Tagebücher

XLII

 

5. August – 20. Dezember 1924

 

 

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 5. August 1924

Also – 10 Jahre nach der Inszenierung des „Burgfriedens“ – wieder ein neues Gefängnistagebuch. Leider muß ich es mit einer höchst unerfreulichen Notiz einleiten. Seit vorgestern ist eine neue Attacke da, zwar noch nicht in dem Maße spürbar wie im Mai, aber doch schon qualvoll genug, um den Körper in ständiger Erinnerung an seine Vergänglichkeit zu halten. Ich habe heute vormittag ein Bad genommen und hoffe, es dadurch bis zum nächsten (Samstag) leichter aushalten zu können. Inzwischen müssen Baldriantropfen und starker Wille weiterhelfen. – Ausgerechnet in diesem Augenblick der wieder gegenwärtigen Krankheit erhielt ich vorhin diese Eröffnung: „Das Gesuch des praktischen Arztes Dr. Hans Mühsam, Berlin u. s. w. um Strafunterbrechung für seinen Bruder auf 1 Jahr eignet sich nicht zur Berücksichtigung.“ Ich hab’s kaum anders erwartet. Nachdem es den Deutschnationalen gelungen ist, die Bayerische Volkspartei zu zwingen, die numerisch sehr schwache „Mittelpartei“ und zwar in der Person des so sehr perhorreszierten Justizministers Dr. Gürtner ins Held-Kabinett zu nehmen, unter Preisgabe ihres eignen Programmmanns Schweyer, war’s ja klar, daß sich von Bayern aus in Bayern nichts ändern werde. „Mit dem Gürtner, mit dem Schweyer reißt der schöne Wahn entzwei“, schrieb damals ein Witzbold in der Frankfurter Zeitung. Daß es nach all dem Gefuchtel der Klerikalen so kommen konnte, scheint mir darauf hinzuweisen, daß an der endgiltigen Gestaltung des Heldministeriums hinter den Kulissen Kräfte mitgewirkt haben, die zwar quantitativ keine Berechtigung zum Mitreden hatten, dafür aber qualitativ schlechthin omnipotent sind: nämlich diejenigen, die über die Waffen des Landes kommandieren. Wie Herr v. Seekt seinerzeit Ebert zwingen konnte, den „Demokraten“ Geßler in der Reichsregierung zu behalten, als die Demokraten grundsätzlich fernbleiben wollten, so mag Herr v. Kressenstein und der Nachfolger Seißers – ich habe den Namen vergessen – auch Held gegenüber, als die Einigkeit garnicht fertig werden wollte, deutlich mit dem Säbel gefuchtelt haben, und so ist denn dies Gebilde der Schwäche herausgekommen, das aus lauter Impotenz Kraft markiert, – natürlich nur gegen die ausgemergelte und von den Sozialdemokraten um jede Energie geprellte bayerische Arbeiterschaft und erst recht gegen deren gänzlich wehrlose eingesperrte Exponenten. Nach der andern Seite verläßt die Regierung Held sogar schon die Kraft, auch nur die Miene zu wahren. Jetzt hat, in derselben Landtagssitzung, in der Herr Dr. Högner endlich einmal uns gegenüber die reine Wahrheit über die Absichten der Sozialdemokraten mit uns ausgesprochen hat, der Polizei-Stützel erklärt, wie man es mit dem Reichstagsbeschluß zu halten gedenkt, daß die verbotenen Parteien wieder zuzulassen seien. Damit habe der Reichstag seine Kompetenzen überschritten. Er kann wohl den Ausnahmezustand in den Ländern peremptorisch aufheben, nicht jedoch Verbote, die aus diesem Ausnahmezustand erwachsen sind. Und – zu seinem Glück, denn sonst hätt’s einen neuen „Konflikt“ gegeben – hat er ja auf den Befehl verzichtet, daß der bayerische Ausnahmezustand aufzuheben sei, und nur von der Reichsregierung verlangt, sie solle in München „darauf hinwirken“, was selbstredend keinerlei Erfolg haben wird. Aber – ganz unabhängig von den Reichstagsbeschlüssen – prüfe man derzeit ohnehin, ob nicht das Verbot der Nationalsozialistischen Partei überflüssig geworden sei. Die Kommunistische Partei hingegen müsse verboten bleiben, solange sie ihre Ziele, den Staat gewaltsam zu beseitigen, nicht ändert! Das ist nun der Dank dafür, daß sie so brav wählen, und daß der gute Mager im Landtag eine so schöne professorale Kathederrede gehalten hat, worin er – mit Recht! – nachwies, daß die kommunistische eine durchaus staatsbejahende Partei sei, und daß die Herren Bürger doch verstehn sollen, daß sie garnicht so schlimm seien. Also sie könnten die KPD in Bayern getrost wieder zulassen, und sie würden merken, daß sie dem lieben Staat so wenig was zu Leide täten, wie die Nazisozi, bei denen sie es ja jetzt, – aus Opportunismus – begreifen. Tatsächlich sind die Völkischen, nachdem sie sich mal mit dem parlamentarischen Humbug eingelassen haben, lächerlich zahm geworden, und es ist sicher anzunehmen, daß die Hitlerjacken in Zukunft keine Regierung mehr verhaften werden, sondern nur noch Juden totschlagen und republikanische Weiber mit Lysol besprengen werden. Unsre Aussichten sehn zur Zeit wieder ziemlich trübe aus. Von Bayern aus ist wohl zunächst garnichts mehr zu erwarten, doch kann sich das in wenigen Wochen wieder ändern. Zunächst haben wir abzuwarten, wie das Reichstagsplenum über die Amnestie definitiv abstimmt. Ich setze äußerst wenig Hoffnung auf diese Entscheidung. Dann aber naht der 1. Oktober und damit der Termin, von dem Hitler und der Seinen Entlassung abhängt. Daß man ihnen die Bewährungsfrist streicht, glaube ich nicht; wohl aber ist es möglich, daß man die Kleinen von den Seinen – von den Angeklagten des 2. Prozesses hat man ja 35 Mann trotz der Gerichtsgnade nachträglich nach Landsberg geschickt – weiterhin festhält und daß man darauf dann die Argumente aufbaut, mit denen wir in Niederschönenfeld festgeschmiedet bleiben. Dann muß eben draußen getrommelt werden, und es hängt von der politischen Gesamtsituation ab, ob das dann Erfolg haben wird. Diese Situation wird klarer werden, wenn sich das Ergebnis der Londoner Konferenz im ganzen überblicken läßt. Momentan ist es dort soweit, daß man die Deutschen eingeladen hat, und die Herren Marx, Luther und Stresemann sind wohl schon drüben, natürlich Marx nicht ohne die sachkundigen Engels’, Luther nicht ohne entsprechende Melanchthons – und Stresemann gestützt auf seine eigne Geisteskraft, der allmählich im Ausland nicht bloß mehr mit Gelächter sondern auch mit etlichem Argwohn kritisiert wird. In Frankreich wird in der den Deutschen gewogensten Presse recht deutlich herübergewinkt, man solle doch diesen Stresemann, der doch nur der Hanswurst der Alldeutschen sei, abwimmeln. Mit Marx, den man wohl als eine Null ohne Minuszeichen wie ohne Persönlichkeitsplus betrachtet, ließe sich eher ins Reine kommen. Soll mich wundern, ob nicht Stresemann trotz aller Warnungen, besonders auch von englischer Seite, die „Kriegsschuldlüge“ wieder aufs Tapet bringen wird. In diesem Falle würde er wohl einen so rühmlichen Abgang von London haben wie vor 4 Jahren sein Vorgänger Simons. Deutschland wird dann keine 800 Millionen kriegen, keine Goldnotenbank, dafür eine Rentenmarkpleite von unübersehbaren Ausmaßen und noch allerlei Gutes, – aber der Außenminister würde als Charakter und Held am Anhalter Bahnhof begrüßt werden, wie jener Simons, der dann zwar mal samt seinem Reichskanzler Fehrenbach verschwinden mußte, aber als Präsident des Reichsgerichts doch noch schöne Verwendung zum Segen der Republik fand. Diese Republik feiert zur Zeit: vorgestern 10jährige Totenschau über die große Zeit, mit einer Taktvollen-Rede vor dem Reichstagsgebäude, mit 2 Minuten stiller Versenkung und mit einem Aufruf des Marxisten Ebert und des Ebertiners Marx zum Geldsammeln für ein Denkmal – man hat’s ja so überreichlich, daß das Proletariat vollkommen im Elend verkommt und der Reichstag den Antrag ablehnt, 500 deutsche Kinder zur Verfütterung nach Frankreich zu schicken, – und am 11. August kommt dann noch die „Verfassungsfeier“ im ganzen Reich, außer natürlich in Bayern, wo man endlich gegen die „Festseuche“ Verordnungen herausgibt, die natürlich die Kriegervereinsfeiern mit Wittelsbachischer Parade-Abnahme nicht berühren. Nein, die große Zeit ist noch nicht vorüber. Manchmal könnte man meinen, sie fängt erst an.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 7. August 1924.

Morgen hat der Gustl Geburtstag, da mußte ich jetzt das obligate Gedicht fabrizieren, und habe wenig Zeit übrig, da ich noch in den Hof will. Denn das Wetter, das bis jetzt eher in den März oder November als in die Hundstage gehört hat, ist plötzlich prachtvoll klar, wenn auch glühend heiß geworden. Mit meiner Gesundheit glaube ich für diesmal gesiegt zu haben. Vielleicht ist der „Expander“, mit dem ich jetzt morgens übe, tatsächlich das Heilmittel, mit dem ich die infamen Attacken unterkriege. Da ich den Apparat erst vorgestern bekam, muß ich es aber natürlich erst ausprobieren, wie er mir auf die Dauer bekommt. Vielleicht ist es ja garnicht mehr nötig, die Probe aufs Exempel lange zu machen. Ich bekam nämlich von Klingelhöfer eine Karte, auf der er mir über eine Unterhaltung mit Alwin, dem Kammer-Saenger, berichtet. Der warnt zwar vor zu großem Optimismus, meint aber, „daß vielleicht für die Räterepublikaner noch etwas herauskommen könne“, wenn die Amnestiefrage jetzt ans Reichstagsplenum komme. Ich habe im Anschluß an Klingelhöfers Bericht gestern noch einmal ausführlich an Saenger geschrieben, um ihm für alle Fälle noch einige juristische Tipps zu geben. (Zum Abschreiben des Briefs brachte ich die Geduld nicht mehr auf. Ich gehöre ja leider nicht zu den Stilbastlern, die jede Postkarte erst im Konzept aufsetzen müssen, bevor sie sie ins „Reine“ schreiben. Ich schreibe immer erst das Original, und wenn die Abschrift dann nicht wie gewöhnlich die Kladde sondern die Reinschrift wird, so nur deshalb, weil mir beim Abschreiben soviele Ergänzungen und Verbesserungen einfallen, die ich auch ins Urmanuskript übertragen muß, daß dann die zweite Niederschrift doch noch reinlicher aussieht als die erste). – Also zu meiner Erinnerung dieses: ich verwies auf 2 Argumente, die im Hitlerprozeß zur Verteidigung herangezogen worden sind und ganz gewiß so wenig auf die Sache vom November 1923 paßten wie sie sicher für unsre Sache vom April 1919 zutreffen. Da ich als Lektüre grade die letzten 5 Tagebuchhefte – die einzigen, die mir noch nicht abgenommen sind – vorhabe, stieß ich drauf. Da hat Pöhner erklärt, der Hochverrat, dessen er angeklagt sei, sei ja von der bayerischen Regierung selbst begangen, als die die Verpflichtung der Reichswehr auf sich als „Treuhänderin“ des deutschen Volks vornahm; der Putsch vom 8/9. November sei nur eine Teilhandlung innerhalb dieser revolutionären Tat gewesen. Ich habe Saenger erinnert, daß die Vorgänge vom April 1919 unter allen Umständen nur als Teilhandlungen der Revolution vom November 1918 angesehn werden können, die durch Arcos Mordtat im Februar ins Stadium neuer Aktualität gebracht worden sei, nämlich zur Auseinandersetzung über die beiden Verfassungsformen, die miteinander um Geltung stritten: parlamentarische Demokratie und Selbstverwaltung durch die rätemäßig organisierten schaffenden Stände. Zweitens aber hat Dr. Webers Verteidiger Mayer-Würzburg Bindings Auffassung für seinen Klienten in Anspruch genommen, daß der Angriff auf eine Verfassung, deren Rechtsgiltigkeit zweifelhaft sei, nicht als Hochverrat behandelt werden dürfe. Wenn also eine Spur guten Willens da ist und die Absicht Saengers, seinen Antrag durchzubringen schwerer bei ihm wiegt als die, seine Parteigenossen von damals zu schonen, dann muß er dieses Argument zu unsern Gunsten gelten lassen, denn so vernagelt ist er nicht, daß er die äußerste Zweifelhaftigkeit der „Notverfassung“ der Regierung Hoffmann bestreiten sollte. – So ist also immer noch möglich, daß der Reichstag uns freiläßt, aber der Warnung vor optimistischer Überschätzung dieser Chance hätte es bei mir nicht bedurft. Es käme höchstens eine Zufallsmajorität in Frage, wenn sich noch etwas ändern sollte. – Noch weniger gebe ich freilich auf die Chance, die die Freunde Schlaffers seit gestern in Illusionen wiegt. Der hat in einem Brief an Sauber geschrieben, er werde jetzt mit aller Energie auf unser aller beschleunigte Einzelbegnadigung hinarbeiten. Schlaffers Selbstbewußtsein kenne ich und fürchte die Einbildungen, die daraus hervorblühen. Sein Brief an Toller vor einiger Zeit – der dann durch die Haltung sämtlicher Parteien des Landtags mit Einschluß der Högnerleute so schön illustriert wurde, ist Warnung genug. Ich will heute wegen Zeitnot schließen. Vielleicht komme ich das nächste Mal dazu, die große Politik zu bestrahlen. Wenn inzwischen über die rumänischen und bulgarischen Vorgänge schon deutlicher geurteilt werden kann, dann wäre diese Aufgabe ohnehin sehr erleichtert. Denn der Wind, der um den Balkan zu pfeifen beginnt, schwellt die Segel meiner Hoffnungen stärker als die Winde, mit denen die Finanzdiplomatie in London die Luft verstänkert und gar das Mailüfterl, das die schwarzrotgoldenen Kinderfähnchen der Niewiederkrieger blähen soll. Lächerlicheres als unsre pazifistischen Muß-Republikaner hat die Welt noch nicht gesehn.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 9. August 1924

Über die Vorgänge in Rumänien und Bulgarien läßt sich immer noch nicht viel notieren. Aus den Zeitungen erfährt man nur täglich, daß die Regierung Zankow in Sofia außerordentliche Maßnahmen gegen die drohende bolschewistische Gefahr ergreift, und daß die Regierung Bratianu in Bukarest das gleiche tut und zwar einerseits ebenfalls wegen der Bolschewisten, dann auch weil Averescu einen Staatsstreich plane, der scheinbar auf Mussolinische Dinge abgestellt sein soll. Dies alles ist noch garnicht klar erkennbar, auch nicht, wieviel Wahres an der angeblichen Erschütterung des faszistischen Regimes in Italien und dem bevorstehenden Sturz des Generals de Rivera in Madrid ist. Nur daß in Brasilien die Rebellen aus Sa Paolo wieder herausgeworfen worden sind, demnach die alte Regierung sich wieder hat festsetzen können, scheint wahr zu sein. Doch ist auch jetzt nach dem vermutlichen Ende der Revolution oder des Aufstands noch absolut nicht zu erfahren, von welcher Seite und zu welchem Zwecke sie eigentlich unternommen war. Die Presse ist voll von der Londoner Konferenz. Eine Nachricht widerspricht aber, wie das so üblich ist, der andern. Es scheint, als ob die Deutschen äußerlich außerordentlich höflich und sozusagen kollegial behandelt werden, de facto aber doch in allen Hauptpunkten nur eine Unterschrift unter fertige Dokumente setzen sollen. Marx’ erste Rede soll gleich mal wieder bei Herriot und Macdonald starken Anstoß erregt haben, was jedoch offiziös als „Aufbauschung“ bestritten wird. Wenn es wahr ist, daß man ihnen in der Amnestiefrage alles bewilligt hat – was heute unverbindlich berichtet wird, dann wäre das immerhin ein Prestige-Erfolg, der für uns übrigens besonders bedeutungsvoll wäre. Denn es kann immerhin erwartet werden, daß, wenn jetzt wir dran kommen im Reichstag, doch einige Redner darauf hinweisen werden, daß die Regierung, die dem Ausland gegenüber die Amnestierung aller bei der Ruhrbesetzung Sabotage-Verurteilten – mit Einschluß der Sprengstoff- und Handgranaten-Aktiven als Forderung primitivster Gerechtigkeit erklärt und durchgesetzt haben, nicht gut den eignen politischen Gefangenen gegenüber auf dem Standpunkt verharren kann, daß jede Amnestie das Rechtsbewußtsein des Volkes korrumpieren müsse. Trotzdem: daß die Mehrheit des deutschen Reichstags dieses Argument gelten läßt, betrachte ich noch keineswegs als ausgemacht. Man hat uns allmählich zu großem Skeptizismus erzogen. – Das Wetter hat, wie dieses Jahr immer, nach einem schönen Tag wieder den abscheulichsten Charakter angenommen: naßkalt und ekelhaft. Ich trage mein dickstes Zeug und eine Bauchbinde überm Leib. Denn eine der ekelhaftesten Ekelhaftigkeiten unsres Daseins ist das infame Haus, das unser Obdach ist. Zugig und mit Krankheitsgefahren geladen und somit ein ewig fließender Quell gewaltigen Heimwehs: nur fort von hier! Aber was nützt das alles? Solange die bayerischen Christengemüter und ihre Ziehkinder der Auer-Roßhaupter-Högner-Sozi nicht gezwungen werden, von ihren Racheopfern loszulassen, werden wir halt versuchen müssen, den Corpus noch halbwegs ungeknickt aus den bayerischen Käfigbauten und Ehrenhaftmethoden herauszubringen. – Da sich der große Adolf entschlossen hat, bei der gewaltigen Auseinandersetzung zwischen den Parlamentsbonzen, den Kompromißfritzen und Realpolitikern einerseits und andererseits den Insurrektionellen, Esser, Streicher etc., die sich selbst als „die Hitlertreuen“ bezeichnen, die letzteren, also immerhin die revolutionäreren und konsequenteren, dabei vom Kapitalismus perhorreszierten Elemente fallen zu lassen, wird seine Bewährungsfrist am 1. Oktober wohl reibungslos in Kraft treten. Daß man es bei noch so schlechtem Willen, fertig bringen wird, uns auch dann noch festzuhalten – daran zweifle ich vorerst doch noch.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 11. August 1924

5 Jahre Weimarer Verfassung! Die Niewiederkrieger der Monarchie, die infolgedessen Republikaner sind, diejenigen alle, die es bitterlicherweise begriffen haben, daß man für neue Kriege keine Waffen, keine Soldaten, keine Strategie und keine Aussichten mehr hat und infolgedessen Pazifisten sind – mit einem Wort: die deutschen Sozialdemokraten feiern das hohe Fest in wahrer Glückseligkeit. Sie haben ja auch Ursache. Ihr Ebert Fritze thront heute noch auf dem Präsidentensitz, dessen Besteigung durch jene bestellte Demonstration im Dezember 1918 erschlichen und dessen Verlassen vor 2 Jahren durch die Verhinderung der Wahl durch den Reichstag durch Bruch eben der heute gefeierten Verfassung hintertrieben wurde. Es ist ein wahres Glück unter der Verfassung zu leben, deren einziger tatsächlich in Funktion getretener Artikel der 48te ist, der eben, der den Staatshütern die Möglichkeit geschaffen hat, verfassungsmäßig ohne Verfassung zu regieren. Sie haben es ja aber fertig gebracht, sogar die Außerkraftsetzung der Verfassung, die ihnen so bequem gemacht ist, noch unter Verfassungsbrüchen zu bewerkstelligen, – so bei den Heldenzügen nach Sachsen und Thüringen, und Artikel 48 hat dann dank der Rechtskünste der bayerischen Eigenartisten eine Bedeutung erlangt, die das ganze Ausnahmerecht der Kriegszustandsgesetze der Monarchie weit überholte. Bayern hat in den 5 Jahren seit es diese entzückende Verfassung gibt, überhaupt nur ein paar Monate lang so getan, als ob es sich ohne Ausnahmezustand behelfen könnte. Im allgemeinen wurde die Verfassung nur dazu benützt, um zu erklären, daß der Artikel 48 Bayern dauernd berechtige, zwar das Reich zu regieren, sich aber die geringste Einmischung von Reichswegen in die eignen Regierungskünste vom Halse zu schaffen. Der Herr Innenminister Stützel hat ja aber trotz der Erfahrung, daß die Verfassung für Bayern keine Verpflichtungen enthält, erklärt, daß man hierzulande keine Freude an ihr habe. Er und sein Polizeipräsident Mantel handeln denn nun entsprechend. Sie haben nicht nur alle Umzüge zu Ehren des Tages verboten, jetzt haben sie sogar den armen schwarzrotgoldigen Republikanern das Tragen ihrer Kokarden verboten. Stützel behauptet nämlich, diese Kokarden hätten Ähnlichkeit mit den schwarzweißroten Abzeichen der Reichswehr, – und vor einigen Monaten war, um eine Geste zu machen, als ob man den Völkischen gegenüber Energie hätte, das Tragen von Nachahmungen militärischer Abzeichen verboten worden. Von irgendwelchem Protest der betroffenen Verbände erfährt man nichts. Sie stecken es ein wie alles übrige. Man muß es aber den bayerischen Machthabern lassen, daß sie nicht ohne einen gewissen Humor das Reich und seine paar Anhänger verhöhnen. Sie erlassen eine Abwehrverordnung nach der andern gegen die Hakenkreuzler und wenden sie grundsätzlich immer nur gegen die an, die den Hakenkreuzlern Unbequemlichkeiten machen möchten. – Das heiterste an dieser bayerischen Veräppelung der deutschen Verfassung geschieht nun freilich auf unsre Kosten. Während man jeden Sünder gegen das Gebilde von 1919 mit Glacéhandschuhen anfaßt, Bayern zur Freistatt aller nationalistischen Mörder gemacht hat und einen Hochverrat, der sich nicht gegen Rupprecht sondern gegen Weimar wandte, mit verzeihender Großmut der Strafe entzieht, erklärt man gleichzeitig die „Notverfassung“ vom März 1919, die ausschließlich für eine sozialistische, „marxistische“ Regierung zugeschnitten war, für ein so unantastbares Vermächtnis treudeutscher Gerechtigkeit, daß diejenigen, die damals in einem Kampf, an dem die heutigen Machthaber überhaupt keinen Anteil hatten, diese provisorische Konstitution angriffen, nie und nimmer einer Begnadigung teilhaftig werden dürfen, weil sonst jedes Vertrauen des Volks zu Recht und Gerechtigkeit erschüttert werden müßte. – Und die Sozialdemokraten selbst, wenigstens unsre bajuwarischen Auerochsen unterstützen diese Auffassung ihrer Verhöhner. Das glaube ich wenigstens, obwohl mir Dr. Alwin Saenger heute in einem Brief versicherte, seine Genossen im Landtag hätten unsre Amnestie nicht abgelehnt, sondern bloß den kommunistischen Antrag, der alle politischen Verbrecher ohne Unterschied freihaben wollte. Warum Högner dann extra gegen die „russischen Emissäre, die die Arbeiter nur von einem Putsch in den andern hetzen“ losgezogen hat, ist unklar. Immerhin zeigt sich, daß man sich wenigstens geniert. Im übrigen verspricht mir Saenger ausdrücklich, er werde mit allem Nachdruck unsre Amnestierung durchzusetzen suchen. Die Ungerechtigkeit gegen uns sieht er freilich nur im Vergleich zur Behandlung Hitlers und der Seinen, wobei er aber die interessante Feststellung macht, daß „der Schaden dieses hochverräterischen Unternehmens (1923) weit, weit größer war, wie der Schaden des Unternehmens der Münchner Räterepublikaner“. Möge er uns also in Gottes Namen frei reden! Zeit wär’s längst.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 14. August 1924

2 Tage war ich durch eine neue Eingabe aufgehalten, die ich gestern geschrieben und heute diktiert habe. Es war längst meine Absicht gewesen, das „bewährte Verfahren der bedingten Einzelbegnadigungen“ zum Gegenstand einer Spezialeingabe zu machen. Als nun Preger im Reichstag, Gürtner dann im Landtag die alten Statistiken wieder vorholten, wollte ich nur noch abwarten, bis das Landtagsstenogramm hier wäre, um zu kontrollieren, ob Gürtner tatsächlich erzählt hat, es sei im ganzen erst 7 Festungsgefangenen die Bewährung nachträglich wieder gestrichen worden. Aber mehrere Gründe haben mich dann bestimmt, die Sache nicht länger zu verzögern. Zunächst schrieb mir Zenzl, im Münchner Justizministerium habe man einem meiner Freunde erklärt, ich hätte mir die Verweigerung der Strafunterbrechung durch eigne Aeußerungen zugezogen. Da ich sicher weiß, in diesen ganzen Wochen mit keiner Silbe Anlaß zu irgendwelchen Repressalien gegeben zu haben, sehe ich, daß man eben Gründe konstruiert, um mir meine Heilung zu verwehren, und besonders interessant ist, daß man offenbar mit einer weiteren Ableugnung der Krankheit doch nicht mehr zu operieren wagt. Man hat also in Bayern keinerlei Lust, unsre Lage zu ändern und auch nur Sanatoriumsbehandlung zu gewähren, wo keine Gesinnungsänderung verzeichnet werden kann. Dies war ein Grund, dem Reichstag beschleunigt mitzuteilen, welche Gesichtspunkte bei Gnadenerweisen maßgebend sind. Dann las ich, daß die Kompromißgeburten in London unmittelbar vor der Entbindung stehn, sodaß das Ende der Konferenz möglicherweise noch diese Woche sein kann, was die Einberufung des Reichstags für die nächste Woche wahrscheinlich machen würde. Also drängt die Zeit. Ein großer Erfolg der Deutschen ist aber schon erzielt, nämlich die Amnestieforderung ist für alle Ruhr-Verurteilten bewilligt, mit der einzigen Ausnahme derer, die Verbrechen gegen das Leben mit eingetretenem Todeserfolg verübt haben. Das ist natürlich ein starker Grund, auch für uns endlich eine Befreiungsgeste zu erwarten, wenn Feuer dahinter gelegt wird. Den letzten Anstoß aber gab ein neuer Fall. Seit gestern haben wir nämlich wieder einen neuen Kameraden da, einen 24jährigen Landarbeiter Ludwig Faust, dessen Geschichte für die Eingabe sofort zu verwenden war. Faust hat mit einem Pionierregiment für die Räterepublik gekämpft. Man nahm ihn gefangen, und er stand schon – wie es ja Verschiedenen gegangen ist, an der Mauer, als die Exekution durch das Eintreffen des Befehls, das wahllose Morden gegen die Gefangenen solle eingestellt werden, unterblieb. Er war dann in Gefangenschaft, bis man ihn deswegen freiließ, weil sein Vater, ein ganz indifferenter Tischlermeister unter den „zufällig“ von den Noskiden Ermordeten war – er hatte aus dem Fenster gestarrt und büßte die Neugier mit einem Kopfschuß, während Fausts älterer Bruder, der dem Vater einen Arzt rufen wollte, beim Gang über die Straße ebenfalls getötet wurde. Faust wurde zu den üblichen 15 Monaten Festung verurteilt, erhielt aber bis 1923 Bewährungsfrist, weil die Stiefmutter außer ihm niemanden mehr hatte. 1920 wurde er wegen eines Diebstahls zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt, ihm aber die Bewährungsfrist nicht aberkannt. Seitdem arbeitete er, geriet mit den Gesetzen in keinerlei Kollision und kümmerte sich auch um keine Politik. Als 1923 dann seine 4 Jahre Bewährungsfrist um waren, hielt er sich für endgiltig amnestiert. Tatsächlich hatte er das Jahr hindurch, in dem er bei Feldkirchen landwirtschaftlich arbeitete, vollständige Ruhe. Vor 14 Tagen jedoch trat er aus der Arbeit aus und war auf der Suche nach neuer. Das dauerte eine Woche, ohne daß er etwas fand. Statt dessen fand man ihn. Er wurde bei Mindelheim verhaftet und erfuhr erst jetzt, daß man 1923 wegen seines „Hochverrats“ von 1919 einen Steckbrief gegen ihn erlassen habe, ihn aber, solange er in Arbeit stand, nicht stören wollte, daß er aber jetzt seine 15 Monate, deren Erlaß er sich 1920 verschüttet habe, nachmachen müsse. Also weil er erwerbslos ist! Man lernt in Bayern wahrhaftig nicht aus. Aber die heute weggegangene Eingabe an den Reichstags-Rechtsausschuß mit Abschrift an den Landtags-Verfassungsausschuß mit den Unterschriften Mühsam, Sauber, Olschewski konnte noch mit diesem haarsträubenden Fall geschmückt werden, und – wenn die Herren im Reichstag die Tatsachen alle, die ich da zusammengestellt habe – halbwegs objektiv - auf sich wirken lassen, dann halte ich es doch für möglich, daß sie bei der Abstimmung über unsre Amnestierung im Plenum ihre Haltung im Ausschuß doch zum Teil noch ändern. Zenzl will mich nächste Woche wieder besuchen. Ob es denn wirklich noch immer so weitergehn soll? Oder wird sie doch bald einmal herkommen, um mich mit zu sich, zu uns und zur Freiheit zu führen?

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 16. August 1924

Plötzlich verändert sich das politische Gesamtbild. In London, wo es schon dem Ende und der fröhlichen Verständigung über alle Punkte nach Wunsch und Vorschrift der Bankiers entgegenging, ist in der Räumungsfrage ein Konflikt entstanden. Herriot will 1 Jahr Frist zur militärischen Räumung an der Ruhr, die Stresemänner wollen die Räumung allerletztens bis zum 1. April 1925 beendet wissen. Bis jetzt sieht es noch nicht nach einem Kompromiß aus. Denn Marx und Stresemann haben sich an den Taktvollen gewendet, und der hat natürlich zuviel Respekt vor den Deutschnationalen und Völkischen, als daß er in einem solchen „Ehrenpunkt“ nachgeben würde. Die Herren Delegierten werden es also auf eigne Kappe tun müssen – nachdem ihnen MacDonald und Theunis dringend geraten haben, sich mit dem französischen Vorschlag abzufinden, müßten sie schon, was ich bezweifle, bei den amerikanischen Bankiers Rückhalt finden, wenn sie Widerstand riskieren wollen. Denn daß man die Infamie der Dawes-„Sanierung“ scheitern lassen wird, daran ist nicht zu denken. Diese Experten haben ja den Weg gefunden, wie man den Siegern ihre Reparationen sichern und zugleich die Lasten ganz aufs deutsche Proletariat und die kleine Bauernschaft abwälzen kann. Diese Möglichkeit zu einer „Befriedung“ Europas, in Wirklichkeit zur Verständigung des europäischen Kapitals, Deutschlands Arbeiter gemeinsam auszubeuten, wird man nicht leichtfertig wieder preisgeben. Immerhin kann es sein, daß Stresemann es vorziehn wird, mit der Geste seines Amtsvorgängers Simons – der es ja auch schon Lersner nachmachte – als vaterländischer Held am Bahnhof angehocht zu werden, als sich dem Schicksal Erzbergers auszusetzen (das ihm aber kaum mehr ernsthaft droht, da die Mordorganisationen seit der Hitlerei in München von der Großindustrie nicht mehr finanziert werden und infolge dessen und durch die Parlamentskorruption in voller Auflösung sind). Kommt es aber so, daß die deutsche Delegation unverrichteter Sache zurückkehrt, so wäre die Folge die, daß man die Sozialdemokraten wieder mal verschöbe – Rudi Breitscheid, der ewige Ministeranwärter harrt ja schon in London der Stunde, die seine bewährte Kraft brauchen wird – und die werden selbstverständlich den Kapitalskarren aus dem Dreck ziehn, um dann erst recht von den Geretteten als Dolchstößer und Verräter samt ihren verdorrenden Händen in den Dreck getreten zu werden. Es ist ja immer das gleiche Lied. – Für uns persönlich wäre diese Entwicklung günstig, da eine sozialdemokratische Reichsregierung um eine Amnestie nicht herum könnte – und die nächste Amnestie bringt uns Räterevolutionäre als Allererste heraus. Ein kleiner Aufschub des Reichstagszusammentritts wäre übrigens augenblicklich insofern für uns nützlich, als die neue Eingabe dann noch vor der Abstimmung studiert werden kann. Ich habe gestern an Saenger drüber geschrieben, um sie womöglich den verschiedenen Fraktionsrednern noch empfehlen zu können. Wenn ein Funke von Gerechtigkeitswillen vorhanden ist, könnten die Leute diesen Tatsachen gegenüber nicht unzugänglich bleiben. Leider ist ja aber die Frage überaus zweifelhaft, ob bei den Politikmachern der Deutschen „Republik“ auf solchen Funken überhaupt noch gehofft werden kann. Für Bayern ist diese Frage längst negativ entschieden.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 19. August 1924

In dem Räumungskonflikt hat Herriot gesiegt. Ebert mußte die in Berlin verbliebenen Reichsminister um sich versammeln, und die Herren Jarres, Hamm, Brauns etc. billigten gerührt das Verhalten der Delegation und beauftragten sie, auf ihrem Standpunkt zu verharren, bis sie einsähen, daß es nichts mehr nützt, und dann anzunehmen. Die Herren Marx und Stresemann betätigten also solange Charakter, bis ihnen die englischen und amerikanischen Delegierten erklärten: wenn ihr Menkenkes macht und daran scheitert die Konferenz, dann wird man in London und New York-Washington euch als den schuldigen Teil betrachten: was natürlich hieß, mit den 800 Millionen ist es Essig. Herriot war klug genug, seinerseits weites Entgegenkommen zu markieren, indem er erklärte, er verstehe unter einem Jahr nicht, wie bisher angenommen war, die Zeit vom 1. Oktober dieses bis zum 1. Oktober des nächsten Jahres, sondern fange sofort an zu rechnen, werde sich sogar beeilen diesen Termin, der als Maximum gelten solle, noch zu beschleunigen und fange sofort an, aus den „Flaschenhälsen“ abzurücken, womit auch tatsächlich schon begonnen worden ist. Also es ist alles einig geworden, und daß Herr MacDonald zum Abschied den Herren Stresemann und Marx „herzlich“ die Hand gedrückt hat, beglückt die Republikaner des schwarzrotgoldigen Deutschlands ohne Maß. Die Deutschnationalen und die Völkischen rasen natürlich vor markierter Entrüstung. Die Völkischen sind ohnehin grade zum ersten Parteitag versammelt – in Weimar, wo sie zum Entsetzen der Schwarzrotgoldigen tagelang aus dem Nationaltheater, wo erst vorige Woche Verfassungsgaudi mit republikanischem Rütlischwur war, die Hakenkreuzfahne heraushängten. Dinter hat wegen der Annahme der Londoner Bedingungen Rache schwören lassen, man werde nicht ruhen und nicht rasten, bis nicht diese Regierungsvertreter wegen Hoch- und Volksverrats vor dem – Staatsgerichtshof stehn (sie sind allmählich doch so gescheit geworden, daß sie jetzt statt Feme öffentlich Staatsgerichtshof sagen). Der Reichstag braucht eine ⅔-Mehrheit für die Ratifizierung, und die Frage, ob die Vereinbarung wie es verlangt wird bis zum 30. August gesetzlich perfekt sein wird, hängt wohl davon ab, wie die Deutschnationalen zur Zeit ihre Chancen für Neuwahlen beurteilen. Glauben sie, daß sie nach einer Auflösung ihre 100 Mann oder gar noch mehr wieder hereinbringen können, dann werden sie ihre rabiaten Abgeordneten – Laverrenz, Schlange etc. – im Reichstag vor Empörung über den Verrat bersten lassen, – geht die Rechnung nicht auf, dann wird halt der vorsichtige kluge „Realpolitiker“ Professor Hötzsch reden und sie mitsamt dem bayerischen Anhängsel der „Volkspartei“ werden durch Stimmenthaltung die Annahme retten. Ich nehme vorerst an, daß es so kommt. Denn daß die Ablehnung die Reichstagsauflösung zur Folge hätte, ist sicher, – denn die „feindlichen“ Bankiers verlangen es –, und jede Regierung kann Neuwahlen so einrichten, daß sie die erwünschte Mehrheit (sei es sogar eine qualifizierte) für eine bestimmte Forderung erhält. Bei einem derartig zu eignem Urteil unfähigen Volk wie dem deutschen ist das noch leichter als irgendwo anders. Hätte dies arme Volk Urteil, dann hätte es, wenn nicht vorher, so spätestens im Herbst 1923 mit dem ruchlosen kapitalistischen Inflationsbetrug anders als durch Proteste und Wählerei ein Ende gemacht, und dann verließe es sich auch jetzt nicht auf den erbärmlichen Schwindel, den die Gewerkschaften und Sozialdemokraten verüben, indem sie behaupten, die Londoner Abmachungen seien der Wiederbeginn friedlicher Beziehungen zwischen den europäischen Staaten und eigentlich erst der wirkliche Friedensvertrag. Welche Arbeitslosigkeit durch die Inkraftsetzung der Dawesberichte und ihrer Folgen (Stilllegung aller Großindustrieen, die Fertigprodukte für den Export fabrizieren und Beschränkung der deutschen Ausfuhr auf Rohprodukte) eintreten wird, welche wahnwitzige Verteuerung des gesamten Konsums mit der Multiplikation der indirekten Steuern verbunden sein wird, – wird ja den Arbeitern geflissentlich verschwiegen, und wenn sie es endlich am eignen Leibe spüren, daß sich die wahrhaftig schon entsetzliche Not statt zu schwinden vervielfältigen wird, werden die besoldeten „proletarischen“ Bremser gleich wieder etwas andres haben, was nun absolut sicher und endgiltig die große Wendung zum Glück bedeuten wird. Man wird’s ihnen wieder glauben, wird wieder enttäuscht und noch tiefer gedemütigt und ausgepumpt werden, und die andre Seite wird inzwischen die von der Entente wohlwollend geduldete Hilfsmacht des Kapitals, das republikanische Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold so weit ausgebaut haben, daß man sich zur Niederschlagung des Proletariats nicht mehr die immerhin gefährlichen Putschorganisationen der Schwarz-Weißroten und Hakenkreuzler auszuleihen brauchen wird. Die werden jetzt, da sie das Vertrauen des Großkapitals mit der Münchner Novembergaudi mißbraucht haben, wohl tatsächlich allseits im Stich gelassen, und die Militärkontrolle, die entweder schon unterwegs oder im Begriff ist, Deutschland abzusuchen, leistet diesmal denen, die das Geschäft in eigne republikanische Regie nehmen möchten, einen Liebesdienst, wenn sie geheime Waffenlager ermittelt. – Am Donnerstag (übermorgen) soll nun also der Reichstag zusammentreten. Für uns hängt viel davon ab. Voraussagen läßt sich aber garnichts. Man kann nicht wissen, ob man den Bericht des Rechtsausschusses zur Amnestiefrage vor oder nach der Erledigung der Dawes-Gesetze vornehmen wird, noch weniger aber, wie die Mehrheit jetzt über die Sache denkt. Gestern erwartete ich Zenzl. Sie wollte schon Freitag voriger Woche kommen, – da war aber hier Feiertag, sodaß ich ihr abschreiben mußte und sie selbst teilte mir dann auch mit, daß sie den Besuch wegen Geldmangel bis zu dieser Woche aufschieben müsse. Darum warf ich mich gestern für alle Fälle in Gala. Heut bekam ich nun den Bescheid, daß sie die Kosten für die Reise noch nicht hat aufbringen können, die Reise also bis auf weiteres nicht machen kann. Solche Hindernisse, die mich zudem einen kleinen Blick in Zenzls materielles Ergehn tun lassen, verstärken den Wunsch, es möge endlich mit diesen Qualen des Getrenntseins und den noch größeren des Wiedersehns Schluß werden. Also eine kleine Chance tut sich wieder auf. Vielleicht – vielleicht – –

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 22. August 1924

Gestern habe ich an Radbruch eine Abschrift unsrer letzten Eingabe an den Rechtsausschuß über das Bewährungsfristverfahren abgesandt, begleitet von einem ausführlichen Brief, in dem ich wiederholte, was ich Saenger über die Nichtanwendbarkeit des Hochverratparagraphen gegen uns geschrieben hatte. Denn Saenger hatte mir in der Antwort deutlich zu verstehn gegeben, daß ihn die juristische Lage nicht interessiere (er müßte ja auch sonst das ganze Verhalten seiner Partei und zugleich sein eignes seit 1919 selber als rechtswidrig anerkennen), und daß er nur die Ungerechtigkeit abstellen wolle, die sich beim Vergleich unsrer und der nationalsozialistischen Verurteilungen zeige. Ich habe in dem Brief an Radbruch dann auch die Kühleweinsche Äußerung Zenzl gegenüber erwähnt, daß es „in 1 – 6 Monaten“ ja doch zu Ende sei (die Bemerkung wurde im Mai getan, Kühleweins Frist läuft also im November ab), und, wie ich das in Briefen an Zenzl schon mehrfach tat, wieder betont, daß mir die Annahme, der Referent im Justizministerium könne der Frau eines Gefangenen, der schon bald 5½ Jahre sitzt und auf den sie noch fast 10 weitere Jahre warten soll, trügerische Hoffnungen erweckt haben, überhaupt nicht diskutabel scheine. Die häufige Wiederholung dieses Arguments wird jawohl vom Vorstand hier nach München mitgeteilt werden, und so mag es immerhin moralisch ein wenig mit auf etwa noch zweifelhafte Entschlüsse einwirken. Überhaupt verfolge ich jetzt die Taktik, möglichst viel möglichst offen in Briefen und Eingaben auszusprechen, und als mir Karpf diese Taktik neulich ausreden wollte, indem er meinte, diese ganze Schreiberei habe soviel Wert, als ob ein Hund einen Eckstein anbrunzt, erwiderte ich ihm: „Steter Tropfen höhlt den Eckstein“. – Über die Aussichten, die sich in der augenblicklichen Situation für uns bieten, läßt sich sehr wenig sicheres voraussagen. Nachdem die Bayerische Volkspartei sich so gut wie festgelegt hat, den Vereinbarungen von London zuzustimmen – natürlich mit etlichen Tränen im Auge –, ist nur die Haltung der Deutschnationalen noch unsicher. Man merkt bis jetzt soviel, daß sie ihren Anhang fürchten, den sie unter lauter völkischen Parolen und Versprechungen geködert haben, sonst aber schon nach Möglichkeiten suchen, wie sie den Projekten zur Annahme verhelfen sollen. Marx hat sämtliche Parteiführer empfangen, auch die der beiden in dieser Sache prinzipiell Oppositionellen, der Völkischen und der Kommunisten. Da heißt es nun, die Kommunisten hätten erklärt, in eine Besprechung der Sache nur einzutreten, wenn ihnen zuvor über 2 Punkte bündiger Aufschluß gegeben sei. Der erste betraf die Verbote ihrer Presse, und die[der] zweite verlangt die Zusicherung, daß die Regierung die im Londoner Pakt vereinbarte Amnestierung der Separatisten ausgeweitet[ausweiten] würde zu einer allgemeinen politischen Amnestie. Im Zeitungsbericht heißt es dann, die Kommunisten hätten sich durch die Antwort des Herrn Marx nicht befriedigt erklärt und die Besprechung verlassen. Es ist daraus nicht zu erkennen, was Marx ihnen geantwortet hat. Er kann gesagt haben, eine bindende Erklärung hierzu überschreite seine Kompetenz; er kann auch etwas zugesichert haben, was von den Kommunisten als unzulänglich empfunden wurde, nämlich nur eine kleine partielle Amnestie, er kann endlich – was aber wohl unwahrscheinlich ist, völlig ablehnend erwidert haben. Für eine Teilamnestie sprechen viele Umstände, besonders eben der schlechte Eindruck, den die Beschränkung auf das vom Ausland Erzwungene, also die Amnestierung grade der in allen maßgebenden politischen Kreisen besonders unbeliebten Separatisten allein auf die ganze Welt machen würde, zumal nach dem schönen Beispiel, mit dem die Franzosen, Belgier und Engländer den Ruhrsaboteuren gegenüber vorangegangen sind. Kommt aber überhaupt eine Amnestie, selbst nur im geringsten Umfang, darüber hinaus zur Annahme, so ist sicher, daß wir bayerischen Räterepublikaner dabei an erster Stelle ständen. Hier aber ist der Umstand, der alles in Frage stellt. Die Bayern, die niemals einen Meter über ihren unglaublich beschränkten Horizont hinaussehn können, haben aus unsrer Angelegenheit eine Prestigefrage gemacht. Jetzt ist die Regierung bei den Dawesplänen auf ihre Stimmen angewiesen, wird sie also nicht vor den Kopf stoßen wollen, und so mag es doch wieder so gehn wie noch immer: daß Bayerns Eigensinn, Brutalität, Borniertheit und Machtdünkel Recht behält gegen Gerechtigkeit und Recht. Wir können nichts tun dabei als abwarten, was ja, wo es um Leben und Schicksal geht, unterhaltsam genug ist.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 26. August 1924

In den 4 Tagen, seit das Tagebuch ruhte – hauptsächlich deshalb, weil dieser irrsinnige Sommer uns die Zeit, wo man mal ohne naß zu werden in den Hof gehn kann, nicht nach Belieben freistellt, sondern seinen sehr seltenen Sonnenschein gewöhnlich grade strahlen ließ, wenn ich bei der Arbeit saß; gestern aber kam obendrein noch die Zellenreinigung hinzu – in diesen 4 Tagen also ist immerhin soviel sicher geworden, daß die Amnestie grundsätzlich von der Regierung selbst angekündigt worden ist. Stresemann machte das, nachdem erst Rudi Breitscheid schüchtern bemerkt hatte, es sei zu hoffen, daß die Separatistenamnestie aus freien Stücken aufs unbesetzte Gebiet ausgedehnt werde und nachdem dann Frau Golke (Ruth Fischer) direkt die Frage gestellt hatte: wie hältst Du’s mit der Amnestie? – so, daß er dem Auswärtigen Reichstagsausschuß erklärte, es sei eine merkwürdige Zumutung einer Partei, die sich prinzipiell gegen die Annahme des Gutachtens wende, trotzdem für den Fall der Annahme Bedingungen zu stellen, auf die sich die Regierung festlegen solle. Er könne den Kommunisten sagen, daß die Regierung einer Amnestie dann nähertreten werde, wenn die Gesetze angenommen seien, aber man werde das Amnestiegesetz so fassen, daß auch Leute darin eingeschlossen werden, von denen die Kommunisten garnichts wissen wollen. Da die Kommunisten ja aber die allgemeine politische Amnestie verlangen, also mit der Begnadigung Hitlers etc. ganz einverstanden sind, trifft die Ohrfeige, die Stresemann ihnen geben wollte, seine treuesten Freunde und Helfer, die Sozialdemokraten, die bisher lieber 7000 Arbeiter in den Gefängnissen drin lassen als 20 Offiziere herauslassen wollten. Die Frage, ob wir herauskommen, scheint mir damit im positiven Sinne geklärt. Denn daß die Dawesabkommen Gesetze werden, daran zweifle ich garnicht. Die Frage, wann die Amnestie fällig wird, ist allerdings immer noch ganz unklar, da sich die Haltung der Deutschnationalen bis zur Stunde noch nicht übersehn läßt. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat es für sich, daß die Hergt-Mannen (und wie die sozialdemokratische Presse behauptet) auch die Kommunisten (die ihre Befähigung dazu ja schon beim Republikschutzgesetz erwiesen haben) durch Schiebung die ⅔Mehrheit zustandezubringen helfen möchten. Denn die Opposition fürchtet die Neuwahlen wie die Pest, während die Sozi schon das Geschrei erheben: Fort mit diesem Inflations-Reichstag! – Diese parlamentarischen Opportunisten links und rechts sind recht kurzsichtig. Sie würden selbstverständlich bei Neuwahlen viele Stimmen und etliche Mandate verlieren – denn eine Regierungsparole, man hat das 1907 bei den „Hottentottenwahlen“ mit Bülows „konservativ-liberaler Paarung“ erlebt, kann noch so dumm und verderblich sein, sie wird mit ungeheuren Mitteln an Geld und Beeinflussung geschoben und siegt immer. Ist die Opposition aber fest geblieben, so wird ihr Verlust an Stimmen durch Gewinn an Respekt aufgewogen und macht sich auf längere Sicht sicher bezahlt. In Deutschland macht ja aber niemand Politik auf längere Sicht. Mir wärs natürlich außerordentlich erwünscht, der gegenwärtige Reichstag führte die Sache zu Ende, denn dann wäre das Gesetz noch vor dem 1. September unter Fach und die Amnestie mithin nach 14 Tagen längstens beschlossen. Wie aber der Reichstag zusammengesetzt ist, ist mir völlig egal, im Gegenteil erhoffe ich von der derzeitigen Struktur für die Aufklärung des Proletariats über den Wert des Parlamentarismus mehr als von einem „realpolitischen“, der ruhig, sachlich, geschäftsordnungsmäßig, langweilig und stilgerecht „arbeitet“, d. h. den Arbeitern allerlei Wind vormacht. Jetzt verhindern die Völkischen und die Kommunisten das richtige Urteil, da sie so tun als sabotierten sie die Parlamentstätigkeit, während sie in der Tat rührig mitwirken und nur wie ungezogene Kinder Krach markieren, bis sie gestraft sind und sich wieder an ihre Plätze begeben haben (wie jetzt im Konflikt Walraff-Dr. Schwarz). Daß die Annahme der Dawesgesetze eine ungeheure Gefahr für die revolutionäre Bewegung wäre, liegt auf der Hand. Die Parteikommunisten sind aber so unehrlich, ihre ganze lärmende Opposition mit patriotischem Geschmuse zu argumentieren. Es ist nicht wahr, daß diese Londoner Vereinbarungen an sich die Arbeiter in tieferes Elend hineinführen als das ist, in dem sie stecken, und die Abwälzung aller Lasten aufs Proletariat ist in den Abkommen an und für sich nicht vorgesehn. Wenn die Sozialdemokraten ehrlich und kämpferisch wären, hätten sie mit der Behauptung recht, daß die Arbeiterschaft dafür sorgen müßte, daß das Kapital die Hauptlast auf sich nähme. Nun sie sind nicht ehrlich und nicht kämpferisch und so werden sie keine Kampfmittel zu diesem Zweck einsetzen. Die Kommunisten aber entwerten die Kämpfe, zu denen sie hierzu später aufrufen werden, jetzt dadurch, daß sie die parlamentarische Ablehnung betreiben, weil ja sonst wieder das Proletariat den ganzen Pack tragen müßte. Da täten sie schon klüger, zuzustimmen und zu sagen: Obacht, jetzt ist die Möglichkeit da, die soziale Lage der Arbeiterschaft zu bessern, – wir haben sie auf dem Wege der Abstimmung schaffen helfen; daß die Möglichkeit genutzt wird, ist Sache des ökonomischen Kampfes der Arbeiterschaft selbst. – Ich wäre auch für die Ablehnung, aber aus dem Grunde, den ich ehrlich zugeben würde, weil ich die Stabilisierung der Wirtschaft auf Grundlage der kapitalistischen Fundierung nicht will, weil ich die Folgen der Ablehnung, das Chaos aus revolutionärer Erkenntnis wünsche, weil ich glaube, daß das ganze Gebäude zusammengerissen werden muß, ehe man anfangen kann, mit neuem Material ein neues aufzurichten. – Ganz kläglich sind die „Märtyrer“ in den französischen Gefängnissen. Sie bestürmen die Deutschnationalen telegrafisch, sie möchten doch unter allen Umständen allem zustimmen, was ihnen vorgelegt wird, damit sie, die sie für deutschnationale Belange eingesperrt seien, herauskommen. Also nicht: bleibt fest, bis ihr die Forderungen erzwungen habt, für die wir gekämpft haben, die wir erst seit ein paar Monaten gefangen sind. Wir halten schon noch länger aus für die Sache, – sondern gebt die Sache preis, für die wir unser Leben riskiert haben, damit wir ein paar Monate früher frei werden! Das ist doch mehr als jammervoll. Wüßte ich, oder könnte ich auch nur entfernt hoffen, auf andre Weise als durch parlamentarische Amnestie frei zu werden, – ich würde dem Proletariat zurufen: Unter keinen Umständen vom Kampf ablassen um unsertwillen. Wir haben jetzt 5½ Jahre ausgehalten, wir sitzen auch noch länger, wenn wir damit dem Proletariat, der Revolution nützen können. Leider wäre das heute nur Phrase. Es geht unverkennbar eine große pazifistische Welle durchs deutsche Volk, – das ist in einer Weise erfreulich, insofern als dadurch vielleicht der grauenvollen sittlichen Verwilderung durch den Krieg und durch die nationalistische Verhetzung entgegenwirkt wird; aber leider ist diese versöhnliche Stimmung ebenso wie alles, was an Gefühlen auf höhere Weisung grade protegiert wird, die Sympathie der Ausgebeuteten mit der internationalen Versöhnung der Ausbeuter, aber kein in der eignen seelischen Einsicht begründeter Umschwung der Gesinnung. Diese Versöhnungsstimmung macht einer Amnestie gute Aussichten, einer Revolution sehr schlechte. Daher bemühe ich mich von hier aus nur mehr um Amnestie und zwar bei denen, die für ihre Förderung in Frage kommen: bei Parlamentariern. Jetzt habe ich – außer der Eingabe, die ich Zäuner diktiert habe, um dem Rechtsausschuß noch einmal die Verweigerung der Amnestie von 1922 für unsre mitteldeutschen Genossen zu Gemüte zu führen, in einem längeren Brief an Katz als Vorsitzenden des Rechtsausschusses eine vollständige Liste der Eingaben geschickt, die seit Jahr und Tag beim Rechtsausschuß liegen und unsern Rechtsstandpunkt sowie die Niederschönenfelder Strafvollzugsmethoden behandeln. Außerdem habe ich in dem Brief die Daten zusammengestellt, die die Gründe und die Zeitdauer der Bestrafungen von uns 11 Genossen betreffen. Solange noch die Gitter um uns sind, soll kein Vergessen unsrer Lage zugelassen werden. – Die Zeitungen melden den Tod des Münchner Hofschauspielers Mathias Lützenkirchen. Er möge hier sein Kreuzchen finden wie auch Alexander Eliasberg, der Übersetzer aus dem Russischen. Ich habe beide nur ganz oberflächlich persönlich gekannt. Aber in der Münchner Kultursphäre der, wie es scheint, jetzt endgiltig vergangenen Zeit, als München und Kultur noch zwei nah zusammengehörige Begriffe waren, hatten sie in bescheidenem, aber bemerkbarem Maße ihre Einwirkung. Mögen sie die Letzten sein, denen ich vom Käfig aus nachzuwinken habe.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 27 August 1924

Allem Anschein nach wird der Reichstag morgen – dann hat er zu bekennen – doch keine qualifizierte Mehrheit für die Londoner Pakte zusammenbringen. Dieser Anschein kann zwar trügen, aber die Deutschnationalen haben durch Hergt eine Haltung verkünden lassen, die ihnen das Kneifen erschweren würde. Immerhin haben sie schon das Zugeständnis gemacht, sie würden keinen Fraktionszwang ausüben, – es wird also eine Anzahl Deutschnationaler, und zwar die aus dem Rheinland und von den übrigen Prominenten u. a. Tirpitz dafür stimmen, daß Deutschland für lausige 800 Millionen Mark Kredit, die überdies mit 8 % verzinst werden müssen (wobei noch die Hälfte unberührt als „Deckung“ der Geldnoten verwahrt bleiben muß!) mit Haut und Haaren der New Yorker Börse ausgeliefert wird. Die Sozi sind ganz glücklich über diese Aussicht, die nach meiner Meinung den Arbeitern zwar das Leben – für eine kurze Zeit wenigstens – erträglicher gestalten wird, sie aber dauernd der Hoffnung beraubt, eine aussichtsvolle Aktion gegen die schamlose Aushungerungspolitik der deutschen Kapitalisten zu unternehmen, die von nun an als Angestellte der New Yorker Finanz international gegen proletarische Ansprüche geschützt werden. Die Amerikaner werden das völlig unproduktive Gold, für das sie längst Abfluß gesucht haben, da es ihnen die Wirtschaft verstopfte, los, die Franzosen und Engländer kriegen es als Reparationsgelder und werden dadurch als Schuldner der New-Yorker Börse zahlungsfähiger. Deutschland aber muß es verzinsen und amortisieren und verkauft obendrein dafür die letzte Spur seiner Selbstverwaltung, seiner hochgerühmten „Souveränität“, wird für diese Judasgroschen Kolonie, deren Eingeborene, d. h. das Proletariat, nur mehr für amerikanische und britische Kapitalsinteressen zu arbeiten haben, denen in Deutschland selbst die Arbeitgeber als Werkmeister bei erheblicher Gewinnbeteiligung verpflichtet bleiben (daher auch deren zwiespältige Haltung zu den Vereinbarungen. Die Unternehmer werden bei dieser Gewinnbeteiligung nur zum Teil Gelegenheit zu neuem Betrug ersinnen können). – Ich rechne vorerst mit der Ablehnung im Reichstag, sodaß für die Amnestie wohl kaum vor Mitte bis Ende Oktober zu rechnen sein wird. Findet sich aber die ⅔-Mehrheit zusammen, so wäre ich wohl in 14 Tagen bei Zenzl. Aber 6 Wochen länger hier zu bleiben, kann auch nicht mehr ängstigen. Die letzte Hürde ist nicht mehr hoch.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 28. August 1924

Goethes 175. Geburtstag. Die Jasager und die Neinsager in Deutschland nehmen ihn als ihren Goethe in Anspruch, – er hätte sich wahrscheinlich für beide Sorten bedankt. Was also heute im Reichstag zur Feier dieses Jubiläums beschlossen oder verweigert wird – läßt sich auch jetzt noch nicht voraussagen. Die Deutsche Volkspartei hat eine Serie von Prestige-Anträgen gestellt, die sich auf die Schuld- und andre „Ehren“fragen beziehn, und den Deutschnationalen den Umfall erleichtern sollen. Inzwischen hat die Regierung erklärt, daß sie am Sonnabend auf jeden Fall unterzeichnen werde, da sonst alles ins Wasser falle, sie sei auch verfassungsmäßig dazu berechtigt, müsse es nur mit dem Vorbehalt tun, daß die Ratifizierung durch den Reichstag nachfolgen werde. Bis sie erfolgt, gelte der Vertrag dann als abgeschlossen, werde aber nicht in Kraft gesetzt. Gestern ist es nun im Reichstag zu einem Mordsspektakel gekommen, wie ihn das gesittete deutsche Parlament noch nie erlebt hat. Zum ersten Mal wurde in dem Gesetzgebungsausschank als wichtigstes Körperteil nicht wie sonst der Arsch betrachtet, durch dessen Heben und Senken „verfassungsmäßig“ deutsches Recht entsteht, sondern die derbe Männerfaust. Die Völkischen verlangten, damit den inhaftierten Abgeordneten Gelegenheit gegeben werde, zur Majoritätsbildung mitzuwirken, die Rückverweisung aller dort schon abgelehnten Amnestieanträge an den Rechtsausschuß. Dagegen erhob Dr. Brodauf Widerspruch und entzündete damit die Leidenschaften der Völkischen und der Kommunisten. Man drang mit den Fäusten auf ihn ein, unser „Demokrat“ wehrte sich mit Papierstößen, seine Kondemokraten eilten zu seiner Hilfe herbei und es setzte Dresche, bis Herr Wallraff die Sitzung aufhob, wovon die Folge jedenfalls die sein wird, daß eine Anzahl Kommunisten von den nächsten 8 oder mehr Sitzungen ausgeschlossen werden, sodaß dem Zustandekommen der ⅔-Mehrheit bei der Abstimmung technisch weiter vorwärtsgeholfen ist. Die guten „Demokraten“ haben denn überhaupt den Mut gehabt, sich nun offen und prinzipiell gegen jede Betätigung der Menschlichkeit im Nachkriegsdeutschland zu erklären. Herr Koch, früher einmal Innenminister im Frühlenz dieser einzigen Republik, und sohin Mitbegründer der reizvollen Regierungsmethoden dieses Gebildes, gab, nachdem Toni Sender für die Sozi verlangt hatte, die Regierung solle Stresemanns Ausschußerklärung über die Bereitwilligkeit, die Annahme der Gesetze durch die Einbringung eines Amnestiegesetzes zu belohnen, im Plenum wiederholen, damit man im Falle der Ablehnung dem Proletariat sagen könne: nur wegen der Kommunisten müssen die politischen Gefangenen weiter „schmachten“, - nachdem also Toni Sender ehrlich genug war, das Amnestieverlangen ihrer Partei mit reinen Propagandazwecken gegen die KPD zu begründen, erklärte Herr Koch, die Demokraten seien grundsätzlich gegen eine Amnestie. Die Freilassung der Separatisten habe man ja leider zugeben müssen (sie betonen dauernd, daß sie alles freiwillig unterschrieben haben), – und das Abkommen verpflichtet sogar zur Amnestierung aller politischen Gefangenen im besetzten Gebiet, gleichviel was sie und unter was für Motiven sie verbrochen haben, – aber das durch diese Freilassungen entstehende Unheil dürfe man nicht noch extra vermehren, indem man auch noch die politischen Verbrecher im unbesetzten Deutschland freigebe! Nun – diese Tirade der wackeren Demokraten stimmt mich nicht trübe. Im Gegenteil: dieses Mal wird die Lumpigkeit dieser Brut in der ganzen Welt zum ersten Mal beachtet werden. Dieses Mal wird man auf diese „demokratische Republik“ mit dem Finger der Verachtung weisen: seht, – das sind die Demokraten dieses Landes, die „Linken“, die jetzt, wo die ganze Welt das Beispiel der Menschlichkeit gibt, sich hinstellen und nur einen einzigen Grundsatz nicht verleugnen: den, daß es keine Gnade geben darf, den, daß alle die Urteile, die sie selbst x mal als gehässige politische Justiz bezeichnet haben, in Kraft bleiben müssen, und daß es niemals geschehn darf, daß die Opfer der furchtbaren Not, die ihre eigne Jämmerlichkeit großgezüchtet hat, je aus den Krallen der Klassenrache befreit werden! Man wird sich die Brodaufs und Kochs merken müssen. Ich fürchte trotz ihrer Niederträchtigkeit nichts. Entweder man nimmt heute die Gesetze an, dann kommt die Amnestie, auch wenn die Regierung das von Stresemann gegebene Wort bricht, dadurch zustande, daß eine von Völkischen, Kommunisten, Sozialdemokraten und Deutschnationalen gebildete Mehrheit gesichert ist, die teils durch Deutsche Volkspartei, teils durch Zentrum und einen Teil der Demokraten hinüber und herüber ergänzt wird. Oder es gibt heute die Reichstagsauflösung. Den Optimismus einiger Genossen, daß die Arbeiter es nicht mehr zu einer neuen Parlamentsbildung kommen lassen werden, kann ich leider nach allen Erfahrungen nicht teilen. Bis jetzt haben die Proleten noch jede sozialdemokratische Vertröstung und Beschwichtigung für bare Münze genommen. Sie haben sich ja sogar ohne Revolution die ganze Inflationszeit hindurch von dem Geplärr schlapp machen lassen, wenn wir erst eine „stabile Währung“ haben, dann ist alles gut. Und die Rentenmark kam, und sie waren zufrieden, daß sie nicht mehr mit Milliarden und Billionen zu rechnen brauchten, sondern wieder nach Mark und Pfennig. Als sie es nachgrade merken konnten, daß sie sich für das „stabile“ Geld genau so wenig oder noch weniger kaufen konnten wie vorher, kamen die Dawes-Gutachten – und jetzt sagt man ihnen, ja die bringen euch ja erst das Glück, Arbeit bei 8Stundenzeit und allmähliche Erholung. Sie glauben es auch jetzt wieder, und die Wahlen werden in aller Ruhe und mit größtem Erfolg für die Bejaher des Dawes-Humbugs vor sich gehn. Nun – dann werden halt nicht die Deutschnationalen, sondern die Sozialdemokraten Minister, – das ist der ganze Unterschied, und der ist nicht groß. Für uns hieße diese Entwicklung 6 – 8 Wochen länger auf die Freilassung warten, was ich aber insofern gern in Kauf nähme, als die Amnestie dann wahrscheinlich doch von größerem Umfang wäre als das Teilamnestiechen, mit dem sich der gegenwärtige Reichstag um die moralische Forderung herumdrücken würde. Von rein politischen Gesichtspunkten aus ist mir der derzeitige Reichstag mit seiner grotesken Zusammensetzung und der völligen Unfähigkeit allerdings lieber als jeder andre. Ein solches Hanswursttheater in einer Zeit, in der die einander überstürzenden Pleiten riesiger Geschäftsunternehmungen die Unmöglichkeit der ökonomischen, die fürchterlichen Häufungen noch nie dagewesener Verbrechen und Scheußlichkeiten (Haarmann!) die die sittlichen Zustände stündlich offenbaren, trägt viel dazu bei, das geduldige deutsche Proletariat allmählich doch auf den Gedanken zu bringen, daß Verhältnisse in diesem Lande herrschen, die durch Reformen und Palliativmittel nicht mehr gewandelt werden können und daß es Zeit wird, Sturm zu läuten.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 30. August 1924

Etwas absolut Sicheres wissen wir noch nicht. Aber das 1. Morgenblatt der Frankfurter Zeitung von heute berichtet schon, daß das Dawes-Gutachten angenommen sei. Die Schlußabstimmung, die noch ausstand – die Verhandlungen wurden auf gestern verlegt, sodaß erst abends Beschlußfassung über das Ganze sein konnte – wird kaum mehr etwas geändert haben. Denn die qualifizierte Mehrheit war, falls ich recht verstehe, nur für das Eisenbahngesetz vorgeschrieben, und da haben die Deutschnationalen, die sonst, wo auch ohne sie die Annahme gesichert war, tapfer gegen alles stimmten, durch Freigabe der Stimmen und durch Abkommandierungen hilfreich mitgewirkt, und auch die Kommunisten scheinen aus Angst vor Neuwahlen etliche ihrer Stimmhintern aus den Bänken entfernt zu haben, wenigstens behauptet der „Vorwärts“ es. So wäre denn – vorausgesetzt, daß nicht die sehr unwahrscheinliche Ablehnung zum Schluß eine Änderung der Gesamtsituation doch noch herbeigeführt hätte – für uns die Frage Niederschönenfeld oder Freiheit – wieder mal unmittelbar akut. Hierzu liegen ein paar vielleicht als Anhaltspunkte brauchbare Neuigkeiten vor. Nach den gestrigen Zeitungsberichten wurde in der weiteren Reichstagsaussprache doch noch beschlossen, die Amnestieanträge erneut dem Rechtsausschuß zu überweisen. Das ließe ja darauf schließen, das das bisherige negative Resultat nicht als unumstößlich betrachtet wird, und daß man eben doch irgendetwas tun möchte. Gleichzeitig kam aber auch schon ein Bericht aus dem Rechtsausschuß selber, der sich noch einmal mit dem Gesetz über die Wiederaufnahme der Volksgerichtsprozesse beschäftigen sollte. Da wurde nun plötzlich beschlossen, diese Sache zu vertagen, und zwar mit der fadenscheinigen Begründung, daß jetzt der Reichstag doch nicht dazu kommen werde, sich mit der Sache zu befassen. Im heutigen Bericht über die 3. Lesung der Dawesgesetze finden sich weitere Kleinigkeiten zu dem Gegenstand. Da wurde zunächst ein Antrag der Kommunisten, die Amnestieanträge noch vor der Erledigung der Dawesgesetze zu behandeln abgelehnt, dagegen aber ein Antrag, sie noch auf die Tagesordnung von gestern als letzten Punkt zu setzen gegen die Koalitionsparteien und die Bayerische Volkspartei – also mit Völkischen und Deutschnationalen, Kommunisten und Sozialdemokraten angenommen. Man hätte demnach also schon gestern abend darüber verhandelt, und ich vermute nun, daß man gestern noch zu keinem Ergebnis gelangt ist und entweder heute – oder da Sonnabends gewöhnlich nicht verhandelt wird – Montag den Beschluß fassen wird, den Rechtsausschuß zu einer bestimmten Formulierung aufzufordern. Sollmann hat in seiner Rede zur 3. Lesung ebenfalls die Frage noch einmal angeschnitten und die Regierung ersucht, die Stresemannsche Zusage im Plenum zu wiederholen, was die Regierung jedoch unterließ. Jetzt bekam ich eben eine Postkarte von Klingelhöfer aus dem Reichstag. Er hat mit Hoffmann Kaiserslautern, mit Hilferding und mit Sänger gesprochen, die ihm übereinstimmend erklärt haben, eine Verschiebung der Annahme der Londoner Gesetze würde auch eine Verschiebung der Amnestie zur Folge haben, bei der Annahme aber sei der Zeitpunkt gegeben, „wo eine politische Amnestie im größten Ausmaß möglich werde“. Nun, daß sie „möglich“ würde, habe ich noch nie bezweifelt. Die interessante Frage aber, ob sie Tatsache wird, ist damit noch nicht beantwortet. Aber über die sogenannte Lex Fechenbach, die ja im Eventualfalle auch für uns von Bedeutung wäre, weiß man noch weniger als über die Amnestieaussichten. „Kahl sei fest, aber die früher zustimmenden Parteien seien unterminiert.“ Auch das konnte ich mir aus dem Beschluß des Rechtsausschusses schon selbst ableiten. – Die Annahme der Dawes-Gesetze wird in Deutschland vielleicht politische Konsequenzen im Innern haben, insofern als die Deutschnationalen offenbar ihre Opposition gegen sehr teuern Kaufpreis preisgegeben haben (während die Sozi selbstverständlich uneigennützig wie immer die Interessen des Proletariats den Kapitalisten gratis geopfert haben). Man spricht von einer neuen Reichsregierung, in der die Deutschnationalen für sich 4 Ministerposten beanspruchen, und scheinbar dreht sich der Handel nun noch darum, daß der Kanzlersitz, den sie ebenfalls haben wollen, vom Zentrum nicht hergegeben werden soll. Jedenfalls kriegen Großindustrie und Großgrundbesitz für ihre widerborstige Bravheit aber die Schutzzölle, die eine ungeheure Verteuerung der dringlichsten Volksernährung und zugleich den Beginn der Expropriation der Kleinbauernschaft durch großagrarische Aufkäufer bedeuten. Die armen Sozi schreien natürlich nun erst recht nach Reichstagsauflösung. Doch interessiert mich wahrhaftig die Frage, ob das deutsche Volk von der schwarzweißroten oder von der schwarzrotgoldenen Couleur angeschmiert wird, äußerst wenig. Die Frage, ob sich die Arbeiterschaft den Schwindel länger ansehn wird, ist mir wichtiger, und ich bin Egoist genug, auch die Frage als wichtig zu betrachten, ob ich das Aufwachen des Proletariats schon mitten unter ihm erleben werde oder ob es mich erst unter seiner roten Fahne hier herausholen wird. Wenn ich damit rechnen könnte, wäre mir kein weiteres Warten hier drinnen zu lang. Diese Art Befreiung wäre mir weiß Gott sympathischer als jede Art parlamentarischer Amnestie. Aber leider ist der Sperling – wenn er auch noch nicht in der Hand sitzt – im Augenblick eine versprechendere Jagdbeute als die Taube, die sich auch noch nicht entschlossen hat, auch nur aufs Dach zu kommen. Und der Gedanke ist ja immerhin reizvoll, daß theoretisch die Möglichkeit da ist, daß grade heute, grade in diesem Augenblick im Reichstag das erlösende Wort gesprochen wird und daß Zenzl, die für Mittwoch ihren Besuch angekündigt hat, mich schon in der morgen beginnenden Woche mit sich heimnehmen darf. – Nun muß ich doch noch einen Todesfall notieren. Vorgestern bekam ich anonym „von Grete aus Hamburg“ ein Büschel Heidekraut gesandt und freute mich sehr darüber, wie derartige Grüße immer die besten Empfindungen, da sie sie ausdrücken, auch wachrufen. Das Kästchen war eingewickelt in die Nummer des Hamburger Fremdenblatts vom 7. März, und der Zufall wollte es, daß grade darin eine Notiz aus Lübeck stand, die den Tod des Stadtbibliothekars Heinrich Wohlert mitteilt. Ich habe diesen grundgescheiten, grundgelehrten und grundgutmütigen Mann in sehr freundlicher Erinnerung, und diese Erinnerung führt mich viele Jahre zurück in die Zeit, in der ich als junger Pharmazeut mit Curt Siegfried, dem Primaner, zusammen, in Lübeck die Revolte der öffentlichen Meinung gegen Verknöcherung und Banausentum organisierte. Einer der wenigen Leute, die wußten, von wo die Appelle für den Schutz der alten Bauten, für Volksbibliotheken, Zoologischen Garten, Museumsvorträge etc ausgingen, war Wohlert. Er hatte ein gutes Nicken seines schiefgelegten lächelnden Kopfes für uns. Olle Kamellen.

 

Nachmittag 4¾ Uhr

Um 4 Uhr werde ich vom Hof hereingerufen und mir folgendes telefonisch übermittelte Telegramm von Herrn Fetsch vorgelesen: „Reichsamnestie jeder Art abgelehnt. Weigel.“ – Meine arme Zenzl!

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 1. September 1924

Also vorerst heißt’s wieder einmal: „Ausharren“. Ein genauer Bericht über den Verlauf der Amnestieberatungen im Reichstag haben wir noch nicht. Aus den bis jetzt vorliegenden Berichten ist zu entnehmen: die Nationalsozialisten hatten einen neuen Amnestieantrag vorgelegt, der seine Wirkung nach links und rechts erstrecken sollte. Dieser Antrag scheint im Mittelpunkt der Beratung im Rechtsausschuß gestanden zu haben, leider ist sein eigentlicher Inhalt nirgends zu finden. Toni Pfülf hat im Plenum am Freitag über die Ausschußverhandlungen berichtet. Danach habe die Regierung erklärt, daß die Stresemannsche Aeußerung kein Versprechen der Regierung bedeutet habe (!), die keine Reichsamnestie wünsche, bevor sie nicht mit den Ländern dazu Fühlung genommen habe. Jarres, der die Erklärung abgab, hat weiter versichert, daß man bei den Ländern auf Begnadigungen hinwirken werde. Haas (Demokrat) und Bell (Zentrum) haben dann die Rosenfeldsche Kritik an der bayerischen Justiz anerkannt und unterstrichen, sich jedoch deswegen nicht veranlaßt gesehn, einer Amnestie zuzustimmen, sondern auch nur verlangt, es solle von den Ländern begnadigt werden. Der bayerische Regierungsvertreter hat den alten Gaul von der bayerischen Justizhoheit geritten, der preußische versprach Wohlwollen für die preußischen Gefangenen. Die Koalitionsparteien mitsamt den Sozialdemokraten haben den Antrag gestellt (der also inzwischen angenommen sein dürfte), daß die strittige Frage, ob das Reich auch für die Länder Amnestieen erlassen könne, vom Staatsgerichtshof endgiltig entschieden werde. Schließlich hat der Rechtsausschuß alle Amnestieanträge abgelehnt. Ferner berichtet die Presse über den Beginn der Plenumsberatung am Freitag. Nach dem Pfülfschen Bericht hat Katz die Sozi und dann Rosenfeld die Kommunisten beschuldigt, sie seien am Scheitern der ganzen Sache schuld. Dabei ist mir am interessantesten die Begründung, womit die Sozialdemokraten die Opposition gegen den völkischen Antrag erklärten. Wenn sie sich schon damit abfinden sollten, den Wünschen der Rechten auf Amnestierung der Kapp- und Hitlerleute zu entsprechen, so doch nur mit der Bedingung, daß dann auch die bayerischen Räterepublikaner heraus kämen. Der Fricksche Antrag, für den auch die Kommunisten eintraten, schließe aber die Münchner von 1919 von jedem Vorteil aus. Diese ganze Sache scheint mir noch reichlich dunkel. Stimmt das, so können wir über die Ablehnung der Anträge garnicht froh genug sein. Aber daß die Kommunisten bereit gewesen sein sollen, uns preiszugeben, zugleich aber Hitlers und der Seinen Amnestierung zu unterstützen, ist eine so hanebüchene Annahme, daß man schon alle parlamentarische Praxis ins Gedächtnis holen muß, – um sie zu glauben. Tatsache ist jedenfalls, daß wir soweit sind wie zuvor und für lange Zeit unsre Hoffnungen weit zurückstecken müssen. Es besteht ja immer noch die Möglichkeit, daß im Oktober, wenn Hitlers Bewährungsfrist in Kraft tritt, die bayerische Regierung eine gnädige Geste machen wird und uns Niederschönenfelder auf Bewährung – also mit einem Strick um den Hals und unter Verlust aller konfiszierten Bücher, Schriftstücke und Aufzeichnungen – einen nach dem andern laufen läßt, dafür aber unsre Zuchthausgenossen umso fester einschließt. Es bestehn jawohl auch geringe Aussichten für den Oktober, wenn der Reichstag seine großen Ferien hinter sich hat. Falls inzwischen die Deutschnationalen ihren Kaufpreis für die Hergabe der zur ⅔Mehrheit fehlenden Stimmen zu den Dawes-Gesetzen erhalten haben, also der „Bürgerblock“ fertig ist und die Sozi für ihre Bravheit vollends den Genickstoß erhalten und infolgedessen bei den Arbeitern um Wohlwollen schnorren gehn müssen, – dann könnte man eventuell damit rechnen, daß in den Gewerkschaften auch einmal die populäre Amnestiefrage erörtert wird und ein kleiner Druck von dieser Seite dahinter gesetzt wird. Ein solcher Druck würde uns sehr rasch frei machen. Aber ich bin sehr skeptisch in dieser Hinsicht. Es sei denn, daß die Kommunisten von den Betrieben aus für eine Aktion zugunsten der Amnestie wirkten, – dann könnten die Sozi vielleicht nicht mehr recht dagegen arbeiten, ohne sich vollends unmöglich zu machen. Denn es steht doch mit der parlamentarischen „Arbeiterpolitik“ so: die Kommunisten betrachten – wenigstens noch theoretisch – den Parlamentarismus als ein Mittel, mit dem man proletarische Interessen unterstützen kann, die Sozialdemokraten, die ja auch einmal mit diesem frommen Aberglauben geliebäugelt haben, haben ihn längst fallen lassen und betrachten im Gegenteil die Arbeiter als Mittel in der Not, ihren parlamentarischen Eifer zu unterstützen. Ihnen ist der Parlamentarismus längst Selbstzweck und sie haben als Endziel nur noch die köstliche Hoffnung, wie ehedem, als sie aus unsrer Revolution diese treffliche „Republik“ machten, wieder Minister darin zu werden. Wenn die Bourgeoisie klug ist, macht sie jetzt keine politischen Regimeänderungen und läßt die Sozi zwischen den Stühlen sitzen, zwischen die sie geraten sind, weil sie die Gesetze bedingungslos geschluckt haben. Hätten sie erklärt, gut, wir nehmen an, – aber unsre Position dem linken Proletariat gegenüber erschwert sich dadurch so, daß wir irgendein Äquivalent bieten müssen, – deshalb ist unsre Zustimmung abhängig a) von der Unterzeichnung des Washingtoner 8Stunden-Protokolls b) von einer allgemeinen politischen Amnestie, – so hätten sie diese Forderungen ohne weiteres bewilligt bekommen, daran ist garnicht zu zweifeln. Die Deutschnationalen waren ja weniger zimperlich, und ich bin überzeugt, daß erst recht die Zustimmung der Bayerischen Volkspartei nicht billig war. Unter Seufzen und Jammern hat sie der Verschacherung der Reichsbahnen zugestimmt. Der Preis dafür war meiner Überzeugung nach der Verzicht auf die Wiederaufnahme der Volksgerichtsurteile, wovon es plötzlich so stille geworden ist. Da haben die Bayern eben erklärt: unsre Billigung der Londoner Abkommen kostet uns einen wichtigen Posten in unsern „Hoheits“ansprüchen, eben die Eisenbahnhoheit. Nun auch noch das Opfer der Justizhoheit zu bringen, wie die Lex Fechenbach es verlangt, ist „untragbar“. Und da man die Stimmen der Herren brauchte, muß halt Fechenbach im Zuchthaus bleiben und muß – denn auch der Verzicht auf jede Reichsamnestie ist zum größten Teil in der Rücksicht auf Bayern begründet – das Opfer von über 7000 Menschen und ihrer Familien gebracht werden: solche Opfer tun ja denen, sie[die] sie bringen, nicht selber weh. Vorige Woche hat Herr Held im bayerischen Landtag bitterlich geklagt, weil die bayerische Reputation so arg in die Brüche geraten sei. Früher habe man im Reich großen Einfluß gehabt, – jetzt, infolge des 8. November 23 – finde man ein mitleidiges Lächeln, wo man hinkomme. Jetzt wird Herr Held wieder beruhigt sein. Bayerns „Hoheit“ ist repariert und spiegelt sich in Bayerns Kerkerhöllen.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 2. September 1924

Morgen kommt Zenzl. Ich hoffe, daß sie Berichte bringen wird, die doch noch halbwe[g]s freundliche Ausblicke auf unsre Wiedervereinigung gestatten. Ich hoffe vor allem, daß die ewigen Enttäuschungen ihren prachtvollen Lebensmut noch nicht geknickt haben. Aus den Zeitungen von gestern abend war nur noch zu erfahren, was wir schon wußten, daß der Reichstag dem Ausschußantrag auf Ablehnung aller Amnestieanträge, anscheinend ohne große Auseinandersetzung in 2. Lesung zugestimmt hat, wodurch eine dritte Lesung sich erübrigte. Die Frankfurter Zeitung berichtet kurz: angenommen wurde lediglich eine sozialdemokratische Entschließung. Doch war über deren Art und Inhalt nirgends etwas zu finden. Sie muß derartig nichtssagend sein, daß der „Vorwärts“ sie in seinem Sitzungsbericht überhaupt nicht erwähnt. Leider konnten wir den Text des nationalsozialistischen Antrags auch bis jetzt nicht ermitteln. Nur soviel ist sicher und ging aus Fricks Äußerungen hervor, daß sich die Völkischen jetzt für eine auch nach links wirkende Amnestie entschieden haben. Das ist immerhin hoffnungsvoll, denn die Bundesgenossenschaft Ludendorffs ist in Deutschland immer noch wirksamer als die Scheidemanns. Die Abstimmung über die Dawes-Gesetze war das tollste Affentheater, daß[das] selbst in deutschen Parlamenten bis jetzt gespielt worden ist. Die Deutschnationalen, die vorher in beiden Lesungen alle Gesetze, auch das Eisenbahngesetz abgelehnt hatten, stimmten in der dritten Lesung mit 50 Stimmen dagegen, 49 deutschnationale Recken aber dafür, sodaß die qualifizierte Mehrheit gerettet war. Der Vorwärts behauptet, in der Fraktionssitzung seien die Abgeordneten, die ihre Überzeugung zu opfern hatten, durch Los bestimmt worden. Da eine derartige Charakterweichheit der eisenfesten Germanen sogar von den eigentlichen Bourgeoisparteien nicht für sicher gehalten war, nahm man noch rasch ein Gesetz an, nach dem bei Auflösung des Reichstags die Freifahrkarten der „Erwählten“ bis einige Tage vor den Neuwahlen weiter gelten sollten. Die Staatskasse sollte ihnen also ihre Wahlagitationsreisen bezahlen, auch nachdem ihr Mandat schon erloschen war: es paßt eins zum andern. Nachdem man alsdann die etwas brüchig anmutende Charakterfestigkeit dadurch gekittet hatte, daß man sich wehrlosen Eingesperrten gegenüber unbeugsam gnadenlos erwies, um – nach Herrn Kochs Worten – „das Unheil nicht noch größer zu machen“, das durch die leider in voller Freiwilligkeit erfolgte unter hartem Druck erzwungene Freilassung aller links des Rheins inhaftierten politischen Gefangenen heraufbeschworen worden ist, und also beschlossen hatte, daß das Eingesperrtsein rechts des Rheins strafverschärfend wirken soll, – danach wollten die Deutschnationalen sofort eine Teilzahlung in Gestalt der agrarischen Schutzzölle erhalten. Aber die Sozi und die Kommunisten verließen den Saal und jetzt hüpfen sie vor Freuden über ihren „Sieg“; denn „das Haus“ war beschlußunfähig, und so mußten die parlamentarischen Ferien beginnen, ohne daß die Retter der Londoner Gesetze schon den Kaufpreis in der Tasche hatten. Aber die Reichsregierung hat sich zu einer großen Tat – um nicht zu sagen zu einer beispiellosen Dummheit aufgerafft: indem sie sich bei den Heloten bedankt, die sich unfähig erklärt haben, die deutsche Wirtschaft aus eigner Intelligenz wieder in Ordnung zu bringen und sich deshalb unter das Kuratel des Auslands begeben haben, erklärt sie stolz, daß die Behauptung des Versailler Vertrags, Deutschland habe den Weltkrieg verschuldet, als eine geschichtliche Unwahrheit erwiesen sei, und die Regierung lehne es ab, die Konsequenzen aus der erzwungenen Unterschrift unter diese Lüge zu ziehn. Coßmann hat also gesiegt. Wilhelm II. war gänzlich unschuldig am Kriege. Kein Alldeutscher hat jemals die pazifistischen Grundsätze verleugnet. Serbien hat an Österreich, Rußland und Frankreich an Deutschland den Krieg erklärt. Belgien hat unsre garantierte Neutralität roh verletzt – und jetzt laßt uns das Lied anstimmen: Siegreich wollen wir Frankreich schlagen! – Sie verstehn es sich beliebt zu machen, unsre Staatslenker. Aber es nimmt sie ja außerhalb Deutschlands kein Mensch mehr ernst, und dem deutschen Volk wird ja auch unschuldigerweise das Fell über die Ohren gezogen – von den amerikanischen Bankiers und von den eigenen Sklavenhaltern.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 4. September 1924.

Wir haben uns also wieder einmal gesehn, gesprochen, einander 5 Stunden lang – das ist schon ungemein tolerant! – gegenüber gesessen, mit dem uniformierten Dritten dabei und uns unter dessen Beaufsichtigung mehrmals geküßt. Die Aufsicht war dieses Mal erträglicher als je. Wir konnten ungestört über alles reden was uns am Herzen lag, und was man halt überhaupt in Gegenwart Fremder reden kann. Wie Zenzl berichtete – und das Gleiche hörten wir schon von den letzten Besuchen – Thekla Karpf und Hanna Ritter –, empfing vorn ein neuer Mann den Gast, obwohl Herr Hoffmann – wir sahen ihn im Garten – anwesend ist. Er ist also entweder in Urlaub, ist aber nicht abgereist, – oder, und darauf läßt der Umstand schließen, daß der Regierungsrat Badum ebenfalls abwesend ist – es ist ein andrer Mann hergesetzt worden, der menschlichere Formen des Strafvollzuges einführen und vermutlich die für absehbare Zeit bevorstehende Liquidation der ganzen Herrlichkeit vorbereiten soll. Dies ist Saubers Ansicht; ich bin vorläufig skeptisch; doch ist nicht zu verkennen, daß hier ein milderer Wind weht. Zwar ist von den Methoden des Strafvollzugs selbst im Grundsätzlichen noch nichts abgebaut, aber die beabsichtigten Provokationen und Nerventorturen haben seit einiger Zeit – etwa seit Tollers Entlassung aufgehört. Die Aufsicht also – die leider ja nun und nimmer preisgegeben wird, auch das Abstreifen vor- und nachher muß noch immer durchgemacht werden – geschah ohne Unterbrechung unsrer Gespräche, und so konnten wir die persönlichen, die politischen und alle Dinge erörtern und anhören, was Eins dem Andern zu sagen hatte. Natürlich war die arme Zenzl elend zerschlagen von der furchtbaren Enttäuschung. Kein Mensch hatte dieses absolute Garnichts erwartet, und die Wut muß allgemein sehr groß sein und sich besonders gegen die Demokraten richten, die schon wieder die Stichworte für die Perfidie geliefert haben. Übrigens meint Zenzl sicher, daß es nicht bei dieser negativen Entscheidung bleiben werde. Speziell den Sozialdemokraten sei es diesmal wirklich Ernst mit der Absicht, uns frei zu bekommen. (Inzwischen bestätigt sich meine Vermutung, daß die Sozi die Reichstagsauflösung mit allem Nachdruck betreiben werden. Im Vorwärts wird ein Mordsaufruf zum „Kampf“ erlassen, mit dem Ziel Neuwahlen gegen Nationalisten und Kommunisten!) Zenzl war sogar noch optimistischer als ich. Als ich meinte, zu Weihnachten würde ich doch wohl bei ihr sein, meinte sie: früher! Über Einzelheiten wußte auch sie nichts zu berichten, da sie nicht selbst im Reichstag war, und dann, als ihr Buchmann die Nachricht brachte, natürlich ganz zerschlagen und geknickt war. Sie hat inzwischen großartig für uns gearbeitet, hat, um meine Strafunterbrechung zu erzielen, Konferenzen mit einem Jesuitenpriester Sonnenschein und durch dessen Vermittlung mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Grafen Lerchenfeld und mit dem Nuntius Pacelli gehabt. Natürlich hat jeder versprochen alles zu tun, was in seinen Kräften stehe – und natürlich hat niemand was getan, wenn auch Zenzl meint, Pacelli werde meine Röntgenisierung doch noch durchsetzen. Die Ablehnung des Gesuchs wird also damit begründet, daß ich geäußert haben soll, wenn ich einmal draußen bin, dann dürften sich die Bayern auf was gefaßt machen. Wo, wann und zu welcher Sache ich das gesagt habe, wird nicht mitgeteilt. Also offenbar wieder die Benutzung einer Tagebuchbemerkung, des Ausdrucks einer schlechten Laune von jahrelangem Vergilbtsein. – Kannst nix macha! – Sehr interessant war mir folgendes Intermezzo aus dem Gespräch mit dem päpstlichen Gesandten, der ja bis vor wenigen Jahren in München residierte. Zenzl fragte ihn ob er unter den „Greueln“ der Räterepublik persönlich zu leiden gehabt habe. Durchaus nicht! erklärte der Nuntius, nur sein Auto wurde requiriert. Er sei dann hingegangen, um es wiederzubekommen und habe auf die möglichen Konflikte mit dem Vatikan und der italienischen Regierung aufmerksam gemacht. Darauf habe er das Auto zurückerhalten. Unter gutmütigem Lächeln habe er das erzählt und auf die Frage, ob er irgendwelche Grobheiten oder Bedrohungen von den Räterepublikanern erfahren habe, hat er das verneint und bestätigt, man sei zu ihm überall sehr höflich gewesen. Das stimmt also völlig mit dem überein, was der Münchner Kardinal Faulhaber nach dem Hitlerputsch erklärt hat. Man muß es sich merken. Zenzl hat aber noch mehr getan. Es haben in der letzten Zeit mehrfach Veranstaltungen in Berlin stattgefunden, zumeist Mühsam-Matinees, da ist die prächtige Frau sogar als Volksrednerin aufgetreten. Vergangenen Sonntag hat sie über 1 Stunde lang öffentlich gesprochen. Ich wollte, ich könnte ihr doch noch einmal zeigen, daß ich ihr dankbar bin. Vergelten läßt sich ja soviel Liebe und soviel Opfer nie im Leben. Welch unbeschreiblicher Reichtum ist diese Frau für mich! Wie sehne ich mich nach ihr!

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 7. September 1924

Unser Barometer – und zugleich endlich auch das des Himmels! – ist plötzlich wieder gestiegen, und die Drehscheibe kurbelt munterer denn je. Gestern brachte die Frankfurter Zeitung einen Auszug aus der Bayerischen Staatszeitung, in der auf die heftigen Angriffe der Nationalsozialisten wegen der Amnestie erklärt wird, es sei selbstverständlich, daß die bayerische Regierung innerhalb der bayerischen Hoheitsrechte die Frage einer Amnestie erörtern werde, die sich im Anschluß an die Freilassung der Pfälzer politischen Gefangenen für die linksrheinischen empfehle; ebenso selbstverständlich aber sei es, daß man sich dazu nicht von Pressedrohungen treiben lasse. Eine solche Erklärung im Regierungsorgan läßt darauf schließen, daß die bayerische Amnestie bereits beschlossene Sache ist, und ich bin sehr optimistisch trotz der Erfahrungen, die ja jetzt erst durch die Ungeheuerlichkeit des Stresemannschen Versprechens bereichert worden sind. Wenn es möglich ist, daß der deutsche Reichsaußenminister 7000 Eingesperrten und 20000 Familienangehörigen im Reichstagsausschuß nahe Freiheit in Aussicht stellt, und ein paar Tage später der Reichsinnenminister seine Worte solange kommentiert, bis sie als nicht gesprochen angesehn werden, dann muß man wohl an jedem Anstand, an jeder Reinlichkeit in den Gemütern der Leiter dieser Republik völlig verzweifeln. Mein Vertrauen gründet sich also nirgends mehr auf die Annahme menschlicher Güte und Einsicht (auch Professor Kahl, mit dem Zenzl ebenfalls gesprochen hat und der ihr damals gerührt schien, soll sich nachher ganz peinlich benommen haben), - sondern ich führe das Versagen der Reichsregierung trotz des gegebenen Worts und die Ablehnung der Amnestie durch den stets gehorsamen Reichstag – und jetzt die Ankündigung einer bayerischen Sonderamnestie auf Übereinkünfte zwischen Berlin und München zurück und stelle mir den Hergang etwa so vor. Als Herr Dr. Stresemann seine übereilte Äußerung getan hatte, wird das bayerische Lamento den ängstlichen Reichsregierern schrecklich auf die Nerven gegangen sein. Man wird wieder mit offenen oder versteckten Drohungen mit schweren Konflikten gearbeitet haben, die umso größeren Eindruck gemacht haben werden, als die Annahme der Dawes-Gesetze noch von den 15 Stimmen der Bayerischen Volkspartei abhängen konnten, und so wird Herr Marx den Herren gesagt haben: Schön, – wir werden die Sache verzögern. Jarres wird erklären, Stresemanns Äußerung habe nur bedeutet, das Reich werde mit den Ländern über eine Amnestie verhandeln. Ferner wird, um einen Rechtsvorwand zu schaffen, die an sich garnicht zweifelhafte Frage, ob das Reich Amnestieen auch für Länder beschließen darf, dem Staaatsgerichtshof zur Entscheidung übergeben werden, wodurch weiterhin Zeit gewonnen ist. Die Parteianträge werden vorläufig abgelehnt, und die lex Fechenbach wird in dritter Lesung erst nach den Ferien zu Abstimmung gebracht. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit für euch, dem auf die Dauer unumgänglichen Beschluß einer Reichsamnestie durch eine bayerische Sonderamnestie zuvorzukommen. Laßt ihr diese Möglichkeit aber ungenutzt, dann können wir nicht länger warten und die Amnestie auch für die Räterepublikaner und für Fechenbach etc ergeht durch das Reich. Demnach wäre zu erwarten, daß der bayerische Landtag sich sofort bei seinem Zusammentritt, der am 10. Oktober ungefähr bevorstehn soll, mit einem von der Regierung vorgelegten Amnestiegesetz zu befassen haben wird, dessen Annahme absolut gesichert ist, weil in Bayern Regierungsvorlagen immer angenommen werden und in diesem Falle sogar die einstimmige Annahme möglich wäre. Ich vermute, die Amnestie wird einen sehr weiten Umfang haben, da man Fechenbach frei haben möchte, ohne die Haß-„Recht“sprechung zu revidieren. Man wird also Landes- und Hochverratsvergehn einbegreifen, und auch Leoprechting, Fuchs etc. werden frei werden. Die Begründung ist ja dadurch gegeben, daß man die verhaßten Separatisten in der Pfalz, deren Verbrechen man doch immer als die viel schlimmeren plakatiert hat, faute de mieux begnadigen muß. Also noch 4, 6 oder 8 Wochen – was kommt’s darauf noch viel an! Mein Interesse richtet sich jetzt schon mehr auf das Wie als auf das Ob und Wann. Daß Lindner nicht übergangen werden wird, ist nach der Begnadigung Arcos doch wohl zu hoffen. Aber die armen Teufel vom Luitpoldgymnasium?! Man muß es abwarten. Geht man diesesmal an ihnen vorüber, dann hätten sie vielleicht für lange lange Jahre keine Aussicht mehr, und ich hätte draußen von Anfang an die wichtigste Aufgabe, in dieser Sache zu trommeln, aufzuklären, Krach zu schlagen, mich Gefahren auszusetzen. Denn hängen lassen werde ich die unglückseligen Jungens nicht: hier scheint mir, verglichen mit dem Sensationsfall Fechenbach noch viel Ärgeres geschehn zu sein, was wieder gut gemacht werden muß, und dabei müßte erst die durch 5½ Jahre raffiniert durchgeführte Greuelregie, die leider auch bis in die Tiefen des revolutionären Proletariats hinein ihre Wirkung getan hat, in den Gemütern abgebaut werden. Brauchte ich in dieser Sache nicht mehr meine beste Zeit und meine besten Kräfte einzusetzen, wärs schon angenehmer, – ganz abgesehn von den armen Buben und ihren Angehörigen. – In den nächsten Tagen hoffe ich endlich mal wieder die Muße zu finden, mich mit andern als den eigenen Angelegenheiten zu befassen. Anlaß gibt’s genug. Das Geschwätz in Genf wird zwar nicht viel Platz zu beanspruchen brauchen. Dafür aber wird sich’s sehr lohnen, die Vorgänge in China unter allgemein revolutionären Gesichtspunkten zu betrachten. – Eine traurige Nachricht erhielt ich von meinem alten Festungsfreund Clemens Schreiber. Der arme, von allem erdenklichen Mißgeschick verfolgte Mann hat nun sein Liebstes auch noch eingebüßt, seinen kleinen Sohn, der ihm in seinem Tiroler Wohnort, wo er schließlich nach den Ausweisungen aus Bayern und Württemberg landen mußte, von einem Lastauto getötet wurde. Der Vater hatte sich auf diesen Jungen – ich glaube, er wird jetzt etwa 7 Jahre alt gewesen sein, die Hoffnung seiner und der Welt Zukunft gesetzt, und ihm zum Zeichen dessen, was er den Völkern leisten sollte, den Vornamen Proudhon gegeben. Drum habe ich mich für den Knirps immer interessiert, ihm auch einmal ein paar Verse gewidmet, die ich ihm in die „Brennende Erde“ schrieb. Wie schmerzlich, wie bitter – soviel Zukunft und Versprechen durch einen tölpischen Zufall vernichtet zu denken!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 9. September 1924

Über den Bürgerkrieg in China, der einen gewaltigen Umfang zu haben scheint, läßt sich bis jetzt kein sicheres Bild gewinnen, weil die deutsche Presse bei solchen Dingen stets versagt und man nur immer erfährt, daß der General Soundso die und die Stadt bedrängt und der General Soundso zurückweicht – und da soll man sich noch dazu mit den halsbrecherischen chinesischen Namen zurechtfinden. Die Revolution in Brasilien  kürzlich ist niedergeschlagen worden. Das ist alles, was die Presse berichtet hat. Wer die Revolutionäre waren, mit was für Zielen sie gekämpft haben, welche Anlässe wirtschaftlicher oder politischer Art zur Revolution geführt haben, ist nicht einmal nach der Erledigung der ganzen Bewegung klar geworden. In China kann man etwas leichter eine gewisse Orientierung finden, wenn man von früher her selber einige Vorgänge im Gedächtnis hat. Ich kombiniere etwa so: Die Pekinger Regierung hatte vor etwa ½ Jahr mit der Moskauer ein Abkommen getroffen, das die Anerkennung der Sowjet-Union und bestimmte Handelsverträge enthielt. Es entstanden aber Schwierigkeiten, da die Vereinigten Staaten und England gegen das Abkommen Einspruch erhoben. Dessenungeachtet schloß der – kommunistischer Tendenzen bezichtigte – Präsident Sun-Yat-Sen den Vertrag doch ab, und es hieß dann, es seien Verhandlungen im Gange, die eine Interessengemeinschaft zwischen China, Japan und Rußland zum Ziele hätten, und man bemühe sich, Deutschland mit einzubeziehn. Natürlich schlugen bei uns zu allererst die sozialdemokratischen Blätter Lärm, die ja prinzipiell aufs falsche Pferd setzen und erklärten, nur Westeuropa sei für Deutschland Kompaß aller Politik. Jedenfalls hat man aber in London und speziell New-York Unrat gewittert und die alten Streitigkeiten in China, die im Allgemeinen wohl nach geographischen Gebieten gruppiert sind, aufgestachelt. Das ganze Reich scheint allmählich in den Kampf – der ein eigentlicher Bürgerkrieg ausgeprägtester Art ist – einbezogen zu sein, und man liest von Heereszügen gegen Shanghai etc., ferner von Kämpfen von chinesischen Land- und Marinetruppen gegeneinander. Der Umfang des Aufstandes dürfte den aus den Boxerkämpfen noch übertreffen, und selbstverständlich haben die lieben „Mächte“ – allen voran natürlich die von den „linken“ Herren Herriot und Mac Donald regierten westeuropäischen Staaten – schon Truppen gelandet, um, diesmal ohne Walderseesche Weltmarschallschaft – „Ordnung“ im Pekinger Fremdenviertel zu halten. Von Moskau aus wird behauptet, daß die Engländer, Franzosen und Japaner China schon nach „Interessensphären“ unter einander aufgeteilt hätten, auch die United Staates sollen die Bankierfinger in der Schüssel haben, was zwar alles dementiert, darum aber nicht minder glaubhaft wird. Was draus wird, kann heute natürlich noch nicht entfernt abgeschätzt werden. Die Möglichkeit einer sozialen Revolution kommunistischer Tendenz – Sun-Yat-Sen wird von den Russen als der Lenin Chinas gepriesen – ist nicht ausgeschlossen. Sie könnte dem ganzen Erdball neue Glut in die Fiebern gießen, die nachleninische Stagnation in Rußland revolutionär befruchten, und vor allem Mittel- und Südasien in Bewegung bringen. Daß es im indischen Acheron zuckt und brandet, ist aus 1000 Anzeichen zu erkennen, und eine Revolution des Landes, das Phantasie, Religion und heiligen Geist genug hat, um der Heilandsgestalt des wundervollen Mahatma Gandhi Gefolgschaft zu leisten, wäre ein Pfingsten des neuen Weltalters. Die Quälgeister des Landes aber, die Briten, die die gewaltlose Tapferkeit (unsre pazifistischen Jammerkerle bilden sich ein, ihre Feigheit wachse auf demselben Zweig) mit Ekrasitbomben aus Flugzeugen beantworten, lassen indessen ihren Regierungschef, den großen „Arbeiterführer“ Ramsay Mac Donald, in Genf vor dem Völkerbund die schmalzigsten Tiraden von Frieden und Versöhnung schmettern. Man ist dort jetzt auseinandergegangen,* nachdem Herriot mit Zurückhaltung, Mac Donald mit Trara und Tamtam den Deutschen, die sie ja in London prächtig eingewickelt haben, ein paar Liebenswürdigkeiten gesagt haben. Die Erörterungen über Deutschlands Eintritt in den Völkerbund, an die Herriot mit einem gewissen ängstlichen Zögern herangegangen war, wurden ja aber dann noch rechtzeitig aufs nächste Mal vertagt. Man konnte sich ja wundern, daß die Londoner Verhandlungen so gänzlich ohne solchen Zwischenfall verlaufen waren, wie er mit dem Rapallo-Abkommen des großen deutschen Genies Rathenau bei der Konferenz in Genua so lieblich dazwischenplumpste. Aber in Genf hat mans dann nachgeholt. Alles war Butter und Honig. Deutschlands Eintritt in den allgemeinen Ölhafen der Friedfertigkeit und Liebkoserei schien unvermeidlich – da kam das Pronunziamento des Reichskanzlers wegen der „Kriegsschuldlüge“. Der arme Marx wußte nicht was er tat, – hätte denn je nach Bismarck in Deutschland ein verantwortlicher Politiker übersehn, was er anrichtete? Nun hat er die Notifizierung der Erklärung für sein Volk an die Regierungen des Auslands versprochen; die nationalistische Presse drängt. Herriot und MacDonald beschwören die deutschen Pazifisten, sie sollen die Notifizierung verhindern, sonst zerkracht die ganze Harmonie wieder. Marx überbietet die erste Dummheit mit einer noch größeren, daß er an die beiden Ministerpräsidenten schreibt, er müsse die Notifizierung leider vollziehn – natürlich: das war ja einer der Kaufpreise, mit denen die standhaften 49 nationalistischen Zinnsoldaten zum Umfall gedungen wurden –, aber man soll sie nicht ernst nehmen, – es bleibe alles beim Gleichen, wie man es in London ausgemacht hat. Die französischen und englischen Botschafter erklären darauf Herrn Marx, der Brief habe erst recht einen schlechten Eindruck gemacht, und man warne vor der Absendung der Note. Da aber Stresemann den Deutschnationalen das Versprechen gegeben hat, wird’s wohl gehalten werden müssen. Denn Stresemann bricht kein Wort – es sei denn, er hätte es nur den eingesperrten 7000 Proletariern und ihren Familien gegeben.

 

* Nur die Premiers von Frankreich und England sind abgedampft. Die andern quasseln weiter.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 11. September 1924

Es herbstelt. Nach 2 schönen Tagen kam vorgestern wieder ein Rückschlag mit Sturm und Regen und jetzt ist’s wieder erbärmlich kalt, und wir müssen die Hoffnung, in diesem Jahr noch mal Sonne zu sehn, begraben. Zenzl berichtet von einer fieberhaften Erkältung, die sie ans Bett bindet, und ich bin infolgedessen bedrückt und unruhig. Überdies ist sie meinetwegen in dauernder Sorge, die wohl übertrieben sein mag, im Kern natürlich aber begründet ist. Sie schreibt, sie habe mich so angegriffen aussehn gefunden wie noch nie und sei in ihrer Besorgnis noch einmal zu Dr. Sonnenschein, dem Jesuiten, gegangen, der sich ihrer so freundlich annimmt. Der Herr habe sich erboten, gegen Ende September oder im Oktober selber herzufahren, um mit mir zu sprechen. Ich vermute, daß dies außerordentlich überraschende Anerbieten mit dem Interesse des Nuntius Pacelli, das Zenzl zu erwecken verstanden hat, zusammenhängt. Bevor er Schritte in der Sache unternimmt – es handelt sich um meine Strafunterbrechung zum Zweck einer Röntgenuntersuchung und gründlichen Behandlung, außerdem, wie Zenzl andeutet, um den Versuch, die Wiederherstellung unsrer Ehen in München zu veranlassen – wird der Kardinal jedenfalls von einer persönlich nicht interessierten, ihm nahestehenden Seite Bericht haben wollen, und so wird wohl das Anerbieten Sonnenscheins auf einen Wunsch Pacellis zurückgehn. Ich habe Zenzl geschrieben, daß ich in meiner Situation gezwungen sei, jede Hilfe, die sich mir bietet, anzunehmen, mache aber die Annahme der Gefälligkeit davon abhängig, daß die interessierten Kleriker genau erfahren, für wen sie sich einsetzen: für den Juden und Revolutionär, den Anarchisten, der sich zu keinerlei Gegenleistung verpflichtet, die im geringsten eine Bindung für zukünftiges Verhalten einschlösse. Ich habe mir den Rücken gedeckt, wenn der Priester um Christi willen die Reise tun will, so soll er mir herzlich willkommen sein. Hoffentlich aber kommt es garnicht mehr dazu. Daß Hitler am 1. Oktober entlassen wird, steht schon völlig fest, und ich glaube fest, daß die bayerische Regierung diese Gelegenheit zu der Geste benutzen wird, zu der sie sich doch allmählich entschließen muß. Sauber hat jetzt die Nummer des Bayerischen Staatsanzeigers erhalten (vom 4. September, Nr 205), die zum ersten Mal auf die Angelegenheit hintippt. Ich habe mir die betreffende Stelle ausgeschrieben. Sie lautet wörtlich: „Der ‚Völkische Kurier‘ hat unter anderm von der Amnestierung der rheinischen Sonderbündler auf die Forderung nach Freiheit der politischen Gefangenen in Bayern überhaupt, also der inhaftierten Kommunisten und Nationalsozialisten übergeleitet. Die Parallele ist zum mindesten sehr willkürlich gezogen. Denn die Begnadigung der inhaftierten Kommunisten und Nationalsozialisten ist eine Sache für sich, für deren Erledigung ganz andre Gründe maßgebend sind als für die Amnestierung pfälzischer und rheinischer Separatisten. Es ist wohl als selbstverständlich anzunehmen, daß sich die bayerische Regierung mit der Frage einer Begnadigung der politischen Gefangenen innerhalb der bayerischen Hoheitsgrenzen beschäftigen wird. Ebenso selbstverständlich ist es aber auch, daß sie sich von Pressestimmen, die einer Drohung gleichkommen, nicht im geringsten beeinflussen lassen kann. Durch solche geharnischten Erklärungen, wie sie der ‚Völkische Kurier‘ zu geben für nötig hielt, wird den Inhaftierten ein schlechter Dienst erwiesen.“ – Der Artikel ist mit einem Stern gekennzeichnet, was auf seinen offiziösen Charakter hinweist. Wichtiger als die eigentliche Ankündigung, daß sich die Regierung mit der Amnestiefrage beschäftigen wird, ist mir der Satz vorher, daß für die „Erledigung“ unsrer Begnadigung – das Wort Amnestie wird immer nur für die Pfälzer gebraucht – andre Gründe „maßgebend sind“ als für deren Amnestierung. Das heißt doch, daß maßgebende Gründe tatsächlich als gegeben erachtet werden –, sie liegen natürlich im Zwang zur „Liquidierung“ der bayerischen „Justizkatastrophe“, die durch die Freilassung der Landsberger Führer im Sinne des Meyerschen „negativen Bilanzstriches“ entschieden ist, nicht im Sinne der scharfen Richtung in der Bayerischen Volkspartei, die die Diskrepanz zwischen den Urteilen von 1923 und denen von 1919 durch die Streichung der Neithartschen Bewährungsfristen ausgleichen wollte. Meine Auffassung, daß die Ablehnung der Amnestieanträge im Reichstag in Verbindung mit dem unglaublichen Zurückhufen Stresemanns nach dem verkündeten Amnestieversprechen aufgrund einer bayerischen Zusage, selbständig vorher den Schritt zu tun, mit dem die „Hoheit“ gerettet wird, erfolgt ist, erhält dadurch eine Bestätigung und zugleich eine höchst wirksame Illustration der Schachergeschäfte, zu denen sich die Parteien alle hergeben, daß man jetzt erfährt, daß die Ablehnung der Anträge, für die die Sozialdemokraten stimmten, bzw. sogar, die sie selbst eingebracht hatten, dadurch möglich wurde, daß von ihren 100 Abgeordneten bei den entscheidenden Abstimmungen „zufällig“ 52 Herren, also die größere Hälfte, im Saale nicht anwesend waren! Was man ihnen versprochen hat, daß sie sich zu dieser Schiebung auf unsre Kosten hergaben, ist nicht zu erfahren. Vielleicht haben sie den Herren Marx, Jarres und Stresemann die Gefälligkeit auch gratis geleistet, da sie ja daran gewöhnt sind, Lakaiendienste zu tun, ohne dafür Gegenleistungen zu empfangen. Die „flammende Entrüstung“ über den Schacher der Deutschnationalen, die für ihr Jasagen wenigstens Aequivalente zugesagt bekamen, wird durch diese Aufdeckung, die in der kommunistischen Presse besorgt wurde, in die richtige Beleuchtung gestellt. Nur haben die Kommunisten auch nicht sehr viel Ursache, auf dem hohen Roß zu reiten: 1922 haben sie uns preisgegeben, damit nur ja die Nachtwächter dieser Republik auf den Taktvollen vereidigt werden. – Passons cela. Die Weltpolitik hat wenigstens besseres Format als die deutsche, und zeigt zum Teil Ausblicke in eine revolutionäre Zukunft. Abgesehn von China, – auch von Chile werden Militärrevolten und Umwälzungen gemeldet, die scheinbar vorerst nur eine andre Partei an die Regierung gebracht haben. Große Freude habe ich an dem prachtvoll tapferen Befreiungskampf der marokkanischen Rebellen. Die Spanier können ihre schweren Mißerfolge den Rifkabylen gegenüber nicht ableugnen, und es scheint, als ob die Diktaturherrlichkeit Primo de Riveras kurz vor dem Kladderadatsch stände. In Italien hat Mussolini seine Position nach der Ermordung Matteottis nicht wieder recht befestigen können, und das revolutionäre Ereignis, das über kurz oder lang die Schwarzjacken-Briganten zum Teufel hauen wird, kündigt sich an. Die panäthiopische Bewegung, von der man neuerdings manchmal liest, wird wohl auch einmal überraschende Aktivität entfalten – vielleicht dann, wenn in Indien und Ägypten das Obst reif ist, und wenn die „Wilden“ erst einmal den Begriff der Sammlung im Bündnis erfaßt haben, dann dürfen die europäischen „Kulturträger“ in Afrika und Australien die Koffer packen, und – ihrer Absatz- und Auspowerungskolonieen endgiltig ledig – die Konsequenzen des zusammengebrochenen Imperialismus in der sozialen Revolution ihrer Vaterländer präsentiert sehn. – Der Weltkrieg hat alles aufgerührt, und es ist heute nicht mehr verstiegen, den Tag der Weltrevolution in der verwegensten Bedeutung des Worts noch als Zeitgenosse zu erhoffen. Allerdings wird Deutschland nicht das Land sein, von dem sie ausgeht. Wir haben den Krieg von 1914 – 18 nicht gründlicher und restloser verloren als die Revolution von 1918 – 19. Die deutsche Revolution muß vom Anfang her neu unternommen werden: Vorarbeit ist so gut wie noch nicht geleistet, – und die „revolutionären“ Kommunisten werden immer mehr Massenpartei und immer weniger Klassenbefreier werden. Sie werden sich wie die Sozialdemokraten es vorgemacht haben, „realpolitisch“ zugrunde schwätzen und zu Tode wählen. – Gestorben ist wieder ein langjähriger Caféhausbekannter: Leo Feld, ein Komödienschreiber ohne literarische Bedeutung. Aber ein persönlich netter und frei denkender Mensch, mit dem ich mich immer vertragen habe. Requiescat!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 13. September 1924

Wie mir Weigel mitteilt, hat sich Justizrat Fraenkl, der alte Verteidiger revolutionärer „Verbrecher“, bereit erklärt, gratis in meiner Sache tätig zu sein. 2 Vollmachtformulare, die er vorsorglich mitschickte, habe ich ihm gleich unterzeichnet durch Eilbrief zurückgesandt und Sauber und Olschewski veranlaßt, Fraenkl ebenfalls um Rechtsbeistand zu ersuchen. Ich habe Fraenkl natürlich gebeten, sich mit Pestalozza in Verbindung zu setzen, dem ich das Mandat keinesfalls entziehen will, und jedenfalls sieht jetzt die Verwaltung, die doch wahrscheinlich über solche Dinge ständig ans Justizministerium berichten muß, daß wir, solange wir noch in diesem Käfig sitzen, uns nicht zufrieden geben und, solange man die „Gnade“ aufschiebt, das „Recht“ gefordert wird. – Die Presse ist ja jetzt voll von den Worten Amnestie, Freilassung der Gefangenen etc, nur handelt es sich da leider überall bloß um diejenigen, die auf Grund des Londoner Pakts losgelassen werden sollen, und da spricht man auch nur von denen, die von den Franzosen freizugeben sind. Es geht unsern Gerechten nicht schnell genug, sie schimpfen und jammern, daß der Begriff der politischen Gefangenen viel zu engherzig aufgefaßt werde, kurzum, sie sind voll Erbarmen und Mitleid. Von uns aber, von den rechtsrheinischen politischen Gefangenen ist seit der Ablehnung der Reichsamnestie keine Silbe zu finden, – und die Demokraten und Sozialdemokraten wissen wohl, warum sie da so schweigsam geworden sind. Es ist eine Heuchelei, eine Doppelzüngigkeit überall, daß einem ekel und übel wird. Da predigt man den Franzosen und Belgiern vor, daß der Begriff der politischen Übeltat garnicht umfassend genug genommen werden kann. Zugleich aber trompeten sie gewaltig nach Ungarn hinüber, daß der dort verhaftete Erzberger-Mörder Schulz unbedingt nach Deutschland ausgeliefert gehört, da er kein politisches sondern ein gemeines Verbrechen verübt habe. Nach meiner Meinung würde die Horthy-Regierung mit der Auslieferung des Mannes dieselbe Infamie begehen, die Deutschlands Wirth-Regierung seinerzeit mit der Auslieferung Boldrinis, Forts und Concepcions begangen hat. Ich denke auch vorläufig, daß Schulz in Ungarn das Asylrecht gewährt wird, nicht weil die Herren Horthy oder die Herren Apponyi und Bethlen, die jetzt in Genf so betörende Friedens- und Versöhnungsschalmeien geblasen haben, vom Gesichtspunkt irgendwelcher Gerechtigkeit entscheiden werden, sondern weil Schulz ein Mann nach ihrem Herzen ist und sie die ungarischen Erzbergers ja auch jahrelang ungestraft abkehlen ließen. Die lieben Sozi kochen auch noch sonst in gekränktem Rechtsbewußtsein. Einen Menschewiken-Aufstand in Georgien, der wie es scheint noch nicht abgeschlossen ist, hat grausame Repressalien der Bolschewiki gezeitigt, die in Batum 24 menschewistische Führer hinrichten ließen. In Genf haben die Völkerbündler eine Resolution deswegen gefaßt, und bei uns weinen „Vorwärts“ und „Münchner Post“ dicke Tränen über soviel Unmenschlichkeit. Was sie aber 1919 getrieben haben – die 1000 Toten von München – das rechnen sie sich nicht vor; allerdings waren es damals zur Hauptsache nur Arbeiter, die dran glauben mußten, und als Vollstrecker der sozialdemokratischen Raserei gegen alles, was Sozialismus wollte, hatten sie die Offiziere des alten Regimes engagiert, gegen die sie jetzt, da die nicht deswegen sich aus ihren Mauselöchern vorzerren ließen, um ein paar kleinbürgerlichen Parvenues die Macht zu erkämpfen, Zeter und Mordio schreien. Jetzt möchten sie den Reichstag auflösen lassen, um durch Neuwahlen wieder zum letzten und einzigen Ziel ihrer Sehnsüchte zu gelangen: wieder ein paar Parteigenossen in die Reichsregierung zu bringen, die den kleineren Bonzen die erköderten Futterplätze zu retten haben, aus denen man sie allgemach rausschmeißt. Schon mußte Herr Leinert, der Oberbürgermeister an der Leine, Leine ziehn, schon läßt selbst Cassel seinen Oberbürgermeister Scheidemann scheiden. Das haben sie sich nicht gedacht, als sie die schwarzrotgoldene Republik in Betreuung nahmen. So ist es keine Lust mehr, darin zu leben. Arme Trottel! Geprellte Gauner!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 17 September 1924

Bei uns hier drinnen dreht sich seit einer Woche die Diskussion um Vorgänge in der KP. In Österreich hat man Thomann, den „kommunistischen“ Verhinderer jeder Revolution dort im Jahre 1919, jetzt – 1924 – wegen „parteischädigenden Verhaltens“ ausgeschlossen. Man findet ihn plötzlich zu „reformistisch“, in Deutschland schließt man umgekehrt Leute wie Schumacher etc. aus, die sich weigern, jeden reformistischen Rückhopser mitzutanzen. Die Ausgeschlossenen aber werden, die „linken“ wie die „rechten“ nach Moskau kommandiert, wo sie von Apfelsinowjew bis zur Fruchtreife eingeweckt werden. Der Fall Schumacher liegt sehr interessant. Er ist einer der linken Gewerkschaftsführer, der von den Amsterdamern wegen der „Zellenbildungen“ ausgeschlossen wurde und dann in den „roten“ Gewerkschaften Losowskys führend tätig war. Dieser eigenartige Zwitter war von je nicht lebensfähig. Die Moskauer Ganzgescheiten hatten diese „Union der Hand- und Kopfarbeiter“ gegründet, um durch eine Kreuzung von syndikalistischer und freigewerkschaftlicher Organisation den Amsterdamern wie der Freien Arbeiter-Union (Syndikalisten) langsam Mitglieder abzuziehn, und sie in Gewerkschaften zu sammeln, die vollständig in Abhängigkeit von der „Komintern“ gehalten werden sollten. Daß Losowsky als Marxist die Organisationsform eines strammen obrigkeitlichen und kasernenhaften Zentralismus mit sämtlichen Bürokraten-Einrichtungen der „freien“ Gewerkschaften schuf, versteht sich von selbst. Man hätte also einfach sagen können: alle kommunistischen Parteimitglieder sind verpflichtet, aus den alten Organisationen aus- und in die neuen einzutreten; denn nur an der Führung liegt’s, und wenn jetzt revolutionäre Führer von der KP verbürgt werden, kann nichts mehr fehlen. Aber man fühlt sich ja als besonders gerissene Taktiker, und so wurde gesagt: die Kommunisten müssen immer in engster Fühlung mit den Massen bleiben. Infolgedessen darf kein Kommunist aus den alten Zentralverbänden austreten (wobei man aber den Austritt aus der F. A. U. und den Unionen, konsequent wie man mal ist, als Parteidisziplin forderte). Nur die Rausgeschmissenen müssen unter Losowskys Fahnen gesammelt werden. Die Leipartei ist zwar schofler aber lange nicht so stupide wie die Mos-Wiederkauer. Sie wußte gut, daß sie getrost die kommunistischen ehrlich gegen die Kapitalisten erbosten Gewerkschaftskollegen hundertweise rausschmeißen durfte, daß ein paar tausend Ausgeschlossene sich getrost zusammenschließen mochten, ohne deshalb die geringste Gefahr für die Millionen-Organisation mit ihren riesigen Kassenschränken zu werden. Überdies hatte die sogenannte „Union der Hand- und Kopfarbeiter“ (Der Name bezweckte durch seine Ähnlichkeit mit denen der Fr. A. U. und der A. A. U. und A. A. UE (der Betriebsorganisationen)[,] von Außenstehenden als eine anders organisierte Einrichtung angesehn zu werden) mehrfach mit „freien“ und christlichen Gewerkschaften zusammen bei Streiks eine recht zweideutige Haltung eingenommen und war vielen revolutionären Proletariern schon dadurch verdächtig geworden. So war es kein Wunder, daß man in Moskau an dieser ganzen Gründung keine rechte Freude hatte, und als man jüngst den 5. „roten“ Gewerkschaftskongreß in Moskau abhielt, wurde kurzerhand beschlossen, die Losowskyschen Formationen sollten ihren Anschluß an Amsterdam betreiben; wer aus den alten Gewerkschaften austrete, sei kein Kommunist; und wer ausgeschlossen worden sei, habe sich wieder aufnehmen zu lassen. Dagegen hat sich Schuhmacher gesträubt, und nun geht durch die Reihen der Genossen hier drinnen die Auseinandersetzung, ob er recht hat oder ob sein Ausschluß in der Ordnung ist. Die ganz strammen Disziplin-Parteihengste billigen natürlich, wie sie auch stets jeden Moskauer oder Berliner Zentrale-Beschluß als letzte unfehlbare Weisheit billigen, auch die Disziplinierung der Schuhmacherzunft. Die andern, temperamentvolleren, revolutionäreren Charaktere, wie Sandtner vor allem, mucken auf. Daß aber hier Unrecht geschieht, das konsequenterweise geschehn muß, sehn sie alle nicht. Das Losowskysche Erzeugnis erkennt keiner als totgeborenes Kind, als die ausgekratzte Nachgeburt der Zentralverbände, die durch das raffinierteste Galvanisierungsverfahren nicht lebensfähig gemacht werden konnte. Und daß der Fehler im marxistischen Zentralisationsprinzip liegt, wollen sie erst recht nicht zugeben. Ich glaube, daß sie es erst begreifen werden, wenn auch die Partei selber die Konsequenz aus der Theorie des Zentralismus gezogen haben und reumütig in die Mutterarme der S. P. D. zurückgekehrt sein wird. Und das wird geschehn, so wild sich die feindlichen Brüder auch jetzt noch beschimpfen. – Spazierhof.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 18. September 1924

Endlich scheint schönes Wetter bleiben zu wollen. Es ist zwar noch kühl, aber seit heute völlig wolkenlos, und wenn die Zeitungsmetereologen recht haben, so soll eine „amerikanische Trockenwelle“ uns bis Ende November gutes Wetter bescheren. Hoffentlich. Allerdings wird mein Tagebuch darunter zu leiden haben; denn ich will ausnutzen, was an frischer Luft und Bewegung im Hof auszunutzen ist. Ich habe daher auch heute nur eine Viertelstunde Zeit, während Material genügend da wäre, um auch 3 Stunden zu notieren. Die deutsche Politik zeichnet sich augenblicklich dadurch aus, daß in fortlaufender Reihe Erklärungen, deren Entlarvung als Lüge, dann ein Dementi der Entlarvung und zugleich die früheren Erklärungen und wieder Richtigstellungen etc. folgen. Der Manager dieser sinnvollen Politik ist Dr. Stresemann, den man daher hierzulande auch für einen extrafeinen politischen Kopf hält. Die Verheißung der Amnestie für über 7000 politische Gefangene, die Herr Dr. Jarres ein paar Tage danach rektifizieren mußte, zeigte nur in einer innenpolitischen Kleinigkeit die Hirnlosigkeit, die der Reichsaußenminister speziell in seinem Ressort der internationalen Politik entfaltet. Er hatte den Pakt mit den Deutschnationalen geschlossen, das heißt deren 50%ige Jasagerei bei den Dawesgesetzen gekauft. Er hatte auch die geistreiche Erklärung zur „Kriegsschuldlüge“ dabei als Kaufpreis garantiert. Selbstverständlich mußte die Notifizierung der Erklärung an das Ausland nach den sehr deutlichen Winken aus London, Paris, Brüssel und Rom unterbleiben, welcher Entschluß in den Zeitungen mit Lügen und deren Abschwächungen in allen Tonarten eingegeben wurde. Noch peinlicher wurde aber die Verwicklung, als von Genf her die Lockrufe von Engländern und Franzosen kamen, Deutschland solle in den Völkerbund eintreten. Stresemann wand sich auf die Anzapfungen der republikanischen Presse wie ein Wurm und redete sich dann darauf hinaus, die Genfer Reden erhielten noch keine zuverlässigen Sicherheiten, daß man auch freundlich aufgenommen würde. In London sei über die Frage mit keinem Wort verhandelt worden. Jetzt kommt aber der Lord Parmoor und andre Engländer und erklären, man habe, Marx und Stresemann privat zum Frühstück eingeladen, und da sei damals über garnichts andres geredet worden als über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund. Am 15. Oktober soll nun der Reichstag zusammentreten, und man wird ja dann erfahren, wie weit zugegeben wird was sich auf die Dauer nicht abstreiten läßt. Auch die Briefe von Marx an MacDonald, Herriot etc. wegen der Kriegsschuldnote sollten ja nie geschrieben sein, bis die französischen Zeitungen sie reproduzierten – Ich hätte gern noch über die letzten Justizereignisse – das entsetzliche „Staatsgerichtshof“-Urteil gegen die Elberfelder Kommunisten wegen der Entwaffnung („Beraubung“) einiger Schupoleute zu 8 – 12 Jahren Zuchthaus – etwas notiert und im Zusammenhang damit über die Amnestie-Aussichten, weil der Vorwärts das Elberfelder Urteil mit dieser Frage verquickt. Ich denke, morgen werde ich das nachholen können und zugleich die damit in Zusammenhang zu bringenden nationalsozialistischen Verhaftungen in Bayern erörtern können. Heute ist dazu keine Zeit mehr.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 19. September 1924

Also – es ist wieder knapp vor der Hofzeit – das Wesentliche in den eignen Dingen. Die Presse orakelt noch immer darüber, ob Hitler am 1. Oktober frei wird oder nicht. Nach der Vossischen Zeitung soll das Gericht, das darüber entscheidet, dasselbe sein, das die Herren verurteilt hat – danach wäre dann wohl die Freilassung sicher; Neithart, Leyendecker, Simmerding brauchen nicht zu urteilen, – sie brauchen bloß zu fragen: Kommunisten oder Völkische? Arbeiter oder Offiziere? und das „Recht“ ist gefunden. Nun hieß es seit einiger Zeit, die Herren Röhm, Brückner etc. bereiteten eine große Aktion vor, um eventuell die Freilassung ihrer Götzen zu erzwingen. Ich sprach vorgestern darüber mit Sauber und meinte, vielleicht werde es jetzt so kommen, daß man Brückner, den Haupttreiber, verhaften, d. h. ihm seine Bewährungsfrist entziehn, seine Komplizen in Schutzhaft stecken, dann Hitler, Kriebel und Weber am 1. Oktober entlassen werde, wobei man dann auf die Energie gegen Brückner hinweisen und den Verdacht abweisen könnte, unter Zwang gehandelt zu haben. Wir aber und die 35 Nationalsozialisten, denen man die Bewährung nachträglich gestrichen hat, werden solange weiterhin sitzen müssen, bis der Landtag beisammen sei, der dann die halbangekündigte Amnestie beschließen dürfe. Diese Kombination erfuhr schon gestern eine gewisse Bestätigung durch die Nachricht, daß Brückner nebst einigen Kameraden verhaftet sei – und zwar wegen Zugehörigkeit zu geheimen Verbänden „Frontbann“, „Frontring“ und dergleichen Ludendorffschen Schöpfungen.

½ 6 Uhr. Ich war jetzt die vollen 3 Hof-Nachmittagsstunden unten, kann aber, da das Abendbrot heute später als gewöhnlich kommt, noch ein wenig in der Eintragung fortfahren. Meine Vermutung ist, daß man in Bayern dem Reich gegenüber bindende Verpflichtungen auf sich genommen hat, in der Angelegenheit Fechenbach und in der der Räterepublikaner selbst etwas zu unternehmen, welche Verpflichtungen dafür maßgebend waren, die Amnestiegesetze im Reichstag vorerst abzulehnen und die 3. Lesung des Volksgerichtsgesetzes bis nach den Ferien zu verschleppen. An der Annahme dieses Gesetzes ist nicht mehr zu zweifeln, nachdem der eben beendete Juristenkongreß in Heidelberg eine Resolution gefaßt hat, nach der Urteile ohne Wiederaufnahme-Möglichkeit in Deutschland künftig prinzipiell ausgeschlossen sein sollen. Damit würde also wohl auch für uns die Wahrscheinlichkeit steigen, daß das Volksgerichtsgesetz auf die Standgerichte ausgedehnt wird – falls dann nicht ohnehin die Wiederaufnahme zulässig ist. Ich habe jetzt meine 3 Rechtsvertreter – Radbruch, Pestalozza und Fraenkl – gebeten, sich danach zu erkundigen, ob die bayerischen Standgerichte, die 1813(!) eingeführt wurden, ebenso wie die „Volksgerichte“ von 1919 ewige Geltung auch dann für die Urteile beanspruchen können, wenn sie sich offenkundig geirrt haben. Falls das Gesetz die Wiederaufnahme erlaubt, möchten sie sie ohne Rücksicht auf mögliche Begnadigung sofort in die Wege leiten, andernfalls feststellen, ob die Urteile der Standgerichte auch dann noch Bestand behalten, wenn die Unzuständigkeit dieser Gerichte wie in unserm Fall bündig bewiesen werden kann. Ich habe bei dieser Gelegenheit Radbruch auf die neueste Infamie des „Vorwärts“ in der Amnestiefrage aufmerksam gemacht. Bei einer Glossierung des Urteils gegen die armen Elberfelder Genossen – denen sich im Augenblick grade das gegen die Münsterer Dynamitarden gegenüberstellt, die dort das sozialdemokratische Blatt in die Luft sprengten: 5 Jahre Zuchthaus – also Mindeststrafe – bedauerte der Vorwärts zwar die angeblichen Opfer der KPD-Führung, meinten aber, sie würden die Strafe ja nicht abzubüßen brauchen. Denn sobald die Kommunistische Partei die Erklärung abgegeben hätte, daß sie sich künftig hin nur legal betätigen wolle (mit andern Worten: ihre revolutionäre Gesinnung abschwört) wäre eine Amnestie sicher da; tue sie das aber nicht, so sei das natürlich der Tod der KP, und ist der eingetreten, so sei die Amnestie ebenfalls fällig. Also die gemeinste Verhöhnung der politischen Gefangenen von der Partei aus, die heute noch mit dem Sozialistengesetz renommiert, das sie siegreich überwunden habe (und heute durch ihre eigne Regierungspraxis längst weit in den Schatten gestellt hat), und die jahrzehntelang – bis 1914 – nach jeder Versammlung ihre belogenen und mißleiteten Markenkleber das dreifache Hoch brüllen ließ auf die „Internationale, revolutionäre, völkerbefreiende Sozialdemokratie![“] – Radbruch wird nicht sehr erbaut sein von den taktlosen Denunziationen, die er von seinem Klienten andauernd gegen seine eigne Partei empfängt, – aber da kann ich ihm nicht helfen. Möge er dafür sorgen, daß die Gelegenheit zu solchen Denunziationen weniger häufig wird.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 23. September 1924.

Immer noch keine Anzeichen, was werden wird. Die Angelegenheit Brückner, über den nebst 4 Komplizen die Untersuchungshaft verhängt ist, wurde dem Reichsanwalt übergeben; von München ist das schon alles Mögliche. Aber die Bayerische Volkspartei mimt immer noch große Entrüstung gegen die Völkischen. Herr Held hat diesmal in eigner Person die Bauernparade in Tuntenhausen abgenommen und hat dabei gewaltig vom Leder gezogen, und zwar diesmal gegen Ludendorff direkt, dem er seine Angsttelegramme an die Berliner Regierung vom Oktober 18 hinreibt und sogar seine Feldherrnqualitäten deutlich genug in Zweifel zieht. Natürlich haut er auch nach links auf uns „Novemberverbrecher“ los und sichert sich den Beifall dadurch, daß er meint, wenn man denn durchaus einen Diktator haben wolle, so müsse das der bayerische König sein. Im übrigen die ollen Kamellen: 2. Kammer, Staatspräsident, Schutzzölle, kein Eintritt in den Völkerbund. Gleichzeitig aber läßt eine Zentrumskonferenz in Baden Herrn Reichskanzler Marx eine Rede schwingen, in der er unter Beifall zu verstehn gibt, daß heute das Reichskabinett die Anmeldung beim Völkerbund beschließen werde. Einen neuen Konflikt mit Bayern wird’s deswegen wohl nicht geben. Denn, wenn ich richtig taxiere, wird Herr Held der wuchtigen Rede vor den Bauern bald genug eine gedämpfte vor den Städtern folgen lassen, vielleicht beim Zusammentritt des Landtags, der wohl anfangs Oktober erfolgen wird. Die Kommunisten haben schon einen Antrag dazu eingereicht, der diesmal scheinbar sehr vorsichtig und klüger als früher gefaßt ist, nämlich die Regierung aufzufordern, sofort einen Gesetzentwurf für eine allgemeine Amnestie vorzulegen. Mindestens werden die Herrn Held und Gürtner also wieder Farbe bekennen müssen, und dann wird sich ja zeigen, ob meine Kalkulation, daß schon mit Berlin Abmachungen getroffen sind, richtig oder falsch war. Für die Annahme, daß unsre Qual dem Ende entgegengeht, spricht sehr stark die außerordentlich linde Luft, die nun schon monatelang durchs Haus weht, – die Bemerkung des Herrn Fetsch Millmann gegenüber (bei Tollers Abschiedsvorlesung), daß die Verwaltung mit den Festungsgefangenen harmonisch auskommen möchte, findet tatsächlich ihre Bestätigung. Zwar werden auch jetzt noch ziemlich viele Zeitungen und Druckschriften zurückgehalten, dagegen erfreut sich unsre auslaufende Post einer Toleranz, die wir bisher noch nicht erlebt haben, und es ist wahrhaftig eine große Erleichterung des gesamten Daseins, daß man in seinen Briefen sich nicht fortgesetzt davor zu ängstigen braucht, daß die Zensur den Brief wegen eines unbedachten Worts zu den Akten nimmt. Auch ist seit Tollers Fortgang erst eine einzige Disziplinierung vorgekommen. Kürzlich erhielt Hackl 3 Tage Hofentzug, weil er einem Strafgefangenen eine Zigarette gegeben hatte, eine Sünde, auf die seit über 3 Jahren Einzelhaft stand. Freilich ist die Verbindung mit den armen Teufeln von Strafgefangenen oft überhaupt nicht zu vermeiden, denn die Leute – und nicht nur die in unsern Räumen beschäftigten „Hausl“ – nähern sich einem, wo sie irgend können, meistens um etwas zu bekommen, manchmal aber auch, um einem irgendeinen Beweis von Sympathie zu geben. Die Leute müssen sich viel mit uns beschäftigen und sind sehr stolz, wenn sie uns mal etwas Neues und Interessantes mitteilen können. So erhielt ich dieser Tage – in einer Form, die ich überhaupt nicht hätte ablehnen können, ohne den armen Kerl der Gefahr schwerer Disziplinierung auszusetzen (wobei noch nicht mal sicher gewesen wäre, ob man mir geglaubt hätte, daß ich unbeteiligt war), einen Zettel, der u. a. folgenden Satz enthält: „... Seid aber Ruhig und Stillschweigend den es komt ja alles weg. Ich Mache Euch schon Nochmals darauf Aufmergsam in Einigen Tagen. Aber aber Stillschweigend.“ Ich werde die Aufforderungen des Mannes, wie ich weitere Mitteilungen erhalten würde, nicht befolgen, – hauptsächlich seinetwegen nicht, obwohl ich wohl wissen möchte, ob die Gefängnissträflinge tatsächliche Kenntnisse haben oder ob sie bloß irgendeine Äußerung eines Beamten aufgeschnappt haben und daraus gleich die verwegensten Schlüsse ziehn. Zur Zeit werden im Haus große Umänderungen an der Elektrizitätsanlage vorgenommen. Jetzt sind die Elektriker noch im Parterre tätig. Wenn sie in unser Stockwerk kommen, müßten wir für die Zeit umgelegt werden. Vielleicht wird das Ende dieser Woche schon soweit sein. Möglich auch, daß man vorher den II. Stock vornimmt, wo immer noch ein reges Kommen und Gehen von Schutzhäftlingen weitergeht. Will man uns tatsächlich schon in einer nach Tagen zählbaren Frist loslassen, so ist das wohl das Wahrscheinliche. Quartiert man uns aber noch auf einen andern Gang, so ließe das wohl den Schluß zu, daß man den Betrieb hier vorerst weiterführen will. Die für uns interessanteste Entscheidung wird jedenfalls der 1. Oktober bringen. In einer Münchner Bürgerbräu-Versammlung (mit Ludendorff als Referenten) hat Dörffler erzählt, er komme grade von Hitler in Landsberg, dessen Freilassung am 1. Oktober deswegen sicher sei, weil seine Führung am Strafort vorbildlich gut gewesen sei (das wird für ihn nicht schwer gewesen sein, da man es ihm kaum schwer gemacht haben wird). Er werde dann wieder die Führung der Partei übernehmen. An einen Putsch denke er garnicht, da die Umstände sich völlig verändert hätten. Er werde nur für die Befreiung des Vaterlands kämpfen (von den Juden). Dann hieß es, Hitler käme allerdings heraus, die Regierung werde ihn aber sofort ausweisen, und nun meldet die Allgemeine Zeitung, auch das sei nicht richtig: wenn er herauskomme, werde die Regierung sich die Ausweisung für den Fall vorbehalten, daß er sich unliebsam benimmt. Ob er aber herauskomme, hänge noch von der Feststellung ab, ob er in die Brücknersche Frontring-Affäre verwickelt sei. Es ist also alles noch ein großes Raten und Kombinieren, und möglich ist immerhin, was manche Genossen meinen, daß man Gründe schaffen wollte, ihn vorläufig hocken zu lassen und deswegen jetzt die Verhaftungen seiner Kameraden vorgenommen hat. Liegen die Dinge wirklich so, so wäre wohl sehr bald die große Stunde für uns gekommen. Denn dann würden und müßten die Deutschnationalen auf die Amnestie drücken, die für die Bayerische Volkspartei nicht mehr ohne unsre Einbeziehung zu verschmerzen ist; da haben sie sich festgelegt. So bin ich also schon mal wieder – wenn diese Tagebücher einstens ans Licht gezogen werden, wird man zählen können, zum wievielten Male – sehr optimistisch. Diesmal wirkt aber außer der großen, immer wachsenden Sehnsucht nach Zenzl auch die Angst mit, wie es mir gehn wird, wenn am 9. Oktober mein letzter treuer selbstloser Freund fortgegangen sein wird: der Gustl. Wenn auch der Zäuner Sepp die Betreuung weiter besorgen wird, so nahe stehn wir uns nicht, und ich werde immer das Gefühl haben, aus Pflichtgefühl, statt wie jetzt aus freier Hilfsbereitschaft versorgt zu werden. Und einen Monat später ist auch der fort.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 25. September 1924

Unter Würgen und Ächzen hat das Berliner Kabinett unter dem Vorsitz des Taktvollen einen welthistorischen Beschluß gefaßt: nämlich urbi et orbi zu verkünden, daß die deutsche Reichsregierung den Beitritt zum Völkerbund „erstrebt“. Hieraus wird nicht gefolgert, daß man nun dem immer noch in Genf versammelten Völkerbeschwindlungsklub (bloß die Häupter sind vor 3 Wochen abgereist, als der Marxist Ebert und der Ebertiner Marx stresemannhaft gegen ihre Sirenentöne taub blieben, sie sollten doch beitreten) daß man dieser Gaunerfirma den Beitritt gleich angemeldet hätte, – bewahre, man nimmt erst „Sondierungen“ vor, ob man denn auch wirklich erwünscht sei, ob man als gleichberechtigte Großmacht mit ständigem Sitz im Rat zugelassen würde, und wie es heißt, möchte man auch gleich Bedingungen stellen, die so hanebüchen dumm sind, daß man sie als langjähriger Beobachter deutscher politischer Künste und speziell als Kenner der politischen Taten des Herrn Stresemann für hochwahrscheinlich halten muß. Augenblicklich reden nämlich die Genfer Welthalunken darüber, wie sie den Völkern paragraphenmäßig weiß machen können, daß künftig „nie wieder Krieg“ sein wird, ohne daß deshalb die Voraussetzungen aller Kriege als Imperialismus, Kapitalismus, „Kolonialpolitik“ etc im geringsten angetastet zu werden brauchten. In China geht es immer wüster zu; die Regierungen derselben „Völker“, die in Genf die Kriege durch Verbot aufheben wollen, besolden die einander in der Mandschurei und bei Shanghai und Peking abschlachtenden Chinesengruppen, um ihnen dann allesamt das Fell über die Ohren zu ziehn. Am Balkan – Bulgarien, Mazedonien – wird gemordet, wie in Deutschlands besten Noske-Tagen, und zwar natürlich auf Anstiftung der Kapitalistengruppen, die ihre Prokuristen in Genf das Heil des ewigen Friedens beschließen lassen. Man hat jetzt in Kommissionen zu diesem Zweck ein schönes Programm entwerfen lassen, das ungefähr dem entspricht, was man schon in den Jahren 1899 und 1907 im Haag beschlossen hätte (ohne damit den Krieg 1914 aufzuhalten), wenn nicht deutsche Offiziere ihren Zukunftsruhm dadurch gefährdet geglaubt hätten und jede Geste, als ob man sich überhaupt unter Umständen auf Völkerbestehlung durch gegenseitiges Übereinkommen der Staaten statt Krieg besinnen könnte, verhinderten. Da heißt es u. a., daß gegen jeden Angreifer – und man hat x Punkte aufgestellt, die den Angreifer dingfest machen sollen, alle andern zusammenstehen und jeden Beistand zur Verteidigung des Angegriffenen leisten sollen, darunter auch den vom Völkerbund als Verteidiger anerkannten Heeren den Durchmarsch gestatten müßten. Ausgerechnet gegen diese Verpflichtung möchte sich ausgerechnet Deutschland einen Ausnahmeartikel sichern – das ist Außenpolitik Stresemannschen Kalibers: den Ländern, die meinen, wenigstens das entwaffnete Land werde keine hinterhältige Aggressivität mehr riskieren, jetzt zu sagen, – auch wir sind für den ewigen Frieden, aber nur bis wir wieder Krieg führen können, und wenn etwa die Polen über die Tschechen her- oder die Littauer von den Polen abfallen und wir sind am Geschäft der Angreifer beteiligt, dann werden wir uns hüten, den Franzosen den Durchmarsch durch unser Gebiet zu erlauben. – Natürlich lassen die Herren Herriot und MacDonald in ihren Journalen schon verschnupft erklären, daß an Ausnahmeparagraphen zu Gunsten Deutschlands garnicht zu denken sei, – aber natürlich gleiche Rechte und gleiche Verpflichtungen. Es ist natürlich alles, was in Berlin gemacht wird, nur Theater. Der Beitritt zum Völkerbund geschieht unter allen Umständen, und zwar unter jeder Bedingung, die die Ententestaaten stellen. Momentan ist der Beitritt am billigsten zu haben, allerdings war er vor 3 Wochen noch billiger –; je länger die Marximalisten zögern, umso teurer wird das Geschäft. – Ich muß schließen, um zu andern Beschäftigungen zu kommen. In München starb der Justizrat Benedikt Bernheim, der juristische Beirat der Münchner Sozialdemokraten und speziell der Münchner Post, die gleichzeitig auch ihren 85jährigen Verleger G. Birk begraben muß. Ich kannte Bernheim ganz oberflächlich. In besonderer Erinnerung ist er mir deswegen, weil ich mich mal von ihm überreden ließ, einen Artikel im „Kain“ nicht zu bringen, um den es mir heute noch leid tut. Es handelte sich nach der „Königsproklamation“ Ludwigs III darum, daß bei dem unheimlichen Segen von „Ludwigskreuzen“ auch Auer und, glaube ich, Witti so ein Ding abkriegten, nachdem sie auf Anfrage vom Hofmarschallamt sich zur Annahme bereit erklärt hatten. Da der „Vorwärts“ Krach schlug und die Sache sich zu einem großen Parteiskandal auszuwachsen drohte, mußte unser Auervater den lieben Orden seiner Majestät wieder zurückschicken. In jenen Tagen traf ich Bernheim, der selbst das Gespräch auf die Sache brachte, sie als ein völlig harmloses Mißverständnis hinstellte und mit seiner advokatischen Rabulistik so einleuchtend alles für die Auerlichter Kompromittierende auseskamotierte, daß ich mich leider breitschlagen ließ und in meinem Blatt von der ganzen Geschichte, die sich dann doch als tollste Charakterlosigkeit Auers erwies, vollkommen schwieg. Da hat der tüchtige Rechtsanwalt ein hervorragendes Verteidigerstückchen geleistet. Aber was er 1913 zu verhindern wußte, das soll doch noch eines Tages folgen. Erhard Auer will ich nichts ersparen – und sein kluger Apologet ist tot.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 26. September 1924

Jetzt haben wir uns hier drinnen monatelang mit der Frage beschäftigt, ob und wann uns die Regierung freilassen werde – und nun schwirren plötzlich Gerüchte durchs Haus, die bedenklich mit dem übereinstimmen, was mir neulich der Strafgefangene herüberkassiberte, und die, da sie aus andern Quellen fließen, und zwar aus den verschiedensten, ein gefährliches Maß an Glaubwürdigkeit erreicht haben. Es heißt, Niederschönenfeld – daher die Elektrizitäts-Arbeiten – werde wieder zum Gefängnis für Jugendliche hergerichtet, Festungs- und Schutzhaftgefangene kommen fort, und unsre Verlegung stehe im Oktober bevor. Da aus Gesprächen von Aufsehern untereinander herausgehört wurde, daß am 10. Oktober etliche von ihnen hier wegversetzt werden, da außerdem der Oktober der Monat ist, der in Bayern von jeher als Verrechnungsgrenze und als Termin aller größeren Veränderungen im Staatsdienst feststeht – auch vor 4 Jahren fand ja die Auflösung der Festungsanstalten in Ansbach und Plassenburg im Oktober statt – stimmt alles zusammen. Was übrig bleibt, sind Kombinationen. Meine Hoffnung, daß die Entleerung dieses grauen Hauses verbunden sein wird mit der Entlassung aller – in Betracht kommen für eine durchgreifende Aktion ja doch nur noch wir 4 Räterepublikaner von 1919 her: Sauber, Karpf, Olschewski und ich, da alle andern binnen 2 Monaten ohnehin ihren Strafrest verbüßt hätten – und Faust wird man doch keinesfalls noch lange festhalten wollen –, diese Ansicht wird, außer von Sauber, von niemand geteilt. Man spricht von Eichstätt, von Landsberg(?); in Betracht käme wohl noch Günzburg oder eines der jetzt beim Justiz-„Abbau“ aufgelassenen Gerichtsgefängnisse. Na, ich denke, in 14 Tagen werden wir Bescheid wissen. Kommt es wirklich noch zu einer Verlegung in eine andre Anstalt, so müßten wir uns das allerdings als einen neuen Zusammenbruch unsrer Freiheitshoffnungen für lange Zeit deuten. Ein Trost läge allenfalls darin, daß wir aus diesem entsetzlich ungesunden und ekelhaften Bau fortkämen – dafür freilich auch den schönen großen Hof, den unsre Genossen liebevoll zu einem prächtigen Garten emporgepflegt haben, vielleicht mit einem so elenden Loch vertauschen müßten, wie seinerzeit der Hof in Ansbach war. Die wichtigste Frage aber wäre in diesem Falle die, ob damit eine Änderung in der Behandlung verbunden wäre, vor allem, ob die Besuche wieder in einer Form zugelassen würden, die nicht wie es nun 4 lange scheußliche Jahre war, jedes Wiedersehn zu einer Qual für Mann und Frau machen, sondern eine kurze Freude ermöglichen wird. Für mich verbände sich damit noch die Gelegenheit wieder nach Belieben einen Arzt konsultieren zu können, und der Gedanke allein, überhaupt einmal wieder einen Fuß aus diesem infamen Stall und in andre örtliche Verhältnisse setzen zu können, läßt mich den Gedanken an die Unbequemlichkeiten des Umzugs – bei neuen schweren Gefahren für meine Tagebücher (dies ist das 6te seit der Disziplinierung vom März 23) – etwas leichter empfinden. Aber trotz allen bemerk[b]aren bösen Anzeichen – vorläufig mag ich nicht dran glauben, daß ich wirklich, wenn endlich diese Niederschönenfelder Zwingburg hinter mir liegt, wieder nicht bei meiner armen Zenzl sondern an einer Stätte ähnlichen Kalibers mein bald etwas müdes Herz ausruhen soll. Ob denn wirklich das Rachebedürfnis der bayerischen Kirchenpatrioten niemals gesättigt werden kann?

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 27. September 1924

Die Bestätigungen dafür, daß wir in 14 Tagen nicht mehr hier sein werden, mehren sich. Die Monteure arbeiten jetzt, nachdem das Parterre fertig ist, im Dachgeschoß und es wurde von einem unserer Genossen die Äußerung aufgefangen, daß die beiden von uns und den Schutzhaftgenossen bewohnten Stockwerke erst drankommen, wenn wir alle fort sind, und heute fiel wieder eine Bemerkung, nach der in 14 Tagen „alles herum“ sein werde. – Sonderbarerweise kaprizieren sich fast alle Genossen darauf – und jetzt ist auch Sauber zu deren Ansicht bekehrt –, daß wir nirgends wo anders als in Eichstätt einquartiert werden. Heute lesen wir nun in den Zeitungen die Meldung, die anders nie zu erwarten gewesen ist: daß Hitler und Kriebel am 1. Oktober bei 4jähriger Bewährungsfrist freigelassen werden, während über Dr. Weber noch nicht entschieden ist, da erst festgestellt werden soll, ob er in irgendeiner völkischen Affäre gegen das Republikschutzgesetz die Finger in der Schüssel gehabt hat. Die „Linken“ fordern, der Oberstaatsanwalt müsse gegen die Entscheidung der Herren Neithard, Leyendecker und Simmerding Protest erheben, worauf dann noch die höhere Instanz befragt werden müßte. Das ist natürlich blague. Zunächst bezweifle ich, daß irgendwelche Amtsstelle die Entlassung angreifen wird, wenn aber, daß irgendwelche höhere bayerische Instanz anders urteilen würde als das Landgericht. Auf meine Genossen hat die Entscheidung wie ein Kaltwassersturz gewirkt, obwohl es bisher allen ganz selbstverständlich war, daß keine andre getroffen werden würde. Sie sehn in dieser Bevorzugung der Nationalsozialisten den Beweis, daß man uns erst recht weiter pisacken wird. Ich erkenne zwar darin nicht den Beweis für das Gegenteil, glaube aber ganz entschieden, daß unsre Aussichten sich dadurch zum mindesten nicht verschlechtern. Es werden doch jetzt selbstverständlich alle sogenannten „linken“ Blätter, ausgenommen in Bayern, wo die Auerochsen nicht dürfen, weils der Auervater nicht haben will, großen Lärm machen und die unterschiedliche Justiz dieses Landes an den Fällen Landsberg und Niederschönenfeld ad oculos demonstrieren; wenn nun gar nahezu gleichzeitig Hitler frei wird und wir in eine neue Korrektionsanstalt kommen, so gäbe das einen Stunk, der der Bayerischen Volkspartei doch vielleicht fatal wäre, zumal Helds Tuntenhausener Fanfare gegen die Ludendörfferei dadurch vor aller Welt als leere Polemik, hinter der nicht die Spur von Macht oder Tatwillen steckt, entlarvt wäre. Für mich bleiben unsre Chancen vorerst unberührt. Ich würde mich nicht wundern, wenn die nächsten Tage weitere Überraschungen günstiger Art brächten, etwa daß die angekündigte Beratung stattgefunden und nun öffentlich bekannt gegeben wird, daß das Staatsministerium der Justiz bzw. die Regierung eine Entschließung an den Landtag bringen werde, wonach die inhaftierten Kommunisten und Nationalsozialisten bedingt oder gänzlich begnadigt werden sollen. – Meine Genossen hier, deren Stimmungspolitik von ihrer marxistischen „wissenschaftlichen“ Erkenntnis aller, aber auch aller Dinge nicht beeinträchtigt wird, sind ängstlich, weil die Deutsche Volkspartei jetzt die Rechnung an die Deutschnationalen bezahlen will und von Ebert und Marx die Verteilung von Ministersitzen an die Mampe (Halb und Halb)-Partei fordern. Zunächst ist mal ganz zweifelhaft, ob das Zentrum, wo Wirth eben mal wieder den Brei rührt, um seine glorreiche Kanzlerschaft wieder herbeizuführen, jetzt für den „Bürgerblock“ zu haben ist, und wenn, so ist es m. E. für uns gänzlich egal, aus welchen Klüngeln sich die Reichsregierung zusammenfindet. Wir haben unter Radbruchs Ägide noch weniger zu lachen gehabt als unter Emmingers. Politik in einer „parlamentarischen Demokratie“ wird nach Zweckmäßigkeitserwägungen eingerichtet, wie sie der Tag aus den Büros der Industriellen oder aus den Kabinetten des Auslands daherschwemmt. Daß man dabei fast immer die dümmsten Schlüsse aus der Situation zieht, ändert nichts am Prinzip und ist überdies deutschrepublikanisches Reservat. Insofern könnte aber die „Erweiterung der Koalition“ nach rechts für uns nützlich sein, als sie den Anlaß zu der „Krise“ geben könnte, die die Sozi brauchen, um Neuwahlen herbeizuführen. Diesmal bliebe den Scheidemännern wirklich nichts andres mehr übrig, als die Amnestie zu einem Programmpunkt ihrer Wahlagitation zu machen, und da würde die Konkurrenz mancher Sorte wohl veranlaßt werden, sich auch ihrerseits zu verpflichten. Denn das heißt ja bei uns Politik treiben, daß man nichts aus Überzeugung macht (nicht einmal Opposition, denn die Sozi wie ihre rechten Antipoden, die Deutschnationalen drohen immer dann mit Opposition, wenn ihnen kein hinreichender Versorgungsraum für ihre Parteidiätare vom Staat zur Verfügung gestellt wird; sonst schlucken sie alles, die Einen die Ermächtigungs-, die anderen die Dawesgesetze), sondern alles aus persönlichen Gründen. Die lieben Sozi aber sehn allmählich alle Felle davonschwimmen. Nachdem der Fall Leinert – der Herr ließ sich mit den Bürgerparteien auf einen Pakt ein, wonach er als Oberbürgermeister von Hannover sich abbauen ließ – aus Sparsamkeitsgründen! –, wenn man ihm lebenslänglich sein volles Gehalt weiterzahlen würde; und nun sind die Parteien, die ihm das Schriftstück vorlegten, noch so nobel, ihn wegen Bestechlichkeit zu verfolgen, und der saubere Leinert selbst, annoch Präsident des preußischen Landtags und wilder Kommunistenverfolger, hat bereits das in solchen Fällen notwendige Sanatorium aufgesucht – nachdem dieser Fall eben halbwegs erledigt ist, muß jetzt der anscheinend anständige T[h]üringische Bankpräsident Löb, Jude und Sozialdemokrat, was allerdings in dieser sozialen Republik reichlich ist, den Tritt der Thüringer Nationaille hinnehmen, die dem Mann einen Jauchekübel voll Infamieen nachschüttet. So wird den armen Staatsrettern von 1914 und 18 das der Revolution gestohlene Geschirr wieder ausgespannt und sie möchten durch Wahlen retten, was sie durch Verrat selbst getötet haben, ihr Ansehn, ihre Macht, ihre zahlenmäßige Stärke im Parlament, ihre Pöstchen und ach, ihre Sicherheit vor den Gefängnissen derer, denen sie die Schlüssel ausgeliefert haben.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 30. September 1924

Ich habe nur wenig Zeit und will daher alle große Politik – China, Genf, Amerika etc – beiseite lassen und nur unsre Angelegenheit betrachten. Da hat sich eine Änderung vollzogen, die manches von meinen Kombinationen umwirft. Die Staatsanwaltschaft hat tatsächlich gegen Hitlers Entlassung Einspruch erhoben, der aufschiebende Wirkung hat, bis das Oberstlandesgericht entschieden hat. Demnach bleiben Hitler und Kriebel morgen noch, wo sie heute sind. Darüber hinaus aber scheint es, als solle die Bewährungsfrist den beiden Herren überhaupt gestrichen werden. Es haben in Nürnberg Durchsuchungen stattgefunden, und dabei ist Material entdeckt worden, das aus Landsberg „unter Umgehung der Zensur“ (– also das geschieht auch am grünen Holz!) hinausgebracht worden ist, und das Kriebel, aber auch Hitler stark in der Frontring-Affäre belasten soll. Die Bayerische Volksparteipresse macht überhaupt Spektakel, besonders weil der Völkische Kurier jetzt die Behauptung, die Bewährungsfrist am 1. Oktober sei der Preis gewesen, um den die Laienbeisitzer des Gerichts vom Freispruch Abstand nahmen, wiederholt. Ich habe diese Feststellung seit langem unter meinen Zeitungsausschnitten, die bayerische Regierungspresse aber tut sehr überrascht und greift die Völkischen an, weil sie diese Justizkorruption – der Öffentlichkeit preisgeben. Alwin, der Kammer-Saenger schreibt im Auerlicht einen Artikel „Gerechtigkeit“, in dem er sehr zahm und leisetreterisch immerhin wagt, uns Räterepublikaner mit den Hitler-Leuten in Vergleich zu stellen. Daß wir von unzuständigen Richtern wegen Verletzung einer rechtsungiltigen Verfassung bestraft worden sind und unser Hochverrat mit Einverständnis und Mitwirkung der Mehrzahl der regierenden Minister geschah, erwähnt er natürlich nicht. – Nun, Mitte Oktober tritt der Reichstag und der bayerische Landtag zusammen. Die Frage, ob wir dann überhaupt noch hier sind, bzw. wo wir sind, ist weniger wichtig als die, ob man mit der „Liquidation“ der Justiz dann endlich Ernst machen wird. Wahrscheinlich wird man die Geschichte mit einem Kompromiß erledigen, so etwa, daß gegen Weihnachten eine Teilamnestie eintritt. Bis dahin besteht höchstens noch die Aussicht, daß wir woanders eine andre Hausordnung kriegen, sodaß der morgen beginnende Monat immerhin ein Wiedersehn mit Zenzl ohne Zeugen bringen könnte. Nach 4 Jahren Witwenschaft wäre auch das schon ein Segen vom Himmel.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 4. Oktober 1924

Tausend Störungen, Verpflichtungen, Hemmungen, Nervositäten lassen mich das Tagebuch seit einiger Zeit ganz vernachlässigen. Vor allem kommen fortwährend Briefe, die gleich eine Antwort nötig machen, zumal unser Zustand hier völlig ungewiß geworden ist. Zwar wird jetzt behauptet, über unsre Verlegung von hier wisse kein Mensch etwas. Aber selbst, wenn das blinder Lärm gewesen sein sollte, müßten wir für die nächste Woche mindestens mit einer vorübergehenden Umquartierung hier im Hause rechnen. Die Elektriker, die augenblicklich in unserm Stockwerk den freien Seitengang in Arbeit haben, müssen ja auch mal bis zu unsern Zellen vordringen, und die Maurer-Arbeiten, nachher das Weißen und Reinigen macht unsre Umlegung unvermeidlich. Mir ist nichts ekelhafter als dergleichen Dinge, die einem alles durcheinanderbringen. Über unsre weiteren Aussichten läßt sich noch garnichts neues sagen. Für mich, der ich gestern das bittere Jubiläum hatte, 2000 Tage eingesperrt zu sein, beginnt mit der nächsten Woche die schwerste Zeit meiner Haft, da mein letzter naher Freund, der Gustl, am 9. Oktober in der Frühe seine Zeit hinter sich hat. In weiteren 6 – 7 Wochen werden wir dann noch 4 Mann zurückbleiben, deren Zusammenleben bei den problematischen Charakteren von Olschewski und Karpf und bitteren Feindschaft gegeneinander sehr heikel sein wird. Man kann halt nur hoffen, daß es dazu nicht mehr kommen möge. – In Genf ist nun die 5. Völkerbundsjahrestagung glücklich geschlossen worden. Man hat für alles „Formeln“ gefunden, so für die stolze Entschließung, daß Kriege fortan „verboten“ sein sollen, und da die Japaner gegen Schluß hin noch Schwierigkeiten machten, weil sie die infamen Praktiken der Vereinigten Staaten gegen die fremden Rassen erschweren wollten, fand man dann auch eine Formel, mit der der Konflikt vermieden wurde, indem man den Japanern grundsätzlich Recht gab und den Amerikanern gleichwohl erlaubt, mit den Japanern und Negern bei sich zulande zu tun, was ihnen gefällt. Sie waren sehr zufrieden, die Völkerbündler, da sie der Welt den Frieden erklärt haben und zugleich in Marokko, Bulgarien, China, Ecuador, Columbien, Georgien und Gott weiß wo noch Kanonen und Geld liefern, um Völker und Menschen aufeinanderzuhetzen. Sie sagen dabei Gerechtigkeit und meinen Petroleumquellen. Bei dieser Genfer Tagung war unser deutsches Vaterland noch nicht vertreten. Aus Angst vor Junkern und Bayern unterließ man es, aus der Annahme des Londoner Pakts die gegebene Konsequenz zu ziehn, obwohl man sie mehr als deutlich nahegelegt hat. Hingegen ist augenblicklich ein Stresemannsches „Memorandum“ an die Westregierungen internationales Gespräch, das allem Anschein nach genau so genial ist wie alle Taten dieses „besten Mannes“ der Deutschen Volkspartei. Es scheint, als ob Mac Donald, Herriot, Nansen, Branting und alle, die in Deutschland gern zivilisierte politische Formen beim internationalen Betrug der Proletarier protegieren möchten, sich verzweifelt an die Glatzen fassen, da man in der Wilhelmstraße sich offenbar immer noch einbildet, Deutschland könnte den Völkerbund dadurch zu einer Berliner Außenhandelsstelle machen, daß man sich nach Bethmannschem Rezept „an seine Spitze“ stellt. Das Memorandum, dessen Veröffentlichung auf Berliner Wunsch unterbleibt, scheint in der Tat derartige Bedingungen für den Eintritt in den Völkerbund zu stellen. Inzwischen haben die Deutschnationalen so energisch den ihnen für ihre 48%ige Jasagerei bei den Dawesgesetzen ausgestellten Wechsel präsentiert, d. h. ihre Aufnahme in die Regierung verlangt, daß wir nun wieder mitten in der „Krise“ sind, d. h. Marx verhandelt mit Westarp einer-, Breitscheid andrerseits wegen Herstellung des jetzt „Volksgemeinschaft“ zu nennenden Bürgerblocks. Da die sogenannten Deutschnationalen genauso charakter- und würdelos alle ihre Prinzipien für den Preis einiger Ministersessel verraten wie es die Sozialdemokraten schon lange gewöhnt sind, so ist eigentlich nicht einzusehn, warum sie nicht allesamt „regieren“ sollten, und da die Völkischen und die Parteikommunisten ja wahrlich auch nicht mehr übertrieben viel Grundsätze preiszugeben haben, – hat doch Clara Zetkin ohnehin schon mal für den garnicht vakanten Reichspräsidentenposten kandidiert – so ist es garnicht ausgeschlossen, daß die Parlamentsparteien, die durch das Wählen als gleiche Brüder doch längst erwiesen sind, eines Tages die Ministerpfründen ebenso nach dem Verhältnissystem mechanisch verteilen, wie sie das mit den Parlamentspfründen sowieso machen. Die Herren Kapitalisten hätten darunter nicht das geringste auszustehn. Wer ihren Staat regiert, wird auch ihren Beutel füllen. Allerdings mit der Einschränkung: wenn ein Marxist es den Bourgeois oder Sozialdemokraten vorhält, so hat er die historisch-materialistisch-ökonomischen Zusammenhänge klar erfaßt, werfe aber ich es einem Marxisten vor, so bin ich ein konterrevolutionärer Kleinbürger.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 9. Oktober 1924.

Also der Gustl ist frei, und ich muß mich dieser Tatsache fortwährend ganz von seinem Glücksgefühl aus besinnen, um auch meinerseits eine freudige Empfindung dazu aufzubringen. Ein Freund ist fortgegangen, – das ist bei allem doch der Gedanke, der mich erfüllt, und es war mein letzter Freund in der Festung. Es ist ja nicht das Bewußtsein, welche Hilfe ich von ihm hatte. Die Handreichungen, zu denen ich, ungeschickt und hilflos, auf andre angewiesen bin, werden mir jetzt auch geleistet: der Zäuner Sepp hat sich alles treulich zeigen lassen, genau wie vor 6 Monaten der Ferdl den Gustl anlernte, und tut alles für mich weiter. Aber doch ist ein großer, großer Unterschied. Ich vertrag mich gewiß auch mit dem Sepp gut – aber von Freundschaft zwischen uns zu reden, wäre – wenigstens wie ich diesen Begriff nehme, weit übertrieben, und so spüre ich doch, daß das was mir mein Seppl seinerzeit aus hingebender Verehrung, als Jüngerschaft – ich kann es wohl doch mit dem stärksten Wort benennen: aus Liebe tat, was dann vom Ernst Ringelmann, vom Ferdl und vom Gustl aus Freundschaft geschah, daß das nun eben aus Pflicht erfüllt wird. Ich hatte wohl den Gedanken, es zurückzuweisen und mir, so gut es eben gehn mag, selbst zu helfen; aber da würde ich den guten Sepp schwer beleidigen. Das kommt erst in Frage, wenn auch er – heute in einem Monat – geht, und der zwar gescheite und unterhaltende, aber schwer zu durchschauende Karpf, der sich dazu erbietet, es aus Berechnung übernehmen würde. So schwer war mir kaum je ein Abschied wie der vom Gustl, obwohl er ganz ohne Sentimentalität vor sich ging. Ich war gestern zu keinem ruhigen Gedanken fähig und fühle mich auch heute noch elend vereinsamt. Allerdings ist jawohl ein Mensch von solcher durchsichtigen Reinheit des Herzens, von einer solchen Gradlinigkeit der Überzeugung, des Urteils, der Kritik und von solcher Wahrhaftigkeit gegen sich selbst und gegen alle andern nicht leicht wieder zu finden. Er war – hierin sogar weit zugänglicher als der Ferdl – immer bereit, mir zuzuhören, wenn ich den Marxismus, wenn ich sogar die K. P. D., an der sein Herz hängt, angriff, und ich habe die vollkommene Überzeugung, daß der Gustl, wenn er draußen die Überzeugung gewinnt, daß diese Partei, wie ich es behaupte, genau so von einer ehrgeizigen Führerclique gegen die Gesamtinteressen des Proletariats mißbraucht wird wie die sozialdemokratische – daß der Mandatsschacher Selbstzweck der kommunistischen Parteipolitik ist, daß er aus dieser Überzeugung rücksichtslos die Konsequenz ziehen würde, seiner Wege zu gehn. Gustl gehörte zu den wenigen Festungsgenossen, die mir schon vom Beginn der Revolution ab nahestanden. Er war, als junger radikaler Matrose einer der Genossen, die schon im November 1918 mich bei der Begründung der Vereinigung revolutionärer Internationalisten unterstützten und die Opposition gegen Eisners Kerenski-Menschewismus unter den Massen verbreiteten. Wenn einmal wieder die Stunde rufen sollte, dann werde ich den Gustl suchen, der sein klares reines Gefühl über jede Parteidisziplin stellt, und ich werde einen Kompaß haben, der besser den Weg zeigt als alle Weisheit theoretischer Revolutionskunde. – Heute will ich von nichts anderm mehr schreiben; bloß eine Revolutionserinnerung vom 8. November 1918 wird mir durch eine Todesanzeige lebendig. Der damalige Universitätsrektor Bäumker ist gestorben, dem ich an jenem Morgen eine so unbequeme Situation bereitete, als ich von ihm verlangte, die gesamte Studentenschaft sofort zu alarmieren, was ich auch durchsetzte. Der alte Herr wird mich kaum zu seinen angenehmen Bekanntschaften gezählt haben. – Einen weiteren Nekrolog werde ich noch zurückstellen, obwohl er in dieser Stunde vermutlich schon fällig wäre: daß Anatole France auf dem Sterbebett liege, wissen wir seit Tagen, und bei dem 80jährigen noch auf Rettung zu hoffen, wäre wohl phantastisch.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 11. Oktober 1924

Mein Tagebuch ist in der letzten Zeit schlecht versorgt. Das liegt hauptsächlich daran, daß wir endlich, nachdem von Frühjahr und Sommer verteufelt wenig Himmelsglück gespendet wurde, einen Herbst von prachtvoller Klarheit und Sonnenschönheit bekommen haben. Noch immer können wir an jedem Nachmittag Sonnenbäder nehmen, und da die Verwaltung das kalte Haus trotzdem ein paar Abendstunden durchheizen läßt, – auch eines der Zeichen völliger Tendenzänderung in unsrer Behandlung – so gebe ich mich lieber unbesorgt dem herrlichen Wetter hin, als in den lichten Nachmittagsstunden die Feder zu führen. Auch heute habe ich, da nur wenige Zeitungen gekommen sind, die dadurch gewonnene Zeit nur bis zum Hofbeginn – in einer Viertelstunde – übrig, die ich dem Tagebuch widme, da ich die Korrespondenz auf morgen verschieben kann. Es wären längst allerlei politische Tatsachen fällig zum Vermerken. Aber schließlich ist die Schacherei um die Reichsministerposten in Berlin, die immer noch anhält, mir nicht übermäßig wichtig, ebensowenig das fürchterliche Ereignis, daß Herr Mac Donald in seinem Unterhaus ein Mißtrauensvotum erwischt hat, und nun, da er natürlich seine Pfründe nicht verlassen möchte, das Parlament aufgelöst hat. Über die Prügeleien in Marokko, Mossul, China, Mesopotamien etc könnte ich doch nur ins Blinde hinein orakeln, da ein klares Bild nirgends zu finden ist, und im Augenblick ist ja wirklich für uns hier genügend Anlaß, das eigne Erleben vor das Weltgeschehn zu stellen. Zwar ist bis jetzt eine Veränderung der Lage eigentlich nicht zu erkennen. Umso überraschender ist, daß plötzlich meine Zenzl ganz allarmierende Briefe schreibt. Der Jesuit Dr. Sonnenschein hat erklärt, daß er die Reise hierher jetzt nicht machen wolle, da sie vermutlich „nicht mehr nötig“ sei, da nächste Woche die Entscheidung falle. Und dies „nächste Woche“ hat Zenzl in dieser Woche mit so offenbarer Zuversicht und Gewißheit angekündigt, daß wir allmählich von ihrer Aufregung schon selber angesteckt sind. Ich bremse natürlich in meinen Briefen an sie nach Kräften, da ich nicht möchte, daß ihr wieder, wie bei der letzten Ablehnung der Amnestie im Reichstag, durch die furchtbare Enttäuschung gesundheitlicher Schaden geschieht. Aber ich frage mich: was kann im Augenblick vorliegen? Jedenfalls hat Dr. Sonnenschein in München angefragt, ob seinem Besuch bei mir etwas im Wege steht. Und wahrscheinlich hat er die Antwort erhalten, es seien grade Verhandlungen im Gange, die in der nächsten Woche entschieden wären, die aber ein Ende unsrer Haft erwarten lassen, – also die Beschäftigung des Ministerium mit der Frage einer Begnadigung, die der Staatsanzeiger als selbstverständlich anzukündigen hatte. Nun tritt der Landtag erst am 23. Oktober zusammen, soll dabei eine Rede des Finanzministers hören und sich dann zu Beratungen von Parteianträgen für eine „längere Pause“ in die Ausschüsse zurückziehn. Ich bezweifle also stark, daß selbst, wenn die Beratung zu einem positiven Ergebnis kommt, dann unmittelbar darauf hier schon die Gitter aufgehn werden. Bis Mitte November gebe ich mindestens noch Frist. Täusche ich mich darin – tant mieux. Je weniger wir hier noch beisammen sind, umso fader wird das Leben. Den lieben Sandtner-Gustl vermisse ich bitter, und ich wollte wahrhaftig, daß ich den Zäuner Sepp nicht auch noch werde zu überdauern haben. – Spazierhof.

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 13. Oktober 1924

Wir sind noch ebenso klug wie zuvor. Aus den Zeitungen läßt sich nichts finden, was als Bestätigung der von Zenzl angekündigten Wendung gedeutet werden könnte. Wenn man also die arme Frau nicht zum Narren hält – und ich kann mich der Befürchtung nie ganz erwehren, als benutzte man beruhigende Falschmeldungen als Mittel, sie loszuwerden, womit man ihre Nerven noch ganz ruiniert –, dann muß man halt die Momente zusammensuchen, die Kombinationen ermöglichen. Deren gibt es freilich eine ganze Menge, und auch die Bestimmung der laufenden Woche ließe sich in meine Konstruktion einfügen. Ich war ja schon seit der Enttäuschung bei der Amnestieberatung des Reichstags im August der Meinung, daß die Bayerische Volkspartei damit nur eine Gnadenfrist erhalten hat, um bis zum Wiederzusammentritt des Reichstags die Angelegenheit Fechenbach und der Räterepublikaner aus der Welt zu schaffen. Da am 21. Oktober angeblich dieser Termin eintreten soll, wäre ja diese Woche in der Tat höchste Zeit. Ob man da aber mehr tun wird, als die Absicht verkünden, die Freilassung – in dieser oder jener Form – zu bewirken und zwar durch Antrag an den Landtag, bezweifle ich sehr. Immerhin stehn die Chancen für einen derartigen Antrag selbst meiner Ansicht nach günstig. Mehrere Anzeichen dafür berechtigen wohl zum Optimismus. So zitierte kürzlich die „Münchner Post“ unter der Überschrift „Dunkle Andeutungen“ wieder die Staatszeitung, die mit Bezug auf die Hitlersche Bewährungsfrist schrieb, es müßten in der Angelegenheit auch noch die Ergebnisse andrer (als der gerichtlichen) Erörterungen abgewartet werden, ehe Endgiltiges gesagt werden könne. Das kann sich sehr wohl auf die Beratung des Ministeriums über die Amnestie bezogen haben. Gewiß scheint mir, daß unsre Sache engstens mit der Hitlerschen in Verbindung steht, daß also die Freilassung der Landsberger zugleich die unsrige bringen wird, nicht weil die bayerischen Klerikalen plötzlich Sympathie für uns empfänden, sondern weil sie ihrer Antipathie gegen die Völkischen, wenn sie sie nolens volens rauslassen müssen, durch die Gleichstellung mit uns werden Ausdruck geben wollen. Innerhalb der bayerischen Regierungskoalition bestehn offenbar starke Differenzen, die sich auf Hitler beziehn, und es schien kürzlich wieder so, als möchten die Klerikalen ihre Koalitionsbrüder zur Rechten herausdrängen, mindestens aber Gürtner die Justiz abnehmen. Ich vermute nun, daß man sich auf ein Kompromiß geeinigt hat. Vorläufig ist mal der 1. Oktober vorbeigegangen, ohne daß die Bewährungsfrist in Kraft getreten wäre. Man hat den Völkischen damit gezeigt, daß man sich nicht zwingen läßt und auf Drohungen nicht reagiert. Nur hat man dabei wohl kaum das Gefühl, daß man bei der Stärke der „Vaterländischen“ mit dieser Energie nicht lange Glück haben kann. Da mag man denn nun beschlossen haben: auf dem Rechtswege geben wir Hitler nicht frei; aber der Gnadenweg soll ihm nicht verschlossen bleiben – freilich in diesem Falle muß eintreten, was Pestalozza im Landtag erklärt hat: wenn schon einmal Amnestie sein soll, dann nach links und rechts. Kommt hinzu der Druck vom Reich aus, die Gefahr, von einem Reichsamnestiegesetz überrumpelt zu werden und also die Wahrung des Prestiges – so wäre ein ziemlich rundes Bild da. Heute ist es 5½ Jahre her, daß ich verhaftet wurde. Da hätte man wohl den Wunsch, es wäre genug.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 16. Oktober 1924

Zenzl hat mir seit einer Woche keine Nachricht mehr zukommen lassen und ich bin deswegen schwer besorgt, da ich vermute, die enttäuschte Hoffnung, die sie kaum mehr hegen wird, mag ihr wieder wie jüngst die negative Reichstagsentscheidung an der Gesundheit geschadet haben. Jetzt liegt dieser Gedanke umso näher, als ihr diesmal von einer Seite, der sie größtes Vertrauen entgegengebracht hat, in einer offenbar sehr bestimmten Form das Ende unsres Leids fest versprochen worden zu sein scheint. Bis jetzt ist bei uns in keiner Weise zu merken, daß irgendeine Veränderung nahe bevorstände. Dagegen interessiert mich die gegenwärtige Regierungskrisis im Reich diesesmal stark im Hinblick auf das eigene Schicksal. Die Sache liegt so: Die Deutsche Volkspartei hat sich den Deutschnationalen dazu verpflichtet, ihnen die Abstimmungskomödie bei den Londoner Gesetzen durch Überlassung etlicher Ministersitze zu vergüten. Diesem Pakt hat sich offenbar auch das Zentrum und vielleicht auch die Demokraten angeschlossen, die sich dann aber weigerten, den Preis zu bezahlen, weil nur die Hälfte der Deutschnationalen für die Gesetze gestimmt haben. Seither zanken sich die politischen Taschenspieler aller Richtungen gegenseitig, und die Deutsche Volkspartei hat dann die „Krise“ akut gemacht und von Marx verlangt, die Erweiterung der Regierung zum „Bürgerblock“ vorzunehmen. Marx half sich zunächst durch den vortrefflichen Vorschlag einer „Volksgemeinschaft“, will heißen, eines Ministeriums mit Deutschnationalen und Sozialdemokraten, legte beiden Parteien „Richtlinien“ vor und fragte sie, ob sie sie akzeptierten. Beide nahmen „grundsätzlich“ an, indem sie aber sich gegenseitig Fragen vorlegten, von deren Bejahung sie ihre Mitwirkung abhängig machen wollten und die natürlich auf Verneinung eingerichtet waren. Die „Volksgemeinschaft“ fiel also ins Wasser, und jetzt verlangten die Stresemänner Rückkehr zum „Bürgerblock“. Zentrum und Demokraten haben dazu solange Nein gesagt, bis die Reichstagsauflösung von der Deutschen Volkspartei in nächste Gefahr gestellt wurde, die erklärte, die derzeitige Minderheitsregierung komme für sie nicht mehr in Betracht, und sie werde ihre Minister im Notfall aus der Regierung zurückziehn. Kaum war diese Erklärung heraus, als das Zentrum erklärte, es sei nun doch bereit mit zu tun, wenn der Bürgerblock zustande komme, vorausgesetzt nur, daß sich auch die demokratische Partei dazu entschließe. So steht die Sache jetzt, und ich vermute vorläufig, daß die Demokraten Charakter markieren werden, indem sie offiziell nicht mittun, in Wirklichkeit aber ihren Geßler (nach Emmingers hübschem Wort „Seekts Sitzredakteur“) als Reichswehrchef neu bestätigen, und im übrigen loyale Neutralität zusagen werden. Halten sie aber wider Erwarten weiterhin Stange – was davon abhängt, wie sie ihre Wahlchancen abschätzen – dann stehn wir über längstens 2 Monaten wieder vor Neuwahlen, was für uns mit einer weiteren Frist von 2 Monaten gleichbedeutend wäre, über die unsre Freilassung sich neuerdings verschleppen ließe. Dafür, daß sich tatsächlich die bürgerlichen Reichstagsparteien von der bayerischen Regierung zu dieser Verschleppung haben bestimmen lassen, ist jetzt der Beweis da. Im Rechtsausschuß sollten neuerdings verschiedene bayerische Fragen verhandelt werden, darunter die Wiederaufnahme der Volksgerichtsprozesse, das Verbot der KPD, der Ausnahmezustand etc. Statt zu beraten, erklärten aber die bürgerlichen Vertreter – von Deutschnationalen bis zu Demokraten, womit sich der „Bürgerblock“ zum ersten Mal präsentierte – durch den Mund des Professors Kahl, der Ausschußvorsitzende Katz (KPD) habe in einer Reichstagsrede Mitglieder des Ausschusses beleidigt, sie hätten daher beim Ältestenausschuß beantragt, den Vorsitz des Rechtsausschusses einer andern Fraktion zu überweisen: womit die Bürger den Saal verließen. Zurück bleiben, plötzlich brüderlich geeint, die Sozialdemokraten und Kommunisten und protestierten und ereiferten sich. Toni Pfülf erklärte, daß man bloß die Gesetze weiterhin verschleppen wolle und Katz selber erzählte, daß die Rückverweisung des Volksgerichtsgesetzes an den Rechtsausschuss[es], nachdem das Plenum ihm schon in 2 Lesungen zugestimmt habe, von der bayerischen Regierung den Mittelparteien abgebettelt worden sei und daß man jetzt halt weiter sabotiere. Für mich ist die Frage also: haben die Mittelparteien sich gratis zur Preisgabe ihres Rechtsgewissens verstanden, oder hat die bayerische Regierung Zugeständnisse gemacht, unter denen auch unsre Freilassung zu vermuten wäre? – Was ist sonst noch zu erwähnen? Daß der ZR3, der neue Zeppelin, der kürzlich bei seiner großen Probefahrt auch Niederschönenfeld und zwar direkt über unserm Spazierhof überflog, in Amerika zu Land gegangen ist, worüber das Entzücken der Besiegten, die ihn vertragsmäßig als Reparation zu liefern hatten, kein Ende kennt, und – was mich beträchtlich mehr bewegt, daß der herrliche Anatole France nun wirklich gestorben ist. Von diesem Format ist nur noch Einer übrig: Knut Hamsun. Aber von dem wird Deutschland auch nur einmal eine Woche lang Kunde erhalten: wenn er gestorben sein wird.

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 18. Oktober 1924

Ich habe wieder nur eine knappe Viertelstunde Zeit, und folgendes ist zu notieren: Eben kam ein Eilbrief von Victor Fraenkl, der über seine – erfreulicherweise sehr fleißige Tätigkeit dieser Wochen Mitteilung macht. Was unsre Verlegung angeht, so hat ihm die Verwaltung auf Befragen geschrieben: „Hier liegen keine solche Weisungen bezügl. Ihrer Klienten vor.“ Dagegen hat ihm Pestalozza bestätigt, „daß anscheinend die wenigen Niederschönenfelder Festungsgefangenen von dort wegkommen“, er wisse aber nichts Näheres. Ich schließe also, daß man unsre Verlegung beabsichtigt, und zwar im November, wenn nur noch der letzte Rest übrig ist. Fraenkl hat dann das Justizministerium gefragt, ob unsre baldige Entlassung im Gnadenweg in Aussicht stehe und nach längerem Warten den Bescheid bekommen, „daß dem Staatsministerium der Justiz Gnadengesuche für die Festungsgef. Mühsam, Sauber und Olschewski nicht vorliegen. Falls Gnadengesuche eingereicht werden, werden sie nach den bestehenden Vorschriften gewürdigt werden.“ – Daraus ist so gut wie nichts zu entnehmen; die Herren im Justizpalast haben sich um die Beantwortung der Frage, ob die Regierung selbständig, etwa in Verbindung mit der „Liquidation“ unsre Entlassung verfügen will, herumgedrückt. – Endlich hat Fraenkl die Frage geprüft, ob für die Standgerichtsurteile eine Wiederaufnahmemöglichkeit bestehe und verneint sie vorläufig. Danach wäre es also „Recht“, wenn sich ein Sondergericht Prozesse widerrechtlich anmaßt und seine Urteile deshalb nicht nachprüfen werden können, weil dieses Gericht – zuständig oder nicht – immer definitive Entscheidung trifft. – Nette Aussichten. Inzwischen ist auch entschieden, daß nur wir 4 Höchstbesteuerten den November überdauern müssen (falls keine Ausmistung erfolgt), da vorgestern Faust auf Bewährungsfrist-Erneuerung entlassen wurde. Damit ist wenigstens dieser haarsträubende Fall einigermaßen repariert. Über den jungen Mann selbst sind keine weitläufigen Betrachtungen nötig. Ein ganz naiver Bauernknecht, der trotzdem vielleicht Witz hinter den Ohren hat, es aber bei uns vorzog, die natürliche Harmlosigkeit allein zu präsentieren. Damit sind wir zum ersten Mal unter 10 Mann hier, – und von den 9 Genossen Rest gehn 5 im Lauf des nächsten Monats. Vor dem was weiter wird, liegt dicker Nebel.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 21. Oktober 1924.

Ich sitze mal wieder in einer andern Zelle. Die Elektriker haben gestern begonnen, den Mittelgang zu bearbeiten, und es gab allgemeines Umziehn in den Nordflügel. In 8 – 10 Tagen sollen wir wieder auf den Mittelgang zurück. Das bringt zwar Abwechslung ins Leben, aber keine erfreuliche. Man rutscht mit seinen Habseligkeiten hierher, dorthin, und die Bücher werden nicht besser davon und die Papiere geraten jedesmal nur in Unordnung. Dabei haben wir jetzt diese infame Übergangszeit, wo die Heizung erst nachmittags in Funktion tritt und besonders die Gänge gefährlich kalt und zugig sind. Ob die „Verlegung“ nun mit diesem Hausumzug erschöpft ist oder ob wir in 3, 4 Wochen den Wohnsitz selbst ändern müssen, oder ob endlich, endlich doch die Schinderei ganz aufhören wird – wir wissen garnichts, können nur immer wieder Möglichkeiten an einander abmessen und die politische Situation, die sich mit jedem Tag anders anläßt, auf ihre Verborgenheiten hin sezieren. Das widerliche, dumme und lächerliche Spektakelstück der „Regierungskrise“ im Reich geht noch immer weiter. Das Gute daran, so scheint mir immerhin, ist daß der ungeheure Humbug des parlamentarischen Systems doch langsam öffentlich kritisiert zu werden anfängt. Heute empfängt Ebert den Marx, morgen Stresemann den Hergt, übermorgen dieser jenen und dann jener diesen, und das brave deutsche Volk betrachtet diesen ruchlosen Unfug als Born seines Schicksals. Bis gestern abend wollte Herr Marx mit seiner Krise fertig sein, und wenn nicht alles trügt wird es wohl so kommen wie die Hochschutzzoll-Kompanie Hergt-Scholz es verlangt. Die Frage, ob Geßler trotz der „Opposition“ seiner demokratischen Partei der junge Mann von Seekt bleiben darf, wird wohl, wie früher schon dadurch entschieden sein, daß der Chef es mit einigem Scheppern mit dem Säbel von Ebert verlangt hat, da ein so tüchtiger Prokurist der Firma Wilhelms selige Erben wie dieser Demokrat für das monarchistische Reichswehroffizierskorps schwerlich wieder zu finden ist. Warum denn auch kein „Rechtsblock“? Die Umfallmännchen der Deutschnationalen sind ja jetzt soweit wie vor ihnen die Sozialdemokraten ebenfalls gekommen waren: Stinnespolitik à tout prix zu treiben und zwar in der Form, die die Börsen von New-York und London vorschreiben. Nun ist die deutsche Anleihe, das Pracht- und Kernstück des Dawesabkommens in Amerika und Europa hoch überzeichnet worden, – denn diese Geldanlage ist für die Kapitalsgeber ein hervorragendes Geschäft: das Geld wird in Amerika zu 92 % ausgegeben und dabei mit 105 % gebucht, also Deutschland hat 13 % mehr zurückzuzahlen als es kriegt. Kommt hinzu, wie es par ordre de Muffti zu verwenden ist: die eine Hälfte dient zur Bezahlung der Reparationsquote für dieses eine Jahr – bei 8 % Verzinsung also ein Glanzgeschäft für die Dahrlehensnehmer, für die deutschen Steuerzahler also, da sie nur für die Verzinsung arbeiten müssen, ohne daß man ihnen vom Kapital Arbeit schaffen kann. Denn die andre Hälfte bleibt nach dem Londoner Pakt überhaupt unproduktiv. Sie ist in Gold als „Deckung“ der neuen Währung bei der Goldnotenbank zu deponieren – womit sich Amerika vom Goldüberfluß befreit und dafür von Deutschland dito 8 % Zinsen bezieht. Der „Erfolg“ der deutschen Anleihe wird aber bei uns in allen Gazetten als ein Sieg des wiedergewonnen[en] Vertrauens zur deutschen Tüchtigkeit ausposaunt. So wird Europa also „befriedet“, dasselbe Europa, das jetzt seinen Völkerbund hat, das jedes Land, das ohne einen Schiedsspruch abzuwarten, Krieg anfängt, für den Feind aller Länder erklärt, und das jetzt eben von 2 Mitgliedern die Lehre empfängt, was es damit auf sich hat. Der Krieg zwischen Türken und Engländern um das Petroleumgebiet von Mossul scheint losgehn zu wollen. Die Engländer haben von Fliegern erst mal Bomben abwerfen lassen, und die Türkei mobilisiert. Der Völkerbund, der von den Türken angerufen ist, hat nämlich entschieden, daß er sich seine Entscheidung vorbehalte und die Angelegenheit noch prüfe. Inzwischen fangen die Parteien das Raufen an. Dafür entrüsten sich aber die Völkerbundleute heftig gegen die Moskauer Regierung, die Georgien drangsaliert. Der Schacher ist dabei derselbe wie überall – es geht auch um Petroleum –, aber man weiß noch nicht, mit welcher Kapitalistenregierung, die „Sowjets“ – lies die Herren Sinowjew, Bucharin, Stalin, Krassin, Kamenew – kurz das Dutzend Revolutionsgewinner, das sich der Welt als Diktatur des Proletariats offeriert – das Ausbeutungsgeschäft der Georgischen und transkaukasischen Ölquellen abzuschließen gedenkt. Aber dies alles darf man beileibe nicht sagen, denn wer für eine Räterepublik eintritt, wie sie die nie eingeführte Leninsche Verfassung postuliert, ist in „Sowjetrußland“ und bei allen seinen europäischen, speziell deutschen Parteifilialen Konterrevolutionär. Schon wird ja unwidersprochen behauptet, man habe in Moskau über die großen Toten der Welt Gericht gehalten und Tolstoj, Kropotkin, Schopenhauer und wer weiß ich noch als „kleinbürgerlicher“ Ideologie überführt wegen Volksverdummung zum Einstampfen verurteilt. Die Makulatur soll zu Nachdrucken der Werke Sinowjews, Bucharins etc. verwendet werden. Lächerlichkeit gilt als todbringend. Dann muß man den marxistischen Hanswursten in Moskau wenigsten das Eine lassen: daß sie von Todesfurcht frei sind. Aber das gelingt ihnen mit jedem Tag besser: ihren Stammvater Marx unrettbar zu kompromittieren und die Manen seines Durchschauers Bakunin zu rechtfertigen. Εσσεται ἦμαρ!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 24. Oktober 1924.

Obwohl heute zum ersten Mal auch vormittags geheizt war, ist es teuflisch kalt, da ein sehr heftiger Herbstwind grade auf unserm Flügel dieses mehr als luftigen Kerkers steht. Bei solcher Witterung potenziert sich der Drang ins Freie, aber wir wissen nicht mehr als zuvor von unsern Chancen. Nun hat sich zwar seit Anfang der Woche die politische Situation in Ebertinien sehr geändert, und meine lieben Genossen von der marxorthodoxen Richtung vergessen Marx und Orthodoxie und fahren reichsdemokratische, schwarzrotgoldene Drehscheibe. Die „Krise“ endigte nämlich mit einer Überraschung: die Demokraten begingen die völlig unerwartete Inkonsequenz, daß sie in ihrer Absage an den „Rechtsblock“ konsequent blieben, Herrn Geßler entgegen dessen eigenem Wunsch verboten, im „Bürgerblock“ Minister zu bleiben und so Herrn Marx keinen andern Ausweg ließen, als den Reichstag aufzulösen. Es gibt also am 7. Dezember Neuwahlen, und da jedenfalls eine demokratisch-pazifistisch-republikanisch-börseanisch-schwarzrotgoldig gefärbte „Links“-Mehrheit zustande kommen wird, bildet sich ein Teil meiner Genossen ein, dann werde der Reichstag doch nicht mehr um die Amnestie herumkommen. Möglich. Aber keineswegs gewiß. Die Sozi werden ohne starken Antrieb von den Betrieben her sich nicht rühren – der Auervater hat kürzlich wieder eine schwunghafte Rede in München gehalten, dabei gewaltig gegen die Justiz in Bayern gewettert, aber mit keinem Ton uns erwähnt –, und die Demokraten? Wir wissen allmählich, wie gut es die Herren Koch, Brodauf und Schücking mit uns meinen. Sie werden in ihren pazifistischen Klubs natürlich unsre Freilassung in gewaltigen Resolutionen fordern, – aber wenn sie durch Aufheben ihrer Philisterärsche im Reichstag ihren außerparlamentarischen Großherzigkeiten praktische Geltung verschaffen können, dann werden ihnen wie bisher noch immer diese edlen Organe, mit denen ja demokratisch regiert wird, an den Sesseln kleben bleiben. Übrigens scheint sich die demokratische Partei Deutschlands schon in der Agonie zu befinden. Eine ganze Serie hervorragender Fraktionsbrüder haben sich wegen Inkonsequenz der Partei durch ihr Konsequentbleiben in ihren berechtigten demokratischen Empfindungen gekränkt gefühlt und sind ausgetreten, darunter mehrere Herren von der demokratischen Bauernvereinigung und führende Größen wie Schiffer und Keinath. Aber Geßler war doch noch demokratischer als sie; er wollte schon auch die Tradition der Inkonsequenzen bewahren, zog aber daraus, daß sie nicht bewahrt wurde, nicht die Konsequenz sondern demokratisch-konsequenter Weise erst recht die Inkonsequenz und blieb bei den inkonsequenterweise Konsequenten. – Mir ist indessen die Reichstagsauflösung keineswegs völlig egal, so schnuppe mir natürlich die Zusammensetzung des Nachfolgers ist. Es ist ja aber diesmal wohl zu erwarten, daß die KPD bei der Zusammenstellung der neuen Kandidaten nicht wieder an Sauber und Olschewski vorbeigehn wird. Da der Gustl sich draußen unzweifelhaft mit großer Energie für sie einsetzen wird, kann man wohl hoffen, daß man sie an völlig sichere Stellen auf die Listen placieren wird. Daß der Reichstag sie, wenn sie gewählt sind, nach 6 Jahren nicht mehr um ihre Immunität prellen wird, halte ich für sicher. Sind sie aber draußen und ich bin mit Karpf allein, der unzweifelhaft in absehbarer Zeit Aussicht auf Bewährungsfrist hat, so brauchte ich wohl als letzte hohe Säule auch nicht mehr lange zu warten, freigelassen zu werden. Aber die Gefahr, daß man an den beiden KP-Genossen doch wieder vorbeigehn wird, ist leider nicht gering. Bei 560 Mark Monatsdiäten geht es bei der KPD so gut wie bei jeder andern Partei um einen Existenzkampf zwischen den Berufsbonzen. Doch hoffe ich, daß der Zäuner Sepp am 9. November noch rechtzeitig raus kommt, um den Gustl in seinen Bemühungen wirksam zu unterstützen. Übrigens ist die Spekulation auf die Wahl Saubers und Olschewskis in den Reichstag eine äußerste Notbrücke, wenn vorher alle Stränge reißen sollten. Und grade im Augenblick muß sich ja erst mal zeigen, ob nicht ein sehr kräftiger Strang uns schon in ganz kurzer Zeit an die frische Luft helfen kann. Gestern ist der bayerische Landtag zusammengetreten. Es ist mit Sicherheit zu vermuten, daß die Regierung sofort gestellt worden ist, um ihre Absichten mit Hitler und den Seinen zu offenbaren. Wenn nicht also schon gestern bei der Eröffnung die nicht mehr zu umgehende Regierungserklärung abgegeben ist – leider haben wir heute ganz ausnahmsweise die Frankfurter Zeitung von heute früh noch nicht erhalten –, so ist soviel ganz sicher, daß die Herren sich, in dieser Woche noch werden äußern müssen, allerspätestens anfangs der nächsten Woche. Dann werden wir genau wissen, ob wir von Bayern aus freigelassen werden sollen oder nicht. Wenn ja, dann bin ich in 3 – 4 Wochen spätestens bei Zenzl. Aber das Nein ist mindestens ebenso wahrscheinlich.

 

Niederschönenfeld, Sonntag, d. 26. Oktober 1924

Meine frühere Gewohnheit, die wichtigsten Begebenheiten in aller Welt hier gelegentlich Revue passieren zu lassen, ist durch das andauernde Schwanken der Wage unsres eignen Schicksals leider sehr zur Seltenheit geworden. Ich hätte mich gern mal wieder mit der spanischen Niederlage in Marokko und besonders mit den hier noch garnicht betrachteten Vorgängen im englischen „Schutzstaat“ Hedjas beschäftigt, wo die Wahabiten den König Hussein aus dem Lande gejagt haben, der 1916 von der Entente eingesetzt wurde, um den „Heiligen Krieg“ Deutschlands für das türkische Khalifat abzulenken. Es gäbe noch sonst genug Dinge zu besprechen, von denen vielleicht das Wichtigste, weil Charakteristischste der Triumphzug des 9jährigen Filmbuben Jackie Coogan ist, der von allen Potentaten Europas empfangen und „dekoriert“ worden ist und von dessen armer von Ausbeutern mißbrauchter Kinderseele alle europäischen Hysteriker beiderlei Geschlechts die Sensationsfetzen losreißen; – es ist das Ekelhafteste, was je erlebt wurde. - Aber dies alles mag später einmal seine Erörterung finden, im Augenblick gibt es immer wieder Neues in unsrer Irrfahrt des Festsitzens. Und zwar kommt das Neue diesmal von den bayerischen Sozialdemokraten, die eben die von ihnen beabsichtigten Anträge an den Landtag veröffentlichen. Darunter ist denn tatsächlich auch einer, der von der Regierung die Vorlage eines Amnestiegesetzes verlangt. Und zwar soll danach Straffreiheit gewährt werden denen, die in der Abwehr wirklicher oder vermeintlicher Angriffe auf die Verfassung, insbesondere solcher von „vaterländischer“ Seite, gesündigt haben. Punkt. Schluß. Das ist alles. Von den Räterepublikanern ist mit keiner Silbe die Rede, natürlich auch nicht von Lindner. Nun wissen wir genau wodran wir sind, wenigstens bei dieser Brut. Sie haben noch nicht genug, nach bald sechs Jahren noch immer nicht. Dies also trotz Radbruchs und Saengers Versicherung, daß die bayerischen Sozialdemokraten stets alles tun, was in ihrer Macht steht, um unsre Freilassung zu erwirken. Wir können nun natürlich nur noch auf die Reaktion rechnen, die nicht ganz so reaktionär ist wie die Herrschaften, die angeben, die Reaktion zu bekämpfen: auf die Bayerische Volkspartei. Gibt diese Partei oder auch gleich die Regierung selbst die Erklärung ab, daß sie auf unsre Festhaltung keinen Wert mehr legt – es ist ja durchaus möglich, daß man auf diese Weise die moralische Möglichkeit gewinnen will, mit Hitler Schluß zu machen, dann sind wir gerettet, vorher nicht. Dann werden natürlich auch die Auerochsen mit Inbrunst unsre Begnadigung fordern und nachher behaupten, ohne ihre intensive Arbeit wäre überhaupt nie etwas geändert worden. Mir ist diese Haltung, so märchenhaft sie erscheinen mag, da sie das äußerste Maß vorstellbarer Infamie bedeutet, psychologisch völlig erklärlich. Sie selbst haben vor 5½ Jahren der Räterepublik durch künstlichen Abortus ans Licht geholfen und haben dann, ebenso wie der Bauernbund, sich parteioffiziell an dem neuen Gebilde beteiligt. Das ist eine trübe Erinnerung, die der Auervater, der ja damals an Lindners Schüssen krank lag, aber sicherlich von seinem Bett aus alle Fäden zog und zwar natürlich gegen seine räterepublikanischen Parteigenossen, sehr gern bei der von jeher eifrig umworbenen Bourgeoisie auslöschen möchte. Je unversöhnlicher und hartnäckiger die Herren nun also jede Milderung unsres Schicksals verweigern, umso stärker werden sie im Gedächtnis der andern Parteien den Irrtum befestigen, als sei unser Kampf gegen die Bamberger Regierung zugleich ein Kampf gegen die Gesamtpartei gewesen – der es ja leider, weil wir uns in die Falle locken ließen, nicht war. Man will sich also durch die Brutalität gegen uns ein Alibi schaffen, um doch einmal selber wieder als koalitionsfähig von Konservativen und Klerikalen anerkannt zu werden. Bisher ist ihnen diese Taktik ja seltsamerweise einigermaßen geglückt. Die Arbeiterschaft hat noch keine Ahnung davon, wie die Auerochsen tatsächlich noch immer jede Amnestie absichtlich und konsequent sabotiert haben. Aber heute in 14 Tagen wird der Sepp frei und geht sofort in die Wahlagitation hinein. Da werden diese Dinge doch einmal öffentlich ans Licht gezogen werden. Außerdem läßt man uns ja jetzt in der Korrespondenz genügend Spielraum, um über diese Angelegenheiten ziemlich offen unsre Ansichten hinauszuschreiben. Ich werde nicht verfehlen, das Gesindel überall zu denunzieren. Vielleicht werden sie dann endlich von ihren Reichsparteigenossen und von den bürgerlichen Pazifisten gezwungen, ihr Verhalten zu ändern, dem wir schon jahrelang die Fortdauer unsrer Qualen zu danken haben; denn der ernste Wille der bayerischen Sozialdemokratie hätte uns schon sehr, sehr lange herausbringen können. – Der Donnerstag zusammengetretene Landtag begnügte sich damit, einen Antrag Schlaffers auf sofortige Entlassung der Schutzhaftgefangenen zur Wahlpropaganda abzulehnen (notabene: gestern liefen oben für Schwab und Wilhelm Schmid die 5 Monate ab, nach denen Schutzhaft mindestens unterbrochen werden muß; wir hörten ihre Genossen ihnen die Abschiedslieder singen), – alsdann eine sehr elegische Etatrede des Finanzministers Krausneck anzuhören, um sich alsbald bis zum 4. November wieder mal zu vertagen. Inzwischen setzen sich aber die Ausschüsse zusammen, und da werden ja jedenfalls nächste Woche die Absichten der Regierung und er Koalitionsparteien offenbar werden. Sagen sie wieder, wozu ihnen jetzt ja die Auerochsen Mut gemacht haben, zu allem Nein, dann sind wir sicher, auch den 6. Winter noch ausgeliefert zu bleiben, – und es wird bei 4 Mann von so verschiedenartiger Natur der ärgste Winter von allen werden. Aber was hilft’s? Zähne zusammenbeißen und „Durchhalten“!

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 29. Oktober 1924

Ich wurde solange aufgehalten, daß ich nur ganz wenig Zeit habe, wenn ich den Hof nicht ganz versäumen will. Ich hatte nämlich den Besuch eines neuen, heute eingetroffenen Haftgefährten, eines Mannes namens Johann Erhard, der eben von Amberg kommt, wo er wegen Zuhälterei 3 Jahre Gefängnis abgesessen hat und nun die dadurch verschütteten Gnaden der Bewährungsfrist durch 11 Monate Nachbrummen in Niederschönenfeld reparieren muß. Danach muß er, da ihm das Gericht außer der Gefängnisstrafe noch die Überweisung an die Landespolizei zudiktierte, noch für eine von der Polizei festzusetzende Zeit nach Rebdorf ins Arbeitshaus. Ich bin gewöhnt, Menschen nicht ohne Prüfung nach ihren Taten, sondern jede Tat nach der Prüfung vom Menschen aus zu beurteilen. So halte ich es natürlich auch mit Zuhältern, deren Gewerbe ja allerdings an sich betrachtet das unerfreulichste der Welt ist. Aber meine Toleranz, die auf meiner sozialen Gesinnung beruht, steht in vollstem Gegensatz zu der Auffassung derer, die den Mann zu uns haben bringen lassen. Uns diesen Mann, der leider einen garnicht sympathischen Eindruck macht, als fünften Kameraden zwischen uns zu setzen, uns zu zwingen, ihn kameradschaftlich in unserm intimsten Leben aufzunehmen, ist ein unsagbar rohes Stück bayerischer Justizpolitik. Es wird nun in einem Monat, wenn die im November abgehenden Genossen fort sind, noch viel ärger und schwieriger werden als ohnehin. – Hof.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 31. Oktober 1924

Es regnet, und ich werde mir heute den Hof schenken, um mich wieder einmal mit unsern Hoffnungen, Vermutungen und Aussichten zu befassen. Morgen beginnt der sechste Monat nach Kühleweins verheißungsvoller Aeußerung zu Zenzl, daß „in 1 – 6 Monaten“ unsre Pein ja doch zu Ende sein werde. Bis jetzt ist leider verteufelt wenig davon zu merken, daß die Regierung wirklich an die Erfüllung dieser Verheißung dächte. Vor einigen Tagen wurden in unsre Zellen neue, vorschriftsmäßige Lichtverlängerungen mit Ziehvorrichtung angebracht – und zwar nur in den Zellen derer, die über den November hinaus dazubleiben haben. Die andern, hieß es ausdrücklich, gehn ja eh und für die paar Wochen lohne es sich nicht mehr, – auch bei Enzinger, der noch 4 Wochen vor sich hat, wurde nichts mehr geändert. Wir können daraus mindestens soviel schließen, daß der Verwaltung bisher keinerlei Mitteilungen zugegangen sind, die auf Auflösung des ganzen Betriebs abzielen. Wir haben überdies vom Personal erfahren, daß wir, sobald die letzten Schutzhäftlinge frei sind, wieder in den II. Stock verlegt werden, insgleichen nur wir 5 Dauerbewohner. Nun stand in den Zeitungen, daß über Personen, die sich bei den Wahlen als Kandidaten oder als Mitarbeiter bei den Vorbereitungen zu betätigen haben, keine Schutzhaft mehr verhängt bzw. aufrechterhalten werden darf, und man wird von der Kommunistischen Partei trotz aller peinlichen Erfahrungen doch wohl soviel Anstand erwarten dürfen, daß sie bis zum 7. Dezember alle Schutzhäftlinge mindestens für die Vorarbeiten anfordert. Ein Umzug der Festung in den oberen Stock ist aber immerhin mit soviel Umständlichkeiten verbunden, daß es doch wohl nicht grade übermäßig wahrscheinlich ist, daß wir nur für ein paar Tage oder Wochen neu untergebracht würden. Im Augenblick kann man aber über das Für und Wider unsrer Chancen garnichts Bestimmtes sagen. Sicher scheint mir nur, daß man unser Schicksal völlig von dem Hitlers und der Seinigen abhängig machen wird. Wir sitzen also jetzt sozusagen nur noch wegen Ludendorff-Röhms Frontbann-Unternehmen. In dieser Sache ist insofern etwas Neues zu vermerken, als das Verfahren nun auch auf die beiden Herren, die ja zur Zeit keine immunen Reichstagsabgeordneten sind, ausgedehnt worden ist und daß – wohl infolgedessen – die Herren Brückner, Oswald und alle übrigen bisher inhaftierten Beteiligten, wegen Nichtbestehens von Flucht- und Kollisionsgefahr freigelassen worden sind. Dafür werden die bisherigen Reichstagsabgeordneten der KPD mit wahrem Jagdeifer verfolgt. Höllein und noch Einzelne haben sich erwischen lassen, die Fraktionsmehrheit ist auf der Flucht, und der Berliner Polizeipräsident, der Sozi-„Genosse“ Richter hat für die entimmunisierten Abgeordneten einen eignen Verfolgungsdienst an den Grenzen organisiert. Er wird aber wohl jetzt in Wahlreden ebenso wie sein Chef Severing den Arbeitern von den Greueln des Sozialistengesetzes erzählen, die in der schwarzrotgoldigen Republik selbstredend wie Hexenmärchen aus dem grauen Mittelalter anmuten. Die Presse ist zum Übelwerden voll von Wahlpropaganda. Sie nennen sich alle gegenseitig Gauner und Trottel und haben in der Tat alle recht. Im Augenblick ist die eigene Sorge dadurch ein wenig zurückgedrängt, daß der englische Schmerz die Herzen bewegt. Dort haben die Konservativen die Liberalen völlig abgewürgt, sodaß selbst Herr Asquith aus dem Unterhaus herausgewählt wurde und den Labour-Leuten zugleich noch soviel Mandate abgejagt, daß die „Arbeiterregierung“ des Mac Donald endgiltig begraben ist. Dieser Ausgang wurde bewirkt durch die Veröffentlichung eines Briefes Apfelsinowjews an die großbritannischen Kommunisten, geschrieben im Auftrag des Zentralexekutivkomitees der III. Internationale und enthaltend die genauen Rezepte, wie in England die kapitalistische Gesellschaft zu stürzen und die kommunistische – wahrscheinlich von der Sorte der „Sowjet-Union“ ohne Sowjets – aufzurichten sei. Rakowski und die Russen insgesamt behaupten, der Brief sei eine Fälschung. Dann war er jedenfalls so gefälscht, daß ganz England ihn für echt nehmen konnte, und wenn er so war, daß man ihn für echt halten durfte, dann muß er so hanebüchenen Blödsinn enthalten haben, daß die erschrockene Stimmabgabe für lauter konservative Politikmanager sehr verständlich ist. Schließlich sind in England auch die Arbeiter nüchtern und der eignen Persönlichkeit bewußt genug, um sich für ihre künftige Revolution Zeitpunkt, Taktik und Führung für sich selbst zu reservieren und sich die Aufdrängung eines Oberbefehls von Moskauer Parteibonzen zu verbitten, die ihre Eignung für die Erkämpfung des Kommunismus nur dadurch erwiesen haben, daß sie ihre wundervolle Revolution von 1917 abgewürgt, alle weiteren Revolutionäre abgeschlachtet, eingekerkert und verfemt haben und heute die willfährigen Prokuristen westeuropäischer Spekulanten in Öl und Getreide (das ihren Hungernden wohltäte) spielen. Sie haben in dieser Hinsicht wieder einen großen „Erfolg“ erzielt. Grade in dem Moment, wo Mac Donald sich an seiner Rußlandpolitik das Genick bricht, da die Moskauer immer noch meinen, ihre kapitalistischen Handlungen hinter kommunistischen Redensarten verbergen zu müssen, – in diesem Augenblick hat Herriot mit ihnen die Wiederaufnahme der Beziehungen abgemacht. Ja, der Begriff „Petroleure“ hat heutzutage einen verteufelt veränderten Sinn gegen früher. Nur in Deutschland gehn die Kämpfe bislang noch nicht um das Petroleum selbst, sondern vorläufig noch um den Platz im Laden, nämlich wer im Petroleumgeschäft des „Feindbundes“ als beflissenster Commis zugelassen werden darf. Darum werden jetzt die Reichstagswahlen am 7. Dezember gehn. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Zentrum – und mit ihm die schwarzrotgoldige Mitte das Rennen machen, obwohl bei den Demokraten der Abmarsch prominenter Herren immer noch weitergeht, die eine „Liberale Vereinigung“ gegründet haben, weil es ihnen unter Führung der Koch, Erkelenz, Brodauf etc immer noch nicht reaktionär genug zugeht, dagegen trotz der Verlangung Quiddes und sogar Schückings durch die Kompromiß-Köche, zu pazifistisch. Dafür aber sorgt die republikanische Justiz weiter für dauernde Heiterkeit. Jetzt ist in Leipzig tatsächlich der gefürchtete O.-C. Prozeß gestiegen. Amüsanterweise wurde die Anklage gegen die Organisation, die der intellektuellen, vielleicht selbst der unmittelbaren Urheberschaft der Morde an Erzberger und Rathenau mindestens verdächtig war, erhoben nach § 128 St. G. B. Das ist der Paragraph, der zusammen mit 129 die „Geheimbündelei“ bedroht, von denen man aber bloß den ersten heranzog, bei dem höchstens 1 Jahr Gefängnis herauskommen konnte, während man sogar mich im Sollerprozeß 1910 nach beiden Paragraphen inkriminierte, sodaß mir, wenn man mir überhaupt etwas hätte machen können, bis zu 2 Jahre gedroht hätten. Der Reichsanwalt hielt vor dem Staatsgerichtshof eine schmetternde Verteidigungsrede für die Erhardtsche Organisation und gegen die deutsche Republik eine Anklagerede dröhnender Art und beantragte Strafen bis zu 2 Monaten, die allesamt durch die Untersuchungshaft verbüßt sein sollten. Nun kam erst die Überraschung: der Staatsgerichtshof ging über die Anträge hoch hinaus und gab bis zu 8 Monaten Gefängnis, wobei nur 2 Monate abgerechnet wurden. Man könnte meinen, daß diese Strafbemessung noch immer nicht grade drakonisch war, wenn man beispielsweise uns hier damit vergleicht. Aber die Nationaille tobt – und, siehe da, sie fand eine Regierung, die offiziell Protest erhoben hat: natürlich die bayerische. Die Sache war nämlich beim Süddeutschen Senat des Staatsgerichtshofs zuständig, und da mehrere Herren dieses Senats grade verhindert waren, vervollständigte der Vorsitzende schurkischerweise sein Tribunal durch Zuziehung mehrerer Vertreter aus dem feindlichen Norden. Jetzt ist das „Berliner Protokoll“ verletzt, mit dem sich Knilling die Fronde gegen das Republikschutzgesetz abschachern ließ, und Bayern verlangt Wiederaufnahme, dasselbe Bayern, das sich im Fall Fechenbach und in unsern Fällen um alles in der Welt keine Remedur abringen lassen will. Und es wird siegen und das Reich wird kuschen. Fiat justitia! und Recht muß halt Recht bleiben.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 6. November 1924

Ich habe starke Befürchtungen, daß meine Krankheit wieder akut wird und bekämpfe die seit heute früh auftretenden ersten Symptome mit Baldriantropfen und zähem Ignorieren bei allen Beschäftigungen. Es wäre scheußlich, da ja eine einwandfreie Untersuchung nicht erlaubt ist und keinerlei Behandlung möglich ist. Das grade jetzt, wo Zenzl in lauter Seligkeiten ist, denn sie hält daran fest, daß bis Weihnachten alles vorüber ist und wir endlich wieder vereinigt sein werden. Herr Dr. Sonnenschein hat es ihr in einem Brief wieder bestätigt, und sie kann mir davon nur deswegen keine Kenntnis geben, weil Namen darin genannt sind, die nicht durch die Zensur geschrieben werden können. Möge sie recht haben! Irgendwelche öffentlich bemerkbaren Zeichen für eine Amnestie sind noch nicht da, doch tagt der Landtag wieder, der jawohl die verschiedenen Amnestieanträge erörtern und die Meinung der Regierung darüber hören wird. Die Sozialdemokraten bleiben jedenfalls konsequent in ihren Bemühungen, eine Amnestie für uns zu verhindern. Da sie um den Fall Fechenbach nicht herumkommen, haben sie beschlossen, an die Regierung die „Bitte“ zu richten, sich darüber zu äußern, ob sie vorhat, die Angelegenheit durch Begnadigung aus der Welt zu schaffen. Also wieder ein Hinweis an die Regierung, wie sie den Fall isoliert regeln und uns dabei weiter kujonieren kann. Gottseidank ist es mir jetzt gelungen, draußen weitere Kreise auf die Schurkereien der bayerischen Sozi aufmerksam zu machen; sie werden es wohl bei den Wahlversammlungen, mindestens in Berlin, hingerieben kriegen. Neben dem Wahlspektakel – grade ist auch in Amerika Präsidentenwahl – hat in den Zeitungen fast nichts andres Platz. Aber grade in Bayern gibt es doch wieder eine Extrasensation, deren Mittelpunkt wieder Herr von Ludendorff, unser rühriger Boulanger, ist. In seinem Konflikt mit Rupprecht, dem er dunkle Machenschaften beim Hitler-Putsch vorgeworfen hatte, haben sich unter den reichsdeutschen und königlich bayerischen Offizieren 2 Lager gebildet. Die bayerischen Generäle haben kürzlich gegen Ludendorff eine Erklärung veröffentlicht, worin sie die Standesgemeinschaft mit ihm ablehnen. Darauf hat Ludendorff angefangen, äußerst indiskrete Andeutungen zu machen über Dinge, die er in den Geheimverhandlungen des großen Prozesses gegen Hitler und ihn selbst erfahren hat. Rupprecht habe danach vorgehabt, etwa am 11. oder 12. November vorigen Jahres mit einer Proklamation hervorzutreten, also offenbar die monarchistische Restauration durch einen trocknen Putsch herbeizuführen. Ludendorff verspricht darüber und über sonst noch allerlei noch weiteres mitzuteilen. In diese Unannehmlichkeit platzt nun noch das Gerücht, die Etablierung der Monarchie durch Putsch stehe binnen ganz kurzem bevor. Natürlich unkt die ganze klerikale und königstreue Presse entsetzte Dementis, die aber ebenso natürlich garnichts bedeuten. Doch ist mir auch noch keineswegs glaubhaft, daß an den Gerüchten was dran ist. Ich hätte nicht sonderlich viel dagegen. Reaktionärer als eine Ebert- oder Held-Republik ist eine Rupprechtsche Königsherrlichkeit sicherlich auch nicht, – und ebenso wenig für die Dauer haltbar. Und eine königliche Amnestie tut genau so wohl wie eine „freistaatliche“. Wenn ich nur gesund bleibe für meine Zenzl!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 7. November 1924

Um die Krankheit hoffe ich herumzukommen. Es ist heute wesentlich besser als gestern, und vielleicht hängt alles nur mit der entsetzlichen Schlaflosigkeit zusammen, der ich seit einer Woche dadurch wieder preisgegeben bin, daß wir gezwungen sind, von 9 Uhr ab ohne Licht im Bett zu liegen (Winterstundenplan). Heute hätte ich das Tagebuch kaum vorgeholt, wenn mich nicht ein besonderer kleiner Umstand dazu veranlaßte. Unsre Zeitungskonfiskationen, die immer noch zur fast täglichen Übung gehören, lassen wir von Olschewski entgegennehmen, der darüber Buch führt. Heute wurde nun ich heruntergerufen, und Herr Fetsch eröffnete mir von einem an ein Zeitungsblatt gehefteten Aktenzettel herunter: die Nr. 327(?) der Bl. Volkszeitung vom 5. November werde auf Grund § soundso, soundso, Ziffer xy der Verordnung über die Strafvollstreckung in den bayer. Strafanstalten vom 15. III. 24, wegen schwerer Gefährdung der Ordnung und Sicherheit zurückgehalten. Daß die einzelne Nummer gesondert zum Akt gelegt wird, daß die Eröffnung der Zurückhaltung mir persönlich gemacht wird und vor allem die bisher noch nie gebrauchte Form der Eröffnung (das Wort „schwere“ Gefährdung) beweist, daß es sich um eine ganz besonders wichtige auf die bayerischen politischen Gefangenen und wahrscheinlich uns oder mich persönlich betreffende Notiz handelt. Spezialisierte Vermutungen über ihren Inhalt sind natürlich nicht möglich, und eine solche wäre auch die Annahme, daß man aus dem Blatt hätte erfahren können, was eigentlich Zenzls unentwegte Sicherheit, daß es nur noch ein paar Wochen dauern soll, begründet. Zenzl ist zur Zeit bei Ernst Tollers Mutter in Landsberg a. d. Warthe Gast. Auch in dem Brief, in dem sie mir ihre Ankunft dort mitteilt, schreibt sie: „Erich, ich kann Dir auch von hier aus versichern, daß wir uns bald daheim haben werden“. Eine Enttäuschung wäre grauenhaft für das arme tapfere Weib. – Hier laufen wir heute in Gala herum, wie alljährlich am 7. November. Ich habe heute den Genossen erklärt, daß ich damit nicht nur für die bayerische Revolution heute vor 6 Jahren oder die russische Oktoberrevolution heute vor 7 Jahren, sondern zugleich gegen die Feier des 9. November demonstriere, der uns im Reich die Ebert-Scheidemann-Reaktion, in Bayern die Konterrevolution dadurch brachte, daß Eisner an diesem Tage die Polizei dem Auer, die Justiz dem Timm, das Militär dem Roßhaupter und mithin die Revolution der Bourgeoisie auslieferte. – Das einmal geöffnete Tagebuch soll nicht wieder zugemacht werden, ohne daß ich die neueste bayerische Sensation notiert hätte. Seit Wochen reist die interalliierte Kontrollkommission wieder in Deutschland herum. Das Wolff-Büro erklärt zwar fortwährend, daß die Kommission keine geringste Beanstandung finde, druckt jedoch gelegentlich auch Pariser Pressemeldungen nach, die das Gegenteil besagen, und wenn man die Dauer der Kontrolle betrachtet, die weitaus den vorgesehenen Reiseplan übertrifft, dann kann man sich fragen, ob nicht an den Behauptungen, an verschiedenen Orten seien vergrabene Waffen entdeckt, irgendwo sei in einer Fabrik die Herstellung von Munition ermittelt, geschleifte Festungen seien wieder aufgebaut worden, Geheime Militärdressuren seien festgestellt etc – ob nicht irgendwas doch dran sein könnte, zumal, wenn man etwa die Geheimbefehle der Frontbann-Organisation liest, worin ganze Offiziersbeförderungslisten stehn und der Charakter der Kriegsvorbereitungsschule garnicht bemerkt wird. Jetzt ist aber die Kontrollkommission, die bis dahin aufs strengste von den deutschen Regierungsorganen geschützt wurde, wieder mal attackiert worden, und zwar wieder in Ingolstadt, wo vor 2 Jahren dieselbe Geschichte war. Die bayerische Regierung gibt vorerst nur eine sehr kurze, sehr betretene Meldung heraus, in der aber schon zugegeben wird, das 2 Offiziere „insultiert“ worden seien. Man habe den verantwortlichen Polizeibeamten vorläufig vom Amt suspendiert. Das wird wieder ein schönes Spektakel werden. Ob man diesmal mit einer Geldstrafe von 1 Million abkommt, die man das Reich zahlen läßt und mit einer Entschuldigung, die ebenfalls Berlin für Bayern stammelt, möchte ich stark bezweifeln. Noch mehr bezweifle ich, ob sich angesichts dieses „Zwischenfalls“ Herr Held sonderlich als Held vorkommt. Na, das soll seine eigne Sorge sein. Hätte man uns 1919 arbeiten lassen, gäbe es längst keine Militärkontrollen mehr, wie es in Bayern nie eine Inflation gegeben hätte. Drum eben sitzen wir ja auch noch fest!

 

Niederschönenfeld, Sonnabend, d. 8. November 1924

¾ 8 Uhr abends. Eben (vor 1 kleinen Stunde) haben wir unsern Zäuner Sepp zur Treppe geleitet, die ihn hinunter in den Eiskeller und morgen früh fort von hier zu den Seinen führt. Der Letzte meines engsten Kreises. Mir ist doch recht beklommen zu Mute. Seine ganzen 3½ Jahre hat man ihn bis auf den letzten Tag machen lassen, wie den Gustl und wie Ferdl seine 3 Jahre machen mußte, – sie alle, die schon seit 2½ Jahren durch Reichsgesetz amnestiert waren. Wie mit Gustl und Ferdl war ich mit dem Sepp nicht verbunden, aber grade in diesen allerletzten 4 Wochen seit Gustl fort war, und wir ganz aufeinander angewiesen waren, sind wir uns doch recht nahe getreten. Das Eine glaube ich fest von ihm: daß er in der revolutionären Bauernbewegung noch seine Rolle zu spielen haben wird. Er ist einer der ganz wenigen Arbeiter, die in der Agrarfrage Bescheid wissen – er hat selbst ein ländliches Anwesen –, dabei ist er intelligent und hat den Mut, auch die Dummheiten seiner eignen Partei zu kritisieren. Ich habe von ihm viele wertvolle Fingerzeige grade in dieser ungeheuer wichtigen Angelegenheit erhalten, die mir hoffentlich noch sehr zu gute kommen werden. – Ich will die kurze Zeit, die mir zum Eintragen übrig bleibt, benutzen, von einer ärztlichen Konsultation, die heute stattfand, zu referieren. Erhard erzählte mir beiläufig, daß er vom Arzt untersucht worden sei, und mir fiel ein, daß meistens um diese Jahreszeit der Dr. Steindl seinen Urlaub hat, so fragte ich, wie der Arzt ausgesehn habe und erhielt eine Beschreibung, die absolut nicht auf unsern Hausarzt zutrifft. So fragte ich gestern 2 Aufseher, ob sie wüßten, ob zur Zeit ein Vertretungsarzt da sei, sie konnten oder durften mir keine Auskunft geben. Aber es geschah, was ich erwartet und beabsichtigt hatte. Heute früh kam der Sanitätswerkführer Bastian zu mir und erklärte, der stellvertretende Arzt sei da und bereit, mich sofort zu empfangen. Im Ordinationszimmer lernte ich also einen neuen Arzt kennen, einen Mann in den mittleren Jahren, der trotz seines studentisch zerhackten Gesichts einen ruhigen intelligenten Eindruck machte. Er untersuchte mich ausführlich und zwar mit dem Resultat, daß er erklärte, organisch fehle mir nichts, doch schien er mit den Nerven nicht zufrieden. Was ich vor allem wollte, war ein Schlafmittel, und so bekam ich Bromural und werde heute hoffentlich mal die Nacht ruhig schlafen können. Merkwürdig ist übrigens die auffällige Gewichtszunahme, die jedesmal zu konstatieren ist. Ich setze seit etwa 6 Monaten einen Bauch an, der mich direkt beunruhigt, und heute wurde mein Gewicht mit 65 Kilo festgestellt, sodaß ich seit wenigen Monaten an 10 Pfund zugenommen habe, obwohl ich wenig und mit schlechtem Appetit esse (da mir die abwechslungslose Anstaltskost – wie allen meinen Genossen – gradezu widersteht[)]. Eine Herzerweiterung stellt auch dieser Arzt in Abrede; ich muß mich mit der endgiltigen Feststellung vertrösten, bis ich frei bin, oder – bis die Leichenöffnung fällig wird. – Diesen Übergang hatte ich nicht beabsichtigt, als ich mir vornahm, heute im Tagebuch wieder einen Toten zu bestatten. In Karlsruhe ist der große Maler Hans Thoma, 85 Jahre alt, gestorben. Mit dem wird wieder ein Stück beste deutsche Kultur zu Grabe geleitet, die zwar überholt gewesen sein mag, von der man aber angesichts dessen, was nachkam, nur schmerzlich bedauern kann, daß sie überholt wurde. Wohl gibt es auch noch große bildende Künstler unter denen, die jünger sind als Thoma (Liebermann, Habermann, Corinth, die Berliner Sezession, die Münchner Neue Sezession zum Teil), aber das gilt ja auch heute schon lange nichts mehr. Das Können ist unmodern geworden, die Manier steht allein in Geltung. Thoma ragte aus einer Vergangenheit in diese korrupte Zeit, von der für die Zukunft hoffentlich etwas gerettet wird. Sonst wäre es arg traurig.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 11. November 1924

Das wiederholte längere Aussetzen der Eintragungen hat es verschuldet, daß ich, wohl zum ersten Mal, vergessen habe, einem fortgehenden Hausgenossen nachzuwinken. Also, seit dem 4. November müssen wir uns ohne die Gesellschaft Hackls abfinden, der als erster der November-Abiturienten frei wurde. Bemerkenswert war an seiner Persönlichkeit wohl kaum etwas andres, als daß er, dessen Kniesehne einmal bei einer Messerstecherei total zerschnitten worden ist und der infolgedessen das linke Kniegelenk rechtwinklig trug und entsprechend hinkte, dabei trotzdem wie ein Wiesel laufen konnte und sogar ausgezeichnet sprang, überhaupt körperlich beneidenswert stark und gewandt war. Im übrigen ein Mann, der lange Zeit in Gefängnissen zugebracht hat – aus nichtpolitischen Gründen – zu uns aber vor 6 Monaten aus dem Zuchthaus kam, wo er wegen eines politischen Delikts im Zusammenhange mit dem Mitteldeutschen Aufstand 1921 gewesen war. Wegen seiner Beteiligung an der Räterepublik hatte er nur ein paar Monate Gefängnis wegen „Bandenbildung“ gehabt, aber die Festungshaft hatte er sich 1920 zugezogen, und zwar – ich habe das Urteil gelesen – wurde er am 24(?) August 1920 verurteilt, also 3 Wochen nach Erlaß der Amnestie vom 4. August, und im Urteil hieß es ausdrücklich, sein Vergehen sei im Zusammenhang mit den Kapp-Unruhen begangen worden. Also einer von denen, die bei allen revolutionären Unruhen seit 6 Jahren beteiligt waren, alle Strafarten dafür erlitten haben und keiner Amnestie, auf die er Anspruch machen durfte, teilhaftig geworden sind. Insofern war Hackl eine für die bayerische politische Justizpraxis nicht ganz bedeutungslose Erscheinung. Über das Persönliche kann ich als irrelevant hinweggehn. – Nachdem 5 Tage nach ihm mein braver Zäuner-Sepp fortgezogen war, folgten heute früh (von uns hier oben gestern abend) die beiden Eisenbahner vom sogenannten Flora-Prozeß, die Genossen Konrad Leykam und Wilhelm Millmann. Natürlich haben auch sie ihre Zeit – je 1 Jahr – bis auf den letzten Tag absitzen müssen. Ihr Abschied ist mir natürlich nicht so nahe gegangen wie der vom Gustl und Sepp, aber zwei so anständige, umgängliche Genossen, wie sie, deren Fortgang eine so fühlbare und große Veränderung in das Zusammenleben der Zurückbleibenden trägt, läßt man doch auch nicht ganz ohne innere Beteiligung ziehn. Ich habe mich mit beiden, die ich als revolutionäre Charaktere und treue Kameraden schätzen gelernt habe, sehr gut vertragen, und ich möchte nur wünschen, daß ihr Fehlen hier sich nicht über kurz oder lang als entscheidende Ursache des Zusammenbruchs des friedlichen Zusammenlebens aller in Erscheinung setzt. Wie wir 6 – in 14 Tagen 5 – Übrigbleibenden uns überhaupt noch zu einander abstimmen werden, muß die Zukunft regeln. Es hängt viel davon ab, ob sich meine enge Gruppenverbindung mit Karpf auf die Dauer so gut halten wird wie sie sich vorerst anläßt, ferner davon, ob Sauber und Olschewski, ganz aufeinander angewiesen, mit dieser Verbindung lange zufrieden sein werden, – und ob überhaupt der 6. Winter noch wird durchgemacht werden müssen oder ob Zenzls beängstigende Siegeszuversicht sich doch vielleicht als berechtigt erwiesen wird. Quod Deus bene vertat!

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 14. November 1924

Bis jetzt bin ich noch garnicht recht an die veränderten Verhältnisse hier drinnen gewöhnt und habe noch keine rechte Tageseinteilung gefunden. Augenblicklich bin ich, wie abends jetzt meistens, allein und will heute die Zeit benutzen, um die politischen Wochenereignisse in allgemeinen Zügen nachzutragen. Die Woche begann mit einem starken Auftakt: einem allgemeinen Eisenbahnerstreik in Oesterreich, der den Anlaß zum Rücktritt der Regierung Seipel abgab. Der geriebene Kleriker tat diesen Schritt in der spekulativen Absicht, dem Völkerbund zu zeigen, daß er die finanzielle Sanierung des Landes in der ihm auferlegten Form nicht durchführen könne. Leider haben sich die Eisenbahner nach wenigen Tagen schon von den Bonzen einseifen und sich mit einem Versprechen fürs nächste Jahr abspeisen lassen. Der Streik ist schon beigelegt. Ebenso enttäuschend verlief – wenigstens hat es den Anschein – der revolutionäre Vorstoß anarchistischer Gruppen in Spanien. Die fortgesetzten Niederlagen der spanischen Truppen in Marokko, die Primo de Rivera jetzt zu sehr blamabeln Verständigungsverhandlungen mit den tapferen Rifkabylen gezwungen haben – er mußte seine Armee circa 2000 Quadratkilometer des Landes räumen lassen –, haben im Lande selbst zu zunächst lokalen Erhebungen geführt, die aber leider völlig mißlungen scheinen. Doch glaube ich nicht, daß einige hingerichtete Anarchisten dem unfähigen und infamen Primo de Rivera sein Direktorium sehr lange gerettet haben werden. Überhaupt scheint sich die Blütezeit der reaktionären Diktaturen ihrem Ende entgegenzuneigen. Auch Mussolini steht einer dauernd ungemütlicher werdenden und sich dauernd fester zusammenschließenden Opposition gegenüber, und die vielen Zusammenstöße, die seit der Ermordung Mateottis überall erfolgen, deuten auf erhebliche Schwächung seiner Position. Heute las ich auch von Aufstandsregungen gegen Kemals Angora-Regierung, und zieht man in dasselbe Gruppenbild auch noch die neueste Sensation in Moskau ein, die Konfiskation von Trotzkis neuem Buch über die Oktoberrevolution von 1917, worin er anscheinend die Herren Kamenew und Apfelsinowjew sehr wenig liebevoll anfaßt, so tut man dem Gesamttitel: Abbau reaktionärer Diktaturen damit vielleicht auch noch keine allzugroße Gewalt an. Mit der ewigen Begeisterung der Parteikommunisten für alles was in Rußland getrieben wird, kann ich schon lange nicht mehr mit. Ihre „Revolutionierung“ Georgiens und Bessarabiens geht um Petroleumquellen, ihre Unterstützung eines der Desperado-Generale, die in China, besoldet von verschiedenen Kapitalsgruppen, aufeinander und auf das arme Volk losprügeln, um Eisenbahnkonzessionen und ihre Gesamtpolitik ist die Verschacherung der Naturschätze des eigenen Landes an höchstbietende Finanzkonsortien. Das Wort „Kommunismus“, ist heute tatsächlich das „Opium fürs Volk“, als das sie diesem Volk die Kirche denunzieren, der sie zugleich die Jesuitenansiedlungen konzedieren und der sie vor allem das Pfaffentum mit Index und Inquisition virtuos nachgebildet haben. Das rührende, liebe, herrliche russische Volk glaubt heute noch, kommunistisch regiert zu werden. Aber ich glaube, wenn ihm einmal die Augen aufgehn, dann wird es erst zeigen, daß es nicht bloß mit Worten revolutionär ist.

Bei uns zulande grassiert Wahlfäulnis. Die „Mitte“, soweit sie schwarzrotgoldig und republikanisch zu tun für opportun hält – d. h. Sozi, Zentrum und Demokraten – ist ein Herz und eine Seele; nur in der sächsischen Sozialdemokratie ist die Stinkblase geplatzt. 23 Fraktionsmitglieder pfeifen auf alle Beschlüssen ihrer Wähler, treiben die schamloseste Schergenpolitik gegen ihre eignen beamteten Parteigenossen, lassen ihren Ministerpräsidenten Heldt und seine Kumpane alle wichtigen Regierungsposten von den konterrevolutionärsten Deutschnationalen besetzen und die Absetzung der eignen Leute mit infamen Verleumdungen gegen sie begründen, – und erklären sich, geschützt von ihrer Regierung und natürlich auch vom Berliner Parteivorstand für unabsetzbar. Demokratie! – In Bayern aber sorgt Ludendorff für dauernde Heiterkeit; wird Zwengauer, der Mörder (Femevollstrecker) des völkischen Studenten Bauer, aus dem Zuchthaus von Straubing befreit, lehnt der Landtag das Gnadengesuch des seit 28 Jahren seine Unschuld behauptenden angeblichen 3fachen Mörders Berchtold ab, weil er sich am Strafort nicht gut führte, und weil das Volk so große Milde nicht verstehn würde. Es sind dieselben Herren, die auch unser Schicksal in der Hand haben.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 19. November 1924

Spätnachmittag. Ich komme garnicht mehr mit meiner Zeit zurecht und muß mir die Stunden für andre Dinge als Briefschreiben und allenfalls Bilderbuch-Malen gradezu abstehlen. Nachzuholen ist – abgesehn vom politischen Kasperltheater – folgendes: Kürzlich war im Auftrage der KPD Frau Rosa Aschenbrenner aus München hier, die mit Sauber und Olschewski Unterredungen hatte, da es sich um deren Aufstellung als Reichstagskandidaten handelte (außerdem um die Leykams für den Münchener Stadtrat). Die Genossin erklärte im Namen der Partei, die Beiden würden, S. in Ober-, O. in Niederbayern, auf die 2. Stelle der Liste gesetzt werden. An die erste Stelle komme in Oberbayern Schlaffer, in Niederbayern Götz, die jedoch sofort nach der Wahl zurücktreten würden, sodaß die beiden seit fast 6 Jahren Inhaftierten mit größter Wahrscheinlichkeit darauf rechnen könnten, in den Reichstag gewählt und von ihm als immun befreit zu werden. Die Freude bei den Beiden war groß, besonders Sauber, in dessen Wahlkreis die KPD zweifellos einen Abgeordneten durchbringen wird, nahm das Ende seiner Leidenszeit als sicher an. Wir andern, zumal Zäuner und ich (die Sache ist nun 14 Tage her) waren sehr skeptisch. Wir fragten uns, warum man denn die beiden nicht gleich zu Spitzenkandidaten mache, da es doch gradezu lächerlich ist zu behaupten, Schlaffers Popularität sei in München größer als die Saubers. Wir bezweifelten, zumal nach den Erfahrungen, die Olschewski schon bei den letzten Wahlen mit seinem Vordermann Buchmann machen mußte, der garnicht dran dachte, sein schönes Mandat mit den monatlichen Diäten von 560 Mark plus Präsenzgeldern an den gefangenen Genossen abzutreten, ob Schlaffer und Götz anders handeln würden. Nun, dies Problem wird nicht mehr akut werden. Denn die offiziellen Nominierungen sind inzwischen veröffentlicht worden. Sie lauten für Oberbayern 1.) Schlaffer 2.) Buchmann 3.) Sauber und für Niederbayern 1.) Götz 2.) Karl 3.) Olschewski. Daß man sie überhaupt mit aufgestellt hat, geschah, wie sich erweist, weil man sie als Reklamenamen immerhin für attraktionsfähig hält. Denn hinter ihren Namen steht in Klammern: seit der Räterepublik 1919 auf der Festung Niederschönenfeld. Dazu, ein paar Schafe zur Schur zu locken, sind sie gut genug, aber man stellt sie so hin, daß sie keinem Parteiangestellten am Futtertrog tatsächlich gefährlich werden könnten. Auf die Reichsliste setzt die KPD wieder an die erste Stelle Max Hölz. Sie wissen, daß er nicht wählbar ist, da ihm die „Ehrenrechte“ abgesprochen sind, daß sie also eine neue Liste werden einreichen müssen, die Aufstellung also eine leere Demonstration bleibt, die Hölz nichts nützt, keinen Diätenschlucker was kostet und als Wahlköder zieht. Die beiden ältesten politischen Gefangenen, die sie in der ganzen Welt haben, könnten sie herausbringen, ja sie könnten sie verpflichten, sofort nach der Freilassung ins Ausland zu gehn, das Mandat niederzulegen und also trotzdem ihre Schlaffers in den Reichstag zu setzen. Nein, es ist nicht sicher genug. Sie wissen an sich selbst, wie schwer es fällt, eine so ergiebige Methode, Gesinnung zu betätigen, einem andern zu überlassen und so läßt man die Genossen weiterhin hocken, wo sie sind, mags dauern, wie lange es halt der bayerischen Regierung paßt. Das einzige Mal, wo ihr Parlamentarismus doch wenigstens einen Nutzen bringen könnte, da benutzen sie ihn nicht, weil er sie längst ebenso korrumpiert hat wie ihre feindlichen Brüder von der Sozialdemokratie. Die beiden haben nun dem Parteivorstand geschrieben, daß sie ganz von der Liste gestrichen werden wollen, da man ihnen das Versprechen gebrochen hat und sie sich gradezu verraten und überdies verhöhnt fühlen (den Wortlaut ihres Briefs kenne ich nicht). Der arme Fritz Sauber tut mir besonders leid. Dieser naive Mensch, der bis jetzt alles, was innerhalb der KPD vor sich geht, für allerletzte Weisheit und allerherrlichsten Charakter hielt, steht direkt vor den Trümmern eines Idols. Er hat sich sogar mir gegenüber mit großer Heftigkeit gegen seine eigne Partei ausgelassen, eine noch vor 14 Tagen unmögliche Disziplinlosigkeit, und heute haben mir alle beide zu verstehn gegeben, daß ihnen die ganze Wählerei von Revolutionären nicht mehr recht imponiert. Mit der Reichstags-Chance ist es also vorbei, – auch für uns andre. Denn wenn Sauber und Olschewski draußen wären, brauchten Karpf und ich nicht mehr mit langer Dauer zu rechnen. Dagegen scheint an Zenzls großen Erwartungen doch mehr zu sein als ich geglaubt hatte. Auf ihre Bitte hin hat mir ihr priesterlicher Freund, Dr. Sonnenschein, jetzt direkt geschrieben. Sehr klug und zurückhaltend und dabei doch überaus herzlich und menschlich sympathisch. Ein Freund von ihm sei in seinem Auftrag mit der kompetenten Stelle in München in Verbindung getreten und dort beschäftige man sich ernstlich mit dem Gedanken unsrer Freilassung (da Dr. S. überall Sie und Ihr schreibt, ohne erkennen zu lassen, ob er die Singular- oder Pluralform meint, ist es nicht ganz sicher, ob wir alle oder ich allein gemeint bin; ich hoffe aber sehr, daß es sich um alle Räterepublikaner handelt). Bindende Zusicherungen seien natürlich nicht gegeben worden, jedoch habe Dr. S. „allen Grund“ anzunehmen, daß eine günstige Regelung der Sache bevorstehe. Er habe auch, nachdem er bereits mit Zenzl bei ihm gewesen sei, mehrfach dem Nuntius über den Stand der Sache berichtet, der mit großer Hochachtung von mir spreche und nach besten Kräften auch seinerseits für die Behebung meiner Sorgen bemüht sei. – Ich habe gestern in höflicher und herzlicher Form geantwortet – sehr wohltuend empfand ich, daß der Geistliche von seinem Vorgesetzten mir gegenüber nicht von. Sr. Eminenz sondern einfach vom Herrn Nuntius sprach, sodaß mir peinliche Floskeln erspart blieben –, ihm und dem Kardinal Pacelli gedankt und ausdrücklich gebeten, von jeder Bevorzugung meiner Person in allen ferneren Bemühungen abzusehn und stets zugleich auch meiner 3 Gefährten hier und der armen Kameraden zu gedenken, die ebenso lange in derselben Angelegenheit im Zuchthaus leiden. – Ich denke in der Tat, daß die Bundesgenossenschaft des Nuntius Pacelli, Kardinals und päpstlichen Gesandten beim Deutschen Reich doch wohl zu einer günstigen Lösung führen müsse, und meine persönliche Auffassung ist die, daß die Erledigung des Konkordats – grade im Hinblick auf das vom Nuntius bekundete Interesse – der bayerischen Regierung den äußeren Anlaß zu einer wirksamen Geste christlicher Milde und Gnade geben wird. – Stimmt diese Kombination, dann ständen wir ganz kurz vor einer sehr wichtigen Entscheidung. Grade nachdem ich meinen Festungsgenossen den Einwand, warum man denn, wenn doch schon alles günstig entschieden sei, noch warte und uns nicht einfach laufen ließe, damit beantwortet hatte, daß offenbar ein Anlaß abgewartet werden solle, der zweifellos bei der Annahme des Konkordats gegeben sein werde, kamen die Zeitungen mit der Nachricht, daß die bayerische Regierung nun auch die Staatsverträge mit den beiden evangelischen Kirchen unterzeichnet habe, die zugleich mit dem Konkordat in den nächsten Tagen an den Landtag gelangen würden, dessen Funktion ja nur die Annahme oder Ablehnung en bloc ist. Ob freilich die Annahme gleich erfolgen wird, oder ob der Landtag erst aufgelöst werden muß, läßt sich umso weniger voraussagen, als der Wortlaut des Konkordats absolut geheim gehalten worden ist und alle Kombinationen über Teile des Inhalts stets dementiert wurden. Da mir persönlich es absolut wurscht ist, was der gegenwärtige bayerische Staat mit dem Vatikan für Verträge und Geschäfte macht und da außerdem ganz sicher ist, daß wenn der derzeitige Landtag das Gesetz ablehnt, es vom nächsten bestimmt angenommen wird, also auf jeden Fall in Kraft treten wird, wünsche ich zur Zeit garnichts sehnlicher, als daß die Kurie mit Bayern und Bayern mit der Kurie so schnell wie möglich handelseins werden mögen. Und wenn es sich so verhielte, daß unsre Freilassung davon abhinge, ob Rupprecht seine Krone aufstülpen darf oder nicht, dann hätte ich auch absolut nichts gegen diese Staatsaktion einzuwenden. Denn ob in München Rupprecht der König, Kahr, der Staatspräsident oder Held, der Freistaats-Minister regiert, – da drehe ich die Hand nicht um. Denn an die „Republik“, die da jetzt ins Rutschen kommt, habe ich bei Gott vor 6 Jahren nicht gedacht, als ich glaubte, es sei Revolution, und ob der Auer-Vater bayerischer Minister unter Held, unter Rupprecht oder unter sich selber ist, – darum möchte ich meine Zenzl nicht eine Viertelstunde länger auf mich warten lassen. Habe ich die weißblauen Grenzpfähle mal hinter mir, dann werde ich die ehemaligen Kronprinzen, ehemaligen preußischen Feldherren und zukünftigen bayerischen Staatslenker in ihrer gegenseitigen Rauferei gewiß nicht stören, – und ob die bayerischen Arbeiter und Bauern noch einmal nach mir rufen werden – langsam möchte man dran zweifeln lernen.

 

Niederschönenfeld Sonntag, d. 23. November 1924.

Ich will mich kurz fassen, da es hier in der Tat so ist, daß je fader das Leben wird, die übrige Zeit umso knapper zu finden ist. Ich glaube, ich habe bei der Seltenheit der Eintragungen völlig vergessen, die Vorgänge und kleinen Beobachtungen im Hause überhaupt zu notieren. Etwa 10 Tage schon sind vergangen, seit oben die letzten beiden Schutzhäftlinge entlassen worden sind. Ob wir nun wieder hinaufkommen oder ob unsre eigne Freilassung schon nahe genug bevorsteht, um die Behörde auf jede Umständlichkeit verzichten zu lassen, steht noch nicht fest. Aber daß man oben das geweißte Flurfenster – die Schutzhäftlinge durften ja von ihrem Gang aus nicht in unsern Hof sehn – wieder abgekratzt hat, läßt befürchten, daß man tatsächlich noch eine Verlegung nach oben mit uns vorhat. Mittwoch, wenn Enzinger gegangen sein wird, wird sichs wohl zeigen. – Inzwischen ist das Konkordat nebst den Verträgen mit den evangelischen Kirchen dem Landtag zugegangen und veröffentlicht worden. Es sieht nicht mehr und nicht weniger vor als die Wiedereinführung der geistlichen Schulaufsicht in Bayern, – von allen finanziellen Verpflichtungen des Staats abgesehn. Aber die politische Seite der Sache interessiert mich zur Zeit wenig. Ich stehe beiden Vertragspartnern nicht als Verbündeter zur Seite – mögen sie sehn, wie sie mit und durcheinander glücklich werden! Jedenfalls habe ich zur Zeit, zwar nicht von der Kirche, aber von ihren höchsten Dienern eher etwas zu erwarten als von den Betreuern dieses Staats, und die Kirche wäre mir insgesamt nicht wichtig, wäre sie nicht eben als staatliches Organ für die Menschen und zumal für die Jugend so überaus gefährlich. – Bei der Dämpfungspolitik, die die schwarzrotgoldigen Parteien im Reich mit einander für die Wahl betreiben, traut sich keine rechte Opposition vor, da ja in diesen Fragen das Reichszentrum und die Bayerische Volkspartei selbstredend einig sind. Die Frage ist jetzt, ob – was ich vermute – der bayerische Landtag die Annahme der Gesetze dadurch ermöglicht, daß man sich auf irgendeinen Vorwand einigt, ihnen die Eigenschaft als verfassungsändernde Gesetze zu bestreiten. Dann genügt die einfache Majorität, die fest steht. Vorerst hat sich der Wolkenkratzer in der Prannerstraße mal wieder vertagt – bis 9. Dezember, damit die Giganten – die hohen Herren nämlich – inzwischen Wahlköder auswerfen. Bis nach der Reichstagswahl werden wir wohl also jedenfalls nun noch hierbleiben. Da wir ja in der komischen Lage sind, die Länge unsrer Strafzeit nach der Beurteilung der Straftaten der Nationalsozialisten zugemessen zu kriegen – d. h. da unsre Freilassung zweifellos abhängig gemacht wird von der Hitlers und Genossen –, so haben für uns einige neuere Prozesse erhebliches Interesse: Beleidigungsprozesse des Kommerzienrats Zentz gegen Nazi-Sozi und gegen den Miesbacher Anzeiger wegen Angriffen auf ihn in seiner Eigenschaft als Freimaurer. In einem dieser Prozesse hat Kriebel bei der kommissarischen Vernehmung unter Eid Aussagen gemacht, die im Widerspruch stehn zu der Stellung der Angeklagten im Hitlerprozeß, und die sie überführen sollen, daß sie Kahr damals nicht zum „Absprung“ zwingen wollten, sondern am 8. November genau Bescheid wußten, daß er nicht mitmachen würde. Darauf stützt der Bayerische Kurier die Forderung, daß ihnen die Bewährungsfrist überhaupt gestrichen werden soll. Im Landtag haben die Völkischen nun erst mal großen Krach wegen Hitler gemacht und die Regierung Held als Schweinebande beschimpft. Das zeigt immerhin, daß man an die Landsberger denkt. Für uns ständen alle andern Bundesgenossen sonst sehr traurig da. Die Münchner Post schwingt sich grade zu einer Verwahrung dagegen auf, daß in Landsberg politische Konferenzen zum Wiederaufbau der völkischen Bewegung stattfinden, und sie kündigt eine Anfrage an die Regierung an, warum man dort anders als in Niederschönenfeld behandelt wird. Mit solchen Mätzchen täuscht man der Arbeiterschaft vor, sich der politischen Gefangenen zu erbarmen. Als ob man nicht grade durch die Anfrage bewiese, daß man uns die Fortsetzung der Strafe nach 6 Jahren noch wünscht und daß man sich schon zufrieden geben wird, wenn ihnen Gürtner zusagt, daß auch den Herren Kriebel und Weber die Ehen zertrümmert werden sollen. Daß sie uns wieder hergestellt werden mögen – soweit versteigen sich die Ansprüche dieser „sozialistischen“ Partei noch nicht mal, die auch sonst alle Proletarier, die unter die Räder gekommen sind, sorglos ihrem Schicksal überläßt. Bei der Etatberatung hat Dill eine schöne Rede gehalten, und der Justiz in Bayern dabei alle Schand gesagt. Liest man aber die Rede im Wortlaut nach, die die Post nachdruckt, so findet man, daß er sich sehr über die Skandale der Rechtssprüche gegen Völkische entrüstet, besonders auch darüber, daß man Kahr zum Präsidenten des höchsten bayerischen Gerichts (Verwaltungsgericht) gemacht hat, – und daß in dieser ganzen Rede mit keinem einzigen Wort die entsetzlichen Urteile gegen kommunistische Arbeiter erwähnt werden. So sind sie. Gustl Sandtner schreibt in seinem letzten Brief aus Berlin an mich: [„]Die Sozialdemokratie wird immer gemeiner und die Not immer größer.“ – Eins bringt wohl das andre mit sich.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 26. November 1924

Abends ½ 8 Uhr. Um ¾ 9 ist Schlafengehenszeit, und wenn ich 1 Stunde herumlaufen will, um in der Nacht wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu finden, so steht mir grade noch ¼ Stunde zur Verfügung. Die Politik übergehe ich, obwohl es sich lohnen würde über den ägyptisch-britischen Konflikt, der wenigstens einen Tag lang bedrohlich genug aussah, ein paar Worte zu sagen. Noch näher läge es, den Fall Nathusius zu behandeln, der wegen Diebstahls eines Tafelservices im Kriege zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt wurde, das er fürs Casino requirieren ließ. Danach könnte man jeden Soldaten, der im Kriege einen Kameraden der andern Seite getötet hat, wegen Mordes prozessieren. Allerdings hat ja die sozialdemokratische bayerische Regierung Hoffmann ihre Gegner im Bürgerkrieg so behandelt, und alle ihre Nachfolger haben es nachgemacht. Aber das waren ja auch bloß Landsleute und noch dazu Proleten. Die Angelegenheit Nathusius ist inzwischen – nach weniger als einer Woche – von der französischen Regierung durch Amnestie erledigt. Die bayerische Presse aber, die uns allesamt, ebenso wie Fechenbach um alles in der Welt nicht freigeben möchte, rast über die französische Justizschande. Passons cela. – Heute früh ist nun auch Rupert Enzinger in die Freiheit gegangen, unser „Xaverl“, der zu seinen 17 Monaten Nachexerzieren gekommen ist wie die Jungfer zum Kind. Kein Tag ist ihm geschenkt worden. Er war der typischste oberbayerische Grantlhuber, der mir je vorgekommen ist, ein Rechthaber und Nörgler, der sich selbst nicht leiden konnte. Aber sein ewiges Raunzen und Schnauzen wird uns doch fehlen. Es ist ganz still geworden, und daß wir 5 Übrigbleibenden nun doch wohl wirklich der endgiltig letzte Rest sind, der eines Tages gemeinsam an die Luft gesetzt wird, das ist die tröstliche Hoffnung, die die Stille belebt. – Ein Toter ist zu bestatten. In Berlin starb der Maler und Dichter Hermann Katsch, 71 Jahre alt. Wir waren vor 20 Jahren zusammen am Cabaret zum siebenten Himmel als Rezitatoren engagiert. Damals hab ich’s mit ihm verschüttet, was mir später leid getan hat. Ich konnte nie einen Witz verkneifen und ließ ihm auch freien Lauf, wenn er verletzte. So verdarb ich’s mit Katsch. Ich sagte zu ihm: „Herr Katsch, wie ich Sie auch ansehe, immer finde ich einen Druckfehler“. „Wieso?“ fragte er, und ich erwiderte: „Als Maler müßten Sie doch Kitsch heißen, und als Dichter Quatsch!“ Er hat mir von Stund ab den Gruß verweigert, und ich habe es bereut, ihn so gekränkt zu haben. Aber vielleicht verhilft ihm der schlechte Wortwitz zu einem posthumen Ruhm, den ihm seine künstlerischen Werke jedenfalls doch versagen werden. Möge er von seinen und meinen Späßen ausruhen!

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 2. Dezember 1924

¾ 7 Uhr. Heute haben wir einen Schrieb losgelassen, der folgendermaßen lautet: „An den Herrn Festungsvorstand. Wir bitten, in Erwägung zu ziehn, ob der Besuch unsrer Frauen und Kinder an den Besuchstagen in der Feiertagszeit in irgendeiner Form ohne Aufsicht gestattet werden kann: Sauber, Olschewski, Mühsam, Karpf.“ Ich war sehr froh, alle Namen unter einem derartigen Papier vereinigt zu sehn. Aber jetzt erklärt mir Eugen Karpf, er werde vielleicht morgen früh den Brief noch einmal aus dem Kasten erbitten, um seinen Namen zu streichen, da er mit Leuten, die ihn als Betrüger und Verräter verdächtigen, nicht gemeinsame Aktionen unternehmen mag. Ich hoffe, ihn umgestimmt zu haben und werde dann morgen Sauber ins Gebet nehmen, um womöglich doch den inneren Frieden zwischen uns paar Leuten herzustellen, gleichviel ob wir nun noch monate- oder gar jahrelang beisammen bleiben müssen, oder ob wir in 14 Tagen frei sind. Für die letzte[r] Eventualität – d. h. dafür, daß bis Weihnachten oder Neujahr unsre Begnadigung erfolgt, sprechen verschiedene Umstände. Wir liegen jetzt zu 5 Mann auf dem nördlichen Seitengang des I. Stocks. Das ganze Stockwerk ist infolgedessen brach gelegt, für uns sind mindestens 8 Aufseher zu bezahlen, und das Personal selbst hat sich verschiedene Mal dahin geäußert, daß auch unter ihnen die Auffassung besteht, daß die Räumung der Anstalt von uns dicht bevorsteht. Gestern war Saubers Frau da. Ihr hat sogar Pestalozza, der stets das Schlimmste geweissagt hat, jetzt Hoffnung gemacht und ihr erzählt, daß unsre Verlegung in eine andre Anstalt schon beschlossen war, was ihm im Justizministerium ausdrücklich bestätigt wurde. Daß man die Absicht offenbar wieder aufgegeben hat, läßt wohl darauf schließen, daß man wirklich Schluß machen will. Geb’s Gott! - Die letzte Woche hat in der großen Politik hauptsächlich den britisch-ägyptischen Konflikt beschert. Es geht da natürlich um die allerinfamsten Geschäfte der englischen Imperialisten, die jetzt, wo wieder die Konservativen unter Baldwin und Curzon an der Regierung sind, zwar nicht der Art, aber der äußerlichen Methode nach ein andres Regiment zeigen. Die Unterdrückungspraktiken im Sudan ließen schon seit kurzem Unruhen erwarten, und die Ermordung des „Sirdars“, des militärischen Oberbefehlshabers im Sudan gab dann den Anlaß zu einem Ultimatum, das etwa dem österreichischen an Serbien nachgebildet war und selbstredend keine bloßen Genugtuungen begehrte, sondern vor allem die Zurückziehung der ägyptischen Truppen aus dem Sudan, und das den Ägyptern Demütigungen und Zahlungen tollster Art auferlegte. Da man dort zunächst die Räumung des Sudan nicht bewilligen wollte, wurden Verhaftungen, Hinrichtungen und militärische Aktionen vorgenommen. Inzwischen hat Zaglul Pascha zurücktreten müssen, ein bequemerer Mann als Nachfolger hat vorerst alles bewilligt, aber den „Völkerbund“ angerufen. Aber der denkt natürlich an kein Eingreifen, und den Engländern wird von allen Seiten versichert, daß ihr Vorgehn gegen Ägypten – wie immer wenn ein starker Staat gegen einen unterdrückten schwächeren vorgeht – als rein interne britische Angelegenheit betrachtet wird. Die schwarzrotgoldige Dreieinigkeit bei uns aber plärrt in jedem Wahlaufruf: Deutschland muß hinein in den Völkerbund. Nächsten Sonntag ist Gottseidank die Wahl endlich fällig. Bis dahin ist das Zeitungslesen nicht anders als ein dauerndes Fressen von Brechmitteln. Der Ausfall steht eh fest, da die amerikanischen und englischen Finanzkonsortien ebenso wie die in Frankreich und Belgien regierenden Börseaner die klerikal-börseanisch-„sozialistische“ Schwarzrotgold-Bande protegieren. Vielleicht komme ich bald wieder dazu, weitere Notizen zu machen. Dann will ich mir mal die russischen Zustände im Zusammenhang mit dem neuesten Trotzki-Spektakel näher ansehen. Gestorben sind Hermann Heijermans und Giacomo Puccini.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 4. Dezember 1924

Es ist wieder kurz vor 7 Uhr abends geworden, aber das wird nun wohl für die Eintragungen überhaupt so bleiben, da ich sonst garnicht mehr dazu komme. Zunächst ist von den lettischen Ereignissen zu reden. Vor kurzem kam von Reval die Meldung von einem Prozeß gegen 149 Kommunisten, für die man neben dem barbarischen „ordentlichen“ Gericht zugleich noch Stand- und Feldgerichte bemühte, und für den Geist, der in beiden Instanzen am Werk war, las man dieses Beispiel: ein Genosse Tomp stand vor den Richtern und gab seiner Wut über die Klassenrichter so kräftigen Ausdruck, daß diese Herren den Mann zunächst dem Feldgericht überstellten, das die „Beleidigung“ sühnen sollte, ehe der „Hochverrat“ weiter verhandelt würde. Das Feldgericht entledigte sich seiner Aufgabe dadurch, daß es den Mann ohne weiteres zum Tode verurteilte und sofort hinrichten ließ. Dieser Fall in Verbindung mit den scheußlichen Urteilen überhaupt führte am 1. Dezember zu einer revolutionären Erhebung in Reval. Die öffentlichen Verkehrsanstalten wurden besetzt, den Verkehrsminister traf eine Kugel, etwa 20 „Ordnungs“kanaillen fielen, – auf revolutionärer Seite waren wohl ebenfalls schwere Verluste. Leider ist die Bewegung unterlegen, und jetzt haust die rächende Bestie der Kapitalsschergen mit ungeheuerlichstem Terror. Angeblich sollen die Russen jetzt Truppen bei der lettischen Grenze zusammenziehen. Doch bleibt da noch alles im Dunkeln, man wird ja bald erfahren, ob hier wirklich Moskau sich einmischen wird, woran ich vorläufig stark zweifle. – In Deutschland kennt die Justiz gegen Revolutionäre ebenfalls wenig Hemmungen. Der famose „Staatsgerichtshof zum Schutz der Republik“, süddeutscher Senat, hat jetzt in Freiburg wegen der Lörracher Unruhen vom vorigen Jahr verhandelt, unter dem Vorsitz des Herrn Niedner, der seinen Abscheu gegen die rote Fahne schon mehrfach als Richter offen ausgesprochen hat. Auch Herr Fehrenbach gehört diesem Gerichtshof an und wahrscheinlich auch wohl dieser oder jener Sozialdemokrat. Die armen Menschen, die vor diese Richter treten mußten, bekamen Zuchthausstrafen bis zu 8 Jahren – nur 4 Angeklagte wurden freigesprochen, darunter der Lehrer Köberle, dessen Rolle als Spitzel und agent provocateur in diesem Prozeß vollkommen aufgerollt wurde. Heute hat in Hannover der Haarmannprozeß begonnen. Man kann neugierig sein, was diesem Untier geschehn wird, da Herr Noske ja auch ihn als Spitzel zu verwenden wußte, wird man vielleicht Milde walten lassen; er ist ja kein Revolutionär. Die fürchterliche Verwilderung der Moral nach dem Kriege, die ja in Haarmann personifiziert wird, kommt in einem neuen Fall zum Vorschein, der Schandbarkeit von Haider bei Siegen, wo ein Fabrikant seine Frau, Kinder und Hausleute, 8 Personen, ermordete und verstümmelte, sein Haus in Brand setzte und sich selbst schwer verwundete, um einen Raubüberfall von einer großen Räuberbande glaubhaft zu machen. – Liest man die Zeitungen, dann muß man meinen, wenn nur jeder am Sonntag richtig wählt, dann wird alle Moral und alle sittliche Schönheit im Lande neu erstehn: nur findet jede Partei, daß jede andre Schuld ist an der Verwahrlosung, nur die 3 Schwarzrotgold-Parteien beißen sich gegenseitig nicht. Von Amnestie reden nur die Organe der Völkischen und Kommunisten, die Sozi und ihr Anhang schreien: Fechenbach! Wir ältesten politischen Gefangenen der Welt können getrost verkommen. Von Abbau ist hier überhaupt wenig zu spüren. Statt daß wir weniger werden, füllt sich das Haus wieder. Seit gestern sind wir glücklich wieder 6 Mann. Eingebracht wurde der erst vor ungefähr einem halben Jahr zum zweiten Mal bewährte Schönbrunner, der sich wegen einer Körperverletzung die letzten 4 Monate im Sulzbacher Gefängnis hat aufhalten müssen. Er berichtet, daß noch mehrere Nachzügler dort auf ihre Festungsrekonvaleszenz warten, von denen einer schon diesen Monat eintreffen werde. Im Frühjahr würde auch Stanglmeier wiederkommen, den er dort getroffen hat. Der Gedanke, daß überdies im Januar der „Rätemajor“ Fritz Weber sein Jahr Zuchthaus überstanden haben wird, ist erst recht peinlich. Die Gesellschaft hier drinnen wird wieder größer aber auch noch unerquicklicher werden als je. Und das Ende der ganzen Pein ist immer noch ganz ungewiß

 

Niederschönenfeld, Montag, d. 8. Dezember 1924

Wir wurden heute früh dadurch überrascht, daß wir erfuhren, daß Feiertag sei (ich glaube Mariae Empfängnis). Dadurch haben wir keine Post, was unmittelbar nach einem Sonntag immer sehr lästig ist. Morgen werden wir nun wieder eine Unmasse Papier hereinkriegen und uns über den Wahlausfall orientieren können, der mir egal ist. Freuen sollte es mich, wenn die Nichtwähler ihre „Indifferenz“ möglichst zahlreich dokumentiert hätten. – Ich will heute bloß eine einzige Tatsache notieren, die vielleicht für uns von Bedeutung sein kann. In dem großen Auflösungsprozeß der völkischen Bewegung hat Herr Pöhner die Gelegenheit gefunden, sich wahrscheinlich endgiltig von der Verbüßung seiner Festungshaft zu drücken. Bis jetzt hatte er es verstanden, trotz des Beschlusses des Landtags, seine Immunität aufzuheben und trotz einer Reihe ärztlicher Amtsatteste, die ihn haftfähig erklärten, mit stets frischen Privatattesten den Antritt in Landsberg immer wieder zu umgehen. Vor einigen Tagen las man, daß jetzt endgiltig entschieden sei, daß er die Strafe jetzt antreten müsse. Da hat Pöhner nun ein Mittel angewandt, das zweifellos nützen wird: er ist zu den Deutschnationalen übergelaufen, ist also Parteigenosse von Gürtner geworden. Vielleicht wird das den Entschluß, durch den berühmten „negativen Bilanzstrich“ diesen Gewissenskonflikt aus der Welt zu schaffen, beschleunigen. Daß Dr. Kühlewein meiner armen Zenzl das unmißverständliche Versprechen gab, „in 1 – 6 Monaten“ werde ohnehin ihre Sorge um mich behoben sein, ist jetzt 7 Monate her. Übermorgen in 14 Tagen aber feiern wir zum 6. Mal in bayerischer Ehrenhaft das Christfest der Liebe.

 

Niederschönenfeld, Mittwoch, d. 10. Dezember 1924

Ich benutze die Viertelstunde, die noch bis zum Antritt meines gewöhnten Abendspaziergangs auf dem kurzen schmalen Seitenkorridor ist, der unsern ganzen Bewegungsraum außerhalb der Zellen ist, zu einer kurzen Eintragung. Die Wahl ist vorüber Es haben sich 85 % aller Stimmberechtigten beteiligt. Es sind also immer noch verzweifelt wenig Deutsche zu der Einsicht vorgedrungen, daß ein Volk sich nicht dadurch befreit, daß es zugunsten irgend eines Parteiklüngels auf jede Aktivität verzichtet. Die Sozialdemokraten haben die weitaus meisten Stimmen gemustert; die Proleten haben sich also wieder mal als die Dümmsten unter den Deutschen bewährt; die Kommunisten werden statt mit 62 nur noch mit 45 Kindertrompeten Krach machen dürfen, die Völkischen haben die größte Einbuße erlitten, und die Deutschnationalen sind stärker geworden als ehedem. Die sämtlichen Hanswursten aber raufen sich schon wieder die Haare aus Verzweiflung, wie nun die neue Regierung zusammengesetzt werden soll. Als ob’s drauf ankäme. Herr Parker Gilbert wird der einen Partei das gleiche kommandieren wie der andern und alle werden auf sein Diktat kuschen. - Uns aber ist auf das Ersuchen, uns zum 6. Weihnachtsfest den Besuch unsrer Frauen unter 4 Augen zu gestatten, gestern etwa diese Eröffnung zuteil geworden: Am 24. und 31. Dezember bleibt bis 10 Uhr Licht brennen und darf bis ½ 10 Musik gemacht und Vorträge, sofern sie unpolitisch sind, veranstaltet werden. Besuchstag ist ausnahmsweise der 2. Feiertag (26te), der nämlich auf den Freitag fällt. Besuche haben sich für diesen Tag zuvor anzumelden. „Die Besuche“ heißt es zum Schluß als Dreingabe, „finden unter Aufsicht statt“. – Jetzt wissen wir, wodran wir sind. Da wir in diesem Jahre unter der neuen Verordnung „feiern“ werden, müssen wir ohne Alkohol auskommen. Wir werden also nicht einmal einen Punsch trinken können. So wird das 6. Weihnachtsfest im Gefängnis noch windiger werden als die 5 Vorgänger. Und dabei haben wir noch nicht einmal die Garantie, daß es das letzte sein wird. Aber ich verzweifle noch immer nicht.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 11. Dezember 1924

Ohne der Sache selbst große Wichtigkeit beizumessen, notiere ich. Heute nachmittag gegen ½ 4 Uhr, als Sauber und Olschewski in den Hof gingen (ich blieb wegen einer leichten Augenentzündung oben) sahen sie unten den Vorstand in Begleitung des Ministerialrats Dr. Kühlewein über das Festungsanwesen gehn. Wenn Kühlewein hier ist, schwirrt schon immer das ganze Haus von Gerüchten und Vermutungen. Daher nehme ich auch vorerst noch an, daß Olschewski gern gehört haben möchte was er gehört zu haben glaubt, nämlich die Aeußerung Kühleweins mit entsprechender Geste zu der unsern Spazierhof umschließenden Riesenplanke: „Der Zaun käme dann also weg und ebenso der Drahtverhau!“ Sind diese Worte wirklich gesprochen worden, dann könnte das allerdings nur bedeuten: Abbau in der kürzesten Zeit. Möchte ein gutes Omen auch die Karte sein, die heute abend aus Ascona für mich eintraf und die gemeinsam geschrieben ist von Margrit Faas und von meiner Friedel. Als ich nach langen langen Jahren die lieben Schriftzüge sah, stieg mir das Wasser in die Augen und ich fühlte mein Herz klopfen. Das soll getrost hier notiert sein. Zenzl darf es wissen, und dies Ereignis ist so groß für mich, daß ich einmal von meiner gewöhnlichen Übung absehe, Herzensdinge, um sie nicht in Augsburger oder Münchner Aktenmappen begraben zu lassen, statt im Tagebuch nur noch in Briefen zu behandeln.

 

Niederschönenfeld, Freitag, d. 12. Dezember 1924

Abends ¾ 8. Nur ein paar Zeilen. Der „Vorwärts“ berichtet nach dem Genfer „Travail“ von einer Anfrage Hitlers bei der Schweizer Regierung, ob er die Einreiseerlaubnis erhalten würde. Er soll das gleiche bei den Regierungen von Italien und Ungarn gefragt haben und zwar mit der Begründung, daß die bayerische Regierung ihn ausweisen wolle. Danach scheint er schon mehr zu wissen als wir. – Wenn meine Annahme richtig war, daß man beabsichtigt hatte, unsre Freilassung im Anschluß an die Annahme des Konkordats zu verfügen, dann hätten wir jetzt wahrscheinlich eine neue Verzögerung vor uns. Plötzlich macht nämlich die protestantische Kirche Menkenkes und das stellt die schon gegebene Zusage der Deutschnationalen sehr in Frage. Da überdies die bayerische Lehrerschaft erfreulich energisch Protest erhebt, zugleich Sozi und Demokraten eine Verschleppung anzustreben scheinen, so ist die Sitzung des Plenums, das heute schon hätte entscheiden sollen, zunächst schon verschoben worden. Es scheint, es soll noch erst auch der Landtag aufgelöst werden wegen der Gaudi, und wir müßten neuerdings eine Wahlkampagne von 2 Monaten abwarten, bis die Sache auch nur wieder in Fluß käme. – Im Reich geht die alte Katzbalgerei wegen der Regierungsbildung von neuem los. Marx wollte wieder die „Große Koalition“ mit Deutscher Volkspartei und Sozialdemokraten. Aber die Stresemänner erklären quod non und verlangen den „Bürgerblock“, der nun also wohl Tatsache werden wird. Ich habe umsoweniger dagegen, als die Deutschnationalen als Regierungspartei wahrscheinlich einer Amnestie leichter zugänglich sein werden als die Schwarzrotgoldigen Herrschaften. Löbe hat die sozialdemokratischen Forderungen bereits für den Fall, daß sie mitregieren dürfen, formuliert. Eine Reform des Strafrechts ist dabei, unter deren Einzelheiten die Berufung gegen Volksgerichtsurteile genannt wird. Das Wort Amnestie findet sich im ganzen Text nicht einmal angedeutet. Heut in 8 Tagen will Zenzl kommen. Die Hoffnung, sie könnte mich gleich mit heim nehmen, wird wohl wieder im Essig liegen.

 

Niederschönenfeld, Dienstag, d. 16. Dezember 1924

3 Uhr nachmittags. Ich will um ½ 4 in den Hof und sehe zu, wie weit ich mit der Eintragung komme. Mein Zeitungsinteresse wird jetzt größtenteils von 2 Prozessen absorbiert, die zwar miteinander nichts zu tun haben, aber dennoch irgendwie unter der Oberfläche verquickt und ineinander verfilzt sind. Das einigende Element heißt Gustav Noske. Er ist als Oberpräsident von Haarmannover der Chef der seltsamen Polizei, die diesen Namen rechtfertigt, der das ungeheuerlichste menschliche Scheusal der bekannten Geschichte zum Charakteristikum einer Provinzverwaltung macht. Über den Prozeß wird erst zu reden sein, wenn er zu Ende ist und die Rolle der hannöverschen Polizei als Dulderin und Begünstigerin klarer zu erkennen sein wird. Soviel steht schon jetzt fest, daß Haarmann als Polizeikreatur vieles tun konnte, was ohne die eigenartige Verbindung von Verbrecher und Staatswache nicht möglich gewesen wäre. – In dem andern Prozeß trat Herr Noske aus dem Hintergrund in eigner Person hervor, als Zeuge. Dieser Prozeß wird in Magdeburg geführt gegen einen gleichgültigen völkischen Redakteur, Rothardt, wegen Beleidigung Eberts, des Taktvollen. Fritz der Taktvolle soll Landesverrat begangen haben, indem er beim Munitionsstreik 1918 sozusagen als treibende Kraft tätig gewesen sein soll. Diese Behauptung ist die Beleidigung, und nun marschieren wochenlang Zeugen auf, die teils pro teils contra aussagen: die ganze Sippschaft Wilhelms II tritt als Anklägerin auf – denn angeklagt ist de facto natürlich Ebert, und die ganze Scheidemannschaft als Verteidigerin der Unschuld Eberts. Die Sache ist von den Deutschnationalen inszeniert, um den Mann als Reichspräsidenten für die Neuwahl im Sommer 1925 so zu diskreditieren, daß er für den Posten nicht mehr möglich wird. Diese Absicht gelingt zweifellos. Denn die umgekehrte Wirkung als die bei den Nationalisten wird beim Proletariat erzielt. Mit unglaublichem Zynismus bekennen die Schurken der Sozialdemokratischen Führerschaft jetzt einer nach dem andern, daß sie die Führung des Streiks nur übernommen haben, um ihn abzuwürgen, und es gibt Aufklärungen, die noch weiter gehn als sie selbst mir, der ja von dem Verrat nicht überrascht ist, bekannt gewesen wären. Der ehemalige Kriegsminister Stein bekundet, ein sozialdemokratischer Parteivertreter habe verlangt, daß eine Versammlung der streikenden Arbeiter verboten würde, damit die Radikalen dabei nicht Oberwasser bekämen. Man verfuhr dem Wunsche gemäß und dann griff Scheidemann den Minister wegen des Verbots in seiner nächsten Reichstagsrede an. Noch toller ist, was General Wriesberg berichtet: (Nun war ich inzwischen doch im Hof - von ½ 4 – ½ 5 und habe dann die gute halbe Stunde vorübergehn lassen müssen, die man uns täglich im Dunkeln läßt und habe jetzt bis zum Abendbrot wieder nur eine Viertelstunde Zeit). Also Wriesberg, der Leiter der Munitionsbeschaffungsabteilung im Kriege, hat unter Eid ausgesagt, daß zur Zeit des Streiks im Auftrag der sozialdemokratischen Partei ein Mann bei ihm war, der die Verhaftung Rosa Luxemburgs verlangt habe. Darauf habe man die Verhaftung vorgenommen und dann habe Ebert sich hingestellt und im Reichstag über den Terrorismus der Militärbehörden geklagt. Die Vertreter des Herrn Ebert im Prozeß sind seine Komplicen Heine und Landsberg. Natürlich ist ihnen eine derartige Enthüllung wie die Wriesbergs sehr fatal (die Steinsche ließen sie widerspruchslos passieren), und so zweifelten sie die Wahrheit der Geschichte an. Der General blieb aber dabei, und ich bin überzeugt von der Wahrheit der Sache.* Zeuge Noske kompromittierte seinen Intimus Fritz wieder mal durch die Patzigkeit, mit der er die Verräterei gegen die Arbeiterschaft anpries, die er schon damals im Auftrag Eberts erst in Chemnitz, dann in Kiel verübt hat. In Chemnitz sei garnicht gestreikt worden, weil er Ordnung gehalten habe. Hätte er den Streik gewünscht, wäre er gekommen. In Kiel sei der Januarstreik nur durch ihn gescheitert etc. Das ist völlig wahr. Aber es ist doch toll, daß diese Arbeiterführer sich gegen den Vorwurf, die Bourgeoisie geschädigt zu haben, damit verteidigen können, daß sie offen zugeben, sie hätten ja nicht das Kapital, sondern wirklich nur das Proletariat verraten. Heute ist es so weit, daß die Bande, die die Pfründen des Staats für sich erschlichen hat, indem sie auch da die Finger in die Schüssel steckte und so tat, als wäre sie revolutionär, die dann die vertriebene Reaktion engagierte, um den Revolutionsgeist in den Massen in Blut zu ertränken, sich selbst vor dieser selben Reaktion gegen den Vorwurf des Landesverrats verteidigen muß und das nur dadurch kann, daß sie sich rühmt, das Proletariat von jeher im Interesse der Monarchie, des Kapitals, der Reaktion belogen und betrogen zu haben. Sie können sich das leisten. Erst jetzt haben ihnen die Wahlen wieder gezeigt, daß das halbe Jahrhundert sozialdemokratischer Erziehung in Deutschland genügt hat, um die Arbeiterschaft zur völligen Hörigkeit unter die korrupteste Beamtenbrut zu bringen, die die Geschichte kennt. Stresemann hat als Reichskanzler einer Regierung, in der 3 Sozialdemokraten saßen, öffentlich erklären können, daß diese Regierung dem deutschen Volk Dinge zugemutet hat, die kein Volk der Welt sonst ohne Revolution hätte über sich ergehn lassen. Nun, die wenigen Tausende, die in Deutschland so reagierten, wie alle übrigen Völker im ganzen reagiert hätten, sitzen heute noch in den Zuchthäusern, aber die Sozialdemokraten finden, daß dies ganz in der Ordnung sei, und wenn sie schon mal nach außen hin so tun, als wären sie für eine Amnestie, dann sorgen sie schon dafür, daß die wirklichen Kämpfer für Volksfreiheit und Sozialismus davon ausgeschlossen bleiben oder aber daß bei der Abstimmung zufällig die Hälfte ihrer Mannen fehlt. – Aber ihre Quittung werden sie doch noch kriegen. Früher oder später. Von den Verratenen zur Linken oder zur Rechten. Sei es auch nur am Schandpranger der Geschichte.

 

* Ein Dementi des Parteivorstands in beiden Fällen überzeugt mich ebensowenig.

 

Niederschönenfeld, Donnerstag, d. 18. Dezember 1924

Was wird aus uns werden? Die Frage ist wieder sehr aktuell. Jetzt hat der Taktvolle die Begnadigung Traugotts von Jagow verfügt, sodaß also die Kapp-Angelegenheit, sofern nicht vielleicht in Bayern noch einige Proleten wegen der Abwehr sitzen (cf. den Fall Hackl) mit der Einschränkung erledigt ist, daß es sich einige Offiziere (Bauer, Pabst) im Ausland wohl gehn lassen. Die Begründung dieser neuesten Gnadentat des von den Traugöttern des Landesverrats bezichtigten Taktvollen ist prächtig: Jagow habe 3 Jahre gesessen, und es sei Usus, politische Gefangene bei Wohlverhalten am Strafort nach Verbüßung von ⅔ der Zeit zu entlassen. Außerdem habe in Gollnow seine Gesundheit gelitten. Als der Kappputsch geschah, saßen wir seit fast einem Jahr. Als der Prozeß endlich stieg, über 2½ Jahr und jetzt, 3 Jahre später sitzen wir noch, aber die demokratische Presse – Frankfurter, Berliner Volks- und Vossische Zeitung – erwähnt uns in ihren Glossen mit keinem Wort, fordert aber umso heftiger die Begnadigung Fechenbachs, der 2 Jahre sitzt und dessen Fall innerlich ohne jede Ähnlichkeit mit dem Jagows ist, während wir der gleichen Straftat wegen verurteilt sind und fast 6 Jahre hocken. Der Vorwärts erwähnt uns zwar, aber unsre Amnestie verlangt auch er nicht, sondern beschränkt diese Forderung ebenfalls nur auf Fechenbach und findet schließlich nur in bekümmertem Ton, daß Jagows Freilassung nun wohl wieder die Amnestiefrage aufrollen könnte. Es scheint ihm sehr peinlich zu sein, denn man hat jetzt wieder zu überlegen, wie man so tun kann als ob, ohne daß was geschieht. Wichtiger ist für uns aber die gleichzeitige Aufwärmung der Hitlerfrage, die gestern entschieden werden sollte. Das Reichsgericht habe die Frontbannangelegenheit geprüft und nun werde sich das bayerische Oberste Landesgericht am 17. Dezember daraufhin schlüssig werden, ob man Hitler nun die Bewährungsfrist geben dürfe oder nicht. Wir können jetzt also schon damit rechnen, daß von heute ab wir wieder die einzigen sind, die weiter bleiben müssen, wo sie sind. Es wäre ja konsequent, wenn es so käme. Trotzdem kann ich’s noch nicht recht glauben. Am Montag erwarte ich Zenzl. Die arme Frau muß ja allmählich vollkommen verzweifeln. – Inzwischen ist auch die Eventualität, daß die Annahme des Konkordats den äußeren Anlaß zu einem Gnadenakt geben werde, weiter in die Ferne gerückt. Die Widerstände werden immer größer und schon hat Held erklärt, die Ablehnung werde die Auflösung des Landtags zur Folge haben. Wann und ob überhaupt dann wieder eine Aussicht winkt, ist sehr fraglich, es sei denn, der Miesbacher Anzeiger behielte mit Andeutungen Recht, wonach die Proklamation der Monarchie in allernächster Zeit bevorstehe. Schon habe „Seine Majestät König Rupprecht“ die Führer des Chiemgaus zur Audienz zu sich beschieden. Mir soll auch das recht sein, denn zwischen der „Republik“, die wir haben und einem ehrlichen Königtum drehe ich die Hand nicht um.

 

Sonnabend. 20. Dez 24

Vormittag 10½ Uhr. Frei!

 

 

 

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