhalb der KP gibt es allerlei schwere prinzipielle Konflikte, und sogar in Rußland selbst scheint die Opposition und zwar unter Trotzkis Führung den Säulenheiligen à la Sinowjew schwer zu schaffen zu machen. Die Arbeiterschaft wird vielleicht aus solchen Erfahrungen lernen, wie töricht sie handelt, wenn sie die marxistischen Traditionen der positiven Mitwirkung an der kapitalistischen Staatsverwaltung nicht absolut aufgibt und sich ganz und gar auf den Kampf umstellt. Je besser die Müllers in Sachsen, die Kahrs in Bayern die Parteiorganisationen zerschlagen, umso sicherer wird das Proletariat die Wege finden, auf denen es tatsächliche, das heißt den Sozialismus fördernde Mittel zur Revolution schafft. Und was Kahr anlangt, so leistet er ganz vortreffliche Pionierarbeit für den Sturz seiner Klasse. Der II Stock über uns füllt sich immer noch weiter mit Schutzhäftlingen. Auch Schwab ist, nach knapp 4 Wochen Freiheit, schon wieder im Gefängnis – ob in Schutzhaft oder in Untersuchung steht noch nicht fest für uns. Doch scheint er in Niederschönenfeld noch nicht zu sein. Dagegen habe ich ein sehr liebes, vertrautes Gesicht wiedergesehn: meinen treuen Seppl, dessen gutes, häßliches Gesicht, noch dazu von einem Bart entstellt, mir fast die Tränen in die Augen trieb. Eine Begrüßung ist natürlich nicht möglich. Aber ich habe die Hoffnung noch keineswegs aufgegeben, daß wir eines Tages gemeinschaftlich mit den Schutzhaftgenossen diesen scheußlichen Kerker verlassen werden, den ich am 15. Oktober 1920 mit dem Seppl gemeinsam betrat. Über die Chancen dazu morgen.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 9. Januar 1924.

Vorhin habe ich dem Zäuner Sepp ein Schreiben an den Präsidenten des Bayerischen Landtags diktiert. Er ist nämlich infolge der Mandatsniederlegung Auwecks, der nach Thüringen umgezogen ist, Landtagsabgeordneter geworden. Auf diese Weise ist die Möglichkeit gegeben, daß er den Protest gegen die Nichtanwendung der Reichsamnestie für die Beteiligten am Mitteldeutschen Aufstand zum Gegenstand eines Antrags ans Parlament macht, seine sofortige Freilassung zu beschließen. Hilft’s nicht, so schadets auch nicht, und jedenfalls wird der Landtag gezwungen, sich mit der Sache zu befassen und entweder die bayerischen Justizbehörden oder den Reichstag und die Behörden aller außerbayerischen deutschen Länder zu desavouieren. Ob selbst für den unwahrscheinlichen Fall der Berücksichtigung des Antrags der Sepp überhaupt noch Gelegenheit erhalten würde, seine neue Würde auszuüben, ist sehr zweifelhaft. Nachdem die Bayerische Volkspartei mit ihrem Antrag ausgerutscht war, das Parlament ohne weiteres sich selbst auflösen zu lassen, wird nun im Ausschuß geschachert und gefeilscht, über die Bedingungen, die vor der Neuwahl gestellt werden sollen. Dabei ist die Frage, ob unter dem Ausnahmezustand zu wählen sei, bereits bejahend entschieden und Kahr hat jede Möglichkeit, die „Garantieen“, die auch den aufgelösten Parteien gegeben werden, zu durchkreuzen, wozu er nur in ein Wahlflugblatt die Aufforderung zu Gewalt hineinzulesen braucht. Hübsch ist, was der Sprecher der Mittelpartei hierzu sagte: Die Wahlen müßten unter unbedingter Freiheit vorgenommen werden können, das sei aber nur unter dem Ausnahmezustand möglich. – Interessanter aber als diese Frage ist die Erörterung der Anträge, die eine Herabsetzung der Abgeordnetenzahl für das zu wählende Parlament bezwecken, die die Sozialdemokraten, die Demokraten und die industriekapitalistische Partei in schöner Eintracht aus Sparsamkeitsgründen verlangen. Die Klerikalen stemmen sich dagegen, mußten aber des Scheins wegen nur eine Ermäßigung der verlangten Subtraktion befürworten. Sie beweisen den Kollegen von den andern Fraktionen mit starkem Pathos, daß sich Ersparnisse beim Parlamentarismus auf andre Weise – besonders bei den Diäten viel wirksamer erzielen lassen (da wäre denn auch die Gefahr gemildert, daß zuviel arme Teufel Abgeordnete würden), und in Wirklichkeit geht alles nur um das Rechenexempel, wie sich bei mehr oder weniger Delegierten die Wahrscheinlichkeit in der Verteilung der Mandate gestalten würde. Bei einer Verminderung der Zahl wären infolge der Zusammenlegung von Wahlkreisen natürlich die bäuerlichen Bezirke die Hauptleidtragenden, und die Landpfaffen müßten ihre Beeinflussung auf ein geringeres Quantum von Gläubigkeit beschränken, die Schwerkraft der Städte würde gesteigert – hinc illae lacrimae. Natürlich wird ein Kompromiß zustande kommen. Übrigens glaube ich auch der Versicherung aller Parteien, daß sie möglichst bald die Auflösung wollen, nicht recht, mindestens glaube ich, daß keine von ihnen eine Neuwahl für den Landtag ohne gleichzeitige für den Reichstag wünscht, und hier wirklich aus Sparsamkeitsgründen; denn diese Kosten gingen nicht aus dem Staats- sondern aus dem Parteisäckel. Wohl aber wird besonders die Bayerische Volks- und die Mittelpartei die Doppelwahlen nicht ungern rasch erfolgen sehn, da zur Zeit der Erfolg überall bei der Reaktion liegt – und was nur Marxisten nicht einsehn – der Erfolg immer die stärkste Werbekraft hat. Man wird also suchen, möglichst rasch die Reichstagsauflösung zu bewirken, um dann wie 1920 zugleich beide Parlamente neu zu wählen. Das von der Bayerischen Volkspartei beschlossene Volksbegehren dürfte den Zweck haben, den Zeitpunkt je nachdem zu beschleunigen oder hinauszuschieben. Jedenfalls stinkt bereits alles Tun und Lassen in der deutschen Innenpolitik nach Wahlködern. Um bei Bayern zu bleiben. Man hat jetzt der Reichsregierung eine Denkschrift über den föderalistischen Umbau der Reichsverfassung unterbreitet. Sie entspricht genau den schon lange bekannten Vorankündigungen und zielt auf die vollständige Wiederherstellung der Bismarckschen Reichsverfassung bei noch vermehrten bayerischen Reservatrechten ab. Ich bin gewiß kein Freund unitaristischer Zentralenfexerei, aber bei diesem bayerischen Regierungsentwurf herrscht garnicht der Wunsch vor, Menschen und Gemeinden die möglichste Freiheit der Selbstbestimmung in den eignen Angelegenheiten zu lassen, sondern garzu offensichtlich die Tendenz, jede reaktionäre Willkür unbeaufsichtigt sich auswirken lassen zu können. Da natürlich die preußischen Reaktionäre den bayerischen nicht werden nachstehn wollen, den übrigen Ländern aber wahrscheinlich die Wiederkehr der preußischen Präsidialgewalt im Reiche durchaus contre coeur geht – insonderheit aber den Bayern selbst, – so glaube ich vorläufig nicht, daß man viel Glück mit manchen Zumutungen haben wird, zumal soweit sie sich auf Militär- und Justizangelegenheiten beziehen. Nur eine Revision des Finanzzentralismus wird sicher erfolgen, da die von allen Ländern gewünscht wird und die Reichskassen entlasten würde. Als Wahlmache ist die Denkschrift aber geschickt. Auch die „linke“ Seite fängt an, Wahlstimmung zu machen. Der ADGB erläßt einen Aufruf an seine Gefolgschaft, der sehr wuchtig klingt, aber bei näherem Zusehn nur ein Jammern über die Rigorosität der Arbeitgeber ist, die statt die Klassengegensätze zu überbrücken, den Klassenkampf verschärft betreiben, was diesen Eseln garnicht in den Sinn will. Hätten nur sie ihre verruchte „Arbeitsgemeinschafts“politik unterlassen, – dann wären die Ausbeuter nie zu diesen Triumphen über das Proletariat gelangt. Die Abkehr von der Arbeitsgemeinschaftstaktik vollzieht sich ja jetzt allmählich. Der Harmonieklub der Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften kündigte sie zuerst auf, jetzt ist die Afa (der Angestelltenverband) gefolgt, die „freien“ Gewerkschaften der Leipart, Bauer und Sassenbäche aber haben sich noch nicht entschließen können, ein Verfahren aufzugeben, bei denen die „Führer“ immer mal wieder ein Glas Wein oder einen freundlichen Händedruck von einem der Großindustriellen beziehn. Jetzt winseln sie über die Verlängerung der Arbeitszeit und die Verkürzung der Löhne, über Hunger, Elend und Reaktion, – ihren eignen Anteil an dieser Entwicklung verraten sie nicht, und er ist noch größer als der der Ausbeuter, die nur dem Zuge ihrer Interessen folgen und sich erst vortrauten, als sie sahen, daß ihnen der „Feind“ selber alle Waffen polierte. Jetzt sind – vor den Wahlen – die beweglichen Aufrufe da – und wozu wird aufgerufen? – Zu garnichts. Bereitschaft zu allem, wozu die Bonzen kommandieren, „wenn nötig“ auch zum Kampf! Wenn nötig! Für diese idiotischen Verräter oder verräterischen Idioten läßt sich bis jetzt die Notwendigkeit zum Kampf nicht ermitteln. – Die Industrie und die Regierungen präparieren ihrerseits die Wahl wieder anders. Krampfhaft wird die Fiktion aufrechterhalten, als ob die deutsche Währung durch die Rentenmark tatsächlich stabil sei, und dafür wird das Publikum mit Trara und Hohn auf den Verfall des französischen Franken, ja des englischen Pfundes hingewiesen, aber nicht darauf, daß z. B. die französische Regierung schon jetzt, wo der Franken noch 1/10 seines Friedenswertes hat, Gegenmaßregeln trifft und ihn nicht wie die deutsche Mark auf 1/1000.000.000.000 seines Wertes rutschen läßt, ehe man eine Scheinrettung vornimmt, die nur von deutschen Zeitungslesern nicht als Schwindel erkannt wird. Die übrigen Dinge, die ringsherum mit Ausnahme derer, die sie angehn, die ganze Welt an Deutschland interessieren, die Separation der Rheinlande – trotz der offensichtlichen Passivität der Franzosen, die sogar in der Pfalz die Separatisten direkt verleugnen –, die Restaurationsgefahr in Bayern und überall, die den Hauptanlaß für Poincaré gibt, die Wiederzulassung der Militärkontrollen durch Sanktionen durchzusetzen – man kann jeden Tag jetzt die ultimative Note der Botschafterkonferenz erwarten, den Zusammentritt der beiden Kommissionen, die die deutsche Zahlungsfähigkeit und die Höhe der ins Ausland verschobenen Kapitalien prüfen sollen, der bevorsteht und in schneller Folge die Einsetzung der internationalen Kontrolle nach sich ziehn wird, – all das wird bei uns garnicht beachtet. Man lebt fröhlich in den Tag hinein, freut sich der Wiedergeburt der alleinherrschenden Bourgeoisie, und meint, mit den Wahlen zum Reichs- und zu den Landtagen, die ohne Zweifel die Bänke der „Arbeitervertreter“ überall erheblich entvölkern werden, werde auch den letzten Hoffnungen, hinter denen golden und herrlich Königs- und Fürstenkronen aufblinken, der Weg zur Wirklichkeit frei werden. Meine Hoffnungen aber laufen, was den Ausfall der Wahlen betrifft, ganz in derselben Richtung wie die der Bourgeoisie. Nur verspreche ich mir halt von ihrem „Siege“ andre Wirkungen.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 12. Januar 1924

In die Vorgewitterstille der Weihnachts- und Jahreswechselwochen sind die ersten Schüsse geplatzt. Ihr Echo wird lange zu hören sein. In Speyer wurde in einem öffentlichen Eßlokal bei der Abendmahlzeit (cf. Stürgkh und Worowski) der Pfälzer Bauernführer und Präsident der „Autonomen Regierung“ Heinz-Orbis erschossen. Mit ihm fielen noch 6 andre Speisegäste, lauter Separatisten, und die Täter sind entkommen. Die Zeitungen der deutschen Nationalisten – darunter natürlich auch die Münchner Posteriora – beklagen einerseits die Bluttat, da sie ja bekanntlich jeden Mord, ob politisch oder kriminell – verurteilen, „verstehn“ aber andrerseits die Empörung der brutalisierten Pfälzer durch solches „landfremdes Gesindel“ wie Heinz (der aus Orbis in der Pfalz gebürtig war und seit langen Jahren an der Spitze der Bauernschaft steht. Er wurde zuerst bekannt als der Organisator des bäuerlichen Lieferstreiks in der Pfalz, der bei den reichstreuen und bayerisch-eigenartigen Groß- und Mittelagrariern damals auf liebevolles Verständnis stieß), und während die Preßköpfe so ihre Befriedigung über den Mord absichtlich nur sehr dünn bemäntelten, berichten sie zugleich, daß als Täter wahrscheinlich Pfälzer Separatisten selbst anzusehn seien, da unter ihnen starke Gegenströmungen gegen Heinz beständen. Auch diesen Unfug kann man Lesern bieten, die wie die deutschen Zeitungsabonnenten 4 Jahre Kriegs- und 5 Jahre Nachkriegsbetrug von den gleichen bezahlten Meinungsfabrikanten kritiklos hingenommen haben. Daß in der Pfalz durch diese neue – übrigens wieder außerordentlich schneidig und besonnen durchgeführte – Eselei jetzt erst recht die Separatistenbewegung mächtig anwachsen wird, überlegt man scheinbar nicht. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß Attentate in der Regel die Bewegung stärken, aus der sie kommen, (Rathenaus Ermordung war zweifellos der Anlaß zu außerordentlicher Stärkung der deutschvölkischen Revolutionäre), – aber hier handelt es sich ja offenkundig um eine Tat, die gegen Geächtete verübt wurde, nicht um den Werbeakt einer verfolgten Minderheit, sondern um die Herausforderung einer noch kämpfenden und werbenden Minorität von der Seite der Stärkeren, wobei selbstverständlich die schmutzigsten Geschäfte besorgt werden. Kommt hinzu, daß die Franzosen als besetzende Macht nun tatsächlich den Vorwand geliefert bekommen haben, den deutschen und bayerischen Nationalisten in der Pfalz die Verteidigung gegen den anschwellenden Separationsdrang der pfälzischen Bevölkerung ganz erheblich zu erschweren. Grade eben verlangt die britische Regierung Aufschlüsse über die Pfälzer Dinge und erklärt, daß sie eine Unterstützung der Separatisten durch die Rheinlandkommission nicht als vereinbar mit den Versailler Bestimmungen anerkennen könne. Grade eben sollte die Untersuchung darüber losgehn, ob die „Autonome Regierung“ ein Lebensrecht habe oder nicht – da kommen diese Revolverschüsse und machen die zu Angeklagten, die sich bis jetzt als verfolgte Schafe hinzustellen vermocht haben. Wenn jetzt, wie sicher zu erwarten ist (unsereiner braucht ja bloß an die Ermordung Eisners und ihre psychischen Wirkungen auf die Münchner Arbeiterschaft zu denken), ein separatistischer Aufstand in der Pfalz losbricht, der endgiltige, die internationalen Untersuchungen überholende Tatsachen schafft, dann wird die erste Freude über den Mord in Deutschland rasch genug in bitteren Kummer umschlagen und man wird – zu spät – versuchen, wenigstens mit dem Rezept „des Johannes Hoffmann“ zu retten, was allenfalls hätte gerettet werden können. Tatsächlich haben sich ja die wissenden und die maßgebenden Kreise in Deutschland längst damit abgefunden, daß das Rheinland bis zu einem Maße autonomisiert werden müsse, die einer Separation verzweifelt ähnlich sähe. Die Einsetzung des 60er-Ausschusses, der 15er-Kommission und besonders der Plan für das linksrheinische Gebiet durch die Begründung einer eignen Rheinischen Goldnotenbank eine Währung unabhängig vom Reichsgeld zu schaffen, sind Etappen auf dem Wege – und selbst Deutsche sind nicht so blind, daß sie nicht wüßten, was sie mit diesen Konzessionen eingeleitet haben. Bis jetzt ist aus der eignen Rheinwährung, die ja de facto schon eine eigne Staatlichkeit bezeugen würde, bloß deshalb nichts geworden, weil sich die Siegermächte mit dem Vorschlag des Reichs kein Geschäft versprechen. Sie haben die Goldnotenbank abgelehnt, weil sie ihnen noch nicht unabhängig genug von der Rentenbank ist (und damit der „Wertbeständigkeit“ der Erzeugnisse dieses Instituts ein unparteiisches Gutachten geliefert). Nun, diese und andre Fragen mögen nun bald beantwortet werden, wenn nämlich die schmerzlich erwarteten Antwortnoten der französischen und belgischen Regierungen auf die Stresemannsche Note vom 24. Dezember wegen eines „modus vivendi“ endlich da ist. Eben erscheinen in allen Blättern die Nekrologe auf die Ruhrtragödie des Jahres 1923, die gestern vor einem Jahr begann, und Herr Marx, der Reichskanzler, tropft einen schleimigen Sermon über das deutsche Volk, in dem sein gescheiter Außenminister und Vorgänger die Franzosen und Belgier, von denen er im Augenblick alle möglichen Liebenswürdigkeiten erfleht, widerspruchslos vor den Kopf stoßen läßt. Eben treffen die amerikanischen Sachverständigen in Europa ein, die die deutsche Zahlungsfähigkeit mitprüfen sollen und finden den Zustand vor, daß der Bayer Emminger die Ersparnisse des Reichs damit einleitet, daß er durch einfache Notverordnung (mit dem Artikel 48!) sämtliche Schwur- und Schöffengerichte suspendiert und auch außerhalb Bayerns Todesurteile fast unrevidierbar und ohne Laienkontrolle aussprechen läßt, während die Befürchtungen, daß die Rentenmark am Ende doch nicht die „Sanierung“ der Reichsfinanzen bedeutet, dadurch behoben werden, daß Zeitungen, die sie ausdrücken (die Welt am Montag) von General Seekt verboten werden, Volkswirtschaftler, die sie begründen (der Dr. Calwer) ebenfalls vom General „verwarnt“ werden. Wie lange man die neue Inflation noch hintanhalten, bzw. vom Publikum unbemerkt betreiben kann, ist kaum genau zu bestimmen, jedenfalls nicht länger als ein paar Wochen. Ich vermute infolgedessen stark, daß die Bourgeoisie die Reichstagsauflösung so schnell wie möglich herbeiführen wird, um die Wahlen hinter sich zu haben, wenn die neue Finanzkatastrophe da ist. Die Bayerische Volkspartei verkündigt jetzt, mit welcher Parole sie die Wähler zur Urne führen will: für die Wiederherstellung des Königtums! Wie die republikanischen Hansestädte innerhalb des Bismarckreiches Platz hatten, so müsse auch eine bayerische Monarchie innerhalb der deutschen Republik bestehn können. Es wird jedenfalls interessant sein, zu sehn, wieviel Bayern sich finden werden, die da glauben, Rupprecht Wittelsbach brauche nur in die Residenz einzuziehen, – und es gibt wieder für 28 Pfennig eine Maß und für 15 eine Weißwurst mit Kraut. Wenn ich die Bayern recht taxiere, wird’s die Majorität sein.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 15. Januar 1924.

5ter Jährungstag der Ermordung Liebknecht-Luxemburgs. Ihre Mörder haben bisher recht behalten. Sie haben – ungestraft – so lange weiter gemordet, bis dem deutschen Kapitalismus die Bahn frei war, das Ruhrverbrechen zu inszenieren, das ihm die Arbeiterschaft, soweit sie Krieg und nachrevolutionären Bürgerkrieg überstanden hatte, mit Haut und Haaren auslieferte. Jetzt ist – bei einem Höchstlohn von etwa 22 Mark (noch dazu Rentenmark) für den qualifizierten Arbeiter – der 9-, 10- ja 12-Stundentag fast schon allgemein wieder eingerichtet. Die Gewerkschaften „kämpfen“ schon lange nicht mehr um den 8Stundentag, sondern versuchen nur noch – und fast immer vergeblich, dem Diktat der Unternehmer eine Stunde abzuknausern oder ein paar Pfennige von der Herabschraubung der Löhne zu retten. Zwar finden sich die Arbeiter noch nicht überall völlig widerstandslos ab – besonders im besetzten Gebiet, Krefeld, Düsseldorf, Gelsenkirchen etc – steigen neue Streikwogen auf, im großen Ganzen aber hat die fürchterliche Arbeitslosigkeit, die selbstverständliche Konsequenz der verschärften Ausbeutung und der das Dumping hemmenden Scheinstabilisierung der Währung, – eine Energielähmung bei den Massen erzeugt, wie sie noch niemals erlebt wurde. Die Gefängnisse füllen sich ungeheuerlich – auch die Schutzhäftlinge oben bekommen fast täglich neue Gesellschaft; jetzt ist auch Schwab, der in Berlin festgenommen sein soll, eingetroffen –, und nachdem nun die Ausschaltung von Recht und Gesetz, die ungenierteste Gewaltanwendung der Bourgeoisie die gesamte Macht wiedergewonnen hat, die sie vor 5 Jahren verloren hatte, bläst sie jetzt überall zu Parlamentswahlen, wohl wissend, was den Marxisten immer noch Geheimnis ist, daß Abstimmungen stets nur Bestätigungen bereits geschaffener Tatsachen sind und nicht umgekehrt neue Tatsachen schaffen können. In Lübeck fing es mit einem Plebiszit an, bei dem die Bürgerlichen die Auflösung der Bürgerschaft statt der des Senats gegen Sozialdemokraten und Kommunisten mit starker Majorität durchsetzten. Jetzt sind in Sachsen die Kommunalwahlen in ähnlicher Weise zu Ende geführt worden. Dort und in Thüringen werden die bald folgenden Wahlen zu den Landtagen natürlich das gleiche Ergebnis haben, und die Bourgeoisie wird dann, von den Marxisten beiderlei Couleur in strammer Haltung anerkannt, als Repräsentantin des wahren Ausdrucks des Volkswillens legal machen, was sie bisher illegal tat, kann dabei natürlich mit verminderter Gewalttätigkeit operieren und wird dafür ihre Milde bestaunen lassen. In Bayern feilschen die Parteien immer noch um ein paar Formalitäten, mit denen Demokraten und Auerochsen Schonung ihrer Wahlagitatoren durch Kahr zu erwinseln hoffen – über die Herabsetzung der Abgeordnetenzahl ist eine Einigung erzielt worden –, und dann wird’s auch hier losgehn: Monarchie oder Republik! Natürlich werden die Monarchisten kaum gleich an die Einsetzung ihres Rupprechts denken, sondern à la Ungarn einen Statthalter mit dem Titel Staatspräsident solange König spielen lassen wollen, bis das Ausland – zumal Prag – einen echten König gestattet. Ihr Erfolg wäre ja groß genug, wenn sie durch die Tat den besonders eifrig bekämpften Artikel 17 der Reichsverfassung – die Länder haben „freistaatliche“ Verfassungen zu haben – außer Wirksamkeit gesetzt haben. Ich für meine Person sähe, wenn schon das Proletariat garnichts tut, eine resolute Restauration lieber als die Weiterfrettung des gegenwärtigen Zwischenzustands. Man könnte der Arbeiterschaft garnicht eindringlich genug davon abraten, die „Republik“ als solche zu verteidigen. Die lächerliche Fiktion, die bei uns die Republik markiert, hat in den 5 Jahren seit der Ermordung der beiden besten Revolutionäre durch Monarchisten, die von den Repräsentanten dieser Republik, von angeblichen „Sozialisten“ gedungen waren, sicherlich nicht bewiesen, daß das Volk unter republikanischer Verfassung eo ipso freiheitlicher regiert würde als unter monarchistischer. Knechtungen wie sie derzeit bei uns geübt werden, hat das deutsche Volk nicht einmal unter dem Sozialistengesetz erfahren, dessen eigne Opfer noch unter den Noskegenossen sind, die der Reaktion diese Gewalt über das Proletariat eingeräumt haben. Möge sich meinethalben Rupprecht I ruhig auf den Thron seiner (von Napoleon zu Königen erhobenen) Väter setzen. Auch in Griechenland bat man den davongejagten König reumütig zurück, – und wie lange hat’s gedauert? Jetzt ist der Basileus Alexander mit seiner lieben Frau mit Fußtritten wieder aus „seinem“ Lande herausgeschmissen, und hat die Liebe des Vaterlands noch draußen bei einem Automobil-„Unglück“ zu spüren gekriegt, bei dem zwar nicht ihm, aber der Gattin schmerzliche Andenken an das dem Herrscherhause in Not und Tod verbundene Volk geblieben sind. So geht man in andern Ländern mit den Königen um. Bei uns ist in all den 5 Jahren keinem Reaktionär ein Haar gekrümmt worden. Dafür aber haben diese Reaktionäre an Morden in dieser Zeit mehr geleistet, als irgendein Land politische Mordtaten je aufzuweisen hatte; dafür sitzen aber auch die deutschen Gefängnisse und Zuchthäuser gerammelt voll von den zufällig am Leben gebliebenen proletarischen Politikern, während die Mörder frei herumlaufen, oder wo man ihnen schon mal nolens volens den Prozeß machen mußte, mit lächerlichen Scheinstrafen davonkamen. Wenn es wahr ist, daß die Speyerer Mörder entwischt und im unbesetzten Gebiet sind, kann man gewiß annehmen, daß ihnen nichts geschieht, – was ich dem tapferen Kuhn übrigens gönnen würde. Aber was wäre wohl in Deutschland der „vierge rouge“ passiert, der Anarchistin Germain Borton, die den Royalisten Daudet strafen wollte, und da sie ihn nicht antraf, seinen Sekretär Plateau erschoß? Die Pariser Geschworenen haben sie freigesprochen, und ganz Frankreich versteht und billigt das Urteil, das Menschen gefällt haben, die sicherlich keine Anarchistenfreunde, aber eben Menschen sind. Wir aber gehn heute, nach 5 Jahren, in Feiertagskleidern in unserm Kerker herum, der uns seit fast 5 Jahren umschließt, und gedenken derer, die es gut meinten mit dem deutschen Proletariat, die dafür sterben mußten und deren Mörder keinen Kerker erdulden mußten. Morgen aber werden wir wieder die Feiertagsgewänder anziehn und dessen gedenken, dessen Tod uns unmittelbar belehrt hat, in wessen Händen wir sind und was jedem von uns droht, wenn wir jenen Händen noch lange ausgeliefert bleiben.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 16. Januar 1924.

Die Gedenkfeier für unsern August verlief, an den Umständen gemessen, die dabei berücksichtigt werden mußten, ganz würdig. Wir gingen von 10 bis ½ 11 Uhr in unsern Feiertagsanzügen in geschlossenem stillem Zuge um den Hof, die einzige Form einer Demonstration, die man uns schlechterdings nicht verbieten kann, die aber unzweifelhaft ihren Zweck erfüllt, bei besonderen Gelegenheiten zu zeigen, daß in gewissen Dingen eine Zusammengehörigkeit zwischen uns besteht, die durch alle Künste eines raffinierten Spaltungsverfahrens im Strafvollzug nicht zerrissen werden kann. Danach fanden wir uns im Speisesaal zusammen, wo Toller mit seiner selten schönen Rezitationsgabe Gedichte las von Freiligrath, Herweg, mir und Hölderlins vorletzten Hyperionbrief. Dann wurde das etwas saft- und farblose, bei Begräbnissen übliche Lied „Ein Sohn des Volkes“ gesungen, und die Feier war zu Ende. Ich hatte mich nicht entschließen können, eine Rede zu halten. Wozu? Die Empfindungen, die dadurch geweckt werden könnten, waren ohnehin vorhanden und eine schmalzige Gevatterpredigt hätte mir auch nicht entsprochen. Falls wir ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen die ganze Feier auf eine betonte Protestkundgebung – mit verbotenen Liedern etc – abgestellt gehabt hätten, wäre mir natürlich ohne weiteres die Aufgabe gestellt gewesen, eine Ansprache unter revolutionären Ausfällen zu halten; – aber auf Provokationen der Verwaltung hatten wir von vornherein verzichtet, und mein „In memoriam“, das ich vor einem Jahr unter Eindruck des Ereignisses selbst dichtete, zu Beginn der ganzen Feier tat durchaus die Wirkung, die im gesteckten Rahmen eine Rede hätte tun können. Außer den 4 Holzmachern waren sämtliche Genossen (17) anwesend. – Die gemeinsame Feier ist für heute damit beendet. Jetzt bleibt es den Einzelnen überlassen, ob sie sich allein oder in Gesellschaft der Erinnerung an den toten Kameraden und an die Erschütterung unsrer Seelen vor einem Jahr hingeben wollen. Was mich bewegt, brauche ich in kein Tagebuch einzuschreiben. Das Bild des Freundes steht vor mir, und was es in mir aufrührt, vergesse ich nicht. – Aber wie eine Ironie des Schicksals ist es, daß uns grade heute die Beförderung des Dr. Steindl zum Medizinalrat zur Kenntnis kam. Sein Verhalten vor einem Jahr hat keine nachteiligen Wirkungen für ihn gehabt, und vielleicht bringt seine Erhebung grade die Zufriedenheit seiner vorgesetzten Behörde mit seiner ärztlichen Tätigkeit in der Festung zum Ausdruck. Denn kann es für einen Arzt ein besseres Zeugnis geben, als daß seine Kunst fast garnicht in Anspruch genommen wird? Als seinerzeit Herr Kraus jede Beschwerde gegen Verwaltungsmaßnahmen mit schweren Repressalien beantwortete und infolgedessen keine Beschwerden mehr beim Ministerium einliefen, bewies Herr Dr. Kühlewein dem bayerischen Landtag mit diesem Ausbleiben von Beschwerden die Zufriedenheit der Niederschönenfelder Festungsgefangenen mit ihrer Behandlung. Er braucht also nur dieselbe Logik anzuwenden, um aus der Boykottierung des Dr. Steindl den dank seiner Tätigkeit herbeigeführten vortrefflichen Gesundheitszustand in der Anstalt zu folgern. Aber eins weiß ich: falls die sanitären Unmöglichkeiten, unter denen wir gefangen leben, nicht bei mir einmal zum gleichen Resultat führen wie bei August Hagemeister, soll die Wahrheit – je später mit umso stärkerer Resonanz – noch ihren Weg ans Licht finden. Die Gedanken, die mich am ersten Jahrestage jenes entsetzlichen 16. Januar 1923 beherrschen, laufen von allen Seiten in den Mittelpunkt dieses Entschlusses zusammen: Nichts vergessen! Aus Leid lernen! Und der Wahrheit getreu bleiben!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 18. Januar 1924.

Patriotentag. Der 53. Geburtstag des vor 5 Jahren verblichenen Deutschen Reichs Bismarckscher Prägung, dem Herr Ebert, Sozialdemokratischer Reichspräsident (beides pro forma immer noch) gleich nach dem Zusammenbruch den Tod, aus dem es kein Erwachen gebe, weissagte, und dem er 2 Jahre nachher, selber als sein Oberhirt gefeiert, schmalzig versicherte, daß es unser Glaube, unsre Liebe und Hoffnung bleiben solle, wird auch heute wieder in Alldeutschland mit lächerlicher Überheblichkeit und Verblendung begangen. Irgendwo – ich glaube, in Cassel, – (wo Scheidemann als Oberbürgermeister die vergangene und gegenwärtige Reichsherrlichkeit repräsentiert) findet einer jener „Deutschen Tage“ statt, die diesem Lande schon soviel Verachtung und Hohn von der übrigen Welt eingetragen haben. Alle uniformierten Gloriagespenster der „Großen Zeit“ haben sich zum Mitgeistern angemeldet und neben dem alten Hindenburg, dem fiktiven Verantwortlichen für den Verlust des Weltkriegs, soll auch der wirkliche Kriegsverlierer, der zur Zeit seiner Aburteilung wegen „Hochverrats“ harrende Ludendorff dabei sein. Ich glaube kaum, daß ihn die bayerischen Behörden, die ihm das Ehrenwort abgenommen haben, nicht zu türmen und ihn, wie Dr. Roth im Verfassungsausschuß des Landtags entrüstet mitgeteilt hat, wie die Drachen bewachen, Schwierigkeiten in den Weg legen werden. Si duo faciunt idem ... Übrigens wissen die Knillinge, wie weit sie mit ihren Belästigungen der Nazisozi gehn dürfen, und wissen auch, daß deren Bezwingung in Bayern bis jetzt Traum und Dunst ist. Die Hakenkreuzler stören auch jetzt noch jede noch so „vaterländische“ Kundgebung der andern Seite, – und es ist überhaupt vergnüglich zu beobachten, wie von diesen vergangenheitsgeilen Narren keiner dem andern patriotisch genug ist. Die Bayerische Volkspartei, die ihr „angestammtes Herrscherhaus“ mit halblegalen Tricks wieder auf den Thron bringen möchte, wird von den Kahr- und Lossow-verehrenden „Vaterländischen Verbänden“ schon als äußerst zweifelhafte Patriotengarde angesehn, und die Völkischen in all ihren Bünden, Ligen und Eidgenossenschaften betrachten alles, was Kahr heißt, als Verräter am „Vaterlande“. Tut nichts, heute wird gemeinsam gefeiert, und die Monarchisten aller Schattierungen werden ihren pensionierten allergnädigsten Herren ewige Treue schwören; freilich meint jeder einen andern Monarchen und eine andre Treue. Morgen haun sie sich wieder, wozu sie auch hinlänglich Anlaß haben. Jetzt hat man in Berlin einen Herrn Thormann verhaftet, der verdächtig ist, einen groß angelegten Mordplan gegen General v. Seekt – nach unverbürgten Meldungen auch gegen Kahr und Lossow – betrieben zu haben. Der Esel ging zum Wikingbund in der Überzeugung, dort jederzeit schußfertige Mörder anzutreffen – denn er war selbst bis vor kurzem Mitglied dieses Ordens gewesen (damit, daß er eben ausgetreten ist, begründet jetzt die Organisation ihre gänzliche Nichtbeteiligung an Thormanns Unternehmen. Als ob nicht Aktionen stets erst unternommen würden, nachdem die dazu Ausersehenen offiziell aus dem Kreise der Beschließenden ausgetreten sind. Das ist außer deutschen Zeitungslesern jedem Menschen in der Welt bekannt), – platzte dort, ohne sich die neuen Bekannten im geringsten anzusehn, mit dem ganzen Programm heraus, und wurde natürlich denunziert, nachdem die Wikinger wohl erkannt hatten, daß sie es mit keinem Genie zu tun hatten. Der Mann hat bisher in München gelebt, wie denn ja seit langem die Begriffe christliche Ordnungszelle und Mordzentrale Synonyme sind. Als Auftakt zum Hitler-Ludendorff-Prozeß, vor dem die, die ihn durchführen sollen, scheinbar eine viel größere Angst haben als die, gegen die er geführt werden soll, ist dieser Attentatsplan jedenfalls von symptomatischer Bedeutung. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Hitlerbuben sich noch recht stark fühlen und alles versuchen werden, den Prozeß überhaupt zu verhindern. Gleichzeitig aber wird immer klarer, daß die Klerikalen den Kahr liebend gern von seinem Allmachtpostament herunterholen würden; wenn sie sich’s gegen die Vaterländischen Professoren und Offiziere getrauten. Aber schon werden Zeitungsunterdrückungen als vom Gesamtministerium beschlossen und vom Generalstaatskommissar verfügt verkündet. Man baut also schon ab mit Kahrs Omnipotenz. Das ist natürlich Wahlpolitik, die sich auch sonst schon stark bemerkbar macht, so in Reden des Herrn Linus Funke, Vorsitzenden der Christlich-Sozialen Arbeitergewerkschaft Bayerns und Mitglied der „linken“ Gruppe der bayerischen Volkspartei, der nun vorgeschickt wird und gegen Arbeitszeitverlängerung, Lohnschmälerung und ähnliches poltern darf, damit die Sonne der bayerischen Regierungspartei in ihrer Wärmekraft nach allen Seiten evident werde. Überhaupt die bevorstehenden Wahlen! Die Hoffnungen, Prophezeiungen, Klugschnackereien unter den Festungsgenossen darüber sind wieder in schönster Blüte. Ich aber weiß noch zu gut, was mir 1920 in Ansbach passierte, als ich die plötzlich für den Parlamentarismus wiedergewonnenen Genossen zu frozzeln mich vermaß. Ich höre alles an und denke mir mein Teil. Meine Überzeugung aber ist die: Falls wirklich unser persönliches Schicksal vom Ausfall der nächsten Wahlen zum Reichstag und Landtag abhängt, dann haben wir vom „Siege“ der rechten bürgerlichen Parteien viel eher eine Amnestie zu gewärtigen als von einer linken Majorität. Auer würde bestimmt Mittel finden, unsre Freilassung zu hintertreiben, wenn die Sozi den Ausschlag gäben. Im andern Fall ist aber eine Amnestie um Ludendorffs willen bestimmt zu erwarten, und da wird man uns nach 5 Jahren Qual doch nicht mehr übergehn können. Dies ist aber wahrhaftig für mich nicht der wichtigste Grund, der Arbeiterschaft eine Niederlage zu wünschen. Ich wünsche ihr die Niederlage, damit sie aus dem Traum erwache, als ob das Parlament für sie eine „Machtposition“ wäre. Aber die Niederlage selbst, die nur möglich ist, wenn sehr viele Proletarier dem Wahlnachttopf fern bleiben, würde schon ein höchst erfreuliches Symptom sein. Sie würde beweisen, daß Wilhelm Liebknechts Prophezeiung von der Kompagnie Soldaten, die ein dem Kapital unerwünschtes Parlament zum Teufel jagen würde, daß Oldenburg-Januschaus Wort vom Leutnant und 10 Mann nach dem lebendigen Anschauungsunterricht in Sachsen und Thüringen endlich vom Proletariat verstanden wird. Möge Herr Ramsay Macdonald nun immer englischer Premierminister werden. Er wird britische Bourgeois- und Kapitalistenpolitik treiben wie die Scheidemann-Ebert-Müller-Bauer-Auer-Heldt e tutti quanti in Deutschland. Und er wird in dem Augenblick, wo es die herrschende Klasse von ihm verlangt, in hungernde Massen schießen lassen, wird streikende Arbeiter einsperren und nötigenfalls Orte, in denen seine Parteifreunde Klassenpolitik zu treiben versuchen, von Generälen zur Raison bringen lassen. Wenn nicht der drohende Eisenbahnerstreik in England noch von den Macdonalds und Thomassen sabotiert wird, ehe er da ist, und wenn dieser Streik nicht nach dem Ausbruch den Aufstieg Macdonalds zur Macht verhindert, dann hat er ja Gelegenheit, sogleich nach Amtsantritt dem Beispiel seiner deutschen Genossen zu folgen, den Beamten das Streikrecht zu nehmen und sie zusammenzuknallen, wo sie um bessere Lebensbedingungen kämpfen. Wenn er dann wieder herunter muß von seinem Thrönchen, sobald ihn die Kapitalisten nicht mehr brauchen, darf er natürlich dann wieder zetern und fluchen, daß den Arbeitern und Beamten das Koalitionsrecht beschnitten werden soll. So ist’s im Augenblick auch bei uns: die Eisenbahner drohen aufzumucken, Regierung und Bourgeoisie schreit: Verboten! und die Sozialdemokraten, die das Verbot zustandegebracht und blutig besiegelt haben, hüten die Rechte der Beamten, im – wahrscheinlich begründeten – Vertrauen darauf, daß die armen Teufel nicht mehr wissen, wer sie vor 2 Jahren in Kerker und Tod gejagt hat. Nur die allerdümmsten Kälber sollen ja ihre Metzger selber wählen. Das unterscheidet die Kälber von den Menschen. Da bilden meistenteils die Wähler ihrer eignen Metzger die kompakte Majorität. Wenigstens in Deutschland.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 19. Januar 1924.

Überall in Deutschland das gleiche Bild: die Kapitalisten dekretieren unerhörte Arbeitszeitverlängerungen bei gleichzeitiger ungeheuerlicher Beschneidung der Löhne. Das Heer der Erwerbslosen wächst ins Riesenhafte, und wer nicht in den Mammutbetrieben 10, 11, 12 Stunden arbeiten muß, ist in den kleineren Betrieben zur Kurzarbeit bei völlig unauskömmlicher Entlöhnung verurteilt. Rücken die Industriellen – in diesem oder jenem Landesteil, in dieser oder jener Branche – mit ihren Verfügungen heraus, so steht eine entschlossene Minorität der Arbeiter zum Streik und zum Kampf bereit, aber die geschäftigen Gewerkschaftssergeanten rennen zum Arbeitsministerium, und das setzt einen Schlichtungsausschuß ein, dessen Entscheidung (mit 60 und mehr Arbeitsstunden) dann bald von Unternehmern, bald von Gewerkschaftern als „untragbar“ erklärt wird (das ist das Modewort für „unerträglich“; in solchen neuen Vokabeln erschöpft sich der Neuerungsgeist der Deutschen: ein Regierungsmann gebraucht’s zufällig, ein Schmock greift’s auf, alle Schmöcke schmeißen damit herum und das gesamte bürgerliche und proletarische Publikum plärrt’s nach). Dann bestimmt Herr Brauns, der Schiedsspruch sie „verbindlich“, und entweder fügen sich die Arbeiter hinein, dann finden die Unternehmer Auslegungen zu ihren Gunsten und führen allmählich ihre Absichten doch durch, oder man wagt einen Streik, wobei dann die Gewerkschaftsbeamten lauter als alle Bürger zusammen die verletzte Tariftreue begreinen, die Aktion sabotieren und die Proletarier verlieren lassen, was dann erst recht zu noch krasseren Vergewaltigungen führt. Manchmal fangen auch gleich die Unternehmer an, sperren die Arbeiter aus oder kümmern sich überhaupt nicht um den Schiedsspruch. So liest man von allen Gegenden über Lohn- und Tarifbewegungen, vom Verlassen der Arbeitsstätten nach 8 Stunden, von Kämpfen und Demonstrationen, bei denen unausgesetzt Arbeiterblut fließt, während doch in Wahrheit die „Errungenschaften“ unsres armen Bißchens Revolution längst beim Teufel sind und alle diese Versuche bloß noch Nachzüglergeplänkel charaktervoller Proletarier sind, die noch nicht sehn, bis zu welchem Grade sie schon verraten sind. Natürlich ist die Wut der Arbeiter allgemein, und gegen erfolgreiches Aufbegehren hat man ja den von Ebert verhängten (von seinen 3 Parteigenossen unter den Stresemännern mitbeschlossenen) Belagerungszustand, der selbstverständlich nicht früher aufgehoben wird, als nicht die Unternehmerschaft auch ihre letzten Ziele soweit gefördert hat, daß sie nicht mehr kaput zu machen sind. Diese Ziele gehn konsequent auf die Privatisierung der Staatsbetriebe hinaus, was mit schöner Offenherzigkeit von Herrn Stinnes selbst einem französischen Ausfrager entwickelt wurde. Der aufmerksame Leser kann viel aus diesem Interview entnehmen. Die Herren wollen nicht nur die Verkehrsmittel in ihren Besitz bringen, sondern, nachdem ihnen die Eskamotierung des Münzmonopols so überraschend gelungen ist, dem Staat auch den eigentlichen Lebensnerv abbinden. Stinnes spricht von der Gründung einer eignen – vom Reich unabhängigen! – Bank, der die Steuererhebung zu übertragen wäre. Daß damit auch die Steuerleistung selbst von den Finanzierern dieser Bank zu bestimmen wären, liegt umso mehr auf der Hand, als ja schon die Rentenbank-Inhaber das Recht zuerkannt erhalten haben, das Reichsbudget vor dem Reichstag zu genehmigen, zu verändern oder abzulehnen. Wir haben also in Deutschland, in dem Lande, in dem die Hypertrophie des Staatsbegriffs – obwohl hier der Staat jünger ist als fast überall sonst – ungeahnte Dimensionen annehmen konnte, das erste praktische Beispiel der Auflösung des Staates. Marx‘ Lehre von der Akkumulation des Kapitals bestätigt sich – ich gebe das durchaus zu – in erstaunlicher Weise, wenn auch ganz anders als Marx gedacht hat (nur Rosa Luxemburg war in ihrem Buch über die Akkumulation des Kapitals, das von den Marxpfaffen als Ketzerei ohne gleichen verschrieen wurde, auf der richtigen Fährte). Überhaupt finde ich immer, daß Marx in seinen ökonomischen Lehren außerordentlich hellsichtig war, und stets da anfängt, Charlatan zu sein, wo er die Ökonomie mit einer windigen Philosophie vermengt. Daß der Marxismus trotz der hohen Qualitäten seines Gründers als Wirtschaftsgelehrter, so verheerende Wirkungen ausgeübt hat, liegt daran, daß man diesem Gelehrten die Weihen eines Religionsstifters gab und ihn mitsamt seiner Ideologie und ihrer grauenhaften Anwendung auf die Politik katechisierte. Ohne Marx’ Anmaßung, über seine Erklärungen des Entwicklungsganges der kapitalistischen Institutionen hinaus, das praktische Verhalten des internationalen Proletariats schematisch – und noch dazu im Sinne des übelsten Opportunismus – festlegen zu wollen, wäre den europäischen Arbeitern eine Unsumme von Leid, Enttäuschung und Bruderzwist erspart geblieben. In allem Politischen hat der Bakunismus recht behalten, leider aber nur insofern als seine Nichtbefolgung und die kirchenfromme Anwendung der marxistischen Prinzipien die Richtigkeit der anarchistischen Theorie klar beweist. Ich zweifle nicht, daß die Auferstehung Bakunins im gesamten Proletariat bevorsteht, wenn auch erst, nachdem der Kapitalismus dank der marxistischen Leitung aller werktätigen Massen weitere furchtbare Aufklärungsarbeit über die Wirkungen des marxistischen Opportunismus geleistet haben wird. Das nächste Aufklärungskapitel wird in den Resultaten der zur Zeit beginnenden interalliierten Kommissionsarbeiten über die Reparations- und Währungsangelegenheiten in Deutschland und über die verschobenen Kapitalien bestehn. Der amerikanische General Dawes, der da als Sachverständiger die erste Violine zu spielen scheint, hat in einer bei der Begrüßung gehaltenen Rede mit erfrischender Derbheit die Meinung des USA-Kapitalismus dargetan. Er hat dabei weder die Verbündeten noch Deutschland geschont und ausgesprochen, daß radikal alles geändert werden müsse. Demnächst wird sich die Kommission nach Berlin begeben, und da wird dann wohl sehr bald Reichspolitik auf Kommando getrieben werden müssen. Die Finanzkontrolle kommt, wie sie Österreich schon hat, nur gründlicher. Dadurch wird wahrscheinlich denn auch eine wirkliche Lösung in der Währungsfrage herauskommen. Die Reichsregierungen werden, in welcher Rapidität sie immer kommen oder gehn und wie sie auch aussehn werden, ihre blamable und schimpfliche Notenschreiberei und Drückebergerei aufgeben müssen, das Reichs- und Länderbudget wird von außen festgesetzt, Einnahmen und Ausgaben in Ausgleich gebracht, Löhne und Arbeitszeit unter Konkurrenzrücksichten bestimmt und vieles Verwirrende in der gesamten Innenpolitik durch einfachen Befehl vereinfacht werden. Vorläufig helfen sich die Zeitungen über diese in sicherer Aussicht stehenden Ereignisse hinweg, indem sie den sinkenden Kurs des Franken tagtäglich spaltenweise wie einen eignen Sieg registrieren. Der Frank steht nämlich zum Dollar auf 100, die Mark immer noch auf 4,2 Billionen. Und die Franzosen unternehmen schon jetzt sehr durchgreifende Sanierungsmaßregeln, ziehn das Kapital heran und werden vor allem Deutschland beschleunigt zahlen lassen. Bei uns aber bewundert man das Akrobatenkunstück des Herrn Dr. Schacht und freut sich, daß bis jetzt der Privatbesitz von allen Leistungen so gut wie völlig freigeblieben ist. In einem Artikel von Quessel in der Weltbühne las ich einen Vergleich zwischen den Besitzsteuern in England und Deutschland: Danach wurden im Steuerjahr 1922/23 dort von den großen Einkommen und dem großen Kapitalbesitz 379 Millionen Pfund Sterling entrichtet, von der deutschen Besitzbourgeoisie 10 Millionen Pfund in der gleichen Zeit, und Quessel berechnet, daß von dem Mehr an Besitzbesteuerung, das England gegenüber Deutschland in dem einen Jahr aufbrachte, „schon der vierte Teil, selbst nach dem harten Londoner Zahlungsplan zur ‚Erfüllung’ ausgereicht hätte“. Aber unsre Marxisten sind mit unsern Stinnessen völlig einverstanden in dem schluchzenden Bekenntnis: Wir können nicht zahlen! Die „Feinde“ werden Deutschland beweisen, daß es zahlen kann, und am deutschen Proletariat wird es sein, zu erkämpfen, daß statt seiner seine Ausbeuter zahlen. Danach erwachsen dann die weiteren Aufgaben, und die gehören nicht ins Gebiet der Demokratie, sondern in das des Sozialismus. Die Wegweiser dorthin heißen Revolution und Räterepublik.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 22. Januar 1924.

Im Verfassungsausschuß des Bayerischen Landtags hat es in diesen Tagen die erheiterndste Groteske gegeben, die man sich ausdenken kann. Unser ehemaliger Justizminister Dr. Roth (der Mann, der sich in den Herzen der Niederschönenfelder Festungsgefangenen ein ewiges Denkmal gesetzt hat, u. a. durch die Ernennung der Herren Kraus und Hoffmann zu unsern Kerkermeistern; da ihn seine Kreaturen im Amt überlebt haben, sind auch seine Methoden noch so lebendig wie nur je) – dieser aus der Schutzhaft entlassene völkische Berserker rechnete mit seinem Busenfreund Kahr ab. Ausgerechnet Roth eiferte gegen die Methoden, die man in Bayern gegen Ehrenhäftlinge anwende (er brauchte selbst das Wort), gegen die Unterscheidung, die man zwischen Intellektuellen und Proletariern treffe und gegen die Verfassungsverletzungen. Ausgerechnet Dr. Schweyer replizierte, indem er dem Rechtsverfechter Roth von heute den Rechtsminister Roth von ehedem gegenüberstellte, ihn darauf hinwies, daß die Behandlung der Schutzhäftlinge, die seine Opposition hervorrufe, nach den Rothschen Erlassen von 1920/21 erfolge, und – ausgerechnet Schweyer – zitierte die Reichsverfassung: Reichsrecht bricht Landesrecht! Ausgerechnet Herr Held aber wiederholte das Wort Leichts in verschärfter Form: Bayern sei heute keine Ordnungszelle mehr, sondern eine Unordnungszelle wie keine zweite; kein anständiger Mensch sei in Bayern mehr seines Lebens sicher (wozu der Miesbacher die unschuldige Bemerkung macht, Herr Held sei seines Lebens durchaus sicher). Natürlich trauten sich nun auch die „Linken“ aus den Winkeln. Nicht bloß der schöne Alwin Sänger zog gegen Kahr vom Leder, sondern auch unser Busenfreund Müller-Meiningen, der – vor den Wahlen ganz Männerstolz! – seit mehreren Wochen schon die oppositionelle Ader des „Demokraten“ wieder in sich entdeckt hat. Da auch Held, gedämpften Tons, allerlei an der Kahrhaftigkeit des bayerischen Ordnungsbetriebs auszusetzen fand und selbst Schweyer zu verstehn gab, daß der Generalstaatskommis-Kahr nicht seine letzte Sehnsucht erfüllte, wird dieser bemerkenswerte Zeitgenosse wohl die längste Zeit Schicksalmacher des Landes gewesen sein, und der Ausnahmezustand demnächst in gemäßigtere Schweyerei übergeleitet werden. Man sprach natürlich auch reichlich über den bevorstehenden Prozeß, der nach aller Wünschen noch vor den Wahlen zu Ende geführt werden soll, – und zwar (nach aller Wünschen) bei vollständiger Öffentlichkeit des Verfahrens und unter Entbindung aller Zeugen vom Beamteneid. (Nach aller Wünschen, soweit Gesetz- und Politikmacher in Frage kommen. Schon erklärt aber Herr Oberstaatsanwalt Aull – und zwar mit deutlichem Zwinkern zu Kahr hinüber –, daß gewisse Punkte selbstverständlich im Staatsinteresse geheim verhandelt werden und gewisse Beamte selbstverständlich das Maul halten müßten). – Für uns ist der Hitler-Prozeß von größter persönlicher Bedeutung. Ich hatte vorgestern ein Gespräch mit einem sehr naiven und überaus haftübersättigten Mitgefangenen, der mich fragte, ob ich auch der Meinung sei, daß wir im März oder April schon frei sein werden. Mich ritt der Teufel, dem leichtgläubigen Mann eine Rechnung aufzumachen, als ob ich von einer unfehlbaren Regelwaltung bei allen Ereignissen überzeugt sei und annähme, daß, was einmal war, mit Sicherheit mathematisch genau ebenso wieder sein müsse. Da meine Rechnung aber – vom Einzelnen ins Große gesehn – eine ganze Reihe von Parallelen eröffnet, aus denen Rückschlüsse tatsächlich in engen Grenzen möglich sind, will ich sie hier festlegen. Ich sagte: im März 1920 war der Kappputsch. Ihm folgten im Juni die Wahlen zu Reichs- und Landtag, und die Amnestie für die Beteiligten kam am 4. August. – Im November 1923 war der Hitlerputsch, die Auflösung von Reichs- und Landtag ist im Februar bestimmt zu erwarten. Die Parlamente treten also voraussichtlich Anfang April zusammen. 2 Monate später – das wäre im Juni – kommen die Amnestieen! Und ich war boshaft genug, den braven Genossen infolgedessen davor zu warnen, sich in Illusionen zu verlieren, als ob unsre Erlösung schon in 6 Wochen zu erwarten sei. – Dann aber – der Mann ist Sozialdemokrat – konnte ich mich nicht enthalten, ihm das Herz noch mit einer andern Eventualität schwer zu machen. Wenn etwa seine Partei, sagte ich, wider Erwarten im bayerischen Landtag mit einer Abgeordnetenzahl einrücke, die majoritätentscheidend sein könne, dann dürfen wir alle Hoffnung begraben. Denn – und hier sprach ich meine wirkliche Überzeugung aus – niemand habe ein so starkes Interesse an unsrer Festhaltung wie die Sozialdemokraten. Sie würden so operieren, daß sie die Freilassung Hitlers als nationales Unglück hinstellen würden, aber ihre Humanität dadurch bekräftigen, daß sie den Antrag vom vorigen Jahr wiederholten, – Anwendung der Reichsamnestie von 1920 auf Bayern, d. h. unter Ausschluß der „Führer“ –, dann hätten sie, was sie brauchten. Sauber, Karpf, ich, vielleicht Olschewski und mehrere der Straubinger Genossen träten ihnen auch fernerhin nicht mit der Rechenschaftsforderung für 1919 unter die Augen, und nach außen hätten sie den Staat vor den Nazisozi geschützt. – Meine wirkliche Meinung ist die: Der Prozeß wird uns in der Tat die Freiheit bringen. Einer der Hauptangeklagten ist Ludendorff. Verurteilt wird er zweifellos zu mindestens 5 Jahren Festung. Daß man nicht wagt ihn einzusperren, sieht man. Der Mann stieg im Gegenteil bei den Reichsgründungsfeiern von einer völkischen Versammlung zur andern und redete die dicksten Töne. Man müßte ihm also Strafaufschub gewähren. Das würde aber nichts daran ändern, daß die Patrioteska einen Höllenlärm machen würde, daß der Nationalheros mit dem Odium eines Verbrechers herumlaufe, die Forderung nach Amnestie wird durch ganz Deutschland dröhnen. Und auch, wenn er sich zu seinen Kappfreunden Papst und Genossen nach Tirol oder Ungarn drückt, bliebe er für die Seinen ein Verbannter. Dazu kommt, daß Hitler selbst nebst etlichen andern in der Bewegung populären Leuten tatsächlich hinter Schloß und Riegel säßen. Das Gebrüll nach Amnestie würde also – und zwar schallender, als die Proleten es je für uns erhoben haben – von rechts her tönen, und da sind die bayerischen Ohren sehr empfindlich. Ich sage nun nicht, daß sie sofort reagieren werden, aber ich sage, daß je größer die Zahl der „vaterländischen“ Abgeordneten im Landtag sein wird, umso rascher die Amnestie verkündet werden wird, die dieses Mal uns gewiß nicht übergehn würde. Es besteht also durchaus die Aussicht, daß dieses Jahr noch in seiner ersten Hälfte die ersehnte Stunde bringen wird, und diese Stunde braucht keineswegs erst im Sommer zu kommen, sondern kann auch wirklich als erste Tat des neuen Landtags bestimmt werden. Aber sie kann sich auch noch bis tief ins Jahr hinein hinausschieben, wenn etwa die Bayerische Volkspartei stark genug bleibt, um ihren Einfluß auch gegen außerparlamentarische Einflüsse durchzusetzen. Dann wird man schon wünschen, die Leute, die die katholische Kirche angegriffen haben, eine Serie von Monaten hindurch „büßen“ zu lassen. Sollte man dann aber wirklich versuchen, die „vaterländische“ Gesinnung der Amnestierung als Voraussetzung zu geben, dann glaube ich doch nicht, daß dazu die Mitwelt auch noch still schwiege. Wäre das die Absicht, dann hätte man drauf verzichten müssen, der Schreckenskammer der Weltjustizgeschichte ein Niederschönenfeld zu liefern.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 23. Januar 1924.

Bei der Überfütterung mit welterschütternden Ereignissen, die uns ganz besonders das ganze Jahr 1923 in Atem hielt, kommt einem eine solche scheinbare Pause, wie sie augenblicklich da ist, vor, als ob nun die „Konsolidierung“ aller Verhältnisse tatsächlich vor sich gehe. Es genügt aber, aus den Zeitungen einmal ein paar Notizen zu überblicken, die nicht unmittelbar mit dem zusammenhängen, was uns deutsche Revolutionäre persönlich am meisten interessieren muß, um zu erkennen, daß seit Ende des Weltkriegs tatsächlich noch garnichts wieder in rechtem Geleise läuft und überall Kämpfe und Krämpfe tollster Art krachend oder mit Krach drohend mitten im Gange sind. Gleichviel, ob man den in Japan nach den Erdbebenkatastrophen aufgerührten sozialen Erschütterungen nachgeht – es scheinen wüste Metzeleien, besonders gegen Koreaner und Revolutionäre, an der Tagesordnung zu sein, ob man in Europa die staatspolitischen Versuche betrachtet, einige Regelmäßigkeit in den Gang der Wirtschaft zu bringen – die Konferenz der Kleinen Entente in Belgrad, das französisch-tschechische, das italienisch-yugoslavische Abkommen – beziehungsweise einander zu übervorteilen – die ewigen französisch-britischen Konflikte, jetzt wieder mit der „Blockierung“ der Kölner Zone wegen der Meinungsdifferenzen, die mit der Eisenbahn-Regie im besetzten Gebiet zusammenhängen, und mit der gänzlich divergierenden Politik der Separatistenbewegung gegenüber – die Reise des Herrn Clives in die Pfalz etc –, ob der mexikanische Bürgerkrieg in Betracht kommt, über den die Presse in der üblichen Verlogenheit und Verlegenheit nur Episodisches zu berichten weiß und die Tatsache verschweigt, daß es sich um ein Manöver nordamerikanischer Petroleummagnaten handelt, das während des Kriegs (1917) erlassene Staatsmonopol-Gesetz für Naturprodukte umzustürzen und die Quellen also wieder der eignen Ausbeutung fruktikabel zu machen; oder ob es sich um den offenbar sehr hartnäckigen Kampf innerhalb der russischen Kommunistischen Partei wegen der „Nep“-Politik und damit zusammenhängend den russisch-englischen Interessenkonflikt in Indien und Afghanistan handelt, womit wieder die Frage verbunden ist, die die Anerkennung Rußlands von den europäischen Mächten angeht, besonders Frankreichs, – bei alledem ist eins sinnfällig: daß die Erde bis oben hin immer noch mit Sprengmunition geladen ist, ärger womöglich noch als 1914, daß kein einziges der durch den Krieg aufgerührten Probleme einer halbwegs möglichen Lösung auch nur nahe ist, daß der Krieg nur in seiner wildesten Form unterbrochen ist und täglich wieder aufflammen kann, – vor allem aber: daß nichts, aber auch garnichts mit gesetzmäßiger Notwendigkeit eintreten muß, sondern alles davon abhängt, was aus Menschenwollen und -Leisten gestaltet wird. Bis jetzt hat sich noch keine Energie in den Vordergrund geschoben, deren Walten sich in Schicksal zu wandeln verspräche. Bis jetzt ist ringsum nur ein Keifen und Salbadern hörbar zwischen materiellen Spekulanten, die die Leiche der krepierenden Vergangenheit fleddern möchten, zwischen idealistischen Narren, die die Welt glauben durch Aderlässe galvanisieren zu können und sie im Jungbrunnen von Krieg und Mord wieder zu der Schönheit erwecken möchten, die ihren Phrasen gemäß wäre und zwischen Theoriepfaffen, die sich damit begnügen, den Völkern ein paar Rechenkunststücke vorzuführen, die herrlich aufgehn müssen, wenn man nur ihnen die Vollmacht überläßt, den Sterbenden durch Zuspruch zu überreden, doch gutwillig in einen neuen, erfreulichen Wesenszustand überzugehn. Das war die Tragik des russischen Volks: als sie sich nur ihres kraftvollen Befreiungswillens bewußt waren, vollzogen sie die herrlichste Revolution, die die Weltgeschichte gesehn hat, – und danach besannen sich die Vordergrundspersonen dieser wunderbaren Willensemanation auf die marxistische Theorie, auf „Entwicklungsgesetze“ und Naturnotwendigkeiten. So kam der Zwist in die eignen Reihen, und neue Revolutionen werden vollenden müssen, was die getane Arbeit nicht hat reifen lassen. Bleiben diese Revolutionen noch lange aus, dann wird der Fortgang des Kriegs ein Chaos schaffen, das vielleicht nicht einmal mehr die Energie zurückläßt, die den Boden vollends umackert, um neue Saat ausstreuen zu können. Davon das Ende aber wäre das Versinken Europas in den Zustand einer Verblödung, die Jahrzehntausende brauchen würde, um über Schrecknis und Verödung, über Stumpfheit und Wildheit und langsamer Erweckung – vielleicht durch Völker, die heute in ähnlichem Zustand sind – Südseeinsulaner oder Neger – in den Kreislauf des Menschentums wieder den Eingang zu finden. Dieses Schicksal ist nur zu verhüten durch die aus der Reinheit verzweifelten Opfergeistes, aus dem tiefsten Erlösungswillen geborene, von den arbeitenden Menschen getragene und auf vollkommene Freiheit gerichtete Revolution. Ihr mein Leben, ihr mein Blut!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 24. Januar 1924.

Lenin tot! Die Nachricht kommt in so bestimmter Form, als ihre Quelle wird eine offiziöse russische Agentur angegeben, daß wir sie als wahr nehmen müssen. Mir wirbeln die Gedanken und Gefühle, und es wird seine Zeit brauchen, bis das furchtbar erschütternde Ereignis in mir zu ruhiger Einordnung unter die Betrachtungen zum Weltgeschehn wird reifen können. Noch bin ich kaum fähig, den Sinn der Meldung zu fassen, und meine Nerven sind überdies durch den Zwang durcheinander geraten, den ich mir eben im Kreise der Genossen auflegen mußte, um nicht ihr merkwürdig niveauloses Reagieren auf diese Trauerbotschaft mit einem Ausbruch zu beantworten. Es ist wohl keiner im Hause, der Lenins Wirken seit der äußerlichen Stabilisierung des pseudosowjetischen Regimes in Rußland in Hirn und Herz schärfer kritisierte als ich; aber ich fürchte, daß das Erlöschen dieses Genies von keinem der Genossen hier, die blind verteidigen, was er schuf, was er tat, was er leitete und was er im Stich ließ, so bitter schmerzlich empfunden wird wie von mir. Oh, wie sie alle bereit waren (außer Luttner, der still blieb und wohl in der Seele weinte), gleich Namen zu nennen, die nun dem Werk als Schild dienen werden, wie sie mit der dummen Allerweltsweisheit auffuhren, niemand sei unersetzlich! Napoleon hat’s erfahren, als er sich in St. Helena seine Taten überleben sah, wie die Kleinen von den Seinen taten, als wäre sein Wirken nur eine Verirrung gewesen und ihnen bliebe die Aufgabe, die Achse zu drehn, die sie doch nur verschoben hatten, um nicht anerkennen zu müssen, daß sie Jener in Bewegung gesetzt hatte. Ich verneine viel von dem, was Lenin im Einzelnen gelehrt und bewirkt hat, ich habe schmerzlich gelitten, als ich seinen Appell zum Opportunismus – die Kinderkrankheits-Broschüre – las, als ich verfolgte, wie er – getreu den darin verkündeten Zynismen – den Wagen der sozialen Revolution bremste, anstelle des Kommunismus den Staatskapitalismus, endlich gar dessen Verquickung mit privater Spekulation, setzte und selbst die Verfolgungen der idealtreuen Revolutionäre billigte, die nicht realpolitisch denken konnten und mochten, – ich weiß das alles, und noch vieles mehr, – und doch ist mein Schmerz unendlich groß, und das Gefühl allein beherrscht mich, daß am 21. Januar – vor 3 kurzen Tagen – ein Riß durch den Erdball ging, daß die Weltgeschichte an einem Kreuzweg angelangt ist, und daß ein Volk, das als Ganzes von unbeschreiblicher Schicksalsfähigkeit bewegt wird, der menschlichen Kraft verlustig gegangen ist, die seiner Größe durch die schicksalsvollsten Jahre hindurch die repräsentierende Erscheinung war. Dumpf und erbarmungslos steigen Fragen auf: Rußland ohne Lenin, die Arbeiterschaft der Welt ohne Lenin, die Weltrevolution ohne Lenin! Was nun?

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 27. Januar 1924

Mehrere Tage waren wieder für jede Betätigung gesperrt. Vorgestern Reinigung, gestern Fensterreparatur und heute müßte ich eigentlich die bei der Stöberei arg aus der Ordnung geratenen Bücher neu stellen, will’s aber vorerst bei rein äußerlicher Übersichtlichmachung bewenden lassen, zumal ich jetzt beginne, nach und nach paketweise überflüssiges Gepäck an Zenzl zu senden. – Das Ereignis Lenin hat bei den Genossen doch inzwischen großenteils stark nachgewirkt. Ein paar Leitartikel in den Zeitungen haben das Gefühl für die Größe der Katastrophe geweckt, und gestern am Beisetzungstage hatte die Mehrzahl die Ausnahmskleidung angelegt und vormittags marschierten wir geschlossen eine halbe Stunde um den Hof. Oben bei den Schutzhaftgefangenen, die scheinbar erst gestern Kenntnis von Lenins Tod erhalten haben, hörten wir abends eine eindrucksvolle Feier vor sich gehn. Der schöne russische Trauermarsch wurde gesungen, danach die erste Strophe der Internationale und dann erklang das Hoch auf die Weltrevolution. Bei der Einmütigkeit, die nach ein paar kurzen Wochen Haft unter den Leidensgenossen wohl noch besteht, kann man derartige Demonstrationen trotz Verboten und Unterbrechungen machen. Bei uns wäre es Torheit, da nicht bloß Disziplinierungen folgen würden, die man auch mal auf sich nehmen muß, sondern – was zu vermeiden leider unsre erste Aufgabe geworden ist – unerträglicher Zwist im Hause selbst. Nicht einmal für ein Beileidstelegramm an die Berliner russische Botschaft war das Einverständnis aller zu gewinnen, obwohl die Fassung frei ist von jeder politischen Färbung und obwohl auch die Frömmsten, die Holzmacher, ihre Zustimmung gaben, es im Namen aller abzusenden. Als Einziger protestierte Klingelhoefer, wobei ihm zugestanden werden muß, daß seine Weigerung nicht von persönlichem Interesse sondern von wirklicher trüber Gegnerschaft gegen alles bestimmt wird, was ihm die Erinnerung an seine revolutionären Sympathien erwecken könnte. Peinlich! Die Presse nimmt sehr unterschiedlich Stellung zu Lenins Tod. Die unabhängigen und ein Teil der oppositionellen Sozialdemokratischen Blätter wird der Bedeutung des Ereignisses einigermaßen gerecht, wobei aber eins auffällt: sowohl die rechten wie die „linken“ Sozialdemokratischen Organe bringen den marxistischen Theoretiker Lenin in Gegensatz zum bakunistischen Praktiker. Diese Gegenüberstellung ist zwar ganz richtig, sofern man die Durchführung der Revolution vom 7. November 1917 und die Grundsätze der Neugestaltung als Sowjetrepublik als das Werk des Praktikers Lenin betrachtet, wozu man ohne Zweifel sehr viel Grund hat. Hier waltete ganz das Prinzip: Revolution von unten auf; Aufbau des Neuen von unten auf, – ganz Bakuninscher Geist. Die menschewistischen Artikelschreiber werfen aber Lenin grade das Gegenteil vor – die reine oligarchische Diktatur von oben, also jene über die Sowjets errichtete Parteidiktatur, an der nach meiner und wohl der bakunistischen Anarchisten Auffassung insgesamt die wundervolle proletarisch-bäuerliche Oktoberrevolution nach dem Siege strandete, – und, in seltsamer Übereinstimmung wird diese Obrigkeits-Institution, an der Lenin ohne Zweifel ebensoviel Schuld trägt wie er Verdienst hatte an der Durchführung der Revolution im ehesten Stadium, Lenins „Bakunismus“ genannt. Da ist Paul Levi (äußerste Linke), Leipziger Volkszeitung (sozialdemokratisches Zentrum) und Münchner Post (äußerster rechter Flügel der Partei) derselben Meinung. Die erschreckendste Unkenntnis des allergrößten revolutionären Sozialisten selbst in seinen grundlegenden Lehren stellt sich bei denen heraus, die das deutsche Proletariat seit Jahrzehnten theoretisch zu orientieren haben. Es handelt sich um die Verwechslung dessen, was Bakunin allgemein wollte und propagierte, mit den (großenteils garnicht von ihm sondern von Netschaeff stammenden) Anweisungen an Offiziere und Studenten für die Organisation konspirativer und subversiver Verschwörungen, die denen der deutschen Völkischen sehr ähnlich sind. Je weiter diese „sozialistischen“ Blätter sonst rechts stehn, umso kleiner, schäbiger und horizontloser sind die Nachrufe ausgefallen. Man kritisiert jammervoll am Einzelnen des russischen Revolutionswerks herum, statt angesichts der Erfolge der eignen Verrätereien in der Ebert-Republik schamhaft zu schweigen. Selbst die Deutsche Allgemeine Zeitung wird doch der Persönlichkeit des Toten einigermaßen gerecht, nennt ihn, was würdig ist – denn es ist richtig – in einer Linie mit den allergrößten Tatmenschen der Geschichte, mit Dschingiskhan und Cromwell, während die Münchner Post – eine Spiegelbrille vor der Nase – in Lenin so eine Art zufälliger Konjunktur-Arrivisten sieht. Noch toller ist freilich, was sich der Miesbacher Anzeiger leistet, der sich dabei augenscheinlich einer völkischen Korrespondenz bedient: da wird als Todesursache sans phrase Syphilis-Paralyse angegeben und zugleich versichert, daß auch Trotzki daran leide (Eisners Methode gegen Max Levien), – und mit dieser Charakteristik tut sich diese Art Geschichtschronisten genug. – Ich habe die Überzeugung, daß ein solches Maß von Erbärmlichkeit außerhalb des nachrevolutionären Deutschlands undenkbar wäre. Die Frage, was die Wirkungen von Lenins definitivem Ausscheiden für Rußland unmittelbar sein werden, beschäftigt hier im Hause die Genossen am meisten. Gewisse kalte Realisten (Kain) meinen, Lenin sei ja schon seit einem Jahre tot gewesen, also werde sich garnichts ändern. Das ist unendlich töricht. Als 1913 Bebel starb, schrieb ich: „Es war der Herzschlag der Partei selbst, der in Bebels Totenbett gestockt hat“ und rief die Anarchisten und konsequenten Sozialisten zur Wachsamkeit auf, „ihre Scharen für die Aufnahme der Sozialdemokraten bereit zu halten, die das Aufgehn der Bebelschen Erbschaft im nationalen Liberalismus nicht abwarten wollen“. Der innere Bruch in der Partei trat unmittelbar nach Bebels Tode ein, nicht erst im Krieg 1916 bei der offenen Spaltung, auch nicht erst beim Abschwenken der Haaseaten von der Reichstagsfraktion Ende 1915, selbst nicht erst bei Liebknechts herrlicher Demonstration im Dezember 1914, sondern schon bei der Abwürgung Radeks auf dem Jenaer Parteitag im Zusammenhang mit der Göppinger Affäre und der Fronde der Westmeyer und Bremer Linken (Pannekoek, Knief etc). In unvergleichlich höherem Maße als damals auf Bebel trifft heute auf Lenin zu, daß in seinem Totenbett der Herzschlag seiner Partei nicht nur, nein der Revolution, wie sie bis heute war, gestockt hat. Das russische Volk, das viel mehr mit dem Instinkt lebt und aus dem Gefühl handelt als irgend ein andres – deshalb handelt es im Affekt stets so richtig –, war bisher durch das Bewußtsein der Existenz Lenins innerlich so stark verbunden und an die revolutionären Methoden des „Leninismus“ (in all seinen Variationen und Wandlungen) anhänglich, daß sich keine Opposition dagegen mit Erfolg durchsetzen konnte. Dies, obwohl die Linken Sozialrevolutionäre, die Anarchisten, Maximalisten und selbst die in allerletzter Zeit unter Trotzkis persönlicher Führung gegen die Neue ökonomische Politik aufsässigen Bolschewiken mit ihren Tendenzen dem Empfindungswillen der breiten, revolutionsgewöhnten Massen in ihren Forderungen viel eher entsprechen als die dem deutschen Unteroffiziersgeist entlehnten Methoden, deren Träger Stalin, Bucharin, Kamenew etc. sind. Lenins Tod fiel in die Tagung der Rätekonferenz, bei der grade eben Trotzki zu Kreuze kriechen mußte (daher seine von Teutomanen gleich zu Syphilis vergiftete „Krankheit“). Werden nicht jetzt die Ehrgeizigen und Strebsamen aus den Löchern schleichen, und ihre Stunde gekommen wähnen? Und wird das Proletariat, die Bauern, die Soldaten und Matrosen, die die Idee der reinen Sowjets noch als Sehnsucht in sich tragen, dabei ruhig zusehn, wenn Geister secundum ordinem in Lenins Tatarenstiefeln daherstampfen möchten? Und werden endlich die Menschewisten, die rechten Sozialrevolutionäre und die entthronte Bourgeoisie nicht Morgenluft wittern und bei den Kerenski und Sawinkow die Verruchtheit des Westeuropäertums erwarten, um endlich doch noch mit französischen und britischen Kanonen und Kriegsschiffen dem russischen Märchenvolk den Traum seiner Unschuld zu nehmen und bei ihm den Marxwahn, daß erst das kapitalistische System sich bis zu den höchsten Möglichkeiten entwickeln müsse, ehe der Sozialismus zum Leben erwachen könne, durch Massenmord und endlose Vernichtung als wahr zu „erweisen“? Hundert bange Fragen stehn auf. Aber da ich glaube – nein, weiß! –, daß Lenin eben deshalb das Genie Rußlands war, weil sich in ihm das ganz wahre, von Dostojewski ahnend geschaute wilde, unabhängige und im besten Sinne gotterfüllte russische Volk personifizierte, deshalb weiß ich auch, daß die neue Bewegung, die dieses Volksmeer wieder in Sturmflut wird aufpeitschen lassen, Revolution und nicht Restauration sein wird, und daß die beiden größten Russen, Bakunin und Lenin, dabei der Welt zeigen werden, daß sie nicht tot sind, sondern ihrem Volk und allen Völkern als Lehrmeister wahren Lebens erst auferstehn werden, – und dann lebt Tolstoj!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 29. Januar 1924

Jetzt liegt Wladimir Iljitsch schon unter der Erde – und nun mögen die zahllosen Gedanken, Erörterungen, Ausblicke, die sich mir unaufhörlich an seinen Tod heften, bei den schriftlichen Aufzeichnungen wenigstens, zurücktreten hinter das Getriebe der überlebenden Welt. Der Strohkranz, den die Verwaltung dieser Anstalt für das Grab der ungeheuersten Energie der Gegenwart geflochten hat, ruht in den Akten Saubers. Der hatte in unser aller Namen das Telegramm an Krestinski aufgegeben, das ohne ein Wort politischen Inhalts einfach die Versicherung unsrer tiefen Trauer enthielt. Unterzeichnet: „Politische Gefangene in Niederschönenfeld“. – Zu den Akten 1) wegen agitatorischen Inhalts (!) 2.) weil der F. G. Sauber nicht berechtigt sei, im Namen der übrigen Festungsgefangenen aufzutreten. Mein und mehrerer andrer Genossen Wunsch, die Angelegenheit dem Reichsaußenminister mit dem Ersuchen mitzuteilen, der russischen Botschaft von unsrer Kundgebung Kenntnis zu geben, wurde bei der Unterschätzung des Werts von Dokumentenanhäufungen in den verschiedensten Archiven leider von den übrigen Mitgefangenen verworfen. So mag die Sache also hier noch einmal Raum finden. – In der politischen Entwicklung gäbe es Dutzende von Ereignissen, bei denen ich einsetzen könnte, um meine Chronik fortzusetzen. Wollte ich die Wichtigkeit der Tagesbegebenheiten nach dem Platz bemessen, den die Presse ihnen einräumt oder nach der Dicke des Überschriftendrucks, dann müßte ich wie sie allem voran die Erhebung Ramsay Macdonalds zum britischen Premierminister behandeln. Diese Erhebung liegt nun auch wohl schon eine Woche zurück, und ich glaube, ich habe sie im vorigen gänzlich ignoriert. Nicht daß mich die Tatsache nicht interessierte, nur muß ich lachen, daß überall, besonders natürlich bei den Sozialdemokraten, die erste „Arbeiterregierung“ in England wie ein die Welt in ihren Angeln erschütterndes Ereignis gefeiert wird. Gewiß ist, daß Macdonalds Berufung nicht ohne Veränderung der politischen Lage auf den Inseln und mithin im internationalen Verkehr, Staatengemächel und Kapitalsgetriebe bleiben kann. Nur wird sie nicht die Ursache davon sein, sondern ist Folge von Veränderungen, die schon stattgehabt haben, Veränderungen jedoch, die ich nicht für eine Art Abdankung des kapitalistischen Regimes halten kann, wie es die Marxisten zumeist tun, sondern ganz einfach für Verschiebungen in den spezifisch britischen Parteikonstellationen, wie man sie in England selbst scheinbar allgemein ansieht. Angenommen, das Kabinett Macdonald wahrt im Gegensatz zu den Marxisten in Deutschland sozialistischen Charakter, d. h. es greift zu Maßnahmen, die im Interesse des Proletariats liegen, – dann ergibt sich das Abschwenken der Liberalen binnen kurzem als natürliche Konsequenz, und die „Arbeiterregierung“ bleibt Episode. Oder aber – und das ist wohl das Näherliegende – man richtet sich in der Regierung ein, wahrt „Staatsbelange“ und macht es so wie es die deutschen Marxisten jeweils tun, wenn sie „regieren“ dürfen: man knüppelt die Arbeiter nieder, betrachtet sich als Schildwache vor den kapitalistischen Vorrechten und die Veränderungen beschränken sich auf gewisse innen-, außen- und finanzpolitische Abweichungen von den Vorbildern der Bonar Law- und Baldwinschen Methoden. Ein Prüfstein für die Absichten Macdonalds und der Seinen ist der große Eisenbahnerstreik in England, der sich jedoch nur auf die Angestellten der in Privatwirtschaft betriebenen Bahnen beschränkt, sodaß also die Geste allenfalls noch gewahrt bleiben kann, wenn es auch jetzt schon den Eindruck macht, als wollte Macdonalds Genosse und jetziger Arbeitsminister Thomas um der politischen Interessen willen den Streik abzuwürgen versuchen. Doch muß das noch abgewartet werden. Die Anerkennung Sowjet-Rußlands wird für die neue englische Regierung ohne Komplikationen bewirkt werden können, da die Forderung auch von den Liberalen aufgestellt ist. Ebenso wird Macdonald keinen Schwierigkeiten begegnen, wenn er das Verhältnis zu Frankreich, zumal hinsichtlich der deutschen Frage, auf ganz andre Grundlagen als bisher zu stellen suchen wird. Dies – und das Schutzzollproblem, bei dem er fraglos die übergroße Majorität der Nation auf seiner Seite hat, – war ja aber der eigentliche Anlaß zu Baldwins Sturz, – und so sehe ich vorläufig weit und breit nicht recht, wie sich das Kabinett als „Arbeiterregierung“ speziell wird auszeichnen sollen. Wenn also, zumal die „linken“ Sozialdemokraten die Gleichzeitigkeit des Todes Lenins, der sein Werk als nicht mehr zerstörbares Denkmal seiner Wirksamkeit zurücklasse, mit dem Aufstieg Ramsay Macdonalds zum Führer des britischen Imperiums als Symbol der Weltgeltung des Proletariats preisen, so scheinen sie mir schlechtweg Unsinn zu schwätzen. Mindestens hätte die Arbeitervertretung in Deutschland Ursache, den Erfolg einer Revolution, die aufs Ganze ging, und das Postenbeziehen eines Bonzen zur Verwaltung eines kapitalistischen Staatswesens recht weit auseinanderzuhalten. Haben ihre Scheidemänner doch selbst des Zweiten wegen das Erste verraten, und können sie doch jetzt selbst jeden Tag von neuem die Folgen beobachten, die das für die deutsche Arbeiterschaft gehabt hat. Ganz abgesehn von den täglichen Übergriffen der Militärs unter dem Belagerungszustand, die besonders in Thüringen die Zivilverwaltung hindert, auch nur nach eignem Ermessen Theaterdirektoren einzusetzen, Regierungsverordnungen außer Kraft setzt und den Ministern kommandiert, was sie zu tun und zu lassen haben – das sind ja die Auswirkungen der tatsächlichen Verhältnisse, und die werden gekennzeichnet durch die ungeheuerlichste Wirtschaftskatastrophe, die je ein Land ohne Mißernte erlebt hat. Das Kapital tobt sich schrankenlos aus. Alle Wirtschaftsgruppen wetteifern in Brutalität mit Arbeitszeitverlängerungen bei gleichzeitigen Betriebseinschränkungen, mit Lohnverkürzungen bei gleichzeitigen Preissteigerungen, mit Aussperrungen, Hungerpraktiken und schamlosen Dekreten. Und der Staat als Arbeitgeber steht ihnen nicht nach. In den Ämtern des Reichs und der Länder werden im größten Stil Entlassungen vorgenommen, und die gnädig zur „Pflichterfüllung“ weiter Zugelassenen müssen 12 Stunden, ohne die Pausen, schuften und werden am Gehalt geschröpft, daß sie vollkommen ins Elend geraten. Ja, der Reichsfinanzminister Luther erläßt Rundschreiben an die Kollegen für Arbeit und Wirtschaft, sie möchten dahin wirken, daß in den Lohnzahlungen für sonstige Arbeiter kein Mißverhältnis zu den Bezahlungen der Beamten einreißen möge; man möchte die Schlichtungsausschüsse entsprechend anweisen. Das haben sogar die Herren Brauns und Hamm zurückgewiesen, aber es zeigt die Tendenz, die überall waltet. Es scheint ja, daß bald nun doch die Geduld auch der deutschen Sklaven reißen soll. Bei den Eisenbahnern machen sich Streikneigungen geltend, und die Gewerkschaften müssen schon die große Bremse einhängen; haben doch sie selbst das Prinzip im „neuen“ Deutschland zuerst proklamiert, daß kein Streikrecht für Beamte bestehn dürfe. Vorerst hält noch die „stabilisierte“ Mark Ruhe, Ordnung und Sicherheit einigermaßen aufrecht. Aber schon schreit die Rentenbankverwaltung, die Zahlung der Besatzungskosten müsse eingestellt werden, sonst breche alles zusammen, und die Inflation sei nicht mehr aufzuhalten. Daß man sie nur noch bis über die Wahlen hinaus verzögern möchte, ist mir längst klar, – es sei denn, die interalliierte Kommission, die nach einem Referat des zweifellos sehr intelligenten neuen Reichsbankdirektors Schacht in Paris, demnächst in Berlin ihre Arbeit aufnehmen wird, brächte wirklich – sei es unter Befolgung der Arnold Rechbergschen Vorschläge, sei es durch andre Mittel, aber jedenfalls nicht ohne strengste Finanzkontrolle nach österreichischem Muster – mit großer Geschwindigkeit einen riesigen Kredit für Deutschland zustande. Dann – und wohl in jedem Falle außer dem der proletarischen Revolution, auf die ich stärker denn je hoffe –, wäre ein gewisser Ausgleich da, bei dem die Industriellen Deutschlands aber schwer enttäuscht würden, da man ihnen viel von der Selbständigkeit nehmen würde, die ihnen bis jetzt die Abwälzung aller Staatskosten auf die Arbeiter möglich macht; – aber Deutschland wäre, wirtschaftlich gesehn, für das britische und amerikanische Kapital kaum mehr etwas andres als Kolonialgebiet, ein Absatzland wie Algier oder China (diese Möglichkeit, daß hochkapitalistische Länder nach verlorenen Kriegen zu solchen Absatzkolonien degradiert werden können, hat Rosa Luxemburg in ihren vortrefflichen Darlegungen zur Akkumulation des Kapitals noch nicht in Betracht gezogen), wie irgend eins der Länder, die unsre Imperialisten bis dahin selbst für ihren Markt eroberten und auspowerten, und die Herren der deutschen Wirtschaft, mögen sie immerhin auch noch als Teilhaber andrer Unternehmungen zugelassen werden, wie man ja auch Proletariern durch Sparkasseneinlagen die Beteiligung an der Ausbeutung einräumte, werden im eignen Lande nicht viel mehr sein, als die Werkmeister der Siegerausbeuter. Die Inflationsgefahr in Frankreich, die derzeit bei uns so viel Jubel erweckt, wird einen solchen Verlauf nur beschleunigen können. Die Wendung der Dinge kann sehr rasch vor sich gehn, und die Reaktion wird in nicht garzu langer Zeit lange Gesichter machen, in Bayern nicht weniger als anderswo. So interessieren mich die Wahlen, der am 18. Februar in München beginnende Hitlerprozeß (der vorweg durch die Tatsache hübsch beleuchtet wird, daß man Herrn Pöhner wegen eines Darmleidens in eine Privatklinik beurlaubt hat, cf. die Behandlung unsres Hagemeister), die Verfassungs- und sonstigen Raufereien im Reich und im Lande zumeist nur unter Gesichtspunkten, die außerhalb der allgemeinen Entwicklungslinie liegen. Die Schicksalsgemeinschaft Ludendorffs ist mir aus persönlichen Interessen selbstverständlich wichtig genug, aber im ganzen Großen ist der ganze Froschmäusekrieg zwischen Völkischen und „Marxisten“, zwischen Weißblauen und Schwarzweißroten, zwischen Zentralisten und Partikularisten nicht viel interessanter, als die amüsante Tatsache, daß wir vorgestern, was überhaupt noch nie da war, Mittags und Abends Fleisch zu den Mahlzeiten vorgesetzt bekamen. Das jetzt, wo seit Monaten unsre Beköstigung unter dem Luder ist, – aber es war nicht nur Sonntag, sondern auch der 27. Januar, der Geburtstag des Kaisers seligen Andenkens! Unser Vorstand scheint es also mit Hitler-Ludendorff und den preußischen Hohenzollern zu halten; kein Wunder, da deren Schildhalter, Dr Roth, ihn für sein Amt bestimmt und verpflichtet hat. – Während ich schreibe, kam der Genosse Mayr strahlend herein: er hat eben die Eröffnung bekommen, daß er am Montag auf Bewährung entlassen wird. Das ist aus vielen Gründen sehr interessant für uns. Die letzte Bewährungsfristentlassung (der Fall Hager scheidet aus, da ihm die Bewährungsfrist vom Gericht selbst zugebilligt war) betraf Aloys Wagner, der am 28. Juli ging; vor ihm – am 24ten – ging Fritz Weber: sie beide, ebenso wie Mayer, solche, die sicher früher einmal auf Bewährung hinausgekommen waren. Alle drei zählen also in den Statistiken 2mal als des bewährten Verfahrens der bayerischen Gnadenerweisungs-Eigenart teilhaftig geworden. (In dieser Statistik figuriert natürlich auch Popp, den man ohne jede Begründung einfach in die Festung zurückgeholt hat). Aber jetzt werden, nachdem nach einem vollen halben Jahr überhaupt endlich wieder Entlassungen außer der Reihe vorgenommen werden, viele selige Hoffnungen lebendig werden, und ich wünschte, daß sich alle diese Hoffnungen erfüllen möchten. Je rascher unsre Zahl sich vermindert, umso leichter wird man dem Gedanken zugänglich werden, auch den Rest freizulassen, und wenn die vox populi (die völkische Stimme) zu den Regierungs- und Parlamentsohren hinaufschallt: Heraus mit Hitler, wird man die Peinlichkeit, gleich auch Mühsam an die Luft setzen zu sollen, umso eher schlucken, je weniger Mitgefangene noch als Abschlagszahlung befreit werden können. Der fünfte Winter geht langsam dem Ende zu. Ehe der sechste sich anmeldet, werden – auch wenn keine explosiven Ereignisse das vorher noch zuwege bringen – die bajuwarischen Christen einen schmerzhaften Rülpser tun und abgewendeten Gesichts dekretieren: Raus mit dem Juden!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 1. Februar 1924.

Ob’s Zufall ist oder ob Kausalität waltet, – auf keinen Fall ist die tiefere Bedeutung zu verkennen: Lenin lag noch nicht unter der Erde, da zeigen sich schon die Risse in der Partei, die er als Überbau über die Sowjets glaubte einsetzen zu müssen. Schon kurz vor seinem Tode – er starb ja grade während einer Tagung der Exekutive – waren die schweren Differenzen zwischen dem offiziellen Flügel und der Opposition in die Öffentlichkeit gedrungen. Doch erfuhr man – bei uns etwa zugleich mit der Trauerkunde –, daß die „Linken“ (in Wirklichkeit ist die Scheidung zwischen „links“ und „rechts“ da kaum berechtigt. Der Streit um die „Nep“ ist garkein prinzipieller, sondern geht nur um die Methoden und das politische Eintaxieren von Maß und Tempo der wirtschaftlichen Maßnahmen), daß Trotzki und die Seinen sich einen Rüffel zugezogen hätten und sich dem Beschluß der Mehrheit, daß Fraktionsbildungen innerhalb der III. Internationale unstatthaft seien, unterworfen hätten. Kaum aber war die Nachricht da, daß Lenin gestorben ist, kamen auch schon Ergänzungen, die auf mich ganz den Eindruck machten, als hätte man das Ereignis zum Anlaß nachträglicher verschärfender Korrekturen an den Beschlüssen gemacht. Vielleicht irre ich mich, – umso besser für die, die es angeht. Jedenfalls erfährt man jetzt, daß Trotzkis Zurechtweisung von einer strengen Maßregelung begleitet war (oder eben gefolgt). Zwar hat man ihn nicht, wie scheinbar zahlreiche seiner Anhänger, eingesperrt, ihm aber die Benutzung der russischen Bahnen verboten, was auf eine beaufsichtigte Aufenthaltsbeschränkung hinausläuft. Heißt es doch auch, daß die Tscheka mit der Bewachung Trotzkis beauftragt sei. Das Verfahren erinnert in mehr als einer Beziehung an den Fall Ludendorff. Auch den traut man sich als ehemaligen Oberkommandierenden nicht zu verhaften, stellt ihn aber unter Polizeiaufsicht und man wird hier, wie wohl auch über kurz und lang bei Trotzki, demnächst erfahren, wie weit zwischen ihm und Kahr (Sinowjew) eigentlich die Differenzen bzw. die Übereinstimmungen gehn. Jetzt wird auch der Rüffel bekannt, den sich Karl Radek auf jener Konferenz zugezogen hat, und der seine Tätigkeit in Deutschland betrifft. Da ist es nun interessant, daß er, der als Trotzki-Mann gilt, also in Rußland als „Linker“ von seinen „rechten“ Parteigenossen grade deshalb desavouiert wird, weil er in der KPD die „rechte“ Minderheit in der Parteizentrale (Thalheimer, Brandler) gefördert und dadurch die Einigung des „linken“ Flügels mit dem „Zentrum“ verhindert habe. Es wird da durchsichtig Bezug genommen auch auf seine plumpe Anbiederung an die Völkischen und Nationalmilitaristen, die nur diesen genützt habe, und seine Tätigkeit allgemein als ein Bestreben zur „Fraktionsbildung“ charakterisiert, was den Fall als mittelbar mit der russischen Fronde parallel laufend erweist. Der Hinweis auf die Reventlow-Affaire ist aber insofern bezeichnend für die allgemeine Wirrnis, weil die irrsinnige Parole, das sozialdemokratische Nachlaufen hinter Ludendorff 1914 – 18 als kommunistische „Taktik“ von 1923 zu kopieren, grade von den deutschen „Linken“ (Ruth Fischer) am eifrigsten befolgt wurde. Man wird nun also wieder einmal eine allgemeine Schwenkung der deutschen „kommunistischen“ Politik zu erwarten haben, und Genosse Maßlow wird zeigen können, wieviel gescheiter er die Partei „führen“ wird als es erst Levi und dann die Charaktere um Brandler getan haben. Wie die Leiter der Komintern im allgemeinen die Talente der deutschen kommunistischen Führerschaft einschätzen, erhellt klar aus einem Artikel, den kürzlich der Gesellsche „Neue Kurs“ aus der „Prawda“ zitierte. Da setzt sich Sinowjew mit der deutschen Bewegung äußerst aggressiv auseinander. Man habe Ende Oktober mit absoluter Sicherheit in Deutschland den Ausbruch der proletarischen Revolution erwartet. Sie sei durch die Unfähigkeit der Parteileitung ausgeblieben, die völlig unrichtige Informationen nach Rußland sandte, und der man jetzt „unser Vertrauen in jeder Form entziehen“ müsse. Besonders illustrativ wirkt dieser Satz: „Selbständige Köpfe zu verwenden, schien unmöglich, da wir ja unsre Parolen und Winke ausgeführt haben wollten; freilich so mechanisch, wie die Repräsentanten der KPD auf jeden unsrer Wünsche eingingen, so hatten wir uns die Leitung nicht gedacht.“ Dann – hier zitiert der N. K. leider selbst nicht wörtlich – führt Sinowjew den Zusammenbruch der Offensivaktionen auf falsche Organisation zurück, womit er wohl recht haben wird, und „er meint, daß die Form der Gewerkschaften, die Form der Partei versagt habe, und daß darum die Gebilde als schädlich und hemmend zertrümmert werden müßten. Er wendet sich vom Zentralismus ab und empfiehlt den Föderalismus“. Das hätten die Bolschewiken uns schon vor einigen Jahren empfehlen sollen; dann sähe es in Deutschland wahrscheinlich anders aus. „Er ruft den Arbeitern in den Betrieben zu: Schickt alle von der Arbeiterbewegung lebenden Kreaturen zum Teufel!“ – und verurteilt den parlamentarischen Weg „als in tiefe Verödung führend“. – Fehlt also nur noch die Einsicht, daß das ganze Fiasko auf die falsche marxistische Lehre zurückzuführen ist, der man in blindem Gottvertrauen nachstolpert, – und diese Einsicht wäre ja nur die Konsequenz der Sinowjewschen Kritik und ihrer Folgerungen, – und unsereiner könnte hoffen, endlich doch noch die Maximen bei den Kommunisten in Wirksamkeit treten zu sehn, die wir zu empfehlen uns stets vergeblich angestrengt haben. Ich strebe nicht nach Führerruhm. Mir würde es vollständig genügen, unbemerkt von der öffentlichen Linse auf folgerichtiges und überhaupt richtiges Tun hinzudrängen; – umso besser, wenn es von den Personen geschieht, die bisher das Falsche taten. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, – wirklich zu spät ist es ja überhaupt nie, solange noch Kampf und Tat notwendig sind. Bis jetzt sieht es aber in der KPD noch verzweifelt wenig nach Besserung aus. Man hat, wie alle andern Narren auch, garnichts andres mehr im Kopf als die Wahlen, und wenn sie wirklich mit einem Dutzend Abgeordneten mehr in den Reichstag einziehn werden, die, sofern sie sonst brauchbare Kräfte sind, dort einfach der proletarischen Bewegung entzogen sind, dann wird wohl auch Sinowjew begeistert jubeln: Sieg! Sieg! Unser das Reich – unser die Welt! – Lenin war ein so großer Geist, daß die Fehler, die er gemacht hat, so furchtbar nachwirken, wie seine positiven Verdienste fruchtbar. Niemals könnte eine politische Broschüre so verheerend und lähmend in eine Volksbewegung hineinfahren wie Lenins „Radikalismus – Kinderkrankheit“-Schrift in Deutschland geschadet und gelähmt hat, wenn nicht die gewaltige Gestalt des Autors ihr die Autorität gäbe, gegen die aufzukommen selbst den stärksten Argumenten fast unmöglich ist. Und es muß doch sein. Brechen wir den Opportunismus nicht und den Wahn, daß, weil Lenin es einmal so gesagt hat, nicht mehr in Deutschland „radikal“, von der Wurzel aus, angepackt werden darf, – dann nützt alle Revolutionsreife der „historischen Situation“ nichts, dann müßte auch eine neue Revolution wieder den Sozialdemokraten und mithin der Reaktion und dem Kapitalismus alle Früchte als Dessert auf die Teller rollen. Wenn wir Lenins Vermächtnis wahren wollen, wie es seiner überwältigenden Größe gebührt, dann haben wir ihn lebendig zu machen in seinem ewigen Werk und ihn erbarmungslos zu erschlagen, wo er diesem seinem Werk selber im Wege steht. Das ist mein Credo an Lenins Grabe.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 2. Februar 1924.

Zur Festungschronik: Heute gleich nach Tisch wurde Mayr heruntergerufen, und gleich darauf seine Bude verschlossen. Da er erst Montag frisch entlassen werden soll, wurde hin- und herorakelt, wie diese merkwürdige Maßregel zu erklären sei. Ich und viele andre vermuteten, daß die Verwaltung die Anweisung erhalten habe, ihn schon heute abend zu entlassen, manche meinten, in seinen zur Zensur gegebenen Papieren habe sich irgendwas befunden, was veranlaßt habe, ihn gleich abzusperren und ihm den Abschied von den Genossen unmöglich zu machen. Nun hatten wir den Wunsch, dem bei allen Gruppen sehr beliebten lustigen „Hupferl“ (das ist sein Spitzname, da er lahm ist) Tabak hinunterzuschicken, und dabei bekam dann ein Genosse von Herrn Rieblinger die Aufklärung über die auffällige Quarantäneverhängung schon 2 Tage vor der Entlassung. Diese Aufklärung erweist den Witz eines unsrer Kameraden, als die Bewilligung des ersten Bewährungsfristgesuches seit 6 Monaten erörtert wurde, und der sehr belacht wurde, überraschenderweise als die einzig richtige Erklärung der plötzlichen Gnadenanwandlung der bayerischen Justiz. Der Betreffende meinte, vielleicht sollen wir bloß wieder einen „Zugang“ kriegen, und da sämtliche 21 Zellen des Mittelgangs, der unser ganzer Haftraum ist, besetzt sind, schmeiße man eben einen raus, um Platz für den nächsten zu schaffen. Herr Rieblinger antwortete nämlich auf die Frage, ob man Mayr eine Tasse Tee schicken könne oder ob er schon am Nachmittag frei werde, er werde doch erst Montag früh entlassen und würde ja noch inzwischen in den Hof gehn. Man habe ihn bloß schon heruntergeholt, weil die Zelle heute noch für einen neuen Bewohner nötig werde. Demnach scheint es also mit unsrer Annahme, daß die Bewährungsfrist-Entlassungen nun wieder in Gang kommen werden, die viele freudige Hoffnungen erweckt hatte, nichts zu sein, und wir müssen abwarten, welche Tatsachen den Umstand erklären werden, daß vor einigen Tagen der alte Schmid und der junge Fischer (beide ebenfalls Nachexerzierer) von der Verwaltung angeregt wurden, schleunigst neue Gesuche loszulassen. Eben erscheint die wandelnde Zeitung Schiff bei mir mit der Kunde, der Neuling sei bereits eingezogen, der von Stadelheim komme und noch 11 Monate von seinen ursprünglich 2½ Jahren Festung nachzubrummen [habe]. Wes Nam und Art werde ich also noch genügend Gelegenheit haben, zu eruieren. Wenn Fischer und Schmid nicht ebenso enttäuscht werden sollten, wie seinerzeit die zahlreichen Genossen, die plötzlich gefragt wurden, ob sie sich einem Gesuch anschlössen, und die dann trotzdem allesamt hierbleiben und zumeist ihren ganzen Knast abmachen mußten, dann haben vielleicht die recht, die die Aufforderung in Zusammenhang bringen mit dem am 7. Februar in München stattfindenden Prozeß gegen die im Café Flora hochgegangenen Kommunisten, denen man zum Teil Verletzung des Sprengstoffgesetzes vorwirft, und wobei man es scheinbar auf eine Neuauflage des Verfahrens von 1921 gegen unsre „Mitteldeutschen“ absieht. Auffällig ist, daß dieser Prozeß wieder vor den Termin gegen Hitler-Ludendorff gelegt ist. Das erweckt die peinliche Erinnerung an die Verurteilung Lindners, der sicherlich nicht ins Zuchthaus hätte geworfen werden können, wenn man seinen Fall nicht vor dem des Grafen Arco verhandelt hätte. Allerdings ist auch kein Anlaß, eine Vermenschlichung der bayerischen politischen Justiz grade jetzt anzunehmen, wo ihr lautester Herold, Herr Emminger, die Rechtspflege im Reiche betreut. Wie lange dieser Herr das noch wird tun können, hängt wohl nur noch davon ab, wielange der deutsche Reichstag seine eigne Tätigkeit noch auf den bloßen Bezug der Diäten beschränken und das Reich von Verordnungen der „ermächtigten“ Reichsminister „regieren“ lassen will. Zunächst hat das würdige Gesetzgebungsorgan beschlossen, sich weiterhin solange nicht mit gegenseitigen rednerischen Anrüpelungen zu langweilen, bis nicht die beiden Reparationsausschüsse, die nun in Berlin den Luxusbetrieb auf Straßen und Plätzen, in Hotels und Theatern mit eignen Augen bewundern (vermutlich aber zu vornehm sein werden, die Quartiere des Elends, des Hungers, der Kälte und der physischen und psychischen Entsittlichung durch die Stützen der Gesellschaft, zu besuchen), bis diese Ausschüsse nicht ihre Berliner Tätigkeit beendet haben werden. Dann wird wohl ein Mißtrauensantrag, wenn nicht gegen die Marxer insgesamt, so doch gegen Emminger speziell eingebracht und angenommen werden. Denn was dieser Herr auf dem Verordnungswege in der deutschen „Rechtspflege“ zurechtgeschustert hat, das geht selbst sehr „staatserhaltenden“ (und das sind in der deutschen Republik nur Antirepublikaner) über die Hutschnur. Der Mann hat – wohlgemerkt, immer mit Zustimmung Eberts, des Taktvollen – seine Generalvollmacht benutzt, um nicht nur die „Errungenschaften“ der Revolution von 1918, sondern zugleich die von 1848, die während der ganzen Bismarck-Hohenzollerischen Reaktionsperiode – also 75 Jahre – unangetastet geblieben waren, mit einfachem Dekret zu eliminieren. Die Schwurgerichte haben aufgehört, in Deutschland zu existieren, nur das Wort muß bleiben stahn und wird für Schöffengerichte eingesetzt, die selbst als solche um wesentliche Funktionen geprellt sind. In der Zwischenzeit der Sparsamkeitspolitik aber erhalten Einzelrichter in gewissen Fällen die Macht, unrevidierbare Urteile bis zu 15 Jahren Zuchthaus auszusprechen. Die Rechte der Verteidigung – selbst auf Zeugenbenennungen zu Gunsten der Beklagten, werden unglaublich eingeschränkt, – kurz, der bajuwarische Christengeist feiert in Emmingers „Justizreform“ Orgien von ungeahnten Ausmaßen. Nun regen sich natürlich die Sozi fürchterlich auf und ihr Zetern ist wahrhaft erbarmungswürdig (denn man bereitet Neuwahlen vor). Auch Radbruchs Name findet sich unter den öffentlichen Protestlern. Armer Teufel! Er wollte alles Reaktionäre aus der deutschen Gesetzgebung herausbringen, wollte Strafgesetzbuch und Strafvollstreckung, Strafverfahren und Klassenjustiz durch allermodernste, allergerechteste Maßnahmen reformieren, – und sein Name bleibt doch nur immer ein Menetekel für die Geschichte der Zukunft, die ihn nur im Zusammenhang mit den Namen Fort, Conception und Boldrini nennen wird. Nicht nur hat er nichts von allem erreicht, was er versprach, er hat im Gegenteil selbst seinen Anteil an Emmingers Schandtaten, über die er sich empört. Dem Kabinett, dem er als Justizminister angehörte, wurden keine so weitgehenden Vollmachten gegeben, wie sie Herrn Emminger zum Zerreißen aller deutschen alten Gesetzgebung ermächtigten, aber Radbruch gehörte zu denen – und zwar, nachdem man ihn mit Fußtritten aus der Regierung herausgefeuert hatte, – die seine Partei zur Zustimmung zur Diktaturübertragung für Emminger – ohne Einspruchsrecht – veranlaßten, ja die bodenlosen Schweinereien, die sich – nachdem die sächsische Bevölkerung vor ihnen kapituliert hatte, zur Zeit gegen die Thüringische Bevölkerung auswirken, wurden von ihm in aktiver Mitwirkung erst ermöglicht. Radbruch ist die gute Seele, die stets das „kleinere Übel“ gewollt und stets das größere, das größte Übel grade dadurch geschaffen hat. Wir in Niederschönenfeld können davon ein Lied singen. Ohne die Bemühungen des einzigen Reichsjustizministers, der mit Worten für uns eintrat, und der uns dann in Taten stets andern „Belangen“ zum Opfer brachte, weil ihn das das kleinere Übel dünkte als den Verlust aller Beziehungen mit den bayerischen Regierern (der Beziehungen, die ohnehin nur in Ohrfeigen bestanden, die Bayern gab und Radbruch nahm), ohne seine reichsjustizministerlichen Bemühungen für uns – so guten Herzens er sie sicher betrieb und so bösen Gewissens er sie stets nach dem ersten Anlauf wieder aufgegeben haben mag –, ohne sie wäre unsre Lage nicht so kläglich, nicht so vollkommen der launischen Gewissenlosigkeit sieggewöhnter Bürokraten ausgeliefert. Eine Kleinigkeit, ganz unwichtig im Vergleich zu hundert andern Schikanen, aber doch charakteristisch für die systemlose Willkür unsrer Peiniger: Vor etwa 3 Wochen sandte mir der Verlag Wöhrle-Konstanz Nexös neues Buch: „Dem Jungen Morgen zu“, – in dem er seine russische Reise schildert. Ich durfte sie, weil „agitatorisch“, binnen 2 Tagen fortsenden, widrigenfalls sie zu den Akten beschlagnahmt würde. Vor etwa 14 Tagen, als dasselbe Buch für Schiff ankam, wurde es hereingelassen. Bei Gott, wir haben vor 5 Jahren für eine Republik gekämpft, die den alten Ben Akiba Lügen straft.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 4. Februar 1924

Ich habe gestern meine Komödie wieder vorgenommen, an der mir das Weiterarbeiten seit Wochen unmöglich war – aus Gründen, die teilweise mit der Haft an sich, teilweise auch mit Zenzls Umzug nach Berlin und ihren Schwierigkeiten zusammenhingen, meine Arbeiten draußen so zu fördern, wie sie es in heißem Bemühen möchte. Durch die Zustände in Bayern, die ihr den Besitz meiner literarischen Arbeiten in ihrer Wohnung gefährlich scheinen ließen, hat sie selbst die letzten Romankapitel meines „Mann des Volkes“ noch nicht einmal lesen können, – und dieser Gedanke machte mich lange unfähig, überhaupt zu arbeiten, geschweige den Roman fortzusetzen. Jetzt schreibt sie mir jedoch, daß sie die Arbeit wieder in Händen hat und liest, und das nimmt mir viel Unruhe und läßt mich vielleicht wieder zum regelmäßigen Schaffen kommen, wenn ich erst einmal den Faden gefunden habe, um die äußerst schwierige Aufgabe, die ich mir mit dem politischen Lustspiel gestellt habe, an meinen Willen festzuknüpfen. Das Tagebuch wird also wieder ein wenig vernachlässigt werden müssen, wiewohl augenblicklich viel Werdendes und Gärendes zu behandeln wäre und alles darauf hindeutet, als nähere sich die Pause, die auf das Fortissimo vom November – vor noch nicht 3 Monaten! – gefolgt ist, ihrem Ende. Schon metereologische Anzeichen bestärken diese Empfindung. Wir hatten seit Anfang Dezember ein Frostwetter, wie es in der Strenge und Dauerhaftigkeit seit vielen Jahren nicht da war. Jetzt setzt mit Sturm und Vehemenz plötzlich das Tauwetter ein. Da wird dieser entsetzliche Elendswinter auch da umschlagen, wo er bis jetzt Temperament und Widerstandskraft durch Entzug von Nahrung und Heizung qualvoll gefesselt hat. Die wirtschaftlichen Kämpfe werden noch stärker, als sie schon begonnen haben über das Land gehn, – und vielleicht sogar bald über das Land in seiner eigentlichen Gestalt. Denn es kriselt bereits in der Landwirtschaft, und wäre nicht das irrsinnige marxistische Dogma, daß die ökonomischen Kämpfe nur die Industriearbeiter angehn, und die Bauern deren natürliche Feinde seien, dann hätten sozialistische Revolutionäre jetzt ein äußerst fruchtbares Wirkungsfeld bei der Kleinbauernschaft. Die sitzt mit ihrer Produktion fest und kann sie nicht an den Mann bringen, aber niemand klärt sie darüber auf, daß das an der fürchterlichen Exploitation des städtischen Proletariats, an Arbeitslosigkeit und Herabschraubung der Konsumfähigkeit liegt. Die Marxisten überlassen die Agitation auf dem Lande einfach dem mit dem Finanzkapital und der Großindustrie (cf. Rentenbank) eng versippten Großgrundbesitz, der seinerseits unter rein kapitalistischen Profitgesichtspunkten die Umstellung der landwirtschaftlichen Produktion auf Zucker (zum Export) und auf Kartoffeln (zur Schnapsbrennerei) betreibt. Dann wäre allerdings der Hergtsche Schreckensruf, daß das deutsche Volk in den Städten bei vollen Scheunen auf dem Lande verhungern müsse, still gemacht, denn die Scheunen wären eben nicht mehr voll; der Klein- und Mittelbauer aber käme von neuem im stärksten Maße in Verschuldung und in Abhängigkeit vom Großbesitzer, deren eigentlicher Zweck natürlich die Restauration ihrer Vorrechte ist. Sie gehn aus auf die Verschluckung des kleinen Grundbesitzes, und ich bin überzeugt, daß die Forderung nach Wiederherstellung der Fideikommisprivilegien nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Hätten die Kommunisten Augen, dann sähen sie jetzt grade die Chancen, die sich ihnen bei der Bauernagitation eröffnen. Sie könnten darauf hinweisen, daß wir, speziell in Bayern, die Revolution von vornherein auf die tätige Mithilfe der Bauernschaft eingestellt hatten, daß sie damals selber in allem mitreden durften und ihre Interessen selber wahren konnten, daß sie sich dann von ihren Unterdrückern gegen uns und zu Gunsten der Konterrevolution mißbrauchen ließen und seitdem selber wieder zu willenlosen Werkzeugen ihnen feindlicher Tendenzen geworden sind. Wenn man jetzt versucht, die großen Steuerlasten unter der Ebertrepublik für die Krise verantwortlich zu machen, und die „Marxisten“ deswegen anzuklagen, so hat man damit nur deswegen Erfolg, weil deren finanzielle Politik ja wirklich immer die Tendenz hat, auf die Bauern abzuladen, was möglich ist, – statt sich ohne weiteres den Aufforderungen, die ja in Bayern von der Regierung gradezu gefördert wurden, die Abgaben zu verweigern, anzuschließen, bloß unter der Bedingung, daß was den Bauern recht sei, den Arbeitern billig sein müsse. Aber gegen den Zusammenschluß der schaffenden gegen die raffenden Kräfte steht wirklich die Theorie des Marxismus. Die Kommunisten müßten die Chance, die sich ihnen grade jetzt zufällig bietet, diese Theorie zum Teufel zu hauen, ausnutzen. In Rußland nennen sich die Bolschewiken jetzt „Leninisten“. Hier liegt die Chance für die deutschen Kommunisten. Sie könnten sich denselben Namen beilegen und könnten dann ihre gesamte Praxis, unabhängig von allen Marx-Doktrinen, auf die wahrhaft revolutionären Mißachtungen umstellen, die Lenin während der akuten Revolution der Theorie bezeigte. Wenn Lenin im Jahre 1917 erklärte, er schlucke das Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre mit Haut und Haaren, so hieß das, er pfiff auf alle Dogmen und tat, was nötig war. Aber werden in Deutschland Revolutionäre zu finden sein, die dieser Freiheit des Geistes fähig sind? Man muß leider arg zweifeln. – Aber – ich wollte ja das Tagebuch vernachlässigen! Zumal ich heut noch mehrere Briefe zu schreiben habe, und kaum mehr an die „Krise“ komme. – Deshalb mag alles Übrige, was sich jetzt öffentlich abspielt und vorbereitet, beiseite bleiben, und nur die Hausangelegenheiten notiert werden, mindestens die Personal-Chronik. Unser Hupferl ist also heut früh frei geworden. Ein netter jüngerer Kamerad, der immer guter Laune war, immer zu fröhlichen Späßen aufgelegt, garnicht übelnehmerisch und daher, wie auch seines ulkigen Äußeren wegen – man sah ihm seinen Beruf – Flickschuster – an Physiognomie, Haltung und Bewegung ja selbst an der Art an, wie er seine Lahmheit – das „Hupfen“ – zur Schau trug. Es wird stiller werden im Haus mit des kleinen Mayr Fortgang. Sein Zellennachfolger heißt Fritz Messerer. Einige Genossen waren schon auf der Plassenburg mit ihm zusammen. Doch interessiert mich ihr von üblichen Festungsreibereien getrübtes Urteil nicht sonderlich. Ich habe es gelernt zurückhaltend zu beobachten, – und, wenn nicht inzwischen alles anders wird – werde ich ja Gelegenheit haben, den „Zugang“ dies ganze Kalenderjahr hindurch als Nachbarn zu genießen. Wird er vor mir frei, so soll er dann, wie jeder andre, in meinem Tagebuch seinen Nekrolog haben.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 6. Januar[Februar] 1924.

12 Tage nach Lenins Tod starb nun auch Woodrow Wilson. Die Duplizität der Fälle hat ein besonders auffälliges Beispiel erhalten, und vielleicht wird doch noch einmal einer kommen, der die Kausalität der Zufälle nachweist. In den beiden Verstorbenen verkörperten sich die beiden Tendenzen, die den Sieg über die überwundene dritte Tendenz errangen, die in den Mittelmächten repräsentierte Autokratie, die reine Herrengewalt über feudalistisch versklavte Massen, diese Tendenz, die nun in Deutschland durch die Hypertrophie ihrer Widerlichkeit bei der Ausübung der Unterdrückung durch Geschäftsspekulanten in den Todeszuckungen liegt, die diesen Sieg nun untereinander austragen müssen. Wilson war das Urbild eines Ideologen. Wer ihm subjektive Unehrlichkeit vorwarf, beurteilte ihn bar jeder Fähigkeit zur Psychologie. Der Mann glaubte in aller Gewissenhaftigkeit an die Demokratie als gerechtes Prinzip, er sah nicht, daß jede Mehrheitsauszählung nur eine nachträgliche Feststellung nicht der Wünsche der Menschen sondern der Kräfte bedeutet, die die Macht über die Menschen ausüben. Er sah nicht einmal, daß er selber als Präsident des größten kapitalistischen Landkomplexes nur das Instrument solcher wirtschaftlichen Kräfte war. Möglich, daß ihm nach Versailles etwas von dieser Einsicht aufgegangen ist. Dort mußte er seinen ganzen Ideologieenkoffer zusammenpacken und den Sieg der Klasse mit auswerten helfen, die die Reinheit seiner Seele als Firmenschild und Reklamepauke für ihren geschäftlichen Profit benutzt hatte. So starb dieser Mann, dem es nicht an Größe mangelte, als ein Kleiner – und fast als lächerliche Figur. Er wollte ein überlebtes, vermodertes Ideal über der Zukunft aufpflanzen – im Gegensatz zu Lenin, der der neuen Generation, der Umpflügung der Welt durch den Weltkrieg, das neue Ziel, das neue Ideal zu geben verstand. Zwei Särge – zwei Menschheitsprogramme: das eines Revolutionärs, und das eines Professors der Ethik. Wilson und Lenin – das wird einmal die Überschrift des Dramas unsrer Zeit sein. Es wird den Kampf zwischen dem guten Willen eines klugen Hirns und der bewußten Kraft eines fanatischen Herzens behandeln, – und als komische Figur wird dabei der deutsche Gerngroß zappeln, der völlig zu Boden geschmettert infolge der Hohlheit seiner Ideale, nur die Kraft fand, seine Ärzte und starken Seelen im eignen Volk zu ermorden und, repräsentiert durch dieselben Hanswurste, die ihm den Untergang bereitet haben, von der Welt immer noch verlangt, sie solle an seinem Wesen genesen. – Um die Kläglichkeit des zur Zeit Deutschland repräsentierenden Regimes zu ermessen, muß man immer wieder Bayern betrachten, dessen Regierung sich ja selbst bei der Vereidigung der Truppen als „Treuhänderin des deutschen Volks“ ausgegeben hat, und deren politischer Einbläser, Dr. h. c. Held dann erklären mußte, Bayern sei die Unordnungszelle comme il faut, und hier sei kein anständiger Mensch mehr seines Lebens sicher. Nun soll man die Folgen der volksparteilichen Politik ausbaden, erst in dem peinlichen Prozeß gegen die Nationalsozialisten, dann in den Wahlen, vorher auch noch in den Abstimmungen über die „Volksbegehren“. Die fürchterliche Kompromittiertheit ihrer Exponenten Kahr, Lossow und Seisser scheint jetzt das Ende der Epoche nahezubringen, die seit dem 26. September vorigen Jahres Bayern zum Gelächter der Welt gemacht hat – bei allem Leid, das man über ungezählte Landsleute gebracht hat. In Homburg v. d. H. hat eine Zusammenkunft zwischen Knilling und Marx stattgefunden, und der Miesbacher Anzeiger zählt die „Punktationen“ auf, die da festgelegt worden seien. Danach sollen die drei kompromittierten Herren von ihren Posten abtreten (Lossows Rücktritt wird allerdings schon vom Hoffmannbüro dementiert, über Kahr schweigt die offiziöse Korrespondenz, ebenso über den weniger wichtigen Seisser). Der bayerische Landtag soll baldmöglichst aufgelöst werden, und die bayerische Gesamtpolitik soll sich allmählich wieder der des Reichs anpassen. On verra. Daß man Kahr nicht mehr lange auf seinem Thron werkeln sehn wird, ist wohl sicher. Die bayerische Volkspartei selber scheint schon nicht mehr gegen die Strömungen in den eignen Reihen aufzukommen, die den Mann unbedingt noch vor dem Prozeß verschwinden und seine Erlasse nachgeprüft bzw. aufgehoben sehn wollen. Die einzigen, die vor dem Prozeß garkeine Angst zu haben scheinen, sind die Angeklagten. Zuerst erklärte ein Herr Schäfer (einer der Lockspitzel-Zeugen gegen Fuchs und Machhaus), der Putsch vom 9. November werde noch vor dem Prozeß wiederholt, dann hat Pöhner, – der bekanntlich in einer Privatklinik seine „Haft“ absitzen darf, bevor er noch verurteilt ist, versichert, in 6 Monaten würde man alles erreicht haben, was man vor 3 Monaten versuchte, und nun hat auch Ludendorff einem ausländischen Ausfrager erklärt, selbstverständlich denke kein Mensch an Aufgabe des Unternehmens, im Gegenteil, man sei stärker denn je; auch hat er sich bei einem Reichsgründungskommers nationaler Studenten in München mit seinem Gegner Ehrhardt „versöhnt“. Die Völkischen benehmen sich trotz der Verbote so ungeniert in Bayern wie früher auch, für den unterdrückten „Völkischen Beobachter“ haben sie schon wieder 3 Ersatzblätter, laufen in Hitleruniformen herum und fühlen sich offenbar kreuzfidel. Die Bayerische Volkspartei aber hat in ihrer Angst, mit den Volksbegehren ganz allein zu bleiben, etliche Rückzieher gemacht, und nun ist die Mittelpartei an ihre Seite getreten, die Industriellenverbände, die Vaterländischen und Reaktion aller Grade und aller Coleurs, und so kriegt man wahrscheinlich doch noch die 800.000 Unterschriften zusammen, die als die kochende Volksseele vorgeführt werden sollen, um zu verlangen, daß der Landtag fortgejagt werden und der neue Landtag mit einfacher Majorität eine neue Verfassung festsetzen dürfe, der uns einen bayerischen Staatspräsidenten und eine zweite Kammer bescheren wird. Mir soll’s recht sein. Die Arbeiter haben ja ihren Auervater, und der wird’s ihnen schon zeigen, daß sie still halten müssen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 7. Februar 1924.

Für die Fortsetzung meiner Arbeit habe ich immer noch nicht die rechte innerliche Ruhe gefunden. Die Unrast, wie ich sie stets vor dem Hochfluten politischer Leidenschaften spüre, hat mich wieder mal in allen Nerven erfaßt, und ich verfolge die Zeitungen aufgeregt auf alle Anzeichen neuer Ereignisse. Daß die „objektive Situation“, um mit den Klischeepolitikern des Marxismus zu sprechen, im höchsten Maße revolutionär ist, steht ja schon sehr lange fest. Es handelt sich nur darum, wann sie sich in Aktion, d. h. in Volkserhebungen umsetzen wird. Eben veröffentlichen die sozialdemokratischen Blätter, natürlich in übelster denunziatorischer Absicht die letzte große Rede Sinowjews in Moskau, in der er sich mit den deutschen Oktober- und Novemberereignissen, vor allem mit der lieblichen Episode der kommunistischen Ministerherrlichkeit in Sachsen auseinandersetzte. Man erhält da die authentische Bestätigung dafür, daß die deutschen Kommunisten im Kleinen wie im Großen alle Entschlüsse auf Moskauer Befehl fassen und ihre Selbständigkeit sich darin erschöpft, die Moskauer Vorschriften mißzuverstehn und falsch auszuführen. Nach Sinowjews Bericht gab es schon in Moskau zwei Richtungen, die sich über das Tempo, wann die Arbeiter in Deutschland Revolution zu „machen“ hätten, nicht einig waren. Er (S) und Bucharin hätten ursprünglich garnichts vom Eintritt der Böttcher und Genossen in die sächsische Zeignerregierung wissen wollen, die von Radek verlangt wurde, während Trotzki sich der Stimme enthalten habe. Man habe dann in der Erkenntnis, daß die Arbeiterschaft völlig bereit sei loszuschlagen und alle Kriterien einer unmittelbaren vorrevolutionären Situation entsprachen, der sächsischen Koalition trotzdem zugestimmt, und sei hochbeglückt gewesen, als Brandler sich in die Staatskanzlei hineinsetzte, was man für einen Beweis außerordentlicher Schläue gehalten habe. Aber dann sei die Enttäuschung gekommen. Die Ministergenossen dachten garnicht daran, revolutionäre Politik zu treiben, nämlich den Einmarsch der Müllertruppen zu ignorieren, Räte zu bilden und das Proletariat zu bewaffnen, sie begannen, eine Politik ganz und gar im Stil der sozialdemokratischen Tradition zu treiben und ihre Regierungsbeteiligung als einfache politische Kombination aufzufassen auf „demokratischer“ Basis, bei Schützung der Verfassung etc. Hierbei habe Radek sie unterstützt, und als dann die Hamburger Arbeiter losschlugen, habe man, statt revolutionäre Maßregeln für das ganze Reich zu ergreifen, abgeblasen und Radek habe die Moskauer Exekutive gewarnt, sie treibe das deutsche Proletariat in eine Juliniederlage (Rußland 1917). Sinowjew und Bucharin konnten sich also nicht durchsetzen, haben aber jetzt erreicht, daß die „Rechten“ (Thalheimer, Brandler) von der Leitung der KPD abtreten müssen und an ihre Stelle nicht etwa die „Linken“ (Fischer, Maßlow, Wolffstein) treten, sondern der „Sumpf“, das „Zentrum“, also Stöcker und Könen. Wenn man also Sinowjew glauben darf, dann hätten wir im November statt in Bayern den Hitler-Ludendorff-Putsch mit seinem lächerlichen Ergebnis die große proletarische Revolution in Deutschland haben können, wenn der Klüngel der deutschen Parteikommunisten die Absichten des Klüngels der russischen Parteikommunisten nicht durchkreuzt und wenn der Verbindungsoffizier zwischen dort und hier, Radek, die Courage gehabt hätte, den angekündigten Antifaszistentag trotz aller Verbote steigen zu lassen, statt ihn abzusagen. Hätte ich nicht im tiefsten Innern die Sicherheit, daß sich Revolutionen nicht durch die marxistische Herrgottspielerei machtlüsterner Parteipopen tatsächlich totschlagen lassen, dann müßte ich der öden Schusterei dieser „wissenschaftlichen“ Revolutionäre gegenüber verzweifeln, denen es ja wirklich immer wieder gelingt, die Arbeiterschaft aufs Glatteis zu locken, statt sie aber dann bis auf tragende Flächen zu stoßen, wo sie der Kampf erwartet, ängstlich zurückzupfeifen, sodaß tausende einbrechen und von den übrigen die Meisten den Mut verlieren. Mit Lenin, der ja schon lange von seinem intuitiven Genius keinen Gebrauch mehr machen konnte, ist auch in Rußland der Einzige gestorben, von dem die deutsche Arbeiterschaft, wenn auch nicht bindende Befehle, so doch Ratschläge entgegennehmen durfte. Er hat es 1917 bewiesen, daß er im Moment der Tat nicht zögerte, seine eigne Theorie einfach beiseite zu stoßen und in direkter Aktion mit Anarchisten und mit proletarischen Instinktrevolutionären vereint das Nötige zu tun, – ganz im Gegensatz grade zu Sinowjew, der damals in Rußland die Rolle zu spielen versuchte, die 1923 Radek in Deutschland leider spielen konnte, als Bremser und Saboteur der Revolution. Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein, – das plärrt man dieser Klasse unausgesetzt vor. Aber daß die Erhebung der Arbeiterklasse ebenso ihr eigenes Werk sein muß, daß also die deutsche Arbeiterklasse keine Moskauer Kommandos braucht, diese Konsequenz wird weder hüben noch drüben gezogen. Sinowjew sagt ganz richtig, daß die Kommunisten noch mehr als eine Niederlage erlitten haben, nämlich lächerlich geworden sind. Dann haben sie aber das unglaubliche Glück gehabt, daß die deutsche Regierung, an Intelligenz ihnen ebenbürtig, fortfuhr, sie ernst zu nehmen und ihre Partei aufzulösen. Und wie reagieren sie darauf? Sie benutzen die kleineren Löcher zur Betätigung, die ihnen die „Freiheit“ zur Wahlagitation schafft, – nicht um die Blamagen im letzten Herbst auszuwetzen, sondern um selber mit Kandidaten für die Parlamente anzutanzen, um auf dem Boden der Verfassung, gut demokratisch eine „politische Kombination“ zu erwerben. Herr Stresemann hat dieser Tage eine Rede gehalten, in der er erklärte, ein solches Maß von Not, Entrechtung und Unterdrückung wie es das deutsche Volk trägt, hätte kein andres Volk der Welt ohne Revolution hingenommen! Die sozialdemokratische Presse druckt das und fühlt sich geschmeichelt; denn sie bildet sich ein, die Menschewiken in Deutschland hätten es allein fertig gebracht, das Proletariat gefesselt zu halten. Aber die Kommunisten hätten Grund, ihnen diesen Ruhm streitig zu machen. Jedenfalls hat Stresemann bitterlich recht.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 9. Februar 1924

Festungs-Chronik. Heute vormittag wurde plötzlich der alte Schmid entlassen. Da sich das bewährte Verfahren der bedingten Begnadigungen ja neuerdings als eine Raumfrage ausweist, rechnen wir mit neuem Zugang. Wie bei den letzten Entlassungen stets hat sich Güte, Gnade und Milde jetzt auch wieder über einen rückfälligen Sünder ergossen, der nun also in der Statistik der bayerischen Christenliebe doppelt zählt, wobei zudem die Hoffnung bleibt, der so Begnadete werde auch in Zukunft auf Übeltaten betroffen werden, die es gestatten können, ihn trotz dieser Verdienste um die Gnadenregistratur doch seine Zeit treu abdienen zu lassen. Grade berichten die Zeitungen, daß der vor ½ Jahr entlassene Fritz Weber wieder zu 1 Jahr Zuchthaus verurteilt ist, wobei nicht verabsäumt wird, ihn der lieben Öffentlichkeit als „Rätemajor“ in Erinnerung zu bringen. Was das ist, ist ein Geheimnis der Schmöcke und Justizbehörden, die für jeden, der 1919 irgendwie in die Bewegung hineingeriet und nachher wieder in den Fangnetzen der bürgerlichen „Ordnung“ hängen blieb, einen eignen Titel erfinden, um unsre Taten auch nach 5 Jahren noch recht banditenhaft erscheinen zu lassen. Auch ein gewisser Piehlmayer, den wir wegen seines wenig würdigen Benehmens aus dem Revolutionären Arbeiterrat ausgeschlossen hatten, ist wieder wegen eines Diebstahls verurteilt worden, – natürlich mit entsprechenden Hinweisen auf angebliche Posten, die er in der Rätezeit bekleidet haben soll. (Es handelt sich bei diesem Kerl wie bei dem Dosch um Schmarotzer, die Ende April 1919 die Zusammenbruchsverwirrung benutzten, um sich irgendwo einzuschleichen, wo sie keinen Widerstand mehr fanden und sich „gesund machen“ konnten. Den Dosch, der wohl die übelste Figur überhaupt abgegeben hat, entließ man aus der Festung auf Bewährungsfrist, in der richtigen Voraussicht, ihn bald wieder als Zuhälter oder Einbrecher einsperren zu können, wobei er in der Presse als „Polizeipräsident“ fungieren konnte und also der revolutionären Idee als Beschmutzung anhaftete. Mairgünther, der als Polizeipräsident pflichttreu und ehrlich – außerdem von den Kameraden eingesetzt – kein Fleckchen auf seiner Ehre zurückließ, mußte nicht bloß die ganzen ihm zudiktierten 3 Jahre, sondern dazu noch 1 Jahr Gefängnis absitzen, die man ihm unter Rechtsbeugung obendrein aufhängte). Vom alten Schmid ist wenig Aufhebens zu machen. Er war der Typ eines, wie der Ausdruck in den Gefängnissen lautet, „Häuserschleichers“ und deshalb, sowie wegen seiner unwürdigen Betteleien bei den Genossen, die weniger hatten als er, wenig beliebt. Daß man ihn aber wegen der Lappalie, die ihm 3 Monate Gefängnis einbrachte, von den 8 Monaten Nachexerzieren tatsächlich volle 7 Monate hier hocken ließ, während deren seine Familie fast zerfallen wäre, gehört in die Reihe ähnlicher Fälle, die einmal aus meinen Tagebüchern werden zusammengelesen werden können. – Ich selbst fechte augenblicklich mit der Festungsverwaltung einen kleinen Kampf aus, der noch in seinen ersten Stadien ist, und bei dem ich im Begriff bin, heute eine neue Waffe zu brauchen. Ich schrieb zum Tode Lenins ein Gedicht, das ich Zenzl mit einem Brief schicken wollte, in dem ich den Abdruck in „Sichel und Hammer“ oder einer ähnlichen Zeitschrift empfahl und das Honorar für die Kinderhilfe für Deutschland bestimmte. Der Brief wurde mit Gedicht „wegen politisch-agitatorischen Inhalts“ konfisziert. Ich richtete darauf das Ersuchen an den Schutzverband Deutscher Schriftsteller, Ortsgruppe München, meiner Organisation für wirtschaftliche Interessen, beim Justizministerium in München die Freigabe zu erwirken, und legte natürlich eine Abschrift des Gedichts bei. Heute mittag wurde mir auch dieser Einschreibebrief als beschlagnahmt „wegen politisch-agitatorischen Inhalts“ „eröffnet“. Jetzt will ich unter Umgehung des Beschwerdeweges, der ja erfahrungsgemäß vollkommen aussichtslos ist, eine Eingabe an das Ministerium für soziale Fürsorge machen und verlangen, daß von dort aus das Justizministerium veranlaßt wird, den Festungsgefangenen die Möglichkeit eines unbehinderten Verkehrs mit ihren Berufsorganisationen zu gewähren. Ich will also die Frage prinzipiell geklärt wissen, ob die Festungsstrafe in Bayern auch das verfassungsmäßig garantierte Koalitionsrecht beeinträchtigen darf, und werde, damit die von mir ausgehenden Dokumente nicht unbemerkt in bayerischen Aktenschränken verschwinden, eine Abschrift der Eingabe mit einem eignen Brief an den Reichstagspräsidenten senden. So sicher ich weiß, daß mir mein Recht weder durch einen Kollegen des Herrn Gürtner noch durch einen Parlamentspräsidenten werden wird, will ich die Schriftstücke doch für später irgendwo auffindbar wissen, wo deutsche Bürokraten ganz bestimmt um ihre zuverlässige Verwahrung besorgt sein werden. – Über die politischen Ereignisse, die wohl mal wieder einen allgemeinen Überblick erforderten, das nächste Mal.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 11. Februar 1924

Herr Hoffmann wird wenig Freude empfunden haben, als er heute meine Eingabe an den Minister Oswald und den Reichstagspräsidenten Löbe zu Gesicht bekam. Im Brief an Löbe habe ich schweres Geschütz schießen lassen: Schreckensregiment, unsre Peiniger etc, auch erwähnt, daß Hoffmann vor einigen Tagen gegenüber den Genossen Zäuner und Enzinger uns samt und sonders, die wir nicht für die Verwaltung Holz spalten, als Faulenzer beschimpft hat. Ferner habe ich die Wiederaufnahme meines Eingabe-Trommelfeuers an den Rechtsausschuß angekündigt, was die Verwaltung wohl richtig dahin deuten wird, daß ich die Epoche Kahr in ihren Auswirkungen gegen uns als in Agonie befindlich betrachte. Bis jetzt freilich ist es den Bemühungen seiner Gegner von links und von rechts und zweifellos auch seiner „Freunde“ in der Bayerischen Volkspartei noch nicht gelungen, den Mann von seinem Thron zu werfen, und wir erleben zurzeit hierzulande das reizvolle Schauspiel, daß sich alles öffentlich darüber streitet, ob man den Inhaber der ganzen öffentlichen Gewalt wegen Hochverrats vor Gericht stellen soll oder nicht. Am 8. Februar haben sich im Landtag höchst ungewöhnliche Lärmauftritte abgespielt, deren Komik für einen Antiparlamentarier eine Herzerquickung von seltener Güte war. Die Staatserhalter der verschiedenen Grundfarben beschimpften sich mit Anwürfen aus der Gosse: Diätenschinder, Schieber, Gauner, Schuft, Lump, – und nach den Zeitungsberichten entsteht der Eindruck, als ob nur die blutigroten Rebellen der kommunist[isch]en Fraktion die „Würde des Hauses“ mit „Disziplin“ und parlamentarischer Zucht gewahrt hätten. Müller-Meiningen, der sich immer vor den Wahlen als charakterfestester Opponent bewährt, legte gewaltig gegen Kahr los und „entfesselte Stürme der Entrüstung“ links, – weil Kahr eine Broschüre des Staatsrechtsprofessors Rothenbücher „Der Fall Kahr“, die für den bajuwarischen Mussolini äußerst kompromittierlich ist, verboten hat. Angeblich sei darin die Staatsanwaltschaft beleidigt, und die Regierung und die Klerikalen pumpen sich auf, wie der juristische Theoretiker in ein schwebendes Verfahren eingreife. In Wirklichkeit – aber darauf kommen die großen Juristen, die Rothenbücher verteidigen wollen, nicht – greift er durchaus in kein Verfahren ein, sondern er greift die Justizverwaltung im Gegenteil an, weil gegen Kahr kein Verfahren schwebt. Jeder weiß, welche zweideutige Rolle – fast ist garkeine Zweideutigkeit mehr dabei – der Mann beim Hitlerputsch gespielt hat, und daß sein Verbleiben auf dem höchsten Posten des Landes Bayern vor der ganzen Welt hoffnungslos kompromittiert. Die sogenannte Regierung aber hat durch die Übergabe der gesamte Vollzugsgewalt, bei der Kahr nur „Gott und seinem Gewissen“ verantwortlich ist, sich selbst zu einer so jammervollen Figur gemacht, daß am Freitag der Justizminister Gürtner auf eine Frage Müller-Meiningens, wie es möglich sei, daß der wegen Meineid verfolgte Kapitän Ehrhard sich frei in Bayern bewegen könne und sogar die rechte Hand Kahrs sei, antwortete, der Generalstaatskommissar habe doch für Bayern das Republikschutzgesetz des Reichs außer Kraft gesetzt und die Funktionen des Staatsgerichtshofs für Bayern suspendiert, daher habe das Justizministerium in der Sache Ehrhard garnicht mitzureden. Interessant ist, daß Müller-Meiningen mit Kassandratönen chaotische Ereignisse für Bayern voraussagte, wie sie das Land überhaupt noch nicht erlebt habe, falls Kahr nicht sofort verschwinde. Ich sagte gestern zu meinen Freunden: Pimperl Wichtig hat zwar kein Hirn, aber eine Nase! und hier hat er in offenbar aufrichtiger Bourgeoisangst geredet. Nun sieht jeder andre Politiker so deutlich wie Müller die Gefahren, die aus der Omnipotenz des brüchigen Charakters Kahr, aus dem bevorstehenden forensischen Generalaufmarsch Hitlers mit seinen gewaltigsten Paladinen, aus den Erregungen der möglichen Volksabstimmungen und der sicheren Neuwahlen erwachsen. Studenten, Vaterländische Verbände, Kampfbünde auf der einen, revolutionäre Arbeiter auf der andern Seite warten auf den Moment der Auseinandersetzung. Dazwischen steht Militär und Polizei – und niemand weiß, ob die bewaffneten Kräfte auch ein zweites Mal „hinter der Regierung“ stehn werden. Sie haben ja überhaupt nie hinter der Regierung, sondern hinter Kahr, Lossow und Seisser gestanden, die man daher ohne ihre eigne Zustimmung niemals von ihren Plätzen bringt. Nun dementiert man die Berichte über die Vereinbarungen zwischen Marx und Knilling in Homburg, sowie die Behauptung, Lossow werde verabschiedet werden. Das bedeutet doch, daß die Herren da stehn und gefährlich mit den Gewehren der Truppen zwinkern. Die Bayerische Volkspartei scheint aber, wenn ich die Dinge richtig beurteile, wie Müller-Meiningen zwar das Chaos in beängstigender Nähe zu sehn, aber grade im Gegensatz zu ihm Kahr so lange halten zu wollen, bis ein Ausweg sichtbar wird. Und diesen Ausweg will man offenkundig in der Durchführung der Volksbegehren finden. Bekommt man die notwendigen 800.000 Stimmen zusammen, so ist der Staatspräsident und die zweite Kammer gesichert, – und schon heißt es, man werde den verflossenen Kronprinzen selber zum Staatspräsidenten machen. Wir hätten demnach in Bayern mit einem 18. Brumaire des Rupprecht Wittelsbach zu rechnen, und ich könnte, wie seinerzeit Proudhon prophezeien: 1924 Staatspräsident, 1926 König, 1928 – da stimmt das Beispiel Louis Bonaparte nicht mehr, da müßte man schon auf Louis XVI zurückgehn. Wie sehr die wirkliche Durchführung des Referendums der Bayerischen Volkspartei am Herzen liegt, selbst um den Preis, bei jedem primitivsten Bauern als unaufrichtig entlarvt zu werden, beweist ihr Verhalten am Schluß der Sitzung vom letzten Freitag. Als man die Abstimmung über das Wahlfreiheitsgesetz und über die Rothschen und kommunistischen Schutzhaftanträge vornehmen wollte, nach deren Erledigung der Landtag ja ohne weiteres seine Selbstauflösung beschließen wollte – und die Bayer. Volkspartei klingelt ja seit langen Wochen im Lande herum, die sofortige Auflösung des Landtags sei bayerisches Schicksal, stoben die Schwarzen fluchtartig aus dem Saal, und ließen nur 4 Mann zurück, die die Beschlußfähigkeit des Parlaments anzweifeln mußten. Der von ihnen aus der Fraktion geschmissene Dr. Zahnbrecher verriet, daß man obstruiere, um den Wiederzusammentritt eine Woche hinauszuschieben, – bis dahin endet ungefähr die Einzeichnung in die Volksbegehrenslisten, und man hätte den Tod des verlästerten Landtags (in dem man aber selbst die maßgebende stärkste Partei ist) durch Volkshinrichtung anstatt durch Selbstentleibung erreicht. Dann wären für die zweite eigentliche Abstimmung über den Staatspräsidenten die Aussichten bedeutend günstiger, Rupprechts Wege wären geebnet und Kahr könnte mit der Glorie erfolgreicher Statthalterschaft für den legitimen Diktator Bayerns abtreten. Der Kladderadatsch wäre vermieden. Bis jetzt glaube ich kaum, daß diese Pfaffenrechnung ganz aufgehn wird. Trotz der Mitunterzeichnung der Aufrufe für das Volksbegehren durch die Großindustrie und alle möglichen reaktionären Vereinigungen herrscht starke Antipathie gegen die Sache, noch mehr, wie es scheint, bei den Bauern als bei den Arbeitern. Jedenfalls macht der Bauernbund die äußersten Anstrengungen, dagegen zu wirken, und da auch die Völkischen rabiat dagegen sind, scheint eine Niederlage der Macher dieser Schiebung ziemlich wahrscheinlich. – Der Krach im Landtag, bei dem sogar der Präsident Königbauer vom Präsidentenstuhl davonstob, und Timm dann die herrenlose Herde wieder zusammenklingelte, wird natürlich nun von den Klerikalen als Beweis dafür benutzt, wie unmöglich dieses Parlament schon geworden ist (als wenn es dazu eines Extrabeweises bedurft hätte!). Sicher ist aber, daß die scheinbare Ruhe der letzten Zeit nun speziell in Bayern zu Ende ist und wir neuen unter Umständen auch für uns ernsten Dingen entgegengehn. – Der Auftakt zum Hitlerprozeß, der Prozeß gegen die kommunistischen Eisenbahner hat inzwischen begonnen und ist vielleicht heute schon zu Ende. Es handelt sich um die am 20. Oktober im Café Flora ausgehobenen Genossen, die, genauso wie die Beteiligten vom Mitteldeutschen-Aufstand in Bayern, von ihrer Parteizentrale zur Revolution kommandiert waren, die man im entscheidenden Augenblick wieder absagte. Jetzt hängen die armen Menschen in den schändlichen Maschen des Sprengstoffgesetzes und wir wollen nur hoffen, sie hier bei uns demnächst empfangen zu dürfen, statt sie nach Straubing und Ebrach wandern zu sehn. Das bayerische Hemd saß so voll Läusen, daß ich es erst ausschütteln wollte, ehe ich den reichsdeutschen und außenpolitischen Rock ans Licht halte.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 12. Februar 1924

Der Brief an Löbe hat erstaunlich rasch gewirkt. Ich hatte darin u. a. auf die Schweinerei hingewiesen, daß wir seit 2½ Monaten durch die Einengung des Haftraums gezwungen seien, unser Trink- und Kochwasser aus dem stinkigen Abtrittsraum zu holen. Heut früh wurden aus allen Zellen die Wasserflaschen und -krüge herausgeholt und aus der Wasserleitung beim Außengitter, die uns nicht mehr zugänglich ist, gefüllt. Das ist ein klarer Beweis, daß solche Schreiben, besonders an Reichsinstanzen, auf die bayerischen Eigenartisten doch nicht ohne Eindruck bleiben und sogar ohne besondere Anweisung von oben die Remedur wenigstens der ärgsten Mißstände herbeiführen. Für mich brachte die Neuerung gleich ein so lustiges kleines Erlebnis, daß ich es als Anekdote und als Symptom für die schildbürgerliche Gewissenhaftigkeit des hier waltenden Bürokratismus schriftlich festhalten will. Beim Umzug vom II Stock herunter war mir – ich glaube, einem Hausel passierte das Malheur – die Wasserflasche zertrümmert worden. Ich hatte das zwar gemeldet, dann aber nichts weiter getan, um Ersatz zu bekommen, da ich fürchtete, der arme Strafgefangene müßte den Schaden zahlen, und hatte eine Malzextraktflasche als Karaffe benutzt. Als man nun Trinkwasser holen wollte, wurde ich gefragt, ob ich keine richtige Flasche habe und dann das Biomalzgefäß gefüllt. Nach 10 Minuten kam ein Aufseher mit einer neuen Karaffe, leer. Er stellte sie mit den Worten auf den Tisch: „Wasser kriegen Sie heute noch keins hinein, weil Sie das schon in der andern Flasche gekriegt haben.“ Das Lachen aus dem Herzensgrunde, das für unsereinen so selten geworden ist, hat mir wohlgetan. Die Lächerlichkeiten, mit denen einem die Politikmacher Deutschlands sonst die Haft erleichtern, sind nicht recht geeignet, wirklich befreiende Zwerchfellerschütterungen zu bewirken. Sie geben dem Satiriker überall mehr Stoff als dem Humoristen. Allerdings ist an diesem Surrogat niemals Mangel, und jede Zeitungsspalte ist voll komischer Berichte. Da könnte man an die Beileidsbezeugungen des Herrn Stresemann beim Untergang der „Dixmuiden“, eines französischen Luftschiffs und beim Tode Lenins denken, derentwegen die Nationalisten ihre „deutsche Würde“ gewaltig anschwellen ließen, mit dem Erfolg, daß beim Tode Wilsons die deutsche Botschaft in Washington sich auf so dürftige Aeußerlichkeiten beschränkte, daß, besonders da offiziöse Beschwichtigungen für die würdevollen Gemüter die demonstrativen Höflichkeitsverletzungen an der Bahre des Mannes, den man von 1914 – 17 und dann wieder im Oktober 1918 angewinselt hat, groß plakatierten, – die ganze Weltpresse voll war von deutschen Taktlosigkeiten und die amerikanische Regierung erheblich verschnupft war. Und das in dem Augenblick, wo in Berlin unter Hauptbeteiligung amerikanischer Experten die Sachverständigenausschüsse die deutsche Zahlungsfähigkeit, die Reparationsmöglichkeiten, die Verschiebung von Kapitalien ins Ausland und die Währungsreformen begutachteten. Sie haben jetzt ihre Arbeiten – in Berlin – abgeschlossen, und es heißt, es sei wenigstens die Währungsfrage im Prinzip gelöst und ein genauer Plan zur Errichtung einer Goldnotenbank fertiggestellt. Das ist heute zu lesen, nachdem gestern die ersten Allarmmeldungen über den Zusammenbruch der „Zwischenlösung“ erschienen. In den deutschen Zeitungen fand man allerdings nur im Handelsteil darüber etwas, wo es also der Durchschnittsleser nicht findet, und man erfuhr, daß an der Berliner Börse „Angstkäufe“ von Devisen stattfänden. Der Wiener „Abend“, der keiner deutschen Militärkontrolle untersteht, schreibt von einer Panik, berichtet, daß der Dollar in New-York bereits mit 5 Billionen Mark notiert wird, während man in Deutschland die Parität 1 Rentenmark = 1 Billion Papiermark und 1 Dollar = 4,20 Billionen noch künstlich aufrecht halte, – also wieder der alte Schwindel. Die Spekulanten an der Danziger und Amsterdamer Börse und im besetzten Gebiet haben gute Tage. Also die neue Inflation ist da, die offiziöse Beschwichtigung, sie habe garkeine sachliche Begründung, nachdem die Sachverständigenausschüsse alle Probleme so gut wie gelöst haben, werden schwerlich verfangen. Es ist 1000 gegen 1 zu wetten, daß der Kladderadatsch der Rentenmark grade infolge der Sachverständigengutachten inszeniert worden ist, denn ohne Frage hat man sich nicht allein für die Goldnotenbank, sondern zugleich auch für deren Sicherung durch eine sehr gründliche interalliierte oder internationale Finanzkontrolle über Deutschland ausgesprochen. Das ist aber das, was – mit guten Gründen – die Bourgeoisie am meisten fürchtet. Schon schreibt der „Matin“, die Sachverständigen seien bei der Durchsicht des deutschen Budgets erstaunt gewesen über die kolossale „Übersetzung“ des Militär- und Polizeietats, die mit 1400 Millionen Goldmark bewertet seien. Da wird gestrichen werden, daß es flutscht, und die täglichen Schreckensberichte über neue kommunistische Putschpläne haben vielleicht ihre tiefste Ursache in der Befürchtung, es könne vom Ausland her mal ein Wink kommen, die 100.000 Mann Reichswehr noch mal zu zählen, ob sie nicht vielleicht unvermerkt Junge gekriegt haben. Der Währungskrach wird, wenn er einmal nicht mehr beschönigt oder abgeleugnet werden kann – und das wird wohl schon in wenigen Tagen soweit sein, denn der Absturz der Mark wird, nachdem sich die erste Billion gelockert hat, jetzt lawinenmäßig erfolgen, unberechenbare Konsequenzen haben. Man hat dem armen betrogenen Volke vorgelogen, seit dem November ruhe die Notenpresse, und man wird nicht länger die Wahrheit vertuschen können, daß sich seitdem der Notenumlauf in der Tat verzwölffacht hat. Ich hoffe besonders auf die Beamtenschaft, die grade anfing, Rücklagen in „wertbeständigem“ Geld zu machen, nun schon durch die Arbeitszeitverlängerung – 10 – 11 Stunden, von denen nur 8½ Stunden bezahlt werden und durch den „Abbau“ arg verbittert ist und jetzt obendrein merkt, daß ihr gespartes Geld nichts mehr kaufen kann. Ich hatte geglaubt, man werde die Rentenmark noch bis nach den Wahlen wertbeständig flimmern lassen, das ist also mißlungen. Es wird also wohl schneller zum Bürgerkrieg kommen als ich gerechnet hatte. Zur Zeit zankt man sich bei uns hauptsächlich um die „Aufwertungsfrage“, nämlich darüber, ob die Hypothekengläubiger um ihr den Hausbesitzern gepumptes damals noch gutes Geld betrogen bleiben sollen oder nicht. Das Dilemma ist das, daß die Hypothekenaufwertung die Präzedenz zur Umrechnung aller Schulden in den Wert zur Zeit ihrer Aufnahme schaffen würde, und dann käme natürlich auch die Forderung der Kriegsanleihezeichner auf wertbeständige Verzinsung und Amortisation ihrer dem patriotischen Mord vorgestreckten Gelder, die natürlich völlig unmöglich und überdies mit den Reparationsforderungen der Siegergläubiger unvereinbar wäre. Das Schlamassel kann nicht größer sein, und die Freude der Bourgeoisie über den Ausfall der Wahlen in Thüringen und Lübeck, wo bürgerliche Mehrheiten zustande kamen, wird nicht von langer Dauer sein. Nun kann man auch beim Kleinbürger mit dem Bolschewistenschreck schwerlich mehr großen Eindruck machen. Die russische Regierung wird immer salonfähiger. Nachdem Macdonalds erste Regierungstat die de jure-Anerkennung der Sowjetregierung war, ist nun Mussolini gefolgt und der russisch-italienische Vertrag enthält neben der Anerkennung noch recht praktische wirtschaftliche Abmachungen (wie denn Mussolinis Außenpolitik – das Mittelmeerabkommen mit Spanien unter englischer Protektion, das Yugoslawien-Abkommen etc – tatsächlich außerordentlich umsichtig und erfolgreich ist), und schon kündigt Benesch die Anerkennung Sowjetrußlands durch die Tschechoslowakei an, Holland, Norwegen, Österreich und selbst Belgien bereiten ähnliches vor, und nur in Deutschland, wo Rußlands Sowjetregierung ja schon seit 1918 anerkannt ist und wo man mit dem Rapallovertrag die Politik der Wirtschaftsverbindung mit dem Ostnachbarn eingeleitet hat, wird überhaupt noch von Bolschewismus geredet und damit bange gemacht. Besonders natürlich in Bayern. Hier werden wie immer die schwierigsten Probleme gewälzt. Der Raum im Sitzungssaal V in der Au, wo auch ich meine 15 Jahre fing, ist für den Hitlerprozeß zu klein befunden, der nun in die Kriegsschule und auf eine Woche später – 26. Februar – verlegt ist. Dafür ist der Floraprozeß zu Ende. Der Staatsanwalt hat bis zu 7 Jahren Zuchthaus beantragt. Eben kam nun ein Genosse herein, der schon das Urteil erfahren hat. Wenn seine Angaben stimmen – ich vermute, sie stammen von einem Aufseher, da unsre Zeitungen bis jetzt den Schlußbericht des Prozesses nicht haben –, dann hätten von den 11 Genossen 2 (Kammerer und Steinfurt) je 2 Jahre Zuchthaus bekommen, 3 Festung und die übrigen wären freigesprochen. Nun ist bei uns natürlich die große Frage: wer kommt heraus, damit die Zugänge Platz finden? Die Zelle des alten Schmid ist noch nicht wieder besetzt. Daß der zweite Fischer ist, kann als sicher gelten, wird der dritte nun endlich einer von den armen Teufeln sein, die seit Jahr und Tag jede Erniedrigung auf sich nehmen und bisher immer wieder mit Hoffnungmachen zum Holzhacken getrieben und dann stets enttäuscht und belämmert waren? Wenn ich zu bestimmen hätte, wäre mein Kandidat Daudistel. Er hat von 6 Jahren über 4½ absolviert, ist grenzenlos verbittert, fast völlig vereinsamt und wird für neue politische Aktionen ganz gewiß nicht mehr in Betracht kommen. Wir aber wären den größten Störenfried des Hauses los. Na, in ein paar Tagen werden wir auch das wissen.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 14. Februar 1924

Zwar ist der „Zugang“ noch nicht da, aber eins wissen wir schon: die bayerische Justiz ist sich über die Frage, wer Platz zu machen habe, schon einig: niemand. Man hat den nördlichen Seitengang hergerichtet, so zwar, daß wie vor dem abschließenden Käfiggitter unsres einzigen Ganges auch dort ein Vorhang angebracht ist, der jedesmal, wenn ein Schutzhäftling die Treppen passiert, zugezogen wird. Man scheint also zwei der Erwarteten – oder aber zwei von uns (vermutlich Popp und Schiff als die beiden nächsten Freiwerdenden) –, ebenso wie seinerzeit die Entlassungsanwärter von 1922 im ersten Stock – ganz von uns trennen und nur im Hof mit uns in Berührung kommen lassen zu wollen, statt einfach den Vorhang vor das Außengitter zu legen, – aber das würde unsern Haftraum wieder vergrößern, dadurch unsre Lage erleichtern und somit dem Prinzip der sukzessiven Verschärfung unsrer Behandlung nicht entsprechen. Die Gnade aber, die sich bis jetzt den Raumbedürfnissen angepaßt hat, darf doch auch nicht übertrieben werden. Inzwischen haben wir über den Prozeßausgang aus den Zeitungen authentische Kenntnis. Wir haben hier 3 Genossen zu erwarten; freigesprochen wurde nur einer. Alle übrigen bekamen Zuchthaus und zwar 2 je 2 Jahre, 2 je 1 Jahr und der Rest geringere Zeit, die demnach in Gefängnisstrafe umgerechnet ist. Erfreulich ist, daß die Angeklagten sich im Gegensatz zu vielen Beteiligten des Mitteldeutschen Prozesses 1921 im großen Ganzen wacker gehalten zu haben scheinen und daß die nichtbeteiligten revolutionären Arbeiter sich nicht so gleichgültig zur Aburteilung ihrer Kameraden verhalten haben, wie es leider allgemeine Übung geworden war. Es haben nach der Urteilsverkündung im Gerichtssaal und vor dem Neudecker Gefängnis Demonstrationen stattgefunden. Überhaupt sieht es so aus, als wollte endlich ein aktiverer Geist in die kommunistische Arbeiterschaft kommen. Die herbe Kritik, die sich die KPD von ihren Moskauer Befehlsgebern anhören mußte, scheint wenigstens für den Moment die neue Führung zu gesteigerter Regsamkeit anzufeuern. Zum 13. Februar haben die militärischen und zivilen Staatsgewalten große Vorbereitungen getroffen, da die sozialdemokratische Presse, deren Hauptinhalt aus infamen Denunziationen der revolutionären Arbeiter an die Generäle und Staatsanwälte besteht – während die bürgerliche Presse ihren annoch beamteten Parteianhängern, besonders in Sachsen und Thüringen unausgesetzt den gemeinsten persönlichen Dreck anwirft –, da also von den Sozi verpfiffen worden ist, daß die Kommunisten gestern die Erwerbslosen in Massen überall auf die Straße führen wollten. Es heißt, oben bei den Schutzhäftlingen seien bereits gestern mehrere Teilnehmer an Demonstrationen eingeliefert worden, speziell aus der Gegend des Bayerischen Waldes. Man müßte sie also direkt nach der Verhaftung hergeschleppt haben. Wir werden die Berichte noch abwarten müssen, um ein Bild zu bekommen. Nach den letzten Meldungen hätte die KP die Demonstrationen auf den 20ten vertagt, da dann der Reichstag wieder zusammentritt. Das wäre also wieder mal die Erschwerung einer Aktion durch nachträgliche Korrekturen, wodurch die Partei schon so viel Dummheiten auf ihr Gewissen geladen hat. Die Abbremsung der Kappkämpfe im Ruhrgebiet und Vogtland, des Mitteldeutschen Aufstands, des Hamburger Putsches, des Antifaszistentages sind böse und schreckende Spuren. Hoffentlich handelt sich’s tatsächlich nur um eine taktische und nicht grundsätzliche Umstellung diesmal. Aber ich fürchte solche Gegenorders wie die Pest. Sie verwirren, dekouragieren und stärken nur die Gegenseite. – In Bayern steht die „öffentliche Meinung“ im Zeichen der „Volksbegehren“ und des bevorstehenden Hitlerprozesses, der am 26. Februar beginnen soll, – falls er überhaupt stattfindet. Schon heißt es, es seien zwischen den Völkischen und den Kahrioten Einigungsverhandlungen im Gange, und die Versöhnung zwischen Ludendorff und Ehrhard bestärkt die Wahrscheinlichkeit. Dann wäre mindestens erreicht, daß der Prozeß alles Unbequeme für Kahr, Lossow, Seisser, Rupprecht, Soden etc. vertuschen würde und der misera plebs jede Aufklärung über die wahren Hintergründe weiterhin verborgen bliebe. Daß für unser persönliches Schicksal ungeheuer viel von dem Prozeß abhängt, ist mir gewiß. Versöhnen sich die streitenden Brüder wirklich, dann wäre die Amnestie nach dem Prozeß umso rascher da, und Zenzls Ahnung, daß sie mich bald bei sich haben wird, erhielte viel Wahrscheinlichkeit. Mir wär’s weiß Gott nicht zuwider, 5 Jahre fast sind mir gestohlen, und jedes folgende war schlimmer als das frühere. Im Augenblick aber überrascht uns die Verwaltung mit einer ganz merkwürdigen Verwöhnung in der Beköstigung. Die uns vor einigen Monaten offiziell mitgeteilte Verkürzung der Verpflegung, nach der wöchentlich nur noch 3mal Fleisch gegeben werden sollte, ebenso die abendliche Wurst ausdrücklich auf wenige Tage beschränkt zu bleiben hätte, hatte zuerst tatsächlich eine Herabminderung der Verpflegung in qualitativer und quantitativer Hinsicht zur Folge, die höchst fühlbar auf unser Gesamtbefinden einwirkte und bitter empfunden wurde. Jetzt werden wir urplötzlich in einer Weise mit Schweinefleisch gefüttert, wie wir das selbst in der besten Zeit unsrer Versorgung nicht erlebt haben. In dieser Woche gab es am Sonntag mittag Schweinebraten, abends Schweinefleisch, an sämtlichen übrigen Mittagen bis heute Schweinefleisch, und gestern abend überdies noch kalten Schweinebraten. An sämtlichen übrigen Abenden Wurst und für heute Abend steht Blut- und Leberwurst an der Tafel. Das hat natürlich Gründe, die nichts mit Humanität zu tun haben. Entweder macht eine Epidemie unter den Schweinen die Massenabschlachtung notwendig, oder der Mangel an Kartoffeln verteuert die Verfütterung derartig, daß lieber im Großen aufgeräumt wird. Jedenfalls gehöre ich nicht zu denen, die schon klagen, ihnen hänge das ewige Einerlei des Schweinernen zum Halse heraus. An Mangel an Abwechslung hat man mich in den Jahren hier allmählich gewöhnt, und es ist mir bedeutend lieber, an das Einerlei von Schweinefleisch mit Kraut oder mit Kohlrüben gewöhnt zu werden, als an das Einerlei von Kraut oder Dotschen ohne Fleisch. Ob als Gutes beabsichtigt oder nicht, – ich freue mich des Guten, wo es mir geboten wird.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 16. Februar 1924.

Vor 5 Jahren – am 16. Februar 19 – veranstalteten wir in München die mächtige, eindrucksvolle Straßendemonstration, mit der Hauptforderung: Ungiltigerklärung sämtlicher politischer Strafgesetzbuch-Paragraphen. Die Regierung Eisner-Auer versagte die Erfüllung dieser Forderung – und der Auervater wußte schon, wie wichtig ihm diese Gesetze sein würden, wenn es erst mal gelungen wäre, die Revolution an die Bourgeoisie auszuliefern. (Zum Kapitel Auervater: Sänger hat in seiner jüngsten Landtagsrede u. a. erzählt, daß Auer es war, der als Innenminister Ende November 1918 dem Exkronprinzen Rupprecht ein Auto zur Rückkehr nach Bayern zur Verfügung stellte. Der Kerl hat wahrhaftig nichts unterlassen, was der Gegenrevolution die Wege bereiten konnte). Daß das alte politische Strafgesetz jetzt auch vielfach schon für die Anhänger seiner eignen Partei verderblich ist, wird ihm nicht viel Kopfweh machen, da es vorläufig ja nur die „Linken“ trifft – und diese Sorte „Arbeiterführer“ ist viel zu vernagelt, um zu begreifen, daß es eines garnicht fernen Tages auch ihnen selbst an den Kragen gehn wird. Daß man um die Lügen nicht verlegen ist, um äußere Anlässe zu schaffen, beweist ein Aufsatz, den ich heute im Bayerischen Kurier las. Bei dem Krach am 8. Februar im Landtag ist u. a. auch Gandorfer mit Wohlmut ins Gedränge gekommen und da hat er behauptet, er sei an der Revolution garnicht beteiligt gewesen (welch feiger Verrat der eignen Vergangenheit!). Nun wäre es natürlich für seine Gegner eine Kleinigkeit, ihm das Gegenteil sowohl für den November 18 wie für den April 19 nachzuweisen. Damit begnügt sich das Christenorgan nicht. Es produziert einen am 27. Februar veröffentlichten Erlaß des Zentralrats, unterzeichnet Niekisch, Sauber, Gandorfer, der die Festsetzung von Geiseln zur Sicherung der Revolution nach dem Eisner-Mord verkündet. Diese Geiseln waren bekanntlich im Bayerischen Hof interniert und wurden nach knapp 14 Tagen wieder freigelassen. Außer ihrer Bewegungsfreiheit war ihnen nicht die geringste Bequemlichkeit entzogen worden und die heute in Schutzhaft lebenden Kommunisten wären glücklich, halb so entgegenkommend behandelt zu werden. Der bayerische Kurier leistet sich nun folgende Perfidie: diese Geiseln seien lange Wochen hindurch fürchterlichsten Qualen ausgesetzt gewesen, bis man sie endlich entsetzlich hingemordet habe. Man identifiziert sie also einfach mit den Ende April ins Luitpoldgymnasium eingebrachten Thuleleuten, die übrigens garnicht als Geiseln sondern als Untersuchungsgefangene festgesetzt wurden, wegen der Stempelfälschungen und den übrigen konterrevolutionären Aktionen (mitten in den schwersten bewaffneten Kämpfen). Die Erschießung dieser Personen – die übrigens in Vollzug eines Befehls erfolgte, von dem nicht feststeht, wer ihn ausgegeben hat (es besteht der Verdacht, daß er von eignen Thuleleuten mit dem falschen Stempel ausging) mit den Vorgängen beim Eisnermord in Verbindung zu bringen, ist eine derartige Ruchlosigkeit, daß nur das christkatholische Parteiblatt der derzeitigen bayerischen Regierung ihrer fähig ist, deren Bericht über den Tod Gustav Landauers eben in der „Weltbühne“ von Gumbel bekannt gegeben wird. Das war „Geiselmord“, wie er scheußlicher nicht ausgesonnen werden kann, und wurde bestraft mit 5 Wochen Gefängnis wegen „Hehlerei“ für den Leichenfledderer Digele (der von der Schuld des Totschlags freigesprochen wurde, obwohl gerichtlich festgestellt wurde, daß er dem noch lebenden Landauer den zweiten Schuß in die Schläfe feuerte) – überdies aber noch mit 500 Mark (80 Goldmark) Geldstrafe für den Freiherrn von Gagern, Major a. D. (und wahrscheinlich identisch mit dem heimtückischen Mörder des Gatten seiner Geliebten, der vom Kriegsgericht in Belgien zu langer Zuchthausstrafe verurteilt, aber dann im November mit amnestiert wurde), der durch einen Peitschenschlag ins Gesicht des Gefangenen das Signal für seine Niedermetzelung gab. – Die „Geiselmörder“ vom Luitpoldgymnasium aber wurden wegen Mordes erschossen oder – soweit man ihnen glauben mußte, daß sie nicht geschossen haben, zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Noch jetzt aber empört sich das ganze bayerische Volk über die „Mordtat“ der armen Jungen, die im Moment äußerster Erregung und Aufwühlung, ebenfalls auf Befehl, taten, was dann das Gericht ihnen tun ließ. 125 Mordtaten der Weißen sind nach dem Bericht der bayerischen Regierung außer der an Landauer noch passiert, – über die aber garnichts ermittelt werden konnte, die vollkommen ungesühnt blieben, und über die sich auch hierzulande niemand aufregt. Dabei schreit man nirgends so laut wie in Bayern über die „Politisierung“ der Justiz. Grade heute aber werden die Beschlüsse des Landtags bekannt über die Anträge zur Wahlfreiheit und zur Entlassung von Schutzhaftgefangenen. Der Antrag auf Haftentlassung aller nach dem 8. und 9. November in Verbindung mit dem Hitlerunternehmen Verhafteten, soweit keine Strafuntersuchung gegen sie besteht, wurde angenommen. Der Antrag auf Haftentlassung der kommunistischen Schutzhaftgefangenen, die also an keinem hochverräterischen Unternehmen beteiligt waren, wurde, wie auch der auf Freigabe der kommunistischen Presse und Literatur, abgelehnt. Gleichzeitig liest man, daß Pöhner, der eines Darmleidens wegen in einer Klinik liegt, eben dieses Leidens wegen jetzt aus der Haft überhaupt und sein Freund Oberamtsmann Dr. Frick zunächst bloß in eine Klinik entlassen ist. Ein weiterer Hauptbeteiligter, der beim zweiten Prozeß drankommen soll, Specker(?), hat, ebenso wie Ludendorffs Stiefsohn Oberleutnant Pereth die Aufhebung des Haftbefehls erwirkt. Das erfährt das bayerische Proletariat, und der Name August Hagemeister dröhnt nicht durch die Gassen. Es ist nicht abzusehn, bis zu welchen Maßen sich die Provokationen der Bourgeoisie in diesem Lande noch ausdehnen müssen, bis endlich kein Halten mehr ist, bis der Bogen reißt und – das kommt bestimmt und es kommt plötzlich, nur der Zeitpunkt ist nicht zu berechnen – der ganze Haß einer gepeinigten und verhöhnten hungernden Masse sich über die Peiniger ergießt. Man scheint in der Bourgeoisie dafür gänzlich blind zu sein, denn es geschieht in der Tat alles, um die Explosion zu beschleunigen. Eben erläßt Ebert ein Pronunziamento, wonach am 1. März für das Reich der Belagerungszustand aufgehoben werden soll. Zugleich beschließt der bayerische Landtag, die Anträge auf Aufhebung des Belagerungszustands, selbst während der Wahlen, abzulehnen, und zugleich veröffentlicht Kahr seine Absicht, für Bayern die „Arbeitspflicht“ einzuführen. Er habe die Vorschläge bereits dem Gesamtministerium zur Begutachtung vorgelegt. Danach sollen alle Männer von 20 – 30 Jahren für 1 Jahr, alle Frauen von 20 – 25 Jahren für ½ Jahr zur Arbeit gezwungen werden – der „Vaterländische Hilfsdienst“, diese lieblichste aller Kriegsmaßnahmen also als ständige Einrichtung in diesem Ordnungsstaat! Aus dem Text geht klar hervor, daß es vor allem darauf abgesehn ist, die proletarischen jüngeren Kräfte zu Streikbrecherarbeiten zu zwingen. Körperlicher Zwang zur Arbeit aber ist Sklaverei. Anders ist dies Wort nie definiert worden. – Diese tollen Reaktionsvorstöße in Bayern fallen nun zeitlich zusammen mit der immer sicherer auf Abfall hin tendierenden Bewegung in der Rheinpfalz, gegen die wohl auch der Beschluß, in München ein Zusammengehörigkeitsdenkmal: Bayern und Pfalz zu errichten, nicht viel helfen wird. In der ganzen Pfalz hat es dieser Tage blutige Kämpfe gegeben. In Kaiserslautern, Neustadt a. H., besonders in Pirmasens hat man bewaffnete Angriffe auf die von den Separatisten besetzten Amtsgebäude unternommen, wobei die Besatzungstruppen sich neutral verhielten. Tatsächlich gelang die Befreiung fast überall, und die Bürgerschaft hat dann in großem Ausmaß Lynchjustiz geübt, worüber die Bourgeoispresse triumphierend berichtet: Der Separatistenführer Schwab erschlagen!* etc. Solche Akte sind ja bei derart erbitterten Kämpfen ganz selbstverständlich, aber ekelhaft ist die Fanfarenbläserei derselben Preßbanditen, die wegen einer bei einer Kommunistendemonstration zertrümmerten Fensterscheibe vor sittlicher Entrüstung bersten. Erst nach den Kämpfen greift nun die Rheinlandkommission ein, und es ist bemerkenswert, daß ihre Beschlüsse über die Auflösung der deutschen nationalistischen Verbände, über die Entwaffnung der deutschen Polizei etc. alle in voller Einstimmigkeit gefaßt sind, wie sich denn überhaupt zeigt, daß Ramsay Macdonald sich mit Frankreich viel besser zu stellen weiß als seine Vorgänger. Jetzt soll eine Kommission in die Pfalz geschickt werden, die mit dem Kreistag über die neue Regierungsform beraten soll. Es steht wohl fest, daß dabei eine Einigung zustande kommt, die auf dem Belassen der Pfalz beim Reich, und auf der Separation von Bayern beruhen wird. Der „Verräter“ Johannes Hoffmann wird in nicht langer Zeit in Berlin mit seinem Ministerpräsidentenkollegen Knilling als Gleicher unter Gleichen zusammenkommen. Ob aber Knilling aus dieser Entwicklung die richtigen Schlüsse ziehn wird, ist kaum anzunehmen. Er wird finden, daß man in Bayern halt noch nicht reaktionär genug vorgegangen war, um den Abfall der Pfälzer zu vermeiden. Denn im Bayern der Nach- und Konterrevolution lernt man aus den eignen Fehlern nie etwas andres, als daß sie noch dümmer wiederholt werden müssen. – Bei uns im Hause ist die letzte Neuigkeit, daß heute mittag Knall und Fall Fischer entlassen wurde, der 5te, dem bereits zum 2ten Mal die Bewährungsgnade zuteil geworden ist, ohne daß inzwischen ein einziger von denen begnadet wurde, die noch keine Gelegenheit hatten, sich unwürdig zu erweisen. Josef Fischers Persönlichkeit bietet keinen Anlaß zur Untersuchung ihres Charakters. Er war mir nicht im Wege, und ich werde ihn nicht vermissen. Hoffentlich kriegen wir ihn hier nicht wieder zu sehn und er gerät nicht wieder in die Maschen der Gerechtigkeit. Unsre 3 Genossen vom Flora-Prozeß sind noch immer nicht hier. Vielleicht will man doch erst Platz für sie alle haben, und der Vorhang im Seitengang bedeutet was andres? Aber das soll mir nicht den Schlaf meiner Nächte rauben, – sintemalen ich ohnehin wünschte, er wäre besser. Aber die Ohren werden tauber, die Nerven empfindlicher und das Heimweh stärker von Tag zu Tag. Nur mein Glaube an den großen Umschwung in naher Zeit, steht unverrücklich und felsenfest.

 

* Das Gebäude wurde in Brand gesteckt, die herausflüchtenden Separatisten einer nach dem andern erschlagen und zerfetzt. Die ganze Welt ist entsetzt, die deutsche Presse mitsamt der sozialdemokratischen entzückt.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 20. Februar 1924.

Ein paar Tage Tagebuchferien, – und die Weltgeschichte sieht bei der nächsten Eintragung völlig verändert aus. Trotzdem heute nur ganz kurz ein paar Notizen. Eine Ballade (mit zeitpolitischem Hintergrund) ist im Entstehn und fesselt mich stark, dazwischen kommen weitere Ablenkungen, ein plötzlicher Auftrag Valtin Hartigs, ihm sofort einen Beitrag für seinen „Kulturwillen“ zu schicken, Korrespondenzen, Zeitungslektüre etc. Also nur die dicksten Dinge: Kahr und Lossow sind zurückgetreten. Was der Miesbacher Anzeiger jüngst in seinem Artikel „die Homburger Punktationen“ ankündigte, hat sich alles als richtig erwiesen. Herrn Dr. Marx ist es gelungen, Herrn Dr. Knilling vollkommen einzuwickeln, und Bayern ist auf dem Marsche, reichstreu zu werden. Die Konzessiönchen, die Bayern gemacht wurden, verdecken nicht die Niederlage. Die Verpflichtungsformel der Reichswehrtruppen ist für alle Teile des Reichs in eine Form gebracht worden, die auch die Landesregierungen erwähnt, aber die Knillingregierung hört auf, „Treuhänderin des deutschen Volks“ zu sein. Kahr wahrt sein Prestige, indem er seine Rücktrittserklärung in die Form eines Protestes kleidet. Landtag und Regierung hätten eine Einschränkung des Ausnahmezustands vereinbart, die er für verhängnisvoll und „untragbar“ halte. Weil er nicht ohne Ausnahmezustand regieren konnte (er hat gezeigt, daß ers auch mit ihm nicht kann, und die landläufige Phrase, daß jeder Esel mit dem Belagerungszustand regieren könne, ist widerlegt: dieser kann’s überhaupt nicht), ist Kahr ja auch seinerzeit als Ministerpräsident abgetreten. Dabei behält Bayern seinen Belagerungszustand, wenigstens vorläufig, man will wohl den Hitlerprozeß erst hinter sich haben. Der soll Montag früh beginnen, und es scheint, die Sensationen, die alle Welt davon erwartet, werden ausbleiben. Alles deutet an, daß Übereinkünfte getroffen sind, die jede Aufklärung verhindern sollen: Ankläger und Angeklagte, Gerichtsleitung und Zeugen scheinen mit ihren Vorbesprechungen fertig zu sein. Schon protestiert der Reichsverband deutscher Offiziere dagegen, daß Ludendorff überhaupt auf die Anklagebank soll (was keine Einmischung in ein schwebendes Verfahren ist wie Rothenbüchers Broschüre). Im Reich aber soll, wie Ebert verkündet hat, für den 1. März Schluß mit dem Belagerungszustand sein, und zwar hat Seeckt das selbst angeregt. Ich zweifle nicht, daß er das wirklich getan hat. Seine Generäle haben den demokratischen Republikanern gezeigt, wie Politik gemacht, wie überhaupt regiert wird. Jetzt mögen sie zeigen, ob sie es gelernt haben. Schon ist die Verlegenheit groß, und man orakelt hin und her, was jetzt geschehn soll. Angeblich soll Jarres jetzt die Direktion kriegen, auch heißt es, es sei ein „Umsturzgesetz“ in Vorbereitung (wie man es unter Wilhelm II in den 90er Jahren mit Krach abgelehnt hat). Also: Revolution ist verboten! Dann ist das deutsche Vaterland sicherlich davor bewahrt. In Bayern will die Knillingregierung selber die Diktatur in die Hand nehmen. Bis jetzt weiß man aber hierzulande noch garnichts, nicht einmal ob die Einzeichnungen für das Volksbegehren die erforderlichen 800.000 Stimmen erreicht haben. Nach den bisher gezählten Listen scheint man ungefähr grade die nötige Zahl entweder erreicht oder knapp verfehlt zu haben. Jedenfalls wird der Landtag als schon gestorben behandelt. Er soll erst morgen oder übermorgen beschließen, ob er gehn will, aber der Neuwahlstermin ist schon auf den 6. April anberaumt. Über die Vorgänge, die in Bayern zu diesen überraschenden Wendungen geführt haben, wird wohl das stimmen, worauf man durch das Dementi, hieran sei kein wahres Wort, erst gebracht wird. Danach habe Macdonald durch den Generalkonsul Clives erklären lassen, daß Englands Haltung in der Pfalzfrage stark beeinträchtigt werde durch die illegalen Zustände in Bayern, worauf zugesagt sein soll, daß Kahr und Lossow in dem Augenblick zu verschwinden hätten, wo die Pfälzer „Autonome Regierung“ entmachtet sei. Durch die provisorische Übertragung der Regierungsfunktionen an die Kreistagung ist das jetzt der Fall, und zeitlich trifft der Rücktritt der Dioskuren ja tatsächlich damit genau zusammen. Weitere Betrachtungen muß ich heute aufschieben, um an meinen Arbeiten weiterzukommen. – Unsre 3 Zugänge sind jetzt da, und zwar kam vorgestern der Genosse Leykam, gestern Gen. Wielenbacher und heute Gen. Millmann. Man hat sie einzeln hertransportiert, wohl in der Besorgnis, die Eisenbahner könnten auf den Transport ihrer Kollegen aufmerksam werden. Bis jetzt habe ich von den ersten beiden (Millmann begrüßte ich noch nicht) den Eindruck von ruhigen, allem Bramarbasieren abholden Proleten. Die Lage draußen, besonders die revolutionäre Energie beurteilen sie äußerst skeptisch. Mich können solche pessimistischen Berichte nicht aus der Fassung bringen. Explosionen kommen spontan, und je weniger Dampf vorher aus dem Kessel stieg, umso heftiger wird der Krach sein. Etwas früher oder etwas später, – daran liegt wenig.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 24. Februar 1924.

6 Tage habe ich an der Ballade „Seenot“ gearbeitet. Jetzt ist sie fertig, und ich glaube, zufrieden sein zu dürfen. Vor allem: überhaupt mal wieder eine Arbeit zu Ende gebracht. Das wird dem Schaffenseifer allgemein zugute kommen. Vielleicht flutscht es nun auch wieder mit der „Krise“ besser, wenn ich auch den „Mann des Volks“ kaum bald werde weiterfördern können. – Also – der bayerische Landtag hat als Todesseufzer ein Kompromiß von sich gegeben. Er ist tot, aber galvanisiert. Er stirbt offiziell erst am 5. April, und am 6ten sind dann die Neuwahlen, – und zugleich der Volksentscheid über die Verfassungsänderung. Das Volksbegehren hat tatsächlich über 1 Million Unterschriften erzielt, und wir werden also „das Volk“ mit Ja- und Nein-Zetteln rennen sehn, um zu bekunden, ob es dem neuen Landtag, den es noch garnicht kennt, das Recht geben will, mit einfacher Mehrheit einen bayerischen Staatspräsidenten und eine zweite Kammer einzusetzen – von deren Rechten und Pflichten ebenfalls noch niemand etwas weiß, – oder ob’s beim Alten bleiben soll, nämlich bei der „Republik“, deren wir uns zur Zeit erfreuen. Allerdings müssen zwei Drittel der abgegebenen Stimmen – die ihrerseits zwei Fünftel aller Wahlberechtigten umfassen müssen – für die Änderung sein, damit sie Gesetz wird. Ich für meine Person hätte nicht das geringste gegen den Erfolg des Referendums. Man nennt jetzt Epp, den „Befreier Münchens“ (von uns!) als Staatspräsidentschaftskandidaten. Rupprecht selber scheint sich also fürs Definitivum die Monarchie zu reservieren. Der Landtag soll vielleicht noch einmal zusammenkommen und den eignen Sarg noch zuklappen, d. h. dem Nachfolger die Vorarbeiten abnehmen. Möglich auch, daß der alte Landtag noch – in dem der Klerikalismus vielleicht stärker ist als im neuen – das schwebende Konkordat mit dem Heiligen Stuhl erledigt, das mich insofern interessiert, als möglicherweise bei den Besprechungen inter clericos der Fall Cieplac-Mühsam erörtert worden ist, der demnach eventuell mit der Ratifikation des offiziellen Abkommens (das wohl gewisse wertvolle Wirtschaftsobjekte, besonders Forstrechte etc an den Vatikan konzedieren wird) zugleich spruchreif wird, natürlich ohne daß die Angelegenheit öffentlich dabei erwähnt würde. Sehr viel Zutrauen habe ich allerdings zu der ganzen Sache nicht. – Der Reichstag hängt auch zwischen Leben und Sterben. Die „Ermächtigung“ an die Regierung Marx ist abgelaufen. Die Sozialdemokraten, die die Entscheidung gaben, daß sie erteilt wurde, pumpen sich als Opposition auf und wollen die „dritte Steuernotverordnung“, weil sie in der Behandlung der Fragen über die „Aufwertung“ arbeiterfeindliche Bestimmungen enthält (was hätte sonst die ganze Ermächtigungskomödie für einen Sinn gehabt?) „bekämpfen“, indem sie dem Reichstag Anträge zur Ablehnung unterbreiten. Marx und die Seinen erklären aber schon, daß sie sich in die diktatorisch erlassenen Steuererlässe nicht hineinpfuschen lassen und wollen nötigenfalls den Reichstag sofort auflösen. Davor haben wieder die Sozi heillose Angst, da sie in Sachsen, Lübeck, Thüringen, Mecklenburg mörderliche Einbußen an Stimmen erlitten haben, und so werden sie wohl die beanstandeten Verordnungen noch trotz ihrer Arbeiterfeindlichkeit schlucken, – haben sie doch schon ganz andre Dinge gefressen und von jeher selbst die Noskes und Severings für alle Halunkereien der Bourgeoisie gestellt. Mag der Reichstag jetzt gleich heimfahren oder sich noch 2, 3 Monate am Königsplatz räkeln, das ist für die Politik ganz wurscht. Die wird außer dem Hause gearbeitet, vornehmlich in Frankreich. Schacht hat nun die Erlaubnis gekriegt, seine Goldnotenbank und seine Goldemissionsbank zu gründen, und allmählich kommen die verschiedenen Pferdehufe an den Tag, die an diesem Glück des Vaterlands herumstampfen. Zunächst wird der Sitz des Unternehmens, dessen Fundierung zur Hälfte von ausländischem Kapital geleistet wird, nicht Berlin sondern voraussichtlich Amsterdam sein, und Deutschland muß als Sicherheit die Reichsbahnen verpfänden (die zu diesem Behufe bereits finanziell aus dem Reichsetat losgelöst sind). Die gefürchtete „Überfremdung“ Deutschlands mit ausländischem Kapital ist also jetzt garantiert. Aber wir kriegen ein Moratorium, eine Anleihe, und schönes Goldgeld, da ganz Deutschland, Kapitalisten wie Marxisten, Völkische wie Kommunisten, darüber einig ist, daß nur Golddeckung für eine stabile Währung in Frage kommt (wie sich ja seit 1914 erwiesen hat und augenblicklich grade in Frankreich und Ungarn aufs neue erweist). – Dies ist das Resultat der segensreichen Tätigkeit der Expertenkommission Nr. I (unter Dawes). Nun steht das Gutachten des Unterausschusses Nr. II (McKenna) in Aussicht, der über die „Auslandsguthaben“ zu Gericht gesessen hat, will sagen über die von Kriegs- und Revolutions-, Inflations- und Reparationsgewinnern ins Ausland verschobenen Werte. Am gespanntesten darf man aber den Bericht des Ausschusses erwarten, der das deutsche Budget überprüft hat. Bis jetzt erfährt man, die Herren seien „betroffen“ einerseits wegen der Künste, mit denen die deutschen Behörden ihre Bilanz zu verschleiern wissen, andrerseits wegen der sonderbaren Verteilung aller Steuern, die fast ausschließlich vom Proletariat getragen werden. Bis jetzt traut sich die Presse noch garnichts zu sagen. Aber ich glaube, daß sogar unsre Schmöcke schon das Ende vom Lied wittern: den Finanzkontrolleur, gegen den der Kollege in Österreich ein Waisenknabe sein wird. – Ein paar Kleinigkeiten im Anschluß an die Wiedtfeldsche Demonstration in Washington, der die deutsche Botschaft bei Wilsons Tod nicht halbmast flaggen lassen wollte. Ebert hat winselnd um Pardon gebeten, nachdem die amerikanische Nationaille vor der Botschaft Skandal gemacht hat. Darob heulende Entrüstung bei der deutschen Nationaille, die ihren kerndeutschen Charakter durch ein Wettspucken ins Grab des Toten dokumentiert. Ferner: schwere Verschnupfung in den U. S. A. und Abbremsung aller Hilfsaktionen zugunsten der Hungernden in Deutschland. Der regsamste Leiter dieser Aktion aber, Mister Allen, fragt zugleich in Deutschland an, mit welchen Summen Herr Stinnes sich bisher an der Unterstützung der deutschen Notleidenden beteiligt hat. Peinlich. Hierbei: die proletarische I. A. H., die bisher weitaus am meisten zur Linderung des Elends beigetragen hat, und die daher in Bayern und Hamburg unterdrückt wird, wird zur Zeit am heftigsten attackiert vom „Vorwärts“, der der Organisation – an deren Spitze die sozialdemokratische Abgeordnete Mathilde Wurm steht – vorwirft, sie betreibe nur die Geschäfte der Kommunistischen Partei und nicht müde wird, Polizei und Regierung gegen die Suppenküchen der Internationalen Solidarität zu hetzen. Im übrigen empört sich das Blatt und seine Gefolgschaft über jeden Versuch der deutschen Arbeiter, in Streiks oder gar, wie das in Sachsen jetzt mehrfach vorgekommen ist, durch individuale Gewaltakte gegen die entsetzliche Verelendung durch Arbeitszeitverlängerung und Lohnabzüge bei gleichzeitiger Verteuerung der Preise zu wehren und begeistert sich dafür an den Streiks in England, wo nach dem erfolgreichen Eisenbahnerstreik nun auch der Streik der Dock- und Hafenarbeiter mit gutem Erfolg abgeschlossen wurde.* Tja, England hat zwar jetzt eine „Arbeiterregierung“, aber keine marxistischen Arbeiterparteien, und so ist die Aktivität des Proletariats noch nicht durch „wissenschaftliche“ Politik– und Gewerkschaftsmacherei gebrochen. Auch da ist Deutschland in der Welt voran!

 

* Noch nicht endgiltig.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 26. Februar 1924

Heute beginnt in München der große Prozeß. Aus allen Vornotizen und Meldungen ist zu erkennen, wie beklommen und angstvoll die Staatshüter diesen Tagen entgegenstöhnen. Als Schauplatz der Handlung funktioniert die Infanterieschule an der Blutenburgerstrasse (beim Marsfeld). Die angekündigten Absperrungsmaßregeln kommen einer vollkommenen Sicherheitsquarantäne des ganzen Stadtviertels gleich. Aus allen Zonen und Ländern sind Pressevertreter angemeldet, und es ist klar, daß Regierungen und Publikum der ganzen Welt immens interessiert ist zu erfahren, ob der nationalistische Vorposten Deutschlands Bayern tatsächlich den Mut aufbringen wird, die Kulissenschieber der gesamten deutschen Politik zu verurteilen. Knilling ist grippekrank geworden, und da die Krankheit auf die Empörung seiner Parteianhänger wegen der Homburger Punktationen zurückgeführt wird, ist es sehr zweifelhaft, ob er die Genesung noch als Ministerpräsident erleben wird. Er wird also als Zeuge im Prozeß eo ipso entschuldigt sein. Aber schon wird verkündet, daß die Minister allesamt nicht erscheinen werden, an deren eignen Leibern sich doch das Verbrechen, das abgeurteilt werden soll, gutenteils vollzogen hat. Sie wurden im Bürgerbräusaal verhaftet, einzelne von ihnen ins Gebirge verschleppt, ihre Amtsbefugnisse wurden ihnen genommen. Aber das Gericht beschließt von vornherein, diesen Gegenstand der Anklage entweder überhaupt nicht zu behandeln, oder seine Erörterung auf die Äußerungen der Angeklagten oder Dritter zu beschränken. Die eigentlichen Tatzeugen bleiben unbefragt. Falls es dabei wirklich bleiben soll, so läßt das tiefe Einblicke zu in die Absichten, wie weit man überhaupt gewillt ist, Wahrheit zu ermitteln, und nach dem Versöhnungsschmuß zwischen Ehrhardt und Ludendorff, der doch nur als Manifestation einer Verständigung zwischen Hitler und Kahr aufzufassen ist, stellt sich das Horoskop für die Rolle der Herren Kahr und Lossow als Zeugen von selbst. Auch daß außer Ludendorff noch Pöhner und mehrere weniger prominente Angeklagte unter solcher Anklage auf freiem Fuß zum Gerichtssaal kommen, läßt allerlei voraussehn. Schon ist natürlich auch der alte Hindenburg da und mahnt in einer schmalzigen Beschwichtigung an seine Bedränger, er solle das Erscheinen Ludendorffs vor dem Gericht verhindern (!), man solle ja seinem treuen Gehilfen nichts Böses tun, was er natürlich nicht direkt als Drohung ausspricht, sondern als Überzeugung, die Richter würden sicherlich der unsterblichen Verdienste des großen Kriegsmannes eingedenk sein. Dies alles sind selbstredend keine Einmischungen in ein schwebendes Verfahren, wohl aber die Broschüre einer juristischen Kapazität, die die Vorregie des Verfahrens unter rein juridischen Gesichtspunkten kritisch untersucht. Und der Justizminister, der die Rothenbüchersche Broschüre deswegen so scharf angriff, ist einer von denen, die selber von den Putschisten verhaftet wurden. Die „öffentliche Meinung“ aber ist in einer Weise präpariert worden, daß es in diesem „Rechtsstaat“ völlig selbstverständlich geworden ist, Gesetzesverletzungen nicht nach der Tathandlungen einzuschätzen, in denen sie Ausdruck fanden, sondern durchaus nur nach der Richtung der politischen Gesinnung, von der sie bestimmt wurden. Unter der Monarchie bemühte sich ein Richter stets, den Anschein politischer Rechtssprechung zu vermeiden. Gewiß konnte das oft nicht gelingen, weil der Erziehungs- und Ausbildungsgang der Juristen ganz bestimmten sozialen Tendenzen entsprang. Heutzutage aber verlangt jeder Richter von sich, verlangt besonders die „öffentliche Meinung“, soweit sie sich gradezu äußern darf, sans façon vom Richter, die „vaterländische Gesinnung“ als Strafmilderungs- nein, als Strafausschließungsgrund gelten zu lassen. Diese vaterländische Gesinnung aber ist von der Presse längst identisch gemacht worden mit „völkischen“ Rasse- und patriotischen Revanchegesinnungen, und hier eben setzt das internationale politische Interesse an dem Prozeß ein, der vom Sieger-Ausland sozusagen als psychologisches Staatsexamen für die deutsche „Republik“ betrachtet wird. Für uns Räterepublikaner beginnt mit dem Erscheinen Hitlers und Ludendorffs vor dem Volksgericht eine gradezu schicksalhafte Entscheidung. Kommt bei dem Verfahren mehr heraus als eine Farce, d. h. kommen die „Hochverräter“ von 1923 wirklich um ihre Freiheit, dann steigen unsre Aussichten, die Freiheit wiederzusehn, ungemein. Selbstredend rechne ich nicht damit, daß Ludendorff eingesperrt wird. Das dürften sich nicht einmal die bayerischen Klerikalen gestatten, die ja ernsthaft ergrimmt sind, weil die Völkischen die unglaubliche Dummheit gemacht haben, ihren Kampf gegen die Staatsform mit dem gegen die katholische Kirche zu verbinden, – noch vor keinem Wahlkampf, dessen ich mich in Bayern entsinnen kann, hat die Parole „Kulturkampf“ so herhalten müssen, wie augenblicklich. Aber es genügt ein Verdikt gegen Ludendorff und die tatsächliche Einsperrung einiger andrer, und die bayerischen Machthaber werden keine ruhige Minute mehr haben, bis nicht die Amnestie da ist. Man wird dieses Verlangen wohl zunächst dadurch zu beruhigen suchen, daß man es zur Propaganda für den Volksentscheid benutzt und erklärt, helft uns zu unserm Staatspräsidenten, der wird selbstverständlich mit einer Amnestie seine Tätigkeit einleiten, und so wird man denn vielleicht die Völkischen auch wirklich für die Ja-Zettel gewinnen. Aber daß man in der Tat zwei Drittel aller Stimmen aufbringt, ist bei der Ablehnung der völligen Restauration, auf die die Geschichte hinauslaufen würde, durch die Arbeiter und die im Bauernbund organisierten Kleinbauern äußerst unwahrscheinlich. Ich rechne also kaum mit einer Amnestie durch Herrn v. Epp, glaube aber bestimmt, daß keine Regierung, möge der Nachfolger Knillings heißen und politisieren wie er mag, dem Begehren der Völkischen, Deutschnationalen und vieler Parteiloser, die immerhin für Leute Sympathie haben, die sich einmal zu einer Tat aufgerafft haben, um eine Amnestie herumkommt, und die Zeit, bis zu der sie erlassen wird, kann nicht lange dauern, da es nicht einen Tag Ruhe geben wird, bis sie nicht da ist. Bleibt als einzige Frage noch übrig, ob man es wirklich wagen wird, nur die „vaterländischen“ Rechtsbrecher zu begnadigen, uns Räterevolutionäre und die übrigen proletarischen „Hochverräter“ weiterhin zu hunzen. Da glaube ich nun doch, daß sich dagegen sogar im Bürgertum zuviel Skandal erheben würde, und schließlich wird es auch der bayerischen Reaktion selbst auf die Dauer nicht mehr wichtig sein, den Wauwau, als welchen sie uns bisher noch nötig zu haben glaubt, länger schrecken zu lassen. Die Meinung vieler Genossen hier, daß der neue Landtag sich sofort nach seinem Zusammentritt, also schon im April, dazu entschließen wird, mit großer Verzeihensgeste nach rechts und nach links die Tore von Landsberg und Niederschönenfeld – und hoffentlich doch auch die von Straubing und Ebrach – zu öffnen, teile ich nicht. Demokraten und Auerochsen werden zu heftig dagegen opponieren – und dabei auf Hitler-Ludendorff losprügeln und uns meinen –, und so wird man noch ein paar Monate die „Gerechtigkeit“ walten lassen. Vor dem Sommer rechne ich nicht auf Freiheit, aber für den Herbst hoffe ich spätestens wieder draußen zu sein und versuchen zu können, meiner Zenzl wenigstens einen Bruchteil ihrer Treue zu vergelten. Selbst wenn ich wirklich ein Verbrechen begangen hätte, dessen ich mich schämen müßte, hätte ich die Empfindung, daß es vor Gott und den Menschen mit diesen 5 Jahren „gesühnt“ wäre.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 28. Februar 1924.

Mindestens 14 Tage lang wird wohl das Tagebuch ziemlich wenig Eintragungen mehr erhalten. Überall in den Zellen und unter den einzelnen Gruppen wird die Zeitung gradezu verschlungen. Ich habe eben 1½ Stunden lang allein die Anklageschrift und den größten Teil der Hitlerschen großen Einleitungsrede, die 4 Stunden gedauert hat, aus den M. N. N. vorgelesen. Um ½ 5 – in 2 Stunden – folgt die Fortsetzung. Zum ersten Mal lernen wir aus der staatsanwaltschaftlichen Anklageschrift den Sachverhalt im Zusammenhang kennen; natürlich so, wie er für Kahr, Lossow und Seisser am glimpflichsten scheint. Der erste Eindruck ist der, daß die guten Radinazi gradezu unglaubliche Kindsköpfe und Sprüchklopfer sind. Wahrhaftig, unsre mit Dummheiten gewiß reichlich bestückte Räterevolution war gegen die Jämmerlichkeit dieser Bierkellerrevolution eine wohlorganisierte und besonnen durchgeführte Staatsaktion. Doch es ist nicht zu leugnen, das Hitlers Rede recht wirksam ist. Vor allem sie macht den Eindruck großer Ehrlichkeit, – nur hat der Mann offenbar eine Meinung von seiner Bedeutung, die weit über seine tatsächlichen Fähigkeiten hinausreicht. Ich habe die Empfindung, daß – und ich weiß gut, wie groß die Verführung dazu ist – die geschulte Beredsamkeit, die natürlich die in Volksversammlungen politisierenden Massen besticht, sein einziges starkes Talent ist und daß er selbst durch die damit erzielten Erfolge verleitet ist, sein geistiges Gesamtniveau unbeschreiblich höher zu sehn als es ist. Die Rede ist gut präpariert, was diesem Gefangenen ja erheblich leichter gemacht wurde, als dazumal uns. Er und die paar Verhafteten haben wohleingerichtete Fähnrichstuben in der Infanterieschule selbst bezogen, bekommen dorthin jegliches verlangte Material, überdies sind Hauptmitangeklagte auf freiem Fuß (Ludendorff, Pöhner), sodaß jede Verständigung mit der Anhängerschaft draußen ohne Kontrolle gewährleistet ist, und sicher können die Verteidiger, die diese Verständigung vermitteln werden, noch darüber hinaus vielerlei arrangieren, was bei uns nicht möglich war. – Ich kann mich heute mit keinen weiteren Dingen befassen, habe nur ein paar persönliche Angelegenheiten zu notieren, ein paar Konfiskationen. Zenzl hat mir in ein Paket als Druckbeilagen mitgeschickt: die Lenin-Nummer von „Sichel und Hammer“, die Denkschrift über die Internationale Arbeiterhilfe und eine auf die Kinderheime in Rußland bezügliche Broschüre. Gestern wurde mir mitgeteilt, daß alle 3 Sachen zu den Akten gehn, – ich darf sie also nicht mal zurückschicken. Heute kam diese „Eröffnung“: Aus dem im Oktober der Verwaltung eingelieferten Karton (mit kommunistischen Büchern, Schriften etc) wurde ein blecherner Sowjetstern zu den Akten genommen. Hans Seffert hat diesen Stern ziseliert, und er hing jahrelang unbeanstandet in meiner Zelle. Es ist jetzt klar, mit wie großem Recht ich bei der verlangten Einlieferung sehr vorsichtig vorging. Hätte man das Ding – wenn ich es zufällig vergessen hätte – bei mir an der Wand angenagelt gefunden, könnte ich vielleicht wieder lange Wochen Gefängnis und Gesundheitsschädigung dafür erleben. Daß das russische Staatsemblem hier konfisziert wird, ist eine hübsche Illustration zu der Auffassung bayerischer Ordnungsbeamten von den „freundschaftlichen“ Beziehungen, die mindestens seit Rapallo zwischen Deutschland und Rußland bestehn. Der Reichsaußenminister Stresemann hat erst vor ganz kurzem wieder in einer Rede auf den großen Wert hingewiesen, den das Reich auf den Fortbestand der guten Beziehungen lege, die zur Sowjetrepublik bestehn. Herr Hoffmann denkt darüber anders – und in Bayern ist ja nach offizieller Bekundung die Anwendung der Gesetze, wieviel mehr erst der internationalen Beziehungen! – Ermessenssache der einzelnen Beamten! Uns kanns recht sein. Mit solcher Sicherheit wie dieses Deutsche Reich und in ihm ganz besonders Bayern jetzt in seiner Blindheit in all und jedem, im Größten wie im Kleinsten, den Boden seines derzeitigen Bestandes unterminiert, könnte kein noch so rabiater Revolutionär in jahrzehntelanger Bemühung die „völkischen Belange“ zugrunde richten. Diese Erkenntnis ist ein großer Trost.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 29. Februar 1924.

Im Hitlerprozeß wurde nach dem Hauptangeklagten zunächst Dr. Weber, der Leiter des Bundes Oberland und dann Pöhner verhört. Auch Pöhner macht gute Figur vor Gericht, wie Hitler. Sie haben es ja leicht, – trotzdem ist es anzuerkennen, wenn man an die Haltung Jagows vor dem Reichsgericht denkt. Die Herren Kahr, Lossow und Seisser werden erbarmungslos bloßgestellt, und das steht jetzt schon fest, daß – gleichviel wie sonst der Prozeß ausgeht – sie vor der ganzen Welt die Verurteilten sein werden. Ob Kahr auch nur bis zum Schluß des Gerichtsverfahrens Oberpräsident von Oberbayern bleiben wird, scheint mir sogar für dieses Bayern, das ja vor allem Angst hat, nur nicht vor Blamagen, zweifelhaft. Vielleicht ist er so vorsichtig, noch vor seiner Vernehmung als Zeuge unvernehmbar krank zu werden. Auch Seisser wird als Chef der Landespolizei wohl nicht länger möglich sein. Aus der Rede von Pöhner ist die Freimütigkeit hervorzuheben, mit der er die Vorgänge vom 16. März 1920 – beim Kahr-Möhl-Putsch charakterisiert. Er meint da, Kahrs und sein eignes Verhalten war für den Fall, daß seine Tat vom 8. November 1923 Hochverrat war, ebenfalls Hochverrat, sprach sogar aus, er habe seit 5 Jahren in diesem Sinne unausgesetzt Hochverrat begangen. Wir alle sind seit diesen 5 Jahren eingesperrt als „Hochverräter“, weil wir die „Verfassung“ der Herren Hoffmann-Endres-Segitz, nicht etwa die königliche Verfassung von vorher gebrochen haben sollen. Meine nächste Offensive gegen unsre Urteile werde ich von diesem Gesichtspunkt aus ansetzen, – für den Fall, daß es noch nötig ist, daß nämlich die Amnestierung der „Vaterländischen“ erfolgt, ohne uns miteinzuschließen. Daß jetzt wieder Arcos Freilassung gefordert wird, halte ich für ein gutes Omen. – Seit Anfang Dezember dauert jetzt ununterbrochen das Frostwetter – zweimal war es je einen Tag lang etwas wärmer –, aber der Winter setzte sich immer wieder durch. Über 10 Wochen liegt jetzt der selbe Schnee, und die Temperatur hält sich in geringen Schwankungen um –5°. Bei der furchtbaren Not draußen leiden zahllose arme Menschen entsetzlich unter dieser nachhaltigen Winterstarrheit. Aber kein Mensch zweifelt daran, daß in wenigen Wochen spätestens die warme Frühjahrssonne scheinen wird. Daran erinnere ich immer meine pessimistischen Freunde: hättet ihr nicht die Erfahrung, daß auf den Winter immer der Frühling folgt, dann würdet ihr jammern, – das hält nun schon solange an, es wird garnicht mehr anders werden; nur keine falschen Hoffnungen. So ist es genau mit unsern Qualen in Niederschönenfeld. Nur weil ihr den Termin nicht kennt und keinen Anhalt habt, ihn auszurechnen, meint ihr, die Freiheit kommt nie wieder. Ich erlebe heute das zweite Mal den 29. Februar hinter schwedischen Gardinen, – aber daß ich ihn nach dem Urteil noch 2mal in solchen Verhältnissen erleben soll, stimmt mich nicht nieder. Ich weiß, daß unter der Schneedecke schon das junge Leben keimt. Bald wird der Embryo sich zu regen beginnen, – und Frühling und Freiheit wird uns von der gleichen Sonne entbunden werden.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 2. März 1924

Draußen in der Natur fängt das Frühjahr schon an. Gestern brach ein scharfer Westwind vor, und heute scheint die Sonne warm über die Landschaft ringsum und läßt unter der Schneedecke Inseln grauen Bodens sichtbar werden. Ob damit nun der lange Winter wirklich besiegt ist oder ob noch einmal Frost und Schnee die drängende Natur zurückwirft, ist nicht mehr wichtig. Der Bann ist gebrochen, und im ganzen Hause spürt man Fröhlichkeit und Hoffnung. – Nach dieser lyrischen Abschweifung zurück zu der Prosa, auf die ich mein Tagebuch eingerichtet habe. Und der Chronist braucht ja zur Zeit um Stoff nicht Mangel zu leiden. Der Münchner Prozeß allein könnte genügen, jeden Tag ganze Hefte mit Erörterungen und Betrachtungen zu füllen. Dabei sind bis jetzt noch nicht einmal die Vernehmungen der Angeklagten zu Ende. Die letzten Berichte bringen die Aeußerungen des Oberstleutnant Kriebel, des militärischen Leiters der Hitlerschen Kampfbünde, und morgen werden wir das Echo der dicksten Kanone, die Verantwortung Ludendorffs in den Zeitungen finden. Kriebel hält sich ganz an seine Vorbilder: er plantscht wollüstig in einem Meer von Phrasen umher, – und die Ahnungslosigkeit aller dieser Leute von Welt, Leben, Zusammenhängen, historischen und kulturellen Dingen jeder Art, die Naivität, mit der sie die zeitgeschichtlichen Probleme aus dem Handgelenk lösen, die kindliche Freude an dem Gefühl, das deutsche Wesen zu repräsentieren, an dem sie die Welt genesen lassen wollen, und der allein richtigen Rasse anzugehören, die sie berechtigt, jeden nicht „völkisch“ einwandfreien Teutonen als minderen Bluts und folglich minderen Geistes, minderen sittlichen und körperlichen Werts zu verachten, hat etwas spaßig rührendes an sich. Man muß sich bloß die Köpfe der Leute im Bilde ansehn, um zu erkennen, wie ungeheuer blödsinnig die Berufung dieser Leute auf ihre völkische Reinheit ist (wenn die schon als ein Wert gelten soll: diese Teutschlinge müßten dann doch zugeben, daß die polnischen Kaftan-Juden ganz gewiß rassiger geartet sind als sie, – und erst die Botokuden und Aleuten!). Grade das deutsche Volk – und das hat man früher in der ganzen Welt als seinen höchsten Wert geschätzt – ist aus soviel verschiedenen Rassen gemischt wie kein andres: das germanische Blut, das in Reinheit vielleicht nur noch bei Skandinaviern vorkommt, ist wohl längst der geringste Bestandteil. Dagegen ist gallisches, slawisches Blut im Westen, Norden und Osten und romanisches im Süden Deutschlands vorwiegend, – und alle diese Mischung ist überall noch vollkommen durchsetzt mit jüdischem Blut, sodaß jede Berufung auf Rasse grade hier rein lächerlich ist, und auch überall nur lächerlich genommen wird, außer eben in diesem Deutschland, wo zur Zeit nur noch das gänzlich Absurde und Ungereimte feierlich in Geltung steht. Da also schon die Grundvoraussetzung des Denkens bei diesen Herrschaften ohne Basis im Wirklichen ist, kommt denn auch eine geschichtliche Logik zum Vorschein, die angesichts der Zeugenschaft des Erdganzen ein tolles Bild von der geistigen Verfassung des heutigen Deutschlands gibt. Kriebel z. B. proklamierte mit schöner Unbefangenheit öffentlich den Anspruch Bayerns, sein altes „Kolonialland Österreich“ wieder zu gewinnen, und ähnliche Unschuldigkeiten in Fülle. Den General de Metz beschimpfte er (warum eigentlich? doch nur, weil er ihm seinen eignen Chauvinismus in französischer Färbung vorzuwerfen hat) derartig kompakt, daß sogar Herr Neithardt ihn zur Mäßigung ermahnte. Aber ebenso wie Herr Pöhner rühmte sich auch Herr Kriebel seiner schon gewohnheitsmäßigen Hochverrätertätigkeit. Er habe sich seine „Staatsstreichsporen“ schon im März 1920 verdient. Diese Bekenntnisse sind für uns von ungeheurem Interesse. Jetzt haben schon 2 Beteiligte von damals erklärt, die Aktion von 1920 sei gesetzlos und ein Staatsstreich gewesen (wobei Pöhner übrigens die juristisch gute Definition gab: Revolution sei die Übernahme der Macht aus den Händen ihrer Inhaber unter Bruch der Verfassung, Staatsstreich sei die gewaltsame Änderung der Verfassung durch die Machtinhaber und gegen die verfassungsmäßigen Gesetze). Der Staatsstreich vor 4 Jahren richtete sich gegen die Regierung Hoffmann, die sich auf eine „demokratisch“ gegebene Verfassung stützte; wir aber hatten fast 1 Jahr vorher unsern „Hochverrat“ ebenfalls gegen die Regierung Hoffmann unternommen, nur bevor sie sich auf eine giltige Verfassung stützen konnte. Wir waren längst eingesperrt, als Kahr mit seinen Komplizen, die er jetzt aburteilen läßt, seinen Hochverrat unternahm. Man ließ uns im Gefängnis, hält uns heute noch drin und entrüstet sich vor der Öffentlichkeit über unsre Gewalttat, die man selbst erst wiederholen und erfolgreicher gestalten mußte, um die Regierung Hoffmann zu rächen an denen, die ihr schon einmal an den Kragen wollten. Man muß diese ungeheure Lüge unbedingt bloßstellen, und ich denke nach, wann und wie ich das am wirksamsten werde tun können. Außer dem Hitlerprozeß geht noch viel andres und Wichtiges in der Welt vor, aber von allem andern ein ander Mal. Heut nur noch im Zusammenhang mit dem Prozeß eine Tatsache, die meinen guten Freund, den Auervater betrifft. Kürzlich wurde die hübsche Nachricht verbreitet, gegen ihn sei ein Verfahren anhängig gemacht nach § 139 St. G. B. Er habe von dem Novemberputsch vorher gewußt, habe aber der Behörde strafbarer Weise keine Mitteilung gemacht. Jetzt wird das dahin berichtigt, daß das Verfahren gegen „Unbekannt“ schwebe, gegen den nämlich, der Auer gewarnt habe und auf dessen Rat hin er damals türmte. Von Auers Flucht sprach auch Hitler vor Gericht in ziemlich ironischem Ton, es steht also fest, daß der große Tribun tatsächlich Wind hatte und auskniff (was ihm nicht zum Vorwurf gereicht). Aber – wie kommt es, daß die gesamte Arbeiterschaft noch am 9. November ahnungslos zur Arbeit ging? Es bleibt festzustellen, daß ihr großer „Führer“ seine Kenntnis nicht nur der Polizei sondern auch dem Proletariat gegenüber völlig geheimgehalten hat. Sein Leben brachte er in Sicherheit, das seiner Stadtratsparteigenossen war dadurch, daß Auer das Maul hielt, schwer gefährdet, und das Proletariat, das den Putsch durch die vollständige Versklavung und den letzten Rest von Rechtsverlust hätte bezahlen müssen, brauchte nach Meinung dieses „proletarischen Sozialisten“ kein Wort von der Gefahr, die ihm drohte, zu wissen. – Wären die Pläne der Faszisten geglückt, dann hätte Ludendorff oder Hitler wahrscheinlich ein ebenso loyales Glückwunschtelegramm aus dem Exil des „Marxisten“ bekommen, wie vor 4 Jahren Kahr, als er den Auerochsen den Pflug anspannte. Dem Kerl soll auf seinem geschichtlichen Porträt keine Nuance erspart werden!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 4. März 1924.

Heute vor 4 Jahren trat ich die Gefängnisstrafe in Ansbach an, mit der ich 2 Monate lang die Charakterisierung Pimperl Wichtigs als „Ehrlosen Lumpen“ büßen mußte. 14 Tage später war Pimperl Wichtig bereits Justizminister auch der Kahr-Regierung, die, wie jetzt durch die Selbstbezichtigung zweier Beteiligter (darunter eines Mitglieds des Obersten Landesgerichts Bayerns, dem auch Müller-Meiningen im gleichen Range angehört) feststeht, die Möglichkeit, die Justizrache an uns fortzusetzen und „sukzessive“ zu verschärfen, erst dadurch erlangte, daß sie dasselbe Verbrechen beging, für das sie uns peinigte, sogar gegen denselben Regierungschef, Hoffmann-Kaiserslautern. Nun hat auch Ludendorff gesprochen. Er hat in sehr breit ausgelegter Rede seine Weltanschauung kundgetan und ist dabei links und rechts erheblich ins Fettnäpfchen getreten. Er war nämlich so tolpatschig, seinen Zorn nicht bloß über Juden und Demokraten zu ergießen, sondern er spornte sein protestantisches Preußengemüt zu allerschärfsten Attacken gegen den Ultramontanismus, den er – Gott weiß, von wem er das garnicht ungeschickt komponierte Konzept aufgesetzt bekam – in innigen Zusammenhang mit dem Separatismus in Bayern, dessen er die ganze bayerische Staatsgewalt beschuldigte, brachte. Er fuhr mit Material aus dem Jahre 1918 auf, um zu beweisen, wie damals die bayerische Volkspartei auf dem Sprunge war, den Kaiserschnitt zu vollziehn und einen Sonderfrieden mit der Entente zu machen. (Daß sich der „Bayerische Kurier“, den er zitierte, darauf beruft, der Abgeordnete Osel – ein Opfer des 21. Februar 19 – sei der Verfasser des Artikels gewesen, den er auch gezeichnet habe, kann natürlich die Tatsachen nicht im mindesten abschwächen). Dann produzierte Ludendorff einen recht interessanten Briefwechsel zwischen Dr. Heim und dem Grafen Bothmer, der – wenn man den verlogenen Standpunkt, den die Bayer. Volkspartei heute vertritt, akzeptiert, für Heim allerdings im äußersten Maße kompromittierend ist. (Nur muß man ja diesen Standpunkt nicht gelten lassen und braucht nicht zuzugeben, daß Professor Förster, den Ludendorff apodiktisch als Landesverräter bezeichnet, dies wirklich sei. Man müßte sonst die deutschen Föderalisten allesamt, von Bogumil Goltz über Planck und Constantin Frantz bis zu den Verfassern der Denkschrift über die Änderung der Verfassung des Deutschen Reichs als Landesverräter bespucken, – und ich müßte mich selbst mit einbegreifen, da ich zwar kein Partikularist, aber ein sehr entschiedener Föderalist bin). – Ludendorff jedoch, der großpreußische Unitarist urteilt nur konsequent, wenn er sagt: Ich Hochverräter? Mit der Inpflichtnahme der VII. Reichswehrdivision für die bayerische Regierung als „Treuhänderin“ des deutschen Volks hatte ja der Hochverrat schon eingesetzt. Er habe der bereits von der Regierung Knilling begonnenen Aktion, die auf Separation vom Reich hinsteuerte, nur den Stoß nach der richtigen Seite zu geben wollen, also grade vorgehabt, die Reichseinheit zu retten und Bayern dem Reichsganzen zu erhalten. So ergibt sich folgender amüsanter Zirkel: Die von Johannes Hoffmann repräsentierte bayerische Regierung wurde im April 1919 von uns depossediert, konnte sich aber durch die Inanspruchnahme der Reichsexekutive im Mai wieder festsetzen (erster Hochverrat);* die Regierung Hoffmann wurde im März 1920 von den Kahr-Möhlitern wiederum verfassungswidrig beseitigt, diesmal endgültig (zweiter Hochverrat); es folgten mehrere Regierungen, die sich aber stets nur durch den Wechsel einzelner Minister bzw. ihrer Ministerpräsidenten (Kahr, Lerchenfeld, Knilling) von einander unterschieden. Ihre Legitimation bezogen sie allesamt nur aus dem Staatsstreich von 1920. Ihre prinzipiell völlig einheitliche Politik, die die Elimination der Weimarer Verfassung und die bayerische Hegemonie im Reich zum Ziel hatte, führte im Oktober 1923 zur offenen Aufkündigung der Reichsgefolgschaft im Falle Lossow und Reichswehrspaltung, den jetzt Ludendorff beim Namen nennt (dritter Hochverrat). Kahr, Lossow, Seisser, die Vaterländischen Verbände und die Völkischen verabreden den entscheidenden Angriff gegen die Reichsgewalt, der bis allein auf den Zeitpunkt vollkommen durchorganisiert ist. Die Charakterisierung als Hochverrat steht außerhalb der unmittelbar interessierten Kreise in der ganzen Welt fest (vierter Hochverrat). Die Sache verzögert sich infolge der Differenzen über das Tempo, und nun erfolgt das Husarenstück am 8. November, um Kahr und die beiden andern zum „Absprung“ zu schubsen. (Fast jeder der Angeklagten gebraucht immer wieder dieses Wortbild). Die Situation zwingt zu dem Überraschungsmanöver, das den Putsch notwendig auch zu einer direkten Unternehmung gegen die bayerische Regierung macht (Verhaftung der Minister), und der Umfall der 3 Hauptbeteiligten im Moment des Handelns führt den offenen Kampf herbei, der die Unterlegenen unter der Anklage des Hochverrats – und zwar angeklagt von den Komplizen – vor Gericht führt (fünfter Hochverrat). Aber der Kreis wäre noch nicht rund, wenn nicht grade im Augenblick wieder das Begehren des Reichsgerichts und der bayerischen Regierung an den Reichstag aktuell geworden wäre, den ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten zur Aburteilung wegen Hochverrats wegen seines Pfalzplans freizugeben (sechster Hochverrat). Im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit hat es im Rechtsausschuß Debatten gegeben, und da hat der alte Zentrumsführer Fehrenbach arg das Kraut bei der Bayerischen Volkspartei verschüttet. Er beantragte nämlich – mit Erfolg –, die Beschlußfassung auszusetzen bis zum Abschluß des Münchner Prozesses. Denn, meinte er, wenn Hitler und Ludendorff freigesprochen würden, wäre es doch undenkbar, daß Hoffmann verurteilt würde. Natürlich gehn da die Meinungen auseinander, aber wir stehn vor der Tatsache, daß sämtliche Regierungen, die seit unsrer Niederwerfung Bayerns Schicksale gelenkt haben, desselben Verbrechens von ihnen politisch viel näher als wir stehenden Leuten beschuldigt werden, dessentwegen wir – wir als die einzigen! – verurteilt und nun beinahe 5 Jahre von eben diesen Regierungen gehunzt und geschunden werden. Der einzige wesentliche Unterschied zwischen unsrer Tat und den Taten der 5 Hochverräterkonsortien nach uns besteht darin, daß wir die Einzigen waren, bei deren Aktion das Reich überhaupt noch keine und Bayern eine in ihrer Rechtsgiltigkeit in höchstem Maße anfechtbare „Notverfassung“ hatte. Allerdings besteht noch ein wesentlicher Unterschied: der betrifft aber nicht die „hochverräterischen“ Handlungen, sondern nur die Richtung, in der sie sich bewegten. Wir verfolgten Ziele, die dem Proletariat förderlich gewesen wären. Darum sperrten uns die Sozialdemokraten ein, darum hielten uns ihre Beseitiger fest, darum sind wir verbrecherische Lumpen. Herr Dr. Gürtner, derzeitiger Staatsminister der Justiz in Bayern, hat einmal empört geäußert, der Verdacht, als ob das Recht in Bayern verschiedenen Klassen gegenüber nach verschiedenen Maßstäben gehandhabt werde, sei ungeheuerlich. – Wer wird auch sowas denken?

 

* Da habe ich den November 1918 und den Februar 1919 – Sprengung des Landtags nach Arcos Tat – noch garnicht mitgezählt. Es kämen also in 5 Jahren in Bayern 8 Hochverratsunternehmen heraus.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 5. März 1924

In meiner Hochverrats-Aufzählung gestern habe ich verabsäumt, die äußerst wichtige Paralle[le] zu ziehn, die sich aus Ludendorffs Verteidigung mit seinem Eingriff in einem bereits im Gange befindlichen Hochverratsunternehmen ergibt. Wie war es denn 1919 bei uns? In meiner inzwischen als Broschüre erschienenen Denkschrift an das Reichsjustizministerium vom Dezember 1921 über die Unrechtmäßigkeit der Anwendung des Hochverratsparagraphen gegen uns ist dieselbe Argumentation für uns zu finden. Der Hochverrat, wenn der im Moment des vollkommenen Zusammenbruchs von Armee, Reich und Staaten noch möglich war, fand statt im November 1918 (das wäre also Hochverrat Nr 7 – eigentlich Nr. 1 – und als 8ten Hochverrat, der Bayern in diesen 5 Jahren betraf – von den Hochverratsverbrechen im übrigen Reich rede ich nicht, müßte ich den von 1921 nennen, der ja von Bayern durch die Nichtanwendung der Reichsamnestie für sich in Anspruch genommen wird). Wir griffen mitten in die revolutionäre Bewegung ein, indem wir ihr den Anstoß zur Räterepublik gaben: daß man uns verurteilt hat und noch immer festhält, gilt natürlich garnicht der Bewegung vom April 1919, sondern dient, da die Gesetze „leider“ (Schweyer!) keine Handhabe bieten, zur Befriedigung des Rachebedürfnisses gegen die „Novemberverbrecher“ allgemein. Ich sammle die Prozeßberichte sorgfältig. Sie sollen mir nach Abschluß des Verfahrens als Unterlage für ausführliche Eingaben an die neuen Parlamente in Bayern und voraussichtlich auch im Reich nützen (falls die für die nächsten Tage erwartete Auflösung des Reichstags ausbleibt, so kriegt halt der alte noch die Eingaben[)]. Jetzt hat man, nach einer vollen Woche, die Vernehmung der 8 Angeklagten glücklich zu Ende gebracht. Ludendorffs Rede macht ungeheures Aufsehn in der ganzen Welt. Die Katholiken toben, der Vatikan protestiert, der Reichskanzler „weist zurück“, die deutschen Bischöfe bereiten einen von den Kanzeln zu verkündenden Hirtenbrief vor. Die Angeklagten, die nach Ludendorff zum Wort kamen, die Offiziere Röhm, Brückner, Wagner und Ludendorffs Stiefsohn Pereth brachten wenig Erschütterndes mehr zu Tage, viel knabenhafte Rodomontaden, wenig interessante Aufschlüsse. Als letzter Redner wurde Dr. Frick, der Leiter der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums, gehört. Seine Verteidigung macht von allen den übelsten Eindruck. Er kneift. Anscheinend ist bei den Vorbesprechungen, zu denen die Angeklagten dieses Prozesses ja hinlänglich Gelegenheit hatten, vereinbart worden, daß Frick freigehn müsse, um der großen Sache als Vor- und Horchposten an einflußreicher Stelle erhalten zu bleiben. Hübsch waren auch bei Frick die Offenherzigkeiten, mit denen er die Zustände in der Münchner Polizei unter der Oberleitung Pöhners schilderte. Er gibt unbedenklich zu, daß damals die Polizei selbst ihre Funktionen einfach als die eines Parteiorgans der Nationalsozialisten auffaßte. „Wir hielten unsre schützende Hand über die nationalaktive Bewegung.“ Käme es der Regierung und dem Gericht darauf an, wirklich in den ganzen politischen Saustall hineinzuleuchten, dann kämen vermutlich haarsträubende Dinge zu Tage. So aber ist die Taktik des sonst so forschen Herrn Neithardt eine merkwürdige Passivität. Die Verteidiger leiten die Verhandlung, kann man sagen, und wann z. B. die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird, bestimmen fast immer die Angeklagten und ihre Beistände. So sehr das Bestreben der Regie zuerst deutlich war, die Sumpfblasen nicht allzu stinkig aufsteigen zu lassen, so läßt doch der bisherige Verlauf darauf schließen, daß die 8 Exponenten entschlossen sind, ihre Verderber schonungslos mit sich, oder auch nur sie, in den Abgrund zu reißen. Die Herren Kahr, Lossow und Seisser (der erstaunlicherweise immer noch Kommandant der Landespolizei ist) sind, was auch noch folgen mag, vor der Welt und vor jedem reinlich denkenden Menschen gerichtet. Es scheint aber, als wolle man noch mehr Opfer. Es war schon sehr interessant, daß der Hauptmann Röhm erklärte, bei den Kampfverbänden sei Kahr schon immer etwas suspekt gewesen, dagegen habe man Herrn Dr. v. Knilling zuerst großes Vertrauen entgegengebracht. Nun hat Justizrat Kohl den Antrag gestellt, Kahr, Lossow und Seisser sowie den Leutnant Godin als die Verantwortlichen an der Schießerei vom 9. November am Odeonsplatz verhaften zu lassen, und Knilling nebst allen andern Ministern herzuzitieren, was dem Beweise dienen soll dafür, daß die Herren Kahrs Absicht, nach Berlin zu marschieren, gekannt haben, also daß die ganze bayerische Regierung mit den Hochverrätern im Bunde war. Knilling wird uns ja ohnehin kaum mehr lange als Ministerpräsident erhalten bleiben. Wahrscheinlich wird aber die Regierung Marx nun doch darauf drängen, daß die Politik in Bayern schleunigst wieder europäische Formen annehmen müsse. Schon klingt von Frankreich her sehr vernehmlich der Ruf herüber: schleunige Wiederaufnahme der Militärkontrollen in schärfster Form. Außerdem werden jetzt auch die Vorboten der Finanzkontrolle bemerkbar, indem sogar schon der Name des Amsterdamer Bankiers Vissering als Zimmermann Deutschlands genannt wird. Und endlich laufen am 15. April die nicht mehr erneuerten Micum-Verträge ab, sodaß dann außerordentlich komplizierte wirtschaftliche Verhältnisse im westfälischen Industriegebiet drohen. Durch die Enthüllungen in diesem Prozeß – den nichtöffentlichen Teil der Verhandlungen werden doch die interessierten Ententeregierungen selbstverständlich in extenso erfahren und, da er wahrscheinlich tiefe Einblicke in die militärische Beschaffenheit der patriotischen Desperadoformationen gestattet, mit besonderem Eifer studieren. Wie sich schließlich die Urteilssprüche auf die Angeklagten verteilen, ist recht gleichgültig. Ich wünsche recht viele Freisprüche für die Beteiligten. Das Wesentliche ist die heillose Zertrümmerung des internationalen Ansehensrestes, das Bayerns konterrevolutionäres Regime sich wohl noch hie und da gerettet hatte. Bei einer Ausmistung des Dreckhaufens, die nun erzwungen werden wird, sofern die bayerischen Machthaber sie nicht gutwillig vornehmen, wird man an uns trotz allem schlechten Wollen nicht mehr vorbeikönnen. Und daß wir nicht wieder von allen vergessen werden, deren Pflicht es wäre, an uns zu denken, dafür werde ich zu sorgen wissen.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 7. März 1924.

Man hat am Aschermittwoch im Prozeß einen Verhandlungstag ausfallen lassen, nachdem die ersten Zeugen im Zusammenhang mit dem Fall Frick vernommen worden waren. Fast lauter Polizeibeamte, deren Aussagen nur insofern von Bedeutung sind, als sie alle ihre völkische Gesinnung mit der größten Offenherzigkeit zur Schau stellten. Selbst der „Bayerische Kurier“ verlangt jetzt „Remedur“, und so werden wir wohl das komische Schauspiel erleben, daß ausgerechnet in Bayern der Beamtenabbau sich nicht wie im übrigen Reich (unter der Leitung der ultrakonservativen Herren Lewald, von dem Bussche und ähnlichen) als Ausschiffung republikanisch Gesinnter auswirken wird – man hätte da auch vermutlich hier nur noch herzlich wenig abzubauen, – sondern bei den Aller-„Vaterländischsten“ einhängen wird. Es wird nun für uns darauf ankommen, bei der großen „Remedur“ auch auf die verfassungsfeindlichen Kräfte innerhalb der Justiz hinzuweisen. Die Organe der Strafvollstreckung z. B., die heute noch bestimmenden Einfluß auf die Niederschönenfelder Methoden haben – die Herren Kraus und Hoffmann – wurden von Herrn Dr. Roth auf ihre Posten in Niederschönenfeld und in Augsburg berufen. Dann wurde im Laufe der Vernehmungen festgestellt, daß z. B. auch Herr von der Pfordten, von dem es erst hieß, er sei „zufällig“ in die Odeonsplatzschießerei hineingeraten, den Zug vom Bürgerbräu aus mitgemacht habe „aus Freundschaft für Pöhner“, wie ja seine nationalsozialistische Gesinnung schon vorher bekannt war. Sein Name aber steht mit unter zahlreichen Ablehnungen von Bewährungsfristgesuchen nicht nur, sondern auch unter der Entscheidung des Obersten Landesgerichts darüber, daß für unsre bayerischen Genossen die Reichsamnestie von 1922 keine Anwendung zu finden habe. 2 Mitglieder dieses höchsten Gerichts sind also überführt, selbst Hochverräterei getrieben zu haben, und Pöhner hat ja seine ganze Tätigkeit seit 5 Jahren selbst mit diesem Ausdruck bezeichnet. Wenn von der kurzen Episode des Ministeriums Lerchenfeld abgesehn wird (unter dem immerhin alles genau so blieb, wie es unter Kahr und Roth eingeführt war, so daß also mindestens eine fortgesetzte Handlung vorliegt), so haben sämtliche bayerische Regierungen, die uns wegen Hochverrats festgehalten und drangsaliert haben, ebenfalls das Odium des Hochverrats auf sich geladen, – und dabei wäre auch noch als Hochverrat Nr 9 die im letzten Münchner Kommunistenprozeß abgeurteilte Café Flora-Angelegenheit zu nennen, der wir ja 3 „Zugänge“ hier zu danken haben. Die Verurteilung dieser Genossen – 4 Zuchthausurteile! – wird jetzt als eine krasse Wiederholung der Infamie gegen Lindner ganz evident. Sie haben sich darauf berufen, daß sie nur Schutzmaßnahmen gegen die vorbreiteten Aktionen der Nationalsozialisten getroffen haben, und daß diese Aktionen bevorstanden, hat sich ja am 8. November erwiesen, wie die Vernehmungen im Hitlerprozeß schon jetzt erwiesen haben, daß die Kommunisten wahrhaftig Ursache hatten, die Verteidigung ihres Lebens vorzusehn. Aber man hat sie noch knapp vor den Nationalsozialisten vor Gericht gestellt, bevor der Erweis ihrer Taten als Notwehrhandlungen erbracht werden konnte. So hat man, wie im Falle Lindner, für die Proletarier Zuchthaus verhängen können, und die Vertreter der Bourgeoisie, die ihre Taten provoziert haben, kommen unverhältnismäßig billiger weg, wenn sie überhaupt bestraft werden. Daran zu zweifeln besteht allerdings jetzt Grund. In einer kurzen Vornotiz bringt die „Münchner Post“ heute an der Spitze des Blatts in dickster Aufmachung die Meldung, daß gestern früh bei der Fortsetzung der Verhandlung ein Zwischenfall zu einer neuen Unterbrechung geführt hat, die möglicherweise einer Aussetzung und längeren Vertagung (bis nach den Wahlen? oder ad calendas graecas?) gleichkommen könnte. Demnach ist es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen dem Justizrat Kohl und dem I. Staatsanwalt Stenglein gekommen, und da der Staatsanwalt beim Prozeßleiter gegen die Beleidigungen des Verteidigers nicht ausreichend in Schutz genommen wurde, verließ er unter Protest den Saal und übergab die Weiterführung seines Amts dem 2. Staatsanwalt Ehard, dessen Erklärung, er müsse erst bei seiner vorgesetzten Behörde Informationen einziehn, wie er sich weiterhin zu verhalten habe, zur Aufhebung der Sitzung führte. Niemand kann wissen, zu was für Konsequenzen diese Überraschung führen wird. Vermutlich wird sich das wilde Gezänk, das bis jetzt um Ludendorffs Rede tobt, um die Person des Prozeßleiters Neithardt konzentrieren, dessen Objektivität bisher nur in vorsichtigen Wendungen in der Presse angezweifelt worden ist, die man nichtöffentlich wohl schon überall mit klaren Worten als offenkundige Parteinahme des berüchtig[t]en Antisemiten für die Angeklagten bezeichnet. Man muß, um ein Urteil fällen zu können, natürlich erst den genauen Bericht der Verhandlung vor sich haben. Aber zu erwarten ist, daß nun entweder Herr Stenglein tatsächlich für die Dauer fernbleibt, womit also dokumentiert würde, daß der Ankläger keine Möglichkeit sieht, die Staatsinteressen bei diesem Richter gegenüber den Angeklagteninteressen wahrzunehmen, oder daß Herr Neithardt seinen Posten einem andern Richter abtritt. Das ist eine klar gestellte Machtfrage, bei deren Klärung sich entscheiden wird, ob die Niederwerfung des Aufstands tatsächlich die Präponderanz der Völkischen in allen bestimmenden politischen bayerischen „Belangen“ gebrochen hat oder ob die gegen die Völkischen jetzt vereinigten Mächte der bayerischen Landesregierung, der deutschen Reichsregierung, der Kahrioten, des Vatikans und der Katholiken überhaupt, der deutschen Demokraten, Republikaner und Sozialisten, des gesamten Auslands und Rupprechts mit seiner Gefolgschaft, immer noch vor Hitler und dem Hakenkreuz kuschen müssen. Tatsächlich ist, besonders infolge der Rede Ludendorffs, das äußere Bild völlig verändert. Eine äußerst scharfe Erklärung des Bundes der bayerischen Katholiken gegen Ludendorff illustriert diese Veränderung drastisch. Da wird dem großen Sieger, dessen Feldherrnruhm diese selben Leute noch vor 14 Tagen bejauchzten, bescheinigt, daß er der große Kriegsverlierer ist, daß durch ihn Oberschlesien verloren gegangen ist, daß er den Krieg verlängert hat, als grade der Papst eingriff (1917) und es wird die Äußerung des damaligen Reichskanzlers Michaelis zitiert, daß er die Note des Papstes dilatorisch behandeln wolle. Dies alles zu sagen, ist also plötzlich kein „Landesverrat“ mehr. Die Situation Neithardts, der nun also als Repräsentant der Ludendorff-Richtung im Prozeß anzusehn sein wird, wird aber auch noch durch den Gerichtsbeschluß erschwert, daß bei nichtöffentlich geführten Verhandlungen im Gegensatz zur Übung der ersten Tage auch die Vertreter Geßlers und Seekts, nämlich die zum Prozeß delegierten Offiziere der Reichswehr und der Division VII – ihres bayerischen Kontingents – den Saal zu verlassen haben. Das hat die Verteidigung gefordert und damit dem Blindesten, besonders aber dem sehr hellsichtigen Ausland, verraten, daß unter dem Schutz des Geheimnisses die illegalen Verbindungen der Reichswehr mit den Hitlerschen Kampfbünden erörtert würden. Die Herren erklärten ausdrücklich, daß die Zeugen gewärtigen müßten, sofort nach ihrer Aussage den blauen Brief zu kriegen, und das Gericht entsprach wie bei allen Anträgen der Verteidigung auch diesem Wunsch. Vorerst ist aber nur äußerlich eine veränderte Stimmung zu bemerken. Das Verfahren der Verwaltung des Staats ist überall unverändert. Die Schutzhäftlinge im II Stock bei uns werden nicht weniger, und unser Popp, der morgen seine 3 Monate Nachexerzieren hinter sich hat, hat nun die Mitteilung bekommen, daß er nicht entlassen wird sondern von hier gleich wieder eine Treppe höher in Schutzhaft kommt. War schon die Streichung seiner Bewährungsfrist, ohne daß er sich das geringste zu Schulden kommen ließ, haarsträubend, so stellt der Bescheid des Polizeipräsidenten Mantel über die Verhängung der neuen Schutzhaft einen Gipfel dar. Er begründet die Freiheitsberaubung des armen Jungen damit, daß er früher(!) Leiter der kommunistischen Jugend in München war und bei ihm bei der Durchsuchung kommunistische Literatur gefunden wurde. (Dabei wissen diese Leute, daß Popp nicht mehr Mitglied der KP ist; aber er ist Prolet, und wenn der sich mit nationalökonomischen Schriften befaßt, so ist das verdächtig genug); ferner sei sein Verhalten bei seiner Vernehmung (er hat wahrscheinlich nicht reumütig genug gewimmert) und seine eigne schriftstellerische Betätigung „zur Gewinnung von Intellektuellen“ maßgebend gewesen. Popp gehört nämlich zu den Zwanzigjährigen, die sich in lyrischen Ergüssen Luft machen, und hat für seine ziemlich belanglosen Erstlinge einen Abnehmer in einem Organ gefunden, daß der KP ideologisch nahesteht und Intellektuelle zu interessieren versucht. – Jetzt eben aber, als ich für einen Augenblick hinausging, überraschte mich der Anblick zweier Aufseher und einiger Hausl, die Schiffs Zelle ausräumen. Ich fragte die Genossen und erfuhr, daß er eben hinuntergerufen und sofort, ohne noch einmal heraufzukommen, entlassen sei. Vor etwa 14 Tagen erhielt er die Nachricht, daß sein Vater verunglückt und schwer verletzt sei (überfahren). Bevor sein Gesuch um Entlassung auf Bewährungsfrist oder Urlaub entschieden war, kamen sehr günstige Berichte vom Krankenlager des Vaters, doch wurde ihm erklärt, das Gesuch laufe weiter. Gestern kam ein Telegramm, die Großmutter liege im Sterben, und da hat man nun wohl „Gnade für Recht“ ergehn lassen. 4 ganze Wochen sind Schiff somit von seinen 3 Jahren erspart worden: er wäre ohnehin am 3. April gegangen. Aber immerhin: jeder Tag draußen ist mehr wert als alle Geschäftigkeit hier im Käfig. Und das muß man dem guten Schiff lassen: an Gschaftlhuberei steht er hors de concours unter allen F. G., die wir bis jetzt hier drinnen erlebt haben. Ein sehr gutherziger Kerl, aber ein großer Nerventrampel. Ich nannte Hans Schiff gern unser „Hans Dampf-Schiff“. Er hat sich seinerzeit an den Stänkereien der Gruppe Wuchtig eifrig beteiligt, aber, das will ich ihm nicht vergessen, er hat getreulich alles zurückgenommen und sich mir dann als anständiger Kamerad bewährt. Es wird wesentlich ruhiger und unhastiger werden mit seinem Ausscheiden; aber wenn wir diesen Trost einigermaßen gewöhnt sein werden, wird uns der gefällige Zeitungssortierer und Neuigkeitsherold doch manchmal fehlen. Morgen geht also Popp hinauf, und dann folgen erst am 9. April Schlaffer und mit ihm mein Getreuester, der Luttner Ferdl. Der wird mir fehlen wie seit dem Seppl keiner oder höchstens Ernst Ringelmann. Aber hoffentlich werde ich ihm nicht lange nachzutrauern brauchen. Es wird merklich Frühling.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 8. März 1924.

Vorweg Festungschronik. Als am 15. August 1923 Hager entlassen wurde, waren wir noch 18 Mann hier, allerdings nur diesen einen Tag, an dem Fuchs eintraf. Dann kamen bis 15. November (Schwab) überhaupt keine Entlassungen, wohl aber inzwischen 2 Zugänge, beide Nachexerzierer (Josef Fischer: 5. und Mayr: 27. September). Nach Schwabs Fortgang, dessen Zeit abgelaufen war, war der nächste, der entlassen wurde (4. Februar) Mayr. Doch waren inzwischen zwei weitere Repetenten erschienen(Popp: 7. Dezember und Messerer: 2. Februar). Mayr war also sofort ersetzt. Ihm folgten, ebenfalls wie er zum zweiten Mal auf Bewährung der alte Schmid (9. Febr) und J. Fischer (16. Februar), sodaß wir damals wieder auf 19 Mann standen. 2 Tage nach Fischers Entlassung trafen dann die 3 Neuverurteilten vom Flora-Prozeß ein, und da der einzige Gang, der unsern Haftraum vorstellt, nur 21 Zellen hat, mußte Wielenbacher sich in den Seitengang einquartieren, der aber abgesperrt bleibt, sodaß der Mann genötigt ist, gleich morgens seine Behausung zu verlassen, in die er erst abends wieder zurückkehrt. Jetzt ist gestern Schiff gegangen, und es war zu erwarten, daß Wielenbacher sofort zu uns umquartiert werden würde. Das geschah aber nicht, vielmehr ist gleich heute, – also bevor Popp zum II Stock hinauf ist – schon wieder Ersatz da, ein gewisser Ludwig Schönbrunner, der schon seine 10 Monate Gefängnis in Bernau abgebrummt hat (wofür, weiß ich nicht) und uns bis zum August Gesellschaft leisten soll. Man hat aber auch ihn nicht in Schiffs Zelle gesetzt, sondern zu Wielenbacher auf den nördlichen Seitengang*, sodaß es scheint, als ob man noch weitere Zugänge erwarte. Jedenfalls ist Wielenbacher erklärt worden, er bleibe dort wohnen, da er ohnehin schon im Mai gehn wird. Es zeigt sich also, daß das „bewährte Verfahren der bedingten Begnadigung“, wie es jetzt bei Schiff seit fast ¾ Jahren zum ersten Mal wieder einem Niederschönenfelder Ehrensträfling zuteil wird, der diese Gnade vorher noch nicht genossen hat, in einem Tempo geübt wird, daß nicht einmal mit den Zugängen von armen Teufeln, die nach dieser Gnadenbezeigung noch einmal ausgeglitten sind, Schritt zu halten weiß, und daß wir schon einmal unter 22 waren, merken wir nur noch daran, daß wir, gleichviel, wie viele Zugänge noch kommen, uns nun mit dem Raum begnügen müssen, der nur für 21 eingerichtet ist. Wieviele Schutzhäftlinge zur Zeit noch oben sind, steht nicht fest, jedenfalls aber genügend, um das fröhliche Spiel der meist jungen Leute zur Hofzeit unter meinem Fenster herzerwärmend laut zu gestalten. Wenn aber mal jemand geht, so meist nicht in Freiheit, sondern in Untersuchungshaft, und wie ich heute zu meiner Bestürzung hörte, ist das auch meinem Seppl geschehn. Bei den vielfachen Sprengstoffprozessen, die den Zeitungen nach in Bayern bevorstehn, habe ich große Sorgen um den armen Buben, wenn ich auch egoistisch genug bin, bei dem Gedanken an die Möglichkeit, er könne wieder Festung kriegen, ein Gefühl heiterer Freude nicht unterdrücken zu können. Inzwischen berichten die Blätter, daß die Nationalsozialisten, die im Zusammenhang mit dem Hitlerputsch in Landsberg in Schutzhaft waren, nun sämtlich wieder in Freiheit sind, was sie, wie es scheint, durch Androhung des Hungerstreiks bewirkt haben. Jedenfalls weiß man, daß der Landtag die Entlassung der Völkischen beschlossen (die der Kommunisten abgelehnt) hatte, daß danach mehrere Berichte und Dementis über einen Hungerstreik in Landsberg durch die Presse gingen, und die Entlassung jetzt erst erfolgt ist. Die Armee der Kapputschiner und Kahrmöhliter, die nun den Münchner Prozeß von der Straße aus in die erwünschte Bahn zu lenken suchen wird, wird also durch das Entgegenkommen des bayerischen Staats kräftig vermehrt. Was weiter aus dem Prozeß wird oder schon geworden ist, ist noch nicht zu erkennen. Die heute bei uns angelangten Zeitungen enthalten erst den Bericht über den Staatsanwaltsstreik. Der klerikale „Bayerische Kurier“ nimmt das Intermezzo zum Anlaß, um jetzt alle Scheu abzustreifen und auf Herrn Neithard loszuhauen. Justizrat Kohl hat zwar einen ziemlich kläglichen Rückzieher gemacht, und die Gesamtverteidigung hat ihn desavouiert, aber die Tatsache, daß Stenglein diesen ostentativen Affront unternahm, richtete sich ja garnicht gegen Kohl, sondern offensichtlich gegen Neithard, und unter den Ausblicken, die die Presse zu der Sache eröffnen, ist am interessantesten die Eventualität, die Staatsanwaltschaft werde recht behalten, d. h. die Justizbehörde werde den Prozeß abbrechen und einem andern Gericht übertragen. Da aber mit dem 1. April die Bayerischen Volksgerichte zu existieren aufhören, käme dann die Überweisung des Prozesses an das Reichsgericht in Leipzig in Frage. Das wäre für die Angeklagten ein sehr übler Tausch, – und so wird man wohl doch noch irgendein Kompromiß machen, und vielleicht Herrn Neithard durch seinen Beisitzer ersetzen (Simmerding). Den verschiedenen verantwortlichen Politikern in Berlin und München mag allerdings bei dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen etwas schwummerig werden, und wie eine Quittung auf das Verfahren, bei dem sich die Angeklagten mit ihren Schimpfereien auf Frankreich gradezu überschreien, wirkt die Nachricht, daß Herrn v. Hoesch, dem Gesandten in Paris, eben die neue Entwaffnungsnote der Gesamtentente übergeben worden sei. Stimmen die Meldungen, die die Zeitungen der „Chicago Tribune“ entnehmen, über den Inhalt der Note, dann haben wir in den nächsten Monaten in Deutschland weitaus wesentlichere politische Krachs zu erwarten, als sie die bayerischen Landtagswahlen am 6. April, und wahrscheinlich am gleichen Tag oder 3 Wochen später die Wahlen zum Reichstag (der vermutlich heute seinen Abschied durch Auflösung bekommt) erwarten lassen. Mac Donald erweist sich nämlich durchaus nicht als der Politiker, der seine Aufgabe, als britischer Premier zu wirken, so versteht, als müsse er, weil es die Scheidemänner so wünschen, deutschnationalistische Politik treiben. Wo er mit Poincaré nicht einverstanden ist, macht er dem zunächst einmal sehr weitgehende Konzessionen, und da zweifellos die Entmilitarisierung Deutschlands eine in allen Siegerländern gleich populäre Forderung ist, kommt er ihm darin besonders weit entgegen. Der Gegensatz zwischen London und Paris bestand in dieser Frage ja nur in der verschiedenen Auffassung, ob die Militärkontrolle schon jetzt dem Völkerbund überlassen werden solle, oder ob Nollet sie weiterausüben müsse. Jetzt wird also das Kompromiß sichtbar, das wahrscheinlich von Mac Donald herrührt, und im Großen Ganzen darauf hinauskommt, daß Deutschland bestimmte Bedingungen erfüllt haben muß, bevor die Kontrolle dem Garantieausschuß überlassen wird. Diese Bedingungen sind aber sehr scharf, enthalten ein generelles Verbot der Waffenfabrikation, der Waffen-Ein- und Ausfuhr, dazu die Forderung auf Beantwortung einer Ententenote vom Oktober 1922 über den Waffenbestand, die Ersetzung der Schupo durch Sipo (oder umgekehrt? die Unterscheidung ist mir nicht ganz klar), weiteren Abbau der Reichswehr, Verbot der Einsetzung der Staatspolizei bei Unruhen und dergleichen mehr. Natürlich donnert unsre liebe Presse ihr: Niemals! – und die Wahlagitation wird also wohl im allgemeinen nicht um die 3. Steuernotverordnung, um Aufwertung und selbst nicht um den 8Stundentag geführt werden, sondern um die Frage der „Wehrhaftigkeit“ Deutschlands, verbunden mit der „Schuldfrage“. Dann haben die Völkischen in der Tat gewaltige Chancen, als regierungsbildende Majorität das erste demokratische Examen zu bestehn, und dann wird eine Repressalienpolitik der Entente – gleichviel ob jetzt in Belgien wieder Herr Theunis oder ein „sozialistischer“ Ministerpräsident kommt – einsetzen, die eine endgiltige Auseinandersetzung bedeuten wird. Die mag ausgehn wie sie will, das Proletariat hat nicht mehr zu verlieren in Deutschland, als es unter Ebert des Taktvollen Leitung in 5 Jahren schon verloren hat. Schon jetzt regt es sich märzlich hier und dort. Aussperrungen, Arbeitszeitverlängerungen, Lohnkürzungen werden allmählich durch Gegenaktionen beantwortet. Die Arbeiter der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik in Mannheim-Oppau stehn in offenem Kampf mit Stürmen gegen die Betriebsgebäude, der tolle Übermut der Industriellen allüberall stößt trotz Sozialdemokratie und Gewerkschaften allmählich auf Gegenwehr. Dazu die Schwierigkeiten durch die Agrarkrise, der Münchner Spektakel und die internationalen Komplikationen. Wir stehn vor großen Wendungen, – und deren Ende werde ich kaum mehr in Niederschönenfeld abzuwarten haben.

 

* wurde am nächsten Tage herübergelegt.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 11. März 1924.

Es ist ausnahmsweise schon Spätnachmittag, und ich setze mich vors Tagebuch erst nach der Fertigmachung meiner Korrespondenz, statt wie sonst vorher. Ich hätte eigentlich noch genügend andres zu tun, aber wer weiß, ob ich morgen und in den nächsten Tagen bei der Länge der Zeitungsberichte über den Prozeß und das Sonstige Zeit zum Eintragen finde. Vom Hause: Popp kam also am Samstag abend hinauf, und zwar nicht, wie ihm gesagt war, um 8 Uhr, sondern man rief ihn gegen 6 Uhr hinunter und führte ihn dann einfach in die Schutzhaft ab, sodaß auch er sich nicht mehr verabschieden konnte. Über seine Persönlichkeit habe ich mich wahrscheinlich bei seinem ersten Fortgang geäußert. Da er im Hause bleibt und ich nicht wissen kann, ob dies Heft nicht eines Tags meinen übrigen Tagebüchern folgt, wäre auch das Grund, auf weitere Bemerkungen über den Jungen zu verzichten. Schiffs plötzliche Entlassung haben wir jetzt durch eine peinliche Entbehrung von Zeitungen mehrerer Richtungen zu büßen. Auf seinen Namen kamen etwa 4 von außen für die Festungsgefangenen abonnierte Blätter. Vor einigen Monaten ließ uns die Verwaltung eröffnen, daß sie Überschreibungen von Zeitungen auf den Namen eines Zweiten nicht mehr annehme. Man habe dafür zu sorgen, daß sie gleich draußen richtig adressiert würden. Da die Post sich aber während des Monats auf Umschreibungen nicht einläßt, kommen die Zeitungen nun auf Schiffs Namen weiter an und wir können uns mit dem Gefühl trösten, daß sie niemand zu lesen kriegt und die Festungsverwaltung zu billiger Makulatur kommt.* Im Augenblick ist der Schmerz darüber weniger groß, weil die Zeitungen, die wir ohnehin kriegen, die alles Interesse verschlingenden Prozeßberichte in größerer Ausführlichkeit und mit mehr Kommentaren bringen als die uns entgehenden. Der Konflikt Kohl-Stenglein ist aus der Welt. Kohl hat wehmütig um Pardon gebeten, nachdem ein Tag lang im Justizministerium Fraktur geredet sein dürfte, mit dem Erfolg, daß seither auch Herr Neithard ein wenig mehr an den Verhandlungen teilnimmt als zuerst. Im übrigen aber hat sich nur der Ton ein wenig geändert, während der Charakter des Prozesses als große völkische Agitationsparade ganz der gleiche geblieben ist. Wie ich in einem Prozeßkommentar lese, hat auch der Staatsanwalt Stenglein keine ganz hakenkreuzfreie Rolle in der Vorgeschichte des Hochverrats. Er soll auf jenem Kommers des „Waffenrings deutscher Art“, bei dem die „Versöhnung“ Ludendorff-Ehrhard zustande kam neben Ehrhard gesessen haben. In dem Zeugenaufmarsch ist insofern eine neue Färbung eingetreten, als nun auch mehrere Kahrioten und Lossowiter gehört wurden. Ferner hat der General Kreß v. Kressenstein, der Nachfolger des Herrn Lossows als Chef der bayerischen Reichswehr, seine Truppe verteidigt. Im ganzen hat sich der Eindruck vertieft, daß die 3 geschobenen Schieber vom 8. November sich dadurch nicht des Hochverrats im Paragraphensinne schuldig gemacht haben, daß sie aber des Tiefverrats gegen ihre Kameraden, eines Vertrauens- und Wortbruchs schuldig geworden sind, der sie vor jedem Menschen richtet, der nicht ganz ohne Reinlichkeitsgefühl ist. Vielleicht ändert sich der Eindruck noch, wenn sie selbst zu Wort kommen, was wohl gestern und heute der Fall gewesen sein wird, sodaß wirs morgen lesen werden. Zwischendurch kommen weitere Enthüllungen, die einen ungeheuren Sumpf offenbaren. So packt jetzt im Bayerischen Kurier der Abgeordnete Schäffer aus (um seinem angegriffenen Freund Heim zu Hilfe zu kommen) und erzählt, daß er vor der Verhandlung mit dem Verteidiger Dr. Hemmeter darüber konferiert hat, daß nicht garzu viel Dreck „zum Schaden des Vaterlands“ von den Angeklagten breitgetreten wird. Darauf wurde erklärt, falls die Zusicherung gegeben würde, daß sofort nach der Verurteilung die vollständige Begnadigung der Angeklagten einträte, würden sie auf die „vaterländischen Belange“ Rücksicht nehmen, sonst nicht. Reizende Patrioten! Na, da die Garantie nicht gegeben wurde, hat ja speziell Ludendorff gezeigt, daß er wirklich die Rücksichten nicht nimmt. Der Herr Pacelli hat als päpstlicher Nuntius alle Hände voll zu tun, um den Schmerz und die Entrüstung des Herrn Stresemann fürs Reich, des Herrn Braun für Preußen und der ganzen Regierung Knilling für Bayern in Empfang zu nehmen und nach Rom weiterzudrahten. Und all der Kummer grade vor den Wahlen. Der Deutsche Reichstag lebt immer noch, nachdem er seit Wochen jeden Tag totgesagt wurde. Nun aber scheint man ihn wirklich noch bis zu seinem bestimmungsmäßigen Abscheiden vegetieren lassen zu wollen, angeblich weil es so schwer sei, einen annehmbaren Termin für die Neuwahlen innerhalb der 60 Tage anzuberaumen, nach denen die Wahl erfolgt sein muß. Der wahre Grund dürfte aber neben dem Prozeß-Alpdrücken noch die Ententenote sein, die nun vorliegt und die in bestimmtester Form die Annahme des Vorschlags verlangt, der die Anerkennung der 5 Punkte vom September 1922 verlangt (die hoffentlich noch irgendwo im Wortlaut repetiert werden), widrigenfalls die Kontrolle des Herrn Nollet für die Dauer in schärfster Form wieder aufgenommen wird. Bei der Annahme jedoch werden sich die Alliierten bescheiden, nachzuprüfen, ob die Behauptungen der deutschen Regierung über Entwaffnung, Rekrutierung und Formationen stimmen, und dann die Funktionen einem Garantieausschuß übergeben. Daß die Note grade vor den Wahlen kommt, halte ich für Absicht. Man will sich davon überzeugen, wie die Mehrheit des deutschen Volks bei einer Wahlparole um die Wehrhaftigkeit Deutschlands entscheidet, um daraus auch bei den Reparationsregelungen Rückschlüsse zu ziehn, mit andern Worten: Herr Mac Donald will es seinen Briten mundgerecht machen, daß Poincarés Politik tatsächlich der Sicherung gegen deutsche Revanche diene und also von England unterstützt werden müsse. Wenn also der Reichstag von den „demokratischen“ Parteien noch zu galvanisieren versucht wird, so deshalb, weil man die Aussichten, jetzt noch einigermaßen repräsentabel abzuschneiden für verloren hält und auf das Wunder hofft, daß sich in 6 Wochen alles geändert haben könnte. Am lustigsten geht es bei den „Vereinigten“ Sozialdemokraten zu. Die linke und die rechte Hälfte sind derartig „vereinigt“, daß sie sich in Berlin z. B. noch nicht einmal auf die gemeinsame Wahlkandidatenliste einigen können. Jetzt sind schon 2 Bezirksleitungssitzungen dazu unter Mordskrach auseinandergegangen, und der Parteivorstand kündigt an, daß er die Wahlliste oktroyieren werde, die er für richtig hält. Das nennt die Welt dann den unbeeinflußten Willen der Wählermassen, und die in direkter Wahl ausgedrückte Vertrauenskundgebung des deutschen Volks! Den Kommunisten hingegen, die in Bayern als Partei immer noch verboten sind, wird in München trotz der Bestimmung, daß sie Wahlvorbereitungen beliebig treffen können, die Veranstaltung von Wählerversammlungen verboten, während die Völkischen, die ebenfalls verboten sind, nach wie vor in Sturmtruppenuniformen geschlossen aufmarschieren und Versammlungen über Versammlungen teils machen, teils sprengen. Man kann sagen: die Esel, die in sämtlichen Parteien und in sämtlichen Regierungen stets die Geschäfte derer besorgen, die sie am tiefsten hassen und bekämpfen, – diese Esel sind die Hoffnung der deutschen Revolution.

 

* Die Angelegenheit ist dadurch behoben, daß Schiff die Nachsendungsgebühren für die Blätter gezahlt hat, sodaß die Post sie wieder – jetzt an Sauber – einweist

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 13. März 1924.

Trotz allen drängenden Briefverpflichtungen, – dieser tolle Prozeß zwingt mich, um einigermaßen im Bilde zu bleiben, das Tagebuch allen andern Schreibereien vorzuziehn. Nun sind die Herren Lossow und Kahr als Zeugen gehört worden, und die Aussagen der Herren vervollständigen erst recht die chronique scandaleuse, die die Geschichte Bayerns seit heute vor 4 Jahren ausmacht. Lossow, ganz General, ganz Mann des Schneids, trat so forsch vor die Barre, daß man den Vorsichtsmichel, der 51 % Wahrscheinlichkeit des Gelingens garantiert haben will, bevor er etwas unternimmt, nicht wiedererkennt. Seine Verteidigung – denn das Gefühl, daß er in der Defensive kämpft, klang trotz der recht offensiv gehaltenen Rede deutlich durch – war geschickt aufgebaut. Er schont die Gegner garnicht und greift besonders Ludendorff an, den er offensichtlich meint, wenn er für sich ablehnt, als stellenloser Komitatschihäuptling Politik machen zu wollen. Daß er aber so gut wie Ludendorf einer der politisierenden Generale kat exochen ist, tritt bei der Darstellung seiner eignen Ziele deutlich hervor. Dabei deckt er den Plan, den die 3 Kronzeugen gegen die Hitlerleute, und mit ihnen wohl die bayerische Regierung überhaupt, verfolgten, vor aller Augen auf. Dieser Plan stammt von Herrn Minoux, bisher Stinnesschem Generaldirektor, und wird von ihm, wie er erklärt, im Generalstäblerjargon als „Patentlösung“ bezeichnet. Sie bestand darin, daß kein bewaffneter Vormarsch nach Berlin, aber ein Druck auf Berlin ausgeübt werden sollte, ein aus 4 – 5 Persönlichkeiten bestehendes „Direktorium“ einzusetzen, das über Regierungen und Parlamenten diktatorisch die Maßnahmen für Deutschland treffen sollte, die unter Seekts Diktatur dann wenigstens zum Teil durchgeführt worden seien. Daß diese 4 – 5 Leute nicht gefunden wurden, was Hitler vorausgesagt hatte, war die einzige Schwierigkeit, die zu überwinden gewesen wäre. Mit andern Worten: es hätte ein „trockener Putsch“ analog dem vom 14. März 1920 in München gemacht werden sollen. Wenn man Lossow glauben könnte, wäre am 8. November bei ihm, Kahr und Seisser kein Augenblick der Gedanke entstanden, mit Hitler mitzumachen. Er wurde nicht vereidigt, und ich glaube ihm nicht. Ich habe folgenden Eindruck: als er im Nebenzimmer des Bürgerbräukellers seine Entscheidung treffen mußte, hat er als Einziger von den Dreien seinen klaren Kopf, vielmehr seinen Zynismus behalten und sich 2 Ausgänge gesichert, um dann mit „51 %“ Wahrscheinlichkeit den gesünderen wählen zu können. So machte er Hitler-Ludendorff gegenüber mit und schuf sich Kahr-Seisser gegenüber die reservatio mentalis mit geflüstertem: „Komödie spielen“. Von der Versammlung aus fuhr er zur Stadtkommandantur, wo er – was ihm doch sehr auffallen mußte – den Generalmajor Kreß und die Generale Ruith und Danner schon antraf. Wahrscheinlich hatte Kreß (der übrigens heute in den Zeitungen als zum Generalleutnant befördert genannt wird!) rechtzeitig Wind gekriegt von dem Putsch – vielleicht durch die französische Gesandtschaft, die ja bekanntlich das Eingreifen französischen, tschechischen und polnischen Militärs angekündigt hat –, hatte, ohne Lossow vorher zu orientieren, militärische Gegenorders gegeben und empfing nun den Chef, um ihn in dem Augenblick festzunehmen, wo der gegen Seekt hätte mobilisieren wollen. Der schlaue Lossow wird die Situation sofort überblickt haben, und nun war für ihn klar, für und gegen wen er Partei zu nehmen hätte. Die Kreuz- und Querfragerei der Verteidigung blieb ihm zunächst erspart, da man erst Kahr hören wollte, und dessen große Rechtfertigungsrede haben wir nun heute zu lesen bekommen. Er hat eine recht klägliche Figur gemacht. Schon äußerlich tritt das in die Erscheinung dadurch, daß ihn Herr Neithardt wiederholt aufforderte, die Rede nicht vorzulesen (es ist ja bekannt, daß Kahr kein Stegreifsprecher ist). Der Rede selbst fehlt jeder Schmiß, jede persönliche Färbung, und charakteristisch für den Mann ist nur dies eine Bekenntnis, das man der Zukunft erhalten müßte: „Aus den Menschen müssen Staatsbürger gemacht werden.“ Die größten Philosophen, grade Deutschlands, haben immer gefordert, daß endlich einmal aus den Staatsbürgern Menschen gemacht werden müßten. – So etwas aber wie dieser Kahr darf heutzutage Volksgeschicke leiten! Das Verhör, das dann einsetzte, war für den armen Exgeneralstaatskommissar eine Katastrophe ohne Beispiel. Er wurde vor die beängstigendsten Fragen gestellt, und seine Erwiderung war fast immer ein Verkriechen hinter dem Amtsgeheimnis; da aber zumeist mit ihm auch die annoch regierenden Herrn v. Knilling und Genossen arg kompromittiert worden wären, ließ das Gericht die wichtigsten Fragen überhaupt nicht zu. Aber sie wurden wenigstens gestellt, und dadurch zugleich beantwortet. Mich interessiert dieser Teil dieses Prozesses in hervorragendem Maße, denn jetzt ist die Auseinandersetzung auf das staatsrechtliche Gebiet übergeführt und es ergeben sich Parallelen zu unserm eignen Fall, die mir als Unterlagen für weitere Vorstöße gegen die Verurteilungen wegen der Räterepublik dienen sollen. Die Verteidiger wiesen mit großem Geschick nach, daß ein Bruch der Reichsverfassung durch Hitler und die Seinen am 8. November garnicht mehr geschehn konnte, da diese Verfassung tatsächlich von Kahr schon beseitigt war, daß aber die bayerische Verfassung deswegen nicht verletzt wurde, weil ja Kahr damals allein vollziehende Macht in Bayern war und, was sie aus seinem Verhalten und seinen Versicherungen wenigstens schließen mußten, mit ihnen einig war. Ganz unser Fall. Die Regierungsparteien 1919, Sozialdemokratie und Bauernbund, beteiligten sich an der Räterepublik, – wenn auch Schneppenhorst nachher erklärte, das sei Finte. Wenn also die sogenannte „Notverfassung“ wirklich rechtsbeständig gewesen wäre, hätten wir annehmen dürfen, daß ihre Betreuer sie selbst nicht mehr gelten lassen. Eine Reichsverfassung gab es damals aber überhaupt noch nicht. Ganz ähnlich aber wie dieser Kahr standen in meinem Prozeß die Herren Segitz und Steiner als Zeugen da, als ich ihnen mit ganz ähnlichen Fragen zusetzte wie jetzt die Anwälte Roder, Kohl, Holl u. s. w. dem Diktator Kahr. – Morgen soll nun der Bericht über den Dritten, Oberst Seisser, herkommen, der, wenn man sich an die Angaben der Angeklagten erinnert, mit vollem Herzen ja gesagt haben soll (und noch immer Kommandant der bayerischen Landespolizei ist). Vielleicht hat der Mann den guten Geschmack, einfach zu sagen: ich bin ein alter Soldat, mich hat die Situation überwältigt, und erst nachher, als ich Kahrs und Lossows Meinung hörte, bin ich nüchtern geworden, ließ mich überzeugen und handelte gemäß der Erkenntnis, daß ich doch die Polizei nicht in den Kampf gegen die Reichswehr führen konnte. Findet Seisser den rechten Ton nicht, dann haben die Angeklagten das Plus voraus, daß sie moralisch als die weitaus Anständigeren dastehn als die Kronzeugen. Als Charakter ist nur einer von ihnen ziemlich unten durch: das ist Ludendorff. Die Ungeschicklichkeit, daß er den Angriff gegen die katholische Kirche unternahm, lassen ihn die Klerikalen schwer büßen. Der Bayerische Kurier packt Erinnerungen aus dem Jahre 1920 aus. Da sei Ludendorff bei der bayerischen Einwohnerwehr erschienen und habe ihren Schutz erbeten. Man habe ihn unter falschem Namen in ein Schloß bei Rosenheim gebracht, und der General sei so verängstigt gewesen, daß seine Identität sogar vor der Schloßherrin geheim gehalten werden mußte. Aber ein Gendarm habe den großen Heerführer erkannt, und nun habe er sich weiterhelfen lassen, wobei Kahr speziell mitgewirkt habe. Ludendorff wurde aber überhaupt nicht verfolgt, erklärte aber, er fürchte, der Haftbefehl werde noch kommen, und käme er ins Gefängnis, dann sei sein kostbares Leben in Gefahr. Sowas wird in der deutschen Republik der Schuljugend als Vorbild altgermanischer Heldenhaftigkeit gepriesen. Noch toller ist aber die Geschichte, die der Miesbacher Anzeiger, der sich jetzt ganz auf die klerikale Seite geschlagen hat, erzählt. Danach seien die Herren Kapp, Ehrhardt und Genossen, bevor sie heut vor 4 Jahren den Zug von Döberitz nach Berlin unternahmen, zu Ludendorff gekommen und hätten ihm erklärt, sie könnten die Sache nur unternehmen, wenn er, der große Feldherr, den Befehl erteile. Ludendorff habe das Oberkommando angenommen und formell den Marsch befohlen. Als er dann sah, daß die Geschichte schief ging, wusch er seine Hände in Unschuld und ließ die Verbündeten in der Patsche, – und das sei auch der Grund, weshalb Ehrhardt nichts mehr mit Ludendorff zusammen unternehmen wollte, der ja auch, wie ihm der Miesbacher vorwirft, Adolf Hitlers chevalereske Erklärung, daß er allein die Verantwortung für das ganze Unternehmen vom 8. Und 9. November trage, ohne ein Wort des Protestes mit anhörte. – Ich hätte noch eine Kleinigkeit zu erwähnen, die schon an einem der ersten Prozeßtage vorfiel. Ich glaube, es war nach der Vernehmung Pöhners – oder schon eines Zeugen zum Falle Frick, als die Frage vom Verteidigertisch aufgeworfen wurde, ob die Polizei über das Verhalten ihrer nationalsozialistischen hohen Beamten von Spitzeln Berichte erhalten hatte, und als darüber keine sichere Antwort erteilt wurde, erklärte der Anwalt, er wisse also, daß dann ein gewisser Weber der Zwischenträger sei. Das ist kein andrer, als mein Ansbacher „Genosse“ Max Weber, der den Verräter in der KPD gemacht hatte, als er dort gründlich entlarvt war, zu den Nationalsozialisten ging und dort, wie sich nun zeigt, dieselbe schmutzige Tätigkeit entfaltet hat. Wie mir die Genossen, die ihn draußen nach seiner Entlassung aus der Festung um sich hatten, erzählten, hat er damals damit renommiert, er habe ein Trauerspiel verfaßt, nämlich die Figur des Judas in modernem Milieu dramatisiert und ihnen dann vollständig den Inhalt meines Stücks als sein Werk gerühmt (als Plagiator hatten wir ihn ja schon in Ansbach erwischt). Jedenfalls gibt es wohl keinen historischen oder biblischen Charakter, der – wenigstens der üblichen Auffassung nach – dem des Marx Weber enger verwandt wäre wie Judas Ischarioth.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 15. März 1924.

Meine Annahme, Oberst v. Seisser werde vielleicht eine andre Politik als seine beiden Mittäter bevorzugen, hat sich nicht erfüllt. Er schlug dieselbe Taktik ein wie Herr v. Lossow und wirkte, wenigstens nach dem Zeitungsbericht auf mich, noch weitaus weniger glaubhaft als dieser. Der Oberst hieb nicht nur in dieselbe Kerbe wie der General, indem er mit markanter Offiziersschneidigkeit, die nur viel weniger überzeugend herauskam, die Unerschütterlichkeit seiner von Anfang an feststehenden Überzeugung beteuerte, er benutzte auch bei Behandlung der wichtigsten Tatvorgänge offenbar dasselbe Manuskript, wie dieser und zwischen beiden Kahr, was die Verteidiger natürlich bei ihren Fragen nicht ignorierten. Seisser suchte noch mehr als die beiden andern seine Zeugenschaft durch Anklagen gegen die Angeklagten von der Rolle des Kompromittierten in die des Kompromittierenden umzudirigieren, – für mein Gefühl mit entgegengesetztem Erfolg. Die wichtige Frage, ob die 3 zusammengewachsenen Zwillinge (da Kahr sich mehr und mehr als 0 entpuppt, sinds wirklich keine Drillinge) nun eigentlich den „Marsch nach Berlin“ gewollt haben oder nicht, scheint öffentlich nicht geklärt werden zu sollen. Sie behaupten das Gegenteil, aber es ist augenscheinlich, daß die Verteidiger über überführende Dokumente verfügen, die schon in nichtöffentlicher Verhandlung produziert zu sein scheinen. Nach dem heutigen Bericht, der wie der gestrige ganz von der Fortsetzung des Kreuzverhörs mit Kahr angefüllt ist, hat nun der Vorsitzende bestimmt, daß der ganze Fragenkomplex, ob Kahr, Lossow und Seisser im Bürgerbräukeller nur Komödie gespielt haben oder nicht, belanglos sei, und daß es nur darauf ankomme, ob die Angeklagten überzeugt sein konnten, daß die Mitwirkung ernst gemeint sei, – was man ihnen wohl konzedieren müsse. Damit ist die Möglichkeit eines Freispruchs sehr nahegerückt, und mir erwüchse die juristische Aufgabe, nachzuweisen, daß dieselben Gründe, die bei Hitler und Ludendorff die Freisprechung bedingen, für uns Räterepublikaner genau ebenso gegeben waren, – nur noch einige mehr. – Kahr steht in wahrhaft bejammernswerter Haltung vor Gericht. Wo er sich nicht mehr zu helfen weiß – und er weiß sich überhaupt nie zu helfen –, verschanzt er sich, und sogar dann, wenn die Fragen garnichts mit seiner Amtstätigkeit zu schaffen haben, hinter seiner Amtsschweigepflicht, und wenn das nicht mehr geht, kann er sich an nichts erinnern. Ob in jener Nacht der Vertreter des italienischen Konsulats ihm die Glückwünsche seiner Regierung ausgesprochen hat, und was für Befehle und Aufträge er unmittelbar nach seinem Aufstieg zum Landesverweser als „Statthalter der Monarchie“ gegeben hat, – alles das ist dem Gedächtnis des Herrn v. Kahr verloren gegangen. Dieser erbarmungswürdige Wicht, der den Mund nicht aufbringt und sich ängstlich duckend vom Vorsitzenden die Antworten einsagen läßt, denen er schlechterdings nicht auskommen kann, diese Jammergestalt ist der gefeierte Vaterlandsretter, auf den In- und Ausland jahrelang geschaut hat als den Mann, der kraft seiner Persönlichkeit das „Novemberverbrechen“ ungeschehn machen würde! Nun wurden in diesem Prozeß Dokumente produziert, die höchst interessante Einblicke in die Absichten gewähren, die bei den verschiedenen Richtungen der Vaterlandsretterei vor dem 8. November bestanden. Da ist eine Rede des Barons v. Aufseß, Kahrs rechter Hand im Generalstaatskommissariat, die der im Oktober im Wittelsbacher Garten vor den „Bojaren“ (einer Studentenvereinigung?) gehalten hat, und zwar nicht, ohne von seinem Chef Grüße auszurichten. Der sprach direkt vom Marsch nach Berlin, der direkt bevorstehe, wetterte gegen die Juden und verkündete die Absetzung des „Matratzeningenieurs“ (Ebert). Kahr weiß natürlich von nichts. Ganz besonders interessant ist aber die Betrachtungsreihe, die sich im Anschluß an Seissers Reise zu Seeckt nach Berlin ergibt. Er war nach seiner eignen Aussage dorthin zu rein informatorischen Zwecken gefahren, und zwar sollte sich die Information offenbar darauf erstrecken, wie sich Seeckt und mithin die bewaffnete Gewalt „im Norden“ zur „Patentlösung“ stelle (man erfährt nun auch Namen, die für das „Direktorium“ in Frage kamen, das durch „Druck“, oder wie Kahr dauernd betont durch Einwirkung von Wirtschaftskreisen der Industrie und Landwirtschaft, vorgesehn waren, vor allen Minoux und Gayl, den Hitler als Judenstämmling natürlich perhorresziert). Natürlich ist öffentlich nicht gesagt worden, welche Information Seisser nach München mitbrachte, aber da lese ich jetzt in der „Weltbühne“ einen Artikel von Waldemar Keller (in Nr. 11) „Thormann, Grandel & Cie“. Es handelt sich da um das gegen Seeckt geplante Attentat, das noch immer im Stadium der Voruntersuchung zu sein scheint. Der in der Sache verhaftete Dr. Grandel aus Augsburg war nun der Verbindungsmann zwischen Kahr und dem Alldeutschen-Häuptling Claß, der ja ebenfalls in dem Mordplan gegen Seeckt kompromittiert ist. Man könnte nun schließen, daß die Antwort, die Oberst Seisser dem Generalstaatskommissar Kahr nach München brachte, lautete: Seeckt ist gegen die „Patentlösung“ und wird die Reichswehr gegen jeden Versuch einsetzen, den Plan – etwa durch den Marsch nach Berlin, zu dem eben die Reichswehr gewonnen werden sollte, auf die Beine zu bringen. Das Interessante ist ja, daß der Plan diesmal aus Kreisen kam, die mit der O-C des Kapitäns Ehrhardt nichts zu tun hatten, sich aber an diese Kreise wandten und nun von Völkischen, die sich scheinbar auf die Sache einließen, denunziert wurden. Es ist zu hoffen, daß die Herren Hitler und die Anwälte den Artikel zu lesen bekommen. Es fehlte ja bloß noch, daß Kahrs Beteiligung an dem Mordplan gegen Seeckt aufgedeckt würde, – um das Bild ganz rund zu machen. Es bleibt aber auch ohnehin noch ein schönes Bild, und daß die Nationalsozialisten im Augenblick in heller Glorie dastehn, ist nicht allzu tragisch. Sie werden schon noch drankommen. Der derzeit in Leipzig vor dem Staatsgerichtshof verhandelte Prozeß wegen des Parchimer Fehmemords, bei dem die Angeklagten sich in der widerlichsten Weise gegenseitig belasten, wird diesen Edelmenschen der „Völkischen Freiheitspartei“ schon eine ein wenig passendere Folie geben, und dann erfährt man gelegentlich ja auch, was für Persönlichkeiten die Herrschaften als Repräsentanten ihrer Vorbildlichkeit aufs Publikum loslassen. Daß sie an den Spitzel Weber geraten sind, konnte passieren, obwohl es nicht schwer war, den Mann bald zu durchschauen. Nun teilt aber der Miesbacher mit, daß in Augsburg eine vom Völkischen Block großmächtig plakatierte Versammlung stattgefunden hat, bei der als Sprecher auftrat – der Damenschneider Karl Hörath! So hat bei uns der Festungsgang selten von Gelächter widergehallt wie gestern, als diese Nachricht laut wurde. – Unser Karl Hörath (über dessen Charakter ich hier garnichts sagen will); aber dieser Nulpe mit seinen ungeheuren Ohren, dem verhutzelten und verbauten Körper und dem Gesicht, in dem sich die Spuren von Dutzenden der ausgestorbensten Rassen, nur nicht der germanischen vorfinden lassen, – dieses groteske Männchen mit seiner Ängstlichkeit, Taprigkeit und kriecherischen Unterwürfigkeit – als Wandertypus wahren Ariertums – das ist überwältigend komisch. Habeant sibi! – Der Reichstag ist nun also wirklich aufgelöst: wann die Neuwahlen steigen sollen, wissen wir noch nicht, wahrscheinlich am 11. Mai. Die „antiparlamentarischen“ Parteien der Völkischen wie der Kommunisten haben die größten Chancen, als „Flügelparteien“ gewaltigen Zulauf zu kriegen. Es ist nur noch nicht sicher, wer von beiden die nationale Radautrommel am kräftigsten bearbeiten wird. Davon wird’s wohl abhängen, wer das Rennen schließlich macht. Da die KP jetzt die Allerlinkesten zur Führung berufen hat (Maßlow und Ruth Fischer), wird ihre Pauke wohl am patriotischsten donnern.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 17. März 1924

Ich habe einen Katarrh, der mir das Hirn verklebt und will mich kurz fassen. Zur Hauschronik ist ein neuer Zugang zu notieren (der uns wieder auf 22 bringt, von denen vorläufig 2 auf dem abgesperrten Seitengang wohnen und den ganzen Tag Gastrollen geben müssen.) Der neue Mann heißt Eduard Stanglmeier, wurde im Juni 1919 zu 1¼ Jahren Festung verurteilt und bei Anrechnung der Untersuchungshaft sofort vom Standgericht mit 5 Jahren Bewährungsfrist entlassen. Er hat dann im vorigen Jahr (nach seinen Angaben) einem Zechnachbarn im Matthäser den Maßkrug über den Kopf gehauen und [d]afür 7 Monate Gefängnis wegen Körperverletzung bekommen. Die hat er in Sulzbach abgesessen und soll uns nun bis zum April nächsten Jahres hier Gesellschaft leisten. – Sonst ist als Neuigkeit zu vermerken, daß heut zum erstenmal seit fast einem halben Jahr wieder kommunistische Zeitungen an uns ausgegeben wurden. Da die KPD in Bayern immer noch verboten ist, deutet das auf nahe bevorstehenden Abbau hin. Vorläufig müssen wir mal abwarten, wie lange die Schutzhaftgenossen oben noch festgehalten werden. Nach ihrer Entlassung – das hat mir Herr Rieblinger verraten – werden wir sofort wieder hinaufverlegt. – Inzwischen wird alles Interesse ganz vom Münchner Prozeß absorbiert, der unausgesetzt von Skandalen und „Zwischenfällen“ belebt wird. Nachdem Herr Dr. v. Kahr der Kreuz- und Querfragerei der Verteidiger mit so wenig erhebender Geste glücklich entronnen war, mußte nun auch General v. Lossow dem Kesseltreiben solchen Verhörs standhalten. Er zog die Tonart rasselnder Schnoddrigkeit vor, wofür er sich verschiedentlich Anschnauzer von den Verteidigern zuzog neben milden Ermahnungen des Vorsitzenden. Ein Zwiegespräch zwischen ihm und Hitler, bei dem die beiden feindlichen Vaterlandsbefreier den Wettkampf in Stimmbänderanstrengung entscheiden wollten, führte zu Auseinandersetzungen darüber, wessen Ehrenwort fester gehalten habe, wobei wieder mal beobachtet werden konnte, wie auslegungsfähig ein Ehrenwort von deutschen Patrioten ist, wenn der drüber spricht, der es gegeben hat und wie streng die Auslegung dem andern Honorigkeitsathleten gegenüber geübt wird. Hat nun Hitler sein Ehrenwort gebrochen, das er Seisser oder Schweyer oder sonstwem gegeben oder nicht gegeben hat? Die Kahrioten sagen, ja! Oder hat Lossow ein Ehrenwort gegeben und gebrochen? Hitler behauptete das, als er auf den 1. Mai zu sprechen kam, wo ihm der General selbst erklärt habe, er könne ihn jetzt als Meineidsbauern betrachten. Angesichts dieser peinlichen Erinnerung tat Lossow das dem Kavalier entsprechende: er bewies oder widerlegte nichts, sondern dampfte beleidigt mitten aus dem Verhör weg ab. Dafür nahm ihn das Gericht in eine Ordnungsstrafe von 10 Goldmark und bestellte ihn für Samstag wieder. Statt seiner kam ein Brief, in dem er erklärte, er komme nicht mehr. Wird nun der General vorgeführt werden? Interessanter als alles, was in dem Prozeß offen ausgesprochen wird, ist mir das, was andeutungsweise hineinrutscht in die Aeußerungen, und da kommt jetzt auch der Name des Justizrats Claß in Zusammenhängen zum Vorschein, die allerlei erwarten lassen, was vielleicht in der Richtung geht, die ich vorgestern vorzeichnete. Auch die „Patentlösung“ wird wohl noch außerhalb Bayerns und des Prozesses zu mancherlei Erörterungen Anlaß geben. Lossow erklärt, das „Direktorium“ hätte durch Ebert aufgrund Art. 48 der Reichsverfassung dekretiert werden sollen, gibt aber zu, wie der „Druck“ auf Ebert habe ausgeübt werden sollen: wenn man wie bisher, den Generalen dauernd zumute, die hungernden Volksmassen totzuschießen, dann sei es Pflicht für deutsche Offiziere, zu sagen, das ist nicht unsres Amtes, deswegen weil ihr nicht regieren könnt, als Massenschlächter zu funktionieren. Das sagt ein General dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten! Er, der Aristokrat, der Repräsentant des ancien régime erklärt, die Politik des ehemaligen Sattlers ist so volksfeindlich und antiproletarisch, daß ich mich da nicht mehr zum Vollstrecker hergebe! Das wird hoffentlich von den Arbeitern beachtet werden! – Nach Lossow wurde Seisser ins Kreuzverhör genommen, was nichts Neues und auch keine Sensationen brachte. Wie lange sich dieser Prozeß noch hinziehn wird, ist nicht abzusehn. Da aber am 1. April die bayerischen Volksgerichte zu existieren aufhören, habe ich den Eindruck, als arbeiteten sowohl Richter wie Angeklagte darauf hin, nicht fertig zu werden, sodaß überhaupt kein Urteil mehr zustande käme. Dann brauchte die Regierung nur zu sagen: wir amnestieren die Geschichte, Ludendorff und Hitler werden gebeten, Bayern zu verlassen, – und wir wollen über alles als Mißverständnisse hinweggehn. Tritt dieser Fall ein, so wird es auf das Verhalten der Kommunisten im Lande und im Reich ankommen, ob wir auch das noch im Gefängnis überleben müssen. Am 6. April sind die bayerischen Landtagswahlen, dann folgen am 4. Mai die zum Reichstag – Ich fürchte sehr, daß die KPD mit Stimmenjagd zu heftig beschäftigt sein wird, als daß sie darüber auch noch an gefangene Genossen denken könnte.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 18. März 1924

Mein Katarrh hat sich einigermaßen gebessert, statt dessen hat sich ein andres Leiden, dessen ich mir schon lange verdächtig war, ohne noch sichere Beweise zu haben, jetzt in Formen offenbart, die leider ganz zweifelfrei sind: ich habe Hämorrhoiden, was ich heute vormittag dadurch feststellen mußte, daß der Stuhlgang – zu ungewohnter Zeit – außerordentlich schwer und schmerzhaft vor sich ging und mit Blutverlust verbunden war. Es scheint tatsächlich, daß ich diese Jahre der Gefangenschaft nicht eher abschließen darf, als bis nicht sämtliche Organe dank der trüben sanitären Umstände und der Unmöglichkeit, eine ärztliche Behandlung, die abhelfen könnte, in Anspruch zu nehmen, bresthaft geworden sind. Zu solchen Peinlichkeiten, über die man sich ja mit dem Volksglauben weghelfen könnte, daß der Topf mit den meisten Sprüngen am längsten hält, kommen noch Sorgen um Zenzl, deren Gesundheit nicht nur zeitweilig zu wünschen übrig läßt, sondern die offenbar auch mit wirtschaftlichen Sorgen zu kämpfen hat. Gottseidank wird sie mich bald besuchen, da sie mich zu meinem Geburtstag aufsuchen will. Aber in das umschattete Gemüt ist heute ein lichter Sonnenstrahl gedrungen, eine Freilassung, die die Hoffnung rechtfertigt, daß der Friede und die Verträglichkeit in der Festung, die sich ja erfreulicherweise schon lange Platz geschaffen haben, von der schwersten der ihr drohenden Gefahren befreit sind. Heute früh wurde – wieder ganz überraschend (wenigstens für uns alle) Daudistel entlassen. Wenn ich je einen Mitgefangenen mit völlig ungetrübter Freude habe scheiden sehn, so diesen armen Teufel, der bei all seiner Kraftmimerei die Leiden der Haft schwächlicher als irgendein andrer vorher über sich ergehn ließ. Die Haftpsychose hat diesen Mann vollkommen entnervt, was sich in sehr üblen Äußerungen kundtat. Er erklärte selbst, daß ihm jedes Mittel recht sei herauszukommen, so wurde er nach und nach zum Denunzianten aus Prinzip, da ihn seine Krakehlsucht schon ohnehin dauernd zum Veranlasser von Gelegenheiten gemacht hatte, die Stoff zu Denunziationen geben konnten. Ich will keine Einzelfälle aufwärmen, will mich auch nicht auf psychologische Betrachtungen darüber einlassen, warum die Verbitterung Daudistels sich seit einem Jahr mit besonderer Schärfe in unbändigem Haß äußerte, den er speziell gegen Toller und mich richtete. Vielleicht hängt das mit der Berechnung zusammen, von antisemitistisch gefärbten Ausbrüchen am wenigsten für sich fürchten zu müssen; daß wirklich politische Ressentiments dahintersteckten, ist ausgeschlossen. Es mag [sich] aber auch, was bei seiner außerordentlichen Eitelkeit und seinem Mißtrauen erklärlich wäre, um Konkurrenzneid handeln. Schon vor 4½ Jahren in Ebrach begann Daudistel zu schriftstellern und überlief mich mit seinen Erzeugnissen, bis ich, um überhaupt zu eigner Beschäftigung Zeit zu finden, bestimmte Wochenstunden allein für ihn zur Verfügung stellte. Ich konnte schon damals ein garnicht zweifelhaftes Talent feststellen, setzte mich aber dauernd Unannehmlichkeiten aus, wenn ich kritisierte, was immer nötig war. Später hat Valtin Hartig in dieser Hinsicht ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht. Trotzdem hat sich sein Talent nach und nach stark entwickelt. Ich kenne nur Auszüge aus seinen Romanen, die immer dasselbe Bild boten: ausgezeichnete Stellen, wo der ehemalige Matrose in seiner derben Art in das ihm geläufige Leben direkt hineingriff, dagegen sentimentale und ungekonnte Salbaderei, wo er Psychologie zu geben suchte. Nun höre ich, daß er zwei seiner Bücher bei einem recht guten Verlag untergebracht habe. Hoffentlich erlebt er keine Enttäuschungen (was davon abhängt, ob der Verleger in der Propaganda die Persönlichkeit des Autors ins rechte Licht stellt, was die Kritik von selbst zu einer subjektiv gerechteren Abschätzung veranlassen müßte). Ein paar literarische Erfolge könnten Daudistels Talent, wenn er sich gegen Einwendungen nicht wieder eigensinnig verstockt und darauf verzichtet, sich selbst mit Dostojewski zu vergleichen – immer zu ungunsten Dostojewskis – zu recht schönen Leistungen befähigen. – Die Entlassung ist im ganzen Hause mit wahrem Aufatmen begrüßt worden. 5/4 Jahre hat er von seinen 6 zudiktierten Jahren erspart, immerhin ein erstes Wiederbeginnen von Entlassungen auch von solchen Gefangenen, die noch nicht zum zweiten Mal eingelocht waren. Vivat sequens! – Von allen öffentlichen Dingen interessiert zur Zeit fast nur der Prozeß. Lossow ist wegen seiner Weigerung zu 30 Mark verurteilt worden. Die Verteidiger haben überdies Vorführungsantrag gestellt. Der Korvettenkapitän Ehrhardt, dessen Adresse Häberlstraße 7 vom Staatsanwalt verkündet war, konnte dort merkwürdigerweise nicht ermittelt werden. Er wird den Rat, den ihm der Miesbacher jüngst erteilte, vorsichtig zu sein, wohl verstanden haben. Die Aussage des Vorsitzenden der Vaterländischen Verbände, Professor Bauer, des Erfinders der Parole „Auf nach Berlin!“ brachte wieder allerlei Einblicke in verschiedene Zusammenhänge, in die offenbar keine der beteiligten Parteien gern Einblicke gewährt. Auch die Affaire Seeckt – die übrigens im April in einem eignen Berliner Schwurgerichtsprozeß verhandelt werden soll – spukt bedenklich in die Münchner Dinge hinein, und die Zeitungen deuten schon offen auf Kahr hin, der da die Finger im Spiel haben soll. Jedenfalls wird da vor der ganzen Welt ein Unrat von Korruption, Dummheit, spleeniger Verschwörungsmächlerei, nationalistischem Größenwahn und Volksfeindlichkeit aufgerührt, der nur zwei Wirkungen haben kann: Erstickungstod oder Reinigung Deutschlands von unten auf!

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 20. März 1924

Die Beweisaufnahme im Hitlerprozeß ist als beendet erklärt worden: Lossow ist nicht mehr, Ehrhardt überhaupt nicht erschienen. Dafür genoß man u. a. noch die Blüten der Nation Sanitätsrat Pittinger und den Kautter vom Fuchs-Machhaus-Skandal; ferner Hitlers Schildknappen, Ulrich Graf, der als das wandelnde Bild der Deutschen Treue präsentiert wurde. Dieser Mann ist mit geschwungener Mauserpistole mit Hitler in den Bürgerbräusaal eingedrungen[,] ebenso am Odeonsplatz vor Hitler popoperforiert, wohl aber nicht unter Anklage. Man denkt an die hunderte von Prozessen gegen harmlose Mitläufer der Räterevolution, die zu hunderten von Jahren Freiheitsberaubung verurteilt wurden und konstatiert, daß der Vorwurf, es werde irgendwo in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen, eine nichtswürdige Verleumdung ist. In Leipzig wurde der bestialische Fehmemord in Parchim zwar mit hohen Zuchthausstrafen – aber bloß wegen Totschlag gesühnt. Man denkt an die 9 Todesopfer des „Geiselmordprozesses“ und an die Opfer dieser Justizwiderlichkeit, die noch mit je 15 Jahren in Straubing sitzen, man denkt auch an verschiedenes sonst, z. B. an Arco und Lindner. Zugleich wird in Leipzig der Doktor Zeigner forensisch frikassiert, wobei der politische Haß, die politische Intrige, das politische Manöver seiner Gegner zutage tritt und zugleich die Gefahren, denen ein grundanständiger Kerl sich aussetzt, wenn er in dieser Republik versucht, republikanische Politik zu treiben. Während aber in München die Peinlichkeit, ein Hochverratsverfahren gegen „vaterländische“ Männer durchführen zu müssen (das zuletzt noch den bewunderten Ludendorff in der Rolle eines armseligen Kneifers, der sich hinter Hitlers Rücken verkriecht, offenbart), geht dort gegen die andre Seite der bewährte Schneid weiter. Der alte Professor Quidde ist jetzt verhaftet worden, anscheinend wegen „Landesverrat“. Er hat – horribile dictu – einen pazifistischen Artikel in der Welt am Montag veröffentlicht, und ihn als Flugblatt auch außerhalb Deutschlands verbreiten lassen. Genaues ist noch nicht bekannt. Nur soviel, daß kürzlich ein Schreiben des Generals v. Seekt an Quidde veröffentlicht wurde, worin der ihn wie einen Schulbuben seines Pazifismus wegen anranzt und die Forderung, der Versailler Vertrag müsse erfüllt werden mit äußerster Entrüstung zurückweist. Falls er, der Professor, weiterhin derartige unliebsame Veröffentlichungen von sich gebe, würden andre Mittel gegen ihn angewandt werden, da er nur in französischem Interesse handle. Darauf hat Quidde in einem ruhigen, energischen und würdigen Brief dem Mann attestiert, daß eine sachliche Auseinandersetzung über politische Fragen mit ihm nicht möglich sei, weshalb mit einer Beleidigungsklage geantwortet wurde. Vermutlich hängt die Verhaftung mit dieser Sache zusammen. Wird man den alten Mann nun zu Fechenbach ins Zuchthaus stecken? Zuzutrauen ist den bajuwarischen Amokläufern alles. Nur ist zum Erstaunen, daß man Hitler und Ludendorff hier die außenpolitischen Folgen ihrer Tat vorhält. Daß solche Staatsaktionen, wie jetzt die Verfolgung Quiddes bei dessen internationalem Ruf, außenpolitisch gradezu verheerend wirken müssen, sieht scheinbar kein Mensch. Dabei hängt jetzt in Deutschland alles von den ausländischen Krediten ab, mit denen die Goldnotenbank des Dr. Schacht finanziert werden soll und von denen das Weitermurksen mit der Rentenmark abhängt. Wie windig es mit der Stabilität der Währung aussieht, von der man das Volk ja anscheinend völlig überzeugt hat, zeigt schon der Umstand, daß Dr. Marx den Reichstag unter dem Vorwand heimschickte, daß die bloße Erörterung der Notverordnungen, die keine Abänderungen vertrügen, die Währung vernichten könnte. Daß die Wahlen stramm nationalistisch ausfallen werden, kann als feststehend betrachtet werden. Die Quittung einer nationalistischen Außenpolitik aber wird sehr rasch ausgestellt sein. Quod Deus vult perdere –

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 23. März 1924.

Gottlob naht sich der Prozeß seinem Ende, und man wird wieder mehr Zeit zu andern Beschäftigungen finden. Morgen werden wir das Staatsanwaltsplädoyer lesen, dann die Schlußreden der Advokaten, die bis Donnerstag dauern sollen, und das Urteil wird wohl am Sterbetag der Volksgerichte, am 31. März verkündet werden. Den Antrag des I. Staatsanwalts kennen wir schon, – er sieht so aus, wie wir ihn uns nur wünschen können: Hitler 8 Jahre, Pöhner, Weber und Kriebel je 6 Jahre, Ludendorff – 2 Jahre!, ebenso Frick und Röhm, Wagner und Brückner je 1½ Jahre und Pernet 1 Jahr 3 Monate – selbstredend Festung für alle. Das Endurteil wird wohl noch bedeutend milder ausfallen, und Ludendorff wird allem Anschein nach freigesprochen werden (wie das der Miesbacher Anzeiger, der sich bisher stets ausgezeichnet vorher ausgekannt hat – so sagte er 2 Tage vorher voraus, daß die Beweisaufnahme mitten drin abgebrochen würde, was zutraf – mit aller Bestimmtheit verkündet). Daß da ein Übereinkommen vorliegt, läßt sich aus vielem schließen. Zunächst daraus: daß Herr Neithardt prinzipiell kein Gegner von Vorabkommen mit den Angeklagten ist, hat schon der „Bayerische Kurier“ früher offen ausgesprochen, als er mitteilte, der Vorschlag, die Verteidigung solle gegen die Regierungszusicherung einer Amnestie unmittelbar nach der Verurteilung das Triumvirat schonen, stamme von Herrn Neithardt selbst. Dann: Ludendorff hat am letzten Verhandlungstag derartig umgeschmissen, daß kaum eine andre Erklärung denkbar ist für eine solche klägliche und durchsichtige Ableugnerei dessen, was er selbst bei seiner ersten Vernehmung – vielmehr seinem Vortrag – angegeben hatte, als daß ihm dafür der Freispruch versprochen worden ist. Der teutsche Held hat nämlich plötzlich behauptet, er sei ebenso überrascht gewesen wie Kahr, Lossow und Seisser und hätte wie sie noch im Bürgerbräukeller geglaubt, Hitler dächte nur an die „Patentlösung“ (warum er dann so eifrig auf Kahr und Lossow eingeredet hat, sie möchten doch mittun, da es sich doch um ihren eignen Plan handelte, hat ihn niemand gefragt, wie denn in diesem Prozeß die Fragen, die nicht gestellt wurden – z. B. wer den Putsch finanziert hat – meist interessanter waren als alle gestellten). Aber über das, was für uns speziell zum Prozeß zu sagen ist, will ich alles zurückstellen, bis er zu Ende ist, – dann allerdings wird das Tagebuch am wenigsten davon aufnehmen, da dann die Generaloffensive in Eingaben etc. nach außen beginnt. Unsre Amnestieaussichten steigen jedenfalls wieder, aber wenn wir nicht laut und andauernd klappern, werden wir ebenso schnell wieder vergessen werden wie nach dem Rathenauspektakel. In einem kommunistischen Wahlflugblatt aus München las ich heute, daß zur Zeit mehr Verhaftete aus politischen Gründen in deutschen Gefängnissen sitzen als in den ganzen 5 Jahren vorher zusammen. Zu ihnen gehört auch meine liebe junge Freundin Erika Schollenbruch, die mir aus Neudeck einen Brief geschrieben hat. Ich hoffe, daß dem Mädel nichts Arges weiter geschehn wird, mindestens aber, daß sie, und mein Seppl und alle, die sonst noch mit dem Hals in der Schlinge stecken, bald und womöglich zugleich mit uns befreit sein werden. – Die Verhaftung Quiddes macht allem Anschein nach in der ganzen Welt ungeheures Aufsehn. Jetzt wird auch bekannt, was er geschrieben hat, nämlich eine Warnung, man möge doch aus politischer Klugheit die enge Verbindung der Zeitfreiwilligen mit der Reichswehr lösen, da man sich sonst die drohende Militärkontrolle erst recht auf den Hals ziehn würde (oder sowas ähnliches). Das ist Landesverrat! Wo in der ganzen Welt kein Mensch daran zweifelt, daß die Verbindung zwischen Reichswehr und illegalen Formationen da ist, und daß der Ausschluß der Öffentlichkeit im Hitlerprozeß zumeist mit dieser Tatsache zusammenhing. Wenn wir das in Niederschönenfeld durch Mauern und Gitter riechen, dann sollen es die Franzosen, Tschechen, Polen und Engländer nicht merken, die doch ihre Spione nicht für die Katz bezahlen. Es ist aber schwer, sich immer auszukennen in Bayern. Liest man die wütenden Artikel des klerikalen Bayerischen Kuriers gegen Ludendorff, die Völkischen etc, dann meint man, es müsse jetzt ein ganz andrer Wind gehn, und der Führer dieser Richtung ist doch der Polizeiminister Schweyer, der Hauptfeind der Hitlerschen. Aber die Polizei poltert nach wie vor im Porzellanladen, verbietet – trotz der gegebenen Zusicherungen der Wahlfreiheit – die kommunistischen Wahlversammlungen, während die uniformierten Nationalsozialisten sogar deutschnationale Wahlversammlungen sprengen dürfen; und nun hat man bei einem Demonstrationszug der Republikaner in München denen sogar die schwarzrotgoldene Fahne konfisziert! Also die offiziellen Reichsfarben sind jetzt in Bayern von Polizei wegen verboten! Es ist schwer sich auszukennen, – denn separatistische Tendenzen gibt es hierzulande überhaupt nicht! Und an Reichstreue läßt sich Bayern von niemandem übertreffen! Mir kann’s egal sein. Ich hoffe, daß das Ende dieser bayerischen Pein für uns bevorsteht, – doch muß ich schon wieder meinen Bruder Hans bremsen, der mir mit seiner Hilfsfreudigkeit die kompromittierendsten Unannehmlichkeiten macht. Jetzt schreibt er mir, daß er „mit guter Empfehlung“ beim Staatsrat der bayerischen Gesandschaft in Berlin v. Nüßlein war, der ihn sehr liebenswürdig empfing und versprach, „alles zu tun, was in seinen Kräften stände“. Ich muß mich also wieder aufs Seil schwingen und einen Versuch unternehmen, meinen Standpunkt, daß ich unter keinen Umständen vor meinen Kameraden durch Gnädigkeit herauskommen will, durch die Zensur zu erklären. Natürlich wird’s Hans nicht begreifen. Aber wenn ich ihn nur dazu bringe, diese blamabeln Schritte zu unterlassen, will ich hochzufrieden sein. – Freitag wurde ich durch einen Besuch überrascht. Ein Herr Werner Hirsch war da, der ein Wandertheater mit Schauspieleraufführungen durchs Ruhrgebiet und Schlesien führen will und meinen „Judas“ dabei aufführen möchte. Mir soll’s recht sein. Die ganze Unterredung mußte in 10 Minuten zu Ende sein. Herr Fetsch überwachte – in anständiger Form. Ich freute mich, überhaupt mal ein Gesicht von jenseits der Gitter neu kennen zu lernen. Das haben wir immerhin vor den Völkischen voraus, mit denen demnächst Landsberg aufgefüllt werden soll. Der Genuß, das Kennenlernen eines Außenmenschen als sensationelles Erlebnis zu feiern, wird ihnen versagt bleiben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 25. März 1924

Gestern waren 25 Jahre vergangen seit dem Tod meiner guten Mutter. Ich habe viel an diesen traurigsten Tag meines Lebens gedacht. Doch will ich in diesen Heften, die der Nachhilfe des Gedächtnisses in tatsächlichen Dingen dienen sollen, keine Gefühle beschreiben, die ohnehin nicht in Vergessenheit geraten können. – Daher gleich zum Aktuellen. Das Plädoyer des I Staatsanwalts Stenglein war viel eher eine Verteidigungs- als eine Anklagerede. Er beschränkte sich auf die Fälle Ludendorff und Hitler und überließ die übrigen dem II. Staatsanwalt Ehard, der immerhin etwas mehr den Standpunkt der verletzten Gesetzlichkeit herausstrich. Herr Stenglein attestierte den Angeklagten – einem nach dem andern – die Ehrlichkeit der Gesinnung und muß sich sogar vom Bayerischen Kurier vorhalten lassen, daß die zumeist auch den Barrikadenkämpfern von der andern Seite zugebilligt werden könnte. Den Antrag, den beamteten Angeklagten – Pöhner z. B. als Mitglied des höchsten bayerischen Gerichts – ihre Beamtenqualität abzuerkennen, stellte er nicht, und die im § 9 des Republikschutzgesetzes vorgeschriebene Geldstrafe neben der Freiheitsstrafe weigerte er sich ausdrücklich zu beantragen, da die Aufhebung des Gesetzes für Bayern immer noch Geltung habe. Am gleichen Tage aber fanden zwei Prozesse wegen Verabredungen zum Morde gegen Kahr in München statt – wobei bei 4 Angeklagten einer 1 Jahr Zuchthaus erhielt, die übrigen freigesprochen wurden –, und diese beiden Verfahren wurden auf Grund § 25 eben dieses Gesetzes durchgeführt. Nicht einmal die Behörden in Bayern wissen noch, ob und wieweit dies Land noch zum Reich gehört. Von den Anwälten sprachen bis jetzt Roder für Hitler und Holl und Mayer-Würzburg für Weber. Das Plädoyer Gademanns für Kriebel fand größtenteils hinter verschlossenen Türen statt. Selbstverständlich fordern die Verteidiger für ihre Klienten die Freisprechung und reden mehr fürs Publikum als fürs Gericht. Besonders scheint Dr. Holl ganz und gar fürs Gemüt der Hörer gesprochen zu haben. Ein Bericht vermerkt an einer Stelle: „Rührung und Weinen im Zuhörerraum“, und zum Schluß Beifall, der selbstverständlich ungerügt blieb. Mich persönlich interessiert am meisten aus diesen Plädoyers ein Zitat, das R.-A. Mayer anführte, das von Binding stammt und etwa lautet: „Wenn die Rechtsgiltigkeit der angegriffenen Verfassung zweifelhaft ist, kann Hochverrat nicht angenommen werden.“ Das ist ein äußerst wichtiges Moment bei der Forderung der Nachprüfung unsrer Verurteilung. 1919 gab es im Reich überhaupt noch keine, in Bayern die sogenannte „Notverfassung“ der Regierung Hoffmann, die durch Bruch der Nürnberger Vereinbarung zustande kam und deren Rechtsgültigkeit von uns stets bestritten wurde. Ich werde, sobald das Urteil vorliegt, im Anschluß an meine Denkschrift vom Dezember 1921 eine Ergänzung schreiben, die die juristische Unmöglichkeit der standgerichtlichen Konstruktionen gegen uns noch einmal gründlich nachweisen und u. a. den Widerspruch aufzeigen soll, der in der Annahme der Gerichte liegt, die Standgerichte seien für die Vergehn auch vor dem 25. April zuständig, an welchem das Standrecht verkündet wurde, da der Kriegszustand in Bayern unausgesetzt fortbestanden habe, weil nach den Versailler Verträgen sonst von Bayern selbst die Aufhebung hätte veranlaßt werden müssen, – und der im Juli 1919 dem Verfassungsausschuß des Landtags von Herrn Hoffmann namens der Regierung abgegebenen Erklärung (vor Fällung des Urteils gegen mich),* daß die Versailler Verträge von 1871 mit dem Umsturz vom November 1918 automatisch außer Kraft gesetzt seien. – Zur Zeit ist wieder mal ein Konfliktchen zwischen München und Berlin akut, insofern als Herr v. Knilling in einer Volksversammlung des Stahlhelm die Reichsregierung und die ganze Reichspolitik angriff, weil sie die „Kriegsschuldlüge“ nicht energisch genug bekämpfe. Nun hat Stresemann sich dagegen scharf gewehrt und Knilling vorgeworfen, daß Bayern seinen eignen Standpunkt statt in Volksversammlungen lieber im Reichsrat und an offiziellen Stellen wahrnehmen sollte. Knillings deutliche Spitzen gegen Ebert werden wohl noch sonst übel vermerkt werden, obwohl es klar ist, was sie bezwecken: den Nationalisten zu zeigen, daß man immer noch völkisch genug ist, um bei den Wahlen berücksichtigt werden zu können. – Die Wahlen! Davon ist alles voll, und die lautesten Rufer im „Wahlkampf“ sind die „Antiparlamentarier“: Kommunisten und Deutschvölkische. Die armen Hitlerleute! Ihnen werden durch dies Entgegenkommen an die hereditären Blödheitsinstinkte der Demokratie die Giftzähne ebenso ausfallen wie sie den linken Kommunisten trotz ihrer „linken“ Schwenkung längst ausgefallen sind. Am ulkigsten sind wie immer die Sozialdemokraten. Deren „Opposition“ beschloß, es sollen keine Kandidaten mehr aufgestellt werden, die für das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben. Man sollte meinen, daß ein solcher Beschluß demokratisch konsequent ist: Abgeordnete, die das Vertrauen ihrer Wähler enttäuscht haben, haben dies Vertrauen eben nicht mehr, – und die Wähler entscheiden doch, wen sie als ihre „Vertreter“ einsetzen wollen. Weit gefehlt. Der Parteivorstand dekretiert: Das ist Verfemung, und die ist unzulässig. Ihr müßt wählen, wen wir wollen. Und sie werden so wählen. – Radbruch hat erfreulicherweise erklärt, daß er nicht wieder kandidieren wolle. Hoffentlich hält er sich nun etliche Jahre unsichtbar auf seinem Lehrstuhl, bis man seine trübe Gastrolle in der aktiven Staatspolitik amnestieren kann. – Nun noch des Spaßes halber die neueste Festungsensation. Hornung, unser ewig beschwingter Phantast, verlangte unten bei der Arbeit von Herrn Fetsch neues Material, erhielt aber zur Antwort, er solle sich nur noch bis Ende der Woche einrichten. (Messerer war dabei). Auf Hornungs Frage, ob denn die Festung aufgelöst werden soll, habe nun Fetsch geantwortet, er könne nichts sagen, aber er glaube doch, daß wir alle mit einem Schwung entlassen werden würden. Mir scheint, Herr Fetsch hat sich da mal über den braven Hornung etwas lustig machen wollen. Die Äußerung ist nur insofern interessant, als sie Rückschlüsse zuläßt auf die Gespräche, die die Beamten über die Lage führen. Auch sie werden darüber einig sein, daß Hitler und Pöhner nicht lange in Landsberg sitzen werden, und da mag ihnen die Sorge, was bei einer allgemeinen Amnestie werden soll und ob sie nicht „abgebaut“ werden könnten, manchmal ganz dieselben Gedankengänge nahelegen wie uns. – Ich persönlich rechne bestimmt auf Freiheit noch in diesem Jahre aber nicht schon im Frühjahr; – es sei denn, daß (im Traum zu schön, als daß man ihn je aus allen Berechnungen streichen möchte) die Freiheit auf anderm als parlamentarischen Wege plötzlich und im Sturm daherkäme.

 

* Irrtum: 10 Tage später (22. Juli)

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 27. März 1924

Heute sollen die Plädoyers zu Ende gehn, – als letzte vermutlich die für die große völkische Renommier-Kanone Ludendorff. Ich verfolge die Prozeßauseinandersetzungen sehr aufmerksam, um gegebenenfalls die Parallelen, die sich zu unsrer Angelegenheit ergeben, in Eingaben etc. ziehn zu können. Meine Absicht ist, unmittelbar nach Abschluß des Prozesses einen Anwalt (am liebsten Pestalozza) kommen zu lassen, um sofort den ganzen juristischen Apparat in Bewegung zu setzen, wozu die Aufhebung der Volksgerichte am 1. April den formalen Anlaß bieten kann. – In den Zeitungen gibt es eine Fülle außen- und innenpolitischer Dinge, die ich hier seit langem ganz vernachlässigt habe. Der „Vorwärts“ veröffentlicht sehr interessante Dokumente, die beweisen, wie weit die Fäden vor dem 8. November schon gezogen waren, und die Seeckt und sogar Stresemann als mehr oder weniger Eingeweihte in die „Hochverratspläne“ der Revanchepatrioten bloßstellen. – Im übrigen ist eine große Frage, ob die ablaufenden Micumverträge nach dem 15. April erneuert werden sollen und was aus den Berichten der Sachverständigen-Ausschüsse, die sich untereinander nicht einigen können, werden soll. Kommen die Kredite vom Ausland für die Goldnotenbank, das Moratorium etc. nicht zustande, dann ist es mit der schönen Rentenmarkstabilität wohl rasch zu Ende. Aber bis zur Reichstagswahl wird man das trotz 6 Millionen Erwerbslosen und entsetzlicher Not immer noch gläubige Volk wohl noch von der Unwankbarkeit der Währung und ihrer endgiltigen Fixierung überzeugt halten können. Die Vaterländischen pauken inzwischen unentwegt auf der Schuldlüge herum und die Herren Marx und Stresemann machen aus lauter Angst davor ihre Dienerchen, obwohl sie natürlich genau wissen, daß sie da an etwas rühren, woran von den Siegerländern keines tippen läßt. Aus Angst vor den Nationalisten haben sie auch bis jetzt die letzte Entwaffnungsnote noch nicht beantwortet, und schon fordert Stahlhelm und sämtliche Frontsoldaten- und Offizierskoalitionen in einer Proklamation die endgiltige Weigerung. Es ist aber 1000 gegen 1 zu wetten, daß nach Abschluß des Prozesses in München die Alliierten mit verschärften Noten und wahrscheinlich ultimativ die Erfüllung der Note nachdrücklich verlangen werden. – In Bayern interessiert zur Zeit die Neuigkeit, daß das Konkordat, bis jetzt durch Vorvertrag, abgeschlossen ist. Seinen Inhalt wird das Publikum erst erfahren, wenn das Parlament es zum Jasagen vorgelegt kriegt. Es wird genau so gemacht wie mit der Abfindung der Wittelsbacher 1922. Die Öffentlichkeit hatte keine Ahnung vom Inhalt des Abkommens, der Landtag kriegte den fertigen Entwurf vorgelegt, an dem er kein Wort mehr ändern durfte. Ja oder nein! und bei der Zusammensetzung der Quasselbude war die Annahme natürlich verbürgt. Zugleich mit dem Abschluß des Konkordats haben sich die Vatikandiplomaten auch in Moskau einen Triumph gesichert, nämlich erreicht, daß Herr Cieplac, der Erzbischof von St. Petersburg, ohne Gegenleistung aus Rußland ausgewiesen wird. Ich habe ja nie auf diese vage Hoffnung spekuliert, und der Papst hatte zweifellos von seinem Standpunkt recht, daß er seinen Leningrader Gefangenen lieber gratis als durch die peinliche Belastung des bayerischen Konkordats mit dem Namen Mühsam freimachte. Aber auch die Erinnerung an die Abfindung der Wittelsbacher erlebt zur Zeit aktuelle Bestrahlung. Die Türken haben ein Gesetz erlassen, das sämtliche Besitztümer der ehemaligen Sultane für verfallen erklärt, sie selbst des Landes verweist mit all ihrem Anhang. Zugleich haben die Griechen beschlossen, die Dynastie Glücksburg für abgesetzt zu erklären, all ihren Angehörigen das Betreten griechischen Bodens zu verbieten und all ihren Besitz gleichfalls zu konfiszieren. Die guten Bayern müssen, um Gesinnungsverwandte zu suchen, die Blicke schon nach Persien lenken. Auch dort hat eine Revolution den Schah gestürzt, es ist aber dem Klerus – dort wohl also dem islamitischen – gelungen, das Unglück einer Republik abzuwenden, und den Thron für das 2jährige Söhnchen des Schahs zu retten. Ob das arme Kind in dieser Würde alt werden wird? – Wir wissen jedenfalls in Bayern die besten Mittel, um die Sicherheit des Staats zu retten. Z. B. Ein 10 Kopekenschein, der einem Brief von Zenzl beilag, darf mir nicht ausgehändigt werden. Die Gefahr für Bayern allgemein, für Niederschönenfeld speziell wäre zu bedenklich, wenn ich diesen wertlosen Lappen zu Gesicht bekäme. Immerhin darf ich ihn Zenzl, die mich am 4. April besuchen will, mitgeben. – In der D. A. Z. fand ich unter den Familieninseraten die Todesanzeige von Ehrengard Schultz’ Töchterchen Lise-Lotte. Ehrengard führt den Namen Frank-Schulz, scheint also zum 3. Mal verheiratet gewesen zu sein und – da kein Mann mitunterzeichnet ist – auch diese Ehe wieder überstanden zu haben. Sie wohnt in Wilmersdorf, und ein scheinheilig bigotter Spruch, mit dem sie Gott versichert, daß dieser Tod sein Wille gewesen sei, läßt auf unerfreuliche Entwicklungen bei ihr schließen. Die kleine Lise-Lotte, die nur 16 Jahre alt geworden ist, war schon vor 8 Jahren ein äußerst nervöses, fast hysterisches Kind. Ihr früher Tod mag ihr vielleicht viel Arges erspart haben.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 29. März 1924.

Der forensische Teil des Hitlerprozesses ist nach mehr als vierwöchiger Dauer zu Ende. Das Urteil wird am 1. April verkündet. Der heute eingetroffene Bericht enthält die Schlußreden der Angeklagten. Hitler hat rhetorisch glänzend gesprochen, der Inhalt der Rede entlarvt ihn als größenwahnsinnigen, seine Grenzen absolut verkennenden Psychopathen. Er bezeichnet sich selbst als „großen Mann“ und hat sich deshalb nicht zum Minister machen lassen, um der Unsterblichkeit mit seinem bloßen Namen erhalten zu bleiben. Auch ich habe ja mal ein Plädoyer gehalten, um mich gegen den Vorwurf des Hochverrats zu verteidigen. Leider existiert kein wortgetreues Stenogramm dieser Rede, die ich nicht vorbereiten konnte, da sie am gleichen Tage gehalten wurde, an dem auch der Staatsanwalt und die Verteidiger gesprochen hatten. Könnten die beiden Reden nebeneinander gehalten werden, dann wären Hitlers Sätze wahrscheinlich die besser gesetzten, aber ich glaube, ohne Überhebung sagen zu können, daß ich im Ganzen besser abschnitte. Ich habe meine Sache verteidigt, ohne meine Person unter den Scheffel zu stellen, aber ich habe nicht meine Person vor die Sache geschoben. – Noch peinlicher war Ludendorffs Schlußwort. Er pocht auf Tannenberg, darauf, daß er schon seit 1904 alles richtig, alle andern alles falsch gemacht haben, – überhaupt die Herren alle sind mit sich selbst immer und überall hoch zufrieden und haben kein Gefühl dafür, wie lächerlich es wirkt, wenn zwischen einer mißlungenen Aktion und der absoluten Gefahrlosigkeit, sie vor Gleichgesinnten zu vertreten, die Heldenbrust des Hier stehe ich ich kann nicht anders – gereckt wird. Daß das Urteil nicht höher sondern niedriger bemessen sein wird als die Staatsanwaltsanträge, ist sicher, ebenso daß die paar zu Landsberger Festungshaft Verurteilten nicht einmal lange das Arco-Martyrium werden auszustehn brauchen. Für uns mögen daraus ebenfalls günstige Folgen erwachsen oder nicht (garzu sicher darf man nicht sein, wenn man an den Landtagsbeschluß denkt, die nationalsozialistischen Schutzhaftgefangenen zu entlassen, die Kommunisten eingesperrt zu halten); die allgemeinen politischen Konsequenzen werden nicht ausbleiben. Es ist soviel Skandal öffentlich geworden, daß wenn nicht in Deutschland selbst, so doch im Ausland Konsequenzen verschiedener Art gezogen werden dürften. Schon hat im englischen Unterhaus ein Mitglied gefragt, ob sich die Regierung um den Fall Quidde bekümmert habe, was bejaht wurde. Darauf ist wohl die stillschweigende Haftentlassung des alten Herrn zurückzuführen, darauf auch die Nachricht, daß Bayern die Angelegenheit dieses „Landesverrats“ an den Staatsgerichtshof abgetreten hat. Da kann sie leichter ganz abgewürgt werden. – Das große politische Ereignis des Tages ist die Demission des Kabinets Poincaré, aber der Jubel war verfrüht, da der bisherige Premier auch die neue Regierung wieder zusammenstellt. In Frankreich hatte man in den letzten Monaten ähnliche Sorgen wie vorher in Deutschland, die Frankenvaluta verlor sehr bedenklich, und die deutsche Presse triumphierte, als ob das ein Sieg Ludendorffs wäre. Aber schon nach kurzer Zeit zeigte sich, daß die französischen Politiker keine Trottel sind und in der Welt nicht als Pleitebetrüger betrachtet wurden. Mit 4 Millionen englischen Pfund wurde das Loch gestopft, und überdies bekam Poincaré ein Ermächtigungsgesetz, das ihm allerdings nicht unbefristet die den Marxianern und Lutheristen erteilten Möglichkeiten gab. In der Frage der Kriegspensionen versagte man Herrn de Lasteyrie die Gefolgschaft, und nun wird Poincaré eben mit einem frischen Finanzminister und vielleicht noch andern frischen Kräften die bisherige Politik gestärkt fortsetzen. – Für die Wahlen ist kein Geschäft mehr damit zu machen. In 8 Tagen geht’s nun also in Bayern los, und am 4. Mai im ganzen Reich. Die wechselseitigen Beschimpfungen der Parteien sind noch rüder und dabei noch berechtigter als früher immer. Das Tollste was ich unter den Wahlaufrufen fand, war die „Abrechnung“ der Sozialdemokraten mit den Kommunisten in ihrer offiziellen Proklamation. Da wird aufgezählt, wie überall, wo die Kommunisten zur Macht gelangt waren, die Reaktion dann am stärksten in Geltung kam, und an erster Stelle wird Bayern aufgeführt. Wer aber die Revolutionäre hier wie überall mit allen Hilfskräften der Reaktion niederschlug, wird nicht gesagt. Wir wissen es, wer uns einsperren ließ, wer die depossedierten Offiziere und Volksfeinde gegen die Arbeiter ins Land rief, wer die Generäle, die Pöhners und die Kapitalsschergen wieder an ihre Posten führte und mit ihnen die Arbeiterschaft erwürgte und dem Hunger und dem Tod auslieferte. Wir kennen die Noskes, die Schneppenhorsts e tutti quanti. Aber siehe da, auch da, wo der Kommunismus nie siegreich war, wo die Sozialdemokraten ihre Volksbeglückung seit 5 Jahren ungestört ausgeübt haben, werden sie selber jetzt von ihren Günstlingen, den Adligen und Völkischen zum Teufel gejagt. In Mecklenburg, dem alten Eldorado der Junker, haben ihnen die letzten Wahlen eine jämmerliche Niederlage gebracht, und die neue deutschnationale Regierung dort schmeißt als Erstes alle sozialdemokratischen Beamten raus. – Es wird die Zeit kommen, wo auch diese Brut ihre Nester wieder wird räumen müssen. Dann werden die Sozi bei den Arbeitern winseln, um sie wieder betrügen zu können. Fällt das deutsche Proletariat ein zweites Mal auf ihre erbärmlichen Lügen herein, dann ist es endgiltig verloren.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 31. März 1924

Meine Gedanken richten sich auf den Freitag bevorstehenden Besuch Zenzls und auf die am 9. April erfolgende Entlassung Ferdls. Da Zenzl von hier nach München weiterfährt, hoffe ich, daß sie dort auf den Ferdl warten kann. Dadurch würde mancherlei erleichtert werden, was ich dem guten Ferdl aufs Herz gebunden habe. Wenn unsre Genossen draußen den Hitlerprozeß wieder untätig vorübergehn lassen, ohne nicht bloß in kommunistischen Zeitungsartikeln sondern in eindrucksvollen öffentlichen Kundgebungen das ungeheure Unrecht bloßzulegen, das an uns verübt wird, und in 5 Jahren nur immer schlimmer geworden ist, dann gelingt es der Regierung vielleicht wieder, die graue Vergessenheit drüber auszubreiten, so wie es ihr 1920 gelang, das öffentlich gegebene Amnestieversprechen einfach zu brechen, ohne jemals öffentlich daran erinnert zu werden. Vorgestern war Sauber bei mir, um sich mit mir über die Schritte auszusprechen, die wir im Anschluß an den Hitler-Prozeß und die Aufhebung der Volksgerichte zu unternehmen hätten. Bei den bekannten Usancen der Kühleweinreisenden muß ich es mir versagen, über die Persönlichkeiten der Mitgefangenen noch lange Ausführungen zu machen, sonst hätte es mich gereizt, einmal etwas über die stark veränderte Beziehung zwischen den früher feindlichsten Genossen zu mir auszulassen. Jedenfalls: Saubers Besuch dauerte 2 Stunden, und wir verständigten uns in allen Punkten. Da am 9. April zugleich mit dem Ferdl auch Schlaffer geht, ist nun dafür gesorgt, daß die beiden Niederschönenfelder Gruppen ihre Vertrauensleute draußen in der gleichen Richtung verständigen. Bei dem klugen und unbedingt zuverlässigen Ferdl ist ja ohnehin nur ein Erinnern notwendig. Mein Vertrauen, daß er das Richtige in der Hauptsache von sich aus tun wird, ist absolut fest. Natürlich muß den Genossen draußen das Meiste schon deswegen überlassen bleiben, weil wir noch garnicht wissen, welche nachträglichen Auswirkungen der Prozeß noch zeitigen wird. Schon heißt es, daß Hakenkreuzler bereits in Massen in München eintreffen, und alle möglichen Gerüchte, die in München umgehn, durchschwirren in verschiedenen Versionen die Zeitungen. Ein neuer gewaltsamer Befreiungsversuch ist garnicht ausgeschlossen, und dessen Gelingen oder Mißlingen hätte natürlich auch für uns große Bedeutung. Daß aber unsern Chancen auch im Falle der Verurteilung und Amnestierung der Hitlerschen noch große Schwierigkeiten im Wege stehn, darüber bin ich mir klar. Zunächst ist das sicher – und das ist auch Saubers Ansicht wie die aller Genossen, die Auer kennen, daß der bayerischen Sozialdemokratie kein Mittel, das unsre Freilassung verhindern könnte, zu schäbig sein wird, um es anzuwenden. Kürzlich gab die Münchner Post das politische Programm bekannt, mit dem die neue Landtagsfraktion in Schwung gesetzt werden soll. Über die Angelegenheiten der politischen Verurteilten ganz hinweggehn konnte man nicht gut, da die Arbeiterschaft das gemerkt hätte. Aber obwohl die Befreiung der proletarischen politischen Gefangenen eine im Proletariat dauernd erhobene Forderung ist, war sie den Auerochsen derart unsympathisch, daß sie sie nicht einmal in die Wahlagitation hineinbringen wollte, und so kam man mit dem jämmerlichen Auerschen Projekt, die von Volksgerichten (von Standgerichten spricht man garnicht) Verurteilten sollten das Recht bekommen, auf eignen Antrag ihr Urteil nachgeprüft zu kriegen. Wenigstens weiß man nun genau, woran man mit dieser Schurkenbrut ist, die alle Gesetze brach – von Treue wollen wir nicht reden, wo der Name Auer im Spiel ist –, um nur ihre Komplizen der Räterepublik den Schergen der Bourgeoisie auszuliefern, die seit 5 Jahren alle Bemühungen durchkreuzt hat, unser Los zu erleichtern und die – nachdem sämtliche deutsche Parlamente mit ihren bürgerlichen Mehrheiten weitgehende politische Amnestieen erlassen haben, in dem Lande, von dem sie selbst behaupten, daß es völlig einseitige antiproletarische Klassenjustiz treibt, für uns, die Opfer dieser Justiz, noch nie auch nur die Geste aufgebracht hat, als gönnte man uns die Freiheit. Für die vollkommene Unbefangenheit, in der in Bayern – selbst jetzt während des Hitlerprozesses, das Prinzip des zweierlei Maßes gewahrt wird, ist ein neues Beispiel da. In Rosenheim gab es vor einigen Monaten einen Straßenkrach, der schon ziemlich penetrant nach Judenprogrom roch, und der, von andern Leuten als Nationalisten verübt, mit langjährigen Zuchthausstrafen wegen aller möglichen Schandtaten – mindestens Landfriedensbruch – geahndet wäre. Einer der Hauptbeteiligten war wieder mal unser ehemaliger Festungsgenosse Ankirchner, der auf Bewährungsfrist frei wurde. Er ist diesmal zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt worden, also grade soviel wie eine Bewährungsfrist nach den Vorschriften verwirken läßt. Nun – das Wiedersehn mit diesem trefflichen Genossen wird trotzdem nicht erfolgen. Aber auch das Gefängnis darf er weiterhin von außen betrachten. Das Gericht hat ihm – wie all seinen Mitangeklagten – auch für die neue Strafe Bewährungsfrist zuerkannt. Auch Adolf Hitler hat noch eine Bewährungsfrist gut; – ob man ihn die 4 Monate nachmachen lassen wird, die man ihm seinerzeit im Gefängnis geschenkt hat? – Jeder bayerische Richter, der diese Frage hörte, würde selber lachen, brüllt aber in allen Versammlungen seinen Zorn heraus über die entsetzliche Brutalität der Franzosen gegen deutsche Ruhrkämpfer und nennt den Tod, den einen von ihnen – Dreyer – in einem französischen Gefängnis traf, mit Recht einen Mord. Aber August Hagemeisters Name und Schicksal läßt ihn kalt. Doch es ist noch nicht aller Tage Abend.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 1. April 1924.

Heute wird in München das Urteil verkündet. Man hat die Aufhebung der Volksgerichte bis zum 15. Mai vertagt, um die paar Helfer Hitlers, die man noch prozessieren will, auch noch vor den eignen Schranken des gütigen Verstehens und der stillen Solidarität abzuurteilen, da man sie sonst dem Leipziger Reichsgericht ausliefern müßte. Die Angst vor den Freunden der Leute vom 8. November muß qualvoll sein. Die Polizeidirektion erläßt eine lange Warnung und droht mit allem möglichem: Zuchthaus und sogar Tod: aber es ist kaum anzunehmen, daß sich in Bayern noch viele Leute sehr ängstigen, wenn ihnen mit der Justiz für hakenkreuzlerische Betätigungen gedroht wird. Höchstens jagt ihnen die Aussicht, mit den jetzt von Herrn v. Kreß kommandierten Reichswehrleuten in unmittelbare Berührung zu kommen, ein wenig Furcht ein. So groß wie die Furcht der Regierung, die sogar verboten hat, das Urteil durch öffentlichen Anschlag bekannt zu geben, wird sie noch immer nicht sein. Ach, die deutschen Helden alle, die sich in Bayern um die Formung der Volksrasse nach ihrem Ebenbilde mühen! Ein Rechtsanwalt hatte in der Blutenburgstraße schon behauptet, Herr v. Lossow habe bereits der Tapferkeit besseren Teil erwählt und sei nach Korfu entschwunden. Das bestritt der Staatsanwalt mit Entrüstung; er wisse genau über den Aufenthalt des Generals Bescheid. Dann trat auch noch die Dementiermaschine der Staatszeitung in Aktion: die Gerüchte von der Abreise der 3 Triumvirn seien völlig grundlos; sie befänden sich allesamt in München. Und 2 Tage drauf wurde auch schon offiziös mitgeteilt, die Herren v. Kahr, v. Lossow und v. Seisser hätten sich mit ihren Familien zusammen nach Italien begeben – „zur Erholung“ natürlich. Die ganze Welt lacht wieder mal, zumal nun auch zugegeben wird, daß man bereits von Italien aus auf der Überfahrt nach Korfu sei. Daß die Herren mit Wissen und Einverständnis von Staatsanwaltschaft und Regierung diese „Erholungsreise nach Südtirol“ gemacht haben, glaube ich freilich aufs Wort. Das Ermittlungsverfahren, das man auf Denunziation der Hitler-Ludendorffschen Advokaten gegen sie einleiten mußte, wird ihnen gewiß nicht so gefährlich vorkommen, daß sie deswegen türmen müßten. Bedeutend wahrscheinlicher ist, daß man ihnen in München keine Garantie mehr gegen Mordanschläge geben konnte und ihnen deswegen empfohlen hat, sich außer Schußweite zu begeben. Hätte man diese Erklärung öffentlich gegeben, so wäre die Abreise für die 3 Herren jedenfalls weniger blamabel, umso blamabler aber für die Münchner Sicherheitsverhältnisse, und außerdem hätten doch bestimmte Kenntnisse von Mordplänen die Behörden zu neuen Verfolgungen von Hitlerianern verpflichtet, was diesem Muster- und Ordnungsstaat sehr peinlich wäre. Zur italienischen Polizei scheint also die Münchner Polizei mehr Zutrauen zu haben als zu sich selbst, und nun werden sich unsre 3 Gewaltigen mit den Ihrigen an „Verrätersalat“ und „Banditennudeln“ von den Folgen ihrer Revolutionskomödie bei gesicherter Haut erholen können. – Eben ist nun auch in Leipzig das Urteil gegen den armen Dr. Zeigner verkündet worden. Es ist so ungeheuerlich wie alles was in dieser Zeit in Deutschland getrieben wird: der Mann hat für eine in nervöser Depression begangene unwichtige übereilte Handlung, für die kein andrer Mensch überhaupt vor Gericht gestellt worden wäre, sich für 3 Jahre ins Gefängnis zu setzen und obendrein noch 3jährigen Ehrverlust zu ertragen. Der widerwärtige Quälgeist Zeigners aber, der ihn – aufgehetzt von politisch-persönlichen Feinden des verhaßten Ministers (Melzer!) – mit Drohungen und Erpressungen fast irrsinnig gemacht hat, der Mitangeklagte Möbius kam mit 2 Jahren der gleichen Qualität davon. – Und die Münchner Komödie und die Leipziger Tragödie sind ja nur 2 besonders auffällige Illustrationen zu der Rechtspflege, die jetzt bei uns üblich ist und der der Herr Emminger (der nun auf dem Verordnungswege auch den ganzen Staatsgerichtshof beseitigen will) auf Grund der ihm von der deutschen Sozialdemokratie gegebenen Generalbevollmächtigung jedes Hindernis aus dem Wege geräumt hat. Die Prozesse gegen hungernde Proletarier wegen Landfriedensbruch etc., die ganz scheußliche Strafen zudiktiert bekommen, füllen in den kommunistischen Zeitungen täglich ganze Spalten, und daneben liest man dann die täglichen Berichte über Prozesse gegen Völkische, die man wohl oder übel führen mußte, und die mit gradezu lächerlich geringen Bestrafungen enden. Wie lange diese unglaublichen und in der Geschichte wohl beispiellosen Zustände noch dauern werden, kann niemand wissen; nur daß sie kein bleibender Zustand werden können steht wohl fest. Wir gehn einer Revolution entgegen, die in ihren Ausdrucksformen entsetzlicher sein wird als alles was je erlebt wurde, und je länger sie noch auf sich warten läßt, um so fürchterlicher wird sie sich austoben. Zu schrecklich, zu schamlos offenbart sich der brutale Eigennutz, die bestialische Entmenschtheit der zugrunde gehenden Bourgeoisie, die auf dem ausgemergelten, von Krieg, Elend und Wucher zerknickten, durch grauenvollste Arbeitsausnützung und Hungerleiden verzehrten Leiber des Proletariats den Cancan des verblendeten Übermuts tanzt, – zu grauenhaft erlebt das deutsche Proletariat die Infamie der wieder zur Herrschaft gelangten Oberschicht – durch die Partei- und Gewerkschafts-Halunken wieder auf ihre verlassenen Posten geschoben –, als daß es nicht in der Stunde der Empörung jede Hemmung verlieren und furchtbare Rache üben sollte. Die Wirtschaftslage ist derartig, daß es sehr zweifelhaft ist, ob die bewaffnete Niederhaltung des Volks trotz der infamen Verräterei der Sozialdemokratie noch lange gelingen wird. Die Preise steigen wieder, ohne die Löhne mit emporzuziehn, – und der naive Glaube an die „Stabilität“ der Währung ist auch kein allzu fester Anker der Ruhe mehr. Die Streikbewegungen, die überall wieder heraufquellen, zeigen deutlich, daß die Zeit der stummen Ergebung in jede Entrechtung, wo man sich den 9, 10, 12-Stundentag aufoktroyieren, gleichzeitig den Lohn unerträglich kürzen ließ und dazu noch jede Stunde gewärtig sein mußte, „abgebaut“ und in die Armee der Erwerbslosen gestoßen zu werden, schon heute vorüber ist. Die Hafenarbeiterstreiks in Hamburg und Bremen, und jetzt die großen Chemikalienarbeiter-Ausstände in Ludwigshafen, die jetzt nach Mitteldeutschland (Leuna-Werke!) übergegriffen haben, lassen auf die Besinnung der Arbeiter hoffen. Es bedarf nur irgendwelcher innen- oder auch außenpolitischer Überraschung, um die Bewegung urplötzlich allerorts aus dem Boden zu treiben. Schon werden Vorberichte über die Vorschläge der Sachverständigenausschüsse laut, – und schon plärrt alles, was den Patriotismus in Pacht hat, sein Unannehmbar! Unerträglich! Unmöglich! Ablehnen – komme, was kommen mag! Die Wahlen werden im Reich bayerische Maximen zur entgiltigen Geltung bringen, – und das bedeutet das Ende der ganzen Herrlichkeit, die sich selbst in den grundlosen Dreck reitet. Sie werden keine Kredite mehr kriegen und also auch keine Goldnotenbank; die Rentenmark wird den Weg der alten Reichsmark gehn; überdies wird der, immer noch unbeantworteten, Entwaffnungsnote bald genug eine energischere und ultimativere Forderung der Alliierten folgen – und der Eigensinn und der Größenwahn, die Kurzsichtigkeit und die Brutalität der deutschen Politikmacher wird sich in ein Chaos hineinregieren, aus dem kein andrer Gott herausführt als der Genius der Revolution.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 3. April 1924

Das Urteil sieht so aus: Hitler, Kriebel, Pöhner und Weber je 5 Jahre, Röhm, Frick, Wagner, Brückner und Perneth je 15 Monate Festung; für die ersteren je 200, für die letzteren je 100 Goldmark Geldstrafe; – Ludendorff freigesprochen! Außerdem: Den als Beihelfer Verurteilten sofort Bewährungsfrist bis 1928, den als Mittätern Verurteilten Bewährungsfrist nach 6 Monaten! Die Aufregung gestern abend, als der Miesbacher Anzeiger uns zuerst den Urteilstenor hereinbrachte, war ungeheuer. Jedes Wort des Vergleichs zwischen diesem Urteil und den Strafen, die wir Räterepublikaner erleiden – und schon 5 Jahre erduldet haben – hieße ja Klassenrichter nach München tragen. Nun habe ich eben die Begründung des Urteils aus den M. N. N. vorgelesen. Die Freisprechung Ludendorffs – an der ja nicht gezweifelt werden konnte, seit der Generalquartiermeister nach der Beweisaufnahme noch einmal vernommen wurde und dabei die ihm offenbar vortranchierten Aeußerungen tat, die ein gänzliches Ableugnen selbst der von ihm selbst zu Anfang zugegebenen Straftaten bedeutete – diese Freisprechung wird mit einer Akrobatengelenkigkeit motiviert, die in einem Gerichtsurteil wohl noch nicht gezeigt worden ist. Ludendorff hat von garnichts gewußt, hat auch von Scheubner-Richter und seinem Stiefsohn auf der Autofahrt von Ludwigshöhe nichts erfahren, hat im Saal selbst deshalb nichts gemerkt, weil er zu ergriffen war von der großen Stunde, und seine Äußerung vor den Versammelten im Bürgerbräusaal, er handle aus eignem Recht, bedeutete, daß er sich nicht von Hitler beeinflussen lasse. Dieser selbe Ludendorff aber, der in unbeschreiblicher Selbstentwürdigung die Stichworte zu einer solchen Begründung seiner Nichtbeteiligung gegeben hat, führte nach der Urteilsverkündung noch eine bombastische Charakterkomödie auf. Er empfinde diesen Freispruch als einen Schandfleck für diesen Rock – er, wie alle seinen Komplizen erschienen nämlich zum Abschiedsbenefiz in Uniform, und es wurde im Hof ein Gruppenbild von ihnen aufgenommen! –, da man seinen Kameraden den Freispruch versagt habe. Brausende Heilrufe im Gerichtssaal. Herr Neithardt weist seine Exzellenz energievoll in die Schranken, insgleichen das Publikum und verurteilt jeden, der sich an der Demonstration beteiligt hat, zu 3 Tagen Haft. Leider kann die wachthabende Ordnungspolizei keinen von ihnen feststellen, und so können sich alle ohne Ausnahme auch draußen auf der Straße am Heilgebrüll beteiligen. Natürlich fanden auch die verbotenen Demonstrationen statt, krähten ihr Pfui! vor dem Gewerkschaftshaus und wurden in der Sparkassenstraße, also mindestens ½ Wegstunde davon entfernt, aufgelöst. – Merkwürdig ist auch dies: Die Polizei hatte am 1. April in München ausnahmslos alle Versammlungen verboten, und es hieß, daß nahezu sämtliche Parteien unterschiedslos mit angesetzten Wahlversammlungen davon betroffen worden seien (so die Sozi mit einer Löbe-Versammlung) und daß sogar 2 Bismarckfeiern verboten worden seien. Trotzdem berichten die M. N. N. von einer Versammlung des Alldeutschen Verbandes – den man im Prozeß wie eine Korporation gedungener Landesverräter durch den Dreck zog –, wo man noch am gleichen Abend eine große Solidaritäts- und Sympathie-Resolution für die Verurteilten beschloß, nach der „das Furchtbare“, daß sie eingesperrt werden sollten, sofort mit einer Amnestie ausgeglichen werden müsse. Das zeigt, wie die gesamte deutsche Rechte die Sache jetzt behandeln wird. Für uns wird alles, aber auch alles darauf ankommen, ob unsre Parteigänger und Freunde auf dem Posten sind und für uns ein Gleiches fordern. Als ein günstiges Zeichen betrachte ich eine Auslassung des Staatsrats Mayer in der Deutschen Juristenzeitung, die die Münchner Post zitiert. Dieser Justizoffiziosus der bayerischen Regierung, der schon immer als Verfassungskneter benützt wurde, wenn eine eigenartistische Leistung im Lande juristisch „auszulegen“ war, weint große Tränen über das Unglück des Vaterlandes. Er findet, daß Bayern eine ganz neue Politik kreieren muß, daß zwischen Bayern und Reich durch beiderseitiges Entgegenkommen ein Ausgleich geschaffen werden muß, daß zwar die bayerischen „Belange“ dem Reich gegenüber energisch gewahrt werden, aber im Innern eine Versöhnung und Einigungspolitik eine neue Basis für die Durchsetzung der Saatsautorität schaffen müsse – wenn man die bayerischen Bekenntnisse zum Staat als Zweck aller Dinge, zur „Staatspersönlichkeit“ etc liest, kann einen Menschen, der dem Menschen auch noch eine Rolle im Leben zuweisen möchte, das Speien ankommen –; daß man also unter mancherlei „einen negativen Bilanzstrich“ ziehen müsse. Das ist eine, wie mir scheint, auch für uns wichtige Äußerung, besonders der Ort, wo sie steht, läßt darauf schließen, daß der „negative Bilanzstrich“ eine paritätisch gedachte Amnestie für politische Delinquenten bezeichnen soll. Auf keinen Fall dürfen wir uns natürlich auf derlei diplomatische Vorfühlungsversuche verlassen. Im Gegenteil: vielleicht ist es grade ein Taster, ob sich für die verhaßten proletarischen Verurteilten überhaupt Sympathieen regen oder ob es gelingt, wie 1920, wo man das offiziell gegebene Amnestieversprechen ohne eine einzige Erinnerung von irgendeiner Organisation einfach brach, auch jetzt wieder alle Milde allein auf die Völkischen hinzulenken und uns der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Daß man Hitler etc. sehr bald begnadigen wird, glaube ich sicher. Denn bei der Milde des Urteils werden ihre Anhänger ihre Aussichten steigen fühlen, ihnen auch ihre 6 Monate zu ersparen und außerdem wird sich ein derartiges Gelächter in der ganzen Welt erheben, daß man noch am besten fahren wird, sich die Komödie einer Strafvollstreckung, die doch auch wieder zu neuem Hohn – im Vergleich mit uns – führen müßte, überhaupt zu ersparen. Einer der zu 5 Jahren (will sagen: 6 Monaten) Landsberg Verurteilten, Pöhner, der vor Beginn des Prozesses haftunfähig krank war und während des Prozesses die Gesundheit selbst zur Schau trug, wurde am Tage der Urteilsverkündung gleich wieder so krank, daß er garnicht mehr dabei zu sein brauchte und nun schon wieder im Sanatorium „Heilung sucht“. An Carlyles „Helden und Heldenverehrung“ könnten im Anschluß an den Münchner Prozeß sehr wirksame Ergänzungen gemacht werden. – Morgen kommt Zenzl. Als Auftakt zu dem Besuch wurde mir vorgestern noch der letzte Brief von ihr wegen „politisch-agitatorischen“ Inhalts zu den Akten genommen. Wahrscheinlich hatte sie Hoffnungen auf unsre Wiedervereinigung mit unerlaubten Vergleichen aus dem Hitlerprozeß begründet. Ich kann mir also denken, wie schwierig die Verständigung wieder sein wird. Die Herren Kriebel und Weber, der Schwiegersohn des Verlagsbuchhändlers Lehmann, des Scharfrichters der 54 gefangenen Russen im Perlacher Forst, werden als Gesellschafter des Grafen Arco in Landsberg kaum in die Lage kommen, ihren brieflichen und leiblichen Verkehr mit den Gattinnen nach bayerischen Festungsmaximen kennen zu lernen. So werden aber auch ihre Frauen nicht in die Lage kommen, eine Treue zu bewähren, wie sie nur die entsetzlichste Bitternis – die von gehässigen Menschen systematisch erklügelte – auf die Probe stellen kann. Die mich durch die Zerreißung meiner Ehe ganz arm machen wollten, haben mir grade dadurch erst gezeigt, wie reich ich bin.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 5. April 1924

Meine gute geliebte Frau war also wieder hier. Sie ist leider nicht gesund. Bei ihren bald 40 Jahren stellen sich nachgerade Folgen der langjährigen Witwenschaft ein, die mich einigermaßen ängstlich stimmen. Nun ist sie in München und wird von dort von Dr. Brunner, dem Gynäkologen, der sie mehr als 20 Jahre kennt, genau untersucht werden. Der Verdacht, den der Berliner Arzt zuerst hatte, es könnte sich um entstehenden Unterleibskrebs handeln, scheint sich gottseidank nicht zu bestätigen. Sie ist unter Narkose untersucht worden, doch will ich auch noch Dr. Brunners Gutachten erfahren, ehe ich beruhigt bin. Zenzl sah recht angegriffen aus, war aber im allgemeinen ziemlich frischer Stimmung. Sie brachte mir mehrere Neuigkeiten von einiger Bedeutung. Die erste davon schuf allerdings eine Atmosphäre, die nicht im Programm stand: bei mir maßlosen Ärger, bei ihr bitterliche Enttäuschung, die sie ja tapfer wie immer verbiß, aber doch nicht ganz verheimlichen konnte. Sie berichtete zu meinem Erstaunen, – denn über diesen Gegenstand habe ich ihr schon oft meine Auffassung gesagt –, daß mich die KPD in Rheinland-Westfalen an die Spitze der Reichstagswahlliste setzen werde. Als ich sofort erklärte: das nehme ich nicht an – erzählte sie, wodurch sie zum Glauben an meine Umstimmung gebracht worden war. Schiff war bei ihr. Das ist ja gewiß ein ganz guter Kerl, aber ein Mensch, der nicht imstande ist, im Gespräch eine Äußerung, eine Ansicht eines andern selbst unmittelbar, nachdem er sie gehört hat, richtig zu rekapitulieren. Ich habe einmal in seiner Gegenwart meinen Freunden hier im Scherz gesagt: Wenn ich gestorben sein werde, verhindert um des Himmels Willen, daß Hans Schiff Reminiszenzen über mich veröffentlicht. Ich dementiere schon jetzt jedes Wort, das er mir in den Mund legt. Er hat mich bestimmt in allem falsch verstanden. – Außer dieser Unfähigkeit zum objektiven Referieren hat der Mensch aber den steten Drang, auch unaufgefordert den Boten von allen an alle zu machen. So erzählte er also Zenzl, ich hätte auf seine überzeugenden Gründe hin, mich prinzipiell bereit erklärt, ein Reichstagsmandat zu übernehmen, falls die Partei sich vorher damit einverstanden erklärt, daß ich keinerlei Gesinnungskonzession zu machen brauche und das Mandat sofort wieder niederlege, sobald ich das Ausland erreicht hätte. Tatsache ist, daß mir Schiff – wie auch andre – sehr oft diesen Vorschlag gemacht haben, und daß ich mich immer gesträubt habe, indem ich sagte: stehe ich als Kandidat auf einer Wahlliste, so glaubt der Wähler, der den Zettel abgibt, selbstverständlich, ich werde seine Auffassungen vertreten und sei mit den Grundsätzen, die er durch die Wahl ausdrücken will, mindestens einverstanden. Solange also nicht jedem einzelnen Wähler eingeschärft würde, daß ich tatsächlich Anarchist, Antiparlamentarier, Antimarxist, Gegner des parteikommunistischen Programms, Gewerkschaftsfeind und Bakunist sei – und selbstverständlich sei solche Aufklärung sämtlicher Wähler technisch vollkommen unmöglich – würde ich meine Einwilligung in ein solches Manöver direkt für Korruption halten; ganz abgesehn davon, daß ich mir für später die Polemik gegen Taktik und Prinzipien der Kommunisten unleidlich verbauen würde, wenn ich bei jedem Wort gegen ihren Opportunismus gewärtig sein müßte, mir meinen Opportunismus an den Mund werfen zu lassen und die Vorhaltung zu hören, daß ich ja nur diesem ihrem Opportunismus die Möglichkeit verdanke, gegen ihn zu agitieren. Zenzl kam also in der Erwartung her, sie bringe mir eine für uns beide hocherfreuliche Neuigkeit: denn die Wahl wäre absolut sicher, und der Beschluß des Reichstags, die Freilassung des Mitglieds zu verlangen, nach seiner bisherigen Praxis mehr als wahrscheinlich. Und nun mußte ich ihr, die mich schon in 6 Wochen sicher erwarten zu können glaubte, erklären, daß sie vergeblich gehofft hat. Es war mir entsetzlich zu sehn, wie sie an Tränen schluckte, und ich hätte Schiff, wenn ich ihn vor mir gehabt hätte, geohrfeigt für seine blöde eigenmächtige Schwätzerei. Aber Zenzl war auch in diesem Moment bewundernswert stark. Sie faßte sich mit unglaublicher Selbstüberwindung und machte mir noch Komplimente über meine Charakterfestigkeit, die sie nur ganz schwach – durch die Meinungswiedergabe antiparlamentarischer Genossen, daß ich keinen Charakterverrat beginge, wenn ich annähme – zu erschüttern versuchte. Da sie mich ja aber kennt und weiß, daß ich in einer Sache, die für mich ins Gebiet der persönlichen Reinlichkeit gehört, nicht mit mir handeln lasse, ließ sie sehr schnell selber das Thema ganz fallen. Aber mir wird es schwer fallen, die Erregung dieser Illusion und die furchtbare Enttäuschung bei der Aufklärung dem Schiff jemals zu verzeihen. – Von größerer Bedeutung aber war folgende Nachricht: Die Russen hätten trotz der Ausweisung des Erzbischofs Cieplac die Austauschsache noch keineswegs fallen gelassen, und zwar seien jetzt schon ganz deutliche Schritte auf dem Wege festzustellen. Man hat drüben noch 5 oder mehr Weihbischöfe und ähnliche katholische Würdenträger – grade heute las ich von neuen Verhaftungen römischer Kleriker in Rußland. Der Vatikan habe sich wegen dieser Geistlichen um Vermittlung an Ramsay MacDonald gewandt, der von Moskau aus den Bescheid erhalten habe, die Freilassung werde auf dem Wege des Austauschs gegen folgende 5 Persönlichkeiten zugestanden: Hölz, Mühsam, Lindner, Sauber und Fechenbach. Augenblicklich aber befinde sich der frühere Reichskanzler Dr. Wirth in Rom und verhandle darüber. Meine Hoffnungen auf diese Möglichkeit sind nach wie vor recht gering, doch schien Zenzl wieder optimistisch, wiewohl sie zugab, daß vor der Rückkehr Wirths garnichts gesagt werden könne. Stimmt die Meldung überhaupt, dann muß man den Russen das Zeugnis geben, mit ganz außerordentlicher Geschicklichkeit zu operieren: daß man Fechenbach mit auf die Liste setzt, ist ein sehr kluger Schachzug, da dieser Fall, der ja gewiß keinen Revolutionär betrifft, als öffentlicher Skandal am meisten Interesse bei der Bourgeoisie geweckt hat, aber daß man Lindner nicht vergessen hat, ist eine unbeschreibliche Freude für mich. Wie unsagbar froh wäre ich, mit diesem braven tapferen, schmählich mißhandelten Kameraden und mit Max Hölz zusammen die Fesseln dieser „freiesten Republik der Welt“ abwerfen zu können (A propos Hölz: Heute sangen die Schutzhäftlinge oben schmetternd mein Hölzlied, was mir riesigen Spaß machte: von mir haben sie es nicht, ich konnte mich also überzeugen, daß die Verbreitung durch die Denkschrift, die ihm die bayerische Regierung auf Staatskosten verschafft hat, erfolgreich gewesen ist). – Viel Persönliches, viel Geschäftliches wurde mit Zenzl durchdiskutiert. Der Ausgang des Hitlerprozesses muß überall ungeheuren Eindruck machen, und auch von hier aus blühen uns ja gute Aussichten; doch war ich überrascht, hier selbst der optimistischere zu sein. Zenzl meint zwar gewiß, daß die linke Seite uns nicht vergessen wird, hält aber eine Amnestie nur dieser Neuverurteilten für Bayern von heute nicht für ausgeschlossen. Ich habe gestern an Pestalozza geschrieben und ihn hergebeten und Zenzl gleich beauftragt, ihn aufzusuchen, um den finanziellen Teil zu besprechen. Keinesfalls werde ich noch Ruhe geben in der Sache, und mir scheinen bei der Aufnahme des Urteils in der ganzen Welt und speziell bei den Bayerischen Klerikalen unsre Chancen sehr groß zu sein. Der „Bayerische Kurier“ spricht von einer „Justizkatastrophe“ und der „Vorwärts“ (also das Hauptorgan der Partei, die in Bayern jedenfalls die äußersten Intrigen aufwendet, um unsre Befreiung zu hintertreiben) verlangt, man dürfe jetzt die Verurteilten der andern Seite keinen Tag länger in Haft behalten. – Kurz bevor Zenzl ging, ertönte plötzlich oben bei uns in der Festung Gesang, und zwar überraschenderweise 2 Abschiedslieder, die ich für Ferdl Luttners und Schlaffers Abschied zum 9. April verfaßt habe. Ich nahm erst an, es sei als Ovation für den Besuch gemeint, bis plötzlich unten eine Stimme laut rief „Auf Wiedersehn, Genossen!“ – Ich vermutete nun, es sei plötzlich wieder, wie dort fast täglich ein Kommen und Gehn ist, einer der Schutzhaftgenossen entlassen worden, bis ich dann erfuhr, daß – 5 Tage vor dem normalen Ablauf seiner 3 Jahre Strafzeit – Schlaffer urplötzlich entlassen worden ist. Eine Erklärung für diese seltsame Art von „Gnade“ haben wir bisher nicht, da Schlaffer aber Landtagskandidat ist, wäre es denkbar, daß man ihm noch 2 Tage lang Gelegenheit geben wollte, vor seinen Wählern Männchen zu machen (dann hätte man allerdings konsequenterweise auch Sandtner und Olschewski herauslassen müssen, die ebenfalls Kandidaten sind: aber Konsequenz war ja noch nie der Ehrgeiz der bayerischen Gerechtigkeit). Ich habe keine sonderlich warmen Sympathieen für den entschwundenen Genossen: ein unglaublich selbstgefälliger, selbstgerechter, keineswegs dem erstrebten Schein intellektuell und personell halbwegs entsprechender Geist. Er verkehrte ausschließlich in der „Gruppe Wuchtig“, war sogar deren Stolz und Spitze, und in den 3 Jahren unsres Zusammenseins werden wir kaum 300 Worte im ganzen hintereinander gewechselt haben. Aber ich wünsche heiß, daß Schlaffers Taten draußen in einigermaßen kommensurabeln Verhältnis zu den Worten stehn mögen, mit denen er sie versprochen hat. Dann werden sie herrlich und unauslöschlich sein, und wir werden heldischen Zeiten entgegengehn.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 8. April 1924

Abends ¾ 8 Uhr. Ich muß „abreagieren“ und will nur das behandeln, was abzureagieren ist, ohne die zahllosen andern Angelegenheiten, die mit meinem Geburtstag und mit der Politik (die bayerischen Wahlen!) etc zusammenhängen. Morgen früh also verläßt unser Ferdl Luttner dieses trübe Haus. Momentan sitzt er im Erdgeschoß, um über Nacht in Quarantäne zu bleiben. Das Verfahren bei Verabschiedungen geht stets so vor sich, daß abends um 7 Uhr die Aufseher erscheinen, das Inventar der Zelle des Abgehenden aufnehmen, der dann unter Händedruck und Gesang in Quarantäne abgeführt wird. Wir saßen, nachdem der Umzug unsrer Gruppe in Gustl Sandtners Zelle vollzogen war, dort zusammen bei einem extra hergerichteten Privatessen. Gegen ¾ 6 wurde gerufen „Herr Luttner“, was nicht auffiel, da die Abgehenden stets unten noch allerlei Geschäfte zu erledigen haben – Kassenabrechnung etc. – Aber Ferdl kam nicht wieder. Man sperrte ihn gleich unten ein, und zwar auf dem dem Hauptgebäude zugekehrten Flügel des Seitenganges, sodaß wir uns mit ihm überhaupt nicht mehr verständigen konnten. Man hat also dem Scheidenden und uns nach dreijährigem gemeinschaftlichen Leben und Erleben, uns nächsten Freunden und Kameraden, den Abschied für vielleicht lange, lange Zeit, den Händedruck und das Wort der Sympathie nicht gönnen mögen. Die Erregung war sehr groß, aber erfreulicherweise hat sich niemand durch die offensichtlich beabsichtigte Provokation zu Unüberlegtheiten verleiten lassen. Wir Freunde waren, nachdem sich die Empörung einigermaßen gelegt hatte, furchtbar niedergeschlagen, ich selbst zog mich, nachdem ich noch ein paar Zeitungen durchflogen hatte, hierher zurück, um die zuckenden Nerven durch Schreiben ein wenig zu besänftigen. Es war mein liebster Freund hier seit Seppls Entlassung, der nächste Kamerad seit Hagemeisters Tod, der vertrauteste Genosse, seit Ernst Ringelmanns Abschied. Auch von diesen beiden konnte ich keinen Abschied nehmen, aber so offenbar nur mit der Absicht, den Abschied zwischen Freunden zu hintertreiben, ohne den Schatten eines Vorwands auch nur zu suchen, – das war wieder mal etwas Neues, was man hier ausgesonnen hat, um die verhaßten politischen Gegner da zu treffen, wo es ihnen wirklich weh tun mußte. Was ich über den Ferdl persönlich zu sagen hätte, das eilt mir nicht. Ich werde es lange spüren, daß er nicht mehr um mich ist, mir unmerklich jeden Dienst leistet, mich unaufdringlich bemuttert und betreut. Selbst heut nachmittag kam er noch und klopfte Nägel in die Wand, um den Gewächskübel aus seiner Zelle, den er mir vererbt hat, dekorativ anzubringen. Gewiß: ich habe noch den Sandtner Gustl, und wenn es so kommen sollte, daß ich auch ihn noch fortgehn sehe und muß zurückbleiben, so werde ich auch ihm nur Gutes und Schönes nachrühmen müssen. Aber heute ist nun mal das ganze Herz voll vom Ferdl, dem Selbstlosen, diesem Einen unter den wenigen Menschen, die auch dem skeptischsten Zweifler den Glauben an wirkliches Menschenherz beibringen können. Aber herrlich ist, daß er jetzt draußen tätig sein wird; für ihn selbst und für uns. Denn dieser Mann ist kein Sprüchklopfer, sondern ein stiller und unermüdlicher Arbeiter am Weinberg des Herrn.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 10. April 1924.

75. Geburtstag meiner Mutter. Vielleicht ist es gut, daß sie meine Leidensjahre nicht mit anzusehn braucht. Es wäre ihr doch wohl schwer gefallen, sich in das, was sie verursacht, hineinzudenken. Ganz sicher würde sie garnicht verstehn, was meinen jüngsten Kummer und Ärger ausmacht. Hans hat sich von meinen dringenden Bitten, nichts mehr für meine Freilassung vor den andern zu tun, nicht abschrecken lassen und schreibt mir einen neuen furchtbar peinlichen Brief, aus dem ich bittere Weiterungen befürchte. Man hat ihm alle möglichen Hoffnungen gemacht, wenn ich um Bewährungsfrist eingebe, ja, ich würde meine Kameraden schädigen, wenn ich es unterlasse, da meine Bewährungsfrist die der andern nach sich ziehn würde etc. Ich kann’s mir denken, wie gern man von mir kompromittierende Gesuche in der Hand hätte, mit denen man auftrumpfen könnte: seht, wie sich der Mann von hohen Beamten und Kapitalisten protegieren läßt, um freizukommen. Die Leute, die Hagemeister sterben ließen, keinen Kranken in ein Sanatorium beurlauben, die harmlosesten Rotgardisten, die oft keine Ahnung haben, wieso ihre Straftat überhaupt als Hochverrat angesehn werden konnte, bis zum letzten Tag schikanieren, und ihre Zeit zu Ende sitzen lassen, sollen ausgerechnet mich herauslassen? Ich bin ganz außer mir, daß ich meinen Bruder nicht bewegen kann, seine entsetzlich kompromittierenden Versuche zu unterlassen. Jetzt habe ich Zenzl gebeten, ihn aufzuklären, hoffe aber am meisten vom Ferdl, dem ich aufgetragen habe, Klarheit darüber zu schaffen, daß für mich nur ein energischer Abwehrkampf, der die Nerven schrecklich angreift, gegen derlei Liebenswürdigkeiten in Frage kommt. Wichtig ist mir, daß Aussicht besteht, daß Pestalozza herkommt. Ich schrieb ihm, und Zenzl hat ihn besucht und seine prinzipielle Zusage erhalten. Es bleibt aber noch zweifelhaft, ob man ihn ohne Aufsicht zulassen wird, und davon wird er wohl den Besuch abhängig machen. Herr Hitler wird wohl in Landsberg keine solche Befürchtungen zu haben brauchen, wenn ihn sein Anwalt besuchen will. Die Völkischen sind schon lebhaft in Bewegung, um ihre 4 Verurteilten frei zu demonstrieren. Sie haben einen sogenannten „Wahlsieg“ errungen und über 400.000 Stimmen auf ihre Parteilisten vereinigt. Daß ihnen damit, ebenso wie den Kommunisten schon lange, der Giftzahn ausgezogen ist und sie genau wie jede andre Partei nun parlamentarisch versumpfen werden, werden sie wohl erst allmählich einsehn lernen. Starke Verluste erlitten bei den Wahlen die Bayerische Volkspartei, die ihre Kahriolen mit etlichen Mandaten bezahlen mußte, aber gleichwohl die stärkste Fraktion bleibt, die Sozialdemokraten, die nach der Vereinigung mit den Unabhängigen noch nicht einmal soviel Wähler zusammengebracht hat wie 1920 vor der Vereinigung allein, und die „Vereinigte Nationale Rechte“, bisher Mittelpartei, die von ihren völkischen Freunden die Quittung für ihre pflaumenweiche Halb- und Halb-Hochverräterei bekommen haben. Verheißungsvoll ist nun die Ankündigung der Bayerischen Volkspartei, daß sie nicht beabsichtigt, noch einmal die Regierung zu bilden: die Parteien, die am meisten gewonnen haben, Völkische und Kommunisten (die über 200.000 Stimmen aufgebracht haben*) mögen sich miteinander darüber verständigen, wie sie das Land regieren wollen. Der Zweck ist klar. Man will dem Volk ad oculos demonstrieren, daß es falsch gewählt hat und dann das Vaterland mit den „Marxisten“ der Auerochsensorte zusammen retten, schweren Herzens natürlich, aber aus wohlverstandenem opferbereiten Patriotismus. Mit ihrem „Volksentscheid“ sind die Kirchenpolitiker ganz schwer ausgerutscht. Sie hätten, da es um eine Verfassungsänderung geht, ⅔-Majorität gebraucht und noch nicht einmal die einfache Majorität ist zustande gekommen. Dadurch bleibt uns der Staatspräsident und die Herrenkammer versagt, und außerdem wird das Konkordat, dessen Wortlaut ja erst bekannt werden soll, wenn es dem neuen Landtag präsentiert wird, stark in Frage gestellt. Am 4. Mai folgen nun die Reichstagswahlen. Aber inzwischen, wahrscheinlich morgen, wird das Sachverständigen-Gutachten über die deutschen Finanzen und die Reparationen veröffentlicht werden. Die Nationalisten aller Richtungen kreischen schon wieder: Niemals! Ein zweites Versailles! Komme was kommen mag! –, und am 15ten laufen auch noch die Industriellen-Verträge mit der Micum ab, deren Erneuerung angeblich ebenfalls „untragbar“ sei. Aber die Franzosen erklären schon, sie würden die Nichterneuerung als Wiederaufnahme des passiven Widerstands betrachten, und so werden die schon im Gange befindlichen Verhandlungen wohl zum Unterschreiben (auf Kosten des Proletariats) führen. Die Erregung über den Hitlerprozeß ist noch immer zu spüren, besonders scheint das Ausland andre Seiten aufzuziehn, zumal die Reichsminister Jarres und Emminger nationalistische Provokationsreden halten, und die Einleitung von Landesverratsverfahren wegen Aufdeckung illegaler Kriegsvorbereitungen weitergeht. Im Lande selbst kriselt es: Streiks, Aussperrungen, Konflikte aller Art. Ein Eisenbahnerstreik, der schon an verschiedenen Orten ausgebrochen war, scheint durch ein nichtswürdiges Kompromiß der Gewerkschaften schon verraten zu sein, aber überall gärt und zuckt es, und an den Dauerbestand der Rentenmark glauben selbst deutsche Wahl- und Pfahlbürger nicht mehr. Ob wir nun wirklich bald durch Amnestie herausgelassen werden oder noch einmal zusehn, wie nur die andre Seite, die Hitlerischen, und die in den Händen der Franzosen befindlichen Ruhrgefangenen „begnadet“ werden, – ich bin hoffnungsvoll wie nur je. Zenzl wird nicht mehr lange zu warten haben.

 

* ?!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 12. April 1924

Ob wir nun wirklich bald durch Amnestie herausgelassen werden? fragte ich vorgestern. Die Chancen sind erheblich gestiegen. Die heutige Zeitungspost brachte überraschende Meldungen, umso überraschender, als sie die Zensur passiert haben. Der Miesbacher Anzeiger bringt einen Leitartikel und betrachtet darin die vermutliche Koalitionsbildung in Bayern. In den Mittelpunkt dieser Beobachtung aber stellt er erstaunlicherweise die Frage nach der Amnestie und meint: Ohne die Bayerische Volkspartei gibt es keine bayerische Regierung. Aber mit wem wird sie sie bilden? Nach Ansicht des Blattes kommen zwei Möglichkeiten in Betracht: wenn die Sozialdemokraten sich für das Konkordat entschließen, würden sie den Klerikalen wohl annehmbar sein. Dann käme eine Amnestie kaum in Frage, denn die Sozi würden ihre Amnestiewünsche für die Linken zurückstellen (der Miesbacher hat es wohl nicht beobachtet, daß wir unser Ausrutschen bei allen Gelegenheiten dem Haß dieser Bande zu danken hatten, die tausendmal lieber Hitler als mich draußen sähen), um nicht den Völkischen herauszuhelfen. Für das Wünschenswertere hält das Blatt die Koalition mit diesen Völkischen, und wiederholt in diesem Zusammenhang die Forderung wieder ebenso wie schon einmal: Amnestie von Niederschönenfeld bis Landsberg! – Weitaus interessanter noch als diese Auslassung, die immerhin eine Redaktionskombination sein könnte, ist ein Telegramm, das der Vorwärts aus München bringt: Es verlaute, die Regierung bereite eine allgemeine Amnestie vor, die auch die seit 5 Jahren verurteilten Revolutionäre von 1919 umfassen solle. Man wird nun die Form des amtlichen Dementis abwarten müssen, um beurteilen zu können, ob es sich hier nur um einen sogenannten „Fühler“ handelt oder ob tatsächlich schon dergleichen im Gange ist, was bedeuten würde, daß wir gleich nach Zusammentritt des neuen Landtags, also in der zweiten Hälfte des Mai (erst sollen am 4. Mai zugleich mit den Reichstagswahlen die Landtagswahlen in der bayerischen Pfalz vorbei sein, ehe der Landtag zusammentritt: und dann muß er binnen 17 Tagen) – dies Haus im Rücken hätten. Dann behielten also die allergrößten Optimisten recht, und ich, der erst für den Oktober gerechnet hatte – bei Ablauf der 6 Monate für die Landsberger – wäre als Schwarzseher überführt. Immerhin rechne ich noch nicht garzu bestimmt auf das Allerschönste. – Günstig ist, daß in Landsberg der Nationalsozialist Esser, einer der Hauptbeteiligten vom 8. November, der inzwischen flüchtig war, jetzt verhaftet wurde, – und zwar, als er eben mit 3 Gefährten zusammen die Festung verlassen hatte. Die Herren hatten dort Hitler und die andern besucht (das ging also). Die größte Überraschung für uns in den heutigen Zeitungen war aber die Glosse, die – nach all den Jahren zum ersten Mal – ausgerechnet die Münchner Post an diesen Besuch hängt, worin sie – unglaublich, aber wahr –, direkt auf den Unterschied der Landsberger und der Niederschönenfelder Zustände hinweist. Wenn das geschieht am allerschiersten Holz, was ist da vom grünen zu erwarten! – Natürlich füllen diese plötzlich wieder so hoch ins Kraut geschossenen Hoffnungen Erörterungen, Gespräche und Interessen so vollständig aus, daß alle andern Nachrichten nur ganz äußerlich gestreift werden. Deren wichtigste ist der Inhalt des Dawesschen Expertenberichts, der im Vergleich mit den Ankündigungen gradezu sanft und äußerst schonend für Deutschland ausgefallen ist. Die Vermögenssubstanz des Reichs, der Staaten und der Industrie wird überhaupt nicht angetastet, alles soll von den Erträgnissen gedeckt werden, die besonders durch die Umwandlung der Reichseisenbahn in eine international kontrollierte Aktiengesellschaft gezogen werden sollen. Die Konsumenten werden ganz elend besteuert: Zucker, Alkohol, Tabak müssen das Meiste bringen, da aber anscheinend auch daran gedacht wird, die ganz großen Ausbeuter um ihr Monopol der Steuerfreiheit zu bringen, brüllt die Industriellen- und Patriotenpresse unisono: Unannehmbar! Wahnsinn! Ein neues, noch schlimmeres Versailles! Niemals! – und Stresemann bremst schon, da er natürlich sieht, daß die Ablehnung der von ihm vertretenen Gesamtklasse ungleich schwerere Zahlungsverpflichtungen auferlegen und überdies die Chance, das Ruhrgebiet freizubekommen, für lange Jahre vernichten würde. Vermutlich wird man also die Sozi wieder zur Regierungspartei machen, ihre Unterschrift unter das Dokument abwarten und sie dann von neuem als die Verräter, die das Land unter Fremdherrschaft gebracht haben, den Mordorganisationen und deren Aufkehrungsorgan, der Justiz ausliefern. – In diesem Augenblick nun, wo die schwierigsten wirtschaftlichen und politischen Probleme für die Profitpatrioteska zu lösen sind – die Micum-Verträge! – stirbt ihr der verwegenste Führer weg: Hugo Stinnes! Er ist 54 Jahre alt geworden, und die Unsterblichkeit, die er zurückläßt, ist nicht beneidenswert; sie liegt nicht in dem unermeßlichen Vermögen, das er zusammengerafft hat, denn das wird bald genug aus den privaten Händen seiner Erben in die Kollektivhände der Arbeitenden überführt sein, – sie liegt in dem Begriffswert, den der Name Hugo Stinnes angenommen hat: als typischer Vertreter eines volkszerstampfenden Eigennutzes, eines Machtwahns, der die modernste Form des Cäsarismus repräsentiert: den Fanatismus des kapitalistischen Merkantilismus. Ich weiß nicht, ob Stinnes’ Tod sich sofort im öffentlichen Leben fühlbar machen wird. Daß auf die Dauer sich viel ändern wird infolge seines Todes, ist mir zweifellos; denn die schöne Lehre, die das Urteil aller Marxisten so unendlich einfach und so unendlich einfältig macht, daß nämlich die Persönlichkeit immer nur Produkt und damit Objekt „der Verhältnisse“ sei, ist so richtig, daß sie absolut falsch ist. Die „Verhältnisse“ setzen sich nämlich zum guten Teil auch aus Persönlichkeitseinflüssen zusammen, und in der Praxis handeln ja auch die Marxisten danach, indem sie z. B. die politischen Gegner wie alle übrigen Leute auch dadurch zu bekämpfen suchen, daß sie ihre führenden Köpfe einsperren oder diskreditieren. Daß eine solche Persönlichkeit wie Hugo Stinnes nicht unbemerkt im öffentlichen Leben fehlen wird, ist mir umso sicherer, als ich bestimmt erwarte, daß seine Nachfolger in Geschäft und Politik an der Epigonenseuche zugrunde gehn werden: blindlings nachmachen, was der Führer unter ganz andern Voraussetzungen vorgemacht hat. Es ist für die Arbeiterschaft eine Riesenchance, in Zukunft statt des Stinnes die Stinnesel gegen sich zu haben. Möge sie sie nutzen. Einen weiteren Toten habe ich zu notieren, daß ist der graziöse Zeichner von Laszivitäten, der Marquis de Bayros (ein persönlicher Freund meines Freundes C. G.). Der Mann ist persönlich und als Künstler sehr ungerecht behandelt worden. Seine kleinen feinen zeichnerischen Pornographieen waren schon was wert. Mir war er persönlich unbekannt, doch bekam ich mal von ihm, als er vor der Münchner Sittlichkeit ins Ausland flüchten mußte, und ich über den Fall im „Kain“ loszog, eine gezeichnete Dankpostkarte. Die Kunst hat einen Marquis weniger, – er gehörte nicht mehr ganz in diese Zeit, obwohl er erst einige 50 Jahre alt war. Der mit fast 80 Jahren vor einigen Monaten gestorbene Steinlen wird tiefere Spuren hinterlassen, weil er das Leben vom Sozialen her packte und doch dabei viel pariserischer war als der Ungar, der das Erotische in seiner Kunst von allem andern losgelöst feierte. Aber ein feiner, kulturbewegter Künstler ist auch mit ihm dahingegangen – und wohl der letzte einer Gattung, die in diesen revolutionären Zeiten ihren Sinn verloren hat.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 14. April 1924

Das 5. Jahr meines Gitterlebens ist gestern vollendet worden. Das nun angefangene 6te wird kaum mehr sehr lange zu tragen sein. Freilich rechne ich immer noch bis etwa September. Denn ich halte die Auflösung des neuen Landtags gleich nach dem Zusammentritt für möglich, bevor er sich mit der Amnestiefrage überhaupt befaßt hat. Wird das Konkordat akzeptiert, wie es zwischen Nuntiatur und Matt fixiert ist, dann wäre allerdings wohl jeder Optimismus berechtigt, aber die Annahme scheint mir sehr unwahrscheinlich, da die Völkischen ihren Antiklerikalismus doch nicht gleich verleugnen können und die Sozi ja wenigstens so tun müssen, als hätten sie noch nicht alle Grundsätze verkauft, zu denen jawohl die Trennung von Staat und Kirche noch gehört. Schickt die Regierung aber die Herren wieder heim, dann überließe man uns für die paar Monate bis zum Zusammentritt der Nachfolger wohl noch der Gerechtigkeit Niederschönenfelder Couleur – in ihrer nagelneuen Verfassung. Wir haben nämlich bereits seit 14 Tagen eine neue Hausordnung, was wir durch Zufall erfahren haben, ohne daß inzwischen eine Änderung in irgendeiner Form in die Erscheinung getreten wäre. Unsre bisherigen Landtagsabgeordneten (Toller und Zäuner – Sauber hat vor ein paar Wochen sein Mandat niedergelegt) bekamen noch ein letztes Mal ihre Parlamentsdrucksachen und da war die neue Verordnung über den Strafvollzug in den Strafanstalten Bayerns drin, die sich eng an die gemeinsame Justizministerverordnung des Reichs anlehnt und nur von Gürtner unterzeichnet (also nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts gesetzwidrig) ist. Besondere Ausführungsvorschriften sollen danach noch bevorstehn, doch tritt die Neuordnung schon mit dem 1. April in Kraft. – Eben tritt eine äußerst peinliche Störung ein: die Mitteilung, daß wir nach der Südseite zu wohnenden Genossen unsre Zellen heute noch zu räumen und auf den nördlichen Seitengang zu ziehn haben – vorerst, solange die Schutzhäftlinge da sind, die wir also von unsern Fenstern aus nicht mehr sehn werden. In den neuen Anordnungen heißt es, daß bei gleicher Strafart grundsätzlich gleiche Strafmethoden gelten sollen. Da trifft sich denn diese Pein – ein Umzug ist mit unendlichen Scherereien und Gefahren für unsre Sachen verbunden – grade richtig zusammen mit der Zeitungsnachricht, daß Herr Dr. Arthur Dinter, einer der führenden Leute der Deutschvölkischen Freiheitspartei nach einem Besuch in Landsberg bei Hitler zu den Nationalsozialisten übergetreten ist und sich den Befehlen Hitlers unterstellt hat. Diese Befehle gehn also ebenso wie die politischen Konferenzen fröhlich von der Festung aus, und schon heißt es, in Dresden verlangen die Völkischen einen Urlaub für Hitler, damit er dort einen öffentlichen Parteivortrag halten könne. – Die Gerechtigkeitshemmungen in Bayern scheinen also immer noch nicht überwältigend stark zu sein. Dafür aber rührt man sich im Lande für uns. Der „Vorwärts“ – dessen Aushändigung auffällig ist; hat der Zensor die Notiz übersehn oder wirkt sich die Verordnung doch aus? – meldet, daß in Berlin eine Republikanerversammlung sich mit dem Hitlerprozeß und den bayerischen politischen Gefangenen beschäftigt hat. Da hat außer Nuschke und Freymuth auch mein Bruder geredet und den Niederschönenfelder Skandal mit der Behandlung Arcos verglichen. Wenn er sich in dieser Form für uns einsetzt, so freut’s mich. Seine Versuche, für mich persönlich eine Wurst braten zu lassen, wird ihm Zenzl hoffentlich ausreden. Jetzt dieser Umzug – aber auch diese Qual muß noch einmal überstanden werden. Umso heftiger wächst das Verlangen: Nur heraus aus dieser scheußlichen Zermürbungsanstalt!

 

 

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